"LIBRARY Southern California SCHOOL OF THEOLOGY Claremont, California Aus der Bibliothek von Walter Bauer geboren — 3 gestorben 1960 Die evangelifche Geschichte f f - Eeitifch und philofophifch bearbeiter von Ch. Hermann Weiße. Erfier Band, Eneryis fidei confessio est, in Christum sine teste et argumento non credere. Faust. Manich. Leipzig. Druck und Verlag von Breitkopf und. Härtel, — 18538, | R —* a E — 1 — ee gg Ar A \ 4 1 ” \ “ 2 i r F F HEN » 4 \ 3 - j ; 2 — Mu n0d U a —— 3 —— 8 — * ieh rd: i { h h ‚ y i we - and) di ‚29 viexalany ihhit zitat j ) k ‚sohn nom olmsuyyı in stanı nei j Abisnit Jumil 0 + us a dr ‚Moiihsit si94 » gnltadt drug‘ hir 38887 Vorwort. Die Idee zu gegenwaͤrtiger Bearbeitung der evangeliſchen Ge— ſchichte iſt Alter, als das Erſcheinen des bekannten Werkes von Strauß; doch wage ich nicht mit Zuverſicht zu behaupten, daß ohne dieſes Werk dieſelbe je wuͤrde zur Ausfuͤhrung gekommen ſein. Meine Tendenz iſt, wie man finden wird, nicht die negativ-kritiſche, ſon— dern eine wefentlich pofitive, die Herſtellung des gefchichtlichen Chris ſtusbildes aus der unklaren Hülle, mit welcher es, der Weberzeugung zufolge, welche ich mit der Mehrzahl der Gebildeten unfers Zeitals ters theile, frühzeitig die Ueberlieferung, fpäter das Firchlich feſtge— ftellte Dogma umgeben hat, Ich glaube mir eines gemwiffen Berufes zum Mitarbeiten an dieſem wichtigen Unternehmen bewußt zu fein; und zwar um fo mehr, als ich als Nichttheolog won den befonderen Pflichten gegen das Kirchliche Glaubensbelenntniß entbunden bin, welche den Diener der Kirche oder den, der es werden will, faft ins mer, ſelbſt ohne fein Wiffen, und zwar in den meiften Fällen, je ges wilfenhafter er ift, um fo mehr, im freien, unbefangenen Forfchen iv Borwort. zu hemmen pflegen, oder wenn er jich dennoch von ihnen emancipirt, eine feindfelige, verneinende Richtung gegen die Macht, von der er ſich wohl bewußt ift, daß fie ihre Anfprüche aufihn nicht aufgiebt, in ihm vorherrfchend machen. Solche verneinende Arbeit ift mir ein unerfrenliches, wenig einladendes Gefchäft, ja ich fühle mich zu einer folchen, infofern fie nicht unmittelbar darauf ausgeht, ein neues Po: fitive an die Stelle des kritiſch hinweggeraͤumten zu feßen, fo gut wie unfähig. Nichts deftoweniger würde eine den Forderungen wife Tenfchaftlicher Kritik und geläuterter, wahrhaft über ſich felbft ver ftandigter Philofophie entfprechende Bearbeitung der evangelifchen Ge— fehichte vor Strauß kaum haben umgehen können, fo viel von jenen negativ =Pritifchen Elementen in fi) aufzunehmen, daß darüber die pofitive Tendenz Kaum zum Worte gekommen wäre, Deshalb ward von mir das Erfcheinen jenes Werkes von vorn herein als ein erfreus liches, der wahrhaften, chriftlichen Erkenntniß und Einficht, welche x fie mich ein für allemal nicht in der Vergangenheit, fondern in der Zukunft liegt, keineswegs nachtheiliges, fondern im Gegentheil für derliches begrüßt, und ich gewann nun erft den Muth, an die, Aus: führung des Planes, mit dem zu beſchaͤftigen mich ſchon laͤngſt ein inz neres Geiſtesbeduͤrfniß getrieben hatte, ernſtlich zu denken, Sp ſehr ſich indeffen die pofitive Gefammtanfchauung des gez ſchichtlich-religioͤſen Gegenftandes, die meinem Unternehmen zum Grunde liegt, almählig und bereits ſeit längerer ‚Zeit in mir geftale tet hat: fo muß ich doch bekennen, die, niffenfchaftliche Handhabe, durch. die es mir, wie ich zu hoffen wage, gelungen iſt, in der That ein Ganzes, mit ſich ſelbſt uͤbereinſtimmend und aus einem. Guſſe ge: formt, zu geben, erſt waͤhrend der Arbeit ſelbſt, die ich nach dieſem Funde noch einmal von vorn zu beginnen und gaͤnzlich umzuſchmelzen noͤthig erachtete, gefunden zu haben. Dieſe Handhabe naͤmlich beſteht in der Hypotheſe uͤber den Urſprung und das gegenſeitige Verhaͤltniß der ſynoptiſchen Evangelien, welche man im erſten Buche meines Werkes dargelegt, in allen folgenden feſtgehalten und durchgefuͤhrt finden wird, - Vorwort. v Ich hoffe, daß ſich dieſe Hypotheſe durch ihre Klarheit und Einfalt, durch ihre innere Wahrfcheinlichkeit und ihre Webereinftimmung mit den Außern Zeugniffen über die evangelifchen Bücher hinreichend eme pfehlen wird, um einer aufmerkfamen Prüfung durch berufene Fors ſcher gewuͤrdigt zu werden; von dieſer Pruͤfung aber ſelbſt, wenn fie ihr zu Theil werden ſollte, zweifle ich nicht, daß fie damit en— digen wird, das, mas ſich fürerft nur ala Hypotheſe ankündigt, zur Evidenz zu erheben. Mich feldft hat nur die ummiderftchliche Evidenz, mit welcher ſich diefelbe mir bei anhaltender felbftftändis ger Benugung der Quellen aufdrang, beivegen koͤnnen, fie aufs nehmen amd mich ihr hinzugeben. Als ich zuerſt das punctum saliens, von wo aus ſich mir diefe Hypotheſe entwickelte, — die Originalität amd Priorität des Marcusenangeliums vor den uͤbri— gen — gewahr ward, fand ich mich dadurch uͤberraſcht, ja er— ſchreckt; ich mistraute meinem Funde lange Zeit und fträubte mich faft gewaltfam dagegen, da mir derfelbe keineswegs zu der in mie bereits "feftgeftellten Grumdanficht über den Inhalt diefer Urkunden zw paffen fehlen, die fich, wie man Teicht erachten wird, auch mir zunächft aus der unter den Theologen diefer Zeit faft allgemein “ geltenden Traditionshypothefe entwickelt hatte, Noch die im Februar und Mär; 1837 aufgefegte, aber erft beträchtlich ſpaͤter (im ziveis ten ‚Hefte der J. H. Fichte'ſchen „Zeitſchrift für Philofophie und ſpeeulative Theologie”) im Druck erfchienene Recenfion des Tholuck— fehen Werkes über die Glaubwürdigkeit der evangeliſchen Gefchichte giebt ein Zeugniß, wie entfernt ich beim Beginn meiner Arbeit von dem kritiſchen Apereu war, welches jest den Teitenden Faden für fie abgiebt; wiewohl man in derfelben vielleicht ſchon die Spur wuͤrde entdecken können, die mich’ auf daffelbe führen mußte. Bei näherer Prüfung fand ich jedoch mich nicht nur in der Wahrheit der Hypotheſe immer mehr‘ beftärkt, fondern es ward mir auch deutlich, wie ich durch diefelbe zum Aufgeben meiner fonftigen Ue— berzengungen keineswegs genöthigt werde, vielmehr auch für fie erſt A — — — — — J X die rechte wiſſenſchaftliche Begruͤndung gewinne. Daß durch ſie mein Blick noch etwas mehr, als zuvor der Fall war, von dem luftigen Gebiete der Sagenbildung auf den feſtern Boden der Geſchichte herz abgezogen ward: dies durfte ich, nach wiederholter Erwägung des: Zus fammenhangs, in welchem fich mie nunmehr das Ganze darftellte, nicht für einen Nachtheil achten. DIRT Bei der Ausführung habe ich mich der möglichften Kürze bee fliffen, mein Verhältniß zu den Anfichten Anderer, zu der exegeti— ſchen und fonftigen den ‚Gegenftand betreffenden ı Literatur. unſerer Zeit nur hin und wieder kurz angedeutet, fonft aber aller, aus— druͤcklichen Polemik, die ich in Bezug auf die meiften «der. bisher gangbaren Anfichten als abgethan durch Strauß" betrachten» durfte, mich enthalten, und überhaupt mich, fo viel e8, ‚ohne eine Lüde in dem Zuſammenhange zu laffen, ivgend gehen wollte, gehuͤtet, bez reits von Andern Gethaned noch einmal zu thun. Mein Haupt augenmerk mußte darauf gerichtet fein, den innern, geiftigen. Zu— fammenhang meiner eigenen Auffaffung. des Gegenſtandes allent— balben klar darzulegen; reichere literariſche Nachmweifungen waͤ— ven dabei mehr ſtoͤrend als foͤrderlich geweſen, und um fo, unmoͤ⸗ thiger, als denen, die aus dem Ganzen der evangelifchen Geſchichte noch fernerhin ein oiffenfchaftliches und gelehrtes Studium machen wollen, das Studium der «Schriften ‚auf! die, ich mich. hätte, be— ziehen müffen, ohnehin nicht erfpart bleiben kann. Demjenigen Lee fer aber, der ohne eigene umfaffendere und felöftftändige Vorftudien mein Werk zur Hand nimmt, glaubte ich, den Blick fo wenig ala möglich zerftreuen und von der Hauptfache, ablenken zu muͤſſen; deshalb habe ich, namentlich in denjenigen Partieen, wo ich es er 5 niger mit Vorunterfuchungen, als unmittelbar mit dem Gegenſtande zu thun hatte, auch dann felbft, wenn ich.entgegengefehter Meinun: gen gedenken mußte, es meift vermieden, mir mit den Gegnern auds drüclicher und ausführlicher zu thun zu machen N Borwort. vl % WUeber das Verhaͤltniß dieſer Arbeit zu meinen ſonſtigen, na⸗ mentlich philoſophiſchen Arbeiten und Strebungen enthalte ich mic) hier. zu ſprechen, da ich im achten oder legten Buche des Ganzen eine: ausführlichere, Darlegung der Art und Weife zw geben gedente, wie ich die Bedeutung der Perfönlichkeit Chrifti und der evangeliz ſchen ‚Gefchichte vom allgemeinen oder philofophifchen "Standpunet faffe. Zum Theil auf diefe Schhußabhandlung, aber keineswegb ausfchließlich, wuͤnſche ich die auf dem Titel gegebene Ankündigung einer philofophifchen Bearbeitung der eb. Geſch. bezogen zu wiſſen. Daß an) eine aprioriftifche Gefchichtsconftruction dabei in keinem, wenn auch noch fo gemilderten Sinne gedacht werden könne, dafuͤr meine ich in dem Werke felbft hinlänglich geforgt zu haben, Nicht auf eine ſolche follen die dem Buche als Motto vor: gefehten Worte hindeuten, fondern nur auf den Gegenfab- zu der jenigen Dentart, welche den Beweis für die Wahrheit der gefchicht: lichen Grundlage des Chriftenthums wie einen juriftifchen Zeugen: und Urkundenbeweis behandelt, während doch diefe Grundlage fich genau eben fo, und weder mehr noch weniger, wie jede im wahre haften Wortfinne gefchbichtliche Thatfache, deren Begriff nicht mit dem Begriffe des juriftifchen Thatbeftandes zu vers wechſeln ift (vergl. das S. 94 f. hierüber Gefagte), durch fich felbft, durch ihre innere Wahrheit und ihren Zuſammenhang mit andern Thats fachen, auch bei vorausgefeßter Mangelhaftigkeit des Zeugen- und Urkundenbeweifes, zu beglaubigen bat und wirklich beglaubigt. Nicht minder wird man mie Died zugeftehen, von Schulterminologie und philoſophiſchem Pedantismus aller Art mich frei erhalten zu haben, Allein wenn bereits Strauß die Befähigung zu feiner Arbeit haupt— fächlich feinen pbilofophifchen Studien verdanken wollte, fo glaube ich dafjelbe in noch etwas pofitiverem Sinne von den meinigen fas gen zu koͤnnen. Philofophifche Speculation an die Stelle der Nee ‚ ligion oder der gefchichtlichen Offenbarung fegen zu wollen, bin ich fo weit, ja vielleicht weiter entfernt, ald Viele derjenigen, welche vn Vorwort. die Philoſophie auf religioͤſem Gebiete in Miscredit zu bringen am eifrigften befliffen find; aber wie ohne das Organ der Philos fophie der chriftliche Glaube die Geftalt fol gewinnen koͤnnen, in der. er für unfer Zeitalter wieder zu einer Wahrheit wird, davon geftehe ich, mir keinen Begriff bilden zu Können: eine Denkart, in der ich mich freue, Manche der würdigften und verdienſtvollſten Theologen unferer Zeit zu Gleichgefinnten zu haben. Der zweite Band, welcher das Werk befehließt, wird gegen— waͤrtigem erſten innerhalb meniger Monate nachfolgen. Snbaltsverzeichniß. „Erftes Bud. Bon den Quellen der evangelifchen ‚Ges ſchichte. ©. 1. Die Traditionshypothefe im ihren verſchiedenen Geftalten ©. 3 ff. Ihre Entftehung auf Anlaß der Wolffchen Hypotheſe über Homer ©. 10. Ihr Berhältniß zu der Hypothefe vom Urevangelium ©, 12, zu Leffings Anfichten von der kirchlichen Tradition ©. 16. Prüfung der Traditionshypothefe von Seiten ihres Verhältniffes zu den apoftolifhen Schriften ©. 19, zu den Schriften der apoftol. Väter ©. 26. Zeugniffe über den Urſprung der fohriftlihen Evv. ©. 28. Papias über Marcus und Matthäus ©.29. Schleiermachers und Lach— manns Anfichten darüber ©. 34. Ob das fanonifhe Marcusey. das ähte fei? ©. A. Die Aoyın des Matthäus und das fanonifche Mat- thäusen. ©. 47. Zeugniß der Kirche über die fynopt. Eyy. ©. 49, Sunere Kritik der fynopt. Evv. ©..53. Berhältniß des Mar— cus zu Matthäus S. 54 und Lufas, ©. 56. Innere Gründe für die Authentie des Marcus ©. 57. Der Anfang diefes Ev. ebendaf, An— dere Spuren der dem Marcusev. zum Grunde Tiegenden Erzählungen des Petrus ©. 60. Andere Merkmale ©. 63. Charakter der Darftel> lung des Marcus ©. 64, im Verhältniß zur Darftellung des Matth. und Lukas ©. 67.. Compofition und Anordnung des Marcusev. ©. 08. Die Verwandtfchaft des Matth, und Lukas durch Marcus als ihre ge— meinſchaftliche Duelle vermittelt ©, 72. Marc. 9, 33 ff. als Beifpiel diefer Dermittelung ©. 74. Marc. 1, 21 — 28 Luf, 4, 31 — 37 als Beifpiel für das Verhältniß diefer beiden Evv. S. 79. Doubletten von Ausſprüchen Chriſti bei Matth. ©. 82, Die hebräifchen Aoyıa als weite gemeinfchaftlihe Quelle des Matth. und Lukas ©. 83. Schrift- ellerifcher Charakter des Lukas ©. 86. Chronologifches Berhältnig der Eos. des Lufas und Matth. ©. 91. Verhältniß der fynopt. Evv. zur eſchichtl. Wahrheit überhaupt ©. 94. Das Johannegevanges ium ©. 96. Aeußere Zeugniffe für daſſelbe ebendaf, Schlußzeugniß der Herausgeber des Ev. ©. 99. Zufammenfeßung diefes Ey. aus verſchiedenartigen Beftandtheilen ©. 103. Die Nevden des Johannesev. ©. 106. Ihr Verhältniß zu den fynoptifchen ©. 107. Das johanneis Ihe Chriftusbild ©. 115. Ueberarbeitung diefes Ev. durch Schüler deg Sohannes ©. 116. Cachliches Verhältniß zu den Synoptifern ©, 118, Berhältniß der Erzählung zu den Reden ©. 123. Charakter der erzäh- lenden Theile S, 125. Joh. 5, 1 ff. als Beifpiel S.128. Andere Be— weiſe DB: die Verſchiedenartigkeit der Theile diefes Ev, ©.132, Schluß der Abhandfung über die Quellen ©, 137. x Inhaltsverzeichniß. Zweites Bud. Die Sagen von der Kindheit des Herrn. + 0 Anknüpfung an das Vorhergehende ©, 141. Sage oder Mythus als Duelle der erften Capitel des Matthäus und Lufas ©. 143, Un— biftorifcher Charakter diefer Partien ©. 144, Die „mythiſche Anficht” nad Strauß ©. 149. Berhältniß der Form der mythifhen Erzähluns gen zu ihrem Inhalte, erläutert durch Analogien der fonftigen mythi- fhen Literatur ©, 151. Die Kindpeitsfage als hiſtoriſcher Mythus ©. 153. Charakter des fporadifchen Geſchichtsmpthus ©. 15% Ver— hältniß der Kindheitsmythen zu den prophetiichen Mythen des Alten ZTeftaments oder den mefftanifchen Weilfagungen ©, 156. Idealer Cha— rafter der Mythen ©, 160. Weltgefohichtliher Zufammenhang ©. 161. Bedeutung und Deutung der Mythen ©. 163. Zeitverhältnig ©. 165. Kanonifhe und apokryphiſche Mythen ebendaf, Erfter Ausgangspunet der evangel, Mythen in der Sage über die Abftammung des Meſſias von David. ©. 167. Die mythiſchen Genealogien der Eps., erläutert durch mythologiſche Analogien ©; 170, Bedeutung dieſer Genealogien in ihrem gegenwärtigen Zufammenhange ©, 172. Zweiter Ausgangs» unet in. der Sage von der Empfängniß durch den heil. Geift ©. 174. rſprung ‚diefer Sage S. 175, Verhältnis zum Heidenthum umd Ju— denthum ©, 176. Bedeutung der Empfängnißfage ©. 180. Myöthiſche Geftalt der Maria ©. 182, Weitere mythifche Ausführung 5 doppelter Sagenfreis. bei Lukas und Matth. ©. 183, Sagenfreis des Lu— kas; mythiſche Geftalt: des Johannes ©. 187. Johannes als Elias ©. 188. Zacharias und Elifabeth ©. 190. Bedeutung der Sagen von der Spätgeburt mythiſch ausgezeichneter Perfönlichkeiten ©. 191, Be— deutung des Geheißes der. Namengebung ©. 193, Zacharias Unglaube beftraft ©. 195, Berfündigung der Marta ©. 196. Apokryphiſche Sa- ge aus dem Protevangelium ©. 198. Beſuch der Marta. bei Eliſa— eth ©. 200, Befchneidung des Johannes ©.202, Geburt Jefu S. 203. Schatzung des Quirinius ©. 204. Die Engel und die Hirten ©.207. Darftellung im Tempel ©. 208. Symeon und Hanna ©. 210... Jeſus als Knabe im Tempel unter. den Lehrerin ©, 212. Sagenfreis des Matthäusev. jünger, als der des Lukas S. 214. Joſephs Traum ©. 216. Die Magier aus dem Morgenlande ©. 218. Stern der Ma— gier ©. 221. Darbringung der Geſchenke ©. 223. Mythiſche Geftalt des Herodes S. 224. Vorleuchten des Sternes nach Bethlehem ebendaſ. Flucht nach Aegypten S.225. Kindermord zu Bethlehem S. 228. Ueber⸗ ſiedelung nad) Nazareth ©, 229. Schluß S. 230. Drittes Buch. Ueberſichtliche Darſtellung der evangeli- ſchen Geſchichte bis zum Tode Jeſu ©. 233. Ungewißheit des Geburtsjahres Jeſu ©. 235, Angaben des Lukas S. 236. Chronologiſches Verhäliniß zur Negierung des Kerodes ©, 237. Aeltern und Abftammung ©. 239. Geſchwiſter ©, 240. Galiläa als Baterland Jeſu S. 242. Bildungsmittel ©. 243. Studium des Alten ZTeftaments ©. 245. Jugendgefihichte ©. 247. Gewerbe ©. 248. Ob vereheliht ? ©. 249, Zohannes der Täufer ©, 250. Nachricht des Joſephus S. 251, Chronologiſches Verhältniß zwifhen Johannes und, Jeſus ©. 252. inführung der Taufe ©. 254. , Charakter und übrige Thätigkeit des Johannes S. 257. Seine Schule ©. 259. Seine Meffiasverkündigung ©, 260. Allgemeine Kritik der evangel, Nachrich⸗ ten hierüber ©. 262. Wafre Bedeutung des Verhältniſſes zwiſchen Jeſus und Johannes ©, 265, Hiftorifhe Spuren dieſes wahren Ver— u a s au Ä Snhaltsverzeihniß. xı tniffes S; 266, Anerkennung Jeſu durch Johannes nach vollendeter aufbahn des letztern S. 269: _ Taufe Jeſu durch Johannes ©. 273. Motiv derfelben S. 274. Zeit derfelben ©. 276. Epochemachende Bes deutung der Taufe für das geiftige Bewußtfein Sefu ©. 277. Sittlis her Entwidelungsfampf nach der Taufe ©. 279. Antritt ver öf⸗—⸗ fentlihen Laufbahn Jeſuz fein Lebensalter ©. 234. Angabe deg Srenäus über das Lebensalter Fefu S. 286. Wohnplatz zu Kapernaum ©. 288. Geſammtdauer der öffentlichen Laufbahn ©, 289. Mangel an chronolog. Beſtimmungen in den Evv. S. 290. Reſultat S. 292. Schaus platz der öffentl. Laufbahn ©, 293. Kritik der Nachrichten des Johan— nesev. über die Feſtreiſen nach Jerufalem S. 294. Widerſpruch der Synoptifer ©. 295: Zufammenhang der Anfihten über den Schauplag mit der Öefammtanficht des öffentlichen Lebens Jeſu ©. 298, Verhält— niß Jeſu zum pflichtmäßtgen Feftbefuh ©. 303. Die Neifeberichtei des vierten Ey, im Einzelnen ©. 309. Reifen innerhalb Galilän’s S.313. Erſte Berfündigung des Evangeliums ©. 315.1 Plan Jefu ©, MT, Sefus als „Menſchenſohm“;z Bedeutung diefes Ausdruds und Kritik der verſchiedenen Anfichten darüber ©. 319. Begriff des Gottes- oder Himz melreiches ©. 326. Zefun Bewußtfein feiner Meffiaswürde und Ausfpres chen diefer Würde (©, 328. Irrige Anfichten des vierten Ep, hierüber ©. 331. Endergebniß über das Selbftbewußtfein Sefu zur Zeit feines Auftretens ©. 33%, Jeſu Wundergabe ©.334 Natürlichkeit ‘oder begreifliche Geſetzmäßigkeit derfelben ©. 335. Verhältniß zur geiftigen und fittlichen Begabung ©. 336. Continuität der Wunderthaten Jeſu in ihrer Eigenfihaft als Heilungswunder ©3309. Forderung. des Glaus ben3 ©; 343. "Leiblichfeit der Wundergabe ©. 345, Heilung und Sün—⸗ denvergebung ©. 346. Verhältniß der Wundergabe zum thierifchen Magnetismus ©. 349. 1 Die Dämoniſchen S. 352; eſu Berfahren beim Austreiben der Dämonen S. 354. Bekanntſchaft der Dämoniſchen mit feiner Meſſiaswürde ©. 356. Heilung anderer Krankheiten Se360. Schnelligkeit und: Sicherheit ©. 362, Mittheilung'der Wundergabe an die Jünger ©. 364. Unhiſtoriſche Wundererzählungenz Mirakel S369. „Bewußtjein Jeſu über die Wundergabe ©. 373. Priorität der. Lehr— thätigkeit Jefu wor der Wunderthätigkeit S. 375. Aeußere 'Geftalt der Lehrtpätigfeit ©, 376. Berhältniß zum moſaiſchen Geſetz ©. 377. Eroterifche Lehrform; Parabeln ©. 380. Efoterifche Lehrform; Ver: bältnif beider zu einander ©, 384. Fünger Jefu ©. 386. Gegen» faß der Jüngerſchaft Jeſu zu anderer Jüngerfhaft ©. 387. Die zwölf Apoftel S. 389. Ihre Berufung ©. 390. Gefchloffenheit. der Zwölf: zahl ©. 394. Judas Ifcharioth ©. 395. Petrus‘ ©. 397. Die Zebe- däiden ©. 399. Die drei vertrauten Jünger ©. 400, Die übrigen Apoftel S. 401. Verhältniß der Apoftel zum Meifter ©, 402, Aus fendung derfelben ©. 404: Ob die Apoftel bei Jefu Leben fihon getauft haben? Nachricht des Fohannesep. darüber ‚©. 406. Andere wider» fprechende Notizen ©. 408. Unwahrſcheinlichkeit jener Nachricht aus allgemeinen Gründen ©. 410. Sefu Berhältni zum Volk ©. 413, — 6 der ihn hörenden Volksmenge ©.415. Gegner ©, 417. erhältniß zu Herodes Antipas ©. 419, Jeſu Todesplan ©. 421. Rechtfertigung der evangel. Nachrichten darüber ©. 422, Berhältniß in den meffianifchen Weifiagungen ©. 424. Reife nach Jerufalem; ihr otiv ©. 427. Ob zum Pafıha? ©. 428. Zeitdauer feines Aufent- alts daſelbſt ©. 429, Wahl des Zeitpunets für’ die Neife ©, 430. eg der Reife S. 432. Moment des Einzugs ©, 434. Gegenſatz der Spnoptifer und des Johannes hierüber ©, 435. Bethanien ©, 436. ZTempelreinigung ©. 437. Feindſchaft der Priefter und Schriftgelehr- ten ©. 438, Angriffe Jeſu gegen bie jüdische Hierarchie ©, 440. Ans xu Snhaltsverzeihniß. fchläge der Gegner ©. 442%. Paſchamahl ©. 445. Gefangennehmung ©. 448. Meber das Motiv von des Judas Berrath ©. 449. Verhör beim ‚Hohenpriefter ©.452. Verhör bei Pilatus ©.455. Das Schwei- gen Jeſu vor Kaiphas und’ Pilatus ©. 459. Kreuzigungz Kritik der achrichten über dieſelbe ©. 462. Biertes Bud. Evangeliſche Erzählungen und Reden nach Marcus ©. 467. Einleitung S. 469. Die Zohannestaufe ©. ATI. Berufung der erfien Jünger ©. 475. Der Beſeſſene in der Synagoge zu Kapernaum S.4716. Des Petrus Schwiegermutter S.477. Der Ausfäßige ©. 478, Der Paralptifhe zu Kapernaum ©. 479, Das Gaftmahl der Zöllner S:480. Das Kaften der Pharifäer und Johannesjünger S. 481. Nichte achtung des Sabbath S. 184. Abfertigung ber Phariſäer ©. 485. Ser fus und feine Verwandten ©. 486. Parabel vom Säemann' nebft an- dern Ausfprüchen und Gleichnißreden ©. 487. Jeſus RN Schiff beim Sturm ©. 494. Der gadarenifche Befeffene ©. 495. lutflüſſige und Tochter des Jairus S. 499. Jeſus in feiner Vaterſtadt Nazareth S. 504. Speifungswunder ©. 505. Zweites Speifungswunder ©. 509. Das Gefpräch vom Sauerteige der Phariſäer als Schlüffel zu jenen Wuns- bererzählungen ©. 510. Jeſus auf dem See einherwandelnd ©, 519. Gefpräh mit den Pharifäern über bie Wafchungsgebräuhe ©. 522. Das Sananätfhe Weib ©. 525. Der Taubftumme und der Blinde ©. 523. Zefus von Petrus als Meffias erkannt ©. 529. Verſchiedene Ausfprüche bei Gelegenheit dieſes Gefpräches ©. 531. Die Berflärung ©. 534. Geſpräch über die Erfheinung des Elias ©. 544 Der bes feffene Knabe ©. 549. Nangftreit der Jünger ©. 553. Andere Aus⸗ Sprüche ©, 555. Geſpräch über die Ehefcheidung ©. 562. Jeſus und die Kinder ©. 564. Der Neiche, der ind Himmelreich will ebendaſ. Sefus und feine Jünger ©, 566. Jeſus auf der Reife nach Jeruſalem ©. 567. Die Söhne des Zebedäus ©. 568. Der Blinde zu Jericho ©. 570. Zefus auf dem Füllen in Jerufalen einziehend ©. 572, Tem⸗ pelreinigung ©. 574. Verfluchung bes Feigenbaums ©. 575. Frage Sefu an feine Gegner über Die Sohannestaufe ©. 578. Parabel von den Arbeitern im Weinberg ©, 579. Der verworfene Stein ©, 580. Das Bild des Kaifers ©.581. Verfängliche Frage der Sadducäer eben- daß, Das wictigfte Gebot ©. 584. Der Meſſias ob ein Sohn Da=- sing? ©. 586, Die Heuchelet der Schriftgelehrten ©. 587, Das Scherflein der Wittwe ebendaf. Weiffagungen ber Zufunft ©, 588, Die Paruſte des Menfchenfohnes ©. 593. Das falbende Weib zu Ber thanien ©. 598. Das Paſchamahl ©. 600. Weiffagung des Verraths ©..601. Einfeßung des Abendmahls ©. 605. Die Berläugnung des — S. 608. Jeſus am Oelberge ©, 610. Jeſus zu den Häſchern Erftes Bud. Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. [23 * ‘ ’ ‘ N Fr ⸗ Pen v os j x Erſtes Buch, Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. „Die Apoftel, zerftreut, flerben in der zweiten Hälfte des erften Sahrhunderts nach und nach ab, die evangelifche Verkuͤn— digung breitet fich im römischen Neiche allmählig aus und firirt fi) mehr und mehr nach einem beftimmten Typus. Daher fo mancher mit Stellen unferer jetzigen Evangelien gleichlautende Spruch, welchen wir bei den älteften Kirchenfchriftftellern ohne Angabe einer Duelle angeführt finden, ohne Zweifel aus der muͤnd— lichen Ueberlieferung gefchöpft ft; bald aber wurde dieſe Tra— dition in verfchiedenen Schriften, zu denen einer, vielleicht auch ein Apoftel, die Grundlinien lieferte, aufgefaßt, Schriften, wel- che anfangs noch Feine feite Geftalt, und daher, manche Umge— ftaltungen zu erleiden hatten, wie das Beifpiel des Hebräer- evangeliums und die Anführungen Juftind zeigen. — — Bei Suftin und Gelfus die Ableitung der evangelifchen Schriften von den Apofteln überhaupt; erft zuleßt hat wohl das Streben nach Beftimmtheit veranlaßt, diefen Schriften einzelne Apoftel und Apoftelfchüler zu Verfaſſern zu geben, wobei namentlich locale Berhältniffe, welcher Apoftel in einer Gegend befonders gewirkt hatte oder in befonderm Anfehen ftand, oder auch Sagen, daß diefer oder jener eine ähnliche Schrift verfaßt habe, zu Hülfe gekommen fein mögen.’’*) Sn vorftehenden Worten ift kurz und bündig das Nefultat zufammengedrängt, welches die nach einer beftimmten Nich- tung ausgehende, von einer beflimmten Idee geleitete kritiſche #), Strauß Leben Jeſu Bd. 1, ©. 73. zweite Aufl. I 4 Erſtes Bud. Forſchung über die Quellen der evangelifchen Gefchichte unfehl- bar geben muß, wenn fie mit Confequenz und Klarheit durchge- führt wird. ALS diefe Idee zuerft aufdaͤmmerte, als dieſe Rich- tung zuerft fi Bahn brach, war man weit entfernt, dieſes Refultat vorauszufehenz noch entfernter war man, die unermeß- lichen Folgerungen vorauszufehen, welche in Bezug auf den In— halt, auf den hiftorifchen Charakter der evangelifchen Gefchichte felbft, aus jenem Princip gezogen werden follten. Noch jene Schrift, welche durch eine gelehrte und feharffinnige Begrün- dung zur allgemeinen Aufnahme der Hypothefe, daß unfere Evangelien, namentlich die drei fonoptifchen, aus einer bereits zur feften Geftalt gewordenen Tradition gefchöpft fein, vornehmlid) beigetragen hat, noch das befannte Werk von Giefeler ftellt diefe - Hypothefe als mit der gewöhnlichen Annahme über die Verfaffer der Evangelien wohl verträglich dar, und macht fogar den Ver— fuch, diefe Annahme durch fie zu unterflügen. *) Bon diefer Anficht ift nun zwar der größere Theil derer, die fich zu der angegebenen Hypotheſe befennen, — dieſe aber bilden die überwiegende Mehrzahl der in der Literatur unferer Zeit mitfpre= chenden oder tonangebenden Theologen, — wenigftend in Bezug auf die zwei erften Fanonifchen Evangelien zurüdgefommen. Zunachft in Bezug auf den Verfaſſer des erften, den angebli- chen Apoftel und Augenzeugen Matthäus hat fich, theils aus— drüclich auf die Traditionshypothefe fußend, theils mwenigftens fie im Hintergrunde zeigend, im Laufe diefer legten Jahre eine anfehnliche Reihe von Kritikern **) hervorgethan, welche dem: *) Gtefeler Hiftorifch - Fritifcher Verfuch über die Entftehung und früheften Schidlfale der fchriftlichen Evangelien. (©. 120 ff.) =) Nicht nur die ausdrücklich diefem Gegenftande gewidmeten Schrif— ten und Abhandlungen von Dav. Schulz (in der erftien Ausgabe feiner „Lehre vom Abendmahl“), Sieffert, Shnedenburger, Klener, Schott u. f. w. find hier gemeint, fondern auch bie gelegentlichen Bemerkungen Anderer in exegetifchen Schriften oder Abhandlungen zur Einleitung in das N. T., fo von Schleierma— cher, ve Wette, Eredner u. A. Selbſt Tholud (Glaubwür- digfeit der ev. Geſch. ©.240) hat fir) bewogen gefunden, den Zwei— felsgründen, „wie fie wenigftens ung erfcheinen,“ in diefem Falle ein unbeftreitbares Recht zuzugeſtehen. Beftimmter noch äu— Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte, 5 felben feine Augenzeugenfchaft beftreiten und feinem Werke eine Entftehung erſt aus zweiter oder dritter Hand anweifen. In Bezug auf den zweiten, den Marcus, aber hatte fich fehon außer: halb des Kreifes jener Hypothefe*) die Meinung gebildet, der- felbe könne nicht unabhängig von den beiden andern fynopti- {hen Gvangeliften gearbeitet, fondern müffe aus ihren beider- feitigen Werken das feinige compilirt haben. Diefe Meinung ift auch von den Anhängern der Traditionshypothefe zum gro- Ben Theile aufgenommen worden **), obgleich die Ießtere anfangs gerade in der Abficht erfonnen war, fie, fo wie alle ähnliche Hypotheien von einer Abhängigkeit des einen Gvangeliften von den andern, entbehrlich zu machen. Allein während fol- chergeftalf die aus jenem Princip hervorgehende verneinende Rich— tung in Bezug auf die zwei erften Evangelien unferd Kanon mehr und mehr Plab ergriff, behielt die pofitive, dogmatifche Anfiht noch einen Ruͤckhalt an den zwei letzten Evangelien, in Bezug auf welche die überlieferte Meinung über ihre Berfaffer im Ganzen bisher unerfchüttert geblieben if. Das dritte Evangelium zwar lag noch innerhalb des Bereiches der Trabi: tionshypothefe, die in ihm und feinem Verhältniffe zum erften Evangelium gerade ihre vornehmlichfte Stüße zu finden meinte. Aber hier ſchien in der That die Moöglichfeit einer Vereinba— rung dieſer Hypothefe mit der Verfafferfchaft des Apoftelichü- Vers Lukas nicht fo fern zu liegen. Die unläugbare Identitaͤt des Berfaffers diefes Cvangeliums mit dem VBerfaffer der Apo— ftelgefchichte, der fi) von einem Theil der in der lekteren er— zählten Begebenheiten ald Augenzeugen giebt, während er einen andern Theil gleichfalls in der angeblich fagenhaften Weife der evangelifchen Erzaͤhlungen berichtet, warf hier ein ſtarkes Ge— Bert Äh neuerdings auch Neander in-demfelben Sinne (Leben Jeſu ©. 8., eben fo ſchon früher Lücke (Commentar zum Ev. Job. Br. 2, ©. 461). =) Hauptfächlich durch Grießbach's befannte Abhandlung über die— fen Gegenftand. Diefelbe Anficht ift ven Commentaren von Fritzzſche und De Wette zum Grunde gelegt. ##) Auch von Strauß, a a. D. S. 69. welcher fie fhon durch Grießbach zur Evidenz erhoben findet. 6 | Erftes Bud. wicht für die hergebrachte Meinung in die Wagfchaale, wäh- rend eben diefe auffallende Bereinigung heterogener Glemente in dem zulegt genannten Werfe als ein Beleg dafür dienen konnte, wie felbft für einen der Zeit nach ihnen fo nahe ſte— henden Schriftfteller jene Begebenheiten fi) in das Gewand der Sage Eleideten, Insbefondere aber war es das vierte Evan— gelium, deffen fich die Anhänger der Traditionshypothefe felbft ald einer Schußwehr wider die allzubedenklichen Gonfequenzen diefer Hypotheſe zu bedienen pflegten. Dieſes nämlich war von vorn herein in die Erklärung, welche die Hypothefe über den Urfprung der übrigen Evangelien gab, gar nicht einbegrife fen worden. Man fuhr fort, es nach wie vor ald das Werk des geliebteften Süngerd des Herrn zu betrachten und trug Fein Bedenken, es in Folge diefer Würde zu einem Kanon der Rec— tificirung fammtlicher übrigen Evangelien zu erheben, Für Die Geftalt in der es vorliegt, für Die Auswahl der in ihm erzähl: ten Begebenheiten, die von jeher manchem Zweifel Raum gegeben hatte, glaubte man eben darin einen neuen Grflärungsgrund gefunden zu haben, daß man es für beftimmt hielt, nicht zwar, wie man ehemals angenommen hatte, die drei übrigen Evangelien felbft, wohl aber die jenen zum Grunde liegende Veberlieferung zu ergänzen und zu berichtigen. So ging ein Fräftig und wohl geführter Angriff, der zu derfelben Zeit, von der wir hier fprechen, gegen die Aechtheit diefes Evangeliums unternommen war*), vor dem Angefticht der herrfchenden Theo: logie fpurlos vorüber; man meinte nach Zuruͤckſchlagung deſſel— ben diefe Aechtheit‘, und mit ihr den hiftorifchen Charafter der evangelifchen Gefchichte nicht im Gegenfage der Traditionshy: pothefe, fondern im Einverftändniß mit ihr nur um fo fefter begründet. — Diefer Geftaltung der herrfchenden Fritifchen Anz fihten über evangelifche Geſchichte und Gefchichtöquellen gegen- über ift nun gegenwärtig das berühmte Werf von Strauß hervorgetreten, welches feine unlaugbar große und tiefgreifende Bedeutung allein darin hat, daß ed die Vorausfeßung, welche diefen Anfichten zum Grunde liegt, — dies aber ift eben jene, *) Bretschneider, Probabilia de evang. et epist. Johannis origine et indole. /« Bon den Quellen der evangelifchen Sefehichte, 7 weiche wir mit dem Namen der Traditionshypothefe be- zeichnet haben, — beim Worte nimmt und, aller Halbheit in der Durchführung oder Zaghaftigfeit in der Anwendung derfelben ſich entfchlagend, im reinen und vollen Wortfinne Ernft mit der: felben macht. Der Gedanke, aus welchem jene Hypothefe her- vorgegangen ift: daß zwiſchen der evangelifchen Gefchichte und deren Aufzeichnung in den fehriftlichen Evangelien ein geftal- tendes Princip in der Mitte liegen müffe, durch welches die Gefhichte erft in die Form gegoflen ward, in welcher fie un fere Evangelien aufgenommen haben: dieſer Gedanke hat da— durch erft in Strauß feine rechte Confiftenz und Haltung ge— wonnen, daß er, zum Begriff einer evangelifchen Sage oder Mythologie ausgebildet, das ganze Gebiet der evange- lifchen Erzählungen in ausschließlichen Befiß genommen hat, Ausdrüclich diefer energifchen Durchführung des Princips, welches ſich, den Meiften, die feine Wirfungen empfanden, unbewußt, in die theologifche Forfchung eingefchlichen hatte, haben wir es aber auch zu danken, daß jekt eine umfafjendere und gründlichere Würdigung des Princips felbft, eine fchärfere Prüfung feiner Anwendbarkeit auf den vorliegenden Stoff mög- lich geworden ift. So lange jenes Princip, fo zu fagen, fich vor fich felbft verbarg, fo lange es im Finftern ſchlich und nur fhüchtern neben dem Princip einer gefchichtlichen Unmittelbar: feit der überlieferten Nachrichten fich einzudrängen ftrebte: fo lange wußte man noch nicht, wo man es faffen follte, fo lange blieb die Gefahr, daß es, an einer Stelle zuruͤckgewieſen oder widerlegt, über kurz oder lang fich an einer andern nur um fo unaufhaltfamer hervordrängen werde, Jetzt, nachdem es bis zu: ruͤck zu feiner tiefften Wurzel, und bis hinan zu feinen fernften Gonfequenzen ſich fo offen und vollftändig an den Tag gebracht, mag freilich die Ausficht ferner gerüct fein, eine Idee von die: fer Kraft und dieſem Umfange gänzlich zu unterdrüden, oder aus dem Gebiete, von dem fie folchergeftalt Beſitz zu nehmen ſich mächtig genug erwiefenhat, fir immer hinauszuweifen. Die Noth: wenbigfeit, ihr bedeutende Zugeftandniffe zu machen, bedeutende Opfer zu bringen, hat fich vor den Augen aller unbefangenen For: fcher entfcheidender und unbeweislicher als je herausgeftellt. Da— gegen aber wird es auch eher ald fonft gelingen konnen, fie in zn 8 Erftes Bud. ihre wahren Grenzen zurückzuweifen, und über dad Maaß und bie Bedingungen ihrer Anwendbarkeit auf das Gebiet der evangeli- fhen Gefhichte das rechte Bewußtfein zu gewinnen. Diefes felbft zwar, die Kritif und Würdigung der Zraditionshypothefe und der mit ihr in unmittelbarer Verbindung ftehenden „mythi— fhen Anficht”’, wird von jest an nur in dem umfaffendern Zus } fammenhange einer pofitiven Unterfuchung über die wahre Be— Schaffenheit der evangelifchen Geſchichtsquellen erfolgen fonnen, fo wie diefe wiederum nur in dem Zufammenhange einer hiftorifch- philofophifchen Ergründung der Gefchichte felbft, die aus ihnen - gefchöpft werden fol. Se mehr nämlich auf dem Standpuncte, auf welchen neuerdings durch jene vollendete Durchführung der Zraditionshypothefe die Sache geftellt ift, dieſelbe nicht mehr nur, wie fie anfangd Died war oder zu fein fchien, als ein Noth- behelf, um gewiffe Grfcheinungen in der Befchaffenheit der Ge- fhichtsquellen zu erflären, fondern ald Das Grgebniß einer voll- ftandigen Kritik des hiftorifchen Inhalts diefer Quellen auftritt: um fo gewifler Fann fie auch nur durch eine wiederholte Kritik von gleich umfaffender Tendenz überwunden oder in die ihr gebührens den Schranken zurüdgewiefen werden. Allein dad Gefchäft einer ſolchen Kritif, wenn es mit dem vollen Bewußtfein der Aufga- ben, die ihm durch die bisherige Forfehung geftellt find, unter: nommen werden foll, wird feinerfeitS von dem Puncte ausgehen müffen, der ihm durch feine Vorgangerin, die vom „mythiſchen Standpuncte’’ aus geführte Kritif, angewiefen iſt. Die— fer Punct aber ift eben jener, der durch die Worte, welche wir vorhin aus dem Strauß’fchen Werke anführten, bezeichnet wird. So fehr nämlich wir den Inhalt diefer Worte für Die folgerechte- fte und vollftändigfte Auffaffung der Zraditionshypothefe erken— nen müffen, zu der fich bisher noch irgend einer ihrer Anhänger entfchloffen hat, — fo Sehr diefelben ferner, wenn wir ihr Ver— häaltniß zu dem Werfe ihres Verfaffers in Erwägung ziehen, viel- mehr ald das Ergebniß diefes Werkes und feiner rein negati- ven Nefultate, denn ald das Princip, aus dem jene Refultate entwickelt würden ober durch deffen Anwendung fie gefunden wären, erfcheinen, (man Fann es in diefer Beziehung als bedeut- fam anfehen, daß fie fi) noch nicht in der erften, fondern erft in der zweiten Ausgabe jenes Werkes vorfinden): — fo enthalten v . B D Bon den Quellen der ewangelifchen Geſchichte. 9 ſie doch an ſich ſelbſt eine unbewieſene oder ungenuͤgend bewie— ſene Vorausſetzung, eine ſolche, die von ſelbſt dazu auffordert, zum Gegenftande einer weiteren Eroͤrterung gemacht zu werden. Es iſt Schon von mehren Beurtheilern des Strauß’fhen Buches gerügt worden, wie eilfertig dafjelbe über die wichtigen Vorfra= “ gen nad) dem Urfprunge und der Befchaffenheit der Quellenfchrif: ten hinweggleitet. Allerdings thut Strauß dies nicht aus Ver: fehen oder Fahrläffigkeit, fondern mit Bewußtfein und deutlich ausgefprocener Abfichtlichfeit. Er erklärt naͤmlich ausdrüdlich *), daß für ihn alle folche Unterfuchung mit der Unterfuchung über die Beichaffenheit des Inhalts der Quellen zufammenfalle, indem, bei dem Mangel an zureichenden außeren Notizen über die Ent: fiehung jener Schriften, nur aus der Kritif ihres Inhalts ein guͤl— tiges Nefultat über jene Fragen gezogen werden fonne. Aber es ift gleichfalls, und mit Recht, bemerft worden, daß er gerade bei diefem Puncte, über den er es am meiften vermeidet, Nede zu ftehen, bei der Frage nach der Außerlichen,, hiftorifchen Bes gründung feiner Anficht von den Duellenfchriften feftzuhalten if, indem, wenn es hier fich erweifen follte, daß feine Vorauss feßungen falfch, oder daß die Leere, die er auch hier zu laſſen fich geneigt zeigt, durch pofitive Zeugniffe entgegengefeßter Art aus: füllbar ift, damit zugleich bewiefen wäre, daß es bei den nega= tiven Refultaten feiner ‚‚inneren Kritik” wenigftens nicht fein Be: wenden haben kann. Während der Zufammenhang, in welchem die von Strauß vorgetragene „mythiſche Anſicht“ der evangelifchen Gefchichte mit den Anfichten fteht, welche die wiffenfchaftliche Forſchung der neuern Zeit nach fo vielen Seiten hin über die Bedeutung des Mythus und der Sage für Religion und Poefie, für Gefhichte und Bölferleben eröffnet hat, während dieſer Zufammenhang fhon mehrfach zum Gegenftande der öffentlichen Aufmerffamfeit, die fich dem Strauß’fchen Werke in fo hohem Grade zuwendet, gemacht worden ift: fo ift eine andere, in naher Beziehung zu jes ner ftehende Analogie bisher meift unbemerkt geblieben, die doc) vielleicht nicht minder dienen Fann, ein Licht auf den Gang zu werfen, den die Forfchung jetzt auf dieſem Gebiete genommen *) Im erften Hefte der „Streitfehriften zur Vertheidigung des L. J.“ 10 Erftes Bud. hat. Was in Bezug auf den Inhalt der evangelifchen Gefchichte die „mythiſche Anſicht““, daſſelbe ift, wie bereit angedeutet, in Bezug auf die Quellen diefer Gefchichte die Traditionshypothefe, Die mythiſche Anficht feßt nothwendig diefe Hypothefe voraus, und hätte ohne fie nicht auffommen fonnen, während umgefehrt die Traditionshypothefe, confequent verfolgt, auf die mythiſche Anfiht hinführt. Nun ift es gewiß nicht als ein zufälliger Um: ftand anzufehen, wenn wir bemerken, daß die erfte Aufftellung, eben fo wie nachher die Verbreitung diefer Hypothefe genau in diefelbe Zeit fällt, wo auf dem Gebiete der Alterthumswiffen- fchaft und Philologie eine nahe verwandte Anficht die größte und folgenreichfte Bewegung hervorbrachte. Wir meinen die berühmte MWolf’ihe Anficht über die Entftehung der Homerifchen Gedichte, Diefe nämlich ift es, auf die man unftreitig zunächft die eine Zeit- lang über die gefammte wiffenfchaftliche Literatur verbreitete Ten— denz zurückzuführen hat, alle folhe Schriftdenfmähler, deren Entftehung etwas Näthfelhaftes hat, darauf anzufehen, ob fie wirklich für das Werk eines beftimmten, namentlich bekann— ten Berfaffers zu nehmen find, oder nicht vielmehr für das all: mähliche, unbewußte Grzeugniß einer nach und nad) firieten und erft zulegt auch fchriftlich aufgezeichneten mündlichen Ueberliefe- rung.*) Nicht als ob Alle, welche auf andern Gebieten, und namentlich auf dem alt= und neuteftamentlichen, ähnliche Hypo— thefen aufftellten oder die aufgeftellten annehmlich fanden, dabei die Wolf'ſchen Unterfuchungen ausdrüdlich vor Augen gehabt oder in ihnen die Rechtfertigung für ihr eigenes Beginnen gefunden hätten. Solche ausdrüdliche Nücfichtnahme Laßt fich nur in felte- nen Fällen nachweifen, defto mehr aber ift auf Den von jenem Ans fange aus über die gelehrte Welt verbreiteten Impuls zu geben, dem Viele auch unbewußt, oder ohne die Erinnerung, von wan— nen berfelbe ihnen zuerft gefommen war, folgten. 8 liegt hier *) Die erften Schriften, durch welche die Traditionshypotheſe nicht ſowohl fhon wirklich vorgetragen, als vielmehr nur erft angeregt ward (Eckermann theolog. Beiträge, Bd. 5, ©,2. und Herder Negel der Zufammenftimmung unferer Evangelien) erfchienen in den Jahren 1796 und 1797. Wolf's Prolegomena aber waren 1795 erſchienen. j Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte, 11 nach nahe, aus den Schidfalen, welche die Wolf'ſche Hypothefe auf dem Gebiete der Altertyumswiffenfchaft erfahren, ein Progno- ftifon auf die Schickſale zu ziehen, welche auf dem Gebiete der biblifchen Kritik die Traditionshypothefe zu erwarten hat. Dort ſtellt fid) durch neuere Forfhungen immer deutlicher heraus, wie von einer unmittelbaren Geltung jener Hypothefe in ihrer anfäng- lichen Geftalt Faum mehr die Nede fein Fann, Die Grundvor: ausfegung, auf welche diefelbe gebaut war, die angebliche Un- denfbarfeit eines Gebrauchd der Schreibefunft in jener Zeit zur Abfafjung größerer Schriften, ift, befonders feit den Unterfuchun: gen von Nitzſch und Kreufer, fo gut als widerlegt zu be— trachten. Der Charakter wahrhafter poetifher Kunft aber, ei: ner bis in das Einzelfte und Kleinfte hineingehenden Ausarbeitung der Form, welchen jene Gedichte durchgängig zeigen, bildet eis nen fo entfchiedenen Gegenfaß gegen die Formlofigfeit einer un: mittelbar aus dem Munde des Volkes hervorftromenden Poefie, daß von Seite der Afthetifchen Betrachtung nicht minder, als der gelehrt antiquarifchen, die Nothwendigfeit hervortritt jene An— ficht aufzugeben. Dagegen wird in feinen mittelbaren Folgen der Aufſchwung, den durch jene Hypothefe und in ihr die literarifche und Alterthbumsforfchung genommen hat, noch lange wohlthätig nachwirken. Betreffend den unmittelbaren Gegenftand derfelben, fo hat fich wenigftens diefes Nefultat erprobt und ift auch von ihren Gegnern faft einftimmig anerfannt worden, daß die Gedichte in der Geftalt, in der wir fie befigen, nicht unmittelbar als herrüh- rend von Einem Berfaffer gedacht werden fonnen. Noch weit um: faſſender aber und tiefgreifender find die Ideen und Anfchauungen, welche durch fie in Bezug auf VBolfspoefie und Mythenentftehung im Alterthum, auch in ganz andern Regionen des alterthümli- chen Voͤlkerlebens überhaupt gemacht worden find. Hier hat bie Wolf'ſche Arbeit recht eigentlich Epoche gemacht, und die gruͤnd— lichen Einfichten, die in Bezug auf diefe Gegenftände und auf fo manche verwandte unfer Zeitalter vor früheren voraus hat, datiren ſich zum großen Theile von ihr. Sa vielleicht iſt unter dieſen Wirfungen der Einfluß, den, wie fo eben bemerkt, der von jenen Unterfuchungen ausgehende Impuls auc auf die Bis belforfchung ausuͤbt, nicht ald eine der geringften anzufehen, auch wenn, wie wir allerdings der Meinung find, daß dies fich fo J— 12 Te Erſtes Bud. | verhalten wird, die unmittelbare Uebertragung der Wolf: ſchen Hypothefe auf die Entftehung der fchriftlichen Evangelien fi) eben, fo wenig, wie jene Hypothefe felbft, als haltbar er= weifen follte. AS eine unmittelbare Uebertragung der Wolffchen Hy- pothefe glauben wir nämlich jede folche Anficht der evangelifchen Urkunden bezeichnen zu dürfen, welche nicht blos negativ das etwanige Misverhältniß, in welchem diefe Urkunden zur wirk- lichen Gefchichte ftehen mögen, fondern auch pofitiv die eigen- ‚thümliche Geftalt und Befchaffenheit derfelben, fei es ihrer Form oder ihrem Inhalte nach, nicht blos in einigen Einzelnheiten, fondern im Ganzen und Großen auf eine zwifchen der wirk— lihen Gefohichte und den Urkunden in der Mitte liegende muͤnd— liche Ueberlieferung zurüczuführen unternimmt. Bei den erften Anhängern der Traditionshypothefe war es hauptfächlich Die Form und Außere Geftalt, und zwar zunachft Die der drei ſyn— optifchen Evangelien, welche man auf diefem Wege zu erflä: ren trachtete. Das Phänomen, welches zu ſolchem Erflärungs- verfuche zunächft veranlaßte, war die gegenfeitige Verwandt: {haft und Uebereinftimmung, welche jene Evangelien gerade in denjenigen Puncten zeigen, in denen folche VBerwandtfchaft unter von einander unabhängigen Schriften nie leicht ſtatt zu finden pflegt. Es trat in diefer Beziehung jene Hypotheſe an die Stelle einer andern, durch welche man unmittelbar vorher das— jelbe Phänomen zu erklären verfucht hatte, der Hypothefe von einem ſchriftlichen Urevangelium, welches unfern Eanonifchen Evans gelten zum Grunde liege und in fie zum großen Theile wort: lic übergegangen fei. Ja es war in ihrer früheften Geftalt die Traditionshypothefe eigentlich nichts anders, ald eben bie Hypothefe vom Urevangelium felbft, unterftüßt zugleich und mo— dificirt Durch den neugewonnenen Begriff einer folchen Ueber- lieferung, in welcher die mündliche Nede die Stelle vertritt, welche man fonft nur von der fchriftlichen ausgefüllt zu ſehen gewohnt war. So äußerlich ift diefer Begriff anfangs auf die evangelifhe Duellenforfchung übertragen worden; er hat fich Feineswegs aus Thatfachen, die innerhalb ihrer felbft gefunden wären, ergeben, fondern ift vielmehr auf eine von außen ge— gebene Veranlaſſung gegen das aus folchen Thatfachen Gezogene, + Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 13 aber felbft nicht mehr haltbar Befundene eingetaufcht worden. Auch muß man eingeftehen, daß die Wolffhe Hypothefe in der fohroffen und paradoren Geftalt, wie ihr Urheber. fie mit großem Aufwand von Scharfjinn und Gelehrfamfeit vorgetras gen und geltend gemacht hatte, recht dazu geeignet war, ja Dazu aufforderte, auf fo Außerliche Weife fih in andere Ge— biete hineintragen, auf andere Gegenftände anwenden zu laffen. War dort, durch jene gelehrte Niefenarbeit, deren Ergebnifje man ſchon darum gelten laſſen mußte, weil man fie nicht mit gleicher Gelehrfamfeit zu widerlegen vermochte, das Außeror- dentliche gefeiftet, von einem der anerkannt größten Werke menschlicher Kunft zu beweifen, daß es in der That fein Kunft: werk, fondern ein bewußt: und abfichtlos entftandenes Natur: product ſei: wie hätte man fich nicht verfucht finden follen, wo irgend eine Schwierigkeit in der Erklärung literarifcher Pha- nomene fich zeigte, die man auf dem gewohnlichen Wege der Behandlung vergebens zu lofen getrachtet hatte, zu jenem Mit- tel zu greifen, deſſen Anwendung jeßt, nachdem auf folde Weiſe vorgearbeitet war, allenthalben fo leicht fcheinen mußte — Sp in dem hier vorliegenden Falle. Den Grund, aus welchem jene fonderbare Berwandtfchaft der allen überlieferten Nachrichten zufolge doch vollig unabhängig von einander ent- ftandenen Evangelienfchriften fich ableiten laffe, diefen Grund anfzufinden war fchon geraume Zeit hindurch die Aufgabe ges wefen, welche die fcharfjinnigften Forfcher auf diefem Gebiete mit vergeblichem Aufgebot ihrer Kräfte zu loͤſen trachteten. Die annehmlichfte Erklärung, die man bisher gefunden hatte, die Vorausſetzung einer verloren gegangenen fchriftlichen Ur— Eunde, aus der jene Schriften gemeinschaftlich gefchöpft feien, ent: behrte aller gefchichtlichen Grundlage, indem fih von der Exi— ftenz einer folchen Urkunde nicht die mindefte hiftorifche Spur nachweifen ließ. Und hätte eine folche Spur ſich nachmeifen lafien: fo wäre Damit immer nur die Uebereinftimmung der Evangelien unter einander, aber nicht zugleich ihre Abweichung erflart worden; dieje hatte vielmehr dann räthfelhafter noch als zuvor. erfcheinen müffen. Was konnte bei folcher Sachlage Bequemeres fich darbieten, ald eine auf anderem Gebiete be- reits gefundene und aufgeftellte- Kategorie folcher Art, Die alle Dean, IA ER EEE — 2 x af 14 Erſtes Bud. Bortheile jener bedenklich gewordenen Vorausſetzung zu gewaͤh— ren verſprach, ohne denfelben Einwürfen in gleichem Grabe ausgeſetzt zu fein? Cine mündliche Ueberlieferung ift nicht ein fo fichtbares, äußerlich palpables Ding, wie eine fchriftliche Urkunde; in Bezug auf fie fchien daher die Forderung eines ausdrücdlichen hiftorifchen Nachweifes leichter abzulehnen oder zu umgehen, wie in Bezug auf Diefe legtere, Nicht min- der brachte dieſe Annahme die Möglichkeit, ja die Noth- wendigfeit einer Menge von Incongruenzen und Abweichungen in der fchriftlichen Aufzeichnung des mündlich Ueberlieferten von felbft mit fih, welche bei jener anderen Annahme nur als ein neues, ungelöftes Problem erfchienen waren. Freilich ftand ei- ner fo unmittelbaren und hiſtoriſch unmotivirten Uebertragung jener Kategorie der mündlichen Ueberlieferung noch der Umftand entgegen, daß es fich hier nicht, wie dort bei der homerifchen Frage, von einem Gedicht handelte; alfo von einem ſolchen Merfe, wo die Wahl und Stellung der Worte, die beftimmte Geftalt des Gedankfenfortfchritts und der Sachorbnung, kurz wo alle jjene Aeußerlichkeiten der Form, in denen auch hier, nicht minder wie dort, das zu erflärende Phänomen lag, eine Bedeutung haben, aus der fich die ausdrüdliche Firirung des Wortes und des Buchſtabens auch ohne Fchriftliche Aufzeichnung oder vor diefer Aufzeichnung erklären ließ. Diefem Einwand ward indeß vorgebeugt, indem man an die Stelle der Dich: , tung die Lehre fekte, und auch von diefer es als wahrfchein- lich darzuftellen wußte, daß zu einer Zeit, wo fie noch nicht durch fchriftliche Auffäße unterftüßt ward, bei häufiger, mit dem Streben nach buchftäblicher Genauigkeit und vollfommen treuem Miedergeben des Empfangenen verbundener Wiederholung, Die Lehre fich zu einem flehenden Typus firiren Fonnte, der von jedem einzelnen Erzähler faft wie ein auswendig gelerntes Ge- Dicht wiedergegeben ward ;— wofür man ald Beifpiel die auch auf fpäatere Zeiten fortgepflanzten Glaubensbefenntniffe, Gebet: formeln u, ſ. w. anzuführen nicht unterließ. Die neueren Anhänger der Traditionshypothefe haben bei ihrer weitern Ausbildung und Anwendung weniger dieſe Seite vor Augen, nach welcher fie dienen fol, die äußere Geftalt der Schriftlichen Evangelien zu erklären, als vielmehr jene andere N 4 ⸗ Von den Quellen der evangeliſchen Geſchichte. 15 auf den Inhalt bezuͤgliche, den man mit ihrer Huͤlfe als einen ſagenhaften, mythiſchen darzuſtellen trachtet. Allerdings bleibt, daß aus ihr ſich das Verhaͤltniß der ſynoptiſchen Evan— gelien zu einander erklären laſſen ſoll, noch immer als Voraus— ſetzung im Hintergrunde; wie wir aus den angefuͤhrten Worten des Strauß'ſchen Werkes ſahen, in denen von einem „beſtimm⸗— ten Eypus’’ die Nede ift, zu welchem fich die evangelifche Ver- fündigung firiet habe, Dabei aber muß es Wunder nehmen, wie gerade‘ die Eifrigften jener Anhänger die Hypothefe unzu— reichend finden, unter jenen die Form der Evangelien betreffen- den Phänomenen, zu deren Erklärung man fie zuerft herbeiges zogen hatte, gerade das auffallendfte und fonderbarfte zu er: Hären. Kommt man, wie wir oben bemerften, daß es der Fall ift, troß der Traditionshypothefe immer aufs neue wieder da- rauf zuruͤck, den Verfaffer unfers zweiten Fanonifchen Evange- liums für einen Epitomator anzufehen, der feine Schrift aus- drüclich nur aus dem erften und dritten Evangelium zufam- mengetragen habe, fo reducirt fi) der Gebrauch, den man nad) dieſer formalen Seite hin von der Hypothefe macht, auf die Harmonie zwifchen den beiden zuleßt genannten Evangelien. Auch indeffen zur näheren Erklärung des Zufammenftimmens und des Auseinandergehens diefer beiden auf diefem Wege ift in neuerer Zeit fo gut wie nichts gefchehen, nachdem der Ber: fuh, den Schleiermacher *) unternommen, zuvörderft das Lufasevangelium in feine einfachen Beftandtheile zu zerlegen, die als unmittelbares oder der Unmittelbarfeit am nächften ſte— hendes Erzeugniß der Ueberlieferung betrachtet werden Fünnten, mehr oder weniger von Allen als ein keineswegs gelungener erfannt worden ift. Nur eine Kleine Abhandlung von Lach— mann**) verfolgt, angeregt durch Schleiermacher's eben er— wähnte Unterfuchung und andere verwandte und umfaffendere deffelben Forfchers, die zum Theil noch nicht der Deffentlich- *) Weber die Schriften des Lukas. Ein Fritifher Verſuch. Wiederab- gebrudt im zweiten Bande der erften Abtheilung von Schleierma— chers fammtlichen Werfen. **) De ordine narrationum in evangeliis synoptieis. In den theolo— gifhen Studien uud Kritiken, 1835, Heft 3. 16 Grfies Bud. feit übergeben find, jene Richtung. Diefelbe Abhandlung er- öffnet aber, wie wir fpäter zeigen werben, felbft ohne es zu wollen, die Ausficht zu einer ganz andern Auffaffung ded Ver— hältniffes der Evangelien, zu einer folcyen, die, wie wir hoffen, der gefammten Zraditionshypothefe ein Ende machen wird. Wir unfererfeits haben im gegenwärtigen Abfchnitte unfers Un- ternehmen, welcher der Betrachtung der Quellen nach ihrer Entftehung und formalen Befchaffenheit gewidmet ift, zunächft nur diefe mehr Außerliche Seite der Hypothefe in Betrachtung zu ziehen, und werden von biefer aus dieſelbe zu widerlegen fuchen. Die andere Seite hervorzufehren, und auch aus der Befchaffenheit des Inhalts der evangelifchen Gefchichte jene Hypothefe oder vielmehr die aus derfelben für dieſen Inhalt hervorgehende „mythiſche Anſicht“ zu prüfen, bleibt den fpätern Büchern diefes Werkes vorbehalten. So oft von einer im firengern Sinn geſchichtlichen Begründung der Traditionshypothefe die Nede war, fo fand fih als Thatſache, worauf man diefelbe zu flüßen verfuchen konnte, nur einfach dieſe vor: Die unzweifelhaft wichtigere und auögebreitetere Role, die in der früheften Chriftenheit dem mündlichen Unterricht vor dem fchriftlichen zugetheilt war. Es ift von Sntereffe, zu beobachten, wie auch in dieſem Bezuge jene Hypothefe fi an ein in der gleichzeitigen Forſchung bereits Angeregtes lehnen und ihre Begriffe in allem Wefentlichen von dort entnehmen Fonnte. Durch Leffing, denfelben Forfcher, der auf dem Felde der evangelifhen QDuellenforfchung felbft neben Semler zuerft in der deutfchen Theologie die Hypothefe von dem fehriftlichen Urevangelium in Anregung gebracht hattet), war nach anderer Seite hin, im Widerfpruch gegen die bisher rige proteftantifche Drthodorie, auf die Bedeutung hingewiefen worden *), welche neben den neuteflamentlichen Schriften, zu einer Zeit, wo dieſe Schriften noch nicht ganz unbedingte Fano- *) Neue Hppothefe über die Enangeliften als blos menſchliche Ge- fchichtfchreiber betrachtet. Im 6ten Bande von Leffings ſämmt— lichen Schriften (Berlin 1825). *x) Im Anti-⸗-Götze und einigen Heinern damit zufammenhängenpen Aufſätzen. Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 17° niſche Autorität, wie fpäater, erhalten hatten, noch nicht in Jedermanns Händen oder Jedermann zugänglich waren, fort während in der Kirche die Tradition, die mündliche Ueberlie- ferung behauptete. Dies hatte Leffing Feineswegs in dem Sinne gethan, als gedächte er jene Schriften felbft aus diefer Ueberlieferung abzuleiten, oder die .Lebensgefchichte und die Ausfprüche Jeſu, Furz das, was den Inhalt der fehriftlichen Evangelien bildet, zum Gegenftande diefer Ueberlieferung zu machen. Seine Abfiht war vielmehr, zu zeigen, wie der In- halt des Chriftenthums überhaupt nicht mit dem Inhalte der fchriftlichen Urkunden zu verwechfeln fei, wie er von leßterem unabhängig beftehe und durch Zweifel, die nicht etwa nur an der Form der Urkunden, fondern an dem Inhalte felbft entfte- hen, nicht gefährdet werden koͤnne. Es follte diefe Bemerkung - dienen, das Chriftenthum von der Knechtfchaft unter dem hi: ftorifchen Beweis feiner Göttlichkeit emancipiren zu helfen, nach der geiftlofen Geftalt, in welchem die damalige Dogmatik fol- chen Beweis zu geben pflegte, Dies nämlich wollte er dadurch erreichen, daß er dem Chriſtenthum einen Inhaͤlt ficherte, der nicht von der Natur der Außern hiftorifchen Begebenheit, fon: dern von rein geiftiger Befchaffenheit, damit auch der Forde- zung einer hiftorifchen Begründung oder eines Erweiſes aus Thatfachen enthoben wäre, Erſt fpäter, nachdem die evange— lifche Duellenforfchung von dem Standpuncte, den ihr Leſ— fing angewiefen, zurüdgefommen war und die worhin bezeich- nete Wendung genommen hatte, erft dann verfuchte man e$, jene durch Leffing gewonnenen Einfichten zur Erklärung des Urfprungs auch der evangelifchen Urkunden zu benußen. Und hier num läßt ſich allerdings nicht verfennen, wie folche Ueber: tragung in dem von Lefjing felbft eröffneten Zufammenhange nahe genug lag und als gar annehmlich ſich darftellen ließ. Wenn in einer fpätern Zeit, wo nicht nur die Urkunden des heiligen Kanon bereit Geltung und Autorität gewonnen, fon= dern die Schriftftellerei überhaupt in der Kirche einen weis tern Boden eingenommen hatte, wenn noch damald der ei: gentlihe Kern des Chriftenthums, fein Glaubensbefenntniß, auf deffen richtiger Faflung man Seelenheil und Seligkeit beruhen Hlaubte, nicht fehriftlich abgefaßt, fondern in mündlicher Un- 2 18 Erſtes Bud. terweifung überliefert, in mündlicher Nede von den Bekennern ausgefprochen ward: um wie vielmehr mußte als glaublich ers fcheinen, daß in dem apoftolifchen Zeitalter, unter jenen frühe: ften, zum großen Theil der Schrift unfundigen, faft durchge: hends wenig in ihr gelbten Süngern auch über das gefchicht- liche Fundament, auf das ihr Glaube gebaut war, fich weit eher eine gleichformige mündliche Ueberlieferung, als eine fehrift- liche Relation der hiftorifchen Thatfachen geftalten Fonnte? So ſcheinbar indefjen diefer Schluß auch ift, fo erhellt doch, wie gerade bei diefer Uebertragung die Bedeutung, Die Lefling mit fcharfem Blid und gründlicher Gelebrfamkeit der Tradition anwies, verloren geht. Es wird nämlich bei ihr vorausgefeßt, daß der apoftolifche Kehrwortrag entweder ganz, oder zum großen Theile aus Gefchichtserzählung, aus Relation von Thatlachen aus dem Leben des Herin, oder von Worten, die Er gefprochen, beftand. Wäre aber dieß wirklich der Fall gewefen, jo müßten wir annehmen, daß mit diefem VBortrage eine wefentliche Alteration vorging, ald die Gefchichtserzählung in die fchriftlichen Gvangelien aufgenommen, und diefe als die authentifchen Urkunden für die Kenntniß der evangelifchen Be— gebenheiten anerkannt wurden. Wir finden nämlich nicht etwa, daß von jener Zeit an diefe Urkunden fümmtlichen Gliedern der Gemeinde in die Hände gegeben und zur Grundlage des mündlichen Unterrichtes gemacht worden wären; noch weniger finden wir, Daß fich neben diefen Urkunden eine mündliche Ueberlieferung ausdrüdlich ihres Inhalts, nämlich eben der evangelifchen Gefchichte, erhalten und fortgepflanzt hatte, Wir finden vielmehr, wie Lefjing trefflich nachgewiefen hat, daß die Urkunden des N. T. zwar heilig gehalten und von ben Presbytern der einzelnen Gemeinden aufbewahrt, von den Ge- Iehrten fludirt wurden, daß dagegen der Unterricht der Kate- chumenen nicht fie, fondern jenes Glaubensfymbol, jene regula fidei zum Gegenftande hatte, die unabhängig von den fehrift- lichen Urkunden entftanden, und von der es ausdrüdlicher, deutlich ausgefprochener Grundfas war, daß fie nicht dem Per- gamente, fondern dem Geifte und Herzen der Gläubigen ein- geprägt werden folle, Diejenige Ueberlieferung alfo, von wel- cher Leſſing ſprach, war nicht ein Nothbehelf, ein Surrogat real , “. mr \ j Er —8 Bon den Quellen der evangeliſchen Geſchichte. 19 für die Schriftliche Aufzeichnung, fie war das unmittelbare Or— gan des Firchlichen Lebens felbft, ein ſolches, in deſſen Stelle die Schrift eintreten weder konnte noch follte. Won jener Tra— Dition Dagegen, aus welcher die Ichriftlichen Evangelien hervor: gegangen fein follen, muß man eingeftehen, daß fie, mag man noch fo fehr die Vorzüge der lebendigen mündlichen Rede vor dem fchriftlihen Vortrage preifen, nur als ein ſehr unbeque- mes Mittel würde gelten fünnen, die Schrift zu erfeßen, die, wenn irgend wo, doch gewiß eben hier, wo es die freute und genaue Bewahrung eines Thatſaͤchlichen gilt, an ihrer Stelle ift. — Was aber für jene Hypothefe unftreitig das Bedenk— lichfte ift; fo entfteht hier die Frage, wie ed denn zugegangen fei, daß der gefchichtlich referivende Bortrag der evangelifchen Begebenheiten und Reden, wenn er in der apoftolifchen Ge- meinde einen fo wefentlichen Theil des Unterrichts und der Verkündigung bildete, fo ſehr in den Hintergrund zurüdtrat, nachdem fein Inhalt in Schriften niedergelegt war, Die von der Kirhe in die Reihe der heiligen Bücher aufgenommen wurden. Man wird doch nicht meinen wollen, daß er durch diefe Schriften als überflüffig gemacht erfcheinen Eonnte, nach— dem man zuvor eingeftanden hat, daß die Bekanntfchaft der Mehrzahl der Gemeindeglieder mit diefen Büchern eine gar ge— ringe war und bis auf die Reformation herab, zum Theil felbft durch) den ausdrüdlichen Willen der kirchlichen Macht, eine gar geringe geblieben ift. Schon das Beifpiel der Sfraeliten, und des Gebrauchs, den dieſe in ihren Schulen von ihren heiligen Gefhichtsbüchern machten, im Gegenfase anderer alter Voͤlker, denen ſolche Gefchichtsbücher fehlten, nicht minder aber das Beiſpiel der Chriften felbft und infonderheit derjenigen chriſtlichen Gonfeffionen, in denen die Bibel durch freie Ge- ftattung ihres Gebrauch und durch Uebertragung in die Lan: desfprachen zum Volksbuche geworden ift, zeigt, wie, flatt Daß durch die fehriftliche Verzeichnung des Gefchichtlichen das— felbe der Menge der Befenner ferner gerüdt würde, vielmehr erft dadurch ein Verhaͤltniß dieſer Menge zu dem Gefchicht- lichen begründet wird. In den erften Sahrhunderten des Chri- ſtenthums aber müßte gerade das Umgefehrte gefchehen fein, wenn ed mit jener Hypothefe von einer typifchen Verkündigung N — — 20 Erſtes Bud. des evangelifchen Gefchichtsinhaltes vor Abfaffung der fchrift: lichen Evangelien feine Nichtigkeit hätte. Diefer an ſich ſchon auffallende Umftand wird noch auffallender, wenn man erwägt, wie wenig gerade für gleichzeitige oder einer nahen Vergangen— heit angehörende Begebenheiten das Bedürfniß einer ausdrüd- lichen, didaftifchen Mittheilung vorhanden zu fein, wie viel- mehr allenthalben folches Bedurfniß erft mit wachfender Zeit: ferne ſich einzuftellen pflegt. Nach allem diefem dürfte wohl der Ausfpruch hinlaͤnglich vorbereitet fein, mit dem wir jeßt hervorzutreten wagen, Daß die Annahme eines typifchen Lehrvortrags in der chriftlichen Kirche der erften Sahrhunderte, der zu feinem Inhalte die evangelifche Gefchichte gehabt hätte, einer zureichenden hifto- rifchen Begründung durchaus» ermangelt. Es fer und erlaubt, unfern Widerfpruch gegen jene Annahme mit den Morten eines fharffinnigen Forſchers auszudrüden, der, fchon ehe Diefelbe fo allgemein, wie jest, in der gelehrten Welt Pla ergriffen hatte, bei einer blos gelegentlichen Weranlaffung ihr entgegentrat. Leonhard Hug, in feiner Einleitung in das neue Teftament, — einem MWerfe, deffen Tendenz im Allgemeinen eine ähnliche Stellung der Hypothefe vom Urevangelium gegenüber einnimmt, wie unfer gegenwärtiges Werk eine folche gegenüber der Tra— ditionshypothefe, — Fommt *) auf die Deutung zu fprechen, die Einige den Eingangsworten des Lukas gegeben hatten, als fei in denfelben von ſolchen Verſuchen einer Gefchichtserzäh: Yung die Nede, welche den mündlichen Vorträgen der Augen: zeugen nachgebildet feien. Bon diefer Deutung fagt er folgende Worte: „Sie geht von der Vorausſetzung aus, daß Die Apoftel, bevor etwas Gefchriebened über das Leben und Beginnen des Herrn vorhanden war, in den VBerfammlungen feine Gefchichte nach ihren Umftänden und der Abfolge nach fo vorgetragen haben, daß Gefchichtsbücher daraus entftehen Fonnten, Diefes war aber vie Lehrmethode der Apoftel nicht. In wie weit der Unterricht blos hiftorifch war, ging er nur auf die Hauptmo— mente der Geſchichte: auf das Leiden, den Tod des Herrn und den Pfeiler der ganzen Lehre, feine Wiederauferftehung. *) Erfte Auflage. Thl. 2, ©. 102, Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. a1 ApG. 5, 30. 31. 13, 23—39. 17, 3. 10, 38—42. 1 Kor. 1—9. 20—29*. Die ausführliche Behandlung diefer Greigniffe geſchah durch Nachweifung der prophetifchen Schrif- ten, aus denen gezeigt wurde, daß diefer Gang des Schickſals dem Meffias vorgezeichnet war. Vergl. die obigen Gitate und ApG. 17, 3. 11 (zu9” Hufonv avanolvovses TÜS Yoapds; il &ysı Taürw ovrog). 8, 35. 18, 28. 26, 22. 23. 28, 23. 24. Damit wurden die dogmatifchen Säbe von feiner Welt: berifchaft, die er als Meffias nad feinem Eintritt in die Herr— lichkeit übernommen hat, von einem Weltgerichte und der Ver— geltung in einem andern Dafein verbunden, wie aus mehrern der vorhin angeführten Stellen zu erfehen ift. Wenn die Apo- ftel etwa auf befondere Theile der Gefchichte ausgleiteten, fo war e3 bei den vorzüglichen gottesdienftlichen Ginrichtungen der chriftlihen Schule, wie z. B. des Abendmahls, 1 Kor. 11, 23 f., oder auch der Laufe. Ausführliche Hiftorie zu Dociren war viel zu entfernt von dem Zwede ihrer Sendung und des Chriftenthbums überhaupt; in Palaftina aber insbefondere fprach fie die Vorbereitung des Volkes von diefen Weitläuftigfeiten frei. Man fah dort das Thun und Wirfen Sefu für fo leut- fundig an, daß man fich im Lande felbft in Anfehung feiner Geſchichte fchlechtweg auf die gemeine Wiffenfchaft des lebenden _ Zeitalters bei Predigt und Unterricht bezog, wie es Petrus ApG. 2, 22 und nachher 10, 37 f. fogar bei einer Heidenbe— kehrung zu Gäfarea, und Paulus vor dem Könige Agrippa WG. 27, 26 f. gethan hat, Da fie die Gefchichte im Als gemeinen als bekannt annehmen Fonnten, jo bildete fich die Methode von felbft, die Hauptmomente ficher zu ftellen, um fortan fogleich Die Lehre darauf zu bauen.’ Diefe einfache und fchlichte Darlegung, die fich jedem, der mit einiger Aufmerkfamfeit die Urkunden des apoftolifchen Zeit: alters gelefen hat, gleich auf den erften Anblick als die wahre an= kuͤndigen muß, läßt fich noch durch folgende Betrachtung une *) 8 hätte noch hinzugefügt werden können ApG. 1, 22%, wo als eigentlicher Ausdruck, um das Gefchäft der Apoftel zu bezeichnen, „Deugen der Auferfiehung” (uugevgss rs evaoraoswe) gebraucht wird. 22 Grites Bud. terflüßen. Wenn ein Hauptmoment der evangelifchen Verkuͤn— digung der Detailbericht der Begebenheiten aus dem Leben Sefu, feiner Wunderthaten, feiner Neden und Gefpräche war: wie ftimmt dazu der Inhalt und Charakter fammtlicher außer den vier Evangelien auf uns gekommenen Schriften des apofto= lifchen Zeitaltrs® Sollte man nicht erwarten, daß die Ge- wohnheit folcher ausführlichen Erzählungen in diefen Schriften eine Spur zurücgelaffen haben müßte, daß die Berufung auf das fo häufig von ihnen mündlic Vorgetragene jenen Schriftftellern zum mindeften eben fo geläufig fein würde, als ihren Nachfol- gern die Berufung auf das Schriftliche Evangelienwort? Davon aber finden wir fowohl in den neuteftamentlichen Schriften, ald auch in den zunächft fich daran reihenden durchgehends das Gegentheil, In den ausführlichftien und bedeutendften Diefer Schriften, denen des Apoftels Paulus, nicht das geringfte Zei- chen einer Annäherung an jenen Lehrtypus, der durch eine his ſtoriſche Verkündigung folcher Art, die fich zu einem ftehenden Traditionstypus hätte firiren fonnen, den Apofteln unftreitig zur andern Natur hätte werden müffen. Wie haufig find auch bei Paulus, dem Heidenapoftel, in Briefen an Gemeinden, denen Diefe Neminiscenzen großentheils unverftändlich fein mußten, die Anführungen altteftamentlicher Begebenheiten und Aus: fprüche; und wie felten begegnen wir Anfpielungen auf Aus— fprüche des Herin, — auf Begebenheiten der evangelifchen Ge: fchichte mit Ausnahme der Ginfeßung des Abendmahls, des Kreu- zestodes und der Auferfiehung geradezu nirgends! Und jene wenigen Anfpielungen, wie verftet und zufällig find fie, wie ganz und gar nicht in dem feierlichen Tone gehalten, den fonft die Berufung auf eine höhere Autorität mit fich bringt und den wir bei dem Apoftel felbft in feinen altteftamentlichen An- führungen Feineswegs vermiffen, und wie wenig in den gewähl- ten Worten und dem fie motivirenden Zufammenhange mit den evangelifchen Stellen genau übereinftimmend; ja wie zweifel- haft bleibt e8 bei einigen derfelben, ob fie wirklich für folche Anfpielungen zu nehmen find *)! Wie haufig kommt dagegen *) Diefes letztere möchte 3. B. der Fall fein in Bezug auf 1 Kor, 15, 32, wo die Anfpielung auf den Luf, 12, 19 erzählten Aus- Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 23. bei Paulus der Fall vor, daß wir Gedanken ausgefprochen, ja ausführlich abgehandelt finden, bei denen gewiß Keiner, der auf Beglaubigungen diefer Art einen Werth zu legen gewohnt war, die Gelegenheit zu einem Citat fich hätte entgehen laffen, “bei denen felbft und, wenn wir einigermaßen im Evangelium bewandert find, nichts näher zu liegen fcheint, als die Beru: fung auf einen Ausfpruch des Herrn oder eine Begebenheit aus feiner Lebensgefchichte, ohne daß doch folche Berufung wirklich er- folgt *)% — Diefem allem gegenüber haben wir (im erften und ſpruch ſchon darum. fehr zweifelhaft ift, weil beiden Stellen ge— meinfchaftlich ein altteftamentliher Ausfpruch (Sir. 11, 19) zum Grunde zu liegen fiheint. Als Beleg aber für den von ung bes zeichneten Charakter der evangelifchen Anfpielungen des Paulus dienen Galat. 5, 9 und 14, vergl, mit Matth. 13, 33 und Mare, 412, 31 und Parall, Am meiften ausdrüdlich (außer der Stelle vom Abendmahl im erften Korintherbriefe) ift die Berufung Thef- ſalon. 4, 15 ff. 5, 1 ff. auf die eschatologiſchen Berfündigungen des Herrn, wo Paulus ausprüdlich und unter Borausfehung einer Bekanntſchaft mit jenen Ausfprücen erflärt, &v Aoyo zugiov zu fprechen. Aber die Lehre von der Parufie bildet, wie befannt, einen Artikel des apoftolifihen Glaubensbefenntniffesz da nun diefer Ars tikel wefentlich auf jenen Ausfprüchen des Herrn beruht, fo ift nicht zu veriwundern, wenn bier diefelben ausdrüdlicher, als fonft, be— wahrt und überliefert wurden. 7) Wie nahe lag 3. B. im Nömer- und im Oalaterbriefe, wo ber Apoſtel von der Bedeutung und der Berbindlichfeit des mofatfchen Geſetzes fpricht, Die Beziehung theils auf die ausdrücklichen Aus- ſprüche Jeſu in der Bergpredigt und fonft, theils auf Jeſu Nicht: beacdhtung des Sabbaths, der Neinigungsgebräude u. f. w. Hätte Paulus hier jene Ausfprüche und Handlungen als feinen Gemein- den befannt oder als ihnen mitzutheilende Lehrgegenftände voraus— feßen können, fo war ihm in der That eine Nücficht darauf an den betreffenden Stellen jener Briefe gar nicht zu umgehen; es mußte fein erftes und wefentlichites Deftreben fein, feine eigene dort vor— getragene Lehre mit jenen Vorgängen in Einflang zu feßen und auf fie zu begründen. Dennoch das tieffte Schweigen über Diefel- ben, ſo daß es faft feheint, fie feien, wentigftens dem nähern Detail nad, nicht einmal zur eigenen Kenntniß des Apoftels gelangt. — Wer follte ferner nicht in den häufigen Stellen, wo Paulus yon dem Ehebande und den Gattenpflichten fpricht, eine Berufung auf Matth. 5, 32, Marc. 10, 2 ff. und Parall, erwarten, insbefondere 1 Kor. 7, 10, wo Paulus allerdings das Geheiß, welches vom 24 Erſtes Bud. zweiten Gapitel des Galaterbriefes) die ausdrüdlichfte Erklaͤ— rung des Apoftels über feine Unbefümmernig um das Außerlich Factifche der Begebenheiten, deren Augenzeuge. nicht er, ſon— dern andere Apoftel gewefen waren. Gift drei Jahre nad) feis ner Befehrung Fommt er nach Serufalem, um dort den Petrus zu Sprechen, verweilt aber nicht langer als funfzehn Lage dort, ohne irgend einen der Apoftel, außer Petrus und Jakobus, den Bruder des Herrn, zu Geficht zu befommen. Noch vierzehn Sahre nach feiner Bekehrung (wo nicht gar nach jenem erfien Aufenthalte zu Serufalem) vergehen, ehe er, auf ausdruͤcklich erhaltene Mahnung von Gott, feinen Befuch wiederholt, dießmal in der Abficht, um nochmalige Rüdfprache mit den dortigen Sün= gern zu nehmen und fich von der Nichtigkeit feiner Faflung des Evangeliums, das er predigt, zu überzeugen. Daß unter diefem „Evangelium““ nicht das gemeint fein kann, was unfere fhriftlihen Evangelien enthalten, erhellt genugfam aus dem fo eben dargelegten Zufammenhange, aus dem, was Paulus wei- ter, feinen Streit mit den übrigen Apofteln über das den Heiz denchriften Aufzuerlegende betreffend beifügt, und aus dem all: gemeinen Sprachgebrauche der apoftolifchen Zeit, Der unter „Evangelium“ nur die Verkündigung des Heiles in Chrifto überhaupt, nicht eine weitere Gefchichtserzählung verfteht. Bor allem merkwürdig ift, wie Paulus diefes fein Entferntftehen von dem Verkehr mit den unmittelbaren Süngern des Herrn Herrn ausgegangen ift, ausdrücklich dent, was nur er, aber nicht der Herr befiehlt, gegenüberftellt, aber ohne eine Neminiscenz an die von Ehriftus gebrauchten Worte? Bet der Stelle im erften Ko— zintherbriefe, wo von dem Vorzuge des ehelofen Lebens die Nede it, auf Matth. 19,122 Und fo in unzähligen Fällen Auch in Stellen wie 1 Kor. 4, 8— 12. 6, 7, in denen Einige eine Nemi- niscenz an die Bergprebigt, fo wie Röm. 16, 19, 1 Kor, 14, 20 an Matth. 10, 16 haben finden wollen, Kann ich vielmehr nur auf fallend finden, daß ſolche Neminiscenz, die doch fo nahe lag, fi nicht wirklich hat einfinden wollen. — Höchft auffallend iſt au, wie der Apoftel, der doch fo vielfach befchäftigt ift Ceben fo auch der Derfaffer des Hebräerbriefes), Ausdrüde für Die Natur und Würde Chriſti zu finden, nirgends (auch 1 Kor. 15,47 u. a. nicht, wo berfelbe fo nahe lag) des von Sefus ſelbſt gebrauchten Ausdruds vios zoo avdgumou fih bedient. —— Von den Quellen der evangeliſchen Geſchichte. 3 nicht etwa beflagt, nicht etwa fich darüber entfchuldigt, ſon— dern vielmehr daffelbe ausprüdlich ald$ Beglaubigung feines apoftolifhen Berufs geltend macht. Nicht von Menfchen habe er das Evangelium empfangen oder fich darüber belehren laffen, das er verfünde, fondern durch un: mittelbare Offenbarung Sefu Chrifti*). Vom Leibe feiner Mut: ter an habe ihn Gott dazu auserfehenz nachdem er ihn aber ausdrücklich dazu zu berufen gewürdiget, fo habe er, Paulus, nicht gemeint, dem Fleifch und Blut nachgehen und nach Je— rufalem zu den frühern Apofteln ziehen zu müffen, fondern fei in die Einſamkeit nach Arabien gewandert**). Diefes alles und die Notiz über feinen erften Aufenthalt in Serufalem, daß er dort außer Petrus und Safobus Feinen andern Apoftel gefehen habe, betheuert er mit einem feierlichen Eide; fo daß wir noch deutlicher fehen, wie nicht etwa nur in feiner eigenen, fondern auch in der Meinung der Gemeinde feine apoftolifche Autorität auf feiner Unabhängigkeit von den übrigen Apofteln, auf der perfönlichen Unmittelbarfeit der Offenbarung, aus der er feine Lehre Ichöpfte, beruht haben muß. Wie num ftimmt dies mit der Borausfesung, daß die detaillirte Gefchichtserzählung ein wefentliches Gefchäft des apoftolifchen Berufes ausgemacht habe? Will man etwa annehmen, daß Paulus durch unmittelbare Ein- gebung auch mit den befondern Thatfachen jener Gefchichte, mit den einzelnen Ausfprüchen des Heren befannt gemacht worden ſei? Daß die Gemeinde eine auf folchem Wege erlangte Kennt: niß in ihm vorausgefeßt, oder zur Beglaubigung feines Berufes von ihm erwartet habe? — Was aber von den paulinifchen, ein Gleiches gilt im Wefentlichen auch von allen übrigen apo— ſtoliſchen und nächftnachapoftolifchen Schriften., In den Brie— fen des Petrus und des Safobus blickt allerdings zwar, wie man es nicht anders erwarten kann, einige nähere Befanntfchaft mit der Redeweiſe und auch mit einzelnen Ausfprüchen des #) 0008 yap !yo apa dvdgumov magtlapov auro ovrs Ldudaydnv, ahla di amoxahlıysos "Inood Nosorov. Gal. 1, 12, FE) 09 moo0avsdLunv 002 Hal aluarı, ovdd arnAdov Eis “IspoooAv- wo moos roüs oo Zuon amoorölovg, aAl’ anı,ıdov sis "Agaplar. B, 07. 26 Erftes Bud. Herin hindurch, aber von der Gewohnheit eines durch die Er— zählung folcher Ausfprüche beftimmten Lehrtypus findet ſich in ihnen fo wenig, wie anderwärts eine Spur. Johannes fpricht zwar in feinen Briefen nicht nur in denfelben Gedanfen, fon- dern faft in denfelben Worten und Wendungen, wie Chriftus in feinem Evangelium (nicht in den übrigen), aber wir wer: den weiterhin fehen, wie ungleich wahrfcheinlicher es ift, daß die Nede des johamneifchen Chriftus der fubjectiven Denf= und Redeweiſe des Juͤngers, ald daß umgekehrt diefe leßtere jener exjteren nachgebildet fei. Der Hebräerbrief endlich und die Apo— Ealypfe find eben fo arm, wie die bereitS genannten Schriften, an ausbrüdlichen Anführungen, und, namentlich die leßtere, wo möglich noch entfernter von jedem Anklang eines traditionellen evangelifchen Gefchichtövortrages. — Auch einige nicht in den neuteftamentlichen Kanon aufgenommene Schriften fünnen zu gleichem Behufe angeführt werden. So der angebliche Brief des Barnabas, der, fo unwahrfcheinlich auch feine Abfaffung durch den Apoftelgefährten fein mag, doc) jedenfalls der Zeit angehört, in welche recht eigentlich die Blüthe des evangeli- fhen Zraditionstypus fallen müßte. In ihm fällt die Spar- ſamkeit der evangelifchen Erinnerungen um fo mehr auf, je mehr diefer Brief von altteftamentlicher Gelehrſamkeit ſtrotzt, welche in ihm, wie gewiffermaßen fchon im Hebräerbriefe, fich in eine folche Form des Vortrags hineingeftaltet, Die weit mehr, als irgend eine evangelifche Erzählung, danach hinzuftreben foheint, zu einem Lehrtypus firtrt zu werden ). Aehnlich der ungefähr gleichzeitige erfte Brief des Clemens Romanus an die Korinther. Hier finden fich gleichfalls, neben einer Menge alt teftamentlicher, nur ein paar evangelifche Anführungen, und zwar folche, die, mit den betreffenden Stellen unferer Evans gelien verglichen, von einer ziemlich unbeftimmten und ins All— gemeine gehenden, Feineswegs auf einen firengen Typus der *) Doch dürfen wir nicht verfchweigen, daß einige Anführungen bes Barnabas, namentlich die der Stelle Mare. 12,36 u. Parall. Ceap, 12, p. 41 ed. Clerie.) allerdings von einer fpecielleren Vertrautheit mit Einzelbegebenheiten der evangel. Gefchichte zu zeugen fiheinen kön— nen, als wir folche wenigftens in den paulinifchen Schriften finden. Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. — Ueberlieferung hinweiſenden Erinnerung zeugen*). Die übrigen dem alten roͤmiſchen Biſchof zugeſchriebenen Werke kommen hier nicht in Betracht, da ſie keinesfalls aͤlter als das zweite Jahrhun⸗ dert und als der Gebrauch der ſchriftlichen Evangelien find. Zuerft in den Briefen des Ignatius werden die evangelifchen Citate etwas häufiger. Da indeſſen der antiochenifche Biſchof bereit3 die paulinifchen Epifteln Fennt, fo fragt es fich, ob hin: reichender Grund vorhanden ift, ihm die Bekanntfchaft mit fhriftlichen Evangelien abzufprechen *). So wie wir aber weis ter in das zweite Sahrhundert, an deflen Schwelle der zuletzt Genannte fteht, eintreten, fo finden wir zugleich mit der haͤu— figern Berufung auf evangelifche Ausfprüche und Begebenheiten auch fchon ganz entfchieden und zweifellos den Gebrauch ſchrift— licher Evangelien ***). Eben hier nun contraftirt die fo ſchnell =) Cap. 13, p. 153 und cap. 46, p. 173. Die erfte diefer Anführungen kommt in ähnlich unbeftimmter Allgemeinheit auch in dem Briefe des Polykarpus vor, *) Es wird hier die Aechtheit der Fleineren Necenfion vorausgeſetzt. In der größeren, wahrfiheinlich interpolirten Recenſion jener Briefe ift die Benutzung der fohriftlichen Evang. und zwar ausdrücklich un— ferer kanoniſchen augenfällig. *55) Zu denjenigen Schriften, von denen diefes gilt, gehören, wie be— reits angedeutet, auch die Pfeudo = Elementinifihen Homilien und Re— eognitionen. In diefen finden wir freilich die evangelifchen Citate nur mit den Worten eingeführt, die man fonft als Berufung auf die Tradition anzufehen pflegt: „Chriſtus fagt“, oder: „der Herr“, „Der Prophet”, „der Untrügliche fagt“ u. a. m. Aber hier Liegt der Grund diefer Art des Citirens offenbar in der Form diefer Schriften, welche befanntlich allenthalben den Petrus redend ein- führen, der freilich nicht die fehriftlihen Evang. eitiren kann. — Sch würde nicht nöthig gefunden haben, dies ausdrücklich zu be= merfen, da es fo offen am Tage. liegt, wenn nicht manche Anhäns ger der Traditionshppothefe Miene machten, nichtsdeftoweniger von diefem Umftande für ihre Lieblingsanficht Bortheil zu ziehen. Sp führt Credner (Einleit, zum N. T. ©. 190, 198 f. und ſchon frü— her in den „Beiträgen“ eine Reihe von Stellen an, die von einer durch die Elementinen benußten vollftändigern oder reineren Tradi- tion zeugen folfen, im Gegenfaße der in den fanon. Evang, nie- dergefegten Tradition. Auch Giefeler und Strauß nehmen jene Bücher wenigftens nicht ausdrücklich von der Neihe derer aus, auf 28 Erftes Bud. Plaatz ergreifende Gewohnheit folcher Berufung auf das Merk: würdigfte mit dem Mangel derfelben bei den frühern Schrift: ftellern. Sie, diefe Gewohnheit zeigt aufs deutlichfte, wie jener Mangel in nichts anderem, als darin feinen Grund haben Fann, daß erft mit feiner fihriftlichen Aufzeichnung das Detail der evangelifchen Gefchichte zur Benugung auch für dem eigent- lichen Lehrvortrag geöffnet ward. h Auf ganz gleihe Weife fprechen nun aber auch die aus: drüclichen Zeugniffe, die uns über die Entftehung der fchriftli= chen Evangelien erhalten find, durchaus. für eine Entftehung anderer Art, ald aus einer fchon zuvor zum feftftehenden Ty— pus gewordenen Ueberlieferung. Nicht zwar das Schweigen diefer Zeugniffe über einen folchen Zraditionstypus wollen wir hier geltend machen. Diefer Einwurf würde fich vielleicht durch die Grinnerung an ähnliche Fälle befeitigen laffen, wo Phaͤno— mene des Geifteslebens, die fich unbewußt durch einen Inſtinct der Nothwendigkeit erzeugten, eben fo unbemerft wieder er- löfchen und nur in ihren Erzeugniffen fortleben, ohne daß fich von ihrem Dafein ein ausdrüdliches Gedächtniß erhalten koͤnnte. Ein folches pflegt fich allenthalben in Bezug auf jene dichtende Geiftesthätigfeit zu begeben, durch welche Sagen und Mythen erzeugt werden. Diejenigen, welche die evangelifche Gefchichte für einen Mythus oder für durch und durch mythifcher Natur halten, verfahren daher ganz confequent, wenn fie fie aus einer unbewußten Dichtung folcher Art hervorgehen laſſen, die nach Ablauf des Zeitalterd, in welchem fie blühte, Feine andere Spur ihres Dafeins, ald eben nur die Sagen felbft, die aus ihr er- zeugt wurden, zurüdließ. Cine ſolche Dichtung vorausgefebt, würde an ſich auch dies nichts Befremdendes haben, wenn welche fie ihre Hypothefe ftüßen. — Was die Sache felbft betrifft, fo fcheinen fich mir die Clementinen den Evangelienſchriften gegen- über genau in demfelben Verhältniß zu befinden, wie Suftinus der Märtyrer, Die Benußung fhriftliher Evang., und fogar aus- drücklich unſerer Fanonifchen (dieſe nämlich finde ich ‚allerdings auch in den juftinifhen darournuoreiuara wieder) ift unverkennbar ; aber es ift eine freie Benußung, ein Citiven meift aus dem Ge- dächtniß, hin und wieder vielleicht (vergl. 3. B. homil. II, 50. I, 50. XVII, 20.) mit Beimifhung apokryphiſcher Reminiscenzen. Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 29 | uns ald Verfaſſer der fchriftlichen Evangelien beftimmte Namen genannt werden, und zwar folche, die über die Zeit, wo die Sage fchriftlich firirt ward, hinauffteigen und in die Zeit der enttehenden Sage felbit fallen. Es ift nämlich allerdings die Weife der Sage, ihr eigenes Thun folchergeftalt ald das Thun beftimmter in ihren eigenen Kreis aufgenommener Geftalten aus: zufprechen; wie wir z. B. in der griechifchen Mythologie die Namen Dien, Mufaus, Orpheus-und andere Dichter= und Sän- gernamen genannt finden, auf die man die Verfafferfchaft von Gedichten übertrug, die nichts als fpätere fchriftliche -Firirun- gen der alten Sagendihtung „find. — Allein was uns ein für allemal verbietet, die Notizen über die Verfaſſer der fchriftli- chen Evangelien in eine Neihe mit jenen mythifchen Angaben zu feßen: das find die befondern Umftände, von denen wir fie begleitet finden. Diefe nämlich geben über die wirkliche Ent: ftehung jener Schriften einen pofitiven Auffchluß, der ein durch— aus hiftorifches Gepräge trägt, und wirkliche Gefchichte auf ent= ſcheidende Weife an die Stelle jener unbeflimmten und nebel- haften Suppofitionen ſetzt. Mir gehen bei Beleuchtung diefer Zeugniffe von dem älte- ften und gewichtigften derfelben aus, dem befannten Zeugniffe des Bifhofs Papias von Hierapolis *), der in der erften Hälfte des zweiten Jahrhunderts fünf Bücher ‚Erläuterungen von Ausfprüchen des Herrn“ (Aoyiov zvoıwnav 2Enynosıs) herausgab. Aus dem Munde des Presbyters Johannes, eines unmittelbaren Süngers Chrifti, mit welchem Papias noch per fünlich verkehrt hatte, meldet er zuerft von einem, deffen Name befanntlich auch unter den Berfaffern unferer Fanonifchen Evan gelien genannt wird, folgendes: „Marcus, der Dollmeticher des Petrus, habe, fo viel er fich gemerkt, genau aufgezeich- net, doch nicht der Ordnung nah, was Chriftus fei es ger fprochen oder gethan. Er felbft namlich.habe den Herrn nicht gehört oder ihn begleitet, wohl aber fpater den Petrus, der nach dem Bedürfniffe des Augenblids zu lehren pflegte und nicht wie einer, der eine ausdrüdliche Zufammenftellung von Re— den des Herrn beabfichtigte, So fei denn dem Marcus nichts *) Euseb. H. E. II, 39, 30 Erſtes Bud. vorzumwerfen, wenn er fo einiges aus der Grinnerung aufge: zeichnet. Nur eines nämlich fei dabei fein Augenmerk gewefen, nichts von dem, was er gehört, zu übergehen, und nichts un— wahres hinzuzuſetzen.“ Dies, wie gefagt, erzählt Papias aus dem Munde des Presbyter Sohannes über Marcus. Weiter: hin fagt er, ohne ausdrüdliche Angabe der Quelle, vielleicht aus derfelben Duelle, von Matthäus: ‚‚er habe in hebräifcher Sprache die Ausfprüche des Herrn zufammengeftellt, diefe habe ſich ſodann Jeder, fo gut er es vermocht, überfeßt oder er- laͤutert.“ — Daß diefes Zeugniß in jeder Hinficht ein unverbäch- tiges ift, hätte man nie bezweifeln follen. Allerdings wird uns Papias von Eufebius, der fein Werk noch kannte, als ein Mann von ziemlich ſchwachem Verſtand gefchildertz; aber diefes Urtheil bezieht fi nur auf das Verftändniß der von den Apo— fteln überfommenen Lehren, welche er mehr als billig, ftatt in geiftigen, im buchftäblichen Sinne zu nehmen geneigt war, woraus unter andern feine dem Berichterftatter fo anftoßigen hiliaftifchen Anfichten „und anderes Fabelhafte‘’ hervorgegangen fei. Auf fo Außerliche Notizen aber, wie die hier gegebenen, ift nicht abzufehen, wie jener Tadel eine Anwendung leiden fol. Hier findet fich Feine Weranlaffung eines Misverftänd- niffes, fein irgend denkbares Motiv einer Berfälfchung, Die bei einem der Zeit nach fo nahe ftehenden Zeugen ohnehin nicht wohl ftatt finden Fonnte. Die Zeugniffe felbft aber ftehen mit einer langen Reihe von nachfolgenden, welche fammtlich und zwar, zum großen Theile wenigftens, unabhängig von jenem den Mar: cus als Schüler des Petrus bezeichnen und aus deſſen Erzaͤh— lungen ihn fein Evangelium zufammenftellen, den Matthäus aber eine hebräifche Evangelienfchrift abfaffen Laffen, in befter Ueber— einſtimmung. — Wie nun, fragen wir, verhalten fich dieſe Nach- richten zu der Traditionshypothefe? Man bemerfe, wie für dasjenige Evangelium, defjen Entftehung, unftreitig nicht ohne Grund, Papias am ausführlichften befchreibt, eine Duelle ge- nannt wird, von der es ausdrücklich heißt: fie ſei nicht darauf berechnet gewefen, daß aus ihr eine fchriftliche Zufammenftel- lung von Begebenheiten oder von Reden hervorgehen follte. Es waren die zufälligen, gelegentlichen Erzählungen eines einzelnen Juͤngers, nicht ein unter den verſchiedenen Juͤngern Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 31 gleichmäßig verbreiteter Kanon von Erzählungen, woraus das erfte fchriftliche Cvangelium — (daß nämlich das Evangelium des Marcus nach Papias Dies war, werden wir gleich nach- her zeigen) hervorging. Diefe mangelhafte Befchaffenheit fei- ner Duelle und die Dadurch verfchuldete Luͤckenhaftigkeit und Ordnungslofigfeit des Evangeliums felbft ward zwar, wie wir aus den Worten des Papias fehen, alsbald von andern Juͤn— gern, von folchen, die felbft noch den Herrn gehört und nicht blos, wie Marcus, aus zweiter Hand gefchöpft hatten, gerügt. Aber diefe Rüge felbft, ift fie etwa eine folche, die einen volls ftändigern Umfreis traditionell abgefchloffener Gefchichtserzählung im Hintergrund hat oder darauf hinweift? Offenbar nicht; viel- mehr fehen wir, wie Sohannes Presbyter in jener Befchaffen- heit feiner Quelle ausdrüdlic eine Entfchuldigung für den Mar- cus findetz woraus doch wohl hervorgeht, daß er für den Evans geliften feinen folchen Zrabitionstypus vorhanden wußte, aus welchem derfelde fein Werk hätte ergänzen koͤnnen. Er felbft, der Presbyter, gab gleichfalls nur gelegentlich, auf Befragen des Papias, die Ergänzungen und Berichtigungen, welche dies fer nachher in fein Werk aufnahm. Hätte er, oder hätten jene Andern, deren Erzählungen theil$ mittelbar, theils unmittelbar Papias gleichfalls benußte, aus der Ueberlieferung ihrer Kennt: niß der evangelifchen Gefchichte in der Weife ein Gefchäft ges macht, wie die Zraditionshypothefe es vorausſetzt: fo wäre Lesterem die Mühe erfpart worden, bei Allen, an die er ge langen konnte, fo wie Gufebius erzählt, daß er gethan, ein- zeln herumzufragen, um den Stoff zu feinem Werke zufammen zu bringen; nicht minder, wie dem Marcus die Mühe erfpart worden wäre, aus den vereinzelten unzufammenhängenden Er— zahlungen eines einzelnen Apofteld einen evangelifchen Bericht fümmerlich zufammenzuftellen. Nicht minder endlich wäre denen, die, fei es vor Abfaffung des Marcusevangeliums, oder weil fie diefes nicht Fannten, oder weil es ihnen nicht genügte, eine anderweite Sammlung evangelifcher Erzählungen oder Reden begehrten, die Mühe erfpart worden, fich die Spruchfammlung des Matthäus, fei es mit unzulänglicher Sprachfenntniß aus dem Hebräifchen zu überfegen, oder mit unzulänglicher Sach: ne 24 ger: —* * gg 32 Erftes Bud. * kenntniß in die Facta, die ihnen anderswoher bekannt wurten einzureihen. Man ſieht alſo, wie dieſes aͤlteſte Zeugniß, von ME Seite wir daffelbe auch in Betrachtung ziehen, nicht blos ne= gativ Feinen Umftand enthält, der auf das Vorhandenfein ei- ner evangelifchen Tradition in jenem neuerdings erfundenen Wort: finne fchließen ließe, — obgleich es, fo wie man wentgftens in der legten Zeit diefe Hypothefe ausgebildet hat, felbft unmittelbar in die Zeit der Blüthe diefer Tradition fallen würde, — ſon— dern wie es auch eine Entftehungsart der erften Gvangelien an— giebt, die, in fich felbft vollfommen wahrfcheinlich und glaub» würdig, das VBorhandenfein einer folchen Tradition geradezu ausfchließt. Dies wird noch deutlicher erhellen, wenn wir jest den Verſuch machen, aus diefem Zeugniffe, im Zufammenhange mit einigen andern, welche ſich daran reihen, tiber den wirk- lichen Urfprung der Einzelnen fehriftlichen Evangelien ein beftimm- tes Nefultat zu gewinnen. — Wie man auch die Yeußerungen des Papias über die Evangelienfchrift des Matthäus Deuter in Bezug auf Marcus erhellt jedenfalls, daß er diefen Beglei— ter des: Petrus ganz unabhängig von jeder andern evangelifchen Erzählung, fchriftlichen oder mündlichen, nur in der Abſicht, den Snhalt der Erzählungen des Apoſtels nicht ver— Ioren gehen zu laffen, fein Evangelium aufſetzen laßt. Es geht aus den Worten, die er dem Presbyter in den Mund legt, mit hinreichender Deutlichfeit hervor, daß die Meinung defielben diefe war, Marcus habe erft nach dem Tode des Pe- trus Hand an fein Werk gelegt. Denn warum hätte er, wenn er früher fchrieb, blos aus zufälliger Grinnerung ſchreiben fol- len, da es doch fo nahe lag, von feinem Meifter felbft das Aufgezeichnete verbeffern und vervolftändigen zu laffen? Letzte— res, oder vielmehr eine durch Petrus erfolgte Billigung und Beglaubigung der Marcusfchrift, behaupten wirklich einige Spa- tere *), aber diefe müffen billig zurüdftehen gegen das ältere, mit Papiad übereinftimmende Zeugniß des Irenaͤus *), nad *) Euseb, H. E. II, 15. Hieronym. catal. ser. ecel. 8. ##) Iren. c. haeres. IH, 1, ‘ N Be Bon den Quellen der evangelifchen Geſchichte. 33 welchem erſt nach dem Tode des Petrus und auch des Paulus fowohl Marcus, als auch Lufas ihre Evangelien niederfchrie- ben, Auch bei Clemens Alexandrinus, der zwar allerdings ſchon die (unftreitig) wohl aus dem Streben, dem Evange- lium eine größere Autorität zu fichern, bhervorgegangene) Mei- nung theilt, als fei Marcus bereit beim Leben des Petrus zur fchriftlichen Aufzeichnung der Vorträge diefes Apofteld veran- laßt worden, findet fich doch die Notiz bewahrt*), daß Petrus fich gleichgültig gegen jenes Unternehmen verhalten, daffelbe we- der unterftüßt noch verhindert habe, Wir glauben nicht zu ir ren, wenn wir dieſe Notiz für einen Nachklang des wahren Zhatbeftandes nehmen, defjen Erinnerung wenigftens noch ge— gen die Behauptung einer ausdrüdlichen Autorifation des Mar: cus Durch Petrus ankaͤmpfte. — Geben wir zu diefem allem noch) hinzu, daß das Allgemeine des Inhalts jener Zeugniffe, die ftreitigen Puncte nämlich abgerechnet, auch fonft von den Kirchenfchriftftellern der Altern Zeit, feit dem Ende des zweiten Sahrhunderts auf das Bielfachfte beftätigt wird: fo möchte das Factum, daß ein Schüler und dolmetfchender Begleiter des Petrus, Marcus (ob einer und derfelbe mit dem Johannes Marcus der Apoftelgefchichte oder dem im erflen Briefe des Petrus ald Sohn erwähnten Marcus, wird fich ſchwerlich ausmitteln Laffen), die zerftreuten gelegentlichen Erzaͤhlun— gen jenes Apofteld zu einem fchriftlichen Aufſatze über die Reden des Herrn und die Begebenheiten feines Lebens in *) Euseb. H. E. VI, 14 (aus ben Hypotypofen des Clemens). Wir unterlaffen nicht, zu bemerfen, wie biefe Stelle, und eben fo auch die vorhin aus Eufebius angeführte, von dem xrovyua des Betrug auf eine Weife fpricht, in welcher allerdings die Meinung einen Vor— ſchub finden kann, als habe diefes #7guyum, oder die dudaonadic des Petrus in Detailerzählungen (der Art beftanden, wie wir fie bei Marcus finden. Aber dies ift die VBorftellung eines fpätern Schrifte ſtellers, der aus der Bedeutung, die zu feiner Zeit die fihriftlichen Evangelien gewonnen hatten, auf die Stellung fihloß, welche der Bortrag jener Erzählung in der früheften Gemeinde einnahm. Rich— tiger ohne Zweifel Papias oder Johannes Preöbyter, nach welchem Petrus moös zus zgsias Fmoısiro as dıdaoxahlas, all oxy wo- ep ovvrufıw row zugiaxiv moiovusvos hoyluv. 34 Erftes Bud. griehifcher Sprache (dies nämlich ift von einem, deffen Hand» werk das Dolmetfchen ins Griechifche ift, unftreitig vorauszu— fegen, und wird durch den Gegenfaß, in welchen Eufebius den Bericht des Papias über Marcus zu dem hebraͤiſchen Mat: thaͤus bringt, über jeden Zweifel erhoben) verarbeitete: — fo möchte diefes Factum wohl für ein fo gut, wie die Verfafferfchaft und die Umftande der Entftehung irgend eines andern Schriftwerfes älterer Zeit, beglaubigtes zu gelten haben. Bon dem Berhältniß diefes fei- ner einftmaligen Eriftenz nach hinreichend conftatirten Schriftwerfes zu demjenigen, welches von allen Schriftftellern feit dem Ende des zweiten Sahrhunderts einftimmig für daſſelbe ausgegeben wird, von der Frage nach der Aechtheit oder Unächtheit dieſes letztern, fprechen wir jeßt noch nicht. Wir gehen zu dem andern Zeugs niffe des Papias, zu dem über die Evangelienfchrift de Mat: thaus über. So einftimmig, wie dort jene die Perfönlichkeit des übrigens unbekannten Verfaſſers betreffenden Umftande, eben fo einftimmig wird hier in Bezug auf den auch fonft perfonlich bekannten VBerfaffer von einer zahlreichen Neihe nachfolgender Schriftfteller die Notiz beftätigt, daß er in hebräifcher Sprache eine Evangelienfchrift abgefaßt. Aber in Bezug auf den Um: fang und Inhalt diefer Schrift findet fich bei Papias oder fcheint fi) zu finden eine Angabe, welche anderweiter ausdrüdlicher Zeugniffe ermangelt, über welche daher nicht aus Außeren, fon: dern nur aus innern Gründen entfchieden werden Fann, Man fieht, daß wir von der neuerdings durch Schleier: macher *) fo lebhaft in Anregung gebrachten Frage über die Bedeutung des Wortes Aoyıa fprechen, durch welches Papias die Schrift des Matthäus bezeichnet. Daß diefes Wort, feinem urfprünglichen und in jedem andern Gebrauche nie überfchrit- tenen Sinne nach, eine Sammlung nur von Reden und Aus— fprüchen des Herrn anzeigen würde: auf diefen an fich un: läugbar fich fo verhaltenden Umftand hat zuerſt der oben ge- nannte Forfcher hingewiefen, und darauf eine von der bishe— tigen abweichende Anficht über die urfprüngliche Geftalt des *) In feinem zuerft in den theofogifchen Studien und Krititen, Jahrg. 1832, erfchtenenen, jebt in den zweiten Band ber ſämmtlichen Werke aufgenommenen Auffage „über die Zeugniffe des Papias.“ Pr" F rer! nn Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 35 Matthäusevangeliums zu begründen verfucht. Es ift ihm ent- gegnet worden, daß Papias felbft in dem von uns fo eben An- geführten, was er über die Schrift des Marcus fagt, diefen Ausdrud in einer weiteren Bedeutung zu nehmen, daß über: haupt jenes Wort ſich zu einer Bezeichnung a potiori der evan- gelifchen Schriften geftaltet zu haben ſcheine. — Das letztere kann nicht füglih in Abrede geftellt werden. Schleiermacher felbft führt eine Stelle aus Photius an, die er nicht ohne Zwang für feine Meinung unſchaͤdlich zu machen fuchtz entfcheidend aber ift eine Stelle in der interpolixten Necenfion der Briefe des Ignatius *), wo fogar die Apoftelgefchichte in den Aus— druck Aoyıa eingefchloffen wird. Allein es fragt fich, ob, auch diefes zugeftanden, die erfte Uebertragung dieſes Ausdruds auf Schriften folcher Art hinreichend i erflärbar tft ohne die An— nahme, daß die erften folchen Schriften, oder daß eine der erften unter ihnen eine Geftalt trug, in welcher die Neden und Aus: fprüche Jeſu noch in einem anderen Sinne, ald es in unfern gegenwärtigen Evangelien auch der Fall ift, die Hauptfache waren. Wir haben naͤmlich zwar nichtS dagegen, wenn man auch in dieſen letzteren diefelben für den wichtigften, geiftig be- deutendften Theil ihres Inhalt anfprechen will; wir felbft halten fie dafürz aber von den Verfaſſern unferer Fanonifchen Evangelien find fie wenigftens nicht in einem folchen Sinne dafür gehalten worden, von welchem vorauszufeßen wäre, daß er fi) in der Namengebung diefer Schriften ausgedrüdt haben folte. Offenbar ift der Zweck diefer Schriften fammtlich, eine vollftändige Ueberfiht der Lebensgefhichte Sefu, fei e8 von feiner Empfängnig und Geburt, oder von dem Momente des ausgefprochenen göttlichen Lehrberufes an, zu geben; dieſer Zwed aber, nach welchem fich doch die gefammte Außere Geftalt und der Plan jener Schriften .beftimmt hat, wird durch das Wort Aoyıa offenbar nicht ausgedrückt. Auch finden wir diefen Ausdruck nur an einigen wenigen Stellen; der bei weitem häu- figer vorfommende und natürlichere für die hiftorifchen Schrif— ten des N. T., bevor für diefelben (feit Irenaͤus) die nachher topifch gewordenen Ausbrüde gebraucht werben, ift: Denkwuͤr— =) Ignat. ad Smyrn. 3, 36 Erftes Bud. digfeiten (drrosynuovevuare), — Wird nun durch diefes alles ſchon im Allgemeinen wahrfcheinlich, daß jenes Wort ald Name für Evangelienfchriften nur ein particulärer, zunächft einer ein— zelnen Schrift, für die er fich eignete, gegebener und nur bei— läufig auf die Gattung übertragener ſeit fo wird ein unbefan- gener Blick auf die Aeußerungen des Papias diefe Wahrfchein- lichkeit durch fie nur beftätigt finden. Papias nannte feine ei- gene Schrift „„Erläuterungen der Logia des Herren’, und be- reits Schleiermacher hat gezeigt, wie diefe Schrift Feineswegs unter Eine Kategorie mit den Fanonifchen Gvangelien gehört, fondern fich wirklich, ausfchlieglih oder vorzugsweife, mit Ausfprüchen des Heren befchäftigte. In der vorliegenden Stelle aber ift ed nur ein oberflächlicher Schein, wenn es fo ausfieht, ald werde der Ausdrud ovvrafıv Tav Vgianav Aoylor oreicher ald Wechfelbegriff gebraucht mit za do Tod XoıoroV N AsyIevro N noaydevrao yodpsır. Vielmehr deutet in dem Zufammenhange, in welchem Papias die legtern Worte braucht, gerade der ausdrüdliche Gegenfah: 7 Asydevra, 7 o0- yIEvro auf die Möglichkeit hin, wie eine Evangelienfchrift fich eine VBolftändigfeit und flrenge Sachordnung entweder de Gefprochenen, oder des Gefchehenen, nicht nothwendig zu— gleich des einen und des anderen, zum Ziele feßen koͤnne. Pa— pias felbft fcheint in feinem Werke das erftere angeftrebt, fich alfo recht eigentlich zugleich mit der 2&77y7o15, auch eine ouvzatıg Tov nvoiarov Joyiov, die er bei Marcus vermißt, zur Auf: gabe geftellt zu haben, Braucht er nun weiterhin denfelben Ausdrud für die Schrift des Matthäus, fo ift und gewiß we— nigftend eine hinlängliche Aufforderung gegeben, weiter zuzus fehen, was für einen nähern Grund gerade hier der Gebrauch diefes Ausdruds gehabt haben koͤnne. Einen Fingerzeig zu diefer weitern Unterfuchung meinte Schleiermacher noch in der Stelle felbft gefunden zu haben. Papias feht hinzu: Founvevos d’ aürd wg NoUVaTo €4u0T0g, — ein boppelfinniger Ausdrud, der fowohl von einem Ueberfeßer, als auch von einem Grläuterer oder Erflärer verftanden werden kann. Allerdings liegt die erftere Deutung hier näher, da ausdrüdlic von einem Werk in fremder Sprache die Rede iftz auch fragt fih, ob das „Jedermann“ (Euaoros) füglich auf Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 37 einzelne Autoren, welche die Schrift, wie Schleiermacher will, weiter ausführten und erläuterten, bezogen werden Fann, und nicht vielmehr von der größern Menge derer, die, in Er— mangelung anderer, an jene Schrift bei ihren Lehrvorträgen oder auch zu eigenem Gebrauch fich halten mußten, Furz, nicht von fhriftlichen Ueberfeßungen oder Erklärungen zu. verftehen ift. Daß Papias wirklich ſchon Ueberarbeitungen der Matthaus- fohrift vor Augen gehabt: oder um ihre Griftenz gewußt haben follte, die nachher in der Kirche eine Bedeutung erlangt haben: gegen dieſe Annahme läßt fich überdies einwenden, daß Euſe— bius, der Doch darauf ausgeht, die Zeugniffe über folche Schrif- ten zu fammeln, nichts erwähnt von einer Befanntfchaft des Papias mit unfern griechifchen Evangelien, den Marcus aus— genommen, und ebenfo auc die Bekanntfchaft deffelben mit dem Hebräerevangelium wenigftens zweifelhaft läßt. _ Er er: wähnt nämlih, daß Papias eine Gefchichte erzähle, die ſich in dem genannten Evangelium vorfinde, und läßt ed, wie es ſcheint, dahin geftelt, ob man dies für einen Beweis feiner Bekanntfchaft mit diefem Evangelium nehmen wolle. Doch kann auf der andern Seite auch geltend gemacht werden, daß Papias jenen Zuftand der Gemeinde, wo man nichtd als die hebräifchen Aoyın hatte, als einen vergangenen zu bezeichnen, und hiernach griechifche Ueberarbeitungen jener Schrift allerdings vorauszufeßen fcheint. — Wenn wir nun aber auch nach diefem allem Bedenken tragen’müffen, von der Xeußerung unfers Autors den durch Schleiermacher vorgefchlagenen Gebrauch zu machen, fo geben wir darum doch nicht auf, den durch jene Deutung vor: gezeichneten Weg weiter zu verfolgen. Auch der Urheber jener Deutung wäre ſchwerlich auf den Gedanken derfelben gefom: men, wenn ihm nicht das, worauf die Deutung hinaus will, die Entftehung einer Gruppe evangelifcher Schriften und darun— ter auch einer oder einiger, die wir befißen, aus einer erzählen- den Ueberarbeitung der Urfchrift des Matthäus, durch ein ans derweites Aperçu wahrfcheinlic) geworden wäre, Schleiermacher ſelbſt geht fort zu dem Verſuche, in dem Fanonifchen Evange- lium, welches nach Matthäus genannt wird, eine Duplicität ‚von Beftandtheilen-nachzumweifen, eine Reihe von Spruchſamm⸗ Jungen, und eine Reihe erzählender Partien, die, gegenfeitig 38 Erſtes Bud. in einander verflochten und verwoben, doch nicht dergeftalt zur wirffichen Einheit verwachfen feien, daß nicht der verfchieden- artige Urfprung beider noch deutlich herausgefunden werden fonne. Wir glauben nicht zu irren, wenn wir dieſes Aperen für das urfprüngliche halten, welches fich dem berühmten Theo: logen bei feinem Streben, die Evangelien in ihre einfachen Be— ftandtheile aufzulöfen, ungefudyt ergeben hatte, fo daß er erft zu deffen Unterftüßung feine Deutung der papianifchen Stelle unternahm. Wir wollen Schleiermachern auf diefem zuerft von ihm betretenen Pfade weiter folgen, und nachforfchen, ob ſich vielleicht auf ihm ein Auffchluß über die Bedeutung der Aoyın gewinnen läßt, auch ohne jene bedenkliche Auslegung der übri- gen Worte des Papias zu Hülfe zu nehmen. Auch in diefem Unternehmen haben wir einen Vorgänger, der ausdrücklich in der von und bezeichneten Richtung von Schleiermachers Standpunct aus einen wichtigen Schritt vor— wärts gethan hat. Lachmann in der vorhin von und er- wähnten Abhandlung, hat nicht nur die ausdrüdlihe Einfiht von der Unabhängigkeit jenes Schleiermacher’fchen Apercu von feiner Deutung der Worte des Papias, er fpricht nicht nur, ausdrüdlich mit Vorausſetzung diefer Unabhängigkeit, mit den ftärfften Worten die Evidenz deffelben aus *), fondern er giebt auch einen dankenswerthen Auffchluß über die Art und MWeife, wie bei jener Aufnahme der Spruchfammlung des urfprünglichen Matthäus in den Zufammenhang einer fortlaufenden evange- liſchen Erzählung verfahren worden if. Gr macht namlich be— merklich, wie in der Compofition unferd Matthäusevangeliums der Hauptfache nach diefelbe Ordnung, derfelbe Faden der Er- zahlungen befolgt ift, wie zunächft in dem nach Marcus be- nannten Evangelium, dergeftalt, daß fich die theilweifen Ab» weichungen von biefer Ordnung, entweder alle oder die meiften, ‚ ; *) Matthaei evangelium illud intellego, quod Schleiermacherus dixit (et satis fuit dixisse, vel sine argumentis: ita veritas rei primo aspectu patet; ut si Papiae testimonium aliter atque ille feeit ac- eipias, tamen debeat concedi), illud inguam ex collectis et quasi contextis domini Jesu Christi orationibus compositum prime, cui postmodum alii narrationes inferserunt. 4. a. DO. ©, 577, — Von den Quellen der evangeliſchen Geſchichte. 39 aus einer Ruͤckſicht erklaͤren laſſen, welche der Bearbeiter auf den Inhalt der von ihm aufgenommenen und dazwiſchen ge— ſchobenen Reden nahm. Aehnliches ſucht Lachmann auch in Bezug auf das Evangelium des Lukas nachzuweiſen, worauf wir weiterhin zuruͤckkommen werden. Hierdurch wird die Un— terſuchung über die Urgeſtalt der Matthaͤusſchrift auf eine ſehr intereffante und für den Fortgang dieſer geſammten Forſchungen gewiß erfprießliche Weife in die Frage nach der Entftcehung des übrigen Theils der evangelifchen Erzählungen verflochten. Vor— ausgefeht wird dabei, wie man fieht, eine Anficht über das Mareusevangelium, die ſich wefentlich unterfcheidet von der unter der Mehrzahl der jegigen Theologen gang und gaben, über welche fi) Lachmann zwar hart, aber keineswegs unge: vecht ausfpricht *). Indeſſen geht der genannte Forfcher auf diefem Wege noch nicht weiter, als bis wohin ihm die allge: meine Grundgeftalt der Schleiermacher’fchen Anficht über Evan- gelienentftehung, welche Diefer auch nach jenem gluͤcklich gefaßten Aperçu nicht aufgegeben hatte, zu gehen verftattet. Gr kommt in allen denjenigen heilen der evangelifchen Erzählung, bie nicht zu der Matthäifchen Spruchfammlung gehören, auf Die Annahme einzelner Bruchſtuͤcke zurüd, die almählig in der Tra— bition eine beflimmte, fogar wörtlich beftimmte, Geſtalt ange: nommen haben und durch diefelbe Tradition in eine beftimmte Reihenfolge eingeordnet fein follen, So fei ein Kanon dieſer Tra— dition bereit vor der Abfaffung der Fanonifchen Evangelien fer- tig gewefen, der Verfaffer unfers Mareusevangeliums habe den- felben am reinften, die Verfaſſer des Marcus: und Lukasevan— geliums aber mit der Matthäifchen Spruchfammlung und (be- ſonders der letztere) auch mit andern Beftandtheilen vermifcht *) Multo minus probandi sunt, quibus placet Marcum esse ineptis- simum desultorem, qui nune taedio, modo cupiditate, tum neglegen. tia, denique vecordi studio, inter evangelia Matthaei et Lucae in- certus feratur atque oberret. Nempe his quaedam Griesbachii dis- putatio sedulae subtilitatis specie illusit, cum tamen minime inge- niosa sit, sed frigida tota et jejuna. Aehnlich Tholud (Glaub— würbigfeit der ev. Geſch. 249.): nicht die Nichtigkeit der Gries— bach'ſchen Hypotheſe, fondern ipre Unrichtigkeit laſſe fih zur Evidenz bringen, Bi: » a 5 40 Erſtes Bud. und dadurch vielfach auch in der Ordnung und im Ausbrud alterirt wiedergegeben. 6 Das Zuruͤckkommen auf die Traditionshypothefe ift, was Lachmann betrifft, infofern ganz confequent, als er von vorn herein das papianifche Zeugniß, fo wie alle übrigen aͤußeren Zeugniffe, ganz bei Seite geftellt, und rein von innen heraus zu einem Nefultate über die Entftehung der Evangelien zu kom— men verfucht hat. Auch muß man geftehen, daß die Tradi— tionshypothefe in der Geftalt, wie Schleiermacher und nad) ihm Lachmann fie aufftellen, nicht von allen den Einwänden getroffen wird, die wir oben gegen die Geftalt, in welcher Giefeler, und gegen jene, in welcher Strauß fie vorgebracht haben, geltend machten. Ausdrüdlich nicht in eigentlichen Lehrvorträgen, fondern in Pris vatmittheilungen und gelegentlichen Grzählungen laffen beide jene Ueberlieferung, aus der unfere Evangeliften gefchöpft haben folfen, beſtehen; eine fchriftlihe Abfafjung wenigftens eines Theils dieſer Erzählungen fogleich von vorn herein erflaren fie für nicht unwahrſcheinlich; und fo laſſen fie denn auch die tra- ditionelle Neihenfolge derfelben mehr theils aus der allmählig fi) bildenden Gewohnheit, gewiffe einzelne dieſer Erzählungen (historiae evangelicae corpuscula nennt Lachmann fie) unter einander zu verfnüpfen, theils felbft aus nach und nach fich einfindenden Sammlungen fehriftlicher Aufſaͤtze hervorgehen, als aus einem von vorn herein überlieferten und im Verlaufe der Zeit nur erweiterten Typus”). Nichtsdeftoweniger wird der ſcharfſinnige Philolog, welcher die allerdings zuerft von Diefen Borausfeguugen aus gewonnenen Auffchlüffe fo glüdlich weiter geführt hat, nicht verfennen, wie, fo lange er jene Brüden, die ihn dahin, wo er jeßt ſteht, geführt haben, nicht hinter fih abzubrechen Fühn genug ift, er noch Feineswegs auf dem Boden, den er bereit3 eingenommen hat oder einzunehmen im Begriff ift, feftzuftehen vertrauen darf. Schleiermacher, am Schluffe feiner Abhandlung, hat, in Folge feiner engern Anz ſchließung an die hiftorifchen Zeugniffe, faft ohne es zu willen, auf ein andered Ziel der Forſchung hingewiefen, welches, wenn *) Diefelbe Anficht Hat neuerlich Neander feiner Bearbeitung ber evangelifchen Gefchichte zum Grunde gelegt. si ie Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 41 es zu gewinnen fein follte, für jene Ergebniffe unftreitig eine befiere Stüße abgeben, aber freilich auch die Hypothefe, aus der jene zuerft gewonnen wurden, widerlegen würde. Gr for dert auf, nachdem wir über das Verhältniß des papianifchen Zeugniffes von dem urfprünglichen Matthäus zu unferm Fano- nifchen Matthäusevangelium ein Kicht gewonnen, ein Aehnliches auch in Betreff feiner Zeugniffe über Marcus zu verfuchen. Freilich feßt Schleiermacher‘, in feiner Hypotheſe noch allzufehr befangen, dabei fogleich voraus, daß unfer Marcusevangelium mit jenem, von welchem Papias fpricht, unmöglich eins und daffelbe fein, ja nicht einmal zu ihm in einem ausſchliſeß— lihen Berhältniffe ftehen koͤnne. Aber wenn fich von diefer Vorausſetzung bei näherer Prüfung das Gegentheil ergeben follte: fo fieht man, wie dann erft ein wahrhafter und, big auf einen gewiffen Punct wenigftens, genügender, jedenfalld mit den älteften Zeugniffen beffer, als jede denfbare Geftalt der Traditiond- und der Urevangeliumshypothefe, in Uebereinftim- mung ftehender Auffchluß über die Entftehung der fonoptifchen- Evangelien und über manche damit zufammenhängende Frage gewonnen werden koͤnnte, während bei den VBorausfegungen Schleiermachers und Lachmanns die eigentliche Beantwortung diefes Problems doch immer nur weiter und ind Unbeftimmte hinausgefchoben, eben damit aber auch die bereits gefundenen Nefultate unficher und im Schwanfen erhalten werben. Der vornehmfte Einwand, den bereits Schleiermacher, und den man feit ihm wiederholt gegen die Möglichkeit, daß Papias in der That von unferm Marcusevangelium fpreche, erhoben hat, ift befanntlich diefer, daß den Worten des So: hannes Presbyter zufolge Marcus ‚‚nicht der Ordnung nach (0 vage) das von Jeſus Gefprochene oder Gethane aufge: zeichnet haben fol. Diefe Worte konnte der erfigenannte For: ſcher bequem für feine Lieblingshypothefe benugen, und ihnen zufolge die Schrift des Achten Marcus unter jene zerftreuten Auffaͤtze und Gelegenheitöfchriften einreihen, welche er für die Borläufer der zufammenhängenden Evangelien hält. Durch die Freude über einen folchen Fund hat. er fich verleiten laſſen, es, auch abgefehen von jenen Worten des Zeugniffes für „das Unwahrfcheinlichfte von der Welt‘’ zu erklären, ‚daß Marcus, 42 Erftes Bud. wenn er, wie doch das Wahrfcheinlichite ift (2), noch als Dol- metſcher des Petrus fchrieb und alfo nicht anders als die Zeit dazu ſich gleihfam abftehlen fonnte, eine folche Schrift, wie unfer Evangelium, gemacht haben ſollte.“ Wir unfererfeits finden und gedrungen, diefe Ausfprüche über Wahrfcheinlichkeit und Unwahrfcheinlichkeit gerade umzufehren. Daß der Snters pret des Petrus beim Leben des Apofteld die Zeit fich abge- ftohlen habe, um Einzelheiten aus deffen Vorträgen zu Papier zu bringen, wobei er nicht einmal „an ein eigentliche Pub» licum, an öffentliche Bekanntmachung” gedacht haben fol, dies muß, auch abgefehen von den ausdrüdlih, wie oben erwähnt, gegen diefe chronologifche Beſtimmung fprechenden Zeugniffen, jeder, der die Natur der Sache und die Sitten jener Zeit in Erwägung zieht, für eben fo unwahrfcheinlich erkennen, wie, daß er nach dem Abjcheiden des Petrus das Ganze fich in die Grinnerung zurüdrief und zum Behuf einer Mittheilung allerdings auch in einem größern Kreife niederfchrieb, für wahr: fheinlic und fachgemäß. In Bezug auf die einzelnen Anef- doten im Moment ihres Anhorens konnte gerade, je denkwuͤr— diger und bedeutender Diefelben erfchienen, um jo weniger bie Furcht fich einfinden, daß diefelben vergeffen werden möchten; man müßte gerade hier recht eigentlich eine Abfichtlichkeit des Ablauernd zum Behufe der VBeröffentlihung annehmen und den Marcus dem Petrus fich, wie ein Las Cafes oder ein O'Meara dem Napoleon auf Helena oder wie Falk und Edermann Goͤ— then, aufpaffend denfen. Lag aber ſolches Verfahren im der Denfweife und den Gewohnheiten der Zeit und in den Ber: hältniffen der apoftolifchen Umgebung: warum finden wir Aehns Viches nicht häufiger gefchehen; warum infonderheit hätten fich nicht — wie ehemals Einige meinten, daß Matthäus oder Jo— hannes folches gethan — unter der eigenen Umgebung Sefu fchreibfertige Hände gefunden, welche der Nachwelt dieſen Dienft zu leiften Trieb und Beruf fühlten? Daß dagegen nad) dem Abfcheiden des Apofteld das Beduͤrfniß fich einftellte, das— jenige, was man bisher aus feinem Munde in lebendiger Rede zu vernehmen gewohnt, und durch wiederholte Befragung im— mer neu ins Gedaͤchtniß zuruͤckrufen, auch nad) vorwärts und nach ruͤckwaͤrts ergänzen zu Fonnen fich bewußt war, jetzt, wo Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 43 diefe Moglichkeit fich verfchlog, wo man jener Gewohnheit entfagen mußte, durch eine zufammenhängende, möglichft voll- ftandige und möglichft genaue Darftellung von dem völligen Untergange zu retten: Dies liegt jo fehr in der Natur der Sache, daß man fich höchli wundern, ja es völlig unbe: greiflich finden müßte, wenn es nicht gefchehen wäre, Letz— teres, das Trachten nach höchftmöglicher Vollſtaͤndigkeit in der Mittheilung des von. Petrus Ueberfommenen, legt auch der Presbyter Sohannes, gegen Schleiermahers Vorausfesung, dem Marcus ausdrüdlich bei. Er fpricht überhaupt von deffen Schrift nicht ald von bloßen feuilles detachees, fondern offen= bar als von einer folchen, in Bezug auf die wohl die Mei: nung, als fei fie eine vollftändige Gefchichtödarftellung, entſte— hen konnte. Auch fest er ihre Veröffentlichung, ihre &4doozs, unverkennbar voraus. Seine Ausfage und der Bericht des Papias zeigen fih ihrer ganzen Befchaffenheit nach als be= fimmt, nicht, den Leßteren oder deſſen Lefer mit der Eriftenz einer folchen Schrift bekannt zu machen, fondern Rechenfchaft darüber zu geben, weshalb eine Ergänzung und BVervollftän: digung derfelben nicht überflüflig fei. Was nun Fann, in folhem Zufammenhange, das 0V zafee fagen wollen? Wir meinen, nichts anderes, als daß fich an der Drdnung, in welcher Marcus die Begebenheiten erzählt, manches ausftellen laffe, da er fie den Petrus nicht der Ord— nung nad) erzählen gehört, fondern fich, des Beiftandes. feines Meifterd beraubt, folhe Drönung felbft habe, fo gut ed gehen wollte, erdenfen müffen. Gin mehreres in diefe Worte hinein= legen, heißt, wie Tholud richtig bemerft*), dieſelben auf eine Weiſe prefien, wie es, bei dem Gewicht der übrigen Umftände, die gegen diefe Auslegung Sprechen, kaum fich verantworten läßt. Daß, bei dem Streben nach Vollftändigfeit, Marcus doch eine gewiffe Ordnung befolgen, das heißt, — denn die Be: fchaffenheit des Gegenftandes macht hier eine andere Ordnung nicht wohl denkbar, — feine Erzählungen in einen, wenn auch nur im Allgemeinen, beftimmten chronologifchen Zufammenhang bringen mußte, daß er nicht fchlechthin aufs Gerathewohl das * Gfaubwürbigkeit der evangelifchen Geſchichte. ©. 245. » a. 44 Erſtes Bud. Berfchiedenartigfte neben einander ftellen Eonnte, liegt in der That nahe genug. Auch würde, im entgegengefeßten Falle, weder Sohannes noch Papias jene ausdrüdliche Rüge nöthig gefunden haben, fo daß, vormusgefegt nur, daß Johannes von einer dem Papias, und Papias von einer feinen Leſern befann- ten Schrift fpricht, gerade jene für bedenklich gehaltenen Worte am ausdrüclichften dafür zeugen, daß eine Außerliche Ordnung in diefer Schrift allerdings vorhanden war. Daß übrigens das vom Presbyter ausgefprochene Urtheil in der That das allge: meine Urtheil war, Davon zeugt, falls wir vorausfegen Dürfen, was, wie man fieht, wir vorauszufegen geneigt find, das that- fachliche Verfahren der Nachfolger des Marcus. Die Berfaf- fer zweier unferer Evangelien haben fich in der Ordnung der Begebenheiten dem dritten gegenüber Aenderungen erlaubt, welche, wie man auc das Verhältniß diefer drei unter einander ftelle, jedenfall dafür zeugen, daß man auc Schriften der Art, des nen, wie unfern kanoniſchen Evangelien, die chronologifche Form nicht abgeht, oU Taseı gefchrieben finden konnte. Man wird nach diefem allem wohl eingeftehen, daß in den Morten des Zeugniffes felbft Fein zureichender Grund enthalten ift, der und in Abrede zu ſtellen nöthigte, das Zeugniß fpreche von einer und derfelben Schrift, wie jene fpätern Zeugniffe, hin— fichtlich deren Fein Zweifel ftatt findet, daß fie von dem kano— nifchen Marceusevangelium fprechen. Wenn dennoch jenes er— ftere in Abrede geftellt worden ift, fo liegt der wahre Grund davon in der vermeintlichen Unangemeffenheit der wirklichen Bes fchaffenheit unfers Evangeliums nicht zu dem befondern In: halte diefes einzelnen Zeugniffes, fondern zu dem gemeinfchaft- lihen Inhalte aller jener Zeugniffe. Durch die auf anderen Puncten der evangelifchen Duellenforfhung, zunächft und vor: nehmlich in Bezug auf das Matthäusevangelium, angeregte Sfepfis gegen die Angaben der Alten über die Verfaſſer unſe— rer Fanonifchen Evangelien überhaupt mißtrauifch gemacht, meinte man in der befonderen Befchaffenheit unfers zweiten Fanonifchen Evangeliums Umftände zu entdeden, die feine Abfaffung durch einen vertrauten Begleiter des Erften der Apoftel ganz umd gar undenfbar machen. Fragen wir, welches diefe Umftände find, fo weift man uns freilich wiederum auf die uns laͤngſt befannte Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 45 Thatfache von der Verwandtfchaft der fynoptifchen Evangelien zurüd. Man fpinnt aus diefer Thatfache die Alternative her- aus, entweder jene drei Evangelien haben aus einer gemein: fchaftlichen, fchriftlichen oder mündlichen Quelle geſchoͤpft; dann koͤnne der Verfafjer des zweiten, der nichts, oder fo gut als nichts vor den beiden andern Eigenthümliches habe, nicht aus jener angeblich ihm allein eigenthümlichen Quelle gefchöpft has ben; oder aber, das zweite Evangelium habe aus dem erften und dem dritten gefchöpft, fei nichtS als ein Gento aus dem erften und Dritten; fo etwas aber koͤnne von einem Apoftels fhüler, der fich in dem Verhältniffe befand, das uns von Mar: cus berichtet wird, noch viel weniger ausgegangen fein. Daß neben diefen beiden noch eine dritte Möglichkeit befteht, name lich diefex nicht Marcus habe aus Matthäus und Lukas, fon: dern die leßten beiden aus ihm gefchöpft: Dies fcheint man, ob- gleich früher Schon Herder und Storr etwas der Art, frei— lich von befchränfteren Gefichtspuncten aus, denen fich die ge= genwärtige Forſchung wohl nicht mit Unrecht entwachfen glaubt, angedeutet hatten, neuerdings gänzlich überfehen zu haben. Und doch ift gerade diefe Annahme diejenige, von der wir, — noch nicht zwar durch gegenwärtige vorläufige Unterfuchung, wohl aber durch den gefammten Verlauf unfers Werkes , wel- ches, wie wir offen befennen, wefentlich auf fie gebaut iſt, — zur Evidenz zu bringen hoffen, daß durch fie alle Schwierig: keiten fich löfen, welche bisher einer Elaren und allfeitig befrie- digenden, Acht hiftorifchen Auffaffung nicht nur der Quellen der evangelifchen Gefchichte, fondern zugleich mit ihnen biefer Geſchichte ſelbſt entgegenftanden, Der erſte Vortheil, der ſich uns, wenn wir auf den bis— herigen Gang unſerer Unterſuchung zuruͤckblicken, aus dieſer An— nahme, die freilich zur Zeit nur noch Hypotheſe iſt, er— giebt, beſteht in dem helleren Lichte, was durch ſie auf den Gehalt jenes Doppelzeugniſſes des Papias uͤber Marcus und uͤber Matthaͤus, und auf ſein Verhaͤltniß zu dem ſpaͤtern Zeugniſſe der Kirche faͤllt. Die Schriften beider werden dort offenbar genannt als die erſten Evangelienſchriften, wahrſcheinlich als die einzigen, welche Papias noch kannte. Von der einen die— ſer Schriften, der des Matthaͤus, hat es ſich uns im Obigen 46 Erſtes Bud. als wahrfcheinlich ergeben, daß wir diefelbe nur in einer, wie zugeftandener Weife in eine fremde Sprache übertragenen, fo auch erweiterten und namentlich mit erzählenden Beftandtheilen vermehrten Ueberarbeitung befißen. Woher konnte der Bearbeiter den Stoff zu diefer Erweiterung entnommen haben, vorausgefeßt, wie man wohl vorausfeßen darf, daß es ihm darum zu thun war, die hinzugenommenen Beftandtheile von gleicherweife ſchon anerfannter Aechtheit und Glaubwürdigkeit zu geben, wie jene, nach denen fein Werk benannt worden ift? Woher fonft, als zunachft und vor allen aus jener Gefhhichtsquelle, die Pa— pias hier als eine Duelle gleichen Nanges mit jener behandelt? — Wenn wir vorhin die Entftehung des Marcusevangeliums, die fich aus der Nachricht Des Papias ergiebt, ald eine durchaus der Natur der Sache gemäße erfannten, fo ift fürwahr diejenige Entfte- hung, die fich aus unferm gegenwärtigen Zufammenhange für das Matthäusevangelium ergeben würde, nicht minder der Na- tur der Sache gemäß. Der Apoftel felbft hatte noch Fein In— tereffe, eine eigentliche Xebensbefchreibung des Herrn aufzuzeich- nen, eben fo wenig, wie, nach unfern vorigen Bemerkungen, ein Apoftelfchüler in jener noch keineswegs fchreibfeligen Zeit ein Intereffe haben konnte, beim Leben feines Meifters einzelne Erzählungen deffelben niederzufchreiben. Was die Späteren als Abficht jener vermeintlichen Aufzeichnung des Matthäus aus- fannen: Matthäus habe bei feiner Wanderung unter fremde Voͤlker feinen Landsleuten die Evangelienfchrift als Vermaͤcht— niß zurüclaffen wollen: dieſer Zug ift, wie fo viele ähnliche, fagenhafter Art. Perſoͤnlich in Bezug auf die Apoftel ift es ge- wiß am rechten Drte, wenn ihnen die Abfaffung folcher Schrif- ten zugefchrieben wird, dagegen geltend zu machen, was Pau: Ius von fich und feinen Gefährten fagt: daß fie fi) als Die: ner nicht des Buchftabens, fondern des Geiftes betrachteten, das Gebot Chrifti nicht mit Dinte, fondern mit lebendigem Gottesgeifte, nicht in fteinerne Zafeln, fondern in fleifcherne Herzenstafeln zu fchreiben fich berufen fühlten *). Gar wohl dagegen Fonnte es auch einem unmittelbaren Sünger in den Sinn kommen, Neben und Ausfprüche des Herrn fchriftlich zu ver- RI, FE Be Bon den Quellen der evangeliſchen Gefchichte. 47 zeichnen; hier war eine ſtreng wortliche Bewahrung von wee fentlichem Intereſſe, fowohl für das perfönliche Bedürfniß der Zünger, als für das Bedürfniß der Lehre. Diefe im Gedaͤcht— niffe zu erhalten bedurfte es einer viel ausdrüdlicheren Anftreng- ung und Nahhülfe, ald es in Bezug auf die Begebenheiten folcher bedurfte, die in ihrem Detail nicht einmal eigentlicher Lehrgegenftand waren. Diefe Aufzeichnung erfolgte in hebräi- ſcher, oder, wahrfcheinlicher wohl, was wir öfter verwechfelt finden, in aramäifcher Sprache, — ein Umftand, den man nicht unterlaffen ſollte, gleichfalls noch als ein Argument für diefe Geftalt der erften Matthäusfchrift geltend zu machen. Nicht ganz mit Unrecht nämlich haben ältere, namentlich proteftantifche Ausleger (im Intereſſe der Infpirationstheorie und der buche ftablichen Geltung des griechifchen Urtertes), eine Unwahrfchein- lichkeit darin gefunden, daß das Altefte Evangelium in einer an- dern Sprache, als in der bei weitem am meiften verbreiteten und auch den Sudenchriften geläufigen griechifchen fol gefchrieben gewefen fein; und ein neuerer Fatholifcher Forſcher (Hug) hat ih: nen beigepflichtet, Diefer Einwand erledigt fich, wenn jene Schrift nur eine Spruchfammlung war. Daffelbe Intereffe ei: ner möglichft wortlihen Bewahrung der Ausfprüche des Herrn namlich, welches den Apoftel überhaupt zur Abfafjung diefer Sammlung veranlaßte, mußte ihn auch veranlaffen, fie in der: felben Sprache, in welcher der Herr gefprochen hatte, abzu— fafien. Ws nun beim allmähligen Abfterben der Augenzeugen das Beduͤrfniß eigentlicher Lebensgefchichte Jeſu erwachte; als der Anfang einer fchriftlichen Aufzeichnung jener Gefchichte Durch Marcus gemacht worden war: da war es natürlich, daß man für diefe gefchichtlichen Darftellungen den Reichthum jener Gno- menfammlung benußt zu fehen wünfchte, eben fo, wie umge: kehrt die Zufoft der Reden und Sentenzen ohne das nahrhafte eich der Begebenheiten und Zhatfachen *) dem Zeitalter, Dem *) Es mag gewagt fiheinen, aber Derf. kann fich nicht enthalten, die fonderbare, vereinzelt ftehende Erzählung bei Clemens Alerandrinug (Paedag. I, p. 174. Pott.), der Apoftel Matthäus habe fich des Sleifches enthalten und nur von Kräutern und Gemüßen gelebt, als eine mythiſche Allegorie auf die Befchaffenheit feiner Evange— Tienfchrift zu deuten. 48 Erſtes Bud. 6 bie Teßteren fehon mehr in die Ferne gerückt waren, unſchmack— haft wurde. Es traten Verfuche hervor, beide Elemente zu vereinigen; die Form der Lebensbefchreibung ward darin natuͤr— lich die vorherrfchende, und der Name „Evangelium,“ welcher bisher von der VBerfündigung des göttlichen Neiches und des in Chriſto erfchienenen Heiles überhaupt gebraucht worden, ward auf diefe den gefchichtlichen Inbegriff der Heilsbotfchaft enthalz tenden Schriftwerfe übergetragen. War nun, bei dem Mangel anderer fehriftlicher Denkmäler gleicher Art und bei dem Unge- nügen der mündlichen Ueberlieferung, dieſen Mangel felbftftän: dig von verfchiedenen Seiten her zu ergänzen, das Werk des Marcus die gemeinfchaftlihe, mehr oder minder wörtlich be= nuste Grundlage diefer aller oder der meiften von ihnen ge: worden, fo wurden (wahrfcheinlich jedoch erft in etwas fpäterer Zeit) die einzelnen diefer Schriften nicht nach diefem ihnen allen gemeinfchaftlichen Grundbeftandtheile, fondern nach dem einer jeden von ihnen eigenthümlichen benannt,‘ und fo gefchah es, daß diejenige, welche, von den übrigen am vollftändigften, am meiften in der urfprünglichen Form und Ordnung, bie Acyıe des Matthäus in fich aufgenommen hatte, ald svayyelıor zard MocHatov bezeichnet ward. So erwuchs aus den Aopiorg das Evangelium, aus dem hebräifchen Matthäus der griechifche z denn Griehifch war von Haus aus die Sprache der evange- liſchen Berfündigung, und je mehr eine folhe Schrift nach Bolftändigkeit des Inhalts diefer Verkündigung ftrebte, deſto unentbehrlicher war ihr diefe Sprache der gebildeten Melt, in deren Gebrauch ihr ohnehin das Evangelium des Marcus vor: angegangen war *). Man wird diefer Auffaflung des Verhältniffes der zwei *) Bet diefer Anficht über den Urſprung unfers griechifehen Matthäus fällt, wie man fieht, auch der Einwand weg, den man gegen bie Annahme einer Ueberfegung aus der hebräifchen Urſchrift von der Befchaffenheit der darin angeführten altteftamentlichen Stellen herge- nommen hat, in denen allenthalben eine Beziehung auf die Septun- ginta hindurchblickt. Diefe Eitate nämlich gehören mit wenigen Ausnahmen, auf welche jene Bemerkung gerade feine Anwendung leidet (4. B. Matth, 11, 10), nicht dem Achten hebräifchen Mat- thäus, fondern dem griechifchen Bearbeiter an, Bou den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 49 erften Fanonifchen Evangelien zu einander das Zugeftändniß nicht verfagen, daß nach ihr der Autorität der Zeugniffe, nament- lich des großen, gewiß nicht leichtfinnig wegzumwerfenden Zeug: niffes der Kirche mehr Necht widerfährt, ald nach jeder andern, die nicht geradezu die unläugbare Berwandtfchaft beider Schrif: ten unbeachtet läßt. Daß jene Häupter der Kirche, von denen, den Keberfecten des zweiten Sahrhunderts gegenüber, die Be: flimmung ‚des neuteftamentlichen Kanon ausging, daß dieſe eine Schrift, die nichts als ein aus zwei andern willführlich und principlos, wit gleichfalls wilführlichen Zufagen und Ausſchmuͤk— tungen im Ginzelnen gefertigter Auszug wäre, unmittelbar neben diefen ihren beiden Driginalien in den Kanon aufgenommen und mit dem Namen eines bekannten Apoſtelſchuͤlers bezeichnet hät: ten: diefe Vorausſetzung ift offenbar eine weit gewaltfamere, die Urtheilsfähigkeit jener Männer weit härter beeinträchtigende *), ald die umgekehrte es ift: daß diefelben Männer neben ber Achten unverfälfchten Marcuöfchrift einer zweiten, die mit dem ins Kurze zufammengezogenen Inhalte jener erftern außer eini— gen andern Zuſaͤtzen insbefondere eine Ueberſetzung jener fo höchft werthvollen Spruchfammlung des Matthäus verband, unter dem *) Das Evangelium des Marcion ward von den Kirchenvätern fo beitimmt für einen verftümmelten Lufas erkannt, und doc ift eg nicht wahrfcheinlich, daß feine Lebereinftimmung mit Lukas allent« halben eine wörtliche war, Wie follte von allen Gelehrten der Kir- che, — und auch der Keerfecten, deren Intereffe e8 war, den Nechtgläus bigen dergleichen Borwürfe zurüczugeben, — wie folltevon ihnen Fein Einziger in Betreff des Marcus dag Entfprechende herausgefunden haben, wenn es hier fich wirklich fo verhalten hätte? — Nebrigeng befennen wir ung mit voller Weberzeugung zu der auch von Tho— lud (Glaubwürdigk. d. ev, Geſch. S. 291) angeführten Aeußerung von Baumgarten-Erufius: „In der That hat fi) die öffent— liche Meinung der Kirche über die heiligen Bücher frühzeitig auge geglichen und befeftigt, und man muß es ihr einräumen, daß fie, was das Neue Teftament betrifft, mit Umficht und Kenntniß ver— fahren fei. Denn immer mehr wird fich die Kritif Darin vereinigen, daß die als kanoniſch eingeführten Bücher Alles für fih haben, und daß ihnen wenigftens immer eine Beziehung auf die Perfonen ber Männer zulomme, deren Namen fie führen, daß endlich der Inter» ſchied zwifchen ihnen und allen, welche fonft einen Anſpruch auf gleichen Namen und Rang gemarht haben, einfeuchtend und groß fei.“ 4 50 Erſtes Bud. Namen ‚Evangelium nad) Matthäus” einen P lab vergönnten. Aber auch diefes felbft, daß zwei gleichmäßig, fei es aus der mündlichen Ueberlieferung gefchöpfte, oder aus frühern Auf: fügen zufammengeftellte Schriften, vielleicht nach blos zufälli= gen Ankläigen oder VBermuthungen, die eine nach Matthäus, die andere nach Marcus benannt worden feien, feßt eine viel größere Wilführ des Verfahrens voraus, als wir, fo lange fi) noch die Möglichfeit einer andern Grflärung darbietet, an: zunehmen berechtigt find. Allerdings glauben auch wir anneh- men zu müffen, daß wenigftens ein Theil unferer evangelifchen Schriften, bevor fie unter den jeßt beftehenden Namen in dem Kanon ihre Stelle erhielten, ohne einen beftimmten Namen befannt und verbreitet waren. Sogar von Marcus halten wir Dies unbefchadet der Aechtheit des fo befannten Evangeliums für wahrfcheinlich, nicht blos aus dem alle Evangelien gemein— fchaftlich betreffenden Grunde, weil die früheften Anführungen von Stellen aus den fchriftlichen Evangelien Feine Namen nen: nen, fondern in Folge der Art und Weife felbft, wie der Pres— byter Sohannes und nach ihm Papias darüber fprechen, welche das Merk zwar als befannt, aber nicht eben fo auch feinen Verfaſſer ald an der Spitze deffelben genannt vorauszufegen foheinen. Noc deutlicher würde ein Gleiches in Bezug auf das Lufasevangelium erhellen, wenn es, wie e8 nach allen neuerdings darüber gepflogenen Verhandlungen noch immer das Mahrfcheintichite bleibt, fein Bewenden dabei hat, daß dieſes Evangelium der häretifchen Gvangelienfchrift des Marcion zum Grunde lag. Dieſer letzteren nämlich) wurde, wie wir ausdrüdlich erfahren*), von Marcion gar Fein Verfaſſer beige- legt; wie aber hätte Marcion dies unterlaffen koͤnnen, wenn Lukas bereit als der Verfaſſer des von ihm benußsten Werkes befannt und ausdrüdlic genannt war? Namentlich aber fcheint von dem Fanonifchen Matthäus unfere Bemerkung zu gelten. Diefer namlich fcheint, nach allen Anzeigen zu fehließen, es vor- zugsweife zu fein, welchen wir hinter den Iuftinifchen „Apoſtel— denkwuͤrdigkeiten“ (dstouvmuovsvuare TOV dI00TOAMV) und vielleicht noch hinter manchen andern Ausdrüden aus Derfelben *) Tertull. ec. Marc. IV, 2. Tr Ya, —* — & Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 51 Zeit zu fuchen haben *). Diefem ift fein Name als typifcher und von andern es unterfcheidender gewiß erft durch die Ord— ner des Kanon gegeben worden, und wenn wir mit Demfelben Namen hin und wieder auch andere Schriften, namentlich die apoftyphifchen Evangelien der Hebräer, Ebioniten und Naza= vener bezeichnet finden, fo tft daraus noch) Feineswegs auf Sden- titaͤt, nicht einmal auf ein ausdrüdliches Verhaͤltniß jener Schriften. zu der unfrigen, fondern nur darauf zu fchließen, Daß jene auf ähnliche Weife, wie das Fanonifche Evangelium diefes Namens, aus der Spruchfammlung des Apoſtels und aus andern Quellen, vor allem wahrfcheinlich gleichfalls dem Evangelium des Marcus *) zufammengeftellt waren”). Dort *) Der Hauptgrund, der es noch immer fo Vielen als zweifelhaft er- feinen läßt, ob Juſtin wirklich unfere kanoniſchen Evangelien, und zwar vornehmlich das Matthäusevangelium benutzt habe, Liegt nicht etwa in den theilweifen Abweichungen feiner Citate, Hier ift man zu der Einficht gefommen, daß foldhe Abweichungen gar Leicht aus der freien Art des Citirens herrühren können; wie fa auch fpätere Kirchenväter bei ihren neuteftamentlichen Citaten und wie Juſtin felbft bei feinen Fürzeren Citaten aus dem Alten Teftamente häu— fig genug ähnliche Abweichungen haben, Die Neigung der älteren Ausleger, allenthalben, wo fie eine folche Abweichung fanden, ein Apokryphum oder menigftens eine verfihiedene Lesart zu wittern, ift als etwas Veraltetes zu betrachten. Bielmehr Liegt jener Zwei— felsgrund eben darin, daß Juftin, feiner fonftigen Gewohnheit zu— wider, bei den Eitaten feiner amowvnuovsvuara die Verfaſſer nicht nennt. Aber wie fonnte er fie nennen, wenn die Schriften damals noch namenlos waren? #3) Die Spuren der Entftehung aus dem griechifchen Evangelientext, die man in diefen aramäifchen Evangelien hat nachweifen wollen, feßen mithin nicht nothwendig eine Benußung des griechifchen Mat- thäus voraus. — Bon dem Evangelium, deffen ſich Cerinth und Karpofrates bedienten, heißt es ausdrücklich bald, es fei der Mar: cus (Iren. IT, 11), bald, es fei ein verftümmelter Matthäus ges weſen (Epiphan. haer. XXVIII, 5), i *5*) Vielleicht auf diefe Evangelien fönnte man den Vorwurf des Eel- ſus (Orig. adv. Cels. II, 27. p. 411 ed. Par.) beziehen, daß „Ei- nige der Gläubigen dreis, viermal und öfter aus der Urfehrift ihr Esangeliun umfehmolzen; wenn nicht, was ung faft noch wahr- ſcheinlicher dünkt, Origenes in-feiner Entgegnung Recht hat, und der Borwurf nur die Art und Weife trifft, wie Ye reuſchen See⸗ 52 Erſtes Bud. aber behielt immer jene Benennung etwas ſchwankendes; fie war feine allgemein angenommene, fondern nur von Einzelnen als Eonjectur aufgeftellt. Wenn in Bezug auf unfer Evange— lium die Väter der Kirche fie fanctionirten, fo gefchah dies je: doch nicht ohne Vorſicht und ohne Bewußtfein ihrer blos rela= tiven Wahrheit. Solches Bewußtfein glauben wir in Bezug auf dieſes fowohl, wie auf eines oder dad andere der übrigen Evangelien deutlich in den Benennungen: zerd Mardaiov u. f. w. bindurchfcheinen zu fehen. Allerdings hatte dieſer Ausdrud, den wir längere Zeit hindurch auch von den nach— folgenden Kirchenfchriftftellern ferupulös beobachtet, und dem wir auch die Bezeichnungen. apofeyphifcher Evangelien nachge— bildet finden, feinen Urfprung zunachft wohl in der frühern Be» deutung des Wortes Evangelium; er war beftimmt, die Ein- heit der evangelifchen Verkündigung in allen verfchiedenen Dar— ftellungen feſtzuhalten, fo daß nicht die verfchiedenen Schriften als verfchiedene Heilsbotfchaften, ihre. verfchtedenen Verfaſſer als verfchiedene Autoritäten, und Chriftus als ,‚zertheilt‘‘ *) erfcheinen follte. Dennoch würden die Urheber des Kanon, wenn fie wirklich die Verfafferfchaft der von ihnen Genannten im ſtrengern Sinn hätten aussprechen wollen, wahrfcheinlich eine andere Bezeichnung gewählt haben; die von ihnen gewählte ſchließt ſolche Berfafferfchaft zwar niht aus, wie fie denn in - Bezug auf einige‘ Evangelien auch nicht auszufchließen war, ohne aber fie ausdrudlich zu behaupten. — Daß übrigens die Er— innerung an den eigentlichen Urfprung der Evangelien nicht alle gemein verloren ging, davon geben die Anfichten des Manichaers Fauftus ein merfwürdiges Zeugniß. Schwerlich würde diefer Keber feine Feen und unftreitig zu weit gehenden, aber fcharf: finnigen und geiftoollen Hypothefen *) fo unbefangen haben ten mit den foriftlihen Evangelien umzugehen pflegten. Jedenfalls aber beweift auch diefe Notiz für die Gewohnheit des Gebrauchs namenlofer Evangelienfihriften bis zur Feftftelung des Kanon. *) 1.8or. 1, 13: R **) Nec ab ipso scriptum (Filii testamentum, h. e. evangelium).con- stat, nee ab ejus apostolis, sed longo post tempore a quibusdam ineerti nominis viris, qui ne sibi non haberetur fides seribentibus quae neseirent, partim apostolorum nomina, parlim eorum qui apo- J a Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 33 bilden und ausfprechen Tonnen, wenn fich nicht wenigftens in gewiffen Kreifen ein Andenken an die Data über jenen Ursprung erhalten hätte, deren Gedaͤchtniß in der orthodoren Kirche freilich bald unterdrüdt ward. Hier war e8 ohne Zwei: fel nur die immer mehr überhand nehmende Neigung zu einem fireng abgefchloffenen Dogmatismus, was die vechtgläubigen Kirchenväter von Irenaͤus an die Meinung von der wirklichen Berfafferfchaft der Apoftel und Apoſtelſchuͤler mit folcher Entfchie: denheit ergreifen und fefthalten ließ. Bei diefer gefammten Darlegung haben wir auf die be- ſondere Befchaffenheit der uns vorliegenden Evangelien noch Feine nähere Nücficht genommen. Es liegt aber am Tage, daß nur in diefer das eigentlich entfcheidende Moment gefucht werden Fann, durch) Das alle unfere bisherigen Ergebniffe fich entweder beftätigen, oder widerlegen müffen. Ohne die. Schwie- tigfeiten zu gering anzufchlagen, welche allenthalben den Fra— gen der innern Kritik entgegenftehen, wird man doch zum vors aus vermuthen dürfen, daß in einem Falle folcher Art, wie auf jede MWeife, falle nun’ die Entfcheidung wie fie wolle aus, das Verhaͤltniß der zwei erften Evangelien unfers Kanon zu einander ift, den Werken felbft Spuren der wahren Entftehung stolos secuti viderentur, scriptorum suorum frontibus induerunt, asseverantes secundum eos se scripsisse quae seripserunt. Worte des Fauftus bei Augustin. c. Faust. XXXII, 2. Nec ab ipso hacc sunt, nec ab ejus apostolis seripta, sed multo post eorum assum- tionem a neseio quibus et ipsis inter se non concordantibus semi- Judaeis per famas. opinionesque comperta sunt. Thid. XXXII, 3. Ueber den Gegenfab des Achten und Unächten im Evangelium er— Härt fih Fauftus (XXXI, 7) dergeftalt, daß er nur innerliche Callerdings im Grunde dogmatifhe) Merkmale zuläßt. Zu dem Un— ächten verhnet er: natum ex femina turpiter, eircumeisum Judaice, sacrificasse gentiliter , baptizatum humiliter, eireumductum a dia- bolo per deserta et ab eo tentatum quam miserrime; zum Aechten aber: erueis mysticam fixionem, qua nostrae animae passionis mon- strantur vulnera; tum praecepta salutaria ejus, tum parabolas eunetumque sermonem deificum. — Aehnliche Anfichten, wie über das Evangelium, hegte Fauftus auch über das Alte ZTeftament, denn e8 galt ihm (XVII, 3) als allgemeine Thatfahe: esse per- multa zizania, quae in contagium 'boni seminis scripturis noctiva- gus quidam seminator insperserit. 54 Erites Bud. dieſes Berhältniffes eingedrüdt fein werden, folche Spuren, Die, bei einer nur wirklich gründlichen und unbefangenen Unterfus hung, gar nicht verfannt werden konnen, und durch die auf völlig unzweideutige Weife die Wahrheit ans Licht gebracht wird. Daß nun folhe Spuren, fo. viel zuvoͤrderſt die Ver— wandtfchaft beider Werke im Allgemeinen betrifft, wirklich vor— handen find, dürfen wir ald allgemein zugeftanden annehmen. Es giebt wohl, nachdem man den Glauben an die wortliche Snfpivation der biblifchen Schriften in feiner alten Form auf: gegeben hat, feinen einzigen Theologen, der nicht dieſe Ver— wandtfchaft auf irgend eine Weife zu erklären nöthig fände, fei es nun durch Zurükführung auf die gemeinfchaftlihe Duelle der Tradition, oder, — wie für diejenigen, welche noch immer auf dem Glauben beharren, daß der Apoftel Matthäus eine wirklis che Gefchichtserzählung niedergefchrieben habe, Feine andere Wahl bleibt, — durch die Annahme einer Benußung des Matthaus durch Marcus. Aber auch von diefer Annahme behaupten wir, Daß fich, bei fchärferer Betrachtung der beiderfeitigen Schriften, ihre Unwahrheit zur Evidenz bringen läßt. Im Bewußtfein einer ſolchen Zuverläffigkeit des durch den Augenschein felbft Bezeug— ten, ſprach Lachmann die oben angeführten zuverfichtlichen Wor— te über die Zuſammenſetzung des Matthäusevangeliums aus; Worte, die, fo Fed, ja vielleicht anmaßend fie Manchen er— fcheinen mögen, wir doch Feinen Augenblid Anftand nehmen, mit voller Ueberzeugung zu unterfchreiben. Wenn wir nun jene Behauptung Lachmanns mit gleicher Zuverfiht dahin zu er- weitern wagen, daß derfelbe Augenfchein, auf den verfrauend wir das Nefultat gewinnen, daß jenes Evangelium zu einem feiner urfprünglichen unabhängigen Grundbeftandtheile die Aoyıa bat, und auch davon überzeugt, daß die Erzählung, durch welche dort die Aoyın ergänzt werden, in allen ihren Haupt: momenten aus Marcus, aus demfelben Marcus, den wir noch jest ald unabhängige Evangelienfchrift befigen, entnommen ift, — wenn wir ferner, was Marcus felbft betrifft, zu der Behaup— tung fortgehen, daß nicht nur Fein ähnlicher Augenfchein, fei es auf eine irgendwie entfprechende Zufammenfegung auch dieſes Evangeliums, oder auf eine Gntlehnung aus Matthäus oder anderen fonft uns befannten Schriften Hinführt, fondern daß Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 55 bier diefer Augenfchein durchaus für die Entftehung des Wer: kes aus einem Guffe und unabhängig von fchriftlichen Vorgaͤn— gern ſpricht: — fo konnen wir wenigftens das Bewußtfein hegen, vollfommen unabhängig von allen vorgefaßten Meinungen, rein nur durch das Studium der Schriften felbft, auf diefe Be: hauptung geführt worden zu fein. — Eingenommen, wie wohl die Meiften, welche heut zu Tage an folche Unterfuchungen gehen, zum voraus für die Traditionshypothefe, und nur ges ring anfchlagend das Gewicht der Zeugniffe, welche, wie im Borhergehenden gezeigt ift, fo laut für eine höhere Bedeutung des Mareusevangeliums, ald die ihm nach den gewöhnlichen An nahmen zukommen würde, fprechen, dachten wir an nichts weni- ger, als daran, gerade in diefem Evangelium den eigentlichen Grundftamm der Erzählungen und den Schlüffel für die Berwandt- fchaft der fonoptifchen Evangelien unter einander zu finden, bis, wie gefagt, der Augenfchein uns davon überzeugte und nun auch die Bedeutung und den gefchichtlichen Zufammenhang der Zeug: niffe in einem andern Kicht betrachten lehrte. Die Gründe, welche für die Authentie de3 zweiten Evans geliums fprechen, hat man ſchon mehrfach zufammenzuftellen verfucht, ſowohl von folchen Standpuncten, wo man von der Berwandtfchaft diefes Evangeliums mit den beiden andern ganz: lich abfah, als auch von folchen aus, wo man, unter dem Zu: geftandniffe folcher Verwandtſchaft im Allgemeinen, doch eine relative Unabhängigfeit des erftgenannten Evangeliums in der Art und Weife, wie es aus der gemeinfchaftlihen Tradition gefhöpft oder die beiden andern fynoptifchen, entweder beide, oder eines von beiden benußt habe, in Anfpruch nahm. Es liegt aber in der Natur der Sache, daß die Darlegung diefer Gründe eine andere Geftalt gewinnen wird, wenn man diefelbe aus dem Gefichtspuncte unternimmt, den wir vorläufig bier dafür angedeutet habenz wenn man alfo zugleich mit jener Aus thentie die Abhängigkeit der beiden andern Evangelien von ihm zu erweifen fucht. Der beiden andern, fagen wir; es ift nämlich für den weiteren Verlauf unferer Betrachtung von Wich— tigkeit, in diefelbe fogleih von vorn herein auch das dritte, das Evangelium des Lukas, mit einzufchließen. Wenn wir von diefem leßtgenannten behaupten, daß ed zu Marcus in einem — — — — 56 Erſtes Bud). entfprechenden Berhältniß fteht, wie das Matthäusevangelium, daß es gleich dieſem, nur in noch freierer Behandlung und mit dem Streben nach einem gewiffen Pragmatismus der Erzaͤh— lung, die Aoyın des Matthäus, und außerdem noch eine ans fehnliche Reihe anderer Mittheilungen, dem Faden der Erzaͤh— lung des Marcus einverwebt, dabei aber von unferm Meat: thäusevangelium, fo wie diefes von ihm, völlig unabhängig bleibt: fo wird man für diefe Anficht infofern Feine vorläufige außerliche Rechtfertigung nöthig finden, als fie mit den hi: ftorifchen Nachrichten über das Lufasevangelium in feinem Wi- derfpruche fteht. Daß Lukas fremde, der erften Quelle näher fiehende Mittheilungen über die Lebensgefchichte des Erloͤſers benußt habe, fagt er uns felbft in den Gingangsworten feines Merkes. Er ftellt fih durch diefe Worte in ein wefentlich ans deres Verhaͤltniß zu feinem Gegenftande, als in welchem, der Hlaubwürdigen Ueberlieferung zufolge, Marcus zu demfelben ſteht, der nicht aus vielen Quellen, fondern nur aus einer ſchoͤpfte. Solches durch mehre Mittelglieder vermittelte Berhälte niß flimmt aber ganz wohl zu dem, was wir perfönlich über den Verfaſſer dieſes Evangeliums wiffen, der nicht, wie Mar: cus, Schüler eines unmittelbaren Juͤngers des Herrn, eines Augenzeugen der Begebenheiten war. Daß aber unter den Duellen, die er benußte, die Schriften des Marcus und des achten Matthäus fich befanden: dies vorauszufesen liegt nach allem bisher Bemerkten fo nahe, daß wir uns hoͤchlich zu ver— wundern hätten, wenn es nicht gefchehen wäre, Wir koͤnnen alfo auch in Bezug auf Lukas mit dem Bewußtfein, gerade fo in beftmöglicher Uebereinftimmung mit den gefchichtlichen Zeug: niffen zu bleiben, getroft den eingefchlagenen Pfad weiter ver— folgen. Indem wir nun folchergeftalt zugleich mit der Authentie des Marcus das Abhängigfeitsverhältnig der beiden Andern von ihm zum Augenmerk unferer Betrachtung nehmen: fo gewinnt mittelft diefes Geficktöpunctes ein Umftand eine Beweiskraft für jene Authentie, in welchem man bisher ſolche zu finden nicht vermochte, der aber für ung billig an die Spike aller übrigen tritt. Diefer Umftand liegt in dem Momente, welches bei Mar: eus, und durch Marcus auch bei den Uebrigen, den eigentli- 2 , Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 57 hen Anfang der evangelifchen Erzählung ausmacht, Wir fprechen nicht von demjenigen Anfange, welchen Marcus, dem bergebrachten Typus der apoftolifchen Berfündigung *) fol gend, von der Sohannestaufe macht. Zwar auch diefes felbft, daß er erft von diefem Momente und nicht, wie die beiden An- dern, von einem frühern beginnt, fpricht jedenfalls wenn für nichts anderes, fo wenigftens für feine Unabhängigkeit von jenen. Denn hätte er abfichtlich die Genealogien und die Erzählungen von der Sugendgefchichte weggelaffen, jo wäre ihm folche Weglaf: fung gewißsnicht minder, wie fpäter dem Marcton** und den Ebioniten***), als Harefis angerechnet, und fein Werk fchwer: lich unter die Fanonifchen VBücher aufgenommen worden. Die volftändige Wahrheit über diefen Punct aber ift, daß das apoftoli- fche Zeitalter, welchem Marcus naher als die beiden Andern fteht, fi) um die Sugendgefchichte Sefu überhaupt nicht Fümmerte, | fondern die Hervorziehung und Ausbildung der Sagen von ihr der nachften Generation überließ. Bon dem VBorhandenfein oder Nichtvorhandenfein der Jugendgefchichte ift auf das refpective | Alter der Evangelien gerade der entgegengefeste Schluß zu ziehen von dem, welchen Glemens Alerandrinus zog, der befanntlich unter den Evangelien diejenigen, welche die „Genealogien“ ha= ben, wie es ſcheint aus feinem andern Grunde, als eben aus dieſem felbit, für die alteften hielt-+). Aber wie gefagt, nicht dies iſt es, was wir hier meinen; denn: diefer Umftand, fo günftig er auch dem Alter und der Unabhängigfeit des Evan geliums ift, fteht doch mit dem, was wir perfonlid über Marz eus wilfen, noch in feinem nähern Zufammenhange. Wohl aber fteht in folhem Zufammenhange ein anderer thatfächlicher Umftand, welcher die Stelle betrifft, die wir nicht mit Unrecht den zweiten Anfang unferer evangelifchen Erzählungen nennen dürfen, denjenigen Anfang, mit’welchen diefe Erzählungen bes ginnen, Relationen nach dem Berichte von Augenzeugen zu fein, Diefe Stelle ift, wie Keiner, der mit einiger Aufmerffamfeit die *) Apoftelgefch. 1, 22. 10, 37, ##) Tertull, e. Marc. IV, 7, #*#) Epiph. haer. XXX, 3, +) Euseb. H. E. VI, 14, * ei 2 58 Erfies Bud. | Erzählungen verfolgt, in Abrede ftellen wird, jene, wo Zefus, am Strande des Sees Genefareth umherwandelnd, das Bri- derpaar Simon und Andreas zu feinen Süngern anwirbt.*) Um dies nachzuweifen, müffen wir freilich hier manches ſchon vor— ausfegen, was wir erft im Folgenden Elar darlegen koͤnnen; insbefondere, daß der Bericht von der Sohannestaufe nicht aus dem Munde eines Augenzeugen gefchöpft fein fann. Bon der Berfuchungsgefihichte wird man und dies ohnehin zugeben, und was das Kindheitdevangelium betrifft, fo liegt wenigftens fo viel am Tage, daß diefes von den fpäteren Begebenheiten durch eine weite Kluft getrennt ıft und auf feinen Fall aus dem Munde derfelben Zeugen, wie jene, gefchöpft fein Fann. Gefteht man uns aber dies alles vorläufig zu, — was, infos fern es nicht durch fich ſelbſt klar iſt, in unfern nachfolgenden Büchern ftreng wird erwiefen werden, — fo wird man zu be= merken nicht unterlaffen, wie zuvoͤrderſt in den zwei erften Evans gelien die vorhin erwähnte Begebenheit, nur durch einige in Form der Allgemeinheit gehaltene Bemerfungen über das Aufz treten Jeſu **) eingeleitet, die von da an ununterbrochen fort: gehende Neihe folcher Erzählungen eröffnet, welche durch den Charakter der Particularitat und Einzelheit, den fie tragen, ſich als, zwar nicht genau in der Geftalt, in der fie vorgetragen werden, aber doch urfprünglich und ihrer erften Entftehung nach, von Augen» und Obrenzeugen herrührende Fund geben. Bei Lukas werden jenem Greigniffe zwar einige andere vorange- ſchickt; unter diefen aber ift das erfte ein folches, dem man die Abfichtlichfeit, in Folge deren e$ aus einem fpätern Zufammen: hange herüber genommen ward, leicht anjieht***), die beiden andern find folche, die bei Marcus unmittelbar nach jener Be- ‚ rufung der Jünger, im erften Evangelium noch etwas fpäter er— zählt werden, und bei denen jene Umftellung ſich von felbft als eine irrige fund giebt, indem die Bekanntfchaft Jeſu mit Petrus in ihnen offenbar vorausgefeßt, wird ). Sogar in das vierte *) Mare. 1,16. Matth. 4, 18, Luk. 5, 1 ff. **) Mare, 1, 14. 15. Matth. 4, 12— 17. =) Luk. A, 16 ff. vergl. mit Marc. 6, 1 ff, Matth. 13, 54 ff, +) Luk. 4, 31 — 44, vergl. mit Mare, 1, 21— 39. Matth. 8, 14— 17; u. Era ZA Bon den Quellen der evangelifchen Geſchichte. 59 Evangelium hinein hat ſich die Gewohnheit, die eigentliche evan— gelifche Erzählung mit dem Bericht von der Berufung jener Sünger zu eröffnen, fortgepflanztz obgleich diefe dort, was aus der bejondern Befchaffenheit diefes Evangeliums fich erklären wird, auf andere Weife, als bei den Synoptifern, erzählt iſt). — Hier mn fragen wir, ob diefer Umftand nicht ein folcher ift, der faft ſchon für fich allein genommen, auch uns abhängig von der Betrachtung, die uns bereits auf diefen Weg geführt hat, zu der Annahme hinführen müßte, daß unfere evangelifchen Nachrichten, theild unmittelbar, theils mittelbar aus dem Bericht jener beiden Sünger, oder eines jener beiden, gefloffen find? Daß die öffentlichen Handlungen Jeſu nicht erit mit Dem Momente jener Berufung begonnen haben, wird von den Evangeliften felbft angedeutet: hätte fich die Tradition aus den Mittheilungen Berfchiedener gebildet, wie Fame es, Daß nicht auch aus jener frühern Zeit Erzählungen ähnlicher Art, wie erft von jenem Momente abwärts, und begegnen? — Je— denfalld wird man, wenn man auch nicht eine fo ftarfe Be— weisfraft dieſem Umftande einräumen will, wenigftens dies nicht in Abrede ftellen, daß derfelbe fich durchaus beftätigend an die gefchichtlichen Nachrichten über den Urfprung des Marcusevans geliums und an die Spuren einer Benußung deffelben durch die beiden andern Synoptifer anreiht. Auch) diefe Beftätigung indeß wird ſich, — mit Recht ftellt man diefe Forderung an uns, — noch dadurch vervollftändigen müffen, daß, wie an dem Anfange, fo auch an dem Fortgan- ge der fynoptifchen Erzahlung, wenn nicht auf jedem einzelnen Puncte, doch hin und wieder an bedeutend hervortretenden Stel- Yen, ähnliche Spuren eines Ausgehens der Ueberlieferung von Petrus nachgewiefen werden, Solche Vervolftändigung kann um fo weniger als überflüfjig ericheinen, als mit Petrus und Andreas ziemlich zu gleicher Zeit auch noch das Brüderpaar der Zebedäiden ald von Jeſus angeworbene Jünger genannt werden, baher unfere Berichte fi eben fo wohl auch auf eis nen von diefen beiden zurücführen Tonnten. In der That nun #) Job. 1, 35 ff, 60 Erſtes Bud. — hat man ſchon oͤfters das zweite Evangelium darauf angeſehen, ob es durch Spuren dieſer Art feine Authentie hinreichend bes Hlaubige. Diefer Verſuch mußte auf den bisherigen Stand- puncten der Betrachtung darum mislingen und gegen Marcus auszufallen fcheinen, weil die Erwähnungen des Petrus, die Er: zahlung von ihn betreffenden Begebenheiten oder von durch ihn gefprochenen oder an ihn gerichteten Neden, bei Marcus nicht eben häufiger find, als beit den beiden andern Evangeliften, Die fogar eine nicht unbeträchtliche Anzahl folcher Erwähnungen vor ihm voraus haben. Uns dagegen wird diefer Umftand, was zuvörderft das Allgemeine, die GemeinfchaftlichFeit folcher Stel- len für alle drei Synoptifer betrifft, nicht irre machen, dafern nur überhaupt diefelben zablreih und bedeutend genug find, um das, was dadurch beabfichtigt wird, zu begründen. Daß aber dies der Fall fei, wird fein aufmerffamer Lefer in Abrede fielen. Faft unmittelbar nach jenem Anfange, bei Lukas fo- gar noch vor ihm, begegnet uns eine an fich unter der Fülle fo vieler ähnlicher unbedeutend zu nennende Begebenheit, die Heilung der Schwiegermutter des Petrus von einem Fieber, Diefe wäre gewiß nicht erzählt worden, wenn den Evangeliften eine fo große Anzahl von Detailereigniffen, wie man gewöhnlich meint, zu beliebiger Auswahl zu Gebote geftanden hätte*). Gleich darauf, als Marcus die Sünger, die Begleiter Jeſu gemeinschaftlich erwähnt, nennt er fie: „Simon und die mit ihm waren“ *). Eine merkwürdige Wendung, die er fchwer- lich gebraucht haben würde, wenn es ihm nicht aus perfünli= chen Gründen geläufig gewefen wäre, wo er die Juͤnger zu er wähnen hatte, zuerft des Petrus zu gedenken. — Wir halten es für überflüffig, auch die übrigen Stellen diefes Evangeliums und die entfprechenden der beiden andern, wo Petrus vor den übri= gen Süngern in den Vordergrund tritt, alle einzeln hervorzuhe— ben. Es liegt am Tage und wird wohl von Niemand geläug- net werden, daß diefe Stellen häufig und bedeutend genug find, *) Die Magdalena hatte Jeſus von fieben Dämonen befreit; unftrei= tig eine weit wichtigere That, als jene Fieberheilung. Warum erfahren wir von ihr nicht das Nähere eben fo, wie von jener? *2) Marc. 1, 36, , DL 3 | Bon den Quellen der evangelifchen Geſchichte. 61 um, unter Vorausſetzung unſerer Frageſtellung, das zu Be— weiſende zu beweiſen, zumal ihnen wenige oder keine, aus denen man aͤhnliche Schluͤſſe auf eine andere Entſtehungsart der Evan— gelien ziehen koͤnnte, entgegenſtehen. — Dagegen verdienen und beduͤrfen eine beſondere Beruͤckſichtigung einige der Stellen bei Matthaus und Lukas, in denen, ohne den ausdruͤcklichen Vor— ‚gang des Marcus, Petrus namentlich eingeführt wird. Unter diefen namlich find zwei von einer folchen Befchaffenheit, daß fih aus ihnen auf die überrafchendfte und fchlagendfte Weife von der Welt der Doppelbeweis für die Abhängigkeit jener bei— den Evangelien von Marcus und für die Authentie des letztern führen läßt. Die erfte diefer Stellen ift in dem Gefpräch, wel: ches Sefus vor den Pharifäern und mit feinen Süngern über die Reinigungsgebräuche hält. Dort nämlich wird eine Frage, die bei Marcus die Jünger überhaupt thun, im erften Evangeli- um dem Petrus namentlich in den Mund gelegt”). Dies fcheint auf den erften Anbli in fchneidendem Wiederfpruch gegen’ die Annahme zu fiehen, daß das Marcusevangelium unmittelbarer, als. das Matthäusevangelium, aus den Erzählungen des Petrus gefchöpft feis Aber bei näherer Betrachtung findet fich die Ent: rathfelung des’ fonderbaren Umſtandes. Der Verfaffer des er: fien Evangeliums hatte in eine Erzählung, die er aus Marcus entlehnt, einige aus anderer Quelle gefchöpfte, gleichfalls durch eine Frage der Sünger veranlaßte Worte dazwiſchen gefchoben**). Wie er zu der Erzählung des Marcus zuruͤckkehrt, fühlt er das Bebürfniß, die neue Frage der Jünger von der früheren zu unterfcheiden, da fie nicht mit’ jener in einer ununterbrochenen Folge des Geſpraͤchs gethan ſein kann. In der Vorausfekung nun, daß Marcus, den er vor fich hatte, diefe Frage fo wie das ganze Gefpräch vom Petrus vernommen, und daß Petrus wahr: ſcheinlich zunächft feine eigenen Reden berichtet haben werde, legt er diefe Frage geradezu dem Petrus in den Mund. Aehnlich Lu— . #) Matth. 15, 15 vergl. Mare. 7, 17. **) V. 12 — 14. Daß diefe Worte wirklich von ihm eingefchoben find, und daß nicht etwa erft Marcus fie weggelaffen hat, erhellt daraus, daß fie den Zufammenhang zwiſchen V. 11 und V. 15 auf das Xuf- fallenpfte unterbrechen, wre # Erin * rn ic a — 62 | Erftes Bud. IR kas in der Erzählung von dem blutflüffigen Weibe*). Auch hier laßt fich der Grund deutlich aufzeigen, welcher den Verfaſſer des dritten Gvangeliums bewogen haben mag, eine Antwort, welche bei Marcus die Jünger überhaupt geben, auf Petrus na= mentlich zu übertragen. Gr fand nämlich diefe Antwort, fo wie er fie bei feinem Vorgänger las, nicht hinreichend deutlich, wenn fie nicht durch die vorauszufchidende Bemerfung moti- virt würde, daß auf die Frage Sefu: wer ihn angefaßt? Alle nicht3 davon hätten wiffen wollen**); worauf denn Einer unter _ diefen erwidert: Herr, dad Volk drängt dich, wie Fannft du fragen, wer dich angefaßt? Hier. fehten es ihm nöthig, dieſen Einen zu nennen, um ihn von den übrigen, die nur eine vers neinende Antwort gaben, zu unterfcheiden. Da nun die Ant- wort von Marcus erzählt worden war, fo mußte diefer Eine Petrus fein; um jedoch nicht zu weit von feinem Vorgänger fih zu entfernen, fest Lukas noch „und die mit ihm waren‘ hinzu. So bequem indeffen diefe beiden Fälle, und vielleicht noch ein britter***), weit entfernt unferer Anficht Gefahr zu brin- gen, fogar zur Unterftüßung derfelben fich verwenden laffen, fo dürfen wir nicht verfchweigen, daß nicht ein Gleiches von einer Anzahl anderer Falle gilt. Insbeſondere in einer nicht unan— fehnlichen Reihe von Stellen des erften Cvangeltums+), ein paar Mal aber auch bei Lufas+r), werden Yeußerungen und andere Anefooten von Petrus erzählt, von denen Marcus nichts weiß, in Bezug auf welche alfo nicht3, als die Annahme übrig bleibt, daß die Verfaffer jener Evangelien fie aus andern Duel- len fchöpften. Diefe Annahme felbft hat aber nichts unferer Srundannahme Widerfprechendes, insbefondere nicht, wenn man bedenkt, daß diefelbe größere Ausführlichfeit oder größere Lebendigkeit der Erzählungen des Petrus, welche e8 bewirkte, Daß aus der Umgebung des Petrus die erfte und einzige zufam- menhängende fchriftliche Darftellung der Lebensgefchichte Jeſu *) Luk, 8, 45 vergl, Mare, 5, 31. FF) dovovusvov mavrov sine 4 Te 1. H) uf, 22, 7 vergl, Mare. 14, 13. +) Matth. 14, 28 f, 16, 17. 17, 24. 18, 21. +H Luk. 5, 3. 24, 12. (24, 39). \ Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 63 hervorging, daß eben fie auch Beranlaffung mancher andern Anekdoten werden Eonnte, die über ihn in Umlauf kamen, auch wohl fagenhafter Züge, die fich an feine Perfon knuͤpften. Be— merken wir ja doch, wie auch die Gefchichte der Apoftel nach dem Tode des Herin, bis wohin die Relation des Marcus nicht reicht, fich faſt ausfchlieglich an die Perfon des Petrus knuͤpft, fo lange bis Paulus bedeutender hervortritt und fich zum Mittel: puncte diefer Gefchichte macht; fo daß wir guten Grund haben, anzunehmen, daß auch diefe Gefchichte, wie Lukas fie uns erzählt, bis zu dem genannten Zeitpunet, wenn auch fchwerlich unmittelbar, aus den Erzählungen des Petrus gefchöpft fein mag. Eben ſo auch bemerfen wir, wie die fpätere kirchliche Sage die Geftalt Feines Apoftels fo reich , wie die des angeblichen Gründers des römi- fhen Biſchofſtuhls und des Beftreiters des Erzfeherd und Ma— gierd Simon, mit ihren Erfindungen gefehmücdt hat. Dem Cha- rafter dieſer Sagendichtung nähern fich, wie wir fpäter im Ein: zelnen nachweifen werden, ſchon merklich die meiften der hier an— gebeuteten Stellen. Diefelben find in beiden Synoptifern keines— wegs aus Quellen gleichen Nanges mit Marcus, fondern wahr: feheinlich aus einer theilweife fchon an das Bereich des Apokry— phifchen anftreifenden Ueberlieferung gefchöpft. Derwandt diefer Art und Weife des Argumentirens nach der Seite hin, wiefern daffelbe die Aechtheit des Marcusevan- geliums zu feinem Ziele hat, find einige andere Schlüffe, die man in diefer Beziehung zu machen verfucht hat oder noch zu machen verfuchen Fann, Dahin gehört namentlich die wieder: holt gemachte Bemerkung , daß Marcus an verfchiedenen Stellen für Gegenftande, die mit dem romifchen Staats— und Kriegswefen zufammenhängen, den Iateinifchen Ausdrud giebt (Genturio, Speculator u. |. w.). Dies nämlich hat man damit in Verbindung bringen wollen, daß. er einigen Nach— richten zufolge in Nom auf Verlangen der romifchen Gemeinde fein Evangelium foll gefchrieben haben. Wir möchten indeß Fein fonderliches Gewicht auf diefen Umftand legen, theils um ber Sache felbit willen nicht, da jene Kunftausdrüde und die rö- mifhe Münzberechnung *) unftreitig überall eben fo, wie in .”) Mare. 12, 42. 64 | Erftes Bud. Kom, geläufig waren, theils auch darum nicht, weil der an« gebliche Aufenthalt des Petrus, und mithin auch des Marcus in Rom noch manchen Zweifeln unterliegt *). Gewichtiger ift der Umftand, daß Suftin der Märtyrer unfer Evangelium als dnorvnroveimare Jleroov anzuführen, Scheint; was in Abrede zu ftelen wohl nur die vorgefaßte Meinung, als habe Juſtin unfere Fanonifchen. Evangelien überhaupt noch nicht ges Eannt, hat verleiten Fonnen**). Bei weitem aber das intereffanz tefte Moment, was. in diefem Zufammenhange zur Sprache kommt und zugleich auf dad Verhaͤltniß des Marcus zu den Uebrigen zurüdführt, ift die, befonders neuerdings fo vielfach und in fo verfchiedenartigem Sinne befprochene Neigung diefes Govangeliften zur Ausmalung und Beranfchaulichung des Erzähl: ten durch beigefügte individuellere Züge. Wenn diefe charakte— riftifche Eigenschaft des zweiten Gvangeliums neuerlich zur Un— gunft deffelben hat gedeutet, werden koͤnnen: fo liegt. hierzu der veranlaffende Grund in der fchiefen Wendung, mit der man früher das unläugbar richtige Apereu vorgebracht hatte, Sndem man namlic die Unabhängigfeit der - beiden ‚andern Spnoptifer von Marcus, ja die Priorität wenigftend des Matz thaͤus vor ihm, vorausjeßte, fo meinte man jene größere Aus- führlichkeit des Marcus im Cinzelnen daraus erklären zu koͤn— nen, daß derfelbe, durch die Erzählungen des Petrus dazu in Stand aefest, Die allgemeinen Umriffe der Tradition voll- ftändiger, als jene, durch allerhand Detailzuͤge auszufüllen Sorge getragen habe. Solcher Vorausfegung gegenüber hatte die Kri- tik leichte Arbeit, das Verfahren des Marcus als ein abfurdes, die vermeintlichen Bereicherungen der Erzählung als leere Kuͤn— *) Bergl, den Aufſatz von Baur in der Tübinger Zeitfihr. für Theologie, 1831. Heft 4. **) Dial. ec. Trypb. 106. Ich kann Giefeler nicht beiftimmen, der Chiftor. krit. Verſuch ©. 58) es für wahrfrheinlicher hält, daß unter ovrov an diefer Stelle nicht Petrus, fondern Chriftus zu verftehen ſei. Nein grammatifch betrachtet, würde ſich diefe Erflärung rich— tig verhalten, aber da überall bei Zuftin der dem amowrnuovsv- ware beigefügte Genitiv die Verfaſſer bezeichnet, fo ift dieſe Be— deutung auch hier vorauszufegen. Die dem Juſtin offenbar vor— liegende Stelle ift Marc. 3, 16. Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 65 fteleien darzuftellen. In der That, wenn Petrus aus dem Schatze feiner Eoftbaren Erinnerungen zu dem ohnehin Befann- ten nichts Beſſeres hinzuzufügen wußte, als Züge der Art, daß ed vier Menfchen waren, welche den Paralytifchen in das Haus zu Kapernaum getragen brachten, und daß fie, um bie Zragbahre vom Dach in dad Zimmer zu bringen, zuvor das Dach abdecken mußten *), oder daß die Schweinherde, in welche Iefus die Dämonen trieb, aus zweitaufend Stüd be- ftand**), und andere dergleichen: fo Fonnte fowohl Petrus die Mühe des Erzählens und des Berichtigens fremder Erzählungen als auch Marcus die Mühe des fich Erfundigens und Niederfchreibens fich erfparen, Zumal da in der Mehrzahl der Falle, wo folche Detailzuͤge fih vorfinden, einer der beiden andern, entweder der erfte, oder der dritte Evangelift, diefelben gleichfalls hatz weshalb es auch ganz folgerecht ift, wenn Gegner jener Anficht, Die aber von ihr den Ausgang nehmen, zu der jeßt beliebten Meinung fortgehen, daß unfer zweites Evangelium nur eine Mofait aus dem erften und dem dritten fei. Ganz eine andere Geftalt aber gewinnt jener Umftand, wenn man das erftge- nannte Evangelium darauf anfieht, ob e8 nicht vielmehr um- gekehrt als Quelle der beiden andern fich betrachten laffe. Hier wird gerade die Geringfügigfeit jener Ausmalungen zu einer Er- klaͤrung, wie fich die Berfaffer der andern zum Weglaffen derfelben berechtigt meinen fonnten, während man dagegen, wenn man jene für die Quellen hält, für die Weglaffung der zahlreichften und wichtigften Nachrichten (welche durch die größere Ausführ: lichkeit der aufgenommenen nur um fo greller hervortritt), auch nicht einen Scheingrund anzuführen weiß. — Wir haben es nicht darauf abgefehen; jene Detailmalerei des Marcus als wirflihen, vollfommen treuen Ausflug der Augenzeugenfchaft des Petrus allenthalben im Einzelnen geltend zu machen; aber dies glauben wir ald durchaus in der Natur der Sache be— gründet nachweifen zu fonnen, daß ein Schriftfteller, der unter den Umftänden, wie Marcus, fchrieb, von felbft zu einer gro- ”) Marc. 2, 3. 4 vergl. mit Luk. 5, 18. 19. #*) Marc, 5, 13 vergl, mit Matth. 8, 32. Luk. 8, 33. 5 66 Erſtes Bud. fern Ausführlichfeit der Schilderung, als feine Nachfolger, fich bingeführt finden mußte, Marcus war der erfte, der bie Bes gebenheiten aufzeichnete: nicht blos der Nachklang der Leben« digkeit und anfchaulichen Kraft, die wir in den aus dem eiger nen Munde des Petrus von ihm vernommenen Erzählungen allerdings vorauszufeßen haben, fondern mehr noch das in fol- cher Lage gewiß natürliche Streben, den Erzählungen Geftalt und Farbe, und dadurch) Haltung und Beftehen zu geben, fonnte, ja mußte bei ihm eine gewiffe Fülle des malerifchen Detaild hervorrufen. Bei ihm fo wenig, wie bei andern Ges fchichtichreibern, welche wir darum noch nicht wirklicher Untreue oder Faͤlſchung anklagen, ift anzunehmen, daß diefes Detail alfenthalben mit ferupulöfer Genauigkeit die factifchen Umftände felbft, oder auch nur die von Petrus wirklich erzählten wieder: gebe; vielmehr fallt daffelbe in die Kategorie jener dem Ge: fchichtfchreiber zuzugeftehenden Freiheiten, wodurch insbefondere eine gewilfe Gattung der Hiftoriographie fich einigermaßen der Dichtkunft nähert *). Die Nachfolger des Marcus, welche die Erzählungen als bereits feftftehende und beglaubigte uͤberkamen, fonnten über jene geringfügigeren Umftände fchneller hinweg— gehen, indem fie theil$ das Unbedeutende derfelben erkannten, theild auch wohl jene richtige Einficht in die nur relative Wahr: heit derfelben in ihnen worauszufegen ift, ohne welche fie fich auch in andern Bezuͤgen nicht fo große Freiheiten, wie fie wirk lich thun, theils mit vielen Detailumftänden der Gefchichtserzähs lung, theils mit der Drdnung und Reihenfolge derfelben im Ganzen herausnehmen Fonnten. Daß nun die Darftellung des Marcus und ihr gegenüber die der beiden andern Evangeliften wirklich den Charakter trägt, den wir hier zu bezeichnen verfuchten, Dies aus der Vergleichung *) Bergl. über die Unzuläffigkeit der Forderung einer vollkommenen Treue der Gefhichtserzählung in allen den an fich gleichgültigen Nebenpuneten, die nichts deſtoweniger, wenn ein lebendiges und anfhauliches Bild gegeben werben foll, nicht entbehrt werben kön— nen, die trefflihen Bemerkungen in Leffings befannter Duplik (Werke Bo. 5, ©. 102 ff.) und die Abhandlung von W. v. Hums boldt „über die Aufgabe des Gefhichtfchreibers” (in den Abhand⸗ lungen der Berl, Afademie v. 3. 1821, ©. 305 ff.). Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 67 ihrer drei Werke im Einzelnen herauszufinden, muß freilich dem kritiſchen Urtheile des Leſers überlaffen bleiben. Cine eigentliche Demonftration ift bei Dingen diefer Art unmöglich z nur Finger: zeige für die von einem Jeden, dem ed um eigene Ueberzeugung zu thun ift, felbftftändig anzuftellende Betrachtung laſſen fich geben, und auch in folchen Fann ein hiftorifches Werk von um- faffenderer Zendenz, wie das unfrige, nicht fo weit ins Gin- zelne herabfteigen, wie es ein exegetifches allerdings vermöchte, Nur folgendes Allgemeinere, zunächft die Schreibart de3 Mare cus betreffende, möge hier noch feinen Plat finden, Man fommt darin überein, daß Marcus in feinem griechifchen Styl der am meiften hebraifirende der Evangeliften ift. Wir brauchen nicht erft zu erinnern, wie ungleich näher es liegt, eine Paraphrafe aus hebraifirendem in reines Griehifch anzunehmen, als das Umgekehrte, was in der That wohl das einzige Beifpiel fol- cher Art fein würde, welches die Kiteraturgefchichte aufzuweifen hätte. Aber es laßt fich jener Bemerkung noch eine weitere Aus: dehnung geben, in welcher fie, richtig und ſcharf gefaßt, viel- leicht alles erfchöpfen möchte, was fich nach dieſer Seite hin für die Wahrfcheinlichfeit einer Benugung des Marcus durch die Andern und die Unwahrfcheinlichfeit des Gegentheild fagen läßt. Die Hebraismen unferd Evangeliums felbft find, wenn man will, eine Folge, richtiger wohl, ein gewiffermaßen nothwen- Diges Moment eines allgemeineren und durchgreifenderen Cha- tafterzugs feiner Schreibart, eines folchen, der feinerfeits felbft auf das fprechendfte für die Unabhängigkeit und Driginalität berfelben zeugt. Man Fann diefen Charafterzug nad) der einen ©eite hin ald Unbeholfenheit und Schwerfälligfeit bezeichnen, ald eine folhe nämlih, wie fie aus der Ungewohntheit des fchriftlichen Ausdruds, theils überhaupt, theils in feiner Anwendung auf diefen beftimmten, vor unferm Autor noch nicht in ähnlicher Weife fchriftlich ausgeführten Gegenftand hervor— ging. Nac der andern Seite hin aber trägt der nämliche Zug das Gepräge einer frifchen Natürlichkeit und anfpruchslofen Les bendigfeit, durch welche fi die Darftelung des Marcus auf das fühlbarfte vor allen andern evangelifchen Darftellungen un- terfcheidet. Wir glauben ed verantworten zu Tonnen, wenn wir dad Evangelium des Marcus, troß jener Uebelftände im 5 * 68 Erſtes Bud. Aeußerlichen, dennoch), was die wefentlichen geiftigen Eigen— fchaften des Styls betrifft, das beftgefchriebene aller hiſtori— fhen Bücher des Neuen Zeftaments nennen. Denn wenn ihm gleich die Gewandtheit und leichte Beweglichkeit des Lufas ab- geht (von dem erften und vollends gar dem vierten Evange— lium wüßten wir, was die Schreibart ald folche betrifft, ei— gentlich nicht viel zu rühmen, wenn man nämlich dem erften nicht etwa den Styl der Reden, welche treu überfegt aus dem Achten Matthäus wiedergegeben zu haben fein unfchäßbares Ver— dienft iſt, als den feinigen anrechnen will): fo ift es das gegen, was fich von jenem nicht rühmen laßt, aus einer leben- digen Zotalanfchauung des Gegenftandes, aus einem im Geifte als Ganzes gegenwärtigen Bilde heraus entworfen, und erweckt daher auch, allein unter allen Evangelien, fchon bei einfacher, unbefangener Lectüre, ein entfprechendes Gefammtbild feines In— haltes, während man aus den übrigen folches Bild erft heraus: ftudiren muß. Den Erzählungen des Marcus gegenüber ver- hält fich der Verfaſſer des erften Evangeliums in denjenigen Partien, die beiden gemeinfchaftlich find, mit wenigen Aus— nahmen nur epitomifirend. Da, wo er der Darftellung feines Vorgaͤngers näher bleibt, befleißigt er fich, die Härten deſſel— ben zu mildern, die Idiotismen zu tilgen, insbefondere aber die bei Marcus beftandig wiederkehrende Verbindung durch „Und“ mit mannichfaltigeren und abwechfelnderen zu vertaus fhen. Der dritte Evangelift ift an einigen Stellen gleichfalls Gpitomator, nicht felten jedoch erläuternder Paraphraft, der es recht eigentlich darauf anlegt, die efwas fprode Darftellung des Marcus in Fluß zu bringen, die Eden abzuglätten und dem Zufammenhange im Einzelnen durch allerhand pragmatifche Zwifchenbemerfungen nachzuhelfen. Eine von der Betrachtung der Schreibart und der Dar- ftelung des Einzelnen noch verfchiedene Betrachtung ift die der Compofition und Anordnung des Ganzen. In dieſe ganz befonderd möchten wir das lebte, entfcheidende Gewicht für un- fere Anficht über die Entftehung und das gegenfeitige Verhaͤlt— niß der fonoptifchen Evangelien legen, wie benn fie e8 auch ift, die wir noch über den gegenwärtigen einleitenden Abfchnitt hinaus durch den gefammten Verlauf unferer gefchichtlichen Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte, 69 Darftellung fortzuführen uns befleißigen werden. 