“= wre ET Pe ST. R Seren £ len ne EN re ae fe Seen dem Ze een nd mean ER ; ze ; : E > n h > . z x en { x a E % E B3 he ee re tefancı, enge Zee, ade ni Ruten ee Jen ee 72 Ziasay- 5 mr = ren Y OF PRIyG Se A % 3 2719110 * Li En. 7 sr > yo. As % ER Eoien send Division 5 75 69 Sertion Ti WI CRY Or PRiy ET RLENUUGE Er JUL2T 1911 7% 67 Dan. 2 am 2 0 een Xs Apex, send DIE SYNOPTISCHE FRAGE. Von Lic. Paul Wernle, Privatdocent an der Universität Basel. FREIBURG 1B. LEIPZIG uno TÜBINGEN VERLAG VON J. C. B. MOHR (PAUL SIEBECK) | 1899. Die Verlagsbuchhandlung behält sich das Recht der Übersetzung in fremde Sprachen vor. Druck von B.G. Teubner in Leipzig. Vorwort. Vorliegende Untersuchung will nichts Neues oder Über- raschendes zur Lösung der synoptischen Frage bringen, sondern die vielen vorhandenen Hypothesen sichten durch Betonung der Hauptsachen und Bevorzugung des Einfachen vor dem Künstlichen und Komplizierten. Vor zwei oder drei Jahrzehnten sind die grundlegenden Werke von Holtzmann (Synoptische Evangelien), Weizsäcker (Evangelische Geschichte) und B. Weifs (Marecus- - evangelium, Matthaeusevangelium) erschienen, auf denen bis heute alle Arbeit an der synoptischen Frage fulst. Wenn damals auf Grund dieser Werke keine Verständigung erzielt wurde, so lag dies wohl daran, dals ein jedes derselben seinen Vorzug, durch den es die andern übertraf, durch eigenartige Fehler kompen- sierte. Alle drei Forscher vertraten mit Energie die sogenannte | Zweiquellenhypothese, d. h. die Ansicht, dals eine erzählende Schrift und eine Redesammlung unsern all zugrunde liegen. Über das Nähere dagegen, nämlich das Verhältnis Ir er- zählenden Schrift zu unserem Marcus und den Umfang, die Gestalt und Geschichte der Redesammlung sind sie nicht zur Überein- stimmung gelangt. B. Weifs hat der Hypothese von der Rede- sammlung eine Form gegeben, die sie für die meisten Forscher unannehmbar machte. Haben ihn hierin Holtzmann und Weiz- säcker glücklich korrigiert, so sind dafür ihre besöndern Auf- stellungen, die Urmarcushypothese und die Annahme einer ebjo- nitischen Bearbeitung der Redesammlung, von B. Weils mit Recht abgelehnt worden. Auch die fortgesetzte Weiterarbeit Holtzmanns a nentar; Synoptiker) und Weizsäckers (Apostolisches Zeitalter) konnte infolge der Beibehaltung der frühern Prämissen die Einigung nicht herbeiführen. Eine Neubearbeitung des Pro- blems ist dadurch gerechtfertigt. Gerne sei aber anerkannt, dafs wir in Weizsäckers Evangelischer Geschichte die glänzendste, g* IV Vorwort. durchsichtigste Einführung in die synöptische Frage besitzen, die auch durch die folgende Untersuchung nicht überboten wer- den kann. Über die Geschichte des synoptischen Problems in unserm Jahrhundert haben Holtzmann und B. Weils in den zuerst ge- nannten Werken so ausgezeichnete Überblicke gegeben, dafs hier _ nur auf dieselben verwiesen werden darf. Seitdem ist in drei- facher Weise weitergearbeitet worden. Die meisten seither erschienenen Schriften wandten sich der Prioritätsfrage und den Quellen der Synoptiker zu. Die Priorität des Mt vor Mr und Le ist von Holsten mit den Mitteln der Tendenzkritik verfochten worden; neuerdings haben Zahn und Hadorn die alte Position mit z. T. neuen Waffen zu ver- teidigen gesucht. Die grofse Mehrzahl der deutschen Forscher fulst auf der Zweiquellenhypothese und will diese im Einzelnen feiner ausarbeiten und modifizieren. Jacobsen und Simons haben die Abhängigkeit des Le von Mt begründet, Feine und 'J.Weils beannders in ebjonitischen Quellen des Le nachstudiert, Titius untersuchte das Verhältnis des Mr zur Se Bei allem Respekt vor der hier geleisteten Arbeit muls ich ge- stehen, dals mir die synoptische Frage durch diese Detailunter- suchungen einer befriedigenden Lösung nicht näher gebracht scheint. Als-Detailuntersuchungen leiden sie meistens unter dem Fehler, dals sie immer nur einen Ausschnitt des Problems ım Auge haben, das durchaus als Ganzes in Angriff genommen sein will. Sodann fehlt ihnen in hohem Grade das Vermögen, Sicheres und Unsicheres, Wissen und Vermuten unterscheiden zu können. Das einzige unbestechliche Kriterium, das sprachliche, ist ent- weder ganz vernachlässigt oder doch zu leicht genommen worden. Ich kann nicht finden, dafs auch nur in einem der genannten Punkte ein klarer Fortschritt über B. Weifs hinaus erzielt worden ist. Eirfrischend und klärend hat dagegen die Kinleitung Jüli- chers gewirkt, indem sie die grolsen Hauptfragen in den Vorder- ‚grund stellte und die sekundären Punkte zurückdrängte. Hier ‚sind die Künstlichkeiten der Hypothese von B. Weis abgestreift und zugleich die Fehler seiner grofsen Mitarbeiter vermieden. Sodann ist die Textkritik in Verbindung mit der synopti- schen Frage gebracht worden. Man hat erkannt, dafs der Text der Dynoptiker keineswegs ein so einheitlicher und fester ist, dafs das Ignorieren seiner Varianten gleichgiltig wäre für die Prioritäts- Vorwort. V fragen. Vor Allem die Urmarcushypothese kann gar nicht be-) handelt werden ohne Zuhilfenahme der Textkritik. Ein Blick’ in die Werke von B. Weils zeigt freilich, wie ehrenvoll auf die- sem Gebiet von theologischer Seite längst gearbeitet wurde; immerhin gebührt dem Philologen Blafs das Verdienst, dafs die Textfrage jetzt mehr als je auch für die Evangelienkritik im Vordergrund des Interesses steht. Es wird aber geraten sein, zu hohe Erwartungen bei Zeiten zu dämpfen. Angesichts einiger phantastischer Versuche des Augenblicks glaube ich nicht mehr, dafs die frühere Gleichgiltigkeit gegen diese Dinge ein sehr grolses "Unglück war. Auf die Gefahr hin, als greisenhaft zu gelten, wenn man nicht jede noch so entlegene neue Lesart mit Staunen be- grülst, wird man am besten thun, vorläufig abzuwarten. ' Viel eingreifender scheint eine andere Forschungsart für die synoptische Frage zu werden, nämlich die Verfolgung der syn- optischen Tradition nach rückwärts in ihre sprach- und religionsgeschichtlichen Anfänge. Die Untersuchungen von Usener, A. Meyer, Resch, Wellhausen, Dalman kommen hier in Beirucht, Man fragt niet mehr Huch Priorität oder Ab- hängigkeit, sondern: was_ıist alt, semitisch in sprachlicher und religiöser Hinsicht? gleichviel ob es nach den früheren Unter- suchungen einer jungen oder alten Schrift angehört. Sobald aber die grolse Frage gestellt ist: was ist semitisch oder griechisch, alt oder jung? treten alle synoptischen Detailuntersuchungen ins Licht des Kleinlichen, Unzulänglichen. Ob die Reihenfolge ABC, CAB, BAC heilst oder anders, ist gleichgiltig, sobald ein Mals- stab gefunden ist für das, was ın A, B und ( alt ıst, und was nicht. Lohnt es sich da überhaupt noch, eine Untersuchung der synopti- schen Frage im alten Stil zu schreiben ? Dem gegenüber ist es eine immer noch unerschütterte That- sache, die auch von Dalman erfreulich gewürdigt wird, dals un- sere Evangelien samt ihren nachweisbaren Quellen ursprünglich griechisch geschrieben sind. Den Mr haben Le und Mt nur grie- chisch gekannt; die Spruchsammlung hat für Le wie für Mt in derselben griechischen Form vorgelesen. Blals hat das hinsicht- lich des Mr nur bestreiten können von seiner falschen Voraus- setzung aus, Le sei ein Kopist seiner Quellen gewesen. Neuer- dings hat Bu aner eine reiche Sammlung von Aramaismen in allen Synoptikern veröffentlicht, die beweisen soll, dals sie auf aramäischen Grundlagen beruhen. Aber bewiesen hat er damit VI Vorwort. blofs den aramäischen Ursprung der Tradition (bei dem Jerusa- lemer Marcus wahrlich kein Wunder!), nicht den unsrer Evan- gelien. Er hat sich dabei über wichtige Grundfragen mit einer Leichtigkeit hinweggesetzt, die nicht zu seinem Vorteil absticht von dem vorsichtigen Verfahren Dalmans. Dahin gehört die Frage, für wen denn Mr sein aramäisches Evangelium schrieb, wenn nicht für die griechisch redende Heidenkirche, in der er sich zeitlebens bewegte. Ferner, wie es kommt, dals von den ara- mäischen Logia dieselbe einzige uns bebssunle Übersetzung dem Mt und Le vorlag. Die dankenswerte Sammlung Wellhausens wird künftige Untersuchungen nötigen, dem Prozels der Kor- rektur des Aramäischen in den ee und ihren Handschriften eine viel grölsere Aufmerksamkeit zu schenken, als es mir vor dem Erscheinen seines Werks möglich war. Nur wird dabei man- ches von Wellhausens Beispielen wie Spreu verwehn, z. B. die immer wiederkehrende „Heidin“ (statt ‚Wittwe) in dem sicher ursprünglich griechischen Stück Le 4. Steht es Sr fest, dals Mr ursprünglieh griechisch geschri 1e- ben.ist, und dals dem Mt und Le die Reden griechisch vorlagen, so wird es geboten sein, die synoptische Frage vollständig zu trennen von der Frage nach dem Ursprung und der Geschichte der evan- selischen Tradition./ Die synoptische Frage hat es mit dem Ver- wandtschaftsverhältnis griechischer Schriften zu thun, nnd den vor deren Entstehung verlaufenden mündlichen Prozefs einfach auf sich beruhen zu lassen. Dann aber behält die alte Me- thode der Quellenkritik vor der neuern sprach- und religions- geschichtlichen ihr Recht. Der Beweis der Priorität eines Evan- geliums ist sprachlich und sachlich durch das Ganze durchzuführen; ıst er erbracht, so kommen dann einzelne alt scheinende Stellen in jüngern Evangelien nicht mehr in Betracht. Z. B. falls der Be- weis erbracht ist, dafs Mr und die Reden die Quellen des Le und Mt sind, so scheiden für die Menschensohnfrage Mt und Le selbst dann aus, wenn einzelne Stellen in ihnen irgend einer Ehe vom ER besonders günstig einen würden. Für die Erforschung des Urchristentums mag die religions- geschichtliche Methode von Wert sein, für die synoptische Frage bedeutet sie nichts. Seinerzeit hat Usener mit seinen Vermu- tungen über semitisch und griechisch Alles auf den Kopf gestellt und nur Verwirrung angerichtet. Die neuern Werke verfahren viel vorsichtiger, sie werden aber schliefslich nur dazu dienen, die Vorwort. VII Selbständigkeit des synoptischen Problems, die sie jetzt häufig ignorieren, uns klarer ans Licht zu stellen. Vor 10 Jahren ist mir an der Lektüre der gründlichen Werke von B. Weis die Freude an der freien theologischen Forschung zugleich mit dem Interesse für die synoptische F rage aufgegangen, Es ist mir ein Bedürfnis, dem hochverdienten greisen Eur net meinen Dank hier Eriheh auszusprechen. don habe ich dem Evangelienproblem weiter nachstudiert und auch die Fehler und Verirrungen, zu denen es verlockt, reichlich selbst mitge- macht. Zur Veröffentlichung dieser Untersuchung treibt mich der Gedanke an die Studenten, für die seit Weizsäckers Evangelischer Geschichte keine klare methodische Einführung in die synoptische Frage mehr geschrieben wurde. Ich habe alle mir bekannten Hy- pothesen zum Wort kommen lassen, zur Vermeidung der Polemik dagegen die Namen ihrer Vertreter in der Regel nicht angeführt. Für den Lernenden kommt es nicht auf das Gewicht des Namens, sondern lediglich auf die Sache an. Die Gelehrten unter den Le- sern werden schon wissen, gegen wen jede einzelne Stelle gerichtet ist; sie wissen auch so gut wie ich oder besser, wie viel von den von mir vorgetragenen Ansichten schon anderswo begründet sind, ohne dafs ich das durch Citate deutlich gemacht habe. Es kommt mir nirgends darauf an, original zu sein. Wohl aber bekenne ich, einstweilen mit dem NT selbst so viel zu thun zu haben, dafs ich ein sehr schlechter und oberflächlicher Kenner der Literatur dar- über bin. Während der Ausarbeitung sind einige wichtige Werke er- schienen, von denen ich z. T. noch in ordbran, Ausführungen Nutzen ER konnte. Aus Zahns Einleitung II habe ich in Bezug auf die Papiasnachricht über Mt und in Bezug auf den Schlufs des Mr gelernt. Der Jubel aller ängstlichen Seelen über das grolse verkehrte, rückläufige Werk soll uns daran mah- nen, für den Segen der freien Forschung des scheidenden Jahr- hunderts doppelt dankbar zu sein. Eine ungeteilte Freude war mir der 2. Band von Jülichers Gleichnissen, da er mir neben reichster neuer Belehrung zugleich viel Bean eigner An- sichten brachte; er hat mir auch gestattet, das rei des Le und Mt, dem 2 meisten Gleichnisse zufallen, sehr kurz zu be- handeln. Dalmans Buch über die Worte Jesu hat mich darin bestärkt, die synoptische Frage als etwas Eigenes zu behandeln, unverworren mit der Erforschung der aramäischen Tradition; VII Vorwort. nach dem Erscheinen dieser gründlichen Untersuchung wird hoffentlich der aramäische Mt endlich aus der Diskussion ver- schwinden. Dagegen sind leider Wellhausens Skizzen und Vor- arbeiten VI zu spät für mich erschienen; ich hätte, gestützt dar- auf, die Beispiele von Glättung ungriechischer Wendungen des Mr a Mt und Le noch reichlich vermehrt. Um auch nicht den Schein zu erwecken, etwas Ro Ab- geschlossenes zu geben, trage ich am Schlufs des Vorworts gleich einige den rk Ergänzungen nach. >ie lielsen sich wohl vermehren, werden auch hoffentlich von Andern vermehrt werden. Über manche Einzelheiten wird man vielleicht immer verschiedener Meinung sein. Darauf kommt es auch nicht an. Es ist an der Zeit, dals wir uns über die Hauptpunkte verständigen. Wenn mein Buch dazu dient, im Sinn Jülichers das Nebensäch- liche, Unsichere zurückzustellen und zu zeigen, dals in.den Haupt- zügen die A: Frage gelöst ist, so hat es seinen Zweck erreicht. Anhang a habe ich hinzugeftigt, weil es für die synop- tische Frage selbst von Wert ist, zu wissen, ob Johannes-, Hebräer- und Petrusevangelium unsre ne oe als: selbst. noch in ihren Entstehungsprozels hineingehören. Das ist der ein- zige Gesichtspunkt, unter dem ich diese Schriften behandle. Es fällt mir nicht ein, die johanneische Frage von da aus erledigen zu wollen. Das aber bekenne ich gern, wie sich mir durch meine Vergleichung fast wider Willen die Bestätigung aller Hauptsätze von J. Holtzmann aufgedrängt hat. Es gibt einzig eine synop- tische Tradition; die sogenannte johanneische Tradition ist nichts als die legendenhafte und theologische Weiterbildung der syn- optischen. | Im Anhang IV habe ich nur angedeutet, was für die Methode der Erforschung des Lebens Jesu aus der Untersuchung folgt. | Die Geschichte der evangelischen Tradition ist eine Aufgabe für ' sich, die neben der synoptischen Frage einhergeht. Meinen Freunden R. Liechtenhan und J. Matthieu sei für ihre freundliche Hilfe bei der Korrektur mein herzlicher Dank aus- gesprochen. Basel, den 15. Mai 1899. Der Verfasser. IX Nachtrag (Ergänzungen und Berichtigungen). S. 24f. habe ich dem Le Unrecht gethan, indem ich übersah, dafs to nög 22,2 den Ton hat; dadurch erhält das yde seinen Sinn. 8.43 ist unter c) die Übereinstimmung des Le mit Mt in der Chrono- logie (Zeit des Herodes) zu betonen. Le1,5 trifft mit Mt2,ı zusammen und widerspricht Le 2,ı. Erklären kann ich diese Beobachtung nicht, die freilich zum Beweis der Abhängigkeit des Le von Mt zu schwach ist. S. 70 Zeichenforderungsrede: Le hat den Spruch von den Niniviten fälschlich hinter den von der Königin des Südens gestellt (Le 11, 31f.). Der Grund der Umstellung ist die Chronologie (Wellhausen). 3.99. Zu den Stücken des Sonderguts, die Le umgebildet oder er- gänzt hat, gehört sehr wahrscheinlich auch die Zakchäusgeschichte Le 19, 2-10. Die Selbstverteidigung des Zöllners vs hat erst Le hinzugefügt. Jesus nimmt v 9 gar keine Rücksicht darauf; nicht die Tugend des Zakchäus ist der Grund, dafs Jesus bei ihm einkehrt, sondern „weil auch - er ein Sohn Abrahams ist“. Beide Motive stören sich gegenseitig; im ersten erkennt man deutlich Le selbst (vgl. 3, 10—14 u.a.). Natürlich hat dann v 9 ursprünglich zoög «örodg gestanden. S. 114 (Alte und junge Gedanken bei Mt) ist leider der in die Augen fallende Widerspruch von c3 (Empfang des Geistes bei der Taufe) und c1 (Geburt aus dem Geist) nicht notiert. Er ist ein Hauptargument für den zusammengesetzten Charakter des Mt. 5.221. Zu den Glossen und Textverderbnissen des Mc mag auch 11,13 „denn es war nicht die Zeit der Feigen“ zu rechnen sein. Ich habe oben S. 170 die Erklärung von B. Weils citiert, weil ich selbst nicht darauf gekommen wäre. Da ich jetzt sehe, dafs Hilgenfeld (Actus Apo- stolorum, Praefatio) an diesem Zusatz des Mr so grolse Freude hat, gebe ich ihn preis, um dafür von ihm zu den sapientiores — als solche gelten ihm die Vertreter der Urmarcushypothese — gerechnet zu werden. S.233. Zur Datierung der Spruchsammlung. vgl. jetzt Wellhausen, Skizzen und Vorarbeiten VI p. 208. Er identifiziert nach älterem Vorgang den Zacharias, Sohn des Barachias (Mt 23, 35), mit dem von Josephus (bell. IV 5,4) erwähnten Zacharias, Sohn des Baruch, der kurz vor der Belage- rung Jerusalems getötet wurde, etwa 30 Jahre nach dem Tode Jesu. „Erst X Nachtrag. geraume Zeit nachher konnte die Meinung entstehen, dafs Jesus selber diese That noch erlebt und daraus die Unvermeidlichkeit des Endes ge- schlossen hätte.“ Die Redaktion der Quelle liege daher nicht weit vom Ende des 1. Jahrhunderts. Aber Wellhausens Argumentation übersieht, dafs die Stelle nach Le 11 in einem Citat der Weisheit steht und erst von Mt in ein direktes Herrenwort verwandelt wurde. Zudem ist der Epilog Le 11, 49—51 ein Anhang zur Pharisäerrede. Für die Datierung der Samm- ‘ lung überhaupt läfst sich daraus nichts entnehmen. Das gibt übrigens Wellhausen selbst mit seinem Schlulssatz zu. Il: Inhaltsverzeichnis. Der Ausgangspunkt. Das Lucasevangelium. 1. Lucas und Marcus. A. Der Inhalt . B. Die Anordnung . C. Der Text. IR a) Der Text der een ore b) Der Text der Erzählung. 2. Lucas und Matthaeus IE A. Der Inhalt . B. Die Anordnung . Gesllerlexst 0.73 1. Der Maren: Fe Mar sets und ne 3 3. Der Text der Reden bei Matthaeus und Lucas 3. Lucas und die Spruchsammlung . A. Der Text. B. Die Anordnung . C. Der Inhalt . 4, Das Sondergut des Lucas . Schluls . Das Matthaeusevangelium a) Die Disposition a b) Die Doubletten c) Alte und junge Gedanken . e d) Die alttestamentlichen Citate e) Die Tradition vom hebräischen Mt. f) Die Einheitlichkeit des Mt 1. Matthaeus und Marcus. A. Der Inhalt . B. Die Anordnung . (Der Lextoe a) Der Text der Herrenworte . b) Der Text der Erzählung . 2. Matthaeus und die Spruchsammlung . A. Der Text. SEN B. Die Anordnung . C. Der Inhalt . - 3. Das Sondergut des Matthaeie 4 Schluls . xI Seite 1—2 2—108 3—40 4—6 6—9 9—40 10—18 18—40 40— 80 40—44 44—45 45— 80 45—61 61—80 80—91 80—88 83—91 91 91—107 107—108 109—195 109—111 111—113 1135—114 114—116 117—121 „ 121—124 124— 178 124— 127 127—130 130— 177 130—146 146— 177 178—188 179—185 186 187—188 188—193 198—195 XII Inhaltsverzeichnis. III. Das Marcusevangelium 1. Marcus und die Petrustradition. A. Disposition Mn B. Die theologische Richtung C. Darstellungsart und Glaubwürdigkeit, D. Die Papiasnachricht 2. Die Quellenfrage . 2 3. Die Urmarcushypothese . Schlulfs . IV. Die Spruchsammlung 1. Der Umfang der Sammlung 2. Die Anordnung der Sammlung . 3. Das Prinzip der Zusammenstellung 4. Die Geschichte der Sammlung Anhang. I. Die Synoptiker und Johannes II. Die Synoptiker und das Hebrasrevangehlum III. Die Synoptiker und das Petrusevangelium . IV. Geschichtliche Folgerungen . Seite 195—223 195— 208 195—198 198— 204 204—206 206— 208 208—215 215—223 223 224— 233 224—225 226— 227 227 — 228 228 — 233 234—248 248— 251 251—253 253— 256 . : Der Ausgangspunkt. Zunächst ist eine Umschau nach den allgemeinen Möglich- keiten nötig, die sich uns für die Lösung des synoptischen Pro- blems darbieten. Solcher Möglichkeiten gibt es drei: 1) Die Traditionshypothese: Unsere drei Syn. haben unabhängig von einander aus der mündlichen Überlieferung der Worte und Thaten Jesu geschöpft. 2) Die Quellenhypothese: Die Überlieferung, aus der unsere drei Syn. unabhängig von einander schöpften, lag ihnen bereits schriftlich fixiert vor; sie schöpften aus gemeinsamen schriftlichen Quellen, Wobei man sich diese vorstellen mag als ein ganzes schriftliches Evangelium (Urevangelium) oder als ein- zelne getrennt existierende kleine Aufsätze (Diegesen) oder als eine Sammlung der wichtigsten Worte Jesu (Spruchsammlung, Logia). 3) Die Benutzungshypothese: Das oder die früheren unserer Evangelien lagen den spätern selbst als Quelle vor. Sie entstanden nicht unabhängig von einander, sondern die späteren durch Benutzung der früheren. Z7.B. Mr hat aus Mt und Le, oder Le aus Mr und Mt geschöpft. Diese drei Möglichkeiten schlieflsen sich natürlich gegenseitig nicht aus. Unsere Syn. können auch aus mündlicher Tradition und verlorenen schriftlichen Quellen, oder aus solchen und z. T. un- sern Evangelien entstanden sein. Dies ist sogar von vornherein wahrscheinlich. Denn die beiden ersten Hypothesen, für sich allein genommen, scheitern stets an der so vielfach wörtlichen Übereinstimmung des grie- chischen Textes unsrer Syn., darum ist die Benutzungshypothese die beste Möglichkeit. Da sie aber gerade die Differenzen wieder nicht erklärt, bedarf sie, wenn sie siegen soll, sofort der beiden ersten Hypothesen zur Ergänzung. Wernle, Frage. 1 2 I. Das Lucasevangelium. _— ’ Von welchem Evangelium soll aber ausgegangen werden? Die Frage ist methodisch nicht gleichgiltig. Wer z.B. von Mt ausgeht, wird leicht geneigt sein, die Differenzen des Mr und Le als Abweichungen von Mt zu erklären. Ebenso, wer von Mr ausgeht, in entsprechender Art. Die Gefahr der Parteilichkeit scheint hier kaum vermieden werden zu können. Gibt es einen festen Punkt, der sich für ein völlig unparteiisches Verfahren eignet? Ein soleher ist vorhanden im Prolog des Le, Le. 1, 1—4, Das ist die einzige Stelle in unsern Syn., wo uns ein Evangelist über sein schriftstellerisches Vorhaben Auskunft gibt. Sie gehört daher an die Spitze jeder Untersuchung des synoptischen Problems. Drei feste 'Thatsachen werden durch diesen Prolog sicher- gestellt: 1) Le schreibt nicht das älteste Evangelium, sondern hat schon viele Vorgänger. | 2) Diese Vorgänger sind selbst nicht Augen- und Ohrenzeugen gewesen, sondern haben aus deren Überhent ung geschöpftt. 3) Le will seine Vorgänger übertreffen durch Voll- ständigkeit und durch chronologische Reihen- fölge. Daraus folgt: Le schreibt als ein Mann der zweiten oder gar dritten Gener K Er schöpft nicht direkt aus der Überlieferung, sondern aus Quellen. Von da aus ist es am ratsamsten, beim Ev. Le, eben weil es ein relativ spätes Werk ist, einzusetzen, und von da aus rück-. wärts gehend, nach seinen Vorgängern, die seine Quellen sind, zu forschen. I. Das Lucasevangelium. Aus dem Prolog Lel ergab sich, dafs Le schriftliche Quellen gekannt und benützt hat. Welches sind diese Quellen? Nirgends in seinem Evg hat Le weder gesagt noch ange- deutet, wo er einer Quelle folgt oder eine verläfst. Bett Werk hat keine Disposition,'die uns zum Auffinden von Quellen irgend etwas helfen würde. Es läfst sich am einfachsten auf folgende Weise Sliodern: Vorgeschichten: 1,5—4,13 mit scharfem Einschnitt 3, ı. Jesus in Galiläa 4, 14— 9, 50. 1. Lucas und Marcus. 3. Reise nach Jerusalem 9,51—19, 27. Aufenthalt in Jerusalem’ 19, 28— e21. Leidens- und Auferstehungsgeschichte e 22—24. Aber diese Gliederung ist, wie vor allem der Reiseabschnitt zeigt, das Gegenteil einer wirklichen Disposition. Da trotzdem aus dem Prolog feststeht, dals Le Quellen be- nützt, sind nun Mr und Mt zur Vergleichung heranzuziehen. Sind Mr oder Mt oder beide unter den „Vielen“, die Le vor sich hatte, als er sein Evg schrieb? Hiebei ist Mr voranzustellen, weil die Vergleichung seines Evgs mit Le einfacher und leichter ist. 1. Lucas und Mareus. Bei der Vergleichung so eng verwandter Schriften, wie unsere Syn. sind, müssen drei Fragen unterschieden werden. 1) Die Frage des Inhalts. Hat der eine Autor den Stoff des andern überhaupt und vollständig gekannt und aufge- nommen? 2) Die Frage der Anordnung. Hat der eine Autor den Stoff des andern in der gleichen Reihenfolge gelesen und ge- bracht? 3) Die Frage des Textes. Hat der eine Autor den Wort- laut des andern gekannt und übernommen? Durch die Verwirrung dieser drei Fragen ist die Lösung des synoptischen Problems ganz besonders erschwert worden. Vor allem hat die einseitige Vergleichung der Texte in der Regel blols zu scheinbaren „Resultaten“ geführt. Denn einmal ist, wie uns die Textgeschichte lehrt, gerade der Text unserer Evangelien das Un- sicherste und Fliefsendste. Ob wir den ursprünglichen Text des Mr oder Mt je sicher aus den Abänderungen ihrer Abschreiber herausschälen können, ist gerade die Frage. Sodann sind eine ganze Fülle von Beobachtungen, die an Texten gemacht wur-- den, derart, dafs man sie einfach umkehren kann. Soll einent: scheidender Beweis erbracht werden, so muls stets zuerst nach dem Stoff und dann nach der Anordnung gefragt werden. Hat ein Autor alle Geschichten eines andern aufgenommen, und zwar in gleicher Reihenfolge, so ist der Beweis, dals dieser seine Quelle war, so gut wie erbracht. 1a 4 I. Das Lucasevangelium. ER WEFEN BETEN NN REST SSEL 3 MEN A. Der Inhalt. In Betracht kommen folgende grolse Partien des 1. in denen er sich mit Mr berührt: >, 1-6, 19. | 8 N: 9, 50. 18, 15.94, 10. Fastsämtlicher Erzählungsstoff desMristin ı diesen drei Stücken des Le enthalten. Es fehlen darin folgende Mrperikopen: 1) Mr 3,20—30 Apologie Jesu. 2) 4,26—34 Gleichnisse. vom Samenkorn und Senfkorn. 3) 6, 17—29 Episode vom Tod des Täufers. 4) 6,45—8,26: Grolse Lücke, enthaltend: Wandeln auf in Sa Rückkehr eh (rennesaret, Vom Hände- waschen, She Kanaanitin, die N Speisung der Veran Zeichen am Himmel, Vom Sauerteig der Pharisäer, Der Blinde von Bethsaida. 5) 9,11—13 Gespräch beim Abstieg (Eliasfrage). 6) 9,41—10,12 Vom Argernis, Vom Salz, Reise nach Ju- däa (Peräa), Pharisäerfrage nach der Ehescheidung. 19 10, 35—45 Jesus und die Zebedaiden. 8) 11,11 Erster Besuch im Tempel. 9) 11, 12—15° 19—27* Verfluchung des Feigenbaums und en darüber. 10) 12,28—34 Frage nach dem grolsen Gebot. 11) 14, 3—9 Salbung in Bethanien. 12) 15, 1 Zweite Sitzung des Synedriums. Abgesehen von diesen 12 Ausnahmen sind alle Mrstücke in _ Le enthalten. Wie sind diese Ausnahmen zu erklären? Er Jr, las sie nicht in seiner Quelle; dann hat er nicht unsern Mr, son- dern blofs ein ihm ähnliches Evg vor sich gehabt. Oder er las sie, lies sie aber mit Absicht weg. Dann müssen sich Anzeichen, mie er sie las, zeigen, und Gründe, weshalb er sie ausliels,. nennen lassen. Die einzelnen Ausnahmen müssen der Reihe nach geprüft werden. 1) Die Apologie Jesu fehlt zwar im Zusammenhang der Mr- 1. Lucas und Marcus. 5 erzählung, ist jedoch in. c_11 nach einer andern Quelle ge- bracht. Le wollte sie nicht zweimal erzählen. 2) Von den beiden Gleichnissen ist das vom Senfkorn c 13 er- zählt nach einer andern Quelle. '3) Die Episode vom Tod des Täufers hat Le gelesen, da er ihren Eingang, die Verhaftung, 3, 19 f. a, ER die Anordnung vgl. unten p. 8. Aka an. dieser Stelle, in der Vorgeschichte, palste ihm die ausführliche Erahlüho vom Tod des Tänfers nicht. ö iR | 4) Die Geschichten der „grolsen Lücke“ hat Le gelesen. Be- weis: 12,1 die Warnung vor dem Sauerteig der Pharisäer (Mr 8 ‚15); 11, 38 die en des Pharisäers, dafs Jesus en vor Her Mahl nicht die Hände wusch (Mr, 1f.); 9,10 Bethsaida als Ort der Speisung (Mr 6,45. 8,22 zu An- fang und Ende der Lücke). Gründe zum Auslassen sind leicht zu nennen: Die zweite Speisung ist Doublette. Die Zeichenforderung: ist e 11 aus anderer Quelle ge- bracht. Das Gespräch über das Höhndemaschen bot Bon Interesse für die Leser des Le. Die Kanaanitin palste zum Universalismus des Le nicht (vgl. die Nazaretepisode e 4). Die beiden Heilungen sind zu ı derb und vulgär für den späteren Glauben. In Anbetracht dieser Gründe fällt die Hypothese, dals im Mrexemplar des Le bei der „grolsen Lücke“ ein Blatt ausgefallen sei, als überflüssig hin. 5) Die Hliasfrage hatte für Le und seine Leser keine Be- deutung. 6) Das Wort vom Basis der Kleinen bringt Le 17, 2, vom Salz 14, 34 f., von der Ehescheidung 16, 18, und zwar an die Eier se Die Auslassung es Stücke im Mr- zusammenhang scheint mit der grolsen Einschaltung zu- sammenzuhängen. 7) Die Frage der Zebedaiden entbehrte des Interesses, nach- dem Jakobus und Johannes längst gestorben waren. Die Mahnung zur Demut bringt Le 22, 21—26. 8) Den ersten Besuch im Tempel zieht Le zusammen mit der Tempelreinigung. I. Das Lucasevangelium. * 9) Die Verfluchung des Feigenbaums läfst Le aus, weil er darin eine Doublette zum Gleichnis vom nn 13, 6—9 sieht. 10) Die Frage nach dem grolsen Gebot hat Le 10,27 als Ein- leitung zum Gleichnis vom barmherzigen er ver- wendet. 11) Die Salbung in Bethanien lälst Le aus, weil sie ıhm als Doublette zur Salbung 7, 36—50 erscheint, bei deren Er- zählung er Züge aus ihr (Simon) verwertet hat. 12) Die zweite Sitzung des Synedriums hat Le mit der ersten verschmolzen, vgl. unten p. 8. Somit ergibt sich als Resultat: Le hat fast sämtliche Geschichten des Mr in sein Evg aufgenommen. Die- jenigen, die er auslälst, hat er doch gelesen. Er lälst sie aus in der Regel aus Scheu vor Doubletten oder wegenihrer Bedeutungslosigkeit für seine Leser, selten. aus einem dogmatischen Grund. Er hat also den Stoff nach unserm Mrals Quelle benützt. Eine Umkehr des Ver- hältnisses ist ausgeschlossen, da Gründe für die ungeheuren Aus- lassungen des Mr nicht zu finden wären. B. Die Anordnung. Le hat die Geschichten des Mr fast durchweg streng nach der Anordnung des Mr wiedergegeben. Beispiele: | Mr 1,40 — 3,6 = Le 5, 12 — 6, 11. ® Heilung eines Aussätzigen. Heilung des Paralytischen. Berufung des Levi. Die Fastenfrage. Erster Sabbatsspruch. Zweiter Sabbatsspruch. Mr 4,35 — 5,43 = Le 8, 22—56. Der Seesturm. Der gerasenische Besessene. Die Tochter des Jairus und das hinkflüssige Weib. Mr 11,27 — 13,37 = Le 20,1 — 21,36 ‚Die Johannesfrage. Das Gleichnis vom Weinberg Gottes. 1. Lucas und Marcus. 7 Die Pharisäerfrage. Die Sadducäerfrage. [Die Frage nach dem grofsen Gebot. | Die christologische Meisterfrage. Rede gegen die Schriftgelehrten. Der Groschen der Wittwe. Weissagung über die Zerstörung des Tempels und Pa- rusierede. | Umstellungen in der Anwendung von Mrgeschichten gibt es bei Le sieben: 1) Le 3, 19£. vgl Mr 6, ı7 f. Verlegung der Verhaftung des Täufers in die Vorgeschichte. 2) Le 4, 16-30 vgl Mr 6, 1—6* Versetzung der Verwerfung in Nazaret an die Spitze der galiläischen Wirksamkeit Jesu. 3) Le 5, 1-11 vgl Mr 1, 16—20 Zurückstellung der Berufung des Petrus hinter Mr 1,39. 4) Fi 6,12—16 vgl Mr 3, 13—19 Le 6, 17—19 vgl Mr 3, 7—12 der 12 Jünger vor „Zulauf und gehäufte Heilungen“. 5) Kr 8,4—18 vgl Mr4,1=25 \ Le 8, 19-21 vgl Mr 3, 31—35 | mannsgleichnisses vor „Jesu Familie“. 6 |Le 22, 15—20 vgl Mr 14,22—25 | ) |Le 22,21—23 vgl Mr 14, 18—21 ] tung des Herrenmahls vor die Vorhersagung des Verrats. Le 22, 54—62 vgl Mr 14, 53 f. 66— 72 7) | Le 22, 63—65 vgl Mr 14,65 Ere 22,66—71 vgl Mr 14, 55—64 15,1 Prozesses vor dem Synedrium hinter die Verleugnung des Petrus und die Beschimpfung Jesu. Von diesen Umstellungen sind Nr. 2, 3 und 7 besonders lehr- reich. Ohne alle Vergleichung mit Mr läfst sich rein aus Le selbst schliefsen, dafs hier Stücke umgestellt sind. In Nazaret redet Jesus 4,23 von seinen Wundern in Kapernaum, bevor er ein ein- ziges vollbracht hat; dies Stück weist also auf eine spätere Stel- lung hin. Hierauf begleiten wir Jesus ins Haus des Simon und hören von Simons Schwiegermutter, ohne dafs wir mit ihm selbst bekannt gemacht wurden 4,38; seine Berufung folgt erst 5, 1 ff. Le mufs sie daher an früherer Stelle gelesen haben. In e 22 wird | Voranstellung der Berufung Voranstellung des Säe- Voranstellung der Stif- Jurückstellung des I, » 6) I. Das Lucasevangelium. Jesus beschimpft und milshandelt, bevor überhaupt der Prozels begann. Nach der Petrusgeschichte wird mit «brov v. 63 von IR erzählt, obschon jeder unvorsichtige Leser dies auf Petrus deutet. Das ek ganz aus, als wäre etwas umgestellt. Gründe für die Un olleine des Le lassen sich bei allen 5 Fällen nennen. 1) Le las Mr 1,14, dafs Jesu Auftreten in Galiläa später als die Verhaftung des Täufers ist. Daher holt er die ausführliche Notiz aus Mr 6 hervor und placiert sie vor der Taufe Jesu, um die Täufergeschichte damit überhaupt zu schlielsen. 2) Der Nazaretepisode gewann Le wegen der Worte Mr 6,4 eine symbolische Bedeutung ab. Die zaroig vertritt für ihn das Vaterland, ihre Verwerfung Jesu die Verwerfung Israels. Dadurch eignet sie sich zur programmatischen Eröffnung der Grundidee seines opus bipartitum: Jesus von den Juden verworfen, von den Heiden angenommen. In dieser Bedeutung aber gehört sie an den Anfang. 3) Le stellt die Berufung Simons re um sie besser psy- chologisch begreiflich zu machen. Die plötzlich Nachfolge Jesu ist dem Mnünschlichen Verstehen näher gerückt, wenn Simon zu- erst Jesu Predigt gehört und seine Wunder geschaut hat. In Nr. 4 und 5 ist die Umstellung veranlafst durch die erste Einschaltung 6, 20— 8,3. Die grofse Rede c6 verlangte eine ange- messene Situation und einen Hörerkreis; beides hat Le durch die Umstellung von Mr 3, 7—12 und 3, 1319 gewonnen. Umgekehrt verlangte de Episode von Jesu F SiRS die Le nach der Einschal- tung Den wollte, dafs Jesus vorher er einer Volksmenge able Dies Situation gewinnt Le durch Z Ego UBS hinter die Gleichnisrede. 6) Die Vorhersagung des Verrats hatLe zurückgestellt, weil er im Sinn hatte, eine längere Abschiedsrede auf das Mahl folgen zu lassen. Der Streit darüber, wer der Verräter sei, führt dann hin- über zum Streit,.wer der Gröfste sei (beachte I xl v.24 und die sprachliche Verwandte ik der Sätze). 7) Die letzte grofse Umstellung ist dadurch bedingt, dals Le zunächst die Potrusge ne (Mr 14, 54. 66 ff.) in einem Zug er- zählen, und sodann die zwei en des Synedriums zu einer vereinfachen wollte, da ihm der Sinn der zweiten undeutlich war. Auch mochte es ihm passender erscheinen, dafs erst bei Tages- anbruch, nieht mitten in der Nacht, Sitzung war. 1, Lucas und Marcus. - 9 . Also ist das Resultat gewonnen, dafs Le dieMrgeschich- ten überallin der festen Anordnung des Mr gelesen hat; wo er sienicht befolgt, hater von sich aus geändert. Damit ist bereits bewiesen, dafs Mr die Quelle des Le ist. Er hat seinen Stoff beinahe vollständig aufgenom- men, und zwar fast durchweg streng Esch seiner An- lanag. | Hecn reiht sich sofort eine weitere wichtige Beobachtung. In A. ist gezeigt worden, wie er die Frage nach dem grolsen Gebot aus Mr 12 in sein e 10 herithöls die. Salbung ı in Bethanien Mr 14 schon in e 7 verwertet. In B. Beelatchen wie er die Verhaftung des Täufers und die Verwerfung in Nazaret aus Mr 6 hervorholt und ine 3 und 4 placiert. Daraus wird deutlich, wie vollständig Le seine Quelle beherrscht, bevor er sie aufnimmt. Er ist kein _ Abschreiber, der Seite nach Seite seiner Vorlage umschlägt und abschreibt. Er hat sie erst vollständig von Anfang bis zu Ende studiert und in sich aufgenommen. Für ihn ist also Mr keine Quelle, die ihm Zwang auflegt, sondern eines der „vielen“ frühern Evangelien, die er mit Bewulstsein verbessert und umgestaltet. C. Der Text. Gerade nachdem schon bewiesen ist, dafs Mr eine der Quellen ‚des Le ist, gewinnt die Frage des Textes eine besondere Bedeu- tung. Hier kommt nun. zur Entscheidung, mit welcher Freiheit oder Gebundenheit Le seinen Quellen gegenübersteht. Von seinem Verhältnis zum Text des Mr müssen sich wichtige Schlüsse ‚auf seine Quellenbenutzung überhaupt ziehen lassen. Dabei ist nun freilich besondere Vorsicht durch den jetzigen Stand der. Textkritik geboten. Es steht nicht so, dals sich Ein Mrtext mit Einem Letext zur Vergleichung darbietet. Im Ganzen allerdings verdient — was hier nicht zu erweisen ist — die durch »BCLecop. vertretene Textgestalt immer noch den Vor- zug vor dem Be im hl REPLREN Text der Gruppe D, it. syr°”* syr!®. | Zunächst ist davor zu warnen, bei ® Beh huake mit denjenigen Stücken zu beginnen, wo die Differenz zwischen Mr und Le am.augenfälligsten fa Es sl Täuferund Versuchung, Auftreten in Nazaret, Berufung des Petrus, Salbung, Leidens- und Auferstehungsgeschichten. Bei diesen Stücken läfst sich das regelmäfsige Verfahren des Le am wenigsten # 10 I. Das Lucasevangelium. erkennen. Sie sind daher an den Schlufs der Textvergleichung zu versparen, wo ein allgemeines Urteil über die Freiheit oder @e- bundenheit des Le gewonnen sein wird. Sodann mufs bei der Vergleichung zwischen den Herren- worten und der Erzählung unterschieden werden. Jene sind als autoritativ in ihrer Form von Anfang an empfunden worden. Was der Herr gesagt hat, das gilt zur Zeit des Paulus als Gesetz Gottes, so, wie es der Herr gesagt hat. Auf Treue und Festigkeit der Überlieferung dieser Worte kommt Alles an. Von vornherein muls darauf gerechnet werden, dafs die Freiheit des Le hier am stärksten beschränkt ist. Umgekehrt kommt dem Wortlaut der Erzählungen um so weniger Autorität zu, je mehr wir in der apo- stolischen Zeit hinaufsteigen. Hier gehört die Form ganz dem Be- lieben des mündlichen und schriftlichen Erzählers an, und es darf eine sklavische Abhängigkeit des Späteren vom Fr eher en gar nicht erwartet werden. a) Der Text der Herrenworte. Aber auch die Autorität der Herrenworte ist eine sehr ver- schiedene. Auszuscheiden sind sogleich zwei Gruppen von Herren- worten, die den Erzählungen zuzuweisen sind: Die Gesprächsworte und die Gleichnisse. Für die gesprächsworte ist dies selbstverständlich. Wenn Jesus zu einem Kranken sagt: Wie heilsest du? oder Was willst du, dafs ich dir thun soll? Bar zu den Jüngern: Gebt ihr ihnen zu essen! Wo ist euer @laube? Wer bin ich nach der Leute Mei- nung? so ist die Form völlig gleichgiltig; Autorität beansprucht ein solches Wort gar nicht. Le hat den Wortlaut dieser Gesprächs- worte ganz nach Belieben beibehalten oder geändert. Als Beispiel sei das Wort vor dem Einzug in Jerusalem Le 19, 30 ff. vgl Mr 11,2f. und vor der Zurüstung zum Passah Le 22, 10ff. vgl Mr 14,13 ff genannt. Aber auch die &leichnisse, wenigstens die ausführlichen, gehören nicht zu den autoritativen Herrenworten. In Betracht kom- men das Gleichnis vom ‚Säemann Le 8,4—8 vgl Mr 4, 1—9 samt seiner Deutung Le 8, 11—15 vgl Mr 4, 13—20, und das Gleichnis vom Weinberg Gottes Le 20, 9—19 vgl Mr 12, ge 12. Diese beiden Gleichnisse sind ja re Jesu; ihre Kom fällt daher dem Schicksal der Erzählungen anheim. Autorität beansprucht der Hauptgedanke, nicht aber seine breite anschauliche Ausführung. 1. Lucas und Marcus. 11 Le hat an ihr all die sprachlichen Veränderungen vorgenommen, wie sonst bei erzählenden Partien seiner Quelle. Er erzählt das ihm Erzählte einfach von Neuem und auf seine Art. Was nun übrig bleibt, die autoritativen Herrenworte, ist von Le entweder wörtlich übernommen oder sprachlich verändert (in die Sprache des Le übersetzt) oder sachlich verändert durch Ergänzungen, Auslassungen, Umbildungen. 1) Wörtlich übernommene Herrenworte. Sie sind ziem- lich selten. Ee6,5.-— Mr 2,28 AVoLög Eotıv 6 vIOg TOO AvHEWToV zal Tod VaßßeTovV. Rerls 18°. — Mr 02T, &pere ro neıdie Eoyeodaı noög us |xai| un xwAvers abre' TOV ydo ToLoVTWv Eotiv n Baoıkeia Tod HEod. auv Aeyo dulv, Ög cv un deöntaı ryv Baoıkeiaev Tod FEod og maudLov, ob un EloeAyn eis abryv. Bean at — Nr Lortest TI ue Akyaıs dya9ov; obdsis dyawog ei un eis |ö| eds. Tas EvtoAcs oldac. Le 21,33 = Mr 13, 31 6 0doa«vog zul 1) yi magsAsdoovraı, loi Ö& Aöyoı uov od w TROEAEVOOVTAL. 2) Sprachlich veränderte Herrenworte. Diese Gruppe ist weitaus am zahlreichsten. Es zeigt sich, dafs Le ohne leichte oder schwere sprachliche Veränderungen auch die Worte Jesu nicht kopiert. Er bemüht sich, sie in das seinen Lesern geläufige Griechisch zu übertragen. Vorallemänderter die Vokabeln. Statt ioyvovreg : byıalvovreg D, 31 ETLOETTEL : ertıßoAAsı D, 36 uodıog : 0%E0og 8,16 yaAnov : doydorov 9,3 yoög : #0v100T0g 9,5 Cunv » dAnYög 9,27. 21,3 ode : &dTod 9,27 uvAog ÖvıROg : Ardog uvAınög 17, 2 BeßAnteau : Eooımnraı 17,2 VOTEQEI | : Asimeı 18,22 Öög : Öıddog 18, 22 12 I. Das Lucasevangelium. rovuadıd Hapidog : ronwa PeAdvng 18,25 TRTEDE N UunTeoe : yoneig 18,29 BAsnere TOOBENETE 12, 1::20,.46. 21, 34 VETEONAS : boreonue 21,4 arods noAeuwv. a 21,9 VoosiodE : zrondnte 21,9 TOOUE0LUVvÄV.. ., : mooueAstäv 21,14 Aukeiv : dnodoysiodeaı 21,14 dandıg : dvayın 21,23 Erpdsuv Ta pVAe : rooßeAleın 21,30 . WEYOLS OÖ 8608:21,82 ESaipvns re 21,34 Nur beispielsweise mögen noch folgende Änderungen auf- gezählt sein: - Er ersetzt das Praes. dplevraı durch das Perf. dp&wvraı d, 23 und stellt im Gegensatz zu Mr das Subjekt vor das Prädikat 5, Er falst ER fälschlich als Plural auch dem Sinne nach, en setzt daher 6,9 den Singular ein. Er fügt zu Relativsätzen mit ög v das Beziehungswort odrog oder roürov 9, 24.26 hinzu. Er er- setzt mehrere Hauptsätze mit x«‘ durch eine Partizipialkonstruk- tion 21,12. Er ergänzt das Subjekt, wo es ihm zu fehlen scheint 21,31 (5 Baoıleie vod HEoV) und ebenso das für ihn nötige Ver- RN 20,46 (pıAovvrov). Er setzt die 2. Pers. Plur. ein, wo dieselbe Saat aber nicht genannt ist 21,16. Er zieht «i Sbräkere ai Ev toi Gboeöte zu ai Övvausıg TOV oe zusammen 21,26. Zuweilen klingt ihm ein Herrenwort bei Mr nicht scharf und bestimmt genug. So Mr 10, 27 zao«& avdonnoıg dÖVVaToV, AAA od rad Hei. Le bildet daraus den weit über den speziellen Fall hinausreichenden Satz: t« @&öVvar« raoa& AvdoWnoLg dvvare Xaol ve (18,27) | en die grölse Mehrzahl aller Herrenworte des Mr ver- teilt sich unter diese beiden ersten Gruppen. Bisweilen ist die Treue des Le geradezu überraschend. Er hat an dem Wort: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut, als der Eine Gott noch keinen Anstols genommen. Diejenigen Worte, in denen die Nähe des Gottesreichs und der Parusie am stärksten betont ist, Mr 9, 1. 13, 30 hat Le gar nicht verändert; offenbar war für ihn die Kata- str ophe des Jahres 70 die inaee jenes: „bald“. Alle die sprach- lichen Änderungen, die er vornimmt, sind auch nur ein Beleg für seine Treue. So sehr er sich Konlah die sprachliche Form der 1. Lucas und Marcus. 13 Herrenworte seinen Lesern mundgerecht zu machen, so eifrig schont und respektiert er den Gedanken. 3) Sachlich veränderte Herrenworte. Bei einigen leich- ten Ergänzungen und Umbildungen von Herrenworten läfst sich fragen, ob sie zu den sprachlichen öder sachlichen Veränderungen gehören. 21,29 ergänzt ‘Le zum Feigenbaum „und alle Bäume“, da er mit Lesern rechnet, die vielleicht nicht stets einen Feigenbaum vor Augen: haben. 8, 18 setzt er für „was er hat“ ein: „was er zu haben scheint“, um den Einwand eines Lesers abzuwehren, wie man dem etwas nehmen könne, der nichts habe. Schwerer ist zu sagen, warum er 18,29 „wegen des Gottesreichs“ statt „wegen des Evangeliums“ einsetzt; vielleicht begann schon damals unser jetziger Sprachgebrauch von den Reichgotteswerken im engern Sinn. Im gleichen Spruch hat er die Frau in die Aufzählung Jesu eingeflochten, schwerlich =; Unrecht; wir wissen Luly warum sie bei Mr fehlt. Zu dem Spruch vom Leuchter 8, 16 hat Le hinzugefügt „da- mit die Eintretenden das Licht sehen“; wie die Doublette 11, 33 zeigt, gehört für ihn dieser Zusatz ein für allemal zum Gleichnis- wort. In dem Spruch über Jesu Familie 8, 21 setzt er statt „wer @ottes Willen thut“ ein: „die welche Gottes Wort hören und thun“; er hatte ja jene Episode hinter das Säemannsgleichnis ge- stellt; nun ändert er auch die Form des En, um ıhn dem Gleichnis anzupassen (vgl. 8, 15). Zu dem Spruch vom Bänder einladenden Jesus 5, 32 ergänzt Le „zur Bulse“, vielleicht mit Recht, obschon man auch „zum Gottesreich“ ergänzen könnte; er dachte an die Sprüche vom Sün- der, der Bulse thut (e15). Dagegen ist der Zusatz „täglich“ beim Wort vom Kreuztragen 9,23 eine unrichtige Ergänzung. Jenes Wort besaste, dafs jeder echte Jünger Jesus in den Tod folgen, Märtyrer werden müsse; der Gedanke an die tägliche Selbstver- leugnung, an die Übehwinäumg des Ich durch Gehorsam und De- mut liegt diesem Zusammenhang fern. Das Wort ist durch Le modernisiert worden. | | An einigen Stellen hat er durch kleine Ergänzungen Jesus zu einem gelehrten Schrifttheologen nach dem Geschmack seiner Leser gemacht. 20, 42 läfst er ihn das Psalmbuch ausdrücklich eitieren. 18, 31 fügt er in die Leidensverkündigung das Sätzchen ein: und es soll sich erfüllen Alles, was durch die Propheten ge- 14 I. Das Lucasevangelium. schrieben ist, am Menschensohn; denn ... Bei Mr fehlt ın der Parallele (10, 32 £.) jede Begründung. Dem Moses schreibt Jesus 20, 37 ein geheimes Anzeigen (unvVev) der Totenerweckung zu; er hat ein Geheimnis in den Wortsinn hineingelegt, das die christ- liche Schrifterklärung entdeckt hat. /uweilen hat er den Text des Herrenworts für seine Leser kommentiert und auf diesem Weg neue Herrenworte geschaffen. Am besten, aber auch ausführlichsten die Antwort Jesu an die Sadducäer Le 20, 34—38. Der Text der Vorlage: wenn man von den Toten aufersteht, so freit man nicht und lälst sich nicht freien, sondern ist wie die Engel im Himmel, erschien ihm in seiner Kürze undeutlich. Darum stellt er zunächst fest, dafs die Kinder dieser Welt freien und sich freien lassen, damit der Kontrast zu „jener“ Welt deutlicher wird. Hierauf begründet er den Weofall der Ehe durch den Wegfall des Todes, und diesen durch die engel- gleiche Existenz; damit setzt er an Stelle des „nieht — sondern“ des Mr einen kausalen Zusammenhang. Endlich ergänzt er die Engelsgleichheit dureh den seinen Lesern wohl geläufigeren Be- griff der Gotteskindschaft. Am Schluls fügt er zu dem „Gott nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebendigen“ die Begründung hinzu, dafs für @ott ja Alle, Lebende und Tote, Lebende sind. Aber auf diesem Weg der Erklärung hat Le drei oder vier Herrenworte neu gebildet. St Dagegen hat Le die beiden Gleichnisse in Jesu Antwort auf die Fastenfrage 5, 36. 39 so unglücklich kommentiert, dafs er den ursprünglichen Sinn ganz zerstört hat. Jesus wollte mit ihnen illustrieren, wie unpassend und unverträglich das Fasten für seine Jüngerschaft ist. Le tritt im Gegenteil entschuldigend (5, 39) für die alten Gebräuche ein und verlangt blols, dafs Neues und Altes säuberlich getrennt existiere. Er stellt deshalb zwei Kleider neben einander, ein neues und ein altes, und zeigt, wie die Vermischung dem neuen schadet — es bekommt einen Rils — und dem alten nichts nützt — es palst nicht. Es sei ganz begreiflich, wenn, wer an alten Wein gewohnt sei, dabei bleibe. Damit hat Le seinen Lesern das Verständnis des grolsen radikalen Worts gewaltig erschwert. | Lehrreich ist die Änderung beim Verhör Jesu für die Er- kenntnis des Unterschieds der Zeiten. Bei Mr bekennt sich Jesus offen zur Messianität und wird wegen dieser „Lästerung“ verur- teilt. Le lälst ıhn auf die Frage, ob er der Messias sei, eine aus- 2 1. Lucas und Marcus. 15 weichende Antwort geben: wenn ich euch’s sage, so glaubt ihr nicht, und wenn ich euch frage, so antwortet ihr nicht (22, 67). Verurteilt wird Jesus ausschliefslich wegen seines Bekenntnisses zur Gottessohnschaft (22,70). Aus Joh 5, 18. 10, 33 wissen wir, dafs zur Zeit des Evangelisten um den Titel Gottessohn am heftigsten zwischen Christen und Juden gestritten wurde, weil man ihn im Sinn der Gottgleichheit als Beeinträchtigung des Monotheismus empfand. Diese Zeit hat schon bei Le ihren Reflex auf die Dar- stellung des Verhörs zurückgeworfen. Bei der Stiftung des Herrenmahls Le 22, 15—20 hat Le zu- nächst zu seinem v 18: Jesus wird nicht mehr Wein trinken, bis das @ottesreich kommt, eine offenbare Doublette v 16 gebildet: ich werde das Passah nicht mehr essen, bis es sich im Gottesreich er- füllt (beidemal: od un...&wg Orov). Im Folgenden gehen der kürzere und der längere 'Text auseinander. Der kürzere Text, d.h. der Archetypus der Klasse D it. syr°”, syr“" läfst Jesus zuerst den Kelch nehmen, danken und verteilen, das Wort sprechen: ich werde nicht mehr trinken .. und hierauf das Brot nehmen, danken, brechen und geben mit dem Wort: das ist mein Leib. Der längere Text hat die bekannte Ergänzung auf Grund von 1 Cor 11, 24£. hinzugefügt. Nach dem kürzeren Text würde Le einem andern Abendmahlsritus Ausdruck geben durch die Voranstellung des Kelchs. Nach dem längern hätte er Mr durch Paulus korrigiert und ergänzt. Jedenfalls ist die Stelle ein Beweis dafür, dafs zur Zeit des Le die Ausbildung des Abendmahlsritus und -textes noch im Flufs ist. | Am allerstärksten aber hat Le die Parusierede des Mr um- gestaltet. Die Änderungen sind hier so radikal und einschneidend, dals man gerne seine Zuflucht zu andern Quellen genommen hat, um den Le zu entlasten. Aber diese Ausflucht in ein unbekanntes Land ist verboten durch die massenhaften wörtlichen Überein- stimmungen gerade dieser Rede mit dem Text des Mr. Verbe2bs2—Mr33,sf. Le 8 a 13 Ha 14” 2 17 27. = 26 — 29 30 f. 16 I. Das Lucasevangelium. Folgendes sind die wichtigsten Änderungen: | a) Verschiebung der Barusih und ıhrer Vorzeichen: in die Ferne, sodals eine lange Frist bleibt auch nach der Zerstörung J ae ‚21,9: Krieg und Unordnung soll „zuerst“ kommen, aber „nicht bald“ das Ende. 21, 12: Die Verfolgung der Christen fällt „vor“ alle die-v 9—11 genannten Vorzeichen. 21,24: Die Verkündigung des Evangeliums an alle Heiden (Mr 13, 10) fällt nicht in die Verfolgungszeit vor die „Verwüstung Jerusalems“, sondern „die Zeiten der Heiden“ füllen den Raum zwischen der letztern und der Parusie. Damit stimmt es überein, wenn Le 20,9 der Herr des Weinbergs sich fortbegiebt für längere Zeiten. Eben dahin gehört die Umbildung des Wortes Mr 14, 62 Le 22, 69. Statt: „Ihr werdet sehen den Mensehensohn sitzend zur Rechten der Kraft und kommend auf den Wolken des Himmels“ schreibt Le: von jetzt an wird. sein der Menschensohn sitzend zur Rechten der Kraft Gottes. Jesus darf zu den Richtern nicht mehr „Auf Wiedersehen!“ sagen, da diese längst gestorben sind, ohne ıhn zu sehn. 2 Eintragung des Yakedintein ex eventu in schroff ati schem Sinn. Sie reicht von v 20—24. An Stelle des „Gräuels der Verwüstung, stehend, wo er nicht soll, d. him Tempels, tritt Je- rusalem umringt von Heeren, als Zeichen, dafs seine Verwüstung sich genaht hat (21, 20). Es kommen nun die Tage der Rache, damit erfüllt wird Alles, was geschrieben steht (21,22). Das Zorn- gericht kommt über „dieses Volk“ (21,23). Verrät sich schon darin der judenfeindliche Heidenchrist, der Gott dankt für Jeru- salems Fall, so erst recht in 21, 24: sie sollen fallen durch die Schärfe des Schwerts und verkauft werden unter alle Heiden, und Jerusalem soll zertreten werden von den Heiden. Im scharfen Unterschied von Mr hat Le überhaupt nicht den verwüsteten Tempel, sondern die zerstörte Stadt vor Augen. Selbstverständ- lich durfte aber der Autor post 70 die Verse Mr 13, 15 f. nicht lassen, wie er sie vorfand. Er hat sie zwar gelesen, denn er brinst sie 17, 31 nach dem Mrtext. Alleın er fand sie in der dortigen Form unpassend für die Zeit des jüdischen Kriegs und versetzt sie daher in die Parusierede. Dafür setzt er in die Lücke 21, 21 zwei entsprechend gebaute Verse ein, die auf die Auswanderung der Christen nach Pella deuten: die inmitten der Stadt (Mr auf dem Dach) sollen auswandern, und die in der Landschaft (Mr auf dem Acker) sollen nicht in die Stadt hineingehen. Der Weheruf 1. Lucas und Marcus. 17 an die Schwangern und Säugenden palste ihm ausgezeichnet für die Schilderung des Jahres 70, während das Gebet, dafs die Flucht nicht im Winter geschehen möge, nach der Katastrophe als wert- los fallen gelassen ist. c) Tilgung der Unwissenheit Jesu. Den bie Spruch, dafs auch nicht der Sohn, sondern blofs der Vater Bescheid weils von jenem Tag oder Stunde, Mr 13, 33, hat Le ausgelassen. Er bringt zwar Acta 1, 7 eine Reminiscenz daran, aber mit Vermei- dung jenes: auch nicht der Sohn. Ebenso hat er ja schon früher die Zebedaidenepisode fallen gelassen, die den Spruch enthielt, dafs das Bestimmen der Sessel zur Rechten und Linken nicht Jesu, sondern Gottes Sache sei (Mr 10, 40). Seine Christologie ist fort- geschrittener als die seiner Quelle (vgl. auch Le 9, 26: in seiner und seines Vaters Herrlichkeit). d) Versuch die Stimmung der Rede Eee und eindrucks- voller zu gestalten. Es ist das eine Eigentümlichkeit des Le, die, wie sich später zeigen wird, ıhn von allen andern IBrangoliten auszeichnet, und auf der wesentlich der täuschende Schein seiner Ursprünglichkeit beruht. Dahin gehört 21, 14 das: „nehmt’s euch nun zu Herzen“, 21, 18: „kein Haar von eurem Haupt soll ver- loren gehn“, seltsam freilich nach 21, 16 „und sie werden etliche von euch töten“. Dahin gehört die Beschreibung der Angst der Menschen, wenn die Vorzeichen am Himmel erscheinen 21, 25°, durch die Le das einfache Gefüge von Mr 13, 25 zerrissen hat. Auch das wunderschöne Wort 21, 28 gehört dazu: „Wenn das an- fängt, so schaut auf und erhebt eure Häupter, denn es naht sich eure Erlösung.“ Prächtiger kann man nicht Stimmung malen; allein für die Ursprünglichkeit liegt darin kein Grund. e) Der paränetische Schlufs 21, 3.—36. Von Mr hat Le hier blols das „seht euch vor“, das „wachet zu jeder Zeit“ und das „plötzliche Kommen“ übernommen. Der ganze übrige Schluls muls, da er nicht ein einziges originelles Herrenwort enthält, als Werk des Le selbst betrachtet werden. Es kann hier geradezu jeder die Probe machen, ob er Sinn für das Echte und Ursprüng- liche hat. Es sind lauter allgemeine Wendungen, wie wir sie dem Le völlig zutrauen dürfen. Das Merkwürdieste ist, dals der Schluls des Le ziemlich genau den Raum des Schlusses bei Mr einnimmt. Es hat seinen guten Grund, warum Le gerade die Parusierede am stärksten Be de Der feste Glaube, dafs Jesus die Wernle, Frage. 2 u 18 I. Das Lucasevangelium. Geschichte so geweissagt hatte, wie sie sich thatsächlich erfüllte, erforderte die Korrektur der Überlieferung, Eben weil diese Rede Zukunftsgeschichte enthielt, mulste sie mit der Zukunft vorwärts schreiten. | Nach alledem ergibt sich, dafs ein Gesetz für die Behand- lung aller Herrenworte des Mr durch Le nicht aufgestellt werden kann. Ziemlich selten hat er ohne jede Veränderung ein Wort übernommen. In der Regel hat er die Herrenworte nach seinem und seiner Leser Bedürfnis neu gräzisiert durch leichte oder schwere sprachliche Änderungen. Die zahlreichen sachlichen Um- gestaltungen zeigen, dals er mit beständiger Reflexion, aber ohne eine fe R Menden seiner Quelle gefolgt ist. Sehr bass hat er für seine Leser kommentiert und dadurch neue Worte ge- bildet. Am stärksten griff er in die Zukunftsrede ein, um sie dem wirklichen Verlauf der Geschichte anzupassen. Nirgends läfst sich erweisen, dals er den ursprünglichen Text gegen Mr bewahrt hat. Doch ee zur Auslassung des Sabbatspruchs Mr 2, 27 p. 55. b) Der Text der Erzählung. Wie zu erwarten war, hat Le den Text der Erzählung bei Mr mit viel gröflserer Freiheit behandelt, als die Herrenworte. Er hat ihn sprachlich so gut wie neu übersetzt und sachlich z. T. völlig neu gestaltet. 1. Die sprachlichen Veränderungen. a) Veränderungen im Wortschatz. Le vermeidet aramäische Fremdwörter, indem er blofs die Übersetzung des Mr bringt (bei taAı9& xovu, dBP&, ToAyo9&) oder von sich aus übersetzt (6«ßPi, da«ßßovvi, @oavve, häufig duyv und oeravüg) oder das Fremdwort einfach weglälst (Bo@wmoy&s, Tedon- uavel). Le übersetzt Latinismen des Mr ins Griechische: “Nvoog — 90008 xodocvıng — ÖvVo Aeıra poayehkodv — naÖEVEv KEVTVEOLOV = EXETOVTEEYOS. Le ersetzt griechische Worte des Mr, die ihm ungeläufig cken zu gewöhnlich , durch solche, die Ah passen: Er tilgt durchweg: ee öria, XagaAvTıXdG, TO06XV- veiv, UTAYE. 1. Lucas und Marcus. 19 Er ersetzt sehr häufig eddeEwog durch zaoeyonjua, avevua dradaprov durch dauuovıov, peosıv durch &yeıv. Er umschreibt gern daruovı8ousvog und daıuovıodeis. Er setzt eigne Lieblingswörter in den Text des Mr, am häufig- sten i&od«ı, ferner deoucı, Eriotdte. Er setzt häufig an Stelle des monotonen unbestimmten A€- ysıv und &oxsod«ı bestimmte Verba, also für jenes z. B. cowrär, nagapyelkeı, dnuyyekhzıy, poväv, yoyyvßsv; für dieses dro- OTOEDELV, KaTanheiv, ERLOTIVAL. Le hat grofse Vorliebe für zusammengesetzte Verba statt der einfachen des Mr. So ei |Enreiv 4, 42 xorainintev 8,6 8,9 ÖL | Eyeigsiv 8, 24 ava|aodteıv 8, 28 ano nviysodeı 8, 33 EE | E0XE0daı 8, 835 enı|Acußavsodaı 9, 47 dıa\doövar 18,22 Uno |orowvvVva 19, 36 &&|anmooreiksıv 20, 10 b) Stilistische Veränderungen. Le setzt häufig den Ar- tikel 6 vor ganze Sätze des Mr, z. B. to vis &v ein ueltov 9, 46 ro ti noımowoıv 19, 48 To Os AveAwoıv abrov 22, 2 To og adrois nagado 22, 4 To tig Kow ein 22, 23 To Tis aurav doxsi eivaı usitwv 22, 24. Le hat grolse Vorliebe für den Gen. Absol. (weit mehr als Mr), z.B. 5,14: 21,4, 40,48,8,4,28.46, 9, 54237. 42/48. .18, 40.19, 38, 36. 37. 20, 45. 21, 5. 22, 10. 53. 55. 59. 60. 23, 45. 24, 5. Häufig ergänzt Le das Subjekt zu dem unbestimmten „er“ und „sie“ des Mr. Man lese z. B. Mr 3, 1—6 1° Und er gieng... 1? und dort war ein Mensch ... 9 E 20 I. Das Lucasevangelium. 2 und sie beobachteten ihn ... 3 under sagt... 4 under sagt... 5 und er schaute umher . 6 und die Pharisäer Biengen hinaus . Le dagegen 6, 6—11 setzt bei Mr v 2 „die Schriftgelährten und Pharisäer“, v 3 „er selbst“, v4 Jesus als Subjekt ein, um die Erzählung für Bote Leser deutlicher zu machen. So setzt er ein 6 Inooüg 6,3.9. 8, 30.46. 9, 41. abrög 5,14. 6,8. ob yoauuareig xal oi Papıocioı 6,7, ol yowuuareig zul ol aoyısoeig 20, 19. ol yoveig abrig 8, 56. oi öydoı 9,11. oi ansoraAuevor 19, 32. zovres 0001, &iyov 4,40. Ferner ändert er 5,30 und 6,2 die 3. pers. in die 2. pers. pl., weil dann das Subjekt deutlich ist. Wie heilsam für das Verständnis der Leser und Abschreiber diese Ergänzung des Subjekts sein konnte, zeigt Le 9, 7—9, ver- glichen mit Mr 6, 14—16, Mt 14,1f. Die ursprüngliche Lesart des Mr &Aeyov (6, 14) ist beiMr blofs von BD it Aug erhalten, in allen andern cod. durch &isyev verdrängt. In Folge der Verderbnis sagt Herodes zweimal dasselbe (v 14= 16), was die starke Verkürzung bei Mt veranlafst hat. Le hatte noch EAeyov gelesen, dieses aber sofort durch dıa ro Asysodaı Uno Tıvov ersetzt und damit allen Zweifel über das Subjekt des &4&yov ausgeschlossen. | An sehr vielen Stellen hat Le den Stil des Mr geglättet und vereinfacht: Mr Le AR 00 — dAkd aAnv un) — dAAc (22,42) 6 eis av bodere ÖVTa &4 TOO doıduod Tov dw- dex« (22,3) di’ NusooV Ev uk TOv Nuso@v (D, 17) [Eva Ex deEıöv xal öv uEv &x O8Eı@v |eva 2E edovrvunv | vö8 8 edoavduwv (23,33) TAOANOOEVEOHEL ÖLd dLanopsdeohe:r did (6,1) 6 u&v — ÜAAo — ÜAko ö uEv — Ers00v — Ereoov (8 5 ff.) 1. Lucas und Marcus. 21 ER zer > nen. EEEAFOVTOS aÖTOV E8sAddvrı KuTo Unyvrnosv wur bayvrnosv (8, 27) 3 [2 2 m BER \ PJ 1% eußaivovrog KÖTOd ... wurög dE Eußas ... TagendAssev KÜTOV &desro ÖE alrod (8,37) 7 ’ b} 14 B m 2 f& > 2 en a SERANO } I Eyevero 'Iodvvng Ev N Eorum Eyevero bNua dEod Erl Todvrmv xl KNOVEOWV Ev TH Eojuw Hal nAdEV... x7- eV000V (3,2 f.) obroı dE eloıv ol aapaııv 600v 0oi dE zaod mv Ö00V eioıw oi Örov oreigeraı 6 Adyog, Kal ArRoVoavrEg, eita Eoyeraı (8, OTEV AKOVOWOLV, EÖNÜG £9- 12, hier ist freilich die Ver- yETEL ... besserung verunglückt) nugunehei abrov Aeymv Otı TO Magexdhsı abrovV EloeAdEiv eig POYETOLOV UOV EOYATOG EYEL, TOV 0lX0v abrod, Ort Hvypd- iva EI9S0v Erding Tag yEloag Tome: (8,41) «or. E0v einwucv' £E 000«VoD, Eosi’ Euv einwuev' E58 0bg«VoDÜ, &oei’ dıetl 00V 00% ErLoTEVoaTE ÖLeTi 00% ERLOTEVOATE KÜTO; wurd; AAAR Einwusv‘ EEdv- Ev O8 einwusv' E dvdow- VOOTWOV;EPoßBoVvroToVvARoV. ov, 6 Avog ünag narahıdd- osı nuäs (20,5 f.) c) Straffere, geschlossene Erzählung durch mög- lichste Verdrängung des endlosen x«‘ mit Hauptsatz. Die Mittel dazu sind: a) Ersatz desxaddurch de z.B. Le 6, 6-11 T7TdE MrOdeE 8,22—25, 6 „ 8,26—39 12 „ 8,40—56 12 „ 9,10—17 8, e Von eimer strengen Regel läfst sich nicht reden. Z. B. ce 4 31—37 hat Le 10 Sätze mit «ad verbunden, ganz’wieMr vnrd ce 17—26 nur 2 de zu 13 za hinzugefügt. Aber in der Mehrzahl der Fälle weist er einen beträchtlichen Überschufs von d2 gegen Mr auf. In dem von ihm allein erzählten Stück 23, 6—16 setzt er ın 10 Versen 8 de. ß) Ersatz des Hauptsatzes mit x«( durch Participia und Relativsätze. Eine stehende Gewohnheit darf die Abkürzung mit Parti- eipia genannt werden. ” ” ” Dr + u 22 I. Das Lucasevangelium. Beispiele: Le 4,42 Mr: 5,13 18,28 EEEAFWV ETOOEUFN EENAdEV Hal anmAdEV Nbaro einov Nbearo nal Acysı oneiyov HElEov Ünaye Öeigov Goa nogEVov doov Kal UNaYE dvaotüg boas aniAdEv NYyEoEdN zul boug EENAdEv pvEv EEnodvom EEavEtsiiEv Kal ERKVURTOON ovvpveloa. anenvıgav avEßnoav nal ovvervisav Arodoavres natEyovoıv LAOVOVOLV KAL TEORÖEYOVTEL PoßnFevres EHavunoav AEYyovresg EPoßidnoav nat Eieyov TE0Wv napsndhe | Tinte xl naoaHaAel TO06NE00000 Amiyysıhev TOOOETEOEV Aal EITEV EIFOV 00% Apinev 00% LPNKEv al Eoyovraı 0Vvyaahsodusvog EIOHEV roooxwAeiteı zul Nosaro .. BTOOTOE,AVTES ÖLmyoavTo 6VvEyovraı Kal AaNyysıhav YVOVTES NROAOUINERV eldov Kal Ereyvwoav xal svvEdoauov Kal TooNAdoV . EnitiuNoag naonpyeihev einav Ereriunosv nal Nobaro bLdaoxEıV raoadaßBov KvEßn ragahaußavesı va Kvapegei dpevreg jaoAovdHjouwen dprjnunev Hal ADHOC En 19,29 f. ansotsılev einov Anooteiksı nal Aecyeı 1. Lucas und Marcus. 253 19,30 Avoavres aydysre AVORTE Kl PEOETE 19,32 dareAdövreg EbooV ArMAdoV Kal EbE0V 19,35 emioidavrss Ereßißaoav erıßaAAovoıv aal ErdHıoev 20,10 e8areoreıhav Heigavreg EDeıgav xal anEoteihuv 20,27 m900EAPOVTES ERNEHOTNOAV Eoyovraı Kal EINOBTNOARV 22,38 aneorsıhev Einav drooreiisı nal AEyEı 22,13 dreAdövVreg E000V EENADOV Kal NADovV xal EbooV 22,39 EEEAIOv EXO0EVHN EENAdOV zul Eoyovraı 22,41 Helg Ta YOVETE TOOONUYETO ETITTEV ... KL NOOOMNUYETO 22,45 EAPOV EbgEV Eoysrar xl EbOLOKEL 22,64 mEQLnaÄAddavregs EINEHOTWV nEoLıHaAünteıv Kal AEyEıv 23,52 7000849Wv NTNOKTO elonAdev xal NTioaTo Ziemlich selten sind die Beispiele, wo Le Hauptsätze des Mr zu Relativsätzen herabsetzt. So 8,43 f. yuyvn 0bo« Ev 6Vosı alue- TOg .., NTIS TO000VAAR0RGU .. 00% LOYVOEV FEOANEVITVAL, 7000- EAY0Vo« Mbaro statt: yurm 000« Ev 6V6oEı alucrog ... xal raHodo« .. al banaviioao«.. nal undtv BpeAndeica dAkd..EAFDEK drov- 0000 E&Aodo« Aıbaro. Die Art, wie Le diesen entsetzlich über- ladenen Satz des Mr behandelt, führt bereits zur 3. Gruppe über: y) Auslassung und Zusammenziehung. Das war freilich das einfachste Mittel, den für gebildete Le- ser umständlichen monotonen Stil des Mr zu verbessern. Beispiele: Le 3,7: EAsyev obv toig Exnopsvousvorg öydoıs Bartıohij- vaı br abrod. Damit hat Le Mr 1,5: xal E8eroosVero .. nal EBamrikovro .. zusammengezogen. v6 fällt nun weg. Le 5,13 ze«l &xudsolodn als überflüssig getilet. 24 I. Das Lucasevangelium. Le 8,20—21. Ausgelassen sind Mr 3,33—34, weil von un- erträglicher Breite. Le 9,13. Das Gespräch Jesu mit den Jüngern vor der Spei- sung ist stark gekürzt, eine Antwort der Jünger und Frage Jesu unterschlagen. Le 9,16. Während Mr erst Jesus die Brote brechen und den Jüngern geben und hernach ihn die Fische ver- teilen lälst, tilgt Le das rovg &orovg und lälst nun den Satz von den Fischen weg. Le 9,36. Statt Jesu Verbot, von der Verklärung zu re- den, erzählt Le gleich den Erfolg des Verbots, das Schweigen. Le 9, 37—43. Die Erzählung vom Epileptischen, die bei Mr 16 Verse umfafst, erzählt Le ın 7 Versen, da ıhre Einzelheiten ihn nicht interessierten. Allein bei diesen starken Kürzungen ist Le häufig in fehler- hafte Undeutlichkeit verfallen, die Mr bei seiner Ausführlich- keit vermied. | So hat Le das Gleichnis vom Säemann stark verkürzt 8, 4—8; das hindert ihn nicht, bei der Deutung 8, 11—15 Züge zu bringen, die blofs durch den Gleichnistext des unverkürzten Mr gerecht- fertigt sind. 8,13: were yagüg beyovraı Tov Aoyov Mr 4,5: bog efaversıdlev 8,13: xl ovroı ditav 06x &yovaıv Mr 4,6: die To un Eyeıv Olkav 8,14: xl ob TEAECPOROUGLV Mr 4,7: zei xeonov 00x Eiwxev. In der Geschichte vom gerasenischen Besessenen lälst er die Worte „und von den Schweinen“ Mr 5,16 weg, beraubt aber damit die Bitte, Jesus möchte fortgehn, ihres Motivs, 8,36 f. Be- sonders stark hat die Verkürzung der Szenerie vor Erweckung der Tochter des Jairus geschadet. Während Mr völlig klar Haus und Sterbekammer unterscheidet und Jesus ins Haus nur die drei Lieblingsjünger, in die Sterbekammer noch dazu die Eltern mit- nehmen läfst, hat Le durch Zusammenziehung von Haus und Sterbekammer lauter Unklarheit verursacht. Seine Verse 8, 51—54 sind das Muster einer verworrenen Situationsschilderung. Nach Le 22,2 suchten die Hohenpriester und Schriftgelehrten Jesus zu töten, weil (y&o) sie das Volk fürchteten. Das frappiert, da doch die 1. Lucas und Marcus. 25 Furcht vor dem Volk sie eher in ihrem Plan mutlos machen konnte. Das Rätsel löst der Blick auf Mr, wo durch die Furcht vor dem Volk das von Le ausgelassene „ja nicht auf das Fest“ begründet wird. Le hat also gerade die Worte getilgt, die sein Satz mit ydo negr ünden sollte. Durch eine ungeschickte Verkürzung hat er 22,1 den sinnlosen Ausdruck gebildet: Das Fest des Ungesäuerten, das Passah heilst. Den a Verstols aber hat er sich in der Verkürzung des Prozesses Jesu geleistet. Er hat die zwei Sitzungen des Synedriums Mr 14, 53—65 und 15, ı zu Einer zusammenge- ‚zogen, und diese Eine Aut die Zeit de zweiten bei Mr, also auf Tagesanbruch verlegt 22, 66, um hieran sofort die Unrihnne an Pilatus zu schliefsen 23, 1. Folge dieser Zusammenziehung ist, dafs er nun die ner und Mifshandlung, die bei Mr 16 Lücke zwischen beiden Sitzungen ausfüllt, erzählt, bevor ein Ver- hör stattfand und ein Urteil gesprochen wurde, das zu dieser Ver- höhnung das Recht gab 22, 63--65. Beim Verhör vor Pilatus hat Le die Notiz von der Sitte der Freilassung eines Gefangenen aufs Fest übergangen, damit aber den Ruf der Juden: Gib uns Bar- rabas frei, unverständlich gemacht, 23,18. Endlich erzählt er uns 24,2 vom abgewälzten Stein, ohne dafs eine Notiz, dafs ein solcher Sein auf dem Grab lag, vorausgieng. Alle diese Verkürzungen erklären sich aus dem Bestreben, die ausführliche umständliche Erzählungsweise des Mr zunächst sprachlich zu verbessern; sie zeigen aber, wie leicht Sinn und Verständnis einer Erzählung durch solche sprachliche Verkürzung gelitten hat. d) Einführung von Mrgeschichten durch das hebrai- sierende x«l Ey&vero. Während Le die aramäischen Fremdwörter möglichst aus- merzt, hat er in seinen Einleitungsformeln die Vorlage womöglich überboten durch hebraisierenden Stil. Er beginnt Erzählungen des Mr mit zat Ey&vero oder Eyevero de 3,21. 5, 1. 12. 17. 6,1. 6. 12. 8,922.40.59,118: 28737. 18, 35.:19,:29..20;1. Diese Manier des Le ist deshalb so beachtenswert, weil sie ein für allemal verbietet, aus hebraisierendem Stil Schlüsse auf eine hebräische (bez. aramäische) Quelle zu ziehen. e) Vorwegnahme nachträglicher Notizen desMr an den Anfang der Erzählung. Hier zeigt sich besonders deutlich das Recht der oben p. 9 gemachten Beobachtung, dafs es falsch ist, sich Le als Abschreiber zu denken, der seine Vorlage der Reihe nach umblättert und von 26 1. Das Lucasevangelium. ee Anfang bis Ende kopiert. Er hat jede Erzählung erst völlig durch- gelesen und: dabei kleine Züge, die wir bei Mr erst allmählich kennen lernen, hervorgeholt und an den Anfang gestellt. | 4, 40 holt Le das v6ooıg zoıxiAcıg aus Mr i,34 an den Anfang hervor. 4, 42 gewinnt er sein oi Öydoı Ensöntovv abrov aus dem spätern zdvreg Enroöciv oe Mr 1, 37. 5, 17 bringt er die von Mr erst nachträglich berichtete Anwesenheit der Schriftgelehrten (Mr 2, 6) schon in der Einleitung der Erzählung vom Paralytischen. 6, 7 setzt er das Subjekt zu z«ostnooVvro, nachdem er Mr 3, 6 ge- lesen. 8,5 ergänzt er t0v 07600v abrod zu EENAYEV 6 OrElowv Tod oreiocı, weil nachher in der Deutung Mr 4,14 dieser Same ge- deutet wird. 8,23 antieipiert er die Notiz vom Schlaf Jesu aus Mr 4,38. In der Einleitung des gergesenischen Besessenen 'setzt er sogleich an Stelle des unreinen Geistes Mr 5, 2 den Plural „Dä- monen“ 8,27, da er Mr 5,9 schon gelesen hat; ferner fügt er hinzu, dafs der Besessene kein Kleid trug, da dieser Mr 5, 15 als nach der Heilung bekleidet erscheint. In der Erzählung von !der Tochter des Jairus rückt er die Altersangabe aus dem Schlufs bei Mr (5, 42) an den Anfang (Le 8, 42) und ersetzt das &oydrwg &ysı Mr 5, 23 durch dxedvnoxev, gestützt auf den Verlauf der Geschichte. Zu der Vorwegnahme der Eltern aus Mr 5, 40 ın Le 8, 51 vgl. oben p. 24. In der Speisungsgeschichte holt er die Zahlenangabe aus dem Schlufs bei Mr (6,44) an eine frühere Stelle (Le 9,14). Beim Rangstreit stellt er im ersten Vers (9, 46) fest, was Mr erst nach der Frage Jesu berichtet (Mr 9,34). In der Erzählung vom Reichen hat Le den Fragesteller gleich als &oyov eingeführt (18, ı8), da- mit wir nicht erst nach der Forderung Jesu von seiner Vornehm- heit erfahren (Mr 10, 22); dafür fällt dann allerdings der Kniefall weg. In der Einleitung der Pharisäerfrage hat er die Fragesteller als Heuchler bezeichnet (20, 20), weil er bei Mr nachher von ihrer Heuchelei las (Mr 12,15). Bei Gethsemane hat er das Wort: betet, dafs ihr nicht ın Versuchung u aus Mr 14,38 an den Anfang (Le 22,40) gestellt. Reihe man nun das Alles zusammen: den andern Wort- schatz, den bessern Stil, die Kürzungen und Zusammenziehungen, die neuen a. und die Vor ee späterer Notizen, so darfman von einerNeu-Übersetzungdes Mr durch Le reden. Er hat freilich durchweg unsern griechischen Mrtext vor sich gehabt; derselbe ist ihm jedoch so schlecht griechisch erschienen, dafs er ihn einer zweiten Gräzisierung unterzog. Allerlei sachlich 1. Lucas und Marcus. : 27 nicht unwichtige Veränderungen hat bereits die sprachliche Be- arbeitung zur Folge gehabt. 2. Die sachlichen Veränderungen. Da die reiche Fülle dieser Veränderungen einer Gruppierung nach festen Gesichtspunkten widerstrebt, seien die wichtigsten von ihnen nach der. Reihenfolge der Erzählungen hervorgehoben. Der Täufer: Le setzt die genaue Datierung an die Spitze der Erzählung (3, 1f.), bezeichnet den Johannes näher als Sohn des aus der Vorgeschichte bekannten Zacharias (3,2), eitiert den Spruch Jes. 40, 3 ausdrücklich aus dem Buch der Reden des Jesaja, läfst die fälschlich dem Jesaja zugeschriebene Ma- leachistelle aus und ergänzt das Citat aus LXX (3,5). Die Beschreibung des Täufers fällt weg. Die Taufe Jesu: Le lälst Jesus beten bei der Taufe, entsprechend christlicher Sitte. Den wunderbaren Hergang vergröbert er, indem er ihn aus dem Gesicht des Täufers in die Erfahrung aller Zuschauer rückt und durch den Zusatz: oouerıxo eideı noch massiver gestaltet. Die Stimme vom Himmel gibt er nach Dit und Kirchenvätern genau in der Form von Ps 2, . Die Rückkehr nach Galiläa: Stark übertreibend, stellt Le eine Schilderung vom rühmenden Gerücht über Jesus an den An- fang seiner Wirksamkeit, bevor ein Grund zum Gerücht vor- liegt. Die Verse 4,14 f. sind mit Hilfe von Mr 1, 28. 21f. ge- bildet. Dagegen fällt die Zusammenfassung seiner Verkün- digung Mr 1, 15 weg, da Le eine eigne Predigt Jesu in Nazaret schildern will 5, 1 ff. Jesus in der Synagoge zu Kapernaum: Le charakterisiert Kaper- naum als Stadt in Galiläa 4,31. Lehrreich ist nun die Umge- gestaltung des Mrtextes. Durch den Plural od@ßßar« verführt, hat Le aus &did«oxev eine allgemeine Schilderung heraus- gelesen. Erst mit 4, 33 beginnt er die spezielle Erzählung. Folge davon ist die reinliche Teilung 4, 31 f. Schilderung der Predigt und ihres Eindrucks, all- gemein. . 4, 33—37 Schilderung des Wunders und seines Eindrucks, speziell. | Darum ist v 36 die dıdayı) des Mr getilgt, und ein Grund der V.erwunderung statt der zwei bei Mr 1,27 genamnt. v 32 läfst Le das „nicht wie die Schriftgelehrten“ aus, da diese I. Das Lucasevangelium. seinen Lesern nicht zum Vergleich vertraut sind. v 35 fügt er legendenhaft das und&v Biden hinzu. Genesung der Schwiegermutter des Petrus: Le erzählt m Hei- lung der Fieberkranken, als durch Beschwörung bewirkt 4,39. Das dreimalige exırıudv 4, 35. 39. 