GERMAN LIBRARY Southern California SCHOOL OF THEOLOGY Claremont, California Aus der Bibliothek von Walter Bauer geboren SEA gestorben 1960 Die evangelifche Gefchichte BS | 2? 55 £ kritiſch und philoſophiſch bearbeirer w42 v2 von Ch. Hermann a Doetor der Theologie und M oſophie. Zweiter Band. Enervis fidei confessio est, in Christum sine teste ei argumento non credere, Faust. Manich. Leipzig. Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel. 1838 a RER SAN — a 1 5 — * ar — 38 x * J — * ar 4 * Pius r * —— er E se £ - + J — — * 2 va er * x Sr * RN eher wir rauen * Soah, pin Amesnkt, , — — re | u Subaltsverzeichuip. Sunftes Buch. Kvangelifche Erzählungen und Neden nach Matthäus und Lukas. ©. 1. Einleitung ©. 3. Zuſätze des Matthäusevangeliums zu der evangelifhen Erzählung des Marcus, meiſt aus der mit dem Evang. des Lukas dieſem Ep. gemeinfhaftliden Duelle des ächten Matthäus geſchöpft ©, A Reden des Täufers ebendaf. Die Berfuhung ©. 10. Die Bergrede ©, 26. Der Hauptmann zu Kapernaum ©. 51, Anreden an neu fich anfıhließende Sünger ©. 57. Ausfendungsrede an die Apoftel ©. 59, Ausfprüce über Johannes den Täufer ©. 67. Weheruf über die galiläiſchen Städte und andere Ausfprüche ©. 72. Gelegentlihe Einfchaltungen in einzelne Erzählungen des Marcus ©, 74. Die Zeichenforderung der Phart- füer ©. 81. Paraboliſche Neden, die fih an die Parabel vom. Süe- mann fließen ©. 84. Andere gelegentliche Einfchaltungen ©. 92. Petrus und die Schlüffel zum Himmelreihe ©. 93. Der Stater im Fiſchmaule ©. 97. Weitere Einfohaltungen ©. 98. Der Rechtsſpruch in der Gemeinde ©. 100. Parabel von dem Gläubiger und_feinen Schulpnern ©. 103. Eunuhen um des Himmelreichs willen ©, 104. Die zwölf Apoftel ©. 105. Parabel von den Arbeitern im Weinberg S. 106. Parabel von den zwei ungleichen Brüdern ©. 108. Parabel von den Hochzeitgäften ©. 110, Reden gegen die Pharifärr S. 115. Reden über die Parufie ©. 121. Parabel von den Flugen ımd den thö— richten Zungfrauen ©, 124. Parabel von den anyertrauten Pfunden ©. 127. Das jüngfte Geridt ©. 137. — Eigenthümliche Erzäb- lungen des Lufas ©. 134. Jeſus in der Synagoge zu Nazareth S. 135. Der Fifchzug des Petrus ©. 138. Der Züngling zu Nain S. 140. Sefus und die reuige Sünderin ©. 142, Andere Ausſprüche S. 144. Parabel vom barmherzigen Samariter ©. 146. Maria und Martha ©. 148. Andere Ausfprüche ebendaf. Parabel vom reichen Manne S. 150. Andere Ausfprüde ©. 151. Parabei vom Feigenbaum ©. 153. Jeſus und Herodes ©. 155. Das Pharifaermahl ©. 157. Parabel vom verlorenen Sohn ©. 159. Parabel vom ungerechten Haus halter ©. 161. Parabel von dem reichen Manne und dem armen Laza— zus ©. 167. Andere Ausſprüche ©. 172. Warabel vom ungerechten Kichter ©. 174. Der Pharifäer und der Zöllner ©. 175. Zacchäus ebendaf. Einzug in Serufalem ©. 176. Reden beim legten Mahle ©. 177. Jeſus am Kreuze ©. 179, IV Inhaltsverzeichniß. Sechſtes Buch. Evangeliſche Erzaͤhlungen und Reden nach Johannes. S. 181. Prolog des Ev. ©. 183. Die johanneiſche Gnoſis S. 191. Johan- nes der Täufer ©, 193. Anwerbung der erſten Jünger ©. 196. Die Hochzeit zu Kana, S. 199. Jefus und Nifodemus ©. 204. Jeſus und die Samariterin ©. 212. Der füniglihe Diener zu Kapernaum ©. 217. Reden nach der Heilung am Teiche Bethesda ©. 219. Das Brot des Lebens ©. 224. Jefus und Zudas Iſchaxioth ©. 235. Das Laubhüt- tenfeft ©. 236.: Jeſus und die Ehebredherin ©. 241. Jeſu Zeugniß von ſich ſelbſt ©. 243. Blindenheilung zu Jerufalem ©. 249. Parabel vom guten Hirten ©.263. Neden am Enfänienfeft ©. 255. Die Auferwedung des Lazarus ©. 257. Warabel vom Samenforn S. 266. Die Him— melsftimme ©. 267. Die Fußwaſchung ©. 271. Der Verrat) des Ifſcharioth ©. 276. Neden über die Berherrlihung des Menfchenfohnes ©. 279. Letzte Ermahnungen und Troſtreden an die Jünger ©. 280. Parabel vom Weinſtock S. 284. Gebot der Liebe ©. 287. DVerfündis gung des Parakleten ©. 239. Das hohenpriefterlihe Gebet ©, 292, Sefus vor dem Hohenpriefter S. 296. Jeſus vor Pilatus ©. 297. Siebentes Buch. Die Auferfiehung und die Himmel- fahrt. ©. 309. Ynerffärlichfeit des Todesentfehluffes Jeſu ohne den Hinblick auf die Auferſtehung ©. 307. Verkündigungen der Auferſtehung ©. 310. Ihre factifche Nichtigkeit und ihr eigentlicher Inhalt ©. 312. Berhältniß zu den Berfündigungen der Parufie ©, 314. Bewußtſein Jeſu über vie Zukunft feiner Wirkfamfeit S. 317. Uebergang zu der Unterſuchung über die Auferftehungsthatfahe ©. 320. Naturaliftifhe Anficht derfel- ben ©. 321. Die Abnahme vom Kreuze und Grablegung ©. 322. Das Berbrechen der Beine ©. 325, Der Lanzenftoß ©. 327. Erflärung und Kritif der johanneifhen Erzählung davon ©. 323, Nichtvorhandenfein des Argwohng, als ſei Jefus nur fheintodt gewefen, im Alterthum ©, 335. Polemik des Celſus gegen die Auferſtehungsgeſchichte S. 337. Die kirchliche Anficht vom verflärten Auferftehungstörper ©. 339. Die Auferftebung als geiftige Thatfahe ©. 340. Beſuch der Weiber am Grabe ©,341. Die Wache am Grabe S. 343. Gerücht von der Ent- wendung des Leichnams; feine Bedeutung für die Entftehung der Sage vom Leerfinden des Örabes ©. 344. Vergleichung der verfihiedenen evang. Berichte ebendaf. Spuren ihres fagenhaften Urfprungs bei Marcus ©. 318, Unächter Schluß des Mareusev. ©. 352. Erſcheinung Sefu vor den Weibern ©, 353, Befuch der Jünger am Grabe &. 356. Cntfer- nung der Jünger nah Galtläa ©. 358. Erfcheinung auf dem Berge in Öaliläa ©. 360, Andeutungen der apoftolifchen Briefe über die Auf- erftehungsthatfahe ©. 361. Zufammenhangstofigfeit der Momente, in denen Jeſus den Jüngern erfihten ©. 362, 1 Kor. 15 ©. 364. Auge drüde, mit denen Apoftel und Evangeliften die Erfcheinungen Sefu be= zeichnen ©. 366. Die Chriftophanie des Paulus in ihrem Verhältniife zu den übrigen ©. 367. Paulus über die Auferftehung vor den Phari- fäern und vor Agrippa ©. 370. Paulus an_die forinthifche Gemeinde über die Auferftehung ©, 372, Die Auferftehung als identiſch mit der Himmelfahrt ©. 375, Der Brief des Barnabas über die Simmelfahrt ©. 377, Chriftus als auferftehend nicht aus dem Grabe, fondern aus dem Hades ©. 379. Apoftolifche und evangelifche Beweis- ftellen dafür ©. 350, Erklärung der fagenhaften Erzählungen entgegen- gefeßten Inhalts bei Lufas und Johannes ©. 386, Urſprung derfelben Snhaltsverzeihnif. % aus dem Gegenfate gegen den cerinthifchen Dofetismus S. 388. Das Geſpräch zwifchen Sefus und Magdalena erklärt in diefem Sinne ©, 394. Anſätze zu einer fymbolifchen Mythenbildung S. 398. Sefus und die Jünger zu Emmaus ebendaf, Die Erfoheinung am See Genefareth ©. 40%. Nicht mythifcher Kern der Auferftehungsgefhichte S. 408. Neihenfolge der einzelnen Chriftophanien nach Paulus S. 409, Riders fpru der paulinifhen Nachrichten zu den evangelifhen S. 410. Mög— Lichfeit einer verſchiedenen Auffaſſung derfelben Epriftophanie durch Ver— ſchiedene ©. All. Bereinbarung des gefchichtlichen Inhalts der verfchies denen Berichte S. 415. Chriftophanie des Petrus ©, 416. Chriſtopha— nie der Fünfhundert, identiſch mit der Begebenheit am Pfingftfefte ©. 417, Chriftophanie des Jakobus ©. 420. Angeblihe Reden des Aufer- ftandenen ©. 422, Das Geheiß der Taufe ©. 423. Brotbrehen und Eifen der Auferftandenen ©. 424. Dilemma, welches für die gefehicht- liche Auffaffung der Auferftehungsthatfache zurücbleibt ©. 426. Hiſſo— rifhe Bedenken gegen die Auffaffung diefer Thatfache als einer blog fubfeetiven Bifion ©. 427. Charakter des Wunderbaren in diefer That— ſache ©. 431. Zufammenhang derfelben mit dem volksthümlichen Gei— fterglauben ©. 433. Die Frage über die Möglichfeit von Geiſtererſchei— nungen ©. 434. Unterfihied des Charakters der Chriftophanien von dem Charakter anderer Geiftererfiheinungen ©, 437, Achtes Buch. Philoſophiſche Schlußbetrachtung über die Bedeutung der Perfönlichfeit Chrifti und der evangeli- fchen Ueberlieferung. ©. 439. Das Strauß’fche „letzte Dilemma“ ©. 441, Erelufiver Charakter der bisherigen Kirchenlehre in der Werthſchätzung der Perſon Chriſti ©. 442. Gegenfab der Philofophie zu Diefer Lehre ©. 443. Unauflös— Yichkeit diefes Gegenfates ©. 447. Neugeftaltung jener Firchlihen Lehre in der Schleiermasherfchen Theologie ©. 448. Verhältniß Diefer neuen Theologie zur biblifchen Heberlieferung ©. 454. Vorliebe für den jo— hanneiſchen Chriſtus ©. 459. Verhältniß der Hiftorifhen Bibelkritik zur philoſophiſchen Auffaffung des Gegenftandes ©. 462. Directer Gegenfa zur) Kirchenlehre im Nationalismus ©. 464. Gemeinſchaftlicher Gegen— fatz des Rationalismus und Supernaturalismus zur philoſophiſchen Auf⸗ faſſung des Chriſtenthums, S. 467. Charakter dieſer letzteren S. 469. Die Ideen der Philoſophie als Maßſtab ſür die Beurtheilung des chriſtlichen Inhalts ©. 470. Das Verhältniß dieſer Ideen zur religiö— fen Gegenftändlichfeit, erläutert durch, ihr Verhältniß zur äſthetiſchen Gegenftändlichfeit ©. 473. Die "äfthetifche Anſchauung als Organ ber Auffaſſung von Offenbarungsthatfahen ©. 476. Aefthetifcher Charafter der mythiſchen Neligionen ©. 477, Das _äfthetifche Moment im Mythus als Ausdruck religiöfer Fdeen ©. 481. Der Mythus im Chriftentyume ©. 483. Anderweite Geltung des äfthetifhen Moments im Chriften- thume ©. 484. Aeſthetiſche Anfchauung der Perſönlichkeit Chriſti S. 485. Urbildlichkeit Chriſti S. 490. Verhältniß des äſthetiſchen Momen— tes der Urbildlichkeit zur ſittlich-religiöſen ©. 492. Negative Faſſung der Urbildlichkeit als Sündloſigkeit; ihr Unzureichendes S. 493. Empi— riſche Natur der ſittlich-religiöſen oder Glaubenserkenntniß S. 497. Verhältniß der ſittlich-religiöſen Erfahrung zur äſthetiſchen ©, 498. Praktiſche Seite der Glaubenserkenntniß ©. 499, Nothwendigkeit der geſchichtlichen Grundlage für die chriſtliche Glaubenserkenntniß ©, 500. Wichtigkeit der evangelifchen Neberlieferung in Diefem Bezuge ©. 501, Benugung derfelben zum Gewinn des Inhalts der Glaubenserkenntniß ©. 502, Anerkennung des göttlichen Urbildes der Menfchheit in der vi Snhaltsverzeichniß. Perſon Chriſti das Princip des criftl, Glaubens ©. 504, Die Urbild- , lichfeit Chrifti als göttliche Offenbarung ©. 506. Ihre Bedeutung für das Princip des Monstheismus ©. 507. Berhältniß des in der Urbild= lichkeit Chrifti offenbarten Monotheismus zu dem fpeculativen Mono— theismug der Alten S. 509. Berhältniß der riftl. Offenbarung zur vorchriftlihen ©. 510. Die Offenbarung Gottes in Chrifto als eine That der Menfihheit ©. 511. Pantheiſtiſche Anficht von der Menſchwer— dung Gottes in Ehrifto ©. 513. Theiftifche oder monotheiftifhe ©. 514. Begriff des göttlichen Sohnes oder Logos als Subject diefer Menfch- werbung S. 520. Hingabe diefes Logos an die Welt fogleich bei der Schöpfung S. 522. Leiden, Tod und Auferftehung des göttlihen Soh— nes ©. 524. Verhältniß dieſer geiftigen Thatjachen zu den Thatfachen der evangel. Geſchichte ©. 527. Falſche Auffaffung Diefes Berhältniffes S. 529, Nichtige ©, 530. Die Lehre vom Sündenfall nnd ihre Bes beutung ©. 532. Der Sündenfall als Grund der Einzigfeit des urbild— lichen Charakters Chrifti S. 536. Bolfftändiger Zuſammenſchluß des idealen und realen Momentes in dem Begriffe yon Chriftus ©. 537. Chriſti ftellvertretender oder Berfühnungstod ©. 539, Bedeutung des Glaubens an den idealen und den gefchichtlichen Chriſtus. S. 542. Fuͤnftes Bud. Evangeliſche Erzählungen und Neden nach Matthäus und Lukas, I. 9b, | 1 * — — Inn F —— ht ac Om —E— — Ka · r — j u - er ü [% ar un. 7 > E ‘ R ‘ » + \ ö « J * — — —— - + — 2 * 1 J Be 3, “ r * — r — 7 1 — a er - gi Au A * — 2 - Br. « u B $ * [4 * Velen, ee ER Te F — [3 - . ar 2 i —— — \ —J vie Br j ee a Te ze R 2 J f f. 4 Pi d - Sa ? Bir = ; x A “ x A Far - , * > . wr I) r * = De, * 4‘ * J a7 — & 4 R ’ * ’ Fuͤnftes Buch, Evangeliſche Erzählungen und Neden nach Matthäus und Lukas. Mir gedenken im gegenwärtigen Buche die Reihe einzelner Erzählungen, insbefondere von Chriftus gefprochener Worte, Reden und Parabeln aufzuführen, welche das erfte und das dritte Evangelium, die im Allgemeinen dem Faden der Erzäh: lung des Marcus folgen, an diefen Faden ergänzend anreihenz infofern namlich ſolche Ergänzungen als felbftftändige Zuſaͤtze, und nicht blos ald gelegentliche Modificationen der Erzählung des Vorgängers zu betrachten find. . Der wichtigfte Theil Dies fer Ergänzungen befteht, wie wir in unferm erften Buche aus: einanderfeßten, aus einer Neihe größerer und Eleinerer Stüde, welche beide genannte Evangelien der in hebräifcher Sprache abgefaßten Spruhfammlung des Apoftels Matthäus entnom⸗ men haben. Dieſe Stüde find, was die Aechtheit, Zuverläf: figfeit und den unverfälfchten “Charakter ihrer Mittheilungen betrifft, in jeder Hinficht den Mittheilungen des Marcus gleich- zuftellen. Denn wenn fie gegen diefe infofern im Nachtheil ſte— hen, ald wir ihre fchriftliche Aufzeichnung nicht aus der erften, fondern aus einer zweiten, combinirenden und überfeßenden Hand befigen, fo wird diefer Nachtheil reichlich Dadurch aufge: wogen, daß die erfte Aufzeichnung durch einen unmittelbaren Augen= und Ohrenzeugen erfolgt ift, während Marcus aus den mündlichen Erzählungen eines Dritten fchöpfen mußte. Hierzu kommt, daß wir in diefem Falle die fecundäre Relation der beiden Evangeliften gegenfeitig durch einander controlliren Fon: 1* } 4 Fünftes Bud. nen, indem nicht einer von ihnen aus dem andern, wie beide im Berhältniß zu Marcus, fondern beide von einander unab: hängig aus der gemeinfamen Quelle ſchoͤpften. — Schon als ein Kriterium, was von jenen Zufäßen der gemeinfchaftlichen Duelle angehöre, kann diefe Controlle gebraucht werden; wir halten ung nämlich überzeugt, daß alles den beiden Evangelien unter fich, aber nicht mit Marcus Gemeinfame dahin zu rech— en iſt. Doch wäre es übereilt, auch umgekehrt fchließen zu wollen, daß nur das Gemeinfame aus jener Duelle gefchöpft fein fonne, da wir vielmehr Grund haben, vorauszufegen, daß namentlich Lukas die gemeinfchaftlihe Quelle minder_vollftändig benußt hat, als dasjenige Evangelium, welches von ihr den Namen trägt. Welche Stüde daher aus dem Achten Mat- thaus abzuleiten find, wird die Kritif allenthalben nur im Ein— zelnen entfcheiden Fünnen; darum mußten wir uns entfchließen, in der allgemeinen Anordnung de3 von und Aufzuführenden noch auf Feine Sonderung des den verfchiedenen Urguellen Zus gehörenden Anſpruch zu machen, fondern die Stüde in derfel- ben Ordnung auf einander folgen zu laffen, in welcher wir fie in unfern nächften Quellen finden. Das Gemeinfchaftliche werden wir allenthalben zunächft in der Geftalt, in der es uns das erfte Evangelium giebt, vorführen, da wir diefe Geftalt, wie wir bereit in unferm erſten Buche andeuteten, für die reinere und volftandige halten. Wir folgen daber fürerft der Reihenfolge, in welcher dieſes Evangelium feine Zufäge zu Marcus giebt, und gehen erft, wenn wir diefe Reihenfolge be- endigt haben werden, zu demjenigen über, was Lukas für ſich eigenthümlich hat. 1. Den Anfang der in eben bemerfter Weife unfern bei- den Evangeliſten gemeinfamen Mittheilungen machen einige Ausfprüche, weldhe Johannes dem Täufer in den Mund gelegt werden. „Otternbrut ihr, wer hätte euch gelehrt, dem Zorn zu entfliehen, der euch erwartet? Bringt eine Frucht, der Be- kehrung würdig, und laßt eucy nicht einfallen, zu denken, ihr “habt Abraham zum Vater! Ich fage euch, Gott kann aus. diefen Steinen dem Abraham Kinder erwecken.“ — ,, Schon ift die Art an die Wurzel der Bäume gefehtz jeder Baum, der richt gute Früchte trägt, wird ausgefchlagen und ins Feuer ge: Evangelifche Erzählungen und Neden nach Matthäus. 5 worfen!“ — „Ich, ich taufe euch in Waffer, zur Belehrung ; der aber nah mir kommt, ift ftärfer als ich, ich bin nicht werth, ihm die Sandalen zu fragen. Gr wird euch im heili- gen Geifte und Feuer taufen. Gr wird die Wurffchaufel in die Hand nehmen und feine Tenne fegen; er wird feinen Wei— zen in die Scheuer fammeln, die Spreu aber mit unverlöfchli- chem Feuer verbrennen! ’*) Diefe Reden, denen Lukas, wohl nicht aus derfelben Quelle, noch manche an das Volk und einzelne Claſſen deffelben gerich- tete Grmahnungen allgemein moralifchen Inhalts einverwebt: „Wer zwei Kleider habe, folle eines dem geben, der Feines hat, eben fo, wer zu efjen habe; die Zöllner follen nicht mehr ver- langen, ald ihnen geboten feiz die Soldaten Niemandem mit Gewalt oder Lift Unrecht thun und fich bei ihrer Loͤhnung be- gnuͤgen“, — haben in mehrfacher Beziehung etwas Räthfel- haftes. Sie find das einzige Beifpiel einer vorausfeglich aus jener Quelle, die fonft nur „Ausſpruͤche des Herrn““ (Aoyın zvoraxe) zu geben verhieß und, wie wir finden werden, auch durchgehends gegeben hat, gefchopften Rede eines Andern, als eben des Herrin. Es muß nicht wenig auffallen, und Tönnte leicht an der Wahrheit deffen, was wir über die Zufammen= _ ſetzung des Matthäus» und des Lufasevangeliums vorläufig feftgeftellt haben, uns einen Augenblid irre machen, wenn wir ſogleich an der erſten Etelle, wo jenen Vorausfesungen zufolge die Benusung der gemeinfchaftlichen Quelle eintreten müßte, auf etwas diefen Vorausfegungen fcheinbar fo Widerfprechen- des flogen. — Diefem gegenüber drängt ſich uns aber noch eine andere Bemerkung auf, die, während fie zur Hebung jenes Bedenkens eine Ausficht zeigt, dagegen nach einer andern Seite hin die Einführung diefer Ausfprüche an gegenwärtiger Stelle zum Problem macht. Es zeigen nämlich diefelben bei näherer Betrachtung theild im Einzelnen eine auffallende Berwandtfchaft mit Ausfprüchen, die und anderwärts als von Chriftus felbft gethan berichtet werden, theils auh in Zon und Haltung eine allgemeine Charafterähnlichkeit zu der eigenen Redeweiſe Zefu. Am meiften befremdet Died bei demjenigen Ausfpruche, *) Matth. 3, 7 ff. Parall. Luk, 3,7 ff. Marc 1,7 f.) ⸗ N : 6 Fuͤnftes Bud. welchen auch Marcus hat, nämlich daß der Stärfere, der nad) ihm, dem Sohannes, kommen fol, ftatt, wie er, in Wafler, vielmehr in heiligem Geifte taufen werde: Diefer wird an zwei verfchiedenen Stellen der Apoftelgefchichte geradezu ald von Jeſus gefprochen eingeführt*). Aehnlih der Ausipruc von den Bäumen, die Feine guten Früchte tragen: dieſer Fehrt bei Matthäus felbft zu zwei wiederholten Malen, das einemal wortlih, das anderemal in einer wenig verfchiedenen Wen: dung, im eigenen Munde Chrifti wieder *). Auch mit dem Worte „Otternbrut“ werden die Pharifaer wiederholt von Sefus felbft angeredet, einmal in einem Ausrufe, der von den Anfangsworten der vorliegenden Neden des Sohannes offenbar nur den Worten, nicht dem Sinne nad) verfchteden ift **), ein anderesmal in einem Zufammenhange, wo eben fo, wie bier, von Bäumen, welche gute, und von Bäumen, welche bofe Frucht tragen, die Nede iſt *). Wenn Johannes den Suden das Recht beftreitet, fich Kinder Abrahams zu nennen, fo erin- nert Die an ein Gefpräch, welches im vierten Gvangelium Sefus mit den Juden führt, worin gleichfalls über diefe Kind: haft Abrahams verhandelt wird +). Die Vorftellung der Feuer: taufe, Die bei unfern beiden Evangeliften (bei Marcus nicht, eben fo wenig, wie in den beiden Stellen der Apoftelgefchichte) mit jener der Geiftestaufe verbunden wird, erinnert an die— jenige Laufe, von der Jeſus anderwärts fagt, daß fie ihn felbft erwarte ++), und das Bild von dem Manne mit der Wurfe fhaufel an den Schluß der Parabel von dem Unkraut, welches unter den Weizen geſaͤet ward +++). Nach diefem allen Fann man wohl nicht anders, als an— nehmen, daß die hier berichteteten Neden nicht wirilich von Sohannes gefprochen, fondern aus Neden Sefu gebildet und von den evangelifchen Erzählen auf den Täufer übertragen *) Ap. Geſch. 1, 5, 11, 16. =") Matth. 7, 19, 15, 13, ==) Matt, 23, 33, werk) Gap, 12, 34, +) Sob. 8, 33 ff. TH-Marc, 10, 28 u. Parall. Luk. 12, 50, +rT) Matth. 13, 30, Evangelifche Erzählungen und Reden nach Matthäus. 7 find; Ahnlich, wie wir folches fchon in einem frühern Zufam: menhange *) von dem Ausfpruche bemerften, mit welchem, wenn wir dem Berfaffer des erften Evangeliums buchftäblichen Glauben Schenken wollten, ſowohl Sohannes, als auch Sefus ihre Laufbahn eröffnet haben würden. Solche genaue Nach: folge im Einzelften der Sprech- und Nedeweife nach Form fowohl als Inhalt, — (e8 müßte fich Diefelbe, bei dem charak— teriftifchen Gepräge, welches dieſe Sprüche nicht für fich allein, fondern mit allen übrigen Reden Sefu gemeinfchaftlich haben, nothwendig weiter erftredt haben, ald nur über diefe Sprüche felbft) — würde Sefum als den unfelbftftändigften Geift bes - zeichnen, und feine Erfcheinung ſowohl, als auch die Wirkung, die er ausübte, zu vollig unerflärbaren machen, Alfo nicht, Sefus hat an den von und angeführten Stellen mit den Wor: ten und Sentenzen des Johannes gefprochen, fondern Sohannes foriht in den Worten und Sentenzen Sefu, ähnlich wie — eine in mehrfacher Beziehung merfwürdige Analogie — derfelbe Sohannes im vierten Evangelium *) mit den Worten und Wendungen zwar nicht des gefchichtlichen, aber desjenigen Chri- ſtus fpricht, den wir in jenem Evangelium gefchildert finden. — Fragen wir nun aber, wer es fei, der den Taͤufer folcher: geftalt in Redensarten fprechen läßt, welche Dem wahren Chriſtus abgeborgt find; fo ift die Beantwortung diefer, im Vorftehenden zwar ſchon vorläufig von uns beantworteten Frage nicht ohne Schwierigkeit. Das Bequemfte wäre, zu fagen, daß unfere . Evangeliften diefe Reden willfürlich aus fonft ihnen bekannten Ausfprüchen Jeſu gebildet haben, ähnlich, wie jeder von beiden auch andere, wahrfcheinlih von ihm felbft gebildete Worte dem Täufer unterlegt: Lukas die vorhin angeführten Zwifchenreden, die durch ihre Unbedeutenheit und Gehaltlofigkeit verrathen, daß fie vielmehr aus dem Stegreif erfonnen, ald gefchichtlich über: liefert find, der andere das angeblich zwifchen Jeſus und Jo— hannes abgehaltene Gefpräch **). Allein diefem fleht entgegen die Einftimmigfeit des erften und des dritten Evangeliums in *) Buch III, ©. 327. **) 30h. 3, 27 ff. *xx) Matth. 3, 14. sr Fuͤnftes Bud. allen denjenigen Ausfprüchen, welche fie, wie gezeigt, aus fremd» artigen Zufammenhängen entnommen haben; eine Uebereinftim- mung, welche Feineswegs nur zufällig fein Fann, Cine Ber nußung des einen diefer beiden Werfe durch das andere anzu— nehmen, haben wir uns in unferer allgemeinern Betrachtung über den Charakter der Evangelien nicht bewogen: finden koͤn⸗ nen; und da wir in diefer die Nefultate der nachfolgenden Betrachtung des Einzelnen anticipirt haben, fo müffen wir e8 im | gegenwärtigen Falle um fo mehr dabei bewenden laffen, als auch in der vorliegenden Stelle, jener Uebereinjtimmung unge— achtet, die Differenzen auffallend genug find, um auf ein nicht unmittelbare, fondern durch die Beziehung auf eine gemein= fchaftliche Quelle vermitteltes Verhältniß der beiderfeitigen Dar— ftelungen uns hinzuweifen. Als folhe Duelle nun find wir berechtigt, wie öfters erwähnt, die Spruchfammlung des Mat: - thaus, und, außer Mareus, nur fie anzufehen. Es bleibt uns demnach nichts übrig, als für das Wahrfcheinlichfte, (denn vollfommene Gewißheit ift hier allerdings nicht erreichbar) Dies auszufprechen, daß der Apoftel Matthäus fein Werk mit der Zufammenftellung einiger Ausfprüche eröffnet hatte, Die zwar von Jeſus gefprochen, aber mit ausdrüdlicher Nücdbeziehung auf Sohannes den Täufer, in der Abfiht, um Sinn und End» zwec der Wirkfamfeit diefes prophetifchen Mannes auszudrüden, gefprochen, oder von dem Apoftel ald in dieſem Sinne gefpro= chen verftanden worden waren, — Wie nahe für die Jünger - Sefu die Verfuhung muß gelegen haben, fich folchergeftalt aus gelegentlichen Ausfprüchen ihres eigenen Meifterd eine Bor: ftelung von der Perfonlichfeit und dem Thun des Sohannes zu bilden: davon zeugt als ein merfwürdiges und fehlagendes Beifpiel die Art und Weife, wie fammtliche Synoptifer, Mar: cus an ihrer Spike, den Sohannes in feinem perfonlichen Thun und Gebaren die Rolle des Propheten Elias übernehmen laſ— fen *); ohne Zweifel blos auf die Aeußerung Sefu hin, welche die gefchichtliche Perfonlichkeit des Sohannes zur Erfcheinung des dem Meſſias vorangehenden Eliad geftempelt hatte. Eben fo offen zu age, wie dieſe Uebertragung, liegt die Ueber: 2) Mare, 1, 6 u. Parall, Vergl. Buch II, ©. 257. Evangeliſche Erzählungen und Neden nach Matthäus., 9 tragung des Bewußtfeins über jenen Gegenfab der Waffer: und der Geiftestaufe, durch welchen Jeſus fein Verhältniß zu dem Täufer hatte bezeichnen wollen, auf Letzteren felbft, wäh: end doch, wenn berfelbe wirklich folches Bewußtſein gehegt hätte, von ihm zu erwarten gewefen wäre, daß er auch auf die eigene Ausübung der Waflertaufe verzichtet haben würde, da diefelbe ihre Bedeutung für ihn eben auch nur ald eine Geiftes- taufe haben Eonnte. Finden wir diefe offenbaren Verwechfelun: gen in der Gefchichtserzählung des Marcus, und müffen wir hieraus fchließen, daß es bereits in der apoftolifchen Gemeinde Gewohnheit war, die gefchichtliche Geftalt und Wirkſamkeit des Taͤufers nur in der Weife feftzuhalten und zu verdeutlichen, wie diefelbe fich in dem Geifte feines größern Nachfolgerd ge— fpiegelt hatte: fo kann es Faum mehr befremden, wenn, diefer Sitte folgend, der Apoftel Matthäus an die Spige feiner Samm: lung von Ausfprüchen des Herrn eine Reihe von Apophthegmen ſtellte, welche, indem fie aus Sefu Munde den Sohannes charafterifirten, zugleich als eigene Ausfprüche des Johannes gelten konnten. — Dürfen wir der Kombination vertrauen, die uns diefe Annahme als die wahrfcheinlichfte erfcheinen laͤßt: fo ergiebt ſich uns daraus zugleich ein nicht gering zu fehäßen- der Aufihluß über die innere Defonomie der urfprünglichen Matthausfchrift. Daß diefelbe, obgleich ſie fehr wahrfcheinlich ſich einzig auf die Ueberlieferung von Worten und Reden, bie Chriſtus gefprochen, beſchraͤnkt hat, höchftens, und auch dies nur in wenigen Stellen, mit kurzen Andeutungen über die Beranlaffung eines mitgetheilten Spruches, in der Anordnung diefer Aus— fprüche Boch nicht ohne alle hiftorifche Beziehungen gewefen it: Dies werden wir auch nach manchen der Spuren, denen wir im Nachfolgenden begegnen, wahrfcheinlich finden. Durch das hier dargelegte Inhaltsmoment der Aoyız würde diefe Borausfeßung die entfchiedenfte Beftätigung erhalten. Von einer beftimmteren Angabe über die Umftände indeß, unter denen Sohannes fie gefprochen habe, koͤnnen diefe Worte fchmwerlich begleitet gewefen fein: dies erhellt fchon aus der Differenz, in welcher fich beide Evangeliften in Betreff der Perfonen, ge— gen die er fie foricht, zu einander befinden. Beide zwar be- gegnen fih in der Vorausfegung, daß er fie zu folchen gefpro- 10 , Fuͤnftes Bud. chen haben müffe, die fich von ihm wollten taufen laſſen, — ein Anlaß, dem ſich dieſe Worte nicht im mindeften entfprechend zeigen. Aber nach Lukas fpricht er die erften derfelben zu dem Bolfe überhaupt, die fpätern fucht dieſer Evangeliſt durch bie Frage zu motiviren, die er, auch dies ziemlich gedanfenlofer Weife *), an ihn gethan werden läßt, ob er der Meffias fei. Beim erften Evangeliften dagegen werden fie fümmtlich zu Pha— rifaern und Sadducäern gefprochen; von welchen, und dies wohl mit befferem Recht, Lukas an einer andern Stelle **) Sefum fagen läßt, daß fie die Taufe des Sohannes verfchmäht haben, 2. Nach der Erzählung von Sefu Taufe durch Sohannes (Buch IV, Nr. 1) hatte Marcus die Notiz gegeben, der Geift habe Sefum in die Wüfte hinausgeführtz dort fei er vierzig Tage lang verweilt und vom Satan verfucht worden. Hin: zugefügt wird, er fei unter den Thieren gewefen, und die En- gel haben ihm gedient **), Unfere beiden Evangeliften, wäh- end fie die Notiz von den Thieren weglafien, feßen Dagegen hinzu: er habe während jener vierzig Tage gefaſtet; zulekt habe ihn gehungertz da fei der Verfucher zu ihm getreten und - habe gefprochen: „Biſt du Gottes Sohn, fo fprich ein Wort, daß dieſe Steine zu Brot werden!’ Darauf habe Jeſus ges antwortet; „Geſchrieben fteht +, nicht von Brot allein fol der Menfch leben, fondern von jedem Worte, das aus dem Munde Gottes ausgeht!” Da habe der Teufel ihn mit ſich in die heilige Stadt genommen, ihn auf die Sinne des Tem: pels geführt, und zu ihm gefagt: „Biſt du Gottes Sohn, fo flürze dich da herab! Es fteht ja gefchrieben ++): „ſeinen Engeln bift du befohlen: fie ſollen dich auf ihren Händen tra— gen, damit du deinen Fuß an feinen Stein ftößeft!” Darauf Jeſus: „Dagegen fteht gefchrieben +44), du follft den Herrn deinen Gott nicht verſuchen.“ Nochmals nimmt ihn der Teu— fel mit fih auf einen fehr hohen Berg, er zeigt ihm alle Reiche *) Bergl. Bud IN, ©, 259, SALE 7,.30, allascht,. 13, f 7) 5 Mof, 8, 3. ATI PIEMFITT, 444) 5 Moſ. 6, 16. Evangeliſche Erzählungen und Reden nach Matthäus. 11 der Welt und ihren Glanz, und fpricht: „Dies alles gebe ich dir, wenn du niederfällft und mir huldigſt!“ Jeſus aber ant— wortet: „Weg von mir, Satan, denn es heißt ): dem Herrn deinem Gott folft du huldigen, und ihm allein die: nen!“ *) — ©o der erfte Evangelift, der dann, die Andeu— tung des Marcus benugend, noch hinzufeßt: darauf habe der Teufel ihn verlaflen, und Engel feien hinzugefommen und haben ihm gedient. Lukas hat, in der Abficht, wie es ſcheint, eine topographifche Stetigkeit in die fortfchreitende Handlung zu bringen, aber Feineswegs zum Vortheil des geiftigen Sinnes, die Drdnung der zwei legten VBerfuchungsreden umgekehrt und auch im Ausdruck einige, jedoch unbedeutende, Umfchreibungen vorgenommen. Am Schluffe fest er, bei der Nachricht, dag der Zeufel von feinen Berfuchungen abftand, hinzu, er habe Sefum „bis auf weiteres‘ verlaffeg. Gleich der Erzählung von der Sohannestaufe, an RR die gegenwärtige in unfern Evangelien fo unmittelbar ſich ans ſchließt, hat auch diefe le&tere fat allgemein laͤngſt aufgehört, felbft von übrigens wundergläubigen Auslegern als fprechend von einem aͤußerlich thatfächlihen Creigniß betrachtet zu werden. Man ift in Bezug auf fie fogar noch einen Schritt weiter ge= gangenz während man nämlich dort noch eine Bifion im eigent- lihern Sinne, eine im Augenblid der Zaufe auf wunderbare Weiſe dem Taͤufer zu Theil gewordene Eingebung zuläffig findet, fo ift man hier bereitS ziemlich allgemein zu der Einficht gelangt, daß eine Bifion ähnlicher Art, ein wachendes oder Traumgeficht, welches in diefem Falle Zefus, ſei es durch Zufall, oder, wie einige der Alten meinten, durch Eingebung des Teufels gehabt hätte, anzunehmen nicht minder unftatthaft ift, ald die Äußere, fei es buchftäblich verftandene, oder naturaliftifc) ausgedeutete Begebenheit. Nur in einer doppelten Richtung gehen zur Zeit noch die Grflärer aus einander, indem einige fie für eine von Jeſus vorgetragene Parabel, vielleicht auch in bildlicher Hülle gegebene Relation felbfterlebter Zuftände und innerer fittlicher Greigniffe, andere aber für einen Mythus, an deſſen Erfindung *) Ebendaf. 13. **) Matti, 4, 1 ff, Parall. Luk, 4,1 ff. 12 Fünftes Bud. Jeſus felbft Theil hatte, halten. — Hier nun fteht nicht zu läug- nen, daß die Erklärungen der erftern Art bisher fo unbefriedigend ausgefallen waren, daß, ſo groß auch noch immer die Ab- neigung der Meiften gegen diefe Anficht ift, dennoch neuerdings das Uebergewicht ſich merklich auf die Seite der „mythiſchen Anz ficht‘ zu neigen ſchien, und manche Forfcher, die früher fich aus— druͤcklich zu einer andern Anficht befannt, eine andere Deutung viel leicht felbft verfucht hatten, fich zu Diefer herübergezogen fanden”). Daß nämlich Jeſus fich zu Handlungen der Art, wie, buch« ftäblich verftanden, die hier erzählten find, jemals in feinem Sinn verſucht gefühlt haben follter Dies bleibt in Bezug auf. die erfte derfelben für Alle, die nicht eine völlig unbedingte Wundermacht in ihm vorausfegen wollen, in Bezug auf die zweite felbft für folche, die fich zu diefer Vorausſetzung allenfalls entfchließen fonnten, undenfbar, und allen und jeden innern VBerfuchungen foheint der Lehrfab von Jeſu Sündlofigfeit entgegenzuftehen. AS Parabel aber die Erzählung gefaßt, und zwar, wie man die Parabeln gemeinhin zu nehmen pflegt, ald eine im Sinn einer Lehre oder Ermahnung den Jüngern vorgetragene Parabel, will der Zweck nicht deutlich werden, den der Herr bei feinen Süngern damit beabfichtigen konnte, während man doc), bei der Ungewohntheit diefes Verfahrens von Seiten Sefu, fich felbft in eigner Perfon als das Subject einer Parabel zu feßen, einen Zweck von ungewöhnlicher Wichtigkeit vorausfegen müßte. Dffenbar fteht zu Diefer ihrer Form jeder denfbare Zwed der angeblichen Parabel im Misverhältnig, da alle die Ermah- nungen, die Jeſus möglicher Weife mit ihr beabfichtigt haben Fonnte, — einem buchſtaͤblichen Verftändniß würden ohnehin auch bei diefer Wendung die fchon angeführten Bedenken ent- gegenftehen, — fih offenbar auf einfachere und zugleich auf bei weitem eindringlichere Weife, ald in diefer feltfamen Verhuͤllung, hätten ausdrüden lafien. Der Annahme eines Mytbus das gegen fcheint der Umftand günftig, daß fich allerdings im alte teffamentlichen und fonftigen, israelitifchen fowohl als heidni— *) So 3. B. Ufteri in zwei verfchiedenen, im ganz entgegengefeßten Sinne abgefaßten Abhandlungen über dieſen Gegenftand in den theolog. Studien und Kritiken. Evangelifche Erzählungen und Reden nach Matthäus. 15 = ſchen Volksglauben mancherlei Anfnüpfungspuncte für die Er— findung der Sage von einer Verſuchung des Meffias würden nachweifen laffen. Ein Theil ‚diefer Anknüpfungspuncte, vers ſchiedene altteftamentliche Sprüche nämlich, die auf diefed Er— eigniß fich anwenden ließen, find hier fogar der Erzählung felbft einverleibtz das Ganze aber Fonnte in der Sage von Hiob, in der talmudifchen, deren Urfprung aber vielleicht weiter zurüdgeht, von der Verfuchung Adrahams, vielleicht felbft in der griehifchen Zabel von Hercules am Scheidewege fein Borbild zu habeg fcheinen. Für uns würde fich diefer Mythus, feld er wirklich als folcher follte anzuerfennen fein, ohne viele Schwierigkeit an die auch von uns für wirkliche Mythen er kannten Sagen von der Kindheit anreihen, ja vielleicht recht eigentlich als ein angemefjener Schlußftein jenes mythifchen Ge: baudes betrachten laſſen; wobei nur etwa dies auffallen koͤnnte, daß wir die Grundzüge diefes angeblihen Mythus fehon bei demjenigen Evangeliften finden, bei welchem wir jede Spur der Kindheitsfage vergebens fuchen. Es ift indefjen nicht blos .Diefer zulegt erwähnte Umftand, was und auch nach vorftehender Erwägung noch immer gegen die Annahme eines wirklichen Mythus auch in Diefem Falle Bedenken einfloßt. Wollten wir zu folcher Annahme uns. ent- fchliegen: fo würden wir, nad) Analogie desjenigen Verfahrens, - welches wir an den Kindheitömythen erprobt haben, uns nicht bei dem Nachweis eines Außerlichen Anlaffes begnügen dürfen, fondern vor alem uns nach der Idee umzufehen haben, welche, im Unterfchied von andern dur) Zeit und Raum vom gegenwärs tigen getrennten Mythen, der Mythus gerade an diefer Stelle und in dieſer Umgebung austrüden wollte. Nun ſcheint zwar nichts leichter, al$ diefe Sdee zu finden. Schon der Name der „Ver—⸗ ſuchung“ druͤckt den Begriff mit hinreichender Deutlichkeit aus, mit welchem die „mythiſche Anſicht“ jede etwanige Nachfrage nach der „Idee“ genügend wird zu beantworten meinen. Man braucht nur ftatt des Teufels, fei es innerlich verfuchende Ge— danken oder Begterden, oder die Neize der Außeren Welt, ftatt des wirklichen Zwiegefprächd einen inneren Kampf oder auch eine Reihe von Lebensbegebenheiten anzunehmen, um Die ge— fammte Begebenheit aus der Geftalt der „Vorſtellung“ in bie 14 Fuͤnftes Bud, Geftalt des „Begriffs““ umzufegen, um ftatt des Symbols die Deutung. zu geben. Allein diefe Umfesung Tonnen wir noch nicht genügend oder dem wahrhaften Begriffe des Mythus entfprechend finden, fo lange nicht Damit die Nachweifung der individuellen, geiftigen und gefchichtlihen Wahrheit des my: thifch dargeftellten Hergangs oder Ereigniffes verbunden wird. Die bloße VBorftellung der Möglichkeit, oder auch die gleich ab- ftracte Vorſtellung der Nothwendigfeit eines ſolchen Hergangs, - folcher innerlich oder Außerlich verfuchender Greigniffe, in einen für Fälle diefer Art ein für allemal bereit liegenden Typus hineingebildet, ift noch Feine Idee im wahrhaften Wortfinne, giebt noch Feinen eigentlichen Mythus, fondern nur eine Legende oder Parabel, Eine Idee würde jene Borftelung nur dann zu nennen fein, zum wirklichen Mythus würden wir jenen Typus nur dann geftaltet finden, wenn entweder aus Dem innern Leben Sefu eine Begebenheit, welche für die Gedanfen- bildung jener Zeit feinen andern, als einen fymbolifchen Aus— druck zuließ, oder von den allgemeinen, weltgefchichtlichen Ver— haltniffen des Chriftenthums ein geiſtiges Moment, mit deffen Ausdrude es fich entfprechend verhält, dargeftellt werden follte. Das letztere war, wie wir fahen, in der Kindheitsfage der Fall. Diefe hat ihren Gehalt und ihre Bedeutung durchaus nicht in Notizen über die Lebensgefchichte und die Perfünlichkeit des Herrn, fondern einzig in jenen großen, allgemeinen Welt verhältniffen, welche damals, wie in allen fagendichtenden Zeite altern, ein Gegenftand noch nicht für die felbfibewußte Ne: flexion, fondern nur für die unbewußte, fymbolifche Dich: tung waren. Daß num ein dieſem Entfprechendes nicht auch von der Verfuchungsgefchichte gelten koͤnne, muß jedem aufs merffamen Betrachter im Augenblick einleuchten. In Diefer ift es fo ausfchließlich das fittliche, der Perfonlichkeit als fol- cher, dem Wollen und Thun des Einzelnen angehörende Mo: ment, was ihre Geftalt und ihren individuellen Charafter be— ſtimmt hat, daß bei jeder Deutung, die weiter ausholen oder Entfernteres berühren will, gerade dieſe ihre charakteriftifche Eigenthümlichfeit gänzlich verloren geht und verwifcht wird, Wir Haben uns alfo in diefem Falle nicht an das zweite, fon- dern nur an das erſte der beiden angebeuteten Momente zu Evangelifche Erzählungen und Neden nach Matthäus. 15 halten. Die Verſuchungsgeſchichte fteht eben dadurch nicht in gleicher Neihe mit der Kindheitsfage, fondern zu derfelben in ausdruͤcklichem Gegenfabe, daß, dafern fie überhaupt einen idealen Gehalt haben und nicht ald eine müßige Erdichtung erfcheinen ſoll, folcher Gehalt in nichts anderem, al3 in einem inneren Hergange des perfonlichen und fittlichen Lebens Jeſu Chrifti gefucht werden Tann. Solchen Gehalt nun, troß der vorhin angeführten Bes denken, in der vorliegenden Begebenheit ald wirklich vorhanden vorauszufegen: dazu finden wir uns fehon im Allgemeinen durch die Stellung derfelben in unfern Evangelienfchriften berechtigt. Die zwei älteften und beften Quellen, Marcus und der ächte Matthäus, geben fie, in verfchiedener Geftalt zwar, aber fo, daß über die Sdentität der Thatſache Fein Zweifel fein kann, unabhängig von einander: Marcus in einer Furzen, aber durch ihren gefchichtlichen Zuſammenhang yrägnanten Erzählung, Matthäus, aus welchem wir, aus gleichen Grunde, wie vorhin bei den Reden des Zäuferd, auch hier den in der Hauptfache gleichlautenden Bericht des erften und des dritten Evangeliums abzuleiten haben, ausführlicher. Läßt fich nun ſchon bei jenem Evangeliſten, dem, wie fchon bemerkt, felbft der gehalt und be— deutungsvolle Sagenfreis von der Geburt und Kindheit des Herrn gänzlich fremd geblieben ift, und deffen fonftigen Berich: ten, wenn fie fic) und auch hin und wieder im Einzelnen ald misverftändliche erwiefen, wir Doch allenthalben einen Achten, aus den Reden oder der Lebensgefchichte des Herrn gefchöpften Kern und Gehalt zum Grunde liegend fanden, — läßt fich fchon bei Marcus eine völlig leere, alles im wahrhaften Wortfinne hiftorifchen Gehaltes baare Erfindung nicht wohl vorausſetzen: fo würde faft noch mehr befremden, eine folhe, ja nicht eine folhe Erfindung nur, fondern felbft einen Achten Mythus bei Matthäus zu finden, ‚dem Augenzeugen der Lebensgefchichte des Heren und dem Obrenzeugen feiner Reden, denen er, fo viel wir bis jest urtheilen konnen, ausfchließlich feine fchrift- liche Arbeit gewidmet zu haben fcheint. Abgefehen indeß von diefem Außerlichen Umftande, den wir hier zunächft nur, um die Unwahrfcheinlichkeit einer leeren Erdichtung, nicht um die eines wirklichen Mythus zu erweifen, benußen wollten; fo wird, 16 Fuͤnftes Bud. jenen Gehalt vorausgefeßt, den wir im gegenwärtigen Falle für den einzig möglichen. erfannten, die Darftellung folchen Gehaͤltes durch eine mythifche Dichtung entweder als ein fchwer zu erflärended Problem, oder als Erklaͤrung deſſen, was ſich auf näherem Wege erklären läßt, durch einen unnöthigen Umfchweif erfcheinen. Es läßt fich nämlich nicht wohl deutlich machen, wie eine Begebenheit folcher Art, die zunächft nur Gegenftand einer inneren Erfahrung deffen fein Fonnte, der fie in fich felbft erlebte, wie eine folche auf andere Weife, als durch ausdrüdlihe Mittheilung diefer Perfon, Gegenftand der Beobachtung, der, gleichviel ob unmittelbaren, oder bildlichen und Dichterifchen, Ueberlieferung für Andere werden konnte. Eine ſolche Mittheilung alfo, eine perfonliche Mittheilung Jeſu wird auch im gegenwärtigen Falle der Ueberlieferung voran: gegangen feyn müffen. War aber dies, fo fragt fich, weshalb nicht, flatt jener von außen herzugebrachten Ginfleidung, das Mitgetheilte ſogleich in derfelben Geftalt, in welcher es mit— getheilt ward, nberliefert werden Fonnte. Und fo find wir dahin gelangt, worauf und auch fehon ihre Stellung in den evangelifchen Urkunden faft unausweichlich zuruͤckzukommen noͤ— thigt, die Erzählung noch einmal darauf anzufehen, ob fie, mit Befeitigung der Schwierigkeiten, die fich dieſer Auffaſſungs— weife bisher entgegengeftellt haben, nicht dennoch, in ähnlicher Weiſe etwa, wie die Außerlich ihr fo nahe ftehende Erzählung von der Sohannestaufe, als ein von Sefus felbft in bildlicher Rede ausgefprochenes Befenntniß über ein wichtiges Moment feines Geifteslebens und feiner fittlichen Entwidelungsgefchichte betrachtet werden koͤnne. Faſſen wir zunächft die Form und das Aeußere des Vortrags ins Auge: fo thut fich allerdings zwifchen der gegenwärtigen Erzählung und der eben erwähnten, in fo manchen Puncten ihr ähnlichen eine nicht unerhebliche Berfchiedenheit hervor. Sie kann nicht, wie jene, für einen zwar geiftreichen, aber zu- fälligen, ertemporirten Ausdruck einer in fich felbft einfachen, ungetheilten Anfchauung gelten. Sie bildet vielmehr ein zum Verlauf einer Handlung ausgefponnenes, gegliedertes und in feiner Gliederung abgefchloffenes Ganze, ein kleines Kunſtwerk, welches nicht ohne Abſicht und Neflerion erfunden werden Eonnte. . Evangeliſche Erzählungen und Neden nach Matthäus. 17 Sie nähert fich unverkennbar der Art und Weife der Parabel, wie folche von Sefus, wo er einen ausführlichern Gedanfen- zufammenhang vortragen wollte, faft jederzeit angewandt ward, und e3 ift daher weder zu verwundern, noch, richtig verftanden, fogar in Abrede zu flellen, wenn man fie felbft geradehin als eine Parabel bezeichnet hat. Freilich aber kommt in noch höherem Grade, als bei allen andern Parabeln, hier dasjenige in An: wendung, was wir über Sinn, Bedeutung und Zwed der von Sefus gefprochenen Parabeln oben im Allgemeinen bemerken mußten *). Ein blos paränetifcher Zweck, wie ihn auf Schleier: mahers Vorgang manche Ausleger darin nachzuweifen verfucht haben, laͤßt nicht nur Sinn und Grfindung diefer Parabel, eben fo, wie auch noch mancher andern, als trivial und unbe: deutend, fondern diesmal auch die Einkfleidung als ungehörig und gefhmadlos erfcheinen. Wie hätte es Sefu einfallen koͤn— nen, ihm auf deſſen abſolute Sündlofigfeit gerade dieſe Anficht einen fo gewichtigen Accent legt *), feinen Süngern, nur in der Abficht, um fie vor einer falfchen Anwendung der ihnen ‚verliehenen Kräfte zu warnen, fich felbft als Gegenfland einer Verſuchung vorzuführen, die nie an ihn gefommen war und nie an ihn kommen konnte? Die, wenn fie nur, von fern ihn hätte berühren koͤnnen, feinen VBerftand, wie man nicht mit Unrecht eingewandt hat, als „ſchadhaft“ bezeichnen würde? Die Würde, der fittliche Gehalt diefer Erzählung wird viels mehr gerade nur durch dasjenige gerettet, was jener Anficht ald „der argfte neoterifche Frevel“ erfcheintz nämlich eben durch die Annahme einer ihr zum Grunde liegenden ‚ eben fo indivi duellen als fubftantiellen Wahrheit; einer Wahrheit freilich, die man, wie im Ganzen, fo au im Einzelnen nicht auf unmittel- bare, fondern eben nur auf bildlihe und paraboliſche Weife in ihr ausgedrüdt fuchen darf. Daß der Herr „verſucht worden ift in allem und jedem gleich uns andern’, ift ja die aus— druͤckliche Ausſage der Schrift auch in einer völlig unbildlichen Stelle *9 es ift die nothwendige Borausfekung der wirklichen, *) Buch IT, © 380 ff. =) ‚Wenn er auch nur auf die flüchttgfte Weiſe ſolche Gedanken — fo iſt er nicht Chriſtus mehr.“ Schleiermacher über d. Lukas. ©. 54. #3) Hebr, 2, 18, 4, 15. II. Bd. 2 18° Fünftes Bud. nicht blos zum Schein angenommenen Menfchheit Chrifli. Zwar daß diefe Verſuchung „ohne wirkliche Sünde blieb’’, dies wird in jener Bibelftelle ausdrücklich hinzugefügt, und ift die Voraus: fegung, bei der das Befenntniß des Chriſtenthums wohl in jeder feiner bisherigen und auch feiner zukünftigen Formen wird bes harren müffen. Allein fo gern auch wir in diefe Borausfegung einftimmen: fo dürfen wir doch zu bemerken nicht unterlaffen, daß eine VBerfuchung, die nur von außen an ihn gefommen wäre, ohne in feiner Seele einen Anklang zu finden, für Feine wirflihe VBerfuhung, ein Kampf gegen Lodungen, für bie ihm fo der Sinn, ald die Neigung gefehlt hätte, nicht für einen Kampf, der etwas Ernfthafteres, als nur ein Schein- Tampf, eine Spiegelfechterei gewefen wäre, würde gelten koͤn— nen. Mit Einem Worte: die Verfuchungsgefchichte, dafern fie wirklich Die Stelle, welche die fonoptifchen Evangeliften ihr angewiefen haben, mit Ehren behaupten foll, muß fich ald eine Darftellung jenes fittlichen Entwidelungsfampfes ausweifen, von welchem wir bereits in einem frühern Zufammenhange zeigten *), daß er, unbefchadet feiner wirklichen Sündlofigfeit, Sefu nicht hat erfpart bleiben fünnen, und daß wir ihn als fallend aus: drüdlich in die Zeit, wo ihm das Bewußtfein feines Berufes im Allgemeinen ſchon aufgegangen war, alfo in die Zeit nicht vor, fondern nach empfangener Taufe durch Sohannes zu den— fen haben. Es ift daher jegt nur noch zuzufehen,. ob die naͤ— here Befchaffenheit unferer Erzählung eine folche ift, daß ſich diefelbe als einen von Jeſus felbft, jedoch in parabolifcher Weife, alfo mit durchgängig ihr eingebildetem Bewußtfein über die Idee oder die allgemeine Bedeutung jenes Selbfterlebten, gege— benen Ausdrud dieſes Entwidelungstampfes betrachten läßt. Allerdings nun glauben wir die Erzählung, fowohl in der furz zufammengefaßten Geftalt, wie fie von Marcus, als auc) in der ausführlicheren, wie fie von Matthäus überliefert ift, bis ind geringfte Detail hinein ohne Zwang auf eine Weife auslegen zu fünnen, in deren Folge jeder Einfichtige fie für voll- fommen Jeſu würdig erkennen wird. Es gehört dazu nur, daß man bey Scheu vor einer ſymboliſchen Deutung auch der geringe: =) Buch III, ©. 279 ff. Evangelifche Erzählungen und Reden nach Matthäus. 19 zen Detailzüge fich entfchlagez eine Scheu, die fürwahr, eben fo, wie bei den eigentlichen Mythen, auch bei den bildlichen und parabolifchen Reden Jeſu fehr übel angebract ift, deren wesentliches Verdienft eben, wenigftens nach einer Seite hin, in ihrer Sinnfehwere und VBieldeutigfeit befteht. Schon die _ außere Scenerie der Begebenheit ift nicht im eigentlichen, fondern im fombolifchen Sinne zu verftehen. „Chriſtus wird vom Geifte in die Wüfte geführt’, heißt — mag man dabei, neben jenen Pros phetenftellen, welche den entjprechenden Ausdrud für eine gei- flige VBerzüdung brauchen*), immerhin auch noch an eine ans dere erinnern, wo von einem Antrieb des Geiftes zu räumlicher Entfernung die Nede zu fein fcheint*), — an diefer Stelle, gewiß in Sefu eigenem Sinne, nicht, er ſei koͤrperlich in die Wuͤſte hinausgegangen. Es ift vielmehr mit jenen Worten eine geiftige Wüfte gemeint, in welche ihn, wie eben die Worte fa= gen, der Geift, d. h. jened Bewußtfein feines geiftigen Be— zufes, welches ihm in der Taufe aufgegangen war, hinausftieß, indem fich ihm zu der allgemeinen Gewißheit der an ihn ergan- genen Forderung von oben noch nicht ein Bewußtfein über die Art und Weife, über die Möglichkeit der Ausführung feines Be— rufes gefellen wollte, Ein Zuftand in der That, in welchen fih, wie hier Sefus, fo jeder Sterbliche von höherer Anlage eine Zeitlang verfeßt zu fehen pflegt, wenn das Bewußtfein über diefe Anlage ihm zuerft aufgegangen tft. Es ift alfo jener Ausdrud, daß es der Geift gewefen fei, der Sefum in bie Wuͤſte führte, nicht für einen zufälligen zu nehmen, und mit ihm die Stellung des Greigniffes nach, nicht vor der Zohan: nestaufe nicht für eine zufällige. Diefe Verſuchung, die bier erzählt wird, Fonnte erft nach empfangener Geiftesweihe vors fallen; denn es war eben der Geift felbft, der fie veranlaßte, fo wie er e8 war, ber fich in ihre bewähren und ‚befeftigen follte. — Eine fehr ähnliche Bedeutung, wie die MWüfte, hat in den Erzählungen des Matthäus und Lufas auch das Faften; vielleicht, daß daffelbe in der urfprünglichen Darftellung des Achten Matthäus die Stelle jener Erwähnung der Wüfte ver- Ezech. 3, 12. 8, 3 11, 24. =) 2 Kon. 2, 16. ar 20 Fuͤnftes Bud. trat, welche die beiden Evangeliften nicht aus ihm, fondern aus Marcus entlehnt zu haben scheinen, nicht bemerfend, daß fie einen und benfelben Gedanken durch ein doppeltes Bild aus— drücten, während in den urfprünglichen Relationen, — und was hindert uns anzunehmen, daß fchon aus Jeſu eigenem Munde mehr als eine folche Relation gefommen wart — immer nur eines oder das andere jener Bilder gebraucht war. Auch) beim Gebrauch dieſes letztern Bildes mag Jeſus immer: bin das Faften des Mofes*) und des Elias**) vor Augen ge: habt, und für den Gedanken, den er ausfprechen wollte, einen aus den heiligen Büchern bereit ihm geläufigen Iymbolifchen Ausdruck benust haben. Auf Feine Weife aber ift weder Sefu, noch dem Mythus eine gedanfenlofe Anwendung diefes Aus— druds zuzutrauen, fondern auch diefe Notiz ift von dem Be— wußtfein des geiftigen Faftens zu verftchen, welches er in jener Deriode feines Lebens, nach Empfang der. erften Geiftesweihe, hatte erdulden müfjen**). — Auch die typifche Zahl der vierzig Tage fchließt fich zwar unverkennbar an die eben erwähnten und vielleicht noch an andere ähnliche Schriftftellen, 3. B. an die vierzig Jahre des Zugs der Seraeliten in der Wüfte an+); aber diefes felbft, daß eine folche typifche Zahl gebraucht wird, (falls nämlich dieſelbe nicht etwa, was auch möglich, erft durch die Evangeliften hinzugefest ift) fcheint fagen zu wollen, daß die Zeitdauer der Prüfung Feine zufällige, fondern eine durch höhere Nothwendigkeit verhängte war. Selbſt jener Zug, den die neuern Erflärer faft allgemein als einen apofryphifchen ver: werfen wollen, gewinnt in diefem Zufammenhange eine Bedeu: tung; nämlich die Ausfage des Marcus, welche Sefum in der Wuͤſte ‚unter die Thiere“ verfest. Unverkennbar find unter *) 2 Mof. 34, 28. ==) 1 Kön, 19, 8, *xxx) Als mroy0s ao nveswar. Matth. 5,3. 7) Rebteres vielleicht namentlich bei Marcus, da bei dieſem von Fei- nem Faſten die Nede ift. Es Liegt übrigens diefe Vermuthung um fo näher, als ja aud) jene vierzig Jahre als eine Zeit der „Ver— ſuchung“ (meıgaouos Ev TH Eoyum Hebr. 3, 8) bezeichnet werden; freilich in anderer Beziehung, indem dort die Israeliten als ver- ſuchend den Jehova vorgeftellt werben. Evangelifche Erzählungen und Reden nad) Matthäus. 21 diefen Thieren die wilden Leidenfchaften und Begierden gemeint, die fich in einem genialen Individuum menfchlicher Weiſe jederzeit an die Stelle der mangelnden Geiftesbefriedigung ein- zudrängen fuchen, und die auch durch die höchfte fittliche Kraft „zwar niedergehalten und bezwungen, aber nicht von Grund aus vertilgt werden Tonnen. Auch diefer Zug fcheint jedoch feiner: feit8 mit dem näheren, von Matthäus berichteten Inhalte der Berfuhung nur alternivend, nicht aber beide zugleich von Sefus vorgetragen worden zu fein; und diefer leßtere verbirgt unter gleichfalls fymbolifchem Gewande unftreitig den höheren Sinn. Diefen Sinn nun, den Sinn des Zwiegefpräches, welches bei Matthäus Jeſus mit dem Satan führt, glauben wir folgendergeftalt faffen zu müffen. Die Verfuchung eines fol- chen Geiftes, wie Sefus, Tann Feine gemeine, Feine blos finn- liche fein; fie ift eine Werfuchung zu geiftiger Sünde, zur Sünde des Genius; eine Verfuchung der Art, wie fie in der Periode des erwachenden höhern Selbftbewußtfeins alle geiftig bevorzugten Menfchen zu beftehen haben, und viele ihr ganz, noch mehrere, vielleicht außer Chriftus alle, theilweife oder im Einzelnen un: terliegen. Eine folche Verfuhung Fonnte demjenigen am we: nigften erfpart bleiben, der mit fo gewaltigen, feelendurchbeben: den Worten von dem MWurme, der nicht flirbt, von dem Feuer, Das nicht verlifcht, zu Sprechen berufen war. Denn woher fonft, als von einer felbfterlebten Verſuchung diefer Art wäre ihm jene Anfhauung, jene innere Erfahrung über das Wefen und die Natur des Böfen gekommen; über jenen Feind, den er, um ihn gründlich zu bezwingen, unftreitig zuvor fennen und von Angefiht zu Angeficht erblidt haben mußte? — In der That nun zeigt die Beſchreibung der einzelnen VBerfuchungsacte, wenn wir fie nicht buchftäblih, fondern, wie fie genommen fein wollen, fombolifch nehmen, von einem überrafchend tiefen Blide in die wahre Natur jenes Böfen, welches allein an diefen Geift heranreichen und ihn, nicht zwar in irgend einem Augenblid feined Lebens zur Thatſuͤnde oder auch nur zur gemwollten Sünde verleiten, wohl aber die Sünde in fein Vorſtellungs⸗ und Begehrungsvermögen hereintreten laffen Eomnte. Die Aufforderung, Steine in Brot zu verwandeln, fie, die, buchftäblich verftanden, gleich widerſinnig wäre, fei ed nun, 22 Fuͤnftes Bud. daß man den Sohn Gottes mit der Kraft, folches zu thun, begabt, oder daß man ihn nicht Damit begabt denken wollte (im letztern Falle Eönnte fie nur als Hohn, nicht als Ver: fuchung verftanden werden, im erfteren wäre jene Verwandlung eben fo wenig eine Sünde, wie etwa die VBerwünfchung des Feigenbaums in unfern Evangelien für eine Sünde gilt), be— zeichnet die Sünde jener falfchen Geijtesmagie, welche die Be— friedigung des Geiftes in dem Ungeiftigen ertrogen, die flarre Aeußerlichkeit der Sinnenwelt in eine Nahrung für den Geift verwandeln will. Nicht die gemeine Sinnenluft zwar Fann bier gemeint fein, — mit diefer vermag, wie fchon gefagt, der Sa- tan einem Geifte, der bereits feine göttliche Abkunft erkannt hat, nicht beizufommen, — wohl aber ift jene geiftig gefteigerte Sinnenluft gemeint, welche, durch Geifteshunger getrieben, das Sinnliche nicht um feiner felbft willen, fondern eben ald Nah: zung für den Geift begehrt. Von dieſer bösartigen Luft recht eigentlich Läßt fich fagen, daß fie, was für den Geift als fol: her Stein ift und Stein bleiben fol, in Brot für ihn zu vers wandeln trachtet; auch kann nur ihr, aber nicht der Luft, die aus dem natürlichen Bedürfniß entfpringt, die für fie hoͤchſt treffende Erwiederung gelten: daß der Geift zu feiner Nahrung nicht folcher eigenmächtig bereiteten Speife bedarf, fondern daß Gottes Wille ihm auf noch unbefanntem Wege die wahre Speife gewähren wird. — Die zweite Verſuchungsrede knuͤpft ausdruͤck— lich an diefe Erwiederung anz mit geiftreicher, ächt diabolifcher Gewandtheit weiß fie Das ausgefprochene Gottvertrauen felbft in einen Frevel zu verkehren, indem fie, mit tiefberechneter Heus chelei, fich in einen Bibelfpruch huͤllt. Auch hier Flingt, Außer: Vich genommen, die Anmuthung nur wie Hohnz aber darin felbft liegt, fowohl hier, als auch dort in jener .erften Verſuchungs— rede, eine tieffinnige Sronie, daß eben die Zuflüfterung, in wel— her der äußere Betrachter nur einen Hohn des Verfuchers er kennt, daß eben fie den VBerfuchten, denjenigen nämlich, der nicht, wie hier Chriftus, zu widerftehen weiß, wie ein Schmeis chelwort anmuthet. „Wage nur,“ ſo flüftert die Sirenenftimme des Bofen dem Menfchenfohne und mit ihm allen denjenigen Sterblihen zu, die er durch die Vorfpiegelung ihrer Geniali— töt und außerordentlichen geiftigen Begabung berüden will, Evangelifche Grzählungen und Reden nah Matthäus. 