3 erhellt aus dem VBorhergehenden, daß wir das zweite Evangelium als eine einfache, aus Einer Quelle gefchöpfte und in Einem Guß — vollendete Compoſition, das erſte und dritte aber als mehrfach zuſammengeſetzte betrachten. Zwar trägt auch das Marcus-— evangelium gar fehr die Spuren feiner Entftehung aus einem | feineswegs geordneten und in fich zufammenhängenden, fondern zeritreuten und fragmentarifchen Vortrage. Es ift nicht wie das Werk eines Augenzeugen, auch nicht wie das Werk eines folhen, der noch unmittelbar Gelegenheit hatte, durch forg- fältig forfchende Befragung. von Augenzeugen, oder auch von Forfchern, die ihrerfeits fchon ein zufammenhängendes Studium aus dem Gegenftande gemacht, die Lüden auszufüllen, jedem einzelnen Theile feine rechte Stelle anzuweifen, und dad Ganze zu einer nicht blos einerfeitS innerlichen, andererfeits blos aͤu— Berlichen, ſondern wahrhaft organifchen Einheit zufammen- zufchliegen. Der Gvangelift, obgleich ihm aus den Erzaͤh— lungen feines Meifters das Ganze eben als ein geiftiges Ganze lebendig vor der Seele ftand, war doch genöthigt, die Bruch— ftüde, aus denen diefes Ganze beftand, auf eine Weife Außer: lic zu verfnüpfen, die nicht umhin kann, auch uns noch be— merklich werden zu laffen, daß es eben nichts als Bruchftüce waren, was er zu verfnüpfen hatte Wir machen auf diefen Umftand aus einem doppelten Grunde mit befonde- rem Nachdruck aufmerkſam. Zuvoͤrderſt weil er es ift, Der be- reits dem Marcusevangelium die Geftalt gegeben hat, zufolge deren auch auf diefes nicht ohne einigen Schein die Hypothefe angewandt werden Eonnte, nach welcher ſaͤmmtliche fonoptifche Evangelien aus der Weberarbeitung einer Reihe von Bruchſtuͤk— fen hervorgegangen fein follen, die zum großen Theile chen vor ihnen fchriftlich vorhanden. und verbreitet waren. Die Art und Weife, wie Schleiermacher diefe Hypothefe in Bezug auf Lukas durchzuführen verfucht hat, findet zwar theilweife aller dings einen Anhalt in der wirklichen Heterogeneität und Durch— kreuzung der Beftandtheile Diefes Evangeliums. Doc) ift bei ſchaͤrferer Betrachtung nicht zu verfennen, daß fie tiefer noch, nämlich allerdings fchon in der Befchaffenheit der Quellen des Lukas wurzelt. Auch bei Marcus fchon, von welchem Lufas 70 | Erftes Bud. einige jener Uebergaͤnge geradezu entlehnt hat, finden fich, na= mentlich in dem erften Theile feines Werkes *), zwifchen den einzelnen von ihm erzählten Anekdoten oder Anefdotengruppen folhe Bemerfungen allgemeinen Inhalts, weldhe Schleier: macher allenthalben für Schluß= oder Anfangsworte jener evan— gelifchen corpuscula nimmt, die nach ihm die Urbeftandtheile der großen Sammlungen, zu welchen er auch fehon un— fern Marcus rechnet, ausmachen follen. Gerade aber bei Mar: cus wird man, wenn man näher zufieht, unfehlbar gewahr werden, wie jene Zwifchenbemerfungen (fie betreffen faft ſaͤmmt— lich die Art und Weife, wie fich der Auf von Sefus verbreitete, wie fich das Volk um ihn zu fammeln begann, Kranke fich an ihn drängten u. f. w.), weit entfernt, die einzelnen Beftandtheile in ſich abzuſchließen, vielmehr diefelben unter einander verknuͤ— pfen, in der Abficht, fie nicht ald eine zufällig aneinander ges reihte Anefootengeuppe, fondern wirklich ald$ eine Gefammter- zahlung erfcheinen zu laſſen. Durch fie und durch manche aͤhn— liche, die er in die Erzählung der einzelnen Anekdoten einvers webt, hat Marcus es erreicht, von dem Auffehen, welches Sefus in Galilda und von Galiläa aus bis nach Serufalem hin machte, von dem allmähligen Zuftromen der Menge zu ihm, von den innigeren Anfchließen der eigentlichen Sünger, und diefem allem gegenüber von der Entftehung der Feindfchaft der Dharifaer und Schriftgelehrten gegen ihn eine anfchauliche Vor: ſtellung zu erweden, welche zu weden die einzelnen Anekdoten, troden aneinander gereiht, für ſich allein unzureichend gewefen wären. Die beiden andern Synoptifer, welche theils diefe Be— merfungen, zugleich mit den befonderen Thatfachen, mechanifch von Marcus entlehnen, theil eben fo mechanifh durch Ahnliche die wirklich heterogenen Stüde ihrer Compofition verfnüpfen, haben dies nicht in gleichem Grade vermocht. Am auffallend- ften aber wird die Bedeutung diefer eingeftreuten Bemerkungen, wenn man einen aufmerffamen Bli auf die Folgen wirft, welche der Mangel derfelben im vierten Evangelium hat. Wir zweifeln nicht, daß Schleiermachers Anhänger dort diefen Mans *) 2 B. Cap. 1, 28. 39. 45. Cap. 3, 6. Cap. 4,3 f. u. ſ. w. Von den Duellen der evangelifchen Gefchichte. 71 gel als einen Beweis für die Einheit und Homogeneität der Erzählung diefes Evangeliums geltend machen werden. Er ift aber in der That nur ein Beweis, daß der Heraudgeber die- fe8 Evangelium minder, ald Marcus, eine Zotalanfchauung des Ganzen der evangelifchen Gefchichte befaß, und einfeitiger fih an das Ginzelne hielt, Wer das vierte Evangelium für ſich allein, ohne Ruͤckſicht auf die übrigen läfe, würde, nicht als ob der Evangelift es fo beabfichtigte, fondern hauptfächlich in Folge jenes Mangels, von der Stellung Sefu zu dem Volk einen ganz falfhen Begriff erhalten. Er würde, durch den In— halt der einzelnen Erzählungen verleitet, auf die Meinung fommen, daß die Gefinnung des Volks gegen ihn durchweg und von vorn herein eine feindfelige war; daß Sefus nur auf Aus genblide die Menge durch) Wunderthaten in Grftaunen ſetzte, übrigens aber mit einem Haufen Sünger eine Zeit lang dem Volksunwillen troßte, bis er demfelben endlich, den er freilich durch unaufhorliche Scheltreden immer aufs Neue wider ſich hervorrief, unterlag. Die zweite Betrachtung, die ſich an unfer Apercu von der Entftehungsart des Marcusevangeliumd natürlich anreiht, betrifft die Art und Weife, wie in demfelben zu den weiteren Bufammenfesungen der andern Synoptifer der Anlaß und die Mög: lichkeit gegeben war. Gewiß hätte an ſolche Zufammenfeßungen nicht gedacht werden fünnen, wenn man nicht dem Marcus- evangelium feine Entftehung aus einer lüdenhaften, fragmenta= rifchen Neihe von Erzählungen angefehen hätte. Aber eben fo fehr leuchtet doch gerade in den Freiheiten, die fich jene Evan- geliften mit ihm nehmen, die Kraft des Widerftandes hervor, welchen die Erzählungsreihe des Marcus, als eine fchon com pacte Maſſe, einer volligen Zerftreuung und Durcheinander: werfung ihrer Beftandtheile entgegenzufegen vermochte. Daß fi, troß allen Abweichungen, ja Widerfprüchen im Befonderen, ein Faden der Erzählung durch alle drei Evangelien hindurch zieht, ift anerkannt. Man hat, zur Erklärung diefer Ueberein- flimmung, auch hier zu der Annahme eined Typus ber Tra— bition feine Zuflucht genommen. ber ſchon diefe Annahme felbft enthielt das ſtillſchweigende Zugeftandniß einer hoͤchſt auf: fallenden Zufälligfeit in diefer Anordnung; da es fonft offenbar | | | 72 Erſtes Bud. näher läge, fich gerade hin auf die factifche, chronologifche Wahrheit derfelben zu berufen. Eben diefe Zufälligfeit nun er= klaͤrt fich ſchon für fich felbft bet weitem natürlicher und unge— zwungener, wenn man an bie Stelle jenes Typus den Einfluß Eines Schriftftellers fest, deffen Werf, von den übrigen zum Grunde gelegt und benust, von felbft auch für fie eine gewiſſe Norm der Anordnung und Gruppirung ihres Stoffes abgab. Sodann aber wird diefe Erflärung zur Evidenz gebracht durch den nicht nachdrüdlich genug hervorzuhebenden Umftand, daß fih die Spur folcher gemeinfchaftliher Norm überall nur in denjenigen Partien findet, die der erfte und dritte Evangelift mit Marcus, nicht in denjenigen, die fie zwar unter fih, aber niht auch mit jenem gemein haben*) Damit diefe hochwichtige und bisher faft allgemein (mit Ausnahme nur etwa derer, welche die, allzu— deutlich als ein Nothbehelf fich Fundgebende, Bemerkung ma— chen: „Marcus habe fich treuer, als die Uebrigen, an die Tra— dition gehalten’’) überfehene Thatſache volftandig in ihrem rechten Lichte erfcheine, fei es uns vergonnt, fie fogleich mit einer andern zu combiniren, die zunächft eigentlich noch Die Schreibart der drei Evangeliften im Einzelnen zu betreffen ſchei— nen kann, die wir aber abfichtlich auf diefe Stelle verfpart haben, weil fie fich mit der eben erwähnten gegenfeitig erlaͤu— tert und ergänzt. Auch in denjenigen Partien, welde alle drei Synoptifer gemeinſchaftlich haben, ift die Ginftimmung der beiden andern immer eine durd Marcus vermittelte: das heißt, die beiden andern ſtim— men in diefen Partien, fowohl was die Anordnung im Gan— zen, ald was die Wortfügung im Einzelnen betrifft, immer nur in fo weit unter fich zufammen, als fie auch mit Marcus zufammenftimmen, fo oft fie aber von Marcus abweichen, weis *) Diefen Sat erinnert fih Verf. irgendwo, von folchen, bie eine Benugung des Marcus zwar durch Lukas, aber nicht auch durch ven Berfaffer des erften Evangeliums annahmen, fo ausgedrückt ge— funden zu haben: „In den Partien, die Lukas mit Matthäus und Marcus gemeinfchaftlich hat, richtet er fich im Ausprude des Ein- zelnen nach Marcus, nicht nah Matthäus.’ Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 73 hen fie (einige unbedeutende Weglaffungen ausgenommen, wo das Zufammentreffen als zufällig angefehen werden kann) jeder- zeit auch gegenfeitig von einander ab. In den andern Par: tien, die fie vor Marcus voraushaben, findet fich unter ihnen zwar Uebereinftimmung genug, aber allenthalben nur eine folche, die in den Sachen und allerdings auch in dem MWortausdrude, nirgends, oder fo gut wie nirgends (einige fcheinbare Ausnah— men *) werden fpäter an ihrem Orte bemerft und erklärt wer: den) eine folche, die in der Anordnung, am wenigften eine folche, die in der Beftimmung des Verhältniffes die ſer Beftandtheile zu den von Marcus entlehnten läge. Hieraus ift ohne Zwei— fel zu fchließen, daß jene Beiden außer Marcus noch eine an— dere gemeinfchaftliche Quelle benußt haben müffen. Aber diefe Duelle wird eine folche gewefen fein, in der fich nicht, wie in der Erzählung des Marcus, eine beftimmte Reihenfolge der Begebenheiten als ein bedeutendes Moment geltend machte, eine folche mit Einem Worte, wie als welche wir eben die Aoyıw des achten Matthäus bezeichnet haben. Die Annahme eines Traditionstypus aber, der unabhängig von Marcus die Rei: henfolge der Erzählungen beftimmt haben Fonnte, wird auch durch Diefe Betrachtung auf das fchlagendfte widerlegt. Obgleich wir, infofern dies alles durch Beifpiele im Ein- zelnen zu belegen noch in das Bereich der Aufgabe, die wir uns gefeßt haben, fallt, diefe Beifpiele erft fpäter, da wo fie fi) in dem eigentlichen Verlaufe der gefchichtlichen Darftellung von felbft darbieten werden, nachfolgen zu laflen gedenken: fo möge doch fogleich hier ftatt vieler andern Ein Beifpiel ange: =) Es gehört dahin ingbefondere die Stellung der Anekdote vom Haupt» manne zu Kapernaum zu der Bergpredigt, Matth. 8 und Luk. 7. Außerdem zeigen die beiden Lehtgenannten noch eine auffallende Vebereinftimmung in der Art und Weife, wie fie (Matth. 12, 27— 30. Luk, 1, 19—23) in das von Marcus 3, 20 ff. erzählte Geſpräch einige dem Lebtern fremde Sätze einverweben. Hier ift anzuneh> men, daß das gefammte Gefpräch fammt diefen Zufäsen fich im bebräifhen Matthäus gleichfalls fand, was auch in der, unferm Mattyäus (12, 22, vergl, 9, 32 ff.) und Lufas (11,14) im Öggen- fate zu Marcus eigentpümlichen Motivirung deflelben feine Bes ftätigung findet. 74 Erfies Bud. führt werden, welches ald Beleg für die verfchiedenen, im Vor: hergehenden gemachten Bemerkungen zugleih und mit einem Male dienen kann. Die Stelle im neunten Gapitel des Mar: cus, vom bdreiunddreißigften Verfe an bis and Ende, gehört zu denen, in deren Zufammenfesung das Element der Zufälligfeit, welches von der Entftehung diefes Evangeliums fich Datirt, auf: fallender noch als anderwärts hervortritt. in Streit der Juͤn— ger über den Vorrang des einen oder andern von ihnen, ben Sefus unbemerkt beobachtet hat, veranlagt ihn zu einem kurzen Befcheid über diefen Gegenftand. Hierauf folgt eine Anzahl anderer Aeußerungen des Herrn, die unter fich felbft und mit jener in einem nur fehr ſchwachen Zufammenhange ftehen, zum Theil in einem folchen, den man nicht unpaffend einen lerifas lifchen genannt hat, das heißt der nur Außerlich durch Die Gleichheit eines Wortes oder einer Wendung beftimmt wird, welche, in dem einen Sabe vorfommend, den Evangeliften an einen andern, worin fie gleichfalls vorfommt, erinnerte *). Zu diefer Stelle findet fich in jedem der beiden andern Evangelien eine Parallelftelle **), und das Verhältniß diefer drei Paralle- len ift im hoͤchſten Grade charafteriftifh und bei jeder andern Deutung, ald der unfrigen, unerflärlih. Wir gehen, um dies nachzuweifen, die Stelle im Einzelnen durch. Der. Anfang enthält bei Marcus einen Detailzug, den die beiden andern weggelafien haben, nämlicy daß Sefus zu Kapernaum in das Haus eintretend die Jünger fragt, was fie unterwegs unten einander gefprochen haben, worauf jene fchweigen, aus Ver— legenheit über den oben gedachten Inhalt des Geſpraͤchs. Of— fenbar ift diefer Zug ein folder, von dem es Eleinlich wäre annehmen zu wollen, daß Marcus ihn auf befonderes Befra— gen ded Petrus ald Berichtigung feiner Vorgänger oder ber Tradition hinzugefeßt habe, während er doch andererfeits durch feine Anfpruchslofigkeit und wahrhaft dramatifche Lebendigkeit *) Eine ähnliche Zufammenfeßung nach ſolchem lexikaliſchem Zuſam— menbange hat vor kurzem Lehrs (in f. Schrift: Quaestiones epi- cae. Regiom. 1837) an einer Reihe von Stellen in den Hefiobifchen "Eeya xal “Husgaı nahgewiefen. ***) Matth. 18, 1 ff. Luk, 9, 16 ff. Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 75 ſich empfiehlt, ohne im mindeften dem Verdacht einer Künfte: lei oder Abfichtlichfeit Raum zu geben. Hätte ihn Marcus abfichtlich hinzuerfunden, fo müßte er es auf Anlaß der Erzählung des Lufas geihan haben, welcher gleichfalls, aber ohne jenen detaillirteren Bericht, Jeſum den Streit der Juͤnger bemerken laßt *), während der erfte Evangelift die Jünger geradehin fra: . gend einführt, welcher unter ihnen der Größte im Himmel: reich fei. Wie ungleich wahrfcheinlicher aber ift es vielmehr umgefehrt, daß diefe beiden das in der Darftelung ihres Bor: gaͤngers ihnen unweſentlich Scheinende wegließen, Lufas dabei jedoch die Spur der urfprünglichen Wendung ftehen ließ, welche der andere ganz austilgte. Indeß, hier geben wir, fo un: wahrfcheinlich es ift, allenfalls noch die Möglichkeit eines ent— gegengefesten Berhältniffes zu; bei dem weiter Folgenden fällt für den unbefangenen Betrachter auch diefe Moglichkeit weg. Der Befcheid, den Sefus giebt, lautet: „Will einer ein Gr: fter fein, der fei ein Lebter, und ein Diener Aller.” Darauf folgt, ohne daß ein Zufammenhang deutlich würde, die Er: zählung, wie Jeſus ein Kind nahm, es unter fie ftellte, und den Arm um daffelbe fchlingend, fprach: „Wer fich eines fol- chen Kindes in meinem Namen annimmt, der nimmt fich mei- ner an, und wer fich meiner annimmt, der nimmt fich nicht meiner, fondern deffen an, der mich gefandt hat.’ Wie nun benehmen ſich hier die beiden andern? Wir antworten: auf eine Weife, die fchwerlich eine andere Erklärung zuläßt, als aus dem (verunglücten) Beftreben, in das bei Marcus Zufam: menhanglofe einen Zufammenhang hineinzubringen. Beide naͤm— ich gehen von der Vorausfehung aus, Daß, was Sefus mit dem Kinde vornimmt, einen Bezug auf den Nangftreit der Sünger haben müffe. Diefen Bezug drüdt der erfie Evangelift, Funftlos genug, fo aus, daß er die allgemeinern Worte des *) Ein philologifcher Freund, welchem der Verf. feine Anficht über diefe Stelle mittheilte, machte ihn Darauf aufmerffam, wie au die Worte des Lukas: dv Tov Örakoyıouov ı7S napdias auriw ganz unverkennbar auf die Erzählung des Marcus hinweifen, Oder meint man, daß auch hier die Leberlieferung einen Typus gegeben haben foll, nach welchem fowohl Marcus feine Erzählungen, als Lukas diefe feine Worte einrichtete ? 76 Erſtes Bud. Befcheides bei Marcus in folgende fpeciellere verwandelt: „Wer ſich demüthigt, wie dieſes Kind, der ift der Größte im Himmelreich.“ Bon der Unwahrfcheinlichkeit, daß Jeſus diefe Worte wirklich gefprochen habe, werden wir an einem andern Orte noch befonders fprechen. Beunruhigt nun von dem Bewußt— fein, Sefu erdichtete Worte untergelegt zu haben, fchiebt Der Evan gelift demfelben ein paar andere, wirklich von ihm, aber in eis nem andern Zufammenhange *) gefprochene unter, die er zu diefem Behufe aus jenem Zufammenhange ausmerzt **) und hier herübernimmt: „Wahrlich ich fage euch, wenn ihr nicht ums fehrt und werdet wie die Kinder, fo Fommt ihr nicht in das Himmelreich.“ Folgen aber läßt er auf jene von ihm erdichteten die Worte über die Aufnahme der Kinder, die er nunmehr— ob mit Necht, läßt fich bezweifeln, — beffer, als bei Marcus motivirt meint. — Von diefen Zurüftungen des (Pfeudo-) Mat: thaͤus, um einen Zufammenhang zwifchen dem Zufammenhang- lofen zu erfünfteln, weiß Lukas nichts; dagegen ergreift er ei— nen andern, zwar Fürzeren, aber noch wunderlichern Ausweg, um benfelben Zwed zu erreichen. Gr kehrt die Ordnung der Saͤtze um, läßt die Darftellung des Kindes fammt den über deffen Aufnahme gefprochenen Worten vorangehen und darauf mit einem „Denn“ den Ausfpruc folgen: „Wer der Kleinfte unter euch ift, fol der Größte fein.’ Fürwahr ein fonderbares „Denn,“ welches nur ein fo oberflächlich, wie Lukas hier und anderwärtd, über den Zufammenhang Hinwegeilender feßen Eonnte! — Darf Referent irgend feinem Fritifchen Gefühl vers trauen: fo muß er die Behauptung ausfprechen, daß, auch wenn wir die Darftellung des Marcus nicht hatten, jener dop— pelte, offenbar erzwungene und erfünftelte Zufammenhang bei Matthäus und bei Lukas auf die Hypothefe einer beiden zum Grunde liegenden Darftellung hinführen würde, die, in fich felbft zufammenhanglos, aber zum Suchen eines Zufammen- hangs auffordernd, jeder der beiden Ueberarbeiter auf feine Weiſe durch feine Paraphrafe zu verbeffern fuchte. Eine folche Dar- ftelung haben wir nun bei Marcus wirklih. Hier ftehen die *) Marc. 10, 15, Luk. 18, 17. *“*) Matth. 19, 1A. Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 77 beiden Säße, der erfte, der den Befcheid auf den Rangftreit, und der zweite, der die Handlung in Bezug auf das Kind ents hält, in der That ohne inneren Zufammenhang (nur, nach der Weiſe des Evangeliften, durch ein „Und“ verbunden) neben einander, und Keiner, der etwas weiter vorwärts blidt und gewahr wird, wie der Evangelift noch fernerhin eine Neihe voͤl— lig heterogener Ausfprüche nur Außerlich, nach zufälligen Merk: malen, durch die fie fich der Erinnerung darboten, an einander knuͤpft, wird zweifeln, daß fie keineswegs zufammengehören, daß vielmehr Jeſus, was der eine und was der andere aus— fagt, ohne allen gegenfeitigen Bezug, wahrfcheinlih zu ganz verfchiedenen Zeiten gethan und gefprochen hat. Aber wie diefe beiden Säbe bereits die nächften Nachfolger des Marcus mit dem Schein eined Zufammenhangs geäfft haben, fo Affen fie noch jest die Ausleger, und man zieht es vor, gegen alle Re: geln einer gefunden Kritit, aus den erfünftelten Wendungen des Matthäus und des Lufas die natürliche des Marcus, ftatt umgekehrt, hervorgehen zu laſſen. — Doch, das Auffallende der Art und Weife, wie Matthäus und Lukas an diefer Stelle den Marcus benußt haben, fteigert fich noch. Der Ausdruck „in meinem Namen’’ (st To Broueri mov), ber. in dem zweiten jener Sähe vorfam, erinnert unfern Gvangeliften an einen Aus: ſpruch, den Jeſus auf Anlaß eines durch feinen Sünger Sohans nes ihm hinterbrachten Falles gethan hatte, wo ein Fremder durch- Gebrauch des Namens Sefu Dämonen ausgetrieben, Diefe Anekdote laßt Matthäus weg, Lukas aber behält fie, etwas abgekürzt, bei. Hier nun koͤnnte, Diefen Zug für fich allein betrachtet (die Verkürzung abgerechnet, die fich beffer, als um: gekehrt bei Marcus die Erweiterung, erklären läßt), eben fo gut Marcus dem Lukas, wie Lukas dem Marcus nachgefolgt fein. Aber was fagen diejenigen, welche ein für allemal den Mareus zum Nachtreter der andern machen wollen, dazu, wenn wie unmittelbar darauf eine gleich Lexikalifche Verbindung dem Marcus und Matthäus gemeinfchaftlich, bei Lukas aber weg. bleibend finden*),? Nachdem nämlich, diesmal nicht der Außere, #) Beide Ierifalifhe Verbindungen find auch von Strauß bemerft worden. (2. 3. erfte Aufl, 1, ©. 615). 78 Erftes Bud. fondern der innere Gedanfenzufammenhang, an den Ausfpruch über die Aufnahme der Kinder anfnüpfend, auf einen verwand- ten XAusfpruch *) hingeführt hat, in weldhem das Wort „ver—⸗ führen’ (oxavdadıgeıv) vorfommt, fo erinnert fi) auf Anlaß diefes Wortes der eine diefer beiden Govangeliften eines, der andere zweier andern Ausfprüche, in denen daffelbe Wort gleich: falls uns begegnet. Der fi des einen erinnert, ift Marcus, der fich der zwei erinnert, der Verfaffer des Matthäusevange- liums. Unter diefen beiden Ausfprüchen ift der beiden Evange— liften gemeinfchaftliche **) ein folcher, welcher, man betrachte ihn wie man wolle, fchlechterdingd in den Zufammenhang, in welchem er vorgebracht wird, nicht paffen will, während ber dem Matthäus eigenthümliche ***) fehr gut zu dem nächft vorher: gehenden paßt, und gar wohl mit ihm zu gleicher Zeit gethan fein kann, wie denn auch Lukas an einem andern Orte +) beide (aber mit beiden nicht auch jenen dritten) zugleich gethan werben läßt. Nun frage ich: was für ein Verfahren heißt dies in Marcus vorausfegen, wenn man ihn erft rein zufällige lexi— Falifche Verbindungen aus Lufas und Matthäus zufammenfus chen, dann eine wirklich fachgemäße, die fich bei Letzterem dar: bot, verfehmähen, dagegen aber die unangemeffene aufnehmen, ja nicht blos aufnehmen, fondern durch Ausmalen ins Grelle des ohnehin paradoren Ausspruch noch unangemefjener machen läßt? AS eine folche Ausmalung ins Grelle nämlich würden wir den von Marcus gegebenen Ausdrud des Satzes vom Ab— hauen der Hand und des Fußes und vom Ausreißen des Auges unftreitig bezeichnen müffen, wenn wir den Ausdrud bei Mat: thaus für den urfprünglicheren, was er nicht ift, erfennen woll- ten. Dagegen erklärt fich alles auf das natürlichfte, wenn wir umgefehrt eine Benußung des Marcus, wie in jenen erftern Berfnüpfung durch Lukas, fo in diefer letztern durch Matthäus annehmen. Beide Verbindungen zugleich aufzunehmen war dies fen Evangeliften, die hier allerdings den wirklichen Sufammen- *) Marc. V. 42. Matth. V. 6. **) Marc, DB. 43—48, Matth. DB. 8. 9. +) Matth. V. 7. +) Wk, 17, 1 f. Zn, var Bon den Quellen der evangelifhen Gefchichte. 79 bang eines Gefpräch! zu finden das Vorurtheil hatten, zu viel, und fo wählte fich denn der eine die eine, der ande: re die andere aus. Einige der von Marcus hier zufammen: gebrangten Ausfprüche fanden fie, abgetrennt oder einem an— dern Zufammenhange einverleibt, auch in der ihnen eigenthuͤm— lichen Quelle (den Aoyioıs des Matthäus). So namentlich den Ausspruch über die Verführung der „Kleinen“, welchen der erfte Evangelift in feiner vollftändigen Geftalt hier einſchaltet, Lukas aber einem andern Zufammenhange vorzubehalten vorzieht. Auch der durchaus heterogene, nur lexikaliſch daran gefnüpfte, paradore Ausspruch fand fich in jener Duelle, und daß unfer erftes Evans gelium, welches denfelben bereit aus jener Quelle in dem Zu: fammenhange, dem er unftreitig Schon dort einverleibt war, geges ben hatte*), ihm nichts deftoweniger an gegenwärtiger Stelle noch einmal bringt, ift ein Umftand, der wie ausdrüdlich dazu be- ſtimmt erfcheint, der von und unfernommenen Darlegung des wah— ven Verhältniffes der drei Evangeliften zu einander die letzte Beſtaͤ⸗ tigung zugeben. Denn eine fo auffallende Wiederholung, wie gerade dieſes Sabes, den wegen feines fchroffen Ausdrucks der dritte GEovangelift lieber ganz hat weglaffen wollen, bedarf unftreitig einer Erklärung; und welche Erklärung Fonnte näher liegen, als eben diefe, daß er ihn in zwei unterfchiedenen Quellen, in ver- ſchiedenem Zufammenhange auögefprochen vorgefunden hatte**)? *) Matth. 5, 29 f. **) In feiner Schrift über die Glaubwürdigkeit der evang. Gef. weit Tholud (S. 248 ff.) in einer geiftvollen , fehlagenden Polemik die Berfehrtheit der Leider noch immer fo beliebten Grieg- bach'ſchen Hypotheſe nad. Als Beleg für die Undenkbarkeit einer Paraphrafe der andern Spnoptifer durch Marcus führt er (S. 252) bie der gewöhnlichen Meinung nad) für diefe Anficht befonderg über« zeugende Parallelftelle Mare. 1, 21—28. Luf. 4, 31 —37 an, und fügt hinzu: „Welchem Schriftfteller follte es einfommen, beim Ex— eerpiren eines Andern, wo biefer zaryider hat, ftatt deffen, &is- mogsvovraı zu fchreiben, wo diefer eiwav, ftatt deffen omapafar, wo der Zyivero Haupos, ein Edaußydnoev an bie Stelle zu feßen u. ſ. w.? Einem Plagiarius, der feinen Diebftahl nicht will mer— fen laffen? Einem englifchen Grilfenfänger, der den Schnitt feines Rodes ſchon darum abändern läßt, weil ein Anderer denſelben bat? Ya, aber einem ehrlichen, einem vernünftigen Danne doch 80 Erſtes Bud. Mit diefer zuleßt gemachten Bemerkung haben wir nicht et« wa nur für diefen einzelnen Fall eine Beftätigung unferer Anficht fiherfih nicht’. — Es könnte nun fheinen, als müßten diefelben Bemerkungen auch für die umgefehrte Annahme einer Benußung des Marcus durch Lufas gelten, und wahrfcheinfich find fie von dem DBerf. auch fo gemeint worden. Wir halten es daher nicht für unangemeffen, ausbrüdlich an jener Stelle ven Verſuch zu machen, die Denkbarfeit, ja Waprfcheinfichfeit des entgegengefeßten Berhältniffes von jenem, gegen welches Tholuck mit Recht ans kämpft, nachzumweifen. Zuvörderſt die allgemeine Bemerfung, daß, wo einmal zum Behufe der DVerfehmelzung einer Schrift in eine umfaffendere eine epitomifirende Paraphraſe derſelben beliebt ift, da, in Folge fehon der Gewohnheit freierer Benutung, von felbft, auch ohne Grillenfängerei oder Abficht des heimlichen Plagiats, allerdings auch manche gleichgültige Beränderungen fich einfinden werden; tie fich dafür in manchen neuern Schriften, namentlich hi- ftorifchen, wo dergleichen Benußungen oft nicht umgangen werben fönnen, mit leichter Mühe die Belege finden ließen. Aber was bie vorliegende Stelle betrifft, fo haben wir, diefes Zugeftändniß nicht einmal nöthig; denn es laſſen ſich für alle einzelne Abweichungen des Lukas von Marcus, fo geringfügig diefelben find, dennoch zu— reichende Gründe angeben. 1) V. 31 (Luk) xzaryider für siero- osvovro: iſt, was nicht zu überfehen, zugleich die Verwandlung des Plurals in den Cingular, des Präfens in den Aorift. Erfte- res, weil Lukas im Borhergehenden von Jefus alfein, Marcus zus gleich von den neuangeworbenen Jüngerpaaren gefprochen hat, letz— tereg, um die Gleichheit der Conftruetion mit dem Folgenden her- zuftellen. 2) Die Vertaufhung des ersmogsisohe: mit zarfpysodaı, erklärt fih Daraus, daß Lufas unmittelbar vorher (V. 30.) das Wort Emrogsvero gebraucht hat, die Weglaſſung des udews aber daraus, daß Marcus von einem Eintritt in Kapernaum nach einem Spapiergange am Eee gefprochen hat, Lukas aber von ber Ueber— fievelung aus Nazareth nach Kapernaum fpricht. So auch ſetzt er av dıdaoxuw für Edidaoxe, um die Gewohnheit des Lehreng zu be- zeichnen, bie Mareus bereits durch den Plural oaddanır unvoll- ftändig angedeutet hatte, 3) zsiceAdwv sis 77V ovvayaynv bleibt weg wegen des vorangehenden zarzAder. A) V. 32, oru Ev EEov- ola 7v 6 Aoyoc avrov für 7v yap dıdaonmv avrois ws LEovolan Fyov als die leichtere und gefälligere Wendung, da nach dem un- mittelbar vorangehenden Zmı ri dıdayn avrov die Worte des Mar- cus etwas Ungelenfes zu haben fehienen. Damit mußte aber zus gleich das zei ouy os or yoauuareis wegbleiben, was doch bei Mar- eus einen höchft fprechenden und befebenden, nichts weniger als er- JF Von den Quellen der evangeliſchen Geſchichte. 81 gewonnen, ſondern es hat ſich uns unerwartet noch eine neue Gattung von Beweismitteln eröffnet, die wir für die von und fünftelten, fondern durchaus charakfteriftifchen Zufaß bildet, den auch der Berfaffer des erſten Ey. aufbewahrt hat, indem. er bie Worte des Marcus aus diefer von ihm mweggelaffenen Erzählung auf den Schluß der Bergpredigt (Matth. 8, 28 f.) überträgt. 5) V. 33 corrigirt Lukas vermöge feiner beffern Kenntniß des Grie- Shifchen einen Hebraismus des Marcus (avdewros Lv areiuarı axadagrw). 6) Die Verwandlung des orapafav in öryav DB, 35 und die Hinzufeßung des uydev Blawav vergrößert das Wunder, aber verallgemeinert zugleich die Vorſtellung yon ihm: auf eine Weiſe, die bei Lukas, dem die Anſchauung folder Wunderheilune gen fihon in die Ferne gerüdt und das Charakteriftifche jener Züge unverftändfich geworben war, Leicht erklärlich ift. Eben daher fiheint die Ilebertragung des pw weyaAn von dem entfliehenden Getfte auf die erfie Anrede des Dämonifchen (V. 33) zu rühren, 7) V. 36 Eydvsro Yaupos Emi mavras, var ovvehdhovv ıroos ahdrkovs, Teichtever und glatterer Ausprud für Edaußndnsav sravrss, Wors ovlnrsiv moos avrovs. 8) dis 0 Aoyog ovrog; für. ri Zorı rovro; tie 7) dıdayn 7 za avın ; weil nicht von einer Lehre im eigent- lihen Sinne die Rede iſt; doch würde Lukas fchwerlich auch Aoyos gebraucht haben, wenn er nicht feines Vorgängers dıdayn vor Aus gen gehabt hätte, das er ſchon V. 32, dort auf angemeffenere Veife, mit Aoyos vertaufcht hatte, 9) EE£pyovras für unaxovovoew, weil von einer andern Art des Gehorſams der Geifter Feine Probe gegeben ift. 10) V. 37 7xos für «ron. der. gebräuchlichere griechifehe Aus— druck. 11) ebendaf. noch einmal Weglaffung des dus, weil, wie Lufas richtig bemerkt hatte, ein Ruf nicht plötzlich fich verbreitet. 12) eis mavra Tomov a75 megıyogov ftatt sis oAmv mv megiyugov a7 Takıhalas, weil die Bemerfung weder auf Galiläa be- fchränft, noch (die andere mögliche Bedeutung diefes Genitivs) Ga- liläg davon ausgefchloffen werben ſollte. — Was aber gleichfalls in diefen Worten für die von uns behauptete Entlehnung fpricht, ift die bei Lukas, wie bei Marcus, ftets (fogar noch einmal Hfter) wiederholte Berbindung durch zur. Diefe findet fih zwar hin und wieder auch in folchen Theilen des dritten Ev., welche nicht aus Marcus entlehnt find; aber aus der Apoftelgefih., insbefondere aus dem lebten Theile derfelben, wo Lukas ohne Borgänger, aus Aus topfie Schreibt, fehen wir, wie diefelbe feiner natürlichen Schreibart durchaus fremd iftz fo daß alfo die Vermuthung entiteht, daß er beim Schreiben des Ep, jene Gewohnheit unwillkührlich (wie folche Aneignung feinem flüchtigen, gewandten Wefen fehr gemäß erfcheint), von Marcus angenommen habe, 6 82 Erftes Bud. behauptete Art und Weife der Zufammenfesung unferer Evans: gelien benugen fonnen. Vorzuͤglich im erften Evangelium läßt fi eine ganze Neihe fo zu fagen von Doubletten einzelner Aus— fprüche de8 Herrn nachweifen, und zwar von folchen, wo das eine Gremplar derjenigen Grzählungsreihe angehört, welche die— fes Evangelium mit Marcus gemein hat, während das andere fi) aus jener andern Hauptquelle gefchöpft erweilt, von wel cher das Evangelium feinen Namen trägt. Namentlich die fo- genannte Bergpredigt enthält eine beträchtliche Anzahl von Upophthegmen, die bei Marcus gleichfalls, entweder in dem gediegenen Zufammenhange eined Gefprächd oder einer Bege— benheit, oder auch, wie der vorhin erwähnte, nur äußerlich an andere angefnüpft vorkommen, Aber auch in den übrigen bei Matthäus zu längeren Reden zufammengeftellten Spruchfamm: lungen, 3. B. in der Abfendungsrede an die Apoftel und der Verwuͤnſchungsrede der Pharifaer, ja auch ald einzelne Anek— doten vorgetragen, kommen folche in nicht geringer Anzahl vor’). Weit in den meiften diefer Falle bringt der Evange— lift, wenn er (wie es in der Negel fo trifft) die Gnome aus Matthäus fchon früher gegeben hat, diefelbe da, wo er auf Die Stelle des Marcus ſtoͤßt, welche fie gleichfalls enthält, dem— ungeachtet noch einmal; nur felten erinnert er fich der früher fchon beigebrachten und hält fie beim zweiten Male zuruͤck. Dies bringt die Funftlofe Compofition des Evangeliums fo mit ſich; die Heberfegung der Apophthegmen des Matthäus ift wahrfchein: lich faft überall eine wöortliche und auch ihre Ordnung eine jo wenig wie möglich geftorte, die Paraphrafe des Marcus aber, jo abfürzend fiein den erzählenden Theilen fich verhält, will doch auch von den durch Marcus berichteten Ausfprüchen des Herrn fo wenig als möglich verloren gehen laffen und fcheut Daher feine Wiederholungen, — vielleicht in der Meinung, daß der *) Eines der auffallendften Beifpiele diefer Art: die im erften Ev. doppelt (12, 38 ff. 16, 1 ff. das zweite Mal nad Mare, 8, 11 f.) erzählte Forderung der Pharifäer nach einem Zeichen vom Him— mel, — Die übrigen Belege zu unferer Behauptung f. unten im fünften Buche, wo wir jeden Fall diefer Art einzeln hervorheben und beleuchten werben, ee. Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 83 Herr einen und denfelben Ausfpruch wohl auch doppelt gethan haben koͤnne, vielleicht auch in der achtungswerthen Ueberzeu- gung, daß auch in den befondern Wendungen und Umftänden, unter denen der Ausſpruch jedesmal überliefert wird, eine Be— deutung liegen koͤnne. Seltener find folche Wiederholungen bei Lukas, wiewohl fie auch hier nicht ganz fehlen*). Diefer naͤm— lich pflegt in folchen Fällen meiftens den Bericht des Marcus zu übergehen und das Apophthegma in der Geftalt, wie er es von Matthäus überfommen hat, Doch nach feiner freien Weife, in einen felbft beliebten Zufammenhang hineingetragen oder anefdotenartig aufgeftußt zu überliefern. Dies führt uns darauf, noch mit Wenigem des gegenfeiz tigen VBerhältnifjes der beiden andern Synoptifer zu einander, abgefehen von ihrer gemeinfchaftlichen Beziehung auf Marcus, zu gedenken. Wir haben bereit3 angemerft, daß wir dieſes Berhältnig für ein unabhängiges erkennen, unabhängig nämlic) in der Benutzung der gemeinfchaftlichen Quellen durch jeden der beiden, nicht aber in dem Sinne, ald ob jeder von bei: den, durchgehends oder dem großern Theile nach, andere Quel- len, al3 der andere, benußt hätte, Nicht nur Marcus ift bei- den gemeinfchaftliche Duelle, fondern, unferer beftimmteften Ueberzeugung nach, auch die Spruchfammlung des Matthäus, Ob letztere in ihrer Urfprache, oder ob eine von beiden gemein: ſchaftlich benußte griechifche Ueberfekung vorauszufeken fei, was gen wir nicht zu entfeheiden. So viel fällt nicht ſchwer zu be⸗ merken, daß die Abweichungen der beiden Evangeliften von eis nander, was den Wortaus druck betrifft, im Ganzen grö- Ber find in den Theilen, wo beide aus Matthäus, als wo fie aus Marcus gefchöpft haben, Die leßteren unftreitig find es, wo nicht einzig, Doch jedenfalls hauptfächlich, aus denen man fihon fo vielfach den unftreitig berechtigten Schluß gezogen hat, daß bie Uebereinftimmung der Synoptifer unter einander auf jede andere Meife, als durc die Annahme einer Benukung, entweder des einen durch Die andern, oder einer gemeinfchaftlichen griechifchen Quel- le, unerfiärbar fei. Indeß auch in Bezug auf die andern Theile *) 3.8. der Spruch son dem Licht auf dem Leuchter Luf, 8, 16 nach Mare. 4, 21 und Luk. 11, 33 nach Matth. 5, 15, 6* 84 Erftes Bud). iſt das Verhaͤltniß fich nicht überall gleih, fondern hin und wieder auch hier die Uebereinftimmung fo auffallend, daß wir les Kennern der hebräifchen und aramäifchen Sprache überlaffen müffen, den entfcheidenden Ausspruch zu thun, ob möglicherweife dennoch folche Uebereinftimmung auch auf dem Wege einer gegenfeitig von einander unabhängigen Ueberfekung herbeigeführt werden Fonnte, Auf das Beftimmtefte aber müf- fen wir und jener neuerdings beliebt gewordenen Hypothefe ent- gegenftellen, als habe Lukas einen Theil feiner Grzählung, und darunter namentlich ſolche Partien, deren Inhalt fich auch ‚bei Matthäus findet, aus dem Bericht von Augenzeugen ge— ſchoͤpft, die ihn in den Stand ſetzten, treuer und vollftändiger als jener zu erzählen. Bekannlich ift diefe Meinung hauptfäch- lich von Schleiermacher ausgegangen, der fie in feiner Arbeit über Lukas allenthalben im Einzelnen zu begründen fuchte. Es ift nicht zu zweifeln, daß der berühmte Theolog felbft von ihr würde zurücgefommen fein, wenn es ihm vergönnt gewefen wäre, das treffliche Apereu, welches er fpäter. über das Zeug- niß des Papias und über die Beichaffenheit des Matthäus: evangeliums gefaßt hat, weiter zu verfolgen. Diefes, wie es ihn bereit3 zu der Anerfenntniß geführt hatte, daß wir in un— ferm Matthäus, wenn nicht die ganze, doc jedenfalls einen großen Theil der Spruchfammlung des Achten Matthäus befi- gen, würde ihn bei genauerer Prüfung unfehlbar dahin ge— bracht haben, auch dasjenige zuzugeftehen, was er in feiner erften aus diefem Apercu hervorgegangenen Abhandlung *) frei— Yich noch in Abrede ftelt: daß auch Lukas diefe Sammlung, fei es unmittelbar, oder mittelbar, benußt haben muß. Alzu auffallend ift es, wie mit ‚wenigen Ausnahmen Lukas faft jeden Ausſpruch, den das erfte Evangelium aus der ihm eigen- thuͤmlichen Duelle giebt, fehr oft in den Worten und Wen- dungen, überall aber in dem Sinne zufammentreffend, gleich- falls hatz wie er wenigſtens an Einer fehr auffallenden Stelle, der einzigen, wo auch im erften Gvangelium eine beftimmte, aus dem Achten Matthäus entlehnte Folge der Erzählung *) MWerfe, 3b. 2, ©. 383. Von den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 85 hindurchblickt, auch in dieſer Erzählungsfolge Hand in Hand mit ihm geht?); wie er aber in den häufig ‚genug vorfom- menden Fällen, wo er aus einem Zufammenhange bei Mat: thaus einzelne Bejtandtheile wegläßt, diefelben entweder ſchon vorausgenommen hat, oder fie, oft wo man es am wehigften erwartet, nachbringt**). Das leßtere freilich wirde Dann we— nig beweifen, wenn wir Grund hatten zu der (gar mancher Hypothefe über unfere Evangelien unbewußt zum Grunde lie genden) Anficht, als ob der Reichthum der Ausfprüche, Neden und Gleichniſſe des göttlichen Meifters in irgend einem Sinne durch unfere Evangelien für erfchöpft gelten fonne. Dann nam: lic) würde man das Zufammentreffen der Evangeliften in der Auswahl der einen und felben Ausfprüdhe nur natürlich finden fonnen. Aber jene Vorausfegung felbft muß fich jedem, der fie nur zum Bemwußtfein bringt, als eine fo auffallend unrich- tige, der Reichtum unferer evangelifhen Schäße zu dem Reichthume des ohne Zweifel von Jeſus wirklich Gefprochenen als ein fo vollig unangemeffener erweifen, daß es für fie kaum noch einer ernfthaften Widerlegung bedarf, Keinem irgend auf: merkfamen Betrachter kann es entgehen, daß Das Zufammen: treffen des erften und dritten Evangeliums in der Auswahl des von beiden Erzählten fich fchlechterdings auf Feine andere Wei- fe, als aus einer Gemeinfchaftlichfeit der Quellen beider erflä- ren läßt. Wo aber wirklich ein Apophthegma des erften Gvan- geliums bei Lukas ohne Parallele bleibt: da findet fich in vielen, vielleicht in den meiften wenigftens derjenigen Falle, in denen fich Fei- ne Abfichtlichfeit des Weglaffens vorausfegen läßt, Daß daffelbe auch aus innern Gründen verdächtig, und fehwerlic) aus dem ächten Matthaus, fondern wahrfcheinlich aus minder lauteren Duellen gefchöpft iſt ). — Was zu jener Anficht verleitet hatte, war *), Wir meinen die fchon vorhin berührte Aufeinanderfolge der Berg» predigt und der Anekdote vom Hauptmann zu Kapernaum. ##) Das auffallendfte Beifpiel diefer Art giebt vie Bergpredigt. Ein fehr überrafchendes aber f. Matth. 11, 2 f. vergl. mit Luk 7, 29. 16, 16. **5) Unter den Beifpielen einer Weglaffung ächter Ausſprüche des Maͤtthäus bei Lukas ift eines der auffallendften wohl das fon vor- u JB — 2 86 Erſtes Buch. hauptſaͤchlich der Umſtand, daß eine nicht unbetraͤchtliche Anzahl von Sentenzen, die bei Matthaͤus unmotivirt, in unpaſſender Verbindung, oder nachlaͤſſig mit einander zuſammengeſtellt vor— kommen, bei Lukas in eine ihnen ſcheinbar angemeſſenere Umge— bung verlegt werden. Mit Recht aber haben neuerdings be— ſonders Strauß und de Wette darauf hingewieſen, wie es faſt in allen dieſen Faͤllen nur der oberflaͤchliche Schein einer beſſeren Motivirung oder einer richtigern Verbindung iſt, was Lukas vor Matthäus voraus hat. Wie vollig illuſoriſch es ſei, in jenen Gombinationen des Lukas allenthalben, wie namentlich Schleier: macher fo gern thut, Spuren einer Augenzeugenfchaft der vers meintlich ihm eigenthümlichen Berichterftatter bemerfen zu wol— len*), wird man am beften dann gewahr, wenn man den Ber- ſuch macht, zu unmotivirt bleibenden Ausfprüchen, fei es bei Lu— kas felbft (denn auch da finden fich deren noch zur Genüge), oder bei andern Gvangeliften, Veranlaffungen felbft hinzu zu erdenfen. Es fallt nichts weniger als fchwer, deren folche zu finden, Die ſich nicht im mindeften fchlechter ausnehmen, als die meiften der von Lufas felbft gegebenen, die gerade eben fo aufs Gerathewohl er: funden und aus der Luft gegriffen find, wie jene. Lukas ift ein pragmatifirender Gefchichtfchreiber, der fich, ohne die Abficht zu ver: faͤlſchen, mit feinem Stoffe diefelben Freiheiten herausnimmt, wie hin erwähnte Matth. 5, 29 f. Aber hier hat Lukas, wie fehon oben angemerkt, auch die gleichlautende Nevde bei Mare, 9, A3 ff. Parall, Matth. 18, 8 f. weggelaffen, und zeigt dadurch die Abfichtlichfeit ſolches Weglaſſens. Diefelbe Abdfichtlichfeit mag auch bei andern Weglaffungen obgemwaltet haben, wo Lukas Gleichniffe des Matthä- us, wegen ihrer foheinbaren Aehnlichkeit mit andern, überflüffig meinte, was feinem flüchtigen Charakter und der Art, wie er auch fonft mit den Ausſprüchen des Herrn umgeht, gar wohl entfpricht. Für unächt aber halte ich folgende bei Lukas fehlende Ausſprüche: Matth. 12, 40:16, 17 — 19, 17,4 — 271.18, 15 rl — 46,, worüber ich, wie über fo manches andere hier blos Anges deutete, auf die weiter unten folgende Ausführung verweiſe. *) In einigen Fällen findet ſich jedoch auch fhon nach jener frühern Anfiht Schle. das Umgekehrte. Sp will Schl. herausgefunden ha— ben, daß Matthäus bie Bergpredigt von einem ſolchen Berichter- Ratter haben müffe, der „einen günftigern Platz zum * hatte,“ als der Berichterſtatter des Lukas. Nu ei Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 87 fonft ohne Ausnahme die Sefchichtfchreiber der Alten es mit dem ihrigen thaten. Wenn zwifchen ihm und diefen infofern ein um— gefehrtes Verhältniß ftatt findet, als letztere meift zu den Bege- benheiten die Neden hinzuerfanden, während er vielmehr zu den Neden die Begebenheiten hinzuzuerfinden liebt, fo liegt hiervon der Grund in der verfchiedenen Befchaffenheit der Quellen, wel: che dem einen und welche den andern gegeben waren, Allerdings konnte die Spruchſammlung des Matthäus, nachden die Rela— tion des Marcus vorangegangen war (vorher freilich lag diefer Gedanke ferner, und Marcus hat, wie wir fehen, den Typus zu der gefammten evangelifchen Gefchichtfcehreibung gegeben), zu ei: ner pragmatifchen Behandlung folcher Art auffordern, und der übrige Stoff, den Lukas noch, wahrfcheinlich durch mündliche Mittheilungen, überfommen hatte, fügte fich gleichfalls in fie hin- ein. Sn der Apoftelgefhichte indeß fehen wir, wie unfer Evan— gelift da, wo es die Gelegenheit giebt, auch das Erfinden von Reden nicht verſchmaͤht. Es dürfte nicht fehwer fallen, in den Reden, die er dort dem Petrus, dem Paulus, dem Stepha— nus, dem Gamaliel u. U. in den Mund legt, genau eben fo einen und denfelben, dem Gefchichtfchreiber eigenthuͤm— lichen Redetypus nachzumeifen, wie etwa in den Neben des Li— vius ). Ein Beifpiel wirklicher Gefchichtdarftellung aus Aus genzeugenfchaft giebt und Dagegen, — die auch hier eingeftreuten Reden abgerechnet, welche übrigens gerade hier einige Züge von wirklich individueller Wahrheit enthalten mögen, — Lukas felbft in der fpätern Hälfte der Apoftelgefchichte. Die Vergleihung diefer Schrift mit dem Charakter unferer Evangelien hätte längft Davon überzeugen follen, wie weit die leßtern ohne Ausnahme von der Befchaffenheit folcher Relationen entfernt find, welche (dies namlich gilt auch von der Relation des Petrus nicht) von Aus genzeugen unmittelbar zum Behufe fchriftlicher Aufzeichnung ge— macht werden, #) Auch Tholuck (Olaubwürdigfeit der evang. Gefh. ©. 235) ver— gleicht das Verfahren des Lukas mit dem des Livius, aber er über- fiebt, wie diefer Vergleich, bei der freien, rhetorifch = poetifchen Manier des Livius in der Benutzung feiner Quellen, mehr gegen als für vie buhftäbliche Glaubwürdigkeit des Evangeliſten fpricht, die man bet Lukas dennoch (bei Livius nicht, fo wie bei feinem Pro— fanferibenten) in Anſpruch nimmt. 88 Erſtes Buch. Am meiſten Illuſion der Art, wie die hier von uns ge— ruͤgte, hat den fuͤr Lukas eingenommenen Kritikern der ſoge— nannte Reiſebericht gemacht, welcher nach Schleiermacher die gefammte Hauptmaſſe dieſes Evangeliums von Gap. 9, V. 51 an bis an das Ende des neunzehnten Gapitel$, nach An— dern wenigftens bis Cap. 18, V. 15, wo die Parallele mit Mar: cus wieder anhebt, einnehmen fol. Die vielen Widerfprüche, welche diefer angebliche Bericht enthält, indem ohne irgend eine auffindbare Ordnung die verfihtedenartigften VBorftellungen von Orten und Landfchaften, die Sefus berührt haben, und von Rich— tungen, nach denen aus er gewandert fein foll, Durcheinander geworfen erfcheinen, — (Schwierigkeiten, die noch vermehrt wer: den, wenn man die Notizen des vierten Evangeliums mit diefem Bericht des dritten in Einklang ſetzen will) — haben zwar bald darauf geführt, ſtatt eines folchen Neifeberichts deren zwei oder mehrere anzunehmen, die auf eine Weife, von der man Fei- ne deutliche Vorftellung zu geben vermochte, bei unferm Evans geliften in einander verfchmolzen fein follen. Nichts deſtoweni— ‚ger beharrte man dabei, nicht nur die Parallelftellen, welche diefe Abfchnitte mit Matthäus zeigen, von diefem für unab— hangig, fondern auch die Berichte des letztern an Vollſtaͤndig— feit und Genauigkeit übertreffend zu halten. Sogar die in al- len &heilen feiner beiden Werke fo charakfteriftifch herwortretende Eigenthümlichkeit des Lukas, die wefentliche Gleichformigkeit feiner Schreibart in allen allgemeineren, geiftigern Eigenfchaf: - ten, wenn auch nicht immer in Worten und fprachlichen Wen: dungen, welche ex oft noch aus feinen Quellen entnimmt, — fogar diefe fonnte nicht verhindern, daß man ihm nicht eine Zeit lang zutraute, feinen Neifebericht, ähnlich wie manche andere Partien feiner Schriften, geradehin wörtlich und unverändert anderswoher aufgenommen zu haben. Und doch giebt fich ges rade hier dad Verfahren unferes Evangelijten fo deutlich Fund, daß dem unbefangenen Betrachter Faum ein Zweifel darüber bleiben kann. Bis zum Beginn der vermeintlichen Reifebefchreibung war er, zwar nicht ohne mehrfache Einfchiebungen und auch ohne eine fehr auffallende, wahrfcheinlih durch bloße Fahrläffigkeit (wenigftens läßt fich Fein auch nur einigermaßen genügender Bon den Quellen der evangelifchen Geſchichte. 89 Grund dafür auffinden) verfchuldete Weglaffung*), im Ganzen doch dem Marcus gefolgt. Auch die Veranlaffung zur Erzählung von der Reife nach Serufalem, welche gleich beim Beginn auf das unzweideutigfte von der Welt") ald die Le&te bezeichnet wird, giebt ihm noch Marcus mit feiner Erwähnung einer Reife durch Peraͤa an die Grenzen Judaͤg's**). Hier aber feheint er einen Grund gefunden zu haben, dem Marcus zu mistrauen oder ihn unvollftändig zu finden, Seine eigenthümlichen Quellen fpra= chen von mehrfachen Berührungen Sefu mit den Samaritern , bei Marcus aber. war von feinem Durchzuge durch Samaria die Rede. Dies zunächft mag, da er den Marcus, gleichviel ob mit Necht oder mit Unrecht, fo verftand, als habe auch er mit jenen Worten den Antritt der legten Reife nach Serufalem bezeich- nen wollen, ihn beftimmt haben, an diefer Stelle die Maffe defz fen einzufchalten, was er theild aus der Spruchfammlung des Matthäus, theils aus andern Quellen entnommen, zur Bereiche: rung der evangelifchen Erzählung des Marcus einzufchalten hatte, Um die Uebereinftimmung der verfchiedenen, von ihm hier theils zu— fammengeftellten, theild aus dem Stegreif erfonnenen chronologi— ſchen und Stinerarnotizen mit fich felbft kümmerte er fich fo we: nig, daß er nicht felten im nächften Gapitel vergißt, was er im vorhergehenden gefagt hatte. Gleich beim Anfang der Neifebe- fchreibung finden wir Sefum bereits in Samaria; am Schluß des zehnten Capitels (vorausgefegt daß die Notiz des vierten Evan- geliums über den Wohnort der Martha und Marta fich richtig verhält) gar fchon in Bethanien, dicht bei Serufalem, und nichts deftoweniger im dreizehnten, ehe wir's uns verfehen, wieder in Galiläa oder in Peraͤa, ja im fiebzehnten fcheint die Reiſe noch einmal von vorn zu beginnen, Wie Fann bei einem Schriftfteller, der fich folhe Dinge zu Schulden kommen läßt, ernfthafter Weife =) Marc. 6, 45 — 8, 26 nach Luk. 9, 17. Die von Hug aufgeftellte Hypothefe, als fei diefes Stück, im Folge eines Hompioteleuton, aus den Abfihriften des Lukas ausgefallen, hat weniger Wahr— fcheintichfeit, als daß es aus einer ähnlichen Nachläffigfeit von Lukas felbft übergangen ift. *#) Luk. 9, 51. Eylvero Ö8 &v ro oyunamgovodaı ras yulgas vhs avakı)- wews avrod a. Th. - ") Marc, 10, 1. 90 Eriies Bud. noch) von einer hiftorifchen Genauigkeit in Benukung feiner Quel⸗ len im Entfernteften die Nede'fein? Im achtzehnten Gapitel end- lich nimmt Lukas die Erzählung des Marcus, mit Uebergehung nur eines einzelnen Gefprächs, deſſen Furzgefaßtes Nefultat er anderwärt3 nach Matthäus gegeben hat, wieder auf, und folgt ihr von da ab in ähnlicher Weife, wie er es am Anfang ge: than, bis zu Ende. Sn dem bisher Bemerkten Tiegt noch nicht der Ausſpruch einer wirklichen Alteration, welche die von Matthäus berichte: ten Reden des Herrn bei Lukas erfahren hätten. Es ließe wohl fich denken, denn es kann noch jest ein Aehnliches von jedem, der fich diefe Mühe geben will, unternommen werden, daß Lukas nur die Ausfprüche Sefu, die bei Matthäus oft in Maf- fen zu ſcheinbar zufammenhängenden Neden zufammengeftellt erfcheinen, von einander abgetrennt, und zu den einzelnen mehr oder minder paſſende Veranlaffungen erfunden hätte, ohne da— rum in den Reden felbft irgend etwas Mefentliches zu verändern, Died aber ift nicht der Fall; wir finden vielmehr, wenn wir die Ueberfeßung, welche Lufas von den Aoytoıg giebt, mit der im erften Gvangelium vergleichen, daß fie eine ähnlich paraphrafirende ift, wie die Paraphrafe der Erzählungen des Marcus. Auch an dem Verfahren beider in Bezug auf Marcus Fonnen wir beobachten, wie der Verfaſſer des erften Evangeliums, troß feiner übrigens epitomifirenden Art, doch die Reden des Herrn unveränderter, ald Lufas aufnimmt, Das- felbe hat jener unftreitig auch in Bezug auf die andere ihm eigenthümliche Quelle gethan, und darin liegt der unfchäßbare Werth des erften Evangeliums, welches ohne Frage zur Kennt- niß des perfonlichen Geiftes Jeſu, wie diefer fich in feinen Re— den manifeftirt, vor allen übrigen das reichfte und vollftändigfte Material enthält. Die Veränderungen nämlich, welche ſich Lukas erlaubt, obgleich im Einzelnen oft geringfügig und un— Scheinbar, thun doc im Ganzen der Macht und Fülle der Got- tesfraft, die in diefen Reden quillt, einen Eintrag, der felbft durch Die zahlreichen und Feineswegs gering zu ſchaͤtzenden Be- reicherungen, die Lukas zu Matthäus giebt, nicht ganz aufge wogen wird, Mer die Gewalt und Tiefe des Eindrudd, den die perfonliche Erfcheinung des Gottmenfchen allerdings auc) Bon den Quellen ber evangelifchen Gefchichte, 9 noch auf und zu üben vermag, in ihrer Reinheit und Unmittel- barkeit empfinden will, der darf fich durchaus nur an Marcus und Matthäus halten. Wer aber hier diefen Eindruck wirklich duchempfunden und in feiner Seele verarbeitet hat, der wird, fo gewiß er fi) bewußt ift, hier den wahren Chriftus. Teib- haft vor fih zu fehen, eben fo gewiß auch fich nicht verheh— len fünnen, daß das Chriftusbild des Lufas ein etwas abge— ſchwaͤchtes, ja für fich allein, ohne Beihülfe jener beiden, kaum noch ganz verftändliches ift. Sm den meiften Fallen ift diefe Abſchwaͤchung nur eine Folge der Gewohnheit des Paraphrafi: vens und des Strebens nach einem leichten und glatten Fluß der Rede. Hin und wieder aber kommen auch dogmatifche Borurtheile oder Kieblingsanfichten zum Borfchein, die auf die Aus» wahl fowohl, wie auch hin und wieder auf den wöortlichen Aus: druck der überlieferten Reden nicht ohne Einfluß geblieben fcheis nen. Auch das Streben nach einem durchgängig pragmatifchen Zufammenhange hat manche Aeußerungen in ein falfches, oder wenigftens in ein einfeitiges Licht geftellt, und namentlich in den Parabeln und fonftigen längeren Neden den Evangeliften hin und wieder zu wirklich dem Achten Sinne Eintrag thuenden Ulterationen verleitet. Unftatthaft würde es jedoch fein, wenn man aus diefem Charakter und ISnhaltsverhältniffe der zwei Evangelien unmittel- bar einen Schluß auf das chronologifche Verhältniß ihrer Ab: faffung ziehen wollte. Was das Lukasevangelium betrifft, fo halten wir die Zeit feiner Entftehung im Allgemeinen für gefchicht- lich feftgeftellt. Daß es einen Schüler und Begleiter des Apo— ſtels Paulus zum Berfaffer habe, erhellt aus der Apoftelgefchichte unwiderfprechlich z denn jene zweite Hälfte diefer Schrift, wo der Berfaffer in der erften Perfon als Augenzeuge fpricht, für ein eingelegtes Heft von fremder Hand nehmen wollen, ift ein Ver— zweiflungsftreich, für den es durchaus Feine auch nur fcheinbare Nechfertigung giebt. Ohne Zweifek verhält es fich Daher mit dem Namen des Verfaffers, wie ihn erft die Firchliche Tradition bewahrt, dann der Kanon ausdrüdlich feftgeftellt hat, eben fo richtig, wie mit dem Namen des Marcus. Wo fo gar Fein erheblicher Grund des Zweifels vorliegt, läßt man billig bie Borausfesung beftehen, daß jene Namengebung feine grund: 92 Erſtes Bud. lofe war, wobei man übrigens immerhin, wie wir felbft es thun, für wahrfcheinlich erfennen mag, daß auch dieſes Evan— gelium eine Zeit lang ohne ausdrückliche Nennung feines Ver— fafjerö verbreitet war; wie es denn wahrfcheinlih Marcion ohne diefen Namen erhalten hatte und für feine Zwede benußte. Mas freilich die nähere Beftimmung der Zeit betrifft, in wel- cher Lukas gefchrieben hat, fo Fann man aus den Schriften felbft mit Sicherheit nur dies entnehmen, daß diefe Zeit auf feine Weife vor die Zerftorung von Serufalem durch Titus fal- len kann; denn auf diefe ift die Beziehung an einigen Stellen zu auffallend, ald daß darüber ein Zweifel ftatt finden Fünnte. Ein anderes Anhalten giebt die bereit angeführte Nachricht des Srenäus, welche die Abfaffung des Evangeliums erft nad) dem Tode des Petrus und Paulus fest. Wir haben Diefer Nachricht auch hier um fo weniger zu mistrauen Urfache, als für jene Kirchenväter durchaus Fein Intereffe vorhanden war, die Entftehung der Evangelien in eine fpätere Zeit zu feßen, als in die fie wirklich fiel, wohl aber ein ſehr ftarfes für das Entgegengefeßte. Aus diefem Grunde nicht minder, wie aus den, freilich auch fehr laut fprechenden, innern Gründen, wer: den wir in jedem Falle eines Zweifels bei Fragen diefer Art den fpäteren Zermin unter den verfchiedenen möglichen ftets für den wahrfcheinlichern zu erkennen haben; und die entgegenges ſetzten Hypothefen, die man in dem vorliegenden Falle auf zu: fällige Umftände, die eben fo gut auch eine ganz andere Erklaͤ— rung zulaffen, z. B. auf den Schluß der Apoftelgefchichte mit dem Beginn der romifchen Gefangenschaft des Paulus hat bauen wollen *), dürften Dagegen Faum in Betracht fommen, — um fo weniger, ald durch fie. auch alle bisherigen Ergebniffe unferer Unterfuchung aufs Neue in Frage geftellt würden. — Ueber die Zeit der Abfaffung des erftien Evangeliums entbehren wir, da *) Tholuck a. a. D. ©. 137 ff, Die „sehr Hohe Wahrſcheinlichkeit,“ welche der Verf. dort (S. 141) für die frühe Abfaffung des Evange- liums finden will, indem er billig genug ift, die Möglichkeit ei- ner fpätern anzuerfennen, wäre allerdings dann vorhanden, wenn das Evangelium beftimmte Spuren einer ausdrüdlich nachforſchenden Erfundigung bei Augenzeugen trüge. Davon ift aber, wie wir ge- fepen haben, das gerade Gegentheil der Fall. Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 93 wir es ald ausgemacht betrachten dürfen, daß es nicht das ur- ſpruͤngliche Werk des Matthäus ift, ähnliche Notizen, wie die und in Bezug auf Lukas zu Statten kommen. Wahrfcheinliche Spuren einer Benukung deffelben finden fich nicht eher, als bei Suftinus Martyr um die Mitte des zweiten Jahrhunderts, ohne daß man jedoch daraus eben auf eine ſo ſpaͤte Entſtehung zu ſchließen haͤtte. Nach innern Gruͤnden indeß moͤchte ich die Ab— faſſung dieſes Evangeliums eher ſpaͤter, als fruͤher wie die des dritten ſtellen, theils wegen der Geſtaltung der Kindheitsſage, die ich, wie ich im naͤchſten Buche zeigen werde, fuͤr eine ſpaͤ— tere halte, als die bei Lukas berichtete, theils wegen mancher dem Herrn untergelegter Aeußerungen, Die ſich, wie es mir ſcheinen will, auf eine dem apoſtoliſchen Zeitalter ſchon etwas ferner ſtehende Geſtaltung der kirchlichen Verfaſſung und der kirchlichen Verhaͤltniſſe beziehen. Auch Zuͤge der Art, wie die neuerlich von ſo manchen Beſtreitern des apoſtoliſchen Urſprungs dieſes Evangeliums geruͤgten, von der Erſcheinung der entſchla— fenen Heiligen bei Jeſu Tode, von der Wache am Grabe u. ſ. w. baben etwas auffallend and Apofryphifche Anftreifendes, was wohl zum Theil die Veranlaffung gegeben hat, daß zunächft gegen diefed Evangelium die Zweifel, die in gewiffem Sinne alle Evangelien treffen, bisher gerichtet wurden. Auch läßt fich nicht verfennen, daß die Compofittion des Lufasevangeliums, obgleich fie fich gerade dadurch von der urfprünglichen Wahr: heit der Ueberlieferung weiter entfernt und den Werth des Werkes für und, fatt ihn zuerhöhen, eher herabfeßt, doch an ſich felbft etwas Xebendigeres hat, was dem Charakter eines unmittelbaren Apoftelfchülers beffer ziemt, als der rein compi- latorifhe Charakter des erſten Evangeliums. Dieſer letztere ſcheint vielmehr auf eine ſpaͤtere Formation der evangeliſchen Geſchichtſchreibung hinzudeuten, welcher auch das Hebraͤerevan— gelium ſammt den ihm verwandten Compoſitionen angehoͤren mag, deren vielfach vorkommende Verwechſelung unter ſich und mit dem Matthaͤusevangelium ſchwerlich hätte erfolgen koͤnnen, wenn es nicht in der Weife diefer Schriften gelegen hätte, die vorliegenden fchriftlichen Quellen, ohne eigentliche Ueberarbeitung, mit mehr oder weniger Zufäßen aus der fpäteren Tradition zu einer Gefammtfchrift zufammenzuftellen. FESTEN N m — — 94 Erſtes Bud. So haben wir alſo in den drei ſynoptiſchen Evangelien einen Kreis von Berichten über das Leben und die perſonliche Lehre Sefu, der in feiner Entftehung feinen wefentlichen Be: ftandtheilen nach unverkennbar das Gepräge nicht des Dichter rifchen oder Mpthifchen, fondern des Gefchichtlichen trägt, wenn gleich er freilich nicht, weder in dieſen Hauptbeftandtheilen ſelbſt für gleichgeltend mit Urkunden folcher Art, aus denen der juriftifch gültige Beweis eines Tchatbeftandes gezogen wird, noch auch in Nebentheilen für frei von allerhand unhiftorifchen Bei: mifchungen erfannt werden kann. Es heißt den Charakter des Gefchichtlichen verkennen, wenn man, um der Lebensgefchichte Sefu den hiftorifchen Charakter zuzufprechen, mehr als dies verlangt. Bei weitem den größeren Theil von allem, was wir gefhichtlich zu wiffen glauben, finden wir, wenn wir auf die letzten Quellen diefes Wiſſens zurücdgehen, auf Zeugniffen be- ruhend, die weder in vollftändigerem Sinne, als unfere evan- gelifchen Zeugniffe, auf eine Unmittelbarkfeit ihres Verhaͤltniſſes zu dem Thatfächlichen, was durch fie bezeugt wird, Anfpruc) machen Tonnen, noch auch von fremdartigen Beimifchungen, welche durch hiftorifche Kritik erft ausgefondert werden muͤſſen, freier zu fprechen find. Ob im einzelnen Falle aus Zeugniffen folcher Art ein wirkliches hiftorifches Wiſſen fich ermitteln laſſe, das heißt ein folches, welches uns die lebendige, vrganifch in fi) zufammenhängende Anfchauung einer gefchichtlichen Bege— benheit oder eines gefchichtlichen Charakters, einer Perfünlich- keit von Gehalt und welthiftorifcher Bedeutung gewährt: Das kann überall nur die hiftorifche Kunft in der Benutzung jener Duellen entfcheiden. Die fih in dem hier vorliegenden Fall, unter dem Borwande einer unmittelbaren, urkundlichen Glaubwürdigkeit der Quellen, diefer Kunft, durch die allent- halben erft die gefchichtliche Wahrheit ermittelt wird, überheben wollen: dieſe verwechfeln den Begriff der hiftorifhen Wahrheit oder Thatſaͤchlichkeit mit dem des jurifti- Then Thatbeftandes, einen geifterfüllten Begriff mit einem geiftlofen *). Daß aber die thatfächliche Wahrheit der evange- *) Vergl. ‚hierüber die treffenden, nur leider etwas gehäffigen Be- merkungen von Arnold Nuge in ben Blättern für Titerar. Un— terhaltung, 1837, N. 160—163. Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 95 liſchen Gefchichte aus den Urkunden diefer Gefchichte nicht in der Weiſe einer species facti in einer Griminalunterfuchung, fondern nur mittelft einer geiftreichen Behandlung gewonnen werden koͤnne: daS hat im Grunde fchon der alte, leider auch ſchmaͤhlich misverſtandene und zum geraden Gegentheil einer An: erfennung des Geiftes, zur geiftlofeften Buchftäblichfeit herab- gewürdigte Inipirationsbegriff anerkannt. Offenbar nämlich be- ; ruht diefer Begriff in feinem Urfprunge auf der Einficht in die Unzulänglichfeit diefer Urkunden, fo lange fie nur ald Urkunden eben im juriftifchen Sinne gelten, das Factum der evangelifchen Dffenbarung genügend zu erweifen. Ihre Beweisfraft wird durch die Borausfegung begründet, daß der göttliche Geift in fie, tro& ihrer aufßerlich mangelhaften Geftalt, dennoch, den Schreibern felbft zum Theil unbewußt, die volle, die ganze Wahrheit ver geſchichtlichen Chriftusgeftalt — jene Wahrheit, die freilich noch etwas anderes tft, als nur die Summe der einzel nen Züge, bie uns zufällig von diefer Geftalt berichtet werden — niedergelegt habe, In der That ift eben dies das wahre Wunder des Geiftes, daß die Totalität und Fülle deffelben in einem verhältnigmäßig fo geringen und nicht einmal rein erhaltenen Umfange von Aeußerungen und Handlungen dennoch fo voll ftändig ſich offenbaren fonnte, daß wir noch jest, fo gut wie die Sünger, die ihn von Angeficht fchauten, den Herrn nach feinem wahren Wefen und Seibft zu erfennen vermögen. Dies name lich ift unfer ernfter, aufrichtiger Glaube, den wir in der nach— folgenden Ausführung durch die Sache felbft zu bewähren un ternommen haben. Wir laffen uns in diefem Unternehmen nicht irren durch den Widerfpruch derer, welche vorgeben, daß fo die objective Thatfächlichkeit des Evangeliums einer fubjectiven Wilführ preisgegeben werde, die ihre Combinationen und Hy— potheſen an die Stelle des gegenftändlich Gegebenen zu ſetzen ſich unterfange. Was man hier Objectivität zu nennen beliebt, das ift eben nur die ftarre Aeußerlichkeit des Buchftabens ; Die wahre Dbjectivität ift nicht ohne den fubjectiven Geift des Betrachters, in welchem der Buchftabe und die Unmittelbarkeit des Factifchen zur geiftigen Geftalt umgegoffen wird, während feinerfeits diefer Geift in der Arbeit des hiftorifchen und philo- fophifhen Forſchens fich feiner zufälligen Subjectivität entäußert 96 Erfies Bud. und zur Wahrheit des Objectes ſich heranbildet. — Nicht freilich wir als Einzelne vermögen dieſes Werk zu vollbringen, aber wir arbeiten als rüftige Bauleute nach Kräften mit an dem Werke, welches, der göttlichen Offenbarung früherer Jahrhun— derte gegenüber, die er zu wahrhafter, neuverjüngter Objectivte tät wiederzugebären ringt, der Geift unfers Zeitalters, unfers Sahrhundertd auszuführen unternommen hat. Bevor wir indefen zu dieſem unferm eigentlichen Unter: nehmen, zu der Darftellung des Inhalts ſelbſt aus den Duel- len, deren Befchaffenheit und VBerhältniß zu ihrem Gegenftande wir hier im Allgemeinen kennen zu lernen verfuchten, fortgehen, liegt uns, zur Bervollftändigung diefer Bemerkungen, noch ein wich: tiges Gefchäft ob, nämlich die den bisherigen Erörterungen über die fonoptifchen Evangelien entiprechende Erörterung über dasje— nige Evangelium, welches den Namen des Apoftel3 Johannes trägt. Aus verfchiedenen Winken, die wir im VBorhergehenden gaben, wird man bereit abgenommen haben, daß wir in die noch immer unter der Mehrzahl der Theologen verbreitete Mei- nung von der Aechtheit dieſes wichtigen Documentes entweder überhaupt nicht, oder nur fehr bedingter Weife einftimmen, — daß wir dafjelbe, was feinen hiftorifchen Gehalt betrifft, an Werth weit unter die drei fonoptifchen Evangelien ftellen. Von diefer unferer Anficht den vollftändigen Beweis zu geben: auch diefes Unternehmen kann nicht, eben fo wenig wie der vollftändigere Erweis des über die Synoptifer Behaupteten, von der wirklichen Ausführung des Inhalt3 abgetrennt werden. Aber den allgemei- nen Gefichtspunct anzudeuten, von welchem aus fih die Mo- mente dieſes Beweifes uns ergeben haben, Dies gehört nicht min- der, wie alles bisher Berhandelte, noch dieſer erften, vorlaͤufi— gen Betrachtung an, welcher gegenwärtiges Buch gewidmet ift. Mit größerer Entfchiedenheit, als bei den fynoptifchen Evan- gelien, hat der jfeptifchen Kritik der neueften Zeit gegenüber die altglaubige Anficht fich in Betreff des Sohannesevangeliums auf das Gewicht der aͤußern Zeugniffe berufen, welche für die Au- thentie defjelben ſprechen). Es gefhah diefe Berufung nicht *) ©, vor allen Tholud in der fünften Auflage feines Commen— tars zum Ev. Joh. Kr Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 97 bhne ein gewiffes Zugeftändniß der Schwierigkeit, welche die in- nere Befchaffenheit des Evangeliums diefer Annahme entgegen: ſtellt. Nur in diefer, nicht in dem Mangel außerlicher Beglaus bigung lag für jene Sfeptifer, und liegt auch, wie wir unverholen befennen, für uns der Grund des Zweifels. Die geſchichtlichen Zeugnifje find, dies vermag Fein Unbefangener zu läugnen, fo beichaffen, daß, wenn es ſich von einer Schrift handelte, aus deren Inhalte felbft Fein Entfcheidungsgrund- für ihren Verfaſſer oder für die Zeit ihrer Abfafjung entnommen werden fünnte, man einftimmig Diefelben gelten laffen und nicht das mindefte Beden: Een gegen fie erheben würde. Wenn man von Zeugnifjen, denen dies zugeftanden wird, behauptet, daß fie dann auch ſtark genug fein müffen, eine geringe innere Unwahrfcheinlichfeit, die ihnen entgegenfteht, zu überwinden, einer größern wenigftens die Wage zu halten, fo daß die Entfcheidung dahingeftellt bleiben muß; fo haben wir auch Dagegen nicht8 einzuwenden, Im Gegentheil, wir treten gleich von vorn herein mit dem Befenntniffe hervor, daß wir felbft durch das Gewicht diefer Außern Zeugniffe uns zu einem Zugeftändniffe beftimmen lafjen, dem auch nach Abrechnung von allem, was darum und daran ift und von uns nicht zugleich mit zugeftanden wird, noch immer eine keineswegs unerhebliche innere Schwierigkeit entgegenfteht. Was wir nämlich, durch je ne Außern Gründe dazu bewogen, wirklich eintäumen, ift, daß ein feinem Umfange nad) näher zu beflimmender Theil des Evans geliums, und zwar der geiftig bedeutendfte und charakteriftifch fe, der eigentlihe Kern des Evangeliums, zugleich mit dem, offenbar in einem Grade, wie die Werke zweier Verfaſſer es nicht fein Fonnen, geiftesverwandten erften Briefe des Johan— nes, in der That nicht wohl anders, ald von dem genannten Apoftel herrührend gedacht werden kann. Wie fchon gefagt, es fallt uns Feineswegs leicht, zu erklären und vorftellig zu mas hen, wie es „zugehe, daß ein. unmittelbarer Juͤnger des Herrn, ein folder, der in den ſynoptiſchen Evangelien, in der Apoftelgefchichte und in den paulinifchen Briefen nichts weni: ger als in einem Charakter erfcheint, welcher auf jene geiftige Me- tamorphofe hindeutet, ein folcher endlich, der zu einer verhält- nißmaͤßig Schon ſehr fpäten Zeit, wo man wohl meinen ſollte, daß feine Bildung in der Hauptſache abgefchloflen fein mußte, bei je— 7 98 Erfies Bud. ner Anwefenheit des Paulus in Serufalem, die wenigftens vierzehn Jahre nach des Lesteren Bekehrung faͤllt, zugleich mit Safobus und Petrus, gegenüber den Heidenapofteln Paulus und Barnabas zum Zudenapoftel erforen wurde*), — daß gerade ein folcher ein fo durchaus helleniftifches Gepräge des Gedankens und der Sprache, kurz der gefammten Geiftesbildung trägt, ja daß er, der vor allen bevorzugte und vertraute Jünger, wie er wenigftens in diefem nad) ihm genanntem Evangelium dafür gege- ben wird, feinen Herrn und Meifter nicht anders, als in jenem fremden hellenifch = fpeculativen Gewande fich zu denken und ihn uns redend vorzuführen weiß**). Aber fo fchwer uns dieſe Er- klaͤrung fallt, fo hart uns die Unwahrfcheinlichkeit duͤnkt, die in diefen Vorausfeßungen liegt, welche die Annahme der Berfaffer- fchaft des Sohannes für den Brief und für jene Grundbeftand- theile des Evangeliums offenbar mit fich bringt: fo geben wir doch lieber das Unwahrfcheinliche zu, fo unterziehen wir uns doch lieber der Laft einer Erklärung des Faum zu Erflärenden, als daß wir gegen dad Gewicht jener Zeugniffe, gegen die Autorität der gefammten chriftlichen Kirche vom zweiten Jahrhundert an bis in das neunzehnte hinab uns beharrlich fträuben follten***); zumal da wir in dem Evangelium und dem Briefe wenigftens einige An- haltpuncte finden, auf die wir und allenfalls bei jener Erklärung fügen fonnen. Aber mit diefem an fich fo fchwierigen Zugeftänd- niffe meinen wir denn auch jenen Beziehungen der hiftorifchen Aeu— Berlichkeit ein hinlängliches Opfer gebracht zu haben, und ergreis fen nun um fo freudiger und getrofter ein in diefen Beziehungen felbft fich darbietendes Moment, welches und die Möglichkeit ei- ner Befeitigung der noch weit größeren, ja in der That für jeden *) Galat. 2, 9. *#) Das Bewußtfein diefer Eigenthümlichkeit hat fich fpäter in der Sage ausgebrüdt, Johannes fei es, der das Evangelium des Matthäus ins Griechifche überfeßt habe. Theophylact. comment. in. Matth. prooem, er) Nach Gründen innerer Wahrfcheinlichfeit würden wir ung weit eher entfchließen, den Apoftel Johannes für den Verfaffer der Apo— kalypſe zu erfennen, als für den des Briefes und der Neben im Ev. Aber die äußern Gründe, fo günftig auch fie im Ganzen her Apo- kalypſe find, entfcheiven für das Umgefehrte. Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 99 unbefangenen Sinn unerträglichen Widerfprüche verfpricht, Die aus noch weiteren Zugeftändniffen hervorgehen würden. Ein folches Moment nämlich geben uns diejenigen felbft in die Hand, welche neuerdings die Vertheidigung des apofto- liſchen Urfprungs diefes Evangeliums unternommen haben. Mit einer Wendung, welche. die überfpannten Forderungen einer zu- Dringlichen Kritik durch Ueberrafhung niederfchlagen will, macht man für die Authentie des Evangeliums ein Zeugniß geltend, dergleichen nur fehr wenige felbft der beglaubigtften Schriftwerfe aller Zeiten für fich anzuführen haben: das Zeugniß unmittel- barer Freunde des Johannes fowohl für die Abfaffung unferes Evangeliums durch ihn, als auch für die Glaubwürdigkeit fei- nes Snhalts *). Hierunter verfteht man die Bemerfung am Schluſſe des Evangeliumd, die zu allen Zeiten, in denen man das Evangelium Fannte und benußte, für einen Beftandtheil defielben gegolten hat. Es wird zugeflanden, daß nicht von dem Apoftel felbft diefe Bemerkung herrühren koͤnne, welche die Spentität des Verfaſſers der Schrift mit dem Apoftel, der beim legten Mahle an des Herrn Bruft gelegen, und von dem fich das Gerücht verbreitet hatte, er folle leben bleiben bis zur Wieder- Eunft des Herrn, und mit diefer Identität zugleich die Wahr: haftigkeit feines Zeugniffes in Worten verfichert, welche felbft auf eineMehrzahl der Berfichernden hinzudeuten fcheinen. — Nicht _ alfo der Apoftel felbft hat — Dies liegt offenbar in jenem Zu: / geftändniffe — fein Werk herausgegeben, fondern e8 ift von frem= | der Hand, vorausfaglich von der Hand eines oder einiger Schuͤ⸗ ler und Freunde des bereit3 Abgefchiedenen, herausgegeben worden. Diefe Hand fand es nöthig, das zu veroffentlichende Werk nicht nadt in die Welt zu ſchicken, fondern unter Beifügung einiger beglaubigenden Worte, die ihre die Glaubwürdigkeit des Wer: kes fichernde Kraft zwar nicht von einem unterzeichneten oder einem vorangefchicdten Namen, aber davon hatten, Daß die He— rausgeber, wahrfcheinlich angefehene Glieder, vielleicht Presby— ter der ephefifchen Gemeinde, ohnehin allen, an die das Werk gelangen follte, als bewährte Männer bekannt waren. — Hier nun fragt fih, ob durch das gegebene Zugeftändniß nicht weit *) Tholuf, Glaubwürdigkeit ver ev. Geſch. ©. 276, ri * 100 Erftes Bud. mehr für die Sache verloren, ald gewonnen ift. Sind die be- glaubigenden Worte, — mögen fie nun von Einem oder von Mehrern herrühren, — find fie von folhem Gewicht, daß durch fie das Bedenkliche aufgewogen wird, was in dem Umftande liegt, daß das Evangelium vor feiner Verdffentlihbung durch fremde Hände gehen mußte? Durh folhe Hände, weldhe ihm durch felbftbeliebte ſchriftliche Zufäße eine höhere Glaubwürdigkeit, als die es in fich felbftbefaß, zu ertheilen hoffen Fonnten? Wie wenig jene Verficherung, auf die man ein fo großes Gewicht legt, den Charakter eines urfundlichen, diplomatifchen Zeugnifjes trage, welches Männer von Anfehen und Bedeu: tung, in Kraft des Gewichts, Das auf ihrem Worte liegt, über eine beftrittene oder möglicher Weife zu beftreitende Thatſache ausftellen: dies wird feinem entgehen, der diefelbe nicht geradezu in der Abficht lieft, das Entgegengefeste in ihr finden zu wollen. Wenn fie wirklich dies fein follte, wozu denn die überflüffige Nach: fchrift*) über die Unmöglichkeit, alles, was Jeſus gethan, in einer Schrift zufammenzufaffen, — offenbar nur eine müffige Wiederho— lung des übrigens gleichfall3 nicht unverdächtigen Ausſpruchs im vorangehenden Gapitel**)? Davon nicht zu reden, wie fonderbar fih der Singular oluaı nach dem vorhergehenden oldaus» ausnimmtz was fchon auf die Vermuthung gebracht hat, die— fer Verd möge wiederum von einer andern Hand hinzugefügt fein, als der vörhergehende. Aber welches Verfahren mit ei- ner Apoftelfchrift von fo koſtbarem Inhalte, wenn jedem, dem es einfiel, diefelbe mit einer unnügen Bemerkung. von feiner Hand zu bereichern verftattet war! Beſonders auffallend aber ift, Daß, wenn wir andere Stellen des Evangeliums und auch des Briefe damit vergleichen, die Worte jener Verficherung felbft gar fehr dad Anfehen erhalten, nach einem bei Sohan- *) V. 25. | **) Cap. 20, 30. Die Aeußerung: „Jeſus habe noch viele anbere Zei- chen vor feinen Jüngern gethan, die nicht in diefem Buche gefhrieben find“, klingt fonderbar genug im Munde eines Au- genzeugen, von dem es ja abhing, und der es ausdrücklich unters nommen hatte, bas Geſchehene niederzuſchreiben. Bon den Duellen der evangelifchen Gefhichte. 101 nes öfter wiederfehrenden Typus geformte zu fein, folche, die fein Nachfolger hier, ohne ein ernftlich gemeintes Zeugniß Damit zu be= abfichtigen, ihm gedanfenlos nachichrieb. So finden wir, um der zahlreichen Stellen nicht zu gedenken, wo entweder das agvvosiv oder das oldazev für fi allein in Außerlich aͤhn— lichen, doc) meiftens inhalt3volleren und prägnanteren Wendun— gen vorfommt, die Verbindung von beiden in einer der hier vorliegenden überrafchend ähnlichen Stellung Gap. 5, V. 32, wo Chriftus auf das Zeugniß eines Andern (die Ausleger ftrei- ten, ob Gofies, oder Johannes des Taufers) fich beruft, und von dieſem Zeugniffe fagt: er wille, Daß e3 ein wahres fei. — In anderer Weife, als jene, aber vielleicht in noch höherem Gra— de gefahrbringend für unfere Stelle ift die nach Inhalt und Charakter durchaus derfelben verwandte Cap. 19, B. 39. Dort fagt der Erzähler von einem Augenzeugen der erzählten Bege- benheit, den er nicht nennt, von dem man aber präfumirt, daß es der Erzähler, der Apoftel Sohannes felbft fei: „er, der Au: genzeuge, habe es bezeugt, und fein Zeugniß fei wahr und er (noch einmal der Augenzeuge) wilfe, daß er wahr rede, Damit ihr — (wer hier und eben fo auch weiter unten Cap. 20, V. 31 in der zweiten Perfon angeredet wird, bleibt dunkel) glauben ſollt“. Vergleicht man diefe Stelle mit der unfrigen, fo kann man fich nicht verhehlen: ihr Charakter ift ein fo durchaus aͤhn— licher, daß vollfommen mit demfelben (d. h. mit fehr gutem) Rechte, mit welchem man die unfrige für eine von fremder Hand gegebene VBerfiherung von der Glaubwürdigkeit des Apo— fielzeugniffes nimmt, auch jene dafür zu nehmen ift. Sie ift es um fo mehr, als in ihr felbft die beftimmteften Verdacht— gründe liegen, fie für eine zwar von einem — noch dazu von einem auf das fchreiendfte misverftandenen — Beugniffe des Apofteld, aber Feineswegs aus folchem Zeugniffe fprechende zu halten. Wir wollen das Perfectum ueueorvonze nicht urgis ven: dieſes möchte man immerhin für gleichgeltend mit Dem Präfens nehmen und durch „er will es biemit ‚gefagt haben’ überfegen. Allein der Inhalt des dort gegebenen Zeugniffes felbft ift ein fo durchaus räthfelhafter und unverftändlicher, an dem bisher alle und jede Erklärungen gefcheitert find, daß man uns fchwerlich etwas Erhebliches wird entgegen feßen fünnen, — 102 Erſtes Buch. wenn wir eine neue, wir meinen evidente Erklaͤrung deſſelben, aber freilich damit zugleich die Gewißheit geben, daß die Stelle felbft unmöglich von Johannes gefchrieben fein kann, und dag der Gegenftand, von dem fie handelt, eine fo wichtige Stelle er auch in der bisherigen dogmatifchen VBorftellung einnahm, ein rein erfonnener ft. Das Zeugniß, worauf fich der He- rausgeber des Evangeliums an jener Stelle beruft, ift Fein ans deres, als das vom Apoftel in feinem Briefe Cap. 5, V. 6 gegebene: „daß Sefus der ift, der da kommt in Waffer und Blut’’. Man lefe die ganze Stelle fammt den zunachft folgenden Berfen, und man wird bei einiger Unbefangenheit des Blicks nicht zweifeln koͤnnen, daß zwifchen ihr und jener des Evange- liums ein fonderbarer Bezug obwalten muß. Unmittelbar nam: lich auf jenen Ausfprud von dem Waffer und dem Blute folgt ein fo auffallend wiederholter Gebrauch des Wortes uaprvgeiv und darunter ein doppelter des Perfectums zeuegrdonze, daß nur taube Ohren den Nachklang diefer Briefftelle in jener evan- gelifchen überhören koͤnnen. Sp hat und denn die Verfolgung derfelben Spur, die auf ‚ den Beweis der Aechtheit des ganzen Evangeliums führen follte, \ gerade umgekehrt auf einen in der That fehr ſtarken Verdacht ‚ feiner Verfaͤlſchung geführt. Nicht als ob wir nicht eine ge- wiſſe Beweisfraft für den apoftolifchen Urfprung des Evange— liums jenem Zeugniffe dennoch zugeftänden. Wir geftehen fie ihm zu, infofern man dadurch nichts anders, al3 eben nur fol- chen Urfprung ganz im Allgemeinen, das VBorhandenfein einer wirklich von Sohannes herrührenden Grundlage diefer Schrift beweifen will, In diefem Sinne benußt, fehließt ſich dieſes Beugniß der Herausgeber des Evangeliums mit vollgültiger Kraft an die unläugbaren Spuren, die man in Papias, in Po- Ipfarpus und anderwärts von dem frühzeitigen Dafein des jo- hanneifchen Briefes findet, deffen Authentie mit der Authentie der Reden im Evangelium allerdings und ohne alle Frage zu: gleich fteht oder fallt. Auch wird es durch dieſe letzterwaͤhnten Spuren nicht etwa überflüffig gemacht, fondern es kann die: nen, die Zweifel zu zerftreuen, welche man etwa hegen koͤnnte, ob jene apoftolifchen Väter den Brief auch wurflich unter dem Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 103 Namen des Johannes Fannten und anfuͤhrten). Die aus: drüdliche Nennung des Sohannes nämlich, welche man dort vermißt, wird hier allerdings Durch die Bezeichnung jenes Juͤn⸗ gers fupplirt, den die Kirche für den Sohannes erkannt hat, ald des Zeugen, dem man jene Mittheilungen verdanke. War jener Brief, von dem wir nach der Nachricht des Eufebius über Papias nicht zweifeln Dürfen, daß er vor dem Evangelium **) befannt und verbreitet war (wie wir ja auch auf die Briefe des Paulus in den Schriften der apoftolifchen Väter bekannt: lich weit früher ausdrüdlihe Berufungen finden, als auf die ohriftlichen Evangelien), — war er nicht als ein Werf des Apo— field Johannes befannt, fo hätten es die Herausgeber des Evans geliums nimmer wagen dürfen, diefes letztere für fein Werk aus: zugeben, Dagegen giebt umgekehrt die Notiz über das frühere Vorhandenſein des Briefes einen Wink über die Art und Weife, | wie es bei der Herausgabe des Evangeliums -zugegangen fein ! mag. Die Bekanntfchaft mit dem Briefe nämlich Fonnte leicht auf den Gedanken bringen, Aufzeichnungen, die fich der Apo- fiel, wohl nur zu eigenem Gebrauch, ohne Abfiht der Veroͤffent— lihung gemacht hatte, ja die in der Geftalt, in der fie fich vorfanden, unzufammenhängend unter fich und halb in der Per- fon Sefu oder auch des Taufers, halb in der eigenen des Apo— ) Don Papias fagt zwar Eufebius ausdrücklich, er habe Zeug- niffe aus dem erften Brief des Sohannes und dem des Petrus entnommen; eine Wendung, die nicht wohl anders, als von einer namentlichen Nennung beider verftanden werben kann, zumal da Eufebius fonft nicht gewohnt ift, und auch viel zu thun gehabt hätte, den verborgeneren und zweifelhaften Spuren der Benußung von Schriften bei feinen Autoren überall nachzugehen. Dennoch Außert Bretſchneider, auf Grund feiner Anficht vom Urſprung Des Ev. und der Epifteln, die Vermuthung (Probab. p. 171), nicht nur daß Papias den Namen des Apoftels nicht genannt, fondern daß er vielleicht nur ähnlich lautende Worte aus der Tradition oder aus andern Schriften angeführt haben möge, ==) Daß Papias das Ev. Joh. nicht erwähnt haben kann, wagt nad den Berichten des Eufebius heutzutage wohl Niemand mehr zu läugnen. Daß er, ohne e8 zu erwähnen, es gefannt haben follte, ift bei einem Schriftfteller, der fo genaue Rechenſchaft über bie fchriftlihen Quellen der ev. Geſch. giebt, fo gut wie undenkbar. 104 Erſtes Bud. ſtels fprechend, fich gar nicht zur Veröffentlichung eigneten, — fol: che Aufzeichnungen dennoch gleichfalls, in einer Geftalt, welche fie dazu geſchickter zu machen ſchien, der Deffentlichfeit, oder viel: leicht auch zunächft nur, wie die an einigen Stellen durchbli— ende Briefform der gefammten Evangelienfchrift darauf ſchlie— Ben laffen koͤnnte, einem Kreife von Freunden zu übergeben. © Das: Verhältniß , in welchem ſich im Ganzen die apofto: lifchen Väter zu den Schriften des Johannes befinden, macht es wahrſcheinlich, daß die Verbreitung und Anerfennung des Evangeliums Feineswegs fo fehnell, wie jene des Briefes er: folgt fein mag. war möchten wir die Abfafjung deffelben nicht allzuſpaͤt anfeßen, fchon aus dem Grunde nicht, weil diejenige Anfiht der evangelifchen Gefhichte, von welcher die Redaction diefes Evangeliums ausgegangen ift, Faum mehr zu einer Zeit möglich war, wo die fynoptifche Ueberlieferung ſchon allgemei— nen Eingang gefunden hatte, weit eher zu einer früheren, in welcher zahlreiche Gemeinden der Chriftenheit über das Leben und die perfonliche Lehre ihres Heilandes aus fchriftlichen Quel- len gar nicht, aus mündlichen fehr unvolftändig unterrichtet waren. Dennoch bleibt auffallend, wie fehr felbft bei Sufti: nus, falls diefer überhaupt, was noch problematifch ift, das Evangelium Fannte, die Benugung deſſelben hinter die der Synoptifer zurücdtritt. Auch daß man es erſt an Die vierte, und nicht vielmehr, ald das urkundliche Denkmal des Beru: fenften aller Augenzeugen, an die erfte oder wenigftend zweite Stelle des Kanon geftellt hat, feheint, wenn nicht auf einen noch nicht ganz befeitigten Verdacht über die durchgängige Acht: heit der darin mißgetheilten Nachrichten, Doch jedenfalls darauf binzudeuten, daß es fich zur Zeit der Feftftellung des Kanon noch nicht derfelden Verbreitung und defjelben Anfehens, vote die andern zu erfreuen hatte*). — Durch diefe Umftände wird *) Daß jene, feine Stelle ihm wegen feiner angeblich fpäteren Abfaf- fung zugetheilt worden, ift eine bloße Vermuthung der Späteren, z. B. des Auguftinug (de consens. evang. I, $. 5) und des Eufes bius CH. E. II, 24) Sie wiberlegt fih ſchon dadurch, daß in der Anordnung des Kanon fonft (3. B. in Bezug auf die paulini- chen Schriften und auf die Apofalypfe, die wahrſcheinlich aus ähnlichen y Be Hl * “ Bon den Quellen der evangeliſchen Geſchichte. 105 die Erklärung, die zwar an ſich fehon Feine große Schwierig: keit hat, wie es gefchehen Fonnte, daß man’ eine fo entftande: ne und fo zufammengefegte Schrift wenigftens einige Zeit nach ihrer Veröffentlichung für das unmittelbare Werk des Apoftels jelbft zu nehmen begann‘, noch mehr erleichtert. Won ven / Herausgebern haben wir feinen Grund zu argwöhnen, daß fie einen: wirklichen Betrug beabfichtigten, Sie folgten wahr— fcheinlih nur der auch fonft verbreiteten Sitte, evangelifche Nachrichten ohne ausdrüdliche Nennung eines Verfaffernameng zu veröffentlichen. Da fie indeflen von fi) das Bewußtfein hegen mußten, weder unmittelbar durch eigene Erfahrung oder ausführlichere Erzählung eines Augenzeugen, wie Matthäus und Marcus, noch auch durch Benutzung ſchon befannter Duellen, wie Lukas, für ihre Perfon zu diefem Unternehmen berufen zu fein, fo hielten fie es nicht für überflüffig, eine Anz | deutung über die Quelle, aus der fie gefchöpft, dem Werfe | einzuverleiben. Mehr als dies, eine vollftändige Abfaffung des Evangeliums durch den Apoftel, follen die Worte am Schluffe des Evangeliums: „der ift es, welcher diefes gefchrieben hat,“ gewiß nicht bezeugen, — dafern nämlich nicht, wie jet die Meiften annehmen, das ein und zwanzigfte Capitel von ande: ver Hand, als das Übrige Evangelium, und ſchon in der Mei: nung gefchrieben tft, als ob das letztere unmittelbar den Apo— fiel zum Verfaffer Habe. So hindert nichts, anzunehmen, daß das Evangelium eine Zeitlang unter jenen „Denkwuͤrdigkeiten“ fi) befand, die man zwar im Allgemeinen auf die Apoftel zus ruͤckfuͤhrte, ohne aber. ihnen im Einzelnen. beftimmte Verfaſſer zuzufchreiben. Wer, wie z.B. Polyfarpus, noch unmittelbar die Lehre der Apoftel von ihnen felbft vernommen hatte, be— Fümmerte fih um diefe Syngraphen wenig, und ignorirte fie, ohne daß darum aus feinem Schweigen ein Verwerfungsurtheil abzunehmen wäre. Andererfeits aber Fonnte der Gnoſtiker Valenti- nus und feine Anhänger, Fonnte Montanus nebft den feinigen, Ge: brauch davon machen (—von den Häuptern dieſer beiden Secten ift dies zwar nicht eigentlich erwiefen, aber auch Fein hinläng- Gründen erft am Schluffe des Ganzen fteht) fo gar feine chronolo— giſchen Rüdfichten obwalten, | \ 106 Erſtes Bud. licher Grund vorhanden, es in Abrede zu flellen), ohne dag von Fatholifcher Seite ein Einſpruch gefchah. Denn weder war in jenem Gebrauch die Behauptung, daß Sohannes der Verfaf- fer fei, eingefchloffen, noch Eonnte ſich Semand einfallen laffen, wie damals die Sache ftand, durch Läugnung ſolcher Verfaſſer— ſchaft die Autorität einer evangelifchen Schrift entkräften zu wollen. Eben fo fünnen auch Suftinus, Zatian, der Verfaß fer der Glementinen und noch manche Andere gar wohl das Evangelium gekannt und (obgleich fparfam) benußt haben, ohne daß es ihnen beifiel, e8 in anderm Sinne für ein Werk des Apofteld zu halten, als in welchem zu derfelben Zeit alle die zahlreichen Gvangelienfchriften, in denen die Aoyıw des Mat: thaus benußt waren, zwar die Autorität dieſes Apofteld, aber nicht feinen Namen für ſich in Anfpruh zu nehmen pflegten. Die Gewohnheit, es ausdruͤcklich nach Sohannes zu benennen, ift fchwerlich früher, als feit der Entftehung des Kanon auf: gekommen”), und auch hier fragt fih noch, ob die Meinung wirklich diefe war, durch die Bezeichnung Eveyyelıorv narTd ’Ioavvnv eine wirkliche Verfafjerfchaft des Johannes im ftreng- fien Sinne behaupten zu wollen. Berfuchen wir es nun, die Befchaffenheit der fo zuſam— mengefesten Evangelienfchrift und das wahrfcheinliche Verhaͤlt— niß des Apoftolifchen zu dem Nichtapoftolifchen in ihr näher zu bezeichnen: fo müffen wir dabei von dem Charakter jener Bruch- ftüde ausgehen, welche nach unferer Vorausſetzung zur Com— pofition des Ganzen den Anlaß gaben. Wie fchon angedeutet, fo find diefelben nicht erzahlenden , fondern didaktifchen Sn: halts: Neben, die meift Sefu, einige auch dem Taͤufer Sohan- nes zugefchrieben werden, hin und wieder vielleicht Betrachtun- gen, die der Apoftel in feinem eigenen Namen niedergefchrieben hatte, die aber, mit Ausnahme des Prologs, der Ordner den Reden einverleibte. Man Fonnte hiernach vermuthen, es feien diefelben ein den Aoyiors des Matthäus ähnliches Werk, eine Sammlung von Ausfprüchen des Herrn, Die fein vertrauter Juͤn— *) Theophilus von Antiochien, der erfte, der es unter diefem Namen nennt, fihrieb genau um die Zeit, um welche der Kanon (ber bei Irenäus ung ſchon als feftgeftellt entgegentritt) entftanden fein muß. Bon den Quellen ber evangelifchen Gefchichte. 107 ger treu im Gedaͤchtniß bewahrte und für fich und für Andere nicht verloren gehen Laffen wollte, Hier aber uͤberraſcht die außerordentliche Berfchiedenheit des Charakters, den diefe Neben tragen, von den Reden des Matthäus. Sie überrafcht um fo mehr, ald die Reden des Matthäus in Charakter und Geift, in Form und Inhalt mit den von Marcus überlieferten auf das voll» ſtaͤndigſte, und auch mit denen, welche beide ergänzend Lukas hinzugefügt hat, in der Hauptfache durchaus übereinftimmen, wäh: rend die Abweichung der johanneifchen von diefen allen eine gleich große und gleich auffallende ift. Sie überrafcht ferner um fo mehr, als dieſer Hebereinftimmung der matthäifchen Neden mit andern gleichfalls beglaubigten Neden Chrifti gegenüber, eine entfpre= chende höchft auffallende Uebereinftimmung der johanneiſchen fich findet — nicht etwa: mit noch, anderweit befannten Reden des Herrn, fondern mit den eigenen Gedanken, Wendungen und Worten des Johannes im Prooͤmium und in feinen Briefen, ja felbft mit den durch Schannes überlieferten Neden des Taͤufers. — Es konnte nicht fehlen, daß dieſe Differenz in neuerer Zeit, als man begann, das Evangelium wiffenfchaftlich. mit freiecem Auge zu betrachten, ‚Gegenftand einer ernften Aufmerffamfeit werden mußte. Aber es fehlt noch viel, daß alle Theologen fie mit gleicher: Unbefangenheit, und, was freilich auch wefentlich "Dazu gehört, mit: gleich lebendigem Gefühl für die Eigenthuͤmlichkeit wenigſtens der entfchieden Achten, d. h. der fynoptifchen Re— den ins Auge zu faffen und: zu würdigen wüßten, wie fol- ches Bretfchneider in‘ feiner von der Theologie unſerer Zeit mit fo worurtheilsvoller Befangenheit aufgenommenen Polemik gegen die Aechtheit "des Tohannesevangeliums gethan hat . Kaum daß man 'fich von Seiten der ftimmführenden Theologen der Gegenwart zu dem Zugeftänbniffe. entſchloſſen hat, daß bei Sohannes entweder eben ſo, wie: vorausfäßlich "auch "bei ‚*) Die antithetifhe Charakteriftik, welche Bretſchneider (Probab. p. 31 seqg.) von den fonoptifchen, und: johanneifihen Chriftusreben giebt, ift in Bezug auf die erftern eine fehr gelungene, indem fie zugleich von ächtem, warmem Gefühle für ihre Herrlichkeit befeelt ift. In Bezug auf die Teßtern hebt fie nur die eine Seite — und wird dadurch ungerecht. 108 Erftes Bud. den andern, oder vielleicht auch noch etwas mehr, ı Die Neben Chrifti im Aus druck (im Inhalte bei Leibe nicht!) eine Faͤr— bung durch die Subjectivität »des Aufzeichnerd erhalten haben mögen; woraus die „ſcheinbare“ Verfchtedenheit ihres Charak— terd. von dem der fonoptifchen Reden ſich erflären fol. — Ers wägt man indeß die Vorliebe, die in der dermaligen Theologie noch für das gefammte wermeintliche Werk des Lieblingsjüngers herrſcht, fo ift in der That Schon dieſes Zugeftändniß ein fehr auffallendes und für die Autorität, die für das Evangelium dennoch in Anfpruch ‚genommen wird, bedenkliches. Es ift nicht unfere Abficht, hier in eine ausführliche Cha— rafterfchilderung der fynoptifchen und der johanneifchen Reden einzugehen. Wir gedenken in den nachfolgenden Büchern die einen wie die andern volftändig, mit fleter Hinweifung auf ihre Eigenthümlichkeiten vorzuführen; hierdurch allein kann, fo viel an uns ift, für den Lefer die Möglichkeit eines felbftftän- digen Urtheils herbeigeführt werden. Für jest machen wir nur auf einen Umftand aufmerffam, der, wie uns bebünfen will, für die Unmöglichkeit, beide Claffen von Ausfprüchen des Erlös ſers unter Eine Kategorie in Bezug auf ihre Aechtheit zu brin— gen, entfcheidend ift. Die fpnoptifchen Reden haben durchge— bends und ohne Ausnahme bei Matthäus, bei Marcus und bei Lufas das, was man eine Pointe nenntz von den johannei- chen ift es nicht zu viel gefagt, wenn: wir behaupten, daß ih: nen, wenigftens den in längerem Athem gefprochenen (was hier faft alle find), eben fo durchgängig folche Pointe fehlt. Was wir aber hier unter Pointe verftehen, das ift, wie jeder, der diefe Frage einfichtig und vorurtheillos erwägen will, uns zu: geben wird, die Bedingung, unter der es allein ohne Wunder denfbar ift, Daß ein gefprochenes Wort, befonders eine etwas ausführlichere Nede oder Parabel, fih nicht nur ihrem allge: meinen Inhalt, fondern auc) ihrer wefentlichen Form nach, der Form, worin fich der Geift, der Genius ausdrüdt, ja bis zu einem gewiſſen Grade wörtlich und buchftäblich dem Gedachtniffe der Hörer einprägt und von ihm vielleicht Sahre lang bewahrt wird. Die Pointe ift, um das Bild, welches in dieſem Aus- drud liegt, für unfern Zweck zu benußen, gleichſam die Spiße, durch welche ſich die Rede in die Seele des Hoͤrers einhakt und | Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 109 in ihr, ‘wenn fie fonft Gmpfänglichkeit dafür hat, haften bleibt. Mittelft folcher Pointen, in deren unabläffig frei zus firomender Grfindung eben das Cigenthümliche, charakteriftifch Geniale der. Redeweiſe des göttlichen Meifters beftand, hat es, ohne alles Infpirationswunder, gefchehen fünnen, nicht nur daß der Apoftel Matthäus nach Verlauf einer Neihe von Zahren eine fo beträchtliche Anzahl jener Ausfprüche noch auswendig wußte und mit faft wörtlicher Treue niederzufchreiben vermochte, daß ein Aehnliched zu thun auch Marcus dur) die Erzaͤhlun— gen des Petris in Stand geſetzt ward, und daß neben den durch diefe Beiden aufgezeichneten noch eine nicht unanfehnliche Menge anderer fich in mündlicher Ueberlieferung fortpflanzte; fondern auch, daß wir in diefen allen ein ganz beftimmtes, individuell &harakteriftifches Gepräge mit gleicher Deutlichkeit und Ent- ſchiedenheit, wie nur irgend die Schreibart eines Schriftftellers, defien Werke und vorliegen, einen Styl, der, von dem Style des Marcus, Lukas und Matthäus um ganze Himmelsweiten verfchieden, recht eigentlich und im tiefften Ernſte der Styl des heiligen Geiftes genannt werden Fan, erbliden. Bei Sohannes Dagegen verfchwinder mit jenen Pointen nicht nur diefer Styl und. diefes Gepräge, es tritt nicht nur an feine Stelle ein anderes, zwar gleichfalls nicht charafterlofes, aber ein folches Ge— präge, deſſen charakteriftifche Cigenthümlichfeit mit der Eigen- | thümlichfeit des Styls der fynoptifchen Reden gerade eben fo unvereinbar ift, wie zwei Gefichter auf dem Haupte Eines Menfchen, — fondern es gehen zugleich die Handhaben verlo— ren, an denen begreiflicher Weife die Neden von dem, der fie fih ind Gedächtniß zuruͤckrufen wollte, gefaßt werden konnten. Selbft für eine ausdrüdlich daran gewandte Arbeit des Memo— rirens gehören die johamneifchen Neben zu den fchwierigften Aufgaben, wegen der geringen Anzahl von Haltpuncten, die fie dem Gedächtniffe darbieten, wegen des abftrufen, unbildli- hen Ausdruds und des Mangeld an logifcher Drdnung der uns abläffig fich wiederholenden und in fich zuruͤckkehrenden Gedan— fen. Wie undenkbar ift es, daß fie fich auf einmaliges Hören dem Gedächtniß des Züngers, der damals fehwerlich ſchon an eine dereinftige Aufzeichnung denken fonnte, eingeprägt haben follten? Defien nicht zu gedenken, was man gewöhnlich ganz zu. über- — — er 2 * 110 Erſtes Buch. ſehen pflegt), daß ein nicht unbetraͤchtlicher Theil dieſer Reden in Situationen geſprochen iſt, wo Johannes nicht einmal ſie als Augenzeuge angehört haben kann, wo fie alſo durch die Re— Iationen Mehrerer hindurch gegangen feyn müßten. Kurz, wie wenig wir auch geneigt feyn mögen, in Abrede zu ftellen, daß die johanneifchen Neden aus einer treuen und liebevollen Be— fehäftigung mit dem Andenken an den hohen Meifter, aus dem Streben, fich feine Lehre in einem Zufammenhange, der der eigenen Denfweife, dem eigenen Charakter des Juͤngers am ges mäßeften war, ms Gedaͤchtniß zu rufen, hervorgegangen find: fo Fann doch auf Feine Weife behauptet werden, daß wir in ihnen gleich unmittelbar, wie in Den fynoptifchen, bie eigenen Gedanken und Worte Jeſu vor und haben. Der Un- terfchied beider ift, wo nicht noch fchroffer, doch jedenfalls folgendergeftalt zu ftellen. Die fynoptifchen Reden find folche, welche fich objectiv, durch ihre Macht und Kigenthümlichkeit dem Geifte der Juͤnger eingedrüct hatten und, weil fie in die— ſem Geifte da und gegenwärtig waren, zu ihrer Mittheis lung drängten. Die johanneifchen dagegen find folche, die der Geift des Juͤngers, als ihm die Geftalt des Meifters in ein Nebelbild zu verfhwimmen drohte, in dem Streben, diefes Bild feft zu halten, feine fchon zerfließenden Züge wieder zu ſam— meln und, dur Hülfe einer felbftgebildeten oder anders: woher entlehnten Theorie über das Wefen und die Beftim- mung des Meifters, aufs Neue in eine Form zu gießen, mühfam hervorrief. Für das Chriftusbild der Synoptiker ift das Gemüth der referirenden Sünger nur ein gleichgültiger Durchgangspunct, für das des Johannes eine in der Erzeu- gung dieſes Bildes mitwirkende Potenz.) *) So fehr zu überfehen pflegt, daß man noch immer es als im Plane diefes Evangeliums Tiegend angiebt, nur ſolche Begebenheiten zu erzählen, von denen Johannes Augenzeuge war. =") Bei weiten das Bedeutendfte, was in neuerer Zeit (das heißt;zu allen Zeiten, denn früher ift man auf diefen Punct nie ernftlich zu fprechen gefommen) zur Bertheidigung ver Aechtheit der johannei- ſchen Neben aus inneren Gründen, d. h. aus der Anfchauung ihres Charakters heraus gefagt worden, ift die ausführliche Abhandlung, welche Tholuck darüber in feinem Buche über die Glaubwürbig- Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte, 111 Wir müffen alfo, — dies ift das Nefultat diefer vorläu: figen fummarifchen Bemerkungen über den Charakter jener von uns ald die Achte Grundſubſtanz des Evangeliums vorausgefeb: keit der ev. Gefch. gibt (S. 312 — 348). Es findet fich indeß, daß, was Tholuck dort beibringt, mit dem, worauf wir hinausiwol- Ien, in feinem Widerſpruche fteht. Wir können mit wenigen Aus— nahmen faft den ganzen Inhalt- der fiharffinnigen und geiftvolfen Abhandlung unterfohreiben, ohne Dadurch jenen Neden im geringften mehr zuzugeftehen, als wir ohnehin zu thun gefonnen find, Zwar lehnt der Verf. ©. 317 jede „mittlere Stellung“ von fih ab, „bei welcher, zwar nicht der johanneiſche Chriſtus, aber doch ein chriſt licher Johannes übrig bleibt“. Aber was er im Folgen» den wirkfich beibringt, das fpricht, genauer angefehen, nur für den hriftlihen Johannes, nicht für den fohanneifhen Chriſtus. Die vollkommen richtigen Bemerkungen über die Berfchiedenheit gleich treffender Portraits einer und derfelben gehaltvollen Phyſiognomie, über die Janus- und Proteusgeftalt eines Sofrates, eines Leibnig, die den von den verſchiedenartigſten Gefichtspuneten ausgehenden Biographen Anlaß und Stoff zu geben vermöchte, die Erinnerung an die Differenz des xenophontiſchen und des platonifchen Sokra— ted= Bildes, an die verfihiedene Auffaffung der Chriftuslehre durch Jakobus und durd Paulus: dies alles feßt voraus, daß es fi bier nur von Darftellungen Chriftt, von mehr oder minder fubeetiven Auffaffungen feines Charakterbildes handle, Davon aber foll der orthodoxen Anficht zufolge, welche in Bezug auf die Synoptiker auch die unfrige ift, in Bezug auf die in den Evange- lien mitgetheilten Reden Chrifti eben nicht blos die Nede fein. Es mag fih ganz richtig verhalten, die johanneifhe Auffaffung Jefu mit der platonifchen des Sokrates in Parallele zu ftellen (abs gefehen nur von der ungleich größeren Kunft der Darftellung bei Platon, die jedoch der Treue feines Sokratesbildes eben fo fehr nach einer Seite hin zum Bortheil, wie nach ber anderen zum Nachtheil gereichen Fann). Aber den fpnoptifhen Chriftus in eine Analogie zu dem renophontifhen Sofrates zu bringen, muß jeder für unftattpaft erkennen, der in den fonoptifchen Neben die eigene Stimme des Herrn zu vernehmen fih bewußt ift, nicht Fünftlich, wenn auch aus einem nicht unwahren Begriffe feines Charakters beraus, erfonnene Aeußerungen und Geſpräche, wie unftreitig bie von Kenophon dem Sokrates untergelegten find. — Wenn übrigeng der Verf, meint (S. 327), daß diefes fein Räfonnement nad) Analos gien feine Gültigfeit behalte, auch wenn die Differenz, was fie doch nicht fei, eine totale wäre, fo fönnen wir bies nur für einen Irrthum erklären. Eine Beziehung, eine Verwandtſchaft der Art, 112 Erſtes Bud. ten Chriftusreden, — wir müffen bei Sohannes eine von Haus aus verfchiedene Abficht feiner Aufzeichnungen vorausfegen, als wir bei Matthäus und den übrigen Synoptifern vorauszufeßen haben. Während jene von Feiner andern Abfiht, als von Dies fer geleitet wurden, die Sohannes der Presbyter von Mareus ausdrücklich berichtet, alles, was ihnen von Sefus bewußt war, fo unverfälfcht und fo vollftändig als möglich wiederzugeben, muß Sohannes einen beftimmten, doctrinellen Zwed vor Augen gehabt haben. Dies hat man auch von jeher bemerkt, und in diefem Sinne dem johanneifchen Evangelium einen Vendenzcha- wie fie fich allenfalls zwifchen Johannes und Den Synoptifern aufzeigen läßt, findet fich in den von ihm angeführten Analogien gleichfalls. Oder meint Tholuf, daß das; Chrittentbum des Paulus mit dem des Zohannes, daß eben fo auch „die !Geiftesentwicelung der mor- genländifhen Kirche aus dem Mittelpunct der Lehre von Gott“, mit jener „der abendländifchen aus der Lehre vom Menſchen her- aus” garnichts gemein habe? Was aber weiterhin, um bie fo höchſt auffallende Verwandtſchaft des johanneifchen Briefſtyls mit dem Styl ſeiner Chriſtusreden zu erklären, über die ſchon von Origines behauptete Möglichkeit geſagt wird, daß Johannes, als ein durchaus receptives „weibliches Gemüth“, ſeinen Schreib— ſtyl unbedingt dem Redeſtyl ſeines Meiſters nachgebildet habe (S. 338 ff.): das iſt eben, wie alles Reden über Möglichkeiten, ein unfräftiges und nichts beweiſendes; auch wird es vom Verf, felbft offenbar wieder zurückgenommen in der vortrefflichen, eben fo fei— nen als fiharfen Charafteriftit, welche er ſelbſt (S. 341 fi) von diefem Style gibt. Diefe nämlich geht von der Vorausfeßung aus, daß dieſer Styl dem Sohannes, und nicht Jeſu (deſſen Nede- fiyl wir glüdlich genug find, aus reineren Quellen zu fernen) an- gehöre. Sp glauben wir ung denn berechtigt, weit entfernt ung dur das ‚Liberale‘ Zugeftändniß, welches der würdige Berf,, durch feinen Glauben fühn gemacht, am Schluffe (S. 347) als ein inöglicher Weife, diefem Glauben unbefchadet, zu gebendes andeutet, „in Verzweiflung ſetzen zu Taffen“, vielmehr dafjelbe als ein, troß feiner Proteftation, daß er dazu no „feinen Grund fehe“, that- ſächlich von ihm fihon gegebenes zu betrachten und als ſolches es mit beftem Danfe zu acceptiren. Allerdings verhält es fih fo, wie der Berf. fagt: „Manche von den johanneifchen Reden mehr oder weniger alle] find gar nicht son Chriſtus gehalten worden, benn der Geift, der in den Neden des Meifterg war, war auf den Zün— ger übergegangen und hat aus ihm heraus in der „Sprache des Zuſtandes“ jene Reden gebildet,’ Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 113 after zugefchrieben, der es von den fonoptifchen unterfchei- den fol. Wenn man nun aber, nach dem VBorgange aller dings ſchon der Alten, diefe Tendenz darein feßte, die ſynop— tifchen Evangelien, die Sohannes bereits gekannt haben fol, ausdrüdlich zu ergänzen; theils chronologifch durch Hinzufü- gung verfchiedener, insbefondere früherer, vor die Gefangen: fchaft des Taͤufers fallender Shatfachen*), theils aber und ins: befondere geiftig dadurch zu ergänzen, daß die Bedeutung der Perfonlichkeit Chrifti als in die Welt gefommenen Gottes: fohnes, als fleifchgewordenen Logos deutlicher, als dort, Durch feine eigenen Neden ins Licht geſetzt würde”): fo halten wir Dies für eine irrige Ausführung des allerdings zum Grunde lie- genden richtigen Apereu. Bon einem ausdrüdlichen Hinblid auf andere Schriftliche Darftellungen, von einer Bekanntfchaft mit folhen Darftellungen aus eigener Anfchauung, nicht blos aus Hörenfagen, findet fich im ganzen Evangelium nicht die leifefte Spur”). Bedenkt man aber die fchlechterdings unlösbaren Ver: wirrungen, welche die Zufammenftellung der johanneifchen Berichte mit den fonoptifchen faft auf allen Puncten der evangelifchen Ge: fohichte zur Folge hat, — Verwirrungen, welche Johannes, wenn er wirklich jene Kenntniß ſowohl feiner Vorgänger, als auch der Geſchichte felbft befaß, die man ihm zufchreibt, allenthalben durch ein Wort hätte lofen kͤnnen —: fo heißt es (auch. abgefehen noch von der bei folcher Abficht vollig unnüsen Wiederholung verſchie— dener fchon bei den Synoptifern erzählten Vorfälle) dem Evans geliften einen in der That beifpiellofen Grad von Urtheilslofig- keit zutrauen, wenn man nichts deftoweniger eine Abficht der Ergänzung und Berichtigung feiner Vorgänger bei ihm finden will. Der doctrinelle Charakter der johanneifchen Reden ers Elärt fich vielmehr am beften und mit dem übrigen Charakter des *) Euseb. H. E. II, 24. #2) Dies meint unftreitig die von Clemens Alexandrinus berichtete Ueber— lieferung (Euseb. VI, 14), Johannes habe, aufgefordert Dazu von feinen Freunden und durch den Geift getragen, ein pneumatiſches Evangelium, dem ſomatiſchen gegenüber, fhreiben wollen, ER) Auch die Andeutungen am Schluffe Cap. 20, 30. 21, 25., von de— nen man e8 am meiften erwarten follte, verweifen feineswegs auf andermweit bereits fchriftlich Aufgezeichnetes. ie 114 Erſtes Bud. Gvangeliumd am übereinftimmendften, wenn man annimmt, daß Johannes, von dem Intereſſe eines Lehrzufammenhangs getrieben, der nicht ohne eigene productive Thaͤtigkeit, mehr auf Anlaß der Lehre feines Meifters, als unmittelbar durch diefe Lehre fich in feinem Geifte geftaltet hatte, darauf ausging, diefen Zufammenhang auch in der eigenen Lehre des Meifters wieder zu finden, und zu dieſem Behufe es unternahm, für fih felbft, nicht zunächft zum Behuf einer Mittheilung an Ans dere, fih, was ihm von den Reden des Herrn noch erinner- lich war, im Lichte dieſes Zufammenhangs nod) einmal vorzuführen. Bei diefem Unternehmen konnte er, ohne Unred— lichkeit gegen Andere oder gegen fich felbft, vollig ungebunden verfahren, und es ift pfychologifch durchaus erflärlich, wenn fich ihm dabei immer mehr und mehr feine eigenen Gedanfen ftatt der Gedanken deffen, den er reden ließ, unterfchoben. Auch ift der Charakter des Johannes, wie er uns aus feinen Schriften entgegentritt, ein durchaus fubjectiver und innerlicher, ein folcher, von dem man e3 fehr begreiflich finden muß, wenn er, ftatt ein Gegebened mit objectiver Treue wiederzugeben, vielmehr bie Art und Weife, wie er durch diefes Gegebene afficirt worden war, gab. Dagegen Fann man e8 als einen Streich betrach- ten, den der Doppelfinn, der in den Begriffen der ‚‚Receptivi- tat’’ und „Weiblichkeit““ liegt, den Apologeten gefpielt hat, wenn fie aus diefen dem Johannes zugefchriebenen Eigenfchaften einen günftigen Schluß auf die Treue feiner Ueberlieferung ziehen zu fonnen meinten, während ja doc befanntlich jene verftändige Refignation und Entäußerung der Subjectivität, welche zu einer reinen und klaren, objectiven Darftellung gehört, Nie- mandes Sache weniger, als der Weiber ift. — Welches aber jener Lehrzufammenhang war, der den Sohannes auf Diefe „Studien“ führte (diefer und Fein anderer dürfte der rechte Name für jene Aufzeichnungen fein, aus denen das Cvangelium er— wachfen ifl): Darauf werden wir im Folgenden ausführlicher zu— ruͤckkommen. Für jest nur noch die Bemerkung, daß fi in ihnen, wenn wir fie abgefondert von der dazwifchen gefchobe- nen Erzählung befrachten, die nicht ein gleiches Lob verdient, in der That ein edler, finniger, tiefer Geift ausfpricht, und daß hieraus fich Das lebendige Intereſſe erklärt, welches zu al ER Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 115 len Zeiten das Iohannesevangelium, Feineswegs ohne Grund, auf fi gezogen hat. Man kann, ja man muß die Individualität des Sohannes für eine zugleich liebenswürdigere und bedeutendere erkennen, als die Individualität irgend eines andern der Berfaffer hiftorifcher Bücher des Neuen Zeftaments, ohne daß jedoch da— durch für den höheren Werth feines Chriftusbildes etwas ent- fihieden würde, Wenn man auch auf diefes jene Vorliebe er- ſtreckt hat, wenn man erft den Chriftus des Johannes für den wahren, Achten Chriftus, ja wohl gar für einen verklärten, idealifirten Chriftus hat erfennen wollen: fo fonnen wir darin freilich, fo refpectable Autoritäten fich auch für diefe Meinung anführen laſſen mögen, Doc nichts anders, ald ein baares Misverftändniß, wiewohl ein noch immer fehr erflärliches , er: bliden. Es ift weniger ein Chriftusbild, als ein Chriftus: begriff, was Sohannes giebt; fein Chriftus fpricht nicht aus feiner Perfon heraus, fondern über feine Perfon. Dies aber ift eben der Standpunct, der freilich den Meiften, insbefon- dere derer, welche öffentlich über folche Dinge zu reden pfle— gen, am beften zufagt. Den Anblid des lebendigen Gottmen— ſchen in feinem eigenen Fleifch und Blut vermögen Wenige zu ertragen; vor dem durchbohrenden Blid feines Auges, vor dem niederfchmetternden Donner feiner Stimme finfen fie zufammen; der Chriftus, deffen fie bedürfen und den fie begreifen, ift vielmehr nur der abftracte Wllgemeinbegriff eines menfchgewor: denen Logos, ohne beftimmte Individualität feiner in der form: lofen Unendlichkeit der Menfchenliebe, Demuth und frommen Hingebung zerfließenden Geftalt, d. h. eben der johanneifche Chriſtus *). *) Nef. erinnert fih, von einem höchſt ehrenwerthen Gelehrten und wiſſenſchaftlichen Forſcher unferer Zeit in einer kurzen Selbftbiogras phie das Geftändniß gelefen zu haben, wie ihm der fanfte, finnige Melanchthon von jeber weit beffer zugefagt habe, als der feurige, gewaltige Luther, In diefent Bekenntniß — zu dem man dann jedoch die theoretifchen, dogmatiſchen Intereffen hinzunehmen muß, bie gleichfalls dabei im Spiele find — ſpiegelt fih die Vorliebe ber Meiften zu unferer Zeit für den johanneifchen Chriſtus, d. h. im Grunde für den „chriftlichen Johannes“, im Gegenfaße bes fonopti- 8 * 116 Erſtes Bud. Eine ſolche alfo war die Befchaffenheit der Auffäße, von denen wir annehmen, daß erft nach dem Tode des Apoftels in Anhängern und Schülern deffelben der Gedanfe entftand, fie in der Form, von der ed hin und wieder vielleicht das Anfehen haben Fonnte, als habe der Apoftel felbft fie ihnen zu geben beabfichtigt, auch Andern befannt zu machen. Wir glauben uns nicht zu täufchen, wenn wir mit Zuverficht die Erwar— tung ausfprechen, daß jedem, der es über fih vermag, von dem hier genommenen Gefichtöpundte aus einen unbefangenen Blick auf die Totalgeſtalt des Evangeliums zu werfen, über die Compofition und die gefammte innere Befchaffenheit deffel- ben ein neues Licht aufgehen wird. — Vielleicht bei Feinem Schriftwerfe der gefammten Literatur ift fo viel, wie bei dem Sohannesevangelium, von Plänen und Abfichten die Rede ge- wefen, welche man in der Compofition deffelben entdeckt haben wollte, Und Doch ift es nicht gelungen, irgend einen folchen Plan aufzuzeigen, der nicht die grellſten Widerfprüche, ſowohl in pofitiven Inhaltsbeftandtheilen, als auch in Unterlaffungen mit fich führte, deffen Vorausſetzung alfo nicht den Berfaffer als den ungefchicteften Schriftfteller von der Welt erfcheinen liege. Ueber- fihen, d.h. des wahren Chriftus. Von Luther felbft freilich wiſſen wir, daß auch er eine Vorliebe für das „einzige, zarte, rechte Hauptevangelium“ ausgefproden hat. Aber es Laßt fich Yeicht er- weisen, daß auch bei ihm dies eine dogmatifche Illuſion war, her- vorgegangen aus dem gerade bei ihm befonderg regen Bepürfniffe, Ehriftus als den eingebornen Sohn Gottes ausdrücklich befennen und aussprechen zu hören; wie fih dies auch in den harten Urtheilen Luthers über diejenigen biblifchen Bücher ausfpricht, in denen von Chri— ſtus nicht viel ausdrücklich die Rede ift. Seiner eigenen Sndipidua- lität nach war Luther nichts weniger als eine Sohannesnatur, —- Uebrigens fcheint es ſchon vor Alters nicht an ſolchen gefehlt zu haben, die fih dur die Manier des Johannes, bei aller Anerfen- nung des edlen Geiftes, der fih in diefer Manier ausfpricht, doch einigermaßen gelangweilt fühlten. Ich glaube, daß darauf die be- fannte Anekdote des Hieronymus (Galat. 6.) hindeutet, die ex von dem fterbenden Johannes erzählt, daß, als diefer unaufhörlich die Morte wiederholte: „Rindlein, Liebet euch unter einander“, die um— ſtehenden Schüler und Freunde endlich ungeduldig wurden und ihn fragten, was er damit wolle; worauf Zohannes geantwortet haben ſoll, es fei genug, wenn nur dieſes Gebot des Herrn erfüllt werbe, + Bon den Quellen der evangelifchen Geſchichte. 117 dies pflegen die alten Schriftfteller, auch die biblifchen, wo fie wirklich einen ſolchen Plan verfolgen, mit offener Angabe und Darlegung defjelben Feineswegs zurüdhaltend zu fein; bei So- hannes aber vermiffen wir folche Angabe überall: ein Umftand, der für fi allein fchon hinreichend wäre, den Argwohn zu erweden, daß dem Werke überhaupt Fein Plan zum Grunde lag. Sn der That auch erfcheint, von dem unter fich ziemlic) gleichförmigen Charakter der Neden abgefehen, die Auswahl der erzählten Begebenheiten als eine fo völlig planlofe, daß fich zu ihrer Erklaͤrung dem Unbefangenen fchlechterdings Feine an- dere Auskunft darbietet, als einerfeitd der Zufall, der nur diefe, aber Feine andern Begebenheiten zu des Verfaſſers Kunde ge: langen ließ, andererfeit3 die gleich zufällige Moglichkeit einer. Anfnüpfung diefer und Feiner andern Erzählungen an den dem Berfaffer als Material der Verarbeitung vorliegenden "Stoff, d. h. an die von dem Apoftel Sohannes aufgezeichneten Neden. Diefe Reden felbft bleiben, wie aus unferer obigen Charafte- riſtik derfelben hervorgeht, bei aller Gleichartigfeit ihres Tones und ihres Inhalts, doch von jeder Abfichtlichkeit im Entwurf und in der Ausführung fern. Es Fonnte dem Sohannes nicht einfallen, durch fie etwa, wie man ihm fo häufig untergelegt hat, die göttliche Natur und Sendung feines Meifterd Andern, die fie läugneten, beweifen zu wollen. Wenigftens haben wir feinen Grund, ihm einen folhen Mangel an Einfiht in das Wefen und die Erforderniffe folchen Beweiſes zuzutrauen, daß er für diefen Zwed die ausführlichen Betrachtungen) über fich felbft, die fein Chriftus anftellt, für geeigneter hätte hal- ten konnen, ald die Art und Weife, wie er redend und han— delnd bei den Synoptifern feine gottlihe Abfunft beftätigt. Eben fo wenig aber ift es nöthig, Diefen oder, einen ähnlichen Zweck dem Bearbeiter unterzulegen. Der Bearbeiter hatte fei- nen andern Zweck, ald nur, die fchriftlichen Auffähe des Jo— hannes in einer Form mitzutheilen, die ihm zu ihrem Ver— ſtaͤndniß erforderlich und für den Geſchmack, den er bei feinen Lefern vorausfeste, geeignet fhien. Daß die Form, die er zu diefem Behufe wählte, die Form einer vollftändigen Lebens: befchreibung des Herrn von der Zeit feiner Laufe durch Jo— hannes bis zu den Begebenheiten nach feiner Auferftehung, | 118 Erfies Bud. r zu dem Charakter der mitzutheilenden Reden, welche durchaus nur von dem fubjectiven Standpuncte des Juͤngers abgefaßt waren, und nicht im entfernteften den wahren Umfang der Lehren und Aeußerungen Jeſu umfchreiben, Feineswegs paffen will: dies freis lich fiel nicht in fein Bewußtfeinz; fo wenig, wie es in fein Bewußtfein gefallen zu fein feheint, daß die Kunde, die er jelbit von den Begebenheiten befaß, die er befchreiben wollte, eine hoͤchſt unvollftandige und unfichere war, und daß die Hypothefen, durch die er die Lüden feiner Kenntniß ergänzen wollte, faft durchgehends verfehlte und trügerifche find. Eine Schwierigkeit kann bei diefer unferer Erklärung der Ent» fiehung des Evangeliums folgender Umftand hervorzurufen fcheie nen. Sowohl von dem Gedanken einer Ueberarbeitung überhaupt, ald allerdingd auch von einigem in den erzählenden heilen Vorkommenden fteht nicht zu läugnen, daß beides eine Kunde von anderweit vorhandenen Gvangelienfchriften, und auch, wenige ſtens im Einzelnen, eine Bekanntfchaft mit dem Inhalte Diefer Schriften vorausfeht, während doch die Zotalgeftalt unfers Evangeliums zu den Grundbeftandtheilen aller übrigen, bie uns erhalten oder über deren Befchaffenheit wir unterrichtet find, in fo greller Differenz fteht, daß eine wirkliche Beruͤckſichti— gung derfelben uns als undenkbar erfcheint. Indeſſen bleibt dieſe Schwierigkeit bei jeder andern Anficht von dem Urfprunge des Werkes die nämliche. Site wird auch durch die jest beliebte Anfiht, ald habe der Evangelift zwar nicht unfere fynoptis Ihen Evangelien, wohl aber die fynoptifche Tradition berüd- fichtigt und berichtigen wollen, Feineswegs gehoben. Denn gerade dann wäre am allerwenigften begreiflich, wie berfelbe nicht eine noch weit größere Maffe des fynoptifchen Stoffes in fein Werk aufzunehmen fich veranlagt finden mußte. Die natürlichfte Annahme wird immer bleiben, daß Die Herausge— ber des Evangeliums zwar von dem Vorhandenſein anderer Schriften ähnlichen Inhalts, zunächft wenigftens der Bücher des Matthäus und Marcus, Kunde hatten und durch dieſe Kunde auf den Gedanken ihres Unternehmens geleitet wurden, daß vielleicht auch von dem befondern Inhalte diefer Bücher manches Einzelne durch mündliche Mittheilung an fie gelangt war (wiewohl dies auch ohne Beziehung auf die Bücher- Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 119 auf anderm Wege gefchehen Fonnte), — daß aber die Schrif- ten felbft ihnen unzugänglich blieben. Die Unwiffenheit der Umgebung oder Schule des Sohannes in den Begebenheiten aus dem Leben des Erlöfers, für die auch die Synoptifer Feine andere Quelle, ald nur den Marcus gehabt zu haben fcheinen, erklärt fi) ohne Schwierigfeit aus der geiftigen Eigenthümlich- feit des Apoſtels, fo wie wir diefe im Vorhergehenden bezeich- nen mußten, Diefelben Charaftereigenfchaften, die feine fchrifte lichen Aufzeichnungen zu etwas ganz anderem, als treuen Ne: lationen der Reden und Aeußerungen feines Meifters machten, liegen ihn auch im Kreife feiner Schüler und Freunde nicht leicht zu einfach berichtenden Erzählungen der Art kommen, aus welchen diefe fich ein gleich anfchauliches Bild von der Derfönlichkeit und der Laufbahn Chrifti hätten entwerfen koͤn— nen, wie Marcus aus den Erzählungen des Petrus. "Wenn fie e8 nicht8 deftoweniger unternahmen, aus dem Wenigen, was fie von Johannes mündlicy vernommen hatten, aus den fhrift- lichen Studien deffelben und aus den zerftreuten Notizen, welche ihnen fonft die mündliche Ueberlieferung zugeführt hatte, eine evan— gelifche Gefhichte mit dem Anfpruch auf Vollſtaͤndigkeit, oder wenigftens auf Ueberfichtlichfeit zufammenzuftellen, fo müffen wir freilich eine ftarfe Illuſion in ihnen über das Verhaͤltniß jener ihrer Mittel zu dem von ihnen angeftrebten Ziele voraus- feßen. Aber ohne die Annahme einer folchen Illuſion, auf der einen oder der andern Seite, wenn man nicht zu Der weit be- denflicheren einer abfichtlichen Taͤuſchung fortgehen will, Fommt man bei unbefangener Vergleichung diefes Evangeliums mit den fonoptifchen doch ein für allemal nicht aus; und auf welcher Seite diefe Illuſion zu fuchen fei, Fann nad) allem bisher An— gebeuteten, (was wir im Folgenden weiter auszuführen und fireng zu erweifen gedenken) für uns Fein Zweifel fein. Die Art und Weife indeß, wie auf dem hier angedeufeten Wege, nach Form und Inhalt gerade ein folches Product, wie unfer Evangelium ift, entftehen konnte, läßt fich auch hier fchon im Allgemeinen noch etwas genauer angeben. Wir haben be: reits oben in einer gelegentlichen Bemerkung der Inconvenienz ge: dacht, daß fich aus unferm Evangelium, wenn man fi an daffelbe allein halten wollte, ein falfcher Begriff won ber 120 Erſtes Bud. Stellung ergeben würde, in welcher während feines öffentlichen Lehramtes Jeſus zu dem Volfe ftand, in deffen Mitte er aufs trat. Niemand wird uns das Necht beftreiten, zu fagen, ein falfcherz denn gefeßt, man wollte den Zeugniffen, welche aus den Synoptifern für ein entgegengefeßtes Verhältniß zu entnehe men find, ihrer äußern Glaubwürdigkeit nach Eeinen hoͤhern Merth, ald denen des vierten Evangeliums beimeffen, fo ift doch in dieſem Falle die innere Wahrheit fo auffallend auf der ſy— noptifihen Seite, daß auch das fonft befangenfte Urtheil uns hier wird beiftimmen müffen. Den Wegfall der fynoptifchen Zeugniffe über den außerordentlichen, nicht blos durch feine Wunder, fondern eben fo fehr Durch die Gewalt feiner Rede*) und den überwältigenden Gindrud feiner Perfonlichkeit herbei— geführten, übrigens bi8 zu feinem Abfchiede von dort fo gut wie vollig ungetrübt bleibenden Erfolg Jeſu in Gali— lüa, — dieſen hoͤchſt auffallenden Unterlaffungsfehler des vier— ten Evangeliums ift e8 wohl nie jemandem beigefommen, anders als eben nur für das, was er ift, erklären, und nur etwa da— mit. entfchuldigen zu wollen, daß Sohannes jenen Erfolg als etwas von felbft fich Verſtehendes vorausfegen. Fonnte, Aber wenn num bei genauerer Betrachtung diefes Doppelte fich ers giebt: erftens Daß eine ftilichweigende Borausfekung def fen, was vor allem andern den Inhalt einer Lebensgefchichte Sefu hätte bilden müffen, in einer Schrift, die fih von An— fang bis zu Ende für eine folche Lebensgefchichte giebt, und auch von fern nicht merken läßt, daß fie nur Supplement an— derer folcher Lebensgefchichten fein will, ja deren eigenthüms lichfter Charafterzug darin befteht, überall gar nichts als ihren Lefern befannt vorauszufeken, fondern auch von den befannteften Dingen weit» laͤuftige Erklärungen zu geben, — daß in einer fol- hen Schrift eine ſolche Vorausfegung durchaus undenkbar iſt; zweitens daß diefe angebliche Vorausſetzung gar nicht vorhanden ift, fondern der Evangelift an unzähligen Stellen mit Angftlis cher Mühfamkeit es fich angelegen fein läßt, neben der erbit— terten Feindſchaft, die er allenthalben zwifchen Sefus und, *) Marc, 1, 22 und Parall. | Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 121 nicht etwa nur den Schriftgelehrten und Aelteften, fondern der Mafle des Volks ald vorhanden annimmt, auc) des vorüber: gehenden Erfolges zu gedenken, den ed Jeſu durch feine Wun: derthaten (von einem Grfolge anderer Art, als nur durch Wunder, weiß und diefer Evangelift, der angeblich geiftlichft Ge— finnte aller Jünger des Herrn, nur fehr wenig zu erzählen), bin und wieder, aber immer nur bei einem Eleinen Theile des Bolkes, zu erringen gelang *); wenn dies das Ergebniß einer unbefangenen Betrachtung unferd Evangeliums ift: fo bleibt wohl nichts übrig, als uns nach einem Grunde um: zufehen, der diefes offenbare, bei einem Augenzeugen und auch bei einem folchen, der einigermaßen vollftändige Relationen von Augenzeugen vernommen hatte, vollig undenfbare Mis— verftändnig — denn ein folches ift es — veranlaßt haben konnte. Diefer Grund aber, worin läge es näher, ihn zu fur chen, als in einer folchen Stellung des Evangeliften, welche ihn hauptfächlich nur von den letzten Begebenheiten in Jeru— falem, von den Begebenheiten bei und vor der Kataftrophe vernehmen, und nach diefen, theilweife wohl auch nach dem, was ihm von dem beharrlichen Widerftreben der Juden auch nad) jener Kataftrophe, während das Ghriftenthum fich haupt: ſaͤchlich unter den Heiden verbreitete, befannt geworden war, feine Gefammtvorftellung von dem Verhältniffe Jeſu Chrifti zu dem Volke, das ihn umgab, entwerfen lieg? — Offenbar nam: lich aus einer folchen Vorſtellung heraus ift die Nedaction des Evangeliums erfolgt. Es ift, Fann man fagen, eine fire Idee des Neferenten, den Sefus, von dem er gehört hatte, daß er in *) 305.2, 11.23. 4, 45. 6,14. 7, 31. 40.49, Noch zuletzt ſoll der Jubel des Volks beim Einzuge in Jerufalent, der bei den Syn— optifern in ganz anderem Lichte. erfcheint, nur einem eben voll brachten Wunder gegolten haben. Cap. 12, 18, Nur in Samaria Scheint eine Ausnahme angenommen zu werden Cap. A, Al f., denn was Cap. 8, 30 von den Juden gefagt wird, das kann, wie au die Ausleger es verſtehen, nicht wohl ernftlich gemeint fein, da von denfelben, die hier als gläubig bezeichnet werden, Jefus gleich da— rauf (V. 40) ſich beffagt, daß fie ihm tödten wollen. So au ift Cap. 7, 40. 49. auf die V. 31 erwähnten Wunder zurüczubes ziehen, wenn auch B.46, aber nur von den Dienern der Pharifäer, die Macht von Jefu Nede gerühmt wird. — 122 Erftes Bud. Serufalem dem Hafle der Häupter des Volkes, insbefondere der Schriftgelehrten, unterlegen fei, diefen Zefus von vorn herein, fogleich von feinem erften Auftreten an, in einem ununterbroches nen Kampfe mit „den Juden“ begriffen zu zeigen, — mit ber: felben Volksmaſſe, von der wir doch wiffen, daß fie noch bis zulest, ſogar in Serufalem, auf der Seite Sefu ftand, fo daß feine Feinde nur durch heimlichen Verrath ihn in ihre Gewalt befommen konnten. — Die Art und Weife aber, wie wir vorausſetzen, daß diefes Misverftandniß in dem Heraudgeber entftanden fein mag, findet auch noch in andern Kennzeichen ihre Beftätigung, und dient ihrerfeitS, noch andere, fonft unerflärt bleibende Umftände in der Snhaltsbefchaffenheit unferd Gvangeliums ins Licht zu fegen. Hier namlich ift es, wo der fo vielfach befprochene und noch von Keinem genügend erklärte Umftand feine Erklärung erhält, daß das vierte Evangelium die Begebenheiten, Die es erzählt, faſt ſaͤmmlich zu Jeruſalem vorgehen läßt, und von den Thaten Jeſu in Galiläa, ein paar Wundergefchichten aus: genommen, die ihm zum Theil mit den Synoptifern gemein find, fo gut wie nichts zu berichten weiß. Was von den wie: derholten Reifen nach Serufalem, die es zu diefem Behufe vor: ausfesen muß, zu halten fei, darauf werden wir noch weiter: bin zu fprechen Fommen. Hier bemerken wir nur das Auffals lende, was darin liegt, wenn unfer Evangelium, unter Bor: ausfchikung nur einer einzelnen Wunderthat, die zu Oaliläa im Familienkreiſe verrichtet fein fol, die Neihe der öffentlichen Handlungen Iefu zu Serufalem mit derfelben Handlung begin: nen läßt*), die er nach den Synoptifern zunächft nach feinem letzten Eintritt (der bei diefen freilich zugleich der erfte ift) verrichtete *), und nach diefer fogleich den Ausſpruch er= zahlt***), der nach jenen als Grund feiner Anklage vorgebracht ward+). War aber dem Gvangeliften, wie es in ber ephefi- nifch = hellenifchen Umgebung des Apoftels Sohannes leicht ge— fchehen Eonnte, eine beftimmtere Kunde nur von der Kataſtro— 5.23, 14 **) Marc, 11, 15 u. Parall. “309.2, 19, +) Mare. 14, 58 u. Parall. Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 123 phe im Leben Jeſu und von den diefer Kataftrophe zumächft vorangehenden Händeln mit Pharifäern und Schriftgelehrten, von der früheren Laufbahn in Galiläa nur eine fehr unbeftimmte und verwafchene zugefommenz hatte er ferner in den fehriftli- hen Auffägen des Johannes, wie es die dogmatifch = fpeculas - tive Natur diefer Auffäge mit fih brachte, hauptfächlich nur Streitreden über die Natur, die göttliche Beftimmung und Sendung Chrifti vorgefunden: fo ift, zumal wenn er überdies, wie wir auch dies von ihm vorauszufegen in jedem Sinne be: vechtigt find, ein Schriftfteller von wenig Talent und Uebung war, erklärlich genug, wie für ihn felbft in der Gefammtans fiht vom Leben und Wirken des Herrn die Zäufchung entftes hen konnte, die dem Werke feine gegenwärtige Geftalt gege: ben hat. Sn diefer Geftalt des Werkes felbft, wie fie vor uns Liegt, die Zufammenfesung, die wir darin entdedt zu haben glauben, volftändig im Einzelnen nachzuweifen, ift hier zwar eben fo wenig unſer Gefchäft, wie das Entfprechende in Bezug auf die Evangelien des Matthäus und des Lufas es war. Doch werden einige Andeutungen darüber um fo mehr noch an ihrem Plate fein, je feltener fich gerade hier noch Anfichten ähnlicher Art haben verlauten laffen, je mehr man vielmehr gerade diefes Evangelium, mehr als irgend eines der übrigen, als ein aus einem Gufje hervorgegangenes Werk anzufehen ges wohnt geblieben ift. Selten ift wohl eine Schrift mit minde» ) rem Recht zu einem Rufe diefer Art gelangt, wie die vorlies | gende. Wenn die Differenz zwifchen dem erzählenden nnd dem didaktifchen Theile (den Reden) hier vielleicht eine beim erften Anblick minder auffallende ift, als partienweife allerdings im erften Evangelium: fo giebt fie fich bei tieferem Eindringen in— fofern als eine noch entfchiednere und durchgreifendere fund, ald dort wenigftens in den aus Marcus entlehnten Theilen eine wirkliche VBerfhmelzung und Durchdringung beider Elemente gegeben iſt. Zwar ift in dem unfrigen eine durchgehende Ab— ficht des Ueberarbeiterd bemerkbar, den erzählenden Theil, den er aus eigenen Mitteln hinzufügte, dem didaktiſchen, welcher von ihm vorgefunden war, anzupaffenz was in jenen Evange- lien, die verfchiedene bereits fchriftlic vorhandene Quellen mit 124 Erftes Bud. einander zu verfchmelzen fuchten, nicht in gleichem Grade ſtatt— finden Fonnte. Daher allerdings hier eine größere Gleichfoͤr— migfeit der Nede in allen Xeußerlichkeiten, im Lerifalifchen und Grammatifchen. Der Ueberarbeiter konnte fich hier, zumal bei der geringen Selbftftändigkeit feines eigenen Geiftes und inner: halb der gemeinfamen Sphäre helleniftifcher Bildung, feinem Borgänger auf eine Weife anfchließen, welche bei rein philo— logifcher Betrachtung den verfchiedenen Urfprung der Theile nicht eben empfindlich hervortreten läßt. Bei fachlicher Unter- fuhung dagegen muß zunächft das Gezwungene und Erarbeitete der Motivirung gewiffer Ausfprüche und längerer Neden, die haufig fcheiternde, nie wahrhaft gelingende Kunft des Dialo- giſirens, die völlige Unverftändlichkeit mancher Gnomen und Apophthegmen an der Stelle, wo fie mitgetheilt werden, auf- fallen. Man hat es als eine allgemeine Gigenheit der Ant- worten Sefu betrachtet, daß fie auf die Fragen, zu deren Er- widerung fie beftimmt find, nicht immer genau zu paffen fchei- nen, und Baco von Verulam hat von diefer Erfcheinung Die mehr finnreiche, als treffende Erklärung gegeben, fie ruͤhre daher, erftens weil Sefus immer in das Innere, in die Seele der Fragenden hineinblicte und den nicht ausgefprochenen Sinn, der dort fich verbarg, mit feiner Antwort traf, fodann aber, weil er feine Worte nicht blos an den Fragenden, fondern an alle kommenden Gefchlechter richtete, von denen er wußte, daß fie ihn hören würden *). Dies klingt annehmlich genug, aber fieht man näher zu, fo findet fih, daß die Rüge, welche durch diefe geiftreiche Bemerkung befeitigt werden follte, die dialo— gifchen Partien nur beim Johannes, aber nicht in den übrigen Evangelien trifft. Dort haben vielmehr die wirklich dialogi— i *) Egregie observatum est, quod responsa salvatoris nostri ad quae- stiones non paucas ex iis, quae proponebantur, non videntur ad rem, sed quasi impertinentia. Cujus rei causa duplex est: altera, quod, cum cogitationes eorum, qui interrogabant, non ex verbis, ut nos homines solemus, sed immediate et ex sese cognoyisset, ad cogitationes eorum, non ad verba respondit; altera, quod non ad eos solum locutus est, qui tunc aderant, sed ad hos etiam, qui vivimus, et ad omnis aevi ac loci homines, quibus Evangelium fuerit praedicandum. Baeo de augm. scient. lib. IX. Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 125 ſchen Ausſpruͤche Sefu, d. h. diejenigen, wo uns mit der Antwort zugleich die Frage überliefert ift, Durbhgängig und ohne Ausnahme etwas fo unmittelbar Treffendes und Schlagen- des, daß in Bezug auf fie jede Erklärung folcher Art als voͤl— lig überflüffig erfcheinen muß. Andere Partien fommen freilich auch dort: vor, wo fich die Evangeliften eine paſſende Ver— bindung herzuftellen gar feine Mühe gegeben haben; aber diefe find, wie, fie wenigftens uns vorliegen, gar nicht dialogifcher Urt. Der Ueberarbeiter des Johannes (bin und. wieder viel— leicht ſchon Johannes felbft) hat fih, da er bei feiner Ueber: arbeitung freiere Hand, als die Uebrigen hatte, an fehr vielen Stellen die, von uns nicht eben mit fonderlihem Dank aufzu— nehmende, Mühe des Dialogifirens gegeben, und hieraus find dann jene Incongruenzen der Antworten zu den Fragen hervor— gegangen, die wir dem wahren Nedeftyl Sefu nichts weniger ald gemäß finden konnen ). Sonderbarer Weife jedoch tritt und, indem wir im Be: griffe find, die Discrepanz diefer beiden Theile unferd Evans geliums, des erzählenden und des didaftifchen,. ald eine that: fächlich vorhandene und unläugbare anzuerfennen, eine Bemer— fung enfgegen, die, wenn es fich mit ihr richtig verbielte, zwifchen jenen beiden Theilen das gerade entgegengefehte Ver— haͤltniß von dem, welches wir bei ihrer Unterfcheidung voraus: feßten, anzunehmen nöthigen würde. Während man nämlich von dem bidaktifchen Theile mehr oder weniger zuzugeben fich gendthigt findet, daß er an Form und Inhalt der Nedeweife Sefu, wie fie uns fonft befannt ift, und wie wir auch, wenn wir fie aus feinen andern Quellen Fennten, aus der Natur der Sache ihre Befchaffenheit vorausfegen müßten, nicht durchaus entfpricht, daß vielmehr der Evangelift hiev manches von feinem Eigenen hinzugethan haben muß: fo will man in dem erzaͤh— leuden Theile gerade umgekehrt Kennzeichen entdedt haben, welche auf die unmittelbare Nähe des Erzählers zu den erzähl: ten Begebenheiten, auf wirkliche Augenzeugenfchaft ſchließen *) Beifpiele folcher Incongruenzen: oh. 2, A 3, 5. 11 ff. A, 16. 35 ff. 48. 5, 19 ff. 6, 26. 53. 70. 8, 26. 11, 9. 26. 12, 23 ff. 35. 1% 27. 14, 23. 20, 17. 21, 18. 22. — 126 Erſtes Buch. laſſen. Man macht zu dieſem Behufe die Fuͤlle der Detail züge in den einzelnen Erzählungen, die Lebhaftigfeit und An: fchaulichfeit der Erzählung geltend, durch welche, fo behauptet man, bdiefer Evangelift fid) vor allen andern auszeichne und als perfonlicher Beobachter und Theilnehmer der Begebenheiten fund gebe. An diefer Bemerkung ift allerdings fo viel wahr, daß die Erzählungen unſers Evangeliums nicht denjenigen Cha= rafter tragen, durch welchen die des erften und dritten fich als Relationen verrathen, die bereits durch mehrere Hände gegan- gen find und von den legten Erzählern halb epitomirend, halb erläuternd berichtet werden. Wir dürfen den Detailzuͤgen, durch welche die hier in Rede ftehenden fich auszeichnen, einen ange logen Charakter der Urfprünglichkeit nicht abfprechen, wie den wir den entiprechenden Zügen bei Marcus zuerfannten; einen folhen nämlich, der aus dem Beftreben hervorgeht, einer Be- gebenheit, welche der Erzähler vor dem. Kreife, vor dem er fpriht, als eine noc unbekannte zum erftenmale zu berichten fi) bewußt ift, durch malerifche Ausführung oder plaftifche Ab: rundung diejenige Anfchaulichfeit zu ertheilen, durch welche fie in die Vorftellung des Hörers eingeführt, und der Hörer ihr Glauben zu fchenfen geneigt gemacht wird. Aber wie wir fhon an Marcus das Beifpiel hatten, daß eine Anfchaulich- feit diefer Art keineswegs uͤberall auf wirkliche Augenzeugen- ſchaft fchließen läßt: fo findet fich bei genauerer Betrachtung der johamneifchen Erzählungen ein Aehnliches. Es findet fich in fo gefteigertem Gegenſatze gegen den Charakter der wirklichen Augenzeugenfchaft, daß wir den Herausgeber unſers Evange- liums Teineswegs in ein gleiche Verhältnig zum Apoftel Jo— hannes zu feßen wagen, wie den Marcus zum Apoftel Petrus. Wie in andern Beziehungen, fo auch in diefer Detailmalerei trägt der Vortrag unſers Evangeliums durchaus das Gepräge mühfamer Arbeit, Feineswegs jener Friſche der Grinnerung, Die entweder unmittelbar aus der erften, oder aus einer rein und üppig fließenden zweiten Quelle fchöpft. Zur Beglaubigung diefes Urtheild brauchten wir im Grunde nur auf das vorhin Gefagte zu verweifen, wo wir auf den Mangel einer richtigen Gefammtvorftellung über den Gang der Begebenheiten während des Lehramtes Jeſu aufmerffam machten. Wenn irgendwo, Bee. Bon den Quellen der evangeliſchen Gefchichte. 127 fo hätte ſich an folcher Gefammtvorftellung die Augenzeugens fchaft, es hätte fih an ihr auch eine aus der Augenzeu« genfchaft Anderer gefchöpfte, Achte und gründliche Belehrung bewähren müffen. Gin Mangel in diefer, eine Schiefheit der Art, wie die unferm Gvangeliften fowohl in Bezug auf das Ver: haͤltniß Jeſu zum jüdifhen Volke, ald auch über feine Rede: weiſe und Lehrmethode feinen Schülern und Gegnern gegenüber, nachgewiefene, zeugt gegen den fo Irrenden lauter, als alle Detaild im Einzelnen für ihn zeugen koͤnnen. Denn diefe Des tails laffen fi; leicht auch auf anderem Wege, fei es gewinnen oder erfinden, die Gediegenheit der Totalauffaffung aber ift ges rade der unendliche Bortheil, den der mit den Begebenheiten wirflih Vertraute vor jedem Fremderen voraus hat. Sie ift ein Vortheil, der fich bei dem wirklich fo Begünftigten unwill- Eührlih und ohne fein Zuthun geltend macht, felbft wo er Str: thümer, Gedächtnißfehler im Einzelnen nicht vermeidet; wo fie aber fehlt, da verräth fich ihr Mangel bei aller Sorgfalt in der Darftellung des Einzelnen doch faft unvermeidlich in einer Menge unwillkührlich entfchlüpfender Züge, die um fo charak- teriftifcher find, je weniger das eigene Bewußtfein des Verfaſ— ferd an ihnen Theil hat. — In die Kategorie des Mangels jener Zotalanfchauung gehört bei unferm Evangeliften jene Uns arbeit, die allen Eritifchen Bearbeitern der evangelifchen Ges fhichte fo viel Noth verurfacht hat, über den wechfelnden Schaupla der Begebenheiten. Er erzählt uns faft ausfchließ- ich Begebenheiten, die zu verfchiedenen Zeitpuncten, bei Feſt— reifen, in Serufalem vorgefallen fein follen, aber weder über die Zeiten, in welche diefe angeblichen Reifen fallen, erfahren wir etwas Näheres (Fein Wort verbürgt uns, daß diefe Reis fen, wie man gemeinhin ohne Weiteres annimmt, die einzigen waren, und daß nicht noch andere, nicht ausdruͤcklich berichtete da— zwifchen fallen; von einer derfelben *) ift man befanntlich fogar über das Feft in Ungewißheit, welchem die Reife gegolten ha— ben fol), — noch auch meift über die Art, wie Jeſus die Zeit zwifchen den Feften zugebracht. Auf Feine Weife würde es hier ein Augenzeuge, oder ein auf andere Weiſe gründlich Unter: ”) 05. 5,1. J * re F * EN PER 128 Erſtes Bud. vichteter, wenn er auch nicht eben notwendig eine fo genaue Neifebefchreibung, wie Lukas in der zweiten Hälfte der Apoftel- geihichte, zu geben beabfichtigen mußte, an beftimmten An— Deutungen fowohl über die chronologifhen Verhältniffe des Er: zählten, als auch über den Umfang und die Befchaffenheit des zwifchen den befonderen Grzählungen Weggelaffenen haben fehlen laffen. Sein hiftorifches Gewiffen hätte einem folchen dies nicht geftattetz es hätte ihm, fogar ohne eine ausdrücklich obwaltende Abficht gefchichtlicher Vollſtaͤndigkeit, Andeutungen Diefer Art eingegeben. — Indeffen bedürfen wir diefer Snduction aus den Unterlaflungsfehlern unfers Autors nicht einmal, Wir brauchen nur eine oder die andere der Detailerzählungen genauer anzufehen, um gewahr zu werden, was es mit jener an unferm Evangeliften jo hochgerühmten Anfchaulichkeit und Bolftändig- keit des malerifchen oder dramatifchen Details für eine Be— - wandtniß hat. Es wird nämlich nicht überflüffig fein, unfere Bemerkun— gen über die Erzählungsweife des vierten Evangeliften fogleich hier durch ein Beifpiel zu belegen; auf eine Menge anderer Bei- fpiele werden wir im fpäteren Verlaufe unferer Betrachtung von felbft zu reden fommen. Wir wählen zu diefem Behufe eine Erzählung, auf die wir nicht nöthig haben, Tpäter ausdruͤcklich zurüczufommen, da ihr hiftorifcher Unwerth ſich uns ſogleich hier auf das überzeugendfte darthun wird. Es ift die Erzaͤh— lung im fünften Gapitel unferd Evangeliums von der Heilung eines Kranken am Teiche Bethesda, eine nicht weniger, wie ir gend eine andere ähnliche, mit Detaild der Art verfehene, denen man jene Beweisfraft für die Augenzeugenfchaft des Referen— ten beimeffen will. Aber von welcher Befchaffenheit find hier diefe Details? Wir fehen zum Behufe einer Beantwortung diefer Frage ab von den mehr vorläufigen Umftänden, von der Un: gewißheit, in der wir, wie fo eben erwahnt, über die Zeit und den Charakter des Feftes gelaffen werden, zu deſſen Beſuch Sefus diesmal nach Serufalem gereift fein ſollz eben fo auch) von der Notiz über den Teich Bethesda felbit, bei welchem ſchon Anderen vor und der Umftand Verdacht erwedt hat, dag | weder Sofephus, noch ein anderer gleichzeitiger oder älterer \Schriftfteller feiner und feiner angeblichen Heilkraft gedenkt, Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 129 fondern erft fpäatere, deren einzige Quelle vielleicht die gegen- wärtige Stelle war. Nicht minder Laffen wir zur Seite die Frage über Aechtheit oder Unächtheit der vielfach‘ bezweifelten, aber doch durch Außere Fritifche Zeugniffe hinläsglich beglaubig- ten Worte, in denen der Grund und die Wirfungsart jener Heilkraft auf eine ziemlich abenteuerliche Weife befchrieben wird. Nur was unmittelbar zur Erzählung felbft gehört, faffen wir et: was näher ins Auge, um allein aus ihr felbft heraus ein Ur theil über ihren Charakter zu bilden, Es wird alfo erzählt, daß Jeſus am Leiche Bethesda einen Menfchen fand, der acht und dreißig Jahre Frank lagz er fragte ihn, ob er gefund werden wolle? — Hier pocht man auf dad Detail der acht und dreißig Sahre, aber man vergißt, Daß gerade: diefes ein folches ift, welches am wenigften von einem Augenzeugen unmittelbar wahrgenommen werden Fonnte, wie ja der Gvangelift felbft (B. 6) Jeſu nicht die Kunde von der beftimmten Länge der Zeit, fondern nur davon, daß der Menfchüberhaupt längere Zeit frank gelegen, zufchreibt. Ein anderer Umftand dagegen fpricht fogleich bier, am Beginn der, Erzählung, gegen die Augen- zeugenfchaft des Erzaͤhlers, nämlich diefer, daß man nach ihm unwilltührlich den Eindruck gewinnt, als habe Jeſus einſam und ohne Begleitung einhergehend den "Kranken angetroffen, was auch weiterhin (WB. 13) dadurch beftätigt zu werden fcheint, daß der Kranke im Gedränge Jeſum, ald eine einzelne, wenig bemerfbare Perfon aus dem Geficht verliert. Verhaͤlt es fich num hiermit richtig, fo kann Johannes nicht als Augenzeuge erzählen; denn war er bei dem Vorfalle gegenwärtig, fo wird er es unftreitig nur ald Begleiter feines Meifters gewefen fein. Aus den fynoptifchen Erzählungen aber, die Jeſum nie anders als in Begleitung feiner Jünger redend und handelnd einführen und diefe Umgebung auch ausdrüclich, wenn auch nur mit ei- nem Worte, anzudeuten nie leicht vergeffen, wird es wahr: fcheinlicher, daß diefes felbft, das ſcheinbare Alleinftehen Iefu, ein Irrthum, oder richtiger, ein Erzählungsfehler des Evange— liften iſt, ein folcher indeß, der einem Augenzeugen, der bei der erzählten Begebenheit unwillführlich fich felbft mit fehen mußte, nicht leicht begegnen Fonnte. — Ferner erregt der Um— ftand Bedenken, daß Sefus unaufgefordert den Kranken befragt. 9 _ “ nr 2, 130 Erſtes Bud. re Bei den Synoptifern fehen wir allenthalben vielmehr die Kran: fen fich an ihn drangen, die Befeffenen feinen Namen ausru— fen, kurz den Anlaß zuc Handlung von außen fommen, nicht Sefum die Gelegenheit zu Hebung feiner Heilkraft willführlich auffuchen. Weiter heißt es, der Kranke habe, auf die an ihn gerichtete Frage antwortend, ſich beflagt, wie er Niemanden babe, der ihm, wenn das MWaffer in Bewegung komme, hin: einhelfe; fo geſchehe es, daß ihm jedesmal Andere zuvor Füx men, Darauf foll Sefus ihm zugerufen haben: „Stehe auf, nimm dein Kiffen und wandle!“, was denn der augenblicklich Genefene fogleich gethan habe. Hier ift unbegreiflih, wie man das vollig Unangemeffene diefes Zurufs in dieſem Zufammen: hange bisher fo. allgemein hat überfehen koͤnnen. Gebt doch alles Worangehende voraus, daß der Kranke noch nicht fo weit, wie allerdings jener Paralytifche, dem Sefus bei den Synop- tifern die gleichlautenden Worte zuruft*), gelähmt war, fo weit nämlich, daß er nicht mehr durch eigene Kraft. gehen konnte. Denn wie wäre er fonft, ohne fremde Hülfe, an bie Stelle, die den Teich umgab, gefommen, und wie fonnte er anders auch nur den Berfuch machen, in den Teich felbft zu gelangen? ES fcheint hiernach klar, daß diefe Worte unferem Eyangeliften aus jener von den Synoptifern bewahrten Erzaͤh— lung, durch eine halbverwafchene Sage zugeführt waren, und daß er, nach. Verluft des wahren Zufammenhangs, ſich ihren Zufammenhang auf feine Weife, die man, wie wir hier fehen, nicht eben eine gelungene, nennen kann, zu ergänzen ſuchte. — Eben fo auffallend. verunglüdt iſt fogleich darauf die Anfnüp- fung: einer. Neminiscen; an den Anftoß, den: Sefus durch feine am, Sabbath vorgenommenen: Heilungen den Juden gab. Nach der. Erzählung unſers Evangeliften ftellen nämlich die Juden zunachft den Geneſenen darüber zur Nede, daß er fein Kiffen getragen. bringt, da es doc Sabbath ifi. Aber wenn es nicht erlaubt war, am Sabbath ein Kiffen zu tragen, wie fonnte dann der. Kranke das feinige an jenem Tage in die. Nähe des Veiches gefchafft befommen? Man wird doch nicht annehmen wollen, daß er Tage lang, wohl gar mit Chryfoftomus, daß er alle acht *) Marc, 2, 11 und Parall. Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 131 und dreißig Sahre feiner Krankheit hindurch bereits Dort gelegen hatte, und vielleicht eben fo lange noch gelegen haben würde, wenn Sefus ihn nicht geheilt hätte? — Wer aber in dem wei- ter. Folgenden, in dem Gefpräch zwifchen den Juden und dem Genefenen, wie der lektere fih mit dem Geheiß feines Ret— ters entfchuldigt, die Suden ihn befragen, wer dieſer Netter fei, der Genefene aber erwiedert, ihn nicht zu Fennen, — wer hierin und in fo vielen ähnlichen Zügen anderer Erzählungen befondere Spuren einer Detailfenntniß aus Augenzeugenfchaft finden wollte: dem müßten wir erwiedern, was wir oben auf ein ähnliches Vorgeben in Betreff des Lufas erwähnt haden: daß nichts wohlfeiler, auch für den Fernftehendften und Unfun- digften, zu haben ift, als Wendungen diefer Art, auf deren Erfindung die einfachfte Analyfe der gegebenen Situation hin- führen kann. Zuletzt wird noch hinzugefuͤgt, daß einige Zeit darauf Jeſus den Geneſenen im Tempel angetroffen und ihm zugerufen habe: „Siehe du biſt geſund geworden; ſuͤndige fort— an nicht mehr, damit dir nicht noch etwas ſchlimmeres be— gegne.“ Ich kann nicht umhin, auch dieſen Zug mit Strauß”) als hervorgegangen aus einer misverſtandenen Erinnerung an den verwandten in der vorhin angefuͤhrten ſynoptiſchen Erzaͤh— lung zu betrachten, wo gleichfalls die Heilung in einen Bezug auf die Suͤndenvergebung geſetzt wird“). Offenbar naͤmlich hätte hier dieſer fonderbar und unverſtaͤndlich bleibende Zuruf einer näheren Motivirung bedurft, wenn er fi ald wahr und Sefu würdig ausweifen follte, während dort in der fynoptifchen Er- zählung der Ausfpruch „Dir find deine Sünden vergeben’’, theils allgemein genug gehalten ift, um folcher Motivirung nicht zu bedürfen, theild au in dem Zufammenhange jener Erzählung ſinnvoller und bedeutender dafteht. Da es unfere Abficht nicht ift, in Gegenwärtigem alle Die Einwürfe, welche in neuerer Zeit insbefondere von Bretfchnei- der und Strauß, theilweife auch, wiewohl nur noch im prob- lematifchen Sinne, von de Wette gegen die Aechtheit des vier- ten Evangeliums, d. h. gegen feine Abfaffung durch den Apo« \ 2339042,8. 132) **), Marc. 2, 5. 9 u. Parall. 9* 132 Erftes Bud. ftel Sohannes erhoben worden find, ausführlich zu wiederho- len: fo wollen wir jest nur noch einige Bemerkungen hinzufuͤ— gen, welche auf die Art und Weife, wie wir uns deſſen Zu: fammenfeßung denfen, einen näheren Bezug haben. Es mag fein, daß bereitS von jenen Einwürfen manche, wenn man fie für fich einzeln, oder wenn man die Stelle, die fie etwa zu— nächft betreffen, abgefondert von den übrigen in Betrachtung zieht, von nicht allzugroßem Gewicht erfcheinen, oder daß fie ſich auf eine Weife, in welcher die Unwahrfcheinlichkeit wenig- ftend nicht zu auffallend hervortritt, befeitigen laffen. Namentz lich gilt dies von den Umftänden, welche eine Unwifjenheit des Herausgebers über geographifche und antiquarifche, den Schau: plas und die Umgebung der Begebenheiten betreffende Notizen zu verrathen fcheinen*). Vielleicht, daß unter diefen Umftänden jeder einzelne, wenn er in einer fonft hinlänglich bewährten Schrift vorfäme, eine Erledigung, wäre es auch durch eine Hypotheſe, zulaffen würde, während diefelben in ihrem Zufammentreffen un= ter ſich und mit den übrigen gegen die Aechtheit des Evange— ums zeugenden Umftänden allerdings gerechtes Bedenken theils erwecen, theils unterhalten müffen, Auch von dem, was wir iebt bemerken wollen, mag wohl ein Aehnliches gelten. Es findet fich bei unferm Gvangeliften eine Reihe von Stellen, welche, jede für fich einzeln betrachtet, noch Faum geeignet fein würs den, einen erheblichen Verdacht zu erweden, während ihr Zu: fammentreffen auf eine beharrliche Gewohnheit folcher Art ſchlie— Ben läßt, Die bei einem Augenzeugen der Begebenheiten in hohem Grade befremden würde, während man fie bei einem den Gegenftänden fern ftehenden Ueberarbeiter fremder Aufſaͤtze nicht anderd als natürlich finden Fann, Wir meinen die, gegen *) So das Bethanien (Betharaba) jenfeit des Jordan Cap. 1, 28, das Aenon bet Salem 3, 23; der Stadtname Sichar A, 5 und die angebliche Nähe der Stadt Samarin bei derfelben 4, 7, bie Unklar— heit über die Entfernung von Kana und Kapernaum 4, 52, bie Notizen über den Teich Bethesda 5, 29, die fonderbare Erklärung des Namen Silvam 9, 7, der übrigens wahrfcheinlih auch aus Irrthum auf einen Teich, ftatt auf eine Duelle bezogen wird, die jährige Dauer der Hohenpriefterwürde 11, 49 ff., die Verwirrung in Bezug auf die Zeit des Paſchamahles u. ſ. m. Bon den Quellen der evangelifchen Gefchichte. 133 die fonftige Gewohnheit aller andern neuteftamentlichen Schrift: fteller, faft bei jeder Nennung eines Namens, fei es einer Per- fon, oder einer Stadt oder Landfchaft, vorfommenden Hinwei- fungen auf eine anderweite Nennung deffelben Namens in unferm Gvangelium, Ein beträchtlicher Theil diefer Hinwei- fungen ift fo befchaffen, daß man unwillführlich den Eindruck erhält, der Erzähler habe diefelben als Nachwirkung der Mühe, ‚bie ihm felbft das ſich Drientiren in dem Schauplaß und den Derfönlichkeiten gefoftet, bingeftelt, in der Abficht, dem Lefer eine gleiche Mühe zu erſparen; wiewohl er dies nicht immer auf zwedmäßige Weife thut. So. erklärt er *) Bethfaida durch den Zuſatz: „die Stadt des Andreas und Petrus’, obgleich fie im Vorhergehenden noch nicht als folche bezeichnet worden war; bei der zweiten Grwähnung von Kana **) vergißt er nicht, an die früher erzählte Wafferverwandlung zu erinnern; Nifodemus wird, gleichfalls bei einer zweiten Erwähnung, und eben fo auch wieder bei einer dritten***), als der nämliche bezeichnet, der einft des Nachts zu Sefus gefommen war; bei der Erwaͤh— nung von Bethanien heißt ed, gleichfalls im Zone einer Er- klaͤrung „der Wohnort der Maria und Martha‘), und gleich darauf +) wird die eben genannte Maria als diejenige bezeich- net, welche den Herrn falbte, obgleich diefe Salbung erft fpä- ter erzählt wird, wobei der Erzähler wiederum nicht vergißt, Bethanien ausdrüdlich durch die Erinnerung an Lazarus Fennt- lich zu machen +}), fo wie ihm auch nachher wieder die ein- fache Nennung des Lazarus nicht genügt, ohne den Zufaß: „den er vom Tode erweckt“44)3 Judas Sfcharioth wird, noch vor der Erzählung feines Verrathes, wiederholt als ber Berräther bezeichnet HH}, Philippus, obgleich bereits mehr: *) Cap. 1, 45. **) Gap. 4, 46. ==) Gap. 7, 50. Cap. 19, 39. =) Cop, 11, 1. +), 832% ++) Eap. 12, 1. 11h 3.9 k 444 Cap. 6, 11. Gap. 12, 4. Auch nachher wird Judas nicht ohne den Zufaß erwähnt; d magadıdous avrov. Cap. 18, 2. 5.) = F 134 Erſtes Bud. fach erwähnt, wird nochmals durch die Erinnerung an feinen Geburtsort Fenntlich gemacht *) 5; die zweite Erwähnung des Kaiphas wird von einer umftändlichen Grinnerung an das von Kaiphas früher Erzählte begleitet **); nicht minder umftändlich und ganz befonders auffallend, gerath noch ganz am Schluffe die eigene Bezeichnung des Apoftels Sohannes ***). Zu den Berdacht erwedenden Bezeichnungen gehört endlich die negative des Judas Sacobi ald „nicht der ISfcharioth 754) womit der Herausgeber feine Unfunde der wahren Perfönlichkeit diefes Ju— das zu verrathen fcheint. — Sedenfalld wird die Gewohnheit diefer Bezeichnungen in die Neihe derjenigen Züge einzutragen fein, welche einerfeitS dafür zeugen, daß der Evangelift nicht aus dem Mittelpunct einer lebendigen, das Vergangene noch als unmittelbar gegenwärtig fchauenden Erinnerung an die von ihm erzählten Begebenheiten heraus fpricht, andererfeits aber nicht minder dafür, daß er nicht ohne eine gewiffe mühfame Sorg- falt, die freilich in ihm nicht hinreichend weder durch Sach— fenntniß, noch Durch Talent der Darftellung unterftüßt wird, zur Verarbeitung des ihm vorliegenden Stoffes fchritt, Die Sonderung der Beftandtheile, aus denen nach unſe— rer Anficht das Evangelium beftehen würde, überall im Einzel- nen zu unternehmen, liegt nicht innerhalb der Grenzen unferer gegenwärtigen Aufgabe; doch wird fich in den fpätern Büchern mannichfache Gelegenheit finden, hin und wieder einiges dahin Gehörige zu erörtern, Als Beifpiel folcher «Sonderung wollen wir indeß fogleich hier auf den Anfang des Evangeliums hin— weifen, an welchem man, wie es uns fcheint, den Hergang, der Zufammenfesung oder Ueberarbeitung des Ganzen mit be— fonderer Deutlichfeit erkennen Fan. Der fogenannte Prolog ift, wenn irgend etwas in der ganzen Schrift, unzweifelhaft von der eigenen Hand des Johannes. Hier, wenn irgendwo erkennt man an allen Charakterzügen die Identität des Ver— faſſers mit dem Berfaffer jenes Briefe, deffen Abfafjung durch *) Cap. 12, 9. *) Gay, 18, 14. **7) Cap. 21, 20. +) Cap, 14, 22. J Bon den Quellen der evangeliſchen Geſchichte. 135 den Apoftel Sohannes fowohl beffer noch, als bei dem Gvan: gelium, durch Außere Zeugniffe beglaubigt ift, als auch minder durch innere Schwierigfeiten und Widerfprüche in "Zweifel ge ffellt wird. Aber daß der Verfaffer felbft jene betrachtenden Worte dazu beftimmt habe, ald Cingang einer evangelifchen Gefhichtserzählung zu. dienen, erhellt aus ihnen felbft mit nich: ten. Es weicht vielmehr diefer Prolog in Ton und Inhalt fo auffallend von der Art und Weife ab, wie fonft allenthalben, und auch im Neuen Zeftament, hiftorifche Schriften begonnen werden, daß uns auch zur Erklärung dieſes Umftandes der Aufſchluß, welchen wir durch unfere, übrige Anficht von der Zufam= menſetzung des Evangeliums erhalten, nicht anders als will- fommen fein kann. Allerdings ift in jenen Worten, ähnlich) wie in der Gröffnung des Marcusevangeliums, von Johannes dem Täufer in Bezug auf Chriftus die Rede, aber nicht im erzählenden, fondern im betrachtenden Zone: Wir willen aus andern Nachrichten, daß die Apoftel die Taufe Jeſu durch Io: hannes ald den Beginn von des Lebteren Lehramte zu be: trachten, und wahrfcheinlich auch Das; was bei ihnen die Pre digt des Evangeliums hieß, mit der Erinnerung an diefelbe zu eröffnen pflegten. Aber wie der Inhalt diefer apoftolifchen Pre— digt Feineswegs in einer Gefchichtserzählung der Art beftand, wie wir folche in unſern Evangelien vorliegen haben: fo ift die Beichaffenheit unfers Prologs, dafern man fich denfelben, wie allerdings am nächften liegt und fehwerlic) umgangen wer: den kann, ald den wirklichen Anfang auch der Acht johannei- fhen Aufzeichnungen denken will, eine folche, die ſchon für ſich allein auf einen andern Charakter diefer Aufzeichnungen, als einen eigentlich gefchichtlichen, ſchließen laſſen würde, — auf einen mehr contemplativen und ı dogmatifchen,, eben fo wie ja auch jene mündliche Predigt mehr didaktifchen und para: netifchen, als hiftorifchen Inhalts war: — Died nun beftimmt uns, die nachfolgende Gefchichterzahlung vom neunzehnten bis zum vierumdbreißigften Verſe für. die von der Hand des Her- ausgebers hinzugefügte Ausführung der im Prologe enthaltenen geſchichtlichen Andeutungen zuhalten: » Welchen inneren Schwie- rigkeiten dieſe Erzählung unterliegt, und wie wir Feineswegs meinen dürfen, in ihr auch nur den Sinn, den Sohannes in 136 Erfies Bud. jenen Worten niedergelegt hatte, genau getroffen zu finden, wird fpäter der Ort fein, nachzuweiſen. Fuͤr jest möge es hinrei= chen, darauf aufmerffam gemacht zu haben, wie fonderbar, wenn man: den Prolog und diefe Erzählung in einem: Zuge durchlieft, der Anfang der leßteren gegen den Gedanfengang, welchen der Prolog eröffnet: hatte, abfticht, wie ganz und gar nicht dieſer Gedankengang einen folchen neuen An: fang, der fo freilich, „wie jest das Werk vorliegt, ihm als Gommentar dienen muß, erwarten läßt. As einen Come mentar des Vorangehenden giebt namlich die Erzählung fich insbefondere noch durch die Wiederholung der Worte zu er= kennen: ,, Der nach mir fommt, war vor mir““; bei Denen es etwas Befremdliches hat, fie erft inmitten einer betrachtenden Rede, dann im Verlaufe des gefchichtlichen Berichts zu leſen. — Ein umgekehrtes Verhaͤltniß zwifchen Urfprünglichem und durch Ueberarbeitung Hinzugefommenem fcheint in dem übrigen Theile des Capitels obzuwalten. Hier halten wir dafür, daß eine ächt johanneifche Erzählung (der Vorfall zwifchen Sefus und | Nathanael) durch eine ihr offenbar, aber fehr unglüdlich, nach— \ gebildete von der Hand des Herausgebers eingeleitet wird. ' Der Herausgeber mochte aus muͤndlicher Ueberlieferung ver— nommen haben, daß Petrus und Andreas für die erſten von Sefus angeworbenen Sünger galten. Er hält es daher für feine Pflicht, vor jener Anekdote, die er bei Sohannes, wie es fcheint, einzeln ftehend und zufammenhanglos vorfand, einen Bericht über die Berufung jener beiden Sünger- einzufchalten. Rathlos, wie er war, über den wirklichen Hergang biefer Be— rufung, giebt er in diefer Erzählung nur das Schema der von ihm. vorgefundenen Anekdote, den Nathanael betreffend, wieder, und verflicht darein zugleich‘, ähnlich wie fpäter in Die Erzaͤh— lungen vom Zode und von der Auferftehung des Heren, in ges heimnißooller Andeutung die eigene Geftalt des Johannes. Hier find indefjen, wie nicht felten auch im weitern Verlaufe der. Er- zahlung, beide Stüde, das Achte und das zu dem Achten hin: zugefommene, durch die Ueberarbeitung in einander verfchmol- zen, und es läßt ſich nicht fo genau, wie beim Prolog, die Stelle angeben, wo das eine aufhört und das andere anhebt. Aus dieſen Bemerkungen über das vierte Evangelium er: Bon den Quellen der evangelifchen Geſchichte. 137 giebt ſich ung jest ein vorläufiges Reſultat, welches freilich als ge— rades Gegentheil der jest fo beliebten Anficht entgegentritt, die man meift mit derjenigen Hypotheſe, welche die. fynoptifchen Evangelien aus der Tradition entftehen läßt, zugleich, als de: ren nothwendige Ergänzung aufzuftellen pflegt, — jener nämlich), welche diefes Evangelium ald das vorzugsweife hiftorifche unter allen Denkmalen der evangelifchen "Gefchichte, als Mittel der Berichtigung und Ergänzung der übrigen betrachtet: Es fteht vielmehr diefes Evangelium als Gefchichtäquelle um eine be— trächtlihe Stufe tiefer, als die fynoptifchen Evangelien. Es ſelbſt iſt, wenn nicht allenthalben im Einzelnen «(denn hie — kann fich aus Gründen, die fich nur beim beftimmten vor: fommenden Fall erörtern laſſen, allerdings hin und wieder Die biftorifche Kritik, ſelbſt im Widerfpruch mit den fonoptifchen Evangelien, ihm beizupflichten veranlaßt finden), fo dochjedenfalls im Ganzen und Großen, in der Botalanfchauung des Charakters und der Perfönlichkeit Sefu und des Ganges feiner Lebensge— ſchichte, einer Berichtigung durch die fynoptifchen Evangelien un— terworfen. — Nähere Angaben über die Art und Weife, wie dieſe jecundäre Quelle in einer ächt wiffenfchaftlichen Behandlung der Lebensgefchichte Sefu zu benugen ift, würden im gegenwärtigen Bufammenhange nicht an ihrem Orte feinz eben fo wenig, wie ähnliche Angaben über die Marimen, nach denen auch aus den Duellen erften Ranges, den fynoptifchen Gvangelien, die auch diefen unftreitig beigemifchten unhiftorifchen oder, richtiger ausge— drückt, nicht unmittelbar hiftorifchen Beftandtheile auszufcheiden, oder vielmehr über den Proceß, durch welchen diefe Beftandtheile in acht hiftorifche Elemente zu verwandeln find. Die Gefege Die = ſes Thuns laſſen ſich, in fofern ihre Natur nicht eine noch allge— meinere, Die Quellen der evangelifchen Gefchichte nicht allein, ſon— dern alle und jede Gefchichtsquellen betreffende ift, nur in dem Thun felbft zur Anfchauung bringenz jede vorläufige Bemer— fung darüber wäre eine überflüffige. Darum befchließen wir jegt diefen erften Hauptabfchnitt unferer Darftellung, welcher der Ent- ftehung und Befchaffenheit der Gefchichtäquellen gewidmet war. Denn auch über die Benugung der andern fchriftlichen Denkmale, die außer den vier Evangelien ald Quelle der evangelifchen Ge: ſchichte, — freilich fie ale entweder nur in gelegentlichen Notizen, FE re 138 Erfies Bud. Von d. Quellen d. evangel. Geſchichte. oder in Betreff allgemeinerer Kenntnig der zeitlichen und oͤrtli— chen Umgebung, — betrachtet werden Fünnen, halten wir es für überflüffig, uns hier zu verbreiten, da auch von diefem Puncte ein Aehnliches gilt, was von der Benutzung jener vier Hauptquels len. — Allerdings zwar koͤnnte hier ein Umftand wohl geeignet ſchei⸗ nen, Stoff auch noch für eine weiter auszufpinnende vorläufige Betrachtung der Art zu geben, wie man fie häufig gefchichtlichen Unterfuhungen vorauszufchiden pflegt. Wir meinen diefen: Die Frage nach der Art und Weife, wie fich, ftatt jenes befondern und unmittelbaren Maaßitabes der Nectificrung, welchen man, aber mit Unrecht, in dem angeblich durch einen Augenzeugen der Begebenheiten abgefaßten Gefchichtsbuche zu haben meint, ein allgemeiner und mittelbarer Maaßſtab in der gefammten Gefchichte jener Zeit und ihren Urkunden gewinnen laßtz insbe: fondere in foldhen Urkunden, die, wie namentlich die Briefe des Neuen Teftaments, in Umgebungen und Zuftänden entftanden find, welche zu dem Inhalte der evangelifchen Gefchichte in uns mittelbarer oder nächfter Beziehung ftehen. Der Gebrauch, der ſich in dieſem Sinne von jenen Urkunden machen läßt, ift in der That ein fehr umfaffender; ja an manchen der wichtigften Puncte, über die wir, wenn wir fie aus den Evangelien allein beurtheilen wollten, entweder unklar, oder im Irrthum bleiben würden, ein in legter Inſtanz entfcheidender. Aber auc) hier hangt das Be: deutendfte, was wir über diefen Gegenftand zu Tagen hätten, allzu eng theils an den befondern Thatfachen, in Bezug auf die jene Frage in Anregung Fommt, theild auch an noch allgeniei: neren Betrachtungen philofophifher Art über die eigenthümliche Natur und Wefenheit gewiffer Hauptmomente der evangelifchen Gefhichte, welche mit den fonftigen Geſetzen des Gefchichtli- chen in Conflict zu treten fcheinen, als daß wir nicht auch dies fpäteren Abfchnitten unfers Werkes vorzubehalten gerathe— ner finden müßten. 3weited8 Bub. Die Sagen von der Kindheit des Herrn. Be en SRH RE ah EEE — erh Byorir ’ are u IR» F — ee, — —— Me Lens NR ET ee Kt ee Ar dlitr oa * Pa Et 2 2.47 ne — ee ee a rt 4 dan — Ns J nn Baer [2 % . nr Eh, ut a: A che, — — 2 ah * % inlar , ” + 2 re —— — Aare ER DEE 3 — * —* — D———— ae ie Bu * Zweites Bud, Die Sagen von der Kindheit des Herri. Durch den Gedanfengang und durch die Ergebniffe des vorhergehenden Buches find wir in einen entfchiedenen Gegen: ſatz gegen diejenige Anficht über die Entftehung unferer evan— gelifchen Urkunden getreten, welche den Inhalt derfelben vor ſei— ner fchriftlichen Aufzeichnung in mündlicher Ueberlieferung bie Geftalt gewinnen läßt, in der ihn und gegenwärtig dieſe Urs funden vorführen. Wir fanden uns mit jener Anficht zwar ins fofern auf gleichem Boden, als auch wir, fo viel wenigftens den erzählenden Theil jener Urkunden betrifft, das Verhältniß diefes Theils zu den erzählten Begebenheiten nicht als ein un: mittelbares im eigentlichen Wortfinne anerkennen, nicht auf eine Augenzeugenfchaft der Verfaſſer, weder aller, noch einiger un= ter ihnen zurücführen konnen. Aber die Vermittelung, die fo= nach allerdings auch wir ald zwifchen den Begebenheiten und ihrer Schriftlichen Aufzeichnung in der Mitte liegend feßen muß— ten, ergab fich uns als eine von jener Vermittelung, die nad der Zraditionshypothefe würde ftatt gefunden haben, wefentlich verfchiedene. Dem größern und wichtigern Theile nach aus dem Munde Eines Berichterftatters, eines folchen, der felbft Augenzeuge und unter den vornehmften Theilhabern der erzähle ten Begebenheiten war, in ihren übrigen Theilen aber, ent— weber allen oder den meiften, aus einer Weberlieferung folcher Art, in der wir nicht hinreichenden Grund haben, eine eigent- lich geftaltende, umbildende Kraft in Bezug auf den überlieferten Inhalt vorauszufegen, find die fchriftlich aufgefeßten Erzählungen hervorgegangen. Ihre Form und äußere Geftalt, und eben fo 142 Zweites Bud. auch, wenigftens der Hauptfache nach, die etwanigen Umbil- dungen, die in ihnen, fei es durch Misverftändniß, oder durch Lücdenhaftigfeit der Ueberlieferung, oder durch das zu weit ges triebene Beftreben, dem Inhalte durch detaillirteren Bericht Ge— ftalt und Farbe zu ertheilen, der Inhalt erfahren haben mag, — fie alle find, foviel wenigftens das Pofitive der Geftalt betrifft, die dadurch an die Stelle der Achten und urfprünglichen Ge— ftalt getreten ift, wefentlich auf Rechnung der fchriftlichen Dar: ftellung felbft, nicht aber einer, diefer Darftellung vorangehen- den und ihr ald Quelle dienenden Ueberlieferung zu feßen. — Dies, wie gefagt, das allgemeine Reſultat einer aus gründ» licher Durchforſchung der Urkunden felbft mit umfichtiger Be- nußung der außerhalb derſelben erhaltenen hiftorifchen Notizen hervorgegangenen Betrachtung. Indeſſen die Allgemeinheit des fo gefundenen Ergebnifjes leidet in Bezug auf einen befondern Theil der Urkunden eine Ausnahme, eine folche, deren Grund, Natur und Befchaffenheit nur durch eine ihr eigens gewidmete Betrachtung ins Licht gezogen werden kann, welche: zugleich mit dem Formalen und Literarifchen auch den. Inhalt und Ge— genftand des in Rede ftehenden Theiles der fchriftlichen Evan gelien einer Erörterung unterwirft. Zufolge des Sinnes, welchen unter der Mehrzahl der ge: genwärtigen Forfcher die Traditionshypothefe angenommen hat, wären es vornehmlich‘ zwei, Evangelien, welche vom derfelben zunächft betroffen würden, nämlich die nach Matthäus und nad) Lukas benannten, Auf das Werk des Marcus als angeblich) aus; jenen beiden zufammengeftellt, fo wie auch auf das des Sohannes als eines unmittelbaren Augenzeugen, würde diefelbe feine, oder Feine unmittelbare Anwendung leiden. Diefes Er- gebniß hat für uns fich in das zwar wefentlich Davon verfchie- dene, aber die Anficht, Die jenem zum Grunde: liegt, gewiſſer— maßen erflärende verwandelt, daß jene beiden Evangelien, die angeblich zunäachft und vornehmlich aus. der Tradition entftan: denen, diejenigen find , zwifchen denen und den in ihnen: ere zählten Begebenheiten das Verhaͤltniß, — im Gegenfaß der bei- den andern, deren jedes nur Ein ausdrüdlich nachweisbares Glied zwifchen fi und dem Gegenftande hat, — ein durch eine Mehrzahl nahmhafter und nachweisbarer Zwifchenglieder ; Die Sagen von der Kindheit des Herrn. 143 verwmitteltes ift. Unter diefe vermittelnden Glieder nun tritt, fo müffen wir jest hinzufügen, als eines derfelben, jedoch nur in Bezug auf einen befonderen, genau begrenzten und verhält nißmaͤßig nicht Sehr umfangreichen Theil der evangelifchen Gr: zählung, allerdings auch die Tradition, die Sage ein. Sie tritt ein, genau in demfelben Sinne, oder vielmehr in einem noch eigentlicheren und ftrengeren, wie in welchem die Hypo— thefe, gegen die wir im. vorigen Buche anzufämpfen hatten, fie als Hauptquelle aller oder der meiften evangelifchen Ge— fhichtserzählungen betrachten wollte. Die Partien der zwei Evangelien, von denen wir behaupten, daß fie aus diefer Duelle und aus Feiner anderm gefchöpft find, find die zwei er— ſten Capitel des erſten und gleichfalld die zwei erften nebft ei- nem Theile des dritten Capitels des dritten Evangeliums, — von allen Theilen aller vier Evangelien bekanntlich diejenigen, welche und über die Abftammung und die Geburt, "über die Kindheit und. die Jugend unferd Heilandes eine Neihe erzäh: lender Berichte aufbewahrt haben. Daß diefe Partien nicht zu denen gehören koͤnnen, welche, wie die Mehrzahl der übrie gen in jenen beiden Evangelien, aus einer beiden gemeinfchafts lichen Duelle gefchöpft find, erhellt aus ihrer Abweichung un- ter fich ſelbſt. Diefe nämlich ift fo groß, daß mit Ausnahme der allerallgemeinften, welche allen folchen Erzählungen zum Grumde liegen müffen, fie kaum Einen Zug mit einander gemein baben*). Verfchiedene fchriftliche Quellen aber anzunehmen, aus denen beide Evangelien gefchöpft haben Fünnten, ift zwar ein Ausweg, der von Vielen bereit3 eingefchlagen ift, und auch von uns Feineswegs von vorn herein als unftatthaft verworfen wird. Aber da mit ihm noch Feineswegd der Urfprung jener Erzähluns gen erklärt ift, fo nöthigt er jedenfalls, noch weiter zuruͤckzu— *) Nach dem Manichäer Fauftus, der fie gleichfalls für mythiſch ans ſah, wären diefe Erzählungen nicht unter dem Namen Evanges lium begriffen gewefen, (der ſich allerdings feiner urfprünglichen Bedeutung nad nur auf die fpätern Begebenheiten feit der Johan— nestaufe bezog), fondern der Ausdruf des Matthäus: Aldkos yeard- ons fol fie zu bezeichnen die Beftimmung haben, August. e. Faust. II, 1. —— 144 Zweites Bud. gehen; wo man dann zuleßt doch bei demfelben Begriffe als legter Duelle ankommen wird, den wir vorläufig — als ſolche Quelle bezeichnet haben. Was naͤmlich hier auf dieſe Quelle, die wir ſonſt sollen: halben als Quelle der evangelifchen Erzählungen gelten zu laſ— fen Bedenken tragen, allerdings zurüdzufommen nöthigt, ift die Befchaffenheit der Erzählungen, welche hier vorgetragen werden. Wenn wir von diefen Erzählungen.den Ausfpruch wa— gen, daß ihr Charakter Fein hiftorifcher iftz fo Dürfen wir zu diefem Ausfpruch und der allgemeinen Zuftimmung in fofern verfichert halten, als auch diejenigen, welche an die buchftab: liche Wahrheit derfelben den Glauben noch nicht aufgegeben haben, nicht5 deftoweniger diefe Wahrheit, ja zum Theil eben darum, weil fie ihnen eine buchftäbliche fein foll, nicht wer: den in eine Claſſe mit folcher Wahrheit feßen wollen, welche man im engern und eigentlichen Sinne die hiftorifche nennt. Wir haben Schon im vorigen Buche daran erinnert, wie die hi— ftorifhe Wahrheit, — die Erfenntniß folcher Begebenhei- ten und Thatfachen, welche, ald Glied in der Kette des hiſto— rifchen Gaufalzufammenhanges, einen Pla& in der Neihe der ge= fhbichtlihen einnehmen, — Feineswegs zu verwechſeln ift mit der bloßen, nadten Thatſaͤchlichkeit, mit jenem geiſt— Iofen und buchftäblichen Begriffe der Wahrheit, welchen man als Begriff des juriftifhen Shatbeftandes bezeichnen kann. Die hiftorifche Wahrheit, die Wahrheit der Gefchichts- erfenntniß ift vielmehr ein zufammengefeßtes Product aus die— fer Shatfächlichfeit und aus einer freien Geiftesthätigfeit. Die Thatſache befteht in dem der Erkenntniß zum Grunde liegenden Stoffe, den diefelbe fich zunächft in unmittelbarer Weife, in der Weiſe Außerlicher , finnliher Wahrnehmung aneignet Die freie Geiftesthätigfeit aber ift es, welche, auf philofo- phifcher Erfenntniß der allgemeinen Gefesmäßigfeit des Ge— fehichtslebens beruhend, folche Erfenntniß in jenen Stoff hinein- trägt und dadurch feine Lücken ergänzt, das Auseinanderfal- lende zufammenbringt, und fo dem Ganzen Geftalt und orga= nifches Leben giebt. Hieraus folgt, daß nur ſolche Begeben- heiten Gegenftand eigentlicher Gefchichtserfenntniß werben koͤn⸗ nen, welche den gemeinfchaftlichen Gefegen des Gefchichtlichen ze 20 Die Sagen von der Kindheit des Herrn. 