41 zeigt, dals er hier aber haupt Jesus als Done feiert. ' Krankenheilungen am Abend: Le teilt scharf ein zwischen den Kranken 4,40 und den Dämonischen 4, 41, während Mr 1, 32 und 33 beide zusammen genannt sind. Die Heilung geschieht durch Handauflegung, die Austreibung durch Beschwörung. Der Ruf und die Kenntnis der Dämonen wird näher be- schrieben 4, 41. | Flucht Jesu: Die Erwähnung des Gebets Mr 1,35 verspart Le bis auf später (D,16). Die ganze Episode Baer er verändern, da er die Jüngerberufung erst hernach erzählt. Deshalb eile nun statt der Jünger das Volk Jesus nach (4, 42). Heilung eines Aussätzigen: Bei Mr.ist der Geheilte Jesus un- gehorsam, indem er trotz des Verbots die Heilung erzählt. Le läfst das Gerücht von selbst entstehn, um den Geheilten zu entlasten. Hier fügt er nun das Gebet aus Mr 1, 35 hinzu (5, 16). An den prächtig schildernden Zügen des Mr (oriay- yvıo®eis, Eußoıunodusvog etc.) hat Le kein Interesse. Ä Heilung des Paralytischen. Während Mr nur die a ten als erste Feinde einführt, fügt Le die Pharisäer hinzu 5, 17 sogar an erster Stelle, ed Be sie absichtlich aus jeder Ort- schaft von Galiläa und Judäa und aus Jerusalem herbei- gekommen sein, um Jesus feierlich aufzulauern. Berufung des Levi: Le läfst die Erwähnung des Alphäus als Vater des Levi weg, vielleicht im Gedanken an den Alphäus, Vater des Jakobus, im Apostelkatalog (6,15). Er läfst den Levi Alles verlassen (5, 28), wie 5, 11 die zuerst Berufenen. Freilich palst dazu nicht gut, dafs er sogleich nachher Jesus ein Mahl in seinem Haus gibt; so hat Le das mehrdeutige ev ti) olai« abrod Mr 2,15 sich gedeutet. Seltsam ist die Um- schreibung der „Sünder“ 5,29 durch das blasse: andere, die mit ihnen zu Tische salsen. Blofs die Pharisäer nennen diese andern „Sünder“ 5,30. Le versteht den term. &u«orw4or nicht mehr im zeitgeschichtlichen Sinn. Die Pharisäer hat wieder erst Le neben und vor die Schriftgelehrten gestellt. Die Fastenfrage: Le hat aus der Schilderung Mr 2, 18%, die er 1. Lucas und Marcus. 29 auslälst, herausgelesen, dafs die Pharisäer die Fastenfrage an Jesus richten (Mr: oi Dagıoaioı vmoreVovreg xal &oyovraı, #al Aeyovoıv). Dals er dann die Pharisäer in 3. Person von sich selbst reden lälst 5, 33, zeigt freilich, dafs er den Mr falsch verstand. Da zu seiner Zeit auch bei den Christen das Fasten sich eingebürgert hat, also Christen und Pharisäer sich nicht mehr scharf unterscheiden, ändert er: sie fasten „oft und ver- anstalten Gebete“; letzteres eignet sich zwar zur Unterschei- dung, pafst aber Eh an en Ort. Erster und zweiter Sabbatsspruch: Während Mr durch seine lose Aneinanderreihung Anlafs zur falschen Verlegung beider Ge- schichten auf Einen Sabbat bei Mt gegeben hat, unterscheidet Le scharf durch chronologische Datierung; re freilich der Sinn des devrsoore@To 6,1 für uns ch immer unsicher ist. Während bei Mr die Sünde der Jünger schon im blofsen Ährenraufen besteht, legt Le sie ins Essen 6,1. Beim Manne mit der dürren. Hand fügt der Legendenschreiber hinzu, dafs die rechte Hand dürr war 6,6. Am Schlufs der Erzählung tilgt er die Herodianer (vgl 20,1), die seinen Lesern nicht bekannt sind; das hat zur Folge, dafs der Plan der Pharisäer nun gemildert wird, da ihnen allein die Macht zur Beseitigung Jesu (Mr 5, 6) fehlt. Berufung der zwölf Jünger: Le gestaltet die Situation vor der Wahl möglichst feierlich (Einsamkeit, Nachtwache im Gebet), vielleicht geleitet durch die christliche Sitte bei Apostelwahlen (Act 13, 1 ff.). Er führt eine klare Terminologie ein, indem er die Apostel als aus den Jüngern gewählt und von Jesus feierlich Apostel genannt bezeichnet (6,13). Die Benennung der Zebedaiden als Donnersöhne läfst er fallen, da er für die — zu seiner Zeit wohl längst gestorbenen — Zebedaiden kein Interesse hat (Auslassung von Mr 10, 35—40). Den Andreas, der bis dahin noch nicht eingeführt war, stellt Le an zweite Stelle, um ihn als Bruder des Petrus zu kennzeichnen; dafür, dals er ihn aber an vierter Stelle gelesen hat, ist Act 1,13 der Beweis. Am Schlufs folgt er einer andern Tradition des Apostelkatalogs, indem er Simon den Zeloten, statt von Kana nennt, und den Thaddäus durch Judas, Sohn des Jako- bus ersetzt. Vgl. diese lukanische Tradition auch bei Joh 14, 22 (’Iovdag 00x 6 Ioxeoıarng). Wahrscheinlich ist, dafs kytor und &nAorig verschiedene Über ad des- I. Das Lucasevangelium. selben aramäischen Worts sind; daraus aber zu schlielsen, Le habe den Mr nicht griechisch, sondern aramäisch gekannt, wäre übereilt und ist durch alle übrige Textvergleichung ver- boten. Er wird den $nAorıig aus der Tradition geschöpft haben, die ihm auch den zweiten Judas gab. Gleichnis vom Säemann ‚und Deutung: In der Deutung hat Le bestimmtere christliche Farben eingetragen, so zweimal den Glauben eingesetzt (8, 12.13), und „das gerettet werden“ (8, 12) und die Geduld (8, 15). Der Seesturm: Le ersetzt hier und überall #«A«00« des Mr durch Atuvn oder, dVdwe mit Rücksicht auf seine gebildeten Leser, die unter Meer etwas anderes zu denken gewohnt sind. Das ErLTEGOEL Au BXaXoVovoLwv 8, 25 geht auf Mr 1,27 zurück. Der gergesenische Besessene: Der Name der Örtlichkeit ist streitig 8, 26. Da die Lesart der Gruppe NL,&cop vermutlich blofs auf die Korrektur des Origenes zurückgeht, istam besten mit D it vg Isoaonvov auch bei Le zu lesen (nach Mr). An Stelle des „aufser Landes“ Mr 5, 10 setzt Le 8, 31 eis nv. &ßv6oov, denkt sich also Scheol als Heimat der Dämonen; freilich pafst dann hiezu das Ertrinken der Schweine im See nicht recht. Die Zahlangabe „gegen 2000“ Mr 5, 13 liefs Le fallen. Am Schluls ersetzt er zVorog Mr 5,19 durch Heog 8,39, damit der Leser nicht durch 60«@ 6 #Voıög 60. weroinxev und 000 Eroimosv wura 6 Im6oög zu einem Misfverständnis ver- leitet werde. Die Tochter des Jairus und das blutflüssige Weib: Hier meldet sich die Legende in dem Zusatz uovoyevijg 8,42. Über die | Auferweckung selbst hat Le sich seine eigene Meinung ge- bildet: der Geist ist bereits aus der Tochter entwichen; da Jesus aber laut ruft, hört er’s und kehrt wieder zurück (8, 55). Aussendung der Jünger: Le verbietet den Stab 9,3, während Mr 6,8 ihn erlaubt hat, Vel.Mt. Die beiden folgen einer jüngeren Tradition. | Urteile des Herodes über Jesus: Le setzt Tetrarch an Stelle des Königs 9,7 gemäls der Einführung des Herodes 3,1. Am Schlufs 9,9 bildet er ‚durch das Sätzchen: und er suchte ihn zu sehen, eine Vorbereitung zu 23, 8. Speisung der Fünftausend: Le läfst die Überfahrt ans andre Ufer aus, da er ja auch die folgenden Hin- und Herfahrten 1. Lucas und Marcus. 31 überschlagen hat. Als Ort gibt er Bethsaida an aus Mr 6,45. 0,122. Offenbarung des Messiasgeheimnisses: Die den Lesern doch un- bekannte Situation Mr 8, 27 lälst Le aus. Die Propheten be- stimmt Le 9, 8 und 9, 19 näher als „die alten Propheten“. Weggelassen hat Le die Verse Mr 8, 32f.; dem Autor der Acta, der den Petrus zu feiern hatte, war die Anrede Satan an diesen Mann zu hart. . Verklärung: Rätselhaft ist zunächst die Datierung: nach acht Tagen 9,28 statt nach sechs bei Mr 9,2. Das Gebet fügt Le hinzu, weil der ekstatische Zustand dadurch passend einge- führt wird. Le kennt den Inhalt des Gesprächs der drei Män- ner: es handelt vom Ausgang Jesu in Jerusalem 9, 31. Im Folgenden verwendet er seine Kunst darauf, die Situation be- sonders lebendig zu zeichnen. Er schildert die Überraschung der Jünger, die vorher eingeschlafen sind (vgl. Gethsemane) und nun erwacht, plötzlich die helle Erscheinung sehn; ebenso nachher ihre Angst, wie sie in die Wolke geraten. Der Er- satz des geliebten Sohns (Mr 9, 7) durch den auserwählten Sohn (Le 9, 35) ist dagegen ohne Bedeutung. Der epileptische Knabe: Wieder wie 8, 42 fügt die Legende ihr uovoyevijg hinzu (9, 38). Die Heilung hat Le stark verkürzt und das Gespräch Jesu mit den Jüngern am Schlufs (Mr 9, 2sf.) weggelassen. Der Rangstreit: Hier hat schon Le den Gedankengang des Mr nicht mehr verstanden. Die Antwort auf die Frage nach dem Rang gibt dort der klare Spruch Mr 9,35. Daran reiht sich die Episode mit dem Kind, die veranschaulicht, dafs schon ein solches Kind so hoch wie Jesus, ja Gott selbst geschätzt werden soll. Das Kind soll nicht ein Vorbild der Jünger sein (dazu palst Mr 9, 37 schlechterdings nicht), sondern wenn ein Kind so hoch bei Jesus gilt, wie thöricht ist das Streiten um den Vorrang! Le aber hat im Kind, das Jesus hinstellt, schon ein Vorbild sehen wollen, darum Mr 9, 35 hinter 37 gestellt (Le 9,48”) und so einen neuen künstlichen Zusammenhang gebildet. Heilung des Bartimaeus: Hier läfst Le den Namen des Blinden weg 18,35 und verkürzt die anschauliche Szene, wie der Blinde zu Jesus hineilt. Einzug in Jerusalem: Auf die Lesart Bethphage und Bethania 32 1 Das Lucasevangelium. 19,29 darf natürlich kein Gewicht gelegt werden, da sie zu leicht auf Rechnung eines Harmonisten kommen kann. Das Wort E&Acıov falst Le hier und Act 1, 12 als Eigenname, ob- schon er die Genetivform kennt (19, 37. 22,39). Geändert hat Le den Jubelruf beim Einzug 19, 38; er entfernt den Namen Davids daraus und läfst dafür den Gesang der Engel aus der Vorgeschichte (2, 14) anklingen. Tempelreinigung: Le hat sie stark gekürzt 19,45. Man interes- sierte sich post 70 in christlichen Kreisen nicht mehr stark um den Tempel. Gleichnis vom Weinberg Gottes: Eingefügt hat Le den rätsel- haften Vers 20, 18. Die ganze Erzählung hat Le lebhafter gestaltet durch das Selbstgespräch des Herrn 20, 13, die Zwi- schenrede der Hörer 20, 16”. Das Subjekt zu 20, 19 Schrift- gelehrte und Hohenpriester hat Le aus Mr 11, 27 geholt. Die Pharisäerfrage: Hier ist die Einleitung von grofsem In- teresse. Dafs Le die Herodianer ausläfst, begreift sich (vgl. oben zu6,11). Aber warum diese Umschreibung der Pharisäer? Die Episode ist zusammenzunehmen mit der Formulierung der Anklage Jesu Le 23,2: KoAvovre pboovs Kaloaoı dLdovau. Das ist der hinterlistige Vorwurf, den die Juden zur Zeit des Autors gegen die Christen erheben, um sie gerichtlich zu de- nunzieren. Sie selbst stellen sich dabei als dix«ıo:, als brave Bürger mit staatsfreundlicher Gesinnung. So wie Le hier die Pharisäer umschreibt, erinnert er jeden Leser sofort an die Juden seiner Zeit. Darum auch der bei Mr fehlende Zusatz: um ihn der Gewalt und Vollmacht des Statthalters zu über- liefern 20,20. Die Antwort Jesu 20, 25 zeigt, wie ungerecht diese Verleumdung der Juden ist. Der Verrat des Judas: Da die Salbung ausfällt, schliefst er sich passend an den Todesanschlag an. Le erklärt das Rätselhafte des Verrats durch einen Jünger: Der Satan kam in ihn 22, 3. Zu den Hohenpriestern gesellt er die oro«rnyor 22,4, wie auch 22,52, da sie ihm einer weltlichen Unterstützung zu be- dürfen scheinen. Das Passahmahl: Während bei Mr die Jünger mit der Frage der Zurüstung zum Passahmahl an Jesus herantreten, ergreift bei Le Jesus selbst die Initiative. Er nennt die Namen der Jünger: Petrus und Johannes, darin zeigt sich der Autor der Acta, für den der früh verstorbene Jakobus zurücktritt. Die 1. Lucas und Marcus. - 33 Vorhersagung des Verrats ist erst hinter die Stiftung des Herrenmahls gestellt, um die Abschiedsreden einzuleiten. An Stelle der Schrift Mr 14, 21 setzt Le den Ratschluls Gottes ein (22,22), auch hierin kenbkioh als Autor der Acta. Gethsemane. An Stelle des fremden Namens nennt Le den Öl- berg nach Mr 14,26. Er fügt hinzu, dafs es Jesu Sitte war, ee zu gehn, um a h nalen Judas dort Bescheid wulste (22, 39). Die Szene selbst ist ungeheuer verkürzt. Es fallen weg die Hervorhebung der drei Lieblingsjünger, die Wiederholung des @ebets, die Worte Mr 14, 34 und 38°. Das Wort Mr 14, 38° ist verdoppelt (Le 22, 40 und 46), das Wort Mr 14,41” auf später (22,%8) verschoben. Ob der Zusatz vom stärkenden Engel und den Schweilstropfen wie Blut ursprüng- lich ist, erscheint durch sein Fehlen bei 8®BT cop sah und der Klasse 13. 69. 120 zweifelhaft. Die Verkürzung dürfte den Grund haben, dafs die christliche Gemeinde sich an dieser Szene tiefster en eng Jesu zu’ stolsen begann (vgl. unten p. 55). Gefangennehmung Jesu: Sinnlos verkürzt hat Le die Beschrei- bung der Häscher bei Mr, indem er einzig öy4og aufnimmt. Dafür liefs er nachher alle geschmacklos die Hohenpriester, Hauptleute des Tempels und Ältesten von Jesus als Häscher angeredet sein (22,52), indem er das z«od c. gen. Mr 14,43 ganz übersah. Dals der Kuls das Zeichen für die Häscher sein sollte, hat Le ausgelassen, nicht gerade zur Aufklärung der Leser. Das Wort Jesu an Judas 22,48 ist blofs Umbil- dung von Mr 14,41. Ausgelassen ist die eigentliche Verhaf- tung Jesu (Mr 14,46), wodurch wieder die Frage der Jünger: sollen wir drein schlagen, ihren Grund verliert. Die Legende macht sich geltend in der Hervorhebung des rechten Ohrs und in dem rührenden Zug, dafs Jesus das Ohr anrührte und heilte (22, 50£.). Endlich ist die Flucht der Jünger vom Ver- fasser der Acta getilgt (Mr 14,50). Diese Erzählung ist ein Muster von besonders zahlreichen Umbildungen, aber auch Verstölsen des Le. | Die Verleugnung des Petrus: Le erzählt sie an einem Stück, da er die beiden Sitzungen des Synedriums zusammengelegt hat (vgl. oben p. 8). Vom zweimaligen Krähen des Hahns hat er wohl in seinem Mr noch nichts gelesen. Er bemüht sich den Anlals zur dreifachen Verleugnung auf drei ver- Wernle, Frage. 3 I. Das Lucasevangelium. schiedene Personen zu wälzen (23, 56. 58.59). Gemildert wird die Schuld des Petrus, indem an Stelle des Beteurens und Schwörens Mr 14, 71 das einfache Sagen (Le 23, 60) tritt. Das „bald darauf“ (Mr 14,70) erweitert Le zu „ungefähr nach‘ einer Stunde“ (22,59), da er mit dieser Geschichte die Zeit bis zum Tagesanbruch (22, 66) füllen muls. Hinzugedichtet hat Le den en Blick Jesu zu Petrus (22,61), der erst das böse Gewissen in ihm weckt. | Der Prozefs vor dem Synedrium: Gemäls seiner RAT hung hatte Le die Notiz Mr 14,53 von der Versammlung des Synedriums ausgelassen; Folge davon ist, dafs man zunächst gar nicht weils, was mit Jesus im Haus des Hohenpriesters geschieht (22,54), und dals hernach die Verspottung und ' Mifshandlung Jesu erzählt wird (22,63 ff.), zu der doch vor Verhör und Urteil jedes Recht fehlt (vgl. oben p. 25). Beim Verhör hat Le das Auftreten der beiden falschen Zeugen und Jesu Wort vom Tempel Mr 14,57 ff. unterdrückt. Gekannt hat er dies Wort, denn er legt es Acta 6, 14 dem Stephanus in den Mund. Der Grund der Tilgung ist vermutlich die Un- klarheit des Mr, der das Wort ja als „falsches“ Zeugnis (14, 57) bezeichnet hat. In der Eile der Verkürzung hat Le leider die Hauptsache vergessen, nämlich dafs das Todesurteil vom _ Synedrium über Jesus gefällt wurde (Mr 14, 64). Verhandlung vor Pilatus: Zunächst en Le die Anklage der Juden vor dem römischen Richter so (23, 2), dafs sich da- rin das verleumderische Urteil der Juden seiner: Zeit, die Christen seien staatsgefährlich, spiegelt. Als Antwort a: erklärt der römische Richter de eimal seine Überzeugung von der völligen Unschuld des Angeklagten (23, 4. 14. 22); hier spricht wieder unser Autor als christlicher Apologet. Ab- gesehen von diesen Zuthaten hat Le stark gekürzt, indem er die Notiz von der Sitte der Freilassung eines Gefangenen aufs Fest (Mr 15, 6) ausläfst, — wodurch der Ruf der Juden 22,18 unverständlich wird — und die Schilderung der Ver- spottung des Judenkönigs (Mr 15, 16—20) tilgt, da er eine solche Verspottung schon erzählt hat (22, ssff.), übrigens sie auch lieber von den Juden als von den Heiden erzählt. Die Hinrichtung: Bei der Erwähnung Simons von Kyrene (23, 26) hat Le die Notiz „Vater des Alexander und Rufus“ (Mr 15, 21) 'getilgt, da weder er noch 'seine Leser diese der Ur- 1. Lucas und Marcus. 35 gemeinde vertrauten Personen kannten. Die tiefgreifendste Änderung hat er aber mit den Kreuzesworten vorgenommen. Die schwermütige Darstellung des Mr mit dem. Wort von der @ottverlassenheit und dem Todesschrei hat er nicht mehr ertragen können und wollen. , Dafür setzt er lauter tröstliche erbauliche Worte ein: das „Vater vergieb ihnen“ 23,34 (frei- lich nicht nach $®BD abd), das „Heut wirst du mit mir ım Paradiese sein“ 23,43 und den Psalmspruch „Vater, in deine Hände befehle ich: meinen Geist“ 23, 46. Das ist, da eine Quelle höchstens für 23, 43 in Betracht käme, wohl das stärkste Beispiel absichtlicher Erfindung durch Le. Die dop- pelte Tränkung Jesu Mr 15, 23.36 hat Le vereinfacht 23,36, ferner das Zerreilsen des Vorhangs sogleich mit der grolsen Finsternis verbunden 23,45. Auffallend erscheint zunächst, dafs er den Hauptmann nur die Unschuld (dix«vog). und nicht ‚die Gottessohnschaft (Mr 15,39) bekennen lälst (Le 23, 47). Aber die Unschuld ist.eben dem Apologeten die Hauptsache (vgl. oben p. 32). Neu eingesetzt ist 23, 48: den Juden schlägt ihr Gewissen. Im folgenden Vers (23,49) hat Le „alle seine Bekannten“ hinzugefügt, da er ja auch die Flucht der Jünger Mr 14,50 unterschlagen hatte. Die Namen der Frauen lälst er hier wie 23,55 weg aus Mangel an Interesse. Jesu Begräbnis: Die Notiz. des Mr (15, 43), Joseph von Arima- thia sei Ratsherr gewesen, drängt Le zur ausführlichen Ent- schuldigung (23, 51): er war nicht einverstanden ‚mit Be- schlufs und That. Arimathia muls er als Stadt: Judäas für seine Leser bestimmen. Beim Grab fügt die Legende hinzu, dals noch niemand darin gelegen hatte (23,53). Zur Aus- lassung des Steins vgl. oben p. 25. Das Kaufen der Salben erwähnt Le vor dem Sabbat 23, 56, freilich „kaufen“ durch „zubereiten“ ersetzend, und fügt hinzu „den Sabbat über ruh- ten sie nach dem Gebot“, was für die Urgemeinde nicht der Erwähnung wert gewesen wäre. Das leere Grab: Die Namen der Frauen bringt Le u am Schlufs 24, 10, und zwar statt der Salome, die er nicht kennt, die 8,3 de Lo vorgestellte Johanna. An Stelle des in Jünglings setzt Le wie Acta 1,10 zwei Männer (24,4). Ganz besonders instruktiv sowohl für Freiheit, wie Gebundenheit des Le ist seine Umgestaltung von Mr 16,7: zoodysı vuäg eis nv TaAıkalav. Erei aurdv Öbesode, Kadwg Einev Duiv. nn 36 I. Das Lucasevangelium. Das ıst für Le unbrauchbar, da er keine Erscheinungen in Galiläa erzählen will. Trotzdem tilgt er Galıläa nicht einfach aus, sondern verknüpft es mit dem „wie er euch sagte“, um so v 6f. zu gewinnen. So hat er die galiläische Tradition zu- gleich ausgewischt, und doch ihre Spur erhalten. 24,7 ist natürlich nur Nachbildung der frühern Leidensweissagungen. Den Schlufssatz des Mr 16,8: „sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich“, ersetzt Le durch das Gegenteil: „sie verkündeten Alles den Elfen und den Übrigen“, womit er den von ihm ausgelassenen Befehl des Engels bei Mr (16, 7) gehorsamer als Mr selbst erfüllt. Hier darf nun die Frage nach dem Mrschlufs in der Vorlage des Le nieht umgangen werden. Hat der Mrbericht, den Le vor sich hatte, mit 16, 8 geschlossen oder einen längern Schlufs ge- habt? 'Thatsache ist, dafs Le von 24,10 an kein Wort mehr er- zählt, das auf Kenntnis einer Mrvorlage deuten würde; von 24,10 an hört Mr auf Quelle des Le zu sein. Daraus en sich zwei Möglichkeiten: Entweder: Weil Mr mit 16,8 schlofs, hat Le blofs jerusale- mische Erscheinungen und keine — von Mr 16, 7 in Aussicht ge- nommene — galiläische erzählt. Oder: Weil Le blofs jerusalemische Erscheinungen erzählen wollte, hat er den Mrfaden, der noch weiter führte (X) ‚ verlassen. Die erste Möglichkeit ln den Vorzug, weil sie mit kei- ner unbekannten Grölse rechnet, und die Erzählung von blols je- rusalemischen Erscheinungen am einfachsten erklärt. Ergibt sich hieraus, dafs bereits das Mrexemplar, das Le als Quelle benützte, mit 16, s schlols, so wird die Annahme eines ver- lorenen Mrschlusses unwahrscheinlich, glaubhaft dagegen die- jenige, dafs Mr an der Vollendung seines arerks verhindert wor- den sei. Ein festes Gesetz für die Bearbeitung der Erzählung des Mr durch Le läfst sich ebensowenig aufstellen, wie bei den Herren- worten. Die Bearbeitung ist zwar eingreifender, willkürlicher, da der Erzählung des Evangelisten — im Unterschied von den Herren- worten — keine Autorität zukommt. Allein eine durchgängige Tendenz des Bearbeiters ist nicht nachweisbar. Auch hier lälst sich sagen, dafs er mit beständiger Reflexion, aber ohne feste Tendenz seine Vorlage umgestaltet. Ein geschichtlicher Wert kommt seinen „Verbesserungen“ nirgends zu; an eine Sonder- z 1. Lucas und Marcus. 37 tradition liefs sich beim Apostelkatalog, aber auch nur dort sicher denken. Um so grölser ist die Bedeutung der Bearbeitung für unsere Kenntnis der freien Produktion in der Evangelienbildung. Gerade das Werk des Le im Vergleich mit Mr zeigt uns, wie ge- waltig — bei aller Beschränktheit — der Spielraum für die Phan- 'tasie des Einzelnen war. Die legendarischen Umbildungen, in de- nen weniger der Einzelne, als die unbewulste Gesamtthätigkeit der Gemeinde dichtet und bildet, nehmen einen sehr spärlichen Platz ein in der Bearbeitung des Le. Fast immer ist es der Autor selbst, dessen Reflexion samt ihren Motiven wir erkennen können. Her- vorzuheben ist seine apologetische Tendenz, die überall sofort ein- greift, wo die Stellung des Christentums und seines Stifters zum heidnischen Staat in Frage kommt, vor allem aber seine Richtung auf das Rührende, Tröstliche, Erbauliche, in der er alle andern Evangelisten übertrifft. Die Hauptmenge der Veränderungen sind jedoch gelegentlich und spezieller Art und verbieten es, unter eine Gesamtkategorie gebracht zu werden. Jetzt erst ist es möglich, ein sicheres Urteil zu gewinnen über jene Stücke, die wegen ihrer völlig neuen Textgestaltung ans Ende unserer Vergleichung verspart wurden. Täufer- und Versuchungsgeschichte: Hier hat Le grolse Rede- stücke 3, 7’—14. 17. 4,3—12 über Mr hinaus. Ein Blick auf Mt zeigt, dafs Le diese Erweiterungen nicht erfunden, sondern aus schriftlicher Quelle übernommen hat. In 4,2 stolsen die beiden Quellen, von denen die eine erzählt: Jesus 40 Tage lang vom Teufel versucht, die andere: Jesus 40 Tage fastend und hernach versucht vom Teufel, so unverhüllt zusammen, dafs die Naht noch deutlich sichtbar ist. Berufung des Petrus: Die Erzählung des Le (5, 1—11) gliedert sich in 5 Teile. 1) Einleitung: v 1—3 mit doppelter Szenerie. a) Zwei Schiffe am See Gennesaret, deren! Besitzer, Fischer, am Strandihre Netze flicken (vglMr1,19). b) Jesus am Strand, von grofser Volksmenge umgeben, betritt ein Schiff, um von dort aus das Volk zu lehren (vgl. Mr 4, ı£.). 2) Die Erzählung vom wunderbaren Fischzug des Petrus v4—9 (vgl. Joh 21). 3) Die Berufung des Petrus und der Zebedaiden v 10 f. (vgl. Mr 1, 17.20). 38 I. Das Lucasevangelium. ' Die Zusammenfügung der drei Teile ist von Le kunstvoll ge- macht, indem die Einleitung und das Mittelstück auf den Schlufs hinzielen. Das wunderbare Erlebnis des Petrus mo- tiviert seine und seiner Gefährten Willigkeit zur sofortigen Nachfolge Jesu. Doch zeigt sich am Schlufs das Ungeschick des Redaktors in der plötzlichen Erwähnung der Zebedaiden, nachdem schon vorher „alle die mit ihm waren“ genannt sind, und in der Notiz von der Nachfolge Aller, da doch das Wort Jesu nur an Petrus ergeht. Somit ist die Erzählung wirklich zusammengesetzt aus verschiedenen Mrworten und der Geschichte vom Fischzug, die dem Le aus anderer, münd- licher oder schriftlicher Tradition wird überliefert sein. Die Parallele zur Salbungsgeschichte: Le 7, 36—50 vgl. Mr 14, 3—9. Folgende Züge sind identisch bei ER und Mr: 1) Die Salbung durch eine Frau. 2) Das Gefäls: dAcBaoTgoV uvoov. 3) Jesus im Haus eines Simon (bei Le tritt det Name 7, 40 völlig unmotiviert auf). 4) Der Schlufs 7,48—50 enthält lauter Mimöhe freilich nicht aus der SE Mr 2,5. De 5,20; Mr 2,eff. Le 5,21; Mr’ 5, 34. Le 8, 48. | Hat Le ganz von sich Ks di Salbungsgeschichte des Mr zur Geschichte von ia grolsen Sünderin N a ver- setzt? Das ist unmöglich aus 4 Gründen: 1) Wegen der Stellung bei Le. Die Erzählung steht innerhalb der ersten Einschaltung, in der er andern Quellen als Mr folgt. Hätte Le die Salbungsgeschichte von sich aus umgearbeitet, so durfte er sie doch an ıhrer Stelle belassen. Eine solche Hereinziehung einer Mrgeschichte in die Ein- schaltung ist auch durch Le 10, 25—28s nicht belegt; denn die dort erzählten Mrworte Stahen blofs als Einleitung für die Geschichte einer andern Quelle. 2) Wegen des Inhalts. Die Geschichte von der grofsen Sünderin mit‘ dem Gleichnis 7, 41f. und dem Wort 7,47 ist von Mr 14 aus gar nicht erfindbar. Die Berührung mit Mr erstreckt sich blofs auf den nenn und gerade nicht auf den wunderbaren Gehalt. 3) Wegen der Tradition. Diisa hat eine Geschichte von der grofsen Sünderin gekannt. Papias hat sie im Hebräer- 1. Lucas und Marcus. 39 evangelium gelesen (Euseb. h. e. III, 39,16). Die Perikope von der Ehebrecherin (Joh. 8) hängt vielleicht damit zu- sammen. Le folgt hier einfach einer Überlieferung dieser Geschichte. 4) Weil die Erzählung Le 7 nicht einheitlich , sonen zusammengesetzt ist. Das bewäist der plötzliche Nime Simon 7,40, der nachschleppende Zug von der Salbung (7,38. 46), vor allem der Schlufs, in dem Jesu Vergebung und der Glaube als das Rettende erscheint. Diese Gedanken passen zum Gleichnis überhaupt nicht und kehren das dort gesetzte Ver- hältnis einfach um. Es ist dieser Schlufs nichts anderes als eine orthodoxe Übermalung. Man erkennt an ihm den ‘Autor, dessen Vorliebe das Zusammensetzen heterogener Stücke ist. Also hat Le die Gesihichta von der En Sünderin nicht erfunden, sondern höchstens mit Partien der Salbungs- geschichte Mr 14 kombiniert. Eine Scheidung scheint mir sogar an diesem Punkt möglich, nichtim Wortlaut, aber nach dem Gehalt. Aus Mr stammen Salbung, Gefäfs, Simon und die-Schlufsverse. Alles andere darf der besondern Quelle des Le zugeschrieben werden. Episode in Nazaret: Le ‘4, 16—30 vgl. Mr 6, 1—6*. Hier steht der Sachverhalt am eben für Le. Er hat die Episode vorangestellt, um in ihr das ‚Programm Jesu darzu- legen, zugleich mit Vorhersagung seiner Verwerfung durch Israel. Die Vaterstadt ist Ne Sapel des Vaterlands ge- worden. Man darf also hier blols fragen, ob die Erzählung Le 4 Züge enthält, die auf andersartige Tradition zwingend hinweisen. Solche Züge scheinen mir nicht vorhanden. Es steht kein Vers in dieser Geschichte, der sich nicht von den Prämissen des Mr und vom antijüdischen Standpunkt des Le (vgl. Acta) aus verstehen liefse. Also ist die Episode von Na- zaret Le 4 das stärkste Beispiel der N Bee lung) von Mr- texten durch Le. Die jerusalemischen Geschichten: Abweisung der pharisäischen Einsprache 19, 39f. Weissagung der Zerstörung Jerusalems 19, 41—44 Abschiedsreden 22, s1f. 35—38 ' Pilatus und Herodes 23, 6—16 Gespräch auf dem Todesgang 23, 27— 31 40 I. Das Lucasevangelium. Schächer am Kreuz 23, 39—43 (ang nach Emmaus 24, 13—35 Erscheinung in Jerusalem 24, 36—53. Bei einzelnen dieser Geschichten lälst sich schwanken, ob es Zuthaten des Le zum Mrtext seien oder nicht. Im Gesamten ge- ben sie den Eindruck einer solchen Massenhaftigkeit, dals die Frage: hat Le hier noch andere Quellen vor sich gehabt? nicht um- sangen werden darf. Die Untersuchung dieser Stücke muls daher zunächst verschoben werden. Resultat. Lc hat das Mrevangelium gekannt, undals Quelle benutzt, ja zur Grundlage seiner Geschichts- erzählung genommen. Er hat es fast lückenlos in seine Darstellungeingefügt, fast ausnahmslos dieAnordnung des Mr befolgt und auch dessen Text sich zu Grund ge- legt. Die Freiheit, dieersich erlaubt, ist eine dreifache. 1) Er hat den Mrtext sprachlich völlig umgearbeitet; 2)erhatihn kommentiert, ergänzt, verbessertnach dem Ermessen seiner Reflexion; 3)erhat ihn — freilich sehr selten—mitanderenQuellen kombiniert und verschmol- zen. Er verfährt dabeials der Mann der spätern Zeit, für den kein Autorrecht, geschweige denn ein Inspirations- gedanke existiert, deralso das Recht hat, die Tradition. für seine Zeit umzugestalten. 2. Lucas und Matthaeus. Da Le im Prolog viele als seine Vorgänger im Evangelien- schreiben nennt, ist es wohl denkbar, dafs auch unser Mt zu seinen Quellen gehörte — falls derselbe älter als Le ist. Mit allgemeinen Erwägungen ist natürlich nichts zu gewinnen. Die Untersuchung muls so geführt werden, wie bei Mr. | A. Der Inhalt. Gemeinsam sind dem Le mit Mt: a) fast sämtliche Mrgeschichten. b) Grolse Reden: Le 6, 20—7, 1 Gerechtigkeitsrede 7, 18—35 Johannesrede 9, 57”—10, 24 Missionsrede 11, 2—4. 9—13 Gebetsrede 11, 14—36 Beelzebul und Zeichenforderungsrede 11, 39—52 Pharisäerrede 2. Lucas und Matthaeus. 41 12, 2—12 Bekenntnisrede 12, 22—34 Sorgen und Schätze 12, 39—46. 51—53. 58 f. Parusierede 13, 18—21 Gottesreichgleichnisse 13, 24—30 Gottesreichsprüche 13, 34 f. Weissagung über Jerusalem 14, 16—24 Gastmahlsgleichnis 14, 26 f. Jüngerpflichten 15, 3—7 Verlorenes Schaf 16, 16—18 Verschiedene Sprüche 17, 1—6 Gemeindesprüche 17, 23—37 Parusierede 19, 12—27 Gleichnis von anvertrauten Geldern. c) Rede des Täufers Le 3, 7—9. 17 Versuchungsgeschichte Le 4, 3—12 Hauptmann von Kapernaum Le 7, 2-10. Es fehlen von Mtgeschichten bei Le a) Sämtliche Zusätze des Mt zu Mrgeschichten: Mt 3, 14 f. Gespräch Jesu mit dem Täufer 4, 14—16 Weissagungsbeweis 8,17 F 9, 13 Citat aus Hosea 12, 5—7 Sabbatsprüche 12, 11 Sabbatspruch 12, 17—21 Weissagungsbeweis | 13, 14—17 Weissagungsbeweis und Lobpreis der KA. /o Jünger HERE 16, 17—19 Petrus der Fels 16, 27 Jesus der Weltrichter 17,20 Wort vom Glauben 17, 2.—27 Tempelsteuer 19, 10—12 Die Entmannten 19, 28 Der Lohn der Apostel 21,4 f. Weissagungsbeweis 21, 14—16 Blinde und Lahme im Tempel 21, 28—32 Zwei ungleiche Söhne 22,40 Gesetz und Propheten durch die Liebe erfüllt 26, 15 Die 30 Silberlinge 26, 53 f. Spruch von den himmlischen Legionen 27, 3—10 Ende des Judas 23.2... 42 I. Das Lucasevangelium. Mt 27, 19 Die Frau des Pilatus 27, 62—66 Die Grabeswache. b) Zahlreiche Redestücke des Mt: Mt 5, 17-20 Gültigkeit des Gesetzes 5, 21-37 Der christliche Katechismus 6, 1-18 Von Almosen, Gebet und Fasten 7, 6 Profanation des Heiligen 7, 15.22 f. Von falschen Propheten 10, 5 f. Verbot der Heidenmission 10, 23—25 Von der Verfolgung 10, 40 f. Aufnahme von ER und Gerechten 11, 28 ff. Heilandsruf 12, 36 Das unnütze Wort 13, 24—30. 36-43 Be vom Unkraut im Acker und Deutung | 13, 44 f. Schatz im Ne und Perle 13, 47—52 Gleichnis vom Fischnetz 13, 51 f. Schlufs der Gleichnisrede 18, 10 Wert der Kleinen 18, 16—20 Bufsdiseiplin 18, 23-35 Gleichnis vom Schalksknecht 20, 1—16 Gleichnis von Arbeitern im Weinberg 22, 11—14 Gleichnis vom Mann ohne Hochzeitskleid 23, 1-3. 5. 8—12. 15—22. 24. 33 Grolse Teile der Pharisäerrede | 24, 10—12 Die Lage der Christen vor dem Einde 95, 1—13 Gleichnis von den zehn a 25, 31—46 Weltgericht. | | c) Die Vorgescibhke Mt 1—2 Stammbaum, Traum Jo- sephs, die Magier, Flucht nach Magnet, Kinder- mord, Rückkehr nach Nazaret. Hat Le diese a: Menge von Mtstücken nicht gelesen oder zwar gelesen, aber mit Absicht ausgelassen? ° a) Unter den Zusätzen des Mt zu Mr sind einige: Ein Sab- batspruch, Lobpreis der Jünger, Wort vom en Lohn der Apostel, die Le kennt, aber an anderer'Stelle, nicht sa Mt im Zu- sammenhang des Mr bringt: Die zwei ungleichen Söhne haben einen Ersatz in Le 15. Für die Auslassung des 1. Sabbatspruchs, Petrus der Fels, Tempelsteuer liefsen sich Gründe nennen. Beim Tod des Judas folgt Le einer andern Legende (Acta). Das Alles 2, Lucas und Matthaeus. 43 zugegeben, — die 'Thatsache, dafs, Rede des Täufers und Ver- suchung abgerechnet, kein einziges Plus des Mt über Mr innerhalb des Mrfadens bei Le sich findet, verbietet für sich allein die Annahme, dafs Mt eine Quelle des Le sei. Hat Le neben Mr auch Mt vor sich gehabt, so ist zu erwarten, dafs irgend etwas von dem Plus des Mt in Mrgeschichten sich bei Le geltend macht. Aber z. B. in der Leidens- und Auferstehungsgeschichte hat Le keinen Zug mit Mt gegen Mr voraus. b) Unter den fehlenden Redestücken des Mt ist eine Anzahl, für deren Auslassung durch Le sich Gründe nennen lassen: Klier keit des Gesetzes, Profanation des Heiligen, Verbot der Heiden mission, von der Verfolgung, Arbeiter im Weinberg, grolse Teile der Pharisäerrede. Das ist jedoch nur ein kleiner Bruchteil. Für die Auslassung des Heilandsrufs durch Le fehlt der Grund. Andere Redestücke: Von falschen Propheten, Gleichnis vom Unkraut im Acker, vom Fischnetz, vom Mann ohne Hochzeitskleid, Bulsdisei- plin, die Lage der ‚Christen vor dem Ende, die ın ihrer jetzigen Form sämtlich den Eindruck sehr später Entstehung machen, hat Le einfach noch nicht gekannt. Ihnen gegenüber ist der Beweis, dafs Le sie mit Absicht überging, gar nicht zu erbringen. c) In den Vorgeschichten gehen Le und Mt so völlig ausein- ander, dafs blofs durch Machtsprüche für gegenseitige Benutzung entschieden werden kann. Dafs Bethlehem und die Art der Er- zeugung Jesu beidemal identisch ist, beweist blols für den etwas, ‚der einen der Evangelisten für den Erfinder der Sagen hält. Der Spruch des Le 1, 31 „du wirst einen Sohn gebären und sollst sei- nen Namen Jesus nennen“, soll aus Mt 1, 21 stammen; allein wie in aller Welt hätte Le sonst schreiben sollen? Die Stammbäume sind völlig unabhängig gegen einander, und die Idee, durch Stammbäume Jesus als Dardıden zu legitimier en, Atarhiht Ban: nicht erst von Mt. Somit ergibt sich: Le hat von dem Plus des at in Mr- geschichten nichts aufgenommen, eine Reihe sekun- dire Redestücke des Mt noch nicht Ben die Vor Sr schichte ohne Rücksicht aufihn ra ' Stellt man nun beides zusammen -P) Die Übereinstimmung‘ mit Me in großsen Rede- - partien,' 2) Die Verschiedenheit von Mt bezug: auf Mrzusätze und Redestücke des Mt 44 I. Das Lucasevangelium. so drängt sich sofort die Hypothese auf, dafs Le nicht Mt, son- ı dern mit Mt zusammen eine gemeinsame Quelle benutzt, die meistens Reden enthielt. Diese Hypothese allein wird beiden sich sonst widersprechenden Beobachtungen einfach und ungezwungen gerecht. Die — hypothetische — Quelle sei mit Q bezeichnet. B. Die Anordnung. In der Anordnung der Mrgeschichten folgt Le in keinem Fall dem Mt, wo dieser von Mr abweicht, z. B. die Gruppierung der Mrgeschichten in Mt 8 und 9 existiert für Le nicht. Dagegen stehn Rede des Täufers und Versuchung Jesu bei Le und Mt an gleicher Stelle. Besonders auffällig ist das für Mt 3, 11—12, Le 3, 16—17. ‚Allein eine andere Stellung dieser Rede- stücke war überhaupt nicht möglich, nachdem die Mrtradition mit Täufer und Versuchung begann. Und innerhalb der Täufer- rede konnte sich das Wort von der Wurfschaufel blofs an das von der Messiastaufe anschliefsen, jedenfalls ist dies Zusammentreffen des Le mit Mt solange kein Beweis für seine Abhängigkeit von Mt, als es ebenso leicht umgekehrt gedeutet werden kann. Bei der Stellung der Reden ist zu unterscheiden ihre Reihen- folge für sich und ihre Stellung im Zusammenhang der Mr- erzählung. Was ihre Reihenfolge betrifft, so überwiegen die Differenzen das Gemeinsame. Gemeinsam sind Anfang (Gerechtigkeitsrede) und Schlufs (Parusierede), ferner die Verbindung der Bere rede mit der Zeichenforderungsrede zu einem Stück. Alles Übrige ist verschieden. Während Mt grolse zusammenhängende Kompo- sitionen bevorzugt (vgl. Mt 5—7. 10. 24—25), ist Le ein Freund der kleinen Gruppen. Für die Stellung der Reden im Zusammenhang der Mrerzäh- . lung gibt es ein festes Gesetz, das für Mt anders als für Le lautet. Mt fügt seine Reden ganz in die Mrerzählung ein, verschmilzt sie mit Mrreden. Die Aussendung der Jünger (Mr 6), die Gleich- nisse (Mr 4), der Rangstreit (Mr 9), das Wort gegen die Schrift- gelehrten (Mr 12), die Parusierede (Mr 13) sind die festen Punkte der Erzählung, an die Mt seine grolsen Reden (Missionsrede, Gleichnisrede, Jüngerrede, Pharisäerrede, Parusierede) anschliefst. Darum sind z. B. Pharisäerrede und Parusierede an den Schlufs des Evangeliums gestellt, weil erst Mr 12 und 13 eine Anknüpfung in der Erzählung sich fand. 2. Lucas und Matthaeus. 45 Le hat zwei grofse zusammenhängende Einschaltungen in Mr eingefügt (Le 6, 20—8, 3. 9, 51—18, 14), um die Reden unter- zubringen. Bei ihm liegen Mr und Reden getrennt neben ein- ander. Beispiele: 2 Aussendungsreden e 9 und 10; 2 Gleichnis- stücke c 8 und 13; 2 Gemeindereden e 9 und 17; 2 Parusiereden e iT und 21. Also folgt Le überall der Kombination der Reden mit Mrgeschichten bei Mt gerade nicht. Diese Beobachtungen entscheiden für sich allein gegen die ‚Abhängigkeit des Le vonMt. Wer die letztere behauptet, hat sich die Mühe und Künstlichkeit noch gar nie vorgestellt, die er da- mit dem Le zumutet: wie er z. B. aus der Parusierede Mt 24 erst mühsam getrennt hätte, was Mt über Mr hinaus hat, um dann hieraus ein besonderes Stück zu bilden. | Dagegen spricht dieselbe Beobachtung entschieden für die‘ Annahme einer gemeinsamen Redequelle (Q), diedann Mt mit Mr verschmolz, während Le sie getrennt mit- teilte. C. Der Text. Hier sind zwei Unterfragen genau zu unterscheiden: 1) Zeigt der Le und Mt gemeinsame N den Einflufs des Mt auf Le? 2) Spricht der Text der un für Abhängigkeit des Le ‘von Mt? 1. Der Marcustext bei Matthaeus und Lucas. Bei dem nun folgenden kompliziertesten Teil der synopti- schen Frage ist vor allem nötig ein vollständiger Überbliek über den Thatbestand. Gemeinsam ist Le und Mt gegen Mr a) Auslassungen: Mr 1,7 »uves; 1, 9—45. 10 eddVg gegen 1 bei Le, 3 bei Mt; Mr 1,13 Yv uere Tov Hnolov; 1,20 werd TÜV uodwrürv; 1, 29 Hal len uETd Iexopov Kal man. 1733016614 onkayyvi- Bareigsel 1433, 2,:25,2,8 «igöwsvov UNO Aa 2, 9 dgov Tov Dane Boaks 2, 13; 2,14 T0v Tod AAgpalov; 2,15 Noav Yydo roAkol zul orale er 2,16 Otı NodLEv ee tov TEAwW- vov xal GucorwiAhv; 2,18 xal joav ol uedmral Iodvvov xal ol Deaoıoaloı vNorsVovreg; 2,19 00V 1E0voV Eyovoıv TOV vvugplov uet’ auTOV, 0b Ovvavraı vnoTevev; 2, 23 600» moueiv; 2, 25 46 I. Das Lucasevangelium. yoclav Eoyev; 2,26 Emi Aßıadaug doyvegkng; 2,27 To odBßarov ff.; 3, 5 wer’ ÖEYig, GvvAovroVuevog Erl TI TWOWEE TNS KROdLag ab- tov; 3,6 uere Tov Howdıavov; 3, 7 eis mv Hdhaooev; 3,8 al ano tig Tdovuciag; 3,9. 3, 14 f. iv@ @oıv user’ abrod zul iva &ro- oTEAAN abToVg xNoVoosıv xal Eysıv EEovolav ErßdAkeıv TE Öau- uovıa, Kal Eroimosv Todbg Iwdexa; 3,17 nal EREINKEV abroig ÖVÖ- uote: Boa@vnoyes, 0 Eotıv vioi Boovräg; 3, 20.21. 4,1 Kal adıv No&aro dıddonsıv; 4,2 Hal Eheyev abroig Ev TH dıdayf; KÖTod' drovers; 4, 7 xal xaomov 00% Edwxev; 4, 8 avaßeivovra nal abER- vousvov; 4,13 xal ng naoag Tag maoaßoAdg yvoosode;, 4, 36 xal üAka dE mAoie 100V uErT’ abTod; 4,39 KLora aepluwoo; D, 5. 5,13 @g Öioylhror; d, 34 Kal lodı Oyıng ano ng udorıydg 00V; 6,17 Bidianov; 6, 31. 6, 37 nal Aeyovoıv f., 6 de Asyeaı fl.; 6, 41 #al TOdg n, ee EuEoLoEv n&oıv; 8,31 Kal ragomoig rov A0- yov EAcAsı, 8, 35 Kal TOÖ ebuppeklov; 9,1 xal Eieyev wbroig; 9, 3 018 Yyvapsds in NS yis 00 Övveraı oVrwg Agvxüvar; 4, 14 xl yocuucreis—16; 9, 21. 23 f. 26; 9, 33 Ernowre abroüg' Ti Ev Ti 008 dıskoyißeote' oil de Eoıanwv' 9, 35. 9, 36 Evayrakıodusvog; 10, 14 idwv nyavaxınosv; 10, 19 un aroorsonons; 10, 20 dıdd- oraAe; 10,21 EußAedas wuro iyannoEv «urov; 10, 24. a9, 30 olulag . WETE Horuon; 10, 32 xai 7v zoody@mv abToVg 6 5 "ImooBg Kal 2 uuBouvro, ol Ö8 lo Epoßovdvro; 10, 46 6 viög Tı- uweiov Baprıuciog; 10,49 Kal Pavodoıw—50; 11,4 dedsuEvov ro0g iv Hooav Em Eri Tod dugpodov; 11, 16. 11, 17 näoıv roig Edve- sw; 11,28 ive reüre zog; 12,6 Erı Eva eigev viov; 12 13 Kal tov Howdıevov; 12, 14 d@uev 7 un d@uev; 12, 15 Iva idw; 12 21 za EHEDavev un naraiınaov oreouc; 12,27 moAd nAuväohe; 12, 37 xal 6 roAdg ÖyAog Iaovev auTod 10E0g; 13, 3 6 Ileroog zul ’Icao- Bos zul ’Iodvvng ze Avdoesas; 14,30 dig; 14,68 xal dAERToo Epo- vndEv; 14, 72 &% Öevregov; 14, 36 aßP&;, 14, 51 f.; 15, 21 70V na- 2077 "AhzEdnögon rel Poupov; 15, 43 roAwjors; 15, a44f.716,3:; 16, 8 &pvyov fi. | | 'b) Zusätze: Mr 1,4 f. z&o« 7 weoigwoog Toö Togddvov; 1, ; rel mvgi; kom Novaret; 1,31 aregdm (dvasraoe); 1, 40 Vogue; 2,3 Emil aAr- vns; 2,12 damaden eis TOV 0lX0V abToV; 2 22 @AAL 0lvov vEov eig LOROVS XaıvoVg; 2,23 EOdilEv; 2,26 uÖVOL; d, 5 000; 4, 11 yvovcı; 4, 15 xaodie; 4,36 Eveßn eig mAoiov... ol uadmrai abrod; 4, 38 70008AM0vreg; d, 27 TOO x000TEbovV; 6,7 xal VO00VG FEganeveuv, 6, 34 EHsodnevoev; 6, 44 W608; 9,2 TO Xo006WnoV; 9,7 avrod Ac- 2. Lucas und Matthaeus: 47T nn ee ER Aobvrog (Atyovrog); 9,19 xal dısorgauueım; 9,19 ade; 10, 22 drovoag; 10, 26 etıoess 11,27 eos (vrı); 12 ‚3 0i ysopyol; 12,7 iÖovres abrov viov); 12, 12 one (Le 20, 16); 12, 12 oi doyısgeis; 12, 28 aeıoakov (Exmeıgdiov); 12, 28 Öıddonahe; 12, 38 Toig uedmreis; 15, 19 weydAn; 14, 37 mg0g Todg uedntdg; 14,45 Herrenwort an Judas; 14, 62 dx’ &orı (and tod vov); 14, 65 tig Eotıv 6 aaloug 08; 14,72 EEEAdmv EuAavoev ı- 085; 15, 46 das neue Grab. c) Umstellungen und Änderungen. Zu Mr 1,10 das Öffnen der Himmel nicht Inhalt des Ge- sichts; 3, 17 N an zweiter Stelle im Katalog; 4, 10: oi u«- Intel; d,22 doyuovvdywyog:.&oyav; 6,3 Jesus nicht Zimmermann, sondern sein Sohn; 6, 8 Verbot des Stabes; 6, 14 Herodes Te- trarch, nicht König; Mr 6,33 oi OyAoı Nx0AoVImo«Vv aüro; 8, 31. 10, 34 17) rein nusoa statt werd roeig Nueous; 9, 35 die Parallele dazu erst 9,36; 10, 30 &xerovraniaoiove: woAhanıaorove; 11, 1 Bn®gyayn; 12, 1 sing. ze«o«aßoAnv; 12, 8 Das Töten erst nach dem I 12, 17 Umstellung; 13, 26 moAANg zu doans; 14, 39 KEVTVvELWV: Erarövreoyog; 16,6 Um lung, d) Sprachliche ne | idov hinzugesetzt zu Mr 1,40. 2,3. 5, 22. 9,4. 14, 43; eimev statt Agysı zu Mr 2, 8. 17. 24. 25. 3, 3. 23.4. 11. 8, 29. 9, 5.31. "10, 28. . 29. 32. 12, 24. 15, 5. 14, 13; :&pn zu. Mr 15, 2. Varkahe für aD; A&yovog, Acyovrsg: zu Mr 1, 41. 4, 38. 41.9, 7.17. 11,9. 28. 12, 18. 14, 35. 65. 15, 2. 39. Zusatz von droxoıFeig zu Mr 11, 29. Zusammentreffen in anderen Vokabeln: Mr 1, 10 oyißeodaı : AvEDAINVAL 1, 10 gig TEILE 1, 13 oataväg : ÖudBoAog 1, 42 890g : EUNERS 2, I Omaye : TEQLNÄTEL 2,12 e&lortaödet : goßndrvar Mt aAmodnvaı Poßov Le 2,16 Otı : dıari 2, 21 Erıocatreiv : &mıßdAAsıv 2,26 6ÜV | : uETd 3, 1 E8no0uwevn : mod 4, 41 goßnFTvaL : Davuagsıv 5, 14 EAdreiv : eBeAdreiv 5, 27 EAeiv : nooceAdeiv I. Das Lucasevangelium. Mr 6, 32 &meAdeiv 6,43 nAnNoBuaTe 8, 31 UNO 8, 34 aXoA0vdEiv 0. 2%of6) 9, 18 ioyvev 10, 51 g«ßßovvr 11, 2.7 peosıv 12, 15 pEosıv 12, 18 Eoysodaı oo 12, 22 &oyarov 12, 37 Agysıv 14, 11 gsbxedowg 14, 36 &AAR — add 14, 47 zaleıv 14, 47 @ragıov 14, 53 GvVveoyesodauı 15, 1 anopeosıv 15, 20 e&dyeıv 15, 43 gloeAdelv moog 15, 46 Evesıkeiv 4, 4 oneiocı 4, 9 09 Eyeu 4, 11 wvorjoLov 4, 41 6 &veuog 6, 7 moooxaAsiteaı nal 6, 7 Edidov 8, 36 @pedeiv 9, 14 EAPOvVrEg 9, 31 aauoadLdoraı 10, 20 EpvAaddunv 10, 28 NroAovdnnauev : avaywgeiv Mt vroywoeiv Le : TO 780160800v Mt. To neoL00E00«vV Le 20 | : &AYeiv Mt 0 &oysodaı Le] SER : GBVAEHaL : KOHLE : üyeıv : enıdeitaı Mt dsieaı Le : moo0sAdeiv : VOTEOOV : HahElv : EÜRRLOLE : aAnv — Add : TOTEO0ELV : &tiov (Le 22, 51) : OVVAYIMVAL : arxcayeıv Mt üysıv Le : ETayYELV : no008AdElv : EvrvAlodeıv Änderungen am gleichen Wort: Mr 2,22 un : unye : TOD OTEIOAL 0 &yov : WVOTNOL« : ol &vsuol : n000x«Asodusvog Mt ovyaaksodusvog Le : EOOXEV : @pehclodaL : £&190vrov Mt xatsAdovrov Le : ueAksı TEORdLbood«L : EpvAuda : NRoA0ovdNoRWEV 2. Lucas und Matthaeus. 49 11, 1 Epyißovoıv : Ypyıoav Mt Nyyıoesv Le AnooTehheı : aneoteihev 11, 2 Adoars zul : Avoavıss 11, 3 einere : £gEiTE 11, 8 eig ryv Od0v : Ev Th 60 12, 17 ee 9adundov : Edevuaoav Mt ee, | Devudoavreg Le 13, 2 xareAvdFT : KeTaÄAvdNoETEL 13, 25 ai dvvaueıs ai Ev Tolg odocvoig : al Övvdusıs ToV odgavöv 14, 10’Iox@oıo® :'Ioxaeıarng 15, 14 6T@®0W60V : ortevo@adnto Mt orevondnver Le Dieser letzten Gruppe wären dann noch hinzuzufügen alle jene Stellen, wo Mt und Le bei verschiedenem Wortlaut unter sich doch darin übereinstimmen, dafs sie eine fremdartige ungriechische Konstruktion des Mr litten oder verbessert haben, rl zu Mr 154.4, 15. 14, sıf. Fi Hoklirank dieses Thatbestandes bieten sich uns vier Hy- pothesen dar: 1) Abhängigkeit des Mt nd Le von einer gemeinsamen Quelle neben Mr. 2) Abhängigkeit des Mt von Le oder umgekehrt. 3) Abhängigkeit des Mt und Le von einem älteren Mrtext. . 4) Bearbeitung unseres Mrtextes durch Le und Mt unabhängig von einander. Die beiden zuerst ER Hypothesen treffen darin zu- sammen, dals sie das gemeinsame — des Mt und Le gegen Mr für so bedeutend ansehen, dals sie es nur mit Hilfe einer Nebenquelle erklären können. Diese Nebenquelle soll entweder eine uns ver- loren gegangene Evangelienschrift oder das eine der beiden Evan- gelien selbst sein 1) Abhängigkeit des Mt und Le von einer gemein- samen Quelleneben Mr. Diese Hypothese leidet an ungeheurer Künstlichkeit. Die postulierte Quelle mülste fast alle dieselben Geschichten wie Mr enthalten haben, blofs hie und da mit an- .deren Worten; z. B. die Heilung eines Aussätzigen mit folgenden Abweichungen von Mr: idov, xVore, Yıparo abrov Aeyov, om onkayyvıodeig, EÜNERg, om v 43. Somit enthielt die Quelle die Wernle, Frage. 4 50 I, Das Lucasevangelium. Mrerzählungen blofs mit einer Abart des Mrtextes. Dadurch fällt diese erste Hypothese eigentlich mit der dritten zusammen: Die gemeinsame verlorene Quelle erweist sich als Mr in ursprüng- N. Textgestalt. Wir hätten dann einfach anzunehmen, dafs Mt und Le zwar jünger als Mr, aber älter als unser jetziger Mrtext sind (vgl unten p. 54f). ie demnach diese Hypothese überhaupt mihalthar, so erst recht in der Form, es sei die postulierte Quelle idemtiäeh mit der oben p. 44 erschlossenen Spruchsammlung. Denn aus den Mrgeschichten des Mt und Le läfst sich stets nur auf eine erzählende Vorlage schliefsen, die Anekdoten aneinanderreihte, je mit Einleitung, Spruch Jesu und Schlufs. Jene Redequelle dagegen enthielt [ganze grolse Reihen von Sprüchen Jesu, unter grofsen gemeinsamen Gesichtspunkten zusammengestellt, ohne geschicht- liches Beiwerk. 2) Abhängigkeit des Mt von Le neben Mr oder um- gekehrt. Die grolse Schwierigkeit, welche diese Hypothese be- | drückt, habe ich mit dem „oder umgekehrt“ andeuten wollen. Ausgehend in unserer Untersuchung vom Prolog des Le wissen wir über Priorität des Mt oder Le bis jetzt nichts Sicheres. Allge- meine Gründe entscheiden nichts, da beide Evangelien neben sehr. alten auch sehr junge Stoffe enthalten. Ein Beispiel soll die Schwierigkeiten ver anschaulichen, wieder die Heilung eines Aus- sätzigen. »AÄngehommen“ Mt sei der ältere Evangelist, dann bietet sein Text zuerst den Zusatz von idod, xVore, die Auslassung von onAayyvıodeig, v 43, das Yıbaro abrod Acyov. Dann „kann“ Le, „wenn“ er Mt neben Mr kannte, dem Mt in all diesen von Mr ab- weichenden Zügen gefolgt sein. Aber umgekehrt: „Angenommen“, Le sei der ältere Evangelist, dann hat er zu- erst diese Änderungen an Mr vorgenommen. Dann „kann“ Mt, „wenn“ er Le neben Mr kannte, dem Le in all diesen von Mr ab- weichenden Zügen gefolgt sein. H: | Der vermeintliche Beweis ruht also auf folgenden Voraus- setzungen: 1) der Priorität des einen Evangelisten, 2) der Kenntnis- nahme ls anderen von seinem Werk, 3) der Unmöglichkeit, dafs der andere von sich aus die gleiche Aaarar vornehmen konnte, Denn unter allen oben p. 45—49 angeführten gemeinsamen Auslassungen, Zusätzen, Änderungen ist Ki einziger Zug, der für 2, Lucas und Matthaenus. 51 Mt oder für Le charakteristisch wäre. Darauf aber kommt für den Beweis gerade Alles an. Ein Zusammentreffen in Zügen, die nicht‘ für den einen charakteristisch sind, die nicht gerade nur er allein geschaffen haben kann, kann stets auf Zufall beruhen. Das Wort „beweisen“ ist für einen Vertreter dieser Hypothese überhaupt nıcht am Platz. | Thatsächlich steht es so, dals Le gerade alle sicheren Ände- rungen des Mt am Mrtext*) nicht befolgt; das Gespräch Jesu mit dem Täufer, das „Was frägst du mich über das Gute?“ die 30 Silber- _ linge, die zwei Esel, die Grabeswache, überhaupt sämtliche wich- tige Zusätze des Mt in der Leidensgeschichte. Und umgekehrt folgt Mt keiner einzigen sichern Korrektur des Le. Einige Beispiele sollen das belegen. Bei Mt und bei Le geht Jesus von der Wüste zuerstnach Na- zaret, und von da erst ans galiläische Meer. Mt braucht 4, 13 das- selbe Wort xatoxn6ev, wie in der Vorgeschichte2, #3. Wie damals Joseph mit seiner Familie sich in Nazaret niederliels zur Erfüllung der Weissagungen, so verläfst jetzt Jesus Nazaret und läfst sich in Kapernaum nieder gleichfalls zur Erfüllung der Weissagung. Dieser Zug hat also bei Mt seine gute Stelle, als bei dem Erzähler der Vorgeschichte. Le 4, 16 weist mit dem „wo er erzogen war“ gleich- falls auf seine Vorgeschichte zurück (e 2, 51f.). Es scheint ihm natürlich, dals Jesus da, wo er 30 Jahre lang geweilt hatte, vom Knaben bis zum Mann, auch zu predigen anfängt, freilich, wie er aus Mr 6 lernt, ohne Erfolg. Dieser Zug ist von den Prämissen des Le aus völlig verständlich. Man kann nicht sagen, dafs die Er- wähnung Nazarets bei einem der Erzähler der Vorgeschichte pas- sender, natürlicher, als beim anderen war. Mr nennt den Herodes „König“ 6, 14, während Mt (14,1) und Le (9,7) Tetrarch an die Stelle setzen. Bei Le versteht sich das von selbst, da er diesen Herodes an entscheidender Stelle (3, ı) als Tetrarch eingeführt hatte, und ebenso 3,19. Er ist ja der Evan- gelist, der jedenfalls am meisten von geschichtlichen Verhältnissen . versteht. Mt, mit dem Judentum wohl vertraut, konnte von sich aus wissen, dals Herodes nicht König war; er ist sich dann aber ın der Korrektur nicht konsequent geblieben (14, 9). Die Kürzung des Mt und Le in der Geschichte des Epilep- tischen trifft häufig, aber nicht immer zusammen, und hat, wo sie = In der Darstellung ist nur der Abkürzung halber Mt als Bearbeiter des Mr vorausgesetzt. Der Beweis dafür ist erst später zu erbringen. 4* /2 52 I. Das Lucasevangelium. zusammentrifft, gar nichts Befremdliches. Interessiert hat beide Evangelisten gemeinsam blofs die Hauptsache: Der Kontrast zwi- schen Jesus und den Jüngern, und das Austreiben; darüber hinaus nimmt‘ Le Anteil an der Schilderung des Leidens und an dem An- fall, den der Epileptische gerade vor der Heilung bekommt. Die Darstellung eines jeden ist völlig verständlich von Mr: aus ohne einen Blick auf den anderen Seitenreferenten. | | Wenn Le sein Wort Jesu an Judas (22, 48) erst durch das bei Mt (26, 50) veranlalst, gebildet hätte, so mülste sich das doch am Inhalt des Wortes zeigen. Thatsächlich bildet Le sein neues Herren- wort mit Hilfe des vorher übergangenen Mrverses 14, 41; dazu griff er, weil ihm ein anderes nicht bekannit war. Das Motiv, das zur Bildung des Herrenworts geführt hat, ist bei keinem Evan- gelisten schwerer zu finden, als bei dem andern. In den Parusiereden (Mt 24. Le 21) haben beide Evangelisten, gegen Mr gemeinsam ein siev, 2 yo, usydAn, TOV 0do«v@v, Ö6Eng roArg (statt dvvdueogmoAing), Eng &v. Und nun vergleiche man damit die beiderseitigen sachlichen Änderungen am Mrtext! Hier fängt unsere zweite Hypothese an lächerlich zu werden. Dies Ergebnis: die völlige Unabhängigkeit beider Evangelisten, wird endlich bestätigt durch die sprachliche Vergleichung. | töre, das Lieblingswort des Mt, das dieser 42mal in Mrgeschich- ten eingesetzt hat, schreibt Le nie mit Mt gegen Mr. Ebenso fehlen bei Le zoo0xvveiv, Baoıksie TOVv oboavöv, 6 warıijo uov Ev 000«- voig, so oft auch Mt diese Ausdrücke im Mrzusammenhansg schreibt. drroxoıdeig haben Mt wie Le sehr häufig zu Mr hinzugesetzt; ein einziges Mal treffen sie zusammen. Nur idov und 7000849» haben sie öfters an der gleichen Stelle gegen Mr. Nun schreibt aber Mr selbst idov 9mal, mo008A9ov 6mal; also kann ein Zusammen- treffen des Mt und Le in solehen Lieblingsworten des Mr nichts be- weisen. | Die Abneigung gegen die beständigen «at teilt Mt mit Le, und sucht sie wie Le durch de oder durch Participia oder gen. abs. oder durch Kürzung zu beseitigen. Dals in dieser sprachlichen . Bearbeitung beide unabhängig von einander da und dort zusam- mentreffen, ist nur zu erwarten. Und doch finden sich nur ganz seltene Beispiele dafür, wie das zoo0(ovv)saAsoduevog zu Mr 6,7, das Avoavreg zu Mr 11,2. In der Regel gehen sie wie durch lau- nischen Zufall auseinander. Als Beispiele mögen dienen: 2. Lucas und Matthaeus. 53 Der Seesturm von Mr 4,37 an . Mr Mt | | Le 37 Kal yiverat... za 00V .... . ‚aAEovrwv.dE Kal TE KOURTE DOTE za nareßn BOTE | | xul HVVvEerAng0ÖVTO B8 Ken... avrog dE.. xl Eysigovoıv xl n0008AP0VTEeg MO00EAdVTES dE zul AEyovoıv ‚AEYOVTES AEYovTEg 39 Kal bLeyeodeig.., Hal Acpeı 6 JE dıeysodeig Kal EInEV Tore EysoWeig Kal ERRÜCEVTO Hal EXRONKOEV Kal EYEvEero Kal EyEvero Hal EyEvero eintev DE, 40. Kal Eimev 41 xl Epoßidnoav oi dE ÄvdomzoL poßndevreg dE au Eheyov . AEYOVTES ‚ AEYovTEsgS | Tochter des Jairus und blutflüssiges Weib: Hier schreibt Le 12mal de, Mt blofs 2mal, und zwar mit Mr zusammen... Beide ha- ben gekürzt und zusammengezogen, aber keine Kürzung ist die- selbe. Sie gehen ganz aneinander vorbei. Mt wie Le pflegen bisweilen das Subjekt zu unbestimmten Verba des Mr zu ergänzen. Scheinbar treffen. sie zusammen in oi doyısgeis zu Mr 12,12; doch nur scheinbar, denn Mt nennt an 2. Stelle die Pharisäer (21,45), Le an 1. Stelle die Schriftgelehrten (20, 19). Le hat sein Subjekt gewonnen durch Zurückgehen auf Mr 11,27; Mt gewinnt das seine, indem er vorwärts blickt auf Mr12,13. Beim ersten Sabbatspruch (Mr 2, 23—28) hat Mt 6 ’In- 6oÖg ergänzt zu v 23, Le zu v 25, bei der Tochter des Jairus (Mr 5, 21—43) Mt 6 ’Imooög zu v 24 und 38, Le zu v 32. Besonders deut- lich ist die Ursprünglichkeit des Mr, wie die Unabhängigkeit des Le von Mt bei Mr 2,16 und 2,24. Mr schreibt ohne Nennung des Subjekts: Eodrsı xal wiveı und ti xoıoVoıv, Mt ergänzt das Sub- jekt: 6 dıddonaAog bußv und ol uedyrei oov, Le ändert beidemal in die 2. pers. plur.: Eo®lsre xat nivers und re zoreite, wodurch das Subjekt deutlich wird. Also wird die Abhängigkeit des einen Evangelisten vom andern in den Mrgeschichten durch genaue Betrachtung der ge- meinsamen Züge ausgeschlossen. Für Le insbesondere ist fest- zustellen 1) Er hat keinen einzigen wichtigen, für Mt charakteristi- schen Zug ihm entlehnt. 54 I. Das Lucasevangelium. 2) Wo er mit ihm in unwichtigen Dingen zusammentrifft, ist er schon darum selbständig, weil eine sklavische Ab- hängigkeit in Kleinigkeiten durch das Ergebnis der Ver- gleichung Le-Mr ausgeschlossen ist. Dieser letzte Punkt ist für sich allein geeignet, die ganze Be- nutzungshypothese scheitern zu lassen. Die ungeheure sprachliche Freiheit dem Mr gegenüber läfst sich mit solch peinlicher (Gre- bundenheit an Mt gar nicht zusammendenken. Wer auf die Über- einstimmung mit Mt in Minutien Gewicht legt, der hat sich das freie Verhältnis des Le zu seinen Quellen noch nie klar gemacht. So ist denn auch diese zweite Hypothese auf Grund eines ganz ungenügenden Studiums der Eigenart des Le aufgestellt worden, und mit der Meinung, dals aus O+0--0 +0 etc. eine 1 zu ad- dieren sel. Die 3. und 4. Hypothese treffen darin zusammen, dafs sie den gemeinsamen Abweichungen des Mt und Le von Mr kein so grolses Gewicht beilegen. Zu ihrer Erklärung genüge entweder die An- nahme eines freien fliefsenden Mrtextes oder des frei reflektieren- den Verhältnisses beider Evangelisten zu Mr. Dabei erwächst uns hier der Vorteil, dafs diese letzten Hypothesen sich keineswegs ausschliefsen, sondern ergänzen, dals die eine das erklären kann, was sich der andern entzieht. 3) Abhängigkeit des Mt und Le von einem ältern Mrtext. Diese Hypothese, die behauptet, wo Mt und Le gegen Mr zusammentreffen, weisen sie den ursprünglichen Mrtext auf, hat eine mächtige Stütze an der durch die Gruppe D, syr“"* syr“" repräsentierten alten Textgestalt des Mr, die nachweislich bis ins 2. Jahrhundert zurückreicht. Allerdings scheint dieser „oceiden- talische“ Text seine Entstehung einer uralten Redaktion zu ver- danken, die darauf ausgieng, die Differenzen der synoptischen Texte möglichst auszugleichen. Dabei ist es jedoch nicht unwahr- scheinlich, dafs in dieser Redaktion vielfach gerade der ursprüng- liche Mrtext sich erhielt. FolgendeB Eh. scheinen mir wenigatens derBeachtung wert: Mr1,7f.: xai Euer KÖToLlS’ EyO UEV vuüg Ber Ev vöert, Eoyerai 8 drin wov Ö loyvgörepög U0V, 00 00% eiul inavog Ad- 001 ToV ludvre TOV brodnudtav abrod xal abrog buäg Bartiger Ev avsduarı aylo (Daff?). Dieser Text trifft in der Reihenfolge der Glieder mit Mt, Le zusammen, ebenso in der Auslassung des #Uıbes. Konformation ist hier wahrscheinlich. 2. Lucas und Matthaeus. 55 Mr 2, 19 fehlt das Sätzchen 060v g06v0v — vnoteveuv bei D it syr°%, Es kann ausgefallen sein wegen des hom. tel., kann aber auch ursprünglich gefehlt haben. Mr 2,26 fehlt &mi "Aßıddao doyısoewg bei Dit. Die Auslas- sung kann erklärt werden als Korrektur der unrichtigen Notiz, ‘obschon die Abschreiber des Mr auch nicht ans Verbessern dachten. Vielleicht ist es doch ein Zusatz. / Mr 2,27: A8yo d& vuiv' KÖoLdg Eotıv 6 vVIOg TOd AVIERTXOV #«l Tod oaßßerov (D it). Ganz so, nur mit xal EAsyev abroig Le 6,5, ohne Einleitung Mt 12,8. Hier liefse sieh sagen, dafs die Rücksicht auf die Parallelen schwerlich die Auslassung veranlafst habe; der Schlufs von David auf den Menschensohn scheint viel- an ursprünglich. Mr 4, 10 statt oi wsol abroVv Obv Toig Öwdsxe: ol urdmtel ab- tod (D it syr“" Or 13. 69. 124. 346) wie Mt, Le. Konformation ist hier möglich. Mr 4, 11 yvovaı To wvorigLov (D it syrh) vr wie Mt, Le. Doch kann dies yvöv«ı seinen Ursprung in Mr 4, 13 haben. Mr 4,15 70 Eon«ouevov Ev ralg oil aurov (D it syr°"). Daraus lielsen sich das &v r7) zagdi« adrod bei Mt und do rg #co0dieg wur@v bei Le herleiten. Mr 4, 19 fehlt x«i ei wegl Te Aoına Eridvulau a D wie in Mt, Le. Es könnte Zusatz sein. Mr 5,15 fehlt 70V &oynaöra tov Asyıöva in D it syr. Viel- leicht ist es wirklich Glosse. Mr 9,35 fehlt xat Agypsı .... dıdxovos in Dk wie in Mt, Le an dieser Stelle. Doch wird Ursache dieser Auslassung das mangelnde Verständnis für den ursprünglichen en sein, das bei Mt, Le zur Versetzung führte. Mr 10, 24f. in Umstellung und andrer Textform: post eio- EAEVOOVTAL V 23 TEYELoVv KEumAog dd TovVuaAldog Hapidog ÖLekEv- osreı N nAodoiog eig mv Paoıleiav Tod E00‘ oL dt uadmtel «urod Edaußodvro Ei roig Adyoıg @brod' 6 de Imooög dA ano- #oıdheis Acysı abroig' TEXVa, ng OVoXoAdV EOTIV TOVg MEXOL- »orag Ei rolg yorjuaoıv eis nv Paoıkeiav Tod Veod elosAdelv (Dabff?). In Mt-Le fehlt v 24; in D! steht er hinter v 25. Ist das noch ein Zeichen, dafs er ursprünglich Doublette ist? Von da aus liefse sich sein Fehlen, wie seine verschiedene Stellung er- klären. 56 I. Das Lueäsevangelium. Mr 10,29. Gewöhnlicher Text ’ ‚ > a ’ m 0ÖÖELS EOTIV 05 KpiXEVv BER je) er N \ 9 oixiev 1 KÖEAPOVS N 9 \ A >! \ AÖEADAS N unrteoe N arega 7) TERve N) dyooVg EvEREV EUOD Kal EVEREV TOD EbaYYEAlov Zu \ /4 Ev un Adpn EXaTovra- ARolove yÜP Ev TO XaLEB TOVTO oixiag wa AbEA- podg nal KÖEApag xl uNTEoag Kal TERVE #al Eygodg uere ÖL- HYuDv Kal Ev To alovı Text von D it obÖEls EoTiv Ög ApTnsv AÖEAYoVg N aÖEApüs N unteoe TERVE N AYOOOg er 9 A) EVEREV EUOO N EVER TOd EbayyEiiov ea ar \ 7 e Ög &v un Acpn Erdtovre- AnRslova Ev TO KALOO TodTw' ög DE ApTjxev 1 N \ \ olxlav nal ÜOEADUS Kal p) \ \ [4 \ AÖEAPOVS xl UNTEER Xal TERVE Kal LYOOVS WETE dıoayuav Ev to alovı 4 To Eoyousvo Fonv alo- to Eoyousvo Gonv, «lovıov vıov. Inuderau Vgl. dazu Mt 19,29. Le. 18,29£. Der oceidentalische Mrtext ist fast noch schlimmer als der gewöhnliche. Allein er führt zur Vermutung, ob nieht zwei Dou- bletten verschmolzen und dadurch die unerträgliche Breite des gewöhnlichen Textes entstanden sei. Die Parallelen in Mt, Le scheinen fast eine viel einfachere Textgestalt vorauszusetzen. Aber allerdings ist der Entscheid gerade hier besonders schwierig. Mög- lich und verständlich ist unser Mrtext schliefslich doch. Ein ganz sicherer Entscheid ist kaum in einem einzigen der genannten Fälle möglich, da immer auch Gründe für die Ursprüng- lichkeit des von Mt, Le abweichenden Mrtextes sich nennen lassen. Blofs das lehrt uns die Textgeschichte sicher, dafs am Mrtext ge- arbeitet wurde, dafs er nicht ein für allemal fertig war. Und dar- auf kommt es für diese Hypothese an. Auch bei Stellen, wo die Textkritik uns im Stich läfst, darf bisweilen die Ursprünglichkeit des Mrtextes auf Seite von Mt, Le vermutet werden. | Mr 1,20 könnte das usre tov uoY9wr&v Zusatz sein, und zwar abschwächender Zusatz; das Verlassen des Vaters erscheint weniger hart, wenn er von Tagelöhnern unterstützt wird. 1,29 sehen die Namen x«l ’Avdo&ov uerd ’Iexwnßov zei Indvvov wie ein Zusatz aus, der erst nachträglich auf Grund von 1,16.19 ge- macht wurde. Mr 2,9 scheint mir das &ysıoe xal meoındreı, das 2. Lüucas.und Matthaeus. 57 Mt, Le bieten, ursprünglich; der jetzige Mrtext: &ysıos xal &pov tov #ocPßerov 60V, zal üneye ist wohl entstanden durch Vor- wegnahme aus v 11. Dort, in der Ausführung ist es am Platz, nicht aber in der Frage v 9. Zweifel dürfen wohl erhoben werden bei Mr 2, ı5f., ob nicht Mt, Le den ältern Text bewahren; zur Sicherheit kommt man hier schwer. Sicher Glosse scheint mir Mr 2,21 10 xaıvov Tod waAcıod; sie stand wohl über rd zArowu« ax abrod geschrieben. Mr 5, 9 hat keine rechte Bedeutung im Zusammenhang, könnte daher Glosse, freilich ebendeshalb auch von Mt, Le ausgelassen sein. Mr 3, 14f. iva @oım — dauuövıe ist besonders verdächtig, da das &zoinosv Tobg Öudex« v 16 blofs 14% wieder aufnimmt. Anderseits scheint «&x6oroAoı bei Mt, Le auf arooteAAn zurückzuweisen. Sodann fehlt bei D das zweite &xoiy- 08V Tobg dwdex«. Und ein Zweck der Erwählung sollte doch vom ersten Erzähler genannt werden. Mr 4,36 xal &AAa Ö8 zAoi« Nav wer’ @drod scheint von Mt, Le noch nicht gelesen. Was die Worte in der Erzählung sollen, ist nicht klar. Aber wegen des &vdowxoı Mt 8, 27 ist ein sicherer Eintscheid erschwert. Mr 5,27 möchte man gern Tod xo«onEdov vor Tod iucrtiov einsetzen. nach Mt, Le. Der v 28 folgende Plural 76V iueriov scheint dazu Recht zu ge- ben. Aber es kann das xedonedov auch stammen aus Mr 6, 56 und von Mr und Le unabhängig hier zugesetzt sein. Mr 6,3 kommt die Möglichkeit in Frage, dals 6 rextwv, 6 viög Meaoiag spätere dogmatische Korrektur sei gegenüber 6 roDd r&xrovog vidg Mr, Le. Allein eine solche Korrektur hätte doch viel eher in Mt, Le ge- macht werden müssen. Es wird also ursprünglich sein. Mr 9, 19 könnte das x«t dıesroc«uuevn, das Mt, Le zu yeved &ıorog hinzu- fügen, ursprünglich sein trotz seines Ursprungs aus LXX (Dt 32,5). Mr 11,1 wird Bn®gpeyrj bei Mt, Le auf eine andere Lesart zurückgehen. In Le 19, 29 sind wohl zwei Lesarten kombiniert. Mr 11,17 wird z&oıv rois Edvsoıv, das Mt, Le nicht lesen, wohl auf Erweiterung nach LXX beruhen. Für die Auslassung der Seitenreferenten ist kein Anlals da. Ganz sicher sekundär erscheint mir das 2malige Krähen des Hahns bei Petri Verleugnung Mr 14, 30. 68. 72. Es kann sogar durch Versehen entstanden sein, wenn das Wort vielleicht ursprünglich lautete: zoiv 7 dAextoo« povijocı, Ölg rolg uE araovnjon. Aus all dem geht hervor, dals.wir uns hier im Gebiet der Vermutungen bewegen, und ein sicherer Entscheid ganz selten möglich ist. Das ist das Mifsliche der Urmarcushypothese in je- 58 | I. Das Lucasevangelium. der Form, dals sie es über das Vermuten nie hinausbringt. Ihr Recht erhält sie immer durch die einfache Überlegung, wie un- glaublich es ist, dals wir den Mrtext heute noch so lesen, wie ihn Mt und Le, seine ersten Bearbeiter, gelesen haben. Dals beständig an ihm gearbeitet wurde, das zeigen ja erstlich Mt und Le selbst, und sodann der Blick in die Varianten der Handschriften. Daher ist hier an beidem festzuhalten, an der Möglichkeit, dafs der älteste Mrtext häufig bei Mt, Le erhalten ist, aber auch an der Unmösglich- keit, ihn im einzelnen Fall sicher wiederherzustellen. Für die synoptische Vergleichung ergibt sich hieraus der Kanon: Wo unser Mr Mt und Le gegenüber sicher einen sekun- dären Text aufweist, darf auf Überarbeitung des Mrtextes ge- schlossen werden. | 4) Bearbeitung unseres Mrtextes durch Mt und Le unabhängig von einander. Blofs, wenn die beiden späteren Evangelisten bei ihrer Wiedergabe der Mrgeschichten nichts ge- dacht hätten, hätte ihr Zusammentreffen in vielen Zusätzen und Auslassungen etwas Befremdendes. Aus der Vergleichung des Le- textes mit Mr hat sich ergeben, dafs Le mit beständiger Reflexion seine Vorlage begleitet hat. Ganz dasselbe wird sich von Mt her- ausstellen. Was Wunder, wenn nun diese Reflexion oft genug sich zusammenfand. Beispiele dafür sind oben schon gegeben worden (p.ö1f.): Die Erwähnung Nazarets am Anfang, der Tetrarch Herodes, die Kürzung des Epileptischen, das Wort Jesu an Judas. Im allgemeinen läfst sich Folgendes feststellen: Die zahlreichen Auslassungen von Detailzügen der Mrschil- derung erklären sich am leichtesten ohne gegenseitige Benutzung. Hierin zeigt sich einfach der Unterschied des Erzählers aus erster Hand von seinen schriftlichen Nachfolgern. Den späteren sind eine ganze Fülle von kleinen Bemerkungen wertlos und unbedeu- tend, an denen der erste Erzähler mit gröfster Liebe hing. ‚So eine Anzahl Namen: Für Alphaeus, den Vater des Levi, für die fremdartigen „Boanerges“, für den Bartimaeus, für Simon von Ky- rene als Vater des Alexander und Rufus, aber auch für die Hero- dianer, und vollends für den ungenannten Jüngling, der nackt ent- floh, war bei der zweiten und dritten Generation kein Interesse mehr vorhanden. Aber auch an der naiven Schönheit und Frische kleiner Momentschilderungen geht der Sinn der Späteren, blofs auf das Wichtige, Lehrhafte bedacht, vorbei. Wie Jesus Mitleid hat 2, Lucas und Matthaeus. 59 mit dem Aussätzigen, und hernach den doch rituell noch Unreinen mit heftiger Bewegung von sich stölst, wie der Gichtbrüchige von 4 Männern herbeigetragen wird, wie die Jünger sich einen Weg bahnen durchs Ahrenfeld, wie Jesus gegen die Pharisäer sich um- schaut voll Zorn und doch zugleich betrübt über ihre Verstockung; "dann die Zahlangaben: gegen 2000 Schweine, und ob die Jünger um 200 Denar Brot kaufen sollen fürs Volk; der drastische Vergleich; kein Walker auf der Erde kann so weils färben wie die Kleider des Verklärten waren; wie Jesus das Kind in seine Arme nimmt, wie er den Reichen ansieht mit einem Blick voll Liebe, wie Jesus nach Jerusalem voranschreitet, er allein, und die ihm Nachfolgen- den sich fürchten, wie,der Blinde, als man ihn zu Jesus ruft, sei- nen Mantel wegwirft, springt und zu ihm kommt; vom Esel, der angebunden war an die Thür aufsen gegen die Gasse; wie Pilatus ‚sich erst wundert, dafs Jesus schon gestorben ist und erst auf Erkundigung beim Hauptmann hin den Leichnam schenkt; das angstvolle Gespräch der Frauen auf dem Weg, alle diese anschau- lichen farbigen Notizen, die den ersten frischen Erzähler kennt- lich machen, sagen den späteren nichts mehr und werden daher übergangen. An dem Zusammentreffen des Mt mit Le in der Aus- lassung zeigt sich gerade, wie nicht blofse Willkür des einen, son- dern allgemeine gesetzmälsige Gründe die Verkürzung bestimm- ten. Auf direkter Korrektur von Irrtümern kann beruhen die Auslassung des Maleachispruchs im Jesajacıtat Mr 1,2, des „unter dem Hohenpriester Abjathar“ 2,26 und des Philippus 6, 17. Solche Korrektur lag jedem der beiden Evangelisten so nahe wie dem andern. Von den übrigen gemeinsamen sachlichen Veränderungen er- klärt sich mindestens ein grofser Teil aus Gründen gleichartiger Reflexion des Mt und Le. Die ganze Umgegend des Jordan Le 3, 3, Mt 3,5 hat zuerst etwas Auffälliges; da aber Le den Johannes in die ganze Umgegend des Jordan mit seiner Predigt kommen, Mt dagegen die ganze Umgegend des Jordan zu Johannes kommen läfst, wird doch ein Zufall das Zusammentreffen veranlalst haben. Wenn beide das Sichöffnen des Himmels objektiv berichten, nicht mehr als Gesicht des Täufers, so folgen sie einfach der natürlichen Vergröberung der Sage. Dafs Mt und Le ausdrücklich erzählen, wie der geheilte Paralytische in sein Haus gieng, ergab sich für beide aus Mr 2, ı1. Am Schlufs der Fastenfrage ist das Sätzchen: sondern neuen Wein in neue Schläuche, freilich zugesetzt, da es 60 I. Das Lucasevangelium. über den Zweck des Gleichnisses hinausgeht; der Zusatz war aber so naheliegend, dals jedermann ihn machen konnte. Beim ersten Sabbatspruch hat Mr das Essen der Jünger gar nicht erwähnt, da den Pharisäern schon das Ährenraufen als verbotene Arbeit‘ galt; wie natürlich aber, dafs Mt und Le das Essen als die eigent- liche Sünde hinzufügten, zumal die folgende Erzählung von David das Essen des Verbotenen hervorhob! Die Stellung des Andreas an zweiter Stelle, nach Petrus, ergab sich für Mt und Le, sobald sie den Katalog nach der Reihenfolge der Berufung ordneten; Mr hat hier die drei Lieblingsjünger zusammengestellt, da Jesus ihnen allein neue Namen gab. Den Eindruck der Macht Jesu in der Stillung des Seesturms hat Mr als Furcht geschildert; Le und Mt. denken sich lieber das Staunen als Folge, wobei aber Le die Furcht doch behält. In der Anweisung Jesu an die Jünger tritt bei Mt, Le im Verbot auch des Stabes die pedantische Sitte der spätern Zeit hervor. Die Verwandlung des „nach drei Tagen auferstehn“ in „am dritten Tag“ vollzogen beide auf Grund der Tradition „am dritten Tag auferstanden“. Beim Rangstreit haben beide Mr nicht mehr verstanden und in dem Zug mit dem Kind eine direkte Ant- wort Jesu: „wer der Grölste sei“ gesehn; im Übrigen helfen sie sich gerade hier auf ganz verschiedene Weise. Wenn’ im Wein- berggleichnis Mt und Le gegen Mr das Töten erst hinter das „Hinauswerfen aus dem Weinberg“ stellen, so zeigen beide, wie wörtlich man zu ihrer Zeit die Allegorie gedeutet und darnach ver- bessert hat. Zu denken gibt der versuchende Schriftgelehrte bei Mt 22, 35 und Le 10, 25. Soll nicht hier Le doch dem Mt folgen? Liest man aber Le 10, 25—37 durch, besonders v 29, so hat doch auch bei Le der Zug seinen Grund; er ist nicht wie bei Mr ein ehrlicher Frager. Die so verschieden lautenden Worte Jesu an Judas in G@ethsemane lehren uns, dafs die gemeinde einen Ausruf Jesu in diesem Augenblick eben vermifst hat. Von dem „Weis- sage“ Mr 14, 65 bis zum „Weissage, wer hat dich geschlagen ?* war der Schritt für keinen Evangelisten weiter als für den an- dern; die Frage: was sollte Jesus weissagen ? drängte sich mit der Antwort jedem auf. Ebenso von dem: „er bedachte es und weinte“ Mr 14,72 bis zum „er ging hinaus und weinte bitterlich“ war kein langer Weg; dieser Zug wird sich in der Erzählung früh ausgebildet haben. Wenn endlich beide die „Neuheit“ des Grabes Jesu betonen, so sind sie darin gemeinsam dem Zug der Legende gefolgt. Zu dem drayyeiicı des leeren Grabes vgl. oben p. 36. 3. Lucas und Matthaeüs. 61 Nicht anders steht es mit den gemeinsamen sprachlichen Ver- änderungen des Mt und Le. Belege für ihre gegenseitige Unab- hängigkeit dabei sind schon oben p. 52f. gegeben. Einige weitere seien hier angeführt. Dahin gehört die gemeinsame Verdrängung des centurio beim Kreuz durch ERUToVTRQROS, ebenso des oaßßovv/ beim Blinden bei Jericho durch x4eıe. Überhaupt zeigt die Liste der Vokabelu, dafs eine Anzahl Ausdrücke des Mr, z. B. evsıkeiv, BTÄHLOV, on oylLeoHeı, EOyarov A. als ei lich oder als unpassend für die heilige Geschichte empfunden wur- den. Zur Vermeidung des störenden doppelten dAA& Mr 14, 36 haben beide zu zArjv — dAAd gegriffen, das gleichfalls unschöne 0VXETL 00 un) io durch od un nio da’ korı (dad Tod vöv) ersetzt. Aus ähnlichem sprachlichem Anstofs und anderer Gewöhnung er- klären sich alle gemeinsamen grammatischen Veränderungen. W o- bei denn zugleich in der Regel eine Reflexion auf den Inhalt irgend- wie mitgespielt hat. | Alles läfst sich nicht erklären. Vieles bleibt einfach Zufall. Aber sicher ist, dafs das dem Mt und Le über Mr hinaus gemein- same Gut nicht durch eine gemeinsame verlorene Quelle und eben- sowenig durch Benutzung des einen durch den andern zu erklären ist, sondern durch den frei fliefsenden Mrtext und das frei reflektierende Verhältnis beider Evangelisten zu ihm. Auf ersteres macht uns die Textgeschichte aufmerksam; letzteres ergibt sich aus dem Vergleich des Le mit Mr. Jede andere Hypo- these ist darum falsch, weil sie überflüssig ist. Somit ist auf Grund der Vergleichung des Textes der Mrgeschichten bei Mt und Le die ee des Le von Mtein sicheres Ergebnis. 