23 „wage immerhin den tödtlichen Sprung; wie drohend auch der Abgrund dir. entgegengähnt, flürze dich getroften Muthes hin- ein; dir ift befchieden, nicht in feiner Tiefe zu verfinfen oder an feinen Felswaͤnden zu zerfchellen; dein Genius trägt dich un- verlegt über jede Gefahr hinweg!’ Die Antwort auf diefe Lockung, dieſer feitdem claffifch gewordene Ausdrud für den Gegenfaß jenes frevelhaft verkehrten Gott: oder vielmehr Selbft: verfrauens, hat erſt durch feine geiftreiche Anwendung an diefer Stelle feine Bedeutung und fchlagende Kraft gewonnen; im Zufammenhange der mofaifchen Gefchichte, woher ihn Sefus entnommen hat, hat er lange nicht dieſen prägnanten Sinn*). — Im den dritten Worten, welche er zu dem Gottmenfchen fpricht, tritt der Satan, da er jest fieht, daß fein Gegner ihn kennt und fich nicht von feiner Hinterlift täufchen läßt, in fei- ner wahren Geftalt hervor, und fordert Anbetung unter aus: drüdlichen, glänzenden Berfprechungen. Auch in dieſer Stei— gerung, die man gleichfalls -bei allzu buchftäblicher Deutung hat verwunderlich finden wollen, liegt ein Sinn, und man würde Unrecht haben, durch den von Lukas beliebten Stellen- wechfel der zwei letzten Berfuchungsacte diefen Sinn Preis zu geben. Es ift diefer: daß, auch nachdem über die Natur jenes Böfen, welches ſich zuvor hinterliftig in die Geſtalt des Gei— ſtes überhaupt, ja felbft ausprüdlich des göttlichen Geiftes ver- fleidet hatte, das Bewußtfein aufgegangen ift und daffelbe fich in feiner wahren Geftalt dem Menfchen enthüllt hat, die verfuchende Kraft defjelben für den Menfchen noch immer nicht aufhört. Denn nun erſt wird ganz offenbar, über welche Schäße, über welche Herrlichkeit der Welt das Bofe, nämlich das geiftig Boͤſe, der böfe Genius gebietet. Hier, auf dieſer Höhe der weltüberfchauenden Einfiht gilt es, zwi— fchen dem Dienfte diefes Böfen und dem Dienfte ded einen, wahrhaftigen Gottes noch einmal fih, mit klarem Be: wußtfein und unwiderruflih für alle Ewigkeit, zu entfchei- den. — Indeſſen hat, wer wirklich auf diefe Hohe, zu Diefer =) Dort nämlich (2 Mof. 17, 1 ff., worauf fih 5 Mof, 6, 16 zurüg- bezieht) gefcehieht auf das Murren der Israeliten, weldes dort als ' ein „Berfurhen des Herrn‘ bezeichnet wird, wirklich ein Wunder, indem Mofes die Quelle aus dem Felſen fhlägt. 24 Fuͤnftes Bud. Klarheit gelangt, in Wahrheit fehon zuvor, fo wie hier Sefus, im Innern, in der verborgenen Tiefe feines fittlihen Selbſt, die Entfcheidung getroffen, und es handelt ſich für ihn eigent- lih nur darum, das Nefultat diefer Entſcheidung zur lehten Klarheit des Bewußtfeind zu bringen. Sonach alfo dürften wir uns rühmen, in diefer auf den erften Anblick fo abenteuerlich erfcheinenden Erzählung eine eben fo reiche, als tieffinnige Darftellung des GSeelenlebens, der in— neren Seelenfämpfe des göttlichen Zünglings gerade aus jener, wahrfcheinlich nicht allzu kurz zu denfenden*) Zeitperiode zu befigen, aus der uns fonft alle weitere gefchichtliche Kunde über ihn verfagt ift. Se mehr ein folches, dem innern fittlichen Le— ben der einzelnen Perfünlichfeit angehörendes Greigniß fich dem ‚Bereiche der eigentlichen Sagendichtung entzieht, welche, wie wir an dem Beifpiele des Kindheitämythus fahen, vielmehr den Gang des Geifteslebens in den großen Gefammtbeziehungen der Welt: und Völkergefchichte zu ihrem Inhalt hat: um fo ficherer dürfen wir vertrauen, in dieſem Falle nicht ein mythifches Ge— bilde, fondern ein von Zefus felbft Gedachtes und Gefproche- nes vor und zu haben. Daffelbe war in den Aufzeichnungen des Apoſtels Matthäus höchft wahrfcheinlich unmittelbar, wie es der Apoftel aus feines Meifters Munde vernommen hatte, niedergefchrieben; in derfelben Form der Erzählung, in welcher der Herr es vorgetragen hatte, ohne ausdrüdliche Bezeichnung feiner bildlichen, parabolifchen Natur zwar, aber auch ohne daß. wir Grund hätten, anzunehmen, der Apoftel felbft fchon habe ein Außerliches Wunderereigniß darin zu erblicken gemeint, oder es mit der Abficht aufgezeichnet, daß feine Lefer es fo verfte- ben follten. Zwar halten wir nicht für unwahrfcheinlih, daß der Apoftel es fchon felbft an den Ort geftellt hatte, wohin wir es bei feinen Nachfolgern geftellt finden, da wir aus den von ihm mitgetheilten Reden des Johannes ſchließen müffen, daß er eine Art von chronologifher Folge in feinen Mitthei— lungen allerdings beabfichtigte; doch Fonnten unfere Gvangeliften wohl auch erft duch Marcus veranlaßt worden fein, es an diefen Ort zu fellen. — Auch in Ausdruck und Wendung die- *) Bergl. Bd. I, ©, 282 f. Evangelifche Erzählungen und Reden nach Matthäus. 25 fer bildlichen Rede übrigens hat man ſchon vorlängft mit rich tigem Tacte*den parabolifchen vielmehr, als mythifchen Cha— rakter herausgefunden. Es zeigt fich derfelbe unter andern in den Antithefen und Steigerungen, welche, wie fi) an manchen Beifpielen würde klar machen laffen, recht eigentlich in der Weiſe der morgenländifchen, namentlich der hebräifchen Parabel liegen*); ferner in der Anführung der Schriftftellen, welche bier nicht, wie in der Kindheitsfage, den Berichterftattern an: gehören, oder nur ſtillſchweigend der Erzählung einverleibt find. Merfen wir einen aufmerffamen Blid auf den Charakter. der fonfligen uns überlieferten Neden des Herrn: ſo fonnen wir freilich nicht wahrfcheinlich finden, daß er diefe Parabel in der Abficht erzählt haben follte, um dadurch etwa feinen Jüngern einen gefchichtlihen oder pfychologifchen Auffhluß über feine Seelenzuftände oder über den Gang feiner fittlihen Bildung zu geben. Solches zu thun, lag nicht in der Stellung, die er als gottgefandter Prophet feinen Süngern und dem Volke ge= genüber eingenommen hat; auch war es nicht der Charakter jener Zeit, Auffchlüffe ſolcher Art zu ſuchen; die, wenn fie in der uns gewohnten Art gefucht worden wären, unftreitig auch in anderer, als in jener allegorifchen oder parabolifchen Weife hät: ten beantwortet werden müffen. Wir möchten deshalb die Vermuthung wagen, daß Sefus fi) bei Erzählung Diefer Parabel nicht in der erſten Perfon einführtez wahrfcheinlich bil- dete das Subject derfelben die typifche Perfonlichkeit des ‚‚Men- ſchenſohnes““. Was dann von dieſer Perfonlichkeit erzählt wurde, Das hatte auch in jenem wahrhaften Wortfinne, in welchem diefes Wort in den apoftolifhen Briefen vorfommt, eine „typiſche“ Bedeutung; eine Bedeutung, die, mdem fie den aus tiefer fittlicher Erfahrung geſchoͤpften Inhalt zur Allgemein: heit der Idee erweitert, eben fo weit fi) über die Einzelheit und Zufälligkeit des pſychologiſchen Factums als folchen erhebt, *) Wir erinnern unter den altteftamentlihen Parabeln an die von Jotham erzählte (Nicht. 9, 8 ff.) von den Bäumen, denen die Kö— nigswürde angetragen ward. Inter den von Jefus felbft erzählten können in verſchiedener Weife die von den Arbeitern im Weinberge (Mare, 12 u. Parall.), von den Hochzeitgäften (Matth. 22) und von den Talenten (Matth. 25) als Beifpiel dienen, 26 Fünftes Bud. wie über die abftracte Allgemeinheit des blos Paränetifihen. Dem richtig verftandenen Begriffe von Chrifti Suͤndloſigkeit aber thut unfere Deutung dieſer Parabel Feinen Eintrag. Sünde namlich ift überall nur da vorhanden, wo der Gedanke, der Trieb und die Luft des Böfen entweder felbft in That übergeht, oder in gute Thaten hemmend eingreift. Von der Erfahrung des innern GSeelenlebens gilt vielmehr umgekehrt der Mapftab, daß die Tugend um fo höher und mächtiger ift, je gewaltiger die VBerfuchung zum Bofen war, welche fie zu überwinden hatte. Ein Chriftus ohne jene innere Erfahrung, von welcher die vorliegende Parabel fpricht, mag der abflract Dogmatifirenden Vorſtellung ein reinerer und fledenloferer duͤnken; ein menfchlich wahrer und wirklicher, ein folcher, der ſchon in feiner Menfchheit Sieger über die Pforten der Hölle genannt werden dürfte, ift er nicht. Diejenige Bereicherung der evangelifchen Berichte des Mare cus, der wir im erften Evangelium nach vorftehender Parabel zunächft begegnen, ‚bildet eine lange Nede, welche, da Sefus fie in der Nähe von Kapernaum von einem Berge herab (man zeigt denfelben noch jest in dortiger Gegend, unter dem Namen des „Berges der Seligkeiten“) gehalten haben fol, mit dem Namen der Bergpredigt bezeichnet zu werden pflegt. ES ift in Bezug auf diefe Nede die doppelte Frage aufzuwerfen: er— ſtens, ob ihre Zufammenftelung unferm Gvangeliften angehört, oder ob er fie bereits in feiner Quelle fo, wie er fie giebt, zufammengeftelt vorfand; zweitens, falls letzteres das Nichtige fein follte, ob Sefus felbft fie fo gehalten, oder der Apoftel Matthäus aus feinen Ausfprücen fie zufammengeftellt hat. Was die erftere Frage betrifft, fo bietet fih als Mittel ihrer Beantwortung zunächft der Vergleich mit dem dritten Evange— lium dar, von welchem wir anzunehmen Grund haben, daß es bei Mittheilung Ddiefer und anderer Neden aus der nämlichen Duelle mit dem erften, ſei es mittelbar oder unmittelbar, jeden— falls aber unabhängig von jenem, gefchöpft hat. Solcher Ver: gleich num giebt in verfchiedener Beziehung ein verfchiedenes Reſultat. Mit einer Rede, von einem Berg herab gehalten, eröffnet auch Lukas, jedoch erft nach Vorausſchickung mehrerer © Evangeliſche Erzählungen und Neden nach Matthäus. 27 von Marcus erzählten Anekdoten, welche der Verfaſſer des er- ften Evangeliums theils wegläßt, theils fpäter bringt, aufs neue wieder die Neihe jener Ausfprüche, von denen wir, da er fie mit dem erften, aber nicht auch mit dem zweiten Evangelium gemein hat, vorausfegen dürfen, daß fie aus der eben bezeich- neten Quelle gefchopft find. Daß die Zeit, in welcher, und die Außern Umftände, unter denen er fie gehalten werden läßt, nicht ganz bdiefelben, wie im erften Evangelium, fondern in mancher Hinficht abweichende find, kommt in der Beziehung, von der wir hier fprechen, nicht in Betracht. Diefe Abweichung nämlich führt fih auf eine Verſchiedenheit der Stelle zurüd, welche beide Evangeliften jener Rede inmitten der Berichte, die fie von Marcus aufgenommen hatten, anweifen zu müffen glaub- ten. Daß alfo jene gemeinfchaftlihe Quelle unter ihren übri: gen Mittheilungen eine Nede hatte, die auch fie als eine auf einem Berge, auf den fih Sefus, um dem Andrang der Menge zu entgehen, zurücdgezogen*), an die Sünger gehaltene einführter: Dies wird durch jenes Zufammentreffen allerdings in *) Dies ift der Hare Sinn der Worte Matth. 5, 1 f., und auch Luk, 6, 20 Kann nicht anders verftanden werben, als daß Jeſus die Rede nur an die Sünger, nicht, wie die Meiften wollen, aus der Mitte der Zünger heraus an das Volk hielt. Uebrigens gehört die mweitere Bezeichnung der Umftände, unter denen die Rede gehalten fein fol, weder bei dem einen, nor) bei dem andern Evangeliften der Duelle an, fondern beide haben fie, jeder mit eigenthümlichen Mobdificatio- nen, aus Marcus 3, 7 ff.) entlehnt, indem fie die einfache Bezeich- nung, die fie in dem urfprünglichen Matthäus gefunden haben moch- ten, daß Jeſus dieſe Rede in der Einfamfeit des Gebirgs zu den Süngern ſprach, mit der Notiz von der Befteigung des Berges bei Marcus eombinirten. Die Bemerfung von dem Wiederherabfteigen in die Ebene (V. 17) fcheint Lukas eingefhoben zu haben, um bie Rede felbft von dem Acte der Einfeßung der Apoftel, den er nad Marcus berichtet, abzutrennenz eben darum auch ftellt er die Nach— richt von dem Andrang der Menge, welche Mareus jener Einfegung sorangehen Yäßt, derfelben nad. Der Berf, des erften Ep. ftellt die Einfeßung der Apoftel an gar feinen beftimmten Ort; wie eg Scheint, aus Berfegenheit, ob er dem Marcus folgen fol, der fie erft fpäter gefchehen läßt, oder dem Matthäus, der fie, wie ihm nicht entgeht, bereits Der Bergrede vorausſetzt, von welcher Doc ange— nommen wird, daß fie eine der früheften Stellen einnehmen müſſe. \ * 28 Fuͤnftes Buch. hohem Grade wahrſcheinlich. Was aber den Inhalt der Rede betrifft: ſo iſt dieſer nicht durchaus, ſondern nur theilweiſe bei beiden Evangeliſten einer und derſelbe. Faſt nur am Anfang und am Schluß treffen beide ziemlich vollſtaͤndig (auch hier jedoch nicht ohne Abweichungen) zuſammen; der groͤßere Theil der Rede, die das erſte Evangelium giebt, iſt im dritten weggelaſſen, dagegen Ei— niges, wiewohl Weniges, was jenem fremd, hinzugefuͤgt. Hier nun fragt ſich, ob der erſte, oder ob der dritte Evangeliſt die Rede des Matthäus treuer wiedergiebtz ob der erfle, was in der Quelle getrennt war, vereinigt, oder ob der dritte, was Dort vereinigt war, getrennt hat. Die Anficht, welche wir von dem fehriftftellerifchen Charakter beider Evangelien in unferm erften Buche gaben, welche wir bei Betrachtung des Charak— ters dieſer Nede im Einzelnen nur beftätigt finden fonnen, nothigt und, auch in diefem Falle uns für die größere Treue des erſten zu entfcheiden, und alfo der Hauptfache nach allerdings anzu— nehmen, daß, wie in dieſem, fo bereit8 im achten Matthäus die Bergpredigt Ein Ganzes ausmachte. Doch ift möglich, und wird durch die Freiheit, welche fich Lukas mit der Nede genommen, wahrfcheinlih, daß in der Abfaffung, in welcher man dDiefelbe beim Apoftel fand, Umſtaͤnde vorhanden waren, welche dem Zweifel Raum geben fonnten, ob wirklich die Rede ala Ein Ganzes zu betrachten fei. Vielleicht war nur der Ans fang, aber nicht auch das Ende der Rede ausdrüdlich als fol- ches bezeichnet, fo daß es dem Lefer freigeftellt blieb, dieſelbe auc an irgend einer andern Stelle abgebrochen zu denken, und das von da an Folgende für eine Mehrheit einzelner Ausfprüche zu nehmen*). — Was nun aber die zweite der aufgeworfenen Fragen betrifft: fo müffen wir befennen, daß auch was der neuefte treffliche Ausleger der Bergpredigt in feinem geift- und inhaltvollen Commentar für die urfprünglihe Einheit derfelben *) Hierzu fehlt es nicht an mancherlet Analogien felbft in unfern Evv. Wir erinnern nur an die befannte Stelfe Joh. Cap. 3, wo die Aus— leger noch jetzt darüber im Zweifel find, ob fie Die Rede des Täu— fers mit V. 30 oder mit V. 36 abbrechend denken follen. Anderes der Art wird man in unferer Darftellung leicht von felbft auf: finden. Evangeliſche Erzaͤhlungen und Reden nach Matthaͤus. 29 geſagt hat, uns nicht hat uͤberzeugen koͤnnen, daß ſie wirklich in dieſer Geſtalt aus dem Munde des Herrn gekommen ſein ſollte. Schon aͤußerlich betrachtet, ließe ſich die Moͤglichkeit der woͤrtlichen Aufbewahrung eines aus dem Stegreif, nicht vor Nachſchreibenden gehaltenen, laͤngern Redevortrags nicht ohne Ueberſchreitung aller Grenzen des menſchlich Denkbaren oder Wahrfcheinlichen annehmen. Aber wir haben auch guten Grund, zu zweifeln, daß Sefus überhaupt Vorträge folcher Art in Einem Athem gehalten hat. Vielmehr, wie Sofrates fich unfähig befannt haben foll, lange Neden zu verftehen, fo glauben wir in Jeſu eine verwandte Unfähigkeit, lange Reden zu halten, entdedt zu haben. Es verfteht fih, daß wir mit fol: cher Unfähigkeit nicht eine Schwäche, fondern eine Stärfe be- zeichnen wollen. Wir finden nämlich) in allem, was Jeſus ſagt, eine ſolche Prägnanz, eine folhe Inhaltsfülle in die für zeften Worte zufammengedrängt, daß ſolche Worte, wollte man fie in einen längern Nedevortrag zufammenfchließen, ftatt fi gegenfeitig einander zu heben und zu tragen, vielmehr ein= ander erdrüden würden. Die einzelnen Worte find fchon ganze Reden; fie enthalten faft jedes einen längeren Gedanfengang in den Eleinften Raum, meift auf mehr oder minder fombolifche Weife zufammengedrängt, aber auch fo noch deutlich gegliedert und organifch abgefchloffen. Jedes für fich allein nimmt auf eine Weile hin den Hörer ganz in Anſpruch, fo daß nicht ohne Beeinträchtigung feines gewichtigen Sinnes andere, gleich inhaltsfchwere Worte ſich unmittelbar daran knuͤpfen laſſen. — Diefe Eigenthümlichfeit aller Worte und Ausfprüce des Hei— landes finden wir auch in denjenigen wieder, aus denen bie Bergpredigt zufammengeftellt ift. Es würde auch dem begab teften Geifte unmöglich fallen, dieſe Nede, wie fie im erften Evangelium vorliegt, wenn er fie zum erftenmal vernähnte und gefprochen hörte, wir wollen nicht fagen vollftändig, fondern nur fo zu faffen, daß ihm davon mehr, ald nur die zufällige, in ſich unverbundene Erinnerung an einzelne Ausfprüche zurüd- bliebe, Diefelben Ausfprüche aber zeigen fih, jeder für fich einzeln betrachtet, fo inhaltsvoll und fo gewichtig, daß fie ein- ander gar nicht bedürfen, um jeder fir fich allein die reichfte Fülle der Lehre und geiftigen Anfchauung aus fich zu entwideln, 3 Fünftes Bud. Mir werden daher, demfelben Grundfake folgend, durch den wir uns bereit$ bei Mittheilung der von Marcus aufbe- wahrten Neben leiten ließen, auch diefe fogenannte Nede nicht als Ganzes, fondern der Reihe nach (Nr. 3—26) ihre einzel: nen Theile geben, fo wie diefelben uns jeder für ſich, fei es ein Ganzes, oder ein feldftftändiges Bruchſtuͤck eines verloren- gegangenen Ganzen auszumachen ſcheinen. Auch von diefen werden wir jedoch zu bemerken Urfache finden, daß noch manche Zufammenftellung dem Aufzeichner angehören mag, die wir jest, ohne den Sinn zu beeinträchtigen, nicht mehr loͤſen Fün= nen, weil nämlich von den folchergeftalt zufammengefchweißten Ausſpruͤchen vorauszufegen iſt, daß die einzelnen nicht ganz vollftändig oder unverſtuͤmmelt überliefert find. — Die meiften diefer* Eleineren Xheile haben ihre Parallelen in Lukas, und zwar hier und da durch das ganze Werk diefes Evangeliften zerftreut. Aber obwohl Lukas dann meift im Einzelnen näher zu motiviren fucht, fo Fann Doch auch hier feine. Darftellung nicht für die urfprünglichere gelten; die einzelnen Ausfprüche fiehen fo, wie man fie als Bruchſtuͤck aus der Gefammtrede bei Matthäus herausnimmt, ihrer urfprünglichen Geftalt immer noch näher, als in der GSelbftftändigfeit, die ihnen, nicht ohne Kunft und Reflerion, der dritte Evangeliſt gegeben hat. 3. „Selig die Armen im Geift: ihnen gehört das Him- melreih! Selig die Trauernden: fie follen Troſt empfangen! Selig die Gelaffenen: fie follen zum Erbtheil die Erde haben! Selig, die nach dem Rechte hungert und dürftet: fie follen ges, fättigt werden! Selig die Barmherzigen: fie felbft folen Er— barmen finden! Gelig die Reinen im Herzen: fie follen Gott mit Augen fehen! Selig die Friedlihen: man wird fie Kinder Gottes nennen! Selig die um ihrer NRechtfchaffenheit willen ' BVerfolgten: ihnen gehört dad Himmelreih! Selig ihr, wenn fie euch fchelten und verfolgen, und Lügnerifch jede boͤſe Rede über euch fprechen, um meinetwillen! Freuet euch und jauche zet laut auf: euer Lohn ift groß im Himmel! Eben fo ver: folgten fie die Propheten vor euch !’*) Hätten diefe Worte als Anfangsworte einer Nede zu gel- *) Cap. 5, V. 3 ff. Varall, Luk. 6, 20 ff. Evangeliſche Erzählumgen und Neden nach Matthäus. 31 ten, fo würde man von ihnen vorauszufeken berechtigt fein, fie enthielten das Thema des Ganzen; ein Thema, von dem aller: dings Fein Zweifel ift, daß es der reichften und mannigfaltige fien Ausführung fähig wäre. Solche Ausführung, d. h. eine Erklärung jener Eigenfchaften, deren Beſitz felig machen fol, giebt aber das Nachfolgende Feineswegs. Auch halten wir nicht dafür, daß Sefus fie gegeben hat; wahrfcheinlicher ift uns, daß in den GSeligpreifungen felbft, falls fie nämlich in der That alle bei einer Beranlaffung gefprochen wurden, eine Gliederung, ein Gegenfaß und eine Steigerung flattfand, wodurch fie ſich — freilich nur für den felbftftändig Weiterdenfenden — gegenfeitig erläuterten. Diefe innerlihe, organifche Gliederung der Nede im Fleinften Raume, fie, die mehreren der von Matthäus und Marcus aufbewahrten Apophthegmen eine fo wunderbare Boll: endung giebt, vermiffen wir hier allerdings; doch wahrfchein- ich nur deshalb, weil fie dem Aufzeichner nicht im Gedächt: niß geblieben war. Mit ihre ift leider auch die eigentliche, Bedeutung der feligpreifenden Rede als eines Ganzen verloren ge- gangen; wir Fonnen diefelbe aus der Herrlichkeit ihrer einzel- nen Theile wohl ahnen, aber nicht wieberherftellen. Der Ver: faffer des dritten Evangeliums, dem für jene denfwürdige Eigenthümlichkeit der Neden des Heilandes der Sinn nicht ganz abging, der aber eine etwas oberflächliche, in Antithefen einhergehende Arcchiteftonif der Rede an die Stelle jener in weit höherm Sinne fymmetrifchen und rhythmifchen Gliederung zu ſetzen pflegt, ſcheint auch hier den Mangel folcher Gliede- rung hindurchgefühlt, und einen Erſatz deſſelben verſucht zu haben. Aber die Tiefe jener Ausfprüche wird offenbar bei ihm verflacht, wenn er, zum Behufe vollftändiger Antithefen, nur ſolche Eigenfchaften felig gepriefen werden läßt, die fchlechthin, ohne geiftigen Zufaß, ein Unglüd oder einen Mangel ausdrü- den. Die „Armen im Geiſt“, das heißt diejenigen, welche die Armuth der menfchlichen Vernunft an demjenigen, was hoher ift, als alle Vernunft, lebendig empfinden "und eben da- durch diefem Höhern nahe treten, verwandeln fi ihm in Arme ſchlechthin, die „Hungernden nach Gerechtigfeit”” in Hungernde ſchlechthin; ftatt der herriichen Ausfprüche über die Sanften, die Friedfertigen, die Barmherzigen, die im Herzen Neinen hat a 32 Fuͤnftes Bud. er nur eine Seligpreifung der Weinenden, die einft lachen follen. Zuletzt, um die Antithefe fommetrifch zu fleigern und fo zur Einheit abzurunden, ftellt er den Seligpreifungen Weherufe ge— gegenüber: über die Neichen, die Gatten, die Lachenden, die unter den Menfchen Wohlangefehenenz denen allen er den Se— ligfeiten, die jenen verfündigt wurden, entfprechende Uebel ver- kuͤndigen läßt. Alles dies hat er ficher nicht aus einer andern, wenigftens aus Feiner lauteren Duelle gefchöpft, fondern wahre ſcheinlich felbft erfunden; theild aus dem angegebenen formalen Motive, theild wohl aus feinem auch fonft mehrfach bemerf- lichen Borurtheile für das Verdienſt der Armuth und überhaupt des irdifchen Leidens. 4. „Ihr, ihr feid das Salz der Erde! Wenn das Salz verdumpft, womit fol man es denn wiederum falzen? Zu nichts mehr taugt es, als weggeworfen und zertreten zu werden”). Shr, ihre feid das Licht der Welt! Nicht verbergen kann ſich eine Stadt, die oben auf dem Berge liegt; noch brenmt man ein Licht und ftellt e$ unter den Scheffel, fondern auf den Leuchter, und es leuchtet Allen im Haufe. So leuchte denn euer Licht vor den Menfchen, damit fie euere edlen Werke fehen, und euern Vater preifen, den im Himmel!“*) — Diefe beiden Ausfprüche, die wir jeden einzeln bereit3 aus anderer Duelle Fennen, bilden unter einander einen wenigftens eben fo guten Zufammenhang, als die Zufammenhänge waren, in denen fie dort vereinzelt vorfamen. Von ihnen ift es, wie auch fehon von den Schlußworten des Vorhergehenden, recht deut: lich, wie fie durchaus nicht an Andere, ald nur an die Apoftel gerichtet fein Fonnten. 5. „Meinet nicht, ich ſei gefommen, das Geſetz aufzulö- fen, oder die Propheten. Nicht aufzulöfen Fam ich, fondern. zu erfüllen! Wahrlich ich fage euch, bis der Himmel unter: geht und die Erde, fol Fein Sota, nicht Ein Strich vom Ge- feße untergehen, ehe denn alles gefchehen iſt!“*) — Befäßen wir diefen Ausſpruch in derjenigen Verbindung, in der er un— *) V. 13. Parall, Luk, 14, 34 f. (Mare, 9, 50,) **) V. 14 ff. Parall, Luk. 11, 33 ff, (Mare. 4, 21. uf, 8, 16.) *+#) D, 17 f. Darall, uf, 16, 17. * = Eoangelifche Erzählungen und Neden nach Matthäus. 33 flreitig gefagt ift, fo würde er nicht fo viele Misverftändniffe haben veranlaffen, und namentlich noch in neuefter Zeit unter denen, die mit Ablegung der. alten dogmatifchen Vorurtheile die Erfeheinung Chrifti nach zeitlichen und örtlichen Verhält- niffen zu würdigen begannen, das richtige Verftändnig fo fehr verdunfeln koͤnnen. Ohne nähern Anlaß, im Zufammenhang einer laͤngern Rede gefprochen, wie wir ihn bei Matthäus leſen, muß er allerdings ein dogmatiſches Gepräge zu tragen fehei- nen, und es ift nicht zu verwundern, daß man ihn, wie er hier an der Spike der gefammten Lehrlaufbahn des Herrn ausge: fprochen fteht, troß des offenbaren Widerfpruchs, der fich dann mit vielen anderen feiner Neden und Thaten ergiebt, in buch- ftäblihem Sinne als ein Manifeſt über den, angeblich ganz inner- halb des mofaifchen Geſetzes fich halten wollenden Lehrplan deffel: ben genommen hat. Indeſſen hätten fehon die Anfangsworte einen Wink geben fonnen, wie Jeſus in feinen Süngern den Glauben, er wolle wirklich das Geſetz umfloßen, gewiffermaßen vorausfest; wie aljo etwas vorangegangen fein mußte, was diefen Glauben erzeugen konnte. Nach dergleichen Anteceden: tien brauchen wir auch nicht lange umbherzufuchen. Schon die befannte Nichtbeachtung des Sabbaths und der Faftengebräuche,- — woahrfcheinli mit diefen zugleich des gefammten Geremo- nialgefeßes — giebt dafür einen hinreichenden Beleg. Setzen wir aber eine folche Beziehung voraus, fo gewinnt die Ant: wort felbft einen andern als buchfläblihen Sinn. Zwar was das Wort „Erfuͤllen“ (Anowoee) betrifft, fo ift diefes an fi ſelbſt ſchon ein vieldeutiges. Es ift von Manchen an bie: fer Stelle auf ein Ergänzen, VBervollftändigen des Geſetzes viel- mehr, als Erfüllen gedeutet worden; Andere haben darin, einzig oder hauptfächlich die Beziehung auf die meffianifchen Weiſſagun— gen finden wollen, die man nicht nur in den Propheten, fondern auch in dem Geſetz enthalten glaubte, und von denen diefer Aus: druck auch fonft haufig gebraucht wird. Der Gegenfaß zu dem „Aufloſen““, und eben fo die Verbindung mit dem Folgenden be- weift allerdings für diefe Deutungen; es ift zwar von dem Ge- feß als folhem und von den Propheten als Mitbegründern und Fortführern des gefeßgeberifchen Werkes die Nebe, nicht blos von einzelnen Weiffagungen; allein das — iſt offen⸗ Bd. I, 34 Fünftes Bud, bar nicht ein gemeines Befolgen, fondern ein höheres, felbft ge feßgeberifches Beftätigen und Bekräftigen, auch wohl Vollenden und Ergänzen, was immer dem Geifte des Geſetzes, nicht fei- nem Buchftaben gilt. Dem fcheint zwar entgegenzuftehen, daß . in der nachdrüdlichen Bekraftigung feines Ausſpruchs, die Sefus beifügt, ein recht ausdrüdliches Gewicht fcheinbar eben auf den Buchftaben ‚des Geſetzes gelegt wird, Allein die Verficherung, daß nicht der kleinſte Buchftabe des Gefeßes untergehen fol, ift ganz eben fo zu nehmen, wie die nicht minder ernftlich aus— gefprochene Berficherung, daß der wahre Glaube Berge ver: feßen Tonne, Eben weil es auf den Buchftaben, al3 folchen nicht ankommt, weil der Buchflabe als folcher nichtig ift, eben darum kann, dafern nur durch den Geift an die Stelle diefes Buchſtaben ein andrer Buchflabe tritt, gefagt werden, daß auch der Buchftabe beftehen bleibt. Auf alle Weife ift zu bedenken, daß, wer fo über das Geſetz fprechen Fonnte, fo das Geſetz, fei es zu erfüllen oder zu ergänzen verheißen*), und mit ſolchem Nach: druck durch feine Autorität die Autorität des Geſetzes zu unters flüßen wagen Fonnte, — daß diefer ſich als ein Höherer fühlen und wiſſen mußte, denn das Gefeß. In allem Höhern aber ift - "Das Niedere zugleich erhalten und aufgehoben; jenes, das Erhalten: fein meint Sefus, wenn er dad Beftehen und die Dauer des Geſetzes betheuertz dieſe Betheuerung felbft aber feßt voraus, daß das Gefeh in ihm aufgehoben war, daß es alfo, wenn es fernerhin noch ‚gelten jollte, Diefe Geltung nur von ihm und durch ihn hatte, 6. ,‚Wer alfo eines diefer Gebote, eines der kleinſten, bricht, und ſo die Menſchen lehret, ein Kleinſter ſoll er heißen im Himmelreich; ; wer aber nach ihnen thut und lehrt, der ſoll ein Großer heißen im Himmelreich.“) — Es iſt mir nicht wahrſcheinlich, daß der erſte dieſer beiden Saͤtze mit dem vor— hergehenden in unmittelbarer Verbindung geſagt worden; da— rum nicht, weil ein ſolches Ausſpinnen jener kuͤhnen Para— doxie allerdings mehr als billig auf den buchſtaͤblichen Sinn *) Der Ausdruck nAngovv kann keinesfalls etwa mit woreiv gleich gel- ten umd eine Unterordnung unter das Geſetz bezeichnen follen, =) V. 19, Evangeliſche Erzählungen und Reden nach Matthäus. 35 zurückzuführen den Schein geben wuͤrde. Ich halte vielmehr den Sinn de3 vorliegenden Spruch$ für einen felbftftändigen. Daß das Große fih auch am Kleinen bewährt, daß die wahre Tugend auch ſcheinbar geringe Pflichten nicht gering achtet, die wahre Lehre auch das Geringe zu deuten und ihm feine rechte Stelle anzuweifen verfucht, will Iefus bier fagen*). Die Bedeutung des Spruchs bleibt diefelbe, gleichviel ob er in Bezug auf dad mofaifche Gefeh, oder worauf fonft gefagt iſt; in Bezug auf jenes Fonnte er nicht3 anderes, ald der vor— angehende auch, ſagen. Moöglicher Weile lag der Anlaß zur ihm in dem Gegenfage gegen pharifäiihe Scheinheiligkeit, von der allerdings vorauszufegen ift, daß fie fih unter andern auch in einem kleinlichen, und doch zur Gewiffenlofigkeit verführenden Abwägen der Pflichten gegen einander gefallen hat**). 7. „Ich fage euch: iſt euere Nechtfchaffenheit nicht mehr werth, ald die der Schriftgelehrten und der Pharifaer, fo fommt ihr nicht in das Himmelreich 1) — Daß hier eine von pha⸗ rifäifcher Gefegesgerechtigkeit verfchiedene Nechtfchaffenheit als Bedingung zum Himmelreihe gefordert wird: Diefe Lehre wie derfpricht nicht nur nicht der Lehre von der Rechtfertigung allein durch den Glauben, gegen die man häufig die funoptifchen Evangelien überhaupt, und gegenwärtigen Ausfpruch insbefon- dere hat im Widerfpruche finden wollen, fondern fie ift, richtig verftanden, mit jener eine und diefelbe, Der Glaube nämlich ift es, der in die Gefegeserfüllung jenes Moment der inwoh- nenden, geiftigen Unendlichkeit hineinlegt, von dem wir fogleich im Folgenden fehen werden, wie Jeſus es zum, Kennzeichen der Achten, himmlifchen Gerechtigkeit macht, Die ältern Aus— Veger hatten daher fo unrecht nicht, wenn fie die Gerechtigkeit, welche Chriftus hier fordert, als ‚Gerechtigkeit des Glaubens’! bezeichnen wollten. Nur daß freilich, was jene Ausleger fides ' *) Dabei bleibt eben fo wahr, und jenen feineswegs winerfprechend, was der Dichter von einem Menfchen mit. „hohem Sinne” fagt, „Er fieht Das Kleine Flein, das Große groß |" ‚Aber dieſer Aus— foruch bezieht fih auf äußere Dinge, jener biblifhe auf ſolche, die nicht mehr als blos äußerliche gelten follen. **) Vergl. Matth. 23, 16 ff. — E0: 3? 36 Fünftes Bud. nannten, nicht immer mit demjenigen Glauben, durch welchen auch in Chrifti eigenem Sinne aller fittlihe Werth des Men: fchen bedingt wird, zufammentreffen mochte. 8. „Ihr habt, gehört, daß den Alten gefagt ward: du ſollſt nicht toͤdten“); wer todtet, verfällt dem Gericht, Sch aber fage euch, jeder, der feinem Bruder zürnt, verfallt dem Ge: richt; [wer ihn ſchilt, verfällt einem gefchärften Gericht**) 5] wer ihn befchimpft, verfällt dem Feuer der Gehenna! Wenn du mit deiner Opfergabe zum Altare fommft, und es fällt dir ein, daß dein Bruder etwas mit dir hat: fo fcheue nicht das Auffehn vor ‚den Leuten, laß die Gabe dort vorm Altar, geh zurück und verfühne dich erft mit dem Bruder; dann komm und bring deine Gabe dar***)!. Denke bei Zeiten daran, dei: nem Gegner zu Willen zu fein, fo lange du noch auf dem Meg mit ihm zum Richter bift, Damit du nicht von dem Geg— ner an den Nichter Fommft, und vom Richter an den Häfcher, und man dich ins Gefängnig wirft. Wahrlich, ich fage Dir, du kommſt dort nicht heraus, bis du den legten Heller bezahlt haft! — Ihr habt gehört, daß gefagt ward: du ſollſt nicht ehebrechen+)! Sch aber fage euch: Seder, der einen lüfternen Blick auf ein Weib wirft, hat in feinem Herzen fchon die Ehe gebrochen. Wenn dein rechtes Auge dich verführen will, fo reiß es aus und wirf es von dir! Es iſt dir beffer, eines dei- ner Glieder zu verlieren, ald mit dem ganzen Leib in die Ges henna geworfen zu werden. Und wenn deine rechte Hand dich verführen will: haue fie ab und. wirf fie von dir! Denn ein für allemal, es ift dir beffer, ein Glied zu verlieren, als mit dem ganzen Leib in die Hölle geworfen zu werden ++)! — Es wird gefagt: wer fein Weib fortſchickt, gebe ihr einen Scheide: brief +44). Sch aber fage euch + wer fein Weib fortfchieft [außer *) 2 Mof. 20, 13, **) Nah Neanders für mich überzeugender Bemerkung (2. 9. ©, 164) find die Worte: 05 Nav sinn ro ddslya avron dad, Evoyos !oroı tw ovvedeiw, als ein fpäterer Zufaß zu entfernen. *xx) Dergl. Mare. 11, 25. 2 Mof. 20, 12, +7) Vergl. Cap. 18, 8 f. Mare, 9, 43 ff. - +HD 5 Mol. 24, 2. Evangeliſche Reden und Erzählungen nach Matthäus. 37 um Unzucht willen], macht fie die Ehe brechen, und wer eine Fortgefchiefte freit, bricht mit ihr die Ehe*). — Ferner habt ihe gehört, daß den Alten gefagt ward: du folft nicht falſch ſchwoͤren“), fondern dem Herrn deine Gelübde halten***). Ich aber gebiete euch, überhaupt nicht zu ſchwoͤren; weder beim Himmel, — er ift Gottes Sitz, — noch bei der Erde, — fie üt feiner Füße Schemel“?), — noch bei Serufalem, — fie it Stadt des großen Königsr), — noch auch bei deinem Haupte ſollſt du ſchwoͤren, — Fannft du doch nicht Ein Haar weiß oder fchwarz machen! Sprecht zweimal Sa, oder zweis mal Nein; was drüber ift, ift vom Böfen+r)!— Ihr habt ges hört, daß gefagt ward: ein Auge für ein Auge und einen Zahn für einen Zahn+++). Sch aber gebiete euch, dem Böfen nicht zu widerfiehen. Sondern wer dich auf den rechten Baden fchlägt, dem reiche auch den andern hin, wer um den Leibrod mit dir rechten will, dem gieb auch das Oberfleid dazu, wer dich eine Meile weit zu gehen nöthigt, mit dem geh zwei! Wer dich bittet, dem gieb, und wer von dir borgen will, von dem wende nicht dih ab! — Ihr habt gehört, daß gefagt ward; du follft deinen Genofjen lieben fr) und ſollſt deinen Feind haſſen. Ich aber fage euch: liebet euere Feinde, fegnet, die euch verwünfchen, thut wohl euern Haffern, und betet für die, die euch mishandeln und verfolgen! So werdet ihr Kinder eueres Vaters im Himmel. Er führt feine Sonne herauf über Boͤſe und Gute, und läßt ed regnen über Rechtichaffene und Boͤſewichter! Wenn ihr die liebt, die euch lieben, was habt ihr davon? Thun dies nicht auch die Zöllner? Und wenn. ihr nur euere Brüder freundlich grüßt, was thut ihr denn befonde- res? Thun nicht auch die Heiden fo? Shr, ihr folk =) Bergl. Cap. 19, 3 ff. Mare, 10, 1 ff. **) 2 Moſ. 20, 7, 3 Mof. 19, 12, *+*) 4 Mof.,30, 3 5 Mof. 23, 21, wir) Jeſ. 66, 1. 7) Pf. 48, 3. +F) Berg. Jal. 5, 12, +rr) 2 Mof. 21, 24 4449 3 Mof. 19, 18. 38 Fuͤnftes Bud. volfommen fein, wie euer Vater im Himmel vollkom— men iſt. 9 a Im Vorftehenden haben wir allerdings eine etwas Yängere, zufammenhängende Ausführung über den Unterfchied, wenn man will, des chriftlichen Sittengefeßes von dem mofaifchen, richtiger, derjenigen Sittlichfeit, welche aus dem Princip des Glaubens ſtammt und in das Himmelreich einführt, von der blos irdifchen, aͤußerlichen. Wenn irgend eine Partie der Berg- predigt, fo feheint auf den erften Anblick diefe vorliegende ſich Dazu zu eignen, ald Theil, vielleicht al$ der Grundftamm eines eigentlichen Lehrvortrags zu gelten. Ob fie indeffen, fo wie fie vorliegt, folches gewefen feir Dagegen erweckt fogleich der Um— fland Bedenken, daß wir einige Apophthegmen eingefchoben finden, die wir, und zwar in einer vollftändigern Geftalt, in einer folchen, in welcher fie dem gegenwärtigen Zufammenhange fih nicht ohne Zwang würden einreihen laſſen, bereit bei Marcus gefunden haben. Daß fie aber von Jeſus zu wieder: holten Malen gefprochen fein follten, ift wenigſtens bei einem derfelben, dem kuͤhnen Bilde vom Ausreißen des Auges und Abhauen der Hand, durchaus unwahrfcheinlih, und wird es dadurch auch für die übrigen. Von andern eingefchobenen Saͤtzen, die wir nicht gleichfalls fhon aus anderer Quelle ken— nen, ift e8 um ihres Inhalts willen wenigftens zweifelhaft, ob fie von Haus aus dem gegenwärtigen Zufammenhange ange: hören. Aber, — und dies ift das Wichtigfte, — auch von denjenigen Ausfprüchen, Die recht eigentlich den wefentlichen Snhalt diefes Zufammenhangs ausmachen, müffen wir behaup: ten, daß fie ungleich mehr darnach ausfehen, gleich fo vielen andern, ähnlichen Ausfprüchen Sefu für ſich abgefondert ge— fagt zu fein, oder allenfalls unter einander nur einen Furzen, ‚ thythmifch gegliederten Cyklus gebildet zu haben, als einem ausführlichen Vortrage anzugehören. Der Grund dieſer unfe: ver Behauptung ift: fie tragen fammtlic einen Anigmati- Then Charakter; es find Näthfelworte, beftimmt, durch ihre eindzingende Gewalt zum weitern Denken aufzuregen, aber nicht, fei es ald Vorderſaͤtze oder ald Nachſaͤtze in einen planen, *) V. 21 ff. Parall, Luk. 6, 27 ff. 12, 58 f. Evangeliſche Erzählungen und Neben nach Matthäus. 39 logiſch gegliederten Zufammenhang einzutreten. In einem ruhi- gen, verftandesmäßig fortfchreitenden Lehrvortrage hätte Sefus nie die Forderung aufftellen koͤnnen, dem Feinde, der und auf den Baden fchlägt, auch den andern Baden hinzubalten, oder dem, der in räuberifcher Abficht unfern Rock begehrt, auch das Hemd dazu zu geben. Wohl aber fonnte er diefes und Ahnliches fagen, wenn es fi) aus dem Zufammenhange, in dem er e8 fagte, ergab, daß das Gefagte nicht in unmittelbarer Buchftäb- Vichfeit, fondern in fymbolifchem Sinne, daß es als ein Orakelſpruch gelten folle, den jeder, der ihn anwenden will, fich erft zurechte zulegen und zu deuten hat, — Auch über das Vorſtehende ift daher unfere Anficht in formaler Hinficht eine entfprechende, wie oben über die Seligpreifungen, mit denen jenes übrigens dem Sinne nach in gar Feiner nähern Beziehung fteht, und. ges . wiß auc äußerlich in feinem Zuſammenhange geftanden hat. Allerdings glauben wir, daß Sefus in dem Sinne, und zum Theil in den Ausdrüden der vorliegenden Rede einen Cyklus von erweiternden, beſchraͤnkenden, naͤher beſtimmenden Gegenſaͤtzen gegen moſaiſche Gebote ausgeſprochen hat. Aber im Gegen— waͤrtigen iſt uns dieſer Cyklus nur unvollſtaͤndig enthalten; mans. ches Fremde oder bei anderer Gelegenheit Geſagte iſt einge— ſchoben, anderes dazu Gehoͤrige vielleicht weggelaſſen worden, und ſo die rhythmiſche Gliederung des Ganzen verloren gegan— gen. Eben dieſer Cyklus aber mag. in einem gewiß nicht groͤ— Seren, wahrfcheinlich Hleineren Raume, als den feine Trümmer gegenwärtig einnehmen, ein felbftftändiges, gefchloffenes Ganze, ein Eleines Kunftwerf für fi allein ausgemacht haben. Wer die gewaltigen, wunbderlich Elingenden Worte vernahm, hatte genug an ihnen und begehrte, wenn er irgend von einer Ahnung ih: res Sinnes getroffen ward, vor der Hand nicht mehr zu hörem. Ueber den Sinn der paradoren Rede fei nur fo viel ges fagt. Wenn Jeſus den Ausdrud der Sittengebote, die er in Vollkraft feiner göttlichen Sendung hier den mofaifchen ) ges genüberftellt, — wenn er denfelben auf eine Spitze ftellt, wodurch *) Den moſaiſchen Geſetzen, nicht blos der phariſäiſchen Auslegung dieſer Geſetze. Vergl. hierüber die treffende Anmerkung Neanders, 8662 40 Fuͤnftes Buch. die Gebote über alle Möglichkeit einer buchſtaͤblichen Ausfuͤh— rung binausgehoben werden: fo ift folches nicht für eine zufäls lige Unvollfommenheit oder Unbehülflichfeit diefed Ausdruds zu nehmen, Es wird vielmehr die inwohnende Unendlichkeit des Geiftes, der durch die Worte entzündet werben foll, jenes Gei— ftes, ohne den auch die eigenfinnigfte Befolgung des Geſetzes unnüß und verdienftlos bleibt, es wird das incommenfurable Berhältniß diefes Geiftes zu aller und jeder nach Verftandesre geln geordneten Geftaltung des Außern Lebens und Handelns Dadurch ausgedrüdt. Am leichteften faffen wir auch dieſe hers ben Ausfprüche, wenn wir fie etwa als Antwort auf eine an Sefus ergangene Aufforderung denken, die wahre und Achte Salz fung des Gittengefeßed mit Worten auszufprechen, So names lich koͤnnen wir fagen, daß Jeſus, indem er etwas Unerfüllba= res als Gebot ausfpriht, Damit zu verftehen geben will, daß fi) das eigentliche Gebot ein für allemal mit Worten nicht vollftän- dig ausdrüden läßt, oder auch, daß eine vollftändige außerliche Erfüllung des Gebotes überhaupt unmöglich iſt. Bemerkens— werth ift dabei zugleich die Art und Weife, wie er die moſai— Then Formeln überall voranftellt, Gr thut dies nicht in der Abficht, fie zu widerlegen, oder auch nur, fie ald einen unge- nügenden Ausdrud des wahren Gebotes erfennen zu laffen. Im Gegentheil, wiefern es gilt, dem Gebot einen verftändigen Aus— druc zu geben, fo findet er fie vollfommen genügend; was er hin— zugufegen hat, — zugleich die Erfüllung und die Er gaͤn— zung der Gebote ) — überfchlägt, ald Ausdrud des Gebo— tes betrachtet, ſich felbft, und hört damit auf, ein verftändiger und adäquater Ausdrud zu fein. Aber es gefchieht folches nicht unbewußt, fondern auf felbftbewußte, geiftreiche Weiſe. Jeſus weiß fich berufen, mehr ald nur den verftändigen Ausdrucd des Gebotes zu geben, mehr als nur Geſetzgeber oder Sittenlehrer zu fein. Für folche, die zu ihrer Sittlichkeit verftandiger, buch— ſtaͤblich zu befolgender Borfchriften bedürfen, für folche, denen der göttliche Geift verftändlich ift, nur wenn er das Gepräge des “ endlichen Verftandes annimmt, ift er nicht gefommenz jene ha= *) Doppelfinn, der, wie fihon vorhin angedeutet, in dem Worte mi7- 0000: (B. 17.) liegt. Evangeliſche Erzählungen und Reden nach Matthäus. 41 ben Mofen und die Propheten, mögen fie diefe hören. Um da— her die Forderungen folcher ımreifen Juͤnger abzuweifen, giebt er ald Antwort auf diefelben einen Ausfpruch, deffen ‚‚göttliche Thorheit“ *) eben fo fehr die unberufenen Jünger zurüdzus fhreden, wie die ächten anzuloden geeignet if. — Solche Worte find recht eigentlich lebendige, Worte des: Lebens zu nennen. So. wenig nämlich, wie das organifche Leben der lebendigen Körper durch die Stoffe und die bewegenden Kräfte der unlebendigen Natur ermeffen werden kann, obgleich es fich in diefen Stoffen und Kräften äußerlich darftellt und verwirklicht: eben fo wenig Fann der Geift folcher Worte durch den Buchftaben er— meſſen werden, der vielmehr, von dem Geifte erfüllt, nur das Bild eines überfchäumenden Becher giebt. Und wie die Stoffe nur dann lebendig werden, wenn fie, zum Kampf unter einander ent— zündet, fich wechfelfeitig verzehren und aufheben: fo der Buchftabe nur durch den Gegenſatz und Widerſpruch gegen fich felbft, wodurch er eben aufhört, Buchſtabe zu fein, und zum Geifte wird *). *) To umgov zov Heov, 1Kor. 1, 25, Bekanntlich ift fhon von Ha— mann und Andern diefer Ausfprudh in ähnlichem Sinne gedeutet worden. Auguftinus fagt in feinen Confefftonen von ſich: absurdita- tem, quae me in illis literis ofenditat, ad saeramentorum altitu- dinem referebam (Conf. VI, 5.). **) Im Intereſſe ver Kirche haben freilich Die Ausleger yon jeher da— hin arbeiten müffen, aus diefen und andern Ausſprüchen Chriftt ein wirkliches Syftem der Gittenlehre hervorzuentmwideln. Man pflegt zu diefem Behufe das unbedingt Geſprochene durch allerhand Ein- fhränfungen und angeblich ftillfehweigend gemadte Vorausſetzun— gen zu bedingen, das Widerfprechende durch Erläuterungen und Ac— commodationen aller Art zu verfühnen, das Mangelnde durch gleich- falls als von felbft fich verftehend und fo vorausgeſetzt gedachte Zu— fäße zu ergänzen u. ſ. w. Alles dies ift infofern ganz recht und löblich, als allerdings in dem Größern das Geringere, in dem gött- lichen Worte ein Sittengefe enthalten fein muß, und die Tiefen des Wortes erft dann recht ergründet werden, wenn man ihren ganzen In= halt, ver ſich äußerlich darftellen Täßt, auch wirklich aus ihnen heraus- ftelt. Nur follte man nicht vergeffen, daß ſolche Außere Darftel- Yung nie eine erfchöpfende und adäquate fein fann, eben darum nicht fein kann, weil die äußere Seite des chriſtlichen Gittengefeßes nothwendig ein Progreß ins Unendfiche ift, der feinen Exponenten nicht felbft in dieſer Aeußerlichfeit, fondern im Innern des Geiſtes 42 Fuͤnftes Bud, * 9, „Huͤtet euch, euere Bortrefflichfeit nicht vor den Mens fhen zur Schau zu tragen! Wo nicht, fo habt ihr Feinen Lohn bei euerm Vater im Himmel. Wenn du Wohlthätigkeit uͤbſt, fo trompete nicht vor dir her, wie die Heuchler in den Syna— gogen und auf den Gaffen thun, damit fie von den Menfchen gerühmt werden. Wahrlich ich fage euch, fie haben ihren Lohn vorweg! Du’aber, wenn du wohlthun willft: laß deine Linke nicht3 davon wiffen, was die Nechte thut, damit deine Wohl: thätigkeit im VBerborgenen bleibe. Dein Vater, er, der ind Verz borgne fieht, wird dirs vergelten! — Und wenn du beteft, To mache es nicht wie die Heuchler! Die lieben,. in den Syna— gogen und an den Straßeneden ftehend zu beten, um zu gläne zen vor den Menſchen. Wahrlich ich fage euch, fie haben ih: ren Lohn vorweg! Du aber, wenn du beten willfts geh in dein Zimmer, fchließ die Thüre zu und bete zu deinem Bater, ihm, der auch im Verborgenen if. Dein Bater, der im Ber: borgenen fieht, wird dirs öffentlich vergelten! — Wenn ihr aber faftet, fo fehet nicht finfter, wie die Heuchler! Die verunftal- ten ihr Antliß, um vor den Menfchen als Faftende zu erfchei- nen. Wahrlih ich fage euch, fie haben ihren Lohn vorweg! Du aber, wenn du fafteft, falbe dir das Haupt und wafche bir das Geficht, damit du nicht vor den Menfchen als Faftender erfcheinft, fondern vor deinem Vater, ihm, der auch im Ver: borgenen ift. Und dein Vater, der im Verborgenen fieht, wird dirs vergelten! ’’*) — Diefe Ausfprüche, die offenbar zuſam— mengehören, geben, wenn aus ihnen die eben fo offenbar nicht in ihre Mitte gehörige Einfchaltung von der Natur des Gebe: te3 ausgefondert wird, ein deutliches Beifpiel jener ſymmetri— hat. Ueberſieht man dies, fo verfällt man nothwendig auf Einſei— tigfeiten, und man hat nur die Wahl, entweder dem offenbaren Sinne der Schrift mittelft der gewaltfamften Ausdeutungen zu widerſpre— then, oder auf eine ultrarigoriftifhe Moral Hinauszufommen, deren praftifhe Anwendung ſich als völlig unmöglich, erweift. Beſonders unrecht hat man, den Burhftaben der biblifchen Ausfprücdhe zur un— mittelbaren Marime für den bürgerlichen Gefeßgeber zu machen. Hier würde Jeſus felbft unftreitig gefagt Haben: Gebet dem Kaifer was des Katfers ift, und Gott was Gottes ift. *) Cap. 6, V. if V. 16 ff Evangelifche Erzaͤhlungen und Neben nach Matthäus. 43 fen Gliederung, die wir mehr oder weniger in allen ähnlichen Neden vorauszufegen haben. Sie find den vorangehenden ine fofern nicht ohne eine finnige Ueberlegung angereiht, als der Gegenfab zwiſchen fcheinbarer und wahrer Tugend, von dem fie handeln, allerdings zu jenem, der dort behandelt wurde, zwi— Then dem rationalen, Außerlichen Gebote des Geſetzes und dem innerlichen und unendlichen des göttlichen Beiftes, ein ana= loger ift. Aber ihre Verbindung mit jenen wird dadurch zu einer unpafjenden, daß dieſer letztere Gegenfak in dunfeln, aͤnig— matifchen Worten ausgedrückt war, jener aber in einfachen und unmittelbar verftändlichen ausgedrüdt if. Solche Zuſammen— ftelung würde der Lehrweisheit und dem äftbetifchen Tacte wis derfprechen, die wir in Sefus vorauszufeßen haben. 10, „Beim Gebet follt ihr nicht plappern, wie die Hei— den. Meinen doch diefe, mit ihrer Geſchwaͤtzigkeit Erhörung zu finden! Thut es ihnen alfo nicht nach; euer Vater weiß, weffen ihr benöthigt feid, noch ehe ihr ihn bittet. So alfo mögt ihr beten: Unfer Vater, du in dem Himmel, heilig fei dein Name; es komme dein Reich; es gefchehe dein Wille, wie im Himmel, fo auch auf der Erde, unfer Brot, das weſent— liche, gieb uns heute; vergieb uns unfere Schulden, eben fo wie auch wir unfern Schuldnern vergeben; führe uns nicht in Berfuhung, fordern befreie und vom Boͤſen!““) — Die Ein- ſchiebung diefes Ausſpruchs über die Befchaffenheit des Gebe— te3 und der daran gefnüpften- Gebetformel in die Mitte ‚der unter der vorigen Nummer mitgetheilten Ausfprüche ift offenbar nur durch den Gegenftand, den Begriff des Gebetes, veran: laßt. Der Gedanfe, durch welchen die Mittheilung der bes rühmten Formel herbeigeführt wird, ift ein von jenem Gedan— Eenzufammenhange, der in ſich felbft fo flreng verbunden ift, vollkommen unabhängiger. Das Gebet felbft wird, nad) un— ferm Gefühl wenigftens, durch ihn beffer motivirt, als, wie‘ bei Lukas, durch eine Bitte der Jünger um eine Gebetformel, welche durch die bereitd gebräuchlichen Formeln der Sohannesjünger veranlaßt fein fol. Im Iestern Falle würde Jeſus wenigftens das Anfehn haben, wirklich eine Formel zur Anwendung, zum BT. Barall, Wu, 11, 10 44 Fuͤnftes Bud. * wörtlichen Nachbeten geben zu wollen. - Dies aber kann, meis nen wir, feine Abficht beim Ausfprechen diefer herrlichen Worte fehwerlich gemwefen fein. Ihr gedanfenlofes Nachfprechen, fo wie es, gewiß nicht nach feinem Willen, unter feinen Beken— nern üblich geworden ift, hätte ihm wohl nicht minder für „Battologie“ gegolten, wie jene Gebete der deiden. denen er das ſeinige gegenuͤberſtellt. 11. „Wenn ihr den Menſchen ihre Fehler vergebt, ſo wird euch auch euer himmliſcher Vater vergeben; wenn aber ihr den Menſchen euere Fehler nicht vergeben wollt, ſo wird auch euer Vater nicht euere Fehler euch vergeben. *) — Eine Sentenz, die Jeſus zwar theild bildlich, theild ohne Bild, ges wiß mehr ald einmal ausgefprochen hat, die aber hier aus kei— nem andern Grunde fteht, als weil der Aufzeichner durch die Gebetformel daran erinnert ward. 12, „Tragt nicht VBorräthe zufammen auf der Erde, wo Motten und Ungeziefer freffen, und Diebe einbrechen und ftehs len! Sammelt euch lieber VBorräthe im Himmel, wo weder Motten noch andres Ungeziefer freffen, und wo Feine Diebe einbrechen und ſtehlen! Wo euer Schab ift, da wird auch euer Herz fein.‘ **) — Auch diefe beiden Süße, fo trefflich und voll- fommen des hohen Meifters würdig jeder für fich einzeln be= trachtet ift, und fo wahrfiheinlich fie zufammengehören, find in Sefu eigenem Munde vermuthlich noch anders verbunden gewe— fen, als fie hier erfcheinen. Wie fie hier ftehen, erfcheint der zweite im Grunde als überflüffig; «8 war aber Jeſu Sitte nicht, ein überflüffiges Wort zu fagen, noch weniger, ein fo be: deutendes an einen Ort zu flellen, wo es als übesflüffig er: fcheinen Eonnte. 13. „Die Leuchte des Leibes iſt dad Auge. Iſt dein Auge Klar, fo wird dein ganzer Leib hell. Iſt aber dein Auge böfe, fo wird dein. ganzer Leib dunkel, Wenn nun das Kicht, das innerliche in dir, Dunkel ift, welch ein Dunkel giebt es dann !’’**) — Zur Deutung diefes Gleichniffes liegt es wohl am a WEL Fr “) 2,19 ff. Baralt.' Luk, 42,733, f, (Matth. 19, 21. Marc. 10, 21) *#F) DB, 22 ff. Parall. Luk, 11, If; Evangelifche Erzählungen und Neden nach Matthäus, 45 nächften, an den fehr ähnlichen Ausfprud vom Salze (Nr. 4) zu erinnern, mit welchem Sefus die Jünger vergleicht. Hier: nach alfo würde auch hier die geiftige Analogie zu dem leibli- chen Berhältniffe nicht zunächft fo zu flellen fein, daß unter dem Auge eine einzelne Seelenkraft des Individuums gegenüber der übrigen Seele, fondern fo, daß darunter einzelne, vorzüg: lich berufene und erleuchtete Individuen gegenüber dem übrigen Menfchengefchleht verftanden würden. Indeſſen wird durch die eine Deutung die andere nicht ausgefchloffen, und der all- gemeine Sinn beider Gleichniffe ft: daß es im Menfchen, for wohl im einzelnen ald im Geſchlecht, etwas Letztes, Abfolutes giebt, von dem alles andere feinen Werth und fein gefundes Beſtehen hat, deffen Berluft fchlechthin unerfeglich, deffen Truͤ— bung oder Berunreinigung ein Unheil für dad Ganze ift. 14. „Niemand Fann zweien Herren dienen. Entweder er wird den einen haffen und den andern lieben, oder an dem einen halten, den andern verachten, Ihr Eonnt nicht zugleich Gott dienen und dem Mammon!“ *) 15. „Sorgt nicht um euer Leben, was ihr effen follt und was trinken! Auch nicht um euern Leib, was ihr anziehen follt! Sft nicht das Leben mehr als die Speife, und der Leib mehr als das Kleid? Blicket hin auf die Vögel des Himmels! Gie fäen nicht noch ernten fie, auch fammeln fie nicht in Scheuern, und euer Vater, der himmlifche, nährt fie. Seid ihr denn nicht noch ganz etwas anderes als fie? Wer vom euch kann mit all feiner Sorge feiner Lebenslänge eine einzige Ele zuſe— gen? — Und was fümmert ihr euch um Kleider? Merkt auf die Feldlilien, wie fie wachfen! Sie arbeiten nicht noch ſpin— nen fie, und doch fage ich euch, felbft Salomo in aller feiner Pracht war nicht geſchmuͤckt, wie eine einzige von ihnen! Wenn aber das Gras des Feldes, das heute dafteht und morgen ins euer geworfen wird, Gott fo befleidet, wie viel mehr nicht euch, ihr Kleingläubigen! Sorget alfo nicht und fprechet: mas folfen wir effen, oder was trinken, oder womit uns beffeiden? Um alles das mühen fich die Heiden. Euer Vater, der himm- *) V. 24. Parall. Luk. 16, 13. * 46: | Fuͤnftes Bud. Yifche, weiß, daß ihr das alles beduͤrfet. Strebet vielmehr zuerft nach dem Neiche Gotted und nach feinem Recht, und alles dies wird euch ald Zugabe werden! ’ *) 16. „Tragt Feine Sorge für den morgenden, Tag; der morgende Tag wird für fich felber forgen. Genug für jeden Tag an feiner eigenen Noth!