145 unterworfen find. Diefe Gefeke find zwar von lebendiger, be— weglicher Natur, fie Schließen fich nicht innerhalb eines engen Kreifes abftracter Begriffsbeftimmung ab, fondern find vielmehr von folcher Elafticität, daß ihre Erfenntniß allerdings auch ums gekehrt durch Die Kenntniß der befondern Begebenheiten erwei- tert werden kann und fortgehend wirklich erweitert wird. Da- bei aber ruhen fie doch durchaus auf einer natürlichen Baſis, indem ja die Gefchichte felbft nichts anders, als die zum Geifte aufftrebende Natur, der Proceß der Befreiung des Geiftes aus dem Naturleben, aber wefentlich nur Durch das Leben und die Thätigkeit innerhalb der Natur und ihrer Geſetze, if. Wo jene phyſiſchen Gefege, welche allenthalben und durchgehends die | Bafis des - Gefchichtölebens bilden, ihre Gültigkeit ver- lieren oder durchbrochen werden, da hört nothwendig auch die | Geſchichtserkenntniß als folche auf. An ihre Stelle tritt, wenn überhaupt ein Erkennen, fo jedenfalls ein Erfennen folcher Art, deffen Gegenftand nicht mehr als ein hiftorifcher, deffen Inhalt nicht mehr als hiftorifche Wahrheit bezeichnet werden Fan, Der Gegenftand folcher Erkenntniß liegt dann überhaupt jen- feit8 der Sphäre des Gefchichtlichen als folchen, jenfeits der Sphäre der Thatfachen und Begebenheiten, im Gebiete des rei: nen Geiftes. Wird aber nichts defloweniger für diefen Gegen- ftand die Natur des Thatfächlichen, der Außerlichen, in den gefchichtlichen Caufalzufammenhang eintretenden Begebenheit in Anfpruch genommen, fo erwächft hieraus der Widerfpruch, daß das Geiftige, unabhängig von der Vermittelung, welche fonft das Natürliche zur geiftigen Bedeutung, zur Bedeutung der gefhihtlihen Thatfache erhebt, dennoch zugleich ein Na— türliches, ein Unmittelbares und Thatfächliches fein fol. So gefchieht ed, Daß, während die Erkenntniß des Gefchichtlichen als ſolchen allenthalben und nothwendigerweife eine geifterfüllte, geiftreiche ift, gerade dieſe Erfenntniß des geiftig Abfoluten zur geiftlofen Unmittelbarkeit hinabfinft, und die angeblich hoͤchſten Zhatfachen des Geiftes nur in der Weife der fchlechten Aeu- Berlichkeit des juriftifchen Thatbeftandes ermittelt werden koͤnnen. In diefe Kategorie der unvermittelten Thatſaͤchlichkeit, für welche, bei der Prätention einer abfolut geiftigen Bedeutung, doch Feine hiftorifche Erkenntniß, fondern nur ein rein factifcher 10 [2 a 146 Zweites Bud. Beweis möglich wäre, gehört num alles Wunderbare im gemeinen, fchlechten Sinne diefes Wortes, alles Miraculofe. Diefes namlich befteht eben in einer folchen Durchbrechung der für alles Gefchichtliche geltenden Naturgefese angeblich durch den abfoluten Geift, wodurch die Thatfache den Charakter nicht nur des Uebernatürlichen, (denn übernatürlich find alle Spißen und Höhen des Gefchichtlichen, welche darum im Achten, philofo- phiſchen Sinne Wunder genannt werden Fonnen), fondern des Unnatürlichen, und, weil Unnatürlichen, nothwendig auch Unge- fchichtlichen erhält. Bei der Unmöglichkeit eines zugleich philo— fophifh und thatfächlicy vermittelten gefchichtlichen Wiſſens von miraculöfen Thatfachen bleibt für folche Shatfachen, fo: fern fie Dennoch angenommen und behauptet werden, nichts Ubrig, als der juriftifche Zeugen= und Urkundenbeweis, welcher, wenn fei- nen Ergebniffen eine auch die Wiflenfchaft bindende Glaubwür- Digfeit zugefchrieben werden fol, dann auch wirklich mit Der ganzen Schärfe einer auf ſtreng gefeglichem Wege einhergehen: den Criminalinquifition zu führen ift. — Freilich wird für folche Thatfachen nach ihrer geiftigen Seite hin, zugleich eine Gewißheit anderer Art, ein von aller natürlichen und gefchichtlichen Geſetz— mäßigfeit angeblich durch ein Zeugniß des göttlichen Geiftes ent: bundener#eligionsglaube in Anfpruch genommen, Wäre indef: fen folche Gewißheit für ſich allein fchon das, für was fie gege— ben wird, nämlich eben Gewißheit: fo würde fie des factifchen Beweiſes des Wunders, der nichts deſtoweniger doch zugleich mit ihr verlangt oder gegeben zu werden behauptet wird, zu entbeh— ren willen. Sie würde fi), wie wir es wirklich den einfäl- tigen Glauben einer frühen Zeit thun fehen, alles und jedes hi- ftorifchen oder für hiftorifch ausgegebenen Beweifes der That: fachen enthalten; fie würde in dem Zeugniffe des Geiftes vol- len Erſatz für das Moment der Aeußerlichkeit finden, welches, von jener gefchichtlichen Wermittelung abgefehen, durch die es zur biftorifchen Wahrheit würde, doc nur in fo fern für den Geift einen Werth) haben kann, ald es dem geiftigen Inhalte eine Geftalt auch für die Einbildungskraft, für die finnliche An- fehauung und Vorftellung giebt. Die wundergläubige Anficht, wenn fie fi auf den Zeugen» und Urfundenbeweis einläßt, verläßt Damit den Standpunct des Glaubens, und giebt eben Die Sagen von der Kindpeit des Heren. 147 — ihren Gegenſtand der ganzen Strenge der hiſtoriſchen Kritik Preis. Dieſe naͤmlich wuͤrde, da es ſich hier um Sein und Nichtſein ihrer eigenen Principien handelt, ſich nur dann | gefangen geben koͤnnen, wenn ihr wirflic) ein Beweis folcher Art, dem die volle Gültigkeit eines juriftifchen nicht abzufprechen wäre, entgegenftände. In jedem andern Zalle wird die Kritik um fo firenger auf ihrem Nechte einer naturgemäßen Vermittlung alles als hiftorifhe Wahrheit feftzuftelenden Thatfächlichen befte- hen, als auf der Anerkennung diefes Rechtes ihre Fähigkeit, auch ihrerfeits' für das Erkenntniß der höchften geiftigen, der Slaubenswahrheiten im geiftigen Sinne zu wirken, durchaus fich beruhend zeigt. Wenn die Thatfachen, die für Thatſa— chen des Glaubens gelten, einer hiftorifchen Betrachtung und wiflenfchaftlihen Kritif unterworfen werden: fo beruht folches Thun auf der Vorausſetzung, daß von diefen Thatſachen eine Erkenntniß, eine wifjenfchaftlihe Erfenntniß in entfprechendem Sinne, wie von anderen Thatfachen der Natur und der Ge- fchichte möglich ift. Die Anerkennung von Thatfachen aber, die ſolcher Bermittelung unfähig find, würde gleichgelten einem Aufgeben diefer Erkennbarkeit des Goͤttlichen. Bor einer die Gefese der Natur und der Gefchichte vollig Durchbrechenden Handlung der Gottheit, vor einem Mirakel in jenem eigentlis chen, widernatürlichen und unhiftorifchen Sinne vermöchten wir nur gedankenlos vefignivend dazuftehen. Das Göttliche docu— mentirt ſich dadurch als wohnend in einem unnahbaren Senfeits, wohin keine auf die Geſetze der dieſſeitigen Wahrheit begruͤn— dete Erkenntniß zu dringen vermag, ja gegen welches dieſe Ge— ſetze und mithin die Erkenntniß ſelbſt auf ihrem eigenen Ge— biete ſich völlig machtlos verhält und als ein Unwahres und 6198 Eingebildetes dahinſchwindet. Daß nun die Begebenheiten der Kindheitsgefchichte wirk⸗ lich, zum großen Theile wenigſtens, dieſen Charakter eines Wunderbaren ſolcher Art tragen, welches mit der Geſetzmaͤßig— keit des Geſchichtlichen ein fuͤr allemal unvertraͤglich iſt und auf Anerkennung nur in Geſtalt einer factiſchen Unmittelbarkeit, der die Geſetze der Geſchichtserkenntniß ſich gefangen gaͤben, An— ſpruch machen koͤnnte: dies dürfen wir als zugeftanden voraus- feßen. Sie alle, diefe Begebenheiten, haben ihren Mittelpunct, 10* / | 148 | Zweites Bud. . — einen folchen Mittelpunct, von deffen Glaubwürdigkeit die ih— h rige durchaus abhängig ift — in der Erzählung von der überna- türlichen, vein jungfräulichen Empfängnig und Geburt Se: ſu Chriſti. Eben viefe angebliche Thatfache aber ift eine folche, deren Charakter zu dem Charakter des Gefchichtlichen im ſchroff— ften Gegenfaße fteht, deren Annahme oder Nichtannahme mit: hin für das Aufgeben oder Nichtaufgeben einer gefhichtli- chen Erkenntniß (d. h. überhaupt einer wiffenfchaftlichen, denn von zeitlich Thatſaͤchlichem ift feine andere wifjenfchaftliche Erkenntniß, als die gefchichtliche möglich) der göttlichen Of— fenbarung in der Perfon und der Lehre Jeſu Chrifti entfchei- dend if. Alle Gefemäßigfeit der gefchichtlichen Gaufalreihe ruht nämlich auf der Stetigfeit der Erzeugung, der Fortpflanzung des menſchlichen Gefchlechts Durch fich ſelbſt. Wird dieſe Ste: tigkeit durch einen unmittelbaren Act der göttlichen Schöpfer: thätigkeit der Art, wie die Erzeugung eines Menfchen auf einem andern, ald dem Wege der natürlichen Fortpflanzung wäre unter- brochen gedacht, fo entfteht hiermit ein Riß in jener Cauſalreihe, durch welchen die natürliche Ordnung und Gefesmäßigkeit alles Geſchichtlichen fehlechthin aufgehoben wird, fo daß fie fortan nur durch einen ähnlichen Act der Willführ, wie der fie aufhob, wiederhergeftellt werden koͤnnte. — Auf der andern Seite ift gerade diefe angebliche Thatſache eine folhe, in Bezug auf welche ein Zeugen= und Urkundenbeweis im ftreng juriftifchen Sinne fo gut wie undenkbar bleibt. Selbſt diejenigen, die in dem gan: zen übrigen Gebiete der evangelifchen Gefchichte auf das, was man im gewöhnlichen Außerlichen Sinne hiftorifche Glaubwürdigkeit nennt, am meiften pochen, felbft diefe müfjen hier auf eine Meile, wie es gewiß bei feinem Factum von gleichgültigerer Be: ſchaffenheit gefchehen würde, die Innerlichfeit des Glaubens inAn- ſpruch nehmen. Sie müffen die Wahrheit und Wirklichkeit der That: ſache, da fie es auf pofitive Weife nicht vermögen, auf negati- vem Wege zu erhärten juchen, durch den apagogifchen Beweis, daß ohne ausdruͤckliches Hinzutreten der Gottheit eine fo außer- ordentliche Erfcheinung, wie die Perfonlichkeit Chrifti iſt, fich nicht erklaͤren laſſe. — Mehr als irgendwo gefchieht es alfo bier, daß der gläubige Verſtand, der feinen Glauben an die wunder: bare Thatfache rechtfertigen will, von der Idee auf das Factum, Vi... ARE 15,00 5 T. N Die Sagen von der Kindheit des Herrn. 149 und von dem Factum auf die Idee zurüdgeworfen wird, ohne eine Vermittelung zwifchen beiden finden zu können, deren fich doch ſowohl die Idee, wegen der Ienfeitigkeit der Negion, aus welcher der Begriff zu entnehmen wäre, den fie dem Berftande begreiflich und Dadurch amnehmlich machen koͤnnte, als auch das Factum, wegen der Unmöglichkeit, ihm als Factum_ innere halb des Gebietes Außerer Thatfächlichkeit Beftand und Gewiß- heit zu geben, fo fehr bebürftig zeigt. Es ift umfere Abficht hier fo wenig, wie in allen ähnli- hen Fallen, »deren im weitern Verlaufe unferer Betrachtung noch manche vorkommen werden, uns auf eine ausführliche Polemik gegen die bisher für rechtglaubig geltende Anficht ein- zulaffen. Was in Ddiefer polemifchen Richtung gefagt und ge- than werden Eonnte, ift in allen Hauptpuncten, fowohl den das Allgemeine, als den das Einzelne, betreffenden, längft abgethan. Snöbefondere ift e8 von dem neueften Fritifchen Bearbeiter dieſer Geſchichte auf eine fo volftändige und durchgreifende Weife zu- fammengefaßt worden, die jedes neue Unternehmen diefer Art über- flüffig macht. Durch diefelben polemifchen Arbeiten ift auch der Widerfpruch genügend ans Licht geftellt, in welchem, rein biftorifch betrachtet, die Angaben der beiden verfchiedenen Ur- Eunden in Betreff der Geburts: und Kindheitsgefchichte gegenfei- tig zu einander ftehen, die Undenkbarkeit, daß diefelben aus gleicher, oder auch nur, daß fie aus unter fich übereinftim- mender Duelle gefcböpft feien. An uns ift es jest, der. Auf | gabe zufolge, die wir unferm Werke überhaupt in. allen feinen | Theilen geftellt haben, auch hier vielmehr die pofitive ge- ſchichtliche Wahrheit durch wiffenfchaftliche Wermittelung auf: zufuchen, und fie auf folche Weife zu begründen, daß mit ihrer Dadurch, fo weit es uns möglich ift, herbeizuführenden Aner- kennung die ihr entgegenftehendem. Irrthuͤmer von felbft weg: fallen. Dies nun hoffen wir in Bezug auf die Kindheitsge— ſchichte eben dadurch zu erreichen, daß wir fie ald Sage, als Mythus im eigentlichen und firengen Sinne faffen, und in gleichem Sinne fie darzulegen verfuchen. — Eine ähnliche Ab— fiht hat zwar dem Wort und Namen nach auch ſchon Die ebengedachte kritiſche Bearbeitung ald die ihrige ausgefprochen, und zwar nicht blos in Bezug auf den hier vorliegenden Theil 150 Zweites Bud. der evangelifchen Gefchichte, fondern, unter gewiffen Modifi— cationen zwar, in Bezug auf die ganze, Aber wie der Cha- rakter und die Tendenz diefer Kritik ſich wefentlih im Nega- tiven hält, fo ift es, wenigftens dem gefhichtlichen Gehalt gegenüber, den wir in der Sage werden nachzumeifen fuchen, ein durchaus negativer Begriff des Mythus, auf den jenes Merk feine „mythiſche Anſicht“ der evangelifchen Gefchichte bes gründet hat. Die ‚, bildliche Einkleidung urchriftlicher Ideen“, welche nach Strauß das mythifche Element diefer Gefchichte ausmachen foll, Fommt bei dem Verfuche, den Sinn und Ur- fprung der einzelnen Mythen nachzumeifen, allenthalben dar: auf hinaus, in nichts anderem zu beftehen, als in der unmit- telbaren und darum grundlos und willführlich zu nennenden Uebertragung mefftanifcher Vorbilder und Weiffagungen des Al- ten Zeftamentes auf die Perfon Sefu Chrifti und auf die Ber gebenheiten feines Lebens. So unläugbar richtig es fich meift mit der Wahrnehmung der Verwandtfchaft verhält, welche der Kritiker zwifchen den altteftamentlichen Vorbildern und den neutes flamentlichen Nachbildern aufzuzeigen fich befleißigt, fo kann doch, jo lange die Berwandtfchaft eben nur als Uebertragung, als Außer: liche, mechanifche Verpflanzung des auf dent Boden der altte= ftamentlichen Sage "entfproffenen Gewächfes gefaßt ift, von feinem eigentlichen, näher beftimmten und hiftorifch oder phi— lofophifch erkennbaren Sdeengehalt der neuteftamentlichen Sage die Nede fein, Alles, was hier von Speengehalt, das heißt, — denn wir befinden uns hier auf dem Gebiete, wo Idee und Gefchichte zufammenfallen müßten, — von wahrhaft ge fhichtlichem Gehalte übrig bleibt, ift einerfeits das unbeftimmte Etwas einer Wirkung, welche die Geiftesfraft Jeſu auf emen Theil feiner Zeitgenoffen übte, fo daß diefe ihn für den den Suden verfündigten Meffias hielten, anbererfeit3 das dem fo zum Meſſias Erkorenen als ein Außerlicher Flitterftaat umgehängte mythologifche Bilderwerk. — Indem alfo wir es unternehmen, ausdrüdlich durch die mythologifche Anficht und Behandlung jener Erzählungen den wahrhaft gefhichtlichen Gehalt aus ihnen heroorzuziehen, werden wir Dabei gegen jene negativ - mytholo- sifche Anſicht, fo dankbar wir uns derfelben auch für ihre kri— tifhe Vorarbeit bekennen, nicht minder, wie gegen andere Die Sagen von der Kindheit des Herrn. 151 Auffafiungsweifen jener Berichte, in Gegenfaß zu treten nicht umhin Ffonnen. Bekanntlich ift gegen die Anficht, welche die Erzählungen von der Geburt und Kindheit Ehrifti aus mythifcher Dichtung hervorgehen läßt, fowohl fonft öfter, als auch eben jegt neuer: dings wieder der Ginwurf erhoben worden, daß ihr der ſchlichte und einfältige, nichts weniger als poetifche oder fünft- lerifche Charakter jener Erzählungen widerfpreche. Diefe vielmehr feien, meint man, mit den nachfolgenden hiftorifchen ganz aus einem Guſſe, und alfo wahrfcheinlih auch aus derfelben Duelle, naͤmlich aus Erzählungen von Augenzeugen gefchöpft. — Diefer Einwand Fonnte nur bei völliger Nichtberuckfichtigung aller Analogien, welche für die Aufbewahrung und Ueberlieferung fa- genhafter Erzählungen gefchichtlih vorhanden find, erfonnen werden. Selbſt wo die reichfte Dichterifche Darftelung des My: thus in den Formen der Kunftpoefie vorangeht, finden wir gar nicht felten eine nochmalige Umfesung deffelben in die Form der ſchlichten, von allem dichterifchen Schmud, von allem De: tail der Ausführung entfleideten Erzaͤhlung. So wurde der griechiſche Götter- und Hervenmythus, nachdem er bereitd von Homer und den Cyklikern im Glanze der epifchen Poefie vers herrlicht worden war, von den auf diefe nachfolgenden Logo— graphen als einfache Hiftorie, in Einer Neihe mit der an ihn fih in allmäligem Uebergange anfchliegenden wirklichen Ge— ſchichte des griechifchen Volkes erzählt. Ja felbft nach vor- übergegangenem Blüthenalter aller übrigen Literaturzweige, als jener mythiſche Stoff in Igrifcher und dramatifcher Poefie, in Mahlerei und Plaftit die vielfachften und herrlichften Geſtal— tungen durchgangen war, felbft da noch treffen wir, Unzaͤh— liger anderer nicht zu gedenken, welche beiläufig und zu ander: weiten Sweden ein Gleiches thaten, auf einen Apollodor, auf einen Hygin, welche fich eigens ein Gefchäft daraus machen, den mythifchen Inhalt, von jenem fünftlerifchen Gewand ent: Hleidet, in nadter Profa zu überliefern. Einen allmälig fort- fchreitenden Proceß des Uebergangs der mythiſchen Ueberliefe- zung aus Poefie in Profa, aus Dichtung in Gefchichte oder oder gefchichtähnliche Darftelung könnten wir an der nordifchen Sage feit ihrer Aufnahme und Verarbeitung unter den Völker: 2 Zweites Bud). fchaften Skandinaviens, fonnten wir mehr oder weniger an den meiften Sagenfreifen des germanifchen und romanifchen Mittel: - alters nachweifen. Faft allenthalben fehen wir, Daß auf das Epos der Roman, auf den ausführlicheren, FEunftreicheren Ro— man die fchlichte, in Volksbuͤchern oder auch in Geſchichtswer— fen von mehr woiffenfchaftlichem , gelehrtem Charakter fich fortpflanzende Erzählung folgt. Sonac würde, wer die Ent: flehung einer mythifchen Dichtung nicht anders als durch Ver— mittelung von Werken wirklicher Kunftpoefie vorzuftellen ver- möchte, wenigſtens nicht den einfachen Charakter der Berichte bei Matthäus und Lukas als ein Hinderniß an- zufehen haben, dergleichen dichterifche Darftellungen jenen Be- richten vorangehend und als ihre Quelle zu denfen. Gr würde auf dem Gebiete evangelifcher Gefchichte ungefähr in der Weiſe eines berühmten Forfchers verfahren koͤnnen, welcher die ſagen— haften Beftandtheile, die er in der älteften Gefchichte Noms aufgefunden hatte, auf epifche Gedichte, aus denen erft allma- lig die Hiftorie erwachfen fei, zurüdzuführen trachtete, Sndeffen dieſes Umwegs, gegen den fich allerdings gerechte Bedenken anderer Art erheben würden, bedürfen wir nicht einmal. Der wahre Mythus ift ein Gebilde, welches, fo fehr es fich dazu eignet, ald Gegenftand und Inhalt der Kunft und Kunftpoefie zu dienen, ja fo fehr ihm, fo zu fagen, der Trieb inwohnt, Kunftgebilde aller Art aus feinem Schooß hervorgehen zu laf- fen und fich felbft in fie hinein zu geftalten, doch an fich felbft und von Haus aus ganz etwas anderes, ald wirkliche Kunftdich- tung iſt. Es ift, wie man es nicht mit Unrecht ausgedrücdt hat, eine durchaus objective Poefie, eine Poeſie, die nur in der Erfindung oder Zufammenftellung von Tchatfachen, aber nicht in der Form des Ausdruds und der Darftellung beruht. Darum fteht nicht nur nichts im Wege, daß der Mythus auch ohne alle Vermit- telung durch Kunftpoefie, längft vor feiner Hineinbildung in die Formen der Poefie oder in wirkliche Kunftwerke, als ein- fache Hiftorie in fchmudlofen, ihrer Form nach durchaus un- poetifchen Erzählungen niedergelegt wurde, fondern es ift eben dies der gewöhnliche aus der Natur der Sache fich ergebende Hergang. Er ift es wenigftens bei folhen Mythen, welche durch aͤußere Umftände früher in einen Bezug zur Hiftoriographie ge: Die Sagen von der Kindheit des Herrn. 153 bracht werden, als zur Poefie und Kunft. So finden wir, um eines der auffallendften Beifpiele diefer Art zu erwähnen, bei den alten Iateinifchen Gefchichtfchreibern derjenigen germanifchen Volker, die in der Völkerwanderung in Berührung mit der ges bildeten römischen Welt traten und dadurch eine Gefchichtfchreis bung erhielten, che fie noch ein nationales Epos oder andere Formen der Kunftpoefie aus ihrer Mitte erzeugt hatten, bei Sornandes, bei Paulus: Diaconus, bei Gregor von Tours, Sredegarius u. a., eine Menge fagenhafter Zuͤge, folche, die,! der eigentlichen Hiftorie theils vorangehend , theils in diefelbe einverwebt , genau in demfelben kunſtloſen Tone, “wie diefe, erzählt find und in der Form ihrer Darftellung nicht die mindefte Spur der poetifchen Entftehung tragen. Und doch müfjen wir folche Entftehung auch für fie vor— ausfeßenz ja es wird derfelben, in der Erwähnung von Volks: liedern hiftorifchen oder vielmehr mythifchen Inhaltes, hin und wieder auch bei jenen Schriftftelleen ausprüdlich gedacht. Eben dahin gehören aber auch die zahlreichen Mythen, welche mitten in gefchichtlicher Zeit, faft bei allen irgend bedeutenden Begebenheiten oder Perſoͤnlichkeiten insbeſondere zwar die „My— thengebaͤrerin Hellas” (nuForonos Bu), mehr aber oder weniger auch alle Völker des poefiereichen Altertyums und Mit: telalters, zu den nackten gefchichtlichen Thatfachen, nicht blos um dieſe Durch dichterifchen Schmuck zu beleben, fondern mehr noch, um dem hinter der ftarren Ummittelbarkeit des Thatſaͤchlichen fi) verbergenden Geifte einen Ausdrud zu geben, binzuerfand. Solche fporadifche Mythenbildung finden wir faft allen großern und kleinern Gefchichtswerfen oder. gefchichtlichen Urkunden der alten und mittlern Zeit einverwebt, ohne daß irgend eine. Ans deutung auf wirkliche Poeſie hinwieſe. Aus folcher Poefie find dieſe Mothen, — in ihre Neihe aber gehört recht eigentlich, viel: leicht als die reichte und fchönfte aller Blüthen diefes Zweiges der Sagenerfindung, das Mothifche, welches der evangelifchen Geſchichte einverwebt ift, — notorifch nicht entftanden. Es ift in mehr ald einer Beziehung von Wichtigkeit, ſich über den Charakter diefer befondern Art hiftorifcher Mythen etwas näher zu verftändigen, unter welche wir, der vorftehenden An- deutung zufolge, die Sagen von der Geburt und Kindheit des 154 Zweites Bud. Erlöfer8 werden einzureihen haben. Das Unterlaffen folcher Berftandigung hat naͤmlich in neuerer Zeit, feitden die Anwen: dung der Begriffe von Sage und Mythus auf die evangelifche Gefchichte überhaupt angeregt worden ift, den doppelten Nach— theil gebracht, daß man einerfeit3 durch folhe Anwendung den fubftantiellen hiftorifchen Kern diefer Gefchichte mehr als billig gefährdet meinte und ficy deshalb gegen alle und jede Zulaf- fung jenes Begriffs auf dieſes Gebiet heftig ſtraͤubte, ſo— dann aber, daß man nach der andern Seite die Gren- zen feiner Anwendbarkeit über die Gebühr ausdehnte, und, in: dem man nahe dazu fortging, die ganze evangelifche Gefchichte in einen Mythus zu verflüchtigen, eben damit zugleich den wah— ren Gehalt des Mythus in der Weife, die wir vorhin als die nothwendige Folge dieſes Thuns bezeichneten, verloren gab. Es gehören nämlich die mythifchen Beftandtheile der evangeli- ſchen Gefchichte in die Glaffe derjenigen Mythen, welche ihre Bedeutung wefentlich darin haben, daß fie ſich an wirkliche Geſchichte anlehnen, die Gefchichte vorausfegen, und, fowohl ihrer Form, als auch ihrem Sinne und Inhalte nach, durchaus von ihr abhangig bleiben. Daß es folhe Mythen überhaupt giebt, dies wird, wie ſchon bemerft, Keiner läugnen, der ir gend eine Partie der Gefchichte z. B. etwa des claffifchen Alterthums aufmerffam aus den Quellen ftudirt hat. Mit wel- chem Laub- und Blüthenfchmud duftiger Sagengewinde um: gab das griechifche Alterthum, oft fehon zur Zeit feines Lebens, faft immer wenigftens fehr bald nad) feinem Tode, faft jeden , feiner großen Männer! Nicht etwa nur folche, deren Leben und Thaten ohnehin ſchon, wie die eines Alerander des Großen durch ihre Befchaffenheit zu einer dichteriſchen, epifchen Faſſung auf: forderten, fondern auch Philofophen, Staatsmänner, Gefeb- geber, Dichter, folche mit einem Wort, deren Schidfale und Thätigkeit entweder in unbemerfter Einſamkeit, oder in der Profa des Außeren Gefchäftslebens fich verloren, und nicht3 weniger als einen heroifchen, romantifchen Charakter der Anfchauung Dar: boten. Se mehr folche fagenhafte Züge inmitten einer gefchichtli- chen Zeit und Umgebung auftreten, um fo entfchiedener pflegt man fie in der Negel als unwahre, Lügnerifche Erfindungen und Grdichtungen zu verwerfen. Sieht man jedoch genauer zu, Die Sagen von der Kindheit des Herrn. 155 ſo findet ſich faſt jederzeit, daß auch ihnen ein keineswegs ge— ring zu ſchaͤtzender geiſtiger, geſchichtlicher Gehalt inwohnt. Sie ſind, ſofern ſie naͤmlich fuͤr aͤchte Mythen zu gelten haben und nicht etwa wirklich leere Fabeln ſich an ihre Stelle eingedraͤngt haben, allenthalben beſtimmt, die Geſchichte im Einzelnen, und Beſondern auf entſprechende Weiſe zu ergaͤnzen, wie die gro⸗ ßen Mythenkreiſe, die von der Goͤtter- und Heroenwelt reden, die Weltgeſchichte im Ganzen und Großen nach ruͤckwaͤrts zu ergaͤnzen und ſie an das Ewige und Ueberzeitliche, aus dem alle Geſchichte ihren Urſprung hat, zu knuͤpfen die Beſtimmung haben. Sie enthalten bildlich ausgedruͤckt in ſinnreicher, kuͤh— ner Symbolif geiftige Bezüge und Gharafterelemente der Be— gebenheiten, folche, die nicht in unmittelbarer Thatſaͤchlichkeit erfcheinen und alfo auch nicht in einer gefchichtlichen Erzählung ohne jene tiefergehende Neflerion, welche man Philofophie der Gefchichte nennt, fich mittheilen laſſen. Sie enthalten recht eigentlich eben eine Philofophie der Geſchichte, fo ein- gekleidet, wie die Zeitgenoffen der Begebenheiten fie, wenn fie ihnen verftändlich werden und für fie Geftalt gewinnen follte, einkleiden mußten, oder vielmehr wie der Geift der Gefchichte ſich für legtere, ohne ihr Zuthun, ohne irgend eine Abfichtlich- keit der Erfinder, felbft einfleidete, um fich ihnen zu offenba— ven, Nicht immer, noch überall ift es gerade die Geftalt des MWunderbaren, des Uebernatürlichen oder Zauberhaften, welche der Geift der Gefchichte in diefen mythifchen Arabeskenbildern anzu: nehmen pflegt; doc, liebt er allerdings dieſe Geftalt vorzugs— weife, da er fich in ihr am beftimmteften von dem unmittelbar Thatfächlichen, dem er feine Offenbarung einverwebt, unterfcheis den und auf feine höhere Natur und Abkunft hinweiſen kann. Daß nun unter vielen andern und vor vielen andern auch) die Lebensgefchichte Jeſu Chrifti zu einem Anlaß und Anfnüpfs puncte, oder auch, wenn man will, zum Gegenftande und zur Inhaltsbeſtimmung einer Sagenbildung folcher Art, wie die hier bezeichnete, geworden ift: dieſes eben ift ein Umftand, der, wie er von jener Anficht, welche bisher den Ruhm chriftlicher Rechtgläubigkeit ausschließlich für fich in Anfpruch nahm, fchlecht- bin in Abrede geftellt wird, fo einer rein gefchichtlichen Auf: faffung ſich als durchaus in der Natur der Sache begründet 156 weites Bud. zeigt. Allerdings ift Die Differenz der beiden eben gedachten Anfichten ausdrüdlich in der hier fraglichen Beziehung noch eine _ weitergreifende, und es kann fcheinen, als ob die Berechtigung oder Nichtberechtigung, auch hier ‚Gebilde von Mythen: anzu: nehmen, noch von der Beantwortung mancher Vorfragen ab— hänge: So gilt hier zunaͤchſt ald ein fraglicher Punct dieſer: ob unter dem Bolfe, unter welchem die Begebenheiten diefer Geſchichte vorfielen, in deffen Schooße alfo, — Diefe Annahme liegt wenigftens am nächften, — die Mythen ſich zunaͤchſt er- zeugt haben müßten, ob unter diefem auch fonft eine Mythen: bildung, fowohl überhaupt, als namentlic) auch in der eben bezeichneten Weife, welcher die evangelifchen Mythen Durch ihre Befchaffenheit fich anfchließen würden, ſtatt gefunden. habe. Bekanntlich wird auch dies von den Rechtglaͤubigen verneint. Die Gefchichte des Alten Teftaments gilt ihnen nicht minder, wie die des Neuen, von Anfang bis zu Ende für einen Inbe— geiff wirklicher, unmittelbarer Thatſachen, denen Feine Dich— tung beigemifcht ift. Die gefchichtliche Anficht dagegen hat fich in neuerer Zeit immer mehr und mehr geneigt gezeigt, Das israelitifche Volk in dieſer Hinficht unter ganz gleiche Katego- rie mit den übrigen Voͤlkern des Altertyums zu fielen, und auch feiner Gefchichte theilweife einen mythifchen Charakter zu— zufchreibenz; einen rein mythifchen dem fogenannten Zeitalter der Patriarchen und der Borgefchichte bis zum Auszug aus Aegypten, einen von fporadifhen Mythen durchwobenen der gefammten nachfolgenden Gefchichte bis auf Chriftus herab. — In der That ift die Beantwortung diefer VBorfrage für Die unfrige nicht blos um der Analogie willen von Intereffe, welche dar: aus unlaugbar für letztere erwachſen muß, fondern fie bildet in doppelter Hinfiht unmittelbar an fich felbft einen Theil der Beantwortung diefer letzteren. Einerſeits nämlich wird von Chriftus und den Apofteln die Gefchichte des Alten Teſta— mentes vorausgefeßt; fie beziehen in ihren Neden und in ihrer Lehre fich auf diefelbe zurück, und weifen nicht felten ausdruͤcklich auffolhe Thatfachen hin, von Denen es fich eben fragt, ob fie als mythifche oder als gefchichtliche zu verftehen find. So— dann aber, und dies ift das Wichtigfte, find unter jenen flrei- tigen Zügen der altteftamentlichen Gefchichte wefentlich und ganz Ai ' 4a Be - RN) - > a % — A x * Die Sagen von der Kindheit des Herrn. 157 vorzüglich auch diejenigen inbegriffen, welche von beiden Stand— puncten, dem dogmatifchen und dem mythologifchen, gleichmä« Big zur Grundlage ihrer Anficht der evangelifchen Gefchichte ge— macht werden. Wir meinendie meffianifchen Berfündiguns gen und Weiffagungen, bie, von gottbegeifterten Propheten ausgehend, bereits zum allgemeinen Glauben des Volkes ge- worden waren, ald diejenige Begebenheit eintrat, die, nad, der einen wie nach der andern Anficht, als ihre Erfüllung zu betrachten if. Wie nämlich nad) dogmatifcher Anficht dieſe Weiffagungen’ als unmittelbare, wunderbare Vorausverfündi- gung eines fpäteren Thatfächlichen gelten: fo fchließt der my— thologifhe Standpunct fie in feinen Begriff des hiftorifchen Mythus ein; er erklärt fie für Mythen, die, wie andere My— then eine gefchichtliche Vergangenheit, fo eine gefchichtliche Zu— kunft in fymbolifcher Bildlichkeit darftellen. Man wird’ nicht einwenden, daß dies eine erft zum Behuf diefer befondern That- ſache, der mefjianifchen Weiffagungen und ihrer Erfüllung durch Chriftus, eingeführte Erweiterung des Begriffes des Mythus fei, indem fonft allenthalben unter Mythus nur eine Erzählung von Vergangenem, nicht eine VBerfündigung von Zufünftigem verftanden werde. Dies namlich wäre eine willführliche, dur) nichts zu rechtfertigende Befchranfung jenes Begriffs. In Wahr: heit finden wir, daß jede achte Mythologie, eben weil fie auf einer im wahrhaften Wortfinne idealen Anfchauung beruht, d. h. auf einer folchen, welche in dem Einzelnen das Ganze fieht und überall die Totalität des Weltweſens und der Weltge- Ihichte im Hintergrunde hat, auch Blicke in die Zukunft diefer Gefhichte thut, die fie eben fo, wie alle ihre andern An— ſchauungen, bildlich einzufleiven pflegt. Es fehlen folche Blicke auch in derjenigen Mythologie niht ganz, die von allen am meiften fic) in den Anfchauungen der Vergangenheit und Ge— genwart plaftifch abgefchloffen hat, der griechifchen*) ; veicher *) Au bei den Griechen finden fich mythiſche Dichtungen, welche auf ben bereinftigen Untergang der olympifchen Götterwelt, auf ihren Sturz durch, einen Höheren hindeuten; doch haben biefelben in der eroterifchen Mythologie meift die Wendung erhalten, daß ber Bedin- gung, an welche die Weiffagung diefes Sturzes geknüpft ift, noch 158 Zweites Bud. aber noch find an ihnen die indifche, die verfifche Mythologie, und ganz befonders die altnordifche. Für diefe letztere, oder für die weltgefchichtliche Beftimmung der germanifchen Völker, unter denen fie entftand, ift es von recht eigentlich charakteri- ftifcher Bedeutung, daß fie faft mehr noch von der Zufunft der Götterwelt, als von ihrer Vergangenheit zu erzählen weiß. Laßt es nun aber fich rechtfertigen, jenen Weiffagungen im Zufammenhange mit einem Theile der Gefchichtserzählungen, an bie fiefich im Alten Teſtament anfchließen und mit denen fiein eis nem fletigen Zufammenhange ftehen, eine mythifhe Natur zu- zufchreiben: fo ift eben hiermit von dem mythifchen Gebiete aus zur evangelifchen Gefchichte ein Uebergang gebahnt, wel- her die Anwendung diefes Begriffs auf einen Theil diefer Ge- fchichte felbft in einem neuen und eigenthümlichen Lichte er— fcheinen läßt. Auf den erften Anblid zwar kann der Argwohn entſtehen, ald werde aus diefer Anwendung nichts anderes her- vorgehen, ald was wir in der Ausführung, die Strauß Der „mythiſchen Anſicht““ zu geben verfucht, wirklich Daraus haben tefultiven fehen: eine mechanifche Uebertragung jener ein Zu: kuͤnftiges verfündenden Mythen auf die Gegenwart deſſen, in welchem jene Weiffagungen fich erfüllt haben follen. Sp ge faßt freilich wären die Mythen, wie man fchon mehrfach Strauß tadelnd vorgeworfen hat*), von leerer Erdichtung nicht zu ums vorgebeugt wird. Sp bei den Weiſſagungen, welche fih an die Ehe des Zeus mit der Metig (Hesiod. Theog. 886 ss.) und an die mit der Thetis (Aesch. Prom. 908 ss.) nüpften. Ihren Saupttummelplag hatten aber die Mythen über welthiſtoriſche Zukunft wahrſcheinlich in der efoterifchen Mythologie, d.h. in der Mythologie der Myfterien, wohin fie aus der exoteriſchen verwieſen waren. Uebrigens gehören in. diefe Kategorie auch die Orakelſprüche, ſibylliniſchen Weiffagun- gen u. f. w. *) Bergl. die befannten Necenfionen diefes Werkes von Ullmann und Zul. Müller in ven theolog. Studien und Kritifen, und die Abhandlung von Baumgarten-Erufiug de mythicae evange- liorum interpretationis indole atque finibus in deffen Opuse. theolog. (Jen. 1836). In der zulegt genannten Abhandlung ift die Unmög— lichkeit, auf diefem Wege, durch mechanifche Nebertragung der alt- teftamentlichen Sagen, die Mythen der ev. Geſch. zu erfläten, be- fonders einleuchtend nachgewieſen. Die Sagen von der Kindheit des Herm. 159 terfcheiden. Die evangelifchen Erzählungen, ftatt durch jene prophetifchen Mythen eine höhere Bürgfchaft ihrer innern geie fligen Wahrheit zu erhalten, fanfen gerade durch dieſen Um— ftand weit unter die Würde der hiftorifchen Mythen felbft des Heidenthums herab. — Ganz ein anderes Anfehen aber gewinnt die Sache, wenn wir von der Vorausfegung ausgehen, daß die Mythen der evangelifchen Gefchichte, falls wirklich auch bier Mythen vorhanden find, von gleicher Natur und Wefen mit allen andern wahrhaft hiftorifchen Mythen fein, das heißt daß fie, gleich diefen, den wahren geiftigen Sinn und Gehalt der Begebenheiten in einem fymbolifchen Gewande von durch: aus individueller Befchaffenheit, welches nur auf Diefe, und auf feine andere Begebenheit Anwendung leidet, ausdruͤcken muͤſſen. Findet fih, die Wahrheit die ſer Vorausfekung zus geftanden, dann wirklich nicht zwar unmittelbare Identität, wohl aber Berwandtfchaft und gegenfeitige Beziehung des fo befchaffenen, d. h. wirklich aus der Gefchichte felbft fchöpferifch hervorgefproffenen, nicht Außerlich ihr angepaßten evangelifchen Mythus zu jenen prophetifchen Mythen: fo wird dann in weit tieferem Sinne eine Bewährung der leßteren durch die Gefchichte felbft, ein Zutreffen, eine Erfüllung der in ihnen enthaltenen Weiflagungen eingeftanden werden müffen. Es werden Dann mit jenen Mythen zugleich auch alle die übrigen hiftorifchen Mythen, Die mit jenen prophetifchen im Zufammenhange fie: ben, in eine innere geiftige Beziehung auf die dort verfündigte Thatfache gefest, und im weiteren Sinne gleichfalls, (wie in der Shat von tiefer finnenden Gemüthern ſchon oft Die ge ſammte altteftamentliche Gefchichte oder vielmehr der gefammte mythiſche Theil diefer Gefchichte aus dieſem Gefichtspuncte bee trachtet und gedeutet worden ift) zu meffianifchen Weiffagungen erhoben. Die evangelifchen Mythen aber erfcheinen dann als der nothwendige Schlußftein dieſes in Wahrheit den tiefften idealen Kern der Weltgefchichte umfaflenden Sagenkreifes. Sie bezeichnen in dem Momente der Erfüllung jener Weiffagungen das Bewußtfein, nicht das abftracte, reflerive, fondern das unmittelbar den Begebenheiten felbft inwohnende, concerete und lebendige Bewußtfein diefer Erfüllung. ‚Sie find gleichfam die Antwort, welche der Geift der erfülfenden Begebenheit auf jene 160°. WR Bud). prophetifchen Stimmen giebt, in denen er ganz eben fo fi erkennt, wie jene fich in ihm’ erfennen und wiederfinden. In diefem Lichte nun wird es jeßt unfere Aufgabe fein, die Sagen der Geburts- und Kindheitsgefchichte, fo vollftändig und gründlich al$ möglich, fowohl ihre Entftehung, ihre Genefis, al3 auch ihren Gehalt und ihre Bedeutung entwidelnd, Darzule- gen. Wir betrachten diefelben, wie man fieht, als Mythen im eigentlichen ſtrengen Wortfinne, nicht blos, — den Unter- fehied zugegeben, den man neuerdings zwifchen diefen zwei Aus- drüden zu ftellen beliebt hat, — ald Sagen. Es gilt nämlid) nicht von ihnen, was, wie wir weiterhin fehen werden, aller- dings von einigen andern fagenhaften Beftandtheilen der evan- gelifchen Gefchichte gelten mag, daß fie, auf durchaus factifcher Grundlage ruhend, nur in einer etwas freieren Behandlung und theilweifen Umgeftaltung diefer Grundlage, dergleichen Die münd- liche Zradition mit ſich zu bringen pflegt, beftehen. Shre Grundlage ift vielmehr, wie die Grundlage. aller Achten My- then, eine wefentlich ideale und geiftige. Sie ziehen, fchöpfe: riſch umbildend, die Gefchichte in den Kreis der Idee, die fie ausdrücken wollen, hinein, und laſſen nicht umgekehrt nur das ideale Moment als Schmud an dem Außerlichen Factum bei- herfpielen. Wir Tonnen darum nicht das Beſtreben gut hei- ‚ Ben, in welchem fih noch immer Biele gefallen, aus dieſen ' fammtlihen Dichtungen, auch wenn man fie theilweife dafür ' erkennt, doch um jeden Preis noch ein paar Thatfachen heraus: zuklauben. Hierdurch geht, weit entfernt, daß fie an gefchicht- lichem Inhalte gewinnen follten, vielmehr Der wahre gefchicht- liche Gehalt, die ideale Auffaffung des Geiftes der Ge: fchichte, die in den Mythen enthalten ift, unausbleiblich verlo- ven. Wir erhalten, ftatt jenes geiftigen, die außerlichen That: fachen befeelenden Gehalte einige trocdne, Außerliche Notis zen, die, weil fie außer nachweisbarem Zufammenhang mit den wirklichen Shatfachen bleiben, alles wahrhaft gefchichtli- chen Intereſſes baar und ledig find. Diefem gegenüber muß uns vielmehr fchon das bloße Dafein der Mythen an die: fer Stelfe, vom welthiftorifchen Gefichtöpuncte betrachtet, als ‚ eine Thatfache von höchfter Wichtigkeit erfcheinen, Es ift in | der That eine folche, durch die wir für das Verſtaͤndniß der Die Sagen von der Kindheit ded Herrn. 161 göttlichen Offenbarung in der Gefchichte unendlich mehr gewin- nen, ald wir felbft durch die genauefte Kenntnig der Facta, | an beren Stelle jene Sagen getreten find, würden gewinnen fön- nen. Snöbefondere aber hat, was den Inhalt der Sagen be- trifft, Diefer einen weit hoͤhern Werth, wenn wir ihn als ei: nen mythiſchen auffaffen und deuten, als er, wenn er felbft als unmittelbares Factum gefaßt werden follte, haben würde, Lebteres, der geringere Werth des Factums als folchen, . wird in der That auch von denjenigen zugeflanden, welche, wie jeßt die Meiften, das Erzählte zwar, um der Glaubwürdigkeit der Urkunden feinen Eintrag zu thun, als Zhatfache gelten Laffen, aber dabei ausdrücklich einfchärfen, daß von dem Glauben an dieſe Thatfachen (z. B. etwa an bie unbefledte Cmpfäng- niß der Maria”)) das MWefentliche des Chriftenthums nicht ab- haͤngig gemacht werden dürfe. Bon den Mythen dagegen hoffen wir zeigen zu koͤnnen, wie fie ein in der That unent: behrliches Moment jener göttlichen Dffenbarung ausmachen, welche in der Perfon Jeſu Ehrifti ihren Gipfelpunct erreicht. Daß die Offenbarung in Chriflo, um als Dffenbarung verftanden und begriffen zu werden, nicht als ifolirtes Factum, fondern im Zufammenhange mit der übrigen Menfchengefchichte betrachtet fein will: dies hat auch die dogmatiſche Anficht an: erkannt, durch die Art und Weife, wie auch fie das Neue Te— ftament an das Alte Enüpft. Aber diefe Anficht leidet an der Beichränktheit, daß fie eine vorchriftliche Offenbarung nur in der Particularität des ifraelitifchen Volkes erkennen will, Die mythologifche Anfiht, ohne dem genannten Volfe den Ruhm fireitig zu machen, daß es, theild Durch feinen Monotheismus, theild und ganz befonders auch durch feine prophetifchen My— then, welche der dogmatifche Standpunct meffianifche Weiſſa— gungen nennt, fich als berufen erwiefen hat, vor allen andern Voͤlkern Träger jener höchften Offenbarung, der im engern und *) Bergl. hierüber Schleiermachers Glaubenslehre, erfte Aufl. II, ©. 214 ff.; — eine Stelle, die in Bezug auf dieſen Punct in der neueren Theologie den Ton angegeben hat. Wiewohl Schleiermacher felbft deutlich genug zu verftehen giebt, daß ein buchftäbliches Ver— ſtändniß der Urkunde feineswegs unbedingt auch durch das Intereffe ihrer Glaubwürdigfeit gefordert fei. “ Ba 162 Zweites Bud. eigentlichen Sinne gefhihtlichen, zu fein, erkennt doch eis nen durch alle Völker der Weltgefchichte fich hindurchziehenden Dffenbarungsproceß, einen folchen, Der in der Perfon Chrifti nur eben feine Spitze und Vollendung erreicht. Sie erfennt am Eingang aller Gefchichte eine Uroffenbarung Gottes an den menfchlichen Geift, welche mit der Urgefchichte des menfchlichen Geſchlechts fo innig verwachfen ift, daß die Mythologien aller vorchriftlichen Völker als ein gemeinfchaftliches Denkmal gelten konnen, welches der Geift diefer Volker ſowohl jener Dffenba- rung, als diefer Gefchichte gefeßt hat: Mit diefer mythologi- fhen Uroffenbarung nun, welche von der Urzeit fowohl des Gefchlechts, als der einzelnen Volker aus durch die fporadifche Mythenbildung innerhalb ihrer Gefchichte, insbefondere aber durch Die prophetifhen Mythen fortgeleitet wird, tritt Die ge— fhichtliche Offenbarung in Chriſto eben durch die Mythen in Beziehung, welche die Geburt und Kindheit des Gottmenfchen in ganz entfprechender Weifeumgeben, wie die Geburt und Kindheit des menfchlichen Gefchlechts. Sie, diefe Mythen find recht eigent- lich das vermittelnde Glied, mit deſſen Erfenntniß wir erft die vollſtaͤndige Bürgfchaft dafür gewinnen, daß Chriftus wirklich der Mittelpunct der Zeiten, die Fülle der im Laufe der Zeit und der MWeltgefchichte fich offenbarenden Gottheit if, Wenn die dogmatifche Anficht es als zur VBollftändigkeit der goͤttli— chen Glorie gehörend betrachtet, daß Chrifto nicht nur von Menfchen, fondern auch von Engeln gehuldiget werde: fo ift dies ſelbſt nur ein mythifcher Ausdrud für die Forderung, daß Chriftus auch von jenen Geiftern, die in der Vorzeit das Drgan der Mittheilung des Göttlichen an die Menfchen waren, d.h. eben von den Geiftern des Mythus, ald der Sohn des ewigen Gottes anerkannt werde, Wird nun in diefem Sinne die Kimdheitsfage gefaßt, fo erhellt, wie damit alle weitern Fragen nach ihrem Urfprunge be= antwortet, alle Zweifel, die aus der Unklarheit diefes Urfprungs auf den gefchichtlichen Charakter der andern evangelifchen Er- zahlungen etwa fallen fünnten, gehoben werden, Mythen der hier bezeichneten Art, fo durch und duch von Dichterifchem Geifte erfüllt fie ihrer Natur nach find, gehören doch Feines- wegs in eine Reihe mit dem, was in eigentlicherem Sinne Poe— Die Sagen von der Kindheil des Herrn. 163 fie, Dichtung genannt wird. Sie find nie und nirgends Merk eines Einzelnen; «8 kann ald eines der untruͤglichſten Kennzei— chen angefehen werden, wodurch fich der Achte Mythus von willführlich erfonnenen Fabeln unterfcheidet, daß von jenem fich nie ein Erfinder angeben läßt, fondern daß er mit- der unbe: wußten Nothwendigfeit eines Naturproducts aus dem Volke hervorwächft. Allerdings läßt fich nicht anders annehmen, als daß jeder einzelne Zug des Mythus fich in letzter Inftanz auf einen Einzelnen zurüdführen muß, in Dem zuerft, oder vielleicht auch auf mehrere Einzelne, in denen unabhängig von einander diefer Gedanke emporftieg. Aber das felbft, was von den Einzelnen als folchen erfunden wird, ift, fürfich allein genommen, noch nicht der Mythus. Der Mythus erwächft erft aus dem Zufammentreffen einer Mehr: heit folcher Erfindungen, die eben durch diefe Fähigkeit des Zu: fammenwachfens, der Verfittung unter fih, fich fo zu fagen ald vorausbeftimmt erweift, einem Volksglauben, einer Idee, die nicht nur für die Einzelnen, fondern für das Volk Wahrheit hat, zum Ausdrud zu dienen. Bon den Grfindern ift gewiß in den meiften Fallen anzunehmen, daß fie dad von ihnen felbft ' Erfundene zugleich mit dem bereits Ueberlieferten in dem vollfoms / menften guten Glauben an feine Wahrheit ausfprechen und wei⸗ ter uͤberliefern. Sie knuͤpfen es naͤmlich durch einen unbewußten Schluß an die bereits vorhandene Baſis der Ueberlieferung, die erſten ſolchen Erfinder an die unmittelbar geſchichtliche, die ſpaͤ— ter folgenden an die Erfindungen ihrer Vorgaͤnger. Ihrem perſoͤn— lichen Bewußtſein nach aber, in welchem, wie dies in allen frü- bern Bekennern des ChriftenthHums nachweisbar der Fall war, geiftige und factifche Wahrheit noch nicht unterfchieden find, ver: halten fie fich genau eben fo gläubig gegen das Selbfterfundene, wie gegen das Ueberlieferte. Dies leßtere fallt ung freilich, insbefondere bei folhen Momenten des Mythus, in denen die fombolifche Be- ſchaffenheit auffallender hervortritt, befonders ſchwer und vorzuſtel— len. Es fällt uns darum fo fhwer, weil wir in folchen Fällen gewohnt find, zwifchen Bedeutung und Einkleidung, zwifchen Snhalt und Form, ungefähr in der Weife, wie fie auf folche Dichtungen Anwendung leidet, die wir allegorifche nennen, zu unterscheiden, und der Form unter Feiner Bedingung diefelbe Wahrheit, wie dem Inhalte zuzufchreiben. In Fällen folcher 11* 164 Zweite! Bud. Art (Beifpielewerden uns bald von felbft entgegentreten) wird, wenn man fich nicht überwinden Fan, die Bedeutung da als wirklich vorhanden anzuerkennen, wo man zugeftehen muß, daß fie von dem Erfinder des Bildes nicht ausdrüdlich in ihrer Unter: fchiedenheit von der Form gedacht und beabfichtigt worden ift, im— mer das Nichtigere fein, diefe Bedeutung Dahingeftellt zu laſſen, als umgekehrt, durch Annahme einer wiffentlichen Allego: tie, die Treue. und den guten Glauben der Sagenerfinder in Zweifel zu ftelen. Das Denfwürdige, ja dad Wunderbare des mythifchen Gebildes befteht dann eben darin, daß es von folcher Beschaffenheit ift, dem Deuter Veranlaffung zu geben, daß er in ihm nicht etwa nur einen irgendwie beliebigen, allge: meinen oder fernliegenden Sinn*), fondern den innerften Geift und Charakter der Begebenheiten felbft, an deren Stelle es fich eingedrangt hat, ausgedruͤckt findet, Es ift deshalb auch einzu- geftehen, daß Deutungen der Mythen nicht entbehrt werden Fün- nen; mag man immerhin ihnen vorwerfen, daß es vielmehr des Deuters eigener Geift, als der Geift des Mythus ift, was fich in ihnen ausfpricht. So parador diefelben auch erfcheinen moͤ— gen, fo find und bleiben fie der einzig mögliche Weg, mit jener Anerkennung und Wirdigung des Mythus, die den Meiften nur eine wohlflingende Nedensart bleibt, Ernft zu machen. Snöbefondere aber erhellt, um jet auf unfere evan— gelifchen Mythen zurüdzufommen, was fo Vielen ein umuͤ— berwindlicher Anftoß feheint, die Möglichkeit, ja nicht blos die *) Dies ift ein Fehler, vor welchen ſich die Verſuche zur Mythen- deutung auch auf dem Gebiete der im engeren Sinne fo genannten, d. h. der Heidnifchen Mythologien meift nicht forgfältig genug zu hüten pflegen, und der befonders viel dazu beigetragen hat, Berfuche diefer Art in Miscredit zu bringen. Bon ihm halten fich au) die- jenigen nicht frei, welche, wie das berühmte, aber bei feinem un- läugbar großen Berdienft eben darin mangelhafte Werf von Ereu- zer, bei mythifchen Gebilden aller Zeiten und Völker hauptfächlich darauf ausgehen, ein Syftem von Naturfymbolif aus ihnen heraus- zudeuten. — Der Berfafler erlaubt fih in Bezug auf diefen und auf manche andere im gegenwärtigen Abfehnitt zur Sprache fommende Puncte auf feine Schrift: „Weber den Begriff, die Behandlung und die Quellen der Mythologie“ (Leipz. 1828) zu verweiſen. Die Sagen von der Kindheit des Herrn. 165 Moglichkeit, fondern die Nothwendigfeit ihrer Entftehung zu einer den Begebenheiten, an die fie fich anfchließen, fo nahe liegenden Zeit, Wir finden feineswegs ein fonderliches Beden- fen darin, einen Theil diefer Mythen felbft weiter noch, als die hiftorifchen Zeugniffe unmittelbar und dazu nöthigen, nam: lich in das Zeitalter der Apoftel, ja ihren erften Anfängen nach bis in die eigene Lebenszeit Chrifti hineinzuruͤcken. — Wir glau- ben die Möglichkeit, daß es ſich wirklich fo verhalte, ſchon aus dem Grunde offen halten zu müffen, weil allerdings, je mehr dem Mythus ein gewiffer Zeitraum gegönnt wird, fich zu entwideln und zu befeftigen, um fo weniger der Glaube, den er findet, ein Näthfel bleiben Fann, Daß indeffen zu der Zeit, wo unfere beiden Gvangeliften die Kindheitöfage aufzeichneten, diefelbe noch vecht eigentlich im Zuge des Werdens und der Ausbildung begriffen war: dies zeigt ſchon die ganzliche Ver— fchiedenheit der Geftalt, in der fie uns von dem einen und von dem andern überliefert wird. Anzunehmen, daß hier der eine oder der andere von beiden das von dem andern Ueber: lieferte vorausfeße, und nur zufällig von dem anderen Ueber: gangenes nachliefern wolle, ift eben fo wenig Grund, wie in fo manchen anderen Fällen einer Abweichung der Evangelien von einander, Vielmehr ‘zeigt gerade hier die befondere Befchaffen- beit des Ueberlieferten auf das Deutlichfte, wie jeder von bei: den von dem Inhalte der Ueberlieferung des andern nicht die mindefte Kenntniß hatte; was eben auf ein noch nicht wollen: detes Befeftigtfein der Mythen fchließen läßt. Eben dahin deu: tet auch die beträchtliche Anzahl von apokryphiſchen Erzählungen der Kindheitögefchichte, und deren VBerhältniß zu unfern kanoni— ſchen Erzählungen. Zwar verdient der größere Theil diefer Er: zählungen nicht mehr den Namen ächter Mythen. Sie find viel- mehr wild und zügellos fproffende Seitenfchößlinge dev Mythen: bildung, die darum auch im Schooße der chriftlichen Gemeinde nicht auf die Dauer und nicht inf weiteren Umfange Glauben fanden. Nichts deftoweniger läßt fi) die Gontinuität, in der fie mit der Achten Sage ftehen, faft durchgehends nachweilen, und einige ihrer Züge, die zum Theil nachweislich in ein glei— ches Alter mit den Fanonifchen hinaufreichen, haben fi) auch mit dieſen zugleich in Geltung erhalten. Keinesfalls wenig. 166 Zweites Bud. ftend möchten wir in Bezug auf diefe Seitenzweige der Gage in die neuerdings fo beliebt gewordenen Declamationen ber Dogmengläubigen einftimmen. Diefe freilich haben alle Ur: fache, den Unterfchied zwifchen den apofryphifchen und den Fa= nonifchen Mythen fo grell als möglich zu fehildern, da das bloße Borhandenfein jener gerade in der Kindheitsgefchichte (warum finden fie fich fo auffallend feltener in der fpäteren Le— bensgefchichte Jeſu?) fo laut für die mythifche Natur Diefer Gefchichte zeigt. Die Wahrheit aber ift, Daß namentlich das ‚ Evangelium de nativitate Mariae und das Protevangelium Jacobi, \ Diefe zwei unläugbar in ein fehr hohes Alter hinaufreichenden Compoſitionen, neben vielem unftreitig Uebertriebenen und Ber: fehlten doc eine nicht ganz geringe Anzahl folher Zuͤge ent: halten, die, neben die Sagen der Fanonifchen Evangelien ge ſtellt, dieſen Feineswegs heterogen erfcheinen, und über die Ge- neſis derfelben manchen nicht zu verfchmähenden Auffchluß ges ben. Im Allgemeinen aber ift eben dies für das Verſtaͤndniß unfers evangelifhben Mythus von Wichtigkeit, Daß man ihn nicht als eine abgefchloffene und fertige Dichtung oder als ein zufälliges Gonglomerat folher Dichtungen betrachte, fondern, - wie es jeder Achte, zur Zeit feiner Aufzeichnung noch unmittel: bar lebendige und eben erft entftandene Mythus ift, als ein werdendes und flüffiges, dem Ziele, d. h. dem vollftändigen Ausdrude der Idee, von deren Anſchauung es ausgeht, entge= genftrebendes Gebilde, als ein folches endlich, dem, ohne Nach: theil feiner Integrität und geiftigen Einheit, noch manche Züge zugefeßt, oder von dem auch manche hinweg genommen were den Fonnten. Zur Erleichterung des Verftändniffes der und vorliegenden Mythen dient ein Umftand, der in gleicher Weife nicht Teicht bei einem andern Mythenkreife eintritt; nämlich diefer, daß wir mit vollfommener Genauigkeit den Punct angeben koͤnnen, an welchen fich ihre Erfindung zuerft angefnüpft hat. Daß wir dies hier vermögen, Diefes felbft verdanken wir dem Verhaͤlt— niffe zu jenen prophetifchen Mythen, welches, wenn auch nicht, wie Einige wollen, als der einzige, fo jedenfalls doch als ein bedeutender Factor in die Bildung der hier in Frage flehenden eintritt. Bon dem Meffias, den das isvaelitifche Volk er Die Sagen von der Kindheit des Herrn, 167 wartete, herrſchte allgemein bereits vor Sefus die Meinung, daß er aus der Nachfommenfchaft des Königs David hervor: treten werde. Zu unterfuchen, wie diefer Glaube entftanden fei, gehört nicht in Das Bereich unferer gegenwärtigen Aufgabe. Weſentlich ift für unfern Zweck nur dies, daß man und. zuge= ftehe, daß derfelbe fchon feinerfeits mythiſcher Natur, alfo nicht blos eine leere Erfindung Einzelner, eben fo wenig aber auch eine wirkliche, auf unmittelbare factifche Geltung Anfpruch machende Weiffagung war, So konnen wir denn auch, was jene prophetifchen Stellen des Alten Teſtaments, welche von einem zukünftigen Könige Israels, von einem Herrn und Er- löfer aus Davids Stamme fprehen*), die in engerm Sinne fo= genannten meffianifhen Weiffagungen, betrifft, von Diefen zu beurtheilen, wiefern fie es find, welche den Grund und die erfte Veranlaffung zu jener Sage enthalten, oder wie: fern vielmehr fie ihrerfeits aus früheren Anfängen der Sage hervorgegangen find, — füglich den Forfchern der Gefchichte und Poeſie des Alten Teſtaments überlaffen. Gewiß ift, daß zur Zeit des Auftretens Jeſu nicht etwa nur an jene einzelne Stellen fi die Bezeichnung des Meffias ald Sohn Davids tnüpfte, fondern daß diefe Bezeichnung bereit3 Allen geläufig, kurz, im eigentlichften Sinne, ein Artikel des Volksglaubens geworden war. — Soll nun der Vortheil nicht verloren gehen, der für die Genefis und Auslegung der Kindheitäfage ſich aus diefer Praformation des mefjianifchen Mythus: ziehen läßt: fo bedürfen wir dazu vor allem freilich des Zugeftändniffes, nicht etwa daß in Folge eines zufälligen Zufammentreffens der aus Davids Stamm wirklich abftammende Sefus fi in der Annahme der Meffiaswürde durch jene Bolfsfage unterflüßt fand, fondern vielmehr daß eben dies, die Verwandlung des prophetifchen Mythus von dem zukünftigen Meſſias aus Davids Gefchlecht in einen biftorifchen Mythus, den Mythus von dem wirklich aus Davids Gefchleht erftandenen Mefjias, den erften Act ur— Hriftlicher Mythenbildung ausmacht. Daß Sefus auch factifch ein Nachkomme Dayids war, daß *) Die wichtigfte dieſer Stellen if unſtreitig das Lite Capitel des Propheten Zefaias, — 168 Zweites Buch. den Genealogien, in denen ſeine Abſtammung uns uͤberliefert wird, wenigſtens die allgemeine factiſche Wahrheit ſolcher Abſtammung zum Grunde liegt: Dies Laßt ſich zwar nicht gerabehin als un— möglich nachweifen, aber eine von dogmatifchen Vorurtheilen freie Unterfuchung kann es in Feiner Beziehung als wahrfchein- lich erkennen. Ausdrüdlich ftehen diefer Annahme zwei wichtige Stellen entgegen: zuerft Die nach den Synoptifern*) den Pha— rifaern von Sefus vorgelegte Frage: wie denn der Meffias Das vids Sohn fein koͤnne, da er doc von David felbft fein Herr genannt werde; fodann im vierten Evangelium **) der von dem Suden ausdrüdlich gegen die Behauptung, daß Sefus der Meſ— fias fei, gemachte Einwurf: der Meffias müffe ein Nachkom— me Davids fein und aus Bethlehem Fommen. Daß Sefus, was auch übrigens feine Abficht bei jener Frage gewefen fein möge, diefelbe nicht gethan haben würde, wenn er fich felbft für einen Nachkommen Davids gehalten oder auf dieſe ver: meintliche Abftammung irgend einen Werth gelegt hätte, Tiegt fo fehr auf der Hand, daß wir jede Polemik gegen erflügelte Deutungen entgegengefeßgten Sinnes für überflüffig halten. Was aber die zweite Stelle betrifft, fo legen wir zwar feinen fon- derlichen Werth auf die Dort ausgedruͤckte Unwifjenheit der Ju— den über die davidifche Abſtammung Sefu, wohl aber halten wir fie, zufammengeftellt mit dem Schweigen des vierten Evangeliums über diefe Abftammung, für beweifend, daß der Verfaſſer defjelben nichts davon wußte. Denn bei der in Fallen ähnlicher Art fonft fo auffälligen Gewohnheit diefes Verfaffers, würde derfelbe, hätte er jene Kunde befeffen, gewiß auch bier eine erflärende oder berichtigende Parenthefe hinzuzufügen nicht unterlaffen haben. Wenn wir aber im Widerfpruch zu Diefen beiden Stellen Sefum an einigen andern") als „Sohn Da: vids“ angeredet finden: fo ift mit Recht bemerft worden, Daß *) Marc. 12, 35 ff. u. Parall. *#) 90h. 7, 22. =) Marc, 10, 47 f. u. Parall, Matth. 9, 27. 12, 23. 21, 9. An der legten Stelfe hat erft der Verf. des erften Ev. das "Roavva ro vio Javid aus den Worten gebildet, die wir bei Marcus (11, 10) fo leſen: euAoynutvn 7 Eogousvn Baoıheia rov nargos num Javid, Die Sagen von der Kindheit des Herm. 169 in biefer Anrede einfach nur der Glaube an feine Meffiaswiürde, nicht aber eine Kunde von feiner leiblichen Abftammung fich ausipricht. Necht eigentlich hier, in diefen vereinzelten und au— genfcheinlich jeder anderweiten Begründung entbehrenden Aeu— Berungen zufällig begegnender Individuen aus dem Volke ha= ben wir, was wir vorhin andeuteten: den Anfang der wirkli— hen Sagenbildung in Bezug auf die Perfon Sefu. Das Volk, welches Sefum, ohne um feine wirklichen Vorfahren fich zu kuͤm— mern, aus dem Stegreif ald Sohn Davids begrüßte, hatte dabei ein fichereres Gefühl über die Wege der Vorfehung und über den wahren Gang jener göttlichen Nothwendigfeit, welche fich in der Entwidelung der Gefchichte offenbart, als die modernen dogmengläubigen Kritiker haben, welche es zur Ehre der ur- fundlichen Zeugniffe erforderlich meinen, daß auc auf die face tiſche Wahrheit jener Abftammung gedrungen werde. Solche leibliche Abftammung würde und, nach unfern gereifteren An: ſichten über die göttliche Leitung der Welt, nur für ein ſon— derbares Spiel des Zufalld gelten fonnen. Denn auf eine Le— gitimität der Koͤnigswuͤrde Jeſu im Sinne der jüdifchen Theo: fratie kommt es bei der wahren, gefchichtlichen Erfcheinung Ehrifti doch gewiß nicht an. Selbſt das Fanıı noch als frag- lich erfcheinen, ob auch die Apoftel, wenn fie, wie namentlich Pau— lus thut*), von einer Abftammung Sefu „dem Fleifche nach’’ von David oder „von den Vaͤtern“ fprechen, Damit etwas anderes meinen, als nur, mit dem Bewußtfein der fombolifchen Gel- tung diefes Ausdruds, den gefchichtlichen Zufammenhang über- haupt, in welchem der Herr durch feine Geburt mit feinem Bolfe und mit den diefem Volke gegebenen Verheiffungen fteht. Doc bleibt es möglich), daß bereits in Paulus, der, wie wir im vorigen Buche zu bemerken Beranlaffung hatten, gegen das Factiſche der Perfönlichfeit und der Gefchichte feines Meifters fi überhaupt ziemlich forglos verhielt, jener fymbolifche Aus- druck fich bereitd zu einer Art von Gefchichtöglauben an die Shatfächlichfeit jener Abſtammung geflaltet hatte. Wenn wir nun diefen, auf einem Wege, den wir für ſich *) Röm. 1,3: 9, 5. 15, 12. Apoſtelgeſch. 2, 30. 13, 28. 170 Zweites Bud. felbft Schon als den Weg der Sagenbildung bezeichnen müf- fen, unter den Süngern und Anhängern Chrifti hervorge- gangenen Gefchichtsglauben an feine Abftammung von Da— vid in ausprüdliche genealogifhe Verſuche der Art über gehen fehen, wie wir folhen am Anfange zweier unferer Evan— gelien begegnen: fo werden wir urtheilen müffen, daß hier das Entfprechende gefchehen ift von dem, was wir auf eine oder die andere Weife in allen Sagenfreifen von gleichem oder grö- Berem Umfange, wie der vorliegende, gefchehen finden. Es ift eine Wahrnehmung, die fih in der Betrachtung der Mytho— logien aller Zeiten. und Voͤlker beftätigt findet, daß diefelben, in- fofern fie fih in irgend einem Sinne zum Ganzen abzufchlie- Ben das Streben haben, zu diefem Behufe fich an eine genea= logifhe Grundlage anzufchließen, oder da, wo fie folche nicht be= reits gefchichtlich gegeben vorfinden, dieſe ihre Grundlage aus ſich felbft zu erzeugen pflegen. Die Stammbaume der Götter und der Heroen bilden recht eigentlih den Grundriß oder gleichſam das Sfelet jeder eigentlichen Mythologie. Sie find der einzige Ausdrud, den die Sage als folche für den gefchichtlichen Cau— falzufammenhang hat, deffen Begriff fo wenig, wie jede an- dere verftandesmäßig ausgebildete und zum Begriff erhobene Borftelung in ihr Bereich falt, während fie doch die Bor- ftellung folchen Zufammenhangs nicht entbehren kann. Ins— befondere pflegen deshalb die Genealogien ald das Mittel zu dienen, duch welches verfchiedene, unabhängig von einander entftandene Mythen an einander geknüpft und zu einem Ganz: zen vereinigt werden. Dies fonnen wir z. B. an der Theo— gonie des Hefiod beobachten, wenn wir fie nebft den auf die— fen Grundkanon hellenifcher Dichtermythologie weiterhin aufge: tragenen Sagen mit den zum Theil gewiß noch in eine frühere Zeit hinaufreichenden localen Sagen der, verfchiedenen griechi- ſchen Stämme und Städte über die einzelnen Götter: und He— roengeftalten vergleichen, Sagen, welche von jenem genealogi- fhen Zufammenhange fich entweder überhaupt nicht, oder nur unvollftändig unterrichtet zeigen. Näher noch, als die Ver— gleihung mit der griechifchen, oder auch mit der indifchen, aͤgyptiſchen, nordifchen u. f. w. Göttermythologie liegt und hier die Erinnerung an Sagenkreife der Art, wie die im Mittelal- Die Sagen von der Kindheit des Herrn. 171 ter entftandenen über die Helden aus der Umgebung Karls des Großen*), König Arthurs u. ſ. w. Auch in diefen fehen wir die eigentliche Dichtung*von dem Leben und’ den Thaten der: felben nicht eher beginnen, als nachdem das Gefchlecht und die Abftammung des Helden durch die umftändlichften Crörterun: gen vollftändig dargelegt, und fo der Geftalt deffelben in dem Zu: fammenhange der mythologifchen Geſchichtsanſchauung ihr P laß angewiefen ift. Am nächften aber liegt uns, und den unmittelbar- ften Einfluß auf die Entftehung der evangelifchen Genealogien übte die eigene Hervenmythologie der Israeliten, — fo nämlich duͤr— fen wir die gefammte Urgefchichte dieſes Volkes, die Sage von dem Zeitalter der Patriarchen, kurz alles in der moſai— ſchen Geneſis Enthaltene unftreitig nennen. Wenn irgendwo, fo war hier einer fich neu bildenden Sage das Schema für die genealogifche Anfnüpfung ihrer Geftalten an ein Früheres geges ben. Nur daß freilich bei der ewangelifchen Sage dieſes Frü- "here felbft, an welches fie anzufnüpfen hatte, bereits einen ge= fchichtlichen Charafter trägt, während es in andern Fällen aus der Dichtung felbft erft hervorgehen mußte. Sn diefem Sinne alfo halten wir uns berechtigt, die Ge- nealogien bei Matthäus und Lufas, wenn nicht genau in der Geftalt, wie fie von den Verfaffern diefer beiden Evangelien fchriftlich aufgezeichnet find, fo jedenfalls ihrem Grundgedan— fen umd ihrer allgemeinen Anlage nach), für einen der älteften, wo nicht für den älteften aller mythifchen Beflandtheile der evan- gelifchen Gefchichtserzählung anzufprechen”*). Wir Fonnen nicht umbin, uns eben dies als den Anfang der evangelifchen Mythenbil- dung zu denken, daß man von der VBorausfeßung, Jeſus, er, der durch das Zeugniß des göttlichen Geiftes, der in ihm wohnte und von ihm auf die Zünger überging, beglaubigte Ehriftus oder Meffias, fonne aus feinem andern, ald König Davids Gefchlechte =) Man denke z. B. an die umftändliche Genealogie derfelben in ben Reali di Francia, aus welchen die lange Reihe der nachfolgenden Dichtungen zu fehöpfen pflegte. <>) Vielleicht, daß diefer Sinn der misverftandenen Sage bei Clemens Alerandrinug (Euseb. H. E. VI, 14) zum Grunde Tiegt, welche bie Evangelien, die die Genealogien enthalten, für bie älteften erklärt. 72 - Zweites Bud. ſtammen, zu dem VBerfuche fortging, ſolche Abftammung, ohne fih um hiftorifche oder diplomatifche Zeugniffe zu Fümmern, die freilich nicht wohl zu erlangen waren, doc, in dem guten Glau— ben, daß es fich allen etwa entgegenlaufenden Zeugniffen zum Trotz fo verhalten müffe und fchlechterdings nicht anders ver- halten fonne, durch Angabe der einzelnen genealogifchen Zwi— fchenglieder nachzumweifen. — Sogleich in diefem ihrem Anfange aber wäre e3 irrig, in der neuen Mythenbildung nichts als nur eine mechanifche Uebertragung der alten meffianifchen Weif- fagung auf dad große Greigniß der Gegenwart erbliden zu wollen. Wir haben uns vielmehr das lebendige, anfchauende Bewußtfein des welthiftorifchen Zufammenhangs zwifchen der alten Herrlichkeit Israels und dem neuerfchienenen Heile ganz eben fo in denen, Durch die jene Uebertragung gefhah, gegen- wärtig zu denken, wie die Ahnung diefes Zufammenhangs den alten Propheten gegenwärtig war und fie zu ihren Weiſſagun— gen begeifterte. Diefes Bewußtfein ift es, was fich in der Erfindung der Genealogien ausdrüdt und ihnen, fo werth- 108 fie auch in ihren einzelnen Notizen find, doch im Ganzen und Allgemeinen eine Bedeutung verleiht, die durch nichts an- dere erfeßt werden Fann. Es ift diefe Bedeutung auch nicht verloren gegangen, nachdem fih, wahrfcheinlih um weniges fpäter, von der Empfängnig Jeſu der Mythus gebildet hatte, daß fie nicht durch die Beiwohnung eines menfchlichen Vaters, fondern durch die Ueberfchattung des heiligen Geiftes erfolgt fei. Zwar hätten, als diefer Glaube fchon vorhanden war, die Genealogien fchwerlich neu entftehen fünnen. Aber die ein- mal entftandenen aufzugeben, lag in ihm Feineswegs eine Noͤ— thigungz vielmehr blieb e8 im Sntereffe der Sage, auch ben Stiefoater Jeſu noch, wie zuvor den Vater, ald einen Nach: kommen Davids vorzuftellen. In der That nämlich verhält ſich das Judenthum, welches wir folchergeftalt in der Perfon des Sofeph fombolifch dargeftellt erbliden, zum Chriftenthume nicht eigentlich ald deffen Vater, fondern vielmehr als Gtiefvater. Ergraut und abgelebt, wie und, zwar nicht die evangelifche Sage felbft, aber die in gleichem Geifte finnig fortipinnende, den Sofeph darftellt*), vermochte ed den göttlihen Sohn nit ei- ) Der Grund dieſes apokryphiſchen, aber in die Vorftellung der Die Sagen von der Kindheit des Herrn. 173 gentlich zu erzeugen, fondern nur den unmittelbar durch den Geift von oben felbft erzeugten aufzuerziehen. — Wir dürfen hiere nach von den Gefchlechtsregiftern in unfern beiden Evangelien die Behauptung wagen, daß fie, weit entfernt, durch den fcheinbar widerfprechenden Zufammenhang, dem fie einverleibt find, ihre Bedeutung zu verlieren, folche vielmehr dadurch erft gewin— nen, wenn auch vielleicht, fo fcheint es, den Erzählern unbewußt. ‚Eben diefe Bedeutung aber fordert wefentlich, daß die Stamm« liften auf Sofeph, nicht, wie man es den Flaren Worten des Evangeliftei zuwider bei jener des Lukas hat thun wollen, \ auf Maria bezogen werden. Allerdings ging die Sage fchon frühzeitig dazu fort, auch die Maria aus Davids Gefchlecht entipringen zu laſſen. So die apokryphiſchen Evangelien, welche die Kindheitsgefchichte behandeln, und fo auch Suftin der Mär- tyrer. Aber gerade hier meinen wir die Grenzlinie zwifchen aͤch— ter und apofryphifcher Sagenbildung deutlich bezeichnet zu fin— den. Jene Uebertragung auf die Maria nämlich ift ein über: flüffiger Auswuchs, der wahrfcheinlich erft dann entftand, als man gewahr ward, wie durch die übernatürliche Zeugung Sefu feine Abftammung von David durch Sofeph zur iluforifchen geworden war, Dabei aber nicht auf die Bedeutung achtete, die, wie wir bemerflich machten, gerade in diefem ftiefoäterli- hen Berhältniffe gefunden werden Fann. Nach diefem allem werden wir num auch an den Äußeren nnd inneren Widerfprüchen, welche unfere beiden evangelifchen Genealogien zeigen, feinen fonderlichen Anftoß nehmen, und in die zahlreichen Berfuche, Ddiefelben auszugleichen, von Julius Aricanus an bis auf Dlshaufen herab, Feineswegs einſtim— men. Wir betrachten vielmehr dieſe Widerfprüche als das unzweideutigfte Merkmal ihres mythifchen Urfprungs, und glaus ben uns fogar berechtigt, in dem Umftande, daß man, troß ihrer Augenfcheinlichkeit, fich im Ganzen doc immer fo wenig durch fie hat ſtoͤren laſſen und auf jene Verſuche fo wenig Werth gelegt hat, eine Art von Nachdammerung des Bewußt- Kirche und der Kunft ziemlich allgemein übergegangenen Zuges Liegt gewiß nicht bloß in dem Außerlichen Motive, daß durch ihn der Maria jungfräuliche Neinheit um fo ficherer bewahrt werden follte, 174 Zweites Bud. feins diefer ihrer mythifchen Natur zu erbliden. Ob jene bei- den bie einzigen ihrer Art, oder ob neben ihnen noch andere ähnliche vorhanden waren; ob ihre Verfaffer die beiden Evan- geliften felbft find, oder ob fie fie von frühern überfommen hat- ten; endlich, welche von beiden die ältere, und ob die an- dere ohne Bezug auf jene, oder mit der ausdrüdlichen Ab- fiht der Berichtigung verfertigt iſt: dies alles find Fragen, die fich fehwerlich werden entfcheiden laſſen. Nur dies müffen wir in Folge deffen, was wir fo eben über die Entftehungsweife der Sagen bemerften, allerdings als wahrfcheinlich ausfprechen, daß wenn nicht fie felbft, doch andere ähnliche den übrigen Sagen, die dort an fie gereiht find, noch vorangingen oder mit ihnen gleichzeitig entftanden*). — Diefe andern Sagen namlich knuͤpfen fi) alle unmittelbar oder mittelbar an das zweite Hauptmoment dieſes Sagenfreifes, welches aber feiner- ſeits erft nach der genealogifchen Sage entftanden fein kann, an die Sage von der übernatürlihen Erzeugung Sefu. Bon diefem zweiten Momente liegt der Urfprung jedem, der mit unbefangenem Blid die Denkmäler der apoftolifchen Zeit überblickt, nicht minder deutlich vor, wie von jenem erften, Bereits beim Apoftel Paulus findet fich auf das beftimmtefte ausgefprochen der Gegenfaß der fleifchlichen Abftammung Sefu Cheifti, die auf David zurückgeführt wird, zu feiner geiftigen Erzeugung durch Gott und den heiligen Geift, nach welcher er Sohn Gottes genannt wird**). Aber nichts berechtigt uns, dieſen Gegenfa& dort fo zu verfiehen, wie er fpäter allerdings verftanden wor« den ift***): Daß unter der Abftammung ‚dem Fleifche nach” *) Unter jenen beiden Genealogien felbft bemerkt Auguftin (de cons. evang. J, $. 4) den Unterfihied, daß die des Lukas eine priefter- Tiche, die des Matthäus eine Fönigliche fei. Mit Necht findet der Kirchenvater diefen Gegenfaß auch dem übrigen Charakter der von beiden Evangeliften aufgenommenen Kindheitsfagen entfpreshend, und (ebend. $. 9) durch die ihnen zugetheilten apokalyptiſchen Embleme des Löwen und des Kalbes ausgedrückt. =>) Röm. 1, 3 f. Tod yevouevov &4 omiguoros Aavid ara Odpna, Tov derod&vros viod Meod Ev Övvausı, zara mveiun üyıwovvns, LE dva- oTa0sms vergi. ***) Wohl nicht ohne ausdrückliche Rückſicht anf jene apoſtoliſche Gtelfe ſagt noch Ignatius (Ephes. 18) von Chriſtus: Zuvogogndn Uno —— Die Sagen von der Kindheit des Herrn. 175 nur eine fingirte, unter der geiftigen Erzeugung aber die wun— derbare Empfängniß durch eine Jungfrau gemeint werde. Dem auf das vielfachfte ift auch fonft im Neuen Zeftamente in all» gemeinerem, nicht blos Chriftus perfonlich betreffendem Sinne von einer Erzeugung, von einer Wiedergeburt durch den göttli- chen Geift, durch den Logos *) die Rede. Insbeſondere in den Schriften des Apoſtels Sohannes fpielt der Gegenfaß der Ge- burt aus Blut und Fleiſch, aus der Welt oder auch aus dem Teufel, zu der Geburt aus Gott und dem Geifte eine der wich— tigften Rolfen, und wird Feineswegs blos auf die Perfon Sefu ‚Chrifti, fondern auf alle Gläubigen bezogen. Auf das auss drüclichfte werden im Prologe zum Cvangelium diefe Gläubi- gen als folche bezeichnet, ,,‚die nicht aus Blut, noch durch fleifchliches Geluͤſt, noch durch Gelüft eines Mannes, fon dern aus Gott erzeugt find’). Sefu felbft werden die Worte in den Mund gelegt, daß, „was aus Fleifch geboren ift, Fleifch, was aber aus Geift geboren ift, Geift iſt““ *. In feinem eige- nen Namen aber nennt der Apoftel „aus Gott geboren“ alle Gerechten+), alle, in denen die Liebe wohnt++), alle, die an Sefum Chriftum glauben ++}).— Wem fonnte hier die Analogie verborgen bleiben, die zwifchen diefer Ausdrudsweife und der gleichergeftalt typifchen, welche den Meflias Sohn Davids nennt, obwaltet? Wie aus jener die mythifchen Oenealogien, ganz eben fo mußte aus diefer, wenn auch fie auf eine zu my» thiſcher Anſchauung geneigte Süngerfchaft traf, die Sage von der unmittelbaren Erzeugung des Meſſias durch Gott hervor- sehen, und es kann uns nicht im geringften Wunder nehmen, wenn wir fehen, daß fie wirklich daraus hervorgegangen ift. Maoias &# ontouaros ulv Aavid, mvevuaros Ö2 dylorv, Aber hier wird gleich darauf (wie beu Paulus nirgends) von einer mupderia Megias gefprochen, ®) amsxumosv y was hoyo almdelac. Jak. 1, 18, dvaysysvrnufvor our Ex 070p05 piugrns, alla aypdaprov, din Aoyov Luvros Heov zal wevorros. 1 Petr. 1, 23, *) $0h, 4,43. ***) Joh. 3, 6, +) 1 306. 2, 9. +F) ebend. 4, 7. +rp) ebend. 5, 1, 176 Zweites Bud. Um indeffen die Genefis diefer zweiten Haupt und Grund: anſchauung urchriftlicher Mythologie gleich vollftändig, wie die jener erften zu erklären, müffen wir noch einen Umſtand hins zunehmen, von welchem dort Fein Gebrauch zu machen war. Wir glauben nämlich mit Zuverfiht den Satz ausfprechen zu dürfen, daß Diefer zweite Mythus feinem Geifte und feiner Ent: fiehung nach ganz eben fo dem Heidenchriftenthum angehört, wie jener erfte dem Sudenchriftentbum. Zwar hat man den Verſuch gemacht, auch ihn eben fo, wie jenen erften, als prä- formirt im Alten Zeftamente nachzuweifen und aus der Ueber- tragung einer meffianifchen Weiffagung zu erklären. Diefer Vers ſuch lag um fo näher, als die prophetifche Stelle, auf die man fi nicht ohne Schein in diefer Beziehung berufen Fann*), von einem unferer Cvangeliften felbft zu diefem Behufe angewandt wird"). Aber es ift mit Necht gegen diefe Berufung einges wandt worden, Daß fich Feineswegs erweifen läßt, Daß. je ein Sude dieſe Stelle, die erwiefenermaßen von Haus aus nichts weniger als meffianifche Bedeutung hat, auf den Meffias bes zogen habe. — Hier meinen freilich diejenigen, welche von ber vorgefaßten Meinung ausgehen, als ob. alles Mythiſche im Chriſtenthum Feinen andern Urfprung, als aus. der mechanifchen Mebertragung prophetifcher Mythen des Alten Teſtaments haben fonne: Daß ſchon das Borhandenfein jener chriftlichen Vor— ſtellung, inöbefondere aber die eben erwähnte ausprüdliche Ber wufung des Evangeliften, Grund genug fei, die Erwartung eis ner jungfräulichen Geburt des Meſſias, auch wenn fie nicht ausdrücklich bezeugt werde, vorauszufegen. Solche Vorausſe— gung indeffen läßt fich durch die Feineswegs fernliegende Combi— nation einiger Notizen widerlegen, von denen e8 und Wunder nimmt, daß, fo viel wenigftens und befannt, noch Fein Dog» mengläubiger fich ihrer bedient hat, um durch fie die mythifche Anficht der hier in Frage ftehenden Vorſtellung überhaupt zu beftreiten. Aus Srenäus***) wiffen ‚wir, daß Sudenchriften *) Sef, 7, 14, Die Stelle Pf. 2%, 7, die man zu gleichem Behufe an- gewandt hat, kann neben biefer faum in Betracht kommen, ***) Matth. 1, 22 f. — Das Gewicht diefer Anwendung wird aber fehr entkräftet durch die gleich darauf folgenden notoriſch irrigen Deus tungen anderer altteftamentlichen Stellen, Cap. 2, V. 17 u, 23. ***) Haer, II, 21; auch) bei Euseb. H. E. V, 8, ns rat — — +, 2 in! BT; a ‘ Die Sagen von der Kindheit des Herrn. 177 (Tovdaioı rgoonAvroı), welche an die jungfräuliche Geburt des Heren nicht glauben wollten, die Septuaginta darüber ta= delten, daß fie an jener Stelle des Jeſaias, wo nur von einer ‚ungen Frau“ (vewvıs) die Nede fei, dafür den Ausdrud „Jungfrau“ (nupFEvog) gebraucht. (Merfwürdig, wie ſchon dort ed Griechen gewefen waren, durch welche noch vor dem Chriſtenthum in Bezug auf die altteftamentliche Stelle jene Vor: ſtellung Pla ergriff.) Nun aber finden wir bei Suftinus*) diefelbe Gorrectur jener Ueberfeßung den Juden als folchen in ihrem Streite mit den Ehriften zugefchrieben. Hieraus dürfen wir unftrei= tig ſchließen, daß den Suden die hellenifchechriftliche Deutung jener angeblich meffianifchen Weiffagung Feineswegs. geläufig, ſon— dern, im Gegentheil, befremdlich fein mußte, Wäre fie in ihr rem eigenen Sinne gewefen, fo hätten fie nicht die Deutung jener Stelle, fondern nur das Factum ihres Eintreffend in der Derfon Ehrifti beftreiten fonnen. — Hierzu fommt, was fchon von Andern vor uns bemerkt worden ift, die Unangemeffenheit jener Borftellung zu den jüdifchen Begriffen von der Würde der ehe— lihen Zeugung und dem Fluche der Unfruchtbarkeitz Begriffe, die wahrlich ftarf genug waren, um einem folchen Misverſtaͤndniß einer vereinzelten Prophetenftelle, auch wenn es vorübergehend hätte auftauchen konnen, Feine Folge zu geben. Selbft der Umftand, daß die hebräifche Sprache den heiligen Geift im weiblichen Ge— fchlechte feßt**), kann als eine Inftanz dafür angenommen wer- den, daß nicht wohl aus jüdifcher Quelle fich die Vorftelung bilden konnte, nach welcher diefer Geift nicht Mutter - fondern Baterftelle bei Chriftus vertritt. Wie nun aber die vorhin gedachte Ausdrudsweife unter den neubefehrten Heiden und Griechen fich zu dem Mythus einer jung: fräulichen Geburt des Heilandes fortgeftalten konnte, ift leicht zu fehen. In ihren zahlreichen Mythen von Götterfühnen, in den Erzählungen von der Empfaͤngniß und Geburt des Dionyfos, des Herakles, der Tyndariden, denen fich noch in gefchichtlicher #).Dial. c. Tryph. 84. *) Man erinnert ſich des berühmten von Drigenes und Hieronymus angeführten apofryphifchen Ausſpruchs: modo tulit me malter mea Spiritus sanctus. Bergl, Fabric. cod. apoer. N. T. I, p. 361 seqggq. 12 178 Zweites Bud. Zeit ähnliche über Pythagoras, über Platon, über Alexander den Großen und andere Herven der politifchen und der Geis ftesgefchichte anreihten, — in diefen Mythen hatten die Hellenen nicht etwa nur einen Anfnüpfungspunct für jene chriftliche Vorftel- lung, wenn fie ihnen bereits fertig von außen dargeboten ward, fondern allerdings auch einen Antrieb zu ihrer Erfindung. Gin Heiland, deffen Beruf durdy die Abflammung von dem alten Könige eines fremden, geringgefchäßten Volkes beglaubigt wer: den follte, wäre ihnen fremd geblieben. Daffelbe Bedürfniß, welches unter den Juden die mythilchen Genealogien hervor— rief, mußte unter ihnen der mythiſchen Productionskraft jene Richtung geben, aus welcher die hier in Nede ftehende Vor— ftellung entfprang. In Folge diefes Bedürfniffes wurde unter ihnen die vorhin angeführte Nedeweife der Apoftel, fie, die an fich felbft noch nicht mythiſch zu nennen ift, unvermerft zum wirflihen Mythus; ganz eben fo, wie unter den ißraelitifchen Chriften die anfänglich unbefangene Bezeichnung Sefu ald Sohn Davids zum genealogiichen Mythus geworden if. Man kann auch bier gar wohl eine anfänglich gleichfald durchaus unbe- fangene und unabfichtliche Accommodation der apoftolifchen Berfündigung an die Vorftellungen und die Nebeweife jener Voͤlker, zu denen die Apoftel Iprachen, annehmen. Unwillkuͤhr— lich fand fich der Apoftel Paulus, den Athenern gegenüber, veranlaßt, das hellenifche Dichterwort anzuführen, daß wir „göttlichen Geſchlechtes“ find *); eben fo unwillführlich konnten die Heidenapoftel fammtlih, den Heiden aller Volker, insbe: fondere aber den Griechen gegenüber, jener bedeutfamen Dich: terfabeln gedenken, und, ohne irgend eine Abficht der Taͤuſchung, die große Wahrheit, daß Chriftus der Sohn Gottes ift, in ei- nen Ausdrud Eleiden, welcher durch Anfnüpfung an den be- kannten und gewohnten Bilderfreis das Verftändniß jener Wahr: heit vermittelte‘). Ward dann von den Heidenchriften das *) Ap. Gefch. 17, 28. *#*) Sp finden wir in etwas fpäterer Zeit bei den Apologeten aus— drüdlich in Bezug auf das ſchon gebilvete Dogma von der Zeugung Chriſti die Berufung auf jene Diehterfabeln, z. B. Justin. apolog. 1,.21, — — x —8 * Y * nn Die Sagen von ber Kindheit des Herrn. 179 von den Apofteln bildlich Ausgedrüdte im eigentlichen Sinne, oder fo verftanden, wie fie auch ihre einheimifchen Mythen zu verftehen pflegten: fo bedarf e8 Faum noch der Annahme einer Ruͤckwirkung diefes mythifchen Verftändniffes auf die Verkuͤn— diger felbft, um die Entftehung jenes bald fo wichtig gewor— denen Dogma zu erklären, Won den Apofteln perſoͤnlich und von allen. im ftrengern Sinne gleichzeitigen Genoffen derfelben haben wir feinen Grund, ein wirkliches Eingehen in jene mys thifche Vorftellung vorauszufegen. Bon der eigentlichen Gemein- de der Zudenchriften aber, den fog. Ebioniten, eben fo, wie, nach der oben angeführten Nachricht des Irenaͤus, auc von verfchiedenen Einzelnen derer, die vom Judenthum zum Chri— ftenthum befehrt wurden, wiffen wir,’ daß fie auch noch in fpäterer Zeit die übernatürliche Erzeugung verwarfen und Je— fum für den Sohn des Sofeph und der Maria hielten. Es ift alfo recht eigentlich diejenige Geftalt, welche das Chriften: thum unter den Heiden und durch das im Laufe der Zeit in- nerhalb feines Bereichs immer mehr Pla ergreifende Vorwiegen des heidnifchen Glementes vor dem jüdischen annahm, worauf wir die Entftehung des Dogma von der jungfräulichen Geburt zurüczuführen haben. — Daß wir diefe Entftehung darum nicht ald eine zufällige, aus zufalligem Misverftändniß einer will: Führlichen Nedeweife der Apoftel hervorgehende faffen, wird man ohne unfere Grinnerung aus allem Bishergefagten von felbft abnehmen. Schon als erganzender Gegenfaß zu der gegenüs berftehenden, volksthuͤmlich jüdifchen Sage von der Abftams mung des Heren behauptet diefer Mythus feine Stelle ald ein im hoͤhern Sinne nothwendiger, in der Totalität des evange— lichen Mythenkreifes Feineswegs zu entbehrender. Alles Wahre und Tiefe, was unverkennbar ſchon in den hellenifchen Mythen von dem Verkehr der Götter mit den Menfchen, von der Ver: mählung fterblicher Männer mit göttlichen Frauen und von ber Schwängerung fterblicher Frauen durch Götter enthalten ift, ift in ihn, gereiniget und geiftig verklärt, eingegangen. Man hat dieſe geiftige Verklärung, die unftreitig den chriftlichen Mythus auszeichnet, dieſe vollfommene Abwendung von allem Sinnli— hen und Natürlichen, welche den gerade in folchen Dichtungen von der griechifchen Mythologie fo üppig vorgeftellten Zeugungs- 123 N RN SE D vd * 180 Z3Eweites Bud. act in eine „Ueberſchattung des goͤttlichen Geiſtes“ verwan— delt, — man hat eben fie benutzen wollen, um die Entfer— nung diefer vermeintlichen Begebenheit von dem Charafter des Mothifchen zu erweifen. Allein da auch bier, eben fo wenig wie dort, wo von dem Berhältniffe zu älteren jüdifchen Sagen die Nede war, eine außerliche, mechanifche Uebertragung von uns behauptet wird, fo trifft diefer Einwurf unfere Erklärung nicht. Auch bier ift das Verhaͤltniß der heidnifchen Mythen zu dem chriftlichen gewiffermaßen, wenn auch nicht fo aus- drüdlich, wie bei jenen jüdifchen, ein prophetifches. Die große Mahrheit der Menfchwerdung des Gottlichen, die in dem chriftli= chen Mythus ald Gegenwart und vollbrachte Wirklichkeit gefchaut wird, fie warin den heidnifchen durch Bilder vorausgenommen, die, je weiter fie noch von der Erfüllung jener erhabenen Wahrheit abftehen, deſto mehr in das Sinnliche und Aeußerliche ver- ſenkt find. Noch ergiebt fich übrigens, den Sinn diefes chriftlichen Haupt- und Grundmythus betreffend, aus deffen Genefis, fo wie wir diefelbe hier darlegten, eine Bemerkung, die, während fie zu den hergebrachten Anfichten im entfchtedenften Gegen- faße fteht, fo für das Verſtaͤndniß des gefammten Gefchichts - und Speenzufammenhanges, in welchen diefer Mythus eintritt, von Wichtigkeit ift. ES ift folgende. AS der Gedanke, wel- cher diefem Mythus den Urfprung gegeben hat, kann Feineswegs derjenige angeſehen werden, zu deſſen Ausdruck derfelbe fpäter, als er bereits die Geltung eines Dogma und fein Inhalt die einer unmittelbar hiftorifchen Thatfache erhalten hatte, verwandt worden ift. Diefer Gedanke ift befanntlich der Gedanfe der ‚ Sündlofigfeit von Chrifti Empfängnig und Geburt, in ih: rem Gegenfaße gegen die durch die natürliche Zeugung fortges \pflanzte Verderbniß des menfchlichen Geſchlechts. In der bis— herigen Dogmatik der chriftlichen Kirche tft das "vermeintliche Factum der jungfräulichen Empfaͤngniß auf die Vorausfekung begründet worden, daß aus der Subftanz der durch den Sünden: fall verunreinigten Menfchennatur. der Neine und Fledenlofe ° nicht mehr erzeugt werden konnte; daß es, um Ihn zu erzen- gen, eines neuen fohopferifchen Actes der Gottheit bedurfte. Auch die neuern Verfuche, jenes Dogma fpeculativ, wie man „ Die Sagen von der Kindheit des Herrn. 181 es — zu begruͤnden, kommen jederzeit auf dieſen Gegen: ſatz der Sündhaftigfeit und Sündlofigkeit zurüd, So Tann es denn nahe genug zu liegen fcheinen, auch der Erfindung des Mythus, wenn man ihn dafür erkennt, denſelben Schluß unterzulegen; zumal da befanntlicy die Anficht felbft, aus der er entnommen wird, alt genug, und bereitS beim Apo— fiel Paulus als entfchiedene dogmatifche Grundbeftimmung vor: handen ift. Nichts deftoweniger erhellt aus unferer obigen Dar: legung, wie fammtliche Factoren des Mythus auf andern Grund: ideen beruhen, und mit jenem Gegenfaße fo gut wie nichts ge: mein haben. Schon die apoftolifche Idee der Geburt aus Gott, der Wiedergeburt im Geifte weift allerdings zwar auf eine weſentlich höhere geiftige Subftanz im Gegen— faße der menfchlichen hin, ohne aber damit die menfch: liche als verderbt, als fündig im paulinifch = auguftinifchen Sinne, als bebürftig einer Wiederherftellung zu dem, was fie urfprünglich war, aber durch ihre Schuld aufgehört hat zu fein, bezeichnen zu wollen. Noch weit weniger aber Fann bei jenem heidnifchen Elemente, welches, wie wir fahen, in die Dichtung diefer Sage einging, von einem Bewußtfein der Sündhaftige feit, von einer Forderung der Wiederherftellung der Menfchen: natur zu ihrer urfprünglichen Reinheit die Nede fein. Co hier, wie dort, ift es wefentlich nur dad Bewußtfein der fubitan- tiefen Berfchiedenheit und gegenfeitigen Beziehung des Gottli- chen und des Menfchlichen, nicht das Bewußtfein des Gegen- ſatzes zwifchen Süundigem und Süundlofem, was fi in dem Bilde der Erzeugung des Gottlichen aus Gott und durd Gott ausdrücdt. Daher auch) ift es gefchehen, daß unfere evangelt- fhen Berichte von jenem Greignifje fo gut wie feine Spur des leßterwähnten Bewußtfeins tragen. Hätten ſolche Spuren dem Mythus von vorn herein ingewohnt, fo hätten fie fich gewiß nicht fo leicht verwifchen Fünnen*), Zwar ift in jenen Ber #) Befonders charakteriftifch ift in Diefer Beziehung der Umftand, daß die Evangelien nach der Geburt Zefu allerdings eheliche Gemein— (haft zwifhen Maria und Joſeph vorausfegen, während ed von dem fpätern dogmatifchen Standpuncte aus folgeredht war, bie Maria, wie bekanntlich die kirchliche Anficht that, auch nachher aus Berhalb folder Gemeinfchaft bleiben zu laſſen. ea — 182 Zweites Bud. richten, befonders in den Reden der auftretenden Perfonen, mehrfach auch von Sündenvergebung die Rede; aber allenthal: ben nur in dem Sinne der alten hebräifchen Propheten, die an das von ihnen verfündigte Heil ihre Volkes allerdings auch eine Vergebung feiner Sünden zu knuͤpfen pflegen, nicht im Sinne der paulinifchen Erloͤſungslehre. Vielmehr fchwebt über ihnen ein Hauch von heiterer, Eindlicher Poefie, ein folcher, der durch das Bewußtfein der Sündhaftigfeit nothwendig erftickt worden wäre, Erſt fpäter hat fich daffelbe dazu gefelltz es \ hat nicht den Mythus ald folchen erfunden, wohl aber hat es ihn zur Abftraction des Dogma fixirt. Die Poefie, die Dadurch aus der von dem Mythus gedichteten Begebenheit vertrieben ward, flüchtete fih in die Geftalt der Maria, welde erſt nach und nach und allmählig aus dem bewegten Treiben und Schaffen der Sage als ruhendes, plaftifches Gebilde empor: ftieg. — Auch bei diefer idealen Geftalt zwar kann man den mit- wirkenden Einfluß des heidnifchen Princips, welches in das Shriftenthum eingetreten war, keineswegs verkennen. Das Bild der jungfräulichen Gottesgebärerin, wie ed in der Phan— tafie der hriftlichen Voͤlker allmaͤhlig ausgewirkt ward, verhält fich zu den griechifch = mythologifchen Bildern der jungfräulichen und der mütterlihen Göttinnen ganz eben fo, wie fich die Idee der jungfräulichen Geburt des Heilandes zu den mythi— fchen ‚VBermählungen von Göttern mit Sterblichen verhält. Zur Erſchaffung jener Geftalt fo wenig, wie diefer Idee wiirde das Princip und der Geift der jüdischen Sagenbildung, wenn er fich felbft überlaffen geblieben wäre, hingereicht haben, Allerdings aber gereichte es, wie die Gefchichte des fpätern Ka- tholicismus zeigt, der Hegung und Ausbildung diefer Idealge— ftalt zum Vortheil, daß fie allein, nachdem durch das Bewußt— fein der Sünde die übrige Welt für Die Phantafie verunreis nigt und verleidet war, ald das Palladium urfprünglicher Rein: heit und Gottlichfeit der Menfchennatur ihr zuruͤckblieb. Die mythifche Natur auch diefer zweiten, zu jener erfteren in Gegenfaß, und doch zugleich in Beziehung tretenden Vor— ftelung üder die Abkunft Iefu brachte es mit ſich, daß das Factum der göttlichen Erzeugung, fo wie es eben ald Thatfa- che gefaßt und mythifch feftgeftellt ward , nicht fo nadt in Form Ay ım4* Die Sagen von ber Kindheit ded Herrn. 183 einer bloßen Notiz, wie wir es im Vorhergehenden einftweilen vorausfeßten, fondern nur in einer, wenigftens im weiteren Sinne, poetifch zu nennenden Ginkleidung und Umgebung auftreten fonnte, Diefe Umgebung nun bilden für es jene weiteren Sa: gen des Geburts- und Kindheitsevangeliums, mit denen wir uns jetzt zumächft zu befchäftigen haben, Wenigſtens ein Theil die fer Sagen: fteht zu jener mythifchen Thatfache, die ihren Mit: telpunet ausmacht, genau in demfelben VBerhältniffe, in welchem zu der einfachen mythifchen Vorausſetzung, daß Jeſus Nach: fomme Davids fei, die Genealogien ſtehen. Auch fie. find nicht ſowohl als Ausfhmüdung und weitere Fortfpinnung des bereits erfundenen Mythus anzufehen, als vielmehr ald gleich: zeitig entftanden und gewiffermaßen feinen Körper ausmachend, den Körper, durch welchen der Mythus erft zum Mythus ges worden ift, während er vorher nur einfacher Fürperlofer Ge: danke war, — Diefe Bemerkung ift unter andern auch darum von Wichtigkeit, weil man eher, ald irgendwo fonft, in ihr zu dem Problem über das gegenfeitige Verhältniß der ini er: ften und im dritten Evangelium erzählten Sagen, und über die Priorität der einen vor den andern einen Schlüffel finden kann. Vergleichen wir nämlich diefe beiden Sagenfreife, — denn zu einem in fich einigen und zufammenhängenden Cyklus fchliegen fi) in der That die Erzählungen jedes der beiden Evangeliften zufammen, — vergleichen wir fie mit einander und halten wir beide an jenen Grundmythus, welcher den Mit: telpunct beider bildet: fo finden wir, daß dieſer letztere Doc) nicht für beide in gleichem Sinne folcher Mittelpunct iſt. Er ift es für den einen Cyklus mehr in der Weife, wie wir es fo eben andeuteten, ald Gentralidee, welche durch die übrige Dichtung fich erft Geftalt und Beſtehen geben will; für den. andern mehr im der Weife einer Borausfegung, auf welche die übrigen Züge der Dichtung zurüddeuten, und von ber fie ihren Gehalt und ihre Bedeutung entnehmen, Das erftere gilt von den Sagen, die Lukas, das zweite von denen, die der Berfaffer unſers Matth Ausevangeliums überliefert. Wir glaus ben daher in dem eben erwähnten Umftande ein Kriterium ges funden zu haben, aus welchen für uns (in Uebereinftimmung mit dem, was wie in unferm erften Buche über die Entfte: 184 Zweites Bud. hung diefer beiden Evangelien bemerkten) die Wahrfcheinliche feit eines hoͤhern Alters der Erzählungen des Lukas vor denen des Matthäus hervorgeht. Dabei ift unfere Abficht jedoch nicht, für die erfteren auch einen höhern Werth oder tieferen Gehalt in Anfpruch zu nehmen, Ein folder it, fo lange die Mythenbil- dung noch im lebendigen Zuge des Entftehens ift, keineswegs immer auf Seiten der älteren Sage. Im Gegentheil kann man, wo es überhaupt vergonnt ift, einen Mythusfreis im chronolo— gifchen Gange feiner Entwidelung zu verfolgen, auch hier meift, wie bei andern menfchlichen Dingen, ein Zeitalter des Wache ſens, der Steigerung und In: fich Vertiefung von einem Zeit alter. der Abnahme, Ausartung und Verwilderung unter fcheiden. Wenn die Vorftelung der natürlichen Geburt des Hei- landes fich zu einem Mythus Achter Art geftalten folltex fo mußte diefer Mythus in der Weife, wie es die Mythenbildung mit ſich bringt, d. h. felbft durch andere mythifche Dichtungen, motivirt werden. Diefe Nothwendigkeit ergiebt fich aus dem Begriffe des Mythus, Tobald diefer nicht in der vagen Unbe- flimmtheit, wie gewöhnlich, fondern in feiner gefchichtlichen und philofophifchen Wahrheit gefaßt wird, Es liegt namlich in diefem Begriffe Die Forderung: daß, was durch den Mythus ausgedrückt werden, was deſſen Inhalt, Sinn oder Bedeutung ausmachen foll, dies nicht eine abftracte oder im Allgemeinen bleibende VBorftellung der Art fei, wie im gegenwärtigen Falle jene war, von der wir vorhin zeigten, daß fie, durch den Mund der Apoftel ausgefprochen, die Veranlaffung, aber auch nichts mehr, ald nur. die VBeranlaffung zum Entftehen unſers Mythus gab. Der Gedanke einer Geburt von oben, nicht von Fleiſch und Blut oder vom Gelüft eines Mannes, fondern vom Geifte Gottes: dieſer Gedanke auf Jeſus perfünlich angewandt und in der Meife misverftanden, daß dadurch), was urfprünglid) nicht in dem Gedanken liegt, die fleifchliche Erzeugung aus: gefchloffen wird, giebt noch feinen Mythus. Zum Mythus wird er erft dann, wenn mit. der Uebertragung auf die einzelne gefchichtliche Perfönlichkeit, mit der Einfleivung in das Bild der leiblichen Empfängniß und Geburt, zugleich die Totalität der ge— ſchichtlichen Beziehungen zur Anfchau gebracht wird, welche Die Sagen von der Kindheit des Herrn. 185 den Inhalt jener VBorftelung zum ausdrüdlichen, ja ausfchließ- lichen Prädicate diefer Perfonlichkeit ald einer vor allen an- dern, auf welche an und für fich felbft der Gedanfe eben fo gut Anwendung leiden würde, ausgezeichneten machen. — In der fporadifchen Mpythenbildung der heidnifchen Welt konnte das Entfprechende in den meiften Fallen auf fehr einfache Weiſe durch Anknuͤpfung an den großen Geſammtkreis der Götter- und Hervenmythologie gefchehen. Wenn z. B. Platon Sohn des Apoll, Alerander der Große Sohn des Jupiter Ammon ges nannt wird fo find in den beftimmten Rollen, welche die gries chiſche Mythologie diefen beiden Gottheiten zutheilt, Die idea— len fowohl, als auch die gefchichtlichen Beziehungen der Haupt: fache nach: ſchon enthalten, welche zugleich mit dem allgemei- nen Begriffe einer Abfunft von dem Göttlichen in jenen beiden bejondern Fällen ausgedrückt werden follten. Doc haben fich eben darum, weil in diefem, wie in den meiften andern Fällen folcher fporadifchen Mythenbildung auf hiftorifchem Gebiet, der eigentliche Kern der Bedeutung nicht der jedesmal neu gebils deten Sage felbftftändig eingebildet ift, fondern in der Rüde’ beziehung anf das größere Ganze der Mythologie verborgen liegt, diefe Mythen auch nicht fo, wie manche andere, in dem Glauben der Voͤlker befeftigen und felbftftändige Geltung erwerben koͤnnen. Sie find nicht zu vollftändigen, auf fich felbft ruhenden Mythengebilden herangewachfen, fondern machen, als eine Art mythologifcher Arabesfen, (wie wir fie anderwärts genannt haben) mehr nur einen fpielenden Anhang zur eigentli= chen Mythologie aus. Anders in dem hier uns vorliegenden Falle, Der chriftlihe Mythus, er, der, wie wir vorhin zeig: ten, als entftehend nicht unter den jüdifchen, fondern unter den heidnifchen Anhängern. der neuen Neligion zu denken ift, fand unter diefen allerdings zwar, wie gleichfalls ſchon gezeigt, eis nen allgemeinen mythologifchen Typus, nach welchem er fich formen und geftalten Fonnte, aber nicht auch einen Anfnüpfungse punct folcher Art, wie jene innerhalb des Heidenthums nicht nur entftandenen, fondern auch. zuruͤckbleibenden Mythen. Denn das Princip dieſes neu zu bildenden Mythus, d. h. die Idee des Chriſtenthums felbft, deren gefchichtlihe Genefis fih in diefem Mythus darftellen follte, konnte fih nur unter Zerſtoͤ⸗ 186 Zweites Bud. rung jener frühen Moythengebilde Bahn brechen. Der jüdi- fhe Mythus aber gab als folcher eben nur für die Suden, aber nicht auch für die Heiden einen unmittelbar verftändlichen Anfnüpfungspunft, Wie derfelbe zu diefem Zwecke in der That von Senen benußt ward, aber in einem andern Zufammenhange, der in den hier in Nede ftehenden mythologifchen Zuſammen— hang nur Außerlich aufgenommen werden Fonnte, hatten wir bei Betrachtung der mythifhen Genealogien zu bemerken Ge— legenheit. Die Begründung und Motivirung des jegt in Rede ftehenden Mythus aber Fonnte nach diefem allem auf feinem andern Wege, als nur durch die Dichtung eines eigenthümlichen Mythenkreifes erfolgenz eines folchen, der durch feine Geftalt und Befchaffenheit die zunächft dem jüdifchen Kreife angehoͤ— renden gefchichtlichen Beziehungen der großen Thatfache auch den Heiden zur Anſchauung zu bringen die Beſtimmung hatte. Dies nun ift in dem Sagenfreife gefchehen, der uns in den erften Eapiteln des Lufasevangeliums aufbewahrt ift, und aus Dies fem Grunde finden wir uns veranlaßt, den Dichtungen dieſes Kreiſes, ftatt fie, wie die meiften übrigen Befenner der „mythi— ſchen Anſicht““, nur für müßige Verzierungen des einen Haupt- und Grundmythus zu halten, vielmehr gleichen Werth und gleiche Urfprünglichfeit mit diefem felbft zuzufchreiben. Wir wollen jest verfuchen, in diefem Sinne jenen Mythenkreis zu deuten. Bei diefem Gefchäft dürfen wir freilich, wie gleicherweife auch bei der Deutung des anderen, im erften Evangelium bewahrten Sagenkrei— ſes, nie vergeffen, daß der Sinn, den wir als in dem Mythus ent: halten nachweifen werden, von den Erfindern des Mythus nicht ſo ausdrüdlich, wie jegt von uns beim Gefchäft des Deutens, zum felbftftändigen, von dem Bilde und der Einkleidung getrennten Bewußtfein gebracht, oder durch ausdrückliche Neflerion dem Bilde einverleibt war. Wäre letzteres der Fall gewefen, fo hätte, — Dies nämlich ift von allen anderen ächten Mythen ganz eben fo, wie von dem hier vorliegenden zu fagen, — der Mythus nie erfunden werden fünnen. Die Geiftesftimmung namlich, aus welcher jeder ächte Mythus hervorgeht, ift eben, wie ſchon öfterd bemerkt wor: den, eine folche, die es mit fich bringt, daß jeder geiftige In— halt in einer finnlichen Hülle verborgen liegt und nur in der Ge: Die Sagen von der Kindheit des Herrn. 187 ftalt, welche ihm diefe Hülle giebt, zur Anfchauung oder zum Be: wußtfein fommt. Der erfte bedeutende Zug, der uns beim Ueberblichen dieſes Sagenkreiſes entgegentritt, beſteht in der Art und Weiſe, wie wir in demſelben mit der Geftalt des kindlichen Chriſtus eine an— dere Findliche Geftalt, fammt den Erzählungen von ihrer Em: pfangnig und Geburt zufammengepaart finden: die Geftalt des Taufers Johannes. — Man hat den Grund diefer Zu: ſammenſtellung in außerlichen Anläfjen gefuchtz; man meinte den richtigen gefunden zu haben, wenn man annahm, e3 gehöre die— felbe in die Zeit, wo es noch reine, nicht zum Chriſtenthum über: getretene Schüler des Sohannes gab; fie follte diefelben heruͤber— loden, indem fie, auf Thatfachen und weit verbreiteter Tradition ruhend, in der Beziehung des Johannes auf Ehriftum feine eigene hoͤchſte Beftimmung angab, felbft aber noch von der MWiederfunft Chriſti eine zugleich außerliche Verherrlichung des Volkes erwar— tete”). Dergleichen Anläffe und Beweggründe in der That als mitwirfend bei diefer Entftehung anzunehmen, widerftrebt im All— gemeinen unferer Anficht über Entftehung der Mythen Feineswegs. Nur darf in fie nicht der eigentliche Sinn und Zwed des My: thus gefegt werden. Diefer muß vielmehr allenthalben, dafern naͤm— lich ein achter Mythus und nicht eine leere Fabelei zum Grunde liegt, tiefer gefucht werden. Im gegenwärtigen Falle indeß entbehrt die zur Erklärung jenes mythifchen Zuges erfonnene Hypothefe ° alles gefchichtlichen Anhaltes. Wir betrachten fie deshalb als einen aus Mangel des tieferen Eindringens in den Sinn deffelben herz vorgegangenen Nothbehelf, und verwerfen fie insbefondere auch wegen der Collifion, in welche fie mit der viel wahrfcheinlicheren Annahme tritt, daß diefe Sagen alle vielmehr für die Heiden, als für die Suden, — zu leßteren aber gehörten, wie befannt, die Anhänger des Sohannes, — erfunden find. Verhaͤlt es fich mit dieſer Annahme, fo viel den gegenwärtigen Punct betrifft, rich— tig, fo wird durch fie weit mehr, als durch jene fo ſchwach be= gründete Hypothefe das Verſtaͤndniß der Bedeutung, welche Chrifto gegenüber in diefem Zufammenhange die Geftalt des Jo— hannes einnimmt, erleichtert. Es hat nämlich diefe Geftalt hier *) Schleier mach er über den Lulas ©, 25. 188 Zweites Bud. unftreitig eine allgemeinere, typifche Bedeutung: dies beweift der Charakter der mythifchen Erzählung jedem, deſſen Blid für folhe Dinge einigermaßen geübt ift, ummwiderfprechlich. Die Erzählung iſt offenbar weder auf eine Verherrlichung der Perfon des Sohannes, noch, in der Weife, wie Schleier- macher es meint, auf eine gefliffentliche, wenn auch fchonende und ehrenvolle Zurüdftellung derfelben hinter Chriftus, fondern einzig Darauf berechnet, den Moment der Zeugung und Geburt beider Herven ald einen prägnanten und bedeutenden erfcheinen zu laffen. Iſt nun aber, wie es fich in diefem Zufammenhange doch wohl von felbft verfteht, bei diefer Zendenz unferes My— thus der Moment der Geburt Chrifti der eigentlich wefentliche, derjenige, auf den es allein zuletzt abgefehen fein konnte: fo liegt nichts näher, al$ den Zweck der Einführung des von Jo— hannes Erzählten darein zu feßen, daß durch Zufammenpaarung und Gegenfab des Verwandten mit dem Verwandten die Be: deutung jenes großen Momentes deutlicher und ausführlicher hervorgehoben und ins Licht geftellt würde. Sowohl die Ber: wandtfchaft aber, als auch der Gegenfaß jener Geftalten und Greigniffe ift wefentlich dadurch bedingt, daß, wie Die Geftalt Chrifti, fo auch die des Johannes eine typifche ift, d. h. Daß fie neben ihrer befondern gefchichtlichen Geltung, oder vielmehr in diefer Geltung und Durch fie, zugleich eine allgemeine, ide— ale hat. Zu diefer topifchen Bedeutung nun, welche der Mythus aufgenommen und weiter ausgeführt hat, war gewilfermaßen fhon vorher die Perfon des Taufers durch Chriſtus felbft er— hoben worden, in den Worten, wo diefer ihn als den lekten und Hrößten der Propheten bezeichnete, als den Elias, welcher, einer alten meſſianiſchen Sage zufolge*), der Erfcheinung des Meffind zunächft vorangehen follte**). Es enthalten dieſe Worte eine ganz entfprechende Anfnüpfung an den prophetifchen Mythus des Alten Teftaments, wie, unferer obigen Bemerkung \ zufolge, die Begrüßung Iefu ald Sohn Davids. Ganz eben fo, wie dort, wird auch hier eine Fortfpinnung jenes Mythus, *) Maleach. 3, 23. 24. **) Mattp. 11, 11 ff. u. Parall. Berge, Mare. 9, 13 u. Parall, Die Sagen von der Kindheit des Herm. 189 eine: Umgeftaltung deffelben zum mythifchen Ausdrude für Ges genwärtiges und wirklich) Vorhandenes dadurch eingeleitet. In eben jenem Ausfpruche nämlich fehen wir den Heiland, mitten im Lobe des Sohannes, den er recht ausdrüdlich als den Neprä- fentanten der Idee des alten Prophetenthums hinftellt, zugleich auf das nachdrüdlichfte den Gegenfaß hervorheben, in wels chem er, und in ihm das Prophetenthum überhaupt, die ges fammte national = iöraelitifche Geftalt des religiofen Cultus und der religiofen Begeifterung, zu dem Neiche Gottes fteht, fo wie daffelbe im’ Chriftenthum unter den Menfchen offenbart und ihnen verwirklicht ift. In ähnlichem Sinne finden wir dann die Geftalt des Johannes auch von den Apofteln und von der ge— fammten älteften Kirche aufgefaßt. Die durch ihn erhaltene Taufe ward als der: Act der Ginweihung Chriſti zu feinem Mef: fiasberufe angefehen, das Zeugniß aber, welches Sohannes für Chriſtus geleiftet haben foll, ward neben den alten, meffianifchen Weiſſagungen vorzüglich den Juden gegenüber ald Beweis für feine göttliche Sendung gebraucht, während man dabei doch immer fortfuhr, den Sohannes felbft und fein Werk als wefent- lich noch) außerhalb des Ehriftenthums ftehend anzufehen. — Eine entfprechende nun, behaupten wir, ift die Bedeutung des Jo— hannes auch in der Kindheitsfage, und nur in diefer Bedeutung liegt der Grund, weshalb diefe Sage die Geftalt des Johan— ned überhaupt aufgenommen hat und eine fo wichtige Rolle fpielen läßt. Auch von diefem Sohannes gilt, was mehr oder weniger von allen in einem mythiſchen Zufammenhange aufs tretenden Perfönlichkeiten: daß, was von ihm erzählt wird, nicht fowohl ihn als Sohannes, dieſe beftimmte, einmal in der. Gefchichte auftretende Perfonlichkeit angeht, als vielmehr” die geichichtliche Idee, die fich in ihm darftellt und zur Offenba- rung bringt. Diefe Idee aber iſt, wie fchon angedeutet, Feine andere, ald die Idee des jüdifchen Prophetenthums, überhaupt der iSraelitifchen Nationalität nach ihrer geiftigen, idealen und insbefondere religiöfen Seite, fo wie diefelbe zwar in wefentlis cher Beziehung und Verwandtfchaft, aber zugleich auch in eben fo wefentlichem Gegenfaße zu Chriftus (d. h. gleichfalls nicht blos zu dem perfönlichen Chriftus, fondern zum Chris ftenthbum als Idee, als welthiftorifche Gefammterfcheinung) 190 Zweites Bud. fieht. Zum mythifchen Nepräfentanten diefer Idee war Sohan- nes für diejenige Anfchauungsweife, die von dem jüdifchen Vor— ftelungsfreife herfam, durch jenen Ausfpruch Chriſti, und, Fon: nen wir hinzufeßen, durch die Gefchichte felbft, die ihn an den Plaatz ftelte, wo Chriftus mit Wahrheit diefen Ausfpruch "über ihn thun Eonnte, erfocen worden. Der weiter fortfpinnende Mythus aber trat aus diefem Kreife heraus; er wandte fich nicht mehr an die Juden, denen jene einfache Bezeichnung des Sohannes ald Elias — eben fa wie die Bezeichnung Chrifti ald Davidsfohnes — genügte, fondern an die Heiden, bie einer Beranfchaulichung der gefchichtlihen Bedingungen, unter denen das Chriftenthum aus dem Judenthum hervorgegangen war, bedurften. Als den Kreis, an welchen diefe dichterifche Verſinn— bildlihung der gefchichtlichen Ideen gerichtet ward und in deſſen Sinn und Anfchauungsweife fie erfunden ift, haben wir Daher gewiß nicht die jüdifch = chriftliche Gemeinde, fondern mit ungleich größerem Nechte die Gemeinde der Heidenchriften zu denken, Was namlich für die Juden die Anfnüpfung der Leh— ren und Anfchauungen des Chriftenthums an Gefeb und Pro- pheten durch Die mythifchen Genealogien und durch die meffia- nifchen Weiffagungen war: das Fonnte den Heiden und Grie— chen, um auc ihnen die Sdee des Chriſtenthums in ihren weltgefchichtlichen Beziehungen verftändlich zu machen, nur eine neue mythifche Geftalt ſein: eine foldhe, in der ihnen das We— fen des Judenthums nach feinem geiftigereligiofen Charakter, zugleich in feiner Verſchwiſterung mit dem Chriftenthume und in feiner Unterordnung unter das Chriftenthum entgegentrat. Die Erzählung beginnt mit den Yeltern des Johannes, als welhe Zacharias, ein Priefter aus der Abtheilung Abia, und Elifabeth, aus dem priefterlichen Stamme Aarons, genannt werben. Beide’ werden ald rechtfchaffen vor dem Angeficht Gottes gerühmt, untadelig in allen Geheißen und Rechtsſa— Bungen des Herin einherwandelnd, — Ob diefe Notiz hiftorifche Nichtigkeit hat, wiſſen wir nicht auszumitteln. Sedenfalls ift der priefterliche Charakter des Aelternpaared in diefem Zufam- menhange von mythifcher Bedeutung; in der Stellung des So- hannes aber, fo weit fie hiftorifch bekannt ift, finden wir nichts, | Die Sagen von der Kindheit des Herrn. 191 was auf angefehene Familienverbindungen hindeutete, — Der weitere mythifch bedeutende Zug, der an dieſe Erwähnung der Aeltern geknüpft wird, ift: daß Eliſabeth unfruchtbar und beide ſchon weit in Iahren vorgerüdt waren, ohne ein Kind zu ers zeugen, Hier fcheint es allerdings am nächften zu liegen, eine Uebertragung von altteftamentlichen Sagen ähnlichen Inhalts ans ‚zunehmen, insbefondere der befannten von Abraham und Sara, von Manva und feinem Weibe, den eltern Simfons, und von Eli und Hanna, den Aeltern Samuels. Cine Rüdfiht auf dieſe Sagen- ift, auch im weitern Verfolge der Erzählung, uns verfennbar ; aber daß die Uebertragung eine fo mechanifche, ges dankenlofe gewefen fei, wie fie e$ gewefen fein würde, wenn der Grund der neuteftamentlichen Sage nur in jenen alttefta= mentlichen zu fuchen wäre, koͤnnen wir nicht zugeben. Wir glauben uns vielmehr zu der Annahme berechtigt, daß allen diefen Sagen gemeinschaftlich und jeder einzelnen derfelben ins— befondere, ein tieferer Sinn zum Grunde liegt, durch deſſen Zutreffen im einzelnen Falle die Wiederholung jenes Typus bee dinge ward, den zu feinem Ausdrud die mythifche Anfchauungs- weife ein für allemal gefchaffen hatte, Unter diefem Sinne meinen wir nicht etwa jenen, auf welchen ung in Bezug ‘auf den vorliegenden Fall das apofimphifche Evangelium von Ma- rias Geburt hinweift: daß, was von bejahrten Eltern gebo— ren wird, für ein Gefchent von Gott, und nicht für ein Er— zeugniß finnlicher Luft erfannt werde, Dies vielmehr wäre ein Sinn folcher Art, wie er fih zwar an fchon erfundene Mythen zu fnüpfen, aber nicht zur Grfindung von Mythen Veranlafe fung zu geben pflegt. Der wahre Sinn ift auch hier in einer Symbolif der Idee zu fuchen, deren Träger oder Nepräfentan- ten die mythifchen Perfonen find. Nicht die Perfon als folche, fondern die Idee foll ald das Spätgeborne bezeichnet werden; es ſoll ausgedrücdt werden, wie neue Ideen oder geiftige Ge— flaltungen in der Weltgefchichte und dem Bolferleben erft dann aufzutreten pflegen, wenn diejenigen Geftaltungen und Ideen, aus denen fie zunächft erzeugt werden, die man gleichfam als ihre Aeltern anfprechen kann, alt und Fraftlos zu were den beginnen, Diefe Verfpätigung felbft wird in der Sage, wie fie in der wirklichen, geiftig aufgefaßten Geſchichte in ——— + 192 Zweites Bud. Wahrheit folches ift, als ein göttliches Verhaͤngniß dargeftellt. GEngelerfcheinungen und Orakelfprüche müffen die lange erfehnte Spätgeburt verfündigen. So nun, fagen wir, erfcheint au) hier Johannes ald der Spätgeborne nicht eines einzelnen prie— fterlichen Ehepaares, fondern des priefterlichen Israel überhaupt. Er erfcheint in diefem Charakter nicht ald eine einzelne, zufäl- lige Perfonlichkeit, wie ihn feine Zeitgenoffen Fannten und wie ihn uns die von dem mythifhen Schmud entblößte Gefchichte zeigt, fondern die Sage faßt in feiner Geftalt jenes lebte Auf: fladern des hebräifchen 'Prophetengeiftes zufammen, welches dem Auftreten deffen, in welchem alle Weiffagungen der frühe: ren Propheten des jugendlichen Israel fich erfüllen follten, zus nächft voranging und ihm fich beigefellte. Hatte fich in jenen frühern Sagen, welche in der vorliegenden Erzaͤhlung ange: lungen werden, jenes weltgefchichtliche Entwicfelungsgefeß, jener Hergang der gefchichtlichen Geburt des Neuen aus dem Alten, den fie mehrfach auch in ihrer Bolfsgefchichte zu erproben Ge— legenheit hatten, für die eigene Anfchauung der Israeliten aus« geprägt: fo ward in dieſer jüngeren das Geſchick des israelitie tifchen Volkes in der Erzeugung und Geburt der Ideen, für deren Auswirkung dieſes Volk als weltgefchichtliches Werkzeug | diente, zum Gegenftande der Anfchauung für jene Völker, über Die fich der Lichtftrahl diefer Ideen verbreiten follte. Die Mit- theilung diefer Anfchauung erfolgte zwar, — dies brachte der Zufammenhang fo mit fih, in welchem ein für allemal die neuteflamentliche Offenbarung mit den Typen des Alten Teſta— mentes fteht, — in den Formen, welche fich in der frühern gefhichtlihen Mythologie der Israeliten zu typifchen geftaltet hatten. Aber an der Berftändlichkeit (der poetifchen, nicht frei— lich der rein verftändigen Verftändlichkeit) diefer Formen auch für Die Heidenwelt ift nicht zu zweifeln. Es iſt um fo weniger daran zu zweifeln, je vielfältiger wir auch fonft beobachten fonnen, wie we— nig Schwierigkeit e8 den an mythologifche Denk- und Anz: fehauweife gewöhnten Völkern des Alterthbums foftete, mit dem Chriſtenthume zugleich das ganze Gebäude der altteftamentlichen religiofen Typif und Symbolif aufzunehmen, fo weit diefelbe in die Urgeftalt des Chriftenthums übergegangen war. Der weitere in dem Detail, in welchem wir ihn. bei Lufas ” ——— ‘As Die Sagen von der Kindheit des Herrn. 193 lefen, hauptfächlich der Erzählung von der Geburt des Sim— fon*) nachgebildete Bericht der Sage lautet nun folgenderge- ftalt. Einft, bei Verwaltung feines Priefteramtes, als er, um zu räuchern, (ein Gefchäft, bei welchem auch andern Prieftern ſchon göttliche Offenbarungen zu Theil geworden fein follen**)) in das heilige Innere des Tempels trat und die betende Menge außen ftehen ließ, erblicte Zacharias einen Engel des Herrn an der glüdverfündenden rechten Seite des Altars. Der Engel fpriht dem Erfchrodenen Muth ein; er verfündigt ihm bie Erfüllung feines Gebete, die Geburt eines Sohnes, und in Folge derfelben Freude und Wonne, folche, die Viele mit ihm theilen werden. Diefer Verheißung ift eine Angabe über den Namen, den der Sohn tragen foll, einverwebtz ein Umftand, über den es nicht überflüffig fcheint. eine Bemerkung einzufchal: ten. Wir finden namlich, daß auch in dem weitern Berlauf Ddiefer Sage die Namengebung eine wichtige Rolle fpielt und allenthalben die Tendenz dahin geht, die Namen der Heroen diefer Sage ald von Gott felbft gegebene, als folche, denen eine Kraft göttlichen Geiſtes inwohne, darzuftellen. Dies ift ein charafteriftifcher, unftreitig nicht bedeutungslofer Zug. Nicht als ob auf die einzelnen hier erwähnten Namen, welche ge= ſchichtliche und alfo zufällige find, ein Gewicht zu legen wäre. Es find diefelben zwar etymologifch bedeutfam, aber ihre Be— deutung ift eine allgemeine und vielumfaffende, Feineswegs eine für dieſe einzelnen Perfonen vorausbeftimmte**. Der Sinn, den wir in diefem mythifchen Zuge finden, betrifft alfo nicht diefe befondern Namen, fondern dad Moment des Namens, der Namengebung überhaupt. Indem nämlich die Wirkſamkeit aus: gezeichneter gefchichtlicher Perfonlichkeiten fich allenthalben an ihre Namen knuͤpft, dergeftalt, daß Vielen derer, über die ſich diefe Wirkſamkeit erftredit, doch von der Perfon felbft nichts =) Buch der Richter Cap. 13, ==) Joseph. Ant. XIII, 10, 3. #) Offenbar mit Anrecht haben Einige aus der etymologifchen Bedeu— tung des Namens Jeſus den Schluß für zuläffig gehalten, daß feine Eltern an das Kind eine befondere Erwartung geknüpft haben müffen. Denn diefer Name war unter den Juden jener Zeit nichts weniger als ungewöhnlich. J 194 Zweites Bud. als eben nur der Name befannt wird, — die Perfon felbft und die Idee, die von ihr ausgeht, nur in jenen Namen für fie vorhanden ift: fo entfteht Schon darum, ohne alles Zuthun der befondern fprachlichen Befchaffenheit des Namens, der Schein, als liege in dem Namen als ſolchem eine befondere göttliche Kraft und ideale Bedeutung. Dies nun it es, was die Sage, hier-und in allen ähnlichen Fallen, ausdrüden will, wenn fie die Na= men von Menfchen nicht willführlich gewählt, fondern dur) göttliche Fügung beftimmt werden läßt. — Auf die Verkuͤn— digung und Namensverordnung folgt im Munde des Engels weiter eine Hindeutung auf die dereinftige Größe des Johan— ne3 vorm Angefiht de8 Herrn. Es wird von ihm, in der Formel, die dad mofaifche Geſetz dafür vorfchrieb*), ein Ge— lübde der Enthaltfamfeit gefordert, zugleich aber werden ihm von Mutterleibe an die Gaben des heiligen Geiftes verfprochen, vermöge welcher er viele der Kinder Israel zu dem Herrn, ih— vem Gott, befehren werde. Darauf mit den oben ‚gedachten Worten des Propheten Maleachi, welche auf Johannes anzu: wenden Chriftus felbft die Anweifung gegeben hatte: er. werde in Geift und Kraft eines Elias dem. Herrn vorangehen, bie aufgelöften fittlichen Bande wiederherftellen, und das Volk für den Herrn. bereiten. In diefe Worte des Engels hat die Sage das Moment eingehüllt, von welchem, wie wir vorhin zeigten, die mythiſche Auffaffung und Verherrlichung der Ges ftalt des Taufers zuerft ihren Ausgang nahm. 65 folgt fodann ein Zug von auffallend mythiſchem Chas after, in Bezug auf den wir um fo mehr und nach. einer diefem befondern Zufammenhange ausdrüdlich angemefjenen Deutung umzufehen haben, als man hier Fein altteftamentliches Borbild, dem er nachgebildet fein fonnte, mit Sicherheit an— zuführen weiß. Zacharias fragt nach einem Zeichen, woran er die Wahrheit des ihm VBerfündigten erkennen möge. Darauf antwortet ihm der Engel zwar mit Nennung feines Namens, Gabriel, indem er fich zugleich al3 einen der Sieben be- zeichnet, welche nach der fpätern hebräifchen, der perfifchen von den fieben Amfchaspands nachgebildeten Sage (ein Umftand, *) 4 Mof, 6, 3. u y Die Sagen von der Kindheit de3 Herrn, 195 welcher den dogmengläubigen Auslegern nicht wenig Bedenken zu erregen pflegt), um den Thron Sehova’3 ftehen, Den Un- glauben aber, der in jener Frage liegt, beftraft er mit augen- blieklicher Beraubung der Sprache, fo daß der fo Verſtummte fih dem Bolfe, das ihn erwartet und an feiner Verftummung erkennt, daß er ein Geficht gefehen habe, durch Zeichen mit- theilen muß*). — ES ift mit Necht erinnert worden, daß diefe Beftrafung in auffallendem Gontrafte fteht mit dem Be- tragen Jehova's gegen Abraham, dem eine ähnliche Frage, wie die ift, welche Zacharias an den Engel thut, Feineswegs zur Sünde gerechnet wird**). CS ift vergeblich, in einer Aus Bern Beranlaffung die volftändige Erklärung diefes Zuges zu fuhen**). Derfelbe hat wefentlich feinen Grund in jener ine nerlichen, den Grfindern der Sage unbewußten oder nur in daͤmmerndem Bewußtfein ruhenden Symbolif, welche fich durch) *) Man hat die Frage aufgemworfen, nad welcher Negel bier das Bolt auf ein Geficht gefchloffen haben foll. Es Tiegt am nächften, an die Stelle Nicht. 13, 22 zu erinnern, wo Manoa nach der Vers fündigung Simfons den Tod fürchtet, weil ex einen Engel des Herrn gefehen, Diefe Stelle zunächſt mochte dem Erfinder Coder dem Erzähler) der Sage vorfhweben. Sie hat in jenem Buche felbft eine Parallele in der Antwort, die Gideon vom Herrn erhält (Nicht. 6, 23), und außerdem in ber berühmten Stelle 2 Mof. 33, 20 ff. vergl. 5 Mof. 18, 16. Der Glaube an ein folches Geſchick derer, die einen Gott in feiner wahren Geftalt gefehen, erftrecte fich aber weiter nor, als nur über die hebräiſche Sage; die griechifche My— thologie namentlich enthält eine Menge Züge der Art. Vorzüglich verwandt unferer gegenwärtigen Stelle ift die von Pherecydes er— zählte Sage von der Erblindung des Tireſias. Apollod. biblioth. I, 6,7. =) 1 Mof, 15, 8. — Ein noch auffallenderes Beifpiel eines, gleichfalls ungeftraft bleibenden, Mistrauens in eine göttliche Nede Fan man 2 Mof. 4, 1 finden. er) Eine folche äußere Beranlaffung, Die Frage des Zacharias als deu— tend auf Unglauben einzuführen, mochte vielleicht in der Antwort liegen, welche Jeſ. 7, 12 dem Ahas auf die Aufforderung, ein Zei— chen vom Heren zu verlangen, in den Mund legt. Diefe Vermu— thung ift Darum nicht abzuweifen, weil die Beziehung auf biefe Stelle des Propheten im gegenwärtigen Zufammenhange nit mine der nahe lag, wie bei Matth. 1, 22. 13* 196 Zweites Bud. = das ganze Sagengebild hindurchzieht. Die priefterliche Weis- heit der Ssraeliten, fie, die uns hier in der Perfon des Pries ſters Zacharias dargeftellt wird, ift es, von der allerdings ges ‚fagt werden Fonnte, daß fie zu der Zeit, die vor Johannes und Chriftus zunächft voranging, in Folge ihres Unglaubens an die Verheißungen des Herrn durch ein göttliches Verhängniß verftummt war, und daß ihr erft, als die alten Weiffagungen erfüllt zu werden begannen, die Zunge wiederum geloft ward. Man erinnere fih an die auffallende Stagnation der "heiligen Literatur jenes Volkes zu dieſer Zeit, an die unter den Juden felbft herrfchende Vorſtellung, daß feit ihrem legten Prophe- ten Maleachi der prophetifche Geift von Iſrael gewichen fei. Wer je einen Blick in den wunderbaren Zieffinn, in die Fein: heit und Zärte der mythifchen Gebilde geworfen hat: den fann . es nicht befremden, wenn er auch bier auf eine eben fo finnreihe als folgerechte Weife diefe gefchichtliche) Anſchauung in den Mythus eingewoben fieht, von dem es ja fo deutlich ift, daß er den gefchichtlichen Kreis, welchem dieſe Thatfache angehört, zu feinem Inhalte hat. — Zuletzt fchließt diefe Er- zählung mit der Notiz, daß Zacharias, nachdem die Tage des Tempeldienftes um waren, nah Haufe fehrte, daß Elifabeth ſchwanger ward und fünf Monate lang mit ſtillem Dank gegen den Heren, der die Schmac) ihrer Unfruchtbarkeit von ihr ge— nommen hatte, ſich verborgen hielt. Unmittelbar neben diefe dem Zacharias gewordene Verkuͤn— digung ftelt unfer evangelifcher Bericht die VBerfündigung, welche an die Maria ergeht. Derfelbe Engel, der dem from: men Priefter erfchienen war, tritt, abgefandt von Gott, im fechften Monat von Eliſabeths Schwangerfchaft, zu Naza— reth, einer Stadt Galilaͤa's, vor eine Sungfrau, die einem Manne Namens Sofeph verlobt war, aus dem Stamm Da- vids; der Name der Sungfrau aber war Maria. (Dürfen wir unferm Gefühle trauen, fo verräth fich in diefer genauen Be— ziechnung von Perfonlichkeiten und Ortsnamen, die der Evangelift doch als befannt vorausfegen Fonnte, ein mährchenhafter Ton der Erzählung, der übrigens hier um fo natürlicher ift, als im Borhergehenden die Erzählung mit den unbefannteren Namen des Zacharias und der Glifabeth begonnen hatte.) Cr begrüßt fie Die Sagen von der Kindheit des Herrn. 197 mit dem Gruße, mit welchem auch in der alten Sage*) der Engel des Herrn den Gideon begrüßt hatte; zugleich jedoch als hochbegünftigte, gebenedeite unter den Frauen. Maria erfchridt und finnt umher, von wannen diefer Gruß fommen möge”). Der Engel aber wiederholt feine Verficherung, daß fie Gnade bei Gott gefunden habe; er verfündigt ihr, daß fie einen Sohn, Jeſus zu.nennen, gebären folle. Diefer fei beftimmt, ein Gro— Ber zu werden und Sohn des Höchften zu heißen; der Herr werde ihm den Thron feines Vaters David geben und ihn zum Herrſcher uͤber das Haus Jakobs machen fuͤr alle Ewigkeit, ſo daß ſeiner Herrſchaft kein Ende ſei. — Es kann unſern obi— gen Vorausſetzungen zu widerſprechen ſcheinen, daß dieſe Ver— heißung ſich ſo ganz den juͤdiſchen Vorſtellungen anpaßt, welche in dem Kreiſe, den wir als den Kreis ihrer Entſtehung be— zeichneten, bereits durch die univerſaliſtiſchen Ideen des Chri— ſtenthums durchbrochen waren. Indeſſen zeigt gerade dieſer Umftand, dieſe faft gefliſſentlich zu nennende Selbſtbeſchraͤnkung der Sage auf einen Standpunct, der damals auch den Juden— chriften bereit3 entfremdet war, für eine höhere Geiftesfreiheit in den Erfindern der Sage, die, wenn fie auch Juden wa— ren**), von ihren volfsthümlichen WVorftelungen hier einen folhen Gebrauch machten, der fie in ihrer Nelativität erfchei- nen läßt und daher. noch immer recht eigentlich für die An— fchau Charakteri⸗ ſtiſch fuͤr die kindliche Weiſe dieſer Erzaͤhlung iſt, daß Maria, obgleich es nahe gelegen haͤtte, die Worte der Verkuͤndigung auf einen durch ſie in ihrer Ehe mit Joſeph zu erzeugenden Sohn zu beziehen, doch an den Engel die Frage richtet: wie =) Nicht. 6, 12, ==) Sinnreich und Acht —E darum auch mit Glück von der bil- denden Kunft benußt, ift der von den Apofryphen beigefügte Zug, das Maria die Stimme des Engels zuerft vernimmt, als fie Waf- fer zu holen ausgegangen ift, dann deffen weitere Worte, während fie mit der Arbeit am Purpur zum Tempelvorhang befhäftigt iſt. Protev. Jac. 11, **) Dies Lebtere wird allerdings ſchon durch die ſtarken Hebraismen wahrſcheinlich, die man in diefen fagenhaften Theilen der Erzählung des Lukas bemerkt, — RE ae a . —— 198 Zweites Buch. denn dies geſchehen koͤnne; ſie wiſſe ja nichts von einem Manne. Da giebt der Engel die beruͤhmte Antwort: ein heiliger Geiſt werde uͤber ſie kommen und eine Kraft des Hoͤchſten ſie uͤber— ſchatten. Es leidet wohl keinen Zweifel, daß dieſes Bild von der Ueberſchattung durch eine Wolfe entnommen ift*), in- dem fowohl Zuden ald Heiden ihre Götter fich auf Wolfen das herziehend dachten. Was fonft von jenen in anfchaulich pitto— reskem, Daffelbe wird hier mehr in tropifchem Sinne von der uns fihtbaren Gottesfraft gefagt, von der hier die Rede ift. — Wenn nun der Engel noch hinzufügt: darum werde das Geborne ein Heiliges, und Sohn Gottes genannt werden, fo deutet die mythiſche Erzählung damit auf ihren Urfprung hin, der unſtrei— tig in diefem Namen und in dem, was fi) zunächft an den ‚Namen geknüpft hat, liegt. Wenn ferner eine Hinweifung auf die Schwangerfchaft der Elifabeth erfolgt, (die hier zuerft eine Berwandte der Maria genannt wird): fo giebt ſich darin ein Bewußtfein über die Bedeutfamfeit diefer Analogie nicht nur, fondern auch dieſes Gegenſatzes beider Schwängerungen Fund, wie folches in der Sage, die beide fo finnig neben einander ge— ftellt hat, anzutreffen Feineswegs befremden fan. — Was Gott verheißt, das kann er auch erfüllen, fügt der Engel hinzu, und Maria befennt fi) ald Dienerin des Herin: wie jener gefagt, fo möge ihr geſchehen; worauf der Engel ſich entfernt. Bon der Bedeutfamkfeit, die wir gewiß nicht Unrecht ha— ben, diefer Gegenüberftellung der verfpäteten Empfängniß der Elifabeth und der jungfräulichen der Maria zuzufchreiben, zeigt auch noch der Umftand, daß die weiter fortfpinnende Sage, wie wir fie in einigen apofryphifchen Erzählungen aufgezeichnet fin: den, denfelben Gegenfaß noch auf andere Weife in der evange- liſchen VBorgefchichte auftreten zu laſſen fich gedrungen gefunden bat. Das fogenannte Protevangelium des Jakobus und Das Evangelium von der Geburt der Maria, fie beide geben in de— taillivten Zügen, denen wir zum Theil gleichfalls eine tiefer lie— gende mythifche Bedeutfamkeit nicht abfprechen möchten, wenn =) yepdin Lnioxiatovon Mare. 9, 7. — Matth. 17, 5 hat diefen Aus» druck, unpaffend genug, auf eine Licht wolke (vsplin gwras vder nach der fonft gewöhnlichen Lesart gwreıw7) übertragem. Die Sagen von der Kindheit des Herrn. 199 fie auch dort nicht mit der edeln Einfalt vorgetragen find, welche die Erzählungen unferer Fanonifchen Evangelien auszeichnet, eine Erzählung von den Aeltern der Maria, die fie Joach im und Anna nennen, welche in den Hauptpuncten auf diefe überträgt, was Lukas von der Clifabeth und dem Zacharias erzählt. Wie Sohannes, fo fol auh Maria von früher unfruchtbaren, im Alter vorgerücdten Aeltern geboren fein; dies wird dort auf eine Weiſe erzählt, die nicht der Erzählung von der VBerfündigung und Geburt des Johannes, fondern unmittelbar jenen altteſta— mentlichen Vorgängen, deren Einfluß auch dort nicht zu ver: fennen ift, nachgebildet erfcheint. Bei den Altern Kirchenfchrift- ftellern gilt diefe Notiz nicht minder, wie jene kanoniſche, für gefchichtlih, und es ift auch, wenn man den gefchichtlichen Charakter jener nicht in Zweifel zieht, nicht wohl abzufehen, durch welche Kennzeichen der fchroffe Uebergang vom Gefchicht- lichen zum Mothifchen bei Erzählungen von fo verwandten Charakter gerechtfertigt werden fol; da ja die Form des Vor— trags, in welcher die apofryphifchen Erzählungen gegen die Fa- nonifchen fo fehr im Nachtheil ftehen, von ihrem Kerne leicht genug abgetrennt werden kann. Was aber den verborgenen Sinn betrifft, fo ift der Gegenfas im Fanonifchen Evangelium unftrei= fig ein prägnanterer. Sohannes, der fpätgeborne Nepräfentant des Prophetenthums, fteht auf prägnantere Weife dem durch den gött- lichen Geift und durch eine Sungfrau Geborenen gegenüber, als die eigene jungfräuliche Mutter, wenn fie als diefe weltgefchicht: liche Spätgeburt gefaßt wird, ihm gegenüberftehen Tann... Sn- deffen giebt auch dieſes leßtere, wenn wir hier jenen Typus in gleicher Weife deuten, einen guten Sinn. Es wird nämlicd) in dieſem Zufammenhange durch die Geftalt dieſer jungfräuli= chen Mutter das rein menfchliche, gefchichtliche Moment in der Erzeugung des Chriſtenthums dargeſtellt, welches man aller: dings in analogem Sinne, wie dort die Idee, welche durch Die Geftalt des Johannes ausgedrückt ward, eine Spätgeburt nen— nen kann, da auch ihm in der Gefchichte der bereitd alternden Menfchheit eine Zeit des Harrens und der lange unfruchtbar bleibenden Sehnfucht vorangegangen war. Zur Vollendung des dichterifch =» mythifchen Bildes, wel ches in jenen beiden Berfündigungsfeenen eröffnet War, feinem 200 Zweites Bud. idealen Sinne nach, gehört num wefentlich noch die nachfolgende Scene, in welcher die Sage beide fo wunderbar beglüdte Mütz ter auch Außerlich zufammenführt, Motivirt wird diefe Zuſam— menfunft durch die im Vorhergehenden erwähnte Berwandtichaft beider. Diefe angebliche VBerwandtichaft etwa für einen ges Thichtlihen Zug zu halten, welcher der übrigen Erfindung zum Grunde liege, koͤnnen wir, fo nahe dies auch Manchen, übri- gens der mythifchen Anficht nicht Abgeneigten, zu liegen ſchei— nen mag, und nicht entfchließen. Wäre er es, fo ginge, ahne lich, wie nach dem oben von uns Angedeuteten durch eine etwaige wirkliche Abftammung Sefu von David, für den geiftigen Ge— halt der Erzählung in der That mehr verloren, al3 dadurch gewon— nen würde. Eben nämlich in diefem Zufammenbringen des that: fächlich Getrennten in diefer ſymboliſchen Darftellung des geiftig Berwandten durch das Bild leiblicher Berwandtfchaft, eben hierin beurfundet fich eine Thätigfeit der Aufnahme und Auffaffung des gefchichtlich gegebenen Stoffes, im der wir mit weit größerem Rechte ein providentielles Moment erbliden, als in der Zufäl- ligfeit thatfächlicher Blutsverwandtfchaft, welche ein für allemal nicht das Clement ift, worin die Vorfehung ihre Macht oder Weisheit zu bethätigen liebt. Was wir aber weiterhin von dem Verhaͤltniß zwifchen Sefus und Sohannes gefchichtlich erfahren, kann eine befonnene Kritik nicht für geeignet erkennen, die Anz nahme einer Blutsverwandtfchaft zwifchen beiden zu unterſtuͤ— sen; im Öegentheil würde dur) folche Annahme das Verſtaͤndniß jenes Gefchichtlichen nur erfchwert, aber in feiner Beziehung er- leichtert. Uebrigens müßte nach dem evangelifchen Bericht, (dafern man nicht eine Verfchwägerung annehmen will) wie Elifabeth, fo auch Maria aus priefterlichem Gefchlecht gewefen fein. Dies findet fi auch wirklich in dem apokryphiſchen „Teſtament der zwölf Patriarchen“ fo überliefert, während dagegen unter den meiften Kirchenlehrern jener Zeit die Meinung Pla ergriff, welche auch auf die Maria die Abftammung von David erftredt. Maria alfo fucht, fo lautet der fagenhafte Bericht, unmittel= bar nach Empfang der Engelsbotfchaft ihre Verwandte in ihrer Heimath auf. Als diefe Heimath der Elifabeth wird das Hoch— land Judaͤa's bezeichnet; vielleicht aus gefchichtlicher Erinnerung, vielleicht aber auch, um durch das Bild des rauhen Gebirgs- Die Sagen von der Kindheit des Herrn. 201 landes den Charakter deffen, der dort geboren werden follte, ſymboliſch zu bezeichnen, Beim Eintritt der gebenedeiten Jung— frau in das Haus, bei dem Gruße, den fie der Elifabeth zu: ruft, gefchieht es, Daß Letztere das Kind in ihrem Leibe froh: lich aufhüpfen fühlt, und, heiligen Geiftes voll, mit lauter Stimme in eine Geligpreifung der Mutter des Herrn und der Frucht ihres Leibes ausbricht. Im diefem Fühnen Pinfelftriche des mythifchen Gemäldes wird feinem, der mit uns von der felben Grundanficht diefer Sagengefchichte ausgeht, der Sinn verborgen bleiben, der, obwohl wir ihn hier nur im Allgemei— nen ausdrüden koͤnnen, ſich Doch auch einer ausdrüdlichen Anz wendung auf den in unfere Erzählung hineingebildeten gefchicht- lichen Inhalt nicht entziehen würde. Es ift diefer: daß bei Berührung eines höhern Geiftes, der feine nahende Erfcheinung anfündigt, die Ideen und geiftigen Geftaltungen, die im Schooße des Welt oder Volksgeiſtes noch ungeboren liegen, ſich zu regen beginnen und ihre erften Lebenszeichen geben. — Aber fo tiefjinnig die Erfindung, fo einfach ift, bei diefer, wie bei aller Sagenpoefie, die noch nicht zum eigentlichen Kunſt— werk verarbeitet ift, die Kunft der Ausführung. Der Maria wird als Antwort auf die Begrüßung der Glifabeth ein Lob— gefang in den Mund gelegt, welcher, ohne näher motivirten Bezug auf die gegenwärtige Situation, dem Lobgefang der Hanna nach Samueld Geburt*) nachgebildet, und auch noch mit andern altteftamentlichen Erinnerungen vermifcht tft. Hier— auf fol Maria drei Monate dort verweilt, und dann in ihr eigenes, nicht Joſephs Haus zurüdgefehrt fein, Im weiten Fortgange der Erzählung finden wir die Ge— burt des Sohannes kurz angemerkt, ausführlicher aber das bei feiner Befchneidung Vorgefallene berichtet; bei Sefus ift es um— gekehrt Die Geburt, und nicht die Befchneidung, was durch wunderbare Ereigniffe ausgezeichnet wird. Dieſes umgekehrte Berhältnig hat man bereit auf altglaubigem Standpuncte fo gedeutet, daß bei Johannes ald dem letzten der großen Pros pheten, der unter dem Gefeh gelebt, die Befchneidung ein wich— tigerer Act fein mußte, ald bei Jeſus, durch welchen die Be— *) 1 Sam. 2. “ v — 202 weites Bud, fchneidung fammt dem Geſetze aufgehoben ward. — Das Wuns der aber, welches bei der Befchneidung des Johannes ſich er— eignet, ift folgendes, WS die Freunde des Hauſes tiber ben Namen Berathung pflegen, den nach jüdifcher Sitte der Knabe an diefem Tage erhalten foll, wird zu dieſem Behufe zumächft der Name ded Vaters Zacharias vorgefchlagen. Diefem aber widerfeßt fich die Mutter, und verlangt den Namen Johannes, Die Freunde, darüber verlegen, weil Keiner in der Verwandt: fchaft diefen Namen trägt, befragen durch Zeichen den Water; diefer fchreibt, zu Aller VBerwunderung den Namen Rohannes auf ein Täfelchen, und, zu noch größerer Verwunderung nicht blos der Umftehenden, fondern aller Nachbarn und Gebirgs— bewohner, zu denen die Kunde davon drang, wird im bemfel« ben Augenblicke ihm Mund und Zunge gelöft, fo daß er in Fobpreifung Gottes ausbricht. Hier fcheint ein prägnanter Sinn namentlich in dem Umftande zu liegen, daß die Wieder— erlangung der Sprache an den Moment des Schreibens ger Enüpft wird; Doch wagen wir e8 nicht, diefem Sinn eine bes ftimmtere Faſſung zu geben oder eine ausdrüdliche Deutung jenes Zuges zu verfuchen. Die Nede des Zacharias wird, als prophetifcher Art und aus der Fülle heiligen Geifted hervorge— ſtromt, noch ausdrücklich nachholend beigefügt; auch fie ift faft durchgängig im altteftamentlichen Ausdrücken gefprochen, „Ge— priefen fei der Herr, Israels Gott, daß er herblidte und Er— löfung feinem Volk bereitete, daß er wie ein Som auf ber Stirn des Milde, Nettung uns auffprießen ließ! So hatte ex es durch den Mund der Heiligen aller Zeit, feiner Propheten verfündiget! Nettung von unfern Beinden und von ber Hand aller, die uns haffen! Er hat unſern Vätern Erbarmen ges währt, und feiner heiligen Satzung gedacht, des Eides, ben er unferm Vater Abraham fehwur, es gefcheben zu laffen, daß wir furchtlod, von unferer Feinde Hand befreit, im Helligkeit und Nechtfehaffenheit vor feinem Angeficht, ihm bienen alle Tage unferd Lebens, Und du Knabe, folft Prophet des Höchften heißen, denn Du wirft vor dem Herrn berwanbeln, feine Pfade zu bereiten und feinem Wolle Kunde eines Heils zu geben, durch das feine Sünden ihm vergeben find, Go wollte es die Barmherzigkeit unfers Gottes, ald aus ber Höhe Die Sagen von der Kindheit des Herrn. 203 ein Aufgang und, den in Finfterniß und Dunkel des Todes Sitzenden, zu erſcheinen würdigte, um und auf einen Pfad des Friedens zu führen‘; — Zuletzt wird noch bemerft, daß der Knabe heranwuchs und geiftig erftarfte, und daß er, bis zum Tage feines öffentlichen Auftretens in Israel, in der Einſam— feit verblieb, Ein Zufaß, der offenbar in diefen Zuſammen— bang fich- paflend einfügt, fo daß man Unrecht haben würde, daraus*) auf ein urfprünglich abgetrenntes Vorhandenſein Dies fer Erzählungen von Johannes und der darauf folgenden von der Geburt Jeſu fchließen zu wollen Sp weit die Sage von dem Kinde Sohannes, welches Kind die chriftliche Kunft einer fpätern Zeit, in wahrbaftem und innigem, wenn gleich feiner ſelbſt unbewußtem Verftändnif der Sage, Überall mit dem Jeſuskinde in parabiefifcher Un: fchuld fpielend zufammenzupaaren liebt. Es folgt bierauf die Erzählung von der Geburt des Herrn,“— in ihrem Ton und Charakter den vorhergehenden noch immer fo verwandt, daf wir feinen Grund finden, zu zweifeln, daß fie auch unmittel: bar im Zuſammenhange mit jenen entftanden it). — Den Schauplatz diefer Geburt hatten bereits die meffianifchen Weifs fagungen des Alten Teftamentes nah Bethlehem verlegt, dem alten Geburtsorte des Königs David, Wenn freilich von dies fer Stadt, der Fleinften unter den Städten de8 Stammes Ju— da, der Prophet Micha***) verkündete, daß aus ihr Israels dereinſtiger Herrfcher hervorgehen follte: fo iſt diefe Weiſſa— gung am fich wohl für gleichbedeutend. jener zu nehmen, welche ald den Ausgangspunet des Meffias den Stamm Davids bes zeichnete, Auch bier aber ſcheint ſich dev Glaube der Israeli— ten zur buchftäblichen Deutung diefes Wortes hingeneigt zu ha— — — — )Mit Schleiermacher, der ſich darin gefüllt, hier, wie noch mehr— fach, auch in dieſen einfeitenden Capiteln des Lukas Nähte und künſtliche Zuſammenfügungen zu wittern. Daß ſich in ihr weniger, als in jenen vorangehenden, ausführliche Iprifhe Ergüffe finden, erffärt ſich zur Genüge daraus, daß die einfachen Gedanken, die auf folde Weife ausgefprocden werben konnten, bereits in jenen erfchöpft waren. 0 Mich. 5, 1. * 204 Zweites Bud. ben, und daraus diefer Zug der Sage entftanden zu fein. Denn ohne Zweifel nur der Sage gehört diefe bethlehemitifche Geburt des Heilandes an, da wir in gefchichtlichem Zuſam— menhange allenthalben Nazareth als Jeſu VBaterftadt genannt oder vorausgefegt finden*. Ja ſelbſt in der hier vorliegen- den mythiſchen Erzählung blickt diefe Vorausſetzung noch deut: lich hindurch, Lukas weiß nicht anders, ald daß Nazareth die Heimath der Maria, und, jo fcheint es der Zufammenhang feiner Erzählung zu verrathen, auch des Sofeph war, ES ges hört zu den Merkmalen des höhern Alters diefer Sage, die er erzählt, im Gegenfage insbefondere auch der im erjten Evan— gelium erzählten, daß fie, diefer hiftorifchen Notiz fich noch erin- nernd, zu einer ausdrüdlich in diefer Abficht erfundenen Wen— dung greift, um die angeblich dennoch nicht in Nazareth, ſon— dern in Bethlehem erfolgte Geburt des Sefusfindes zu erflä- ren. Auf Anlaß einer’ Schakung, heißt es, die unter Dem Caͤſar Auguftus, welcher Beranftaltung getroffen hatte, den ganzen Erdfreis abzufchägen, der Conful Syriens Quirinius abhielt,, fei Sofeph genöthigt worden, mit feiner fchwangeren Gattin in die urfprüngliche Heimath feines Stammes zu wan- dern; dort habe Maria ihren erften Sohn geboren, — Die Gründe find befannt, welche es verbieten, dieſe angebliche Schatzung und was durch fie veranlaßt werden fol, als ein gefchichtliches Factum anzuſehen. Noch neulich) zwar ift mit großem Aufwand von Scharffinn und Gelehrfamfeit der Ver: ſuch gemacht worden”), die hiftorifche Nichtigkeit der Notiz des Lukas zu retten, — Berfuche, aud denen immerhin die Moͤg— lichkeit hervorgehen mag, den Worten des Evangeliften, frei lich nur mit Hülfe einer Aenderung im Tert, die Deutung zu geben, als fprächen fie nicht von der aus Sofephus ***) befann- ten, in beträchtlich fpätere Zeit fallenden Schakung des Qui— rinius, fondern in der That von einer früheren, und übrigens *) Befonders merkwürdig ift auch hier die ſchon oben angeführte Stelle Joh. 7, 42 **) Bon Tholuck, in feiner Schrift über die Glaubwürdigkeit der ev. Geſch. ***) Joseph. Antiq. XVII, 1, ET en Vol Die Sagen von der Kindheit des Herrn. 205 unbekannt gebliebenen. Aber wenn wir auch gern zugeben wol: len, daß, um einen fonft Diplomatifch genauen Gefchichtfchrei= ber von dem Verdacht eines Irrthums zu retten, dergleichen Gonjecturen fammt den mancherlet ſich daran fnüpfenden Schwie- rigfeiten nicht zu fcheuen wären, jo müffen wir doch bei einem fo wenig forgfältigen Schriftfteller, wie Lufas fih uns auch fonft ſchon gezeigt hat und fernerhin zeigen wird, und in einem noch aus fo vielen andern Gründen für mythifch anzuforechens | den Zufammenhange einen wirklih begangenen Irrthum für ungleich wahrfcheinlicher erkennen, als jene auf fo ſchwachen, ja zum Theil ganz unhaltbaren Stüßen ruhenden Vorauss fegungen*), durch welche dem Irrthum begegnet werden fol. Zumal da fi nachweifen läßt, daß fchon frühzeitig Lufas, oder vielleicht gar ſchon die Duelle, aus welcher Lufas hier geſchoͤpft hat, fo verftanden worden tft, wie es der natürliche MWortfinn der und vorliegenden Zertesworte giebt**). — Uebri: gens fcheint es, daß bereit3 dem Evangeliften die chronologi— fche Differenz zwifchen diefer angeblihen Schagung und der wirklich unter Quirinius gehaltenen nicht entgangen war; was um fo wahrfcheinlicher ift, als er fih auch fonft mit dies fer leßteren bekannt zeigt"). Er nennt in Folge diefer Erin— *) Welcher verzweifelter und gewaltfamer Borausfegungen bedarf es z. B. Schon etwa dazu, das Mitgehen der hochſchwangeren Maria bei jener angeblichen Cenfusreife des Joſeph erklärlich erfcheinen zu laſſen, und wie wenig tft, wenn man fich diefe Vorausfegungen gefallen Läßt, damit noch immer für die Hinwegräumung ber übri— "gen Schwierigfeiten gewonnen! **) Wie hätte fonft Juftinus Martyr (apol. I, 46) von Chriftus fagen können, er ſei unter Duirinius geboren? — Iſt Doch der ehrliche Apologet naiv genug, fih (ib. 34) zur Beglaubigung der Geburt Sefu gegen den Kaifer Antoninus feldft auf die Cenfusbücer des Quirinius zu berufen. Eine Berufung, die wohl unter eine Katego— tie fallen möchte mit der befannten auf den vermeintlichen Altar des Simon Magus in Nom (e. 26), und fehr wahrfcheintich auch mit jener auf die acta des Pontius Pilatus (e. 35.) =) Ap. Gefch. 5, 37. — Eufebius freilich CH. E. 5 5) erwähnt dieſe Stelle, fo wie auch die entfprechende des Joſephus, unmittelbar mit der evangelifchen im Zufammenhange, als wären fie vollfommen einftimmig und beftätigten einander gegenfeitig. cn An a a Ende ’ * re 206 Zweites Bud. nerung die hier erwähnte Schakung „die erfte unter Quirinius””, und zeigt folchergeftalt allerdings den guten Willen, der Sage, deren Irrthum er zu bemerken auf der Spur war, nachzuhel- fen. Dies ift ihm freilich übel gelungen, weil er die Sahre von des Quirinius Proconfulat nicht gehörig überfchlug, in— dem er ohne weitere annahm, Quirinius müffe vor der fonft befannten Schakung noch eine andere abgehalten haben, Aber bei einem Schriftfteller, dem es nicht einfiel,: in die Nichtigkeit der ihm überfommenen mythifchen Notizen einen Zweifel zu ſe— gen, darf folches Verfahren Feineswegs verwundern. Diefe Neife der eltern Jeſu nach Bethlehem wird num von der Sage benußt, um die Geburt des Kindes noch mit andern dichterifchen und fymbolifch bedeutfamen Zügen auszu— fhmüden. In einfamer ländlicher Umgebung fol die Mutter von dem göttlichen Kinde genefen fein, — nach unferm kano— nifchen Bericht, wie es wenigftens aus der Erwähnung der Krippe fo fcheint, in welche das Kind gelegt wird*), in eis nem Stalle, nad) dem apofiyphifchen, der ſich auch bei Ju— ſtinus Martyr und Drigenes findet, in einer Höhle. König David war ja, wie es der Sänger jenes denfwürdigen Pfal- men ausdrücdt, der in prägnanten Worten die ganze Gefchichte Israels befingt, Durch den Kern, der ihn erwählte, von den Schafftällen genommen’). — Auch hier indeß möchten wir, troß diefer unläugbaren Anfpielungen, die mythifche Erzählung doch nicht minder für die Anfchauungsweife der Heiden, als für die dev Juden berechnet glauben. Nicht allein naͤmlich, daß auch die griechifche und roͤmiſche Mythologie, in den Erzaͤh— lungen von der Geburt des Zeus und anderer Götter, von der Kindheit und Jugend der gefeiertften Heroen, mehrfache Ge- genftücke zu dieſer Dichtung bietet: fo feheint die Dichtung felbit recht eigentlich dazu beftimmt, den durch ihre Bildung *) Diefe Sage von der Krippe tft wohl auf Anlaß von Gef. 1,3 erfunden worden, derſelben Stelle, welche zu der Dichtung Anlaß gab (Ev. de nativ. Mar. 14), das Neugeborne fei von Ochs und Efel angebetet worden. Das Protevang. Jak. (Ce. 22) läßt das Kind in die Krippe gelegt werben, um es vor Herodeg zu verbergen. **) Pſ. 78, 70. ee. . — Die Sagen von der Kindheit des Herrn. 207 und politifche Macht den Erdkreis beherrfchenden Voͤlkern den Heiland, der in einem verachteten Winfel der Welt, in der uns fcheinbaren Umgebung eines Volkes von Hirten und Aderleuten geboren war, in anfchaulichem Bilde darzuftellen. — Zur Boll ftandigkeit diefes Bildes, zur geiftigen nicht minder, wie zur finnlichen, gehört wefentlich die Nacht, in welcher die Geburt erfolgte, was zwar die Fanonifhe Erzählung nicht ausdrüdlich fagt, was fie aber anzudeuten scheint, wenn fie Hirten, die auf dem Felde wachen, zur Nachtzeit, von himmlifchem Licht: glanz umhuͤllt“) den Engel des Herrn erfcheinen läßt, der die Geburt des göttlichen Kindes ihnen verfündigt. „Fuͤrchtet euch nicht“, jo ruft der Engel den erfchrodenen Hirten zu, ‚fürchtet euch nicht, denn fiehe, ich verfündige euch eine große Freude, euch und dem ganzen Volk. Heute ward euch der Heiland geboren, Ehriftus der Herr in Davids Stadt! Und Dies fei euch ein Zeichen: ihr werdet ein Kind finden in Windeln ges widelt in einer Krippe liegen’! Worauf augenblidiih, fo heißt e8 weiter, zu dem Engel fich eine Schaar des Himmels: heeres gefellt, die Gott preifen und fingen: „Herrlich in ber Höhe Gott, und auf Erden Friede; er blickt auf die Menfchen mit Wohlgefallen*! — Wie dann die Hirten gen Bethles hem wandeln, um dort dad Wort erfüllt zu fehen, das der Herr ihnen fund gethanz wie fie eilend anfommen und Marien finden mit Sofeph und das Kind in der Krippe; wie jene, als fie die Erzählung der Hirten hören, fich darüber verwuns dern, Maria aber die gefprochenen Worte ftil im Herzen bee wahrt, und die Hirten mit Lob und Preis zu Gott davon zie- benz dieſe fchlichten Züge der gerade hier fo einfach berichz . tenden Ueberlieferung haben fich für Geift und Sinn der chrift- lichen Welt zu einem fo zu fagen ewigen Bilde befeftigt und find zu einem unerfchöpflihen Quell insbefondere auch der Kunfts anfchauung geworden, Sie hätten aber nicht dies zu werden vers mocht, wenn fie nur ein zufälliges Spiel der Einbildungskraft, eben fo wenig, wenn fie eine wirklich vorgefallene, von aben— teuerlichem Wunderglauben fabelhaft aufgezierte Geſchichte waͤ— *) Nach dem Protev. Jak. Ce. 19) ruht eine Glanzwolfe (veptin gw- zeıvn) über der Geburtshöhle. a ee 208 Zweites Bud. ven. Was fie geworden find, haben fie wefentlich dem Umftande zu danken, daß mit einer über Wilführ und Zufall erhabenen Nothwendigkeit der Geftaltenbildung 'eine ewige Gefchichte in ihnen niedergelegt ift, die Gefchichte der Geburt des Goͤttli— chen in der einfachen und Findlichen Menfchheit, das aufdaͤm— mernde Bewußtfein über den eingebornen Gottesgeift in dem aus den Wirren des Gulturlebens und der Weltgefchichte in feine erfte reine Naturgeftalt zuruͤckkehrenden Menfchengeifte. Man konnte erwarten, mit diefer Erzählung von der Ges burt des Heilandes die mythifche Vorgefchichte im Evangelium des Lukas befchloffen zu fehen, fo daß wir von nun an auf den Boden wirklicher, unmittelbarer Gefchihtsdarftellung träten. In der That auch fallt in den zwei Anefooten, die zunächft an jene Erzählung angeknüpft werden, eines derjenigen Mo— mente weg, durch welche das Vorangehende als mythifch be- zeichnet wird, nämlich die Erfceheinung von Engeln, und aud) der übrige Charakter der Begebenheit fcheint fich, obgleich das Wunderbare noch nicht aufhört, Doch etwas mehr in den ges wöhnlichen Lauf der Dinge einzuzufügen. Nichts deftoweniger finden wir und genöthigt, der neueften Kritik beizuftimmen, wenn fie auch diefe Stüde noch für. durch und durch mythifch erklärt. Das erfte derfelben enthält Weiffagungen, welche bei Gelegenheit einer Heiligen Handlung, die nach juͤdiſchem Ge— brauch mit dem neugeborenen Kinde vorgenommen werden mußte, über daffelbe gefprochen fein ſollen. Hier hat man, mit einer etwas fonderbaren Wendung, Schon den Umftand für den gefchichtlichen Charakter diefer Erzählung beweifend finden wol- len, daß die Verrichtung dieſes Gebrauchs, des Reinigungs: opferd für die Wochnerin *) nach Ablauf der gefeglichen Frift von vierzig Tagen“) und der Darftellung und Löfung des Kin- des als Erftgeburt***) — (die acht Tage nach der Geburt er- folgte Befchneidung war unmittelbar vorher mit kurzen Worten angemerkt worden) — Überhaupt als erfolgt in Bezug auf Das unter fo außerordentlichen Umftänden geborene Kind berichtet 5 3 Mof, 12, 8. =") Ebendaſ. 3, 4. ”*).2 Mol. 13,212. ra Die Sagen von der Kindheit de3 Herrn. 209 wird. Dem Mythus, wenn auch diefe Erzählung ihm ange: hörte, war, fo meint man, die Confequenz zuzutrauen, daß er das durch fo ungewöhnliche Schickung geborene Kind und die fo gebärende Mutter von jenen Gebräuchen entbunden hal— ten, daß er wenigftens, wenn er fie dennoch, um des daran zu Knüpfenden willen, ihnen unterwerfen wollte, irgend ein Motiv folcher Unterwerfung erfinnen würde, Weder das eine, noch das andere finden wir in unferer Urkunde gefchehen, und fo glaubt man denn hieraus folgern zu dürfen, daß es nichts anderes, als die wirkliche gefchichtliche Thatſaͤchlichkeit dieſes Greigniffes fein Eonnte, was es bewirkt hat, daß fein Gedächt- niß aufbewahrt worden iftz fei es nun, daß erft mit ihm die wirkliche Gefchichte beginnt und alfo durch eine vorauszufeßen- de natürliche Geburt die Paradorie diefes Greigniffes aufgeho— ben wird, oder daß Maria, obgleich unter jenen wunderbaren Umftänden von ihrem Kind genefen, ſich dennoch durch dieſel— ben von den Pflichten, welche das Geſetz ihrer Religion ihr vorfchrieb, nicht entbunden achtete. So, wie gefagt, die Ber: theidiger der hiftorifchen Thatfächlichfeit diefer Erzählung. Die Wahrheit aber ift, daß man in einem mythifchen Bericht nichts weniger, als folche verftandesmäßige Conſequenz zu fuchen hat. Es kann für den, welcher der Art und Weife fagenhafter Er: findungen fundig ift, nicht das mindefte Befremdende haben, wenn der nämliche Mythus, welcher unmittelbar vorher die Geburt des göttlichen Kindes unter Umftänden erzählt hatte, wodurch diefelbe Uber die Ordnung der Natur und über alle Negeln des Gefchehens hinausgehoben wird, kurz darauf den= nod Handlungen, welche die gewöhnliche Ordnung der Dinge vorauszufegen fcheinen, gefchehen läßt. Denn der Mythus hat gar wohl das Bewußtfein, wie der Zufammenhang, der feine. Inhaltsmomente unter einander verfnüpft, ein anderer ift, ald der äußerliche Gaufalzufammenhang factifcher Begebenhei- ten. Seine Arbeit ift ganz einem andern Ziele zugewandt, als dem, für die von ihm erzählten Begebenheiten einen folchen dem reflectivenden Verſtand einleuchtenden Gaufalzufammenhang zu erfinnen. Auf die Nachweifung nicht diefes Außerlichen, fon- dern eines tieferliegenden inneren Zufammenhanges mit der vor- hergehenden kommt es daher auch an, wenn die gegenwärtig 14 210 Zweites Bud. in Frage fiehende Erzählung gleichfalls noch ald eine mythifche, und zwar nicht ald eine mythifche überhaupt, fondern, wohin allerdings unfere Meinung geht, ausdrüdlich als Die Fortfes gung des im Vorhergehenden begonnenen Mythus betrachtet werden fol. j Solchem innerlihen Zufammenhange nun dient allerdings eben jener Umftand, durch welchen man den außerlichen Zuſam— menhang geftort hat finden wollen. Die Verrichtung jener hei— ligen Gebräuche im Tempel zu Serufalem bezeichnet den Mo— ment, in welchem die neue Weilfagung über das Jeſuskind ers folgt, als einen folchen, der zu dem Momente der Geburt in demfelben Gegenfage fteht, wie zu der erften Schöpfung des Menfchen, zu der Paradiesunfchuld des erſten Menfchenpaares der Zuftand, der für die Söraeliten durch Das Gefeß, was ihnen Mofed gegeben hatte, bezeichnet ward. Ausdrüdlich aber diefer Gegenfaß ift es, durch welchen die Weiffagungen, die hier über das Sefusfind gefprochen werden, erft in ihr rech- tes Licht geftellt erfcheinen. Nach Jeſus eigenem, fehon bei Gelegenheit des Sohannes von uns angeführtem Ausspruch ), ift das Gefeß, d. h. das gefammte geiftige Leben, welches die Söraeliten unter dem Geſetze führten, prophetifcher Natur, es deutet auf den Meffias hin, in welchem es fich erfüllen fol. War daher in der Offenbarung, welche in dem Momente der Geburt den Hirten ward, das in der Perfon Chrifti erneuerte Verhaͤltniß des Göttlihen zu der Natur und zu der erften Menfchheit Dargeftellt worden: fo ftellen die im Momente fei- ner Darftelung im Tempel erfolgenden Weiffagungen biefelbe Gotteskraft dar, wie fie innerhalb der Schranken des Gefekes- lebens durch Prophetenmund nicht blos mehr den fommenden, fondern den ſchon gegenwärtigen, aber ald Kind, d. h. in diefem fymbolifchen Zufammenhange, noch nicht actu, als aus- gebildeter, vollendeter Gottmenfch, fondern nur potentia gegen- wärtigen Meſſias verfündigt. Es find zwei Greife, welche diefe Verfündigung ſprechen: Symeon, ein Gerechter und Frommer, voll Erwartung des Israel verheißenen Troftes, dem der heilige Geift, der über ihm war, geweifjagt hatte, ex folle *) Matth. 11, 13 Die Sagen von der Kindheit des Herrn. 211 ‚den Tod nicht fehen, bis er den Gefalbten des Herrn gefehen babe, und Hanna, Tochter Phanueld aus dem Stamme Afer, eine Wittwe von vier und achtzig Jahren, die, als Sungfrau ihrem Gatten vermählt, in fiebenjähriger Che mit demfelben gelebt hatte, jet aber nicht vom Tempel hinweg Fam, unter Faften und Gebet Tag und Nacht den Dienft verrich- tend. Auch in diefen Gretfengeftalten hat die Sage fchwerlich das Gedaͤchtniß geſchichtlicher Perfönlichkeiten aufbewahrt, — wären es folche, fo wäre doch ihre Erwähnung, da uns fonft Feine weitere Notiz Über fie bewahrt ift, für uns ohne wefent- liches Intereffe, — ſondern es find Geftalten von idealer, ſym— bolifcher Bedeutung, ähnlich wie Zacharias und Glifabeth, wie Joachim, der Vater der Maria, und feine der hier auftreten- den gleichnamige Gattin, Auch bier nämlich ftellt fich in dem Alter dieſer mythifchen Geftalten. fymbolifch das Greifenalter des prophetifchen, in der Furcht des Herrn und der treuen Be: folgung des Gefeßes ergrauten Israel dar. Die Weiffagun: gen felbft, welche. hier gefprochen werden, treten, fo verwandt fie der Natur der Sache nach den Worten fein müffen, die oben der Herr und die himmlischen Heerfchaaren fprachen, doc) zugleich, Durch ihr größeres Detail und durch die Hervorkeh— rung auch des Düfteren, welches den Herrn und die Geinigen erwartet, zu Diefen in einen unverkennbaren Gegenfaß. Simeon, von dem Geifte, der ihn trieb, in den Tempel geführt, erblickt die eltern mit dem Kinde Jeſus; er nimmt das Kind in feine Arme und ruft mit frommer Inbrunft aus: „Jetzt entläffeft du, Herr, nad deinem Wort, in Frieden deinen Diener, Meine Augen haben dad Heil gefehen, das du im Angeficht aller Völker bereitet haftz eim Licht zur Offenbarung der Hei- den und einen Nuhm deinem Volke Israel!“ Als Vater und Mutter fich über das ob dem Knaben Öefprochene wundern, — (wiederum eine naive Wendung der feinen Außerlichen Gaufalz zufammenhang fennenden Sage), — wendet ſich Symeon fegnend an fie und fpricht zue Maria: „Siehe, diefer bier fteht da, zu Hal und Erhebung Vieler in Israel! Er fteht, eine Lo— fung zu Kampf und Widerfpruch, — auch durch deine Seele wird ein Schwert gehen, — damit vieler Herzen Gefinnungen offenbar werden!’ — Wer in allen Zügen diefer Sage nichts 14* 212 Zweites Bud. als nur mechanifche Nachbildungen altteftamentlicher Neden und Vorgaͤnge erblickt, den müffen diefe inhaltsfchweren, im Achten Orakeltone gefprochenen Worte nothwendig befremdenz denn für fie findet fih nicht8, was in jenem Außerlichen Sinne als ihr Vorbild gelten koͤnnte. Höchftens dürfte man fagen, daß in fie die Quinteſſenz jener erhabenen Weiffagungen zus fammengedrängt ift, welche, Leiden und Trübfal dem „Knechte des Herrn“ verfündigend*), allerdings fchon vor Alters auf den erwarteten Meſſias gedeutet worden find. Unftreitig aber ift auch diefe ernfte Weheverfündigung nicht nur überhaupt zur Voll—⸗ ſtaͤndigkeit dieſes Sagenkreifes unentbehrlich, fondern auch ge— rade diefem Zufammenhange um fo angemeflener einverwebt, je mehr das Geſchick, welches den Herin in feiner Menfchheit - traf, und die an das Chriftenthum weiter fich Enüpfenden welt- gefchichtlichen Verwidelungen durch das VBerhältniß beider zu dem Geſetz und zu der gefammten frühern Ordnung der Dinge bedingt find. — Bon Hanna, die gleichfalls eine Prophetin genannt wird, ift nur‘ Furz die Rede; es wird erzählt, daß auch fie dem Herrn huldigend entgegentrat und allen in Jeru— falem, die auf Erlöfung warteten, von ihm ſprach. Dann wird berichtet, daß die Aeltern, nachdem fie alles erfüllt, was das Geſetz von ihnen forderte, nach Galilda, in ihre Heimath Nazareth zurücdkehrten. Der Knabe aber, heißt es, wuchs heran, und erftarkte im Geift, von Weisheit voll, und Gottes Gnade über ihm. Bis hierher alfo halten wir, unferer obigen Bemerfung gemäß, die Erzählung des Lufas in allen ihren Haupt— \ zügen für ein mythifches Ganze, welches fich, ungefähr gleich- \ zeitig und aus einem Guffe der Grfindung, um jenen Gentral- mythus, die Sage von der übernatürlichen Geburt des Herrn, herumgruppirt und diefelbe erft zum Mythus im vollftändi= gen Wortfinne ausgeprägt hat. Nicht ganz daflelbe möchten wir von der legten Eleinen Erzählung fagen, mit welcher Lu— kas diefen Kreis befchließt. Auch von ihr zwar befennen wir, daß auf jede andere Weile ihr Berftändnig uns verfchloffen bleibt, wenn wir fie nicht für einen Mythus nehmen und als *) Bor alfen im 5äften Capitel des (Pfeudo-)Iefaias. Die Sagen von der Kindheit des Herrn. 213 folchen deuten follen. Aber fie fteht, wie Außerlich der chronolo- giſchen Angabe nach, fo auch dem Sinne und der’ Bedeutung nach vereinzelt, und fchließt fi nur auf lockere Weife, viel leicht nur in der zufälligen Zufammenftellung des Evangeliften, dem Borhergehenden an. — Im zwölften Jahre feines Al- ters, — fo lautet die Erzählung, — dem Zeitpunct, welchen die Juden als die Grenzfcheide zwifchen Kindheit und reiferer Ju— gend betrachteten, nahmen die Aeltern den Knaben mit ſich nad Serufalem zum Pafchafefte, welches fie, nach jüdifchem Ge— brauch*), durch regelmäßige Wallfahrt zu feiern gedachten. Als fie, nach Ablauf der feftlichen Tage, ihre Ruͤckreiſe antraten, blieb der Knabe Sefus in Serufalem zurück, ohne daß Sofeph und die Mutter es bemerften; beide ftanden in der Meinung, er befinde fich bei dem von Serufalem nach Oalilia abgehen- den Karavanenzuge, Nach Zurücdlegung einer Tagereife hiel— ten fie unter ihren Verwandten und Freunden Nachfrage, aber ohne Erfolg; darum Fehrten fie nach Serufalem zuruͤck, ihn zu fuchen. _ Endlich nach drei Tagen fanden fie ihn im Tempel unter den Lehrern fißend, ihnen zuhörend und fie befragend; alle die ihn hörten, waren höchlich verwundert über feinen Ver: ftand und feine Antworten. Betroffen erblidten ihn die Ael— tern, und die Mutter fragte ihn, warum er ihnen das gethan; fie und der Vater fuche ihn mit Schmerzen. Darauf foll der Knabe geantwortet haben: „Was fuchtet ihr mich? Wußtet ihre nicht, Daß ich in dem, was meines Vaters ift, fein muß? — Kein unbefangener Betrachter wird diefe Antwort für eine folche erkennen, die aus einer naturgemäßen Entwi- ckelung des göttlichen Kindes erflärbar ift. Um fie zu geben, hätte Chriftus entweder den Naturgefegen menfchlicher Entwi— delung enthoben fein, oder aber, der .Gedanfe des Meffiasbe- zufes hätte auf außerliche Weife dem Knaben beigebracht, und *) Der urfprünglichen, für mofaifch geltenden Anordnung zufolge (2 Mof. 23, 17. 5 Mof. 16, 16), follten nur die männlichen Glie— der des Volks dreimal im Jahre, an den drei Hauptfeften (Oſtern, Pfingften und Laubhütten), vor dem Herrn erfiheinen. Ein fpäterer Gebraud aber dehnte diefe Pflicht, jedoch nur in Bezug auf das Paſchafeſt, auch auf die Frauen aus. A ar et 214 Zweites Bud. von dieſem mehr in fpielender, Findifcher Weife, als mit dem Ernſt, der ihm gebührt, ergriffen fein muͤſſen. Wir verlieren nichts dabei, wenn wir auf die unmittelbare Glaubwürdigkeit auch diefer Anekdote verzichten, wohl aber gewinnen wir einen neuen tieffinnigen Zug der Sagendichtung, wenn wir auch fie unter den mythologifichen Geſichtspunct einreihen. Für dieſen nämlich Fann ihre Bedeutung nicht verborgen bleiben. Sie dDrüdt aus, wie der jugendliche Geift des heranmachfenden Chriſtenthums, der Pflege und Aufficht feiner Aeltern, das heißt den Schranfen, welche ihm das jüdifche Gefek und die Schule vaterländifcher Neligionsweisheit ſetzte, fich entziehend, auf eigne Hand fich dem Heiligthume des Herrn zuwendet, dort mit gereifter menfchlicher Weisheit und Wiffenfchaft in Wech— felverfehr tritt, und die, welche ihn an die Pflicht gegen jene feine irdifchen Aeltern oder gefchichtlihen Vorgänger mahnen wollen, an den himmlifchen Vater als den allein wahrhaftigen verweift. Sp weit die Sagen bei Lukas; einen wefentlich verſchie— denen Charakter trägt, wie wir ſchon vorläufig anmerften, die Sagenreihe, welche in dem nach Matthäus genannten Evanges um aufbewahrt ift. Als Außerliches Merkmal des jüngern Alters diefer Sagenreihe kann, wie gleichfalls ſchon erwähnt, der Umftand benußt werden, daß die Geburt Jeſu zu Bethle- hem hier fchon eine feftftehende Vorausſetzung bildet und nicht mehr, wie noch bei Lukas, durch Angabe befonderer. Umftände motivirt zu werden braucht. Zugleich mit diefer Ortsbeſtim— mung wird auch. das Factum der übernatürlichen Zeugung in einer folhen Weife erwähnt und behandelt, die auf ein fehon Bekannt- und Feftgeftelltfein deffelben fehliegen läßt. Die my: thifche Erzählung befchäftigt fich hier nicht mit der Einleitung und unmittelbaren Ausfchmüdung diefes wichtigen Ereigniffes, fondern.fie hebt mit dem Puncte an, wo die Empfängniß be- reits erfolgt iftz auch von der Geburt felbft weiß fie nichts naͤ— heres zu erzählen. Dabei kann jedoch nicht angenommen wer: den, daß zugleich mit jenen Hauptpuncten, der Davidifchen Ab- ftammung und Bethlehemifchen Geburt einerſeits, Der Zeugung durch den heiligen Geift andererfeits, die Erfinder biefes meuen Mythus auch die fpecielleren Züge des vorigen Mythenkreiſes | Die Sagen von der Kindheit des Herrn. 215 fannten und als befannt vorausfesten. Davon findet ſich in ihm nicht nur Feine ausdrüdlihe Spur, fondern fogar aus: druͤcklich widerfprechende Umftände, z. B. fogleich diefer, daß, fatt der Reife von Nazareth nach Bethlehem, vielmehr eine foäter erfolgte Ueberfiedelung von Judaͤa und Bethlehem, als der urfprünglichen Heimath der Aeltern Sefu, nad) Galiläa und Nazareth berichtet wird. Andere, zwar einigermaßen ver- borgene, aber darum nicht minder thatfächlich vorhandene und nicht blos gegen die Möglichkeit einer factifchen Geltung beider Sagenkreife, jondern auch gegen die Einheit oder Continuitaͤt der mythiichen Erfindung entfcheidende Widerfprüche hat die neuefte Kritik in ziemlich beträchtlicher Menge zu Tage gebracht. — Dies fcheint der Anficht zu widerftreiten, die wir vorhin über den Sagenkreis des Lufas ausfprachen, daß erft durch ihn jene mythiihen Grundthatfachen zu wirklichen mythiichen Gebilden, die in dem allgemeinen Glauben der Gemeinde eine fichere Geltung haben fonnten, befeftigt feien. Allein diefer Wider: ſpruch ift nur fcheinbarz es Fonnte nämlih, auch wenn der Mythus fogleih in Begleitung folcher ausführenden und aus: ſchmuͤckenden Züge entftand, nichts deftoweniger wohl gefche: ben, daß zunächft nur der Hauptinhalt, aber nicht auch die Nebenzüge, in dem allgemeinen Glauben Pla& ergriff, die le: tern erft, nachdem fie, zugleich mit anderem Inhalte der fchrift: lihen Ueberlieferung, durch fchriftlihe Aufzeichnung verbreitet wurden. In der That haben wir Grund, vorauszufegen, daß es, fo unabhaͤngig diefelben unftreitig ihrem Urfprunge nach von den evangeliihen Relationen find*), wefentlih nur die uns erhaltene fchriftliche Verzeichnung in den beiden nach Lu— kas und Matthäus genannten Evangelien ift, was ſowohl dem einen, als dem andern jener Sagenfreife die allgemeine Auf- nahme in der Chriftenheit gefichert hat. Wären fie von diefen Schriften ausgefchloffen geblieben, fo würden beide entweder dem völligen Untergange, oder einer fo zweideutigen Geltung, j ) Bon den Sagen des Matthäusev. finden fih Spuren, Die von letzterem unabhängig und zum Theil abweichend find, bei Ignatius in dem Briefe an die Ephefer und bei Juftinus im Dialog mit Tryphon. 216 Zweites Bud. wie die apokryphiſchen Grzählungen, ſchwerlich haben entgehen koͤnnen. Nehmen wir alfo ald das Wahrfcheinlichfte Diefes an, daß die Erzählungen im Matthausevangelium zwar Alter, als die Abfaffung oder die Verbreitung des Lufasevangeliums, aber jünger, als die in diefem leßtgenannten berichtete Sage find: fo kann das Verhältniß beider mythifchen Reihen zu einander nichts Näthfelhaftes haben. Die Sagenreihe des erften Evangeliums zerfällt in zwei Hauptftüde, welche, durch ‚die Geburt des Sefusfindes von einander getrennt, in feinem Außerlich nachweisbaren Zuſam— menhange zu einander ftehen. Wir müffen unentfchieden laf- jen, ob das erfte Eleinere Stüd, die Erzählung von dem Trau— me des Sofeph, von dem zweiten, größeren und inhaltreiches ren, der Erzählung von dem Befuch der Magier und was da— ran fich Fnüpft, auch innerlich und der Erfindung nach getrennt, oder ob es, der Außerlichen Trennung ungeachtet, Durch eine Gontinuität des Sinnes mit ihm verbunden iftz wiewohl wir befennen, daß wir uns zur leßtern Anficht neigen. Im erftern Valle würde jenem Stud nur eine geringe Bedeutung beige: meffen werden koͤnnen. Es würde dann am wahrfcheinlichften als in der Abficht erfunden anzufehen fein, um die Frage zu beantworten, welche bei der Vorftellung von der wunderbaren Empfaͤngniß der Maria wenigftens von unferm profaifchen Standpuncet aus Faum umgangen werden kann: die Frage, wie jenes außerordentliche Greigniß fich für den Gatten der Maria beglaubigt habe. So nämlich lautet die Erzählung: Sofeph, als er feine Verlobte, ohne ihr ehelich beigewohnt zu haben, Ihwanger fand, beabfichtigte heimlich ſich von ihr zu tren— nen; ald ein reblicher Mann namlich trug er Bedenken, fie öffentlich zu brandmarfen. (Diefer Zuſatz namentlich kann al- Verdings darauf hinzumeifen fcheinen, Daß der Erfinder Diefer Erzählung fih ausdrücklich die Frage vorgelegt hatte, wie e8 denn gefommen fei, daß die Begebenheit, zur Zeit als fie ge- fchehen, nicht mehr Auffehen gemacht habe). Da erfcheint dem Zofeph ein Engel des Herrn im Zraume*), und ruft ihm zu: *) Man hat die Bemerfung gemacht, daß die Wendung, nach welcher dergleichen übernatürlihe Erfheinungen „im Traume“ kommen, Die Sagen von der Kindheit des Herrn, 217 „Joſeph, Sohn Davids, fcheue dich nicht, dein Weib Maria heimzuführen, denn was fie gebären wird, ift aus heiligem Geiſte!“ Auch die Geburt eines Sohnes foll der Engel ver- fündigt, und verlangt haben, daß derfelbe Jefus genannt wer: de, er fei nämlich, was durch diefen Namen angedeutet werde, beftimmt, von feinen Sünden das Volk zu erlöfen. Sofeph, vom Schlafe erwacht, befolgt die Mahnung des Engels und führt fein Weib heim, ohne aber, bis zur Geburt ihres Erft: geborenen, ehelichen Umgang mit ihr zu pflegen. — Man braucht, wie gefagt, um die Erklärung diefer Anekdote, wenn man fie für fich einzeln nimmt, nicht verlegen zu fein; um fo weniger, als auch fie mit kaum verfennbarer Rüdficht auf eine ältere, zwar nicht in den biblifchen Urkunden vorfommen- de, aber fonft hinreichend befannte Erzählung vom Water des Mofes*) erfunden iſt. Betrachten wir fie aber als entftanden im Zufammenhange mit dem nachfolgenden, unendlich tiefen und finnvollen Mythus, was durch die unverfennbare Aehn- lichkeit des Tones und der Haltung beider allerdings wahr: fcheinlich wird, fo fünnen wir nicht anders ald annehmen, daß auch in ihr ein tieferer Sinn fich verbergen muß. Ein folcher aber wird, wenn man bie Analogie erwägt, in welder die Lage der Maria, dem Sofeph gegenüber, zu dem gewoͤhn— lihen Schidfale alles Höhern und Göttlichen fteht, wenn es ſich innerhalb der irdifchen Berhältniffe eine Bahn brechen will, nicht allzu fchwer zu finden fein. Die nachfolgende, bei unferm Gvangeliften eben fo, wie jene vorhergehende, mit hoͤchſt fchlichten, einfachen Worten, ſchmuckloſer noch, ald die entfprechende bei Lukas, vorgetra= gene Erzählung nämlich ift ohne Frage, fowohl was die Tiefe und Erhabenheit des Sinnes, ald was die Anmuth und Schön- dem erften Evangeliften eigenthümlich ift, während fie in anderen neuteftamentlichen Erzählungen nicht vorzufommen pflegt. Eine Hin= neigung zur natürfichen Ausdeutung fann man darin ſchwerlich fin den, denn diefe ift gerade unferem Evangeliften völlig fremd. Eher ‚ möchten wir glauben, daß die Sage hier und anberwärts durch diefe Wendung das Unbewußte und Unabfichtliche des durch ein göttliches Berhängniß gefaßten Befchluffes ausdrüden will. #) Joseph. antig. U, 9, 3, * 218 Zweites Buch. heit der Erfindung betrifft, die Krone aller dieſer mythiſchen Dichtungen; ein Gebilde, das zu den außerordentlichſten und wunderbarſten gehoͤrt, welche die Sagenpoeſie aller Zeiten und Voͤlker hervorgerufen hat. Aber je wunderbarer im aͤchten, wahrhaften Wortſinne das Bild, um fo gewagter muß noth— wendig die Deutung erfcheinen, welche feinen Sinn in die Form des Begriffes überzutragen unternimmt. Wir wagen es mit folcher Deutung hervorzufreten, auf die Gefahr hin, daß man und vorwerfe, ein noch größeres Wunder an die Stelle deſſen zu fegen, welchem durch die mythifche Anficht, fo wie man Dies felbe bisher zu faffen pflegte, ausgewichen werden foll ; wir wagen e3, in der Ueberzeugung, daß der herrlichen Dichtung auf Feine andere Weiſe, ald nur auf Ddiefe, ihr Necht werden kann. — AS Zefus zu Bethlehem geboren war, — fo hebt dieſe Dich: tung an, — zur Zeit des Königs Herodes, traf eine Gefell- fchaft von Magiern aus dem Morgenlande in Serufalem ein. Sie fragten nach einem Könige der Juden, der fo eben gebo= ren fein muͤſſe; es fei nämlich ihnen der Stern diefes Königs im Morgenlande erfchienen; ihm zu huldigen, feien fie herzu gekommen. — Daß ein folcher Stern den Meffias verfündi- gen follte, dies allerdings wat eine Vorausfekung, welche in Folge der Weiffagung des Bileam von dem Sterne, der aus Jakob aufgeht*), in die Sage übergehen konnte. Denn aud) von den Juden, fowohl vor ald nach Chriftus, fcheint diefe Weif- fagung auf den Meffiad bezogen, und der Stern als ein Zeis chen, welches bei der Erfcheinung des Meſſias nicht fehlen dürfe, betrachtet zu fein. Ob aber, wie in neuerer Zeit won fo Vielen vermuthet worden ift**), dieſe Sage eine Stüße fand an einer feltenen Himmelserfcheinung der Art, dergleichen nach Kepler's Berechnung um die Zeit von Chrifti Geburt in der Gonjunction der Planeten Saturn und Jupiter ftatt gefun: den haben fol: dies müffen wir hier dahingeftellt fein laſſen. Ohnehin Fünnten wir diefer Frage für unfere gegenwärtige Be— trachtung Fein großes Gewicht einräumen, da auch im beja- *) 4 Mofi 24, 17, **) 3, B. von Münter in der Schrift: der Stern der Weifen (Ko- penhagen 1827). Die Sagen von der Kindheit des Herrn. 219 henden Falle der Stern der Magier dadurch noch nicht zum gefchichtlihen Factum würde, Nicht minder aber, wie die Erſcheinung des Sternes, war auch die Ankunft huldigender Schaaren aus fernen Heidenländern geweilfagt. GE& findet fich diefe Weiffagung in demjenigen Prophetenbuche, welches vor allen übrigen Büchern des Alten Teftamentes die deutlichfte Vorahnung der Ideen enthält, die fich in dem wahren Meffias realifiren follten*), und auch in Bezug auf fie fteht der Anz nahme wenigftens nicht3 im Wege, daß fie bereits zu jener Zeit unter die nothwendigen Kriterien der meffianifchen Gegenwart eingereiht war**). Solchergeftalt war in den heiligen Büchern der Ssraeliten, e8 war im ißraelitifchen Volfsglauben, dem ge: rade in diefem Puncte analoge Züge in dem Volksglauben auch der heidnifchen Völker begegneten**), der Anlaß gegeben, in gutem Glauben und ohne irgend eine Abficht des Trugs die Sage zu erfinden, deren Bedeutung jedoch ganz wo anders, als in diefen äußern Anläffen zu fuchen ift. Gewiß nämlich haben wir, unbefchadet übrigens des Einfluffes ; jener prophetifchen Sprüche, denen beizupflichten, welche diefer Sas ge „in ihrem innerften Grunde einen ganz fymbolifchen Charafter‘’ *) In den Prophetenfprüchen, welhe den Schriften des Sefatag (som vierzigften Capitel an) angehängt find und deſſen Namen führen, obgleich fie erſt aus der legten Zeit der babylonifchen Ge— fangenfchaft herrühren fünnen, Cap. 60, 6. Außerdem Pf. 72, 10, **) Man fann die Frage aufwerfen, woher es fomme, daß der Ver— faffer des Matthäusev., der doch fonft allenthalben fo befliffen ift, prophetifche Stellen anzuführen, gerade diefe Stellen anzuführen unterläßt, die doch fo unverkennbar feiner Erzählung oder vielmehr fhon der Sage, die er erzählt, zum Grunde liegen. Und dor hat in Bezug auf die Weiffagung des Bileanı bereits wenigftens Ori— genes diefen Zufammenhang bemerkt, indem er (ec. Cels. I, 60) diefelbe als den Grund der Meffiashoffnung der Magier nennt, Sedenfalls kann das Unterlaffen folder Anführung als eim Zeichen dienen, daß der Evangelift die Sage nicht felbft erfand, fondern bereits gebildet vorfand. Wiewohl man nicht umgekehrt fehließen darf, daß jedes wirklich vorkommende Citat folcher Art auf eigne Erfindung oder Zufammenftellung des Evangeliften hindeute, ***) Schon vielfach hat man an die Bedeutung erinnert, welche den zur Zeit des Mithrivates, des Cäſar u. a. erfchienenen Kometen beigelegt ward. 220 Zweites Bud. zufchreiben: „daß fie nämlich eben dadurch, daß Jeſus ogfei auch von Heiden anerfannt worden, dem Chriftenthume fein Recht, ſich über das Judenthum hinauszuerftredien, geltend machen will‘’*). Es hat aber die Sage diefe ihre Beftimmung nicht etwa auf blos Außerliche Weile, fondern mit wahrhaf- tem, wenn auch unbewußten Zieffinne erfüllt, und zwar, wie es Achter, objectiver Sagendichtung ziemt, auf die fchlichtefte, Eunftlofefte Weife. Ihr fehöpferifches Thun befteht, Außerlich betrachtet, einzig Darin, daß fie jene beiden Züge, Die in der MWeiffagung abgetrennt von einander auftreten, das Erfcheinen des Sternes und die Ankunft der Huldigenden von Dften zu: fammenbringt, und dabei die Lesteren, die in dem Propheten- fpruch aid Neiche und als Könige bezeichnet werden, im prie= fterliche Weile, in Magier umſetzt“). Auch daß als die Hei- math'diefer Magier ftatt des in der Prophetenftelle bezeichneten „Saba“ das Morgenland überhaupt genannt wird, ift ein nicht zu überfehender Zug der an diefer Stelle finnreich verall- gemeinernden Sagendichtung **). Es heißt den Tiefſinn, der wirklich in der Sage liegt, nicht willkührlich nur in fie hinein- getragen wird, verfennen, wenn man, wie die neuefte Kritik es ‚thut, in diefer bedeutenden Zufammenftellung nicht3 weiter fehen will, als nur ‚‚einen Zug, welcher, den Stern einmal vorausgefeßt, ſich von felbft ergab; denn die Bedeutung defiel- ben konnte niemand beffer verftehen, als Aftrologen, und als das Vaterland Diefer Kenntniffe galt der Orient““. Wahrlich, eine fo ganz nur aus der Fahlften Neflerion hervorgegangene Grfindung hätte in der gläubigen Anfchauung der ganzen chrift- Yichen Welt, hätte namentlich auch in der fünftlerifchen Phanz *) Schleiermarher über den Lukas ©. 