2. Der Text der Reden bei Matthaeus und Lucas. Hat sich uns aus A und B die Vermutung aufgedrängt, dals Mt und Le die ihnen über Mr hinaus gemeinsamen Reden aus einer gemeinsamen Spruchsammlung geschöpft haben, so muls sich — falls richtig vermutet wurde — bei der Untersuchung des Textes dieser Reden Folgendes ergeben: a) Eine starke Übereinstimmung im Text bis auf den Wor tlaut, b) zugleich grofse Verschiedenheit, derart, dafs bald Mt, Dad Le den Text der Quelle bearbeitet hahen. Daraufhin sind die einzelnen Redestücke zu untersuchen. Rede des Täufers: Die Übereinstimmung ist durchgehend. As 62 I. Das Lucasevangelium. Le hat aus der Rede mehr Geschichte gemacht, Fragen und Antworten eingelegt, Bulspredigt und Messiaspredigt ausein- andergehalten, sprachlich geändert (xa&oxoVÖg v 8 im Gedanken an die Bufswerke, den inf. v 17). Mt hat eigene Adresse vor- gesetzt (Pharisäer und Sadducäer!) und für &o&no®e eine beider griechische Variante gegeben. Versuchung Jesu: Überwiegende Übereinstimmung. Le stellt die dritte vor die zweite Mersuehire ihm erscheint diejenige am schwersten, bei welcher der Teufel selbst das „Es steht geschrieben“ braucht. Die Macht des Teufels begründet er: sie ist ihm — von Gott — übergeben. Statt des hohen Berges setzt er die noch höhere Entrückung in die Luft ein, freilich „im Augenblick“. Auf sprachliche Änderung weist auch das aoröv v6, das von Paoıkeiag v5 getrennt ist. Die Citate haben beide nach LXX ergänzt, Le das aus Ps 91, Mt das aus Dt 8. Ebenso hat Mt nur sprachlich geändert: das resodtov aus v 1, während er nachher dı«ßoAog schreibt, das rote, das 7000849@v. Unsicher ist die Ursprünglichkeit von &yie woAıg (vgl. Mt 27, 53 Sondergut) und ür«ye oarav& (vgl. Mr 8, 33). Den Evangelisten gehören Einleitung und Schluls. Gerechtigkeitsrede: Wörtliche Übereinstimmung im gemein- samen Gut ziemlich selten, vgl. aber M£f 1,3—5. Le 6, 41—42. Vor allem hat Le getilet die judaistische Hauptstelle (Mt 5, 17—20) — eine dürftige Reminiscenz davon 16, 17 an wenig sichtbarer Stelle —, und die Antithesen (Mt 5, 21ff.). Er hat damit der Rede die Beziehung auf das Gesetz genommen. Die Makarismen hat er wahrscheinlich vergröbert (vüv), die Weherufe von sich aus ergänzt; dies folgt aus ihrer sklavi- schen Umkehrung der Makarismen, z. B. 6, 26 zu 6, 22f., und daraus, dafs sie aus der Jüngerrede herausfallen, weshalb nachher mit d&AA& dulv Aeyo Toig dxovovoıv die Kückkehr . zum wirklichen Publikum stattfindet. Im vierten Makarıismus deutet der vom Judentum schroff getrennte Autor auf Bann und Verfluchung durch die Synagoge hin. Den Menschensohn v22 wird wohl Le eingesetzt haben für &uod, ebenso den sing oboavog (v 23) für den plur. Die Komposition des folgenden Stücks hat Le zerstört, wie aus der Wiederholung 27 = 35 deutlich wird. Er erhebt die Feindesliebe zum Thema; daraus ergibt sich für die Sprüche von Duldung und Schenken, dafs sie sich auf Feinde beziehen. An Stelle des Worts vom 2. Lucas und Matthaeus. 63 Grülsen setzt er das Paar vom Gutesthun und Borgen, ent- sprechend seiner sozialen Tendenz. Die Zöllner und Heiden verdrängt der Universalist durch die „Sünder“. v 35 gehört in der Form ganz dem Le an; er setzt sich zusammen aus Worten in v 27. 32. 33; dann kommt wieder der grofse Lohn aus v 23, endlich ein Mt 5, 45 gegenüber dürftiger Schlufs. Ganz umgebildet hat Le v 37 f. infolge eines Mifsverständ- nisses: er bezog das Messen statt auf das Urteil über andere auf das Zumessen desHändlers an seine Kunden, also —= geben, spenden, und verliefs zunächst den Gedanken an das Richten ganz; Folge davon ist einerseits der Einsatz in v 37 f., die Überleitung vom Richten zum Schenken, anderseits der Da satz v 39 £., die Überleitung zum Ben zurück; letztere ist freilich Deren schlecht ee Der Spruch vom Splitter- richten ist blofs sprachlich leicht geändert (abrög... od BAE- zov v 42). Stark dagegen sind die Schlulsgleichnisse umge- formt, sowohl durch manche Zuthaten (6 goyöusvog zoodg us, Dioden Öuiv ff.), als durch Änderung des Vergleichs. Nicht auf den Ort, der für den Bau gewählt wird (Fels oder Sand), sondern Auf die Art des Baues, speziell die Fundamentierung, legt Le allen Nachdruck, da er für andere Leser als Palästi- nenser schreibt. Nicht sicher erscheint mir, ob v 36 und 46 in der Form dem Le oder der Quelle gehören. Aus diesen sicheren Merkmalen der Bearbeitung der Rede durch Le sofort auf seine Abhängigkeit von Mt zu schlielsen, ist nicht nur übereilt, sondern durch ähnliche Beobachtungen am Text des Mt verboten. Schon die Komposition der Rede bei Mt ist keine ursprüngliche. Zugesetzt sind der Rede der Quelle die grolsen Stücke 6, 19—34 und 7, 7—11, wahrschein- lich auch 6, 1—18. Eine ursprüngliche Komposition hätte die Sprüche vom Gebet nicht so auseinandergerissen, wie Mt mit 6, 5—15 und 7, 7—11. Die Sprüche von Schätzen und Sorgen haben nach vorwärts und rückwärts keine Verbindung, eben- sowenig die Ermutigung zum Bittgebet. Entscheidend ist aber hier der Blick auf die viel einfachere geschlossenere Komposition des Le. An das Gebot der Feindesliebe schliefst sich das Verbot des Richtens naturgemäls an, hierauf an das Verbot des Splitterrichtens das wahre Kriterium der Fröm- migkeit. Das sind ursprüngliche Zusammenhänge, die nicht die Kunst des Le gefunden, sondern der Wunsch des Mt, das 64 I. Das Lucasevangelium. Gesamtgesetz für das Leben hier zu geben, gesprengt hat. Damit stimmt die Thatsache, dafs Mt nicht blofs echtes, altes Gut, mit der urspfünglichen Rede verschmolz, sondern auch sehr spät gebildete Sprüche, wie die Warnungen vor falschen Propheten 7, 15. 22 f,, in denen Erfahrungen der Gemeinde um die Wende des ersten Jahrhunderts zu uns reden; auf diese Propheten hat Mt die Worte vom Kriterium der Fröm- migkeit gemünzt (adrodg 7,16) und damit seiner ganzen Rede eine scharfe Spitze gegen die Schwindler und Irrlehrer seiner Zeit gegeben. Dem Le hätten gemäls Akt 20,29 ff. diese Sprüche wohl gepalst; sein Stillschweigen ist Beweis, dals er sie nicht kannte. Dasselbe RN sich aus kleineren Einzel- beobachtungen. Wie grofs der Anteil des Mt an 7 ahl und Sprache der Ma- karismen ist, läfst sich nicht mehr genau entscheiden. Sollte das el bezeugte Yevddusvo: 5 11 ursprünglich sein, so wäre es die erste Spur der spätern schlimmen Gerüchte über die Christen. Sicher sekundär ist der Text der zwei Eingangs- gleichnisse gegenüber den Leparallelen, in denen die Deu- tung noch nicht eingetragen ist. In das Verbot der Eheschei- dung 6, 32 hat Mt die Ausnahme zagsxtog Aoyov mogvVeiag eingefügt, die Le und Mr nicht kannten. Seine Zuthat wird auch die „rechte“ Wange sein v 39. Der Zusatz bei der Norm der Nächstenliebe: das ist Gesetz und Propheten 7, 12 stammt von dem Autor, der Mr.12, 30 f. ergänzt hat mit dem ähn- lichen Wort. Stark eingegriffen hat Mt in 7, 16—20: die Doublette 7, 16° und 20, die Position v 17 zur Negation v 18, das &ya®6v und movnoov statt xa«Aov und oaxoov v 18, das aus der Rede des Täufers stammende Wort v 19 verrät die Hand des Evangelisten. In dem Schlufsgleichnis wird das pooviu@ und uwe® ihm zuzuschreiben sein. Unsicher bin ich in bezug auf die Form von 5, 48 und 7, 21. So ergibt sich, dafs Le die Rede der Quelle ebenso sicher verkürzt, wie Mt sie erweitert hat, und dafs der bessere Text abwechselnd auf beide verteilt ist. Der Hauptmann von Kapernaum: Hier ist der ursprüngliche Text durchgehend auf Seite des Mt. Le hat den zeig der Quelle durch dovAog ersetzt, freilich nicht konsequent (7, 7). Sein Leiden schildert er als todesgefährlich v2, um von dieser Todesnähe zum Tod des Jünglings in Nain und von da zum 2. Lucas und Matthaeus. 65 Spruch Jesu: Tote stehen auf, vorwärts zu schreiten. Den heidnischen Hauptmann läfst er nicht mit Jesus direkt ver- kehren, obschon er seine Worte 7,6—8 in 1. Person wieder- gibt. een bitten die Ältesten ib: Juden für ihn und dann die Freunde. Über den Grund der Änderung s. unten p. 86. Das taoo6uevog v 8 ist Erleichterung des eiu! dar £Eovolav. Die Schlufsworte Jesu, um deretwillen die Geschichte in der Spruchsammlung stand, hat Lc versetzt (13, 28 f.), da sie ihm hier verfrüht schienen. Ihren Text hat er dort durchaus se- kundär wiedergegeben (Umstellung, dudg statt oi vioL ig Peoıkeieg, alle Propheten, die vier Himmelsrichtungen). Das entscheidende heilende Wort Jesu hat er ausfallen lassen. Da anderseits die wörtliche Übereinstimmung mit Mt in v 6—9 so grols ist, so liefse sich auf Grund dieses Stücks die Ab- hängigkeit direkt von Mt behaupten. Natürlich spricht gegen die Annahme gemeinsamer Quelle, der Mt treu folgte, wäh- rend Le sie umgestaltete, keine der gemachten Beobachtungen. Johannesrede: Hier überwiegt das Gemeinsame im Wortlaut die Differenzen, vgl. Mt 11,4—6; Le. 7, 22f. u.s.w. Eingesetzt hat Le eis die aan: v 20 e: mit Ausführung der Täuferbotschaft und Motivierung der Antwort Jesu been passende Situation. Die ucAaxd& Mt 11,8 hat er für seine Leser verständlich gemacht: uaAexd iudrız, iuatıouog Ev- 00&og xal rovgpn (7,25). Die Gröfse des Johannes schränkt er etwas ein durch zoeo@nrns (7,28). Den grofsen Spruch Mt ı2f. hat er versetzt (16, 16) und bearbeitet, um ihm einen leichteren Sinn abzugewinnen. Am Schlufsgleichnis hat er nur sprachlich Kleinigkeiten geändert (ToVg dvdonxovg, dA- Ankoıg, ErAadoare, 6 Bartıorig, |&otov— oivov und zavrov ist Glosse]). Dagegen hat er ihm die Verse 29 f. vorgestellt mit dem Zweck, das Rätselwort v 35 den Lesern klar zu machen: sie sollen unter der Weisheit Gott, unter ihren Kin- dern Volk und Zöllner im Gegensatz zu den Pharisäern und unter &dıxeı@9n den Lobpreis Gottes durch das Eingehen auf seinen Willen, die Taufe, verstehen. Die Veränderungen des Mt sind kleiner aber wichtig genug. Er hat sich seine eigene Einleitung gebildet (11, 1), zweimal den „Täufer“ hinzuge- fügt (v 11. 12) und in 14 f. die Rede ergänzt mit Mrworten; in der Quelle war Johannes über die Propheten gestellt und der Bote aus Mal 3 in ihm gefunden; damit reimt sich die Wernle, Frage. 5 66 I. Das Lucasevangelium. Deutung auf Elias schlecht und überdies hinkt sie nach, da’ Jesus sein Urteil über Johannes schon v 11 abgeschlossen hat. Der schwierige Spruch 12 f. ist auch bei Mt nicht rein er- halten. Vielleicht läfst sich der Wortlaut der Quelle finden, wenn das erste Glied des Le 6 vöuog xal oil zoopiitaı wexot ’Iodvvov, mit dem ersten Glied des Mt ohne tod Bertıorod und Eog &orı zusammengesetzt wird. Den Sinn des zweiten Gliedes dürfte die Umschreibung des Le nicht stark verfehlt haben; das ganze Wort erklärt und ergänzt den im vorhergehenden Vers (Mt11, 11) ausgesprochenen Gedanken. Das &oyo» statt texvov 11, 19 stammt vielleicht gar nicht von Mt. Die ganze Rede darf als gutes Beispiel für die unabhängige Bearbeitung der Quelle durch Mt und Le gelten. Missionsrede: Übereinstimmung im Wortlaut und Differenzen halten sich die Wage. Das Stück von verschiedenen Nach- folgern bringt Le an rechter Stelle, vielleicht etwas erweitert und sprachlich leicht bearbeitet (@xeA®0övrı 9, 59). Den Ein- gang der Aussendungsrede bildet er neu (10, 1 die Siebzig), da die Aussendung der Zwölf von ihm schon erzählt ist. Aus- lassen muls er das judaistische Verbot der Heiden- und Sa- maritermission (Mt 10, 5). Der Wortlaut der Instruktion nach der Quelle läfst sich nicht bestimmen, da die Tradition be- ständig schwankte. Auf spätere @emeindeerfahrungen deutet das Verbot des Quartierwechsels 10, 7°; auch die zweimalige Erlaubnis, Verköstigung anzunehmen 10, 7. 8 kann nicht ursprünglich sein. Die lebhafte Wiedergabe von 10, 10 (ei- zarte ff, aArv ff.) zeigt die Hand des Le. Der Vers 10,3 hat, wie Mt zeigt, nicht am Anfang der Rede gestanden, wo er, hinter 2, absolut nicht palst. Er mag die Sprüche Mt 10,23—25 eingeleitet haben, die Le wegen ihres Ausblicks hlofs auf Israel überging. Das Schlulswort der Rede 10,16 scheint in der Form (&#ereiv) dem Le anzugehören. — Mt verrät durch das #tronsode (10,9) das nach rückwärts „erwerben“, nach vorwärts „mitnehmen“ heifsen soll, dafs er in vs und 9 zwei Quellen, Mr und Q verbindet. Die Nahrung hat er für den Lohn im Sprüchwort eingesetzt (10, 10). In der Betonung der Würdigkeit v 11 und 13 äulsert sich die durch Schaden klug gewordene spätere Gemeinde. Eigentliche Schwierig- keit macht erst die Frage nach Umfang und Schlufs der Kom- position. 2. Lucas und Matthaeus. 67 Auszugehen ist von dem Sichern, dafs Mt 10, 40—42 der Schlufs der Missionsrede ist, entsprechend Le 10, 16, von Mt stark erweitert, z. B. mit Mrworten (10,42 —= Mr 9,41). Diese Sehlufsworte sind nicht Fortsetzung der Rede 10, 26—39, die gar nicht für die Apostel, sondern für alle Christen gilt. Jene ganze Bekenntnisrede ist, wie Le 12 zeigt, ein von der Mis- sionsrede zunächst unabhängiges Stück. Zum Überflufs sind v 35 und 21 Doubletten, die auf Verbindung heterogener Quellen durch Mt hinweisen. Aber in dem übrig bleibenden Stück 10, 16—25 sind wieder 17—22 auszuscheiden wegen ihrer engen Verwandtschaft mit Mr 13. So bleibt als ur- sprünglicher Bestandteil 10, 16. 23—25. 40 f., ein Stück zwar mit durchlöchertem Zusammenhang, aber einheitlichem Thema. Fraglich dagegen bleibt die Stellung des Weherufs und Jubelrufs, den Mt an die Johannesrede, Le an die Missions- rede anschlols. Dafs sie zusammengehören, geht auch aus Le hervor, trotz seiner Einlage 10, ı7—20. Mt hat eine Ein- leitung dazu gebildet (11, 20) und im Schlufs den Vergleich mit Sodom hinzugefügt (11, 24), obschon ihn die Quelle an anderer Stelle 10,15 brachte. Dem Le gehört die schöne Ein- leitung des Jubelrufs 10, 21 an. An den Jubelruf schliefst Mt den Heilandsruf, Le die seligen Augenzeugen, den Mt mit vielleicht besserem Text in die Gleichnisrede eingeschaltet hatte (13,16 £.). Da für Le ein Grund zur Auslassung des Heilandsrufs nicht ersichtlich ist, wird er ıhn hier nicht ge- lesen haben und seine Komposition darf als ursprünglich gelten. Aber wohin gehört nun dies kleine Stück: Weherufe, Jubelruf, selige Augenzeugen? in die Johannesrede oder in die Missionsrede? Der Entscheid mufs für Le ausfallen, da das Thema: der Täufer, hier ganz aufgegeben ist, dagegen Mils- erfolge der Mission und inneres Glück der Missionare hier hervortreten. Weiter ergibt sich aus Le die Stellung zu- nächst vor dem Schlufs, also zwischen Mt 10, 16. 23—25 und 40 f. Mt hat das Stück an ce 11 angeschlossen wegen der Övvdusıg, deren Jesus dort sich rühmt (11, 5 £.). Gebetsrede: Das Hauptstück, Ermutigung zum Bittgebet hat Mt (7, 7—11) ohne Veränderung wiedergegeben. Le ändert stilistisch allerlei (tiva ÖE ... tov xerson, Ondoyovres, 6 zarno 6 £5 obo«vod), hat statt der zwei Glieder des Mt: Brot 68 I. Das Lucasevangelium. und Stein, Fisch und Schlange, im ursprünglichen Text Fisch und Schlange, Ei und Skorpion eingesetzt, und das „Gute“, das Gott den Bittenden schenkt, durch „den heiligen Geist“ deutlicher bestimmt (11, 13), are er sich als der Autor der Acta einführt.. Das bei Le vorangehende Stück vom zu- dringlichen Freund (11, 5—8) stammt, da Mt es nicht kennt, aus anderer Quelle. Dagegen geht ne Unservater wegen der grolsen wörtlichen Übereinstimmung (Eriodouog) trotz der Differenzen wohl auf die gemeinsame Quelle zurück, und da er in Mt 6 den Zusammenhang stört, wird es Le am rechten Ort gegeben haben. Die Einleitung 11, ı mag von Le stam- men, der gern solche Situationen oh ausdenkt. Aber wer hat nach Umfang und Wortlaut die ältere Form? Die Über- legung muls für Le entscheiden, da Verkürzung eines auf Jesus zurückgeführten, von der Akneinde stets gesprochenen _Gebetes vielschwerer denkbar ist,alsdie Erweiterungen,diesich teils als Erklärung des Vorhergehenden (dein Reich komme) teils als positive Ergänzung des Negativen (führe uns nicht in Versuchung) leicht ergaben. Die Anrede mag Le gekürzt haben, da er „unser Vater im Himmel“ durchgehends ver- meidet. Das schwere &xıovdoıov haben, wie es scheint, beide auf eigene Weise erklärt, Mt mit ojusoov, Le mit za” nue- oav. Für ÖpeiAnuere hat Le auaoricı eingesetzt trotz der Fortsetzung, die er wieder individualisiert hat (z«&vrı). Die Schlufsworte des Mt 6, 14 f. kehren wieder 18, 35, wo sie besser am Platz sind. Die Bitte „Es komme der heilige Geist zu uns und reinige uns“, statt „dein Reich komme“ palste zwar für Le, ist aber zu schlecht bezeugt. | Beelzebulrede: Sie bereitet der Vergleichung aulserordentliche Schwierigkeiten, dazu Mtund Lenoch Mr hinzutritt. Zunächst ist festzuhalten, dafs Mr 3, 23—30 kein Excerpt ist, sondern den Eindruck einer selbständigen, aus sich verständlichen Rede macht. Vergleicht man damit Le 11, 14—26, so zeigt sich Abhängigkeit von Mr höchstens v 15. 16 (vgl Mr S, 11). 17 und 18, während 21 f. gegenüber Mr 3,27 wie selbständige Parallele erscheint, und 19—20. 23—26, sowie der Eingang v 14 bei Mr keine Parallele hat. Die Abhängigkeit des Le von Mr tritt sicher also nur in der Formulierung der Anklage und der ersten Erwiderung Jesu zu Tage; selbst hier aber hat Le 17°, das z&ce und Zpmuodrau 17°, aüg oradmoereı 1) Baoıkela 2. Lucas und Matthaeus. 69 «brod 18 über Mr hinaus. Alle diese Erscheinungen erklären sich durch die Annahme, dafs Le einer anderen Quelle folgt, und nur gelegentlich Mr berücksichtigt. Ganz dasselbe läfst sich aus der Vergleichung des Mt mit Mr nicht folgern. Die Verwandtschaft erstreckt sich auf die Verse Mt 24—26. 29. 31, d. h. auf einen viel gröfseren Teil der Rede. Ohne Parallelen bei Mr sind 27 f. 30. 32—37, sowie die Einleitung 22 f. In v 25 f. hat Mt dieselben Worte wie Le gegen Mr voraus. Entscheidend für sein Verhältnis zu Mr ist 31 und 32. Das sind zwei Doubletten mit gleichem zweiten und verschiedenem ersten Glied. Die erste stammt aus Mr, die zweite folglich aus anderer Quelle. Aber Mt hat nicht wie Le die andere Quelle zu Grund gelest unter blofs gelegent- licher Berücksichtigung des Mr, sondern Mr und Q als gleich- wertig zusammengesetzt. Die Schwierigkeiten wachsen aber beim Versuch, die Rede der Quelle nach Umfang und Wortlaut zu rekonstruieren. Zunächst gehört ihr der Anlafs an Le 11,14 = Mt 9, 32, wozu 12,22 f. Doublette ist. Dann folgt die Anklage Mt 12, 24 — Le. 11, ı5, die Einleitung der Worte Jesu: er kannte ihre Gedanken und sprach, das Gleichnispaar mit seiner Schluls- folgerung Mt 25 f. Le. 17 f., dessen Text im Genauen sich uns wegen der Mrparallele entzieht. Endlich die zwei Verse Mt. 27 f. Le 19 £. im Wortlaut des Mt, da Le an Stelle des Geistes den Finger Gottes gesetzt hat. Die Fortsetzung wäre sofort klarer, wenn ieststünde, dafs Le 21f. aus Q geschöpft hat. Dann gäbe Le 23—26 f. ohne Unterbruch den Zusammenhang von Q, während Mt 27—32 abwechselnd bald Mr, bald @ folgte. Anders, wenn Le 21. blofs freie Umbildung des Mrwortes 27 wäre. Dann er- gäbe sich auch für Le 1) das seltsame Schwanken zwischen Mr und Q, und 2) das Zusammentreffen darin mit Mt. Einen sichern Entscheid zu Gunsten der Dan oder andern Möglich- keit wage ich nicht. An Le 23 Mt 30 schliefst Le den Spruch vom Rückfall, Mt den von der Lästerung des Geistes. Für Le ist das Motiv die Ideenassoziation: (Austreibung des Teufels), für Mt der Mr- faden, dem er folgt. Die Frage, was in der Rede der Quelle folgte, ist darum fast aussichtslos, weil bereits Le 23 Mt 30 mit Anlafs und Thema der Rede nichts mehr zu thun hat. 70 I. Das Lucasevangelium. Zeichenforderungsrede: Wörtliche Übereinstimmung mit einer grofsen Ausnahme. Le hat den Eingang selbst gebildet, Mt Der kleine Spruch steht bei Le wie bei Mt völlig zusammen- hanglos und scheint durch reinen Zufall in diese Gegend der Quelle verschlagen. Ignoriert man ihn, so scheint mir Alles _ dafür zu nfeekien dafs Mt, nicht Le hir Schlufs der Beelze- bulrede nach Q ihdbrgägchen hat. Der Spruch vom Rück- fall, mit dem Le sie schlielst, palst nicht zu ihr, während er bei Mt in gutem Zusammenhang steht. Der Spruch von der Läste- rung des Geistes dagegen gehört in diese Rede und ganz und gar nicht in die Bekenntnisrede, wohin Le ihn gestellt hat (vgl. 12, 10 mit 9!). Das oVre Ev ToVro To alavı oVTE &v To Halo ist freilich Zuthat des Mt. Daran schlossen sich die ’ Sprüche 33—35 an, die Le schon in der Gerechtigkeitsrede (6, 45) untergebr ach hat. Das Feste an dieser Untersuchung ist die Doublette Mt aıf., die auf Verschmelzung von zwei Quellen, Mr und Q fondeukeh Zusammenhang und Wortlaut von Q ist bei Mt besser erhalten. vielleicht za uoryaAig hinzugesetzt (vgl. 16, 11). Zu Jonas ergänzt Mt zooprjtov. Das Jonaszeichen hat Mt hier (12,40) wie 16, 4 als Typologie: Jonas im Fisch drei Tage, Jesus in der Erde drei Tage, gedeutet, obschon die Quelle deutlich die Predigt des Jonas gemeint und genannt hat. Dem Le ist diese Deutung noch fremd; sein &oraı (11,30) nimmt blofs den Ge- richtstag in Aussicht. 11,31 hat Le vor yeve« die &vöoeg hin- . zugefügt, wie 7, 31 die &v®#oozoı. Die Rede schlols bei Mt mit dem Spruch vom Rückfall, den Le an die Beelzebulrede angeschlossen hat. Da sie mit der Lästerung dieser nichts zu thun hat, wohl aber mit der Unbulsfertigkeit des Volks, ist die Stellung bei Mt die ursprüngliche. Von der Hand des Mt stammt das zöre v44 und die dem Sinn nach richtige Anwen- dung: so wirds auch gehen mit diesem bösen Geschlecht (v 45), von der Hand des Le das Partic.: uw) gbo/oxov und die Aus- lassung des oe0«gwuEvov. Sonst ist dieser Spruch ein beson- ders guter Beleg der sklavischen Treue beider Evangelisten. Statt seiner hatnun Le an die Zeichenforderungsrede die zwei Sprüche vom Avyvog angeschlossen aus Gründen, die für uns unerfindbar sind. Der Spruch hat seine Parallele in Mr 5, 14—16. Während Mt. den Wortlaut bewahrt, dagegen eine anwendende Umrahmung: hinzubildet (14° 16), hat Le 2. Lucas und Matthaeus. 71 den Spruch ohne Rahmen, aber mit verändertem Text gegeben (Vermeidung der zwei x«@ durch &yes und ive, Ersatz des uodıog durch eig xovarıjv, obdeig). Der gwette-Spruch hat seine Parallele in Mt 6, 22f. Da der Letext von v 35 und 36 sehr unsicher ist, Korrekturen aus Mt mit älteren Levarianten hier durcheinanderlaufen, so ist ein sicherer Entscheid über Priorität des Mt- oder Letextes nicht mehr möglich. Ob Mt in der Stellung des Spruchs der Quelle folgte, weils ich nicht; Le hat ihn äulfserlich ad vocem Avyvog an 11,33 angeschlossen. * Pharisäerrede: Le hat ungeheuer gekürzt, da ihm das Thema fern lag; den judaistischen Vers Mt 23, 3 mulste er übergehen. Ob Le rein nach Vermutung die Rede in Worte gegen die Pha- risäer und Worte gegen die Gesetzeslehrer eingeteilt hat, z.B. um die Rede dadurch dramatischer zu gestalten (11, 45), oder ob die Quelle eine solche Scheidung enthielt, ist leider nicht mehr klar. Dagegen ist die Stellung der Sprüche sein Werk. Er hat v 39 (= Mt 25) an den Anfang gestellt, da derselbe zu der mit Hilfe von Me7 gebildeten Einleitung am besten palste. Umgekehrt setzte er v 52 — Mt 13 an den Schlufs als Über- leitung zur folgenden Rede, die von der Offenheit des Evan- seliums handelt. Bei v 39 ff. lälst er sich durch den Gegensatz des Äufseren und Inneren bei Mr 7 bestimmen und verwischt dadurch den von Äufserem und Innerem der Gefälse, den die Quelle im Auge hatte; zovnoi« ist Verwässerung für &xo«ore, acAyjv und die Betonung des Almosengebens verrät deutlich die Hand des Le. v 40 ist völlig rätselhaft. v 42 ist z&v A«- xevov Verallgemeinerung für die mit jüdischem Verzehnten nicht vertrauten Leser, ebenso &ydany tod Yeod, das zu zoı- ocı schlecht genug palst, Ersatz für &isog. v44 zeigt, dals Le das Bild von den Gräbern falsch verstand; statt an den Kon- trast der äufseren Sauberkeit und der Unreinheit des Inhalts, denkt er, an ihre Unsichtbarkeit, die sie vor den Menschen verbergda. 47 ist stark verkürzt gegenüber Mt 29 f., 48 dafür erweitert, indem örı blofs eine Doublette zu 47 einführt. In dem Citat der Weisheit konnte Le natürlich gegen die vouıxor die Weisen und Schriftgelehrten nicht brauchen und hat die christlichen Apostel dafür eingesetzt. v 50 ersetzt er dix«wov ‚ unpassend durch „von allen Propheten“ (Abel!) und Öuäg durch das aus 51 vorweg genommene yeved «urn. Bei Zacha- rias tilgt er die nähere Bestimmung und kürzt den Relativsatz 12 I. Das Lucasevangelium. durch Particip ab. In 52 erklärt er den Ausdruck „das Himmel- reich schliefsen“ durch „den Schlüssel der Erkenntnis neh- men“, was ihm auch eine passendere Überleitung zur folgen- den Rede gestattet. Diese Rede gibt uns das stärkste Beispiel der Umgestaltung der Quelle durch Le. Daraus folgt aber keineswegs die Ursprünglichkeit der ganzen Mtrede. Diese wird wie Mt.5—7 und Mt 10 um einige Zuthaten®) bereichert vorliegen. Zu diesen Zuthaten rechne ich v 8—12, die, an die Jünger gerichtet, aus der Rede heraus- fallen. Ferner heben sich die Sprüche vom Schwören vom übrigen Zusammenhang ab (16—22). Endlich kann v 15 nicht direkt hinter v 13 ursprünglich gestanden haben, da es genau den entgegengesetzten Vorwurf gegen die Pharisäer erhebt. Danunaber Le mit Mt in der Siebenzahl der Weherufe über- einstimmt, so.ist es möglich, dafs Mt v 4 und 6 als Weherufe wie Le gelesen, sie aber zu Gunsten von 15 und 16 jener Form entkleidet hat. Sonst darf der Text des Mt als durchweg | besser gelten. Einzig v 34 hat erst Mt das Citat der Weisheit in ein Wort Jesu verwandelt. Die Erweiterung der Verfol- gung zeigt den Autor von c 10, und der vorangehende Vers 33 ist der Rede des Täufers (3,7) entnommen. Die Weissagung über Jerusalem bringt Mt am richtigen Ort, während Le sıe ausc 11 inc 13 versetzt hat in den Zusammenhang von Ge- richtsworten gegen das Volk. Sie ist ein Beispiel der wunder- bar genauen Übereinstimmung im Wortlaut. Bekenntnisrede: Während Le eine geschichtliche Einleitung ge- bildet hat, konnte sich Mt mit dem kleinen Übergang „fürchtet sie also nicht“ (10, 26%) begnügen. Le hat die Rede lebhafter gestaltet durch das dreimalige Aeyo de Duiv v.4.5.8, und den Satz mit drodsi&o 5°. Inv3 melden sich die Erfahrungen der apostolischen Zeit: die Apostel mufsten zunächst selbst im Dunkeln, ins Ohr in den Gemächern predigen. V 4f. umgeht Le hartnäckig den Gegensatz von Leib und Seele, durch Um- schreibung des Wortes Seele, ob auf Grund einer anderen An- thropologie? Gegenüber dem „fällt nicht auf die Erde“ Mt 10,29 sieht „ist nicht vergessen vor Gott“ (Le. 12,6) wie eine Abschwächung aus. Den Menschensohn hat Le für „ich“ ein- gesetzt v 8; die Engel könnten eine Umschreibung des von *) Zu diesen Zuthaten vgl. unten p.183 ff. Ein Teil von ihnen mag schon der Vorlage des Mt angehört haben. _ 2. Lucas und Matthaeus. 13 ihm stets vermiedenen „Vater im Himmel“ sein, wenn nicht auch Apok 3, 5 sie bezeugte. Wenn Le hierauf den Spruch von der Lästerung des Geistes hinzufügt, so thut er es wohl, um ihm durch den Zusammenhang eine Deutung zu geben: die Lästerung des Geistes soll in der Verleugnung Jesu, also im Abfall, erblickt werden. Natürlich eine wegen 10° ganz künst- liche Deutung des in ganz anderem Zusammenhang (Mt 12) gesprochenen Wortes. Dagegen könnte v ı1f. bei Le an ur- sprünglicher Stelle stehen, falls das Wort aus Q stammt und nicht blofs eine Umbildung von Mr 13, 11 ist. Aber Le hat Mr 13, 11 in 21,14. doch wohl gerade deshalb so stark ver- ändert, weil er sich bewufst war, dasselbe Wort in der Form von Mr schon gebracht zu haben. Im Mttext ce 10 sind wich- tige Änderungen kaum wahrnehmbar. Hier könnte wieder ' einmal die Lerede aus Mt abgeleitet werden. An die Bekenntnisrede schliefsen sich bei Mt die Worte von /Zwwiespalt unter den Nächsten und Bedingungen der Nach- folge 10, 34—39, zu denen Le in ce 12. 14. 17 Parallelen hat. Der Anschlufs bei Mt ist ein sehr natürlicher. Der Text der Leworte differiert jedoch so stark, dafs wohl zu prüfen ist, ob er auf gemeinsame Vorlage zurückgeht. Zunächst ist dıeweoıoudv Le 12,51 Deutung für uegaıoav, gefolgert — mit Recht — aus dem Folgenden. Die Frage- form ist nur lebhafter als die direkte Negation bei Mt. Le 53 ist sicher secundär gegen Mt 35; in pedantischer Weise sind die einzelnen Glieder bei Mt noch umgekehrt. Zu Le 52 „Drei gegen Zwei und Zwei gegen Drei“ ist jedoch 53 schlechte Aus- führung, da es Drei gegen Drei bringt. Abgesehen von einem alten Rest v 52 ist also das ganze Stück von Le umgearbeitet, während der Text des Mt durchweg ursprünglich ist. Für Le 14, 25—27 = Mt 10, 37f. ist gemeinsame Vorlage anzunehmen, da die Verbindung der Entfremdung von Vater und Mutter und des Kreuztragens beide Male in gleicher Folge auftritt. Die Einleitung stammt von Le. Die zwei Parallel- sätze in Mt 37 hat er zusammengezogen und Frau, Geschwister und das eigene Leben hinzugefügt der Vollständigkeit halber. Dagegen könnte das pıA@v Unto Eue jüngere, schwächere For- ' mulierung sein als das od uıoet, und ebenso das „ist mein nicht wert“ jünger als das „kann nicht mein Jünger sein“. Sichere Antwort ist hier nicht zu geben. Aber die Differenz im W ort- 14 I. Das Lucasevangelium. ’ laut beweist nur starke Bearbeitung, sie verbietet nicht ge- meinsame Quelle. Endlich mufs Le 17,33 als Parallele zu Mt 10, 39 deshalb gelten, weil es samt den ihm vorhergehenden Sprüchen an jener Stelle den Zusammenhang der Rede durchbricht. Es ist von Le sprachlich neu gebildet (reoınoınoaodeı, E00yo- vjosı), wobei das „meinetwegen“ ausgefallen ist. In allen drei Stücken bietet Mt wesentlich den ursprüng- lichen Text und Zusammenhang. Sämtliche Sprüche gehören wirklich zur Bekenntnisrede. Ihre Form bei Le zeigt, wie er auch diese Quelle unter Umständen sprachlich neu gebildet hat, ohne dafs der Sinn dadurch alteriert wird. - Schätze und Sorgen: Die beiden Hauptstücke stehen bei Mt und Le in umgekehrter Reihenfolge. Da für Le ein Motiv zur Umstellung vorlag in der besseren Anknüpfung an das Gleich- nis vom Mann, der Schätze sammelte (£o® rn duynj uov' bvyY ... pdye, nie — usgLuvÄre Th yuyN Te paynte), wird die Stellung bei Mt die ursprüngliche sein. Zur Verbindung beider Stücke hat Le nicht sehr geschickt den Spruch von der kleinen Herde eingesetzt 12,32. Besser palst dazwischen der Spruch vom Doppeldienst, den Le wegen des gleichen Wortlauts in der Quelle gelesen hat Le 16, 13. Ob dagegen der Spruch vom innern Licht Mt 6, 22£. ursprünglich hier stand, kann nicht einmal vermutet werden. Den Spruch von den Schätzen hat Le zu direktem Befehl des Güterverkaufs und der Almosen umgestaltet (12, 33), worin er sich als Autor der Acta zeigt. Den ursprünglichen Text hat Mt behalten. Beim Doppeldienst hat Le blols oi- +Eerng eingesetzt (16,13). In den Sprüchen vom Sorgen hat Le die Nobel zu Raben spezialisiert, obschon er sie nachträg- ‚lich 24” doch ‚bringt. v 26 bildet er einen eignen Übergang zum 2. Spruch, ebenso v 29 mit dem un HETEMLEEODE. v30 verrät das x66uov, die Vermeidung des ododvıog bei Gott, das ahjv die Hand des Le. Mt hat höchstens das xomı&cıv v28 im Blick auf die arbeitenden Menschen eingesetzt und vielleicht v 26 den himmlischen Vater, da er nachher, v 30, selbst 6 &s0g schreibt. Aber in v 33 ist „zuerst“ abschwächend hinzugefügt, und ebenso „seine Gerechtigkeit“ zum Reich. v 34 bringt ein ganz neues Motiv und hinkt etwas nach hin- ter der grofsen Schlufsthese; Le scheint es nicht gelesen zu 2. Lucas und Matthaeus. 15 haben. Im Ganzen ist diese Rede ein wichtiges Beispiel für die innige Verwandtschaft der beiden griechischen Texte. “ Gottesreichgleichnisse: Für das Gleichnis vom Senfkorn ver- treten Mr und Le die beiden Quellen, Mt ihre Zusammen- setzung. Die 3 za hätte Le nicht von sich aus gesetzt; auch die Doppelfrage hat er erhalten. Das Sauerteiggleichnis ist wieder ein Beispiel besonders wörtlicher Übereinstimmung. Warum Le die Gleichnisse vom Schatz im Acker und von der köstlichen Perle ausliefs, die im ganz gleichen Stil wie die - vorigen erzählt sind, ist.nicht ersichtlich. Gastmahlsgleichnis: Wörtliche Übereinstimmung nirgends. Trotzdem ist gemeinsame Quelle nicht unmöglich. Le hat eine eigne Einleitung gebildet (14,15), statt meh- rerer einen Knecht eingesetzt (14,17) im Gedanken an Chri- stus, die Entschuldigung der Geladenen in lebhafter Rede eingeführt mit deutlichem Blick auf das Treiben der Men- schen vor dem Weltende (14, ısff.). Statt der einen zweiten Einladung an die Menschen an den Wegen und Hecken er- zählt er zwei solche Einladungen und läfst die erste von ihnen, entsprechend 14, 13 an die Armen, Krüppel, Blinden und Lah- men ergehn im,Gedanken an Jesu Wirken (14,21). Erst bei der zweiten denkt er dann an die Heiden. Dagegen hat Mt, der in manchem dem Text der Vorlage sich näher hält, einige ganz grofse Zuthaten angebracht. Er beginnt mit seiner stereotypen Einleitung und setzt im Ge- danken an Gott und Christus den König ein, der für seinen Sohn das Hochzeitsmahl rüstete (22,2). Die zweimalige Ein- ladung an die zuerst Geladenen ist eine Reminiscenz an die mehrfache Sendung Mr 12, Mt 21. In v 6 und 7 ist dann der antijüdische Autor in gröbster Form aus dem Gleichnis her- ausgefallen: Die Tötung Jesu und der Apostel und als Strafe das Gottesgericht der Zerstörung Jerusalems fügt er in das Gleichnis hinein. Auch das @ıoı v 8 verrät die Hand des Mt. Endlich hat er dem Gleichnis in 11—14 (der Mann ohne hoch- zeitliches Kleid), vorbereitet durch zovnooVg zei ayadovg, einen Anhang angeschlossen, der seine ganze Pointe verdirbt und zum Mittelstück palst wie die Faust aufs Auge. Hier schreibt der Mann, der aus den Gleichnissen vom Unkraut im Acker und vom Fischnetz am deutlichsten zu uns spricht. Für gemeinsame Vorlage trotz der grofsen Differenzen 76 I. Das Lucasevangelium. spricht das &eylo®n = 6oyıodeis Mt 7, Le 21, das deinvov — yduoı (nHUN), das Zusammentreffen in Worten wie xe- xAnue&voı Mt 3, Le 17, Eroıua Le 17, nroiuaxa Mt 4, Acker und Geschäft Mt 5, Le ı8f., das röre Mt 8, Le 21, eis rag ö0ovg Mt 10, Le 23, yeuıoan Le 23, erAnodn Mt 10. Dann aber ist gerade dieses Gleichnis ein unübertreffliches Bei- spiel, wie frei und unabhängig von einander Mt und Le ihre Vorlage bearbeitet haben. Jüngerrede: Zunächst kommt das Gleichnis vom verlornen Schaf in Betracht Mt 18, Le 15, mit dem bei Le das von der verlornen Drachme zu einem Paar verbunden ist. Mt hat esin die Jüngerrede ce 18 gestellt, ihm damit eine Beziehung auf Ret- tung sündigender Christen gegeben, Le bezieht es mit einer von ihm selbst gebildeten Einleitung (15, 1f.) auf die Zöllner und Sünder suchende Liebe Jesu. Obschon das sicher sein ursprünglicher Sinn ist, könnte es trotzdem vom Autor der . Quelle in die ie gestellt sein, sicher aber zugleich mit dem Drachmengleichn: als ein Beer Der Text ist ungeheuer verschieden. Trotzdem ist gemein- same Quelle das Wahrscheinlichste. Le hat die Einleitung nach seiner Manier (tig &vdownog ..) gebildet, das „ver- irren“ durch verloren gehn ersetzt im Blick auf die Deutung, und die Deutung v 7 hinzugefügt. Mt hat durch Part. (dpeis, nxoosvReig) abgekürzt, die Freunde und Nachbarn getilet und seine eigne Deutung (v 14) angeschlossen. Die Veränderungen lassen sich bei beiden leicht herleiten aus einer Vorlage, die noch keine Deutung enthielt. | Das 3. Stück dieser Rede bringt Le erst ce 17, zuerst den Spruch von den Ärgernissen, mit Mr 9, 42 verknüpft. Mt hat den Spruch separat gelesen und ihm ler einen einleitenden Satz 18, 7° vorangestellt. Dals er sowohl bei Mt als Le so nahe mit Mr 9, 42 verbunden auftritt, ist durch einfache Ideen- assoziation zu erklären. ‘Was in ir Quelle auf den Spruch folgt, ob etwas Ähnliches, wie Mr 9, 42, läfst sich kaum mehr en Dann folgt Le 17, 3f. mit seinen Parallelen Mt 18, 15 und 21. /Zweifellos hat hier Le den einfachen Text der ersten Auf- zeichnung, der an kompliziertes Verfahren noch gar nicht denkt, aufbehalten, während der Text des Mt auf eine längere, nicht auf einmal sistierte geschichtliche Gemeindeentwick- 2. Lucas und Matthaeus. IN lung bereits zurückbliekt. Mt 18, 21 greift ganz klar auf 18,15 zurück und setzt die dazwischen stehenden Verse nicht voraus. Das Tmal am Tag bei Le scheint mir ursprünglicher als das Tmal 70 des Mt. Ergibt sich so für die parallelen Sprüche in Le 15 u. 17 — Mt 15 eine gemeinsame Vorlage, so ist dagegen ihre ur- sprüngliche Reihenfolge um so schwerer zu bestimmen, als Mt 18 keine einfache Komposition, sondern eine Erweiterung der Mrrede ist, deren Anordnung Mt geschont hat. Da je- doch das Wort von den Ärgernissen zwischen den 2 Gleich- nissen (Le 15) und dem Wort vom Vergeben (Le 17, 3£.) nicht gestanden haben kann, so erscheint die ekertoikee des Mt doch als die beste; so freilich, dafs zwischen Mt 7 und Mt 12 manches ausgefallen sein mag. Über den Spruch vom Glauben (Le 17,6. Mt 17,20) läfst sich angesichts der grofsen Differenz: ov#&urvog — 000g und der verschiedenen Stellung nichts Sicheres vermuten, obschon Zugehörigkeit zu Q sehr wahrscheinlich ist. Die Parusierede: Während Mt die mit Le gemeinsame Parusie- rede zwar in einem Zug bringt (Mt 24), aber der Mrrede teils eingeflochten, teils angeschlossen, hat Le sie zwar mit der Mr- rede nicht verworren, dafür aber in zwei Hälften zerschlagen, von denen die erste (e 12) der Stellung nach hinter die te (e 17) gehört. Die Übereinstimmung im Wortlaut ist für Le 12 gröfser als für Le 17; den bessern Text hat meist Mt erhalten. Abgesehen von 1er dem Le angehörenden Einlei- tung 17, 20° fallen auch seine Eingangsverse 20’—22 stark unter den Verdacht, erst nach der Enttäuschung der ersten Erwartung gebildet zu sein. Die Parallele in Mt fehlt, wie sonst nie bei alten Worten der Rede. 21” hat seine Doublette in 23. 22 deutet auf getäuschte Hoffnungen der Gemeinde hin. 20 und 21 stehen im Widerspruch zur Pointe der ganzen folgenden Rede, die durchaus das Kommen des Reichs erst mit der Parusie erwartet. Auch die Versetzung von 37° aus dem Anfang (Mt) an den Schlufs erklärt sich daraus, dafs der Vers zu den neuen Anfangsworten nicht mehr palste. Selbst die Unübersetzbarkeit der Worte 20f. spricht gegen ihre Ur- sprünglichkeit. In 23 hat Le, mit den geheimen Erwartungen der ältesten Zeit nicht mehr vertraut, für Wüste und Ge- mächer ganz allgemein „hier und dort“ gesetzt, vielleicht be- I. Das Lucasevangelium. stimmt durch Mr 13,21. Neben zahlreichen sprachlichen Än- derungen ist am wichtigsten die durchgehende Umschreibung des term x&o0vol« 24.26. 30. v 25 (das Wort vom Leiden) ist ein Zusatz des Le, mit Mrworten gebildet, der ihm nötig schien, während er für die ältere Gemeinde selbstverständlich war. Gleichfalls zugesetzt von Le ist der ganze Abschnitt 28—33 (exkl. 30): 28f. eine zweite den Urchristen geläufige Typologie, 31 Mrworte (Mr 13, 15£.), von Le statt auf die jü- dische Drangsal, auf die Endkatastrophe bezogen, da er für das Jahr 70 einen passenderen Ersatz wulste (vgl. oben p.6), 33 ein Wort aus der Bekenntnisrede (Mt 10, 39), das zum Fol- genden schlecht genug pafst: vom gänzlichen Unvorbereitet- sein, nicht von weltlichem Trachten nach Rettung handelt v 34. Den ursprünglichen Zusammenhang stellen 27. 30. 34 dar. Mit Aeyo ©uiv kehrt Le zum Text der Rede zurück. Das Wort: Zwei auf einem Bett, ist vielleicht ein Ersatz des Le ‚für „Zwei auf dem Felde“, da er vom Felde gerade v 31 ge- schrieben hatte. Die Zwischenfrage 37 kennzeichnet wieder Le. In ce 12 beginnt mit 39 der Wortlaut der Quelle. Der Vers könnte sich ursprünglich direkt an 17, 35 angeschlossen haben. v 41.42% ist eine Überleitung zum nächsten Gleichnis, vermittelst welcher Le in ganz fremdartiger Weise den Unter- schied von Aposteln und Gemeindechristen (oixovduog — zeideg) in hiegegen völlig gleichgiltige Worte Jesu einträgt. Sprachlich gehören ihm aulser oixovduog und zeideg zul radioxraı noch Feoaneia, dANF&S, ErElvog, ANioTov an. Von Änderungen des Mt am Text der Quelle scheint mir sicher das mıorevVonte v 26 statt duaänre (vel. Mr 13,21), das Tote v 40, ToopN statt orToweroLov v Ab. v 42 ist Vorweg- nahme von 44; 51? ein Lieblingszusatz des Mt. Im Ganzen hat er hier den ursprünglichen Wortlaut besonders treu er- halten. Gleichnis von den anvertrauten Geldern: Der ursprüngliche Text ist weder bei Mt noch Le erhalten. Trotz der grolsen sprachlichen Differenzen folgt Abhängigkeit von gemein- samer Quelle aus den Berührungen im Wortlaut, zumal Mt 25, 24—29. Le 19, 20—26. Bei dem Edelmann, der in ein fernes Land zieht, um ein Reich zu gewinnen und zurückzukehren, denkt Le natürlich an Jesus, der durch seinen Weggang das Gottesreich gewann 2. Lucas und Matthaeus. 79 (Acta 2,36). Zugleich gibt er damit die Korrektur zu den in seiner Einleitung (19,11) zu Wort gebrachten übertriebenen Erwartungen der Nähe des Endes. In dem Zug von den re- bellischen Bürgern v 14 und dem Gericht über sie v 27, der zum Gleichnis gar nicht palst, spricht der antijüdische Autor von Le21 und Acta. Bei der Austeilung der 10 und 5 Städte hat er an den Lohn der Apostel im G@ottesreich gedacht; das palst zum heimkehrenden König, aber nicht zum er, der Geld an seine Knechte rn hatte (vol. überdies v 24). Sonst wird er neben manchen andern jetzt nicht mehr durch- sichtigen sprachlichen Änderungen die Rede an die Anwe- senden v 24 und deren Zwischenrede v 25 hinzugefügt haben. Aber auch Mt hat sicher geändert. Das „nach langer Zeit“ v 19 deutet wie vorher v 5 auf die peinlich gefühlte Verzöge- rung der Parusie hin. In dem „geh’ ein zu deines Herrn Freude“ spricht der christl. Messias, nicht der Herr zum Knecht. Der Schlufs mit den Höllenqualen (25, 30) fällt vollends aus dem Gleichnis. Das ist wieder ein prächtiger Beleg für die Unabhängigkeit des Le von Mt bei en keit von gemeinsamer Quelle. Am schwersten ist über den Eingang des Gleichnisses zu entscheiden: Talent oder Minen, gleiche Kaben oder verschie- dene? Zu Gunsten der Minen spricht, dafs Le bei seinem Edelmann, der König wird, schwerlich auf die kleinere Summe gefallen wäre, wenn ihm ie nicht die Quelle bot. Zu Gun- sten der erden Gaben spricht, dafs die Vermehrung bei Le eine zu auffallend rasche scheint, von 1 auf 10 statt von 5 auf 10. Die 10 Knechte hat Le seinem Edelmann zu- geteilt, da auch er im Gleichnis nur 3 aufführt. Als Resultat der Vergleichung des Textes der Reden bei Mt und Le ergibt sich: Die Änderungen des Le sind in der Regel stärker als diejenigen des Mt. Es gibt einzelne Reden, die — rein für sich betrachtet — die Vermutung: Mt Quelle des Le begün- stigen würden (Rede des Täufers, Versuchung, Hauptmann von Kapernaum, Bekenntnisrede), Umgekehrt sind in einzelnen Fällen die Änderungen des Mt so grols, dafs Le als seine Quelle scheinen könnte (Zeichenforde- rungsrede) oder doch alsälterer Repräsentant (Gastmahlsgleichnis). In der Regel ergibt die Vergleichung, dafs der ur- sprüngliche Text weder stets bei Mt, noch stets bei Le, 80 I. Das Lucasevangelium. _ sondern abwechselnd bei beiden vorliegt. Nur mit Ge- waltthätigkeit kann der Text des einen durchgehends gegen den des andern gerechtfertigt werden. Wo der eine bearbeitet, trifft er nie mit dem andern zusammen in dessen Bearbeitung. Daher wird einzig diejenige Hypothese dem Thatbestand ge- recht, die nicht den einen zu Gunsten des andern vergewaltigt, sondern in beiden freie Variationen einer gemeinsamen Vorlage — der Spruchsammlung — sieht. Es gibt keine einzige Beobachtung, welche diese Hypothese nicht erklärt. Jede vor- urteilsfreie Untersuchung wird sie bestätigen. Nunmehr läfst sich das Ergebnis dieses Abschnitts zu- sammenfassen: Die Vergleichung des Le mit Mt nach Inhalt, An- ordnung und Text ergibt, dafs Mt zu den Quellen des Le nicht gehören kann. Le hat einen Teil der Mtgeschich- ten nicht gekannt, seine Anordnung nirgends befolgt, von seinem Text sich weder in den Mrgeschichten noch in den Reden beeinflussen lassen. Die Reden, die er mit Mt gemeinsam hat, entnahm er nicht dem Mt, sondern mit ihm einer — uns verlorenen — Spruchsammlung. Obschon nicht gerade beweisbar, ist es doch wahr- scheinlich, da[s Le den Mt gar nicht kannte. 3. Lucas und die Spruchsammlung. Da die Spruchsammlung uns verloren gegangen ist, so wird ihr Inhalt sehr schwer, ihre Anordnung gleichfalls kaum sicher zu bestimmen sein. Am sichersten ist noch ihr Text in den Mt-Le gemeinsamen Stücken festzustellen. Daher hat die Vergleichung hier den umgekehrten Weg zu machen, als da wo die zu verglei- chende Schrift uns erhalten ist. A. Der Text. Hauptthese: Überall, wo Mt und Le wörtlich zusam- mentreffen, liegt der Text der Spruchsammlung vor. Von da aus ist nach den Gesetzen der Bearbeitung des Le zu fragen. | 1) Sprachliche Veränderungen. Während Le den Mrtext neu gräzisiert hat (am wenigsten die Herrenworte), ist ihm der Text der Reden in hohem Grade autori- tativ. Er hat ihn im Ganzen mit grolser, oft peinlicher Treue wiedergegeben. 3. Lucas und die Spruchsammlung. sl Als Beispiele mit höchstens minimalen Änderungen seien hervorgehoben: Le 3, 7?—9 = Mt 3, ?—10 6,41f. T, sk. 7,69 8,8—10 T,22f 11, 1—6 1, 24—28 11,7—11 7,31—35 11, 16—19 9, 58—60 8, 20—22 10, at. JASUL AD TER 10, 13—15 11, 21— 23° A 10217 11, 25—27 11,9f£. 13 2,0213 11, 19f. 23 12, 27£. 30 11, 21—26 12, 43—45 Ey, sıf. 12, a1f. 10533% 10, 26”. 30f. 12,22—31 - 6, 25—34 12,34 6,21 12, 39f.42—46 24,43—51 15, 21 15, 33 15, 34£. 23, 37—39. Bei drei Stücken sind dagegen die sprachlichen Veränderun- gen so erheblich, dals sogar der Ursprung aus gemeinsamer Quelle bezweifelt werden könnte: die drei Gleichnisse vom verlorenen Schaf (Le 15), vom Gastmahl (Le 14) und von den anvertrauten Geldern (Le 19). Allein hier bestätigt sich blofs die bei Mr ge- machte Beobachtung: da die Gleichnisse der Form nach Erzäh- lung sind, fallen sie aus der Reihe der autoritativen Herrenworte heraus, und werden von Le nach Art der Mrerzählungen neu sti- lisiert. Alle andern Veränderungen sind leichter Art: Andere Voka- beln, Verdrängung des @ujv, Kürzung der Hauptsätze mit za‘ durch Partieipia und periodischen Satzbau, Wechsel der Kon- struktion zur Vermeidung von Wiederholungen, Erleichterung bei schwierigem Satzbau der Quelle. Als Beispiele seien genannt be‘7, 25. 11, 11.38.12, sf- u.a. Ä Die Veränderungen besagen hier thatsächlich weniger als die grolse Treue. Le hat in Form und Stil der Herrenworte dieser Quelle etwas Autoritatives gesehn, an dem er nicht ohne zwin- genden Grund ändern durfte. Wernle, Frage. 6 82 I. Das Lucasevangelium. 2) Der Versuch des Le, die Reden in Erzählung um- zusetzen durch lebhaftere Form, Zwischenreden, Einleitungen. . Als Mittel für lebhaftere, für die Erzählung gs Gestal- tung braucht Le: Av. Mt schreibt es einmal mit Le zusammen (11, 22), zwei- mal für sich allein, Le Tmal allein in den Redestücken. brodsisn bulv 6,47. 12,5. AEyo@ Öuiv in verschiedenen Variationen. Le schreibt es mit Mt zusammen aus der Quelle 1Omal, für sich allein in Stücken der Quelle noch 11mal (6, 27. 11,9. 12, 4. 5. 8. 51. 14, 24. 15, 7.10. 17, 34. 19, 26). Unterbrechung der Reden Jesu oder der Reden im Gleichnis durch Zwischenreden. 11,45 ein Schriftgelehrter unter- bricht die Pharisäerrede. 12,41f. Petrus wünscht Auskunft, ob das gesprochene Gleichnis den Aposteln oder Allen gelte. 17,37 die Zuhörer thun die Zwischenfrage, wo die Kata- strophe hereinbreche. 19, 24f. der Herr im Gleichnis wen- det sich an die Anwesenden mit seinem Befehl; diese er- heben einen Einwand. Herstellung einer einleitenden Situation: Nur selten scheint. die Quelle selbst eine geschichtliche Einleitung an die Spitze eines Redestücks gestellt zu haben, so beim Hauptmann von Kapernaum, bei der Johannesrede und Beelzebulrede Der Anfang der Ge- rechtigkeitsrede lautete vermutlich blofs: Jesus sprach zu seinen Jüngern. Hätten die Reden bestimmte geschichtliche Einleitungen enthalten, woher dann das Bedürfnis des Mt, erst im Mrzusammen- hang für sie Anknüpfungen zu suchen? Bei Le aber erscheint je- des Redestück mit einer kleinen Einleitung, welche die Situation schildert, in der Jesus die Rede sprach: Zur Missionsrede 10, 1 Jubelruf 10, 21°, vgl. 10, 17—20 Gebetsrede 11,1 Pharisäerrede 11, 37f. Bekenntnisrede 12, 1 Schätze und Sorgen 12, 13—21 Gottesreichgleichnisse 13, 10—17 Spruch über Jerusalem 13, 31—33 Gastmahlsgleichnis 14, 15 Pflichten der Nachfolge 14, 25 Verlorenes Schaf 15, 1—3 3. Lucas und die Spruchsamnilung. 83 Parusierede 17, 20 Anvertraute Gelder 19, 11. Am nächsten wird Le der Quelle geblieben sein, wo die Ein- leitung am kürzesten ist, z. B. 12,22. 17,1 „Er sprach aber zu sei- nen Jüngern.“ 12,1° er fing an zu seinen Jüngern zu sprechen. 13,18 er sagte also. Alle übrigen Einleitungen scheinen erst das Werk des Le zu sein, da sie lediglich aus dem Inhalt der Reden erschlossen sind, somit auf Vermutung beruhen. Öfters zeigt Le dabei solche Meisterschaft, sich in den Verlauf des Lebens Jesu zu versetzen, dals seine Einleitung den Wert eines alten wertvollen Kommentars gewinnt; das gilt für die Einleitungen von Jubelruf und Gebetsrede, Schätzen und Sorgen, Pflichten der Nachfolge, auch vom verlorenen Schaf. Dagegen ist die Einleitung der Pha- risäerrede ganz verunglückt. Dals Jesus seine Weherufe gerade bei Anlafs eines Mahls, zu dem ihn ein Pharisäer lud, sprach, ist Geschmacklosigkeit des Le. Ein Beispiel kühner, ja für sich be- trachtet glänzender historischer Phantasie ist die Einleitung zum Gleichnis in e 19; sie beruht jedoch auf der verkehrten Ansicht, dafs das Gleichnis die Parusiesehnsucht dämpfen wolle. Derselben blofs tastenden Phantasie des Le verdanken wir die Aussendung der 70 Jünger; da die Zwölf schon e 9 zur Mission ausgesandt waren nach Mr, mufste Le nach einer neuen Adresse suchen, über deren historischen oder allegorischen Wert nachzudenken für uns überflüssig ist. Auch die Einleitung der Parusierede c 17 ist lehr- reicher für den Gegensatz, den Le zwischen Christen und Phari- säern sah, als für das Verständnis der Rede. Die damit skizzierten Veränderungen zeigen deutlich, wie Le seine Aufgabe, ein Evangelium zu schreiben, aufgefafst hat. In der Spruchsammlung standen die Worte Jesu nach rein prak- tischen Gesichtspunkten gruppiert ohne Rücksicht auf Ort und Veranlassung. Wollte Le sie in seine Lebensgeschichte Jesu auf- nehmen, so mulste er sie richtig zu verteilen und der Geschichte passend einzuordnen trachten. Es war der Anfang einer histo- rischen Aufgabe, an die Le nach dem Versprechen seines Prologs als Historiker gut oder schlecht sich gewagt hat. 35) Diesachlichen Veränderungen. In dem Bisherigen lag; kein Grund, anzunehmen, dafs Le seine Quelle nicht mehr in ursprünglicher Gestalt, sondern schon ın ‘einer Bearbeitung vorgefunden hätte. Die sprachlichen Verände- rungen halten sich auf der Linie der sprachlichen Bearbeitung des 6* 34 I. Das Lucasevangelium. Mrtextes durch Le, sofern nicht die Autorität des Herrenworts ' der Freiheit des Evangelisten gröfsere Schranken setzte. Einen besondern, von Le und von Q verschiedenen Sprachcharakter gibt es nicht. Der Versuch, die Reden in Geschichte umzusetzen, kenn- zeichnet blofs den Autor des Prologs. Es fragt sich also einzig, ob die sachlichen Veränderungen so wichtig und so altertümlich seien, dafs nicht Le gegen Ende des ersten Jahrhunderts, sondern ein früherer Bearbeiter der Spruchsammlung ihr Urheber gewesen sein mufs. Hat Le die Reden der Quelleinihrer Urgestalt oder in einer — ebjonitischen — Bearbeitung gelesen? Die Annahme einer ebjonitischen Bearbeitung der Spruch- sammlung stützt sich am meisten auf die Gestalt der Gerechtig- keitsrede und des „Hauptmanns von Kapernaum“ bei Le. Nun wäre ja möglich, dafs für diese zwei Stücke gelten würde, was für die andern nicht annehmbar erscheint. Daher sollen diese zwei erst am Schluls untersucht werden. Die Rede des Täufers und die Versuchungsgeschichte weisen nichts Ebjonitisches auf. In die erstere hat Le ein Stück eingefügt, „Standespredigt des Täufers“ (3, 10—14), das Wohlthätigkeit, Be- scheidenheit und Rechtlichkeit empfiehlt. Durch das Fehlen der Parallele und noch mehr durch seine Form (Fragen und Ant- worten) führt es auf die Vermutung, von Le selbst gebildet zu sein. Die Versuchungsgeschichte enthält den Zusatz, dafs dem Teufel seine &ovoi« übergeben ist und er sie geben kann, wem er will. Das ist allgemeiner Christenglaube, sicher vor allem der des Le selbst. Die Johannesrede enthält aufser der Situationsschilderung 7,21 und dem Kommentar zu Edıxauodn 7 oopie 7,29 f. keine sachliche Veränderung; beides sind Zuthaten des Le. Die Ver- setzung von Mt 11, ı2 f. nach Le 16, 16 wird durch die Annahme einer sekundären Vorlage jedenfalls nicht aufgehellt. In der Missionsrede hat offenbar der Autor der Acta das Ver- bot der Heiden- und Samaritanermission getilgt. Sonst verrät ihre Gestalt bei Le allerlei Rindrücke der apostolischen und nach- apostolischen Zeit, nichts Weiteres. Durch den Anschlufs des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter spricht Le noch deut- licher als durch Auslassung des Antisamariterworts. Auch die Adresse weist einen universalen Zug auf. In der Gebetsrede mit ihrer Hervorhebung des heiligen Geistes (11,13)hören wir blofs wiederden Autorder Acta. Die Beelzebul-und DU 3. Lucas und die Spruchsammlung. 8 Zeiehenforderungsrede weisen keine charakteristische Abweichung auf. Die Pharisäerrede beweist schon durch ihre starke Kürzung, dals sie einem dem jüdischen Sektenwesen fernstehenden Mann ihre jetzige Form verdankt. Die einzige Einschärfung des Almosen- gebens in 11,41 kann diesen Gesamteindruck nicht aufheben. Diese drei Streitreden hätte ein „Ebjonit“ ganz anders bearbeiten müssen. In der Form der Bekenntnisrede macht sich nur Le geltend. Er hat die Lästerung des Geistes nicht mehr in den Anklagen der Pharisäer, sondern im Abfall der Christen sehen wollen. Die doyar und e&ovoceı (12,11) hat er zu den Synagogen hinzugefügt im Ge- danken an die heidnischen Gerichte. In der Rede „von Schätzen und Sorgen“ hat Le das „Sammelt euch Schätze im Himmel“ übertreibend, aber nicht durchaus falsch erklärt durch: Verkauft eure Habe und gebt Almosen (12, 33). In dem damit verbundenen Stück der Parusierede fügt er die Unter- scheidung von Aposteln und Gemeindechristen hinzu, da ihn als Autor der Acta das besonders interessiert. Sonst enthält diese ganze hede nichts Eigentümliches. Die Gottesreichgleichnisse, zumal das erste, hat doch wohl wieder der Universalist Le als Gegenstück zum unfruchtbaren Feigenbaum hingestellt (ce 13), wie überhaupt dies ganze Kapitel einen Antijudaisten zum Verfasser hat. Im Gastmahlsgleichnis ist die Herbeiholung der Armen, Krüppel, Blinden und Lahmen offenbar von dem Mann eingesetzt, der im ganzen Evangelium Jesus als den Heiland dieser Leute schilderte, also von Le. Die Deutung der Gleichnisse vom verlorenen Schaf und der verlorenen Drachme stammt von einem Mann, der Jesus als Freund der Zöllner und Sünder hochgeschätzt hat; das ist Le von Anfang an gewesen. Die Worte an die Jünger 17, ı ff. haben gar nichts Eigen- tümliches. In der Parusierede c 17 schreibt ein Mann, für den die Gottesreichshoffnung bereits im Verblassen ist; irgend etwas Palästinensisches ist ihr fremd. Dem Gleichnis von den anver- trauten Geldern gibt Le eine Einleitung, welche die Parusiesehn- sucht dämpfen soll, und ausserdem eine schroff antijüdische Spitze (19, 14.27). Die chiliastische Hoffnung auf Herrschaft über Städte des Gottesreichs ist gleichfalls nichts, das nur bei einem Mann der Urgemeinde überraschen würde. 86 I. Das Lucasevangelium. In all dem liegt zur Annahme einer ebjonitischen Bearbeitung‘ der Spruchsammlung gar kein Grund vor. Es gibt keine einzige Änderung, die sich nicht bei Le selbst begreifen würde; die meisten weisen deutlich auf den Mann, den wir als Vorfänss, nicht Re- daktor, der Acta kennen. Direkt gegen die Hypothese der ebjoni- tisch redigierten Spruchsammlung spricht 1) das Fehlen eines be-) sondern Sprachgebrauchs; 2) die gänzliche Unregelmässigkeit und Zufälligkeit der Abweichungen; 3) das ungeheure Mafs der Übereinstimmung mit Mt bis auf den Buchstaben. R Noch bleiben übrig der „Hauptmann von Kapernaum“ und die Gerechtigkeitsrede. Ebjonitisch erscheint vor allem die Einleitung der Erzählung vom Hauptmann von Kapernaum Le 7, 2—6. Wird hier nicht der Verkehr Jesu mit dem heidnischen Hauptmann aufs sorgfältigste entfernt, indem der Heide zuerst die Ältesten und hernach seine Fiekinde: zu Jesus schickt als Vermittler? Und der Heide em- pfängt Jesu Gunst nur, weil er als Freund des jüdischen Volks ihm empfohlen wird. Kann der Heidenchrist Le diese „judaisti- schen“ Züge erfunden haben? Deutet nicht auch die Abtrennung des Schlusses Mt 8, 11—13 auf judenchristliche Bearbeitung? Leider verrät Bord diese Einleitung so deutlich wie mög- lich den Le als Verfasser durch den Ausdruck „Die Ältesten der Juden“ 7,3. Davon abgesehen spricht gegen Annahme einer eb- ohirebhlen Vorlage: 1) Die wörtliche Übereinstimmung mit Mt im Hauptstück 7, 7—9. Eine schriftliche Bearbeitung hätte nicht blofs die Ein- leitung angegriffen und sogar das A&yov v 6 unberührt gelassen, sodals v 6 ff. thatsächlich doch der Hauptmann mit Jesus redet, ja v 9 (eürov) beinahe als anwesend vorausgesetzt wird. | 2) Die Ähnlichkeit der Empfehlung des Hauptmanns v4 f. mit der Empfehlung des Hauptmanns Cornelius Acta 10,2. That- sächlich ist sie gar nicht judaistisch, sondern katholisch gemeint. Es liegt — populär gefalst — der Begriff des spätern meritum de congruo vor. Der Heide und Sünder kann sich für Gottes Gnade vorbereiten durch gute Werke, die er Angehörigen der Kirche. erweist. Das sind gerade Gedanken des Le selber. 3) Ganz ädutlich geht auf Le zurück das Nueidev TeAievrav (7,2), wodurch er eine Steigerung innerhalb der nächsten Er- zählungsgruppe vorbereitet hat: 1,2 Mweidev TeAevr&v 3. Lucas und die Spruchsammlung. 87 7,12 TE9VKoOS 7, 22 vexgol Eyeipovraı. Die antijüdischen Schlufsworte hat Le nur darum abgetrennt, weil er sie erst später (c 13) gesprochen vermutete. Vollends auf lauter Mifsverständnissen beruht das, was man den Ebjonitismus der Gerechtigkeitsrede genannt hat. Der Mann, welcher der Rede die Beziehung auf das Gesetz genommen hat durch Entfernung der Hauptstelle Mt 5, 17 ff. und der Antithesen, ist derselbe,.der allen Judaismus aus der Missions- rede (Mt 10, 5) und Pharisäerrede (Mt 23, 3) getilgt hat, der uni- ‘ versalistische Autor der Acta. Derselbe hat aus dem gleichen Grund 6, 32 ff. „Sünder“ an Stelle der Zöllner und Heiden gesetzt, weil er als Universalist sich doch nicht zu Zöllnern und Heiden in solchem fast pharisäischen Gegensatz wissen will. Wenn v 22 für die Christen Bann und Verfluchung durch die Synagoge in Aussicht nimmt, so ist dies vom Standpunkt der Urgemeinde aus unverständlich; diese hat gerade in den sechziger Jahren mit den Juden so gut als möglich in Frieden gelebt. Der Autor schreibt unter dem Eindruck ähnlicher Erfahrungen, wie sie der vierte Evan- gelist gemacht hat. Sind nun in der Rede alle gesetzlichen Züge entfernt und statt dessen eher antijüdische eingedrungen, so kann sie ihre jetzige Gestalt nicht einem Ebjoniten verdanken. | Zu keinem andern Resultat führt, was wir aus ihrem sozialen Charakter schliefsen müssen. Zunächst, wenn man nur den An- fang liest 6, 20—26, scheint sich in der That zu ergeben, dafs die Gemeinde sich als Genossenschaft der Armen den Reichen gegen- über fühlt. Die Armen werden selig gepriesen und die Reichen verflucht. Damit stimmt jedoch die Fortsetzung nicht recht über- ein. Hier wird den Christen eingeschärft zu geben jedem, der bittet, zu leihen ohne Hoffnung auf Wiedergewinn, Wohlthätig- keit zu erweisen, barmherzig zu sein, nicht zu richten und zu ver- urteilen, sondern zu erlassen, zu schenken, je reicher desto besser, sodafs dem Spruch vom Richten und Messen die Forderung schrankenloser Wohlthätigkeit entlockt wird. Das setzt keines- wegs arme, sondern eher begüterte Christen voraus. Dann ist aber der Ebjonitismus der Gerechtigkeitsrede reine Illusion. Die Rede ist so gestaltet vom Standpunkt des Autors der Acta aus, den wir hier nur noch besser kennen lernen. Er hält die Armut für ein Verdienst und den Reichtum für Sünde. Aber der Reichtum ge- währt den grofsen Vorteil, den Armen zu schenken und wohlzu- 88 I. Das Lucasevan gelium. thun, und das ist dann selbst wieder ein Verdienst. Ziemlich genau‘ so urteilt der Jakobusbrief und Hermas Sim Il. Sie sind deshalb sowenig als Le ebjonitisch. Hätte ein armer Judenchrist mit ähn- lichen Gedanken die Rede der Spruchsammlung umgearbeitet, so hätte er nicht seine christlichen Brüder zuerst als arm und sofort nachher als begütert vorausgesetzt. Das Ungeschick begreift sich leicht, wenn Le nicht eine wirkliche soziale Lage einer besondern Christengemeinde im Auge hatte, sondern allen Christen, arm und reich, Räte zur Seligkeit geben wollte. Ein für allemal ist es nicht erlaubt, auf Grund eingebildeter Merkmale der Gerechtigkeitsrede des Le einen neuen Ebjonitismus. zu erfinden, der dann für unsere Kenntnis der spätern palästinen- sischen Gemeinde wertvoll sein soll. Der Weg von der Rede der Spruchsammlung zu Le hinüber geht nicht zuerst rückwärts in das Judenchristentum, sondern geradlinig vorwärts zum Katholi- zismus. Damit ist unser Problem erfreulich vereinfacht und als Re-. sultat ergibt sich: Le hat die Reden der Spruchsammlung in ihrer ersten Form, nicht in einer sekundären Bearbeitung vorgetuhden. Er selbst unterzog 'sie, trotz im Ganzen konservativen Verhaltens,einerdreifachenBearbeitung: 1) Anpassung an sein eigenes Griechisch. 2) Umsetzung der Reden in Erzählung. 3) Bearbeitung nach dem Zeit- bedürfnis, Tilgung des Gesetzlich-Ebjonitischen, Her- vorhebung des Verdienstes der Armut und der Wohl- thätigkeit im katholischen Sinn. B. Die Anordnung. Der oberste Grundsatz heifst auch hier: Wo Le mit Mt in der Anordnung der Reden zusammentrifft, haben wir die Reihenfolge der Quelle. Das trifft zu für das Anfangsstück: Rede des Täufers Versuchung Gerechtigkeitsrede Hauptmann von Kapernaum; ferner für ein Mittelstück: Beelzebulrede . Zeichenforderungsrede 3. Lucas und die Spruchsammlung. 89 PER EN endlich für den Schluls: Parusierede Gleichnis von den anvertrauten Geldern. In allen andern dagegen herrscht Verschiedenheit. Die Haupt- frage lautet so: Hat entweder Mt getrennte Stücke zu grolsen Kom- positionen verbunden oder Le grofse Kompositionen auseinander- gerissen zu getrennten Stücken? Zu beachten ist jedoch, wenn so gefragt wird, die Möglichkeit, dafs auch beides zugleich in be- schränktem Mafs der Fall sein kann. 1) Für Le ist Zerstückelung ursprünglicher Zusammenhänge . nachweisbar: Das berühmteste Beispiel ist die Parusierede, die Le in zwei Partien e 12 und 17 bringt, während Mt sie ce 24 — freilich nicht an einem Stück — mitteilt. Zwar ist zuzugeben, dafs die Ermah- nung zur Wachsamkeit für das Kommen des Gottesreichs (Le 12, 31) ebenso gilt wie für das Kommen des Herrn, mehr noch, dafs vielleicht die Beziehung auf die Parusie ihr erst nachträglich gegeben wurde. Allein in ihrer jetzigen Form sind die Sprüche Le 12, 39—46 Stück einer Parusierede und setzen die Erwartung des Kommens des Herrn voraus. Zudem sind sie das passendste. Mittelstück zwischen der Rede Le 17 und dem Gleichnis Le 19. Le hat in unserem Fall aus dem festen Zusammenhang der Quelle, dem er e 10—12 folgt, die erste Hälfte der Parusierede losgelöst und an spätere Stelle versetzt, da sie ihm besser kurz vor dem Tod Jesu zu passen schien. Andere Beispiele: Aus der Gescher sind heraus- gerissen und isoliert Le 16, 17 f. die Worte von der Unverbrüch- lichkeit des Gesetzes und der Unauflöslichkeit der Ehe; warum? darüber läfst sich allerlei vermuten, eine überzeugende Erklärung gibtesnicht. Die Schlufsworte des „Hauptmanns von Kapernaum“ sind e 7 weggetrennt und ce 13 mit andern zersprengten Sprüchen zu einer sehr losen Komposition vereinigt; hier ist der Grund wohl der, dafs ein so scharfes Wort gegen Israel dem Le inc 7 verfrüht erschien. Ausder Johannesrede ist 16,16 „Gesetz und Propheten bis Johannes“ herausgenommen und seltsamerweise vor den Spruch von der Unverbrüchlichkeit des Gesetzes gestellt. Man spürt hier die Verlegenheit des Le, so heterogene Gedanken zusammenzudenken. Er stellt sie zusammen, damit der eine den andern unschädlich macht. In der Missionsrede hat Le Weheruf und Jubelruf, die bei Mt ein Stück bilden, getrennt, um für den Jubelruf eine passendere 90 I. Das Lucasevangelium. Baar ara a nn, Situation zu finden (10,17—21). Den Spruch vom Rückfall hat er ' mit der Beelzebulrede blofs deshalb verbunden, weil in beiden von Teufelsaustreibung die Rede ist. Dafür schlielst er an die Zeichen- forderungsrede die Sprüche vom Avyvog an (11, 33—36), die weder unter einander, noch mit dem Vorhergehenden zusammengehören; hier sind uns seine Gründe einfach rätselhaft. Nach reiner Ver- mutung hat er den Spruch von „Herz und Mund“ in die Gerechtig- keitsrede (6,45), den vonder Lästerung. des Geistes in die Bekenntnis- rede (12, 10) eingesetzt. Die Gleichnisse vom verlorenen Schaf und der verlorenen Drachme hat Le mit dem verlorenen Sohn zu einer Gruppe vereinigt, während sie die Quelle im Zusammenhang mit 17, ı ff. enthielt. Die Bekenntnisrede hat er in drei Stücke (12, 2—12. 12, 51—53. 14, 26.) auseinandergerissen, warum? ist nicht ersichtlich. In all diesen Versetzungen und Verknüpfungen ist Le nur seinem im Prolog gegebenen Versprechen treu geblieben, dals er nach der Reihenfolge erzählen will. Auf genaueren geschichtlichen . Nachrichten fulst er dabei nirgends. Er ordnet die Stoffe lediglich nach seiner Vermutung an. Diese Vermutung ist für uns öfters noch völlig durchsichtig; zuweilen sehen wir nicht mehr klar in sie hinein. Das ist wieder Anlals zu der Hypothese geworden, dals Le die Spruchsammlung in einer Bearbeitung, die sich auch auf die Anordnung erstreckte, vorgefunden habe. Allein da hie- mit blofs ein x durch ein y erklärt wird, so wird das stellen- weise Dunkel der Anordnung des Le nicht aufgehellt, und jene Hypothese ist in das Fabelland, aus dem sie stammt, zurück- zuweisen. 2) Daraus folgt nun aber für die Ursprünglichkeit der grofsen. Kompositionen des Mt noch gar nichts. Die oben p. 63 gemachten Beobachtungen behalten ihren Wert. Für die Gerechtigkeitsrede hat Le die ältere kürzere Form erhalten. Die G@ebetsrede, die Rede von Schätzen und Sorgen, die Bekenntnisrede hat Le noch als separate Reden vorgefunden; erst Mt hat sie unter fremde The- mata c 5— 7 und c 10 gebracht. Aber über ihre Stellung in der Spruchsammlung ist es schwer, eine Vermutung zu wagen, daLe sie z. I. nach eigenen Reflexionen über e 11—12 ausgebreitet zu haben scheint. Somit ergibt sich als Resultat, dafs wir die Anordnung derRhedeninderSpruchsammlung weder bei Mt noch bei Le vorfinden und sie daher nicht mehr sicher ermitteln 4. Das Sondergut des Lucas. 91 können. Le hat einzelne Reden nach Umfang und Stel- lung richtig erhalten, andere — die meisten — zerstük- kelt und zersprengt ohne geschichtliche Kunde nach eigener Vermutung. C. Der Inhalt. Mit Sicherheit sind alle diejenigen Reden in Le der Spruch- sammlung anzuweisen, zu denen Mt die Parallele aufbehalten hat. Also Le 3, 7—9. 16 f. Rede des Täufers 4, 3—12 Versuchung Jesu s 20—49. 12, 58 £. 1 17 £. Gerechtigkeitsrede. 7, 2—10. 15, 23—30 Hauptmann von Kapernaum 7, 18—35. 16, 16 Johannesrede 9, 57— 10, 16. 21—24 Missionsrede 11, 2—4. 9—13 Gebetsworte 11, 14—26 Beelzebulrede 11, 29—36 Zeichenforderungsrede 11, 39—52. 13, 34 f. Pharisäerrede 12, 2—12. 51—53. 14, 26 f. Bekenntnisrede 12, 22—34. 16, 13 Schätze und Sorgen 13, 18—21 Gottesreichgleichnisse 14, 16—24 Gastmahlsgleichnis 15, 3—10. 17, 1—6 Jüngerrede 17, 23—37. 12, 39—46 Parusierede 19, 12—27 Anvertraute Gelder. Zu der Jüngerrede ist das Gleichnis von der verlorenen Drachme (15, s—10) mitgerechnet, obschon die Parallele bei Mt fehlt, wegen der Zusammengehörigkeit des Gleichnispaares. Damit sind wir an einer Grenze unseres Wissens angelangt. Von einzelnen kurzen Sprüchen und Gleichnissen wie 12, 35—38. 12,47—48. 12,49 könnte man den Ursprung aus der gleichen Quelle vermuten; beweisen läfst sich nichts. Geraten wird es immer sein, sich mit den sicheren Schlüssen zu begnügen, statt durch vage Vermutungen darüber hinaus zu Zweifeln am Sichern Anlafs zu geben. 4. Das Sondergut des Lucas, Nachdem der gröfste Teil des Le auf zwei Quellen, Mr und die Spruchsammlung, zurückgeführt worden ist, bleiben immer noch eine stattliche Anzahl von Geschichten und Sprüchen, zu denen weder in Mr noch Mt Parallelen vorliegen, übrig. Folgende 993 I. Das Lucasevangelium Tabelle gibt einen Überblick über die Hauptmasse dieses Sonder- uts: j Le 1—.2. 3, 23—38 Vorgeschichte samt Geschlechtsregister 3, 10—14 Sprüche des Täufers 5, 4—9 Petri Fischzug 7, 11—17 Auferweckung des Jünglings zu Nain 7, 36—50 Grolfse Sünderin (Gleichnis von den zwei Schuld- nern) 8, 1—3 Dienende Frauen 9, 51—56 Samariterherberge 10, 17—20 Worte bei der Rückkehr der Jünger 10, 25—37 Gleichnis vom barmherzigen Samariter 10, 3s—42 Maria und Martha 11, 5—8 Gebetsworte 11, 27-28 Jubelruf der Frau 12, 13-21 Gleichnis vom Reichen, der Schätze sammelt 12, 35—37 Gleichnis vom zurückkehrenden Herrn 12, 47 £. Gleichnis von zwei Knechten 12, 49 Wort vom Feuer 12, 54—56 Zeichen der Zeit 13, 1—5 Bulsworte über Israel 13, 6—9 Feigenbaumgleichnis 13, 10—17 Sabbatsheilung in der Synagoge 13, 31—33 Nachstellung des Herodes 14, 1—6 Sabbatsheilung beim Pharisäer 14, 7—14 Gastmahlsworte 14, 28—33 Zwei Gleichnisse von den Jüngerpflichten 15, 11—32 Gleichnis vom verlorenen Sohn 16, 1—12 Gleichnis vom ungerechten Haushalter. 16, 14 £. 19—31 Gleichnis vom reichen Mann und armen La- zarus 17, 7—10 Gleichnis von dem zur Arbeit jederzeit verpflich teten Sklaven 17, 11—19 Zehn Aussätzige 18, 1—8 Gleichnis vom ungerechten Richter 18, 9—14 Gleichnis vom Pharisäer und es 19, 2—10 Zakchaeus 19, 41—44 Das Weinen über Jerusalem 99, 28—38 Worte beim letzten Mahl 23, 6—12 Jesus vor Herodes 4. Das Sondergut des Lucas. 93 Le 23, 2”—31 Worte beim Gang nach Golgatha 23, 39—43 Der Schächer am Kreuz 24, 13—35 Gang nach Emmaus 24, 36—53 Schlufs der Auferstehungsgeschichten. Wie die Übersicht zeigt, erstreckt sich das Sondergut des Le über das ganze Evangelium und umfalst den Verlauf des Lebens Jesu von Kir Geburt bis zum Scheiden des Auferstandenen von der Erde. Woher hat Le es geschöpft? Zunächst stehen sich zwei extreme Hypothesen gegenüber: 1) Sämtliches Sondergut stammt aus einer schriftlichen Quelle, einem alten uns verloren gegangenen Evangelium. 2) Sämtliches Sondergut stammt von Le selbst, aus seiner freien Erfindung. Die zweite Hypothese verdient wegen ihrer 'Thorheit keine ‘Widerlegung. Wenn Le wirklich alle diese Stoffe erfunden hätte, könnte er ebensowohl der Erfinder des Christentums sein. Eine Anzahl Gleichnisse können schon darum nicht von Le stammen, weil sie in sich selbst nicht einheitlich, kein Werk aus einem @ufs sind. Kleine Episoden wie die Bulsworte und die Nachstellung des Herodes, Maria und Martha und Zakchäus spotten der Erfin- dung durch ihre Verknüpfung mit geschichtlichen Situationen. Die Vergleichung des Le mit Mr und Mt hat zur Annahme eines sehr freien Bearbeiters, aber keines schöpferischen Erfinders ge- führt. Aber schon wegen der Leichtfertigkeit, die diese Hypothese dem Autor zutraut, ist sie nicht ernst zu nehmen. Die erste Hypothese dagegen läfst sich weder widerlegen, noch beweisen. Aus den xoA4ol im Prolog des Le würde man eher auf eine Anzahl von Quellen schliefsen als gerade auf ein Evan- selium, demalles Sondergutzufällt. Für manche kleinere Episoden könnte mündliche Tradition angenommen werden. Ferner — das Recht dieser Hypothese zugegeben — erfordert sie doch folgende Beschränkung: 2) Auf Vermutungen über die ursprüngliche Anordnung der Geschichten dieses Evangeliums ist rundweg zu verzichten, da ihre jetzige Anordnung ganz das Werk des Le ist. Höchstens von ein- zelnen Gleichnissen läfst sich sagen, dals sie eng verwandt und daher vielleicht zusammengehörig sind. b) Die Meinung, dafs der Text des fraglichen Evangeliums uns erhalten oder Ei der Überarbeitung des Evangelisten zu unterscheiden sei, ist ganz aufzugeben, da Stil und Sprache hier 94 I. Das Lucasevangelium. | wie in den Mrgeschichten Eigentum des Le sind. In ganz seltenen Fällen, bei einigen Gleichnissen, spürt man die Hand des Le im Unterschied von der Hand der Quelle. Im Grunde leiden die beiden erwähnten Hypothesen an dem gleichen Fehler einer vorschnellen Verallgemeinerung. Das soge- nannte Sondergut wird falsch beurteilt, wenn es als gleichartige ‘Masse betrachtet wird. Gerade hier ist das Individualisieren am Platz. Es gilt zu versuchen, das verschiedene Mals der Gestaltung überlieferter Geschichten durch Le festzustellen. Ohne die Ab- sicht der Vollständigkeit scheint mir folgende Einteilung in Grup- pen empfehlenswert: | 1) In Bezug auf den Inhalt: Stücke, bei denen die eigene Bildung des Le überwiegt: Die 10 Aussätzigen Le 17, 11—19. Diese Geschichte ist doch kaum etwas anderes als eine Umbildung der Aussätzigenhei- lung 5, 12—16 mit universalistischer Tendenz. Gerade das „geht hin und zeigt euch den Priestern“ ist fast sklavisch von dort übernommen. Eigen ist der Erzählung blos der Gegen- satz der neun undankbaren Juden und des dankbaren Sama- riters, und selbst dieser ist nur eine ungeschickte Vergröbe- rung aus dem G@leichnis e 10. Zu ’Inood EAenoov nuds vgl. 18,38, zu &teoev Erl no600noV napd Tobg nödag abTod 9,12, 8, 41, zu TOgEVovV, 7 TiOTIg 60V stoond oe 8, 48, lauter ge- /. wöhnliche Wendungen des Le. Die Heilung eines Wassersüchtigen am Sabbat 14, ı—6. Das überkommene Gut beschränkt sich auf den Spruch v 5, zu dem Mt 12,11 eine Parallele erhalten hat. Aus diesem Spruch hat Le eine eigene Geschichte gebildet mit Hilfe von zwei Elementen, der ihm auch sonst beliebten Einladung Jesu zu einem Pharisäer (e7 und 11), und dem zweiten Sabbatspruch Mr 3,1—6 (zeoarmoodusvor, Eeorıv TO HaPBdTn Heganevocı N 00, ol 8 Novyaoev). Dann wird wohl auch der Wasser- süchtige dem Le angehören. Ein besseres Beispiel dafür, wie Le Sprüche in Geschichte umsetzen kann, als dieses gibt es nicht. Sprüche des Täufers 3, 10—14. Sie heben sich von der auch dem Mt eigenen Rede der Spruchsammlung deutlich ab durch ‘ihren Gesprächscharakter. Aber dies Fragen und Antworten, gerade das t/ zoımoo* ist fast eine Manier des Le. Origi- nelles, für den Täufer irgend Charakteristisches kann ich 4. Das Sondergut des Lucas. 