“ *) Mir find bei Trennung auch der drei zuletzt angeführten Ausfprüche unferm Gefühl gefolgt, welches uns jeden einzelnen derfelben für fich allein genommen gewichtiger erfcheinen ließ, als in Verbindung mit den andern, fo willig wir übrigens zu= geftehen, daß diefe Verbindung Feine logifch - unrichtige ift. Wir fonnen dabei die Autorität des Lukas für und anführen, wel- cher den letzten Ausſpruch wohl nicht minder, wie den erften, nur in der Abficht von der mittlern Nede abgetrennt hat, um ihn bei einer andern Gelegenheit nachzubringen, aber. in Bezug auf jenen folches fpäter vergeffen zu haben fcheint. — Uebrigens find diefe Ausfprüche über die Sorge für das Irdiſche vor vie: Yen andern geeignet, als Beleg dafür zu dienen, wie Sefus überhaupt das Verhältniß des Aeußern zum Innern, des Irdi— ſchen zum Göttlichen ftellt. Jedermann giebt zu, daß es nicht feine Abficht gewefen. fein Fann, jene Sorge zu unterſagen oder auch nur fie, die nothwendige, pflichtmäßige, als entbehrlich er— fcheinen zu laffen, wiefern fie in der ihr zufommenden Sphäre d. h. in der des Außerlichen Thuns fich halt, ohne das Ge: müth und die Seele mehr als billig‘ in Anfpruch zu nehmen, Eben fo nun, wie er hier, vermöge des in jeder Achten Reli— giofität enthaltenen Idealismus, die irdifche Sorge ald aufge: hoben betrachtet, fobald fie nur noch im außern Thun, aber nicht mehr im Innern der Gefinnung vorhanden ift, nicht mehr das Heiligthum des Glaubens verumreinigt, — eben fo ift, in Folge defjelben Sdealismus, auch in manchen andern Fällen anzuneh: men, daß er, indem er vom Xeußerlichen zu fprechen fcheint, von diefem Aeußerlichen nicht als ſolchem oder wiefern es feine eigenthümliche Sphäre des Dafeind und der Berechtigung hat, fpricht, fondern wie es im Geiſte oder für den Geift ift, wo **) V. 34, % Coangelifche Erzählungen und Neben nach Matthäus. 47 fein Sein dem Nichtfein gleichgelten fol. So nur erhalten manche paradore Ausfprüche ihre richtige Deutung. 17, „Sprecht Fein Urtheil, damit man Feines über euch ſpreche! Daffelbe Urtheil, welches ihr fprecht, wird man über euch fprechen, und mit demfelben Maß, womit ihr Andere - meffet, wird man euch meſſen.““*) — Nicht ohne einige Ver: flahung des Sinnes hat Lukas Ddiefen Ausspruch folgenderges ftalt paraphrafirt?: „Richtet nicht, und man wird über euch nicht richten; verdammet nicht, und man wird euch nicht ver dammen; fprechet los, und man wird euch losfprechen! Gebet, und man wird euch geben; ein gutes, vollgedruͤcktes, gerüttels tes und überfließendes Maß wird man euch in den Schooß werfen. Denn mit demfelben Maß, wemit ihr meffet, wird man euch wieder meſſen.“ Nicht vom Geben im Sinn Außer: licher, materieller Wohlthätigfeit ift diefer Spruch gefagt, fon: dern von dem idealen Geben oder Zymeffen, welches in dem fittlichen Urtheile befteht. Der Sinn ift diefer gründliche und tiefe: der Maßftab des fittlichen Urtheil?, den ihr bei Andern anlegt, ift der Ausdrud für euren eigenen fittlichen Werth; je geneigter ihr feid, das Edle und Gute in Andern anzuerkennen, defto beffer und edler ſeid ihr felbft. 18. „Was ſiehſt du den Splitter im Auge deines Bru— . ders, den Balfen aber in deinem Auge merfft du nicht? Oder wie kannſt du zu deinem Bruder fagen: laß mich, ich will den Splitter aud deinem Auge ziehen; und fiehe da, der Balfen ſitzt in deinem eigenen Auge? Heuchler du, ziehe erft den Balken aus deinem Auge; dann magft du zufehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders zu ziehen!’ *) 19. „Gebt das Heilige nicht den Hunden und werft eure Perlen nicht vor die Schweine; Damit diefe fie nicht mit Fü: Ben treten, fich dann umkehren undch eu anfallen! +") — Dem Berfaffer des vierten Evangeliums wäre zu wünfchen gemwefen, Daß er diefen weifen Ausfpruch gekannt und beherzigt hätte. Sein Chriftus giebt vom Anfang bis zum Ende das unwuͤrdige Schaufpiel eines Mannes, der fein Heiliged vor die Hunde =) Cap. 7, B. 1 f. Parall, Luk. 6, 37 ff. Mate, 4, 24) +) B,3 ff Para, Luk, 6, 41. =) 2.0, 48 Fuͤnftes Bud. wirft und dafür von diefen angefallen und zerriffen wird. — uebri⸗ gens meint Jeſus mit dieſem trefflichen Worte wohl nicht blos einen aͤußerlichen, ſondern auch einen innerlichen Misbrauch des Heiligen, jene geiſtige Unzucht, die mit dem Heiligen getrieben wird, wenn man daſſelbe, flatt es rein und keuſch im innern Heilig— thum der Seele zu bewahren, in Berührung mit wilden Keiden- Ichaften (Hunden) oder mit unreinen Begierden (Säuen) bringt. 20. „Bitte, und man wird euch geben! Suchet, und ihr werdet finden! Klopfet, und man wird euch öffnen! Se: der Bittende empfängt, jeder Suchende findet, jedem Klopfen- den wird geöffnet. Oder ift etwa einer unter euch, der, wenn fein Kind ihn um Brot bittet, ihm einen Stein, oder wenn um ein Sifchlein, ihm eine Schlange reicht? Wenn nun ihr, böfe wie ihr feid, euern Kindern Gutes geben konnt: um wie viel mehr wird nicht euer Vater im Himmel denen, die ihn bitten, Gutes geben?’ *) — Eines jener wahrhaft claffifch zu nennenden Worte, die, gleich den claffischen Werfen des Alter: thums, fo Far, fo ſchlicht und fo einfach dem Blicke vorlie- gen, daß man fich nur allzuleicht verleiten läßt, daran vorüber zu gehen und nicht gewahr zu werden, welche Himmelstiefe in der Seele des Menfchen ruhen mußte, der es fprach. 21. „Alles, was ihr wollt, daß euch die Menfchen thun, das thut auch ihr ihnen eben fo! Dies ift das Gefeß und die Propheten.’ *) — Der Beruf, Gefeß und Propheten zu er füllen, den Sefus fich ald ihm eigenthümlich zufchreibt, Diefer Beruf brachte es mit fih, den Inhalt des Gefeßes und der Propheten auf feine Summe, auf feinen Fürzeften Ausdrud zu— rüczuführen *). Was übrigens bier als diefe Summe bezeich: net wird, das wird von Sefus offenbar nicht in der Abficht genannt, um ein Höchfted der Geſinnung, fondern nur, um eine allgemeine, auf Alles anwendbare Marime des außen fittlichen en damit auszufprechen. 22, „Tretet ein durch die enge Thuͤr! Weit iſt die Thuͤr und breit der Weg, der zum Verderben fuͤhrt, und Viele ſind, =), B7f. Varall, Luk. 11,9 ff. +) V. 12, Parall. Luk. 6, 31, er) Recht eigentlich in Diefem Sinne wird Das Wort mAngo0v von Pau— lus gebraucht: Gal. 5, 14 Evangelifche Erzählungen und Reden nach Matthäus. 49 die auf ihm hingehen. Wie eng aber ift die Thür, und wie fhmal der Weg, der zum Leben führt, und wie Wenige find, die ihn finden! ’’*) — Diefe Gnome fteht für den Verftand in einem gewiffen Widerfpruch mit der unmittelbar vorhergehenden von dem fichern Erfolge de8 wahren Gebet. Daß diefer Wi: derfpruch fich loͤſen läßt, Fein Zweifel! Aber e8 wäre gegen alle Lehrweisheit gewefen, beide widerfprechende Saͤtze fo nahe neben einander zu flellen, ohne auch nur den Widerfpruch als folchen zu Tage zu bringen und dadurch auf feine Loͤſung hinzutreiben. 23, „Huͤtet euch vor den falfchen Propheten, diein Schafe verkleidet zu euch kommen, innerlich aber reißende Wölfe find ! + **) 24: „Aus ihren Früchten mögt ihr fie erfennen. Oder lieft man etwa von Dornbüfchen Trauben, .oder Feigen von Di: ſteln? So trägt jeder gefunde Baum edle Früchte, der Franke Baum aber trägt bofe Früchte, Jeder Baum, der feine edlen Früchte tragt, abgehauen wird er und ind Feuer geworfen. Afo aus ihren Früchten mögt ihr fie erkennen!) — Die Warnung vor den falfchen Propheten fteht, wie Lukas richtig eingefehen hat, eben fo in nur erfünfteltem Zufammenhange mit Gegenwärtigem, wie beides mit dem Nachfolgenden. 25, ‚Nicht jeder, der mich einmal über das andere Herr nennt, wird ins Himmelreich kommen, fondern wer den Willen meines himmlifhen Waters thut. Manche werden an jenem Tage zu mir fprechen:, Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweiffagt, und in deinem Namen böfe Geifter ausge— trieben, und in deinem Namen viel Großes verrichtet? Da werde ich ihnen antworten: niemals Fannte ich euch; hinweg von mir, ihr Uebelthäter ! +) — Zur Erklärung diefes Ausfpruch8 bedarf man nicht nothwendig der Annahme, daß Sefus fich hier geradezu ald Weltrichter einführt; was, wiefern es überhaupt gefhah, wohl nur in prägnanterem Zufammenhange gefchehen ift. Seine Achten Jünger von den unächten ausfondern und, *) B, 13 f, Parall. Luk. 13, 24 *+) V. 15. =) V. 16 ff, Parall, Luk, 6, 43 f. (Matth. 12, 33 ff. Lu, 6, 45.) +) 3. 21 ff. Parall, Luk, 6, 46, 13, 25 ff II. Bd. A ‘ x. a Fuͤnftes Bud) indem er die erftern um fich verfammelt, die letztern von fich entfernen, konnte er auch in der Kraft des Lehrers und des Pro- pheten, ohne Weltrichter zu fein. 26. „Wer meine Worte hört und darnach. handelt, ich vergleiche ihn einem verfländigen Manne, der fein Haus auf fteinernen Grund baut. Es kommt die Fluth, die Ströme tre- ten aus, die Stürme wehen und treffen auf das Haus; aber es fallt nicht, denn: es iſt auf Feld gegründet: Wer aber meine Morte hört und nicht darnach handelt: ihn wird: man einem Thoren vergleichen, der fein Haus auf Sand baut. Die Fluth kommt, die Ströme treten aus, die Stürme wehen und ſchla— gen auf das Haus; und es flürztz es flürgt mit einem gewal- tigen Sturz!’ *) Es ift nicht zur verfennen, daß diefe Worte fih ganz gut zum Schluß einer längern Nede eignen, wie denn in beiden Evangelien die Bergrede mit ihnen befchloffen wird. Noch. beffer jedoch, ald an der Stelle einer Peroration im gewöhnlichen Sinne, nehmen fie ſich als Schluß. einer Unterhaltung der Art aus, wie wir folche als Veranlaffung zu der Sage von der Bergpredigt und von ähnlichen längeren Reden, die Sefus gehalten haben fol, am liebften vorausfeßen möchten, Daß beim Aufenthalt im Freien, wo. eine Menge Volks, theild um feine Worte zu vernehmen, theild um feine Heilkraft an ſich zu erfahren, ſich an den großen Meifter herandrängte, wiederholte Gefpräche fich theils zwifchen ihm und den Süngern, theils auch- mit Fremden anfpannen, die ihn fragend angingen, und auch zu unaufgefor- derten Xeußerungen und Ermahnungen fi mannichfache Ver: anlaffung fand: Dies liegt durchaus nicht außerhalb der Grenzen der Wahrfcheinlichkeit. Meint man e8 der Glaubwürdigkeit eines Apoftels fchuldig zu fein, dieſe Reden als wirklich zu Einer Zeit, wenigftens an Einem Tage gefchehen zu betrachten, fo fteht diefer Annahme in Bezug auf die vorliegenden nichts im Wege, dafern man fich nur entfchließt, fie in der Weife, wie wir es im Vorftehenden angedeutet haben, abgebrochen, in Fürzeren und längern Paufen, die verfchiedenen an verfchiedene Perfo- nen (einige der fpäteren unter diefen Ausfprüchen find faft eben *) V. 24 f. Parall,. Luk. 6,47 Evangelifche Erzählungen und Neden nach Matthäus, jo unverkennbar an Fremde, auch wohl an eine. unbeftimmte Menge, wie die fruͤheren an eigentliche Juͤnger gerichtet), ge— ſprochen vorzuſtellen. — Wir unſererſeits finden indeß jene Glaub— wuͤrdigkeit nicht weſentlich beeintraͤchtigt, auch wenn wir die Rede nur als eine freie Sammlung des zu verſchiedenen Zeiten und bei verſchiedenen Anlaͤſſen Geſprochenen anſehen. 27. Beim Eintritt in Kapernaum tritt Jeſu ein Centurio entgegen, und ſpricht ihn an; fein Knabe liegt ihm krank im Haufe darnieder, an feinen Gliedern gelähmt, in fehredlicher Pein. Jeſus erbietet fih, mit ihm zu gehen und ihn zu hei— len. Darauf erwiedert der Genturio: ,, Herr, ich bin nicht werth, daß du unter mein Dach eintrittft; fprih nur ein Wort, und mein Knabe wird geſund. Auch ich bin ein Mann, der etwas zu fagen hat; ich habe Soldaten unter. mir; heiße ich den einen gehen, fo geht er; den andern kommen, fo kommt er, heiße ich meinen Sklaven etwas zu thun, fo thut ers. Jeſus hörte es, verwunderte fich, und ſprach zu ſeinen Beglei⸗ tern: „Wahrlich ich ſage euch, ſelbſt in Israel habe ich fol- chen Ölauben nicht gefunden. Ich fage euch aber: Viele von Dften und Weften werden fommen und mit Abraham, Iſaak und Jakob im Himmelreiche niederfigenz die Kinder des Rei— ches aber wird man hinaus in die Finfterniß werfen; da wird es Geheul und Zähneflappen geben!’ Und zum Genturio fagte er: „Geh, und wie du glaubteft, fo gefchehe dir!“ Sein Knabe genaß zur felben Stunde *). Diefen Vorfall finden wir fowohl im erften, ald auch im dritten Gvangelium als gefchehen in dem Augenblide berichtet, wo Zefus von der Bergrede zurüdfehrend in Kapernaum wie- der eintrat. Er bildet alfo, nah den Reden des Sohannes, nach der Verſuchungsgeſchichte und nach der Bergrede die vierte Hauptpartie, von der wir annehmen müffen, daß fie fih, in derfelben Ordnung, die fich aus dieſer ‚ihrer Stellung in den zwei Fanonifchen Evangelien ergiebt, in der gemeinfchaftlichen Duelle diefer Evangelien vorgefunden hat: Auch hier indeß fin: den wir zwifchen beiden Gvangeliften keineswegs vollftändige Vebereinftimmung, obwohl hinreichende, um die Annahme jener =) Cap. 8, V. 5 ff. Luk. 7,1 ff. (Joh. 4, 46 ff.) Ar 52 ! Fuͤnftes Bud. gemeinfamen Duelle zu rechtfertigen. Der Knabe (im erften Evangelium ais, was fowohl Kind, als Slave bezeichnen kann) heißt bei Lukas ein von feinem Herrn hochgefchäßter Sklav; an der Stelle einer nähern Angabe feiner Krankheit findet fich die Bemerkung, er fei dem Zode nahe gewefen. Ferner ift es dort nicht der Genturio unmittelbar, welcher Se- ſum angeht, fondern jüdifche Aeltefte empfehlen ihn als einen MWürdigen, ald einen Freund ihres Volkes, der ihnen felbit eine Synagoge habe bauen laffen. Sefus laßt fih auf ihre Bitte bereit finden, mit ihnen zu gehen; da aber begegnen ihnen Freunde des Genturio, welche mit den eigenen Worten des Letz— tern, denſelben, welche diefer auch bei Matthäus fpricht, den Hern vom Betreten des Haufes. zurüchalten. — Diefer leb- tere Umftand zunächft iſt es, welcher einem unbefangenen Be- trachter über das Verhaͤltniß diefer Erzählung zu der bei Mat: thaus Keinen Zweifel laſſen kann. Es ift mit Recht bemerkt worden *), daß diefe Worte nur im eigenen Munde des Haupt: manns an ihrer rechten Stelle, jene ablehnende Sendung aber eine, felbft in dem Gebrauch einzelner Worte erkennbare, ungehö- tige Nachbildung des ähnlichen Zwiſchenfalls in der Begeben- heit mit der Tochter des Jairus *) ift. Der Anlaß zu diefer Veränderung und der vorhergehenden, in deren Folge fich diefe einfindet, ift nicht fchwer zu finden; er liegt unftreitig in der Kımde, die Lukas befaß, daß der Herr mit Heiden nie in per- fonlichen Verkehr getreten war **). Nichts natürlicher, als daß ihn diefe, am fich felbft vollkommen richtige Ginficht, wenn er eine Begebenheit von fchembar widerfprechendem Inhalte auf: gezeichnet fand, auf den Gedanken brachte, diefelbe in der Weife zu motiviren, wie wir die einfache Erzählung des Matthäus durch ihn motivirt fehen, durch dazwifchen gefchobene Wermitt- ler jüdischer Nation. Dies gab freilich, dem Gvangeliften un— bemerkt, den neuen Uebelftand, daß diefe Vermittler damit in *) Strang &. J. I, ©. 110 ff. *x) Marc, 5, 35, Parall. er) Es iſt in diefer Hinficht bemerfenswerth, daß auch die Begebenheit nit der Kananiterin (Mare. 7,25) bei Lufas weggeblieben iſt. Wie— wohl diefe Weglaffung in die größere Lücke fällt, die wir bei die— fem Evangeliſten bereits haben bemerfen müffen, f Evangelifche Erzählungen und Neden nach Matthäus. 53 ein, nach allem, was wir von den Verhältniffen wiffen, ziem- lich unwahrfcheinliches Verhältniß zu beiden Theilen treten; wie denn überhaupt eine fo eingeleitete und vorbereitete Uebung von Jeſu Wunderfraft nichts weniger als in dem Charakter der Art und Weiſe liegt, wie wir Jeſus fich fonft diefer Kraft bedienen fehen. Erkennen wir aber demzufolge jene Geftalt der Erzäh- lung, in welcher wir doch befennen müffen, daß Lukas ein gerechted Bedenken gefunden, fie für wirklich gefchehen anzuneh- men, für die urfprüngliche: fo wird uns hiermit die ganze Er- zahlung zum Problem. Sie wird und um fo mehr dazu, wenn wir zugleich auf die Umftände reflectiven, Die uns bereit3 von den Erzählungen des Marcus eine in manchen Beziehungen, unter andern auch in diefer, daß fie eine Perfon aus heidni— ſchem Bolfe betrifft, der gegenwärtigen fehr ähnliche als pro- blematifch erſcheinen ließ ). Wir meinen erftend den Umftand, daß die Heilung, welche Sefus hier verrichtet, ald eine Heilung in die Ferne gefchildert wird, als eine folche alfo, Die jener na= türlichen Anfnüpfungspuncte ermangelt, ohne die wir, unfern all- gemeinen Vorausſetzungen zufolge, folche Wunderereignifje nicht wohl zu denken vermögen; ſodann den vielleicht noch bedenkli— chern, daß der Glaube, durch welchen fich Sefus zur Ausübung feiner Wunderfraft bewogen findet, nicht der eigene Glaube des Kranken, fondern der Glaube eines Dritten ift, alfo in die Bes‘ gebenheit nicht als ein natürlich »organifcher, fondern als ein Gußerlicher, mafchinenartiger Hebel eintritt. Alle die Gründe, die und dort, bei der Erzählung vom kananaͤiſchen Weibe, zu der Annahme geneigt machten, daß wir in berfelben eine von Jeſus erzählte Parabel vielmehr, als eine wirklich erfolgte Be— gebenheit vor uns haben, treten bei der gegenwärtigen gleich- falls ein, und zwar mit noch verftärftem Gewicht, fo wie da— gegen mit verringerter Schwierigkeit der Erflärung des zu Erklaͤ— renden, Während nämlich dort nicht zu verfennen war, daß der erfte fchriftliche. Erzähler: felbft jene Begebenheit ald eine face fche einführt: fo fteht hier nichtd der Vermuthung entgegen, daß der Apoftel Matthäus, deffen Schrift nichts, als Reden und Ausfprüche des Heren enthielt, die gegenwärtige ähnlich, wie ”) Buch IV, ©. 526 f. 54 ’ Fuͤnftes Bud. nach unferer obigen Bemerkung die Verfuchungsgefchichte, wirf- lich nur als eine Parabel, wiewohl im Zone eines hiftorifchen Berichtes, Sefu nacherzählt haben mochte, Der erfte Evangelift fcheint auch hier ziemlich treu überfeßt zu haben; dem Lukas aber blieb das Unhiftorifche de3 Charakters, den die Erzählung in jener Geftalt trug, nicht unbemerkt, und da auch er in dem Borurtheile von der factifehen Geltung des fo Erzählten befan- gen war, fo erlaubte er fich mit ihr die ihm nöthig fcheinenden Veränderungen. Schon diefe Veränderungen zeugen dafür, daß das Driginal unferer Evangeliften die Erzählung nicht an— ders, als in einer problematifchen, unvollftändigen Geftalt ent: halten haben kann, in einer Geftalt, welche zu dergleichen Mo— dificationen aufforderte und zu berechtigen fchien. Faft noch mehr aber zeugt eben dafür eine Weglaffung, die fi) Lukas am Schluffe erlaubt. Das Wort von den Völkern, die von Oſten und Weften dahergezogen kommen und die für die Kinder Abra- hams beftimmt gewefenen Sitze einnehmen follen, dieſes Wort fallt bei Lukas an diefer Stelle aus, wird aber von ihm, zum deutlichen Beweis, daß es in feinem Original nicht gefehlt hat, noch von ihm überfehen worben ift, an einer fpätern Stelle nachgebracht, in zwar gleichfalls nicht unpaffendem, aber bei weitem minder prägnantem Zufammenhang ). Man fieht Fei- nen Grund, welcher den Coangeliften zu diefer Umftellung ver— anlaßt haben koͤnnte, wenn in der Originalfchrift diefes Apo— phthegma wirklich fo eng, wie in unferm Matthaus-Gvangelium, mit der Erzählung verbunden, wenn es, wie dort, von der Er— zaͤhlung umfchloffen war. Gar leicht dagegen wird das Ver— fahren des Lukas erflärlich, wenn wir annehmen, daß jener Spruch beim ächten Matthäus den Schluß der Erzählung bil- dete, in einer Weife, daß es, wie öfters in den Aufzeichnungen dieſes Apofteld, zweifelhaft fcheinen Fonnte, ob er noch zu der— felben gehöre oder nicht. Diefer Annahme felbft aber fteht feine Schwierigkeit entgegen, fondern fie ergiebt fich faft von jelbft, wenn wir die Erzählung für eine Parabel nehmen, und jenen Spruch für eine Gnome der Art, wie wir aus fo vielfa- hen Beilpielen wiffen, daß Sefus folhe an den Schluß feiner ul, 13,5 f. Evangelifche Erzählungen und Reden nad) Matthäus. 55 Parabeln zu ftellen liebte, Die Notiz von dem wirklichen Er— folg der Heilung, welche im erften Evangelium auf jenen Spruch nachfolgt, bei Lukas an die Stelle deffelben tritt, würde: hier: nach in der Urfchrift ganz gefehlt haben; und fie Fonnte weg- bleiben ohne irgend einen Nachtheil für die Parabel als folche, da diefelbe durchaus nur in den zwifchen Sefus und dem Gen- turio gewechfelten Reden, nicht in dem Gefchehen des Erfolges ihre Pointe hat. Freilich aber erfchien dadurch der Zufammen- bang jener Schlußgnome mit der übrigen Parabel etwas auf: gelodert, und es konnte für einen erzählenden Weberarbeiter leicht daS Anfehen gewinnen, als fei nur der zufälligen Verwandt: ſchaft des Inhalts halber jene von dem Apoftel hierher geftellt worden; wie wir ja fchon aus dem Beifpiele der Bergrede wif- fen, daß der Evangelift Lukas ſolche Zufammenftellungen, die er in feiner Quelle vorfand, als zufällig anzufehen und frei dar: über zu fchalten gewohnt war. Vorſtehende Erklärung, die aus unferer Grundanficht über die Zufammenfegung der fynoptifhen Evangelien auf das un- gezwungenfte und faſt mit Nothwendigkeit hervorgeht, erhält jedoch für alle, denen an der Ermittelung eines gefunden und würdigen Sinnes in den evangelifchen Berichten etwas gelegen ift, ihre gewichtigfte Beftätigung duch die Befchaffenheit des: jenigen Sinnes, der fich ihr zufolge ald der wahre Sinn und Snhalt der vorliegenden Parabel ergiebt. Es hat diefer Sinn feinen eigentlichen Sitz vorzugsweife in den dem Hauptmanne zugefchriebenen Worten. Wir finden alfo hier ein neues, vor: zuͤglich gehaltreiches Beiſpiel der ſchon früher von uns ge— machten Bemerkung über dergleichen in den evangelifchen Wun— dergefchichten fremden Perfonen untergelegte Worte, und ein neues Moment der Verwandtfchaft mit der Erzählung von der Kananiterin, in welcher gleichfalls die Worte des Weibes die eigentliche Pointe bildeten *).. Man würde nämlich irren, wenn man den Umftand, daß Jeſus ald eine Wirkung in die Ferne übend eingeführt wird, auch in der Parabel nur für einen bei- Yäufigen halten wollte, wie er folches in der buchftäblich ver- ftandenen Anekdote allerdings wäre, wo nur etwa das quanti- *) Bergl, Bd. J, ©, 527. 56 Fünftes Bud. tative Moment der Größe des fo volbrachten Wunders, aber nicht auch die befondere Qualität deffelben in Betracht kommen fonnte, Für die parabolifhe Bedeutung des Ganzen iſt gerade dies das MWichtigfte, daß e8 dem Genturio vermöge der. Stärke feines Glaubens, der, über die Außerlichen Bedingungen des gemein- finnlihen Gefchehens hinwegfehend, eine Wirkung des Gottli: chen auch in die Ferne für möglich hält, folche Wirkung in der That hervorzurufen und fich anzueignen gelingt, Dadurch) be— zeichnet Jeſus auf das fchlagendfte, was zu bezeichnen die ganze Parabel beftimmt, und was in der Schlußgnome mit Haren Worten ausgefprochen ift, das Verhältniß der Heiden zu ihm und zu feinem Werfe, im ausdrüdlichen Gegenſatze gegen das Berhalten der Juden. Der römifche Genturio wird ald Nepräs fentant jener Voͤlker eingeführt, „die von Oſten und Weften herzufommen werden, die nicht warten, Daß Jeſus zu ihnen fomme und ihnen feine Wohlthaten aufdringe, ja die nicht einmal verlangen, daß er fich zu ihnen herablafje und perfün- lich in ihre Wohnungen einkehrez während die Juden zum gro« Ben Theil fogar den leibhaftig unter ihnen Wandelnden ver: fhmähten. Es ift alfo die geiftige Wunderwirfung Sefu in die Ferne, es iftfein weltgefhichtliches, an keine Schranfe von Raum und Zeit gebundenes Wirken, was durch das Bild des leiblichen Heilwunders, das Jeſus hier in die Ferne wirkt, nur gleichnißweife ausgedrüct werden ſoll. So gewinnt einen großartigen, des erhabenen Selbftbewußtfeins , von welchem er berichtet wird, durchaus würdigen Sinn: eben jener Umftand, welcher, buchftäblich verftanden, alle gefunden Begriffe von der organifhen Natur der Wunderthätigfeit zu verwirren droht, Bon wie weit höherem Werth aber die geiftige Größe, in der uns Jeſus entgegentritt, wenn wir ihn, feiner jüdifchen Umge— bung gegenüber, mit fo gewaltiger Parrhefie die welthiftorifche Zukunft feines Werkes, die Beftimmung der Heiden für das Neich Gottes und die Ausfchließung derer, die fich felbft für die Kinder diefes Neiches hielten, verfündigen hören, — von wie weit höherem Werth diefe Größe ift, als die Größe des Mirakels, welches er, befangen genug, auf eine Empfehlung der juͤdiſchen Altmeifter zu diefem Behuf zu warten, ausnahms- weife an einem heidnifchen Kriegsmanne verrichtet, weil er ein Evangelifche Erzählungen und Neden nach Matthäus. 57 Sudenfreund ift und an Jeſu Wundergabe glaubt; darüber follte, meinen wir, heut zu Tage Feiner, der irgend einen Anfpruch auf geiſtiges VBerftändnig des Evangeliums macht, fich. verblenden koͤnnen! Das Verhaͤltniß dieſer Erzaͤhlung zu der von der Kanani— terin, die faſt genau den naͤmlichen Inhalt hat, läßt einen in- tereffanten Blick thun in die Mannichfaltigfeit der Formen, in denen Jeſus öfters einen und denfelben Hauptgedanfen ausge- fprochen haben mag. Jener gegenüber ift unftreitig Die vorlie- gende Parabel die bedeutenderez es tritt in ihr mit größerer Klarheit die Bedeutung des Moments der Fernwirkfung, mit größerer Energie und unverholnerer Freimüthigkeit die Oppofi- tion gegen die Befchränftheit des Sudenthumes hervor. ı Bes fonders merkwürdig ift, wie in ihr der Vorzug der Heiden vor den Juden ald ein univerfeles Moment ausgefprochen wird, während er dort nur noch als ein particulaͤres erfcheint. 23. Einem Schriftgelehrten, der Sefum unterwegs auf einer Reife trifft und fich erbietet, ihn zu begleiten, wohin auch fein Weg gehe, ruft‘ diefer zu: „Die Füchfe haben ihre Gruben und die Vögel des Himmels ihre Nefter,, der Sohn des Menfchen aber hat Feine Stätte, wohin er fein Haupt legt!“ — Um die fchlichte Bemerkung auszudrüdfen, daß er fich Teiblich an Feine fefte Heimath habe binden wollen, würde Sefus ſchwerlich fi) eined fo frappanten Bildes bedient habenz eben fo wenig um feine Armuth an Geld und äußerlihem Gut zu verftehen zu geben. Der Sinn diefer Worte liegt ohne Zweifel tiefer, Daß der göttliche Geift, der in ihm Menfc geworden, nimmer ruhe noch rafte, Daß er unter fein Dach, in feine vier Pfähle ſich einpferchen Laffe *): dies wollte Sefus fagen, und hiermit'nicht blos jenen einzelnen jüdifchen Schriftgelehrten, fondern die Schriftgelehrten aller Zeiten abfertigen, fie, die immer aufs neue wieder den Buchſtaben (nicht den gefchriebenen blos, fondern jedwede fefte Geftalt, die irgendwie im Leben oder in der Ge— ſchichte als Buchftabe dient) zu einem Ruhekiſſen machen möc)- ten, den Geift Darauf zu betten und wo möglich in Schlaf zu ae Cap. 8, V. 19 Parall. Luk. g, 57 fü *#) Bergl, Joh, 3, 8 58 Fuͤnftes Bud). lullen! So verftanden gehört das Wort zu den größten, Die Zum Object des Gleichniffes übrigens find nicht umfonft Füchfe und Vögel gewählt, — nicht nach Willkür die erften beften Thiere, fondern von allen diejenigen, die am meiften den Schein geben, frei und heimath3los, die einen auf der Erde, die andern in den Lüften umherzufchweifen, aber, wie ihres Gleichen unter den Menfchen, zulest doc auch ihre Schlupfwinfel haben, in die fie fih, wenn ihre Zeit fommt, verfriechen. 29. An diefes große Wort wird unmittelbar von unfern Erzählern, und, wie es fcheint, bereit3 in ihrer Quelle, ein an— deres, nicht minder geiftvolles angereiht. ,, Komm mit mir, und laß die Zodten ihre Todten begraben! ’* — fpricht Jeſus zu einem Andern, von dem hinzugefeßt wird, er habe um die Erlaubniß gebeten, bevor er zu Jeſu Schülern ſich gefelle, fei- nen Vater begraben zu dürfen i i ſter durch dieſen Aufruf den Juͤnger wirklich habe abhalten wol- len, die fromme Kindespflicht zu erfüllen, ift mehr als zweifel- baft. Es ift namlich nicht wahr, daß, wie es die Ausleger hier behaupten, dad Wort „die Todten ’’ das erftemal in bildlicher, das zweitemal in eigentlicher Bedeutung gefagt ſei. Daffelbe hat vielmehr, fo verftanden, wie Jeſus es von feinen Süngern und von und verftanden wiffen will, beidemal eine bildliche Be— deutung. Was Jeſus damit unterfagt, ift nichts anderes, als die geifttödtende Befchäftigung mit dem Abgeftorbenen und Ber: wefenden, da, wo es ein Lebendiges giebt, welches unfern Sinn und unfere Kraft in Anfpruch nimmt *). 30. „Die Ernte ift groß, der Arbeiter find aber wenige. Bit: tet alfo den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter in feine Ernte ſende.“ *) — Diefer bedeutende Ausſpruch, von Dem man, *,B, 217. Para. ui B,59 f. #7) Eine fpätere Sage nennt als den Jünger, an den jenes Wort ge— richtet fein fol, den Apoftel Philippus. ‚Clem. Alex. Strom. IM, 4. P. 522 Pott. Schwerlich hat Diefe Sage einen unmittelbar hiſto— riſchen Grund, wahrfcheintich aber ift fie, wie manche ähnliche, auf ein Charafterbild diefes Jüngers, wie die Sage es zuvor gefaßt ha- ben mochte, aufgetragen. =##) Cap, 9, V. 37 f. Parall. Luk, 10, 2 Evangelifche Erzählungen und Neben nad Matthäus, 59 da er gleichfalls, wie die vorhergehenden, die Süngerfchaft des Herrn zum Gegenftande hat, wohl annehmen Fann, daß er in der Quelle zunächft an jene angereiht war, wird vom erften GEvangeliften an eine Sentenz über das Mitleid Jeſu mit der birtenlos umherirrenden Menfchenheerde geknüpft, welche diefer Evangelift zu diefem Behufe aus der Erzählung vom erften Speifungswunder bei Marcus herausgenommen hatte *); Lukas giebt ihn, etwas fonderbar, bei Gelegenheit der Ausfendung der Siebzig. Seinem Sinne nach bezieht fich derfelbe gewiß nicht blos auf die Aaußere Menge des Volks, dem das Evange— lium gepredigt werden fol, fondern er hat zugleich den tiefern Sinn, daß in dem Menfchen eine Menge edler Anlagen und Gemüthöfräfte ruhen, die nur einer beffern Pflege bedürfen, um für das Himmelreich zu reifen. Zwar Fonnte man einwenden, Daß anderwärts **) recht ausprüdlich die Menfchen fammt und fonders mit allen ihren guten und fchlimmen Eigenfchaften in das Bild der Ernte einbegriffen werden; allein dort bedeutet diefes Bild etwas anderes, als hier; dort ift eine jenfeitige, hier eine dieffeitige Ernte gemeint. Mas nun zunähft folgt, it wiederum eine Reihe von Aus: fprüchen, in eine längere Rede, der Bergpredigt ahnlich, zuſam— mengeftellt. Auch diefe Rede wird an die Jünger gefprochen, und zwar ausdrücklicher, als jene, an die zwölf Apoftel als ſolche, deren Namen unfer Evangeliſt unmittelbar vor ihr: aufführt. Die Rede felbft finden wir einem Theile ihres Inhalts nach der Notiz entfprechend, welche in einem andern Zufammenhange Marcus und nach ihm Lukas über die paarweife Ausfendung der Apoftel geben **). Diefe Notiz ift in unferm Evangelium weggeblieben; nicht unmöglich jedoch wäre es, daß einige Züge von ihr in die Ueberfeßung , welche dieſes Evangelium aus fei: nem hebräifchen Original von gegenwärtiger Nede giebt, über: gegangen ſind. Die Rede felbft geben wir, das zu ihr äußer- lich Zufammengefügte wiederum auseinandertrennend (in wel: *) Bergl. Bo ©, 507, ==) Marc, 4, 29. Matth. 13, 26 ff. =) Marc, 6,7 ff. Luk 9, 1 ff. Berge. 3b. I, ©, 404 60 | Fuͤnftes Buch. chem Beſtreben wir abermals den Evangeliſten Lukas zu unſerm Vorgaͤnger haben), bruchſtuͤcksweiſe (Nr. 31—41). 31. , Geht nicht ab auf die Straße, die zu den Heiden führt, und tretet in Feine Stadt der Samariter ein. Wendet euch vielmehr an die verlornen Schafe vom Haufe Israel. Ge: het ihr aber, fo predigt und fprecht: es nahet dad Himmelreich ! Kranke ſollt ihr heilen, Todte erweden, Ausfägige rein machen, böfe Geifter austreiben. Umfonft habt ihrs empfangen, um: fonft follt ihrs verrichten. Nehmet Fein Gold, Fein Silber, Fein Kupfer in euern Gürtel. Kein Nänzel auf den Weg, Fein dop- peltes Kleid, Feine Schuhe, feinen Stab! Der Arbeiter vers dient, daß man ihm feine Beföftigung reihe. Wo ihr nun in eine Stadt oder ein Dorf eingehet, fo forfchet nach, wer es dort verdient; bei dem bleibet, bi ihr wieder von dannen ge— bet. Beim Eintreten in das Haus grüßet ed; verdient das Haus den Gruß, ſo wird euer Segen uͤber daſſelbe kommen; verdient es ihn nicht, ſo wird euer Segen ſich auf euch zuruͤck— wenden. Und wenn man euch nicht empfängt, noch auf euere Worte hört, da gehet aus folchem Haufe oder folcher Stadt heraus, und fehüttelt den Staub von euern Füßen. Wahrlich ich ſage euch, erträglicher wird e8 dem Sodomer und Gomotr- her Lande am Tage des Gerichts ergehen, als folcher Stadt !‘‘*) Diefe Worte find gefagt, vielleicht, um eine eigentliche Geltung zu haben für die Apoftel bei ihrer damaligen Ausſen— dung, ficher aber und jedenfall mehr noch, als jenes, um eine fombolifhe zu haben für die Verkündigung des Chriftenthums überhaupt. Dadurch, daß die Apoftel nicht zu Heiden und Sama— ritern, fondern zunächft nur zu Söraeliten gefandt werden, werden Jene nicht: vom Evangelium ausgefchloffen, fondern es wird nur geboten, ihre freiwillige Ankunft zu erwarten. So findet zwifchen dieſem Ausfpruch und dem früheren, feheinbar entge— feßten (Nr. 27), ingleichen der anderwärtd gegebenen Verkuͤn— digung einer Predigt des Evangeliums über den ganzen Erdbo— den *), fo wie auch dem Verſchiedenen, was anderwärts zu *) Cap. 10, B.5 ff. Parall. Luk, 10, A ff. (Mare. 6, 7 ff. Luk. Omar, *x) Marc. 13, 10 u. Parall. Evangelifche Erzählungen und Reden nach Matthäus. 61 Gunften der Samariter gefagt und gethan wird *), Fein Wis derfpruch ftatt. Werden doch auch dort zunächft nur die Israe— liten ald ,, Kinder des Reiches“ vorausgefeßtz nur wegen ihrer Unwürdigfeit müffen fie fremden Anfümmlingen beim Gaftmahle den Plab räumen **). Der Grund, weshalb Jeſus fich perſoͤn— ih nur an Israeliten wandte, feine Begleiter nur aus dieſem Volke auswählte, und auch fie zunächft nur Israeliten das Evangelium predigen hieß, tft vielmehr, weil er fih bewußt war, unmittelbar nur für diefe das Organ zu haben, durch das - er fich verftändlich machen Fonnte, um diefe in Außerlicher Be: ziehung hinlänglich vorbereitet auf die Predigt des Evangeliums zu finden. Solchergeftalt gewinnt jenes Verbot den allgemet: neren, auch für fpätere Zeiten gültigen Sinn, daß das Evan: gelium nicht allenthalben aufs Gerathewohl, fondern nur da gepredigt werden fol, wo man Empfänglichfeit und die nöthi- gen Borbedingungen des Verſtaͤndniſſes vorauszufegen bereche tigt iſt *). — Weiter heißt es, daß. die Apoftel nur ihre Gna— dengaben nicht zum Gegenftande eines Lohndienftes machen fols len; für die Lehre wird ein Lohn infoweit fogar gefordert, als Jeſus die Ausgefandten auf fie als das Mittel ihres Lebens: unterhaltes anmweift. Damit, und durch den Zuſatz, daß fie jene Gaben ja auch umfonft empfangen haben, wird für diefe legteren, im ausdrüdlichen Gegenfaße des Lehrberufs, unver: fennbar zugleich dies angedeutet, daß diefelben nicht einen ſub— ftantiellen Beftandtheil des apoftolifchen Berufs ausmachen fol- len, daß fie, um rein und Achter Art zu bleiben, Feine gefchäftg- mäßige Ausübung, in der Weife eines Gewerbes, zulaffen. — Das Gebot der leichten Ausrüftung auf der Reife hat nicht den =) Luk. 10,30 f. 17, 18. Joh. A, 5 ff. **) Aehnlich Paulus und Barnabag in ihrer Anrede an die Juden, Ap. Geſch. 13, 46. Vergl. Röm. 3,1. *xx) Cine apokryphiſche Nachricht (mad Euſebius die magadosıc) läßt Ehriftum den Apofteln die Borfehrift geben, erft nach zwölf Jahren die Juden zu verlaffen, um unter die Heiden zu geben, Clem. Al, Strom: VI, p. 636 s. Euseb. H. E. V, 18. Cine Notiz, die man wenigfteng für die Chronologie der Apoftelgefrhichte nicht ungenußt laſſen follte, da fie wahrſcheinlich erſt aus chronologiſchen Thatfas hen gebildet ift. 62 Fünftes Bud. ascetifhen Sinn, welchen die Bettelmoͤnche ihm unterlegten, fondern einen ähnlichen, wie weiterhin das Verbot, nicht auf Fünftliche Reden vor Gericht zu ſinnen; nämlich diefen, daß. es zur Predigt des Evangeliums Feiner weitläuftigen Zurüftung bedarf, fondern ein einfaches und Funftlos natürliches Verfah: ren das allein richtige if. — Machen wir, — wie es ber Geift diefer Worte unfteitig mit fih bringt, — hiervon die Anwendung auf nachfolgende Zeitalter und auf uns felbft: fo müffen wir uns freilich geftehen, daß durch die weltgefchicht: lichen Verwicklungen und die Eulturverhältniffe die Erfüllung diefes Gebotes in firengem Sinne, die Enthaltung von allem Veberflüffigen in geiftiger nicht minder, wie leiblicher Beziehung, fo gut wie unmöglich geworden ift. Es hat nämlich auch Diefe Rede, — nad) der eigenen Abficht des Herrn, müfjen wir vorauss feßen, — neben dem eigentlichen auch einen fymbolifchen Sinn. Sn diefem fymbolifchen Sinne gehört die weitläuftige Gelehr- famkeit, hiftorifche, philologifche und philofophifche, deren wir uns jebt ald Organ bedienen, dad Evangelium zu faffen und lehrend mitzutheilen, nicht minder, wie der doppelte Rod oder das doppelte Schuhwerk, zu jenem überflüffigen Neifegeräth, welches Sefus den Apofteln mit fich zu führen unterfagt. Allein auch in diefer Beziehung hat es bei dem Worte des Herrn in— fofern fein Bewenden, ald die Ruͤckkehr zur Findlichen Einfalt des nur durch das göttliche Wort in feiner einfachften Geftalt erleuchteten Gemüthes noch jeßt auch dem mit jenem Nüftzeuge Ausgeftatteten nicht unmöglich, vielmehr nad) wie vor von jedem, der im Geift und in der Wahrheit das Gvangelium predigen will, unerläßlich gefordert ift. Uebrigens ift nicht zu überfehen, daß fich anderwärtd *) auch ein ausdrüdlich ergaͤnzender Ge- genfab zu dieſer Forderung findet, der gleich demfelben eines fombolifchen nicht minder, wie des eigentlichen Verſtaͤndniſſes fähig und bedürftig if, — Was endlich das Verhalten gegen diejenigen betrifft, an welche die Predigt der Apoſtel gerichtet werden fol, fo wird in jenen Worten diefes dreies geboten: all- gemeiner Gruß und Segenswunſch an Alle, ausdrüdliches Ver— weilen bei denen, die fich geneigt zur Aufnahme zeigen, und =) Luk. 22, 5). Evangelifche Erzählungen und Neden nach Matthäus. 63 eben fo ausdrüdliche Abwendung von denen, welche ihrerfeits das Evangelium zurüdftoßen. 32. ,, Seht, ich fende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Seid Flug wie die Schlangen und arglos wie die Tau— ben! Hütet euch aber vor den Menfchen! Sie werden euch vor die Dbrigfeiten führen und in ihren Synagogen euch gei- Beln, und vor Könige und Große werdet ihr um meinetwillen geftellt werden, damit ihr ihnen und den Voͤlkern Zeugniß ge— bet. Führen fie euch aber hin, fo forgt nicht, wie oder was ihr Sprechen folt: es wird euch zur Stunde gegeben werden, was ihr zu sprechen habt. Denn nicht ihr feid, die da ſpre— chet, ſondern es tft der Geift eures Vaters, der in euch fprechen wird. — Brüder werden ihre Brüder in den Tod geben, und Bäter ihre Kinder, und Kinder werden gegen ihre Aeltern auf: ftehen und ihnen den Tod bringen, und ihr werdet bei Allen verhaßt fein, um meines Namens willen. Wer aber ausharıt bis zuleßt, der wird felig!‘ *) — Wahrfcheinlich hat hier un- ſer Evangelift einiges aus einer fpäteren Stelle des Marcus her— übergenommen, mit der er allzu auffallend zufammentrifft. "Daß indeß der Hauptgedanfe unabhängig von jener Stelle bei Mat: thaus im gegenwärtigen Zufammenhange vorfam, zeigt das dop— pelte VBorhandenfein deffelben bei Lufas. Uebrigens gehört Dies fer Gedanke, die Mahnung an die Jünger, nicht forgen zu wollen, was fie vor Gericht zu fprechen haben, zu denen, von denen ſich wohl annehmen laßt, daß Jeſus fie mehr als ein- mal ausgefprochen hat. In ſolchen Aeußerungen, wie diefe, bat man das Prophetifhe im wahren, menfchlich - göttlichen . Sinne zu ſuchen; fie zeugen lauter, als alle im gewöhnlichen Sinne wunderbaren Borausfagungen, von der wahrhaft güttli- chen Gewißheit, die Chriftus nicht blos von der innern Wahr: heit, fondern auch von dem Außeren Erfolg feiner Lehre hat, 33. „Wenn ſie euch aus einer Stadt vertreiben, ſo flie- het in eine andere. Wahrlich ich fage euch, ihr werdet durch) die Städte Israels nicht hindurchfommen, bevor des Menfchen Sohn erſcheint!“ *) — Daß die „Paruſie“ und das Weltende =) 8,16 ff. Parall. Luk. 10,3. 12, 11 f. (Mare. 13,9 ff. Luk. 21, 12 ff.) **) V. 23, 64 Fuͤnftes Bud. nahe bevorſtehen, haben diefe Worte gewiß nicht fagen follen, fondern nur, daß, fo lange die Welt fteht, das Chriftenthum unabläffig zu kämpfen haben werde, und, aus einer Stätte vertrieben, fich andere Stätten fuchen müfle. 34, „Ein Schüler ift nicht über feinem Lehrer, noch ein Knecht über feinem Herrn. Der Schüler muß zufrieden fein, wenn es ihm geht, wie feinem Lehrer, und der Knecht, wenn, wie feinem Herın. Wenn fie den Hausherrn Belzebul nann⸗ ten, wie viel mehr feine Schußbefohlnen? Fürchtet fie alfo nicht 7°*) — Aus der Einficht in die Nothmwendigfeit des Uebelö erwächft der Muth, welcher dem Uebel furchtlos entgegentritt. 35. ‚Nichts ift fo verborgen, das nicht offenbar werden, und nichts fo dunkel, das .nicht erkannt werden wird. Was ich euch im Dunfel fage, das follt ihr wieder fagen im Licht, und was euch ind Ohr gefprochen wird, das ſollt ihr von den Dächern verkuͤndigen!“*) — Ein großes Wort, wodurch Chri- ſtus die Erfennbarfeit des Göttlichen im vollſten Wortfinne, und zugleich Dies ausſpricht, daß er felbft folhe Erfenntniß nur in’Andeutungen und Winfen, die noch einer Deutung und Ausführung bedürfen, giebt. Es ift bemerfenswerth, daß, was hier in wahrfcheinlich wortgenauerer Ueberlieferung als Auffor: derung Sefu an die Sünger gegeben wird, dies bei Lukas fo gewendet ift, daß vielmehr erft eine einftmalige laute Offenba- rung defien, was jegt noch die Jünger einander ind Ohr fpres chen, verfündigt wird. Wiewohl diefe Veränderung des Aus: drucks unnöthig ift, fo zeigt fie doch, wie man den Wink des Herrn richtig verftanden hatte, indem man feine Erfüllung in eine fernere Zufunft hinausrüdte, Uebrigens ſcheint das Ges wicht diefes Ausfpruchs zu verlangen, daß er von dem Voran—⸗ gehenden fowohl als dem Folgenden abgetrennt werde. Eben fo tritt auch umgekehrt jened andere, von ihm abgetrennt, ges wichtiger hervor, als wenn es mit ihm durch einen blos logi— Ichen Verband verbunden wird. Den Lufas trifft der Tadel, daß er das logiſche Band auflöft und doch die Außerliche Zus fammenftellung beibehält. *) V. 24 f. Parall. Luk. 6, 40. **) DB, 26 f. Yarall, Luk, 12,2 f. Evangelifhe Erzählungen und Reden nah Matthäus. 65 36. „Fuͤrchtet euch nicht vor denen, die den Leib tödten, aber die Seele zu todten nicht vermögen. Fürchtet vielmehr den, der Seele und Leib in der Gehenna verderben kann!““) 37. , Nicht wahr, zwei Sperlinge hat man für einen Pfen— nig? Und nicht Einer von ihnen fällt auf die Erde ohne euern Bater. Euch, aber, euch find alle Haare auf dem Haupte ger zahle! Fürchtet euch alſo nicht. Seid ihr doch mehr. werth, als viele Sperlinge!“*). — Eine fpecielle Vorfehung der Art zu beweifen, die ſich wirflih um das Leben der Sperlinge kuͤm— mert oder die Haare auf dem Haupte zählt, möchte diefer Aus: fpruch wohl eben fo unzureichend fein, wie der befannte von der Kraft des Slaubens***), zu beweifen, daß der Glaube im Ernft Berge verfegen fünne. Diejenige Vorfehung, welche der Gegenftand des Achten Glaubens und Gottvertrauens ift, hat eben fo, wie diefer Glaube felbft, nur das im lebendigen, gei— ftigen Sinne wahrhaft Seiende und Wirkliche zu ihrem Inhalt. Einer andern Vorſehung bedarf der wahre Glaube eben fo wenig, wie derfelbe Glaube eine andere Kraft für ſich begeh— ren wird. Freilich aber konnen Fälle eintreten, wo für einen geiftigen Zufammenhang felbjt die geringfügigften aͤußern Um: ftände eine entjcheidende Wichtigkeit gewinnen. Hier gewinnt jener Satz, daß auch die Haare auf dem Haupte gezählt find, felbft eine firenge und eigentliche Geltung; nur dies bleibt fchief und irrig, dergleichen Aeußerlichfeiten als einen felbftftändigen, bleibenden Snhalt des göttlihen Willens nicht nur, fondern auch des göttlichen Schauend vorzuftellen +). *) V. 28. Parall. Luk. V. 4. **) V. 29 ff. Parall. Luk. V. 6 f. ***) Vergl. Bud IV, ©. 577. +) Die ftarre Buchſtäblichkeit in dem Berfländnig diefer enangelifchen Worte son dem Gezähltfein der Haare auf dein Haupte, — man bezog diefelben auf die Befchaffenheit des Auferftehungstörperg — iſt charakteriftiih für die abftracte Verſtandeslogik der alten Dogmatit und kann zur Warnung dienen, auch in andern Fällen, wo derfelbe Geift der Abjtraction, des Principe der Negativität und der immanenten dialektiſchen Bewegung ermangelnd, vorwaltete, fih ihre nicht allzu willig gefangen zu geben, Dan vergleiche 3.8. die Art und Weife, wie Auguftin mit dieſem ai fich abs müht: Civ. Dei XXI, 12—W. II. Bd. 5 66 Fuͤnftes Bud. 38. „Wer mich vor den Menfchen befennt, den werde auch ich vor meinem himmlifchen Vater anerkennen. Wer aber mich vor den Menfchen verläugnet, den werde auch ich vor meinem bimmlifchen Vater verlaͤugnen.“) — Man fonnte auch von diefer Gnome, wie von V. 17—22, vermuthen, daß fie aus der fpäteren Stelle bei Marcus herübergenommen feiz um fo mehr, als auch fie in dem dieſer Stelle parallelen Zuſam— menhange unferd Evangeliums weggelaffen, und die Lüde, genau eben fo, wie dort, durch eine von ihr abgezogene Sentenz ausgefüllt ift**). Allein daß auch diesmal unfer Evangelift aud der von. Marcus unabhängigen Duelle gefchöpft hat: dies zeigt nicht nur der beträchtlich verfchiedene Ausdrud, den er von diefer Gnome giebt, fondern mehr noch, Daß Lukas diefelbe in beiden Paral- lelftellen hat, das einemal im Ausdrudf genau genug, um den Urfprung aus gleicher Quelle zu beweifen, dem Matthäus, das anderemal eben fo genau dem Marcus entfprechend. 39, „Meinet nicht, ich fer gefommen, Frieden auf die Erde zu bringen! Ich Fam nicht, den Frieden zu bringen, fon= dern das Schwert. Ich Fam, den Sohn von feinem Vater zu trennen, die Tochter von ihrer Mutter, die Schnur von ihrer Schwieger. Hausgenoffen und Blutäfreunde werden Feinde werden FH) — Wir find geneigt, anzunehmen, daß mit diefen bedeutenden Worten Sefus nicht blos die feiner Lehre von außen bevorftehenden Anfechtungen meinte, fondern nicht weniger auch den Zwiefpalt und die. Kämpfe, die fih im Schooß feiner Kirche erzeugen ſollten. Die wiederholte Anfündigung von fal- fhen Propheten und Prätendenten der Meffiaswürde fcheint darauf hinzudeuten; und die Größe feines Geiftes läßt voraus- feßen, daß auch diefe Einfiht ihm nicht fremd geblieben ift. 40. „Wer Vater oder Mutter mehr liebt, als mich, ift meiner nicht werthb! Wer Sohn oder Tochter mehr liebt, als mich, ift meiner nicht werth! Wer nicht fein Kreuz auf fid) nimmt und mir nachfolgt, ift meiner nicht werth! Wer fein Leben gewinnt, wird es verlieren; wer fein Leben um meinet- *) 3.32 f. Parall. Luk, V. 8 f. (Mare. 8, 38; Luk. 9, 26) **) Matth. 16, 2%, *##) DB, 32 ff. Parall, ul, 12, 51 ff. Evangelifche Erzählungen und Reden nach Matthäus. 67 willen verliert, wird es gewinnen!“*) — Auch hier ſchoͤpft unſer Evangeliſt aus der ihm eigenthuͤmlichen Quelle einen von Marcus gleichfalls aufbewahrten Ausſpruch. Diesmal hat er ihn jedoch an der mit Marcus parallelen Stelle nicht ausge⸗ merzt, ſondern ihn dort wiederholt. — Merkwuͤrdig iſt, daß in beiden Stellen und ihren ſaͤmmtlichen Parallelen der Ausdruck vom Aufſichnehmen des Kreuzes vorkommt. Es wird dadurch allerdings wahrſcheinlich, daß Jeſus dieſen Ausdruck wirklich gebraucht hat. Will man nicht annehmen, daß er damit ſchon auf ſeinen eigenen Kreuzestod habe hindeuten wollen (was in dieſem Zuſammenhange anzunehmen allerdings auch wir Be— denken tragen): ſo bleibt nichts uͤbrig, als vorauszuſetzen, daß es ein damals ſchon gebraͤuchlicher Ausdruck fuͤr das nn Ertragen- eines Leidens war. 41. ‚Wer euch aufnimmt, nimmt mic auf, und wer * aufnimmt, nimmt den auf, der mich geſandt hat. Wer einen Propheten als Propheten aufnimmt, erhaͤlt Prophetenlohn, und wer einen Rechtſchaffenen als Rechtſchaffenen aufnimmt, erhaͤlt den Lohn eines Rechtſchaffenen. Wer dieſer Geringen Einem als meinem Schüler einen Trunk Waſſers reicht, wahrlich ich fage euch, ihm wird fein Lohn nicht entgehen!) — In Bes zug auf den erften diefer drei Ausfprüche ift unfer Evangeliſt einer ähnlichen Wiederholung, wie im vorigen Falle, nur fcheine bar, durch ein Misverftandniß entgangen (vergl. Buch IV, ©. 553 f.), in Bezug auf den dritten ift er ihr abfichtlich ausge: wichen. — Was übrigens den Inhalt diefer Sprüche betrifft, fo laßt ſich zwar nicht läugnen, daß eine ähnliche Sprache, wie hier Chriftus, zu jeder Zeit alle fanatifchen Sectenhäupter geführt haben. Aber der Unterfchied ift, wie Chriftus felbft es ausgedrüdt haben würde, Daß jene es nur in ihrem Namen forechen koͤnnen, Chriftus aber es im Namen deffen, der ihn gefandt hatte, fprechen durfte. 42, Sohannes der Zäufer hört im Gefangniffe von den Werfen, die Sefus verrichtet. Da fendet er zwei feiner Schü- *) B. 37 ff. Yarall. Luk, 14, 26 f. (Matth. 16, af Marc. 8, 14 f. zul. 9, 23f.) “R, =) B, 40 ff. (Cap. 18, 5. Mare, 9, 37, 41.) 5* 68 Sünftes Bud. Ver zu ihm mit der Frage: „Biſt du der, welcher kommen fol, oder follen wir einen Andern erwarten?’ Ihnen antwors tet Jeſus: „Geht und meldet dem Sohannes, was ihr hört und feht. Blinde werden fehend, Lahme gehen umher, Aus— fäige werden rein, Zaube hören, Zodte fiehen auf, Arme empfangen die Heilöbotfchaft. Selig, wer an mir feinen Anſtoß nimmt!’ — Wir möchten diefe Worte faft mehr im ſymbo— lifchen, als im eigentlichen Sinne gefagt glauben; wiewohl beide Evangeliften fie dergeftalt im eigentlichen Sinne genom= men haben, daß fie nicht ohne Einfluß auf die gefammte Com⸗ poſition der beiderſeitigen Schriften geblieben find. Uebrigend enthalten fie, wie Die Ausleger mit Recht bemerkt haben, eine unverfennbare Beziehung auf altteftamentliche Stellen vom Mef: ſiasreiche *). Die Schlußworte gehen ohne Zweifel auf Johan— nes ſelbſt, nicht, wie Einige ſie haben verſtehen wollen, auf dabeiſtehende Hörer. — Die factiſche Wahrheit des geſammten Vorfalls haben wir bereits oben vertheidigt ““). 43. Nachdem die abgefandten Sohannesfchüler ſich entfernt Haben, fpriht Iefus zum Volke: „Was zu fehen zogt ihr in die Wüfte hinaus? Rohre vom Winde hin und her bewegt? — Aıfo, was zu fehen zogt ihr hinaus? Einen Mann, mit üppie gen Kleidern angethan? Nun, die die uͤppigen Kleider tragen, die find in den Palläften der Könige! — Noch einmal; was zu fehen zogt ihr hinaus? Einen Propheten? Ja ich ** euch, er iſt mehr noch als ein Prophet! Er naͤmlich iſt es, den die Schrift meint}): Siehe ich ſende meinen Engel vor dir ber, der dir den Weg bereiten fol. Wahrlih ich fage euch, unter den vom Weibe Gebornen ift fein Größerer aufgeftanden, als Johannes der Täufer, aber der Kleinfte im Neiche der Him— mel ift größer ald er!“ 4) — Ob Iefus diefe Worte bei Ge⸗ Vegenheit der Gefandtfchaft des Johannes an ihn gefprochen bat, mag dahingeftellt bleiben ; und fcheinen fie noch einen beffern Sinn zu geben, wenn wir fie bei einer andern Gelegen- *) Gap. 11, V. 2 ff. Parall, Luk. 7, 18 ff. sw) Jef. 35, 5 f. 61, 1. xxx) Buch II, ©. 271. +) Maleachi 3, 9. ++) 8. 7 fi. Parall. Luk. V. 24 ff. [3 Evangeliſche Erzählungen und Reden nah Matthäus. 69 heit gefprochen denken. Ihre Tendenz ift offenbar diefe, den Glauben der Juden an Sohannes daflır zu benußen, fie zu dem wahrhaft Nechten und Höheren herüberzuführen. Darum ſucht Sefus fie zuvörderft darauf hinzuleiten, fich felbft darüber ar zu werden, was fie denn begehrten und erwarteten, wenn fie den Johannes ald einen Propheten auffuchten. Derfelbe Trieb, Der fie dem Propheten entgegenführt, müffe fie, wenn fie anders den Propheten verftanden-haben wollen dem zu⸗ fuͤhren, der hoͤher als alle Propheten iſt. — Was dann, um dieſe Forderung eines Hinausgehens uͤber den Prophetenglauben ein— dringlicher zu machen, uͤber den Werth und die Bedeutung des Johannes hinzugefuͤgt wird: das iſt nicht ſo zu nehmen, als wolle Jeſus damit ein abſchließendes Urtheil uͤber den perſoͤn— lichen Werth dieſes Mannes ausſprechen. Es iſt nicht ſo— wohl auf den Mann, als auf die Sache zu beziehen, die ihm hier Johannes darſtellt. „Wohl habt ihr Recht,“ will Jeſus ſagen, „den Johannes fuͤr einen Propheten zu halten; er iſt dies in ganz anderm Sinne, als in welchem ihr es meint; er iſt der Groͤßte der Propheten, ja er iſt mehr als Prophet in jenem bei euch hergebrachten Sinne. Denn nicht durch ſeine Worte, durch ſeine einzelnen Ausſpruͤche, ſondern durch ſein geſammtes Daſein, durch fein Auftreten zu dieſer Zeit weiſt er, unmittelbar darauf hin, daß die Zeit erfüllt iſt. Er ift nicht mehr Prophet in dem Sinne, wie die alten Propheten ed was ven, die nur von fern auf den Höhen, der kommen foll, hin— weifen, fondern er ift der unmittelbare Vorläufer, der Engel von Angeficht dieſes Höherenz er felbft’ift, gleich diefem Hoͤhe— ren, von den alten Propheten verfündigt. Aber alles dieſes Prophetentbum muß dem Höheren weichen, fobald dieſes da iftz es verliert, dieſem Höheren gegenüber, feine felbftftandige Bedeutung. Der größte Prophet, als Prophet, ift noch lange nicht das, was ber kleinſte Bürger des Gottesreiches iſt.“ — Durch Letzteres wird nicht ausgefchloffen, daß der Prophet nicht auch Bürger des Gottesreiches fein Tonne; wie hätte Jefus die großartige Perfonlichfeit ded Taͤufers im Grnft unter den Ge— ringften feiner Jünger ſtellen fonnen? Es wird nur gefagt, daß der Prophetenglaube ein leerer Aberglaube ift, fobald er fich weigert, in den Glauben an den wirklich erfchienenen Hei: 70 Fünftes Bud. Yand überzugehen, fo wie das Prophetenthum felbft zu einer eitlen Prahlerei wird, wenn es nicht diefem Heiland weichen will. Durch diefe Erklärung wird zugleich die überflüffige Frage befeitigt, ob Jeſus im Ernft dem Täufer feinem perfünlichen Werthe nach den Rang vor allen frühern Sterblichen habe zu— erkennen wollen oder zuerfennen koͤnnen; ob er nicht wenigftend die heiligen Patriarchen habe ausnehmen müffen? 44. Seit den Tagen Sohannes des Taufers leidet das Himmelreil Gewalt; mit Gewaltreißt man es an fih! Denn alle Propheten und das Gefek bis auf Sohannes haben nur von fern Darauf hingedeutef. Und, wenn ihr fo wollt, er ift der Elias, der kommen foll. Wer Ohren hat zu hören, ber höre!) — Der Sinn des erſten Satzes, der den Auslegern fo viel unnüge Mühe verurfacht hat, Fonnte nur darum undeut— lich fcheinen, weil er Fed und genial ausgedrückt ift, und man in dem genialften aller Geifter, welche die Erde getragen hat, in der Regel alles andere eher, als Gentalität, zu fuchen pflegt! Die Räuber, welche dem Himmelreihe Gewalt anthun, — diefe Räuber find, wie auch der Verfaffer des dritten Evange— liums, der freilich dieſe Worte nur fehr abgefhwächt wieder: giebt, dies nicht verfannt hat, Feine andern, als — Sefus felbft und feine Juͤnger. Jeſus ftellt das durch ihn gefchehene Her- abziehen des Himmelreiched auf Die Erde ald eine Gewaltthat vor, die er, und mit ihm alle, die feinen Weg gehen, an dem Himmelreiche verüben. Er ftellt es fo dar, nicht ohne iro— nifche Hindeutung auf den fachten, bedächtigen und gemeffenen Gang, den die Iuden nach dem göttlichen Neiche wandeln, zu— gleich auch wohl auf die thorichte Erwartung, als folle das Meffiasreich ohne eigne Arbeit und Anfirengung, im Schlaf den Miüffigen entgegengebracht werden. „Zwiſchen Sobannes und mir’‘, will Jeſus fagen, ‚finden Feine weiteren Iwifchenftufen der Entwicelung flattz der Schritt zum wirklichen Erwerb des Himmelveiches ift ein gewaltfamerz es gilt, fich keck dazu zu entfchließen und ohne langes Hin» und Herüberlegen ihn zu wagen. Vergebens werdet ihr euch abmühen, ihn aus euerm Geſetz und euern Propheten herauszuftudiren; Diefe haben nur ) V. 12 ff. Parall, Luk, 16, 16. Evangelifche Erzählungen und Reden nah Matthäus. 