47. Den Gegenfaß jedoch, in welchen diefer Schriftiteller die Erzählung des Matthäus zu jener des Lufas ftellt, die er als unmittelbar gefchichtlich feſthalten will, fönnen wir natürlich nicht anerkennen, ==) Nebenher galten fie in der fich fortfpinnenden Sage allerdings auch noch als Könige; — insbefondere wohl als Gegenfaß zu ben anbetenden Hirten in der Geburtsnacht. Sr) Diefer Zug ift der fanonifhen Erzählung eigenthümlich. Im juſti⸗ niſchen Dialog mit Tryphon wird, unſtreitig in Folge des Rückbe— zugs auf jene Stelle, zu wiederholten Malen Arabien als das Va— terland jener Magier genannt. ® 2, ya Die Sagen von der Kindheit des Herrn. 221 tafie' der chriftlichen Volker niemals die hohe Bedeutung erlan- gen koͤnnen, welche die Sage von den Magiern und ihrem Stern doch unläugbar wirklich erlangt hat! Nur ein tieferer, ein weltgefchichtliher Sinn fonnte der Sage, konnte dem Bilde diefes Gewicht, dieſe wunderbar anziehende Kraft verleihen, wenn er auch nur mit ahnender, unbewußter Gentalität, nicht mit ausdruͤcklicher, felbftbewußter Neflerion in fie hineingelegt war. Und fo möge ung denn Niemand tadeln, wenn wir, das Moment der Neflerion freilich von außen, von unferer gegens wärtigen Wiffenfchaft und Bildungsftufe zu der Sage ber: zubringend, ‚ diefen Sinn aus ihr herauszuziehen und auch für den Verſtand begreiflich in Worte zu faffen trachten. Wir fin- den nämlih, um es kurz zu fagen, in diefer Sage auf naive Weiſe die große Anfchauung von der Bedeutung der heidnifchen Religionen, von dem Sinn und Inhalt der alten Priefterweis- heit des Drients in ihrem Berhältniffe zum Chriſtenthum nie= dergelegt. Der Stern, den die Magier erbliden, deſſen Er: fcheinung im Morgenlande fie den Meffias fuchen heißt, und der darauf ihnen zu defjen Geburtsftätte vorleuchtet, — dieſer Stern ift nicht ein flüchtiges Meteor, auch nicht eine befon- dere, Durch Aaußere Beobachtung und mathematifche Berech— nung der Gefeße des Sternenlaufes zu erforfchende Gonftella= tion. Er ift nicht mehr und nicht weniger, ald der Gefammte inhalt jener Naturfymbolif, welche den Sternenreligionen de3 heidnifhen Morgenlandes, und durch Vermittelung jener aſtro— logifhen Grundanfchauung den religiofen Ideen des Heidenthums überhaupt zum Grunde lagz er ift diefer Inhalt, in ein einfaches, leicht verftändliches Bild zufammengefaßt. Daß diefe Symbo=- lik, daß der gefammte religiofe Kern des Heidenthums, geiftig erfaßt und in feiner Wahrheit begriffen, auf das Chriftenthum hinweift, Chriftum fuchen und den Gefundenen erfennen lehıt: dies und nichts anderes ift der klar vorliegende Sinn des fo anmuthigen und zugleich fo erhabenen Wunderbildes. So ent— fernt wir davon find, behaupten zu wollen, daß dem Grfinder des herrlichen Bildes, oder daß irgend einem derer, bie fich von dem Bilde geheimnißvoll angefprochen und angeregt fan— den, dieſer Sinn zu deutlichem Bewußtfein oder zu begrifflicher Erfenntniß gediehen war: fo Ear und ficher ift unfere Ueber: 222 3weites Bud). zeugung, daß es dieſer mit ahnendem Seherblid erfchaute In— halt war, welchen die Dichter der Sage, wie durch einen goͤtt⸗ lichen Geift getrieben, in die von der prophetiichen Weiffagung - überfommenen, von ihnen nur ſchlicht zufammengeftellten Bil: der hineinlegen Fonnten, hineinlegen mußten”). Zur Beglaubi- gung der Sage trug dann wefentlicy der zur Zeit, wo fie ent- fand, im Orient verbreitete, ahnungsvolle Glaube bei, es fei vom Schickſale verhängt, daß ein Weltherrfcher von Judaͤa ausgehen folle**). Es ift befannt, wie diefes Volksgeruͤcht von den Römern auf ihren Veſpaſian und Titus bezogen ward; die Chriften, wenn fie es vernahmen, durften mit ungleich groͤ— ßerem Rechte daffelbe auf den ſchon erfchienenen Herrn und Welt-Heiland beziehen. Nicht eitler Wahn, fondern ein wahre haftes Bewußtfein über die weltgefchichtlihe Beftimmung des Chriftentyums fand darin zum voraus ſchon die Weiffagung erfüllt, daß alle Völker dem Herrn, der in Knechtögeftalt er= fhienen war, huldigen follen. *) Lehrreich für die Bildungsgefihichte und für den Sinn der Sage ift die Stelfe bei Ignatius in dem Epheferbriefe ($. 19), in welcher ich nicht blog eine phantaftifche Nusmalung, aus einer der Recenſio— nen des Hebräerevangeliums gefloffen, finden möchte. Es tft näm— Yich dort von einem Stern die Nede, „von unausſprechbarem und ftaunenerregendem Lichte, der alle anderen Sterne überftraplte, und um den die übrigen Sterne, nebft Sonne und Mond, einen Chor» zeigen bildeten”; es wird ferner, von ihm noch gefagt: „daß in ihm alle Magie ihr Ende fand.“ Manches feheint darauf hinzudeuten, daß wir hier nicht ſowohl eine Anfpielung auf die fhon gebilpete Sage, als vielmehr ein Moment des Gährungsproceffes, in welchem fih die Bilder der Sage alfmählig nieverfchlugen, vor ung haben, Dffenbar bedeutet hier der Stern das Chriſtenthum felbft, mit un— verfennbarem Rückbezuge auf die Anfchauungen des Heidenthumg, welche in ihm ihre Auflöfung fanden. Es wird aber erfichtlich, wie es gefchehen Fonnte, daß aus biefem allerdings näher liegenden Sym— bofe, unter Mitwirkung der oben gedachten prophetifhen Stellen, , fich jenes zartere und finnigere, welches wir in unferm Evangelium finden, allmählig hervorentwickeln fonnte, =#) Fore, oder, esse in fatis, ut profecti Judaea rerum potirentur — fagen mit faft gleichlautenden Worten Sueton (Vespas. 4) und Tacitus hist. V, 13). Des Leßteren Gefchichtsbiücher laſſen noch an meh— reren Stellen fehen, wie tief Damals dieſer Glaube im Volke ge= wurzelt haben muß. Die Sagen von der Kindheit des Harn. 1223 Auch den Fortgang der Erzählung fünnen wir nicht fo vers ftehen, als knuͤpfe er wirkliche gefchichtliche Thatſachen, oder folhe, die ohne tieferen gefchichtlich «idealen Gehalt es zu fein vorgeben, an jene fombolifchen Praͤmiſſen. Wir glauben viele mehr in ihm die von jenem Ausgangspunct aus faft mit Noth— wendigfeit fich ergebende, mythifche Ausführung deffelben Grund thema zu erkennen, und fcheuen und nicht, den Mythus, der aus jo wunderbarer Tiefe die Grundidee feiner Erfindung fhöpfte, auch das fein und ſinnvoll gewobene Geſpinnſt fols cher Ausfuͤhrung zuzutrauen. — Durch die Reden der Magier, die, den Meſſias ſuchend, nach Jeruſalem kommen, findet ſich Koͤnig Herodes und mit ihm ganz Jeruſalem beunruhigt. Eine Verſammlung der Oberprieſter und Schriftgelehrten des Volkes ſoll entſcheiden, von welcher Seite die Geburt des Verheißenen zu erwarten ſei. Als dieſe, dem prophetiſchen Worte gemaͤß, den Flecken Bethlehem nennen, beruft Herodes, Verderben finnend, die Magier heimlich zu ſich, befragt fie genauer nach der Zeit des erfchienenen Sternes, und trägt, nach Bethlehem fie entlaffend, ihnen auf, eine Nachricht über das Kind, wenn fie e8 aufgefunden, ihm zu ertheilen, Damit auch er demfelben huldige. Die Magier reifen ab, und wunderbar! der Stern, den fie im Morgenlande gefchaut, leuchtet vor ihnen her, bis er endlich über dem Haufe, wo das Kind war, ftill fteht. Sene, voll hoher Freude über die Erfcheinung des Sterne, treten in das Haus ein, fie finden das Kind mit feiner Mut— ter Maria, fie fallen huldigend vor ihm auf ihre Knie, oͤffnen ihre Kiften und reichen ihm Gefchenfe dar, Gold, Weihrauch und Myrrhen. — Ganz eben fo reichte der huldigende Priefters und Dichtergeift der alten Welt dem fiegenden Ehriftenthume die Blüthen fombolifcher Kunft und. Poefie als ein Fötliches Geſchenk dar; die Findliche Chriftusreligion hat dieſes Gefchent nicht verfchmäht, fie hat fich ald an einem heiteren Spiele da— ran ergoͤtzen, ald mit einer frohlichen Zierrath damit ſchmuͤcken wollen. Dies nämlich ift der Sinn des fehonen Bildes dieſer Darbringung, und darin findet fich zugleich der Schlüffel zu der Bedeutung, welche diefe mythifche Scene für die chriftliche Kunft erlangt hat. Diefe nämlich mußte fich darum fo gern in diefelbe verſenken, weil fie hier mehr, als irgendwo fonft, den a JA en a 2 Zweites Buch. Begriff, das Bewußtfein ihres eigenen Weſens wiederfand, und in ihrem Werke eben dieſes Bewußtſein ihrer ſelbſt der hoͤheren Idee, dem unſichtbaren Chriſtuskinde, huldigend dar— reichen konnte. — Aber zugleich mit dieſem Haupt- und Gi— pfelpuncte der mythiſchen Erzaͤhlung wird durch das Licht des Gedankens, den wir als das ſie beſeelende Princip aufgewieſen haben, auch der uͤbrige Verlauf derſelben erleuchtet. Herodes gilt in derſelben, wie uͤberhaupt in dem ganzen Sagenkreiſe von Chriſti Geburt und Kindheit, als ſymboliſcher Repraͤſen— tant der weltlichen Macht, des Neiches diefer Welt. Ja man kann, fo viel wenigftend den ‚gegenwärtigen Zufammenhang betrifft, näher noch in feiner Perfon den Begriff jenes, Damals die Welt beherrfchenden Neiches dargeftellt finden, von welchem wir wilfen, wie es, feinen vom Schickſal ihm verhängten Ne- benbuhler in ihm ahnend, durch blutige Gewalt das auffeis mende Chriftenthum zu unterdrüden fuchte. Daß die Magier es find, durch welche die Kunde von dem wirklich geborenen Mefjias an den König kommt: darin ift eben das Verhaͤng— nißvolle, weltgefchichtlich Bedeutfame und Providentielle jener unheilbringenden Unglüksahnung der bisherigen Weltherrfcher ausgedrückt. Dafjelbe religiofe Bewußtfein des Heidenthums namlich, welches, vom Geifte der Wahrheit geleitet, der ur— fprünglich auch den Heiden von ihrem Schöpfer eingepflanzt ift, dem Chriftenthume entgegendrängt und fich ihm huldigend unterwirft: eben Diefes Bewußtfein wird, von jenem Geifte verlaffen, der weltlichen Macht, die aus der heidnifchen Welt emporgeftiegen war, ein unmillführlicher, in den bunfeln Hin: tergrund des Schickſals fich verbergender Antrieb zur Verfol— gung des Chriſtenthums; es zeigt jener Macht den Feind, der fie ftürzen fol. — Bor allen aber derjenige Zug, welcher durch feine finnreiche Feinheit und durch den Ziefblid, aus welchem er hervorgegangen ift, am meiften überrafcht, eben fo, wie er, als wirkliches Factum betrachtet, am entfchiedenften jedem Ver— fuch einer naturaliftifchen Ausdeutung widerftrebt, ift die noch— malige Erfcheinung und das Vorleuchten des Sterned bei dem Zuge der Magier nach Bethlehem. Wer da wiffen will, was die Sage durch dieſen Zug ayszudrüden ringt, der vergegen- waͤrtige fich, wie gerade zur Zeit des entftehenden und allmah- Die Sagen von der Kindheit des Herrn. 225 lig emporwachfenden Chriftenthums jener tiefe Naturgrund der Neligionen des Altertbums, den wir hier durch das Bild des Sternes bezeichnet finden, jene magifche Symbolif, die ihre Princip und ihren Mittelpunct in der Beobachtung des Ster— nenlaufs hatte, im Bewußtfein der heidnifchen Voͤlker noch ein- mal auftauchte, nachdem fie im Getriebe des Kunft- und Ge— fhichtslebens fchon fo gut wie entfchwunden fchien. Durch das Streben nach ihrer Deutung, nach Grfaffung ihres innerften, verborgenen Sinne ward dieſe Symbolik, die fich daneben freilich auch in finftegem Aberglauben, in Magie, Theurgie und morgenländifchen Götterdienften der abenteuerlichften Art geltend machte, befonders in der Philofophie der alerandrinifch = platoni- ſchen Schule unwillführlich der Führer zum Chriftenthum. Diefes denfwürdige, welthiftorifche Phanomen ift es, deſſen Bewußt- fein bier die Sage mit einem allerdings zwar an das Wunder: bare grenzenden, aber darum noch nicht in das Neich des Fa- belhaften zu verweifenden Tiefſinne fich angeeignet und im Bilde verkörpert hat. Weiter erzählt die Sage, wie die Magier, durch ein Sraumgefiht gewarnt, ein nochmaliges Zufammentreffen mit Herodes vermeiden und auf einem andern Wege nach Haufe ehren. Das heißt, wenn wir den Zufammenhang weiter ver— folgen, der im Vorhergehenden begonnen ift: die weltliche Macht wird von der religiofen Subftanz, von der priefterlichen Meisheit des alten Heidenthums verlaffen: ein Schidfal, von welchem, wie die Gefchichte Iehrt, das MWeltreich jener Zeit in der That betroffen. worden ift. Aber nicht blos die Magier, fondern auch Sofeph erhält ein folches Gefichtz er wird da— durch veranlaßt, mit dem Kinde und deſſen Mutter nach Ae— gypten zu fliehen und dort bis zum Tode des Herodes zu ver weilen. Diefer Zug der Sage gehört zu denjenigen, welche einer Erflärung, fei es einer gefchichtlichen oder einer mythologifchen, die meifte Schwierigkeit entgegenftellen. Daß er nicht als hiſto— riſches Factum zu betrachten fei, giebt fich fchon durch das beigefügte Motiv einer Traumerfcheinung fund, welches, da die’ Kunde von der wirklich drohenden Gefahr fo leicht zu erhalten war, als ein völlig überflüffiges erfcheinen muß. Ueberdies aber ftehen alle Schwierigkeiten, welche die Thatfächlichkeit des von 15 — — 226 Zweites Bud. Herodes beabfichtigten und ausgeführten Kindermordes fo ſtark in Frage ftelen, auch diefem angeblichen Factum entgegen. So hat man denn, dies einfehend, fich an die vom Gvangeli- ften felbft angeführte prophetifche Stelle*) halten zu müffen ge- meint, und in diefer den Anlaß zur Erfindung jenes Zuges gefucht. Allein da diefe Stelle mit deutlihen Worten nicht vom dereinſtigen Mefjias, fondern von dem Wolfe Israel ſpricht, welches der Herr einft aus Aegypten geführt hattez da in ihr felbft fchlechterdings Fein Grund vorhanden ift, fie auf den Meſſias zu beziehen, fo fpricht die hoͤchſte Wahrfcheinlich- keit dafür, daß die meffianifche Deutung derfelben nicht Alter, fondern jünger ald die gegenwärtige Dichtung, und erft durch fie veranlagt ift. — Schonder Mangel einer hinreichenden aͤu— Bern Motivirung nöthigt uns alfo, im Zufammenhange mit un: ferer bisherigen Deutung diefer gefammten Sagenteihe, einen tiefern Sinn auch diefes Zuges aufzufuchen. Diefer Sinn aber, welch ein anderer fonnte es fein, als, in feiner Allgemeinheit ausgedrüdt, diefer, daß, ‚von der weltlihen Macht verfolgt und unterdrüdt, das jugendliche Chriftentyum aus feiner Hei— math, im eigentlichen fowohl, wie auch im figürlichen Sinne, auszuwandern und vor den Bliden der Weltbeherrfcher fich zu ° verbergen genöthigt wird? Daß gerade das Land Aegypten als Zufluchtsort des Kindes genannt wird: daran mag allerdings die Erinnerung an den agyptifchen Aufenthalt des israelitifchen Bolfes, die Neigung, mit den Schidjalen diefes Volkes, wel- ches in den Gefangen feiner Propheten ja auch in der perfün- lichen Geftalt eines „Knechts des Jehova““*) Dargeftellt wird, die Schickſale des Meffias in Parallele zu bringen, ihren An— theil haben. Dies anzunehmen liegt hier um fo näher, je un- verfennbarer die Erzählung von der Nettung des Chriftuskindes auf die ahnlich wunderbare Errettung fich zurücbezieht, Die von dem Knaben Mofes berichtet wird. Aber auch hier konnen wir =) Opnfislissls **) Ohne Zweifel doch wohl die annehmlichfte unter den verſchiedenen, namentlich neuerdings verfuchten Deutungen diefes Ausdruds, der in verfchiedenen Prophetenftelfen, am Häufigften und prägnanteften in der vorhin erwähnten zweiten Hälfte des Jeſaias vorkommt. Die Sagen von der Kindheit des Herrn. 227 und, in Folge der Anficht, die wir von der inneren Structur einer fo Achten und fo tief angelegten mythifchen Dichtung, wie Die vorliegende, ein für allemal gefaßt haben, bei einem fo aͤußerlich derfelben aufgeprägten Motiv noch nicht beruhigen: Gedenken wir an jenes Verhaͤngniß, welches in den erften Jahr— hunderten des Chriftentbums zum vorzüglichften Schauplaß fei- nes auffeimenden Lebens und feiner früheften Ausbildung das nördliche Africa und befonders auch Aegypten machte, waͤh— vend es, mit der Macht, welche die Welt beherrfchte, . ent: zweit, aus feiner Heimath, der urfprünglichen fowohl, wie auch der von dem Weltgeifte für die fernere Zukunft ihm ans gewiefenen, fo gut wie verbannt blieb: fo fünnen wir uns nicht enthalten, — wäre es auch nur den Zufall zu bewundern, wel- cher das fo tieffinnig angelegte und fo Funftvoll begonnene my: thifche Gewebe fo finnreich fortgefponnen hat. Billig zwar tragen wir Bedenken, den hier angedeuteten Gedanken als In- halt der Sage in einer folchen Weife auszufprechen, die man als redend von einem abfichtlich in fie hineingelegten Sinne ver- ftehen konnte. Denn weniger noch, als anderwärts, kann hier folche felbftbewußte Abficht vorausgefegt werden, da jener In— halt für die Erfinder nicht einmal ein gegenwärtiger oder ein vergangener, fondern erft ein zukünftiger war. Allein auch an- dern mythiſchen Zufammenhängen, Altern und neuern, finden wir gar nicht felten großartige WVorausblide in die weltge: Thichtlihe Zukunft einverwebt, folche, die, während fie nach der einen Seite hin durch den Ueberblict über den Gang der Weltgefchichte, welcher überall die eigentliche Seele folcher My— then ausmacht, bedingt und gewiffermaßen gegeben find, doch nach der andern hin etwas überrafchend Wunderbares, Pro— ‚ videntielles behalten. Im gegenwärtigen Falle fünnte ein An— knuͤpfungspunct für jenen fo rathfelhaft überrafchenden Zug etwa noch in der Bedeutung gefunden werden, welche Aegypten bes reits Damals für die Bildung und das Geiftesleben des israeliti— ſchen Bolfes gewonnen hatte. Jene Wirkſamkeit der aleran- drinifchen Schule, durch. deren WVermittelung Aegypten in der That recht eigentlich die Wiege für die Gnoſis oder geiftige, fpeculative Erkenntniß innerhalb des Chriftenthbums geworden ift, hatte fchon zu der Zeit begonnen, ald der Mythus erfunden 15* 228 Zweites Bud. ward. Derfelbe ahnungsvolle Tiefblid der mythifchen Dichtung, der manches andere welthiftorifche Moment ſo glücklich ergrif— fen hat, konnte daher wohl auch: diefes auffaflen, da es ja unleugbar in der Richtung lag, nach welcher hin der Geift jes ner Dichtung einmal feine Fühlfaden ausgeftredt hatte. Sn entfprechendem Sinne müffen wir uns jest entfchlies en, die Deutung des mythifchen Verlaufs auch von dem jeßt erreichten Puncte an zu Ende zu führen, fo. befremdend die— felbe, wie wie uns ein für allemal defjen zu befcheiden haben, den Anhängern aller bisherigen Parteien der Schriftauslegung, die Befenner der „mythiſchen Anficht‘’ felbft nicht ausgenom— men, erfcheinen mag. Wenn es im Fortgange der Erzählung von Herodes heißt, daß er, von den Magiern fich getäufcht fehend, in Zorn geräth; wenn er in diefes Zornes Aufwallung den Befchluß zur Ermordung aller Kinder in Bethlehem und in der Umgegend von Bethlehem bis zum zweiten Altersjahre faßt: fo wird uns durch den Faden der von uns verfuchten Ers Elärungsweife von felbft die Deutung an die Hand gegeben: daß, nicht mehr im eigenen Geifte der alten, edleren Naturreligion, fondern von diefem Geifte verlaffen und getäufcht, die heidni- sche Macht gegen das Chriftenthbum thätlich zu wüthen beginnt. Diefen Sinn würden wir der in diefem Zufammenhang erzaͤhl— ten Thatſache des Kindermordes unterzulegen felbft dann nicht umhin fonnen, wenn wir mit manchem auch der fonft freier denfenden Forfcher, derfelben eine Außerliche hiftorifche Reali— tät zufchreiben fonnten*). Dies aber verbietet uns, außer dem Stillfichweigen des Sofephus, die fchon von Mehrern gerügte Zwedlofigfeit diefer That, mehr aber noch das offenbare Be— dingtfein diefer Erzählung durch den übrigen, wie gezeigt, rein mythischen Zufammenhang. — Minder überflüffig mag es fein, nach gefchichtlichen Umftänden zu fragen, die zu dieſer Erfin- dung den Außerlichen Anlaß geben Fonnten, Hier mochten wir, *) Bekanntlich will man diefe Begebenheit ganz wohl zu dem übrigens befannten biutvürftigen Charafter des Herodes paffend finden; auch führt man das Zeugniß eines heidniſchen Schriftitelfers fpäterer Zeit an (Macrob. Saturn. II, 4), der aber höchſt wahrfeheinlich die Kunde dieſer Begebenbeit erft von den. Chriften erhalten bat. Die Sagen von der Kindheit des Herrn. 229 außer jenen bekannten Tchatfachen aus der Gefchichte des He— rodes, einiges Gewicht auf die von dem alten Kirchengefchicht- Schreiber Hegefippus und nach ihm von Eufebius erzählten That: fachen der Chriftenverfolgung unter Domitianus legen **), welche ziemlich genau in die Zeit der Entftehung unferer Sage fallen, und felbft mit unter den Begebenheiten, auf welche der ver- borgene Sinn der Sage hinweift, inbegriffen find. Diefer Sinn namlich geht, wie ſchon bemerkt, wefentlich auf die Schidfale nicht ſowohl des perfünlichen Chriſtus, als vielmehr der frühe: ften Chriftengemeinde. Durch die Todtung der Kinder, wäh- rend der gütklihe Knabe, dem die Blutthat galt, gerettet wid, wird das Martyrthbum, das Leiden und der od fo vieler Befenner des Chriftenthums bezeichnet, während das Chris ftenthum felbft der graufamen Wuth, der jene zum Opfer fielen, unerreichbar blieb. Diefe Deutung fprechen wir, da ihr Inhalt den Erfindern der Sage nahe genug lag, ohne viel Bedenken und mit einer gewiffen Zuverficht aus; furchtfamer, und nur als einen problematifch hinzuwerfenden Gedanken, die folgenden über den Schluß der Erzählung, Die freilich fo weit in die Zeiten, welche damals noch Zukunft waren, hinausgreifen, daß nicht Teicht jemand kuͤhn genug fein wird, eine folche Divinatorifche Kraft des Mythus uns noch einzuräumen. — Wenn nämlich als Zeitpunct des Endes jener Verfolgungen, als Zeitpunct der Nüdkehr des Chriftusfnabens nebft Mutter und Stiefoater in die Heimath, der Tod des Herodes genannt wird: fo fcheint die Gonfequenz von und zu fordern, dies auf die gefchichtliche Thatſache zu bezie— ven, daß die Einkehr des. Chriſtenthums in die vom Weltgeift ihm beftimmte Heimath, d.h. feine Verbreitung über die europaifche Welt, mit dem Sturze der roͤmiſchen Weltherr Schaft zufammenfält. Eben fo, wenn ſchließlich die Sage, zur wirklichen Gefchichte zuruͤckkehrend, berichtet, daß die Heim: fehrenden, ſtatt des jüdischen: Landes und der altvaͤterlichen Davidsftadt, zu ihrem: fostanigen Aufenthaltsorte, durch die Furcht vor Archelaus, dem Nachfolger des Herodes gefchredt, Galilaͤg und Nazareth wählten, dieſe von Voͤlkerſchaften heid: nifcher Abkunft, von Fremdlingen mehr, ald von rein jüdifchen *) Euseb. H. E. Il, 19 sg. en 230 Zweites Bud. Stammgenoffen bevölferte, durchaus einen belleniftiihen Cha- rafter tragende Provinz: fo mahnt uns dies, nachdem wir ein- mal jenen Parallelismus der Sage mit dem großen Gange der Weltgefhichte fo weit fortgeführt haben, unwillführlich daran, dag ja auch gefchichtlich das Chriftentbum, als es ſammt ſei— nen Xeltern, d. h. fammt den Ideen und geichichtlichen Erin- nerungen, durch die es aufgenährt und großgezogen ward, über den damals gebildeten Erdfreis fich verbreitete, feine Heimath zu wechfeln fich genöthigt fand, und ſtatt der alten jübiichen, — die auch Damals nur einen Herodes mit einem Archelaus vertaufchte, — eine heidniſche, die germanifch =romanifche Welt von der Vorfehung angewiefen erhielt, — Wäre irgend eine Ausficht, diefe kuͤhnen Borgriffe in die weltgefhichtliche Zu— funft al3 den wahren, jubftantiellen Sinn und Inhalt der Sage geltend zu machen: jo konnte man zu diefem Behufe etwa noch den Umftand benugen, daß wiederholt Iraumgefichte es, find, durch welche die handelnden Perfonen der Sage zu jenen ſym— bolifch bedeutfamen Schritten beftimmt werden, und ihr Wille nad) dem; Ziele hin, welches die Vorſehung ihnen bereitet hat, gelenkt wird. Man, fünnte nämlich fagen, daß in der Einfüh- rung Diefer Traumerfcheinungen ſich unwillführlic "die traum: artigen, vifionären Zuftande Fund. geben, welche wir in den Grfindern des Mythus vorausfegen müßten, wenn wir jene wunderbar ahnenden Vorblicke als wirklich durch fie gethan an: nehmen wollten. Doc, wie ſchon bemerkt, es kann nicht von uus darauf abgefehen fein, hier ein wirkliches Wunder behaup- ten, oder dieſe Momente unferer Deutung des Mythus im Ernft als folche geltend machen zu wollen, die irgendiwie ſchon in dem eigenen Bewußtfein der Erfinder des Mythus gegen- wärtig waren. Wie man aber auch über diefe und andere der problema- tifchern und paradoreren Puncte unferer hier verfuchten Deu: tung urtheilen möge: jedenfalls hoffen wir, daß fich durch fie das wichtige Hauptmoment, um deſſen Geltendmachung e3 ung allein wefentlich zu thun war, deutlicher, als nach den bishert- gen Behandlungen des urchriftlichen Sagenkreifes, herausgeftellt haben wird. ES reicht nicht hin, daß man von diefen Sagen, . wenn man einmal dahin gekommen ift, fie für Sagen zu er- Die Sagen von der Kindheit des Herrn. 231 fennen, nur im Allgemeinen zugiebt, daß fie mehr, als will ührliche Dichtung oder gar nur erlogene Mährchen find. Da— mit diefe Einficht zu einer Wahrheit werde, ift es unerläßlich, auch in die Art und Weife wenigftens einen Blick zu thun, wie fih in ihnen Ideen an die Stelle unmittelbarer Thatſa— hen eingedrängt haben. Auf die Nichtigkeit der Deutung im einzelnen Falle fommt es nicht fo fehr an. Macht es ja doch ohnehin die Natur der Sache felbft unmöglich, hier zwifchen Richtigkeit und Unrichtigfeit eine vollfommen ſcharfe Grenze zu ziehen, wiewohl ſich in einigen Fällen allerdingg Deutungen finden laſſen, die ſich durch ihre Evidenz und ſchlagende Kraft Allen empfehlen müffen, die fih nicht ein für allemal gegen den Standpunct felbft hartnadig verfchließen wollen. Dies aber fteht feft, daß eine Deutung ächter Art ftet3 nur einen_folchen Sinn in der Sage aufzeigen wird, der zugleich ihr Vorhan— denfein an diefer Stelle und in diefer Umgebung erklärt, alfo nicht irgend einen fernern und Außerlichen, fondern das eigene innere Wefen oder gleichfam die Idee der Begebenheiten, in deren Mitte oder an deren Stelle die Sage eintritt. — Nur fo fällt auch der Anftoß weg, den in jedem andern Falle die andächtige, reli— gioſe Betrachtung der evangelifchen, Gefhichte an der Beimi- fhung fagenhafter Dichtungen in den Zufammenhang dieſer Gefhichte zu nehmen allerdings nicht umhin kann. Was naͤm— lich eine von dem wahrhaften, fubftantiellen Snhalte, von der Sdee der heiligen Gefchichte durch und durch erfüllte Sage der Anfchauung bietet: das kann wefentlich nicht3 anderes fein, als felbft ein religiofer, ein heiliger Inhalt. Die gefchichtliche Offenbarung Gottes in dem Evangelium verliert von ihrem hei— ligen Inhalte nicht das mindefte, wenn ein Theil diefes In— haltes, ftatt ald unmittelbare Thatfache folcher Art zu gelten, in welcher fich die Gottheit mehr fpielend ald ernft, gleichſam mit ihrem eigenen erhabenften Werfe ein paradoxes, halb poe- tifches, halb aber doch auch troden profaifches Spiel treibend erwiefe, vielmehr ald das geniale, geiftvolle Werk erfannt wird, in welches der Menfchenfreis, an den die göttliche Of— fenbarung des Chriftenthums zuerft gerichtet war, ein producti- ves, fchöpferifches Bewußtfein von dem in feine Mitte herab- geftiegenen Gottesgeifte und von der Weife feines Wirkens hin: De BA it 4 Seh “= - 232 Zweites Buch. Die Sagen von d. Kindheit d. Herrn. einlegte. Solches Bemwußtfein ift ed, welches in der heiligen Sage feinen ihm durchaus gemäßen Ausdrud gefunden hat. Mit Recht betrachten wir Daher die Sage von der Geburt und Kindheit des Grlöferd als erfüllt von jenem göttlichen Geifte, der durch Chriftus über feine Sünger ergoffen ward, und durch Kraft diefes Geiftes als ein unentbehrliches Moment der evanz gelifchen Verkündigung; um fo unentbehrlicher, als fie es ift, durch welche allein der Rüdbezug diefer Verkündigung auf bie vorchriftliche Offenbarung des göttlichen Geiftes in den Religio- nen des Heidenthums, jene Offenbarung, die zu ihrem Dr: gane vornehmlich und faft ausschließlich den Mythus hat, v vers mittelt wird. —* ; — —* ZEHN. — So —— Fre ar SSR RE * ra A ’ ei — wi I \ — Bpmedy * — Drittes Bud. Veberfichtliche Darftellung der evangelifchen Gefchichte bis zum Tode Jeſu. Zu den auffallendften Zeichen, wie wenig die Gefchicht: fohreibung unferer Evangeliſten auf einer Eritifchen Durchfor: ſchung ihres Gegenftandes beruht, gehört unftreitig der Mans gel jeder genaueren chronologifchen Beftimmung über die Zeit der von ihnen erzählten Begebenheiten. Wie leicht müßte es ihnen oder müßte es denen, von welchen fie ihre Nachrichten einzo— gen, gewefen fein, zu einer genaueren Notiz über das Geburts: jahr Sefu zu gelangen, wenn es irgend einem von ihnen em— gefallen wäre, fich ernftlich darum zu befümmern! Statt deffen finden wir in dreien unferer Evangelien nicht einmal den Ber: ſuch einer näheren chronologifchen Beftimmung diefer oder ir— gend einer andern Begebenheitz in dem Gvangelium des Lukas allerdings zwar einige Angaben, durch welche eine foldhe Beſtim— mung bezwedt wird, aber theild nur im Allgemeinen und Unbe- ftimmten fich haltende, theils fich felbftunter einander und anderm, was aus jenen Zeiten zu unferer Kunde gelangt if, widerſpre— chende. Die fcheinbar genauefte unter diefen Angaben ift jene, welche befagt, daß das Auftreten des Johannes in das funf: zehnte Negierungsjahr des Kaiſers Ziberius falle*); auf fie hat man deshalb auch, fie mit andern, mindergenauen Nachrichten deffelben Schriftftellers combinirend,, fehon vor Alters jene Be— rechnung des Geburtsjahrs Shrifti begründet, nach welcher noch jeßt die chriftliche Welt ihre Sahre zählt. AWlein jene Angabe Bart, 3, 1, 236 Drittes Bud. wird theils an fich felbft dadurch verdächtig, daß fie in ihren Nebenbeftimmungen eine hiftorifche Unrichtigkeit enthält; — fie ‚nennt nämlich neben Pontius Pilatus als Procurator von Sudaa, neben Herodes ald Tetrarch von Galilda, neben Dhilippus als Tetrarch von Ituraͤa und Trachonitis, ne— ben Annas und Kaiphas endlich ald Hohenprieftern, einen Lyſanias als derzeitigen Tetrarch von Abilene, welchen die Gefchichte nicht Fennt, fondern deffen Name höchft wahr: fcheinlich misverftändlicher Weife aus einer etwas früheren Zeit in diefe Umgebung übertragen iſt); — theils giebt eben jene Com— bination diefer Notiz mit andern Notizen ein Nefultat, welches fi) durch feinen Widerfpruch gegen andere Nachrichten der übri- gen Evangeliften und auch des Lukas felbft als ein irriges er— weit. Nach unferm Evangeliften fol Jeſus zur Zeit feiner *) Es haben fih an diefer Stelfe auch folche Forſcher, die fonft von dogmatifchen Vorurtheilen frei find G. B. Winer im Nealwörter- buch) ungeachtet der ſchwer Damit zu vereinigenden Nachrichten. des Sofephus über das Schickſal von Abilene nad dem Tode des erften Lyfanias, zur Annahme eines jüngern Lyſanias entfhloffen, aus dem Grunde, weil Lufas gerade hier augenfcheinfih ein Streben nad) Genauigfeit zeige, und dadurch der Irrthum an diefer Stelle unwahrfeheinlich werde, Allein dieſer Grund erweift fih ungenü— gend, wenn man näher zufieht, was es mit dieſem Trachten nad | Genauigkeit bei unferm Evangeliſten für eine Bewandtniß hat. Of— fenbar geht derfelbe an gegenwärtiger Stelle (grillenhafter Weife) nur darauf aus, die Tetrarchen vollftändig zu nennen, und da er für die vierte Tetrarchie feinen andern Namen ausfindig zu machen wußte, als den des Lyfanias, fo nennt er. diefen frifhweg, ohne daß es ihm einfiele, darnach zu fragen, ob diefer Lyfaniag damals noch Iebte, und ob überhaupt Abilene damals noch als felbftftän- dige Tetrarchie beftand. Seine Genauigfeit ift alfo auch hier ganz Bon derſelben Art, wie, nach unferer obigen Bemerkung, Dort, wo er, wohl wiffend, daß es eine fpätere Schatzung des Quirinius gab, die von der Sage in ein früheres Jahr verfegte friſchweg und, auf gut Glü die, erfte.nennt. Solches Verfahren ftimmt übrigens fehr gut auch zu dem übrigen fihriftftellerifchen ‚Charakter des Lu— kas, namentlich 3. B. zu feiner Manier, zu den überlieferten Re— den Chriſti Veranlaffungen zu erfinnen, überhaupt zu biefer ge- fammten illuforifchen Gründlichfeit, durch die fih fo mande auch ‚ der heutigen Forſcher noch täufchen laſſen. — — Ueberfichtliche Darftellung der evangelifchen Gefchichte, 237 Taufe durch Johannes ungefähr dreißig Jahre alt gewefen fein*). Hiernach gewinnt man, wenn man diefe Taufe, wie man ohne weiteres zu thun fich verftattet, noch in das nämliche Jahr mit dem Auftreten des Sohannes feßt, eben jenes Ergebniß, welches im fechften Sahrhundert unferer Zeitrechnung den Moͤnch Dionyfius beftimmte, das Jahr der Geburt des Herrn als das fiebenhundert vier und funfzigfte nach Erbauung der Stadt Rom (fo nämlich, wie die Aera diefer Erbauung durch Varro beftimmt ift) zu feßen. Aber diefe Berechnung läßt fich nicht mit der weitern Angabe verei= nigen, daß Sefus unter König Herodes dem Großen geboren ſei. Diefer nämlich muß, "wie die Nachrichten bei Sofephus zeigen**), bereits vier Jahre vor jenem Zeitpunct, in welchen die Geburt Sefu gefeßt wird, geftorben fein. Ob diefer letzte— ven Notiz, oder ob dem Nefultate jener Berechnung der Vorzug gegeben werde: der Widerfpruch bei Lukas bleibt jedenfalls, und die Genauigkeit feiner chronologifchen Angabe wird nicht geret- tet, auch wenn man aus dem Grunde, weil die Nennung des Herodes bei ihm und auch im erften Evangelium nur in einem Zufammenhange vorfommt, der, wie wir im vorigen Buche zeigten, ein mythifcher ift, dieſem Nefnltate den Vorzug vor je ner Angabe geben wollte. — Sn diefe Bevorzugung Fonnten wir jedoch nicht einmal einftimmen, wie denn auch mit Necht im Gegenfaße dazu und in Einftimmung mit der Angabe der Sage, von allen neueren Forfchern das Geburtsjahr des Herrn um mehrere Jahre früher angefest zu werden pflegt, als es zufolge der dDionyfifchen Aera fallen würde, Die Art und Weife naͤm— lich, wie die Sage, zwar nicht die bei Matthäus, wohl aber die ältere bei Lukas felbft, nur vorübergehend und ohne irgend eine Bedeutung in diefe Notiz zu legen, des Herodes gedenkt, ift eine folche, die es um vieles wahrfcheinlicher macht, daß diefe Erwähnung nicht ihrem eigenen, Ddichterifch erfonnenen Zus fammenhange angehört, fondern nur als Vorausfekung aus der wirklichen Gefchichte, oder vielmehr aus einer, obgleich unges nauen, doch in der Hauptfache ficheren Erinnerung des wahren *) Cap. 3, 23, *") Hauptftelfe über bie Zeit von des Herodes Tode: Joseph. antiq. XVII, 8,1. 238 Drittes Bud. Lebens alters Jeſu entnommen ft. Die Sage bei Matthäus freilich benußt, wie wir im vorigen Buche nachgewiefen haben, die Geftalt des Herodes auf Iymbolifche Weife zum Ausdrud von Ideen, die von der gefchichtlichen Perfünlichkeit dieſes Koͤ— niges wohl zu unterfcheiden find. Auch finden wir von fpätern Schriftftellern noch auf andere Weife in diefe chronologifche Be: ffimmung eine Bedeutung gelegt, , indem man nämlich die Er: füllung der alten mofaifchen Weiffagung*), welche verfündete, „daß Herrfcher von Juda nicht ausfterben würden, noch Führer aus feinem Stamme, bis daß der fomme, dem alles angehört,” darin finden wollte, daß Chriftus unter dem, welcher, der erfte von fremdem Stamme über Juda herrſchte, geboren ſei ). Aber weder das eine, noch das andere beweift, daß darum das chronologifche Factum erdichtet fein müffe. Das wirkliche Fac— tum fonnte eben fowohl in dem einen Falle von der Sage, in dem andern von der chriftologifchen Deutung für die eigen: thümlichen Zwede diefer beiden benußt werden, Wir halten vielmehr, in Uebereinftimmung mit den meiften neuern Forfchern unter allen Notizen über die Geburtszeit Sefu, welche theild un- mittelbar und gegeben find, theils fich aus der Sage hervorzie- hen lafjen, eben diefe, daß diefe Geburt in die Zeit der Re— gterung des Herodes fällt, für die allein mit einiger Sicher— heit begründete, und fträuben und, aus Gründen, die wir noch weiterhin bemerflih machen werden, viel weniger dagegen, wenn man, (wie diejenigen zu thun nicht wohl umhin konnen, *) 1 Mof. 49, 10. **) Euseb. H. E. I, 6. Augustin. eiv. Dei XVIIT, 45. Dieſes felbit übrigens, ob Herodes, wie man vorgiebt, von ausländifiher Ab- funft war, iſt noch zweifelhaft, Vergl. Joseph. ant. XIV, 1,3 und die Ausleger zum Eufebius a. a. O. — Zugleich wird übrigens be= merkt, daß damals zuerft, wie nachher auch unter Antipas und den Nömern, ftatt Abkömmlingen des alten heilig geachteten Ge— fchlehts, Männer von nieverer Herkunft zu Hohenprieftern einge— feßt wurden (vergl. Joseph. ant. XX, 10). Allerdings ein Sym— ptom der Entkräftung des alten nationalen Princips, was man nicht mit Unrecht als hinweiſend auf die Nothwendigfeit einer Er- weiterung dieſes Prineips über feine bisherigen Grenzen hinaus, wie folche durch Chriftus wirklich erfolgt ift, deuten konnte, Veberfichtlihe Darftellung der evangelifchen Gefchichte. 239 welche die Sage bei Matthäus für wirkliche Gefchichte nehmen) jenes Greigniß noch um einige Jahre über den Tod des Hero» des hinaufrüden, als wenn man es unter denfelben hinabruͤ— Een will. Als eltern Iefu find mit entfchiedenfter Zuverfiht Sofeph und Maria zunennen, und zwar dergeftalt, daß er ald eheli= | cher, nicht etwa ald vor der Che erzeugter Sohn diefer bei- den anerkannt wird. Die Confequenz, die man neuerlich wie- der *) der mythologifchen Anficht der Geburtsfage hat aufbürden wollen, als müffe diefelbe „Aufklaͤrung““, welche das Wunder der übernatürlichen Zeugung leugnet, dazu fortgehen, die Ge: burt außer der Ehe ſich gefallen zu laffen, ift ein für allemal abzuweifen, da fie auf einem faft gefliffentlichen Misverftändniß des Princips diefer Anficht beruht. Die Sage von der Erzeu: gung durch den heiligen Geift bedarf, fo wie wir ihre Entſte— bung im Obigen zu erklären fuchten, mit nichten eines ‚folchen Anlaffes, wie die vor der gefeßlichen Zeit erfolgte Geburt des Kindes gegeben haben Fünnte. Im Gegentheil würde durch die Vorausfegung eines folchen Anlaffes ein größerer Mafel noch auf die Befchaffenheit des Mythus, wie auf. das Factifche der Begebenheit geworfen. Der Mythus erfchiene dann als hervor: gegangen aus einer unredlichen Befchonigung des wirklich an der Geburt des Herrn haftenden Mafeld, während er doch, der Acht mythologifchen Theorie zufolge, Feinen andern, als einen durchaus idealen, poetiſch-ſpeculativen Urfprung haben Fann. Uebrigens ift mit Recht fchon bemerkt worden, daß der Vor— wurf einer ungefeßlichen Geburt gewiß nicht würde von den ge- gen Sefus feindlich gefinnten Zeitgenoffen unbenugt geblieben fein, wie ja befanntlic von den heidnifchen Gegnern des Chri- ſtenthums zur Zeit des Celſus fogar ausdruͤcklich Mährchen zu diefem Behuf erfonnen worden find, Ueber die Abftammung und die Verhältniffe der Aeltern Sefu ift und, da wir die Sagen über die Abftammung von David für unhiftorifch haben erkennen müfjen, nichts Näheres hefannt. Selbft dies Laßt fih nur etwa als wahrſcheinlich, nicht als hie *) Theile zur Biographie Jeſu. S. 4. — 20 00000 Drittes Bud. Re ftorifch gewiß-berichten, daß Sofeph feines Gewerbes ein Zim— mermann gewefen fei. Das evangelifche Zeugniß*) über dieſen Punct ift nämlich darum unficher, weil es möglicherweife aus einem Misverftandniß der Stelle, welche Sefum felbft einen Zimmermann nennt**), hervorgegangen fein kann. Die außer: halb» der Evangelien erhaltene Sage, daß beide, Water und Sohn, fich mit VBerfertigung von: Pflügen und Wagengefchirr befchäftigten, kann hiftorifch richtig, Fannn aber auch auf Anlaß der Deutung, die an derfelben Stelle, die uns diefelbe zuerft bes richtet ***) , Diefer Befchäftigung gegeben wird, hervorgegangen fein. — Ein Zuftand drücdender Armuth innerhalb der Familie, in welcher Sefus lebte, ift, nach allgemein menfchliher Wahrs ‘ fcheinlichkeit und nach dem Schweigen unferer Gefchichtsquellen, eben fo wenig anzunehmen, wie unftreitig auch das Gegentheil diefes Zuſtandes. Als wahrfcheinlih, und zwar in einem Grade, der nahe an Gewißheit grenzt, darf angenommen wer: den, daß Sofeph, Jeſu Vater, frühzeitig, jedenfalld vor dem öffentlichen Auftreten: des Sohnes, verftorben war; denn in dem Berlaufe der evangelifchen Erzählung wird feiner nirgends mehr, wohl aber an mehr als einer Stelle feiner Mutter und feiner Sefchwifter gedacht. Auch gewinnen wir. durch diefe Annahme, wenn nicht einen Anlaß, doch einen Raum für die wahrfchein- lich fchon frühzeitig entftandene Sage, welche den Sofeph bereits zur Zeit von Jeſu Geburt als einen hochbejahrten Mann vor: ftelt. Das Vorhandenfein leiblicher Gefchwifter ift vielfach, aber wahrscheinlich ohne Grund bezweifelt: worden. Der Zwei— fel gründet fich, nachdem die dogmatifchen Scrupel, welche ehe— *) Matth. 13, 55. **) Marc, 6, 3. Auch an diefer Stelfe hat man, und zwar unter Be— günftigung der Autorität des Drigenes, der die Sage, daß Jeſus feldft Zimmermann gewefen, für unbiblifch erklärte, ftatt 0 rixrwv, 6 ⁊exrovos vios leſen wollen. Aber es läßt fich Leichter begreifen, wie jene Lesart in biefe, als umgefehrt, wie diefe in jene verwandelt werben konnte. Derfelbe Grund würde, auch wenn wir nicht ohne— hin von der Urfprünglichfeit des Mareus- im Gegenfate des Mat- thäusen, überzeugt wären, dafür fprechen, den Berirht Des zwei— ten aus dem erften, nicht umgekehrt, abzuleiten. **xx) Justin. dial. c. Tryph. 88. > — Ueberſichtliche Darſtellung der evangeliſchen Geſchichte. 241 mals der Annahme eines ehelichen Umgangs zwiſchen Maria und Joſeph auch nach der Geburt Jeſu entgegenſtanden, als beſeitigt gelten koͤnnen, weſentlich noch auf das Paradoxe, welches darin liegt, daß dieſelben Namen, welche zu wiederholten Malen als die der Brüder Jeſu genannt werden, an andern Stellen*) als Namen von Söhnen einer Maria vorfommen, welche an noch einer andern Stelle**) Schwefter der Mutter des Herrn heißt. Man hat deshalb die Hypothefe.aufgeftellt, daß jene angeblichen Brü- der die einen und felben mit den Söhnen diefer zweiten Maria, alfo nicht leibliche Brüder, fondern Vettern Iefu feienz was eine fcheinbare Beftätigung durch den Unglauben diefer Bruͤ— der an Jeſus während feines Lebens, fo wie auch Dadurch er— hält, daß nad) dem vierten Evangelium***) Jeſus am Kreuze dem Apoftel Sohannes Sohneöftelle bei feiner Mutter zu vertreten empfiehlt. Allein die Erwähnung der Gefchwifter fommt in der evangelifchen und der Apoftelgefchichte zu haufig und auf zu unbefangene Weife auch unter Umftänden vor, die fi nicht wohl auf andere Perfonen, als auf wirkliche leibliche Gefhwifter beziehen laffen+), ald daß man das Misverftänd- niß, falls hier, was nicht einmal anzunehmen nöthig, ein fol ches vorhanden ift, nicht lieber auf der entgegengefegten Seite fuchen follte, zumal da unter den fcheinbar entgegenftehenden Nachrichten einige nur durch das, in allen ſolchen factifchen Notizen fo wenig unverdächtige, vierte Evangelium verbürgt find. Snfonderheit befennen wir und geneigt, jenen Safobus den Gerechten, den wir nad) dem Tode des Herin, befehrt, wie e3 fcheint, von feinem frühern Unglauben auf ähnliche Weife, wie Paulus, durch eine Erfcheinung des Auferftandenen++), in der Gemeinde als ‚‚Bruder des Herrn“ eine fo bedeutende Role fpielen fehen, in der That für einen leiblichen Bruder deſſel— ben, und als folchen für verfchieden von jenem Jakobus Als phäi zu halten, den wir bereit3 unter den Süngern des Leben | *) Marc. 15, 40. AT. 16, 1 u. Parall. **) Joh. 19, 25. **5*) Joh. 19, 26. +) Marc, 3, 31. 6, 3 u. Parall. u. a. +) 1 Kor. 15, 7, vergl. mit Marc. 3, 31. Job. 7, 5. 16 Da 2 a La ne 242 Dritte! Bud. 1% den aufgeführt finden, und von dem man anzunehmen pflegt, daß er einer und derfelbe mit dem Sohne der „Maria des Klopas“ fei*). Das Baterland Jeſu war, wie wir nach den Ergebniffen des vorigen Buchs als unzweifelhaft vorausfeken, die palafti- nifche Provinz Galilaͤa, und fein Geburtsort fehr wahrfchein: lich die Stadt Nazareth. Wir erinnern uns noch nirgends bie hohe weltgefchichtliche Bedeutung gewürdigt oder auch nur erwähnt gefunden zu haben, die in diefem Umftande liegt. Galilda war eine Provinz von Feineswegs rein jüdifcher Bevolferungz ihre Bewohner waren aus den verfchiedenartigfien Stämmen ge: mifcht **), fo fehr, daß ſchon von Alters her die Provinz den Namen der ‚‚heidnifchen‘‘***), oder der „von Ausländern be- wohnten’’+) trug. Die Bermuthung hat viel für fich, Die man aufgeftelt hat, daß zur Zeit Jeſu dort, und großentheild in Paläftina überhaupt, die griechifche Sprache faft nicht minder als Landessprache im Umlaufe war, wie die hebraifche oder fyro=chaldaifherr). Diefer Charafter der Bevoͤlkerung feines *) Ich kann Fein fonderliches Gewicht auf den Grund legen, den man gemeiniglich für die Identität dieſes Jakobus Alphäi mit Jakobus dem Gerechten anzuführen pflegt, nämlich daß Ap. Geſch. 1, 13 noch der erftere erwähnt wird, dann aber 15, 13 ff., ohne ausdrückliche Angabe der Verſchiedenheit von jenem, ein Jakobus auftritt, den wir allen Grund haben, für den von Paulus (Gal. 1, 19. 2, 12) als „Bruder des Herrn“ erwähnten zu halten. Der Tüdenhafte Charakter der erften Hälfte der Ay. Geſch. macht fehr wohl erflär- lich, wie Lufas den letztern Jakobus auftreten Iaffen fann, ohne fih darüber zu erflären, ja vielleicht ohne felbft zu willen, wie er unter die Jünger fam, und daß es ein anderer als der in ber der Neihe der Apoftel mit aufgezählte ift. Im Gegentheil würde es mir als befremdlich erfcheinen, dieſen Jakobus, obgleich identifch mit dem Jakobus Alphäi, doch nirgends zugleich ausdrücklich als diefen letztern bezeichnet zu finden. *=#) Dies gilt zu jener Zeit zwar auch noch von manchen anderen Pro- vinzen Paläftina’s, aber doch von Galiläa vorzugsweife. Wie denn auch Strabo (XVI, 2) unter mehreren andern Landfchaften, von de— nen er dies ausfagt, Galiläa zuerft nennt, =) Takılala av Edvav Matth. 4, 15 aus Jeſ. 9, 1. +) 1 Maccab. 5, 15 ff. ++) Bergl. hierüber Eredner, Einleitung in das N. T, 9. 75— 77. u, ueberſichtliche Darſtellung der evangeliſchen Geſchichte. 243 Baterlandes nun iſt es, von welchem wir behaupten, daß er eines der wichtigftien Momente zum Verſtaͤndniß der Erſchei— nung Chrifti ausmacht. Bei einem Geifte, der fo gewaltig alle Schranken der Nationalität durchbrach, würde es befremden, wenn man ihn feinem Urfprunge nach als angehörend im ftreng- ften Sinne einer fo particular abgefchloffenen Volksthuͤmlichkeit, wie die jüdifche war, betrachten müßte. Wir dürfen dem israe- titifchen Volke nicht den Ruhm entziehen, daß es vor allen andern Bolfern zunachft und vornehmlich das pofitive Clement zur Ausgebärung und Bildung dieſes Geifted hergab; aber es er- fcheint vom Standpuncte wilfenfchaftlicher Gefchichtsbetrachtung als eine Nothwendigfeit, daß, was fih in ihm felbft und in feinem Werke auf wahrhafte und innerlihe Weiſe vollziehen follte, jene Durchdringung und Ausgleichung der nationalen Par- tieularitäten, eben dies in dem Glemente feines Urſprungs, ſei— ner irdiſchen Erzeugung, ſich auf aͤußerliche und factifche Weiſe darftellen mußte. Die weltgefchichtliche, providentielle Noth- wendigfeit, die in diefem Umftande Liegt, tritt für die begriff- liche Grfenntniß an die Stelle jener Fügung, welche bei der Abftammung von David, bei der Geburt zu Bethlehem vor- ausgefeßt wird. In dieſen legtern Umftänden nämlich kann nur die mythiſche Vorftellung etwas Providentielles erbliden ; die ernfte philofophifche Betrachtung würde in dem Bedeutenden, was darin liegen fol, nur ein der göttlichen Vorfehung wenig würdiges und daher nicht ihr, fondern nur dem Zufalle zuzu- fehreibendes Spiel zu erkennen vermögen. Nicht minder läßt fich durch den Hinblid auf den Charak— ter des Geburtslanded wenigftens ein Theil der Frage beant- worten, welche die rationalen Forfcher der Gefchichte Zefu fo vielfach befchäftigt hat: der Frage nach den Außerlichen Mitteln und wirkenden Motiven feiner Geiftes- und Charak— terbildung. Bekanntlich hat man, um diefe Frage zu be- antworten, alle Bildungsmittel in Bewegung gefeßt, die fich in jener Umgebung auffinden ließen: eine forgfältige häusliche — Erziehung unter Einfluß insbeſondere der als Muſter edler | Meiblichfeit vorausgefeßten Mutter , die Schulen der Effener, der Sadducaͤer, der alerandrinifchen Griechen, und vor allen das Studium des Alten Teſtaments, insbefondere der propheti- 16* 244 Drittes Bud. fhen Schriften. Immer jedoch ift man, bei gründlicher Erwäa- gung des wahren Gehalts jenes einzigen und fchlechthin unver— gleichbaren Geiftes, darauf zurüdgefommen, Fein einzelnes dieſer Momente und auch das Zufammentreffen aller*) nicht zur wirkli— chen Erklärung deſſen, was man erklären wollte, zureichend zu finden. Zureichend werden diefelben freilich auch durch das Mo— ment nicht, von welchem wir hier erinnern wollen, daß es zu den Übrigen, denen wir allen, jedem auf feine Weife, ihre Gel: tung nicht abfprechen wollen, hinzugerechnet, oder daß die Gel- tung der übrigen dadurch modificirt werden muͤſſe: die Nei- bung der nationalen Eigenthuͤmlichkeiten, die in einem Lande wie Galilaͤa, fo ſtark“) von einem fo edeln und ruͤſtigen Men— fchenfchlage, der felbft aus einer Volfermifchung hervorgegangen war, bevolfert, von einer ſtark befuchten Handelsftraße durch- zogen und mit Ländern von verfchiedenartiger Bevölkerung, na— mentlic auch mit Städten, die von dem gebildetften Volke der Melt bewohnt wurden, in unaufhörlicher Berührung, ſtatt fin= den mußte. Es Fonnte nicht fehlen, daß in einem folchen Lande jene geiftigen Geftaltungen und Bildungselemente, die einzeln, jede in ihrer eigentlichen Heimath, fi einander ſchroff und abftoßend gegenüberftanden, wenn fie dorthin drangen, fich ein- ander näher treten und zur gegenfeitigen Mittheilung und Durch- dringung ihrer Eigenthümlichkeiten gefchietter werden mußten. Das anderwärtd Fefte und Starre und einfeitig in fich Abge— ſchloſſene konnte, ja mußte hier leichter in einen Fluß gebracht werden, aus welchem, wie allenthalben durch eine folche Ver— mählung des anderwärts Gefchiedenen, neue Geftaltungen ſich erzeugen und felbftichopferifch hervorgehen Fonnten. Auch Diefe Betrachtung alfo berechtigt uns zu dem Ausſpruche, daß, un— befchadet übrigens ihres Bedingtfeins durch die gefammte Ver: gangenheit des iöraelitifchen Geiftes, fo wie auch andererfeits u 0 *) Ein ſolches Zufammentreffen etwa, wie bei Sofephus ftatt fand, der (vit. 2) von ſich erzählt, daß er alle drei jüdifche Hauptſchulen durhgegangen und, davon noch nicht befriedigt, drei Jahre lang fih zum Banus in die Einfamfeit begeben habe, x*x) Nach Joſephus (bell. Jud. II, 3, 1) hatte von ben überans zahl» reichen Städten und Flecken Galilän’s der geringfte eine Volks— menge von mindefteng funfzehntaufend Einwohnern. Ueberfichtliche Darftellung der evangelifchen Geſchichte. 245 ihrer wahrhaft göttlichen Originalität und Einzigfeit, nur aus Galilda, nicht aus Judaͤa, ein gefchichtlicher Charakter, wie Sefus Chriftus hervorgehen konnte. Jene zuvorgenannten Bil: dungselemente und noch manche verwandte waren allerdings, nicht nur ihrem gefchichtlichen Dafein überhaupt nach, fondern allerdings auch als ausdrüdlich diefen Geift berührende, noth- wendige Vorausſetzungen feiner Erfheinung. Sie find daher, nicht eines oder das andere einzeln, fondern alle insgefammt, als Mittel feiner Geiftes- und Charafterbildung zu betrachten, Nicht als ob Jeſus, um das zu werden, was er ward, noth— wendigerweife eine Reihe von Schulen hätte durchgehen, als ob er überhaupt eine eigentlich gelehrte Bildung hätte befiken f müfjen, was vielmehr die Meiften in Abrede ftellen und wir | wenigftens nicht unbedingt zu behaupten wagen. Aber nur in folder Umgebung, wie die hier bezeichnete, bleibt es vollkom— men benfbar, wie er jene Elemente, wenn fie in einer wohl nur zufälligen und vorübergehenden Weife an ihn Famen, auf geiftig freie Weiſe, nicht ſowohl fie felbft, als vielmehr nur den geiftigen Aether, der jedes derfelben durchdrang und von ihm ausging, fich aneignen und in die Votalität feines indivi— duellen geiftigen Weſens verarbeiten Eonnte. Wir erwähnten unter den auch fonft befannten und an- erkannten Bildungsmitteln, die wir bei Jeſu vorauszufeken haben, als das ohne Frage bedeutendfte und wichtigfte von allen das Studium der heiligen Bücher des israelitifchen Volkes. Hier nun tritt allerdings die Alternative ein, Sefu entweder nur eine folche Befanntfchaft mit diefen Büchern zuzu— fchreiben, wie wir vorausfeßen müflen, daß die Mehrzahl unter den Gliedern des israelitifchen Volkes befaß. naͤmlich eine nur durch das Anhören der VBorlefungen aus diefen Büchern, wie folche in den Synagogen der Juden üblich waren, erwor: bene, oder aber, in ihm felbft eine fortgeſetzte, felbitftändige und einfame Befchäftigung mit denfelben vorausfegen. ES fehlen die Data, um diefe Frage auf hiftorifhem Wege zu entſchei— den; aber wir befennen, daß, nad) fo vielfachen Spuren von Bertrautheit mit dem Inhalte und mit der Redeweiſe der hei- ligen Schriften, die Jeſus in feinen eigenen Reden allenthalben giebt, und nach der Intenfität feiner Geiftesbildung überhaupt, — — 246 Dritte! Bud. das Letztere und bei weitem wahrfcheinlicher ift. Dies führt allerdings weiter, nämlich zu der Annahme bis zu einem ge— wiffen Grade einer Befchäftigung und Bildung der Art, wie fie unter den Sraeliten den Schriftgelehrten auszeichnete, eines Befuchens von Schulen, die nicht von Sedem aus dem Bolfe befucht wurden; denn fchwerlich gab es einen andern Weg, auf welchem ein felbftftändiges Schriftftudium dem Einzelnen erreichbar war. Allein die Nüdbeziehung auf den in jenen Urkunden niedergelegten Inhalt, auf den gefammten gefchichtlis hen Proceß der Geiftesentwicelung feines Volkes, welches in diefer Beziehung für ihn die Stelle der Menfchheit vertreten mußte, macht in dem geiftigen Dafein Jeſu ein zu bedeutendes Moment aus, ald daß man fich fo leicht entfchließen koͤnnte, eine fo oberflächliche Befanntfchaft, wie ohne jene Vorausſe— &ung zu erwerben war, für hinreichend zur Erklärung deſſen, was Durch diefe Vorausſetzung erklärt werden fol, zu achten. Das VBerhältnig der Ideen, auf welchen das Werk und bie Lehre Sefu beruhte, zu dem Alten Teftamente ift, — wir werden vielfah im Folgenden darauf zuruͤckkommen, — nicht ein Verhältniß folcher Art, welches fi) aus dem Auf: greifen einzelner, halb verftandener Stellen erklären ließe; fol- cher etwa, die auf die Erfcheinung des Meffias hindeuten oder als hindeutend auf folche Erfcheinung von den fchriftgelehrten Auslegern jener Zeit verftanden wurden. Nicht auf diefe Weife, durch fo mechanifche Combination prophetifcher Einzelheiten und Aeußerlichkeiten, Fann Sefus feinen Begriff des Meffias und des meffianifchen Neiches fich gebildet haben, Fann in ihm das Bewußtfein, felbft diefer Meſſias zu fein, gewedt worden fein. Diefer Begriff, diefes Bewußtfein ift vielmehr aus der freieften Beherrfchung des Stoffes der meffianifchen Weiffagun- ‚ gen des Alten Teſtaments hervorgegangen, aus der Haren Ein- ſicht in ihre nicht Außerliche und buchftäbliche, fondern inner liche und fombolifche Geltung, aus der felbftthätigen Verklaͤ— rung ihrer leiblichen und finnlichen Geftalt zur idealen und gei— ftigen. Ob dies alles ohne ein anhaltendes, umfaffendes Stu: dium der Schrift, ohne eine zufammenhängende und wieder- holte Lectüre ihrer einzelnen Bücher erreichbar war, ob über: haupt ohne die Vorausſetzung einer genauern Schriftfenntniß in * a Ueberfichtliche Darftellung der evangelifchen Geſchichte. 247 Jeſu jenes tiefe Verſtaͤndniß des Geiftes der Schrift, jene ſcharfe und gründliche Unterfcheidung ihres wahren Inhalts von dem durch die Satzungen der Pharifäer ihr aufgedrungenen In: halte fich erklären läßt: darüber dürfen wir zwar, da fich der | Wirkſamkeit des die Lücken des ihm gegebenen Stoffes durch feine freie Schopferfraft ergangenden Geiftes nicht ein für alle- mal fo enge Grenzen ziehen laſſen, nicht unbedingt zu entfchei- den wagen; doc wird und Niemand verargen, wenn wir bie größere Wahrfcheinlichfeit in der verneinenden Antwort finden. Daß uns von der gefammten Jugendgefchichte Jeſu, bis zu feiner Taufe durch Johannes, fo gar Feine ausdrüdlichen Nachrichten, die für gefchichtlich gelten konnten, bewahrt find, dies Fann nach allem, was wir über die Befchaffenheit unferer Duellen feiner Gefchichte in Erfahrung gebracht, uns nicht mehr befremden. Gegenftand ausdrüdlicher Beobachtung für die na- her oder ferner ihn Umgebenden Fonnte der Knabe ohnehin fchwerlich fein, wenn feine Wunderereigniffe der Art, wie fie allerdings in den mythifchen Erzählungen, aber nur in diefen, berichtet werden, von vorn herein auf das Außerordentliche fei- ner Erfcheinung hinwiefen. Daß aber dergleichen Ereigniffe in der That nicht vorgefallen fein koͤnnen, dafür zeugt, außer ih— rer inneren Unwahrfcheinlichkeit und außer dem unhiftorifchen Charakter jener Erzählungen, lauter faft ald beides, das ſpaͤ— tere Betragen der Mutter und der Gefchwifter. Wir willen, daß dieſe noch zu jener Zeit, wo Jeſus bereits das größte Auf: fehen erregt und die begeiftertften Anhänger erworben hatte, ihm feinen Glauben ſchenkten“), daß fie fogar auf den Wahn ge: riethen, er habe den VBerftand verloren”). Wie kann man auch nur von fern dies vereinbar finden mit außerordentlichen Erwartungen irgend einer Urt, die fich von Jugend auf an feine Perfon geknüpft hätten? Wie man. in feiner Vaterſtadt ge— wohnt war, feine Erfehenung ald nicht im mindeflen aus dem Bereich des Gewohnlichen heraustretend zu betrachten: auch / dies findet fich noch vecht ausprüdlich angemerkt"), Die pfy- | *) 30h. 7,5. +) Marc, 3, 21 ***) Marc. 6, 32. Parall. l 248 Drittes Bud. hologifche Neu⸗ oder Wißbegier aber, die bei großen Charaf- teren, nachdem diefelben fich als folhe bewährt haben, Sorge trägt, dem Gange ihrer Entwidelung bis in das Dunkel der Kindheit nachzufolgen, war jenem Zeitalter überhaupt*), insbes fondere aber dem Verhältniffe gläubiger Hingebung vielmehr, als wiffenfchaftliher Beobachtung, in welchem fich die Juͤn— ger zu ihrem Meifter befanden, fremd. Nach diefem allem glau= ben wir nicht zu irren, wenn wir die Bemerkung, welche Lu— kas feiner mythifchen Erzählung einverwebt, „daß Maria alles, was damals fich ereignete und gefprochen ward, forgfältig in ihrem Herzen bewahrte‘’**), für nichts anderes nehmen, als für eine vom Evangeliſten willführlic erfundene, und von ihr auch nur fo viel als thatfächlich gelten zu laffen Bedenken tragen, daß Erzählungen aus Sefu Kindheit oder Jugend, aus dem Munde der Maria gefchopft, Durch folche, die aus Diefer Duelle fchöpfen fonnten, in Umlauf gebracht waren. Unter diefen Umftänden ift allerdings Bermuthungen und Hypo— thefen aller Art über den Entwicelungsgang und die frühern Lebens ſchickſale des göttlichen Sünglings ein weiter Raum geöffnet; aber es find eben nur Möglichkeiten, über die fich hier fprechen, oder beffer, fehweigen läßt. Einzig die gelegentlich und unab⸗ fihtlih durch Marcus gegebene Notiz, daß Jeſus das Hand- wer? eines Zimmermanns getrieben, find wir, nad) dem vorhin Bemerkten, allerdings berechtigt, für gefchichtlich zu halten. Es Fonnte diefelbe, der befannten jüdischen Sitte zufolge, wel- he auch den Paulus neben der Bildung und Befchäftigung ei- ned NRabbinen noch das Gefchäft eines Zeltwebers treiben lie, auch mit der Vorausſetzung wohl beftehen, wenn man fich fol- cher, im Widerfpruch freilich mit einer ihrem Inhalte nach nicht gerade Verdacht erwedenden evangelifchen Stelle**), benöthigt *) Dies gilt der Hauptfache nach nicht blos Yon den Juden, fondern auch von den Griechen und Römern. Erft um Plutarchs Zeit et- wa feheint jene pſychologiſche Neugier unter diefen Völkern aufges fommen zu fein; aber hier waren es, was die Helden ber frühern Zeit betrifft, faft nur mythiſche Züge, auf welche fie ſich zu ihrer Befriedigung angemwiefen fand. iR RT VUeberſichtliche Darftellung der evangelifchen Gefchichte. 249 meinen follte, daß Sefus fich nicht nur frühzeitig die Bildung eines Landrabbinen angeeignet, fondern auch in der Weife eines folchen zu lehren begonnen habe. Dies felbft aber, ob dem in der That fo geweſen fei, koͤnnen wir füglich dahingeftellt blei— ben laffen, eben fo wie auch jenen Umftand, auf den man eine Zeitlang viel Werth zu legen pflegte, daß Jeſus fchon als Süngling die unter feinem Volke üblichen Feftreifen nach Jeru— falem zur Erweiterung feiner Geiftesbildung und zur Bereiche— zung feiner Welt - und Menfchenfenntniß zu benußen nicht erman— gelt haben werde. Wir werden weiter unten zeigen, wie proble= matifch die VBorausfegung folcher Reifen iftz die Notiz, die man, .betreffend die Gewohnheit der eltern Sefu, Solche mitzumachen, aus der im vorigen Buche erwähnten Er— zahlung des Lukas fünnte ziehen wollen, kann für uns, als mythifch, nicht in Betracht fommen. — Ein anderer Schluß, den Einige aus der Allgemeinheit jüdifcher Sitte auf voraus— zufeßende befondere Lebensverhältniffe Sefu haben ziehen wol— len, ift jener, vermöge deffen man es hat wahrfcheinlich finden wollen, daß er in jener früheren Zeit feines Lebens, aus der uns weitere Nachrichten fehlen, verehelicht gewefen fei, aber Weib und vielleicht auch Kinder durch den Tod verloren habe. Auch hier aber halten wir, diesmal wohl in Uebereinftimmung mit den Meiften, folhen Schluß für unzuläffig. Das Bei: fpiel Mancher unter den Apofteln, von denen wir nicht erfah- ven, daß ihre Chelofigfeit unter ihren Landsleuten Anftoß erregt habe, zeigt, Daß folche auch unter den Juden jener Zeit fo ungewöhnlich lange nicht fein Fonnte, wie man, die Allgemein- heit der Volksſitte in viel flrengerem Sinne nehmend, als es bei einem in fchon fo gefteigerten und verwidelten Gulturver- hältniffen lebenden Volke der Natur der Sache nach denkbar ift, vorausſetzt. Wir befigen aber einen authentifchen Aus= \ foruch Sefu*), den man nicht eben ängftlich zu prejlen braucht, | um die VBorausfegung darin zu finden, daß er abfichtlich der Ehe entfagt hatte, weil er diefelbe mit feinem göttlichen Berufe | unvereinbar fand. Auch hat zu allen Zeiten keineswegs nur ein ascetifch verbildetes, fondern das Achte, gefund religiofe Ge: *) Matth. 19, 12. 0 ie Drittes Bud. a fuͤhl fi) dagegen geftraubt, den erhabenen Gegenftand deritief- ften religiofen Verehrung und Anbetung gerade in einer folchen Beziehung den andern Sterblichen gleich geartet zu den— ten, an die fih, wie einmal diefes Gefchlecht befchaffen ift, vor allen andern das Bewußtfein menschlicher Schwäche und menfchliher Suͤndhaftigkeit zu Fnüpfen pflegt. Es ift fein Wahn oder abergläubifches Vorurtheil, wenn fich diefe Verehrung in ihrer heiligen Inbrunſt geftort, ja verunreinigt findet, fobald fie ihren Herrn und Heiland anders, als über die finnliche Beziehung der Gefchlechter erhaben denken follz und der Herr felbft, fo gewiß eben dies, daß er Gegenftand folcher Vereh— rung werden follte, in feinem Bewußtfein und feinem Willen lag, fonnte nicht anders, als feinerfeitd dem Bedürfniffe der- felben in diefem wie in allen andern Stüden entfprechend handeln *). Unter den öffentlichen Ereigniffen der Gefchichte jener Zeit, namentlich der des ißraelitifchen Volkes, ift nur eines, das in die Lebensgefchichte Sefu, diefes aber auch Epoche machend und mit entfcheidender Wichtigkeit, hereintritt, dergeftalt, daß es im vollften Wortfinne ein Moment diefer Gefchichte felbft bildet. Diefes ift das Auftreten des Taufers Sohannes, deſſelben, deſſen Geftalt, wie wir im vorigen Buche fahen, auf fo finnvolle und fombolifch bedeutfame Weife auch von dem Mythus in feine Gebilde verwebt worden ift. Wie dort in der Dichtung die Berfündigung und Geburt Chrifti eingeführt ward, fo hat auch die gefchichtliche Ueberlieferung das Gedächtniß dieſes merkwür- *) Ein fpecieller Grund der Ehelofigfeit, der indeß für fein Bewußt- x. fein mit jenem allgemeineren unftreitig zufammenfloß, konnte für Sefus vielleicht noch in der Durch feinen Beruf ihm gebotenen Sorge für feine phyfifche Heilkraft Liegen, von der wir nad viel- fahen Analogien, welche die Erfahrung darbietet, Grund haben, vorauszufegen, daß fie duch gefihlechtlihen Umgang würde ge— ſchwächt worden fein. Doch möchten wir auf diefen Imftand, wie fchon angedeutet, höchſtens nur in fo fern einiges Gewicht Tegen, als fih auch in ihm die allgemeine geiftige wie fittliche Unange— nteffenheit des ehelichen Verhältniffes zu dem Beruf und der Würde des Heilandes ausprüct, nicht infofern man ihn für einen Gegen- ftand ausprüdlicher Neflerion für Jeſus halten wollte, Me Ueberfichtliche Darfiellung der evangelifchen Gefchichte. 251 [4 Dh's J digen Mannes, ſeiner Lehre und ſeines Thuns faſt nur in ſei— nem Bezug auf die Perſon und auf das Werk Jeſu Chriſti aufbewahrt. Unabhängig von dieſem Bezuge gedenkt feiner die Gefhichte des Volkes, dem er angehört, nur mit einer Furzen Notiz. Sofephus, im achtzehnten Buche feiner jüdifchen Alter thümer erwähnt ihn als „einen braven Mann, ‚der die Ju— den geheißen habe, Tugend zu üben, und der Nechtfchaffen: heit unter einander und der Frömmigkeit gegen Gott ſich be— fleißigend, zur Taufe fich zu vereinigen. So nämlich werde die Taufhandlung zu einem angenehmen Werke vor Gott, wenn fie nicht zur Sühnung einzelner Verbrechen geübt werde, fon: dern als ein Fürperliches Symbol der Heiligung, dergeftalt, daß auch die Seele zuvor zur Nechtfchaffenheit geläutert fei.‘’ Der: felbe Gefchichtfchreiber berichtet, daß Viele ſich ihm zuwand— ten, daß fie beim Anhören feiner Neden in ftarfe Bewegung geriethen und dem Johannes fich ganz zu eigen zu geben ſchie— nen; wodurch beunruhigt Herodes Antipad, der Tetrarch von Galilaͤa, ihn gefänglich einzog und im Gefängnig umbringen ließ. Nach feinem Tode wurde das Unglüd, welches im Krie— ge gegen den arabifchen König Aretas den Herodes betraf, in der Meinung des Volfes, unter welchem das Gedächtniß des Sohannes auch jetzt noch in hohem Anfehen ftand, als eine göttliche Strafe des an Letzterem begangenen Mordes angefe- ben. — Dies die einzige Nachricht, Die unabhängig von un— fern evangelifchen Urkunden, und alfo auch unabhängig von der Beziehung auf Chriftus, über Johannes uns erhalten ift. Der Mangel an mehrern und ausführlichern folchen Nachrich- ten ift unftreitig eine Folge des Umftandes, daß das Wirken diefes Mannes in dem Werke und in der perfonlichen Erſchei— nung feines größern Nachfolgers untergegangen ift. Der Nas - me ded Iohannes hat, — wenn man von einer, weder außer: lich, noch geiftig bedeutenden Secte abfehen will, die in der Nahbarfchaft feines Vaterlandes ihn ald ihren Meifter zu ver: ehren fortfährt, — für die Nachwelt Bedeutung erhalten, nur in fofern er der prophetifche Vorgänger jenes feines Nachfolgers ift, in fofern er dem Werke deffelben vorarbeitete, und in ſofern umgekehrt Werk und Lehre des Nachfolgers fich auf ihn zuruͤck— bezieht. In diefem Sinne ift feine Geftalt und fein Thun von — 252 i Drittes Bud). der evangelifchen Ueberlieferung aufgefaßt und der Erzählung von dem Leben und den Thaten Sefu Chrifti ald ein wefentli- ches Moment einverleibt worden. — Es ift dies ein Umftand, der bei der Kritif der Nachrichten, welche unfere Gvangeliften uns über den Sohannes geben, nicht überfehen werden darf, Diefe Nachrichten find nämlich, auch abgefehen von den Dich: tungen der Kindheitsfage, von Irrthuͤmern mancher Art nicht frei zu fprechen: Srrthümer, welche ihren Grund fammtlic) darin haben, daß die chriftlichen Berichterftatter, auch hier al- lerdings mit der gefchichtlichen Grinnerung noch einigermaßen in der Weife der Sage gebarend, die geiftige, ideale Unter: ordnung des Sohannes unter Chriftus mehr, als es der ge— ſchichtlichen Wahrheit gemäß ift, in das Gebiet Außerer That: fächlichfeit zu verfegen liebten. Gin Beifpiel folcher, "wahrfcheinlich auf diefem Wege her- vorgegangenen Alteration des Gefchichtlichen giebt fogleich Die chronologifche Beſtimmung über das Zeitverhältniß des dffent- lichen Auftretens Sohannes und Jeſu. Nach unfern Evangelien, obgleich wir eine genauere Angabe darüber vermiffen, müßte es ſcheinen, als ob,- fo wie der Mythus fchon die Geburt beider Männer fo nahe an einander rüdt, eben fo auch in feinem öffentlichen Auftreten Johannes nur um einen furzen Zeitraum Sefu vorangegangen fein fonne. Denn während die Uebrigen gar nichts ausdrüdlich über die Zeit beftimmen, fo finden wir bei demfelben Gvangeliften, der auch über die Geburt des Jo— hannes einerfeit3 und Jeſu andererfeit3 die befannten chronolo= gifchen Data gab, die Nachricht, daß im fünfzehnten Sahre der Regierung des Kaiſers Ziberius von Gott der Ruf an So: hannes erging. Diefe Angabe ift theils durch den Zufammen- bang der Erzählung fo geftellt, daß die Abficht, fie zugleich als Zeitbeftimmung über das Auftreten Sefu dienen zu laflen, un— verfennbar hindurchleuchtet, theils ift ihr. Inhalt fo befchaffen, daß die Möglichkeit, Jeſus fei dennoch beträchtlich fpäter aufge treten, geradezu ausgefchloffen wird. Es folgt nämlich ſpaͤter die weitere Angabe, daß Jeſus, als er durch Johannes getauft ward, ungefähr dreißig Sahre alt gewefen fei. Eben dies aber ift das Alter, unter welchem das jüdifche Geſetz Fein offentliches Auftreten eines Volkslehrers geftattete, welches mithin auch bei —— Ueberſichtliche Darſtellung der evangeliſchen Geſchichte. 253 Johannes zur Zeit ſeines Auftretens vorausgeſetzt werden muß. Da nun Johannes nach Lukas nur ſechs Monate aͤlter als Je— ſus geweſen ſein ſoll, ſo muͤßte hiernach jene Taufe ſehr bald nach dem Auftreten des Johannes geſchehen ſein; auf die Taufe aber laͤßt nicht nur Lukas, ſondern laſſen die Evangeliſten ſaͤmmtlich in kuͤrzeſter Zeit den Beginn von Jeſu Lehramte fols gen. — Diefem gegenüber nun find wichtige Motive vorhan« den, welche uns anzunehmen nöthigen, daß es in Wahrheit nur das geiftige Verfchwinden des „abnehmenden“ Johannes in dem ‚‚zunehmenden’‘*) Chriftus ift, deſſen Gewahrwerden in der Vorftelung der chriftlichen Berichterftatter auch Außerlich die Zeit zwifchen dem Auftreten beider fo eng zufammenzogz eben fo, wie auch die Geburt des Johannes fo nahe an die Geburt des wahrfcheinlich beträchtlich jüngern Chriftus heran zurücden wohl nur der geiftige Sinn diefer Nähe, zu welcher beide Geftalten zufammengebracht werden, der Sage den Ans laß gab. Denn e8 würde fih, dem gewöhnlichen Laufe der menschlichen Dinge zufolge, von dem wir hier eine Ausnah— me gelten zu laflen Feineswegs hinreichenden Grund haben, kaum erklären laſſen, wie Sohannes innerhalb eines fo Furzen Zeitraums die Wirfung auf das Volk erreichen fonnte, über deren Umfang und Größe uns fo manche Zeugniffe in unferen Evangelien unterrichten. Seine prophetifche und Lehrerthätig: feit, fo Sehr fie, was die höhere Ordnung des Geiftes in der MWeltgefchichte betrifft, ihre Wahrheit und Bedeutung nur in dem Bezuge auf Chriftus hat, ift ihrer Außern Erfcheinung nad) von Ehriftus unabhängig geblieben. Ihr unmittelbarer Er- folg unter dem jüdifchen Volke war, — dies dürfen wir aus der Nachricht des Sofephus fchliegen und Ehriftus felbft hat es aus— gefprochen”*), — glänzender noch, als, anfangs wenigftens, der Erz folg, den Chriftus fand. Insbeſondere aber läßt fich nicht annehmen, daß der anfehnliche Kreis eigentlicher Schüler, die Sohannes um fich verfammelte, von denen ein Theil erft ges raume Zeit nach dem Tode beider Meifter zum Chriftenthume übertrat***), von ihm in dem Zeitraume weniger Monate und *) Joh. 3, 30. Be) Nroh, 5, 35, **) Apoſtelgeſch. 13, 24 ff. 19, 1 ff. — Te Drittes Bud. nachdem er fo schnell durch einen Größern verdunkelt na gewonnen fein follte. Was dem Sohannes die Unfterblichfeit feines Namens er- worben, was feinem Gedächtniß die hohe Bedeutung auch in— nerhalb des Chriſtenthums gefichert hat, ift eine einzelne bes ffimmte That, der fombolifche Mittelpunct feiner ethifch =reli= gioſen Wirkfamkeit, Es ift die Einführung der Taufe al Bundeszeichen für die, welche, über die Unlauterfeit ihres bis: berigen Lebens zum Bewußtfein gelangt, in Gemeinfchaft uns ter einander ein neues, fündenfreied Leben beginnen wollen. Aehnliche Gebräuche zwar, wie die Taufe, waren weder unter den Heiden, noch unter den Juden vor der Zeit des Johan— nes unbefanntz worin aber das Neue und Bedeutende der Ein- führung des Sohannes beftand, das finden wir deutlicher noch, als in den Evangelien, in der vorhin erwähnten Stelle des Io: fephus angedeutet. Wafchungen mit Waffer zum Behufe nicht nur der Förperlichen, fondern auch in dem fymbolifchen Sinne geiftiger Reinigung, der Sühnung beftimmter Vergehen oder anderer Handlungen und Begegniffe, welche ald verunreinigend auch die Seele gedacht wurden, waren vielfach unter den Ju— den bereit$ durch das mofaifche Geſetz eingeführt. Der typi— fehe Gebrauh, den an mehrfach wiederkehrenden Stellen die alten Propheten von dem Bilde einer Reinigung durch Waffer machen, die Art und Weife, wie eine mit dem ganzen Volke vorgehende Reinigung folcher Art als der Anfang einer durch Jehova felbft zu bewirkenden fittlichen Wiedergeburt des Volkes verfündigt wird*), mochte beitragen, jenen Geremonien nod) ein höheres Gepräge von Heiligkeit zu ertheilen. In Diefem Einne fcheinen diefelben namentlich unter den Eſſenern, be- Fanntlich derjenigen religiofen Schule unter den Ssraeliten, die fi vor andern der Heiligkeit des innern und Außen Wandels befliß, mehr noch, ald unter den übrigen Juden, einen wefent- lichen Beftandtheil ihrer ascetifchen Disciplin ausgemacht zu haben**). Aber je tiefer der Gebrauch des Wafchens und Ba- dens als Mittel zur Entledigung von einzelner beftimmter Un- *) Ezech. 36, 23. 1: 0. #%) Joseph. bell. Jud. II, 8, 5.7. — Ueberſichtliche Darſtellung der evangeliſchen Gefchichte. 255 reinigkeit in dem durch das religiofe Ceremonialgeſetz geregelten Leben des israelitifchen Volkes wurzelte, je häufiger und in je mannichfaltigerer Geftalt derfelbe in diefem Leben vorfam*), um fo mehr konnte es den Schein gewinnen, als fei die Sünde fowohl, wie auch die Reinigung von der Sünde eben nur ein Befonderes, in einzelnen Handlungen Beftehendes oder auf einzelne Handlungen fich Beziehendes; um fo mehr Fonnte er jener aͤußern Geſetz- und Werkheiligkeit Vorſchub Leiften”*), gegen welche die Lehre Sefu und vielleicht auch ſchon jene des Jo— hannes fo ausdrüdlich gerichtet war. Hier nun ift der große Schritt, den Sohannes that, eben diefer, daß er durch Ver: wandlung jener befonderen, unaufhorlich wiederholten Reini: gungen in eine allgemeine, für das. Leben gültige, die Forde: zung einer Seelenreinheit des ganzen Menfchen zum Bewußt: fein brachte, einer folhen, aus welcher fih dann die Reinheit | der einzelnen Handlungen ald natürliche Folge ergeben follte, Diefe Bedeutung hat es, wenn wir als wefentliches Moment der Sohannestaufe diefes bezeichnet finden, daß die zu Tau— fenden ihre Sünden befennen und Befehrung von denſelben verfprechen mußten***). Wir haben allen Grund, dafür zu hal« ten, daß aus der Sohannestaufe diefe Formel in die chriftliche, in welcher wir fie befanntlich gleichfalls fehr frühzeitig) fin: den, übergegangen, nicht etwa, durch ein Berfehen der Art, wie folche bei unfern evangelifchen Gefchichtfchreibern fonft al- lerdingd manche vorfommen, von der chriftlichen auf die johan« neifche zurüdgetragen if. Denn die lestere beftand ja noch zur Zeit der Apoftel von der chriftlichen unabhängig, fo daß man ihre Form und ihre Bedingungen aus eigener Anfchauung kennen lernen fonnte++). — Sonad) wäre denn diefer wichtige *) Israel Judaeus quotidie lavat, quia quotidie inquinalur. Tertull, de Baptism. 15. =) Bergl. Marc. 7,2 ff. u. Parall. *##) Marc. 1, 4 u. Parall, +) Zuerft Ap. Gefih. 2, 38. tr) Av. Geſch. 19, 4 wird die Sohannistaufe von Paulus in aus- drüdlichem Gegenfat gegen die Chriftustaufe Aanreoua werevolas genannt; unftreitig nicht in-dem Sinne, als wäre die [eßtere fol- ches nicht gewefen, fondern infofern jene nur dies war, Din. he 256 Drittes Bud. | Gedanke, der auch in das Chriftenthum als ein wefentliches und unentbehrliches Moment eingetreten ift, der Gedanke einer auch in einer Außerlihen Handlung, in einem Sacrament fi bethätigenden und dadurch zur feften, aͤußerlich beglaubigten Thatfache werdenden Sinnesänderung ald Anfang zu einem neuen, göttlichen eben, — es wäre diefer Gedanfe als die Idee zu betrachten, welche auszufprechen und ins Werf zu feßen, der Beruf des Sohannes war, Nicht als ob derfelbe den Is— raeliten vor ihm gänzlich fremd, und auf feine Weife vorberei- tet gewefen wäre. Hatten ja doch die alten Propheten, Je— faias an ihrer Spike, auf eine Heiligfeit der Gefinnung ge- drungen, die, über Opferdienft und andere Aeußerlichkeiten des Geremonialgefeßes erhaben, der allein wahrhafte Quell aller Kechenfchaft auch der einzelnen Handlungen ift. Von dem Ge- brauche der jüdischen Profelytentaufe würde man, falls, wie fi) zwar nicht ſtreng erweifen läßt, aber doch nicht unwahr— fcheinlich bleibt, wenigftens feine Anfänge*) noch über die Zeit des Sohannes fich hinauserftreden follten, nicht wohl in Abrede ftel- Yen konnen, daß er es war, von welchem Sohannes den aus Berlihen Typus zu feiner fombolifchen Handlung entlehnte. Aber auch, wenn fich dies fo verhielt, — wie wir denn nicht be= fireiten wollen, daß es fich wirklich fo verhalten haben mag, — fo bleibt nichts deftoweniger der Schritt, welchen Sohannes that, indem er jenem Gebrauche ‚eine Bedeutung gab, die ihn zum Gegenftande der Anwendung innerhalb des Kreifed der jüdi- ſchen Religionsgenoffen felbft machte, ein hoch bedeutender und im wahrhaften Wortfinne originale, und es ward durch ihn in Acht prophetifcher Weife dem Chriftenthume vorge- arbeitet. Schauplatz der Thätigkeit des Johannes waren die Ufer: gegenden des Jordan; nicht die eigentlich fo genannte Wüfte von Zuda, welche an einigen unferer Evangelienftellen irrthuͤm—⸗ licher Weife dafür gegeben zu werben fcheint**). Dort lebte *) Berge. Winer Nealwörterbuch, Artikel „Proſelyten“; was leicht das Beiterwogene fein möchte unter dem Vielen, was neuerdings über diefen Punct gefagt ift. *#) Marc. 1, 4 und Matth. 3, 1. fiheinen aus wörtlicher Deutung der Prophetenftelle von der Stimme des Predigers in der Wüfte Ueberfichtliche Darftellung der evangelifchen Gefchichte. 257 er nach der, auch aus andern Beifpielen*) befannten Sitte folcher ascetifch -religiofer Weifen, die ſich von der herrfchenden Meisheit der jüdischen Secten unbefriedigt fanden, ald Nafi- raͤer, auf das einfachfte und frengfte in Koft und Kleidung. Die nähere Bezeichnung der leßteren**) ift offenbar dem nach: gebildet, was die Sage vom Elias erzählt**), alfo nicht für gefchichtlich zu nehmen, da wahrfcheinlich nicht Sohannes fich felbft, fondern erft Jeſus den Johannes mit Elias verglichen hat+). Die Taufe ward, wie ed fcheint, an jedem befonders durch Untertauchen in den Sordan vollzogen. — Diefe Umftände in diefen Irrthum gefallen zu fein. Lufas Hingegen @, 2 f.) läßt die Stimme Gottes zwar an Johannes in der Wüfte ergehen, ven Zohannes felbft aber fodann mit feiner Predigt in die „gefammte Umgegend des Jordan“ ausziehen. — Uebrigens kann das Misver- ſtändniß auch durch einen Doppelfinn entftanden fein, der in dem Worte Fonwos liegt. “H EZomuos, was der DVerfaffer des erften Ey. allein Fennt, heißt überall die Wüfte. Die andern Evangeliften aber (3. B. Mare. 1, 35. 45. Luk. 4, 42, 5, 16) brauden ra Zonue, Fommoe Toros, ai !onuar auch fo, daß nur eine Ländliche Gegend überhaupt, im Gegenfate der Stadt, gemeint ſcheint; fie brauchen es ausdrüdiih an Stellen, wo auch bei Matthäus mit andern Ausdrüden der eben bezeichnete Sinn fich findet. Eben fo ift wohl auch 7 Epmuia Joseph, vit. 2, zu verftehen, — Auch im vierten Ev. übrigens findet fich wiederholt die unftreitig richtige Beftimmung, daß Johannes am Jordan gelehrt und getauft habe, wiewohl die nähern Angaben zweifelhaft und wahrfcheinlich von geographifchen Irrthümern nicht frei find (Joh. 1, 28. 3, 23). Ans Abgefhmadte ftreift die Bemerkung, daß Johannes den Ort, der dort Aenon genannt wird, gewählt habe, weil es viel Waſſer dafeldft gab. Als wenn für dag Bedürfniß der Taufe nicht jeder Uferplat Waffer genug gehabt Hätte! *) Joseph. vit. 2. ==) Marc. 1, 6. Matth, 3, 4. “ee, 2 Kön. 1, 8. H Dies fihliefen wir mit Zuverficht aus den Worten Matth, 11, 14, welche ganz das Gepräge eines ertemporirten Einfallg tragen (er Dhers Ölkaoda:, avros Earıv ’Hilas). Auch würde der Verf. des vierten Ey. dem Johannes auf die Frage, ob er der Elins fei, ge- wiß nicht eine verneinende Antwort (Joh. 1, 21) in den Mund ge- legt haben, wenn bereits Johannes felbft fih, fei es mit Worten, ober durch äußere Zeichen für den Elias erklärt hätte, 17 258° Dritte! Bud. find nicht ohne Bedeutung für Charafter und Tendenz des Jo— hannes. Der Gegenfab des „Propheten in der Wuͤſte“ zu dem in den Städten und auf. den Märkten Galilaa’3 umbher- wandelnden und nach. der Hauptftadt wallfahrenden Menfchen- fohn ift der nämliche, den wir auf andere Weife durch bie firenge ascetifche Lebensweife bei Johannes und feinen Süns gern, durch die Liberalität und Entbindung von diefer außern Strenge bei Chriftus und den feinigen ausgedrüdt finden. Dies felbe Art und Weife feines Auftretens gab den Anlaß zur Ans wendung jener Prophetenftelle auf ihn, welche, nach dem Bor: gange unferer Evangeliften, zum typifchen Ausdrud' für feinen Charakter und fein Berhältnig zu Chriftus geworden ift. „Stimme eines Predigerd in der Wuͤſte“, fo hatte jener unges nannte Prophet gefprochen, deſſen gewaltige, an die Israeliten in dem Augenblide, wo fie aus dem Gril ſich fammeln wollten, gerichteten Neden würdig befunden worden find, mit denen des größten aller Propheten, des Sefaias, in Einem Buche vereis nigt zu werden: „Stimme eines Predigerd in der Wuͤſte: bes reitet den Weg des Herin, ebnet ihn feine Pfade!) Daß Sohannes felbft diefe Worte auf fich bezogen habe, davon fin- det fich in den fonoptifchen Evangelien feine Spur; nur das vierte Evangelium legt fie, in einem Zufammenhang, den wir fhon oben vorläufig als einen erfünftelten Commentar zu den Einleitungsworten diefes Evangeliums erkannt haben, dem pros phetiihen Manne felbft in den Mund. Es wird nämlich dort erzählt”*), daß die Zuden aus Serufalem Priefter und Leviten *) ef, 40, 3. Lukas (3, 5) fügt no den folgenden Vers hinzu, welcher auf Johannes nicht wohl Anwendung leidet, Bei Marcus (1, 2 f.) wird diefe Stelle, unter Nennung nur des Jeſaias als Derfaffers, mit der im erften und dritten Ev. (Matth. 11, 30, Luk, ‘ 7, 27) in anderm Zufammenhange von Jefus felbft angeführten aus Maleachi (3, I) combinirt, und zwar in fo übereinſtimmender Abweichung von dem Urtext jener Prophetenftelle und von der Neberfegung der Septuaginta, daß Marcus hier, wo das Umge— kehrte ſich allerdings nicht annehmen läßt, gegen unfere Borausfe- Bung, einer Entlehnung aus jenen beiden verdächtig zu werben fcheint. Aber es ift überzeugend durch Lach mann nachgewieſen mor- den, daß jene beiven Berfe bei Marcus unecht find. ==) S30D 1, aa, Ueberfichtliche Darftellung der evangelifchen Gefhichte. 259 von pharifaifher Schule zu Johannes fandten, ihn zu befrae gen, wer er fei. Johannes fol hierauf, nachdem er befannt, daß er weder der erwartete Mefjias, noch Elias, noch über: haupt ein Prophet fei, die Antwort auf die ihm vorgelegte Frage mit den Worten jener Prophetenftelle gegeben haben. Diefe Fragen haben etwas fehr Unmwahrfcheinliches. Wären fie wirklich gethan worden, fo fünnten fie nad) dem, was wir bei Lu— Fas*) von der Gefinnung der Pharifaer und Gefegesgelehrten gegen Sohannes erfahren, kaum im Ernfte gethan fein; am beftimmteften aber verräth, nach unferer obigen Bemerkung, die Erwähnung des Elicd den fremdartigen Urfprung”*). In der Antwort des Johannes läge ein Widerfpruch mit fich felbft, indem er durch Anführung jener prophetifchen Worte nicht nur die Würde des Propheten, von dem er fie entlehnt, fondern, dem Zufammenhange zufolge, in welchem ihm anderwärts dag Prädicat des Elias ertheilt wird, offenbar auch die Würde des Elias für fih in Anfprucd genommen hätte, — Ein nicht hinlaͤnglich aufgeflärter Punct in der Gefhichte des Johannes betrifft übrigens das Verhaͤltniß feiner Anhänger. Den Wor— ten des Joſephus zufolge follte es fcheinen, als habe die Taufe als Zeichen eines ausdruͤcklichen Bundes gedient, aͤhn— lich etwa dem Effenifchen oder den Verbindungen der Orphi— fer und der Pythagoreer bei den Griechen, in welchen er feine Schüler fammeln wollte. Nichts deftoweniger ſcheint anderer: feits die Nothigung vorhanden, von dem weiteren Kreife derer, die von ihm die Laufe empfingen, den wir den Nachrichten *) Luk. 7, 30, *5) Amar finden wir auch bei Lukas (3, 15) die Bemerkung, dag Bolt (nicht die Schriftgelehrten) ſei auf den Gedanfen gerathen, Sohannes felbft möge der Meffias fein. Allein dieſe Bemerfung wird in der Manier des Lufas nur gemacht, um die dem Johan— nes beigelegten Worte zu motiviren, in denen er einen Höheren anfündigt. Daher können wir auf fie, wie wir jenen Evangeliften fonft kennen, fein fonderliches Gewicht Iegen. Die ganze Erfiheinung des Johannes war eine folche, daß, auch abgefehen von feinen aus— drüdlihen Erklärungen, fohwerlih ein Juve fich einfallen laſſen fonnte, ihn für den Meffias zu halten; auch finden wir bei Joſe— phus, bei Marcus nnd fonft in ächt Hiftorifchen Zufammenpange davon Feine Spur, 128 260 Drittes Bud. unferer Gvangeliften zufolge ald einen fehr großen zu denken haben*), einen engeren Kreis eigentlicher Schüler noch zu un— terfcheiden, folcher, die der Meifter, wie wir von Banus, dem Lehrer des Sofephus, willen, auf längere Zeit in feiner Nähe hielt, um ihnen feine religiofe Weisheit mitzutheilen. Nicht wohl von andern, als von folchen efoterifchen Schülern koͤn— nen wir es verftehen, was weiterhin von der ascetifchen Dis: ciplin der Sohannesjünger berichtet wird **). Denn von Sefus, der ja auch jene Taufe empfangen hatte, läßt fih nicht an- nehmen, daß er zur Beobachtung jener Disciplin verpflichtet worden fei, wie ohnehin nicht von jener Volfsmenge, von wel- cher die Evangeliften, als einer durch Johannes getauften, zu erzählen wiſſen. Unter dem Weiteren, was wir von dem Täufer berichtet finden, ft auch eine nicht unbeträchtlihe Anzahl von Neden, welche derfelbe gefprochen haben fol. Da wir indeß über die Duelle, aus welcher diefe Neden gefchöpft fein follen, im Un: gewilfen bleiben, fo bedürfen diefelben einer forgfältigen, auf das Einzelne eingehenden Kritif, bevor fie als wirklich von Jo— hannes gefprochene hingenommen werden koͤnnen. Das Refultat diefer Kritik ift, wie wir in einem fpätern Zufammenhange zeigen werden, ihrer Authentie im Ganzen nicht günftigz doch find fie in einer andern Beziehung von Werth und Wichtigkeit, in einer folhen, deren Grörterung wir gleichfalls jenem fpäteren Zus fammenhange überlaffen müflen. — Mit Ausnahme einiger an das Volk theils überhaupt, theils an einzelne Claſſen deffelben gerichteten fittlihen Grmahnungen von nicht eben fehr bedeu— tendem Inhalt, die ihm bei Lukas beigelegt werden**), bezie— ben fich_jene Neden ſaͤmmtlich auf fein Berhältniß zu einem nach ihm kommenden Größeren, deffen Zufunft er auf das aus— drüdlichfte wiederholt verfündigt haben fol. Mit diefem all: gemeinen Sinne feiner Neden verhält es fich in fo weit ohne Zweifel richtig, ald der allgemeine Glaube der damaligen Ju— den an einen zufünftigen Mefjiad unftreitig auch von Johan— *) Matth. 3, 5. Luk. 7. 21. 7, 29. **) Mare. 2, 18 u. Parall. Der) urears10rs Ueberſichtliche Darftellung der evangelifchen Geſchichte. 261 ned getheilt wurde und ein wefentliches Moment in feiner Lehre und feiner Predigt ausmachte. Diefe Bedeutung hatte. Die Mahnung, welche, wie beiläaufig in der Apoftelgefchichte er- wähnt wird, Sohannes feinen Taͤuflingen mitgab: fie follten glauben an den, der einft fommen werde***). Johannes wollte Damit wohl nichts anderes jagen, als ohnehin in dem Glauben der Suden lag, und nur etwa ausdrüdlich den Meffiasglauben als Motiv und Anknüpfungspunct für die Sinnesanderung, die er verlangte, hervorheben. Uebrigens liegt es in der Natur eis ner Sittenpredigt der Art, wie unftreitig die Predigt des Taͤu— fers war, daß in ihr, zugleich mit der Rüge der Verderbniß und Berfunfenheit des Zeitalterd, die Hinweifung auf eine bef- fere Zukunft mit ftärferer Färbung, als fonft in dem gewoͤhn— lichen Volksglauben, hervortreten, daß auch ohne ausdrücdliche Ubficht des Prediger die Nede eine Wendung nehmen mußte, in welcher diefe Zukunft als nicht mehr fern verfündigt zu wer— den fohien. Aber ob ed mit der Entfchiedenheit, wie unfere Evangelien #3 ihm fagenhafter Weife unterlegen, in dem eige- nen Bewußtfein des Sohannes gelegen habe, ſich ald den uns mittelbaren Vorläufer eines Höheren zu betrachten, nur be— flimmt, auf diefen Höheren vorzubereiten und ihm den Weg zu bahnen; ob er gar, wie gleichfalls fo beftimmt erzählt wird, von vorn herein, ſchon vor dem öffentlichen Auftreten Iefu, dieſen perfonlich für jenen Höheren erfannt habe: dies muß uns bei befonnener Erwägung theild der allgemeinen Gefeße alles geiftigen Gefchehens, theils auch der befonderen gefchichtlichen Data, die uns über den Täufer und fein Verhältniß zu Jeſus gegeben find, ald mehr denn zweifelhaft erfcheinen. Es gehört diefe Frage zu den Puncten, die, erft neuerdings ernfthaft von der Kritik in Anregung gebracht, die dDogmengläubige Anficht zu einem befonders lebhaften Widerfpruche gegen die Bedenken der Kritik veranlaßt haben, In der That halten auch wir diefen Dunct für einen der Gardinalpuncte, an die fich der Gegenfak #) sis Tov Zoyousvov user. avrov iva miorsvowor. Ay. Geſch. 19, 4. Die Deutung: rovz Zorıv, sis rov ’Inoowv wird dort (wie ‚auch wohl fhon die Worte: wer’ avrov) von Paulus in feinem eignen Namen, nicht in dem des Johannes, beigefügt. u 7 a 27 262 Drittes Bud. nicht etwa blos, wie es bisher den Anfchein hatte, jener negativen Kritik gegen die alten pofitiven Begriffe, fondern auch der wahr: haften, wiffenfchaftlich geläuterten und begründeten pofitiven Ein- ficht gegen beides zu fnüpfen nicht umhin kann. In welchem Sinne uns dies fo erfcheint, glauben wir etwas umftändlicher darle— gen zu müffen, während wir das Detail der evangeliſchen Erzaͤh— lung von dem Zufammentreffen beider Heroen unferer Gefchichte, wie fehon bemerkt, auf einen fpätern Zufammenhang verfparen. Die Sage von der ausdrüdlichen, wunderbaren Verkuͤn— digung Sefu durch Sohannes hat fich, auf gefchichtliher Grunde lage unftreitig, und in einem ſolchen Verhältnig zur Ges ſchichte, welches fie nur eben als Sage, nicht als eigentlichen Mythus, wie die Geburtsgefchichte de Sohannes, zu be: trachten verftattet, in der unverfennbaren Abficht gebildet, Ses ſum zu verherrlichen und feine göttliche Sendung zu beglaubi- gen. Diefe Abficht ift, fo viel diejenigen Standpuncte betrifft, für welche die Sage dichtete, den poetifh und den dogmatiſch glaͤubigen, vollſtaͤndig erreicht worden. Zunachft die Juden, für welche das Zeugniß eines Lehrers, deffen Autorität fchon vor der eigenen Autorität Jeſu feftgeftellt war, ein wichtiges Mo— ment fein mußte, fodann aber alle, die über das Bedürfniß nicht hinaus find, die innere Beglaubigung, die allein in Sefu Worten und geiftigen Thaten liegt, für die Phantafie in Außer: lihen Zhatfachen vorftellig zu machen, — alfo alle im gewoͤhn⸗ lichen Wortfinne Wundergläubige, alle, die nicht dahin ges langt find, wie der Herr felbft e5 verlangt, in dem Wunder des Propheten Jonas das einzig wahrhafte Wunder zu erfen- nen, — dieſe alle werden und koͤnnen nicht anders, als durch das prophetifche Zeugniß des Johannes, wenn es ihnen genau in der Weifel, wie es die biblifche Erzählung uns vorführt, als thatfächlich berichtet wird, fich in ihrem Glauben geftärkt und befeftigt finden. Anders aber die Gläubigen desjenigen Standpunctes, den wir bei unferer gegenwärtigen philofophi= [hen Gefchichtsdarftellung vor Augen haben. Diefen muß ge: rade daffelbe, was jenen eine VBerherrlichung und Erhöhung der Würde ihres Meifters ift, ald eine Beeinträchtigung berfel- ben, als eine theilweife Uebertragung deffen, was dem gottli- hen Meifter felbft und nur Ihm zukommt, auf einen Andern, a . — Ueberſichtliche Darſtellung der evangeliſchen Geſchichte. 263 alſo, in Folge dieſer Theilung des nicht zu Theilenden, als eine Vernichtung der goͤttlichen Wuͤrde Jeſu Chriſti erſcheinen. Es liegt naͤmlich fuͤr den philoſophiſchen, fuͤr den wiſſenſchaftlichen Standpunct in dem Begriffe des goͤttlichen Berufs, der für Sefus Chriftus in Anfpruch genommen wird: daß dieſer Beruf zunachft und unmittelbar von feinem Andern, als nur von Dem Selbft, dem er übertragen ift, erkannt werden kann. Denn folche Erfenntniß iſt eben nichts anderes, ald der Beruf felbft nach feiner intellectuellen , theoretifchen Seite, welche Seite, wie fein der Natur des Geiftes Kundiger in Abrede ftellen wird, eben fo nothwendig zu ihm: gehört, wie die reale, praftifche, Gerade dies ift dad wunderbar Große, das Außerordentliche und Ungemeine, ja das im eigentlichiten und wahrhafteften Sinne Göttliche der Erſcheinung Chrifti, daß in dem fchlichten galiläifchen Handwerfsmanne Jeſus von Nazareth, ohne daß derfelbe durch Außerliche Kennzeichen irgend einer Art vor ans dern Sterblichen ausgezeichnet gewefen wäre, das Bewußtſein erwacht, wie er berufen ift, dem menfchlihen Gefchleht ein Netter von dem durch feine Sündenfchuld ihm zugezogenen Elend, ein fchöpferifcher Urheber des neuen Heild zu werden; daß er, nur diefem Bewußtfein folgend, die That, die in der MWeltgefhichte nur einmal gethan werden Fonnte, vollbringt und eine neue Aera der Gefchichte, eine folche, die bis an das Ende aller menschlichen Dinge dauern wird, beginnen macht. Nicht als ob diefes Bewußtfein und diefe That in der Welt: gefchichte vereinzelt fanden; beide waren an fich durch den ge— fammten Berlauf der Weltgefhichte bis auf dieſen Punct, ausdrüdlich für jenes Bewußtfein felbft dur das bisherige Geſchick und die meffianifchen Verheißungen des 18: raelitifchen Volkes, genügend vorbereitet. Allein es ift folchen Borbereitungen wefentlich, das heißt, es ift durch den Begriff der durch fie vorbereiteten That gefordert, daß fie, dem In: dividuum gegenuber, auf welches diefe That gelegt it, in ber Geftalt der Abftraction und Allgemeinheit bleiben müffen, daß nicht der Bezug auf diefes befondere Individuum in ihnen ent— halten fein kann. Wäre Lebteres der Fall, fo wäre dann das Ver— hältniß diefes Individuums, alfo im hier vorliegenden Falle das Verhaͤltniß des Gottmenfchen felbft, zu den geſchichtlichen Pramif- 264 Drittes Bud. fen feiner Erfcheinung und zu dem Verhaͤngniß, durch welches dieſe Prämiffen gefest find, ein unfreies. Der Gottmenfch, in feiner einzelnen zufälligen Perfonlichkeit duch Wunder und Weiffagungen der Art defignirt, wie die Sage fie von Sefus erzählt, würde fich zu jener providentiellen Nothwendigfeit, die fih in diefen Wundern, in diefen Weiffagungen ausfpräche, als ‚ein-Außerliches , gleichgültiges Mittel, als ein mechaniſches \ — Werkzeug verhalten. Von hier aus aber wuͤrde man ſich folgerech— ter Weiſe zu jener Trennung der Menſchheit und der Gottheit in der Perſon Chriſti hingefuͤhrt finden, welche die Kirche zu allen Zeiten mit Recht verworfen hat, waͤhrend ſie doch die mythiſchen Praͤmiſſen, aus denen wir jenen Schluß zu ziehen nicht umhin koͤnnen, beſtehen ließ. Soll die Gottheit in Chriſto wirklich, wie es der wahre Chriſtenglaube fordert, Eins mit deſſen Menſchheit ſein, ſoll ſie ſich in dem Menſchlichen nicht durch aͤußere Zeichen blos, die auf eine hoͤhere Cauſalitaͤt hin— weiſen, welche aber dann eben keine offenbare, ſondern recht eigentlich eine verborgene waͤre, ſondern nach ihrem wahren, vollſtaͤndig in menſchliche Natur herabgeſtiegenen We— ſen und Selbſt offenbaren: ſo wird dazu erfordert, daß der Menſch Jeſus ſich auf freie Weiſe, d. h. aus ſich ſelbſt her— aus, nur durch das innere Licht erleuchtet, nicht von außen, ſei es durch Wunder oder durch Prophetenſtimmen bezeichnet, als den Goͤttlichen ſowohl erkannt als bethaͤtigt hat. Dies alſo iſt der Grund, weshalb wir in Bezug auf das von Johannes angeblich ſchon bei der Taufe Jeſu abgelegte Zeugniß nicht minder, wie in Bezug auf die Wunderereigniſſe der Ge— burtsgeſchichte eine Abweichung von dem Buchſtaben der evan— geliſchen Erzaͤhlung nicht nur mit dem wahren Glauben an die göttliche Offenbarung in Chriſto verträglich, ſondern ſelbſt durch dieſen Glauben auf das unabweislichſte gefordert halten. Ein Zeugniß des Johannes für Jeſus als den wahrhaftigen Meſ— ſias, bevor dieſer noch als ſolcher ſich bethaͤtigt hatte, ein ſol— ches Zeugniß waͤre, — dies moͤgen die hartnaͤckigen Anhaͤnger des Buchſtabenglaubens bedenken, — vielmehr ein Zeugniß gegen Chriſtus; es koͤnnte zu nichts anderm dienen, als nur, den Verdacht einer vorgaͤngigen Verabredung, einer kuͤnſtlich zwiſchen beiden abgekarteten Meſſiasrolle des einen unter ihnen Dan Be Eu Ueberfichtliche Darftellung der evangelifchen Gefchichte. 265 zu erweden oder zu nähren. Das Zeugniß Chrifti von fich ſelbſt dagegen ift nur dann ein vollgultiges, wenn es, wie Died | deutlich genug auch feine eigene, freilich nur verftümmelt auf uns gefommene Nede*) andeutet, Feines fremden Zeugniffes zu feiner Bekräftigung bedarf. Ja wir halten fowohl durch die beglau= | bigte Gefchichte, als durch den philofophiich erfaßten Begriff der Thatſache und berechtigt, das Verhaͤltniß umzufehren, und vielmehr daS Zeugniß Sefu über den Johannes al das eigentlich Bedeutende und Gewichtvolle in dem, was uns über die gegenfeitigen Beziehungen beider zu einander berichtet wird, auszufprechen. Daß Sefus ohne eine nähere Veranlaffung, die Sohannes felbft ihm dazu gegeben hätte, in dem Johannes den berufenen Herold und Vorgänger Seiner Selbft erfennt, daß in feinem Geifte die ‚Einficht in den Sinn und die Wahrheit jener alten Weiffagungen erwacht, welche verfündigt hatten, Daß eine Erfcheinung des Propheten Gliad dem Auftreten des Meffias vorangehen werde, und daß er, mit der Kühnheit und Genialität, die den eigentlichen Gehalt jener Weiffagungen gar wohl von dem zufälligen Gewand zu unterfcheiden weiß, den Täufer für diefen Elias erklärt: Darin liegt ein bei weitem gewichtigeres Moment für den wirklichen Meffiasberuf Jeſu, ald irgend in einem Zeugniffe liegen koͤnnte, welches ein Ande— rer über ihn gegeben hätte. — Billig tragen wir Bedenken, das Große diefes Blids, den in dem Augenblide, wo das Bewußt- fein feines Meffiasberufes in ihm aufging, Sefus hinter fich zurüd auf die Geftalt warf, die ihm zunächft, und auf die ganze Reihe geichichtlicher Geftalten, die wiederum diefer Geftalt vorangegangen waren, auch nur dadurch zu verkuͤmmern, daß wir in Johannes dem Taͤufer ein deutliches Bewußtſein nicht zwar, daß Jeſus von Nazareth der Meſſias ſei, aber Doc über die Nähe des erwarteten Meffias überhaupt und über die Unmittelbarfeit feines eigenen perfonlichen Berufs, die— fem Meffias die Wege zu bahnen, vorausfegen. Zwar fonnte man hier einwenden, daß mit demfelben Nechte, mit welchem wir Jeſu die ausfchliegliche Originalität des Bewußtfeins über feinen Beruf vindiciren, auch dem Sohannes ein gleich ur: #).309..5, 33: f. BEN: an DDr FEN 266 Drittes Bud). fprüngliches Selbftbewußtfein über den feinigen zugefchrieben werden müffe. Aber der Fall beider ift mit nichten der name liche. Es ift Feineswegs in demfelben Sinne von Johannes, wie von Jeſus zu fagen, daß das deutlihe Bewußtfein über die Bedeutung feines Berufes ein wefentliches Moment des Berufes felber bilde. Vielmehr liegt fchon im Allgemeinen grade dies in der Stellung des Niedern zu feinem Höhern, des Vorgaͤngers zu feinem großern Nachfolger, daß in dem letztern erft das noch Dunkle und mangelhafte Bewußtfein, welches der erftere über fich felbit hat, feine Verklärung, Erfüllung und Ergänzung finde, Noch ungleich mehr aber, wie in jedem an: dern Falle einer Aufeinanderfolge bedeutender Geifter, die nach derfelben Richtung hin ſchoͤpferiſch thätig find, wird im gegen: wärtigen Falle diefe Negel ihre Anwendung leiden. Denn hätte Sohannes fich ald den unmittelbaren Vorläufer des Mef- ſias erkennen follen, fo würde dazu, wenn folches Bemwußtfein nicht als ein ganz zufälliges, alfo unechtes und unwahres vor- geftellt werden foll, erfordert, daß er auch über die Befchaffen: heit diefes wahren Meffias, über feinen Unterfchied von der jü: diſchen Meffiasvorftellung ein Bewußtfein hatte; denn nur mit— telft eines folchen Bewußtfeins konnte er fein eigenes Thun mit der in den meljianifchen Weiffagungen angekündigten Gliaserfcheinung für identifch erfennen. Dies aber heißt eben dem eigenen Selbftbewußtfein, welches nur der wirkliche Meffias von fich haben Fonnte, auf eine Weife vorgreifen, deren Unzu— Yaffigfeit wir im Obigen nachgewiefen haben, So fehr nun diefes naturgemäße und grade im gegenwär: tigen Falle zur gründlichen Einfiht in das wahre Wefen der göttlichen Offenbarung durchaus unentbehrliche Verhaͤltniß zwi: fchen dem Menfchenfohn und dem Prediger in der Wüfte von der evangelifhen Sage unftreitig verfannt worden iftt fo find nicht3 defto weniger auch in ihr noch hifterifhe Züge genug ftehen geblieben, welche auf die wahre Geftaltung dieſes Ver— hältniffes hinweifen und ung dieſelbe errathen laſſen. Zuvor: derft ift auffallend, wie wir nicht von fern einen Verſuch ge— macht finden, zwifchen der Geburtsfage bei Lukas, in der ja auch Zohannes eine fo bedeutende Rolle fpielt, und der ſpaͤte— ren Beziehung des Sohanned zu Chriftus einen Caufalzufam- + —— | - .“ fx Ueberfichtliche Darftellung der evangelifchen Gefchichte. 267 menhang herzuftellen. Hievon ift zwar der Grund nicht febwer zu finden. Mit Ausnahme eben des Lukas wifjen die Übrigen Evangeliften von jener Sage befanntlich nichts. Die Erzaͤh— lungen von den Neden und Handlungen, des Johannes haben ſich fowohl überhaupt, als namentlich in der ausgeführteren Geftalt, die fie im vierten Evangelium erhalten haben, von je— nem Mythus. unabhängig gebildet. Grade in diefem lekter- wähnten Bericht findet fich fogar in des Johannes Munde die ausdrüdliche Bemerkung, daß er Iefum bis zum Augenblide feiner Taufe, wo ihm die wunderbare Offenbarung über ihn geworden fein foll, nicht gekannt habe ). Was aber noch mehr als diefer allerdings auffallende Umftand ven Anhängern des biblifchen Buchftabens zu fchaffen gemacht hat, ift die fchwierige Frage, wie denn Johannes, wenn er in der Derfon Jeſu den Meffias erkannt, nichts deftoweniger habe fortfah— ren fonnen, fich als Haupt einer Schule zu benehmen und in derfelben Weife, wie er es zuvor that, zu predigen und zu taus fen. Diefe Frage wird fich für und zwar einigermaßen anders ftellen, wenn wir, wie billig, der beftimmten Ausfage der funop- tiſchen Evangeliften **), daß Sefus erft, nachdem Sohannes ges fanglich eingezogen war, feine Laufbahn in Galiläa eingetreten habe, Glauben genug beimeffen, um durch die entgegengefeßten, kei— neswegs hinreichend motivirten Angaben des vierten Evangeliums und nicht darin irren zu laffen***). Aber weit entfernt, daß fie durch diefe Wendung auf eine für die gewöhnlichen Annahmen günftige Weife erledigt würde, fo dient diefelbe vielmehr, die Frage in ihrer weiteren, tiefergreifenden Bedeutung zum Bes =) Joh. 1, 33. =) Marc. 1, 14 u. Parall. ' Die parenthetiſche Bemerkung Joh. 3, 24, daß Johannes damals (d. h. zur Zeit der angeblich erſten Reiſe Jeſu während feines Lehr— amts nach Zerufalem) noch nicht ins Gefängniß geworfen war, verräth deutlich, wie der Evangeliſt in feinen Lefern die Gewohnpeit vor— ausfeßte, den Täufer bereits vom Schauplat abgetreten zu ben» fen, nachdem Zefus ihn betreten hatte. Hätte er mit jenen Worten eine ausdrücliche Berichtigung feiner Vorgänger beabfihtigt, fo hätte er hier, wie in vielen anderen Fällen, wenn er einigermaßen gefchickt verfahren wollte, fih ganz anders haben ausdrücken müſſen. — 208 eg Drittes Bud. wußtfein zu bringen. Die Schwierigkeit liegt namlich nicht als. lein darin, wie Johannes fich noch immer dem bereits aufge tretenen und von ihm für den Meſſias erkannten Sefus als Ne- benbuhler gegenüber ſtellen konnte; — diefe Schwierigkeit, welche man aus der Darftellung des vierten Evangeliums fich freilich vergebens bemüht hinwegzuräumen, würde durch die eben ge— machte Bemerfung fich befeitigen laffen. . Das eigentliche Pro- blem ift vielmehr diefes: wie bei der deutlichen Einſicht in die unmittelbar bevorftehende Erſcheinung des Meffias die Thätig- keit des Johannes nicht von vorn herein eine andere Geftalt bat annehmen müffen, als die fie wirflih angenommen hat. Man fage, was man wolle, zur VBertheidigung der in den Evans gelten vorliegenden Darftellung; es wird immer unbegreiflich bleiben, wie bei diefer Einfiht Sohannes nichts deftoweniger, ftatt fi) damit zu begnügen, auf diefe Erſcheinung hinzuwei— fen und die Gemüther der Menfchen für fie zu öffnen, in der Meife, wie wir ihn thun fehen, eine offenbar auf längere Dauer berechnete Schule ftiften Fonnte, eine Schule mit genau beftimmten Gefeßen und Lehrvorfchriften, eine folche endlich, Die, wie mehrfache Spuren darauf hinweifen, fpäter mit der Ge: meinde Chrifti mehrmals in ausdrädlichen Conflict gefommen iſt. Die authentifchen Ausfprüche Sefu über Sohannes *) Yaffen uns ihn durchaus in dem Lichte eines felbftftändigen, Fei- neswegs fi) dem Werke Jeſu unbedingt nur unterordnenden Geiftes erbliden. Sie beweifen, wie der Eingang, den er 'mit feiner Lehre fand, fich unter den Juden um viele weiter erſtreckte, als die Erwartung eines unmittelbar bevorftehenden Meffiasreiches, welche, wenn jene Anficht fich richtig verhielt, doc unmittelbar daran hätte geknüpft fein müffen. — Mehr aber vielleicht noch, ald Alles, muß der Umftand Bedenken erregen, daß wir Sefum fein Auftreten und feine Lehre, nicht, wie man es erwarten follte, von vorn herein ausdrüdlich an die Verhei- ßungen des Sohannes fnüpfen, fondern erft fpat und nur ge= Vegentlich nicht jene VBerheißungen, fondern die gefammte Per: fon und Thätigfeit des Taͤufers berücfichtigen fehen. Was wäre natürlicher gewefen, als folche Anfnüpfung, was hätte *) Matth. 11,7 ff. u. Parall, Mare. 11, 30 u. Parall. Joh. 5, 35. Kt Ad a} Bu “ A - uUbeberſichtliche Darſtellung der evangelifhen Geſchichte. 269 fi fo ganz ungefucht von felbft ergeben müffen, wenn Sefus wirklich die Gemüther durch Johannes auf die unmittelbare Ers fheinung des Meſſias vorbereitet gefunden hätte? Wie war damit, — insbefondere zwar, wenn er durch feinen Vorgänger perfünlich als der Mefjias bezeichnet war, aber auch dann felbft, wenn er es nicht war, fondern Sohannes nur, im Allgemeinen einen unmittelbaren Bezug zwifchen fih und der Erfcheinung des Meffias gefest hatte, — wie war jene, Feineswegs deut— lich ausgefprochene, fondern nur verhülte Andeutung feiner Meffiaswürde- damit vereinbar, welche Sefus, aus Grüne den, die fich uns deutlich genug im VBerfolg unferer Bes trachtung ergeben werden, während feiner gefammten Lauf— bahn vor dem unumwundenen Ausfprechen diefer Würde den Borzug gab? Dffenbar würde Sohannes nicht blos durch die ihm untergelegte ausdrüdliche Bezeichnung der Perfon Jeſu, fondern auch ſchon durch jene allgemeine Verkündigung, dafern in derfelben nur irgend noch ein Mehreres, als in den ohnehin verbreiteten mefftanifchen Erwartungen der Suden enthalten war, — offenbar würde er ihn, bei dem ausgebreiteten Erfolge, den feine Predigt fand, genöthigt haben, fogleich im erften Beginne feiner Laufbahn fich entweder ausdrüdlich jenen Verheißungen entgegenzuftellen, oder eben fo ausdrüdlich ſich als den von Sohannes Verheißenen anzufündigen. Bei allem diefem geht jedoch unfere Meinung nicht dahin, eine wirflich erfolgte fogar perfonliche Anerfennung Sefu durch) Sohannes gänzlich in Abrede zu ftellen. Daß eine folche in der That flattgefunden habe, Davon würde uns zwar die im vierten Evangelium *) Jeſu in den Mund gelegte Be- rufung auf dad Zeugnig des Sohannes, wenn fie vereinzelt ftände, noch nicht vollftändig überzeugen; wiewohl wir auf fie, wie gleicherweife auch auf die ähnlich lautenden Aeußerungen im Prologe diefes Evangeliums, da wir nach unferer An— fiht Diefes Gvangeliums als den Verfaſſer beider den Apoftel Sohannes betrachten müffen, auch fo ſchon ein aller: dings nicht geringes Gewicht zu legen nicht umhin Fonnen. Entjcheidend aber wird fie uns durch ihr Zufammentreffen mit jenen von der Sage dem Täufer untergelegten Xeußerungen, E00, 5, 33. VE me 3%, 2 270 Drittes Bud. NER denen wir, wenn fie auch in der Geftalt, wie fie berichtet wer« den, nicht gethan fein konnen, doc allen und jeden gefchichtli- chen Grund abzufprechen nicht wohl wagen möchten; ſo wie überhaupt mit der Stellung, weldye die apoftolifche Lehre dem’ Sohannes anwies, einer Stellung, die fi zwar auf die früher von uns angeführten Worte Sefu, doch fchwerlich auf dieſe al- lein begründen Fonnte, — So bedenklich nun diefer Umftand für das Ergebniß unferer vorftehenden Fritiichen Betrachtung er- fcheinen kann, fo läßt er ſich nicht3 deftoweniger durch eine nicht allzu fern liegende Gombination auf das vollftändigfte da— mit vereinigen. Eine Aeußerung des Paulus in der Apoftelge- fhichte laßt den Johannes die berühmten Worte, die fich auch bei Marcus *) und den übrigen Synoptifern finden: „ein Stärferer fomme nah ihm, dem er nicht werth fei, die Rie— men der Sandalen zu löfen,’” — nah Vollendung fei- ner Laufbahn) fpreben. Damit nun kann, dafern wir den Ausdrud wörtlich nehmen, nicht wohl etwas anderes ge: meint fein, als daß Johannes fie erft im Gefängniffe gejagt habe, alſo zu einer Zeit, wo Sejus bereit3 oͤffentlich aufgetre- ten war, und, Sohannes eine beträchtliche Anzahl feiner Thaten und Reden in Grfahrung gebracht haben Fonnte, Hat der Täufer damals auf die ihm folchergeftalt gewordene Anſchauung hin Sefum für den Größeren erfannt, welcher hinfort wachen werde, während für ihn felbfi die Zeit des Abnehmens gefom- men fei: fo fonnen wir darin das Unnatürliche nicht finden, welches in jener frühzeitigen Anerkennung allerdings liegen würde, und welches die neuefte Kritif der evangelifchen Ge— fhichte, mit deren Ergebnifien wir bis auf dieſen gegenwaͤrti— gen Punct, ihnen nur eine pofitivere Wendung und Deu- tung unterlegend, faft durchgehends übereinftimmen mußten, auch noch auf diefen letzteren erftreden will ***). Sene Starr: heit des Charakters, die folche Anerfenntnig fo unwahrfchein- lich machen foll, wird dem Sohannes nur willführli unterge- legt. Sie folgt mit Nothwendigkeit weder aus feiner eigenen *) Mare. 1, 7 u. Parall. *#) us Errkjoov 6 "Iwavons tov doouov. Ap. Gefch. 13, 25, =) Strauß, % 5.1, ©. 347. Ber >; ” £ Ueberfichtliche Darftelung der evangelifchen Gefhichte. 271 firengen Ascefe, noch aus dem aScetifchen Geſetz, “welches er feinen Süngern vorfchried. Auch ift e8 in der Weltgefchichte, insbefondere z. B. in der Gefchichte der Literatur und Kunft *) keineswegs ohne Beilpiel, daß ein bedeutender Charafter einen Größeren, der nach ihm hervortritt, anerkennt, ihm huldigt und fih ihm unterordnet, zumal wenn Diefer, wie es ja bei Jeſus ſich fo verhielt, fich nicht ausdrücklich gegnerifch gegen das Werk oder die Zendenz feines Vorgängers Fehrt. — Um einen Anfnüpfungspunft übrigens für diefe Hypothefe in der evan— gelifichen Erzählung felbft brauchen wir nicht verlegen zu fein. Wir finden einen folchen auf die ungezwungenfte Weife in dem Bericht von der Gefandtichaft, welche Sohannes aus dem Ge— fangniß an Sefus ſchickt, mit der Anfrage, ob er der erwartete Meffias fei, oder ob man eines Anderen harren folle *). So unvereinbar man diefe Erzählung mit Recht mit den GErzähluns gen von der früheren Anerkennung Sefu durch den Täufer ges funden hat***), fo ungenügend dort alle Berfuche einer Ausgleis hung diefes Widerfpruch geblieben find und ftetS bleiben wer— den: fo gut läßt fie fi mit der Annahme einer gleichzeitig oder fpäter erfolgten Anerfennung vereinigen. Sm vierten Evans gelium wird, an derfelben Stelle, deren wir vorhin als einer wahrfceinlich acht apoftolifchen gedachten, einer andern Sen dung erwähnt, einer folchen nämlich, welche die Suden an Jo— hannes gefandt. Man pflegt dies gemeiniglich von jener Sen» dung zu verftehen, welche im erften Gapitel diefes Evangeliums erzählt wurde. Allein wenn diefe leßtere, wie vorhin gezeigt, wahrſcheinlich nicht3, ald eine Erfindung des Herausgebers jes ner Evangelienfchrift ift, fo bleibt in jener Stelle offener Raum *) As ein merkfwürdiges und befonders fchlagendes Beifpiel diefer Art (ähnliche wären mit Teichter Mühe in Menge aufzufinden, wern wir auch) zugeben wollen, daß die entgegengefegten vielleicht noch häufiger fein mögen) fet es erlaubt, einen Brief Wielands über den Dichter -Füngling Göthe anzuführen: F. H. Jacobi's Briefe wechfel (Leipz. 1825) I, ©. 228. *) Matth. 11,2 ff. u. Parall, *5*) Schon der in Bezug auf die Compoſition der Evangelien fo fharf- fihtige Manichäer Fauſtus Hatte Dies bemerkt: Augustin. c. Faust. V, 1. 272 Drittes Bud. für eine andere, ihrem eigenen Zufammenhange unftreitignäher lie: gende Deutung; nämlich daß Jeſus dort vielmehr von einer Sendung fpreche, welche die Juden an den bereits. gefangen figenden Sohannes gethan, in der Abficht, um nicht über ihn felbft, fondern über den. unterdeß aufgetretenen Jeſus feine Stimme zu vernehmen. Es liegt nahe, in diefer an Sohannes ergangenen Anfrage den Anlaß zu jener Anfrage zu fuchen, die er felbft an Sefus thun ließ. Auf feinen Fall aber kann es befremden, wenn der, welcher Sefum folchergeftalt zu begrü: gen würdigte *), fei es auf die von ihm empfangene Antwort, oder auf anderweit über ihn vernommene Zeugniffe hin eine fo günftig lautende Stimme über ihn abgab, wie wir folches, um zu unfern evangelifchen Darftelungen den erflärenden Schlüffel zu finden, allerdings vorausfeßen müffen. **) *) Man hat Anftoß daran genommen, daß es dem Johannes ver— ftattet gewefen fein fol, im Gefängniffe ſolchen Berfehr mit fei= nen Züngern zu pflegen. Schleiermacher (über den Lukas ©. 109) läßt fih dadurch beftimmen, der Darfellung des Lukas, welcher des Gefängniffes nicht gedenkt, vor der des Matthäus den Vorzug zu geben, Strauß aber (2.3.1, ©.352), die ganze Erzählung als unhiſtoriſch zu verwerfen. Allein beides ohne hinlänglichen Grund, Einfames Gefängniß war weder bei den Alten (man denke an bie letzten Tage des Sokrates), noch it es im Morgenlande üblich (vergl. Winer Realwörterbuch, Art. „Gefängniß” und die dort an« geführte Stelle aus Rofenmüller A. u. N, Morgenland V, ©. 101). Ein ausprüdliches Beifpiel folder Erlaubniß eines Verkehrs mit den Seinigen im Gefängniffe findet ſich Ap. Geſch. 24, 23, und als Negel vorausgefeßt wird folhe Erlaubniß offenbar Matth. 25, 36. Nebrigens trägt die Erzählung bei Matthäus fammt der Ant- wort, die Jeſus dort auf die Anfrage des Johannes giebt, durch— aus das Gepräge hiſtoriſcher Glaubwürbdigfeit. Don Lukas aber müßten wir, wenn er an der hier fraglichen Stelle das Gefängniß auch nicht ausprüdlih erwähnt, nichts deftoweniger vorausſetzen, daß auch er wenigftens nicht ausdrüdlihe Kunde davon hatte, daß Johannes damals noch frei war; denn er hatte bereits Cap. 3, 20 feine Gefangenfegung erwähnt. Ihm felbft fcheint Freilich be— reits jener Serupel aufgeftoßen zu fein und er deshalb bie Notiz vom Gefängniß hier weggelaffen zu haben. Dies fihließen wir dar— aus, daß er auch jene Aeußerung (Matth. 11, 12) wegläßt und da wo er fie nachbringt (16, 19) abändert, welche die Wirkſamkeit des Johannes in die Vergangenheit zurücfchiebt. **) Auch die Aeußerungen, welche Joh. 3, 27 fi, von dem Täufer er- Ueberfichtliche Darftellung der evangelifchen Gefchichte. 273 So viel über den Charakter des Taufers und fein Berhältnig zu Sefus im Allgemeinen. Es bleibt noch übrig, den Augenblid, in welchem derfelbe in die Gefchichte Jeſu fo bedeutend eintritt, noch etwas näher zu beleuchten, welches bekanntlich der Au— genblid der durch Iefus von ihm empfangenen Taufe ift. Das Factum dieſer Taufe an fich felbft gehört zu den der hiftori= fhen Skepfis am wenigften Raum gebenden Tchatfachen der evangelifchen Gefchichte. ES wird daſſelbe nicht nur in ſaͤmmt— lichen Evangelien einftimmig berichtet, fondern es galt, wie die wiederholteften Zeugniffe uns deffen verfichern, in der apo— ſtoliſchen Gefchichte allgemein ald der Moment, von wel: chem die evangelifche VBerfündigung der Thaten ded Herrn zu beginnen hatte. Ein dogmatifches Intereffe, welches dazu verleitet haben Fünnte, diefe Begebenheit zu erfinnen, laßt fich nicht wohl ausfindig machen; eher koͤnnten die dogmatifchen ' Begriffe, welche fehr bald in der chriftlichen Kirche Platz er: griffen, ihrer Erklärung eine Schwierigkeit entgegen zu ftellen fcheinen. Wie e8 gekommen fei, daß Sefus, er, der Suͤnd— lofe und Heilige, einer Handlung fi zu unterziehen veranlaßt ward, die in demjenigen, an welchem fie vollzogen wird, ein Bewußtfein der Sündhaftigfeit, ein Beduͤrfniß der Reinigung, der Sündenvergebung, und einen Entfhuß der Befehrung vor: ausfeßt: dieſe Frage hat nicht blos die neueren Dogmatifer auf das ernftlichfte befchäftigtz fie feheint, wie die in unferm Matthausevangelium * und in den apofryphifchen Evangelien der Ebioniten und Nazarker und dem zyovyue Ildroov erzählten Gefpräche bei und vor der Taufe darauf hindeuten, ſchon fruͤhzei— tig aufgeworfen worden zu fein. Die Antwort, welche in dem Fanonifchen Evangelium Jeſus auf die Bemerkung des Johan nes giebt, daß er vielmehr durch Jeſus, als Jeſus durch ihn getauft zu werden benöthigt ſei, „es zieme ihm, alles, was recht fei, zu erfüllen, ’’ enthält Feine Lofung jener Schwierigkeit, fondern nur einen Nothbehelf des Erzählers, der jenem Einwurfe begegnen zählt werben, gehören wahrfeheinlich in jene fpätere Zeit, und find von dem Herausgeber des Ey, irrthümlich an bie frühere Gtelfe verlegt worden, *) Matth. 3, 14 f. 18 re - 0 Si 274 Drittes Bud. wollte. Man hat in neuerer Zeit das Ungenügende diefer Unts wort empfunden; man hat, zum Theil durch die Einwuͤrfe der Gegner jenes dogmatifchen Standpunctes dazu gedrängt, über den Grund, der Sefum beftimmt haben fünne, fich der Laufe zu unterwerfen, eine beftimmtere Nechenfchaft zu geben verfudht. Durch diefe Verfuhe mußte jedenfalls fo viel zum Bewußt- fein gebracht werden, daß, jene dogmatifchen Vorausſetzun— gen zugeftanden, der Zaufhandlung eine andere Bedeutung in Bezug auf die Perfon Sefu zuzufchreiben wäre, als in Bezug auf alle Uebrigen. Bei Sefus wird fie, wenn fie überhaupt eine Bedeutung haben und nicht ald leere Geremonie daftehen fol, feine andere, als die Bedeutung einer Weihe für feinen meffianifchen Beruf haben koͤnnen. In der That ift Dies, wenn auch mehr unbewußter, ald klar entwicelter Weife, der Gefichtspunct, aus welchem bereits die biblifche Sage, und al- les was fich weiterhin mythifch oder dogmatifch an diefelbe geknuͤpft hat, jene Begebenheit betrachten lehrt. Das Wunder nament- lich, welches Diefe Sage an die durch Sohannes an Chriſtus vollzogene Saufhandlung Ffnüpfte, hat unverfennbar den Zwed, diefelbe in einen nicht blos allgemeinen, fondern individuell charafteriftifchen Bezug auf den Meffiasberuf zu feßen, und Die Deutung, welche fpäter die gnoftifchen Secten diefem Wunder gaben, macht dafjelbe gradezu zum Urfprunge und zur aus— ſchließlichen Quelle des göttlichen Geiftes, der Jeſum befeelte. Wenn nun aber in diefem allem dem eigentlich gefchichtli chen Momente näher nachgeforfcht wird: fo kann man ſich nicht verhehlen, daß eine Erklärung deffelben mit jener dog: matifchen Wendung noch Feineswegs gegeben if. War Die Taufe, wie fie fowohl nach jenen Vorausfegungen felbft, als auch nach den Ergebniffen unferer vorftehenden Unterfuchung dies war, von Johannes in einer ganz anderen Abficht für feine Schüler und überhaupt für die Maffe des Volkes einge- führt, als in welcher fich ihr Jeſus für flch unterzogz waren die Vorausfegungen, welche die Zaufhandlung bei der Menge der übrigen Täuflinge zum Grunde legte, die Forderungen, die fie an diefe ftellte, wefentlich andere, al3 die Vorausſetzungen, die fie bei Jeſus annehmen, als die Forderungen die fie an Sefus ftellen fonnte: fo fieht man noch nicht, was es war, Das Je— Ueberfichtliche Darftellung der evangelifchen Geſchichte. 275 fum dazu veranlaffen Fonnte, troß dem, daß jene Vorausſetzun⸗ gen bei ihm nicht eintrafen, jene Forderungen fich für. fein Bewußtfein als überflüffig darftellten, dennoch die Taufe für fih, ald Einweihungsact in den von ihm ſchon zuvor erkann— ten göttlichen Beruf zu begehrten. Hierzu fommt, daß die Ueberlieferung felbjt jenes Wunder, welches ſie, wie.eben bes merkt, als ein Zeichen für die höhere Bedeutung der an ihm verrich- teten Taufhandlung einführt, auf eine wenigftens für Jeſus une vorhergefehene Weiſe gefchehen läßt. Hiermit nämlich wird recht ausdrücklich eben Dies angedeutet, daß die Taufe zwar von vorn. herein nichts weniger als dies zu fein beftimmt war, daß fie aber durch eine befondere göttliche Veranftaltung, von der zwar der Täufer, aber nicht der zu Zaufende zum vors aus Kunde hatte *), zum feierlichen Gröffnungsacte der Laufbahn des Mefjias ward. — Eben durch dieſe Betrachtung find wir jedoch dem Geſichtspuncte nähergetreten, den wir, gereinigt übrigens von dem äußerlich Wunderbaren, was ihm nach der buchftäblich verftandenen biblifchen Erzählung anfleben würde, als den al- lein geschichtlichen fefthalten zu Fonnen und getrauen. Wir finden durchaus feinen gefchichtlichen Grund, — mit dem dog— matifchen denken wir und auf andere Weife abzufinden, — der ums beftimmen fünnte, in Sefus ein anderes Motiv zum Berlangen nach der Taufe, ald in allen andern Zäuflingen vorauszufegen. Wohl aber glauben wir und, auch von dem rein hiftorifchen Standpuncte, zu der Annahme berechtigt, daß im Augenbli ihres wirklichen Gefchehens, und nach diefem Au— genblide, die Geremonie der Taufe wirklich etwas anderes für ihn wurde, als für jene Uebrigen, eine Bedeutung für ihn ge: wann, bie fie der Natur der Sache nach für feinen andern, als eben nur für ihn, gewinnen Fonnte, Daß Sefus mit ſchon vollfommen Harem, befeftigtem Bewußtfein über feinen göttlichen Beruf zur Taufe gefchritten fein müffe, ift eine Borausfegung, die zwar im Allgemeinen mit der bisherigen dogmatifchen Anficht von feiner gottmenfch- lichen Natur, namentlich auch mit dem buchftäblichen Glauben an den Inhalt der Kindheitsfage, zufammenhängt, die aber ins— *) oh. 1, 33, ee 6. £ Drittes Bud. befondere noch durch die chronologifhe Beftimmung begünftigt wird, welche unfere Gvangeliften über das Berhältniß jener Begebenheit zum Beginne des vffentlihen Lehramtes Sefu ges geben haben. Lag freilich zwifchen dieſen beiden Ereigniſſen ein fo Furzer Zeitraum in der Mitte, wie man es aus ben An— gaben der fynoptifchen Evangelien bisher allgemein zu ſchlie— Ben pflegt, oder folgte gar das letztere jo unmittelbar auf das erftere, wie man nach dem vierten Evangelium anzunehmen fich verleitet finden koͤnnte: dann allerdings bleibt für den Stand— punct der geiftigen Entwidelung des göttlichen Taͤuflings im Augenblide feiner Taufe Feine andere Annahme übrig, als die eben bezeichnete. Aber dieſes felbft, ob es fich mit jener chro= nologifhen Beftimmung richtig verhalte, unterliegt um fo mehr einem Zweifel, als diefelbe in dem Buchftaben der evangelifchen Erzählung, genauer angefehen, nicht einmal wirklich enthalten ift, fondern erft in ihn hineingetragen wird. Was zunachft die fonop- tifche Darftellung betrifft, fo mag man ed immerhin genau neh— men mit jenem ‚‚fogleich‘’*), wodurch das unmittelbare Nachfol- gen der Verfuchung in der Wüfte auf die empfangene Zaufe im Sordan angedeutet werden fol. Daß eben fo unmittelbar auf die vierzig Tage der Verfuchung das Auftreten Sefu in Gali- laa folge, wird in feinem unferer Evangelien ausdrüdlich ge— fagt, fondern die Wendung, daß „nach der gefänglichen Ein- ziehung des Johannes“ Jeſus nad) Galilaa wanderte, um dort die Predigt des Evangeliums zu beginnen *), laßt eher auf einen dazwifchen verfloffenen längeren Zeitraum fchließen. Im vierten Evangelium aber findet fich über die Zeit, zu wel- cher die Taufe gefchehen fein fol, gar Feine nähere Beftim- mung. Dort nämlich wird nicht die Taufe felbft, fendern ftatt ihrer eine fpatere Rede des Sohannes. berichtet, eine folche, von der erft zu beweifen wäre, daß fie fich nicht anders, als un— mittelbar nad) der Taufe Jeſu gefprochen denken laſſe. Als entfcheidend jedoch über diefen Punct betrachten wir erſt, was wir weiterhin bei Gelegenheit der Verfuchungsgefchichte fagen wer: *) eudeus bei Marc. 1, 12. Die beiden Andern paraphrafiren dieſen Ausdruck durch ziemlich gleichbepeutende. *) Mare. 1, 14 u, Parall. * Ueberfichtliche Darſtellung der evangeliſchen Geſchichte. 277 den. In dieſer naͤmlich liegt, wie wir ſpaͤter zu zeigen gedenken, eine Kunde uͤber den zwiſchen der Taufe und dem Auftreten Jeſu verfloſſenen Zeitraum verborgen, die uͤber deſſen laͤngere Dauer keinen Zweifel laͤßt. Was wir hier bemerken, hat nur den vorlaͤufigen Zweck, eine Schwierigkeit zu beſeitigen, welche der Anſicht uͤber die Taufe, die wir hier auszuſprechen gedachten, im Wege ſteht. — Auch die nähere exegetiſche Be— gruͤndung dieſer Anficht felbft zwar müffen wir noch auffchie: ben; es beruht diefelbe auf der Auslegung jener Wundergefchichte, welche in halb fombolifcher Hülle den geiftigen Kern dieſer Begebenheit enthält. Die allgemeinen Grundzüge derfelben aber ergeben fich faft von felbft ſchon aus dem bisher-Gefagten. Es ift nämlich eine durchaus natürlich in der Sache felbft be- gründefe, und auch in unfern Gefchichtsquellen im Wefentlichen unwiderlegt bleibende Annahme: daß Jeſus zu der Zeit, als er fich von Sohannes taufen ließ, noch nicht jenes klare Be- wußtfein feines göttlichen Berufs haben fonnte, welches wir von dem erften Anfang feiner offentlichen Thätigfeit an aller— dings in ihm vorausfegen müffenz daß dagegen die Taufhand— Yung felbft in die Neihe der Momente, vielleicht als eines. der wichtigften und wefentlichften, eintrat, Durch welche das Erwa— chen diefes Bemwußtfeins bedingt ward, Letzteres anzunehmen, iſt uns im gegenwärtigen Zufammenhange, wo wir die Ausle- gung des wunderbaren Ereigniffes noch nicht gegeben haben, in welchem fich die Bedeutung, die für das Selbftbewußtfein Sefu die Handlung hatte, finnbildlich darftellt, ſchon der Umftand ein hinreichender Beweggrund, daß die evangelifche Geſchichts— erzählung ein fo großes Gewicht auf dieſe Begebenheit legt, und daß die Sage auf ihre Ausfhmädung ſo reihe Mittel verwandt hat. Noch hat man bei der älteren Anficht viel Werth auf. den Zufammenhang gelegt, welcher durch die Taufe zwifchen „dem— jenigen, welcher als die leßte Grfcheinung des altteftamentlichen Prophetenthums hervortreten follte, um den vorbereiteten Ueber: gangspunct fir den unmittelbaren Eintritt der meffianifchen Zeit felbft zu bilden“ und dem, durch welchen dieſe Zeit felbft herbeige— führt ward, gefeßt wird. Aber diefer Zufammenhang ergiebt fich auf viel wahrhaftere, begriffsgemäßere Weile, denn wenn die 5 u a N ——— TB 3: Drittes Bud. Sohannestaufe als ein nothwendiges Moment in die Entwide lung des meffianifchen Selbftbewußtfeins eintritt, als wenn fie nur für eine Außerliche Geremonie gelten fol, welcher ſich Chri- ftus in der unbeftimmten Abficht unterworfen habe, um den Begriff der Gefegesgerechtigfeit in feinem ganzen Umfange zu erfüllen. — Mer endlih, — denn dies fcheint in der neueften Discuffio- nen diefes Gegenftandes insbefondere den Punct des Anftoßes für die Anhänger des alten Glaubens abgegeben zurhaben*), — wer ein Bedenken darin findet, ‚‚Sefum mit dem Bemwußtfein, der Sündenvergebung und der Reinigung von der Sünde, wie Andere, zu bedürfen, zur Taufe fommen zu laſſen:“ der möge folgendes bedenken. Das Moment des. Siundenbewußtfeind und des Bedürfniffes einer Befreiung von dem Bewußtfein der Sünde, mochte es immerhin an fich felbft in der Idee der Jo— hannedtaufe liegen und von dem Täufer in mündlicher Nede und Grmahnung den Täuflingen ans Herz gelegt werden, —bies fes Moment braucht darum doch nicht als ein dogmatifch feſt— geftelltes Formular diefer Taufe gedacht zu werden, in folcher Weiſe feftgeftellt, daß nothwendig ein folcher, der bei aufmerf- famer Selbftprüfung in fich felbft Feine Sünde fand, dadurch zurüd: gefchredt werden mußte, ſich für feine Perfon der Laufe zu unterziehen. Was Jefum perfünlich zur Taufe trieb, das kann allerdings nicht wohl ein Gefühl oder Bewußtfein feiner Sün- denfchuld gewefen fein; aber auch bei den übrigen Taͤuflin— gen würde man irren, wenn man bei ihnen allen und bei jedem einzelnen derfelben perfonlich folches Bewußtfein oder Gefühl als vorhanden in dem ganzen Umfange und in der ganzen Klarheit, wie der abftracte Begriff der Taufe e8 zu for— dern Scheint, vorausfeßen wollte. Die Taufe des Sohannes war befannt und durch die Autorität des Sohannes empfohlen worden, als ein Mittel religiäfer Erhebung und Kräftigung überhaupt; die Verfchiedenen konnten, unbefchadet der Idee der» felben im Ganzen und Allgemeinen, nach ihrem individuellen re: ligidfen Beduͤrfniß das Verfchiedenfte darin ſowohl fuchen als auch finden. Was aber Sefus insbefondere betrifft, fo liegt nichts’ näher, als in ihm, ald das Motiv, was ihn zur Taufe *) Vergl. Neander L. J. ©, 64. Ueberfichtlihe Darftellung der evangelifchen Geſchichte. 279 trieb, eine Vorahnung jener göttlichen Klarheit über feinen Beruf anzunehmen, die, wie wir vorausfegen dürfen, durch Vermittelung der Taufe ihm in der That zu Theil werden ſollte. Wie ſehr wir aber nun nach dieſem allem auch zu der Vor: ausſetzung berechtigt find, Daß der Augenblid der Zaufe in dem innern geiftigen Leben des gottbefeelten Sünglings eine Epoche bezeichnet hat: jo dürfen wir in diefer Vorausſetzung doch nicht jo weit gehen, ihn durch dieſes Greigniß urploͤtzlich und mit einem Schlage auf denjenigen Punct der inneren Neife gelangt zu denken, daß er fogleich und ohne alle weitere Bor: bereitung die Laufbahn, die wir ihn fpäter einfchlagen fehen, beginnen konnte, Wir dürfen uns hier nicht durch die Gewohn: heit der Apoftel irre führen laſſen, jenes Ereignifjes in einer Weiſe zu gedenken, die ed allerdings ald unmittelbaren. Eröff: nungsact diefer Laufbahn zu: bezeichnen fcheint. Diefe Gewohn- beit hat offenbar minder einen gefchichtlichen, als einen idealen Grund. Durch Jeſu eigene Winfe, wie wir fpater zeigen werden, dazu veranlaßt, die Sohannestaufe im geiftigen Sinne als Inauguration von ihres Meifters Lehramt zu betrachten, fprachen fie, ohne fih um die dazwifchenliegende Zeit zu kuͤm— mern, von der fie feine nähere Kunde hatten, von ihr in Aus— drüden, die gar. leicht als bezeichnend auch einen Außerlichen Anfang diefes Lehramtes verftanden werden konnten *). — Wie, diefem gegenüber, auch durch den Inhalt der evangelifchen Er— zaͤhlung felbft, dieſen rein Außerlich betrachtet, jene innerlich wahrfcheinlichere Annahme unterftüßt wird, dies fahen wir be= reitö vorhin. Bei weitem wichtiger aber ift das Moment, wel: es eine tiefer eingehende Betrachtung nicht umhin kann, in der räthfelhaften Begebenheit zu erkennen, welche von jener Erzählung zwifchen die Zaufe sund das offentliche Auftreten Sefu eingefchoben wird, Wir fprechen, wie man fieht, von dem berühmten Greigniffe der Berfuhung Jeſu durch den Teu— fel in der Wüfte. Es gehört diefe Erzählung zu denjenigen Beftandtheilen der biblifchen Gefchichte, die auch felbft den übrigens zum firengen Glauben am meiften fi binneigenden 93.B. Ap. Geſch. 1, 22. 10, 37 u. a. 280 Drittes Bud. Auslegern ein Bedenken einflößt, fie im buchftäblichen Sinne zu verftehen und ald wirklich gefchehen gelten zu laffen. Die nähere Darlegung unferer Anficht über fie verfchieben wir gleich- falls noch auf die fpätern Bücher, in denen wir die ganze Keihe einzelner Begebenheiten aus dem Leben des Heilandes zu befprechen gedenken. Hier reicht es hin, vorläufig auszu— forechen, wie wir in ihr die wirkliche Gefchichte des innern Le— bens Sefu innerhalb des Zeitraums, in welchen fie von den Gefchichtfchreibern geftelt wird, angedeutet finden. Die gei- flig=fittliche, Entwicklung des göttlich begabten Mannes von dem Puncte aus, auf welchen ihn, wie wir vorausfeßen, Die Taufe geftellt hatte, konnte, fo gewiß fie eine acht menfchliche war, fo gewiß der Gott in ihm nicht ald ein deus ex machina, fondern ald ein Menfchgewordener im eigentlichen und voll- ftändigen Wortfinne wirkte und gebarte, nicht anders als in einem ernften und gewaltigen inneren Kampfe fich vollen- den. — Es iſt nicht unfere Abficht, fehon hier, in diefer rein geſchichtlichen Darlegung, ausführlicher auf das vielbefprochene Thema von Sefu Sündlofigfeit einzugehen, Nur fo viel müfs fen wir, um den Faden der Erzählung fortzuführen, fogleich bier bemerken, daß wir unter Feiner Bedingung einen Begriff diefer Suͤndloſigkeit würden gelten laſſen koͤnnen, durch wel: chen ein innerer Seelenfampf folcher Art ausgefchloffen würde, in welchem auch das Boͤſe ald lebendige geiftige Potenz gegen: wärtig iſt; als eine Potenz, die jedoch nicht zur Actuali— tät, auch nicht zur blos innerlichen Actualität des nicht in au- Berlihe That und Handlung eingehenden Willens zu werden braucht. Daß in Jeſus die Unmöglichkeit, der Verfuchung zu unterliegen, ſchon zuvor entfchieden war, ift allerdings auch unfere Ueberzeugung, und infofern haben wir nichts Dagegen einzuwenden, wenn man fagen will, daß der Verfucher nur Außerlich an ihn Fam, ohne in feiner Seele eine Stätte zu fin: den, die er in irgend einem Sinne hätte fein nennen Fünnen. Aber diefe Aeußerlichfeit darf immer nur als eine relative Aeu— Berlichfeit der verfuchenden Gedanken und Begierden, im Ge: genfage der tieferen Innerlichkeit des fittlichen Selbftbewußt- feins und Willens verftanden werden. Sm weiteren Wortfinne war es allerdings ein innerer Feind, den Sefus zu befämpfen Ueberfichtlihe Darftellung der. evangelifchen Gefchichte. 281 hatte, und feine Reinheit von der Sünde kann, wenn feine Menſchheit nicht in Zweifel geftellt werden foll, jedenfalls nur darin beftanden haben, daß in feinem Momente des Kampfes, der ihm jo wenig, wie jedem andern Sterblichen erfpart blieb, ja den er zugleich für alle andern Sterblichen — der innere Feind den Sieg errang. Fuͤr den geſchichtlichen Zuſammenhang der Bildungsge: ſchichte Jeſu ift als Das fubftantiele Moment, welches wir Durch gegenwärtige Betrachtung vorläufig gewonnen haben, vor allem dieſes feftzuftellen, daß die Vollendung jenes inneren, fittlich = intellectuellen Bildungsproceffes, der in dem Augenblide des erften öffentlichen Auftretens jedenfalls zurüdgelegt und abs geichloffen fein mußte, nicht als vorangehend, fondern als nach: folgend jenem wicptigen Greigniffe, dem einzigen, welches wir als das Moment einer bedeutenden, von außen an Jeſus ges fommenen Anregung Tennen, zu denfen iſt. Nur durch dieſe Annahme gefchieht beiden hier in Nede ftehenden Thatfachen der, diesmal allerdings in fagenhaftem Gewand auftretenden, evan— gelifchen Erzählung ihr Necht, dem Taufwunder, und dem Wunder der Berfuchung. Bei jeder anderen Anficht wird die Taufe, und was bei ihr gefchieht, zu einem leeren Schauges pränge, die Berfuchung entweder, nach den alten orthodoren und naturaliftifchen Erklärungen, eben dazu, oder, wie die neues ften Ausdeutungen fie dazu machen, zu einer alles hiftorifchen Gehaltes baaren Lehrparabel oder einem eben folchen Mythus. Nach der von uns hier angedeuteten Anficht beider fagenhaften Begebenheiten dagegen gewinnen wir inihnen einen achten fubftan- tiellen Gehalt jener Bildungsgefchichte, einen folgen in ber That, wie man ihn längft begehrt, aber meift auf falfchem Wege zu erlangen getrachtet hat. Wie nämlich diefes felbft, Daß die Sohannestaufe auf folche Weife in dem innern Leben und der geiftigen Entwidelung Jeſu Epoche gemacht, nicht als ein zufälliges Factum vereinzelt dafteht, fondern zu noch weiteren Aufichlüffen über die innern Zuftände deffen, in dem durch diefes Mittel eine folche Wirkung erreicht ward, füh- ven muß: fo wird nach der andern Seite hin durch bie Andeutungen über das auf jene Epoche Nachfolgende eine nicht minder reiche Perfpective in Bezug auf den, nicht dur) 282 . Drittes Bud. äußere Einwirkung, fondern durch eine erhabene That der Freie heit herbeigeführten Abfchluß jenes Entwidelungsproceffes er— öffnet. Jene Mittheilung des heiligen Geiftes, die in der Laufe an Sefus erfolgte, kann man, fo fehr auch fie ein innerlicher Act, und von außen nur angeregt ift, Doch recht eigentlich ald Ein= gebung bezeichnen. Es war ein Aufbligen des höhern Bewußt⸗ feins in ihm, ein folches, welches an fich felbft noch nicht den Charakter der fittlichen That trägt. Zur fittlichen That wurde ed erft durch das Ueberwinden der Verfuchung, welche das Aufgehen folchen Bewußtfeins für ihn als Menſchen unaus— bleiblich mit fich führte. Freilich ift diefe Verfuchung deshalb noc nicht ald ein Kampf folcher Art zu denken, in welchem \ der Sieg auch nur einen Augenblid hätte zweifelhaft fein fon: nen. Aber ein Kampf, in welchem durch die Befchaffenheit des göttlichen Geiftes, der in ihm als Kämpfer auftritt, der Sieg von vorn herein entfchieden ift, Tann darum nicht min= der ein ernfter, ja ein herber und gewaltiger fein. Er wird es Dadurch, daß er eben ein Entwicelungsfampf ift, daß bie Bezwingung des innern Feindes die unumgängliche Bedingung des Selbſt- oder Perfonlichwerdens jenes Geiftes ausmacht, - der fonft nur als ein allgemeiner und unperfönlicher dem menfch- lichen Individuum inwohnt. Sefum ohne ſolche Entwidelungs- kaͤmpfe zu der vollen Neife feines göttlichen Berufes gelangen laffen, heißt, wie fchon gefagt, den Geift in ihm nur als goͤtt— lichen, d. bh. in diefem Zufammenhange, als unlebendigen, unperfönlichen, faffen, und dem Menfchen Feinen Theil an dem, was der Gott in ihm vollbrachte, zugeftehen. Es ift von hoher Wichtigkeit, daß wir über Zeitpunct und Pramif- fen diefes innern Kampfes urfundlich eine fo beftimmte Notiz erhal- ten haben, wie wir bei unbefangener Betrachtung in der fagen- haften Erzählung von der Verſuchung folche nicht verkennen koͤnnen. Es erhellt nämlich aus dem Gefagten von felbft, daß wir Die vierzig Tage, welche der Sage zufolge die Berfuchung Ehrifti durch den Teufel gedauert haben fol, als fymbolifchen Aus: drud für einen wahrfcheinlich beträchtlih längeren Zeitraum werden zu verftehen haben. Die Zahl Vierzig war bei den Söraeliten bekanntlich eine typifche, und hier namentlich wird man eine gewiffe Abfichtlichkeit des Parallelismus mit den vier: De Se f ü ware, X 2: ji Meberfichtliche Darſtellung der evangeliſchen Geſchichte. 283 zig Jahren des Aufenthalts der aus Aegypten ausziehenden Is— raeliten in der Wuͤſte nicht verkennen. Nicht minder iſt als typiſch die Notiz von der Wuͤſte zu nehmen, in welcher das Ereigniß geſchehen ſein ſoll. Abgeſehen von einer ſpecielleren Symbolik, die wir ſpaͤter darin nachweiſen werden, liegt es am naͤchſten, dies von der Abgezogenheit zu verſtehen, in der je— ner Entwickelungsproceß, der ſeiner Natur nach ein innerlicher, nicht eine aͤußere Begebenheit war, unſtreitig vor ſich ging. Kurz, wir wagen mit Zuverſicht als ein geſchichtliches Factum dieſes auszuſprechen, Daß zunaͤchſt nach der durch Johannes erhaltenen Taufe, bei welcher und durch welche das Bewußt— fein feines hoben Berufes ihm mit einer, zuvor noch nicht er= lebten Klarheit, jedoch in Geftalt augenblicklicher Begeifterung, nicht einer ſchon fittlich befeftigten Ginficht aufgegangen war, Sefus noch eine längere, — nach innerer Wahrfcheinlichkeit müffen wir vorausfegen, mehrere Sahre andauernde *) — Periode einfam (d. h. ohne mit dem, was ihn innerlich befchäftigte, nach außen hervorzutreten, nicht nothwendig auch in Außerli- cher Abgefchiedenheit von menfchlichem Umgang) durchlebte, und daß diefe Periode für ihn die Periode der Ausgäahrung und des endlichen Niederfchlagd der durch die Geburt von oben in ihn gelegten, in jenem großen Moment zum Bewußtfein er: wachten Sdee war, — Daß Sefus, fei es während diefes ganzen Zeitraums, oder während eines Theiles defjelben, in der Nähe des Johannes verweilt und zu den Schülern diefes Man: nes ſich gefellt habe: dies koͤnnte man vielleicht nach manchen Umftanden unferer evangelifchen Erzählung zu vermuthen fich verfucht finden; insbefondere dadurch, daß bei den Sy— noptifern die Ruͤckkehr nach Salilaa erft in die Zeit nach der Berfuhung verlegt wird, fo wie auch dur) das, was das vierte Evangelium von dem Schauplage und von der Art der Erwerbung der erften Sünger erzählt. Bedenkt man jeboch, wie die erfterwäahnte Notiz ſich unverkennbar nur darauf be: *) Auf einen Yängeren zwifchen dem Auftreten des Johannes und dem Auftreten Jeſu verfloffenen Zeitraum deuten unverkennbar bie Worte Matth. 11, 12: „Bon ven Tagen Johannes des Täufers an bis jegt“ u. f. w. 284 . Drittes Bud. zieht, daß die Evangeliften die Verſuchung ald vorgegangen in der Wüfte vorftellen, die zweite aber aus einer gerade bier nicht wenig verdächtigen Quelle fließt: fo verlieren diefe Um— fände ihr Gewicht, und wir finden uns veranlaßt, vielmehr auf die fehr erheblichen Einwände zu reflectiren, die jener Hy: pothefe entgegenftehen. Die fpäteren Aeußerungen Jeſu über Sohannes find Feineswegs folche, die auf ein früheres engeres Berhältniß hinzudeuten fcheinen. Eben fo auch findet fich in dem VBerhältniffe Sefu zu den Juͤngern des Sohannes feine . Spur eines früheren engeren Bandes, Fein Borwurf z.B. eis ner Abtrünnigfeit, der von Seiten der letztern, wenn fie, wie Feineswegs durchgängig gefchah, nicht felbft zur Süngerfchaft Sefu übergingen, würde fchwerlich ausgeblieben fein. Da nun oh: nehin die evangelifchen Nachrichten uns darauf führen, eine weitere Erftredung der Taufe des Sohannes anzunehmen, als über den eigentlichen Kreis der Schüler diefes Mannes: fo fpricht die größere Wahrfcheinlichkeit unftreitig dafür, daß Je— fus fhon nach empfangener Taufe nach Galiläa zurüdgefehrt war, und dort, vorausfeglicher Weife im Kreife feiner Familie und dem vom Vater überfommenen Handwerk obliegend, den Zeitpunct heranfommen ließ, wo ber * ihn trieb, ſein Lehr— amt anzutreten. Durch die Verlaͤngerung der Zeitraͤume, die wir hier, und 8 wir auf andere Weiſe ſchon oben bei der Frage nach Jeſu Geburtsjahr noͤthig fanden, wird nun auch die Angabe über das Lebensalter Jeſu zur Zeit des Antrittd feiner Laufbahn aufs neue in Frage geftellt. Bekanntlich lautet diefe Angabe, die von allen Gvangeliften nur Lukas giebt, dahin, daß Sefus in diefem Zeitpuncte*) ungefähr dreißig Jahre (,, dreißig Sahre mehr oder weniger’’ nach Suftin’s, wahrfcheinlich dem Lukas nach— gebildetem, Ausdrud) alt gewefen ſei. Lukas giebt indeffen diefe Notiz bei der Erzählung von der Taufe, und fcheint alſo, troß jenes Ausdruds, der auf den Antritt des Lehramtes hinweift, zunächft doch vielmehr den Zeitpunct der Laufe vor Augen ges *) Dies ift wenigftens der wahrſcheinliche Sinn der freilich in einem andern Zufammenhange gefagten Worte des Lukas (3, 23): 7v woel ETOv TeLdKovTa KO WEVOS. Ka >’ Ueberfichtliche Darftellung der evangelifchen. Gefchichte. 285 habt, und jenen nur in der Meinung genannt zu haben, daß er fo gut wie einer und derfelbe mit dem Momente der Taufe ſei. So iſt der Evangeliſt in der That auch von den ältern Kirchenvätern, z.B. von Irenaͤus, verftanden worden, der in einer für diefen, Gegenftand befonders merfwürdigen Stelle *) ftarf dagegen polemifirt, den Zeitpunct der Taufe. und jenen der aus dem Lehramte Sefu in den Evangelien erzählten Haupte begebenheiten nicht allzunahe an einander zurüden. — Wir muͤſ— fen es dahingeftellt fein laffen, ob Lukas bei jener Angabe eis ner aus Achter Quelle fließenden Ueberlieferung folgte, oder ob er nur, in Der vorgefaßten Meinung, daß dies das Alter fei, wo Propheten und gottberufene Lehrer aufzutreten pflegten, fols ches in Bezug auf Iefus ohne weiteres annahm. Letzteres ift fhon nad) dem Beifab „ungefaͤhr“ Feineswegs unmahrfchein: lich, und ftimmt auch hinreichend zu dem Verfahren, welches wir an Lukas bei ähnlichen Gelegenheiten Fennen lernten. Uebrigens kann man nicht umhin, zu bemerken, daß fchon diefe Annahme, Jeſus fei zur Zeit der Taufe dreißig Jahre und nicht Alter ge . wefen, nicht wohl zu jener Vorausſetzung der Gvangeliften flimmen will, die fih uns als eine glaubwürdige bewährt hat, daß er bereit unter Herodes geboren ſei; vorausgefeßt namlich, was zwar gleichfalls dahingeftellt bleiben muß, die Nichtigkeit der anderweiten Angabe des Lufas über das Jahr, in welchem der Täufer fol aufgetreten fein. — Bleibt nun ſol— hergeftalt ſchon über das Lebensalter Jeſu in dem vorhin an- gegebenen Zeitpuncte eine Ungewißheit, und ergiebt fich fchon eine nicht ganz unbedeutende Wahrfcheinlichfeit cher für eine jeneNormalzahlüberfteigende, als für eine hinter ihr zurücbleibende Anzahl von Lebensjahren: fo wird es für uns um fo weniger bei diefer bisher fo allgemein angenommenen Zahl fein Bewen— den haben koͤnnen, wenn von dem wirklichen Antritte des Lehr: amtes die Nede ift. Dazu kommt, daß bier fih, was dort noch nicht der Fall war, die innere MWahrfcheinlichkeit für ei— nen erreichten Zeitpunct vollerer Mannesreife geltend macht. Daß ein Jüngling, oder daß ein Mann, der nur eben aus dem Sünglingsalter getreten war, Wirkungen der Art, wie wir *) Iren. adv. Haer. II, 22. . - “ un 286 Drittes Bud. J von Jeſus erfahren, auf das Volk und auf Einzelne ausuͤben konnte, iſt zwar nicht ſchlechthin fuͤr unmoͤglich zu achten. Je— denfalls aber läge in der fruͤhzeitigen Reife des dazu auserſe— henen Individuums zu ſolchen Thaten und zu ſolchen Wirkun— gen, die den Gipfel alles Menſchlichen bezeichnen, etwas Ab— normes, deſſen Annahme ſich durch keinen rationalen oder ſpe— culativen Grund unterſtuͤtzen laͤßt, von der hiſtoriſchen Seite aber durch jene vereinzelte und mit andern kaum vertraͤgliche Angabe des Evangeliſten, ſo allgemeinen Eingang dieſelbe auch gefunden hat, allzuſchwach unterſtuͤtzt wird. Um fo zuverſicht— licher ergreifen wir aus dieſem Grunde den Anhalt, den uns fuͤr eine Annahme entgegengeſetzten Inhalts die erwaͤhnte Stelle des Irenaͤus bietet, uͤber die wir uͤbrigens auch in Be— zug auf die aͤußerliche Glaubwuͤrdigkeit des dort Berichteten nicht ſo leicht, wie die Meiſten thun, hinwegſehen moͤchten. Irenaͤus erwaͤhnt es dort als beſtimmte Ausſage der Presbyter, die in Aſien in der Umgebung des Apoſtels Johannes gelebt und zum Theil auch noch andere Apoſtel des Herrn geſehen hat— ten): daß die Zeit der beruͤhmteſten Thaten Jeſu, fo wie auch feines Leidens und feines Todes, zwifchen fein vierzigftes und fünfzigftes Lebensjahr falle. Er felbft führt zur Beftätigung Dies ſes Zeugniffes die Stelle des Iohannesevangeliums an**) ‚mo Sefus von den Juden, die mit ihm in Wortwechfel begriffen find, als noch nicht fünfzig Jahr alt bezeichnet wird, und es läßt fich nicht laͤugnen, daß diefe Stelle, die fih zwar, Doch nicht ohne Zwang, auch, anders deuten laßt und bisher faft allge: mein anders gedeutet worden ift, und jene Zeugniffe durch ihr Zufammentreffen fich gegenfeitig unterftügen und an Gewicht noch bedeutend gewinnen. Uebrigens geht die Meinung des Irenäus, da er fich nicht ausdrücdtich gegen die Angabe des Lukas er— Färt, offenbar dahin, die Zeitlange, die er durch dieſe Erwei- terung der Lebensdauer Jeſu gewinnt, der fpätern Periode feiz ned Lebens, nach der Taufe zuzulegen**). Er bedient fich zu *) Es Liegt nahe, hierbei namentlich an Polykarpus, befanntlich den Lehrer des Irenäus, zu benfen. **) Joh, 8, 57, “er, Er thut dies zunächft in Oppofition gegen diejenigen Gnoftifer, Ueberfichtliche Darftellung der gs Gefhichte. 287 diefem Behufe des treffenden Arguments, daß, werfolche Jünger gewinnen follte, wie Sefus, zuvor eine hinreichende Zeit gelehrt haben mußte; lehren aber, fo. heißt es weiter, Fonnte er nicht, ohne das einem Lehrer geziemende Alter erreicht zu haben, Unberüdfihtigt bleibt bei diefer Nachricht Freilich ‘der Wider— ſpruch ‚gegen jene Notiz des Lukas, daß Johannes ‚der Täufer aufgetreten fei, ald Pontiud Pilatus ſchon Procurator in Zus daͤa war; denn wir wiffen, daß die Amtsführung des Pilatus nicht länger als zehn Jahre gedauert hat. Diefe Notiz Fonnte Srenaus überfehen haben, und zwar ohne wefentlihen Nach: theil für den Inhalt feiner Ausfagen überfehen haben. Denn wir haben feinen Grund, dem Lukas in Bezug auf diefe Angabe eine größere Genauigkeit zuzutrauen, als er in Bezug auf fo manche andere damit in unmittelbarfter Verbindung ftehende Puncte bewiefen hat. Auf Feine Weiſe aber konnte Irenaͤus auch dies überfehen haben, wie feine Annahme in fammtliche Evangelien, auch in das vierte, deſſen Angaben er eben dort in ausdrüdliche Erwägung zieht, eine chronologifche Breite hin- - einträgt, die ihrem Buchftaben fremd iſt, die er aber vollkom— men Recht hat, ihrem Sinne keineswegs fremd zu finden. Ueber das erfte Auftreten Sefu geben die fynoptiichen Evan— gelien, wie ſchon erwähnt, die nähere Beflimmung, daß es nach der Gefangenfeßung des Sohannes erfolgt fei. Wie die: ſes chronologifche Factum einfach bei Marcus berichtet wird*), haben wir feinen Grund, einen Cauſalzuſammenhang zwifchen beiden Thatfachen, oder auch nur zwifchen der erfteren und der dafelbft erzählten Rückkehr Jeſu nach Galtlda anzunehmen. Sole hen Gaufalzufammenhang hat erft der Verfaſſer des erften Evangeliums, unftreitig aus Misverftändniß feines Vorgängers, durch die Wendung, mit welcher er des Lebteren Bericht ums Schreibt, hinzugebracht*). Es .ift mithin auch fein Grund vor— handen, eine Unmittelbarfeit in der Aufeinanderfolge jener Be— welche aus mpftifchen Gründen und mit Beziehung auf den pro— phetifchen Ausspruch von dem „angenehmen Jahr Des Herrn“ bag Lehramt des Herrn auf die Zeit Eines Jahres befihränfen wollten, *) Mera zo napgadodnvar Tov 'Iwavvnv u. r. A, Mare, 1, 14, ) ’ Anovoas 0 Imoovs orı #. vs 4. Matth. 4, 12, J 288 Drittes Bud. gebenheiten anzunehmen; es kann zwifchen der Gefangenfeßung des Johannes und dem Auftreten Sefu gar wohl noch) ein nicht unbeträchtlicher Zeitraum verfloffen fein *). — An die eben erwähnte Angabe knuͤpft übrigens der Verfaſſer des erften Evangeliums fogleich noch diefe an, daß Sefus damals feine Vaterftadt Na- zareth verlaffen, und fih zu Kapernaum (Kapharnaum) am See Genefareth), an den Grenzen der Stammgebiete von Se— bulon und Naphthali angefiedelt habe. Auch diefe Notiz ift vom Govangeliften ſchwerlich aus einer ihm eigenthümlichen Duelle gefchöpft, fondern aus Marcus gefchloffen, welcher Ka: pernaum als den gewohnlichen Wohnplak Jeſu und ald den Mittelpunct feiner Thaͤtigkeit vorausfest, ohne fich ausdruͤcklich darüber zu erflären, wann und wie diefe Stadt folches gewor- den fei. Lukas fucht die Ueberfiedelung von Nazareth nad) Kapernaum durch Erzählung einer ftürmifchen Scene zu moti- viren, die zu Nazareth zwifchen Sefus und feinen Landsleuten vorgefallen fein foll**). Aber nicht nur, daß diefe Erzählung fich durch ihren übrigen Charakter als nachgebildet einer andern, innerlih und äußerlich beglaubigteren, zeigt, die ein fpäter zu Nazareth vorgefallenes Ereigniß erzahlt***), fo verräth auch eine dem Evangeliften, wie es fcheint, unwillführlich entichlüpfte Aeußerung+) noch ausdrüdlich, wie bereit vor jenem Creig- niffe Sefus zu Kapernaum gelehrt und Wunderheilungen ver: richtet haben mußte. Wir müffen daher befennen, weder über die Zeit jener Ueberfiedelung, noch über ihre Motive naher unterrichtet zu fein. Daß Iefus zu Kapernaum im Haufe des Andreas und Pe- *) Für die Wahrheit diefer fynoptifchen Angabe, und dem entfprechend für die Unwahrheit der entgegenlaufenden Erzählungen bes vierten Evangeliums würde, außer der inneren Wahrſcheinlichkeit, welche aus der Öefammtgeftalt des Verhältniffes beider Männer hervor— geht, auch noch die Notiz fprechen (Mare. 6, 14 u. Parall.), daß Herodes, als er von Jeſus hörte, ihn für den von ihm umgebrach— ten, aber wiedererftandenen Johannes gehalten haben fol, wenn nicht, wie wir weiter unten zeigen werden, ber Sinn berfelben nicht der gewöhnlich angenommene, fondern ein anderer wäre, der allen- falls auch mit den Borausfegungen des vierten Ev. vereinbar iſt. **) Luk. 4, 16 ff. x***) Mare. 6, 1 ff. u. Parall. ID Ueberfichtliche Darftellung der evangelifchen Gefchichte. 289 trus gewohnt habe, ift blos Hypothefe, eben fo wie auch ale Bermuthungen, die auf die Bedeutung diefer Stadt als Durch: gangspunct einer Handelöftraße u. |. w. die Wahl diefes Ortes duch Jeſus zuruͤckbeziehen wollen, nichts. als Hypothefen find *). Die Stelle aus Sefaias**), welche der Evangelift anführt, um die meffianifche VBorausbeftimmung diefer Gegend zu erweifen, bezieht ſich im Originale auf die damaligen Zeitverhältniffe der von den Aſſyrern durch wiederholte Einfälle bevrängten Ortfchaf: ten Galiläa’s. Für ein fo unbezweifelt gefchichtliches Factum angeführt, veiht fie fich unter die Mittel zum Beweiſe dafür, wie geringes Recht man dazu habe, in dem Hinblid auf folche Stel- len den ausschließlichen oder vornehmlichften Anlaß für die der evangelifchen Gefchichte beigemifchten Sagen zu fuchen. Haben wir hier Über die Zeit des erften öffentlichen Auf: tretend Sefu eine nur ungefähre, über den Ort deffelben-eine et- was beftimmtere Angabe gewonnen, fo werden wir dadurch, indem wir von diefem Puncte aus jest dazu fchreiten wollen, den göttlichen Heros unferer Gefchichte in feine Laufbahn felbft zu begleiten, zunächft auf die vorläufige Frage Über Zeitdauer und örtlihen Schauplaß derfelben geführt. Wir müffen um fo mehr diefe Frage gleich hier zu erledigen fuchen, als wir und, der Befchaffenheit unferer Quellen zufolge, nicht im Stande finden, Schritt für Schritt im Einzelnen nach Ort und Zeit jener Laufbahn nachzugehen. — Was zuvoͤrderſt die Zeit betrifft, fo wird es, nach allem Vorhergehenden, nicht befremden, wenn wir, und genau an die vorhin erwähnte Stelle des Irenaͤus anfchließend, im Widerfpruch mit den hergebrachten Anfichten die Behauptung wagen, daß man aus den Angaben der Evans | geliften fo gut wie gar Feine Beftimmung über die Dauer der= | felben entnehmen zu koͤnnen glauben darf; daß Dagegen die in= =) Auf die Stelfe Joseph. bell. Jud. II, 6, 3 hat man die Vermu— thung begründen wollen, daß Kapernaum nebft der Umgegend nicht zum Gebiete des Herodes Antipas, fondern des Philippus gehörte, und daß Jeſus Lieber unter der Herrfihaft des Letzteren habe leben wollen. Dies aber wird dadurch unwahrfcheinlich, daß wir es aus— drüdlih erwähnt finden, wann Jeſus das Gebiet des Ppilippus betrat. Marc. 8, 27 u. Parall. =#) Jeſ. 8, 23, 9, 1. Matth, 4, 15 f. 19 290 Drittes Bud. — nere Wahrſcheinlichkeit bei weitem mehr eine Erweiterung, als eine Verengerung derſelben rathſam macht. Cs liegt tief in Natur und Charakter zunaͤchſt der ſynoptiſchen Erzaͤhlungen, die wir nichts deſtoweniger für einen noch immer weit zuverläffi- gern Führer auch im Außerlich Thatfächlichen, als die johannei- ſchen erkennen, daß jede chronologifche Breite ihnen fern bleibt, daß fie, — ohne übrigens dies eigentlich zu beabfichtigen, fondern nur aus Unkunde der chronologifchen Berhältniffe und aus Mangel an Uebung im hiftorifchen Styl, an den man billig Die Forderung ftellt, daß er da, wo er Rüden zu laſſen genöthigt ift, das Vorhandenfein folcher Lücken wenigftens anzudeuten nicht ermangele, — alles ins Engfte zufammenzuziehen das Anfehen ha— ben. Diefer Charafterzug läßt fich deutlih an einem dieſer Schriftſteller felbft nachweifen, an einer folchen Stelle feiner Schriften, welche mit genauern chronologifchen Angaben, bie und zufällig aus anderer Duelle überliefert find, zu vergleichen in unfere Macht gegeben ift. Wer würde beim Leſen des neunten Gapiteld der Apoftelgefchichte im entfernteften ahnen, daß zwifchen der Befehrung des Paulus, welche dort erzählt wird, und feinem Aufenthalte zu Serufalem, von dem im ſechs und zwanzigften Verſe die Rede ift, drei Sahre, und in bie- fen drei Sahren ein längerer Aufenthalt des Apoſtels im Lande Arabien, von wo er, bevor er Serufalem betrat, noch einmal nach Damaskus zurückehrte, in der Mitte liegt*)? Und wer, wenn er von jener Stelle an weiter lieft, bis zum: funfzehnten Gapitel, wo die Rede auf einen fpätern Aufenthalt des Paulus und des Barnabas zu Serufalem kommt, wird fich nicht über: rafcht finden, wenn er erfährt, daß zwifchen jenem erften und diefem zweiten Befuche der jüdifchen Hauptſtadt wenigftens eilf, wo nicht gar vierzehn Sahre**) in der Mitte liegen? Und doch gehört diefe Doppelte Zeitbeftimmung zu dem Sicherſten, was wir von der Gefchichte jener früheften Zeit des Chriftenthums zu wiffen und rühmen dürfen. Wir haben die Kunde von ihr *) Sal. 1, 17 f. **) Es fragt fih nämlich, ob das dıa dezarsoonemv draw Gal. 2, 1 auf die Zeit der Belehrung des Paulus, oder auf den früheren Aufenthalt in Jerufalem zu beziehen ift. Y Ueberſichtliche Darftellung der evangelifchen Gefchichte. 291 aus der beften Duelle, namlich unmittelbar aus dem Munde desjenigen, deſſen Lebensgefchichte fie betreffen. — Finden wir fo auffallende chronologifche Zufammenziehungen bei Lukas, dem- jenigen der drei Synoptifer, der es im Einzelnen noch am mei: ften auf die Angabe genauer Zeitbeftimmungen und überhaupt auf eine pragmatifche Anordnung feiner Gefchichtserzählung angelegt hat: fo werden wir ähnliche noch viel mehr bei den zwei erften Evangeliften vorausfegen koͤnnen, die nicht einmal Anſpruch darauf machen, chronologifhe Beflimmungen irgend einer Art zu 'geben. Ihre vornehmlichften Quellen, die muͤndli— hen Erzählungen des Petrus und die Spruchfammlung des Matthäus, Vieferten ihnen blos Facta und Neden Chrifti, ohne irgend. einen chronologifchen Faden; kritiſche Forfcher aber, welche es darauf angelegt hätten, durch wiederholte Erfundi- gung und vergleichende Zufammenftellung der Nachrichten Meh- rerer die gefchichtliche Wahrheit in diefem wie andern Bezügen auszumitteln, waren fie nun einmal nicht. — Was endlich das vierte Evangelium betrifft, fo läßt fich Leicht nachweifen, daß, auch abgefehen von dem Mistrauen, mit dem wir, wie gleich weiter zu zeigen, feine Angaben über die Feftreifen Sefu be- trachten müffen, man Feineswegs berechtigt ift, wäre es auch nur in dem eigenen Sinne oder nach der Abficht feines Berfaffers, diefe Angaben als einen Stüßpunct für die chrono- Iogifche Berechnung der Jahre von Chrifti Lehramt zu gebrau: chen. Der Beweis zwar, daß diefes Amt nicht auf den Umfang eines Sahres befchränft gewefen fein Tann, ließe fich, die Nich- tigkeit jener Notizen zugegeben, dem Vorgange des Srenäus fol- gend, allerdingd aus denfelben führen; Feineswegs aber laͤßt fich nachweifen, daß nicht außer den von ihm erzählten Feſt— reifen der Verfaſſer andere folche Reifen übergangen habe; daß es überhaupt in feinem Plane gelegen habe, Feine folche Reiſe zu übergehen. Und geſetzt, er hätte Feine übergangen oder über: gehen wollen; wie leicht konnte er die Erwähnung von Pafche- feften, zu denen Sefus nicht gereift war, übergehen; da er ja einmal*) ganz zufällig und ohne irgend eine chronologifche Abfichtlichfeit eines folchen gedenkft, und es ihm nachzuweiſen *) Joh. 6, 4. 19 * 292 Drittes Bud. | ift, wie er an einigen Stellen die Erwähnung anderer Fefte, des Laubhuͤtten-, Enfäniene, Purimfeftes übergeht, von denen er anderemale erzählt, daß Sefus auch fie befucht habe? Eines von beiden mußte offenbar der vorhin genannte Kirchenvater, er, den man wahrhaftig nicht befchuldigen kann, der Autorität der Fanonifchen Evangeliften allzu wenig eingeräumt zu haben, bei Johannes vorausfegen, wenn er die Angaben diefes Evans geliften zwar als beweifend gegen die Annahme einer Fürzeren, aber nicht auch gegen die einer längeren Dauer von Sefu Lehramte betrachtet. — Offenbar ift bei einem Schriftfteller, der be- deutende Perioden der galtläifchen Wirffamfeit Sefu, welche wir aus den Synoptifern Eennen, ganz mit Stillfchweigen über- geht, der auch fonft von der ihm untergelegten Abficht, einen chronologifchen Abriß der Lebensgefchichte Jeſu zu geben, nichts verlauten läßt, offenbar ift bei einem folchen Feine Bürgfchaft vor- handen, daß er nicht auch ſolche Zeitepochen, die für Die Zeit- beftimmung wefentlihe Momente abgeben würden, übergangen haben Fünne, ohne ihrer mit einem Worte zu gedenfen*). Bon diefer Seite alfo nicht minder, wie von Geiten Der fonoptifchen Evangelien, ift uns frei gelaffen, die Dauer des Lehramtes Sefu nach innerer Wahrfcheinlichkeit, nur innerhalb der Grenzen, welche anderweite ausdrüdlicher gegebene chronologifche Data allenfalls fegen Fonnten, zu beftimmen. Solche Data aber finden fich Feine, als nur etwa dieſes, daß Chrifti Tod nicht fpäter, ald vor dem Abgange des Pontius Pilatus aus Sudaa, der befanntlich Fury vor den Tod des Kaiferd Tibe— rius, in das ſechs oder fieben und dreißigfte Jahr der dionyſi— fehen Zeitrechnung fallt, erfolgt fein Fannz eine Beftimmung, die, bei der Ungewißheit über den Anfang jenes Lehramtes, fehr wenig fagen will. Die innere Wahrfcheinlichkeit aber Tpricht, nach unferem Gefühle, fo laut für eine Dauer von einer nicht allzu geringen Reihe von Sahren, daß es uns fchier un- *) Wie fann man eine wirkliche Eontinuität der Erzählung bei einem Schriftfielfer fuchen, der, nachdem er fo eben eine Rede berichtet hat, die Zefus zu Jerufalem gehalten, dann weiter fo fortfährt: er fei hierauf (werd ravra) über den galiläifchen See hinüber ge= gangen? Joh. 6, 1. Ueberfichtliche Darftelung der ewangelifchen Gefchichte. 293 begreiflich bedünfen will, wie bisher auch unter den übrigens unbefangenen Forfchern nicht mehrere fich dadurch zu einer Ab- weichung vom Hergebrachten haben bewogen finden Fonnen. Man ift mit der Ausrede zur Hand, daß fo Außerordentliches, wie das Leben und Wirken Chrifti nicht mit gewöhnlichen Maß: fiabe gemefjen werden dürfe; daß das Große und Gewaltige auch im Fleinften Zeitraume gefchehen und fich offenbaren Eonne, Aber man bedenkt nicht, wie die Offenbarung des Göttlihen nur dadurch im wahrhaften Wortfinne Offenbarung ift, daß fie den Gefesen des gewöhnlichen Naturlaufs der menfchlihen Dinge fich auf Das vollftändigfte unterwirft und dieſen Geſetzen gemäß einen organifchen Entwidelungsproceß durchgeht, der in allen wefentlichen Analogien, alfo auch in der Allmähligfeit feines Verlaufs, in dem allfeitigen Bedingt: und Motivirtfein feiner Momente, mit andern Proceflen. fol- her Art durchaus zufammentrifft. Andere mögen anders ur- theilen, wir aber befennen, daß eine fo kurze Dauer des Le— bens und des Lehramtes Sefu, wie man fie, nicht unterftüßt Durch Die Negeln einer gründlichen Kritit und Hermeneutif, und im MWiderfpruch mit fo bedeutenden Autoritäten, wie die von Irenaͤus angezogenen find, aus dem Buchftaben der ewangelis ſchen Ueberlieferung bisher allgemein hat herausflügeln wollen, auf uns den Eindrud einer innerlichen Unvollendung, Halbheit und Unreife des hohen Werkes macht, einen Eindrud, von dem wir nicht einfehen, weshalb es uns verwehrt fein foll, uns durch eine fo unbefangene hiftorifche Combination, wie die im Obigen dargelegte ift, von ihm zu befreien. Sn nicht geringerer Abweichung, wiewohl nach einer an- deren. Seite hin, finden wir uns von dem Hergebrachten in Bezug auf die Frage nach dem drtlichen Schauplage von Jeſu Schätigkeit. Hier ift es unſers Willens bis auf die neuefte Kritit Niemandem beigefommen, in die Angaben des vierten Evangeliums ein Mistrauen zu feßen*), welches befanntlich von wiederholten Seftreifen Sefu nach Serufalem zu erzählen weiß, und *) Sogar Bretfchneiver übergeht, auffallender Weife, dieſen Punct, einen ber wichtigften für die Beftreituug der Authentie des vierten Ev., gänzlich mit Stillſchweigen. "TUE DER 7. ER 29% Drittes Bud. a; alfo den Aufenthalt abwechfelnd nach Galilaa, und nad) Seru- falem und Judaͤa verlegt. Da die Synoptifer fih in Betreff diefer Neifen nur fchweigend, aber nicht ausdrücdlich widerfpres chend verhalten, fo fand man bei oberflächlicher Betrachtung feinen Grund, die Vereinbarkeit der beiderfeitigen Nachrichten zu bezweifeln; und auch wenn man folchen Grund gefunden hätte, fo würde der hieraus fich ergebende Widerftreit der Evangeliften, der bisher vorherrfchenden Gefinnung zufolge, faft von Mlen zu Gunften des Sohannes entfchieden worden fein. Erft neuerdings hat eine gründliche Kritif nachgewiefen, Daß die Synoptifer wirklich von jenen Reifen nicht unterrichtet find 5 von allen bisherigen Kritikern aber ift nur Strauß dazu fort= gegangen, es als zweifelhaft anzuerkennen, auf welcher von beiden Seiten in diefem Widerfpruche der Evangeliften die Wahrheit fei. Wir unfererfeits3 koͤnnen es nicht über ung gewin- nen, bei dem Zweifel ftehen zu bleiben, fondern wir finden ung, fo wenig wir die Schwierigkeiten verfennen, welche Diefer Anz fiht entgegenftehen, nach forgfältigfter Erwägung der Sache genöthigt, für die Darftellung der Synoptiker und zu entfchei- den. Sa wir befennen, daß eben diefer Umftand, obgleich wir in der Fritifchen Verhandlung über die Befchaffen- heit der Quellen feiner noch nicht ausdruͤcklich gedacht haben, doch, und zwar nicht ald einer der unerheblichiten, in die Reihe der Momente eintritt, welche uns über die Authentie der er— zahlenden Theile des Sohannesevangeliums eine fo ungünftige Meinung haben fafjen Laffen. Wir wollen es verfuchen, über die Gründe, die und auf diefe abweichende Anficht geführt ha— ben, eine möglichft genaue Nechenfchaft zu geben. Das erſte wichtige Hauptmoment liegt in dem Verhält- niffe, in welches ſich diejenige Quelle, deren Autorität für uns in allen den Puncten, wo es fi) um eine den einzelnen No— tigen zum Grunde liegende Totalanſchauung der Kebensgefchichte Sefu handelt, die größte ift, zu dieſer Frage ftelt: das Mar- cusevangelium, Es erhellt ohne unfer Erinnern, daß in Folge der Anficht, die wir über diefe Urkunde gefaßt haben, die Aus- rede wegfällt, mit welcher man neuerdings das Schweigen der Synoptifer fammt und fonders Über die jerufalemifchen Reifen hat befchönigen wollen; die ohnehin fo dirftige Ausrede, daß beberfſichtliche Darſtellung der evangelifchen Geſchichte. 295 es eine galiläifche Tradition fei, aus welcher dieſelben gefchöpft haben, und daß diefe Tradition mit Ausnahme der letzten Ka— taftrophe nur von Begebenheiten, die in Galiläa vorgefallen waren, gehandelt habe. Bon Petrus, ihm, der feinen Mei- ſter unftreitig auch auf diefen Reifen, wie fonft überall, be: gleitet hat, läßt fich Fein Grund abfehen, weshalb er in feinen Erzählungen von diefen Reifen gefchwiegen und nur von gas lilaͤͤſchen Greigniffen geiprochen haben follte. Freilich waren die mündlichen Mittheilungen- dieſes Süngers, wie wir wiffen, nur zufällige und gelegentliche; möglich alfo, koͤnnte man ein⸗ wenden, daß eben der Zufall ihn nie und nirgends darauf ges bracht hat, der Greigniffe zu gedenken, deren Erwähnung wir in dem Berichte des Marcus vermifen. Hierauf erwidern wir, daß wir bereit$ oben als ein befonderes Werdienft der Darftellung des Marcus bemerklih machten, und zwar als ein folches, welches fich nur aus der lebendigen Eindringlichkeit und relativen Bollftändigfeit des aus den von Marcus vernom- menen Erzählungen hervorgehenden Lebensbildes erklären läßt: die Anfchaulichfeit, mit welcher fich die einzelnen Erzählungen zu einem Ganzen zufammenfchliegen. Diefe Anfchaulichkeit fest unftreitig voraus, daß dem Marcus felbft fein Gegenftand eben auch als Ganzes gegenwärtig war, daß er allenthalben jene Zotalanfchauung im Hintergrunde hat, welche erſt das Einzelne in feinem rechten Lichte erfcheinen läßt. Verhaͤlt aber dies fich wirklich fo: wie gewichtvoll muß es uns dann bebün- en, wenn wir bei aufmerffamer Durchforſchung der Berichte diefes Evangeliften wahrnehmen, wie Marcus, ohne irgend eine Abfichtlichkeit zu zeigen, mit welcher er Die von ihm berichteten einzelnen Auftritte in eine beftimmte Umgebung etwa hätte verlegen wollen, durchaus unmillführlich, als eine von felbft fi) verftehende und feiner befondern. Erwähnung bedürftige Borausfegung feiner Berichte eben dies hindurchbliden läßt, daß Sefus Serufalem nicht eher, als zur legten Kataſtrophe feines Lebens, betreten habe? — Daß wir diefe Vorausfesung nicht willführlih in ihn hineintragen, fondern daß Diefelbe wirklich in ihm liegt, Davon würden, wenn man das große negative Zeugniß nicht für, hinreichend achten wollte, welches in dem Schweigen des Evangeliften über das Entgegengefekte 296 Drittes Bud. liegt, jedenfalls zwei Stellen feines Werfes ein unverwerfliches pofitives Zeugniß geben. Wir meinen erftens jene*), wo er, die leßte, nach feiner Darftellung einzige, Reife nach Seru- falem berichtend, von der Furcht und Verwunderung fpricht, welche die Sünger bei dem Gedanken ergriff, ihrem Meifter dorthin folgen zu follen, und dies zwar offenbar in einem Zone, der nicht derfelbe fein koͤnnte, wenn er ähnliche Reifen ald mehrmals früher fchon gefchehen vorausfeste, Sodann aber die noch auffallendere Stelle**), wo er den fo eben in Jeru— falem Gingetretenen fi) im Tempel umfehen und alles in Au— genfchein nehmen läßt, ganz wie einen, dem alles dies noch fremd und neu iſt. Die beiden andern Synoptifer theilen diefe Borausfekung mit Marcus, fo fehr auch unftreitig zu erwar— ten wäre, daß, wäre dieſelbe falfch gewefen, bei einem fo umfangreichen und in die Augen fallenden Gegenftande eine Berichtigung von Seiten des einen oder des andern nicht hätte ausbleiben fünnen. Der VBerfaffer des erften Evangeliums trägt den Ausſpruch: „daß er nach Serufalem hingehen müffe”’, fehon in die erfte Leidensverfündigung hinein, wo fie noch nicht auf dem Wege dahin begriffen find, und Marcus und Lukas folche noch nicht Fennen. Bei Lukas aber finden wir unter anderm, daß er, als er in einem fpäteren Zufammenhange eines Wortes gedenft, das Jeſus zu früherer Zeit gefprochen hatte, ohne Weiteres vorausſetzt, daſſelbe müffe „als er noch (Erı) in Galilaa war’ gefprochen fein+). Der: felbe Lukas läßt in der Apoftelgefchichte den Apoftel Petrus zu den Suden in Worten fprechen, in denen er fie an das Aus» gehen des Wortes Chrifti von Galilia, von wo aus es fich über ganz Judaͤa verbreitet habe, erinnert+F). — Bon dem Ein- zuge in Serufalem, wie fämmtliche Synoptifer ihn berichten, *) Marc. 10, 32. **) Gap. 11, 11. =) Matth, 16, 21. Diefe Berkündigung würde der gewöhnlichen Har- moniftif zufolge nicht einmal zunächſt vor die letzte, ſondern ſchon vor frühere Reifen nach Jeruſalem fallen, + Lu, 24, 6. ++) Uusis oldare To yevousvov önua zad” oAms ı7s "Iovdelas, ap&a- uevov ano rns I'akıhalas. Ap. Geſch. 10,37, Vergl. Luk. 23,5. Veberfichtliche Darftellung der evangelifchen Gefchichte. 297 die beiden andern der Darftelung des Marcus folgend, aber fie, jeder mit einem gleichfalls ausdrüdlich noch in dieſem Be: zuge charafteriftifchen Zufage*) vermehrend, wird jeder unbe- fangene Lefer den Eindruck gewinnen, daß die Erzähler dabei den Herrn als zum erftenmale die heilige Stadt betretend dar— fielen wollen, Der Volksjubel, welcher den Einziehenden be= grüßte, wird, ohne Angabe eines Motivs, in einem Zone er= zahlt, der feinen Zweifel darüber läßt, wie die Erzähler den- felben einzig ald die Folge des Enthufiasmus anfehen und von ihren Lefern angefehen wifjen wollen, den der Gedanke erregt, wie dies der Augenblick fei, wo der von feinem Volk erfehnte Davidsfohn, nachdem er anderwäartd feine göttliche Sendung durch Wort und Werk bethätigt, nun endlich den geweihten Boden der Davidsftadt betritt. Der Moment verliert offen— bar feine Bedeutung und die Erzählung von ihm. ihre Hal- tung, wenn man die Vorausſetzung hineinträgt, daß Sefus da= mals nur, einer längft von ihm befolgten Gewohnheit zufolge, wie früher fchon öfter, zur Feſtzeit zufallignach Serufalem fommt. Der Berfaffer des vierten Evangeliums, der diefe Vorausfeß: ung hinzubringt, fieht fich eben deshalb genöthigt, den Enthu— fiasmus des Volks durch Angabe einer befondern Veranlaffung zu motiviren. Gr thut dies *), jedoch erft, nachdem er das Factum einfach, wie es ihm durch die Ueberlieferung zugekom— men war, berichtet hatz da es ihm unftreitig erft nachher ein— fiel, diefen Enthufiasmus, der freilich zu der Vorftellung nicht vecht ſtimmen will, die er felbfi von dem Berhältniffe Sefu zum Volk im Allgemeinen gefaßt hat, verwunderlich zu finden und nach einer Urfache deffelben zu fragen. — Nach diefem allem, infonderheit aber bei unbefangener Erwägung des Ge- fammtcharafters der fynoptifchen Darftellung, der für diefen fonderbaren Umftand fchlechterdingd Feine andere Erklärung zu: läßt, glauben wir und berechtigt, das Nichtwiffen der. Syn= | optifer um die frühern Reifen Jeſu nach Serufalem als evident | auszufprechen, und auf diejenigen, welche diefer Evidenz durch | erzwungene Deutungen ausweichen wollen, die Worte des Spi- *) Matth. 21, 10 f. Luk, 19, 42 ff. **) ph. 12, 18 f. 238 Drittes Bud. noza anzuwenden: „daß es bei folchem Verfahren. um die ganze Schrift gethan ſei, wenn es verftattet fein folle, was noch jo klar iſt, als dunkel und unklar zu betrachten, oder nach Gefallen auszulegen’’*). Das Gewicht jened Außeren Zeugniffes, welches für ung, inwiefern wir und nämlich auf: das über den Charakter um: ferer Quellen im Allgemeinen Nachgewiefene hier zuruͤckbezie— hen dürfen, fchon an fich ſelbſt das entgegengefeßte Zeugniß des vierten Evangeliums bedeutend überwiegen muß, wird im gegen- wärtigen Falle noch durch den Umftand verftärkt: daß die fynop- tiſche Vorausſetzung im nachweislichen Zufammenhange mit der in diefen Evangelien enthaltenen richtigen Grundanficht des df- fentlichen Lebens Jeſu, die des vierten Evangeliums in eben fo unverfennbarem Zufammenhange mit der in ihm enthaltenen unrichtigen fteht. Den fynoptifchen Chriftus fehen wir in Ga- lilaͤa, wahrfcheinlich Jahre lang, des ausgebreitetiten, mächtig. fien und, mit Ausnahme einer allerdings fchon früh ſich regen— den Anfeindung von Seiten der Schriftgelehrten und der Hero— dianer**), die aber dem ungeheuern Bollsanhange gegenüber machtlos und im VBerborgenen bleibt, fo gut wie ungetrübten Erfolges fich erfreuen. Diefer Erfolg wird ihm, wie man bei aller Sparfamfeit der Nachrichten deutlich genug erkennen kann, dadurch zu Theil, daß er, unbefümmert um die politifche und hierarchiſche Macht, dierihren Sit zu Serufalem hat, um ‚ihre Sntereffen und ihre Forderungen, in ununterbrochener Stetigfeit der Predigt und der heilenden Wunderthätigfeit, die von felbft fich an ihn herandrängenden, nicht von ihm aufgefuchten Volks— maffen, eben fo wie einen engeren Kreis eigentlicher Sünger, durch die Gewalt feiner Nede und dad Außerordentliche feiner Thaten immer mehr an fich feffelt und zu immer fleigender Begeifterung für fich fortreißt. Das Gerücht des Unerhörten, was von ihm ausgeht, dringt nach Serufalem; Schriftgelehrte und Pharifaer fommen in Schaaren, ihn zu prüfen, nad) Ga— Yilda, werden aber durch die geiftwollen, fchlagenden Antworten, die er ihnen giebt, verwirrt und zum Schweigen gebracht. Der *) Spinoza, tract. theologico-polit. Opp. I, p. 180. ed. Paul. **) Marc. 3, 6 u. Parall, Ueberfichtliche Darſtellung der evangelifchen Gefhichte. 