95 hier nicht finden. Tradition ist möglich, aber kaum wahr- scheinlich. Das Weinen über Jerusalem 19, 41—44. So rührend es uns vor- kommt, mehr als ein vaticinium ex eventu ist es kaum. oöx cpnoovsıv Aldov Exit Aldov dehnt das auf die ganze Stadt aus, was Jesus nachweislich vom Tempel sagte (21,6). Es ist nichts Hartes, Eckiges, Unerfindbares in diesen Herren- worten. . Schlufs der Auferstehungsgeschichte 24, 36—53 gehört ganz dem Le an. 36—43 ist ein apologetisches Stück, ähnlich der Tho- masgeschichte Joh 20 mit grober demonstratio ad hominem, 44—49 ein kirchliches Testament Jesu: Weissagungsbeweis und Heidenmission. Solche Dinge hat keine Tradition er- zählt, sie sind schriftstellerisch eingeführt worden. Jesus vor Herodes 23,6—12 könnte schliefslich in apologetischem Interesse von Le selbst gebildet sein. Aufser Le kennt nur das Petrusevangelium, das auf Le fufst, diese Episode. Allein unsre Unkenntnis vom Verlauf des Prozesses verbietet ein festes Urteil. Auf diese Stücke ist das zu beschränken, was jene zweite Hypothese vom ganzen Sondergut des Le ver- mutet hat. 2) In Bezug auf den Inhalt: Stücke, die Le umge- - bildet oder ergänzt hat. Geschichte von der grolsen Sünderin Le 7, 36—50: Vgl. oben p. 38£. Gleichnis vom barmherzigen Samariter 10, 25—37. Es setzt sich, genau besehen, aus 3 Stücken zusammen: 1) Das Gleichnis selbst v 30—35 2) Die Frage nach dem Nächsten und die Antwort darauf v29.36f. 3) Die Einleitung: Veranlassung der Frage nach dem Nächsten v 25—28. N 1 ist für sich selbständig und klar. Es veranschaulicht, dafs Barmherzigkeit besser als Opfer ist. Selbst ein Sama- riter, wenn er barmherzig ist, ist @ott und Menschen ange- nehmer als Priester und Levit, die kein Erbarmen haben. Mit der Nächstenfrage hat dies Gleichnis überhaupt nichts zu schaffen. N 2 gibt dem Gleichnis Bedeutung für die Mission, denn es steht ja im Zusammenhang von Missionsgeschichten. Für 26 I. Das Lucasevangelium. den orthodoxen Juden fällt der Samariter nicht in den Be- griff mAnoiov hinein. Darum ist am Schlufs Frage und Ant- wort so gerichtet, dafs der Jude den Samariter Nächstennennen mufs. Damit ist der Begriff des Nächsten erweitert und Raum für die Samaritermission gewonnen im Gegensatz zu Mt 10,5. N 3 fügt zur Frage nach dem Nächsten den Fragesteller und den Anlafs der Frage. Das Stück hat seine Parallele einerseits an Mr 10, 17.19, anderseits an Mr 12,28.30f. Dafs Le es aus lauter Mrversen zusammengesetzt hat, beweist er indirekt damit, dafs er e 20 die Frage nach dem höchsten Ge- bot ausläfst. N 1 ist das dem Le durch die Überlieferung gegebene Gleichnis. Mit N 2 ordnet er es in die Missionsgruppe ein, mit N 3 bildet er dazu eine Einleitung mit Mrsprüchen. Gleichnis vom Reichen, der Schätze sammelt 12, 13—21. Auch dies Stück ist zusammengesetzt: N 1. Das Gleichnis selbst 16—20. Es ist selbständig und klar und bedarf weder Deutung noch Schluls. N 2. Einleitung und Schlufs 15. 21. N 3. Veranlassung, 13f., eine kleine Anekdote. Die Zusammensetzung ist ähnlich wie beim barmherzigen Samariter. Überliefert sind dem Le einmal N 1, das Gleich- nis, und wahrscheinlich auch N 3, die Anekdote, die freilich zum Gleichnis in gar keiner Beziehung steht. N 2 dagegen ist die künstliche Zusammenleimung und Deutung des Le. Wer irgend Sinn für die Originalität der Herrenworte hat, der hört v 15 und 21 Le, nicht Jesus heraus. Gleichnisse von den Jüngerpflichten 14, 28—33. Hier ist nur die Anwendung v 33 von Le zugesetzt. Aus dem Gleichnis folgt die Pflicht gehöriger Selbstprüfung, bevor man sich zum Jünger Jesu meldet, gar nicht aber direkt die Pflicht des Verzichts auf allen Besitz. Auch hier ist es schon die Form, die v 33 nicht als Herrenwort erscheinen lälst. Gleichnis vom ungerechten Haushalter 16,1—13. Hier ist die Zusammensetzung ganz besonders deutlich. N 1. Das Gleichnis samt 1. Deutung, v1—8. Das Gleichnis schliefst mit 7; s bringt die Deutung: Der Herr — Jesus, wie so oft bei Le, lobt den ungerechten Haushalter wegen seiner Klugheit. N 2. v9 2. Deutung. Der Mann, der dies x«i &y& schrieb, 4. Das Sondergut des Lucas. 97 ' merkte nicht, dafs schon v 8 Jesus redete. Er zieht aus dem Gleichnis die Lehre, wie man den Reichtum verwenden soll, wobei er einzelne Züge des Gleichnisses allegorisch deutet. N 3. 10—13 Ergänzende Belehrungen zu v 9, Einschärfung der Treue in der Verwendung des Geldes, Warnung vor Hab- gier. Dabei stammt v 13 aus Q. v 10 ist ein Herrenwort un- bekannten Ursprungs. Überliefert ist dem Le das @leichnis samt der ersten Anwendung N 1. Es lehrt, für sich genom- men, über den Gebrauch des Reichtums gar nichts, sondern empfiehlt den Kindern des Lichts Klugheit für ihr Gebiet im Blick auf das kommende Gottesreich. N 2 und N 3 ist ge- meinsam, dals sie im Gleichnis eine Belehrung über den rich- tigen Gebrauch des Reichtums sehn; sie können darum beide von einer Hand, vom Evangelisten stammen, der dann frei- lich 1-8 um so sicherer schriftlich überkommen hat. Aufser 10 und 13 gehören alle diese Zusätze der deutenden Überlegung des Le an. Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus 16, 14—31. Es besteht aus folgenden Teilen: N 1. 19—26 Das ursprüngliche Gleichnis. Seine Pointe ist, Arme in ihrer Not zu trösten und Reiche aufzurütteln. Sei- nen Schluls hat es in dem Moment, da der Reiche vernimmt, dafs die Lose gerecht verteilt sind und eine Änderung un- mösglich ist. N 2. 14—18. 27—31. Anwendung des Gleichnisses auf die Pharisäer, die trotz Gesetz und Propheten, ja trotz der Auf- erstehung Jesu ungläubig sind. Geldliebend müssen sie heilsen, damit eine Beziehung zum reichen Mann hergestellt wird. Aber das Thema dieser Zusätze ist nicht reich und arm, sondern gläubig und ungläubie. In diese Überarbeitung sind aus Q die Sprüche 16—18 eingeflochten, weil im Folgen- den 29f. von Gesetz und Propheten verhandelt wird. Durch die Überlieferung ist nur N 1 das @leichnis mit dem Schluls v 26 dem Le gegeben. Die darin eröffnete Aussicht in die jenseitige Welt reizte ihn, die Höllenstrafen auf alle ungläubigen Juden — denn die sind mit den Pharisäern ge- meint — auszudehnen, um so aus dem Gleichnis für die Ar- men eine Gerichtsdrohung gegen die Juden zu machen. In diese neue Anwendung N 2 hat er dann die 3 Sprüche aus Q eingefügt, freilich mit sehr künstlicher Reflexion, aber nicht Wernle, Frage. x I. Das Lucasevangelium. so, dals wir es gerade dem Le nicht zutrauen dürften. Das ursprüngliche @leichnis hat mit all diesen neuen Ideen ganz, und gar nichts zu schaffen. Gleichnis vom ungerechten Richter 18, 1—8. Die Zusammen- setzung dieser Erzählung macht am allermeisten Schwierig- keit. Es sondern sich N 1. Das Gleichnis selbst 2—5. N 2. 6—8?. Erste Anwendung, die aus dem exdıryow des Richters die baldige &xdrxnoıg Gottes für seine Auserwählten folgert. N 3. Einleitung ı. Zweite Anwendung. Das Gleichnis soll zum dringlichen Bittgebet auffordern ganz wie 11,5—8. N 4. Schluls s®. Bange Frage, ob der Menschensohn, wenn er käme, wohl Glauben finde auf Erden. Fest stehn ohne Weiteres 2 Punkte: 1) N 1 stammt aus der Überlieferung. 2)N 4 ist ein von Le hinzugefügtes Fragezeichen. Fraglich bleibt der Ursprung von N 2 und3. Durch N 2 hängt das Gleichnis mit dem Vorhergehenden zusammen (Parusierede), durch N 3 mit dem Folgenden (Gebet des Pha- risäers und Zöllners). Da aber auch das Folgende durch 14 eine Beziehung auf die Zukunft erhält, so ist klar, dafs Le in 17,20 — 18,14 eine auf die Parusie gerichtete Gruppe bilden wollte. Daraus folgt, dafs die Hinleitung (N 3), die hiezu nicht pafst, nicht da Le, sondern der Quelle gehört. Das Stück 18, 1—5 mag edlieh mit 11,5—8, das ganz die- selbe Bine hat, ein Paar gebildet en a aber stammt v6—8* doch wohl von Le selbst. Er hat aus dem &xdır oo eine neue Deutung des Gleichnisses hergeleitet, wie 16, 4 aus dem deSovrar we. Und so gut das lockere Gefüge 16, 9—13 von seiner Hand stammt, gerade so gut hier 18, 6—8. Es scheiden sich somit die Quelle 18,1—5, und die Bearbeitung 6—8, und es erscheint unnötig, dem Gleichnis eine en ee Vorgeschichte zuzuschreiben. Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner 18,9—14. Es besteht aus zwei Stücken: N 1. Das Gleichnis 10—14°, das keiner Einleitung und kei- ner Anwendung bedarf. N 2. 9.14®. Einleitung (Adresse) und Anwendung auf je- den, der sich erhöht; das Gericht bringt die Umkehr. Das 4. Das Sondergut des Lucas. 99 Wort, das auch Le 14, 11. Mt 23, 12 steht, ist sicher ein Herren- wort, aber ein selbständiges, nicht eine Anwendung dieses gar keine solche bedürfenden Gleichnisses. Ganz ohne Umrahmung und Deutung hat Le blofs das Feigen- baumgleichnis 13, 6—9 wiedergegeben. Sonst liefert die ganze Gleichnisgruppe ie stärksten Beweis, dafs Le, eben weil er Be- arbeiter ist, nicht zugleich der DEREN oder Er Gestalter dieser SR sein kann. Sie müssen ihm schriftlich vorgelegen haben. 3) In Bezug auf die Anordnung: Stücke, dieLe zu be- sondern Gruppen vereinigt und dadurch eigen gedeu- tet hat. Eine erste Gruppe bildet Ir Stück 7,2—8,3. Sein Mittel- punkt ist die Johannesrede aus Q. renden ist Ar Aufbau: Heilung eines dem Tode Nahen 7, 2—10 Auferweckung eines Gestorbenen 7, 11—17 Tote stehen auf 7, 18—23 Johannesrede 7, 24—35, mit dem Spruch 34, der Jesus als Sünderfreund schildert Jesus Freund und Anwalt der Sünderin 7, 36—50 Jesus begleitet von Frauen, die von bösen Geistern ge- heilt sind. | Eine zweite Gruppe enthält lauter Missionsstücke 9,51— 10,42. Die Missionsrede aus Q ist ihr Mittelpunkt. Jesus in Samarien 9, 51—56 Pflichten der Missionare 9, 57—62 Aussendung der 70 und Rede 10, 1—16 Worte bei der Rückkehr der 70. 10, 17—24 Samariter sind auch Nächste 10, 25—37 Wie der Missionar aufzunehmen ist 10, 38—42. Es folgen die Gebetsworte 11, 1—13, zusammengesetzt aus Q und dem Sondergut, dann die Hauptmasse der Reden der Spruch- sammlung e 11 und 12 mit nicht immer klarer Disposition und allerlei künstlichen Übergängen und Verknüpfungen des Le. 12,54 — 13,35 sind im Ganzen Bufsworte an die Juden zu- u nehgestellt: Die Adresse geht an die öyAoı 12, 54. Zeichen der Zeit 12, 50—56 Rat zu schleunigem Ausgleich mit @ott 12, 57—59 Verheifsung des Untergangs, wenn nicht Bulse eintritt 15,1—5 Ta 100 I. Das Lucasevangelium. Gleichnis vom Feigenbaum als Mahnung zur Bulse 13, 6—9 Beispiel eines unbufsfertigen Juden (Sabbatsheilung) 13, 20-=17 Das @ottesreich, das sich universal ausbreitet 13, 18—21 Israel et den Heiden das Gottesreich 13, 22—30 Wehe über J en 13, 31—35. Daran reiht sich die Ge nahlereppe 14, 1—24, ES Ein- gangsstück (Sabbatsheilung 1—6) ich freilich nicht zu deuiza wage. Wo soll man sitzen? 14, 7—11 Wen soll man eledenz 12—14 Wer kommt zum Mahl im Gottesreich? 15—24. Die nächste Rede an die Volksmassen 14, 25—35 ist vielleicht dem Folgenden (c 15) zum Contrast vorgesetzt. Wer kann nicht Jünger sein? 14, 25—35 Wen dagegen nimmt Jesus an? ce 15 Jedenfalls ist e 15 von Le komponiert zur Rechtfertigung der Zöllner und Sünder. Daher die Einleitung vıf., die nach der: Meinung des Le für alle drei Gleichnisse palst. De zwei Gleich- nisse inc 16 würde jedermann sich durch das Thema: Reich und arm, verbunden denken, hätte nicht Le in der zweiten Hälfte den Unglauben und die Pharisäer hineingezogen. Das schlielst aber nicht aus, dafs auch für ihn das oberste Motiv dieser Verknüpfung das soziale Thema war. Am allerschwierigsten ist die Disposition der folgenden Stücke bis zur Parusierede. Die ganze Gruppe 17, 1—19 scheint mir ein ganz unzusammenhängender Nachtrag von kleinen Sprü- chen, die Le eben nicht besser unterzubringen wulste. Theolo- gische Ideen von Glauben und Werken etc. tragen erst wir hinein. Die letzte Gruppe 17,20—18, 14 schlielst sich an die Parusie- rede von Q an. Parusierede 17, 20-37. | Die Rache kommt 18, 1—8. Das Hohe wird erniedrigt werden 18, 9—14. Alle diese Gruppierungen verdanken ihre Entstehung ledig- lich dem Evangelisten. Es ist gar nirgends Anlafs, in ihnen das Werk der Urgemeinde, vollends des Ebjonitismuszu sehen. Wenn überhaupt Vermutungen über etwas so Unsicheres erlaubt sind, so dürfen wir annehmen, dals einzelne Gleichnisse in der Quelle, aus der Le sie schöpfte, wesentlich anders gruppiert waren. Das Gleichnis vom ungerechten Richter c 18 bildete mit dem vom 4. Das Sondergut des Lucas. 101 ze lästigen Freund e 11 ein Paar. Das Gleichnis vom Samariter, dem Priester und Levit gegenübergestellt sind e 10, stand mit dem vom Pharisäer und Zöllner e 18 nahe zusammen. Das Gleichnis vom Reichen, der Schätze sammelt e 12, stand vielleicht nahe beim Gleichnis vom reichen Mann und Lazarus ce 16. Am wenig- sten hätte man in der Gastmahlsgruppe ce 14 einen besondern Ein- flufls der gemeinsamen Mahlzeiten der Urgemeinde entdecken sollen. Ihr Hauptstück ist ja das Gastmahlsgleichnis aus Q, das aufs Gottesreich geht; dem hat Le äufserlich und rein auf Ver- mutung Regeln für die irdischen Mahlzeiten vorangestellt. Das "konnte ein Evangelist so komponieren, auch wenn es nie urchrist- liche Mahlzeiten gegeben hätte, ist doch der Ort dieser Gespräche das Haus eines Pharisäers! Es ist wahrlich überflüssig, für solche Künste ein X hinter Le anzunehmen, wo mit Le selbst ohne Schwierigkeit auszukommen ist. 4) In Bezug auf den Text: Stücke, deren jetziger Wortlaut von Le herstammt. Dahin gehört jedenfalls die Auferweckung des Jünglings zu Nain, 7, 11—17. Sie setzt sich fast durchweg zusammen aus sonst bekannten lucanischen Redewendungen, teils frei gebildeten, teils im Anschlufs an Mr gebrauchten. Aus der Auferweckung der Tochter des Jairus stammt uovoyevnig e.dat. xal «ürn (8,42. 7,12), un #Acie (8, 52. 7, 13), veavioxe, 00l Ayo, Eyeodnrı (Mr 5, 41. Le 7, 14), aus der Geschichte vom Epileptischen x«t E&dwxev a5rov T7) unrol aö- tod (9, 42. 7, 15), aus der Geschichte vom Paralytischen &Außev Ö8 Poßog ünavrag nal Edögafov Tov Fedv (D, 26. T,16) etc. In der Be- zeichnung Judäa verrät sich der Evangelist, der an das Wort als Gesamtbezeichnung mit Einschlufs Galiläas gewohnt ist. Aber gerade die bestimmte Örtlichkeit hindert mich, dem Le die Er- findung der ganzen Erzählung zuzuschreiben. Er hat etwas von einem solchen Wunder in Nain gehört oder gelesen und darnach diese Geschichte komponiert. | Unter diese Gruppe sind auch sämtliche Gleichnisse des Son- derguts zu rechnen. Die Vergleichung der mit Mr und Mt gemein- samen Gleichnisse hat gezeigt, dafs die Form dieser „erzählenden Reden“ für Le am wenigsten bindend ist, dals er sie alle auf seine Weise neu erzählte. Von dieser Regel wird er gegenüber den Gleichnissen seines Sonderguts nicht abgewichen sein. Er wird, auch wo er sie schriftlich vorfand, kein einziges unverändert über- nommen, vielmehr alle neu dargestellt haben. Darauf hin deuten 102 1. Das Lucasevangelium. schon die gleichen Eingangsformeln: rig &8 du@v oder &vdowzog tig iv... ., die zahlreichen d&, Partieipialsätze, gen. abs., die ein- gelegten Gespräche in direkter Rede, überhaupt die gleichmälsige Behaglichkeit und Anschaulichkeit. Alle diese Gleichnisse dürfen der Form nach als das Werk des Le gelten, der an ihnen sein künstlerisches Talent bekundet hat. Erfunden sind sie deshalb so wenig, als alle von Le formell neu erzählten Mrgeschichten. Endlich wird auch der Rest der Erzählungen, Fischzug des Petrus, grofse Sünderin, Maria und Martha, Zakchaeus etc. in ihrem jetzigen Wortlaut stark von Le bestimmt sein. Es folgt dies ohne Weiteres aus den Grundsätzen der Quellenaufnahme des Le. 5) Am allermeisten Schwierigkeit bereiten der Unter- suchung die Vorgeschichte und die Ergänzungen der Schlufs- kapitel. Von ihnen ist daher noch besonders zu handeln. Was hat Le aus der Tradition geschöpft und was hinzugebildet? Bei der Vorgeschichte ist zunächst auf den Versuch, sprach- lich Anlafs zur Quellenscheidung zu finden, gänzlich zu verchlen Allerdings ist der stilistische Unterschied zwischen dem Prolog 1,1—4 und der nun folgenden Erzählung so grols, dals er zur Brake drängt, ob derselbe Autor — unabhängig von schriftlicher Vorlage — so den Stil zu variieren imstande sei. Allein eine Über- setzung aus dem Aramäischen kann 1,5—2 auszwei Gründen nicht sein: Einmal wegen des unleugbar orkäh Einflusses der LXX ın den Psalmen-Citaten (1,37. 2, 23.24) und dem Geschlechtsregister (Kainan, Sohn Arphaxads und sämtliche Namen), sodann weil der hebraisierende Charakter der Vorgeschichte ein Argument gegen, nicht für ein aramäisches Original bedeutet. Sobald aber der grie- chische Ursprung der Vorgeschichte feststeht, fällt die Möglich- keit einer rein sprachlichen Unterscheidung von Quelle und Be- arbeitung um so mehr hin, als beides, die Abhängigkeit von LXX, wie die Vorliebe für Hebraismen, gerade feste Eigentümlich- keiten des Le selbst sind. Somit bleibt nur der Versuch übrig, auf sachlichem (reli- gionsgeschichtlichem) Weg Rückschlüsse zu machen. Da scheint die sicherste Beobachtung die, dals die ganze Vorgeschichte ur- sprünglich auf die davidische Abstammung Jesu von Joseph, keineswegs aber auf vaterlose Erzeugung angelegt ist. Abgesehen von 1, 34 f. und dem rein für sich als Glosse kenntlichen og &vo- ui&sro 3,23 deutet kein Zug der ausführlichen Erzählung auf über- natürliche Geburt. Das doppeldeutige guvnorsvuevn 2, 5 ist mit 4. Das Sondergut des Lucas. 103 _—. „verheiratet“ zu übersetzen, wenn doch Joseph nach 2, 33. 48 sein Vater, und Joseph und Maria nach 2, 41. 43 seine Eltern heifsen. Wozu anders ist Joseph an der ersten Stelle, da er auftritt, 1, 27 als Davidide eingeführt, als damit Jesus als sein Sohn den Thron seines Vaters David erer be 1, 32 und wie sinnlos erscheint die ge- waltsame Übersiedelung Has Den (2,4) nach Bethlehem, wenn er nicht als Davidide iR esu Vater ist? An dem Gespräch ehe Gabriel und Maria ist Alles verständlich mit Ausnahme der Frage der Maria v 34 und ihrer Beantwortung. Diese Antwort bringt zur ‚ersten volkstümliehen Deutung des Gottessohns (1, 32) eine zweite theologische, die nach der ersten gar nicht erwartet, vielmehr durch sie ausgeschlossen ist. Endlich wird die Bezeichnung „Elisa- beth, deine Verwandte“ schwerlich ohne Absicht geschrieben sein. Durch diesen Zusatz fällt auch Maria dem Stamm Aaron zu. Dann aber scheint die Vorgeschichte ursprünglich angelegt auf den Er- weis der Abstammung Jesu von David und Aaron, d.h. auf den Erweis seiner königlichen und hohenpriesterlichen Würde, wie sie — gemäls der Erwartung hasmonäischer Zeit (Ps 110) —- vom Messias postuliert wird. Dieser Erweis bricht in dem Augenblick zusammen, wo Jesus nicht wörtlich Josephs Sohn ist. Wenn alle diese Argumente beweiskräftig sind, dann ist hier ein Punkt ge- funden, wo sich Quelle und Bearbeitung scheiden lassen. Die Verse ' von der vaterlosen Erzeugung Jesu aus heiligem Geist sind dann ein Eintrag des Le in eine ältere Tradition, welche den Gottessohn noch rein theokratisch deutete. Do läfst sich argumentieren. Doch wäre es Unrecht, die Be- denken zu verschweigen, die dieser scheinbar so zwingenden Be- weisführung entgegenstehen. Wenn der Widerspruch zwischen Quelle und Interpolation so grols ist, warum hat ihn dann Le selbst nicht gespürt, warum nicht viel stärker eingegriffen, um ihn zu vermeiden? Es ist sonst nirgends die Art des Le, eine Quelle skla- visch zu kopieren und blofs mit Zusätzen zu versehen. Vor allem die Vorgeschichte konnte ihm keine heilige Tradition sein, an deren Wortlaut er gebunden war. Eine solche Herausschälung - einer Interpolation aus festem Quellentext beruht auf Verkennung des schriftstellerischen Verfahrens des Le. Entweder also die Interpolation gehört gar nicht dem Le, sondern einem 'spätern Christen an — eine Annahme, die sich freilich über die blofse Möglichkeit nicht hinausführen läfst — oder der Widerspruch war für Le nicht in der Weise wie für uns vorhanden. Es scheint, 104 | I. Das Lucasevangelium. _ dafs ein Teil der ältesten Christen sich das „vom Samen Davids“ und „aus heiligem Geist“ ohne Ansto[s zusammen denken konnten (vgl. noch Ignat. ad Eph. 18: && oreouerog utv Jaßid, avsduarog ö& &ylov und die Erzählung Mt 1 nach Syr“®). Solchen mochte dann auch jene doppelte Deutung des Gottessohns nicht als Gegen- satz, sondern als Steigerung erscheinen. Allerdings ist durch diese Vermutungen die religionsgeschichtliche Frage nach Alter und Reihenfolge beider Vorstellungen nur zurückgeschoben. Aber die zuversichtliche Behauptung: die lucanische Vorgeschichte kein Werk eines Autors aus einem Gufs, ruht schliefslich auf dem Postulat einer Klarheit und Geschlossenheit, mit dem wir nicht an eine Zeit lebhafter Produktion und bunter Religionsmengerei herantreten sollten. Ein zweiter Punkt, wo ein Eingreifen des Le in die Tradition am ehesten spürbar ist, liegt am Anfang des zweiten Kap. vor in der Erzählung von der Schatzung. Diese Verknüpfung der Ge-. schichte Jesu mit der allgemeinen Weltgeschichte, zumal das chronologische Datum stammt von demselben Mann, der 3, 1 ff. das öffentliche Auftreten Jesu in die Weltgeschichte eingefügt hat, Er arbeitet hier als erster christlicher Historiker, freilich nach Vermutung, nicht nach Wissen. Mehr noch, man könnte hier einen theologischen Versuch sehen, die Herkunft Jesu aus Nazaret mit der alten Michaweissagung von Bethlehem auszugleichen auf dem Weg einer historischen Hypothese. Allein wer das behauptet, der muls sofort weiter gehen und 2, 1—39 überhaupt der Erfindung des Le zuschreiben. Hat erst Le Jesus durch die Schatzung nach Bethlehem gebracht, so muls er zugleich die an Bethlehem und Jerusalem geknüpften Erzählungen gebildet haben. Es gibt aber noch eine andere Möglichkeit: die Erzählungen von der Geburt in Bethlehem, den Hirten, Simeon und Hanna können dem Le durch die Tradition (Legende) gegeben sein, und dann wäre umgekehrt die Episode in Nazaret e 1 und die UÜbersiedlung infolge der Schatzung seine Zuthat. Diese zweite Möglichkeit hat das Meiste ‘ für sich. Ganz gewils sind die Bethlehemlegenden älter, als der Versuch, sie mit der Nazarettradition auszugleichen. Das beweist Mt, der solche Legenden kennt, aber sie auf andere Art mit der Nazarettradition vermittelt. Zudem scheint gerade in den Ge- schichten von Simeon und Hanna einiges Traditionsgut vorzu- liegen, das nicht erst von Le stammt. Somit darf es als wahr- scheinlich, wenn auch nicht gewils, bezeichnet werden, dafs die 4. Das Sondergut des Lucas. 105 Komposition der Vorgeschichte, ihre Verknüpfung von Nazaret und Bethlehem das Werk des Le ist. Endlich stammt der zweite Teil des Geschlechtsregisters in c 3, von David bis Adam (3, 32—38) ebenso gewils vom Universa- listen Le, wie er den ersten Teil, von Joseph bis David, aus der Tradition geschöpft haben wird. Denn das Eigentümliche des Stammbaums hört mit David auf; der Rest war mit LXX leicht zu ergänzen. Der davidische Stammbaum mufs dann freilich schriftlich dem Le vorgelegen haben. Was nach all diesen Abzügen als traditionelles Gut übrig bleibt, ist im Grofsen und Ganzen dreifacher Art. Es gruppiert sich um das Verhältnis Jesu zu Johannes, um seine davidische Ab- kunft und Geburtsort und um Jerusalem und den Tempel. Damit sind zugleich die drei Hauptmotive, die zur Bildung dieser Legen- den führten, aufgezählt. Einmal spiegelt sich das Verhältnis der Christen zu den Johannesjüngern in den Johannesgeschichten von cap 1. Die Mütter der beiden Helden sind verwandt und befreun- det; Johannes ist das ältere Kind, dasjenige, das auch zuerst auf- tritt. Allein schon im Mutterleib huldigt es dem Messias; seine Priorität wird entwertet durch seinen Vorläufercharakter, den ihm sein Vater selbst weissagt., Das alles sind durchsichtige Züge, die keiner Deutung bedürfen. Sodann ist der Nachweis der davidi- schen Abstammung und bethlehemitischen Geburt eben der älteste Beweis, den die Christen für die Messianität Jesu geführt haben. Dem dient auch die Verheilsung des Engels, die Erscheinung der Engel vor den Hirten und die Weissagung Simeons. Das sind alles machtvolle Ergänzungen des alttestamentlichen Weissagungs- beweises. Endlich zeigen uns die Legenden von Simeon und positiv sich Jesus zu Volk, Gesetz und Heiligtum verhielt. Keine gesetzliche Vorschrift ist bei ihm vernachlässigt worden. Im Tempel wird er als kleines Kind von den echten jüdischen From- men begrülst und gesegnet. Der Tempel ist der Ort, wo der Knabe sich zu Hause weils. Es besteht gar kein Gegensatz zwischen Jesus und den‘ echten jüdischen Frommen. Das ist eine legen- darische Apologetik, wie sie für das antipaulinische Judenchristen- tum palst. Damit ist zugleich gesagt, dafs diese Legenden aus der palästi- nensischen Urgemeinde stammen. Ihr geschichtlicher Wert ist jedenfalls äulserst gering, kaum viel gröfser als der späterer apo- 106 I. Das Lucasevangelium. —_ krypher Geburtsgeschichten. Aber der Heidenchrist Le hat sie nicht erfunden. Sie sind fest verwachsen mit dem Judenchristen- tum, seiner Hoffnung, seiner Liebe zu Tempel, Gesetz und Volk, seiner intimen Beziehung zur Johannessekte. Nur freilich die Legende aus der ihr durch Le gegebenen Form herauszuschälen, ist ein unmögliches Ding. Eine Vermutung über die Psalmen überlasse ich denen, die mehr davon wissen. Von den Zusätzen zur Leidensgeschichte ist die Herodes- episode wohl einem apologetischen Motiv entsprungen. Selbst der Zug von der ursprünglichen Feindschaft zwischen Pilatus und Herodes stammt schwerlich aus der Tradition, da er doch nur symbolisiert, wie die gegenseitigen Feinde, Heiden und Juden, in der Christenfeindschaft sich treffen. Die Worte Jesu auf dem Gang zum Grab sehen zu sehr wie vaticinium ex eventu aus; einem sol- chen sind wir schon 19, 41 und 21,20 begegnet. Solche Stellen einzufügen gehört zu den Eigentümlichkeiten des Le. Zu den Worten am Kreuz vgl. oben p. 35. Da die Annahme einer Sonder- überlieferung die Auslassung des „Mein Gott ete.“ doch nicht er- klärt, ist es doch wohl geraten, die Umgestaltung des Eindrucks dem Le selbst zuzuschreiben. Dagegen heben sich aus den Auferstehungsgeschichten an zwei Orten alte Stücke der Tradition hervor: der Gang des Kleo- pas und seines Begleiters nach Emmaus mit der Erscheinung unter- wegs und die Erscheinung des Herrn an Simon. Die letztere ist freilich nur erwähnt, nicht erzählt; aber das spricht gerade zu ihren Gunsten. Man könnte denken, Le habe sie aus 1. Cor. 15, 5 geschöpft, allein die Verwertung dieses Kapitels hätte zu ganz an- deren Auferstehungsgeschichten führen müssen, abgesehen davon, dals ein Einflufs paulinischer Briefe auf Le eine mit Recht bestrit- tene Sache ist. Die Notiz wird also aus mündlicher Überlieferung stammen. Der Gang nach Emmaus gehört freilich seiner ganzen Form nach dem Le an; das zeigt schon seine Verknüpfung nach vorwärts und rückwärts, und, abgesehen von der Sprache, der ganze Ideengehalt. Aber nicht nur die festen Namen Kleopas und Em- maus, sondern fastnoch mehrdie zarte visionäre Artder Erscheinung sträuben sich gegen die Annahme, von Le erdichtet zu sein. Ermuls irgend etwas erzählen gehört haben, von Zweien, darunter Kleopas, die nach Emmaus gingen, und denen Jesus unterwegs erschien. Alles andere in diesem Kapitel versteht sich leichter ohne Annahme einer Tradition als mit derselben. Von jerusalemischen 4. Das Sondergut des Lucas. 107 Erscheinungen hat laut Mr und im Grund auch Mt die Urgemeinde nichts gewulst. Die Kunde der Frauen vom leeren Grab in Jeru- salem, die Erscheinungen der Jünger in Galiläa, das ist das klare sichere Ergebnis der ältesten Überlieferung. Der Bericht des Le von Erscheinungen in Jerusalem ist unmittelbare Folge seiner Eliminierung der Flucht der Jünger nach Galiläa. Beides gehört zusammen; es sind nicht zwei Neuerungen, sondern eine einzige. Wer trotzdem hier für jerusalemische Sondertradition eintritt, der behauptet, dals die Urgemeinde sich in diesem wichtigsten Punkt selbst nicht klar gewesen ist, und erschüttert im Eifer zu retten blofs das wenig Sichere, was wir wissen. Und ist denn ein einziger Zug im Schlulsstück des Le, der auch nur von ferne aus- sieht wie eine historische Reminiscenz ? Nunmehr läfst sich als Resultat dieses Abschnitts feststellen: . Lehataufser Mr und der Spruchsammlung noch an- dere (Eine?) Quellen benützt, aus denen er zahlreiche wertvolle Sprüche, Gleichnisse und Geschichten mit- teilt. Er hat dieselben mit gröfster Freiheit behandelt, sieergänzt und umgebildet, ihre Stellung nach eigener Vermutung bestimmt, ihren Wortlautselbstgeschaffen, so dafs der Versuch, die Quelle rekonstruieren zu wollen, ganz aussichtslos ist. Schlufs. Also setzt sich das Lcevangelium aus drei ganz verschieden- artigen Quellenschichten zusammen. Die Grundlage des Ganzen bildet das Mrevangelium derart, dafs Le überhaupt als eine Er- weiterung und Vermehrung seines Entwurfs erscheint. In das- selbe hat Le die Reden der Spruchsammlung eingefügt, und zwar ihre Hauptmasse in den zwei dazu eigens gebildeten Ein- schaltungen. Mit diesem Gut der Spruchsammlung hat Le sein Sondergut so verknüpft, dafs er mit seiner Hilfe die Reden in Erzählungen umsetzte; der gleichen dritten Quelle entnahm er die Vorgeschichte und Zuthaten am Schlufs, um damit dem Mr neuen Anfang und neues Ende zu geben. An die Spitze des Ge- samtwerks stellte er seinen Prolog. Dem so zusammengesetzten Werk kann nur mit Gewalt eine Tendenz aufgedrängt werden. Will man jedoch den Charakter des Autors aus.dem Werk erschliefsen, so empfehlen sich folgende Hauptmerkmale. 108 I. Das Lucasevangelium. 1) Der universalistisch-antijüdische Zug. Von Paulus hat Le nichts als den Universalismus übernommen; durch seine judenfeindliche Gesinnung unterscheidet er sich gerade schroff von ihm. Beides tritt zu Tage im Geschlechtsregister ce 3, der Nazaretepisode ce 4, der Auslassung der kananäischen Frau aus Mr und sämtlicher gesetzlicher und partikularistischer Stellen ın Q, der Bevorzugung der Samariter, der Bulsworte gegen die Juden c 13, der antijüdischen Ergänzung der Talentparabel, der vaticinia ex eventu in e 19. 21. 23, dem universalistischen Schluls c 24. Allein Le weils genau, dafs Jesus zunächst für Israel gekommen ist, und betont das aufs stärkste, damit die Juden keine Entschul- digung haben. Das ist das Wahre an den Spuren des Ebjonitismus. 2) Der katholisierende Zug. Dahin zähle ich die Hoch- schätzung der guten Werke, besonders des Almosens bei Le. Um seiner guten Werke willen wird dem heidnischen Hauptmann Jesu Gunst zu teil. Armut erscheint als Verdienst und Reichtum als Sünde. In der Vorgeschichte werden Ceremonialgesetz und Kultus von Le hoch in Ehren gehalten. 3) Der apologetische Zug. Er zeigt sich am deutlichsten in der Leidensgeschichte und beim Zinsgroschen. Der heidnische Richter bekennt Jesu Unschuld dreimal; es ist nichts Staatsgefähr- liches an ihm. In engem Zusammenhang mit dieser Apologetik steht der historisierende Zug des Le. Die Geschichte Jesu wird in die des römischen Reichs eingefügt. Der erste römische Kaiser ist beteiligt an der Geburtsgeschichte Jesu. Die genaue Chronologie stellt sich ein. Auch das hängt damit zusammen, dafs das Christen- tum anfängt, die Augen der gebildeten Heiden auf sich zu ziehen. 4) Das Rührend-Erbauliche. Le ist das spezifische Hei- landsevangelium; Jesus wird in ihm gefeiert als der Freund der Sünder und Verstolsenen, der Armen und Betrübten, der Frauen, der Stillen im Land. Blofs eine Menschenklasse lehnt er ab, die Reichen. Dieser Zug macht sich geltend von den Hirten bei Beth- lehem bis zum Schächer am Kreuz. HatLe auch im Allgemeinen Jesus mit diesem Zug nicht unrichtig aufgefalst, so ist doch mindestens bei der Leidensgeschichte unter dem Kreuz diese Neigung gefährlich geworden; sie hat dort das Erbaulich-Sentimentale an Stelle der ern- sten Wahrheit gesetzt. Oft merkt man Le an, dafs er rühren will. Keine dieser Beobachtungen führt uns über das erste Jahr- hundert hinaus. Ungefähr werden sich die 90er Jahre als Datum vermuten lassen. a. Die Disposition. 109 ll. Das Matthaeusevangelium. Aus der Untersuchung des Le hat sich mit Sicherheit ergeben, dals Mr eine alte vorlucanische Evangelienschrift ist. Von Mt hat sich das Nämliche nicht erschliefsen lassen. Daher muls er der nächste Gegenstand der Untersuchung sein. Sie hat aber hier einen anderen Weg als bei Le einzuschlagen. Kein Prolog meldet uns etwas von Vorgängern, die als Quellen benutzt wurden. Die kirchliche Tradition nennt als Verfasser einen der zwölf Apostel, also einen Augenzeugen, welcher direkt und ohne sich auf Quellen zu stützen imstande war zu schreiben. Diese Tradition kann freilich im Unrecht sein. Aber sie verbietet jedenfalls von dem bei Le berechtigten Verfahren sogleich Ge- brauch zu machen. Die erste Frage ist also die, ob Mt ein Erstlingswerk aus der Hand eines Apostels ist, oder ein späteres Evangelium, das Vorgänger voraussetzt, von denen es abhängt. Im ersten Fall wird es sich als Werk aus Einem Gufs erweisen, im zweiten Fall als eine Zusammensetzung. Ist diese Frage beantwortet, so sind wir zu dem Punkt gelangt, wohin uns für Le der Prolog ohne Untersuchung führte. a) Die Disposition. Von einer wirklich deutlichen Disposition kann man bei Mt kaum mit grölserem Recht als bei Le reden. Folgendes ist seine Gliederung: Vorgeschichte ce 1—2 Taufe und Versuchung 3,1 — 4, 11 Erstes Auftreten 4, 12—25, als Einleitung zu: Jesus als Lehrer 5— 7 Jesus als Wunderthäter 3—9 Neue Einleitung 9, 35—38 zu: Jesus und die Apostel c 10 Jesus und Johannes ce 11 Jesus und die Pharisäer e 12 Jesus und das Gottesreich 13, 1—52 Geschichten aller Art 13,53 — 20 mit langsamer An- näherung an Jerusalem, darunter: Jesus und die Jünger c 18 Die Tage in Jerusalem e 21—25 mit Streitgesprächen; davon: 110 i II. Das Matthaeusevangelium. Die Weherufe ce 23 Parusiereden ce 24—25 Leidens- und Auferstehungsgeschichte 26— 28. Diese Gliederung weist einige Merkwürdigkeiten auf. Die Einleitungen vor ce 5 und vor e 10 sind Doubletten. Wenn Jesus in c 8—9 als der Wunderthäter gefeiert wird, so ist auffallend 1) dafs inc 14—19 noch eine ganze Reihe Wunder folgen (zwei Speisungen, Wandeln auf dem See, kananäische Frau, Epileptischer, Blinde in Jericho), die für jene grofse Schilderung trefflich gepalst hätten, 2) dals c.5—9 gar nicht blols Wundergeschichten ent- hält. Beim Paralytischen ist doch Jesu Vollmacht zur Sünden- vergebung das Wichtigste; daran reihen sich: Berufung des Zöll- ners Matthäus und Gespräch vom Fasten, also Lehrstücke; das ist schwerlich eine ursprüngliche Disposition. In ce 14—20 fehlt eine verständliche Gliederung durchaus, besonders weil das Petrus- bekenntnis keinen Höhepunkt bildet. Das palst nicht zur übrigen, zum Teil so klaren Anordnung (5—13). In diesen Kapiteln scheint der Autor gebunden an einen schon gegebenen Zusammenhang. Nur eine Gliederung des Stoffs ist klar und in die Augen fallend: die Abwechselung von heden und Geschichten. Die Reden nehmen c 5— 7. 10—13. 18.23—25 ein, die Geschichten den übrig bleibenden Rest des Evangeliums. Und zwar ist diese Gliederung dem Mt selbst bewulst ge- wesen. Vor die zwei Anfänge c 5 und e 10 hat er die ganz parallelen Einleitungen gestellt. c 23 hebt sich doch auch deutlich ab durch die Einleitung: tote 6 ’Imooög EAdAnoev Tolg ÖyAoıg zul Tolg uc- Intals abrod. Für den Schlufs der Reden aber bedient er sich mit Vorliebe der eigens dazu geschaffenen Formel: za Ey&vero öts ereisoev Ö IN60Vg Todg Adyovs rovrovg 7,28.11,1.13,53.19,1.26,1, die,abgesehen von11,1,stetsden Übergang zu den Geschichten bildet. Allerdings hat Mt auch in ec 9. 14— 17. 19—22 eine Menge Redestoffe mitgeteilt. Keineswegs sind alle Herrenworte in den Redend—7.10—13.18.23—25 vereinigt. Allein alle übrigen Worte Jesu bei Mt stehn in Erzählungen; nur die zuletzt genannten Ka- pitel sind grolse zusammenhängende Reden. Das fällt jedem so- fort auf, der von e 21—22 zu ec 23—25 kommt. Dieser Unter- schied ıst fundamental. Mit jener Formel x«i Eyevero Öre Er&is- 6Ev... geht Mt jeweilen von den Reden zu den Erzählungen über, oder — was dasselbe besagt — von der Spruchsammlung zu den Geschichten des Mr. b. Die Doubletten. 111 Das Mtevangelium ist von seinem Autor vor allem nach Reden und Erzählungen gegliedert. Die Reden entsprechen den Reden der Spruchsammlung bei Le, die Erzählungen den Mrgeschichten. Die Formel, mit der Mt seine Reden schlieflst, ist zugleich in der Regel die Übergangsformel von einer Quelle zurandern. b) Die Doubletten. - Unter den drei Synoptikern ist das Mrevangelium am ärmsten an Verdoppelungen von Herrenworten. Mit Bestimmtheit läfst sich nur 9,35 und 10, 44 eine Doublette nennen: Wer der Grölste sein will, sei Aller Diener. Sehr viel zahlreicher sind die Doubletten im Leevg. Der ein- fache Grund davon ist seine Zusammensetzung aus zwei Haupt- quellen, welche dieselben Sprüche enthielten. Selbst wenn wir keine Parallelwerke hätten, so mülsten wir aus den Doubletten schliefsen, dafs Le mindestens aus 2 Quellen zusammengesetzt ist. Folgende Tabelle gibt die Liste der Doubletten zugleich mit ihrer Verteilung auf Mr und Q. Aus Mr. aus. 8,16 11,33 Vom Leuchter 8,17 12,2 Verborgen und offenbar 8,18 19,26 Wer hat, dem wird gegeben 9,3-5 10,4—11 Aussendungsworte 2,23 14,27 Vom Kreuztragen 9,24 17,33 Gewinn und Verlust des Lebens 9,26 12,9 Verleugnung Jesu 20,46 11,438 Vom Ehrgeiz der Schriftgelehrten | (Pharisäer) 21,16 12,52 _ Zwietracht im eignen Haus. Freilich gibt es auch Fälle, wo der Evangelist von sich aus einen Spruch wiederholt. „Wer sich erhöht, wird gedemütigt werden ete.“ steht 14,11 und 18,14. Die Mahnung, nicht zu sor- gen für die Verteidigung vor Gericht, wird 12, 11f. nach Mr wieder- gegeben, 21,14f. frei wiederholt. Zu dieser Gewohnheit des Wieder- holens mochte ein Evangelist gerade dadurch geführt werden, dafs er in verschiedenen Quellen so häufig gleiche Sprüche fand; er wiederholte dann auch ohne dafs in den Quellen ein Grund vorlag. Genug, dafs Le in 9 Fällen durch die zwei Quellen zur Doublette veranlalst wurde. 112 II. Das Matthaeusevangelium. Aber am zahlreichsten ist das Wiederholen von Herrenworten bei Mt. Folgende Tabelle gibt links die mit Mr gemeinsamen Sprüche, rechts die Doublette: Ab) 10, 21 10,35 Zwietracht in eigner Familie 12, 31 12,32 Lästerung des Geistes 15,12 25,29 Wer hat, dem wird gegeben 16,4 12,39 Vom Jonaszeichen 16, 24 10,38 Vom Kreuztragen 16,25 10,39 Gewinn und Verlust des Lebens 18, s£. 5,29f. Vom Ärgernis 19,9 5,32 Verbot der Ehescheidung 21,21 17,20 Der Berge versetzende Glaube 21,22 1,8 _ Gebetserhörung ? 24,23 24,26 Sieh hier! sieh dort! Diesen 11 Nummern darf beigefügt werden: 18,5 10,10 Wereuch (ein Kind) aufnimmt, nimmt mich auf. Um der Doublette zu entgehen, hat Mt 18,5 die Fort- setzung (Mr 9,37): und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat, weggelassen. Aulserdem weist Mt noch folgende Doubletten auf: FT 12,335 Vom Baum und den Früchten (@) 9,13 12,7 Barmherzigkeit statt Opfer 10, 22 24,9.13 Verfolgung der Jünger (Mr) 1.14 17,11 Johannes = Elias (Mr) 19, 30 20,16 Erste und Letzte (Mr) 24,5.11.24 Warnung vor Verführern. Häufig treten Worte des Täufers aus e 3 nachher als Herren- worte auf: 3,7 = 12; 34.123, 33. 3,10 — 1, 19..3,12 —:13,80. | Aus den zuletzt genannten Beispielen geht hervor, dafs Mt Wiederholungen nicht gescheut hat, und sogar ganz von sich aus, ohne Anlafs seiner Vorlagen, solche bildet. Aber die Massen- haftigkeit der Doubletten ist mit einer solchen Liebhaberei nicht erklärt. Zumal im Vergleich mit Le mufs die Annahme doppelter Quellen genügend und unwiderleglich genannt werden. 4 Dou- bletten: Wer hat, dem wird gegeben, vom Kreuztragen, Gewinn und Verlust des Lebens, Zwietracht im eignen Haus, haben Mt und Le gemeinsam. Es wäre eine tendenziöse Unredlichkeit, die ‘einfache Erklärung, die für den einen gilt, für den andern abzu- weisen. Wer die 9 Doubletten des Le aus der Doppelheit seiner c. Alte und junge Gedanken. 113 Quellen erklärt, ist genötigt, die 12 des Mt genau so zu begreifen. Für die Verteidiger der Ursprünglichkeit des Mt ist es daher ge- raten, sich mit den Doubletten gar nicht zu befassen oder so ober- flächlich wie Zahn. Aus der grofsen Menge der Doubletten in Mt ergibt sich, dafs er keine Erstlingsschrift, sondern ein Quel- lenwerkist. Der gröfste Teil derselben erklärt sich wie beiLe aus derZusammensetzung vonMr und derSpruch- sammlung. c. Alte und junge Gedanken. | Kein Evangelium ist so reich wie Mt an schroff partikulari- stischen Aussprüchen Jesu. 5, 17—20 Ewige Gültigkeit des Gesetzes dem Buchstaben nach mit scharfer Polemik gegen auflösende Lehrer 10,5 Verbot der Heiden- und Samaritermission 10,23 Israel das Gebiet der Apostel bis zur Parusie des Men- schensohns | 23,3 Alles, was euch die Pharisäer sagen, das thut und haltet. Diese Stellen, gleichviel ob von Jesus gesprochen oder nicht, sind jedenfalls aufgezeichnet von einem Mann der Urgemeinde, den wir uns am besten in der Nähe des Jakobus und in der Geg- nerschaft des Paulus denken. Sie sind aufgezeichnet, nicht als provisorische Verordnungen Jesu, bestimmt, durch spätere An- weisungen aufgehoben zu werden, sondern gemäfs ihrer Stellung am Eingang der grofsen Reden 5f. 10.23 als Gesetz für die Gegen- wart. Aber dasselbe Evangelium enthält universale, z. T. schroff antijüdische Herrenworte und zwar gerade in seinem Sondergut: Das Weinberggleichnis ce 21 ist von Mt im antijüdischen Sinn verstärkt durch 21,43: das Gottesreich soll von den Juden genommen und einem Volk gegeben werden, das seine Früchte bringt. Das Gastmahlsgleichnis ist antijüdisch ergänzt. Die Gela- denen (Juden) töten die Knechte, die sie einluden. Darauf sendet der König seine Heere aus und tötet die Mörder und verbrennt ihre Stadt (22, 6f.). Der Missions- und Taufbefehl des Auferstandenen nımmt alle Völker (Heiden) der Erde in Aussicht 28, ıs£. Ja die Grundtendenz des ganzen Evangeliums ist eine .anti- Wernle, Frage. 8 114 II. Das Matthaeusevangelium. jüdische: Jesus, der Messias nach der Weissagung, von den Juden verworfen. Daher das Gericht über sie, das Heil für die Heiden. . Es ist hier nicht die Frage, was der historische Jesus ge- sprochen hat oder nicht, auch nicht, was möglicherweise ein Christ alter oder neuer Zeit zusammen vereinigen konnte. Fand der Evangelist die partikularistischen Sprüche in seinen Quellen vor, so konnte er sie beibehalten unter der Bedingung nachträg- licher Ergänzung. Z. B. ist dann 10,5 durch 28, 19 korrigiert, Aber unmöglich ist, dafs der Autor von 21,43. 22, 6f. 28,19 zu- gleich der erste Aufzeichner von 10, 5. 10,23 ist. Weisen die ersten Sprüche auf die palästinensische Urgemeinde, welche das Juden- tum konserviert hat, so die zweiten auf die grolse Kirche, die mit dem Judentum gebrochen hat. Es stammt also der Partikularismus aus den Quellen, der Antijudaismus von Mt selbst. Etwas Ähnliches läfst sich unterscheiden hinsichtlich der. Stärke und Lebendigkeit der Parusiehoffnung. 10,23 nimmt nächste Nähe der Parusie in Aussicht. Ehe de Anekel durch alle Städte Israels gehetzt sind, kommt der Menschensohn. 24,29 erwartet die Parusie alsbald (edPeog) nach der Kata- strophe über den 'Tempel. Dagegen setzen 25,5 goovi£ovrog Tod vvupiov und 25, 19 uere 08 moAbv 406vov schon eine längere Enttäuschung voraus. Mit seinen Worten über die Kirche und die Bufsdiseiplin (ce 18) führt uns gerade dies Evangelium in eine Zeit, wo das Christen- tum anfängt, sich auf dieser Erde einzurichten. Auch hier vertreten die Worte mit der kurzen irn tive die Hoffnungen der Quellen, die verzögernden, kirchlichen den Standpunkt des Evangelisten selbst. Ein Werk mit solehem Nebeneinander alter und junger Frömmigkeit ist keine Erstlingsschrift aus einem Gufs, sondern zusammengesetzt, und blickt zu- rück auf eine längere Geschichte. d. Die alttestamentlichen Citate. Die Citate des Mt sind fast durchweg unter dem Einflufs der LXX geschrieben (Ausnahmen nur 8, 17. 27,9). Aulserdem verraten eine ziemliche Anzahl derselben Benutzung deshebräischen Textes (Ms). Man wird diese Beobachtung so deuten müssen, dafs der d. Die alttestamentlichen Citate. 115 Autor Hellenist ist, ‘der die Bibel für gewöhnlich griechisch liest und hört, dafs er aber, noch mit der heiligen Ursprache vertraut; häufig den Urtext zu Rat zog. Indessen fragt es sich, ob sich in der Art der Benutzung von LXX und Ms ein Gesehz wahrneh- men läfst. Ein solches Gesetz könnte z. B. lauten: Die mit Mr und Le gemeinsamen — aus Quellen geschöpften — Citate nach LXX, die nur von Mt überlieferten — gebildeten — nach Ms. So etwas ist zu erwarten, wenn Mt griechische Quellen benützt, selbst aber ‚ein Atgeldkrter aus dem Judentum wäre. Oder umgekehrt: die aus Quellen geschöpften Citate ar nach Ms, die eigens gebildeten rein nach LXX. Das wäre zu er- warten, wenn Mt einsische (hebr.) Vorlagen hat, selbst aber ein an der LXX geschulter Grieche wäre. Allein ein solches einfaches klares Gesetz läfst sich nicht auffinden. 1) Die mit Mr gemeinsamen Citate stammen durchweg aus LXX, mit Ausnahme von 26, 31 (Sach 13,7); hier ist mit Ms gegen LXX der sing. xoıuyv statt des plur. (vgl. jedoch LXX A) und die- GR00XLoHjo0VT«L statt Enondoate gesetzt. Fraglich ist, ob dieForm von 22,37 irgendwie mit Mszusammenhängt; die Überssteune gerade des hama“ wird am wenigsten led an LXX gebun- den gewesen sein, daher xagdia (22) statt dıdvoie an erster Stelle. Man mülste also arkliehe: in dem &v des Mt statt && einen Einflufs von Ms erkennen wollen! Dagegen einmal hat Mt ein Mreitat aus LXX ganz leicht nach Ms konformiert: 19,18 die Anordnung der Gebote des Dekalogs. Bei 27,46: nel Etat, eAoi nach Ps 22, 2 hat er nicht LXX, sondern die Sprache Jesu leicht nach Ms ge- ändert, freilich nicht gerade passend zur aramäischen Fortsetzung.) Also ergibt sich: Citierung nach LXX aulser 26, 31; kleine nachträgliche Korrekturen zur LXX nach Ms 19, 18 (22, 37). 2) Die mit Le (Q@) gemeinsamen Citate sind durchweg nach LXX gebildet. Wo sich das Citat von LXX entfernt, entfernt es sich mindestens ebensosehr von Ms. Das gilt von 4,10, wo X006- xuvyosız an Stelle von goßndnon tritt und uov® ergänzt wird. Wenn Mt 11,10 von Mal 3,1 LXX stark abweicht, so nähert es sich im gleichen Mals an Exod 23,20 LXX. xuraoxevdosı statt *) Auf das &mıyaußosdoeı (22,24) ist kein Gewicht zu legen, da LXX das Wort Gen 38, s aufweist. 8 * 116 II. Das Matthaeusevangelium. enıßAebereı wird besser als freie Änderung des Griechischen statt als Rückgang auf Ms erklärt. 3) Die von Mt allein erhaltenen Citate bilden jedenfalls die eigentümlichste Gruppe. Wörtlich nach LXX sind nur 13, 14f. 21,16 wiedergegeben. Für die erste dieser Stellen ist der Text der LXX durch die vorhergehenden Mrworte 4, 12 nahegelest. Bei 21,16 hätte Ms gar nicht gedient. Auch 1, 23 ist ein LXX- citat, aber mit freien Abweichungen. In der Auslegung des Gre- c5 hält sich Mt im Wortlaut an LXX, in der Anordnung der Gebote an Ms. Ob die kleine Änderung des Hoseacitats 6, 6: ze od statt n 9,13. 12,7 wirklich durch Ms bedingt ist, muls ii, hingestellt Plerben. ‘Der noch übrig bleibende Rest von 9 Stellen dagegen weist starke Abhängigkeit von Ms auf, z. B. bis zum Verschwinden des Einflusses der LXX. 3 Stellen (2,5£.15.18) fallen in die Vorge- schichte, 5 (4, 15£. 8, 17. 12, 18—21. 13,35. 21,5) nehmen auf die. öffentliche Wirksamkeit Jesu Bezug, eine (27,9) gehört zur Judas- legende. Dafs zuweilen selbst die Rückübersetzung aus Ms vom Sprachgebrauch der LXX bedingt ist, zeigt besonders lehrreich 2,5f., wo nysudvss und NYyovduevor Be aus der LXXsprache I Ühereebzei zufliefsen. In 13,35 stammt die erste Hälfte (Ps 78,2) aus LXX, die zweite aus Mas. Blofs 8, 17. 27,9, wo LXX schlechthin unbrinehkar war, zeigen keine ar ran Ein- flusses. Nun gehören alle diese 9 Stellen dem. Evangelisten an; er bildet mit ihnen den Weissagungsbeweis, dafs Jesus der Messias für die Juden ist nach der Schrift. Wenn irgendwo, so haben wir hier ıhn selbst vor uns, und nicht seine Quellen. Man vergleiche nur die Einführung all dieser Sondereitate mit derjenigen des ja auch unter Einflufs von Ms geschriebenen Spruchs 26, 31. Was folgt aus alledem? Eine reinliche Scheidung: Citate der Quellen nach LXX, eigene Citate unter Einfluls von Ms, gibt es nicht. Aber annähernd ist dies Urteil doch das Richtige: Die mit Mk'und Le (Q) gemeinsamen Citate sind mit einer Ausnahme nach LXX gegeben. Der Schriftbeweis, den der an olieh selbst führt, kommt mit starker A lehnung an Mr zustande. Sorhit ist immerhin die Doppelheit der Citate ein star- ker Hinweis auf den zusammengesetzten Charakter des Mtevangeliums. e. Die Tradition vom hebräischen Mt. r17 e. Die Tradition vom hebräischen Mt. ‚ Die vier vorangehenden Untersuchungen haben — jede für sich — ergeben, dafs Mt nur als zusammengesetztes Werk ver- ständlich ist. Dem tritt jedoch die Tradition entgegen, die in Mt ein — ursprünglich hebräisches — einheitliches Werk des Apostels Matthaeus sehen will. Die Untersuchung darf nicht vorwärts- schreiten, bevor sie sich mit der Tradition gebührend auseinander- gesetzt hat. Ausgangspunkt für die Tradition ist die von Euseb. h. e. III ‘39, 16 überlieferte Notiz des Papias über Matthaeus. Voran geht ihr die Notiz über Marcus, die Papias dem Presbyter Johannes verdanken will. Mit xeol Öd& roö Mardalov radr eionraı leitet Euseb über zum folgenden Citat: Mardeios wer 00V Eßowidı dıLn- AERTO T& Aoyıa 6VvEyodWaTo, NouNvEevoE 0’ würd ag NV dvvarög ERROTOS. Bei der Untersuchung sind die Frage nach dem Sinn des Ausspruchs und die nach seinem geschichtlichen Wert und seiner Richtigkeit scharf auseinanderzuhalten. | 1) Über den Sinn des Ausspruchs stehen sich seit Schleier- machers berühmter Abhandlung (Über die Jeugnisse des Papias von unsern beiden ersten Evangelien 1832) zwei Auffassungen gegenüber, die sich ausschliefsen. Die ältere bezieht die Notiz des _ Papias auf unsern Mt, die jüngere auf eine davon ganz verschie- dene Spruchsammlung des Mt, die mit dem Wort r& Aöyıa be- zeichnet sein soll. Nämlich Aöyıa kann allerdings i im Griechischen nichts anderes heifsen als „Sprüche“. Einzig in dieser Bedeutung kennen das Wort LXX, NT, patr. apost. (vgl. Act 7, 38. Rom 3, 2. 1 Petr 4, 11. Hebr 5, 12). Für. Papias gilt das um so sicherer, als sein dem Euseb bekanntes Werk den Titel Aoyiov zvoLax&v eEEnynosıs, Aus- legsung der Herrenworte, trug. Nun enthält unser Mt doch sehr. viel mehr als Herrenworte; die ganze Geschichte Jesu von der Ge- burt bis zur Auferstehung kann doch, so scheint es, nicht mit „Herrenworte“ bezeichnet oder gar betitelt sein. Ist dies richtig, so bezieht sich die Notiz des Papias gar nicht auf unser Evan- selium, sondern auf eine Sammlung von Herrenworten, die Mt hebräisch aufgezeichnet hat. Unter dieser Voraussetzung würde die Tradition vom hebräi- schen Mt für diese Untersuchung gar nicht in Betracht kommen. Höchstens könnte ja jene hebräische Spruchsammlung des Mt 118 II. Das Matthaeusevangelium. eine Hauptquelle unseres Evangeliums sein, der es den Namen verdankt. Und es wäre dann nur die Frage, ob etwa die für Le postulierte Spruchsammlung identisch wäre mit den hebräischen Aoyıa des Mt. - Allein das Recht zu dieser Auslegung der Papiasnachricht ist mit Gründen bestritten worden, die der Beachtung wert sind. Sie legt allzu grofses Gewicht auf einen Ausdruck, der im ganzen Satz gar nicht den Ton hat und auf den es dem Papias überhaupt nicht angekommen ist. Nicht auf dem, was Mt schrieb, sondern allein auf der Sprache, in der er schrieb, liegt der Nachdruck der Papiasnotiz. Dafs der berühmte Apostel Mt hebräisch, nicht (wie Mr) griechisch geschrieben habe, das einzig will Papias aus guter Kunde berichten. An dieser Beobachtung scheitert die Entdeckung, die man dem Wort Aoyıa entlocken wollte. Freilich ist dieser Ausdruck ungenau als Gesamtbezeichnung des Werks; er kam dem Papias in die Feder, weil er selbst bei seiner Auslegung eben die Worte Jesu im Auge hatte. Geradeso hat er in der Notiz über. Mr das ausführliche r& Asydevre N roaydevre nachher durch oi xvoLaxol Adyoı abgekürzt. Seinen Lesern war es selbstverständ- lich, dafs er von unserm Mt eine Aussage bringen wollte; niemals vor Schleiermacher hat ihn ein Leser anders aufgefalst. Fest steht ja, dafs Euseb mit der Papiasnachricht alte Über- lieferung über unsern Mt mitteilen wollte. Aber eben so sicher. scheint mir, dals Papias selbst’an nichts anderes als unsern Mt dachte; denn ihn hat er selbstverständlich gekannt und blofs sein Ursprung konnte ihn interessieren. Dann folgt aber daraus, dafs er auch seinen Gewährsmann nach der Herkunft unseres Mt fragte. Somit kann sich die Logiahypothese blofs auf die Ausflucht stützen, dals der Gewährsmann am Ende auf etwas anderes ant- wortete, als ihn Papias gefragt hat, dafs sie sich also gegenseitig mifsverstanden haben. Ein solches Mifsverständnis bietet doch für die Logiahypothese ein viel zu wackeliges Fundament. Nach all dem wird die frühere Auslegung der Papiasnach- richt zurecht bestehen, welche aus ihr die Tradition über unser Matthaeusevangelium schöpfte. Papias teilt uns mit, dals Mt ur- sprünglich hebräisch schrieb. Der Nachsatz nounvevos Ö’ wurd hebt dann eben hervor, dafs nicht Mt selbst die Übersetzung ins Griechische orte sondern sie dem Bedürfnis und Ver- mögen der Folgezeit Uheeets Über das Verhältnis unseres grie- chischen Mt zu dieser Mehrzahl von Übersetzungen hat Papiaa e. Die Tradition vom hebräischen Mt. 119 nicht reflektiert und nicht gefragt. Ihn interessierte das eine: wie kann unser griechisches Evangelium das Werk eines hebräisch (!) redenden Jüngers Jesu sein? Darauf gab ihm sein Gewährsmann die Antwort: es beruht auf Übersetzung. 2) Aber ist diese alte Tradition: Mt Übersetzung eines hebräi- schen Originals, richtig? Diese Frage ist ganz ufabiläingig vom Sinn der Papiasnotiz. Wer zugibt, dass Papias oder sein ana mann unsern Mt für eine Übersetzung hält, hat über die Thatsache ‚selbst noch nichts ausgesagt. Auf diese zweite Frage kann allein . das Evangelium selbst antworten. Zunächst ist natürlich das &ßo«idı dıakerro auf die ara- mäische Sprache zu deuten. Diese kommt für Jesus wie für seine Jünger allein in Betracht, und Zeugnisse, die das Aramäische hebräisch nennen, gibt es in Menge. Die Untersuchungen Dal- mans sind abschliefsend auf diesem Gebiet. ‚Hier darf das Urteil Zahns erwähnt werden, der unsern Mt für eine Übersetzung hält: „Der Stil des Mt ist durchweg we- niger hebraisierend als der des Mr und der Ap. Es fehlen die ganz ungriechischen Konstruktionen und viel mafsvoller wird das xci in der Erzählung angewandt (II 299). Satzfolgen wie 19, 1—3 Hal EYEVETO ÖTE ... WETIOEV ... aa NANEV— nal NHOA0OVHNERV ... Hol EREGATEVOEV .... #al n000NAYov sind bei Mt selten. Der Ge- brauch von de ist (nach der Konkordanz) etwa gleich stark wie bei Le und doppelt so häufig wie bei Mr, u2v... de bei Mt be- trächtlich häufiger als bei Le, vollends als bei Mr. Sehr merk- würdig ist, dafs die beiJoh so überaus häufige Anwendung des asyn- detischen Agysı, Aeyovoıv in Mt 1—18 gar nicht (?) vorkommt und dagegen in rascher Folge ce 19 ff. Das zeugt von Reflexion eines Übersetzers (resp. Bearbeiters), welcher auf immer neue Mittel sinnt, die Eintönigkeit semitischer Erzählungsweise (d.h. des Mr) zu en und ein neues Mittel, daser gefunden, sofort reich- lich anwendet. Unendlich häufig ist die Konstruktion und Wort- folge Eysotelg dE’Ioonp .. Eroimoev .... Nicht selten sind Genitivi absoluti mit folgendem id0% (II 309). „Mt hat sich mit dem grie- chischen Ausdruck begnügt, wo Mr diesen dem gleichfalls mit- geteilten aram. Urlaut als Übersetzung beigefügt hat“ (II 310). Kurz zusammengefalst heifst dies Urteil Zahns: Mr ist durchweg das semitischere, Mt durchweg das besser griechische Evangelium. Daraus folgt aber sofort gegen Zahn, dafs Mt keine Über- setzung ist. Viel eher noch könnte Mr Pe. ein aramäisches Ori- 120 II. Das Matthaeusevangelium. ginal zurückgehen als Mt. Ein Evangelium, das durchweg unter Einflufs der LXX das AT citiert, das den Aramaismen gerade aus- weicht, das oo«vv« 21, 9 als „Heil“ruf auffalst, aus ’Iox«oeı&9 die Unform ’Iox«gıorns (10, 4) bildet ete. etc., ist griechisch durch und durch und gibt keinen Anlafs, ein Original dahinter aufzu- stöbern. Stehen sich nun die zwei Sätze feindlich gegenüber: der Satz der Tradition: Mt ist Übersetzung, und der Satz des That- bestandes: Mt ist ursprünglich griechisch, so hat unbedingt der erste Satz dem zweiten zu weichen, d.h. die Tradition ist falsch. Dalman kommt zum Resultat: „die Nachricht der alten Kirche von einem aramäischen Urmatthaeus mufs als noch immer un- bestätigt bezeichnet werden.“ Das Verkehrteste ist das Unter- nehmen, trotz richtiger Einsicht in den Thatbestand blo([s der Tra- dition zuliebe an dem uralten Vorurteil festzuhalten. Die Spuren aramäischer Originalsprache, die man aufgewiesen hat, kommen gegen jene Hauptbeobachtung Zahns gar nicht auf und sind blofs geeignet, Heiterkeit zu erregen. Sie entspringen doch nur der Tendenz, die Tradition zu retten; ein solches Suchen ist freilich immer mit Finden belohnt. Eine unzweideutige Spur soll 1, 21 vorliegen: die Erklärung des Namens ’Inooög mit «urög vco 0@6o&8. Da aber das Aramäische gar nicht y0% für „retten“ braucht, ist das „logische Recht der Begründung der Namens- wahl“ im Original um nichts besser als im Griechischen zu er- weisen. Die Stelle erklärt sich einfach daraus, dafs der griechisch redende Evangelist das Hebräische noch verstanden hat. 10, 25 soll in der Ursprache ein Zusammenhang vorliegen zwischen Beelzebul und oixodesonorng, auf dem die Spitze der ganzen Rede beruhte. Diese Behauptung stützt sich auf unsichere etymolo- gische Künsteleien und nötigt dem verständlichen griechischen Datz eine überflüssige Schwierigkeit auf. Die „dunkle“ Weissagung, 2,23, er soll Nazarener heilsen, wird durch die Annahme eines noch dunkleren Originals nicht aufgehellt. Wenn dxo zeoav roü ’Iooddvov Beweis für ein Original ist wegen der ungriechischen. Verdoppelung der Präposition (4, 25), dann ist auch Mr ein Über- setzungswerk wegen 9, 8; aber ro zeo«v mit Präp. ist schon in LXX nichts Seltenes (vgl. Dt 30, 13. Jos 24, 3); der Wegfall des Artikels ergab sich bei häufigem Gebrauch. Dafs 6%: o«ßßdrov für Griechen unverständlich war, ist nach dem Gebrauch von öweE bei Mr unbeweisbar; und warum hätte es dann Mt nicht ver- mieden nach seiner Gewohnheit, sich um leidlich guten griechi- f. Die Einheitlichkeit des Mt. EM. schen Ausdruck zu bemühen? Ebenso ist d&sıv xal Avsın doch wohl eine für Christen, die dem Rabbinismus nahe standen, ver- ständliche Wendung gewesen. Die von Ms beeinflulsten griechi- schen Citate endlich beweisen für ein aramäisches Original nicht das Mindeste. Gescheuter alsnach dunkeln endlichen grie- chischen Worten in Mt zu suchen, ist jedenfalls das Bemühen, sie aus dem Griechischen, wie es enter dem Einfluls der LXX ge- sprochen wurde, zu ale Das Lieblingsevangelium der Kirche ist Mt nur geworden, weil es ihr auch sprachlich keine Schwierig- keit bereitet hat. i Schliefslich würde der unrichtigen Tradition nur dann ein Gewicht zukommen, wenn sie originelle Nachrichten enthielte, die nicht aus Reflexion stammen können. Das ist hier nicht der Fall. Der Name Matthaeus konnte aus dem besondern Hervortreten dieses Mannes in ce 9 vermutet werden, womit nicht gesagt sein soll, dafs er wirklich aus solcher Vermutung stammt. War aber der Name einmal gegeben — und das ist er für Papias vor aller Untersuchung —, so folgt das Weitere, der hebräische Ursprung, aus der Natur der Sache selbst. Die Papiasnachricht ist keine wirkliche Bereicherung unseres Wissens. | Nach Schleiermachers Hypothese sagt die Papias- nachricht nichts über unser Mtevg. aus. Nach deralten richtigen Auslegung führt sie unsern Mt auf ein hebr. (aramäisches) Original zurück. Allein diese Tradition scheitert an dem Thatbestand, dem originalgriechi- schen Charakter des Mt. Somit leistet die Tradition vom hebräischen Mt nichts für die Erforschung seines Ursprungs. f. Die Einheitlichkeit des Mt. Die erste Frage hat gelautet: ist Mt ein Erstlingswerk aus einem G@uls oder ein späteres Evangelium, das Vorgänger voraus- setzt? Aus den Untersuchungen über Disposition und Doubletten, theologischen Gehalt und Citate ergab sich der zusammengesetzte Charakter des Mt. Zur Erklärung desselben sind zwei Hypothesen aufgestellt. 1) Die Bearbeitungshypothese: Unser kanonischer Mt ist entstanden durch (antijüdische) Bearbeitung eines früheren (judai- stischen) Evangeliums. 2) Die Quellenhypothese: Unser kanonischer Mt ist entstan- 122 II. Das Matthaeusevangelium. den durch Zusammensetzung verschiedener Quellen zu einem Werk. | “ D Die Bearbeitungshypothese sucht die Annahme der Priorität des Mt im Ganzen zu vereinigen mit der Erkenntnis sekundärer Züge im Einzelnen, "speziell junger theologischer Ge- danken. Wenn es fest steht, 1) dals Mt das älteste Evangelium, und 2) dafs Mt sekundäre Züge enthält, so muls 3) unser Mt die Bearbeitung eines.älteren Mt sein. Nun kann aber das Mafs der sekundären Züge im Vergleich mit den ursprünglichen ganz ver- schieden grofs gedacht werden, und es kann bei Festhaltung der Priorität des Urmt für unsern kanonischen Mt die Priorität be- hauptet oder geleugnet werden z. B. Mr gegenüber. 1) Somit ergibt sich das erste Argument gegen die Bearbei- tungshypothese aus der ungeheueren Unsicherheitund Willkür der Scheidung. Man vergleiche nur die Stufenleiter von Hilgen- feld — zu Keim — zu Holsten — bis herab zu Zahn, dessen Über- setzungshypothese die unschuldigste, aber auch schlaueste Art der Bearbeitungshypothese genannt werden darf, da sie die Priorität des hebräischen Mt mit der des griechischen Mr elegant zu ver- einigen weils. Es sind nicht gerade viel Punkte, in denen auch nur Hilgenfeld, Keim und Holsten übereinstimmen. Das einfache Re- cept, diejenigen Stellen, die Mr gegenüber sekundär erscheinen, dem Bearbeiter zuzuweisen, ist in der Regel als zu gefährlich ver- schmäht worden, da es dem Mr zu grolse Vergünstigung gewährt. Dann aber bleibt kein anderer Mafsstab als der völlig subjektive Eindruck jedes Exegeten: je nachdem der eine mehr, der andere weniger Widersprüche — sekundäre Züge — verschlucken kann, wird der Urmt gröfser oder kleiner. Solange die hervorragend- sten Vertreter dieser Hypothese so uneinig sind, ist eine ausführ- liche Widerlegung fast überflüssig. | 2) Ein zweites Argument ist der Mangel jeder Tradition und das offenbar Tendenziöse, Voreingenommene dieser Hypothese. Von einem Mt vor unserem kanonischen Mt fehlt in der Kirche jede Spur. Man hat eine Zeit lang im Hebräerevange- lium den Urmt, den Vorläufer unseres kanonischen Mt, erblicken wollen. Die vorhandenen Fragmente führen blofs zu der Annahme, dafs das Hebräerevangelium ein „mit willkürlichen Auslassungen und Zusätzen auf unsere Synoptiker, zumal Mt aufgepfropftes Apo- kryphum“*®) ist, ganz und gar nicht eine Quelle des Mt. Das Ten- 7 *) Holtzmann: Einleitung? p. 487. Vgl. unten Anhang 2. f. Die Einheitlichkeit des Mt, : 725 denziöse aber besteht darin, dafs die Priorität des Mt vor Mr fest- steht vor aller Untersuchung, dafs selbst der Versuch fehlt, die dem Mr gegenüber sekundären Züge auf Bearbeitung des Mr zu- rückzuführen. Diese Hypothese setzt die Priorität des Mt vor Mr voraus, und gerade diese ist — gemäls den sekundären Zügen des Mt — ja gar nicht zu beweisen. 3) Ein für sich allein gegen die Bearbeitungshypothese ent- scheidendes Argument ist die durchgehende Einheitder Sprache ‚des Mt. Das röre, droxgıdeig, Aeyov, xl IdoV, T0008AYWV, 7) . Baoıkeia TOV obgav@v, 1) ayia mökıg, Üpyyekog KVoLov, OVvreisie Tod alövog, TO Ebayyekıov vis Paoıkeieg, die Citationsformel, ete. durchziehen das ganze Evangelium. Die Bearbeitungshypothese stützt sich nicht auf einen Schein des sprachlichen Beweises. Be- vor sie diesen angetreten hat, hat sie keine solide Unterlage. 4) Auch die Tendenz des Evangeliums ist eine einheit- liche, geschlossene: Jesus der Messias für Israel nach der Schrift, aber von Israel verworfen, von den Heiden angenommen. Das Evangelium will für Christen aus dem Judentum, die an Israel und am AT hangen, den letzten Anstols beseitigen. Es geht nicht an, diese Tendenz einfach dem Bearbeiter anzuweisen und von der Grundschrift zu trennen. Mit ihr steht und fällt das ganze Evan- gelium. Von der Geburtsgeschichte bis zum Taufbefehl ist die Schrift vom gleichen Grundgedanken beherrscht. 5) Endlich mündet die richtig verstandene Ba tungshypothese von selbst in die Quellenhypothese über. Die sekundären Züge des Mt sind stets solche, welche Mr und Q noch nicht haben; was folgt daraus anders, als dafs Mr und Q Quellen des Mt sind? Man hat längst erkannt, dafs die Geburt aus heiligem Geist und der Empfang des Geistes bei der Taufe sich stolsen und auf verschiedene Stadien der religionsgeschicht- lichen Entwicklung zurückzuführen sind. In der Vorgeschichte des Mt soll nichts alt sein als das Geschlechtsregister und selbst dies nicht in unserer Form. Also hat Mr den älten Anfang des Evangeliums besser erhalten als Mt. In der Leidensgeschichte sollen eine ganze Menge sekundärer Züge vorliegen, z. B. in c 27 v3—10. 19. 24f. 43. 52 f. 62—66; das heilst, da alle diese Züge dem Mr fremd sind, dafs der Bericht des Mr hierüber älter ist.*) Das Gespräch Jesu mit dem Täufer, die Umgestaltung der Frage: Was nennst du mich gut? die zwei Esel und die 30 Silberlinge gehören *) Vgl. B. Weifs: Das Matthäusevangelium p. 48. 124 II. Das Matthaeusevangelium. offenbar zu den sekundären Bestandteilen. Das spricht blofs für die Priorität des Mr, der sie noch nicht kennt. Was nach Abzug aller sekundären Züge in Mt noch bleibt, ist nicht sehr viel mehr als die Geschichten des Mr und die grolsen Reden des Le; ein paar Gleichnisse und Sprüche kommen noch hinzu, das ist Alles. Somit darf gesagt werden, dafs die Bearbeitungshypo- these schon wegen ihrer Unsicherheit und Voreinge- nommenheit keinen Glauben verdient. Sie verkennt völlig die Einheit der Sprache und Tendenz des Mt. Die wahren Beobachtungen, auf die sie sich stützt, spre- chen, recht verstanden, blofs zu Gunsten der Quellen- hypo th ese. Zahn hat seine Bearbeitungshypothese in folgender For aufgestellt: 1) Mt Übersetzung eines aramäischen Mt. 2) Mt abhängig in der Sprache von Mr. ! Von diesen zwei Sätzen ist der erste falsch, der zweite richtig, aber anders zu deuten, nämlich zu Gunsten der Priorität des Mr. | II. Die Quellenhypothese verdient schon darum den Vor- zug, weil sie alle Fehler ihres Doppelgängers zu vermeiden im Stande ist. Sie ist vor der Willkür und Unsicherheit der Mei- nungen geschützt, da die Quellen: Mr und die Reden beiLe, vorhan- den und deutlich geschieden sind. Sie ruht nicht auftendenziösen Vorurteilen, kann vielmehr das Ursprüngliche, Alte bei Mt jeder- zeit würdigen, sofern er die Quellen häufig am reinsten repräsen- tiert. Die Einheitlichkeit der Sprache und Tendenz kommt hier zum Recht, da Mt nicht als Redaktor, sondern als vielfach schöpfe- rischer Gestalter seiner Quellen gewürdigt wird. Alle richtigen Beobachtungen der Bearbeitungshypothese können hier einfach erklärt werden. Dazu kommt, dafs z. B. die Doppelheit der Dis- position und die Duplizität so vieler Herrenworte nur bei dieser, nicht bei der andern Hypothese zu begreifen sind. Nunmehr ist die Untersuchung da angelangt, wohin uns bei Le der Prolog geführt hat. Mt ist wie Le ein Welches sind diese Quellen? 1. Matthaeus und Marcus. A. Der Inhalt. Sämtliche Geschichten des Mr sind in Mt enthalten mit Aus- nahme von blofs acht Nummern: 1. Matthaeus und Marcus. 125 1) Mr 1, 21— 28 Jesus in der Synagoge zu Kapernaum 2) 1, 35—38 Flucht Jesu B) 4, 26—29 Gleichnis vom Samenkorn 4) 7, 32»—37 Heilung eines Taubstummen 5) 8, 22—26 Der Blinde von Bethsaida 6) 9, 33—40 Der fremde Wunderthäter 7) 11,11 Erster Besuch im Tempel 8) 12, 41—44 Der Groschen der Wittwe. Es fragt sich, hat Mt diese acht Geschichten nicht gekannt, oder von sich aus ausgelassen und aus welchen Gründen? | Im ersten Fall mülsten diese Erzählungen aus späterer Tra- dition stammen und weniger ursprünglich sein als der Rest des Mr. Die Erzählungen von der Flucht Jesu, vom fremden Wunder- thäter, vom Groschen der Wittwe sind unerfindbar und sprechen für sich selber. Das Samenkorngleichnis bildet mit dem vom Senf- korn ein Paar und gehört gleichfalls zum sichersten Gut Jesu. An N 1 hat moderne Reflexion es anstölsig gefunden, dafs Jesus zuerst von den Dämonen als der Heilige Gottes empfunden wird, lang bevor die Menschen und die Jünger es merken. Besser als diese lustige moralische Entrüstung wäre der Versuch, gerade diesen originalen, der Erfindung spottenden Zug psychologisch zu verstehen. Endlich die beiden separaten Wundergeschichten haben so,gar nichts Tendenziöses, Theologisches, dafür aber eine Reihe _ höchst origineller Detailzüge, dafs sie hinter den andern Wundern in Mr nicht zurückstehen. | Die Gründe der Auslassung dieser Geschichten durch Mt liegen in der Regel auf der Hand. 1) InMr1,21—2s tritt Jesus zum ersten Mal redend auf, und das Volk staunt über seine Lehre. Hatte nun Mt in der Spruch- sammlung die grolse Gerechtigkeitsrede vor sich, so fand er hier im Mrzusammenhang den ersten Anlafs, sie einzuschalten. Den Beweis, dafs diese Erklärung richtig ist, gibt der Schlufs Mt 7, 2sf., wo eben die Worte Mr 1,22 wiederkehren. Das nachfolgende Wunder fiel dann aus, da es schon wegen der andern Situation nicht mehr pafste. (Eine kleine Reminiscenz daran ist vielleicht das nAdreg 8,29 im Mund der besessenen Gadarener.) Aber gerade der kleine Zug „nicht wie die Schriftgelehrten“ ist berechnet für die Synagoge, wo sonst die Rabbinen zum Volke reden, nicht für den Berg. | 2) Die Flucht Jesu hat bei Mr ihre Bedeutung als Schlufsszene 126 II. Das Matthaeusevangelium. des ersten Tages. In dem Wundereyklus Mt 8—9 hatte sie nichts zu sagen. 3) Für das Samenkorngleichnis hat Mt einen Ersatz gefunden im Gleichnis vom Unkraut im Acker. Darum fiel das erste aus. Dafs aber Mt wirklich an Mr gebunden ist, zeigt die Verschiebung der Deutung bis zu v 36. Hätte er von sich aus gestaltet, so wäre die Deutung sogleich auf das Gleichnis gefolgt. 4) Statt der Taubstummenheilung gibt Mt eine allgemeine Schilderung, die nun vollends nichts Originales enthält. Als Er- satz hat er eine Stummenheilungschonc9 im Wundercykluserzählt. 5) Für den Blinden in Bethsaida steht ein Ersatz gleichfalls im Wunderkapitel 9, 27—31. Die Vergleichung läfst wieder alles Individuelle bei Mr here | 6) Nicht so leicht zu erklären ist die Auslassung des fremden Wunderthäters (ce 18). Blofs Mr. 9, 41 ist bei Mt erhalten (10, 42). Durch die Auslassung hat Mt ‚Unota bar einen glatteren Zusam- menhang erreicht. Es entsteht nun die Antithese: | ög Ev beinta Ev naıdlov roLodro .... (18,5) ög 0° Av oxavdaklon Eva Tov uıxo@v rod'rwv (18,6). Freilich nur scheinbar besser, in Wahrheit schlechter ist dieser Zusammenhang. Denn das Kind von 18,2 und „die an mich Glan- benden“ (18, 6) bilden ein schlechtes Paar. 7) Der erste Besuch im Tempel fiel weg aus Vereinfachung. Mt wollte Mr 11, 11 und 15—17, und wieder 11, 12—14. 