71 von weiten darauf hingedeutet. Ihre prophetifche Bedeutung beruht nicht ſowohl in ihren einzelnen Ausfprüchen und Ankuͤn— digungen, als in ihrem eigenften Sein und Wefen, welches das, "was es ift, eben nur dadurch iſt, daß es auf ein’ Höheres hin- weit. Der legte diefer Propheten ift, wenn ihr denn durchaus auch den Buchftaben jener Prophezeiungen erfüllt fehen wollt, jener Elias, der dem Meffias vorangehen fol!’ — So ver: fanden, hängt diefe ganze Rede in fich felbft aufs befte zuſam— men*) und giebt den wahrften, tiefften, großartigften Einn ; während man bei jeder andern Erklärung jener erften Worte geftehen müßte, daß Sefus in hochtrabenden Ausdrüden eine ZTrivialität jagt, wobei Überdies noch aller gefunder Zufammen: hang mit dem darauf Folgenden verloren geht, — Wie fehr übrigens ſowohl diefe Worte, ald auch fchon die vorigen, alle Bedeutung verlieren, wenn man, bei dem Buchftaben der Ueber: lieferung beharrend, annimmt, daß Jeſus von vorn herein per- fonlih dur den Zaufer als Meſſias bezeichnet war, bedarf feiner Grinnerung. Dann freilich war es Feine Kunft für ihn, herauszufinden, daß Sohannes feinerfeit3 der Engel vom An— geficht und der Elias war; dann bedurfte es auch Feiner Ge: waltthat, um das Himmelreich für die Menfchen zu erflürmen, fondern man konnte fachten und gemächlichen Schrittes in bie *) Diefer Zufammenhang tritt deutlicher hervor, wenn man bie Stellung der zwei erftien Hauptfäbe umfehrt, und die Worte: zav- 185 yao — mgosg7Tevoar, HOT jenen ato dd zuv nusgow — dema- Covoev aueyv gefagt denkt. Ich halte mich überzeugt, daß fie in der Driginalfohrift fo geftanden haben, denn nicht nur bei Lukas finden fie fich, obwohl verftümmelt, in diefer Stellung wirklich, ſon— dern auch bei Zuftinus (dial. c. Tryph. 51), obgleich der Lebtere übrigens faft wörtlich mit dem Unſrigen übereinftimmt. Ja aus der letztern Stelle könnte, für Diejenigen wenigſtens, bie es mit ung für wahrfheinlich halten, daß Juſtinus unfer Matthäusevan- gelium benußt hat, der Verdacht einer Corruptel unferer Stelle entftehen, insbefondere auc) wegen des Wortes meosprrevoar, tel- ches bei Zuftin, eben fo wie auch bei Lufas, fehlt. In der That auch hat daſſelbe ganz das Anfehen eines durch Interpolation hin- sugefommenen, aber es fann allerdings füglich nur dann entbehrt werden, wenn der Saß, zu dem es gehört, dem andern nicht nach— folgt, fondern vorangeht. 72 Fünftes Bud. bereits genffnete Thür hineintreten! — Der Zufaß: wer Ohren hat zu hören, der höre! deutet darauf hin, daß Sefus fich noch nicht als den Chriftus ausgefprochen hatte, fondern daß fein Wille diefer war, die Verftändigen follten ihn dafür erfennen, ohne daß er das Wort auszufprechen brauchte. 45. „Wem ſoll ich dies Gefchleht vergleihen? Kindern gleicht e$, die im Freien fißen und zu ihren Gefpielen fagen: wir fpielten euch auf, und ihr wolltet nicht tanzen, wir fangen euch einen Trauergefang, und ihr wolltet nicht klagen! ES kam Johannes; er aß nicht und trank nicht, und fie fagen, er hat den Teufel! Es fommt der Menfchenfohn, er ißt und trinkt wie andere Leute, und fie fagen: da feht, ein Freſſer und Saͤu— fer, gut Freund mit Zöllnern und Sündern! So gefhieht denn diefer Weisheit ihr Necht durch ihre Kinder !’’*) — Offen- bar find diefe Worte in einem andern Zufammenhang und zu Andern gefagt, ald die vorhergehenden, und nur, weil zufällig Sohannes in ihnen erwahnt wird, mit jenen verbunden. Der Schlußſatz giebt Feinen guten Sinn, wenn er nicht, wie ich in der Ueberfegung gethan, als ironifch genommen wird"). 46. „Wehe dir Chorazim, wehe dir Bethfaida! Wäre in Zyrus und Sidon das Mächtige gefchehen, was in euch geſchehen ift, Längft ſchon hätten fie in Sacktuch und Afche Buße gethan! Aber ich fage euch: Tyrus und Sidon wird es erträglicher gehen am Tage des Gerichts, als euch! Und du, Kapernaum, bis zum Himmel emporgetragen, — bis, zum Has des wirft du herabgeftoßen werden! Wäre in Sodom das Mächtige gefchehen, was in dir gefchehen ift, es ſtuͤnde noch bis heute! Aber ich fage: dem Sodomer Lande wird es er: träglicher gehen am Tage des Gerichtes, ald dir!“**) — Man hat diefen Weheruf über die galiläifchen Städte bei Lukas beffer seftellt finden wollen, als bei dem Unfrigenz es fei nämlich *), 8. 16 ff. Parall. Luk, 7, 31 ff. =) Soglo wird gleich darauf (V. 25) im ironiſchen Sinne geſagt. Warum ſollte ein Gleiches nicht auch mit dem Worte drxasonv der Fall fein? — Jedenfalls ift die Stelle Cap. 12, 27 zu vergleichen, die den nämlichen Gedanken ausdrückt. =) V. 21 ff. Parall, Luk, 10, 13 ff. Evangelifche Erzählungen und Neden nach Matthäus. 73 wahrſcheinlich, daß Jeſus ihn bei feinem letzten Abfehied aus Galiläa gefprochen habe. Aber diefen Ruhm hat Lukas wohl: feilen Kaufs erworben. Die Stelle bezieht fich nämlich bei ihm gar nicht auf diefen Abfchied, fondern ift, der Aehnlichkeit ihres Inhalts wegen, einer Sentenz aus der Inftructionsrede des Matthäus angehängt worden, die Lukas dort auf die Ausfen: dung der Siebzig Übertragen hat*). Uebrigens gefchieht, wenn man die Worte ald Abfchiedsworte nimmt, dadurch der irrigen Meinung Borfchub, ald wolle Jeſus in ihnen einer getäufchten Erwartung Luft machen, die er in Bezug auf feine Perfon von den Bewohnern Galiläas gehegt hätte**). AT. „Ich preife dich, Vater, Herr des Himmeld und der Erde, daß du vor Weifen und Verſtaͤndigen dies verbargeft und Kindern es offenbarteft! Sa, Vater, fo, fo war es dein Wille ! Alles ward mir anheimgegeben von meinem Vater; und Nie: mand fennt den Sohn, als der Vater, noch Fennt den Vater Semand, ald der Sohn, und wem der Sohn ihn offenbaren will“.*) — Nicht mit Unrecht hat man diefen Ausfpruch als denjenigen bezeichnet, der von allen in den fynoptifchen Evans gelien aufbewahrten Neden am meiften einen Anfnüpfungspunct für die Reden bietet, die Sefu in dem Evangelium des Jo— hannes zugefchrieben werden. Ber den Synoptifern fteht er ziemlich vereinzelt; nicht als ob Jeſus fich nicht oft und deutlich genug, namentlich in bildlicher und parabolifcher Rede als „Sohn Gottes’ in anderem und bevorzugtem Sinne, ald in welchem er auch andere Menfchen fo nennt, bezeichnete, aber doc), in- fofern nicht leicht anderwarts an dieſen Ausdruck eine fo aus— drüdlihe, man möchte fagen metaphyfifche Grflärung über das Berhältnig des Sohnes zum Vater geknüpft wird+). Daß =) Matth. 10, 15. Luk. 10, 12. *2), Beral. Bd. I, E, 417, +) D, 25 fi. Parall. Luk 10, 21 f. s +) Nur etwa der negative Ausſpruch bei Marc. 13, 32% deutet auf ähnliche, von Zefus gegebene Erklärungen über dieſes geheimnißvolle Verhältniß Hin. Nebrigens möchten wir am Tiebften auf das in dem Borliegenden von Jeſus Angedeutete die Worte beziehen, die ihm in einem verloren gegangenen Evangelium (entweder dem hebrät- fihen oder dem ägyptiſchen) zugefihrieben werden; „Mein Geheim— 74 Funftes Bud. diefe Erflärung von Jeſus wirklich fo ganz vereinzelt follte ge: geben fein, hat wenig Wahrfcheinlichfeit, und es ift dies eine nicht unbedeutende Inftanz für die Aechtheit der johanneifchen Reden, wenn nicht genau in der Geftalt, in der fie aufgezeich- net find, fo doch ihrem Gefammtcharafter und Geſammtin— halt nad). 48. „Her zu mir alle ihr Leidenden und Bedrängten, ih, ich will euch erlöfen! Nehmt mein Soch auf euch und lernet von mir; ich bin fanft und demüthig im Herzen; ihr werdet für euere Seelen Ruhe finden. Mein Soc thut wohl, und meine Laſt ift leicht!“) — Wenn diefe wunderfchönen, Sedem, der ein Herz und nicht einen Stein in feiner Bruft trägt, durch die Seele gehenden Worte, — wenn fie nicht nur von fo manchen Berichterftattern unaufgezeichnet bleiben, fon= dern auch von dem Verfaffer unferd dritten Evangeliums, der fie bereits niedergefchrieben vor fich hatte, übergangen werden konnten: wie viele ähnliche, nicht minder herrliche mögen ganz unaufgezeichnet und faft ungehört verflungen fein! 49. Der Erzählung vom Pflüden der Aehren durch die Sünger am Sabbath, die er, fo Scheint es übrigens, von Mar: cus aufnahm (vergl. Buch IV, Nr. 9), bat unfer Evangelift aus der ihm eigenthümlichen Quelle folgende von Jeſus zu den Phariſaͤern gefprochenen Worte einverwebt: „Habt ihr nicht im Öefeße gelefen, daß an den Sabbathen die Priefter im Tem— pel den Sabbath brechen”), und doch ohne Schuld find? Ich aber fage euch, mehr, ald ein Tempel ift hier! Wuͤßtet ihr aber, was e3 heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer, fo würdet ihr nicht Unfchuldige verdammen !’’***) — Diefe lebten Worte, die Berufung auf die Prophetenftelle+), die übrigens nicht ganz hieher zu paffen fcheint, finden wir auch fehon der nis für mid und die Kinder meines Hauſes.“ Clem. Al. Strom. V, p. 578. *) V. 28 ff. =) Wahrſcheinlich find die 4 Mof, 28, 9 für den Sabbath verordneten Opfer gemeint. *+*) Cap, 12, 2,5 ff, +) Sof. 6, 6, Evangelifche Erzählungen und Reden nad Matthäus. 75 Erzählung vom Gaftmahl der Zöllner angehängt *). — Auf ähnliche Weife, wie die vorhergehenden, werden gleich darauf der Erzählung von der Heilung der kranken Hand am Sabbath die Worte eingeflochten: „Wer unter euch wäre, der ein Schaf hätte, und, wenn diefes am Sabbath in eine Grube fällt, es nicht faßte und herauszöge? Wie viel mehr werth aber ift ein Menſch, als ein Schaf?’ **) 50. Die Erzählung von dem Gefpräch zwifchen Sefus und den Pharifäern über das Austreiben der böfen Geifter (Buch IV, Nr. 10) hat, fo fcheint es, unfer Evangelift in feiner Quelle mit manchen Modificationen und Erweiterungen gleichfalls vor⸗ gefunden**). Ws Beranlaffung diefes Gefprähs wird hier die durch Sefus erfolgte Heilung eines daͤmoniſch zugleich Blin— den und Taubſtummen genannt+). In der Antwort Sefu fin: den fich folgende, bei Marcus nicht erwähnte Worten „Wenn ich mit Belzebul die Dämonen austreibe, womit denn treiben die Eurigen fie aus? So werdet ihr denn diefe zu euern Rich— tern haben! Wenn aber ich durch Gottes Geift die Dämonen austreibe, nun fo ift das Neich Gottes, ehe ihr euch’S verfeht, zu euch gefommen!’’++ — Der Sinn diefer Worte ift darum nicht ganz deutlich, weil Sefus von von herein die Kraft, durch welche er die boͤſen Geifter vertreibt, unter gleiche Kategorie mit den Kräften der jüdifchen Geifterbefchwörer zu bringen ſcheint. Hiernach fehlt die Bündigkeit in dem Schluffe, der zuleßt-gezogen wird, Ich vermuthe Deshalb ein Misverftänd- =) Gay. 9, V. 13. ==) Gap, 12, B, 11 f. Parall, Luk, 14, 5. ***) Daß nämlich unfer Evangefift hier nicht blos den Marcus ergänzt, \ fondern auch die Erzählung des erftern mit jenen’ Ergänzungen zus gleich in der Urfohrift des Matthäus vorgefunden hat, fehließe ich aus feiner Nebereinftimmung mit Lukas, und daraus, daß Lepterer die Erzählung an einem andern Drte ald Marcus giebt. +) Cap. 12, V. 22. Daß er zugleich blind war, ift wahrfcheinkich ein Zuſatz unfers Evangeliften. Vergl. Cap. 9, 32 ff., etne Erzählung, die wahrfcheinlich mit der gegenwärtigen in ihrem Urſprung iden— tifch und, eben fo wie die vorhergehende von einer Blindenheilung, nur darum an jenen Ort geftellt ift, um die Erwähnung Blinder und Tauber Cap. 11,5 nicht unmotivirt zu laffen, Dagegen Luk. 11, 14, ++) Cap. 12, 3. 27 f. Para, uf 11,19 f. 76 Fuͤnftes Bud. N niß in den Schlußwortenz; wobei freilich auffallt, daß der dritte Evangelift diefe genau eben fo giebt, wie der erfte. 51. ‚Wer nicht mit mir ift, ift wider mich, und wer nicht mit mir fammelt, der zerftreuet.”’*) — Auch diefe Worte find noch jenem Gefpräch einverwebt, nicht nur bei dem Unſri— gen, fondern, wie aus der Uebereinftimmung mit. Lufas erhellt, bereit3 in der Quelle. Aber es ift dies wohl nur durch Zufall gefchehen, da fie, wenn man fid als fprüchwortlich gefagt auf das Berhältnig Sefu zu den böfen Geiftern beziehen wollte, nur einen unbequemen Sinn geben. In einem beftimmten Zu: fammenhange und einer ausdrüdlichen Beziehung müffen fie allerdings wohl gefagt fein; fonft würden fie mit jenen gleich- falls von Chriftus gefprocsenen Worten in Widerſpruch flehen, die eine Umfehrung der vorliegenden und eben darum auch eine Umkehrung ihres Sinnes enthalten”). Aber es ift rathfamer, diefen Zufammenhang, der fich gar vielfältig denken läßt, uns gewiß zu laffen, ald den fehielenden Zufammenhang der vorlie- genden Stelle für den von Chriftus felbft beabfichtigten zu neh: men, zumal da e8 Feineswegs wahrfcheinlich ift, daß er auf - jene fchlagende Abfertigung der Pharifäer eine weitläuftige, nur halb hieher gehörige Erpofition folgen ließ***). 52. „Wer ein Wort gegen den Menfchenfohn fagt, ed fol ihm vergeben werden, Wer aber etwas gegen den Geift, *) B, 30. Parall. Luf. D. 23. #2) Mare, 9, 40 u. Parall, *##) In diefer Unwahrſcheinlichkeit Hauptfächlich Tiegt der Grund, wes— halb wir au die von Lukas übrigens finnreich genug erfonnene Zufammenftellung nicht für die wahre halten fünnen. Lufas näm— lich läßt auf die gegenwärtigen Worte die bei dem Unſrigen weiter unten V. 43 ff. vorfommenden Worte folgen; wodurch für die ge- genwärtigen dies getwonnen wird, daß Jeſus von ihnen aus noch einmal zu dem urfprünglichen Zufammenhange einfenfen fann, indent er mit ausprüdlicher Beziehung auf ihn zeigt, was er unter jenem „Richt mit ihm Sein“ und „Nicht mit ihm Sammeln“ verfteht, und wie ohnmächtig in ſich ſelbſt folhes Thun tft. Nichts deftoweniger bleibt au fo der Zufammenhang ein unbefriedigender, und ingbes fondere widerfährt dabei der fittlihen Bedeutung des letztern Spruchs nicht ihr Recht. Evangeliſche Erzählungen und Neben nach Matthäus. 77 | den heiligen, fagt, dem wird es nicht vergeben werden, weder in diefem Leben, no in dem fommenden !’’*) Diefe Worte ftellt unfer Evangelift, der fie in feiner Quelle unftreitig an einem andern Drte gefunden hatte, wie auch Lukas fie einem andern Orte einverleibt, unmittelbar neben die aͤhn— lich lautenden, aber den Gegenfaß minder volftändig ausdrüs enden des Marcus *), unftreitig nur von diefen dazu die Ver— anlafjung nehmend, während Lukas, gleich willfürlich, von den bei dem Unfrigen in der Abfendungsrede an die Apoftel vor— fommenden Worten über Bekenntniß und Verläugnung Chriftt dazu Veranlaffung nimmt. Marcus ſelbſt aber hat diefen Ausfpruch nur fünftlich mit jenem Gefpräch verbunden, welches Jeſus mit den Pharifaern hält; was fi) deutlich genug dort an den Schlußworten fund giebt, in denen eine Erflärung des Zufammenhangs verfuht wird"). Wir werden daher beffer thun, auf jede befondere Erklärung des Ausſpruchs durch Ver— mittelung des Zufammenhangs, in welchem er und dargeboten wird, zu verzichten, und und nur an den allgemeinen Sinn deffelben zu halten. Dreierlei Puncte, über die noch immer in der chriftlichen Welt Streit und Zweifel herrfcht, finden wir in ihm mit Entfchievenheit ausgeiprohen, nämlich folgende: 1) Daß durch Nihtwilfen um Chriftus und auch felbft durch ausdrüdliche Nichtanerfennung Chrifti ald des Sohnes Gottes das Seelenheil, der Anſpruch auf ewige Seligfeit nicht noth— wendig verfcherzt wird. Die bisherige chriftliche Kirche hat alfo Unreht und wiberfpriht dem Klaren Worte ihres Herrn und Meifters, wenn fie den aͤußerlichen Gefchichtglauben an den perfonlichen Chriftus zur nothwendigen Bedingung der Se— ligfeit macht. Diefem gegenüber aber 2) daß es allerdings eine Sünde giebt, die nicht vergeben werden kann, das heißt, (denn jede andere möglihe Erklärung ift eine erfünftelte, die *%) V. 32. Parall. Luk. 12, 10. **) Marc. 3, 28 f. Es ift bemerfenswerth, daß an biefer Stelle vior rum avgoorom die Menfchen genannt werden. Wahrſcheinlich ein Ge— dächtnißfehler des Evangeliften, der fih aus der Erzählung des Petrus diefes Ausdrucks im Zufammenhang dieſes Spruchs erin- nerte, aber die rechte Beziehung nicht mehr zu finden wußte, ***) Marc. DB. 30, 78 Fuͤnftes Bud. etwas in die Worte hineinträgt, was nicht in ihnen liegt, was Sefus, wenn er e3 in fie hätte hineinlegen wollen, ausdrüdlich hätte ausfprechen müffen), welche den, der fich ihrer ſchuldig macht, unwiderruflich und für immer von dem göttlichen Reiche ausschließt *). Endlich 3) daß diefe Sünde, die Sünde zu dem ewigen Tode, in einer ausdrüdlichen Beziehung auf das ftept, was Chriſtus den Geift, den Geift Gottes, den heiligen Geift nennt, und ohne eine ausdrüdliche, wiewohl eben fo aus: drüdlich in das Gegentheil ihrer felbft umfchlagende Gemein: ſchaft mit diefem Geifte nicht begangen werden Fann. Daß Sefus nicht eine blos Außerlihe Schmährede meinen kann, wie ihn Marcus verftanden hat, liegt am Tage. Um den Geift der That und Wirklichkeit fchmähen zu fünnen, muß man Theil an ihm haben; denn eine Beleidigung oder Befchimpfung ift nur “durch Ebenbürtige möglih. Man hat im Gefühl diefer, noth— wendig felbft geiftigen Natur der Sünde gegen den Geift **) der Frage nach der Befchaffenheit diefer Sünde die Wendung gegeben, daß man das ausdrüdliche Bewußtfein des Suͤnders über dad Böfe der That, die er, nicht fehon begangen hat, fondern noch begehen will, darauf anfahb, ob es das Moment fein fonne, was die Sünde zur Sünde gegen den Geift qualis ficire. Allerdings wird ein folches Bewußtfein mehr oder mine *) Daffelbe ift, wie alle gefunde Eregefe anerkennen muß, der Sinn des von Sohannes aufgeftellten Gegenfaßes von Todſünde und Nicht» Todſünde (1 Joh. 5, 16). Wenn folche neuere Ausleger, die dies zuzugeben fich genöthigt fehen, und alſo die Todſünde als eine un— vergebbare bezeichnen, nichts deſtoweniger die Bedingung hinzufüs gen, „dafern der Sünder nicht noch umfehre und fich beſſere“, fo bemerfen fie nicht, daß fie mit der einen Hand wieder nehmen, was fie mit der andern geben. Unvergebbar find eben nur ſolche Sün— den, die in fich felbft die Unmöglichkeit einer Befehrung des Sün— digenden fragenz um aber vergeben zu werben, bedarf jede Sünde, und nicht blos die Todfünde, der Befehrung ; oder vielmehr Befeh- rung und Vergebung find ein und derfelbe Begriff, nur das eine— mal auf den- Sünder, das anderemal auf Gott bezogen. *#) Eine folche geiftige (geiftreihe) Natur der Sünde wird ausdrück— lich anerkannt vom Apoftel Paulus, Ephef. 6, 12. Eben dahin deu— tet die Warnung des Apoſtels Johannes (1 Joh. 4, 7) nicht jedem Geifte zu vertrauen, fonpern die Geifter zu prüfen, ob fie yon Gott find. Evangelifche Erzählungen und Reden nad) Matthäus. 79 der deutlich jede im eigentlichen Sinne fo zu nennende Geiftes- fünde begleiten, da der Geift das was er ift, nicht ohne Be— wußtlein ift. Aber nicht jedes Bewußtfein über das Böfe in uns ift geiftiger Art. Es giebt auch ein Bewußtfein der Schwäche, dem das Bofe, obgleich es gern davon befreit fein möchte, noch zu mächtig ift, um mit Erfolg von ihm unterdrückt werden zu Tonnen, und doc nicht mächtig genug, um jenes Bewußtfein felbft, wie bei dem geiftig Bofen, zum Inhalt und zur Baſis des böfen Willens zu machen. — Es läßt ſich alfo für dieje— nige Sünde, die eine Läfterung des Geiftes enthält, und alfo, nad) dem vorliegenden Ausſpruch des Herrn, Die ewige Ber: dammniß einfchließt, eben fo wenig ein ein für allemal gülti- ges, dem bloßen Verſtand erfennbares Merkmal angeben, wie ihr gegenüber für diejenige Tugend, die, aus dem Geifte und dem Glauben geboren, das ewige Leben erwirbt. Ja, beide würden aufhören, daS zu fein, was fie find, wenn fich für fie ein ſolches Merfmal finden ließe. Denn wie der Geift das Hoͤ— here ift, al$ die Vernunft, und als folches Höhere fich durch die Sprache, welche zunächft nur den vom Verſtande in feine Beftandtheile auseinandergelegten Vernunftinhalt ausdrüdt, nur negativ oder annäherungsweife bezeichnen läßt: fo liegt aud) die Sünde gegen den Geift nicht innerhalb des Bereiches der Vernunft als folcher, fondern fie erfordert, um nach ihrer Ei— genthümlichfeit begriffen und erfannt zu werden, einer geifligen Sntuition, die fih nicht in einen ein für allemal fertigen Ver— ftandesbegriff zufammenfaffen läßt. 53. ‚Entweder ihr nehmt einen edlen Baum, und feine Frucht ift edel; oder ihr nehmt einen faulen Baum, und feine Frucht ift faul. Denn aus der Frucht erkennt man den Baum. Otternbrut ihr, wie Fünnt ihr Gutes reden, da ihr bofe ſeid? Aus der Fülle deflen nur, was im Herzen ift, vermag der Mund zu reden. Der gute Menfch zieht aus feinem guten Vorrath Gutes hervor, der Bofe aus feinem böfen Vorrath Bofes!’‘*) — Die Wendung an die Pharifaer zeigt, daß wahrfcheinlich auch im fohriftlichen Original diefe Nede noch an die übrigen geknüpft war; doch wird fie durch Feinen unmittelbaren Zufam: DRS TH. Darall. Luf 6,45. 80 Fünftes Bud. menhang des Gedankens mit jenen verfnüpft. Sie bildet ei— nen fchneidenden Gegenſatz gegen jenes Princip einer ſchwaͤch— lichen Afterhumanität, die man wohl auch mit chriftlicher Näch- ftenliebe zu verwechfeln pflegt, nach welchem allenthalben, felbft bei der böfeften That, noch immer ein guter Kern des Innern vorausgefest werden fol, — Nicht minder fteht fie im Gegenfaße gegen diejenige Vorſtellung von der Freiheit, welche die Frei— beit in die willfürlihe, bewußte Wahl zwifchen Gutem und Boͤſem fest. Nach diefer Vorftellung namlich koͤnnte, genau genommen, nur von guten und bofen Handlungen, aber nicht von einem guten und bofen Sein des Gefchopfes, nur von böfen und guten Früchten, aber nicht auch von einem gu— ten und böfen Stamme die Rede fein. 54. „Ich fage euch: jedes mülfige Wort, was die Men- [chen reden, fie werden davon Nechenfchaft geben müfjen am Tage des Gerichts! Aus deinen Worten wirft du gerechtfertigt, und, aud deinen Worten verdammt werden!’ — Es liegt eine große Wahrheit darin, und ift in buchftäblicherm Sinne, als man gewöhnlich meint, zu nehmen, wenn ald das, wonach der Menfch gerichtet werden joll, feine Worte und nicht feine Thaten genannt werden. Unter Wort nämlich ift hier alles zu verftehen, wodurch fich die Gefinnung unwillkuͤrlich zu er— kennen giebt, alſe auch Blick, Miene, kurz der gefammte phy— fiognomifhe Ausdrud des Menfchen. In diefem Unwillfür Yichen verräth fih das .bofe Innere des Menfchen, auch wenn übrigens aus Heuchelei oder Klugheit Feine Handlungen fol: cher Art, welche fihon die Außerliche Beurtheilung als böfe be= zeichnen Fonnte, begangen werden. Eben fo auch umgekehrt; auch bei einer Außerlich verirrten, ja fündlichen Handlungsweife offenbart fich der im Innern vielleicht noch verborgene edlere Kern durh Wort und phyſiognomiſchen Ausdruck. — Daß auch in dem vorhergehenden Ausfpruche unter den Früchten, aus de: nen man den Baum erfennen fol, Worte in diefem, und nicht Handlungen im gewöhnlichen Sinne verftanden werden, zeigen die Ausdrücde felbft, die dort gebraucht find. *) V. 36 f. Evangeliſche Erzählungen und Reden nad) Matthäus. 81 99. Einige der Schriftgelehrten verlangen ein Zeichen von ihm. Darauf Jeſus: „Ein böfes und treulofes Gefchlecht verlangt ein Zeichen. Kein Zeichen fol ihm gegeben werden, ald nur das Zeichen des Propheten Jonas! Männer von Ni: nive werden aufftehen beim Gericht mit diefem Gefchlecht und werden es verdammenz denn fie befehrten fich bei der Predigt des Jonas, und fiehe, mehr ald Sonas ift hier! ine Köni- gin von Süden wird aufftehen beim Gericht mit diefem Ge: fchlecht und wird e8 verdammenz denn fie Fam vom Ende der Erde, um Salomo's Weisheit zu hören, und fiehe, Be als Salomo ift hier! *) Die Forderung der Schriftgelehrten nach einem Zeichen . (einem Zeichen vom Himmel, fegen Marcus und Lufas, und auch unfer Evangeliſt bei der Wiederholung diefer Anekdote, die er dem Marcus nachfchreibt, hinzu; ein folches nämlich konnte nach prophetifcher Andeutung **) von dem Meffias er: wartet werden) wird bei Lufas unmittelbar mit der obigen An- klage vergefellfchaftet; nach unferm Evangeliften fol fie erft auf die durch jene Anklage veranlaßten Reden nachgefolgt fein. Man hat darüber geftritten, welches von beiden das Wahr: fcheinlichere feiz ein müffiger Streit, da jene ganze Zufammen- ftellung in der Quelle eine rein Außerliche war, und es den Evans geliften überlaffen blieb, fie, wenn fie fie überhaupt beibehalten wollten, nach) Belieben zu motiviren. — Wie das ‚‚Zeichen des Propheten Jonas“ zu verftehen fei, darüber -fügen fowohl der erfte, als auch der dritte Evangelift eine Deutung hinzu, die fie.aber, wie ſchon aus ihrer Differenz erhellt, nicht aus der Duelle geichöpft haben, fondern eigenmächtig Sefu in den Mund legen. Nach dem Unfrigen fol Sefus gefagt haben: „Wie naͤmlich Sonas im Bauche des Wallfifches drei Tage und drei Nächte war, fo wird der Sohn des Menfchen im Herzen ber Erde drei Tage und drei Nächte fein.’ Nach Lukas aber: „Wie naͤmlich Jonas ein Zeichen den Nineviten ward, fo wird folches der Menfchenfohn diefem Gefchlechte fein.” Dem Sinne nach hat Letzterer unftreitig das Nichtigere getroffen. "Dies er- *) V. 38 f. Parall. Luk. 11, 16. 29 ff. (Mare, 8, 11 f. Matth. 16,1 ff. DSDS 73, I. Bd. 6 32 ur Fuͤnftes Bud. helft, abgefehen von der Unmahrfcheinlichkeit, daß Jeſus für feinen Tod und feine Auferftehung ein fo abenteuerliches Bild gebraucht haben ſollte, ſchon aus dem Nachfolgenden, wo die Bedeutung des Jonas nicht auf die, welche ihn ins Meer warfen, fondern auf Die Nineviten bezogen wird.*) Eben diefes Nachfolgende macht aber die ausdruͤckliche Deutung überflüffig, und Lukas hat fih, um das Auffallende einer doppelten Er— wähnung der Nineviten zu mildern, zu einer Umftellung der beiden nachfolgenden Säbe veranlaßt gefunden. — So gefaßt nun, wie fie nach Lukas gefaßt werden müfjen, find diefe Worte in doppelter Hinfiht merkwürdig. Erſtens in Bezug auf die Art und Weile des Ausdruds, Sefus Spricht in ihnen von ſich felbft, in gleihem Sinn, aber in wie anderer Weife, als im vierten Evangelium! Mit einer furzen, in eine Anfpielung ver: hüllten Andeutung fagt er eben fo viel und eben fo Bedeuten- des, wie dort in den weitläuftigften Neden und Erpofitionen. Solch ein flüchtiger Wink genügt in dem Munde deſſen, der nicht blos fagt, was er fein will, fondern wirklich ift, was er iſt. Die ausführlichere Analyfe feines Wefens überläßt ein folcher billig feinen Nachfolgern und Süngernz wie denn auch dort diefelbe ohne Zweifel dem Juͤnger Sohannes, nicht dem Meifter Sefus Chriftus angehört. — Sodann, was den Sinn felbft betrifft, fo finden wir nirgends fo fchlagend wie *) Es kann leicht alg eine. Inconſequenz erfcheinen, wenn wir fonft meiftens eine treue Wiedergabe der Aoyın des Matthäus durch den Verf. des erften Evang. vorausfegen, in diefem Falle aber eine eigenmärhtige Einfohtebung yon Seiten des Leßtern behaupten. In— defien ift diefe Ausnahme (ähnliche werden non mehrfah im Nach— folgenden vorfommen) nicht unmotivirt. Wie nämlich unfer Evan— gelift mehr als die übrigen auch in die Erzählung altteftamentliche Anfpielungen und mefftanifhe Weiffagungen einzuflechten die Nei— gung zeigt, fo fommt es auch vor, daß er bei Ausfprüchen des Herrn, die er, von Mareus entlehnt, die altteftamentlichen Reminiscenzen im Munde Jefu reicher ausfpinnt (ſ. das auffallendfte Beifpiel diefer Art Cap. 13, V. 14 f. vergl. mit Mare, 4, 125 ferner ebendaf, V. 35 vergl, mit Marc. V. 34) Es fonnte daher leicht gefchehen, daß eben die Vorliebe für folche Neminiscenzen ihn verleitete, an gegen— wärtiger Stelle ven Inhalt jener Hindeutung auf Jonas, fo wie er diefelbe gefaßt hatte, ausführlicher anzugeben. Evangelifche Erzählungen und Reden nach Matthäus. 83 hier den eigentlichen Centralpunct der Beglaubigung des Goͤtt⸗ lichen, im Gegenfaße insbefondere des fleifchlichen Wunderglaus bens ausgefprochen. Man follte diefen Gegenfaß nicht dadurch abihwächen, daß man die Forderung der Gegner einfeitig auf ein Zeichen vom Himmel befchränft. So finden wir es aller: dings bei Marcus und in den aus Marcus entlehnten Stellen der andern Synoptifer ausgedruͤckt; aber fchwerli war es, wenn ed ja fo gefagt war, aus dem Grunde fo gefagt, weil die Schriftgelehrten mit Wunderzeichen anderer Art fich nicht hätten wollen zufrieden ftellen laffen. Daß man zur Beglaubigung des Meffias ausdrücklich ein himmlifches Zeichen fo beftimmt erwar: tete, dies läßt fich, ungeachtet der Prophetenftellen, die auf ein folches Zeichen deuten, doch nicht eigentlich erweifen, und über- dies handelt es fich bier ja noch nicht um die Anerfennung Sefu als Meffiad. Das Zeichen am Himmel fteht vielmehr an jener Stelle für Zeichen überhaupt; eben fo wie an gegen- wärtiger Stelle die, Forderung nach einem Zeichen überhaupt lautet, d. h. nad) einem Mirafel im eigentlichen Sinne, was die Krankenheilungen Sefu, — die einzigen Wunder, die er wirklich verrichtete, — allerdingd nicht waren, Diefe Forde— rung weift der Göttliche durch Verweiſung auf das eine, allein wahrhaftige Wunder, auf das Wunder aller Wunder ab. — Uebrigens läßt fih fagen, daß der großartige Sinn diefer Ab- fertigung des wunderfüchtigen Gefchlecht5 den nachfolgenden Ge- fehlechtern nicht minder, wie dem damals lebenden gilt. Wem die perfünliche Erfeheinung und Predigt Sefu zum wahren Glau—⸗ ben noch nicht genügt; wer außerdem noch den Gefchichtäglau- ben an äußerlihe Mirakel verlangt: der ftellt fich in gleichen Rang mit jenen Schriftgelehrten, die von Jeſus felbft, um ihn für den Gottgefandten zu erkennen, dergleichen Mirafel ver- langten. | Sn der Erwaͤhnung der Nineviten und der Konigin von Arabien glaube ich eine Hindeutung auf die Heiden zu entde- Een, die, nach Jeſu Verkündigung (f. oben Nr. 27) fich frei- wilfig um ihn fammeln und jene, zu benen ev zunächft ge: fandt war, befehämen werden. 56. „Wenn der unreine Geift aus dem Menfchen weicht, fo zieht er durch. duͤrre Stätten, fucht Ruhe und findet fie nicht. 6* 84 Fuͤnftes Bud. Dann fpricht er; ich will zurüdfehren in mein Haus, woher ih Fam. Er kommt, und findet es in müffiger Ruhe, fauber gefegt und reich geſchmuͤckt. Da gehet er hinweg, nimmt mit fich, fieben andere Geifter, bofer noch als er, zieht ein und hau: fet dort. So ift jener, fchlimmer daran, ald am Anfang.’‘ *) — Diefe Worte nehmen bei dem Unfrigen, der fie unmittelbar hin— ter. die vorigen, und bei Lukas, der fie vor dieſelben ſtellt, ei— nen gleich unpaffenden Pla einz auch war ihre Verbindung mit jenen in der Urfchrift des Matthäus ohne Zweifel eine blos äußerliche und zufällige, Wenn fie, wie wir nicht zweifeln, in fittficher Bedeutung gefagt find: fo ift die Art und Weife bemer- fenswerth, wie Sefus die Zuftände der Befeffenen, oder viel- mehr das, was bei diefen Zuftänden als ihre Urfache vorausgeſetzt wird, ald Gleichniß für fittliche Zuftande benutzt. Es ift nicht zu verfennen, daß, wenn er hier nur gleichnißweife von bofen . Geiftern Spricht, welche die Seele des Menfchen einnehmen und gefangen halten, dadurch zweifelhaft wird, ob bei wirklichen Heilungen von Befeffenen, wie man vorauszufegen pflegt, dieſe Ausdrucdsweife, von Jeſu eigenem Standpunct wenigftens, noch) als eine eigentliche zu betrachten ft. 57, ,, Selig euere Augen, daß fie fehen, und euere Ohren, daß fie hören! Denn wahrlich ich fage euch, viele Propheten und Gerechte wünfchten zu fehen, was ihr fehet, und fahen es nicht, und zu hören, was ihr höret, und hörten es nicht ! **) — Bei dem Unferigen nicht ganz paffend dem Ausfpruche über die Augen, die nicht fehen, die Ohren, die nicht hören wollen (Bud IV, Nr. 13) angereiht, fo daß es zu ihm ald Gegen- faß dienen fol. Paſſender, obwohl eben ſo willkuͤrlich, bei Lufas (der flatt der ‚„Serechten‘‘ „Koͤnige“ nennt) dem Aus: fpruche von der göftlihen Sohneswürde Sefu. 58. „Es gleichet das Himmelreich einem Manne, der eis nen edlen Samen in fein Feld fäet. Zur Schlafenszeit kommt fein Feind, faet Unkraut unter das Getreide, und geht wieder weg. Wenn nun die Saat auffprießt und der Frucht ent: gegenreift, da Fommt auch das Unkraut mit hervor. Da kom— *,B, 43 ff. Parall. Luk. V. 24 ff. *#) Cap, 13, V. 16 f. Parall. Luk. 10, 23 f. Evangelifche Erzählungen und Reden nach Matthäus. 85 men die Diener zum Haushern und fprehen: Herr, du haft doc einen edlen Samen in dein Feld gefäet, woher kommt denn das Unkraut? Er fagt: Ein Feind hat dies gethan. Darauf fragen die Diener: Sollen wir hingehen und es aus- jäten? Nein, antwortet er, damit: ihr nicht, indem ihr das Unkraut ausjätet, zugleich das Getreide entwurzelet. Laßt bei- des unter einander wachjen bis zur Ernte; zur Zeit der Ernte werde ich zu den Schnittern fagen: Sammelt erft das Unkraut und bindet es in Bündel zufammen, um es zu verbrennen; das Getreide aber tragt mir in die Scheuer zufammen ! ” *) — Auch von dieſer Parabel, wie von der Ähnlichen, die unfer Evangelift von Marcus entlehnt und mit der gegenwärtigen in Berbindung gebracht hat (Buch IV, Nr. 12), wird weiter er zahlt **), wie, nach Haufe zurückgekehrt, die Juͤnger ihn nach ihrer Bedeutung fragen. Jeſus antwortet: ,, Der den edlen Samen fäet, ift der Sohn des Menfchen; das Feld ift die Welt; der edle Same die Kinder des Reichs; das Unkraut die Kinder des Boͤſen; der Feind der e8 fäet, der Teufel; die Ernte, das Ende der Zeitz die Schnitter, die Engel. Wie das Unkraut gefammelt und im Feuer verbrannt wird, eben fo wird e3 fein am Ende diefer Zeit. - Der Sohn des Menfchen wird feine Engel ausfenden und fie werden aus feinem Reich alles Böfe und alle Uebelthäter zufammennehmen, und fie in die Feuer- ftätte werfen. Dort wirds Geheul und Zähnkflappen geben! Dann werden die NRechtichaffenen leuchten wie die Sonne in dem Neiche ihres Vaters! Wer Ohren hat zu hören, der hoͤre!“ Wir läugnen nicht, daß auch diefe Deutung der Parabel, wie neuere Ausleger bemerklich machen, felbft einen parabolifchen und bildlichen Charakter trägt; auch die Schlußworte deuten bier, fo wie allenthalben, wo fie vorfommen, darauf hin, daß man, um die Rede zu verftehen, noch über ihren unmittelbaren Sinn hinausgehen muß. Nur darf man das Moment der Bild- Vichfeit nicht fo weit ausdehnen, daß darüber dasjenige verlo- ren geht, was offenbar den wefentlichen Kern, den Zendenzin- halt der Parabel ausmacht. Dies nämlich ift die endliche *) Cap. 13,8. U ff. *#) V. 36 ff. 86 Fuͤnftes Bud. vollfommene Scheidung der Guten und der Böfen, diefes Haupt: und Grunddogma der chriftlichen Eschatologie, welches in dies fer Parabel nicht blos, wie auch vielfach in andern Reben, ausgefprochen und gelehrt, fondern auch, eben durch feine bild- liche Einfleivung, mehrnoch, als anderwärtd, motivirt wird. Die ganze Parabel nämlich kann ald eine Antwort auf die Frage betrachtet werden, weshalb Gott, wenn er am Ende der Tage die Böfen auszurotten und dem Feuer der Gehenna zu überge- ben gedenke, dies nicht lieber fogleich thue. Die Antwort auf diefe Frage liegenämlich, wieman fieht, in der Antwort, welche der Herr den Dienern giebt, die fich zum Ausjäten des Unkrauts erbieten. Sefus erkennt in diefem bildlichen Ausdrude eine relative Noth- wendigfeit der Eriftenz des Böfen und der Böfen innerhalb die: fer Weltordnung an, eine Unmöglichkeit der Ausrottung des Boͤ— fen aus der Welt, wie diefe jet ift, ohne dad Gute felbft zu gefährden. Aber indem er dieſe relative Nothwendigkeit zus giebt, laͤugnet er die abfolute Nothwendigkeit folchen Beiſam— menfeind , folcher VBermifchung des Guten und des Boͤſen; er fpricht vielmehr aus, daß eine Zeit kommen wird, wo dieſe Bermifhung ein Ende hat. Wenn diefe Zeit ald das „Ende dieſer Zeit“ oder vielmehr „dieſes Aeon, dieſes Weltalters“ gefaßt wird: ſo iſt damit nicht etwa, wie es der Pantheismus verſteht, ein außer aller Zeit liegender Moment gemeint. Waͤre dies, wie koͤnnte dann anderwaͤrts in offenbar ſehr aͤhnlicher Be— ziehung von einem „kommenden Aeon oder Weltalter“ geſprochen werden? Allerdings alſo ſoll dieſer Moment der Ernte, der Scheidung des Guten und des Boͤſen in einer beſtimmten Zeit eintreten; nur nicht gerade in einer fo nahe bevorftehenden, wie die Upoftel es verftanden haben. Das Bofe fol zu dieſer Zeit, — fo drüdt e8 nicht nur die Parabel, fondern auch die Deu: tung der Parabel aus, — ind Feuer geworfen und verbrannt werden. — Hier fcheint die Parabel als folche zunächft auf den Sinn eined wirflihen Verbrennens, d. h. einer Vernichtung hinzuführen. Aber gerade die Wiederaufnahme des Bildes in der Erklärung macht es zweifelhaft, ob mit diefem Bilde wirf- lich die Vernichtung, oder nicht vielmehr die Qual der Böfen, die ja auch fonft ald Feuerpein, ald das „Feuer der Gehenna’ vorgeftellt wird, verftanden werden fol. Doc Fonnen wir im: Evangelifche Erzählungen und Reden nach Matthäus. 87 merhin zugeftehen, daß in der Parabel ſelbſt diefer Sinn nicht nothwendig, fondern zunächft vielmehr jener der Vernichtung liegt. Hieran knuͤpft fich, daß gleichfalls in der Parabel felbft nichts vorhanden ift, was uns nöthigte, das Unkraut, welches der Feind in die edle Saat fäet, auf böfe Individuen, auf ein perfonliches Böfe zu deuten. Es koͤnnte eben fo gut auch ein unperfönliches Böfe gemeint fein, ein folches, welches nur als Eigenfhaft den Individuen anhaͤngt; von diefem winden wir dann unftreitig fagen müffen, daß e8 am Ende der Tage nicht zur Holle verdammt, fondern nur vernichtet werden kann. Auch) hier aber führt die authentifche Deutung der Parabel aus: drüclich auf einen andern Sinn; fie führt darauf, ohne jedoch, (died nämlich müffen wir dort allerdings hinzudenfen), die andere Seite des Sinnes der Parabel aufzuheben. Diefer leßteten ſcheint vielmehr noch befonderd am Schluffe der Deutung ihr Necht zu gefchehen, wo von den Rechtfchaffenen gefagt wird, daß fie, — unftreitig wohl eben in Folge jener ihrer Befreiung vom Bo: | fen, — heller, als hier, leuchten und glänzen werden. Wir find durch dieſe unfere Erklärung der vorliegenden Parabel auf ein für den Charakter der neuteftamentlichen Pa— rabeln überhaupt Iehrreiches und mit dem bereitö früher hier— über Gefagten *) übereinftimmendes Refultat gelangt. In ber Parabel ift mehr enthalten, als in der authentifchen Deutung, aber diefes Mehrere ift eben darum, weil es ein Mehreres ift, zugleich ein noch Unbeftimmtes. In der authentifhen Deutung - wird nur ein Theil des Sinnes der Parabel ausgefprochen, und zwar. derjenige Theil, über den wir, wenn wir die Parabel alz lein hätten, im Zweifel bleiben würden, ob er gemeint oder nicht gemeint fei. Daß alles Bofe am Ende der irdifchen Tage von dem Guten ausgefchieden, das Gute von dem Bofen ges reiniget werden foll, war der allgemeine Sinn der Parabel, Daß diefes Böfe auch ein Perfonliches, — böfe Individuen, Söhne des Böfen, — fein fonne, daß diefem perſoͤnlich Boͤſen nicht Vernichtung durch jenes Neinigungdfener, fondern eine ewige Feuerqual angedroht wird: Died erfahren wir erſt Durch die Deutung. Die Parabel alfo zeigt ſich ald beftimmt, nicht *) Buch) IT, ©, 383. 88 Fuͤnftes Bud. fowohl das buchftäbliche Verftändnig der Wahrheit, die ihren Inhalt ausmacht, zu erleichtern, als vielmehr durd eine natür= liche Analogie einen Fingerzeig über die rationalen. Gründe und Bezüge ihres Inhalts zu geben. Die Deutung dagegen fcheint, wie fie hier vorliegt, den Zwed zu haben, ‚nicht fowohl den allgemeinen, Feineswegs undeutlichen, Sinn der Parabel aufzu: klaͤren, als vielmehr nur, dasjenige Moment des Sinnes, über dad man nad) der Parabel felbft noch im Zweifel bleiben fonnte, ausdrüdlich hervorzuheben. Den Begriff des ,, Menfchenfohnes ’’ als Weltrichter fo zu verftehen, als habe Jeſus geradehin fich felbft, feine Perfon damit gemeint, müffen wir hier gewiß nicht minder, wie in an= dern ähnlichen Fallen, bedenklich finden. Nicht Sowohl wegen des Umftandes, daß der Menfchenfohn ald derjenige genannt wird, aus deffen Saat die „Soͤhne des Reiches“ emporfeimen, alfo als Schöpfer, wenigftens ald Schöpfer des Guten. Denn bier Fonnte man fich allerdings darauf berufen, daß auch die Erlöfung eine fortgefegte Schöpfung ift, daß Chriftus, indem er die Wiedergeburt der Menfchen bewirkt, fich mit Recht als den Schöpfer ihres höheren Selbft betrachten darf. Aber ſchon in der Art und Weife, wie Sefus auf das Begehren der Deutung ald den Saͤemann nicht fich felbft, fondern den „Menſchen— ſohn“ nennt, liegt etwas, das, unabhängig noch von dogma— tifchen Anfichten, das natürliche Gefühl des Auslegers beftim- men wird, zu verneinen, daß Jeſus geradehin fich felbft ge- meint haben koͤnne. Da nun zu diefer Betrachtung fih noch die übrigen Schwierigkeiten gefellen, welche der Annahme eines fo feltfamen Aberglaubens, wie das Dogma der Parufie, buchftäb- lich verftanden, ohne allen Zweifel enthalten würde, in der eignen Perfon Sefu entgegenftehen : fo wird man es uns gern zugeſte— ben, wenn wir und für geneigt erklären, jenen Ausdrud zu den Momenten der Bildlichkeit zu zählen, von denen wir bereits erinnert haben, daß fie auch noch in der Deutung enthalten find. 9. „Das Himmelveich gleicht einem Sauerteig, den ein Weib nimmt und in drei Maß Weizen hineinbädt, bis das Ganze durchfäuert iſt.“) — Diefes Gleichniß ift ſowohl hier, *) 8.33, Parall, Luk, 13, 2. 6Gal. 5, N. Evangelifche Erzählungen und Neben nach) Matthäus. 89 als auch bei Lukas, wo ed in einen ganz andern Zufammen- «hang verlegt wird, unmittelbar mit dem von dem Senfkorn (Bud IV, Nr. 17) verknüpft. Wahrfcheinlich alfo haben beide GEvangeliften mit ihm zugleich auch jenes nicht aus Marcus, fondern aus der ihnen eigenthümlichen Quelle entnommen, wie dies auch aus einigen ihnen beiden gemeinfchaftlichen Abwei— Hungen im Ausdrude von Marcus hervorzugehen ſcheint. Was übrigens den Sinn des vorliegenden betrifft: fo Liegt in ihm das Doppelte, erftens die Forderung, daß der Same des Göttlichen nicht ald etwas Befonderes, von den übrigen. See: lenkraͤften Abgetrenntes in dem Menfchen wohne, fondern wie ein Sauerteig durch die ganze Seele fich verbreite, fo daß fein Moment des Seelenlebens ift, der nicht von der Natur. des Göttlichen imprägnirt würde; zweitens aber zugleich die Verſi— herung, daß das Göttliche wirklich diefe Kraft befikt, Die Seele des Menfchen, wie in chemifcher Intusfusception ganz zu durchdringen und in feine Natur zu verwandeln; fo daß alfo jene Forderung nicht ein leeres Sollen bleibt, fondern in jeder Seele, wo nur ein wirklicher Keim, nicht blos eine taube Blüthe des Göttlichen vorhanden ift, nothwendig und unaus: bleiblih, fei e8 in diefem, oder in einem andern Xeben er- füllt wird. 2 66. „Das Himmelreih gleicht einem Schatze, der im Felde verborgen lag; der Mann, der ihn findet, halt ihn vers borgen, geht voll Freude hinweg, und verkauft alles was er hat, um jenes Feld zu kaufen.“) — Der Sinn diefes Gleichniffes ift nicht nur dieſer allgemeine, daß das Himmelreich der größ- ten Aufopferung werth fei, fondern näher: daß um dad Him: melreich zu erwerben, zwar die Aufopferung aller weltlichen Neigungen und Intereſſen gefordert ift, aber durch folche Auf: opferung noch nicht unmittelbar dad Himmelreich felbft in fe: ner reinen Geftalt, fondern nur ein Ader, in welchem das himm=- liſche Kleinod verborgen liegt, Das heißt eine folche Geftalt des Lebens erfauft wird, in welcher zwar dad Himmelreich verborgen liegt, aber die felbft noch nicht das Himmelreich ift. 61. „Das Himmelreich gleicht einen Kaufmanne, der edle 2) V. 44. 90 Fuͤnftes Buch. Perlen ſucht. Er findet eine Perle von hohem Werth, verkauft alles was er hat, und Fauft fie.‘”*) — Unwoͤglich kann dieſes Sleichniß, wie es der Evangelift fo darftellt, unmittelbar an das vorhergehende von Jeſus angereiht worden fein. Denn im Zufammenhange mit jenem vorgetragen, würde es den Sinn, der jenem eigenthümlich ift, vernichten, da hier der Beſitz der Perle als reiner Genuß des Himmelreichs vorgeftellt werden müßte. Für fich abgefondert betrachtet aber läßt fie uns von jenem Nebenumftande beim Erkauf des Himmelreichs nur ab- fehen, ohne doch ihn ausdruͤcklich Lügen zu flrafen. 62. „Das Himmelreich gleicht einem Netze, welches in ben See geworfen wird und worin fich allerlei fängt. Iſt e8 vol, fo ziehen es die Fifcher an den Strand heran, fißen nie: der und fammeln das Gute in Gefäße, das Schlechte aber werfen fie weg. So wird e8 am Ende der Tage fein. Die Engel werden kommen, fie werden die Böfen von den Guten ausfondern und fie in die Feuerftätte werfen, Dort wird es Geheul und Zahneflappen geben! **) — Wenn diefes Gleich: niß als treffend erfcheinen fol, fo darf es nicht als fchlechthin daffelbe fagend mit dem von der Saat und dem Unkraut (Nr. 58) verftanden werden. Denn während dort zwifchen dem, der die gute Saat, und dem, der das Unkraut faet, ausdruͤcklich unterfchieden wird, fo erfcheinen hier die Fifcher, welche das Gute und welche das Unbrauchbare fangen, als die einen und fel- ben. Sie würden mit dem, was dort die Schnitter find, ver: glichen werden konnen, wenn nicht das Auswerfen der Nebe, worein hier ausdrüdlich dad Moment der Gegenwart des Himmel: reiches gefeßt wird, hier vielmehr die Bedeutung, die dort das Saͤen, ald jene, welche das Ernten hat, zu haben fchiene. Sollte es die Bedeutung des Erntens haben, fo würde das Bild als überflüffig erfcheinen, da es fich von felbft verfteht, daß da, wo Gutes und Bofes ausgefondert werden follen, fie zu— vor vermifcht gewefen fein müffen. Es möchte alfo wohl nichts anderes übrig bleiben, als das Auswerfen des Nekes analog, wie in allen ähnlichen Gleichniffen, von der Predigt des Evange— BIT FWDBIATT, Evangelifihe Erzählungen und Reden nad) Matthäus. 91 ums, oder richtiger (vergl. Buch IV, Nr. 12) von der fchd« pferifchen Dffenbarung des Göttlichen an die Menfchen über: haupt zu verftehen, und folglich zu bekennen, wie unter dem uns brauchbaren Theile des Fanges nicht, was freilich zunächft lies gen würde, diejenigen gemeint fein Fonnen, welche an dem Him— melreiche gar feinen, fondern nur die, welche an ihm zwar 'eis nen Antheil, aber einen falfchen und verkehrten Antheil haben. Die Schriftgelehrten und Pharifäer hat der Menfchenfohn in feinem Nee gar nicht mit heraufgezogen; fie alfo brauchten auf dem Strande nicht erſt ausgefondert und weggeworfen zu werden. Wohl aber hat er Judas Iſchariot mit heraufgezogen; in Bezug auf diefen hat fih folche Scheidung des fchlechten Fanges von dem guten allerdings als nothwendig erwiefen. 63. „Jeder Schriftgelehrte, der in die Lehre vom Him— melreiche eingeführt ift, gleicht einem Hausvater, der aus feiz nem Borrathe Neues und Altes hervorzieht. “) — Die Anz fnüpfung diefer Furzen Parabel an die vorhergehenden durch die Frage Sefu an die Jünger, ob fie ihn verftanden haben, mit einem „Darum“ (did covro) ift offenbar willfürlich, und giebt leicht zu einem Misverftändniß der gegenwärtigen Anlaß. Da namlich in der vorhergehenden allenthalben von dem Gegenfaße des Guten und Böfen die Rede war, fo wird man verleitet, auch den hier ausgefprochenen Gegenfag von Altem und Neuem Darauf zu beziehen. Dann aber giebt die Parabel Feinen bes guemen Sinn, wenigftens nur einen fehr trivialen, der noch dazu ungeſchickt ausgedrüdt wäre. Der wahre Sinn vielmehr bezieht fich auf das Verhaͤltniß des Lehrers, der mit dem ho= hern Inhalte des Himmelreichs erfüllt ift, zu den Gegenftän- den feiner Lehre. Ob diefe alt und fehon befannt find, oder neu erfunden, kuͤmmert ihn nicht, will Iefus fagen; mit dem Neuen ift auch das Alte neu geworden, und ed bedarf zwifchen beiden feiner ausdrücklichen Unterfcheidung. — Es erhellt, wie diefer Ausſpruch eben fo gut in jeder andern Verbindung, wie in der gegenwärtigen, gethan werben konnte. Hier ſchließt die Reihe von Gleichniffen, welche unfer Evange— lift wahrfcheinlich bereits in feiner Quelle eben fo, wie er fie zuſam— *) 3. 32. 92 Fünftes Bud. menftellt, zufammengeftellt gefunden hatte. Auf welche Weife jedoch beim Achten Matthäus die Erzählung derfelben von vorn herein motivirt war, läßt fi) darum nicht genau beftimmen, weil der Unfrige diefe Reihe an das von Marcus berichtete Gleichniß vom Saͤemann (Buch IV, Nr. 12) anzureihen für gut befun= den hat, von welchem wir keinen Grund haben. anzunehmen, daß es in der Sammlung des Matthäus gleichfalls vorfam: Ob die Bemerkung *), daß nach Beendigung diefer Gleichniß- reden Jefus ‚weiter gegangen fei, dem Berfafler des Evange— liums oder dem Apoſtel angehöre, Laßt ſich gleichfalls nicht entfcheiden. 64. Dem Gefpräch mit den Pharifaern über die Verbind- lichkeit der Geremonialgebräuhe (Buch IV, Nr. 24) flicht unfer Evangelift, nicht eben recht paffend, folgenden Zufaß ein. Bevor die Zünger Jeſum über die Bedeutung des zu den Pha- rifäern Gefprochenen befragen, melden fie ihm, daß die Phari- fäer an feiner Rede Anftoß genommen. Er antwortet: „Jede Pflanze, die mein himntlifcher Vater nicht gepflanzt, wird aus— gerottet werden. Laßt fie, fie führen Blinde als blinde Füh- ver! Führt aber ein Blinder einen Blinden, fo fallen fie beide in den Graben.’’ *) 65. Das Berlangen der Pharifaer nach einem Zeichen, von welchem unfer Evangelift ſchon früher (Nr. 55) erzählt hatte, fommt bei ihm noch einmal vor, und zwar hier offenbar in Nachfolge des Marcus ***), von welchem jener erftere Be- richt unabhängig war. Die Antwort jedoch lautet bei ihm fol- gendergeftalt: ,, Wenn ihr am Abend den Himmel voth feht, fo verfündigt ihr. gutes Wetter; wenn am Morgen roth und trübe, fo verfündigt ihr Sturm. Schelme ihr, das Anfehn des Himmeld wißt ihr zu beurtheilen, Die Zeichen der Zeit aber nicht?’ +) Worauf dann weiter, ganz eben fo, wie oben, die Scheltrede auf das böfe und treulofe Gefchlecht, und die Ver— ficherung folgt, daß ihm Fein Zeichen, als nur das Zeichen des Jonas gegeben werden ſolle; — bei Marcus lautet diefe Ant: *) V. 53, *x) Cap. 15, V. 12 ff. Parall. Luk, 6, 39. ***) Marc, 8, 11 ff. +) Cap. 16, V. 2 f. Parall. Luk. 12, 54 ff. Evangelifche Grzählungen und Reden nach Matthäus. 93 wort einfacher. — Sowohl den gegenwärtigen Ausfpruch, als auch den vorhergehenden giebt das dritte Evangelium in ganz, anderer Verbindung; jenen fehr abgekürzt, diefen in fehr freier Paraphrafe, welche urtheilen läßt, entweder daß der Verfaſſer das hebräifche Driginal anders als der Unfrige verftanden, oder daß er es feinen eigenen meteorologifchen Kenntniffen nicht ge= mäß gefunden hat. Die Verbindung, in welcher diefen legten Ausspruch der Unfrige giebt, ift offenbar eine unangemeffene; in welcher andern ihn das Driginal gegeben haben möge, läßt ſich ‚ nicht ermitteln. 66. Auf die Erflärung des Petrus, daß er Sefum für den Gefalbten des Herrn, für den Meffias halte (Buch IV, Nr. 29), fol Sefus erwiedert haben: „Selig bift du, Simon Bar Sona *), Fleiſch und Blut hat dir dies nicht offenbart, fondern mein Vater im Himmel! Und auch ich fage Dir, daß du Pe— trus *) bift, und daß ich auf diefen Felfen meine Kirche bauen will, gegen welche die Pforten des Hades nichts vermögen fols len. Sch will dir die Schlüffel zum Reiche der Himmel ge= ben; was du auf der Erde bindeft, das wird im Himmel ge- bunden fein; was du auf der Erde löfeft, das wird im Him— mel geloft fen!) . Sch habe diefe Worte in der Neihe der Ausfprüche des Matthäus nicht übergehen wollen, da fie einmal zu denen ge— hören, die das erfte Evangelium vor dem zweiten voraus hat, obgleich ich nicht für wahrfcheinfich halte, daß der Verfaſſer deſſelben auch hier aus feiner fonftigen ächten Duelle gefchöpft haben ſollte. In der Erzählung des übrigen Gefprächs trifft fowohl er, ald auch Lukas, bei dem wir diefen Zufaß vergeblich fuchen, dergeftalt mit Marcus zufammen, daß wir in derfelben Weiſe, wie in allen ähnlichen Fällen, eine Entlehnung von Letz— terem anzunehmen haben. Daß aber diefe Erzählung ſich au) im Original des Matthäus vorgefunden haben folle, davon zeigt fih, von der hier fraglichen Stelle abgefehen, weder im erſten ”) d.h. Sohn des Jonas. x**) Nerodos, Fels Chebräifh: Kephas, wie Petrus namentlich in den paulinifhen Schriften genannt wird). *##) Cap, 16, V. 17 ff. 94 Fuͤnftes Bud. noch im dritten Evangelium fonft eine Spur, fondern nur diefe Stelle feibft feßt jenes Gefpräch voraus, da fich eine abgeſon— derte Ueberlieferung derfelben nicht wohl annehmen läßt. Diefes felbft aber, daß Matthäus das Gefpräch vollftändiger überlie- fert haben follte, als es der Schüler und ‚Freund des Petrus überliefert hat, daß Letzterer ausdruͤcklich eine Stelle verſchwie— gen haben follte, die feinen Meifter fo nahe anging und fo fehr zu feinem Ruhm gereichte, während er das Ungünftige, was un: mittelbar darauf folgt, fo treu berichtet, muß Jedem ald uns wahrſcheinlich auffallen. Am nächften koͤnnte es freilich zu: lie- ‚gen ſcheinen, hieraus einen ungünftigen Schluß. auf die Authen- tie des Marcusevangeliumd zu ziehen, und das erſte Evange— lium darauf anzufehen, ob es nicht vielleiht an diefer Stelle derjenigen. Ueberlieferung, von welcher das zweite feine Beglau- bigung hat, näher ftehe, als diefes felbft. Allein, um wirklich als eine Inſtanz von Erheblichkeit für diefe, unferer bisher fo wohlbegründet befundenen Annahme widerfprechende Vermuthung gelten zu koͤnnen, müßte die fragliche Stelle an fich felbft ein unzweifelhafteres Gepräge der Aechtheit tragen, als fie bei naͤ— herer Betrachtung wirklich zu tragen fich zeigt. Sie enthält in der Seftalt, wie fie vor und liegt, Feineswegs einen originalen Kerngedanfen, einen folhen, der mit innerer. Wahrheit und Nothwendigkeit fei es auf fich felbit beruhte, oder in den Zu— fammenhang des Gefprächs ſich einreihte, einen Gedanken der Art, wie mit wenigen Ausnahmen alle anderen von den Synopti- fern und überlieferten Reden und. Gefpräche des Herrn find. Es find vielmehr Umftände vorhanden, welche ihr das Anfehen geben, nad). einem allgemeinen Typus der Lehr- und Denfweife der. apoftolifchen oder nachfinachapoftolifchen Zeit ausgeprägt zu fein. Daß „nicht Fleifh und Blut‘ dem Petrus die Mef- fiasmürde Sefu offenbaret habe, ift ein Ausdrud, der bei wei- tem mehr der johanneifchen und paulinifchen Nedeweife, als der Nedeweile Jeſu bei den Synoptikern fi entfprechend. zeigt. Noch mehr fallt auf, Jeſum von einer Kirche fprechen zu hoͤ— ven, die er auf einen feiner Jünger wie auf einen Fels derge— ftalt gründen wolle, daß die Pforten der Hölle fie nicht über- wältigen follen. Jeſus hat, — dies dürfen wir, wenn irgend aus her Gefammtgeftalt feiner Reden und feines Thuns einen Schluß Evangelifche Erzählungen und Reden nach Matthäus. 