299 allgemeine Bolksenthufiasmus theilt fi der Hauptftadt mit; ganz Serufalem fommt in Bewegung, als er endlich, des Ver: haͤngniſſes, das ihn dort erwartet, fich bewußt, dorthin zu wan— dern fich entfchloffen hat, und empfängt ihn als feinen Meffias mit jubelnder Huldigung. Er lehrt, wahrfcheinlich geraume Zeit, unter gleichem Zulauf, wie in Galilaͤa, in und außerhalb des Tempels, und es bedarf aller Kunft und Liſt der Partei, die fich unter den Häuptern des Staats im Stillen gegen ihn ges bildet hat, ihn endlich in ihre Gewalt zu. befommen und am Dafchafefte, als die Aufmerkfamteit des Volkes nach einer an— deren Seite hin gelenkt ift, als Miffethäter hinzurichten. — Wer fieht nicht, wie in diefer, mit fich felbft durchaus übereinftim- menden, großartig einfachen Auffaffung des Gefammtverlaufes der Lebensgefchichte Jeſu feit feinem öffentlichen Auftreten das Entferntbleiben von Serufalem bis zur endlichen Kataftrophe ein durchaus wefentliches Moment ausmacht? Durch die unauf: hörlichen Feftreifen wäre jener eigenthümlichfte Charafterzug von Sefu Thätigkeit, die erhabene Ruhe und Unbefangenheit, die Un- befümmerniß um alle Außerlichen Intereffen und Verhaͤltniſſe, und die daraus hervorgehende Freiheit und Unabhängigkeit feiner Stellung unausbleiblich verloren gegangen. Die Abhängigkeit, in die er fich durch dieſe Handlungsweife nach einer Seite bin von einer fo fehr den Charakter der Particularität und Willkuͤhr tragenden, wenn gleich gefeglich geheiligten Volksſitte gefeßt hätte, würde, wenn fie nicht zu einer totalen Unterord- nung unter dad Judenthum in feiner damaligen Geftalt werden follte, nach der andern Seite hin von vorn herein eine aus— drücliche Oppofition "gegen Neligionsgefes und Staatsmacht herbeigeführt, und fomit allerdings jenes Schaufpiel eines ſtets wiederholten Gonflicts mit den Staatsoberhäuptern, mit den Schriftgelehrten und mit der beiden anhängenden Maſſe des Volks hervorgerufen haben, welches uns im. vierten Evangelium wirk— lich dargeftellt wird. — Auch die Darftellung des vierten Evan— geliums werden wir daher in fo weit allerdings folgerecht fin: den müffen, als jene Differenz von den Synoptifern in Bezug auf den Schauplatz Jeſu in ihr nicht vereinzelt fteht, fondern ihr Gegenbild in einer entfprechenden Differenz über die Stel- lung Sefu zu der Maffe des Volkes hat. Fragen wir aber, 300 Drittes Bud. ———— ob aus den abweichenden Vorausſetzungen dieſes Evangeliums ein eben fo in ſich zuſammenhaͤngendes, durch ſich ſelbſt ver-⸗ ſtaͤndliches und anſchauliches Geſammtbild der Laufbahn Jeſu hervorgehe: ſo muß, bei einiger Unbefangenheit des kritiſchen Blicks, die Antwort ganz anders ausfallen. Bedeutende Er— folge feiner Lehr- und Wunderthätigkeit werden freilich auch dort vorausgefekt, aber wir gewinnen nicht nur Feine Anſchau— ung darüber, auf welche Weife Ddiefelben gewonnen wurden, fondern, was wir wirklich fehen und vernehmen, das fteht mit diefen vorausgefegten Erfolgen allenthalben nur in dem grellften Widerſpruche. In Galilaͤa felbft ihn diefen Erfolg erringen zu laffen, trägt der Evangelift in fchneidendem Gegenfaß gegen die Synoptiker ausdrüdlich Bedenken, indem er das bei den Spnoptifern*) von Jefus über Nazareth gefprochene Wort auf ganz Galilaͤa ausdehnt”*). In Serufalem aber, wofelbft er ihm *) Mare. 6, 4 u. Parall. **) Diefe Bemerkung beruht allerdings auf einer Deutung ber fon- verbaren Stelle Joh. A, 445 aber eine unbefangene Betrachtung lehrt, daß jede andere Deutung unhaltbar ift. Wie man die Stelle auch deute, jedenfalls giebt fie einen Beleg, wie fihlecht der Evan- gelift zu fihreiben verfteht; denn einen Augenblid die Möglichkeit zugeftanden, wargis laſſe fih auf Jerufalem oder Judäa beziehen, fo £onnte der Evangelift, wenn er halbweg zu fehreiben verftand, diefe Bemerkung hier nur dann machen, wenn er beffere Erfolge, als die judäiſchen, von Galiläa zu erzählen hatte. Er läßt aber gerade umgefehrt Jefum nur wegen des vorangegangenen Erfolges in Serufalem für diesmal in Galiläa eine Leidliche Aufnahme fin- den, — Allein es ift eriwiefen, daß der Berf, des vierten En. nicht Judäa, fondern Galilän als das Vaterland Jeſu betrachtet (vergl. 1, 47. 7, 41. 52,), und in diefem Sinne auch die gegenwärtige Stelle angefehen, iſt jedenfalls das yag in derfelben fehr übel an- gebracht. Diefes yap aber ift nicht fo zu deuten, als ob der Evan— gelift ven Grund angeben wolle, weshalb Jefus nicht nah Naza— reth, fondern in andere Gegenden Galiläa's gewandert feiz denn von dieſem Gegenfaße ift nicht im entfernteften die Rede, fondern vielmehr, mit ve Wette (zu diefer St.) fo, daß, freilich auf eine ungefchiette, ſtyliſtiſch keineswegs zu rechtfertigende Weife, eine Er- Härung des Folgenden, der guten Aufnahme, die er in Galiläa fin- det, antieipirt, oder vielmehr eine Erklärung des zu dem Borher- gehenden hinzuzudenkenden Satzes, daß eine fchlechte zu erwarten war, nachgeholt werde. — Wie grell aber wird bei biefer, wie ge- WUeberſichtliche Darftellung der evangelifchen Geſchichte. 301 zufolge errungen fein fol, führt er Iefum Feineswegs etwa, wie die Synoptifer in Galilda, umringt von einer theils Huͤl⸗ fe fuchenden, theils auf feine Worte laufchenden, ſtets aber zur wärmften Begeifterung für ihn angeregten Volksmaſſe, fondern in dem gefpannteften Verhältniffe mit feiner ganzen Umgebung, in unabläffigem Wortgezaͤnk mit Pharifaern, Schriftgelehrten und mit dem Pobel, und ftet3 vollauf befchäftigt, ihren Nach— ſtellungen und Mordanfchlägen zu entgehen), vor, — Wir Fon: nen nicht anders, ald natürlich finden, daß zu Ierufalem, wo— hin unfer Evangelift den größten Theil der von ihm uns vor- ‚geführten Scenen verlegt, Jeſus von vorn herein, wenn er dort erſt zu feinem Werfe den Grund legen wollte, mehr Wi- derfpruch erfahren, ald Anhang gewinnen mußte. Aber dieſes felbft müffen wir fehr unnatürlich finden, daß er diefen Schaus| platz, ihn, der offenbar nur geeignet war, dem fchon hinreichend begründeten und ausgeführten Werke die legte Vollendung zu geben, eben dazu auserfehen haben follte, zu diefem Werfe den Grund zu legen. Welche Färbung einer, nach der fonoptifchen Dar- ftelung Jeſu gänzlich fremden, Abfichtlichkeit erhält durch diefe jerufalemifchen Reifen die Predigt des Cvangeliums und die MWunderthätigfeit Sefu, — ja, was fehlimmer ift, einer ihr Ziel allenthalben verfehlenden Abfichtlichfeit! Mag man in Folge der aus andern Quellen gewonnenen richtigern Anfchauung noch fo fehr fih dagegen fträuben: unwillführli erhält man beim Lefen diefes Evangeliums den Eindruck, daß Sefus abfichtlich mit jener ihm feindlich gefinnten Volksmaſſe immer aufs neue angebunden, und es zuleßt um jeden Preis entweder auf ihre Be: kehrung, oder auf ihre Beflegung angelegt habe. Daß Jeſus den Berfolgungen, den Mordverfuchen feiner Feinde, (d. h. nicht etwa, wie bei den Synoptifern, nur der ‚„‚Schriftgelehr- ten und Xelteften‘’, fondern „der Suden’’ überhaupt) entfchlüpft, | FREE fagt, allein zuläffigen Deutung der Widerſpruch zwifchen unferm Pfeudo-Fohannes und den Synoptifern, — und wie kann man hier nur einen Augenblic zweifeln, auf welcher Seite die gefhichtliche Wahrheit ift? E *) 30h. 2, 24. 5, 16. 7, 1. 10, 19. 30. 32, 44, 8, 37. 40, 59, 9, 22. 20.315392 11, 5577..12,710 u. ſ. w. 302 Drittes Bud. 11.4730 mit Mühe und Noth, oft nur durch ein Wunder entichlüpft fei, dies wird fo wiederholt und häufig, wird fo unmittelbar noch ganz dicht vor der Kataftrophe*) erzählt, daß man, troß aller myftifchen Hindeutungen auf die Nothwendigfeit feines Todes, an denen ed in den Reden diefes Evangeliums freilich nicht fehlt, zuletzt dennoch den Eindrud erhält, als ob das end- liche Unterliegen unfreiwillig, und weil er fi nun nicht mehr zu helfen gewußt, erfolgt fei. Eben diefe Kataftrophe aber, in welch einem andern Lichte erfcheint fie, wie fehr wird Die großartige Freiheit verfümmert, mit der Jeſus den Entſchluß faßte und das große Wort ausfprach: „er müffe nach Serufa- lem gehen, um dort feinen Feinden überantwortet, von ihnen gemishandelt und getodtet zu werden’‘**), wenn wir fie nur als die letzte unausbleibliche Folge eines durch ihn felbft fo geflif- fentlih genährten und immer neu wieder aufgereizten Volksun— willens betrachten follen! Bon Sefu Süngern wiffen wir, daß fie alle ohne Ausnah- me, — nicht etwa nur jener engere Kreis der Vertrauteften, der zwolf Apoftel, fondern auch der weitere aller derer, über bie beim Pfingftfefte der heilige Geift ausgegoffen ward **),— Ga: Viläer waren. Auch von den, nach der ausdrüdlichen Bemer- fung der Evangeliften, zahlreichen Frauen in feinem Gefolge er- fahren wir ein Gleiches +). In Serufalem Dagegen ift es der einzige Sofeph von Arimathia, und, jedoch auch nur nad dem Zeugniß ‚des vierten Evangeliums, Nifodemus, die fich beim Begrabniß Jeſu als deffen Anhänger benehmenz aber auch von ihnen erfährt man nicht, daß fie fih, wäre es auch erſt nach feinem Tode, wirklich der Schaar der Jünger ange- fchloffen hätten. Wie verfehlt, wie zwedlos müßte und dem- nach jener häufig wiederholte Aufenthalt in Serufalem erfchei- nen, wenn es Sefu nicht einen einzigen eigentlichen Sünger Dort zu erwerben gelang! — Diefem gegenüber geht freilich die durch die Darftellung des vierten Evangeliums begünftigte, aber DEI TLE 5A, **x) Marc. 10, 33 u. Parall. **x) Ap. Geſch. 2, 7. 7) Mare, 15, 40 f. u. Parall. “ x Ueberſichtliche Darftelung der evangelifchen Gefchichte. 303 nicht erwiefene Meinung der Meiften dahin: Sefus fei, ohne beftimmte, zu feinem Werfe gehörige Zwecke dabei zu verfolgen, durch Das mofaiiche Geſetz des dreimaligen jährlichen Feftbe- fuhs nach Serufalem geführt worden. Man beruft fich auf die von Jeſus felbft ausgefprochene*) Ehrfurcht vor den mofai- ſchen Inftitutionen, und findet dadurch nicht allein jene Reifen gerechtfertigt, fondern auch das Gegentheil, welches die Syn- optifer doch fo unbefangen und ohne irgend eine Spur eines Anftoßes, den fie fie felbft oder den irgend Andere daran genom— men hätten, ‚vorausfegen, in hohem Grade unmahrfcheinlich. Gegen diefe Anficht ift zu erwidern, zunächft, daß das vierte Evangelium Jeſus auch foldye Fefte befuchen, oder, was gleich- viel, bei folhen in Serufalem verweilen läßt, welche in Seru- falem zu feiern der Israelit Feineswegs verpflichtet war; fo daß man alfo bet diefem Aufenthalte einen befonderen Zweck vor— ausfegen müßte. Dahin gehört zugeftandener Weife das En- kaͤnien-, oder Kirchweihfeft**), eines der jüngften unter den juͤ— difchen Feften, auf welches die mofaifche Verpflichtung auszu— dehnen außerhalb unferes gegenwärtigen Zufammenhangs Nie: mandem beigefallen ift. Eben dahin würde auch das Purim- feft gehören, falls es feine Nichtigkeit hätte mit der bei den neuern rechtglaubigen Auslegern fo viel Beifall findenden An- fiht, daß unter demjenigen Fefte, an welchem die Heilung am Teiche Bethesda vorgefallen fein fol***), Fein anderes als die— fes zu verftehen fei. Außerdem aber ift mit Recht bemerkt wor: den +), daß das vierte Evangelium von dem Aufenthalt Sefu in Serufalem vielmehr in einem Zone fpricht, ald ob es dieſen als Negel, die Reifen von Serufalem hinweg aber nach Galiläa oder auch nach Peraͤa und Ephraim, ald Ausnahme voraus- feße, indem es für diefe faft jederzeit einen befonderen Grund angiebt, und Sefum bisweilen auch in der Zeit von einem Fefte zum andern zu Serufalem verweilen läßt. Wie fehr durch diefe Betrachtung das vorhin geäußerte Bedenken verftärft wird, =) Matth. 5, 17 ff. ==) Joh. 10, 22, **) Gap, 5. H Straug U 3.1 ©, 437, x 304 Drittes Bud. brauchen wir nicht befonders hervorzuheben. Wohl aber ver: dient jener Punct felbft noch eine etwas genauere Erwägung, da er allerdings auch einer von den’ Vorurtheilen für das Sohannes- evangelium freieren Unterfuhung entgegenzuftehen feheint: die Nöthigung, welche zu jenen Feftreifen Sefu durch Das Gefe und die Nationalfitte auferlegt fein foll. Daß die Sitte der Reifen zu den drei hohen Feften des jüdifchen Volks, die nur am Tempel zu Serufalem würdig ge: feiert werden konnten, bis zur Zerftorung diefer Haupt: ftadt hin unter den Juden noch fehr allgemein verbreitet war, würde vergeblich fein zu leugnen. Befäßen wir auch nichts, als die Notiz, welche Sofephus bei Gelegenheit ‘der Einnahme von Serufalem durch Titus über die zum Pafchafefte zufam> mengeftromte Menfchenmenge giebt *): fo würde diefe hinrei— chen, und von der Gewiſſenhaftigkeit, mit welcher die Ssraeli- ten an der durch das mofaifche Geſetz ihnen vworgefchriebenen Berpflichtung hielten, einen hohen Begriff zu geben. Auch fonft aber finden wir bei dem eben genannten Gefchichtfchreiber und anderwäarts Nachrichten in Menge über die Dichtigfeit der zur Fefteszeit in Serufalem verfammelten Maffen, jo wie auch über die Veroͤdung von Strecken des jüdifchen Landes **) zu denfel- ben Zeitpuncten. Dennoch ift die Vermuthung geäußert wor- den **), daß zwifchen einem jentfernteren, großentheils von Hei- den bewohnten Kandftriche, wie Galiläa war, und der Haupt: ftadt die Verbindung vielleicht nicht fo eng war, daß das Mit: machen fämmtlicher Feftreifen von jedem Galiläer erwartet wer- den Eonnte. Diefe Vermuthung gewinnt fehr an Wahrfchein- Vichfeit nicht nur im Allgemeinen ſchon durch die Natur der Sache, indem eine fo durchgängige Verbdung größerer Land⸗ firiche auf eine längere Reihe von Tagen fich Durch bie Beduͤrfniſſe des täglichen Lebens von felbft verboten haben würde, fondern auch durch den auffallenden Mangel an Be: *) Joseph. beil. Jud. VI, 9, 3. =#) Doch find die bei folchen Gelegenheiten namhaft gemachten Land- ftreden, fo viel. wir ung erinnern gefunden zu haben, jederzeit näher an Serufalem gelegen. 3. B. Joseph. bell. Jud. U, 19, 1. =) Strauß a. a. O. ©, 443, Ueberfichtliche Darftellung der evangelifchen Gefchichte. 305 weifen für das Gegentheil in Zufammenhängen, wo man al- lerdings ſolche Beweife erwarten Fünnte. Daß die fynoptifchen Evangelien, von denen doch wenigftens die zwei erften dem jüdifchen Ideenkreiſe unläugbar näher noch ſtehen, als das vierte, daß diefe ohne alle Zeichen eines Anftoßes, den ihre Verfaſſer daran ge- nommen hätten, die Vorausſetzung eines Nichtbeſuchs der Fefte aufnehmen, ift ſchon Andern in diefer Beziehung aufgefallen. Eine befondere Bemerkung verdient aber, worauf. wir unten noch einmal zurücdfommen werden, daß auch die Iekte Reife Sefu bei den Synoptifern Feineswegs ald durch das Feft ver- anlaßt erfcheint, fondern daß .Diefe VBorausfekung nur aus dem vierten Evangelium in fie hineingetragen worden if. Sowohl jene Evangelien, als auch das vierte felbft, erwähnen auch Jo— hannes des Zäufers durchgehende auf eine Weife, welche vor: auszufegen fcheint, daß auch diefer Serufalem niemals, zur Fe: fteszeit fo wenig, wie außer derfelben, betreten habe *); und doch. ftand der Täufer dem jüdifchen Gefeße um fo vieles näher, als Sefus. — Vorzüglich charafteriftifch aber müffen wir, jenem Ge- brauche gegenüber, das Verhalten der früheften Chriftengemeinde und ihrer Apoftel finden. Nirgends auch nur die leifefte Spur einer denjenigen Apofteln und Gemeindegliedern, welche fich nicht ohnehin zu Serufalem aufhielten, zugemutheten Verpflich— tung zu folchen Neifen, während doch über andere Artifel des jüdischen Geremontalgefeßes fo heftige und wiederholte Kam: pfe entftanden *). Man hätte erwarten follen, daß gerade die- fer Punct ein Hauptmoment des Gegenfages zwifchen Juden— und Heidenchriften gebildet haben muͤſſe; und doch erfahren wir nirgends, daß die erfteren das feftliche Grfcheinen im Hei: ligthume zu den Artikeln gezählt hätten, die fie als wefentliche aus dem Judenthum herübernahmen; ja die ausdrüdlich zu =) Befonders auffallend ift die Gefanbtfchaft, die das vierte Ev, von Serufalem an Johannes geſchickt werben läßt, während, wäre bie Borausfegung die entgegengefegte gewefen, jene Scene gewiß nach Serufalem verlegt worden wäre. ==) Die Yeußerungen des Paulus Ap. Gefch. 18, 21. 24, 11 wird bei fo jahrelang verſäumtem Feftbefuch wohl Niemand auf das Gefühl einer Berpflihtung zu foldem deuten wollen. Er wählte die Feftperiode, um mit um fo Mehreren, die er fehen wollte, bort — J © 306 Drittes Bud. * „Apoſteln der Beſchneidung“ deſignirten Apoftel*), Petrus und Johannes finden wir beide ſpaͤter aus Judaͤa ausgewan— dert, und keine Spur einer Anhaͤnglichkeit an das vaterlaͤndiſche Heiligthum. — Freilich aber waren auch die Verhaͤltniſſe des juͤ— diſchen Volkes ſelbſt, ſchon vor der Zerſtoͤrung der Hauptſtadt, ſolche, die mit einem ſtrengen Beſtehen der alten Nationalſitte auf keine Weiſe vereinbar gefunden werden koͤnnen. Das Le— ben ſo vieler rechtglaͤubigen Juden in der „Zerſtreuung“ (dıe.osro- oc) mußte laͤngſt daran gewohnt haben, jenen regelmaͤßigen Tempelbefuch nicht mehr in die Zahl der unerläßlichen Pflich- ten eines treuen Anhängers des mofaifchen Gefeßes zu rechnen. Draͤngt und nun alles, was von jüdifchen Zuftänden je— ner Zeit befannt ift, unabweislich zu der Annahme hin, daß die Sitte der Feftreifen damals nicht mehr in jener Allgemein- heit beftanden haben kann, wie in den früheren einfachen Ver— hältniffen des jüdischen Volkes: fo fragt fih, ob von Sefus, wie wir ihn perfünlich kennen, zu erwarten fei, daß er fich mit größerer Strenge, ald gleichzeitig viele andere Glieder feines Bolkes, diefer Sitte gefügt haben werde. Diefe Frage ift zwar im Grunde eine überflüffige, weil nicht einmal das vierte Evan- gelium, aus welchem die Vorausfegung jener Reifen doc) einzig geſchoͤpft ift, Sefu ſolche Gewiffenhaftigfeit zufchreibt, fondern ihn an einer Stelle**), ohne einen Grund Davon anzugeben, ein Pa- ſchafeſt übergehen, an einer andern ***) die Aufforderung zur Zheil- nahme aneinem Laubhüttenfefte, welche die Seinigen gleichfalls nicht im Sntereffe der Neligionspflicht, fondern im Intereſſe der Er- weiterung feines Ruhmes und Wirfungsfreifes an ihn ftellen, mit Worten beantworten läßt, in welchen man auch feinerfeit3 die Anerkennung folcher Neligionspflicht vergebens fuht. Da aber nicht3 defloweniger die Vertheidiger der Angaben dieſes Evangeliums, im Flareren oder dunkleren Bewußtfein der Schwie- tigfeiten, die, wie wir gezeigt zu haben meinen, der Annahme anderer Motive entgegenftehen, immer von neuem wieder auf diefes zuruͤckkommen, fo lohnt es der Mühe, auch diefen in Se- *) Sal. 2, 9. =) Joh. 6, 4. =) Cap, 7,2 ff. EEE | Ueberfichtliche Darftellung der ewangelifchen Gefchichte. 307° fus vorausgefeßten Beweggrund etwas näher zu beleuchten. Wir willen, daß Jeſus in der Beobachtung wichtiger Momente des jüdifchen Geremonialgefeßes nichts weniger als rigoriftifch war, daß feine und feiner Sünger Nichtbeachtung der Sabbath: feier zu wiederholten Malen Anftoß gab, daß er feinen Sün- gern weder Faften noch andere ascetifche Gebräuche der Art auferlegte, in welchen fonft jüdiiche Sittenlehrer ein wefent- liches Moment der Heiligkeit zu fuchen pflegten, und daß glei- cherweife die herfommlichen Wafchungsgebrauche und anderes dahin Gehörige mehrmals Gegenftand heftiger Debatten mit den Pharifäern wurden. Daß Sefus, wie man hat vermuthen wollen, in allen diefen Beziehungen einen genauen Unterfchied zwifchen dem von Mofes felbft Gebotenen und dem in der fpäteren Sitte durch übertreibende Deutung des mofaifchen Geſetzes Hinzugefommenen: gemacht hätter dies laͤßt fich weder beweifen, noch auch nur aus irgend: wahrfcheinlichem Grunde vorausfegen. Wo fünde man, um nur diefes Eine zu erwähnen, ‚eine Spur davon, daß Sefus die jüdifchen Opfer: gebrauche, mitgemacht? Wie jener Ausfpruch über. die ewige Gültigkeit de3 Gefehes zu deuten ſei, werden wir weiter un- ten zeigen; jedenfalls Lafjen ſich einem buchftäblichen Verſtaͤnd— niffe defjelben Ausfprüche von gleichem Gewicht entgegenftellen, welche den freien Standpunct, den Jeſus ſowohl perſoͤnlich, als auch in feiner Lehre, dem Geſetze gegenüber einnahm, ‚hin: veichend beurkunden. — Uebrigend widerfpricht eine fo fflavifche Untererdnung unter das Geremonialgefeß,, wie man fie, um jene. Feftreifen nothiwendig zu finden, annehmen müßte, auch allen Eirchlich -Dogmatifchen Vorausfeßungen über die Würde des Meffias. Sie kann folgerechter Weife eigentlich nur von folchen vertheidigt werden, welche dem Herrn überhaupt, von vorn herein wenigftens, einen ‚bornirten Judaismus zutrauen, und die rein menfchliche Univerfalität des: Chriftenthbums nicht für fein Werk, fondern erft für das Werk feiner Nachfolger halten. Wenn nämlich bei irgend einem anderen Artifel des Geremonialgefeßes, fo war bei dem hier in Rede ftehenden die Anwendung des Grundfages, daß man neuen Wein nicht. in alte Schläuche ‘gießen dürfe, an ihrem Plage, Welche Laft hätte Jeſus durch die Angftliche Beobachtung des Gefekes in 20* 308 Drittes Bud. diefem Stüde feinen Juͤngern aufgelegt, ja wie ganz unmdgs lich gemacht hätte er die weitere Verbreitung feiner Religion, wenn er für diefen feinen Vorgang Nachfolge von ihnen hätte verlangen wollen; — wenn aber nicht, wie fehr dadurch die Kraft und Bedeutung feines Vorgangs, feines Beifpield auch in ans deren Bezuͤgen entfräftet! Wollte man hier einwenden, daß Sefus die baldige Zerftorung des Tempels und damit den Wegfall jener Laft vorausgefehen habe: fo liegt die Entgegnung nahe, wie das Intereffe des Chriſtenthums gerade dies mit fich brachte, daß bis zur Zerftorung des Tempels fein von dem Sudenthum unabhängiges Beftehen in allen Theilen der da— mals gebildeten Welt hinlänglich gefichert wurde. Letzteres ift befanntlich auch gefchehen, aber es hätte bei Beobachtung je= ned Gebrauhs von Seiten der Apoftel und ihrer Schüler nicht gefchehen Tonnen. Uebrigens finden wir in demfelben Gvangelium, in welchem die Feftreifen uns berichtet werden, den beftimmteften Ausfpruh Jeſu über die Unangemeffenheit der Verehrung Jehova's an einem befonderen Orte oder in einem beftimmten Raume *); Sefus würde alfo, wenn er den- noch für feine Perfon es nöthig erachtet hätte, zu den feſtge— festen Zeiten an diefem Orte anzubeten, durch feine That fich in den auffallendften Widerfpruch zu feinem Wort gefest haben. Die Notizen des vierten Evangeliums felbft über die Feft- reifen zeigen fich, wenn man fie, fei es im Allgemeinen oder im Einzelnen, näher prüft, Feineswegs geeignet, in ihre Ge: nauigfeit und Zuverläffigfeit ein fonderliches Vertrauen einzu- flogen. Wir wollen hier nicht diejenigen Bedenken nochmals auseinanderfeßen, die, wenn auch auf diefen befondern Punct noch ausdrüdlich anwendbar, doch die Befchaffenheit des Evan— geliumd im Allgemeinen angehen. Dahin gehört z. B. bie Unklarheit des Verhältniffes zur fonoptifchen Darftellung, wel- che letztere Doch ergänzen und berichtigen zu wollen gerade hier diefer Evangelift in Vieler Augen das Anfehen hat. Näher betrachtet zeigt er fich freilich, bei dem durchgängigen Mangel an aller irgend nachweisbaren Beziehung auf jene Darftellung, vielmehr der Kunde von ihrem, dem feinigen wis *) Joh. A, 21, Ueberfichtliche Darftellung der evangelifchen Geſchichte. 309 derſprechenden Inhalte durchaus entbehrend. — Ueberhaupt be- finden wir uns bei einer aufmerffamen Befchäftigung mit dem vierten Evangelium in einem fonderbaren Dilemma. Um die Weglaffung des größern Theil der aus den Synoptifern be: kannten galiläifchen Begebenheiten erflärlich zu finden, müffen wir einen Hinblick auf diefe, oder wenigftend auf den Kreis von Erzählungen im Allgemeinen, den Sohannes zu ergänzen die Abficht: gehabt haben fol, vorausfegen; und umgekehrt, um die Art und Weife erflärbar zu finden, wie er die Feftreifen berichtet, müffen wir die Unbefanntfchaft mit andern Darftel- lungsweifen der Xebensgefchichte des Erlöfers vorausſetzen, auf die er fonft Bezug zu nehmen nicht hätte umgehen koͤnnen. Eine Schwierigkeit, welche, wie bemerkt, auf ähnliche Weife auch auf allen andern Puncten, wo die beiderfeitigen Darſtel— lungen fich berühren, wiederfehrt, aber hier allerdings allen aufmerffamern Betrachtern befonders auffällig werden muß. Menden wir uns jetzt dem Einzelnen zu, fo begegnet uns bier zuerft der bereit3 im erften Buche erwähnte Umftand, daß das vierte Evangelium die Erzählung fogleich des erften Aufenthalts in Serufalem *), mit zwei wichtigen Thatfachen er: dffnet, welche die andern, mit ungleich größerer innerer Wahr: fcheinlichkeit, bei dem letzten und nach ihnen einzigen gefchehen laſſen. — Bei der zweiten Reife *) vermiffen wir eine nähere Bezeichnung des Feftes, welches Jeſum dorthin gezogen haben fol, und, was fchlimmer ift, diefe Reife wird mit Umftänden erzählt, welche fchlechterdingd auf Fein einziges aller befann- ten jüdischen Fefte paffen wollen. Saͤmmtliche Möglichkeiten, die fich hier darbieten, find von den Erflärern der Neihe nach durchgangen worden; eine jede derfelben hat ihre Anhänger gefunden, aber jede noch ift an unüberfteiglichen Schwierigfei- ten gefcheitert. Neuerdings haben fih, in Anerkennung diefer Schwierigkeiten, die meiften Ausleger für die zuerft von Kepler vorgefchlagene Hppothefe erklärt, daß jenes Feſt, welches Die Suden feit dem Eril zum Andenken ihrer Errettung von den — *) Joh. 2,13 ff. ©. oben ©. 122, *) Gap. 5, 1 ff. 310 Drittes Bud. He Berfolgungen Hamans feierten, dad Purimfeft, gemeint fei. Aber diefe Hypothefe Fonnte in der That nur von der Ber: zweiflung eingegeben fein; denn, abgefehen von den fpeciellern Schwierigkeiten, die auch ihr die Umftände der Erzählung um fo unüberwindlicher entgegenftellen, um fo genauer man es mit leßterer nehmen will, fo läßt ſich nirgends auch nur die leiſeſte Spur einer folchen Feier des Purimfeftes nachwei— fen. Die wahre Erklärung ift unferd Grachtens dieſe: daß der Evangelift gedanfenlos erzählt, ohne fich felbft die Frage vor- zulegen, welches Feft hier möglicherweife gemeint fein könne, und ohne fich um die Folgen zu kümmern, welche die Erwäh- nung dieſes Feftes für den Zufammenhang feiner Erzählung hat. — Die fo unmittelbar darauf folgende gelegentliche Erz wähnung eines Pafcha*), von dem man nicht erfährt, daß Je— ſus es befucht, hat nur den Zwed, das Zufammenftrömen einer Menge von Menfchen in der Gegend, wo Jeſus ſich befand, zu erklären, Wie charakfteriftifch für unfern Evangeliften, daß es bei ihm folcher Erklärung bedarf, während die Synoptifer, nach ihrer großartigern Auffaffung des VBerhältniffes Jeſu zum Volke, feinen Anftoß daran zu nehmen brauchen, daß dieſe Menfchen- mengenur um feinetwillen zufammenftrömt! Uebrigens werden wir fpäter zeigen, wie die Begebenheit, welche den Anlaß zur Er: wähnung diefes Pafchafeftes giebt, fabelhafter Natur, und alfo die Erwähnung felbft wenigftens nicht für eine unmittelbar his florifche Notiz zu nehmen und als folche zu gebrauchen iſt. — Das nächte Feft, deſſen unfer Gvangelift hierauf gedenft, ift das im fiebenten Capitel verhandelte Laubhüttenfeft, über wel: ches feine Erzählung, der Übrigens gerade hier vielleicht die Er- innerung an einen wirklich gefchehenen Vorfall zum Grunde lie gen mag**), höchft wunderlich lautet. Die Brüder Jeſu fordern *) Cap} 6, A, **) Die Mahnung der Brüder, die hier erzählt wird, ſammt ber Ant» wort Jeſu, hat nämlich an ſich durchaus nichts Unwahrſcheinliches, fondern ift dem ganz gemäß, was wir über das Verhältnig Jefu zu feinen Verwandten und über feine Gefinnung wiffen, Nur war feine Antwort gewiß nicht blos eine Scheinausrede, wie fie unfer Evans gelift darſtellt (als folhe wäre fie Sefu unwürdig), fondern fie ent. Veberfihtliche Darftellung der evangelifchen Gefchichte. 311 ihn auf, das Feft zu befuchen, um dort auch feinen Schülern (es werden aljo, wie es fcheint, Schüler zu Jeruſalem vor: ausgefegt, von denen man fonft nichts erfährt) die Werke, die er thut, zu zeigen. Dabei wird den Brüdern, jedoch abge: ſchwaͤcht und in abftracten, bildlofen Ausdrud umgefeht, der Spruch über die Nothwendigfeit, fein Licht nicht unter den Scheffel zu ftellen, in den Mund gelegt, den wir aus Jeſu eigenem Munde Fennenz nichts deftoweniger heißt es, mit eis nem wiederum fehr übel angebrachten „denn“, daß auch die Brüder nicht. an ihn glaubten. Jeſus weigert fi), unter dem Borwande, daß feine Zeit noch nicht gefommen fei, und läßt die Brüder allein ziehen; nachher aber befinnt er fich eines an— deren, und Fommt ihnen heimlich (wg &v zovnro) nah. Die Suden fuchen ihn auf dem Fefte, aber nicht etwa aus Ber wunderung oder Anhänglichkeitz vielmehr heißt es gleich dar: auf, daß Niemand (d. h. Niemand unter feinen Anhangern) frei heraus von ihm zu fprechen wagte, „aus Furcht vor den Juden“ („aus Furcht vor dem Volke“ wagten vielmehr, nad) der viel würdigern und wahrfcheinlichern Darftellung der Syn: optifer*) die Schriftgelehrten und Aelteften nicht, ihn zu greis fen), — fondern aus feinem andern Grunde, ald um mit ihm zu diöputiven und zu zanken. Um die Mitte des Feſtes tritt er — gegen feine anfängliche Abfiht muß man annehmen, — lehrend auf; auf welche Veranlaffung, erfahren wir nicht, eben fo wenig, wie wir im VBorhergehenden erfahren zu haben uns rühmen konnen, durch welche Mittel es Sefu, — ihm, den wir bei den Synoptifern nie anderd, ald umgeben von dem Kreife feiner Schüler und von an ihn fich drangenden Bolfsmaffen erblicken, — gelungen war, bis dahin unbemerkt zu bleiben”). Hält den wahren Grund, weshalb Jeſus nicht früher nach Jeruſa— lem ging. Vergl. Luk, 13, 32 f. *) Marc. 12, 12 u. Parall. =) Das Auffallende, was in diefem heimlichen Sich = Fortfchleichen aus Galiläa liegt, wird noch vermehrt, wenn man bebenkt, daß nach der gewöhnlichen Anficht der Erzählungsweife unferes Evangeliften dies die legte Entfernung Jeſu aus feinem Baterlande fein müßte, — Uebrigens beruht diefe Heimlichkeit wahrſcheinlich auf einer Dr 312 Drittes Bud. Zulegt wird noch der Iehte Tag des Feftes (ob darunter der fiebente oder achte zu verftehen fei, ift unter den Auslegern flreitig), al3 der „große““ erwähnt, eine Bezeichnung, die, da fie fonft nirgends vorkommt, gegen ihre hiftorifche Nichtigkeit und gegen die ausreichende Bekanntfchaft des Evangeliften mit den jüdifchen Gebräuchen gerechtes Mistrauen erwedt*). — Nach dieſem Fefte bleibt Sefus, fo fcheint es wenigftens, in Serufalem zurüd, ohne daß für fein Bleiben, wie fonft meift für fein Weggehen, ein Grund angegeben, oder auch, Daß gemel- det würde, wie er jich mit feinen Süngern, von denen er fich damals getrennt haben mußte, wieder zufammen gefunden habe. — Die Erwähnung des Enkfänienfeftes**) braucht man zwar nicht als beftimmt zu nehmen, das Verweilen zu Serufalem ausdrüdlich zu motiviren, aber fie fällt auf, weil man feinen andern Zwed für fie bemerkt, ald nur die chronologifche Ge— nauigfeit, für die fich Doch anderwärt3 der Evangelift fo we— nig beforgt zeigt, — Das letzte Feft, deflen dad Evangelium gedenft, ift das Pafchafeft, auf welches Sefu Tod fallt, und welche Schwierigkeiten fich hier aus feiner Darftellung ergeben, davon wird weiter unten noch die Nede fein. Wir befchließen nach diefem allem vorftehende ausführlichere Unterfuchung mit dem zu fo großer Sicherheit, meinen wir, als in dergleichen Dingen überhaupt erreichbar ift, gebrachten Er- gebniffe, daß wir auch hier, wie faft überall, wo Ahnliche Con— flicte vorkommen, durch die fonoptifchen Evangelien die richtige Vorſtellung von dem Schauplage der Thätigkeit Jeſu und von den Umftänden, deren nähere Beftimmung von dem Schau— platze als folchem abhängig ift, erhalten”). Jeſus blieb, bis misverflandenen Erinnerung an die von den Synoptifern fo oft er— zählte Thatfache, daß Jeſus von feinen Jüngern nicht als Meſſias begrüßt und verfündigt fein wollte, \ *) Auf ähnliche Weife wird auch Cap. 19, 31 ein einzelner Tag in- nerhalb einer Feftfeier als ein „großer“ ausgezeichnet, von welcher Auszeichnung auch dort außer unferem Evangeliften Niemand et was weiß. *8) Gap. 10, 22. ***) Die ſchwachen Einwürfe, die Strauß, der übrigens felbft zu unfe- rer Anficht fih unverfennbar hinneigt, ihr noch entgegenftellt (I, ©. 444)’ werden wir an dem für fie gehörigen Orte befeitigen. 13 —— VUeberſichtliche Darſtellung der evangeliſchen Geſchichte. 313 nahe an den Schluß ſeiner Laufbahn, ohne andere Unterbre— chungen, als jene kuͤrzeren Reiſen in das Land jenſeits des Sees und des Jordan und in andere an Galiläa angrenzende Land— firiche, die wir entweder alle, oder von denen wir einige an verfchiedenen Stellen der fonoptifchen Evangelien erwähnt fin: den*), in feiner Heimat) Oaliläa, abwechfelnd zu Kaper: naum verweilend (ungewiß ob in einem eigenen Haufe, oder in dem Haufe feines Schülers Petrus), und in der näheren und ferneren Umgegend umherwandernd, um dort in Städten und Flecken, auf freiem Felde, am Ufer des Sees oder im Ge— birge, zu lehren und in feiner übrigen Weile thätig zu fein. Was Diefe zur täglichen Lebensweife gehörenden Wanderungen betrifft, fo eignen fie fich in feiner Weife dazu, in ihrer chro= nologifchen Folge einen Gegenftand eigentlicher Gefchichtserzäh- lung zu bilden; man hat Unrecht gethan, fie, zugleich mit jenen größeren Feftreifen, ald einen folchen zu behandeln. — Dies zu thun, Eonnte freilich die Darftellung der Synoptifer infofern verleiten, als daſelbſt die Erzählung der einzelnen Begebenhei— ten und Reden meift von einer mehr oder minder genauen Anz gabe des Orts begleitet zu fein pflegt, wo diefelben gefcheben fein follen, und diefe Angaben unter einander fcheinbar in den BZufammenhang. einer ftetig fortlaufenden Reihe geſetzt find. Es ft, um ſich hierüber nicht zu täufchen, nöthig, fi von dem Bortrage und der Erzählungsweife der Evangeliften eine richtige Borftellung zu bilden. Werfen wir einen Blid auf das zurüd, was wir in Bezug auf die Entftehung des Alteften und tonan— gebenden der Evangelien, des Marcusevangeliums, ausgemit- telt haben, von welchem die beiden andern Synoptifer gerade in diefem Puncte durchaus abhängig find: fo kann es uns nicht befremden, wie deſſen VBerfafler, in dem Beftreben, die verein: *) Marc, 5, 1. 7, 24. 31. 8, 27. 10, 1 u. Parall. Die erfte dieſer Reifen, die über den See Genefareth in die Gegend der Stadt Gadara, verfebt der Berf. des erften Ev. in eine frühere Zeit, als die beiden andern (Matth. 8, 28); fehwerlich aus einem anderen Grunde, als weil er zur rechten Zeit (d. h. vor 10, 1) noch eine Dämonenaustreibung erzählen wollte, nachdem er die Erzählung yon dem Borfall in der Synagoge zu Kapernaum, aus welchem Grunde wiffen wir nicht auszumitteln, mit Stillffhweigen übergangen hatte. UI 7 314 Drittes Bud. zelten Erzählungen des Petrus zu dem gediegenen Ganzen einer Lebensgefchichte ded Herrn zufammenzuftellen, durch die Art und Weife feiner Uebergänge von einer Materie zur andern einen Schein von Gontinuität der Begebenheiten, und alfo auch der Veränderungen des Schauplakes der Begebenheiten hervor: tief, den ein gewandterer Erzähler, wenigftens ein folcher, der zugleich ein kritiſcher Forſcher war, unftreitig vermieden hätte, Shn nicht vermieden zu haben, darf man dem Marcus und feinen Nachfolgern weder ald wirkliche Untreue der Erzählung, noch auch nur ald Mangel an Bewußtfein über die in ihrer Erzählung nothwendig vorhandenen Lüden anrechnen; es Liegt vielmehr eben dies in der Natur eines zwar lebendigen und an: fchaulichen, aber wiffenfchaftlicher und Fünftlerifcher Bildung er: mangelnden Vortrags, wie man fich aus den mündlichen Er— zählungen von Individuen, die mit den Evangeliften auf unge— fahr gleicher Stufe der Bildung ftehen, leicht davon zu über- zeugen Gelegenheit finden kann. Durch die Freiheit übrigens, welche die Berfaffer des erften und des dritten Evangeliums fi an nicht wenigen Stellen mit der Anordnung des Marcus erlau= ben, — und zwar, wie wir allenthalben vorausfegen dürfen, ohne ſpeciell berichtigende Notizen, die fie etwa vor Marcus voraus gehabt hätten, erlauben; aus Feinem andern Grunde, ald weil ihnen die Anordnung, die fie an die Stelle der von ihnen vor: N Lu“ Dee; gefundenen festen, in dem einzelnen Falle zwed- und fachger mäßer fchien, — durch diefe Freiheit legen fie ein Bewußtfein von der Nelativität jener chronologifchen Ordnung an den ag, welche auch wir, wenn wir nicht an Unbefangenheit und Gei- fesfreiheit hinter ihnen zurücbleiben wollen, uns hüten müffen, in allen Einzelheiten als eine gefchichtliche betrachten, oder aus ihr die gefchichtliche Wahrheit allenthalben im Einzelnen er: mitteln zu wollen. Wie oft Jeſus zu Kapernaum ein= und ausgegangen, wie oft er den oder jenen Berg beftiegen, inglei— chen wie viele Male er über den galiläifchen See gefahren fei, und ob die erfte diefer Neifen, diejenige, bei der er auf wun— derbare Weife einen Sturm befhwichtigt haben fol, vor oder nach jenen Begebenheiten falle, vor die fie der erſte, hinter die fie der zweite und dritte Gvangelift fest: dies und alles ähnliche find Fragen, die, wie fie an fich felbft, abgefehen von Veberfichtliche Darſtellung der evangelifchen Gefchichte. 315 den befondern Umftänden, die ihnen im einzelnen Falle ein fol: ches ertheilen konnten, des gefchichtlichen Intereſſes in wifjens ſchaftlichem Wortfinne entbehren, fo auch auf dem Wege Friti- ſcher Gefhichtöforfchung fich ein für allemal nicht beantworten laffen. Den Antritt des Lehramtes Jeſu bezeichnen unfere Evans geliften nicht durch die Erzählung einer beftimmten einzelnen Handlung oder Nede, mit welcher er daffelbe eröffnet hätte, fondern zwei derfelben durch die Anführung von Worten, welche, indem fie das Anfehen einer öfter wiederholten Formel haben, eben ſowohl auch fpäter gebildet fein fonnen, um den Sinn feiner Reden im Allgemeinen auszudrüden. Sie lauten bei Marcus fo: ‚‚Erfüllt ift die Zeit und das Neich Gottes nahe, befehret euch, und glaubet an die Heilsbotfchaft! ** Das erfte Evangelium laßt Sefum nur fagen: „Bekehret euch, denn da8 Himmelveich ift nahe!“*) wobei bemerfenswerth ift, daß der nämliche Evangelift diefelben Worte auch fehon dem Taͤu— fer Sohannes in den Mund gelegt hat ), und fie fpäter unter den Aufträgen anführt, die Chriftus den Apofteln gab+). Wahr: fcheinlich ift nur diefe letztere Veranlaffung diejenige, wo Chri— ſtus fie wörtlich ausgefprochen hat. Daß er fie beim Antritte feiner Laufbahn in der Weife einer Formel öfter wiederholt haben follte, dies Fünnen wir, da feine Predigt in beftimmte Formeln zu faffen unftreitig nicht in feinem Geifte lag, nicht für wahrfcheinlich halten; noch weniger aber, daß bereits der Täufer fie ausgefprochen haben ſollte. Diefem letztern war der Begriff des Himmel» oder Gottesreiches in dem Sinne, wie Chriftus ihn faßte, überhaupt noc fremd; hätte er jene Worte gefprochen, fo müßte er fie in einer andern Bedeutung, als nachher Chriftus, geiprochen haben, und es fieht Letzterem nicht ähnlich, eine ſolche Formel feines Vorgängers in der Weiſe eines Schülers, die Ihm nicht zufam, halb gedanfenlos, halb etwas anderes Dabei denkend, nachgefprochen zu haben ++). +) Marc, 1, 15. **) Matth. 4,17, E) Cap, 3, 2, 7) Eap. 10, 7. + Wie Strauß annimmt (I, ©. 474): etwas fonderbar, da es die— 316 Drittes Bud. Wie Marcus die Worte anführt, lauten diefelben eigenthuͤmli—⸗ cher, und e3 tritt deutlicher hervor, daß des Gvangeliften Ab— ſicht nicht fowohl ift, Jeſum diefe beftimmten Worte fprechen zu laffen, als vielmehr, durch fie furz zufammengefaßt die Ges danken auszudrüden, von denen er vorausfeßt, daß fie, auf eine oder die andere Weife ausgedrückt, in allen Neden Sefu zu jener Zeit enthalten waren, So hat in die Worte „Erfuͤllt ift die Zeit,“ der Evangelift offenbar die Notiz hineingelegt, die er von Ghriftus hatte, daß derfelbe nicht eher offentlich zu leh— ven anfing, ald nachdem er über feinen göttlichen Beruf und über die Zeitverhältniffe, in die er mit dieſem Berufe eintrat, ein vollfommen klares Bewußtfein gewonnen hatte, Die andern Evangeliſten haben diefe Worte weggelaffen, nicht. als ob fie Grund gefunden hätten, dem Herrn folches Bewußtfein abzu— fprechen, fondern der eine, weil ihm die Formel ohne Diefe Worte fchon fonft geläufig war, der andere, weil er überhaupt nicht für gut fand, feine Darftellung des Lehramtes Sefu in diefer Weife zu eröffnen. — Erſt in der neueften Zeit hat man auch über diefen» Punct die von fo vielen andern Seiten ange: regte Sfepfis erſtreckt. Man hat die Vermuthung ausgefpro- chen, daß erft wahrend feiner öffentlichen Tihätigfeit das Be— wußtfein Sefu über feinen Beruf ſich bis zu der Stufe geläu- tert und vervollftändigt haben möge, auf welcher es am Schluffe feiner Laufbahn unftreitig geftanden hat. Dieſes felbft wollen Ginige nur einfach fo verftanden wiffen, daß Jeſus anfangs geringer von fich gedacht, als ſpaͤter, fich nur noch für einen Propheten, nicht für den Meffias gehalten und gegeben habe, Andere aber gehen dazu fort, mit diefer geiftlichen Befcheidenheit einen weltlichen Hochfinn verbunden zu denken, indem, ftatt des rein geiftigen, deſſen Idee erft fpäter in feinem Geifte Geftalt ge— wann, ein weltliches Meffiasreich zu ftiften Chriftus fich beru- fen gemeint haben fol. Was von diefen Vermuthungen zu - halten, und ob es wohlgethan jei, im Sinne derfelben oder in fem Kritiker viel näher gelegen hätte, jene Worte dem Johannes abzufprechen; — fichtlih nur, um für die Anſicht einer anfäng- lichen Abhängigkeit Zefu von Johannes und Unvollendung feines Meffiasbewußtfeins elnen Boden zu gewinnen. Ueberfichtliche Darftellung der evangelifchen Gefhichte. 317 irgend einem andern, die Anficht, von welcher Marcus und die übrigen Evangeliften ausgingen, als eine irrige Preis zu geben: dies werden wir aus der Betrachtung entnehmen Fonnen, die wir hier zunächft folgen zu laſſen uns veranlaßt finden*). Es drängt fi und nämlich an gegenwärtiger Stelle als unabweisliche Aufgabe unferer Forſchung die Frage auf, wie wir und von unferm hiftorifch = Eritifchen ° Standpuncte die Ideen und Principien zurecht zu legen haben, welche wir als die leitenden für Sefus beim Antritt feiner Laufbahn denken follenz; die Frage, wie man es gemeinhin auszudrüden pflegt, nach dem Plane Zefu. Wäre e8 möglich, hierüber eine gründ: liche Nachweifung zu geben, fo würde die Antwort auf diefe Frage für uns an die Stelle jener Worte treten, welche Mar: cus in dem Momente jenes Antritt3 dem GErlöfer in den Mund legt; ſei es nun, diefe Worte nur erläuternd und auslegend, oder zugleich, fie verbeffernd und berichtigend. Die Frage felbft, die wir und vorlegen, koͤnnen wir zunächft in die einfache Alter: native faffen: war es nur als Prophet, als Sittenlehrer über: haupt, in ähnlichem Sinne, wie etwa Sohannes, wenn auch - mit theilweife abweichenden Anfichten und Tendenzen, und dabei vieleicht zugleich. als Wunderthäter in wenn nicht ganz gleicher, Doch Ahnlicher Weife, wie vor ihm, wenigftens in einzelnen Momenten, auch Einige der alten Propheten aufgetreten waren, Daß Sefus auftrat; oder war es in einem Sinne, der nur Ihm eigenthümlich war, mit einem Bewußtfein, welches nur Gr von Sich, und Fein Anderer vor oder nach ihm auf ähnliche Weife hegen konnte? — Wäre das Erftere, fo wäre mit dem Erweis, Daß es fo war oder fein mußte, jene Frage fchon vollftändig beantwortet. Dann nämlich wäre das Bemußtfein Sefu über fi) felbft und über das Biel, das er verfolgen wollte, in einen allgemeinen Begriff gefaßt, die befondere Geftalt aber, in wel- her er dieſem Bewußtfein gemäß zu handeln begann, Tonnte #) Uns in diefer fo wichtigen Materie verhältnißmäßig kurz zu faf- fen, veranlaßt uns zum Theil der Amftand, daß wir auf die gründ- liche Auseinanderfegung Neander’s (L. 3. ©. 102 — 134) vermweifen können, mit welcher wir nns fo gut wie durchgehends übereinftinmend erflären dürfen, ae 318 Drittes Bud. ald eine zufällige und für uns nicht mehr auszumittelnde da- bingeftellt bleiben. Anders im entgegengefesten Falle. Sollte diefer der richtige fein, fo gälte es, über die durchaus indivi- duelle, weil auf einen durchaus individuellen, nur einmal fo dagewefenen Inhalt fich beziehende, Geftaltung des Bewußt— feind Jeſu eine nähere Einſicht zu eröffnen, eine folche, die in ähnlicher Weife, wie jene Worte des Evangeliften, an die Stelle eines factifchen Berichts über den Hergang des erften oͤffentli— chen Auftretens Jeſu gefeßt werden Fünnte, Für das Letztere und vorläufig zu entfcheiden, und deshalb und für die eben bezeichnete Einfiht nach einer Duelle umzu— fehen, muß uns ein wichtiger Beweggrund der Umftand fein, daß wir in den evangelifchen Urkunden, fo mehrfach auch die Bezeichnungen, die Jeſus von fich felbft, von der Würde und Bedeutung feiner Perfonlichkeit giebt, zu wechſeln fcheinen koͤn— nen, doch die Bezeichnung einer eigentlichen Gpoche, einer fol chen, wie fie durc die Vollendung feines Bewußtſeins übe: ſich felbft hätte hervorgerufen werden müffen, vergebens ſuchen Daß wir eine folche vermiffen: diefes felbft koͤnnten zwar’ eben wir leichter noch ald Andere aus der mangelhaften Befchaffen- beit der Quellen zu erklären uns verfucht finden, in der wir ja, wie wir vorhin angedeutet, gar Feine eigentlich chronologi- fhe Succeffion der Darftellung Suchen dürfen. Allein dieſe Befchaffenheit unferer Quellen felbft zeugt gegen die Hypotheſe einer folchen, in die Laufbahn Sefu felbft, die dort berichtet wird, fallenden Epoche. Wäre nämlich ſolche Epoche wirklich das gewefen, was ihr Name fagt: fo würde fie innerhalb jener Laufbahn den Unterfchied der Zeiten fcharf genug marfirt haben, daß auch die Evangeliften ihn nicht hätten unbezeichnet laſſen koͤnnen; oder hätten fie ihn dennoch zu bezeichnen unterlaffen, fo würde er fih auch fo noch durch ihre Darftelung deutlich ge- nug hindurchdrängen und ſich uns zu erfennen geben. Davon aber finden wir bei unbefangener Betrachtung durchaus das Gegentheil. Zon und Färbung der Aeußerungen Sefu über fih, und auch derjenigen Aeußerungen, die eine beftimmte Ge- ftaltung des Bewußtfeins über ſich felbft nur vorausfegen, ohne fie auszufprechen, find, troß jener Verſchiedenheiten, in den fonoptifchen Evangelien von Anfang bis zu Ende wefentlich die Su Veberfichtliche Darftelung der evangelifchen Gefchichte. 319 nämlichen. Eben fo auch find fie im Sohannesevangelium die nämlichen, zwar nicht mit jenen, aber doch mit fich felbft, ja es fallen zugeftandener Weife in diefem letzteren fogar diejeni— gen Verfchiedenheiten weg, welche dort zu jener Suppofition den Anlaß geben Fonnten. So auch gewahren wir in dem Ver— bältniß der Sünger und der Volksmenge zu Jeſu durchaus feine Veränderung der Art, wie wir fie ald natürliche Folge einer Steigerung der Anfprüche, die Sefus nach einer folchen Epoche an die Gefinnung der Einen, wie der Andern nothwen- dig hätte machen müffen, zu erwarten berechtigt wären. — Je— denfalld alſo würde für den, der troß dem allen dennoch dad thatfächliche Borhandenfein des eigentlichen Meffiasbewußtfeing in Sefus beim Beginn feiner Laufbahn läugnen oder bezweifeln wollte, die Aufgabe erwachfen, daß er die Entftehung und all- mählige Vollendung dieſes Bewußtfeins im Fortgange derſel— ben nachwiefe; eine Aufgabe, die, in Folge des eben Bemerk— ten, wohl noch fchwerer zu erfüllen fein möchte, als jene, der wir uns hier unterziehen wollen. — Sn der That namlich brau— chen wir für die Einſicht, auf die wir hier losftreben, nach einem Anfnüpfungspunct nicht weit umherzufuchen. E$ ift ein fol- cher uns unmittelbar gegeben, und zwar dergeſtalt, daß wir mit ihm zugleich auch den Schlüffel zur Erklärung desjenigen erhalten, was in den Erzählungen der Evangeliften unferer An: fiht etwa noch entgegenzuftehen ſcheinen fonnte, Der Anfnüpfungspunct, den wir meinen, liegt in dem Ge- brauche des Namens, den Sefus fih, — wir müffen annehmen von vorn herein, vom erften Anfange feiner Laufbahn an, denn e8 finden fich feine Spuren einer fpätern Annahme diefes Namens, — in. feinen Reden und Ausfprüchen beizulegen pflegt: des Nas mens Menfchenfohn (vios Tod ardoewnov). Die Erklaͤ— zung diefes Namens fchwanfte bisher zwifchen zwei entgegen: gefegten Ertremen, von denen wir mit gleicher Zuverficht be— haupten koͤnnen, daß fie, jedes in feiner Einſeitigkeit gefaßt, gleich irrig find. Einerſeits nämlich will man diefen Ausdrud auch in Sefu Munde gleichbedeutend mit „Menſch“ überhaupt finden, und nur Willführ oder Befcheidenheit darin erblicken, wenn Jeſus ihn hin und wieder (die Allgemeinheit, die typifche Wiederkehr diefes Wortgebrauchs muß man nämlid dann folge: 320 Drittes Bud. rechter Weife in Abrede ftellen) zur Bezeichnung feiner Perſon gebraucht. AndererfeitS aber hat man, auf Grund einer Stelle im Propheten Daniel*), die Vermuthung aufgeftellt, es möge diefer Ausdrud ſchon zuvor unter den Juden ald ein typifcher für die Bezeichnung des Meffiad gebräuchlich gewefen fein, und Sefus ihn in demfelben Sinne aufgenommen und angewandt haben, an einigen Stellen, um den Begriff des Meffias über- haupt, ohne ausdrüdliche Beziehung auf feine Perfon, an an: dern, um fich felbft perfonlich damit zu bezeichnen. Die erftere diefer Anfichten bedarf Feiner Widerlegung, da es fich beim Durchgehen der einzelnen Ausfprüche Sefu allzu deutlich heraus- ftellt, was fchon in dem doppelten Artikel liegt, und auch von den Meiften längft anerkannt wird, daß der Gebrauch diefes Wortes allenthalben ein emphatifcher, prägnanter, eine durchaus individuelle Beziehung vorausfeßender ift. Gegen die zweite aber ift zu erinnern, erftens, gefest felbft, man dürfte anneh- men, daß „Menſchenſohn“ als typifcher Ausdruck für den Meſ— fias, fei e8 durch jene Prophetenftelle, oder auf einen andern Anlaß, damals fhon gebräuchlich und den Juden verftändlich war: daß es noch immer einer Erklärung bedürfen würde, wes— halb Sefus diefen Namen, den feltneren und mehr umfchrei- benden al3 gerade herausfagenden, dem eigentlicheren und jedenfalls verbreiteteren vorzog. Sodann aber koͤnnen wir nicht unbemerkt laffen, daß jene Vorausfegung felbft nicht nur uner- wiefen bleibt, fondern durch den fo gut wie ausdrüdlichen Gegenfaß, in welchen diefer Name in der evangelifchen Ge— ſchichte zu dem Meffiagnamen gefegt wird, in der That ſich felbft widerlegt. Wie hätte Jeſus, wenn er regelmäßig ein dem Meſſiasnamen gleichgeltendes Prädicat fich beizulegen ge— wohnt war, fich nichts deftomweniger gegen die Begrüßung als Meſſias zu wiederholten Malen offenbar ablehnend verhalten fonnen? Wie hätte er infonderheit, (wenn man dem Berfah- ven gegen Kranke und Beſeſſene etwa eine andere Deutung ge= ben wollte) auf die Eröffnung feines Süngers Petrus, daß er ihn für den Meffias halte, in einer Weife erwiedern Tonnen, welche vorausfeßt, daß er diefe Würde noch als ein Geheimniß betrach- *) Dan, 7, 13. — EL, Ueberfichtliche Darftellung der evangelifchen Gefchichte. 321 tet, welches er nur noch mit wenigen Züngern, mit folchen, die von freien Stücden darauf fommen, nicht duch ihn davon unterrichtet werden, theilt*)® — Diefem gegenüber werden wir gewiß nicht irren, wenn wir gerade dies ald charafteriftifch be- zeichnen, daß Sefus, gleichviel ob feine Meffiaswürde voraus- feßend oder nicht vorausfegend, eingeftehend oder nicht einge- ftehend, es vermeidet, fich für feinen Beruf und den Charafter feiner Perfonlichfeit eines bereitS geftempelten Ausdrucks zu be— dienen, ja wenn wir demgemäß annehmen, daß er eben, um zum voraus den Confequenzen auszumweichen, die fich an jeden Der bereitö geftempelten Ausdrüde Enüpfen Eonnten, recht eigens „ einen Ausdruck wählte, der von jeder folcher Confequenz zur) Zeit noch frei war. Mag diefe Wahl immerhin mit Kenntniß ' der Wendungen, durch welche im Alten Teftament eine mefjiani- fhe Bedeutung diefes Wortes eingeleitet wird, insbefondere alfo auch mit Berüdfichtigung jener Stelle des Daniel, mag fie mit vollem Bewußtfein über Inhalt und Bedeutung dieſer Stellen erfolgt fein; — wir läugnen dies nicht, fondern finden es fogar wahrfcheinlich und Chrifti würdig. Auf feinen Fall aber ift weder der Grund der Wahl allein in diefem Umftande zu fuchen, noch darf angenommen werden, daß Chriftus ein gleis ches Bewußtfein über dieſe altteftamentliche Bedeutung deflel- ben auch in allen Horern feiner Neden vorausfekte. Für diefe follte das Wort unftreitig nach Jeſu eigener Abficht, — wer folche für eine Seiner unwürdige erklären wollte, verriethe da— *) Marc. 8, 27 ff. u. Parall, Denfelden Sinn hat, wie wir fpäter zeigen werben, das Verbot Mare, 9, 9 u. Parall. Vergl. auch 9, 30. — Was aber jene erftere Stelle betrifft, fo ift befonders charaftes. riſtiſch die Wendung, welche in der Parallelftielle Matth. 17, 13 der erfte Evangeliſt für die Frage Jeſu, für wen ihn die Leute halten, braucht (tiva ws Akyovoıw elvdı Tov viov Tov avdgumov ;). Diefe Worte können zwar nicht für die eigenen Jeſu gelten, aber fie zei— gen deutlich, wie jener Evangelift vios zov avdguimov feineswegs für gleichgeltend mit dem Meffiasnamen hielt. Sie zeigen eg um fo deutlicher, als der Evangelift mit diefen Worten den einfachen Aus— druck des Marcus paraphrafirt, gleichfam um recht ausdrücklich zu verftehen zu geben, daß ber bereits geläufige Ausdruck vios zov erduomov noch Feine genügende Beflimmung über die Würde Jefu enthalte. 21 er 322 Drittes Bud. durch nur die eigene Gedankenlofigkeit, — etwas Geheimniß- volles, zum Nachfinnen über feine Bedeutung Aufforderndes haben. Selbft einen gewilfen Doppelfinn der Bedeutung durfte Jeſus Feineswegs verfchmähen, um fo weniger, ald ja ohnehin vorauszufegen war, daß, nach Verſchiedenheit der individuellen Geiftesbefchaffenheit und Bildungsftufe, die Verfchiedenen das Berfchiedenfte in den Begriff feiner Perfönlichfeit und göttlichen Beftimmung hineinlegen, und nur Wenige, in der erften Zeit vielleicht Keiner, dieſelbe Einficht, die Er felbft darüber hatte, darüber gewinnen würden. Was nun aber die Sdee felbft betrifft, die Sefus dur) jenen Namen ausdrüden wollte, fo ſcheint uns diefe von den bisherigen Erflärern, auch diejenigen nicht ausgenommen, die zwifchen jenen zwei Ertremen eine richtige Mitte fuchten, noch nicht genügend aufgefaßt zu fein. Für geradezu verfehlt halten wir, fo fehr fie fih auch beim erften Anbli empfehlen mag, die Deutung, als ob Jeſus damit einen ausdrüdlich ergänzenden Gegenfaß zu dem andern, vom Meffias theils vor ihm, theild durch ihn gebräuchlichen Ausdruck „Sohn Gottes’ habe bezeichnen wollen. Die Meinung wäre namlich hiernach diefe gewesen, daß Sefus, unter Borausfesung feiner göttlichen Geburt und Würde, die ihm eben fo fehr von der andern Seite zufommende menfchliche Natur und Abfunft habe ausdrüden wollen. Allein eben dieſe Vorausſetzung iſt es, was die von ihr ab» hängige Deutung des Namens unzuläffig macht. Eine ſolche Borausfegung dem fo oft wiederkehrenden Ausdruck unterzule— gen, würde nur dann verftattet fein, wenn es auch aus andern Momenten nachweisbar oder glaubhaft wäre, daß Jeſus die Ueberzeugung von feiner göttlichen Natur in gleich pragnantem und gleich individuellem Sinne nicht nur für feine Perfon hegte, fondern auch feinen Süngern, oder vielmehr allen denen gegen- über, gegen die er fich jenes Wortes bediente, ald etwas ſchon Abgemachtes und Feftitehendes anfehen durfte und wirklich an- fah. Freilich bliebe e$ auch dann felbft noch immer auffallend, wie er einen folchen Accent auf dasjenige legen Tonnte, was fi) jedenfalls von. felbft verftand, gleichviel ob man dabei die göttliche Würde feiner Perfon anerkennen oder nicht anerkennen, vorausfeßen oder nicht vorausfegen wollte. Denn auf feinen —— > * Ueberſichtliche Darſtellung der evangeliſchen Geſchichte. 323 Fall wird man doch annehmen wollen, daß ſchon unter feinen Süngern oder unter den Juden feiner Zeit der fpätere Irrthum der Dofeten habe Platz ergreifen fonnen, und daß fo Gefinn= ten gegenüber Sefus es hätte noͤthig finden müffen, auf feine Menſchheit fo ausdrüdlich hinzuweifen, Aber noch weit weniger fonnen wir das, was wir ald die Bedingung eines folchen Ver: fahrens erkannten: die der Benennung „Menſchenſohn“ vor: angehende Anerkennung Jeſu als Gottesfohn, für wirklich gefchehen annehmen. Schon die fubjective Seite allein, die Seite des eigenen Selbftbewußtfeins Jeſu dabei erwogen, müßten wir hierin eine volftändige Umkehrung des wahren Verhältnif- fes zwifchen den Momenten des Menfchlichen und des Göttli: chen erblicken, wie wir ſolches Verhaͤltniß im Selbftbewußtfein und in der Selbftverfündigung Sefu vorauszufegen haben, und wie es fich auch in dem Gebraudhe, den wir allenthalben in dem Evangelium von dem Ausdrud Gottesfohn gemacht fin- den, bethätigt. Diefer letztere Ausdruck nämlich bezeichnet ent: weder*) nur jene allgemeine Sohnfchaft, die auch dem Volke Sörael überhaupt und namentlich deflen Propheten und Köni: - gen zugefchrieben wird, nichts dem Meſſias fpecifiich Eigen- thümliches, wobei von einer Ergänzung durch das Moment der menschlichen Sohnfchaft die Rede fein Fünntez oder, wenn ihn Ehriftus, wie fo häufig im vierten Evangelium, an einigen prägnanten Stellen aber auch bei den Synoptifern**), im aus— fchließenden Sinne auf fich felbft anwendet, da thut er es aus: drüclich lehrend und verfündigend, und nicht im Tone einer von felbft fich verftehenden oder ihm von feinen Hörern bereits zugegebenen Vorausfesung, vielmehr unter ftetem Widerfpruch und Schwierigkeit der Verftändigung mit feinen Hoͤrern. Offen: bar alfo kann der Ausdruck „Menſchenſohn“ nur beftimmt fein, zu jenem höhern Begriffe der Natur und Abfunft Chrifti binüberzuleiten, nicht umgefehrt, von ihm ald von einem ſchon — — erreichten aus, in das Bereich des Menſchlichen in dem Sinne zurücdzuführen, daß Chriftus als auch diefem gleichfalls ange— hörend erkannt werde, Den Gnoftifern und Doketen einer *) Matth. 5, 45. Joh. 10, 34, *) Matth. 4, 3. 11,27 u. Parall, Marc. 14, 61 u. Parall. 217 324 Drittes Bud. — ſpaͤtern Zeit gegenuͤber waͤre dieſer Gebrauch des Namens an ſeinem Platze geweſen, nicht den fleiſchlich geſinnten Juden und Judenapoſteln gegenuͤber, denen Jeſus alle Muͤhe hatte nur eine Ahnung von der wahren Beſchaffenheit feiner goͤttlichen Natur beizubringen. — Eher, als die eben widerlegte, Fonnte man fich jene Deutung gefallen laflen, nach welcher „Men— ſchenſohn“ das Urbild der Menfchheit, in dem Sinne etwa, \ wie, unter Einfluß der platonifchen Ideenlehre, Philo von einem Urbilde (eixwv ragaderyua) der gefchaffenen Dinge und des Menfchen infonderheit, von einem ‚‚wahrhaften‘’ oder „gpoͤttli— chen Menfchen‘’*) fpricht und denfelben in einen wefentlichen Bezug auf den Begriff des göttlichen Logos ſetzt, der Denjes nigen, durch welchen diefes Urbild verwirklicht werde, bezeichnen fol. Allein fo unmotivirt ausgefprochen, fehwebt auch Diefe Deutung in der Luft, und gewährt Feine Einficht darüber, we— der, wie Sefus zu jenem Begriffe felbft, noch, wie er zu die— fem, keineswegs durch fich felbft verftändlichen Ausdrude des Begriffs gefommen fei. Gründlicher würde man verfahren, wenn man, von dem unmittelbaren Sinne der Worte ausge: hend, durch diefen Sinn felbft die ideale Bedeutung, die un— verfennbar in dem Namen verborgen liegt, zu vermitteln fuchen wollte. — Wie nun eine folche Vermittelung zu finden fei, \ darüber fonnen uns die offenbar fehr verwandten Ausdrüde des Apoſtels Paulus ‚,zweiter’’**) oder ‚‚neuer Menfch’’**) einen Wink geben. Die erftere Bezeichnung wird dort geradezu, ganz eben fo wie „Menſchenſohn“ für Chriftus felbft gebraucht, und es ift nicht eine Verfchiedenheit des Begriffs, fondern nur, wie oben bemerkt, ein neuer Beweis, wie wenig dem Apoftel die eigene Ausdrucsweife feines Meifterd geläufig war, wenn er an dieſer Stelle nicht unmittelbar des von dem Meifter felbft erforenen Namens fich bedient, oder wenigftens an bdenfelben erinnert. Wir glauben nämlich nicht zu irren, wenn wir die Behauptung aufftellen, daß ganz das Nämliche, was Paulus *) almdıvos EAvdemmos, Avdgwrros Tod Heod. **) 5 Ösiregos avdgwros 1 Kor, 15, 47, wo derfelbe zugleich aus— drücklich als 6 „uguos LE orgavov bezeichnet wird, FRE) yawos dvdowros, Ephef. A, 24. vos avdopamos, Eoloff. 3, 10. Sg we ‘ (\ Ueberfichtliche Darftellung der evangelifchen Geſchichte. 325 mit ‚‚zweiter Menſch,“ Sefus mit „Menſchenſohn“ ausdrücden will: eine Steigerung der urfprünglichen- Menfchennatur, eine Wiedergeburt und Verklärung des natürlichen Menfchen zum geiftigen Menfchen, gleichfam eine zweite Potenz der Menſch— heit, eine ſolche Menfchheit, die, wie eben jener Apoftel von Chriftus fagt*), den natürlichen Menfchen zum .,‚Bater dem Sleifche‘’ nach hat”). Nur fo erfcheint der Ausdrud, wie man Sefu wohl zutrauen darf, daß er einen folchen gewählt haben wird, als ein in feiner eigenthümlichen Zufammenfesung charaf- teriftifch=bedeutfamer. In der Wahl diefes Ausdrucds giebt, neben dem erhabenen Selbftgefühl, fich die edle Befcheidenheit fund, welche den hohen Sinn, den fie ausdrüden will, nicht marftfchreierifch aufdrangt, Sondern ihn durch finnreiche Combi: nation in ein geheimnißvolles Dunfel hüllt, jedoch in ein fol- ches, aus welchem diejenigen, die ihn zu faflen fähig find, ihn herauszufinden nicht verfehlen koͤnnen. Es liegt in der Na— tur eines folchen Ausdruds, und wird gerade bei einer geift- *) Nom. 9, 5. Sal, 4 4% =) Am nächſten von den bisher aufgeftellten fommt dieſer unferer gegenwärtigen Deutung die von Heinfiug, Lightfoot u, A. vorge— fchlagene, nach welcher „Sohn des Menfchen“ fo viel als „Sohn Adams“ bezeichnen fol, in dem Sinne, wie Paulus von Chriftus als dem Ösurspos oder Zoyaros ’Adau fpriht (Röm. 5, 14 ff. 1 Kor. 15, 45). Die Polemik, welche gegen diefe Auslegung Fleck erhoben hat (de Regno divino, p. 116), hat infofern eine gewiſſe Berechtigung, als fo dogmatiſch zugeftußt, wie biefe Begriffe meift bei jenen Auslegern erfsheinen, fie in Ehrifti eignem Bewußtſein freilich nicht vorauszufeßen find, Aber daß es eine und biefelbe Idee war, welche Chriftus durch vios rod avdewzov, und welche Paulus durch die eben gedachten Wendungen ausprüden mwollte, wird Durch die dortigen Bemerkungen nicht widerlegt. Wenn übri- gens der eben genannte Schriftfteller in Abrede ftellen will (ebendaſ. p. 107), daß Chriſtus fich jenes Ausdrucks fo gut wie allenthalben, wo er von fich felbft fpricht, bedient, fo kann er fich dabei nur theilg auf die Bergpredigt, theils auf die johanneifihen Neden beziehen. Beide Berufungen aber wollen nicht viel fagen; denn in der Berg- predigt fommt überhaupt keine Bezeichnung der Perſon Chrifti vor, fondern Chriſtus redet dort in der erften Perfon von ſich; der jo— hanneifhe Chriftus aber ift in diefen, wie in fo mancden andern Puncten, nicht der geſchichtliche. dr [3 E 4 — Er u a 326 Drittes Bud. vollen Anwendung deffelben am wenigften ausbleiben, daß feine Bedeutung nicht von vorn herein und nicht fchlechthin eine in- dividuell abgegrenzte ift, fondern außer ihrer Bezüglichkeit auf die Perfon Chrifti auch eine allgemeine Anwendung auf die höhere, geiftig wiedergeborene Menfchheit überhaupt leidet, deren Begriff in jener Perfonlichfeit zwar feinen Mittelpunct und feine höchfte Ausprägung, aber nicht auch feine abfolute Grenze hat. So findet fi in der That auch eine Reihe von Stellen, in welchen, mit vielleicht abfichtlihem Doppelfinne, dieſes Wort fo gebraucht ift, daß es eben fowohl von der Allgemeinheit des hoͤhern Menfchengeiftes, als von der Perfönlichfeit Chrifti vers fianden werden kann“), während andere allerdings nur Diefe Veßtere Bedeutung zulaffen. Dürfen wir nun diefem, über die Bedeutung jenes dent: würdigen Ausdrucks, — des einzigen, deffen ſich Jeſus wie— derholt als eines durch ihn felbft zum typifchen gewordenen für feine perfonlihe Natur und Beftimmung bedient (denn „Sohn Gottes’, fo häufig Chriftus im vierten Gvangelium folche Sohnfchaft von ſich pradicirt, wird doch nie eigentlich in typifcher Weife, ald Name für ihn, von ihm gebraucht) — gewonnenen Auffchluffe vertrauen: fo kann Fein Zweifel Darüber obwalten, wie die Wahl deffelben ein bereits entfchie- denes und vollfommen klares Selbftbewußtfein Sefu über ſei— nen Meffiasberuf, zugleich mit diefem. Bewußtfein aber auch den Willen, diefes Bewußtfein eben fo wenig vor feinen Juͤn— gern und vor dem Volke zu verläugnen, als, es ihnen aufzus drängen oder fich ald jenen Meffiad, den die Juden erwarte: ten, von freien Stüden anzufündigen, vorausſetzt. Daß dieſe Mahl im engften Zufammenhange mit jener Berfündigung ftand, welche von den Evangeliften ald Predigt des ,,Neiches der Himmel’’ oder des ‚‚Reiches Gottes““*), oder auch fchlechthin *) Wir meinen nicht nur folche, in denen, wie Matth. 10, 23. 13, 37 ff. 16, 27 f. Marc. 13, 26 u. Parall, Joh, 5, 27 u. a. von der Zufunft des Menfhenfohns die Rede ift, fondern auch folche, wie Matth. 8, 30. Mare, 2, 28 u. Parall. Joh. 3, 13 u. a. *rx) Bacılsla ruv ovpuvom oder Baoıkcla rov Heov, jenes befanntlich im erften Evangelium (wahrſcheinlich in Folge der treuen Ueberſe— tung des hebräifchen Matthäus, von wo aus biefe Formel dann 170 Ueberfichtliche Darftellung der evangelifhen Gefhichte. 327 als das ‚‚Evangelium’’, die „Heilsbotſchaft“ bezeichnet wird: dies dürfen wir um fo zuverfichtlicher annehmen, ald auch bei der Borftellung von einem folchen Reiche, wie fie Sefus bildete und ausſprach, ein Rüdblid auf einen Ausfpruch deffelben an mef- fianifhen Verkündigungen fo reichen Propheten nicht wohl in Abrede geftellt werben Fann, der in dem Gebrauhe des Wor— tes „Menſchenſohn“ vorangegangen war*). Aber wie durd; diefen Wechfelbezug zu dem Begriffe des Himmelreiches Die meffianifche Bedeutung des Wortes „Menſchenſohn“ beftätigt wird, fo fallt umgekehrt von diefem Worte und deſſen von und gegebener Deutung ein helleres Licht auf den Sinn, in welchem Jeſus, — und unftreitig er zuerft, nicht etwa ſchon der Täufer vor ihm**), — den Ausdrud ‚, Himmel: ’’ oder ‚‚Sottesreich”’ ſich aneignet und zum typifchen für Die Bezeich- nung des Zieled macht, welches in Folge feines perfonlichen Berufes von ihm angeftrebt wird. Auf entfprechende Weiſe namlich, wie in dem Begriffe des „Menſchenſohnes“ der Mefe fiasbegriff zwar aufgenommen, aber zugleich umgebildet, vergei- fligt und in einen, nur dem geiftig und fittlich Geweihten durch- dringlihen Schleier gehüllt auftritt: auf ganz entfprechende Weiſe werden wir auch dem von Sefus verfündigten Begriffe des Gottesreiches die Identität mit dem Mefjiasreiche der al— ten meffianifchen Weiffagungen ſowohl zuzufprechen, als abzu— forechen haben. Auch hier, eben fo wie dort, geht Sefu Abficht ganz unverkennbar dahin, nicht etwa ausdrudlich für Das Bewußt- fein feiner Zuhörer an die meffianifchen Weiffagungen des Alten Teſtamentes anzufnüpfen, und für fie den Inhalt feiner Pre: digt Durch die Erinnerung an jene Weiſſagungen zu vermitteln, fondern umgefehrt, in feine für das eroterifche Publicum von dem altteftamentlichen Zufammenhange unabhängige Lehre die Rüdweifung auf diefen Bufammenhang dergeftalt einzuhüllen, auch in die übrigen Theile des Ev. überging), diefes in den übri- gen. Daß aud bei Juftin die erſtere Formel gebräuchlich ift, gehört zu den Hauptbeweigmitteln für die Bekanntſchaft diefes Apologeten mit unferem Matthäusen. *) Dan. 7, 18. **) Wie es nach Matth. 3, 2 fo feinen könnte, J 328 Drittes Bud. daß die Soentität des Neiches, von dem er fpricht, mit dem Meffiasreiche, fo wie des „Menſchenſohnes“ mit dem perſoͤn— lihen Meſſias nur von folchen bemerft werden Fann, Die be- reits hinlanglich dazu vorbereitet find, jene Außerlichere, finn- lichere Borftellung mit diefer höheren, geiftig verflärten zu ver— taufchen*). Hätte Sefus, wie Einige es ihm haben unterle- gen wollen, unter jener Verfündigung des Gottesreiches von vorn herein einen politifchen Anfchlag verborgen, fo würde er für feine Perfon jede andere Bezeichnung eher, als eine folche gewählt haben, in welcher fo unverkennbar eine Hinüberfüh- zung des volfsthümlichen Meffiasbegriffs zur rein geiftigen Bedeutung liegt. Hätte er umgekehrt nur die Nähe des Himmelreiches als Prophet verfündigen, nicht aber felbft als König diefes Neiches in daffelbe einzuführen verfprechen wol- len, fo würde er jede Bezeichnung feiner Perfon, die zu einer Berwechfelung mit jener des Meffiad Anlaß geben Fonnte, ver- mieden haben. Es mag fein, daß im Borftehenden noch nicht der voll— ſtaͤndige hiftorifche Beweis geführt ift, daß Jeſus in dem hier bezeichneten Sinne, unter dem von ihm felbft ihm bei— gelegten Praͤdicate des Menfchenfohnes und mit der Ver— fündigung eines durch ihn perfonlich herbeizuführenden, durch feine Nachfolge zu gewinnenden Himmelreiches, von dem erften Augenbli feiner öffentlichen Wirkfamkeit an aufgetreten iſt, — ein Beweis, welcher der Befchaffenheit unferer Quellen zufolge, in dem Umfange und der Bollftändigfeit, wie fonft aͤhnliche N Wir fünnen diefe Behauptung durch Hinweifung auf einen ber feinften, innerlich wahrften und geiftwollften Züge der fpnoptifchen Darftellung unterftüßen. Der Augenblid, in welchem das entſchei— dende Wort, daß Jeſus der Chrift, der Meſſias fei, zuerit aus, dem Munde eines Jüngers (des Petrus) ausgefprochen wird, tft Derfelbe, in welchem Jeſus beginnt, die Jünger von der Nothiwendigfeit fei- nes Leidens und gewaltfamen Todes zu unterrichten. (Mare, 8, 30 f. u. Parall.) Offenbar ift hiermit angedeutet, wie dieſe Verkündi— gung beftimmt war, gegen die Confequenzen, die aus der Identität der Perfon Jeſu mit der Perfon de3 jüdischen Meffias gezogen wer— den Fonnten, ein Gegengewicht zu geben. Sp lange die Zünger über jene Identität im Ungewiffen geblieben waren, fo lange brauch- ten fie auch von diefer Nothwendigkeit noch nichts zu willen. I 2 — > % Z Ueberfichtliche Darftellung der evangelifhen Gefchichte. 329 Beweife auf gefchichtlihem Gebiete, nicht gegeben werden kann. Sedenfalls wird man unferer Behauptung, daß man fo und nicht anders fich dad Auftreten Jeſu zu denfen habe, wenigftens den Merth einer Hypothefe zugeftehen, durch welche den Schwie- rigfeiten, an denen alle andern Borftellungen über den Beginn feiner öffentlichen Laufbahn leiden, glüdlich genug ausgewichen wird. Daß die Vorausſetzung einer ausdruͤcklichern Verkuͤndi— gung des Meſſiasreiches, einer unumwundenern Annahme der Meſſiaswuͤrde im altteſtamentlichen Sinne, ſei es mit oder ohne politiſchen Plan, unſtatthaft iſt, dies liegt am Tage, und bedarf nach ſo vielfach daruͤber Verhandeltem keiner Widerlegung mehr. Die Vermuthung aber, daß auch zu derjenigen Vorſtellung des durch ihn zu gruͤndenden Meſſiasreiches und der ihm per— ſoͤnlich zukommenden Meſſiaswuͤrde, die wir fuͤr die einzig richtige, fuͤr die einzig in unſern Geſchichtsquellen begruͤndete erkennen muͤſſen, Jeſus erſt im Verfolg ſeiner Laufbahn gefuͤhrt worden ſei: dieſe Vermuthung, wie ſie in ſich ſelbſt alles eigentlich geſchicht— lichen Haltes entbehrt, wird durch jene Auffaſſung der im Selbft- bewußtfein Jeſu neu geftalteten mefjtanifchen Sdee, wenn nicht wi- derlegt, doch wenigftens überflüffig gemacht. Durch letztere naͤm— lich für fih allein, ohne irgend eine Zuziehung folcher Ber: muthungen, erklären fich eben fo ungezwungen ald befriedigend die Umftände, die man fonft durch Hypothefen jener Art zu erklären fuchte,. — Allerdings zwar müffen wir von diefen Umftäne den befennen, daß bei umferer Anficht von einer längeren Dauer der Wirffamfeit Jeſu, als man gewöhnlich annimmt, ihre Gr: beblichfeit nicht vermindert, fondern eher noch vermehrt wird. Könnte man bei einer ein- oder zweijährigen Dauer jener Lauf- bahn es allenfall3 noch erflärlich finden, wie eine offen aus: gefprochene Erklärung Jeſu, daß Er der Meſſias ſei, nicht auf noch allgemeinere und durchgreifendere Weife, als die Ge— ſchichte lehrt, daß es bei feinem Leben wirklich gefchehen ift, die Sefammtheit des jüdifchen Volkes entweder für oder gegen ihn einnehmen mußte; fo wird bei der Annahme einer mehr: jährigen Laufbahn diefer Umftand allerdings befremdlich. Er bleibt befremdlich, auch wenn man, wie wir in Folge unſe— rer Anficht über den Schauplak feiner Thätigfeit dies zwar mit mehrerem Nechte, als Andere zu thun vermöchten, Dabei 330 Drittes Bud. noch fo viel auf die Abgefchiedenheit Galiläa’8 von dem Haupt: fie der jüdischen Hierarchie geben wollte. — Auch abgefehen in— deß von diefer erfchwerenden Borausfegung glauben wir bei dem Mangel pofitiverer Gründe oder ausdräcdlicher Zeugniffe der Duellen in dem eben angedeuteten Umftande den Hauptgrund zu entdeden, der, oft vielleicht unbewußt, fo Viele auf Die Hypo— thefe gebracht hat, welche wir durch unfre Erklärung erſetzt zu haben meinen. Se deutlicher man fich diefen Grund zum Be: wußtfein bringt, um fo Elarer wird man einfehen, daß, auch bei jener Vorausſetzung, die wir hinzubringen, die Schwierig. feit nicht darin liegt, Iefum von vorn herein feiner Meffias: würde fich bewußt, fondern nur ihn Diefelbe ausdruͤcklich vor Bolfe ausfprechend zu denken. Eben diefe Schwierigkeit aber wird durch die von und gegebene Erklaͤrung auf eine Weife befeitigt, die zugleich in Feinem Sinne einen Schatten auf die Geradheit und Aufrichtigfeit des von Sefu eingefchlagenen Berfahrens wirft. Sie wird befeitigt, ganz befonderd aller: dings mit Hülfe unferer Anfiht, Daß Sefus bis zum Schluß feiner Laufbahn nur in Galiläa und den angrenzenden Pro— vinzen, aber nicht auch in Jeruſalem gelehrt habe. Denn frei- lic) nur dort, und nicht in der jüdifchen Hauptftadt, war für ihn ein längeres Lehren und Handeln möglidy, ohne daß Die ausdrüdliche Erklärung darüber, ob er der Meffias fei, ihm abgenöthigt ward. In Serufalem felbft würden die Hohen: priefter und Schriftgelehrten gar bald ihm diefe Frage auf eine Weiſe vorgelegt haben, daß er ihre Beantwortung nicht hätte umgehen fonnen, während er in Galiläa zudringlihe Neben diefer Art durch die Gewalt feiner geiftvollen Antworten gewiß mehr ald einmal niederfchlug. Sehen wir ja doch, wie felbft während der furzen Zeit, da er in Serufalem lehrte, er ſich von der offenbar auf diefes Ziel losgehenden Zudringlichfeit Jener Ruhe Schaffen Fonnte, nur indem er fie felbft in eine Verlegen— heit verfeßte *), die fie auf die Lange leicht würden haben überwin= den koͤnnen; zulegt aber wird die Kataftrophe feines Lebens durch das ihm wirklich abgedrungene freimüthige Bekenntniß, Daß Er der Meffias fei, entfchieden”*). *) Marc, 11, 28 ff. u. Parall. **) Marc, 15, 2 u, Parall. 4 Ueberfichtliche Darftelung der evangelifchen Gefchichte. 331 Ein ganz anderes Anfehen würde freilich das alles, was wir hier zur Beantwortung der Frage über das urfprüngliche Bewußtfein Jeſu von feinem Meffiasberufe fagten, gewonnen haben, wenn wir bei diefer Beantwortung, ftatt der fonopti- Then, die Nachrichten des vierten Gvangeliums hätten zum Grunde legen wollen. Im diefem nämlich ift von: vorn herein nicht der geringfte Zweifel darüber, daß Jeſus vom erften An— fange feines Auftretens an fich feinen Süngern und allem Volke laut und unabläffig als den Meſſias und den Gottesfohn an- kuͤndigte. Nicht er felbft blos Fündigt fich dort fo an, fondern bereit8 Sohannes der Täufer fpricht, nicht etwa, wie bei Mat- thaus und Lukas, nur gegen ihn allein, fondern öffentlich vor Aller Ohren, noch ehe Zefus aufgetreten ift, von ihm als dem wahren Gottesfohne*); die erften Jünger, die Jeſus, hier zum Theil auf ausdrüdliche Veranlaffung des Täufers, findet, be— grüßen ihn ohne weiteres als den Chrift und Meffias, als den, von welchem Mofes im Gefeß und die Propheten gere: det, als den Sohn Gottes und König von Israel “). Jeſus felbft aber, wenn er fich auch noch gegen diefe erften Sünger „Sohn des Menfchen‘’ nennt**), (ein Ausdrud, der übrigens auffallend feltener in diefem Evangelium ald in den übrigen vorkommt), tritt doch fogleich bei feinem erften Feftbefuche in Serufalem mit Handlungen und Neden auf, wie fie nur dem anerkannten oder unmittelbare Anerkennung verlangenden Mef- ſias geziemen“**); er fpricht gegen Nifodemus von feiner göttli- chen Abfunft+) und fagt der Samariterin, daß er der Meffias ſei P. Sämmtliche ausführlichere Neden, die von da an folgen, und die der Evangelift ftet3 an das Volk in Mafje ge— halten werden läßt, drehen fich um diefes Themaz mit einer Zudringlichfeit, die nicht verwundern laͤßt, daß man ihn nur mit Widerwillen hörte, ſchaͤrft Iefus den Suden aber und aber: mal ein, was fie nicht zu faffen und zu verftehen willen, und #) Meuegrionsa, dat oVTos Eorıv 6 vios rov Deov. Joh. 1, 34, +7) RB, 42, 46. 50, ***) V. 52, =) Cap. 2, 14 ff. . +) Cap. 3, 13 ff. ++) Cap. 4, 26. 4 Be, N Ban \ A # u 332 Drittes Bud. auch wenn die Juden unter einander über ihn reden und firei- ten, fo ift die Alternative allenthalben nur diefe, ob er der Meffias, oder ob er ein vom Teufel Befeffener und Betrüger fei*). Endlich wird der Befchluß gefaßt, daß, wer ihn den Meſſias nenne, von der Synagoge folle ausgefchloffen fein **)5 eine Nachricht, die, fo undenkbar ihr factifcher Inhalt unter Borausfesung der Wahrheit der fynoptifchen Darftellung ift, wahrfcheinlich aus der misverftandenen Erinnerung an die wahre Lage der Sache während Sefu Leben, — wo ihn, außer ben Bertrauteften feiner Juͤnger, und außer einigen fchnell verbale lenden Stimmen, die ihn als „Sohn Davids’ begrüßten, Niemand als den Meffias Fannte, — hervorgegangen iſt. — Wir glauben nicht, ausführlich) darlegen zu müffen, wie zwi— ſchen dieſen beiden Anfichten des hier verhandelten Gegen- ftandes, der fynoptifchen und johanneifchen, auch im. Ganzen und Großen fchlechterdings Feine Vermittelung moglich ift, fon- dern nur eine von beiden die wahre fein kann. Auf welcher von beiden Seiten die innere Wahtheit ſei? wird nach unſerer vorſtehenden Auseinanderſetzung wohl nicht zweifelhaft ſein; hinſichtlich der Beſeitigung der aͤußeren Schwierigkeiten, welche durch die Autorität des Johannesevangeliums hervorgerufen wer: den, dinfen wir auf andere Partien unferer Unterfuchung verweilen. Mögen wir nun aber in der zuleßt befprochenen Frage der Autorität der fonoptifchen Evangelien, oder jener des Sohannes- evangeliums folgen: in beiden Fallen ergiebt fich uns — um jeßt auf das, wovon wir ausgingen, zurüczufommen, — mit gleicher Nothwendigkeit die Borausfeßung, daß Jeſus nicht anders, als mit vollfommen Elarem und durchgebildetem Bewußtfein über die Befchaffenheit feines Berufes und über den Umfang des Werkes, das er zu vollbringen hatte, feine offentliche Laufbahn angetreten habe. Wie fehr diefe Vorausfesung durch alles das: jenige unterftügt wird, was wir von feiner Haltung während diefer Laufbahn felbft, und von den Erfolgen derfelben erfah- ren, ift nicht nöthig, weitläuftg auseinanderzufegen. Der Cha= *) Cap. 4, 42.6, 14.1, fu a. *5) Cap, 9, 2% er r — 6% Bw J Ueberſichtliche Darſtellung der evangeliſchen Geſchichte. 333 rakter von beiden beguͤnſtigt offenbar eben ſo wenig die An— nahme einer Steigerung ſeines Selbſtgefuͤhls durch den Erfolg, wie die einer Enttaͤuſchung der Hoffnungen, die er nach der Meinung Einiger anfangs auf die Moͤglichkeit, das Volk zum Unternehmen der Gründung auch eines weltlichen Meffiasreiches fortreißen zu konnen, gefeßt haben fol. Wollte man aber be- haupten*), daß die Bildung eines Charakters, wie ſich uns Sefus auf der Höhe feiner Kebensthätigfeit zeigt, nicht anders als unter VBorausfekung eines Zufammentreffens Außerer, im Laufe diefer Thätigkeit felbft gemachter Grfahrungen mit den inneren geifligen Grgebniffen denkbar ſei: fo wäre allerdings, wenn irgendwo, eben hier der rechte Drt, die Unvergleichbar- feit diefes Charakters mit allen andern, deren Entftehen und Ausbildung innerhalb des Bereichs unferer Wahrnehmung liegt, geltend zu machen. Nicht ald ob wir Jeſus vermöge feiner göttlichen Natur als von vorn herein ausgenommen auch von dem, was fi) im wahrhaften Wortfinne als natürliche Bedingung aller menfchlichen Entwidelung faffen läßt, vorftel- len wollten: wie fonnten wir dies, da gegen VBorftellungen diefer Art unfer gefammtes Unternehmen einer gefchichtlichen Darlegung feines Lebens und Thuns gerichtet if? Aber als ein nothwendiges Moment diefesNaturgefeges läßt fich die Ab— hängigfeit des fittlichen Entwickelungsproceſſes einer groß- artigen Perfonlichkeit von Erfahrungen der Art, wie man bier verlangt, nicht darthun. Wenn innerhalb [des Kreifes unfe- ver Anſchauung ſolche Abhängigkeit fih als Negel zeigt, fo liegt der Grund hiervon wefentlich darin, daß in denjenigen Charakteren, die unferer Beobachtung zu diefem Behufe vors liegen, mit dem Gewinn pofitiver Momente ihrer Ausbildung, der auch in der Stille, durch blos innerliche Arbeit erfolgen kann, mehr oder weniger allenthalben die Hinwegräumung ins nerer Hemmniffe parallel geht. Wo folhe Hemmniffe ſich einmal, felbftverfchuldet oder in Folge von Erziehungsfehlern und anderweiten trübenden Eindrüden der früheren Jugend eins *) Nach den Worten des Dichters: „Es bildet ein Talent fih in der Stille, Sich ein Charakter in dem Strom der Welt,“ Be u 334 Drittes Bud. I gefunden haben, da erfordern diefelben zu ihrer Befeitigung allere dings, dem Naturgefeß der organifchen Entwidelung zufolge, eine fittliche Erfahrung der Art, wie fien cht ohne Gonflict mit der Außenwelt erworben wird. Geben wir dagegen eine von inne- ren Hemmniffen jener Art vollfommen freie, alfo unfündliche, fittlich fledenlofe Perfonlichkeit, wie wir Sefus zu denken nicht blos aus dogmatifchen, fondern auch aus hiftorifchen Gründen nicht umhin koͤnnen: fo fteht nichts im Wege, uns den Proceß feiner fittlichen Entwidelung und Selbftbildung nur auf dem geraden Pfade rein innerlicher, nicht auf dem Frummen und vielfach verfchlungenen Außerlicher Erfahrung vor ſich gehend vorzuftelen. — Daß auch der durch blos innere Erfahrungen hin— durchgehende Proceß nicht ohne Anftrengungen und fittliche Kämpfe vollbracht wird, und daß Anftrengungen und Kämpfe folcher Art Sefu nicht erfpart bleiben Eonnten: dies haben wir bereit3 oben anerkannt, und werden ed, wenn wir auf die fpe- ciellere Deutung der Verfuchungsgefchichte Fommen, nochmals anerkennen. So entjchieden aber wir in der eben genannten Erzählung die Spur folches inneren Kampfes finden, jenes Kampfes, ohne den wir Sefus nicht als Menfchen im vol len Wortfinn zu erfennen vermöchten: eben fo entfchieden fin: den wir darin ausgefprochen, daß zu der Zeit, ald er öffent- lich auftrat, jener Kampf bereit3 ausgefämpft war, fo wie auch, Daß er bereit vor diefem Kampfe das Bewußtfein feines Meſ— fiasberufes überhaupt, in dem Kampfe aber die volle Reinheit, Klarheit und Feftigkeit diefes Bewußtfeins gewonnen hatte, Sn Folge dieſer Anficht, die wir von der Stufe des Be— wußtſeins gefaßt haben, welche Jefus bei feinem Auftreten er— reicht hatte, finden wir uns jest in den Stand geſetzt, noch über einige andere damit zufammenhängende Puncte, die fonft meift im Dunkeln oder Unbeftimmten gelaffen werben, eine etwas beftimmtere Nechenfchaft zu geben. So werden wir vor allem annehmen müffen, daß alle diejenigen Momente geiftiger und Fürperlicher Begabung, welche die fubftantielle Grundlage feiner Wirkſamkeit bilden, zu jener Zeit volftändig in ihm zur Reife gediehen waren, daß fie fowohl ihrer pofitiven Befchaffenheit ald ihren nothwendigen Grenzen nach, in feinem - Er Er E Ueberfichtlihe Darftellung der evangelifchen Gefchichte. 335 Bewußtſein dergeftalt gegenwärtig waren, daß er im reinen und vollen Wortfinne fie beherrfchte und fich ihrer nur in der Weiſe bediente, die der zur höchften fittlichen Klarheit des Be— wußtfeins hinaufgeläuterte Begriff feines Berufes mit ſich brachte. Diefe Bemerkung ift von Wichtigfeit namentlich in Bezug auf die eine Seite diefer Begabung, namlich. diejenige, welche wir unter den zweien, die fich als wefentliche zur Unter: fcheidung ' darbieten, als die erfte, als die leibliche oder reale bezeichnen fonnen. Wir meinen unter diefer Seite das, was man gemeinhin als die Wundergabe Jeſu zu bezeich- nen pflegt. So abweichend auch unfer Begriff diefer Wunder- gabe von der gewohnlichen Vorſtellung ift, fo tragen wir doc) um fo weniger Bedenfen, diefen Ausdruck beizubehalten, als es allerdings auch und darum zu thun ift, das durchaus Specififche, in feiner fpecififchen Gigenthümlichkeit von jeder Begabung an- derer Individuen fich Unterfcheidende Ddiefer Gabe ſchon durch den Namen, deflen wir und dafür bedienen, auszudrüden. Die hergebrachte Vorſtellung von dieſer Wundergabe, jene, die wir allerdings ſchon bei unfern Evangeliften antreffen, geht dahin, fie als eine vollig unbegrenzte zu fallen. Wir koͤnnten fie diefer Vorftellung zufolge als eine unmittelbare Theilnahme an der göttlichen Allmacht bezeichnen, als eine ſolche, deren Aeußerungen, der weiteren Borftelung gemäß, die man fich wiederum von diefer Allmacht bildet, durch nichts, als nur durch das Gutbefinden und die Willführ ihres Inhabers bez | ſchraͤnkt würden. — Einer ausführlicheren Polemik gegen diefe Anficht überhebt uns der Fritifhe Standpunct, den wir von vorn herein bei unferer Unterfuchung eingenommen haben, Diefer Standpunet ift der Standpunct wiffenfchaftlich gefchichtlicher Forz [hung ; alle folche Forſchung aber ruht, wie fehon früher ange— merkt, auf der Vorausfegung einer in’ den Begebenheiten, wel— he Gegenftand diefer Forfchung find, obwaltenden Gefeß- mäßigfeit. Mit wohldegründetem Recht zwar dringt man darauf, daß der Begriff jener Gefeke, die alles Gefchehen be— Dingen, elaftifch bleibe, das heißt mit andern Worten, Daß derfelbe , ftatt dem Gefchehen von vorn herein eine nur aus der Gemeinheit, der Alltäglichfeit des Gefchehens abftrahirte Grenze zu feßen, vielmehr feinerfeit einer Weiterbeftimmung durch die Kunde des Gefchehens, auch des feltneren und außer- ordentlichen, Naum gebe*). Aber fo unzweifelhaft richtig auch diefe Forderung ift, fo müffen wir doch bemerfen, daß ein fol- cher Begriff diefer Glafticität, der an irgend einem Puncte des Gefchehens das Geſetz felbft aufhöbe und ftatt des Geſetzes abfolute Gefeßlofigfeit eintreten laffen wollte, fich felbft Lügen firafen und jede Wiffenfchaftlichfeit des Forfchens unmöglich machen würde. Darum fagen wir, daß fihon in dem allge: meinften Princip unferer gefchichtlichen Unterfuchung, und nicht der unfrigen blos, fondern jeder ihrer felbft bewußten und über ihren Begriff verftändigten wiffenfchaftlichen Unterfuchung, die Borausfegung liegt, daß die Wundergabe Jeſu nur eine be= flimmte, mit den Gefegen der Natur und der Gefchichte in Ginflang ftehende und durch fie, fo wie durch fich felbft, durch ihren eigenen Begriff, der ihre inwohnende Beftimmtheit aus: macht und feinerfeit$ ald weſentliches Moment in den elafti- ſchen Begriff jener allgemeinen Gefeglichkeit eintritt, begrenzte gewefen fein kann. In diefer ihrer Beftimmtheit und Begren— zung muß fie, bereits zu der Zeit, als Jeſus feine öffentliche Laufbahn antrat, und von da ab ununterbrochen, ein Inhalts— moment feines Selbftbewußtfeins gebildet haben. Für leßteres alfo ergiebt fich hieraus auch nach diefer Seite die Vorausſe— sung eines, den Aeußerungen jener Wunderfraft, die in das of: fentliche Leben Jeſu fallen, vorangehenden Entwidelungsprocef- fes, deffen Nothwendigfeit bei der Annahme einer unbegrenzten Wunderkraft freilich wegfallen würde, Der natürliche Gefichtspunct, der zum Behufe der Bildung eines Begriffs diefer Wundergabe, deren begriffslofe Vorftellung wir hier abweifen mußten, ſich uns zunächit darbietet, ift die— fer, daß fie in Sefus die Stelle eines angeborenen Zalentes, einer fpecififch beftimmten Forperlichen Ausrüftung vertreten ha— ben mag, welche zu jedem geiftigen Berufe Achter Art wefent: ‚lich gehört, indem fie an ihm die Seite feines unmittelbaren, äußerlichen Dafeins, die Baſis oder das Fundament feines organifchen Beftehens in der Äußeren Wirklichkeit ausmacht. *) Berge. Tholud Glaubwürdigk. d. ev. Geſch. S. 91 und Die da= felbft angeführte Stelle von Göthe. u) an > 336 Drittes Bud. ee. = ' 75 u 4rr . ⸗ — Ueberſichtliche Darſtellung der evangeliſchen Geſchichte. 337 Dies nämlich ift die Wahrheit, die wir von dem alten dogma⸗ tifchen und fupernaturaliftiichen Standpuncte allerdings auf un- feren geſchichtlichen herüberzunehmen berechtigt find, daß bie MWundergabe ald ein nothwendiges Moment in die Idee eintritt, die fich in Jeſu Chrifto perfonlich darftelt. Wir ftel- len uns in fo weit auf die Seite des eben genannten Stand- puncts, und gegen den gemein rationaliftifchen in Gegenfak, als diefer Teßtere, wenn er ja den Beſitz ungewöhnlicher Kräfte, 3. DB. magnetifcher Heilkräfte, der Perfon Jeſu zugefteht, die— fen Befiß für nichts anderes, als fir eine zufällige, oder höch- ſtens für eine durch befondere providentielle Veranftaltung den geiftigen Gaben Außerlich beigefügte Zugabe zu feiner eigentli- chen, d. h. eben der rein geiftigen Begabung zu erfennen weiß. Die gewöhnliche Grfahrung freilich, aus welcher diefer Ratio— nalismus fein Begriffsiyftem entnimmt, kennt den Begriff jener Nothwendigkeit nicht, durch welche die koͤrperliche Wundergabe an die geiftige Begabung Jeſu zu fnüpfen oder, richtiger aus— gedrückt, als ein unentbehrliches, organifcy nothwendiges Mo- | ment diefer Begabung zu fallen ift. Liegt ja doch der Begriff diefer geiftigen Begabung felbft nicht innerhalb der Grenzen je= ner gemeinen Empirie, welche der Nationalismus ald die einzig wirkliche Erfahrung gelten läßt, und fieht fich derfelbe doch ge— nöthigt, wenn er die Erſcheinung Sefu fich verftändlich machen will, auch von den geiftigen Momenten diefer Grfcheinung gar manche in Zweifel zu ftellen oder hinwegzuerflären. Aber hier eben ift der Punct, wo jene Clafticität unferes Begriffsſyſtems ſich zu bewähren hat, durch welche die Bildung eines Begriffs ermöglicht wird, der, obgleich die Grenzen der gemeinen Gr- fahrung überfchreitend, Doch zu der im geiftigen und höhern Sinne gefaßten Erfahrung überhaupt fich Feineswegs wider- ſprechend oder ſtoͤrend, fondern ganz im Gegentheil, ausfül- lend und ergänzend verhält. Die Identität des Geiftigen und des eiblihen dem Wefen oder dem Grunde des Dafeins nad, die gegenfeitige Beziehung des Geiftigen auf Leibliches und des Leiblichen auf Geiftiges, das gegenfeitig einander Ent— fprechen beider in den Momenten der Grfcheinung, — dies al: les ift fo ſehr Erfahrungsthatfache, oder vielmehr alle wahr: hafte Erfahrung bedingende, allen einzelnen Thatfachen der Er: 22 338 Drittes Bud. ———— fahrung zum Grunde liegende Thatſache, daß ſchon durch ei— nen einfachen Schluß der Analogie für eine fo hervorragende, fo al: Yes Andere überftrahlende geiftige Erfeheinung, wie die Erfcheinung Ehrifti ift, ein ihr entfprechendes Moment des leiblichen Dafeins ge- fordert werden müßte, ein folches Moment, in welchem auch Die Naturbedingungen diefer Erfcheinung zu Tage kommen, gleich- fam die Wurzeln, die fie in das Gebiet der Natur, diefen fruchtbaren Boden alles Geifteslebens, hineingetrieben hat. — Hat doch jedes Kunfttalent feine Außenfeite in einem mechanischen Geſchick, in einer organischen Dispofition der Leiblichfeitz wird doch Solche eigenthümliche Dispofition mehr oder weniger auch bei jeder andern umfafjenden oder tiefer greifenden Wirf- famfeit des Geiftes vorausgeſetzt. Wie follte nicht diejenige Of— fenbarung des Geiftes, die von allen am tiefften und mächtig. fien in die Gefammtgeftaltung des Geſchichtslebens eingegriffen und bis in die phyfiichen Grundlagen diefes Lebens hinein al- les umgefchaffen und verwandelt hat, — wie follte nicht auch) fie, und fie vor allen andern — wir fagen nicht, von ei— genthümlichen Ueußerungen auch leiblich organifcher Kräfte be— gleitet gewefen fein, denn diefer Ausdruck würde eben nur eine Aeußerlichfeit, ein Nebeneinanderhergehen des Leiblichen und des Geiftigen anzudeuten ſcheinen, — fondeın, zugleich mit dem Geifte felbft auch, die leibliche Wurzel diefes Geiftes zur Grfcheinung gebracht haben? Auf eine Weife zur Er- fheinung gebracht haben, die, wenn die Grfcheinung des Geiftes das Wunder aller Wunder ift, fo gleichfalls als wun- derbar in einem Sinne dafteht, welcher zwar nicht die Analo: gie mit andern natürlichen Thatfachen, die Möglichkeit einer Anfnüpfung an folche Thatfachen, wohl aber die unmittelbare Gleichheit, die Gemeinfchaft der Art oder Gattung mit ihnen ausfchließt, — dergeftalt ausschließt, daß in diefem Sinne die Wundergabe allerdings, eben fo wie die Subftanz des Geiftes, der ſich in ihr bethätigte, als eine in ihrer Art einzige und beifpiellofe zu bezeichnen ift? Wenn auf dem Wege hiftorifcher Kritit die thatfächliche Beichaffenheit diefer Wundergabe ausgemittelt werden foll, fo kann Dabei nicht von der Betrachtung der einzelnen Wunderer- zählungen ausgegangen werben. Diefe nämlich. erfordern, um Ueberfichtliche Darftellung der evangelifchen Gefchichte. 339 als gefchichtliches Material benußt zu werden, ihrerſeits eine kritiſche Sichtung, welche felbft fehon einen allgemeinen, vor— läufig gewonnenen Begriff des Gegenftandes, von dem fie han— deln, vorausfeßt. Solcher Begriff Fann vielmehr auf feine andere Weife gewonnen werden, als. durch Erwägung ‚der Vorausſe— Bungen, welche, nicht felten den Berichterftattern felbft unwill- kuͤhrlich, durch ihre Berichte hindurchfcheinen. Auch anderwärts finden wir häufig genug, daß Schriftiteller duch folche in ih— ven Berichten verftedte, ohne ihr. eigenes Wiſſen ihnen. ent- ſchluͤpfte Yeußerungen die Irrthuͤmer ihrer ausdrüdlichen Erzaͤh— lungen berichtigen. Gin Gleiches als zutreffend auch bei den Evangeliften zu vermuthen, liegt uns, bei unferer Anficht über ihre Stellung zu den Begebenheiten und über die Compofition ihrer Werke, um fo näher, je weniger nach dieſer Anficht an: zunehmen ift, daß fie den Stoff bis auf einen folchen Punct durch die Sage umgeftaltet überfommen hätten, daß das mythiſche Glement in ihrer Darftellung, auf aͤhnliche Weife wie etwa in den Darftellungen, welche die Dichter und Gefchicht- fchreiber Griechenlands von dem. Zeitalter der Heroen geben, fhon durch alle Poren des gefchichtlichen Stoffs hindurchge- drungen fein Fonnte. Wir wollen daher im Gegenwärtigen fürs erft nur auf diefem allgemeinen Wege eine gefchichtliche Notiz über die Wundergabe zu gewinnen fuchen, die, nahere Betrach- tung der einzelnen Wundererzählungen aber den fpäteren, dem Inhalte unferer Quellen im: Einzelnen und Befonderen gewid— meten. Büchern überlaflen; eben fo, wie „wir auch von der Sprech = und Lehrweife Sefu hier nur weniges Allgemeinere zu bemerfen, und erft in den nachfolgenden Büchern an der Hand unferer Quellenfchriftfteller das Einzelne, was und Davon be: richtet ift, durchzugehen gedenken. Bon allen Momenten der evangelifchen Gefchichtserzählung, die zum Behufe der von uns angeftrebten Einficht benußt werden Eonnen, find unftreitig das wichtigfte die Spuren, die auf eine perennirende Gewohnheit, Wunder einer gewiffen Art, nämlich Heilungswunder zu verrichten, hinweifen. Es kann zwar nicht angenommen werben, daß es Abficht der Evangeliften fet, zwifchen diefen Wundern und Wundern, anderer. Art, ‚folchen, die nur einzeln, als etwas Außerordentliches, nicht zu regelmaͤ— 227 30 -Abnni Drittes Bud. iger Wiederholung Beftimmtes verrichtet wurden, ausdrüdlich zu unterfcheiden. Keiner von ihnen giebt auf unzweideutige MWeife und fo, daß ein deutliches Bewußtfein, zu welchem er fich felbft diefes Verhaͤltniß gebracht hätte, Daraus hervorleuc)- tete, die Notiz, daß an die Verfündigung des Evangeliums vom göttlichen Reiche, welche allenthalben als die eigentliche Berufshandlung Jeſu dargeftelt wird, ſich eine ſtetig fortlau— fende Reihe folcher Wunderthaten geknüpft habe, und nöthigt ung dadurch, die Wunder diefer Art ald ein wefentliches, integri- rended Moment jener feiner Berufsthätigkeit anzufehen. Nichts deftoweniger gewinnt man beim Leſen namentlich der fynopti= fhen Evangelien unwillführlic) den Eindrud, daß letzteres wirklich der Fall gewefen fei. Wenn auch Marcus und Lufas nicht, wie der Verfaffer des erſten Evangeliums vielleicht nur in Folge einer zufälligen Umftellung es thut*), noch vor dem Bericht einer beftimmten, einzelnen Wunderthat die allgemeine Bemerkung vorausfchiden, ‚daß Iefus ganz Galiläa durchzog, in den Synagogen lehrend, das Evangelium vom Reiche ver: Eindend und Krankheiten aller Art unter dem Bolfe heilend, wie denn auch Kranke aus der ganzen Umgegend in und außerhalb Galilda zu ihm gebracht wurden und Maffen Bolfes fih um ihn ſammelten“; wenn fie vielmehr diefe und andere Bemerkungen ähnlichen Inhalts nur gelegentlich im Laufe der Erzählung und in einer Weife nachbringen, daß fie, wort: lich verftanden, nur auf einzelne, Fleinere Zeitabfchnitte der Wirf- famfeit Jeſu bezogen werden koͤnnten: fo wird ſich hierdurch ein unbefangener Lefer über ihre wahre Anficht Feineswegs irre führen laffen: Es geht namlich aus der Combination Diefer gelegentlichen Notizen, (die um fo charakteriftifcher find, wenn fie, wie hin und wieder der Fall ift, negativ lauten, und im Einzelnen dasjenige verneinen, was, wie eben Daraus erhellt, *) Matth. A, 23 ff. Es iſt diefe Stelle ‚parallel mit Marc, 8,7 ff. und von dem Berf, des erften Ep, nur darum, fo feheint e8, in ben früheren Zuſammenhang verfeßt, um für die Bergrede, die an die— fer Stelle zu bringen der Evangelift durch die Aoyıa veranlaßt fein mochte, die Scenerie übereinftimmend mit —— [> 13) an⸗ geben zu können. a Meberfichtliche Darftelung der evangelifchen Gefchichte. 341 als Vorausſetzung im Allgemeinen bejaht wird *) — mit anderen verwandten Notizen, insbefondere mit dem, was wir gleichfalls gelegentlich und ohne die Abficht einer: ausdrüdlichen Rechen— fchaft, die etwa die Evangeliften über: diefen Punct zu geben gedachten, über die Stellung Iefu zum Volke, über den Ruf, den er unter dem Volke genoß, erfahren, — es geht aus ihnen un- zweifelhaft genug fo viel hervor, daß diefe Weife des Wun— derthuns "eine fortdauernde Gewohnheit während feiner gefamm- ten öffentlichen Laufbahn war, und. nicht etwa nur, wie Dieje- nigen Wunder, die nicht in Heilung von Krankheiten be= fiehen, als Ausnahme in einzelnen Fällen erfolgte, Damit kann zwar im Widerfpruch zu ftehen fcheinen, daß wir hin und wieder Jeſus ausdrüdlich Sorge tragen fehen, dem Rufe von feinen Wunderheilungen Feine allzugroße Verbreitung zu. geben. Nicht nur daß er, was vielleicht noch eine andere Deutung zu- läßt, wiederholt den Dämonifchen verbietet, ihn mit dem Mef- fiasnamen zu begrüßen, fo unterfagt er. allerdings auch, man— cher Ahnlichen Falle‘, die fich mit Blinden, Zaubftummen u. f. mw. zugetragen haben follen, nicht zu gedenken, einem Ausfä- tzigen, der von ihm geheilt iſt, ausdrüdlich, von dieſer Hei— lung zu Sprechen, und da der. Genefene diefem Verbot zuwi— der handelt, fo fest der Evangeliſt, man fieht nicht ganz deut— lich in welchem Sinne, die Bemerfung hinzu **), daß Sefus in Folge diefes Bekanntwerdens feiner That fich nicht mehr öffentlich in der Stadt habe) zeigen. konnen, Sondern vielmehr das Volk von allen Seiten zu ihm hinaus ins Freie, wohin er ſich zuruͤckzog, geftrömt feis Dennoch aber konnen wir ‚bei Die fem allem nicht annehmen, daß Jeſu Abſicht gewefen fei, die Heilung Suchenden im Allgemeinen von fich entfernt zu halten; etwa um fich die Freiheit zu bewahren, nur ausnahmsweiſe in außerordentlichen Fallen. won. der ihm verliehenen wunderbaren Heilkraft, Gebrauch zu mahen, Bu häufig Fehrt in ſaͤmmtli— chen Evangeliſten die Erzaͤhlung von Wunderheilungen wieder, die, gemäß dem Ausfpruche, daß man fein Ficht nicht unter den Scheffel fielen, fondern leuchten laſſen müffe vor den - 5 3. B. Mare, 6, 5.0. Parall. =#) Mare. 1, 45. 342 ‚unit Drittes Bud. J Menſchen, frei und offen vor allem Volke, in der Synagoge, auf der Straße oder ſonſt im Angeſicht der Menge gethan wer: den, und zu fehr finden wir den Erfolg, den Jeſus in Galt- laa unter dem Volke fand, der Erzählung von diefen Thaten entfprechend, als daß wir im Ernftiin ihm den Willen, oder auch nur den Wunfch vorausfegen koͤnnten, feine Wunderfraft geheim zu haltenz ſo wenig auch, worauf jene Notizen zum Theil mögen zu deuten fein, ein unverftändiges, marftfchreieri- ſches Austrompeten derfelben nach feinem Sinne war. Daß er. den Zudrang der Kranken und Heilungsbedürftigen zu ihm in'gewiffen Schranken halten mußte: dies würde, in Folge des Berhältniffes, worin diefe Wunderthätigfeit zu der rein geiſti— gen, der Lehrthätigfeit ftand, felbft dann in der Natur der Sa— che liegen, wenn wir diefe Kraft auch nicht als eine natürlich bedingte und begrenzte, einer unbegrenzten Anwendung fich ent— ziehende anfehen wollten. So Fann denn auch nach dieſem allem bei der Annahme, auf die wir uns bei unbefangener Be: trachtung unferer Quellen nicht in einzelnen Stellen nur, ſon— dern im Ganzen und Großen mit Nothiwendigfeit hingeführt finden, daß Chriftus die Uebung der feinem Korper inwohnen- den Heilfraft als einen wefentlichen Theil feines Berufes an- fah *) , fein Verfahren in! diefer Beziehung nichts. Räthfelhaf: tes mehr'haben. Man hat von verfchiedenen Seiten her einen wefentlichen Charakterzug der Wunderthätigfeit Jeſu darin finden wollen, daß alle feine Wunder einen wohlthätigen Zwed hatten. Wollte man den Erzählungen der’ Gvangeliften allenthalben buchftabli- chen. Glauben beimeffen, fo koͤnnte diefe Behauptung fireng ge— nommen gar nicht, bei etwas larerer Deufung nur in einem fehr Außerlihen Sinne richtig gefunden werden, In der That ift dies auch der Sinn, in welchem ‚man fie bisher aufgeſtellt hat. Man unterfchied die Gabe felbft von ihrer Anwendung, und nur in die letztere, aber nicht auch in die exftere fehte man *) Vergl. über diefes Bewußtfein Jeſu Joh. 9, 4; insbefondere aber die Worte, die er den Abgefandten des Taufers erwidert: Matth. 11, 5 u. Parall., fo wie auch die an Herodes Antipas gerichteten. Luk, 13, 32, “ Ueberfichtliche Darftelung der evangelifchen Gefchichte. 343 jene Zwecbeziehung. Jeſus wandte, meint man, feine Wun- derfraft, die er eben fo gut zu ganz andern Dingen hätte an— wenden fonnen, vorzugsweife zu Heilung von Krankheiten und Eörperlichen Gebrechen an, weil er fo ſich bewußt war, der lei— denden Menschheit am meiften wohlzuthun; er erwedte Todte, weniger wohl um ihrer felbft, als um ihrer trauernden Berwandten willen, für deren Schmerz er Mitleid fühlte; zur guten Stunde indeß werfchmähte er es auch nicht, Durch Ver: wandlung einiger Schläuche Wafler in Wein ein zur Heiterkeit aufgelegtes-Selag zu erfreuen, oder eine hungrige Volksmenge mit einer anfehnlichen Quantität von Wunderbroten zu fpeifen. — Bir unfererfeits Fonnen bei den engeren Grenzen, die wir jener Gabe ziehen, einen Schritt weiter gehen. Das Wefen je: ner teleologifchen Beziehung tiefer faffend, dürfen wir ſchon von der Gabe felbft in ihrer Naturbeftimmung behaupten, daß fie die Möglichfeit nur eines wohlthätigen, aber nicht eines nur prunfenden oder auch eines folchen Gebrauches, der nur einem außerlichen Zwecke diente, wäre diefer Zweck immerhin der Bes weis der göttlichen Natur oder Sendung des Wunderthäters, einfchloß. Auch hierbei jedoch dürfen wir nicht ftehen bleiben. Mir dürfen uns nicht damit begnügen, die wunderbare Aus: rüftung, die Sefus im Zufammenhange mit feinem höheren Bes rufe auch nach der Seite feines Teiblichen Dafeins erhalten hatte, nur im Allgemeinen als eine heilkräftige bezeichnet zu haben, fondern wir müffen noch etwas näher in die Beziehung diefer Gabe zu der Gefammtheit der göttlichen Idee, die fich in der Perfönlichkeit Chrifti offenbarte, und in die daraus fich begründende Befchaffenheit der Gabe felbft eingehen. | Die Art und Weife, wie Iefus felbft feine Eürperliche Heil— kraft Durch feine geiftige Begabung und feinen geiftigen Beruf bedingt erkannte, fpricht fich auf das deutlichfte in der Horde zung aus, die er felbft als unumgängliche Bedingung ihrer Wirkfamkeit an die Kranken ftellte, die durch ihn geheilt fein wollten, der Forderung des Glaubens an ihn und an bie Heilkraft als ſolche. Die beiden Momente, die wir hier neben einander nannten, find unftreitig nicht zu trennen, wenn gleich, in den Stellen der Evangelien, welche diefe Forderung erwaͤh— nen, allenthalben zunächft eigentlich nur von dem letzteren, vom 344 Drittes Bud. Glauben an die Heilkraft Jeſu als ſolche, die Rede ift*). Der Fall, daß einzelne Kranke nur an die Heilkraft Sefu, wie heut _ zu Tage an die Heilkraft eines Magnetifeurs, als an eine phyſiſche Erfcheinung fich zu glauben entfchloffen hätten, ohne den hohen fittlichen Glauben an die göttliche Sendung des Mannes, diefer Fall mochte bei dem damaligen Bildungsftande des Volkes vielleicht gar nicht vorfommen, wenigftens finz den wir folcher Fälle in unfern Quellen nicht gedacht. Bei der fittlichen Bedeutung aber, die Jeſus auch anderwärtd dem Glauben beilegt**), haben wir allen Grund zu der Annahme, daß er einen folchen Glauben gar nicht für wirklichen Glauben erkannt haben würde, Auch haben wir an dem, was in Na— zareth fich begab, wo er, wie die Evangeliften uns berichten, durch den Unglauben des Volkes an feine Perfon und feinen höhern Beruf, an der Verrihtung von Wunderheilungen fich gehindert fand, das Beifpiel, wie eng jene beiden Erſcheinungs— weifen des Glaubens an ihn unter einander zufammenhängen mußten. — Für dad VBerftändnig der Wundergabe Chrifti über- haupt eröffnet nun diefe Forderung des Glaubens eine reiche Ausficht, wenn wir erfennen, wie in demfelben Verhältnig, in welchem in den auf diefem Wege Geheilten das Forperliche Er: eigniß der Heilung zu dem fittlichen Momente des Glaubens flieht, genau in demfelben in Chriftus felbit die forperliche Heil- kraft zu der geiftigen Subftanz, die ihn zum Heilande der Menfch- heit macht, ftehen mußte. Es ift ganz gewiß falfch, obgleich in neuerer Zeit Manche fich dahin neigen, wenn man die Bes *) Marc. 2, 5. 5, 34. 36, 6, 5. 7,29, 9,23. 10,52 u. Parall, Matth. 3, 10 u. Parall. 9, 28. Luk. 17, 19. — Es ift meines Wiſſens noch nicht. bemerft worden, daß im vierten Ev. diefer moralifhen Bedingung des Erfolgs der Wunderheilungen gar feine Erwähnung gefchieht. Der hergebrachten Anficht über diefes Ev. zufolge, wird man mit der Ausrede zur Hand fein, Johannes habe die Urfache als fattfam befannt übergehen zu dürfen geglaubt. Aber wie, wenn ſich nachweifen Liege, daß der Evangelift von jener Forderung Jeſu zwar vernommen, aber fie auf das Seltfamfte misverftanden hatte? Wir gedenfen dies weiter unten bei der Erzählung, vom Haupt- mann zu Kapernaum narhzumeifen, **) Vergl. Matth. 17, 20, Mare, 11, 23 f. u, Parall. —* Ueberſichtliche Darſtellung der evangeliſchen Geſchichte. 345 deutung, welche in jenen wunderbaren Heilungen das Moment des Glaubens hat, ſo faßt, daß dieſes Moment nicht blos als das Bedingende, ſondern als das ausſchließlich Wirkende, die Wirkung alſo, die Jeſus unmittelbar auf die Glaͤubigen uͤbt, als eine blos pſychologiſche erſcheint. Waͤre dies, ſo wuͤrde die ſinnliche Gegenwart des Heilandes wenigſtens nicht noth— wendig als zum Erfolg der Heilung gehoͤrend erſcheinen koͤnnen; die Beifpiele einer durch Kraft des Glaubens auch an Abwe— fenden oder bereit3 Abgefchiedenen verrichteten Heilung müßten häufiger und regelmäßiger vorfommen und beffer beglaubigt fein, als fie es find; möchte man immerhin, in Betracht der auch von der rein pfychologifchen Seite unberechenbar großen Macht des Eindruds, den die Perfonlichkeit Sefu gewährt haben mag, das Moment diefer Gegenwart nicht für. gleichgültig nehmen. / Dagegen aber ift in der That nicht abzufehen, weshalb man von phyfifalifcher oder phyfiologifcher Seite eine größere Schwie— rigfeit darin finden will, daß fich in der Perfönlichkeit Sefu die außerordentliche, fittlich fchopferifche Geiftesfraft Leiblich in dem Vermögen tbätiger Mittheilung der koͤrperlichen Geſund— heit dargeftellt habe, als, daß in den Genefenden die fittliche | Kraft des Glaubens ein Entfprechendes zwar nicht activ in Bezug auf Andere, aber receptiv in Bezug auf fie felbft ver- mocht habe und in manchen ähnlichen, hinreichend beglau- bigten Fallen noch jest vermöge. Wir möchten. im Gegen: theil behaupten, daß diefe Kraft des Glaubens, wiefern folche, Doch immer nur bedingungsweife, allerdings flattfindet, nur un— ter Borausfegung eines höhern Zufammenhangs zwifchen phys fihen und moralifchen Heilkräften vollftändig erklärbar ift; fo wie fie denn auch in der Wirflichfeit allenthalben auf dieſen höhern Zufammenhang fich zurücdbezieht und durch ihn bedingt wird. Wenn nämlich der Geift jener Heilbedürftigen, um feine fittliche Gefundheit zu finden, eines Objectes bedarf, aus wel: chem die fittlihe Schöpferfraft ausftrome, die ihm durch Ver— mittelung feines Glaubens die Gefundheit wiedergeben fol: fo berechtigt und die Analogie zwifchen geiftigen und koͤrperli— hen Zuftänden, die bei diefem gefammten Hergange vorauöges feßt wird, ein entfprechendes Bedürfniß eines Dbjectes, von welhem die Heilkraft ausgeht, auch für den koͤrperlichen Pro: 2 346 | Drittes Bud. es ceß der Heilung anzunehmen. Ja wir finden uns zu biefer Vorausſetzung um fo entfchiedener hingedrängt, je unzweifelhaf- ter im gewöhnlichen Laufe der Dinge die Ohnmacht der Geifter gewöhnlicher Art vor Augen liegt, auch nach erlangter fittlicher Genefung die durch eigene Schuld oder durch Verſchuldung des Gefchlechtes zerrüttete Gefundheit des Körpers herzuftellen. Spricht fih, zufolge des Gefagten, in der Forderung des Glaubens, die Jeſus an die Heilfuchenden ftellt, das Be: wußtfein aus, daß feine Heilkraft wefentlich auf fittlihem Fun— damente ruht, daß fie nicht blos Außerlich ald Symbol oder ' Gleichniß der Heilung von fittlichen Gebrechen zu dienen bie Beltimmung hat, fondern ihrem Wefen und Begriffe nach die Folge und nothwendige Begleitung einer fittlichen Heilkraft iſt: fo kann man daſſelbe Bewußtfein auch in dem Bezuge ausge: fprochen finden, in welchen Jeſus, zufolge einer charafterifti- ſchen, den Stempel hiftorifcher Aechtheit tragenden Erzählung der fynoptifchen Gvangelien*), hin und wieder die Uebung Diefer Kraft zu einem Ausfpruche der Sündenvergebung gefeßt zu haben fcheint. Manche Ausleger haben darin nur eine Herablaffung zu herrfchenden jüdifchen Borftelungen finden wol- len, nach denen Krankheiten und forperliche Uebel aller Art nicht nur im Ganzen und Allgemeinen ald Folge der Sundhaf- tigkeit de3 menfchlihen Geſchlechts, fondern auch allenthalben im Einzelnen als Strafe defonderer, von dem franfen Indivi— duum begangener Sünden betrachtet wurden. Es ift aber ohne Zweifel richtiger, anzunehmen, daß Jeſus diefen Borftellungen ſich nicht fowohl Außerlih anbequemt, als vielmehr fie, nur in einem höhern Sinne, als in welchem fie die Mehrzahl der Schriftgelehrten nehmen mochte, zu den feinigen gemacht habe, fo daß ihnen entfprechend die Heilung der Krankheit allerdings von dem fittlihen Momente der Bekehrung in dem Kranken, welches, in feiner wahren Bedeutung erfaßt, mit dem Momente des Glaubens an den Heiland zufammenfällt, als abhängig erfchten. — Freilich kann man Sefu nicht die Befangenheit jener engherzigen Cafuiftif zutrauen, welche Vergehungen und finnlihe Strafen für Diefe Vergehungen allenthalben außerlich *) Marc. 2,5. ff. u. Parall, IE or. Ueberfichtliche Darftellung der evangelifhen Geſchichte. 347 gegen einander abmeſſen zu koͤnnen meinte. Gegen dieſe, mit allem, was wir von der erhabenen Geiſtesfreiheit des goͤttlichen Meiſters wiſſen, offenbar ſtreitende Anſicht laſſen ſich mit vol— lem Rechte Stellen der Art geltend machen, wie die bekannten und ſchon oͤfter in dieſer Beziehung angefuͤhrten, von den durch Pilatus umgebrachten Galiläern*), und von dem Blindgebore— nen ). Denn wenn auch in diefen beiden Sefus der bei den Suden hergebrachten Borftelung nicht direct widerfpricht, fo enthalten fie doch beide eine dergeftalt freie Behandlung derfel- ben, deren nur ein folcher fähig war, der ihre unmittelbare, materialiftifche Geftalt hinter fich hatte. Im der einen von ihnen kann man fogar den Punct, auf den es wefentlich hier ankommt, ausdrüclich angedeutet finden. Wenn nämlich Gott, wie es in jener Erzählung bei Lukas fo angenommen wird, über einen Theil der, Schuldigen unmittelbar eine Strafe verhängt, einen andern Theil aber, deffen Schuld darum Feine leichtere ft, der: einftiger Strafe worbehält: fo ift Damit eben dies gefagt, daß zwar feine Schuld ohne Strafe bleibt, daß wir aber Unrecht haben, die unferer unmittelbaren Wahrnehmung vorliegenden Uebel in einen directen Bezug zu der Sünde, durch die fie ver- ſchuldet find, zu bringen, dergeftalt, daß nad) ihnen das Maaf der Sünde felbft koͤnnte abgeichäßt werden. Dem entfprechend iſt unftreitig auch die von Jeſus in einzelnen Fällen von Krank— heitsheilungen ausgefprochene Sündenvergebung nicht fo zu neh: men, als fei von den einzelnen Sünden, welche diefe beftimm- ten Krankheiten verfchuldet hätten, die Rede. Es ift eine Klein: liche Ausdeutung, zu der fich die moderne Deutungsfunft verirrt hat, annehmen zu wollen, daß Iefus z. B. mit der Heilung von Krankheiten, die durch Ausichweifungen verfchuldet find, dieſe Ausfchweifungen als abgebußt betrachtete, und daß er, wenn er vor dem Nüdfall in die Sünde warnt**), ausdrüdlich vor ſolchen Vergehungen warnen wolle, welche die gleiche Krankheit M Luc. 18, 1 ff. #309. 9,1 ff. =) oh, 5, 145 eine Stelle, die allerdings jene engherzig-füdifche Ans ficht, aber gewiß nur duch Schuld des Eyangeliften, vorauszuſetzen ſcheint. j 348 * Drittes Bud. As wieder nach fich ziehen Fonnten. Der Sinn ift vielmehr, wie felbft die Worte zeigen*), wefentlic diefer, daß Jeſus den Glauben an Sich und an fein heiliges Wort für das Moment erklärt, in welchem der Kranfe, wein er nur treu daran feft- hält, die Vergebung feiner Sünden fchon hat, und durch wel: ches er als Siegel diefer Vergebung, — Diefes aber nur als frei: willige Zugabe durch die befondere, ausdrüdliche Gnade des Heilandes, — auch die Befreiung von feiner Krankheit, ohne Rüd- ficht auf den näheren oder entfernteren Zufammenhang Diefer Krank: heit mit den von ihm begangenen Sünden, zu erhalten befähigt wird. Wie die Krankheitsfähigkeit der menfchlichen Natur im Allgemeinen durch die fittliche Gebrechlichkeit Diefer Natur be— dingt ift, fo hat das Gefchäft des Heilens an fich ſelbſt ſchon eine fittliche Bedeutung, die Bedeutung des Wiederherftellens der forperlichen Natur des Menfchen in den Zuftand, deſſen fie durch die: Sünde verluftig ging. Das Bewußtfein dieſer Bedeutung, und damit zugleich das Bewußtſein der Art und Weiſe, wie fich fein perfonlicher Beruf, den Menfchen ein Be— freier von ihrer Sündenfchuld zu werden, in der ihm verliehe- nen koͤrperlichen Heilkraft ausdruͤckte: diefes doppelte Bewußt- fein legt Jeſus in jene zu dem Paralytifchen gefprochenen Worte hinein; Worte, die er indeß, wie nicht zu überfehen, nur zu einem folchen: fprechen Fonnte, der durch feinen Glauben an ihn fich folher Vergebung würdig, oder vielmehr, ſich ihter in der That ſchon theilhaftig gezeigt hatte, So fehr wir nun aber die Wundergabe Jeſu, di hr wie wir. diefelbe gefaßt haben, feine leibliche ‚Heilkraft, fowohl was ihr Dafein als Naturanlage in feiner Perſoͤnlichkeit, als auch was ihre Aeußerung, : ihre Wirkffamfeit im einzelnen alle betrifft, im der fittlichen und geiftigen Seite feines Dafeins und Wirkens wurzelnd erkennen: fo dürfen wir darüber. doc) nicht vergeffen, daß fie an ihm. wirklich als Eorperliche Be— fchaffenheit ein außerliches Dafein hatte, ein folches, welches *) oplavral 00: ai duopriaı oov Marc. 2, 5; Worte,.die, offenbar mehr, von den Sünden des betreffenden, Individuums im Allgemei— nen, als von gewiſſen beftimmten Sünden, ‚ferner, von ſchon verge= benen, nicht von erft zu vergebenden zu fprechen fiheinen. Kae le u F EEE. Ns Ueberfichtlihe Darftellung der evangelifchen Gefchichte. 349 von der Kraft des Geiftes und des Willens als folcher aller: dings noch zu unterfcheiden ift. Man hat, um diefes ihr Da— fein möglich, oder wenigftens, um die Berichte von ihm wif- fenfchaftliher Beurtheilung zugänglich zu finden, fich da— für nad Analogien in der übrigen, unſerer wiffenfchaftlichen Forſchung vorliegenden Natur der Dinge umfehen zu müffen geglaubt. Solches Beftreben ift nicht zu tadeln; nur darf da= bei nicht fo weit gegangen werden, daß man das Ziel des Forfchens darein fest, die MWundergabe Jeſu als einzelnes Gremplar in einen auch in anderen, nur etwa quantitativ uns fhiedenen Gremplaren zu allen Zeiten und auch jeßt noch vor— fommenden Art oder Gattungsbegriff ähnlicher Gaben einzus reihen. Solche Wendung hat nicht felten der, fonft Feines- wegs zu verwerfende, Gedanfe genommen, es möge jene Wun— derfraft, fo wie in gleicher Weife die ähnlichen, welche auch fonft die Bibel Alten und Neuen Teſtaments von Propheten, Apofteln und andern durch die göttliche Vorſehung ausgerüfte- ten Perfonen zu. berichten weiß, in einer Werwandtfchaft mit den Erfcheinungen ftehen, welche zu unfern, wie unftreitig fchon zu frühern Zeiten der thierifche Magnetismus zeigt. — Das Hauptmoment der Vergleichung befteht hier darin, daß in der Mehrzahl der Fälle, die uns von den Evangeliften im Einzel nen befchrieben werden, und, einigen gelegentlich fallen gelaf- fenen Andeutungen zufolge, wohl auch in der Maffe der übri- gen, entweder die wirkliche Forperliche Berührung, oder irs gend eine andere, die Stelle folcher Berührung vertretende, or— ganifche Einwirkung als Mittel für die Mittheilung der Heil Fraft gedient zu haben fcheint. Auch eine Art von magnetifchem Schlaf kann man wenigftens in einem Falle angedeutet finden, dort namlich, wo Jeſus durch magifche Beſprechung einen bes feffenen Knaben heilt*). Die Wahrheit diefer Analogie wird von feinem, der mit unbefangenem Bli die evangelifchen Wundererzählungen betrachtet und gegen die Erfahrungen aus dem Gebiet des animalifchen Magnetismus fich nicht gefliffent: lich werfchloffen hält, in Abrede geftellt werden. Hält man diefelbe indeß allzu einfeitig feft, und legt man es darauf an, *) Marc, 9, 26, Bielleicht auch Mare. 7, 30. 350 „Drittes Buchen, j ar bier und gegenwärtig unmittelbar zugänglichen Erfahrungs- data über die Wirfungen magnetifcher Kräfte als Norm oder ein. für allemal gültigen Maßſtab an jene Erzählungen zu le— gen: fo kann es kaum fehlen, daß man von letzteren einen allzu eingefchränften Begriff gewinnen, und das Moment. des Fabelhaften oder des Mythiſchen in. den, evangelifchen Berich— ten. weiter. als billig auszudehnen ſich werfucht finden. wird, Denn auch vorausgefegt — welche Borausfesung zuzugeftehen wir gern bereit find — die Identität der phyfifchen Grundlage dieſer beiderfeitigen Erfcheinungen im Allgemeinen: fo, liegt. doch) in. der Natur der Sache, daß diefelben einen wefentlich ver— fchiedenen Charakter tragen müffen da, wo. fie, wie wir. Died bei Sefus und auf analoge Weiſe, wiewohl in minderm Grade, auch in einigen andern Fallen. der bibliſchen Gefchichte an: nehmen müffen,, der nothwendige Ausdruck einer indi— viduell beftimmten fittlich - geiftigen Begabung find, als wo fie, wie in unferer Zeit, fo viel bis jetzt befannt, überall, nur ſporadiſch als eine zufällig gewilfen Individuen anhängende Ei- genfchaft vorkommen. So zuläffig, ja fo loͤblich es iſt, -fol- ches Vorkommen der magnetifchen Kräfte als rein phyſiologi— fhe Thatfache zum Anfnüpfungspunct für das Verſtaͤndniß je: ner zugleich einer höhern Sphäre angehörenden gejchichtlichen Thatfachen zu benutzen; fo ein fchiefes Nefultat giebt es, wenn man, uneingedenf der Forderung einer Elafticicität fammtli- cher aus der Erfahrung gewonnener Begriffe, jene außerordentli- chen Thatſachen, von welchen die Gefchichte erzählt, auf das Ni: veau der gemeinen Erfahrung herabziehen will, — Man wende nicht ein, daß bier, weil oder. infofern es fich von einer, phy- fifchen Erfoheinung handle, die Alternative, nicht. anders, als ſo geftellt werden koͤnner daß entweder auch jene gefhichtli= chen Thatfachen unter ein für allemal gültige: Art= und, Gat— tungsbegriffe gebracht, oder für heraustretend aus aller und jeder Gefeßmäßigfeit erkannt werden müffenz - weil eben dies der Charakter phyfifcher Geſetzmaͤßigkeit fei, unabhangig von ollem Wandel der. Zeit gleichergeftalt zu jeder Zeit zu. gelten und fich zu behaupten. , Allerdings nämlich finden wir, Daß, wo die phyſiſche Gefeßmäßigfeit in unmittelbare Berührung hr Ueberfichtlihe Darftelung der evangelifchen Gefchichte. 351 mit der Gefegmäßigfeit des Geifteslebens tritt, fie auch von der Elafticität und Beweglichkeit diefer legteren einen Theil erhält: Schon an den Kunfttalenten, die ja gleichfalls eine Seite, ha— ben, von der fie als Naturerfcheinung ‚betrachtet werden koͤn— nen und unter den Begriff der phyſiſchen Gefekmäßigfeit fal— len, haben wir ein Beifpiel, wie Anlagen, organifche Dispo- fitionen, die, wo fie fich zeigen, doch gleichfalls in die Geſetz— mäßigfeit des organifchen Lebens fich einreihen, nicht zu allen Zeiten, noch unter allen Voͤlkern in gleicher Geftalt oder unter gleichen geiftigen und fittlichen Bedingungen auftreten, fondern bald enger, bald minder eng an die höheren Stufen des geiz \\ g g ſtigen Bewußtſeins und der geiſtigen Schoͤpferthaͤtigkeit ge— knuͤpft ſind, und nach Maßgabe dieſer geſchichtlich wechſelnden Beziehungen auch die aͤußere Geftalt ihrer Erſcheinung wechſeln. Die Annahme, daß Heil- und, koͤnnen wir ſogleich hier vor— laͤufig hinzufuͤgen, Weiſſagungskraͤfte, den uns aus eigener, un— mittelbarer Anſchauung und Erfahrung bekannten verwandte und mit ihnen auf gleichem Boden der Geſetzmaͤßigkeit des or— ganiſchen Lebens beruhende, zur Zeit jenes gewaltigen ſittlichen Umſchwungs, jener religioſen Umgeſtaltung und Wiedergeburt des menſchlichen Geſchlechtes, die zugleich alle Tiefen des Naturle— bens, welches dem geiſtigen und ſittlichen Leben zur Baſis dient, aufregen und durchſchuͤttern mußte, in einer Weiſe und unter Umſtaͤnden, wie zu keiner andern Zeit, wie wenigſtens nicht in der unſrigen, zum phyſiſchen Mittel oder Organ fuͤr die geiſti— gen Proceffe dienen, und zu dieſem Behufe an die zur Voll bringung diefer Proceffe berufenen Individuen in Geftalt außer: gewöhnlicher Anlagen, Gaben oder Talente fich Enüpfen mußten, — dieſe Annahme, zu welcher wir und bei’ unbefangener Er: wägung der gefchichtlichen Urkunden fo unausweichlich hinge— drangt finden, Fann für den befonnenen Forfcher nicht im min: deften etwas Schwierigeres oder Befremdenderes ‚haben, als die in der Geſchichte fo haufig wieberfehrende Erfcheinung es hat, daß gewiffe mechanifche Fertigkeiten in einzelnen Momenten oder Perioden der Weltgefchichte ald Drgane des Geiftes, als Ausräftung der zur finnlihen Offenbarung des hoͤchſten Geifteslebens, der intenfioften geiftigen Schoͤpferthaͤtig— 352 Drittes Bud). mh feit berufenen Individuen eine Bedeutung erlangen, die ihnen fonft fremd bleibt, und auch in ihrer Grfcheinung eine vollig umgewandelte Geftalt zeigen. Wollten wir hiernach fagen, daß die Wundergabe Jeſu fich zu der natürlichen Heilkraft eines Magnetifeurs etwa fo verhält, wie dad Kunftgenie eines Mozart zu dem — doch gleichfalld angeborenen, nicht durch mühfame Uebung erworbenen — Zalent eines gewöhnlichen Virtuoſen: fo würden wir Damit weder der göttlichen Würde des Heilands der Menfchheit zu nahe zu treten, noch Erfcheinungen, die, weil fie außerordentlichefind, darum doch nicht fich aller gefeglichen Ord— nung der Natur und der Gefchichte entziehen Tonnen, auf gleichen Boden mit dem Gemeinen und Alltäglichen herabzu— ziehen glauben, Unter den verfchiedenen Arten magifcher Heilungen, die uns von Sefus berichtet werden, find diejenigen, bei Denen fi die fittliche Bedeutung diefer Gabe am unabweislichften, aber auch in der räthfelhafteften Weife aufdraͤngt, unftreitig bie Heilungen der fogenannten Dämonifchen. Die fynoptifchen Evangeliſten, Marcus an ihrer Spiße, von welchem mit Aus: nahme etwa zweier oder dreier Fälle*), die andern in allen Er— wähnungen folcher Kranken und ihrer Heilung durchaus abhängig find (im vierten Evangelium fehlen diefe Erwähnungen be— Fanntlich ganz, aus Unkunde, meinen wir, nicht aus irgend welcher Abfichtlichfeit), erwähnen Kranke ſolcher Art als eine in jenen Tagen fehr gewöhnliche Erfcheinung, und ihre: Hei— lung, d. h. der Vorftellung jener Zeit zufolge, die Vertreibung der böfen Geifter aus den Kranken, als eines der Hauptge- fchäfte Sefu, insbefondere, fo kann es wenigftens fcheinen, am Beginn feiner Laufbahn”). Drei folhe Fälle werden aus- =) Matth. 12, 22, womit ich die Erwähnung des dämoniſch Taube flummen Cap. 9, 32 für iventifch halte, Luk. 8, 2 und vielleicht Luk. 13, 11. — Auch in den dem Matthäus und Lukas eigenthümli- hen Worten, Die Zefus zu den Abgefandten des Johannes fpricht, (Matth. 11,5 u. Parall) findet fih, wahrſcheinlich wegen der alt- teftamentlichen Beziehung dieſer Stelle, feine Erwähnung der Dä- monifchen, *ix) Mare. 1, 34, 39, 3, 11 u. Parall, * De.) > © Ueberfichtliche Darftellung der evangelifchen Gefchichte. 353 führlich erzählt‘), mit Umftänden, die allerdings weit über alles hinausgehen, was die medicinifche Erfahrung der neueren Zeit beglaubigter Weiſe von magnetiſchen Curen zu berichten weiß. Durch bloße Beſprechung in den einfachſten, vom Evan— geliſten ausdruͤcklich mitgetheilten Worten ſoll Chriſtus, ohne alle anderweit angewandte Mittel, — ſelbſt von koͤrperlicher Be— ruͤhrung wird nichts berichtet, — aus den Kranken die unrei— nen Geiſter, die ſie, nach dem ſo allgemein zu jener Zeit, nicht blos unter den Juden verbreiteten Volksglauben beſeſſen hielten, vertrieben, und, nicht ohne gewaltige, convulſive Er— ſchuͤtterung zwar, aber ohne einen bleibenden Nachtheil der ſo Geheilten, ihre Geneſung herbeigefuͤhrt haben. In dem einen dieſer Faͤlle wird das Wunderbare des Hergangs fuͤr uns durch die Hinzufuͤgung eines Umſtandes noch geſteigert, der fuͤr die Anſicht der Zeitgenoſſen als eine Art von Erklaͤrung deſſelben gegolten zu haben ſcheint, nämlich daß die ausgetriebenen Daͤ— monen in eine Heerde von Schweinen, die in der Nähe wei— det, hineinfahren, fie in den See hineinftürzen und ertränfen. — Da wir von feinem diefer Falle, — und was wir von diefen fagen, gilt der Hauptfache nad) auch von den übrigen evangelifchen Detailerzählungen der Heilungswunder überhaupt, — den unmittelbaren Bericht eined Augenzeugen, oder vielmehr, worauf es hier noch mehr, als jelbft auf Augenzeugenfchaft an- kommt, den Bericht eines wifjenfchaftlich gebildeten Beobachters oder Forſchers befisen: fo läßt fich zwar nicht genau beftim- men, wie viel in der Erzählung der Evangeliften von Umftän- den, die zur Erklärung des Ganzen wefentlich gehören würden, fehlen, oder wie viel, ohne Abficht einer Taͤuſchung freilich immer und im redlichften Glauben, ins Wunderbare ausgemalt fein mag. Mit Zuverficht indeffen wagen wir jedenfalls fo viel auszufprechen, Daß bei ihnen fämmtlich weder an einen My- thus im eigentlihen Wortfinne, noch an ein Misverftändnig der Art zu denken ift, wie wir ſolche an Wundererzählungen an: derer Art in allen vier Evangelien nachweifen werden, folcher, die aus Apophthegmen oder Parabeln aus Jeſu Munde, die man mit factiihen Begebenheiten verwechfelt hat, entftanden 9 Marc. 1, 23 fi. 5, 1 ff. 9, 14 ff. u. Parall. ’ 23 354 Drittes Bud. find. So nämlich müffen wir urtheilen, nicht blos aus dem negativen Grunde, weil ed uns weder den mythifchen Charakter, noch die Spur einer Parabel an ihnen zu entdecken gelungen ift, fondern auch aus dem pofitiven, weil fie in doppelter Bezie— hung das Gepräge des Gefchichtlichen tragen. Sie tragen e8 nad) der einen Seite durch die Individualität und Gigenthümlichkeit, mit der fie, feinem übrigen uns bekannten Charakter entſpre— chend, Sefum handelnd und redend zeigen, nach der andern, durch die Anfnüpfungspuncte, welche fich für ihren Inhalt in anderen, hiftorifch beglaubigten Erfcheinungen ähnlicher Art aus gleicher oder aus hinreichend nahe ftehender Zeit finden laffen. Wie nämlich jene Art von Krankheiten, welche man auf Die Befigung durch Damonen zurüdführte, — (die gemeinfchaftlichen Symptome aufzufinden, die zu diefer Auffaffung Veranlaſſung gaben, müffen wir ärztlichen Gefchichtsbetrachtern überlaffen) — zu jener Zeit allen Nachrichten zufolge häufiger als jeßt, hin und wieder vielleicht fogar in epidemifcher Weife, vorgefommen fein müffen: fo finden wir auch von einer Heilung derfelben auf magnetifchem Wege oder durch magiiche Befprechung zu vielfache und zu auffallend mit dem Inhalt der biblifchen Erzählungen verwandte Spuren*), ald daß wir es für zuläffig halten koͤnn— ten, das Vorhandenfein einer allgemeinen gefchichtlichen Grund: lage für leßtere in Abrede zu ftellen, auch wenn wir folche Grundlage in demjenigen, was die Bibel Alten und Neuen Te— ftamentes außerdem von krankhaften Zuftänden und deren aus religiöfer fowohl, wie auch aus afterreligiofer Quelle fließender Heilung berichtet (man denfe, was die lestere betrifft, an den Simon Magus der Apoftelgefchichte, deffen magiſche Künfte wohl auch mit in Dämonenaustreibungen beftehen mochten), zu finden Bedenken tragen wollten. Auch hier nun müffen wir und entfchieden dagegen erflä- ren, das Verfahren Jeſu für ein rein. pfochifches zu halten, nicht weniger, wie andrerfeit3 freilich auch dagegen, eine ra— tionale, wiffenfchaftliche Heilmethode und den Gebrauch Außer: lich erprobter Mittel vorauszufegen. Allerdings war in jenen *) Wir erinnern hier nur an die bekannte Erzählung bei Lucian (Phi- lopseud. 16) von einem jüdiſchen Dämonenbeſchwörer. . | Veberfichtliche Darftellung der evangelifchen Gefchichte. 355 Krankheiten, allen oder den meiften unter ihnen, auch das Seelenleben betheiligt, und wie die Krankheit, fo mußte aud) die Heilung nach einer Seite hin geiftiger Art fein, eine Thaͤ— tigkeit, die vom Geiſte ausging und auch in dem Kranken die Seele nicht minder, wie den Körper faßte und wohlthätig er- ſchuͤtterte. Daher erklärt fich eben die bevorzugte Richtung der Wunderthätigkeit des Herrn auf die Heilung gerade diefer Gat- tung von Kranken, und daß in den Berichten der Evangeliften gerade die Falle folcher Heilungen offenbar vor allen andern mit befonderem Nachdrude erwähnt oder ausgemalt werden, Uber weniger noch, als in andern Krankheitsfällen, wo der perfonliche Glaube des Kranken zwifchen die forperlichen Zu: ftande deffelben und den wirkenden Geift des Heilandes in die Mitte tritt, würde fich hier, wo durch die GSeelenftorung der erkrankte Geift der Einwirkung eines fremden Geifted nur um fo ferner gerückt ift, eine rein intellectuelle oder rein ethifche Wirkſamkeit erklären laffen. Selbft wenn wir, wie nicht blos jene Detailerzaͤhlungen der Coangeliften, fondern wie auf ähn- liche Weife auch anderweite Erwähnungen 3. B. der ſalomo— nifchen Befchworungsformeln u. ſ. w., deren fich die Grorcis ften bedienten, ed vorauszufegen fcheinen, eine Wirkung nur duch Wort und Geberde, ohne leibliche Berührung anzunehmen uns entfchließen müßten: felbft dann würden wir noch immer auf dem VBorhandenfeinreiner magnetifchen Kraft, die auch in die: fer Form körperlich wirkte, beharren müffen und auf Feine Weife die reine, d. h. die vollkommen forperlofe, Geiftigkeit der Wir— fung zugeftehen koͤnnen. — Eine weitere Verhandlung dieſer Frage würde jedoch im gegenwärtigen Zufammenhange Faum an ihrem Plate fein, da foldhe wefentlich auf die allgemein wifienfchaftliche Faſſung des Verhältniffes von Geift und Koͤr— per zurückkommen, und den auf naturwiſſenſchaftlichem und ſpe— eulativem Gebiete wurzelnden Irrthuͤmern über den Gegenſatz der geiftigen Subftanz zur koͤrperlichen entgegenarbeiten müßte, Daß es mit unfern gegenwärtigen Bemerkungen nicht darauf abgefehen fein Fann, den Unterfchied der Kräfte, durch welche Sefus wirkte, und durch welche jene Grorciften, die ein Gewerbe daraus machten, finftere Mächte zu vertreiben und die an Leib und Seele Zerrütteten zu heilen, in Abrede zu flellen oder zu 232 356 Drittes Bud. einem gleichgültigen herabzufegen: dies wird man aus dem vorhin von uns Gefagten leicht abnehmen. Beiderlei Kräfte verhalten ſich zu einander, — auch zugeftanden das wirkliche Vermögen jener Dämonenbefhworer, im Einzelnen Aehnliches zu leiſten, wie ja Chriſtus felbft es ihnen zugeftanden hat*), — wie nach un- ferer obigen Bemerkung die Wunderfraft Jeſu überhaupt zu zu dem fporadifchen Vorkommen magnetifcher Kräfte; welcher Gattung von Kräften die von jenen in Ausübung gebrachten unftreitig beizuzählen find. Wenn die Pharifaer die daͤmonen— vertreibende Macht Chriftt dem oberften der Dämonen zufchreis ben wollten: fo liegt fchon hierin die Anerfennung des Außer- ordentlichen und über alles, was auc die Erfahrung jener Zeit von ahnlichen Wirkungen Fannte, weit Hinausgehenden. Die Antwort aber, die ihnen Sefus bei Matthäus auf diefe Bes ſchuldigungen giebt**), weift darauf hin, wie auch der Herr, unbefchadet des Bewußtfeins, welches er über den Unterfchied feines Thuns von dem Thun pharifäifcher Exorciſten hatte, dennoch Fein Bedenken darin fand, nach anderer Seite hin beide Thaͤtigkeiten unter eine und diefelbe Kategorie zu ftellen. Das Gefchäft des Dämonenaustreibens wird noch in eine Beziehung eigenthümlicher und räthelhafter Art zu dem Mef: fiasberufe gefegt, durch die Nachricht, die wir nicht nur aus einzelnen Erzählungen abnehmen, fondern auch in Geftalt einer allgemeinen Bemerfung ausgefprochen finden***), daß die Dä- monen Sefum ald den Meffias Fannten, und, fo wie er den von ihnen Befeffenen nahte, von peinlicher Angft ergriffen, ihn aus dem Munde derfelben als folchen anzureden pflegten. Wenn irgendwo, fo tritt bei oberflächlicher Betrachtung hier für einen Ausleger zu unferer Zeit die Verfuchung ein, eine fagenhafte Ausfhmüdung der Gefchichte zu vermuthen. Denn nichts erfcheint nach unfern Begriffen abenteuerlicher und be- fremdender, als eine ſolche Wiffenfchaft der Wahnfinnigen und BVerrüdten, oder gar der aus den Wahnfinnigen angeblich fpre- chenden Geifter von einer Thatfahe, die Sefus damals felbft *) Mare, 9, 38 f. u. Parall. **) Matth. 12, 27 f. =) Mare, 1, 34 u. Parall. 3, 11. ‚ Ueberfihtliche Darftellung der evangelifhen Gefchichte. 357 entweder gefliffentlich verborgen hielt, oder wenigftens nicht ausdrüdlich zu verfündigen pflegte; und nichts kann auf der andern "Seite näher zu liegen fcheinen, als, wie neuerdings Manche es aufgefaßt haben*), die Annahme einer volfsthümli- en Berherrlihung des Meffias in der Fiction feiner: Aner- Fenntniß durch eben jene Dämonen, deren Neich er zu zerfid- ren gefommen war, Indeſſen entbehrt gerade hier die „my— thifche Anficht‘’ des Anknüpfungspunctes, den fie in ähnlichen allen fonft allenthalben zunächft zur Hand hat; naͤmlich der Borausfesung einer altteftamentlichen Erinnerung oder Anſpie— lung, die zu jener Sage den Anlaß koͤnnte gegeben haben. Dies wird befonders auffallend bei Betrachtung der ſynopti— ſchen Parallelftellen, in denen jene Notiz gegeben wird. Bei Marcus und Lukas ift es inmitten einer allgemeinen Grwäh- nung von Kranken aller Art, die man zu Sefu hinbrachte, um fie zu heilen, daß fie, auch die Damonifchen erwähnend, die Notiz von der Bekanntfchaft derfelben mit der Meffiaswürde Sefu beibringen. Diefe Notiz finden wir im erften Gvangelium mweggelaffen, und zwar augenfcheinlich aus dem Grunde, weil der Berfafler defjelben der allgemeinern Grwähnung ein größeres Gewicht zu geben beftrebt ift durch Anführung einer meffiani: fchen Weiffagung, die, wie er fie verfteht, von dem „Knecht des Sehova’’ fagen fol, daß er unfere Schwächen hinwegneh- men und unfere Krankheiten tragen will**), — eine Stelle, in der fich freilich auf jene fonderbare Thatfache Feine ausdrüd- liche Beziehung finden laffen wollte. Auch diefer Umftand ift der Annahme einer mythifchen Entftehung diefes Zuges nicht gün- fig, daß allenthalben mit demfelben zugleich der Widerwille Sefu erwähnt wird, die Huldigung diefer unreinen Stimmen anzunehmen, öder fie laut werden zu laſſen. „Er habe’, heißt e3 vielmehr ausdruͤcklich, „den Dämonen nicht verftattet, zu reden, weil fie ihn als den Meſſias Fannten’’**). In dem Ins tereffe einer Sage, die durch jene dämonifchen Anerfennungen Chriftum verherrlihen wollte, Eonnte ein folcher Zuſatz ſchwer— #) Dergl. Strauß L. J. I, ©, 23 5*. **) Matth, 6, 17, nach Jeſ. 53, 4. *) Marc. 1, 34, \ ) 1 Bu 358 Drittes Bud. lich liegen; zugleich trägt auch die wiederholte Erwähnung die ſes Umftandes ein foldes Gepräge von Ungezwungenheit und Kunftlofigfeit, derfelbe ftimmt auf fo -unbefangene Weife mit andern verwandten Zügen der Gefchichtserzählung zufammen, daß wir, bei aller Räthfelhaftigkeit des thatfächlichen Zufammen- hanges, uns doch ſchwer würden entfchließen Fonnen, ihm ben Glauben zu verfagen. Wir finden uns vielmehr gebrungen, hier allerdings als etwas Thatſaͤchliches eine geheimnigvolle Beziehung anzuerkennen, durch welche fich die höhere, fittlich- phufiihe Kraft, womit Jeſus ausgerüftet war, wider ihren eigenen Willen den durch ihre Nähe und ihr Wirken magnetifch aufgeregten Zuftänden jener Unglüdlichen kund gab. Nicht als ob wir die Worte, welche der Evangelift den Dämonifchen in der Synagoge zu Kapernaum und in dem Lande der Gadare— ner in den Mund legt, buchftäblih fo von ihnen gefprechen glaubten; aber daß die Worte, die fie in der convulfivifchen Bewegung, in welche die Nähe Jeſu fie verfegte, ausgeftoßen haben mögen, in den Hörern den Eindrud hergerufen haben müffen, aus welchem heraus der Gvangelift, ohne Abficht der Taͤuſchung und ohne daß ein wefentliches Misverftändnig von feiner Seite vorauszufeßen wäre, feine Erzählung bilden konnte: diefe Annahme glauben wir allerdings nicht umgehen zu fünnen. Daß es bei diefem allem der Vorausſetzung nicht bedarf, als wären es perfonliche Wefen gewefen, die aus dem von ihnen in Beſitz genommenen Körper der Kranken fprachen, braucht wohl nicht befonders erinnert zu werden. So lange e8 ſich nicht er- weifen läßt (was zugeftandener Weife nicht der Fall if), daß unter den Söraeliten jener Zeit allgemein, und daß bei den Evan- geliften insbefondere, die griechifche, allerdings bekanntlich auch bei Sofephus erwähnte Ausdeutung des Begriffs daͤmoniſcher Befisungen Plab ergriffen hatte, welche jene fogenannten Dä- monen zu Geiftern verftorbener Menfchen machte: fo lange kann man felbft eregetifch und gefchichtlich jene Nedeweife, welche eine Perfonlichfeit jener unreinen Geifter vorauszuſetzen fcheint, für eine mehr bildliche, als eigentliche nehmen. Bei Sefus na- mentlich wird es dann weder eigene Befangenheit in jenem Aberglauben, — dafür nehmen auch wir ihn fo lange, al das Gegentheil nicht auf überzeugendere Weiſe, als durch das, Ueberfichtliche Darftellung der evangelifchen Gefchichte. 359 was neuerdings wieder zu feinen Gunften vorgebracht worden, erwieſen ift, — noch auch im eigentlichen Wortfinne Anbequemung an den fremden Aberglauben, fondern es wird eben nur der Ge: brauch jener hergebrachten Vorftellungs = und Nedeweife gewe— fen fein, was feinen Ausdrüden wenigftens in der Erzahlung der Evangeliften, (die übrigens auch hier nicht für buchſtaͤb— lich freu zu nehmen ift) das Anfehen giebt, den Aberglauben zu begünftigen oder ihn zu theilen, Finden wir ja doch bei den GEvangeliften eine ganz ähnliche Redeweife auch in ſolchem Zus fammenhange, wo man noch weniger, al3 hier, die Vorftel- lung von einer wirklich perfünlichen ISnwohnung de Satan, von dem ed. dort heißt, daß er Kranke beherrfchte oder gebun— den hielt*), oder daß er in einen böfen Menfchen hineinfuhr**), vorausfesen kann: wo ließe fich die beftimmte Grenze nachwei- fen, jenfeit8 deren dieſe Nedeweife aufhören fol, eine bildliche zu fein? — Eben fo wenig aber, wie die Annahme folcher perfonlichen Inwohnung, bedarf es, nach unferer Erklärung je- ner räthfelhaften Thatfache, der Annahme, auf die man hin und wieder wohl auch fchon gefommen ift, eines den Befeflenen von vorn herein, in Folge ihrer Zuftände inwohnenden Vermögens des Hellfehens, durch welches fie in Stand gefeht worden wären, früher als ihre gefunden Zeitgenoffen, früher fogar als die eigenen Jünger de3 Herrn, in der Perfon Sefu den Mei | fiad zu erfennen. Offenbar nämlich gehört jenes dämonifche | Weiffagen, eben fo, wie unftreitig auch die auffallend ähnliche Erſcheinung der weiffagenden Magd zu Philippi”), nur dem Augenblide der Aufregung durch die Gegenwart und dem un: mittelbaren magifchen Einfluß der Perfonlichkeit deffen an, auf den fich die Weiffagungen bezogen. Die Vorausſetzung einer davon unabhängigen Fähigkeit des Hellfehens, fo wie ihr ge genüber die Borausfeßung eines früher noch in gefundem Zu— ftande von jenen Perfonen empfangenen, durch die Gegenwart des Heilandes nur in ihre Erinnerung zuruͤckgerufenen Eindruds, — fie beide tragen, die eine wie die andere, fremdartige Züge #) Luk. 13, 11. 16. Xp. Gefch. 10, 38, Vergl. Ap. Geſch. 16, 16, 18. ==) Joh. 13, 27. — Vergl. auch Luk. 4, 39, wo das Fieber als ein böfer Geift behandelt wird. =##) Ap. Geſch. 16, 16 ff. 360 Drittes Bud. in das Thatſaͤchliche, was uns berichtet wird, eben fo unnd- thiger, als unberechtigter Weife hinein. Wie die bisher befprochenen, fo überfteigen auch bie übrigen Heilungen von Paralytifchen, Ausfäßigen, Blin- den, Zaubftummen u. ſ. w., fofern fie von den Evans geliften nach ihren befondern Umftänden erzählt werden, das fonft von den Wirkungen magnetifcher Kräfte Bekannte vornehmlich durch die Nafchheit und Augenbliclichfeit des Er: folgs, zum Theil aber auch dadurch, daß fie Krankheiten be— treffen, von deren Heilbarfeit, fei es auf diefem oder auf irgend einem andern Wege, man Feine ficher beglaubigten Erfahrungen hat. Auch fie freilich müffen wir in das ein für allemal von und gegebene Zugeftändniß einfchließen, daß eine diplomatifche Genauigkeit der einzelnen Erzählungen nicht vorauszufegen ift. Sp wenig wir zwar von diefen Erzählungen indgefammt eine allmählige Entftehung oder Ausfhmüdung durch die Sage zu: ben koͤnnen, fo liegt es doch fchon in der Natur einer Aufzeich- nung der Art, welche die Berichte der Augenzeugen zu einer beftimmten Geftalt mit Elaren und feften Umriffen zu firiren den Zweck hat, daß fie in die Darftellung der einzelnen, aus ber Maſſe der übrigen von ihr ausgehobenen Greigniffe manche Züge hineintragen wird, welche fie vielmehr aus der Erinnerung des Ganzen zufammengelefen, als wirklich in der Geftalt eigenthuͤm— liher Momente diefer Ereigniffe überfommen hat. Es liegt um fo mehr darin, wenn der Erzähler nicht denjenigen Grad wiffenfchaftlicher Bildung befißt, welcher dazu befähigt, Das All: gemeine und Unbeftimmte auch in Geftalt der Allgemeinheit und Unbeftimmtheit feftzuhalten und gelten zu laffenz wenn er, fo zu fagen, durch die Bildungsftufe, auf der er fteht, darauf angewiefen ift, das Allgemeine nur im Einzelnen anzufchauen. Unwillführlih mußte es hier gefchehen, daß die Anfchauung der gefammten Wunderthätigfeit des Herrn fich in jene einzel- nen Vorfälle zufammendrängte, Die, anfangs nur zufällig oder durch Begünftigung perfönlicher Umftände, als Beifpiele aus der Menge anderer, ihnen ähnlicher ausgehoben waren, und daß alfo diefelben gewiffermaßen eine typifche Geltung ald Ausdrud für ganze Neihen ähnlicher Vorfälle erhalten haben. Dies aber konnte nicht gefchehen ohne eine Uebertragung mancher Be. x * * — * WUeberſichtliche Darſtellung der evangeliſchen Geſchichte. 361 Zuͤge von andern Begebenheiten auf ſie, und mithin nicht ohne eine Steigerung des individuell Wunderbaren im einzelnen Falle. So läßt es ſich z. B. gar wohl denken, daß die all—⸗ gemeine Kunde der ungewoͤhnlichen Schnelligkeit, mit welcher die Heilkraft Jeſu zu wirken pflegte, den Marcus verleitet haben konnte, in den einzelnen von ihm ohne die Controle eines Au— genzeugen oder eines genauer Unterrichteten zuerſt ſchriftlich auf— gezeichneten, von den beiden andern Synoptikern ihm nacher— zaͤhlten Anekdoten die Raſchheit und Vollſtaͤndigkeit des Erfolgs einigermaßen zu uͤbertreiben; ein Umſtand, der ſchon fuͤr ſich allein hinreichen würde, die Wahrſcheinlichkeit zu begründen, daß jene Greigniffe fich in der Wirklichfeit allerdings in wefent: lichen Puncten anders, als in den evangelifchen Berichten, aus- genommen haben mögen. Auch über die Natur der behandel- ten Krankheiten hat Marcus, und haben die Uebrigen ohne Zweifel eben fo wenig, wie über irgend einen andern Umftand, der nicht von felbft ihnen im Gedächtniß hängen geblieben war, eine genauere Grfundigung eingezogen, fondern überall fich mit der fchwanfenden und unfichern Notiz begnügt, die jener ihr Borgäanger fich aus den Erzählungen des Petrus gemerkt hatte. Hier aber Fonnte auch dies gar leicht gefchehen, daß die alt: teftamentliche, unftreitig bildlich gemeinte Weiffagung*), an welche Sefus felbft, wohl gleichfal3 mehr im bildlichen, ald im eigent- lichen Sinne erinnert hatte**) Cwiewohl gerade Marcus dieſe Directe Erinnerung nicht aufbewahrt hat), daß diefe fchon die näch- fien Schüler der Apoftel zu Verwechſelungen der wirklich vorge: fommenen Kranfheitsfälle mit den von dem Propheten nahmhaft gemachten verleitete, Die Aufgabe des wiffenfchaftlichen Forfchers der evangelifchen Gefchichte wird fich demnach in Bezug auf diefe Gegenftände dahin beftimmen laflen, das den Evangeliften aus Achter, nicht aus fagenhaft umgebildeter Ueberlieferung zugekom— mene Gefammtbild der Wunderthätigkeit Chrifti aus jenen ein= zelnen Erzählungen, an deren buchftäblicher Treue wir, wie ges fagt, nicht allzu rigoriftifch fefthalten dürfen, auf die Geftalt der *) Gef. 45, 5. 6, wo von Blinden, Tauben, Stummen und Lahınen die Rede ift. *x) Matth. 11, 5 u. Parall. —— — TA 362 Drittes Bud. Allgemeinheit zurückzuführen; auf jene Geftalt, in der es, ſelbſt bei. vorausgefester größerer Genauigkeit des Einzelnen, allein für ein gefhichtliches würde gelten koͤnnen, da bie einzel nen Thatfachen als einzelne im firengeren Wortfinne nicht ein- mal der Gefchichte angehören. Die Löfung dieſer Aufgabe wird dann ein Refultat geben, welches als Ganzes ſich nicht minder über alle damit in Vergleich zu bringende Gefammtmaf- fen ähnlicher Grfcheinungen emporhebt, wie, die Nichtigkeit der einzelnen Erfcheinung vorausgefeßt, der Inhalt dieſer ſich über alle damit aus andern gefchichtlichen Kreifen in Vergleich zu bringenden einzelnen Vorfälle erheben würde; nur daß es richtiger ift, den Sik des Wunders in das Allgemeine der Be: gabung und ihrer Bethätigung während des gefammten Ver: laufe von Jeſu Lehramt, ald in die Befonderheit des einzelnen Greigniffes zu feßen. Daß das Heilverfahren Jeſu in der Regel nur in einer augenblidlichen Einwirkung auf den Forperlichen Zuftand des Kranken beftanden haben kann: dies erhellt, die Nichtigkeit der unfern evangelifchen Nachrichten zum Grunde liegenden Gefammts anfchauung vorausgefest, fehon aus dem Umftande, daß wir mit Ausnahme etwa der Magdalena, bei welcher die Notiz, welche uns Lukas über fie giebt, auf ein länger fortgefegtes oder oͤfter wiederholtes Berfahren gedeutet werden fonnte, in feiner nähern Umgebung feine Kranken finden, die feiner Behandlung auf längere Zeit unterworfen blieben. Auch treffen wir auf feine männlichen Kranken, von denen erwähnt würde, daß der glücdliche Erfolg folcher Behandlung fie veranlaßt hätte, auch nach Beendigung derfelben als Anhänger oder Schüler in fei- ner Umgebung zu verbleiben. Bei den Frauen, die fich feinem Gefolge angefchloffen hatten, wird folcher Anlaß allerdings vor— ausgefest*). — In der That auch würde es ſchwer fallen, ein Lebensbild folchen Inhalts von der Thätigfeit Jeſu zu entwer- fen, in welchem, ohne Beeinträchtigung feiner höheren, geiftigen Wirkſamkeit, eine der eigentlich Arztlichen mehr conforme Kran Fenbehandlung einen Pla gewänne. Die Stellung Jeſu in: mitten feiner Sünger und gegenüber dem Volke fcheint vielmehr *) Luk, 83,2. Das Verlangen des geheilten Gadareners (Marc, 5, 18) wird von Jeſus zurückgewieſen. Ueberfihtlihe Darftellung der evangelifchen Gefchichte. 363 eben dies zu fordern, daß die durch ihn vollbrachten Heilungen ſich als ein Werk des Augenblids darftellen mußten, ohne Müh: famfeit und fünftlich feftgehaltene Abfichtlichfeit. — Daß irgendwo ihm der wirklich von ihm unternommene Berfuch einer Heilung mislungen wäre, finden wir nicht bemerkt, da die einzige Stelle, die allerdings fo verftanden werden Fann*), fich eben fowohl auf eine Unterlaffung folcher Berfuche aus Grund des Unglaubens der Bewohner von Nazareth deuten laßt; eben fo wenig findet fih eine Spur von Anklagen feiner Gegner, die auf folches Mis- fingen bafirt worden wären. Wir haben alfo allen Grund, eine eben fo große Sicherheit, als Schnelligkeit in dem Erfolge der einmal unternommenen Handlungen folcher Art vorauszus feßen. Die Verweifung auf Elias und Elifa und auf die be= ſchraͤnkte Anzahl der von diefen Propheten verrichteten Wundertha= ten, welche nach dem Bericht des Lukas Sefus bei jener Veran— lafjung zu Nazareth ausgefprochen haben foll**), deutet aller- dings auf ein deutliches Bewußtfein über die auch feiner Wun- derkraft, ſowohl nach ihrem Umfang, als nach der Befchaffenheit ihrer Werke gefeßte Grenze. Dies bahnt und den Weg zu der Borausfeßung, zu der, fo groß und inhaltfchwer fie auch ift, wir doch Faum Bedenken tragen, uns zu befennen: daß ein In: ſtinct des Genius, oder, wenn man diefen Ausdrud für den „ angemefjeneren hält, daß der göttliche Geift in Jeſus allenthalben oder fo gut wie allenthalben mit voller Sicherheit das Gelin- gen oder Nichtgelingen vorausfah, und nur im erftern Fall wirklich zur That fchritt. In der gerechten Vorficht, der Noth: wendigfeit auszumeichen, die ihn zu unfichern und vielleicht fehlichlagenden Verſuchen hätte drangen koͤnnen, mochte ein Hauptgrund jener Sorge für das Geheimhalten der auffallend» ſten unter den von ihm verrichteten Wunderheilungen liegen, Die bei der Annahme einer unbegrenzten Wundergabe aller: dings befremden würde. — Wenn wir nichts deftoweniger in wies derholten Andeutungen des Marcus und der übrigen Synopti— fer von dem gewaltigen Zudrange lefen, der von Kranken, Die man zu ihm brachte, und von folchen, die, um von ihren Uebeln *) Mare. 6, 5 u. Parall. Luk. 4, 26 f, — — 364 Drittes Bud. geheilt zu werden, ihn nur zu berühren begehrten, um ihn ent- fand; wenn wir erfahren, daß auch wirklich die einfache Be: rührung wenn auch nur des Saymes feines Kleides in allen (fol wohl nur heißen, in fehr vielen) Fällen von Erfolg war*): fo haben wir und gerade bei diefen, in Form der Allgemein- heit gegebenen Nachrichten mehr noch vor allzu ffeptifchem Mistrauen, ald vor leihtfinnigem Vertrauen zu hüten. Wir dürfen namlich, nach dem, was wir oben über die Außerliche Kealität und Körperlichkeit der Wundergabe fagten, durchaus nicht anftehen, zuzugeben, daß neben der begrenzten Anzahl der Falle, die Jeſus fich zu abfichtlihem, felbftthatigem Wirken ausfuchte, eine beträchtliche Anzahl anderer Kranfen auf rein phyſiſche Weife, durch bloße Berührung oder koͤrperliche Nähe die wohlthätige Wirkung feiner Heilkraft erfahren haben mögen. Ber Wirkungen diefer Art Fonnte auch ein Fehlichlagen nicht als Mislingen eined von Jeſus felbjt Unternommenen angefe- hen werden, und dem ungemefjenen Vertrauen, welches man, ' den evangelifhen Nachrichten zufolge, von allen Seiten in ‚feine Heilkraft gefegt zu haben fcheint, feinen Eintrag thun. Zu den auffallendften Umftanden, die und von der Wun- derfraft Sefu berichtet werden, gehört endlich noch die Mittheil- barfeit derfelben an andere Perfonen. Wir finden bei den drei Synoptikern, auch hier wieder Marcus an ihrer Spike, die wiederholte Erzählung, wie Sefus den vornehmften feiner Sün- ger, den von ihm ausgewählten Zwölfen, dad Vermögen (2fov- ot@) ertheilt, Krankheiten zu heilen und Dämonen zu vertrei- ben”). Wenn diefe Nachricht vereinzelt ftande, fo möchte fie, mehr als viele andere, das Anfehen des Sagenhaften haben; aber es fchließt ſich an fie eine fo beträchtliche Anzahl ver- wandter, fie vorausfeßender und beftätigender an, daß wir nicht umhin konnen, fie den beftbeglaubigten der evangelifchen Ge— fchichte beizuzählen. Nicht nur daß, nad) der Erzählung eines der Evangeliften*”*), die neben den Apofteln und nach ihnen von Jeſus Ausgefandten mit der frohen Botfchaft zurückkehren, *) Marc. 3, 10, 6, 56. Vergl. 5, 26 ff. u. Parall. Luk. 6, 19, *=#) Mare, 3, 13 ff. 6, 7 ff. u. Parall. “ee Quf, 10, 17, WUeberſichtliche Darftelung der evangelifhen Gefhichte. 365 daß die Dämonen ihnen gehorchenz; worauf fie von dem Herrn nochmals die Zuficherung erhalten, daß er ihnen Macht gebe, über Schlangen und Sforpionen und über jeder Gewalt des Feindes daherzuwandeln; nicht nur daß, allerdings nur in dem wahrfcheinlich apofryphifchen Zufage zu Marcus, unter den übrigen Gaben, welche der Auferftandene den von ihm zur Pre= digt des Evangeliums in die Welt Ausgefandten mitgiebt, noch- mals das Vermögen, in feinem Namen Dämonen auszutrei- ben und durch Auflegen der Hände Kranfe genefen zu machen, ausdrüdlich-erwähnt wird*): fo find auch die fonftigen Zeug» niffe über die auf mehrere der Apoftel und auf andere Glieder ihrer Gemeinde wirklich übergegangene Wundergabe in den Evans gelien**), in der Apoftelgefchichte und in den neuteftamentlichen Briefen fo zahlreich und fo bedeutend, daß die Thatfache diefes Uebergangs dadurh, fo viel die hiftorifche Gewißheit betrifft, in gleichen Rang mit der Thatfächlichfeit der Wundergabe Chrifti felbft erhoben wird. Bei Anerkennung diefer Thatfache find auf gleiche Weife zwei Ertreme zu vermeiden: einerfeits eine allzu mechanifche Vorftellung von der Art und Weiſe die— ſes Uebertragens, einer ſolchen, die entweder auf ein Mirafel im ſchlechten Sinne des Wortes, oder auf eine naturaliftifche Ausdeutung dieſes Hergangs und mit ihm zugleich der Wun- dergabe felbft zuruͤckkommen würde; andererfeit$ aber die An- fiht, ald ob in Wahrheit gar Feine Uebertragung ftattgefunden habe, fondern die Gabe bei allen, die damit ausgerüftet erfchei- nen, eben fo, wie bei Chriſtus felbft, eine angeborene gewefen fei. — Zu dieſer leßtern Anficht fonnte befonders leicht die Er- wähnung derfelben in einem paulinifchen Briefe***) verleiten, wo unter den „Gnadengaben“ (yaoiouare) neben dem Glau— ben, neben der Weisheit, der Gnofis, der Prophetengabe, der =) Marc, 16, 17 f. =#) Vergl. insbefondere noch Marc, 9, 18 ff. u. Parall,, wo die Er- zählung von dem Unvermögen der Jünger, in einem frhwierigen Balle ohne Beiftand ihres Meifters mit der Heilung eines Befeffe- nen zu Stande zu kommen, ganz befonders bemweifend ift für die Vorausſetzung eines wirkfich bereits ihnen mitgetheilten Vermögens zu folhen Heilungen, 1 Kor. 12,9 f. 366 Drittes Bud. "bi Fähigkeit, in Zungen zu reden oder das fo Gefprochene aus: zulegen, auch der „Wunderkraͤfte“ (Zveoyriuare Övvanenv) und neben diefen noch befonders der Heilkraft und der Daͤmo— nenbannung (diexolosıg vevuarov) gedaht wird, in ei- nem Zone, der unbefangen und anfpruchslos wie er ift, und ohne alle AbfichtlichFfeit wie von etwas in der Gemeinde jener Zeit ganz Bekanntem und Alltäglichem fprechend, dies alles als Kräfte und Talente, welche Natur und Zufall ungleichmäßig unter die Vielheit der Gemeindeglieder vertheilt habe, zu be= zeichnen fcheint. Auch Fann man diefe und ähnliche Stellen, die von den Wundergaben der älteften Chriftengemeinde han: deln, unftreitig zur Beftreitung der mechanifchen Anficht von ih: rer Uebertragung benugen. Wie Paulus felbft dort die Glieder der Gemeinde mit Gliedern eines organifchen Körpers, und ihre verfchiedenen Gaben mit den Sunctionen diefer Glieder vergleicht: fo enthalt nicht nur dieſer Vergleich, fondern der gefammte Charakter und Zufammenhang jener Stelle die beftimmtefte Noͤ— thigung für und, jene Erfcheinungen als folche zu betrachten, deren Wurzel tiefer liegt und inniger mit der Individualität ih— rer Träger verwachlen ift, als fie es fein koͤnnte, wenn fie durch eine Außerliche Mittheilung, wie ein mechanifches Kunft- fü, oder durch Studium und Hebung, wie eine mehr auf der Oberfläche liegende Kenntniß oder Fertigkeit, hätte erworben werden konnen. — So ift dem entfprechend ohne Zweifel vor— auszufesen, daß auch Jeſus perfonlich nur folchen den Auftrag zum Verrichten von Heilungen und zum Vertreiben der Daͤ— monen wird gegeben haben, in denen er bereits eine natürliche Anlage zu diefem Gefchäft erkannte. Vielleicht koͤnnte man die— fen Umftand felbft als eines der Motiven, und zwar nicht als das unerheblichfte, die Sefum bei der Auswahl der zwölf Apoftel geleitet Haben mögen, geltend machen, Allerdings müfjen wir da— bei eine allgemeinere Verbreitung jener Anlagen, als folche auch nur in Bezug auf die ihnen analogen zu andern Zeiten ftattfindet, zu jener Zeit vorausſetzen; eine Vorausſetzung, Die übrigens ganz wohl zu der welthiftorifchen Bedeutung ſtimmt, welche jenen Gaben damals zufam, ja bie durch den Begriff diefer Bedeutung gewiffermaßen fogar gefordert. wird. Dennoch möchten wir nach diefem allem nicht fo weit gehen, Veberfichtlihe Darftellung der evangelifchen Gefhichte. 367 fei es in jenem erften und wichtigften Falle, oder. auch in man- chen fpätern, das Factum der Mittheilung in Zweifel zu zie— ben, und etwa die evangelifchen Worte, in welchen der erfige- nannte Fall berichtet wird, für eine ‚bloße Ueberfleivung des von und angedeufeten Beflimmungsgrundes zur Auswahl der Apoftel zu halten. — Es verfteht ſich nach dem hier Gefagten, daß folche Mittheilung nicht fowohl als Mittheilung oder Ueber: tragung im eigentlichen Sinne wird zu fallen fein, als viel- | mehr nur als Anregung, als Erwedung eines fonft fhlummern: / den Vermögens durch eine verwandte, insbefondere durch eine / an Umfang und Intenſitaͤt überlegene Kraft. Nun ift uns zwar nichts davon befannt, daß bei magnetischen Kräften im eigentlichen Sinne eine der hier in Rede ftehenden durchaus oder dem wefentlichen Charafter nach entjprechende Anregung durch Gleichartiges ftattfände *). Doch finden ſich Analogien dazu in manchen Erſcheinungen des priefterlichen Alterthums, des Orakel- und Prophetenwefens *), und die Idee einer wer fentlichen Einheit, einer Einheit des Geiftes, wie der Apoftel Paulus es ausdrüdt, der in aller Mannichfaltigfeit der Gna— dengaben walten follte, fcheint die Nothwendigfeit mit fich zu bringen, daß auch auf Außerliche Weife, durch einen Außerlich erfennbaren Zufammenhang diefe geiftige Einheit fich mußte darftellen fonnen. — Zwar finden wir bei Öelegenheit eines fremden Dämonenaustreibers, dem die Jünger wehren wollten, weil er, ohne zu ihnen zu gehören, fich bei feinem Gefchäft des Na- *) Es kann nämlich hier, wie man fieht, nicht von der Anregung fomnambuler Zuftände durch magnetifche Behandlung als yon etwas Analogem die Rede fein, fondern als etwas wirklich Analoges würde nur eine Hebertragung wirfender oder thätiger Kräfte von einem Individuum auf Das andere betrachtet werden fünnen. ##) Ueber das Element des Wunderbaren, in dem hebräifchen Prophes tentpume Can welchem übrigens die Aeußerungen der Heilkraft nicht, wie bei Jeſus und den Apofteln, die Hauptfeite bildeten, fondern vielmehr das Hellfehen und Weiffagen) verweifen wir, dem auch in diefem Puncte auf die äußerfte Spite getriebenen Skepti— eismus eines Strauß gegenüber, auf die Bemerkungen in einem Buche, welches man gewiß nicht einer allzugroßen Hinneigung zum Glauben oder Aberglauben befchulpigen wird, nämlich in Vatke's biblifcher Theologie, I, ©. 416 ff. 368 Drittes Bud. mens Sefu bediente, aus Jeſu Munde die ausprüdlichen Worte, daß er jeden, der nicht wider ihn fei, ald mit ihm feiend be- trachtet wiſſen wolle *). Wlein diefe Worte zeigen, wie jo manche ähnliche, nur von der Xiberalität des Heilandes in Be— zug auf die Aeußerungen des Geiftes im Einzelnen, die er ein für allemal nicht unter eine enge Formel gebunden wiffen wollte; nicht aber davon, daßer auch im Ganzen und Allgemeinen ein aus: drücliches Band, welches die Seinigen zufammenhalten follte, oder eine ausdrüdlich von ihm ausgehende Kontinuität der Wir- kungen für überflüffig geachtet hätte. In der apoftolifchen Kirche fcheint e8, einigen Andeutungen insbefondere der Apoftelge- fhichte zufolge”), die Taufe gewefen zu fein, durch welche, auf eineWeife, von der wir wiffenfchaftlich allerdings nicht nähere Rechenſchaft zu geben wiffen, von derwir aber kaum zweifeln duͤr— fen, daß eine geheimnißvolle Naturfraft dabei wirfend war, Die in den einzelnen Individuen fchlummernden Kräfte zum Dienfte des göttlichen Neiches gewedt wurden. Später hatte wohl das, in früherer Zeit befanntlich mit dem Sacrament der Taufe zu⸗ fammenfallende, Inſtitut der Priefterweihe einen ähnlichen Sinn, und, wenigftend eine Zeitlang, eine ähnliche Beftimmung. Uebrigens finden wir in dem Bericht von den bei Jefu Leben von den Apofteln verrichteten Heilungen die ausdrüdliche Erz wähnung eines Außerlichen, doc wahrfcheinlich nur zur Leitung der lebendigen Heilkraft angewandten Mittels, nämlich des Deles *9; eben fo finden wir von Sefus ausdrüdlich Gebet und Faften, ald nothwendige Uebung, die Heilkraft zu ftärfen, anempfohlen +). So viel hier im Allgemeinen über diefe Seite der Bega— bung und der Tchätigfeit Sefu, die wir, ald die reale, phyſiſche Unterlage feines geiftigen Seins und Thuns, vor diefem lekte- ven in Erwägung ziehen zu müffen glaubten. Wenn fi, wie theils mande Erzählungen unferer Quellen, theils auch felbft *) Mare. 9, 38 ff. u. Parall. =) Ap. Geſch. 8, 39. 19, 2 ff. 6) Marc. 6, 13. Bergleiche über den ganz ähnlichen Gebraum des Deles in der apoftol. Kirche: Jak. 5, 14. +) Marc. 9, 29 u. Parall. er £ E | ’ J Ueberſichtliche Darſtellung der evangeliſchen Geſchichte. 369 ſchon die Analogien verwandter Begabungen in aͤlterer und neuerer Zeit allerdings uns dies anzunehmen veranlaſſen, auch noch auf andere Weiſe, z. B. durch wunderbare, dem magnetiſchen Hellſehen entſprechende Blicke in die Zukunft oder in das verborgene Innere der umgebenden Natur und Menſchenwelt die Wundergabe Jeſu geaͤußert haben mag: ſo koͤnnen ſolcherlei Aeußerungen, da ſie in der Geſammtheit ſeiner Lebensthaͤtigkeit keine naͤher motivirte Bedeutung einnehmen, auch nicht Gegenftand einer allgemeinen Betrachtung werden. — Noch weniger, oder vielmehr nur in eis nem negativen Sinne fonnen folches die übrigen in unfern ‚ Evangelien berichteten Wunderthaten, diejenigen, die nicht, gleich den bisher befprochenen, auf den Begriff einer eigenthümlichen organischen Begabung fih zurücführen laffen, fondern deren Begriff (falls es nämlich von dem, deflen eigenfte Natur dar: in bejtehen würde, das ſchlechthin Begrifflofe oder Unbegreifliche zu fein, das Wort „Begriff“ zu brauchen verftattet ift) der rein negative des Hinausgehens über den gewöhnlichen Natur: verlauf, des Durchbrechens der Gefeße diefes Naturverlaufes wäre, Wie diefen angeblichen Wundern das begrifflihe Fundament, der begriffliche Zufammenhang mangelt, den wir in dem bisher Befprochenen nachgewiefen zu haben glauben; wie man, um fie als thatfächliche gelten zu laffen, allem wahrhaften begrifflichen Berftändniffe des natürlichen Weltzufammenhanges entfagen müßte: fo entbehren fie, — ein Umftand, der wohl zu berüd- fihtigen ift, obgleich er meift leichtfinnig genug überfehen wird, — nicht minder auch aller jener hiftorifchen Zufammenhänge fowohl innerhalb, als außerhalb der evangelifchen Gefchichte, durch deren Unterftügung die Achten Wunder ſich uns als fo wohl beglaubigte dargeftellt haben. Bon diefen glauben wir gezeigt zu haben, wie fie zum Verftändniß der Erfcheinung Jeſu nach ihren gefchichtlichen Verhältniffen im Ganzen und Großen, insbefondere feiner Stellung dem Volke gegenüber, unter wel- chem er wirkte und lehrte, fo nämlich wie diefelbe in den fyn- optifchen Evangelien ung gefchildert wird, unentbehrlich find; von jenen dürfen wir mit gutem Rechte fagen, daß fie zu dieſem hiftorifchen VBerftändniffe nicht nur nichts beitragen, daß fie vielmehr dafjelbe, ganz eben fo wie das begriffliche, unmög- lich mahen. Es ift bemerfenswerth, daß Ddiefelben Urkunden, 24 1" u Zee 370 Drittes Bud, die uns Über die Wirkungen, welche die Heilungswunder Jeſu auf das Volk übten, eine fo genaue und fo befriedigende Re— chenfchaft, von der Stellung Jeſu zum Volfe, wie fie ſich in Folge jener Thaten geftaltete, ein fo innerlich wahres, fo durch— aus mit fich felbft übereinftimmendes Bild geben, über bie Wirkungen der übrigen vermeintlichen Wunder, — wir wollen fie zum Unterfchied von den Achten, ein für allemal nicht Wunder, fondern Mirafel nennen, — ganzlich fhweigen, und in verfchiedenen Zufammenhängen vielmehr nur folches berich- ten, was mit der factifchen VBorausfegung diefer Mirakel in dem directeften Widerfpruche fteht. Das auffallendfte der von den Synoptifern erzählten Mirafel, dasjenige, welches als wirklich gefchehene Thatfache unter dem Volke das größte Auf: fehen hätte machen müffen, ift unftreitig die Doppelte Speifung einer Volksmenge erft von fünftaufend, dann von viertaufend Menfchen durch eine geringe Anzahl von Broten und Fifchen. Man bemerfe nun, wie diefelben Berichterftatter, die nad) der Erzählung einer glüdlich vollbrachten Heilung oder Dämonen- austreibung felten ermangeln, einige Worte über das Crftaunen der Menge, über die Verbreitung des Gerüchts von der That und über das Weitere, was fich daran knuͤpft, hinzuzufeßen, wie eben fie jene beiden Erzählungen mit einer trodenen Notiz über die Zahl der gefpeiften Menge befchliegen, ohne der Wirkung auf jene Schaaren, die wir bei Feiner anderen Gelegenheit fo zahl- reich, als gerade hier vorauszufeßen haben, nur mit einem Worte zu gedenken *). Sie erzählen fogar unmittelbar nach dert zweiten diefer Vorfälle von einer Forderung, welche bie Pharifaer an Sefus thaten: daß er fich durch ein Zeichen vom Himmel vor ihnen beglaubigen ſolle; worauf Jeſus antwortet, daß diefem Gefchlechte Fein Zeichen folle gegeben werden. Man hat, um dem Widerfpruch zu entgehen, der offenbar hierin liegt, zu dem Nothbehelf gegriffen, die nähere Befchaffenheit des ver- Yangten Zeichens zu urgiren; indem es durch die Propheten zur Bolfsmeinung geworden fei, der kommende Meffias werde durch Zeichen vom Himmel beglaubiget werden. Aber abgefe- hen davon, daß jene Forderung fchwerlich dem Meffias als fol: *) Mare. 6, 44, 8, 9 u, Parall. > Ueberfichttiche Darftelung der evangelifchen Gefchichte, 371 chem gegolten haben kann, da fich Jeſus nicht öffentlich für diefen ausgab: fo wird jeder einfichtige Forfcher das Ber: Dachterwedende uns zugeftehen, was darin liegt, daß fo ohne alle Rüdficht auf das unmittelbar vorher erzählte unerhörte Er— eigniß, ohne irgend eine Angabe des Motivs, weshalb man diefes Greigniß nicht fchon als vollgultig habe anerkennen wol- len, die Erzählung von diefer Wunderforderung fo troden hin: geftelt wird, gleich als hätte Iefus wirklich ſich noch durch Fein Zeichen irgend einer Art beglaubigt. — Im vierten Evan: gelium finden wir zwar fowohl, was den erwähnten Fall be- trifft, die Lüde, die wir in den übrigen bemerken mußten, ausgefüllt, indem nach der Speifung der Fünftaufend erzählt wird, wie die Menfchen „Jeſum für den wahren Propheten ers Fannten und ihn zum König machen wollten‘ *), als auch fonft zu wiederholten Malen des Eindruds gedacht, den Jeſus durch feine Mirafel hervorrief, durch die ihm, fo erfcheint es dort, den übeln Eindrud, den er durch feine Lehre auf den größe- ven Theil des Volkes gemacht hatte, zu Zeiten einigermaßen zu compenfiren gelang. Allein wir haben fchon mehrfach Ge: legenheit zu bemerken gehabt, welche Uebelftände jene Gefammt- anficht diefes Evangeliums mit fih führt, welches, troß des größeren. Gewichts, das es, im Gegenfaße der Synoptiker, auf die ‚„„Zeichen und Wunder“ (onusia zaı regata) legt, es doch nicht einmal dahin bringt, aus feiner Schilderung der Bolköftimmung gegen Jeſus Widerfprüche ganz ähnlicher Art, wie die fo eben bei den Synoptifern gerügten, entfernt zu hal: ten. So finden wir hier nicht nur eben fo, wie dort, bald nach dem Vorfall mit den Wunderbroten, fondern, was unftrei- tig noch auffallender ift, mitten in einem Gefpräch, zu dem ausdrücklich diefer Vorfall den Anlaß gab, die Frage nach ei- nem beglaubigenden Zeichen,, fogar. mit einer Grinnerung an das Manna in der Wüfte *). Kurz, in diefem Evangelium eben fo, wie in den übrigen, ftehen die eigentlihen Mirakel ganz zufammenhangslos und find, wenn fie einmal gefchehen find, für die weitere Folge der Begebenheiten fo gut wie =) Joh. 6, 14 f. =*) Ehendaf. V. 30 f. 24* Damen „v5: ** 372 Drittes Buch. nicht geſchehen, waͤhrend dagegen, was die Wunderheilun— gen und deren Erfolg im Ganzen und Großen betrifft, die Nachrichten, welche dieſes Evangelium giebt, an Klarheit, Anſchaulichkeit und innerem Zuſammenhang weit hinter denen, welche die uͤbrigen geben, zuruͤckſtehen. Waͤhrend alſo in Bezug auf die aͤchten Wunder die ein— zelnen Erzaͤhlungen der Evangeliſten der Hauptſache nach im beſten Einklange mit den Vorausſetzungen ſind, welche ihrer Darſtellung im Ganzen und zum Theil unbewußt zum Grunde liegen: fo findet fich in Bezug auf die Mirafel zwifchen diefen zwei Momenten eine ſchwere, ja in Wahrheit eine fchlechter- dings nicht auszugleichende Differenz. Die Erzählungen im Einzelnen gehen von der, den Cvangeliften allerdings fehon mit der nachherigen Dogmatik gemeinfchaftlichen Anfiht aus, als fer die Wunderkraft Sefu eine vollig unbegrenzte, als über- fteige der Begriff der Wundergabe fchlechterdings alle und jede menfchliche Faſſungskraft. Ohne eigentlich wunderfüchtig zu fein, ohne, wie nach ihnen die apokryphiſchen Erzaͤhler, die Wundergeſchichten gefliſſentlich und mit Vorliebe vor allem andern Geſchichtsſtoff aufzuſuchen, finden wir ſie doch ſtets bereit, das Wunderbare in den Begebenheiten aus Jeſu Lebensge— ſchichte als ein von ſelbſt ſich Verſtehendes hinzunehmen und von allem, was ihnen als ein Wunderbares geboten ward, die factiſche Wahrheit vorauszuſetzen, ohne auch nur zu fragen, ob nicht vielleicht der frühere Erzähler felbft e8 in anderer Abficht, als in der Abficht, Factifches zu berichten, vorgetragen haben fonne. Wir werden unten zeigen, wie fich bei dieſer Sinnes— weife der evangelifchen Schriftfteller die Entſtehung ſaͤmmt⸗ licher Erzaͤhlungen von den eigentlichen Mirakeln auf das un— befangenfte und natürlichfte erklaͤren läßt, aus bloßem Misver— ftändniffe einer, ihrer wahren Inhaltsbefchaffenheit nach durch die aus jenem Misverftand hervorgegangene Relation hindurch noch vollkommen deutlich erkennbaren parabolifchen Rede, oder anderer dergleichen den Covangeliften mündlich überlieferter Anekdoten; ohne daß wir dabei doch eine poſitiv geftaltende Thätigkeit der Mythendichtung zu Hülfe zu nehmen brauch: ten. Diefem aber gegenüber finden wir, — und dadurch vor- nehmlich erprobt fich und von gefchichtlicher Seite die Richtigkeit ru ı A Veberfichtliche Darftelung der evangelifchen Gefhichte, 373 unferer Auffaflung der Mirafelerzählungen, — in jenen Schriftftel= lern felbft, den fynoptifchen wenigftens, eine Totalanfchauung des Verlaufs der evangelifchen Gefchichte, welche den Inhalt jener Erzählungen als einen nicht wirklich gefchehenen voraus- fest, indem fie zu ihrer Grundlage einen Gaufalzufammenhang des Herganges diefer Gefchichte hat, in welchen jene Begeben- heiten nur florend hätten eingreifen fünnen. Auf ganz entſpre— chende Weife, wie einige unferer Evangeliften erft die jungfräus liche Empfaͤngniß Chrifti und feine Geburt zu Bethlehem dem Mythus nacherzählen, und nachher dennoch, ohne fich durch die Erinnerung an das von ihnen felbft Berichtete ſtoͤren zu laffen, von Sefus als dem Nazarener, als dem Sohne Sofephs reden, — auf ganz entiprechende Weife wiſſen die Evangeliften fammtlich zwar einzelne über dad Bereich des Natürlichen völ- lig hinausgehende Handlungen zu erzählen, aber fie nehmennichts deftoweniger Fein Arg daran, den Lebenslauf des Herrn in allem Uebrigen unter das fonftige Gefeß aller Dinge und die natürliche Ordnung einzufügen, insbefondere aber, ihn diefe feine Unter: ordnung unter das Naturgefeß felbft anerkennen, und gegen die Mirakelforderungen der Juden in den ſchroffſten Gegenfaß tre— ten zu laffen. — Die vorhin angeführte Yeußerung, die uns von den Evangeliften in doppelter *) gegenfeitig von einander unab— hängiger Geftalt berichtet und dadurch um fo beffer beglau- bigt wird, meint ohne allen Zweifel die eigentlichen Mirakel, die Sefus mithin eben fo laut und entfchieden von fich ablehnt, wie er andrerfeitS die magnetifchen oder Heilungswunder zu wiederholten Malen als weſentlich zu feinem Berufe gehörend und feine gottlihe Sendung beglaubigend erklärt. Wir gingen im Obigen von der Vorausſetzung aus, daß das Bewußtfein Sefu über feinen göttlichen Beruf, jenes Bes wußtſein, welches wir feinem öffentlichen Auftreten ald Lehrer und Prophet nothwendig vorangehend denken müffen, fich zum Theil an dem Bewußtfein, an der innern und wohl auch fchon Außerlich erprobten Erfahrung der ihm verliehenen Wundergabe entzündet haben mag. Nur durch dieſe Vorausfegung wird #) Matth. 12, 385 Mare, 8, 10 ff. u. Parall. 374 - Drittes Bud. jene Gabe zu dem eigentlichen Wefen und Begriff des meffia- nifchen Berufes in ein richtiges Verhaͤltniß geftellt, während, wenn man umgefehrt dad Bewußtfein diefes Berufes jener Er- fahrung vorausgehend denken wollte, dann die Wunderfraft nur in den Nang einer Außeren, gleichgultigen Zugabe zu der gei- ftigen Subftanz diefed Berufes zu ftehen fommen würde. — Das Bewußtfein der Wundergabe mußte infonderheit auch dienen, für Sefus felbft die Gontinuität feines meffianifchen Selbftbe- wußtleins mit den Borftellungen und Berfündigungen, die das Alte Teftament und die der iSraelitiiche Volfsglaube von dem zu erwartenden Meſſias gab, zu vermitteln. Nicht ald ob eine MWunderfraft genau in der Geftalt, wie fie Sefus befeffen hat, in diefem Bolfsglauben dem Meſſias vorausbeftimmt gewefen wäre, und Sefus fich daran als an einem Außern Zeichen für den, der da fommen follte, hätte erfennen fonnen, Für eine fo äußerlich mechanifche die Defonomie des göttlichen Reiches halten zu wollen, wäre Läfterung: auch hat neuerlich der „‚my- thiſchen Anficht‘ der evangelifhen Gefchichte nicht einmal der Berfucd recht gelingen wollen, auch nur die Vorftellungen, welche den Erzählungen unferer Evangeliften zum Grunde liegen, allenthalben fo, wie fie es zu leiften fich anheifchig machte, auf altteftamentliche Vorbilder oder Weiſſagungen zurüczuführen oder aus ihnen abzuleiten. Noch weit weniger würde Died mit der wahren, gefchichtlichen Geftalt der Wundergabe gelingen koͤn— nen, da nachweislich in diefer das Hauptmoment, ja faft das einzig wefentliche, diejenige Seite bildet, welche in den fagen: haften Gefchichten von den Propheten alter Zeit nur fehr un: volftändige Vorbilder hat, in den Weiffagungen aber ganz im Hintergrunde fteht und nur hin und wieder in Andeutungen, die mehr bildlich als eigentlich zu nehmen find, hervortritt. Daß Sefus feine Wunderfraft für die von dem Meffias erwartete Wunderfraft erkennen konnte: dies felbft bleibt, bei allen Bezie— bungen, die man gefchichtlich zwifchen der einen und der andern nachweifen mag, noch immer ein Geifteswunder, höher und größer, als die leibliche Wundergabe felbft, Das aus dem Bewußtfein der leiblichen Wundergabe, unter vergleichendem Ruͤckblick auf die meffianifchen Weiffagungen aufgehende gott- menfchlihe Selbftbewußtfein, welches fih in dem von Sefus Ueberfichtliche Darfielung der evangelifchen Gefhichte. 