20—25 zu- sammenlegen. Folge der Zusammenziehung ist Aa Steigerung des Naturwunders, diegegenüber Mr einestarke V ergröberung bedeutet. 8) Der Aroschei der Wittwe hängt bei Mr eng zusammen mit dem Wort von den Schriftgelehrten, die der Wittwen Häuser fressen. Da bei Mt an Stelle des kurzen Spruchs Mr 12, 33—40 die grofse Rede der Spruchsammlung tritt mit der furchtbaren Weis- sagung am Schluls, fiel der Anlafs für die kleine Anekdote hin. Ähnlich ist e 10 u wirkliche Aussendung und Mission der Zwölf über der grolsen Rede ganz vergessen worden. Auf alle Fälle ist es leichter, für die Auslassung der blofs acht Nummern des Mr Gründe zu finden, als umgekehrt für die der über 30 grofsen und kleinen Stücke des Mt, die bei Mr fehlen. Zwar bewährt sich der Spruch: Wer sucht, der findet, auch hier. Aber ein Blick auf Holstens Prokrustesbett zeigt am besten, zu was für gesuchten Spitzfindigkeiten und Willkürlichkeiten eine ten- denziöse Phantasie gelangt, sobald sie es verschmäht, das Einfache 1. Matthaeus und Marcus. ET einfach zu nehmen. Jeder Versuch, den kleinen Inhalt des Mr aus dem grolsen des Mt herzuleiten‘, statt umgekehrt den des Mt aus Mr und anderen Quellen, schlägt für den Unbefangenen in einen Beweis des Gegenteils um. B. Die Anordnung. Statt langer Ausführung spreche hier die Vergleichung für sich selbst: Mr Mt — Kindheitsgeschichte | Der Täufer Der Täufer und seine Rede Taufe Jesu Taufe Jesu Versuchung Versuchung Versuchungsgespräch Berufung der Jünger Berufung der Jünger Erste Rede in Kapernaum Gerechtigkeitsrede Wunder am 1. Tag, Wundereyklus Wunder und Reden T Hauptmann von Kapernaum (Dabbatsprüche). ETETUE NT STRTTTRRAEN - Apostelwahl S Apostelwahl N ee Missionsrede / T Johannesrede Sabbatsprüche Beelzebulworte 7 Beelzebulrede T Zeichenrede Beelzebulworte Verwandte Jesu Verwandte Jesu Gleichnisse Gleichnisse 7 Gleichnisrede Wunder Nazaret Nazaret Aussendung Herodes Herodes Speisungscyklus Speisungscyklus Cäsarea Philippi Cäsarea Philippi. Nach Kapernaum Nach Kapernaum Ti Tempelsteuer Rangstreit Rangstreit T Jüngerrede | y Schalksknecht Eltern und Kinder Eltern und Kinder Reichtum Reichtum 128 II. Das Matthaeusevangelium ' Lohnfrage Lohnfrage Arbeiter imWeinberg Jericho und Einzug Jericho und Einzug | Erster Besuch im Tempel empelreinigung | Verfluchung des Feigenbaums Verfluchung des Feigenbaums Tempelreinigung 0% ‚und Gespräch Gespräch über d. Feigenbaum Weinbersgleichnis Weinberggleichnis Gastmahlsgleichnis Streitgespräche Streitgespräche Wort gegen yoa@uuareig Wort gegen yoauuareig Pharisäerrede (@roschen der Wittwe _. Parusierede Parusierede 7 Parusiereden u. Gleichnisse Leidensgeschichte Leidensgeschichte. Die Tabelle zeigt, dafs die Disposition des Mr derjenigen des Mt vollständig zu Grunde liegt. Die Veränderung erstreckt sich blofs auf 2 Punkte. 1) Mt hat die ihm aus andern Quellen‘ zustehenden Stoffe kunstvoll in den Mrzusammenhang eingefügt, wo jeweilen bei Mr teils eine passende Situation, teils Verwandtes sich darbot. 2) In 4 Fällen hat Mt a Die Hauptmenge der bei Mr zerstreuten Wunder zog er zusammen inc 8 und 9 zu einem Wundercyklus. Da die Sabbatsprüche durch die Worte wichtiger sind als durch die Wunder, trennte er diese aus Mr 2. 3 los und verband sie mit dem Antipharisäerkapitel 12. Apostelwahl und Aussendung zog er der Vereinfachung wegen zusammen. Ähnlich hat er nachher die 2 Besuche des Tempels und 2 Gespräche vom Feigenbaum zusammengezogen. Die Folgen dieser Veränderungen machen sich sogleich gel- tend zum Schaden des Mt. Der 1. Tag bei Mr ist völlig zerstört, zwischen Petri Berufung und dem Besuch Jesu in seinem Haus drängt sich soviel anderes, dafs der Zusammenhang zerrissen ist. In den Wundercyklus Hu! fälschlicherweise die Gespräche bei Anlafs des Gichtbrüchigen, Levis Berufung, der Fastenfrage auf- genommen, die zu dieser Rubrik einfach nicht passen; aber sie folgten eben zunächst in Mr 2. Folge der Vorwegnahme der Aus- sendung und ihrer Verbindung mit der Apostelwahl ist der Aus- 1. Matthaeus und Marcus, 129 fall der wirklichen Mission; von der war ja an der Parallele Mr 3 nichts zu lesen. Das Umgekehrte, dafs Mr die Disposition verändert habe, läfst sich gar nicht denken. Was sollte ihn bewegen, den Wunder- cyklus auseinanderzureilsen oder Apostelwahl und Aussendung zu trennen, nachdem sie so schön vereinigt waren? Vollends die Schilderung des ersten Tags war nur durch ein raffiniertes Kunst- stück aus Mt zusammenzusetzen. Und welcher Stümper hätte mögen die Bergrede verdrängen durch die Anekdote vom Be- sessenen in der Synagoge von Kapernaum! Die Versuche, das Gegenteil zu beweisen, verdienen keine ernste Berücksichtigung. Ein merkwürdiges Beispiel der Gebundenheit des Mt an den Zusammenhang seiner Quellen bildet die Gleichnisrede ce 13. Mr Mt Q Säemannsgleichnis Säemannsgleichnis Seine Deutung Seine Deutung @leichnis vom Sa- Gleichnis vom Acker menkorn mit dem Unkraut Vom Senfkorn Vom Senfkorn Vom Senfkorn Vom Sauerteig Vom Sauerteig Schlufs der Rede Erster Schlufs Deutung des 2. Gleichnisses Vom Schatz im Acker Vom Schatz im Acker Von der Perle Von der Perle Vom Fischnetz mit Deutung Schlufs. Drei Dinge sind an dieser Disposition seltsam: 1) Dafs das Unkrautgleichnis nicht ein Paar bildet mit dem Fischnetzgleichnis, mit dem es den Hauptge- danken gemeinsam hat. 2) Dafs die Deutung des Unkrautgleichnisses vom Gleich- nis so stark getrennt ist. 3) Dals dieser Deutung ein offenbarer Schlufs der Gleich- nisrede vorangeht (13, 34f.). Alle drei Schwierigkeiten erklären sich durch die Abhängig- keitdesMtvonden Quellen, speziellvonMr. Im Samenkorngleichnis, zumal seinem Anfang, sah Mt eine Parallele zu seinem Unkraut- gleichnis, das er deshalb an die entsprechende Stelle einrückte. Wernle, Frage. 9 130 II. Das Matthaeusevangelium. 2 Aber die Deutung konnte er nicht sofort folgen lassen, da Samen- korn und Senfkorn bei Mr, Senfkorn und Sauerteig inQ ein Paar bildeten; daher mulste sie bis Schlufs dieser Paare verspart wer- den, wo sich dann auch bei Mr (4, 34) eine Anknüpfung fand. at zu frühe Schlufs der Gleichnisrede aber stammt aus Mr, wo er wirklich schlielst. Resultat: Der Disposition des Mt liegt diejenige des Mr durchweg zu Grunde, wofür die Umstellungen so beweisend sind wie die Befolgung. | C. Der Text. a) Der Text der Herrenworte. Wie billig, gehören die Herrenworte an die Spitze der Unter- suchung, und zwar mit Ausschlufs des einfachen Gesprächs und des rein erzählenden Textes der Gleichnisse. 1) Die wörtlich übereinstimmenden Herrenworte sind zahlreicher als bei Le. | | Mt 9,6 —= Mr2,10 iva Ö& eiönjte ori Eovolav Eysı 6 vIOg Tod AvHE@ToV Ei tig IS Kpievaı KuagTiag. Mt 9, 12%. = Mr 2,17 00 yoEiav ENOULL, oi loyVovrsg IaTgod AAA ol Karnög Eyov- tes (Zusatz) od (yo) NAYov dl Öıxalovg AAAa GAucoTwAonvg. Mt 10,211. Mr 13,42%: (ei) zugaddoı (08) ÜdeAgpös Übenpön eis Puvarov xal Ta- TIE TERVOV, Kal ETKVAOTNOOVTAL TERVE EL YovEig Aal Pavataoov- cv abToÜg' Aal E0EOdE uLooVuEVvoL brd navrav ÖLd ro Övoud uov' 6 08 brousivag eig TEAOG, 00TOS G@NMNoETKL. Mt 16,23 = Mr 8,33 Unaye or uov oaravä (Zusatz) OT 00 poovVelg TE TOO HEod aAAı Ta TÜV AVFEROTOV. Mt19,6 Mr 10, Ei: (Citat) Sorte ouKerı eiolv ÖvVo dARe 0008 uia (ule ode&)‘ Ö 00V 6 DHeog Ovveßevgev, KVIEWOTOg un KwoLbEerw. Mt 19, 30 = Mr 10, 31 aoAhol dE Eoovraı roWroı Eöyaroı xal (ol) Zoyeroı TEW@ToL. Mt 20,28 = Mr 10,45 | (zul yao — WOXEE) 6 vIög Tod Kvdo@xov 00% NAdEV ÖLaxo- vydTvar, aAAC Öıaxovnocı Kal bovvaı NV duyNv abrTod Abroov avri noAiov. 1. Matthaeus und Marcus. 131 EEE = — Mt 22, 32? = Mr 12,97 004 Eotıv (0) HEog vexre@v AAAR Eovıov. Mt 26,24 = Mr 14,21 ce \ ex a b) [£ R VE \: 4 x 0 wEV vIOG TOO AVHEWNOV Undye, Kadag yEyparrar egl abrod' odal dE TO Avdownw Exeivo, di’ 06 6 viög TOD dvdo@nov zagwdidoraı' xaAdv (NV) euro, El 00x Eysvvidm 6 ÄÜvdowmog EXElVOG. 2) Die weitaus grölste Menge der Herrenworte zeigen sprachliche Veriddirenn Hier macht sich aber sofort ein Unterschied von Le ee das Griechische des Mt steht dem des Mr ungemein nah in den Vokabeln und entfernt sich von ıhm meistens in Eigentümlichkeiten des Stils. Folgende Vokabeln des Mr hat Mt geändert: Mt Mr erıßdAksı ETLOUNTEL 9,16 (Le) HaADg moLEiv ayayov woLeiv RE % KOVLOQTÖS "7 006 10, 14 (Le) uaoTıyoüv dEiosıv 10, 17 EYEOHTNVAL AVEOTIVEL 16, 21. 77, 23.,20, 19 (Le) HOEUCLOTT TEOLREUTEL ri 6 KRTEXOVTLENN BeßAntaı 6 (Le) rovanua Hapldogs Tovu«Aıa bapidog e 24 (Le) Für roig vioig tTov dvdoaxwov (Mr 3, 28) setzt Mt griechischer tois @vdow@noıg ein (12,31). Aufserdem schreibt er seine Lieb- lingsausdrücke auch im Mrtext: Baoılsia tov oboavov 13,11. 24. 31.18, 3£. 19, 14.23 f., BaoıAeie TOO margdg uov 26,23, 6 zarıjo uov 0 Ev obgavoig 12,50, 6 zarijo uov 20,23, TO avsüur Tod aarodg buov 10,20, To 6ndEv..... 22,31. 24,15, TO edayyelıov tig Baoı- Asiag 24,14. Wichtiger sind die Glättungen und Verbesserungen am Text des Mr. Für &oovraı nintovreg setzt der, Grieche zsoo0Vr«ı ein (24,29), für ai Övvdusız ai Ev toig obowvois: ai dvvdusıg TOV ob- oa@vov. Das doppelte &x0Aovdsiv des Mr wird wie bei Le besei- tigt (16,24). 15,5 wird od uw) tıurjosı aus dem Citat 'herausge- nommen statt des umständlicheren, aber passenderen odxErı &p- veTE abrovV obdEv zoıjoaı. Das für wo? und wohin? gleich ge- brauchte eig wird eingeschränkt (10,17. 24,18). An Stelle von @g@eiei c. acc. tritt wie bei Le das Passiv (16,26). Zweimal ersetzt das subst. avdoraoıg ein Sätzchen bei Mr (22, 30.31). Dazu kommt u 132 II. Das Matthaeusevangelium. vor Allem die Verbindung der Sätze, der häufige Ersatz des za durch de, ydo, obv und die dadurch erreichte geschlossenere Gedanken- verbindung. Man vergleiche z. B. den nachlässigen Satzbau des Mr (3, 28f.) mit dem gedrungenen des Mt (12, 31): | cumv AEyo buiv did Todro AEyo Dulv OT TEVTE KPEINGETAL rosa Kunroria Kal Toig viols TOV AVYOO- BAaopnuie KpsdmoEraı TWV TE LuagTiucTe Kal Tois EvFEWMoLS, ai BAcropnuiaı, 00« &v BAropnunowoıv' | ös 0° &v PAeopnunon | 7 08 TOD mVEduaTog gig TO nVEÜUR TO Lyıov, PAcopnuia 00% Kpsdmosrau. 00x Eye Kpeoıv eig TOV aiovı etc. 13, 12 ist die Antithese durch de markiert, wo Mr x«i schreibt, ebenso 16,26 der Gegensatz des Weltgewinns und des Verlusts der Seele. 20,28 setzt Mt den Hauptsatz x«i ya@o ... zum Neben- satz mit &oso herab. Instruktiv ist die Verkürzung ın 21, 22: Mr 11,24 7 er / ve er a =) / avre 06% TOO0EVYEONE ravra 000 &v altyonTe xl alTEiohE Ev TM MO00EVYT nıotedere Otı EAdhere TLOTEVOVTES #al EoTeı dulv Anunso®e. In der Parusierede kommt auch das rore neben y&o und de zu Hilfe (24, 9. 10. 14.23). Diese Beobachtungen, die auf Vollständigkeit keinen An- spruch erheben, zeigen ausnahmslos den Mt als stilistischen Ver- besserer der Herrenworte. | 3) Natürlich sind die sachlichen Änderungen auch hier am wichtigsten. Voranzustellen sind diejenigen Herrenworte, deren Text bei Mt besser aufbehalten scheint. Da steht an der Spitze die Parusie- rede mit 24,20 und 29: unde oaßßdrw und ebdeng. Durch Weg- lassung des ersten hat Mr die judenchristliche Stimmung dieser Apokalypse weggewischt, durch Streichung des zweiten die Pa- rusiesehnsucht gemäfsigt. Wie ist es aber möglich, dafs der jün- gere Mt diese alten Züge aufbehielt, wenn sie in der Vorlage fehl- ten? Die Antwort ist hier besonders einfach: Mt hat die Mr 13 zu Grunde liegende Apokalypse noch gekannt. Vielleicht stam- 1. Matthaeus und Marcus. 133 men aus ihr auch gewisse apokalyptische Weiterungen wie 24, 30. Für die Priorität des Mt liegt gerade hier kein Beweis vor. Schwerer ist der Entscheid bei dem Wort Jesu an die Ka- naanıtin Mr 7,27. Mt 15,26. Das Sätzchen: &pes zo&Tov yoor«- . odNVaı Ta rexve fehlt bei Mt; statt ob ydo Eotıv x«A0v schreibt er: 00x &8eorıv. Die ganze Erzählung ist bei ihm schroffer ju- daistisch gestaltet, zumal durch das bei Mr fehlende Wort 15, 24. Das Alles spricht eher für Mt gegen Mr, — falls man Jesus und der ältesten Überlieferung diesen Judaismus zutrauen muls. Doch sind 2 Dinge nicht ganz aus den Augen zu verlieren: 1) dafs die Form beı Mr zu dem milderen Geist des Petrus palst, 2) dafs die Verschärfung des Worts bei Mt den Glauben der Frau um so grölser (Mt 15,28) erscheinen läfst. Vielleicht darf Mt 26, 61 gegenüber Mr 14,58 als ursprüng- lich bezeichnet werden. Bei Mr hat dies Wort Jesu vom Nieder- reilsen und Aufbauen des Tempels die christliche Deutung zuge- setzt erhalten, die bei Mt noch fehlt. Der Entscheid wird jedoch stark erschwert durch die Wiederkehr desselben Worts Mr 15, 29. Mt 27,40. Da Mr hier die alte Form ohne Zusatz schreibt, ist es immerhin möglich, dafs Mt diese vor der jüngern auch in c 26 be- vorzugte. In dem „von nun an“ Mt 26, 64 (vgl Le 22, 69) ist doch wohl eine alte Eintragung christlicher Theologie zu erblicken, die in der Auferstehung den Messiasbeweis sah. Das Wort, wie Mr es gibt (14,62), läfst nichts vermissen. Natürlich ist die Hypo- these der Ursprünglichkeit des Mt auch hier nicht gerade wider- legbar. Mit grölstem Recht wird man den Mttext 17, 11 ff. gegenüber Mr 9, 12£. verteidigen dürfen: das Wort über die Wiederkunft des Elias in Johannes. Der Text des Mr scheint mir ganz sinnlos ent- stellt. Auf den ersten Satz: „Elias kommt zuerst und stellt Alles her“, der ja blofs die Meinung der Schriftgelehrten bestätigt, palst: allein die Fortsetzung: „ich sage euch aber: Elias ist schon ge- kommen“, die nun Jesu Deutung enthält. Dieser einzig sinn- gemälse Zusammenhang ist bei Mt, nicht bei Mr erhalten. Mit „und sie thaten ihm, wie sie wollten“ schliefst diese Antwort. Alles übrige bei Mr sind zwei Doubletten (xai mög yeygarraı Exi tov viOV TOd AVHOWXOV x. T. A. und xaH&g yEeyoanraı Ex’ abToV) einer alten Randbemerkung, die. das Schicksal des Menschen- sohns mit dem dieses Elias in Parallele setzen wollte. Die Glosse kennt auch schon Mt, der sie an den Schlufs gesetzt hat, 154 II. Das Matthaeusevangelium. aber in besserer Form. Die künstliche Auslegung, die hier dem Mr vor Mt Recht geben will, bestätigt indirekt nur die Priorität des Mttextes. Für diesen und ähnliche Fälle Sit einfach der Grundsatz: Wo ein Herrenwort bei Mt klarer, schlichter, altertümlicher er- halten ist, da hat es eben Mt Be als Mr Gnerlaierh Nur ist dabei das pro und contra möglichst vorsichtig abzuwägen. An- dere Stellen, auf die jener Grundsatz mit Unrecht angewandt wurde, sind a zu besprechen. Nicht gerade häufig, aber doch amaller hat Mt ein Mrwort zusammengezogen und verkürzt. Dahin ist freilich die Antwort auf die Fastenfrage (9,15) nicht zu rechnen, denn Mr 2, 19” kann leicht Glosse sein. Ebenso ist die Remo von Mr 2,27 viel- leicht keine Änderung des Mt (vgl. oben p.55). Das klarste Bei- spiel solcher Verkürzung bietet Mt 24,9 gegenüber Mr 15, 9—13; Ursache ist hier die ae ER Redestücks in ce 10,17— 22. Stark zusammengezogen hat Mt den 2. Teil des desnräbh: vom Händewaschen (15, 10f. 17ff.), wo Mr mit fast unerträglicher Um- ständlichkeit schrieb (Mr 7, 14—23). 16,27 wollte Mt ausnahms- weise die Doublette zu.10, 33 vermeiden-und liefs daher den ersten Teil von Mr 8, 35? weg, mich zum Besten der Gedankenverbindung. Ähnlich ist 18, 5 die 2. Hälfte der Mrparallele (9, 37) ausgefallen mit Rücksicht auf die Doublette dazu 10,40. Im Folgenden (18,8) hat Mt. die 2 Sprüche von Hand und Fuls (Mr 9, a5#f.) zu einem zusammengezogen. Der Spruch Jesu von den Kindern ist verkürzt (19, 14), weil Mr 10, 15 schon Mt 18,3 vorweggenommen ist. Dagegen könnte die Auslassung von Mr 10,24 wieder ein Zei- chen sein, dafs hier Mr erweitert ist (vgl. Le). Schwierig ist der Entscheid bei Mt 19,29 gegenüber Mr 10,29f. Bei Mt fehlt der Gegensatz von dieser und jener Welt und die breite Aufzählung :des in dieser Welt Wiederzugewinnenden. Aber damit ist auch der originelle Gedanke des Mr, dafs die neue christliche Brüder- gemeinde reichen Ersatz für allen Verlust bietet, dem Mt verloren gegangen, und wie ohne ihn dies „vielfältig“ zu verstehen ist, zeigt uns Mt nicht. Immerhin ist diese Stelle zu Gunsten des Mt diskutierbar. In der Zebedaidenepisode fehlt bei Mt die Taufe neben dem Kelche (Mr 10, 38£.); für ihre Ursprünglichkeit spricht schon der Parallelismus, daneben die Reminiscenz des Le (12,50) an diesen Spruch. Mt wird diese „Taufe“ nicht mehr verstanden haben. Ob die Auslassung des „allen Heiden“ im Citat Mt 21, 13 1. Matthaeus und Marcus. 135 wieder mit seinem Hauptgedanken: der Messias für Israel, zu- sammenhängt, ist fraglich; auch Le hat es nicht; es mag nach- trägliche Ergänzung aus LXX sein, die in Mr eindrang. Mag aber auch dann und wann der kurze Text des Mt gegenüber dem län- gern des Mr ursprünglich sein, in der Regel ist er mit Grund und Absicht von Mt erst zusammengezogen. Unter den Zusätzen des Mt soll zunächst von den Ergän- zungen durch Reden aus Q abgesehen werden (ce 10. 12. 13. 18. 23.24). Aulser ihnen kommen in Betracht die Zusätze in folgen- den Episoden: Berufung Levis (9, 13°), Sabbatsprüche (12, 5—. 12,ı1f.), Händewaschen (15,13f.), Kanaanitin (15,24), Zeichen am Himmel (16, 2£.), Petrusbekenntnis (16, ı7ff.), Epileptischer (17,20), Rangstreit (18,3), Ehescheidung (19, 11f.), Lohnfrage (19,28), nach der Tempelreinigung (21,16), Weinberggleichnis (21,43), Frage nach dem höchsten Gebot (22,40), Parusierede (24, 10ff.). Wie die Liste zeigt, erstrecken sich diese Zusätze über die Mehrzahl der Episoden des Mr. Die genannten Zusätze sind aber sehr verschiedener Art. Einige von ihnen haben Parallelen bei Le, so 12, 11 f. 16, 2 £. 17, 20. 19, 28; diese sind sicher von Mt vorgefunden als altes Gut. 15, 24 hat seine Parallele in 10, 5 bei Mt selbst, d.h. es gehört der Missionsrede an und ist von dort aus wiederholt im Mrstück. - Aufserdem ist der Spruch von den Verschnittenen 19, 11 f. jeden- falls älter als Mt. Am meisten Schwierigkeit macht der Rest. Weitaus der hervorragendste Einsatz ist 16, 17—19, der grolse Ausspruch an Petrus. Wir haben ihn leider nicht in sicherer Überlieferung, wofür aus dem zweiten Jahrhundert Tatian und Tertullian als Zeugen gelten mögen. Tatian“*) scheint für v 17—19 blofs gelesen zu haben: x«i zimev" uaxdorog et Ziuwv' zul mbAaı &dov 00 KarıoyVoovoiv 68‘ od & IIeroog. In Tertullians Text da- gegen scheint der Satz zai möAuı Kbov 00 xarıoyVoovow abrig gefehlt zu haben. Aus diesem !seltsamen Befund liefse sich viel- leicht vermuten, dafs in unserm kanonischen Text zwei sehr ver- schiedene Deutungen des Felsennamens zusammengeflossen sind, nämlich eine persönliche, die dem Felsenmann das Erleben der Parusie verspricht (vgl. hiezu die Parallele in dem von Iselin ent- deckten Wort Jesu an Petrus in Text u. Unters. XIII p. 26), und eine kirchliche, die den Felsenmann zum Fundament der Kirche *) Vgl. Harnack in Zeitschr. f. Kirchg. 1881, IV 4 p. 484. 136 1I. Das Matthaeusevangelium. erhebt. Eins erhellt aus diesem Textbefund klar: Die Mt 16,17—19 ausgesprochenen Gedanken, der Primat des Petrus als des Gründers der Kirche können sehr alt, können aber auch ganz jung sein. Sie können hinaufreichen in die Tage des Streits zwischen Ur- aposteln und Paulus, aber auch hinabreichen bis zum Ursprung der römischen Legenden. Nach Mr hat Jesus den Simon bei der Apostelwahl (Mr 3) Petrus genannt; dieser Bericht verdient jeden- falls mehr Glauben, als der des Mt, nach dem Simon von Anfang an unter dem Namen Petrus auftritt. Es spricht auch blofs zu Gunsten des petrinischen [Ursprungs des Mrevgs, dafs es die im Mund des geschichtlichen Petrus kaum denkbare Aussage Mt 16, 17 ff. nicht enthält. Wer den Mrzusammenhang liest, wird nichts vermissen. Mt 16, 17 ff. ist eine Zuthat — gleichviel ob des Evangelisten oder eines Vorgängers oder Nachfolgers —, nicht der älteste Text. : Der Zusatz beim ersten Sabbatspruch 12, 5f. kann wohl auf Tradition beruhen. Als Zusatz in diesem Zusammenhang gibt er sich zu erkennen durch die Eingangsformel: habt ihr nicht ge- lesen im Gesetz? Wozu der Hinweis auf das Gesetzbuch, wenn doch der Brauch im Tempel von jedem lebendig zu beobachten ist? Wir erwarten viel eher ein: Seht doch im Tempel! ete. Das „Habt ihr nicht gelesen?“ erklärt sich durch ziemlich gedanken- lose Kopie aus 12, 3 „habt ihr nicht gelesen, was David that?“ Da war's am Platze. Das Hoseaecitat: Ich will Barmherzigkeit und nicht Opfer, das Mt zweimal dem Mrtext hinzufügt (9, ı3. 12, 7), kann wohl von Jesus selbst gebraucht worden sein. Nur palst es an keiner Stelle besonders gut zu dem, was es rechtfertigen soll. Die Phari- säer sind doch nicht gerade die Vertreter des Opferkults? Und der Verkehr Jesu mit Zöllnern oder das Ährenraufen seiner Jünger am Sabbat hat auch mit Barmherzigkeit nicht viel zu thun. Es scheint doch ein Lieblingsspruch des Mt im Kampf mit den Juden, den er — gewils nicht mit Unrecht — Jesus in den Mund legt. Sekundär ist er beidemal. | Mt 15, 12—14 gibt sich als Einsatz des Mt dadurch zu er- kennen, dals es den Zusammenhang zwischen Gleichnis und Deu- tung grob zerreilst. v 14 steckt ein altes Sprichwort, das Jesus auch nach Le 6, 39 sich angeeignet hat. v 13 erinnert ans Unkraut- gleichnis; hier mag ein alter Spruch zugrunde liegen, die Form gehört Mt an. 1. Matthaeus und Marcus. 137 Der Zusatz beim Rangstreit (18, 3 £.) ist dadurch veranlalst, da’s Mt sowenig wie Le den Gedankenfortschritt des Mr begriff und das in die Mitte gestellte Kind als Vorbild auffafste, während es bei Mr ein neues Thema nach Erledigung des Rangstreits be- ‚ginnt. Sobald das Kind als Vorbild der Demut gefafst wurde, palste Mr 9, 37 = Mt 18, 5 nicht mehr dazu. Entweder fand Mt seinen v 3 noch in der Tradition vor oder er hat ihn durch Ver- einfachung aus Mr 10, 15 gebildet. Mr Mt aunv JEyYW Luiv au 2Eyo Buiv ö5 dv un beinter EV un) OTERPITE Kal nv BaoıAeiav Tod FEo0Ö yErnodE ws naıdiov ws ra naudia od uN ELOEIIN Eis od un ELOELIMTE Eis aöTNiVv nv Baoıksiav AV odoavor Das letztere ist wahrscheinlicher, weil Mt in der Kinderepisode Mr 10, 15 als schon gebracht übergeht, und weil der Mrspruch das Bedürfnis nach Vereinfachung nahe legt. Mt 18,4 macht dann die freilich künstlich gezwungene Anwendung von v3 auf den Rangstreit. Dieser ganze Zusammenhang bei Mt ist nicht ein- facher, klarer als der bei Mr, sondern das Gegenteil, sobald man Mr recht versteht, und ın 9, 35 die genügende Schlichtung des Rangstreits erkennt. Mt 21, 16 ist eben ein Citat, kein Herrenwort, und steht in so legendarischer, eigentlich unmöglicher Episode, dafs ihm kein Wert zukommt. Mt 21, 43 ist ein höchst bezeichnender antijüdischer Zusatz des Evangelisten selbst, der Sache nach nichts anderes als Deu- tung des Gleichnisworts v 41: der Weinberg —= das Gottesreich; die andern Weingärtner = das Volk der Christen. Als Zusatz gibt sich der Spruch schon äufserlich zu erkennen durch seine Stellung erst nach v 42. Mt 22, 40: an diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten (vgl. 7, 12) ist eine altchristliche Formulierung, schwerlich ein Herrenwort selbst. Der Spruch fällt aus Frage und Antwort etwas heraus. Doch lälst sich hier nichts Sicheres be- weisen. | Ganz gewils gehört dem Evangelisten an der Zusatz der Parusierede Mt 24, 10—12. „Und dann werden viele “sich ärgern’ und einander ausliefern und einander hassen. Und viele falsche 138 II. Das Matthaeusevangelium. Propheten werden aufstehen und viele verführen. Und weil die Ungerechtigkeit grofs wird, so wird die Liebe der Meisten er- kalten.“ Hier spricht nieht die Stimmung der ältesten Zeit zu uns, sondern die bittern Erfahrungen angesichts der fortgesetzten Enttäuschung machen sich geltend. Für die Zeitlage des Evan- gelisten sind diese Verse das beste Gemälde. : Von den zuerst genannten, aus Le bekannten Herrenworten macht sich 12, 11 f. (zweiter Sabbatspruch) als Zusatz dadurch geltend, dafs es das schöne kräftige Herrenwort Mr 3, 4 zerstören hilft. Die wunderbar schlichte, in Frageform vorgelegte Alternative: ist's am Sabbat erlaubt Gutes oder Böses zu thun, eine Seele zu retten oder zu verderben? kann gar nicht aus dem Spruch von dem in die Grube gefallenen Schaf herausgesponnen sein; wohl aber hat die Ergänzung dieses Spruchs jene Alternative verdrängen müssen. Der Einsatz 16, 2—3 (Zeichen der Zeit) fehlt noch bei NB syr®'" syr®® Or 13. 124. 157 und palst in der That so schlecht wie möglich zwischen Mt 16, ı und 16, 4 hinein; er ist jünger als Mt. Dagegen ist das Wort vom Glauben, das Mt in@ gelesen hat, 17,20 sehr geschickt an die Episode vom Epileptischen angehängt. Es könnte hier geradezu gesprochen sein. Dennoch ist es nicht ur- sprünglich, denn es folgt 21,21 noch einmal im Mrzusammenhang. Ähnlich geschickt hat Mt das Wort vom Lohn der Zwölf im Gottesreich als Antwort auf die Lohnfrage des Petrus eingeschaltet 19, 28. Es sitzt hier so trefflich, dafs sich der Einschub kaum be- weisen läfst. Entscheidend ist blofs das Fehlen auch bei Le und der Umstand, dafs der Text des Mr nichts vermissen läfst. Das Wort 19, 11 ff. von den Verschnittenen konnte kaum anderswo als in dem Abschnitt von Ehescheidung, Kindern ete. untergebracht werden. Aber es hat mit der Ehescheidungsfrage und mit dem Gegensatz gegen die Pharisäer nichts mehr zu schaffen. Und genau besehen nimmt es sich gerade in diesem Zusammenhang: vorher: der Preis der Ehe als Ordnung Gottes, nachher: die Segnung der Kinder, recht frostig aus. Die Zusätze des Mt sind also doppelter Art: z. T. alte frei um- herlaufende Herrenworte, die Mt mit verwandten Worten bei Mr verknüpft hat, bald geschickt, bald ungeschickt: z. T. Ergänzungen und en des DEREN selbst, mit denen er die Vor- lage bereichert. | Eine besondere Gruppe bilden weiter kleine erklärende Zu- sätze, durch welche die Herrenworte bei Mr verdeutlicht werden 1. Matthaeus und Marcus. 139 sollen. Sie ziehen sich durchs ganze Evangelium. Dahin gehört „to d®gov“ Mt S,4; der Aussätzige soll ein Opfer darbringen. 9,15 setzt Mt statt „fasten“ „trauern“ ein, da es sich bei den Hoch- zeitsleuten doch nicht ums Fasten handeln konnte; freilich behält er — ungeschickt genug — im zweiten Satz das Fasten bei, allein dort dachte er an die Deutung. Das Gleichniswort vom Wein und den Schläuchen erhält einen ausführlichen Zusatz 9, 17: sondern man füllt neuen Wein in neue Schläuche, und dann werden beide erhalten (Schlauch und Wein). Das ist jarichtig, aber für die Ant- ‚wort auf die Fastenfrage war das Negative, die Unverträglichkeit die Hauptsache. In der Deutung des Säemannsgleichnisses wird das „Wort“näher bestimmt als „Wort vom Reich“ 13, 19, als Ort der Aussaat das Herz genannt, und das vorhandene oder nicht vor- handene Verständnis hervorgehoben; an solchen kleinen Zügen erkennt man am besten den Bearbeiter. 16,11 wird zur Erklärung geradezu ein neues Herrenwort gebildet: Wie merkt ihr denn nicht, dafs ich nicht inbezug auf Brot euch sagte: nehmt euch vor dem Sauerteig der Pharisäer etc. in Acht? Das leitet dann zur folgenden Deutung des Evangelisten über (16, 12). In der Episode vom Händewaschen tritt an Stelle von „Moses sprach“: Gott befahl 15, 4. Das Rätselwort Jesu von rein und unrein soll durch die Hinzufügung von oröu« (viermal) vor Milsverständnissen geschützt werden, wie sie naiven Urchristen begegnet sein mögen; am Schluls wird das praktische Resultat vom Evangelisten klar formuliert: Das Essen mit ungewaschenen Händen verunreinigt den Menschen nicht (15, 20). Das Wort Messias (Xoıworög) erhält Mt 16, 16 die erklärende Beifügung: der Sohn des lebendigen Gottes (vgl. Mr 14, 61). Das „nach drei Tagen“ wird wie bei Le zu „am dritten Tag“ verbessert gemäls den Ereignissen. Besonders hübsch ist der Zusatz: 6x«v- ÖaAov & Euod 16,23 hinter oatava&; er soll erklären, wie der Teufelsname den Petrus treffen könne. | Die Form des Ärgernisspruchs Mt 18, 8.9 mit dem „und wirf's von dir“ wird als beeinflufst durch die Form der Doublette (Mt 5, 29 £.) betrachtet werden dürfen. Statt Gottesreich setzt Mt auch an zweiter Stelle „Leben“ ein (18, 9) nach seiner Vorliebe für Gleichgestaltung verwandter Worte. Mit „habt ihr nicht ge- lesen?“ 19, 4 führt er wie so oft Jesus als Schriftgelehrten ein (vgl. 12,5. 21,16), der auch das Citat aus Gen 2 vollständig eitieren muls. In der kurzen Aufzählung der Gebote 19, ı8 f. lälst er w] 140 II. Das Matthaeusevangelium. . ErO6TEEONoNg weg, da es nicht zum une gehört, ergänzt da- gegen das Gebot der Nächstenliebe. In der dritten Leidensweissagung wird statt Töten das spe- ciellere Kreuzigen eingesetzt (20, 19). Das kurze „denen es be- reitet ist“ (Mr 10, 40) wird ergänzt mit „von meinem Vater“ (Mt 20, : » Tahrreick ist die Umbildung des zweiten Spruchs vom Glan en (Mt 21,21). Um den Übergang vom Feigenbaum zum Berg zu Tetanshtale: setzte Mt hinzu: ihr werdet nicht nur „das mit dem Feigenbaum“ thun können, sondern sogar, wenn ihr zu die- sem Berg sprecht.... Wer hier nicht den ergänzenden Bearbeiter erkennt, dem ist freilich nicht zu helfen. Im Weinberggleichnis schreibt Mr ganz kurz: und wird den Weinberg andern geben (Mr 12,9). Mt ergänzt: andern Wein- gärtnern, die ihm die Früchte erstatten werden zu ihrer Zeit. Mt 21, 41. Damit ist zugleich die Deutung des Mt v 43 vorbereitet. Die Parusierede fügt zu dem Ey@ elu: des Mr die Erläute- rung 6 Xoı6rög hinzu (24,5). Prächtig zeigt sich der Unterschied der apokalyptischen Quelle und der Bearbeitung bei Mr 13, 14. Mt 24, 15 Mr Mt orTav O8 iöntE To öTav 00V lÖnTE To BoEAvypua Tg EONUWEERG PdeAvyua tig Eonußoeog To 679» dıa Aavın2 EOTNAOTE TOO nE0YITOV EoTos orov od dei Ev TOn@ Ayla Das Citat ist aufgeschlagen; das merkwürdige Masculinum &orm- xore, das vielleicht auf den Antichristen ging, durchs Neutrum (zu BdeAvyua) ersetzt, das andeutende „wo’s nicht darf“ erklärt durch „am heiligen Orte“. Die wichtigste Gruppe von Veränderungen der Herrenworte sind die direkten Umbildungen, Entstellungen und Verschlechte- rungen, deren eine ganze Anzahl bei Mt sich findet. Am harmlosesten ist Mt 12, 4 gegenüber Mr 2, 26. Während Mr scharf unterscheidet zwischen David und seinen Begleitern — ım Blick auf Jesus und die Jünger — wirft Mt durch sein Epayov beide zusammen und hat damit die Pointe etwas gestört; auch stilistisch nimmt sich rög eto7jAYev ... zal &Eygayov schlechter aus. Mt hat eben das &payev zai Edwxev vereinfachen wollen. Mt 10, 9 sind durch das x11/j0n0®& die zwei Quellen zusam- mengeflickt in nicht geschickter Weise. Da der Satz: dwosdv 1. Matthaeus und Mareus. 141 EAaßere, ÖmoEcv Ödore vorangeht, wird jeder Leser das un xmij- oNSFE Kovoov etc. mit „erwerbt“ kein Gold übersetzen, bis ihm die Fortsetzung zeigt, es soll vielmehr das „bei sich Tragen, von Haus mitnehmen“ verboten sein. Es ist also der Text der einen Quelle (Q): erwerbt kein Geld unterwegs, lafst euch nicht be- zahlen, mit dem der andern Quelle (Mr): nehmt von Haus nichts mit, verproviantiert euch nicht! durch das eine #r/onoVe ver- schmolzen zu Ungunsten der Klarheit. Mehrfach macht sich der Einfluls der Schriftgelehrsamkeit des Mt störend geltend. Zwar, dals er die@ebote nach der Reihen- folge des hebräischen Dekalogs umstellt, nicht nur 19, 18, sondern sogar 15,19 bei der Aufzählung der schlechten Gedanken, hat nicht viel zu sagen. Aber die grofsen Umstellungen e 15 beim Hände- waschen und ce 19 bei. der Ehescheidungsfrage scheinen — zum Schaden der zwei Perikopen — blofs durch die Rücksicht auf die kanonische Reihenfolge der Bücher bestimmt. Weil Exodus vor dem Jesaja steht, scheint Mr 7, 10 vor 7,6 f. gestellt; weil der Genesisspruch vor den des Deuteronomiums gehört, Mr 10, 6f. vor 10,3 ff. Folge davon ist für e 15, dafs nun Jesus eine ausweichende Antwort gibt, indem er den Streit auf ein anderes Gebiet über- trägt. Die Frage hiefs: Warum übertreten die Jünger die Ältesten- Satzung durch das Essen mit ungewaschenen Händen? Die Ant- wort lautet: Warum übertretet auch ihr das Gottesgebot wegen eurer Satzung, indem ihr die Leute die von @ott gebotene Pietät verletzen lehrt? Wie ganz anders fährt Jesus bei Mr direkt auf sie los: Gut hat Jesajas geweissagt von euch, den Heuchlern. Und erst nach dieser Abfertigung geht er selbst zum Angriff auf ihre Übertretung in andern Dingen über. Diese Stellung allein ent- spricht der Situation. In cap. 19 verrät sich die Umstellung da- durch, dafs das &x’ &oyjg am Schlufs noch einmal anklinst (19, 8), so wie es bei Mr auf das Wort vom Scheidebrief erst folgt. Auch hier ist doch der Hergang der natürliche, in dem zuerst der locus classicus, Dt 24 zur Sprache kommt und erst zuletzt der Rück- gang auf die höchste Instanz, die Schöpfung, folgt. Stark umgebogen ist die Antwort Jesu auf die Zeichenforde- rung 16,4. Bei Mr heifst sie einfach „nein, gewils nicht“, feierlich eingeleitet mit „wahrlich ich sage euch“. Mt fügt die Einschränkung hinzu: aulser das Zeichen des Jona, d. h. die Auferstehung. Der Ausdruck stammt aus Q@ (Mt 12, 39. Le 11, 29), wo er die Buls- predigt des Jonas bedeutet; aber schon dort deutete ihn Mt im 142 II. Das Matthaeusevangelium. Sinn der christlichen Typologie um. Die Stelle zeigt, wie die christliche Apologetik den Wunderbeweis trotz Jesu „Nein“ ein- fach nieht, entbehren konnte. ' Zum Sauerteig der Pharisäer fügt Mt 16, 6. 11 den der Sad- ducäer hinzu nach seiner Gewohnheit, die zwei Feinde der Christen sich gern Arm in Arm zu denken. Was dann freilich die „Lehre der Pharisäer und Sadducäer“ sein soll, hat er uns mit Recht ver- schwiegen. Für Jesus zählten die Sadducäer überhaupt nicht. Er kann also auch nicht vor ihrem Sauerteig gewarnt haben. Die Christologie ist bei Mt noch enger als bei Mr mit der Apokalyptik verschmolzen. Dafür sind lehrreich Mt 24, 30 f. und 16, 27. Er weils vom Zeichen des Menschensohns, das am Himmel erscheinen wird und Anstols gibt zum Wehklagen aller Völker der Erde (24, 30). Die Engel bei Mr werden beidemal (24, aY. 16, 27) zu Engeln des Menschensohns gemacht, ebenso die Aus- erwählten zu seinen Auserwählten. Die grofse Trompete hilft ihnen bei ihrem Werk der Sammlung (24, 31). Dann aber tritt der Menschensohn als Weltrichter auf: er wird jedem vergelten nach seinen Werken (16, 27). Das ist doch ein Fortschritt der Christologie auf der Grundlage des Mr, aber mit noch stärkerem Einströmen der jüdischen Apokalyptik. Hierher gehört auch, dafs die Erwartung der Parusie den Ausdruck: Erwartung des Gottesreichs, zu verdrängen beginnt (Mt 16, 28. Mr 9, ı). Die so gesteigerte Christologie wirft ihren Schatten zurück auf das Erdenleben Jesu in der dogmatischen Hauptkorrektur Mt 19, 17 = Mr. 10, ıs. Bei Mr frägt der Reiche nach dem Weg zum ewigen Leben, wobei er sich der Anrede guter Meister bedient. Bevor Jesus auf die Frage selbst eingeht, korrigiert er die hoch gegriffene Anrede: Was nennst du mich gut? keiner ist gut als der eine @ott. Hierauf beantwortet er seine Frage: Du kennst ja die Gebote ete. Mt dagegen kann diese kurze Ablehnung des Wortes „gut“ im Mund Jesu nicht mehr ertragen; wie sollte der von Gottes Geist gezeugte, zum Weltrichter bestimmte Messias sich so auf die Seite der „schlechten“ Menschen gestellt haben! Seine Änderung am Mrtext ist aber ein denkwürdiges Beispiel sklavischer Abhängigkeit vom Wortlaut trotz der Freiheit des Gedankens. Das Einfachste würde doch die Auslassung von Mr vı8 und etwa noch der Anrede ay«de gewesen sein. Eine solche Freiheit getraut sich der Evangelist nicht mehr. Er vertauscht blofs die Worte und Beziehungen: | 1. Matthaeus und Marcus. 143 Mr Mt 17 dıdaoxarle ayadeE 16 dıdaoxare ti oo 7.2. te Eya9ov No %.rT.). 18 Ti us Aeyaıg ayadov; ti us Eow@täg neol Tod dyaYov; obdslg dyadös ei w) eig Eotıv 6 dyadös | eis 0 Dede. 19 rag Erroiüac oldag ei 08 Heisıg eig mv konv eloeAFEiv, TIENG0V Tag Evroide. So wie Jesus bei Mt redet, spricht ein dogmatisch verbildeter Schriftgelehrter, kein schlichter Mensch, vor Allem nicht Jesus. Denn auch bei Mt hat ja der Reiche gar nicht nach dem Guten gefragt, sondern was er Gutes thun soll. Dazu hilft ihm die künstliche Belehrung, wer den Namen gut verdiene, gar nichts. Darum bedarf Mt des Zusatzes: wenn du aber zum Leben eingehen willst ..., um überhaupt das Gespräch vorwärts zu bringen. Bei Mr antwortet ja Jesus freilich auch nicht direkt auf die Frage des Reichen; das kommt vielleicht daher, dafs hier zwei Anekdoten der Tradition erst verschmolzen sind; immerhin bildet der Meister, der sich nicht gut nennen lälst, einen so ergreifenden Kontrast zum Reichen, der glaubt, alle Gebote von Jugend auf gehalten zu haben, dafs die Kombination von Eingang und Fortgang doch wohl der Wirklichkeit entspricht. An der Vergleichung dieser beiden Paralleltexte kann jeder erproben, ob ihm durch das Dogma die Ehrlichkeit ausgetrieben wurde oder nicht. Spärlicher als in christologischen Aussagen meldet sich der spätere Geist bei einzelnen ethischen Vorschriften des Mt. Das Wort Jesu an den Reichen erhält den Bedingungssatz: gi Heisız tehAsıog eivan (19, 21) vorgesetzt; die katholische Deutung wird hier den Vorzug verdienen: es bahnt sich die Unterscheidung einer höhern und niedern Moral (Vollkommenheit und Pflicht) an im Widerspruch mit der Pointe der Mrerzählung, die nichts anderes kennt als den Weg zum ewigen Leben. Sodann hat Mt das Verbot der Ehescheidung korrigiert durch den Zusatz un Exit xoovei« (19, 9; vgl. 5, 32). Über sein Recht oder Unrecht ist gestritten worden. Klar ist nur, dafs er nicht von Jesus stammt, wie ihn auch Paulus (1 Cor 7, 10) nicht voraussetzt. Dagegen hat Mt Mr 10, 12 wohl nicht ausgelassen, sondern noch nicht gelesen; der Vers entspricht nicht dem jüdischen Recht. | Beim Weinberggleichnis macht die abweichend überlieferte 144 II. Das Matthaeusevangelium. Sendung und Zahl der Knechte einige Schwierigkeit. Es sind dabei alle drei Synoptiker zu berücksichtigen: Mr: vier Sendungen; dreimal je ein Knecht, zuletzt viele andere; Le: drei en je ein Knecht; Mt: zwei Sendungen; beidemal mehrere, das zweite Mal viel mehr als zuerst. Sollte es erlaubt sein, hinter Mr selbst zurückzugreifen, so hätte Weizsäckers Hypothese von 1364 das Ansprechendste, wor- nach Le dem geschichtlichen Gleichnis am nächsten steht. Das Dreimal der Sendung erinnert an die dreijährige Bemühung des Gärtners (Le 13). Der Knecht ein Bild für Jesus selbst; sein drei- maliges (d. h. wiederholtes) vergebliches Anklopfen am Volk hier in leichter Allegorie dargestellt; der Schlufs, die Sendung des Sohnes, spätere Zuthat der Gemeinde; Folge dieser „christologi- schen“ Ergänzung die Beziehung des Knechts auf die Propheten ; Folge davon die Überbietungen der Sendungen und der Zahl bei Mt und Mr. Allein diese Hypothese ist schon deshalb unstatthaft, weil sich die Berichte bei Le und Mt aus Mr ohne Mühe herleiten lassen. Le hat die letzte Sendung der Vielen getilgt, weil ihm die dritte des Mr schon als ein Höhepunkt vorkam. Und Mt hat ver- einfachend aus vier Sendungen zwei gemacht, indem er die drei ersten zusammenzog zu einer Sendung mehrerer Knechte mit ver- schiedenem Schicksal. Der Weg über Mr zurück ist also literar- kritisch nicht zu finden. Die letzte wichtige Änderung des Mt betrifft die Abendmahls- stiftung 26, 26—29. Zunächst einige Kleinigkeiten: Zu dem Adßers des Mr ist ii pdysrs hinzugefügt v 26 und zwar als Gegenstück zum folgenden ziste. Das niere &8 abrod advreg dagegen ist ein- fach Umbildung der Erzählung des Mr in ein Herrenwort zum /weck der Vereinfachung des Referats. Man vergleiche: Mr Mt EIWXEV aurTois Edwxrev abrotg Aeyov zul Eriov ES aÜToV navres niste ES aÜTOU navreg Kal EINEV KÖToLg TOÜTO EoTi .... ToüTo ydo Eotim ... Do einfach wie hier läfst sich die Entstehung eines immerhin wichtigen Herrenworts kaum irgendwo verfolgen. Von ganz andrer Bedeutung dagegen ist der Zusatz v 28 „Zur Sündenver- gebung“, der a des zsol noAA@v vor Exyvvvdusvov 1. Matthaeus und Marcus. 145 nach sich zog. Das ist eine Interpretation des Abendmahls durch den Evangelisten, wieder höchst lehrreich dafür, wie die Gemeinde an fundamentalen Herrenworten weiter gearbeitet hat. Weder Paulus noch Mr noch Le haben den Zusatz gekannt. Es ist ein Schritt weiter auf der Bahn der Sünde- und Sühnetheologie, die dem Gedanken Jesu schwerlich gerecht wird. Absichtlich ist bis ans Ende verspart die Umbildung der Worte vom Zweck der Gleichnisrede Mt 13,13, weil hier das Ur- teil leicht irregeführt wird durch den Sehatnı Während bei Mr Jesus in Gleichnissen zu denen draufsen spricht, um sie gemäls Jes 6 zu verstocken (fv«), thut er’s bei Mt, weil sie verstockt sind (dı& rodro örı). Das ist nun offenbar das Mile Menschlichere, und es fragt sich, ob nicht Mt den Grund der Gleichnisreden Jesu besser verstanden hat. Das ist jedoch nichts als Schein und zwar aus zwei Gründen. Einmal ist dieser Grund des Mt geschichtlich so falsch und wertlos wie der Zweck, den Mr nennt. Es ist einfach nicht wahr, dafs Jesus in Gleichnissen redete wegen der Unempfänglichkeit des Volks, dals er also die Gleichnisform abgelegt hätte, wenn er beim Volk Verständnis gefunden hätte. Er redete in Gleichnissen einmal, weil er ein Dichter war, dem sich alles Geistige in fan- schaulicher sinnlicher Form aufdrängte, und sodann, weil er wulste, wie man zum Volke reden mufs, damit es aufmerkt und behält. Überdies gab es nichts Thörichtöres, als zu dem unem- pfänglichen (Mt) Volk in Gleichnissen zu öde die nicht einmal die empfänglichen Jünger zu durchschauen Bene Zweitens ist der Vorzug des Mt vor Mr blofs ein scheinbarer, denn er sitzt mit ihm auf dem gleichen Ast und teilt gerade seine falschen Voraussetzungen. Falsch ist die Auffassung des Gleich- nisses als Allegorie, die der Deutung bedarf, bei Mt wie bei Mr. Und falsch ist die Unterscheidung des J Bor von den öy- Aoı in dem Sinn, dafs diesen im Gegensatz zu den Jüngern der verborgene Tiefsinn verborgen bleiben soll. Auf diese zwei Punkte kommt es an; sie allein entscheiden. Dafs nach diesen falschen Vor- aussetzungen Mt statt va: Orı schreiht, ist eine recht nebensäch- liche Milderung, welche die falsche geschichtliche Auffassung wenig bessert. Von Mt ist über den wirklichen Grund und Zweck der Gleichnisreden Jesu nicht mehr zu lernen als von Mr, sondern eher weniger. Im Ganzen macht die Bearbeitung der Herrenworte des Mr Wernle, Frage. 10 146 | II. Das Matthaeusevangelium. durch Mt den Eindruck, dals Mt konservativer, trotz einzelner. starker Korrekturen ängstlicher an seine Vorlage gebunden ist als Lucas. Die Zahl der wörtlich übernommenen Sprüche Jesu ist grölser; bei den sprachlichen Veränderungen zeigt sich, dafs der. Wortschatz im Ganzen feststeht, blofs der Stil eine hassor Gräzi- sierung erlaubt. Allerdings hat Mt fast ebensoviel wie Le an 'Herrenworten kommentirt, ergänzt, verbessert und zwar auch er ohne eine feste Tendenz, mit immer neuen Reflexionen. Aber von welcher Unfreiheit zeugt z. B. die wichtigste Korrektur (Mt 19,17) durch ihren formell engen Anschlufs an die dogma- tisch unbrauchbare Vorlage! Wenn in der Parusierede manches Altertümliche besser als bei Mr erhalten, umgekehrt ein Einfluls der Katastrophe von 70 kaum bemerkbar ist, so ist damit nicht die Priorität des Mt auch nur vor Le, sondern vielleicht eher seine Scheu vor autoritativen Texten bewiesen; denn für Mt selbst gilt weder das „bald“ (vgl. oben p. 114) noch das „nicht am Sabbat“ mehr, er Herrn sich aber nicht zur Tilgung des Archaismus. Buriye Änderungen rühren von seiner Gelehrsamkeit her. Öfters hat er Mrworte akkommodiert an die Form in andern Quellen oder ihnen verwandte Sprüche hinzugefügt. Ganz selten hat er den ursprünglichen Text besser erhalten als unser jetziger Mr. b) Der,Text der Erzählung. Hier finden wir wieder wie bei Lc eine viel gröfsere Freiheit des Bearbeiters sowohl in BP wie in sachlicher Be- ziehung. 1. Die sprachlichen Veränderungen. a) Veränderungen im Wortschatz. /sa den Aramaismen des Mr verhält sich Mt ablehnend, je- doch weniger als Le. Nicht nur Golgotha und Gethsemane, son- dern auch 6«ßp/ bleiben stehen, Getilgt werden raAı9a& xovu, Boxmoyis, bei zooßäv und &Bß& wird nur die Übersetzung (d®g0r 15,5 zdreg 26,39) beibehalten. @oavve bleibt stehn, wird jedoch fälschlich als Heilruf verstanden und mit dem Datz (TO vie Aaveiö) konstruiert (21,9). Den Namen ’Iox«0:&% bildet Mt zu ’Ioxagıorng um, da er ihn nicht mehr versteht. Auch das oö& (Mr 15,29) wird fallen gelassen. Das Aramäische ist dem Evan- gelisten eine fremde Sprache. Dagegen hält er sich in den Lati- nismen an Mr (x#jvoog, xododvrns, po«ysAAovv), und ersetzt hlols den sevrvoiov durch Exarövraoyos (27,54) . 1. Matthaeus und Marcus. 147 nn —_ ee Me EREREEBENEEERIE Eine Anzahl ihm ungewöhnlich klingender griechischer Worte ersetzt er durch ihm passende. Er. vermeidet durchweg xocßßarov als Fremdwort, ferner 00 noAdn), ÜvFEWMog Ev Rveöner dxXAILOTO. Für 6 Bexti&ov schreibt er 0 Bentiorig, für &ugıßdileıv: BaAksıv CupißAnotoov, für eig #a®” eig: eig En070g, für Hvyd- roiovV: duydıno, für 6dvonuov: onueiov, für «posveuv: ERLyeln, für Acikaı aveuov: GEL0wös. Deosıv wodg und &oyeodeı wodg zieht er gern in 1g00pEgEW . undrg00804:09«ı zusammen; statt BAgrers bevorzugt er roooeyere. Statt ovußovAıov zoLeiv en Erouucßerv schreibt er stets svußov- Arov Aaußavsıv. Er setzt gern seine Lieblingsworte in den Text des Mr ein, 2. B. @xoAovdeiv, dvaywgeiv, 6 Asybuevog, KehcvPeiv, 700081) a, ro06xvveiv, und sehr häufig «roxoı eis und Aeyov. b) Stilistische Veränderungen. Während jogero (-vro) bei Mr 26mal vorkommt, schreibt Mt es nur Tmali in Mrstücken. Mt verdrängt das bei Mr so häufige beschreibende partie. mit eiveı durch das einfache verb. finit. oder durch substantivische Ausdrücke, vgl. Mr Mt 1,6 nv Evdsdvuevog ELyEV TO Evdvug. nbrod ra EOHOv 7 d& Top NV 2,18 700v vnoTedovteg — 4,38 nv neHEVdwv EHLHEVOEV 9,7 EyE&vero vepein ENEOHLUOEV ETLORLEEOVOR 15,25 Eoovraı wintovreg TEOGOOVTAL 14,4 N00v dyavanroüvrss Nyavdaınoav. Wie Mr spricht der Aramäer, wie Mt der Grieche. Während Mr !u&v.... de blofs 2mal schreibt (abgesehn, von 2mal 6 uEv.... 6 de), fügt Mt es noch Tmal in den Mrtext hinein. Zahllos sind die Stellen, wo Mt den Mr glättet, vereinfacht, verdeutlicht. | Mr Mt AAN 00... @AAd aANv 00%... dAAc (26, 39) zadmueEvov eis | edmuevov Ent (24, 3) EöNoEv Ev pvAaxfj Eömosv xal Ev pvAcan anedyero (14,3) 10.* 148 o05 mv DEARCoav Ent dns yis TO Yvydroıov uov EOXdTWg E&yeı iva EAYOV Enudig Taüg yeloag aürT Eiv einwusv‘ EE 0bo«vod, £pei' diarl 00V 00x Emı- oTEVoATE nor; AAAL einwuEv" EE AvIOHOAWV; Epoßoüvro Tov Auov Eyevero Iodvvng 6 Bantitov Ev Ti) Eojumn Kal ANEOVOOWV II. Das Matthaeusevangelium, aiyıaaös (13, 2) N9Vyarno wov >i EreAsdrnoev AAO EADWV ... Erideg nV 1eiod 60V (9,18) &av einwuesv EE 000RVoD, £oei nuiv' drari 00V 00x Emı- HTEVORTE AUTO; Eurv ÖE einausv' & dvdonnwmv, poßovusd« rov öyAov (21,26) nuoaypivera ’Iodvvng 6 Partiorng aNoVoCHV Ev xi Eoium (3,1). Sehr häufig hat Mt wie Le das Subjekt ergänzt, wo es bei Mr nur aus dem Zusammenhang sich ergibt. 6 ’Inooög 8,4.14. 9,9.19.23.35. 12,1. 13,1.34. 14,13. 15, 21. 28. 29.82. 34. 16, 6. 8.21. 24.17, 9.17.2221, 1.12. 22,18% 24,1. 26, 26. 36. 63. 6 Jıddoxadog 9, 11. oi uedntei 12,2. 16,5. 17,10. 21,6. ol &vdomzou 8, 27. oi daiuoveg 8, 31. rüoa mn moAıg 8, 34. oi öydoı 9,8. 14,13. 15,30. 20, 31. 21, 8.9. 6 venvioxog 19, 20. 22. wbrog 21, 27. ol Goyısgeig zul ol Dapıoaioı 21,45. oi Daoıoaloı 22, 15. ö IIetoog 26, 35. Hervorgehoben seien nochmals die zwei lehrreichen Stellen: Mr . 2,16 Ortı.... Eodleu | #al sulvei; 2,24 Ti moLoVoLv; dıati ... EoHlet idoV oil uednrai Mt Le dıati ... Eodiere al wivei ö Öt- Hol TÜVETE; . Öuoxuhog Dubv; ti noLeite GOV TOLODGLV Zum Subjekt fügt Mt gern ein Particip wie &A®ovreg, idoV- reg, dxodoavreg hinzu, auch wo er nicht einen Hauptsatz damit abkürzt (am häufigsten droxoıdeis). 1. Matthaeus und Marcus. 149 idövreg 9,8. 12,2. eA®ovreg 9, 10. 16,5. ueraßag 12,9. yvovg 12, 15. r0068480vreg 8,25. 15,10. 17,19. 26, 73. aneAdovreg 8,33. Eyeoheig 9,19. drodoavreg 22,22. nagaAußovreg 27,27. Um beim Verhör vor Pilatus nicht immer denselben Namen zu brauchen, wechselt Mt ab zwischen I/sıA&rog und Nysuov. 27,2: IIsıAdro to nyzuovı 11 7ysuov bis. 13 llsıA&rocg 14 NyEU@v 15 NyEu@v 17 IIsıkäros 21 Nyeuov 22 llsıA&ros 24 llsıl&tos 27 NYyEu@v. Wie Le zeigt Mt Vorliebe für den gen. absol. im Anschlufs an Mr, aber ihn weit übertreffend, so 8, 28. 9, 18, 12,4. 6. 15, 6. 19. 17, 5.14. 22.24. 21,10.:22, 41. 27,17. c) StrafferegeschlossenereErzählungsform, zugleich dem Bedürfnis nach mehr Abwechselung Rechnung tragend. Die Mittel dazu sind: «) Ersatz des za durch zöre: 3,,5.13.4,1.(9, 6) 9, 14.12, 13. 8, 26. 15, 1.12. 28. 16, 20. 21. 24. 27, 17, 19. 19, 13. 27, 20, 20. 21, 5 29, 15. 21. 23,1. 24,9. 26, 3.14. 31. 36. 38.45. 26, 56. 65. 67. 74, 97, 13. 16.26.27. 38.58. ß) Durch (x«t) ido% 3,36..1208425.9253,,104912; 110.746: :8, 24. 29.327842 9, 18. 20 15, 22::17576°%719,16.:20, 30. 26, 47:51, y) durch de z. B.Mt 4, 18—22 308€ Mr O6e 12, 1-8 3, Is 15, 1-9 6, 08% 13,18—23 7 ,„ KR 14,13—21 7 „ 2 150 II. Das Matthaeusevangelium. ö) Durch das Asyndeton. Vor ce 19 tritt es sehr selten auf (z. B. 4,7. 9, 28. 16, 15), von da an uns als neues Mittel zur Sormeiduhk a Monotonie. 2.5: 19,81. 10.20 7.20, 221.327 21,411722,21. er 26, 34f.64. 27T, a9 Di, €) erkirun) durch Partieipial (und Relatiysätze). Wie für Le, ist sie für Mt eine stehende Gewohnheit, 5,3 ie Acyav Nbaro al Aeyeı 9,18 elosAd@v TO06EKÜVEL Eoyerau zei winter 9,23 &A90v xal Idwv EAeyev Eoyovrar xl HEWgEL zul AEyeı 9, 25 eiosAdwv Engdunsen ELONOQEVETAL KU KORTNORS Akysı 10, 1 mo00xuAs0duevog EIwxev roo0xWAeitei .... Hal EÖLÖOV 10, 5 dneorsılev napayyeikug No&aro drooreidsıv nal magnyysıdEv. 13, 53 &A9@v Edidaoxev | | Eoysraı nal drohovdodcıw zo ho&aro dıddoxsıv 14, 3 gurious EOngEn EXoKTNOEV nal EöNoEV ‚14, 12 ng00.1ddvreg 10V NAdav Kal NoRV 14, 12 &Ad6vreg dehpysıkan HVvayovraı nal annpyeıhav 14, 13 dnodsuvres NroAovaNoev Ä eldov xUL EREyvnonv xal OVvedouuov, xal RO0MAd0N 14, 19 HEREuUOE Außwv zul dvaßkeıbag EbAOYNOEV nal aAdoag 16, 13 &A9@v NEDTE . EIOHEV Pre) zul Avensoev nal Außov zul Avaßksıbag EUAOPNOEV Kal naTErAaoev Kal EdLdOv 2EnAdEV na) rmoore 21, 2 Avoavreg dydyere | Avoare “ul PEQETE 21, 6 XooevdEevreg zul ‚momoanveg fiyazov EnNAHoVv zul EVEOV Kal Adovow...xul PEOOVOLV ‚1.'Matthaeus und Marcus. 151 21, 23 mg061A9%0v Acyovrsg Eoyovraı nal EAeyov 26, 26 dodg girev LIDOHEV Hal Einev 26, 67 Eodaıoav Aeyovreg #oAapieıv Kal AeyEıv 26, 69 ngoonAder Aeyovoc Eoysraı zul AEyEı ‚Besonders 27, 27—31 ExÖVoRvreg TEOLEINKRV KEL witkanreg en KOL YOVVTETNORVTES EVERLLERV- Hal EUNTÜ- oavrEgs EAaßov xal ErTuntov Hal EXRÖVoRvreS EvElvoav 27T, 33. EAdOVTES EoHav PEgOVOLV xal EdLdOVV 27, 55 NX0AoVddnoaV bLaxovoVoaLı. NRoAovdovv zul Öimaovovv 27, 58 r0008A9Wv NTrO«TO elonAdEv xl NTNoRTo, 28, 7 nogsvdelocı einare Undysre einate Als Beispiel für Verkürzung durch einen Relativsatz sei er- wähnt: 21, 24 E0@mo@ .... Aoyov, Ov Euv einnte Eod ErE00T10W xal droxpldmnte xal Eoo. ) Auslassung und Zusammenziehung. Es ist dies die weit- aus wichtigste Gruppe, die schon fast zu den sachlichen Verände- rungen hintiberführt, Gleich das erste Beispiel ist überaus share Mr 1,29 ff. Mt. 8, 1a - 1) sat NAdov eig mv olxiav &190v 6 ’Incodg eig iv oixiev Ziu@mvog .: IIetoov 2) n 08 wevdEgt Eiuovos eldev Tv nevdeodv Kbrod. KUTEKELTO TVOEOOOVOL BeßAnuevnv zul mV0E000VO«V 3) nal ebHüg Aeyovoıv wur reol aurng 4) al mo008AIWV MyEıgev xl Anbero Tüg ysıodg KOTNV KORTNORS TÄG XELEog KOTNG Während bei Mr das Subjekt 4mal wechselt (Jesus und die Jünger, die Schwieger, man, Jesus), bleibt es bei Mt konstant und durch das einfache eidev wird 2) und 3) zusammengezogen, 152 II. Das Matthaeusevangelium, Mr 1,42 EaNADEv dr adToV 7 Adnoa nal &radfoiodn Mr 4, 37 zal yiveraı Anihard uEyaAn Kveuov za a Köuara Eneßaidsv eis TO aA0lov D0TE Mon yeulteodaı ro nAoiov Mr 5, 15—17 xal Epyovraı noog Tov’Inoodv HELDEDIEOVOLV TOV baıuovıßdus- vov KAFiWEVoV IURTLOUE- vov Aal 6GOPEOVOUVTE zal EPoßNYINoav Hal dımynoavro wbrolgoLiöovreg nög Eyevero To Öuıuovıko- uEvo zul TEgl TÜV YoLowv ac Nogavro muoannheiv ab- TUV Ns Mr6,5f. »ol 00% Elvvaro Exel NOLMORL obdeulav Övvauıv ei un ÖALl- yoıs KE0WGTOLg Enideis Tag xsloag EREOUNEVOEV zul ERAVURGEV bLa TV Enıortiav auTroV Mr 6, 24 £. #al EEEANOVoR Einev Ti unTol abrng' ti eiTjonunt; 1 08 einev* mv zepaAnv ’Iodvvov tod Ban- ti£ovrog. #0 ElosAHoVoK EÜHUG Werd orovöng zo0og rov PBuoıkea Ntioaro Aeyov‘ del iva ESavrig bog uoı Emil rivant ... Mt 8,3 | ud jolodn KÖToV % 1) Aenou | Mt 8, 24 xl LÖod GELÄUÖg uEeyag EyEvero Ev TÄ) HaAdooN DoTE TO TA0lov KuAdNTEOdEL UNO TÜV KUUATOV Mt 7, 34 xt Idod näoe 1) modus eEnAdEv eig bndvrmoıv w 2 6 tod In6ov nal LÖöVTES KOTOV TaOEHaAECEV Mt 15, 58 ral 00% Eroinosv Exel Övvdueig moAAdg dıa THV Anıoriav aorTov Mt 14, s n dE nooßıßaodeloa« vo tig unToog adrng | ödg wol, pmoiv, Dos Enl ni- VOHL 1. Matthaeus MrxD art, zul EÜMÜg drooteiias 6 Paoı- Agbg 67ER0VARTog« Enerabsv EVEYHOL TNV KEDaANv abToV za anEeidov dnrenepaiıosv Kb- tov Ev Ti) pvAaaf) Mr 6, 33 #al EI0ov KÖTOVg Ündyovrag Hol ETEYVWOAV abroVg moAkol xl nee and XRoBV TÜV TÖ- Aewv HVvEdoauov Exel Aal nO0NAFoV KbToVg Mr 6, 37—41 Ö0TE wbroig busis payeiv xl Aeyovoıv auTo" aneidovregs AyOg«OW@UEVv ÖMVE- elav ÖLaxoclov &orovg Aal ÖWowuEv abroig payelv; 6 08 Aeyeı adroic' n000VG KgrTovg Eyers; Indyere aal idere. #al yvövreg AEyovoıv“ nEvrE Kal OVo IYDVag „ul Enetakev abtois Avaxdivar ndvrag OVUnNöoL« OVUNOGLE eni To YAHOS Xoro AOL AVENEOAV TOKOLEL TOOL KOT ERUTOV KU KAT NEVT- KOVTa #al Acßov ... Mr 10, 49—51 #al orüg 6 Imooög einev‘ povY- GUTE KÖTOV' #0l Pwvodoı Tov TupAoV AEyov- Teg auro" DEg0E, EyEıge, PwvEei 68. 6 08 anoßaAwv TO iucrıov ad- Tod dvanndnoas NAdeEv a0 tov Imoovrv. und Mareus. 153 Mt 14, 10 Kal mEubag ansrspdAroev "Indvvnv Ev Ti pvAaan) Mt 14, 13 Kal GRoVoavreg ol OyAoı NA0A0ovdNoaV nur nebol and tov noAEnv Mt 14, 16—19 Ö0TE Kuroig vuslg payeiv oi de Asyovoıw auto‘ 06% &X0- usv Bde Ei un nevrs &provg #al OVo INddag 6.08 eimev' pEoetE uoL @OE KuTOVg #ol neAEboug Todg ÖyAovg Ave- aAıdNvoı El Tod Y6oTov kaßwv ... Mt 20, 32 xol orag 6 'INooüg Epyavnoev aoToVG CH ME. Pak: iu la 154 II. Das Matthaeusevangelium. al droxgidelg euro 6 Imooüg ELTEV Ti 001 HEleıs XO1N00; Mr 11, ı—7 Hal ErmADov ac) E000V TOv noAov ÖedzuEvov zroög vv Hvoav En Emi Tod dupodov . aal Adovaıv abroV. Kal Tiveg Tov EHEl EOTNAOTOV EAeyon abroig' ti noueite AvovrssTov 5Rov: oi ö8 EITAV MOTOIS KUFDS EITEV 6 Inooös xl Apixav abrodg KL PEEOVOLV TÜV nOA0V... Mr 14, ıs£. Undyere eig mv noAıv xl Aravrijos buiv KVFEW@TOg #E0Cuov Voaros Baotagov' aroAovFNjoaTE KüTo za Omöv Edv EloEAın einare To 0lnodsonörn Oti... Mr 14, 16 ao EENAdaV ol uednTel vol 1A90v eig vıv noAıv Kal gügov KANDG EITEV broig aa jroiuaoav ... Kal EimEv' ti Hehere noıow buiv Mt 21, 6£. TO0EVPEVTES ÖE ol uldnTal 3 / | Kal TOLNORVTES KLFOS T900ETa8EV wOTolg Ö Insods Hyayov Tov Övov za Tov nOAov Mt 26, 18 Undyers eig TV ade mg0s zov. Ö8ive #al EINATE KÜTO Mt 26, 19 zul EXOMORV ol uadmTel ng ovveraßsv abroig 6 Imooüg Kal NTOLURORV | Schon in den genannten Beispielen hat die starke Verkürzung bisweilen der Klarheit des Ausdrucks geschadet. So ist &x09# eIapırua LE pp.0l00% 7 Aeroa wenig geschickt zusammengezogen, da an das moderne Fündlein xadfor&sıw — reinsprechen kein alter Leser denken. konnte. Auch das zeudag dmenepdiısev streift in seiner Gedrungenheit schon das Misverständnis. Aber auch zu direkt groben Verstölsen hat die Verkürzung zuweilen geführt. Der- schlimmste fällt in die Episode vom Tod des Täufers: Mr 6, ı9£. 1) 0& Howdıag Evsiyev eure Near Ne! 2) m HL NDEAEV KÜTOV ETOXTEIVL x#al 00% NOVVATO. Mt 14, 5 a) A “Hoadns) Em auroV dnoxtelvau / 1. Matthaeus und Marcus. 155 ö yao "Howöng Epoßeito tüv Epoßidn rov Öydov "Iodvımv, eidag @&rov OTI @S NOOPNTNV adroV Eiyov üvdga Ölxaıov Kal &yıov (Mr 11, 32) Kal Ovverjosı abroV Kal dAOVoag abroü TOAAENTOQEL Kal NOEDS KbTod HHoVEV Mt hat also Herodias und Herodes zusammengezogen und die Absicht der Herodias, den Johannes umzubringen, dem Hero- des zugeschrieben. Und da als Fortsetzung v 9: za Auandels 6 Bacıkevg!, das von bedenklich oberflächlichem Verfahren des Be- arbeiters zeugt. Dazu palst der Schhufs dieser Bpisode: Mr 6, 29. Mt 14, 12 \ [4 e \ Kal AAOVORVTES ol undNTeL ab- Hal XO008AFOVTES 0 uedmTel . Tod nAdav I WÖToV zul Nov TO aTWUR KÖTOÖ Nov TO row za EINKAV MÖTOV Ev urnusio za Edaabav auTOV #al Gvvayovzaı ol AndoroAoı Hal EADOVTES zoög tov ’Imooov | Hal dajppeıkav auTo navra 00a dmmjyyeıkav vo Imoov ETOLNOAV KELl 2didukev Wie vorher Herodias und Herodes, so sind hier J ne und Apostel Jesu zusammengezogen und dadurch künstliche Be- ziehungen der Johannessekte mit Jesus nach dem Tod ihres Meisters hergestellt.- Aussendung und Rückkehr der Apostel fiel bei Mt unter den Tisch, und statt dessen diese Akkommodation an die Vorlage! Harmlos ist die kleine Kaataeeirg von Mr 4,7 xei xza&omov obx Eöwxsv, da die Deutung: Mt 13, 22 za &xaomog yiveraı aller- dings diesen Zusatz voraussetzt. Dagegen hat die Kürzung der Heilung de Paralytischen en Erzählung geschadet. Das Wort „als er ihren Glauben sah“ ı bei Mr (2,5) ausgezeichnet en durch: die ne tigung der Schwierigkeit, die von den vier Trägern erst zu über- winden war, bis sie zu Jesus gelangten; daher „ihren“ Glauben. Bei Mt 0; 2) fehlt das Motiv und es ist nicht ersichtlich, weshalb nicht ryv ziorıv @örod geschrieben ist! Die Auslassungen und Zusammenziehungen E Shhorler sich sehr verschieden auf die Geschichten des Mr. Am wenigsten be- troffen ist die Leidensgeschichte, die vielmehr eine Reihe Zu- 156 II. Das Matthaeusevangelium. BEP” thaten erhalten hat. Hier fehlen eigentlich blofs der fliehende Jüngling (Mr 14, 51 f.), die Vergewisserung des Pilatus vom Tod Jesu (Mr 15, 44f.), das Gespräch der Frauen auf dem Gang zum Grabe und ihre Ankunft (Mr 16, 3ff.). Der Text der Leidens- geschichte ist — von den erzählenden Texten — am frühesten heilig gewesen. Dagegen sind weitaus am stärksten die Wundergeschichten dieser — zunächst rein sprachlichen — Verkürzung des Mt zum Opfer gefallen. Dabei treten aber zum Bedürfnis, der Weitschweifig- keit zuentgehen, manche Milsverständnisse, da und dort auch dog- matische Bedenken hinzu. Wir dürfen nicht verlangen, die Motive des Bearbeiters stets genau zu erkennen. Diejenigen Wunder, die e 8 und 9 erzählt sind, erlaubten und verlangten eine starke Verkürzung, damit dieser Abschnitt durch die Massenhaftigkeit der Wunder, das „Schlag auf Schlag“ stärker wirke als durch viel Detailzüge. Beim Aussätzigen fiel Mr 1, 43 weg, da Mt die Notwendigkeit dieses „Anfahrens und Vertreibens“ des Aussätzigen nicht mehr begriff. Der Ausfall des Schlusses Mr 1,45 ergab sich aus der Anknüpfung der folgenden Erzählung (Kapernaum, nicht Wüste) und daraus, dafs es ja blofs auf die That, nicht ihre Wirkung ankam. Bei den Krankenheilungen am Abend fiel nach örbiag d& yevouevng der Zusatz Öre &dv 6 HAtog (Mr 1,32) weg, weil Mt seine Bedeutung (Ende des Sabbats) nicht mehr begriff. Beim Seesturm wurde u. a. der kleine Detailzug: er schlief am Hinterteil des Schiffs auf dem Kissen, als nebensächlich weggelassen. Ganz stark wurde die Geschichte von den Besessenen abgekürzt. An Stelle der sehr breiten Schilderung des Mr (5, 3—6) tritt das kurze Wort: yaAsnoi Alav, Bote un loydeıv rıva nagei- Helv dıa ig 6000 Exsivng. Dann fällt das Gespräch zwischen Jesus und den Dämonen der Hauptsache nach weg, da Mt sich in diese derbe Anschauung vom „Legion“ nicht mehr zu finden ver- mochte. Endlich fiel der Schluls aus, da derselbe in der That für den Wundercyklus wertlos war (Mr 5, 18—20). Beim Paralytischen ist aulser dem schon Genannten die Situation (Mr2,2)unddie Einfüh- rung der Schriftgelehrten (Mr 2, 6) ausgelassen, da beides für das Wunder gleichgiltig ist. Die stärkste Kürzung weist dann die Tochter des Jairus auf. Während Mr die Todesnachricht erst auf die Bitte um Heilung folgen läfst (Mr 5, 22£. s5ff.), zieht Mt bei- des zusammen: 7 Pvyarno uov &orı ErsAcdrnoev ist das erste Wort des Obersten an Jesus. Dogmatischen Bedenken verdankt 1. Matthaeus und Marcus. 157 die Zwischenepisode von der blutflüssigen Frau ihre Kürzung: die Unwissenheit Jesu, der frägt und forscht, und die — abergläu- bische — Heilung durch blofse Berührung des Kleides sind beide unterdrückt (Mr 5, 29—33). Jesus wendet sich sogleich um und sieht die Frau, und erst auf sein Wort erfolgt ihre Genesung. Der Schluls, die eigentliche Auferweckung ist vollends stark zusammen- gezogen; blols das recht unklare: eioeAdo@v Mt 9, 25 — nach dem vorausgegangenen E&A9@v eig nv olxiav — ist noch eine Keminis- 'cenz an die Unterscheidung von Haus und Sterbezimmer bei Mr. Eine ähnlich starke Verkürzung haben aulser diesem Wunder- cyklus ce 8—9 blofs noch die Episode vom Tod des Täufers und der Epileptische erleiden müssen. Jene hat den christlichen Evan- gelisten zu wenig interessiert. Die Schilderung des Epileptischen bei Mr forderte die Kürzung heraus durch ihre fast unerträgliche Breite. Beim Urteil des Herodes über Jesus fiel Mr 6, ı5f. viel- leicht aus wegen der Doublette Mr 8, 28, wahrscheinlicher aber, weil schon Mt &ieyev (Mr 6, 14) statt EAeyov las, und infolge da- von den Gedankenfortschritt nicht mehr begreifen konnte. Aufserdem mufs aber noch die Fülle von kleinen anschau- lichen Detailzügen des ersten Erzählers hervorgehoben werden, die der Bearbeitung des Mt — so wenig wie der des Le — stand hielten. In der Regel trifft Mt in der Auslassung mit Le zusammen, häufig geht er noch weiter. Mr 1,33 xat ıv öAn n wölıg Eriovvnyueon moög mv Yvoav (Le) Be: 1, 41 onAayyvıodeis (Le) Ben wa 2,3 aloduevov bad TEoodomv (Le) 2,23 600v moıeiv (Le) 3,5 meoıßAsıbdusvog wer’ boyNig OvvAvroVuevog Emi Ti TW- 0008 TÜS Keodiag aurov (Le) 3,6 uera rav "Howdıavav (Le) 3, 17 nal Erednxev abrois dvoua Boavmoyes f. (Le) 4, 38 vgl. oben p. 156 (Le) 5,13 og dioyikıoı (Le) 5, 22 Ovouerı ’Ideigog D, 37 00% apinev 0bdEV« wer’ abTod OVvaxoAovdMocı ei w) rov Ileroov zul ’Idxoßov zal Iodvvnv, Tov dded- povV ’Iaxaßov 5, 42 1v yeo Er@v Iadex« 6, 45 noog Bn9oaıdav T, 31 Evo uEsov TÖV dolav Jexanokswg 158 II. Das Matthaeusevangelium. 8, 15 xal tig Evung Hoodov (Le) 9, 36 Evaynakıoduevog (Le) 10, 16 Evayxakıodusvos aura aarevAöyeı (Le) 10, 21 &ußAdbag euro Nyaınosv aurov (Le) 10, 22 orvyvdoag enl to Adyo (Le) 10, 32 xl NV moodywv abrodg 6 ’Imooög zul Edaußoüvro, ol ÖE dxoAovdoüvreg Epoßovvro (Le) 10, 50 vgl. oben p. 153 [. (Le) 11,4 odsdeuEvov zoög Tv Hloav EEw Exil Tod dan (Le)> 14, 51 vgl. oben p. 156 (Le) Es zeugt stets von verschwindend geringem historischen Sinn, wenn man in dem ausführlicheren Stil des Mr die Bearbei- tung, und in dem kurzen des Mt die Vorlage hat erblicken wollen. Auch das Beiwort „legendarisch“ für die Darstellung des Mr sagt wenig oder gar nichts. Wie Mr, so hat man erzählt. Die Ge- schichten des Mt sind nie erzählt worden. Für Mt sind die Wunder Beweismaterial für die Messianität Jesu, wie die einge- legten Schriftstellen zeigen. Für Mr sind sie dies auch, aber doch zugleich unendlich mehr. Er sieht im Helden seiner Geschichte nicht die Verkörperung eines Prinzips, sondern eine lebenswarme. Person, die in Erbarmen und Liebe, Schmerz und Zorn zu den Menschen sich neigt als einer derIhren. Für Mt sind die Wunder blofse Nummern, die zusammengehäuft, eine grolse Zahl ergeben. Für Mr haben sie Einzelwert. Die Wunder am ersten Tag sind etwas Besonderes; sie zeigen, wie Jesus gedrängt wird zum Helfen, wie es über ihn kommt wie ein Sturm. Andere Wunder sind mit wichtigen Worten verflochten; man erzählt sie, so oft man jener Worte gedenkt. Wieder andre wirken rein für sich, indem sie Jesu Macht über die Natur in göttlicher Weise darstellen. Ein anderes zeigt den Kontrast menschlicher Hülflosigkeit, der Ohn- macht selbst der Jünger, mit Jesu Stärke. Das Individuelle ist stets früher da, als die Verallgemeinerung; die Freude am Ge- schehnis ist älter als der theologische Beweis. Gerade die zwei von Mt übergangenen Wunder sind diejenigen, mit denen theo- logische Reflexion am wenigsten anfangen kann. Sie zeigen am grellsten, wie Jesus selbst tastet, ja versucht. Sodann haben De- tailzüge wie 14, 51 für den Augenzeugen, der’s erlebt hat, unend- lichen Wert, für einen Schriftgelehrten gar keinen. Aber zu begreifen sind diese Auslassungen zunächst immer von der Absicht aus, sprachlich die Vorlage zu bessern. Der 3 re a ehe u 1. Matthaeus und Marcus. 159 — sprunghafte Wechsel von einem Subjekt zum andern, die endlose Folge von Sätzen mit x«i, die schleppende Breite der Erzählung sind für Mt der eigentliche Anstofs gewesen. In diesem Bestreben kurz und knapp zu sein ging er dann auch zur Beseitigung zu derber volkstümlicher Züge weiter. Das ist am deutlichsten bei den besessenen Gadarenern, der Tochter des Jairus, dem blut- . Hüssigen Weib, ferner bei den zwei Auslassungen Mr 7 und 8. Hier mag das Wort Tendenz am Platze sein. Das hindert nicht, dals die Verkürzung der Darstellung des Mr im Ganzen zu den sprachlichen Veränderungen gehört. d) Einführung von Mrgeschichten mit der Einlei- tung Ev Exeivo ro #uuoB, Ev exelvg K 800. | Während Mr 3mal &v Exeivn vi) Nweoa (oder plur.) schreibt, fügt Mt diese und ähnliche Formeln an folgenden Stellen Be wo Mr sie nicht hat. Ev Talg Nweoaıg Ersivaug 3,1 Ev Exelvo To #cıoo 12,1. 14,1 Ev Ti NuEoe Erelvn 13,1. 22,23 Ev Exeivn 7) Bo« 18,1. 26,55. Die dem Le so geläufige Einleitungsformel x«l &yevero .. schreibt Mt, abgesehn von seiner festen Wendung: za! &y&vero öre Ereieoev.... nur einmal (9,10) und zwar mit Mr zusammen. e) Vorwegnahme nachträglicher Notizen des Mran eine frühere Stelle der Erzählung. Solche Vorwegnahme findet sich bei Mt nicht spärlicher als bei Le. Sie zeigt, dafs auch er erst den Stoff seiner Vorlage gründ- lich in sich aufnahm, bevor er sie zu kopieren begann. Das Wort, mit dem Jesus in Galiläa auftritt (Mr 1, 15. Mt 4,17) ist von Mt vorweggenommen und dem Täufer in den Mund gelegt (3,2), wodurch dieser um ein gutes Stück verchrist- licht wurde. Die Beschreibung der Lebensweise des Täufers ist bei Mr eine nachträgliche Notiz, die zwischen die Erwähnung seines Auditoriums und die an dasselbe gerichteten Worte fast störend hineintritt; Mt hat sie zu Anfang an passender Stelle er- zählt (3,4). Von kleinen und grofsen Anteeipationen wimmelt das kleine Stück Mt 4, 18s—22: Zu Simon wird sogleich der Name Pe- trus hinzugefügt; vor Nennung der Namen tritt 2mal die Notiz, dafs es Brüder sind (4,18.21). Zebedäus, der Vater, wird als an- wesend eingeführt sogleich bei Erwähnung seiner Söhne, nicht erst im Schlufsvers (Mt 4, 21). An solchen kleinen Vorwegnahmen 160 II. Das Matthaeusevangelium. erkennt man durchgehend den Bearbeiter. Sofort nach der Be- rufung der Jünger folgt bei Mt eine allgemeine Schilderung, zu der Mr 3, 7f. die bestimmten Züge liefern mulste (Mt 4, 25). Nichts als Vorwegnahme eines spätern Zuges ist die Todesnach- richt am Eingang der Geschichte von der Tochter des Jairus (Mt 9, ıs. Mr 5,35). Ferner ist es Vorwegnahme im Grolsen, wenn die Wunder in Mr 4-5 schon Mt 8—9 erzählt werden, und die . Aussendung der Apostel zugleich mit ihrer Wahl berichtet wird (Mt 10). Beim zweiten Sabbatspruch schildert Mr zuerst, wie man Jesus auflauert, ob er am Sabbat heilen werde; dem kommt dann Jesus von selbst entgegen mit der Frage: ist's erlaubt. Mt nimmt diese Frage Jesu vorweg und legt sie den Pharisäern in den Mund, die also, statt heimlich aufzulauern, Jesus fragen, ob man am Sabbat heilen dürfe (Mt 12,10). Es ist doch ein zu starker Milssriff, in dieser unmöglichen Darstellung des Mt das Ursprüng- liche zu sehn. In der Erklärung Jesu vom Grund der Gleichnis- rede stammen Mt 13, 12 aus Mr 4, 25, diesmal in geschickter Weise antecipiert. Ebenso ist Mr 11,32 schon Mt 14,5 verwandt in der Episode vom Tod des Täufers. In beiden Speisungsgeschichten des Mr ist das Verteilen der Fische eine nachträglich schleppende Notiz (Mr 6, 41. 8,7); beidemal hat Mt (wie auch Le) die Fische mit den Broten zusammengenommen (Mt 14, 19. 15, 36). Beim Wandeln Jesu auf dem See kommt das Erschrecktwerden der Jün- ger bei Mt zuerst (14,26), während es bei Mr erst folgt (Mr 6,50). Die Erwähnung Sidons ist aus Mr 7, 31 nach Mt 15, 21 vorweg- genommen, ebenso in der gleichen Erzählung die yvvn KXavavare (Mt 15, 22) aus der yvvn "EAAnvis, Zvoopoıvizıooa TO YEveı Mr 7,26; ferner ist der Ruf des kananäischen Weibleins: &1&n700v uE, xÜgıE, viog Javeidö eine Vorwegnahme aus Mr 10,47, bei Mt in dem Mals unpassend, wie er dort beiMr passend ist. Beim Epi- leptischen ist die Schilderung Mt 17,15’ aus Mr 9,22 an den An- fang vorausgesetzt. Auch die Zusammenziehung von Hand und Fuls (Mt 18,8) ruht auf vorhergehender Lektüre des Mrberichtes. Bei der Ehescheidungsfrage hatte Mt zuerst die Antwort (19,9) im Sinn mit seiner Einschränkung: un Ext zooveig; darnach hat er dann den Eingang, die Fragestellung, eingerichtet (19, 3 ara nüöav airiav). Bei der Anekdote von den Kindern ist die Hände- auflegung, die Mr am Schlufs erzählt, gleich vorangestellt als Zweck der Darbringung ‘(Mt 19,13). Auf Vorwegnahme beruht dann wieder die Erzählung der Tempelreinigung da, wo bei Mr 1. Matthaeus und Marcus. 161 der erste kurze Besuch im Tempel erzählt wird (21,12). Das von Mt eigens gebildete Herrenwort 26, 2 ist seiner 2. Hälfte nach Antecipation von Mr 14, 21. Unter allen diesen grofsen und kleinen Antecipationen ist die wichtigste 16,13 tive Aeyovoıv oi Kvdownoı eivaı TOV viov Tod avYo@rxov; Bei Mr erhält Jesus auf die Frage: wer sagen die Leute, dafs ich sei? von Petrus die Antwort: du bist der Christus; worauf Jesus mit der Verkündigung hervortritt, dafs der Men- schensohn Vieles leiden soll (Mr 8,27.29.31). Hier ist nun zwar ‘ der Zusammenhang zwischen ue und Xoeı0rog sehr klar, weniger deutlich dagegen die Identität dieses we und Xgwor6g mit dem viog Tod dv9o@rxov. Dieser für den Leser vorhandenen Unklar- heit wollte Mt vorbeugen, indem er gleich zu Anfang für us ein- setzte: TO» viov Tod Avdo@nov, um nachher dieses zu ersetzen durch «&örgv. Die Änderung muls durchaus als Vorwegnahme rein sprachlich betrachtet werden. Irgend eine theologische Re- flexion liegt ihr nicht zu Grunde; blols ist Mt noch mehr als Mr an die Selbstbezeichnung Jesu als Menschensohn gewöhnt. Im Ganzen steht das Griechische des Mt dem des Mr um einiges näher als das Griechische des Le, wie vor Allem aus der grölsern Übereinstimmung im Wortschatz sich ergibt. Aber die stilistische Bearbeitung der Erzählungen des Mr ist bei Mt nicht weniger durchgreifend als bei Le. Er hat alte und fremde Worte und Wendungen durch gut griechische ersetzt, den breiten, weit- ‚schweifigen, freilich dadurch anschaulichen Stil der Vorlage nach Kräften variert und gekürzt, eigne Einleitungen gebildet, nach- träglich schleppende Notizen an passenderer Stelle angebracht. Alles in Allem eine Neu-Erzählung des Mrevangeliums, ent- sprechend der des Le. 2. Die sachlichen Veränderungen. Ein kurzer Gang durch das ganze Evangelium ist auch hier am geeignetsten, eine Vorstellung von der Grölse der Bearbeitung zu geben. Der Täufer: Mt bestimmt die Wüste bei Mr irrtümlich näher als Wüste Juda, schreibt dem Täufer die nachherige Verkün- digung Jesu zu, führt das Citat durch seine Formel ein mit Auslassung des irrtümlich dem Jesaja zugeschriebenen Ma- leachiworts. Die Auslassung des „zur Sündenvergebung“ ist mit Rücksicht auf die gleich folgende Taufe Jesu getroffen. Wernle, Frage. Ka 162 II. Das Matthaeusevangelium. Der Spruch des 'Täufers erhält die Näherbestimmung zur Bulse vielleicht gerade als Ersatz des eis &psoıv auaorıwv. Die Taufe ‘Jesu: Aus dogmatischen Bedenken schaltet Mt das Gespräch zwischen Jesus und dem Täufer ein, um den An- stols der Christen an der Taufe des sündlosen Messias weg- zuräumen. Die Taufe selbst hat Mt objektiviert und ver- oröbert, indem er das Sich Öffnen des Himmels dem „er sah“ vorangehen und die Stimme an die Anwesenden gerichtet sein läfst (falls nicht Mr 9,7 mit einwirkt). Bei dieser Verän- derung hat das ed9vg Ben und Zweck verloren. Riokköhr nach Galiläa: Die Verhaftung des Täufers brinst Mt mit dem Auftreten Jesu in kausalen Zusammenhang, wäh- rend Mr sie nur chronologisch verbinden wollte Dann wird die förmliche Übersiedlung Jesu nach Kapernaum einge- schaltet, im Widerspruch mit allen alten Nachrichten von Jesu Heimatlosigkeit, blols auf Grund des allgemeinen Eindrucks der Erzählung des Mr. Für das Auftreten in der egend am Meer wird der Schriftbeweis mit Jes 8, 23. 