95 zu bilden uns verftattet fein fol, mit entfchiedener Zuverſicht vorausfegen, — er hat der apoftolifchen Kirche fich felbft zu bilden überlaffen, “aber nicht mit folcher Ausdrüdlichkeit ihre Gründung ausgefprochen, daß diefe Art und Weife der Bevor: zugung eines Apoftels in Bezug auf diefelbe, als hinreichend motivirt erfcheinen Eönnte. Er felbft hat unmittelbar nur die unfichtbare, nicht die fichtbare Kirche geftiftets freilich ift auch die fichtbare Kirche fein Werk, weil fie ohne den von ihm ausgegangenen Geift nicht hätte entftehen können; aber eben, weil fie aus dem Geifte fi gebären follte, mußte ihre Entftes. bung eine freie fein, nicht eine Stiftung in jenem Dogmatifchen Sinne, wie ed in gegenwärtiger Stelle bereitö vorausgeſetzt zu werden Scheint, *%) — Eben fo wenig, wie jene ausdrüdliche Bes vorzugung, will und wahrfcheinlich , duͤnken, daß Sefus bei diefer Gelegenheit die Namensveränderung des Petrus follte vor— genommen haben. Diefer Act hat in diefer Verbindung etwas fo froftiges und gezwungenes, Daß wir .ed nicht über uns ge: winnen fönnen, ihn als fo gejchehen vorzuftellen *). Das Wort vom Lofen und Binden ift diefer Stelle mit der fpätern gleichfalls bedenklichen (Nr. 71), wo fammtlichen Juͤngern diefe Macht verliehen wird, gemein; den Schlüffel des Himmelrei— ches aber würde Sefus wohl nicht fo unbedenklich einem über- tragen haben, den er unmittelbar darauf einen Satan nennt. — Nach allem diefem bin ich der Meinung, daß diefe Stelle nicht für gefchöpft aus den Aufzeichnungen des Achten Matthäus gel- ten kann, fondern für eine der Sagen zu nehmen ift, deren fich, manchen Spuren zufolge, die ſich noch außerdem in unfern *) Vergl. oben Buch IH, ©. 386 ff. * **) Ein bemerkenswerther Umſtand iſt auch dieſer, daß Juſtinus Martyr, da, wo er auf die Namensveränderung des Petrus zu ſprechen kommt, nicht die gegenwärtige Stelle, ſondern die unſtreitig urſprünglichere und ächtere, obgleich minder detaillirte des Marcus (3, 16) anführt. Dial.e. Tryph. 106, Da die Anführungen diefes apoftolifchen Vaters fonft alfenthalben, wo eine Stelle mehreren Evangelien gemein ift, am meiften mit dem Matthäusev. zufammenzuftimmen pflegen: fo Könnte man hieraus den Verdacht fhöpfen, daß gegenwärtige Gtelle fichr nicht nur in dem urfprüngligen Matthäus, fondern felbft in dem griechiſchen Evang. diefes Namens urfprünglich noch nicht be— funden hat, fondern erft fpäter in daffelbe hineingetragen ift, 96 Fuͤnftes Bud. Evangelien finden, gerade in Bezug auf die Perfon des Pe— trus frühzeitig mehrere gebildet zu haben fcheinen *). 67. ‚‚Wahrlich ich fage euch, habt ihr Glauben wie ein Senfkorn, fo Fonnt ihr zu diefem Berge fagen: geh von hier dorthin, und er. wird gehen! Nichts wird euch unmöglic) ſein!“*) — Diefer Ausfpruch ift diesmal aus Matthäus ge: fchöpft, während ihn anderwärts unfer Evangelift noch einmal aus Marcus bringtz er ift aufs Gerathewohl der aus Marcus entnommenen Erzählung von einer Klage der Iünger über ihre Ohnmacht den unreinen Geiftern gegenüber, die auf ihr Wort nicht weichen wollen, ***) einverleibt, bei Lufas eben fo aufs Gerathewohl einem Gefpräche von übrigens fremdartigem In: halt. Uebrigens fcheint der Unfrige ſchon hier auf die Stelle des Marcus, wo diefer Ausfpruch gleichfalld vorkommt, hinges blickt zu haben. Wir haben nämlich Grund, zu vermuthen, Daß in der Ürfchrift des Matthäus, wie noch jest bei Lukas, ftatt des „Berges““, von deſſen Berfegung hier die Rede ift, "ein „Feigenbaum“ genannt war +). Marcus hatte, vielleicht aus ei= nem Gedächtnißfehler, vielleicht aber auch, weil diefer Ausspruch zu anderer Zeit in diefer Geftalt von Jeſus gethan war, wie wir ihn denn auch fonft in der Weife einer fprüchwortlichen Redensart angeführt finden ++), in diefem Zufammenhange einen „Berg“ genannt, obwohl wir, wie oben gezeigt, in der Zuſam— menftellung, in welcher er diefen Spruch giebt, deutlich die Spur erkennen, daß auch er jene andere Form deſſelben ver- nommen haben muß. *) Als ein Argument gegen die Aechheit diefes Ausfpruhs, auf das s ich jedoch nicht viel Werth legen möchte, könnte man vielleicht noch folgendes anführen, deffen Calvin ſich bediente, um die urfprünglich griechifhe Abfafung des gefammten Matthäusevang. zu erweifen. Wäre die Stelle aus dem Hebräifihen überfest, fo würde wahr- fheinlich der Neberfeger den hebräifchen Namen Kephas beizufü- gen nicht unterlaffen haben, den in der entfprechenden Erzählung ver Berfafier des vierten Ev. (Joh. 1, 43) beifügt. #) Cap. 17, V. 20. Parall, Luk, 17,6. (Marc, 11,23 f, Matth. 2I,:2: ==) Marc. 9, 28. Vergl. Bu IV, Nr. 35. +) Bergl, Bd. L ©, 576. 11-1 Sor431% l \ - Evangelifche Erzählungen und Neden nad) Matthäus. 97 68. Die Einnehmer der Tempelabgabe gehen den Petrus an, und fragen ihn, ob fein Meifter nicht den halben Sedel bes zahle. Er bejaht es. Zu Haufe kommt ihm Sefus zuvor und fragt ihn: „Was meinft du, Simon, die irdifchen Könige, von wen nehmen fie Gefälle oder Cenfus, von ihren eigenen Kin: dern oder von den Fremden?’ Petrus antwortet: „Von den Fremden.” Darauf Sefus: „Alſo find die Kinder frei. Das mit wir ihnen aber feinen Anftoß geben, fo geh an den See, wirf einen Angel aus und nimm den erften Fifch, der herauf: fommt. Deffneft du ihm das Maul, fo wirft du einen Stater finden, den nimm und gieb ihnen denfelben für mich und dich! *) Das Anftoßige, was diefe Erzaͤhlung hat, wenn fie als wirkliches Wunder, und zwar als ein Wunder der That, nicht blos des Erkennens, verftanden werden foll, ift neuerdings jo allgemein empfunden worden, felbft von den rechtgläubigften Erflärern, die wenigftens die Schwierigkeit einer Erklärung der: felben nicht mehr in Abrede ftellen, daß e8 überflüffig fein würde, es noch weiter Darthun zu wollen. Aber auch von den mildernden Ausdeutungen koͤnnen wir Feine gelungen finden. Ein Wunder nicht zwar der That, aber der Einfiht, wie e8 , der neuefte rechtgläubige Bearbeiter der evangelifchen Gefchichte anzunehmen fich entichloffen hat, tft, ohne dem Wortfinne des Textes Gewalt anzuthun, anzunehmen nicht möglich **), und _ würde, auch davon abgefehen, den Charakter des Abenteuerlichen und Mährchenhaften aus der Anekdote nicht hinwegbringen. Näher läge ed und, wenn wir, unferer allgemeinen Borausfegung zufolge, auch diefe Erzählung ‚auf den Matthäus zurüdführen wollten, denen beizupflichten, welche in den Worten Jeſu zu Petrus nur einen „bildlichen Ausdruck“ zu erbliden glauben, „um aus: zufprechen, daß zur Erfparung einer fo leicht verdienten Summe der Mühe nicht werth fei, ein, wenn auch gutes Necht zum BB 24 f. **) Es bleibt nämlich fonft das unerhörte Wunder, daß ein an einer Angel anbeißender Fifh ein Geldſtück im Maule trägt; weshalb Neander (2.3. S. 361) erklärt, es mit diefen Worten nicht buch— fäblih genau nehmen zu wollen. 1. Bd. 7 98 Fuͤnftes Bud. Aergerniffe Anderer geltend zu machen. *) Allein auch fo noch bleibt etwas Befremdendes in diefen Worten, die dann faft mehr das Anfehen eines etwas fonderbaren Scherzes, als einer’ ernten, fittlichen Marime haben würden. Hierzu kommt, daß das vorangehende Gefpräch mit Petrus nur unter der Voraus: fegung begriffen werden kann, als ob Sefus für fich und feine Singer auch in Außerlicher Beziehung ausdrüdliche Vorzugs- rechte in Anfpruch genommen hätte; auf weldhe Anfpruc zu machen Feineswegs im Geifte feiner Denk- und Handlungs⸗ weife lag. — Da fich nun gerade in diefem Theile des Evans geliums, wie wir theils ſchon gefehen haben, theils fernerhin fehen werden, manche Stellen vorfinden, Die wir nicht für ächt, d. b. weder für Hiftorifch wahr, noch für gefchöpft aus der Urſchrift des Apoſtels, wenn auch darum nicht nothwendig in unfer Matthäusevangelium erft fpäter hineingetragen erfennent fo geftehen wir, daß uns ein Gleiches auch in Bezug auf die vorliegende Anekdote das Wahrfcheinlichere duͤnkt. Auch von ihr findet fich bei Lukas Feine Spur, und es fallt fomit wenigftens das Hinderniß weg, wodurch und jene Annahme allerdings würde verfchloffen werden. Außerdem ift auch) ein pofitives Mo- ment vorhanden, wodurch fich diefe Erzählung mit mehreren jener andern apofryphifchen Stellen unfers Evangeliums in eine Reihe ſtellt, nämlich, daß fie eine Frage aus dem Bereich der Firchli- chen gefellichaftlichen Berhältniffe zu ihrem Inhalte hat, eine folche, die von einem ganz Ahnlichen Standpuncte aus feheint aufge . worfen worden zu feirt, wie von welchem aus die Ausfprüche über die apoftolifche Gewalt der Schlüffel, oder über die bin- dende Kraft des Zeugniffes (Mr. 66. 72) erfunden und Sefu in den Mund gelegt worden find. — Ihre Stelle übrigens hat die Erzählung wahrfeheintih auf Anlaß des Wortes oxundaricem erhalten, welches in ihr zwar nicht genau in derfelben Bedeu: tung, wie im Nachfolgenden, aber doc) (V. 27) prägnant genug vorkommt, daß der Evangelift durch Vermittelung deffelben an diefe Anekdote erinnert werden Fonnte. 69. „Wehe der Welt über ihre Verführungen! Verfuͤh— rungen zwar müffen fein, aber wehe dem Menfchen, von dem =) Safe, % 3, 2te Aufl. $. 111, \ Evangelifche Erzählungen und Neden nach Matthäus. 99 ie Verführungen kommen!“ ) — Diefer Weheruf wird fo- wohl hier, als auch in der Parallelftelle bei Kufas mit dem ähnlichen verbunden, den wir bereit3 bei Marcus gefunden ha- ben **), der aber wahrfcheinlich, mit etwas verändertem Aus— drud, auch in der Driginalfchrift des Matthäus fand. — Die Nothwendigfeit des Boͤſen, die hier behauptet wird, tft offen: bar nur eine relative; fie gilt für diefe Welt, wie fie einmal iſt, nicht für die Welt, wie fie, dem urfprünglichen Schöpfer: willen Gottes gemäß, fein ſollte. Eine abfolute Nothwendig- keit kann nur der Potenz, der Möglichkeit, nicht auch der Wirk— lichkeit des Boͤſen zugefchrieben werden; unter den oxavdada aber, von denen hier die Rede ift, wird offenbar ein wirkliches Boͤſe verftanden. 70. ‚Nehmt euch in Acht, daß dbt feinen diefer Kleinen verachtet, denn ich fage euch, ihre Engel im Himmel fchauen ftetS das Angeficht meines himmlifhen Vaters.“ **) — Diefer Ausspruch ift, gleich dem vorangehenden und den nachfolgenden (Nr. 71— 76) jener Sammlung verfchiedenartiger Reden ein- verleibt, welche unfer Evangelift, dem Beifpiele des Marcus folgend, jedoch manches, was diefer gab, weglaffend und ande— res hinzufügend, an den Streit der Juͤnger über den Vorzug im Himmelceiche anfnüpft. Daß von Kindern die Rebe ift, bleibt wahrfcheinlich, wiewohl die Erwähnung der Kinder in diefem Abfchnitt gerade in der Erzählung unfers Evangeliums manches Misverftandniß veranlagt hat. Uebrigens ift e8 ge— wiß falfch, dieſen Ausfpruch fo zu deuten, als habe Sefus von Schugengeln der Einzelnen in anderem, ald nur in bildlichem Sinne fprechen wollen. 71. „Es kam der Sohn des Menfchen, das Verlorene zu retten. Was meint ihr? wenn einer hundert Schafe hat und eines davon fich verirrt, wird er nicht die neun und neunzig andern einftweilen auf den Bergen zurüdlaffen, fortgehen und das verirrte fuchen? Und wenn es ihm glüdt, es zu finden, wahrlich ich fage euch, er freut fich mehr darüber, als über die neun und neunzig, Die fich nicht verirrt haben. So num ift *) Cap. 18, V. 7. Parall. Luk. 18, 1. +) Marc. 9, 42. =##) Cop, 18, V. 10. 7 100 Fünftes Bud. es nicht der Wille eures Vaters im Himmel, daß auch nur Einer diefer Geringen verloren gehe }’’ *) — Bei Lukas ift diefem Gleich- niffe noch ausdrüdlich der Ausfpruch beigefügt, daß auch im Himmel mehr Freude fein wird über einen verlorenen Sünder, als über neun und neunzig, bie rechtfchaffen geblieben find. Solche Nukanwendung hat, wie man aus ihrem Wegbleiben bei dem Unfrigen zu fchließen berechtigt ift, mit ausprüdlichen Morten wohl nicht Chriftus felbft, fondern erft jener Bericht: erftatter gezogen. Hätte fie Chriftus felbft gezogen, fo würde man eine Ironie ähnlicher Art vermuthen müffen, wie dort bei den Rechtfchaffenen, von denen er fagt, daß fie des Arztes nicht bedürfen (Bud IV, Nr. 6) 9). Solche Ironie feheint aber der Parabel in ihrer urfprünglichen Geftalt fern zu liegen; Je— fus will nur überhaupt begreiflih und eindringlich machen, wie die Rettung eines feheinbar Verlorenen dem himmlifhen Vater am Herzen liegt. Daß übrigens die von dem Unfrigen, aber nicht auch von Lukas untergelegte Beziehung auf Kinder irrig ift, leidet wohl keinen Zweifel, 72. ‚Wenn dein Bruder gegen dich fehlt, fo führe ihn bei Seite und rechte mit ihm unter euch beiden allein! Hört er auf dich, fo gewinnft du dir deinen Bruder. Hört er nicht, fo nimm zwei oder drei mit dir; damit durch den Mund zweier oder dreier Zeugen jeder Handel gefchlichtet werde. Hört er auch auf diefe nicht, fo bringe es vor die Gemeinde; hört er auch auf diefe nicht, So gelte er dir wie ein Heide oder ein Zöllner. — MWahrlich ich fage euch, was ihr auf der Erde bin- det, wird auch im Himmel gebunden fein, was ihr auf der ) V. 11 ff. Parall. Luk. 15, 4 ff. =*) Eine geiftvolle Deutung diefes Spruchs wollen wir indeß, da fie außerhalb des Bereichs der eurrenten eregetifchen Literatur Tiegt, ausdrücklich anzuführen nicht unterlaffen. Daub im „Judas Iſcha— rioth Heft l, ©. 68. fagt: „So ift ein Sünder, welder Buße thut, mehr werth, als neun und neunzig Gerechte, Die, weil fie, mis— trauifeh gegen ſich felbft, jeder ihrer Tugenden einen Wächter beige- geben haben, der Buße nicht bedürfen; jener will nichts, was gut ift, ungewagt laſſen, und wagt mitunter für feine Kraft zu viel, diefe wollen nur nichts zu bereuen haben, und follte darüber auch manches, das gerecht, Löblich und eine Tugend ift, unterbleiben.“ Evangelifche Erzählungen und Reden nad; Matthäus. 101 Erde löfet, wird auch im Himmel gelöft fein! Ferner fage ich euch: wenn zwei von euch auf der Erde zuſammenſtimmen, moͤ— gen fie erbitten, was fie wollen, es wird ihnen von meinem Va— ter im Himmel gewährt werden. Wo zwei oder drei in meis nem Namen verfammelt find, da bin ich unter ihnen. — Nach diefen Worten fol Petrus noch gefragt haben, wie oft man feinem Bruder vergeben müffe: etwa ſiebenmal? „Nein,“ foll Sefus geantwortet haben, ‚‚nicht fiebenmal, fondern fieben und ſiebzigmal!“ *) Es ift bereits von Anderen bemerft worden, daß die Er— wähnung der „Gemeinde“ oder „Kirche“ (— fie, wie die mei: ften Erflärer e8 wollen, auf die jüdifhe Synagoge zu deuten, fcheint ung im Zufammenhange diefer Stelle ganz unzuläffig; ift ja doch unmittelbar darauf offenbar von einer Firchlichen Ge— meinfchaft als folcher die Rede —) hier nicht minder, wie fchon oben (Nr. 66) gar fehr das Anfehen einer Vorausnahme ſpaͤ— terer Einrichtungen hat, folcher, die Sefus weder als fchon be= fiehende, noch wahrfcheinlich auch unmittelbar als von ihm zu gründende vorausſetzen konnte. Deshalb befenne ich, daß mir die vorliegende Geſtalt diefer Stelle auf ähnliche Weife, wie jene obige, den Verdacht erwedt, nicht rein aus der Achten Apoftelfchrift, und durch diefe aus dem eigenen Munde des Herrn gefchöpft zu fein. Lukas hat an ihrer Statt folgende einfachen Worte: „Wenn dein Bruder gegen dich fehlt, fo ftelle ihn zur Rede, und bereut er, fo vergieb ihm. Und wenn er fiebenmal an einem Tage gegen dich fehlt, und fiebenmal an= dern Sinnes wird und fpricht: ich bereue es, fo magft du ihm vergeben!’’ Hier ift der Anfang jener Worte unfers Evans geliumd unmittelbar an ihr Ende geknüpft, und zwar auf eine Weiſe, die fih duch ihre Natürlichkeit empfiehlt, auf die aber dennoch der Verfaſſer des dritten Evangeliums ſchwerlich würde gefommen fein, wenn er zu diefem Behufe alles, was im er- ften dazwifchen fteht, hätte herauswerfen müffen. Eben, diefes Dazwifchenftehende aber fieht, für fich felbft betrachtet, auch ab: gefehen von jener verbächtigen Erwähnung des Firchlichen Ver— bandes, bei weitem mehr darnach aus, willkürlich eingefcho- BI FM. Para, Luk 17,3 f. 102 Fünftes Bud, ben, als, willfürlich herausgeworfen zu fein. So betaillirte Beftimmungen über Rechtöftreite lagen außerhalb des Bereichs der Predigt vom Himmelreiche, welche Jeſus einzig für feinen Beruf erkannte. Wie er fich weigerte, felbft einen Rechtshan— del zu fehlichten *), fo würde er fich ohne Zweifel auch geweis gert haben, die Art und Weife, wie die Gemeinde dergleichen Streite fehlichten fol, oder auch nur dies überhaupt, daß die Gemeinde fich mit dergleichen Dingen befaffen fol, fo wie wir es hier gefchehen fehen, feftzuftellen, Sefus hatte einen großar— tigern Begriff von der Kirche, die nicht ſowohl er ftiften wollte, als vielmehr von der er wollte und vorausfah, daß fie aus feinem Thun von felbft hervorgehen würde, als die Chriften der nachapoftolifchen Zeit von ihr hatten. In den befon= dern Verhaͤltniſſen diefer Zeit war allerdings die Zweckmaͤ— Bigfeit folcher Beflimmungen, war die Nothwendigfeit einer möglichft größten Zurüdziehung der Gemeinde in allen jurifti= fehen Angelegenheiten von der Staatsgewalt genugfam begruͤn— det. Ein fo Bedingtes aber, deffen Bedingungen bei feinem Leben damals noch nicht einmal eingetreten waren, Fonnte Je— fus unmöglich als ein für alle Zeiten Gültiges ausfprechen wol: len. Er hätte fi dadurch mit feinem eigenen großen Worte in Widerfpruch gefeht, welches dem Kaifer geben heißt, was des Kaifers ift, und Gott, was Gottes iſt. — Die Ausfprüche vom Löfen und Binden aber und von der Gewährung des Ge- betes, das zwei übereinftimmend thun (ift es ein ächtes Gebet, fo reicht, nach andern Ausſpruͤchen *), Ein Betender hin; ift eg ein unächtes, fo kann es die Uebereinftimmung Zweier nicht zu einem Achten machen), — diefe Ausfprüche werden, mag man fie drehen und wenden, wie man will, eben fo, wie der ver: wandte Ausspruch vom Vergeben oder Nichtvergeben der Sün- den, welcher dem Auferftandenen in den Mund gelegt wird *, immer etwas. Befremdendes behalten, was wir lieber auf Rechnung unferd Evangeliften, oder wer fie fonft im Sinn und im Intereffe der werdenden Hierarchie erfunden haben mag, Lu, 12, 197 **) Mare, 11, 24 und Parall, Matth. 7, 7 und Parall, #0) .305,220 ,,23, \ Evangeliſche Erzählungen und Reden nach Matthäus. 103 als Auf die eigne Rechnung des göttlichen Meifters fehreiben möchten. Auf welche Weife fie entftanden fein mögen, darüber fonnen manche in den neuteftamentlichen Urkunden vorkommende Zeugniffe von der Gewalt, welche, in Kraft ihres Geiftes und durch die Umftände zugleich genöthigt und berechtigt, die Ayo: ftel in der Kirche, deren erfte Gründer fie waren, auszuüben pflegten, einen belehrenden Wink geben *), Den Worten in- deß, in welchen Sefus verfpricht, wo Zwei oder Drei in feinem Namen verfammelt find, mitten unter ihnen fein zu wollen, mag wohl eine ächte Tradition zum Grunde liegen, und an fie vielleicht da8 Uebrige fich geknüpft haben. 73. „Das Himmelreich gleicht einem Herrfcher, der mit feinen Dienern Abrechnung halten wollte. Als er begonnen hatte, führte man ihm einen Schuldner von zehntaufend Talen- ten zu. Da Ddiefer nicht zahlen Fonnte, hieß ihn der Herr nebft Weib, Kindern und aller feiner Habe verkaufen, und das Geld einliefern. Da fiel ihm der Diener zu Füßen und flehte den Herin, Geduld mit ihm zu haben, er wolle ihm alles zahlen. Der Herr fühlte Mitleid, ließ ihn los und erließ ihm Die Schuld. Der Diener war eben hinweggegangen, ald er einen feiner Gefährten traf, der ihm hundert Denare ſchuldete. So— gleich ergriff er ihn, faßte ihn bei der Kehle und rief: Gieb mir heraus, was du mir fchuldefi! Sener fiel nieder, bat um Geduld und verfprach zu zahlen. Der andere aber wollte nicht, ging hinweg und ließ ihn ins Gefängniß werfen, bis er. feine Schuld bezahlen würde. Dies fahen die übrigen Diener und es verbroß fie; fie gingen und meldeten ihrem Herrn alles Ge: fchehene. Da ließ ihn der Herr zu fich rufen, und fprach zu ihm: Böfer Diener du, jene ganze Schuld erließ ich Dir, als du mich darum bateſt; follteft du nicht eben fo deines Gefahr: ten dich erbarmen, wie ich mich deiner erbarmte? Und erzürnt übergab ihn der Herr den Kerfermeiftern, bis daß er alle feine Schuld würde abgezahlt haben. So wird euch mein himmli- fher Vater mit euch verfahren, wenn ihr nicht, jeder feinem Bruder, von Herzen vergeben wollt !’’**) — Einfach) ſchoͤne Dar: *) Bergl. z. B. 1 Kor. 5, 4 f. **) V. 23 ff. 104 Fuͤnftes Bud. ftellung eines Thema, von welchem wir finden werden, daß Je— ſus es noch öfter auf mannichfaltige und tieffinnige Weife be— handelt hat, | 74, , Richt alle faffen diefes Wort, fondern nur die, de— nen es gegeben ifl. ES giebt Eunuchen, die e8 von Mutters Veibe her find, e8 giebt Gunuchen, die durch die Menfchen ver- fohnitten find, und es giebt Gunuchen, die fich ſelbſt verfchnit= ten haben um des Himmelreiches willen. Wer es faflen kann, der faſſe es!“ *) — Diefe merfwürdigen Worte werden von unferm Evangeliſten dem von Marcus erzählen Gefpräch über die Zuläffigkeit der Chefcheidung (Buch IV, ©. 562) anges hängt, und durch eine Bemerkung der Sünger motivirt: „Ver— halte es fich fo in Bezug auf das Band der Che, fo fei es beffer, gar nicht in die Ehe zu treten.” Ich halte nicht für wahrfcheinlih, daß diefe Motivirung die richtige ift, oder daß jene Worte wirklich in diefem Zufammenhange gefprochen find. Die den Züngern in den Mund gelegte Bemerkung fällt offen: bar ins Triviale, ja ins Lächerliche, und würde von Sefus ohne Zweifel eine andere Abfertigung, als dieſe gewiffermaßen beiftim= mende erhalten haben. Weit eher Fünnten diefelben als Ant— wort auf die, vielleicht fchon zu Jeſu Lebzeit gegen ihn Telbft, wie in fpäterer Zeit von fo Manchen aufgeworfene, etwas vor= witzige Frage gefagt fein, weshalb er felbft nicht in die Ehe habe treten wollen. Was ihren Sinn betrifft, fo hege ich die Meberzeugung, daß Iefus allerdings noch etwas anderes meinte, ald, wie man es von proteftantifcher Seite zu ‚deuten pflegt, nur jene aͤußeren Nücfichten, Die zu jener Zeit dem zur Ver— fündigung des Evangeliumd Berufenen die Enthaltung von der Ehe follen räthlich gemacht haben. „Wer es faflen kann, der faffe es!“ — allerdings ift e8 Fein Wahn, daß mit einer ge= wiffen, im tiefften Wortfinne priefterlichen Seelenftimmung und Gemüthsrichtung die finnliche Liebe, die Befriedigung des Gefchlechtstriebes, fo wenig diefelbe darum an fich für fündlich gelten darf, unvereinbar bleibt. — ES fallt uns nicht, ein, damit dem Coͤlibat der Fatholifchen Kirche das Wort reden zu wollen; jeder Außere Zwang ift und bleibt hier unftatthaft und — =) Cap, 19, V. f. { 4 Evangelifche Erzählungen und Reden nach Matthäus. 105 führt zu jenen Gräueln, welche diefes Inſtitut mit Necht zum Gegenftand der allgemeinen Abneigung gemacht haben. Auch iſt nicht, und fol nicht fein, jeder zum Dienfte des göttlichen Wortes Berufene ein Priefter in jenem Sinn, den wir hier mei- nen, der in der eigenen Perfon Jeſu fein höchftes Vorbild fine det. Aber eben fo wenig ift es blos ein dogmatifches, die ächte Menfchheit in der Perfon Sefu verfennendes Vorurtheil, wel— ches an der Frage nach einem (Außern) Grunde feiner Chelofig- feit Anftoß nimmt, Der Acht religiofe Sinn, welcher das Hei- lige in jener erhabenen Perfonlichkeit erfaßt hat, Fann hier nicht zweifeln, fondern ift fi ohne weitere Neflerion bewußt, daß die Anſchauung diefes Heiligen fich mit Feiner Borausfegung gefchlecht- licher Beziehungen in diefer Perfönlichfeit vertragen würde, — Ob der Sinn des Paulus bei feinen Aeußerungen über die Ehe im erften Korintherbriefe, wo er die Fähigfeit zum ehelo- fen Leben als eine Gnadengabe (yore) *) bezeichnet, der: felbe oder ein mehr Außerlicher fei, darüber ift hier der Ort nicht zu entfcheiden. 75. „Waͤhrlich ich fage euch, ihr, die ihr mich begleitet, folt bei der Wiedergeburt, wenn der Sohn des Menfchen auf dem Throne feiner Herrlichkeit fist, ebenfalls auf zwölf Thro— nen fißen und die zwölf Stämme Israels richten! *) — Auch diefen Ausfpruh, der auf unpaffende Weife in das Ge- fpräch zwifchen Sefus und Petrus (Buch IV, ©. 566 f.) einge ſchoben ift, fünnte man darauf anfehen, ob er etwa gleich den Nr. 66 und Nr. 72 aufgeführten, zu den unächten oder be— denflichen Zufäßen unferd Evangeliums gehören möge. Da er jedoch, wiewohl in anderer Verbindung und mit einem Zus: faße ***), auch bei Lufas vorfommt, fo wage ich nicht, ihn "1 Rot. 7,7. *#).Cap. 19, B. 28. Parall, Luk, 22,29. ***) Jeſus verspricht dort, gleichwie ihm von feinem Vater die Herr- fihaft verſprochen fei, fo feinen Jüngern, daß fie an feinem Tiſch in feinem Reiche effen und trinfen und yon ihren Siten aus die Stämme Ssraels richten folen: Da aber Lufas dieſe Worte beim Ießten Maple gefprochen werben läßt, fo tft wahrſcheinlich, daß er fie, wie au ſchon die vorhergehenden (B. 27) in feiner freien Erzählungsweife dem Momente angepaßt bat. 106 Fuͤnftes Bud.. dazu zu zahlen, fondern glaube ihn ald Acht und aus Achter Duelle gefhöpft hinnehmen zu müffen. Dann aber kann Fein Zweifel fein, daß er nicht im eigentlichen, fondern im figuͤrlichen Sinne zu verftehen ift. Wie Jeſus fich felbft nur infofern ald Welt: richter einführt, wiefern er dad Bewußtfein hat, daß die ideale Perfonlichkeit des ,, Menfchenfohnes ’ in ihm die entiprechende Verwirklichung gefunden hat: fo theilt er feinen Juͤngern eine verwandte Rolle zu, mit felbfibewußter Symbolik diefelben als Repräfentanten der verfchiedenen Richtungen und Ideen der Weltgefchichte behandelnd, welche fammtlich ihre ideale Einheit in der Idee des Menfchenfohnes finden follen. Die zwölf Stämme Söraeld gelten ihm als ſymboliſcher Ausdrud für die Gliederung der weltgefhichtlihen Volker und Zeitperioden, und die gefchloffene Zahl drüdt aus, wie auch diefe nicht eine zu— fällige und gefeslofe Vielheit ausmachen, fondern nad) einem ‚ organifchen Gefege geordnet und geregelt find, 76. „Es gleihet das Himmelreich einem Hausherrn, der früh ausging, Arbeiter in feinen Weinberg zu Dingen, Gr fam mit den Arbeitern auf einen Denar überein, und fandte fie in feinen Weinberg. Zur dritten Stunde ging er nochmals aus, und ald er Andere müffig auf dem Markte ftehen fah, hieß er fie gleichfalls in den Weinberg gehen, er wolle ihnen, was fich gebühre, geben. Jene gingen, Zur fechften und neunten Stunde ging 'er wiederum aus, und that daffelbe. Als er endlich zur eilften Stunde ausging und noch Andere daftehen fah, ſprach er zu ihnen: Was fteht ihr hier den ganzen Tag müffig? Jene antworteten, Niemand habe fie gedungen. Da bieß er auch fie in den Weinberg gehen; was fich gebühre, follten fie erhal- ten. Am Abend fprach der Herr des Weinbergs zu feinem Ber: walter: Rufe die Arbeiter und gieb ihnen ihren Lohn, von den Lesten anhebend bis zu den Erſten! Es Famen die zur eilften Stunde Gedungenen, und empfingen jeder einen Denar. Dann kamen die Erften und meinten, daß fie mehr erhalten würden, auch fie aber erhielten jeder einen Denar. Da murrten fie ge⸗ gen den Hausherrn und ſprachen: Dieſe Letzten arbeiteten eine Stunde, und du ſtellſt ſie uns gleich, die die Laſt und Hitze des Tages trugen? Er aber ſprach antwortend zu einem von ihnen: Freund, ich thue dir kein Unrecht; haſt du mir nicht fuͤr Evangelifche Erzählungen und Reden nach Matthäus. 107 einen Denar zugefagt? Nimm das Deine und geh! Ich aber will diefem Ketten das Nämliche geben, wie dir. Sollte ich in meiner Sache nicht thun dürfen, was ich will? Der ift dein Auge fcheel darüber, daß ich gut bin?“ *) Diefe Parabel, die in ihrer fchlichten Einfalt zu den groß: gedachteften und tieffinnigften Austprüchen fittlich =religiöfer Weis: heit gehört, wird von unferm Coangeliften als Commentar zu dem Sabe gegeben: „Viele Erſte werden Letzte, und viele Kepte Erfte fein.‘ Es liegt aber in ihr nicht eigentlich ganz daffelbe, was in jenem Sabe, fondern vielmehr Dies: daß vor dem, was im Himmelreiche den einzig wahren Werth giebt, alle quanti: tative Berechnung deſſen, was hier ald Verdienſt gilt, weg: fallt. Das irdifche Verdienſt verhält fich zu dem, was vor Gott Werth giebt, wie eine endliche Größe zu einer unendli- chen; wie im Unendlichen jede endliche Größenberechnung ſchwin— det, jo auch hier, Die Arbeiter werden nicht für das belohnt, was fie gethan haben, fondern für den Willen, überhaupt etwas thun zu wollen. — Sagt man, die Parabel fei beftimmt, der Lohnſucht oder dem Neide zu begegnen, fo zieht man fie von dem hohen religiofen Standpuncte auf einen» niedern morali- fchen herab, wo dad, was zu fagen war, ohne Öleichniß eben fo gut und beffer gefagt werden konnte. Nicht minder irrig ift ed, zu meinen, daß die Parabel nicht, wie doch am Eingange ausdrüdlich gefagt ift, vom Himmelreiche, fondern von einem befondern Gnadenlohne fpteche. Verleitet hat zu diefer irrigen Deutung die Meinung, daß fie im unmittelbaren Zuſammen— hange mit dem bei unferm Evangeliften zunächft Vorangehen— den gefprochen fein müfjez wo man dann diefes VBorangehende (Buch IV, Nr. 44) gleichfalls auf einen ſolchen vermeintlichen Gna— denlohn deutete, Wiederum ein Beweid, wie großes Unrecht den Worten des hohen Meifters gefchieht, wenn bie Geiftes- freiheit fehlt, fie von den Zufälligfeiten der Geftalt, in der fie überliefert find, loszureißen. 77. „Viele find berufen, Wenige aber auserwaͤhlt.“*) — Diefe Worte kommen bei unferm Evangeliften doppelt vor, hin= =) Cap. 20, V. 1 ff. =) V. 16, Cap. 22, V. 14 108 Fuͤnftes Bud. ter der vorftehenden Parabel, und hinter einer fpäter folgenden (Nr. 78). Da fie aber zu jener gar nicht, zur letztern wenige ftens nicht vollftändig paffen wollen, fo haben wir vorgezogen, fie abgefondert aufzuführen. Sie erinnern unwillfürlih an jene Worte des Platon: „Viele find die Thyrfusträger, wahrhaft Eingeweihte aber Wenige.” *) Daß unter den „Aus erwaͤhl⸗ ten’’ diejenigen, denen das Himmelreich wirklich zu Theil wird, gemeint find, darüber Fan nach dem Gefammtcharafter der evangelifchen Nedeweife wohl kaum ein Zweifel fein; eben fo wenig aber darüber, daß unter der Erwählung nicht ein folcher Act verftanden werden Fann, bet welchem nur Gott, und nicht auch bie Erwählten thätig find. Der Sat fagt daffelbe, wie der von der ‚‚engen Thuͤr“ und dem „ſchmalen Weg’ und den „We— nigen, die ihn finden ‘’ **), und beide ftehen in gleich entfchei= dendem Gegenfaß gegen die moderne Anfiht von der Allgemein: heit des Heil, die über alle Menfchen ohne Unterfchied fich erſtrecken ſoll. Daß aber Gott das Heil aller will, und daß, wenn ed nur von Wenigen erreicht wird, Dies die eigene Schuld derer ift, die e8 nicht erreichen:. dies ift in den Worten auöge- fprochen, welche fagen, daß Viele die Berufenen find. 78. Den Dberprieftern und Xelteften, die ihn über feine Berechtigung befragten, fol Sefus nach) feiner erften Antwort (Bud IV, Nr. 52) folgende Parabel vorgelegt haben: „Was meint ihr? Ein Mann hatte zwei Söhne. Er fam und ſprach zu dem erſten: Sohn, geh und arbeite heut in meinem Wein: berg! Der antwortete anfangs: Ich will nicht; nachher aber bereute er e8 und ging hin. Sener aber Fam zu dem andern und fagte daffelbe. Der andere antwortete: Ja Herr; ging aber nicht hin, Welcher von beiden that den Willen feines Vaͤters?“ Tene antworteten: der Erfte. Darauf Sefus: ‚Wahr: lich ich fage euch, die Zöllner und die Huren fommen vor euch ins Himmelveih! Es Fam zu euch Sohannes auf dem Wege *) Nao9nx0pogoı uEv mohhol, Pdxyoı ÖE ye mavgoı. Plat. Phaed. p. 69. Ein anderes Bild braucht Paulus (1 Kor. 9, 24), der unfern evan— gelifchen Ausfpruch nicht gefannt zu haben feheint. **) Matth. 7, 14 u. Parall. Lufus leitet diefen Sat (13, 24 f.) aus: drüclich durch eine Frage der Jünger ein: „es feien wohl Wenige, die felig werden 2” Evangeliſche Erzählungen und Neden nach Matthäus. 109 der Nechtfchaffenheit, und ihr fchenftet ihm Feinen Glauben; die Zöllner und die Huren aber glaubten an ihn. Ihr ſahet es und habt es auch nachher nicht bereut, noch an ihn ges glaubt!“*) — Diefe Parabel ſchiebt unfer Evangelift zwifchen das vorhin erwähnte Gefpräch und die Parabel von den zu den Arbeitern im Weinberg abgefandten Knechten und Sohne ein (Bud IV, ©. 579 f.); offenbar nur durch die Grwähnung des Sohannes dazu veranlaßt, welche die vorliegende Parabel mit jenem Gefpräche gemein hat. Dem Sinne nah Tann man diefe Einfchiebung nicht anders ald unpaſſend finden; fie zeugt, wie alle ähnlichen, von der größern Urfprünglichkeit der Compo— fition des Marcus im Gegenfabe des Unfrigen. Bei. Lukas fehlt dieſe Parabel, wahrfcheinlich weil er fie durch die größere vom verlorenen Sohne überflüffig gemacht glaubte. Daß er fie namlich allerdings Fannte, davon giebt ein ficheres Zeichen die Art und Weife, wie er die beiläufig in ihr enthaltene Notiz über den Erfolg Sohannes des Taͤufers anderwärts zu benuben weiß, um eine Luͤcke auszufüllen, die für ihn durch Herauswer— fen einiger Worte in einer andern Nede Jeſu entftanden war. **) — Wir bemerken diefen, von allen bisherigen Auslegern, fo viel und befannt, überfehenen Umftand darum ausdrüdlich, weil er als Warnung dienen kann, dem Lufas, und überhaupt jedem einzelnen der Cvangeliften nicht öfter, als nöthig, eine eigen- thümliche Ueberlieferung als Quelle unterzulegen, bei folchen Dingen, die er auch aus gleicher Quelle mit den übrigen ge— fchöpft haben Fann *"). 79. ‚, Darum fage ich euch: das Neich Gottes wird von euch genommen und einem Volke gegeben werden, das feine Früchte bringt! Und wer auf diefen Stein fällt, wird zerfchels len, auf wen aber der Stein fällt, den wird er zerfchmet- tern!’ +) — Diefe Worte waren in der Duelle wahrfcheinlich > 609r21, 9, 28 ff. \ **) Luk, 7, 29 f. vergl. Matth. 11, 12 f. ***) Cine ähnliche Mebertragung findet ftatt von dem bei Lukas an der Stelle, wo er bei Matthäus ſteht (8, 11), weggebliebenen Ausſpruch som meffianifchen Gaftmahl auf die Stellen Gap, 14, 15. Cap. 22, 29, H V. 43 f. Parall. Luk. 20, 18. 110 | Fünftes Bud. dem Nächftuorhergehenden unmittelbar beigegeben. Unfer Evans gelift reiht fie in die Erzählung des Matcus an der Stelle ein, wo diefer den Ausfpruch von dem Steine hat, der zum Edftein gewor— den ift (Bud IV, ©. 580). Möglich jedoch, daß beide Apophtheg- men auch bei Matthäus verbunden waren; Lufas giebt fie, den erften Sab des gegenwärtigen jedoch weglaffend, gleichfalls in Berbindung. Die Erwähnung des Steines im gegenwärtigen, obwohl auf eine andere Schriftftelle anfpielend *), feheint doch jenen andern Ausfpruch vorauszuſetzen. Den erften Satz des gegenwärtigen Ausſpruchs bezieht der Unfrige auf die auch bei Marcus dem Spruche vom Edftein vorangehende Parabel zus ruͤck, und accomodirt dieſem Spruche zu dieſem Behufe den Schluß; jener Parabel *). — Man merke übrigens auf die Ent: fchiedenheit, mit welcher Sefus auch hier verfündigt, daß der von ihm gefäete Same nicht unter den Juden, fondern unter einem andern Volke Früchte tragen wird. "Mit nicht minderer Ent- fohiedenheit wird im Schlußſatze die Zerftörung des jüdifchen Staates und Volkes vorausgefagtz und im geiftigen Sinn hat Sefus Feineswegs Unrecht, wenn er, was freilich im Außer: lich factifchen Sinne ſich nicht fo verhielt, fein Werk als den Stein bezeichnet, an welchem fich jene die Köpfe zerftoßen follten. 80. „Das Himmelreich gleicht einem Könige, der feinem Sohne Hochzeit gab. Er fandte feine Diener ab, die Gela— denen zum Feſt zu rufenz die aber wollten nicht fommen. Gr fandte nochmals andere Diener, und hieß fie den Geladenen ſa— gen: Das Mahl ift bereit, Ochſen und Maftvieh gefchlach- tet, und alles fertig; kommt zur Hochzeit! Jene aber kuͤm— merten fich nicht darum, fondern gingen ihres Wegs, der eine auf fein Feld, der andere in feinen Laden; noch andere nah— men die Knechte, mishandelten und tödteten fie. Dies hörte der König, gerieth in Zorn, fandte feine Heere, vertilgte die Moͤr— der und verbrannte ihre Stadt. Dann fagte er zu feinen Die- *) ef. 8, 14 f. — Auf ähnliche Weife finden wir Röm. 9, 33, einer Stelle, in welcher auf unfere evangelifchen nicht die mindefte Rück— ſicht durchblickt Ceben ſo wenig, wie 1 Petr. 2, 7), die eben anges führte Stelle des Jefatas mit Jeſ. 28, 16 combinirt oder verwechſelt. **) V. Al vergl, mit Mare, 12, 9 . Evangelifche Erzählungen und Reden nad) Matthäus. 111 nern: Die Hochzeit ift bereit, die Geladenen aber waren uns werth. Gebet alfo auf die Scheidewege der Straßen und ruft, fo viele ihr findet, zur Hochzeit! Da gingen die Diener auf die Straßen hinaus und führten alle zufammen, die fie fanden, böfe und gute; die Hochzeit füllte fi mit Gäften. Als nun der König Fam, die Gäfte zu befchauen, fand er einen Mann, der Fein hochzeitliche8 Gewand angethan hatte. Da redete er ihn an: Freund, wie konnteſt du hieher fommen ohne feftliches Gewand? Zener erfchrad, der König aber hieß feine Diener ihm Füße und Hände binden, ihn wegtragen und draußen ing Finftere werfen, dahin, wo es Geheul und Zähnklappen giebt. Denn Biele find berufen, aber Wenige auserwählt !’’ *) Der dritte Evangelift giebt diefe Parabel, welche in der gemeinfchaftlichen Quelle der Verwandtfchaft des Inhalts mes gen auch noch mit der vorhergehenden zufammengeftellt gewefen fcheint, unter großen Modificationen. Der Gaftgeber wird dort nicht als König, und als Anlaß des Mahles wird nicht die Hochzeit feines Sohnes bezeichnet, Die zuerft Geladenen er: _ weiſen fich nicht feindfelig, wie bei dem Unfrigen, fondern ent: fchuldigen fi, der eine weil er ein Gut, der andere weil er fünf Paar Rinder gekauft habe und fie befchauen müffe, der dritte weil er eine Frau genommen. Hiermit fallt auch die Beftra- fung derfelben weg. Bet der neuen Einladung dagegen findet die Steigerung flatt, Daß zuerft von den Straßen der Stadt ‚‚ Bettler, Krüppel, Lahme und Blinde,’’ dann von den Lande firaßen und Heden alles Gefindel, was dort ſich zu lagern pflegt, gerufen wird, Damit das Haus voll werde. Der Schluß in Betreff des nicht im Feftkleid Erfchtenenen wird ganz weg— gelaffen, und die Parabel fließt mit dem Ausrufe des Gaft- gebers: „Ich Tage euch, daß Feiner jener zuerft geladenen Män- ner von meinem Mahle fchmeden fol!” — Hier nun wollen ' Manche auch von denen, die fonft die größere Urfprünglichkeit der Weberlieferungen des erſten vor denen des dritten Coangeliums anerkennen, eine Ausnahme annehmen und dem Lukas den Preis der Urfprünglichkeit zuerfennen, den Verfaffer des erften Evan— geliums aber einer Vermiſchung urfprünglich verfchiedener Pa- *) Cap. 22, B.2 ff. Parall, Luk, 14, 16 ff. I ara Fuͤnftes Bud. rabeln oder wenigftens einer Hineintragung fremdartiger Züge in die gegenwärtige befcehuldigen. In zweierlei Puncten will man folhe Einmifchung eines Fremdartigen entdeden: in der ſchlimmen Behandlung der abgefandten Diener durch die Ges ladenen, und in der Härte des Königs gegen den unhochzeitlich Gefleideten. — Daß die Parabel bei Lukas einfacher und leich- ter verftändlich ift, kann nicht beftritten werden. Aber gerade diefer Umftand folite gegen die Behandlung, Die fie bei Lehte- rem erfahren hat, einen Berdacht erweden. ES ift leichter be— greiflich, wie die fchwierigere Geftalt in die leichtere, als wie umgefehrt die leichtere in die fehwierigere, in die jowohl Dem zunächft fich Ddarbietenden Sinne fernerliegende, als auch im Aeußerlichen des Bildes härtere umgefest werden konnte. Hierzu fommen noch zwei befondere, nicht zu überfehende Bemerkun- gen. Erſtens nämlich ift bei Lufas die Parabel fichtlich dem Zufammenhange angepaßt, in welchem fie dort erzählt wird, Sie wird bei einem Gaftmahle erzählt, und Jeſus läßt aus- druͤcklich die Mahnung vorangehen, als Gaft nicht nach dem oberſten Site zu freben, ald Wirth aber nicht wohlhabende und anftandige Leute, fondern Bettler, Krüppel u. f. w. ein: zuladenz; näher noch wird fie durch den Ausruf eines der Säfte motivirt, welcher diejenigen glüdlich preift, Die am Mahle in dem Reiche Gottes Theil nehmen, Sodann aber erinnert jene Bezeichnung der Eingeladenen, die bei Lukas um fo vieles ſchroffer ausfällt, als bei Matthäus, der nur Gute und Schlimme ohne Unterfchted geladen werden laßt, an die befannte Vorliebe des Lukas für die Armen und äußerlich Unglüdlichen, — man denke an feine Umgießung der Anfangsworte der Bergpredigt ! — Eher, ald eine Umbildung der von Lufas erzählten Parabel als der urfprünglichen und Achten durch den VBerfaffer des erften Evangeliums, Fonnte man fich in dieſem Fall die Annahme einer wirklichen, urfprünglichen Verfchiedenheit beider Parabeln gefals Yen laffen, dergeftalt, daß Jeſus felbft die früher von ihm in einfacherer Geſtalt erzählte bei einer fpätern Veranlaffung zu der Seftalt, die wir jetzt bei Matthäus finden, erweitert hätte. In der That nämlich geht hier der Ausdruck beider Evangeli- fien fo weit von einander ab, daß, Diefes Stud einzeln betrach- tet, nichts und nöthigen würde, anzunehmen, Daß beide auch Evangelifche Erzählungen und Neden nad) Matthäus. 113 hier aus der nämlichen Quelle gefchöpft. Allein die Analogie anderer ähnlicher Falle fpricht durchaus gegen diefe Annahme. Es würde durch diefelbe eine Lücke entftehen in unferer fo viel- fach bewährten Vorausfegung, daß der dritte Evangelift die eigenthümliche Quelle des erften gleichfalls benußt hatz gewon- nen aber würde durch fie nicht das Mindefte, da der geiftige Snhalt, den die Parabel bei Lukas hat, volftändig auch bei Matthäus erhalten ift, und es uns gleichgelten kann, ob Jeſus das Nämliche einmal oder zweimal gefagt hat. Die freie Be: handlung aber bei Lukas kann, auch bei vorausgefegter Abhaͤn— gigfeit von (dem ächten) Matthäus, nicht befremden, da fie fei- nem fonftigen Verfahren ganz entfprechend bleibt. -— Wie nun dem auch fei, jedenfall werden wir uns entichließen müffen, jene Härten hinzunehmen, von denen die Erzählung bei dem Unfrigen allerdings nicht freizufprechen tft, und eine Deutung des Gleichniffes in jener Geftalt zu verfuchen. . Daß daffelbe feiner Außern Form nach jener einfachen Natürlichleit und pla— ſtiſchen Gediegenheit entbehrt, durch Die fich andere Gleichniffe auszeichnen, würde vergeblich fein zu läugnen. Indeſſen liegt vielleicht gerade in der Befchaffenheit feines Sinnes die Noth— wendigfeit, außerlich in eine@gparadoreren Geftalt aufzutreten, und eben durch die Widerfprüche und Unebenheiten diefer Geftalt zum Hinabfteigen in die Tiefe feiner Bedeutung hinzutreiben. Daß die geladenen Gaͤſte die Diener, welche fie zu erfcheinen mah— nen follen, mishandeln und tödten, Elingt freilich ſeltſam; aber wie, wenn eben diefer Widerfinn der fo’ Handelnden im Bilde beftimmt wäre, auf den nicht minder großen Aberwiß derer hin- zuweifen, welche die an fie ergebende Mahnung Gottes, zu feinem Feſte zu erfcheinen, zu dem fie längft geladen find, eben fo aufnehmen? Unverfennbar befinden fich die Juden, an welche die Erzählung gerichtet wird, weit mehr in dem Falle jener Un: finnigen bei Matthäus, ald der fi höflich Entichuldigenden bei Lukas, und die äußerlich paradorere Geftalt der Erzählung erweift fich al3 die dem Sinne nad) treffendere, Nun aber die graufame Härte des Königs. Diefe kann freilich nicht beftimmt fein, ein entfprechendes Licht auf Gott, den Herrn des Feſtes zu werfen, wie jener frühere Zug auf die zuerſt Geladenen. Eben aber, weil fie dies nicht kann, dient fie Ka fo fiche- II. Bd. 114 Fünfte: Bud. ver, zum Nachdenken anzufpornen, was es wohl auf fich has - ben möge mit jenem fcheinbar fo Teichten Fehler, den derjenige begeht, welcher beim Gaftmahle des Herrn, bei der Hoch— zeitfeier feined? Sohnes nicht im feftlichen Gewande erfcheint. Die Folge der Parabel zeigt fogar, daß diefe Sünde als eine fchwerere behandelt wird, als die Sünde jener Undanfbaren felbft. Dies ift ein Zug von befonderer Wichtigkeit, der übers fehen wird, wenn man, wie meift gefchieht, unter denen, welche der Einladung zum Mahle folgen, Diejenigen verfteht, welche das Chriftenthbum Außerlich annehmen; wo es dann freilich nahe liegt, unter dem im fchlechten Kleide Gintretenden den bloßen Maulchriften zu verftehen, der nicht mit der Sefinnung, welche Chriftus fordert, zu ihm kommt. Aber die härtere Strafe, welche diefen trifft, im Gegenfate derer, welche die Gefandten des Herrn mishandelten und toͤdteten, — dieſe ſcheinbare Incon— venienz des Bildes deutet auf etwas Tieferes. Eben dahin deutet auch, ein gleichfalls bisher überfehener Umftand, der Singular, in welchem von dem räthfelhaften Sünder gefprochen wird, da es in jenem Falle offenbar richtiger gewefen wäre, Die ſchlimmen Gäfte ald eine Vielheit, ja ald den großen Haufen, als die Mehrzahl zu bezeichnen. — Dies erwägend, glauben wir das Nichtige gefunden zu haben, wenn wir an ein Gegenbild erinnern, welches zu dieſer Parabel in der wirklichen Gefchichte des Herin vorkommt, Was hindert und, als einen folchen Sünger, der gleich den andern auf die Ladung des Herrn, aber nicht im Feftgewande, zum Mahle, das er bereitet hatte, erfchienen war, den Judas Sfcharioth zu betrachten? Wieder: holte Andeutungen, die wir in den Evangelien finden, »zeigen uns, daß Jeſus diefen Sünger ald einen fchwereren Sünder be- trachtete, als felbit jene, die ihn verfpotteten und todteten. Wir laffen es dahin geftellt, ob er in der Parabel den Iſcha— rioth perfünlich meint; aber daß er eine Sünde der Art meint, welche den ausdrüdlichen Genuß der Segnungen vorausfekt, die das Chriftenthum, die überhaupt jede Offenbarung des Gei- ſtes gewährt, eine Sünde, die den Meiften verborgen bleibt und nur von Wenigen in ihrer wahren Natur erkannt wird, weil fie nur von einem feitenen, einem geiftreichen und genialen Sünder begangen werden kann: Dies ift ung außer Zweifel, Die Evangelifche Erzählungen und Neben nach Matthaͤus. 115 Bedeutſamkeit des Gleichniſſes liegt hiernach gerade darin, daß in ihm die Suͤnde als eine leichte, und ihre Beſtrafung als eine Grauſamkeit erſcheint. Es iſt die Laͤſterung des Geiſtes (vergl. Nr. 52), was durch dieſe Beſchimpfung des Hochzeitfeſtes be— zeichnet wird, — eine Suͤnde, die von den Meiſten, die ſie gar nicht kennen, als eine leichte und verzeihliche, ja wohl gar als ein‘ Ruhm und Vorzug betrachtet wird *), während fie in Wahrheit eine fchwerere ift, als die Sünde derer, für die Se- ſus am Kreuze Vergebung erbat. — Hat fonach diefer Schluß der Parabel im Allgemeinen einen ähnlichen Sinn, wie oben das Gleichnig vom Netze (Nr. 62): fo draͤngt doch die auge druͤckliche Gegenüberftellung der verfchiedenartigen Sünder noch energifcher zum Nachfinnen fowohl über die Befchaffenheit die— fer Sünde, die ald eine fo fehwere bezeichnet wird, wie auch über die Befchaffenheit der Strafe, welche die einen und weiche die andern zu erwarten haben. Es ift nicht zu überfehen, daß nur den Sünden der lestern, nicht aber auc denen der erften Art die eigentliche Hollenpein angedroht wird, Dies flimmt ganz wohl mit dem Ausfpruche, Daß eine Sünde gegen den Sohn vergeben werden kann, und nur die Läfterung des Gei- ſtes in alle Ewigfeit Feine Vergebung zu erwarten hat **). 81. An der Stelle, wo bei Marcus Chriftus einige Worte an das Wolf über den Hochmuth der Schriftgelehrten fpricht **), finden wir in unferm Evangelium eine lange Rede eingefchal- tet, in der wir aber wiederum einzelne Stüde unterfcheiden zu müffen glauben. Der Anfang ift auch hier ans Volk gerichtet und lautet folgendergeftalt: ,, Auf Moſes Sitz haben fich jest die Schriftgelehrten und die Pharifaer geſetzt. Alles, was fie euch beobachten heißen, das beobachtet und handelt darnach; *) Man denke an die Abgötterei, die unfer Zeitalter, befonders auf. dem Gebiete der Kunft und Poefie, mit jeder Art von Aftergeniali- tät, — diefe aber ift, wenn irgend eine, die Sünde gegen den hei— ligen Geift, das Erfcheinen an der Tafel des Herrn im fhmuzigen Gemwande, — zu treiben Liebt. *#) Bergl. was der Berf. diefes Werkes in philoſophiſch-dogmati— fhem Zufammenhange über diefe Parabel gefagt hat, in den theolog. Studien und Kritifen 1836, Heft 2, ©. 337. *#*) Marc. 12, 38, 8* 116 Fuͤnftes Bud. nach ihren Werken aber handelt nichtz fie reden, und handeln nicht. Sie ſchmieden ſchwere und. unerträgliche Laften und la: ‚ den fie den Menfchen auf die Schultern; fie felbft aber wollen feinen Finger rühren, fie zu bewegen. Alles, was fie thun, thun fie, um von den Menfchen gefehen zu werden. Sie brei⸗ ten ihre Gebetriemen aus und brüften fih mit den Zroddeln ihrer Kleider. Sie trachten nad) dem Chrenplab bei den Gaft- mählern und dem Borfiß in den Synagogen, nad) Begrüßun: gen auf den Märkten und nach dem Zitel Rabbi unter den Leuten!’ *) — Den guten Nath, alles zu beobachten, was die Schriftgelehrten verlangen, darf man nicht etwa als ein ernft= liches Gebot nehmen; Dies ergiebt fich Deutlih aus dem Zu: fammenhange. 82, Was hierauf zunäcft folgt, tft nicht an die Menge, fondern an die Apoftel gerichtet, und wahrfcheinlih nur auf Beranlaffung des Wortes Nabbi hier eingereiht. „Ihr, ihre font euch nicht Rabbi nennen laffen! Denn Einer ift euer Oberer, ihr alle aber feid Brüder, Auch Vater follt ihr Nies mand nennen auf der Erde! Denn Einer ift euer Vater, der im Himmel. Auch Führer laßt euch nicht nennen! Denn Ei- ner ift euer Führer, der Meſſias. Der Größte unter euch fol euer Diener fein. Wer fich felbft erhebt, fol gedemüthigt, und wer fich felbft demüthigt, erhoben werden!‘ *) — Diefer Ieß- tere Spruch, den Lukas zu zwei verfchiedenen Malen bei ande= rer Veranlaflung dem Herrn in den Mund legt, ift (wir erinnern und nicht, dies anderwärts bemerkt gefunden zu haben) aus ei— ner Prophetenftelle des alten Zeftaments übertragen **). 83. ,,Wehe über euch, ihr Schriftgelehrten und Pharifäer! Heuchler ihr, ihr verfchließet daS Himmelreih den Menfchen! Ihr felbft kommt nicht hinein, und laßt die, welche hinein wol- len, nicht hinein! Wehe über euch, ihr Schriftgelehrten und Pharifaer! Heuchler ihr, zu Waffer und zu Lande reift ihr umher, um Einen Profelyten zu machen, und ift er e8 gewor- den, fo macht ihr ihn zu einem Sohne der Hölle, doppelt fo *) Cap. 23, DB. 1:ff. Parall. Luk, 11,43, 46. 14,7. **) V. 8 ff. (Cap. 20, 26: Mare, 10, 43. Luk. 14, 11, 18, 14). en 21, 208 * Evangeliſche Erzaͤhlungen und Reden nach Matthaͤus. 117 arg als ihr ſelbſt! Wehe euch, blinde Leiter ihr! Ihr ſagt: Wer beim Tempel ſchwoͤrt, das gilt nichts, wer aber beim Golde im Tempel ſchwoͤrt, der iſt gebunden. Thoren ihr und Blinde, was iſt groͤßer, das Gold, oder der Tempel, durch den das Gold erſt heilig wird? Und: Wer beim Altar ſchwoͤrt, das gilt nicht; wer aber bei der Gabe auf ihm fehwört, der ift gebunden. Thoren ihre und Blinde, was ift größer, die Gabe, oder der Altar, durd) den die Gabe erft heilig wird? Mer beim Altare fchwört, ſchwoͤrt bei ihm und bei allem was darauf iftz wer beim Teme pel ſchwoͤrt, fehwort beim Tempel und bei dem, der darinnen wohnt; wer beim Himmel fhwört, fehwort beim Throne Got— tes und bei dem, der darauf fiht! — Wehe über euch, ihr Schriftgelehrten und Pharifaͤer! Heuchler ihr, die Fleinften Grä- fer und Kräuter verzehntet ihr, und vernachläfjigt daruͤber das Gewichtigere im Gefek, das Recht, die Barmherzigkeit und den Glauben! Diefes foltet ihr thun, und brauchtet jenes nicht zu unterlaſſen. Blinde Führer ihr, die Muͤcke laßt ihr durchs Sieb gehen, und das Kameel verfhludt ihr! Wehe über euch, ihr Schriftgelehrten und Pharifäer! Die Außenfeite des Bechers und Tellers fchenert ihr ab, und inwendig find fie voll Raub und VBöllerei! Blinder Pharifaer du, reinige zuerſt dad In— nere des Bechers und des Tellers, dann wird aucd Das Aeu— ßere rein werden! Wehe über euch, ihr Schriftgelehrten und Phariſaͤer! Heuchler ihr, ihr gleichet übertünchten Gräbern! Bon außen nehmen fie fich nett und zierlich aus, inwendig aber find fie vol Zodtengebeine und Unrath aller Art! So fcheint auch ihr außerlich zwar vor den Menfchen rechtfchaffen, im In— nern aber feid ihr vol Heuchelei und Unreht! Wehe über euch, ihr Schriftgelehrten und Pharifaer! Heuchler ihr, ihr bauet die Gräber der Propheten und fehmüdt die Denkmale der Ges rechten und ſprecht: Hätten wir zur Zeit unferer Väter gelebt, wir hätten uns nicht mitfhuldig gemacht am Blute der Propheten, So zeugt ihr gegen euch felbft, daß ihr Kinder der Propheten- mörber feid! Und ihr, ihr habt das Maß euerer Väter vol gemaht! Schlangen, Otternbrut ihr, wie denkt ihr dem Ge— richte der Gehenna zu entgehen? — Darum, feht, fende ich unter euch Propheten, Weife, Schriftausleger; von ihnen werdet ihr die einen umbringen und Freuzigen, die andern in euern Syna⸗ 118 Fünftes Bud). gogen geißeln und von Stadt zu Stadt treiben, bis auf euch _ alles rechtfchaffene Blut kommt, dad auf der Erde vergoffen ift, von dem Blute Abels des Gerechten an bis zum Blute Zacha- via, des Barachias Sohnes, den ihr zwifchen dem Tempel und dem Altar ermordetet! Wahrlich ich fage euch, Dies alles wird über diefes Gefchlecht Eommen !’’ *) Wenn auh in dieſen MWeherufen nichts enthalten wäre, was hinderte, fie im Allgemeinen oder der Hauptfache nach in Einer Rede, und eben zu der Zeit, in welche fie unfer Evange— lium ftelt, gefchehen zu denken: fo bleibt diefe Annahme doch unficher, und es ift in feiner Hinficht ein befonderer Werth darauf zu legen, Sedenfalld aber müffen wir fie an dieſer Stelle glüd- licher eingereiht finden, als, wie bei Lufas, in ein Gaftmahl, welches ein Pharifaer Jeſu gegeben haben fol. Lufas giebt, wie feine Sitte ift, diefe VBerwünfchungen fowohl ihrer Ord— nung, als ihrem Ausdrude nach, fehr frei und mit manchen Weglaffungen wieder; einen Theil derfelben läßt er nicht an die Pharifäer überhaupt, fondern näher an folche Pharifäer, die er „Geſetzesgelehrte“ nennt **), gerichtet werden, ohne daß jedoch das Motiv und der Sinn ſolcher Unterſcheidung zu erkennen waͤre. — Was das Einzelne betrifft, ſo iſt wohl kein Zweifel, daß uͤberall nicht blos die woͤrtliche, ſondern eine moͤg— lichſt umfaſſende ſymboliſche Bedeutung in den beſondern Aus— ſpruͤchen zu ſuchen iſt. Die Stelle uͤber die Schwuͤre (von Lu— kas weggelaffen, entweder weil fie ihm ſelbſt ſchon nicht mehr recht verftändlih war, oder weil er ihr Fein allgemeineres In— tereffe zutraute) fcheint, — außer dem Tadel fpisfindiger pharifäts ſcher Diftinctionen, deffen Object die Erflärer eigentlich mehr vorausfegen, als ftreng gefchichtlich zu erweifen vermögen, — im Allgemeinen die Werthſchaͤtzung rügen zu wollen, welche die Schriftgelehrten der äußeren Pracht der Tempelfchäße und dem realen Werth der Opfergaben zollten. Die beigefügte Sentenz über das Schwören beim Altare und beim Himmel paßt nicht in diefen Zufammenhang, und fcheint aus einem andern Zuſam— *) V. 13 ff. Paͤrall. Luk. 11,39 ff. **) Daß nämlich die vowzor zu den Phariſäern gehört haben müffen, \ erhellt aus Matth, 22, 35, Evangeliſche Erzählungen und Reden nach Matthäus. 