375 angenommenen Namen „Sohn des Menfchen‘’ ausfpricht, ift und bleibt nach jenem allem eine fchöpferifche Urthat, der ge: waltigfte Geiftesblig, der je in einem Individuum des menfch- lichen Geſchlechts aufleuchtete. Wenn wir nun aber in Bezug auf das eigene Selbftbe- wußtfein Iefu jener realen oder bafifchen Seite feines Berufs eine gewiſſe Priorität vor der idealen und geiftigen zugeftehen müfjen: fo haben wir, infofern es fih von feinem Auftreten nach außen handelt, hinreichenden Grund, gefchichtlichen fo= wohl als philofophifchen, ein umgefehrtes Verhältniß beider Sei— ten vorauszufegen. Hier forderte es der Begriff des meſſia— nifchen Berufs, der Zweck der Erfcheinung und der Wirkfam: keit des Heilandes, daß die reale Seite vielmehr als bedingt durch Die ideale erfchien, als, wie dort, diefe durch jene, Wir fonnen in diefem Sinne nicht umhin, den Markus zu loben, daß er früher von der Lehre Iefu und von der Verkündigung der Heilsbotſchaft, als von feinen Wundern fpricht, und felbft das große Auffehen, das Sefus macht, von vorn herein nur feiner Lehre, ohne eine Erwähnung der Wunder, beizumeffen feinen Anftand nimmt *). In diefer verftändigen Anordnung ift ihm der Hauptfache nach der Berfaffer des erften Evangeliums nachgefolgt, und auch Lukas ftellt noch immer die Erwähnung der Lehre voran **), wiewohl er fonderbarer Weife früher von dem Nuhme, den Sefus erwarb, als von irgend einer feiner Handlungen und Neden fpricht. Nur der Verfaffer des vier ten Evangeliums erzählt früher von Wundern, als von einer Lehrthätigkeit. Auch die Anwerbung von Süngern nämlich, die er dem Wunder, mit welchem Sefus auf der Hochzeit zu Kana feine galiläifche Laufbahn eröffnet **), noch voranfchict, erfolgt bei ihm nicht durch den Zauber feiner Lehre, fondern theils durch die Anpreifung des Taufers, theild dur) das Er— ftaunen, welches Zefus durch Proben feines wunderbaren Wiffens jenen Neophyten einflößt. Aber auch diefer Evangelift handelt fchwerlich mit Abficht fo, fondern nur aus Mangel eined mit beſon— *) Mare. 1, 22, =*) Luk. 4, 15. en" 3052, 11; 376 Drittes Bud. nener Ueberfchauung feines Gegenftandes angelegten Planes fei- ner Arbeit. — Bon einzelnen Heilungen, die Jeſus im engeren Kreife allerdings ſchon früher verrichtet haben mußte, da er fonft nicht jenes Bewußtfein, welches wir in ihm vorausfeken, hätte gewinnen fünnen, kann hier natürlich nicht die Rede fein. Nur für die öffentliche Wirffamkeit als folche würde offenbar der richtige Gefichtspunct verfchoben werden, wenn man anneh— men wollte, daß er vorher die Menge durch Wunderthaten in Erſtaunen gefest, und dann erft Glauben für feine Lehre gefor: dert habe, da wir doch wiflen, daß er gerade umgekehrt Glau— ben an Sich als nothwendige Bedingung des Erfolgs der Wun— derheilungen forderte. — Die durch die jüdische Neligionsfitte ihm dargebotene Gelegenheit zur Gröffnung feines volfsthümli- chen Lehramtes war das Auftreten am Sabbath in den Syna— gogen mit Vorleſen und Erklären einer Schriftftelle, welches be— Fanntlich damals auf die lideralfte Weife Allen, die fich dazu berufen fühlten, verftattet war. Wiederholte Erwähnungen die— fer Art des Lehrens in allen vier Evangelien *) laſſen Feinen Zweifel darüber, daß Jeſus fowohl in diefer Form zuerft auf trat, als auch fpäter, nachdem er ſchon gewohnt war, daß fi) von felbft, im Haufe und im Freien, Volfsmaffen, die ihn hören wollten, um ihn fammelten, zu ihr al$ der bequemften Gelegenheit, ein aufmerffames und andachtiges Publicum zu finden, zurückkehrte. Ausorüdlich in der Synagoge zu Kapernaum ift ed, daß Marcus Sefum das erfte unter den von ihm erzählten Wundern, die Heilung eines Dämonifchen verrichten läßt, doch ohne die Bemerkung, daß es das erfte überhaupt geweſen fei, wie der vierte Evangelift die Wafferverwandlung zu Kana als den ‚‚Anfang der Wunder’’ bezeichnet. In der That müffen wir befennen, daß wir zu dem hier von und aufgeftellten Ge: fammtbegriffe des gegenfeitigen Berhältniffes der Lehre und der MWunderthätigkeit feinen beffer ftimmenden Anfang der leßteren aufzufinden wüßten. Wie es denn gewiß auch in dem hier *) Mare, 1, 21. 39. 3, 1. 6, 2 u. Varall, Matth, 4, 23. Zul. 4, 15 f. 13, 10. Das vierte Evangelium bemerft nur von Einer Rebe nachträglich, nachdem es dieſelbe fchon berichtet Hat, daß fie in ber Synagoge zu Kapernaum gehalten worden fei. Joh. 6, 59. WUeberſichtliche Darftellung der evangelifchen Geſchichte. 377 von und angedeufeten Sinne charakteriftifch ift, wenn wir den Evangeliften an eben jener Stelle die gefchehene Wunderthat unter den Begriff der Lehre mit aufnehmen fehen *). Ueber den Inhalt der Lehre Chriſti kann e8 unfere Abficht im gegenwärtigen Abfchnitte nicht fein, uns weiter zu verbrei— ten. Nur eine Borfrage über diefelbe gehört noch dieſer allge meinen gefchichtlichen Betrachtung anz auch diefe jedoch nur in einer kurzen Andeutung, da der eigentliche Beweis, den wir für unfere Beantwortung derfelben zu geben gedenken, nicht von der fperielleen Behandlung der Neden und Ausfprüche Chrifti, auf welche fich diefelbe gründet, getrennt werden kann. Wir meinen die Frage über das Verhältniß diefer Lehre zu der Sitte und dem bürgerlichen Gefeß der Juden, insbefondere zu der mofaifchen Gefeßgebung: ob Jeſus in Uebereinftimmung mit derfelben zu lehren glaubte, oder eines Widerfpruchs zu ihr fi) bewußt war; ob er fie nur zu erflären und zu vervollſtaͤn— digen, oder umzugeftalten und über fich felbft hinauszuführen trachtete. — Es kann Niemandem verborgen bleiben, daß Diefe Frage zu den Lebensfragen in Bezug auf den Begriff gehört, den wir uns über die göttliche Offenbarung in Chrifto zu ent— werfen haben. War Chriftus wirklich, wie jeßt neuerdings, nachdem man die früher in diefem Sinne aufgeftellten Zweifel hinreichend beantwortet glaubte, die ffeptifche Kritik fich wiederum dahin zur neigen fcheint, war er in den Vorurtheilen feines Volks und in der anerzogenen Bildung dergeftalt befangen, daß er den Gedanken einer Durchbreckung, einer Aufhebung des mofaifchen Geſetzes nicht zu faſſen wagte, daß er die buch— ftäbliche Geltung deffelben für alle Zeiten, oder wenigftens bis zur Zeit feiner dereinftigen Wiederfunft als Weltrichter in feine Lehre aufnahm und als nothwendige Vorausſetzung derfelben beftehen ließ; kurz, ift die durch das ChriftenthHum unmittelbar nach Chriftus factifch erfolgte Aufhebung des Geſetzes nicht ein von Chriftus felbft gewolltes und beabfichtigtes, fondern ein von feinen Nachfolgern im Drange der Umftände aus dem *) zis 7 Öidayn 7 za) abrn fragen bie in der Synagoge Verſam— melten beim Exbliden der Gewalt, die Jeſus über die Dämonen übt, Mare. 1, 27. 378 Drittes Buch. Stegreife begonnenes Werk: fo kann weder von einer Unfehl- barfeit, noch von einer alles andere Menfchliche überfteigenden Geiftesgröße Jeſu mehr die Nede fein. Jeſus ift dann ein Prophet und Neligionslehrer, wie andere mehr, und nur der Zufall iſt es, der ihn ald Sohn Gottes und Heiland des menfohlihen Gefhlehts zum Mittelpuncte der Weltgefchichte gemacht hat. — Wir begnügen uns an diefer Stelle, Diefer irrigen Anficht mit furzen Worten die richtige entgegenzuftel: len, diejenige, welche wir in den nachfolgenden Büchern durch nähere Betrachtung der einzelnen Ausiprüche Sefu und durch den Zotaleindrud, den wir von allen im Zufammen: hange gewinnen, beftätigt finden werden. Allerdings hat Je— fus nicht mit ausdrüdlichen Worten die Ungültigfeit der mo: faifchen Satzungen, ſei es im Ganzen, oder im Einzelnen aus: gefprochen. Sein Werk war nicht, aufzulofen oder zu zerfto- ren, fondern zu erfüllen, das heißt, den Sinn, die Soee, die er in der alten Gefeßgebung verborgen erfannte, zu ver: wirklichen, den Zweck, den er dort angeftrebt, aber nicht voll: ſtaͤndig erreicht fand, auszuführen. Solche Ausführung aber war ohne den Umfturz der Außerlichen unmittelbaren Geftalt des Ge: feßes unmoͤglich, und Jeſu das Bewußtfein diefer Unmöglichkeit abfprechen, darum abfprechen, weil er es nicht mit ausdrüdlichen, Haren Worten ausgefprochen hat, ift durchaus unhiſtoriſch. Er hat es Darum nicht in diefer unzweideutigen Weife ausgefprochen, — angedeutet für die, welche es faffen konnten, hat er es mit Wort und That auf das vielfachfte, — weil die Aufhebung des Alten erſt in Folge der neuen Schöpfung eintreten Fonnte und eintreten follte, dieſe Schöpfung felbft aber nur erft der Idee, nicht auch dem äußeren Dafein nach durch ihn begruͤn— det ward. Bis dahin, daß die neue Schöpfung auch in das äußere Dafein heraustrat, durfte nicht nur, fondern follte auch das Alte fortbeftehen, eben weil das Neue nicht ſchlechthin nur ein anderes, ald das Alte, oder im MWiderfpruch mit dem Alten, fondern das Ute an fich oder feiner innerlichen Tendenz nach fehon das Neue war. Wie entfchieden aber Jeſus in fei- nem eigenen, perfonlihen Thun fich von dem Buchftaben des Geſetzes emancipirte, wie frei die Geftalt feines Lebens, — das ideale Vorbild der Kirche, die er gründen wollte, — von VUeberfichtliche Darſtellung der evangeliſchen Geſchichte. 379 allen Beziehungen des Opfer- und Tempelcultus und des ge— ſammten israelitiſchen Ceremoniendienſtes daſteht: dies haben wir bereits oben nachgewieſen, und Jeſus ſelbſt hat ſein Be— wußtſein uͤber dies alles deutlich genug in den großen Worten, daß des Menſchen Sohn Herr iſt auch uͤber den Sabbath, und daß ſeine Naͤhe mehr als der Tempel iſt, ausgeſprochen. Lau— ter aber, als vielleicht irgend eine andere der von ihm geſpro— chenen Reden oder gethanen Handlungen zeugt für die erhabene Freiheit, mit der er über dem Gefeke fehwebte, in dem man ihn befangek meint, jenes Wort felbft, durch welches man jene angebliche Befangenheit erweifen will*). Wie hätte Sefus, in der Vorausſetzung doch wohl, nicht etwas Vergebliches zu fagen, wie hätte er diefes felbft fagen koͤnnen, mit fo gewaltigem, vollfräfs tigem Accent fagen konnen: daß er nicht gefommen fei, das Gefek aufzulöfen; wie hätte er mit demfelben gewichtigen Accent das Ge— feß betätigen fonnen, wenn er nicht das Bewußtfein gehegt hätte, der zu fein, von dem dad Geſetz, infofern es noch fernerhin gelten fol, feine Geltung haben wird? Ohne diefes Bewußt— fein wäre er nie auf den Gedanken gefommen, daß es je einem feiner Sünger einfallen fonne, das Geſetz für aufgelöft durch ihn zu halten; eben diefes Bewußtfein ift aber an und für fich felbft ſchon die Aufhebung derjenigen Autorität, durch welche das Gefek bisher beftand, alfo die Aufhebung des Gefeßes felbft, infofern es nicht durch Chriſtus ausdruͤcklich wiederher: geftellt wird. Diefe MWiederherftellung felbft aber, wie weit fie Davon entfernt fei, eine buchftäbliche zu fein, wird gleichfalls durch nichts anderes deutlicher ausgefprochen, al3 gerade dadurch, Daß fie an eben jener Stelle in fo emphatifchem Zone als eine buchftäbliche bezeichnet wird. Indem nämlich Jeſus feine Ver: fiherung der fortwährenden Geltung des Gefeßes auf eine ſolche Buchftäblichfeit deffelben ftellt, die an und für fich, der Natur der Sache nach unerfüllbar ift, fo zeigt er hiermit, wie er übers haupt nicht die Buchftäblichfeit im Außerlichen Verſtande, fondern jene inwohnende Unendlichkeit des Geiftes meint, zu welcher fih die Außerliche Unendlichkeit der Forderungen des Buchſta— bens nur wie die Afymptote zu ihrer Hyperbel verhält. *) Matt. 5, 17 f. Bir | tm ne 380 Drittes Bud. N *r Was die Form und Methode der an das Volk, an die Menge als ſolche gerichteten Lehre betrifft, ſo glauben wir es mit der Andeutung, die ſich bei unſern Evangeliſten) über den Unterfchied dieſer eroterifchen Vorträge zu den efoterifchen, an die eigentlichen Sünger gerichteten findet, etwas genauer. neh- men zu müffen, als man gemeiniglich thut. Es heißt nämlich) dort, Daß er zu der Menge nie anders, ald in Bildern und Gleichniſſen ſprach; eine Notiz, die mit eigenen Ausſpruͤ— chen des Herrn über diefen Punct”*), jo wie auch mit dem Charakter aller derjenigen Neden, die und von den Synoptis fern als an das Volk gefprochen berichtet werden **), in der beften Uebereinftimmung fteht. Nur das vierte Evangelium läßt Sefum in einem fo dogmatifchen und fpeculativen Lehrton, wie die drei erften nicht einmal zu den Süngern, allerdings wieder: holt fogar zu dem Bolfe fprechen. Aber die argen Misver- ftändniffe, die fich hierbei, wie auch jenes Evangelium nicht verhehlt, unaufhorlich ergeben mußten, durch Sefus in der That verfchuldet zu glauben, wird feiner, der aus den übrigen Quellen einen befjeren Begriff von feiner Lehrweisheit gefchopft hat, der fich erinnert, wie dringend er auch feine Sünger ab- mahnt, ihr Heiliges nicht vor die Hunde und Perlen nicht vor die Säue zu werfen, fo leicht fich entfchließen wollen. — Bon der parabolifchen Lehrart felbft kommt freilich alles dar— auf an einen richtigen vollftändigen Begriff zu gewinnen, wenn man die Gründe, die Sefum zur Wahl derfelben für feine eroterifchen Vorträge beftimmt, und die Abfichten, die er da— bei verfolgt haben kann, richtig beurtheilen will. Man pflegt gewöhnlich der Parabel einen blos paränetifchen Zwed un— terzulegen; man betrachtet fie ald ein der moralifchen Lehre, die dadurch ausgedrückt werden foll, willfürlich angelegtes Gewand, mehr beftimmt, ihre Blöße zu uͤberkleiden, ihre ab- fteufe Trodenheit durch den buntfarbigen Neiz einer in die Au— gen fallenden Geftalt annehmlicher zu machen, als, das Dunkle zu verdeutlichen, dad ſchwierige Verſtaͤndniß zu erleichtern. *) Marc. 4, 33 f. **) Ebendaſ. V. 11 f. *x) Zu dieſen gehört nämlich die ſ. g. Bergpredigt, der richtigen An— ſicht zufolge, nicht, Vergl. Matth. 5, 1 f. Luk. 6, 20. * Ueberfichtliche Darftellung der evangelifchen Geſchichte. 381 Wenigftens find die Deutungen, die meift von den einzelnen und erhaltenen Parabeln gegeben werden, folche, die eine An— fiht diefer Art vom Begriffe der Parabel im Allgemeinen, aud) wenn man fich nicht ausdrüdlih dazu befennt, offenbar vor— ausfeßen. Die Lehre, die bei folchen Deutungen als der Kern des Gleichniffes gegeben wird, ift in vielen Fällen eine fo plane und einfache, daß fie Durch das Bild mehr verbunfelt, als aufgehellt wird, aber freilich auch oft eine fo feichte und Fahle, daß man die bildliche Einkleidung nicht überflüffig ach- ten kann, um durch Außerlichen, hin und wieder vielleicht den Charakter des Poetifchen anklingenden Schmud wenigftens den Schein eines tieferen Gehaltes hervorzurufen. Daß das Be: fireben, durch folhen Schmud die Zrodenheit der Lehre an— nehmlicher zu machen, wenn man es in der That dem hohen Meifter zutrauen wollte, ihm nicht mislungen wäre: dafür fonnte man allenfalld die Erfahrung anführen, daß Manche auch derer, welche die Lehre, auf die folhe Deutungen hinauslaufen, wenn fie ihnen in ihrer nadten Geftalt geboten würde, trivial finden und verachten würden, durch das Bild: liche der Parabeln nichts deftoweniger angezogen werden, und, die Vortrefflichfeit derfelben anerfennend, über die Unbedeutene heit des Inhalts, wie folcher ihnen erfcheint, hinmwegfehen. Das Wahre aber ift, daß folche Vortrefflichfeit des Bildes als ſolchen nur dadurc möglich ift, daß das Bild in einem ganz andern Verhältniffe zum Inhalt fteht, als dort vorausgefekt wird, Die Vortrefflichfeit des Bildes in der Parabel ift nichts von dem Inhalte Unabhängiges: fie befteht in feiner Kraft, zum Denken anzuregen, Gedanken, die werth find, gedacht zu werben, ahnen zu laffen, ehe fie noch von dem, der das Bild betrachtet, wirklich gedacht find. Soll das Bild dies vermoͤ— gen, fo muß zwifchen ihm und. dem Inhalte ein engerer Be— zug obwalten, als der einer bloßen Parallele finnlicher Be— griffe mit Berftandesbegriffen. Solche Parallele findet aller dings auch in der echten Parabel ftatt, aber die mit den finn- lihen Begriffen parallel gehenden Verftandesbegriffe find hier nicht das allein oder das eigentlich Gemeinte. Es muß auch von ihnen noch zu einem Zieferliegenden, welches den Grund jenes Parallelismus enthält, zurüdgegangen werden, zu Ber» 382. Drittes Bud. BT | nunftbegriffen, in denen die Einheit und fo zu fagen die gemeinfchaftliche geiftige Subftanz des finnlichen fowohl, als auch des Berftandesbegriffs enthalten ift. In fofern ift das Weſen der Parabel ein durhaus theoretifches, — man Fonnte fagen ein fpeculatives, wenn man von diefem Worte den Nebengedanfen der abftracten, unfinnlichen Geftalt entfernt halten wollte, in welcher die eigentliche Speculation aufzutres ten pflegt. Schreibt man diefem gegenüber, wie es neuerdings beliebt worden ift, den von Ghriftus gefprochenen Parabeln eine wefentlih praftifche (richtiger ausgedrüdt: paränetifche) Natur zu: fo erwächft hieraus eben der Misverftand, welcher den Kern der Parabel in einem bloßen Berftandesbegriffe fucht. Denn Begriffe, die unmittelbar dem Handeln, dem ein- zelnen beftimmten Handeln ald Norm dienen follen, — folche Begriffe find eben nur Berftandesbegriffe. Vernunftbegriffe Vaffen fih zwar auch in Handlungen darftellen, aber das Berhältnig des Begriffs zur einzelnen Handlung ift dann nothwendig ein vermitteltes, vermittelt durch eine längere Neihe entweder von Begriffen, oder auch felbft von Handlun- gen, als fich in einem befonderen, äußerlich beftimmten Be— griffe (d. h. eben in einem VBerftandesbegriffe) unmittelbar aus- druͤcken läßt. — Aus diefem Grunde wagen wir zu behaup— ten, daß Jeſus in feinen Parabeln nie und nirgends einen ber flimmten Zwed der Art verfolgt, den man gemeinhin einen praftifchen nennt. Es tft ihm nicht darum zu thun, Regeln, Marimen aufzuftellen, die fich unmittelbar im Handeln befol- gen ließen, fondern eine fittliche Einficht zu weden, eine fitt- liche Gefinnung anzuregen, aus der ſich das Handeln im bee ſtimmten Falle für jeden Einzelnen unendlich verfchiedenartig geftalten kann und geftalten muß, Es liegt in der Natur der Sache, daß zwiſchen Diefer eroterifchen, paraboliſchen Lehrweife und jener unbildlicheren, welche wir vorläufig Die efoterifche nannten, nicht ein fchroffer Gegenfaß, fondern vielmehr von der einen zur andern ein fteti- ger, allmähliger Uebergang ftattgefunden haben wird. Ueber die Art und Weife dieſes Uebergangs kann folgender Umftand ein Licht verbreiten. Es kommen in unfern evangelifchen Er: zählungen einige Beifpiele vor, wo die Sünger Sefum ausdrüd- * a £ Vr a Ueberfichtliche Darſtellung der evangeliſchen Geſchichte. 383 lich um die Auslegung einer dem Volk erzaͤhlten Parabel erſu— hen*). Jeſus giebt ſolche Deutung, aber die Deutung wird, wie wir an feinem Drte zeigen werden, ihm unter den Händen zu - einer neuen Parabel. Er ftellt eine mit den finnlichen Geftalten und Hergängen der erften Parabel parallelgehende Reihe von Be- griffen auf; diefe aber koͤnnen, weil fie fonft nicht die wahre Deutung der Parabel enthalten würden, nicht reine Verftan: desbegriffe fein. Da nun aber der VBernunftbegriff feinerfeits gar nicht. in jenen Parallelismus eingeht, fondern hinter beiden parallelgehenden Neihen in einer tieferen Negion zurüdliegt, fo erhält jene zweite Begriffsreihe wiederum die Bedeutung, auf etwas noch Tieferes hinzuweiſen; fie geftaltet ſich nochmals zum Körper für einen fie bejeelenden Geift, und nimmt mit der Eorperlichen Natur und durch diefe Natur einen Beiſatz finnlicher Elemente an, vermöge deren fie, die Deutung, recht wohl felbft als Parabel, nur freilich nicht als eine fo unmittelbar finnlich ver: ftändliche, wie die erfte, erzählt werden koͤnnte. — Solchergeſtalt erhellt, wie das parabolifche Element ſich auch in den efoteri= ſchen Vortrag hinein fortfegen mußte. Eben fo aber kann es auch umgekehrt nicht fehlen, daß der eroterifche Vortrag an manchen Stellen zur directen Lehre wird, und durch ausdruͤck— liche Andeutungen des Sinnes über die Bildlichfeit der übrigen Rede hinausweift. So finden wir namentlich, daß Sefus feine Parabeln, insbefondere die längeren und umfangsreicheren, mit einer direct und unbildlich gefprochenen Sentenz zu fchließen pflegt. Man hat Unrecht, in foldhen Schlußfägen den tiefften Sinn oder den vollftändigen Inhalt der Parabel fuchen zu wol- len; auch leiften diefe Säße folches in den uns erhaltenen Bei: fpielen fo gut wie nirgends. Hin und wieder fcheinen fie zu dem wahren Inhalte der Parabel nicht einmal zu paſſen; was freilich zum Theil durch die Ungenauigfeit der Ueberlieferung verfchuldet fein mag, der wir es ohne Bedenken zutrauen duͤr— fen, daß fie mehr als einmal folhe Sprüche nicht an die für fie gehörende Stelle gefeßt hat. Daneben aber fommt gewiß mindeftens eben fo oft der Fall vor, daß ein von Sefus wirk— lich einer Parabel einverleibter Schlußfa& nur einen Theil ihres *), Marc. 4, 10 u. Parall. Matth. 13, 36. — — — 384 Drittes Bud. Sinnes, aber nicht den ganzen ausdrüdt, in der Abficht, zum weitern Denken über den Sinn aufzuregen, aber nicht, ihn zu erfchöpfen*). — Jedenfalls wäre es irrig, von den Parabeln zu meinen, fie müßten, weil fie zum Volk, in einer auc dem Bolfe zufagenden Form gefprochen wurden, auch einen popu= lären Sinn gehabt haben; nämlich was man fo gemeinhin - popular nennt, einen Sinn, den der erfte befte aus dem Volke auch ohne Parabel hätte faffen und allenfalls wohl felbft aus: fprechen koͤnnen. Daß Sefus fih mit Trivialitäten folcher Art abgegeben habe, daß er überhaupt irgendwo oder irgendwann als Sittenprediger in fonft gewöhnlicher Weile, ohne ausdruͤck— lichen Bezug auf das vor allen andern Sittenlehrern ihm Ei— genthümliche und nur durch ihn zu Verwirklichende aufgetreten fei: dies glauben wir und berechtigt, als vollfommen unmög- lich auszufprechen. Denn eben dadurch ift er der Göttliche, der vor allen andern Sterblihen das Weſen der Gottheit in der Grfcheinung feiner Perfonlichkeit Offenbarende, daß jedes einzelne Moment diefer Grfcheinung, jedes, auch das Fleinfte von ihm gefprochene Wort den lebendigen Bezug auf die To— talität der Idee, die fich in ihm verkörpert, in fich trägt; Daß die Fülle des Geiftes, die fich anderwärts nur in einzelnen Werfen, in deren Schöpfung fich die ganze Kraft einer begabten Per: fonlichfeit ergoß, zu bethätigen pflegt, bei ihm in jeder, auch der Außerlich unfcheinbarften Aeußerung feines Wefend und feiner Perfönlichkeit ruht. Wie viel oder wie wenig von die- fem Geifte jeder einzelne Hörer zu faffen vermochte, dies mußte ihm felbft überlaffen bleiben; genug, daß Chriftus Das, was er zu geben hatte, in einer Form gab, die jeden gerade fo viel, als er feiner geiftigen Befchaffenheit nach zu faflen fähig war, davon faffen ließ, während das Uebrige freilich, nicht *) So 5. B. fteht der Sprung: „Viele find berufen, aber Wenige aus— erwählt“, hinter zwei verfchiedenen Parabeln: Matth. 20, 16 und 22, 145 wahrfiheinlih aber fteht er nur hinter der Ießteren am rechten Plage, wiewohl auch bier den Sinn der Parabel nicht er- fchöpfend. Ein anderes Beifpiel richtiger, aber nicht den Sinn er= fhöpfender Stellung eines Spruchs giebt Matth. 25, 295 ein DBei- fpiel unpaffender Stellung, oder wenigftens der Verfälſchung eines Spruchs: Luk 16, 9. durch Schuld des Lehrers, fondern durch feine eigene, in ein undurchdringliches Geheimnig für ihn gehüllt blieb. Ein Umftand, der vor vielen andern zur Charafteriftit der Parabeln als Lehrform für den eroterifhen Vortrag dient, ift darin zu fuchen, daß fie, fo weit unfere Kunde von der Zehrart Jeſu reicht, das einzig erfennbare Mittel der Gedan- fenverfnüpfung find, deſſen fich Sefus bei längeren Lehr— vortraͤgen, dergleichen die an das Volk, fei es in oder außerhalb der Synagoge gerichteten waren, bedient zu haben ſcheint. Eine Dispofition ded Vortrags in der Weile abftracter, verftändiger Reflerion, die unter uns das Princip des Zufammenhangs für didaftifche fowohl, wie auch für rednerifche Vorträge abzuge- ben pflegt, Scheint zu dem Charakter feiner. Lehrweife, fo wie dieſer wenigftens in den fynoptifchen Evangelien uns entgegen- tritt, jo wenig zu paflen, daß wir es nicht blos für einen zu— fälligen Mangel unferer Quellen halten möchten, wenn wir Borträge diefer Art in ihnen vergebens fuchen. Die Redeweife Sefu ift, wie es der Höhe und zugleich der innigen Lebendig- feit feines Geiftes nur als angemeffen erfcheinen kann, durch aus in ein Element ernfter, im hoͤchſten Wortfinne dichterifcher . Begeifterung eingetaucht, welches fich mit jener Verftandesre- flexion nicht wohl verträgt. Es fcheint demnach in der Natur der Sache zu liegen, daß für die Gedanken, die Jeſus auszu- fprechen hatte, nur eine doppelte Form der Mittheilung mög: lich war, einerfeitS eine foldhe, wo der Faden des Zufammen- hangs nicht durch den abftracten Berftand, fondern durch jene höhere Schöpferfraft des Geiftes gegeben wird, die fich nur in poetifcher Weife zu äußern vermag, andererfeitö eine folche, für die es eines leitenden Fadens gar nicht bedarf, Furze, finn- fchwere Sprüche, gedrängte, in einen Zufammenhang, den der äußere Zufall oder die MWechfelfeitigkeit des Gefpräches gab, fchlagend hineingeworfene Apophthegmen. Dieſes letztere mag die Weife gewefen fein, in welcher Jeſus hauptfächlid mit feinen Züngern zu verkehren liebte; denn wir werden in unfern folgenden Büchern zeigen, wie alles, was uns ald längerer Redevortrag an die Jünger gegeben wird, aus einzelnen, wahr: fcheinlich zu fehr verfchiedener Zeit und bei fehr verfchiedenen Anlaͤſſen gefprochenen Sentenzen zufammengefeßt iY und feine 2 386 | Drittes Bud. ‘gegenwärtige Form durchaus nur der fehriftlichen Aufzeihnung verdankt. Se weniger namlich in dem göttlichen Meifter der in- nerfte Kern des Seins und Wirkens feiner Natur und Wefenheit nach die Beftimmung hatte, etwa dem Geifte eined Künftlers gleich, in die Aeußerlichfeit eines in fich abgefchlöffenen, für fich felbftftandigen Werfes herauszutretens um fo mehr muß als die eigentlic) allein ihm -angemeffene Weife der Mittheilung jene Funftlofe, unmittelbar aus dem Reben hervorgehende und mit dem Leben in ungetrennter Einheit bleibende erfannt wer— den, welche es gar nicht zur Form der Lehre, eben fo wenig, wie zu einer beflimmten Kunftform Fommen läßt, weil fie, wenn fie achter Art ift, mit dem Begriffe allenthalben zugleich den Gegenftand, mit der Erfcheinung zugleich den Inhalt und das Weſen giebt. Ausdrüdlich in folche gelegentliche Gnomen und Apophthegmen Fonnte Sefus das Tiefſte, das eigentlich Eſote— riſche feines Lehrgehaltes legen, weil er hier mit der Lehre recht eigentlich fich felbft gab, oder mit feiner ganzen Perfonlich- feit für die Lehre einftand. Woraus freilich für uns dies folgt, daß wir gerade hier am wenigften in der Ueberlieferung das alles gegenwärtig zu haben glauben dürfen, was Sefus in dem Augenblide, wo er fprah, in feine Worte hineinlegte. Se mehr er dagegen aus dem Kreife dieſes eigentlichen Lebensver- fehrs heraustrat und an das Volk fich richtetes deſto mehr mußte feine Rede fich entaußern und in der Aeußerlichkeit ſich verfelbftftändigen, defto mehr dem Inhalte nach von dem Cha— tafter des eigentlichen Lehrvortrags, der Form nach von dem Charakter der Poefie annehmen. Sn dem hier Gefagten ift bereitd die Nothwendigfeit an- gedeutet, daß Jeſus im Verlaufe feines Lehramtes einen engern Kreid von Schülern und Begleiten um fich fammeln mußte. Die Art und Weiſe der Stiftung diefes Kreifes, und deſſen Stellung als vermittelndes Glied zwifchen der Perfon Sefu und der Gefammtheit des Volkes, an welche Sefus feine Lehre rich: tete: dieſes beides bildet eine der wichtigften, aber auch ſchwie— vigften Fragen der gefammten evangelifchen Gefchichte. Die Natur und der Inhalt diefer Lehre brachte es mit fih, daß das Verhaͤltniß dieſes Schüilerfreifes zu ihm und zu der Welt nicht genau das entfprechende fein Fonnte, wie das Verhaͤltniß — VUeberſichtliche Darſtellung der evangeliſchen Geſchichte. 387 anderer ſolcher, um einen Meiſter und Lehrer, ſei es in der re— ligiöſen oder in einer andern Geiſtesſphaͤre fi ſammelnden Kreife., Wenn nämlic) das Moment, weldyes ſolche Kreife zufammenhält und fie von den Draußenftehenden unterfcheidet, fonft allenthalben das Befenntniß einer beftimmten, foftematifch abgegrenzten Lehre, oder die Beobachtung äußerer Gebräuche, kurz irgend ein befonderer, begrenzter Inhalt der Gemein ſchaft, gleichviel ob ein theoretifch oder praftifch beftimmter zu fein pflegt: fo ift das Unterfcheidende der von Chriftus perfon- lich ausgehenden Gemeinfchaft gerade dies, nichts Unterfchei: dendes in dieſem Sinne zu haben, den Theilhabern diefer Ge: meinfchaft feine befondere Lehrformel zum Befenntniß, feinen gefeßlich feftgeftellten Gebrauch zur Beobachtung aufzuerlegen. — Bon den Süngern des Sohannes wifjen wir, daß fie unter an— Dern gewiſſe Saftengebräuche beobachteten; die Hauptfecten israe- litiſcher priefterlicher Weisheit, die Pharifaer, Sadducaͤer und Eſſaͤer unterfchieden fich unter einander durch ihre theoretifchen Syſteme nicht minder, wie durch ihre bis ins Ginzelnfte und Kleinfte geregelten Lebensordnungen, eben fo auch die Schüler einzelner berühmter Weifen, eines Hillel, Schammai und An— derer. Gin gleiches gilt, wie befannt, von den griechifchen Philofophenfchulen, eben fo von den religiofen Vereinen der Orphiker u |. wi: fie alle hatten ein beftimmtes Schiboleth, woran man fie erkennen Fonnte. Ein Schiboleth ähnlicher Art begehrte von Jeſus ohne Zweifel jener Schriftgelehrte, der ihn fragte, wohin er gehe, damit er ihm folgen koͤnne; die Ant- wort Jeſu, daß die Füchfe zwar ihre Gruben und die Vögel ihre Nefter, des Menfchen Sohn aber nicht habe, wohin er fein Haupt lege, hat eben die Beflimmung, diefes Begehren zurüczumweifen. Sn der That muß jeder tiefer eindringende Sinn die Einfegung eines ſolchen Schiboleths für unverträglich mit der Tiefe und Univerfalität des Werkes erfennen, welches zu gründen der Herr auf die Welt gefommen war; er muß es ganz natürlich finden, wenn die Gefchichte und von Feinem folchen berichtet, vielmehr, was auf den erften Anblic etwa als folches erfcheinen konnte, bei genauerer Betrachtung fich, wie wir weiterhin zu zeigen nicht ermangeln werden, als un- haltbar erweift. Chriftus konnte aus der Fülle feiner Schd- 25 * — — u in 9 a er 338 Drittes Bud. pferfraft feiner Gemeinde die Kraft mittheilen, das große Dop— pelgebäude, das ideale der ſyſtematiſch gegliederten Lehre, und das reale der Kirche und ihres Cultus, im Laufe der Jahr— hunderte felbftfchöpferifch aufzubauen, und im Laufe der Sahr- taufende unter unabläffiger Umgeftaltung zu vollenden; aber er durfte nicht dieſer großen Entwidelung feines Werkes durch eine von vorn herein ihm gefeßte Grenze — als eine Grenze aber hätte jede beftimmte Form oder Formel erfcheinen müf- fen — vorgreifen. Hätte er dies thun wollen, fo würde er eben dadurch fein Werk ald ein endliches bezeichnet, und in gleihen Nang mit den Werfen anderer Neligtionsftifter oder fonftiger unter den Menfchen gefeierter Meifter geftelt haben. Mit diefer Bemerkung nun, daß diejenigen, welche in der evangelifchen Gefchichte auf das wiederholtefte ald Schüler oder Juͤnger (uadnrei) Jeſu bezeichnet werden, fich von den Drau: Benftehenden nicht in gleicher, fondern in anderer Weife, als fonft Jünger eines Meifters von den Nichtjüngern unterfchieden haben müffen, fteht es in Uebereinftimmung, daß diefelben als ein gefchloffener, feinem Umfange nach fehr befchränfter Kreis bezeichnet werden, deſſen Glieder von Jeſus felbft ausgewählt und durch abfichtliche Bevorzugung vor Andern mit den Gaben, die er für nöthig erachtete, fein Werk zu fordern, ausgerüftet wurden. — Wer mit den aus der Erfahrung folcher Jünger: freife, die fich in vorhin bezeichneter Weife um andere Meifter in Religion und Philofophie, in Kunft und Wiffenfchaft zu bil: den pflegen, abgezogenen Begriffen zu der evangelifchen Ge— fchichte herzufäme, ein folcher würde nicht umhin konnen, aud) hier dad Schaufpiel zu erwarten, welches jene Kreife bieten; das Schauſpiel einer auf und abwogenden, allmählig fich erwei- ternden, einer Vermehrung ins Unbeftimmte und Unbegrenzte fähigen Maffe von Anhängern. Er würde gerade hier um fo mehr dieſes Schaufpiel zu finden erwarten, je lauter und glaub- würdiger die Zeugniffe von der Gunft und der Verehrung find, die Sefus unter alem Volke fand, und je minder feine Lehre einen folchen Charakter trägt, der, fei es durch die Schwierig: feit wiffenfchaftlichen Verftändniffes, oder durch die Befchwer- lichfeit geforderter Leiftungen, eine größere Anzahl von Befen- nern hätte abfchreden fünnen. — Solchen möglicherweife etwa - Meberfichtliche Darftelung der evangelifchen Gefchichte. 389 zu bildenden BVorftellungen gegenüber ift es Thatſache, daß eine Jünger oder Anhängerfchaft in dieſem Sinne ſich nicht eher, ald nach Jeſu Tode gebildet hat; — bei feinem Leben unftreitig darum nicht, weil, was er, wie aus dem Erfolge zu fchließen, den er fand, mit leichter Mühe gekonnt hätte, feine Anhänger unter dem Volke aus den Nichtanhängern durch irgend ein Zeichen oder Merkmal ausscheiden, er nicht gewollt hat. Während der Dauer feines Lebens finden wir ihn nur von einer Fleinen Anzahl von Süngern umgeben, folcher Zün- ger, die ihm — auf feine eigene an fie ergangene Aufforderung, fcheint es) — ihr ganzes Leben widmeten**). Zu der übri- gen Volksmenge bleibt er in einer durchaus ungebundenen Stel- lung, und es ift hier von Anhängern und Nichtanhängern, von Süngern und Nichtjüngern gar die Rede nicht. Um fo beftimm- ter müßten wir, auch wenn wir nicht, wie wir e8 doch find, im Beſitze der ausdrüdlichften Nachrichten darüber wären, ſchon aus diefer Betrachtung der allgemeineren Berhältniffe den Schluß ziehen, daß Jeſus bei der Bildung jenes engeren Kreifes felbft- thätig und mit klarem Bewußtfein einen Zweck verfolgt haben wird, der für fein Werk an die Stelle der Zwede trat, welche Andere bei der Bildung von Schulen und Anhängerfchaften verfolgen, der aber auch an Umfang und Tiefe fich von diefen ‘ Zweden ganz eben fo unterfchied, wie fein Werf von den Merken jener. — Wie fein Werk nicht, gleich jenen Werfen die Beftimmung hatte, nur als eine vorübergehende Geftalt in der Meltgefchichte aufzutauchen und nur in der Grinnerung des Geiftes aufbewahrt zu werden, jo konnte es feine, Beftimmung auch nicht in einem Kreife unmittelbarer Anhänger und Jünger, mie ausgebreitet man fich einen folchen immerhin denfen möge, erfüllen. Was für Andere ſchon der höchfte Zweck ihres Thuns und Strebens ift, die Bildung einer foldhen unmittelbaren Juͤn— gerfchaft, das Fonnte für Jeſus nur Mittel, nur der erfte un: fcheinbare Anfang feiner weltumfaffenden Schöpfung fein. Daß der Anfchluß derjenigen Zünger, die nachher den Kreis der zwölf Apoftel ausmachten, an Sefus im Laufe feiner *), Matth. 8, 22. 10, 37 u. Parall. Luk. 9, 62, *2) Marc. 10, 28 u. Parall. — — 7 * * ger. 2 [ 3% | Drittes Bud. öffentlichen Wirkſamkeit nicht in einem Augenblide, fondern all» mählig erfolgt ift: Dies wird fchon durch die Natur der Sache als das Wahrfcheinlichere bezeichnet, wir finden es aber, deſſen ungeachtet, daß bei zweien derfelben von. einem einzelnen Acte der Berufung aller zwölf erzählt wird, auch aus, den Berich- ten unferer Evangeliften hervorgehend: Bei Marcus, und dem Berichte des Marcus entiprechend im erften Evangelium, bildet die Berufung der zwei Brüderpaare Simon und Andreas und Safobus und Sohannes den Anfang aller Detailer- zahlungen aus dem üffentlichen Leben Jeſu. Dies ift indeffen, wie fchon oben erwähnt, nicht fo zu deuten, als habe dieſe Begebenheit wirklich ald die erfte der Erzählung werthe aus jenem Zeitraume gegolten, fondern es findet feine ganz natürliche Er— Elarung in der Quelle, aus welcher das Marcusevangelium ge— fchopft hat. Die Berufung jener vier Sünger felbft wird dort”) auf eine Weife erzählt, welche man nicht wohl umhin Fann, nicht für den eigentlichen Hergang felbft, fondern für einen ab— gefürzten Ausdruck deffelben zu nehmen. Sefus fol, am Strande des Sees Genefareth einherwandelnd, die Juͤnger paar- weife mit Fiſcherei, ihrem Gewerbe, befchäftigt getroffen, und fie, ihm zu folgen, aufgefordert haben, welchem Rufe jene ohne weiteres gefolgt feien, Auf fehr ähnliche Weile wird ſpaͤ— ter von einem anderen Sünger, den Marcus und Lukas Levi, der Verfaſſer des erften Evangeliums Matthäus nennt, erzählt, wie Sefus ihn von der Zollftätte, wo er ald Beamter faß und feinem Gefchäfte oblag, abberufen habe *). Auch hier ha— ben wir es, eben fo wie dort, nur der ungebildeten, ver: finnlichenden Manier unferer Evangeliften zuzufchreiben, wenn, was in der Wirklichfeit unftreitig eine aus vielen einzelnen fich wiederholenden und unter einander motivirenden Vorfaͤllen zu: fammengefegte Begebenheit ausmachte, dies uns als ein in ei- nem einzelnen Zeitmomente fich zutragendes Greigniß berichtet wird. — Eine von diefen fynoptifchen Berichten fehr verfchie- denartige Erzählung finden wir im vierten Evangelium, und, fonderbar, gleichfalls den Petrus und Andreas und wahrfchein: *) Mare. 1, 16 ff. u. Parall. *x) Marc, 2, 14 u, Parall. Ueberfichtliche Darftellung ber evangelifchen Gefchichte. 391. lich auch den Johannes, der zwar nicht mit Namen genannt wird, betreffend *). Hier ift es Sohannes der Täufer, wel- cher zuerft zwei feiner eigenen Jünger, diefe aber find eben Andreas und jener Ungenannte, auf Sefus aufmerffam macht, indem er denfelben ihnen ald das „Lamm Gottes’ bezeichnet; durch Andreas wird nachher auch Simon Sefu ald dem. „Meſ— ſias“ nachzufolgen bewogen. Daran fchließt indeffen der Evans gelift fogleich noch eine andere Erzählung, die in fo fern mit je- ner fynoptifchen mehr Aehnlichfeit hat, als Jeſus wiederum zuerft den Philippus ihm zu folgen auffordert, worauf dieſer nicht nur felbft gehorcht, fondern fogleich einen andern Sünger, den Nathanael anwirbt, — nicht zwar ihn, was in jenem früheren Borfall fo unglaublich ift, direct als Meffias, indefjen aber doch als einen, von dem Mofes und die Propheten gefchrieben hät- ten, bezeichnend. Ueberhaupt aber fteht jener erfteren Erzählung nicht blos. der Widerfpruch mit den fynoptifchen Berichten, — diefer ließe fich allenfalls lofen, wenn man annehmen wollte, daß damals die Jünger ihrem neuen Meifter noch nicht für immer gefolgt feien, — fondern mehr noch der Umftand ent: gegen, daß dem Täufer zu einer Zeit, wo Jeſus noch nicht ein- mal öffentlich aufgetreten war, eine fo beftimmte Hinweifung auf feine Perfon in den Mund gelegt wird; was, wie wit oben zeigten, durchaus nicht als glaubwürdig befunden werden kann. Was aber für unfere gegenwärtige Betrachtung das MWichtigfte ift: fo vermögen wir auch dies, daß bereit vor je- nem feinem Auftreten Sefus Sünger follte angeworben, oder, mit fo beftimmter Ausfprache feiner Gewalt über fie, wie dort in Bezug auf Simon gefchieht, den er fogleich mit einer Na— mensveränderung begrüßt, zugelaffen haben, für nichts weniger als wahrfcheinlich zu erkennen. ine folche Hingebung zu for— dern, wie er fie von feinen Süngern, den beftimmteften Zeug: niffen der Gefchichte zufolge gefordert und erhalten hat, und wie fie bereit3 in jener Anrede an Petrus vorausgeſetzt wird, Fonnte er fih nur in Folge der Beweife berechtigt halten, die er be- reits öffentlich von feinem erhabenen Berufe gegeben hatte. Vor— #). 30h. 1, 35 f. N 1: a BU METER a BU Se Dee 392 Drittes Bud, her fich feiner Gewalt'über die Menfchen bedienen zu wollen, um Einzelne an fich heranzuziehen und mit "ihrer Hülfe dann den Erfolg unter der Menge zu gewinnen, wäre ein zweideu— tiges, Feineswegs feiner würdiges Verfahren gewefen. Wir glauben daher diefer Erzählung, — die von Philippus und Nathanael Fann ihre Geltung, wie fehon oben erwähnt, von ihr unabhängig behaupten, — ungleich weniger Glaubwürdigkeit zu- geftehen zu dürfen, als jenen fynoptifchen, und finden uns ge— nöthigt, das Wahre,- was ihr allenfalls zum Grunde liegen mag, darauf zu befchränfen, daß vielleicht jene Sünger, gleich Sefus felbft, den Sohannes gehört und von ihm die Taufe em— pfangen haben mochten *). Auf ähnliche Weife nun, wie die in den bier erwähnten Stellen Genannten, mögen zu verfchiedenen Zeitpuncten auch die übrigen der zwölf Apoftel fich einzeln zu Sefus gefellt ha— ben, anfangs wohl nur als fleißige Zuhörer feiner Vorträge und Gefpräche, bis nach und nach aus diefem öfteren Befuch die Gewohnheit des täglichen Umgangs und. ein immer inni- geres Anfchließen an den Meifter erwuchd, was zuleßt Durch diefen felbft als ein auf Lebenszeit dauerndes perfünliches Ver— hältniß befiegelt ward. — Was nämlich die Frage betrifft, bie neuerdings von verfchtedenen Forſchern aufgeworfen worden ift, über die Glaubwürdigkeit jener Nachricht, welche in den oben erwähnten Stellen und auch fonft vielfach in unfern Evange— lien *) vorausgefeßt, in ausdrüdlichem Bezug auf fammtliche Zwoͤlf zugleich aber von Marcus ***) und nah ihm von Lu— kas +) erzählt wird: daß Jeſus aus eigener Macht die Zwölf *) Dies wird jedoch, fo viel wenigfteng den Petrus und Andreas.be- trifft, Dadurch unmwahrfcheinfich, daß fih_bei Marcus durchaus feine Spur einer Beziehung des Petrus auf den Täufer findet, **) 8, B. Joh. 6, 70. 15, 16. “) Marc, 3, 13 ff +) Luk. 6, 13 ff. Die nach unferer Sefommtanficht und nach der bes fondern Beſchaffenheit dieſer Stelle nicht zu bezweifelnde Abhängig- feit derfelben von der vorhin erwähnten des Marcus macht den durch Schleiermarher erhobenen Zweifel überflüffig, ob Lukas hier wirklich von einer zu jener Zeit erfolgten Erwählung der Zwölf fprechen wolle. — Daß aber der Verfaſſer des erſten Evangeliums, * —* FEIERN, rg 3 x — Ar: 1.07 vor * Fe * Ueberſichtliche Darſtellung der evangeliſchen Geſchichte. 393 iur - berufen nnd zu Apofteln feines evangelifchen Wortes eingefeht . habe: jo braucht man die Alternative Feineswegs fo ſchroff zu ftellen, wie es fcheint, daß fie von Einigen geftellt worden iſt. Gewiß hat Jeſus Feinen Jünger ohne eigene Veranlaſſung def- felben angeworben, ohne Entgegenfommen von feiner Seite, und ohne von der ihm dadurch gewordenen Gelegenheit, ihn genauer Fennen zu lernen, Gebrauch gemacht zu haben. Auch der rafchefte Scharfblid in des Menfchen Inneres, den wir auf den Vorgang unſerer Evangeliften *) in Jeſus voraus- feßen mögen, macht diefe Annahme nicht entbehrlich; obwohl wir freilich »befennen müffen, daß diefelbe durch ausdrüdliche Zeugniffe der Quellen nicht unterftüßt wird. Aber dadurch wird mit nichten ausgefchloffen, daß Jeſus nicht dennoch, nach: dem bereits jene Zwölf und neben ihnen vielleicht noch manche An dere, fih auf die angedeutete Weife zu ihm gefellt hatten, jene Erfteren, ohne darum die Anderen von feinem Umgang auszu- fchließen**), noch ausdrüdlich zu feinen Begleitern erforen und ihnen jene Aufträge ertheilt, jene Gaben mitgetheilt haben koͤnne, die vielleicht fchon durch ihn jelbft unter den Begriff des apo— folifhen Amtes zufammengefaßt worden find. Diefe Hand- welcher an der Stelle, wo er die Namen der Apoftel nennt, fie be— reits als allein den Züngerfreis bildend vorausfeßt (Matth. 10, 1), ohne zu erwähnen, wie fie zu Diefem Vorzug gefommen feien, — jene Notiz des Marcus für unrichtig gebalten habe, ift nicht wahrfehein- lich. Er hat fie vielmehr nur darum weggelaffen, weil fie an die Stelle, wo er übrigens das, was Marcus dort erzählt, wiedergiebt, (das Ende des Aten Capitels) nicht zu paſſen fehien (ſchon wegen 9, 9 nicht) und er auch fonft feinen paſſenden Ort für fie zu finden wußte. Den Ausfall der Berufungsfeene, fo wie auch) der Cap. 4, 23 ff. vorausgenommenen näheren Notiz über die Gegenden, aus denen das Volk zu Jeſu Hinftrömte, bemerft man deutlich in ber mit Marc. 3, 7 ff. parallelen Stelle’ Matth. 12, 15 ff., wo ber Evangelift, um die von ihm gelaffene Lücke einigermaßen auszufül- Ien, ftatt der weggelaffenen Säbe das ausführliche Citat einer Pro— phetenftelle (Jeſ. 42, 1 ff.) giebt. *) Am ausdrüdlichiten wird dieſer Schnellblid, den wir auch fonft in vielfachen Erzählungen vorausgefegt finden, von Jeſus prädi— eirt Joh. 2, 25. ‘ Vergl. Ap. Gef. 1, 21. er Piz I: WER WER WAT BE BE ET —— A i £ act new 394 » Drittes Bud, lung als wirklich gefchehen anzunehmen *), bewegt und zunächft allerdings die Autorität eines fo gewichtigen Zeugen, wie Mar- cus ift, welche durch die übereinftimmende Vorausfekung ſaͤmmt— licher übriger Evangeliften um fo kraͤftiger unterftüßt wird, je minder bei diefen, namentlich beim vierten Evangelium, welches fih von jenem Greigniffe nicht, einmal unterrichtet zeigt, irgend eine Abfichtlichfeit hindurchblidt. Hierzu aber kommt als ein wichtiges Moment noc) die Erwägung, wie in-diefer Gründung des apoflolifchen Amtes, in dieſer Ausfcheidung des engern Kreifes der Süngerfchaft von dem weiteren, die zugleich, wie wir oben zeigten, eine Unterfcheidung des Begriffs briftlicher Süngerfchaft von jeder andernift, — wie darin fich ein Bewußtfein über die Eigenthümlichkeit, über die weltgefchichtliche Beſtim— mung des Chriftenthums offenbart, welches wir als vorhanden in feinem andern Geifte früher, als in dem göttlichen Geifte feines Stifters annehmen dürfen. Die Zwolfzahl. hatte in dies ſem Bewußtfein, von welchem die Einfegung der Apoftel und ihres Amtes ausging, eine typifche, von Ehriftus felbft in einem inhaltfchweren fymbolifchen Apophthegma**) ausgefprochene Be— deutung; fie deutet auf die Gründung eines neuen, weltumfaf- fenden Israel, welches, wie das alte Israel nach der biblifchen Sage zwölf leibliche, fo zwolf geiftige Stammväter haben fol. Als ein ausdrüdliches Vermächtniß des Herrn war diefe Zahl den Apoſteln felbft fo heilig, daß fie, nachdem durch den Abfall und den Tod des Judas ihr Kreis eine Lüde erhalten hatte, aus Feinem andern Grunde, ſcheint es, ald nur aus diefem, eine Ergänzung derfelben nöthig fanden **). Als aber fpäter Pau: lus in Ueberfchreitung dieſer Zahl eine eigenthümliche, feiner Perſon geltende apoftolifche Berufung erhalten zu haben durch das Zeugniß des Geiftes fich bewußt worden war, fehen wir ihn ausdrüdlich und wiederholt Sorge tragen, diefe Berufung als eine von dem Herrn, der in jenem großen Augenblide vor Damaskus ihm erfchtenen war, perfonlic ausgegangene darzu— ftelfen +). *) Gegen Schleiermarher, über den Lufas ©, 88. =) Matth. 19, 28 u, Parall, =) Ap. Geſch. 1, 21 ff., > +) dntoreih we Xgroros, 1 Kor, 1, 17, Vergl. Gal. 1, 1, 12. Daher | Ueberfichtliche Darftellung der evangelifchen Geſchichte. 3% Ueber die Motive, die Sefum, fei e8 bei der Berufung, . oder bei der Zulaffung der Einzelnen unter jenen zwolf Juͤn— gern geleitet haben mögen, läßt fich nur wenig zuverläffiges fagen, da wir von dem Charakter nur Einiger unter ihnen et— was nähere Kenntnig haben. Daß diefelbe nicht ohne Beruͤck— fihtigung ihrer intelfectuellen und fittlihen Gigenfchaften zu er: folgen pflegte, ift allerdings vorauszufegen. Doch möchten wir, unbefchadet diefer Vorausfegung im Allgemeinen, gern noch für ‚ die Annahme Raum behalten, daß es Ruͤckſichten geben konnte, welche in einem einzelnen Falle eine Ausnahme von der Negel, daß nur fitflich Unbefcholtene in jener engften Kreis der Um: gebung Sefu zugelaffen wurden, herbeiführten, Laßt fich ja Doch ohne große Schwierigkeit der Fall denken, daß durch mans cherlei Verfettungen von Lebensereigniffen fich, auch ohne die ausdrückliche Abficht des Meifters, ein Verhältniß deffelben zu einem Individuum gebildet haben Fonnte, ein folches, in wel: chem der Meifter einen Wink der Vorfehung erfannte, jenes Sndividuum, obgleich er es Defjen nicht für fittlich »würdig er: Fannt haben konnte, aus der Zahl feiner Juͤnger dennoch nicht auszumeifen. Wer diefe Möglichfeit in Abrede jtellen wollte, der müßte auch läugnen, daß es überhaupt ein fittliches Ver— haͤltniß zwifchen. guten und bofen Individuen, eine moralifche Pflicht oder Verbindlichkeit der erfteren gegen die letztern geben fünne. — So am liebiten mochten wir und das Verhaͤltniß Sefu zu Sudas Iſcharioth, dieſes fchwierige, viel befpro- chene Problem der evangelifchen Gefchichte deuten; denn von allen andern bisher verfuchten Deutungen diefes Verhältniffes müffen wir und unbefriedigt befennen. Ginen wirklichen Irrthum des Meifters in Bezug auf den fittlichen Charakter ‚des Judas anzunehmen, finden wir nicht blos mit den Begriffen der bis— herigen Dogmatik, fondern allerdings auch mit dem, was wir gefchichtlich von der Geiftesgröße Sefu wiffen, unvereinbar ; dem Berrathe des Judas aber in einer oder der andern der bisher in Vorfchlag gebrachten Weifen eine mildere Deutung zu geben, hindert und eine unbefangene Erwägung der ge: auch das Gewicht, welches Paulus darauf legt, den Herrn mit eig> nen Augen gefehen zu haben. 1 Kor. 9, 1, — — 1* Er, SE 396 Drittes Bud. fhichtlihen Data, insbefondere der bei verfchiedenen Gelegen- heiten von Jeſus feloft über Judas gefprochenen, ihrem Haupt— inhalte nach gewiß wohl beglaubigten Worte‘). Zudas Sfcharioth war, — fo glauben wir uns die von ihm überlieferten Nach— richten am beften zurechtftellen zu fonnen, ein geiftig begabter, Eluger und lebensgewandter Mann; er hatte von vorn herein der Sache Jeſu wefentlihe Dienfte geleiftet, und, dies zwar nicht aus Heuchelei oder eigennügigem Triebe, fondern ange- zogen durch die geiftige Gewalt der Perfonlichfeit des Herrn, durch das Phantafiereiche und Poetiſche, welches feine Erſchei— nung umfchwebte, — Neize, für die dad Gemüth des Bofen nicht minder empfänglich zu fein pflegt, wie das Gemüth der Guten, — und allerdings vieleicht auch durch die Lockung, mit welcher der glanzende Erfolg, den Sefus fand, feinem Ehrgeize ſchmeichelte. Die ausdrüdliche Zuruͤckweiſung eines folhen Charakters zu einer Zeit, als er feinem Meifter noch durchaus ergeben und mit aller der Kraft feines reich ausge: ftatteten Geiftes, die er, von Jeſus zurüdgeftoßen, mit ganz anderem Erfolge, als fpäter, fehon damals gegen ihn hatte wenden fonnen, für ihn thätig war, wäre durchaus der fittli- chen Klugheit entgegen gewefen, die wir in Jeſus nicht min- der, wie in jedem großartigen und fittlich Ducchgebildeten Charakter vorauszufegen haben. Sie würde zur Unzeit einen Zwiefpalt unter feinen Juͤngern und Anhängern erregt, würde Jeſum genothigt haben, nicht blos der Unterfiüsung, die Qu: das ihm gewährte, zu entjfagen, fondern auch, feine eigene Macht gegen einen andern Feind zu wenden, ald ‘gegen ben fie damald noch zunächft zu Fampfen berufen war. — Man wird ung nicht dahin miöverftehen, als gehe unfere Meinung dahin, Jeſum in der Weife jener Secte, die in fpätern Sahrhunder- ten fi feinen Namen anmaßte, böfe Mittel zu feinem hohen Zweck benugen und durch Diefen Zwed fie gerechtfertigt werben zu laſſen. Es berechtigt und vielmehr die Gefchichte, und es drängt und unfere religids - fittliche Ueberzeugung zu der Annahme, daß in Sefu Nähe und in demjenigen Kreife, den er zur Wirffamfeit feinen Süngern anwies, das bofe und unlautere *) Mare. 14, 21 u. Parall. Joh. 6, 70. — \ h * Er - fe Ueberfichtliche Darſtellung der evangelifchen Gefchichte. 397 * Element, das in den Seelen dieſer Juͤnger vorhanden war, ſich paralyſirt fand; daß ſelbſt der vergiftete Geiſt eines Iſcharioth bier nur in rechter und edler Weiſe zu handeln und zu wirken vermochte. Wielleicht, daß eben hierin der Grund jenes tiefen Haſſes lag, welchen die folchergeftalt auf fich ſelbſt zuruͤckge— drangte und in ihren wilden Erwartungen getäufchte- Bosheit des Süngers auf den göttlichen Meifter warf. — Nicht jefui- tiſche Schlaubeit alfo war es, fondern der hohe, weltumfafe fende Sinn, welcher, erfennend, wie hinfort an feinem Werke wider ihren eigenen Willen auch die Bofen mit den Guten würden bauen müffen, — (ift ja doch in den meiften menſch— lichen Individuen, und war vielleicht in jedem Einzelnen von Sefu damaligen Züngern Bofes und Gutes gemifcht und uns abtrennlich neben einander geftellt!) — wie erft allmählig, wenn die Zeit gefommen fein würde, die Bofen in diefem Baue ihr Verderben und ihr Neich auf diefer Welt fein Ende finden | würde, — den Judas Iſcharioth als ein Zeugnig und Vor— bild der Zukunft des göttlichen Werkes, und als ein Denfmal | jenes Weltverhängniffes, welches innerhalb diefes irdifchen Da— feins es zu Feiner fcharfen außerlichen Trennung zwifchen Gu- ten und Böfen fommen läßt, in der Zahl der Juͤnger mitges ben ließ, bis er feine Beftimmung erfüllte, dergeſtalt erfüllte, daß feine eigene böfe That mit der göttlichen That der GSelbft- aufopferung des Herrn ald eine und dieſelbe Begebenheit zu— fammenfiel. Ein etwas beftimmteres Charafterbild gewinnen wir, was die Perfonlichkeit der einzelnen Apoftel betrifft, aus der evan— geliſchen Gefchichte felbft eigentlich nur von Petrus. Ob das Hervortreten dieſes Süngerd vor allen übrigen in fo manchen Erzählungen einzelner, gtößerer und Eleinerer Begebenheiten ‚auf einen Vorzug deute, den ſchon während des Meifters Le- ben Petrus durch Geiftes- und Charakfterfraft erwarb und behaup- tete, vielleicht zum Theil auch dadurch, Daß er vor allen übri- gen zuerft Sefus als den Meffias erfannte und diefe Erkenntniß gegen ihn ausfprach*), — oder ob dafjelbe nur eine Folge des Umftandes fei, daß die meiften jener Erzählungen ihn felbft *) Mare, 8, 29 u, Parall, x in Fr Bei. * * 398 Drittes Buch zu ihrer Quelle haben, laͤßt ſich nicht mit Sicherheit entfcheiden. Doch fpricht für das Erfte der Umftand, daß wir nach Sefu Tode, bis zum Auftreten des Paulus, den Petrus die unbe: ftritten erfte Role in der werdenden Gemeinde fpielen fehen*), und daß auch das vierte Evangelium, welches ihn, wie bie Strauß’fhe Kritik an vielen Stellen überzeugend nachgewiefen hat, gefliffentlich hinter den Sohannes zuruͤckzudraͤngen fucht, nichts deftoweniger durch die häufige Erwähnung feiner Perfon auch wider Willen feine Bedeutfamfeit anerkennen muß. Mag man noch fo viel von den Auszeichnungen, welche Die gefchicht- liche Ueberlieferung, fowohl wahrend der Lebenszeit Sefu, als nach feinem Tode auf die Perfon diefes Apoftels gehäuft hat, mag man noch fo viel davon auf Rechnung der Sage bringen, von der allerdings auch wir glauben, daß manches aus ihr felbft. in die evangelifchen Darftellungen, insbefondere in die des erften Evangeliums, übergegangen ift**): fo zeigt um fo mehr diefe Gefchäftigfeit der Sage felbft dafür, daß derjenige Apoftel, den diefelbe vor den Andern zu ihrem Heros wählte, auch in der Wirklichkeit auf eine Weife aufgetreten fein muß, welche die Aufmerffamfeit des fagenbildenden Gefchlechts mehr auf ihn, als auf die Andern zog. — Bon der Unparteilichkeit, mit welcher Petrus die Nachrichten von feinem Umgange mit dem Meifter überliefert hat, zeugen einige ihm offenbar mehr zur Beſchaͤmung, ald zum Ruhm gereichende Anefdoten**), welche gerade von Marcus erzählt werden, während andere, ihn ſa— genhaft verherrlichende Züge bei diefem treuen Berichterftatter fehlen und vom erſten Evangelium aus eigenen Mitteln hinzu- *) Nicht blos in der Apoftelgefchichte des Lukas, wo es fo auffallend ift, daß wir, wie ſchon oben bemerkt, allerdings Bedenken tragen, es aus der gefchichtlichen Wahrheit diefer Bevorzugung allein zu erklären, fondern auch in manchen Erwähnungen der paulinifihen Briefe u. ſ. w. ==) Auch ift es nur das erfte Evangelium, in deffen Apoftelverzeich- niffe (Matth. 10, 2) Petrus ausdrücklich T06106 genannt wird, wiewohl er auch in den übrigen die erfte Stelle einnimmt, was, wie aus dem Gegenfate des Judas Iſcharioth erhellt, der an die legte geftellt ift, an fich fihon einen Vorzug anzudeuten feheint, =) Marc, 8, 32 f. 9, 5 f. 14, 29 ff. 66 ff. u# —iude Fo al * — IE: ba ner Ueberſichtliche Darſtellung der evangeliſchen Geſchichte. 399 — gefügt find. Um fo ſicherer dürfen wir dem bekannten, aller—⸗ dings Schon aus dem Evangelium des Marcus fich ergebenden Charakterbilde des Petrus vertrauen, welches die Sage nachher nicht minder treu, als die Gefchichte, aufgefaßt und mit mans chen Zügen von freilich nicht buchftäblicher Nichtigkeit bereichert bat. Nicht hinreichend indeffen vermögen wir dieſes Bild, welches uns zwar eine Fräftige, Doch mehr aufbraufende, als | unerfchütterliche Natur, alfo Feineswegs das, was wir eigent« lich eine Felfennatur nennen, zu zeigen fcheint, in dem von Sefus dem früher Simon genannten Sünger beigelegten Na: men wiederzufinden, um hierin die Erklärung diefes Namens zu erbliden. Diefer hatte vielmehr wahrfcheinlich nur eine zufällige / Beranlaffung, und er ift vom Verfaſſer des erften Evangeliums, | der übrigens den Zeitmoment diefer Namengebung gewiß eben fo | willfürlich angiebt, wie der Verfaffer des vierten*), fchwerlich richtig gedeutet worden **). — Ein Gleiches müffen wir von dem Namen Boanerges fagen, den nach dem Berichte des Mar=. cus der Herr den Söhnen des Zebedäus beigelegt hat. Auch) hier wiffen wir nicht auszumitteln, ob es in lobendem, ober, wie man neuerdings vermuthet hat, in tronifchem Sinne war, daß er fie als „Donnersſoͤhne“ hat bezeichnen wollen. Wir wiffen es um fo weniger, als nicht blos über dem Charakter des Jakobus, von dem, ungeachtet der auch ihm, zugleich mit Petrus und Johannes, gewordenen Bevorzugung ald der Bertrauteren Cinem unter den Füngern des Herin***), wir gar nichts näher Bezeichnendes erfahren, fondern auch über dem des Sohannes ein fehwer zu erhellendes Dunkel fchwebt. Denn die vereinzelten Züge, die wir von dieſem leßteren aus den fynoptifchen Evangelien) und aus den Briefen des Pau— lus++) erfahren, wollen fich Feineswegs ohne Zwang in das Bild einfügen, welches wir aus der Gvangelienfchrift und aus den Briefen, die feinen Namen führen, abzuziehen nicht umhin 306: 31, 42: **) Matth 16, 18. ==) Marc. 5, 37. 9, 2.14, 33 u. Parall. +) Mare. 9, 38. 10, 35 Parall. Luk. 9, 54. +, Sal. 2, 9. Ka DaF Fi Ela nen een — in - ° 7 ” BDO an Drittes Bud. Tonnen. Statt eines fanften, hingebenden und demüthigen, ge- wahren wir dort einen heftigen, ehrgeizigen und folgen Züng- ling, flatt eines finnigen, zu fpeculativer Univerfalität fi hin neigenden Denfers einen in jüdifchen Nationalvorurtheilen be- fangenen Glaubensfämpfer, Die Notiz übrigens von der befon- dern Vorliebe, die Jeſus für Johannes gehegt haben foll, dem vierten Evangelium geradezu ald eine Grdichtung »anzu= rechnen, Scheint, bei dem Auffehen, welches unter den zahlrei- hen Anhangern der übrigen Apoftel ſolche Erdichtung hätte machen müffen, allerdings zu gewagt. Wir werden uns um fo eher entichließen, fie als eine gefchichtliche gelten zu laſſen, je weniger wir, auch troß der eben gedachten Schwierigkeit, die Aechtheit des aus dem Charakter der Schriften, die den Namen des Sohannes tragen, für diefen Apoftel gewonnenen Charafterbil: des in Frage zu ftellen gemeint find. — Auch über die Notiz von dem näheren Verhältniß, in welchem, bevorzugt vor den übrigen Neun, beide Zebedäiden nebft Petrus zu Jeſus geftanden haben follen, glauben wir, namentlich in Folge unferer fpäterhin vorzu— tragenden Deutung des Berflärungswunders, nicht blos oberfläch- lich hinwegeilen zu dürfen. Es wird und vielmehrdurch dieſe Er: zahlung und durch manches Andere wahrfcheinlich, daß Jeſus allerdings gegen diefe drei fich über feine Meſſiaswuͤrde und über manche damit in Verbindung ftehende Dinge in einem Zuſam— menhange ausgefprochen hat, in welchem er, unftreitig aus wohls überlegtem Grunde, gegen die übrigen nicht zu fprechen wagte. Die fpätere Sage bei Clemens Alerandrinus, welche den Pe— trus, Sohannes und Safobus ald Inhaber einer von Chri— ſtus zunächft nur ihnen mitgetheilten Gnofis vder Geheim- lehre nennt*), weicht zwar in doppelter Hinficht von unferer Borausfeßung ab, indem fie theild unter dem Safobus nicht den Zebedäiden, fondern den Bruder des Herrn verfteht, theils jene Mittheilung ihnen erft nach der Auferftehung Chriſti zu Theil werden läßt. Nichts deftoweniger halten wir diefelbe ihrem Grunde nad allerdings mit der Notiz, von der wir hier forechen, für identifh, und jene Differenzen erflären fi von felbft, wenn wir annehmen, einerfeits, daß, was auch fonft *) Euseb. H. E. II, 1. u Ueberfichtliche Darftelung der evangelifchen Gefchichte. 401 durch die Stellung, die wir diefen Safobus in der apoftoli- ſchen Gemeinde einnehmen fehen, in hohem Grade wahrfchein: lich wird, daß Iafobus der Bruder des Herrn auf entſpre— chende Weife, vielleicht gleihfal8 durch ausdrüdliche Wahl der übrigen Sünger, die Stelle des frühzeitig als Märtyrer verftor- benen Zebedäiden neben Petrus und Zohannes *) eingenommen hatte, wie Matthias die Stelle des Judas**); andererfeits daß der Glaube an geheime Mittheilungen von fpäterem Datum feinen Grund in den Dffenbarungen des Auferftandenen hat, welche zweien unter diefen drei Häuptern der apoftolifchen Kirche perfonlich und insgeheim geworden waren **). Säammtliche übrige apoftolifche Perfonlichkeiten außer den bier ausgehobenen find für uns leider nur noch Namen und Zahlen, und felbft als folche, wie befannt, nicht unangefoch- ten von allerhand Zweifeln, welche fich auf die Sdentität oder Nichtidentität einiger in den Apoftelverzeichniffen der drei Syn- optifer angeführten Namen unter fich oder mit anderwärts als Sünger des Herrn erwähnten Perfonen beziehent). Die Dif: ) Als orvAos der Kirche Gal. 2. 9. uno Ap. Geſch. 1,21 f. Nora 15,847. +) Auch von diefen Berzeichniffen glauben wir mit Sicherheit annep- men zu dürfen, daß fie im Grunde eines und daffelbe, nämlich die der beiden andern Synoptifer aus Marcus gefchöpft find. Hierzu berech- tigt ung, außer den Gründen, die in unferer allgemeinen Anficht der drei ſynopt. Evv. Liegen, insbefondere noch der Umftand, daß bie Ordnung der aufgeführten Namen ganz biefelbe ift, mit Ausnahme nur des Andreas, den Marcus erft hinter den Söhnen des Zebe- däus genannt hatte (unftreitig um biefen als den vertrauteren Jün— gern den Vorrang zu laffen), den die beiden andern aber, als den Bruder des Petrus, ſchon hinter diefem nennen. Diefe Differenz hängt damit zufammen, daß beide Ießtgenannte Evangeliften die Apoftel paarweife zuſammen gruppiven, ‚unftreitig mit Hinblid auf die, übris gens von beiden weggelaffene, Notiz des Marcus (6, 7), daß Jeſus fie paarweife (dvo duo) ausgefandt habe; welcher Hinblick dem Ver— faffer des erften Ev. um fo näher lag, als er Das Verzeichniß unmittel- bar mit dem Bericht von jener Ausfendung verfnüpft. Wir Haben ausnahmswetfe hier allerdings (vergl. oben S. 72) das Beifpiel einer Webereinftimmung des Matthäus und Lukas gegen Marcus in einer ihnen mit dieſem gemeinfchaftligen Stelle; was ung indeß in unferer nr £ J — 402 Drittes Buch. ch ferenzen, die fich in diefem Puncte vorfinden”), machen es nicht ganz unmwahrfcheinlich, daß in Bezug auf Einige der Apo— fiel noch bei Sefu Lebzeiten die Perfonen gewechfelt haben moͤ— gen; eine Annahme, die für und um fo weniger Schwierigkeit hat, je breiteren Raum wir durch die Borausfegung einer laͤn— geren Dauer der Wirkfamkeit Jeſu für fie gewonnen haben. Was das Nähere des Verhältniffes der Apoftel zu Jeſus betrifft, ſo wird daſſelbe bekanntlich in unſern Quellen als ein Verhaͤltniß innigſter Lebensgemeinſchaft gefaßt. Die Apoſtel find in der Regel die ſteten Begleiter des Herrn auf allen ſei— nen Wegen; nur ausnahmsweife zieht der Herr fich von ihnen, fonftigen Anfiht des Verhältniffes der Synoptifer zu einander nicht irren darf, da diefe Ichereinftimmung unbedeutend und erflärbar genug tft, um für zufällig gelten zu fünnen. Was die anderen Abweichungen der beiden von Marcus betrifft, fo weichen fie darin zugleich, wie fonft überall in ähnlichen Fällen, gegenfeitig von ein- auder ab. Der Berf. des erften Ep. nennt den Thaddäus zugleich Labbäus, Lukas aber nennt ftatt dieſes Apoftels hier und auch in der Apoftelgefhichte (1, 13) einen ganz anderen, nämlich den Ju— das Jakobi. Zu diefer Abweichung müffen beide Evangeliften einen beftimmten Grund gehabt haben. Bei Matthäus ift diefer Grund von feinem Intereſſe; die Abweichung des Lukas aber trifft zufammen mit der Erwähnung eines „Judas, der nicht der Iſcha— zioth war“ bei Joh. 14, 22, und läßt daher, wenn man nicht eine Spentität der Perfon diefes Judas mit Thaddäus und Labbäus annehmen will, allerdings auf das Dafein eines Jüngers diefes Namens fihließen, der bei Marcus unerwähnt geblieben if. Wel- hen Grund gufas baben mochte, diefen an die Stelle des Labbäus zu feßen, vermögen wir nicht zu enträthfeln. Daß er aber identiſch mit dem Bruder des Jakobus Alphäi, und Beide Brüder oder Vettern Jeſu gemwefen feien, ift eine fo gut wie aus der Luft gegriffene Hypothefe. *) Außer der eben erwähnten Differenz findet fih befanntlih noch Sop. 1, 46 ff. ein Nathanael als Jünger Jefu erwähnt, für den man in dem Apoftelverzeichniffe nur dadurcd einen Platz zu gemwin- nen weiß, Daß man ihn für iventifeh mit Bartholomäus nimmt. Auch von dem Marc. 2, 14 u. Parall. erwähnten Levi ift bie Spentität der Perfon mit Matthäus, den befanntlih das erfte Ev. an feine Stelle febt, noch feineswegs erwieſen. Eben fo mög- lich, daß Beide Zöllner waren, daß aber der Verf. des erften Ev. nur den Lesteren (vergl. Matth. 10, 3) als Zöllner kannte und daher an Jenes Stelle feßen zu müffen meinte. x Ueberfichtliche Darftellung der evangelifchen Gefchichte. 403 öfters in Begleitung jener drei Vertrauteften, in die Ginfam- keit zurück, oder fendet fie, zu allgemeineren oder befonderen Sweden, von ſich hinweg. Daß das Inſtitut vollfommener Gemeinfchaft der Güter, welches in der apoftolifhen Kirche | nad Ehrifti Tode eine Zeitlang eingeführt und aufrecht erhal- ten ward, bereit3 an jenem Verhaͤltniſſe fein Vorbild hatte, ift an fich nicht unmwahrfcheinlich und fcheint in der Nachricht, welche das vierte Evangelium von der Kaffenführung des Ju— das Ifcharioth giebt, eine Beftätigung zu erhalten. Doch läßt ſich diefe letztere Notiz nicht ganz ohne Zwang mit einer an— dern in Uebereinftimmung bringen, welche wir gelegentlich bei Lukas finden*), daß einige Frauen, die Jeſus von Krankheiten geheilt, fich zu ihm gefellten und aus ihrem Vermögen feine Le: bensbedürfniffe beftritten. Ueberhaupt ift es wohl richtiger und Sefu würdiger, das Verhaͤltniß fo vorzuftellen, daß jeder Ein: zelne fein Habe und Gut ald ihm mit allen übrigen gemein be: trachtete, als daß eine ausdrüdliche Verpflichtung zum Einbrin- gen des gefammten Vermögens eines jeden ftatt gefunden hätte, — Der Z3weck, den Jeſus bei diefer Gemeinfchaft vor Augen hatte, ift nicht als ein fo Außerlich pädagogifcher zu faffen, wie er gemeiniglich gefaßt wird; dergeftalt etwa, als habe er feinen Umgang mit den Apofteln in der Weife eines Seminariums für Eünftige Lehrer der Gemeinde betrachtet, Es trat vielmehr diefe eigenthümliche Weife der apoftolifchen Süngerfchaft vor: laufig an die- Stelle der Abgefchloffenheit eines Lehrfyftemes oder einer Eirchlichen Verfaſſung, dergleichen unmittelbar zu gründen nicht in Jeſu Beruf lag, und aus Grund, - wie fhon vorhin angedeutet, der univerfelen Bedeutung Diefes Berufs nicht darin liegen Eonnte. Der Apoftelverein wurde durch Die Lebensgemeinfchaft mit Jeſus zum Träger einer Subftan= tialität des göttlichen Geiftes, deren Begriff ganz etwas anderes fagen will, als nur eine fubjective Gefchidlichfeit der Einzel- nen zur Außerlichen Ueberlieferung und Fortpflanzung der Lehre ihres Meifters. Siegel diefes fubftantiellen Beruf waren Die den Süngern mitgetheilten Wunderfräfte und nad) dem Ab: fcheiden des Herrn der über fie ausgegoffene heilige Geift, def- *) tut, 8, 2 f. 26* ⸗ DEN. au Lu RATE = * * ar ER * — En nn, — ei a ale Wr m — - - AM en ? i A— Ba 1 a v Pie — Bun. * 404 * Drittes Buch. J —J fen Begriff gleichfalls etwas mehr bedeutet, als nur eine ober: flächliche, fubjective Begeifterung der Einzelnen als Ginzelner. Die Erzählung von der Ausfendung der Apoftel in die benachbarten Landfchaften, um dort das Evangelium zu ver- kündigen, bat zu ihrer Hauptquelle wiederum den Marcus, wiewohl der erfte Gvangelift fie mit einer Reihe von Denkſpruͤ— chen bereichert, folchen, die Lukas feinerfeits an verfchiedene Stellen feiner Gefchichtserzählung vertheilt. Es ift dieſe Aus— fendung, wie man in dem urfprünglichen Bericht deutlich hin- durch erfennt*), und wie auch die Geftaltung, welche das erfte Evangelium dem Berichte giebt, auf diefer Auffaffung zu beruhen fcheint, nicht als eine einzelne, zu einem beftimmten Zeitpunct erfolgte Begebenheit zu nehmen, wie Lukas fie al- lerdings dafür genommen hat, fondern als eine oͤfter wieder: holte, zur Gewohnheit gewordene Handlung. — Zu zweien fendet Jeſus, — auch dies erfahren wir zunaͤchſt nur durch Marcus, deffen Notiz aber, wie oben erwähnt, die beiden andern nicht unberücfichtigt gelaffen haben, — die Jünger aus, um zu hei: Yen und dad Gvangelium zu predigen, Dies glauben wir nicht fo verftehen zu müffen, als habe er alle zwölf zu gleicher Zeit paarweife weggeſchickt und fei unterdeß allein geblieben, fondern viel natürlicher fo, daß er immer nur zwei auf einmal von fich hinwegließ und indeß die Übrigen in feiner Nähe be— hielt. Zwed diefer Sendung war wohl weniger die unmittel- bare Verbreitung feiner Lehre durch die ausgefandten Jünger, als vielmehr die Vorbereitung der Jünger zu jener Gelbftftän- digkeit, die fie nach feinem Tode gewinnen follten. Aus Die: fem Geſichtspuncte find auch die Aufträge zu betrachten, die der Meifter. ihnen mitgiebt, die wir weiter unten naher werden zu befprechen haben; insbefondere auch die Befchränfung die— fer Aufträge auf die Städte und Landfchaften Israels. Denn =) no&aro arooreihsıv Marc. 6, 7, was Luk, 9, 2 in amforsıdev Yer= wandelt; fo wie er auch nachher DB. 10 vrooreewarrss hinzufeßt, wo bei Marcus V. 30 das ovvayovraı feineswegs die Rückkehr von einer einzelnen, beftimmten Abwefenheit anzeigt. Doch iſt zuzuge— ben, daß das Misverſtändniß allerdings fchon bei Marcus, der bier, wie öfter, nur halb gehört haben mochte, zu beginnen feheint. « ” 2 * x WUeberſichtliche Darftellung der evangelifchen Gefchichte. 405 zu deutlich hat Sefus anderwärts das Bewußtſein von der univerfellen Beftimmung feines Werkes ausgefprochen, ald daß man dieſer Befchränfung einen objectiven und nicht vielmehr nur einen fubjectiven Grund unterlegen koͤnnte. — Wenn übri- gend Lukas einen Theil der Worte, welche er nach Matthäus bei Gelegenheiten folcher Art zu feinen Süngern ſprach, nicht zu den zwolf Apofteln, fondern zu fiebzig andern Süngern geſpro— chen werden läßt, die nach ihm der Herr auf feiner Neife von Salilaa nad) Ierufalem, gleichfalls in Paaren zu zwei und zwei vorausgefandt haben foll: fo hat neuerdings die Kritik darauf aufmerffam gemacht, wie durchaus vereinzelt die Nach: richt von diefer legtern Ausfendung bei einem, wie wir aus mehrfacher Erfahrung wiffen, hiſtoriſch ungenauen Schriftftels ler fteht, und wie gerechter Zweifel ficy) aus diefem Grunde ge= gen ihre Glaubwürdigkeit erheben läßt. Für und vermehrt fich die der Annahme diefer Nachricht entgegenftehende Schwierig: keit noch durch die Anficht, die wir oben über das Verhaͤltniß Sefu zu dem ihm anhängenden Bolfe aufftellten, welches, wie wir mit triftigen Gründen erwiefen zu haben glauben, nichts weniger, als ein Verhältniß eigentlicher Süngerfchaft war. Doch möchten wir nicht fowohl die Nachricht von jener Aus— fendung überhaupt, als vielmehr nur die näheren Notizen, die Lukas daran knuͤpft, bezweifeln. Daß Jeſus zu der ihn fortwaͤh— rend umgebenden Menge, unter welcher fich, wie wir aus vielfa- hen Anzeigen fchließen dürfen, gewiß auch Viele bleibend an ihn anfchlofien, fich, ohne fie darum für feine Sünger im abfchlie: Benden Sinne anzuerkennen, doch in ein Verhaͤltniß der Art gefeßt habe, welches ihm geftattete, fich ihrer zu einzelnen oder wiederholten Malen ald Drgane feiner Berfündigung zu bedienen: dies liegt Feineswegs außerhalb der Grenzen der Wahrfchein- lichkeit, und je weniger wir an diefer Stelle Grund zur Bor: ausfesung einer ohne folche Veranlaffung bildenden Sagenthä- tigkeit finden, um fo rathfamer muß demzufolge diefe An- nahme hier erfcheinen. Bedenklicher feheint das Geltenlaffen der bedeutfamen Zahl Siebzig, als fei auch diefe von Chriftus felbft feftgeftellt worden. Wäre dem wirklich fo, fo würde er biermit allerdings den Schein gegeben haben, ganz eben fo, wie bei der Beltimmung der Apoftelzahl, in den Perfonen der 46 Drittes Bud. folchergeftalt Ausgefandten einen Süngerfreis um fich obſchlie— ßen zu wollen. Eben die Bedeutſamkeit der Zahl aber konnte gar leicht einen fremden Erzaͤhler dazu veranlaſſen, ſie als runde Summe der ungefaͤhren Menge der Ausgeſchickten anzu— geben. Am wenigſten koͤnnen wir die Uebertragung jener, offen— bar nur auf die eigentlichen Juͤnger des Herrn, die Apoſtel, berechneten Worte auf dieſe jedenfalls nur extemporirten Juͤn— ger geeignet finden, ſo wie auch, wäs Lukas weiterhin von der Gewalt, welche die letzteren über die Dämonen geuͤbt, zu er— zahlen weiß *), offenbar auf einer Verwechfelung mit dem nur von den Apofteln Geltenden beruht. Eine wichtige Bereicherung würden die Erzählungen der Synoptifer von den Aufträgen, die Jeſus den ausgefandten Süngern ertheilte, gewinnen, wenn wir die Notiz, welche nicht in diefem, ihm überhaupt fremd bleibenden Zufammenhange, fondern in ganz zufälliger, gelegentlicher Erwähnung *) das vierte Evangelium von der durch Jeſus, doch nicht für ihn felbft, fondern für feine Jünger adoptirten Sitte des Taufens giebt, für eine glaubwürdige zu erkennen vermöchten. Allein dieſe Glaubwürdigkeit in Zweifel zu ziehen, veranlaffen ung, “außer jenem, an fich felbft fchon Feineswegs unerheblichen Grunde, der in dem Schweigen der Synoptifer fowohl überhaupt, als ganz befonders in dem eben gedachten, die Erwähnung des Lauf: actes dem Erzähler doch fo nahe legenden Zufammenhange liegt, auch noch andere, zahlreiche und wichtige Gründe. ı Schon bie Umgebung, in welcher fich jene Notiz findet, ift nichts weniger als Vertrauen zu ihr erwedend oder hiftoriichen Boden für fie bereitend. Es ift im Zufammenhange mit jener ‚bereits oben von und ald irrig befundenen Borftellung, als fei Jeſus ſchon vor der gefänglichen Ginziehung des Taufers Johannes oͤffent— lich, und zwar in Judaͤa *) aufgetreten; als feien die Schüs Ver beider Meifter mit einander in Streit und Wortwechfel ge— kommen, von Sohannes aber, (der nichts deftoweniger felbftftän: vis zu lehren und zu taufen fortfährt) die höhere Berechti- *) Luk. 10, 17. *) op. 3, 22. 26, 4,1 f. **) Y, a. 9. 3, 22, Zu se * —* /« Ueberfichtliche Darftellung der evangelifchen Gefchichte. 407 gung Sefu anerkannt worden, — es ift in diefem, an fich ſchon fo verdächtigen, und durch eine wunderliche, wahrfcheinlidy irre thümliche gengraphifche Notiz*) noch verdächtiger werdenden Zu: fammenhange, daß erft zu drei wiederholten Malen von einem Ausüben der Zaufhandlung durdy Jeſus gefprochen, dann aber in Parenthefe die Nachbefferung beigefügt wird, Doch fei es Sefus nicht felbft gewefen, welcher getauft habe, fondern feine Sünger. — AS den Kern diefer Erzählung finden wir, wie gewöhnlich im vierten Gvangelium, auch hier eine längere Be: trachtung, die indeffen diesmal nicht, wie fonft überall, Jeſu, fondern Johannes dem Täufer in den Mund gelegt wird, derges ftalt namlich, daß derfelbe fie ald Antwort auf die Nachricht ſpricht, die feine Jünger ihm bringen, daß jener, demer, Johannes, früher fein Zeugniß gegeben habe, jeßt felbft zu taufen angefangen habe, und daß alles zu ihm ſtroͤme. Die Gefammtanficht, welche wir über die Entftehung des vierten Evangeliums ausgefprochen haben, veranlaßt uns, die ganze Erzählung darauf anzufehen, ob fie nicht eine dem Apoftel Sohannes nachgearbeitete Ueber: kleidung diefes Kernes fein fonne. Wir finden diefe Vermu— muthung überrafchend beftätigt, wenn wir die auffallende Ver: wandtfchaft der dem Täufer in den Mund gelegten Betrach: tung mit den nächftvorhergehenden Neden Jeſu *), und dieſer Berwandtfchaft gegenüber feine VBerfchiedenartigfeit von allem, was zur Einkleidung gehört, in Erwägung ziehen. Lebtere fallt fo fehr in die Augen, daß fchon manche Erflärer auf den Gedanken gefommen find, die Worte, in denen wir unfererfeits jenen Kern zu erkennen glauben ***), gar nicht für Worte des Taufers, wofür der Zufammenhang fie giebt, fondern für eine von dem Gvangeliften in feiner eigenen Perfon dazwiſchenge— RES 2S, ==) In dem Gefpräche mit Nikodemus: V. 1 — 21. Vergl. darüber, was wir unten im fechiten Buche fagen werben. **5) V. 31 — 36. Die Worte B. 27—30 gehören noch zur Einkleidung, und find alfo ſchwerlich, wie jene allerdings, vom Apoftel Johan nes niedergefchrieben, obwohl ihnen eine Reminiſcenz an das Cap. 5, 33 Angedeutete zum Grunde Tiegen mag, was aber, wie wir oben, ©. 269 ff., zeigten, auf einen ganz anderen gefrhichtlichen Zu— ſammenhang, als den piererzählten, hinweift. h Br er * 408 Drittes Buch. ſchobene Betrachtung zu nehmen. Bei diefer Beſchaffenheit der Erzählung muß um fo mehr Argwohn die fonderbare Wen- dung erwecen, mit welcher der Erzähler die von ihm wieder: holt gegebene Notiz über das Taufen Sefu zuruͤcknimmt oder verbeſſert. Nur allzufehr fieht diefelbe darnach aus, als beruhe fie auf einer allerdings auch unferm Evangeliften zugefommenen Kunde, daß nicht Sefus felbft, fondern erft feine Jünger die Zaufhandlung eingeführt, und zwar — fo nämlich meinen wir diefe Notiz verftehen zu müffen — nad) Jeſu Tode eingeführt haben. Der Evangelift befann ſich auf diefe Notiz erft, nach— dem er ſchon von dem Taufen Sefu erzählt hatte, ahnlich, wie er fich, nach unferer obigen Bemerfung, auf die Notiz, daß Je— fus erft nach der Gefangennehmung des Taufers aufgetreten fei, nicht eher, als in dem Augenblide befann, als er ein ihr wi- derfprechendes Factum zu erzählen im Begriffe war. Gleich: wie er aber dort jener Notiz fich dadurch zu entledigen meinte, daß er in Parenthefe die Bemerkung beifügte *), Sohannes fei damals noch nicht ind Gefängniß geworfen gewejen, fo meint er hier der hiftorifchen Wahrheit zu genügen, wenn er zwar eingefteht, daß nur die Sünger die Taufhandlung ausgeübt ha= ben, aber dabei vorausfest, daß dies noch bei Lebzeiten Sefu gefchehen fei. Sp alfo, wie wir hier gezeigt, ift die Stelle befchaffen, die einzige im ganzen Neuen Zeftamente, auf welche ſich die bisher fo faft durchgehends unangefochten gebliebene Meinung zu flügen vermag, dad Sacrament der Taufe fei von Ehriftus felbft, nicht erft nach feiner Auferftehung, fondern bereit3 wäh rend feines Lehramtes eingefeßt, und fogleich durch die Perfonen feiner Sünger in Ausübung gebracht werden, Was fich fonft aus der Schrift von pofitiven Umftänden, abgefehen von je: nem gerade hier fo wichtigen negativen Momente, dem Schwei- gen der ſynoptiſchen Gvangelien, zur Entfcheidung diefer Frage herbeiziehen läßt, das alles fpricht durchaus gegen, nicht für diefe Annahme. Bon dem Herrn felbft ift uns ein Wort über- liefert, welches von feinen Süngern fagt: Sohannes zwar habe mit Waffer getauft, fie aber follen mit heiligem Geifte getauft *) B, 24 — er > " r x RER: — 7 I; — a? — ERS 2 Ueberfichtliche Darſtellung der evangelifchen Gefchichte. 409 werden *); ein Ausfpruch, der offenbar einen Gegenfaß zur Waſſertaufe einfchließt, und fo nicht hätte gefprochen werden koͤnnen, wenn Sefus ſchon damals die Waflertaufe als Ein— weihungsgebrauch in feine Gemeinde eingeführt hätte. Noch deutlicher ift die fpätere Aufnahme des Zaufritus in den Wor— ten des Apofteld Paulus ausgefprochen, wo diefer jagt, daß alle, die auf Jeſus Chriftus getauft find, auf deffen Tod ge— tauft find *), wo er die Getauften ‚„‚Mitbegrabene mit Chri— ſtus““ nennt***) und den Sinn der Taufhandlung, weil fie „auf die Todten“ gefchehe, von der Wahrheit unferes Glaubens an die Auferfiehung der Todten abhängig macht **). Eben dafür zeugt die, allerdings myfteriöfe, aber im Achten, wahrhaften Sinne myfteriöfe Verbindung, in welche wir in der erfien Ges meinde die Zaufhandlung mit dem Gmpfange des heiligen Gei— fies geftellt erblidenz fei e8 nun, daß die Taufe ald Bedin— gung diefes Empfangs vorgeftellt‘ wird +), oder daß umge: ehrt die Macht des Geiftes diejenigen, über die er Fommt, Dazu treibt, fich taufen zu laffen ++). Bekannt nämlich ift es, wie die wunderbaren Erfcheinungen, die ald Empfängniß des heili- gen Geiftes bezeichnet werden, erft nad dem Tode des Herrn fih in der Gemeinde zeigten, und nach der VBerfündigung deſ— felben zeigen follten. Wenn andererfeitS zwei der fpnoptifchen Evangelien erft dem auferftandenen Chriſtus dad Geheiß, mit der Predigt des Evangeliums die Laufe der zu dem Glauben an ihn, den Gefreuzigten und Auferftandenen, Befehrten zu verbinden, in den Mundlegen 444) fo kann man dies, in Betracht *) Ap. Gefch. 11, 16 und ähnlich 1, 5. Vergl. damit den Gebrauch des Mortes Barrilew in den beiden Stellen Marc. 10, 38 und Parall. und Luk. 52, 50, der gleichfalls gegen einen ſchon damals von Chriftug reeipirten typifhen Gebrauch des Wortes und ber Sache zu fprechen frheint. =) Nom. 6, 3. EE) gyyraglırss co Xoro Ev cu Bantiouarı, Koloſſ. 2, 12. SER) 7 Toimoovow o Bantıldusvor Ömle tüv vergiw, 8 0Ams vExg0L 09% £ysipovras; ti zul Bantibovraı vnie avrav; 1 Kor. 15, 29, +) Ay. Geſch. 2, 38. 19, 2. 6. (8, 399) +4) Ebendaf. 10, 44 ff. 11, 15 f. +++) Matth. 28, 19. Mare, 16, 16. — 410 Drittes Buch. der Art und Weiſe, wie wir, zufolge des ſpaͤter von uns uͤber dieſen Punct weiter zu Entwickelnden, ſaͤmmtliche Reden zu nehmen haben, welche Chriſtus nach ſeiner Auferſtehung geſpro— chen haben ſoll, dem, worauf uns jene Notizen hinfuͤhren, nicht gerade widerſprechend finden Won Lukas aber, welcher den auferftandnen Ehriftus ausdrudlic nur der Geiftestaufe, welche feine Sünger empfangen *%), nicht der Waflertaufe, Die fie ertheilen follen, gedenfen läßt, fcheint es beftimmt fo, als beab— fichtige er in jener Nede, welche er nach dem erften Empfang des Geiftes den Petrus an die verfammelte Menge halten laßt *), wirflih den erften Einführungsact des Taufritus in die chrift- liche Gemeinde dazuftellen. Daffelbe Refultat nun aber, welches fi) und aus der unbe— fangenen Zufammenftelung diefer zerftreuten Notizen ald das wahrfcheinlichere ergiebt, wird — wir ftehen nicht an, es mit Zuverficht auszufprehen — durch einen Nüdblid auf den im Borigen von uns dargelegten Gefammtcharafter der Wirkſamkeit Sefu im Eleineren fowohl, als größeren Kreife feiner Umgebung zur volftändigfien Gewißheit erhoben, Wir ftehen hier an eis nem Puncte, wo die gefchichtliche Forfhung, indem fie auf dem Wege der Verneinung fogar noch einen Schritt weiter zu ges hen wagt, als felbft jene Kritif, welche bisher das Aeußerfte der hiftorifchen Sfepfis auf dem Gebiet der evangelifchen Ge— fchichte erreicht zu haben ſchien, eben durch dieſe gefteigerte Negation felbft zur Bejahung wieder einlenft und eine pofitiwe Anſchauung der geiftigen Gefammtgeftalt des Wirkens und Be- ginnend Jeſu möglich macht. Befanntlid hat Strauß, unter fo vielen andern Zweifeln, durch die er den gefchichtlichen Grund und Boden unter unfern Füßen wanfend zu machen fucht, gerade dies, die Einführung des Taufritus fchon durch den lebenden Chriftus, nicht in Zweifel ftelen wollen**). Sra- gen wir indeß nach dem Motiv diefes Zugeftändniffes, welches er hier der evangelifchen Ueberlieferung, und zwar ausdrüdlic der Ueberlieferung desjenigen Evangeliums macht, deſſen Nach— *) Ap. Geſch. 1, 5. Vergl. Luk. 24, 49. **) Ap. Geſch. 2, 38. 22, % I, ©. 552, Ueberfihtliche Darftelung der evangelifchen Gefchichte. 411 richten fonft auch nach ihm als die mindeft glaubwürdigen erfcheis nen, fo findet ſich ald folches Motiv fein anderes, als die Ab- bängigfeit, in die Strauß Sefum beim Antritt und während der gefammten erften Periode feiner Laufbahn von Johannes dem Täufer ftellt, in deſſen Fußtapfen zu treten er in diefer, fo wie in manchen andern Beziehungen anfangs allein beabfichtigt ha— ben foll. — Diefe vermeintlihe Nachahmung des Taͤufers ift ihrerfeit8 nur eine Folge der Unbeftimmtheit und Unklarheit, in welcher bei jenem Kritifer das Charafterbild und die Thaͤ— tigkeit des Herrn zurückbleibt, Wäre er dazu fortgegangen, an die Stelle der alten dogmatiſchen Vorftellung von Chriftus, — jener Borftellung, in welcher freilich die felbfteigene Einfegung und Ausübung eines Sacramentes nicht nur feinen Anftoß ge— ben fonnte, fondern felbft als eine nothwendige und unab— weisliche Forderung erfcheinen mußte, — eine auf dem Wege lebendiger, philofophifcher Gefchichtsbetrachtung gewonnene Sdee von Ehriftus zu feßenz fo hätte er erkennen müffen, wie ganz und gar unvereinbar mit diefer Idee jene auf fo ſchwachem gefhichtlichen Grunde beruhende VBorausfegung if. Wir has ben vorhin gezeigt, wie es im MWefen der Lehrthätigkeit Chriſti lag, mit Ausnahme des nächften Süngerfreifes Feine Schüler: oder Anhängerfchaft um fich zu verfammeln, zwifchen Anhaͤn— gern und Nichtanhängern, zwifchen Schülern und Nichtfchülern feine fefte Grenze zu ziehen. Wir müßten das dort Gefagte und mit fo einleuchtenden, fowohl aus der Natur der Sache, ald aus dem Zeugniffe der Gefchishte entnommenen Gründen Unterftüßte gar fchnell wieder vergeffen haben, wenn wir nur im entfernteften dem Gedanken an die Möglichkeit Naum ges ben wollten, daß Sefus wirklich den aus dem Volke fih an ihn Herandrängenden die Zaufe ertheilt oder fie ihnen durch feine Sünger babe ertheilen laffen. Durch diefe Handlung nämlich würde offenbar, man müßte fie denn für eine ganz gedan— kenloſe Nachahmung des Johannes nehmen wollen, eine außer: liche Unterfcheidung folcher Art bezeichnet worden fein, wie jene, ) die zu bezeichnen fie fpäter wirklich gebraucht ward. Entweder die Taufe hatte während Chrifti Lebzeiten gar feinen Sinn, oder Chriſtus hätte durch Einführung der Taufe fehon während ſei— nes Lebens die Kirche, die Außerliche, fichtbare Kirche unmit- ENT d — Sa Pe WE Beh u ——«— — 2 Sr J CH 412 Drittes Bud. telbar fiften wollen, während doch alles, was wir von feiner und feiner Apoftel Gefchichte wiffen, uns zu der Annahme nö» thigt, daß er felbft unmittelbar nur die innerliche, unfichtbare Kirche gegründet, die Gründung der fichtbaren aber feinen Apo— fteln überlaffen hat. — Freilich fcheint der Begriff des Sacra— mentes, wie ihn die bisherige Firchlihe Dogmatik faßte, die Einfegung unmittelbar durch den Herrn zu fordern, und man wird von dem Standpuncte folcher Dogmatik nicht ermangeln, unfere hier vorgetragene Anficht ald eine das Sacrament ent- würdigende zu bezeichnen. Indeſſen, fo wenig wir die Grenzen jenes Standpunctes auch ald die Grenzen unferer Forfchung bes fiehen zu laffen gemeint find: fo find wir und doch bewußt, zu diefer Anficht nicht im Sinne einer frivolen Gleichgültigfeit ges gen die Würde des Sacramentes, fondern in der Ueberzeugung und zu befennen, daß weit befjer, ald durch Die Annahme ei- ner willfürlichen Anordnung diefes Gebrauches, einer folchen, die noch dazu nicht aus einem eigenthümlichen Gedanken des Heilandes, ſondern aus Nachahmung feines Vorgängers geflof- fen wäre, jene Würde durch Erinnerung an die Umftände bewahrt wird, unter welchen dem Zeugniß der Gefchichte zu: ‘ folge die Einführung der Taufe in der apoftolifchen Gemeinde wirklich erfolgt iſt ). — Da wir indeffen auf diefe Frage weiter unten noch zu zwei verfchiedenen Malen werden zuruͤckkommen müffen, fo begnügen wir uns einftweilen, die Unhaltbarkeit der hergebrachten Meinung bier auf gefchichtlihem Wege nachge: wiefen zu haben; ein Nachweis übrigens, dem wir Ueberzeu- gungsfraft genug zutrauen, um ihn, beiläufig gefagt, für hin: reichend zu erachten, daß allenfalls durch ihn allein fchon der 4 *) Sn welche Widerfprüche mit fich felbft fich übrigens bie bisherige dogma— tifche Anficht verwidelt: davon giebt die im patriftifchen Zeitalter fo lebhaft verhandelte Frage ein merfwürdiges Beifpiel, wie es denn zugegangen fei, daß die Apoftel, ohne die Taufe zu empfangen, haben felig werden können, Man erfann, um dies zu erklären, bie wunderlichften Hypotheſen; Einige wollten bei den Apofteln ſämmt— Yih den Empfang der Zaufe des Johannes vorausfegen, Andere famen auf den Einfall, die Fahrt auf dem See bei dem Sturme, der fie mit Waffer befprengte, möge ihnen die Stelle ber Taufe vertreten haben. Tertull. de Bapt. 12. wi u. + - ” VUeberſichtliche Darftellung der evangelifchen Gefchichte. 413 Glaube an die Unfehlbarfeit der hiftorifchen Nachrichten des - vierten Evangeliums erfchüttert werden Fünnte, Ueber den Eindrud, den die Lehre und die Thaten Jeſu unter dem Volke machten, unter welchem er lehrte, oder zu welchem fein Ruf drang, haben wir, obgleich eigentlich bier erft der Ort wäre, und des Weiteren darüber auszufprechen, ſchon in einem früheren Zufammenhange zu reden uns veranlaßt gefunden. Wir haben nicht unterlaffen, zu verftehen zu geben, wie die Anficht, die man fich über diefen Eindruck bilden. wird, je nachdem man dabei die Anfchauung zum Grunde legt, welche die drei erften. Evangelien, oder jene, welche das vierte Evange— lium giebt, wie diefe recht eigentlich eine Lebensfrage der gefamm- ten evangelischen Offenbarung ausmacht, Denn fo wenig wir au) geneigt fein mögen, in letzter Inftanz die Beglaubigung der göttlihen Sendung Jeſu von dem Zeugniffe der ihn umgeben- den Menge herzunehmen, ja fo fehr nach anderer Seite hin gerade die Verkennung, die Verſchmaͤhung des Göttlichen durch die Menfchen, zu denen er gefandt wor, für fein Weſen und für die Bedeutung feiner Erfcheinung charafteriftifch ift: fo ift doc die VBorftellung, die wir von dem Eindrud gewinnen, welchen Die Perfonlichkeit des Herrn über feine Umgebung verbrei= tete, auch für die Idee, die wir uns geiftig von ihm zu bilden haben, nichts weniger als gleichgültig. Zu dem Begriffe jener Bollendung und Verklärung des Menfchlichen, durch welche das Weſen diefes Menfchlichen unmittelbar mit dem Mefen des Goͤttlichen als eines und daffelde zufammenfälltz zu jener Stufe der Erhebung des Menfchlihen, welche die Menfchheit, dem chriftlichen Glauben zufolge, in dem Menfchenfohne erftiegen haben fol, gehört ohne Zweifel auch die Vorftellung einer fol- hen Macht, welche die Grfcheinung diefes Goͤttlich-Menſchlichen über das gemein Menfchliche ausübt, wie wir fie in den fyn= optifchen Evangelien, aber nicht auch in dem johanneifchen ge— f&hildert, oder vielmehr den Erzählungen der einzelnen Bege— benheiten vorausgefest und dieſe Vorausſetzung durch den gefammten Gefchichtsvortrag hindurch feftgehalten finden. Nicht eine auf miraculöfe Weife in einzelnen Augenbliden ſich bethaͤ— tigende Macht; nicht eine Macht folcher Art, wie der Bearbei- ter des vierten Evangeliums, gleihfam um für den Verluſt, u Te —— .“ u u —— — 44 Drittes Buch. den er in feiner übrigen Darſtellung erlitten hat, den Helden feiner Gefchichte zu entfchädigen, ihn noch ganz zuleßt, im Au: genblic® feiner Gefangennehmung über die Häfcher ausüben laͤßt), fondern eine fanft und allmählig, in der Weife alles Großen und Schönen in der Natur und in der Welt des Gei- fies, aber defto unwiderftehlicher, nicht willfürlich zu der oder jener Zeit auf den oder jenen Einzelnen, fondern, der Ber: flodung und Verhärtung vieler Einzelnen gegenüber, recht ei: gentlich auf die Gefammtheit wirfende Macht. Nur das Bild eines mit folcher ftillen, im beften Sinne des Wortes zauberhaften Gewalt Das Volk um fich verfammelnden und für ſich begeifternden Lehrers vermag auch noch gegenwärtig auf unfere Einbildungs- fraft eine entfprechende Gewalt zu üben; während wir uns, wenn wir durch Feine Dogmatifchen VBorurtheile zum voraus eingenommen dazugetreten wären, von dem Bilde eines unauf- börlich feine Mefjiaswürde im Munde führenden und in ab ftrufen Formeln dem Volke aufdrangenden, aber mit Ausnahme eines Fleinen Haufens eigenfinniger Sünger niemand überzeu- genden Propheten unglaubig, ja unwillig abwenden würden. — Keineswegs übrigens als den Meffias pflegte die bewundernde Menge Jeſum zu betrachten, wie er ſich ja ihr auch nicht als folhen angekündigt hatte. Er galt ihr im Allgemeinen ald ein Prophet von dem Charakter und Beruf der alten Pro: pheten**); Ginige gingen fo weit, in ihm, wie er felbft in Jo— hannes dem Täufer, die Grfcheinung des Elias erbliden zu wollen, die nach der alten prophetifchen Sage dem Auftreten des Meſſias vorangehen follte, noch Andere, unter diefen auch der Tetrarch Herodes Antipas, bezeichneten ihn, nach Sohannes des Täufer Tode, mit dem Namen diefes Letzteren, — worun: ter indeß wohl kaum etwas anderes gemeint fein kann, als ganz einfach nur die nahe liegende Bemerkung einer Aehnlich keit oder Verwandtſchaft feiner Erfcheinung mit der Erfcheis *) Joh. 18, 6. x**) So glaube ih das moogyyrns und sis row Toopnrow Mare. 6, 15. 8, 28 verftehen zu müffen. Das aveorn, welches Lukas an beiden Parallelftellen, und das "Iegswias, welches der Verf, des erften Ev. an ber zweiten Parallelſtelle hinzufeßt, zieht, (das erftere jedoch nicht Ba 7 A ie A — ET; * ut, £ —— 9 ade Meberfichtliche Darftellung der evangelifchen Gefchichte. 415 nung des Sohannes*). Ws „Sohn Davids’ ſcheint Jeſus erft zulest, bei feinem Einzuge in Serufalem angeredet worden zu fein; die früheren Spuren diefer oder einer gleichartigen Begrüßung find unficher und fcheinen von der fpäteren auf die frühere Zeit übertragen worden zu fein”). Was die Zufammenfegung der Volfsmenge anlangt, über welche fich die unmittelbare, perfönliche Wirkung Jeſu erftredte, fo finden wir in den fynoptifchen Gvangelien die Nachricht, daß Iefus felbft zwar von vorn herein nur innerhalb der Gren— zen Galiläa’3 umherzog und lehrte**), daß aber die auf den Auf, der fich von dort aus von ihm verbreitete, ihm entgegen— ſtroͤmende Menge auch aus allen umliegenden Landfchaften, aus Judaͤa und Serufalem, aus Perka, aus der fogenannten Defa- polis, aus Idumaͤa, aus den Gegenden von Tyrus und Sidon fi) verfammelt hatte+). Da indeffen die Sprache, in wel: her Sefus Lehrte, wahrfcheinlich nur der zu jener Zeit-in Pa— gerade nothwendig) den Volksglauben unnöthiger Weife in das Gebiet des Miraculöfen hinüber. *) Auch bier ift es nach der allein originalen und authentifchen Er— zählung des Marcus unnöthig, fei es den Juden oder dem Herodes den abgeſchmackten, völlig unmotivirten und im ganzen Altertbume fo gut wie beifpiellofen Wunverglauben zuzutrauen, die Seele des erft vor kurzem, höchftens vor einigen Jahren getödteten Johannes ſei wirklich in den Körper des damals ſchon Lebenden und vollkom— men ausgebildeten Jeſus hineingefahren. Die Worte, die Herodes Mare. 6, 16 fagt: 0» Ey amensgahısa Inavonv, ovros [foriv, avros] nytodn Er vengov, fagen nichts mehr und nichts weniger, als was wir noch jeßt alle Tage hören fönnen: daß diefer oder jener befannte der Vorzeit in dem oder jenem, der ihm ähnlich, wieder auferftan= den fei. Ebenfo Marc. 8, 28. Freilich aber hat auch hier namentlich Lukas durch die Art und Weife, wie Herodes bei ihm das Volfg- gerücht verfteht (Luk. 9, 9), zu dem irrigen Berftändniß jener Stelle, in welchem er wahrfcheinlich felbft befangen war, Anlaß gegeben. *) Sp wahrfiheinlich Matth. 9, 27. Die Begrüßung Jefu als Gottes Sohn, fei eg nur durch feine Jünger oder durch alle, die mit Teß- teren auf dem Schiffe waren, Matth. 18, 33 tft von dem Evange— Tiften wahrfcheinlich aus der Luft gegriffen, da fie in der Parallels ftelfe bei Marcus fehlt. Eben fo die Abficht des Volkes, Sefum als König auszurufen, bei Joh. 6, 15. “4, Marc. 1, 30. Matth. 4, 23. Luk. 4, 14 f. 44. +), Mare. 3, 7 f. u. Parall, ER NIE ra r v ——ã a > Kr Gm J 416 Drittes Buch. laͤſtina die Volksſprache bildende aramaͤiſche Dialekt war, nicht die allerdings auch in dieſen Gegenden ſich verbreitende grie— chiſche, ſo iſt ſchon aus dieſem Grund nicht wahrfcheinlich, daß die Notiz von phoͤniziſchen Hoͤrern von Heiden zu verſtehen ſein ſollte. Auch der Inhalt der uns uͤberlieferten Reden ſelbſt, und eine Menge andere Umſtaͤnde aus der evangeliſchen Ge— ſchichte und aus der zunaͤchſt nachfolgenden, laſſen keinen Zwei— fel, daß der Kreis, der Jeſum hoͤrte, einzig aus Bekennern der moſaiſchen Religion zuſammengeſetzt war. Um ſo bewun— derswerther, als, wie geſagt, nicht die Frucht einer, wenn auch immerhin ſeltenen oder vereinzelten Erfahrung (denn auch die zwei allerdings vorkommenden Erzaͤhlungen von Heilung heid— niſcher Kranken find, wie wir zeigen werden, nicht für wirkliche Geſchichte zunehmen), um fo bewundernswerther muß und das von Sefus fo laut und fo wiederholt ausgefprochene Bewußtfein über die univerfale Beſtimmung feiner Xehre erfcheinen. Es hatte diefes Bewußtfein zwar feinen Vorgang in einigen Andeutungen auch der alten israelitifchen Propheten. Aber daß Jeſus — troß der auch für ihn perfonlich noch fortdauernden Befchränfung der Nationalität, die es ihm zur Nothwendigfeit machte, auch fei- nen Apoſteln fürerft noch GEnthaltung von dem Verkehre mit den Heiden anzuempfehlen, — die Erfüllung diefer Andeutungen in Ihm felbft finden fonnte: dieſe Thatſache feines Bewußtfeins gehört nicht8 deftoweniger zu den überzeugendften Momenten des Beweifes für die gottlihe Natur diefes Bewußtſeins. So auch Fonnen wir, aus Grund des Berbotes, welches er an feine Sünger ergehen läßt*), wohl nicht umhin, das famaritifche Land und Volk von dem Kreife der unmittelbaren Wirkſamkeit Sefu vorläufig ausgefchloffen zu denken; obgleich in Bezug auf diefes recht ausdrücklich noch eine Reihe von Erwähnungen im dritten und vierten Gvangelium theild für das auch über dieſe Befchränkung hinausblidende Bewußtlein Jeſu, theild für das Streben der apoftolifchen Zeit, dad damals mit überrafchender Schnelligkeit umgeftaltete VBerhältnig jenes Volkes zur chriftli- chen Kehre**) durch ausdrüdliche Verfündigungen des Herrn *) Matth. 10, 5. *r) Ap. Geſch. 8, 5 ff. —— BE. / * jr Hr F EN Ueberſichtliche Darftellung der evangelifchen Gefchichte. 417 zu motiviren, ein Zeugniß giebt. Die charafteriftifche Anek— dote, daß Sefus in feiner unmittelbaren Vaterſtadt Nazareth wenig Gläubige fand, darf nicht verleiten, Dies, 'wie der vierte Evangelift gethan zu haben fcheint*), auf Galiläa über: haupt zu erſtrecken. Vielmehr hatten wir fchon mehrfach zu be= merken Veranlaſſung, wie gerade die Befchaffenheit dieſes Lan- des, die Zufammenfegung des ihn bewohnenden Volksſtammes und fein Verhältniß zum Mittelpuncte des jüdifchen religiofen Gemeinlebens daffelbe vor andern zum Schauplake feiner Thaͤ— tigkeit eigneten, und wie in mehrfachen Beifpielen die Gefchichte Dafür zeugt, .daß Sefus empfängliche Gemüther für feine Lehre und rüflige Mitarbeiter an dem begonnenen Werke vorzugsweife in feinen galiläifchen Kandsleuten fand. Allerdings zwar hören wir von einem Weherufe, den Sefus über die galiläifchen Städte Bethjaida, Chorazin und Kapernaum gefprochen hat**). Allein die Worte diefer VBerwünfchung beziehen fich nicht auf eine Berfolgung, die, er felbft perfonlich Dort erlitten hätte, fondern auf die Verdorbenheit ihrer Bewohner ganz im Allgemeinen, Es find folche, die ein ernfter, fittlicher Zorn über einen Poͤbel von Anhängern und Bewunderern vollfommen eben fo gut, wie über eine Maffe von Feinden Sprechen Fonnte, und wir möchten Feineswegs denen beipflichten, die aus ihrer durchaus zufälligen Stellung bei Lukas haben herausflügeln wollen, daß Sefus fie bei feinem Abjchied aus Galiläa, aus Zorn über den geringen Erfolg, den er unter den Bewohnern diefes Landes gefunden hätte, gefprochen haben muͤſſe. Daß neben den Anhängern, von denen wir, in Gemäßheit fowohl der einzelnen Nachrichten, als auch des Gefammtein: druds der fonoptifchen Evangelien, mit größter Zuverficht an: nehmen durften, daß fie — freilich zunächft nur dem Außer: lichen und Dberflächlichen der Gefinnung nach; ein Mehreres und Zieferes Eonnte Sefus der Befchaffenheit feiner Lehre nach nur von wenig Einzelnen erwarten, — die große Mehrzahl des Volkes in allen den Gegenden ausmachten, die Sefus entweder felbft betrat, oder in die fein Ruf fich verbreitete, — daß neben *) 309. 4, 4. **) Matth. 11, 21 ff. u. Parall. 27 E. . 2 418 Drittes Bud. J diefen Anhängern fich fehr bald, und den ganzen Zeitraum fei- ner öffentlichen Wirkfamkeit hindurch, auch Gegner hervorthun mußten, dies liegt in der Natur der Sache, und wird von und feineswegs in Abrede geftelt. Als die eifrigften und erbittert ften diefer Gegner erfcheinen allenthalben die jüdifchen Schrift: gelehrten, namentlich die der pharifäifchen Secte; die Saddu— caer, die fpäter der apoftolifchen Kirche wegen ihres Auferfte- hungsglaubens fo feindfelig entgegentraten*), finden wir erſt fpät und nur bei einzelnen Gelegenheiten, die Efjaer gar nicht unter feinen Gegnern erwähnt. Die Pharifaer waren vorzugs— weife die Dogmatifer und Buchftabengläubigen unter den Juden, fo wie auch die, welche am meiften auf Werfheiligkeit und Ce— remoniendienft hielten. Natürlich alfo, daß fie zuerft die Ge— fahr, welche durch den Geift der neuen Lehre dem alten Reli- gionsgebäude drohte, witterten und am emfigften diefelbe abzu- wehren trachteten; wenn wir auch, wie es wohl das Wahr: fcheinlichere ift, annehmen dürfen, daß die ausdrüdlich gegen fie gerichteten Angriffe Sefu fie nicht unaufgefordert trafen, fon- dern eben erſt durch ihre Gegnerfchaft gegen fein Thun hervor- gerufen wurden. In Galilaa felbft mochten ſich zwar wenig Schriftgelehrte aufhalten; wir finden vielmehr die ausdrüdliche Bemerkung **), daß folche von Serufalem daher gefommen waren, wie es ſcheint, in Feiner andern Abfiht, als um ihn zu hören und Kundfchaft über ihn einzuziehen. Wenn wir daher auch bei verfchiedenen Veranlaffungen Pharifäer in Unterredung mit Sefus oder feinen Süngern während ihres Aufenthalts in Gali- laa erwähnt finden, fo beginnt doch die fortlaufende Reihe von Wortwechfeln mit Pharifaern und Schriftgelehrten in den fonoptifchen Evangelien erft ganz zuleßt, mit der Ankunft Sefu in Serufalem. — Mit den Pharifaern werden ald Gegner Sefu und als Anfchläge gegen ihn fehmiedend, zu zwei verfchiedenen Malen, das einemal noch in Galiläa**), das zweitemal bei feinem Aufenthalte in Serufalem+), die „Herodianer“ in Ver: *) Up. Geih. 2,129, 1723, 6 fi. u. a. +) Marc. 3, 22, vergl. B. 7 f. Cap. 7, 1 u. Parall. +27) Marc, 3. 6. +) Ebendaf. 12, 13 u. Parall. Zus Ueberſichtliche Darftellung der ebangeliſchen Gefchichte. 419 bindung gebracht; was wir nicht fowohl von einem jüdifchen Anhange des Tetrarchen, als vielmehr, namentlich an der erftern Stelle, von Beamten und Kundfchaftern deffelben verftehen möchten. Es kann nichts Auffallendes haben, wenn wir die Greaturen diefes Fürften, deffen von außen dem jüdifchen Volk aufgedrungenes Negiment ſchon aus Diefem Grunde alle volfs- thümlichen Bewegungen mit argwohnifchen Augen betrachten mußte, auch Jeſum wegen des Anhangs, den er unter dem Volke fand, heimlich oder dffentlich beobachten, und zu dieſem Behufe fich mit ihren fonftigen Feinden, den jüdifchen Schrift: gelehrten, jo. wie diefe mit ihnen, verbinden fehen. Lefen wir doch bei Sofephus*), daß der Grund, weshalb Herodes den Sohannes gefangen geſetzt und getodtet hatte, die Furcht vor Volksunruhen gewefen ſei; eine Bemerfung, die, auch wenn man ihr gegenüber den detaillirteren Angaben unferer Evangelien über das Ende des Taufers, mit denen jene übrigens nichts weniger als unvereinbar ift, größern Glauben beimeffen will, jedenfalls fo viel beweilt, daß Grund vorhanden war und daß Herodes ſelbſt mehrfache Veranlaffung gegeben haben mußte, ihm ſolche Furcht zuzutrauen. Indeſſen finden wir nicht, daß das Verfahren gegen Sohannes auf irgend eine Weife von Ein: fluß auf das eigene Handeln Jeſu gewefen fei, oder daß diefer ernftlichen Grund gefunden habe, von Herodes Gefahr für fich felbft zu befürchten. Selbft auf die ausdrüdliche Warnung, die er von den Anfchlägen des Herodes erhält, antwortet er auf eine Weile, die, wie man fie übrigens auch deute, jedenfalls das Bewußtfein einfchließt, daß die Gefahr zur Zeit noch nicht fo dringend fei**). — Man follte nicht unterlaffen, diefen Um: ftand zu Gunften des evangelifchen Berichtes von dem wahren Grunde der Gefangenfchaft und Hinrichtung des Johannes gel: tend zu machen; der übrigens, wenn wir von der allzu Drama: tifhen Einkleidvung abfehen, gegen welche man nicht mit Uns recht eine geographifche Schwierigkeit geltend gemacht hat, in der Geftalt namentlich, in welcher wir ihn bei Marcus Tefen, mit allem, was wir aus andern Quellen über den Charakter *) Joseph. antig. XVIU, 5, 2. =) Luk, 13, 31 £. RL" a — — u —— 420 Drittes Buch. des Herodes wiſſen, ganz wohl übereinftimmt*). Wäre wirk— lich der Anhang, den Johannes unter dem Volke gefunden *) Der geſchichtliche Kern der Erzählung des Marcus (6, 17 ff.) if nämlich wefentlich wohl nur diefer: daß es der Einfluß feiner Ge— mahlin, der Herodias war, welcher ſowohl die gefängliche Einzie- bung des Sohannes, als auch feine Hinrichtung bewirkte, Dies flimmt ganz mit dem, was wir auch bei Joſephus (antig. XVII, 7) über ven Einfluß Iefen, den die Herodias auf ihren Gemahl übte: ein Einfluß, welcher für denfelben verhängnißvoll ward, als er fich durch fie verleiten Tieß, nach Nom zu gehen und, in Riva— lität mit feinem Neffen Agrippa, bie Königsfrone zu furhen. Ein zweiter charakteriftifcher Zug, der fih bei Marcus daran reiht, in der Nacherzählung des erften Evangeliums (14, 3 ff.) aber ver— wiſcht iſt, (doch nicht fo, daß nicht auch dort V. 9 eine Spur von ihm zurückgeblieben wäre) betrifft die Gefinnung des Herodes ge— gen Sohannes, daß er ihn als einen gerechten und heiligen Mann fürchtete (nicht z0v 04Aov, Matth. V. 5, was durchaus nicht in den Zufammenhang paffen will), manche Nücdficht gegen ihn beobach— tete und fich gern mit ihm unterhielt. Diefer Zug hat ein über- raſchendes Gegenbild an dem, was vollfommen unabhängig davon Lukas, der jene ganze Erzählung vom Tode des Johannes wegge— Yaffen Hat, von dem Betragen des Herodes bei dem Verhör und der Berurtheilung Jeſu erzählt (23, 7 ff). Beide Anefooten bes . ftätigen einander gegenfeitig, entweder in ihrer unmittelbaren facti= ſchen Wahrheit, oder wenigftens in der Horauszufeßenden Grund- lage; fie geben vereinigt mit einander und mit dem vorhin er= wähnten Zuge ein weit fprechenderes, innerlich wahreres und Durch die übrige Gefhichte, namentlich auch Durch die große Freiheit, die er, wie der Augenfchein der gefammten ev. Gefch. Iehrt, innerhalb feines Gebietes geftattet haben muß, beglaubigteree Charakterbild, als wir erhalten würden, wenn wir ung jenen Tetrarchen fehlechthin nur als einen blutvürftigen Tyrannen vorftellen wollten. — Wie ganz ohne Frage übrigens auch in diefem Falle die Erzählung des Mareus als das Original des Erzählung des erften Ev. zu be- trachten ift, davon wollen wir, außer dem bereits Gefagten, nur noch einen, wirhoffen fihlagenden Beleg beibringen. Mareus ſchaltet die ganze Erzählung nur gelegentlih ein, an einem Puncte, wo fie felbft ſchon als bereits längere Zeit vergangen ‚betrachtet werden muß: fie fteht bet ipm Daher auch, wie natürlich, außer allem unmittelbaren Zufammenhange mit Handlungen Jeſu. Diefe Art und Weife der Einführung num ift im erften Ev. ganz die nämliche; aber auch bier vergißt der Verf. diefelbe am Schluffe; er läßt, ohne fi zu er— innern, daß dies alles zu der Zeit, von der er jegt erzählt, ſchon Meberfichtliche Darftelung der evangelifchen Gefchichte. 421 batte, der einzige oder der hauptfächlichfte Grund feiner ge— waltfamen Hinwegräumung gewefen: fo ift mit Gewißheit vorauszufegen, daß Herodes dem Treiben Jeſu innerhalb ſei— ned Gebietes Feineswegs fo lange, ald er wirklich gethan hat, ruhig zugefehen haben würde. Ausdrüdlich lin Bezug auf die ihm hinterbrachten An— fchläge des Tetrarchen Herodes ift ed, daß Jeſus jenes merk: würdige Wort gefprochen hat, in welchem fi) das Bewußt- fein offenbart, wie fein Beruf es mit fich bringe, eine von der Borfehung ihm beftimmte Zeit hindurch in Galilaͤa mit Lehre und Krankheitsheilung thätig zu fein, dann aber nach Serufa- lem zu wandern, um dort, wie es ihm befchieden fei, fein Ende zu finden*). — Wir haben bereits oben darauf hingebeutet, wie die großartige Anfchauung der Lebensgefchichte Sefu, welche unferen fonoptifchen Evangelien zum Grunde liegt und aus ih- nen für uns hervorgeht, zu einem der wefentlichiten Momente ihres Inhalts die Thatfache hat, daß Sefus, nachdem fein Lehramt beendigt und die Zeit zur Vollendung feines Werkes gefommen ift, zum erften und legten Male in feinem Leben, Tängft vorüber war, die Jünger des Johannes, nachdem fie den Leichnam ihres Meifters begraben haben, zu Jeſus kommen (von einem folchen Verkehr der Zohannesjünger mit Jeſus erfährt man fonft Doch nirgends), und ihm das Gefchehene erzählen, Jeſum aber, als er es hört, fih in die Einfamfeit zurücziehen (DB. 12 f.). Was Lukas betrifft, fo erhellt für die der Erzählung (die er mwegläßt) vorangehende Notiz, feine Abhängigkeit yon Marcus befonders in der Aeußerung des Herodes (9, 9), welche, wie ſchon vorhin er— wähnt, ven Sinn offenbar verdirbt, Nach Mareus nannte Hero— des eben fo unbefangen, wie manche Andere (DB. 15 halte näm—⸗ lich auch ich die von Frißfhe vorgezogene Lesart EAsyov ftatt 2Aeyev für die richtigere, weil Luk, V. 7 eine Wendung braudt, welche zeigt, daß er fo bei Marcus gelefen haben muß) Jefum einen gleichfam wieder auferftandenen Täufer; nach Lufas aber vernimmt er das Gerücht, der Täufer fet in Jeſus auferftanden, nimmt daf- selbe ernfthaft und wird Dadurch auf. Zefus aufmerffam. - Offenbar eine beabfichtigte Berbefferung, in der That aber eine DVerfchlechte- zung des Marcus, da das von Marcus Erzählte fehr gut zu dem Charakter des Herodes paßt. eur. 13, 3217; 422 Drittes Bud. ne mit vollem Bewußtfein über das Schiefal, welches ihn erwar- tet, in Begleitung feiner Sünger nach Serufalem aufbricht, um dort dem gewiſſen Tode entgegen zu gehen. War es uns dort darum zu thun, die Außerliche, factifhe Grundlage diefer An: fhauung von der Trübung zu befreien, welche diefelbe durch die irrigen Worftellungen des vierten Evangeliums erlitten hat: fo liegt e8 und gegenwärtig ob, ihren eigentlichen, geiftigen Inhalt gegen die Zweifel ficher zu ftellen, die von verfchiede- nen Seiten her dagegen erhoben worden find und feheinbar ges nug erhoben werden Fünnen. Zu diefem Behufe nun kommt das eben angeführte Wort uns zu Statten, deffen Xechtheit (während die buchftäbliche Aechtheit mancher andern Ausfprüche, in denen Sefus ausführlicher und ausdrüdlicher noch dasjenige, was fih in Serufalem mit ihm ereignen foll, vorausverfündigend eingeführt wird, fich allerdings bezweifeln laͤßt )) um fo fe fer fteht, je mehr es von dem Gvangeliften, der e8 berichtet, in einem verworrenen und unklaren Zufammenhange wiederge- geben, und alfo ihm felbft unftreitig unverftanden und unbeach- tet geblieben ift. Gewiß, hier kann an eine Abfichtlichkeit der Erzählung diefes Wortes, an eine Erfindung deffelben erft nach gefchehenem Erfolg durch die Sünger, welche den von Chriſtus felbft vorausverfündigten Erfolg leichter tragen und leichter rechtfertigen zu koͤnnen gemeint hätten, als das unvorhergefe- hen Eingetretene, von feinem befonnenen Gefchichtsbetrachter gedacht werden. Der Borfall trägt ein zu charakteriftifches Gepräge, um erfonnen zu fein, die Erzählung ein zu nachläf- ſiges, nur gleichgültig und obenhin ihr aufgedrüdtes, um dem Gedanken an eine gefliffentliche Kunft ihrer Ginreihung in den übrigen Zufammenhang der Begebenheiten Raum zu geben. — Ein Gleiches aber finden wir, wenn wir fie genauer befrach- ten, auch noch bei verfchiedenen andern Neden und Erzahlun- gen ähnlichen Inhalts, ja, wenn wir fie richtig zu behandeln und durch die Außere Schale der Ueberlieferung zu ihrem Kern hindurchzubringen wiffen, mehr oder weniger vielleicht bei allen. So gleich die erfte unter jenen Verfündigungen, jene, die von unfern Gvangeliften unmittelbar an den Moment geknüpft wird, *) So 3. B. Marc. 8, 31. 9, 31. 10, 33 f. u. Parall. Ueberfichtliche Darftellung der evangelifchen Gefchichte, 423 - wo ihm fein Sünger Petrus die Ueberzeugung ausgefprochen hat, daß er der Meffias fei*). ES wird uns diefelbe zwar zunächft in der Form berichtet, von der, wegen des allzu ges nauen Details in der Aufzahlung der Leidensmomente, aller- dings auch wir nicht für wahrfcheinlich halten, daß fie unmit- telbar aus dem Munde des Heilandes gefommen fein Tonne, Dagegen aber ift die unmittelbar Damit verbundene und ihrem Snhalte nad) davon abhängige Scene zwifchen Sefus und dem gegen jene VBorausfagung ſich unglaubig verhaltenden Petrus eine theild an fich felbft fo lebendig charafteriftifche, theils durch das eigene Zeugniß des Apoftelö, der Feineswegs fie zu feinem eigenen Ruhme erfunden haben Fann, fo beglaubigte, daß von ihr das günftigfte Vorurtheil der Glaubwürdigkeit we: nigftens auf den allgemeineren Inhalt der vorangehenden Lei: dens- und Todesweiſſagung zurüdfalt. — Noch überzeugender für und, und zugleich von noch größerer Bedeutung fir Die Einfiht in den Zufammenhang, in welchem Sefu das Be: wußtfein von der Nothwendigfeit feines gewaltfamen Todes aufgegangen war, ift eine andere, nicht weit von jener ent: fernte Stelle. Wir meinen jenes von zweien unferer Evange— liften im Zufammenhange mit der Verklärungsgefchichte berich- tete Wort, welches Sefus in Bezug auf die von den Schrift: gelehrten verfündigte Erfcheinung des Elias ald Vorgängers des Meſſias geiprochen hat**). Wir werden weiter unten von die— fem Worte eine Deutung geben, die fi, hoffen wir, durch ihre innere Wahrheit empfehlen fol, aus welcher hervorgehen | wird, daß Jeſus mit demfelben nach einer Seite hin dem buch: - | ftäblichen Sinne der meffianifchen Weiffagungen, der Erwar= | tung einer finnlichen Herrlichkeit des irdiſchen Meffiasreiches entgegentrat, nach der andern aber den Sinn ausſprach, den er in diefen Weiffagungen gefunden hatte. Diefer Sinn aber war fein anderer, als, daß nicht weltliche Gewalt und Herr: lichkeit, fondern Schmach und Tod den Meffiad hienieden er warte. Die Art und Weife, wie Jeſus die Andeutung dieſes von ihm aufgefundenen Sinnes an die durch die Jünger in *) Mare. 8, 31 u. Parall. **) Marc, 9, 11 ff. u. Parall. 424 Drittes Bud. . Anregung gebrachte Frage über das Erfcheinen des Elias knuͤpft, welcher er durch die Deutung auf. die Perfon Sohannes des Taͤu— fers eine neue und überrafchende Wendung giebt, ift fo durch— aus eigenthümlich, trägt fo vollftandig den Stempel der aus thentifchen Neden des Heren, fo wenig den der nacherfinden- den Sage, daß hier noch weniger, als in den beiden vorhin erwähnten Fallen für den Gedanken an die Moglichfeit folcher fpäteren Erfindung Raum bleibt. Ebenfo unzweifelhaft aus Jeſu eigenem Munde fommen auch die gelegentlichen Aeußerungen, in denen er nahe vor der eintretenden Kataftrophe das Eintre— ten derfelben nochmals verfündigt*), fo wie auch die Parabeln, in welchen er zwar bildlich, aber doch deutlich und unzwei: deutig genug darauf hinweift”*), endlich die längeren Reden an die Sünger über die ihnen felbft bevorftehenden Schiefale, worin die Gewißheit, die Sefus über fein eigenes Schickſal hat, vorausgefeßt wird ***); welche Andeutungen fämtlich der zuletzt gedachten Aeußerung an Gewicht nur etwa in fo fern nachfte= hen, als fie bei ihrer größeren Nähe an der Kataftrophe, für fi allein betrachtet, eher die Erklärung zulaffen würden, als fprächen fie von einer nun erft, wider Sefu Willen eingetre= tenen Unvermeidlichkeit feines WVerhängniffes, nicht von einem folhen Verhaͤngniſſe, dem er fich freiwillig unterzogen hatte, Auch die vielfachen Andeutungen, welche in ähnlichem Sinne das vierte Evangelium enthält, gewinnen, im Zufammenhange mit den bier angeführten betrachtet, Gewicht und Beweiskraft, wenn gleich fie in der Form, in welcher fie dort vorgetragen werden, nicht wohl von Chriftus felbft gefprochen fein fonnen +). Wenn wir bereits im Vorhergehenden darauf aufmerffam machten, wie Sefus, indem er fich als den feinem Volke ver: heißenen Meffias erkannte, folche Erkenntniß nicht auf mecha— nifche Weife, durch Zutreffen Außerlicher Zeichen oder Merk: male gewinnen Fonnte, fondern nur nur, durch eine von innen heraus erfolgte Erhebung feines Bewußtfeins über den Standpunct jener meffianifchen Weiffagungen, durch eine volls *) Marc. 10, 33 f. 38, 45. 14, 7 f. 21 u. Parall. ==) Mare, 12, 1 ff, Matth. 22, 1 u. Parall. *##) Marc, 13, 1 ff. u. Parall. +) 30h. 2,19, 3, 14. 6, 51. 8, 28. 10, 15 ff. u. a. | Veberfichtliche Darftellung der evangelifchen Geſchichte. 425 kommen felbftftandige, von allen Nationalvorurtheilen durchaus freie Deutung diefer Weiffagungen: fo hat diefe erhabene Freiheit und Selbftftändigfeit feines meffianifchen Bewußtfeins in feinem andern Zuge fich auffallender und herrlicher bethätigt, als eben in diefer, ihm felbft durchaus eigenthümlichen, Feines- wegs aus den Borftellungen feiner Zeit aufgenommenen Ein— fiht in die Nothwendigfeit des Leidens und des gewaltfamen Todes, welcher den Meffiad erwarte, Die Größe, die wahr: haft göttliche Grhabenheit und Tiefe diefes felbftftändig von Sefus gewonnenen Bewußtfeins richtig würdigen zu koͤnnen: died gehört zii den wichtigen pofitiven Vortheilen, welche un— fere gefhichtliche Anficht des Lebens und der Perfonlichkeit Chrifti vor dem alt-dogmatifchen Shfteme voraus hat. Diefes legtere nämlich findet, und muß um der Gonfequenz feiner übrigen Lehren willen finden wollen, daß auch hier diefe Ein: fiht nach allen ihren Momenten bereits in den Verfündigun- gen der Propheten enthalten war. Verhielte dies fich wirklich fo, jo würde alles Verdienft der felbfiftandig gewonnenen Ein- ficht für Sefus wegfallen, und derfelbe, nach feiner Menfchheit wenigftens, nur als ein leidendes Werkzeug einer ihm außerlichen Nothwendigkeit erfcheinen. Glücdlicher Weife aber ift diefe Anficht eben fo ungefchichtlich, wie fie geiftig unftatthaft und dem Ach» ten, geläuterten Begriffe von der Göttlichfeit des Bewußtſeins Chriſti widerftreitend ift. Allerdings findet fi) in einem pro— phetifchen Buche des Alten Teftamentd eine Stelle, die von jenem Standpuncte aus, welcher dad ganze Alte Teftament zu einer fortgehenden, nicht blos geiftigen, ſondern buchftäblichen Weiffagung auf den Meſſias macht, ald eine Verkündigung von dem Leiden und Tode des Meffiad verftanden werden mußte. Wir meinen das berühmte, fchon mehrmals von uns erwähnte drei und funfzigfte Gapitel der jefatanifchen Weiffagungen, wels ches in Zügen einer unftreitig großartigen, tieffinnigen Myſtik von dem ftellvertretenden Leiden einer idealen Perfonlichkeit, jenes „Knechtes des Jehova“ fpricht, welchen für den Meſ— fias zu nehmen allerdings in der Confequenz des dogmatifchen Syſtemes enthalten war*). Aber eine andere Trage ift, ob *) Weber die wahre Bedeutung diefer Höchft wichtigen, in neuefter Er a A 5 426 Drittes Bud. jene Stelle auch wirklich vom Meffias fprichtz ob fie, um näher noch den Punct zu bezeichnen, auf den es, nicht blos der dog— matifchen, fondern mehr noch der rationaliftiihen Anficht ges genüber hauptſaͤchlich ankommt, von den Juden vor Chriftus und zur Zeit Chrifti ald Iprechend vom Meffias verftanden wor= den ift. Letzteres nachzumweifen ift zwar verfucht worden, aber mit fo wenig Erfolg verfucht worden, daß felbft folche Kritiker, in deren Intereſſe offenbar die Annahme diefer Deutung wegen ihre Zufammenhanges mit der Anficht über den mythifchen Urfprung des Begriffs vom ftellvertretenden Leiden des Mef- ſias liegen würde, ſich genöthigt gefunden haben, dieſe Er: folglofigkeit einzugeftehen*). Vielmehr fpricht fowohl der Ver: lauf der evangelifchen und auch der apoftolifchen Gefchichte im Ganzen, ald auch eine Menge einzelner Stellen, welche von dem Gegenfage der von Chriſtus perfonlich gefaßten Anficht über das Schidfal des Meffias zu dem damaligen Volksglau— - ben der Juden Zeugniß geben“), fo laut und fo entfchieden für mefjianifche Begriffe ganz anderer Art, daß man fich gefliffentlich gegen die Geiftesgroße Sefu verblendet halten muß, wenn man jene erhabene Idee als eine erborgte, nicht als eine felbftftändig ‚ von ihm erfundene anfehen will. Allerding5 beruft gerade Er ſich ausdrüdlih und wiederholt**) auf eine gefchrieben fte- hende VBerfündigung vom Leiden und Tod des Mefjiad. ES iſt nicht unwahrfcheinlich, Daß er Damit die von uns erwähnte — Zeit vielfach beſprochenen Prophetenſtelle und der ihr zum Grunde liegenden Vorſtellungen verweiſen wir auf die mit unſerer eigenen Ueberzeugung durchaus übereinſtimmende, gediegene Auffaſſung von Vatke: bibl. Theol. des A. T. $. 26. (©. 525 ff.). *) So Strauß, L. J. S. 318 ff. Die Auslegungen der jeſaiani— ſchen Stelle, welche dort (S. 319, Not. 14) nach de Wette's Vorgang, deſſen Schrift de morte Christi expiatoria dieſen Gegen— ſtand auf das umfaſſendſte und erſchöpfendſte behandelt hat, aus dem Targum Jonathan und aus Origenes beigebracht werden, muß jeder Unbefangene ebenſo ſchlagend gegen die Annahme einer meſſia— niſchen Deutung jener Stelle von Seiten der Juden finden, wie die oben (S. 176 f.) von uns angeführten Stellen gegen die Annahme einer meſſianiſchen Deutung von Jeſ. 7, 14. vik) Marc, 8, 32, 9, 11 ff. u. Parall. Luk. 24, 21. Joh 3a u a. wer) Mare, 9, 12, 14, 21 u. Parall. 2 de ee 8 1 fr RT 7 * er Veberfichtliche Darftellung der evangeliſchen Geſchichte. 427 Prophetenſtelle gemeint hat, wie ja die Apoſtel nach ihm die— ſelbe ausdruͤcklich in dieſem Sinne anzufuͤhren pflegten”). Aber gleichviel, ob er ſie, oder welche andere ſonſt er meinte, ſo iſt und bleibt es eine eben ſo ungeſchichtliche, als Chriſti un— wuͤrdige Anſicht, — mag dieſelbe noch ſo ſehr ſogar in der Meinung, ihn dadurch zu verherrlichen, vorgebracht werden, — wenn man auf eine oder die andere Weiſe ihm einen Buch— ſtabenglauben an die angebliche Weiſſagung unterlegt und ihn darum, weil er es vom Meffiad geſchrieben fand, Leiden und Tod auf ſich nehmen laͤßt. Vielmehr, daß er, der unter ſei— nem Volke herrſchenden Meinung zuwider, in jenen Stellen dieſen Sinn finden konnte, dies felbſt iſt einzig daraus zu erklären, daß , er, von folcher Deutung unabhängig, durch einen tiefen und gewaltigen Geiftesblict auf jene erhabene Idee gefommen war, Auch hier, nicht minder wie anderwärts, fehwebt er frei über dem Buchftaben des Alten Teftamentes und deutet den Buch⸗ ſtaben, wie es der Geiſt verlangt, ſtatt, wie unſere Dogmen- glaͤubigen, den Geiſt dem Buchſtaben anzupaſſen. — Die An— ſchauung dieſer hohen Geiſtesfreiheit, aus welcher Jeſus die Idee ſeines ſtellvertretenden Leidens ſelbſtſchoͤpferiſch erzeugte, wird von unſerer Seite zuverlaͤſſig nicht zu theuer erkauft durch die Aufopferung ſowohl des urſpruͤnglich meſſianiſchen Sin— nes jener Prophetenſpruͤche, als auch der angeblich in aͤhnli— chem Sinne gefprochenen Weiffagungen des Symeon und des Taufers Johannes, welche, wären fie wirklich in der Weiſe, wie unfere evangelifchen Erzählungen uns berichten, gefprochen worden, auf diejenigen, welche fie gefprochen haben follten, einen Theil des Ruhmes, welcher nur Sefu gebührt, übertra= gen, und fo diefen Ruhm durch Theilung des feinem Begriffe nach Untheilbaren vernichten würden. Auf entfprechende Weife nun, wie von theoretifcher Geite das Bewußtfein Jeſu über feine Beftimmung an Höhe und Genialität durch Befeitigung jener Außerlichen Motive, die man von orthodorer und von rationaliftifcher Seite ihm unterlegt: auf ganz entiprechende Weife gewinnt nach der praftifchen Seite bin der Entfchluß des göttlihen Mannes, fein Kreuz auf *) Ap. Geſch. 8, 32 f. 428 Drittes Buch. fih zu nehmen und dem VBerhängniffe, das ihn erwartet, ent: gegen zu gehen, an Größe, Adel und Freiheit, wenn wir ihn, wie wir nach unferer obigen Ausführung uns gefchichtlich Dazu berechtigt willen, unmittelbar bethätigt und vollzogen finden in dem, im Bewußtfein, „daß nur dort ein Prophet feinen Tod finden dürfe’, auf den lesten, entfcheidenden Moment feiner Laufbahn aufgefparten Unternehmen der Neife nach Serufalem. — Die gewöhnliche Anficht, welche aus diefer erhabenften That feines Lebens eine gewöhnliche Feftreife macht, trägt in Die ächt hiftorifchen Urkunden, welches hier, wie anderwärts, nur die fonoptifchen Evangelien find, aus dem vierten Evangelium eine Vorausſetzung hinein, welche an fich felbft jenen Urfunden voll- fommen fremd ift*). Im ihnen nämlich fucht man vergebens jede Spur davon, daß es des Feftes wegen, oder auch nur daß ed auf Veranlaffung des Feſtes gewefen fei, daß Sefus nach Serufalem zu ziehen fich entfchloffen habe. Aller dings fallt während der Anwefenheit Iefu in der Hauptftadt ein Pafcha, und eben dieſes Pafchafeft ift es, welches ihm dem Tod bringt; allein über die Zeit, die zwifchen feiner Anfunft und dem Pafcha verfloffen ift, erfahren wir nicht das Min- defte, Die Evangeliften erzählen hier ganz eben fo ohne naͤ— here chronologifche Beftimmungen*), wie in dem gefammten vorhergehenden Verlaufe ihrer Erzählung; die erſte Erwäh- nung des Pafcha**) erfolgt in einem Zufammenhange, der *) Das Einzige, was sielleicht Einer oder der Andere auf eine ſolche Borausfegung könnte deuten wollen, find die aus Pf. 118, 37 f. entnommenen Begrüßungsformeln, Mare, 11, 9 u. Parall., welche auch fonft bei dem Laubhütten- und Pafchafefte vorfamen. Wer in- deffen bevenft, wie fehr es in dem Charakter folcher Schriftfteller liegt, wie unfere fonoptifchen Evangeliften find, in einem Falle diefer Art dem Volke eine beftimmte Formel in den Mund zu le— gen, auch ohne eine folche überliefert erhalten zu haben, der wird es nicht befremdlich finden, wenn fie nach der erften beiten fonft ge— Yäufigen griffen, und fie unter den Mopdificationen, welche bie Um— ftände mit fih brashten, hier anwandten. So finden wir auch bei Lukas (19, 38) einen felbftbeliebten Zufaß zu denſelben. *) Namentlich vermißt man folche Beftimmung Luk, 21, 375 ‚eine Stelfe, die befonders auffallend dafür zeigt, mie die Synoptifer Jeſum unbeftimmte Zeit in Serufalem verweilend denken. ee) Marc. 14, 1 u. Parall. FIZEZ E93 va. - * — * * — ueberſichtliche Darſtellung der evangeliſchen Geſchichte. 429 alles andere eher, als dies vermuthen laͤßt, daß die Feier die— ſes Paſcha Zweck der Anweſenheit Jeſu war, und die Stim— men, welche ſich im juͤdiſchen Synedrion erheben, daß man ihn, um des Volkes willen, von welchem Unruhen zu be— ſorgen waren, nicht waͤhrend des Feſtes einziehen und hinrich— ten möge.*), deuten offenbar darauf hin, daß man feinen Aufenthalt zu Serufalem von der Feier des Feſtes unabhängig wußte und nicht vorausfegen durfte, daß er nach beendigtem Feſte fogleich wieder abreifen- werde, Wir haben daher, fo viel die Darftellung der Synoptifer betrifft, die wir, wie ges fagt, für die einzig glaubwürdige Quelle erkennen, freien Naum, den Aufenthalt Jeſu zu Serufalem fo lang oder fo furz, als wir wollen, zu denken; und wenn dann manche befondere Umftände auf eine etwas längere Dauer ſchließen zu laffen fcheinen **), fo werden wir und durch diefelben um fo lieber in der Beſtim— mung der Wahrfcheinlichfeit über diefen Punct leiten laffen, je vollftandiger fich) ohne Zweifel bei diefer Annahme unfere Ge— fammtanfchauung ded Lebens und des Todes Jeſu zu einem Ganzen abrundet, und je mehr Naum dadurch für die Moti- virung der einzelnen Greigniffe gewonnen wird. Allerdings trat Sefus mit dem Willen zu flerben, und mit der Gewißheit, daß er feinen Tod dort finden werde, in Ierufalem ein; aber die Umftände, unter denen er einzog, waren folche, die alles andere eher, als das Eintreffen feiner Weiffagung vermuthen liegen. Vom lauten Subel des Volkes empfangen, welches ihn, wahrfcheinlich jest zuerft (in Galiläa geſchah es nicht, weil er fich felbft nicht dafür gab) als den, Davidsfohn be— grüßte, und im Tempel, wo er lehrte, von einer zahllofen Schaar von Anhängern umgeben, die an jedem Tage frühmorgens feine Ankunft ungeduldig zu erwarten pflegte ***), war er den Häupe tern des Volkes und den Schriftgelehrten ein Gegenftand mehr * Ebendef, V. 2, *) ch rechne dahin befonders die Worte Matth. 23, 37, welche Strauß als eines der Momente anführt, die an ber Annahme eines einmaligen Aufenthalts Jeſu in Serufalem bedenklich machen müſſen. Luk. 21, 38. 430 Drittes Bud. noch der Furcht, als des Hafles, und es bedurfte, wie aud) die Unterredungen derfelben mit Iefus, ihre wiederholten Ver: fuche, ihn vor den Augen des Volkes wo möglich mit Worten zu fangen, zeigen, gewiß vielfacher und langwieriger Berathfchla- gungen, ehe man über das, was in Bezug auf ihn zu thun fei, einig ward. Gin Greigniß von ſolchem Gewicht ift nicht das Werk eines Augenblidsz; der Tod des Herrn erfcheint uns als geichichtliche Begebenheit nicht in der Bedeutung, die er auch in diefem Bezuge wirfli hat, wenn wir in ihm nur einen ertemporirten Vorfall erbliden, wenn wir ihm nicht das Hin- und Wiederfpiel der Kräfte, die bei diefem Ereigniß nad) beiden Seiten hin thätig waren, in der ganzen Breite von Zeit und Raum, welche die Entwidelung eines ſolchen Drama in Anfpruch nimmt, vorangehend denken *). Ueber die Zeichen, an denen bei feinem Aufbruch) aus Ga- Ylaa Sefus erkannt hatte, daß feine Zeit gefommen fei, haben wir feine nähere Notiz. Das Nächitliegende wäre, anzuneh— men, daß der Grad erlangter Reife zur felbftftändigen Fortfüh- rung des ihnen übertragenen Werkes, den er an feinen Apofteln bemerkte, ihm zum Zeichen dienen Fonnte, daß feine eigene Mif- fion erfüllt fei. Allein was wir im Verlaufe der Kataftrophe felbft beifpielsweife vom Betragen des Petrus erfahren, das Yaßt uns die fittliche Reife auch nur der Bornehmften unter den Süngern als eine fehr unvollftändige erfcheinen 5 und auch abgefe- hen davon ift der Begriff folcher Neife in einer Bildung, Die ihrer Natur nach eine unendliche ift, ein zu relativer, die Zeug- niffe aber, welche dafür fprechen, daß Sefus mehr auf eine für feine Sünger zu erwartende -außerordentliche Unterftüßung von der Höhe, ald auf die eigene Kraft derfelben vertraute, zu mannichfaltige, als daß man fich mit jener Vorausſetzung be— gnügen konnte. Das Nichtigere in diefem, fo wie in allen ahn« *) Es giltivon dem Aufenthalte Jefu zu Serufalem eben fo, wie in der That von feiner gefammten Lebensgefchichte, was Leffing bei der Kritif eines dramatiiden Werkes fagt (Merfe Bd, 24, ©, 325): „Es ift wahr, ich fehe zwar feine phyfifchen Hinderniffe, warum alle dte Begebenheiten in diefem Zeitraume nicht hätten gefihehen kön— nen, aber defto mehr moraliſche.“ fi Ueberfichtliche Darftellung der evangelifchen Gefchichte. 431 lichen Puncten ift unftreitig die Annahme, daß Iefus feinen Entfhluß nicht nach Neflerion und VBerftandesgründen faßte, fondern nach dem Allgemeingefühl einer in der göttlichen Drds / nung der Dinge begründeten Nothwendigfeitz ein Gefühl, von / welchem wir mit Zuverfiht vorausſetzen dürfen, daß es ihn | auf jedem feiner Schritte ficherer, als alle verftändige Ueberle- gung geleitet hat*). — Nurals eine Bermuthung, auf deren Richs tigkeit wir übrigens in Feiner Hinficht ein bedeutendes Gewicht legen möchten, mag es erlaubt fein, die Frage aufzumwerfen, ob viel: leicht unter den Momenten, welche den Inhalt diefes Allges meingefühls ausmachten, das Bewußtiein einer eintretenden Abe nahme oder Schwächung der Wunderfraft geweſen fein möge, Mas und auf diefe Vermuthung gebracht hat, ift der Umftand, daß während des Aufenthalts in Serufalem von feinen Wun— derheilungen, die Jeſus hier, wie früher in Galiläa verrichtet hätte, die Nede iſt; nicht blos nicht in ausführlicheren Erzäh- lungen, fondern auch in Fürzeren, gelegentlichen Erwähnungen nicht; mit alleiniger Ausnahme einer Notiz des erften Evange— ums, die fehr das Anfehen einer aus dem Stegreif eingefcho- benen trägt **), und dann etwa rioch der Heilung des Ohres an dem von einem der Sünger verwundeten Kriegöfnechte, welche nur das, an diefer Stelle auch nach andern Umftänden nichts weniger als unverdächtige Zeugniß des Lufas***) für fich hat. Auch die fchon vorhin angeführten Worte, in denen Sefus fei« nen Entſchluß anfündigt, in Galiläa zu verweilen, bis feine Zeit gefommen fei+), Fann man ohne Zwang auf eine Weife deu- ten, nach welcher fie in ihm das Bewußtfein vorausfeßen wuͤr— den, wie er die phyſiſche Dauer feiner Heilkraft als Maßftab für die Dauer feines Lebensberufs zu betrachten habe, — Al— lerdings ift nicht anzunehmen, daß Jeſus das wirkliche Erlö- *), Man denfe an das prägnante Prophetenwort, welches für die Pflichterfüllung im höhern Sinne ein dem Inſtinct der Thiere ana= loges Allgemeingefühl in Anfpruch nimmt: Serem. 8, 7. =*) Matth. 21, 14. see ent, 22, 51. +) ’Idov, &ußalln dnıuovın na) inosıs Emırehö 0118009 Aal agvov, za vi) roirn rehsrovuoı. Luk. 13, 32. 432 Drittes Bud. *. ſchen der Kraft abgewartet haben ſollte; ſowohl aus allgemei— neren Gruͤnden, als namentlich auch darum nicht, weil noch unmittelbar vor dem Einzuge in Jeruſalem, beim Durchgange durch Jericho, eine der auffallendſten Thaten, in denen fi) jene Kraft bethätigte, berichtet wird. Auch hatte das Unterlaffen von Heilungen während feines Lehrens im Tempel vielleicht den pofitiven Grund, daß Sefus bier, fo nahe am Schluffe feiner Laufbahn, durchaus nur die rein geiftige, von feinem perfonlichen Dafein auf diefer Welt unabhängige Seite feines Wirkens hervortreten laffen wollte. Aber daß ein Vor— gefühl der nahenden Abnahme jener Kraft, die für fein Be— wußtfein von vorn herein die reale Bafis des Meffiasberufes ausgemacht hatte, für dafjelbe Bewußtfein zu den Winfen ges hören mochte, durch welche der himmlifche Vater ihn von der Erde abberief: diefe Vermuthung wird, wenn fie, wie bier von uns, eben nur ald Vermuthung gegeben wird, für Diejeni- gen, welche nur nicht ein für allemal die Wundergabe ald et— was betrachten, das mit der fonftigen Natur der Dinge fchlech- terdings nichts gemein hat, wenigftens nichts anftoßiges haben. Der Weg, auf welchem der Herr von Galilaͤa nach Jeru— falem wanderte, ift von jeher. ein Gegenftand wielfacher kriti— ſcher Streitigkeiten gewefen. Diefe verlieren indeß für und zum großen Theil ihr Intereffe, da fie auf der Vorausſetzung einer größern Genauigkeit fowohl, als Vollſtaͤndigkeit der Be— richte infonderheit des dritten und vierten Evangeliums beru- ben, als wir irgend einer dieſer Urkunden zugeftehen koͤnnen. Bei den zwei erften Synoptifern feheint, in Widerfpruch mit jenen beiden, jener Hinzug mit einer Neife Sefu nach Peräa, und dur Perka nach der Grenze von Judaͤa hin* in Ver— *) ”Eoystaı eis ca ogıa rjs "Iovdaias dıa Tov migav Tod Iopdarov lauten die Worte bei Marc, 10, 1, und wir haben allen Grund, die Worte bei Matth. 19, 1: 749ev sis Ta ögıa Tas Iovöalas mreoav rov ’Iogdavov, die zugeftandener Weife feinen richtigen Sinn geben, für nichts als eine Verftümmelung jener zu halten, wahrſcheinlich dadurch entftanden, daß dem Evangeliften der NAusdrud zo mloav be= fremdend war; wie wir au fonft finden, Daß die Evangeliſten es | Ueberfihtlihe Darftellung der evangelifchen Geſchichte. 433 bindung gefeßtzu werden, dergeftalt, Daß durch diefeNeife der Weg jenes Zuges bezeichnet würde. Dies ald den wirklichen Reifeweg anzunehmen, ohne ängftliche Rüdficht auf die entgegenlaufenden Nachrichten, koͤnnte uns bei unferer im Allgemeinen über das Ver— haͤltniß und über die diefem Verhaͤltniß entfprechende Glaubwür- digkeit der Evangelien gefaßten Anfiht um fo näher zu liegen feinen, als damit einerfeit3 die bei allen drei Synoptifern vorkommende Nennung von Jericho als Durchzugsorte in bes ſter Uebereinftimmung fteht, andrerfeit3 die Spur eines dem legten Hingange nach Serufalem fehr nahe vorangehenden Aus fenthaltes in Peraͤa fich befanntlic) auch im vierten Evange— lium findet *). Dennoch aber konnen wir nicht umhin auf: merffam Darauf zu machen, wie in der Erzählung des Mar: cus, von welcher die des erften Evangeliums auch hier durch- aus abhängig ift, an fich felbft Feine Noͤthigung liegt, jene zu: erft erwähnte Neife mit der legten nach Serufalem für eine und diefelbe zu halten. Zwar wird einer Nückehr aus Peräa oder von den Grenzen Judaͤa's nach Galilda nicht ausdrüdlich ges dacht; aber bei dem fragmentarifchen Charakter des gefamm- ten Berichts ift uns Feine Bürgfchaft gegeben, daß zwifchen dem Anfange des zehnten Capitels, wo jene Reife berichtet wird, und dem 32ften VBerfe, wo zuerft erwähnt wird, daß man auf dem Wege nad) Serufalem begriffen war, folche Ruͤck— ehr nicht dennoch hinzuzudenfen fe. Die Grwähnung von Jericho kann hierüber nichts entfcheiden; denn wenn auch die Lage diefer Stadt zunächft auf die Richtung von Peräa aus nach Serufalem deutet, fo ift e$ doc gewiß, daß Viele auch derer, welche, ohne den Sordan zu überfchreiten, nach Jeru— falem zogen, diefe Stadt berührten, ja es fcheint, als ob eben hier die Straßen von beiden Richtungen her zufammengetroffen feien *). Daß aber Sefus auf diefer Reife durch das Land vermeiden, in dieſem Zufammenhange den Artikel zu brauden. Marc. 3, 8 u. Varall, oh. 1, 27. 10, 40. *) 5od..0.D - **) So finden wir Joseph. Bell. jud. IV, 8, 1, daß Bespaftan, der auf feinem Heereszug nach Jeruſalem zunächft vom Samaritifchen Lande ber fan, zu Jericho mit einem feiner Feldherrn, welcher von Peräa 28 434 Drittes Bud. der Samariter hindurchgezogen fei, dafür fcheint allerdings die wiederholte Erwähnung diefes Landes bei Lukas *) zu fprechen. Sp ungenau namlich auch, wie wir ſchon im erften Buche erwaͤhn— ten, die Relation diefes Gvangeliften gerade bei diefem Reife: berichte fich erweift, in welchem ohne Plan und Ordnung die verfchiedenartigften Ergänzungen, welche derfelbe zu der Erzaͤh— Yung feines Vorgängers hinzuzufügen hatte, zufammengeworfen find: fo erfcheint doch gerade dieſe Abweichung von Marcus als eine zu abfichtliche *), als daß wir nicht vermuthen foll- ten, fie ftamme aus einer dem Lufas zugefommenen Notiz, daß eben hier fein Vorgänger einer Ergänzung und Berichti— gung bedürfe. Da wir nun überdies auch im vierten Evangelium die beftimmte Nachricht von einem Aufenthalte Sefu in Sama— ria finden, welche nicht wohl für gänzlich aus der Luft gegrif: fen gelten Fann, obgleich der Zufammenhang, in welchem fie dort gegeben wird, zugleich mit der Annahme früherer Feftreis fen nach Serufalem von uns nicht ald ein gefchichtlicher aner- Tannt werden fann, und da andererfeit$ der Annahme anderer Befuche dieſes Landes das ausdrüdlich an die Jünger gerich- tete Verbot, diefes Land nicht zu betreten, entgegenfteht: fo dürfte es jedenfalls räthlich fein, jene, für uns übrigens nicht eben fehr wichtige Frage ald eine nach allen Datis, bie uns zu ihrer Beantwortung gegeben find, problematifch bleibende anzuerkennen. Von wefentlicherem Intereſſe ift für und der Moment des Einzuged in Ierufalem, der fich wiederum fehr verfchieden ge— ſtaltet, je nachdem man die Darftellung der drei erften, oder die des vierten Evangeliums für die glaubwürdigere nimmt. Nach den Synoptifern gilt der Zubel und die Begrüßung des Volks fam, zufammentraf, Auch Pompeius fam auf dem Zuge dem Ari- ftobulus entgegen von Pella und Scythopolis her, alfo in derfelben Richtung, wie fpäter Vespaſian, nach) Jericho. Joseph. Ant. XIV, 3, 4. Bell. jud. I, 6, 6, *) Luk. 9, 5%. 17, 11. *#) Mir haben bereits oben bemerkt, wie der Anfang des Neifeberichts bei Lufas (9, 51) durchaus der Erwähnung der Neife nad) den Srenzen Judäa's bei Marcus (10, 1) entfpricht. Die alsbald fich einfindende Differenz kann alfo nicht wohl eine zufällige fein. en m— ; 8 IN —— Ueberfichtliche Darftellung der evangelifchen Gefchichte. 435 bei diefem Anlaſſe dem erften Eintritt, wie wir es fehon oben ausdruͤckten, des Davidsfohnes in die Davidsftadtz; nach dem Berfaffer des Iohannesevangeliums einer Wunderthat, welche Sefus einige Zeit zuvor, ohne jedoch die Hauptftadt felbft zu betreten, in ihrer Nähe verrichtet haben foll, der Erwedung des Lazarus zu Bethanien *). Nach jenen erfcheint diefer glänzende Augenblid als das Nefultat des gefammten bisherigen Lebens und Thuns Iefu an der Schwelle der Kataftrophe, die jet noch von feinem freien Entfehluß und Willen abhängt; nad) dem leßtern ift er ein vereinzeltes, zufälliges Greigniß, eben fo zufällig, wie-der Anlaß, der ihn hervorrief, und eben fo be- fritten und zweideutig, wie nach diefem Evangeliften das ganze Leben feines Helden nur ein fortlaufendes Gewebe von Streit und Parteienfampf war. Diefem entfpricht, daß nach den Synoptifern jener Einzug wirklid das Ziel und den Schluß der Neife von Galilda nach Ierufalem bezeichnet, während der ihnen gegenüber ftehende Berichterftatter ihn nur al einen Gang von einem benachbarten Dorfe aus darftellt, wo Sefus fich bei guten Freunden ofterd aufzuhalten pflegte, und von wo er erft vor kurzem, um den Nachftellungen feiner Feinde zu ent: gehen, die auf feinen Kopf, fo Scheint es *), einen Preis ge: fest hatten, heimlich mit feinen Schülern in die Fleine Stadt Ephraim entwichen war **). Wir ftehen nach allem Bisher: gefagten feinen Augenblid an, und der erfteren Darftellung, als der allein würdigen und innerlich) wahren eben fo, wie Außer: lich vollſtaͤndig motivirten anzufchließgen, und deuten auch den Borfall mit dem Füllen, welches der Herr beftieg, nachdem er feine Sünger darnach abgeſchickt hatte ****), ald ein von Jeſus felbft gegebenes Zeichen jeines Willens, fei es ausdrüdlich in der Würde des Meſſias und Königs, oder wenigftens in der eines mächtigen und und anerfannten Propheten die Haupt: *) 30h. 12, 18. *5) Ebendaſ. 11, 57, =) Ebendaſ. V. 54 Was Jeſum bewogen haben fünne, damals jenen Nachſtellungen auszumweichen, und fo bald nachher ihnen dennoch ſich auszufegen, ja fie (Cap. 13,27) ausdrücklich wider ſich hervor— zurufen, dafür vermißt man jeden Verſuch einer Begründung. *55*) Marc, 11, 1 ff. 28* 2 A ran 436 Drittes Bud. ftadt zu betreten. Beginnen ja doch erft von diefem Momente an die Freudensbezeugungen und der huldigende Zuruf der Menge *), den Sefus bei Lukas ausdrücdlich gut heißt und die Anmuthungen der Pharifäer, ihm zu fleuern, zuruͤckweiſt ). Das Volfsgedränge felbft befteht während des Zuges nach den Sy— noptifern zwar nicht, wie nach Johannes, aus Begegnenden aus der Stadt, fondern aus der Begleitung Jeſu; aber, daß dieſe Begleitung eine Feftfaravane war, würde von den Berichter- ftattern gewiß, verhielte es fich wirklich fo und wäre dieſer Umftand nicht ein ganz willfürlicy hineingetragener, mit einem Worte angedeutet worden fein. Lufas nennt die Menge, wel: che die Lobgefange anftimmte, die „Juͤngerſchaar““ (miyjdog zov uasycov), und feheint alfo vorauszufegen, was auch mit den übrigen Umftänden, die wir erfahren, wohl zufammenftimmt, daß Sefu allenthalben, wo er eintrat oder durchzog, eine Maſſe von Bewunderern und Berehrern zuftromte, fih an ihn ans fchloß und ihn auf Fleine oder größere Wegſtrecken begleitete. Es war, nad) dem Bericht des Marcus, fpat am Abend, als Sefus in Serufalem eintrat, Der Zufaß des erften Evange— liums, daß die ganze Stadt bei feinem Ginzug in Bewegung gerieth **), ift zwar fchwerlich aus befonderen urfundlichen Ueberlieferungen geſchoͤpft; allein er ift ein lebendiges Denkmal des Eindrucks, den das Gefammtbild jenes Einzugs auch auf die fpäteren Erzähler machte, und darf in diefem Sinne gar wohl ald ein gefchichtlih wahrer Zug gelten. As er, nad der charakteriftifchen Bemerfung des Marcus, ſich allenthalben umgefehen hatte, ging er mit den Zwolfen nad) Bethanien hinaus, um dort die Nacht zuzubringen; eine Sitte, die er wahrfcheinlich während feines ganzen Aufenthaltes zu Jeruſa— lem beobachtete. Denn auch fpäter finden wir ihn nochmals dafelbft +), und erfahren, daß er fich regelmäßig des Nachts außerhalb der Stadt aufhieltz was freilicy Lukas, wahrfchein- lich aber nur durch eine irrthümliche Abftraction von der legten *) Marc. 11, 8 u. Parall. **) Luk. 19, 40, ***) 2oslodn naoa 7 morlıs Matth. 21, 10. +) Mare. 14, 3 u. Parall. Ir | Ueberſichtliche Darftellung der evangelifchen Geſchichte. 437 Nacht, die vielmehr eine Ausnahme gemacht zu haben fiheint, auf den Delberg bezieht *). Diefe Vorliebe für Bethanien ſcheint auf ein befreundetes Haus hinzudeuten, welches fich dort zu feiner Aufnahme geöffnet hatte, Die Nachricht des vierten Evan: geliums, daß es das Haus jener Schweftern war, die auch Lukas, jedoch in einem andern Zufammenhange, als gaftfreund- liche Wirthinnen des Herren Fennt **), ift nicht gerade ab- zuweiſen; fo wenig Ölauben auch dasjenige verdient, was die— ſes Evangelium von dem angeblichen Bruder jener -beiden Schweftern zu berichten weiß, und fo ungerechtfertigt die Ueber— tragung des Vorfalls im Haufe Simons des Ausfäßigen ***) auf das Haus der Martha und Maria und auf die Perfon der bethanifchen Maria +) bleibt. — Des Morgens geht Se: ſus regelmäßig in die Stadt, um dort im Tempel zu lehren; und an dem erften Diefer Morgen verrichtet er, nach dem ge— naueren Bericht des Marcus (die andern Synoptifer fchweigen von der zwifchen dem Einzuge und diefem Vorfalle verfloffenen Nacht) jene auffallende Handlung feiner Macht und feines An: fehens: die Vertreibung der Waarenverfäufer und Wechsler aus dem Tempel. Wie die Feier des Einzugs in dem Sinne, in welchem Sefus fie gefchehen ließ oder vielleicht felbft die Lo— fung dazu gab, fo ift auch diefe Handlung, die, was man nicht überfehen follte, ımftreitig in Zufammenhange fteht mit der eigenen Abficht des Herrn, felbft in dem Tempel lehrend aufzutreten, als eine fombolifhe zu betrachten. Es läßt fich nicht wohl annehmen, daß es Sefu bei derfelben um die wirkliche Nein» haltung des jüdifchen Tempelcultus zu thun war; wäre Dies, fo würde er fich in diefer Handlung, ganz feiner fonftigen Denk— art zuwider, als ein noch eifrigerer Anhänger des Gere- monialgefeßes gezeigt haben, als felbft Pharifäer und Schrift: gelehrte e5 waren; die Handlung wäre dad Umgefehrte von Er 2u81 21, 37..22,,39. *#) Luk. 10, 38 ff. Bethanien wird an dieſer Stelle nicht genannt, und fann auch, wenn man den Neifebericht des Lukas als in ſich ſelbſt zufammenhängend anfieht, nicht wohl gemeint fein, ***) Marc, 14, 3 ff. u. Parall. +) op. 12, 1 ff. 438 Drittes Bud. dem, was wir ihn anderwärts in Bezug auf den Sabbath thun fehen. Die wahre Abfiht war vielmehr diefe, ein ſinnlich wirk⸗ fames Zeichen der zur Neinigung des Heiligthbums im höheren geiftigen Sinne ihm in diefem Augenblide factifch verliehenen Gewalt zu geben. Je weniger es ihm ziemte, bei der nachher erfolgenden Kataftrophe die Freiheit, mit der er fich derfelben unterwarf, die Macht, der Kataftrophe, wenn er gewollt hätte, zu entgehen, anders als durch leife Winke zu verftchen zu gebenz je weniger er die Motive feines Thuns und Leidens in langen, prahlenden Reden auseinanderfegen durfte: deſto mehr waren, um feinen Süngern und um der Nachwelt über den eigentlichen BZufammenhang und die wahren Motive der inhaltfchweren Beges benheit feinen Zweifel zu Laffen, factifche Bethätigungen der Macht, die er injenen Augenblicken über das Volk zn üben im Stande war, an ihrem Plabe, Eben darum aber fieht man, wie diefer Vorfall feine Bedeutung verliert, wenn man ihn mit dem vierten Evan— gelium an den Beginn der öffentlichen Laufbahn Jeſu zurückver- fegen will. Er erfcheint dann von Jeſu Seite ald eine zweck— lofe Pedantereiz wie aber folche durch die dortige Darftellung ohnehin noch mehr ins Grelle gezogene Gewaltthat durch die jüdifche Behörde hat zugelaffen werden konnen, müfjen wir dann geradezu unbegreiflich finden. Es beruht gewiß auf einer fehr richtigen Auffaffung des Bufammenhangs der Begebenheiten, wenn unmittelbar an dies fen Vorfall Marcus den Beginn der feindfeligen Anfchläge ge= gen Sefus von Seiten der Schriftgelehrten und Hohenpriefter fnüpft*). Auch die beiden andern Synoptifer geben, in offen— barer Abhängigkeit von jenem, diefe Notiz an derfelben Stelle, indem fie jedoch als die Urfache nicht jenen Vorfall insbefon- dere, fondern den Erfolg, den Sefus unter dem Volke fand, im Allgemeinen bezeichnen**). Lukas namentlich hatte ſchon vorher, beim Einzuge, von einer Unzufriedenheit der Pharifäer mit dem Jubel feiner Anhänger gefprochen**), und diefem ent- fprechend bezieht der erfte Evangelift, mit einer Wendung, Die *) Mare, 11, 18. **) Matth, 21, 15. Luk, 19, 47. 2) Luk. 19, 39, | Ueberfichtliche Darſtellung der evangeliſchen Geſchichte. 439 aber ſehr darnach ausſieht, einer Pſalmenſtelle zu Gefallen, die er Jeſu in den Mund legt*), gemacht worden fein, die Rüge der Oberpriefter und Schriftgelehrten auf einen Hoſanna— ruf, der fih aus dem Munde eines Haufen: von Kindern in dem Zempel ſoll haben vernehmen laſſen. Dem vierten Evan: gelium zufolge würden die feindfeligen Anfchläge des Hohen- raths, von deſſen Berathichlagungen diefes Evangelium aus: führlich, jedoch unter Beimifchung offenbarer Irrthuͤmer, zu erzählen weiß“), eben fo, wie der VBolfsjubel beim Ginzuge, dem lebten großen Mirafel gegolten haben, welches Jeſus bes reits einige Zeit vor dem Fefte zu Bethanien verrichtet haben fol, der Erwedung des Lazarus. Sefus aber würde, wie fchon vorhin erwähnt, diefen Nachftellungen noch eine Zeit lang fich durch Entfernung an einen verborgenen Ort entzogen haben, ftatt daß er bei den Synoptifern, wovon auch dort noch eine Spur nicht hat vertilgt werden fünnen***), gerade umgekehrt durch die Deffentlichfeit feines Thuns, durch den Beifall, wel— chen auch jest noch feine Lehre findet+), geſchuͤtzt wird. Freilich kann diefer Beifall, wie die weitere Folge zeigt, von Seiten der Menge nur ein fehr oberflächlicher, unzuverläffiger gewefen fein; aber er galt doch, dies fehen wir auf das deut— lichfte aus der fynoptifchen Darftellung, feiner Perfon und fei- ner Lehre, nicht blos einer einzelnen Wunderthat. — Halten wir uns nun bei diefem allem, unferm bisher erprobt gefundenen Grundfaße gemäß, vorzugsweife an die Darftellung des Mar: cus als die anfchaulichite und am meiften mit fich felbft einige: fo werden wir, auf jenen Ausgangspunct der Begebenheiten zu Serufalem, die Zempelreinigung, zurücdblidend, allerdings zu: nächft auf diefe auch die Frage zu beziehen haben, mit welcher diefer Evangelift, und ihm folgend auch die beiden andern Syn- optifer, die Neihe der Streitreden der Priefter, Schriftgelehrten und Volksaͤlteſten mit Jeſus eröffnent+p. Sie befragen ihn: in weſſen Vollmacht er dies thue? worauf Sefus, der zwar Durch) *) Pf. 8, 3. Matth. 21, 16, **) oh. 11, 47 ff. ***) Joh. 12, 19. +) Mare. 11, 18, 12, 12. 37 u. Parall, ++) Eap. 11, 27 ff. u. Parall. _ 440 Drittes Bud. Handlungen fih als den Meffias Fund zu geben, aber nicht (wie der Chriftus des Sohannes) mit jenen Unverftändigen über feine Meffiaswürde ſich herumzuftreiten den Beruf fühlt, durch eine geiftreich ausweichende und abfertigende Antwort fie zum Schweigen bringt. Nur in einer Parabel*) würdigt er fie, ſei— ner bisherigen Gewohnheit, zu dem Volke zu fprechen, auch hier noch folgend, fich vor ihnen ald den ‚„„Sohn Gottes’ zu befennen. Aber wie er früher unmittelbar an die feinen Juͤn— gern eröffnete Einficht in feine Meffiaswürde die Verfündigung feines Leidens und feines Todes geknüpft hatte, eben fo giebt er auch hier der Parabel die nämliche VBerfündigung zu ihrem Snhalte. Weiterhin**) richtet er gegen feine Gegner von freien Stüden eine Frage, deren Zweck diefer ift, fie zum Eingeftänd- niß der Nichtigkeit ihrer an dem Buchftaben der altteftamentli= hen Weiffagungen haftenden Borftelung vom Meſſias, als müffe derfelbe nothwendig ein leiblicher Nachfomme König Das vids fein, zu zwingen, Noch auf andere Weife aber, als durch diefe thatfächliche Befigergreifung der Meffiaswürde, fehen wir Sefum während feines Aufenthaltes zu Serufalem ausdrüdlich angreifend gegen die jüdifche Hierarchie auftreten. Er fpricht fich gegen das Volk, welches fich fchaarenweife in den Tempel drängt, ihn zu hören, in den ftärfften Ausdrücden gegen die Heuchelei, gegen den Geld- und Ehrgeiz der Schriftgelehrten aus, welche damals eine fo zahlreiche und einflußreiche Claſſe bildeten und der That nad) die Leitung der innern Angelegenheiten des jüdifchen Volks in ihren Händen hatten. Wir koͤnnen immerhin zugeben, daß von den donnernden Strafreden, welche, auf Anlaß der kurzen No— tiz, die Marcus über diefen Angriff giebt***), der Verfaffer des erften Evangeliums aus der Spruchfammlung des Matthäus an diefer Stelle einfchaltet+), nicht alle zu diefer, fondern manche ſchon zu früherer Zeit gefprochen fein mögen, wie denn auch Lukas fie, obgleich auch er jene Notiz des Marcus nicht über: *) Cap. 12, 1 ff. u. Parall. **) V. 35 ff. u. Parall. ) 3, 38 ff. +) Matth. 23, 1 ff. 2 23m | . | Ueberfichtliche Darftellung der evangelifchen Gefchichte. 441 gangen hat*), nicht bei diefer, fondern bei andern Gelegenheiten gefprochen werden läßt; aber Feinesfalls dürfen wir zweifeln, daß diefe Neden ihrem Sinn und ihrem Tone nach mit dem, was Jeſus damald mag gefprochen haben, durchaus uͤberein— fommen, Stellen wir diefe Neden mit der Polemik in Paral: lele, welche die Reden des vierten Cvangeliums, nicht an einer einzelnen Stelle blos, fondern von Anfang bis zu Ende, nicht fowohl gegen Pharifaer und Schriftgelehrten insbefondere, als gegen „die Suden’’ insgefammt enthalten: fo findet fich ber auffallende Unterfchied, daß die Polemik diefer letzteren eine blos defenfiveift, indem fie feinen andern Inhalt, ald nur die Bertheidigung der göttlichen Würde und Sendung Jeſu gegen den Unglauben und die Misverftändniffe der Gegner hat, wobei es dann freilich an ftarfen Anklagen der Dummheit und hartnädigen Berftoctheit diefer Gegner nicht fehlt; während jene durchaus offenfiver Art find und nicht mit einem Worte einer Kränfung, die Sefus perfönlich von ihnen erlitten hätte, gedenfen. So gern wir bereit find, auch jene johanneifchen Neden in ihrem eigenthümlichen Werthe beftehen zu laffen: fo müfjen wir im gegenwärtigen Falle darauf beharren, daß nur aus den fonoptifchen ein treues Bild von dem VBerhältniffe Sefu zu den Pharifaern und Schriftgelehrten, fo wie fich daffelbe damals ge— flaltet hatte, zu entnehmen ift. Die ungeheuere Parrhefie, mit welcher der erhabene Meifter, von Schaaren einer ftaunenden Menge umgeben, welche der Gewalt feines Wortes nicht zu widerftehen vermag, die Niederträchtigfeit jener Glafje aufdeckt, in welcher diefe Menge bisher ihre hauptfächlichfte Autorität zu verehren gewohnt war, giebt nicht nur ein bei weitem großar— tigeres, des Göttlichen würdigeres Bild, als jene, der Außen Macht gegenüber ſtets halb prahlerifh, halb ohnmächtig aus: fallenden Bertheidigungsreden, fondern fie erflärt auch weit volftändiger den Haß, den jene Glaffe auf Jeſum warf, und wie diefer Haß nicht eher, ald nachdem er durch heimlichen Ver: rath feinen Gegenftand in die Hände befommen hatte, gegen den: felben auch öffentlich hervorzutreten wagen durfte. — Uebrigens wird man nicht überfehen, wie diefe Strafreden, und ihnen ge: #) Luk, 20, 46 f. 442 Drittes Bud. genüber die Verkündigung eines der Stadt Serufalem und dem jüdifchen Volke nahe bevorftehenden fchweren Drangfald, welche nach dem Bericht der Synoptifer Jeſus gegen die Vertraute— ten feiner Jünger gleichzeitig ausgefprochen hat*), fich einan- der gegenfeitig zur Grläuterung und zur Beglaubigung Dies nen. Nur die wohlbegründete Ueberzeugung der Unrettbarfeit des jüdischen Staates nach feinen damaligen Zuftänden Fonnte zu einem folchen Angriffe gegen den Stand, auf welchem ber hierarchiſchen Verfaffung zufolge die Exiſtenz defjelben beruhte, berechtigen; nur die Einficht in das Verderben diefes Standes ſolche Ueberzeugung herbeiführen. — Mit diefer Ausficht in die Zufunft des jüdischen Staates und Volkes verknüpft fih für den Seherblid des Göttlichen die Ausficht in die Zufunft der MWeltgefchichtez er fieht im Geifte die Apoftel, denen er fich auch nach feinem nahe bevorftehenden Tode noch auf geheim: nigvolle Weife nahe und gegenwärtig weiß, das Gebäude fei- ner Kirche gründen und über den ganzen Erdfreis das Evan gelium predigen. Er fieht aber auch die furchtbaren Kämpfe und Drangfale, welche die Seinigen werden zu beftehen haben, und von denen fie nicht eher, als am Ende der Welt, wenn er felbft wiederfommen und fein Reich noch in einem andern Sinne unter ihnen gründen wird, vollfommen befreit zu werden hoffen dürfen. Ueber die Beweggründe der Gegner Sefu bei den Anfchlä- gen, die endlich feine Berurtheilung und feinen gewaltfamen Tod herbeiführten, laßt uns nach diefem allem die einfache, mit einer ausdrüclichen Nachfrage nach denfelben fich Feineswegs befafjende Darftelung der Synoptifer nicht im Zweifel. Eher fonnte folches das vierte Evangelium mit feiner fcheinbar gruͤnd— lichern Angabe, die Hohenpriefter und Pharifaer hätten von ei— ner noch fernerhin fleigenden Vermehrung des Anhangs, den Sefus fich durch feine Wunder zu gewinnen begann, Gefahr für Land und Volk von Seiten der Römer befürchtet”). Allein Diefe, durch Fein anderes Moment in der Gefchichte Jeſu auch nur von fern unterftüßte Bemerkung wird dort offenbar einer *) Mare. 13, 1 ff. u. Parall. *2) oh, 11, 48. Ueberſichtliche Darftellung der evangelifchen Gefchichte. 443 fonderbaren Anefdotelzu Liebe gemacht, die allzufehr im Gefhmad diefes Evangeliften ift, als daß wir nicht den Verdacht fchöpfen follten, daß fie wenigftens die Geftalt, in welcher er fie erzählt, nur ihm zu verdanken haben möge. Kaiphas, fo heißt es, der Hohepriefter diefes Jahres — (es ift befannt, daß die Hohe: priefterwürde nicht von Jahr zu Jahr wechfelte, und doch kann man die vom Gvangeliften zu drei verfchiedenen Malen*) wie— derholten Worte bei unbefangener Auslegung unmöglich anders deuten), — Kaiphas habe die Andern wegen ihres Zogerns ge— fholten, und ihnen bemerflich gemacht, wie es beffer fei, Ein Menſch fterbe für das Volk, ald daß das ganze Volk unters gehe. Damit aber, meint der’ Gvangelift in Folge eines unter allen neuteftamentlichen Schriftftellern nur ihm eigenthümlichen Aberglaubens an Weiffagungen durch Doppelfinn der Worte **), zu dem fich bier noch ein anderer, einem Apoftel Sefu noch weniger ziemender, nicht einmal durch einen erweislich in dies fer Geftalt vorhandenen Volksglauben zu rechtfertigender Aber: glaube, der Aberglaube an eine an dem Hohenpriefteramte haf- tende Gabe der Weiffagung gefellt, — damit habe Kaiphas wider Wiffen und Willen auf den Tod hingedeutet, den Jeſus in ganz anderm Sinne für fein Volk und für die Menfchheit‘ zu fterben im Begriffe war. — Ohne Zweifel wußten die Schrift: gelehrten, fie, die es vielmehr ihrerfeitd darauf anlegten, Jeſum zu Aeußerungen zu verleiten, durch welche fie ihn bei der roͤmi— ſchen Behörde hätten verdächtigen fonnen***), nur zu wohl, daß eine Aufwiegelung des Bolfes in ſolcher Weife, welche die Roͤ— mer gegen das jüdische Volk hätte aufbringen fonnen, von Sefus nicht zu beforgen war; der Vorwand, deſſen fie fich nach der =) 8, 49. 51. Cap. 18, 13,— Wahrſcheinlich war der Irrthum daher entftanden, daß der Verf. des Ey. immer den Annas und Kaiphas zugleich (vergl. Luk, 3, 2. Ap. Geſch. A, 6) als Hohepriefter hatte nennen hören; was er fich nicht anders, als durch) die Annahme einer alternirenden Amtsführung zu deuten wußte. **) Mit Necht haben Bretfchneiver und de Wette auf die ähnlichen Einfälle Cap. 12, 32 f. 15, 20. 18, 9, 32. 19, 24 hingewiefen, Ber- geilen haben Beide den auffallendſten von allen: Cap. 2, 21. ***) Marc, 12, 14 u. Parall. 444 Drittes Buch. Erzählung des Lufas*) vor Pilatus bedienten, um Jeſus als einen Aufrührer auch gegen das romifche Regiment darzuftellen, war eben nicht als ein Vorwand, nicht der Ausdrud einer ernftlich gemeinten Beforgniß. Ohne alfo durch jene vielfach verdächtige Notiz uns zu der Illuſion einer genauern Kenntniß des Hergangs jener Be— rathung verleiten zu laffen, halten wir auch hier uns an den einfachen Bericht der Synoptifer, dem zufolge beim Heranna= hen des Pafchafeftes die Priefter und Schriftgelehrten fi (in der Wohnung des Hohenpriefters Kaiphas, fügt der erfte Evange- lift hinzu) verfammeln, um über die Ausführung des blutigen Entfchluffes gegen Jeſus, den Neid und Rache ihnen eingege- ben hatte, zu berathen. Das anfangliche Nefultat diefer Bera— thung war, daß man beffer thun werde, das Feft vorüber ge: hen zu laffen, um nicht während defjelben einen Volksaufſtand befürchten zu müffen**); bald aber fcheint fich herausgeftelt zu haben, wie gerade die Zerftreuung, welche die Feftgebräuche herbeiführten, und die Ueberfüllung der Stadt mit einer Men- fhenmenge, in welcher fich das Jeſu bereit3 anhängende Volk verlor und nicht fo leicht, wie fonft, zufammenzufinden wußte, ein vorzüglich günftiger Zeitpunct fei. Judas Iſcharioth, einer aus der Zahl der Zwolf, erbietet fi, den Prieftern Sefum in die Hand zu liefern, wofür er von ihnen das Verfprechen einer Geldfumme erhält. Indem nun diefer nach einem paffenden Zeitpunet zur Ausführung feines Vorhabens umbherfinnt, bietet fih ihm — fo müffen wir aus dem Zufammenhange der ſyn— optifchen Darftellung fchliegen — als der geeignetfte die Nacht nad) dem Pafchamahle dar, welches Sefus, gegen feine fon: IELULN23,02, **) Die Meinung Neanders (2.9. ©.570), nach welcher die Worte Mare, 14, 2 u. Parall. von einem Befchluffe, Jeſum vor dem Fefte umzubringen, zu verftehen wären, und alfo zur Beftätigung der aus dem vierten Ev. fiheinbar fih ergebenden Anfiht über feinen Todestag dienen könnten, hat nicht nur den natürlichen Wortfinn, fondern auch den Umftand gegen fih, daß fo kurz vor dem Fefte das Volksgedränge unftreitig fhon eben fo groß, und alfo die Be— forgniß wegen Unruhen eben fo naheliegend war, wie während bed Feſtes. , a BE ST . “ Neberfichtliche Darftellung ber evangelifchen Geſchichte. 445 ftige Gewohnheit, die Hauptmahlzeit nicht in Serufalem, fon- dern in Bethanien zu halten’), die ausdrüdliche Veranſtal— tung getroffen hatte, mit feinen Züngern in der Stadt zu fei— ern **). — Bei diefem Mahle ergreift Sefum, der auch fonft ſchon, *) Mare. 14, 3 u. Parall. ) Sp fern wir uns fonft von dem Beftreben wiffen, in ehemals und zum Theil noch jetzt beliebter Weife einen pragmatifchen Zuſam— menhang ın die Erzählungen. der Evangeliften hineinzuffügeln, ſo bekennen wir doch, an gegenwärtiger Stelle der in der That gerade hier nahe genug liegenden Verſuchung, einige Züge dieſer Art unſe— rer Darſtellung einzuverweben, nachgegeben zu haben. Die Nach— richt von der Berathung der Prieſter und Schriftgelehrten vor dem Feſte, und die von dem Verrathe des Judas find in den erſten Evangelien einzeln und ohne Zufammenhang unter einander erzählt. Dei Lukas treten fie zwar durch den Ausfall der dort dazmwifchen geftellten Erzählung von dem bethanifchen Mahle, (von diefer näm— fi hatte der Evangelift ſchon früher, & 7, 36 ff., einige Züge vorweggenommen, was ihn abhielt, fie hier fiehen zu Taffen) un— mittelbar zufammen, und werden auch wirflih in Einen Bericht verihmolzen, weshalb der Evangelift in der erfteren von beiden die Worte: un &v Ti) Eopry u. f. w. wegläßt, und dafür, ein unwill— fürliches Denfmahl der hinweggelaffenen, Die Dort unmotivirt blei— benden: Eyoßovvro yao rov Aaov fett. — Die Aufgabe ift nun, jene beiden zu einander in Widerſpruch ftehenden Notizen beffer, als Lufas es gethan hat, zu vereinigen, und dies glaube ich ungezwun— gen genug auf die im Tert verfuchte Weife geleiftet zu haben. Die Bemerkung aller drei Synoptifer, daß Judas eine gelegene Zeit zur Ausführung feines Anfchlags gefucht habe, (edrjreı, mas suxalgug avrov napgado Mare., welchen etwas harten Ausdruf die beiden anderen, jeder auf feine Weife, mit einem gelenferen vertaufcht ha= ben), diefe Bemerkung läßt offenbar erwarten, daß in der nadfol- genden Erzählung ſolche zwxargia enthalten fein werde, Auch zweifle ich, wenn ich den fihriftftellerifchen Charakter des Marcus in Erwägung ziehe, nicht, daß dieſer Evangelift wirklich eine folche Verbindung feiner Darftellung beabfichtigt habe; wiewohl es ibm an Gelenfigfeit des Ausdruds, fo wie feinen beiven Nachfol- gern an genügender Einficht in den Zufammenhang fehlte, um ſol— hen Zufammenhang wirklich nachzumeifen. Jedenfalls drängt ung alles, anzunehmen, daß Judas nicht ohne Abficht den Zeitpunet des diesmal ausnahmsweife (daß eg nämlich eine Ausnahme war, find wir bei dem Zufammtentreffen ver doppelten Notiz erſtens von dem BDorfall in Bethanien, der als beim Mabhle gefchehen durch die Worte: zaransıufrov avrov Marc. 14, 3 hinreichend bezeichnet 446 Drittes Bud. wie wir wiffen, hinlänglich) darauf vorbereitet war, eine leb⸗ hafte Ahnung des nahe Bevorſtehenden. Er verkuͤndigt den wird, ohne daß wir Joh. 12, 2 zu Hülfe zu nehmen brauchten, und zweiteng der ausdrüdlichen Anordnung über den Ort des Pa- fhamahls Marc. V. 12ff. vorauszufegen allerdings berechtigt) der jüdiſchen Sitte halber, welche die Feier diefes Mahles in der Stadt verlangte, in Jerufalem abgehaltenen Mahles und des von bort aus erfolgten nächtlichen Ganges nach Gethfemane wählte; unftrei= tig wohl, weil er, am Tage in Serufalem ihn zu greifen, nicht rathfam fand, und eben fo wenig, des Nachts in Bethanien in der Mitte feiner Gaftfreunde und fonftigen Anhänger. So nun liegt es auch nahe genug, weiter anzunehmen, daß gleichfalls Judas herausgefunden hatte, ein wie günftiger Augenbli jener fei, wo bie ganze Bevölferung von Serufalem fammt der übrigen zugeftröm- ten Menge mit dem Pafchamahle und mit den Vorbereitungen zum weitern Feſte befihäftigt war. Daß dieſes Näfonnement, mag es nun wirklich dem Judas angehören oder nicht, ein richtiges war, richtiger als dag vorangehende, im entgegengefeßten Sinne ausge— fallene Räfonnement der Schriftgelehtten, welches vielleicht die Erinnerung an frühere Unruhen zur Fefteszeit (vergl. Joseph. Bell. Jud. I, 4, 3.5 ein etwas fpäteres Beifpiel dieſer Art: Joseph. Antiq. XX, 5, 3.) veranlaßt haben mochte: dies ward durch den Erfolg bewiefen. Denn allerdings muß man es auffallend finden, wie bei dem großen, fo vielfach bezeugten Anhange, den Jeſus gefunden hatte, feine Hinrichtung dennoch) ohne Widerftand von Seiten des Bolfs vollzogen werden konnte. — Nebrigens beruht, wie man fieht, diefe unfere gefammte Anficht des vorliegenden Zufammenhangs auf der Nichtigkeit der fpnoptifchen Vorausſetzung, daß jene Nacht wirklich die Nacht des Paſchamahles gewefen ſei. Sch enthalte mich, auf den Streit, ob fie es geweſen fei oder nicht, weiter ein- zugehen, da ich zu dem fo vielfach und, fo gelehrt darüber Verhan— delten nichts Neues hinzuzufügen weiß; und mache nur darauf aufs merkſam, wie auch von den entfchiedenften Bertheidigern der voll— ftändigen Authentie des Johannesev. noch immer Manche es vor— ziehen, die ſcheinbar widerfprechenden Angaben diefes Ep. auf eine Weife zu deuten, wodurch ſolcher Widerfpruh aus ihnen entfernt wird, ftatt, wie es jeßt die Mehrzahl derjenigen Theologen thut, die in Bezug auf die ſynopt. Evv. der Traditionshypothefe huldi— gen, die Angabe diefer letztern für eine irrige und die bei Johan— nes vorausgefebte Anfiht, daß Jeſus vor dem wirklichen Anfang des Pafchafeftes gefreuzigt worden ſei, für die richtigere und ges nauere zu halten. Sp Tholud, in deſſen fünfter Auflage des Commentars zum Ev, Joh. man alles zufammengeftellt findet, was a a Ueberfichtliche Darftelung der evangelifchen Geſchichte. 447 Süngern, daß einer aus ihrer Mitte ihn verrathen werde; eine Andeutung, die von jenen, vor denen Judas feinen Anfchlag wohl zu verbergen gewußt hatte, nicht verftanden ward. Gr reicht ihnen das Brot und den Becher als Seinen Leib und Sein Blut, welches er im Begriffe fei, für fie dahinzugeben, und ftiftet ſo — gleichviel ob mit oder ohne dad ausdrüdliche Geheiß, folches insfünftige zu feinem Gedächtniß zu wiederho: len*), denn darauf kommt ed auch hiebei nicht an, — durch die That den.unter der Chriftenheit bis auf diefen Tag als ein heiliges VBermächtniß ihres Herrn gefeierten Brauch feines Ge— daͤchtnißmahles. Beim Weggehen vom Mahle fündigt er den Süngern an, daß fie in diefer Nacht alle an ihm werden irre werden, was bdiefe mit VBerficherungen ihrer Treue bis zum Tode beantworten. Angelangt am Delberge, im Garten Geth- femane, nimmt er die drei vertrauten Sünger mit fih, ihm im Gebete beizuftehen; von heftiger Seelenangft ergriffen, wedt er fie zu wiederholten Malen aus dem Schlafe, in den fie immer von neuem wieder verfinten. Dort überfällt fie ein Haufe Be: fih, unter Borausfeßung der Authentie diefes Ev., für die An— nahme, daß die lebte Mahlzeit Jeſu das Paſchamahl gewefen, far gen läßt, Wer, wie wir, die Authentie der erzählenden Theile diefes Ev. in Zweifel zicht, dagegen aber auf die Autorität na= mentlich des Marcus ein um fo größeres Gewicht legt, hat hier— bei natürlich noch) Teichteres Spiel. So tragen wir, ohne ung ge— zade zu der von Bretfchneider (Probab, p. 106 5.) aufgeftellten Hppothefe bekennen zu wollen, nach welcher der Irrthum aus der Derfchiedenheit der Tageszählung bei den Juden und bei den übri— gen Völkern geflofien wäre, fein Bedenken, die Stelle, in welcher, genauer befehen, allein der Hauptfiß der Schwierigkeit Tiegt (denn 13, 1 ift leicht zur befeitigen), Joh. 18, 28, für eine durchaus nur misverftändliche zu halten, welche der Evangelift nur darum fo fohrieb, weil es ihm nicht in der Erinnerung gegenwärtig war, daß das Paſchamahl nur die Einleitung zum Feſte bildete. Eben fo auch zweifle ich nicht, daß Cap. 19, 14 der Ausdrud; magaozevn zov naoza nichts anderes befagen will, als das B. 31 von dem nämlichen Tage ohne Beifaß gebrauchte ragaozevn), von weldem man aus dem Zufammenhange fieht, daß es fich auf den nachfolgenden Tag nicht als erften Pafıhafefttag, fondern als Sabbath bezieht, und daß jener fonft völlig ungewöhnliche Ausdruck nur auf Rech— nung der Nachläſſigkeit und Unkenntniß des Epangeliften zu feßen ift. #) Luft, 22, 19. 1 Cor. 11, 24 f. — 448 Drittes Bud. waffneter, von den Prieftern, den Schriftgelehrten und Aelte— ften*) abgefchit und von Judas Sfcharioth geführt, der ihnen den Meifter durch das verabredete Zeichen eines Kuſſes kennt— lich macht. Die Jünger wollen ſich zur Wehre fegen, und einer von ihnen verwundet den Knecht des Hohenprieſters; aber fei e8, daß fie der Uebermacht erlagen, fei es, daß, wie fammtliche Evangeliften, mit Ausnahme des einen, deffen Zeug: niß uns für das wichtigfte gilt, doch Feineswegs unter überein: fiimmender Angabe der Nebenumftande berichten, Jeſus felbft ihnen die bewaffnete Gegenmwehr unterfagte, bald flohen fie auseinander und Jefus ward von den Häfchern hinweggeführt**). *) Die aber ſchwerlich, wie Luf, 22, 52 vorausgeſetzt wird, ſelbſt dabei gegenwärtig waren. Die Bewaffneten übrigens waren un- ftreitig nur Tempeldiener, nicht, wie Joh. 18, 3 andeuten zu wol- Ten feheint, ein römifches Soldatencorps. Den Pilatus von ihrem Vorhaben unterrichtet und fich feinen Beiftand erbeten zu ha— ben, Liegt nicht in dem fonftigen Charakter des Verfahrens jener Berfihworenen, und würde auch fehwerlich von Erfolg geweſen fein. **) Es ift ein nach unferer Auffaffung des Verhältniffes der Evange— lien unftreitig bedeutfamer und diefe Auffaffung felbft beftätigenver Umſtand, daß gerade die Erzählung des Marcus hier die einfachfte und fehlichtefte, daß fie frei tft nicht nur von den Mirakeln, welche die beiden letzten Evangeliften einflechten, fondern auch von der feltfamen Nede, welche, anftatt derfelben, der erfte (Matth. 26, 53) Zefu in den Mund legt. — Daß gerade dieſe Begebenheit — ohne Zweifel damals für manche Hörer der bedenflihfte und anftößigite Punct im ganzen Lebenslaufe des Herrn — daß gerade fie frühzeitig mannichfache Umgeftaltungen erlitt, Tiegt in der Natur der Sache. Uns aber ziemt es jeßt, durch diefe Verzierungen zur reinen Wahr- heit hindurchzudringen, und den falſchen Schmud, deffen Jeſus nicht mehr bedarf, um von uns als der Göttliche erfannt zu werden, der er iſt, hinwegzuwerfen. Am meiften entftellt wird durch fol- chen Schmud die Begebenpeit im vierten Ev, Hier foll Jeſus den Häſchern freiwillig entgegengetreten fein (Judas fteht müßig, man fieht nicht zu welchem Zwede, daneben) und diefelben durch feinen Anblick dergeftalt erfihreet Haben, daß fie vor ihm auf die Erde ſtürzen. Welche Rolle fpielen hier die Jünger, wenn fie nad) einem folhen Beweife der Macht Jeſu dennoch fliehen? Freilich wird dort ihre Flucht nicht ausdrücklich berichtet, fondern, damit ja nichts auf geradem, natürlichem Wege zugehe, gebietet Jeſus den Hä— fhern, fie gehen zu Taffen (apsrs rosroug undysır), und zwar aus Ueberfichtliche Darftellung der evangeliſchen Geſchichte. 