9, ı geführt. Berufung der ersten Jünger: Die Bearbeitung ist wesentlich sprachlich; vgl. zu Petrus p. 159. Reisepredigt in Galiläa: Obschon Mt sich erst bei Mr 1,21 be- findet, greift er zur kurzen Notiz Mr 1,39 voraus und ver- vollständigt diese mit Hilfe von Mr 3,7—13. Dadurch hat er die Situation für die Bergpredigt vorbereitet; Mr 3, 13 bietet ihm ja den Berg. Erst der Schlufs der Bergpredigt (Mt 7, 2sf.) zeigt uns, dals wir uns in der That erst soweit wie Mr 1,22 befinden, dafs also die Bergpredigt an Stelle jener ersten Rede bei Mr getreten ist. Heilung eines Aussätzigen: Sie mulste vor der Heilung der Schwiegermutter des Petrus erzählt werden, weil die passende Situation (Landschaft fern der Stadt) sich gerade hier fand. Zur Verkürzung vgl. p. 156. Genesung der Schwiegermutter des Petrus und Heilungen am Abend: Der Zusammenhang mit der Berufung des Petrus ist ganz zerstört. Die Wichtigkeit der Notiz „nach Sonnen- untergang“ für Heilungen am Sabbat hat Mt nicht mehr ver- standen. Die Kranken stellt er hinter die Besessenen, weil der Weissagungsbeweis nur auf sie Bezug nimmt. Aulser- dem betont er die geistige Art des Wunders (durchs Wort), — 1. Matthaeus und Marcus. 163 sowie, dals Jesus alle Kranken heilte (8, 16; ganz dieselbe Steigerung gegen Mr auch 12, 15). Der Seesturm: An Stelle der Flucht bei Mr, die, weil* kein Wunder, für Mt hier wegfallen mufs, erzählt er den Ausflug ans andere Ufer. Zur Unterbringung der Anekdote von den verschiedenen Nachfolgern hat ihn doch nichts andres ver- anlalst als gerade jene Flucht, die er überging. Die besessenen Gadarener: Abgesehn von der Verkürzung, be- sonders der Entfernung des Anstölsigen, ist am merkwürdig- sten, dals von Zweien, statt von Einem erzählt wird. Ent- weder mögen die zwei Dämonen durch starke Reduktion aus dem Legion des Mr gewonnen sein, oder Mt wollte die frü- her von ihm übergangene Heilung eines Dämonischen (Mr) mit dieser spätern verknüpfen. Ein kleines Anzeichen für die zweite Vermutung liegt in der leisen Reminiscenz von Mt 8,29 an Mr 1, 24. Mr 1,24 Mr 5,7 Mt 8,29 ti Nuiv Kal 00L, Te Euol xl 00L, Ti nuiv Kal 00, nr / D S e\ L —— & Insoo Na&aonve; "Imood, vie Tod VLE TOO VEOD; HEOd TOO bıbiorov; | NAdeg dnokkoaı soxio oe rov Hebv, MANES bdE Tod nudg u us Baoeviong xuıgod Baoc- | viocı Nuüs. Heilung des Paralytischen: Mit der Rückkehr von diesem Aus- flug ist Jesus wieder in Kapernaum angelangt; der Evangelist kann daher den Faden der Vorlage (Mr 2, 1) wieder auf- nehmen. Aufser der starken Verkürzung fällt am meisten der Schlulssatz auf 9, 8: zal E£d6&aoav Tov Heov Tov dovr« ESovoiav ToLadryv Tolg dvdounoıg, vgl. vorher 9, 6: &Eovalav Eyeı 6 viög TOO AVIEWXOV Er tig yig dpıevaı Gucorlias. An theologische Reflexion über das Verhältnis des Menschen- sohns zu den Menschen kann Mt nicht gedacht haben. Er hat sich aber formell an den Stil seiner Vorlage angelehnt für einen ganz andern Gedanken: dafs @ott den Menschen hilft durch Wunder. Berufung des Matthaeus: Während Mr die Berufung des Levi erzählt, also eines Jüngers, der gar nicht zu den Zwölfen ge- hörte, hat Mt in diesem zum Jünger berufenen Zöllner einen /wölfapostel sehen wollen und ihn deshalb durch Matthaeus ersetzt. EL 164 II. Das Matthaeusevangelium. Eine andere Tradition anzunehmen ist überflüssig. Für Levi tritt aufser Le auch das Petrusevangelium ein. Die Fastenfrage: Mt läfst die Johannesjünger selbst zu Jesus kommen und ihn fragen, da er fälschlich zu dem Zoyovraı des Mr oi uadmral ’Iodvvov als Subjekt gezogen hat. Die Tochter des Jairus und das blutflüssige Weib: Über die Kürzung und ihre Motive vgl. oben p. 156 f. Nicht die Be- rührung heilt, sondern das Wort. Aussendung und Namen der Apostel: Die beiden Notizen Mr 6, 7. 3, 15 sind Mt. 10, ı einfach zusammengezogen, vgl.: Mr 6,7 Mr 3,15 Mt 10,1 Iı0/ b) m „ 9 ‚ EN b) 67 EedLdov adroig Eysıv EEovolav EÖWHEV KÖToLg EEovoiav Tov anvev- Exrßahksıv Ta EEovolav nvsvudtov uctov TOV axa- Öaıuovın LRUFLOTOV, DOTE EH- DLOTOV Be&AAsıv word... Dafs diese Vermutung nicht zu künstlich ist, zeigt der sofor- tige Anschlufs von Mr 3, 16 = Mt 10,2. Die ausdrückliche Benennung Simons mit dem Petrusnamen fällt bei Mt weg, da er ihn längst vorher Petrus genannt hat und den Grund des Namens erst ce 16 beim Petrusbekenntnis enthüllen wollte. Andreas steht wie bei Le an zweiter Stelle gemäls der Reihen- folge der Berufung, während Mr diejenigen Jünger voran- stellte, denen Jesus neue Namen gegeben hat. Matthaeus ist durch das Beiwort Zöllner als der e 9 berufene bezeichnet. Statt des Thaddäus des Mr und des Judas, Sohnes des Jakobus, bei Le (und Joh) nennt Mt einen Bebbane: das beweist nur, wie unsicher die Überlieferung des Apostelkataldfs war. Die Aussendung selbst ist nach der langen Rede vergessen worden. Erster Sabbatspruch: Wie Le sieht Mt die Sünde der Jünger im Essen, während sie bei Mr in der Arbeit des Ährenraufens Hestöht! Zweiter Sabbatspruch: Erst Mt hat ihn sofort hinter den ersten verlegt auf den gleichen Sabbat durch die Eingangsworte: za weraßügEreidev NAdEv eisTıjv 6vveyoyyjv, während diesmal Le das zdAww des Mr recht verstanden hat. Über die unge- schickte Verlegung der Frage vgl. oben p. 160. Auf Seite des Mr alle Anschaulichkeit und Frische, auf Seite des Mt nichts davon. | Zulauf und gehäufte Heilungen: Einen Teil der Mrverse hat Mt * N 165 bereits 4, 25 gebracht. An die Wahrung der Heimlichkeit schlielst Mt den Weissagungsbeweis aus Jes 42. Beelzebulworte: Der kleine ungemein lehrreiche Zug Mr 3, 20 £. mulste ausfallen wegen der Verlängerung der folgenden Re- den, wodurch die Episode von Jesu Familie zu weit von ihm getrennt würde. Bei Mr bereitet ja dies &87490v v 21 nur das &oyeraı v 31 vor; bei Mt wären 23 Verse dazwischen ge- wesen. An Stelle der Schriftgelehrten von Jerusalem treten bei Mt hier:wie öfter die Pharisäer, vgl. jedoch 12, 38. Gleichnisrede: Sie wird von Mt ungeschickt auf denselben Tag verlegt, an dem schon eine Fülle von Ereignissen und Reden passiert waren. Die Abänderung der Worte Jesu vom Grund (Mr Zweck) der Gleichnisrede hat auch die Veränderung des Rahmens nach sich gezogen. Bei Mr fragen die Jünger direkt nach der Erklärung der Gleichnisse. Jesus erwiedertihnen, dafs ihnen das Geheimnis anvertraut sei im Gegensatz zu denen draufsen, fährt aber am Schluls auch sie an wegen ihrer Un- verständigkeit; dann folgt die Deutung. Bei Mt fragen die Jünger nicht nach der Erklärung, sondern „weshalb sprichst du zu ihnen in Gleichnissen“? diese Frage ist zum Voraus auf die Antwort berechnet: „Darum spreche ich zu ihnen in Gleichnissen, weil...“ Das „zu ihnen“ der Frage erhält blofs aus dem „zu ihnen“ der Antwort seinen Sinn. Die Deutung gıbt ihnen hierauf Jesus ohne ihren Wunsch und erspart ihnen daher auch den Tadel ihrer Unverständigkeit. Es mag jedem Leser überlassen bleiben, welcher Zusammenhang der einfachere ist. An den Schlufs der Gleichnisreden bei Mr hängt Mt den Weissagungsbeweis (Ps 78,2), verlockt durch das Wort Ev naoaßoAcig der LXX. Verwerfung in Nazaret:- Die wichtigste Änderung — falls es eine ist — wäre der Ersatz des 6 rextov, 6 viog tig Maoiag durch 6 tod rTExTovog viog; oVyl N wijtno abrod Asyeraı Ma- dw... Ähnlich schreibt Le: viög &orıv Iooip. Vgl. hierzu oben p. 57. Wenn das 6 rextov des Mr auf Korrektur be- ruht, warum ist allein Mr korrigiert und nicht Mt und Le? Doch ist die Vermutung, dafs unser Mrtext hier sekundär sei, immerhin erlaubt. Wahrscheinlicher ist doch die andere, dals die Christen das Wort: Jesus der Zimmermann, als Beleidigung ihres Messiasglaubens empfanden und daher korrigierten. Urteil des Herodes über Jesus: Zur Kürzung vgl. oben p. 157. 166 II. Das Matthaeusevangelium. ‘ Mt hat den Tetrarchen für den König eingesetzt, hernach aber den König doch stehen lassen. Episode vom Tod des Täufers: Der Name Philippus fehlt nur im oceident. Text; auf geschichtlicher Erkundigung wird das Fehlen weniger beruhen als auf Mangel an Interesse. Über die sinnstörenden Kürzungen vgl. oben p. 155, ebenso über die Beziehungen der Johannesjünger zu Jesus. Speisung der Fünftausend: Hier wie bei der Doublette hat Mt. das &vdosg der Vorlage pedantisch aufgefalst und durch die Hinzufügung „ohne Frauen und Kinder“ die Zahl und das Wunder vergrölsert. Das Wandeln auf dem See: Die Ortsangabe nach Bethsaida durfte Mt um so eher tilgen, als sie zum folgenden nach Genne- saret (Mr 6, 53) nicht recht stimmt. Eingeschaltet ist die Episode von dem auf dem Meer wandelnden Petrus, sicher schon für den Evangelisten mit symbolischem Sinn. Mt hat . mehrere solche Petrusepisoden über Mr hinaus. Aber gerade ein Blick in ihren Legendencharakter zeigt, dafs ihr Fehlen beiMrnur ein Argument für den petrinischen Ursprung seiner Tradition ist. Solche Anekdoten wie diese hat eben Petrus dem Marcus nicht erzählt, geschweige erlebt. Die Episode schliefst mit der Huldigung der Jünger vor dem wahrhaftigen Gottessohn. Dadurch ist das Petrusbekenntnis c 16 antecipiert; es kann nun nicht mehr den Höhepunkt der Erzählung bilden. Vom Händewaschen: Die ausführliche Notiz über das Hände- waschen der Juden, die für heidenchristliche Leser am Platz war, durfte Mt, der sich an Christen aus dem Judentum wendet, übergehen. Der kleine antipharisäische Einsatz 15, 12—14 stört den Zusammenhang. Die Kanaanitin: Zu Sidon vgl. p.160. Die Erzählung, die, allein auf das Herrenwort angesehen, einen altertümlieheren Ein- druck als Mr macht, ist doch dem Rahmen nach sicher Be- arbeitung. Der Ruf „Sohn Davids“ im Mund der Kanaanitin ist undenkbar (vgl. p. 160). Die Härte und Enge Jesu ist derart ins Judaistische gesteigert, dals sie von selbst dadurch unwahrscheinlich wird. Und dabei sind die Mittel zur Stei- gerung sehr primitive: 1) Die Frau ruft den Davidssohn um Erbarmen an für ihre kranke Tochter. Jesus schweigt. 1. Matthaeus und Marcus. 167 2) Die Jünger bitten Jesus, er soll sie „entlassen“ ihres Schreiens wegen. — Jesus erklärt, nur zu den Juden gesandt zu sein. 3) Die Frau fällt vor ihm nieder rufend: Herr hilf mir. — Jesus spricht, es ist nicht erlaubt . Bei N 3 sind wir doch nicht weiter als DB N 1, und gerade so weit wie Mr mit einmaligem Rufund Antwort. Der Sr uch 15, 24 stammt aus der Missionsrede 10,6. Aber was soll diese judaistische Übertreibung in dem Evangelium eines Univer- salisten? Das sagt uns am besten das von Mt allein erzählte Wort: Dein Glaube ist grols. Sie will die Gröfse des Glaubens durch die Steigerung des Widerstands noch deutlicher machen. Freilich zu Ungunsten der Person Jesu. Der Mann, der die Gleichnisse Le 11 und 13 von der Kraft des Bittgebets sprach, kann so gehandelt haben wie Jesus bei Mr, aber nicht bei Mt. Die Nordreise: An Stelle des einen Wunders setzt Mt eine all- gemeine, farblose Schilderung von Wunderthätigkeit über- haupt, Über den Grund der Auslassung vg]. p. 158. Die Speisung der Viertausend: Auch hier stammt die direkte chronologische Verknüpfung erst von Mt, derWunder und Spei- sung auf einen Tag verlegt (ganzanders Mr). Aber wie stimmt dann: siehalten schon drei Tage bei mir aus (15, 32), dazu? Zeichen am Himmel: Zu den Pharisäern fügt Mt die Sadducäer hinzu, um das Wort 16,6 vorzubereiten (vgl. dazu p. 142). Vom Sauerteig der Pharisäer und Sadducäer: Der fast an Jes 6 anklingende scharfe Tadel der Jünger ist von Mt gelindert; dafür blofs: ihr Kleingläubigen! Am Schluls fügt er die Er- klärung hinzu: es handelte sich um die Lehre der Pharisäer und Sadducäer. Wie viel hübscher der Schlufs bei Mr: und er sagte: merkt ihr’s noch nicht? Offenbarung des Messiasgeheimnisses: Zum Menschensohn in der Frage Jesu vgl. p. 161. Neu ist bei Mt, dafs Leute im Volk in Jesus den wiederkehrenden Jeremias sehen wollen. Das &xıtıu&v des Petrus hat Mt in Worte gefalst: Das sei fern, Herr, das widerfahre dir nicht! Lehrreich ist, wie Mt nach der Binschaltung einfach wieder zum Mrfaden zurück- kehrt: ötı aörog Eotıv 6 Xgıorög = — Mri8;29. Der „Leidensweg der Jünger“ ist bei Mt blofsan die Ji ünger adres- et; wahrend doch gerade hier eine weitere Adresse am Platz ist, wo Jesus an jedermann das Entweder — Oder stellt. 168 II. Das Matthaeusevangelium. Die Verklärung: Die Bearbeitung dieser „heiligen“ Geschichte ist typisch. An der Vorlage wird möglichst wenig ausgelassen oder geändert, dagegen treten Erweiterungen hinzu. Den Vergleich mit dem Walker fand Mt unpassend für einen so heiligen Gegenstand. Er schreibt statt dessen: Sein Antlitz glänzte wie die Sonne und seine Kleider wurden weils wie das Licht. Die Wolke erhält das Attribut gorsıvy trotz des Beschattens. Die Stimme vom Himmel wird ergänzt nach Jes 42 &v & edd6xnoe (vgl. 12,18), dann wird eingeschaltet der furchtbare Eindruck der Jünger, den erst Jesus selbst von ihnen nimmt. Gespräch beim Abstieg: Am Schluls wird ganz wie 16,12 das Verständnis der Jünger konstatiert: „er sprach von Johannes dem Täufer“ natürlich damit die Leser es verstehen. Der epileptische Knabe: Zur Verkürzung vgl. p. 157. Die Schlufsformel wie 9, 22. 15, 28. Die Tempelsteuer lehnt sich an den Eingang des Rangstreits an: &AYovrsg eig Kapaovaovu und eig Tv oixlev. ‘Der Rangstreit: Wie e 13 richtet Mt die Frage so ein, dafs sie genau zur geplanten Antwort palst: Wer ist der Grölste im Gottesreich? — Der ist der Grölste im Gottesreich v 4. Wäh- rend bei Mr Jesus bemerkt hat, dafs die Jünger unterwegs gezankt hatten, und sie nach dem Grund frägt, sind es bei Mt die Jünger selbst, die mit der Frage an Jesus herantreten. Auf diese Weise hat Mt gekürzt, aber auch ins Häfsliche ver- gröbert. Da er das Kind Mr 9, 36 als Vorbild der Demut falste, erhielt das ganze Gespräch einen andern Gang, vgl. pls Reise nach Judäa: Hier wie 14, 14 hat Mt die Lehrthätigkeit Jesu in Wunderthätigkeit umgesetzt. Für Mr hörten die Wunder auf seit dem Epileptischen. | Ehescheidungsfrage: Zur Fragestellung vgl. p. 160. Von der Gefahr des Reichtums: Während Mt den Fragesteller ganz wie Mr einfach als eig eingeführt hat (19, 16), beschreibt er ihn im Verlauf des Gesprächs als Jüngling, verleitet durch das „von Jugend an“ bei Mr, aus dem freilich zu schlielsen war, dals er kein Jüngling mehr war. Jesus und die Zebedaiden: Bei Mr fragen die Zebedaiden Jesus nach den Ehrenplätzen, bei Mt ihre Mutter. Die letztere ist mit Jesus nach Jerusalem gezogen, wenigstens nach Mt, der die 1. Matthaeus und Marcus. 169 Salome des Mr auf sie deutet (27,56). Im weitern Fortgang von 20,22 an spielt sich das Gespräch lediglich zwischen Jesus und dem Söhnen ab; nur über die Söhne sind hernach die andern Jünger erste (20, 24). Das deutet darauf hin, dafs erst Mt den Eingang der Erzählung verändert hat. Das Motiv wird doch wohl der — milsglückte — Versuch sein, die zwei Apostel zu entschuldigen auf Unkosten ihrer Mutter. Heilung des Blinden in Jericho: Zur Verkürzung vgl. p. 153 f. Neu ist die Zweizahl (dafür fällt der Name weg) und das Berül &> Augen. Letzteres erinnert an den Blinden sad Mr. 8,25. Die Zweizahl erklärte sich einfach aus a des Blinden in Bethsaida mit dem in Jericho (vgl. die Analogie p. 163) — wenn nicht 9, 27—31 eine genaue Doublette de wäre. Erklären kann ich ne das nur aus einem Versehen des Evangelisten. Er wollte entweder die zwei Blindenheilungen des Mr zusammen vorwegnehmen in seinen Wundercyklus, und vergals hernach bei c 20, dafs er sie schon erzählt hatte, oder — was noch wahrscheinlicher ist — er hat sie zuerst hier erzählt e 20, und erst zuletzt bei Revision des Buchs ganz wie den Taubstummen aus ce 12 nochmals nach ce 9 eingeschaltet, umdie Wunderzahl 10 voll zu machen. Einzug in Jerusalem: Hinzugefügt hat Mt vor Allem den Weis- sagungsbeweis aus Dach 9 und nach ihm die Geschichte korri- giert, indem er, wörtlich getreu der Weissagung, Jesus auf Eselin und Füllen einziehen läfst. Es ist schon „christliche“ Theologie nötig, um diese zwei Esel zu rechtfertigen. Zum Hosannaruf vgl. p- 146. Die altertümliche Wendung vom Reich unseres Vaters David hat Mt durch die den Christen geläufigere vom Davidssohn, d. h. dem Messias, ersetzt. Den Schlufs 21, 10f. hat Mt selbst gebildet. Zur Zusammenziehung der zwei Tempelbesuche vgl. p. 128. Die Tempelreinigung: Wichtiger ist hier ihr Anhängsel 21,14— 17. Die Blinden und Lahmen, die Jesus im Tempel heilt, und die Kinder, die nach Ps 8 ihn loben durch den Ruf: Hosanna dem Sohn Davids (sic!) gehören der armseligen Erfindung - des Evangelisten an, während die Hohenpriester und Schrift- gelehrten aus der folgenden Erzählung des Mr (11, 27) stammen. Verfluchung des Feigenbaums: Bei Mt fehlt die kleine Notiz: 170 II. Das Matthaeusevangelium. Denn es war nicht die Zeit der Feigen. Da er sie als Ent- schuldigung ansah, lies er sie mit Recht weg. Sie war aber nicht als Entschuldigung gemeint, da die Schuld des Baums ‚ nicht darin liegt, dafs er keine Früchte trug, sondern dals er durch sein vieles Laub den Anschein erweckte, Früchte zu tragen (B. Weils). Also wird sie doch dem ersten Erzähler angehören. Der Satz: und sofort verdorrte der Feigenbaum, ergab sich für Mt aus der Zusammenziehung der zwei Hälften. Gleiehnis vom Weinberg Gottes: Mt falst den Fragesatz des Mr: was wird der Herr des Weinbergs thun? als wirkliche Frage Jesu an die Anwesenden, die nun sich selbst das Urteil sprechen müssen. Das ist ja sehr wirkungsvoll, aber der Fort- gang des Textes: habt ihr nicht gelesen ... wird nun matt. Viel besser pafste als Erwiderung Jesu Mt v 43. Die Inkon- gruenz erklärt sich aus dem Gebundensein des Mt an die Vor- lage. Der Zusatz „und die Pharisäer“ am Schlufs bereitet die _ folgende Episode vor. Lehrreich ist die kleine Veränderung am Schluls: | Mr Mt ra REN mw „ er \ DR [4 EINTOVLV KUTOV KOATIOAL EYVWOAV OTI TEOL KUTOV Aeyeı \ 9 L: N BG \ a b) \ mw al EPoßnanoav TOvV OyAov xal ENToVVTES KUTOV KOATIoRL ” G er \ ? A \ BJ4 EYVOOAV Y0Q, OTL MOOS EVoPNdNERV ToVg OyAovg abrodgrmv nagaßoAnv einev. Erel Eig XOOPNTNV abroV e- yov. Bei Mr will das ydo das E&&jrovv xoernocı begründen, nicht das zunächst stehende &epyoßjsnoev, an das es sich etwas un- geschickt anschliefst. Mt hat das richtig verstanden und . gebessert, indem er das &yvoo«v vor das &nroüvrsg rückt. Trotzdem gibt er dem begründenden Satz hinter &woßrj®7- o«v eine Parallele, deren Inhalt er vielleicht absichtlich mit 21,11 vorbereitet hat. Mit zeot «ör@v hat er das milsver- ständliche xoog &drovg gedeutet. Die Pharisäerfrage: Das „sie senden“ des Mr erhält sein .deut- liches Subjekt, die Pharisäer, und damit wird der Eingang neu. >Stilistisch hat Mt Mr 12, ı4 vervollkommnen wollen, indem er die zwei Sätzchen mit @&Aydyjg und dAndsı« zu einem Paar verbindet. Aus dem „er sah ihre Heuchelei“ zieht er die direkte Anrede „Heuchler“ heraus. Sadducäerfrage: Neu ist bei Mt nur der Eindruck der Antwort Jesu auf das Volk. 1. Mattheeus/und:Marens. 171 FE Frage nach dem grofsen Gebot: Während bei Mr der Frage- steller einer der Schriftgelehrten ist, setzt Mt die Pharisäer, resp. einen von ihnen, einen vouıxög, ein. Wozu dies? Auch bei der christologischen Meisterfrage sind die Pharisäer ver- sammelt, und sie geben das Urteil,’ wessen Sohn der Messias sei. Der Grund ist einfach: Mt will die grolse Pharisäerrede vor- bereiten. Geschichtlich sind bei beiden Streitfragen die Schrift- gelehrten viel besser am Platz, da es sich um Fragen der Schriftgelehrsamkeit handelt. Während sodann die Frage bei Mr durchaus aufrichtig gestellt ist und der Schriftgelehrte seine Freude an Jesu Antwort durch rückhaltlose Zustim- mung zu erkennen gibt, um von Jesus hierauf als ein Mensch, der nicht fern vom Gottesreich ist, bezeichnet zu werden, tritt bei Mt der Fragesteller als Versucher auf und die ganze zweite Hälfte (Mr 12, 32—34) fällt weg. Der Grund liegt in der zuerst genannten Veränderung: Der Pharisäer, den nach- her die Wehrufe treffen sollen, verdient schon hier eine andere Beurteilung. Die christologische Meisterfrage: Zu den Pharisäern vgl. oben. Der Schlufs ist mit Anlehnung an Mr 12, 34 gebildet. Parusierede: Die Fragesteller sind bei Mt die Jünger im All- gemeinen, nicht die vier erstberufenen des Mr. Während bei Mr nach dem Zeichen der Katastrophe, die den Tempel treffen soll, gefragt wird, geht die Frage bei Mt auf das Zeichen der Parusie und des Weltendes, obschon davon im Vorhergehen- den nicht die Rede war. Den Christen, für den die Tempel- katastrophe schon in der Vergangenheit liegt, interessiert allein dieses. Dieser Punkt ist wichtiger für die Datierung des Evangeliums, als die archaistisch mitgeschleppten An- gaben edPEwg und „nicht am Sabbat“, Leidensgeschichte: Ihre Bearbeitung übertrifft an Grölse das meiste Vorhergehende. Einerseits wird gerade hier der hei- lige Text sorgfältig respektiert, anderseits mit Zuthaten überschüttet. Der Todesanschlag: Die chronologische Angabe bei Mr kleidet sich für Mt in die Form eines Herrenworts; das Umgekehrte ist doch wohl undenkbar. Bei der Verhandlung treten an Stelle der Schriftgelehrten des Mr die Ältesten auf; ebenso erscheinen Hohenpriester und Älteste ohne die Schriftgelehr- ten Mt 21, 23. 26, 47. 27,1. 3. 12.20, 28, 12, dagegen Hohen- 112 II. Das Matthaeusevangelium. priester und Schriftgelehrte 21, 15, Schriftgelehrte und Älteste 26, 57, und zweimal Hohenpriester und Pharisäer 21,45. 27, 62, und zwar in Versen, die Mt allein angehören. Er ist sich über die Parteien und das Synedrium nicht mehr im Klaren. Als Ort der Verhandlung kennt Mt den Hof des Hohenpriesters, der Kaiaphas heilst. Den Namen hat ihm die Tradition ge- geben. Instruktiv ist die kleine Änderung: „sie sagten aber“, statt „sie sagten nämlich“. Mr wollte das Wort 004 erklär en und erläutern: List, d.h. Raschheit und Heimlichkeit ist nötig, damit am Fest kein Aufstand entsteht. Mt hat in diesen Zu- sammenhang nicht mehr klar hineingesehen. Die Salbung in Bethanien: Bei Mr geht der Vorwurf gegen die Frau von einigen, bei Mt von den Jüngern aus. Da sonst Mr regelmälsig die für die Jünger ungünstigere Textform auf- weist, erklärt sich der Zusatz bei Mt aus seiner Vorliebe für ein bestimmtes Subjekt (vgl. oben p. 148). Recht ungeschickt ist der Zusatz „dieses“ zu Evangelium 26, 13. Der Verrat des Judas: Die Handlung des Judas stellt Mt noch schimpflicher dar, indem er seine Habsucht voranstellt. Den Judaslohn, die 30 Silberlinge, gab ihm die Sachariaweissagung (vgl. 27,9). Das ist, nächst den beiden Eseln, das deutlichste Beispiel, wie Mt Geschichte gemacht hat. Das letzte Mahl: Die Auslassung des Sätzchens: „und er sendet zwei seiner Jünger“ macht sich besonders störend fühlbar, da es nun scheint, als sende Jesus die ganze Jüngerschar aus. (Zur Kürzung vgl. p. 154.) Neu ist, dafs Jesus dem Mann in Jerusalem sagen lälst: Meine Zeit ist nahe, eine Phrase, die fast johanneisch klingt. Merkwürdig berührt die Änderung von Mr 14, 20 = Mt 26, 23 | Mr Mt &is ToV Öwdexra, 6 eußamro- 0 Eußcabag wer. Euod TV yelo« uEvog wer Euod eig TO TOV- Ev TO TOVPAL@ VUTÖg uE Tagu- PAuov Ä öoosı. Das scheint schon fast wie ein Schritt weiter auf dem Weg zu Joh 13,26. Am Schlufs des Gesprächs kommt wirklich die Enilarvung des Verräters: Auf die Frage des Judas: Bin ich’s, Herr? antwortet Jesus: du hast’s gesagt, und das nicht Benin, sondern öffentlich vor Allen! een der Verleugnung. Den doppelten Hahnenschrei hat Mt wohl noch nicht gelesen. 1. Matthaeus und Marcus. 73 (ethsemane: Die indirekte und direkte Form der &ebetsworte (Mr 14, 35 f.) hat Mt wie Le zusammengezogen. Beim zwei- ten Mal nennt Mt das Gebet, während Mr es blols andeutet. Beim dritten Mal betont er, dals Jesus nochmals dasselbe betete, während Mr nur das dritte Kommen zu den Jüngern hervorhebt. Solche kleine Züge, für sich genommen, bewei- sen nichts; aber sobald gefragt wird, welcher Text der ein- fachere sei, muls für Mr entschieden werden. (Gefangennahme. Wie bei Le begrülst auch Jesus den Judas mit einem Wort: Freund, wozu bist du gekommen? Das Schwei- gen des Mr spricht beredter. Dem Mann, der für Jesus mit dem Schwert drein schlug, hält der Meister bei Mt in längerer Rede sein Unrecht vor (26, 52—54). Das Herrenwort hat den doppelten Zweck, den Christen jeglichen Widerstand gegen die Staatsgewalt zu verbieten, und Jesus gegen den jüdischen Vorwurf der Schwäche und Ohnmacht, die mit seiner Messias- würde streiten, zu verteidigen. Am Schlufs ist Mr 14, 49” vorweggenommen. Die Priorität des Mr ergibt sich hier ein- fach aus dem Kanon, dafs dasjenige Evangelium den best- geschichtlichen Bericht bietet, das aus dieser blitzartig auf- regenden Szene möglichst wenig Worte Jesu weils. Das Fehlen sodann des kleinen Zuges Mr 14, 51, an welchem dem Mr äulserst viel liegt, beweist mehr als manche theologische Differenzen. Prozefs vor dem Synedrium: Auch hier wie 26, 3 nennt Mt den Namen des Hohenpriesters. Für „Zeugnis gegen Jesus“ setzt er als Christ sofort „falsches Zeugnis“ ein. Das, Messias- bekenntnis gestaltet Mt feierlicher, effektvoller, indem er dem Hohenpriester das Wort in den Mund legt: ich ‚beschwöre dich beim lebendigen Gott. Wie sollte ein Bearbeiter dafür das einfache: „Er fragte ihn“ eingesetzt haben! Für rovg yırövag schreibt Mt verbessernd, da er blols einen yırwv kennt: r& iudrıe, und gewinnt aus dem folgenden „Läste- rung“ sein: Er hat gelästert. Effektvoll hat er dann aus dem Satz des Mr: sie verurteilten ihn‘, des$Toodes schuldig zu sein, das Wort gebildet: sie antworteten und sprachen: des Todes schuldig! Die folgende Mifshandlung läfst er — vergrö- bernd — von den Synedristen selbst, nicht den Dienern, über Jesus ergehen. Zum Weissage uns! ergänzt er wie Le das Objekt. 174 II. Das Matthaeusevangelium. Verleugnung des Petrus: Während Petrus bei Mr zweimal von derselben Magd gefragt wird, verteilt Mt wie Le die Anklage auf drei verschiedene Personen. Sonst sind nur Kleinigkeiten geändert: Petrus schwört schon beim zweiten Mal. Das Wort: „du bist ja Galiläer“ wird deutlich gemacht: deine Sprache verrät dich. Zu dem mit Le gemeinsamen Schlulswort vel. oben p. 60. The gabe des Verurteilten an Pilatus: Während bei Mr Zweck dieser Morgensitzung blofs die Übergabe an Pilatus ist, läfst Mt das Synedrium nochmals den Todesbeschluls über Be fällen. Pilatus wird officiell als yysu@v eingeführt (vgl. zur Abwechslung oben p. 149). Das Ende des Judas: Obschon zum Sondergut des Mt gehörig, darf es doch bei Vergleichung der Leidensgegbhiähten 15 Mr und Mt nicht übergangen werden. Selbst erfunden hat der Evangelist die Episode nicht (vgl. Acta 1), wohl aber nach der Working gestaltet. Sie gehört zu ie spätesten Ausläufern der evangelischen Tradition. Verhandlung vor Pilatus: Der einleitende Vers bei Mt knüpft wieder an den Mrfaden 15, ı an. Neu ist dann der Doppel- vorschlag des Pilatus: Jesus oder Barrabas, der, geschicht- lich undenkbar, sich als Vorwegnahme des Folgenden erklärt. Der Fortschritt der Erzählung hat bei Mt etwas Schleppendes erhalten. Man vergleiche Mr: Pilatus: Soll ich euch den Judenkönig schenken ? Das Volk: Nein, Barrabas. Pilatus: Was Sa ich denn mit dem J udenkönig thun? Das Volk: Kreuzige ihn. Mt: Pilatus: Soll ich Au Barrabas oder Jesus schenken ? Das Volk: Barrabas. ( ?/ pr: ?.2o, Pilatus: Welchen von beiden soll ich euch schenken? Das Volk: Barrabas. Pilatus: Was soll ich denn mit Jesu ihun? Das Volk: Er soll gekreuzigt werden. Die offenbare Doublette hängt wohl zusammen mit dem le- gendarischen Einsatz von der Frau des Pilatus, der die Wie- derholung der Frage von v 17 veranlafst hat. Für Judenkönig setzt Mt durchweg Christus ein aulser im Eingang v 11 und bei der Aufschrift am Kreuz v 37. Für Mt charakteristisch ist der schroffe Antijudaismus, der sich in dem Einsatz v 24f. 1. Matthaeus und Marcus. 175 ausspricht. Während Pilatus seine Hände in Unschuld wäscht, ruft das Volk: sein Blut über uns und unsere Kinder! So schreibt ein Christ, der ın der Zerstörung Jerusalems, das Gottesgericht über dies Volk erblickt. Den scharlachroten Soldatenmantel bei der Verspottung hat Mt für passender als den Purpur gehalten; schwerlich wird er dafür eine bessere Tradition gekannt haben. Das Rohr in seiner Rechten ist — effektvolle — Vorwegnahme des Rohrs in Mr 15, 19. Hinrichtung: Zur Auslassung des „Vaters des Alexander und Rufus“ vgl. oben p. 58. Der Wein mit Galle vermischt tritt für den oivog Eowvovıouevog des Mr ein; das „kosten“ hat Mt ergänzt. Dann hält er für nötig zu sagen, dals die Kriegs- schar wachend beim Kreuz aushielt. Die Stunde der Kreu- zigung interessiert ihn nicht. In die Überschrift wird „Jesus“ eingeschaltet; für Pilatus mochte „der Juden König“ ge- nügen. Bei der Verspottung des Gekreuzigten betont Mt zweimal den Titel Gottes Sohn, in dessen Inanspruchnahme die Juden die Todsünde Jesu — die Christen sein höchstes Recht — erblicken müssen. Die Hohnworte hat er mit Ps 22, 9 ergänzt. Den mitleidigen Kriegsknecht, der Jesus erquicken will, hat Mt scharf von den Übrigen (v 49), die nur spotten, unterschieden. In kolossaler Weise sind die Wun- der bei Jesu Tod vergröbert worden (v 52—53): Erdbeben, Felsen spalten sich, Gräber öffnen sich, viele Leiber von ent- schlafenen Heiligen stehn auf. Freilich greift nun v 53 „nach seiner Auferstehung“ weit über den gegenwärtigen Augen- blick hinaus. Vielleicht stammt ein Teil des Zusatzes von späterer Hand. v 54 setzt voraus blofs das Erdbeben und z« yıvowsve. Der Zusatz verdankt natürlich seine Entstehung der Legende; doch liegt für Mt ein spezieller Grund vor im Mrtext. Der Ausruf des Hauptmanns: dieser Mensch ist wahrlich Gottes Sohn, schien ihm zu schwach begründet durch den Eindruck des Todes Jesu am Kreuz, viel besser da- gegen, wenn gewaltige Naturereignisse ihn mit Furcht er- füllten. Dieser Unterschied zeigt die ganze Kluft zwischen alter und junger Tradition. Bei der Aufzählung der Frauen, die dem Tod zuschauten, schreibt Mt statt Salome: die Mutter der Zebedaiden. Diese Deutung wird ihm die Tra- dition gegeben haben. "Jesu Begräbnis: Den Joseph von Arımathia hat Mt aus einem 176 II. Das Matthaeusevangelium. das Gottesreich erharrenden Mann zum Jünger Jesu ver- christlicht. Die Verwunderung des Pilatus über Jesu frühen Tod interessiert ihn nicht. Statt „neu gekaufte“ schreibt Mt kürzer „reine“ Leinwand. Den Zusatz „neues“ Grab hat er mit Le gemein; das verlangte die Legende. Der Zusatz von den Grabeswächtern ist eine wohl zur Zeit des Mt geläufige christliche Erfindung, welche das jüdische Lügengerücht vom Diebstahl der Leiche offiziell entkräftigen soll. Die Auferstehung: Die starke Abweichung des Mt von Mr hin- sichtlich Datum und äufsern Hergang hängt unmittelbar zu- sammen mit der Einschaltung der „Grabeswache“. Diese hebt zunächst die Möglichkeit der Salbung des Leichnams durch die Frauen auf. Damit fällt der Grund weg, um Salbe am Samstag Abend zu kaufen. Hat nun Mr 16,1 und 2 zwei Daten angegeben: „nach Vollendung des Sabbats“ (für den Salbenkauf) und „früh morgens am ersten der Woche“ (für den Gang zum Grab), so muls Mtzwischen beiden wählen; er wählt das Erste, deutet aber durch den Ausdruck: oe oaßßatwv Ti) ETIPOOKOVON eig ulev oaßßerov an, dals hier zwei Bezeich- nungen der Vorlage verschmolzen sind, da sonst doch öw& saßßerov genügen würde. Hinwieder ist Folge jener Ein- schaltung, dals nun bei so trefflicher Versiegelung und Be- wachung die Entfernung des Steins — durch den Engel — selbst erzählt werden muls. Aber darin folgt Mt dem Mr, dafs auch er nicht die Auferstehung erzählt, sondern blofs, wie der Stein, der den Frauen den Blick ins Grab versperrt hätte, weggewälzt wurde. Alles Neue bei Mt, das Erdbeben, die Beschreibung des Engels, der Eindruck auf die Wächter verrät den spätern Legendenstil. Natürlich übernimmt nun dieser eine Engel die Rolle der zwei bei Mr, die Frauen über das leere Grab aufzuklären. Der letzte Vers ,‚ den Mt mit Mr gemeinsam hat (28,8), ist ein seltsames Beispiel von Gebun- denheit und Freiheit der Vorlage gegenüber in einem Augen- blick. Er behält die „Furcht“, mit der unser Mr schliefst, bei, fügt ihr jedoch die „grolse Freude“ hinzu, und ersetzt das: „sie sagten Niemand etwas“ durch „sie eilten, es seinen Jüngern zu verkünden“ — wie Le dem Befehl der Engel getreu. Die dann folgende Erscheinung Jesu auf dem Weg zeigt — von ihrer Wertlosigkeit abgesehen — nur nochmals, was für ein schlechter Erzähler Mt ist. Der erscheinende Jesus 2 1. Matthaeus und Marcus. RT kann nichts anderes als die Worte des Engels repetieren. So gänzlich hat diesem Evangelisten die Erfindungsgabe versagt. Was dann noch folgt bei Mt, bestätigt durchaus das bei Le gefundene Resultat: Auch dem Mt hat das Werk des Mr unvoll- ständig vorgelegen; es hat — unsres Wissens — nie ein andrer Mr existiert, als der unsrige, der mit 16,3 abbrach. Wohl be- richtet Mt, gemäls dem doppelten Versprechen des Mr, von einer Erscheinung Jesu vor den Jüngern in Galiläa. Wenn es aber überhaupt etwas Sicheres gibt, so ist es dies, dafs diese Erschei- nung nicht aus nu Das Stück gehört zu den allerspätesten der Tradition, gemacht auf Grund eben der Stelle Mr 16,7 = Mt 28,7, ohne eine Spur geschichtlicher Erinnerung. Der Faden der wirklichen Tradition bricht für Mt ab mit 28,8 = Mr 16, 8. Die Bearbeitung der Mrgeschichten durch Mt ist nicht we- niger durchgreifend, sich über das Ganze erstreckend als diejenige des Le. Aber von einer einheitlichen 'Tendenz lälst sich auch bei Mt nicht reden; er ändert und bildet um von Fall zu Fall nach stets wechselnden Reflexionen. Zwei Hauptzüge treten dabei kla- rer hervor: der Weissagungsbeweis mit dem A.T. und die Ab- sicht, die Wunder nur als Beweis für Jesu Messianität zu benützen mit Entfernung aller Detailzüge, die nicht beweisend sind im strengsten Sinn. Mt ist viel mehr als Le Theologe gewesen. Von selbständiger Tradition findet sich aufser der Erwähnung des Kaiaphas und des Lebbäus im Katalog keine Spur im ganzen Evan- gelium. Z. B. die stark erweiterte Leidensgeschichte zeigt sich in jeder Erweiterung als geschichtlich wertlos. Zuweilen, aber sehr selten, dürfen die Zuthaten der Legende zugewiesen werden; in der Regel sind sie das Werk des reflektierenden Evangelisten selbst. Resultat: Mthat das Mrevangelium gekannt undals Quelle benützt, ja zur Grundlage seiner Geschichtser- zählung genommen. Er hat es fast lückenlos in seine Darstellung eingefügt, mit ganz wenigen Ausnahmen seine Anordnung befolgt und auch seinen Text sich zu Grunde gelegt. Die Freiheit, die er sich erlaubt hat, ist eine dreifache. 1) Erhat den Mrtext mit andern Quellen kombiniert und verschmolzen, resp. Sprüche aus andern Quellen inihn eingesetzt. Dasist der Punkt, wo sich Mt am stärksten vonLe unterscheidet. 2)Er hat ihn sprach- lich stark umgebildet, besser gräzisiert, geglättet, zu- sammengezogen, hiebei freilich mit grölserer Schonung Wernle, Frage. 12 178 II. Das Matthaeusevangelium. z der Herrenworte. 3) Er hat ihn nach dem Ermessen sei- ner Reflexion kommentiert, ergänzt, verbessert, sehr häufig von Motiven der Schriftgelehrsamkeit oder des höhern Glaubens bestimmt. In einzelnen Fällen konser- vativer als Le, mit gröfserer Scheu vor der heiligen Ge- schichte, verfährt er doch im Ganzen als der Mann der spätern Zeit, für den kein Autorrecht, geschweige ein Inspirationsgedanke existiert, der also das Recht hat, die Tradition für seine Zeit umzugestalten. 2. Matthaeus und die Spruchsammlung. Die Hypothese, Le Quelle des Mt, ist schon durch die Unter- suchung Lucas und Matthaeus abgeschnitten worden. Dafür er- gab sich dort als wahrscheinlich die Annahme einer gemeinsamen verlorenen Quelle für Le und Mt, die vorzugsweise Sprüche oder Reden Jesu enthielt. Vom Standpunkt des Mt aus spricht Folgendes für die An- nahme der Spruchsammlung: 1) Mt hat mit Le aulser den Mregeschichten grolse Sch reihen gemeinsam (vgl. oben p. 40 f.), während der ganze übrige über Mr hinausgehende Inhalt des Le ihm fremd ist. Die Gemein- samkeit dieser Reden bei der Verschiedenheit alles Übrigen führt zur Annahme einer verlorenen Quelle für das gemeinsame Gut. 2) Die Reihenfolge der Reden unter sich, wie ihre Stellung innerhalb der Mrer anee ist bei Mt und Le verschieden. Mt hat die Reden in den Me umenkane an passender Stelle eingefügt, Le sie in zwei grolsen Einschaltungen untergebracht. Das ver- schiedene Verfahren beider Evangelisten erklärt sich am besten, wenn beiden die Keden noch von Mr getrennt vorlagen. 3) Der ursprüngliche Text der Reden ist weder bei Mt, noch bei Le rein erhalten, sondern beide Evangelien weisen ab- wechselnd einen sekundären Text auf. Es kann also nicht der Text des Mt auf den des Le zurückgeführt werden oder umgekehrt, sondern beide müssen den Text einer gemeinsamen Quelle ver- schiedenartig bearbeitet haben. /usammenfassend lälst sich sagen: Da Mt und Le nicht gegenseitig voneinander abhängig sind (vgl. oben p. 80), kann ihre Verwandtschaft einzig durch die Annahme der Abhängigkeit beider von einer Spruchsammlung er- klärt werden. 2. Matthaeus und die Spruchsammlung. mir A. Der Text. Da die Spruchsammlung selbst uns nicht mehr erhalten ist, so wird besondere Vorsicht für unser Urteil nötig. In Betracht kommen hier nur diejenigen Reden und Sprüche des Mt, zu denen Parallelen bei Le vorliegen. Da Mt seine Reden dem Mrzusammenhang eingliederte, wo daselbst ein passender Ort sich fand, brauchte er nicht, wie Le, eigne geschichtliche Einleitungen zu bilden, aufser wo bei Mr eine Anknüpfung fehlte. Für Missionsrede, Gleichnisrede, Jünger- rede, Pharisäerrede, Parusierede lieferte Mr die Einleitung, ebenso natürlich für Rede des Täufers und Versuchungsgespräch. Doch hat Mt der Täuferrede eine geschichtlich wertlose Adresse vor- gesetzt: als er viele der Pharisäer und Sadducäer zur Taufe kom- men sah (Mt 3,7). Die Sadducäer kommen hier überhaupt nicht in Betracht, und gegen die Pharisäer spricht die richtige Tradi- tion des Le (7,30). Die Beelzebul- und Zeichenforderungsrede, sowie die Johannesrede hatten in der Quelle ihre eignen kurzen Einleitungen. Doch hat bei beiden die Hand des Mt eingegriffen (dxodoag Ev TE Öeounrnoio r& Eoy« tod Xouorod 11,2 gemäls 4,12; 12, 22ff. vgl. 9, 32ff.). Einzig die Gerechtigkeitsrede erfor- derte eine neue Einleitung, die Mt durch Anlehnung an Mr 3, 7f. 13 gewann; dadurch erst ist die „Berg“predigt daraus geworden. Innerhalb der Reden selbst sind die sprachlichen Verände- rungen viel kleiner als bei Le. Der Ersatz des &o&no®#e durch d6- Ente (3,9) ist gerade bei Mt, der das je&@ro des Mr häufig ver- meidet, nicht auffällig. Im Versuchungsgespräch verrät ihn das ro00819@v 4,3, dEvA (Lexal), rore mit dem Praesens v 5, das Asyndeton v 7, zdAıv v8 (Le xei), vore v 10 (Le xei), vielleicht auch 6 zeıgdfwv, ayie nökıs, Unaye oarev& (vgl. Mr 8,33). Aber hier liegt eben ein Gespräch vor, das eine freie sprachliche Bear- beitung begünstigt hat. Ähnliches läfst sich sonst mit solcher Sicherheit nur bei den Gleichnissen wahrnehmen. Dem Mt gehört hier die stereotype Eingangsformel an: @uoı&9n7 N Baoıkcla tov obo«v&v mit dem Dativ, sodann die Verknüpfung der Sätze mit de, adAıv, Asyndeton, wo Le in der Regel x«i schreibt (vgl. Gast- mahlsgleichnis Mt 22, 4. 5. 6.7. 11.13; Anvertraute Pfunde Mt 25, ıs, 19.21. 22.23.24. 26; Denfkorn Mt 13, 32), auch die ziemlich häufigen uev — de. Der Text dieser Gleichnisse ist, wo er nicht mit dem des Le sich deckt, sprachlich für das Werk des Evangelisten zu halten. 12* 180 II. Das Matthaeusevangelium. Unsicher ist mir, ob man dem Mt die Durchführung eines strengen Parallelismus von These und Antithese zuschreiben soll, oder ob schon die Quelle ihre Sprüche so geformt hat. Man vgl.z.B.: 6,19 un Inoavoiders dulv Inoavoodg Ent tig yis | 0rov on5 nal Boboıs apavigeı #0 ONOV KAENTEL ÖLO0VEOOVOLV Kal HAETTOVOLV' Imoavoisere dE dulv HNoavoodg Ev 000«VO 0Tov oVTE ONg obre Bo&oıg Apaviksı x. Onov AAeıraı 00 VLOgVOO0VOLV 0008 KAErToVOLV. 1,13f. eiosAdare dıa Tg OTEvNjg nuAng ri wAotela nal EVOUYWDOS 7 000g N Endyovoa eig nv dnwhsıav xl noAdoi eicıv ol Elosoyduevor di wurig' OTL HTEvN Kal TENAıuuevn 7 6008 N aneyovoa eis Tv Eonv zu OAlyoı eloıv ol EbgLoxXoVTES abriV. 7,24—27 nüg 00V Boris dxovsı uoV TOVg Abdyovg Tod'Tovg Kal MOLEL KOTOVS öuoLmdr1joeTaı dvögl ppovium 00TIS BA000UNGEV abTod iv olxiev Ei TV XETORV zul Kateßn ji Boom xl NAdoV ol woTawoi Hol ErVEVORV OL dvegor Hal Tg00EMEOE.Y vi) olnig Eneivn Kol 00% ENEOEV' TENEUEALWOTO YLO Exil TyV nEergav' Kal TÜS 6 AHOVOV UovV TObg AdYyovg TOVTOVg Kal un TOL@V KÖTOVg ÖUOLWFNEET« EAvöol UWOO OOTIS W@A000UNGEV auTOO nv olniav Ertl TV Kuuov ze vereßn 1) BooyN) xl NADoV ol Torauol xl Ervsvoev ol Kveuoı Kol TO00ER0dav Ti) olxia Exreivn aa Ersoev xl Tv 1) aTooıg arg ueydAn. 2. Matthaeus und die Spruchsammlung. 181 Andere Beispiele: der Weheruf über die galiläischen Städte 11, 21f. 23f.; vom Bekennen und Verleugnen 10,32. Öfters zeigt die Leparallele eine weniger strenge Wiederholung. Zwei Erwä- gungen sprechen doch dafür, dafs Mt die ursprüngliche Form be- wahrt hat. Auch die Reden bei Le zeigen öfters solche Wieder- holungen, vgl.dieWeherufe parallel den Seligpreisungen Le 6,20—26, vom Gutesthun und Borgen Le 6, 33f., vom innern Licht Le 11, 34£., vom Schatz des Herzens Le6, 45, von den Niniviten und der Königin des Südens Le 11, 31f. Sodann sind die Sprüche der Quelle zu rein praktischen Zwecken zusammengestellt, für welche möglichst pedantische Wiederholung einen Vorteil bedeutete. Nur in Mt11 werden die Worte von Sodom erst vom Evangelisten hinzugefügt sein, um eine Parallele mit Tyrus und Sidon abzugeben; denn die Quelle erwähnte Sodom bereits in anderem Zusammenhang (10,12). Andere kleine sprachliche Veränderungen sind oben bei der Vergleichung Mt— Le notiert. Sie sind alle unbedeutend gegen- über der viel stärkeren Umbildung des Le. Überall wo kein be- sonderer Grund dagegen spricht, darf bei Mt die sprachlich ältere Form gefunden werden. Zu warnen ist jedoch vor falschen Fol- gerungen hieraus für das Alter des Evangeliums (vgl oben p. 146). Wo Mt eine Rede der Spruchsammlung mit Worten des Mr verschmolzen hat, ist eine strenge Scheidung des Textes der Quelle selten möglich. In der Parusierede freilich liegen die ver- schiedenen Quellenstücke wesentlich unvermischt neben einander. In der Pharisäerrede wird daserste Glied vonv6(sielieben den Ehren- sitz bei den Gastmählern) ein Zusatz aus Mr sein, da die Leparallele es nicht bietet. Beim Gleichnis vom Senfkorn lassen sich mit einiger Wahrscheinlichkeit das 0v Außov dvdonxosg, Ev TO ayoo AÖTod, abENdT, za yiveraı bEVÖooV, Ev Toig AAddoıs abrod als Zusätze von Q zuMr vermuthen. Dagegen gelingt der Scheidungs- versuch bei der Missionsrede, Beelzebulrede, Jüngerrede nicht oder doch nicht befriedigend. Das un #rronode 10, 9 ist freilich ein greifbares Zeichen der Zusammensetzung (vgl.p. 140f.), der Spruch: der Arbeiter ist seiner Nahrung wert, stammt sicher aus Q. Im Übrigen verbietet sich bei der Missionsrede eine strenge Schei- dung, weil wir nicht nur mit Mr und Q, sondern auch mit Zuthaten des Evangelisten rechnen müssen. Zu den Schwierigkeiten der Beelzebulrede vgl. oben p. 68f. Wer hier eine glatte und klare Lösung bringt, steht im Verdacht, zu viel zu wissen. Bei der Jüngerrede ist 18,6 streitig, ob der Vers ganz aus Mr stammt, oder ob 182 II. Das Matthaeusevangelium. auch Q ihn enthielt (vgl. Le 17, 1); das erstere ist wahrscheinlich’ wegen der Stellung von v 7 hinter v 6. Mt scheint ad vocem ox«v- öe«Alon in Mr den Spruch von den ox«vdaAe aus Q hinzugefügt zu haben, und Le wäre dann unabhängig von Mt auf dieselbe Kombi- nation geraten. Über die Vermutung kommt man hier nicht hinaus. Was die sachlichen Umgestaltungen betrifft, so ist davon auszugehen, dafs Mt eine ganze Reihe Reden wesentlich unver- ändert aus der Quelle übernahm oder mit höchstens einzelnen deutlich sichtbaren Zusätzen vermehrte. Dahin gehören als eigent- liche Muster die Rede des Täufers e 3, das Versuchungsgespräch c4, die Erzählung vom Hauptmann von Kapernaum 68. Sodann die mit der Gerechtigkeitsrede verbundenen Sprüche vom Sorgen und Schätzesammeln und vom Bittgebet. Ferner die Gleichnisse vom Sauerteig, vom Schatz im Acker und von der Perle; die Bekenntnis- rede innerhalb Mt 10; die Parusierede mit dem kleinen Zusatz am Schlufs: dort wird sein Heulen und Zähneklappern. Der Spruch vom Rückfall (12, 43f.) endigt mit dem kleinen Zusatz: . so wird’s diesem bösen Geschlecht ergehen. Die vorangehende Rede wider die Wundersucht ist abgesehen von dem einen, freilich für Mt charakteristischen Einsatz — Typologie mit Jonas — in- takt erhalten. Die Johannesrede ist im Ganzen unverändert über- liefert; blofs der Satz von Elias (11, ı4f.) scheint mir aus Mr zu stammen, und das wichtige Wort v 12f. schon von Mt nicht mehr ganz verstanden, und daher umgestellt und korrigiert. Diesen mit ganz besonderer Treue überlieferten Reden treten als Beispiele starker Umbildung die Gleichnisse in ce 22 und 25 gegenüber. Das Gastmahlsgleichnis ist in dreifacher Weise von Mt bearbeitet: durch die christliche Deutung am Eingang (der König, die Hochzeit seines Sohnes), durch den schroff antijüdischen Eintrag (v 6—7) und durch den Zusatz 11—14 (dazu v 10: zovn- 0005 TE Kal ayadovs), der einen Lieblingsgedanken des Evan- gelisten hinzufügt. Im Gleichnis von den anvertrauten Pfunden macht sich die christliche messianische Deutung überall stark be- merkbar (v 19 nach langer Zeit, v 21—23 geh’ ein zu deines Herrn Freude, v 30 die Höllenstrafe für den unnützen Knecht). Es ist schon öfters betont worden, dafs Gleiehnisse in ihrer Form nie dieselbe Autorität besalsen, wie die andern Herrenworte. Dafür ist Mt nicht minder als Le ein Beleg. Dagegen ist in den grofsen Redegruppen e5—7. 10.18. 23, so- wie in der Beelzebulrede, der Anteil des Bearbeiters am schwersten 2. Matthaeus und die Spruchsammlung. 183 zu bestimmen. Aus 6 5—7 heben sich zunächst e 6 und 7, 7—11 als selbständige Stücke heraus, und nur der Rest darf als Ge- rechtigkeitsrede mit Le 6 verglichen werden. Was ist hier ur- sprünglich und was Zusatz des Evangelisten? Um vom Sichern auszugehen, darf man die Hand des Mt in der Schilderung der falschen Propheten erblicken 7, 15. 22. Es mag sein, dafs ur- sprünglich eine Warnung vor den Pharisäern vorlag, Mt hat sicher die fahrenden Goeten seiner Zeit vor Augen, und diese malt er uns vor. Dann gehört ihm das z«osxtög Aoyov zooveleg 5, 32 an, vgl. 19,9. Die Worte „das ist Gesetz und Propheten“ 7, 12 - dürfen als Zusatz des Evangelisten gelten, weil Le sie nicht kennt, und weil Mt denselben — katholischen — Zusatz an Mr 12, 31 angehängt hat. Die Worte vom guten oder faulen Baum mit den guten oder schlechten Früchten haben in der Quelle nicht zweimal gestanden; die Gerechtigkeitsrede scheint also am Schlufs er- weitert mit Sprüchen aus der Beelzebulrede; 7, 19 ist überdies aus der Rede des Täufers wiederholt. Die grolse Stelle vom Ge- setz scheint ursprünglich noch judaistischer gelautet zu haben. 5, 18 ist das &og dv advra yEvnraı sicher (vgl. Le) zugesetzt, wie das vorhergehende xz«i t®v noopnr@v, das sich freilich in unsern meisten Handschriften nicht zu erhalten vermochte. Aber dann gehört auch 7 rovg Xoogpırag 5, 17 dem Evangelisten an; es fehlt Clem. hom. Ill, 51. Für Mt sind eben Gesetz und Propheten — die Bibel, zu der natürlich Jesus konservativ stand; einzig durch diese Zusätze vermochte er die sonst für ihn unannehmbare Stelle sich anzueignen. Endlich verdanken die zwei Eingangsgleichnisse ihre Form dem Mt, wie die Leparallele zeigt. Von ihm stammt das grolse „Ihr“, der Universalismus und die Deutung des Lichts auf die guten Werke. Bis soweit haben die Vermutungen einige Wahrscheinlich- keit. Die folgenden beanspruchen nicht mehr als Möglichkeiten zu nennen. Die Neunzahl der Makarismen erregt Zweifel an ihrer Ursprünglichkeit; ebenso gibt ihre sprachliche Form gegenüber der des Le zu Bedenken Anlafs. Die Stellung der Eingangsgleich- nisse steht nicht so fest, da ihr Fehlen bei Le viel schwerer zu er- klären ist, als das Fehlen der Worte vom Gesetz und der Anti- thesen. Fraglich bleibt, ob erst Mt den Katechismus 5, 21—48 nach dem hebräischen Dekalog geordnet hat, oder ob er ihn schon in dieser Reihenfolge vorfand. Ob die Empfehlung rechtzeitigen Aus- gleichs, die Le e 12 bringt, bei Mt 5, 25f. am exsten Platz steht, a Te un 154 OH. Das Matthaeusevangelium. läfst sich bezweifeln. Stammt das re4sıoı 5, 48 (Le oixtiouovss) von Mt oderaus der Quelle? Stand der Spruch von der Entweihung des Heiligtums ursprünglich so eingesprengt ohne Zusammenhang nach vorwärts und rückwärts? Hat der Spruch von der engen Pforte, den Le e 13 verkürzt nachträgt, von Anfang an in dieser Rede gestanden? Alle diese Fragen müssen freilich aufgestellt werden; aber eine sichere Antwort auf alle würde die Grenzen un- seres Wissens übersteigen. Der Entscheid wird dadurch beträcht- lich erschwert, dafs wir vermutlich nicht blofs mit der Spruch- sammlung aus erster Hand, sondern auch mit verschiedenen Ab- schriften derselben (@!, Q% Q°?) zu rechnen haben. Wer sagt uns genau, dafs Mt und Le die Reden in gleicher Gestalt vor sich hatten? So scheint nach Jülichers Untersuchung von den Sprü- chen Mt 7, 16—20. Le 6 43—45 ein einziger Vers (Mt ı6. Le 44) ursprünglich zur Gerechtigkeitsrede zu gehören. Dieser eine Spruch hat verwandte Sprüche aus der Beelzebulrede an sich gezogen, doch wohl schon in den Vorlagen unserer Evangelisten (z.B. Mt v 18. Le 43). Und daran schlossen sich dann weitere Ergänzungen des Evangelisten an. In der grofsen Komposition Mt 10 scheidet zunächst 10,26—39 aus als selbständiges Stück, die Bekenntnisrede; sodann 10, 17—22 eine Parallele dazu, die aus Mr 13 stammt. Der Rest ist zwar immer noch grölser als die Missionsrede in Le 10, wird sich aber doch ungefähr mit der Rede der Spruchsammlung decken (aufser v 42, der aus Mr 9, 41 stammt). Von Zuthaten des Mt ist die Be- tonung der Würdigkeit v 11. 13 hervorzuheben; hier melden sich schlechte Erfahrungen der jüngern Zeit zum Worte. Die Schluls- verse von der Aufnahme eines Propheten und eines Gerechten (v41) mögen in der Vorlage des Mt schon gestanden haben, ohne des- halb ursprünglich zu sein. Mt, der in einer Zeit vieler Pseudo- propheten schreibt, hätte kaum von sich aus dies Wort verfalst. Bei der Jüngerrede kommt das Stück Mr 18, 10—22 in Frage Das Gleichnis vom verlornen Schaf kann in’der Quelle keine An- wendung gehabt haben, da sich nur so der verschiedene Schluls bei Le und Mt begreift. Also hat Mt dem Gleichnis die Beziehung auf die Kleinen erst gegeben. Woher er den Spruch 18, 10 ge- schöpft hat, läfst sich nicht mehr vermuten, ebensowenig, was derselbe ursprünglich unter den Kleinen verstand. Der Schluls der Rede 15—22 ist jedenfalls eine grofse Erweiterung gegenüber EN Le 17,3f. v21 zoodaıg aucoryosı eis Eus 6 @dEeApüg stand ur- 2. Matthaeus und die Spruchsammlung. 185 go .— sprünglich unmittelbar hinter v 15 &dv dE& duaorion 6 ddeApög 6ov. Deshalb brauchen aber die Verse 16—20 nicht von Mt selbst verfalst zu sein. Die Zusammenstellung „wie der Heide und Zöll- ner“ erinnert an Mt 5, 46. (@). Die Fassung des Spruchs vom Binden und Lösen 18,18 macht einen ältern Eindruck als diejenige im Petruswort 16, 19, welche ihr nachgebildet scheint. Überhaupt machen die Verse 16—20 keinen einheitlichen Eindruck. v 18 konnte blofs hierher geraten, nachdem man das Binden und Lösen nicht mehr im rabbinischen Sinn verstand. v 19—20 (von der Ge- betskraft Einzelner) erhält durch den Zusammenhang eine viel zu enge Bedeutung. Kein einziger Spruch ist so gehalten, dals man den Evangelisten an ihm erkennt. Es ist älteres Traditionsgut, das sich an den Grundtext v 15. 21 anschlols. Die Pharisäerrede des Mt ist sicher der ursprünglichen Form der Spruchsammlung näherstehend als ihre starke Verkürzung bei Le, die sich aus Mangel an Interesse erklärt. Eine andere Frage ist, ob sie deshalb in allen Partien der Quelle angehöre. Zu- nächst fallen die Sprüche an die Jünger 23, 8—12 aus der eigent- lichen Streitrede heraus; sie werden eine Erweiterung sein, die aber der Vorlage des Mt schon angehört haben kann. Zu der Ver- mutung über v 15 und 16—22 vgl. oben p. 72; geschaffen sind aber auch diese Sprüche sicher nicht von Mt. Einzig die Verwand- lung des Citats der Weisheit in ein Herrenwort 23,34 und die Her- übernahme von v 33 aus der Rede des Täufers dürfen ziemlich sicher dem Mt selbst zugeschrieben werden, und in v 34 finden sich Reminiscenzen an die Missionsrede. In der Beelzebulrede endlich ist die Zugehörigkeit von 12, 36f. zur Quelle nicht so ganz sicher, obschon entscheidende Gründe dagegen schwerlich vorzubringen sind. Nunmehr kann das Resultat formuliert werden. Mt hat die Spruchsammlung nicht immer mehr in der ältesten Form, sondern mit allerlei Erweiterungen vorgefunden, dafür sieaber möglichst getreu mit mini- maler sprachlicher Bearbeitung (Gleichnisse) und ein- zelnen sachlichen Zuthaten aufgenommen. Fast durch- ‚weghater den bessern Textals Le aufbewahrt. Dagegen hat die Zusammensetzung der Reden mit Mrworten die klare Scheidung des Textes im Vergleich mit Le er- schwert. Der Judaismus der Quelle ist von Mt beinahe nicht entfernt worden. s 186 II. Das Matthaeusevangelium. B. Die Anordnung. Für us Anordnung der Reden bei Mt ist die rzählung de Mrevangeliums mafsgebend gewesen. Wo irgend bei Mr eine An- ne ähnliches Do ,‚ passende Sarinkipıt sich fand, hat Mt seine hede eingeschaltet. Mr i Erste öffentliche Rede Mt 5 Gerechtigkeitsrede 5 Apostelwahl 10 Missionsrede 5 Beelzebulworte 12 Beelzebulrede 4 Gleichnisse 13 Gleichnisrede 9 Jüngerworte 13 Jüngerrede 11 Weinberggleichnis 22 Gastmahlsgleichnis 12 Spruch gegen yoauucreig 23, Pharisäerrede 15 Parusierede 24 f. Parusiereden und Gleichnisse An die Beelzebulrede schlofs sıch in der Quelle die Zeichen- forderungsrede, an die Gerechtigkeitsrede die Erzählung vom Hauptmann von Kapernaum. Vor letztere hat Mt blofs den Aus- sätzigen aus Mr 1 gestellt, da gerade hier auf dem Weg vom Berg zur Stadt eine passende Situation sich bot. Die Johannesrede hatte in der Quelle selbst eine geschichtliche Einleitung; für sie bedurfte also Mt keiner besonderen Anknüpfung bei Mr; warum er sie ge- rade ce 11 einsetzte, wissen wir nicht. Dagegen die Reden von den Schätzen und Sorgen, vom Bittgebet und vom Bekenntnis hat Mt ohne geschichtliche Einleitung vorgefunden und ebendeshalb, da sich bei Mr kein Anlafs bot, mit andern Reden vereinigt, d. h. in sie eingeschoben. Aus all dem erhellt zur Genüge, dals die Stel- lung der Reden bei Mt gar keinen geschichtlichen Wert hat, son- dern aus rein schriftstellerischen Gründen sich ergab. Z. B. die Weherufe gegen die Pharisäer sind auf die letzten Tage in Jeru- salem verlegt, nicht infolge irgendwelcher geschichtlicher Kunde, sondern einzig, weil Mt in Mr 12 ein verwandtes Wort fand. Le, der die Rede viel früher bringt, kann gerade so gut Recht haben wie Mt. Natürlich fällt damit erst recht jeder direkte Zusammen- hang zwischen der Pharisäerrede und der Hinrichtung Jesu. Zur Versetzung des Wehe- und Jubelrufs aus der Missions- rede in die Johannesrede vgl. oben p.67. Den Spruch von den seligen Augenzeugen hat Mt ebenso nach eigener Vermutung in die Gleichnissrede gestellt. Über die wirkliche Anordnung der Reden in der Spruchsamm- lung können wir aus Mt fast chi vermuten. Lc, der die Reden - 2. Matthaeus und die Spruchsammlung. 157 nicht mit Mr vermengt hat, ist ebendeshalb hierfür ein besserer Zeuge. C. Der Inhalt. Mit Sicherheit gehören nur diejenigen Reden des Mt der Spruchsammlung, zu denen Le die Parallele aufbehalten hat. Also Mt 3, 7—12 Rede des Täufers 4, 3—10 Versuchung Jesu 5, 3—48. 7, 1—6. 12—27 Gerechtigkeitsrede 6, 19—34 Sul und Sorgen 6 te) ’ ; 9—13. 7, 7—11 Gebetsworte ‚ 5-13 Hauptmann von Kapernaum 8, 19— 22. 9, 37f. 10, 5—16. 23—25. 40f. 11, 20—27. 13, 16 £. Missionsrede. 10, 26—39 Bekenntnisrede 11, 2—19 Johannesrede 12, 22—37 Beelzebulrede 12, 33—45 Zeichenforderungsrede 13, 31—33 Gottesreichgleichnisse 18,7 . 10—22 Jüngerrede. 22 1—14 una 98, 1—39 Pharisäerrede 24, 26 fi. 37—51 Parusierede 25, 14—30 Anvertraute Pfunde. Ferner stammen aus Q, obschon die Parallele bei Le fehlt: 13, 44—46 Gleichnispaar vom Schatz im Acker und von der Perle. Diese zwei Gleichnisse sind genau im gleichen Stil gehalten wie die vom Senfkorn und Sauerteig, ohne irgend einefremde Zuthat. Sodann kommt in Frage 6,1—18 (excl. 9—15) Von Almosen, Gebet und Fasten. Diese Rede unterscheidet sich zwar stark von den übrigen Reden der Quelle. Sie ist nicht eine Aneinanderreihung von Sprü- chen Jesu, sondern sie enthält drei Herrenworte (v 3.6.17) in einer überaus Sleichr kn formelhaft gehaltenen Einrahmung. Indessen gehören solche Wiederholungen zum Char kleritatehenn, der Quelle. Es liegt hier ein altes Stück (emeindekatechismus vor, das doch in der Spruchsammlung gestanden haben mag. Schwerlich hätte es auch sonst die Bergpredigt aufgenommen. Endlich gehört vielleicht zu Q 11, 28—30 Der Heilandsruf. 188 II. Das Matthaeusevangelium. a Sein Fehlen bei Le ist freilich mehr als seltsam, da er gerade dem Le so prächtig gepalst hätte. Man kann daher nur vermuten, dafs ihn Mt aus der Spruchsammlung geschöpft habe. 17, 20 Der Spruch vom senfkornartigen Glauben könnte wegen der Parallele Le 17,6 wohl aus Q stammen, wäre nur nicht die Differenz von 600g und ovxdusvos. Sollte am Ende Mt erst den Berg aus Mr 11 eingetragen haben? Andere Herrenworte bei Mt können in der Spruchsammlung gestanden haben, ohne dafs wir es mehr beweisen können. 3. Das Sondergut des Matthaeus. Folgende Erzählungs- und Redestücke bleiben nach Abzug von Mr und Q noch übrig: Mt 1—2 Vorgeschichte 12, 5 ff. 11 £. Sabbatsprüche 13, 24—30. 36—43 Gleichnis vom Unkraut im Acker 15, 47—50 Fischnetzgleichnis 13, 51 £. Schluls der Gleichnisrede 14, 23—31 Petrus auf dem Meer 15, 13 f. Die Pflanze, die Gott nicht gepflanzt hat 16, 17—19 Worte an Petrus 17, 24.—27 Von der Tempelsteuer 18, 10 Die Engel der Kleinen 18, 23—35 Gleichnis vom Schalksknecht 19, 10—12 Von den Verschnittenen 19,28 Vom Lohn der Zwölf 20, 1—16 Gleichnis von den Taglöhnern im Weinberg 21, 14—16 Blinde, Lahme und Kinder im Tempel 21, 28—32 Gleichnis von den zwei ungleichen Söhnen 25, 1—13 Gleichnis von den klugen und thörichten Jung- frauen 25, 31—46 Vom Weltgericht 26, 52f. Worte Jesu bei der Verhaftung 27, 3—10 Tod des Judas 27,19 Die Frau des Pilatus 27,24 f. Pilatus und das Volk 27, 51—53 Wunder bei Jesu Tod 27, 62—66. 28, 11—15 die Grabeswache 28, 2f. Der Engel, der den Stein wegwälzt 3. Das Sondergut des Matthaeus. | 189 28, 9f. Erscheinung Jesu vor den Frauen 28, 16—20 Der Auferstandene vor den Jüngern. Ganz wie bei Le verteilt sich das Sondergut des Mt über sein ganzes Evangelium von der Geburt bis zum Scheiden des Auf- erstandenen von der Erde. Wie dort liefsen sich auch hier zwei entgegengesetzte Hypo- thesen aufstellen: Alles Sondergut Erfindung des Mt; Alles Sonder- gut aus einer Quelle geschöpft, die beide gleich thöricht wären. Nur diejenige Untersuchung darf hoffen dem Thatbestand gerecht ‚zu werden, die möglichst sorgfältig individualisiert. 1) Amstärksten wird der Anteil des Evangelisten in der Leidensgeschichte und der Vorgeschichte Jesu sein. Natürlich hat ihm auch hier die Sage vorgearbeitet, und die Scheidung von Sage und Zuthat des Evangelisten ist selten mit Sicherheit möglich. Bei der Leidensgeschichte lag wohl eine Legende vom Tod des Judas (Blutacker) und von der Grabeswache schon vor, vielleicht auch schon von der Erscheinung Jesu vor den Frauen; ferner war die Tradition von der Erscheinung Jesu in Galiläa durch Mr ge- geben. In allem Anderen kann ich nur die Hand des Evangelisten sehen. Er hat den Tod des Judas nach der Sachariastelle aus- geführt, der Sage von der Grabeswache den bestimmenden Einflufs gegeben auf die Auferstehungsgeschichte und die Erscheinung in Galiläa zu dem grofsartigen Schlufs seines Werks gestaltet, aus dem das stolze Bewulstsein einer die Weltherrschaft erobernden Kirche spricht. Ihm gehört der Antijudaismus in der Pilatusscene an. Die einzige traditionelle Kunde, die Mt über Mr hinaus hat, ist der Name Kaiaphas. Feindschaft gegen die Juden, Wunder- sucht, Schriftgelehrsamkeit, Glaube an die Kirche sind die Motive, die von Mr 14—16 zu Mt 26— 23 weiterführen. Schwieriger dagegenistder Entscheid beider Vorgeschichte. Zunächst zeigt sie ja besser als sonst ein Stück des Evangeliums den gelehrten Charakter des Evangelisten, und insofern ist sie in der jetzigen Form ganz sein Werk. Das königliche Geschlechts- register mit seinen Typologien und Berechnungen als Messias- beweis, die Engelerscheinung an Joseph zum Zweck der Beseitigung böser jüdischer Gerüchte, die universalistisch gedachte Huldigung der Magier aus dem Heidenland, der Schriftbeweis für Bethlehem, Flucht nach Ägypten, Kindermord und Rückkehr nach Nazaret, lauter Erfüllungen messianischer Weissagungen mit der stereo- typen Formel va zAneodn To. 6nYev, und esistschonstarke Naivetät 190 | II. Das Matthaeusevangelium. nötig, um dies sicherste Eigentum des Mt auf eine alte Quelle, ein Kindheitsevangelium zurückzuführen. Nur ist damit nicht be- wiesen, dafs Mt der Erfinder aller dieser Stoffe ıst. De Messiasbeweis durch ein Geschlechtsregister ist Kehle älter als Mt, er stammt aus der Urgemeinde selbst. Nun hat man den alersprieh der auf Joseph keriherentdent Genealogie mit der folgenden vaterlosen Erzeugung Jesu längst bemerkt und neuer- dings im syrischen Sinaiticus ihn schroffer ausgedrückt gefunden. Dies gab Anlals zur Vermutung , erst unser Evangelist habe die a Geburt Jesu in die Vorgeschichte eingetragen. Das ist freilich vollständig verkehrt. Denn das Stück 1, 18—25 erzählt den Mythus nicht zum ersten Mal, sondern setzt ihn als allbekannt voraus und will ihn blofs verteidigen gegen schimpfliche Aus- streuungen der Juden, zu denen er Anlals gegeben hatte; daher ist Joseph, nicht Maria die Hauptperson. An dieser Thatsache schei- tern alle Quellenscheidungsversuche. Wir werden daher annehmen müssen, dals Mt und seinejV orgänger — ganz wie Le — in der recht- lichen Vaterschaft Josephs und der Erzeugung durch den heiligen Geist keinen sich aufhebenden Widerspruch gefunden haben, dals die Josephsgenealogie durch den Mythus nicht aufgehoben, son- dern bekräftigt werden soll. Verschiedenen Ursprungs sind beide Ideen ja allerdings, und es lälst sich fragen, ob der Mythus noch aus der Produktion der Urgemeinde begriffen werden könne. Aber Mt ist nicht der Schöpfer des Mythus, sondern sein erster Apologet, und ihm müssen Genealogie und Mythus schon vorgelegen haben. Im 2. Kap. ist Bethlehem als Geburtsort dem Mt schon durch die Legende gegeben; denn er zeigt nicht, wie Jesus nach Beth- lehem, sondern wie er von Bethlehem nach Nazaret kam. Hierzu dient die Verfolgung des Königs, welche die Eltern zur Flucht nach Ägypten treibt und ihnen auch nach dem Tod des Herodes Bethlehem verbietet. Ob diese Verknüpfung der beiden heiligen Orte erst das Werk des Evangelisten ist, oder ob ihm die Sage schon vorarbeitete, ist kaum auszumachen. Abzuweisen ist jeden- falls die Meinung, die Sagen seien erst gebildet aus Anlals der Sprüche im AT.; vielmehr müssen die Sagen vorhanden gewesen sein, ehe man auf den Gedanken kam, sie schriftgemäls zu belegen. Über ihren Ursprung läfst sich sehr viel vermuten, aber sehr wenig wissen; am wahrscheinlichsten ist wohl, dafs man aus der Kind- heitsgeschichte des Moses und anderer Heroen manches auf Jesu übertragen hat. Die Erscheinung des Sterns am Himmel hat in 3. Das Sondergut des Matthaeus. 191 der Sage nicht immer mit der Huldigung der Magier in Verbin- dung gestanden (Ignat. ad Ephes. 19). Für den Evangelisten hat die Huldigung der Heiden im Gegensatz zum jüdischen Tyrannen sicher symbolischen Sinn. In dieser antijüdischen Tendenz sowie in der Art des Weissagungsbeweises kann man ihn am sichersten erkennen. Unter den Erzählungen von der öffentlichen Wirksamkeit darf man das Wandeln des Petrus auf dem Meer (14, 25s—31) und die Episode von den Blinden, Lahmen und Kindern im Tempel (21, 14—16) ganz dem Evangelisten zuschreiben wegen der Durch- sichtigkeit und Dürftigkeit der Erfindung. Endlich ist für den Schlufs der Gleichnisrede 13,51f. kaum an Tradition zu denken, zumal da der Ausdruck: poauueredg uadnrevdels ri) Baoıkeia tov obo«v@v von Mt geprägt ist. Damit dürfte aber erschöpft sein, was vom Sondergut ganz dem Evangelisten gehört. 2) Die übrigen Stücke (meistens Sprüche) des Sonderguts sind aus Tradition und Legende von Mt aufgenommen mit allen denkbaren Graden der Bearbeitung, von völliger Treue bis zugänzlicher Umbildung. Wesentlich treu sind erhalten folgende Sprüche: 12,11 Sabbatspruch, vom Schaf, das in die Grube fällt. 18, 10 Die Engel der Kleinen. 19, ı1f. Von den Verschnittenen um des Himmelreichs willen. Ferner, in die Sprache des Mt übersetzt: 19,28 (vgl. Le 22,30) vom Lohn der Zwölf im Gottesreich. Sodann folgende Gleichnisse: 13,47f. vom Fischnetz, mit Deutung des Mt v 49f. 18,23—34 vom Schalksknecht, mit Anwendung des Mt v 35 und Stellung in einen fremden Zusammenhang. 20,1—15 Gleichnis von den Taglöhnern im Weinberg, mit falscher Deutung v 16. 21,28—31 von zwei ungleichen Söhnen, mit Deutung des Mt 31°—32. An diesen Gleichnissen hat Mt nichts geändert, als dals er ihnen eine meistens schiefe Deutung nachschickte, oder durch den Zusammenhang ihnen eine falsche Beziehung gab. Es ist ihnen also ähnlich ergangen wie den Legleichnissen. Auch zeigt sich Mt ähnlich wie Le als ein Mann, der frei nach Vermutung geschichtliche Zusammenhänge sucht. 7” Dagegen hat Mt stark eingegriffen in folgenden Redestücken: 192 II. Das Matthaeusevangelium. 13, 24—30.36—43. Das Gleichnis vom Unkraut im Acker ist in jetziger Form ganz sein Werk. Es mag ein ganz kurzer Kern zu Grunde liegen von der Grölse der Fischnetzparabel, mit der es ein Paar gebildet haben muls: das Kottesreich gleich einem Acker, in dem guter Same und Unkraut zusammen wachsen und gedeihen, bis die Ernte die Scheidung bringt. Mt, der überall Deutung hin- einträgt, führt den Samen auf den Menschensohn, das Unkraut auf den Teufel zurück, den „Bösen“ im Gleichnis. Da ihm das Samenkorngleichnis des Mr verwandt erschien, setzte er das Un- krautgleichnis an dessen Stelle und benützte das Schlafen bei Mr als Gelegenheit, da der Teufel das Unkraut säet. Vermutungen über ursprünglichen Antipaulinismus dieser Parabel sind ebenso geistreich wie überflüssig. 25,1—13. Das Gleichnis von den zehn Jungfrauen, das ur- sprünglich einfach die Wachsamkeit einschärfen sollte, ist von Mt im Sinn der spätern Zeit erzählt, da der Bräutigam Christus zö- gert, zu erscheinen. Davon wird die ganze Form bestimmt sein; auch der Schlufs blickt auf den kommenden Richter hin. Das Mafs der Bearbeitung ist aber schwer zu bestimmen. 25, 31—46. Der grolsartige Schluls der Parusierede ist gleich- falls in seiner jetzigen Gestalt das Werk des Mt. Ihm gehört ganz die Einleitung: die Schilderung des kommenden Weltrichters und der Versammlung aller Völker (Mt 28) vor seinem Thron. Das Kriterium aber, nach dem der Entscheid ergeht, hat Mt nicht er- funden. Hier spricht sich zunächst die apostolische Zeit aus, die in der Unterstützung und Pflege der Apostel und Propheten — das sind die Kleinsten — die Bedingung der christlichen Mission sah, daher an dies gute Werk die Seligkeit knüpfte, an seine Unterlassung die Verdammnis. Und hiefür konnte man sich auf Worte Jesu, wie Mt 10, 40ff., berufen: Wer euch aufnimmt, nimmt mich auf — Was ıhr einem der Kleinen thut, das thut ihr mır. Die jetzige Form des Gesprächs verrät schon sprachlich den Evan- gelisten. | Es bleiben übrig die Worte an Petrus (16, 17—19) und die Episode von der Tempelsteuer. Zum ersten vgl. oben p. 155f. Wir kennen das Alter unsres jetzigen Textes nicht sicher. Das Fehlen des Spruchs in dem Evangelium, das auf Petrus zurückgeht (Mr), spricht stark gegen die Echtheit. Wer weils, ob hier nicht zum ersten Malrömisches Selbstbewulstsein sich meldet? Das Gespräch über die Tempelsteuer scheint konzipiert in einer Zeit, da der 3. Das Sondergut des Matthaeus. 195 Tempel noch nicht zerstört war. Und doch macht es einen selt- samen legendarischen Eindruck vor allen andern Worten auf uns; auch die Akkommodation Jesu ist nicht im Sinn der alten Zeit. Und was will der Evangelist damit sagen? Doch läfst sich das Ganze wohl verschieden beurteilen. Kännten wir die Geschichte des Judenchristentums recht, erst dann wäre ein klares Urteil über beides möglich. Das ziemlich dürftige Resultat dieses Abschnittes lautet: Mt hat aufser Mr und der Spruchsammlung noch ‚ andere — schriftliche undmündliche— Quellen benützt, aus denen er einige wertvolle Sprüche und Gleichnisse — nicht Geschichten — mitteilt. Er wird auch diese in seine Sprache und seinen Geist umgebildet haben. Rekonstruieren läfst sich die verlorene Quelle nicht mehr. | Schlufs. Also setzt sich das Mtevangelium ganz ähnlich wie das des Le aus drei verschiedenen Quellenschichten zusammen. Die Grundlage des Ganzen bildetdasMrevangelium derart, dafs Mt als eine grolse Erweiterung und Bereicherung seines Entwurfs erscheint. In das- selbe hat Mt dieheden derSpruchsammlung eingefügt jewei- len da,wobeiMreine Anknüpfung sich fand, so dafs sie sich über die ganze Mrerzählung verteilen. Aufserdem hat er sein Sondergut gleichfalls über die ganze Mrerzählungausgebreitet; er entnahm ihm sodann denneuen Eingang V orgeschichte)undmancheZuthaten am Schlufs, so freilich, dafs er auch von sich aus manches hinzubildete. Von einer Tendenz, nach der die Quellen zusammengesetzt und bearbeitet sind, könnte bei Mt noch eher als bei Le geredet werden. Es wäre die Absicht, Jesus für die Christen aus dem Judentum als den Messias nach der Schrift zu er- weisen und den Anstols zu beseitigen, der für jene in Israels Stellung zu Jesus lag. Aber diese Tendenz tritt doch nur hie und da beherrschend auf; sie ist nicht im Stand, alles Einzelne der Be- arbeitung zu erklären. Für das Übrige treten folgende Haupt- merkmale hervor, an denen man den Evangelisten erkennt: 1) Sein schriftgelehrter, theologischer Charakter. Unter den drei Synoptikern ist Mt der Theologe z«r’ &&oyrjv, des Hebräischen mächtig, im AT und seiner Weissagung zu Hause wie kein Zweiter. Wo er kann, schlielst er sich sorgfältig an die Ordnung des hebräischen Kanons an. Seine grölste Freude ist, Wernle, Frage. 13 194 II. Das Matthaeusevangelium. die Erfüllung von alttestamentlichen Weissagungen im Leben Jesu nachzuweisen; wo sie nicht deutlich genug durchblicken, hilft er der Geschichte nach. Als Theolog will er mit allen Stücken seiner Geschichte beweisen. Was nicht zum Beweis dienlich ist, fällt weg. Daher die gewaltsame Kürzung der Wundergeschichten, die eben nicht zum Zweck des Messiasbeweises allein von der Über- lieferung geliebt worden waren. Daher die Auslassung aller un- reflektierten, anschaulichen Detailzüge. Als Theolog sucht Mt dogmatische Anstölse zu beseitigen. Der Weltrichter Christus er- fordert Entschuldigung, wenn er sich taufen läfst, und vor allem Til- gung des Worts, mit dem er sich am deutlichsten auf die Seite der Menschen stellt; er braucht sich nicht verhaften zu lassen, thut es blofs aus Ehrfurcht vor der Schrift. In den Wundergeschichten wird besonders alles Schwache und Unfertige an Jesus ausgelassen. Die theologische Reflexion nimmt bei Mt die Stelle ein, die bei . Mr und z. t. auch Le der Phantasie gehörte. 2) Sein universalistischer, antijüdischer Charakter. Obschon Mt, aus dem Judentum selbst hervorgegangen, das Jü- dische an Jesus nebst seiner Übertreibung durch die Urgemeinde am treuesten konserviert hat, ist er doch seinen jüdischen Zeit- genossen ganz entfremdet, spricht von den Juden nicht anders als . der dritte und vierte Evangelist. Zahlreich sind die antijüdischen Züge des Evangeliums: die Verfolgung des Kindes in Bethlehem, der Zusatz im Weinberggleichnis, das deutliche vatieinium ex eventu über die Zerstörung der Stadt der Mörder im Gastmahls- gleichnis, die Unschuldsbezeugung des Pılatus neben dem Ruf der Juden: sein Blut über uns und unsre Kinder! In der Geburts- wie in der Auferstehungsgeschichte bekämpft Mt verleumderische Gerüchte der Juden (Hurensohn, Leichnamsdiebstahl). Wie fern er äulserlich dem jüdischen Land steht, zeigt die falsche Notiz von der Wüste Juda. Dagegen sind den Heiden zugewandt gleich der Eingang: die Erzählung von den Magiern, und vor Allem der grols- artige Schluls: Geht hin in alle Welt und macht zu Jüngern alle Völker! Die heidenchristliche Kirche ist das neue Volk, dem Gott die Theokratie übertrug infolge des Unglaubens der Juden. 