119 menhange hieher übertragen *), — Zu dem, was gewiß nicht buchftäblich, oder nicht blos buchftäblich zu nehmen ift, gehört unter anderm auch die Stelle von den Prophetengräbern, deren Anreihung übrigens an das vorangehende Bild von den über: tünchten Gräbern einen Winf darüber geben Fann, wie auch an diefer Zufammenftellung nicht minder, wie anderwärts, die Will: für oder zufällige Erinnerung des Aufzeichners ihren Antheil hat. MWenn wir auch nicht in Abrede ftellen wollen, daß die Sitte, gefeierten Abgefchiedenen früherer Zeit Denfmale zu errichten, auch unter den Israeliten beftanden haben mag: fo wiffen wir doch nichtd davon, daß Schriftgelehrte und Pharifäer fich aus— drüdlih mit Errichtung Außerlicher Denkmale der Propheten und anderer Großen alter Zeit zu thun gemacht hätten. Wahr— fcheinlich find daher vielmehr die gleißnerifchen, fchonen Neben zum Nuhme der Propheten gemeint, die Anerkennung, welche die Pharifäer dem Andenken der Propheten mit Worten zollen, während fie die Lebenden fo gut, wie ihre Vorfahren es ge: than, verfolgt haben würden. — Die Worte von der Sendung derer, denen das Märtyrertbum verfündigt wird, läßt Lukas Sefum nicht in feinem eigenen Namen, fondern im Namen der „goͤttlichen Weisheit‘ ſprechen; ein Begriff, der befanntlich in einigen fpäteren Büchern des Alten Veftamentes eine wichtige Stelle einnimmt, und zu denen gehört, aus denen ſich bei So- hannes und andern Apofteln der Begriff des göttlichen Logos gebildet hat **). Zu diefer Umfchreibung hatte der Evangelift wohl feinen guten Grund, denn es ift nicht wahrfcheinlich, daß Chriftus feine Sünger „Propheten“ genannt haben follte; wahr: foheinlih war auch dad Driginal diefer Nede fo gemeint und auf irgend eine Weife fo gewendet, daß Chriftus nicht unmit— telbar in feiner eigenen Perfon ſprach. — Bei der Erwähnung des Zacharias, ohne Zweifel jenes Sohnes des Sojada ***), der aber hier, wie der fpätere Prophet Ddiefes Namens +), Sohn * Aus einem foldhen etwa, wie Cap. 5, 33 ff. **) Sapientia Dei, per quam facta sunt omnia, quae in animas etiam sanctas se transfert, amicos Dei et prophetas constituif, eisque opera, sua sine strepitu intus enarrat. August. eiv. Dei. XI, 4. *#*) 2 Chron. 24, 19 ff. 7) Zadar. 1,1. 20. Fünftes Bud. des Barachiad genannt wird, iſt dad Bufammentreffen mit einer ſpaͤtern Begebenheit, die einen Zacharias, Sohn des Ba- uch betraf, der gleichfalls im Tempel ermordet wurde *), al lerdings auffallend. Wielleiht, daß mit ausdrüdlicher Ruͤck— fiht auf diefe, der Abfaffung unferd Evangeliums mithin noc) als vorangehend zu denkende, Begebenheit die Worte „„ Sohn des Barachias“, die bei Lukas fehlen und alfo auch im ge- meinfchaftlichen Originale gefehlt haben koͤnnen, erft von dem Berfaffer unferd Evangeliums hinzugefeßt ſind *). — Die, Schlußworte pafjen an diefe Stelle beffer, als an jene andere, wo ihnen ähnliche vorkommen "+, 84. ‚‚Serufalem, Serufalem, du, die du die Propheten toͤd— teft, und die zu dir gefandt find fleinigeft, wie oft wollte ich deine Kinder um mich vereinigen, wie ein Vogel feine Klei— nen unter feine Flügel nimmt, — und ihr wolltet nicht! Wohlan, euer Haus wird euch leer gelaffen! Denn ich fage euch, ihr werdet mich von jeßt an nicht wieder fehen, bis ihr ſprecht: Gepriefen er, der im Namen des Vaters fommt! +) — Die vollig unpafiende Stelle, an welche Lukas dieſe Worte ftelft, welche er Sefus zu einer Zeit fagen läßt, wo er Serufalem noch nicht einmal betreten hat, Fonnte allein hinreichen, über die Willkür, mit welcher dieſes Evangelium die Ausfprüche, die ihm mit den unfrigen gemein find, dahin und dorthin verfeßt und Anläffe dazu erfindet, die Augen zu öffnen. Nur eine zufällige Erwähnung von Serufalem in den nächftvorhergehenden Wor— ten giebt. dort zur Heranziehung dieſes Zurufes an jene un— fhidlihe Stelle die Veranlaſſung. Beim Achten Matthäus war derfelbe unflreitig eben fo, wie in unferm Evangelium, den vorhergehenden angereiht, ohne die ausdrüdliche Abficht jedoch, daß er mit jenen ein Ganzes bilden follte. — Der Schluß die: fer ergreifenden Worte, der eine Erinnerung an einige Palmen *) Joseph. bell. Jud. IV, 5, 4, =) Das Hebräerevangelium nannte den Zacharias „Sohn des Jojada.“ Hieronym. ad h. 1. — Das apofryphifche Protevangelium Jacobi bat, aus diefem Ausſpruch Chriftt eine Fabel, den Zacharias, Va— ter Johannes des Täufers betreffend , gebildet, *xx) Mare. 13, 30 u. Parall, P V. 37 ff. Parall, Luk, 13, 34 f. Evangelifche Neben und Erzählungen nach Matthäus. 121, ftellen enthält *), hat eine unverfennbare Aehnlichkeit mit dem Abfhiedsworte an die Sünger beim legten Mahle *), aber eine Aehnlichkeit folcher Art, welche die Aechtheit beider Aus: fprüche nur noch mehr zu befräftigen dienen fann, Nur daß man die Andeutung dereinftiger Wiederfunft nicht in zu äußere lich buchftäblihem Sinn nehme; fie will eben fo wenig fo ges nommen fein, wie zugeflandener Weife dort der Weingenuß im Neiche des himmlifchen Vaters, 85. Den Reden bei Marcus (Bud IV, ©. 588 ff.) von den bevorftehenden Weltereigniffen findet fich bei dem Unfrigen eine Reihe ähnlicher beigemifcht, die hauptfächlich auf die dere einftige Ankunft (Paruſie) des Menfchenfohnes Bezug haben, bei Lukas aber fammtlich abgefondert von jenen ftehen, oder auch ganz fehlen. BZuvorderft, nach den erften Verkuͤndigungen, nach der Warnung vor den falfchen Propheten und falfchen Meffias Bolgendes. „Sagen fie euch: Seht, er ift in der Wuͤſte, fo geht nicht hinausz feht, in den Zimmern, fo glaubet nicht! Denn wie der Blis im Often aufflammt und bis zum Weften leuche tet, fo wird es mit der Gegenwart des Menfchenfohnes fein!’’**) — Ein denfwürdiger Ausſpruch, ganz geeignet, tiber den nicht buchftablih, fondern fymbolifh zu nehmenden Sinn, in wel: chem Chriftus von feiner Zukunft fprach, einen Winf zu geben. Ehriftus felbft fcheint in feinen Süngern ein ſolches fymbolifches Berftändniß vorausgefegt zu haben, wenn er fie fo wiederholt und ernftlich davor warnt, nicht eine trügende Grfcheinung für die angekündigte Parufie zu nehmen. Denn fo, wie die Sün- ger wirklich ihn verftanden haben, wie namentlich bei Paulus das prophetifche Lehrftüc von der Parufie ausgebildet ift, war eine folche Verwechslung offenbar unmöglich. Faft koͤnnte man auf die Vermuthung fommen, daß gerade durch Erklärungen, wie bie gegenwärtige, durch die Jeſus Misverftändniffen anderer Urt zu begegnen fucht, jenes wirklich erfolgte Misverſtaͤndniß =) Pf. 69, 25. 118, 26. **) Marc, 14, 25 u. Parall, =##) Gap, 24, V. 26 f. Parall. Luk. 17, 22 f. (Eingefehoben bei dem Unſrigen nach Marc, 13, B.23, bei Lukas nad einem dieſem Evans geliften eigentpümlichen Ausſpruche). 122 Fuͤnftes Bud. veranlaßt fein konnte. Gerade diefer Ausfpruch namlich, dei= fen Sinn unftreitig nur diefer ift, daß die wirkliche Gegenwart des Menfchenfohnes ſich felbft bewahrheiten, durch die Größe und überwältigende Klarheit ihrer Erſcheinung und ihrer Wir: Zungen für ſich felbft zeugen werde*), fo daß fie mithin nicht hier oder da ald eine verborgene oder in allerhand Particularitäten vergrabene gefucht zu werden brauche, — gerade diefer oder ihm ähnliche fcheinen zu der Meinung verleitet zu haben, daß diefe Gegenwart auch von Außerlichen Zeichen, von einer finnlichen Umwälzung der Dinge, die ihre Verkennen unmöglich mache, begleitet fein werde. Was der große Sinn des Meifters von der weltgefhichtlichen Univerfalität feines Werkes ausfagte, das deutete der befangnere Glaube der Sünger auf eine außerliche MWeltkataftrophe. Indeſſen ward durch jene Warnungen des Meifterd wenigftens dies, erreicht, daß die Sünger davor be= wahrt blieben, in einem befondern gefchichtlichen Greigniß das Heil für ihre Sache zu erwarten; und vielleicht war, wie eins mal ihr Gemüth und der Standpunct ihrer Bildung befchaffen war, jene finnlichere Erwartung der Parufie das einzige, was fie Davor bewahren Fonnte. Died mag Sefus in feiner Lehr— meisheit vorausgefehen, und darum fich fo finnlicher Bilder bei der Verkündigung feiner Zufunft bedient haben. 86, „Wo das Aas liegt, da werden fich die Geyer ſam— meln!“ *) — Die nähere Beziehung dieſes vielleicht aus Hiob **) entlehnten Ausſpruchs Fann nicht mit: Sicherheit aus— gemittelt werben, da er, auf den vorigen unmittelbar nachfolgend, fehwerlich an feinem richtigen Plage fteht, und auch Lukas ihm feinen glüclicheren anzuweifen vermocht hat. Darüber indeg kann wohl fein Zweifel fein, daß von etwas Boͤſem und Ber: dorbenem die Rede ift, das feine Strafe erwartet. 87. „Wie Die Lage des Noah, fo wird auch die Gegen- wart des Menfchenfohnes fein. Wie fie es nämlich in den Ta— *) Es kann in diefer Hinficht diefer Ausfprudh mit der Mahnung an die Jünger, nicht zu forgen, was fie vor Gericht fprechen oder wie fie fich vertheidigen werben, zufammengeftellt werben. **) V. 23. Parall, Zul, 17,37. , =) Hiob 39, 30, Evangelifche Erzählungen und Reden nach Matthäus. 123 gen vor der Fluth machten, aßen, tranfen und Hochzeit mach: ten, bis an den Tag, wo Noah in den Kaften flieg, wie fie nichts merften, bis fie Fam, die Fluth, und Alle hinwegführte: fo wird die Gegenwart des Menfchenfohnes fein! Zwei wer: den auf Einem Felde fein, der eine wird zugelaffen, der andere abgewiefen. Zwei rauen werden in Einem Mühlhaufe mah— len, die eine wird zugelaffen, die andere abgewiefen!’*) — Diefer Ausfpruch findet fich bei Lukas fehr ausgefponnen wie: der. Es giebt nämlich diefer Evangelift zur Vergleichung außer dem Bilde von Noah und der Sundfluth nicht allein noch das zweite von Lot und dem Untergange von Sodom und Gomorrha, fondern er webt auch noch andere, bei Matthäus und Marcus an andern Orten vorkommende Sentenzen ein, Indeſſen finde ih in diefen Zufäßen nichts, was mich beftimmen Fünnte, die Nede bei Lukas für etwas anderes, ald, wie in allen aͤhnlichen Fallen des Zufammentreffens Beider, für eine Paraphrafe von jener des Matthäus zu halten. Namentlich fcheint das Bild von Lot und Lots Weib (lebtered auf WVeranlaffung der aus Marcus entlehnten *), aber durch diefe Entlehnung einen an— dern, minder guten Sinn erhaltenden Sentenz) nicht eben paſ— fend eingeflochten. — Das Weſentliche des Sinnes dieſer MWorte in ihrer einfachern und achtern Geſtalt, wie wir diefel- ben bei unferm Govangeliften lefen, bleibt übrigens unverlekt, wenn man die Ankunft des Menfchenfohnes auch nicht als eine in einem befiimmten Zeitmoment erfolgende Begebenheit, fon: dern als eine folche verfteht, die für die verfchiedenen Indivi— duen zu verfchiedenen Zeitpuncten eintritt. Daß jeden Leben- digen unbewußt und unvorhergefehen der Moment ereilt, wo er von feinen Thaten Nechenfchaft ablegen muß, d. h. wo feine fittlihe Befchaffenheit für ihn fortan ein unwiderrufliches, durch feine Neue mehr zu verfühnendes Gefhid ausmaht, — daß diefer Moment (es braucht nicht gerade der Moment des irdi— fchen Todes zu fein; daß er aber für feinen Einzelnen erſt nach dem Zode eintritt, liegt allerdings in dem Sinne der Rebe), *) 8,38 ff. Parall. Luk. 17, 26 ff. (Eingeſchoben bei dem Unfrigen nah Mare. B. 32, bei Lukas nach dem Ausſpruch Nr. 85). **) B, 31. Marc. 13, 16, f 1% Fuͤnftes Buch. fo wie die Menfchen wirklich find, die fcheinbar im glei— chen Zuftänden Befindlichen in der verfchiedenften fittlichen Be— fchaffenheit trifft, und, je nach diefer Befchaffenheit, die einen verdammt, die andern rechtfertigt: — dies alles hat feine volle Wahrheit ganz unabhängig von dem buchftäblich verftandenen Dogma der Parufie. Nur wer mittelft der Annahme. einer der— einftigen allgemeinen Wiederbringung Aller jenes Dilemma von der Annahme der einen, der VBerwerfung der andern zu umges hen ſucht: nur der Fann, welche Ausrede er auch dafür erſin— nen mag, fi von dem Vorwurfe”nicht befreien, den offenba= ren Sinn der Worte des goͤttlichen Meifters Lügen zu ftrafen, 87, „Waͤchet, denn ihr wifjet nicht, zu welcher Stunde euer Herr fommt! Das aber merfet: wüßte der Hausvater, zu welcher Stunde der Dieb kommen will, fo würde er dann wachen und nicht fein Haus erbrechen laſſen. Darum haltet auch ihr euch bereit: zu einer Stunde, wo ihr es nicht erwars tet, wird der Menfchenfohn kommen!“*) — Bei diefem Aus— ſpruch, und eben fo auch bei dem folgenden, ift die Schwierig: feit geringer noch, ald bei dem vorigen, ihn nur auf die In— dividuen als folche, und nicht auf eine gleichzeitig das Ganze betreffende Begebenheit zu beziehen, 88, ,, Wer nun ift der treue und Fluge Diener, den fein Herr Über die Dienerfchaft ſetzte, ihnen zu rechter Zeit die Nah— rung zu reichen? Gelig der Diener, den der Herr, wenn er fommt, dies thuend antrifft! Wahrlich ich fage euch, er wird ihn über fein Hauswefen feßen! Sagt aber der fehlechte Die- ner in feinem Herzen: mein Herr zögert zu kommen, und fängt er an, feine Mitfnechte zu fchlagen, zu effen und zu trinken mit den Voͤllern: fo wird fein Herr Tommen an einem Tage, wo er ihn nicht erwartet, und zu einer Stunde, wo er ihn nicht merkt; er wird ihn zerhauen und ihm fein Loos bei den Boͤſewich— tern anweiſen; da wird es Geheul und Zähnflappen geben !’+ **) 89. „Es wird mit dem Himmtelreiche fein, wie mit zehn Mädchen, welhe mit Leuchtern dem Bräutigam entgegen zo: gen; fünf unter ihnen waren Flug, fünf thöricht. Die Thoͤrich— =) V. 42 ff. Parall. Luk. 12, 35 ff. A Theſſalon. 5, 2 Apokal. 3, 3.). vc) V. 45 ff. Parall. Luk. 12, 42 ff. Evangeliſche Erzählungen und Reden nach Matthäus. 125 ten nahmen ihre Leuchter, nahmen aber Fein Del mit fih. Die Klugen nahmen Del in ihren Gefäßen mit ihren Leuchtern. AS der Bräutigam zoͤgerte, wurden fie alle fchläfrig und ſchlie— fen ein. Mitten in der Nacht entftand ein Lärm: der Bräus tigam kommt, auf, ihm entgegen! Da erwachten die Mädchen alle, und rüfteten ihre Lampen. Die Thorichten fprachen zu den Klugen: Gebt uns von euerm Del, unfere Rampen löfchen aus! Die Klugen antworteten: Es wird für uns und euch nicht zureichens; gehet lieber zu den Krämern und Fauft euch welches! Indem nun jene weggingen, um zu Faufen, Fam der Bräuti- gam; die, welche bereit waren, traten mit ihm ein zur Hoc: zeit; die Thür ward verfchloffen. Später Famen aud) die übri- gen Mädchen und riefen: Herr, Herr, dffne und doc! Sener aber antwortete: Wahrlich ich fage euch, ich weiß nichts von euh!’ ®) Mit diefen Worten: „Waͤhrlich ich weiß nichts von euch 1” iſt Far und entfcheidend jeder Gedanfe an eine Wiederaufnahme folher, die das Himmelreich zur rechten Zeit ſich anzueignen verfaumt haben, abgewiefen. Wie doch die Anhänger des Dogma von der Apofataftafis nicht bedenken wollen, daß fie die Bedeutung diefer Fammtlichen Parabeln geradezu aufheben und die Worte des Herrn zu ohnmaͤchtigen Drohungen mas hen! — 63 verfteht ſich übrigens, daß unter dem Ginfaufen- wollen des Oeles, nachdem dieſes ausgegangen war, nicht eine ernfte, fittlihe Neue gemeint fein Fann. Wo eine folhe Neue möglich ift, da ift für das Individuum die rechte Zeit, das Himmelreich zu gewinnen, nocd nicht worüber; und eben aus diefem Grunde, weil fonft das Eintreten des entfcheidenden Mo: mentes als eine ungerechte Willfür gegen die. Einzelnen erfcheis nen würde, müffen wir Darauf beharren, daß Jeſus nicht einen Moment folcher Art, welcher für Alle der Zeit nach einer und derfelbe ift, nicht ein finnliches Gefchehen, eine Außerliche Bege— benheit meinen fann. Die Reue, die hier gemeint ift, ift viel- mehr die fittlihe Ohnmacht, welche, zwar das Bewußtfein hat, das Nechte nicht erfaßt, das Ewige verfcherzt zu haben, aber das Rechte und Ewige nur da fucht, wo es. nicht zu finden ”) Eay. 35, B.1f. 126 Fuͤnftes Bud. if. — Und fo ſei ſchließlich über diefe ganze Reihe von Gleich niffen noch ausdrüdlich eine Bemerkung ausgefprochen, die zwar in dem bereit8 Gefagten enthalten ift, die e8 aber wohl der Mühe lohnt, noch in beftimmtere Worte zu faffen. Sn ihnen allen ift der gemeinfchaftliche Gedanke, daß der Herr unerwar- tet und unvorhergefehen, wie ein Dieb in der Nacht, erfcheinen und Rechenfchaft fordern wird, auch infofern nur als ein bildlicher anzufehen, als dieſes Kommen und zur Rechenfchaft Ziehen als eine Außerliche Begebenheit vorgeftellt wird. Wäre Letzteres die eigentliche Meinung, fo wäre die Gefinnung, welche der Herr fordert, wirklich das, ald was fie mehr oder weniger eben auch) nur im Bilde erfcheint: eigennüßige Klugheit. So gewiß aber Chriftus etwas anderes, als nur eine folche Klugheit fordert: fo gewiß kann er unter jener Begebenheit nicht eine Außerliche, fondern nur eine im Innern, im eigenen Gemüth und Selbft jedes Einzelnen vorgehende meinen. Der wahre Sinn der Marnung würde alfo mit unbildlichen Worten fo auszudrüden fein: Seht zu, daß ihr euch nicht dergeftalt ind Boͤſe, oder auch, ind das Srdifche, Nichtige verftrickt, daß euch, ohne daß ihr es merkt, die Rücfehr zum Nechten. und Ewigen unmög- ih wird; Daß ihr den Keim des Ewigen, der in euere Seelen gelegt ift, unwiderruflich erftidet und verderbet! Dies ift das Gericht, welches wie ein Dieb in der Nacht über den Einzel: nen fommt: Keiner entfchließt fich mit Bewußtfein, böfe oder fehlecht zu werden, dem Himmelreiche zu entfagen; aber ehe er es merkt, ift er e8 geworden; die Hand des Herrn hat ihn ge: troffen, und die Ruͤckkehr ift auf ewig ihm verfchloffen. — Daß übrigens in die Selbftentwidelung des Menfchen aller= dings auch der Zufall und das Aeußere hineinfpielen, ift nicht in Abrede zu ftelen. Se mehr der Menſch das Göttliche ver— nachläffigt, defto mehr giebt er diefem Aeußerlichen Gewalt über ſich; der Tod, der ihn von den Mitteln zur fittlichen Umkehr, die auf der Erde ihm dargeboten find, abfchneidet, kann ihn uͤber— eilen, ehe er ſichs verfieht, und eben fo auch koͤnnen andere aͤußere Umftände ihm die Möglichfeit der Bekehrung verfchliegen. Snfofern hat die Warnung allerdings auch den Sinn, fich fol- hen außern Entfcheidungen gegenüber zu wappnen, Damit wir diefelben nicht zu feheuen brauchen und fie uns nichts anhaben Evangelifche Erzählungen und Reden nad) Matthäus. 127 koͤnnen. Aber diefer Sinn, obgleich der äußeren Geftalt jener bitdlichen Neden näher liegend, ift ein untergeordneter, von jenen tieferliegenden abhängiger. — Aus Allem übrigens erhellt, daß auf dasjenige Gericht, welches am Ende der irdifchen Tage, bei der Auferfiehung der Todten ftattfindet, auf jene endliche Abfcheidung des Guten von dem Bofen, die Chriftus freilich auch verfündigt hat (vergl. Nr. 58), Die vorliegenden Ausfprüche nicht, wenigftens nicht unmittelbar und zunächft bezogen wer: den koͤnnen. 90, „Ein Mann, der verreifen wollte, rief feine Die: ner und übergab ihnen fein Vermögen Dem einen gab er fünf Talente, einem andern zwei, noch einem andern eines, jedem nach feinem Vermögen; dann reiſte er ab. Der nun, welcher die fünf Talente erhalten hatte, nahm fie, trieb mit ihnen ein Gewerbe und erwarb andere fünf Talente dazu. Eben fo auch, der die zwei erhalten hatte, er- warb andere zwei. Der aber das eine erhalten hatte, machte eine Grube in der Erde und verbarg dort das Geld feines Herrn, Nach längerer Zeit Fommt der Herr jener Diener zu: rue und hält mit ihnen Abrechnung. Der die fünf Talente erhalten hatte, brachte andere fünf Zalente herzu und fprady: Herr, fünf Talente übergabft du mir, fiehe, andere fünf Talente habe ich damit erworben! Da ſprach fein Herr zu ihm: Wohl, du guter und treuer Diener, ein Geringes haft du treu verwal- tet, über ein Größeres will ich dich feßenz tritt ein zum Freu: denfefte deines Herin! Auch der die zwei Talente empfangen hatte, trat herzu und fagte: Herr, zwei Talente übergabft dur mir, fiehe, andere zwei Talente habe ich damit erworben! Da antwortete ihm fein Herr: Wohl, du guter und treuer Diener, ein Geringes haft du treu verwaltet, über ein Größeres will ich dich feßen, tritt ein zum Freudenfefte deines Herrn! Gnd- lic) Fam auch, der das eine Talent empfangen hatte, und fagte: Herr, ich Fannte dich, daß du ein harter Mann bift, du willſt ernten, wo du nicht gefäet haft, und fammeln, wo du nicht ausgeftreut haft; darum fürchtete ich mich und verbarg dein Talent in ber Erde. Da haft du das Deinige! Der Herr aber antwortete: Böfer und furchtfamer Diener du, wußteft du, daß ich faen will, wo ich nicht erntete, und fammeln, wo ich 128 Fünftes Bud. nicht ausſtreute? Da mußteft du mein Geld den Wechslern geben, damit, wenn ich Fam, ich dad Meinige mit Zinfen zus rüd erhielt. Nehmt ihm alfo das Zalent und gebt es dem, der zehn Talente hat! Wer etwas hat, dem foll bis zum Ueberfluffe gegeben werden, wer aber nicht hat, dem foll auch), was er hat, genommen werden! Und den unnügen Diener werft mir in das Finftere draußen; da wird's Geheul und Zähneflappen geben !’’*) Diefe tieffinnige Parabel, welche an die vorhergehenden Reden (nicht erſt bei dem Unſrigen, ſondern unſtreitig ſchon in der Quelle deſſelben) nur durch die Beruͤhrung ihres Inhalts in Einem Momente, naͤmlich in der Erwartung und Zuruͤckkunft des Herrn geknuͤpft iſt, darf eben ſo, wie mehr oder weniger auch alle andere Gleichnißreden Jeſu, nicht als blos paraͤnetiſch verſtanden werden, ſei es nun, daß man ſie in dieſem Sinne an alle Menſchen ohne Unterſchied, oder an beſtimmte Indivi— duen, etwa an die Apoſtel mit Bezug auf deren eigenthuͤm— lichen Beruf gerichtet denke. Eine Ermahnung ſolcher Art, wie die gewoͤhnliche Auslegung darin finden will, wuͤrde, einfacher ausgedruͤckt, an Klarheit und Eindringlichkeit gewiß nicht verloren, ſondern eher gewonnen haben. Auch ſtimmen zu der Annahme einer blos paraͤnetiſchen Bedeutung keineswegs die Worte am Schluſſe, welche doch offenbar den weſentlichen Sinn des Gleichniſſes kurz auszudruͤcken die Beſtimmung haben. Dem Inhalte dieſer Worte entſpricht (ein Zug, der bei Lukas verloren gegangen, und von den Auslegern überfehen ift) offen— bar die parallele Steigerung des VBerdienftes der Diener mit der Größe der von ihnen empfangenen Summe; es entipricht ihm der Umftand, daß derjenige, der nichtd verdient, auch von vorn herein am wenigften erhalten hat, alfo nicht blos, worauf jene Worte allerdings zunächft zurückweifen, die ſchluͤß— liche Mebertragung des Einen Talents von dem Unwürdigen an den, der die meiften erhalten und erworben hat. Es ift nicht zu verfennen, daß es die Abficht Jeſu ift, darauf hinzu— deuten, daß in den meiften Fällen dem Maße der gottverlie- henen Gaben auch die Tüchtigfeit in der Anwendung diefer Ga— *) V. 14 ff. Parall, Luk. 19, 12 ff. Mare, 4, 25. Luk. 8, 18.) N Evangelifche Erzählungen und Neden nah Matthäus. 129 ben entjpricht, daß meift die Beftbegabten auch diejenigen find, welche die befte Anwendung von ihren Gaben zu machen wif: fen’). Wer fein Pfund vergräbt, ftatt es zu nußen, der mächt fi dadurch nicht nur des Pfundes unwerth, fondern er zeigt auch durch feine Aengſtlichkeit, es zu verlieren, daß er es für zu ſchwach und zu gering, fich felbit für den Verluft zu ſichern, hält. Dabei ift der bedeutfame Zug nicht zu überfehen, daß eben. dieſer engherzige Inhaber des Einen. Pfundes eine, feiner Engherzigfeit entiprechende DVorftellung von dem Herrn hat, den er für einen harten und habfüchtigen Mann hält. Gin folher ift in der That der Gott jener Fleinmüthigen Gefeßes: menfchen (‚„Philifter‘’ nennt fie der Sprachgebrauch der Geift- reichen unferer Literatur), die, von Haus aus mäßig begabt, feine andere Tugend Fennen, als nur die Gefegeserfüllung, nur aus Furcht vor der Strafe des Unrecht Recht thun und eben darüber das wahrhaft Nechte, welche nur in einem freien Gebrauche der verliehenen Gaben befteht, verfäumen. Wenn, Diefen gegenüber, die um foldhen freien Verdienftes willen Be: günftigten zugleich als die von vorn herein vor jenen Begun- fligten erfcheinen: fo hat dies freilich ein etwas prädeflinato- riſches Anfehen, welches in der dürftigeren Geftalt, in der Lu— kas die Parabel giebt, vermieden wird. Unverkennbar ift in dem Einne diefer Parabel**) eine Ariftofratie der Geiftesgaben enthalten, eine folche, gegen die fich nichts fo fehr fträubt, als jene geiſtlos nivellirende Allerweltöhumanität, die heut zu Tage gern vorzugsweife das Lob der ChriftlichFeit für fich uſurpiren möchte, *) Das V. 15 fohon eine Begabung derer, welche die Pfunde erhal- ten, als Masftab bei der Bertheilung der. Pfunde vorausgefeht wird, ift eine Ingenauigfeit des Vortrags, die bei der Deutung deg Ganzen nicht irre machen darf. **) Gin intereffantes und lehrreiches Nefultat giebt in diefem Sinne die Zufammenftellung diefer Parabel mit der von den Arbeitern int Weinberge (Nr. 75). Auch dort eine feheinbare Ungerechtigkeit in der Vertpeilung des Lohnes; aber eine ſolche, die in der Gleichheit des Lohnes bei feheinbarer Ingleichheit des Verdienſtes, während bier eine folche, die in der Ungleichheit bei Vertheilung der Gaben befteht. Der Sinn beiver Parabeln in ihrer Zufammenftellung ift unverkennbar diefer; daß vor Gott zwar jener menſchliche Maßſtab in der Abſchätzung des Berbienftes feine ar verliert, daß 1. 8, 130 Fuͤnftes Bud. Indeß, fo fehr wir auch dies anerkennen und fo wenig wir unfererfeitöS vor dem Gedanken folcher Bevorzugung Einzelner vor andern Einzelnen zurüdfchreden: fo geben wir doch zugleic) zu bedenken, daß die Parabel auch der andern Seite der Wahr: heit ihr Necht giebt. Während fie nach jener Seite ſich be- ftimmt zeigt, Demuth vor dem zu lehren, von dem alle gute Gabe kommt, ermangelt fienach der andern nicht, zur Nüftigfeit und zum freifinnigen Streben aufzufordern, indem fie zeigt, wie nur dadurch jene Gaben wahren Werth für das Individuum erhalten. Auch hat man mit Necht ald nicht zu überfehen den Umftand hervorgehoben, daß Mle, die nach Maßgabe der Berfchiedenheit ded empfangenen Theiles Verfchiedenes geleiftet haben, doc von dem Herrn ein gleiches Lob erhalten; ein Zug, worin ſich unverkennbar die wefentliche Gleichheit des fittlihen Momentes und feiner Zurechnung bei aller Ungleich- heit der Gaben und der Leiftungen ausdruͤckt. Nur geht man zu weit, wenn man allein oder vorzüglich in den Ausfpruch diefer Gleichheit den Zwed der Parabel fest. Wäre dies, fo ftünde der bedeutfame Zug müßig oder gäbe einen fchiefen ‚Sinn, daß, der es unterläßt, mit feinem Pfunde zu wuchern, derfelbe ift, der das geringfte Pfund erhalten hat. So find wir denn darauf zurücgefommen, daß die Bedeutung auch diefer Parabel, ähnlich wie die eines Achten Kunftwerfes, eine vielfeitige und in fich verfchlungene ift, und nicht durch Die Einfeitigfeit einer moralifchen Xehre oder Ermahnung, die man daraus zu ziehen verfucht, erfchöpft werden kann. Eben darum bleibt es auch vergeblich, nach der Veranlaſſung zu forfchen, unter welcher Sefus fie gefprochen haben möge. Sie ift fehr wahr: fheinlich bei Feiner oder bei einer gleichgültigen Veranlaſſung gefprochen worden; denn jede Veranlaffung von beftimmterem Charakter würde ihrem Sinn eine einfeitige Wendung geben und eines oder das andere ihrer gleich wefentlichen Momente aber nicht etwa im Unendlichen alfes gleich wird, fondern daß es dort noch einen andern Maßftab giebt, einen folchen, mit welchen auch Unendliches gemefien werben kann. — Schon die Mathematik fönnte darüber belehren, daß nicht im Unendlichen alle Berechnung des Mehr oder Weniger aufhört, fondern daß eg einen Calcul deg Unendlichen fo gut, wie des Endlichen giebt. Evangeliſche Erzählungen und Neden nach Matthäus. 131 als überflüffig erfcheinen laſſen. Sie würde aufhören, ein Le— bendiges zu fein, das feinen Zwed in fich felbft hat, und als todtes Mittel einem Außern Zwede dienen. — Einzig aus einem verfehlten pragmatifchen Beftreben diefer Art ift die Ge: ftaltung abzuleiten, welche die Parabel bei Lukas erhalten hat. Eine aufmerkfame Vergleichung der beiderfeitigen Erzählungen kann Feinen Zweifel darüber laffen, daß, troß der fehr bedeu— tenden Differenzen, Lukas auch hier aus derfelben Quelle wie. der Unfrige ſchoͤpft, Daß aljo jene Differenzen weder, wie Ei: nige wollen, auf eine wirklich urfprüngliche Verſchiedenheit bei- der Parabeln, noch, wie Andere, auf eine Verſchiedenheit der Ueberlieferung, aus welcher beide Evangeliften fchöpften, zuruͤck— zuführen find. Auch nicht zwei unter einander verfchiedene Pa: tabeln hat Lufas verfhmolzen, fondern nur jene eine und ein— fache des Matthäus, mit der er, fo wie er fie in feiner Quelle fand, nicht3 anzufangen wußte, auf feine Weife pragmatifc) aufgeftugt. Er deutet die Abwefenheit des Herin in der Pa— rabel auf den Abfchied, den Sefus von der Erde nehmen wollte, als Beranlaffung derfelben *), und Legt daher: dem Gleichniffe das Motiv unter, der Meinung, als folle das Neich Gottes fogleich in die Erfcheinung treten, entgegen zu arbeiten und den Süngern über ihr Berhalten nah feiner ‚Entfernung‘ von ihnen einen Wink zu geben. Was von der Verfchiedenheit der anvertrauten Pfunde gefagt war, blieb ihm unverftändlichz er ließ es daher wegfallen. Dagegen fand er zur Vervollſtaͤndigung des Bildes, wie er ed gefaßt hatte, nöthig, einen dem urfprüng- lichen Sinne der Parabel gänzlich fremden Zug hinzuzufügen, nämlich daß die Abwefenheit des Herren zum. Zwede hat, eine Königswürde über feine Mitbürger zu erwerben, daß die Mit: bürger ihm diefe Würde misgoͤnnen, und daß er nach feiner Ruͤckkehr, bei dem Gericht, welches er über die Diener hält, denen er die Pfunde („Minen“ heißt es hier) anvertraut hatte, zugleich die *) Dies liegt unverkennbar in den Worten: dia zo Eyyus aurov slvaı Tspovoalyw, welche übrigens, fo verftanden, noch zur Verftärfung des Beweiſes (Buch II, S. 296) gebraucht werden fünnen, daß auch Lukas ſtillſchweigend annimmt, der Ießte Aufenthalt Jeſu zu Serufalem ſei zugleich, innerhalb feiner Öffentlichen Laufbahn, der einzige. 9* 132 Fuͤnftes Bud. Mitbürger, die feine Koͤnigswuͤrde nicht anerfennen wollten, zur Nechenfchaft zieht. Zu dieſem Behufe benußt der Evan- geliſt auf eine für fein Verhaͤltniß zu Matthäus charafteriftifche Weiſe die Schlußworte, welche die Fabel: bei Lehterem hat (wir glauben nämlich. vorausfegen zu dürfen, daß auch hier das erfte Evangelium die Worte des Achten Matthäus unver: fälfcht wiedergiebt), indem er diefelben, welche urfprünglich auf den Diener gehen, der fein Pfund vergrub, auf die Aufrährer überträgt. — So ift die Parabel bei Lufas zu etwas ganz Anderem, und, wir dürfen nicht anftehen es auszufprechen, im Sinne bei weitem Flacherem, im Bilde Unzufammenhängendem und Schielendem geworden, während fie in ihrer Achten Geftalt zu dem Gewichtigften und Liefften gehört, was der Herr ges fprochen hat. 91. „Wenn der Sohn des Menschen Fommt in feiner Pracht und alle die Engel mit ihm, da wird er auf den Thron feiner Herrlichkeit niederfigen, und es. werden ale Voͤlker um ihn verfammelt werden. : Und er wird fie von einander fondern, wie ber Hirt die Schafe von den Boden fondert, er wird bie Schafe zur Nechten, die Bode zur Linken ftellen. Dann wird der König denen zur Rechten ſage Kommt, ihr von meinem _ Vater Gefegnete, empfanget das Neich, das euch bereitet ift von Schöpfung der Welt an. Sch hungerte, und ihr gabt mir zu eſſen; ich dürftete, und ihr gabt mir zu trinken; ich war fremd, und ihr nahmt mich mit nach Haufe, nadt, und ihr Fleidetet mich, Frank, und ihr forgtet für mich, im Gefäng: niß, und ihr Famt zu mir. Da werden ihm die Rechtſchaffenen antworten: Herr, wann ſahen wir dich hungern und ſpeiſten dich, duͤrſten und traͤnkten dich? Wann ſahen wir dich fremd und fuͤhrten dich heim? oder nackt und kleideten dich? Wann ſahen wir dich krank oder im Gefaͤngniß, und beſuchten dich? Und der Koͤnig wird erwiedern: Wahrlich ich fage euch, was ihr einem von diefen, den geringften meiner Brüder thatet, das ihatet ihr mir! Dann wird er denen zur Linken fagen: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, welches dem Zeufel und feinen Engeln bereitet ift! Sch hungerte und ihr gabt mir nicht zu effen, ich durftete und ihr gabt mir nicht zu frinfen, ich) war fremd und ihr nahmt mic) nicht nach Haus, Evangelifche Erzählungen und Reden nach Matthäus, 133 nackt und ihr kleidetet mich nicht, Frank und im Gefängniß, und ihr Tümmertet veuch nicht um mich, Da werden auch fie antworten: ‚Herr, wann fahen wir dich hungern, oder dürften, oder fremd, oder nadt, oder Frank, oder im Gefängniß, und waren die nicht zu Dienft? Da wird er ihnen antwortent Mahrlih ich Tage euch, was ihr einem diefer Geringften nicht thatet, das habt ihr mir nicht gethan! Und es werden diefe zu ewiger Strafe hinweggehen, die Nechtfchaffenen aber zu ewigem eben. ’’*) Sch befenne, daß mir. diefe Worte, welche mit offenbarer Abjichtiichkeit an den Schluß jener langen Reden- und Gleichniß- fammlung geſetzt erfiheinen, in mehr als einer Beziehung den Verdacht erweden, von unferm Evangeliften nicht aus gleich erprobter Quelle mit den übrigen gefchöpft zu fein. "Schon daß fich Feine Spur von ihnen bei Lufas findet, muß Beden⸗ fen erregen; fo Auffallendes und Umfangreiches, und zugleich durch die Klarheit des Sinnes fo fehr fich Empfehlendes pflegt die— fer fonft nicht zu übergehen. Hierzu fommt, daß. manche ein: zelne Ausdrüde in ihnen mehr das Gepräge apoftolifcher Dog- matif, als des eigenen Redegebrauches Sefu, wie wir diefen fonft bei Matthäus und Marcus finden, zu tragen fcheinen”*). Den Inhalt felbjt möchten wir zwar nicht gerade dem Sinne ‚oder ver Lehre Sefu widerfprechend finden, aber er iſt zu nadt hingeftellt, zu entbloßt von den originellen, geiftvollen Wendungen, die fonft auch die Eleinften Ausſpruͤche des Herrn auszeichnen, insbefondere aber zu deutlich an anderweit bekannte Sprüche *) anflingend und faft aus diefen zufammengefeßt, ald daß wir ihn für ganz würdig des Herrn erkennen koͤnnten. Es iſt unverkennbar eine dogmatiſch abfchließende Zufammenz fafjung des Lehrinhalts der vorangehenden eschatologifchen Ne: den, was und hier gegeben wird, nicht ein neuer, gleich jenen gelegenheitlicher, änigmatifcher Ausſpruch. Indeſſen hat eben diefes Beftreben nach einem dogmatifchen Abſchluß die Tolge gehabt, daß gegenwärtige Rede, im Zone von den vorhergehertz *) V. 31 ff. **) garaßoln z0ouov—xohacıs ar —Lon KLuwıoS. er) 3. B. Matth, 7,22 f. 10, 40 ff. Marc, 13, 2T und Parall. 134; Fünfte Bud. den fo verfchieden, auch eine reine Einftimmung im Sinne mit jenen vermiffen laßt. Nicht mit Unrecht hat man die Bemer⸗ fung gemacht, daß in ihr auf eine ſchroff Außerliche Weiſe ein Gericht uͤber die Menſchen nach ihren Werken gelehrt wird, mit ſo gut wie gaͤnzlicher Nichtberuͤckſichtigung des Glau— bens, welcher doch in allem Vorhergehenden als dad Haupt— moment, welches dem Menfchen den Eintritt in das. Himmel: reich eröffnet, vorausgefeht worden war, Einige Ausleger find deshalb auf den Gedanken gefommen, es werde bier etwas ganz neues gelehrt, nicht eine erfte, fondern eine zweite Aufer— ſtehung, eine Auferftehung der Heiden, nachdem in der erfien Auferftehung nur die Chriften auferftanden feien. Allein von einer Abſicht des Gvangeliften, mit der er feinen Chriftus folche Unterfcheidung hätte aufftellen Laffen, läßt fich Feine Spur nach— weifen; wir glauben vielmehr, allen Unterfchied, der wirklich in dem Inhalte vorhanden ift, darauf zurüdführen zu Tonnen, daß dieſe Nede weder eine von Chriftus wirklich gefprochene, noch von dem Achten Matthäus überlieferte ift. Mit vorftehender Nede fchliegen die dem erften Evange— lum zum größern Theile mit dem dritten gemeinfchaftlichen, zum. Eleineren ihm eigenthümlichen Reden und Erzählungen, Einiger ‚minder bedeutenden, mehr oder weniger fammtlich Die Spur des Apofryphifchen tragenden Zufäke des erften Evange— liften zu Marcus in der Erzählung vom Leiden und Tode des Heren haben wir bereits in unferm dritten Buche gedacht. Was aber zu der Auferftehungsgefchichte gehört, daS bleibt alles dem fiebenten Buche aufgefpart. . Für jeßt gehen wir zu der Anef- dotenreihe fort, welche dem Lukas eigenthümlich. ift. Von dies fer gilt nun zwar ſehr Aehnliches, wie wir im Vorhergehenden von den Neden und Grzählungen dfters zu bemerken hatten, welche diefer Evangelift aus Matthäus und Marcus entnommen hat. Gleich diefen find auch die dem Lukas eigenthümlichen fhwerlich in der Reinheit und Integrität überliefert, deren wir uns, fo viel namentlich die von dem Herrn gefprochenen Reden betrifft, bei jenen beiden zu erfreuen hatten. Wir müffen dies um fo mehr von ihnen vorausfeßen, als wir in. Bezug auf fie / Evangelifche Erzählungen und Neben nach Lukas. 135 nicht einmal die Spur einer fehriftlichen Duelle haben, aus welcher der Gvangelift gefchöpft haben koͤnnte; die mündliche Üeberlieferung aber kann ihm manches Leicht ſchon fehr getrübt zugeführt haben, und die Freiheiten, die er fich mit diefer Veberlieferung herausgenommen, werden ficher Feine gerine geren gewefen fein, als diejenigen, deren er ſich, wie wir fahen, bei der Benukung feiner. beiden fchriftlichen Vorgänger bediente, Mit noch Ichärferer Kritik, als im Bisherigen, wer: den wir daher in diefer Anefdotenreihe das Achte vom Hinzu: getragenen auszufondern uns zu befleißigen haben, Thun wir aber dies, fo bleibt uns auch hier manches Werthvolle, was als Ergänzung der Berichte jener unferer beiden vornehmlichften Quellen noch immer dankbar hingenommen werden Fann. 1. „Mit Wahrheit fage ich euch: viele Wittwen waren in den Tagen des Eliad in Israel, als der Himmel drei Sahre und ſechs Monate verfchloffen war, fo daß großer Mangel über die ganze Erde entſtand; und zu Feiner derfelben war Eliad gefandt, als nur zu einer Wittwe in Sarepta bei Si: don!*) Und viele Ausfäsige waren zur Zeit des Propheten Glifa in Israel, und Feiner derfelben ward gereinigt, als nur**) der Syrer Naeman!’‘**, — Diefe Worte fol nad unferm Evangeliſten Jeſus in feiner Vaterſtadt Nazareth gefprochen haben, und zwar gleich beim Beginn feiner Laufbahn. Abwei— chend nämlid von den beiden andern Synoptifern, eröffnet Lukas denjenigen Theil feiner Erzählung, der als gefchöpft aus den Berichten von Augenzeugen betrachtet werden Fann, mit einer Anefdote, die derjenigen fehr ahnlich ift, welche von Marcus und nach ihm von dem Verfaffer des erften Evange- liums an einer fpätern Stelle berichtet worden war (vergl. Buch IV, Nr. 21). Umherwandelnd in Galiläa kommt Jeſus unter andern auch nach Nazareth, und tritt dort, feiner Ge- wohnheit gemäß, Iehrend in der Synagoge auf. Das Bud) des Propheten Sefaias wird ihm in die Hand gegeben; er fchlägt e8 auf, und trifft auf die Stelle;), wo es (nach der a Re A **) 2, Kon, 5, 10 f. =) Gay, 4, V. 25 ff. 7) Jeſ. 61, 1 f. 136 Fünftes Bud. freien Ueberfegung, die der Evangelift Davon giebt) heißt: „Der Geiſt des Herrn über mirz er falbte mich, um Armen die Heilsbotfchaft zu predigen, und fandte mich, Gefangenen ihre Erlöfung, Blinden ihre Heilung zu verkünden, Verwundete in Frieden zu entlaffen, und ein angenehmes Jahr des Herrn zu verfünden!”’ Da fchlug er das Buch wieder zufammen, gab es dem Diener und feste ſich nieder; Aller Augen in der Synagoge aber waren auf.ihn gewandt, ald er zu fprechen be— gann: „Heute ift diefe Schrift, die ihr gehört habt, erfüllt!‘ Hier nun fährt die Erzählung, nicht ohne Widerſpruch mit fich felbft, fort, daß fie ihm Zeugniß gegeben und fich uͤber die Reden voll Anmuth, die aus feinem Munde famen, verwundert, dabei aber Ceine Neminiscenz an jene Stelle des Marcus) ges fragt hätten: „Iſt das nicht Sofephb Sohn?” Sefus habe, auf feine frühern Wunderthaten in Kapernaum fich deziehend, jene Nede fo gedeutet, al$ verlange man von ihm ähnliche Thaten auch bier; er folle als Arzt fi) felber helfen, und in feiner Vaterftadt eben fo thun, wie man von ihm gehört, daß er in Keopernaum gethan. Solcher Anforderung aber fer er, nach vorgäangiger (von Lukas aus Marcus entlehnter) Bemer— fung, wie Fein Prophet in feinem Vaterlande Eingang finde, durch die obigen Worte begegnet. Den Erfolg betreffend, wird noch hinzugefügt, daß er dadurch Alle in der Synagoge gegen ſich erzirntz fie haben ihn zur Stadt hinaus getrieben und auf den Abhang des Berges geführt, auf welchem die Stadt ges legen war, um ihn dort herabzuflürzenz er aber foll (wie es Scheint, wunderbarer Weife) mitten durch fie Hindurchgegangen und entwichen fein. Wir fonnen in diefer gefammten Erzählung nichts, als allein nur jene oben angeführten Worte für gefchichtlich werth— vol achten. Allzudeutlich tritt in ihr die Abfichtlichkeit hervor, das öffentliche Leben Jeſu mit einer Begebenheit in feiner Bas terftadt zu eröffnen; wie es fcheint, zugleih in der Abficht, feine Entfernung aus derfelben zu erflären, obgleich im Wider- fpruche hierzu doch noch die Grinnerung an die gefchichtlich wahre Thatfache, daß Jeſus feine Laufbahn zu Kapernaum begonnen habe, einen Plab behalten hat. Während nun zu biefem feinem Zwecke der Evangelift die ihm wohl bekannte, N [3 > Evangelifche Erzählungen und Reden nad) Lukas. 137 gefchichtlich unftreitig begründetere Erzählung des Marcus von der uͤblen Aufnahme, die Sefus zu Nazareth gefunden, benußen fonnte (was er auch gethan hat, dergeftalt gethan hat, daß die gezwungene Einfchiebung des won dort Entlehnten in feinen übrigens Feineswegs damit zufammenftimmenden Bericht nur allzuſehr auffallt): fo fcheint er es andererfeits in feinem Inter: effe gefunden zu haben, den Ausgang diefer Begebenheit noch mehr ing Grelle zu ziehen, Ein Mordverſuch unter folchen Umftänden, wie die bier erzählten, ift im höchflen Grade un- wahrfcheinlich und flimmt nicht im mindeften zu dem, was wir aus den glaubhafteften Berichten über die Aufnahme,“ die Sefus in Baliläa fand, wiffen. Vielmehr erinnert dieſe Ueber: treibung der Kälte, welcher, im Laufe eines fo gewaltigen Gr: | folgs, Jeſus gerade in feiner naͤchſten Heimath begegnete, nebft feiner wunderbaren Errettung aus der vermeintlichen Gefahr, an ähnliche Erzählungen des vierten Evangeliums, die jedoch von diefem, nicht ohne Grund, ſtets nach Ierufalem verlegt zu werden pflegen. Es fcheint, daß die der urfprünglichen Ueber: lieferung etwas ferner ftehende Sage fich darin gefiel, die Schwierigkeiten, mit denen der Herr zu Fümpfen hatte, immer | mehr zu fleigern. — Die übrigen Zufäge der Erzählung find gleichgültiger. Wie es ſich mit der Lefung der Prophetenftelle verhält, ob diefe der Evangeliſt eigenmächtig erfunden, oder ob er fie aus Achter Duelle gefhöpft habe, kann füglich dahinge- ſtellt bleiben. Nur die oben angeführten Worte glauben wir allerdings fefthalten zu müffen als unftreitig von Zefus felbft, doch wahrfcheinlich bei anderer Veranlaſſung, gefprochene. Sie beziehen ſich vermuthlich auf eine an Jeſus wirklich ergangene Aufforderung, die Wunderfraft, die er in einzelnen Fällen be— thätigt hatte, auch in andern, oder zu jeder Zeit, wo ihm bie Gelegenheit Dazu ward, zu bethätigen, nicht aber, wie nad) der vorliegenden Erzählung fo fcheinen müßte, auf einen von Sefus nur vorausgefesten Vorwurf diefer Art, Iedenfalls find fie für die Gefammtauffaffung feiner Wunderkraft, und für das Bewußtſein, welches: er felbft über die Natur und Be— fiimmung derfelben hatte, von Wichtigkeit. Sie fprechen aus, was auch durch den gejchichtlichen Ueberblic der evangelifchen Wunderheilungen beftätigt wird, daß diefelbe nicht überall und 138 Fünfte Bud. ohne Unterfchied geübt werden konnte, fondern daß eine be= fondere Beziehung auf die Perfonlichkeit derer ſtattfinden mußte, an denen fie geuͤbt werden follte. 2. Die Anmwerbung der erften Jünger, — jener galiläifchen Fifcher, von denen auch Marcus gleich am Anfange feiner Er: zahlung berichtet hatte (Buch IV, Nr.2), — wird bei Zufas, nach Boranfchidung der Anekdoten von 8 Daͤmoniſchen in der Synagoge und von der Schwiegermutter des Petrus (ebendaſ. Nr. 3) folgendergeftalt berichtet *). Jeſus fand, von einer gro: Ben Volfsmenge gedrängt, die von ihm dad Wort Gottes ver: nehmen wollte, am See Geneſareth. Dort fah er zwei Schiffe am Ufer fiehen, die Fifcher waren ausgejtiegen und fpülten ihre Netze ab. Da flieg er in eines der Schiffe, welches dem Si— mon zugehörte, und bat ihn, ein wenig vom Lande abzuftoßen ; er feste fich Darin nieder und fprach fehrend aus dem Schiff zum Volke. Nachdem er aufgehört, fagte er zu Simon: „Stoßt hinein in die Tiefe und breitet dort euere Netze zum Fang aus!” Simon antwortete ihm: „Herr, die ganze Nacht hindurch haben wir gearbeitet und nichts gefangen; auf dein Geheiß indeß will ich dad Neb ausbreiten.‘ Sie thaten dies und fingen eine große Menge Fifche, fo daß das Netz zerriß, Darauf winften fie ihren Gefährten im andern Schiffe, fie foll- ten fommen und mit ihnen Hand anlegen. Jene Famen, und fie füllten beide Schiffe, jo daß fie davon niedergedrüdt wur— den. AS dies Simon Petrus fah, fiel er Jeſu zu Füßen und ſprach: ,, Gehe hinweg von mir, denn ich bin ein fündiger Menſch!“ Denn ein Staunen hatte ihn und alle, die um ihn, ergriffen, über den Fifchfang, der ihnen gelungen war; eben fo auch den Safobus und Sohannes, die Söhne des Zebedäus, welche Gefährten des Simon waren. Und Jeſus fprach zum Simon: „Fuͤrchte dich nicht, von jetzt an wirft du Menſchen fangen!“ Da zogen ſie die Schiffe ans — ließen alles im Stich, und folgten ihm, Diefe Erzählung muß fich jedem Unbefangenen als eine Erweiterung. und Verzierung des nach allen drei Synoptifern von Jeſus an die Fifcher, die durch ihn zu Menfchenfifchern *) Cop. 5, V. 1 ff Evangeliſche Erzählungen und Neden nach Lukas. 139 werden follen, gefprochenen Wortes darſtellen. Zwar würde fih die Begebenheit, auch als Außerlich, thatfächliche verſtan— den, ohne viele Schwierigkeit natürlich, oder wenigftens fo er: Elären laſſen, daß fie Fein Mirafel im eigentlichen Sinne bliebe. Aber auch fo nicht minder, wie wenn man diefes Wunder als . eine wirkliche Aeußerung der Allmacht betrachten wollte, kann uns diefe Art und Weife, feine göttlihe Sendung denen, die er zu feinen Süngern machen wollte, zu erweilen, keineswegs als, Chrifti würdig erſcheinen. Hierzu gefellt ſich der Wider: fpruch diefer Erzählung zu den ‚übrigen evangelifchen Berichten von der Berufung jener Jünger, ja der eigene Widerfpruch, in welchem der Bericht des Lukas fich zu fich felbft befindet, in: dem er die Heilung der Schwiegermutter des Petrus diefem Borfall, der doch offenbar einen frühern Umgang zwifchen Je— ſus und Petrus nicht vorausfegen fol, vorangehen läßt. — Was den Cvangeliften zu diefer Stellung der Anekdote bewogen habe, ſtatt Diefelbe, wodurch jener Widerfpruch vermieden worden wäre, an die Stelle einzureihen, wo die beiden erften Evange— liften die Berufung der Jünger erzählen, ift nicht fchwer zu fin= den. Lukas wollte, nachdem er Sefus zuerft in Nazareth hatte auftreten laffen, ihn hierauf zunäcft nah Kapernaum, und dann erit auch nach andern Gegenden Galilaa’3 führen, um fo der Notiz zu entiprechen, die ihm im Allgemeinen zugefommen fein mochte, daß Sefus, in Nazareth einheimifh, von da nad) Kapernaum gewandert war, und von hier aus Galilda nach ver— "Schiedenen Richtungen zu durchziehen begonnen hatte. Die Scene diefes Vorfalls war das Ufer des galiläifchen Sees; Lukas bes nußte, um ihn dorthin zu führen, die Nachricht von einer Wan— derung durch Galiläa, welche er bei Marcus zwifchen der Anek— dote von der Schwiegermutter des Petrus und jener von dem Ausfasigen fand *). Die Erzählung felbft hatte fich wahrfchein: lich fagenhafter Weife gebildet, ungefähr wie die Anefoote vom Stater im Fiſchmaul. Daß eine von Jefus erzählte Parabel *) Marc, 1, 39, Parall. Luk, A, 44 — Die Befchreibung übrigeng von der Art, wie Jeſus aus dem Schiffe heraus Iehrte, ift offenbar aus Mare. A, 1 (Parall. Matth. 13, 2) herausgenommen, und da= gegen an der enifprechenden Stelle (Luk. 8, 4), wo unfer Evange— liſt fie nicht paffend gefunden zu haben frheint, weggelaffen, 140 Fuͤnftes Buch. zum Grunde gelegen haͤtte, wie bei anderen dergleichen Wun— dergeſchichten, iſt zwar moͤglich, laͤßt ſich jedoch durch Feine be— ffimmtere Spur, welche auf die nähere Befchaffenheit ſolcher Parabel hinführte, beglaubigen. Auch bedarf es, um ihre Ent- ſtehung erflärlich zu finden, keineswegs der Anfnüpfung noch an eine andere Aeußerung Zefu, fondern jener Spruch von der Menſchenfiſcherei reicht dazu vollfommen hin. 3, Niemand, der alten Wein trinkt, mag fogleich darauf jungen; er hält namlich den alten für beffer.‘” *) Won diefem metaphorifchen Ausfpruch, welchen unfer Gvangelift dem Gleich— nifje von dem jungen Wein und den aalten Schläuhen (Buch IV, Nr. 8) beigefügt hat, muͤſſen wir unenfchieden lafjen, ob er ihn aus einer eigenthümlichen Quelle gefchöpft, oder, wie es uns faft wahrfcheinlicher ift, aus Dem Stegreife und ohne etwas Nechtes dabei zu denken, hinzugefügt hat. Iſt er acht, fo kann er nur gefagt fein, um die Schwierigkeit zu erflären, welche der Lehre Jeſu entgegenfland, durchzudringen, die Nothwendigfeit, daß fie fich erft durchs Alter bewähre und Fräftige, bevor fie darauf Anfpruch machen fünne, allgemeine Geltung ſich zu er: werben. Sn jenem Zufammenhange, in welchen ihn der Evan: gelift hineinträgt, fteht er ganz fremd und giebt durchaus kei⸗ nen —— Sinn. Jeſus tritt in eine Stadt, Namens Nain, in Beglei— tung ee Sünger und einer großen Volksmenge. Us er dem Thore der Stadt nahete, ward ein Berftorbener her— ausgetragen, der einzige Sohn feiner Mutter, welche Wittwe war; viel Volf aus der Stadt war mit ihr. AS der Herr fie fahe, ward er von Mitleid ergriffen, und rief ihr zur ,, Weine nicht!“ Darauf trat er näher herzu und faßte die Bahrez die Träger fanden ftil, er aber ſprach: „Juͤngling, ich fage dir, erwache!’‘ Da erhob ſich der Todte und fing aufrecht ſitzend zu reden anz er übergab ihn feiner Mutter. "Sie alle aber wurden von Furcht ergriffen, und fie priefen Gott und fpra= en: „Ein großer Prophet ift unter und aufgeftanden, und Gott hat feines Volkes gedacht! **) Cap. 5, 9.39, =), 64037, Br fi Evaͤngeliſche Erzählungen und Reden nach Lufas. 141 Dieſe Erzählung it neben der von der Tochter des Jai— rus (Buch IV, Nr. 20) in den fonoptiichen Evangelien. die einzige, welche von einer angeblichen Todtenerwedung handelt. _ Mit legterer verglichen, trägt fie offenbar viel weniger jenen Cha: rakter, welcher überhaupt die Erzählungen des Marcus dem größern Theile nach von den übrigen evangelifihen Erzählungen unterfcheidet, den Charakter einer Anfchaulichfeit folcher Art, die auf einer ungefünftelten Fülle der Detailzüge beruht. Ihr Cha— rakter ift vielmehr, troß der Genauigkeit, mit welcher die Oert— lichkeit und übrigen Umftände befchrieben werden, dennoch ein mehr abftracter, ein folcher, wie er fich gar leicht in der. Sage auch unabhängig von einer wirklichen, factifchen Grundlage bil: den Fonnte, dafern nur die Sage im Allgemeinen einen Antrieb, auch Erwedungen von Todten durch Jeſus vollziehen zu laf- fen, erhalten hatte. Ein folcher Antrieb aber lag in den Pro— phetenworten, die Jeſus adoptirte, um fie al$ Antwort auf. die Gefandtfchaft des Johannes auszufprechen. Unſer Gvangelift weift uns auf diefe Worte recht ausdrüdlich hin, indem er die gegenwärtige Anekdote unmittelbar vor diefelben ftellt, während der Verfaſſer des erften Evangeliums in derfelben Abfiht, dies fen von ihm buchftäblich verftandenen, von Sefus wahrfchein- lich nur ſymboliſch gemeinten Worten eine facifhe runde lage zu geben, die Erzählung von der Tochter des Jairus den— felben vorangeftellt hatte. Bei dem Schweigen des Marcus koͤnnen wir auf diefe Anefdote Fein befonderes Vertrauen feßen; wenn wir daher auch im Allgemeinen die Möglichkeit zugeben, diefelbe ahnlich, wie jene andere, aufeine Weife zu deuten, wodurd) fie den übrigen Heilungswundern Jeſu und hiermit der, Sphäre natürlichen Geſchehens naher gerüudt würde: fo finden wir doch, zumal bei dem Mangel fo ausdrüdlic auf diefe Deutung. hin— drängender Züge, wie jene Erzählung deren allerdings darbot, uns nicht gerade aufgefordert, foldhes zu thun, fondern halten für rathfamer, den Urfprung diefer Anefoote in jener unbeftimm- ten und unfichern Ueberlieferung zu fuchen, deren Einflüffe der den Begebenheiten und ihren Augenzeugen ferner, flehende, uns Eritifhe Lukas Schon mehrfach empfunden hat. 5. Eigenthuͤmlich unſerm Goangeliften ihrem wefentlichen Inhalte nach, obwohl in ihrer Darftellung mit manchen Neben: * * 142 Fuͤnftes Buch. zuͤgen vermiſcht, welche aus der Reminiscenz einer andern Be— gebenheit gefloſſen ſcheinen, iſt folgende Erzählung. Jeſus fpeifte bei einem Phariſaͤer. Ein Weib, ein von Sünden gedruͤcktes, hörte davon, fie Fam dahin mit einem alabafternen Gefäß voll Nardenols, ftellte fich weinend neben ihn und begann mit ihren Thraͤnen feine Füße zu benegen, und mit ihren Haupthaaren fie abzutrocknen; auch Füßte fie ihm die Füße und falbte ihn mit dem Del. Ws fein Wirth, der Pharifaer, dies fah, fagte er bei fich felbft: „Waͤre der ein Prophet, fo würde er wiffen, wer und was für eine diefes Weib ift, die ihn da berührt, was für eine Sünderin!” Da ſpricht Jeſus zu ihm: „Simon, ic) habe dir etwas zu ſagen!“ Sener fordert ihn auf, zu reden, und Sefus fpricht: „Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner; der eine fchuldete ihm fünfhundert Denare, der andere fünfzig. Da beide es nicht zurückzahlen Fonnten, fehenfte er e8 beiden. Wel— cher nun von beiden, fage mir, wird ihn am meiften lieben?’ Simon antwortete: „Ich meine, der, dem er das Meifte ſchenkte.“ Darauf Sener: „Du haft recht.” Und nach dem Weibe gekehrt, fprach er zum Simon: „Sieheſt du dies Weib? Sie fam in dein Haus. Waſſer für die Füße haft du mir nicht gegeben; fie aber neste mir mit ihren Thraͤnen die Füße, und trodnete mit ihren Haaren fie ab. Keinen Kuß haft du mir gegeben; fie aber hat, feit fie hereintrat, nicht aufgehört, mir die Füße zu Füffen. Mit feinem Del haft du mir dad Haupt gefalbtz; fie aber falbte mir die Füße mit Nardenöl. Darum fage ich dir, ihr find ihre vielen Sünden erlaffen, weil fie ftarf liebte; wem aber wenig erlaffen wird, _ der liebt wenig!’* Darauf fagte er zu dem Weibe: „Erlaſſen find dir deine Sünden!” Da fingen die Gäfte unter fih an zu fragen: „Wer iſt der, der auch Sünden erläßt?‘’ Cr aber fprac) zu dem Weibe *): „Dein Glaube hat dich gerettet; gehe hinweg in Frieden! *) Daß in diefe Erzählung, fo wenig ihre Entftehung aus einer bloßen Variation jener andern fich erklären läßt, doch je- denfalls eine Crinnerung an die befannte von der Salbung im *) Vebergetragen aus Mare. 5, 34. *#) Cap, 7, BD. 36 ff, Evangeliſche Erzählungen und Neden nad) Lukas. 