449 Mas bei dem Hergange diefer Kataftrophe die gefchicht: liche Auslegungskunſt am meiften, und unftreitig auf die inter eſſanteſte Weiſe befchäftigt hat, ift die Auffuchung der Be- weggründe, welche den VBerräther zu feiner fchwarzen That ver: leitet haben mögen. Mit Recht fand man die in den Urkun— dem Grunde, damit ein früher von ihm (Joh. 17, 12, in einer der acht johanneifchen Neden, deren Ausſpruch hier nach einer au ſonſt ſchon uns vorgefommenen Sitte diefes Ev., freilich unglücklich genug, commentirt wird) gefprocenes Wort in Erfüllung gehe (Sp. 18, 8f.). — Nicht viel ſchicklicher erfiheint das Wunder von dem geheilten Ohre des veriwundeten Knechtes (Luk, 22,51), zumal da Chriſtus dort unmittelbar vorher (DB. 36) feinen Züngern feldft geboten hatte, fich mit Schwertern zu verfehen. Uns dünft, nad der Darftellung des Mareus, nicht einmal dies wahrfcheinlich, daß Ehriftus den Jüngern ausdrücklich follte verboten haben, fich zur Wehre zu ſtellen; hätte er es, fo hätte feine frühere Verfündigung 14, 27 keinen Sinn, Es tft diefes Verbot erfonnen worden, um die Sreiwilligfeit zu veranfchaulichen, mit der Jefus fein Verhängniß auf fih nahm; aber wer den Gang der Begebenheiten richtig aufs gefaßt hat, für den bedarf es folder Verfinnlihung nicht. Im Gegentheil, die Größe der That leidet darunter, wenn im Augen- blicke der Entheidung die Unterwerfung Jefu nur als ein Act ver Willkür, nicht als eine, jedoch von ibm voraus gefehene und voraus gewollte, Nothwendigkeit erfiheint. — Derfelbe Evanges lift übrigens, aus deſſen Darftellung alle jene Züge weggeblieben find, deren Weglaflung, wären fie hiftorifh wahr und von frühern Darftellern bereits überliefert gewefen, weder erflärbar noch ver— zeibfich wäre, während ihr Hinzufommen bei Spätern gar wohl erffärbar und allerdings auch verzeihlich ift, beurfundet feine Ur— fprünglichfeit auch noch durch einen andern Umſtand, nämlich dadurch, daß er (Mare. 14,51 f.) den an fich geringfügigen (wegen feiner Ges ringfügigfeit von den lebrigen weggelaffenen), aber mahlerifchen und charakteriſtiſchen Zug erzählt, wie ein Jüngling (ein Fremder, ſcheint gs, nicht ein Apoftel) Jeſu nachfolgen will, aber, da ihn die Hä— fiher bei dem leinenen Gewand ergreifen, welches er um den Leib gefhlungen hat, Diefes zurückläßt und entflieht. Ein Zug, der un— ferm Evangeliften offenbar nur dadurch im Gedächtniſſe hängen geblieben war, daß durch ihn die ganze Scene für ihn Geftalt und Aufchaulichfeit gewonnen hatte, den es ihm aber gewiß nicht ein— gefallen wäre, mit Weglaffung anderer, viel wichtigerer ausdrüd- ich Hinzuzufesen, wenn er die übrige Erzählung bereits anderwärts aufgezeichnet gefunden hätte, 29 450 Drittes Bud. J den ſelbſt angedeutete Triebfeder, die Gewinnſucht, zur Erflä- rung dieſer That unzureichend. Man fand ſie um ſo mehr ſo, als einer der Evangeliſten als den Preis, den Judas erhalten haben ſoll, eine unverhaͤltnißmaͤßig geringe Summe angiebt, — eine Nachricht, der zu mistrauen wir übrigens auch ſonſt hinlänglich gewichtigen Grund haben*), — und ald eine andere, freilich auch nicht über jeden Zweifel erhabene Stelle’) von einem unerlaubten, wahrfcheinlich viel größeren Eewinne fpricht, den Judas als Kaffenführer des Vereines, der Sefum umgab, fhon früher gemacht haben fol. Won dem Charakter des Unglüdfeligen -günftiger zu denfen, war außerdem noch durch zwei allerdings beberzigenswerthe Umftände nahe gelegt, die Duldung des Judas im Kreife der Jünger, ja vielleicht fogar die ausprüdliche Berufung zum Sünger, von der man fic ſchwer überredet, daß Jeſus fie einem vollig Unwuͤrdigen follte haben zu Theil werden laffen, und fodann die Neue, welche Judas fpäter, dem Bericht des erften Evangeliums zufolge***), durch feinen Selbftimord an den Tag gelegt haben fol. Aus der Erwägung diefer Umftände find jene Deutungen’ der That des Sudas hervorgegangen, nach welchen dieſer Sünger nicht aus Gewinnfucht, fondern fei es aus getäufchter Erwartung, oder aus gefränfter Ehre, oder felbft im eigenen Intereffe Sefu und feiner Mitapoftel, um Erfteren zu einem kraͤftigern Auf: treten, zum Hervortreten mit feinen von Judas vorausgefekten politifchen Plänen, oder auch mit größeren und folgenreicheren Aeußerungen feiner Wunderfraft zu nöthigen, oder endlich, wie vor Aterd ein verivrter Myſticismus auf diefe abenteuerliche Meinung fallen konnte, aus wahrhafter, von Gott felbft ihm mitgetheilter Einfiht in die Nothwendigkeit des Crlöfungstodes Jeſu fie verrichtet haben fol. — Wir haben unfere Weberzeu- gung über den Charakter des Judas im Allgemeinen bereits oben ausgefprochen — jene Ueberzeugung, die ſich theils auf das einfache Zeugniß der gefchichtlichen Urkunden, theild auf *) Matth. 26, 155 ohne allen Zweifel auf Anlaß von Zadar. 11, 12 f.5 vergl. Matth. 27, 9. *#) Joh. 12, 6. ***·) Matth. 27, 3 ff. ft Ueberſichtliche Darftellung der evangelifchen Gefchichte. 451 die Erwägung deſſen gründet, was mit dem übrigen Gange der Begebenheiten, insbefondere aber mit dem perfünlichen Geifte und Charafter Jeſu, wie wir. ihn fonft Fennen, am be: ſten vereinbar ſcheint. In Folge diefer Ueberzeugung werden wir auch das Motiv feines Verrathes, mag daffelbe übrigens fi verhalten haben, wie es will, nur für ein durchaus boͤs— artiges erkennen fünnen, Wir finden uns in diefer Anficht um fo mehr. beftärkt, ald wir in den Urfunden jedwede Spur einer Triebfeder befjerer Art, welche wenigftens in einem oder dem andern der vorhin erwähnten möglichen Fälle Faum würde feh— len koͤnnen, vergeblich fuchen. Allerdings müffen auch wir Bedenken tragen, folches Motiv als bloße gemeine Gewinn: ſucht zu faffen. Von einem fo niedrigen, ſchmuzigen Charaf- ter, wie Judas in diefem Falle gewefen fein würde, begriffe man allerdings nicht, wie er in den Kreis der Jünger hätte Eintritt finden Fonnen. Dazu kommt, daß felbft zu des Su: das That ein Grad von Charafterftärfe zu gehören fcheint, deffen, wie es wenigftens uns fo fcheinen will, die gemeine, eigennüßige Schlechtigfeit nicht, fondern nur die aus tieferem | Grunde des Geiftes hervorgehende Bosheit fähig if. Auf eine | Bosheit folcher Art fcheint auch der Herr felbft in feinen Aeu— Berungen über den verlornen Jünger hinzudeutenz nicht blos in den mehrfachen hieher gehörigen Ausfprüchen des vierten Evangeliums*), die indeß, da ihr Acht johamneifcher Urfprung nicht wohl bezweifelt werden kann, allerdings auch ihrerfeits Beachtung verdienen, fondern ganz befonders in dem furchtbar erhabenen Weherufe, den er bei den Synoptifern über den Un— feligen ſpricht, „dem es beffer wäre, er wäre nie geboren‘ **), und auch, wie wir im Folgenden wahrfcheinlich zu machen fu: chen werden, in einigen Parabeln und anderen Ausfprüchen, welche auf ein Böfes und Verruchtes, das fich inmitten des *) 30h. 6, 70, 13, 18. 17, 12, **) Mare, 14, 21 u. Parall. Schon die Kirchenpäter wollten be= merken Cund fie hatten in. diefer Bemerfung fo unrecht nicht, wenn auch Chriftus hier nicht die Abficht gehabt haben kann, ein Dogma auszufprehen), daß mit diefen Worten ein höherer Grad der Derdammniß ausgefprochen werbe, als durch andere Ausſprüche der Vermwerfung. 29* 452 Drittes Bud: | Kreifed der Berufung erzeuge, hinzuweifen fcheinen*). Im ber Erzählung vom Selbſtmorde ded Judas aber finden wir fein Hinderniß diefer Annahme; denn theild ift bei dem nicht hin- wegzuerklärenden Widerfpruche der Apoftelgefihichte und. ber fpäteren von Papias berichteten Sage, und bei der inneren Unwahrfcheinlichfeit einer fo ſchnell, als dort berichtet wird, erfolgten Sinnesänderung die Glaubwürdigkeit derſelben fehr problematifch, theild würde, auch wenn man den Gelbft- mord ald gefchichtliche Thatſache gelten laſſen wollte, derfelbe nicht fowohl von der Reue eines befferen Gemüthes, als, weit wahrfcheinlicher, von der wilden Verzweiflung, die ſich auch des entfchiedenften Böfewichts bemächtigen Fann, zeugen. — Uebrigend, fo überzeugt wir auch davon find, daß Jeſus von dem erften Anfang ihrer Bekanntſchaft an den Judas durch: fchaute, fo wenig wahrfcheinlih und auch fo wenig nöthig zum übrigen Verſtaͤndniß der Begebenheit fonnen wir es finden, daß er die näheren Umftände feined Verrathes fchon frühzeitig vorausgefehen, oder daß er in der verhängnißvollen Nacht den Judas perfonlic als den Verräther bezeichnet haben follte. Grftered wird zwar im vierten Cvangelium, aber gewiß aus feinem andern Grunde, ald aus dem Vorurtheile einer uͤberna— türlichen Alhwiffenheit Sefu, vorausgefest”"), die Erzählung von letzterem aber ift aus einem Misverftande hervorgegangen, wel: chen wir an feinem Drte zu berichtigen nicht ermangeln werden. Ueber-da8 Verhoͤr, das fogleich in derfelben Nacht noch mit Chriftus vor dem Hohenpriefter Kaiphas angeftellt ward, erhalten wir bei Marcus, dem bier der Verfaſſer des erften Evangeliumd mit vieler Treue folgt, der Hauptſache nach einen durch innere Wahrfcheinlichkeit und durch fo viel Genauigkeit, als bei einer Scene erwartet werden kann, bei welcher einer oder einige der Jünger höchftens von fern, und auch das kaum, zuhören konnten, ausgezeichneten Bericht. Zwar fchweigt diefer Bericht von einem Umftande, deffen gedacht zu haben man dem Ber: faffer des vierten Evangeliums ald einen Beweis feiner Augen: zeugenfchaft anzurechnen pflegt, nämlich von einem dem Ber- *) 3. B. Matth. 13, 48. 22, 11 ff. Vielleicht auch 12, 32, 45 u. a. **) Joh. 6, 71. h ka ne 7a er x —— Ueberſichtliche Darſtellung der evangeliſchen Geſchichte. 4533 höre bei Kaiphas vorangehenden Verhoͤre bei Annas, dem frü- heren Hobhenpriefter und Schwiegervater des Kaiphas. Allein es fragt ſich, ob diefes Schweigen ald ein biftorifcher Unter: laſſungsfehler zu gelten habe; denn keineswegs erhellt aus der, den Bericht der fynoptifchen Evangeliften angeblich ergänzenden Darftellung mit hinreichender Klarheit, wodurch Annas zur Ans ftellung eines ſolchen Verhoͤrs berechtigt gewefen fein koͤnne. Bon dem näheren Bericht übrigens, welcher fich dort über das hohenpriefterliche Verhoͤr findet, bleibt es zweifelhaft, ob er wirklich von dem Verhoͤre bei Annas, und nicht, wie jeßt die Meiften, doch nicht von dem natürlichen Wortfinne unterftügt, annehmen wollen, fchon von dem VBerhör bei Kaiphas zu ver: ftehen fei. Jedenfalls enthält derfelbe nichts Neues, da bie Aeußerung, welche dort Jeſu dem Hohenpriefter gegenüber in den Mund gelegt wird, ihrem wefentlichen Sinne nach mit jener zufammenfällt, die er nach den Synoptifern unmittelbar bei feiner Gefangennehmung ſprach *). — Der Bericht bei Marcus aber fpricht von einem fürmlichen Zeugenverhör, wel- ches jedoch von feinem Erfolg war, da die Ausfagen der von den Gegnern angeftifteten Zeugen unter ſich ſelbſt nicht in Uebereinftimmung gebracht werden EFonnten. Von dem In: halte diefer Ausfagen, die er übrigens zu wiederholten Malen **) Joh. 18, 20 f. vergl. mit Marc. 14, 48 f. Der Grund, weshalb man Bedenken trägt, das Verhör im vierten Ev. als gefchehen vor Annas zu denken, ift befanntlich feine Verflechtung mit der Ber- läugnungsgefchichte des Petrus, welche nach den Spnoptifern wäh- rend des Verhörs bei Kaiphas vorgeht; das Mittel aber, wodurch man die Uebertragung auf Kaiphas zu bemwerfftelligen fucht, ift, das antorsıhe V. 24 als Plusquamperfectum zu nehmen. Man follte aber nicht verfennen, daß dieſes Mittel ein gemwaltfames tft, und daß der Evangelift dabei wenigftens, wie- auch Strauß bemerflich macht, als ein fchlechter Erzähler erfcheint. Als ein ſolcher indeß erfcheint er jedenfalls fehon darum, weil er den wefentlichen Inhalt des Verhörs (den er. doch Cap. 19,7 vorausfegt) übergeht, und nur minder Wefentliches berichtet. Ein Grund für den Evangeliften, das ganze Verhör bei Annas zu erbichten, konnte vielleicht in dem V. 15 erwähnten Imftande liegen, daß er eine Befanntfihaft des Apoftel Hohannes mit Annas vorausfegte und diefe Bekanntſchaft als den Duell der Nachrichten von den Borfällen beint Verhöre anfah. 45% Drittes Bud. srl „falſche““ nennt, hat der Gvangelift ein Beifpiel überliefert in dem Jeſu zur Laft gelegten Ausfprucher „Ich werde. diefen mit Händen gebauten Tempel zerftören, und in drei Sagen einen andern, nicht mit Händen gebauten, herſtellen.“ Daß Sefus diefen Ausspruch wirklich gethan habe: Dies wird Durch die Art, wie ihn, nur wenig verändert, in einem andern Zus fammenhange das vierte Evangelium als einen factifchen an— führt*), zwar noch feineswegs zur Gewißheit erhoben. Denn diefes Evangelium Fonnte ihn gar wohl auc aus der Tradi— tion vom Verhoͤre gefchöpft haben und das Motiv, ihn als ein ächtes Apophthegma aufzunehmen, in der fonderbaren my: ftifchen Erklärung finden, die es ausdrüdlich hinzuzuſetzen nicht ermangelt**), als babe Sefus unter dem Tempel, den er dort feinen Gegnern zu zerftoren aufgiebt, feinen eigenen Leib ver- flanden, Indeſſen liegt in dem Spruche, dafern er in einem befiern Sinne, als der vierte Evangeliſt es thut, geiſtig und fombolifh verftanden wird, etwas Eigenthümliches und für Sefu Lehre Charakteriftifches, was und nicht glauben laßt, daß er von feinen Gegnern aus dem Stegreif ſollte erfunden’ feinz auch die im der Apoftelgefchichte dem Märtyrer Stephanus in den Mund gelegte Neminiscenz***) fcheint fich auf wirklich von Sefus gefprochene, nicht auf faͤlſchlich ihm untergelegte Worte beziehen zu müffen. Sedenfalls aber hat Sefus, wenn er diefe Worte gefprochen hat, fie nicht fo zufammenhangslos, wie fie bier erfcheinen, und in fo prahlerifchem Tone gefprochen. — Als man nun mit den Zeugenausfagen nicht zum Ziele Fommt, fo erhebt fich der Hohepriefter und fragt den Angefchuldigten erft im Allgemeinen, was er auf diefelben zu erwiedern habe; und als dieſer hierauf ſchweigt, legt er ihm in kurzen, deutli— chen Worten die Frage vor: ob Er in der That Chriſtus, der Sohn des Hochgelobten ſei. Auf dieſe Frage antwortet Jeſus mit einem beſtimmten, unzweideutigen Ja. Das Weitere, was ihn unfer Evangelift hinzufügen läßt, die Verkuͤndigung vom Sitzen des Menfchenfohnes zur Nechten der Macht und von *) 30h. 2,19. "BB. 21, ER) Ap. Gefch. 6, 1A, na | Ueberfichtlihe Darftellung der evangelifchen Geſchichte. 455 ſeiner Zukunft in den Wolken, waͤre in dieſem Zuſammenhange keineswegs ſchicklich angebracht *), und ed darf, der übrigen Glaubwürdigkeit des Marcus unbefchadet, wohl gezweifelt wer: den, ob Jeſus, deffeneinzelne Worte ein entfernt flehender Zeuge, wie im günftigften Falle der Apoftel Petrus war, wohl nicht fo deutlich hat vernehmen fonnen, fie wirklich gefprochen hat *). — Nach— dem das verhängnißvolle Wort gefprochen war, zerreißt ber Hohepriefter fein Kleid : „Was bedarf es noch weiter der Zeu- gen? Ihr habt die Läfterung vernommen? Was dünft euch?" — worauf Alle ihn des Todes fchuldig erklären. Die Mishandlun: gen, die daräuf folgen, dic fo, wie fie hier erzählt werden, -feineswegs etwa den verwandten Prophetenftellen nachgebildet - find, brauchen auch nach der Erzählung des Marcus nicht ges rade als von den Prieftern und Schriftgelehrten felbft ausge- hend gedacht zu werden; — mit Unrecht hat man einen Vor— zug der Darftellung des Lufas darin gefucht, daß fie dort aus— drüdlich nur den Dienern zugefchrieben werden. Am Morgen erfolgte die Ablieferung Jeſu an den römiz fchen Procurator Pontius Pilatus, — wie ed nach der Erzählung der zwei erften Evangelien fcheint, nach einer noch— maligen Berathung des Synedriums, welches vielleicht durch die Anwefenheit des Pilatus zu Serufalem, (die gewöhnliche Nefidenz der Nömifchen Procuratoren war die Seeſtadt Caͤſa— *) Auch hier ift es nur in feindfeliger Abficht gegen den höheren Be— grif von Chriftus, wenn Strauß (2. J. II, ©. 486) diefe Worte ftehen läßt, um „in jener lebten Noth die Geburtsftunde der Idee eines fterbenden Meſſias“ erblicken zu können. War Jeſu diefe Idee bis dahin fremd geblieben; war er bis dahin darin befangen geblie= ben, „feine mefftanifche Berherrlichung fich ohne Vermittelung durch den Tod zu denken’: fo konnte diefe „letzte Noth“ ihm wohl in je nen Borftellungen irre machen, aber nicht diefelbe urplöglich zu der Höhe und Herrlichkeit hinauf Läutern, in der mir fie von bem Chri⸗ ſtus unſerer Evangelien ausgeſprochen finden. **) Lukas (22, 67 ff.) hat das Bedürfniß gefühlt, dieſe Worte näher zu motioiren, aber er Hat Died nicht auf eine Weife zu thun ver- mocht, wodurch das Gewicht jenes 2yo zuuı — „das größte Wort, was je ein Sterblicher gefagt hat,’ nennt es nicht mit Unrecht Schleiermacer in den „Reben über die Religion,“ — mehr ge— ſchwächt, als erhöht wird, \ 456 Drittes Bud. — tea) auf die Verantwortlichkeit aufmerkſam gemacht geworden war, die es durch eine tumultuariſche Toͤdtung des Verurtheilten, wor— auf anfangs die Abſicht ſcheint gerichtet geweſen zu ſein, ſich zu— ziehen koͤnnte. Daß ſolche tumultuariſche Scenen waͤhrend der roͤmiſchen Herrſchaft in Judaͤa oͤfters vorzufallen pflegten, iſt aus mehrfachen Beiſpielen hinreichend bekannt. Eben fo unzweifel— haft iſt, auch abgeſehen von den im vierten Evangelium den Juden in den Mund gelegten Worten, ſchon aus dem ſonſti— gen Rechtszuſtande roͤmiſcher Provinzen, daß ſolches Verfahren ein ungefegliches war, und daß der Nichterfpruch über Tod und Leben in legter Inftanz nur ver römischen Behörde zu- ftand. — Das BVBerhör vor dem roͤmiſchen Stadthalter war nach der Erzählung des Marcus fehr einfach. Jeſus blieb nach wiederholter Anfrage bei feiner früher gethanen Ausfage, daß er fich für den Meſſias halte *); übrigens beantwortete er alle andern Fragen mit Stillichweignn. Pilatus, welchem die Parteilichkeit des von dem Synedrium gethanen Spruches nicht entging, der aber doch Grund gehabt zu haben feheint, denfelben nicht unberädfichtigt zu laffen, machte, vielleicht in Erinnerung an den Anhang, den Jeſus unter dem Volke hatte, um zu unterfuchen, welche Parthei die ftärfere fei, einen Verſuch, zu feinen Gunften die Sitte zu benußen, welche ihn berechtigte, zur Feier des Feſtes dem Volke einen Gefangenen loszugeben. Allein es hatte fich nur eine von den Prieftern erfaufte Menge eingefun= den, welche die Losgebung nicht Sefu, fondern eines Andern, wegen Aufruhrs und Mordes angefchuldigten, des Barabbas**), dagegen aber die Kreuzigung Sefu begehrte. Darauf befchließt Pilatus, dem, was ihm als Volkswille erfchien, genug zu thun. *) Die Antwort ov Adysıs erfcheint, wenn man die Erzählung Marc. 15, 2 buchſtäblich nehmen will, allerdings eben fo befremdlich, wie die vorangehende, in des Pilatus Munde ganz unmotipirt bleibende Frage, da Jeſus beim Pilatus einen anderen Sinn biefer Frage "sorausfegen mußte. Aber Antwort fowohl als Frage werden von dem Evangeliften nicht in der Abficht erzählt, daß fie für wörtlich fo gefchehen gelten follten, fondern, ‚wie öfters bei Schriftſtellern diefer Art, als kurze Angabe für den Inhalt des Gefpräds. *#) Joh. 18, 40 nennt ihn, wahrfheinlih in Verwechslung mit den beiden Mitgefreuzigten, einen Anorze. — Darftellung der evangeliſchen Geſchichte. 457 Er entläßt den Barabbas und giebt Jeſum der Geißelung, die nach römifcher Sitte der Hinrichtung voranzugehen pflegte, und zugleich dem Spotte und Hohne der Soldaten im Präto- rium preis. Diefer einfache Bericht hat in den übrigen Evangelien mehrfache Zufäße und Abänderungen erhalten, die ſich aber nur zum geringern Theile durch innere oder Außere Wahrfcheinlich- Zeit empfehlen. Im erften Evangelium werden in der Erzähs lung des Marcus, die übrigens dort faft wörtlich beibehalten ift, zwei Anekdoten eingefchaltet: die eine von einer Sendung der Gattin des Pilatus an ihren Gemahl wegen eines Trau— mes, der ihr das Schickſal des Unfchuldigen warnend vorges führt hatte *) die andere, vielleicht in Folge von jener ent— ftandene, Daß Pilatus, um feine Unfchuld an dem Blute des Gerechten zu bezeugen, vor dem Volke die Hände wäfcht, das Volk aber ausruft: fein Blut komme über uns und unfre Kin: der! Lukas läßt die Priefter Iefum anflagen, das Volk zum Ungehorfam gegen die Roͤmer, zur Verweigerung des Genfus aufgewiegelt zu habenz eine Anklage, die allerdings unter den verfchiedenen, die Marcus nicht ausdrüdlich angiebt, wohl enthalten gewefen fein kann. So auch möchten wir, wie fchon oben bemerkt, was derfelbe Evangelift ferner noch von der Sen dung Sefu duch Pilatus an den zu Serufalem anwefenden Herodes Antipas erzählt, nicht unbedingt verwerfen, da es mit dem, was wir anderwärts über den Charakter diefes Fürften erfahren, fo gut zufammenftimmt **). Uebrigens hatte die Sen» *) Die Notiz des Ev, des Nifodemus,daß diefe Frau fih zum Judenthum bingeneigt habe, ift vielleicht, wie möglicherwetfe auch Die fagenhafte Notiz des fanonifhen Ev., aus einer Verwerhfelung mit der Dru— filla, der Gattin des Procurators Feliv (Ap. Geſch. 24, 24) hervor⸗ gegangen. “+ Doch dürfen wir nicht verſchweigen, daß ein fehr naheliegender Anlaß, diefe Erzählung zu erfinden (verfteht fih, wie immer, im bes ften Glauben an ihre Nichtigkeit), gerade für Lufas in dem Ereig— niffe liegen fonnte, welches im 2öften und 26ften Cap, ber Ap. Gefch, erzählt wird. Die Art, wie dort Paulus von dem Procura- tor Feſtus dem Könige Agrippa vorgeftellt wird, der gleichfalls (25, 22) den von ibm bereits gehenten Wunfch, ihn zu hören, ausfpricht, 7* 158. Drittes Bud. Be dung, falls fie wirklich gefchehen ift, gewiß nicht die Abficht, ihn dem Herodes ald feinem eigentlich competenten Richter zu übergeben. As folchen betrachtete Pilatus, wie man deutlich fieht, nur fich felbftz nur die Stimme des Herodes über feinen Landsmann wollte er vernehmen, vielleicht auch einem ihm ir— gendwie befannt- gewordenen Wunfche des Tetrarchen ſchmei— chen. So erledigt fih, fals fie einer Erledigung noch be— darf, die Schwierigkeit, welche man in dem Schweigen Jeſu vor dem Fürften, den er. ald feine eigentliche Obrigkeit hätte anfehen müffen, hat finden wollen. Der Spott freilich, den Sefus hier auch von Heroded und feinem Gefolge, als jener feine Erwartung getäufcht fand, fol erlitten haben, wiederholt fi in diefer Erzählung zu oft, und gerade hier auf zu gleich- fürmige Weife, ald daß man nicht den Argwohn einer Ueber: tragung deſſen, wad Marcus von der militärifchen Umgebung des Pilatus erzählt hatte, durch Lukas auf die Umgebung. des Herodes faffen follte*) So audy koͤnnen wir in der weiteren Befchreibung, welche derfelbe Evangelift von dem übrigen Her— gange giebt, nichts ald nur eine paraphrafirende Ueberarbeitung der Erzählung des Marcus erkennen. Der romifchen Sitte, der Hinrichtung eine Geißelung voranzufchiden, ſcheint ſich Lufas nicht erinnert, und deshalb die von feinem Vorgänger er zählte Geißelung in ein Grbieten des Pilatus, Jeſum zuͤchti— gen zu laffen und dann loszugeben, verwandelt zu haben. — Was endlich die Erzählung des vierten Evangeliums betrifft, fo pflegt Diefe zwar als die genauefte, ald die allein von al— len die Spur der Augenzeugenfchaft ihres Erzähler tragende gerühmt zu werden; aber wir vermögen in ihr nichts anderes zu finden, ald den durch diefes ganze Evangelium fich hindurch- hat in der That etwas fehr auffallend Verwandtes mit jener Er— zählung. Daß auch Juftin der Tegteren erwähnt, hat für ung feine Beweisfraft, venn Yuftin hat ſchwerlich aus einer andern Duelle, als aus Lukas ſelbſt gefchöpft. “) Das „glänzende Kleid“ namentlich, welches nach Luk, 23, 11 He- rodes Jeſu umlegt, ift offenbar eines und daffelbe mit dem Pur- purgemwande, welches nach Mare, 15, 17 die Soldaten des Pilatus ihm umlegten. Diefe Befchreibung des Marcus wird von Lufag, der fie vorausgenommen hatte, B. 25 weggelaffen. f Ueberfichtliche Darſtellung der evangelifchen Gefhichte. 439 ziehenden Typus des Dialogifivens, der hier gerade zu recht auffallenden Unfchielichkeiten und innern Unwahrfcheinlichkeiten verleitet hat. Auch hier nicht minder, wie bei den zwei Synop⸗ tifern, it der Eifer des Pilatus, Jeſum zu retten, unftreitig übertrieben worden und hat, verbunden mit ähnlichen Misver: ſtaͤndniſſen, wie die, welche wir fo eben bei Lukas zu rügen fanden, auf die Ausmahlung der fonderbaren Scene geführt, wie der bereit3 gemishandelte Sefus von Pilatus mit dem Dornenfranze ums Haupt und dem Purpuirmantel um den Leib noch einmal dem durch die Priefter zufammengeführten Gefindel vorgeführt wird, welche®, ftatt fich durch diefen Anblick zum Mitleid ruͤh— ren zu laffen, feine Kreuzigung verlangt *). Insbefondere aber koͤnnen wir uns nicht entfchliegen, an der Stelle des erhabenen Schweigens, welches bei den Synoptikern Sefus, wie ſchon früher gegen das Synedrium, fo auch nachher gegen Pilatus und Herodes beobachtet, die ausführlicheren Erklärungen, "welche diefer Evangelift (man fieht nicht, aus welcher Quelle, da fie von ihm in das Innere des Prätoriumd verlegt werden) von Sefus dem Pilatus gegeben werden läßt, ald wirklich geſpro— hen gelten zu laſſen. Diefes Schweigen nämlich ift ein Zug, der wefentlich und unentbehrlich zur Vollendung des Charafter- und Lebensbildes gehört, welches wirin unferer bisherigen Darftellung von dem gott: bejeelten Manne zu entwerfen beftrebt waren. Keiner, der unbefan- gen und umfichtig die hier gefchilderte Situation überblict, wird zweifeln, daß es — rein menfchlich dieſelbe betrach- tet, und nicht etwa erft die Annahme übernatürlicher Kräfte, über die Sefus auch damals noch geboten habe, dazugenom: men, — in jenem Augenblide noch in feiner Gewalt geftanden hätte, durch eine Fräftige und wohlberechnete Vertheidigung vor dem Richterftuhle des Pilatus die Anklagen feiner Feinde zu , Schanden zu machen und fich wenigftens ‚der öffentlichen Ver- | folgung zu entziehen. Man vergleiche die vorliegende Gituas | tion mit jener, in welcher der Apoftel Paulus fic) befand, als | er erft in die Gewalt des römifchen Chiliarchen Fam **), und *) Joh. 19, A ff. *) Ay. Geſch. 21, 36 ff. RR FT. “ 2 D ‘ 460 Drittes Bud. —J— dann von dieſem den Procuratoren Felix und Feſtus uͤbergeben ward. Schwerlich wird man, bei aufmerkſamer Vergleichung der beiderſeitigen Lage, geneigt ſein, den guͤnſtigern Erfolg, den für den Apoſtel feine wohlgefuͤhrte Vertheidigung hatte, einzig nur auf Rechnung des romifchen Bürgerrehts zu fchreiben, deffen Schuß er für fich in Anfpruch nehmen Fonnte*). Eine billige und parteilofe Gefinnung , ja den ausprüdlichen Wunſch, ihn zu retten, dürfen wir nach der Erzählung der Evangeliften in Pilatus nicht minder, wie das Entfprechende namentlich in Feftus vorausfegen, fo wenig wir auch fonft Urfache haben, von dem Charakter diefes Roͤmers befonderd günftig zu. denken oder ihm jene lebendigere Theilnahme an Jeſu Geſchick zuzus trauen, welche die minder authentiſchen Züge der evangelifchen Erzählung ihm andichten *). Die etwanigen Vortheile aber, welche die Lage des Paulus, dem übrigens nicht minder erbit- terte Feinde gegenüber ftanden **), etwa vor der Lage Sefu voraus haben mochte, ward reichlich durch die bei weitem maͤch— tigere Geiftesfraft des Lekteren und durch die Begeifterung, Die ein großer Theil des Volkes für ihn gefaßt hatte, den es ihm mit Leichtigkeit gewiß auch bei Pilatus geltend zu machen ge- lungen wäre, aufgewogen. Es bleibt alfo nichts übrig, als | einzugeftehen‘, daß Jeſus durch fein Schweigen abfichtlich Die \ Bollftredung des über ihn gefprochenen Urtheils herbeigeführt hat; — ein Umftand in der That, der für ſich allein ſchon hätte hinreichen follen, jeden Zweifel an feiner Vorausfiht des ihn erwartenden VBerhängniffes und an, feiner Freiheit in der Ueber: nahme. deffelben niederzufchlagen. Denn hätte ihn jener Schlag unverfehend und unvorbereitet getroffen, — hätte er, wie uns die Sfepfis der neueren Kritif überreden will, feine Pläne viel- mehr durchfreuzt, als zur Erfüllung gebracht: fo wäre in jener Situation für Jeſus nichts natürlicher gewefen, als ein Aufge- =) Cap. 22, 3 ff. **) Ein Hauptmotiv der anfänglichen Weigerung des Pilatus war wohl feine Abneignng gegen das Judenthum, welche ſich in der von Philo (de virtutt. Opp. ed. Mang. II p. 589 s.) erzählten Anekdote äußert, wo im Sinne der Juden der Charakter Diefes Procuratorg als: duaunns nal were Toö audadore ausikızeos geſchildert ‘wird. =##) Vergl. namentlih Cap. 23, 12 ff. bot aller feiner Kraft, um fi, und durch fih die Sache, ald deren Vertreter er fich betrachten mußte, zu retten. Es hätte ihm bei feiner Vertheidigung daffelbe, eben fo Eluge als fefte, eben fo gemäßigte als muthige Benehmen geziemt, durch wels ches in dem vorhin angeführten Falle fein Zünger Paulus ſei— nem hohen Berufe unftreitig beffer, als durch einen für ihn un- zeitigen Märtyrertod genügt hat. Daß Iefus in fo entipres chender Lage dennoc anders handelte, als Paulus, daraus duͤr— fen wir unftreitig fchließen, daß fein Beruf ein anderer war, als der des Züngers, und daß er von ihm als ein anderer er: kannt ward. > Er handelte hier fehweigend ganz in demfelben Sinne, in welchem er thätig damals gehandelt hatte, als ermit ſei— nen Züngern nach Serufalem wanderte. — Freilich darf dies nicht fo verftanden werden, als habe er, in dem einen oder dem ans dern Falle, willfürlich, aus einer felbftgebildeten Theorie von der Nothwendigkeit feines Berfohnungstodes heraus, zu diefer Hand: lungsweife den Entfchluß gefaßt, und nachher diefen Entſchluß gegen die Umftande, die feine Ausfüärung nicht blos. äußerlich, fondern auch geiftig bedingten, hartnadig durchgeführt. Wir dürfen vielmehr mit Zuverficht vorausfesen, daß es in dem hier in Nede ftehenden Falle, dem Kaiphad und dem Pilatus ge— genüber, für Sefus auch nur, was die Geftaltung des Momentes betrifft, Feine Möglichkeit einer würdigern und großartigern Haltung gab, ald diejenige, die wir ihn wirklich beobachten ſe— hen. Er ſchwieg, nicht weil er fih vorgenommen hatte zu fhweigen, oder weil er das Schweigen für das ficherfte Mittel erfannte, den Urtheilsipruch, den er beabfichtigte, herbeizufuͤh— ren oder feine Vollſtreckung zu befchleunigen, fondern weil er ; das Schweigen in diefem Augenblide, unter diefer Umgebung, für das einzig Gehörige erfannte. Daß- die Umftände fich für ihn in folcher Weife geftaltet hatten, wodurch dieſes verhäng- nißvolle Schweigen als das Nechte und Scidliche herbeige- führt ward: dadurch eben rechtfertigte fich die Wahrheit feiner Vorausverfündigung und die Richtigkeit des von ihm zum vor— aus gefaßten Entfchluffes. Nur fo betrachtet erfcheint die Hand: lungsweife des Gottlichen in ihrer ganzen — wahren, nicht willfürlih hineingetragenen — Größe und Erhabenheit; gleich entfernt von trotziger Willkuͤr, und von jener Außerlichen, un: Ueberfichtliche Darftellung der evangelifchen Gefhichte. 461 — 462 | Drittes Bud). A freien Nothwendigkeit, welche beide fie in gleichem Grade en ftellen oder beeinträchtigen würden. i Die Vollſtreckung des gefprochenen Urtheils erfolgte * an demſelben Tage; ja faſt unmittelbar nach geſprochenem Urtheil, nämlich in der dritten Stunde babyloniſcher Stunden— rechnung, die mit Aufgang der Sonne die Stunden zu zaͤh— len beginnt, So die ausdrüdliche Angabe de8 Marcus, wel che fih, abgefehen von ihrer äußeren Glaubwürdigkeit *), auch durch innere Wahrfcheinlichfeit empfiehlt, indem bei einer fpä= teren Vollziehung des Kreuzigungsactes unmdglih noch an demfelben Tage der Tod des Gefreuzigten hätte erfolgen koͤn— nen. Man mag diefe Befchleunigung der Hinrichtung ald eine Folge der Beforgniß anfehen, welche die priefterliche Partei *) Bergleiht man diefe Angabe (Mare, 15, 25) mit der abmweichen- den oh. 19, 14, fo ftelft fie fich fchon dadurch als eine gewichfigere dar, daß fie, die einzige im ganzen Ev., bie eine fo genaue Zeitbe- ftimmung enthält, von einem Momente fpricht, bei dem man es be= greiflich findet, weshalb der Evangelift ihn einer fo genauen An— gabe würdigt. Im vierten Ev. dagegen erfiheint es grillenhaft, wenn nicht der Moment der Kreuzigung, fondern ein der Berurthei- lung noch Horangehender Moment, in Bezug auf welchen ſolche Be— fimmung von gar feinem Sntereffe war, mit der genauen Zeitbe- ftimmung bezeichnet wird; faft eben fo grillenhaft, wie die in dieſem Ev. auch) anderwärts (1, 40, A, 6) vorkommenden Stundenangaben, bei denen man nur gar feinen Grund einfieht, weshalb, fie über- haupt gegeben werden.“ Die Hypotheſe übrigens, wodurch man au bier eine Harmonie der widerfprechenden Angaben erfünfteln will, als rechne Johannes nad ver gefhäftlihen (nicht im gemei- nen Leben üblichen) Stundenrechnung ver Römer, hat mit Recht wenig Beifall gefunden. Ob fie diefen finden werde, nach dem fih auch ThoTud neulich ihrer angenommen hat (Comment. z. d. St.und über d. Glaub würdigt, d. ev. Geſch. ©. 308), muß dahin geftellt Bleiben; aus der Bergleihung der beiden Stellen des Zofephus, die er zum Beweis anführt, daß auch diefer Schriftfteller fih bald der babylonifchen, bald der römifchen Stundenrechnung bediene, kann ich dies nicht hervorgehend finden, wie in Bezug auf das martyr. Polye. fon Lücke (Comment. zum Ev, Joh. I. ©, 515) das Entfprechende nicht hat finden fünnen. Denn Vit. 54 ift von der Gewohnheit bes Frühſtückens am Sabbath ; bell. Jud. VI, 9, 3 aber vom Opfermapt beim Paſcha die Rede; was doch wohl zwei verfihiedene Dinge find, die alfo auch zu verſchiedenen Zeiten gefhehen fonnten,. Br | WUeberſichtliche Darfiellung der evangelifhen Geſchichte. 463 noch) immer vor dem Sefu anhängenden Volke hegte; auch außerdem aber wird fie, durch die befannte Gewohnheit der Suden, gerade an den hohen Feten, vor der zahlreicheren Volksmenge, die in der Stadt zufammengefloffen war, derglei- hen Acte zu vollziehen, hinlänglich erklärt. — Ueber den Her— gang der Kreuzigung felbft befigen wir wiederum in dem Be— richte des Marcus eine etwas genauere Nachricht, gegen deren Glaubwürdigkeit fih um fo. weniger einwenden laßt, als fie nur folche Züge enthält, die auch von entfernter ftehenden Aus genzeugen bemerkt werden konnten. Solche nämlich waren hier die Frauen aus Sefu Gefolge, die, nach der ausdrüdlichen Be: merfung fammtlicher Synoptifer *), von fern zufchauten. Daß einer oder der andere von Jeſu Angehörigen, oder daß tiber: haupt irgend andere, bei dem Vollſtreckungsact nicht betheiligte Derfonen nahe genug hinzugelaffen worden feien, um mit dem Gefreuzigten, fei es vor oder nach der Kreuzigung, Unterredung pflegen oder feine Worte vernehmen zu koͤnnen, ift fchon an fih unwahrfcheinlich, und wird durch die einfachen, anfchauli- hen Berichte der zwei erften Evangeliften ganz ausgefchloffen, durch die minder einfachen und (wie wenigftens der johanneifche) auf entgegengefester Borausfeßung beruhenden der zwei lebten Evans gelien **) unwillfürlih fchon infofern beftätigt, als fie von den angeblich gewechfelten Worten dennoch fo wenig zu berichten wiffen. Die Sünger durften wahrfcheinlich während des un- *) Marc. 15, 40 ff. u, Parall. *0) Daß (Joh. 19, 25) das gefammte Weibergefolge, und unter ih— nen auch die Mutter Jefu, welche wir fonft nie in deſſen Beglei- tung finden, (wie undenkbar, daß die Synoptifer unter fo vielen gleihgültigen Weibernamen den ihrigen follten verfchwiegen has ben!) nebſt dem „geliebten Jünger“ unmittelbar unter dem Kreuze geftanden habe: dies ift, bei dem ausbrüdlichen Widerſpruche der Synoptiker zumal, von denen man fehlechterdings feinen Grund fiept, warum fie das Naheftehen follten verfchwiegen haben, wäh- rend fie doch des Fernftehens gedenken, eine fo unwahrfcheinliche Er— findung, daß fie allein hinreichen könnte, über die Befchaffenheit die- Ey. die Augen zu Öffnen. — Die ev. Geſch. wird freilich hiernach um einen Zug ärmer, in welchem die moderne Sentimentalität ihre befondere Erbauung findet, aber glüdlicherweife nicht um einen zur Charakteriſtik des Herrn unentbehrlichen, ———— — 464 Drittes Bud. feligen Actes ſich nicht öffentlich zu zeigen wagen. Waͤren auch fie, oder wäre einer von ihnen unter den Zeugen gewefen, fo würde Died gewiß eben fo wenig unbemerft geblieben fein, wie die Zeugenfchaft der Frauen, oder wie die Anwefenheit des Petrus während des Verhoͤrs im Haufe des Hohenpriefiers. Der Bericht beginnt mit der Notiz, daß ein Simon von Cyrene, Vater zweier zur apoftolifchen Zeit befannter Männer, und wahrfcheinlich nur in diefem Bezuge ausdruͤcklich namhaft gemacht, der zufällig vom Felde Fam, zum Tragen des Kreu— zes für Sefus von den römischen Soldaten, die ihn abführ- ten *), genöthigt worden ſei. Angefommen an der Richtftätte Golgatha, wird Sefu, nach milder jüdifcher Sitte, welche die Roͤmer geduldet zu haben fcheinen, zu fchmerzlindernder Be— taubung ein Trank gewürzten Weines angeboten, den er aus: fhlägt. Dies, zufammengenommen mit der kurz vor dem Aus genblid des Todes erfolgten Zranfung des Gefreuzigten durch die posca, hat fpäter das Misverftändniß herbeigeführt, als habe man ihm höhnifcher Weife, um dadurch eine angeblich pro- phetifche Weiſſagung zu erfüllen *), Effig mit Galle vermifcht Dargereicht **). Die Soldaten vollziehen die Kreuzigungz fie heften an das Kreuz eine Aufichrift: „der König der Juden“ und vertheilen die nach roͤmiſchem Geſetz ihnen zugefallenen Klei- der des Gefreuzigten durchs Loos unter ſich. Auch diefer Um: ftand hat an die Worte eines Palm erinnert, der, ein Klag- lied angeblich) König Davids, vor andern geeignet fehlen, als prophetifche Anfpielung auf die Leiden des Meſſias fich deuten *) Es gehört wiederum zu den Verworrenheiten der Erzählung des vierten Ev., daß hier (19,16) Pilatus Jefum den Juden übergiebt, um ihn zu Ereuzigen. Auch trägt dort befanntlih Jeſus fein Kreuz felbft. **) Pſ. 69, 22. *=#) Offenbar daher ftammt die Verwandlung des ovor Louvgnuouf- vov Marc. 15, 23 in 0&og era yolns uswyulvov Matth. 27, 34, Hier koftet Jeſus erft den Trank, ehe er ihn ausfhlägt, wovon Mareus nichts weiß und nichts zu wiffen braucht, da es Jeſu nicht unbefannt fein konnte, zu welchem Zwed ihm der Trank angeboten wurde, . Ueberfichtliche Darftellung der evangelifchen Gefchichte. 465 zu laſſen *), und der Verfaffer des vierten Evangeliums hat jene Notiz, fo wie es ihm diefe Stelle zu verlangen fchien, danach umgebildet**). Aehnlich der Umftand, daß zwei Miſſe— thäter mit Jeſus zugleich gefreuzigt wurden, Hier erinnert Mar: cus ſelbſt, (dafern nämlich diefe Worte nicht, wie man vermu—⸗ thet hat, erſt ſpaͤter eingefchoben find) an eine Prophetenftelle, deren Weiffagung er dadurch erfüllt meint. Da jedoch, mit diefer einzigen noch problematifchen Ausnahme, diefer Er: zähler, aus welchem die übrigen hauptfächlich gefchöpft haben, feine Spur einer Anbequemung feines Berichtes an jene altte— ftamentlichen Prophezeihungen zeigt, fo ift Fein Grund zu dem Argwohn, als fonne die Nüdficht auf legtere in irgend einem Sinne dad vorwiegende Motiv feiner Erzählung fein. Daß der Göttliche am Kreuze noch ein Gegenftand des Spottes mancher Vorübergehenden, und insbefondere der Prie- ſter und Schriftgelehrten war, die wohl ausdrüdlic in dieſer Abficht herzukommen mochten, wird gleichfalld ausdrüdlich bes richtet. Es wird berichtet mit näherer Angabe des Inhalts diefer Spottreden, welche diefelben Feineswegs nur ald Neful: tat einer Anwendung von Prophetenftellen auf den fterbenden Meffias erfcheinen läßt, „Er, der den Tempel zu zerftüren und in drei Tagen wieder zu erbauen fich vermeffen habe; er, ber immer Andere habe retten wollen, möge jeßt fich felber ret- ten. Der König Israels möge vom Kreuze berabjteigen ; wenn man diefes fehe, dann wolle man an ihn glauben! Unter den fo Schmähenden follen auch die zwei Mitgefreuzigs ten gewefen fein; eine Angabe, die wenigftens wahrfcheinlicher ift, als das Gefpräch, welches Lukas einen derfelben mit Se: fus führen läßt. Die Finfterniß, von welcher die Erzählung foricht, mag ein natürliches Greigniß, vielleicht von der umflor: ten Phantafie der Juͤnger etwas fchwärzer ausgemalt, gewefen fein; ein mythifches Gepräge trägt die Erzählung von ihr in dem Berichte des Marcus fo wenig, wie fogar das Zer— reißen des Tempelvorhangs, fei es im Augenblide des Todes Sefu, oder kurz vor oder nach demfelben. Mag man immer: *) Bf. 22, 19. ##) Gef. 53, 12. 50 466 Drittes Bud. hin dergleichen Prodigien dem Zufall beimeſſen; es ſteht ja doch einmal nicht zu läugnen, daß in fo prägnanten Zeitmo- menten für den von der Bedeutung des Augenblids Ergriffes nen felbft der Zufall einen Sinn gewinnt. — Als das letzte Wort des rafcher als fonft gewöhnlich ans Kreuz Gefchlagenen, Berfcheidenden werden von jenem glaubwürdigen Berichterffats ter Worte der heftigften Seelenangft angegeben, welche die umftehenden, des Hebräifchen, wie es fcheint, unfundigen Sol: daten für eine Anrufung des Elias hielten, in denen aber die Zünger die Anfangsworte des zweiundzwanzigften Pfalmen zu erkennen meinten. Wir fünnen uns nicht entfchließen, dieſen Schmerzenslaut, den die gefolterte Natur ihm abpreßte, für unwürdig des Göttlichen, noch weniger, wofür in neuerer Zeit feine Gegner ihn haben ausgeben wollen, ihn für ein Zeichen fehlgefchlagener Hoffnungen zu halten. Auch finden wir nicht für nöthig, ihm zur Nettung feiner göttlichen Würde willfür- lich erfundene Nedensarten der Art, wie der dritte und vierte - Evangelift e3 thun, in den Mund zu legen. — Ein Soldat reichte ihm einen in fein Feldgetranf, die posca, getauchten Schwamm, um feinen Durft zu ſtillen; er trank und verfchied mit einem durchdringenden Tone, der für die Horenden fo ergreifend war, daß der wachthabende Genturio, von einer Ahnung des Göttli- chen durchzuckt, welches mit der Seele aus diefem Körper entwi- chen war, ihn, fei es im Sinne des wahren, oder im Sinne feines: heidnifchen: Glaubens , für einen Götterfohn erklärt ba: ben foll. Biertes Bud. Evangelifche Erzählungen und Neden nach Mareus. 30* . ? “ Er ER en Er AN, ‘ b et f ’ = \ * ie.» — * Fe - Viertes Buch. Evangelifche Erzählungen und Neden nach Marens. Bei weitem der größere Theil des Inhalts unferer evan— gelifchen Geſchichtsbuͤcher befteht aus der Erzählung einzelner, unter fich unzufammenhängender oder nur innerlich, nicht auch außerlich zufammenhängender Vorfälle, welche fih nicht dazu eignen, Gegenftand einer fortlaufenden Gefchichtsdarftellung zu fein. Es find zum größeren Theile Reden, Gefpräche oder Ausfprüche aus Jeſu Munde, zum nicht geringen einzelne wuns derbare oder fonft bemerfenswerthe Handlungen und Thaten des göttlichen Meiſters; die einen fowohl als die andern, wie allenthalben folche Handlungen und Neden, die ihre Bedeutung wefentlich nur in der Perfonlichkeit des Handelnden und Spre— chenden, nicht in einer diefer Perfonlichkeit Außerlichen Objecti: vität haben, zwar im Einzelnen von höchftem Sntereffe und zur Kenntniß diefer Perfonlichkeit, um die es fich in der ge— fammten evangelifhen Gefchichte vornehmlich und faft einzig handelt, von Wichtigkeit, aber nicht auch zur objectiven Einheit eined Zufammenhangs von Urfachen und Wirkungen fich zufam- menfchließgend. Wir glauben daher auch in unferer Darſtellung dem Charakter diefer Erzählungen am beften zu entfprechen, wenn wir fie eben nur als eine Anefvotenreihe wiedergeben, ohne Anfpruch weder auf ftrenge chronologifche Folge, noch viel weniger auf objectiven Zufammenhang, — Anfprüche, wo— —— durch der wahre Gehalt dieſer unſchaͤtzbaren Kleinbilder nur entſtellt, aber auf keine Weiſe erhoͤht oder in ſeinem Verſtaͤnd— niſſe gefordert werden Fann. Die natürliche Ordnung, in wel: cher wir fie aufführen werden, wird uns durch einen Außerli- - FERN EEG 470 Biertes Bud. chen Umftand, nämlich durch die Verfchiedenheit und die zufäl lige Befchaffenheit der Quellen an die Hand gegeben, aus welchen wir fie zu fchöpfen haben. Da die meiften derfelben mehreren unferer Evangelien gemeinfchaftlich find, fo liegt e& in der Natur der Sache, daß wir fie allenthalben zunächft nach der ‚Erzählung desjenigen Evangeliums aufführen, von welchem wir anzunehmen berechtigt find, entweder daß es den übrigen feinerfeit8 ald Quelle gedient hat, oder daß es der gemeinfchafte ‚lichen Quelle am nächften fteht. Erſteres ift der Fall, wie wir ‚in unferm erften Buche vorläufig nachgewiefen haben, in Bezug auf Das Evangelium des Marcus in feinem VBerhältniß zu den nah Matthäus und nach Lukas benannten Gvangelienfchriften ; leßteres tritt ein in Bezug erftend auf das Verhältnig des Mat: thausevangeliumd zum Evangelium des Lukas, fodann zweitens, auf andere Weife, aller drei ſynoptiſchen Evangelien zu dem Evangelium, welches ſich nach Sohannes nennt. Hieraus er giebt fich für uns die natürliche Ordnung, daß wir von: den Grzählungen des Marcus zu beginnen, von diefem zu Matthäus und Lufas fortzufchreiten und mit Johannes zu endigen haben. Um unnöthige Wiederholungen zu vermeiden, und zugleich um die hiftorifche Kritif der einzelnen Erzählungen zu erleichtern, werben wir bei jeder Erzählung, die dem jedesmal zunachft von und benußten Evangelium mit einem oder einigen der uͤbri⸗ gen gemein ift, nicht nur die Parallelftellen der übrigen. genau angeben, fondern auch die etwanigen Abweichungen der lehte- ren von dem erfteren fogleich bemerken und aus der Verglei- hung ein richtiges Ergebniß zu gewinnen fuchen. Nur in dem einen Falle werden wir uns hin und wieder eine Feine Wieder: holung verftatten, wenn der fpätere Evangelift zwar Die nanı- liche Anekdote mit feinem Vorganger, aber erweislich nicht aus jenem, fondern aus einer andern Quelle erzählt; weil es hier (was namentlich von dem Matthäusevangelium im Verhaͤltniß zu feiner doppelten Hauptquelle, dem Marcus einerfeits und dem Achten Matthäus andererfeits gilt) allerdings von Sntereffe fein kann, fämmtliches Einer Quelle Angehörige zufammenzu: ftellen. Die Ordnung der Anekdoten innerhalb. der einzelnen Bücher bleibt übrigens Die eigene, in welcher der Evangelift fie erzählt hat, obgleich Diefe fchon ‚bei Marcus nicht, noch) f,.E Evangelifche Erzählungen und Reden nad) Marcus. 471 viel weniger aber, aus Gründen, die in der Entftehung und Beichaffenheit diefer Evangelien liegen, bei den drei übrigen für eine ſtreng chronologifche gelten kann. 1. Sefus fommt aus Nazareth in Saliläa zum Zohan nes, und läßt fich von ihm im Jordan taufen. In dem Aus genblide, als er aus dem Waſſer auffteigt, fieht er den Him— mel fich fpalten und den heiligen Geift, gleich wie eine Taube, auf fich herabfommen. Und eine Stimme erfchallt aus dem Himmel: ,‚Du bift mein geliebter Sohn, an dem ich Gefal len habe*) 1’ Gleich dieſe erfte Erzählung ift wie vorausbeftimmt dazu, unfere Anficht über, das gegenfeitige Verhältniß der Evangelien zu einander in das günftigfte Licht zu fielen, und die Folgen derfelben nach ihrem ganzen Umfang und Gewicht erfcheinen zu laſſen. Die Einficht, dag Marcus‘ hier der allein urfprüng- liche Berichterftatter ift, daß die Uebrigen ſaͤmmtlich entweder mit felbftbeliebten Veränderungen und Zufäßen ihm nacherzäh- len, oder ‚gar die Begebenheit aus einer fchon fehr verdunkel— ten Ueberlieferung ſchoͤpfen, — diefe Einficht eröffnet uns auf die einfachfte und ungefünfteltfte Weiſe von der Welt einen volftändig befriedigenden Auffchluß über die in der Relation fämmtlicher Evangeliften fo wunderbar klingende Begebenheit, und zugleich über die Entftehung der vielfach abweiihenden Erzählungen von ihr. Man ift in neuerer Zeit ziemlich allgemein daruͤber einig | geworden, daß das hier Erzählte nicht als eine außerliche Bes | gebenheit, fondern nur, wie es bereit$ einige alte Kirchenlehrer | betrachteten **), ald ein inneres Geſicht, ald eine Viſion gelten koͤnne. Es aus diefem Gefichtöpuncte betrachten zu Dürfen, dafür meinte man eine beflimmtere Autorität in den Worten des Johan— nesevangeliums gefunden zu haben, in welchen Sohannes der Taͤu⸗ fer von dem Geifte, der während der Taufe auf Jeſus herab- fteigt, als von einer ihm ſelbſt, dem Sohannes, gewordenen Erſcheinung fpriht. So hält man fi alfo überzeugt, in =) Cap: 1, V. 6 ff. Parall. Matth. 3, 13 f. Luk. 3, 21 f. (Gdoh. 1, 32 ff.) . #4) Drigenes und Theodor von Mopsveftia. 472 Bitten Bud. — der johanneiſchen Darſtellung des gegenwaͤrtigen Vorfalls die urſpruͤngliche und authentiſche zu beſitzen. Die Synoptiker ſollen dieſelbe misverſtaͤndlicher oder ſagenhafter Weiſe in die Erzaͤhlung von einer aͤußerlichen Begebenheit verwandelt ha— ben; doch ſoll unter dieſen ſelbſt Matthaͤus in ſo fern einen Vorzug vor den uͤbrigen behaupten, als bei ihm, wie man, freilich im Widerſpruche mit dem richtigen grammatiſchen Ver— ſtaͤndniß ſeiner Worte*), bemerkt haben will, noch eine Spur ſich finde von der urſpruͤnglichen Subjectivitaͤt der Erſcheinung in Bezug auf Johannes. — Wir koͤnnen, nach dem, was wir im vorigen Buche uͤber das Verhaͤltniß zwiſchen Johannes und Jeſus auseinandergeſetzt haben, nicht zugeben, daß durch dieſe Wendung fuͤr das Verſtaͤndniß der Begebenheit etwas Weſentliches gewonnen ſei. Es wird dadurch an die Stelle des aͤußern Mirakels ein inneres geſetzt; an die Stelle der objectiven Maſchinerie, durch welche der Geiſt in Jeſus hinein— gefahren fein ſoll, eine ſubjective der Beglaubigung oder Be: zeugung dieſes Geiftes, welche, da fie fich zu dem Geifte felbft eben fo Außerlich, wie jene verhält, eben auch nur Mafchinerie bleibt**). Ein ächtes, wahrhaftes Geifteswunder vermöchten wir in der Begebenheit nur dann zu erkennen, wenn wir fie allerdings zwar für ein Geficht, für eine innere geiftige An— fhauung nehmen dürften, aber für eine folche, in welcher der Schauende nicht Johannes, fondern Sefus if. Sie aber fo zu nehmen ift uns nicht nur verftattet, fondern wir finden uns, wenn wir namentlich fchon unfere allgemeinen kritiſchen Bor: ausfeßungen dazu mitbringen, durch eine unbefangene Zufam: menftellung und vergleichende Kritif der evangelifchen Dar: ftellungen fogar dazu genöthigt. Es ift ungerecht, wenn man in den Vorwurf einer Ber: Außerlichung der wunderbaren Begebenheit meift ohne weiteres *) Solches Verſtändniß fordert nämlich durchaus, die Worte array und e2ds V. 16 nicht auf Johannes, fondern auf Jeſus zu beziehen. Bergl. Fritzſche z. d. St. ***) Der Herausgeber des vierten Ev. hat Sorge getragen, das Mi— rafel durch eine Vorausperfündigung deffelben (B. 33) noch mira- fulöfer, die Mafchinerie diefer angeblichen Geiftesbezeugung nor) mechanifcher zu machen. —4 PR, x 2 Evangelifche Erzählungen und Reden nad) Marcus. 473 auch den Marcus mit einfchließt. Freilich weiß Marcus nichts von einer Bifion, welche der Täufer gehabt habe; aber man braucht feine Worte nur in einfach buchftäblichem Sinne zu nehmen, um ſich zu überzeugen, daß, was er berichtet, er zu— nacht für nichts anderes, als für einen fubjectiven Vorgang in der Seele des göttlichen Taͤuflings gehalten wiffen will. Die Ausdrüde, in denen er das Geficht erzählt, kommen ganz überein mit den Worten, in welchen Lukas das Geficht des Stephanus berichtet *), welche meines Willens Niemand als fprechend von einer außeren Begebenheit oder von der Viſion eines Anderen, als des Maͤrtyrers felbft verſteht. Wenn er aber weiterhin von einer Stimme erzählt, die aus den Wolken Fam, fo hindert nichts, auch dies, im unmittelbaren Zufammenhange: mit dem Borigen, fo zu nehmen, als verftehe es fich dabei von felbft, Daß nur Jeſus der Hörende war. Es wird vielmehr diefe Ausle- gung dadurch wahrfcheinlich, Daß der Evangelift hier die Stim— me Jeſum in der zweiten Perfon anreden laßt, während an— derwärts bei ihm, wo er wirklich das Geficht eines oder meh: verer Anderer erzählen will, die nämlichen Worte einer. dort zu diefen Anderen redenden Himmelsftimme in der dritten Perfon zu ftehen fommen *). Dies hat freilich auch Lukas beibehal- ten, wiewohl diefer übrigens aus der Erzählung des Marcus unzweifelhaft ein außerliches, objectiveg Geſchehen bildet; aber er verräth eben dadurch feine Abhängigkeit von Marcus, fo wie der erfte Evangelift, der wirklich jene Worte in die dritte Per- fon umfeßt und die Himmelsftimme nicht zu Sefus, fondern zu Sohannes oder andern Hörenden fprechen läßt, diefelbe Abhängigkeit durch die Art und Weife verräth, wie er, obgleich mit fichtlicher Hin- neigung zur Beräußerlichung des Greigniffes, feine Darftelung von dem Bezuge auf die Perfon Jeſu, den fie bei feinem Vorgänger hat, noch nicht ganz lostrennt **. Bon einem ausdrüdlichen Be: zuge der Erfcheinung auf die Perfon des Taufers aber findet ſich bei allen drei Synoptifern nicht die geringfte Spurz viel— mehr ftellt fih das erſte Evangelium, indem es ſchon vor der *) Ap. Geſch. 7, 55. *#) Cap. 9, T. ##*) /dov avswydnoev avra 01 ovgavoi aa elde u. Tr A, re 7 FTIR, 474 Viertes Bud. Taufe den Sohannes feinen Täufling ald den Auserwählten des Heren begrüßen läßt, noch in einen recht ausdrüdlichen Widerfpruc gegen den Bericht des vierten Evangeliums, nad) welchem Johannes erft durch das himmlifche Zeichen Jeſum kennen gelernt haben fol. Freilich ift jene Begrüßung ein eben fo unhiftorifcher Zufaß zu dem einfachen Berichte des Marcus, wie das im vierten Evangelium Erzählte eine unhiftorifche Wen- dung der gefammten Begebenheit ift. Doc fteht die Erzähr lung des erften Evangeliums im Ganzen dem urfprünglichen Berichte immer noch näher, als die des vierten; "von welcher legtern ohnehin noch zu beweifen wäre, daß fie wirklich nur von einer Viſion des Johannes, und nicht von einem Außern, Forperlichen Vorfall Sprechen will, Solchergeftalt nun glauben wir uns berechtigt, dieſe Er: zahlung in ihrer urfprimglichen Geftalt für die vielleicht wört- lich treue Nelation einer Aeußerung zu halten, die Jeſus jelbft über das, was im Augenblid feiner Taufe durch Sohannes in ihm vorgegangen war, gethan haben mag. Wir haben für die— fen kurzen, bildlichen Ausdrud eines im Geiſte Selbfterlebten eine in jeder Hinficht treffende, ja fchlagende Analogie in den von Sefus urfundlich gefprochenen Worten: „Ich fah den Sa: tan wie einen Bliß vom Himmel fallen‘’ *), eine Analogie in der That, welche jedes Bedenken über die Authentie dieſes Aus— ſpruchs, den wir fo gut wie vollftändig vor uns zu haben ver— trauen Dürfen, wenn wir nur die Worte des Marcus aus. der dritten in die erſte Perfon umſetzen *), überflüffig macht. "Die Gründe, welche zu der Annahme nöthigen, Daß die Johannes— taufe in dem inneren Leben Sefu Epoche gemacht hat, Daß viel- Veicht fie es ift, bei welcher zuerft dad Bewußtfein feines hohen Be- rufs als ein mächtiger Geiftesblig ihm aufging, — diefe Gründe ha- ben wir bereit5 im vorigen Buche (©. 274 ff.) auseinandergefekt, Sn der vorliegenden Erzählung erhalten wir für das, was uns ſchon dort als faft unumgängliche hiftorifche Vorausſetzung er- ſchien, die nähere urkundliche Beftätigung. Das Bild, deffen H Lut. 10, 18. **) s)dov oyıloulvovs TOVs OVgaVoÜS, nal TO mVsvum WS MEQLOTERRV xoraßaivov #. T. hs Sa Evangeliſche Erzählungen und Reden nach Marcus. 475° Jeſus fich für dieſes geiftige Ereigniß bedient, jenes Bild, wel- ches die „mythiſche Anficht‘‘ vergeblich fich bemüht hat, als übertragen von der Sage aus anderen bildlichen Darftellungen auf den Meſſias nachzuweifen *), ift ein in diefem Zufam- menhange durchaus eigenthümlicher, originaler Ausdrud für. den inneren Zuftand eines Momentes der Begeifterung, eines Augen- | blicks, in welchem dem Schauenden in der innerften Tiefe des Geiz / fies ein geheimnißvolles Unterpfand feiner außerordentlichen, goͤtt⸗ lihen Grwählung ward, Daß dieſes Bild, nachher won der Sage, zugleich mit feiner Herausftellung in die Aeußerlichkeit koͤrperlichen Geſchehens weiter ausgefhmüdt und mit manchen Zügen vermehrt worden ift, hat feine Nichtigkeit. Wir finden der- gleichen verherrlichende Züge fehon ziemlich gleichzeitig mit den Fanonifchen Darftellungen in dem apokryphiſchen Evangelium der Ebioniten und in dem Dialog mit Tryphon: ein lichter Schein, der von der Hohe, ein Feuer, das aus den Waſſern aufleuch- tet; vielleicht gehören ſchon die altteftamentlichen Worte **), welche die kanoniſchen Evangelien der Himmelsftimme unter: legen, nicht der eigenen Erzählung Sefu, fondern der apoftoli- fchen Ueberlieferung an. Aber dadurch wird der Urfprung des Bildes felbft noch nicht zu einem mythifchen. Es verhalten fih vielmehr jene mythifchen Zufäse zu dem urfprünglichen Bilde ungefähr eben fo, wie der Lehrſatz der fpeculativen Gno— fis feit Cerinthus, welcher den Moment der Taufe Dogmatifch ald denjenigen firiven wollte, in welchem der göttliche Logos in den Sohn der Maria herabftieg und der Menfch Jeſus zum Chriftus ward, ſich zu der wirklichen inneren Thatſache verhält, die Jeſus mit jenem Bilde ausdrücken wollte. Weder jene mythifche, noch diefe dogmatifche Erfindung hätte ohne die wahre, geiftig thatfächliche Grundlage, und ohne den bild- lichen Ausdrud, welchen Ehriftus diefer Thatfache gegeben hatte, entftehen koͤnnen. 2. Eines Tages, ald Jeſus am Ufer des galiläifchen Sees einherging, fah er Simon und feinen Bruder Andreas, wie fie ein Neb in den See warfen; fie waren nämlich Fiſcher. Da *) Strauß, L. 3.1. ©. 385 ff. er) If, 2, 7. Zef. 42, 1. KR, 2 En MET - N X 476 Viertes Buch. ſprach er zu ihnen: „Hierher, mir nach, ich will euch zu Fiſchern von Menſchen machen““*). — Ueber die Authentie dieſer Worte, infofern diefelben nur einfach die Gnome von einer Verwand— lung der bisherigen Fifcher in Menfchenfifcher enthalten, ift Fein Zweifel; wohl aber darüber, ob Sefus fie, wie es nach ber Erzählung fo feheint, zu dem mit ihm bisher noch vollig un: bekannten Brüderpaare gefagt, und diefe ihm ohne Weiteres, mit Zurüdlaffung ihrer Neße, d. h. wie die Erzählung es uns ftreitig meint und, Lukas es ausdrüdlich fagt, ihres bisherigen Handwerks, gefolgt fein koͤnnen; eben fo auc unmittelbar dar— auf ein zweites Brüderpaar galiläifcher Fifcher: Jakobus und Sohannes, die Söhne des Zebedäus. Man hat, um den an- geblich mythifchen Charakter diefer Scene zu erweifen, an die altte- ftamentliche Sage **). von der Berufung des Propheten Elifa durd) Elias erinnert, und die vorliegende für eine Nachbildung der- felben erklärt. Wir unfererfeitS laugnen zwar weder die Aehn— lichfeit, die WVerwandtfchaft beider Erzählungen, noch finden wir in der vorliegenden hinreichenden Grund, das doppelte Wun— der einer plöglichen Durchfchauung des Inneren der vier. nach- herigen Apoftel durch den zufällig vorüberwandelnden Meifter und einer unwiderftehlichen, magifchen Gewalt, die fein Blic und feine Stimme über fie geübt, anzunehmen; aber wir halten für möglich, daß die altteftamentliche Erinnerung, wie in mehrern andern Fällen, fo auch in dem gegenwärtigen, eine von Jeſus felbft beabfichtigte und in feine Handlung hineingelegte war. ' Daß er aber jene Worte ausdrüdlich als Aufforderung an Die noch zögernden Jünger, ihm zu folgen und fich ganz ihm bins zugeben, gefprochen hat, wird und durch die Ausdrüdlichkeit wahrfcheinlih, mit der auch anderwärts verfichert wird, Daß nicht die Zünger Sefum, fondern Jeſus die Jünger auserwählt abe ***). 4 3. Einft, als Sefus in der Synagoge zu Kapernaum lehrte, fand fi dort ein von einem unreinen Geifte Beſeſſener; der- felbe fchrie auf und ſprach: „Laß ab, was haben wir mit Dir *) Cap. 1, V. 16 f. Parall. Matth. 4, 18 f. Luk. 5, 10f, **) 4 Kön. 19, 19 ff. **) Joh. 6, 70. 15, 16. Evangeliſche Erzaͤhlungen und Reden nach Marcus. 477 zu ſchaffen, Jeſus von Nazareth? du kamſt, uns zu verderben. Ich kenne dich, du biſt der Heilige Gottes!“ Jeſus ſtrafte den Geiſt und ſprach: „Schweig ſtill und weiche aus ihm!“ Da durchzuckte jenen der unreine Geiſt, bruͤllte laut auf und wich aus ihm heraus. Alle erſtaunten und fragten ſich unter einan— der: „Was ift das? Welch neue Erſcheinung eines Lehrers, der nach eigener Macht auch den unreinen Geiftern gebeut, und fie gehorchen ihm!‘‘*) — Diefe Anekdote enthält den allge: meinen Typus der Heilungen von Befeffenen, fo wie wir ihn im vorigen Buche bezeichneten**), aber nichts individuell Cha— takteriftifches. Wielleicht, daß hierin der Grund liegt, weshalb der Berfaffer des erften Evangeliums fie weggelaffen bat. — Die bei. dem Unfrigen unmittelbar darauf folgende Anekdote freilich von der Heilung der Schwiegermutter des Petrus von einem Fieber mittelft Anfaflens der Hand***) hat jener aufzu— nehmen fein Bedenken getragen, obgleich diefelbe, abgefehen nur von der Perfönlichkeit der Kranken, eben auch nichts Indi— viduelleres hat. Dies vielleicht bemerfend, hat Lukas fie ins Wunderbare zu fleigern verfucht, theils durch das Beiwort „groß,“ welches er dem Fieber giebt, theild dadurch, daß er Sefum, ftatt die Kranfe bei der Hand zu faffen, fich über fie binftellen und das Fieber, ald wäre e8 ein Dämon, den er aus ihr austreiben wolle, mit Worten ftrafen laßt. — Wenn wir übrigens beide Anekdoten von fammtlichen Evangeliften, die fie aufgenommen haben, mit denfelben oder ungefähr denfelden Be— merfungen über den naͤchſten Erfolg dieſer Wunderthaten und über anderes, was fich unmittelbar daran reihte+), begleitet fehen: fo ift daraus nicht auf die unmittelbar factifche Richtig: feit diefer Verbindung, fondern nur, wie wir von vorn herein gethan haben, auf das Abhängigfeitsverhältniß zweier dieſer Shhriftfteller von dem dritten zu fchließen. *) 9,23 ff. Parall. Luk, 4, 33 ff. *#) ©, 352 ff. =) B, 30 f. Parall. Matth. 8, 14 f. Luk. 4, 38 f. H Sp namentlich ‚mit der Notiz über eine Wanderung durch Gali- läa, welche ver Berf. des erften Ev. benußt, um (8, 18—34) ver- ſchiedene Neifenotizen, und Darunter folche, die Marcus fpäter bringt, die er aber hierher zu zieben ein Intereffe hat, einzuſchalten. Ben 478 Biertes Bud. 4, Ein Ausfäsiger trat zu ihm und rufte ihn an, indem: er feine Knie umfaßter „Willſt du, fo Fannft du mich rein machen!’ Jeſus, von Mitleid ergriffen, ftredte feine Hand’ aus, berührte ihn und fagte: „Ich will es, werde rein!’ Und wie er dies fagte, verließ jenen fogleich der Ausfaß, und er ward rein. Und mit ernftlicher Mahnung ſchickte er ihn hinaus und fprach zu ihm: „Sieh zw, fprich gegen Niemand davon, fondern geh und zeige dich dem’ Priefter, und bringe die Opfer dar, die Mofes geboten hat, ihnen zum Zeugniß!“ Sener aber ging hinaus und fprach allenthalben davon, fo daß Sefus nicht mehr öffentlich in die Stadt kommen Fonnte, fondern drau— Ben im Freien blieb*). — Wenn man bei diefer Erzählung, die, bei der Schwere und Hartnädigfeit jener Krankheit, deren au— genblidliche Heilung durch die Wunderkraft Sefu hier‘ berichtet wird, allerdings zu den problematifchen gehört, an’ eine Ent: ftehung auf anderem, als rein gefchichtlichem Wege denfen wollte, fo würde es wenigftens näher liegen, jenen Ausfpruch des Herrn, in welchem er auch auf Reinigung der Ausfäsigen fich beruft*"), als den Anlaß dazu zu betrachten, als, wie Strauß es thut, jene altteftamentlichen Sagen, in denen eben jo ſehr von Er- weckung, als von Heilung des Ausfages, oder auch von nicht unmittelbarer, fondern nur mittelbarer Heilung die Rede iſt. — Uebrigens ift als der Schauplak des Vorfalls unftreitig das Innere des Haufes zu denfen**), nicht, wie nach dem erften GEvangelium+), das freie Feld und die Umgebung einer Volks— *) B 40. ff. Parall. Matth. 8,2 ff. Luk. 5,-12 ff. **) Matth. 11,5, x*xx) Dies) zeigt das 2ffgalev B, 43 und die für Jeſus aus dem Vor— fall entftehende Nothiwendigfeit, die Stadt (Kapernaum) zu meiben, V. 45. Lukas läßt das Ereigniß „in einer der Städte” gefchehen, offenbar mit einem Hinblid auf das bei Marcus (V. 38) zunächſt Vorangehende, welches er noch hierher zieht, obgleich er felbft eine andere Erzählung bazmifchen gefhoben hatte, + Der Berf, diefes Ev. ſcheint Anftog an dem Umſtande genommen zu haben, daß Marcus, unmittelbar nachdem er Jeſum von Kaper- naum- hinwegziehen Laffen, dennoch fogleich wieder eine Aneldote, die zu Kapernaum vorfällt, erzählt. Eben dieſe Betrachtung mag auch: ven Lukas zu dem vorhin erwähnten Verfahren bewogen haben. Evangelifche Erzählungen und Reden nad) Marcus. 479 menge, wodurch das Verbot der Veröffentlichung finnlos wird oder einen unbequemen Sinn erhält. Das Geheiß wegen des Keinigungsopfers kann daher Sefus auch nicht, um feinen Ge— horſam gegen das Geſetz vor der Menge zur Schau zu tragen, hinzugefügt haben *), fondern es gehört entweder dem Erzähler an, oder es ift nur ald Verficherung der wirklich volftändig erfolgten Heilung zu betrachten. 5. Als einige Zeit darauf in Kapernaum verlautete, daß er wieder zu Haufe fei, verfammelte fich fogleich eine Menge Volkes um ihn, fo daß Niemand mehr zur Thür her— ein Fonnte. Da ward ein Paralytifcher herbeigebracht, von vier Menfchen getragen. Als die Träger wegen des Gedraͤn— ges nicht zu ihm herzu Fonnten, dedten fie das Dach ab an der Stelle, wo er war, und ließen das Kiffen, worauf der Kranke lag, von oben herab. Jeſus fah ihren Glauben und ſprach zu dem Paralytifchen: „Kind, dir find deine Sünden erlaſſen!“ Es faßen aber einige Schriftgelehrte dabei und dachten in ihrem Herzen: „Was redet der da für Läfterungen? Wer Fann Sünden vergeben, außer Einem, nämlicy Gott?’ So wie nun Sefus in feinem Geift bemerfte, was jene dach- ten, Sprach er zu ihnen: „Was denkt ihr fo in euerm Herzen? was ift leichter: dem Paralytifchen zu fagen: Dir find deine Sünden vergeben, oder zu fagen: Stehe auf, nimm dein Kif- fen, und geh? Damit ihr aber feht, daß des Menfchen Sohn auf Erden Macht hat, Sünden zu vergeben, fo fage ich dir (zum Paralytifchen fich wendend): Steh auf, nimm dein Kifs fen und geh nach Hauſe!“ Jener erhob fich fogleih, nahm fein Kiffen und ging vor Aller Augen hinaus, fo daß Alle außer ſich geriethen, Gott priefen und fprachen: „Nie haben wir fo etwas gefehen.’’*) — Wenn irgendwo ein malerifcher Detail: zug das Gepräge factifcher Wahrheit trägt und fich ald einen folhen anfündigt, durch den fich nicht zwar (wie man ed in *) Sp nämlich Hat Fritzſche das als uaorögıov avrors (V. 44) deu⸗ ten wollen, was der natürlichen Wortverbindung nach (vergl. Cap. 6, 11) vielmehr auf den, der das Opfer pärbringen fol, zu bezie- ben ift. *) Cap. 2, B. 1 ff. Parall, Matth. 9, 1 ff. Luk. 5, 17 ff. e Ren ER 480 Biertes Bud. er u, Re . ähnlichen Fallen unrichtig auszudrüden pflegt) unmittelbar der | Augenzeuge, wohl aber ein dem Augenzeugen freu und unge: kuͤnſtelt nacherzählter Bericht verräth*): fo ift es, Dafern wir irgend unferm Gefühl trauen dürfen, derjenige, welcher das Außerliche Bild der vorliegenden Erzählung ausmacht, und es ift durchaus Fein Grund, diefen dem Lukas mit Marcus ges ‚meinfchaftlichen Zug für eine fpätere Ausfchmüdung der ur: fprünglichen (dann im erften Evangelium, wo derfelbe fehlt, reiner vorgetragenen) Erzählung zu halten. Theils in diefem Betracht, theild in Erwägung des überaus charakteriftifchen Gepräges, welches die bei dieſer Begebenheit gefprochenen Reden tragen **), nehme ich feinen Anftand, diefelbe, fo außerordent: lich fie ift, den beftbeglaubigten der gefammten evangelifchen Geſchichte beizuzählen. Die Individualität dieſer Neden ver: bietet, das hier Erzählte als eine Begebenheit von längerem Berlaufe, und nur durch den Berichterftatter ind Kurze zuſam— mengezogen zu denfen, wie manche andere ähnlich erzählte fein mögen; die Bedeutung der Neden knuͤpft fich vielmehr durch— aus, fo viel wenigftens den Hauptmoment betrifft (— das diefem Moment Vorangehende mag immerhin als einen längern Zeit: verlauf ausfüllend gedacht werden), an das Plösliche, Ueber- rafchende des Erfolges. i Heilung ald einen und denfelben Act mit der einzelnen Sündenvergebung betrachtet, und dem entfprechend jede einzelne Krankheit für eine einzelne und beftimmte Sündenfirafe angefe- ben habe: dies giebt nicht einmal der buchftäbliche Sinn diefer Worte, viel weniger der geiftige. 6. Ein neu angeworbener Jünger Jeſu, feines Gewerbes ein Zöllner, giebt in feinem Haufe ein Gaftmahl. Jeſus findet fi mit feinen Süngern inmitten einer zahlreichen Gefellichaft *) In Bezug auf die Einwürfe oder Ausflüchte, die man gegen das Abdecken des Daches gemacht hat, verweifen wir, wie fihon Andere vor ung, auf Joseph. Antiq. XIV, 15, 12, **) Wie feſt fich diefe Neden auch unabhängig von dem durch Marcus überfieferten, unftreitig richtigen Zufammenhange, ver Ueberlieferung eingeprägt, hatten wir ſchon oben im erften Buche (S. 130) Gele— genheit an Soh. 5, 8 nahzumeifen. f an Rare — Evangeliſche Reden und Erzaͤhlungen nach Marcus. 481 von Zollbeamten und andern Perſonen der Art, die von den Juden geringgeſchaͤtzt und fchlechthin „Suͤnder“ genannt wurden. Phariſaͤer und Schriftgelehrte ftellen darüber die Juͤnger zur Nede, erhalten aber von Jeſus, der es hört, zur Abfertigung die Worte: ‚Nicht die Gefunden bedürfen des Arztes, fondern die Kranken. Sch Fam nicht, rechtliche Leute zu berufen, fon= dern Suͤnder!““) — Es ift fehwer zu begreifen, wie felbft wacdere Ausleger die Sronie gegen pharifäifche Zugend haben verfennen fonnen, die in Diefem gewaltig einfchneidenden Worte biegt. Zu welcher Mattheit ſinkt daffelbe herab, . wenn man Sefu die pebantifche Anhänglichkeit an die jüdifche Sitte unter: left, die man vorausfegen muß, um es erflärlich zu finden, wie er im Ernſt die Pharifäer für minder beduͤrftig feiner Hülfe, als die Zöllner, habe erklären fünnen! „Krank“ nennt er die letztern, es ift wahr, ja „Suͤnder“; beides jedoch fchwerlich in einem andern Sinne, ald in welchem er jene Seliggepriefe- nen am Anfange der Bergpredigt „Arme“ nennt. — Wer e8 nicht ertragen kann, Jeſum in gegenwärtiger Stelle die Phari: faer für folche erflären zu hören, mit denen er nichts zu fchaf: fen haben will, weil er fie ein für allemal für unverbefferlich und unrettbar erfenntz wer, zur VBollftändigfeit feines Chriftus- ideals, jener Humanität nicht zu entrathen weiß, die auch Pha- rifaer und Schriftgelehrte vom Himmelreiche auszufchließgen Be— denfen trägt: der follte es fich lieber geradezu eingeftehen, daß der wirkliche Ehriftus diefem Ideale nicht entfpricht. 7, Man legt Sefu die Frage vor, wie es denn Fomme, daß die Sünger des Sohannes und die der Pharifaer zu faften pflegen, die feinigen aber nicht, Worauf er erwiedert: „Wie koͤnnten doch die Hochzeitgäfte faften, fo lange der Bräutigam in ihrer Mitte ift? Sie werden fchon kommen, die Lage, wo der Bräutigam ihnen entriffen wird; dann ift ed Zeit für fie zu faften’‘**). — Man hat diefes geiftreiche Wort, welches wer der, wie ed der erfte Evangelift fo verftanden hat, an bie Sohannesjünger, noch, wie der dritte will, an die Pharifäer, — =) 8, 15 ff. Parall, Matth. 9, 10 ff. Luk. 5, 29 ff. ==) Gap. 2, B, 18 ff, Parall, Matth. 9, 14 f. Luk. 5, 33 ff. 31 r 482 Biertes Bud. : mit denen Jeſus das obige Geſpraͤch geführt hatte, ſondern nach der allein richtigen und urfprünglichen Darftellung des unfrigen, an irgend einen in der Erzählung unbeftimmt gelaj- fenen Srager, vieleicht an einen der Jünger felbft, zu unbeftimm: ter Zeit gerichtet ift*), — man hat daffelbe verfümmern wollen durch die unbegründete Vorausſetzung, die Sohannesjünger haͤt— ten ‘gefaftet, nur um die Gefangenfchaft ihres Meifters zu bes trauern. Man bedenkt nicht, daß bei diefer Erklärung gerade das Große deffelben verloren geht. Diefes nämlich befteht in dem erhabenen Selbfibewußtfein von der Segnung, welche die Gegenwart des Göttlichen über feine Jünger, nicht blos über die, welche leiblich, fondern auch welche geiftig um ihn jind und feine geiftige Nähe empfinden, bringt. Als ein typifches für alle Zeiten ift auch diefes Wort gefagt: der Gegenwart des Herren follen auch wir uns freuen, und nicht faften und trauern, *) Es ift neuerlich viel darüber hin und her geredet worden, wel— cher von beiden, Matthäus oder Lukas, in feiner Darftellung diefes Borfalls Recht Habe. Daß auch hier die Wahrheit in der Mitte, nämlich in Marcus Tiegen könne, ift Keinem beigefalfen. Und doch ging aus jenem Streite jedenfalls dies hervor, daß jeder je— ner Auffafiungen bedeutende fachliche Schwierigkeiten entgegen fies ben. Es lag um fo näher, diefe Schwierigkeiten durch Zurüdfüh- rung auf die neutrale Aufaffung des Marcus zu Iöfen, als mittelft folcher Zurüdführung zugleih der Grund jener Differenz auf das befriedigendfte erklärt wird. Nichts nämlich ift natürlicher, als diefen Grund in einer verfchiedenen Erklärung der Worte des Mar- cus zul Epyovrar, zul heyovomv auro zu ſuchen; welche der eine jener beiden Evangeliften auf die Johannesjünger, der andere auf die Pharifäer bezog, da im vorangehenden Sabe (zul Joar or ua- Intal ’Imavvov zal or Dapıoaloı vnorsvorres) Marcus von beiden geſprochen hatte; während fie bei Marcus felbft ohne Zweifel im- personaliter gefagt find. Denn freilich, — dies feheinen jene bei- den wohl bemerkt zu haben — ift nicht füglich zu denken, daß Pha— riſäer und Fohannesjünger zum Behuf einer ſolchen Frage gemein ſchaftliche Sache mit einander gemacht, und daß fiein der Frage felbft von fi in der dritten Perfon gefprochen haben follten. Diefe letztere Unbequemtichfeit hat Lukas jedoch nicht vermieden, indem er bie Pharifäer: or wu Dapıalov fagen läßt, und auch dadurch feine Abhängigkeit von dem Unſrigen, bei dem jene Unbeftimmten aller- dings fo ſprechen konnten, beurfundet. re : de s Evangelifche Erzählungen und Neden nach Marcus. 483 ald nur, wenn wir und von ihm verlaffen fühlen. Daß frei- lic auch ſolche Zeiten fommen müffen, daß fie im geiftigen wie im leiblichen Sinne nicht aus bleiben fünnen, dies hat der Herr in feiner Weisheit vorausgefehen, und frühzeitig dem Ausſpru— che der höchften Geiftesfreude die Verfündigung der Trauer bei- gefelt, die fein Leiden und fein Tod über die Jünger feiner Zeit und aller fommenden Zeiten bringen follte. — Die ka— tholifche Kirche hat aus diefem Ausfpruch die Nothwendigkeit ihrer Faftengebräuche erweifen wollen: mit Recht, infofern fie innerhalb ihres Bereichs das oͤfters wiederkehrende Gefühl der Berlaffenheif vom Herrn vorausfegen durfte, mit Unrecht, info: fern fie dieſes Gefühl zu beflimmten, regelmäßig wiederfehren: den Zeiten jedem Chriften aufzubringen gedachte. 8. „Niemand flidt einen Lappen neuen Tuches auf ein altes Kleid; oder das Aufgeflidte reißt, und das Loch wird ärger. Und Niemand gießt jungen Wein in alte Schläuche; oder ber junge Wein macht die alten Schläuche reißen, und Wein und Schläuche gehen zu Örunde, Neuen Wein muß man in neue Schläuche gießen’’ %. — Diefe Worte werden von Mar: » cus, und nad ihm auch im erften Gvangelium als unmittel- bar zu den vorigen gehörig in Einer Reihe mit diefen angeführt, Es ift aber richtiger, fie, wie Lukas thut (nicht nach einer an: deren Duelle, ſondern durch eine richtige Reflexion geleitet **) ), da= von ’abzutrennen, oder ihre Verbindung wenigftend unentfchie- den zu laffen. Beide Sprüche fonnen durch ihre Trennung nur gewinnen, nicht verlieren. Jener erftere Fonnte mit feinem vollen Gewicht die Fragenden nur dann treffen, wenn Feine weitere Erklärung ihm beigefügt ward, Die hier mitgetheilten Gleichniffe aber erreichen ihre Beflimmung nur, wenn man fie nicht als Abfertigung jener einzelnen Fragen nimmt, fondern, wie es ihr Sinn fordert, ald eine runde und nette Erklärung Sefu, den jungen Wein feiner Lehre und feines Geiftes ein für alle: mal nicht in die alten Schläuche jüdifcher Gefeßeögerechtigkeit gießen zu wollen. *) Cap. 2, V. 21 f. Parall, Matth. 9, 16 f. Luk. 5, 36 ff. ##) Diefelbe, hier aber minder glürfliche, Neflerion giebt ſich auch in tem verfchiedenen Ausdrucke Fund, den Lukas für das erfte Gfeich- niß giebt. 31* \ 484 Viertes Bud. 9. Einft am Sabbath ging Jeſus mit feinen Juͤngern durch ein Kornfeld; die Jünger fingen an Aehren zu pflüden. und davon zu effen. Dies deuchte den Pharifaern ein Anſtoß; Sefus aber ſprach: „Habt ihr nicht gelefen *), was David that, um fein Bedürfniß zu befriedigen, als er und feine Be: gleiter hungerten? Wie er in das Haus Gottes trat und bie Schaubrote aß, die nur die Priefter effen follen, und feinen Begleitern Davon gab?“ Und er fehte hinzu: ‚„„Der Sabbath ift für den Menfchen, nicht der Menfch für den Sabbath. Ar fo Herr ift der Sohn des Menfchen auch über den Sab— bath““ *). — Ein andermal **), als er gleichfall8 an einem Sabbath in der Synagoge die Franfe Hand eines Mannes zu heilen im Begriffe war, und merkte, daß man ihm auch diefes übel nehme, fragte ev: „Darf man am Sabbath Gutes thun oder Uebles? Leben retten oder todten?’’ +) — Hier in bie: fen Reden ift Manches als Abfertigung der Fragenden für Dies fen einzelnen Sal zu verftehen; nicht als ob Sefus fih im Ernſt auf die Autorität des David hätte fügen wollen, wenn er im Einzelnen die ftrenge Sabbathregel durchbrach, oder als ob er nur zum Behufe außerordentliher Wohlthaten eine Aus: nahme von jener Negel hätte verlangen wollen. Man hat in diefe und ähnliche, in andern Evangelien erzählte Ereigniffe Die Borausfesung hineingetragen, Sefus habe einen Unterfchied ge— macht zwifchen folchen Handlungen, die nach moſaiſchem Geſetz, und folchen, die erft nach ferupulöfer Pharifaerfitte am Sab— bath zu verrichten unterfagt war, — habe nur von diefen, aber nicht von jenen Verboten feine Sünger entbinden wollen, Bon folcher Unterfcheidung findet fich Feine irgendwie fichere Spur in unfern Urkunden, und der Ausfpruch, durch den fich Sefus ohne Umfchweife zum Herrn über den Sabbath macht, fagt geradezu das Gegentheil. Deutlicher Fonnte dad Bewußtfein von der Bedingtheit auch des mofaifchen Inſtituts nicht aus- gefprochen werden, als in den (dem Marcus eigenthümlichen *) 1 Sam, 21. **) Cap. 2, V. 23 ff. Parall. Matth. 12, 1 ff. Luk, 6, 1 ff. “r#) Auch dies nach einer richtigen Neflerion des Lufas, 6, 6.- 7) Cap. 3, 1 ff. Varall. Matth. 12, 9 ff. Luk, 6, 6 ff. .E * Evangeliſche Erzaͤhlungen und Reden nach Marcus. 485 aber gewiß nicht willfürlich von ihm hinzugefekten) Worten, daß der Sabbath um des Menfchen willen, nicht der Menfch um des Sabbaths willen fei. Ghrifto folches Bewußtfein abs fprechen, oder auch nur, ihn einer abfichtlichen Accommodation an jüdifches Gefeb und Herfommen zeihen, heißt, ihn gefliffent: lich unter die Geiftesgröße herabdrüden, in der ihn uns die beglaubigte Gefchichte zeigt. Auch hat unfer Evangeliſt gewiß guten Grund, von der Heilung der Franken Hand am Sab— bath die Anfchläge zu datiren, welche die Pharifaer in Gemein: ſchaft mit den Herodianern gegen ihn zu faffen begannen ). 10. Unter gewaltigen Mafjen Bolfs, welche fih um ihn ins Haus gedrängt hatten, befanden fih auch Schriftgelehrte, die von Serufalem herübergefommen waren. Diefe ließen verlau— ten, er habe den Belzebul, er treibe durch den oberften der Dämonen die Dämonen aus. Da ruft Sefus fie zu fich und ſpricht: „Wie kann ein Satan einen Satan austreiben? Wenn ein Neich fich in fich felber theilt, fo kann das Neich nicht be= ſtehen; wenn ein Haus fich in ſich felber theilt, fo Fan das Haus nicht beftehen; und wenn der Satan gegen fich felbft auffteht und fich theilt, fo kann er nicht beftehen, fondern es iſt aus mit ihm’. — Hieran fchließt der, Evangelift die Worte, von denen wir dahingeftellt fein laffen müffen, ob fie in dem— felben Zufammenhange und unmittelbar nach jenen wirklich ge= fagt find: ‚Niemand kann in die Wohnung des Starken drin— gen und feinen Hausrath wegtragen, wenn er nicht zuvor den Starken bindet; dann mag er feine Wohnung berauben. Wahr: lich ich fage euch, alle Sünden follen den Menfchenfindern ver- geben werden und alle Läfterungen, die fie ausftoßen. Wer aber den Geift, den heiligen, läftert, der erhält in Ewigkeit feine Vergebung, fondern er verfällt dem ewigen Gericht‘). — Auch diefe Reden enthalten mehr nur eine gewandte, geift- volle Abfertigung der pharifäifchen Läfterreden, als eigentlich dogmatifche Lehrſaͤtze. Wollte man fie ald Lehrfäge verfiehen, fo würde fich mit Grund einwenden lafjen, Daß das Neich des Böfen in Wahrheit nichts weniger, als ein in fich felbft eini- *) B, 6. Parall. Matt. V. 14. Luk. V. 11. **) Gap. 3 B. 20 ff. Parall, Matt. 12, 24 ff. Lu, 11, 15 ff. 46. Biertes Bud. ged und durch feine Einigfeit beftehendes ift; daß Feindſchaft gegen Böfe im Einzelnen mit nichten die Freiheit vom Böfen beweift. Dennoch ift die Rede, in ihrem thatſaͤchlichen Zuſam⸗ menhange angefehen, vollfommend treffend, ja fchlagend zu nennen. Der Kampf Iefu gegen dad Reich der Dämonen ift nicht, wie der Kampf der Dämonen unter fich felbft, ein ohn⸗ mächtiger; es ift ein mächtiger und fiegreiher: damit wird be- wiefen, daß es nicht der Kampf eines Daͤmons gegen einen Dämon fein koͤnne. Wie fonnte der Satan, von dem ihr doch zugebt, daß fein Neich befteht, — es zugebt, weil ihr es nicht läug- nen fonnt, — wie koͤnnte er beftehen, wenn er durch einen er- folgreichen Kampf der Art, wie ihr mic ihn kaͤmpfen feht, die Seinigen zerſtoͤrte? Dies will Jeſus fagen, und durch dieſe gerade und gefunde Betrachtung, durch dieſe Verweilung auf den Erfolg das fchlechte Raifonnement niederfchlagen, welches ſich darin gefällt, edlen Handlungen, großartigen Erfolgen nieb- rige, unlautere Mittel oder Triebfedern unterzulegen. Die Schriftgelehrten verhalten fich Sefu gegenüber wie die Kammer: Diener, für die es Feine Helden giebt, eben weil fie die Helden nur mit den Augen des Kammerdieners zu betrachten wiljen. — Das Gleichniß von dem Starken *), der gebunden werben muß, wenn man feine Wohnung ausräumen will, fagt, anders gewendet, bdaffelbe, wie das Gleichnig von dem Baume und feinen Srüchten, welches letztere Matthäus wirklich in dieſem Zufammenhange wiederholt *). Wer die Werfe des Zeufels zerftort, der muß zuvor den Teufel felbft gebunden haben; gleich- wie die Frucht göttlicher Werke nur auf einem Stamme göttli- cher Natur erwachfen kann. — Die Schlußworte des Gefprächs fommen bei Matthäus in einer anderen Wendung und in ur- fprünglic anderem Zufammenhange vor; weshalb wir fie erft dort befprechen werden. 11. Der Ruf feiner gewaltigen Thaten war zu ben Sei— nigen gedrungen, dort aber hieß es, er habe den Berftand verloren. Deshalb ziehen feine Mutter und feine Brüder aus, *) Etwa eine Anfpielung auf Jef. 49, 24 f.? **) Matth. 12, 33. Vergl. 7, 18. Evangelifche Erzählungen und Reden nah Marcus. 487 ihn aufzufuchen; das Gedränge hindert fie, ind Haus einzutre— tem Man meldet ihre Ankunft Jeſu, er aber antwortet: „Wer ift meine Mutter und meine Brüder?’ Und im Kreis berumblidend auf die um ihn Sitzenden: „Dieſe hier find meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes thut, der ift Bruder mir, und Schwefter, und Mutter). — Diefe Erzählung ift bei unferm Evangeliften mit der vorigen in Eind verwebt, und fomit zugleich das Motiv jenes Be: fuhs der Verwandten Jeſu angegeben, welches bei den beiden andern Evangeliften fehlt. Es mag fein, daß jene Verbin: dung nicht der thatfächlichen Wahrheit, fondern der Darftel- lung des Evangeliften angehört; aber gerade fie fonnte nur durch die Kunde des angegebenen Motivs veranlagt fein, und die Darftellung der beiden andern, am deutlichften die des erften Evangeliums, wo beide Erzählungen noch dicht neben einander ftehen**), zeigt, daß die Zrennung beider und bie MWeglaflung jenes Motivs nicht aus einer urſpruͤnglichern Duelle, als der des zweiten Gvangeliums, gefchöpft, fondern, unbefchadet übrigens der Abhängigkeit von diefem letzteren, in das aus diefem Gefchöpfte Kineingetragen if. Wir haben alfo feinen Grund, die Belehrung zu verfchmähen, die uns diefe Duelle über den Beweggrund des harten, aber wohlverdien- ten Wortes giebt, das Sefus hier über feine nächften Ber: wandten fpricht. 12. Bon einem Schiffe aud auf dem See Genefareth ſprach Jeſus zu der am Ufer verfammelten Menge folgende Worte"): „Hört ant Ein Siemann ging aus, zu fäen. Und es geſchah beim Saͤen, einiges fiel daneben, und die Vögel famen und fraßen ed. Anderes fiel auf fteinigen Boden, wo es nicht viel Erde fand; es ſchoß fehnell auf, weil es feine Tiefe in der Erde hatte; ald aber die Sonne heraufftieg, vers brannte es und vertrodnete, weil ihm die Wurzel fehlte, Noch #) Cap. 3, V. 21. 31 ff. Parall. Matth. 12, 46 ff. Luk. 8, 19 ff. Es heißt hier fogar noch von den Verwandten: „fie fanden drau— fen“, was nur bei Marcus, nicht aber bei Matthäus eine Bedeu— tung hat; bei Ießterem nämlich war nicht bemerkt worden, baß das Erzählte drinnen im Haufe vorgehe. “+, Cap. 4, 1 ff. Parall. Matth. 13, 1 ff. Luk, 8, 4 ff. 488 Biertes Bud. — a = anderes fiel in dorniges Geftrüppz; das Geftrüpp wuchs heran - und erbrüdte es, und es gab Feine Frucht. Noch anderes fiel in gute Erde; es fproß auf, wuchs und gab Frucht; es trug dreißigfältig, fechzigfältig, hundertfältig”. Und er rieft „Wer Ohren hat zu hören, der höre!” — AUS fie allein waren, be- fragten feine nähern Schüler ihn um die Bedeutung dieſes Gleichnifjes. Er antwortete*): „Ihr verfteht diefes Gleichniß nicht? Wie wollt ihr dann die andern verfiehen? Der Saͤe— mann faet das Wort aus. Da find nun die einen, Die dane— ben fallen, wo das Wort gefüet wird; wenn fie es hören, gleich Fommt der Satan und nimmt das Wort weg, das in ihre Herzen gefäet ward. Die andern, die gleichfam auf den fteinigen Boden fallen, find die, welche, wenn fie das Wort hören, es fogleih mit Freuden aufnehmen, aber es nicht Wurzel fafen laffen in fich felbft, fondern vom Zufall abhan- gig bleiben**); Fommt eine Bedrängniß oder Verfolgung um des Wortes willen, ſogleich werden fie irre, Noch andere find, die in das Dorngeftrüpp fallen. Das find die, welche das Wort hören, aber die Sorgen der Welt, und die Taͤu— [hung des Neichthums, und die Begierden fommen dazu und erdrücden dag Wort; und es bleibt fruchtlos. Endlich die auf die gute Erde fallen find die, weldhe das Wort hören und aufnehmen, und Früchte tragen, dreißigfach, fechzigfach, hun— dertfach““. — Ich weiß nicht, ob ich es nur für eine zufällige Härte des Ausdruds nehmen fol, wenn in’ diefer Deutung ald der ausgeftreute Same nicht fowohl, wie man nad dem Eingang erwarten follte, das vom Lehrer gefprochene Wort, als vielmehr diejenigen felbft, welche das Wort hören, behan- delt werden; eine Wendung, die auch in der Paraphrafe der beiden andern Evangelien geblieben ift. Faft will es fcheinen, *) 8,13 ff. **) 7ooozaigoı. Vergl. 2 Cor. 4, 18, wo das Sichtbare als Te00- »argo dem Unfichtbaren als aiwwioıs entgegengefett wird. — Die Parallelftelle Luk. 8, 13 enthält offenbar die Umfchreibung diefes Begriffs und Wortes, wie überhaupt nirgends auffallender, als eben hier, die ſynoptiſchen Parallelftellen fich als einigermaßen ab- geglättete Paraphrafen der harten — des Mareus (aber nicht umgekehrt) kund geben. a Br - Evangelifche Erzählungen und Reden nach Marcus. 489 als meine Sefus unter dem „Saͤen des Wortes’, unter den Schickſalen, die das Ausgefäete erfährt, noch etwas Zieferes, als nur das Schickſal eines Außerlich gefprochenen Lehrvor— trags. Der Keim des Göttlichen felbft in der Menfchenbruft, den nicht ein einzelner Lehrer, fondern den der Schöpfer theild unmittelbar in jeden Einzelnen, theils durch die Organe feiner iwdifchen Offenbarung legt, und der das eigentliche Wefen, das innerfte Selbft des Gefchöpfes, in das er gelegt ift, ausmacht, — dieſer Keim fcheint unter jenem „Worte“ gemeint zu fein, welches dann freilich zugleich als der Same, und ald das Erdreich, weldyes den Samen aufnimmt, verftanden werden müßte. Aber dies eben ift das Eigenthümliche des geiftigen Saatproceffes, daß Samen und Erdreich hier nicht fo Außer: lich, wie in dem phyfifchen Proceffe, gefchieden find; daß je: der geiftige Boden in gewiffem Sinne ein fchon befruchteter ift, und daß umgekehrt der ausgeftreute Geiftesfame, wenn er aufgehen fol, felbft die Natur des Bodens, das heißt hier die Subftanz des Geiftes, der ihn aufnimmt, annehmen muß. 13. Zwifchen den Vortrag des eben mitgetheilten Gleich: niffes und feine Deutung find bei Marcus*), und in Abhän- gigkeit von ihm auch bei den beiden andern Synoptifern einige Worte Sefu an feine Sünger eingefchoben, die fchwerlich in diefem Zufammenhange, als Antwort auf die Bitte derfelben um eine Deutung der (wie nachher Iefus felbft erinnert) fo leicht verftändlichen Parabel, gefagt fein koͤnnen. „Euch ift es vergonnt, das Geheimniß des Neiches Gottes zu erkennen. Jene draußen aber erhalten alles in Gleichniffen. Sie follen mit fehenden Augen fehen und nichts gewahr werden, mit ho- renden Ohren hören und nicht3 vernehmen; fie follen fich nicht befehren und ihre Sünden micht erlaffen befommen’’. — Statt den Marcus darüber zu fchelten, daß er, troß Diefer angebli- ben Belobung der Zünger wegen ihrer Wißbegier, darauf nichts deftoweniger den Tadel ber das Nichtverftehen des fo leicht verftändlichen Gleichniffes folgen laßt, follte man ihn viel- mehr loben, daß er diefen Tadel auspdrüclich aufbewahrt, und ihn durch feine eigenen dazwiſchen eingelegten Worte eben fo ausdruͤck— *) B. 11.12. Parall. Matth. B. 11 — 15. Luk. V. 10, he 490 Biertes Bud. lich von jenem Lobe gefondert hat. Die andern Synoptifer zeigen eben dadurch ihre Abhängigkeit von Marcus, daß fie das bei Letzterem irriger Weife Eingefchaltete zwar gleichfalls ein- fchalten, aber es nicht, wie jener, dabei doch von der fremd— artigen Umgebung gefondert halten, fondern geradezu es der— felben einverleiben und die, dort ftehen gebliebene, Andeutung des wahren Zufammenhangs ihm aufopfern. — Uebrigens ent- hält diefe Aeußerung Jeſu eine Reminiscenz aus dem Prophes ‚ten Sefatad*), deſſen Worte der erfte Evangelift, feiner Ge— wohnheit gemäß, aber diesmal genau nach der Ueberfeßung: der Septuaginta, anzuführen fich beeifert. Der Sinn ift, zwar nicht die Abficht einer Verwerfung jener unverftändigen Hörer, wohl aber die erkannte Gewißheit ihrer Verwerfung. Diefe letztere ſcheinbare Härte laßt fih, wie aus fo vielen andern Neden des Herrn, fo auch aus diefer, ein für allemal nicht entfernen; zur erfteren aber, zur Calviniſtiſchen Praͤdeſti— nationdlehre, giebt diefe Stelle, Tichtig verftanden, fo wenig wie alle übrigen, die man dafür hat benugen wollen, einen. Grund. a Noch in Einer Folge mit dem unter Nr. 12 mitgetheilten Stleichniffe fol eine Reihe anderer Ausfprüche gethan fein, Die jedoch von jenem und unter einander immer durch dazwiſchen gelegte Worte (was in ähnlichen Fallen die übrigen Evangeli- ften nicht thun) getrennt gehalten werden. ES find folgende (Nr. 14 — 17). 14. ‚‚Brennt etwa das Licht, damit es unter den Schef- fel geftellt werde, oder unter die Bank? Oder vielmehr um auf den Leuchter geftedt zu werden? Nichts ift verborgen, was nicht offenbart werden fol, noch verheimlicht, was nicht veröffentlicht werden fol. Hat einer Ohren, zu hören, der hoͤre)!“ — Diefe zwei Ausfprüche, die bei Matthäus an diefer Stelle nicht, wohl aber in größeren Zuſammenhaͤngen, der eine in der Bergrede“), der andere in der Abfendungs- ıY RI “) B, 21 ff. Parall, Luk, 8, 16 f. - **x*) Matth. 5, 15. Parall. Luk. 11, 33. Evangelifche Erzählungen und Neden nach Marcus. 491 vede an die Apoftel*) vorfommen, haben fi), wie wir hier fehen, auch einzeln, gegenfeitig unter einander in Bezug ge: bracht, erhalten. Die Art und Weife, wie der dritte Evan- gelift beide Sprüche doppelt wiebergiebt , dad einemal in einer dem Marcus, das anderemal in einer dem Matthäus entfpre: enden Stellung, zeigt Har, wie er zwar in Abhängigkeit von beiden oder von den Quellen beider, jene beiden aber in ge= genfeitiger Unabhangigfeit von. einander aus verfchiedenen Quel— len fie aufnahmen. 15. „Sehet zu, was ihr vernehmet. Mit demfelben Maß, womit ihr mefjet, wird man euch mefjen. Wer naͤm— lich hat, dem wird gegeben, und wer nicht hat, dem wird ge: nommen **).‘” — Auch mit diefen Ausfprüchen verhält es fich ahnlich, wie mit den vorigen, Der erftere kommt bei Mat- thaͤus in der Bergrede***), der zweite ald Schluß einer Para: bel+) vor, beidemal mit Parallelen bei Lukas. Unfere gegen- wärtige Stelle aber hat in Bezug auf den erften Sab Feine unmittelbare, in Bezug auf den zweiten in jedem der beiden andern Evangeliften eine Parallele, fo daß alfo in beiden letz⸗ tern derſelbe doppelt vorkommt. Der Grund jener Weglaſſung iſt nicht ſchwer zu finden. Er liegt offenbar darin, daß ſie fuͤr jenen Satz keine Beziehung auf den Zuſammenhang der Erzaͤhlung, in welchen dieſe ſaͤmmtliche Spruͤche eingereiht ſind, ausfindig zu machen wußten. Zwar iſt auch in Bezug auf die beiden andern Sprüche der Zufammenhang nur ein ſehr lockerer; wie in Bezug auf den erſten, den unter der vorigen Nummer angefuͤhrten, auch der Verfaſſer des erſten Evange⸗ liums durch fein Weglaſſen deſſelben ſolches anerkannt hat, Offenbar reiht Marcus einige ihm ſonſt bekannte Spruͤche hier nur darum ein, weil er keine andere Beziehung derſelben kannte, und es ihm als möglich erſchien, daß Jeſus fie in Bezug auf feine parabolifche Ausdrudsweife gefagt haben könne: den einen, um von ihm aus auf den Sinn ald das Licht zu verweifen, das *) Matth. 10, 26. Parall. Luk, 12, 2, *5) V. 24 f. Parall, Matth. 13, 12. Luk. 8, 18, =) Matth. 7, 2. Parall, Luk. 6, 38, +) Matth. 25, 29. Parall, Luk. 19, 26. 492 Biertes Bud. nicht verborgen bleiben Fonne, den andern, um auf die Bedeu: tung binzudeuten, die für die Sünger das Maß ihres Verſtaͤnd⸗ niffes haben werde, und wie, wer nicht tiefer eindringen wolle, _ auch des oberflächlichen, nur buchftäblichen Verſtaͤndniſſes verluftig gehen werde, Beides, wie gefagt, giebt nur einen locdern Zus fammenhang und ſchwerlich den Achten, urfprünglichen Sinn diefer Worte, jenen, in welchem Sefus felbft fie aefprochen hatte, Bon allem aber am befremdendften erfchien in Diefem Zufammen- hange der Spruch: „Mit welchem Maße ihr meffet, wird man euch auch meſſen.“ Deshalb ward er von beiden Evangeliften weggelaffen, zumal da fie ihn, was freilich mit den übrigen auch der Fall war, noch in einem andern, ihnen beffer ein- leuchtenden Zufammenhange vorgefunden hatten, — Uebrigens Tonnen wir und in Bezug auf diefe fämmtlichen Ausfprüche nicht zu der Meinung befennen, daß diefelben, oder daß einige von ihnen für fprüchwortliche Nedensarten, von Jeſus nur zum Behuf der Erläuterung eines beftimmten Zufammenhangs ein- geflochten, zu nehmen ſeien; fie tragen vielmehr ganz den Stem— pel von Sefu eigenem Geifte, Die tieffinnige Paradorie na= mentlich, welche der legte Satz enthält, leidet, von Jeſus ges fprochen, durchaus nur auf ein folches Befisthbum Anwendung, deffen Befiß an fih ſchon Verdienft if, — nicht auf den Ge— brauch eined Gegebenen, dies nämlich ift eine verflachende, den Ausfpruch zu einem fchielenden herabwürdigende Ausdeu— tung, eine Ausdeutung, welche ein außerliches, mechanifches Ver— haltniß zwifchen Befis und Anwendung, zwifchen Sein und Thun, zwifchen Vermögen und Bollbringen auch im Geiftigen feßt. Angenommen Daher felbft, daß Sefus diefen Spruch oder ihm ähnliche ſchon vorgefunden hätte, fo hat derfelbe wenigftens in feinem Munde einen wefentlich neuen und höhern Sinn er— halten. { 16. „So ift es mit dem Neiche Gottes, wie wenn ein Mann den Samen in die Erde wirftz er fchläft und wacht dann bei Nacht und bei Tage, der Same geht auf und wächft und er kuͤmmert fih nicht darum. Bon felbft laßt die Erde auffprießen, erft grüne Saat, dann Aehren, dann volle Frucht in den Aehren. Wenn aber die Frucht reift, Dann hält jener ‘ ET | Evangeliſche Reden und Erzaͤhlungen nach Marcus. 493 ſogleich die Senfe bereit, denn die Ernte ſteht bevor““). — Dieſe denkwuͤrdige, dem Marcus eigenthuͤmlich gebliebene Pa— rabel ſpricht klar und einfach, wie kaum eine andere, den wahr: haften Begriff der menfchlichen Freiheit aus. Auch hier nam: Yich ift unter dem Säenden fehwerlich ein blos irdifcher Lehrer gemeint; auch nicht des Menfchen Sohn, wiefern er ald Lehrer den Hörenden außerlich gegenüberftehtz wäre dies, fo koͤnnte das Gleihniß nicht bi zum Bilde der Ernte fortgefeßt fein. Der Säende ift vielmehr Gott felbft der Schöpfer, oder Chri— fius als ewiger Sohn, in dem alle Dinge gefchaffen find**) und der einft die Welt richten wird. Freilich widerfprechen die Worte, die wir durch „er kuͤmmert fich nicht darum“ uͤber— fest haben**), fo wie auch das „Schlafen bei Nacht’ der bergebrachten dogmatifchen Vorftellung von Gottes Allwiffenheit und Allmacht. Aber diefe VBorftelung ift eben auch, genauer unterfuht, nichts ald eine eben fo unwahre, als unlebendige Abftraction, die man ein für allemal dem Chriftenthume nicht aufbringen follte. Gottes Schöpfung wäre nicht werth, von ihm gefchaffen zu werden, wenn fie ſich ihrem Schöpfer gegen: über nicht eben fo felbftftändig verhielte, wie zu dem Saͤemann der ausgeworfene Same. Das Bild aber der creatürlichen Freiheit, welches von dem, was mit diefem Samen gefchieht, hergenommen wird, ift darum ein fo vortreffliches, weil es zu= gleich zu verftehen giebt, wie die Freiheit des Gefchöpfes nicht, wie man es gemeinhin vorftellt, in der Willfür befteht, die nach grundlofem Belieben zwifchen Entgegengefeßtem wählt, fondern vielmehr in dem von Innen heraus erfolgenden, durch Feine außere Macht zu erfegenden, wiewohl durch Außere Mächte bedingten, Procefje der Selbftentwidelung. Auf foldhem, der Entwidelung des Samenfornes zum fruchttragenden Gewaͤchs entjprechenden Proceffe beruht das. Dafein jedwedes lebendigen Geſchoͤpfes; der Proceß aber heißt ein freier nur bei folchen Gefchöpfen, deren Entwidelung eine Entwidelung zum Gelbft- bemußtfein und zu dem, was nur im Selbftbewußtfein als fol- *) B. 26 ff. *#) Koloſſ. 1, 16. ER) oon 0208v autos, 49% Biertes Bud. 2 ches vorhanden, zum Guten oder Bofen if. Der Same, der in folchen Gefchopfen aufgeht, ift jener Same des göttlichen Reiches, von welchem das vorliegende Gleichniß handelt. 17. „Womit follen wir das Neich Gottes vergleichen, oder in welchem Bilde follen wir es darfiellen? Ginem Genf: korn gleicht e$, welches, wenn es in die Erde geworfen wird, das Fleinfte von allen Samenkoͤrnern der Erde iſt; ift es aber hineingeworfen, fo Feimt es auf und wird das größte, aller Ge— wächfe und breitet weit feine Aefte, fo daß in feinem Schatten die Vögel des Himmels niften fonnen’’*). — Gleichfalls ein viel deutiges Gleichniß, welches trefflich zwar auf Jeſu Lehre und deren Erfolg in der Gefchichte der Menfchheit paßt, aber nicht blos in diefem hiftorifchen Bezuge, fondern eben fo fehr in dem ethifchen gefagt ift, wo das Senfkorn den in jedes ein- zelne Gemüth gelegten Keim des Göttlichen bedeutet. — In dem Bilde des Baumes übrigens glaube ich eine Anfpielung auf Stellen der Propheten Ezechiel und Daniel zu erfennen**). 18. Bei einer, nach der beigefügten Bemerfung unfers Evangeliften ***) unvorbereiteten, gelegentlichen Ueberfahrt über den See Genefareth 'entfteht ein heftiger Sturm, fo daß die Wellen in dad Schiff hereinfchlagen, und daſſelbe unterzufinfen droht. Sefus fchläft auf einem Kiffen im Hintertheile; fie weden ihn und fprechen: „Meiſter, kümmert dichs nicht? wir-gehen unter 1’ Gr erwacht, gebietet dem Sturm und der See Stillfchweigen ; der Sturm legt fi) und es wird vollfommene Windftille. Dar: auf fpricht er: „Was feid ihr fo furchtfam? Warum habt ihr *) V. 30 ff. (Matth. 13, 31 f. Luk, 13, 18 f. fhöpfen, fo genau fie mit Marcus zufammentreffen, Doch wahrſcheinlich nicht aus ihm, fondern aus den Aoyloıs.), x) Ezech. 17, 23. Dan. 4, T ff. =) Die nur bei Marcus vorkommenden und nur darum bei ihm mög» Yihen Worte, weil er die Nachricht von dieſer Ueberfahrt unmittel- bar an eine Scene anfnüpft, die gleichfalls am Seeufer vorgeht, (welche Ordnung die Andern verändert haben) gehören zu den klei— nen Zügen, von denen es widerfinnig iſt, fie für künſtlich Durch die- fen Evangeliften in die Erzählung der Nebrigen hineingelegt halten zu wollen. Eben fo der Feine malerifhe Zug V. 38. Dagegen verräth den Lukas außer andern Umftänden dag ovverrängonvro V. 23 und das goßmdfvres V. 25 als Paraphraften des Marcus, Evangelifche Erzählungen und Neben nad) Marcus. 495 | feinen Glauben?’ Sie aber, noch immer voll Furcht, fagen zu einander: „Wer ift der, daß auch Sturm und See ihm gehorchen?““) — Eine Anekdote der Art, wie foldhe von Heiligen und Wundermännern aller Zeiten in Menge erzählt werden, und deren Entftehung fich auf taufenderlei Art erflären laßt, ohne irgend, zur Annahme fei es eines Mythus, von wel- chem vorliegende Erzählung feine Spur trägt, oder abfichts licher Erfindung feine Zuflucht zu nehmen. Sogar gegen die Annahme ihrer vollftändigen thatfächlichen Wahrheit haben wir. nicht allzu viel einzuwenden; nur daß man fi) dann entfchlie- fen müßte, jene fompathetifche. Gewalt über die Natur, welche Sefus in dieſem und in andern Augenbliden geübt haben foll, nicht ihm allein vindiciren zu wollen, fondern fie jenen Heiliz gen und Wundermännern gleichfalls, bis zu den fibirifchen Schamanen herab, zuzugeftehen. — Bon größerem Belange ift die nachfolgende Begebenheit, deren unmittelbare Verbin— dung übrigens mit jener bei allen drei Synoptikern eben fo wes nig, wie fonft überall ein folches Zufammentreffen diefer Drei, für die gefchichtliche Wahrheit, fei e8 der einen oder der andern, oder auch eben diefer Verknüpfung felbit zeugt *). 19. As er an der andern Seite des Sees, im Lande der Gadarener***), ausftieg, begegnete ihm, aus den Grabmälern hervor, in denen er zu haufen pflegte, ein Befeffener von fol- cher MWildheit, daß er ſchon öfter die Bande, mit denen man ihn hatte feffeln wollen, gefprengt hatte, und daß Niemand ihn bandigen konnte; er irrte Tag und Nacht in den Grabmälern und im Gebirg umher, fehreiend und fich felbft mit Steinen zerfleifchend. WS dieſer Jeſus von fern erblicdte, lief er auf ihn zu, fiel vor ihm nieder, und fehrie mit lauter Stimme: „Was haſt du mit mir, Sefus, du Sohn des höchften Gottes? *) 8, 35 ff. Parall. Matth. 8, 23 ff. Luk. 8, 22 ff. *) Wie Neander will, L. 3. ©. 362, *55) Bekanntlich die jeßt immer allgemeiner bei allen drei Synoptikern angenommene Lesart, der auch Feine andere geographifhe Schwie— zigfeit entgegenfteht, als höchftens die Matth. V. 34 ſcheinbar vor— ausgefeßte unmittelbare Nähe der Stadt; eine Schwierigkeit, die aber bei der auch hier als die urfprünglichere fich erweifenden Dar- fiellung des Marcus (V. 14, 20) von felbft wegfällt. 495 Viertes Bud. Sch beſchwoͤre dich bei Gott, peinige mich nicht!’ Jeſus nam: lich hatte dem böfen Geift aus ihm zu weichen geboten; jeßt aber fragt -er ihn nach feinem Namen. Jener antwortet: „Le— gio ift mein Name, denn wir find unfer viele!’’ und er rief ihn wiederholt darum an, daß er fie nicht aus dem Land ber- ausfchiden ſolle. Es weidete aber dort am Berge eine große Heerde Schweine; in diefe baten -ihn die Dämonen, fie hinein- zubannen, und Sefus geftand es ihnen zu. Da wichen die un- reinen Geifter und fuhren in die Schweine, und die Heerde, zweitaufend Stud ſtark, ſtuͤrzte fi) von dem Abhange herab in ‘den See und ertranf, die Hirten aber flohen und verfündigten, was gefchehen war, in der Stadt und auf dem Lande umher. Man Fam von allen Seiten herbei, um zu fehen, was gefche- ben fei, man traf Sefum an, und bei ihm den fonft Befeffenen beffeidet*) und vernünftig dafigend, und ward von Furcht er- griffen. Die es gefehen hatten, erzählten, was mit dem Ber feffenen gefchehen fei und die Begebenheit mit den Schweinen. Zene aber fingen an, ihn zu bitten, er möge ſich aus ihren Grenzen hinwegbegeben. Da er in das Schiff flieg, bat ihn der Geheilte, bei ihm bleiben zu dürfen; Sefus aber ließ es nicht zu, fondern hieß ihn nach Haufe Fehren zu den Seinigen und ihnen verfündigen, was der Herr an ihm gethan und wie er feiner ſich erbarmt habe. Sener ging, und fing an in der Dekapolis zu Aller Verwunderung zu erzählen, was Sefus an ihm gethan hatte**). Man hat gegen die Urfprünglichfeit der vorftehenden Er: zählung die mancherlei Widerfprüche geltend gemacht, Die fich in ihr finden, die in den beiden parallelen der zwei andern Syn: optifer allerdings vermieden oder wenigftens gemildert find ; 3. B. daß der Beſeſſene auf Iefum, den er doch fürchtet, zu: läuft, daß er in der Perfon des böfen Daͤmons, der aus ihm *) Daß er zuvor unbeffeivet war, hat Lukas zur Abglättung feiner Erzählung, die gerade bier, gegen den harten und ungeglätteten Bortrag feines Vorgängers gehalten, höchft harakteriftifch ift (vergl. 3.8. Mare. V. 5 f. mit Luk. V. 29. Marc, 9-f. mit Luk, 30 f. Marc, 16 mit Luk 36 u. f. w.), ausdrücklich zu bemerken nicht unterlaffen. : 2. 27. *#) Cap. 5, 1 ff. Parall. Matth. 8, 25 ff. Luk. 8, 26 ff. Pr — Evangeliſche Erzaͤhlungen und Reden nach Marcus. 497 ſpricht, nichts deſtoweniger den Namen Gottes ausſpricht, um Jeſum dabei zu beſchwoͤren, daß es nachher von Jeſus heißt, er habe ſchon vorher dem Geiſte zu weichen geboten u. ſ. w. Wiefern fuͤr die Erzaͤhlung vermoͤge ihrer Urſpruͤnglichkeit auch eine buchſtaͤbliche Geltung in Anſpruch genommen wuͤrde, ſo waͤren dieſe Einwuͤrfe allerdings triftig; da wir aber dies nicht thun, ſo wird man, meinen wir, bei der ſonſtigen Anſchaulich— keit und ungekuͤnſtelten Lebendigkeit derſelben, uns zugeſtehen, daß eine Hineindichtung dieſer, offenbar nur der Schwerfaͤllig— feit des Ausdruds angehörenden Widerfprüche in die ohne die— felben überlieferte Erzählung bei weitem unwahrfcheinlicher ift, _ als eine abfichtliche Hinwegräumung oder Ausgleichung derfel- ben durch epitomirende oder erläuternde Paraphrafen. Offen: Bar Hinzugedichtet ift vielmehr im erften Evangelium die Ver— doppelung der Befeffenenz fei es nun aus Misverftändniß der Mehrzahl, in welcher der Vorgänger dieſes Evangeliften die Dämonen aus dem Befeffenen heraus reden läßt*), oder, was uns faft noch wahrfcheinlicher dünft, in der Abficht, die dort weggelafjene frühere Dämonenaustreibung (f. oben Nr. 3) hier nachzuholen. Es kann als charafteriftifch und auch für an— dere ähnliche Fälle belehrend angemerkt werden, wie folche Hin— zudichtung durch denfelben Evangeliften erfolgt, der übrigens von der Erzählung der beiden anderen nur einen Auszug giebt. — Da übrigens, bei allem malerifchen Detail der Ausführung, die Erzählung nichts enthält, was, wie bei der unter Nr, 5 aufgeführten die dort berichteten Neden Sefu, die Bürgfchaft ihrer buhftäblihen Treue wenigftens in einem Hauptmo— mente mit fich führte: fo ift es hier verftattet, jenes Detail als in der Weife, wie wir im erften Buche die malerifche Aus: führlichkeit unfer8 Evangeliſten im Allgemeinen charafterifirten, wefentlich nur dem Vortrage und der Darftellung angehörend zur Seite zu ftellen, ald den eigentlichen Kern der Erzählung aber diefen auszuheben: daß Zefus einen Kranken der Art, wie } jene Befeffenen waren, durch magifche Ableitung feiner Krank | heit in eine Schweinheerde geheilt habe; fammt dem, wa / *) Dem fteht jedoch Matth. B. 31 entgegen, wo gleichfalls die Dämo— nen als redend aus den Befeffenen eingeführt werben. 32 4 Tabea Ber 498 Biertes Bud. dann als Folge diefes Greigniffes berichtet wird. Was aber die Frage nach der factifchen Wahrheit diefes Kernes anbelangt, fo ftehen einer verneinenden und einer bejahenden Antwort faft gleiche Schwierigfeiten entgegen. Die „mythiſche Anfiht‘ hat es mit aller Anftrengung auch hier nicht zu einer folchen Er: Elärung des Urſprungs dieſer Erzählung bringen koͤnnen, die denfelben irgend im Lichte eines wahrhaften Mythus erfcheinen ließe, ja die auch nur einen wahrfcheinlichen Anfnüpfungspunct in ähnlich lautenden Sagen aus früherer Zeit darboͤte ). Der Vor: fall bleibt nach diefer Erklärung eine willfürliche, vollig grundlofe Erdichtung folcher Art, wie die fynoptifchen Evangelien und na— mentlic Marcus ſolche fonft nicht darzubieten pflegen, und wie die gegenwärtige Erzählung, die in allen ihren Zügen wenisftens naiv und ungefünftelt ift, in einigen fogar das Gepräge der frengften gefchichtlichen Wahrhaftigfeit trägt, fol- ches von ihr anzunehmen, mit Ausnahme eben nur der Wun— derbarfeit ihres Inhalts, gar feinen Anlaß giebt. Wie will man namentlich, wenn man die Gefchichte zur. Verherrlihung Jeſu erfunden meint, den Zug erflären, daß die Bewohner der Gegend, in welcher die Wunderthat verrichtet ward, ftatt Jeſum darüber zu bewundern und zu preifen, ihn vielmehr, von Schreden und Furcht ergriffen, je eher je lieber hinwegichiden? Auch die Mahnung, mit welcher Sefus den von ihm Geheilten, der ihm folgen will, zurüdweift, tft nichts weniger al$ in dem Zone gehal- ten, worin man einen fagenhaften Typus für dergleichen Borfalle erfennen koͤnnte. Auf der andern Seite aber find freilich alle Ver— fuche, den Vorfall ganz oder theilweife natürlich zu 'erflären, noch auffallender misglüct, und auch bei dem Gndergebniß, bei wel- chem man- von diefen aus zulest angefommen ift, daß während der Dperation, die Jeſus mit dem Befeffenen vorgenommen, „durch eine und unbekannte Urſache in der Heerde eine Ber: +) Bergl. Strauß L. 3. I, ©. 38 ff. Was Strauß hier zu Anläffen der Entftehung diefes vermeintlichen Mythus macht, das find nichts als, zum Theil entfernt genug liegende, Analogien des gleichzeitigen Glaubens an Dämonenbeſitzungen und Dämonenaustreibungen, ein Glaube, deſſen Inhalt in allen den Momenten, von denen jene Ana— logien hergenommen find, alles andere eher, als von ber Natur des Mythus ift. \ Evangelifhe Erzählungen und Neben nad) Marcus. 499 wirrung entftanden ſei“, wird man fich fehwerlich beruhigen wollen. Die Alternative bleibt immer diefe, daß jene Haupt: thatſache der Erzählung, die Ableitung der Krankheit des Be: feffenen in die Schweinheerde durch die Wunderfraft des Heie landes, entweder factifch wahr, oder erdichtet fein muß. Ohne uns nun hier eine Entfcheidung erlauben zu wollen, vielmehr die Möglichkeit einer Entftehung auch dieſer Anekdote etwa aus Misverftändnig einer bildlichen Nede Jeſu (welche Art der Entftehung wir bei fo manden andern Wundererzählungen fpä- ter nachweifen werden, die und aber aus den vorhin erwähn- ten Gründen und weil wir fonft feinen Anfnüpfungspunct hier für fie finden, im gegenwärtigen Falle nicht eben wahrfcheinlich dünft) noch immer offen haltend, erlauben wir uns jedoch, dar: auf hinzuweifen, wie auch folche Forſcher der Kräfte und Zuftände deg animalifchen Magnetismus, welche von der Annahme einer perfönli- chen Damonenbefigung und mithin einer Dämonenaustreibung in jenem eigentlichen Wortverfiande, gegen den fich das wiffen- ſchaftlich gebildete Bewußtfein unferer Zeit Hauptfächlich fträubt, durchaus entfernt find, nichts deſtoweniger, mit ausdrüdlicher Beziehung auf diefen evangelifhen Vorfall, die Möglichkeit eines Uebergangs dämonifcher Zuftände „auf Andere und ſelbſt auf Thiere“ haben gelten laffen *). 20. Als Iefus auf die andere Seite des Sees zuruͤckge— fehrt war und wiederum eine Menge Volks fih um ihn ſam— melte, kommt ein Synagogenvorfteher, Namens Jairus, zu ihm herzu, fallt ihm zu Füßen, und bittet ihn zu ihm zu Fonts men: feine kleine Zochter ringe mit dem Zode, er möge ihr die Hände auflegen; und fie retten, Jeſus gewährte die Bitte und ging mit ihm, ihnen nach drängte eine Menge Volks. Un— ter diefer befand fich eine Frau, welche zwolf Jahre an Blut: fluß litt und ihre ganze Habe an Aerzte werfchwendet hatte, ohne daß ihr wäre geholfen worden; fondern das Uebel war immer fchlimmer geworden. Diefe hatte von Jeſus gehört, und fam deshalb unter dem Bolfe nach, um ihn nur am Ge: wande zu faffen, denn fchon davon hoffte fie Befferung. Sie that es, und augenblicklich trocdnete die Duelle ihres Blutfluf- *) Kiefer, Syſtem des Tellurismus, Bd, II, ©. 72. 32” BEN es | 8 500 Viertes Bud. ſes aus und fie fühlte fich geheilt. Sefus aber merkte fogleich, daß eine Kraft von ihm ausgegangen war, er wandte fih um inmitten des Volkes und fragte, wer ihn beim Gewande gefaßt habe. Seine Zünger machten ihn auf die dran gende Volksmaſſe aufmerffam und meinten: wie er noch dar: nach fragen koͤnne. Indem aber Jeſus umberblidte, um den zu finden, der es gethan, Fam die Frau mit Furcht und it: tern im Bewußtfein deffen, was ihr ‘gefchehen, fiel vor ihm ‚nieder und geftand ihm die ganze Wahrheit. Er aber rief ihr zu: „Tochter, dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden und fei gewiß, daß du von deinem Uebel geheilt biſt!“ Als er noch ſprach, meldete man dem Synagogenvorfteher, feine Tochter fei geftorben, er möge den Meifter nicht mehr beläfti- gen. Sefus aber hörte die Rede, und hieß den Mann ſich der Furcht entfchlagen und nur Glauben faffen. In Begleitung als dann des Petrus, Jakobus und Johannes, nachdem er alle andern zurlcdgewiefen, tritt er in das Haus des Sairus und findet dort Laͤrmen und Gefchrei und Wehflagen. Da fpricht er: „Was weint ihr und quälet euh? Das Kind ift nicht todt, fondern ſchlaͤft!“ Sie verlachten ihn; er aber bieß alle fortgehen, nahm die Xeltern des Kindes und feine Begleiter, und ging mit ihnen in das Gemach, wo das Kind war. Da nahm-er daffelbe bei der Hand und fprach die Worte: Talitha foumi, das heißt: „Mädchen, ich fage dir, erwache!“ Und fogleich erhob fih das Mädchen und ging umher; fie war nämlich zwölf Jahre alt *). Alle wurden von dem hoͤchſten Er: ftaunen ergriffen; er hieß dem Kinde zu eſſen geben **). Auch diefe Erzählung gehört, und zwar fie vorzugsweife, in die Reihe derer, welche die beiden mittleren Evangeliften ausführlicher und malerifcher, als der erfte Gvangelift, erzäh- len; auch in Bezug auf fie haben neuerdings die Eritifchen An- ſichten dergeftalt gefehwanft, daß man anfangs zwar ***) dieſe *) Auch hier machen wir darauf aufmerffam, wie Lukas diefe Notiz gleih an den Anfang der Erzählung (DB. 42) heraufnimmt, was offenbar weit mehrnad einer Neberarbeitung ausfieht, als das ‚Um gefehrte bei Marcus, *) DB, 21 ff. Parall. Matth. 9, 18 ff. Luf. 8, 40 ff, +) Schleiermacher, Schulz, Sieffert, Schnedenburger u. U. ' Br Evangelifche Erzählungen und Reden nach Marcus. 501 Berfchiedenheit zu Ungunften des erften, zu Gunften der beiden anderen, namentlich des dritten Evangeliften, ſpaͤter aber umgekehrt *) zu Gunften des erften, zu Ungunften der beiden andern deutete, Auch hier aber müffen wir, eben fo wie in allen ähnlichen Fallen, behaupten daß der Schein einer Fünftlichen Ueber: arbeitung des zuvor einfacher Erzählten zwar den Lukas, aber nicht den Marcus treffen kann, und beide zugleich nur deshalb getroffen hat, weil man von der unbegründeten VBorausfegung ausging, daß auf Feinen Fal Marcus an Urfprünglichkeit vor Lukas etwas voraus haben, koͤnne. Wie die Erzählung bei dem Unfrigen lautet, meinen wir allerdings, daß ein unbefangener Leſer ein günftiges Vorurtheil nicht zwar für ihre buchftäbliche Genauig— feit, wohl aber für ihre Unabhängigkeit von andern fehriftlichen Darftellungen und für ihre Freiheit von Künftelei und Abficht: lichkeit faffen wird. Auch ift, näher betrachtet, die Befchaffen- heit Feined der beiden hier in ein Ganzes der Erzählung ver: flochtenen Ereigniffe eine folche, weldhe, dafern man nur die Nothwendigkeit der. Annahme eines Wunderbaren und Außer: ordentlichen auch in der phyfifchen Seite der Erfcheinung und Wirkſamkeit Jeſu im Allgemeinen zugiebt, ſich als »befonders befremdlich, oder gar ald unglaublich darftellte. Zwar haben, was die Heilung der Blutflüffigen betrifft, "neuerdings nicht blos die naturaliftifchen, fondern fogar die fupernaturalifti- fchen und orthodoren Ausleger an dem Umftande Anftoß ge— nommen, daß die Heilkraft Iefu hier unfreiwillig und blos phyſiſch wirkt *); was allzufehr an die abergläubifchen Sagen von der Heilfraft der abgelegten Kleidungsftüde, Schweißtü- cher u. f. we der Heiligen und Wundermänner erinnere, — *#) Strauß, de Wette. *#) Man hat fogar einen Borzug der Darftelfung des erften Ey. dar- in finden wollen, daß nach ihr dies nicht nothiwendig angenommen zu werben braucht. Aber ein unbefangener Lefer wird, auch ohne Rückſicht auf die beiden andern, in den Worten, mit denen bort Je— fus 3.22. von dem Glauben der Kranfen, der, wie wir aus. V. 21 erfahren, ausdrücklich auf jene auch unwillkürlich wirkende Heil— fraft ging, fagt: „er habe fie gerettet,“ fehwerlich etwas anderes, als die Beftätigung folcher unwillkürlich gefchehenen Heilung er- blicken. r | Ö | 502 Biertes Bud. Wir fommen hier in den Fall, die Treue des evangelifchen Berichts gegen jene Buchftabengläubigen felbft vertreten zu muͤſ⸗ fen, wie wir früher einigemal in dem Falle waren, den Zwei— fel noch über die Grenze, bei welcher derfelbe bisher ftehen ge: blieben war, hinaustreiben zu müffen. Freilich aber, wie wir dieſes leßtere im eigenen wohlverftandenen Intereſſe des poſi⸗ tiven Glaubens thaten: ſo thun wir jenes hier im Intereſſe des im wahrhaften Wortſinne natürlichen, oder philoſophiſchen Wunderbegrifjs. Wir haben nämlich im vorigen Buche ge: zeigt *), wie diefer Begriff allerdings eine folche Aeußerlichkeit des phyſiſchen Dafeins für jih in Anfpruch nimmt, wodurd) auch ein unfreiwilliges Wirken gar wohl denkbar wird. Sol— che Aeußerlichfeit der rein koͤrperlichen, wiewohl an den Geift gebundenen und durch den Geift vermittelten Eriftenz tritt für die vernünftige Anficht des Wunderd an die Stelle jener an— geblich übervernünftigen Unbegreiflichkeit der Wunderkraft, wel: che der buchftabengläubige Dogmatismus, mag er noch fo fehr die einzelne Ausübung derfelben in das Gebiet des Willens und der freien Ueberlegung fegen, dafür um fo mehr von der Subftanz jener Kraft prädiciren muß. Uebrigens follte bei der Kritik diefes Vorfalls der Zug nicht überfehen werden, Daß Jeſus felbft fi) auf die Empfindung einer Kraft beruft, die von ihm ausgegangen feiz ein Zug, der, während er auf der einen Seite eine entfchiedene Analogie zu beglaubigten Erfah: rungen aus dem Gebiete des thierifchen Magnetismus darbie— tet, fo nach der andern durchaus Feinem Zufammenhange fol: cher Art ſich anfchließt, der zu feiner. willfürlihen Erfindung hätte Anlaß geben koͤnnen. Was nun aber die Erzählung des wichtigere Borfalls ans langt, in den jener Eleinere bei allen drei Synoptifern hinein- verflochten ift: fo kommt es hauptfächlich auf die Frage an, ob derfelbe für eine wirkliche Todtenerweckung zu nehmen fei oder nicht. Einer zahlreichen Reihe von Auslegern gegenüber, und zwar wiederum nicht blos rationaliſtiſchen, ſondern ſelbſt recht⸗ glaͤubigen, die hier in dem eigenen Ausſpruche Jeſu **) eine un: *) ©, 336 ff ©. 364. "r) V. 39. — Evangeliſche Erzählungen und Reden nah Marcus. 503 abweisliche Autorität dafür finden, daß das Kind nicht wirt: lich geftorben fei, hat hier neuerdings wieder die Kritit darauf gedrungen, daß die Abficht der Evangeliften unverkennbar dar: auf gehe, dad Wunder der Erwedung einer wirklich Todten zu berichten, und daß mithin, vein eregetifch betrachtet, der Vor: fall für nichts anderes, als für folche Erweckung gelten Fonne: - Dies nun ift, die Stage, wie gefagt, rein exegetifch behandelt, allerdings zuzugeftehen. Nicht nur. beim erften Gvangeliften, wo der Bater gleich von vorn herein Jeſum mit der Bitte angeht, die nach feiner Ausfage bereits Verfchiedene zu erweden, und bei Lukas, wo der Ausdrud, der gleich anfangs von dem Kinde gebraucht wird, wenigftend zweideutig ift *), fondern al: Verdings auch bei Marcus läßt es fih, da hier der Botichaft, welche der Water während des Vorfalls mit der Blutflüfjigen vom Tode feiner Tochter erhält, Feine Bemerkung des Evans geliften beigefügt wird, nicht wohl anders annehmen, als daß auch des Evangeliften Meinung diefe fei, e8 habe fich mit dem Snhalte diefer Botfchaft richtig verhalten Allein durch Dies ſes Zugeſtaͤndniß wird über den wirklichen Thatbeſtand Des Vorfalls noch Feineswegs fo viel, wie jene Kritiker nach einer oder der andern Seite hin annehmen wollen, entſchieden. Der Hergang kann faft genau fo, wie Marens ihn erzählt, geſche— hen und das Kind doch nicht wirklich todt, ja nicht einmal fcheintodt gewefen fein. Im leßteren Falle, der und, gerade herausgefagt, der wahrfcheinlichere ift, wäre anzunehmen, daß— der Inhalt jener Botfchaft auf Rechnung der Darftellung, wie fo manche der Fleineren Detailzüge auch bei unferm Evangeli: fien, zu Schreiben fei. Das Wehklagen der Hausgenofien, welches die Eintretenden empfängt, Fanın eben fowohl der von ihnen vorausgefeßten Naͤhe des Todes, als dem wirklich ſchon erfolgten Tode gegolten haben. Daß ſich unter der Umgebung auch Mufikanten befunden hätten **), um nach jüdifcher Sitte dad Begräbniß der Verftorbenen feiern zu helfen, ift wiederum ein Zuſatz des erften Evangeliums, von welchem die beiden an- &) aber antdvnonev. V. 42. Auch V. 53 und 55 hat Lukas noch ein paar die Wirklichkeit des Todes beftätigende Zufäße. ”) Matth. 9, 23. 504 Viertes Bud. rR dern nichts wiſſen. Für das Nichtvorhandenfein eines Scheine todes fpricht übrigens der Umftand, daß von dem Anblid des Kindes, als fie zu ihm eintreten, Feine nähere Bezeichnung ge= geben wird”); auch würde die Anmuthung Todte zu erweden, troß der Vorficht, die Sefus hier gebraucht, Daß der Vorfall nicht allzufehr veröffentlicht werde, gewiß nachher öfter an ihn gerichtet worden fein, wenn er einmal auch nur feheinbar eine folhe Handlung verrichtet hätte, Die Bemerkung übrigens, daß Jeſus nur die drei vertrauteren Jünger in das Haus des Sairus mit fich genommen, kuͤndigt diefe Begebenheit als eine ‘durch das Zeugniß diefer drei beglaubigte an, und ift hier, wie überall, wo fie bei Marcus vorkommt, Feineswegs geringſchaͤ⸗ tzig zu behandeln *). 21. Jeſus kommt in Begleitung ſeiner Juͤnger in ſeine Vaterſtadt Nazareth 5 er lehrt am Sabbath in der Synagoge. Da entfteht ein Murmeln unter den Zuhörern: „Woher hat Der diefe Dinge? Was wäre das für eine Weisheit, die ihm ge— geben wäre? Und was für Wunder das, die durch feine Hande gefchehen follten? Iſt er nicht der’ Zimmermann, der Sohn Maria’s, der Bruder Jacobs und Zofe’s und Simons und Suda’5? Und find nicht feine Schweftern bier bei uns? Kurz, fie wollten nichts von ihm wifjen. Da fprach Sefus: „Kein Prophet bleibt ungeehrt, als nur in feiner VBaterftadt, unter feinen Verwandten und in feinem Haufe’ *). — Wenn es irgend ein auffallendes Beifpiel für die Macht eingewurzelter dogmatifcher Vorurtheile giebt, fo ift es diefes, wie man die vorliegende charakteriftifche Anekdote Sahrhunderte lang hat le— fen, auswendig lernen, auf alle denkbare Weife in Nuß und Anwendung bringen konnen, ohne darauf zu fommen, in welchem auffallenden Widerfpruche fie mit der Vorausfegung über die außerorbentlichen Ereigniffe vor und nad) der Geburt des Hei: *) Marc, V. 40 f. **) Wie Strauß thut, der ohne allen Grund in dem Wegſchicken der übrigen Jünger einen Anlaß zur Derbächtigung des Borfalls fin- det (©. 136). ***) Cap, 6,1 ff. Parall. Matth. 13, 54 ff. (Luk. 4, 16 ff. ob. 4, Ah). — Br r Evangelifche Erzählungen und Reden nah Marcus. 505 landes fteht. Uns kommt dieſelbe wie beftellt zur BVeftätigung alles defjen, was wir, die geiftige Große und Herrlichkeit des Herrn nicht herabfeßend, fondern, meinen wir, erhöhend, im vorigen Buche über die Unfcheinbarfeit der Anfänge, aus denen er fi) emporhob, bemerkten. — Daraus übrigens, daß Iefus fih hier einen Propheten nennt, ift nicht etwa zu. fchliegen, daß er fich zu jener Zeit für nicht mehr, als eben nur für ei- nen Propheten genalten habe. Das Schidfal, was ihn in feiner Vaterſtadt traf, ift nämlich nicht ein ihm ald dem Meffiad rigenthümliches, fondern ein mit allen Propheten d.h. außerordentlichen Geiftern ihm gemeinfames. Darum bedient er fich) der mit jenen ihm gemeinfamen Bezeichnung. 22. Jeſus begiebt fih mit feinen Süngern zu Schiffe an einen einfamen Ort, um dem Volksgedraͤnge zu entgehen, das ihn umlagert; aber vergebens, man bemerkt es, und bald ftrö- men aus allen benachbarten Städten Maffen Volks zu Fuße ihm nah. Er tritt heraus und erblickt die gedrängte Menge; da ergreift ihn ein wehmüthiges Gefühl, denn fie waren wie Schafe, die feinen Hirten haben; er beginnt mancherlei Ich: vend zu ihnen zu fprechen. Da es fpät wird, treten die Juͤn— ger zu ihm und machen ihn aufmerffam darauf, wie der Ort einfam und die Zeit vorgeruͤckt iftz er möge das Volk entlaf- fen, damit fie in die Felder und DOrtfchaften umher fich zer fireuend ſich Nahrung fchaffen;z denn fie hätten nichts zu efjen. Er aber antwortet ihnen: fie felbft follten ihnen zu effen ges ben. Da fragen fie ihn: ob fie gehen und für zweihundert Denare Brot Faufen und es dem Bolfe geben follen. Er fragt: „Wie viel Brote habt ihr? Geht und feht nach!‘ Sie unterfuchten es, und antworteten: „Fuͤnf, und zwei Fiſche.“ Da hieß er alle in einzelnen Abtheilungen fich auf dem grünen Graſe niederlaffen. Sie festen fich auf Beete, auf jedes Beet zu hunderten und zu funfzigen. Er aber nahm die fünf Brote, bliefte mit einem Danfgebet gen Himmel, brach die Brote aus: einander und gab fie feinen Süngern, um fie dem Volfe dar: zureichen; eben fo auch vertheilte er die Fifche unter daffelbe. Und fie aßen Alle und wurden gefättigtz; ja man hob von den übrig gebliebenen Broden zwölf volle Körbe auf, und von 306 Viertes Bud. | ER den Fiſchen. Es waren aber der Speifenden - fünftaufend Mann). | Che wir es unternehmen, dem Urfprunge diefer höchft ſelt— famen und abenteuerlichen Erzählung (die, wie der neuefte vechtgläubige Bearbeiter des Lebens Jeſu mit Recht bemerkt, der übrigens fo fehnell über diefelbe hinwegeilt und der natu= taliftifchen Ausdeutung Dderfelben fo matt entgegnet, daß wir über die Schwäche feines eigenen Glaubens an diefelbe kaum im Zweifel. bleiben Fonnen**), der Gipfel ift aller Wunderthaten, die und von dem Herrn berichtet werden, zugleich aber, wie wir bald fehen werden, in gewiffem Sinne der Typus, nad) welchem wir alle ähnliche, eigentliche Mirafelgefchichten zu be— urtheilen haben) auf den Grund zu fommen, müffen wir ei« tige Bemerkungen über das Verhaͤltniß der evangelifchen Be— richte unter einander uud zu einer zweiten Erzählung fehr aͤhn lichen Inhalts voranſchicken. Unter den drei Synoptifern wird man Faum eine andere irgend erhebliche Differenz finden, als nur folhe, die in einer Abglättung des auch hier fehr harten und auffallend hebraifirenden Ausdruds des Marcus befte- hen**). Lukas nennt als den Schauplaß der Begebenheit die Stadt (foll wohl heißen das Gebiet_der Stadt) Bethfaida, mit unverfennbarem Hinblid auf die bei Marcus+) nadfol- gende Erwähnung diefer Stadt; fei es nun, daß er die Hin— und Herfahrt auf dem See überfehen hatte, oder daß er Die felbe, fammt dem Wunder, welches ſich auf der Nüdfahrt er- eignete, welches bei ihm, wie freilich auch noch manches Nach— folgende, wegbleibt +p), nicht für wirklich gefchehen, fondern *) V. 31 ff. Parall. Matth. 14, 13 ff. Luk 9, 10 ff. (Joh. 6, 1 ff.) **) Neander L. J. ©. 368 f. 373 ff, rx*x) Sp z. B. wird das ovuröoıa ovundon, moasıal) mean Marc. V. 39 f. von den beiden andern weggelaffen, während doch jeder von beiden eine Spur jener Säbe des Marcus ftehen Täßt, der eine (Math. V. 19) das Em rovs yogrovs, der andere (Luk, B,14) das ava mevrneovra, Welcher Widerfinn, hier umgekehrt anneh— men zu wollen, Marcus habe diefe Züge aus, den beiden andern zufammengefucht, und dann jene ſchroff hebraifivenden Ausbrüde aus eigner Willkür hinzugefügt! +) Marc. V. 45. ++) Bergl; oben Buy I, S. 88 f. PERS * Evangeliſche Erzählungen und Reden nad) Marcus, 507 | die Erzählung von ihr für beruhend auf einem Irrthum hielt. Die Andeutung des Marcus über das Gefühl des Mitleids, welches die verfammelte Volksmenge in Jeſu hervorrief, haben beide Andern, jedoch, wie die Worte, deren fie fich dafür be— dienen, hinlänglich beurfunden, von einander unabhangig, auf Heilungen, die Iefus damals verrichtet habe, beziehen zu müf- fen gemeint; der VBerfaffer des erften Evangeliums hat jedoch, im Gefühl der Bedeutfamkeit der Worte, die Marcus hier braucht, diefelben an einer andern Stelle eingefchaltet, und Worte Iefu, die er aus einer andern Quelle dort beibringt, paflend genug dadurch eingeleitet*). — Naͤchſt dem VBerhält- niffe der Synoptifer unter fi kommt aber hier auch das Ver: haͤltniß zum vierten Gvangelium in Betracht, welches, in fel- tener Uebereinftimmung mit jenen, diefe Erzählung gleichfalls giebt. Bon einer wörtlihen Entlehnung kann hierbei nicht die Rede fein; wohl aber zeigt die Einkleidung, in welcher dieſes Evangelium die Erzählung giebt, fich ald durchaus der eigenthüms lichen Manier diefes Evangeliſten angehörend, Feineswegs etwa urfprünglicher, als die fynoptifche, mit dem Inhalt felbit ver: ſchmolzen. Die Scene wird auc dort auf das jenfeitige Ufer des Sees, und zwar auf einen Berg verlegt, das Zuſammen— firomen der Volksmenge aber, nach der Gewohnheit diefes Evangeliften, welcher der bloßen Rede Sefu nicht fo viel Kraft der Wirfung auf das Volk zutraut, doppelt motivirt, durch MWunderthaten, die man ihn zuvor an Kranken verrichten gefe- hen habe, und durch die Nähe eines jüdifchen Paſcha. Die Frage, womit man das Volk fpeifen koͤnne, wirft dort Jeſus felbft auf, und zwar (fo fagt der Evangelift ausdrücklich, und feßt nicht etwa anderweite, vorher gefprochene Neden ftill- ſchweigend dabei voraus) fogleih beim erften Erbliden der Bolksmenge. Er richtet fie am einen beftimmten Jünger, an „einen derer, welche diefer Evangelift befonders gern einzufüh- ten liebt, den Philippus, und zwar, wie der Berichterftatter *) Matth. 9, 36. Als Denkmal, daß diefe Worte in unferer Erzäh- lung bei Matthäus ausgefallen, nicht umgefehrt bei Marcus hin- zugefommen find, ſteht Matth. 14, 14 no: gomlayyiodn En’ avrois (richtige Lesart ftatt der gewöhnlichen dr’ avrovs). 508 Biertes Bud. in Parenthefe beizufügen nicht unterläßt, in der Abficht, den— jelben auf die Probe zu fellen, ob er Vertrauen genug zu der Wunderfraft feines Meifterd haben werde, um das Einkaufen von Broten überflüffig zu finden (!!). Darauf antwortet Phiz lippus mit derfelben, nur in einer andern Wendung angebrach- ten Zahlangabe, die wir auch bei Marcus finden, — allerdings ein Zeichen, in wie großem Detail diefe Erzählung nach meh: teren Seiten hin muß überliefert worden fein*) —: für zweihun- dert Denare Brot würden nicht hinreichen, daß jeder aus dem Volk nur ein Geringes erhalten koͤnne. Gin anderer, gleich falls namentlich angeführter Sünger, Andreas, verweift auf eis nen Knaben, der die aus den Synoptifern bekannte, geringe Zahl von Broten und Fifchen bei fich habe; aber was koͤnne dies helfen? In dem Bericht von der Speifung felbft wird das Wunderbare noch durch den Zufat erhöht, daß jeder jo viel an Brot und Fiſch erhalten habe, als er gewollt, und nachher iſt es Jeſus felbjt, der, nicht ohne Dftentation auf das verrichtete Mirafel hinweifend, den Juͤngern die Ueber— bleibfel zu fammeln gebietet. Endlich fcheint diefer Evangelift fi) eine Frage vorgelegt zu haben, deren Beantwortung bei den Synoptifern fo befremdlicher Weife vermißt wird, (eben fo, wie nicht minder auch, was namentlich bei der fonft fo malerifchen Darftellungsweife de3 Marcus doppelt und drei— fach auffallt, die Befchreibung von dem Benehmen des Vol: kes vor und während der Brotvertheilung), — die Frage nach dem Gindrud, den das glüdlich vollbrachte Wunder auf das Volk gemaht habe. ES ift allerdings folgereht, daß nach einem fo auffallenden Beweife feiner übermenfchlihen Macht das Volk in ihm wirklich den Meffias erkennt und ihn fogleid) zu feinem Konige ausrufen will; wenn nur dieſe Thatſache fonft fich mit einiger Wahrfcheinlichkeit in den Gang der evan- gelifchen Gefchichte einfügen wollte, und nicht vielmehr durch ‚den Evangeliften felbft, durch das, was er alöbald Darauf \ folgen läßt, widerlegt würde! — *) Yehnlich auch die Erwähnung des Graſes, von welchem dieſer Evangelift (wie Cap. 3, 25 bei der Johannestaufe vom Waſſer) zu erwähnen nicht vergißt, daß (V. 10) viel dort zu Lande wuchs. Goangelifche Erzählungen und Neden nach) Marcus. 509 Das Urtheil über die vorliegende Erzählung kann ferner noch nicht feftgeftellt werden, ohne daß wir eine andere, ihrem Snhalte nach fehr ähnliche Erzählung ſogleich mit hinzu neh- men, die bei Marcus, und eben fo im: erften Evangelium, wel« ches gerade in diefen Partien Schritt für Schritt mit dem des Marcus parallel geht, nach Dazwifchenfchiebung einiger andern Anefooten auf die gegenwärtige nachfolgt. Diefe beginnt, nach Vorausſchickung nur einer ganz allgemeinen, aber dennoch die Rede genügender, als dort in der eben erwähnten Stelle des vierten Evangeliums, motivirenden Notiz, welche im erften Evangelium zu einer umftändlichen Aufzählung der verſchiede— nen Arten von Krankheiten erweitert wird, die Sefus unter dem "um ihn herum verfammelten Bolfe geheilt haben fol, fogleich mit den Worten Jeſu an die Jünger: „Ich beflage das Volk; fhon drei Tage verweilen fie bei mir, und haben nichts zu eſſen. Laſſe ich fie ungegefien nach Haufe gehen, fo werden fie unterwegs umfallen, denn Ginige von ihnen Fommen weit her !’’ Darauf follen die Jünger geantwortet haben: ,, Wie ſoll man diefe fo in der Ginfamfeit fättigen koͤnnen?“ Gr fragt, wie viel Brote fie habenz fie antworten: Sieben. Das rauf heißt er das Volk fih auf die Erde niederlaffen, nimmt die Brote, fpricht ein Danfgebet und bricht fie, und giebt fie feinen Süngern, fie zu vertheilen. Die Jünger vertheilen fie unter das Volk, eben fo einige Fifchlein, die fie bei fich hats ten. Man ißt und fättigt fich, und fieben Körbe (onveldes— bei der erften Erzählung hieß es: zopıwor) vol Broden blei— ben übrig; der Speifenden aber waren viertaufend *). Es ift für den Standpunct, auf welchem die Evangelien- fritit im Ganzen, d. h. unter der Mehrzahl der Theologen gegenwärtig fteht, charafteriftifch, wenn man fih in Bezug auf beide vorftehende Erzählungen faft allgemein bei dem Ergeb— niffe beruhigt, welches man durch diefe Kritif gewonnen zu haben meint, nämlich beide Erzählungen auf eine einzige redu- eiren zu koͤnnen; wobei man übrigens die Befchaffenheit und den hiftorifchen Grund der Erzählung felbft fürerft dahingeſtellt läßt. Jenes Ergebniß verdanft man, wie leicht zu erachten, *) Marc. 8, 1Lff. Parall. Matth. 15, 29 ff. — 510 Viertes Buch. der Traditionshypotheſe. Da der dritte und vierte Evangeliſt, welche man, beſonders den letztern, fuͤr die der Geſchichte am naͤchſten ſtehenden zu halten ſich entſchieden hat, nur von Einer Speiſung wiſſen; ſo ſcheint nichts naͤher zu liegen, als daß das Misverſtaͤndniß von einer zweiten durch Abweichungen der tra— ditionellen Relationen von. jener Einen entftanden und in die Darftellung jener beiden Evangeliften, welche, der eine aus Zu— fammenftellung einer Mehrheit fagenhafter Berichte, der andere aus diefer Compofition des erften fchöpfte, übergegangen fei. — Mit unferer Theorie von der Entftehung der fynoptifchen Evans gelien ift diefe Annahme fo bequem nicht zu vereinigen. Da indeffen diefe Theorie fih eben noch erſt in der Betrachtung des Einzelnen zu bewähren hat: ſo dürfen wir diefelbe auch hier nicht ohne Weiteres als eine entfcheidende Inſtanz gegen jene Annahme geltend machen, fondern müffen zufehen, ob nicht etwa gerade dad uns hier vorliegende Problem einer wahrfcheinlihen Erklärung des Urfprungs jener zwei Erzaͤh— lungen ihr ein unüberfteigliche8 Hinderniß Darbietet, Die Furcht, daß dem allerdings fo fein Fonne, fcheint um fo näher zu liegen, je mehr wir uns eingeftehen müffen, auch abgefehen von jener fonderbaren Verdoppelung, hier ein Factum wor uns zu haben, welches in einen fo wahrhaft gefchichtlichen Zufam- menhang, wie nach unferer Borausfesung Marcus, der Schüs Ver und Dolmetfcher des Petrus folchen gegeben haben müßte, nicht allzuwohl hineinpaffen würde. — Um hierüber ind Klare kommen zu Fünnen, müffen wir uns vor allen Dingen die Do- cumente, die zur Entfcheidung diefer Frage in unferm Evange: lium felbft enthalten find, vollftandig vorlegen. Wir verbins den daher mit jenen beiden Erzählungen fogleich noch ein Ge— ſpraͤch, welches unfer Evangelift und Hand in Hand mit ihm der Verfaffer des erften Evangeliums faft unmittelbar auf Die zweite folgen läßt*). „Seht zu, hütet euch vor dem Sauerteig der Pharifaer und vor dem Sauerteig des Herodes!“ — Spricht Jeſus auf einer Reife zu Schiff zu feinen Juͤngern. Diefe willen bie Warnung nicht zu deuten; fie Fommen auf den Gedanken, Ses *) Marc. 8, 14 ff. Parall. Matth. 16, 5 ff. A IR, e * — * Evangeliſche Erzählungen und Reden nach Marcus. 511 fus wolle fie tadeln, daß fie feinen Mundvorrath auf die Reife mitgenommen haben, er wolle fie vor Vergiftung warnen. Dies bemerkt Sefus und fpricht: „Noch immer merkt ihr nichts und verfteht nichts? Noch immer find eure Sinne verfihlof- fen? Augen habt ihr, und feht nichtz Ohren habt ihr, und hört nicht! Und Gedaͤchtniß habt ihr auch nicht!. WS ich die fünf Brote brach für die Fünftaufend: wie viel Körbe (zöpwoı) voll Broden hobt ihr da auf?‘ Cie antworteten: Zwölf. „Und ald ich die fieben für die Viertaufend brach: wie viel Körbe (omveideg) wurden von den leberbleibfeln voll 2’ Sie ſprachen: Sieben. Und Sefus: „Verſteht ihr nun noch nicht Dieſes Gefpräch giebt, meinen wir, jedem, deffen Augen nicht eben fo blode oder deffen Sinn nicht eben fo verftocdt ift, ‚wie damald der Sinn und die Augen der Jünger, den Schlüf- fel zum einzig richtigen Verftändniß der zwei Erzählungen, auf die fich dafjelbe zurücbezieht. Noch näher wird dieſes Ver— ftandniß gelegt, wenn man fich zugleich des wiederholt auch in unferm Evangelium vorfommenden Tadels der Jünger wer gen Nichtverftehens der von Jefus zu ihnen oder zu der Menge gefprochenen Gleichnißreden erinnert*). — Man bevenfe Fol- gendes. Jeſus hatte in einer bildlichen Rede die Jünger vor dem Sauerteige der Pharifaer gewarnt. Was er unter dies ſem Sauerteige verftanden haben mag, darauf fommt ed in diefem Zufammenhange nicht an. Der Berfaffer des erften Evangeliums verfteht darunter die pharifäifche Kehre, und nennt zu diefem Behufe in dem Beiſatze ftatt des Herodes (den viel- leicht Marcus aus Irrthum genannt haben mag, weil er fonft Pharifaer und Herodianer zufammenzupaaren gewohnt war”) ) die Sadducaͤer; Lukas erklärt in einer Stelle, von der es zwei- felhaft bleibt, ob fie auf die gegenwärtige des Marcus fich zus ruͤckbezieht, oder ob fie nur auf unbeftimmter Erinnerung die fes Ausdrucks beruht, pharifäifchen ‚‚Sauerteig‘’ durch „Heuche— lei’ (ümoxgıoıs).”*) Genug, daß jener Ausdrud nicht anders, *) Cap. 4, 13. Cap. 7, 18. *#) Marc. 3, 6. 12, 13, we) Lu, 12, 1. af TR? —— Be, 512 Biertes Bud). als bilplich gemeint, und daß der heftige Tadel der Sünger, ‚welcher darauf folgt, Tchlechterdings auf nichtö anderes, als darauf gerichtet fein Fann, daß fie die bildliche Nede nicht im bitdlichen, fondern im eigentlihen Sinne verftehen wollen. Knüpft fih nun an dieſen Tadel die Erinnerung an einen frühern Vorfall: was liegt dann näher, als zu vermuthen, daß diefer Vorfall nichts anderes enthalten wird, ald in irgend ei- ner Weife eine Belehrung der Sünger über die bildliche Be— deutung folcher Neden, wie die im gegenwärtigen Falle von ihnen miöverftandene? Wie man aber bisher diefe Erinnerung allgemein verftanden hat, fo würde ſich diefelbe nicht auf das Misverftändnig der eben gefprochenen Nede als folches, fon- dern auf die Meinung der Jünger, daß auch in Gegenwart des Herrn die Sorge für leiblihe Nahrung nicht überflüffig fet, überhaupt beziehen, — Wir, wollen hier nicht von dem Widerſinne fprechen, der darin liegt, Iefu eine folhe Mahnung zuzutrauen, welche offenbar die Anmuthung in fich fchlöffe, von ihm zu glauben, daß er fich in jedem Fall, wo es an Nahrung gebrechen Fonnte, feiner Wunderkraft bedienen werde, um folche herbeizufchaffen. Wiewohl gegen diefen Sinn fich felbft der entfchiedenfte dogmatiſche Wunderglaube fträuben follte, da ja auch diefer zugiebt, daß Ehriftus fich der Sparfamfeit im VBerrichten der Wunder befliß, und da es jedenfalls auch ihm für einen Srevel gilt, Gott oder Chriftum, durch folches ſich Verlaffen. auf feine Wunderkraft, verfuchen zu wollen! Wir halten uns nur an die logifche und grammatifche Stellung der Worte je- - ned Tadels; wir behaupten, daß die Schlußfolge, Die Sefus aus feinen Worten gezogen wiffen will, nur dann eine richtige, nur dann wenigftend eine aus den Prämiffen unmittelbar und auf geradem Wege fich ergebende ift, wenn man das bildliche Berftändniß, welches Jeſus im Schluffe verlangt, auch fehon in den Praͤmiſſen enthalten findet, Dies fallt noch mehr auf, wenn man die Rede zugleich mit dem Zuſatze lieft, den der erfte Gvangelift zu ihr giebt; von welchem Zufage wir zwar nicht behaupten wollen, daß er aus einer authentifchen Quelle gefchöpft fei, welcher aber doch zeigt, wie derjenige Sinn ber Worte Jeſu, den wir für den richtigen halten, fi unwillkuͤr⸗ lich fogar einem folchen Lefer darbietet, der, wie unfere Evan- Evangelifche Erzählungen und Neben nah Marcus. 513 geliften unftreitig, für den entgegengefeßten eingenommen war. Wir finden naͤmlich dort die Schlußworte: „Verſteht ihe num noch nicht‘, durch Anfchliegung der folgenden ausgeführt: ,,daß ich nicht von Brote fprach, wenn ich euch heiße, "euch ‚vor dem Sauerteige dev Pharifaer zu hüten. Diefes „nicht von Brote fpreche” (od regt dorov einov) bezeichnet: fo prägnant einen aus dem Vorangehenden unmittelbar (vermöge der zu— geftandenen Bildlichkeit diefes Vorangehenden) auf die Bild- lichfeit. auch des „Sauerteiges““ zu ziehenden Schluß ‚nicht, wie er im entgegengefesten Falle es wäre, einen mit Ueber: ſpringung mehrerer Mittelglieder apagogifch gezogenen Schluß, daß wir im eigentlichiten Wortverftande fagen koͤnnen, es ift die Sache felbft, welche wider den eigenen Willen und Abficht des Referenten ihren natürlichen Sinn fund giebt. Diefelbe Dar: legung der Sache, nicht der fubjectiven Meinung des’ Neferen- ten, welche: vielmehr auf das Entgegengefegte geht, finden wir - auch. in der vom Evangeliften hinzugefügten Bemerkung wieder: da haben die Jünger es eingefehen, daß er nicht vom Sauer: teig des Brotes, jondern von pharifäifcher und fadducäifcher Lehre ſprach. Iſt diefe Erklärung richtig, fo erhellt für die: beiden Er: zählungen, auf welche fich das Gefpräch zuruͤckbezieht, unwi— derfprechlich, daß diefelben zu ihrem wahren Inhalte nicht wirf- lich vorgefallene Begebenheiten, fondern nur von Jeſus gefpro- chene Gleichnißreden haben konnen. Das Beftreben einer Ne: duction derfelben auf einen einzelnen Vorfall verfcheint dann als ‘eben fo überflüffig, wie das Beſtreben einer naturaliftifchen Ausdeutung, und ald nicht viel serfprießlicher, als beide, die Zur ruͤckfuͤhrung auf einen angeblichen Mythus. Alle Arbeit des Hiftoriferd wird vielmehr zunaͤchſt nur noch darauf gerichtet fein, zu erklären, wie das auffallende Misverftändniß jener parabo— liſchen Reden bei einem Berichterftatter hat entftehen Fonnen, der den Begebenheiten fo nahe fteht, wie unfer Marcus, der auch hier das Gefpräh, aus welchem es uns den Auffchluß über jene zu entnehmen gelungen ift, getreu überliefert hat. Es findet jedoch diefe Arbeit noch‘ manche Berührungspuncte, mehr als mit den übrigen, allerdings mit der „mythiſchen An- ſicht““; denn es ift nicht zu verfennen, wie folche Umfegung der 33 514 Bierted Bud. Parabel in ein als geſchichtliches Factum dargeftelltes Wunder: ereigniß allerdings eine gewiffe Analogie mit dem Entftehungs: proceffe seines Mythus darbietet, obgleich das, was daraus reful- tirt, darum noch nicht als Mythus im eigentlichen und ftrengen Wortfinne zu bezeichnen ift. — Den Schlüffel zu einer gründli: chen -Einficht in den Hergang jener Umfesung glaube ich, in Bezug auf die vorliegenden, und auch noch auf einige andere Erzählungen ähnlichen Snhalt3, auf die wir fpäter kommen werden, in einer apoftolifchen Briefftelle gefunden zu haben. Paulus, im erften Korintherbriefe *) fpricht von den geiftigen Segnungen, welche bereits die Väter zu Mofes Zeit erhalten hatten; er fpricht von ihnen in den Bildern, welche die mythi: fche Gefhichte des Alten ‚Zeftamentes darbot. Er erwähnt, ‚wie fie alle unter der Wolfe waren und dur) das Meer gingen, und wie dies beides, die Wolfe und das Meer, ftatt einer Laufe auf Mofes für fie war.’ Er gedenkt weiter eis ner ‚‚geiftigen Speiſe“ (Boaua sevevuerızov) und eines „gei⸗ ftigen Tranfes, den fie alle genoffen, und fügt von dieſem Tranke hinzu, „er fei aus einem geiftigen Felfen gequollen, ‚der fie auf ihrer Wanderung begleitet habe, diefer Feld aber fei Chriſtus geweſen⸗“. Wir koͤnnen nicht naͤher unterſuchen, ob Paulus dies alles im Sinne eines nur geiſtigen Verſtaͤndniſſes jener altteſtamentlichen Erzaͤhlungen, alſo mit der richtigen Ein— ſicht in ihre mythiſche Natur, oder ob er es, was freilich wahr: ſcheinlicher iſt, zwar mit dem Glauben an die factiſche Wahr: heit aller jener wunderbaren Thatſachen, aber, auf aͤhnliche Weiſe, wie er ſelbſt an andern Stellen ſeiner Briefe, und wie ſo manche ſeiner juͤdiſchen und chriſtlichen Zeitgenoſſen und Nachfolger, jene vermeintlichen Facta zugleich allegoriſch aus— deutend jagt. Genug, daß der Sinn, in welchem er jene fa: genhaften Bilder hier anführt, unverkennbar und ohne alle MWiderrede, wie fchon die Worte bezeugen, deren er ſich ſelbſt bedient, nicht ein materieller, fondern ein: geiftiger ft. Eben fo geiftig ift dann auch die Anwendung, die er von diefem al- lem macht. Er weift nämlich auf dem uͤblen Gebrauch hin, den die Israeliten damals von jenen geiftigen Segnungen ge 2)1 Kor. Ao, ff. Evangelifche Erzählungen und Reden nach Marcus. 515 macht hatten, und warnt feine Claubensbruͤder vor einem ähnlich üblen Gebrauche der entfprechenden Segnungen, die ihnen in Chriſtus zu Theil geworden waren, Diefe leßtern Segnungen bezeichnet er noch ausdrudlich * mit dem jenen Bildern entfpre- chenden Bilde des Kelches und des Brotes, deren Gemeinschaft ihnen die Gemeinfchaft des Leibes und Blutes Chrifti darftelle. — Wem drängt ſich in diefen Reden nicht die Analogie mit den oben von uns angeführten apoftolifchen Neden *) auf, in welchen von der geiftigen Erzeugung Chriſti, und nicht blos Chrifti, fondern aller Gläubigen die Nede ift, aus denen, wie wir Dort zeigten, der Mythus von der Zeugung durch den hei⸗ ligen Geiſt entſtanden iſt? Die Analogie waͤre allerdings noch vollſtaͤndiger, wenn Paulus hier in demſelben geiſtigen Sinne, in welchem er von dem Brote fpricht, welches die Vaͤ— ter duch Mofes erhielten, unmittelbar von einem durch Chris ſtus ausgetheilten Brote fprache. Aber auch fo, wie die Stelle vorliegt, halten wir diefelbe, insbefondere wenn wir fie mit den ausführlichen, weiter unten von und näher zu erorternden Res den des Sohannesevangeliums über das von Chriftus den Menfchen dargereichte Himmelsbrot zufammenftellen, in denen ja gleichfalls des mofaifchen Manna gedacht wird *), für hin— reichend, um -anfchaulich zu machen, wie durch einen ganz ent- fprechenden Hergang, als jener war, den wir in der Entftehung des Mythus won der jungfräulichen Empfaͤngniß der Maria beobachten konnten, auch die vorliegenden Erzählungen in die Keihe der gefchichtlichen Begebenheiten aus dem Leben des Er- löfers aufgenommen find. Das Bild eines geifligen Brotes, das Jeſus ausgetheilt habe, gehörte gang eben fo zu den „Ty— gen’ (fo nennt Paulus an jener Stelle feinerfeits-die alttefta- mentlihen Bilder) der apoftolifchen Verkündigung, ı wie das Bild der Erzeugung, der Wiedergeburt von oben. oder aus dem heiligen Geiftez es gehörte um fo mehr dazu, je mehr es in dem heiligen Gebrauche des Gedaͤchtnißmahles auch einen aͤu⸗ *) B. 16 f. =*) Buch II, ©. 174 f. #er) Joh. 6, 31 f. 33* ’ 516 Viertes Bud. Berlichen Anfnüpfungspunct gefunden hatte. Wie dort, dur das Hinzufommen anderweiter Aeußerungen der fagenbildenden Thätigkeit ein eigentliher Mythus, fo entftand hier aus die— fem Typus durch die hinzufommende Erinnerung und Wieder: erzahlung einer von Ehriftus felbft erzählten Parabel die fagen- hafte Gefchichte von einer oder zwei wirklich durch Sefus er folgten wunderbaren Speifungen einer großen Volksmenge. In— mitten der wirklichen, beglaubigten Geſchichte fteht diefe Sage genau eben fo. fremd und unverbunden durch jeden denkbaren Gaufalzufammenhang wie der Kindheitsmythus. Es wird nicht der leiſeſte Verſuch gemacht, die Art und Weife des Herbeifchaffens der wunderbaren Speife durch nähere Befchrei- bung im Einzelnen Elar zu machen, (ein Verſuch, der freilich, auch. bei der größten angewandten Kunſt der Darftelung fhwerlicy anders als abenteuerlich bis zum Abgefchmadten hätte ausfallen koͤnnen) und eben fo auc geht die Volksmenge, welche der Evangelift zum Behufe des Wunders zufammenge- bracht hat, wieder auseinander, ald wäre eben michts gefche- hen, ohne daß irgend eine Spur der unerhörten Begebenheit, fei es in ihrem eigenen Gemüthe, oder auch nur im Gemüthe der Juͤnger des Herrn zuruͤckbleibt. Die Erinnerung an das Himmelsbrot, mit welchem das israelitifche Volk beim Auszuge aus Aegypten in der Wüfte ge- fpeift ward, ift von der „mythiſchen Anſicht““ noch in einem andern Sinne, ald wir es in Folge jener paulinifchen Stelle thun, zur Erklärung des uns hier vorliegenden Problems be- nußt, namlich, zugleih mit zwei. anderen. altteftamentlichen MWundererzählungen von den Propheten Elias”) und Elifa**), als ein directer Anlaß zur Erfindung diefer neuteftamentlichen Wundergefhichte betrachtet worden. Wir verfennen den Ein- fluß nicht, den jene älteren Sagen bei der Entftehung und Fi- xirung der unfrigen unftreitig ausgeubt haben, glauben jedoch denfelben anders faſſen zu müffen, ald er von denen gefaßt wird, welche in der Rüdbeziehung auf fie den Haupfgrund der Entftehung diefes neuen angeblichen Mythus, in den eigenen *) 1 Kön. 17, 8 ff. **) 2 Kön. A, 4% ff. Evangelifche Erzählungen und Neben nad) Marcus. 517 Reden Jeſu, insbefondere den johanneifchen über das von ihm ausgehende Himmelsbrot höchftend eine beiläufige Veranlaffung finden wollen *). Wir halten diefe andere Faffung befonders darum für nöthig, weil wir bei diefer Erzählung Feine geftaltenbil- dende Thätigkeit des Mythus annehmen fonnen, wie bei der Kindheitsfage. Dies nämlich verbietet theils der Ort, wo wir fie finden, — das Marcusevangelium Liegt feinem Alter, feiner Entftehung und feiner gefammten fehriftftellerifchen Befchaffen- heit nach außerhalb des Bereichs, in welchen die begonnene Mythenbildung der chriftlichen Welt. hineinfpielt, — theild aber auch ihr eigenthümlicher Charakter welcher bei weitem mehr der Charakter der Parabel, als des eigentlichen Mythus ift *). Shre Geftalt und Ausarbeitung hat die als Teiblihe Wunder: geſchichte misverftandene Erzählung unftreitig ſchon in Chrifti eigenem Munde erhalten: dahin deutet ja auch das von den Evangeliften berichtete Gefpräch, welches uns zuerft auf die richtige Spur ihres Urfprungs geleitet hat. Sie ift von Chriftus zwar nicht genau in derfelben, aber doch gewiß in fehr ähnlicher Weiſe, großentheild wahrfcheinlich fchon in den nämlichen oder entfptechenden Ausdrüden, wie wir fie in dem Evangelium le— fen, als Parabel vorgetragen worden. Wiefern man daher an- zunehmen veranlaßt wäre, Daß jene altteftamentlichen Reminis— cenzen ald Moment bereitS in ihre Geftaltung eingetreten feien, fo würde man diefelben in der Ausbildung der Parabel durc) Chriſtus felbft zu fuchen haben. In der That auch feheint uns die Vermuthung, daß diefelbe nicht ohne ausdrüdlichen Bezug auf jene erfunden fei, Feineswegs abzumeifen. Eine Er: So Strauß, 2. 3. IL, ©. 213 ff. **) Um ein Mythus im eigentlichen Sinne zu fein, ift die Erzählung zu abftraet und allgemein gehalten und entbehrt zu fehr der befon- deren gefrhichtlichen Bezüge. Auch ift in ihrer Form Manches, was auf die Entſtehung aus einem Bortrage, in welchem auch bie einzel nen Worte Gegenftand der Aufmerkfamfeit des Hörers waren, hin— weiſt. So bei Marecus die -auffallende Gleihförmigfeit in dem Ge— brauche des Wortes agros, welches freilich die Andern hin und wies der mit andern Ausdrücken vertaufchen, ferner der entfprechende Gebraud der Worte zogıvor und omvgidss in dem Geſpräche Cap. 18, 19 f. zu Cap. 6, 43 und Cap. 8, 8. 518 „Biertes Bud. . nn innerung an das Manna legt, wie ſchon erwahnt, Johannes aus druͤcklich Jeſu in den Mund, in einem Zufammenhange, der wahrfcheinlich. von dem Apoſtel aus unferer Parabel abgezogen ist, nicht aber wie der Herausgeber de3 Evangeliums ihn misverz . ftanden hat, die Speifungsgefchichte. ald wirklichen Vorfall zur Borausfesung hat. Noch auffallender ift.die Aehnlichkeit mit der Er⸗ zahlung vom Propheten Elifaz fo auffallend inder That, daß ein uns bewußtes Zufammentreffen - zu, den fonderbarften Zufaͤllen ges rechnet. werden: müßte... Wie, wenn Jefus mit einem. ausdrüdz lichen Hinblick auf, beide ‚Erzählungen, und. vielleicht auch, noch auf. die dritte vom Propheten Elias, deren er an einem, andern Orte gleichfalls ſelbſt gedenkt ), mit der ausdrüdlichen, aus— druͤcklich kund gegebenen Abſicht, den geiſtigen, ſymboliſchen Sinn derſelben hervorzuziehen, die vorliegende Parabel erfun— den haͤtte? Wenn er auf aͤhnlich freie, geniale Weiſe, wie, wir ihn. anderwaͤrts z. B. ‚die prophetiſche Weiſſagung vom Er—⸗ ſcheinen des Elias durch die Verſicherung, Elias ſei ſchon erſchienen, bekraͤftigen, oder die Meinung, es muͤſſe der Meſſias ein leiblicher Nachkomme Koͤnig Davids ſein, durch Verweiſung auf den Widerſpruch, in welchem die meſſianiſchen Weiſſagungen, buch: ſtaͤblich verſtanden, zu ſich ſelbſt ſtehen, Luͤgen ſtrafen hoͤren, eben fo in dieſem Falle die Sage von jenen Thaten des Moſes und der Propheten. durch. ſymboliſche Hinweifung auf fein eigenes Thun: zugleich „hätte befraftigen, auslegen und. in der Weiſe, die ihm, aber freilich, nur ihm geziemte, überbieten: wollen? \ Daß, ihm ein folches Berftändniß: jener Sagen nicht zuzutrauen fei, wird man ſchwerlich einwenden, wenn man das Verſtaͤnd⸗ niß bedenkt, welches fogar Paulus in der vorhin erwähnten Stelle an den Zag legt; noch weniger wird man biefen Ein- wand bringen, wenn man die vielfachen, unzweideutigen Pro— ben des tiefen, geiftigen Schriftverftändniffes ſich vergegenwär- tigt, die Jeſus anderwärts, wie wir vielfach. theils ſchon ge— zeigt haben, theild ferner zeigen werden, gegeben hat, — Daß es freilich auch auf diefem Wege fchwerlich gelingen wird, «mit einiger Sicherheit die Form herauszufinden, in welcher Jeſus *) Luft, 4, 25 f, Evangeliſche Erzählungen und: Reden nah Marcus. 519 diefe Gleichnifje vorgetragen haben mag, zu deren Subject er auf eine oder die andere Weiſe, mehr oder minder direct oder indivect, allerdings fich felbft gemacht haben muß, ift freilich ein: zugeſtehen. Wahrfcheinlic) war in diefem Vortrage auch das Einzelne bedeutfam: die einzelnen Redewendungen (von denen wir einen Neft z. B. in dem Gleichniffe von den Schafen, die feinen Hirten haben, zu verbliden glauben), und die näheren Beftimmungen über Quantität und fonftige Beſchaffenheit der wunderbaren Gabe. Sp glauben wir namentlich in dem Auffam- meln der Broden einen Zug zu entdeden, der fehwerlich nur deshalb’ dafteht, um die Fülle der Sättigung zu bezeichnen, welche der verfammelten Menge von den Himmelsbroten wird. Wahr: fcheinlich wollte Jeſus damit auf die tiefer liegende Wahrheit hindeuten, wie jede wahrhafte, geiftige Sättigung bei den Einzel- nen und bei einer Menge jederzeit mehr als nur Sättigung ift, wie von ihr auch für Andere etwas abfällt, wa$ wiederum der Duantität nach ein Mehreres, ald das anfängliche Sättigungs- mittel ift. 23. Nacy der erften der im Vorhergehenden erzählten Be- gebenheiten heißt Sefus feine Sünger ihm voran nach Bethfaida überfegen, während deffen er die Menge entlaffen wolle; dar— auf erfteigt er den Berg, um zu beten. Es ward Abend, und das Schiff war mitten im See, er felbft aber allein auf dem Lande, Da fah er fie mühfam ringen beim Rudern, denn fie hatten widrigen Wind. Um die dritte Nachtwache fommt er, auf dem See daher wandelnd, zu ihnen herzu und ift im Be— griff, an ihnen vorüber zu gehen. Sie aber, da fie ihn auf dem See wandelnd erblidten, meinten, es ſei ein Gefpenft und fchrieen auf; fie alle nämlich fahen ihn und geriethen in Schre— den. Er aber begann fogleih mit ihnen zu reden, und rief ihnen zu: „Seid guten Muthes, ich bin es, fürchtet euch nicht!’ Er flieg zu ihnen in das Schiff, und der Wind legte ſich. Sie aber waren ganz außer fich und voll Verwunderung; fie hatten namlich) den Vorfall mit den Broten nicht verftanden, denn ihr Sinn war verftodt*). Bei diefer wunderfamen Begebenheit tritt ung zuvoͤrderſt *) Gap. 6, V. 45 ff. Parall. Matth. 14, 22 ff. (Joh. 6, 16 ff.) 520 WViertes Bud. als Problem ihre Verbindung mit der vorigen entgegen. Es kann nämlich diefe Verbindung nicht, wie andere ſolche Ver— bindungen, nur durch eine zufällige Antnüpfung unfers Evan: geliften entftanden fein. “Dies geht daraus hervor, daß fie fich auch im vierten Evangelium findet, welches von dem unfrigen unabhängig if, Um fie aber für eine auf dem factifehen Ver: hältniffe beider Begebenheiten beruhende zu halten, müßte man zuvor die Thatfächlichkeit der Begebenheiten felbft anerkannt haben, was bei der gegenwärtigen eben fo wenig angeht, wie bei der vorigen. Unter diefen Umſtaͤnden kann uns der Auf: ſchluß nicht anders als willfommen fein, den wir auch über diefen Punct in der vorhin angeführten Stelle des Korinther- briefes. finden. Wie dort das Wandeln der Israeliten durch das Meer in unmittelbarer Verbindung mit: ihrer Speifung durch das Himmelöbrot als Typus für die geiftigen Segnungen Chrifti angeführt wird: fo läßt es fich gar wohl denken, daß bei der evangelifchen VBerfündigung, um diefem Typus zu entfprechen, wie ja allenthalben diefe Verkündigung fih an altteftamentliche Typen angefchlofjen zu haben fcheint*), jene zwei Erzählungen nicht als hiftorifche Facta, um die es bei jener Verfündigung fich überhaupt nicht handelte, fondern eben ald Symbole der wunderthätigen Wirkſamkeit des heiligen Geiftes verbunden wer- den mochten, und daß diefe Verbindung, von unfern Evange- liſten als eine thatfächliche, wie die Begebenheit felbft als that- fachliche misverftanden, von dort in ihre. Gefchichtsbücher über- gegangen ift. Ueber ‘den Urfprung der Erzählung ſelbſt iſt mit diefer Annahme, — die wir für fo wahrfcheinlich halten, daß uns durd) fie jenes Problem, welches fonft, wir laͤugnen es nicht, nach einer ‚oder der andern Seite hin unſern Grundan- fichten Gefahr drohen würde, als genügend gelöft erfcheint, — freilich noch nichts erklärt. Daß auch fie aus einer von Jeſus erzählten Parabel entftanden ſei: für diefe Vermuthung finden fih in der Erzählung des Marcus nur wenige Anknüpfungs- *) Man venfe an den Hebräerbrief und den Brief des Barnabas, zwei Urkunden, die vielleicht unter allen aus jener Zeit am meiften den Charakter der evang. Berfündigung im eigentlichen, firengen Sinne tragen. » re N > ” BE Dry = a z » je Evangeliſche Erzaͤhlungen und Reden nach Marcus. 521 puncte. Eher wuͤrde einen ſolchen der von dem erſten Evangeliſten eingeſchaltete Zug*) abgeben, daß Petrus, als er den Herrn Daher wandeln fieht, ihn: bittet, auch ihm die Kraft zu verleis ben, ihm entgegen zu fommen, aber, als ihm feine Bitte er: füllt wird, alsbald in Furcht geräth und unterzufinken beginnt, worauf ihm Sefus mit einem VBorwurfe über die Schwäche fei- nes Glaubens die Hand reicht. Hierin nämlich könnte man eine von dem Herrn felbft an den Jünger gerichtete parabolifche Mahnung über die Natur feines zwar. heftig zufahrenden, aber im Augenblide der Gefahr nur allzu leicht wanfenden Glau— bens zu erblicken meinen; woraus fich dann weiter der Urfprung der übrigen Erzählung ohne viele Schwierigkeit erklären würde, — In der That wäre es nicht unmöglich, daß in diefem Falle das erfte Evangelium, welches fonft zu den Erzählungen des Mareus fo mande apokryphiſche Zufäße giebt, einmal. einen Achten Zug, der und über den Urſprung diefer Anekdote den richtigen Aufſchluß gäbe, erhalten hätte; um fo weniger unmög- lich, als es nicht einmal fchwer fallen würde, für das Weg- bleiben Ddiefes Zuges in den andern Evangelien, welche die Er- zählung aufgenommen haben, einen Grund ausfindig zu machen. Dflegte nämlich die Erzahlung in jener typifch=didaftifchen Ab- fit, wie wir vorhin nachzumeifen fuchten, vorgetragen zu wer- den: ſo mußte in einem folchen WVortrage jener den Petrus betreffende Zug, obgleich" urfprünglich vielleicht gerade der we: fentliche Kern der Anefvote, als ein hors d’oeuyre erfcheinen, deſſen Weglaflung um fo weniger befremden kann, je weniger dieſe Vorträge einen hiftorifchen Inhalt und Charakter hatten. Doch bleibt diefer Punct problematifch, und wir müffen es für eben fo möglic) erkennen, daß jener unfern Matthäus eigen: _ thuͤmliche Zufaß in demfelben allegorifchen Sinne, den wir am liebften als einen eigenen Gedanken Sefu betrachten möchten, fagenhafter Weife erft Später hinzuerfunden-ift. In diefem Falle würde aber der parabolifche Urfprung der Erzählung überhaupt in Frage geftelt, und wir hätten und nach einer andern Er— klaͤrung ihres Urfprungs umzufehen. Bielleicht koͤnnte alsdann die von Strauß bemerkte Verwandtſchaft diefer Erzählung mit +) Maith. V. 28 ff, a PER kn 522 zu Viertes Bud. A; 530 Biertes Bud. Hanno folge mir. Mer fein Leben retten will, der wird es verlieren, wer aber um meinet und der Heilsbotichaft willen fein 2eben verloren giebt, der wird es retten““*). — Der erfie Theil die⸗ ſes Geſpraͤchs beweift unftreitig, daß Jeſus fich zur Zeit, als er dies Sprach, weder dem Volke, noch auch feinen Süngern ausdrüdlich als den Chriftus, d. h. als den von den Juden erwarteten Meſſias angekündigt hatte. Aber mehr beweift er nicht. Der Herr felbft konnte gar wohl das volle Bewußtfein feiner göttlichen Natur und feiner weltgefhichtlichen Beſtimmung haben; er fonnte, wie wir ihn wirklich thun ſehen, in alle feine Reden, fowohl die uns ald vor jenem Gefpräch, als die und ald nach jenem Geſpraͤch von ihm gefprochen berichtet werben, dieſes Bewußtlein hineinlegen; ja er konnte, was aus jenem in ihm vorausgefeßten Bewußtfein mit Nothwendigkeit folgt, auf das deutlichfte erfennen, daß, wenn irgend ein Mef- fias feinem Volke fommen follte, Er diefer Meſſias feiz — dies alles Fonnte er, und dennoch feine guten Gründe haben, fih nicht felbft unaufgefordert für diefen, von dem jüdifchen Volk und feinen Schriftgelehrten erwarteten Meffias auszuge- ben, oder zu dulden, daß Andere ihn dafür ausgäben*). Co zeigt denn auch das hier an die Jünger gerichtete Verbot, nit von ihm als Chriftus zu fprechen, nicht von einem „Er— ichreden vor dem damals ihm noch neuen Gedanken‘, fondern einzig von dem Nichteingehenwollen auf jüdifche Erwartungen und Einbildungen von dem Meſſias, der da fommen follte. 65 ift in dieſer Beziehung, wie fchon früher bemerkt, hoͤchſt bedeutend, wie fogleich an diefe erfte Nennung des Ehriftusna- mens Sefus die V Berfündigung feines Leidens und feines To— des knuͤpft; gewiß zum Theil in der Abficht, die falfhen Er— *) Cap. 8, B..27 ff. Parall. Matth. 16, 13 ff. Luf. 9, 18 ff. (Matth. 10, 38 f. Luk. 17, 33). ***) Der Zufah des erften Evangefiften, der Jefum bei der Frage, für wen ihn die Menfchen halten, fi ſelbſt (DB, 13) den. Menfchenfohn nennen läßt, ift zwar, wie fhon oben erwähnt, ohne Zweifel will- fürlih von diefem gemacht, aber er zeugt von dem richtigen Be— wußtfein, wie, wenn fih Jeſus damals zuerft den Ehrift nennen lieg, doch nicht auch jene ihm eigenthümliche Bezeichnung feiner Würde gleichfalls erft von dieſem Datum fein fonnte, —— ⸗ Evangeliſche Erzaͤhlungen und Reden nah Marcus. 531 wartungen, die fich etwa in den Süngern felbft an das Wiſ— fen um feine Meffiaswürde Enüpfen koͤnnten, fogleich dadurch niederzufchlagen. Noch in demfelben Gefpräch braucht diefe Ankündigung nicht nothwendig erfolgt ‚zu fein; vielmehr bat. der erſte Evangelift den Marcus richtig verftanden, wenn er feine Worte fo paraphrafirt: ‚Von da begann Jeſus“ u. ſ. w. Aber beides, jenes Geſpraͤch und diefe Ankündigung, macht dem Sinne nach wefentlih Gin Ganzes aus, und durfte deshalb auch von uns nicht getrennt werden. — Gegen jedweden Zweifel aber an der thatfächlichen Nichtigkeit folcher VBerfündigungen aus Jeſu Munde fieht ald ein mächtiges Argument die darauf folgende Scene zwifchen Iefus und Petrus, die, von dem Be- richterftatter unmittelbar aus dem Munde diefes Juͤngers ges ſchoͤpft, die individuelle Wahrheit dergeftalt an der Stirn ge- fchrieben trägt, daß jedes Wort zu ihrer Vertheidigung Über: flüffig wäre. Schon von der Sage ift nicht vorauszufegen, daß fie einen in fo harte Ausdrüde gefaßten Tadel des Vor: nehmften der Apoftel ohne Grund dem Herrn in den Mund gelegt haben ſollte; noch weniger aber ift es von dieſem Apo— ftel felbft vorauszufegen, auf den als auf ihre einzige Quelle wir auch diefe Erzählung zurüdzuführen alle Urfache haben. Nur vermöge einer fubjectiven Gedanfenverfnüpfung fcheint Marcus unmittelbar an jenes Gefpräih noch folgende Aus: forüche angereipt zu haben, die wir, um jedem einzelnen fein Recht zu geben, hier von einander gefondert aufführen (Nr. 30 — 32). 30. „Was hilft es dem Menfchen, wenn er die ganze Melt gewinnt, und um fein Leben gebracht wird? Oder was konnte der Menfch als Kaufpreis geben, um fein Leben ° dadurch einzuloͤſen?“*) — Es ift in diefem Ausfpruch die änig- matifche Form nicht zu überfehen, durch welche Jeſus auf den Gedanken eines ewigen Lebens ald auf einen feinen Zuhdrern noch fremden hinführt. Er fpricht unmittelbar nur von dem finnlichen Leben, und macht bemerklich, was freilich jeder auch blos verftändigen Betrachtung einleuchten muß, wie ber Werth aller finnlihen Güter ohne Ausnahme durch das Leben =) 8,35 f. Parall. Matth. V. 26. Luk. V. 25. (Luk. 17, 33). 34 * p — iv Pe 532 Viertes Bud. | Br. bedingt ift, und ohne leßtered von Feinem andern Gute die . Nede fein kann. Daß nun aber das finnliche Leben felbft ganz in demfelben Verhältniffe fich befindet gegen ein anderes, was im wahren Sinne „Leben“ heißt, wie gegen es felbft die äußerlichen Güter: dies ift in diefer Gnome für die, ,, wel: che Ohren haben, zu hoͤren“, angedeutet. Unſer Evangelift und, ihm folgend, auch die beiden andern, reiht diefelbe, aller— dings finnig, an den Schluß des obigen Gefpräches anz aud) dort namlich war in der Art und Weife, wie von Berluft und Gewinn des „Lebens “ gefprochen ward, die Nöthigung gege- ben, über den unmittelbaren, finnlichen Begriff des Lebens hinaus, und zu dem Begriff eined Lebens im höhern Sinne, eines ewigen Lebens fortzugehen. Dennoch hat man fich zwi- fehen dem vorigen und diefem Spruche, und eben fo fehr auch zwifchen diefem und dem nachfolgenden,, wenigftend eine län- gere Pauſe zu denken; vielleicht aber find alle drei von einan- der ganz unabhängig gefprochen. Was nämlich, wie diefe Gnomen, beftimmt ift, nicht in feinem unmittelbaren Wort- finne zu gelten, fondern durch feinen Wortfinn über feinen Wortfinn hinauszuführen: das verfehlt feinen Zwed, wenn der Gedanke fogleih Durch ein unmittelbar darauf Folgendes nad) einer andern Richtung abgelenft wird. Für die vorliegende ‚Gnome entftcht dadurch der Nachtheil, nicht zwar, daß der geiftige Sinn über dem finnfichen Bilde verloren geht, — Dazu kann es um jenes Zufammenhangs felbft willen nicht kommen, — wohl aber, daß, wie es z. B. in der Ueberfekung Luthers gefchehen ift, der geiftige Sinn, durch Umfegung des Wortes, welches hier zunächft nur „Leben“ bedeutet (wu), in den eigentlichen Ausdrud für „Seele“, fogleich von vorn herein zum unmittelbaren gemacht wird. Dadurch aber verliert die Gnome ' das Sinnfchwere, bedeutfam Anregende; fie wird zu einer une bedeutenden, beinahe trivialen Sentenz. 31. „Wer ſich meiner ſchaͤmt und meiner Worte, hier unter diefem treulofen, fündigen Geſchlecht: deffen wird fich auch der Menfchenfohn ſchaͤmen, wenn er einft Fommt in der Herrlich- feit feines Baters, in Begleitung der heiligen Engel!) *) V. 38. Parall. Matth. 3.27, Luk. V. 20. (Matth. 10,33, Luk. 12, 8f.) Evangeliſche Erzaͤhlungen und Reden nach Marcus. 533 83%. „Wahrlich ich fage euch, Einige find unter denen, die hier figen, welche nichts vom Tode fchmeden werden; bis fie das Neich Gottes mit Macht kommen fehen‘’ **). — Was über diefe beiden Ausfprüche zu fagen wäre, reiht fih an das, was wir bei Gelegenheit der ausführlicheren Neden von der Zukunft des Menfchenfohnes bemerken werden. Es leidet feinen Zwei: fel, daß diefe Neden von den Apofteln ſaͤmmtlich, und alfo unftreitig auch von den Gvangeliften, welche fie berichten, als fprechend von einer nahen, leiblichen Wiedererfcheinung des perfonlichen: Ehriftus verftanden worden find. Wenigſtens find fie nad) feinem ode fo verftanden worden; bei feinem Leben haben ſich die Zünger wahrfcheinlich noch nichts näher Be: ftimmtes dabei gedacht... Eben diefer Umftand aber, daß diefe Ausfprüche in fo naher Beziehung zu der erfi nach dem Tode Des Meifters, unter befonderer Einwirkung der außerordentli- hen Begebenheiten, die auf diefen Tod nachfolgten, feftgeftell- ten eschatologifchen Theorie der Jünger fliehen, macht es wahrfcheinlich, daß dieſe Theorie ihrerfeitd nicht ohne Ein- fluß auf die Geftalt geblieden ift, in welcher jene uns überlic- fert werden. Von folchem umbildenden Einfluß feheint na— mentlich der erfte der beiden hier angeführten Ausfprüche nicht ganz frei geblieben zu fein; die Vorftellung von dem in Begleitung der Engel und in der Herrlichkeit des Waters er— fcheinenden Menfchenfohn trägt hier ſchon fichtlihe Spuren je ner bogmatifchen Ausprägung, welche fie in der apoftolifchen Kirche erhalten hat. Der zweite Ausfpruch dagegen enthält, unbefangen und nach feinem natürlichen Sinne verftanden, of: fonbar nichtd anderes, ald die Verkündigung, daß noch beim Leben der damals gegenwärtigen Zünger, aller oder einiger derfelben, das Merk Ehrifti mächtig erftarken und Boden ge- winnen werde, Cine Neigung, auch diefen Ausſpruch auf Die von den Juͤngern erwartete „Paruſie“ zu deuten, blidt aller- dings von Seiten der Ueberlieferer, fchon durch die Zufammen- ftellung mit dem vorhergehenden, auch bier hindurch, ohne aber der Glaubwürdigkeit des berichteten Wortes an fich felbft im mindeften Eintrag zu thun. 9 Cap. 9, V. 1. Parall, Matth. V. 28, Luk. V. 27. — 554 Biertes Bud. 33. Mit Petrus, Safobus und Johannes fteigt Sefus (ſechs Tage, ſetzt unfer Evangeliſt hinzu, nach dem vorhin, Nr. 29, erzählten Geſpraͤche mit den Juͤngern), abgeſondert von den andern auf einen hohen Berg. Dort erfolgt vor ihren Augen eine Verwandlung feiner Geftaltz feine Kleider werden glän- zend, weiß wie Schnee, fo hell, wie fie Fein Walker auf der Erde faͤr⸗ ben kann. Und es erfcheint ihnen Elias nebft Mofes, im Zwiegefpräd) mit Jeſus. Da fpricht Petrus zu Jeſu: ‚‚Meifter, hier ift es fchon, bauen wir drei Zelte; dir eines, dem Mofes eines und dem Elias eines.’ Gr wußte nämlich nicht, was er ſprach; denn fie waren außer fih. — Da kam eine Wolfe und überfchattete fie, und aus der Wolfe eine Stimme: „Das iſt mein geliebter Sohn, höret ihn!” AUS fie darauf umherblidten, wurden fie niemand gewahr, als nur Jeſus allein mit ihnen. Während fie vom Berge herabftiegen, hieß ihnen Jeſus, niemandem zu erzählen, was fie gefehen hatten, bis daß der Menfchenfohn vom Zode auferftehe. Diefe Nede verarbeiteten fie unter fich, indem fie nachforfchten, was er mit diefem ‚‚Auferftehen von dem Tode“ fagen wolle *). Mit Recht bemerkt von diefer. Erzählung Strauß *), daß fih an ihr befonders augenfcheinlich zeigen laffe, wie die na— türliche Erklärung, — (zur natürlichen Erklärung aber neigen fi) gerade hier faft durchgehends in unferer Zeit auch die fuper- naturaliftifchen Theologen, obgleich diefes Wunder, felbft buch— ftäblich verftanden, lange nicht auf fo widerfinnige, undenkbare Vorftellungen hinausführt, wie etwa das Wunder der Spei— fung, der Wafl:rverwandlung und andere) — indem fie Die hiftorifche Gewißheit der Erzählung fefthalten will, die ideale Wahrheit derfelben verliert, und gegen die Form den Snhalt aufgiebt. Aber diefe ideale Wahrheit fonnen wir in derjenigen Weiſe der ‚‚mythifchen Anficht,” in welcher Strauß feinerfeits diefe Begebenheit gefaßt hat, auch nicht gerettet finden. Es fol nämlich diefer angebliche Mythus diefen doppelten Sinn und Zwed gehabt haben: ‚‚erftend Bie Verklärung des Mofes ***) *) Cap. 9, V. 2 ff. Parall. Matth. 17, 1 ff. Luk. 9, 28 ff. ##) 2 Mof. 34,29. Bin Sn a . r er dh v | 3 — Evangeliſche Erzählungen und, Reden nach Marcus. 535 an Sefu in erhöhter Weife zu wiederholen, und zweitens, Je— fum als den Meffias mit feinen beiden Vorlaͤufern zufammen- zubringen, durch diefe Erfcheinung des Geſetzgebers und des Propheten, des Stifters und des Neformatord der Theofratie, Sefum ald den Vollender des Gottesreichs, ald die Erfüllung des Gefeges und der Propheten darzuftellen, und feine majeftä- tische Würde noch überdies durch eine Himmelsftimme befräf- tigen zu laffen’‘. War dies wirklich fo: fo haben wir in folcher außerlichen VBerherrlichung des Meffiad eine eben fo gleichgül- tige und unbedeutende Erfindung, wie in jenem Falle eine un- bedeutende und gleichgültige Begebenheit. Einen wahrhaften, idealen Gehalt kann die Erzählung unter Feiner andern Vor— ausfesung haben, ald wenn fie, fei es immerbin in bildlicher Form, etwas berichtet, das mit jenen Süngern, die in ihr als Zeugen der Berflärung Chrifti erfcheinen, thatfächlich vor- gegangen war; in jedem andern Falle bleibt da, was uns die mythifche Anficht für folchen Gehalt giebt, nur ein müffi- ser Pub und Flitterftaat. Worin aber jener thatfächlich ideale Gehalt beftanden habe; darüber kann unter denen, welche diefe Einfiht mit uns theilen, im Allgemeinen fein Zweifel fein. Schon längft ift bemerft worden *), wie dem der Natur näher ftehenden Menfchen, wie ganz befonders dem Morgenländer, dem Hebräer jede geiftige Erhebung, jeder tiefere Bli der In— telligenz fich in dem Bilde einer Viſion, eines Schauens glän- zender Geftalten und eined Vernehmens himmlifcher Stimmen darftellt. ES ift an fo manche ähnliche Züge nicht blos der älteren, fondern auch der neueren Myftif erinnert worden, wel- he, wenn fie über die Befchaffenheit ihrer geiftigen Intuition Rechenfchaft geben will, diefelbe (man denke z. B. an bie eben fo naiven als phantafiereichen Ausfagen eines Jakob Boh- me über die ihm gewordenen Offenbarungen) nie anders, als auf eine Weife zu bezeichnen weiß, in welcher der intellectuelle *) Vergl. 3. B. Herder, Werke zur Theologie, XI, ©. 202 f., eine Stelfe, nah welcher man billig hätte erwarten fünnen, daß bie Theologie unferer Zeit nicht wieder in jene zugleich geiftlofen und abenteuerlichen Anfihten, die dort bekämpft werben, zurüdfinfen würde, 86 t Biertes Bud. Gehalt mehr oder weniger in der Weife eines Gefichts, einer zu⸗ gleich ſinnlichen Verzuͤckung erſcheint. Beſonders nahe haͤtte es hier gelegen, auf das innere Geſicht zu verweiſen, welches der Apoſtel Paulus im zweiten Korintherbriefe als ein in feinem Leben Epoche machendes und ſeinen höheren Beruf für ihn felbft beglaubigendes von ſich erzählt, in Ausdruͤcken erzählt, die uns feinen Zweifel darüber laffen, daß es nicht ein auf ei- ner Eörperlichen Affection beruhendes phyſiſches Phänomen, fon- dern eine rein intellectuelle Anfchauung ift, wovon er ſpricht ). Ein Sefiht folcher Art enthält alfo ohne Zweifel auch die vorlie- gende Erzählung: ein geiftiges, nicht ein finnliches, ein waches, nicht ein Traumgeficht *), ein Geficht endlich, welches die drei genannten Sünger felbft, nicht ein Anderer, und auch nicht blos Einer von innen gefehen hatte. Um diefen Ausfpruch zu recht- fertigen, kommt freilich alles: darauf an, den nähern Inhalt des Geſichts auf eine Weife zu deuten, welche mit diefer Erklärung in Uebereinftimmung fteht. Dies nun glauben wir, unter Boraus- feßung unferer bereit dargelegten Geſammtanſicht über das ' geiftige Fundament der Lehre des Herrn, auf die ungezwungen- fie und zugleich auf die vollftändigfte Weife leiften zu koͤnnen; auf eine Weife, welche, hoffen wir, nicht blos über ‚die vorlie- gende Erzählung einen eben fo überrafchenden, als befriedigen: den Aufichluß geben, fondern auch noch auf manches Damit Zu- fammenhängende ein neues Licht werfen wird. Der unftreitig wichtigfte Umftand des Ereigniffes, derjenige, auf deſſen Erklärung hauptfächlich unfer Augenmerk gerichtet fein muß, die eigentliche Pointe der Erzählung mit einem Worte, ift unftreitig. die Erfcheinung des Mofes und des Elias. Sollte es in Bezug auf diefe dabei bleiben, worauf alle bisherigen Erklärungen hinausliefen, daß fie entweder fuͤr ein Traumge— ficht, oder für eine Moftification der Juͤnger durch zwei Glie- *) 2 8or. 1,2 fi. =#) Zu leßterer in jeder Beziehung unglücklich zu nennenden Hypothefe bat freilich die Bemerkung des Lukas V. 32 Anlaß gegeben. Lukas hat diefe Bemerkung in feiner flüchtigen Weife aus dem Stegreife binzugefeßt, weil er die Worte des Marcus ov yap Ads ri Aaknosı fo deutete. Evangelifche Erzählungen und Reden nah Marcus. 