3) Sein kirchlicher Charakter. Mt allein läfst Jesus zweimal von der Kirche reden; das ist kein Zufall, es entspricht der Haltung seines Werks. Der Menschensohn hat auf der Erde sein Reich gegründet, das zwar noch nicht das vollendete Gottes- reich, aber dessen sichtbarer Anfang ist. Dies Reich Christi ist 1. Marcus und die Petrustradition. 195 die Kirche, ruhend auf Christus und dem Apostolat der Zwölf mit dem Primat des Petrus. Die Weltherrschaft, die der erhöhte Christus besitzt, ist eine Anwartschaft der Kirche. Für kirchliche Einrichtungen hat Mt grölseres Interesse als alle andern Evan- ‘gelisten; im Sinn der katholischen Tradition führt er alles Be- stehende auf Stiftungen Jesu zurück, so die Bulsdiseiplin (c 18) und die Taufe (ce 28). Zweifellos ist sein Werk nicht zum wenig- sten wegen dieses kirchlichen Charakters das führende Evange- lium geworden. Ob Mt älter oder jünger als Le ist, scheint mir nicht sicher entschieden werden zu können. Einzelne Beobachtungen beweisen gar nichts, da archaistische Züge in sehr jungen Schriften nichts Seltenes sind. Der Gesamteindruck führt, wie bei Le, auf den Ausgang des ersten Jahrhunderts. Ill. Das Marcusevangelium. Der Beweis der Priorität des Mrevangeliums ist durch die - bisherige Untersuchung erbracht. Sowohl Mt wie Le hat Mr als Quelle vorgelegen. Die Fragen, die jetzt noch übrig bleiben, sind anderer Natur als die früheren. Einmal handelt es sich um ‚Wert oder Unwert der Tradition von Mr, die uns durch Papias gegeben ist. Sodann wird zu fragen sein, ob Mr auch auf schriftlichen Quellen beruhe; hier kommt insbesondere sein. Verhältnis zur Spruchsammlung in Betracht. Endlich muls vom Text des Mr ge- handelt werden, ob die Unterscheidung eines Marcus und Ur- marcus nötig ist. 1. Mareus und die Petrustradition. Es wird geraten sein, wie bei Mt nicht sofort von der Tra- dition auszugehen, damit der Blick nicht durch dieselbe getrübt werde. Zu fragen ist zunächst, was sagt uns Mr durch sich selbst? A. Die Disposition. Unter allen Evangelien hat allein Mr eine klare verständliche ° Gliederung. 2, 1-13 Vorgeschichte: Jesus bei der Taufe zum Gottes- sohn berufen und versucht 1, 14 f. Auftreten und Botschaft 1, 16—39 Der erste Tag 1, 40 — 3, 6 Die ersten, sich steigernden Konflikte 3, 7—4, 34 Sammlung und Scheidung 13* 196 III. Das Marcusevangelium. 4, 35—6,6 Die Wunder, Glaube und Unglaube 6, 7—30 Die Mission 6, 31 —8, 26 Der allmähliche Rückzug 8, 27—9, 29 Die Enthüllung des Geheimnisses 9, 30—50 Ende in Galiläa; Jüngerreden 10, 1-45 Peräa; Ehescheidung, Kinder, Reichtum und Lohn 10, 46—12, 12 Einzug und Bruch 12, 13—44 Letzte Konflikte 13 Die Zukunft 14—15 Leidensgeschichte 16, 1-8 Auferstehung. An dieser Disposition verdienen drei Punkte eine besondere Hervorhebung. 1) Der allmähliche Fortschritt von der grolsen öffentlichen Volkspredigt zur Belehrung im kleinen Kreis, zur Unterweisung. Er bahnt sich sehr früh an in dem Abschnitt: Sammlung und Scheidung; hier tritt zuerst der Unter- schied von Volk und Jüngern scharf hervor. Im Abschnitt: der all- mähliche Rückzug, drängen sich noch grolse Volksmassen an Jesus heran, allein er sucht die Einsamkeit und sogar das fremde Land auf. Von Cäsarea Philippi an folgen fast nur Jüngerworte. Bei der Ehe- scheidungsfrage sind freilich die Pharisäer die Fragesteller, aber das entscheidende Wort wird im Jüngerkreis gefällt. Dann in Jerusalem bietet sich Jesus noch einmal der vollen Öffentlichkeit dar. Er hält eine Volksrede und die Neugier der Parteien bricht sich an ihm. Von e 13anlebt er nur noch im Jüngerkreis. Dieser Fort- schritt der Erzählung ist darum so wertvoll, weil er nicht sche- matisch ist. Im 4. Ev. sind c 1—12 nach aufsen ans Volk, el3f. nach innen an die Jünger gerichtet. Das ist Theorie. Wie anders das Mrevg! 2) Die klare Erinnerung an das Datum des spezifi- schenChristenglaubens. Die Person Jesu steht im Vordergrund der gesamten Erzählung längst vor Cäsarea Philippi. Dämonische haben sogleich bei seinem Auftreten das Göttliche in ihm gespürt. Allein weder verlangt Jesus im ersten Teil von irgend jemand ein Bekenntnis seiner Messianität, noch tritt ihm ein solches im engern Kreis entgegen. Die Enthüllung des Geheimnisses erfolgt erst in Cäsarea Philippi zugleich mit der Verkündigung seines Leidens. _ Vom selben Augenblick an wird die Forderung an die Jünger so bestimmt, dafs das Eintreten für Jesus im Mittelpunkt steht. Diese 1. Marcus und die Petrustradition. 197 grolse Zweiteilung der Geschichte Jesu kann nur aus guter Er- innerung geschöpft sein. Das um so mehr, als sie nirgends störend schematisiert. Auch von jetzt an „fordert“ Jesus nirgends wie bei Johannes zum Glauben auf. In Jerusalem wird zwischen ihm und den Parteien nicht um seine Messianität gestritten. Sie bleibt Ge- heimnis, in das nur die Jünger hineinsehen. 3) dr führende Steklung des Petrus (und der Zebe- daiden): Sie ergibt sich am besten aus folgender Übersicht: | Der erste Tag: Berufung Simons, seines Bruders Andreas und der Zebedaiden. Jesus heilt Simons Schwiegermutter. Simon und die mit ihm sind, suchen Jesus auf. Sammlung und Scheidung: Bei der Berufung der Zwölf legt Jesus dem Simon den Namen Petrus bei, den Zebedaiden den Namen Donnersöhne. Enthüllung des Geheimnisses: Petrus bekennt Jesus als Mes- sias. Bei der Verklärung ist er mit den Zebedaiden Augenzeuge. Peräa; Reichtum und Lohn: Petrus sagt zu Jesus: Sieh, wir haben Alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Dann folgt der Anspruch der Zebedaiden. Die Zukunft: Petrus, die Zebedaiden und Andreas erfahren allein die Weissagung. Leidensgeschichte: Petrus tritt am feurigsten für die Treue ein. In Gethsemane sind er und die Zebedaiden die in- timsten Jünger, aber den Simon trifft der Vorwurf: schläfst - du? Petrus allein folgt Jesus nach und verleugnet ıhn. Auferstehung: Dem Petrus wird ganz besonders die Erschei- nung Jesu versprochen. In der Tabelle sind nicht alle Stellen, wo Petrus besonders auftritt, hervorgehoben, da es nicht auf Be Menge der Stellen, an auf ihr Gewicht ankommt. An allen ur Babe von Anfang bis zu Ende der Erzählung ist er die führende Person im Jüngerkreis. Er ist der Erstberufene, der Erste im Apostel- katalog, den Jesus Fels benennt bei der Wahl, der Erste, der Jesus als Messias bekennt und seine Herrlichkeit schaut, trotz der Ver- leugnung derjenige Jünger, der am längsten ihm folgt, der Erste, der einer Erscheinung gewürdigt werden soll. Diese ungeheure Be- tonung des Vorrangs des Petrus ist jedoch das Gegenteil einer sa- genhaften Verherrlichung seiner Person auf Kosten der Anderen. 198 III..Das Marcusevangelium. Einmal stehen sofort neben ihm die Zebedaiden, denen Jesus kein geringeres: Vertrauen schenkt; in weiterer Ferne sein mit ihm be- rufener Bruder Andreas. Sodann ist Petrus mit seiner ganzen Schwachheit und Beschränktheit dargestellt: ihn trifft das Wort „Satan“ aus Jesu Munde, er verleugnet den Herrn trotz aller Treu- schwüre. Durch beides wird der Eindruck nur vergröfsert, dals eine geschichtliche, lebenswahre Person, kein Phantasiegebild, ge- zeichnet ist, und dafs diese Person nächst Jesus der Ausgangspunkt der Tradition des Mr ist. | Was Mt darüber hinaus hat, ist blofs geeignet, die Treue des Mr in besseres Licht zu stellen: die Legende vom Wandeln Jesu auf dem Meer, das in eine Legende ausmündende Gespräch Jesu mit Petrus über die Tempelsteuer, das hoch gegriffene, die ge- : schichtliche Erinnerung weit überfliegende Wort an Petrus als Fundament der Kirche Christi. Dafs Mr diese drei Stellen nicht hat, spricht jkaum weniger für den Wert der Petrustradition, als die von ihm überlieferten Züge. Wenn wir keine Papiasnachricht über den Ursprung des Mr hätten, wäre aus seiner Disposition zu schliefsen, dafs ein Augen- zeuge des Lebens Jesu, einer der Zwölf, am besten Petrus der Ge- währsmann des Evangelisten ist. | B. Die theologische Richtung. Seitdem das Vorurteil der Tübingerschule, die NTlichen Schriften seien alle aus dem Kampf und der Versöhnung zweier Parteien, des Judenchristentums und des Paulinismus, zu begrei- fen, ganz allgemein aufgegeben ist, hat die Frage nach der theo- logischen Richtung des Mr einen andern Sinn als früher. Es ist überhaupt nicht nötig, dals ein Evangelium eine Parteischrift sei. Einflüsse von Petrus oder von Jakobus oder von Paulus werden sich da und dort geltend machen mit verschiedener Stärke, oft sich durchkreuzend, ohne dafs deshalb das Evangelium eine Rich- tung zu vertreten braucht. Daneben ist mit der Möglichkeit zu rechnen, dafs ein Evangelist, als Mann der zweiten Generation, seine eigenen, von dem Gegensatz der frühern Richtungen weit abliegenden Gedanken verfolgt. So sind z. B. Mt und Le Männer, die in verschiedener. Weise dem ältesten Katholieismus zustreben;_ die alten Schlagworte sagen zu ihrer Charakteristik nichts. Von Marcus meldet die Tradition, dafs er abwechselnd der Genosse des Paulus und des Petrus gewesen sei. Wenn er also seine evangelische 1. Marcus und die Petrustradition. 199 Tradition dem Petrus als dem Augenzeugen verdankt, so sind allein dadurch Einflüsse des Paulus auf ihre Gestaltung nicht aus- geschlossen. Zunächst ergibt sich, dafs alles Judaistische dem Mreve. gründlich fremd ist. Nirgends wie bei Mt eine Proklamation der ewigen Gültigkeit des Gesetzes in seinen kleinsten Bestandteilen, oder ein Verbot der Heiden- und Samaritermission. Die Verkün- digung des Evangeliums an alle Völker (13, 10) und in alle Welt (14, 9) wird als klarer Wille Jesu vorausgesetzt. Der Tempel soll gänzlich zerstört werden; an seine Stelle tritt als neuer Tempel, nicht mit Händen gemacht, die christliche Gemeinde. Zur Strafe für die Ermordung des Gottessohns wird der Weinberg andern gegeben, nachdem die Mörder umgebracht sind. Ein kleines Zei- chen für die Abneigung des Verfassers gegen den Judaismus ist besonders beachtenswert: die Familie Jesu ist geradezu mit Mifs- gunst behandelt. Die „Seinen“ halten Jesu für verrückt (3, 21). Mutter und Brüder erhalten das harte Wort: Wer Gottes Willen thut, der ist mir !Bruder und Schwester und Mutter. Das letzte Wort Jesu über seine Familie steht 6, 4: Ein Prophet gilt nichts unter seinen Verwandten und in seinem Haus. Damit ist ander- seits zusammenzuhalten, dafs Mr auf davidischen Stammbaum Jesu — milde ausgedrückt — gar kein Gewicht legt (12,35—37). Daraus geht hervor, dafs der Evangelist zur Jakobuspartei gar keine Be- ziehung hat. Anderseits steht Mr dem geschichtlichen Paulinismus voll- ständig fern, und es ist unbegreiflich, wie diese Thatsache hat ver- kannt werden können. Es fehlt nichts weniger als alles Spezifische vom Paulinismus, wenn man nicht auf die Thorheit verfällt, den Glauben an das Evangelium vom Anbruch des Reichs (1, 15) für etwas Paulinisches zu halten. Die Christologie widerspricht der des Paulus fast in jedem Punkt: dort der G@ottessohn vom Himmel her, der sich für kurze Zeit herabläfst auf die Erde unter Verzicht auf seine göttliche Herrlichkeit — hier der Mensch Jesus von Nazaret in Galiläa, der zur Bulstaufe zum Jordan pilgert, wo ihn die Stimme zum Gottessohn deklariert und der Geist auf ihn her- absteigt, trotz seiner messianischen Würde ein Mensch, der nichts von himmlischer Praeexistenz weils, der sich dem guten @ott gegen- über auf die Seite der Menschen stellt. Für Paulus ist der Tod das eentrale, jaeine Werk Christi, fund zwar als Versöhnungstod der Sünden wegen. Bei Mr falst Jesus den Tod erst ins Auge von 200 III. Das Marcusevangelium. Öäsarea Philippi an, aber nicht als Sühne für die Sünden — diese zu vergeben stand längst vorher in seiner Macht — sondern als Ratschluls Gottes, dem er sich bis zu allerletzt nur schwer und fast widerwillig ergibt. Selbst das eine Wort vom Lösegeld für Viele kann am besten verstanden werden bei völligem Absehen von paulinischen Gedanken. Endlich, um nur noch eins zu nen- nen: der Weg zum Heil! Die paulinischen Hauptbegriffe Gnade, Glauben, Rechtfertigung fehlen nicht nur ganz und gar, sondern dürfen auch nicht ergänzt werden. Die Unmöglichkeit der Gresetz- erfüllung und die Rettung allein aus Gnaden ist ein dem Mr ganz fremder Gedanke. Auf die Frage nach dem Weg zum ewigen Leben gibt Jesus den Bescheid: Halte die Gebote, speziell den Dekalog, und zwar unter Voraussetzung ihrer Erfüllbarkeit. Dem Schriftgelehrten, der die zwei Liebesgebote über alle kultischen Vorschriften stellt — eben als den wahren Weg zum Leben — sagt Jesus: du bist nicht weit vom Gottesreich. Es ist nichts als Verirrung Paulinismus diesen einfachen Gedanken unterzu- schieben. Wenn Marcus zeitweilig ein Begleiter des Paulus ge- wesen ist, so hat er demselben bei der Verfassung seines Evan- geliums gar keinen Einfluls zugestanden. Noch heute gilt, dafs nur der den Mr ganz verstehen kann, der den Paulinismus bei sei- ner Lektüre vergilst. Ist nun aber Mr vom Paulinismus kaum weniger als vom Judaismus entfernt, so folgt daraus nicht, dafs er einen neutralen Charakter aufweise oder gar aus der Absicht, die Extreme zu ver- söhnen, entsprungen sei. Vielmehr ist das Mrevg die wertvollste Quelle für die „Theologie“ des Petrus. \ Was wir aulser Mr von Petrus Sicheres wissen, beschränkt sich auf die Mitteilungen des Paulus im Galaterbrief und auf all- gemeine Erwägungen. Aus Gal 2 gewinnen wir die Möglichkeit, den Standpunkt des Petrus von dem des Jakobus genau zu unter- scheiden. Petrus weils sich als Apostel der Beschneidung, der fest- hält an der Prärogative Israels, zugleich aber Freude hat an dem grolsen Erfolg des Paulus unter den Heiden. Der Glaube an Jesus als Messias, nicht die Scheu vor dem Gesetz, ist der Mittelpunkt seiner Frömmigkeit. Als er nach Antiochia kam, hat er sich aus den Reinigkeitsvorschriften nichts gemacht, sondern völlig ohne Bedenken mit geborenen Heiden als mit Glaubensbrüdern zusam- men gegessen. Allein seine Freiheit vom Gesetz war unmittel- barer, von Herzen kommender Art; sie ruhte nicht auf einem Bruch 1. Marcus und die Petrustradition, 201 mit dem Gesetz, auf der Erkenntnis der Abrogation desselben. Daher konnte ihn die Mahnung des Jakobus sofort einschüchtern und zum Rückfall in die Ängstlichkeit bewegen. Da er das Gesetz theoretisch stets als höchste Ordnung anerkannt hatte, kam er ‚praktisch stets nur stolsweise und im Einzelnen von ihm los. Und wie hoch er auch gemäls 1 Cor 11 und 15 von Christi Tod und Auferstehung dachte, in einen Gegensatz zum Gesetz wurde er durch seinen Glauben nie gebracht. All das begreift sich leichter, sobald wir erwägen, dafs Petrus — wie Jesus — Laie, und zwar nicht pharisäischer Laie gewesen ist. Als solcher konnte er Dinge zusammen denken, die dem Theo- logen Paulus als sich ausschlielsende Gegensätze erschienen sind. Als solcher hielt er sich auch im Gesetz an das ihm zusagende Schlichte, Moralische, als wäre es das Einzige, was Gott will. Daraus begreift sich eine weitgehende Freiheit und Ungebunden- heit neben gläubiger Achtung vor der Autorität des Gesetzes. Eben das nun zeigt uns das Mrevg. Es will vor Allem als die Schrift eines Laien verstanden werden, der sich im schärfsten Gegensatz nicht zu einer Partei — den Pharisäern —, sondern zum Stand der Theologen oder Pfarrer weils. Darum heilst es gleich bei der ersten Predigt Jesu: er lehrte wie ein Bevollmäch- tigter und nicht wie die Theologen, die ordnungsmälsig dazu be- rufen sind. Die ersten Gegner, die ihm auflauern, sind eben diese Theologen, die das Urteil fällen, er habe sich ein falsches Recht angemafst. Speziell werden dann unter ihnen die Schriftgelehrten aus den Pharisäern hervorgehoben, d. h. diejenigen Theologen, die durch ihre Parteirichtung am Verständnis Jesu noch mehr ge- hindert wurden. Allerdings kommen dann die Pharisäer selbst zur Feindschaft hinzu, zuerst beim Sabbatkonflikt, dann mit Schrift- gelehrten zusammen bei der Frage nach dem Händewaschen, wie- der allein bei der Zeichenforderung, der Ehescheidungsfrage und endlich mit Herodianern zusammen bei der Frage nach dem Recht der Steuer. Das sind die fünf einzigen Stellen, wo die Pharisäer bei Mr Jesus in den Weg getreten sind. Aber der Vorwurf, er treibe die Dämonen mit Beelzebul aus, wird ihm von den Rabbi- nen entgegengeschleudert, und sie, die Zunftleute, trifft das furcht- bare Wort von der Lästerung des Geistes. Das Wort in seiner ganzen Grölse wird erst deutlich durch den Gegensatz des Laien zu den Gelehrten, die ihn diskreditieren wollen. Wiederholt be- merkt man, wie „Dogmen“ der Rabbinen die Jünger oder Jesus 202 III. Das Marcusevangelium. selbst beunruhigt haben, bis der Meister durch eine überraschende Wendung aus der Verlegenheit hilft (9,11. 12, 35). Ungemein be- zeichnend, weil für die Pointe der Erzählung völlig belanglos, ist das kleine Bild 9, 14: als sie (vom Berg der Verklärung) zu den Jüngern kamen, sahen sie viel Volk rings um sie und Rabbinen, die mit ihnen zankten (ovv&nroövreg). Die Streitgespräche in Je- rusalem enden mit der Abfertigung der Rabbinen, als der Haupt- gegner Jesu:hüteteuch vor denRabbinen, dieda wollen in vornehmen Kleidern einhergehn, ..... ‚sie werden ein besonderes Gericht em- pfangen. Vor Allem aber entscheidet Eines: Die Rabbinen, nicht die Pharisäer, sind die Mörder Jesu. Weder in den Leidensver- kündigungen, noch in der ganzen Leidensgeschichte sind die Pha- risäer überhaupt erwähnt. Die Obrigkeit, die autoritativen Män- ner, deren wichtigstes Element die Theologen sind, sie haben Jesus zu Fall gebracht. Es besteht ein geschlossener Zusammenhang von jenem ersten Wort: nicht wie die habbinen — bis zum Todes- urteil, bei dem die Rabbinen Stimme haben. Der Gegensatz der Laien, die @ott inspiriert, und der Kirchenmänner, welche die In- spiration mit Verleumdung und Gewalt dämpfen wollen, ist der Herrschende im Mrevg. Das würde jedenfalls zur petrinischen Tradition ausgezeichnet passen. Darnach bestimmt sich die „Iheo- logie“, d. h. die Stellung zum Gesetz. Sowohl Jesus und die Jünger werden als freie, von keiner Ängstlichkeit berührte Männer geschildert, die gar nicht mit dem Gesetz brechen müssen, weil sie von Haus aus nur die Moral als Willen Gottes erkennen und zum Ceremoniellen, zum Heiligkeits- pietismus in gar kemem Verhältnis stehen. Sie verkehren mit Zöllnern und Sündern als mit ihresgleichen; erst der Tadel der Gegner macht sie darauf aufmerksam, dals man hier ein Unrecht sehen könnte. Sie fasten nicht, weil sie fröhlich sind, und das sind sie auch deshalb, weil der sektenhafte Geist der Pharisäer und Johannesjünger sie gar nicht ansteckte. Von ängstlicher Sabbatsheiligung weils man im: Jüngerkreis nichts; wieder erst Pharisäer tragen die Begriffe erlaubt und verboten in diese un- schuldigen Gemüter. Die vielen Reinheitsvorschriften haben sie wohl kaum gekannt, sie essen als natürliche Menschen ohne vor- herige Öeremonien; dafs das Sünde sei, erfährt man erst aus Phari- säermund. Die Rechtfertigung, die Jesus gibt, ist ganz die des Laien: die verständliche Forderung allein ist ihm Gotteswille, die unverständliche Menschengebot. Er hat nie studiert, um das zu 1. Marcus und die Petrustradition. 203 wissen; er kann sich nicht denken, dals es anders ist. Das heilige Gesetz soll dadurch nicht im Geringsten angetastet werden. Der Dekalog, die Liebesgebote, das bleibt Gottes Heilsordnung für alle Zeit. Man ist ganz und gar positiv, steht auf biblischem Bo- den; nur das Künstliche, Unverständliche, Raffinierte weist man ab. Ich glaube, so und nicht anders haben wir uns die Stellung des Petrus zu diesen Fragen zu denken. Er hat nie mit dem Ge- setz gebrochen, hat auch nie theoretisch eine Unterscheidung im Gesetz erdacht. Aber der galiläische Kreis, aus dem er wie sein Meister stammt, ist von der pharisäischen Bewegung noch nicht erfalst gewesen, und in der Schule Jesu hat er gelernt, sein gutes freies Gewissen gegen alle künstlichen Zumutungen rein zu be- halten. Der Mann, der im Evangelium mit Zöllnern zusammen ilst, und zwar ohne vorhergehendes Waschen der Hände, ist derselbe Mann, der nachher mit den Heidenchristen in Antiochia unbedenk- lich Tischgemeinschaft hält. Zuerst kommen freilich die Juden; sie allein haben Anspruch auf den Messias, die Heiden haben kei- nen. Allein die Thatsache der Verstockung der Juden, ja der Er- mordung des Messias durch sie, liels einen engen Partikularismus in seiner Seele gar nicht aufkommen. Das Evangelium gehört in alle Welt. Freilich so wie er damals vor Jakobus zurückwich, so wäre er früher öfters vor den Vorwürfen der Pharisäer zurück- gewichen, hätte ihm nicht ein schlichtes Wort Jesu Mut einge- flöfst. Er ist kein Mann, der Konsequenzen zieht, sich selbst Rechenschaft gibt über sein Verhalten. Er handelt unter dem Im- puls des Augenblicks, ohne theoretische Überlegung, so, wie ihm seine Natur den Weg weist. Aber der Galaterbrief und Mr stim- men zusammen in dem, was sie uns über die Stellung des Petrus erkennen lassen: bei prinzipieller Gebundenheit in der Praxis die grölste ungenierte Freiheit. Verfehlt wäre es, nun deshalb alle Anschauungen des Mrevos für Petrus in Anspruch zu nehmen und auf ihn zurückzuführen. Zunächst redet doch immer der Evangelist selbst. Aber kein Zug in seinem Werk scheint mir gegen den herrschenden Einfluls des Petrus zu sprechen. Die starke Betonung der Eschatologie und zwar einer sehr realistischen, die Freude an den Wundern fast mehr als an den Worten, die Zurückführung der Kraft Jesu auf den Geist Gottes, das fast gänzliche Zurücktreten des Sünden- und Sühnebegriffs, die vollständig untheologische Haltung (vgl. das dei beim Tod Jesu) scheinen mir lauter Argumente für den Petri- 204 III. Das Marcusevangelium. nismus des Mrevgs. Mr selbst richtet sich an Heidenchristen, um diesen den @ottessohn vorzuführen in seiner ganzen Herrlichkeit (vgl. hiezu besonders 15,39). Diese Absicht mag freilich Auswahl und Darstellung stark bedingt haben. Aber die Tradition selbst, die er ja nicht geschaffen hat, muls, falls nach ihrer Richtung ge- fragt wird, als petrinisch bezeichnet werden. C. Darstellungsart und Glaubwürdigkeit. Unter allen Evangelien ist Mr das einzige, das mit vollstän- diger Anschaulichkeit erzählt, das immer klare Situationen schil- dert und eine ungeheure Menge von Detailzügen bringt, die gar nichts beweisen und beabsichtigen, sondern aus Freude am Ge- schehen mitgeteilt sind. Jeder Vergleich mit den Parallelen stellt seine Frische und Lebendigkeit in neues Licht. Der erste Tag ist mit unnachahmlicher Anschaulichkeit geschildert; schon die vielen ebYVg bringen das Aufregende, Elektrisierende in Jesu Auftreten . zur Geltung; Bild reiht sich an Bild: Petrus und Andreas, die fischen, die Zebedaiden, die Netze ficken zusammen mit ihrem Vater, der Besessene in der Synagoge, wie er zerrissen wird und schr ei, und der Eindruck auf die Menge, die Schwiegermutter des Simon Behr zu Bett, wie ihr Jesus die Hand reicht und sie aufrichtet, die ganze Stadt am Abend, da der Sabbat zu Ende ist, mit allen Kranken vor der Thür versammelt, endlich Jesu Flucht am frühen Morgen in die Einsamkeit, bis Simon und die Seinen ihn erhaschen. Ein Augenzeuge hätte das schriftlich nicht anders schildern können; es kommt dazu das semitische Sprachkolorit, die Schlichtheit 1 Satzverbindung, die mit völliger Gleichgültig-. keit gegen die Form blols am Geschehen sich freut. Wie dürftig, re und verzerrt nehmen sich daneben die Parallelberichte aus in Mt und Le! So geht es durch das ganze Evangelium. In der Regel sind es die en welche die andern Evangelisten auslassen, an denen man den ersten frischen Erzähler erkennt. Er erzählt, so wie er es vom Augenzeugen gehört hat, mit ungeheurer Bee Aufwand aller Phantasie, sich in J esu Seele, wie in die Herzen der Zsahörer versetzend, stürmisch, temperamentvoll, ohne Ermüdung. Häufig vergilst er eine kleine Notiz, dann trägt er sie nach; das sind die Stellen, die zu den Vorwegnahmen der Parallelen Anlafs gegeben haben. Doch sind hier weitere Ausführungen überflüssig, da das Unreflektierte, Impulsive, Wuchtige und Derbe dieses 1. Marcus und die Petrustradition. 205 Erzählers sich durch Worte nicht beschreiben lälst. Wenn je eine Darstellung den Eindruck erweckt, auf die Erzählung eines Augen- zeugen zurückzugehen, so ist es die des Mr. Der kleine Zug von dem Jüngling im Gefolge Jesu, der nackt 'entfloh in Gethsemane, da man ihn an seinem Hemd gepackt hatte, hat von jeher Anlals zur Vermutung gegeben, hier erzähle Mr von sich selbst. Es ıst das Wahrscheinlichste, was sich vermuten lälst, obschon freilich zum Beweis unkräftig. Die Parallelen haben beide diesen Zug ausgelassen, da er blols für den Wert hatte, der dabei gewesen war. Aber die Wunder? Kann ein Evangelium, das vom ersten bis letzten Tag so viel Wunder Jesu berichtet, auf den Erzäh- lungen eines Augenzeugen, des Petrus, beruhn ? Zunächst zwei Vorerwägungen: Es handelt sich um die Frage, was erzählt und geglaubt wurde, nicht was geschah. Diese zwei Fragen, so nah sie sich stehn, sind nicht zu vereinerleien. Sodann sind der Evangelist und sein Gewährsmann auch nicht identisch; es ist stets ein ziemlicher Weg von den mündlichen Vorträgen des Petrus bis zu der schriftlichen Aufzeichnung seines Begleiters nach seinem Tod. An diese zwei Vorerwägungen muls man sich bei der Einzeluntersuchung stets erinnern. Heutzutage darf gesagt werden, dafs Vieles, was sich früher für historische Kritik ausgab, aus dogmatischer Beschränktheit und Voreingenommenheit hervorging. Einerlei, wie jeder das Wunder sich deuten und zurechtlegen mag, soviel steht fest, dals die Geschichte Jesu von Wundern voll war, dafs bei dieser Person und:in dieser Zeit die Grenzen des Möglichen, Wirklichen unend- lich weiter waren, als ein spielsbürgerlicher Verstand sie zu ziehen beliebt. Drei grofse Stellen der Spruchsammlung (Mt 11,5. 11,21f. 12,28) halten die Erinnerung fest, wie Jesus in eignen Worten seine Wunder hochgeschätzt hat. Damit sind ‚selbstver- ständlich nicht alle Wunder des Mr gedeckt; es ist vielmehr der feste Grund aufgezeigt, auf dem die Legende sich weiter bilden konnte. Aber darüber, wo die Wirklichkeit aufhört und die Le- gende beginnt oder weiterspinnt, darf nicht mit Machtsprüchen geurteilt werden; das gehört unsrer Vermutung an, die um so mehr Glauben verdient, je vorsichtiger sie auftritt. Auf reiner Erfin- dung — soviel darf behauptet werden — dürften sehr wenige Wundergeschichten beruhn. Selbst nicht die Speisungsgeschichte ‚oder die Stillung des Seesturms oder die Heilung der Tochter der 206 III. Das Marcusevangelium. Kanaanitin. Eine mächtig erregte Phantasie und ein zu Über- treibungen aufgelegtes Gedächtnis können da und dort aus einer kleinen Thatsache ein grofses Gedicht gebildet haben; daneben ist aber stets mit der Wirklichkeit des Abnormen, Irrationalen zu rechnen, das unsre dürftige Kenntnis der Gesetze nicht aus der Welt schaffen kann. Auf die gestellte Frage: läfst sich Tradition eines Augen- zeugen vereinen mit der Wunderbarkeit der Mrgeschichten? darf — mit der nötigen Zurückhaltung — ein Ja geantwortet werden. Es ist ja auch gar nicht behauptet, dafs Mr alle Nachrichten von Petrus hat. Ganz mit Sicherheit gilt dies nur von den Erzäh- lungen, wo Petrus besonders erwähnt ist; wenig Wunder gehören dazu, vor Allem die Verklärung, die aber auch durch keine Kunst aus der Geschichte Jesu wegzudeuten ist. Andere ähnliche Er- zählungen mag Mr von da und dort gehört und gesammelt haben. Nur soviel scheint mir sicher: in der Menge und Art der Wunder bei Mr liegt kein Argument gegen petrinische Tradition. D. Die Papiasnachricht. Blofs aus dem Evangelium liefse sich über den Verfasser und den Ursprung seiner Tradition manches Wertvolle, aber nichts ganz Bestimmtes erschliefsen. Ein altes Evangelium, das der ge- schichtlichen Wirklichkeit am nächsten steht, hervorgegangen aus Laienkreisen, mit besonderer Bevorzugung des Petrus und der Jıebedaiden, also vielleicht von einem Mann, der persönlich dem Petrus nahe stand, das ungefähr liefse sich vermuten aus den vor- angehenden Untersuchungen. Dem kommt nun die Tradition zu Hilfe, wieder Papias bei Euseb. h. ec. Il 39. Die Einleitung: zei todro 6 moEoßvreoog Eieye führt die Kunde auf das Zeugnis des Presbyters Johannes zurück, den Papias noch persönlich ge- kannt hat. | Mdoxosg usv. Egunvsurıg Iletoov yevdusvog, 806 Euvnuovev- 0EV, daoıBog Eygaıdev, 06 uEevroL Ta&Eı, TR UNO Tod XoL0T0d 1) Acy- HEvra 1) noaydevra. Ovre yao NxovoE TOO KVOLOV, OVTE TAONKO- AovdnGEv «üro, VOTEgoV de, wg Epnv, IlETo@, Os Xo0g Tag Yoslag EroLsito Tog ÖLdaoxudlag, CAR 004 B0rE0 OVvrafıv TÜV KVoL«H&Vv roLoduEvog Adywv, HoTE.00Ö8v junore Mdoxog oVTwg Evır yod- bus wg ansuvnudvevoev. "Evog yao ErOoLIOKTo TEHVOL«V, TOD UN- Ö2v DV Inovos raoaAıreiv 1 bevoaodal Tı Ev abroic. Der Sinn der Stelle ist nicht mehrdeutig wie die Notiz über 1. Marcus und die Potrustradition. | 207 Mt. Unser zweites Evangelium wird auf Marcus zurückgeführt, einen Mann, der nicht Augenzeuge Jesu, sondern Begleiter und Dolmetscher des Petrus war und aus der Erinnerung an die Lehr- vorträge des Petrus die Thaten und Worte Jesu niederschrieb, Allein der Presbyter gibt mehr als eine Nachricht über den Ver- fasser; die Kritik desselben ist ihm die Hauptsache. Es wird der Tadel ausgesprochen, Mr habe nicht der rechten Reihenfolge nach erzählt. Freilich folgt sogleich die Entschuldigung: als Nicht- Augenzeuge konnte er es nicht besser, und er hat immerhin sein . Bestes gethan. Allein der Tadel bleibt: es ist ein unvollkommenes Evangelium. Wert oder Unwert dieser Kritik hängt ab von der Frage nach dem Standort und Wissen des Mannes, der sie ausspricht. Womit vergleicht der Presbyter Johannes die Ordnung der Mr- erzählung? Die gewöhnliche Antwort heilst: mit der des Mt. Allein die Unterschiede der Reihenfolge bei Mr und Mt sind äulserst gering. Sie erstrecken sich über wenige Kapitel. Und dafs in diesen Mt die bessere Ordnung befolgt, wäre eine durchaus un- wahre Behauptung. Es ist zu beachten, dafs der Presbyter Jo- hannes das Urteil fällt.. Das ist der Mann, der sonst — mit Recht oder Unrecht — im Zusammenhang mit der johanneischen Litte- ratur genannt wird. Es liegt daher am nächsten, das 4. Evange- lium zum Vergleich mit Mr heranzuziehn. Sofort erhellt der grolse Unterschied der Reihenfolge. Z. B. steht die Tempelreinigung bei Joh am Anfang (c 2), bei Mr am Schlulfs (ce 11) des Lebens Jesu. Bei Mr tritt Jesus auf nach der Verhaftung des Täufers, bei Joh zur Zeit, da der Täufer noch nicht verhaftet ist. An I Anord- nung des Joh gemessen, erweist sich diejenige des Mr als eine sehr unvollkommene. Also erfahren wir aus der Notiz des Papias, dafs man in johanneischen Kreisen den Unterschied zwischen Mr und Joh wohl bemerkt und zu Gunsten der johanneischen Tradi- tion erklärt hatte. Ob mit Recht, das ist freilich die grolse Frage. Die Erkenntnis, dafs Mr in der Papiasnachricht vom johanneischen Standort aus beurteilt wird, ist nicht geeignet, seinen geschicht- lichen Wert zu verkleinern. Aber gleichviel wer Recht hat, Mr oder Joh, die Nachricht selbst — abgesehn von der Kritik — verdient volle Glaubwürdig- keit. Das Zeugnis des Evangeliums und die alte Tradition aus Jüngerkreisen stimmen völlig zusammen. Petrus die Autorität, von der der Evangelist alles Wertvolle geschöpft hat, er selbst 208 II. Das Marcusevangelium. # kein direkter Augenzeuge, aber einer der ersten Christen aus Je- rusalem, das pafst zu Allem, was bisher vermutet wurde. Beim letzten Mahl, in Gethsemane kann der Evangelist trotzdem dabei gewesen sein; das schliefsen die Worte des Papias nicht aus. Von einem absoluten Beweis kann wegen des völligen Schweigens des Autors nicht geredet werden. Aber die Angabe der Tradition be- steht zu Recht, so lang kein Argument aus dem Evangelium ihr widerstreitet. Mr ist das eigentlich petrinische Evan- gelium. 2. Die Quellenfrage. Wenn die Tradition Recht hat, dals Mr der Begleiter des Pe- trus war und durch diesen Jesus kennen lernte, so ist allein da- durch die Möglichkeit auch schriftlicher Quellenbenutzung nicht ausgeschlossen. Denn es ist nicht bewiesen, dals Mr die erste schriftliche Aufzeichnung von Jesus verfalst hat. Zunächst ist seine Abhängigkeit von Mt ganz ausgeschlossen durch die früheren Untersuchungen. Zugegeben, dafs Mt zwei- oder dreimal einen ältern Text aufweist, die Vergleichung der ganzen Erzählung beweist, dafs Mt sprachlich und sachlich eine Bearbeitung der Mrgeschichte ist mit Ergänzung der Reden. Un- ser kanonischer Mt mit seinen dogmatischen Korrekturen, seinem schroffen Antijudaismus, seiner Polemik gegen falsche christliche Propheten, den zahlreichen Legenden, der mythischen Geburts- geschichte erweist sich Mr gegenüber als sekundär für jeden, der auch nur einen Rest historischen Sinnes sich bewahrt hat. Einen Urmt aber hat es nie gegeben; das grolse wertvolle Gut, das Mt über Mr hinaus hat, die Reden, haben, wie Le stets am besten zeigt, ursprünglich als eine besondere Aufzeichnung existiert und sind erst von Mt mit den Mrgeschichten verschmolzen worden. Nach Zahn ist Mt sprachlich von Mr abhängig; dann kann er aber nicht sachlich seine Quelle sein, da die Tradition vom hebräischen Mt sich nicht bestätigt. | Um so ernstlicher kommt dagegen das Verhältnis des Mr zur Spruchsammlung in Frage. Hat Mr sie gekannt? und hat er sie benützt? Marcus und die Spruchsammlung. Folgende Herrenworte sind Mr und Q sicher gemeinsam: Beelzebulworte: Mr 3 = Le 11. Mt 12 Senfkorngleichnis: Mr 4 = Le 13. Mt 15 Spruch vom Leuchter: Mr 4 —= Le 11. Mt 5 2 4 Le VE N 2. Die Quellenfrage. 209 Verborgen und offenbar: Mr 4 = Le 12. Mt 10 Mit welchem Malfs ihr mefst: Mr 4 = Le 6. Mt 7 Wer hat, dem wird gegeben: Mr 4 = Le 19. Mt 25 Missionsrede: Mr 6 = Le 10. Mt 10 Zeichenforderung: Mr 8 = Le 11. Mt 12 Bekenntnisworte: Mr 8 = Le 17,33. Mt 10,39 14, 27 10, 38 12,8L,-.10, 32%. Von A Hahzn Jesu.und eines Ben Sen) Mr 9:16, 10,.Mt:10 Be gernis von Fuls und Auge: Mr 9 = Mt5 Verbot der Ehescheidung: Mr 10 = Mt5. Le 16 Erste und Letzte: Mr1O—= Le 13 Vom Glauben: Mr 11 = Le 17. Mt 17 Vom Bittgebet: Mril1i—=Lell=Mt7 Warnung vor den Schriftgelehrten: Mr 12 = Le 11. Mt 23 Zwietracht im Hause: Mr 15 = Le 12. Mt 10 Sieh hier, sieh dort: Mr 13 —= Le 17. Mt 24 Ermahnung zur Wachsamkeit: Mr 13 = Le 12. Mt 24. Nicht ganz gesichert scheint mir der Spruch vom Salz Mr 9 —= Le 14. Mt5, da Le 14 in der Form stark von Mr abhängig ist, und Mt wie Le den Spruch nur einmal bringen. Dagegen sind der Liste wohl hinzuzufügen der Spruch des Täufers: Mr 1. Le 3. Mt 3, da er bei Mt und Le eingerahmt ist von Worten aus der Sammlung und bei beiden durch das x«! zxvoi vermehrt ist. Ferner die Notiz über die Versuchung Jesu Mr 1= Le 4. Mt4. Damit ist aber der sichere 'Thatbestand er schöpft. Die Ver- ‚gleichung von Mr und hat sich auf dies Sichere zu beschränken, falls sie nicht den Boden unter den Fülsen verlieren will. Wie ist nun dies gemeinsame Gut zu erklären? Zwei Möglichkeiten bieten sich dar: 1) Abhängigkeit des Mr von Q. 2) Gemeinsamer Ursprung aus der mündlichen Tr adition. 1) Die erste Hypothese behauptet, dafs Mr die Spruchsamm- : Jung gekannt und aus ihr die mit ihr gemeinsamen Sprüche ge- ‚schöpft habe. Gegen diese Hypothese Spricht ein allgemeines Bedenken: ‘die Doubletten haben oben p. 111f. als Hauptargument für die 'Zweiquellenhypothese gedient. Weil Mt und Le Herrenworte in Wernle, Frage. 14 210 II. Das Marcusevangelium. zwei verschiedenen Quellen fanden, daher ihre Wiederholung. Nun sollen die nämlichen Doubletten ein Argument für die eine Quelle Q bieten, aus der Mr geschöpft habe. Das ist doch eine wunderbare Leistungsfähigkeit! Es ist ein seltsames Verfahren, mit demselben Argument sowohl die Doppelheit der Überlieferung wie ihre Einheit beweisen zu wollen. Dadurch wird ganz unver- ständlich, warum denn die jüngern Evangelisten Le und Mt sich nicht einfach an Q anschlossen, aus dem doch Mr alle Sprüche hat. Das ist die Hypothese eines Epigonen, der die Balken des Ge- bäudes, auf dem er sitzt, meint abbrechen zu können, um damit in der Luft einen Neubau zu beginnen. Es gäbe einen einzigen stringenten Beweis für die Abhängig- keit des Mr von Q, nämlich den sprachlichen. Was nach die- ser Seite gebracht worden ist, steht zwar ganz auf der Höhe ähnlicher Abhängiskeitsbeweise im NT, ist aber auch so wertlos und nichtssagend wie sie. Es ist doch einfach eine Verirrung, wenn gemeinsame Worte wie &yysdoı Ev Tolg 0bo«- volg, mETEeivd TOD 00EKVOÖ, IORVEOg EV 000«VO, A0AXOG Glvd- EWG, OLROÖEONITNS, OUoLodV, raoaßoAn, nvsduu KAAIagToV, dunv Aeyo dulv, Goßeorog, Elogoyeodu eig nv PaoıAsiav Tod VEoV, orAayyvißeodeaı als beweiskräftig für die Abhängigkeit eines Au- tors vom andern citiert werden. Die sprachlichen Berührungen des Mr mit Q sind ganz und gar nichts beweisend. Ganz entscheidend aber ist folgende Erwägung: Nur unter zwei Voraussetzungen hat diese Quellenhypothese überhaupt Sinn: 1) die petrinische Tradition ist falsch; denn wenn Mr alle genannten Herrenworte nicht von Petrus, sondern aus einer Schrift geschöpft hat, wozu soll ihm dann Petrus noch gedient haben? 2) der Autor von Q ist zugleich der Erfinder der Sprüche; denn die Behauptung, Mr muls alle diese Worte schriftlich ge- kannt haben, hebt die mündliche Tradition auf, d. h. diese Hypo- these führt, konsequent ausgedacht, ad absurdum. In der That heilst den Beweis für die Abhängigkeit des Mr von @Q antreten nichts anderes als die Leugnung, dals Mr von Pe- trus seine Kenntnis hat, und dals alle jene Sprüche in der Gemeinde auch von Mund zu Mund liefen. Was wir aus der Vergleichung des Mr mit Q lernen können, ist, wie verschieden die Gemeinde ein Wort Jesu verstanden und angewandt hat. Z. B. die Sprüche Mr 4, 21—25 waren wohlbekannte Herrenworte mit im Ganzen fest geprägter Form; allein ihre Anwendung war dem Einzelnen frei 2. Die Quellenfrage. 211 gegeben. Den Spruch, wer da hat, dem wird gegeben, deutet Mr auf das Verständnis der Geheimnisse, die in den Gleichnissen ver- borgen sind, Q auf die Verteilung des Lohns am Gerichtstag. Dem Wort: wer Euch aufnimmt, nimmt mich auf; wer mich aufnimmt, ‚nimmt den auf, der mich gesandt hat, gibt Mr eine Beziehung auf den Wert der Kılsdar vor Gott, yährend Q ihn richtiger NR: die Missionare deutet. Der enrocht vom Ärgernis von Fufs und Auge steht der Form nach völlig fest; aber wie schwankt seine Deitäng: - bei Q fort mit der edankenserndei bei Mr fort mit dem Gemeinde- glied, das Ärgernis bringt! Die Annahme schriftlicher Quellen- benutzung hilft hier gar nichts; fest steht nur, dafs dasselbe in der Tradition kursierende Herrenwort bald so, bald anders gedeutet wurde. Von dem Verbot der Ehescheidung hat Mr noch den ge- schichtlichen Anlafs sa während Q es einfach seinem Kate- chismus einfügte. Also beweisen läfst sich die Benutzung von Q dureh Mr gar nicht, und die zweite Hypothese: Mr und Q schöpfen zusammen aus mündlicher Tradition, hat die viel gröfsere Wahrscheinlichkeit. Anders dagegen verhält sich’s mit der Frage, ob Mr die Spruch- sammlung überhaupt gekannt habe. Das Mrevg begreift sich besser, wenn zu seiner Zeit eine schriftliche Aufzeichnung der wichtigsten Herrenworte schon existiert hat und Ansehen besafs in der Gemeinde. Was Mr von Herrenworten mitteilt, ist so dürftig, dafs ihm die Absicht nicht zugetraut werden darf, er wolle eine erschöpfende Belehrung von Jesus geben. Die Behauptung, als Pauliner habe er die Gerechtig- keitsrede ausgelassen, um sie für die Christen damit zu unter- drücken, erregt blofs Heiterkeit; sie ist zu amüsant, um anders denn als schlechter Witz beurteilt zu werden. Die wichtigen Herrenworte hat damals jeder Christ beim Eintritt in die Gemeinde auswendig gelernt. Was Mr allein beabsichtigte, war ein kurzes Lebensbild Jesu zum Erweis seiner Gottessohnschaft. Was er von bekannten Herrenworten in dasselbe aufnahm, gab er durchweg im Erzählungsstil, nicht als Rede. So will z. B. sein Gleichnis- kapitel erzählen, wie sich bei Jesu Predigt Volk und Jünger schie- den, seine Aussendungsepisode erzählen, wie Jesus einst seine Jünger ausgesandt hat. Dabei bestimmt sich natürlich die Aus- wahl der Worte stark nach dem heidenchristlichen Leserkreis. Die Johannesrede z. B. hätte dort wenig Interesse gefunden. Mit Ausnahme von der Parusierede herrscht bei Mr die Anekdote vor. 14* 212 III. . Das Marcusevangelium. Der geschichtliche Anlals, die Fragesteller, der Eindruck der Are ist's, was ihn In da der Spruch selbst in der Regel schon Ahne ihn bekannt war. ‚Ganz sicher ist freilich. nicht einmal die Ken der Spruch- sammlung zu beweisen. Sie ist wahrscheinlich, nicht wegen der gemeinsamen Worte, sondern weil Q et älter als Mr ist. Das Mrevg begreiftsich leichter aus der Bekanntschaft mit Q,aber nicht aus dessen Benutzung. Die grofse Mehrzahl seiner Herrenworte hat Mr aus der Pre- digt des Petrus geschöpft, da gerade in ihnen sich der petrinische Charakter ausspricht. Dagegen führt zur Annahme einer schrift- lichen Quelle N | Die eschatologische Rede & 13. | Sie beginnt mit der Weissagung der Zerstörung des Tempels 13, ıf. Petrus, 'Andreas und die Zebedaiden fragen Jesus im Ge- ae auf dan Ölberg nach dem Wann dieser Weissagung. Als Antwort folgt eine kleine Apokalypse 13, 5—27, in die zweimal (9’—13. 21—23) Mahnworte an die Be An elee sind, dann folgt das Gleichnis vom Feigenbaume (28 f.), die Verkündigung der Nähe der Katastrophe unter Abweisung eines festen Termins und endlich die Ermahnung zum Wachen 33—37. Das Ganze bildet äufserlich eine Einheit; die einzelnen Stücke sind jedoch nicht ur- sprünglich auf ek angelegt. Zunächst ist auffallend der Kontrast zwischen der klaren Weissagung des Eingangs: Kein Stein soll auf dem andern bleiben im Tempel, und dem Mittelstück der Apokalypse, das von der Zer- ‚störung des Tempels völlig schweigt. Hätten wir blofs die Apo- . kalypse, so würden wir von bevorstehender Entweihung und Ver- wüstung der heiligen Stätte lesen, auf die nach kürzester Frist die Befreiung und Reinigung folgen soll.- Ein apokalyptisches Ge- heimnis, Gräuel der Verwüstung nach Daniel genannt, aber als eine Person behandelt (&ornx6re) wird stehen, wo sich’s nieht zıemte. Damit zugleich wird kommen eine schreckliche Drangsal über die Auserwählten, wie sie die Welt nie erlebt hat. Das läfst sich wohl ib deuten auf die Not des jüdischen Kriegs und auf die Zerstörung des Tempels durch die Römer. Ursprüng- lich muls etwas ei gemeint sein. Mit Recht hat Bousset aus dem Eorn#dre auf eine Antichristerwartung geschlossen; der Anti- christ, gleichviel ob ein römischer Cäsar mit seiner Statue oder eine satanische Gestalt, wird im Tempel thronen an Gottes Statt 2. Die Quellenfrage. nat — bis der Messias kommt und ihn vernichtet. Es scheint also diese Apokalypse nicht die Zerstörung des Tempels, sondern seine schliefsliche Erhaltung vorauszusehen. Andererseits ist das: wer es liest, der merke darauf (13, 14)! ‚längst aufgefallen Das ist geschrieben, um Leute vorzubereiten auf das Kommende; die Gefahr ist im Anzug, aber noch nicht da. Diese Worte sind jedenfalls vor dem Jahr 70 geschrieben. Da- gegen stammt unser Mr aus der Zeit nach der Katastrophe. Es geht das am Zwingendsten aus der Auslassung des eddeng v 24 hervor, im Weiteren auch aus der Entschiedenheit, mit der die Weissagung von der Zerstörung des Tempels diese ganze Rede beherrscht. Also ist die Apokalypse früher als Mr geschrieben und hat einst als Flugblatt für sich existirt. Dazu palst auch das 6 Kvayıva0x@v besser, das jetzt, so mitten im Zusammenhang des ganzen Werks, höchst überrascht. Der Zweck der kleinen Apokalypse ist die Aufforderung zur Flucht in die Berge an alle Auserwählten in Judäa, ein Zweck, der für das Ganze des Mr höchst bedeutungslos ist. Diese Aufforde- rung ist schon deshalb geschichtlich alt, weil die Thatsachen (Flucht der Christen über den Jordan nach Pella) ihr nicht ent- sprechen. Endlich verträgt sich mit der he einer schriftlichen Quelle am besten die Priorität des Mttextes an einzelnen Stellen (und& saßßdro und edFewg). Das „nicht am Sabbat“ führt in die Urgemeinde zurück, die den Sabbat so hoch schätzte, wie einst die Verfolgten unter Antiochus Epiphanes. Das „bald nach jener Trübsal“ stammt von einem Verfasser, der die Heimsuchung des Tempels und die Wiederkunft Christi als sofort auf einander fol- gende Ereignisse erwartete. Da die Priorität des Mr vor Mt durch alles hried feststeht, so sind an diesem Punkt Mr wie Mt von ge- meinsamer Quelle ab die Mt treuer reproduzirt. Euseb. h.e. III 5, 3 deutet an, dafs nach dem Tod des Jakobus kurz vor dem Ausbruch des jüdischen Krieges die Häupter der jerusalemischen Gemeinde (roig @urodL Ödoxiuoıs) durch Offen- barung das Orakel empfingen, das die Auswanderung der ganzen Gemeinde nach Pella veranlafste. Ob das ein letzter dunkler Nach- klang an unsere Apokalypse ist, kann nicht mehr entschieden wer- den. Das „in die Berge“ reimt sich nicht damit. Auch die Adresse der Enthüllung: Petrus, die Zebedaiden, Andreas palst nicht für eine Zeit, wo Jakobus längst nicht mehr lebt; doch könnte 914 i III. Das Marcusevangelium. diese — übrigens nicht gleichgiltige — Adresse erst dem Mr gehören. Die Vermutung, dals die Apokalypse in Mr 13 dem Evan- gelisten als schriftliche Quelle vorlag, hat alle Wahrscheinlichkeit für sich. Zu seiner Zeit lief sie als Offenbarung Jesu an die vier Lieblingsjünger um. Mr deutete sie auf die Katastrophe des Jahres 70, nahm ihr den judenchristlichen Zug v 19 und löste Ka- tastrophe e; Parusie von einander. Für die Abfassung der Apokalypse selbst bleibt die Wahl offen zwischen der Caligulazeit und dem Anfang der sechziger Jahre. Siestammtausden judaistischen Kreisen, die wie Jakobus, der Herrenbruder, und wie der Autor von Apk 11, ı ff. trotz der schar- fen Worte Jesu gerne an die Verschonung des Tempels glauben wollten. Gedanken und Sprache sind die jüdischen. Dagegen ist völlig unsicher und steht in der Luft die Mög- lichkeit anderer schriftlicher Quellen des Mr. | Es fehlt freilich dem Mr nicht völlig an Doubletten. Am auf- fälligsten ist 9, 35 = 10, 43 9,35 10, 43 ei tıs Deisı moßrog eivaı, Eotcı Ög Av Hein ueyag yeveodaı Ev ravrov Eoyarog Kal avrov dulv, Eoteı dußv dLdxovos, ÖLdanovog xol 0g dv Heim Ev Öuliv eivaı POSAUSg EOTaL anlvrov VoVAog. Offenbar dasselbe Herrenwort in verschiedener Form. Aber es ist beidemal nötig. Beim Rangstreit durfte es nicht fehlen, bei der Lohnfrage der Zebedaiden gleichfalls nicht. Zweimal schliefst _ Jesus ein Kind in seine Arme 9, 36 und 10, 16 (Evayxadıoduevog); aber dort zeigt er damit seinen Jüngern den Wert und Adel der Kleinen, hier den Vorzug der Kinder für’s Gottesreich. Am mei- sten gab Anlals zum Suchen nach Quellen die Doublette der Hier kommt dazu, dafs Le nur eine Speisung erzählt. Das wird so gedeutet, als fölre Le hier einer noch einfacheren Tradi- tion als Mr. Vol. dagegen oben p.5. Die Ursprünglichkeit des Mrtextes ist durch die Mtparallele so garantiert, dafs die Aus- lassung des Le belanglos ist. Aber wie ist dann die Doublette zu a Hiefür gibt es zwei Möglichkeiten. Binhen die eine Ge- schichte wur de so verschieden erzählt — besonders mit verschie- 3. Die Urmarcushypothese. 215 denen Zahlenangaben —, dals ein späterer Hörer schlofs, sie sei zweimal begegnet. Es ist etwas Ähnliches, wenn in Evangelien- harmonien der Hauptmann von Kapernaum und der Königische als zwei Geschichten erzählt werden. Die Annahme, die eine Re- lation stamme aus schriftlicher, die andere aus mündlicher Tra- dition, erleichtert freilich gar nichts.- Oder die Geschichte, d.h. der ihr zu Grunde liegende Vorgang ist, zweimal begegnet, zweimal hat der Vorsehungsglaube Jesu über den Kleinmut der Jünger so überwältigend triumphiert. Dafs in der Geschichte Jesu das Wort: „denen, die das @ottesreich vor Allem suchen, wird alles Übrige zufallen“, sich mehr als einmal erfüllte — das ist der Sinn dieser Geschichten — ist vielleicht keine so unsinnige Vermutung ... Das ist nicht einzusehen, wie uns hier die Annahme schrift- licher Quellen irgend etwas halfen sollte. Damit sind aber die Gründe erschöpft, die zum Suchen nach Quellen für Mr geführt haben. Liest man das Evangelium unbe- fangen, so gibt es sich als einheitliche, ganz aus sich selbst ver- ständliche Schrift. Durch Annahme von Quellen wird es um gar nichts klarer gemacht, als es ist ohne solche überflüssige Hypo- thesen. 3. Die Urmarcushypothese. Hat unser jetziger Mr den Evangelisten Mt und Le als Quelle vorgelegen oder ein älteres, ihm ganz ähnliches Evangelium, ein Urmarcus? Diese Hauptfrage zerfällt sofort in zwei Unterfragen, von deren genauer Unterscheidung die richtige Antwort abhängt. A) Die Evangelienfrage: hatten Mr und Le ein grölseres oder kleineres Mrevg vor sich ? B) Die Textfrage: hat unser jetzt gerade herrschender Mrtext dem Mt und Le als Vorlage gedient? Jenachdem ist die Urmarcushypothese ein Bestandteil der synoptischen Frage oder der Textkritik. A) Die Evangelienfrage. Als Kanon gilt: der Grundschrift des Mr gehört mit Sicher- heit Alles an, was durch beide Parallelen oder durch eine be- zeugt ist. Folgende Stücke in Mr sind nicht durch Parallelen zu belegen; 3,20f. Jesus gilt den Seinen als wahnsinnig 4, 26—29 Gleichnis vom Samenkorn 216 II. Das Marcusevangelium. —n 7, 32—37 Heilung eines Taubstummen 8, 22—26 Der Blinde von Bethsaida 11, 11 Erster Besuch im Tempel 11,25 Mahnung zur Versöhnlichkeit Ä 12, 32—34 Zweite Hälfte der, Frage nach dem höchsten Gebot 15, 33—37 Schluls der Parusierede 14, 51 f. Der fliehende Jüngling. Hier läfst sich die Frage aufwerfen, ob diese Stücke erst von einem Bearbeiter des Mr herrühren, da sie von Mt und Le noch nicht gekannt zu sein scheinen. Dann wäre ‚Urmarcus kürzer als Marcus. Allein für fast sämtliche Stücke läfst sich die Zugehörigkeit zum Urmareus noch feststellen durch Aufzeigung der Motive ihrer Auslassung. Die zwei Wunder, die Mt und Le: übergehen, sind diejenigen, die einer theologischen Reflexion am meisten Anstols geben: das eine Mal der Jesus, der seine Finger in die Ohren des . Taubstummen legt, und nachdem er ausgespuckt hat, seine Zunge berührt, dann zum Himmel aufblickend seufzt und Ephphatha ruft; das andere Mal Jesus, der dem Blinden in die Augen spuckt, ihm die Hand auflegt und ihn fragt, ob er sehe; als der Blinde antwortet: er sehe die Menschen wie Bäume herumwandeln, legt er ihm nochmals die Hände auf die Augen, und jetzt erst sieht er ganz. Es wäre seltsam, wenn diese Erzählungen von den spätern Evangelisten irbehnllen worden wären. Zum Überflufs hat Mt eine Reminiscenz an die Blindenheilung 20, 34 und 9, 29. Das Gleichnis vom Samenkorn bezeugt Mt re , wenn er. dem Unkrautgleichnis eine Stelle anweist, die verständlich wird. blofs durch die Absicht, das Samenkorngleichnis zu ersetzen. Die zweite Hälfte der Frage nach dem höchsten Gebot liefs Mt nur darum aus, weil er — der folgenden grolsen Rede zu lieb — den. Fragesteller in einen versuchenden Pharisäer verwandelt hatte; für den palste freilich diese zweite Hälfte nicht. Die kurzen Notizen 3, 20. 11, 11. 14, 51 f. gehören schon zu den lebensfrischen Detailzügen, an denen man den ersten Erzähler erkennt. 3, 20 f. spottet jeder Erfindung. In 14, 51 f. deutet wahr- scheinlich der Evangelist sich selber an. Aus den zwei Tempel- besuchen haben eben die Späteren, da ihnen der erste zu bedeu- tungslos schien, einen gemacht; das begreift sich jedenfalls besser als das Umgekehr te. Der Schlufs der Parusierede ist uns durch Anklänge im Le- 3. Die Urmarcushypothese. 217 schlufs (21, 34.—36) genügend bezeugt (moooesyere für PAewers, aipvidıog, aypvrveits, #aı00g). Die einzige wirkliche Schwierig- keit macht die Mahnung zum Vergeben 11, 25. | Der Spruch hat seine Parallele bei Mt 5, 23 und 6, 14f. Der Ausdruck „Euer'Vater im Himmel“ findet sich sonst nur bei Mt (aus Q). Vgl. zu Eysıv xara tıvog das Eyeı ri xard oov Mt 5,23, zu AP buiv Ta naoenrauare das dpyosı ra nagenraucre bußv Mt 6,15. Die Möglichkeit, dafs dieses Mrwort ein jüngerer Zusatz sei, lälst sich in der That nicht widerlegen. Doch ist hier Vorsicht geboten. Der Mrspruch, für sich allein gelesen, macht nicht den Eindruck eines Flickwerks, das durch Zusammensetzung entstand. Nachdem vorher dem Gebet die grolse Verheifsung gegeben wurde, ist ein solcher ernüchternder Zusatz sehr wohl am Platz. Ohne die Parallelen würde kein Leser in die- sem Vers etwas Sekundäres spüren. Das Wort: „Euer Vater im Himmel“ stellt sich hier beim Gebet von selbst ein, da eben das Gebet mit der Anrede „Unser Vater im Himmel“ beginnt. Ich sehe nicht die kleinste Nötigung, diesen Vers dem Urmareus abzu- sprechen. Die Auslassung des Mt begreift sich ohne weiteres. Ist somit erwiesen, dafs der ar nicht kleiner als Mar- cus war, so Ist nun zu eltern ob ' Urmareus gröfser als Mareus. Die Geschichte vom ee ist bei Mt und Le bereichert durch Mitteilung von Sprüchen des Täufers, die den einzigen Spruch des Mr (1, 7£.) in sich aufnehmen. Macht nicht der kurze Bericht des Mr vom Täufer den Eindruck eines Excerpts? Dasselbe gilt von der Versuchungsgeschichte, wo Mt und Le das ausführliche Ge- spräch bringen, während Mr sich mit der kürzesten Andeutung begnügt. Wie viel verständlicher ist die |Erzählung bei Mt und Le! Der Hauptmann von Kapernaum ist eine Geschichte, die in die Spruchsammlung nicht gut hineinpalst; haben sie nicht beide Evangelisten aus dem Urmarcus geschöpft? Der Schluls der Parusierede des Mr macht den Eindruck eines ‚Excerpts, sobald man ihn vergleicht mit den Parusiegleichnissen bei Mt und Le. Die Beelzebulworte Mr 3 geben gleichfalls zu Bedenken An- lafs. Hat nicht der Urmr eine Anzahl Stücke enthalten, die wir jetzt nur bei Mt und Le lesen, Wahr end der Bearbeiter N Mr sie ausgelassen hat? Solange diese Fragen als Vermutungen sich geben, sind sie der Beachtung wert, obschon es kein Fehler wäre, sie unberück- 218 III. Das Marcusevangelium. sichtigt zu lassen. Denn der Beweis eines längern Urmarcus ist nirgends erbracht und kann nicht erbracht werden. Schon das ist falsch, dafs Mr stets an den Parallelen gemessen wird; dadurch wird die erste Aufgabe sehr erschwert, ihn, so wie er ist, aus sich selbst zu begreifen. Was als ein Excerpt erscheinen mag im Ver- gleich mit ausführlicheren Darstellungen, macht den entgegen- gesetzten Eindruck, sobald es für sich allein gelesen wird. Ich kann an den Geschichten vom Täufer und von der Versuchung bei Mr nichts vermissen; für den Hauptmann von Kapernaum wülste ich nirgends in Mr eine Lücke, wo er hingehört. Ebenso erscheint mir der Schlufs der Bir ssae so kräftig und wirkungsvoll, dals eine längere Ausführ ung ihm nur Eintrag thäte. In der That sind jene Stücke dem Urmr zugewiesen worden blofs zur Erleichterung des synoptischen Br dblarhe. Ein solches Verfahren, das mit der Eigenart und Verständlichkeit unseres Mr gar nicht rechnet, ist verfehlt. Die Rede des Täufers, das Ver- suchungsgespräch ete. mag stammen, woher es will; in Mr fehlen diese Stücke nicht und haben nie in ihm gestanden. Es ist gar kein zwingender@rund da,einen kürzeren oder längeren Urmr im Unterschied vom kanonischen zu postulieren. Von dieser Seite fällt die Urmarcushypothese einfach um. Ein einziger Punkt ist besonderer Untersuchung wert: die Frage nach dem ursprünglichen Schlufs des Mr. Ist unser jetziger Mrschlufs (16, 8) slistainlen durch Ver- kürzung, oder ist er der ursprüngliche Schluls selbst ? 1) Fest steht, dafs Mr nicht mit 16, 8 schliefsen wollte. Mit epoßoövro ydo kann kein Evangelium zu Ende sein, am wenig- sten das des Mr, das den Beweis für die Herrlichkeit des Gottes- sohns führt. 14, 28 und 16, 7 werden uns Erscheinungen Jesu in Galiläa versprochen; diese bildeten im Plan des Mr den Schluls seines Evangeliums. 2) Weder Mt noch Le haben einen en Mrschluls gekannt als den heutigen, der mit 16, 8 abbricht. Für Le vgl. ben p- 36, für Mt p. 177. Die Wrsbhbirang in Galiläa, die Mt erzählt, kat nicht aus Mr stammen. Le wurde gerade durch das Abbrechen seiner Vorlage bewogen, nur jerusalemische Erscheinungen zu er- zählen. Von Stil und Art des Mr ist in den letzten Auferstehungs- geschichten der Parallelen nichts mehr zu spüren. 3) Aber hat nicht das Petrusevg. einen längern Mrschlufs ge- 3. Die Urmarcushypothese. 2:9 kannt? Auf v 8 bei Mr (da flohen die Frauen voll Furcht) folgen im Fragment noch drei Verse: ’Hv Ö8 teisvraia nucoa TOv AEVumv, nal moAkor tıveg EENjg- x9vro VnooToEpovreg &lg ToVg olkovg adrov TNS E0OTNS TaVOL- weung‘ nusis dE ol dmdEx« uadNTel Tod xvolov Erhnlousv Kal EAVUTOUUEIR, Kal EXa0Tog Avrovusvog dıd TO 6vußav annAkdyn is TOV 0lxXov abrod. Ey& dE Ziuwv IlEtoog zul ’Avdoesas 6 ddeh- @0g uov Außovres Yußv Ta Ava dnnidausv eis mv DdAaooav' au 1v obv nuiv Asvelg 6 Tod AAg@elov, OV KVQLOS :.. Der Levi, Alphäi Sohn, ist uns blofs durch Mr bekannt. Zur Mrerzählung palst: 1) dafs die Frauen den Jüngern nichts erzählen von ihrem Erlebnis; 2) die Jünger sind zunächst noch anwesend in Jerusalem, aber nicht dort erscheint ihnen Jesus; 3) unter den Jüngern, denen Jesus in Galiläa erscheint, steht Petrus voran. Endlich ist deutlich, dafs hier das Ptevg. von Mt, Le und Joh völlig unabhängig ist. Woher hat es denn geschöpft, wenn nicht aus dem ihm noch bekannten Mrschluls? Der Entscheid der Frage hängt davon ab, wie man 2) gegen 3) abwägt. Ist es denkbar, dals der Urmarcus dem Mt und Le unbekannt, dagegen dem Ptevg. bekannt war? Alte Tradition mag vorliegen, aber warum gerade Mr? Mir scheint, dals die fragmentarischen Notizen des Ptevgs. nicht aufkommen gegen den Abbruch des Mrfadens bei Mt und Le. ° Dann bleibt aber keine andre Lösung als die: Mr ist verhin- dert worden, seinem Evg. den Schlufs aufzusetzen. Der Grund ist uns völlig dunkel. Aber das Zeugnis unsrer Handschriften und der ältesten Evangelien, die Mr kannten, spricht hier entscheidend. Somit gibt auch der Mrschlufs zur Urmarcushypothese kei- nen Anlals. B) Die Textfrage. Der Fortschritt unsrer Erkenntnis der Evangelienbildung hängt davon ab, ob endlich die Textfrage von der Evangelienfrage getrennt wird oder mit ihr verworren bleibt. Wenn bewiesen ist, dafs Mr die Quelle von Mt und Le ist, so ist noch völlig, unbe- wiesen, dals sein Text gerade ihnen überall zur Vorlage gedient habe. Die Behauptung, wir lesen den Mrtext jetzt noch so, wie einst Mt und Le, setzt Wunder voraus, mit denen die literarische Kritik sonst nicht rechnet. Dazu kommt die sehr beträchtliche Differenz unsrer Mrüberlieferung selbst, vor Allem die starken Ab- weichungen des oceidentalischen Mrtextes vom alexandrinischen. 220 II. Das Marcusevangelium. Innerhalb gewisser Grenzen hat hier die Urmrhypothese ‚ohne Weiteres freien Spielraum. Aber sie gehört der Textktitik an. Auf die Evangelienfrage darf ihr kein Einfluls zukommen. Oberster Kanon ist auch hier: Wo beide Parallelen oder auch nur eine mit Mr-im Text übereinstimmen, ist der urspeigg liche Mrtext gesichert. | Dapngen: wäre gänzlich verkehrt die Ve Was der Mrtext über Mt und Le hinaus bietet, gehört dem Bearbeiter an. Denn sie verkennt, dafs beide Evangelisten gar nicht Kopisten, sondern durchweg BRD sind, die ihre Vorlage frei gestalten, zumal verkürzen. | | Ebenso muls als verfehlt Ehten ae Kanon: Wo Mt und Le gegen Mr im Text zusammentreffen, da repräsentieren sie den ur- sprünglichen Mrtext. Es ist ne worden, dafs der vielfach un- griechische, breite und monotone Stil des Mr oft mit Notwendig- keit bei Mt und Le zu gemeinsamer sprachlicher Verbesserung führte. Ebenso folgt die Reflexion beider Evangelisten häufig demselben psychologischen Gesetz, wenn sie — unabhängig — die gleichen sachlichen Krldaiuen an Mr vornimmt. ' Also: ausgeschlossen ist es von vornherein nirgends, dals Mt oder-Le den ältern Mrtext repräsentieren können. Aber der Er- weis ist stets nur mit besonderer Vorsicht zu bringen unter Be- rücksichtigung aller Möglichkeiten und aller Gründe, die eine Änderung auf Seite der jüngern Rvangelisten nahe legen könnten. In der Regel gehören dem ältesten Evangelisten an, auch wenn sie bei den jüngern fehlen: alle anschaulichen Detailzüge, Notizen über die Situation, die Stimmung Jesu, den Eindruck ete. Ferner sind für Urmr zu reklamieren die ausführlichen Wundergeschichten, und nicht die verkürzten, weil hier die theo- logische Reflexion, die nur beweisen wollte, zur Verkürzung ‚drängte, während die F . des ersten Erzählers am Wunder selber hing. Da die meisten Möglichkeiten en oben bei Bet Capitel Mt — Le in Frage gekommen sind, genügt es hier, ein paar an- nähernd sichere loskän und Deren r zu es Mr 2,21 70 xaıvov Tod naAcıod Glosse, über To wrnaDuS am «Örod geschrieben. 10,46 6 viog Tiuciov Bapriucıog doch wohl Doubletten. 5,15 T0V Eoynaora vov Acyıöva wegen der schleppenden Stellung vielleicht Glosse. 3. Die Urmarcushypothese. 221 7,19 #e»aoltov advre 7& Bowuere Randglosse zur gan- zen Perikope mit zu ergänzendem Subjekt ’Inoods. 15,21 t0v nareoa ’Akesavdgov #al “Povgpov vielleicht we- gen der seltsamen Aus lose, freilich aus all alter Zeit. 2,9 doov rov xodPParov 60V zul Unaye unrichtige Vor- wegnahme aus v 11. &ysıge xal en BE Mr geschrieben haben. 14,30 dig und in 'v 68. 72. der Feel Hahnenschrei von Mt, Le, Joh nicht gekannt, späterer Einsatz. 6,14 EAsyev Balich statt Eheyov. Für RE ydo stünde besser Otı pavsoov. 9,12—13 Der bessere Text bei Mt 17, ı1f. Die ganze Er- wähnung des Menschensohns, des on und der Schrift scheint Zusatz. 6,8f. Das ei un 6dßdov uovov und aAAd bnodedsuEvovg savdckıe ist etwas auffallend. 9,49 Unsicherer und wahrscheinlich glossierter Text, um zwischen Feuer und Salz eine Brücke zu bilden. Die Beispiele liefsen sich leicht vermehren. Aber diese ganze Arbeit gehört der Textkritik an. Es kann nicht genug betont werden: das synoptische Problem wird davon nicht berührt. Aber noch ist eine grolse Hypothese zu berücksichtigen: Urmarcus eine aramäische Schrift, unsre jetzigen drei Paralleltexte beruhend auf verschiedenen Übärsekrtngen: Wahrscheinlich ist diese Hypothese nieht. Das Fehlen jeg- licher Überlieferung eines hebräischen Mr spricht schon dagegen; nach :Papias war Marcus der Dollmetscher des Petrus, also des Griechischen mächtig. Sein Evangelium ist für Heidenehrieten geschrieben, denen mit einem aramäischen Werk nicht gedient war. Freilich auf die Dollmetschungen jaramäischer Worte darf man sich nicht berufen; die können erst vom griechischen Über- setzer hinzugefügt sein. Die Hypothese ist aufgestellt worden auf Grund einer Ver- gleichung des Letextes mit dem Mrtext. Die sprachlichen Ab- ‚weichungen des Le vom Mr seien so gewaltig, die Gemeinsamkeit des griechischen Ausdrucks so gering und zufällig, dafs unser griechischer Mr nicht die Quelle des Le sein könne, sondern beide haben den aramäischen Urmareus verschieden übersetzt. Hier sind ganz richtige wertvolle Beobachtungen völlig falsch 222 III. Das Mareusevangelium. gedeutet. Le wird als Kopist aufgefalst, der er nicht gewesen ist und nie sein wollte. Es wird ihm das ganz Unmögliche zugemutet, dafs er eine Vorlage, wenn sie ihm noch so fremdartig, ungriechisch und ungeschickt stilisiert vorkam, einfach wörtlich abschreiben mulste, und da das für sein Verfahren unserm Mr gegenüber nicht zutrifft, kann unser Mr nicht die Vorlage gewesen sein. Für einen ' Theologen ist es fast ein Trost, dafs alle Fehler, die wir selbst mit Quellenhypothesen begangen haben, von einem Philologen auf die Spitze getrieben worden sind. Unserm Mr gegenüber darf der Mrtext bei Le fast eine Neuübersetzung, Neugräzisierung genannt werden, weil er unsern noch halbsemitischen Mr dem Griechischen der Gebildeten angenähert hat. Dabei ist das textkritische Beweisverfahren von ungewöhn- licher Willkür. Es wird der Kanon aufgestellt: Wo zwei Lesarten bei Le vorliegen, von denen die eine mit Mr übereinstimmt, die ‘andere von ihm abweicht, darf ohne jede Prüfung des Werts der Handschriften sofort die abweichende bevorzugt werden. Falls die doch selbständige Wissenschaft der Textkritik sich so durch die synoptische Frage bestimmen lälst, dafs sie alle ihre eignen (Gesetze vergilst, fürchte ich, dafs sie bald würde abgewirtschaftet haben. Noch schlimmer ist der andre Kanon, den Blals nicht so offen ausspricht, nach dem er jedoch verfährt: Wo keine von Mr abweichende Lesart bei Le sich findet und die sprachliche Berüh- rung sehr stark und auffällig ist, darf auf Textverderbnis ge- schlossen werden. Wir sind nur erstaunt, dafs ein Philologe uns das predigt, und zwar auf Grund der leichtfertigsten V ordersätze. Und selbst trotz diesen Künsten ist die Gemeinsamkeit der Sprache immer noch zu grols, vgl. Barrıoua usravoieg eis Üpeoıv Kuag- tıöV, v0601 roıkikcı, bLaAoyiLeoher, LABOEOL Aal nElaıg, KonWvög, yvvn 000R Ev HVOEL KluaTog, KNOdoxıuaodNVv«, KVIEWTOG KE0L- uov VOarog Baoraov, KurdAvur, Avdycıov uEYa EOTOWUEVOV TO KATANETCOUR TOO vaoD, etc., von allen gemeinsamen Vokabeln ab- gesehn, die nach Blals als vulgär nichts beweisen. Dazu die ganze Reihe von Stellen, z. B. Herrenworten, mit wörtlicher Überein- stimmung. Wirkliche Philologie hat uns zu zeigen, warum in jedem Fall Le ein ihm unpassendes Mrwort durch ein ihm pas- sendes ersetzt hat. Diese Art der Urmarcushypothese verschiebt das Problem blofs, statt es zu lösen. Die sprachliche Übereinstimmung des Mt mit Mr ist so viel grölser, dafs von Mt aus die Annahme einer aramäischen gemein- 3. Die Urmarcushypothese. 223 samen Vorlage ausgeschlossen ist. Mt und Le stehen sich aber zeitlich so nahe, dafs die Vermutung, Mt habe den Mr nur noch griechisch, Le aber noch aramäisch gekannt, Alles gegen sich hat. Endlich ist der Gebrauch der griechischen Bibel für Mr ge- sichert trotz der einen Stelle ce 14. Wenn also je ein aramäischer Urmr existiert hätte, so ist er für uns verschollen; unsere jetzigen Synoptiker gehen alle auf gemeinsame griechische Vorlage zurück. Also hat die Urmarcushypothese aus der synoptischen Frage auszuscheiden; der Wahrheitskern, von dem sie ausgeht, gehört in _ die Textgeschichte. Schlufs. Unser Mrevangelium ist kein auf schriftlichen Quellen be- ruhendes Werk. Sein Verfasser, der aus der Urgemeinde stam- mende Johannes Marcus ist a auch kein Augenzeuge, sondern gibt die Tradition wieder, die ihm vor allem durch Petrus, den er begleitet hat, bekannt war. Nur in c 13 scheint er eine ältere schriftliche Apokalypse aufgenommen zu haben. Als erstes Evan- gelium zeigt es die ganze Freude und Frische des ersten Erzählers. Do wie es uns jetzt vorliegt, hat es im Ganzen seinen Bearbeitern Mt und Le als Vorlage gedient. Eine Tendenz verfolgt Mr nicht, aufser die allen urchrist- lichen Schriften mehr oder weniger eigene, Jesus trotz seines Leidens als Messias und Sohn Gottes in ganzer Herrlich- keit aufzuzeigen so, wie ihn der Glaube schaut. Als Evangelium vom Sohn Gottes verfolgt es seine Geschichte vom Augenblick seiner Sohnserklärung bis zur Auferstehung und hebt hervor, dafs sein Tod kein Widerspruch mit seiner Würde, sondern Fr von Jesus selbst erkannte Ratschluls Gottes war. is dem Kreuz bekennt der heidnische Hauptmann: dieser Mensch — der jetzt stirbt — ist Gottes Sohn gewesen. Dals die Heiden zu diesem Be- kenntnis kommen möchten, hat vielleicht als leitender Gedanke den Mr zum Schreiben veranlalst. Aber apologetischer Zweck und Freude an der Erzählung schliefsen sich hier ein. Der Eindruck des Göttlichen an Jesus, d. h. der Glaube ist die eine Triebfeder. Geschrieben mag das Werk in den 70er Jahren sein, obschon der Beweis, dals es die Zerstörung Jerusalems voraussetze, nicht absolut zu na ist. An der END der Schrift At Mr selbst verhindert worden. 224 IV. Die Spruchsammlung IV. Die Spruchsammlung. Die Existenz einer uns verlorenen Spruchsammlung ergibt sich, wie gezeigt wurde, aus der Gemeinsamkeit grolser Redepartien bei Mt und Le bei tk verschiedener Sellune ‘und unab- hängigem Text. Hier erübrigt nun, einen klaren Begriff von dem uns verlo- renen Werk zu geben, seinen Charakter und seine allfällige Ge- schichte zu bestimmen, sowie Ursprung und Zeit. 1. Der Umfang der Sammlung. | Folgende Reden gehören ihr mit Sicherheit an: 1) Täuferrede: Mt 3, 7—12. Le 3, 7—9.16f. 2) Ver ohun gegen prack Mt 4, 3—10. Le 4, 3—12 3) Gerechtigkeitsrede: Mt 5,948, 1, 1—6.12—27. Lic6,20- 49. 11,33. 12,58 f. 16,17 £. 4) Hauptmann von Kapernaum: Mt 8, 5—13. Le 7, 2—10. 13, 283— 30 5) Missionsrede: Mt 8, 19—22. 9, 37 f. 10, 5—16.,23—25. 108. 11, 20—27. 13, 16. in 57— 10, 16. 21—24 6) Johannesrede: Mt 11, 2—ı9. Le 7, 18—35. 16, 16 7) Beelzebulrede: Mt 12, 22—37. Le IE 1423 8) nn Mt 12, 38—45. Le11,29—32.24— 26 9) Pharisäerrede: Mt 23, 1—39. Ic 11, 39—52. 13, 3af. 10) Gebetsrede: Mt 6, 9—13. 7, 7—11. Tr 11,0. 4.913 11) Schätze und Se Mt ‘ 19—34. Le 12, 22—34. 11, 34 f. 10,13 12) erh Mt 13, 31—33. 44—46..Le 13, 18—21 13) Bekenntnisrede: Mt 10,26—39. Le12, 2—12. 51—53. 14, 26 f. 14) Jüngerrede: Mt 18, 7. 12—22. Le 15, 3—10. 17, 1—4 15) Gastmahlsgleiehnis: Mt 22, 1--14. Le. 14, 16—24 16) Parusierede: Mt 24, 26ff. 37”—51 Le 17, 23—37. 12, 39—46 Ku Gleichnis von den een daher Mt 25, 14—30. lc 19 1227. ‚Vom Sondergut des Le ist dabei mitger echnet das Gleichnis von der an Drachme ce 15, vom Sondergut des Mt das Gleichnispaar vom Schatz im Ach und von der Perle e 13. Sehr wahrscheinlich gehört zu Q | 18) Der Spruch vom Glauben: Mt 17, 20. Le 17, 6. Von Mt kommt schliefslich noch ın Betracht: 1. Der Umfang der Sammlung. 229 19) Von Almosen, Gebet und Fasten: Mt 6, 1-18 (exkl. 9—15) 20) Der Heilandsruf Mt 11, 28—30. Damit soll nicht gesagt sein, dals Q blofs diese Sprüche _ent- hielt. ‚Noch einiges vom Sondergut bei Mt wie Le mag aus der ammlung geschöpft sein, ohne dafs es sich beweisen läfst. In Betracht käme bei Le z.B. 12, 35 ff. 12, 54—56. 13, 24—27. 17,7—10, bei Mt der Grundstock der Gleichnisse vom Unkraut im Acker, Fischnetz, den klugen und thörichten Jungfrauen. Die Vorsicht fordert, sich nur an das annähernd Sichere, Beweisbare zu halten. Aber haben nicht noch andere Herrenworte_in.der Spruch- sammlung gestanden, für die jetzt Mr unsere Quelle ist? DieGruppe von Herrenworten in Mr 1,40— 35,6, das Wort über die wahren Verwandten, das a die Sprüche vom Hände- waschen, ds Weinberggleichnis, die Herrenworte in 12, 13—44, Parusieworte in Mr 13? Gegen diese Hypothese sprechen zwei entscheidende Gründe: 1) Die Argumente, die zu Rückschlüssen auf Q für diese Sprüche ins Feld geführt werden, sind alle nichtig. Gar nirgends läfst sich beweisen, dals Mt oder Leneben Mr noch eine andere Vor- lage hatten. Wenn sie in kleinen Einzelheiten gegen Mr überein- ' stimmen oder einzeln von ihm sich entfernen, so liegt der Grund stets in den Reflexionen der Bearbeiter, die Ihr Kopisten sind. Überall ist mit Mr als einziger Quelle lg auszukommen. 2) Die genannten Herrenworte passen gar nicht in die Spruch- sammlung hinein wegen ihres erzählenden, anekdotenhaften Cha- rakters. Es sind keine Aneinanderreihungen von Sprüchen, wie alle Reden in Q, sondern stets einzelne kurze Herrenworte, die den Mittelpunkt kleiner Geschichten bilden, mit Einleitung, Anfrage an Jesus und Schluls. Man vergleiche damit Gerechtigkeitsrede, Bekenntnisrede, Johannesrede etc. Die Erzählung vom Hauptmann in Kapernaum fand in Q eine Stelle blofs wegen der wichtigen Spruchreihe am Schlufs. Je nachdem dieser Unterschied von Re- den und Anekdoten beachtet wird oder nicht, ist es möglich, sich ein klares Bild von @ zu machen. Der genaue Umfang der Spruchsammlung ist uns unbekannt. Sicher gehörten zu ihr die Mt und Le gemeinsamen Reden und einige verwandte Stücke. Wernle, Frage. 15 226 IV. Die Spruchsammlung. 