143 Haufe Simons des Ausfägigen fich eingemiſcht hat, erhellt un: widerfprechlich aus diefem Namen, den unfer Evangelift hier dem Pharifäer giebt, bei welchem Sefus gefpeift haben folk, Wie Lukas zu folcher Verwechslung hat kommen konnen, bleibt freilich raͤthſelhaft, um fo räthfelhafter, al3 wir fonft bei diefem Evangeliften mehr, als nur eine gedächtnißmäßige Benußung des Marcus vorauszufegen allerdings rund haben. Wir müffen dahingeftellt Laffen, ob bereits die mündliche Neberlieferung, aus welcher er, was ihm vor Marcus und Matthäus eigenthümlich ift, unftreitig ‚gefchopft hat, jene offenbare Verwechslung bes gangen hatte, oder ob erft der Evangeliſt, das von Marcus in einem fpätern Zufammenhang Berichtete aud dem Gedächt- niß vorausnehmend, fie beging. Den eigenthümlichen Kern der Erzählung bildet offenbar nur das Gleihniß von den zwei Schuldnern Eines Gläubigerd fammt der daran ſich Fnüpfenden Nutzanwendung. . Der Sinn diefes Gleichniffes und diefer Nuß: anwendung ift in der Hauptfache derfelbe, wie der Sinn der Gleichnißrede vom verlorenen Schafe (ſ. oben Nr. 70); nur daß er, wie dort zunächft auf die Gottheit, fo hier zunächft auf das fündige Subject bezogen wird. Jeſus will deutlich) ma— chen, weshalb ein befehrter Sünder, das heißt ein folcher, der feine Sünden kennt und fie bereut, mehr werth ift, als folche Gerechte, die nie zu einem wahrhaften Bewußtfein ihres ſuͤn— digen Zuftandes gelangen. In dem etwas verworrenen Aus— druck der Nukanwendung bei unferm Evangeliften ift darum die— jenige Wendung, nad welcher geſagt wird: wem wenig zu vergeben ift, der liebt wenig, richtiger als die vorhergehende, nach der es fcheinen follte, ald werde umgekehrt das Maß der Liebe ald Maß für die Vergebung aufgeftellt. Letztere fiheint veranlaßt durch jene rhetorifche Erweiterung der Nede, die ge: wiß nicht Sefu felbft, fondern dem Berichterftatter angehört, wo in einer Folge von Antithefen die Handlungsweife des fündi- gen Weibes und jene des Pharifaers einander gegenübergeftellt werden. Es ift mir nicht unwahrfcheinlich, daß mit diefen in Jeſu Munde ungeeignet fheinenden Worten zugleich die ganze Scenerie des pharifäifchen Gaftmahls aus freier Erfindung hinzugethan ift, und daß erft diefe Erfindung den Anlaß zur Verwechslung mit dem Borfall im Haufe Simons des Ausfähigen gegeben hat. 14% Fuͤnftes Bud. Die Erzählungen von gaftlicher Einkehr Sefu bei Pharifaern *) find unferm Evangelijten eigenthümlich und haben eine innere . Unwahrfcheinlichkeit gegen fich, zumal da in allen den Fallen, wo fie. vorfommen, Neden fallen, die fo ganz und gar nicht mit der Pflicht der Gaftfreundfihaft vereinbar find. — Hat es mit diefer freien Behandlung der auf jenes, unftreitig achte, Gleichniß begründeten Anekdote bei unferm Evangeliften feine Nichtigkeit: fo verliert dann auc die Frage ihr Intereffe, ob das Weib, von welchem hier die Nede ift, wie die meiften Aus Yeger wollen, jene Maria Magdalena war, die indeß gleich dar— auf von Lukas in einem andern, nicht auf die gegenwärtige Erz zahlung zuruͤck fich beziehenden Zufammenhang erwähnt wird *); oder vielleicht auch jene, anderwärts freilich in ganz anderem Lichte erfcheinende andere Maria, die Schwefter des Lazarus, auf welche der Verfaffer des vierten Evangeliums den Borfall im Haufe Simons des Ausfägigen übertragen hat ***). 6. Beim Durchzug durch Samaria weigert fich ein fama= ritiſcher Flecken, Jeſum aufzunehmen, weil fein Weg nach Se: rufalem geher Da fragen ihn zwei feiner Sünger, Safobus und Sohannes, ob fie, dem Elias gleich +), Feuer vom Him— mel auf den Fleden herabrufen follen. Er aber wendet ſich un= willig gegen fie und fpricht: ,, Wißt ihr denn nicht, welches Geiftes ihr fein?” ++) — Daß die Singer Sefu wirklich) Wun— der diefer Art von ihrem Meifter follten erwartet, oder fich felbft die Kraft, in feinem Namen folhe Wunder verrichten zu koͤn⸗ nen, zugetraut haben: dies muß bei unferer Gefammtanficht der evangelifchen Gefchichte allerdings einigermaßen befremden, Indeß, bei dem hartnädigen, Buchftabenglauben der Juden an die Erzählungen ihrer heiligen Bücher lag folher Glaube ihnen doch nicht fo fern, als es beim erften Anblick fcheinen kann, und dad Aehnlihe, was wir von der pharifäifchen Forderung eines Zeichens vom Himmel vernehmen, giebt für die Möglich: *) Bergl, Cap. 11, V. 37 ff. Cap. 14, V. 1 ff. ==) ⏑————— —— DR son, 1,102 1% Tr) Cap. 9, V. 53 ff. Evangelifche Erzählungen und Reden nach Lukas. 15 feit folchen Glaubens auch bei den Juͤngern einen gefchichtli hen Anfnüpfungspune. Die Antwort freilich, die Lukas Jeſu in den Mund Legt, ift befonders Darum unbefriedigend, weil die Meinung doch wohl nicht fein Fann, dem Elias, den die Sünger nachahmen wollten, einen böfen Geift zuzufchreiben. Diefe Schwierigkeit wird nicht gehoben, auch wenn man, nach bedeutenden Autoritäten, die Worte, wo Elias erwähnt wird, für untergeſchoben erflärt. Denn wenigftens ſtillſchweigend müßte dann die Beziehung auf Eliad hinzugedacht werden, da ohne diefelbe der Wunderglaube der Jünger einer ausreichenden Bafis ermangeln würde. 7, „Keiner, der feine Hand auf den Pflug legt und hin: ter fich blickt, ift wohlgerüftet zum Reiche Gottes! *) — Diefe Sentenz laßt unfer Evangelift zu Einem gefprochen werden, der fih dem Herrn zu folgen bereit erklärt, zuvor aber noch fein Hauswefen in Ordnung bringen will. Cr hat fie nicht unpaf- fend an die von Matthäus erzählten Worte angefchloffen, die bei ähnlichen Anlaffen gefprochen fein follen (f. oben Nr. 27. 28). Uebrigens kann man fie, bequemer noch als jene, in einem doppelten Sinne verftehen, nämlich einerfeitS als gefagt in Bezug auf die nächften Sünger, von denen Sefus unbedingte Hingabe aller Lebenszwede an ihn und den von ihm zu er wartenden Zebensinhalt forderte und fordern mußte, andererfeits, in mehr finnbildlicher Weife, in Bezug auch auf alle zukünftigen Juͤnger, von denen wenigftens im geiftigen Sinne jene Hingabe gefordert wird, wie von den unmittelbaren Süngern auc bie Hingabe des Außeren und finnlichen Lebens. 8. „Ich fah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen! Seht, ich gebe euch die Macht, Schlangen und Skor— pionen niederzutreten, und über alle die Gewalt des Feinde; und nichts fol euch verlegen koͤnnen. Doc, freuet euch nicht darüber, daß euch die Geifter gehorchenz freuet euch vielmehr, daß euere Namen im Himmel aufgefchrieben find! *) — Diefe Worte fol Jeſus gefprochen haben, als die fiebzig Juͤn— ger, von deren Erwählung und Ausfendung nur unfer Evange— *) Cap. 9, B. 62. ==) Gap. 10, B. 18 ff. U. Bd. 10 - 146 Fuͤnftes Bud. tft erzaͤhlt, von ihrer Sendung zurüdfamen und freudig bes richteten, wie fie wahrgenommen hatten, daß die Dämonen ih- nen gehorchten, wenn fie im Namen des Herrn zu ihnen fpra= chen. Die erften dieſer Worte haben etwas Charafteriftifches und Geheimnißvollesz aͤhnlich wie die den gegenwärtigen fehr verwandten Worte, aus welchen die Sage von dem Tauf— wunder entftanden ift (Buch IV, Nr. 1). Db fie wirklich in dem Zufammenhange, in welchem fie hier aufgeführt werden, geſagt find, läßt fich bezweifeln. Ihr Sinn aber kann, auch abgefehen von diefem Zufammenhange, fchwerlich ein anderer fein, als der durch diefen angezeigt wird, namlich daß Sefus ed im ſinnlichen Bilde ald eine Anfhauung ausfpricht, wie ‘ durch die Kraft des Geiſtes, der in ihm lebendig ift und von ihm feinen Juͤngern mitgetheilt wird, die Macht des Boͤſen ge- brochen ift. Es Liegt ein befonderes' Gewicht darin, daß er dies ausdrüdlich in diefer Form, ald ein Gefiht, das ihm ge- worden fei, ausfpricht. Ohne Zweifel bildete diefe Anfchauung von dem Sturze des Bofen ein wefentliched Moment in dem vor feiner Seele aufgehenden Bewußtfein feines Meffiasberufs. — Die BZufammenreihung der beiden nachfolgenden, gleichfalls fchwerlic) von Haus aus zu einander gehörenden Säbe hat das Unbequeme, daß in dem erſten derfelben das „Niedertreten der Schlangen und Sforpione‘’ u. f. w. unftreitig im geiftigen und fittlihen Sinne zu verfichen ift, im zweiten aber die Macht über die Damonen im phyfifchen Sinne, von der Heilkraft in Be: zug auf die Krankheit der Befeffenen. Allerdings wird allent- halben im Neuen Teſtamente auch dieſe letztere als ein Sym: bol und als die natürliche Folge der hoͤhern fittlichen Macht über das Boͤſe betrachtet. Allein wenn an gegenwärtiger Stelle Sefus die Freude über diefe Heilkraft der Freude über das er: langte Bürgerrecht im Himmelreihe unterzuordnen befiehlt, fo kann er offenbar nur jene Kraft als phyſiſche Gabe, nicht das Sittliche, was durch fie ausgedrüdt wird, meinen; denn Letzte— res ift mit demjenigen, was ihm bier ald das Höhere entgegens geftellt wird, eines und daſſelbe. 9. „Ein Mann ging von Serufalem nach Seriho, und fiel in die Hände von NRäubern. Dieſe zogen ihn aus und ſchlugen ihn; dann gingen fie hinweg und ließen ihn halbtodt Evangeliſche Erzählungen und Reden nad) Lukas. 147 liegen. Zufällig ging ein Priefter diefes Wegs; er fah ihn und ging vorüber. Eben fo auch ein Levit, als er an den Ort Fam, trat hinzu und fah ihn, und ging vorüber, in reifender Samariter aber Fam hinzu, und fühlte bei feinem Anblid Mit- leid. Er trat zu ihm heran, verband feine Wunden und goß Del und Wein darauf; dann legte er ihn auf fein Thier, führte ihn in die Herberge und forgte dort für ihn. Und als er Tags darauf weiter reifte, gab er dem Wirth zwei Denare und hieß ihn des Verwundeten pflegen; bei feiner Zuruͤckkunft wolle er, was es ihm etwa ferner Foften möchte, ihm erſtatten.“*) Diefe Parabel läßt unfer Evangelift Sefum jenem Gefeßes- gelehrten erzählen, der nach Marcus und Matthäus *) ihm die Frage vorgelegt hatte, welches das höchfte Gebot im Ge- ſetze ſei. Diefe Frage felbft und das daran zunächft fich knuͤ— pfende Gefprach ift hier nicht nur in eine andere Zeit (die der Reife nach Serufalem) verlegt, fondern auch anders geftaltet, Nicht nach dem hochften Gebot, fondern wie dad ewige Leben zu erlangen fei ***), fragt hier der Geſetzesgelehrte; Jeſus ver- weift ihn hierauf an das Geſetz und fragt ihn nad) deffen In— halt; worauf jener felbft die Antwort giebt, Die wir dort Je— fum geben hörten, Dann aber weiter fragt, wer jener „Naͤchſte“ Sei, den man den Worten des Gefeßes zufolge lieben folle, wie fi felbft, und als Antwort darauf von Jeſus die vorliegende Parabel erhält. Ueber das Erfünftelte fowohl jener Wendung des Gefpräches, ald auch der Anfnüpfung unferer Parabel an daffelbe kann wohl Fein Zweifel fein. Der Gvangelift fcheint felbft am Schluffe den Zweck, zu welchem er die Parabel auf: führte, vergeffen zu haben, wenn er nach der Frage: Welcher von jenen beiden dem von den Näubern Gemißhandelten ver Naͤchſte war, und der darauf erfolgten fachgemäßen Antwort, Sefum den Andern mit dem Befcheide entlaffen läßt, hinzuge⸗ ben und eben fo zu handeln, wie Jener. Man bemerkt, daß die gefammte Wendung, bie in der Frage liegt, welcher der Nächfte fer, der Parabel nur Außerlich aufgedrungen ift, wäh- *) Gap. 10, 2. 30 ff. **) Buch IV, ©. 584 ff. =) Wahrſcheinlich eine Neminiscenz an Mare. 10, 17. 10* 148 Fuͤnftes Bud. rend fie in fich felbft vielmehr den Zweck hat, den Werth veiner Menfchlichkeit in. der Perfon eines von den Juden Ver: achteten herauszuftellen, den jüdiihen Satzungen gegenüber, welche auf Priefter und Levitenthum einen fo hohen Werth leg— ten. Uebrigens ift das Gleichniß von fo einfacher Beſchaffen— heit, daß, allerdings zu glauben ift, Sefus habe es, ähnlich wie das Gleichniß Nr. 5, in der Abficht erzählt, um eine Frage daran zu knuͤpfen; nur mußte die Frage eine andere fein, al& die hier Daran gefnüpfte. 10, Eine Frau, Namens Martha, empfing Sefum bei feiz ner Durchreife durch ihren Wohnort in ihrem Haufe. Bei ihr befand fich ihre Schwefter Maria; diefe feste ſich Sefu zu Fuͤ— Ben, und hörte auf feine Reden. Martha unterdeß mühete fich ab mit der Bedienung; einmal aber hielt fie inne und fagte: „Herr, was fagft du dazu, daß meine Schwefter mich allein dich bedienen läßt? Heiße fie doch mit mir Hand anlegen!’ Sefus aber antwortete: „Martha, Martha, du forgeft und mü- heft dich) um Vieles; Eines aber ift Noth! Maria erwählte fich Das gute heil, jenes, was fie nimmer verlieren wird.’’ *) — Die Aehnlichfeit des Sinnes und der Tendenz diefer Worte mit den noch prägnanteren, die Sefus bei der Salbung im Haufe Simons des Ausfaßigen fprach **), der Charakter unbe— dingter Hingebung an das geiftige Intereſſe mit Hintanfekung aller auch fonft loͤblicher Ruͤckſichten auf das Irdiſche fcheint die erſte Veranlaſſung gegeben zu haben, jene falbende Frau zu Bethanien, wie wir ed im vierten Evangelium gefchehen finden **), mit diefer Maria zu verwechſeln. Lukas weiß an unferer Stelle, der einzigen in fämmtlichen fynoptifchen Govangelien, wo dieſes Schwefterpaar erwähnt wird, nichts da— von, weder daß daffelbe in Bethanien wohnte — (der hier erwähnte Fleden muß, dem Zufammenhange nach, weiter, als Bethanien, von Serufalem entfernt gewefen fein), noch auch, Daß es den Lazarus zum Bruder hatte. 11, „Wer von euch hätte einen Freund, und Fame zu 2,387, **) Mare, 14, 6 ff. u. Pararall, Eh) Joh. 12, 1 ff. Evangelifihe Erzählungen und Neden nach Lukas. 149 ihm mitten in der Nacht, und fpräche: Freund, leihe mir drei Brote, ein Freund Fam von der Neife zu mir, und ich habe ihm nicht3 vworzufegen! — und jener antwortete von drinnen: Beunruhige mich nicht, meine Thuͤre ift fchon verfchloffen und meine Kinder find mit mir zu Bett, ich kann nicht aufftehen und dir's geben! — Ich fage euch, wenn er auch nicht auf- fiehen und es ihm geben follte, weil er fein Freund iſt: ſchon um feiner Dringlichfeit willen wird er fich ermuntern und ihm geben, fo viel er bedarf!’ *)— Dem Sinne nad) fehr verwandt, mit der frefflihen Vermahnung zum ächten Gebet bei Mat- thäus, mit welcher Lufas Gegenwärtiges auch ausdruͤcklich zu— fammenftelt. Man darf feinen Anftoß nehmen an dem Zuge, daß das Motiv des Gebenden zulest als ein egoiftifches dar- geftelt wird. Gerade diefer Zug ift zur eindringlichen Leben— digkeit des Sleichniffes unentbehrlich, auch hat er feine Analogie in einigen der folgenden Gleichniffe, an denen man auf ähnliche Weife hat Anftog nehmen wollen. Sefus beabfichtigt recht ' ausdrüdlih, die Innigkeit und Dringlichkeit de wahren Ge— betes als eine Art von Nothwendigfeit barzuftellen, die Gott auferlegt wird, das Erbetene zu gewähren. Denn nur jo ge: winnt die Zuverficht der Erfüllung, die er erweden will, ihren rechten Halt, wenn diefe Erfüllung nicht auf Außerlihe Weiſe von der Willfür Gottes abhängig gemacht, fondern der Energie des religiofen Willens, der im Gebete fo zu jagen bis zum eigenen Herzen Gottes vordringen und daſſelbe fich erflürmen foll, anheim gegeben wird. 12. Sn,einem Augenblide, wo eine große Volksmenge ihn umgab, erhob in deren Mitte eine Frau ihre Stimme und rief: „Selig der Schooß, der dich getragen, und die Bruͤſte, die dich ſaͤugten!“ Er ſprach: „Selig vielmehr, die das Wort Gottes hören und bewahren !’’**) 13. Ginem aus dem Bolfe, der von ihm begehrte, er folle feinen Bruder zu einer Theilung der Erbſchaft mit ihm vermögen, antwortete er: „Mann, wer hat mid, zum Richter oder Erbtheiler über euch geſetzt?““) — Diefe Antwort er *) Gay, 11,8. 5 ff. =) B, 27 L. wis) Cap, 12, 3.13 f- 150 Fünftes Bud. M feheint in einem wunrichtigen Lichte bei unſerm Evangeliften durch die unmittelbare Verbindung mit dem. Nachfolgenden, womit fie nicht zufammengehört. Nicht um, der Habfucht zu begegnen, oder als verwerfe er auch Das ‘gerechte Streben eines Seven nach dem Seinigen ald Habfucht und Eigennutz, fpricht Sefus diefe Worte, fondern nur, um einfach anzudeuten, daß dergleichen vor ein anderes Forum, als das feinige gehört. Der Organismus und das Leben des Staates fol ſich innerhalb feiner eigenthümlichen Sphäre frei entwideln, und Chriſtus will in diefe Entwidelung nicht eingreifen, — Die fehlerhafte Ans ordnung des Lukas fcheint Durch deſſen befannte Vorliebe für irdifche Armuth veranlaßt. 14, ‚Seht zu und hütet euch vor der Habfucht! Nicht durch den Ueberfluß wird das Leben verbürgt, welches die Habe genießen fol! — Es war ein reiher Mann, fein Land trug reiche Frucht. Da überlegte er bei fie) und fprah: Was fol ih thun; ich habe nichts, wohin ich meine Früchte fchaffe? Das will ih thun: ich will meine Scheunen niederreißen und größere bauen! Da will ich alle meine Erzeugniffe und meine Güter fammeln, und zu meiner Seele fagen: Seele, du haft viele Güter da liegen, auf viele Sahre hin, fei froh, iß, trink und ergoke Dich! Gott aber ſprach zu ihm: Thor, in diefer Nacht wird man dein Leben von dir fordern; was du dir bes reiten wolltefi, wem wird es angehören? — So, wer für fich felber fammelt, und nicht in Gott feinen Reichthum hat!“ — Sch kann nicht für wahrfcheinlich halten, daß wir diefe Para— bel in, ihrer Achten Geftalt befiken. Sie trägt, wie. fie hier vorliegt, allzudeutlich das Gepraͤge der oberflächlichen Auffaf: fungsweife unfers Evangeliften und feiner Neigung zur Oppo— fittion gegen ivdifche Güter und Reichthum. Die Schlußworte deuten in dem Begriffe des wahren himmlifchen Reichthums auf einen Gegenfak hin, der vielleicht der ganzen Parabel in ihrer urfprünglichen Geftalt eine größere Tiefe gab. — Uebri— gend enthält diefelbe eine Neminiscenz an Jeſus Sirach, **) die ih auch an einer Stelle der paulinifchen Briefe wiederfindet. ***) fl, Sir. 11, 19 le or, 13,32, Evangelifche Erzählungen und Neden nach Lukas. 151 15. „Fuͤrchte dich nicht, du Kleine Herde; euer Water hat befchloffen, euch das Reich zu übergeben! *) — Wir müffen den Evangeliften für die Erhaltung jedes folchen, wenn auch noch fo Eleinen und unfcheinbaren Ausfpruhs dankbar fein, in welchem fich, wie im vorliegenden, die Zuverficht aus: fpricht, mit welcher Sefus dem welthiftorifchen Beſtand feines Werkes entgegenfahz denn wenn in irgend anderen, fo liegt in folchen Aeußerungen die wahrhafte Kraft der Beglaubigung feines Meffiasberufs. 16. „Haltet euere Lenden umgürtet und euere Lichter brennend! Gleichet Menfchen, die ihren Herrn erwarten, wenn er vom Fefte zurücdkfehrt, Damit, wenn er kommt und Hoyft, fie fogleich ihm oͤffnen. Selig die Diener, die der Herr, wenn er fommt, wacend findet! Wahrlich ich fage euch, er wird ſich gürten, wird fie niederfigen heißen, wird zu ihnen treten und fie bedienen! Und wenn er auch erft in der zweiten oder dritten Nachtwache kommt: felig diefe Diener!“) — Es muß dahin geftellt bleiben, ob unfer Evangelift diefe Worte aus einer ihm eigenthümlichen Quelle gefchöpft, oder der Erzählung von den dem Bräutigam entgegenziehenden Sungfrauen (fiehe oben Nr. 89), die wir fonft bei ihm vermiffen, nachgebildet hat. 17. „Der Diener, der den Willen feined Herrn kennt, und nicht darnach handelt und ihn nicht thut, wird viele Schläge erhalten, der aber, der ihn nicht Fennt und ftrafwürdig hans delt, wird wenige erhalten.) — Diefer Satz fpricht eine Steigerung im Begriffe des Bofen aus, eine foldhe, die in geradem Berhältniß mit dem im Böfen enthaltenen Bewußt- fein feiner felbft fortgeht. Er ift nicht fo äußerlich zu verſte— hen, als ftehe das Bemwußtfein ded Guten oder ded Gebots nur neben dem Willen des Bofen, und die Strafe wiederum nur neben beiden oder der Zeit nach hinter beiden; fondern Bemußtfein, böfer Wille und Strafe diefes Willens machen in der Seele des Uebelthäters Ein untrennbares Ganzes aus, für deffen Quantitätsbeftimmung die Intenfität des Bewußtfeins =) V. 32, **) V. 35 ff, ER ERFAT, 152 Fuͤnftes Bud als Maßſtab dienen fol. Das Bewußtfein, welches hier ge⸗ ‚meint ift, kann alfo weder dasjenige fein, was durch blos äußerliche Kenntnißnahme vom Geſetze, noch auch jenes, was durch innere fittliche Bildung erworben wird, fondern allein » ein folches, welches in der höheren Intenfität der geiftigen Anlage oder Begabung enthalten ift. Von diefer und von dem in ihr enthaltenen Bewußtfein gilt es, daß dadurch das Boͤſe fowohl, als auch das Gute im Willen des Menfchen gefteigert wird. 18. „Wem viel gegeben ward, von dem wird viel er= wartet werden, und in weſſen Hand viel gelegt ward, von dem wird man noch mehr verlangen.““) — Ein Spruch verwandten Snhalt8 mit dem vorigen, und von unferm Gvangeliften an diefen angefnüpft. Wie das Böfe, fo ift auch das Gute in den Menfchen nicht ein quantitativ Gleiches. Von dem Höher: begabten wird eine höhere Tugend erwartet, ald von dem Minderbegabten; wollte er nur ein Gleiches leiften, wie jener, fo würde ihm dies zur Sünde. Es verfteht fi) aber, und er- belt, wenn dies auch nicht hier ausdrüdlich ausgefprochen wird, Thon aus dem Gleichniß von den anvertrauten Pfunden (fiehe oben Nr. 90), daß die Tugend des Höherbegabten, wenn fie wirklich eine ächte, d. h. eine feiner Begabung entfprechende ift, ihm auc höher angerechnet wird, ald die Tugend des Minderbegabten dieſem Letztern. „Wer da hat, dem wird gegeben‘’ — ein Sat, den die rationaliftifhe Nivellirungslehre, die man nicht felten aus Misverftändnig auch für Lehre des Chriſtenthums zu nehmen pflegt, nimmer umftoßen zu wollen fih hätte unterfangen follen, 19. „Ein Feuer auf die Erde zu werfen Fam ich; wie wollte ich, es wäre fehon angezündet! Mit einer Taufe fol ich getauft werden ; wie drängt es mich, bis fie vollendet iſt!“*) — Der Drang, die Ungeduld, die Sefus hier zu erfennen giebt, würde nach den gewöhnlichen Begriffen für wenig feiner würdig zu gelten haben. Aber er ift Acht menfchli, und nur durch acht menfchlihe Empfindung und Willensaffection konnte auch das göttliche Werk gefordert werben. *) DB, 48, **),B. 49 f Evangelifche Erzählungen und Neden nad Lukas. 153 | 20. Man erzählte ihm von den Galildern, die Pilatus beim Opfer hatte ermorden laſſen. Er antwortete: „Meint ihr, daß diefe Galilger vor allen Galilaͤern fündig waren, daß fie folches erlitten haben? Nein, fage ich euch, fondern wenn ihr nicht andern Sinned werdet, fo werdet ihr alle ebenfo un: tergehen! Der jene achtzehn, auf welche der Thurm bei der Duelle Siloa fiel und fie todtete, meint ihr, daß fie vor allen Menfchen, die in Serufalem wohnten, fchuldig waren? Nein, fage ich euch, ſondern wenn ihr nicht andern Sinnes werdet, fo werdet ihr alle gleicherweife untergehen !’’ Darauf ſagte er folgendes Gleichniß: „Jemand hatte in feinen Weingarten einen Feigenbaum gepflanzt; er Fam und fuchte Früchte an ihm, und fand Feine. ‚Da fprach er zum Gärtner: drei Sahre fomme ich jest, und fuche Frucht an diefem Feigenbaum und finde feine. Haue ihn weg, was foll er noch den Boden be- laften® Der aber antwortete: Herr, laß ihn nur noch dieſes Sahr, damit ich um ihn herum die Erde auflodere und duͤnge; vielleicht, daß er noch Frucht bringt. Wo nicht, fo magft du ihn im naͤchſten weghauen laffen !’’*) Die Greigniffe, auf welche fich diefe Worte beziehen, find nicht näher befanntz das erfte war wahrfcheinlich durch eine der Unruhen veranlaßt, deren nach dem Zeugniffe des Zofephus die Saliläer fich öfter ſchuldig machten”). Daraus Übrigens, daß Jeſus die Erwähnung des zweiten fogleich an die des er= _ fien Enüpft, ift e8 erlaubt, den Schluß zu ziehen, daß auch jene ander, als wie hier beim Evangeliften, motivirt war. Die Art und Weife, wie diefer die Begebenheit, ald neuerdings gefchehen, zufällig erzählen läßt, ift ganz jene bei ihm beliebte, wodurd) er fich fo wohlfeilen Kauf bei neuern Kritifern das Lob erworben hat, feine Erzählungen beffer, als die andern Spynoptifer, zu motiviren. — Was den Inhalt des vorliegen- den Ausfpruhs und Gleichniffes betrifft: fo wird derſelbe mit gleich unzureichendem Rechte für, und gegen die. Annahme benußt, als lehre Chriftus, dem altjüdifchen Glauben fih ans fehließend, eine unmittelbare, factifhe Vergeltung Der Uebel: =) Cap 13, D.1 F. ##*) Joseph. vit, 17. 154 Fünftes Bud. thaten. Der Sinn feiner Rede ift vielmehr diefer: daß ed auf eine Vergeltung folcher Art gar nicht ankommt, daß diejeni— gen, die von einer ſolchen ‚Vergeltung nicht getroffen werden, darum nicht glüdlicher daran find, als jene, die von ihr ges troffen werden. Nur um dem Einmwurfe zu begegnen, wie e3 zugehe, daß Gott die unnüsen Menfchen nicht fogleich hin— wegnimmt, erzählt er das Gleichniß vom Feigenbaum, nicht, um die endlihe Hinmwegnahme zulekt doch als Strafe der Sünde erfcheinen zu laffen. Die eigentlihe Strafe der Sünde liegt in einer andern Sphäre, als in der des irdifchen Lebens und Strebens; ohne daß jedoch Dadurch ausgefchloffen würde, daß nicht in gewiffem Sinne auch irdifches Unglüd als Suͤn— denftrafe angefehen werden koͤnne. — In dem Gleichniffe ift die Unterfcheidung des Herrn und des Gärtners nicht als eine müffige anzufehen. Der Herr bedeutet Gott den Bater, der mit feinem einfachen, ewigen Willen fchlechthin nur das Gute und in feiner Hinfiht das Schlechte oder Böfe will. Der Gärtner aber bedeutet die in die Welt hineingeborene gött- liche Weisheit, welche die Bedingungen und Beziehungen der Weltexiſtenz unterfcheidet, das Schlimme zum Guten wendet oder um des Guten: willen duldet. 21. Zur Rede geftellt darüber, daß er am Sabbath an einer achtzehn Jahre lang von der Gicht oder einer ähnlichen Krankheit gefrümmten Frau eine Heilung in der Synagoge vollzogen hatte, fpricht er zum Vorfteher der Synagoge: „Heuch— Ver du, bindet nicht jeder. von euch am Sabbath feinen Ochſen oder feinen Efel von der Krippe los und führt ihn zur Tränfe? Diefe Frau aber, eine Zochter Abrahams, welche der Satan achtzehn Jahre lang gebunden hielt, follte von ihrer Zeffel nicht gelöft werden dürfen am Sabbathtag?“) — Der Inhalt diefer Worte erinnert fo auffallend theild an jene, welche Marcus bei Gelegenheit der Heilung der verdorrten Hand fprechen läßt, theild an diejenigen, welche der. erfte Gvangelift bei jener Anekdote einfchaltet, Daß fchon mehrfach die Vermu— thung geäußert worden ift, „fie mögen, fo wie die ganze hier erzählte Heilungsgefchichte, nur eine Variation von jenen fein. *) 3, 10 ff, Evangelifche Erzählungen und Reden nach Lukas. 155 Swar hat Lukas auch jene beiden Yeußerungen, und zwar ge: trennt von einander, indem er die Worte, welche‘ der erfle Evangelift in jene Anekdote des Marcus hineinfchiebt, im Haufe eines. vornehmen Phariſaͤers, bei Gelegenheit der Heilung eines Wafferfüchtigen *) gefprochen werden läßt. Allein es ift, bei dem Verhältniffe des Lufas zu feinen Duellen, gar wohl möglich, daß Erzählungen, die er aus feiz nen ſchriftlichen Quellen gefchopft hatte, ihm zugleich, in einer etwas veränderten Geftalt, durch die mündliche Ueberlieferung zufamen und von ihm für andere, als jene, mit denen fie ur— fprünglich einerlei waren, genommen wurden. 22. Cine von Lukas wahrscheinlich verflümmelt überlie- ferte Anefoote ift folgende, Pharifaer treten zu Sefus (offenbar in Galilaa, obgleich dem Zufammenhange der Erzählung une ſers Gvangeliften nach er bereit3 von Galilaa hätte entfernt fein müffen), und ermahnen ihn, fi) von dort zu entfernen; Herodes, der Tetrarch von Galiläa, trachte darnach, ihn ums zubringen. Darauf fol Sefus folgende Worte gefprochen ha— ben: „Geht, und fagt jenem Fuchs: Siehe, ich treibe Dämonen aus und verrichte Heilungen heute und morgen, und am. dritten Sage vollende ih! Doch, ich muß heufe und morgen und am folgenden Tage reifen, denn ein Prophet darf nicht außerhalb Serufalem feinen Untergang finden!“*) — Welche Abfiht man auch jener Warnung der Pharifäer unterlege, und wie man die fonderbar Elingenden, Feinesfalld jo gefprochenen Worte deute, in denen Sefus die Abficht feiner Neife anfündigt: über den wefentlichen Sinn feiner Antwort kann fein Zweifel fein. Diefer namlich ruht in der Zuverficht, die Jeſus ausdrüdt, wie es ihm- nicht befchieden fei, eher feinen Tod zu finden, als zu der Zeit und an dem Orte, wo fein Schidfal e8 ihm verhängt hatte, Diefe Zuverficht theilt der Göttliche im Allgemeinen mit allen welthiftorifchen Heroen und außerordentlihen Menfchen, die fi) eines entfchieden ihnen zuertheilten Lebenösberufes bewußt waren (— wer denkt nicht an die Aeußerung von dem Schiff, das den Caͤſar und fein Glüd trägt, an Napoleons Worte, *) Cap. 14, 2 ff. **) 3, 31 ff. 156 Fünftes Bud. daß, che er fein Gefchid erfüllt, Feine Kugel in der Schlacht, dann aber ein herabfallender Stein in den Zuilerien ihn todten fonne, und an andere ähnliche?). Aber fie trägt bei ihm noch ein Gepräge höherer Art, als bei jenen. Wenn nämlich bei Yeßtern das Gintreten des Todes nur die negative Bedeutung hat, daß- das Werk ihres Lebens vollendet und abgethan ift, fo bat gerade diefer Moment bei Sefus nocy die höchfte poſi— tive Bedeutung. Er war fih bewußt, wie gerade erft fein Tod die Spike und Vollendung feines Werkes fein folte; er wußte daher auch, nicht nur, daß dieſer Tod nicht früher, als bis fein übriges Werk vollendet war, eintreten fonnte, ſon— dern auch, daß er genau in dem Momente und unter den Um— fländen, wo es galt, diefes Werk zu Fronen, eintreten mußte. Die Totalität diefer Umftande, die feinen Tod, dieſe größte aller Thaten, die je von Menfchen verrichtet find, bedingte, faßt er (hier und anderwärts, vergl. Buch IV, Nr. 45 u. a.) in dem Ausfpruche zufammen, daß es ihm in Serufalem zu fterben beſchieden ſei. Man hat Unrecht, die Allgemeinheit allzufehr zu urgiren, mit der Jeſus hier ausfpricht, Daß ein Prophet nicht außerhalb Serufalem enden dürfe. Freilich hatte fo eben erft Sohannes der Täufer außerhalb Serufalem feinen Tod gefunden; aber die Abficht Jeſu iſt nicht, eine Hiftorifche | Thatfache auszufprechen, fondern, durch Anfnüpfung an die Be: deutung, die für die israelitifche Welt Serufalem hatte, die Bedeutfamfeit feined Todes zu motiviren. Am wenigften Fann ich mich dazu verftehen, in diefer Bemerkung nur einen farfa: ftifhen Ausfall gegen die Pharifäer zu erbliden, die er dadurch als die alleinigen Prophetenmörder bezeichnen wolle. Diefe bei den Auslegern beliebt gewordene Erklärung ſteht im Wider- ſpruch mit dem feierlichen Tone, in welchem Sefus unmittelbar vorher von feinem gegenwärtigen Thun und der demnächft be- vorftehenden Vollendung defjelben gefprochen hatte; auch läßt fih ihr mit Recht das Schiefal des Johannes und die darin liegende Widerlegung der vermeintlich farkaftifchen Rede entge- gengehalten. Endlich überfieht diefelbe den Zufammenhang die- fer Rede mit den fonftigen Ankündigungen Sefu, daß er nach Serufalm wandern müffe, um dort zu leiden und zu fterben, Die Meinung diefer Reden namlich kann offenbar nicht diefe Evangelifche Erzählungen und Reden nach Lukas. 157 fein, als ob nur dort ein gewaltfamer Tod für ihn zu finden fei, fondern, daß nur dort fein Tod die weltgefchichtliche Be= ' deutung, die ihm befchieden war, gewinnen koͤnne. 23. „Wenn du von Semand zu einem Fefte geladen wirft, fo drange dich nicht an den erften Platz, damit nicht, wenn etwa ein VBornehmerer unter den Öeladenen ift, der Wirth fomme und dich den Platz ihm überlaffen heiße, und du mit Beſchaͤmung dich an den unterften ſetzeſt. Sondern bift du geladen, fo geh fogleih an den unterften Pla, damit, wenn der Wirth Fommt, er dich weiter hinaufrücden heiße: das wird dir vor den Mitgäften zum Ruhm gereichen. Denn jeder, der fih felbft erhebt, wird erniedrigt werden, wer aber fich felbft erniedrigt, wird erhoben werden 1’) — Man fonnte diefe Rede darauf anfehen, ob fie nicht vielleicht blos eine Amplification des aus Matthäus gefchöpften, von dem Unfrigen auch fpäter noch einmal (Nr. 36) ald Schluß einer Parabel gebrauchten Sabes fei. War fie wirflih von Sefus gefprochen, fo war fie es gewiß nicht in der Abfiht, um nur ald Klugheitsregel über das Berhalten unter Menfchen bei Anläffen folcher Art, wie die erwähnten, zu gelten, fondern fie hatte eine höhere fombolifhe Bedeutung, die bei unferm Cvangeliften verloren gegangen ift. 24. „Wenn du ein Mahl bereitefl, fo lade dazu nicht deine Freunde, oder deine Brüder, oder deine Verwandten, oder reiche Nachbarn, damit diefe dich wieder einladen und es dir vergolten werde! Lade vielmehr zu einem Feft Arme, Kruͤp— pel, Lahme, Blinde; felig bift du, wenn fie es dir nicht ver: gelten koͤnnen; es wird dir bei der Auferftehung der Gerechten vergolten werden.’ — Wenn Sefus auch diefe Mahnung wirklich gefprochen hat (wogegen die befannte Borliebe***) des Lu— *) Cap. 14, V. 7 ff. (Cap. 18, 14. Matth. 23, 11 f. Mare. 10, 43 und Parall.) FFIEBALZUI. =) Man könnte den Lukas um diefer Vorliebe willen (wie viel- leiht noch in mander andern Beziehung) den Euripideg unter den Evangeliften nennen, und vielleicht hat er es nur feinem heiligen Gegenftande zu danken, wenn nicht auch er, wie jener alte Zragifer, von einem Ariftophanes Deshalb verfpottet worden ift. 158 Funftes Buch. kas für Bettler, Krüppel u. f. w. einen Verdacht einflößen fonnte): fo war ed gewiß in einem Zufammenhange folcher Art, wie etwa in der DBergpredigt bei Matthäus, wo fie fich fogleich als eine Paradorie, die auf etwas Vieferliegendes Hin: zuweifen die Beftimmung hat, angekündigt hätte, Sie ernft- hafter Weife von Sefus als Gaft bei einem Pharifaermahle ge= ſprochen werden zu laffen, ift eine allzu ungeeignete Wendung, al3 daß man nicht darin die duͤrftige Weife der Erfindung und Zufammenftellung unferd Gvangeliften erfennen follte. 25. ‚Wer unter euch, wenn er einen Thurm bauen will, wird nicht zuvor ſich hinfeßen und die Koften überfchlagen, ob er genug hat zur Ausführung des Baues, damit nicht, wenn er bereit den Grund gelegt, hat und das Werk nicht weiter führen kann, alle die es fehen, feiner fpotten und ſprechen: Der Menfh da fing an zu bauen, und konnte es nicht zu Ende bringen? Oder welcher König, der mit einem andern im Krieg zufammentreffen will, wird nicht zuvor fich hinfegen und überlegen, -ob er im Stande ift, mit Zehntaufend dem zu be- gegnen, der mit Zwanzigtaufend ihm entgegen fommt? Wenn aber nicht, fo wird er, fo lange jener noch fern ift, eine Ge— fandtfhaft abfchiden und den Frieden unterhandeln. So nun jeder von euch: wer nicht allem, was fein ift, entfagt, kann nicht mein Zünger werden !’’* — Daß Jeſus die Forderung eines folchen Ueberſchlagens feiner Kräfte an jeden, der fein Sünger werden will, in dem Sinne ftellt, der hier am Schluffe angedeutet ift, um nämlich darauf aufmerffam zu machen, wie nur unbedingte Hingebung und Entfagung zu folder Sünger: fchaft befähige, hat feine Nichtigkeit und leidet feinen Zweifel. Aber es will fcheinen, als habe Lukas diefe Entfagung in zu materielem Sinne genommen, und vollftändige Vermoͤgensent⸗ außerung darunter verftanden. 26. „Eine Frau, die zehn Drachmen hat und Eine Drachme verliert: wird fie nicht ein Licht anzünden, ihr Haus fehren, und forgfältig ſuchen, bis fie fie findet? Hat fie fie aber gefunden, fo ruft fie ihre Sreumdinnen und Nachbarinnen zufammen und fpricht: Freut euch mit mir, ich habe die Drachme *) V. 28 ff. Evangelifche Erzählungen und Neden nach Lukas. 159 gefunden, die ich verloren hatte! So, fage ich euch, ift Freude unter den Engeln Gottes Über einen Sünder, der fich be— kehrt!““) — Sit, nebft der nachfolgenden Parabel, dem Gleich— niß vom verlornen Schaf (fiehe oben Nr. 70) beigefügt, wel- ches, da es bei Kufas einen eigenthümlichen, leicht fich an das Nachfolgende anfügenden Schluß hat, vielleicht mit diefem zus gleich von unferm Evangeliften aus einer eigenthümtichen Quelle geſchoͤpft iſt. 27. „Ein Mann hatte zwei Söhne, Der Juͤngere ſprach zum Vater: Vater, gieb mir dad mir zufonimende Theil des Vermögens! Darauf vertheilte dieſer unter fie feine Habe. Nach wenig Tagen nahm der jüngere Sohn alles zufammen und reifte ab in ein entferntes Land; dort verfchleuderte er fein Vermoͤgen, indem er verfchwenderifch lebte. Als er aber alles verthan hatte, entfiand eine große Hungersnoth in jenem Lande, und er felbft begann Mangel zu leiden. Er ging und verdung ſich an einen der Bürger jenes Landes; dieſer fandte ihn auf feine Felder, Schweine zu hüten. Da wandelte ihn die Be: gierde an, feinen Hunger mit den Eicheln zu ftillen, welche die Schweine fraßenz aber"niemand gab ihm davon. Da ging er in ſich und dachte: wie viele Lohndiener meines Waters haben überflüffig Brot, und ich fterbe fo vor Hunger! Sch will mich aufraffen, will zu meinem Vater gehen und ihm fagen: Vater, ich fündigte gegen den Himmel und vor dirz ich bin nicht mehr werth dein Sohn zu heißen, mache mich zu einem deiner Lohndiener! Er raffte fi auf und ging zu feinem Vater. Noch war er entfernt, als fein Vater ihn fah umd fi) von Mitleid bewegt fühlte. Er lief ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und bedeckte ihn mit Küffen. Der Sohn aber ſprach: Vater, ih fündigte gegen den Himmel und vor dir; ich bin nicht mehr werth, dein Sohn zu heißen! Der Vater aber rief feinen Dienern zu: Bringt ihm das Kleid, das befte, heraus und legt es ihm an, ftedt ihm einen Ring an die Hand, und zieht ihm Schuhe an die Füße! Und holet das gemäftete Kalb; wir wollen efien und es uns wohl fein laffen; mein Sohn war todt und ift wieder aufgelebt, er war verloren und ift wieder *) Gay. 15, V. 8 ff. — 160 Fünftes Bud. gefunden! Und fie begannen, fi eine Güte zu thun. Es war aber der ältere Sohn auf dem Felde; als er zurüdfam und dem Haufe nahte, hörte er Mufif und Gefang. Da rief er einen der Knaben und fragte ihn, was das wäre, Der aber ſagte: Dein Bruder ift zuruͤckgekommen, und dein Vater hat das gemäftete Kalb gefchlachtet, weil er ihn gefund wieder ges funden hat! Jener aber ward unwillig und wollte nicht hin- eingehen. Der Bater Fam heraus und rief ihn. Gr aber fprach zum Vater: Siehe, fo viel Jahre diente ich dir, und nie übertrat ich dein Gebot, und mir haft du nie nur einen Bock gegeben, mich mit meinen Freunden zu ergosen. Sekt aber, da diefer dein Sohn fommt, der dein Vermögen unter ſchlechten Dirnen aufgezehrt hat, fchlachteft du ihm das ge: möftete Kalb! Jener fprah: Kind, du bift immer um mich, und alles das Meine ift auch dein. Freuen aber und ergoken mußte ich mich über diefen deinen Bruder, der todt war und wieder aufgelebt ift, der verloren war und wiederge- funden ift.‘‘*) Mit Necht ift dieſe Parabel nebft den beiden bei unferm Govangeliften ihr vorangehenden von jeher ald eine für das Weſen des Chriftenthums vorzüglich charakteriftiiche betrachtet worden. Es kann nach ihr, wenn man fie aufmerffam durche denft und durchempfindet, Faum ein Zweifel bleiben, daß Ehri- ſtus es mit jener Freude der Gottheit über den befehrten Suͤn— der, den verlorenen und wiedergewonnenen Sohn ernftlich meint; daß er es im eigentlichften Sinne als eine Herzensangelegenheit Gottes darftellen will, das Scheinbar Verlorene zu retten. Dies fieht freilich mit den hergebrachten Meinungen von dem außer: zeitlichen, gegen allen Wechfel und Bewegung des Srdifchen gleichgültig fich verhaltenden Dafein Gottes in Widerfpruch. Aber welche Achte Bedeutung haͤtte noch die große Lehre von der Menfchwerdung des Göttlichen, wenn es nicht erlaubt fein fol, auch den Begriff eines zeitlichen Wechfeld von Freude und Leid auf die Gottheit zu übertragen? — So nun, wenn wir die ausdrücliche Thätigkeit Gottes, wie im Chriftenthum die Thaͤ— tigkeit. des menfchgewordenen Gottes recht eigentlich Dies ift, BF Evangelifche Erzählungen und Reden nach Lukas. 161 darauf gerichtet denken, dasjenige für den Himmel zu gewin- nen, was zuvor noch nicht dafür gewonnen war, müffen wir folgerechter Weife auch das Gelingen diefer Thätigkeit als ein Gefühl, als eine Bewegung der Freude im Herzen Gottes vor- ftellen, ganz entiprechend jenen Bewegungen des menfchlichen Herzens, deren fich Chriftus hier, jene göttliche Luft klar zu machen, bedient. - Gegenüber diefer ausdruͤcklichen Freude wird am Schluß der vorliegenden Parabel als das Verhalten Gottes gegen ſolche, die ihm nie verloren waren, ſehr ſchoͤn nicht Falte Gleichgültigkeit, fondern die ruhige Befriedigung ausges fprochen, die in der Gewohnheit liegt, fie ald die Seinigen, und alles das Seinige ald das Ihrige zu betrachten. — Allerdings aber ift allen diefen Parabeln, und überhaupt allen Aeußeruns gen Chrifti über den Werth des befehrten Sünders ein Zug von Ironie gegen das moralifche Selbftgenügen der Pharifäer beigemifcht, von: welchem fich nicht überall genau beftimmen laßt, wie weit er in die Darftellung eingreift und dieſer eine den Ausdrucd jenes bevorzugten Werthes noch fleigernde Färe bung ertheilt. 28. „Es war einreiher Mann, der einen Verwalter hatte. Diefer ward bei ihm angeklagt, als verfchleudere er fein Bermögen. Er ließ ihn rufen, und fprach zu ihm: Was muß ih) da von dir hören? Lege Nechenfchaft ab über deine Vers waltung, du Fannft nicht mehr Verwalter fein! Da dachte bei fih der Verwalter: Was fol ich thun, wenn mein Herr mir die Berwalterftelle nimmt? Graben Fann ich nicht, zu betteln fhäme ich mi. Sch weiß, was ich thun will, damit, wenn ih die Stelle niederlegen muß, fie mic). in ihre Häufer auf: nehmen. Da ließ er jeden einzelnen der Schuldner feines Herrn rufen, und fprach zu dem erften: Wie viel ſchuldeſt du meinem Herrn? Jener ſprach: Hundert Zonnen Deld, Da fagte er zu ihm: Nimm deinen Schulofchein, fee dich hin,, und ſchreibe fogleich: funfzig. Dann zu einem andern: Du, wie viel bift du ſchuldig? Diefer fagte: Hundert Malter Waizen. Und er ſprach: nimm deinen Schuldfchein und ſchreib: achtzig. Und es lobte der Herr den unredlichen Verwalter, Daß er ver- ftändig gehandelt hatte; denn die Kinder diefer Welt find Flü- ger, ald die Kinder des Lichtes im Verkehr mit ihres Gleichen. I. 3». 11 162 Fuͤnftes Bud. Und auch ich fage euch: Machet euch Freunde [mit dem unred- lichen Mammon], damit, wenn ed mit euch zu Ende geht, fie euch in die ewigen Wohnungen aufnehmen!’ *) Das Verftändniß des Sinnes diefer Parabel, welches zu finden fich eine lange Reihe von Auslegern vergeblich abgemüht hat, ift neuerdings in etwas Dadurch gefordert worden, daß man darauf verzichtet hat, die nachfolgenden Worte (Nr. 29), die unfer Gvangelift unmittelbar damit verbinden zu wollen fcheint, als wirklich dazu gehörig zu betrachten. Man entfchließt fich, einzugeftehen, daß der Verwalter im Gleichniß wirklich unrecht handelt, und daß mithin Sefus eine unrechte Handlungsweife als Bild gebraucht, um dadurch die rechte, die er fordert, Elar gu machen. So ift man wenigftens, und ſchon dies ift als ein Bortheil anzufehen, genöthigt, auf die fünftelnden Verſuche zu verzichten, durch welche ein Theil der neuern Erflärer, um nur einen: einigermaßen bequemen Sinn zu finden, eine befondere Beziehung auf Zöllner, Suden und Nomer, oder eine andere ähnliche unterzulegen trachtete. Indeſſen ift, fo viel ich. weiß, der entfcheidende Schritt noch nicht gethan worden, durch den, wie ich mit Zuverficht auszufprechen wage, erſt das. wahre Ver— ftandniß der Parabel eröffnet wird. Das Gleichniß bleibt. auc) nad) ‚jenen neuern, der Wahrheit näher kommenden Auslegungen noch immer ein fchielendes, der Lehrweisheit Sefu mit nichten zur Ehre gereichendes. Der Grunditrthbum nämlich , den auch dieſe neuern Auslegungen noch theilen, und der freilich durch. die. eigene Darftellung des Evangeliften nur allzufehr bes guͤnſtigt wird, liegt in der Vorausſetzung, das Gleichniß muͤſſe beftimmt fein, Wohlthätigfeit, Freigebigkeit anzuempfehlen, zu ermahnen, daß man auf diefem Wege fich Freunde, wie für. die Erde, ſo auch fuͤr den Himmel: erwerbe. Zu diefem Irrthum verleiten hauptſaͤchlich die Worte in der Schlußermahnung, die ich in Klammern einzuſchließen mir erlaubt habe, da ich uͤber— zeugt bin, daß Jeſus ſie nicht geſprochen haben kann. Offenbar liegt die Pointe des Gleichniſſes darin, daß es nicht die eigene, ſondern eine fremde Schuldforderung iſt, welche der: Verwalter den Schuldnern erläßt. Jede Deutung, welche dieſen Umftand *) Cap 16, B, 1 ff, Evangeliſche Reden und Erzählungen nach Lukas. 163 überficht oder ald einen Nebenpunct zur Seite liegen läßt, macht damit das ganze Gleihniß zu einem ungeeigneten und überflüffigen, ja zu einem verkehrten und fchädlichen, zu einem folchen, das nothwendig midverftanden werden muß. Es hilft auch nichts, zu fagen, in der religiöfen Anficht, von der Sefus ausgehe, werde alles irdifche Gut ald ein fremdes, jeder Ei: genthümer nur ald Verwalter fremder Güter, nämlich folcher, welche der Gottheit angehören, betrachtet. Dadurch nämlich würde nur auf ftörende Weife ein fremdartiger Gedanke in eine Gedanfenreihe hineinverwebt, die durch ihn nicht im mindeften gefördert werden kann. Denn bei wohlthätigen Handlungen als folchen Fommt es darauf nicht an, ob ic) das Gut, welches ich verfchenfe, als mein eignes, oder als Gottes betrachte. Die Parabel kann alfo nicht eher für erflärt gelten, als bis man ein fittliches Gegenbild folder Art zu der Handlungsweife des Verwalters gefunden hat, in welchem diejenige Handlung, welche anzuempfehlen das Gleichniß beftimmt ift, gleichfalls als der ‚Erlaß einer fremden Schuldforderung fich zu betrachten giebt. Sp lange ein folches nicht gefunden ift, fo lange bleibt die Darabel ein Problem, für alle Diejenigen wenigftens, Die gleich ung Bedenken tragen, dem hohen Meifter, der fie gefprochen hat, ein Lehrverfahren zuzutrauen, welches man heut zu — ſo leicht keinem Dorfſchulmeiſter verzeihen wuͤrde. Haben wir nun hieruͤber uns vorlaͤufig verſtaͤndigt, ſo fragen wir: was liegt dann naͤher, als, an dasjenige zu denken, was Jeſus auch anderwaͤrts fo oft und dringend anempfiehlt, an Verge— bung der Sünden und verfühnende Gefinnung? Allerdings follen wir uns, wiefern wir uns in diefem irdifchen Leben ald von Gott eingefeste Verwalter feines großen Hauswefens betrachten duͤr— fen, gegen die Schuldner unfers Herrn genau fo und nicht an— ders verhalten, wie hier der Verwalter in der Parabel. Wir follen ihnen an unferm Theile die Schulden, die fie nicht uns perfönlich, fondern dem Herrn des Haushaltes fehulden, das heißt, ihre Fehler und Sünden um fo vieled geringer anrechnen, je tiefer wir uns felbft in Schuld gegen unfern gemeinfchaftlichen Herrn verſtrickt wiffen, je mehr wir uns felbft der Nachläffigkeit und Unredlichkeit in Verwaltung der uns übertragenen Pflichten anflagen müffen. Solches Verfahren wird von Jeſus hier als 112 164 Fuͤnftes Buch. eine edle, großfinnige Politik dargeftelt. Wie der Verwalter die irdifchen Schuldner, fo werden und dann jene geiftigen Schuldner in ihre ewigen Wohnungen aufnehmen, wenn wir wegen deſſen, was wir felbft verfehuldet, zur Nechenfchaft gezo= gen und ausgeftoßen werden follen. Oder eigentlicher geſpro— chen: durch die gegenfeitig bewiefene verfühnliche Liebe machen wir und des Himmelreiches wiederum würdig, welches wir durch ungenaue Gefeßeserfüllung verfcherzt hatten; wir bilden uns, gleichfam ohne Zuthun Gottes, der aber dies gern ge= fchehen läßt und darum lobt, in dieſer gegenfeitigen Liebe ein Himmelreih und ewige Wohnungen, in. die einer. Den andern aufnimmt. — So ift Fein Zug der Parabel überflüflig, fondern jeder fteht, wie es des erhabenen Erfinders derfelben würdig ift, an feiner Stelle, und wirft an feinem Theile, den großen Sinn ded Ganzen deutlich zu machen. Diefer Sinn felbft aber ift ein ohne Vergleich tieferer, ald er nach der gewohnlichen Deutung ed wäre. Es ift nur die Form einer Klugheitslehre, in welche Sefus hier, wie mehrfach anderwärts, den erhabenen Sat feiner Ethik einkleidet, jenen Sab, der von allen am mei: ſten für die chriſtliche Ethik harakteriftifch ift. Mit Recht würde man an diefer Wendung Anftoß nehmen, wenn der Zweck der Parabel nur die Empfehlung der gemeinen Wohlthätigfeit wäre. Diefe darf durch VBorfpiegelung Fünftigen Lohnes nicht em— pfohlen werden; denn fie ift eine Pflicht, die zu üben es fchlech- terdings Feines hoͤhern Gefichtspunctes bedarf, wie fie denn auch gar nicht felten von Menfchen, die aller höhern Religio— fität entbehren, nichtö defloweniger noch immer in einem beffern Sinne, ald um eines, fei es dieffeitigen oder jenfeitigen Lohnes willen geübt wird, fo daß alfo in dieſem Falle die fchlechteften unter den Heiden durch die Uneigennuͤtzigkeit, mit der fie All— mofen austheilen und Schulden erlaffen, das Chriftenthbum be- fchämen würden. Eine Gefinnung der Art dagegen, wie Chri— ſtus nach unferer Deutung: fie in gegenwärtiger Parabel verlangt , gehört einer ganz andern Sphäre fittliher Be— griffe an umd läßt daher auch “einen andern Ausbrud zu. Es ift namlich hier nicht von einer folchen Vergebung der Sünden die Nede, die mehr Leichtfinn, ald Tugend wäre, von einer VBerfohnlichfeit mit dem Boͤſen und Schlechten, Evangelifche Erzählungen und Reden nach Lukas, 165 die aus Gleichgültigkeit gegen Gut und Boͤſe, gegen Edel und Schlecht entfpringt, fondern von einer folchen, die bei dem vollen Bewußtfein über die Bedeutung des Boͤſen und der Sünde, bei dem entfchiedenften fittlichen Abfcheu vor der Sünde, doch in diefem Bewußtfein nicht befangen bleibt, fondern über das Boͤſe, welches auf der Oberfläche menfchlichen Thuns und Zreibens allenthalben zur Erfcheinung kommt, hinausblickend, zu dem tiefer liegenden Kerne des Seelenlebens hindurchdringt und in diefem das Princip der Verſoͤhnung auch für die Schuld und die Sünde zu finden weiß. Wenn von einer folchen Ge: finnung, — der im höchften und eigenthümlichften Wortfinne Hriftlihen, — wenn von ihr gefagt wird, daß fie es ift, welche dem Sünder, der durch fein eigenes Thun den Anſpruch auf das göttliche Wohlgefallen verfcherzt hat, in den Seelen feiner Mitmenfchen eine Stätte eröffnet, die bereit ift, ihn aufs zunehmen, ihm Seelenfrieden und ewiges Heil zu gewähren: fo hat dies ganz eine andere Bedeutung, als eine Ermahnung zur Wohlthaͤtigkeit, mit der Vertroͤſtung auf dereinftigen Lohn begleitet, haben würde. Im jener chriftlichen Gefinnung ift die Vergebung der Sünden Anderer mit dem Bewußtfein des eigenen Seelen heils ungertrennlich verbunden; denn eben darum handelt es fih dort, daß der Einzelne außerhalb feiner felbft, in dem. Nächten, in der Menfchheit dasjenige wiederfinde, was er in feinem ifolirten, felbftifchen Innern verloren hat. Die That und der Kohn der That find nicht getrennt, fondern eines und daſſelbe; nur in dem finnlichen Gleichniffe, Durch welches jener erhabene Standpunct dem Verſtaͤndniß naher gebracht werden foll, fallen beide aus einander. Hier nämlich müffen fie aus einander fallen, weil dieBedeutung der finnlichen Xeußerlichkeit eben diefe ift, die Momente, die im Geifte Eines find, aus einander treten zu laſſen und in ihrer Befonderheit zur Erfenntniß des Geiftes zu bringen, Dies felbft alfo, die Beziehung der That auf ihren Lohn als Mittel auf einen äußerlichen Zweck, gehört nach uns feree Deutung diefer Parabel nur dem Bilde an, während es nad) der. hergebrachten Deutung in den ethifhen Sinn derfels ben fallen und diefen verunreinigen würde. Se tiefer der Sinn, um defto felbfiftändiger, wir möchten fagen plaftifcher in fich felbft gerundet wird das Bild, um fo weniger iſt eine unmit: 166 Fuͤnftes Bud. telbare Uebertragung derjenigen Züge, die dem Bilde als fols chem angehören, auf die Innerlichkeit des Sinnes verftattet, und um fo weniger wird, wer diefen Sinn zu faflen fähig ift, zu folcher Uebertragung fich verfucht finden. Deshalb auch erfcheint nach diefer unferer Erklätung die Paraborie, daß eine an ſich tadelnswerthe Handlungsweife ald Gegenbild für die Achte und löbliche dargeftellt wird, hier eben fo, wie hin und wieder auch) anderwärts in den Ausfprüchen Jeſu, nur als eine großartige Kühnheit, während fie bei jeder andern Deutung, man fage was man wolle um fie zu entfchuldigen, als eine nicht zu techtfertigende Nachläffigkeit erfcheinen müßte. — Ob freilic) der Evangelift felbft, der die Parabel erzählt, fie in diefem Sinne verftanden habe, bleibt zweifelhaft. Snfonderheit muß die Stel: lung der Moral am Schluffe Bedenken erweden, welche aller= dings darauf hinausgeht, Daß man ſich „aus dem ungerechten Mammon‘‘ Freunde. erwerben folle. Wir. laffen es dahinge— fielt, ob Andere es verfuchen wollen, den Lukas deshalb zu rechtfertigen. Aber wen die Alternative vorliegt, Den Herrn ‚ einer Abfurdität, oder den Evangeliften eines fehlerhaften Vers ftandniffes und einer nachläffigen Darftellung zu zeihen, fo kann, meinen wir, die Wahl nicht zweifelhaft fein. Zumal da Lufas zugeftandener Weife an diefer Stelle fchon wegen der ungehoͤ— tigen Anreihung des Folgenden von diefen Fehlern auch ohnes dies nicht freigefprochen werden Fann, und da fein Pragmatis: mus, der überall, wo es ſich thun läßt, auf Wohlthaͤtigkeit und freiwillige Armuth hinausläuft, ein fo bequemes Erklaͤ— rungsmittel abgiebt, wie er in jenes Misverftändniß der durch die wahrhaft göttliche Tiefe ihres Sinnes feiner oberflächlichen Faſſungskraft fich entziehenden Parabel fallen Eonnte, 29, „Wer im Geringſten treu ft, ift auch im Größern treu, und wer im Geringften unredlich ift, ift auch im Größern unredlich. Seid ihre num im unredlihen Mammon nicht treu, wer fol euch das Wahrhaftige anvertrauen? Und feid ihr im Fremden nicht treu, wer fol euch dad Eure geben?““) — Der zweite diefer beiden Saͤtze trägt ziemlich deutlich den Stempel des Gemachten, namlich einer nachläffigen und Deshalb veruns e ®, 10 ff. Evangeliſche Erzählungen und Neden nach Lukas. 167 glücten Anwendung des erften auf das vorangehende Gleichniß. Wie man ihn auch drehe und wende, es wird mit Mühe gelin- gen, nur einen erträglichen Sinn daraus herauszuziehen. Ob der erfte von Lukas aus eigenthümlicher Quelle gefchöpft, oder aus dem Gleichniß von den anvertrauten Pfunden bei Matthäus, wo der Unfrige das Entfprechende*) wegläßt, gebildet iſt, mag dahin geftellt bleiben. 30. Zu den Pharifäern, die ſich über feine, Gernofkhägnns des Reichthums ausfprechenden Neden aͤrgerten, fagt er: „Ihr, ihr feid ed, die fi) vor den Menfchen groß machen, Gott aber Fennt nur Herzen. Denn was unter den Menfchen groß ift, das ift ein Greuel vor Gott!“*) 31. „Es war ein reicher Mann, gekleidet in Purpur und feine Leinwand, und Tag für Tag wohllebend. Ein Armer aber war, Namens Lazarus, der an feiner Thür lag voll Schwäre, und fih zu fättigen trachtete von den Biffen, die vom Tiſche des Reichen fielen; aber auch die Hunde Famen und leckten feine Schwäre. Nun gefchah es aber, daß der Arme farb, und von den Engeln in den Schooß Abrahams getragen ward. ES ftarb aber auch der Reiche und ward be= graben. Im Hades nun, ald er in Qualen lag, bob er feine Augen auf, und erblidte den Abraham von fern und Lazarus in fenem Schoo8. Da rief er aus: Vater Abraham, erbarme dich und fende Lazarus, daß er die Spike feines Fingers in Waſſer tauche und meine Zunge Damit neßez ic) vergehe vor Schmerz in diefer Flamme! Abraham aber ſprach: Kind, denfe daran, daß du dein Gutes in deinem Leben vorweggenonmen haft, und Lazarus gleicherweife fein Boͤſes; jest wird diefer zugelaffen, du aber mußt Schmerz leiden! Und überdem iſt zwifchen und und euch eine große Kluft befeftigt, fo daß die von hier zu euch hinüberwollen, es nicht vermögen, noc die von dort zu uns gelangen! Da ſprach jener: So bitte ich dich denn, Vater, daß du einen in dad Haus meines Vaters fens deftz ich habe nämlich fünf Brüder; möge er fie belehren, da— mit nicht auch fie an diefen Ort der Dual kommen! Darauf *) Matth. 