537 der eines Bundes, mit welchem Sefus in geheimnigvollem Ver: ehr ftand, oder endlich auch für mythifche Nevenantd aus dem Schattenreihe der meſſianiſchen Weiffagungen gelten müßten: fo wäre durch unfere obige Erörterung noch nichts Wefentlicyes gewonnen. Wir befanden uns in Bezug auf den Kern der Erzählung noch immer auf dem alten Flede, und hätten nur die ſchwierige Verpflichtung, zu erklären, wie ein fo abenteuer: liches Greigniß auf jener ächten Grundlage aufgetragen werden fonnte. Aber weit entfernt, daß wir uns hierbei beruhigen, oder dag wir in diefer Richtung weiter forfchen follten, fo fin- den wir gerade in diefem ſchwierigſten Theile des fagenhaften Berichts die überrafchendfte Beftätigung für unfere Anficht des Ganzen. War nämlich das Gefiht der Jünger eine geiftige Sntuition in dem von uns angedeuteten Sinne: jo konnte fein Inhalt unftreitig Fein anderer fein, als die Erkenntniß Chrifti in der geiftigen, Damals noch dem Volke und auch der Mehr: zahl der Sünger verfchloffenen Bedeutung feines Erfcheinens, die Erkenntniß feiner, als des von den Propheten verfündigten Meſſias, in der Gefammtheit der Beziehungen, welche nad) den prophetifchen Mythen zum Begriffe des Meſſias gehörten. Auf einen ſolchen Inhalt der. den drei Süngern gewordenen Anſchauung deutet unverkennbar auch die Stellung des Berichts in unfern Urkunden. Die genaue, bei unferen Evangeliften in ähnlicher Weife fonft nicht leicht vorfommende Angabe einer Anzahl von Tagen (fechs *)) feit jenem Ereigniß, in weldem die erfte Anfprache Jeſu ald des Meſſias vorkam, ift ohne Zweifel als eine thatfachliche Erinnerung an die Zeitnähe und *) Lukas nennt ftatt der ſechs befanntlih: „ungefähr (woe) acht Tage’; unftreitig aus Anbequemung an bie befannte griechifch = rö- mifche Zählungsart, von der er.bei Marcus eine Abweichung vor— ausfegte. — Die von Strauß vorgefihlagene Zurüdführung dieſer Zahl auf 2 Mof. 24, 16 hat eben fo wenig Wahrſcheinlichkeit für fih, als die gleichfalls im Sinne der „mythiſchen Anſicht“ vorge- fhlagene Zurüdführung der Dreizahl jener Jünger, welche die Ver— Härung fchauten, auf V. 9 ebendaf, Denn die näheren Umftände treffen in beiden Erzählungen fo wenig überein, daß fein hinreichen- der Grund vorhanden ift, eine Abhängigkeit des einen ——— Mythus von dem andern anzunehmen. 538 Biertes Bud. an den fachlichen Zufammenhang beider Vorfälle anzufehen. Nachdem einmal das große Wort ausgefprochen war, fo fand es der Meifter an der Zeit, denjenigen feiner Sünger, bie ver dazu als fähig erkannte, einen Blid in den tieferen, geiftigen und gefhichtlichen Zufammenhang zu eröffnen, in welden für fein eigenes Bewußtfein die Idee feiner Meffiaswürde ſich hin— eingeftaltet hatte. Diefer Zufammenhang ift e8, welcher Durch die Belehrung des göttlichen Meiſters den drei Juͤngern fich zu jener begeifterten Anſchauung geftaltete, welche fie nicht an- derd auszudrüden wußten, als durch das Bild eines Gefichts, worin fie die beiden erſten Heroen des Gefekes und des Prophetenthums fchauten, wie fie famen und mit Jeſus Zwie: fprache pflogen. Sede Frage, an welchem Kennzeichen die gei- ftestrunfenen ‚‚Epopten’’*) die Geftalten, die ihnen erfchienen, erkannt haben mögen, ob durch ihre eigene Nede, oder durch eine fpäter von dem Meifter eingezogene Erfundigung, ift hier überflüffig, um nicht zu fagen laͤppiſch; was fie fchauten, wa- ren eben nicht die Außerlihen, Eörperlichen Geftalten des Mo— fes und Elias, fondern die Ideen, diefic an diefe mythifch- gefchichtlichen Perfonlichkeiten Fnüpften. Freilich muß man, um eine Vorftelung von der Art und Weife zu faffen, wie durch Mittheilung des Meifters dieſe hohe Intuition in ihnen erzeugt ward, zuvor von dem eigenen Bewußtfein und der Einfiht des Meifters über fein Verhältnig zum Gefeg und zum Prophetentbum einen andern Begriff gefaßt haben, als den geiftlofen jei e$ der gewöhnlichen Orthodoxie, oder jeder fol: hen biftoriihen Theorie, die Jeſum auf irgend eine Weife in dem Aberglauben des Judenthums befangen bleiben läßt. Nur durch die eigene freie, über den Buchftaben jener Weiffagungen hinausgedrungene Einficht in die Art und Weiſe, wie Die mef- fianifchen Weiffagungen fih in ihm erfüllt hatten, nur durch Diefe war es ihm möglich, auch den Juͤngern das Verſtaͤndniß diefer Erfüllung zu eröffnen, fie dahin zu bringen, daß fie, ftatt fernerhin noch mit der ungeweihten Menge ihrer Landsleute ei- *) Enronras vHs Tod vgiov ueyaloryros heißen die durch dieſes Er— eigniß Beglüdten ausdrücklich 2 Petr. 1, 16, ⸗ — ee Bye? "> * Evangeliſche Erzaͤhlungen und Reden nach Marcus. 539 ner leiblichen Erſcheinung des Moſes und des Elias, die ihnen den Meſſias verkuͤndigen ſollte, entgegenzuſehen, vielmehr beide im Geiſte ſchon gegenwärtig und zu ihrem Meiſter in dem Be— zuge erblidten, in welchem ihnen, wie durch eine himmlifche Stimme, die Meffiaswürde diefes Meifters offenbart ward. Daß nämlich unfere Erzählung auf israelitifche Meſ— fiaserwartungen und namentlich auf dad, was in dieſen my— thifhen Erwartungen von jenen Vorlaͤufern des Meffias enthalten war, fich zurücbeziehe: dies ift der „mythiſchen Anficht”” ohne Bedenken zuzugeben. 8war läßt fich, was Mofes betrifft, Feine unmittelbare Verkündigung feiner per: ſoͤnlichen Erſcheinung ald Vorläufer des Meffiad in den pro- phetifchen Büchern des Alten Teſtaments nachweilen, wie von Elias die bekannte des Maleachi. Aber da die Bücher des Talmud allerdings von folcher Erwartung wiffen, fo haben wir feinen Grund zu zweifeln, daß in demfelben Sinne auch in unferer Stelle Mofes mit Elias zufammengeftellt wird. Dar: aus aber folgt noch Feineswegs, daß unfere Erzählung nur in der Abficht, jene Erwartungen in der Gefhichte Iefu erfüllt zu zeigen, erfunden fein müfle. Wäre fie in diefer Abficht er— funden, fo wäre fie fehr ungefchidt erfunden; was Fonnte we— niger dem Sinne jener Erwartungen entiprechen, -ald ein fol- ches geheimes, nur vor den Augen dreier, vielleicht noch dazu fchlaftrunfener Jünger gepflogenes Zwiegefpräch, während vom Elias gejagt worden war *), er werde unter allem Volke "das Herz der Väter zu den Kindern, und dad Herz der Kinder zu ihren Bätern befehren? Fürwahr, die Juden hätten fehr Necht gehabt, von einem Meffias nichts wiffen zu wollen, zu deffen Beglaubigung ihnen dergleichen Anekdoten vorerzaylt wurden! Ueberdies haben wir ja von Jeſus felbft eine authentifche Deu- tung jener Verkündigung in Bezug auf Elias, eine folche, Die auf eine ganz andere Erfüllung derfelben hinweift, als von der. mythiſchen Anficht der gegenwärtigen Erzählung unter- gelegt wird. Es wird diefe Deutung, wie uns fogleich die nächfte Nummer zeigen wird, unmittelbar im Zufammenhange_ mit dem Gegenwärtigen gegeben; was offenbar wenigftens fo *) Maleach. 3, 24. 340 | Biertes Bud, viel beweift, daß die Evangeliften nicht die Abficht gehabt ha- ben konnen, die hier erzählte Erfcheinung des Elias fuͤr dieje— nige geben zu wollen, von welcher Jefus in fo ganz abweichenden Sinne jagt, daß fie bereits erfolgt fei. Vielmehr wird eben ducch diefe Verfnüpfung der wahre Sinn des vorliegenden Er- eigniffes recht nahe gelegt; nämlich diefer, daß durch die Be- lehrung des Meifters den Süngern die Einfiht in die wahre Bedeutung jener Erwartungen und Verfündigungen aufging, jene Bedeutung, welche fie nicht für annoch zu erfüllen, fon _ dern für bereits erfüllt erkennen mußten. Diefe Einficht be- zuhte, wie fehon mehrfach angedeutet, auf dem tieferen Ver— ftändniffe einerfeitö. des geiftigen, nicht des blos buchftäblichen Sinnes der prophetifhen Mythen überhaupt, andererfeitS des wahren Berhältniffes Jeſu zu der altteftamentlichen Offenbarung, zu dem Gefeß und zu den Propheten, Aus diefen beiden und nur hieraus konnte fich füg die Jünger jene lebendige, begei- fterte Anſchauung der dreifach in fich felbft gegliederten Idee vom Gefeh, vom Prophetenthum, und von der Meſſiaswuͤrde ihres Meifters entwideln, welche ihrer aufgeregten Phantafie als leibhafte, finnlich faßbare Geftalt in dem Bilde jener. drei Derfönlichkeiten entgegentrat. Bedenkt man aber, was Dazu gehörte, daß die Jünger, fie, die gleich allen ihren Landsleuten in der fleifchlichen Meffiaserwartung, in dem Buchftabenglau- ben an die Erzählungen und Verkuͤndigungen ded Alten Teſta— mentes aufgewachfen waren, Dazu gebracht wurden, im offen- baren Widerfpruch zu diefem ihrem bisherigen Glauben, für denfelben den geiftigen Glauben an die Erfüllung der Weiſſa— gungen und an die Gegenwart des Meſſias einzutaufchenz — bedenft man dies, was zu bedenken fowohl in Bezug auf Se-- fum perfonlich, ald auch auf die Apoftel, jo nahe es liegt, fon- derbarer Weife bisher faft Niemandem noch. eingefallen zu fein fcheint: fo wird man e8 nicht nur nicht befrembdlich, man wird es vielmehr ganz in der Ordnung und nothwendig finden, ei nestheils, daß diefe Erfenntniß nicht allen Juͤngern auf einmal, fondern: zuerft nur wenigen, von dem Meifter beſonders beguͤn— ftigten aufging, anderntheild, daß dieſe wenigen durch fie an— fangs in einen Taumel, in eine Art von Verzuͤckung oder Gei: feestrunfenheit verfegt wurden, fur; in einen Zuftand, von dem — Pr | Ä E ' Eoangeliſche Erzählungen und Reden nach Marcus. 541 fie fpäter nicht anders, als in folcher Weife, von welcher die gegenwärtige Erzählung ein Denkmal ift, zu fprechen wußten. Wie trefflih mit Diefer unferer Deutung des vorliegenden MWunderereigniffes ſaͤmmtliche weitere Umftände der Erzählung zufammenftimmen, iſt in Bezug auf einige derfelben für ſich felbft Ear, in Bezug auf andere wird es nur eines Winfes be- Dürfen, um auch fie unter den richtigen Gefichtspunet zu ftellen, der uns ihr Berftändnig eröffnet. Wenn die Begebenheit auf einem Berge vorgeht, — auf einem hohen Berge*), ſetzt Mar: cus nicht ohne Bedeutung hinzu, — fo ift ſchon dies nicht im eigentlichen, fendern im fombolifchen Sinne, nämlich von der Höhe der Erkenntniß zu verftehen, und der Berg nicht auf der Landcharte von Paläflina, fondern in den Ziefen des Geiftes aufzufuchen. Eben fo ift die „Metamorphoſe“ der Geftalt Jeſu und der Glanz feined Gewandes ein ald Sinnbild für die In— tuition der geiftig verflärten Idee des perfonlichen Meffias fich von felbft ergebender Zug; und es ift vollig unnöthig, eine aus— drüdliche Nüdbeziehung auf das glänzende Angefiht des Mo— ſes*) dabei annehmen zu wollen, da mit diefer Erzählung des Dentateuch die unfrige forft fo wenig VBerwandtfchaft hat. Ei- nen Gegenfaß gegen diefen Glanz, aber einen durchaus fache oder finngemäßen bildet die Wolfe, welche fich über ‚die Er- fcheinung legt; fie bezeichnet das Unbeftimmte und Nebelhafte, in welches fich für den Augenblid die Erkenntniß, welche Elar feftzuhalten die Juͤnger zur Zeit noch unvermögend find, für fie verliert”). Was aus diefer Erfenntniß unmittelbar ihnen *) Das erfte Ev. hat diefen Zug bewahrt, Lukas dagegen, bei wel- chem die Erzählung überhaupt am auffallenpften in das Gebiet des Sinnfihen und Außerlih TIhatfächlichen herübergezogen wird, ihn weggelaſſen, dagegen aber die Abfiht, auf dem Berge „zu beten”, aus dem Stegreife Jeſu untergelegt. *) 2 Mof. 34, 29. Nur etwa der Zufaß des erften Ev. ud Mauws , zo mpoonrov aurov ws 0 nhros fann, bei der Vorliebe diefes Evan— geliften für dergleichen Reminiscenzen, vielleicht aus einer folchen hervorgegangen fein. **) Auch bier find Die Worte des Marcus: Lyevero vepdin trrionıdkovon evrors als die.reineren und urfprünglicheren anzuerkennen, im Ge— genfage der gekünftelten und aus falfıher Deutung hervorgegange— - we * 542. Biertes Bud. zuruͤckbleibt, ift fürerft nur die Gewißheit, daß ihr Meifter der Sohn Gottes und der Heiland von Serael if. Dieſe Gewiß- heit ift e8, welche fich in der Himmelsftimme ausfpricht, deren Worte immerhin aus altteflamentlichen Reminiscenzen*) zuſam— mengefest fein mögen, ohne daß darum die Stimme felbft für folche Reminiscenz zu gelten hatte. Mehr als alles aber dient unferer Anficht zur Beftätigung, und erhält umgekehrt aus dies fer Anficht: fein rechtes Verſtaͤndniß, das Verbot Sefu, nicht von dieſem Greigniffe zu fprehen. Es hat namlich dafjelbe hiernach offenbar denfelben Sinn, wie kurz vorher**) das Ver: bot, von feiner Meffiaswürde überhaupt nicht zu fprechen; wäh» rend es bei jeder andern Deutung des Vorfalls als zwecklos oder verdachterwedend erſcheinen müßte, — Endlich erhält auf demfelben Wege auch der einzige ‚noch unerklärte Umftand feine Erklärung, der nach allen bisherigen Erflärungsverfuchen unerflärt und müffig daftehen blieb, ja den manche Erflärer lieber ganz mit Stillfchweigen zu übergehen rathfam fanden. Wir meinen die fonderbare, von unferm Evangeliften felbft (die beiden andern haben diefe Aeußerung weggelaffen, unftreitig auch ihrerſeits „ohne zu willen, was fie thaten’‘) ald aus Be— wußtlofigfeit über das, was fie fagt, hervorgegangen bezeich« nete Aeußerung des Petrus. Es nimmt diefe Aeußerung in dem vorliegenden Greigniffe eine fehr ähnliche Stelle ein, wie in der Erzählung vom Wandeln Sefu auf dem Meere die in der Relation des erften Evangeliums. eingefchobene, gleichfalls diefen Apoftel betreffende Anekdote***). Gleich diefer ift fie bild« lich zu verftehen, und ihr Sinn ergiebt fich im Zufammenhange unferer Deutung des Ganzen faft von felbfi. Sie will nam: lich nicht3 anderes jagen, als daß Petrus, nachdem ihm jene_ nen fowohl des erften Evangeliften, der die Wolfe zu einer Fort- feßung der Glanzerſcheinung macht, aber dabei ungeſchickter Weife dennoch das Emioxıaleıw des Marcus beibehält, als auch des Lukas, welcher durch diefe Wolfe die Furcht der Jünger motiviren will. *) Pſ. 2%, 7. Jeſ. 42, 1. 5 Mof. 18, 15. Auch hier jedoch ift die Re— mintscenz, namentlich in Bezug auf die zweite Stelle, auffallender bei Mattp. und Lukas, als bei dem Unſrigen. #2) Cap. 8, 30, =) Matth. 14, 28 ff. — rn OR + - Evangelifche Erzählungen und Reden nad) Marcus. 543 hohe. geiftige Anſchauung durdy den Herrn eröffnet worden war, gar ſchnell ſich geneigt zeigte, diefelbe dogmatiſch zu firiren und in eine zum Behuf weiterer Verbreitung fertig daliegende For— mel zu bringen. Solche Neigung ift, nach dem übrigens bez Fannten Charakter diefes Juͤngers, demfelben gar wohl zuzu— trauen; ift ja doch Petrus auch in der fpateren Tradition der fombolifche NRepräfentant des Dogmatismus und des pofitiven, kirchlichen Princips im Chriftenthume geblieben. Wie aber fonnte diefe Neigung und das voreilige Ausfprechen derfelben gegen den Meifter, der in ganz anderer Abfiht die hohe Einficht ihnen mitgetheilt hatte, — wie fonnte beides finnreicher und tref— fender auggedrücdt werden, als durch den dem Petrus unterges legten Borfchlag, dort, auf dem Berge der Verklärung, wo Sefus-ihnen, vom Glanze feiner Meffiaswürde umftrahlt, mit Gefeßgebern und Propheten des Alterthums im Zwiegefpräch erfchienen war, jedem diefer drei, Zefu, dem Mofes und dem Elias eine Hütte zu erbauen ? — Freilich entfteht hier die Frage, von wem dieſer geiftreiche Ginfall, der die Einfiht und Weis- heit des Bornehmften der Jünger nicht eben in das günftigfte Licht ftelt, ausgegangen fein möge; und es Fann leicht fcheis nen, als ob bei diefer unferer Deutung, welche die Meis ſten für recht handgreiflih auf einen Mythus hinauslaufend anfprechen werden, ein bedenklicher Conflict mit unfern Voraus— ſetzungen über den Urfprung des Marcusevangeliums nicht zu vermeiden fei. Indeß auch diefe Schwierigkeit glauben wir auf befriedigende Weife löfen zu koͤnnen. Es ift und nämlic) nichtö weniger als unwahrfcheinlih, daß der Erfinder Diefer Bezeihnung niemand anders, als der Herr felbft war, er, auf den wir, wie fchon bemerkt, allenthalben dergleichen prägnante, fremden Perfonen in den Mund gelegte Reden zurüdzuführen am meiften geneigt find. Als Anfnüpfungspunct für diefe Ver— muthung dient uns bier eben das ausdrüdlich erzählte Verbot Sefu, von diefer Begebenheit, d. h. von der ihnen eröffneten tiefe- ren Erfenntniß nicht eher öffentlich zu fprechen, ald nachdem ihnen duch die Begebenheiten, die nach feinem Tode bevorftanven, eine vollftändigere Einficht in den Zufammenhang des jet ihnen Mitgetheilten eröffnet fein würde, Diefes Verbot fegt namlich offen- bar voraus, Daß Jeſus, ald er den Juͤngern jene Eröffnungen be= — — a 9 BA. Vierte Bud. reits gemacht hatte, nach Verlauf vielleicht einer kurzen Zeit nochmals gegen diefelben auf das zwifchen ihnen Werhandelte zuruͤckkam. Wie nahe liegt es hier, bei der an ihm bekannten Vorliebe für parabolifche Ausdrudsweife, anzunehmen, daß er auch bei dieſer Veranlaffung das Benehmen der Jünger ihnen ſelbſt in bildlichen Ausdrüden gefchildert haben möge, wozu dann eben jener Ausdruck gehört haben wird. Bielleiht, daß noch manches andere in Form und Ausdruck unferer Erzaͤh— lung und in den fymbolifchen Detaild derfelben auf ganz ent- fprechende Weife aus dieſen eigenen, bildlich ausgefprochenen Erklärungen de Herrn entnommen ift, und daß folchergeftalt der Herr felbft den Juͤngern die Beranlaffung gegeben hatte, jenes gefammte Ereigniß in die finnbildliche Form, in der es hier vor uns liegt, einzufleiden. - 34, Die drei vertrauteren Jünger fragen ihn: „Was fa: gen doch die Schriftgelehrten, daß Elias zuvor fommen muͤſſe?“ Sefus antwortet: „Elias follte fommen, und alles. herftellen? Wie koͤnnte dann von dem Menfchenfohne gefchrieben ftehen, daß er viele Leiden und Mishandlungen erdulden fol? Aber ich fage euh, Elias ift fchon gekommen, und fie haben mit ihm gemacht, was fie gewollt, und wie auch auf ihn gefchrie: ben ſteht.“*) Diefes Eurze Gefpräch wird bei den zwei Cvangeliften, die es aufgenommen haben (Lufas hat, wahrfcheinlic im Gefühl des gleich zu erwähnenden Uebelftandes, daffelbe weggelaffen), bekanntlich unmittelbar an das vorhergehende geknüpft. Wel- cher Uebelftand aus diefer Verbindung hervorgeht, liegt am Tage und ift fchon von Mehreren bemerkt worden. Es iſt vergeblich, Diefen Uebelftand dadurch befeitigen zu wollen, daß man fagt, die. Frage der Sünger beziehe fich nicht auf die Er- fcheinung des Elias überhaupt, wie fie ja fo eben ſelbſt dieſe Erſchei— nung gefehen haben follen, fondern näher auf eine foldhe Er- fcheinung, wie die Schriftgelehrten fie in Folge der Weiffagung des Maleachi zu verfündigen pflegten; welcher Verkündigung das fo eben. Borgefallene, wie auch wir zu bemerfen nicht erman- gelt haben, freilich nicht entiprechend gefunden werden Tonnte. N *) V. 11 ff, Parall, Matth. V. 10 ff. Evangelifche Erzählungen und Reden nad) Marcus. 945 So nämlich kann die Frage weder nach dem Bericht, welchen die Evangeliften von ‚ihr geben, noch auch nach der richtigen Deutung des vorangehenden Vorfalls verftanden werden, Erſte— res nicht, weil die Evangeliften nicht den mindeften Bezug auf das Vorangehende, in die Antwort fo wenig, wie in die Frage gelegt haben, leßteres nicht, weil nad) diefer Deutung das hier über Elias Verhandelte fhon in den Verhandlungen, welche, wie wir. gezeigt, den wahren Inhalt jener. Begebenheit aus— machen, entpalten fein mußte. Es geht vielmehr aus diefer Deutung hervor, Daß gegenwärtiges Gefpräch weit eher als der Eingang, als der Anlaß jener ausführlichern Verhandlung Zefu mit feinen vertrautern Süngern gedacht werden kann, als, wo- für es bier gegeben wird, als ein Nachtrag zu dieſer Verhand- lung. — Was aber den Inhalt des vorliegenden Gefpräches felbft betrifft, fo ift ein treffender Sinn demfelben nur dann abzugewinnen, wenn auch. hier. die Priorität der Darftelung des Marcus vor der parallelen des erften Evangeliums anerkannt wird. Diefer Sinn nämlich fordert, daß der erfte Sab in der Antwort Jeſu, was unfers Wiſſens bisher noch Niemandem eingefallen ift, als Frageſatz verſtanden werde ). Denn nur fo gefhieht dem Gegenfage fein Necht, der offenbar in dem Fol—⸗ genden zu jenem erften Sabe liegt. Dieſes Folgende hat offen: bar nicht den Zwed, jenen Sab, daß Elias Fommen und eine Apofataftafis bewirken foll, zu beftätigen, fondern ihn. zu wis derlegen oder fo zu befchränfen, daß feine Wahrheit nicht mehr die von den Schriftgelehrten, die ihn ausfprachen, gemeinte, fondern eine ganz andere, von diefen nicht geahnete if, Eben diefe Bedeutung nun aber des erften Sabes als Fragefak er- giebt fich aus der Stellung der Säbe bei dem Unfrigen ganz 9 Ob dies grammatifch zuläffig fei, darüber durften wir ung freilich fein vollgültiges Urtheil zutrauen; wir haben aber auf philologi— ſche Anfrage deshalb eine volltändig bejahende Antwort erhalten, und zwar unter Verweifung auf Godofr. Hermanni Opuscc. Tom. II, p. 233, wo fich Beifpiele angeführt finden von dem Gebrauce der Partifel uev in Fragefäßen, bie, wie ‚der hier in Rede ſtehende, awar eine befahende Antwort von Seiten deffen, an den bie Frage gerichtet wird, vorausfeßen, aber dabei zugleich eine Verneinung oder Einfehränfnng im Bintergrunde zeigen wollen. 35 Zr, — 546 Viertes Bud. ihansah von felbft, und.man bat fie bis jekt nur Darum verfennen fönnen, weil man von dem Vorurtheile einer Abhangigkeit des Marcus von Matthäus ausging. — Dieſer letztere freilich, der Dfeudo-Matthäus, hat diefes Misverftändnig feines Vorgängers nicht nur bei den Späteren verfchuldet, fondern wir fehen daf- ſelbe fchon bei ihm felbft beginnen. Denn auf Feine Weife würde er fonft die zweite Frage, die Sefus bei Marcus dem in der erften Frage enthaltenen Sage entgegenftellt : „wie denn von dem Menfchenfohne gefchrieben ftehen koͤnne, daß Leiden und Mishandlung ihn erwarte?” — aus diefem Zufammenhange eliminirt und, in einen affertorifchen Sat verwandelt, an den Schluß der übrigen Nede geftellt haben. Diefe Wendung nam- lich giebt den Uebelftand, daß der dort unmittelbar auf den erften Sat folgende Ausfpruch: Elias fer ſchon gefommen, vollig un— motivirt bleibt und einen fehneidenden Widerfpruch bildet mit der in jenem erfteren zugeftandenen Wiederherftellung aller Dinge durch Elias z während er, fammt dem Weiteren, was über Die: fen bereit erfchienenen Elias gefagt wird, bei Marcus durch die dazwifchen gefchobene Gegenfrage auf die vollftändigfte und (doch immer nur unter der Vorausfekung, daß, wie gefagt, auch der erfte Sat ein Fragefas ift) logiſch richtigfte — vermittelt erfcheint. Iſt nun fo, ohne alle Tertesveränderung, wie folhe auf bie gewaltfamfte Weife ein neuerer Ausleger in Borfchlag gebracht hat, blos durch die Einficht in das wahre gegenfeitige Verhältnig der beiden evangelifchen Darftellungen, der Sinn biefes merf- würdigen Ausfpruchs klarer und reiner, ald bisher, and Licht getreten: jo mag es jeßt an der Zeit fein, auf das Gewicht feines Inhalts aufmerffam zu machen, welches dem ganzen Um— fange der daraus zu ziehenden Folgerungen nach unfers Willens noch von Niemand gewürdigt worden iſt. Wir haben hier, deutlicher vielleicht ald irgendwo fonft, ein Beifpiel der erha- benen Geifteöfreiheit, mit welcher Jeſus die jüdifche Meffias: fage behandelte, indem er ihre Bedeutung durchfchaute. Wäre er, gleich den Schriftgelehrten damaliger und auch noch jeßiger Zeit, Pedant genug gewefen, an den. meffianifchen Weiſſagun—⸗ gen des Alten Teſtamentes im außerlichen und buchftäblichen Sinne feftzuhalten: fo hätte er nimmermehr zu der Einficht Re. Evangeliſche Erzählungen und Reden nach Marcus. 547 kommen fünnen, daß Elias, derjenige Elias, welcher dem Mef: ſias vorangehen follte, bereits erfchienen fei. Der Widerſpruch, den er gegen die Schriftgelehrten erhebt, trifft nämlich nicht etwa blos die willfürliche Auslegung. derfelben, fonden als lerdings auch die Prophezeihung des Maleachi felbft, in welcher die „Apokataſtaſis,“ von der Chriftus hier in Abrede ftellt, daß fie vom Elias zu erwarten fei, mit Haren Worten von ihm verfündigt wird. Es Fann alfo diefe Stelle, fo verftanden, wie fie unftveitig verftanden werden muß, nach doppelter Seite hin zur Warnung dienen, einestheild den rechtgläubigen Auslegern, ed mit den fogenannten mefjianifchen Weiffagungen nicht genauer nehmen zu wollen, als der Herr felbft, in dem fie erfüllt wurden, ed mit ihnen genommen hat, andererfeits den ffeptifchen, dem Heren nicht in anderer, ähnlicher Beziehung, z. B. in Bezug auf das moſaiſche Gefeß, eine engherzige Befangenheit in dem Buch— ftaben zuzutrauen, von welcher er hier fo unzweifelhaft das Gegen- theil an den Tag legt. — Die Einfiht, welche durch diefe Warnungen gewedt werden fol, hat ſich nach beiden Seiten bin fogleich hier, an der Auslegung ded weiteren Ausfpruchs zu bewähren, den Iefus über das Schidfal des Meffias thut. Wenn nämlich Jeſus fich auf einen Schriftausfpruch beruft, welcher dem Meffias Leiden und Verachtung angekündigt habe: fo pflegen hieraus die Orthodoren zu folgern, daß der— gleichen Ausfprüche auch wirklich genau in dem Sinne des ge: genwärtigen Ausfpruchs in dem Alten Teftament enthalten fein muͤſſen; die Sfeptifer, entweder, falls fich zeigen laffe, daß ir- gend welche Ausfprüche des Alten Zeftamentes von den Juden jener Zeit fo verftanden worden find, daß diefer Glaube feiner Zeitge- noffen auf Sefus übergegangen fein müffe, oder, im entgegenge- festen Falle, daß Sefus diefe Ausfprüche überhaupt nicht ge: than haben fonne, fondern daß folche erſt nach dem Erfolg ihm untergelegt feien. Aber alle diefe Folgerungen find gleich falfch; alle legen Jeſu eine gleiche Geiftlofigkeit in feinem Verhaͤltniſſe zu Seit und Vorzeit unter. Derfelbe hohe Geift, deſſen kuͤh— ner und dDurchdringender Blick in der Erfcheinung des Johan: nes die Erfüllung jener Weiffagungen erfannte, welche auf die Erſcheinung eines Elias hindeuteten: wie follte er nicht auch 35% eu Biertes Bud. J in jenen Prophetenſpruͤchen), welche mit jo wahrhafter Seelen⸗ tiefe von den Leiden und der Schmach, welche der Knecht des Sehova zu beftehen habe, reden, die verborgene Beziehung, bie unbewußte Hindeufung auf das Schickſal, welhes auch Ihn erwartete, haben herausfinden und zum Bewußtſein bringen fonnen; auch wenn er in diefer Erfenntnif fürerft noch ganz allein fland, wenn weder die Schriftgelehrten feiner Zeit ihm darin vorangegangen waren, noch auch die Propheten felbft, die jene Sprüche gefprochen, ſolche Erkenntniß unmittelbar in fie hineingelegt hatten? Wie die jüdiihen Shhriftgelehrten fih aus einem Theile der alten Weifjagungen, der ihrem Na- tionalftolze am meiften fchmeichelte, mit engherzigem Buchſta⸗ benglauben ihre Meffiastheorie gebildet hatten: fo bildete Er aus "einem andern, verborgneren Theile derſelben mit freier Ueberfchauung des Ganzen und theilweile ausdrüdlicher Ver⸗ werfung des Einzelnen, im Geift und in der Wahrheit die fei- nige, eine folche, in welcher das erhabenſte Selbftgefühl unmit- telbar in die hoͤchſte Gelbftverläugnung überging. Ein eben folcher, von dem Herrn auch den Juͤngern eröffneter Einblick in den verborgenen Gehalt, in den prophetiihen Sinn jener alt- teftamentlihen Stellen, welche auf den Meſſias zu beziehen bisher noch Keinem beigefommen war, war es unftreitig auch, der in die den Iüngern von dem Herrn eröffnete Gefammtan- ſchauung ald ein wejentlihes Moment eintrat und fie in der Ueberzeugung, daß ihr Meifter der Meifias fei, beftärfte, wenn auch nicht gerade die Ueberzeugung von der Nothiwendigfeit fei- nes Leidens und feines gewaltiamen Todes Damals u in ihnen Wurzel gefchlagen zu haben fcheint. Einen befondern Anftoß hat man daran genommen, dag eine ähnliche Aeußerung, wie in Bezug auf die Weiffagungen über das Schidjal des Meffias, Jeſu auch in Bezug auf den Elias in den Mund gelegt wird. Auch von diefem heißt es, eö ftehe von ihm dasjenige gefchrieben, was nachher mit Jo— hannes, den Sefus hier meint, wirklich gefchehen war; und doch fieht man fich vergebens im ganzen Alten Teftamente nad einer Stelle um, die bier gemeint fein fonnte. Das Wahr: *) Jeſ. 53. % Evangelifche Erzählungen und Reden nah) Marcus. 549 fcheinlichfte ift wohl, daß der Evangelift durch einen Gedächt- nißfehler auch hier diefe Beziehung, wo fie nicht paßte und von Jeſus nicht ausgefprochen war, beigefekt habe. Doc bleibt es möglich, daß Jeſus in die mancherlei allgemeinen Aus: fprüche, die ſich über das Schicfal der Gottgefandten und Pro- pheten im Allgemeinen im Alten Zeftament zerftreut finden, auch jenen ‚‚größten der Propheten ‘’ mit eingefchloffen wiffen wollte‘). Die ausdrüdliche Nennung des Johannes übrigens ift vom erften Evangeliften aus einem andern Zufammenhange**) in den gegenwärtigen heruͤbergenommen **). Nah Marcus fcheint es, ald habe in dem gegenwärtigen Sefus nur errathen laffen, wer jener Meſſias ſei; fo wie fich überhaupt auch fonft im Mareusevangelium zwar die Spur jener unftreitig von Je— ſus ausgegangenen Uebertragung des prophetifhen Mythus auf Sohannesy), aber nicht die ausdrüdliche Bezeichnung des legten als Elias findet. 35. Als er zu den übrigen Süngern zurüdfam, fand er einen Haufen Volks um fie verfammelt, und Schriftgelehrte mit ihnen in Unterredung. Das Volk erblicte ihn und ſtutzte; man lief herzu und begrüßte ihn. Er fragte, was fie mit ein- ander hätten; einer aus der Menge antwortete: „Meiſter, ic) brachte meinen Sohn zu dir, dem von einem böfen Geifte die Zunge gelähmt ift. Wenn er befallen wird, fo reißt es ihn, er fchäumt, fletfcht die Zähne und zehrt fich ab. Sch bat deine Juͤnger, den Geift auszutreiben, aber fie vermochten ed nicht.“ Jeſus fprach darauf: „O ihr glaubenlofes Geflecht, wie lange werde ich denn noch unter euch fein? Wie lange foll ich euch noch ertragen? Bringt ihn zu mir!“ Man brachte ihn, und da der Knabe Iefum erblidte, padte ihn der Geift, er fiel zur Erde und wälzte fi ſchaͤumend. Jeſus fragte, feit . *) Vergl. Mare. 12, 5 u. Parall. **) Matth. 11, 14. **) Daß auch Zuftin (dial. e. Tryph. 49) diefen Zufaß fennt und mit ausdrüdlichen Worten hervorhebt, dies möchte wohl zu den über-" zeugendften Beweifen von der Bekanntſchaft dieſes Apologeten mit unferm Matthäusev. gehören. +) Cap. 1, 6. Bergl, oben ©. 257. 550 Biertes Bud. wann ihm fo gefchehe; worauf jener antwortete: „Bon Kind- heit auf. Oft hat es ihn ins Feuer und ind Wafler gewor- fen, um ihn zu verderben, Wermagft du es irgend, fo Hilf uns und erbarme dich über ung!’ Darauf Sefus: ,, Wenn du nur glauben Fannft. Alles vermag der Glaubende!“ Der Bater des Knaben fchrie auf und rief: „Ich will gern glau— ben. Hilf meinem Unglauben!’ Ws nun Sefus bemerfte, wie eine Volksmenge zufammen lief, bedrohte er den unreinen Geift und rief ihn an: „Du Geift der Stummheit und Taub— heit, ich gebiete dir, weiche aus ihm, und komm nicht wieder in ihn herein!” Da fchrie der Geift aus dem Knaben auf, packte ihn noch einmal gewaltig, und wich dann aus ihm. Der Knabe lag da wie todt, fo daß Viele ihn geftorben mein: ten. Jeſus aber nahm ihn bei der Hand und erwedte ihn, und er ftand auf.» As er hierauf nad) Haufe Fam, fragten ihn die Zünger für fih, weshalb fie den Dämon nicht hätten vertreiben fünnen, Er antwortet: „Dieſe Art kann durch nichts anderes vertrieben werden, ald Durch Beten und Faften.’’*) Der Charakter diefer Erzählung und ihr Verhältniß zu den Parallelen der beiden andern Synoptiker entfpricht im Wer fentlichen dem von uns fchon zu wiederholten Malen beobach— teten Charakter und Berhältnig ähnlicher Berichte von Wun- derheilungen. Auch bier finden wir Feine Spur gefliffentlicher Mebertreibung**), wohl aber eine Anfchaulichfeit der Art, welche theild auf die thatfächliche Authentie der Detailzüge, theild we— nigftend auf die Originalität und den guten Glauben des Er- zaͤhlers fchließen läßt. Die Parallelftellen dagegen, jede voll- fommen unabhängig von der andern**), enthalten Auszüge aus *) V. 14 ff. Parall. Matt. 17, 14 ff. Luk, 9, 37 ff. =#) Das von Strauß fo gedeutete &Fsdaußrdn V. 15 wird mit Net von Neander (2. 3. ©. 302) vertheidigt. Wohl aber ift ein ab— ſichtlicher, doch unbedeutender Zufat das wovoyerzs bei Luk. V. 38, x**) Gegen diefe Unabhängigkeit könnte nur etwa der Umſtand einen Einwand abzugeben frheinen, daß zu den Worten & yeved amıoros Mare. V. 19 beide Andere den Zufab var dssorgauusvn haben. Diefer Zufag enthält offenbar eine altteftamentliche Neminiscenz & Mof. 32, 5. 20. Pf. 58, 4), Beide konnten daher gar wohl un- abhängig von einander darauf kommen. Indeß wäre es auch mög— Evangelifche Erzählungen und Reden nach Marcus. 551 der vorliegenden Erzählung, in welchen alles überflüffig ſchei— nende des malerifchen Details, insbefondere aber manche den Ueberarbeitern unverftändlich gebliebene Härten weggelaflen find. Doch hat das erſte Evangelium auch einen Zuſatz, der ſich als einen nicht aus dem Stegreif erfundenen, fondern aus einer andern Duelle entlehnten anfündigt, wie ihn denn auch Lukas einem andern Zufammenhange einverleibt *). Diefer Zuſatz handelt, gleich einigen der auch bei Marcus vorfommenden Züge, von der Macht des Glaubens; er kann fonach aller dings auf den Gedanken bringen, ob nicht auf ähnliche Weife, wie er, wielleicht auch fchon in der urfprünglichen Erzählung des Marcus ein oder der andere Zug, der von Haus aus nicht dem Bufammenhange der bier erzählten Begebenheit angehörte, in der Erinnerung des Evangeliften fi mit diefem Zufammen: hange vermifcht haben und fo demfelben einverleibt worden fein möge. Während nämlich das rein Thatfächliche der Begeben- heit mit den VBorausfegungen zufammenftimmt, die ſich uns oben in Bezug auf die Wunderthätigfeit Jeſu überhaupt als annehmbar und glaubwürdig bewährt haben; während daſſelbe fowohl nach diefer Seite, ald auch was den formalen Cha— rakter der Erzählung betrifft, das Gepräge hiftorifcher Glaub- würdigkeit trägt: fo fteht nicht zu Jäugnen, daß manche der dazwiſchen eingelegten Reden einigermaßen befremdend daſtehen, und duch den Zufammenhang nicht hinreichend motivirt er— foheinen. So gleich die Klage über den Unglauben diefes Ges ſchlechts, von der man bis jest nicht hat einig werden fonnen, ob fie auf die Jünger, oder auf die Heilfuchenden gehen folle ) Lich, daß ſich in der gemeinfchaftlichen Duelle Beider (dem Achten Matthäus) diefe Worte vielleicht im Zufammenhang mit Matth. 3.20 fanden, und fo den Anlaß auch zu diefem Zuſatz gaben, während fie von. beiden Evangeliften ‚an die entſprechende Gtelle bei Marcus eingefchoben wurden. *) Matth. B. 20. Luf. 17, 6, beide offenbar unabhängig von Mare. 11, 23, welche Stelle auch ihrerſeits Matth. 21, 21 in einer pa= rallelen wiedergiebt. *#) Der Berf, des erften Ev, hat fie, wie man deutlich aus dem eben- gedachten Zuſatze erfieht, auf die Jünger beziehen zu müffen ge— glaubt. ST SENT, 70,0% RE — N 552 Viertes Bud. faft noch mehr aber trifft diefer Tadel die Worte, welche nach— ber Jeſus mit dem Vater des befeffenen Knaben wechfelt. Diefe müffen und, nach der von md ein für allemal feftgeftellten Re— gel über die Bedeutung des Glaubens in den Wunderwerfen Sefu*), um fo mehr ald ein hors d’oeuvre erfcheinen, als der— jenige, von welchem hier Glauben gefordert wird, nicht der zu Heilende felbft, fondern ein Dritter, wenn auch immerhin mit jenem eng VBerbundener ift. Es treten alfo hier die nämlichen Bedenken ein, welche wir bei der Erzählung vom Fananäifchen Weibe geltend machten, und zwar in-noch erhöhtem Maße, weil Sefus den Glauben, welcher dort freiwillig gewährt wird, als eine Außerliche, mafchinenartige, nicht, wie fonft, als bie immanente, durch die Natur der Sache gegebene Bedingung zur Grfüllung des ausgefprochenen Wunder fogar fordert. Dieſes Bedenken erledigt fich, wenn wir annehmen, was durch die, wie gefagt, nicht hinreichend motivirt erfcheinende Folge der Erzählung ſich ohnehin als wahrfcheinlich Darftellt, daß Mars cus einige fremdartige, doch gleichfalls factifch wahre Züge aus Irrthum mit der gegenwärtigen Erzählung combinirt habe. — Mir finden uns in diefer Annahme noch durch einen Umftand beftäarft, dem ähnliche uns gleichfalls fchon zu wiederholten Malen begegnet find. Die Worte nämlich, welche (B.24) dem Bater des Knaben in den Mund gelegt werden, find fo pragnante (obgleich, der darin enthaltenen Härte und Paradorie wegen, der erfte und dritte Gvangelift fie verfchmäht haben), daß fie und, gleich manchen ähnlichen, denen wir anderwärts begeg- nen, weit mehr darnach ausfehen, von Jeſus felbft in irgend einem paränetifchen, vielleicht gleichfalls parabolifchen Zußam— menhange, ald bei einer wirklichen Begebenheit von einer gleich- gültigen Perfon gefprochen zu fein. War nun, wie leicht ge: fhehen Eonnte, in der mündlichen Ueberlieferung jener Zuſam— menhang verloren gegangen, und hatte ſich aus ihm nur dieſes geiftreiche Wort erhalten: fo ift leicht erklaͤrlich, wie unfer Evangeliſt daffelbe in einen andern Zufammenhang, der fich ihm dazu zu eignen fchien, -hineinzutragen fich verfucht finden fonnte, *) ©. oben Bud II, ©. 343. ' Evangelifche Erzählungen und Neden nah Marcus, 553 36. Er hatte beim Zurücdlegen eines Weges bemerkt, wie die Sünger unter einander ftritten. Zu Haufe in Kapernaum angelangt, fragt er, was es unter ihnen gegeben habe. Gie ſchwiegen darauf; fie hatten namlich Davon gefprochen, welcher der Größte ſei. Da feste er fich nieder, rief die Zwolf zu fich und fprach zu ihnen: „Will einer der Erfte fein, der fei von Allen der Lebte und ein Diener Aller!““) — Bis hieher und nicht weiter geht diefe Anekdote, welche, da die Aeußerung Sefu in einer fpätern ausführlichern wiederfehrt, ihr Charakte— riftifches durchaus nur in der äußeren Veranlaffung hat. Die beiden andern Synoptifer haben dieſe Veranlaffung weggelaf- fen, und dagegen in der bereits oben von und gerügten Weife*”) die Worte Jeſu Eünftlich an das Nachfolgende geknüpft. Nach dem erſten Evangelium, in welchem man bisher die vollftän- digfte Erzählung diefes Hergangs zu finden meinte, lautet die— felbe demnach fo. Die Zünger kommen zu Jeſus und richten an ihn die Frage, wer der Größte im Himmelreich fei. Da ruft Sefus ein Kind, ftellt es in ihre Mitte und Spricht: ‚Wahr: lich ich fage euch, wenn ihr nicht umfehrt und werdet wie bie . Kinder, fo Fommt ihr nicht in das Himmelreih! Wer fich alfo demüthigt, wie diefes Kind, der ift der Größte im Him— melreich!“ Daran wird nun 'eben fo, wie aud) bei Marcus, welcher die Erwähnung des Kindes, welches Sefus in die Mitte der Sünger ftellt und feine Arme um daffelbe ſchlingt, erft auf die vorhin berichtete Aeußerung folgen läßt, das weitere Wort geknüpft: „Wer ein folches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf’, — mit Weglaffung des Zufaßes, der fich bei dem Unfrigen und auch bei Lufas daran fhließt: „und wer mich aufnimmt, der nimmt nicht mich, fondern den auf, der mich gefandt hat.’’ Unfere Behauptung geht nun, wie man fieht, dahin, daß diefer leßtere Ausfpruch als ein von jenem erftern vollfommen unabhängiger zu betrachten ift, und daß die ausführlichere Ge— ftalt, die jener im erften Evangelium erhalten hat, durchaus nur von dem Streben herrührt, beide mit einander in Verbin: *) B. 33 ff. Parall. Matth. 18, 1 ff. Luk. 9, 46 ff. **) Bud I, ©, 74 ff. 594 Viertes Bud. dung zu bringen. Der Evangelift fand in der Meinung — (ob es Marcus vielleicht wirklich auch feinerfeits fo gemeint hatte, kann dahin geftellt bleiben), jene Darftellung des Kindes habe ald eine Art von Antwort auf den Streit der Sünger gelten folen. Dazu wollten nun freilich die bei diefer Handlung von Sefus gefprochenen Worte nicht paſſen; der Gvangelift gerieth daher auf die Vermuthung, fein Vorgänger müffe einige Der damals gefprochenen Worte weggelaflen haben, und da er, ei- nige Blätter bei jenem vorwärts blickend, ſolche Worte fand, die in den gegenwärtigen Zufammenhang, wie er fich Denfelben vorftellte, hineinzupaffen fchtenen, fo trug er fein Bedenken, fie von dort herüberzunehmen. Die Lüde, welche an jener Stelle bei ihm geblieben ift*), Fann als ein: Denkmal dieſes feines Thuns betrachtet werden. — Bis dahin indeß würde ſich fein Berfahren noch entfchuldigen laſſen; wiewohl freilich Schon Die Pantomime, mit der er, um die Sünger zu befchämen, ein - Kind ihnen zum Mufter vorftellt, etwas Sonderbares hat, und um de3 Eindrucks willen, den auf dad Kind dieſe Scene ma— chen mußte, ein verftändiger Paͤdagog manches Dagegen würde einzuwenden haben. Bollig verunftaltet: aber wird dieſe Rebe Jeſu durch die vom Evangeliften aus dem Stegreif, um doc) auch der bei Marcus vorgefundenen Antwort ihr Necht wieder: fahren zu Taffen und ihren Sinn dem Zufammenhange einzu: verleiben, hinzugefügten Worte: „Wer ſich demüthigt, wie die— ſes Kind, ift der Größte im Himmelreich.“ Das Unange- mefjene diefes Wortes, die Undenfbarkeit, daß Jeſus es gejagt habe, liegt am Tage. Gerade Streitigkeiten der Art, wie jene war, die er an den Juͤngern firafen wollte, find nirgends haus figer, als unter Kindern; wie Fann man wahrfcheinlich finden, daß Jeſus die zufällige Schüchternheit eines Kindes, Das fich in einen Kreis Grwachfener verfeßt fieht, feinen Süngern als Beifpiel felbftverläugnender Demuth vorgeftellt haben ſollte! Bon der Erzählung des erften Evangeliums bleibt uns fonach nichts weiter übrig, ald die oben angeführten, auch bei dem Unfrigen vorkommenden Worte über die Sorge für ‚bie Kinder, Diefe Fonnen zwar, für fich allein genommen, einen *) Matth. 19, 14 vergl. mit Mare. 10, 15. Luk, 18, 17, oe, f 14 WER Evangelifche Erzählungen und Reden nad) Marcus. 555 guten Sinn zu geben ſcheinen; indeß befenne ich, daß es mir nicht gelungen ift, einen Grund aufzufinden, der Sefum bewo- gen haben konnte, wider feine fonftige Gewohnheit, auf eine Handlung der gemeinen Menfchenfreundlichkeit einen mit fol cher Emphafe ausgefprochenen Werth zu legen. Daß: Seder ohne Unterfchied, der eines Kindes ſich annehme, ſich auch Seiner annehme, kann offenbar feine Meinung nicht fein, denn — „thun ſolches nicht auch die Heiden ?’‘* Der Unterfchied müßte alfo in dem ,‚‚in meinem Namen“ liegen. "Aber diefer Unterfchied ſelbſt, wenn er mehr als ein blos formaler fein fol, fommt er dann nicht auf das Moment zurüd, was bei an: dern verwandten Ausfprüchen** das unterfcheidende Merkmal eines folchen bildet, der in Zefu Namen aufgenommen wird; namlich, daß er ein Sünger Sefu ift, oder, was unftreitig für gleichviel gelten darf, zum Sünger des Herrn erzogen werden fol? — Es fragt fi) Daher, ob jener Ausfpruch unfers Evan- geliften nicht für einen und denſelben mit dem letztgedachten zu nehmen, und vielleicht nur durch einen Misverftand des Aus: druds „die Kleinſten,“ deffen fich Sefus anderwärts**) von feinen Süngern bedient, auf Kinder, als folche, übertragen fein fonne?+) : Auf diefe Rede läßt unfer Evangelift einige andere (Nr. 36 — 40) folgen, die er offenbar durch blos zufällige Um: ftände geleitet, an jene anknuͤpft. 36, Der Sünger Sohannes berichtet, wie ſie Einen geſehen haben, der in Jeſu Namen Daͤmonen austrieb, und wie ſie ihm dies verwehrt, weil er ſich nicht zu ihnen hielt. Jeſus antwor— tet: „Hindert ihn nicht. Keiner, der in meinem Namen etz was ausrichtet, wird fo bald Uebles von mir reden Fonnen. Mer nicht wider euch ift, ift mit euch! 44) — Diefes Wort ift, wie früher fchon bemerkt, mit dem Vorhergehenden nur durch das „in meinem Namen’’ verbunden; fei ed nun, daß Sohannes durch *) Matth. 5, 47. *) Matth. 10, 40 ff. Luk. 10, 16. Joh. 13, 20, ***) Matth. 10, 42. +) Bergl. Strauß U J. J. ©. 614. ++) 3. 38 ff. Parall. Luk. 9, 49 f. 556, | Biertes Bud. diefen Ausdrud an das erinnert wurde, was er dem Meifter zu fagen hatte, oder, was wahrfcheinlicher, Daß der Evangelift - an diefes Stichwort die Anekdote knuͤpfte, für die er fonft Fei- - nen Plas wußte, — Der Borfal felbft ift von Wichtigkeit, denn er zeigt erftens, wie wenig Jeſus die Ausdruͤcklichkeit ei— nes Ficchlichen Verbandes für Die Einzelnen ald unumgaͤng— liche Bedingung betrachtete, um der Segnungen feines Wirkens theilhaftig zu werden; fodann, wie ganz und gar nicht im ex— clufiven Sinne dasjenige gemeint war, was er felbft zur Stiftung eines ausdrüdlichen Vereines feiner Schüler zu thun für recht befand. Der Spruch, mit welchem er feine Antwort-fchließt, — (ihn von leßterer abzufrennen, erfcheint und nicht ald noth— wendig, wenn gleich es möglich ift, daß er bei anderer Gele- genheit gefagt war), öffnet, richtig verftanden, auch den Hei- den, die nichts von Zefu gehört haben, den Eingang zum Him— melreich. 37. Gleichfalls nur auf Anlaß derfelben (hier jedoch an— ders zu überfegenden) Redensart „in meinem Namen‘’ läßt unfer Cvangelift, und diesmal er allein, unmittelbar auf Vor: fiehendes den Ausspruch folgen: „Wer euch auch nur einen Trunk Waffer reicht, darauf hin, daß ihr Chrifti feid *), wahrlich ich fage euch, ihm wird fein Lohn nicht entgehen. Und wer einen der Geringften, die an mich glauben, zu verführen fucht, beffer ift es ihm, man bindet ihm einen Mübhlftein an den Hals und wirft ihn in den See.‘ *) — Offenbar ift die Vers bindung diefer beiden Ausfprüche zur Einheit einer Antithefe, wie wir fie bei unferm Evangeliften finden, urfprünglicher und richtiger, ald die Verbindung des legten Gliedes dieſer Antithefe mit dem Sabe von der Aufnahme der Kinder, wenigftens in der Weite, wie wir leßteren bei dem Verfafler des erften Evan: geliums fanden. Denn die „Geringen“ find hier offenbar nicht, *) Richtiger wohl bei Matthäus, der diefe Stelle unabhängig von dem Unſrigen in einem andern Zufammenhange hat (10,42): „daß ihr Jünger ſeid.“ Denn e8 frheint nicht, daß Jeſus ſich ſelbſt Chri- ftus genannt habe, wenn er es auch gefchehen Ließ, daß man ihn fo nannte, f **) B, 41 f. Parall, Matth. 18, 6. eo, Evangelifche Erzählungen und Reden nach Marcus. 557 wie dieſer Evangelift fie durch feine Zufammenftellung dazu macht, Kinder, — wie fonnten diefe als gläubig an Jeſus bezeich- net werden? — fondern jene, die von demſelben Evangeli— ſten in dem Ausdrude, den er an einer andern Stelle*) von dem erften Saße der vorliegenden Antithefe giebt, eben fo ge: nannt werden **). Der Verfaffer des erſten Evangeliums hatte auch hier den Unfrigen vor Aügenz die Willkürlich- feit feiner Zufammenftellungen einfehend, meinte er ihn zu verbefjern, wenn er alles Dazwifchenliegende ausließe, bis auf die Stelle, die er, wie den Anfang der vermeintlich zufammen: hängenden Nede, gleichfalls auf Kinder beziehen konnte. Aber abgejehen von jener Zufammenftellung, welche auf der Vorauss feßung beruht, daß auch der erſte Satz von Kindern ſpre— he, bildet die Anordnung bei unferm Evangeliften eine beffere ‚Antithefe. Hier naͤmlich werden Lohn und Strafe einander entgegenftellt, während dort die harte Androhung dem „er nimmt mich und den Vater auf“ gegenüber, einen fchielenden Gegenfag giebt. — Uebrigens wird’ der Sinn diefes Fühnen Ausfpruchs, wie fo mancher ähnlicher, die Ehriftus über das Verhalten der Menfchen ges gen ihn felbft und gegen feine Jünger gethan hat, vollftändig nur dann verftanden, wenn man fie im weltgefchichtlichen Sinne nimmt, als Weiffagungen auf das im Guten und Bofen dem Berhalten gegen das Chriſtenthum entfprechende Schickſal der Voͤlker. Hiervon ein Mehreres bei Gelegenheit der Ausfendungs- rede des Matthäus. N 38. Wiederum nur auf Anlaß des Wortes „Verfuͤhren“ (oravdarigsın) folgt jest diefer weitere Spruch. „Wenn deine Hand dich verführen will, haue fie ab; beffer dir, wenn du. einhäandig in das eben eingehft, als wenn du beide Hände behältft, und in die Gehenna, ind ewige Feuer Fommft. Und wenn dein Fuß dich verführen will, baue ihn ab; beffer dir, *) Matth. 10, 42, *) Auch den zweiten Saß fiheint der Evangelift in der ihm eigen- thümlichen Duelle gefunden zu haben, und nur in feiner Stellung dem Marcus gefolgt zu fein Dies fhliege ich aus der Verſchie— denheit des Ausdrucks (wökos ovınos ftatt Altos wulınos) und aug dem Zuſatze; welches beides Lufas (17, 2) mit ihm gemein bat, — a 558 Viertes Bud. wenn du lahm in das Leben eingehft, ald wenn du beide Füße behältft, und man dich in die Gehenna, ins ewige Feuer wirft: Und wenn dein Auge dich verführen will, reiße es aus; beſſer dir, wenn du einäugig in das Reich Gottes eingehft, ald wenn du beide Augen behältft, und in die Gehenna geworfen wirft, deren Wurm nicht ftirbt und deren Feuer nicht verliſcht“ ). Diefe gewaltigen Worte waren wohl werth, für fich beſon⸗ ders, mit der Ausführlichfeit und der Steigerung, wie fie hier berichtet find, gefprochen zu werden; nicht blos, wie in ber Bergrede bei Matthäus, ins Kurze gezogen, unter vielen ans dern, wo fie faft mehr durch ihren paradoren Ausdruck Anftoß ges ben, als durch ihre erfchütternde Kraft zum Durchdenken ihres ernften Inhalts aufregen Ffonnten. Daß neuerdings wiederum Kritiker fich haben finden konnen, welche darauf drangen, Diefe MWorte im flrengen, eigentlichen Sinne zu nehmen, diefe Erſcheinung, fo wenig fie felbft oder die Gefinnung aus der fie hervorgeht *), gut zu heißen ift, zeigt: doch, daß in der gewöhnlichen Auffaffung derfelben, als hyperboliſcher oder bildlicher meift etwas Ungenügendes blieb. Der Sinn des Eühnen Bildes ift unftreitig: eine Gelbftverläugnung, Selbftbezwingung noch in anderem, tiefergehenden und fubftan- tielleren Sinne zu lehren, als gemeinhin mit dieſen Wor— ten verbunden wird. ES giebt Neigungen, Gewohnheiten, Denk» und Handlungsweilen, die in entiprechendem inne Theile unferes geiftigen Selbft ausmachen, wie die Glieder des Körpers Theile des finnlichen Selbft. Sa es giebt deren folche, — und Died meint Jeſus unftreitig mit der, nicht zu überfes henden, Steigerung von dem Bilde einer Hand oder eines Fußes zum Bilde eines Auges, — welche den edleren, liebens- würdigen oder großartigen Beftandtheilen unferer geiftigen Na— tur beizuzählen wir uns nur allzuleicht durch unfere Eigenliebe oder durch getrübte Erfenntniß der wahren Natur des Guten und Göttlichen verleiten laffen. Diefen zu entfagen, ja fie mit Gewalt auszurotten und zu vertilgen, fobald uns über ihre *) 8,43 ff. Varall., Matth. 18, 8 f. (Matth. 5,29 f) =) Nicht übertriebener Nigorismus, fondern im Gegentheil Gleich— gültigfeit gegen den Inhalt des von Chriftus Geſprochenen. u: Pi Evangeliſche Erzählungen und Reden nach Marcus. 559 Unlauterfeit ein Licht aufgeht, fordert Zefus von ung; — eine Forderung, die in der That noch härter und fehwieriger zu vollziehen ift, als feldft die ftrengfte Teibliche Kafteiung. Daß dies die Bedeutung dieſer parabolifchen Nede fei, hätte der Hinblick auf jene „Selbſtentmannung um des Himmelreichd wile len“ zeigen koͤnnen, von der Jeſus anderwärts *) fpricht. Sp verftanden, erhält auch der Gegenfaß der Androhung des Höllenfeuers eine glüclichere Stellung, als die er bei jeder an— dern Faſſung hat. CS liegt bei dem Bilde die Vorftellung im Hintergrunde, (nur um die Kürze der fchlagenden Worte nicht zu beeinträchtigen, wird folche nicht ausdrüdlich ausgefprochen) : daß Forperlich eine Krankheit (etwa eine Frebsartige), von ei— nem Gliede aus, das von ihr ergriffen ift, fich über den gan— zen Körper zu verbreiten drohez wo dann das Glied der Er: haltung ded Ganzen geopfert werden muß. Als ein Durchs fcheinen diefer Vorftellung ift e8 zu betrachten, wenn bei Mat: thaus in der Bergpredigt ausdrüdlich der Leib als dasjenige genannt wird, was in die Gehenna geworfen werden fol. Hält man diefe VBorftellung vor Augen, fo erfcheint dann, dem Bilde gegenüber, auch im Geiftigen, wenn das Ausrotten des ſchadhaften Gliedes verfäumt wird, das VBerderben des Gans: zen nicht als willfürlich von außen angethane Strafe, fondern, wie Sefus unftreitig beabfichtigt, ald eine, auch in der Region des Geiftes waltende Naturnothwendigkeit. Das Bild, welches von der Gehenna gegeben wird, ift aus dem Propheten Sefaias entlehnt *); es enthält eine Uebertragung des Bildes Leiblicher Berwefung auf geiftige Zuſtaͤnde. Sefus hat daffelbe nicht aufs Gerathewohl aufgegriffen, um nur eine recht finnlich abſchrek— fende Borftellung der Höllenpein zu geben; fondern in dem tieferen Bewußtfein, wie die leibliche Verweſung und die leib— liche Feuerqual nicht ein willfürlich gewähltes, fondern ein durch die Natur der Sache und die Analogie des Phyſiſchen mit dem Geiftigen gegebenes Bild jener Geiſteshoͤlle ift, welche Die See: len der Böfen in fich felbft tragen und unabläffig aus fich felbft erzeugen. *) Matth. 19, 12. =) Gef, 66, 24. nn er 3 h x A 560 | © Biertes Bud. Re, jedes Opfer mit Salz: gefalzen werben ſoll“ *). — Einer der fhwierigften Ausfprüche, defjen befriedigende Grflärung von den Auslegern zur Zeit noch nicht ‚gefunden worden iſt. Der Sinn zwar, in welchem der Evangelift ihn verftanden hat, kann nicht wohl zweifelhaft. fein; jedenfall ift es gerathener, bei dem nächftliegenden ftehen zu bleiben, -ald ‚zu gewagten Textesveraͤn— derungen feiner Zuflucht. zu nehmen, die durch Feine handfchrift- liche Autorität verbürgt werden, und auch dem Sinne nach, der fi aus ihnen-ergiebt, nichts weniger als genügend find, Unverfennbar hat der Spruch eine Beziehnung auf das mofai- ſche Geſetz vom Salzen der Speifeopfer**); aber unzuläffig iſt es, den Sag durch eine gewaltfame und nicht einmal fprach- lich zu rechtfertigende Hypotheſe ***) zu einer bloßen Ueberfeßung jener Stelle des Leviticus zu machen, wodurch erı feine Selbftftändigfeit verlieren und, mit dem nachfolgenden. vereis nigt, eben auch. keinen bequemen Sinn geben würde. . Der. wer fentliche Sinn des Spruches geht unftreitig auf die Nothwen- digkeit eines Reinigungsfeuers; feine Verbindung mit dem vor— hergehenden ift wiederum eine blos Terifalifche, und eben fo. die Berbindung des nachfolgenden mit ihm. — Die Beziehung aber auf das Salzen des Speifeopfers bleibt hinkend und deshalb dunkel. Es wird uns verftattet fein, die Erklärung derſelben mittelft einer Hypothefe zu fuchen, die zwar in dem Texte nichts ändert, aber eine unvollftändige Auffaffung des wahren Sinned und der wahren Worte Jeſu durch unfern Evangeliften vorausfest. Wie der Evangelift ihn irrig, wiederum nur um der Lerifalifchen Beziehung willen, an dad Vorhergehende anges reiht hat: fo kann er ihn gar leicht auch falſch verftanden ha— ben, und die Schwierigkeit der Worte braucht nicht nothwen— dig einer Verdorbenheit des Zertes beigemeffen zu werden. Sch glaube auch hier den Grundfaß befolgen zu müffen, den ich bei allen Reden Sefu bewährt finde, überall eine möglichft *) V. 4, “) 3 Moſ. 2, 13. ***) ]Iaoa nwuvgla alıodyjosreı, für mas vgl alıodmosteı, nad Ska— liger. Evangelifche Reden und Erzählungen nah Marcus. 561 ſcharfe und möglichft anfchauliche Bildlichfeit der Nede, nirgends halbe und fchielende, fondern allenthalben vollftändig durchge— führte Analogien des finnlichen Ausdruds zu dem geiftigen Sinne vorauszufegen. Solcher VBorausfegung nun würde das Bild einer Salzung im Feuer nur dann genügen, wenn es nicht, wie unfer Text es zu verlangen fcheint, unmittelbar auf Geiftiges, fondern zunähft auf Sinnliches, nämlich ‘auf die Salzung wirklicher Speifen bezogen werden fonnte. Aus dies fer Saflung würde dann zugleich der Vortheil erwachfen, daß die Beziehung auf den Nachſatz einleuchten, und diefer nicht müffig oder. gleichgültig daneben ftehen würde, Der alther: Eommliche Gedanke einer Läuterung durch Feuer, einer Feuer: taufe, wie Jeſus ihn anderwärts felbft ausgedrückt zu haben ſcheint, wäre bier finnlich erläutert und vervollftändigt durch das Bild des Kochens einer Opferfpeife, welche, damit fie vom Salze, wie ſich gebührt, durchdrungen werde, zugleich des Feuers bedarf. Nicht das Feuer ift es, was die Speife wuͤrzt; eben fo ift es auch an fich felbft das Leiden noch nicht, was den Menfchen für das Himmelreich wuͤrzt; aber wie durch Feuer die Würze des Salzes der Opferfpeife, eben fo wird durch Lei— den die Würze des göttlichen Wortes der menfchlichen Seele gründlicher beigemifcht und erft in Wahrheit einverleibt. Hiers nach Fonnte der Spruch etwa fo ausgedrüdt werden: „Was gefalzen wird, wird im Feuer bereitet; und jede Opfergabe muß mit Salz bereitet werden‘’. — Der Haupteinwurf, der gegen diefe Deutung erhoben werden Fann, ift diefer: daß das Sal— zen der Opfer bei den Alten nicht unmittelbar die Bedeutung hatte, die bei ihr vorausgefegt wird, indem die Opfer zwar verbrannt, aber nicht eigentlich durch Kochen zubereitet wur— den, Es fragt ſich indeffen, ob Sefus nicht dennoch fein Bird, mit blos allgemeiner Anfnüpfung an den Opfergebrauch, von dem Hergange des Kochens entnommen haben fünne, da ja immer zu dem Opfer dieſes beides, Salz fowohl als Feuer ges „hörte, und mithin der Uebergang von der einen zur andern Borftellung nicht allzufern lag. 40. „Es ift ein fchones Ding, das Salz, Wenn aber das Salz verdumpft, womit fol man ihm feine Kraft wieder: 36 - “ PT * * 562 Biertes Bud. geben 2” *) — Abermald nur durch einen lexikaliſchen Webers gang an das Vorhergehende geknüpft, Die Beziehung zunächft- auf die Zünger, welche in der Bergrede diefer Gnome vor— angeftellt ift, läßt Marcus nachfolgen, ald Crmahnung „das Salz in ſich zu bewahren, und fi) unter einander zu wertras gen.“ Lebteres ift augenfcheinlich nur gefagt, um diefen Schluß - der vermeintlichen Gefammtrede an den Anfang (Nr. 35) zu knuͤpfen. Nichtiger heißt es in der DBergrede bei Matthäus von den Züngern, fie feien das Salz; denn wenn von dem Geiftigen, welches dem Salze verglichen wird, mit Wahrheit gefagt werden fol, daß es, einmal verdbumpft, nicht wiederhere geftellt werden koͤnne, fo muß es nicht ald etwas Außerlich zu Grwerbendes, fondern mit dem innerften Selbft und Wefen des Menfchen Identiſches vorgeftelt werden. 41. Pharifaer legen ihm die Frage vor, ob es einem Mann erlaubt fei, feine Gattin fortzufchiden. Cr antwortet: „Was hat euch Moſes geheißen?“ Sie fagen: „Moſes vers ſtattete, einen Scheidebrief zu ſchreiben und ſie fortzuſchicken.“ Darauf Jeſus: „Um eurer Herzenshaͤrte willen hat er die— ſes Gebot gegeben. Von Anfang der Schoͤpfung machte Gott Mann und Weib. Darum ſoll der Mann Vater und Mutter verlaſſen und an ſein Weib ſich anſchließen, und die zwei ſol— len Ein Fleiſch werden. So ſind es denn nicht mehr Zwei, ſondern Ein Fleiſch. Was Gott verknuͤpfte, ſoll der Menſch nicht ſcheiden.“ Zu Hauſe befragen ihn nochmals die Juͤn— ger uͤber denſelben Gegenſtand. Und er ſagt ihnen: „Wer ſein Weib fortſchickt und eine andere freit, bricht die Che; und wenn ein Weib fich von ihrem Manne trennt, und einen an- dern ehelicht, fo bricht fie die Ehe“ *). Es ift bemerfenswerth, daß im erften Evangelium ſowohl in der Parallelftelle zu der gegenwärtigen, ald auch bei derfel- ben Sentenz in der Bergpredigt ein paar kurze Worte hinzu: gefeßt find, welche den Fall einer Unkeufchheit des MWeibes von dem Verbote der Scheidung ausnehmen. Ich bin geneigt, dies _ *) B. 50 (Matth. 5, 13. Luk. 14, 34.) **) Cap. 10, V. 1 ff. Parall, Matth. 19, 3 f. (Matth, 5, 31 f. Luf, 16, 18). Evangeliſche Erzählungen und Neden nad) Marcus. 563 für einen willfürlichen Zuſatz entweder des Evangeliften, oder viel⸗ leicht auch einer fpätern Hand zu halten, welche den Ausspruch Sefu mit der auch in der Chriftenheit herrfchenden Sitte in Einflang bringen wollte *). Auch Lufas in der nicht aus dem Unfrigen, fondern unmittelbar aus der Quelle des Matthäus gefchöpften Darallelftelle hat diefen Zufaß nicht. Es liegt nicht im Cha: rakter der Neden Jeſu, dergleichen Einfchränfungen ausdruͤck— lich beizufügen, welche nur dienen fünnen, die Gewalt des ge- fprochenen Wortes abzufchwächen, aber nicht, die Negel des in Fällen ſolcher Art zu beobachtenden Verhaltens volftändig hin⸗ zuſtellen. Iſt eine Eheſcheidung in dem einen Falle verſtattet, ſo werden ſich, wie man richtig bemerkt hat, auch andere Faͤlle denken laſſen, wo ſie nicht fuͤr unzulaͤſſig gelten kann. Die Abſicht Jeſu iſt aber nicht, ſolche Faͤlle anzugeben, ſondern ein fuͤr allemal den Satz auszuſprechen, daß Faͤlle, die eine Schei— dung noͤthig oder zulaͤſſig machen, nur unter Vorausſetzung ei- ner fittlichen Schuld eintreten Fonnen, einer folchen, die (fitt- / lich, nicht juriftifch betrachtet) dem Chebruche gleich gilt. Nur fo ftellt fih der Gegenfaß zum mofaifchen Geſetze, auf das-fich Sefus felbft zuerft beruft, das er alfo nicht ausdrüdlich kann Lügen ftrafen wollen, richtig. Er läßt es fein Bewenden ha— ben bei jenem Gefeße, oder bei jedem andern, was fich unter Einfluß der beftehenden Verhältniffe zu andern Zeiten bilden wird, Er felbft kann durch feinen Ausfpruch nur indirect, nicht direct auf Gefeßgebungen auch im Schooß der chriftlichen Ge— meinde wirfen wollen, Aber er erklärt ein für allemal, daß folche Geſetze nur für menfchlihe Schwäche und Herzens: härte gegeben find; daß fie bei den fittlich Neinen und Unta= | velhaften nicht in Anwendung fommen werden. Hiervon den Fall auszunehmen, der im erften Evangelium bezeichnet ift, den Fall der entfchiedenen fittlichen Schuld des einen Theil, wo— durch bei erfolgender wirklicher Trennung der andere von al- ler Schuld frei gefprochen würde, kann -fchwerlich von Jeſus wenigſtens ausprüdlich beabfichtigt fein. Wielmehr fcheint in =) Ein ähnlicher Zuſatz ift Matth. 5, 22 bereits von Andern bemerkt worden; dort freilich auf das Zeugniß von Handſchriften, welches bier fehlt. 36* 56. " Biertes Bud, dem mit folhem Nachdruck eingefchärften Worte, daß beide Ein Fleiſch find, der Sinn zu liegen, daß bei einer wirklichen Schuld ” des einen: Theils der andere nie vollfommen unfchuldig fein kann; daß, geſetzt die boͤſe Luft liege in dem Weibe fo tief, daß fie auch durch das unfträfliche Betragen des Mannes nicht zu vertifgen ift, dann ſchon die Eingehung der Ehe mit ihr eine Schuld de3 Mannes, — in Wahrheit vielmehe ein Ehe⸗ bruch, als eine Ehe war. 42. Man brachte Kinder zu ihm, damit er fie durch feine Berührung fegnete. Die Juͤnger wollten es verwehren, Sefus aber ward unwillig und fprach: „Laßt die Kinder zu mir kom— men und hindert fie nicht; denn folcher iſt das Neich Gottes. MWahrlich ich fage euch, wer nicht das Neich ‚Gottes wie ein "Kind in fih aufnimmt, der kommt nicht hinein.“ Und er nahm fie in den Arm, legte die Hände auf fie und fegnete fie*), — Die Gnome, die Sefus hier Spricht, hat weit mehr das Anſe— hen, fo, wie unfer Evangelift und ihm folgend Lufas fie ſpre— chen läßt, gelegentlich beim Anbli von Kindern gefprochen zu fein, al3 ın dem gezwungenen und anfpruchsvollen Zuſammen— hange, in den fie der erfte Evangeliſt hinuͤbertraͤgt, der fie zu diefem Behufe gewaltfam aus diefem ihrem natürlichen Zuſam— menhange herausgeriffen hat: Wenn der Sab, daß man, — um das Himmelreich zu erwerben, wie ein Kind werden muß, wenn diefer Satz Wahrheit haben fol, fo muß er felbft (auch auf Findliche, d. bh. auf unbefangene, anfpruchslofe Weife gefprochen fein; denn nichts hat weniger mit dem Himmelreiche zu thun, als jene erfünftelte, affectirte KindlichFeit, Die man nur zu oft, und nicht: ohne Schuld des Evangeliften, aus jener Situation herausgelefen hat, wo ein Kind den Juͤngern des Herrn zum Mufter vorgeftellt wird. 43, Unterwegs (auf der Neife nach Serufalem) kommt Gi- ner zu ihm herzu, umfaßt feine Kniee und fragt: „Guter Mei: fier, was foll ich thun, um ewiged Leben zu erlangen?’ Je— fus antwortet: „Was nennft du mich gut? Niemand ift gut, ald nur Einer, Gott. Die Gebote Fennft du: du follft nicht *) Cap. 10, V. 13 fi. Parall, Matth. 19, 13 ff, (18, 3). Luk, 18. 15 ff. Eangeliſche Grzählungen und Neben nad) Marcus. 565 ehebrechen, du ſollſt nicht tödten, nicht ftehlen, nicht falfch Zeugniß geben, deinen Vater und deine Mutter ehren!’ Je— ner ſprach: ,,Meifter, dies alles habe ich von meiner Jugend an beobachtet.” Da blidte ihn Jeſus mit freundlicher Miene an und fprach: „Eins fehlt dir noch: geh zurüd, verkaufe, was du haft, und gieb es den Armenz fo wirft du einen Schag im Himmel haben. Und dann fomm und geh mit mir!“ Se: ner aber. ward unmuthig über diefe Rede und ging verdrießlich hinweg; er war namlich fehr reich. Jeſus aber blickte um ſich und Sprach zu feinen Süngern: „Wie fehwer wird es den Nei- hen, in das Neich Gottes zu kommen.“ Die Jünger ftaun: ten über diefe Worte; Sefus aber ſprach nochmals: „Kinder, wie ſchwer wird es denen, die auf ihre Güter pochen, in das Reich Gottes zu Fommen! Leichter ifts, daß ein Kameel durd) ein Nadelöhr geht, als daß ein Reichen ind Reich Gottes kommt.“ Iene erfchrafen heftig, und fragten unter fih: „Wer Tann nun felig werden?‘ Da blidte fie Sefus an und ſprach: „Fuͤr die Menfchen ifts unmöglich, aber nicht für Gott. Denn alles ift möglich für Gott! ’“*) Was Jeſus im vorliegenden Gefpräch zu Ungunften des Reichthums Tpriht: das braucht man Feineswegs, wie neuer: dings vorgeſchlagen worden,: auf einen Einfluß der efjenifchen Secte zu fchieben, dem Jeſus hier ſich unterworfen haben fol. Daß der hohe Meifter auch über diefe Befchränktheit hinaus war, davon zeugt unter andern die fpäter folgende Erzählung, wie er es duldete, als ein Weib ihn in andächtiger Liebe mit Foftbaren Salben übergoß. Nicht an Jeden ohne Unterfchied ftellt er dad Verlangen, das er hier an den Fragenden **) ftellt, fondern nur an ſolche, die er prüfen will, ob fie jedes, auch des höchften Opfers fähig find"). — An der Ablehnung der =) Cap. 10, B. 17 ff. Parall, Matth, 19, 16 ff. Luk. 18, 18 ff. *5) „Ein Süngling “ heißt der Fragende nur gelegentlih (V. 22) im erften Ev., mwahrfcheinfich aus Verfehen, da in feiner Rede das „von Jugend auf“ dazu nicht paffen will. **) Freilich finden wir bei Lufas (12, 33) diefe Forderung verallge⸗ meinert, aber gewiß nur in Folge eines aus dem Gebrauche der apoſtoliſchen Kirche und der individuellen Geſinnung dieſes Evan— geliſten fließenden Misverſtändniſſes. u a .: BD 2 E x “FT f 966 Viertes Bud. 7:5 Anvede „guter Meifter‘‘ fcheint, wie jo manche Neuere, je bereitö der erfte Evangelift einen dogmatiſchen Anftoß genom⸗ men zu haben, wenn nämlich die von Griesbach) und Lachmann in den Text aufgenommene Lesart des Drigenes die richtige ift, nad) welcher das „gut“ fowohl in der Frage, als in der Antwort, auf dad, was der Fragende zu thun habe, bezogen wird, was offenbar zu dem Nachſatze, der. auf Gott verweift, übel paßt. Allerdings würde Jeſus ſolche Ablchnung ſchwer⸗ lich ausgeiprochen haben, wenn er fih im Sinne älterer und neuerer Dogmatik eine Sündlofigfeit ald von allen andern Sterbliben ihn unterfheidende Eigenihaft ausdrüd- lich beigemefien hätte. Damit foll indeflen nicht gejagt fein, daß Sefus nicht von Anderen diefes Prädicat geduldet, ja viel- leicht es felbit fich oder Anderen gegeben haben koͤnne. — Das Bild von dem Kameel‘, welches durchs Nadelöhr gehe, wird man nur dann recht paffend finden, wenn man an die „enge Thür‘ denkt, die nach einem andern Ausſpruch“) ins‘ Him⸗ melreich führt. Geiftreich wird, diefem gegenüber, der durch feinen Reichthum Befchwerte ald eine plumpe, fchwerfällige . Mafle, wie ein Kameel, vorgeftelt. — Die Schlußworte des Geſpraͤchs koͤnnen nicht beftimmt fein, auf ein"über die Men- fhen nad) grundlofer Willfür verfügende Allmacht Gottes, ſon⸗ dern nur darauf hinzumeifen, wie dasjenige Moment, wodurd) allein der Menſch die Seligfeit erlangt, nicht in feine Gewalt gegeben ift, oder er foldhes nicht eben ſchon als Menſch, d. h. vermöge der Integrität feiner Vernunft und feiner blos endlichen Geiftesfräfte in Anfpruh nehmen oder ſich erwerben fann. Es ift, um es kurz zu fagen, der Gegenfaß gegen den Pelagianismus, was in diefen. Worten ausgefprochen iſt ). 44, Unmittelbar an das vorige Enüpfen unfere Cvangeliften folgendes Geſpraͤch, und es hindert auch nichts, beide als wirk⸗ lich verbunden zu denken. Petrus fängt an zu ihm zu ſpre⸗ hen: „‚Siehe, wir - alles zurüdgelaffen, und — dir *) Matth. 7,13. Luk. 13, 24. **) Eine apokryphiſche Umſchmelzung dieſer Anekdote erzählt aus dem Hebräerevangelium Origenes in feinem Commentar zu Motif. bei d. St. Evangelifhe Erzählungen und Reden nad) Marcus. 567 nachgefolgt.“ Jeſus antwortet: ,,Wahrlic ih fage euch, Keiner ift, der Haus, oder Brüder, oder Schweftern, oder. Bater, oder Mutter, oder Weib, oder Kinder, oder Aeder um meinet und der Heilsbotfchaft willen verläßt, und nicht hundertfältig zuruͤck erhält in diefer Zeit Häufer, und Brüder, und Schweftern, und Mutter, und Kinder, und Aeder mitten unter Berfolgungen, — und in dem fommenden Weltalter ewi— ges Leben. Biele aber, welche Grfte find, werden este fein, - und Biele, welche Letzte, Erſte.“) — Mit Unreht hat man in der Frage des Petrus, wozu allerdings ein verunftaltender Zuſatz des erfien Evangeliums Anlaß gab**), Eigennuß und materielle Lohnſucht finden wollen; fie drüdt die Beforgnig um das Heil der Seele aus, welche zu feinem Vorwurf gerei- hen kann. Bon den Schlußworten der Antwort Chrifti moͤch— ten wir eher annehmen, daß fie aus einem fremden Zufam- menhange hieher übertragen find, (wie ja auch Matthaͤus fie der Parabel wiederum beifügt, die dort bei Gelegenheit dieſer Worte eingefchaltet wird ***)), als daß fie gefagt wären, ben Sünger für feine Frage zu frafen. — Uebrigens hat man ſich auch hier zu hüten, den Worten Sefu nicht einen allzu unmit- telbaren, leiblichen Sinn unterzulegen. Sie find, wie man es ſchon öfter von den Reden des Herrn Überhaupt bemerkt hat, nicht blos an die zunädhft ihn Umftehenden, — unter diefen befand fi) ja aud ein Judas Sfcharioth, dem die hier aus— gefprochene Berheißung doc wohl nicht gelten Fann, — fons dern an die Jünger aller Zeiten und aller Volker gerichtet. „Verlaſſen“ bedeutet: „alles daranſetzen“; unter demjenigen, was als zeitlicher Lohn für folches Opfer verfprochen wird, kann daher gar wohl das Darangefegte felbft mit fein. Uebri— gens ift in Bezug auf den Sinn diefer Lohn verheißenden Worte an den obigen Ausfpruh Nr. 11 zu erinnern. 45. Sie hatten den Weg nach Jeruſalem eingefchlagenz Sefus ihnen voranz jene aber ftaunten und wurden, indem fie ihm folgten, von Furcht ergriffen. Da verfammelt Jeſus *), 3.28 f. Parall. Matth. B. 27. 29 f. Luk, V. 28 ff. **) ri aga Eoraı Zuiv; als Schluß der Frage des Petrus, ***) Matth. 20, 16. , 1 568 Viertes Bud. die,3wolf um fich, und beginnt nochmals ihnen von dem, was gefchehen fol, zu weiffagen. ,, Seht, wir gehen hin nad) Sex tufalem: dort wird des Menfchen Sohn in die Hand der Ober: priefter und der Schriftgelehrten gegeben werden; fie werden ihn zum Tode verurtheilen und den Heiden übergeben; fie wer: den ihn. verfpotten, ihn geißeln, ihn anfpeien, ihn toͤdten. Und am dritten Tage wird: er auferftehen.‘* — Bon welcher Wich- tigkeit dieſe Stelle für die gefchichtliche Anficht der bedeutend: fien Momente in Zefu Leben und Laufbahn ift, hatten wir Ihon im vorigen Buche: zu bemerken Gelegenheit. Daß die Worte, die Marcus und nach ihm die beiden Andern mittheis len, genau die von Jeſus wirklich gefprochenen find, bleibt freilich unwahrfcheinlich. Aber die Thatſache fteht feft, daß Sefus, als er die Reife nach Jeruſalem antrat, — nicht eine zufällige Feftreife, fondern die erfte und einzige, ausdrücklich von ihm in der Abfiht, fein Schickſal zu erfüllen, unternom- mene, — feine Sünger zu ſich rief und fie über das, was fommen follte, belehrte. Auch daran dürfen wir nicht zwei feln, daß er der Schredensbotfchaft eine Andeutung, — wahre fcheinlih eine von ihm felbft in geheimnißvollen, räthfelhaften Worten ausgefprochene, — über etwas Außerordentliches, was nach feinem Tode zur Aufrihtung und Kräftigung der Juͤnger gefchehen werde, beigefügt hat. 46. Jakobus und Sohannes, die Söhne: des Zebedaͤus, treten zu ihm und fprechen: „Meiſter, wir haben einen Wunfch, gewähre uns, was wir dich bitten werden.‘ Er antwortett „Was wollt ihr, daß ich euch gewähren ſoll?“ Und Sene: „Gieb uns, daß einer von uns zu deiner Rechten, der andere zu deiner Linken fiße in deiner Verklärung. Darauf Sefus: ,, Könnt ihr den Trank trinken, den ich trinke, und die Taufe empfangen, die ich empfange?“ Jene fagten: „Wir fonnen es.“ Und Sefus: „Den Zranf, den ich trinke, mögt ihr frin- fen, und die Taufe, die ich empfange, follt auch ihr empfan- gen. Das Sitzen aber zur Rechten und zur Linken kommt nicht mir zu, zu gewähren, fondern denen ed befchieden iſt.“ Und als die übrigen Zehn es hörten, begannen fie unwillig zu x 3. 32 ff, Parall, Matth. 20, 17 ff. Luk. 18, 31 ff. * Evangeliſche Erzaͤhlungen und Reden nach Marcus. 569 werden auf Jakobus und Johannes. Jeſus aber rief ſie zu ſich und ſprach: „Ihr wißt, daß, die unter den Heiden fuͤr die Erſten gelten, uͤber ſie herrſchen, und daß ihre Großen Macht haben. Nicht ſo ſei es unter euch, ſondern wer unter euch groß ſein will, der ſei euer Diener, und wer unter euch ein Erſter ſein will, der ſei ein Knecht Aller. Denn auch des Menſchen Sohn kam nicht, um ſich dienen zu laſſen, ſondern um zu dienen, und um ſein Leben zum Loͤſegeld zu geben fuͤr Biele,’*) Bekanntlich follen nach dem erften Evangelium nicht Die Brüder felbit, fondern ihre Mutter die Bitte gethan haben. - Dies hat eine innere Wahrfcheinlichkeit für fich, und Fann von dem Verfaſſer jenes Evangeliums aus gefchichtlicher Ueberliefe- rung gefchöpft fein, ohne daß wir darum feine Abhangigkeit auch in diefer Erzählung von dem Unfrigen bezweifeln dürften, die fich auch hier in vielen Ginzelheiten**) fund giebt, — Die Antwort, welche die Sünger auf die erfte Frage Sefu geben, pflegen mance Ausleger als eine misverftändliche zu deuten, Sefus fol eine verneinende Antwort erwartet haben, um ihre Bitte ihnen abfchlagen zu fünnen, und erft durch jenen Mis— verftand zur Mopdificirung feiner Gegenrede fich veranlaßt gefe- ben haben, Sch glaube einen fräftigern Sinn in letzterer zu ent: deden, wenn ich annehme, daß die Jünger wirklich den guten Willen zeigen, alles zu leiden, was Sefus leiden wird. Der Meifter beftärkt fie in diefer vertrauenden Gefinnung, er meint: feht da, was ihr thun fonnt, um euern Wunfch erfült zu ſe— benz; die wirkliche Erfüllung Fan ich euch nicht verbürgen, fondern ob fie euch befchieden ift, wird man erft aus eurem Berhalten im Leiden und Dulden abnehmen koͤnnen. Selbſt in dem weiter Folgenden liegt Feine eigentliche Misbilligung des Wunſches der Zebedäiden, fondern vielmehr eine Anweifung, *) 8.35 ff. Parall. Matth. 20, 20 ff. (Luk. 22, 24 ff. Matth, 23, 11 f. Luk. 14, 11, 18, 14. oh. 13, 16.) *) 3,8, fogleich darin, daß, obgleich die Mutter das Geſpräch bes ginnt, dafielbe doch nachher nur zwifchen Jeſus und den Brüdern, genau in derſelben Weife wie bei Marcus, fortgefeßt wird, und auch der Unwille der Andern nicht die rn fondern nur die Brüder trifft, 570 Viertes Bud. Bir: ihn erfüllt zu fehen. Die Mahnung, durch Demuth die hoͤ— hern Würden im Neiche Gottes zu gewinnen, ift eben fo fehr an die Uebrigen gerichtet, welche den beiden Brüdern den von ihnen gewünfchten Plab misgonnen, wie an diefe felbft, — Gar viel pflegt übrigens den Auslegern der Widerſpruch zu fhaffen zu machen, in welchem das hier von Jeſus ausgefpro= chene Unvermögen zur Gewährung jener Bitte fcheinbar zu der anderwärts für den ‚„‚Menfchenfohn’’ in Anfpruch genommenen Weltrichterwürde fteht. Die richtige Antwort hierauf möchte zunächft diefe fein: daß das Amt des Weltrihters nur if, über ſchon vollendete Laufbahnen ein Urtheil zu fprechen, aber nicht, folchen, die noch im der Laufbahn begriffen find, den Erfolg zum voraus zu verbürgen. Doch Fann diefe Stelle aller- dings zum Beleg dafür gebraucht werden, daß Jeſus unter jenem Menfchenfohne, welcher einft Fommen werde, um die Welt zu richten, nicht fo geradehin, im aͤußerlichen und finnlichen Ver— ftande und ohne hinzufommende weitere Beftimmungen, feine eigene Perfon verftanden haben Fann. 47, As Jeſus mit feinen Jüngern und einer beträchtli= chen Volfsmenge, diefich ihm zur Begleitung angefchloffen hatte, zu Sericho hinauszog, faß dort ein Blinder, Bartimäus, Sohn des Timaͤus, am Wege und bettelte. WS diefer horet, Daß es Sefus von Nazareth ift, der an ihm vorübergeht, begann er ihn anzurufen: „Jeſus, Sohn Davids, erbarme dich meiner!” Man bedrohte ihn vielfach, er folle ſchweigen; er aber rief nur um fo mehr: „Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ Zefus ftand ftil und hieß ihn herzurufen. Man rief den Blinden und fprach zuihm: „Sei gutes Muths, fleh auf, er ruft dich!“ Sener warf fein Gewand von fich, ftand auf und kam auf Se- fus zu. Sefus fragte ihn, was er wolle, daß er ihm thun folle,. worauf der Blinde ihn anredete und um die Herftellung feines Gefichtes bat. Sefus antwortete: „Geh, dein Glaube hat dir geholfen.’ Und jener erhielt fogleich fein Geficht und ſchloß fi ihm auf feinem Wege an”). Da diefe Erzählung zu denen gehört, welche durch Die Abweichungen, die ſich bei ihr in den Berichten der drei Syn» 5) V. 46 f. Parall. Matth. B. 29 ff. Luk, 18, 35 ff. Br —* * * F Evangeliſche Erzaͤhlungen und Reden nach Marcus. 571 optiker finden, die Ausleger am meiſten beſchaͤftigt haben: ſo wird es nicht unangemeſſen ſein, einmal beiſpielsweiſe darauf aufmerkſam zu machen, wie bei ihr recht auffallend dasjenige zutrifft, was wir oben*) über die Beſchaffenheit der den Ab- weichungen dennoch im Hintergrunde liegenden Einheit bemerkt haben; nämlich daß jene Abweichungen bei beiden Anderen durchaus-verfchiedenartige find, und daß beide unter fich gerade in fo weit zufammentreffen, infoweit fie auch mit dem Un- frigen übereinftimmen. Die Abweichung beginnt bei der Notiz über den Schauplatz des Greigniffesz; Lukas nämlich läßt daf- felbe beim Einzuge in Sericho vorfallen. Hier bleibt der erfte Evangelift dem unfrigen treu; Lukas aber hat ſich zu jener Aenderung dadurch bewogen gefunden, daß er, um im folgen- den Gapitel die Begebenheit mit Zahaus erzählen zu koͤnnen, zuvor eine Bolfsmenge ſich um Jeſus verfammeln laſſen wollte; Dazu aber jchien es ihm am bequemften, die Erzählung jenes Vorfalls zu benugen. Dagegen ftimmt diefer Evangelift mit dem unfrigen in Bezug darauf überein, daß es nur Ein Blin- der war, der geheilt ward (den Namen hat, alö unerheblich, allerdings auch er weggelaffen), während Matthäus (derfogenannte) von zwei Blinden erzählt; wahrfcheinlih, wie Strauß richtig bemerkt hat, in VBerwechfelung eines früher von ihm erzählten ähnlichen Borfalls**) mit dem gegenwärtigen. So auch hat Lukas die Notiz, daß der Blinde bettelt, mit dem Unfrigen gemein. Den ungelenfen Ausdrud, welhen Marcus an der Stelle braucht, wo er melden will, daß der Blinde von Jeſus hörte, haben beide, jeder auf feine Weife, zu umfchreiben Sorge getragen; Lukas ausführlicher, Matthäus ins Kurze zufammen- ziehend***). Den dramatifch belebenden Zug, daß man dem Blinden das Rufen verbieten will, daß aber diefer nur um fo Yauter ruft, haben beide beibehalten ; eben fo auch lautet das Geſpraͤch zwifchen Jeſus und dem Blinden bei beiden ziemlich *) Bud I, ©. 72, *#) Gap. 9, 27. 3E#) grouoas ori ’Imoois 6 Nalapaios Eorıv Marc. @zovoas ÖE 0yLov dsamogsvoulvov, Zrevdavsro ri &i7 Tovro; annyyelkav Öl avro, orı Inooös 6 Natapatos napkeysrar uf. dxovaavrss vrı Inoous mrag- dysı Matth. ‚ 572 | Biertes Bud. gleich 5 nur daß Matthäus die letzten Worte Jeſu wegläßt, und Dagegen von einer Berührung der Augen fprichtz woraus man fieht, daß er Fürperliche Berührung als ein nothwendiges Mo- ment bei den Wunderheilungen vorauszufesen gewohnt war. Daß der Blinde fich dem Zuge anfchliegt, wird wiederum von allen dreien berichtet; ein für den Gefichtöpunct, unter welchem Sefus feinen Zug nach Serufalem betrachtet, charakteriftifcher Umftand, da er früher folchen Anfchluß von Seiten der Kranz ten, die er geheilt hatte, vielmehr zuruͤckzuweiſen pflegte”). Die Glaubwürdigkeit diefes Vorfalls übrigens wagen wir unter den Umftänden, mit denen er erzählt wird, wozu wir ale Verdings auch die Nennung des Namens bei Marcus rechnen, in der Hauptfache nicht zu bezweifeln. Daß es eine Blinden> heilung war, die in der letzten Zeit der Laufbahn Jeſu, waͤh— rend feine Aufenthaltes zu Serufalem, befonderes Auffehen machte, dies fcheint auch aus der Erzählung im neunten Ca— pitel des Sohannesevangeliums hervorzugehen. Vielleicht daß der dort erzählte Vorfall, fo verfchieden auch dev Bericht da= von lautet, dennoch feinem gefchichtlichen Grunde nach mit dem gegenwärtigen einer und berfelbe ift. 48. Als Iefus mit feinen Süngern an Serufalem heran— fommt, bei Bethanien und Bethphage, am Delberge, fendet er zwei der Jünger mit den Worten ab: „Geht in den Fleden dort euch gegenüber; fo wie ihr hineinfommt, "werdet ihr ein Füllen angebunden finden, auf dem noch Niemand faß. Loft es 105 und bringt es her, und wenn euch jemand fragt, warum ihres thut, fo antwortet: Der Herr bedarf feinerz und man ſchickt es ſogleich hieher.“ Sie gingen, und fanden ein Fül- len’ außen auf der Straße an der Thür angebunden, und ban—⸗ den es los. Einige der Dortftehenden fragen fie: ,, Was thut ihr da, daß ihr. das Füllen abbindet?“ Jene aber fprachen, wie Jeſus ihnen geheißen hatte, und man ließ fie gewähren. Sie brachten das Füllen zu Sefus, warfen ihre Kleider Darüber und ließen ihn fich darauf ſetzen). — Diefe Anekdote, welche *) Mare, 5, 19 u. Parall, **) Cap. 11, V. 1 ff, Parall, Matth. 21, 1 ff. Luk, 19,29 ff. (Joh. 12, 14) | = Au). m * 4 * V—— AN g i P ö f . Nez c ” Gvangelifche Erzählungen und Neben nach Marcus. 373 Lukas in allen Hauptpuncten dem Unfrigen treu nacherzählt, wird im erften Evangelium dahin modificirt, daß das von den Juͤngern Herbeigebrachte eine Efelin mit ihrem Füllen gewefen ſei; das Ganze aber ſei gefchehen, um eine Weiffagung zu. er: füllen, der zufolge der Meffias auf einem Efel (Füllen der Gfe- lin, was der Verfaffer jenes Evangeliums irriger Weife als Zus ſatz verftanden hat, ift in der Prophetenftelle nur Prädicat) in Serufalem einziehen follte*). Im vierten Evangelium wird gleich— falls mit Beziehung auf die Prophetenftelle, aber mit Weberge- hung der wunderbaren Auffindung, nur erwähnt, daß Jeſus auf einem jungen Efel, den er zufällig gefunden, in Serufalem ein: geritten fei. — Da wir unter diefen fammtlichen Erzählungen nur die des Marcus für die urfprüngliche halten: fo ift das Natuͤrlichſte, unter dem Füllen, auf welchem Jeſus .in Serufalem eingeritten ift, nicht ein Eſel-, fondern ein Pferdefüllen zu ver- ftehen, die altteftamentliche Beziehung aber, fammt dem Efel, der dazu gehört, für fpätere Ausfhmüdung zu nehmen. Gben damit aber fällt, wenn man diefe Ausfhmüdung nicht willkuͤr— Yich in Marcus, dem fie fremd ift, hineintragen will, für diefen Evangeliften : jedes Intereffe hinweg, was ihn oder was die Ueberlieferung, aus welcher er gefchöpft haben foll, bewogen haben fünnte, den Vorfall aus dem Stegreif zu erfinden. Es bleibt alfo nichts übrig, als entweder ein feinem Umfang und feinen Gründen nad) nicht weiter auszumittelndes Misverftänd- niß der unfprünglich mündlichen Erzählung vorauszufegen, oder aber ven Vorfall fir fo, oder ungefähr fo, wie ihn Marcus be: richtet, gefchehen gelten zu laſſen. — Zu welcher von diefen bei- den Anfichten man ſich entfchließen wolle, muß hier dahingeftellt bleiben. Ein Theil der Schwierigkeiten, welche der hiftorifchen Wahrheit des Factums entgegenftehen, würde ſich vielleicht durch die Betrachtung heben laſſen, wie wir Momente magifchen Hellfehend, auch in Bezug auf fcheinbar gleichgültige Gegen- fände, in Iefus anzunehmen doch einmal nicht umhin konnen. Daß Jeſus gerade hier einen folchen Moment benugt, würde *) Zach. 9, 9. Bielfeicht ift auch sine Erinnerung an 1 Moſ. 49, 11 eingefihlofien, welde Stelle wenigftens Juſtinus (Apolog- I, 32) in diefen Zufammenhang zieht. rap in en 574 Viertes Buch. er dann ald gefchehen in der Abficht, den Vorgang feines Eine zugs in Serufalem, defjen hoher Bedeutung er fich bewußt war, auch Außerlich ald einen pragnanten und gewichtigen zu bezeich- nen, gelten koͤnnen. 49. Am Tage nach feiner Ankunft in Jeruſalem tritt er in den Tempel, und beginnt, die Kaͤufer und Verkaͤufer aus ihm herauszutreiben; er wirft die Tiſche der Wechsler und die Sitze der Zaubenhändler um, und duldet nicht, daß man Ges faße hindurch trage, Dabei fpricht er lehrend: „Steht nicht gefchrieben*): mein Haus fol allen Völfern ein Bethaus hei- Ben? Ihr aber, ihr habt **) eine Mördergrube Daraus gemacht““ . — Auch in diefer Erzählung hat unfer Evangelift die innere Wahrfcheinlichfeit für fich, zunächft zwar gegen die beiden an- bern Synoptifer, welche, den Bericht des Marcus ind Kurze ziehend, den Vorfall unmittelbar nach dem Einzuge in Serufa- lem gefchehen laſſen, während Marcus, ungleich fachgemäßer, zunächft nach dieſem Eintritt Jeſum nur in der Stadt fich umfehen+), und erſt am folgenden Tage, nad) einer Ruͤckkehr von Bethanien, wo er übernachtet, ihn jene Reinigung bes Tempels vornehmen läßt. Sodann aber, und in noch ungleich höherm Grade, mit jenen beiden gemeinfchaftlich gegen den Ber: fafler des vierten Evangeliums, welcher die Begebenheit zu weit früherer Zeit, bei der angeblich erften Feftreife Jeſu vorgehen läßt, wo, wenn auch jene angebliche Neife jemals ftattgefunden hätte, doch die Autorität Jeſu zu einer folchen Handlung keines— wegs ausgereicht haben würde, und welcher überdies fie mit einem ziemlich unglaubhaften Detailzuge verziert, namlich daß Sefus fi) zu dieſer Handlung eine Peitfche aus Striden gefertigt habe. Der Grund, welcher den leßtgenannten Evangeliſten zu jenem Anachronismus verleitet haben kann, ift, wenn man un: fere Vorausſetzungen über die Defonomie diefes Evangeliums dabei zum Grunde legt, nicht fehwer zu finden. Es war be- Fannt, daß die Vempelreinigung das erfte gewefen fei, was . *) Ief. 56, 7 **) Jer. 7, 11. *) V. 15 ff, Parall, Matth. 21, 12 f. Luk. 19, 45 f. (Joh. 2, A M) P V. 1. ER * 4 Pi h : | B hr) k f | Evangelifche Erzählungen und Reden nach Marcus, 575. Jeſus zu Serufalem öffentlich verrichtete. Der Evangelift, der in der Meinung ftand, daß Jeſus bei allen Hauptfeften zu - Serufalem gegenwärtig gewefen fei, mußte dies fo verftehen, als fei diefe Handlung am erften diefer Fefte, die Jeſus oͤffentlich Vehrend befucht, vorgefallen. — Was bie Handlung felbft bes trifft, fo finde ich eine Bedenklichkeit nicht fowohl in dem Um— ftande, wie Sefus ald ein Einzelner eine folche Gewaltfamfeit gegen eine. Menge habe verüben fünnen, — diefer nämlich er— klaͤrt fi leicht aus dem Anfehn, in welchem er, wie aus— drüdlich bezeugt wird*), damals unter dem Volke ftand, und einige Züge, 'z. B. das Umftogen der Tiſche und Bänke, find vielleicht übertrieben, — als vielmehr darin, daß Jeſus folche Sorgfalt für den jüdifchen Tempel trägt, da er doc das Ber wußtfein hat, wie fein Werk nicht an diefen Tempel geknüpft war. Sndeß reicht diefes Bedenken nicht hin, die gefchichtliche Glaubwürdigkeit der Handlung in Frage zu ftellen, und es dürfte daher wohl das Nichtigfte fein, anzunehmen, daß Jeſus fie in einem fymbolifchen Sinne verrichtete, um fich laut als Den fund zu geben, der gefommen fei, das Heiligthbum des Herrn im geiftigen, wie im leiblichen Sinne von den verunreinigenden Elementen zu faubern, die fich unter Suden nicht minder, wie unter Heiden darin gehäuft hatten. Einen nähern, in der Lage der Berhältniffe begründeten perfonlichen Beweggrund dieſer That habe ich oben (Buch II, S. 438) angedeutet. 50. Am Morgen deffelben Tages, ald er von Bethanien in die Stadt ging, fühlte er Hunger; er erblidte einen grünen: den Feigenbaum und ging darauf zu, um zu fehen, ob er etwa Früchte darauf finden würde. Aber er fand nur Blätter; denn es war nicht die Zeit der Feigen. Da fprac) er zu dem Baume, fo daß die Jünger es hörten: ‚Niemand fol je von dir eine Frucht genießen!’ Am näcften Morgen, als fie wieder dort vorübergingen, ſahen fie den Baum bis auf die Wurzeln ver- borrt. Petrus erinnerte fich des Gefchehenen, und fprach zu ihm: „Rabbi, fiehe da: der Feigenbaum, den du verwünfchteft, ift verdorrt.“ Darauf Jeſus: „Habt Vertrauen auf Gott. Denn wahrlich, ich fage euch, wer zu dieſem Berge fpricht: *) Cap. 12, 37 u. Parall. 376 Viertes Bud. fteige empor und flürze dich ins Meer, und dabei nicht in feis nem Herzen grübelt, fondern vertraut, daß gefchehen wird, was er fpricht: dem wird werden, was er begehrt. Darum fage ich euch: was ihr auch im Gebete euch erbitten wollt: habt Vertrauen, daß ihr es empfanget, und es wird euch werden |4*) Die Erklärung der Art, wie die vorliegende Wundererzäh- lung entftanden und die Sentenz von der Kreft des Glaubens daran geknüpft fein mag, ift durch zwei Stellen des dritten Gvangeliums**) fo nahe gelegt, daß hier bereits die „mythiſche Anſicht“ auf die richtige Spur gefommen ift, welche fie bei fo manchen andern ähnlichen Erzählungen, wo die Merkmale des Ursprungs verborgner liegen, verfehlt hat. Ohne allen Zweifel verhält es fich fo, wie Strauß angiebt***): die Erzählung die- ſes Vorfalls ift aus einer von Sefus vorgetragenen Parabel entftanden, entweder aus der nämlichen, welche Lukas aufbe— wahrt hat, oder einer andern ähnlichen. Das Apophthegma von der Kraft des Glaubens aber ift an diefelbe angefnüpft worden, weil in ihm, wie aus der Nelation des Lukas hervor: geht, die aus der Spruchfammlung des Achten Matthäus ent nommen ift, von der Berfeßung nicht eines Berges, fondern eines Feigenbaumes die Rede war; was, fo fcheint e$, in. der Erinnes rung des Marcus fich bis auf eine unbeftimmte Beziehung zu der Borftellung eines Feigenbaumes verwifcht haben mochte, Faft hat es das Anfehen, als ob felbft dem Lukas eine Ahnung diefes Ur- ſprungs nicht fremd geblieben fei, da er, der Einzige, bei welchem wir jene Parabel und jenen Ausfpruch in feiner urfprünglichen Ge— ftalt erhalten finden, die gegenwärtige Erzählung weggelaffen hat. — Die Art und Weife übrigens, wie Marcus diefelbe den Bege— benheiten zu Serufalem einreiht, wie er ausdrüdlich des Petrus ge— denkt, den wir auch hier, wie überall, für feinen, von ihm frei lich midverftandnen Gewaͤhrsmann halten müflen, — dieſes beide macht wahrfcheinlich, daß das Gleichniß, welches der Evangeliſt für eine Außerliche Thatfache nahm, wirklich zu jener Zeit, und nicht ohne eine nähere Beziehung auf die Gegenftände, *) V. 12 ff. 20 ff. Parall, Matth. 21, 18 f. =) Luk. 13, 6 ff. und 17, 6. "#) 2, J. U. ©, 249 ff. Evangeliſche Erzaͤhlungen und Reden nach Marcus. 577 auf welche damals die Aufmerkfamfeit Jeſu und feiner Jünger vornehmlich gerichtet fein mußte, gefprochen worden ift. Biel: leicht, daß Sefus unter dem Feigenbaum, der nur Blätter, aber feine Früchte trägt und deshalb von feinem Herrn verflucht und dem Berderben preisgegeben wird, ausdrüdlich Serufalem, aus: drüdlich das jüdische Land und Volk verftanden hat; vielleicht daß Petrus, in den Schicfalen, welche nach Jeſu Tode diefes Land und Volk: betrafen, die Erfüllung diefes von dem Herrn gefpro: chenen Fluches zu erfennen glaubte und diefe Erfenntniß in feinen . Lehrvorträgen auf eine Weife ausfprach, die als Fortfegung jenes - Bildes, jener parabolifchen Crzählung gelten Fonnte, und von feinen wundergläubigen Schuͤlern als Fortfegung der wirklichen, miraculöfen Begebenheit verftanden worden if. So würde na= mentlich der Umftand eine Bedeutung erlangen oder durch einen ihm entfprechenden Anlaß motivirt erfcheinen, daß wir bei Mar- cus Die Verfluchung des Baumes und die Erfüllung diefes Flu- ches an zwei verfchiedene Zeitpuncte vertheilt finden; welches beides im erften Evangelium unverkennbar nur das Streben nach Kürze in Einen Moment zufammengezogen hat. Was die Sentenz über die Kraft des Glaubens betrifft, fo ift es von Wichtigkeit, über das Moment ins Klare zu kom— men, durch welches die Paradorie ihres Ausdruds fich recht- fertigt. ES liegt in der Kedheit, mit welcher Jeſus das finnliche Bild gebraucht, um die Sicherheit der Erfüllung eines wahren Glaubens und Gottvertrauens, d. h. eines fittlichen, eines fol- chen Glaubens, der zu feinem Inhalte nur einen Gegenftand bat, der feiner Natur nach Gegenftand eines folchen Vertrauens werden kann, einen Gegenftand der Art, wie jene find, die Se- ſus ausdrüdlich im Gebet erbitten lehrte, — es liegt darin unverfennbar zugleich ein gewilfer Spealismus in Bezug auf jene finnlichen Dinge, von denen er das Bild hernimmt. Er würde das Bild nicht gebraucht haben, wenn er nicht die Ein- ficht gehabt hätte, daß es für den wahren Glauben, deffen Ge— genſtaͤnde ſolche Dinge nie und nimmer werden konnen, vell- kommen einerlei ift, ob der Berg auf feinem Platze ftehen bleibt, oder ins Meer verfenkt wird; weil ein Ding der Art, wie ein Berg, für die Geiftesanfchauung des Gläubigen überhaupt Feine Wahrheit noch Wirklichkeit hat. — Merkwuͤrdig ift die Art und X 578 ' Biertes Bud. j — Weiſe, wie auf dieſen Ausſpruch Paulus im erſten Korinther⸗ briefe anſpielt; er behandelt denſelben wie eine ſpruͤchwoͤrtliche Redensart, indem er den Glauben bezeichnen will, deſſen Werth er weit hinter den Werth der Liebe zuruͤckſtellt. Jedenfalls ein Beweis, wie frei die Apoſtel mit den Ausſpruͤchen des Herrn umgingen, die ihnen zufaͤllig im Gedaͤchtniß haͤngen geblieben waren. 51, „Wenn ihr euch zum Beten anſchickt, und etwas gegen Jemand habt: fo vergebt ihm, damit auch euer Vater, der im Himmel, euch euere Fehler vergiebt. Wenn aber ihr nicht vergebt, fo wird euch euer Vater, der im Himmel, euere Fehler auch nicht vergeben.‘’**) — Cine Mahnung, welche der Herr wiederholt in verfchiedenen Zufammenhängen, theild Direct, theild parabolifch ausgefprochen zu haben fcheintz die Marcus aus feiner (von den übrigen Aufzeichnungen, die wir. befißen, unabhängigen) Erinnerung nur darum hier einfchaltet, weil die Erwähnung des Gebetes ihm Gelegenheit dazu gab. 52. Oberprieſter, Schriftgelehrte und Xeltefte befragen ihn in Serufalem nad) der Berechtigung, die er für fein &hun auf: zuweifen habe, Sefus antwortet: ,, Auch ich will euch eine Frage vorlegen. Antwortet mir, und ich will euch fagen, in weſſen Vollmacht ich Dies thue. Die Taufe Sohannes, war fie vom Himmel, oder von den Menfchen? Antwortet mir! Jene nun überlegten bei fih, wenn fie fagen würden: vom Himmel, fo werde er fie fragen, weshalb fie ihm feinen Glau— ben gefchenft; fagten fie aber: von den Menfchen, fo fürchtes ten fie das Volk, weil Alle den Johannes für einen Propheten hielten. Sp antworteten fie denn: „Wir wiffens nicht.“ Wor: auf Jeſus: „So fage auch ich euch nicht, in weſſen Vollmacht ich dies thuel’’***) Man pflegt diefer Antwort gemeiniglich die Abficht unter: zulegen, der Unterfuchung zu entgehen, die, im Fall er fich öffentlich als einen Propheten oder als den Meſſias befannte, das Spnedrium über feine Berechtigung dazu anzuftellen das u =#) V. 25 f. (Matth. 5, 23 f. 6, 14 f. 18, 35.) | =) Gap, 11, DB, 27 ff. Parall, Matth. 21, 23 ff. Luk, 20, 1 ff. * “ eis. Erzählungen Dur Reden nad) Marcus. 579 ; 2 Recht gehabt haben fol. Aber ein gefeßlich feftgeftelltes Recht des Synedriums zur Prüfung new auftretender Propheten läßt fih nicht beweifenz am wenigften aus der Stelle, die man ge— wohnlic dafür anzuführen pflegt‘). Seit Maleachi war Fein -Prophet aufgetreten; in früherer Zeit aber gab es Fein, Syns edrium und feine Schriftgelehrten: wie alfo hätte fich ein ſol— ches Gefes bilden follen? Die ganze vorangehende Gefchichte Jeſu und auch die des Johannes zeigt, daß man von. Serufa= lem aus nicht daran dachte, ein gefegliches Auffichtsrecht über fie in Anfpruch zu nehmen; hätte man Sefu von Amtswegen das Lehren verbieten fonnen, fo würde es ihm gewiß längft unterfagt worden fein. — Aber auch in Bezug auf die vorlie— gende Rede müffen wir fagen, daß, weit entfernt, daß ihr Ver ſtaͤndniß bei jener Erklärung gewinnen follte, dad wahre Ver: ſtaͤndniß vielmehr dadurch umgangen wird, Es will nämlich Sefus mit der Gegenfrage, die er jenen unberufenen Fragern vorlegt, andeuten, wie vergeblich es fei, feine höhere Würde vor folchen auszufprechen oder zu bekennen, denen die nothwen— digen Borbedingungen zum Verftändniß der Bedeutung dieſer Würde abgehen. Wer über ein fo Elares, fo laut fprechendes Zeichen der Zeit, wie die Erfcheinung des Täufers, Fein Urtheil bat, der kann, — dies will Jeſus fagen, — auch die Erſchei— nung des Höheren, den diefer verfündigt hatte, nicht verftehen, wenn diefer ihm auch noch fo deutlich über- das, was er ift, Rechenschaft geben wollte. Wie trefflich fchließt fich, fo gefaßt, diefe Antwort an die auch zuvor von dem Heren durch feine ganze Laufbahn hindurch befolgte Marime, die Anerkennung deſſen, was er war, durch Feine worfchnelle Bezeichnung feiner Würde mit einem dem Volke bereits geläufigen Namen zu übereilen! Und wie contraftirt dieſe weife Zuruͤckhaltung mit der Zudringlichkeit, mit welcher das vierte Evangelium ihn feine Würde als Meſſias und Gottesfohn bei jeder Gelegenheit vor den Ohren einer ſtumpfen, widerfpenftigen und übelwollenden Menge ausfprechen läßt! 53. ‚Ein Mann pflanzte einen Weinberg; er rohe ihn mit einem Zaun, grub einen Keltertrog, baute ein Wachthaus, +) 305. 1, 19. ala LE VV 380. „sinn Viertes Bud. * gab ihn an Winzer aus und verreiſte. Zu feiner Zeit-fandte er an die Winzer einen Diener, um ihnen von der Frucht des Weinbergs abzufordern. Jene aber ergriffen ihn, fchlugen ihn und fihieten ihn leer wieder fort, Darauf ſchickte er einen andern Diener zu ihnen; diefen warfen fie mit Steinen, ver: wundeten ihm dad Haupt und ließen ihn mishandelt von dans nen ziehen. Abermald einen andern fandte er, und diefen brach: ten fie um. Und fo noch viele andere; die einen fchlugen fie, die andern brachten fie um. Noch hatte er einen einzigen Sohn, feinen Liebling; auch diefen fandte er legtlich zu ihnen, indem er zu fich fagte: meinen Sohn werden fie doch achten. Sene aber, die Winzer, fprachen unter fih: Der ift der Erbe, wohlan, bringen wir ihn um, und unfer ift die Erbfchaft! Und fie nahe men ihn, brachten ihn um und warfen ihn hinaus vor den Weinberg. Was nun wird der Herr des Weinbergd hun? Kommen wird er, die Winzer verderben und den Weinberg an Andere ausgeben.“*) — Auch diefe Parabel, welche Marcus und ihm folgend die beiden Andern fehr paffend an diefer Stelle einfchalten, wenn auch nicht gerade vorauszufeßen ift, daß Sefus fie unmittelbar in Ginem Zuge mit dem vorangehenden Ge: fpräch erzählt haben follte, würde offenbar an Gewicht verlie— ren, wenn wir annehmen wollten, Jeſus habe fich fchon vorher mit klaren Worten gegen die Menge ald den Sohn Gottes ausgefprochen. Sie knuͤpft an ein Gleichniß bei Jeſaias *) an, wo das Volk Israel mit einem verwilderten Weinberge ver— glihen wird; indem Jeſus dieſes Gleichniß und feine Bedeu: tung ald feinen Zuhörern befannt vorausfeßt, leitet er fie das durch noch unmittelbarer auf das Verſtaͤndniß des feinigen hin. Keineswegs aber war es feine Art, vorher die Lehre, und bins terdrein das Gleichniß zu geben. 54. „Habt ihr noch nicht die Schrift***) gelefenz der Stein, den die Bauleute verwarfen, diefer ift zum Eeftein wor— den; vom Herrn Fam er und ift ein Wunder in unfern Au— gen?” +) — Ein Ausfpruch, offenbar zu heterogen mit der vor: *) Cap, 12, V. 1 ff. Parall. Mattp. 21, 33 ff. Luf, 20, 9 ff. Be) ed, 2 =##) Pſ. 118, 22 f. 7) 3. 10 f. (Apoftelgefih. 4, 11. 1 Petr. 2, 4 ff.) 8 ’ Evangeliſche Erzaͤhlungen und Reden nach Marcus. 581 hergehenden Parabel, als daß er mit derfelben, wie der Evan gelift ihn dafür zu geben fcheint, als ein Ganzes betrachtet werben Fünnte. | 59. „Von den. Dbern abgefandt, um ihm durch verfäng- liche Fragen ein Netz zu ftellen, nahen ihm einige Pharifäer und Diener des Herodes, und fprechen: „Meiſter, wir wilfen, daß du wahrhaft bift und dich um nichts Fümmerftz du fiehft A nicht wach den Gefichtern der Menfchen, fondern lehrſt mit Wahrheit Gottes Weg. Iſt es recht, den Genfus dem Kaifer zu geben, oder nicht? Sollen wir: geben oder nicht geben? Gr aber merfte ihre Heuchelei und fprach: „Was verſucht ihr mich? Bringt mir einen Denar, damit ich ſehe!“ Sie brach: ten ihn und er fprach: „Weſſen ift dies Bild, und diefe Auf: Schrift?" Sie fprahen: „Des Kaiſers.“ „So gebt, was des Kaiſers ift, dem Kaifer, und was Gottes ift, Gott!“) — Gotte, was Gottes ift, geben, heißt nicht, wie man es, aud) diefen Ausspruch ins Zriviale herabziehend, deuten will, die Vempelfteuer entrichten; auch nicht blos im gewöhnlichen Sinne, fromm fein, beten, ein fittliches Leben führen, u. f. w.; fons bern: das Weich Gottes da fuchen, wo es zu finden ift, und nicht äußere und irdifche Dinge, gegen die es fich gleichgültig verhält, damit vermengen. 56. Einige von der fadducäifchen Secte, welche die Auf: erftehung läugneten, fragen ihn: „Meiſter, du kennſt das Ge: feß des Mofes; wenn einem ein Bruder ftirbt, und hinterläßt eine Frau ohne Kinder, fo fol der Bruder fie nehmen und fei- nem Bruder einen Samen weden. ‚Nun waren fieben Brüder; der erfte nahm ein Weib, ftarb, und hinterließ Feine Kinder. Der zweite nahm fie, ftarb und hinterließ auch Feine Kinder; der dritte eben fo. Alle fieben nahmen fie, und binterließen feine Kinder. Zuletzt von allen farb die Frau. In der Auf: erftehung nun, weſſen Weib wird fie fein? Sieben hatten fie zum Weibe.“ Jeſus antwortete ihnen: „Was faſelt ihr da umher, ohne Kenntniß der Schrift, noch der wirkenden Kraft Gottes? Wenn fie von den Zodten auferftehen, fo freien fie weder, noch laffen fie fich freien, fondern fie find, wie die Engel *) B, 13 ff. Parall. Matth. 22, 15 ff, Luk. 20, 20 ff. BT a “=. Biertes Bud. a im Himmel, Was aber die Auferftehung der Todten betrifft: habt ihr nicht im Mofes*) gelefen, wie aus dem Dornſtrauch Gott zu ihm fprach: ich, der Gott Abraham, der Gott Iſaaks und der Gott Jakobs? Er ift Gott nit für Todte, fondern für Lebende! Ihr aber fafelt!“**) > r In diefer Frage der Sadducaͤer feheint nicht minder, wie in den obigen Fragen der Pharifaer, die Abficht zu liegen, aus der Antwort Iefu Stoff zu einer Anklage gegen ihn zu gewins nen; nämlich ihn zu einer ausdrüdlichen Verwerfung der Autori= tät des Mofes zu verleiten. Auch diefe Sadducaͤer mögen da— ber, wenn gleich es nicht ausdrücdlich bemerkt ift, als angeftif- tet von jenen Oberen, die Jeſus verderben wollten, betrachtet werden. Wir fchließen dies aus der Antwort des Lestern, welche ganz darauf berechnet fcheint, folder Hinterlift zu begegnen, Allerdings wußte Sefus den Zweck feiner Sendung als erhaben über den Buchftaben des moſaiſchen Geſetzes, und hatte dies, wenn es darauf ankam, diefen Zweck und den Geift feiner Lehre im Ganzen und Großen geltend zu machen, auch Fein Hehl. Aber die Geltung, die Autorität des Geſetzes ausdrüd- Vich zu befeitigen lag nicht in feinem perfonlichen Beruf, Mit gutem Gewiffen und ohne alle heuchlerifche Verſtellung Fonnte er daher jenen Verſuchern auf den Boden des Geſetzes folgen, ”) 2 Mof. 3, 6. **) V. 19 ff. Parall, Matth. V. 23 ff. Luk. V. 27 ff. Einen Ausſpruch ähnlichen Inhalts mit dem gegenwärtigen in Bezug auf das Ge- Thlechtsverhältnig Hatte eine alte Tradition und aus dieſer das apokryphiſche Evangelium der Aegyptier bewahrt, Jeſus foll der Salome auf die Ärage: wenn das Neich fommen werde, geantwor— tet haben: „Wenn die Zwei Eins fein werden, und das Neußere wie das Innere, und das Männliche mit dem Weiblichen weder weiblich noch männlich” (Clem. Rom. Hom. JI, 12), oder, nach ei— nem andern Bericht, der ausdrüdlich das Ev, der Aegypter als Duelle nennt (Clem, Al. Strom. II, 13): „Wenn ihr die Klei- dung der Scham abgeworfen habt, und die Zwei Eins geworben find, und das Männliche” u. f. w. Diefer Ausfpruch, der von ber Secte der Enfratiten benutzt wurde, um die Ehe als fündhaft dar— zuftellen (Clem. Al. 1. 1.), ift viel zu fehr in dem Tone einer dogma⸗ tischen Myſtik gefprochen, als daß ich feine Aechtheit für wahrſchein— lich Halten könnte: 2 u, Bi DE u ai * il Eoangeliſche Erzaͤhlungen und Reden nach Marcus. 583 um ſie aus dem Geſetze ſelbſt zu Schanden zu machen; und dies zwar um ſo mehr, je deutlicher er ſelbſt die „prophetiſche“ Natur des Geſetzes, die Beſtimmung deſſelben, das Hoͤhere, was er brachte, vorzubereiten, erkannt hatte*). Aus dieſem Geſichtspuncte ift infonderheit jene Anführung der mofaifchen Stelle zur Beftätigung des Auferftehungsglaubens zu -beurtheilen, aus der man auf eine Befangenheit Sefu in dem Vorurtheile feiner Zeit, welches alle höhere Wahrheiten- bereit3 im Alten Teſtament ausdrüdlich ausgefprochen verlangte, hat fchließen wollen**). „Wer mit folcher Geiftesfreiheit und Gewandtheit jene Stelle, in der vor ihm-gewiß fo leicht noch Niemand ein Argument für den UnfterblichfeitS- oder Auferftiehungsglauben geſucht hatte***), zu folhem Argument zu machen wußte: dem hat man feinen Grund den Wahn zuzutrauen, Mofes habe, indem er jene Worte dem Sehova in den Mund legte, dies in der ausdrüdlichen Abficht gethan, die Unfterblichfeit oder Auf- erftehung zu lehren oder zu beftätigen. Daß aber in der Art und Weife, wie Gott als der Gott diefer oder jener einzelnen Derfonen (mögen immerhin diefe Perfonen nur mythifche fein) ausgelprochen wird, daß in ihr an fich der Unfterblichfeitsglaube, fo zu fagen, noch eingewidelt oder verborgen liegt: dies tft voll» fommen wahr und richtig, und mit wahrhafter Großheit des Blids von Jeſus herausgefunden. Denn es wird dadurch der Derfon in ihrer Einzelheit eine Beziehung auf Gott, und um— gekehrt Gott eine Beziehung auf die Perfon in ihrer Einzelheit zugefprochen, welche, wenn fie auch auf gewiſſen, religiöfen und philofophifchen Standpuncten noch nicht ausprüdlich als unvergäangliche Zeitdauer des Individuums gefaßt wird, doch, "weiter im Bewußtfein entwidelt, auf den Begriff folcher Dauer mit Nothwendigfeit hinführt. — In der israelitifchen Religion * Matth. 11, 13. * Strauß L. J. I, ©. 620. **) Die rabbinifchen Stellen, die man, um dies wenigftens als möglich erfcheinen zu laſſen, anzuführen pflegt, beweifen nichts, denn fie kön— nen ebenfowohl aus der neuteftamentlichen gefchöpft fein. Es ſieht aber Zefu nicht ähnlich, daß er den Sadducäern gegenüber fich eines bereits currenten Argumenis für den Auferftehungsglauben bedient baben follte. i x —— 584 Viertes Buch. war eben der hohe Werth, den dem Nationalgotte gegenuͤber die Perſoͤnlichkeit Einzelner, die patriarchaliſche, die geſetzgebe— riſche, die prophetiſche Perſoͤnlichkeit behauptete, das ausdruͤckli— che Auserſehen ſolcher Perſoͤnlichkeiten durch Jehova, um in ih— nen ſeinen Zweck zu realiſiren, — es war, ſagen wir, eben dies das Moment, woraus ſich im Laufe der Zeit mit organi— ſcher Staͤtigkeit der Glaube an perſoͤnliche Unſterblichkeit entwickeln mußte. Wir koͤnnen es daher nicht anders, als bedeutſam fins den und eine tiefe, welthiſtoriſche Einſicht darin anerkennen, wenn wir den goͤttlichen Meiſter ausdruͤcklich an dieſes Mo— ment und an feinen bibliſchen Ausdrud den Beweis für den Auferfiehungsglauben fnüpfen fehen. 57. Unter diefen und ähnlichen Gefprächen, die Jeſus mit ſeinen Gegnern und ſeinen Neidern fuͤhrte, tritt in freundlicher Abſicht ein Schriftgelehrter zu ihm, der ſeine treffenden Antwor— ten vernommen hatte; er fragt ihn, welches das erſte aller Ge— bote fei. Sefus antwortet: „Das erfte Gebot von allen ift: Höre, Israel, der Herr unfer Gott ift Ein Herz du folft den Herrn deinen Gott mit deinem ganzen Herzen, deiner gan: zen Seele, deinem ganzen Verftand und deiner ganzen Kraft lieben *). Dies das erfte Gebot. Ein zweites ift ihm gleich, diefes: Du follft deinen Nächften wie dich felber lieben **). Größer als dieſe ift Fein anderes Gebot. Darauf fagt der Schriftgelehrte: ‚Gut, Meifter, haft du in Wahrheit ge: ſprochen. Es ift nur Einer, und Fein Anderer ift außer ihm; ihn lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Vernunft, mit gan: zer Seele und mit ganzer Kraft ift mehr ald alle Opfer und Darbringungen.’’ Jeſus, ald er fah, daß jener verftändig ant- wortete, fprach: „Du bift nicht weit entfernt vom Neiche Got— tese ) Weiter, als ſonſt gewöhnlich bei eigentlichen Parallelſtel— len, d. h. bei ſolchen, wo eine Entlehnung des einen Evangeliſten vom andern, oder ein unmittelbares Schoͤpfen beider aus glei- *) 5 Mof. 6, 5. =) 3 Mof, 19, 18. ve V. 28 » Parall, Matth. V. 34 ff. Luk. 10, 25 ff. ac 5, 14, 26 es * ia Se % + nn “ um ‚ FR Evangelifhe Erzählungen und Reden nach Marcus. 585 } er Duelle vorauszuſetzen ift, weicht bei gegenwärtiger die pa- tallele Darftellung des erften Evangeliums von der unfrigen ab. Der Schriftgelehrte wird ein Pharifäer, näher noch, ein „Geſetzesgelehrter““ (vozuızog) genannt, und ihm die Abficht untergelegt, Sefum zu verfuchen *). Dies Fonnte gefchehen fein, um die Gleichformigfeit mit dem Vorhergehenden feft- zuhalten, ohne Nüdficht auf die Eigenthümlichkeit feiner Frage, in welcher, an fich betrachtet, nichts Verfängliches liegt. Auch daß die Pharifaer über die Abfertigung der Sadducaͤer ſich nicht vielmehr gefreut, als, fie zu rächen gefucht haben follten, ift, wie man mit Recht bemerkt hat, unwahrfcheinlih. Die Antwort des Schriftgelehrten bleibt hierauf folgerechter Weiſe weg; indeß liegt weder in ihr, noch in der Erwiderung Sefu, — der fich auch hier nicht allzufchnell bereit zeigt, einem Schrift- gelehrten den wirklichen Befig des Himmelreiches zuzugeftehen, — etwas Verdächtige. Statt beider legt das erfle Evan⸗ gelium Sefu die Worte in den Mund: „an diefen beiden Ge- boten hängen das ganze Gefeß und die Propheten’. Diefe fonnten aus einem andern ähnlichen Zufammenhange **) hierher übertragen ſcheinen; doch ift es möglich, daß Jeſus Aehnliches bei verfchiedenen Anläfjen gefprochen hat. Wenn unfer Evans gelift nach diefem Gefpräc die Bemerkung giebt, daß nun ihn Keiner weiter zu fragen wagte: fo fteht diefelbe allerdings wohl nur willfürlicy hier, ift jedoch durch Die Erzählung mo— tivirt, wie felbft aus der Mitte der Schriftgelehrten einer fich gebrungen gefunden hatte, ihm beizuftimmen. Der erfte Evans gelift, bei welchem diefe Vorbereitung wegfällt, verlegt jene Notiz hinter den nachfolgenden Ausfpruch, welchen er nicht ohne Ab: #) In beiden Umſtänden ſtimmt das dritte Evangelium mit bem er= fien überein. Diefe Hebereinftimmung Könnte, da beide Modifica— tionen fo nahe liegen, rein zufällig fein, und man braucht deshalb nicht nothwendig auf eine von Marcus verfchiedene Duelle zu ſchlie— Ben. Doch iſt es möglich, daß diefe Anekdote auch beim ächten Matthäus erzählt war, und wird dadurch noch wahrſcheinlicher, daß fie bei Lukas in einer von ber Ordnung des Marcus abweichenden Stelle vorkommt, was biefer fich bei Erzählungen, die er von Marcus entlehnt, fel- ten zu erlauben pflegt. **) Matth. 7, 12. TER i — 586 Biertes Bud. Pr > ihtticteit in ein Sefpräch umgefeßt hat *). — Uebrigens ift nicht zu verwundern, wenn der hier erzählte Ausspruch Chrifti zu denjenigen gehört, welche, mehr als viele andere, eine typiſche Geltung bereits in der apoſtoliſchen Gemeinde erhielten, wie dies aus der doppelten Erwähnung der zweiten Hälfte deſſel— ben im Galaterbriefe und im Briefe des Safobus geſchloſſ⸗ en werden kann. 58. „Wie koͤnnen die Schriftgelehrten ſagen, der Meſſias ſei ein Sohn Davids? Sagt doch David ſelbſt im heiligen Geiſte ) der Herr ſpricht zu meinem Herrn: ſetze Dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde dir unter die Fuͤße lege. David ſelbſt alſo nennt ihn Herr; wie alſo waͤre er ſein Sohn?“ *) Nach Marcus ſpricht Jeſus dieſe Worte lehrend in dem Tempel, nach dem erſten und, mittelſt einer anderen, von je— nem unabhaͤngigen Wendung, auch nach dem dritten Evange— liſten richtet er fie als Gegenfrage an die früheren Frager. Allerdings iſt letzteres wahrſcheinlicher, und hier alſo wohl eine wirkliche Verbeſſerung des Marcus durch ſeine Nachfolger an— zunehmen. Solche uͤbrigens konnte aus dem Zuſammenhange ſehr leicht erfolgen, waͤhrend es ſchwer begreiflich waͤre, wie Marcus, wenn er jene zu Vorgängern hatte, auf die ihm ei: genthümliche Wendung kommen konnte. — Die Worte felbft ſpricht Jeſus zwar ohne ausprüdlichen Bezug auf fich felbft, da er nicht gewohnt war, fich) dem Volke und den Schriftge- Yehrten gegenüber mit Worten als den Meffias anzufündigen, aber nicht ohne einen folchen ftillfchweigenden Bezug; denn durch die That befannte er fich zu dieſer Zeit allerdings Dafür. Jedenfalls darf man aus ihnen fehließen, daß er aus den mef= fianifhen Weiffagungen des Alten Zeftaments ein ausdruͤckli— *) Lukas, der, wie ſchon bemerkt, die Erzählung an dieſer Stelfe wegläßt, weiler fie in einem früheren Zufammenpange gegeben hatte, giebt ohne fie nichts deftoweniger (B.40) jene Schlußformel, die bei ihm alfo unmit- telbar nach der Abfertigung der Sadducäer zu ftehen kommt. Wenn irgend etwas, fo find Feine Umftände diefer Art harakteriftifh und belehrend für die Entitehungsgefhichte unferer Evangelien! =*) Pſ. 110, 1. +) V. 35 f. Parall. Matth. V. 41 ff. Luk. V. 41 ff. 5 Evangeliſche Erzaͤhlungen und Reden nach Marcus. 587 ches Studium gemacht, und ſich alſo wohl auch daruͤber, in welchem Verhaͤltniß dieſelben zu ihm und ſeinem Berufe ſte— hen, Rechenſchaft gegeben hatte. Mit Zuverſicht iſt deshalb anzunehmen, daß, waͤre er, wie die Sage ihn dazu gemacht, ein (gleichviel ob leiblicher oder nach buͤrgerlichem Geſetz dafuͤr geltender) Nachkomme Davids geweſen, und er haͤtte auf dieſe ſeine Abſtammung ſeine Beglaubigung bauen wollen, er dieſe Worte nicht geſprochen haben wuͤrde. — Was uͤbrigens die Autoritaͤt betrifft, die Jeſus jener angeblich (aber nach richti— ger Auslegung nicht wirklich) meſſianiſchen Weiſſagung beizule— gen ſcheint: fo iſt dieſelbe aus einem entſprechenden Geſichts— puncte zu betrachten, wie oben (Nr. 56) die Berufung auf das mofaifche Sehovawort, oder wie (Nr, 34) der Ausfprucd von der Erfcheinung des Elias. Mit diefem letzteren hat überhaupt der vorliegende eine große Achnlichfeit, da der eine wie der an— dere zwei entgegenlaufende Weiffagungen einander gegenüber- ftelt von denen nur die eine buchftablich wahr fein Fan. Ob übrigens der Dichter des Pfalms in der That König David fei, und ob er unter dem „Herrn“ wirklich den Meſſias verftehe: darum brauchte Sefus fich nicht zu kuͤmmern; genug, daß der Dialm von Bolf und Schriftgelehrten fo verſtanden wurde, und daß diefe Auslegung felbft ald eine Art von meffianifcher Weiſ— fagung gelten Fonnte. 59. „Huͤtet euch vor den Schriftgelehrten, die in ftattli= chen Kleidern einhergehen, und auf den Plaͤtzen gegrüßt fein wollen, und den Vorſitz in den Synagogen, und die erften Paͤtze an den Zifchen in. Anfpruch nehmen! Die die Häufer der Wittwen aufzehren und im Gebet viele Worte machen. Ein hartes Gericht erwartet ſie!“*) — Diefe kurzen Worte, an deren Stelle der erfte Evangelift die lange antipharifäifche Rede einfchiebt, die er bei Matthäus gefunden hatte, werden von Lukas im gegenwärtigen Zufammenhange fo gut wie buchftäb- lich beibehalten, nachdem derfelbe die Nede des Matthäus ei: nem früheren Zufammenhange einverleibt hatte, Ein neuer fchlagender Beweis der Abhängigkeit beider von dem Unfrigen. 60, Dem Opferſtocke im Tempel gegenüberfißend fah *) 3, 38 ff. Parall. Luk. V. 45 f. (Matth. 23, 1 ff. Luk. 11, 39 ff.) 388 . Biertes Bud. u Sefus zu, wie das Volk Geld hineinwirft. Viele Reiche wars fen beträchtliche Gaben hinein. Unter ihnen Fam auch eine arme Wittwe, und gab einen Quadranten, eine geringe Schei— demuͤnze. Da rief er feine Jünger zu fih, und ſprach: „Waͤhrlich ich fage euch, diefe arme Wittwe hat von Allen am meiften in den Opferftod gegeben. Denn Alle geben von ih— rem Ueberflußz; fie aber gab von ihrer Nothdurft was fie hatte, ihr ganzes Leben hin!““) — Diefe kleine Anekdote hat faft mehr das Anfehn einer Parabel der Art, wie deren Lukas meh- rere aufbewährthat, (z.B. die Anekdote vom Pharifaerund Zöllner) um fo mehr, als eine Ungenauigkeit in Betreff des Gazophylakion Dabei. obwaltet, welches, im Weibervorhofe des Tempels befindlich 5; weder nur Eins, noch auch ein Opferftod war. Marcus, dem Lukas auch hier mit vollfommener Genauigfeit folgt, bat ihr diefen Plab angewiefen auf Anlaß der in dem vorhergehenden Ausfpruch erwähnten Wittwenz; der Verfaffer des erften Evan- geliums fcheint fie über der langen, von ihm eingefchalteten Rede vergeffen zu haben. 61. Beim Herausgehen aus dem Tempel preift einer der Sünger ihm die Herrlichkeit der Gebäude und Steinmaffen, Je— fus antwortet: „Siehſt du diefe gewaltigen Gebäude? Kein Stein davon wird auf dem andern bleiben, fondern alles wird zerftört werden.” Und als er auf dem Delberg, dem Lempel gegenüber, faß, befragten ihn für fich allein Petrus, Safobus, "Sohannes und Andreas über die Zeit, in welcher feine Ver— fündigung eintreffen werde, und über die Zeichen, an denen fie diefe Zeit erkennen follten. Jeſus antwortete ihnen mit fol-‘ gender Rede. „Seht zu, dDagNiemand euch irre führe! Denn Diele werden fommen auf meinen Namen und fich für mid) ausgeben, und Manche werden fich von ihnen irre führen laf- fen. Hört ihr aber von Kriegen und Kriegsgerüchten, fo laßt euch nicht fehreden. So muß es fommen, aber es ift noch nicht das Letzte. Volk wird auf Volk fich ftürzen, und Neich auf Reich. ES wird hier und da Erdbeben. geben und Hun— gerönoth und Unruhen: alles dies ift nur ein Anfang der We— *), V. 41 ff. Parall. Luk, 21, 1 ff. 4 — 2 wii , Govangelifche Erzählungen und Neben nach Marcus. 589 ben. Habt aber Acht auf euch felbft! Sie werden euch vor die Obrigfeiten führen, und in den Synagogen werdet ihr ge— fchlagen werben, und vor Königen und Großen werdet ihr ſte— hen müffen um meinetwillen, ihnen zum Zeugniß. Und allen Voͤlkern muß zuvor die Heilsbotfchaft verfündigt werden. Fuͤh— ven fie euch nun gefangen hin, fo forget nicht, was ihr zu ſpre— chen habt, noch grübelt Darüber; fondern was euch zur Stunde eingegeben wird, das fprechetz. nicht ihr feid es, die reden, fondern der Geift, der heilige. — Brüder werden ihre Brüder in den Tod dahingeben, und Väter ihre, Kinder; und Kinder werden gegen ihre Aeltern fich erheben und ihnen den Tod ges ben.” Und ihr werdet bei Allen verhaßt fein, um meines Nas mens willen. Wer. aber bis and Ende ausharıt, der wird fee ig! — Sehet ihr nun das Schredensbild der Zerftürung da ftehen, wo es nicht foll*) („wer es Tieft, merke darauf’ fest hier der Evangelift — nicht Jeſus — in Parenthefe hinzu für die Lefer des Propheten Daniel, aus dem Sefus diefes Bild entlehnt hatte**) ): da mögen, die in Judaͤa find, auf die Gebirge fliehen; wer auf dem Dache ift, der fteige nicht erft ins Haus herab oder gehe hinein, um etwas mitzunehmen; wer auf dem Felde iſt, der Fehre nicht um, feinen Nod anzuziehen **). Wehe den Schwangern und Säugenden in jenen Tagen! Bes tet nur, daß euere Flucht nicht in den Winter+) falle. Denn jene Tage werben ein Drangfal fein, dergleichen es nicht ge— geben hat, feit Gott die Welt fchuf, bis jest, noch geben wird. Wenn der Herr nicht die Tage Fürzte, fo würde Fein Sterbli- cher gerettet; aber um feiner. Erwählten willen wird er bie Tage kürzen, Wenn euch dann num einer fagt: fiehe, da ift der Meffias, oder: dort, fo glaubet nicht, Es werden falfche Meffias und falfche Propheten aufftehen, fie werden Zeichen geben und Wunder, um wo möglich auch“ die Erwählten irre zu führen. Shr aber, fehet zu, ich habe euch Alles vorausgefagt! FF) *) „an beiliger Stätte,’ Matth, Don: 9,27, 1131712, 11, er) Vergl. Luk, 17, 31 f. +) „oder auf einen Sabbath’, fett der erfte Evangeliſt hinzu. +p Cap, 13, V. 1 ff. Parall, Matth. 24, 1 ff. Luk, 21, 5 ff. 590 Biertes Bud. RN Nur fo weit glaube ich mich berechtigt, einen unmittelba⸗ ren Zuſammenhang der Reden, welche nach Marcus, und noch mehr der weiteren, welche nach dem erſten Evangelium vom Oelberg herab gehalten worden fein follen, unter fich felbft und mit der an- gegebenen Veranlaſſung gelten zu laffen. Auch hier indeß bleibt immer noch problematifch, ob nicht Manches aus fremdem Zus fammenhange eingefchoben ift. Insbeſondere fallt auf, mitten . unter den Unglück verfündenden Weiffagungen die Mahnung an die Apoftel Über ihr Betragen vor Gericht und anderes da: mit Zufammenhängende anzutreffen; was der erfte Evangelift, der es aus einer andern Quelle in einem frühern Zufammen: hange*) gegeben hatte, wegläßt**), während der dritte es dem unfrigen (deffen Schroffheiten abzuglätten er fi) übrigens hier ganz vorzüglich befliffen zeigt) nochmals treulich nachſchreibt. Die ganze Rede aber hat in der Geftalt, wie fie Marcus und — der eine mit Zufäßen, der andere mit Weglafjungen, beide nicht ohne mancherlei Veränderungen und Weglaffungen, aber in nachweisbarer Abhängigkeit von ihm — die andern überliefert haben, durch die unmittelbare Anfnüpfung der Worte, welche die Ericheinung des Menfchenfohns verfündigen (Nr. 62), an die vorangehende Unglüdsprophezeihung einen fchiefen Sinn er: halten. Eher koͤnnte dad bei Marcus dann -weiter Folgende (Nr. 63 — 65) mit jener Prophezeihung Ein Ganzes gebildet haben; indeffen würde e8 zu gewagt fein, die rechte Verbin: dung verfuchsweife herzuftellen. Sch ziehe Daher vor, die Stüde, deren jedes für fich einzeln betrachtet einen guten, des goͤttli— hen Sprehers würdigen Sinn giebt, gefondert aufzuführen. Mas nun die vorliegenden Worte betrifft, fo fcheinen diefe allerdings vorauszufegen, daß die Sünger nicht fowohl über die Zeit der Zerftorung Serufalemd, welche der Herr unmittele *) Matth. 10, 17 ff. Parall. Luk. 12, 17 f. =) Daß der erfie Evangelift es iſt, welcher die Stelle aus dem ge— genwärtigen Zufammenhange herausgeworfen hat, und nicht umges kehrt der zweite und dritte fie aus Matth. 10 herübergetragen has ben: dies muß jedem klar werden, der bei jenen die Stelle Cap. 24, 3,9 — 14 vergleicht, welche fo zu fagen die zugeharfhte Narbe der Wunde enthält, die durch jenes Herauswerfen der Zufammen- bang erhalten hat. BERN: * bar vorher ihnen verfündigt hatte, als vielmehr tiber die Zeit des Weltendes und der von Iefus verfündigten Wiederkehr des Menfchenfohns Belehrung verlangten, Diefe Vorausfekung ift auch von allen Erklären, und bereit? vom Verfaſſer des erften Evangeliums *) angenommen worden; aber um ihr ges mäß die Nede zu einem richtigen Ende zu führen, bedarf es mit nichten der nochmaligen ausdrüdlichen Verkündigung fol cher Wiederkehr, fondern das hier Gefagte reicht zu diefem Bes hufe vollfommen hin. Daffelbe ift nämlich offenbar in der Ab: fiht gefagtz. vor irrigen Erwartungen zu warnen, welche fich an die Umwälzungen der Dinge, die Sefus als bevorftehend, und nahe bevorftehend vorausfieht, etwa würden knuͤpfen koͤn— nen. Man braucht die Verfündigung diefer Umwaͤlzungen kei— neswegs fo einfeitig, wie gemeiniglich gefchieht, und wie be+ reitd Lukas gethan hat, auf den Untergang Serufalems zu deu: ten. Jeſus fieht vermöge der Große feines Geiftes zugleich mit dem nahen Untergange Ierufalems (in Bezug auf welchen uns keineswegs unmöglich, nicht einmal unwahrfcheinlich duͤnkt, daß eine wirkliche Prophetengabe, ein magiſches Hellfehen da= | Evangelifche Grzählungen und Neden nach Marcus. 591 | | bei war), überhäupt die Kämpfe und Prüfungen voraus, die/' | fein Werk wird zu beftehen haben. Sogar das gewaltige Er: eigniß des VBolferlebens, welches nach einem großen Weltver- haͤngniß zwifchen fein Wort, daß das Evangelium über den ganzen Erdkreis gepredigt werden müffe, und deffen Erfüllung treten follte, ſchwebte bereits im dunfeln Bilde feinem Blide vor. Jene befondere und naheliegende Begebenheit, falls fie überhaupt ausdrüdlich in feinem. Geifte gegenwärtig war, ging Daher in feiner Anfchauung von felbit in das Allgemeinere über, in die Verkündigung des großen Weltſchickſals, durch welches das Wachfen und Gedeihen des von ihm ausgeftreuten Samens bedingt war. Daſſelbe Schickſal aber brachte für feine Lehre die Gefahr nicht blos des Außerlichen Untergangs, fondern mehr noch der Verfälfhung und irrigen Ausdeutung. Daher die MWeiffagung, daß falfche Propheten und Pfeudomeffiaffe aufs treten werden; eine Weiffagung, welche buchftäblich verftanden, freilich nicht eingetroffen ift (denn die Geſchichte Fennt Feine *) Matth. 24, 3. 592 Viertes Bud. oder nur unbedeutende Individuen, denen es beigefommen wäre, ſich für Chriftus auszugeben), aber gerade dadurch, und mit ihr diefe gefammten Reden in den zwei erften Evangelien, vor dem Verdacht gefichert wird, welcher einige fpeciellere angebliche Vorausverkuͤndigungen bei Lukas nicht mit Unrecht trifft. — Sp werden wir und denn auch nicht Angftlich quälen, eine ges nauer beftimmte Bedeutung jenem ,, Gräuel der Verwuͤſtung“ unterzulegen, welchen Lukas bereit3.in der Zerftörung Serufa= lems zu erfennen meinte, und nach gefchehenem Erfolg Dem Herrn diefe Weiffagung unferlegte. Jeſus bedient fich des vom Propheten Daniel erfundenen Bildes, wie er ſich des von dem— felben Propheten erfundenen Bildes der Erfcheinung des Men fhenfohns in den Wolfen bedient, um überhaupt dadurch, ohne nähere Beziehung auf eine befondere Begebenheit, eine das Heiligfte felbft nicht fchonende Zerſtoͤrung anzudeuten. Er räth in folhem Falle, wohl nicht ohne einen fymbolifchen Neben finn, Allen an, zu fliehen, ohne fi) umzufehen, das heißt, dem Uten, was doch unrettbar verloren ift, entfchloffen den Rüden zu fehren und nur in einer vollig neuen Drdnung der Dinge das Heil zu fuchen. Er beklagt die Schwangern und Gäu: genden, d. h. die, welche noch innerhalb der alten Drdnung fchaffen oder erzeugen wollen; er beflagt ferner die, deren Flucht in den Winter fallt, das heißt in eine rauhe, unwirthbare Zeit, “die. Feine Früchte für den Geift trägt*). Er ſchildert Die Zeit als eine folche, wohl geeignet, das ganze Menfchengefchlecht zu vertilgen, wenn fie nicht ‚um der Erwählten willen” abge- fürzt wuͤrde ). Er fchließt mit wiederholter, nachbrüdlicher *) Sollte der Zufat des erften Evangeliften: „oder auf einen Sab- bath “ nicht verwerflich fein, fo hätte er die Bedeutung: „in eine Zeit, wo gefeiert wird, wo es nichts Nechtes zu thun giebt.“ So entfernte fich der Anſtoß, den der fiheinbare Widerfprum biefes Wortes zu der freien Anfiht Jeſu von der Heilighaltung des Sab- baths giebt. Doc ift der Zuſatz ſchwerlich aus Achter Duelle ges floffen. *#) Diefe Wendung insbefondere zeigt die Unftatthaftigfeit der Ver- nüpfung des Nächftfolgenden mit dem Gegenwärtigen. Denn wozu wäre es nöthig, um der Ermwählten willen, damit biefe nicht gänz- lich vertilgt werben, jene Tage zu fürzen, wenn unmittelbar auf ie 2 | - ; Evovangeliſche Erzählungen und Neben nad) Marcus. 593 Warnung vor VBerführungen aller Art, und feine Rede darf fo’ beffer für befchloffen gelten, ald3 wenn wir das Nächftfolgende noch hinzunehmen wollten; denn die Warnung, nicht an falfche Zeiten glauben zu wollen, iſt die einzig richtige Antwort auf die Frage nach einer Zeit und Stunde, die auch der Sohn nicht anzugeben weiß, weil ihre Beflimmung der Vater fich vorbehalten hat. 62. ‚‚Einft wird. die Sonne fich verfinftern und der Mond fein Licht mehr geben, die Sterne des Himmels werden herab: fallen und die Mächte der Hohe erfcyüttert werden. Da wird man den Sohn des Menfchen fommen fehen in den Wolken *), in großer Macht und Herrlichkeit. Und da wird er feine Ens gel ausfenden, und aus allen Theilen der Welt feine Erwähl- ten zufammenführen,. vom Außerften Ende der Erde bis zum Außerfien des Himmels.‘ **) Unfer Evangelift, und eben fo auch. die beiden andern, ver: bindet diefe Worte auf das ausdrüdlichfte mit dem Vorher: gehenden; als folle das hier Verkündigte unmittelbar nach der dort gefchilderten Bedrängniß erfolgen. Das Gewicht diefer Berfnüpfung wird, es läßt fich nicht läugnen, noch fehr da= durch verfiärft, daß wir in der apoftolifchen Zeit allgemein ver- breitet den Glauben an eine nahe Wiederfunft des Herrn, an ein unmittelbar bevorftehendes Weltende und Weltgericht an: treffen. Daß diefer Glaube in wirklich vom Heilande gegebe- nen Andeutungen und Berfündigungen feinen Grumd hatte, ift eine ſchwer zu beftreitende Vorausſetzung, da man außerdem nicht fieht, auf welchen andern Anlaß ev entftehen Eonnte, -. Aber fo wenig wir diefe Voraudfekung aufzugeben gedenken, fo müffen wir uns doch mit allem Nachdrud dahin erklären, daß diejenige Gedanfenverfnüpfung, die wir hier in allen drei _ fonoptifchen Evangelien vor und haben, nicht für eine authen- fie die Parufie des Menfchenfohnes, alfo ohnehin Feine Fortbauer des irdiſchen Gefhlechtes, folgen follte? * *) Beim erften Evangeliſten mit einem, wahrſcheinlich beabſichtigten, Reimſpiel: „das Zeichen des Menfchenfohnes wird im Himmel er- feinen, und ein Grauen wird ergreifen (soworra«) alle Völker der Erde, und ſchauen werden fie (owovze:) den Menfchenfohn” u. ſ. w. =) B, 24 ff. Parall. Matth. V. 29 ff. Luk, V. 25 ff. 38 bes Es 4 nd 4 fr Sr a ET ei Fan —— 5 MC > 4 . > } eo BEN + : { * Er nr, 2 .’ ? . . Tu Pr » ee AS - 594 1 Viertes Bud. — — tiſche gelten kann. Es iſt nicht zu viel geſagt, wenn wir bes haupten, daß durch die Ankuͤndigung eines ſolchen deus ex machina, wie in diefem Zufammenhange die Parufie des Menfchenfohnes fein würde, der Sinn der vorhergehenden Rede geradezu vernichtet wird, Diefe war beftimmt, die Schidfale, welche das göttliche Reich auf diefer Erde haben wird, zu vers Fündigen, und die darauf bezüglichen Warnungen daran zu knuͤpfen. Der große Sinn, der erleuchtete Blick, der diefe Berfündigungen, diefe Warnungen eingab: wo bleibt er, wenn Augenblid3 darauf in der Seele deffen, der fo ſprach, an die Stelle jenes erhabenen Ueberblid3 über Weltlauf und Welt: ſchickſal das feltfame Phantasma tritt, welches die hier vorlie— genden Worte, buchftäblich verftanden, wie fie in diefem Zu— fammenhange e3 müßten, ausfprechen winden? Wahrlich, was ſich dagegen ftraubt, eine fo abenteuerlihe Berirrung dem ho— hen Meifter zuzutrauen, ift nicht blos ein fogenanntes „chriſt— liches Gefuͤhl“ oder ‚‚chriftliches Bewußtfein‘’, welchem, wie— fern es ſich als folches, ohne klare Emficht in feinen Grund und feine Berechtigung, geltend machen will, ein mulier taceat in ecclesia! gar nicht mit Unrecht zugerufen worden if. Es ift die deutliche Erfenntnig, wie, fo gewiß ein Weinftod Feine Dornen trägt, oder ein Feigenbaum feine Difteln, eben fo ge— wiß ein Geift von folcher Größe, wie fich Jeſus noch in der vorhergehenden Rede bewahrt hatte, nicht auf eine Einbildung der Art, dergleichen nur in einem franfen Gehirn entfteht, ver- fallen kann. Man wende nicht ein, daß Sefus, wie alle gro— gen Männer, „auf aͤcht menfchliche Weife fampfend mit den Schranken und Borurtheilen feiner Zeit, diefen in hundert Ne— bendingen unterlegen fein Fonne’’*). Denn weder war der Glaube an ein nahes Kommen des Meffias überhaupt, oder gar desjenigen Meſſias, den nur Er und wenige Juͤnger als fol chen erfannten, d. h. feiner Perfon, an ein Kommen diefes Meſſias in einer Wolkenerfcheinung, — weder war diefer Glaube wirflih ein Vorurtheil jener Zeit, noch ift die Anficht über die Zukunft feiner Lehre und des Weltſchickſals für den Geift, aus dem Jeſus fprach, ein Nebending. ben dadurch ift Diefer *) Strauß, & J. J. ©. 620. * fi ss c# Pa u’ ze a —— Pu ad Br“ u ur are — —— —— r 0 Evangelifehe Erzählungen und Neben nad Marcus. 595 Geift ein fo einzig großer, eben dadurch, und durch nicht an— deres, hat er jene gewaltigen Wirkungen hervorgebracht, daß ihm in einer Klarheit, die er einzig aus fich felber fchöpfte, der große Gefammtverlauf des Weltverhängniffes, als deſſen Mittelpunct er fich ſelbſt erkannte, vorlag, und daß er aus diefer Einficht heraus die Anfichten, Vorſtellungen und Vorur— theile feiner Zeit und feines Volkes mit der freieften Ueberle— genheit zu beherrfchen, ihr Falfches zu verwerfen und ihr Wahr res durch’ gediegene Deutung für fich zu benußen wußte. Aug demfelben" Munde, der die Predigt des Evangeliums unter Drangfal und Noth aller Art, unter den gewaltigften Völker: kaͤmpfen über den ganzen Erdkreis verfündigte, aus demfelben Munde konnte unmöglich im nächften Augenblick darauf ein aus dem befchränfteften Aberglauben an die fymbolifche Nede eines phantaftifchen Buchs, welches Irrthum oder Betrug einem alt: berühmten Propheten untergefchoben hatte, und aus der aus— ſchweifendſten, halb wahnfinnigen Einbildung zufammengefeßter Ausipruch Fommen ! Dennoch ift der Ausfpruch, wie wir ihn bier Iefen, — nur nicht in demfelben Zufammenhange und mit denfelben ein- leitenden Worten, — fo gewiß wie irgend ein anderer von Sefus felbft gefprochen worden. Aber er gewinnt ein vol: lig anderes Anfehen, fobald wir annehmen, was anzunehmen nichts, ald nur ein felavifches Beharren beim Buchftaben der evangelifchen Ueberlieferung uns hindern Fann, — daß der Heiz land hier mit derfelben Geiftesfreiheit, wie wir gefehen haben, daß er anderwärtd thut, altteftamentliche Sprüche und Bilder zu einem ſymboliſchen Ausdruck für eine Wahrheit, die er ſei— nen Süngern nachdrüdlich mittheilen will, verarbeitet. Cs ift diefe Stelle aus einer doppelten altteftamentlichen Reminiscenz zufammengefegt: die VBerfündigung einer Erfchütterung des Him— meld, einer VBerfinfterung von Sonne und Mond ift aus Achten Prophetenftellen entlehnt*), die ein gewaltiges Gericht des Herrn verfündigen, welches über das fchuldige Israel hereinbrechen fol; das Bild von dem in den Wolken erfcheinenden Menfchenfohn *) Zunächft wohl aus Jef. 13, 105 aber auch ef. 34, 4, Ezech. 32, 7 f. und Joel 3, 3 f. enthalten ähnliche Bilder, 38* er. * - ni a eu - “ 2% 590 Viertes Buch. — aber aus jener Stelle des Pſeudo-Daniel, aus welcher Jeſus vielleicht uͤberhaupt dieſen Ausdruck, den er ſonſt bekanntlich von feiner Perſon braucht, entnommen hat ). Schon dieſe freie Verknüpfung zeigt von jener Liberalität des Gebrauchs, den fich Jeſus allenthalben von prophetifchen und andern Stel: len der heiligen Schriften zu machen verftattet. Wie koͤnnte man meinen, daß es im Ernft ihm habe einfallen Fonnen, jene Bilder auf feine Perfon zu beziehen, — fi) einzubilden, weil Daniel. einft vorgegeben, in einem Geficht „Einen“ gefehen zu haben, „in den Wolken, fommen, wie eines Menfchen Sohn‘, fo werde nach Berlauf von ein paar Sahren nad ‚feinem nahe bevorftehenden Tode er felbft leibhaftig in den Wolfen da- bergefahren fommen, die Welt zu richten?! — Kein Zweifel zwar, daß die Apoftel ihn fo misverftanden haben**), wie fie auch fonft fo haufig bildlich Gefagtes im eigentlichen Sinne nah: men. Er felbft aber meinte unftreitig mit jenem Bilde einer- ſeits das Gericht, welches Die Weltgefchichte an jedem Tag und zu jeder Stunde ausübt, in welchem Er, das Haupt und der Mittelpunct der Weltgefchichte, fich mit Fug und Recht als den Nichtenden nennen durfte, Chier eigentlich nur als den, der feine Auserwählten um ſich verfammelt), — andererfeits als Verdings auch das Gericht am Ende der Tage, von welchem wir aber auch nicht annehmen dürfen, daß Sefus es ſich in fo äußerlich finnlicher Geftalt, wie nachher das kirchliche Dogma, vorgeftellt habe. Die Verſchmelzung diefes Ausfpruchs mit den zunächft vorangehenden und nachfolgenden iſt auf Nech- nung unferd Gvangeliften zu fegen, deſſen fehlerhafte Zuſam— menſtellung die beiden andern in ihren freien Bearbeitungen diefer Nede nicht vermieden haben. Anlaß zu diefer Verfchmel- zung kann allerdings gegeben haben, daß Iefus felbft das Bild von dem in der Weltgefchichte die Welt richtenden und die Er- wählten um fich verfammelnden Menfchenjohne an jene Ver— *) Dan. 7, 13. ==) Ron Petrus namentlich, aus deffen Erzählungen Marcus gefchöpft bat; erhellt dies aus 1 Petr. 4, 7. Der zweite, dem Petrus un- tergefchobene Brief, Scheint ausdrücklich beftimmt (vergl. Cap. 3, 4 ff.) die ſich getäufcht findenden Erwartungen wieder aufzufrifchen. Jiars Evangeliſche Erzählungen und Reden nach) Marcus. 597 fündigungen von den Kämpfen und Drangfalen der Weltge- fhichte angereiht hat. Solche Anreihung müffen wir um fo mehr als gefchehen annehmen, als erſt durch fie das große Bild in fein rechtes Licht geftellt wird. Aber auf die Weife, wie es in unfern Evangelien gefchehen ift, kann er es nicht gethan ha— ben. Denn bier freilich haben die Ausleger Recht, wenn fie behaupten, daß das vorliegende Bild nur im eigentlichen, nicht im figuͤrlichen Sinne verftanden werden koͤnne. 65. „Am Feigenbaum nehmt euch ein Gleichniß. Wenn ſeine Zweige aufſchwellen und Blaͤtter hervortreiben, ſo merkt ihr, daß der Sommer naht. So auch ihr, wenn ihr dies ge— ſchehen ſeht, ſo merkt, daß Er nahe iſt. Wahrlich ich ſage euch, dies Geſchlecht wird nicht vergehen, bevor dies alles ge— ſchieht.“) — Freilich muͤſſen dieſe Worte auf ein Vorange— gangenes fich beziehen. Aber auf was? dies laßt fih nicht mit Genauigkeit beftimmen, da es fih uns ald undenkbar er— wiefen hat, daß Jeſus im eigentlichen Wortfinne das Weltende im Laufe eines Menfchenalters verfündigt haben follte. her würden wir und entfchließen, das Gegenwärtige mit dem Frl: heren (Nr. 61) in unmittelbare Beziehung geſetzt zu denken, da, jene Kämpfe als fchon dem gegenwärtigen Menfchenalter bevorjtehend auszufprechen, Sefus vollkommen berechtigt war und feinen Süngern diefe Kunde nicht vorzuenthalten dringende Urfache hatte, 64. „Der Himmel und die Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen.“*) — Diefes große Wort ſteht nur aus Zufall hier, nämlich) auf Anlaß des Wortes „ver⸗ gehen“ (aoeoyssdaı), welches, im Vorhergehenden vom ges genwärtigen Geflecht gefagt, den Schreiber am diefen kurzen Ausfpruch erinnert, in welchem es doppelt vorkommt. — So, in dieſer Geiſtigkeit, hat der Goͤttliche die Ewigkeit ſeines Wer— kes gefaßt; ſolches erhabene Bewußtſein hatte er von der Be— dingtheit alles Sinnlichen und Aeußerlichen. Von der Hoͤhe einer ſolchen Anſchauung aus erzeugen ſich keine Phantasmen der Art, wie die ſchwaͤchere Verſtandeskraft der Juͤnger ſie dem Meiſter untergelegt hat. ) V. 28 f. Parall, Matth. V. 32 ff. Luk. V. 29 ff. **) DB. 31. Parall. Matth. V. 35. Luk V 33. — 598 Viertes Bud. 65. „Von dem Tag und der Stunde weiß Keiner, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, fondern nur der Vater, Sehet zu, wachet und betetz ihr wißt nicht, wenn die Zeit da iſt. Wie Einer, der verreift, und feinen Dienern feine Habe anvertraut, und jedem fein Gefchäft und dem Thür: hüter dad Wachen anbefiehlt. So wachet denn, — ihr wißt nicht, wenn der Herr des Haufes kommt, dm Abend oder um Mit: ternacht, oder vor Zagesanbruch, oder am Morgen, — daß er nicht ploßlich Fommt und euch fchlafend findet. Was ich euch fage, fage ich Allen; ſeid wach!““) — Jeſus fpricht hier von der Zufunft des Menfchenfohnes, wie wir ihn mehrfach in den von den beiden andern Evangeliften an diefer und an andern Stellen eingefchalteten Parabeln und Apophthegmen fprechend finden werden, im paränetifchen, nicht im prophetifchen oder dogmatifchen Sinne. ES ift verkehrt, folchen Gleichnißreden ein fertiges Dogma über die Parufie vorausgefegt zu denken; die Gewohnheit des Sprechens von einem Kommen des Men: fchenfohnes fcheint vielmehr zuerft aus ſolchen Gleichnigreden entftanden zu fein. Am verfehrteften aber iſt es, — wiewohl freilich auch dies Durch die falfche Stellung diefes Ausfpruchs bei unferm Evangeliften veranlaßt, — das Nichtwilfen von Tag und Stunde dergeftalt im eigentlichen Sinn zu nehmen, Daß zwar ald die Zeit des Angedeuteten im Allgemeinen das Lebensalter des damaligen Gefchlechts gewußt werde (vergl. oben Nr. 32), innerhalb diefer Grenze aber die nähere Be: flimmung unbefannt bleibe. Nicht umfonft erklärt Sefus aus: drüdlich, daß er, was er den Umftehenden fagt, Allen fage. Er fagt e8 den kommenden Gefchlechtern nicht minder, wie den gegenwärtigen; denn auch nachdem wir laͤngſt aufgehört haben, an ein nahes Weltende zu glauben, behält jene Mahnung noch immer für jeden Einzelnen ihre Gültigfeit. 66. Zu Bethanien, wo Sefus während feines Aufenthalts in Serufalem die Nächte zu verweilen pflegte, im Haufe Si— mons de3 Ausfägigen, Fam, ald er dort niederfaß, ein Weib mit einem alabafternen Gefäß vol Eoftbaren Nardendles, wel— *) V. 32 ff. Parall. Matth. V. 36. V. 42 ff, Cap, 25, V. 13, Luk, V. 34 ff. (Luk 12, 35 ff. Apoftelgefh. A, 7) ——— 62 ches fie ihm über dad Haupt goß. Darüber wırden Einige unwillig und fprachen: ,, Wozu diefe Verſchwendung der: Foft- baren Salbe? Sie konnte ja die Salbe für dreihundert De: nare verkaufen und den Armen geben”. Sefus aber fagte: „Laßt fie, was macht ihre ihr Vorwürfe? Sie hat ein ed» les Werk an mir gethban. Denn Arme habt ihr immer unter euch, und Fonnt, wenn ihr wollt, ihnen wohlthun; mich aber habt ihr nicht immer: Was fie Eonnte, hat fie gethanz fie hat meinen Körper zum: voraus geſalbt fürs Begräbnig. Wahr: lich ich fage euch, in der ganzen Welt, wo diefe Heilsbotfchaft verfündigt wird, wird man auch von dem fprechen, was fie gethan, und ihrer gedenken! ‘*): Diefe herrlihen Worte, die Sefus, wie fo manche andere, nicht blos feinen Züngern fagt (mit der That des Weibes mußten, wie er wohl erkannte, auch fie auf Die Nachwelt kom— men), find gegen alle und jede Ueberfchätung des Nüßlichkeits- princips und der materiellen Intereffen gefprochen. Gleich je: ner Salbung des andächtigen Weibes kann jeder Aufwand zur außern Verherrlichung des Göttlichen, fei e8 in der Kunft oder im Cultus, dafern beide nur Ächter Art find, als eine Ehre, welche dem. Leichnam des Herrn angethan wird, betrachtet wer: den. Denn die außere Erfcheinung des Geiftes ift eben der, von feiner Seele zwar abgefchiedene, aber nicht für immer ver- laffene Körper des Göttlihen. Zur Förderung des leiblichen Wohls der menfchlichen Gefelfchaft ift immer Zeitz aber zur Forderung des Geiftigen in diefem Sinne darf der rechte Zeit: punct, der nicht immer da ift, nicht verfaumt werden, — Uebris gend gehört diefe Erzählung zu den wenigen unter den ſynop— tifchen, die auc das vierte Evangelium aufgenommen hat, Diefem zufolge fol der Vorfall im Haufe des Lazarus und feiner Schweftern gefchehen fein. Als das Frauenzimmer, wels ches die Salbung verrichtete (diefe felbft jedoch wird mit etwas verfchiedenen Umftänden erzählt, die an eine andere ſyn— optifche Erzählung**) erinnern), wird Marin, die Schwefter des Lazarus genannt, ald der tadelnde Jünger Judas Iſcharioth, *) Cap. 14, V. 3 ff. Parall, Matth. 26, 6. (Joh. 12,1 ff.) 27,36 ff Evangeliſche Erzählungen und Neben nach Marcus. 599 N en 600 Viertes Buch. und dieſem zugleich, uͤberfluͤſſiger und einigermaßen ſelbſt ſtoͤ— render Weiſe, das Motiv untergelegt, als Kaſſenfuͤhrer des Vereins, der ſich um Jeſus gebildet, eine immer gefuͤllte Kaſſe zu haben, um dieſe nach Gefallen beſtehlen zu koͤnnen. Die Worte Jeſu find nicht ohne Verftümmelungen überliefert; nichts Deftoweniger findet fich in ihnen keine Berhdfichtigung der Abficht, in welcher Sudas den Einwand vorgebracht haben fol, wie man folche von dem, den gerade das vierte Evange— hum vorzugsweife als den Herzensfündiger feiert*), erwarten follte. 67. An dem Tage, wo dem alten Gebrauch zufolge das Paſchalamm genoffen wurde, fragen ihn (außerhalb der Stadt, vieleicht in Bethanien) feine Sünger, wo er das Mahl bereitet haben wolle. Da fendet er ihrer zwei ab und fagt: „Gehet in die Stadt; dort wird euch ein Mann begegnen, der ein Ge— faß mit Waffer trägt. Gehet ihm nach, und wo er hineingeht, da faget dem Hausherren: Der Meifter fragt: wo ift die Her— berge, wo ich dad Pafcha mit meinen Süngern effen fol? Er wird euch ein geräumiges, mit Polſtern belegtes Zimmer an: weifen: Dort bereitet es für und.’ Die Jünger gingen in die Stadtz fie fanden, wie er e3 ihnen gefagt, und bereiteten das Paſcha *). — Sch vermag über diefe Erzählung Fein anderes Urtheil abzugeben, wie oben über die aͤhnliche Nr, 48, - Sons derbar trifft es fich, daß auch hier, ähnlich wie Dort, . die Er: zahlung im erften Evangelium auf eine Weife modificirt ift, die leicht verleiten Fann, dieſe Wendung für die urfprünglichere zu halten und auf fie einen Erklaͤrungsverſuch des Vorfalls zu bauen, Wenn nämlich dort der Bericht des erften Evangeliums die Hand zu bieten fchien, den dort erzählten Vorfall ald eine aus der Erinnerung an altteftamentliche Weiffagungen entftan: dene Sage zu erklären: fo fcheint es im gegenwärtigen Falle nicht minder nahe zu liegen, den entfprechenden Bericht zu einer natürlichen Erklärung des hier in Frage ftchenden Factums zu benutzen. Es heißt nämlich Dort nur ganz einfach: die Singer follen zu ‚einem Gewiſſen,“ der nicht genannt wird, den aber *) 30h. 2, 25. 6, 64. **) V. 12 ff. Parall. Matth. 26, 17 ff. Luk, 22, 7 ff. > | Evangelifche Erzählungen und Reben nah Marcus. 601 der Evangelift als einen Iefu und den Züngern Bekannten vorauszufegen fcheint, gehen, und ihm ankündigen, daß der Herr, deſſen Zeit nunmehr gefommen fei, bei ihm das Pafcha halten wolle. Demungeachtet Fann ich nicht umhin, auch. hier auf meiner Ueberzeugung von der durchgängigen Abhängigkeit des erften Evangeliums von dem zweiten in allen ihnen gemein⸗ Thaftlihen Partien der Erzählung zu ‚beharren, Gerade an diefer Stelle ift nicht die mindefte Spur einer eigenthümlichen Duelle, aus welcher der Verfaffer des erften Evangeliums ge: fhöpft haben konnte, und es läßt fich fehr wohl denfen, wie fein Bericht durch Umbildung aus dem des zweiten, mit dem auch hier der Bericht des dritten übereinftimmt, entftehen Fonnte, während die umgekehrte Annahme durchaus unftatthaft bleibt. 68. Als fie beim Mahle faßen, ſprach Jeſus: „Wahr— 2 lich, ich fage euch, einer unter euch wird mich verrathen, einer, der mit mir iſſet.“ Die Jünger, wurden traurig. und fprachen einer nach dem andern zu ihm: „Ich doch nicht?” Gr aber antwortete: „Einer unter den Zwolfen, einer, der mit mir in die Schüffel taucht! Der Sohn des Menfchen gehet dahin, wie von ihm gefchrieben ftehtz wehe aber dem, dur) den des Men: ſchen Sohn verrathen wird! Beffer für diefen Menfchen, er wäre nie geboren !’’*) Die Ueberzeugung von der Unabhängigkeit des Marcus von den übrigen Evangeliften, der Abhängigkeit der beiden an— dern Synoptifer von ihm, macht und eine Erklärung diefer Stelle möglich, auf welche man bei den bisherigen Vorurthei— Ien über das Berhältniß der "Evangeliften zu einander zur Zeit noch nicht hat fommen fonnen, obgleich fie durch den Zuſam— menhang bei unferm Evangeliſten offenbar gefordert wird, und überdies von der gefammten Scene ein edleres und würdigeres Bild giebt, als dasjenige, welches, zum Theil aus Misver- ſtaͤndniß der Worte des Marcus entftanden, in dem erften und dem vierten Evangelium Plab ergriffen hat und durch diefe beiden Urkunden verbreitet worden ift. Faft allgemein hat man bisher die Worte: „der mit mir in die Schüffel taucht“ (6 *) V. 18 ff. Parall. Matth. V. 21 ff. Luk. V. 21 ff. (Joh. 13, 18 f. 21 ff.) [u Br Viertes Bud. Zußasırouevog er’ Zuod eis vo rovßklov), für eine aus» drüdliche Bezeichnung dieſes Einen nehmen zu müffen gemeint. Dem Wortfinne nach allerdings nicht mit Unrecht. Ein’ gebil> deter, der Sprache vollfommen mächtiger Schriftfteller würde fih fo, wie fih Marcus ausdrückt, gewiß nur dann ausdrüden, wenn er den hier angegebenen Sinn mit feinem Ausdrude ver: binden wollte. Auch kann Fein Zweifel fein, daß der Verfaffer des erften Gvangeliumd den: Marcus fo verftanden hat. Dur) Meglaffung in dem vorhergehenden Ausfpruche der Worter „der mit mir iffet,”’ in dem gegenwärtigen aber der Worte: ‚‚Einer unter den Zwoͤlf,“ und durch Hinzufügung des Schlußfakes : „dieſer ift e8, der mich verrathen wird,’ fchließt er jede an- dere Erklärung diefer Worte aus, und zum Ueberfluß läßt er nachher noch den Judas ausdrüdlich jene Worte auf-fich be: ziehen und fragen, ob er der Verräther ſei; was dieſer offen- bar nur in der Meinung, fchon von Jeſus perfonlich bezeichnet zu fein, thun Fann. Dennoch halten wir uns überzeugt, daß die Worte des Marcus anders verftanden werden müffen. Die Gonftruction ift ganz Diefelbe, wie unmittelbar vorher in den Morten: „der mit mir iſſet.“ Dort nun giebt es theils Die Natur der Sache, indem ja die Sünger alle mit Jeſu aßen, und nicht blos Judas, theils auch zeigt ed die Ungewißheit, in ‚der dieſe Worte die Zünger darüber laſſen, welcher von ihnen ges » meint fei, daß diefelben nicht ausdrüdlich den Judas, fondern, wie wir es in unferer Ueberfeßung ausdrüdten, einen aus der Menge überhaupt, unbefiimmt welchen, bezeichnen follen. Ganz eben fo nun auch hier. „Der mit mir in die Schüffel taucht““ fagt, nur finnlich bezeichnender, ganz daffelbe, wie „der mit mir iſſet;“ auch diefe Bezeichnung bleibt im Allge— meinen und trifft den Ifcharioth nicht mehr und nicht weniger, als jeden der übrigen Juͤnger). Der Artikel fteht, wie haufig *) In Bezug auf 0 Eodiew hat diefe Erklärung auch Fritz ſche ans genommen (Ev. Mare. p. 613), mit fehr paffender Berufung auf einen ähnlihen Gebrauch des Artikels: Joh. 3, 10. Auf 6 Zußa- srousvos haben fie Künöl und Henneberg erftreden wollen, aber mit fehlerhafter Ausdehnung auf die Parallelftelle bei Matthäus; was bisher dem Credit diefer Auslegung gefchadet zu haben ſcheint. * | Evangelifche Erzählungen und Neden nach Marcus, 603 in allgemeinen, von jeder befonderen Beziehung auf eine be: flimmte Perfonlichfeit abfehenden Ausfprüchen, ftatt der um— fchreibenden Worte, welche die unbeftimmte Allgemeinheit der Beziehung ausdrüden würden. Allerdings kann man diefe Re— defigur hier nicht wohl angebracdt nennen, da fie jenen Mis— verftand faft mit Nothwendigfeit herbeiführen mußte; ein ges wandterer Schriftfteller, ald Marcus, würde fich ihrer ſchwerlich bedient haben. Dennoch ift fie bezeichnend; fie druͤckt energis fher, als es durch die Umfchreibung gefchehen wäre, das Schwarze-jener That aus, die einer, der zu Jeſus in fo nahem Berhältniffe fteht, zu begehen im Begriff ift. — Die Richtige feit unferer Auslegung erprobt fi dadurch, daß bei Marcus jener Bezeichnung Feine weitere Folge gegeben wird, während man doch, wenn wirklich Sudas perfonlich bezeichnet war, er: warten follte, daß von deffen Betragen dabei ein Wort gefagt werden würde. Der Verfaſſer des erften Evangeliums hat ver- fucht, diefe Lüde, die erft bei ihm als folche erfcheinen mußte, auszufüllen; freilich auf fehr ungefchidte Weife, indem er den Sudas, als ihn der Herr fchon als den Verräther bezeichnet hat, man fieht nicht ein, im welcher Abficht, noch die Frage thun laßt, ob er es fei. Ferner dient zur Beftätigung unferer Deutung diefer Stelle die Paraphrafe des Lukas, welche nach» der entgegengefeßten Seite hin von Marcus abweicht. Bei Lu: kas namlich fallen die Worte ganzlicy weg, welche zu dem er: wähnten Misverftändniffe den Anlaß gaben, und- die Scene fchließt mit der Frage, welche die Jünger unter einander aufs werfen, welchen von ihnen der Herr wohl meinen möge. Dar: aus erhellt auf das deutlichfte, daß diefer Evangelift feinen Borgänger nicht fo verftanden haben Fann, als rede er von einer ausdrüclichen Bezeichnung des Judas; feine Abhängig. feit aber von diefem Vorgänger verräth er durch die Art und Weiſe, wie er bei feiner Umftellung von deſſen Bericht zu Werfe seht. Da nämlich bei ihm die Einſetzung des Abendmapls, welche Marcus auf jenes Gefpräch nachfolgen läßt, eine brei— tere Stelle einnimmt, fo fchidt er fie voran und fügt ihr nur als einen Anhang die Worte bei, welche. die Hindeutung auf den bevorftehenden Verrath enthalten. Demungeachtet enthält, was er nachher von der Bewegung unter den Süngern fagt, 604 Biertes Bud. einen Bezug nicht, wie man erwarten follte, auf die gefammte vorhergehende Nede, fondern nur auf jene angehängten Worte; ein Uebelftand, der offenbar durch den Rüdblid auf den Be— richt des Marcus veranlaßt ift, deſſen Inhalt noch in kurzen Worten beigefügt werden follte, | Wir fehen auch hier, wie der Bericht unfers Evangeliften zwifchen denen der beiden andern Synoptifer auf eine Weife in der Mitte fteht, welche nicht etwa aus einer Combination dDiefer beiden hervorgegangen fein Fann, fondern umgekehrt für feine Urfprünglichkeit und für die Abhängigkeit der beiden an- deren von ihm das vollgültigfte Zeugnig giebt. Durd Die Vergleichung mit jenen beiden rechtfertigt fich von eregetifcher Seite unfere Erklärung der Worte diefes Berichtes, Ob Dies felbe, oder vielmehr ob die Annahme der thatfächlihen Wahr: heit des fo verftandenen Berichts auch nach inneren, fachlichen Gründen den Borzug vor der entgegengefegten verdiene: dar— über follte unfers Beduͤnkens Fein Zweifel fein. Die perfons lihe Bezeichnung des Judas erfcheint in dem Berichte des erften Evangeliums, (von dem des vierten fprechen wir gegen= wärtig noch nicht) fo gänzlich zwedlos, fo durchaus nur die ernfte Feier des erhabenen Momentes flörend, Daß man es nur für Gewinn achten kann, wenn fie befeitigt wird. Die Hin- deutung auf den Verrath überhaupt, der inmitten Des vertrau— ten Süngerfreifes gebrütet wird, ift groß und ergreifend; Die Erzählung davon bei Marcus fo ſchlicht, fo einfach und von fo ergreifender Wahrheit, daß, wer nur auf fie den Blick ge: richtet hält, ohne fich Durch die Berunftaltungen irren zu laſſen, die ‘fie unter den Händen der andern Evangeliften erfahren hat, in ihr felbft gewiß feinen Grund zum Zweifel an ihrer factifchen Treue finden wird; zumal da es nicht einmal der Annahme eines Wunders bedarf, um erflärlich zu finden, wie Sefus dem Berrätber auf die Spur hatte kommen fonnen*. Nicht daf- *) Daß, wie Strauß will (L. 3. I, ©. 431 fi), die ganze Scene nur aus einer Ausdeutung der Joh, 13, 18 angeführten Pfalmen- ftelle hervorgegangen fei, ift, abgefehen von der Beweiskraft, bie für die Wirklichkeit des Vorfalls die innere Wahrheit der Erzäh- lung hat, welche keineswegs das Gepräge der Erdichtung trägt, um fo unwahrfiheinlicher, als in ven ſynoptiſchen Evangelien ſich nicht Bi ee | | Evangeliſche Erzählungen und Reden nah) Marcus. 605 felbe aber gilt von einer ausdruͤcklichen Entlarvung des Verraͤ— thers. Zu diefer konnte Jeſus vernünftiger und feiner würdiger Weiſe nur dann fihreiten, wenn er dem Berrath zuvorzufoms men beabfichtigte; eine Abficht, welche durch die Darftelung fammtlicher Evangeliften geradezu ausgefchloffen wird. Davon nicht zu fprechen, daß jene Erklärung eine Bewegung unter den . Süngern hätte hervorbringen müffen, welche die Gvangeliften nicht mit Stillfhweigen übergehen konnten; es wäre denn, daß » man aus dem vierten Evangelium eine Heimlichfeit jener Bes zeichnung "in die Darftellung der andern übertragen wollte, wozu in diefen felbft Feine Veranlaſſung liegt. — Das Bedene Een, welches man gegen die Vorausſetzung erhoben hat, daß Sudas Iſcharioth noch Tan dem Abendmahl Theil genommen, glauben wir. unberüdjichtigt laffen zu dürfen. Man follte end: lich darüber hinweg fein, die Einfegung des Abendmahls als eine in fo moderner Weiſe empfindfame Handlung vorzuftellen, bei welcher die Gegenwart des Judas ald eine Störung habe empfunden werden koͤnnen; eben fo, wie man hoffentlich darz über hinweg ift, zu meinen, daß dem Judas durch den Mite genuß des Abendmahld in der That feine Verdammniß noch) babe gefchärft werden follen. 69. Während fie aßen, nahm Sefus ein Brot, brach es mit einem Danfgebet, gab es den Süngern und. ſprach: „Das ift mein Leib.” Dann nahm er den Kelch, fprach ein Dank: gebet und reichte ihn ihnen, und fie tranfen alle daraus. Und er fprach zu ihnen: „das ift mein Blut, das Blut des [neuen] Bundes, das für Viele vergoffen wird. Wahrlich ich fage euch: nimmer werde ich wieder von diefer Frucht des Wein: ſtocks trinken, bis auf jenen Tag, wo ich fie aufs neue im Reiche Gottes trinke.‘ *) In diefer wichtigen Erzählung finden wir, wie in einigen vorhergehenden das dritte, fo Diesmal das erfte Evangelium im ‚entfernteften eine Hindeutung auf dieſe Stelle findet. Denn Mare. 13, 21 u. Parall, fpricht Jeſus nur von einer prophetifchen Berfündigung feines Leidens und Todes überhaupt (wie Mare, 9. 12 u. Parall.), nicht, wie Strauß diefe Worte verftanden zu haben fcheint, ausdrücklich des ihn treffenden Verraths, *) B.22 ff. Parall, Matth. B.26 ff. Luk. V. 15 ff. (1 Kor. 11,23) — ———— on an 606 Viertes Bud. — mit dem unſrigen faſt wörtlich uͤbereinſtimmend. Lukas dage⸗ gen, der hier den Bericht des Marcus in erweiternder Para- phrafe wiedergiebt, hat außerdem den Zuſatz, daß Zefus feine Juͤnger auffordert, dies (d. h. zunächft das Brechen oder Ef: fen des Brotes) auch fernerhin zu feinem Gedächtniß zu thun. Er giebt dieſen Zufaß nur beiläufig, fo daß er ziemlich uns fcheinbar bleibt und leicht ‚ald ein willfürlich, ohne befondere Abficht vom Erzähler beigefügter erfcheinen Fann. Daß er aber in der That aus einem Zufammenhange gefchöpft ift, in wel— chem er eine Bedeutung hatte, und daß ihn Lufas, der Schüler des Paulus, mit Bewußtfein feftgehalten hat: dies erhellt aus der Erwähnung jener Einfeßungsworte des Abendmahles beim Apoftel Paulus. Dort werden jene auffordernden Worte wies derholt und mit einem ausdrüdlich verftärfenden: Beiſatze (bei der Austheilung des Kelches: „dieſes thut, fo oft ihr dar: aus trinket, zu meinem Gedächtniß”) angeführt; fo daß über ihre Abfichtlichkeit Fein Zweifel fein Fann, Mit Recht hat man diefe Uebereinftimmung als einen der Beweife für den Zufammenhang des Lufasevangeliums mit paulinifcher Lehre geltend gemacht, fo wie umgefehrt diefer auch aus anderen Gründen vorauszufegende Zufammenhang und über den Ur- fprung jenes Zufaßes bei Lukas belehrt. — Ohne nun entſchei— den zu wollen, ob diefer Zufaß mit Wahrheit auch als eine ge= fchichtliche Vervollftandigung der von Marcus berichteten Worte zu betrachten ift, mache ich zunächft nur Darauf aufmerkſam, wie gerade durch die Weglaffung deffelben der Bericht des. Marcus einen eigenthümlichen Werth für die Beglaubigung der Authentie dieſes gefammten VBorfalles hat. Iſt nämlich auf Grund der angeblich geringen Wahrfcheinlichkeit einer fo beftimmten VBorausfiht Jeſu von der Nähe feines Todes neuer— dings die Vermuthung geäußert worden, es möge bie Er: zählung von der Einfeßung des Abendmahls unmittelbar durch den Herrn fih in Weife der Sage aus der in ber Chriftengemeinde herrfchenden Gewohnheit, bei gemeinfchaftli- chem Mahle das Gedaͤchtniß ihres Stifters zu feiern, gebildet haben *): fo fteht derfelben nichts fchlagender entgegen, als * Strauß 2. J. I, ©. 440, 5 BE, Evangelifche Erzählungen umd Reden nach Marcus. 607 gerade diefer Umftand, daß der evangelifche Bericht der Abficht Sefu, ein Gedachtnigmahl zu ftiften, Feine Erwähnung thut. Waͤre jene VBorausfekung gegründet, fo würde ohne Zweifel die Aufforderung zur wiederholten Teier das Grundmoment der an: geblichen Sage gebildet haben, dasjenige, das vor allen in den Borgrund hätte treten müffen und am wenigften verloren ges ben koͤnnen; ftatt daß wir jeßt auch in denjenigen Berichten, welche diefe Aufforderung bewahrt haben, fie nur als unterge= ordnetes Moment auftreten fehen. — Die Frage aber, ob die ursprüngliche Geftalt der Einfehungsworte von Marcus oder von Paulus richtiger und vollftändiger überliefert worden ſei, kann unferes Grachtens, ohne der Würde. diefes Sacra— mentes irgend etwas zu vergeben, unentfchieden bleiben. Auch ohne das ausdrüdliche Geheiß, die Handlung zu feinem Gedächtniß zu wiederholen, liegt in den Worten Ief eine Hei— ligung derfelben, deren natürliche, ja nothwendige Folge die fortgehende Wiederholung derfelben in der Gemeinde ift. Ja faft erfcheint. folche blos thatfächliche und filfchweigende ©tif- tung des Sacramentes, das freie Waltenlaffen der Nothwen— digkeit, welche einen heiligen Gebrauch diefer Art auf Grund jenes einfachen Vorgangs hervorrufen mußte, des Herrn noch würdiger und feinem fonftigem Thun gemäßer, als eine aus— drüdliche Anordnung, die leicht den Schein der Willfür geben fonnte. Sind wir doch, wie bereit$ angedeutet *), was das Sacrament der Taufe betrifft, Fritifch genöthigt, eine von einer ausdrücdlichen Einfesung durch den Herrn unabhängige Entfte- hung deffelben anzunehmen: um wie viel weniger werden wir Bedenken tragen dürfen, das’ zweite Sacrament zwar auf ein Wort des Herren, doch nicht auf ein ausdrüdlich dieſe Hand» Yung gebietendes zurückzuführen. — Die Lutherifche Anficht des Abendmahls hätte, möchten wir behaupten, recht verftanden, ein | Sntereffe, den Bericht der zwei erften Evangeliften, die Zwing- | Yifche, den Bericht des. Paulus und des Lukas ald den ur: fprünglichern und hiſtoriſch treueren gelten zu laſſen. Die Authentie der fchonen Schlußworte Diefer Einfeßungs- *) Buch IT, ©. 406 ff. ae 608 Viertes Bud. — | rede, zu derem verflachender Ausdeutung *) in ihnen felbft nicht der mindefte Grund liegt, ift um fo ficherer als verbürgt zu achten, als diefelben fih, genauer betrachtet, der bereit3 in der erften Chriftengemeinde gebildeten VBorftellung, nach welcher die Herrlichkeit Chrifti im Reiche des Vaters fogleich mit dem Augenblice feiner Himmelfahrt beginnt, wenig entfprechend zeigen. - 70. Nach dem Mahle und dem das Mahl befchließenden Gefange gingen fie hinaus auf den Delberg. Jeſus fprach zu ihnen: „Ihr werdet alle in diefer Nacht an mir irre werden; denn es fteht geſchrieben *): ich will den Hirten fchlagen und bie Heerde zerfireuen. Aber wenn ich erwacht bin, will ich euch nach Galiläa führen.’ Da fagte Petrus: „Und wenn alle an Dir irre werden: ich werde es nicht.’” Darauf Jeſus: „Wahr⸗ lich ich fage dir, heute in diefer Nacht, ehe zweimal der Hahn fraht, wirft du mich dreimal verlaͤugnen.“ Jener verſicherte aber- und abermals, und wenn er mit ihm fterben follte, fo werde er ihm nicht verläugnen. Eben fo fprachen alle ). — Noch in derfelben Nacht, ald Iefus zum Verhoͤre vor den Ho— ‚henpriefter gebracht ward, Fam Petrus ihm nach in den Hof bei dem Hohenpriefter. Ws er nun dort ftand und ſich wärmte, erblickte ihn eine Magd des Hohenpriefters, fah ihn an und forach: „Auch du warft mit dem Nazarener Jeſus.“ Er läug- nete es und ſagte: „Ich weiß nichts von dem, was du fagft.’ Darauf ging er hinauf in den Vorhof, und der Hahn Frähte. Die Magd fah ihn dort von neuem und fprach zu den Um— ftehenden: „Der gehört zu ihnen“; er aber läugnete ed noch- mald. Bald darauf fagten wiederum die Umftehenden zu Pe— trus: „In Wahrheit du gehörft zu ihnen; du bift ja doch ein Galiläer, deine Sprache Elingt fo.’ Da fing er an, mit Schwüren zu betheuern, er kenne den Menfchen nicht, von welchem fie fprächen. Da Frähte der Hahn zum zweiten Male, Petrus aber erinnerte ſich des Worte, welches Jeſus gefpro- chen hatte, daß ehe der Hahn zweimal- frähe, er ihn dreimal *) Strauß %. 3. II, ©. 442. ®*) Zach, 13, 7, “er) B, 26 fe Parall. Matth. V. 30 ff. Luk. 8. 31 ff. ” Evangeliſche Erzählungen und Neben nach Marcus. 609 verlaugnen werde, und er Fonnte fich des Weinen nicht * halten *). Die zuletzt erzaͤhlte Anekdote, welche der erſte und dritte Evangeliſt unter mancherlei gegenſeitig von einander viel mehr noch, als von dem beiden zum Grunde liegenden Berichte des Marcus abweichenden Variationen *), der vierte nach einer unfichern, durch willkuͤrliche Neflerion nachhelfenden Grinne: zung **) erzählen, empfiehit fich als glaubwürdig durch. die An- ſchaulichkeit und innere Wahrheit mancher Detailzüge, fo wie auch durch den Charakter der Begebenheit felbft. Nichts un- wahrfcheinlicher, als daß die Sage eine folhe Schwäche des Bornehmften unter den Juͤngern ohne Grund erdichtet haben foltte, nur in der Abficht, um auf den Meifter den armfeligen Ruhm übertragen zu konnen, fie vorausgefagt zu haben! Wenn aber der Sünger von freien Stüden fih (wie wir anzunehmen um fo weniger umhin Tonnen, als er. fchwerlich dabei unter feinen Mitjüngern einen Zeugen hatte) zu diefer Schwäche be- ‚ Tannte: fo hatte er dazu wohl feinen andern Beweggrund, als daß er darin, wegen jener VBorausverfündigung feines Meifters *) DB, 66 ff. Parall, Matth. V. 69 ff. Luk. B.54 ff. (30%. 18, 25 ff.) **5) Nach dem erften Eyangeliften, der in allen Mebrigen faft wört— Lich mit dem Unſrigen übereinftimmt, waren es zwei verſchiedene Mägde, welche den Petrus zur Rede ftellten. Lukas, der zuvor auf feine Weife Sorge getragen hat, das Heguamwousvor des Marcus zu erläutern, erzählt von einer zweiten und britten Anrede, wie es ſcheint durch zwei männliche Perſonen, aber mit Zufäßen, welche von der Spentität Des von ihm mit dem von Marcus Erzählten überzeugen. Er fiheint Anftoß daran genommen zu haben, daß Pe— trus bei Marcus Sefum zov dvdewrov rovrov nennt, und verwan— delt diefe Worte in die Anrede: avdpwns Bei der dritten Ver— läugnung läßt er, um die Befinnung bes Petrus prägnanter zu motiniren, ven Herrn um fich blicken und den Jünger anſehn; wobei er freilich nicht bedachte, daß Jeſus inwendig im Haufe, und Pe— trus im Vorhofe ſich befand. *##) Das Erkanntwerben des Petrus durch das Gefinde des Hohenprie- fters wird nämlich dadurch motivirt, daß der Erfennende ein Bru— der deffen gewefen fei, ven Petrus bei der Berhaftung feines Mei- fters verwundet haben fol, e 4 610 Viertes Bud. eine Pflicht der Pietät erfennen mußte. Cs fallt alfo von die— fem Borfall ein günftiges Vorurtheil auf jene Verfündigungen felbft zurüd, von denen eben nur die den Petrus betreffende etwas im eigentlichen Wortfinne Wunderbares hat, wiewohl auch diefe nichts der Art, dem Aehnliches in Zeitpuncten lebhafter Auf- regung nicht auch andern Individuen begegnet wäre. ı Daß aber Sefus in diefer verhängnißvollen Nacht im Allgemeinen nichts von dem ihm Bevorftehenden geahnet und vorausgefehen haben follte, ift weit unwahrfcheinlicher, als das Gegentheil. Nur die Ankündigung, die! Jünger nach feiner Auferftehung, die fonach von ihm als ſchon befannt vorausgefeßt würde, nach Galiläa führen zu wollen, mag allerdings in dem Berichte et= was anders geftellt worden fein, als fie fich in der Wirklich: feit verhielt. Eine Mahnung überhaupt jedoch, fich in Galiläa zu fammeln, und eine, daran fich knuͤpfende Verheißung troͤ— fiender Art als wirklich) ausgefprochen anzunehmen, hat nicht nur Feine Schwierigkeit, fondern alles nöthigt uns, ſolche als wirklich gefchehen vorauszuſetzen. 71. Sie fommen auf ein Grundftüd, Gethfemane (Delkelter) genannt. Dort heißt er feine Sünger niederfigen, er wolle un— terdeffen beten. Er nimmt den Petrus, Jakobus und Johan—⸗ nes mit fih; Schauder und Angft überfallen ihn. Er fagt zu ihnen: „Meine Seele ift traurig bis zum Tod; bleibt bier und wachet!“ Dann geht er eine Heine Strede vorwärts, fallt wieder zur Erde, und betet, daß, wenn es möglich, er von diefer Stunde befreit werden möge. Seine Worte waren: „Va— ter, dir ift alles möglich, nimm diefen Kelh von mir. Doc nicht was ich will, fondern was du!“ Er kommt zurüd und findet fie fchlafend; da fpricht er. zum Petrus: „Simon, Du fchlafft, Fannft du nicht Eine Stunde wachen? Wachet und betet, damit ihr nicht in Verfuchung falletz der Geift ift wil- lig, das Fleiſch aber ſchwach.“ Nochmals ging er und betete mit denfelben Worten; ald er zuruͤckkam, fand er fie wiederum Tchlafend; die Augen waren ihnen fchwer und fie wußten ihm nicht zu antworten. Zum dritten Male fommmt er und fpricht: „So fchlaft denn hinfort und ruhet; es ift genug, die Stunde ift daz fiehe des Menfchen Sohn wird in die Hände — F ? er, —* j) x 7 — — Evangeliſche Erzaͤhlungen und Reden nach Marcus. 611 der Suͤnder dahin gegeben. Erhebt euch und gehen wir; wohlan, der mich verraͤth, iſt da!“) Den Zweifel an der geſchichtlichen Wahrheit der hier er— zaͤhlten Thatſache, der ſich neuerdings in mehrfacher Geſtalt hervorgedraͤngt hat, halten wir, was das Allgemeine derſelben betrifft, fuͤr unbegruͤndet und unſtatthaft. Die Worte des Ge— betes freilich, die Jeſus geſprochen haben ſoll, koͤnnen, den er— zaͤhlten Umſtaͤnden zufolge, von keinem der Juͤnger unmittelbar vernommen worden ſein, und eine Wiedererzaͤhlung derſelben durch Jeſus ſelbſt anzunehmen, iſt ganz unzulaͤſſig. Aber dieſe Worte kuͤndigen ſich auch nur an als beſtimmt, den ungefaͤhren Sinn des Gebetes, ſo wie man ihn ſich zu denken berechtigt war, auszudruͤcken. Auch das an einen myſtiſchen Zahlentypus erinnernde dreimalige Kommen und Gehen kann man als nur der Darſtellung angehoͤrig preisgeben, ſo wie ohnehin die En— gelerſcheinung und den Blutſchweiß, womit Lukas die Erzaͤh— lung ausgeſtattet hat"). Aber was nach Abziehung von dieſem allem als Kern der Erzählung zurücbleibt, der Hingang nad) Gethfemane, das Sichzurüdziehen Sefu mit den drei bevorzug: ten Süngern, das Schlafen diefer Sünger und das wiederholte Wecken derfelben durch den von Angft und banger Ahnung er: griffenen Meifter: das find charafteriftifche Züge folcher Art, die nichts weniger ald den Stempel fagenhafter Erfindung tra= gen, und die zu verbächtigen fich dem befonnenen Betrachter fowohl überhaupt, als insbefondere dann. verbietet, wenn mit ihnen zugleich eine fo wohl begründete Vorausfesung, wie das Herrühren diefer Erzählungen aus dem Munde des Petrus ift, verdächtigt werden müßte. Der Seelenzuftand Iefu, der hier angedeutet wird, bietet der Betrachtung eine Doppelte Geite, und von beiden erfcheint er als gleich nothwendig, das Bild göttlicher Menfchheit zu vervollftändigen, welches wir in der Per- fon’ des Heilandes vor und haben. Die eine Geite ift Dies *) V. 32 ff. Parall, Matth. B. 36 ff. Luk. V. 39 ff. *5) Daß diefer beiden letzten Züge auch ber Verfaſſer des Dialogs mit Tryphon (cap. 103) gedenft: diefer Umſtand zeugt eben fo deut— lich für die Bekanntſchaft deffelben mit unferm Lukas, wie der oben bemerkte (Nr. 33) für feine Befanntfchaft mit unferm Matthäus, 39* P 2 RR 62 — Viertes Bud. jenige, von der betrachtet man das Ereigniß unter die Katego— rie des Wunderbaren einreihen kann, wiewohl es durchaus nichts im eigentlichen Sinne Miraculoͤſes hat. Unverkennbar naͤmlich iſt es eine auf anderem Wege, als durch aͤußerlich verſtaͤndige Berechnung der Umſtaͤnde erzeugte Ahnung des Bevorſtehen— den, von welcher wir den Herrn hier befallen werden fehen. Mit fo Elarer, befonnener Ueberzeugung er dem felbfterwählten Schidfale entgegengeht und Leiden und Tod freiwillig auf ſich nimmt: fo ift e8 doch im gegenwärtigen Augenblide, eben fo, wie dort bei der Ankündigung des Verraths, der ihn treffen fol, nicht eine nähere Einfiht in den wirklichen Zufammenhang der Handlung, die eben jest die Kataftrophe herbeiführen foll, fondern ein unwillfürlih und eben deshalb mit um fo größerer, uumwiderftehlicher Macht fih aufdrängendes Vorgefuͤhl dieſer SKataftrophe. Eine deutliche Einficht der eben angedeuteten Art “ würde es Feineswegs zu jener qualvollen Angft haben fommen laſſen. Es ift durchaus pfychologifch begründet, daß gerade nur die Ungewißheit über die äußeren Umftände, bei vorhande— nem Vorgefühl und innerer Gewißheit von’ dem Herannahen des verhängnißvollen Augenblid3 im Allgemeinen, in einem auch vollfommen Elaren und feiner felbft gewiſſen Charakter eine folche Seelenangft erzeugen Fan, Die Lage des Sofrates, die man hier .mit jener des Heilandes zufammenzuftellen beliebt hat, un: terfcheidet fich eben durch dieſen Umftand von lesterer, Sn der Gefchichte des Sokrates findet fich Fein Augenblid, wo fein Schidfal ihm Gegenftand nur der Ahnung, nicht der Außerli- chen, deutlichen Erkenntniß hätte fein koͤnnen. — Eben hiermit nun ift zugleich die andere Seite dieſes Seelenzuftandes berührt, nämlich Diefe, daß in ihm dem Momente der Natürlichkeit des Seelenlebens fein volles Necht widerfährt, welches bei Sefus, eben darum, weil er nicht, wie Sokrates, Philofoph ift und durch die Gewalt der Abftraction die Natur in fich bezwingt, nicht als abgefchwächt oder in den Hintergrund gedrängt vor— geftellt werden darf. Gerade in einer folchen Verfonlichkeit, die, wie Jeſus, nicht nach einer befonderen Richtung hin oder mit einer einzelnen Seelenfraft thatig ift, fondern die in ihrem Leben und Thun das Menfchliche in feiner Integrität und Ganze heit bethätigt, — gerade in einer folchen wirft die Natur in de en Kr: N — Evangeliſche Erzaͤhlungen und Reden nach Marcus. 613 ihrer ganzen Macht, und ihr am wenigſten iſt das lebendige Gefuͤhl und Bewußtſein der Leiden, mit denen ihr Verhaͤngniß ſie trifft, erſpart, uͤber welches ſich der ſpeculative Philoſoph, der mehr in der Abgezogenheit des Gedankens, als in der con— creten Wirklichkeit zu leben gewohnt iſt, weit leichter hinweg— zuſetzen vermag. Sch bin geneigt, dies als die Wahrheit ans zufehen, die fich hinter der Firchlichedogmatifchen Anficht ver: birgt: es fei, was Sefus in diefem Augenblid empfunden habe, nicht finnliche Furcht vor dem eigenen, perfönlichen Leiden, fon= dern das Mitgefühl der Sündenfchuld des Menfchengefchlechts und des göttlichen Zorns über diefelbe, das Leiden Sefu alfo bereit3 in diefem Moment ein recht eigentlich ftellvertretendes. Die Beziehung diefer Anficht zu der hier aufgeftellten liegt naͤm— lich darin: erftens, daß in beiden die Seelenangft nicht als eine durch Neflerion auf äußere Umftände entftandene Furcht, fondern als ein unmittelbarer, reflerionslofer Affect betrachtet, fodann aber und vornehmlich, daß in ihr eine befondere Ener: gie der allgemeinen Menfchennatur erkannt wird, die in Sefus eben darum mit fo bevorzugter Energie wirkte, weil das Gött- lihe in ihm nicht wie in andern Perfonen, in Geftalt einer einzelnen Seelenfraft, fondern in -Geftalt der Totalität des - Menfhlihen auftreten follte. Wiefern nun das Unterworfen: fein unter den Schmerz in der Menfchennatur ald Folge des Sündenfalld betrachtet wird: fo ift es folgerecht, dieſes Voll— gefühl des Schmerzes und der Angft in dem Gottmenfchen als ein Durchempfinden der Sündenfchuld des Menfchengefchlechts zu bezeichnen. 72. Als Judas mit dem von den Oberprieftern, Schrift: gelehrten und Aelteſten abgefchidten Haufen kommt, ihn zu er greifen, fpricht Jeſus: „Wie nad) einem Räuber zogt ihr nach mir aus, mit Schwertern und Stöden, mid feftzunehmen. Und doch war ich Tag für Tag unter euch, im Tempel leh— rend und ihr griffet mich nicht. Doc, die Schrift follte er: füllet werden !’’*%) — Sp vollfommen glaubhaft diefe Worte in der Hauptfache find, fo hat es doch etwas Unwahrfcheinli- ches, daß Sefus in diefem Zufammenhange von altteftamentli- *) 8, 48 f. Parall, Matth. V. 55 f. Luk. V. 52 f. (Joh. 18, 20 f.) 614 / Biertes Bud. chen Weiffagungen gefprochen haben fol. Diesmal fcheint da= her, den Berfaffer des erfien Evangeliums ein richtiges Gefühl geleitet zu haben, wenn er die Grinnerung an diefe Weiffagun- gen in feiner eigenen, nicht in-Iefu Perfon giebt; und auch dem Lufas wollen wir. es nachſehen, wenn er. ftatt ihrer Die, freilich wohl nur von ihm felbft, um den Ausdruck abzurunden, binzuerfundenen Worte einfchiebt: „Doch dies ift euere Stunde, und die Macht der Finſterniß.“ Ende des erften Bandes Druck von Breitfopf und Härtel in Leipzig. ———— — Se ER Be Me. —* Deu ef e hier. * t 9 Zeile 12 v. u. ſatt Marcus- lies ke — 1 v. u. fl. 16 J. 46. — 14 ft. Johannes I. Jakobus. ——, 5... 291% — 10 ft. welche l. welder. — 1 o. u. fl. Weiſe, denn wenn I. Weife dann, went. E=710 9... 1.82 7.12% £ a IRRE R 4 — 50m f nicht L nur i — 1391 fl. 36 1. 37. CNB. Durch diefes Verſehen ift auch in alle folgende Nummern der einzelnen Arti- tel der entſprechende Irrthum übergegangen.) > # ⸗ N RAR: — * wie — —X 2 FR 2 rn £ ia re Pe z ) Sue 4 —22* — ER Huf m R | RS L) Er) re „db I J — — Lena — A | R uf: he Dahl IR", El ed NET Fam nd Ar J J — — Be = y F Newman a, | ; ae. Tb gr Ar u ru ar) SEEN Hy der ER RE anlage Yard nes adntanlat An Gnngusgagiadh den ur BEHUTE * 882555 .W42 / voll 2 isse, Christian. —— ische geschichte. Weisse. .. Baratenlische ... v.l THEOLOGY LIERARY SCHOOL OF THEOLOSY AT CLAREMONT CALIFORNIA