2. Die Anordnung der Sammlung. Da Mt sich in der Anordnung der Reden ganz durch die Ab- sicht leiten liels, sie in die Mrerzählung an den passenden Stellen einzureihen, ist aus ihm für die Stellung der Reden in der Samm- lung fast nichts zu lernen. Bei Le ist stets mit der Absicht zu rechnen, dafs er innerhalb seiner zwei grolsen Einschaltungen die \ Reden in Geschichte verwandeln will. Davon abgesehen ist Le der bessere Zeuge. An der Spitze der Sammlung stand die Rede des Täufers mit einer uns verlorenen Einleitung. Darauf folet das Ver- suchungsgespräch. Obesmitder Rede des Täufers in geschicht- lichem Zusammenhang stand (etwa durch die Taufe Jesu verbun- den), muls ganz dahingestellt bleiben. Diese zwei Stücke sehen überhaupt aus wie eine geschichtliche Einleitung, die nachträglich dem Werk vorgesetzt wurde. Nun das erste Hauptstück: Die @Gerechtigkeitsrede: "Ma- karismen (zwei Eingangsgleichnisse?), Erklärung über das Gesetz, Antithesen, Verbot des Richtens, Norm der Nächstenliebe, Enge Pforte, Kriterium der Frömmigkeit. Ein alter Anhang dazu ist vielleicht die Rede über Almosen, Gebet und Fasten, sowie die Erzählung vom Hauptmann in Kapernaum. Daran mag sich — freilich nicht ganz sicher — die Missionsrede geschlossen haben, wie die Gerechtigkeitsrede für alle Christen, so diese für die Missionare bestimmt, etwa mit der Einleitung: Jesus sandte die zwölf Apostel und sprach zu ihnen. Die Rede scheint geendigt zu haben mit Weheruf und Jubelruf, Seligpreisung der Jünger und Heilandsruf, der für die Wissionkvede einen guten Abschluls bilden würde. Eine zweite Gruppe von Reden nimmt immer stärker einen polemischen Charakter an. An ihre Spitze würde die Johannes- rede passen, deren Einleitung uns noch erhalten ist. Als zweites, eng zusammengehörendes Stück folgen Beelzebulrede und Zeichenforderungsrede, beide mit kurzen einleitenden Sätzen. Ob beide der Adresse nach gegen die Pharisäer gehen, ist sehr fraglich, da Le eine unbestimmte Adresse hat. Den Schluls bildet die Pharisäerrede mit dem Epilog über Jerusalem. Bei Mt sind die Angeredeten die Schriftgelehrten und Pharisäer, bei Le zuerst die Pharisäer, dann die Gesetzeslehrer. Vielleicht hat Le das Ursprüngliche, da grofse Teile der Rede des Mt nur auf die Schriftgelehrten gehen. 3. Das Prinzip der Zusammenstellung. 221 Die dritte Redegruppe stellt Mahnworte für die Christen zu- sammen. Vielleicht hat zuvorderst die Gebetsrede gestanden, dann die Rede von Schätzen und Sorgen und die Gottes- reichgleichnisse. Jedenfalls stehen diese drei Reden unter ein- ander in Zusammenhang. Am schwersten ist die Jüngerrede der Stellung nach zu bestimmen, da Le sie auseinandergerissen hat. Den Schlufs bilden Bekenntnisrede und Parusierede, diese umrahmt von zwei Gleichnissen, dem vom Gastmahl und dem von den anvertrauten Geldern. Die Einleitungen dieser ‚Reden sind uns alle nicht erhalten. Das Polemische fehlt ihnen; sie sind alle an die Christen selbst gerichtet. Natürlich sind das alles nur Vermutungen. Aber mir scheint, dafs die Heraushebung dieser 3 Gruppen manches für sich hat. Zuerst das Gesetz für Christen und Missionare, dann die Abwei- sung fremder Richtungen, endlich Mahn- und Lehrworte für die Christen im Ausblick auf die Parusie. 3. Das Prinzip der Zusammenstellung. Nach dem Vorhergehenden ist dies Prinzip leicht zu be- stimmen: es ıst nicht das chronologische, sondern das katechetische. Auf den Zeitpunkt, da die Worte Jesu gesprochen sind, wird in der Sammlung nicht die mindeste Rücksicht genommen. Die Gerechtigkeitsrede enthält Mt 5, ı1. Le 6, 22 einen Spruch aus der spätern Zeit. Die Missionsrede weist Mt 9,37. Le 10,2 und Mt 10, 16. Le 10,3 Worte auf, die unmöglich gleichzeitig gespro- chen sind. Über die Zeit der Weherufe gegen die Pharisäer hat die Sammlung gar nichts ausgesagt, sonst hätte nicht Mt sie nach Jeru- salem, Le nach Galiläa verlegen können. Erst unsre Evangelisten haben versucht, den Reden zeitlich eine Stelle anzuweisen, dabei jedoch rein von Vermutungen geleitet und häufig mit wenig Glück. Mehr noch: selbst der Schein, dafs Jesus diese Reden an einem Stück gehalten habe, stammt erst von unsern Evangelisten. Bei Mt spricht Jesus die Gerechtigkeitsrede von einem Berg aus gemäls Mr 3,13, bei Le in der Ebene gemäls Mr 3,7. In der Sammlung war sie aber keine geschichtlich einmal gehaltene Rede Jesu, sondern sein ewiges Gesetz für die gemeinde, gleich- gültig, woher und von wann es stammt. Auch wo eine Rede mit geschichtlicher Einleitung verbunden war, wie z. B. die Johannes- rede, kam nichts darauf an, ob alle folgenden Worte in einem Zug 15° 228 IV. Die Spruchsammlung: gesprochen sind oder nicht, sondern es sollen in Erinnerung an jenen Anlafs die wichtigen Worte Jesu über den Täufer hier zu- sammengestellt werden. Ein andrer Gesichtspunkt als Akt katechetische läfst sich für die Sammlung nicht ausfindig machen. Sie verdankt ihre Ent- stehung dem Bedürfnis nach schriftlicher Unterweisung der neu ‚eintretenden Gemeindeglieder, die selbst Jesus nicht mehr gekannt hatten. Für diese Unterweisung waren grofse leitende Themata oder Überschriften am Platz: Was ist für einen Christen der Wille Gottes? Was ist Pflicht und Recht des Missionars? Wie steht der Christ zur Johannessekte, zu ungläubigen, verleumderischen Ju- den, zu Schriftgelehrten und Pharisäern? Was hat uns Christus über das Gebet gelehrt, über den Reichtum, über die Versöhnlich- keit, über das Bekennen, über die Hoffnung? Diese Fragen sind die grofsen Rubriken, in welche die Fülle der grolsen Herren- worte eingeschachtelt sind. Diese Rubriken sind von eminentem Wert für die älteste Theologie der Urgemeinde. Es gibt sogar kein geschichtlich wertvolleres Dokument dafür als sie. Die Christologie fehlt unter diesen Rubriken nur zum Schein. Die Bekenntnisrede und Parusierede sind ihr ausschliefslich ge- widmet, auch die Johannesrede, wenn man will. Und jede Rede hat ihre Sanktion durch den Messias, von dem sie stammt. Am Fehlen eines besondern Abschnittes über den Messiasglauben zeigt sich aber doch, dafs die Sammlung für Christen verfertigt ist, die in diesem Glauben stehn. Das ist ihr grofser Unterschied vom Mrevg., das den Glauben an Jesus den Sohn Gottes wecken und | fördern will. Dazu war die Erzählung nötig. Die Spruchsamm- | lung will Gläubige unterweisen, ee im Einzelnen für sie der Weg ins Göktesreich ist. 4. Die Geschichte der Sammlung. Seit Schleiermacher ist die Nachricht des Papias, Matthaeus habe die Logia in hebräischer Sprache geschrieben, statt auf un- ser Mtevg., auf die Spruchsammlung bezogen worden. Der Apo- stel Matthaeus, der Zöllner, sei der Verfasser dieser ältesten Auf- zeichnung. ‘ Das Recht dieser Hypothese ist aber bestritten worden. Da Papias selbst seine Aussage sicher im Blick auf unsern-Mt-maeht, so mülste er seinen Gewährsmann falsch verstanden haben. Ted ein solches Mifsverständnis trägt eine Hypothese nicht wohl. 4. Die Geschichte der Sammlung. 229 Auch die Meinung, unser kanonisches Mtevg. habe seinen Titel erhalten von der Aufnahme der Logia des Mt, ist etwas leicht- sinnig, da dann ebensogut das Lcevg. nach Mt heifsen könnte. - Der Name .des wirklichen Verfassers ist. uns unbekannt. Wenn Matthaeus es gewesen sein sollte, so gewinnen wir nichts mehr als einen Namen. Denn der Zöllner, den Jesus Mr 2 berief, ist nicht der spätere Apostel Matthaeus gewesen, sondern Levi, des Alphaeus Sohn. Dadurch wird die Namensfrage gleichgültig. Die Spruchsammlung ist aber auch nicht sicher in der semi- . tischen Ursprache verfalst. Die Reden bei-Mt und Le gehen auf eine gemeinsame griechische -Quelle-zurück. Zu Rückschlüssen auf ein äramäisches Original ist kein Anlafs gegeben. Wir haben mit der Möglichkeit zu rechnen, dals unsre ältesten Aufzeich- nungen über Jesus griechisch waren. Da die grofse Heidenkirche die Urgemeinde so rasch überflügelt hat, ist dies auch nicht auf- fällig. | Wie verhielt sich nun die ee zu den verschiedenen Richtungen des Urchristentums? Ist ihr Autor ein Christ im Sinn des Petrus oder des Jacobus gewesen? Aus der Gestalt der Reden bei Le ist dafür wenig zu lernen. Bei Le fehlen die judaistischen Züge, so gut wie die Antithesen in Mt5. In ec 16 teilt er zwei Sprüche aus der Sammlung mit, von denen der eine das Gesetz zu abrogieren, der andre es für ewig zu sanktionieren scheint. Im Sinn des Le ist der erste Spruch nach dem zweiten auszulegen, jedoch nach katholischer, nicht judaistischer Auffassung (16, 18). Somit kommt Mt u in Frage. Er hat die ta lau in einer judaistischen Form übernommen, die 5, 17—20. 10, 5f. 23,3 am schärfsten hervortritt. Die drei an Reden: Gerachiigt keitsrede, Pharisäerrede, Missionsrede tragen an ihrer Spitze den Stempel des Judaismus, und zwar in prinzipiellem Sinn, der jede Äusflucht, es seien Gelegenheitsworte Jesu, verbietet. Die drei Worte sind für die Urgemeinde Gesetz. Eine Antithese gegen Paulus und. sein Werk ist kaum zu verkennen, wenn die christ- lichen Lehrer gemessen werden an ihrer gesetzlichen Korrektheit, Heiden- und Samaritermission verboten wird, und selbst die Satzungen der Pharisäer Lob erhalten. Dafs Mt nicht der Ur- heber dieser judaistischen Worte ist, folgt aus seinen Zusätzen zu Mt 5, 17f. (vgl. p. 183) und aus seinem Schlufswort. Also gehört dieser Judaismus seiner Quelle an. m 230 IV. Die Spruchsammlung. Ist er aber in der Quelle ursprünglich, d.h. ist der erste Autor ‚ der Sammlung ein Judaist? Dagegen sprechen doch wichtige Beobachtungen. An der Spitze der Gerechtigkeitsrede vor der Erklärung über das Gesetz stehn die Makarismen, aus denen kein Gesetzeseifer spricht. Und direkt auf jene Erklärung folgen die grofsen Antithesen Mt5,21—4s. Man kann ja wohl versuchen, aus diesen den Grundsatz Jesu zu beweisen, dals er das Gesetz nur erfüllen, nicht auflösen wollte: nämlich so, dafs er blofs den Buchstaben überbiete und vertiefe durch Aufweisung seines tieferen Sinns. Es ist sogar ein reizendes Feld für Theologenkünste, die thatsächliche Aufhebung als eine Erfüllung nachzuweisen. Aber wie man in der Urgemeinde Jesu Stellung zum Gesetz auffalste, zeigt am besten Mr 10, die Peri- kope von der Ehescheidung. Darnach ist Jesus der Meinung, Moses habe im Gesetz einen Kompromifs mit der menschlichen Herzenshärtigkeit geschlossen, indem er die Schärfe und Uner- bittlichkeit des Gotteswillens milderte im Interesse seiner äulser- lichen Erfüllbarkeit. Er selbst aber greift über das Gesetz Mosis zurück zur ewigen Ordnung Gottes. Damit hebt er die durch das Gesetz zwischen hineingekommene Laxheit und Lauheit auf. Sämtliche Antithesen der Bergpredigt des Mt dürfen in diesem Sinn verstanden werden. Die ewige wahre Ordnung Gottes kehrt jetzt am Ende der Tage wieder; die Forderungen des Paradieses treten wieder in Kraft an Stelle der äufserlichen, vergänglichen Gesetzesvorschriften. Daraus spricht das Gegenteil einer judai- stischen Gesetzesvergötterung. So ist denn auch in den grolsen Schlufsgleichnissen Rettung und Verderben an das Thun der Worte Jesu, nicht des Gesetzes geknüpft. Die Pharisäerrede kann trotz ihrer Einleitung nicht von einem Judaisten verfalst sein; die vernichtende Kritik pharisäischer Frömmigkeit palst nicht zu dem: haltet Alles, was sie euch sagen. Die Erzählung vom Haupt- mann in Kapernaum schliefst mit der Verheilsung, dafs die Vielen von Ost und West an Stelle der Kinder des Reichs das Gottes- reich ererben sollen. Das Gastmahlsgleichnis sagt aus, dals statt der ursprünglich Geladenen Andere herzukommen. Die Zeichen- forderungsrede verheilst den Niniviten und der Königin des Südens den Vorzug am Gerichtstag vor diesem Geschlecht. Gar der Wehe- ruf über Jerusalem läfst die heilige Stadt Schreckliches erwarten. Aus dem grofsen Hauptteil der Sammlung spricht kein Judaismus, sondern das freie, fast revolutionäre Evangelium Jesu selbst. 4. Die Geschichte der Sammlung. 231 Man wird sich diesen Widerspruch innerhalb der Reden des Mt so erklären dürfen, dafs die Sammlung von einem Christen aus dem urapostolischen Kreis verfalst und von einem Judaisten über- arbeitet worden ist. Aber ist das die einzige Veränderung, welche die Sammlung erlitt? Die Vermutung scheint nicht ungerechtfertigt, dafs die Spruch- sammlung vom Augenblick ihrer Entstehung eine fortwährende (eschichte durchgemacht hat bis zu ihrer Aufnahme in Mt und Le. Als die Hinterlassenschaft Jesu für die gemeinde gehörte sie jedem Einzelnen an, und jeder hatte das Recht, sie zu ergänzen oder zu verbessern. Es werden vermutlich wenig gleich lange Exemplare existiert haben. Zwischen der ersten Niederschrift (Q) und der Sammlung, die Mt (QM*) und Le (Q"°) vorfanden, standen Q', Q@?, Q°, deren Scheidung für uns freilich vergebene Mühe wäre. Eine einzelne Etappe auf diesem Weg bedeutet die judaistische Gestalt (Q”). Einzig diese Annahme wird dem Belund unsrer Evangelien ungezwungen gerecht. Die geschichtlichen Stücke am Eingang, Rede des Täufers und Versuchungsgespräch heben sich eben durch ihren geschichtlichen Charakter von den folgenden autoritativen Reden ab; sie.werden der Sammlung später vorgesetzt sein. Die Gerechtigkeitsrede lag dem Mt und dem Le nicht in gleichem Umfang vor. Dafs an den Makarismen stets gearbeitet wurde, zeigt ihre Zahl, die Doublette von Mt 5, 10 und 11, die schwankende Stellung des Spruchs von den Sanftmütigen bei Mt. Die Empfeh- lung rechtzeitigen Ausgleichs hat in verschiedenen Exemplaren an verschiedener Stelle gestanden; das ergibt sich nicht nur aus dem Vergleich des Mt mit Le, sondern aus dem Text des Mt selbst, dessen eschatologischer Schluls im Widerspruch zur imperativi- schen Form das Wort als Allegorie fassen will. Das Wort von der Norm der Nächstenliebe drang bei Mt und Le an so verschiedener Stelle ein, weil es nicht der ersten Ausgabe angehörte. Der Spruch von der Entweihung des Heiligtums ist bei Mt im Zusammenhang völlig unklar; ursprünglich mag das anders gewesen sein. Am meisten ist am Schlufsteil dieser Rede gearbeitet worden. Das Wort: an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, samt dem Gleich- nis Mt 7, 16. Le 6,44 zog schon in der Vorlage beider Evangelisten verwandte Sprüche an sich, die vom Baum und seinen Früchten handelten. Die meisten der önärinten Veränderungen Rap hin- ter der Arbeit unsrer kanonischen Autoren. \ 232 IV. Die Spruchsammlung. Dals die Erzählung vom Hauptmann von Kapernaum in der gleichen Schrift stand, welche die judaistischen Züge eingefügt erhielt, ist fast undenkbar. Vielleicht trat sie erst nach dem jü- dischen Krieg zur Sammlung hinzu. Dafs die Missionsrede eine Geschichte durchmachte, erklärt am besten die Differenzen des Mt und Le, die sicher z. T. in verschiedenen Vorlagen begründet sind. Die Anekdote von den verschiedenen Nachfolgern ist der Rede vorgesetzt worden, als sie schon aufgezeichnet war. Ein selb- ständiges Stück für sich scheint die Gruppe: Weherufe, Jubelruf, Seligpreisung der Jünger gewesen zu sein, da es sich bei Mt in die Johannesrede, bei Le in die Missionsrede einfügt. Wegen seines z. T. dogmatischen Gehalts darf es als Anhang betrachtet werden, der dann im Exemplar des Mt noch durch den Heilandsruf ver- mehrt worden ist. Der Anhang enthält gewils echte Herrenworte, aber nicht solche, die von Anfang an zum Grundgesetz der Ge- meinde gerechnet wurden. Bei den Streitreden scheint der Spruch vom Rückfall der ver- schiedenen Stellung wegen eine nachträgliche Ergänzung zu sein. Die Pharisäerrede fand Mt stark erweitert vor durch indirekt oder direkt verwandte Sprüche. Denn z.B. 23,13 und 15 sind nicht von gleicher Hand zuerst niedergeschrieben. Die Jüngerworte in der Rede stammen nicht von erster Hand, sondern sind eingedrungene Randbemerkungen. Selbst ob die Rede mehr gegen Schriftgelehrte oder gegen Pharisäer gerichtet war, mag in verschiedenen Exem- plaren geschwankt haben; der Entscheid über das Ursprüngliche ist hier besonders schwer. In der Gebetsrede waren vielleicht schon in Vorlagen unsrer Evangelisten verschiedene Beispiele gebraucht. Die Sprüche von den Sorgen und Schätzen standen bald in dieser, bald in jener Reihenfolge. Ob Le die zwei ottesreichgleichnisse, die Mt mehr hat, nicht gelesen hat, darf wenigstens überlegt werden. Die Jünger- rede bringt Le ungefähr in dem Umfang, wie sie zuerst geschrieben war, Mt aus seiner Vorlage mit einer starken Ergänzung, in der sich kompliziertere Verhältnisse zum Wort drängen. Ob die bei- den Gleichnisse von Gastmahl und von den anvertrauten Geldern in der Sammlung des Mt und Le im gleichen Wortlaut standen, ist mehr als zweifelhaft; Ansätze zu allegorischen Deutungen ent- hielt schon die Vorlage. Ganz sicher ist die Parusierede nichts Fertiges, Festes gewesen schon infolge der Verzögerung der Er- füllung. | 4. Die Geschichte der Sammlung. 233 Die Doppelgestalt der Reden in unsern Synoptikern erklärt sich genügend erst aus den Schwankungen und Wandlungen der schriftlichen Überlieferung. Das Exemplar, das Le hatte, scheint um einiges kürzer gewesen zu sein als das des Mt. Und bei Mt selbst sträuben sich die einzelnen Reden dagegen, Werke aus einem Guls zu sein. Die genaue Entwicklung im Einzelnen nachzu- weisen, wäre ein aussichtsloses Unternehmen. Es genügt das sichere Dafs der Veränderung. | Blofs von einer ebjonitischen Bearbeitung, die dem Le vor- . gelegen haben soll, ist nichts nachzuweisen. Die Reden bei Le entfernen sich vom geschichtlichen Judaismus und nähern sich dem Katholizismus an. Das ist aber das Werk des Evangelisten selber. Die Reden bei Mt scheinen länger dem Einflufs der Ur- gemeinde ausgesetzt gewesen zu sein; das kommt aber auch daher, dafs ihnen Mt mit gröfserer Schonung begegnete. Nur davor ist zu warnen, dafs man sich den Unterschied der Vorlagen des Mt und Le zu ek vorstelle. Derart darf von einer Geschichte der NE geredet werden, obschon blofs deren Endpunkte uns klar vor Augen liegen. Sie azde zuerst aufgezeichnet von einem Mann der urapostolischen Richtung, erfuhr hierauf fortwährende Vermehrung, u. a. auch in judaistischem Sinn, bis sie schliefslich zu Mt und Le gelangte. Ihre Aufnahme in I Werke hat ihr selbst das Ende ber eitet, da sie überflüssig wurde. Über das Datum der ersten Aufzeichnung wage ich nichts Festes anzugeben. Bei Lebzeiten der meisten Ansıel wird sie kaum verfalst sein. Die 60er Jahre sind ein ganz ungefähres Datum. | Von dem Entstehen und der Verwandtschaft griechischer Schriften allein hat die synoptische Frage zu handeln. Was rück- wärts derselben liegt, die mündliche aramäische Tradition, ist bis jetzt das Objekt mehr der Vermutungen, als des sichern NER Ein neues grolses Forschungsgebiet dehnt sich hier für diejenigen aus, die sich dazu berufen nennen dürfen. 234 Anhang. 1. Die Synoptiker und Johannes. Die Berührungen zwischen Johannes und den Synoptikern verteilen sich sehr ungleich über die verschiedenen a... des vierten Evangeliums. In Betracht kommen: 1) Die Vorgeschichte, Joh 1 2) Galiläische Geschichten: Die ersten Jünger e 1 Ansiedlung in Kapernaum e 2 Heilung des Königischen e 4 Speisung und Wandeln auf dem Meer ce 6 Petrusbekenntnis c 6 Notiz von der Verhaftung des Täufers 3, 24 Jesus in Samarien 4, 4. 3) Judäische Geschichten: Tempelreinigung e 2 (Der Kranke von Bethzatha e 5) (Der Blindgeborene e 9) Jesus in Peräa ce 10 Maria und Martha (Lazarus) cell Synedriumsverhandlung ce 11 Salbung c 12 Einzug in Jerusalem c 12 Das Abschiedsmahl ec 13 Leidens- und Auferstehungsgeschichten e 13—21 4) Vereinzelte Herrenworte: 2, 19. 3, 3. 12,25. 13, 16. 20. 1) Die Vorgeschichte. Die Verwandtschaft des Joh mit Mr fällt beim Beginn seiner Geschichte sofort in die Augen. Keine Geburtsgeschichte, kein Stammbaum, nichts von Maria und Bethlehem. Der Täufer er- öffnet die Erzählung von Jesus. Das Wort aus Jes40 wird eitiert. Von synoptischen Aussprüchen des Täufers wird keiner mitgeteilt, als der des Mr (1,7f.). Dem Messias wird das Taufen mit dem hei- ligen Geist verheilsen ohne den Zusatz x«t zvol. Das Herabkon- ) a I. Die Synoptiker und Johannes. 255 men des Geistes gleich einer Taube und die Proklamation Jesu zum Gottessohn ist wie bei Mr das Wesentliche an der Taufe Jesu. Doch finden sich auch Anklänge an die anderen Synoptiker. Der aus Mr 1, 7 citierte Spruch ist in der Ordnung des Mt und Le wiedergegeben. Wenn der Täufer den Messiastitel scharf von sich weist, so erinnert das an Le 3, 15f. Die Stimme, die an Jesus er- geht, sagt nicht „Du“, sondern „Dieser“ ist Gottes Sohn, ähnlich wie Mt3,17. Freilich ergeht sie dann — folgerecht — nicht an Jesus selbst, sondern an den Täufer, der auch das Gesicht hat. Das . scheint wie eine Fortbildung von Mt aus; es ist jedoch bei Joh selbständig begründet, weil er die Taufe als Erkennungszeichen für den Täufer wertet, nicht als grundlegendes Erlebnis Jesu. Es fehlt selbst nicht an Parallelen zum Gespräch des Täufers mit der Deputation. Die Priester, die nachträglich als zur Pharisäer- partei gehörig bezeichnet werden, erinnern an die Pharisäer und Sadducäer, die nach Mt 3, 7 zum Täufer kommen. Bei den Fragen, die der Täufer beantworten muls: bist du Elias? bist du der Prophet? denkt man an Mr 6, ı5; andere sagten: er ist Elias, andere: er ist ein Prophet. Aber das synoptische Herrenwort: der Täufer sei der Elias redivivus wird durch Joh umgeworfen. Hier geht der vierte Evangelist seinen eignen Weg — wie es scheint aus bestimmten theologischen Gründen (vgl. Batengar rger, der Prolog des vierten Evgs. p. 84 ff.). Die Frage der huerien aus Jerusalem: was (d.h. aus welchem Recht) taufst du denn? hat eine gewisse Berührung mit der Johannesfrage Mr 11. Läfst sich für diese Vorgeschichte die Abhängigkeit des Joh von den Synoptikern beweisen? Einen doppelten Zweck verfolet Joh mit seiner Erzählung vom Täufer. Zuerst soll der en aller hohen Titel sich selbst entkleiden, damit Raum bleibt für Jesus; auch sein Taufen habe nur vorläufigen Wert. Sodann soll der Täufer die @ottessohnschaft Jesu feierlich bezeugen. Dieser doppelte Zweck wird von Joh er- reicht mit dem Mittel synoptischer Traditionen, und eben darin, im Gebrauch derselben für einen fremden Plan, zeigt sich seine Abhängigkeit. Der fast nur negierende Bericht vom Täufer setzt einen solchen voraus, der dem Täufer eine hohe Bedeutung gab; ebenso die Erwähnung der Taufe als Erkennungszeichen für den Täufer eine Schilderung dessen, was sie für Jesus selbst bedeutet hat. Die Stoffe liegen bereits fixiert vor, aber Joh macht mit ihnen etwas Neues. JR 236 "Anhang. Ganz evident ist hier nur die Abhängigkeit des-Joh von Mr, da die Berührung mit Le und Mt zufällig sein kann. Dann aber zeigt sich, wie frei Joh mit der Mrtradition verfährt, wie sicher und überlegen er über sie verfügt. Er hat neben Mr 1 zugleich Mr 6 und Mr 11 im Gedächtnis. Die Gesamttradition über den Täufer ist ihm gegenwärtig. Gebunden aber erscheint er darin, dals trotz seines Prologs die Geistesmitteilung ihre Stelle behält. Der ursprüngliche Entwurf des Mr wirkt immer noch am stärksten. 2) Galiläische Geschichten. | Was Joh von solchen mitteilt, ist derart dürftig (die ersten Jünger, drei Wunder und eine Rede), dals die Meinung ausge- schlossen ist, er erzähle Alles, was er weils. Man kommt hier ein- fach nicht darum herum, dals Joh die reiche synoptische Tradi- tion von Galiläa als bekannt voraussetzt. Dals er sie schriftlich fixiert kannte, ist dadurch nahe gelegt, doch noch nicht bewiesen. Ganz wie bei Mr steht die Bildung des Jüngerkreises an der Spitze der Wirksamkeit Jesu. Und zwar ist Petrus der Haupt- apostel; das zeigt sich darin, dals der vor ihm berufene Andreas als Bruder des Simon Petrus eingeführt wird. Joh schreibt aber von Anfang an Simon Petrus wie Mt 4 und Le 5. Sofort darauf erklärt er den. Namen in einer Art, die deutlich Mt 16, 17 als be- kannt voraussetzt: für das dortige Ziuov Baoıwv& tritt hier Zi- uov 6 viog ’In«vvov ein, für IIeroog die semitische Form Knpäas. Das „Folge mir nach“, das Jesus nachher zu Philippus spricht, er- innert an die Berufung des Levi Mr 2. Von Jesus als Sohn Jo- sephs aus Nazaret reden die Bewohner seiner Vaterstadt selbst in Mt 14. | Freilich überwiegt die Differenz bei dieser Jüngerberufung weit das Gemeinsame, das sich kaum über die Namen hinaus er- streckt. Der ganze Hergang ist ein völlig anderer. Von Johannes dem Täufer geht's zu Jesus hinüber, und der Messiasglaube, klar ausgesprochen, ist das Motiv, das zu Jesus treibt. Wir sind ın Joh 1 schon soweit, wie in Mt 16. Ist trotzdem Me der Synoptiker aznen | Wie oben lälst sich behaupten, dafs die Darstellung des Joh eine andere zur Voraussetzung hat. Der Petrus, als dessen Bruder Andreas eingeführt wird, den Jesus Fels benennt, hat ursprüng- lich an erster Stelle gestanden, nicht an dritter. Und die von pole- mischem Interesse geleitete Herleitung der ersten Jünger vom Täufer ist schon die Umbildung einer Berufung, bei der Jesus die I. Die Synoptiker und Johannes. 231 Initiative ergriff und die Jünger von sich aus folgten. Ebenso ist hier ein voller, klarer Messiasglaube an den Anfang gestellt, der in einerältern Tradition sich allmählich bildete unter dem Eindruck der Thaten und Worte Jesu. Wieder also zeigt sich, dafs Joh die synoptische Überlieferung bei Mr und Mt völlig überbliekt und mit Bewulstsein zusammenzieht. Gebunden ist er an sie darin, dals er sofort mit den Jüngern einsetzt. Die Notiz Joh 2, 12: Jesus stieg nach Kapernaum hinunter, ‚er und seine Mutter und seine Brüder und seine Jünger, hat zur . Voraussetzung den Text des Mt 4,13: er verliels Nazaret und kam und liefs sich in Kapernaum nieder. Mt kam zu seiner Vermutung durch den Umstand, dafs in seiner Vorlage (Mr) Jesus nach allen Wanderungen stets wieder nach Kapernaum zurückkehrt. Kaper- naum ist in der That Mittelpunkt der galiläischen Tradition der Synoptiker. Da bei Joh Jesus sonst nur noch c 6 dort auftritt, zeigt sich an dieser Notiz ce 2 einfach die Nachwirkung der Syn- optiker, speziell des Mt. Dagegen hat er den synoptischen Spruch: Kein Prophet ist geehrt in seiner zarors, statt auf Nazaret auf Judäa bezogen, das ja nach der Weissagung das Vaterland des Messias ist (4,44). Das ist zweifellos freie Umbildung; doch reicht hier Kenntnis des Spruchs auch aus mündlicher Überlieferung aus. Unverkennbar ist die Erzählung vom Königischen in Kaper- naum eine Parallele zur synoptischen Erzählung vom Hauptmann von Kapernaum. In der Quelle (Q) war der Kranke mit maig be- zeichnet (Mt 8,8. Le 7,7) im Sinn von „Diener“ (Le doöAog). Joh kannte ihn gleichfalls als zeig (4, 51), deutete ihn aber als Sohn (viög). Mit beiden Synoptikern trifft Joh in der Hauptsache zu- sammen, der Heilung in die Ferne durch’s Wort, der Betonung des Glaubens. An Le 7, 2 erinnert das jueAAsv anod®vnjoxsıv, an. Mt 8,13 das 7og8Vov (für üneye) und die exakte Betonung der Gleich- zeitigkeit von Wort und Wunder (Ev 7 &o« Exeivn). Daneben aber welche Verschiebung: In @ ein Heide, dessen Glaube Israel beschämt — bei Joh ein Galiläer, den der Vorwurf trifft: Habt ihr nicht Zeichen und Wunder gesehen, so glaubt ihr nicht. Wie ist das zu verstehen? Für Joh liegt die Heidenmission in der Ver- gangenheit, Jesu Stellung zu Israel und zu den Heiden hat kein Interesse mehr. Darum läfst er den „heidnischen“ Hauptmann fallen. Dagegen ist es ihm wichtig, dals seine Leser den Vorzug eines Glaubens, der nicht schaut, vor einem Glauben erst auf Wun- der hin würdigen lernen. Diesen theologischen Gedanken macht 238 Anhang. er daher zum Hauptmotiv. Aber die Geschichte, in welcher der „Königische“ blofs als Typus der wundergläubigen Galiläer figu- riert, setzt wieder voraus eine Erzählung, in der er als heidnischer Hauptmann Bedeutung hatte. Joh hat Mt oder Le, wahrscheinlich aber beide gekannt. Die letzte gemeinsame galiläische Geschichte ist das Spei- sungswunder und die sich daran anschlielsenden Ereignisse. Die zahlreichen wörtlichen Anklänge an die synoptische Darstellung sind nicht strikt beweisend, da ja diese Geschichte auch mündlich durch das viele Erzählen eine feste Form bekam. Am auffallend- sten ist die gleiche Situation und die Übereinstimmung der Zah- len (5000 Männer, 5 Brote und 2 Fische, 12 Körbe, 200 De- nar); die zuletzt genannte Zahl ist doch nur begreiflich bei Ab- hängigkeit von unserm Mr. In legendarischer Weise sind die zwei Worte der Jünger bei Mr auf zwei verschiedene Jünger ver- teilt, deren Namen (Philippus, Andreas) genannt werden. Die wirkliche Frage Jesu bei Mr wird bei Joh zur versuchlichen Schein- frage herabgedrückt, entsprechend seiner hohen Christologie. Neu ist dagegen der Eindruck, den das Wunder auf das Volk macht: man will Jesus zum König erheben, sodals er sich flüchten muls. Von den Synoptikern aus war kein Anlals zu diesem Zug. Vielleicht ist der Fehler in der Situationszeichnung 6,3 und 15 auch ein Hinweis auf die Abhängigkeit von synoptischen Berichten; das doppelte: er stieg auf den Berg (vgl. Mt15,29), er flieht wieder auf den Berg (vgl. Mr 6, 46), verträgt sich schlecht. Die Erzählung vom Wandeln auf dem See klingt stark wörtlich an Mr an. Indes ist zu fragen, ob nicht Joh hier den Vorzug vor den Synoptikern verdiene. Man sehe, so heifst es, bei ihm noch deutlicher in die Ent- stehung der Sage hinein: Jesus wandelt dem Meer entlang, um’s Meer herum; daher wird er nicht ins Schiff aufgenommen, weil sie ja alsbald am Ufer angelangt sind. Das heilst überklugen Ratio- nalismus dem Joh aufbinden. Er betont mit der Angabe der Länge der Fahrt und der Nähe des Landes nur die Gröfse des Wunders: Jesus durchschritt die ganze See zu Fuls. Das ist eine Steigerung des synoptischen Berichts, keine ihm überlegene Kunde. Warum Joh gerade das Speisungswunder vor allen andern Wundern aus Mr herausgriff, zeigt erst die folgende Rede. Das irdische Brot gibt Anlafs, vom Brot vom Himmel zu reden; damit ist das Thema der grolsen Rede gewonnen, die ausmündet in die Worte vom Abendmahl. Dafs die Zeichenforderung des Volks I. Die Synoptiker und Johannes. 239 6, 30 aus Mr 8 hergenommen ist, braucht nicht angenommen zu werden. Folge der Rede über das Brot ist der Abfall vieler Anhänger und, dadurch hervorgerufen, das Petrusbekenntnis. Für Christus tritt ein anderer Ausdruck ein: der Heilige Gottes (vgl. Mr 1 im Mund der Dämonen). Aber an’s Messiasbekenntnis schliefst sich die Leidensverkündigung nicht mehr an; die Christen sind längst mit dem Tod Jesu vertraut, er hat für sie nichts Überraschendes und sie Ärgerndes mehr, 6, 70 hab’ ich nicht euch, die Zwölf, erwählt? ‚ist verständlich nur für Leser, die mit dem he Bericht _ von der Apostelwahl längst en sind. Im Apostelkatalog bei Mr ist Judas Ischariot bei der ersten Erwähnung als Verräter be- zeichnet, weil ihn die Christen stets so nannten. Joh deutet sich dies stehende Beiwort so, dals auch Jesus ihn von Anfang an als Verräter gekannt hat. Er hat also bei seinem 6. Kap. wieder Mr 6, 8 und 3 gleichzeitig gegenwärtig gehabt und frei über sie verfügt. Noch sind zwei kurze galiläische Notizen zu erwähnen. 3, 24 noch nicht war ja Johannes ins Gefängnis geworfen, ist offenbar Korrektur des synoptischen Berichts Mr 1, ı4. Mt 4, 12, dafs Jesus erst nach der Verhaftung des Täufers aufgetreten sei. Diese Korrektur könnte auf selbständiger guter Kunde beruhen; aus der Johannesrede der Spruchsammlung;, der erst Mt das „im Gefängnis“ vorgeklebt hat, läfst sich kaum etwas Sicheres schliefsen. Doch ist zu beachten, N: die Korrektur für Joh nötig wurde, sobald er das Abnehmen des Täufers und das Wachsen Jesu in polemischem Interesse so darstellen wollte, wie er’sthat. Die Grölse Jesu wirkt überragender, wenn er den Täufer noch in voller Wirk- samkeit überschattet. Die andere Notiz ist 4,4 Jesu Reise durch Samarien. Das erinnert an die Lcerzählungen. Durchweg setzt Joh den synoptischen Bericht über Jesu Wirken in Galiläa als bekannt voraus. Die spärliche Auswahl, die er bringt, wie die Korrekturen und Zusätze erklären sich in der Regel aus seinen theologischen Zwecken. 3) Judäische Geschichten. Sie beginnen bei Joh schon e 2 mit der Tempelreinigung, die also im Gegensatz zu den Synoptikern in die Anfänge des Wir- kens Jesu verlegt wird. Der wörtliche Anklang an Mr ist beträcht- lich, doch erzählt Joh so klar und frisch, dals er kaum zur Frage nach (Quellen berechtigt. Statt des Psalmeitats schreibt Joh schlich- 940 Anhang, ter, einfacher: macht nicht das Haus meines Vaters zum Kauf- haus; nur das „meines Vaters“ zeigt deutlich johanneische Diktion. Das feurige Eintreten Jesu für die Reinheit des Gotteshauses scheint in seiner ersten Zeit viel verständlicher als ein paar Tage vor seinem Tod, wo er doch die Zerstörung des Tempels voraus- sah. Dies ist mit Recht zu Gunsten des Joh gegen Mr bemerkt worden. | Allein an die Tempelreinigung reiht sich -— in unverkenn- barer Parallele zur Vollmachtsfrage bei Mr — die Frage der Ju- den: was für ein Zeichen zeigst du uns, dals du das thun darfst (tadre noLeig Mr 11,28). Jesus antwortet — seinen Tod und seine Auferstehung voraussagend—, er werde in drei Tagen „diesen“ ab- gebrochenen Tempel wieder aufbauen; vgl. Mr 15, 29. 14, 58. Die Form Avoare statt xataAvoo ist bei Joh gefordert durch die Deu- tung. Er schreibt hier als christlicher Theolog, der längst nach 70 lebt und sich um den jüdischen Tempel gar nicht kümmert. Nun stammt dies Wort sicher aus Jesu spätester Zeit, und auch die Frage der „Juden“ sofort nach der Tempelreinigung zeigt, dafs Joh die späteren Mrkapitel vor sich hat. Aber warum dann die neue Stellung? Die Pointe der ganzen Erzählung 2, 13--22 liegt in den Schlufsversen 21f. Joh will zeigen, dafs Jesus seinen Tod erkannte und weissagte, als ihn keiner seiner Hörer noch verstand. Als Wort von Tod und Auferstehung falst er den Spruch über den Tempel auf; Anlafs zu diesem Spruch muls die Erzählung von der Tempelreinigung geben. Sie ist hier ganz nur Anlafs, dem keine eigene Bedeutung zukommt. Ein kräftiges reformatorisches Eintreten Jesu für das Gotteshaus finden eben wir in der Erzäh- lung, aber nicht Joh, der höchstens noch mit dem Weissagungs- beweis hier operiert. Damit ist die Möglichkeit einer andern Tra- dition nicht ausgeschlossen. Aber auch dann bringst Joh die Er- zählung blofs, um zu der tiefsinnigen Weissagung zu gelangen. Die Heilung des Kranken von Bethzatha enthält nur zwei Berührungen mit synoptischen Texten. Das Wort Jesu: Steh auf, nimm dein Bett und wandle, erinnert an Mr 2, ı1, der daran sich anschlielsende Sabbatskonflikt an die Erzählung Mr 3, ı ff. Dar- aus lälst sich natürlich Abhängigkeit von Mr nicht beweisen. Es klingen blofs bekannte synoptische Motive an. Dasselbe gilt von der Heilung des Blindgeborenen, die sich mit der Blindenheilung MrS$ berührt. Das konnte Joh erzählen, auch ohne die Synoptiker zu kennen. I. Die Synoptiker und Johannes. 241 Wichtig ist, dafs Jesus sich gemäls 10, 40 zuletzt ın Peräa, nicht mehr in Galiläa aufgehalten hat, wie Mr 10, ı. Noch später nennt Joh eine bestimmte Stadt, Ephraim jenseits der Wüste (11,54). Bei der Angabe 10, 40 kann er durch Mr beeinflufst sein. elltaucht nun die bethanische Gesellschaftauf. MitMr gemein hat Joh den Ort Bethanien, wo Jesus so gut bekannt ist und die Salbungsgeschichte; bei dieser ist die Gemeinsamkeit des Aus- drucks so grols (Joh 11 uVoov vegdov ıorıxjg moAvriuov, Joh 12 die 300 ER Üpes abryjv und v 8), dafs Benutzung des Mr sicher scheint. Ähnlich wie bei ce 6 ist das Wort aus dein, Kreis der An- _ wesenden an einen bestimmten Jünger, diesmal den Verräter, über- geben. Verschieden ist freilich die Zeit der Handlung: bei Mr nach, bei Joh vor dem Einzug. Joh gewinnt dadurch einen Cyklus von Geschichten, in denen Lazarus eine Rolle spielt. Geschichtlich ist dieser klare Ausblick auf den Tod verständlicher nach der Ent- täuschung, die auf den Einzugsjubel folgte. Mit Le hat Joh die Namen Maria und Martha gemein, ferner den Namen Lazarus, endlich die Worte: &&gua$ev reis Hoıiv abrig todg aodag abrod (Le T). Aber bei Le wohnen Maria und Martha an einem unbestimmten Ort, Lazarus erscheint blofs im GleichnisLe 16, und der Satz mit e&&ue$ev ist bei Leeine Aussage über die grofse Sünderin. Der Weg von Mr und Le aus zu Joh erscheint fast unmöglich lang ohne Zuhilfenahme einer Sondertradition. nt man freilich eine längere Entwicklung dersynoptischen Überlieferung und erste Ansätze zur Ben an, so schwindet der Schein der Unmöglichkeit. Salbung und gr ir Dünderin flossen schon bei Le zusammen; von da zum Namen Maria war kein grofser Schritt, da Le die Maria Magdalena in bedeutungs- voller Weise nach der Erzählung von der grolsen Sünderin nannte. Die Auferstehung des Lazarus war im Gleichnis Le 16 wenigstens hypothetisch gesetzt, und es war dort bereits von ihrer eventuellen Wirkung auf die Juden die Rede. Das sind einige feste Anhalts- punkte. Das Weitere entzieht sich unserm Wissen. Mit der Mög- lichkeit einer eigenen joh. Tradition, die das von den Synoptikern nicht gekannte Lazaruswunder erzählte, mag rechnen, wer will! Aber selbst eine Sondertradition würde die merkwürdigen Berüh- ‚rungen nicht erklären. Man kommt hier schwer über Vermutungen hinaus. Sollte obige Hypothese Recht haben, so ergäbe sich, dals Joh nicht nur unsere Synoptiker ee sondern eine Fortbildung Wernle, Frage. 16 242 Anhang. der Tradition auf Grund derselben. Er stünde dann wirklich am Endpunkt einer langen mündlichen, "schriftlichen und harmoni- sierenden Überlieferung. Kurz vor die Salbungsgeschichte fällt wie bei Mr, Mt eine Sitzung des Synedriums unter Vorsitz des Kaiaphas, des Hohenpriesters,, mit dem bestimmten Entschluls, Jesus zu töten. Der Name des Kaiaphas und der Wortlaut (eßovAsvoavro Iva ENTOATELVO0LV abrov) erinnert so stark an Mt, dafs Benutzung sicher scheint. Auch die Zusammenstellung „Hohenpriester und Pharisäer“ hat Joh von Mt übernommen. Sie verrät ganz wie die Notiz vom jährlichen Hohenpriesterwechsel totale Unkenntnis der Parteien und Behörden der Juden. Die;Pharisäer sitzen als solche eben nicht im Synedrium. Beim Einzug in Jerusalem schliefst sich Joh durchweg _ an Mr an, zumal im Hosannaruf, dessen zweiten Teil (ed4oynuevn n Baoıksie etc.) er verdeutlicht. Das an Mr erinnernde Sach.-Citat scheint doch frei gegeben und geschmackvoller gedeutet. Mit Le berührt sich die Erwähnung der Pharisäer beim Einzug. Aber Jesus bestellt den Esel nicht, er findet ihn zufällig am Weg. Man hat darin einen Vorzug des joh. Berichts vor dem synoptischen sehen wollen: der wirkliche Hergang blicke deutlicher durch. Thatsächlich wird die Erfüllung der Weissagung durch diesen Zu- fall nur wunderbarer; als Steigerung des Wunders allein hat Joh diese Änderung gemacht. Am klarsten ist beim Abschiedsmahl die Darstellung der Synoptiker von Joh vorausgesetzt. Die Zurüstung des Mahls, die Angabe des Orts, das Mahl selbst, die neue Stiftung, das Alles kennen die Leser. Die zwei Worte dsizvov ysvousvov genügen, um die Situation völlig klar zumachen. Auch der Verrat des Judas wird nicht erzählt. Die Worte 13,2 roö dıeßoAov Hdn PeßAnxo- rog etc. setzen Le 223 (eiojAdEv 6 oaraväg eig ’Iovdav) als bekannt voraus und zwar in schriftlicher Vorlage. Freilich stimmt damit 13, 27 (al uera TO doulov, Tore ElonAdEv eig Exeivov 6 GaTavÄg) schlecht genug. Der Widerspruch erklärt sich daraus, dafs Joh an Quellen gebunden ist-und doch frei gestalten will. Die Vor- hersagung des Verrats erfolgt wörtlich nach Mr 14, ıs. Mt 26, 21 (selbst mit @unv A&yo). Indem sodann Joh sich an Mt an- schliefst, erzählt er die eigentliche Entlarvung des Verräters, d.h. er fügt zu Mt 26, 23 auch noch die Handlung hinzu. Das Wort Jesu an Judas tritt dann als Ersatz ein für Mt 26, 25. I. Die Synoptiker und Johannes. 243 Nicht einmal die Fulswaschung entbehrt des Anhalts- punktes in den Synoptikern. Bei Le redet Jesus nach dem Mahl von der Pflicht des Dienens und stellt sich als Vorbild hin: Wer ist der Grölsere? Der welcher zu Tische sitzt, oder der, welcher dient? Nicht der, welcher dient? Ich aber bin unter euch wie der Dienende (Le 22,27). Von da ist nicht mehr weit zur Fulswaschung. Die Erzählung mufs freilich nicht, sie kann so entstanden sein. Alte christliche Riten scheinen noch mit einzuwirken. Nur das steht fest, dafs eine Veranlassung zu dieser Episode bei Le vorliegt. | Sonst stimmt nur noch die Vorhersagung der Verleug- nung des Petrus Joh 13,37 f. mit den Synoptikern überein, und zwar mit wörtlichem Anklang (dunv A&yo 60:). Den doppelten Hahnenschrei unseres Mrtextes hat Joh noch nicht gelesen. Dafs @Gethsemane der Hauptsache nach ausfällt, folgt schon aus der höheren Christologie des 4. Evgs. Gelesen hat Joh un- seren synoptischen Bericht, wie aus 18, 11 f. hervorgeht. Nur hat er dort das angstvolle Bittgebet Jesu in eine zuversichtliche Frage an die Jünger verwandelt. Das Kommen des Judas wird in An- lehnung an die Synoptiker erzählt; doch stellt Joh wieder Hohen- priester und Pharisäer zusammen, als wären letztere eine Behörde, . die ihre Diener hat. Bei der Gefangennahme zeigt Joh Kenntnis auch von Le und Mt; er hat geradezu einen harmonistischen, da- neben aber legendarisch vermehrten Bericht gebildet (Mr: @r«- oıwov, Le ro ds&ı0v, Mt: stecke das Schwert in die Scheide). Der schlagende Jünger ist Simon Petrus, der geschlagene Knecht heilst Malchus. Das sind um so gewisser Züge der Legende, als Mr ge- rade hier den Petrus nicht vergessen hätte. Und wie Petrus trotz dieser Gegenwehr nachher getrost in den hohenpriesterlichen Hof sich hineinwagt, ist das Gegenteil des Wahrscheinlichen. Für den Verräterkuls des Judas hat Joh einen grolsartigen Ersatz ge- schaffen in der Freiheit, mit der Jesus sich selbst zu erkennen und gefangen gibt. Dasalleinentspricht dem johanneischen Christusbild. Das Folgende, Verhör und Verleugnung, verrät seine Ab- hängigkeit von den Synoptikern rein äufserlich in der Kompo- sition, wie das Verhör zwischen die doppelte Erwähnung des Petrus gestellt ist (vgl. Mr 14, 54. 66 ff.); nur hat Joh gleich noch die erste Verleugnung vor das Verhör gestellt. Die Darstellung des Verhörs leidet an einer gewissen Unklarheit, sofern Kaiaphas und sein Schwiegervater Annas sich den Rang streitig machen. Hohenpriester des Jahrs ist Kaiaphas und nicht Annas. Trotzdem 16* 244 Anhang. wird Jesus zu Annas geführt. Allein verhört wird Jesus vom Hohenpriester (wem?), und dann gebunden von Annas zu Kaiaphas, dem Hohenpriester, gesandt. Von Kaiaphas führt man ihn ins Prätorium, ohne dafs ein Verhör vor Kaiaphas erwähnt wird. Ich kann mir diesen verworrenen Bericht nur so erklären, dafs Joh versucht, zwei verschiedene Traditionen, eine Kaiaphas- (Mt) und eine Annastradition in Einklang zu bringen, und dafs ihm dies sehr schlecht gelingt. Anlafs gab ihm vielleicht Le mit seiner gleichfalls seltsamen Notiz 3,2 Emi doyısoewg (sing.) Avva xal Keıcpe. Der Inhalt der Verhandlung unterscheidet sich so stark wie möglich vom synoptischen Bericht: kein Messiasbekenntnis Jesu, kein Todesurteil wegen Gotteslästerung. Jesus wird über seine Jünger und seine Lehre befragt, worauf er im Anschluls an Mr 14,49 antwortet. Die Wertlosigkeit dieses Berichts folgt schon daraus, dafs von ihm aus die Überführung Jesu an Pilatus ganz unbegreiflich erscheint, zumal da kein 'Todesurteil gefällt wurde. Sodann ergibt sie sich aus dem Widerspruch mit dem Folgenden: als prätendierter Judenkönig wird Jesus angeklagt und verurteilt. Das setzt Alles deutlich den synoptischen Bericht voraus. Wie kommt aber Joh zu seiner Umgestaltung der Verhandlung? Zu seiner Zeit steht das Christentum als Schule mit gottloser Lehre . dem Judentum gegenüber. Darum wird hier Jesu als einem Dchulhaupt der Proze[s gemacht. Das offene Bekenntnis Jesu zum jüdischen Messiastitel kann der unter apologetischem Gesichts- punkt schreibende Joh nicht mehr ertragen. Ihm liegt der Welt gegenüber daran, dafs die Christen eine ungefährliche, das Licht nicht scheuende Shnlo sind, die so wenig als andere Schulen ver- folgt zu werden verdienen. Die Verleugnung selbst stimmt darin mit Mt, Le überein, dals die Fragesteller jeweilen verschiedene Personen sind. Natür- lich ist hier der Erzähler am wenigsten sklavisch gebunden. Am wichtigsten ist die Änderung am Bingang, Petrus gelangt nur durch Vermittlung des Lieblingsjüngers in den Hof des Hohen- priesters. Das ist der 2. Fall, wo der Lieblingsjünger neben Pe- trus auftritt und es ihm zuvorthut. Das Verhör vor Pilatus umfalst bei Joh 27 Verse, bei Mr 15 oder, falls man die Verspottung hinzunimmt, 20. Fe ist die Uber mit den Synoptikern er grols: die Frage des Pilatus: bist du der Juden König? die schliefsliche Antwort Jesu: du sagst es; die Unschuldsbezeugung des Pilatus (Le), seine I. Die Synoptiker und Johannes. 245 Frage an die Juden, ob er der Sitte gemäls den Judenkönig frei geben soll; das Verlangen des Volks nach Freigebung des Bar- rabas, die Geilselung und Verspottung (starker wörtlicher An- klang); ferner wie bei Le wiederholte Unschuldsbezeugungen und ‚Rettungsversuche des Pilatus und der beharrliche Ruf des Volks: „Kreuzige ihn“. Durch all das sind die Synoptiker als Grundlage für Joh erwiesen. | Die Unterschiede betreffen gleich zu Anfang das Datum: die - Verurteilung findet bei Joh vor dem Passahtag, bei Mr am Passah- tag selbst statt. Hier könnte eine andre Tradition vorliegen, ob- schon auch mit dem Einflufs theologischer Gedanken zu rechnen ist. Sodann schiebt sich zwischen die Pilatusfrage: bist du der Juden König? und Jesu Antwort: du sagst es, eine apologetische Erörterung mit dem Zweck, alles Irdische, Politische scharf vom Messiasbegriff auszuschlielsen; demnach erhält auch das „ja“ sofort die Erläuterung: König der Wahrheit. Damit hat Joh dem Be- kenntnis Jesu alles Staatsgefährliche genommen. Endlich zieht Joh nach dem Vorgang des Le die Verhandlung möglichst hin- aus, um die Schuld möglichst deutlich von Pilatus auf die Juden abzuwälzen (besonders 19, 11). Das sind lauter klare durchsichtige Zuthaten, durch welche die Abhängigkeit desJoh vom synoptischen Bericht nur um so deutlicher wird. Die Hinrichtung Jesu weist wieder grofse Verwandtschaft mit der Hinrichtung bei den Synoptikern auf. An Mt erinnert das Agsyousvov vor Koaviov tömov. Ferner sind gemeinsam die zwei Mitgekreuzigten, die Überschrift des Pilatus, die Zerteilung der Kleider, die anwesenden Frauen, die Tränkung Jesu mit dem Essigschwamm, sein Verscheiden (x«o2dwxev TO zveduc vel. Mt), die Konstatierung seines Todes (Mr). Berichte mit so viel ge- meinsamen Zügen können nicht unabhängig entstanden sein. Gleichzeitig zeigt sich aber überall der Bearbeiter der spä- tern Zeit. An die Erwähnung der Überschrift schliefst der anti- jüdische Autor den Bericht von der vergeblichen Entrüstung der Juden darüber. Die Stelle vom Zerteilen der Kleider (Mr 15,24) führt ihn auf die Psalmstelle (22, 19), die er nun freilich in klein- lich pedantischer Weise deutet, nicht viel besser als Mt in e 21 die Sachariaweissagung. An Stelle des Ausrufs der @ottverlassen- heit, der schon für Le unerträglich war, tritt bei Joh das schlichte „Mich dürstet“, nahegelest bei Mr selbst durch den Trank, den Jesus nach jenem Ruf erhält. Die Namen der Frauen sind z. T. 246 Anhang. andere. Die Mutter Jesu tritt auf (ob veranlafst durch Maria, die Mutter des Joses und Jacobus — nach Mr 6 Namen zweier Brü- der Jesu —?). Es ist unmöglich, dafs die älteste Überlieferung sie vergessen hätte. Gerade sie und mit ihr das rührende Herren- wort fällt wegen des Fehlens bei Mr unerbittlich der Legende an- heim. Weit ausgeführt und nach ATlichen Sprüchen gestaltet ist dann die Konstatierung des Todes; Jesu in apologetischem Inter- esse; wie schlicht nimmt sich dem gegenüber Mr 15,44 aus, und wie wörilas ist das Zeugnis des Jeugen! Beim Begräbnis ist wie in den Synoptikern Joseph von Arimathia die Hauptperson; dem Mt folgend bezeichnet ihn Joh als Jünger Jesu. Von sich aus fügt er ihm dann den Nikodemus hinzu und läfst diesen die Salbung besorgen, von der die Synop- tiker mit Recht nichts erzählt haben. Das Grab ist bei Joh nicht Eigentum des Joseph, so wenig wie bei Mr; es ist einfach in der Nähe und deshalb benützt man es. Mit Mt nennt es Joh ein „neues“, mit Le fügt er hinzu, dafs noch niemand darin lag. Er kennt also auch hier wieder alle unsre 3 Synoptiker. In der Erzählung vom Auferstehungsmorgen zeigt sich der Einflufs der Synoptiker in der entscheidenden Rolle, die Maria Magdalena erhält, von welcher sonst Joh noch gar nichts berich- tete. Da die Salbung schon erfolgt ist, fällt der Grund ihres Gangs zum Grab aus. Die Zeitangabe: rn ud Tov oaßßarwv stammt aus Mr, ebenso die Notiz vom weggewälzten Stein. Über- springt man An die Einlage v 2—10, so folgt im Anschluls an Le die Erscheinung der zwei Engel a weilsen Kleidern. Zu ihrem Auftrag kommt es aber nicht, da sofort Jesus selbst der Frau erscheint. Diese erste Erscheinung Jesu vor der Frau ruht ganz sicher auf Mt 28,9#. Das ergibt schon der Ausdruck „Brü- der“ und zwar im Sinn von Jünger (v 17 und 18 ganz wie Mt v 10 und 7), der unmöglich durch Zufall in Mt und Joh eingedrungen sein kann. Ferner ist das „rühre mich nicht an“ bewulste Kor- rektur des „sie ergriffen seine Fülse“ bei Mt, selbst wenn der Sinn dieser Korrektur nicht ganz durchsichtig ist. Darin, dafs Maria die Botschaft ausrichtet, zeigt sich wieder der Einfluls des Le, Mt, der gegenüber Mr siegreich ist. Wirklich neu ist also hier blols die Einlage v 2—10, der Wett- lauf des Petrus und des Lieblingsjüngers zum Grab. Er verläuft zwar ohne Bedeutung für die Fortsetzung der Geschichte, ist aber ein grolser Schritt auf dem Weg der Legendenbildung, a hier I. Die Synoptiker und Johannes. | 247 nicht mehr blofs die Frauen, sondern die Jünger selbst Zeugen des leeren Grabes sind. In der Erzählung kommt wieder die Rivalität beider Jünger zum Ausdruck. Der Rest von c;20 zeigt, dafs das /Leevg. mit seiner ‚Ver- ‚legung der Jüngererscheinungen nach Jerusalem gesiegt hat über die Mrtradition. Die Erscheinung Jesu im Jüngerkreis am Abend des Auferstehungssonntags knüpft auch sprachlich (&orn eig ro uE£oov) an Le 24, 36—43 an. Die massive Greifbarkeit des Aufer- . standenen betont nur Joh so stark wie Le. Darauf überbietet frei- lich Joh seinen Vorgänger durch die hinzugefügte Thomas- geschichte, die den stärksten Zweifel überführt, aber auch — für die Spätern — ins Unrecht setzt. Um so auffallender ist von da aus der Anhang ce 21 mit sei- ner galiläischen Erscheinung. Die Erzählung vom Fischzug des Petrus (Le 5) wird nachgeholt; das Mahl wird gehalten ähnlich wie Le 24, freilich so, dafs vom Essen Jesu kein Wort steht. Der Schlufs von v 15 an ist gegen den galiläischen Schauplatz wieder gleichgiltig und ganz im johanneischen Stil gehalten. Es scheint, dals Joh eben doch Kunde von galiläischen Erscheinungen hatte (Mt), und diese, nachdem sie vermutlich nicht in seinem ursprüng- lichen Plan lagen, hier nachgetragen hat. Die Erwähnung der Zebedaiden ohne Andreas stimmt genau mit Le 5 überein. Die Verlegung des Fischzugs vom Anfang der Geschichte Jesu an ihr Ende hat in Anbetracht aller übrigen Freiheit des Joh gar nichts Unerhörtes. Do ergibt die Vergleichung der Leidens- und Auferstehungs- geschichte nur einen fortlaufenden Beweis der Benutzung unsrer 3 Synoptiker durch Joh. 4) Herrenworte. Kenntnis der synoptischen Reden setzt das 4. Evg. einfach voraus. Die „Gebote“ in den Abschiedsreden sind die Gebote der Gerechtigkeitsrede. Die „Lehre“ Jesu ist die synoptische Predigt vom Gottesreich und vom Weg dahin. Eben deshalb durfte Joh ungescheut die Herrenworte übergehen und statt dessen Reflexio- nen über Jesus in Herrenworte einkleiden, weil jeder Christ, der sein Werk las, längst vertraut war mit den synoptischen Lehr- sprüchen. Gerade wie Mr die Reden der Spruchsammlung bei je- dem Christen als bekannt voraussetzt, so Joh die synoptischen Herrenworte überhaupt. Am deutlichsten. ist das bei seiner Aus- lassung der Abendmahlsstiftung. 248 Anhang. 2 Nur ganz vereinzelte Anklänge finden sich doch, so 2, 19 das schon besprochene Wort vom Tempel. 3,3 wenn einer nicht von oben geboren ist, kann er nicht das Gottesreich sehen (= ins Gottesreich eingehn v 5) ist echt johanneische Umbildung von Mt 18,3. 12,25 wer sein Leben liebt, verliert es, und wer sein Le- ben hafst in dieser Welt, wird es bewahren für’s ewige Leben, ist freie Wiedergabe des bekannten Spruchs der Bekenntnisrede. 13,16 der Knecht ist nicht gröfser als sein Herr, und der Apostel nicht grölser als der, welcher ihn gesandt hat, hat seine Parallele Mt 10, 24, ist aber wegen des &mo6roAog spätere Form. 13,20 wer einen aufnimmt, den ich sende, nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat, ist Citat aus der Missionsrede. Das sınd ik sicheren Borchnieen Man hat aulser- dem noch zahllose synoptische een in allen johannei- schen Reden finden wollen, ja sogar versucht, die synoptische Grundlage und die johanneische Übermalung zu scheiden. Aber solche Versuche haben blofs apologetischen Reiz und hindern ge- rade das Verständnis der originalen Freiheit des Evangelisten. Der Autor des 4. Hes hat unsre drei Synoptiker gekannt und als Quelle benützt. Er will sie aber nicht en, son- dern ergänzen, d. h. überbieten durch seine höhere, geistige Dar- stellung. Zu seiner Zeit sind demnach alle drei synoptischen Evan- gelien in dem Gebiet, wo Joh schreibt, bekannt, und es bilden sich bereits Ansätze zur Harmonistik und Vermittlung, resp. zur Bil- dung einer einheitlichen evangelischen Geschichte. Neben der theologischen Reflexion hat die Legende immer noch Anteil an der Weiterbildung der alten Stoffe. Die Erzählung des Mr bietet auch für Joh die Grundlage. Von Mt und Le hat er Vieles ange- nommen, Vieles auch entschieden abgelehnt (z. B. den Bericht des Mt von den Aufer stehungsvorgängen). Den Evangelienstil über- nimmt Joh von seinen Vorgängern, wobei er sich von Mr soweit wie die andern Synoptiker entfernt und sich möglichst nahe an Mt hält (de, o0v, asyndet.). Von der eigenen söharindiselleh Tra- dition soll am Schlufs gehandelt werden. II. Die Se und das Hebräerevangelium. Nach den erhaltenen Fragmenten (vgl. Nestle Novi Testa- menti supplementum p. 76ff.) zu schliefsen, stand das Hebräer- evangelium unsern Synoptikern ungleich näher als das 4. Evg, mit dem es keine Berührung aufweist. Die Hauptfrage ist, ob es en ZZ Zn ln a a U II. Die Synoptiker und das Hebräerevangelium. 949 selbst noch in den Eintstehungsprozels unsrer synoptischen Evan- gelien hineingehört oder wie Joh dessen Abschlufs voraussetzt. Die vielfach bestrittenen Hieronymusfragmente zur Geburtsge- schichte sind bei der Untersuchung zurückzustellen. Sicher ist H. E. sekundär unserm Mr gegenüber. Die Bufs- taufe Jesu hat Anlafs zu dogmatischen Bedenken gegeben. Die Vorgänge bei Taufe und Versuchung sind üppig legendarisch fort- gebildet. Die Sabbatsheilung Mr 3 ist legendenhaft erweitert durch Worte des Manns mit der verdorrten Hand. Bei der Ge- schichte vom Reichen ist das „Was nennst du mich gut? Niemand ist gut aulser Gott allein“ getilet, und es wird durch theologische Reflexion das „das Alles hab’ ich gethan“ ins Unrecht gestellt. Jacobus tritt an Stelle des Petrus In den Vordergrund der Auf- erstehungsgeschichten, und Jesus erscheint in Jerusalem. Da trotzdem die Zahl der Parallelen so grofs ist, dafs Verwandtschaft konstatiert werden muls, so geht auch H. E. auf die Marcuserzäh- lung zurück und erweist sich als eine Bearbeitung derselben. Viel gröfsere Schwierigkeit macht sein Verhältnis zu un- serm Mt. Um Klarheit zu gewinnen, ist zuerst zu fragen nach der Kenntnis und Benützung von Q. Die Annahme, das H. E. sei mit der Spruchsammlung iden- tisch gewesen, bedarf keiner Widerlegung, da es eine ganz und gar erzählende Schrift ist. Folgende Stoffe aus Q sind sicher auf- genommen im H. E.: Das Versuchungsgespräch. Das Unser Vater. Die Jüngerrede. Die Pharisäerrede. Das Gleichnis von den anvertrauten Geldern. Nun stehn aber die Stoffe aus Q im H. E. mitten unter Stoffen aus Mr. Ist also H. E. unabhängig von Mt, so mülsten wir an- nehmen, dafs nicht nur Mt und Le, sondern auch der Autor des H.E. selbständig Mr und Q zu einem Evangelium verschmolzen haben. Das ist nicht gerade wahrscheinlich, vollends nicht, wenn die Berührung mit unserm Mt daneben eine grolse ist. Folgende Züge hat H. E. mit unserm Mt gemein: Mt 16, 17 vi& Iodvvov 18,.22 7 x TO vergeben 19,16 Magister, quid bonum faciens vivam? leges fac; 250 Anhang. diliges proximum sicut te ipsum regnum coelorum Mt 25, 18 70V. ... x0UVavra To TeAavrov. Aufserdem erinnert an Mt: Das Bedenken bei der Taufe. | Die dogmatische Korrektur 19, 16. Die Erwähnung der Grabeswache. Durch all das ist zunächst festgestellt die ungeheure und enge Verwandtschaft des H. E. mit Mt. Dafs diese Verwandtschaft als Abhängigkeit des H. E. von Mt. zu deuten ist, folgt aus dem Ver- gleich der Geschichte vom Reichen. Bei Mt möglichster Anschluls an Mr trotz der Korrektur; bei H.E. einfache Entfernung der schwierigen Worte. Bei Mt das Wort: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, zum Dekalog hinzugefügt ohne weitere Folge- rungen; bei H. E. die Folgerung daraus, dals der Reiche, der den Armen sein Gut nicht schenkt, eben sie nicht wie sich selbst ge- liebt hat. | Vollendet wird der Beweis der Abhängigkeit des H. E. von Mt durch die Beobachtung, dafs H. E. auch Le kennt und bereits eine Harmonistik von Mt und Le anstrebt. Bei Mt 4,5 schreibt H. E. dem Le folgend &v iAnu statt sig TV Ryıav oh. In der Jüngerrede hat es ER „(mal im Tag“ des Le mit dem „(mal 70“ des Mt zusammengesetzt. In dem Gleichnis von den anvertrauten Geldern wird wenigstens im Referat des Euseb. der eine Knecht mit den Zügen des verlornen Sohns ge- schildert, als wäre Le 15 mit Mt 25 vermischt. In der Aufer- stehungsgeschichte klingt Le wörtlich an (Umiaproate us xal idete, Ort 00% eluı Öaıuovıov domucrov). Also hat H.E. neben Mt auch Le gekannt und bereits verschmolzen, d.h. es steht am Einde des synoptischen Prozesses. Aber freilich sind unsere drei Synoptiker für H. E. so a inspirierte Schriften, wie für Joh. Mit gröfster Kühnheit wird die Tradition erweitert und umgebildet. Den Zusatz des Mt zur Taufe ersetzt H. E. durch einen ihm passenderen, welcher die Reflexion in Jesu Seele selbst hineinträgt. Taufe und Versuchung scheinen so gut wie neu erzählt mit geschmacklosen, die grolsartige Ein- falt des Mr weit zurücklassenden Ergänzungen. Dem Jacobus, dem Patron des Judenchristentums, wird der Vorzug gegeben, zu- erst den Auferstandenen begrülsen zu dürfen. Die Erzählung von der römischen Grabeswache scheint durch eine von einer priesterlichen III. Die Synoptiker und das Petrusevangelium. SHl ersetzt. Alle diese Neuerungen beweisen für Ursprünglichkeit des H. E. gar nichts, sowenig wie die Neuerungen des Joh. Die Le- gende wurde durch die Evangelienbildung nicht still gestellt, son- dern beschleunigt. Die häretischen Evangelien sind alle dafür ein Beleg. Zeitlich stehen Mr, Joh und H.E. sich viel näher als Jesus und Mr; aber die rapiden und tendenziösen Umbildungen fallen alle in den kürzern Zeitraum der schriftlichen Aufzeichnung. III. Die Synoptiker und das Petrusevangelium. ’ Am allerleichtesten ist das Verhältnis des Petrusevangeliums zu den Synoptikern zu entscheiden, sobald man aus der Verglei- chung mit Joh und H. E. Nutzen gezogen hat: P.E. kennt alle drei Synoptiker und Joh dazu und verarbeitet sie zu- sammen. Kenntnis des Mr: die XoopVo« und orepavov dxdvdıvov, EveiiAnos oWwöövı, #Evrvoiov, Gespräch der Frauen unterwegs, der veaviorog zadrsbousvog .... meoıBeßAnuevog oroAiv, PoßnPel- oc Epvyov. Kenntnis des Le: Herodes der König als Richter, o«ßße- Tov EUIPWOHRE, #axodeyoı und die Worte des Einen (eis dE... Nuelg ... odrog dE), Schrecken und Reue der Juden, 6 Aadg-dras, Ölxcıös Eotıv als Eindruck des Todes, dVo dvöoes. Kenntnis des Mt: xeoıEßaAov, Edmnev Ent ig Kepaiiis, odrdg Eotıv 6 Baoıkedg ...., dıeweoloavro, yoAr, dveßonos, Kel N yi E£oeiodn; Ratschlag der Pharisäer ete. und Grabeswache (ur- note EAYOVTES ol uadmTal abTod aAscbmoıv abröv), Versiegelung, Entfernung des Steins durch Engel, Eindruck auf die Grabes- wache, Pilatus rein vom Blut Jesu, die Juden schuldig (Mt 27, 24£.), ldete ToV TONoV Evda Exeito. Kenntnis des Joh: Datum des Todestages, Reihenfolge der Verse 10-12 (Kreuzigung [Jesus in der Mitte], Überschrift, Verteilung der Kleider), ereAsivoav (rer£isoraı), mov 'Ioorjp, Maria Magdalena allein genannt, wegexvvav. Aber gerade unter Voraussetzung der Bekanntschaft des P.E. mit allen vier kanonischen Evangelien wird seine Freiheit und Willkür lehrreich. Die synoptischen Berichte, die ja die Grund- lage bilden, genügen ihm vielfach nicht; er benützt sie blofs als Materialien zu einem neuen Gebäude und zur Anregung seiner eignen Phantasie. Die spätesten Zuthaten der Evangelien sind auch die liebsten (Herodes, der Schächer, die Grabeswache, der OH» Anhang. Engel, der den Stein wegwälzt). Von Le und Mt werden die anti- jüdischen Züge bevorzugt (25.28 ff. 46). Eine harmonisierende Ver- mittlung wird inbezug auf Zahl und Bedeutung der Engel er- strebt (zwei Engel am Anfang zum Geschäft der Auferweckung;; ein Engel nachher zur Auskunfterteilung an die Frauen). Für die Auferweckung wird das Datum des Mt, für den Gang zum Grab das des Mr festgehalten; indem sodann die Erzählung von den Wächtern in Anschlufs an die Erscheinung gerade vollendet wird, ergibt sich eine bessere Dispöonierung der Geschichte. Was aber Mt noch nicht erzählte: den Aufstieg Jesu aus dem Grab, das wird jetzt Hauptstück der Erzählung. Die Notiz von der Finsternis gibt Anlafs, die Furcht der Juden und ihre Freude über die wieder- kehrende Sonne auszumalen. Die Erzählung von der Grabeswache wird fast ins Lächerliche ausgemalt. Dagegen wird das Gerücht vom Leichendiebstahl, das überhaupt jene Erzählung veranlafst hatte, fallen gelassen. Wie bei Joh interessiert unter den Frauen allein noch Maria Magdalena und ist anderseits Simon von Kyrene vergessen worden. Der Engelruf: auf nach Galiläa, fällt weg, wie bei Le und Joh. Im Ganzen hat Joh die Tradition noch fast gar nicht bestimmt. Seine Künstelei mit dem Psalmwort macht P.E. nicht mit. Dem Schächer läfst es die Beine nicht brechen, um seine Qual zu verlängern. Vom Gang des Petrus und Johannes zum Grab kein Wort, obschon das x«oexviev auf Bekannt- schaft mit demselben hindeutet. Das Alles stimmt mit der That- sache, dafs Joh zuletzt unter unsern Evangelien autoritativ ge- worden ist. Es ist nicht der Zweck dieser Untersuchung, in den Geist _ dieser spätern Evangelien einzudringen, sondern blofs ihr Ver- hältnis zu den Synoptikern festzustellen mit Rücksicht darauf, ob sie selbst in den Werdeprozels der Synoptiker gehören oder nicht. Alle drei, das 4. Evg, H. E. und P. E., setzen unsere drei Synop- tiker als fertig voraus, mehr noch: die auf Grund der Synoptiker sich bildende einheitliche, nach Harmonistik strebende Tradition 3 liest ihnen bereits zu Grunde. Mr, Le und Mt sind sehr früh neben einander gelesen und mit einander verbunden worden. Aber die Kenntnis der Synoptiker schliefst ihre Würdigung als einer Auto- rıtät nicht ein. Sie waren beliebte christliche Lesebücher, welche der Phantasie wie der theologischen Reflexion ungeheure An- regung gaben und eben darnach als anregend zu Weiterbildungen benützt worden sind. So grofs auch der Abstand von Joh zuH. H., IV. Geschichtliche Folgerungen 253 P. E. ist, einig sind alle drei in der durch nichts gehemmten Frei- heit neuer Produktionen. IV. Geschichtliche Folgerungen. Die Erforschung des Lebens Jesu ist durch das Resultat der ganzen Untersuchung sehr vereinfacht worden. In den Synop- tikern stehen ihr nicht drei Quellen zur Verfügung, sondern blofs zwei, Mr und die Spruchsammlung in verschiedener Bearbeitung und Zusammensetzung. Die Erzählung von Jesus geht sogar auf eine einzige, die petrinische Tradition zurück, die im Mrevg zum _ erstenmal aufgezeichnet vorliegt. Daher ist Mr für alles Erzählende am Leben Jesu die einzige Hauptquelle Was Mt und Le in Partien, die sich mit Mr decken, über Mr hinaus haben, ist, von kleinen Ausnahmen abgesehen, ohne Wert für die Geschichte Jesu. Nur wo Mt oder Le ganz zweifellos einen ältern Text aufweisen, kommen sie neben Mr ın Betracht. Gleichwertig mit Mr sind nur noch einzelne kleine Anekdoten aus dem Sondergut des Le. Fest steht, dafs unsere Kenntnis des äulsern Lebens Jesu auf einer einzigen Quelle, Mr, ruht. Für die Predigt Jesu ist — neben Mr — Hauptquelle die Spruchsammlung, von der verschiedene Redaktionen bei Le und Mt vorliegen. Im Ganzen bietet Mt den ältern, Le den mehr be- arbeiteten Wortlaut dieser Schrift. Für die Benutzung dieser Re- den ist von der chronologischen Anordnung derselben bei Mt und Le völlig abzusehen, da erst unsere Evangelisten den Katechismus in die Geschichte einfügten. Daneben haben eine Anzahl Gleich- nisse bei Le und Mt gleichen geschichtlichen Wert, wenn es erst gelingt, sie aus der vielfachen Bearbeitung herauszuschälen. Aber ihr Wortlaut hat nie dieselbe Sicherheit wie derjenige der Spruch- sammlung, wo wir ıhn aus Mt und Le feststellen können. Aber neben die petrinische Mrtradition ist in alter Zeit eine andere, die johanneische, getreten, neben die Herrenworte der Spruchsammlung die johanneischen Reden. Was die letztern be- trifft, so steht allerdings heute ihre Unbrauchbarkeit für die direkte Kenntnis Jesu so allgemein fest, dafs der Streit darüber fast verstummt ist bei Allen, die wissenschaftlich arbeiten. Aber die johanneische Tradition von der Geschichte Jesu behauptet neben der petrinischen das Feld. Wenn nur gerade die Existenz einer solchen johanneischen 254 Anhang. Sondertradition nicht selbst ein sehr unsicheres Ding wäre! Kennt- nis und Benutzung der Synoptiker durch Joh ist oben bewiesen worden. Es könnte also nur das, was nach Abzugalles synoptischen Materials bei Joh übrig bleibt, auf Tradition zurückgeführt werden. Die Vorgeschichte fällt aulser Betracht. Von galiläischen Geschichten ist die Hochzeit zu Kana, das erste Zeichen, das ein- zige plus des Joh über die Synoptiker hinaus. Da im Übrigen Galiläa so völlig zurücktritt, so kann galiläische Tradition dem 4. Evg jedenfalls nicht zugrunde liegen. Die Erzählung in ce 4, die auf samaritanischem Boden spielt, möchte man gern für ge- schichtlich fundiert halten, obschon die Abwesenheit der Jünger diese Annahme wieder Be Sie steht und fällt daher mit dem Übrigen. Mit gröfster Zuversicht ist für die judäischen Erzählungen die Existenz einer Sondertradition behauptet worden. Hier alleın tritt der Lieblingsjünger als ßewährsmann auf (freilich e 21 doch in Galiläa). Die Möglichkeit vollkommen zugegeben — aber wo sind die Anhaltspunkte ? A. Diejenigen Erzählungen, die Parallelen in den ne tikern haben, erweisen sich (vielleicht mit Ausnahme der Tempel- reinigung) durchweg als Bearbeitung der synoptischen Erzäh- lungen. Leidens- und Auferstehungsgeschichte enthalten keinen einzigen geschichtlich glaubhaften Zug über die Synoptiker hin- aus. Die starke Einwirkung der Apologetik in beiden Verhand- lungen, die Entfernung des Gethsemanegebets und des Kreuzesrufs, der Weissagungsbeweis, die Mutter Jesu, welche die alte Tradition nicht vergessen haben kann, die jerusalemischen Erscheinungen, und was für welche!, der Rangstreit zwischen Petrus und dem Lieblingsjünger: alle diese Zuthaten oder Abzüge, die, wenn sie bei Mt oder Le stünden, keiner Diskussion bedürften, sind bei Joh geradeso wertlos. Leidens- und Auferstehungsgeschichte, bei denen allein der Zeuge auftritt, sind von Anfang bis zu Ende se- kundär, sodals von ihnen aus der Versuch, eine Sondertradition anzunehmen, gar nicht hätte gewagt werden sollen. Wir erfahren über Mr hinaus keine einzige geschichtliche Notiz. B. Wasnach Abzug alles synoptischen Materials übrig bleibt, ist Folgendes: das Gespräch mit Nikodemus; das Taufen Jesu zu Ainon; die Sabbatsheilung ce 5; die Gespräche und Reden e 7—10; die Auferweckung des Lazarus; die Verklärung bei Anlals der Hellenen e 12; die Abschiedsreden. Unter alldem begünstigt kein Ba 2 ed De a air ul Fu a m > 0 u IV. Geschichtliche Folgerungen. 255 Stück die Annahme einer Sondertradition; die drei Allmachts- wunder jedenfalls nicht; das Taufen Jesu neben Johannes nicht wegen seiner Tendenz, Jesus im Mund des Täufers selbst als den Grölsern zu beweisen; die Erzählung e 12 nicht wegen ihres sym- bolischen Charakters. In den Streitgesprächen e 7 ff. lernen wir allerlei Urteile der Juden am Ausgang des 1. s. über Jesus ken- nen und allerlei Antworten der Christen auf solche Urteile. Aber man vergleiche mit diesem theologischen Schulgezänk Mr 11—12. Wo ist denn irgend eine johanneische Geschichte in diesem Sonder- gut, die den Mrgeschichten von Weitem zu vergleichen wäre! ©. Endlich scheitert die Annahme einer johanneischen Sonder- tradition an der völligen Unbekanntschaft des Joh mit den jü- dischen Parteiverhältnissen zur Zeit Jesu. Man hat längst die falsche Notiz bemerkt, dafs Joh dem Hohenpriester nur eine jähr- liche Amtsdauer zuschreibt. Sie gehört jedoch in einen grölseren Zusammenhang. Die Schriftgelehrten, die Hauptgegner Jesu bei Mr, kommen im 4. Evg gar nicht vor; ganz natürlich, da das Christentum den Charakter der Laienbewegung aufgegeben hat und als Schule mit den jüdischen Schulen wetteifert. Statt dessen bilden Hohenpriester und Pharisäer zusammen das Synedrium, und dafs Joh die Pharisäer wiederholt als eine obrigkeitliche Be- hörde auffalst, zeigt er, indem er zweimal ihre Diener erwähnt. Daneben aber sind für Joh die Juden die grau in grau gemalte massa perditionis. Sie sind der einzige Feind der Christen; alles andere, Hohenpriester, Pharisäer sind fremde Namen aus alter Zeit. (Es ist bezeichnend, dafs Joh in dieser Zusammenstellung „Hohenpriester und Pharisäer“ sich an den jüngsten der Synop- tiker, Mt, anschliefst.) Gänzlich vergessen ist der praktische Gegensatz Jesu zu den Pharisäern. An Stelle der Weherufe gegen die falschen Heiligkeitspietisten tritt das Gezänk über Schulfragen der Messiastheologie. Das Verständnis Jesu aus dem Rahmen seiner Zeit heraus ist im 4. Evg sozusagen vollständig verschwun- den. Das wäre in diesem Grade einfach unmöglich, wenn der Ge- währsmann dieser Schrift ein Jünger Jesu gewesen wäre, der die Zeit Jesu selbst durchgemacht hat. An sich sind ja die drei Jahre der Wirksamkeit Jesu und _ seine wiederholten Reisen nach Jerusalem ein der Diskussion werter Gegenstand. Sie fallen zu Boden, da in allem Übrigen die johanneische Tradition keinen Anhalt hat. Ebenso steht es mit dem Datum des Todestages Jesu. 256 Anhang. Wir haben sonach nicht zwei gleichwertige Traditionen von Jesus, eine petrinische und eine johanneische, sondern die Petrus- tradition bei Mr hat einzig Wert, während eine johanneische gar nicht vorhanden ist. Also Bei es bei der zuerst genannten Vereinfachung der Quellenfrage. Aber nicht mit einem so harten, nur negierenden Wort soll diese Untersuchung geschlossen werden. Man hat in neuster Zeit behauptet, wenn der Fortschritt der evangelischen Tradition ins Legendarische und Theologische von der ersten schriftlichen Auf- zeichnung (z. B.Mr) bis zur letzten (z. B. Joh) ein so riesengrofser gewesen sel, was für einen weiten Weg möge erst die mündliche, für uns unkontrolierbare Tradition durchlaufen haben von den Tagen Jesu bis zur ersten Schrift. Die Besorgnis, welche das Auf- werfen dieser Frage erregt, ist aber unbegründet. Es scheint paradox und ist doch so: die mündliche Fortpflanzung hat dem Erzählten vielfach einen gröfsern Schutz als die schriftliche Auf- zeichnung gegeben, sie befördert die Tendenz lang nicht in glei- chem Mafs, sie reizt nicht zur Korrektur und Kommentierung. Nur im Gebiet des Wunderbaren gibt sie der höchsten Steigerung Raum; hier ist auch die eigentliche Produktion am gröfsten. Und doch fallen selbst hier die grölsten Schöpfungen ins literarische Gebiet: die johanneischen Wunder sind nie erzählt worden. Für die Herrenworte hat der Schritt aus der semitischen Ursprache ins Griechische, soviel wir sehen, keine innere Veränderung be- wirkt; schon jetzt kommt man davon zurück, den „Menschensohn“ aus einem sprachlichen Mifsverständnis zu erklären. Der letzte Grund ihrer Konstanz ist schliefslich ihr ewiger Gehalt gewesen. Hinter der synoptischen Tradition erhebt sich eine geschichtliche Gestalt, deren Worte von den kleinen Menschen nicht erfunden, ja ao einmal verdorben werden konnten, die aus aller Um und Überwucherung wie Diamanten und mit ihrem tröst- lichen Schein uns das Licht geben bis in die Gegenwart. a m a TE £ a IH Date Due Ar ; Bar | RR n0ıı T P} =. | z { Bun j FACULT f" ‚es am h