25, V. 21 und 23. “*) V. 15, 168 Fuͤnftes Bud. Abraham: Sie haben Moſes und die Propheten, mögen fie diefe hören! Sener aber: Nein, Vater Abraham, aber wenn einer von den Todten zu ihnen Fame, fo würden fie fich bekeh— ren! Und Abraham: Hören fie Mofes und die Propheten nicht, fo werden fie auch nicht, wenn einer von den Todten aufer: ftünde, ihm folgen wollen !’‘*) Daß diefe Parabel genau fo, wie wir fie bei unferm Evan- geliften lefen, von Jeſus wirklich gefprochen ſei: daran zu zweis feln nöthigt uns ſchon der Umftand, daß fie in diefer Geftalt nicht, wie es einer wahrhaften Parabel ziemt und wie wir es bei allen ächten evangelifchen Parabeln fo finden**), eine ein- fahe, fondern eine doppelte Pointe hat, namlich erftens den Schikfalswechfel des Reichen und des Armen im irdifchen Tode, dann aber zweitens die Verweifung auf Geſetz und Propheten im Gegenfaße der begehrten Belehrung durch einen wiederkeh— renden Todten. Mit Necht ift bemerkt worden - daß von den beiden Theilen, in welche hiernach die Parabel auseinanderfällt, der erfte fehr darnach ausfieht, der eigenen, erfindenden oder ausfhmüdenden Bemühung unfers Evangeliften feinen Urfprung zu verdanken, während Der zweite ungleich mehr das Gepräge der Aechtheit tragt. Im erften Liegt alles Gewicht auf dem Gegenfaße von Reichthum und Armuth. Daß der Neiche durch etwas anderes, als feinen Reichthum, fich feiner im Hades ihn treffenden Strafe fchuldig gemacht, der Arme durch etwas ans dered, ald feine Armuth, fi in Abrahams Schooß emporges ſchwungen habe, dies ſteht uns zwar frei vorauszufegen und etwa auch, fo viel wenigſtens den Reichen betrifft, in deffen Nicht: beachtung des hülfsbedürftigen Lazarus, fo wie in dem Inhalte feiner Bitte an Abraham angedeutet zu finden; aber es ift kei— *) 8,19 ff. **) Man könnte ung vielleicht die Parabel von den Hochzeitgäften nad) der Geftalt, die fie bei Matthäus hat, entgegenhalten, infofern nämlich dieſe, ähnlich der hier vorliegenden, am Schluß eine zuvor nicht vorhergefehene Wendung nimmt, welde mit dem Vorherge— benden auseinander zu fallen fcheint. Aber die Deutung, die wir von jener Parabel gegeben haben, zeigt, wie gerade in dem Gegen- fage dieſer Schlußwendung zu dem vorhergehenden Inhalte die Pointe diefer Parabel Yiegt, was bei der hier vorliegenden nicht der Fall iſt. Evangeliſche Erzählungen und Reden nach Lukas. 169 neswegs fo entfchieden ausgefprochen, Daß nicht der unbefangene Lefer den Eindrud davon trüge, der Neiche werde nur für ſei— nen Reichtum beftraft, der Arme nur für feine Armuth belohnt. Wäre aber dies Achte Chriftuslehre, wahrlich fo wäre diefe Lehre dürftiger, als felbft die roheſten Vorftellungen der Heiden von einer fittlichen Vergeltung nach dem Tode! — Man Fann hin: zufegen, daß außer andern Umftänden auch die ausdrüdliche Nennung des Armen mit einem Eigennamen, wovon fich fonft fein Beifpiel in neuteftamentlichen Parabeln findet, Verdacht gegen die Authentie der vorliegenden Geftaltung dieſes Theiles der Parabel erwedt. — So tragen wir denn unfererfeits Fein Be— denfen, das widrige Bild von dem vor der Schwelle des Rei— hen liegenden Lazarus, mit welchem die Parabel eröffnet wird, auf Rechnung unfers Evangeliften zu fchreiben, der ſich die Ge: legenheit nicht entgehen laffen wollte, feine Galle gegen die Nei- hen und irdifch Angefehenen auszufchütten. Daß in der von Jeſus vorgetragenen Parabel der zur Dual Verurtheilte als ein | Reicher, der andere als ein Armer bezeichnet war, kann feine Rich: tigkeit haben. Aber gewiß war dies nur beiläufig gefchehen, und nicht ohne die Vorausfesung der fittlihen Schuld des erften, wie folche auch aus der weiteren Folge hervorgeht, fo wie dagegen eines fittlichen Verdienftes des le&teren. Auch in der Geftalt übrigens, die uns hiernach als die ächte erfcheint, in der wir die Parabel zu nehmen haben, giebt diefelbe zu manchen, namentlich dogmatifchen Zweifeln Anlaß. Es fällt auf, daß Lohn und Strafe für das irdifche Leben in die Zeit unmittelbar nach dem Tode verlegt werden, während anderwärts erft die Auferftehung von den Todten ald der Mo: ment des Gerichte über Bofe und Gute vorgeftellt zu werden pflegt. Doc wird uns dies nicht irren fonnen, wenn wir be— denken, wie überhaupt von Chriftus Fein eigentlich dogmatifcher Ausfpruc über die Art und Weife gegeben wird, wie wir uns das Dafein der Seelen nach dem Tode und die Bergelfung des Guten und des Böfen zu denfen haben. Auch in Diefer Bes ziehung, wie in allen eigentlidy dogmatifhen, hat es Chriftus der weiteren felbftftändigen Entwidelung des denfenden Geiſtes innerhalb feiner Kirche überlaffen, das Wahre zu finden und dogmatifch feftzuftellen, Er felbft giebt nur Andeutungen, aber 170 Fuͤnftes Bud, nicht eigentlich Lehren. So ift alfo anzunehmen, daß weder ans derwärts durch die Hinweifung auf eine Auferftehung der Todten und ein jüngfted Gericht, noch. hier durch die Annahme einer fofortigen Vergeltung Dogmatifch etwas über die eigenthümliche Geftalt der eschatologifchen Wahrheiten feftgeftellt werden fol. Auf die Vieldeutigfeit der Aeußerungen über Auferftehung und Gericht haben wir fehon im Vorhergehenden hingewiefenz und fo möchte e8 auch hier nicht überflüffig fein, daran zu erinnern, daß wir eine Öleichnißrede vor und haben, deren fcheinbaren Borausfeßungen, eben fo wie ihr felbft, zunachft nur eine pas rabolifche, nicht eine eigentliche Geltung beizumeffen ift. Als Wink indeffen oder Hindeutung auf die Wahrheit: Fonnen dieſe parabolifchen Aeußerungen ohne Zweifel nicht minder benußt werden, wie andrerfeit$ jene Neden von der Zukunft des Mens fchenfohnes. Wir find, zum Theil in Folge diefer Neußerungen, allerdings: der Meinung, daß es, wie der Wahrheit der Sade, fo auch (was und überall damit in Eines zufammenfällt) dem perfönlichen Sinne Jeſu am gemäßeften ift, eine doppelte Vers. geltung anzunehmen, eine vorläufige im Hades, das heißt in den unvollendeten Zuftänden des koͤrperloſen Seelenlebens, die für das Individuum in die Zeit zwifchen Tod und Auferftehung fallen, und eine endabfchließliche in dem Momente der Auferftehung. Ein anderer bedenklich fcheinender Umſtand ift, daß die Worte, welche Jeſus dem Abraham in den Mund legt, den Schein geben koͤnnen, als werde in ihnen die bloße Geſetzes— befolgung für ausreichend erklärt zum Gewinn der ewigen Seligs keit. Wirklich find in neuefter Zeit, zum Theil auf diefe Stelle geftüßt, aber auch noch manche andere in gleichem Sinne deu: tend, namhafte Ausleger mit der Behauptung aufgetreten, in den fonoptifchen Gvangelien liege allenthalben die Vorausfekung zum . Grunde, daß fchon durch einfache Buße und Erfüllung des Ge- feßes die Seligfeit de8 KHimmelveiches erworben werde. Wir unfers Theild, wenn wir dies zugeftehen wollten, würden dann in der That nicht wiffen, worein wir noch das eigentliche Wefen des Chriftenthums zu ſetzen hätten. Denn für die Beftimmung dieſes Wefens Fennen wir feine höhere Norm, als den gefchichtli- chen, d. h, den fynoptifchen Chriftus, für das Wefentliche aber des Chriſtenthums ward von Allen, die irgend etwas davon verftans Evangelifche Erzählungen und Reden nach Lukas. 171 den haben, einftimmig die. zur Geſetzesgerechtigkeit als folcher in Gegenfaß tretende Heilölehre und Heilsordnung erkannt. Sn der That aber meinen wir, daß Keiner, der unfern bishes tigen Darlegungen der, fpynoptifchen Reden aufmerffam gefolgt ift, im Zweifel darüber geblieben fein wird, daß nicht auch die— fer Chriftus das ewige Heil von ganz andern Bedingungen, als von der bloßen, Außerlihen Geſetzeserfuͤllung abhängig macht. Freilich findet man hier noch nicht jene, Ichroffen Aeußerungen von. der ausfchließlich feligmachenden Kraft des Glaubens an Chriftum,. den Gefreuzigten und Auferflandenen, wie. wir fhon bei Sohannes und Paulus. folche finden. Der perfünliche Glaube an Ehriftus erfcheint in, den. Iynoptifchen Evangelien als Bedingung der Theilnahme nur an einzelnen Segnungen, nicht an ber Seligfeit als ſolcher. Aber was in jenem Ölauben das MWefentliche, der lebendige Kern ift, wodurch er zum feligmas chenden wird (— der Außerliche Gefchichtsglaube thut es frei⸗ lich nicht, und nach Jeſu ausdruͤcklichen Worten koͤnnen ſogar diejenigen, welche ſich einer Laͤſterung des Sohnes ſchuldig ge— macht, noch felig werden): das, wir, glauben es mit voll—⸗ ſtem Rechte ausſprechen zu duͤrfen, iſt in der ſynoptiſchen Lehre genau das Naͤmliche und nicht im Geringſten ein Anderes, als in der johanneiſchen und pauliniſchen. Der Unterſchied, wiefern ein Unterſchied im Ausdruck vorhanden iſt, beſteht darin, daß der geſchichtliche Chriſtus jenes geiſtige Moment, auf welchem die Entſcheidung zwiſchen Seligkeit und Unſeligkeit beruht, nicht in eine beſtimmte Formel einzwaͤngt, ſondern es in Raͤthſel— worte kleidet, welche mit Gewalt die Hörer zur ſelbſtſtaͤndigen Ergänzung ihres Sinnes, zur Aufſuchung ded Punctes, auf den es einzig ankommt, in ihrem Innern hintreiben; während bereit der johanneifhe Ehriftus, und eben fo auch Johan— ned und Paulus, wo fie in ihrer eigenen Perfon fprechen, Dies felbe Formel dafür haben, deren ſich nachher die Kirche be— dient hat, um den Inbegriff der Bedingungen zur Seligkeit in eine einfache Borftellung zu faſſen. Wir find weit entfernt, den Johannes und Paulus befchuldigen zu wollen, daß fie über diefer Formel, wie leider in fpäterer Zeit fo Viele derer, bie ſich Gläubige nannten, das Wefentliche ihres Inhalts vergeffen hätten. Auch bei ihnen kommt jenes Wefentlihe, durch die 172 Fuͤnftes Bud. Formel hindurch, in edler und großartiger Geſtalt zu Tage; aber daß, dieſer apoſtoliſchen Typik gegenuͤber, die ſynoptiſche Redeweiſe die hoͤhere, die allein Dem, der in Gottes eigenem Namen auftrat, geziemende iſt, wird Fein tiefer Verſtaͤndiger verfennen. Wenn hin und wieder in ihr das feligmachende Moment allerdings als Gerechtigkeit, als Gefeßeserfüllung be: zeichnet zu werden fcheint: fo tft durch Mahnungen, Andeutun- gen und Gleichnißreden aller Art hinreichend dafür geforgt, daß es nicht als bloße Gefekeserfüllung verftanden werden kann. — Auch die gegenwärtige Parabel bleibt, richtig verftanden, weit davon entfernt, folhes Misverftändniß zu begünftigenz ja fie lehrt, genauer angefehen, das gerade Gegentheil deffen, was man in ihr finden will. Taͤuſchen wir uns namlich nicht ganz über den Zufammenhang, in welchen wir diefelbe einreihen zu müffen glauben: fo ift fie ausdrüdlich beftimmt, dem Verlan— gen nach einer directen Anweiſung über das, was man thun müffe, um felig zu werden, zu begegnen. Man denke fich der Parabel eine Frage der Art vorangehend, wie jene befannte *) nach der Möglichfeit des Seligwerdens. Wie Sefus dort ant— wortet: dies fei bei den Menfchen unmöglich, möglich nur bei Gott, fo will er hier fagen: Wenn ed auf Vorfchriften und Autoritäten anfame, fo müßte längft ganz Israel felig gewor- den fein, denn Mofes und die Propheten feien Autorität genug, und ihre Gebote zu erfüllen habe ein Jeder vollauf zu thun, fo daß es Feiner neuen bedürfe. Das aber, was auch fo zur Seligfeit noch fehle, vermöge ihnen Keiner zu geben, und wenn einer von den Zodten auferftändez denn ein Außerliches Wiſſen von der Vergeltung nach dem Tode thue ed eben fo wenig, wie das Außerlihe Wiſſen des Geſetzes. — Sonach haben wir auch hier einen jener göttlichen Orafeliprüche, welche, obgleich zunächft nur in Geftalt einer Verneinung, in Wahrheit mehr und Tieferes fagen, als Fein pofitives Dogma über die Bedin- gungen der Geligfeit zu fagen vermag. 32. „Wer unter euch hätte einen Knecht, welcher pflügt oder weidel, und wenn er vom Feld zurückfommt, hieße ex ihn her Fommen, und fich niederfegen? Wird er nicht wielmehr ihn *) Mare. 10, 26 u. Parall, Evangelifche Erzählungen und Neden nach Lukas. 173 das Eſſen bereiten, - ſich gürten und. beim Eſſen und Trinken ihn bedienen, dann aber erſt ſelbſt eſſen und trinfen heißen? Weiß er. dem Knecht befondern. Dank, daß er gethan, was ihm befohlen war? Ich meine nicht. So auch ihr, wenn ihr als les gethan habt, was. euch aeboten ift, fo denkt: wir find une nüße Knechtez wir haben nur unfere Schuldigfeit gethan 1-4 *) — Man kann zugeben, daß diefe Worte, zunächft in der Abficht gefagt find, zu einer Gefinnung folcher Art aufzufordern, welche fih in Erfüllung der Pflicht nie, genug thut, ſondern ſtets nur Pflichten zu erfüllen findet. Aber dieſer nachfte Sinn ‚felbft er— mangelte einer.gediegenen Bafid, wenn nicht das Ziefere zum Grunde läge, daß das bloße, gefeßmäßige Thun. für fich ‚allein noch Feinen wahren Werth hat, fondern in. einen. Progreß ins Unendliche ausgeht, der nie fein Ziel erreicht, fo. lange nicht das wahrhaft Unendliche des Geiftes, welches ‚allein jenen Werth giebt, als ein Innerliches von höherer Natur und Abfunft darin gegenwärtig iſt. Nicht mit Unrecht hat man daher: in diefem Aus: fpruche eine Verwandtſchaft mit der, paulinifchen Nechtfertigungse lehre zu entdeden gemeint, wiewohl wir, ob Lufas aus diefem aus⸗ drüdlichen Grunde ihn aufgenommen, lieber. Dahingeftellt laſſen. 33. Auf der Reife nach Serufalem Fam er durch einen Fle— den; dort traf er auf. zehn Ausſaͤtzige, die von. fern ftanden. Sie erhoben ihre Stimme und, riefen: „Jeſus, Herr, erbarme dich unfer! Er blickte auf, fie und ſprach: „Geht und zeigt euch den Prieſtern!“ Sie gingen und wurden rein. Einer von ihnen, als er. fah, daß er geheilt war, Fehrte um, mit lauter Stimme Gott preiſend; er fiel ihm zu Füßen auf fein: Ange: ſicht und dankte ihm. Und dies wars ein. Samariter, Jeſus ſprach: ,, Wurden, nicht ihrer zehn rein? Die neun aber, wo find fie? Wollen fie fich nicht: umkehrend finden: laſſen, um Gott die Ehre zu geben, außer dieſem Fremdlinge?“ Und zu diefem : „Stehe aufund geh ; dein Glaube hat dir. geholfen!’**) — Wahrfcheinlich eine, gleich fo manchen andern zur wirklichen MWundergefchichte umgebildete, parabolifche Rede, deren Pointe eben fo, wie bei der Erzählung vom barmherzigem Samariter, *) Cap. 17,8.7 ff. — B, 11 ff. 174 m güunftes Bud. in der Anerkennung des beffern Geifted liegt, der den Fremd: ling im Gegenfaße der Suden befeelt. 34. „Das Reich Gottes kommt nicht auf Außerliche Nach: forfhung, noch‘ kann man von ihm fagen: bier ift es, oder: da. Denn seht, das Reich Gottes ift innerlih in euch!’ * — Sch habe die Erklärung diefer Worte vorgezogen, welche Dies felben auf die Innerlichkeit und Subjectivität des Gottesreichs bezieht, obgleich die Mehrzahl der Erflärer fich gegenwärfig der entgegengefegten Anficht zumeigt, nach welcher Chriftus, von ſich felbft Iprechend, Tagen würde: das Gottesreich ift unter euch. Der Sprachgebrauch läßt zwar die letztere Bedeutung nicht als unmöglich, wohl aber die erftere als wahrfcheinlicher erfennen, dem Sinne nach aber bildet nur die erftere, aber nicht auch die leß- tere einen bequemen Gegenfaß zu den vorangehenden Worten. Was aber den Einwand betrifft, als habe Chriftus nicht wohl fo zu den Pharifaern fprechen koͤnnen, an die ihn Lukas dieſe Worte richten läßt: fo ift hierauf,diefes Doppelte zu erwiedern: erftens, daß fie, in unbeftimmter Allgemeinheit gefagt, nicht noth- wendig die Borausfesung in fich fehließen, als feien diejenigen, an die fie zumächft gerichtet werden, thatfächlich im Beſitze des Himmelreichs, zweitens, daß die Frage der Pharifäer, auf die fie’ als Antwort dienen‘ follen, ganz darnach ausfieht, wie fo manche ähnliche, eine Erfindung unfers Evangeliften zu fein. 35. „Ein Richter war in einer Stadt, der Gott nicht fürchtete und fih um Menfchen nicht Fümmerte,. Eben dafelbft war eine Wittwe, fie Fam zu ihm und verlangte von ihm Recht gegen- ihren Gegner. Geraume Zeit hindurch wollte er nicht. Endlich dachte er bei fich felbft: wenn ih auch Gott nicht fürchte und mich um Menfchen nicht Fümmere, fo will ich dies ſer Wittwe doch, da fie mir Unruhe macht, zu ihrem Nechte helfen‘, damit fie mich nicht unaufherlih quali! — Ihr-hörs tet, was der umredliche Nichter dachte; Gott aber follte feinen Erwählten nicht zu ihrem Nechte helfen, wenn fie Tag und Nacht zu ihm rufen, fo langmüthig er auch in ihrer Sache war?" Ich fage euch, er wird ihnen alsbald zu ihrem Rechte helfen! Wird aber der Sohn des Menfchen, wenn er fommt, DAL Evangelifche Erzählungen und Reden nach Lukas. 175 noch den Glauben auf der Erde finden?’ *) — Es iſt nicht zu läugnen, daß die einfach fehönen Worte, mit denen bei Mat: thaus Chriſtus die Gebetserhörung verheißt, durch die öftere Wiederholung und parabolifche Umfchreibung bei dem Unfrigen nicht eben an Reinheit des Sinnes und Tiefe der Wirkung ges winnen; und es wäre daher wohl möglich, daß eine oder bie andere diefer Wiederholungen — (bei der vorliegenden Fonnten namentlich die Schlußwortediefen Berdacht erwecken) — getäufchten Erwartungen einer ‚fpätern Zeit, die dadurch befchwichtigt wer: den follten, ihren Urfprung zu verdanken hätte. 36. „8wei Männer gingen in den Tempel, ihr Gebet zu verrichten, der eine ein Phariſaͤer, der andere ein Zöllner. Der Phariſaͤer ftellte fih hin, und betete für fich folgendergeftalt: Gott, ich fage dir Dank, daß ich nicht bin-wie die übrigen Menfchen, räuberifch, unredlich, ehebrecherifeh, oder auch. wie diefer Zöllner da! Ich fafte zweimal in der Woche, ich gebe von Allem, was ich befike, den Zehnten. Der Zöllner ftand von weiten und wagte nicht einmal die Augen zum Himmel aufzuheben, fondern fchlug ſich auf die Bruft und ſprach: Gott, verzeih mir fündigem Menfchen! Ich Tage euch: Diefer ging gerechtfertigt hinaus, Jener nicht! Seder nämlich, der ſich ſelbſt erhebt, fol erniedrigt werden, und jeder, der fich felbft ernie- drigt, erhoben werden.“*) 37, Als Jeſus auf feiner Reife nach. Serufalem durch Je⸗ richo kam, begehrte ein Mann, Namens Zacchaͤus, ein reicher Zollbeamter, ihn zu ſehen er ward daran durch das Gedraͤnge des Volkes gehindert, da er klein von Statur war. Da lief er eine Strecke voraus und ſtieg auf einen Feigenbaum, um ihn zu ſehen, da er dort vorbeikommen mußte. An dem Orte angelangt blickte Jeſus auf, ſah ihn und rief ihm zu: „ZSac— chaͤus, komm ſchnell herab, heute muß ich in deinem Hauſe bleiben!" Zener ſtieg eilig herab und empfing ihn mit Freude; Die e8 aber fahen, hielten fich darüber auf und fprachen: ,,Er) geht hinaus und: nimmt feine Herberge bei einem fündigen Manne.“ Zachäus aber trat zu dem Herrn und ſprach: *) Cap. 18, B, 2 ff. *+) 3,10 f. 176 Fuͤnftes Bud. „Siehe, die Hälfte meines Vermögens, Herr, gebe ich den Armen „und wenn ich etwas unrechtmäßig erworben habe, fo will ich es vierfach zurüdgeben!’’ Sefus aber fprach zu ihm: ‚Heute widerfuhr Heil: diefen Haufe, ift doch auch er: ein Sohn Abrahams! Es Fam des Menfchen Sohn, das Verlorene aufzufuchen und zu retten.‘ *) — Ich finde feinen hinreichen- den Grund, an diefer Erzählung, von der ich nicht zu fagen wüßte, inwiefern fie, bei ihrer lebendigen Individualität, die Spuren abfihtlicher Erfindung tragen follte, zu mäfeln. Daß Sefus das freilich ungewöhnliche Vermögen befeffen habe, mit einem Blick Perſonen herauszufinden, die es der Mühe lohnte, auf eine oder die andere Weile an fich heranzuziehen, ift mir mit nichten unglaublich, zumal wenn diefelben fich in ſo auffal— Vender MWeife, wie hier Zaccbaus, ihm bemerflih machten. Die Nede freilich, die ihm zulegt in den Mund gelegt wird, fcheint aus. Aeußerungen gebildet, die urfprünglich wohl einem andern Bufammenhange angehört haben mögen **). 38. Als; vor feinem Ginzuge in Serufalem, beim Herabges hen vom Delberg;, die Schaar feiner Anhänger einen Subelruf erhob ‚und. ihn als den König’ begrüßte, der im Namen des Herrn kommt, wollten einige Phariſaͤer ihn vermögen, ihnen Stillfchweigen zu gebieten. Da antwortete er: „Ich fage euch, follten diefe fchweigen, fo werden die Steine reden! **) 39. Beim Anblid der Stadt foll er geweint und ausgeru- fen haben: „Wuͤßteſt doch auch du, und zwar noch an diefem Tage, was zu Deinem Frieden dient z: fo aber: bleibt es verbor: gen vor deinen Augen! Es werden Zage kommen, wo’ deine Feinde dich mit einem Wall umgeben, : dich umzingeln und als lenthalben belagert halten werden! Sie werden dich niederreis en und deine Kinder in dir, und werben feinen Stein auf dem andern laffen, weil du die Zeit deiner Heimfuchung nicht haft erkennen wollen!’“+) — Da diefe Rede Fein: anderer Evange- lift kennt, als nur Lukas, welcher auch die fpäatere weiffagende Rede in einer Weife umgebildet wiedergiebt, die nur allzugerechten *) Cap. 19, V. 1 ff. **) Matth. 10, 6. 18, 11. *#+) V. 40. (Matth, 21, 16). +) DB Al fl. Evangeliſche Erzählungen und Reden nach Lukas, 177 Derdacht erwedt, der wirklich fehon erfolgten Begebenheit von Serufalems Zerſtoͤrung angepaßt zu fein *): fo ift es freilich Keinem zu verargen, der ſich eines ähnlichen Verdachts auch gegen die vorliegenden Worte nicht enthalten Fann. 40. ‚Simon, Simon, fiehe, der Satan erbat fich Gewalt über euch, um euch zu fichten wie den Waizen. Ich aber, ich bat für dich, daß dein Glaube dich nicht verlaffen follte. Und du, wenn du dich wieder ermanneft, fei eine Stüße deinen Brüdern! **) — Diefe Worte find hier, flatt der an ſaͤmmt⸗ liche Sünger gerichteten **), dem Gefpräc mit Petrus, worin der Herr ihm feine VBerläugnung ankündigt, vorausgefchidt. Sch halte diefelben für gejagt bei einer andern Veranlaffung, viel- Veicht nicht ohne Zufammenhang mit der Namensveränderung jenes Juͤngers; Lukas fcheint ihnen nur willfürlich dieſen Platz * hier angewiefen zu haben. Al. Demfelben Gefpräch fügt unfer Evangelift noch fol- gende Worte als von Jeſus zu den Juͤngern gefprochen hinzu: „Als ich euch ausfandte ohne Beutel, Ranzen und Schuhe, hat e8 euch an etwas gefehlt?’ Sie verneinten es, und er fuhr fort: „Aber jest, wer einen Beutel ‚hat, der nehme ihn mit fih, eben fo, wer einen Ranzen hat! Wer aber nichts anders bat, der verfaufe fein Kleid und Faufe ein Schwert. Denn ich fage euch, Daß auch dies Gefchriebene noch an mir in Erfül- lung gehen muß: Er fol unter die Uebelthäter gerechnet wer- den!+) Denn alles, was mich betrifft, muß in Erfüllung ge— hen.“ Darauf heißt es, haben ihm die Sünger zwei Schwer: ter gezeigt, und er dies für genügend erklärt +). — Es liegt am Tage, daß diefe Worte bis zur Unfenntlichkeit ihres ur— forünglichen Sinnes verfiümmelt find. Blos erfunden find fie fchwerlich, wenigftens die erften nicht, mit denen der Evangelift » offenbar nicht8 anzufangen gewußt hat. her koͤnnte das Weis tere, den Ankauf der Schwerter betreffend, (wodurdy, wie man mit Recht bemerkt hat, der Cvangelift den Befis eines Schwer: *) Cap. 21, 20 ff. * =#) Cap. 22, V. 31 f. *2#) Marc, 14, 27 f, +) ef. 53, 12, 25 38.33. II. Bd. 12 178 Fuͤnftes Bud. tes bei Petrus motiviren will) fammt dem Citat der Prophe— tenftelle willfürlich vom Evangeliſten beigefügt fein, um jenen Worten, freilich nothdürftig und unzureichend genug (denn es fehlt fogar die logiſche Verknüpfung), einen Bezug auf den vor: liegenden Zufammenhang zu geben. Was aber jene wahrfchein- ich Achteren Worte betrifft, fo bin ich geneigt, ihnen eine ent» forechend fymbolifche Bedeutung zuzufchreiben, wie jenen, auf die fih Jeſus ausdruͤcklich zuruͤckbezieht ). Seht, will der Here zu verftehen geben, fei für Die Jünger die Zeit gefommen, wo fie fich (geiftig wielmehr, als Teiblich) jeder mit einem be- ſtimmten Befisthum, mit einem ausdrüdlichen Lehrvorrathe fürs Leben zu verforgen haben, da die Quelle ihnen entzogen werde, aus welcher fie bisher immer von neuem, ohne Sorge für die Zufunft, fchöpfen Tonnten. — Auf andere Jünger angewandt, als auf die den Heren zunächft umgebenden, haben beide ent- gegengefehte Mahnungen eine gleichmäßige Geltung und ergan- zen ſich gegenfeitigz jene erſte gilt, infofern der Herr noch im— mer ald in feiner Gemeinde gegenwärtig, diefe zweite aber, inſo— fern er als von den Einzelnen als foichen entfernt betrachtet wird. In erfterer Beziehung follen wir unfere geiftigen Bedürfniffe ges troft auf den Herrn ftellen, der fie zu jeder Zeit, wie es recht und ums dienlich ift, befriedigen wird; in der letzteren ift e3 als lerdings gerathen, Daß jeder Sorge trage, fich einen beftimmten Lehrgehalt anzueignen, der in theoretifcher fowohl, als prafti- fher Beziehung ihn ficher ftelle, daß er nie am Brote des Le— bens Mangel leide. 42. Bei der Abführung an die Richtftätte ſoll Iefus zu Hagenden Frauen folgende Worte gefagt haben: ‚, Töchter Se- rufalems, weinet nicht über mich, weinet vielmehr über euch und euere Kinder! Denn fiehe, es kommen Tage, wo es heißen wird: Selig die Unfruchtbaren, die Leiber, die nicht gebaren, und die Brüfte, Die nicht fäugten! Da werden fie zu den Bergen , fagen: Stürzet auf und, und zu den Hügeln: Bededet ung! Denn wenn died am grünen Holze gefchieht, was foll am duͤr— ven geſchehen?“*) — Da diefe Worte fo auffallend in ihrem *) Cap, 10, 4 u. Parall. =) Cap, 23, V. 28 ff Evangelifche Erzählungen und Reden nad) Lufas. 179 Charakter jenen gleichen, die unfer Evangelift auch im Vorher: gehenden mit unverfennbarer Beziehung auf den ſeitdem erfolge ten Untergang Serufalemd Jeſu in den Mund gelegt hat (Nr. 39): fo Liegt der Argwohn nahe, daß auch von ihnen ein lei: ches gelten möge, wie von jenen. Diefer Argwohn wird bee ftärft durch die Erwägung, wie gerade in diefem Moment, wo Jeſus von römischen Soldaten umgeben, die Jünger aber zer- fireuet und flüchtig waren, ſchwerlich ein Ohrenzeuge ald ge: genwärtig vorauszufeßen if, der die von Jeſus etwa geſproche— nen Worte auffangen und berichten konnte. Eben fo wenig haben die Worte eine innere Wahrfcheinlichkeit für ſich. Hier am wenigften war der Ort für dergleichen altteftamentliche Re— miniscenzen *) ; und die Wehklage Sefu über die Stadt, die ihm fo bittered Unrecht anthat, mußte auf die Bedeutung ſei— ned Todes eiuen falfchen Schein werfen. 43. Daffelbe Bedenken in Anfehung der Quelle, aus der - fie gefchöpft fein follen, fteht, wir dürfen es uns nicht verheh— len, auch den Worten entgegen, welche nad) unferm Gvange- lium Sefus am Kreuze gefprochen haben fol. Dem glaubwür- digften Bericht zufolge haben nur von fern einige weibliche Freun— dinnen Jeſu der Kreuzigung zugefehenz; fo nahe an das Kreuz heranfommen, daß er Worte des Gefreuzigten hätte vernehmen fonnen, durfte außer den wachthabenden Soldaten fehwerlich Je— mand, Auch die Aeußerungen felbft find edel und würdig zwar, aber doch nicht von der Art, daß fie die Bürgfchaft ih— rer Aechtheit in fich felber trügen. „Vater vergieb ihnen, denn fie wiffen nit, was ſie thun!“ *) iſt wahrfcheinlih nur in - Folge einer Andeutung der in Bezug auf die Leiden des Mef- fias claffifchen Prophetenftelle **) dem Herrn in den Mund gelegt. Es ift ohne Zweifel ein ſchoͤnes und großes Wort; dennoch möchten wir behaupten, daß unfer Bild von Chris ſtus nichts Dabei verliert, wenn, ob es wirklid von ihm am Kreuze gefprohen fei, bezweifelt wird, Das Große *) Hof. 10, 8, Ezech. 20, 47, =) Br 3% wer) Jeſ. 53, 1% — Auch das Gebet des Stephanits (Apoftelgefch, 7, 16), falls dieſes nicht erſt nach demfelben Typus erfunden ift, kann Anlaß gegeben haben, dem Herrn ein ähnliches unterzufegen. i2* 180 Fuͤnftes Bud. liegt darin, daß Chriftus fich als einen folchen gezeigt hatte, in welchem man diefe Gefinnung vorausfeßen, welchem man, ohne innere Unwahrheit, dieſe Worte unterlegen konnte, Wirklich von ihm gefprochen würden fie, zumal nach jenem altteftament: lichen VBorgange, einen Schein von Abfichtlichkeit Haben, den wir gegen das erhabene Schweigen Sefu, welches, vor Pilatus an: hebend, gewiß bis zum Momente des Todes fortdauerte, nur ungern eintaufchen moͤchten. — Die angeblid zu dem ihm huls digenden Verbrecher an feiner Seite gefprochenen Worte: ,‚Wahr: lich ich fage Dir, heute wirft du mit mir im Paradiefe fein!’ *) ſtehen in Widerfpruch mit dem wahrfcheinlicheren Berichte des Marcus, daß beide Mitgefreuzigte ihn geläftert haben **). Hierzu kommt, daß fie eine Dogmatifche Vorausſetzung einfchließen (den Verkehr oder die unmittelbare Nähe der felig Abgefchiedenen unter einander fogleich nad) dem Tode in demjenigen Theile des Hades, der hier Paradies genannt wird), von welcher, auch wenn wir, was wir doch Faum dürfen, annehmen wollten, daß Zefus fie gebilligt haben koͤnnte, doch bedenklich bleiben würde, daß er, gegen feine fonftige Gewohnheit, auf dergleichen dog— matiſche Fragen und Vorausfegungen ſich nicht einzulaffen, fie hier. fo pofitiv, noch dazu in Bezug auf einen folchen, deſſen Wuͤrdigkeit für eine ſolche Begünftigung felbft ein Problem wäre, ausgefprochen haben follte. Endlich: ‚Water, in deine Hände befehle ich meinen Geiſt!“ * ift ein Ausruf, in Bezug auf den wir zwar die Möglichkeit, daß Sefus ihn gethan habe, nicht be- freiten wollen, bei dem ed aber doch ganz eben fo möglich bleibt, daß man ihn, wiederum aus altteftamentlicher Reminis— cenz +), als Vorausfekung ihm untergelegt habe. 3) ®, 43, **) Marc. 15, 32. Matth. 27, 44, FH) B, 46, +) Pf. 31, 6. Sechſtes Bud, Evangelifhe Erzählungen und Neden nach Johannes. F — Men; EZ F e * J — Ar x 8 % Ele Sur RP — 5 k y ur % "5 i * * * * I: L — 14 | — — man a: Tr Drau er. x Bm — "Zi . rg ———— — a * — U: —— ae — J u“ Le K E 2 ——— Pi j Dr ER a ae. — I Sechſtes Bud. Evangelifhe Erzählungen und Reden nah Sohanıes. 1. „Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein Gott war dad Wort. Diefed war im Anfang bei Gott, Alles entftand durch daffelbe, und ohne es entftand auch nicht Gin Ding von denen, die entftanden find, Sn ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menfchen. Und das Licht Scheint im Dunkel, und das Dunkel: nahm es nicht auf. — Es war ein Mann, abaefandt von Bott, fein Name Sohannes, Diefer Fam zum Zeugniß, zu zeugen von dem Licht, damit Alle durch ihn gläubig würden. Nicht er felbft war das ht, fondern er follte zeugen von dem Lichte. Es follte das ht, das wahrhaftige, das jeden Menjchen erleuchtet, in die Welt kommen. In der Welt war e8, und die Welt entftand durch daffelbe, und die Welt kannte e8 nicht. In das, was fein eigen ift, Fam es, und die Seinen nahmen es nicht auf. So’ viele aber ed aufnahmen, diefen gab es die Fähigkeit, Kin: der Gottes zu werden, Jenen, die an Seinen Namen glauben. Solche find niht aus Blut, noch aus Fleifches Gelüft, noch aus eine! Mannes Gelüft, fondern aus Gott erzeugt. — Und das Wort ward Fleifh und wohnte unter ung, — wir ſchau— ten feinen Glanz, den Glanz wie eines Cingeborenen vom Bas ter, — voll von Gnade und Wahrheit. Sohannes zeugt von - ihm; er rief aus? Diefer ift es, von Dem ich fagfe, der nach mir kommt, ift großer ald ich, denn er war vor mir! Aus fei: ner Fülle haben wir alle empfangen, und zwar Gnade auf Gnade. Das Gefek nämlich ward durch Mofes gegeben, bie Gnade aber und die Wahrheit ward durch Sefus Chriftus. Gott 184 Sechſtes Bud. hat Seiner je gefehen ; der eingeborene Sohn, der im Schooße des Vaters fiht, der hat ihn Fennen gelehrt.’ ”) Mit diefen Worten finden wir das Evangelium eröffnet, welches den Namen desjenigen Süngerd trägt, der in biefer Urkunde felbft als der vor allen andern von dem Meifter felbft Begünftigte bezeichnet wird. Wir haben diefelben aus dem Grunde an die Spike der weiteren, von und aus Diefer Duelle zu entnehmenden Mittheilungen geftellt, weil fie uns als durch— aus charakteriftifch für den Sinn erfcheinen, in welchem der Upoftel, — dafern namlich er, wie wir ed allerdingd anneh— men, der Berfaffer wenigftend der geiftigen Hauptbeftandtheile des nach ihm genannten Gvangeliums ift, — auch jene Reden niebderfchrieb, die er ald von dem Herin felbft gefprochene giebt. Sie enthalten, fo zu fagen, das Thema, zu welchem jene Re— den faft fammtlich ald Ausführungen gelten koͤnnen. Die Reden felbft find von dem Apoftel offenbar in Feiner andern Abficht niedergefchrieben, ald3, um ſich und Andere in jener. Grundanz fiht über das geiftige Wefen Sefu Chrifti, über Bedeutung und Zweck feines Dafeins unter den Menfchen, welche in, furzen ‘ Worten dieſer Prolog ausfpricht, zu befeftigen und weiter auf: zuffären. Um das Verfahren, welches der Apoftel zu dieſem Behufe einfchlug, erflärbar zu finden, dürfen wir freilich nicht annehmen, daß er die Neden, die er Jeſu in den Mund legt, geradezu erdichtet haben follte. Sicher lag einer jeden feiner Aufzeichnungen eine mehr oder minder deutliche Grinnerung an wirklich von Jeſu Gefprochenes zum Grunde, und wir dürfen dem Verfaſſer wohl die redliche Abficht zutrauen, diefes Gefpro- chene fo treu, ald es ihm irgend möglich war, wiederzugeben. Aber diefer Abficht in demfelben Maße, wie andere Apoftel als lerdings e5 gethan haben, zu genügen, feheint er durch ein in feiner Seele dazwifchentretendes Pofitive verhindert worden zu ' fein. Ihm war in einer Klarheit und mit einer Gewalt, wie Teinem andern Jünger des Herrn vor ihm, ein Bewußtfein, eine Einficht über das Wefen und die Bedeutung jenes Goͤtt— lichen aufgegangen, welches in der Perfon des Herm Menfch geworden war und den Menfchen fich offenbart hatte; über den Zuſammenhang diefer höchften Offenbarung mit Begriffen und RT ® Evangelifche Erzählungen und Reden nad) Johannes. 185 Vorſtellungen, die von anderer Seite her uͤber die Natur des Goͤttlichen und fein Verhaͤltniß zum Menſchlichen verbreitet was ren; — ein Bewußtfein, welches er nicht unmittelbar aus der eigenen, mündlichen Lehre des Meifters hatte fchöpfen koͤnnen. Nicht, als ob die Lehre diefes Meifterd nicht damit in Uebereinftimmung geftanden hätte, oder als ob ihr die neu ge= wonnene Anfiht des Züngerd aͤußerlich hätte aufgedrungen werz den müffen. Aber es lag, wie von uns fchon mehrfach angedeutet, in der Natur diefer Lehre, nicht in Geftalt einer gefchloffenen Theorie, eines pofitiven Dogma aufzutreten, fondern die Bil- dung folcher Theorien und Dogmen dem Geifte und der Selbft thätigfeit ihrer Jünger zu überlaffen. Indem nun einer diefer Juͤnger eine Sdee ergriffen hatte, oder, richtiger vielleicht noch ‚ ausgedrüdt, indem er von einer Idee ergriffen worden war, aus welcher ihm eine Theorie erwuchs, die für ihn die Bedeu: tung zugleich einer dogmatifchen Beftimmung über die göttliche Perſoͤnlichkeit des Meifters, und eines Princips, eines Exponen— ten für den Inhalt der Lehre deffelben gewann: fo fühlte er fi) gedrungen, im Lichte diefer Idee noch einmal die per— fonlihe Erfheinung des Meifters und die Worte, die er gefpro- chen, vor feinem: Blicke vorüber gehen zu laffen. Manche von Andern unbeachtet gebliebenen Aeußerungen des Meifters insbe— fondere über fich felbft, über feine göttliche Abfunft und Bes ſtimmung traten ihm, durch jene Idee in feiner Erinnerung aufs geregt, lebhaft wieder vor die Seele, Er hatte den Schlüffel über ihre Bedeutung und ihren Zufammenhang gefunden; er hielt fich überzeugt, daß er, wenn er fie in der Geftalt und dem Zufammenhange wiedergab, den fie für ihn gewonnen hatten, den eigenen Sinn des Meifters rein und vollftändig wiedergebe, — Sp ungefähr glauben wir den Urfprung der johanneifchen Auf- zeichnungen von Neden des Herrn bezeichnen zu fünnen. Für bie nähere Einficht des Verhältniffes diefer Aufzeichnungen zu Der eige— nen teligiofen Lehr, Denk» und Ausdrucksweiſe des Apoftels find, außer den Briefen, die wir von feiner Hand befisen, ganz beſon— ders auch die uns hier zunächft vorliegenden Worte von Wichtig: keit, von denen wir, der Stellung zufolge, die in dem Evange- lium ihnen gegeben ift, annehmen dürfen, daß ſie von ihm felbft ald Einleitung in jene Aufzeichnungen niedergefchrieben find. 186 Sechſtes Bud. Die Grundidee, welche in diefen Worten verhandelt wird, ift der Begriff des göttlichen ‚‚Logos’ Diefer Begriff, be— Fanntlich ein in den Schulen jüdifcher Weisheit, nicht ohne aus— drücliches Mitwirken und Einfluß einerfeit3 der Lehren und Be: griffe anderer morgenländifcher Religionen und religiös = fpecula- - tiver Syſteme, andrerfeitd aber und infonderheit der hellenifchen, namentlich der platonifchen Philofophie, welche zu Alerandria von Juden eifrig ftudirt und mit ihrer. volfsthümlichen religio« fen Weisheit in Verbindung gebracht ward, erzeugter und ge= bildeter, war, — darüber ift nach fo vielfachen und ausführli- chen Unterfuchungen, die man fchon ehemals, und auch jeßt neuerdings wieder dieſem Gegenftande gewidmet hat, Fein Zwei— fel mehr *), — von jenen Schulen aus dem Sohannes zuge- kommen. Die Uebertragung diefes Begriffs auf die Perfon Sefu Ehrifti, der Gedanke, daß in dem Menfchen Sefus von Nazareth jener Logos, der von Anfang an bei Gott und felbft ein Gott war, durch den Gott die Welt gefchaffen hat, und der als ewiges Geifteslicht in dem Gefchaffenen leuchtet, Fleiſch geworden fei, in die Geſtalt eines einzelnen menfchlichen Indie viduums eingegangen fei, — diefer Gedanke gehört fehr wahr- ſcheinlich dem Johannes als eine ihm eigenthümliche Entdedung an. Eben er bildet jene große Anfchauung, auf welche wir bereit3 in unferer allgemeinen Charafteriftit des Johannesevan— geliumd im erften Buche hinwiefen, welche dem Apoftel zus *) Nur darüber ift man noch in einiger Ungemwißheit, mwiefern man dem Johannes eine ausprüdliche Kenntnig und Nüdfichtnahme auf einzelne beftimmte, ſchon damals vorhandene Darftellungen der Lo— goslehre, namentlich auf die Schriften des Philo zutrauen fol. Allerdings ift die Berwandtfchaft des johanneifchen Prologs und eini— ger andern Stellen im Evangelium und in den Briefen zu der Lehre nicht nur, fondern auch zu dem Ausdruck des Philo eine fehr aufs fallende, — die Verfuhung, um näher nur dies eine zu erwähnen, das: Deos 7v 6 Aoyoe des Johannes auf den devrsgoe Bsoe, wie Philo den Logos nennt (bei Euseb. praep. ev. VII, 13) zurüdzubeziehen, eine fehr nahe liegende. Denno erklären fih die Meiften, und, wie wir glauben, mit Recht, dafür, daß die Epuren einer wirklichen Benutzung des Philo bei Johannes nur fehr unficher find, und daß es eben fo möglich ift, der Apoftel Habe nur aus mündlichem Vers kehr mit Kennern der alerandrinifchen Logoslehre feine Kenntnif derfelben gefchöpft, Evangeliſche Erzählungen und Reden nad) Tohannes. 187 gleich) mit der Perfon, die Kehre, die Thaten und die Schid- fale feines Meifters in einem vollig neuen Lichte erfcheinen ließ. 4 Daß Johannes der erſte geweſen ſei, der dieſen Gedanken gefaßt, dieſe Combination einer ſchon vor dem Chriſtenthum durch Beruͤhrung hebraͤiſcher und helleniſcher Geiſtesbildung er— zeugten Idee mit der eigenthuͤmlichen Grundanſchauung des Chri— ſtenthums zu Stande gebracht, — daß von ihm aus dieſer Gedanke, dieſes Syſtem auf die andern Juͤnger des Herrn und allmaͤlig auf die geſammte chriſtliche Gemeinde uͤbergegan— gen ſei: dies alles laͤßt ſich zwar nicht ſtreng geſchichtlich be— weiſen, aber es wird und, wenn wir die Geſtalt, in welcher diefer Begriff und in welcher die Ideenreihe, die fih an ihn Inüpft, bei Johannes auftritt, mit der Art und Weife vergleis chen, wie beides in andern neuteftamentlichen Schriften vor: fommt, in hohem Grade wahrfcheinlich. — Auch in den paulini- ſchen Schriften zwar fehlt e8 nicht an Spuren einer Bekannt: fchaft mit der Logoslehre und ihrer Anwendung auf Den, der fich felbft nicht anders al nur den „Sohn des Menfchen nannte. Es zeigen fich diefe Spuren dort in hinreichenden Zufammenhang gebracht mit den Grundgedanfen der paulini- fchen Lehre, mit den Begriffen von der Suͤndhaftigkeit des na— türlichen Menfchen und der Rechtfertigung durch den Glauben an Sefus Chriftus, den für uns Gekreuzigten und zur Herr— lichFeit des Waters Auferftandenen. Aber theild treten Diefel- ben feineswegs mit einer folhen Bedeutfamfeit in den Vor— grund der Lehre und Predigt diefes Apoſtels, daß wir darin ausdrüdlich eine auf die Hervorrufung und Ausbildung jener Begriffe verwendete, ſchoͤpferiſche Geiſteskraft hindurchfcheiz nend erbliden koͤnnten; theils, und dies fcheint und das wich: tigfte, vermiffen wir bei diefem Apoftel jene ausdrüdliche, in Morten und Wendungen ſich kundgebende Ruͤckbeziehung auf die alerandrinifche Lehre, welche uns zu der Annahme berechtigte, dag Paulus in einem ähnlichen unmittelbaren Verhältniß zu berfelben, wie Sohannes, geftanden hätte und als felbftftändi- ger Vermittler zwifchen ihr und dem Glauben an den perfünli- hen Chriftus aufgetreten wäre”). Weit naher liegt aus diefen *) Die Hauptftelle, welche von der Bekanntſchaft des Paulus mit ver 188 Sechſtes Bud. Gründen die Annahme, daß Paulus die Logoslehre bereit3 im Sinne des) Chriftenthums umgebildet von Andern überfommen, daß er fie zwar aus eigner freier Ueberzeugung gebilligt und ferbftthätig in feine religife Weltanficht hineingearbeitet, nicht aber jene Beziehung des vorchriftlihen Philofophems zum Chri-- ftenglauben von vorn herein felbft "aufgefunden oder neu ent— dedt habe. — Gewichtiger noch ift die Stelle, welche jene Lehre in dem Hebräerbriefe einnimmt, für deffen Verfaffer Einige, doch. ficher mit Unrecht, noch jetzt den Apoftel Paulus halten wollen. Allein auch hier kehren diefelben Bedenken wieder *), und über: dies wird die Theorie, welche wir in diefem Briefe entwidelt Logoslehre zeigt, iſt befanntlich Koloſſ. 1, 15 ff. Aber dort wird nicht nur der Name Aoyos nicht gebraudt (fo wie er überhaupt bei Paulus nirgends in diefer Bedeutung vorkommt), und auch, mit Ausnahme des ohnehin geläufigen &xzuw rov Veov, Feiner Der übri- J gen Ausprüde, die bei Philo die für den göttlichen Logos insbes \ fondere typifchen und charakteriftifchen find; fondern die ganze Stelle enthält offenbar nur die flüchtige Erwähnung eines als andermweit ſchon befannt und zugeftanden Vorausgeſetzten, wie fie bei einem Apoftel zu erwarten tft, der nicht Durch eigene nähere Kenntniß der Logoslehre auf eine felbftftändige Combination derfelben mit feinen chriſtlichen Grundanfhauungen geführt worden war, fondern dieſe Combinationen Anderen zugegeben und fie von ihnen aufgenommen hatte. Eben fo auch Epheſ. 1,3 ff. 3,11. Phil. 2, 6 ff. u. a. *) Der Hebräerbrief kann zwar inſofern ſcheinen, ſich in ein ähnliches Verhältniß zur Logoslehre, wie das Ev. Joh. zu ſetzen, als er, gleich dieſem, gleich von vorn herein mit einer ausdrücklichen Erinnerung an die vorweltliche Würde des Gottesſohnes, durch den die Welt er— ſchaffen ward, anhebt. Allein auch hier geſchieht dies, eben ſo wie bei Paulus, im Tone einer bereits feſtgeſtellten dogmatiſchen An— ficht, nicht, wie bei Johannes, einer auf ihr Ziel erſt losarbeiten— den Unterfuhung, und Ausdruck und Wendungen zeigen feine Spur einer ausdrüdlichen Rückbeziehung auf alerandrinifche Speculation. — Diefen Unterfhied, daß Johannes die philonifhe Entwickelung be— ftimmt vorausfeßt, der Hebräerbrief (eben fo wie Paulus) aber nicht, indem biefe beiden ohne. weitere Vermittelung vorweltliche Präexi— ftenz dent vios rov Hsod, dem Meffias zufchreiben, bemerkt auch Lücke (Comment. zum Joh. 1, ©. 246). Er nennt nicht mit Unrecht diefe Ausdrudsweife Die populäre, die des Johannes aber Die gn vo» ſtiſche: aber es hätte nicht unbemerkt bleiben follen, wie die erftere nur bei der Annahme eines Vorausgehens der letztern erklärlich iſt. Evangelifche Erzählungen und Reben nach Sohannes. 189 finden, fo tieffinnig und umfafjend fie ift, von allen Einfichtie gen als eine auf vorangehende Speculationen Ahnlichen Inhalts gebaute und aufgetragene, nicht aber als ein erfter felbfiftändiger Anfang zur dogmatifch = fpeculativen Auffaffung und Begruͤn— dung des Chriftenthums erfannt: — Wohl aber trägt, dieſen ge= genüber, die Logoslehre des Sohannes genau das Bepräge, welches wir an den pauliniichen Briefen einerfeits, an dem He: braerbriefe andrerfeitS vermiffen. Sie fteht in den Schriften die- ſes Verfaſſers allenthalben im Vorgrunde und bildet recht ei: gentlih den Grundgedanken, das leitende Princip derfelben ; fie trägt durchaus das Gepräge einerfeit3 einer ausdruͤcklichen Befchäftigung mit jenen jüdifch = helleniftifchen Speculationen, mit welchen diefe chriftlihe Idee gewiß nicht blos durch Zufall zufammengetroffen, fondern unter deren ausdrüdlichen Einfluß fie ganz unverkennbar gebildet und feftgeftellt worden ift, ande— rerſeits aber nicht minder der Originalität und Urfprünglichkeit in der Uebertragung jenes WBorgefundenen auf den eigenthüme lich chriſtlichen Ideenkreis. Sie beherrfcht, wie es mit: einem felbftthätig errungenen wichtigen Gedanken zu gefchehen pflegt, ihren Verfaffer dergeftalt, daß die objective Auffaflung der Ges genftände, mit deren Darftellung er fich fonft befchäftigt, durch fie eine eigenthümliche, von der natürlichen Geftalt diefer Ger genftande allenthalben zu unterfcheidende Färbung gewinnt, ja daß diefer objective Gehalt derfelben faft ganz in jenen Gedan- fen abforbirt wird. — Da nun für diefe originale Faflung der Logosidee in ihrem Bezug auf den perfonlichen Chriftus fich unter den übrigen Häuptern der älteften Chriftengemeinde, fo weit wir von denfelben eine gefchichtliche Kunde haben, Fein N Nival findet: fo liegt e8 nahe, den Johannes für den wirklis | hen Urheber diefes Grundartifeld des chriftlichen Glaubens ans | - zufprehen. Durch feine Schriften zwar kann er es zunächft freilich nicht geworden fein; denn die Verbreitung dieſer Schrifz ten ift von weit fpäterem Datum, als dad Bekenntniß der Lehre 3. B. durch Paulus, welches feinerfeit3 felbft auf der Borausfehung zu beruhen fcheint, als fei Diefelbe denen, zu denen er fpricht, nicht ganz unbekannt, Wohl aber fann ber ! Apoſtel fehon früher in mündlicher Lehre jene Idee ausgeſpro— chen und unter feinen Mitapofteln, von denen wir ja wiffen, 190 Sechſtes Bud. daß er mit ihnen in fortdauernder perfünlicher Berührung ftand, geltend gemacht haben. Die Bekanntfchaft namentlich des Paulus mit derfelben Fann man, wenn man nicht eine mehrfach vermit- telte Ueberlieferung ſchon zu früherer Zeit annehmen will, auf jene mündliche Verhandlung mit den andern Apofteln (unter denen ) Sohannes ausdrücklich genannt wird) zu Jeruſalem zurücfüh- \ zen, von welcher der Gälaterbrief erzählt *). Nichts aber hin- dert und, anzunehmen, daß fchon frühzeitig der Apoftel Johan— nes fich auch mit fchriftlicher Aufzeichnung jener Ideen befchäf- tigte, welche nachmald der Gvangelienfchrift, die aus feinen ſchriftlichen Mittheilungen gebildet ward, die hohe Wichtigkeit verliehen, die fie bis auf unfern Tag behauptet hat, und ihr, troß der auffallenden Abweichung, ſo viel den gefchichtlichen - Snhalt als folchen betrifft, von andern bewährten Urkunden, dennoch ihre Stelle im neuteftamentlihen Kanon ficherten. Daß aber, ungeachtet der Aufnahme und Anerkennung der johanneifchen Schriften, Johannes nicht ausdrüdlich als der Urheber oder Erfinder jener Lehre genannt zu werden pflegt: dies erflärt fich fehr natürlich aus dem Umftande, daß die Ger meinde fo wenig, wie ber Apoftel felbft, ein Bewußtfein fol- cher Urheberfchaft haben, daß vielmehr wie diefer, fo auch jene nur den Herrn felbft als den Urheber und erſten Berfündiger diefer, fo wie aller andern chriftlichen Wahrheiten erfennen konnte. Iſt ja doch auf ganz entfprechende Weife diefelbe Gemeinde ges raume Zeit hindurch weit davon entfernt geblieben, den Apoftel Paulus, fo wie wir es jest thun, für den Urheber und Erfin— der jener dogmatifchen Geftalt der Rechtfertigungslehre ju er: fennen, in welcher auch diefe Lehre zu einem —ãa— des chriſtlichen Kirchenglaubens geworden iſt. *) Gal.2, 1 ff. Allerdings fällt dieſes Geſpräch des Paulus mit ſei— nen Mitapoſteln ſchon in eine ziemlich ſpäte Zeit; allein ſämmtliche uns erhaltene Schriften dieſes Apoſtels, in denen uns ſeine Lehre als bereits ausgebildet entgegentritt, fallen in eine noch ſpätere Zeit (der erſte Brief an die Theſſalonicher, die wahrſcheinlich älteſte der pauliniſchen Schriften, kann nicht vor der Rückkehr des Timotheus zu Paulus nach Korinth, Ap. Geſch. 18, 5 geſchrieben ſein, während jene Zuſammenkunft zu Jeruſalem ſchon Ap. Geſch. 15 erzählt wird). Der Koloſſerbrief namentlich iſt, wie aus ihm ſelbſt hervorgeht, be— kanntlich erſt während der Gefangenſchaft des Apoſtels geſchrieben. * Evangeliſche Erzaͤhlungen und Reben nad) Johannes. 191 Eine geſchichtliche Spur uͤbrigens, welche das Ausge— ben dieſer Lehre aus einem engern Kreiſe, dem auch Jo— hannes angehörte, wahrſcheinlich macht, findet ſich aller dings, und wir glauben diefelbe unbedenklich benußen zu Fon: nen, um das von und aus Betrachtung der inneren Ver— bältniffe jener Lehre bei den werfchtedenen Apofteln gewon— nene Ergebniß zu beftätigen. Die Gnofis, die. nach. Gle= mens Alerandrinus *) der auferftandene Chriftus zuerft dem Pe- trug, dem Sohannes und Safobus dem Gerechten, jenen drei ,, Srundfäulen ’’ der Gemeinde *) mitgetheilt haben fol, durch welche fie nachher die übrigen Apoftel, und durch dieſe die an— dern Jünger des. Herrn überfamen, — diefe Gnofis, unftreitig diefelbe, die von dem Apoftel Paulus unter die „Gnadengaben““ (zegiouere) der apoftolifchen Gemeinde gezählt wird ***), muß, wenn wir jene Nachricht nicht, was fie gewiß nicht ift, als eine leere Fabel verwerfen wollen, einen beftimmten, und zwar einen nicht gerade auf der Oberfläche liegenden Inhalt gehabt haben. Diefer Inhalt aber muß wenigftens nach einer _ - Seite hin ein folcher gewefen fein, von dem man Grund hatte, anzunehmen, daß nicht ſchon der noch lebende Meifter ihn den Süngern mitgetheilt hatte, ein: folcher mit andern Worten, den einer oder der andere der Jünger erft nach dem Tode des Mei: ſters felbfithätig oder durch Eingebung des Meifters gefunden hatte +). Bliden wir nun aber umher, auf welchen Lehrinhalt der apoftolifchen Kirche Dies wohl paſſen möge, fo finden wir feinen, von dem wir dies mit fo großem Necht zu fagen wagen dürften, ald die Logoslehre, Wenn irgend eine andere Lehre, fo ent⸗ *) Euseb. H, E. II, 15 aus dem fiebenten Buche des vmorunwasıs Des Clem. A. ##) 01 Ödoxovvreg orvloı eivaı. Gal. 2, 9 SEI RILHN2)08, + Nad einer andern Seite hin war freilich der Grund zu biefer Gnoſis ſchon früher durch den Meifter ſelbſt in feinem Umgange mit den drei vertrauten Jüngern, Petrus, Johannes und Jakobus dem Zebedäiden Can deffen Stelle, wie wir aus dieſer Nachricht des Clemens und aus andern Notizen der apoftolifchen Geſchichte fihließen, wahre ſcheinlich der andere Jakobus im Ayoftelfreife eingetreten war) ge— legt worden, Vergl. Bd, J. ©, 400, 192 Sechſtes Bud. hält fie das Element, aus welchem fich nicht etwa nur der im engern Sinne fogenannte Gnoſticismus, fondern auch jenes Al- gemeinere hervorentwidelt hat, welchesigerade bei dem alerandrinis fehen Clemens, der ſich felbft zu den Gnoftifern in diefem Sinne zahlt*), diefen Namen trägt, Eben fie glauben wir mit diefer Notiz recht eigentlich gemeint; da nun aber von den drei Iüngern, die Dort genannt find, offenbar weder Petrus noch Jakobus darauf Anfpruh machen konnen, als Erfinder oder Urheber die— fer wichtigen Lehre zu gelten, fo bleibt nur noch Johannes übrig, von welchem wir alſo auch nach diefer Notiz mit Zug anneh— men dürfen, daß er es war, durch den diefelbe zuerft in jenem engeren, und Dann auch in’ dem weiteren Apoftelfreis Eingang gewann. Merfwürdig ift es, und ein Zeugniß für den guten Glau- ‚ben, in welchem der Apoftel handelte, wenn wir ihn, während er. den wefentlichen Inhalt feiner Logoslehre allerdings in den eigenen Worten Sefu wiederfindet und ihn allenthalben von Sefus felbft ausgefprochen werden laßt, dabei doch vermeiden fehen, in Bezug auf den Namen des Logos daffelbe zu thun. Diefer fommt nur hier im Prologe, und nachher nicht wieder im Evans gelium, namentlich nicht in den eigenen Neden und Gefpächen Sefu vor; wie wir denn allerdings mit Beftimmtheit annehmen dürfen, daß Jeſu perfünlic die ausdrückliche Beziehung auf jüdifch = alerandrinifche Xogoslehre fremd war. So finden wir denn auch in den von dem Apoftel dem Herrn zugefchriebenen ‚Reden jene ausdrüdliche Erklärung nicht, wenigftens nicht eben fo ausdrüdlich wieder, welche der Prolog über das Verhaͤlt— niß giebt, worin die in der Perfon Sefu erfolgte Menfchwer- dung des Logos zu. dem allgemeinen unperfünlichen Dafein dies fes geifligen Princips innerhalb der MWeltfchöpfung fteht. Es iſt nicht zu überfehen, mit. welcher Gntfchiedenheit Sohannes, im eigenen Achten Sinne Chrifti unftreitig, wiewohl Chriftus nicht felbft diefer Wendung fich bedient haben kann, die Gegenwert *) Vergl. über biefe eigene Gnofis des Clemens, aus deren Betrach— tung man unftreitig am beften lernt, welchen Begriff dieſer Schrifte ftelfer mit jener Gnofis verband, die er auf jene drei Jünger zu⸗ rückleitete: Baur, die chriſtliche Gnoſis ©. 502 ff. Evangeliſche Erzaͤhlungen und Reden nach Johannes. 193 jenes Princips auch ſchon vor Chriſtus in der Welt, und ihr zufolge die goͤttliche Kindſchaft Aller, die von Anfang an dieſes Princip in ſich aufnahmen, ausſpricht. Die Geburt von oben, aus dem Geiſte Gottes, im Gegenſatze der aͤußern fleiſchlichen Geburt, war vom Knbeginie der Welt an ein Werk diefes Lo— 9085 fie fand vor Chriftus ftatt, wie fie durch Chriſtus und nach Chriftus ftattfindet, und Chriftus ift nur die vollendete Verkoͤrperung des Logos in die finnliche. Einheit einer menfchli- hen Perfon. Damit hängt auch die Bedeutung zufammen, welche in diefem Prologe dem Zeugniffe des Taufers beigemef- fen wird. Der Täufer fteht in diefem fpeculativen Zufammens hange, entſprechend wie dort in den erften Gapiteln de3 Lu— kas in Dichterifch =mythifhem Zufammenhange, ſtatt der Dr: gane, durch die vor Ehriftus der Logos zu den Menfchen Spricht, überhaupt; fein Zeugniß für Chriftus fol die Gontinuität der vorchriftlihen Aeußerungen des Logos mit der Erſcheinung des in Chriftus Menfch gewordenen Logos zum Bewußtfein brin— gen. Die Schlußworte des Prologs beziehen fich deutlich auf den eigenen Ausfpruch Chrifti über dad Verhaͤltniß des ewigen “ Sohnes zum Vater *), wofelbft Chriftus, ohne Zweifel jedoch unabhängig von aller und jeder Ruͤckbeziehung auf jene helleniftie fhen Philofopheme, mit dem Begriff des „Sohnes“ das Näm: lihe ausdrüdt, was hier mit dem göttlichen ‚‚Logos’’ gemeint ift, und auch in demfelben bevorzugten Sinne fih ald Sohn Gottes bezeichnet, wie er hier von Sohannes als he dener Logos bezeichnet wird. 2. Zu den im VBorftehenden betrachteten Worten verhält fih, wie wir bereit$ oben *) anzudeuten Gelegenheit nahmen, die nachfolgende Erzählung von den Worten, welche Sohanned der Täufer erft zu der Geſandtſchaft, die man zu ihm von Ser rufalem abgefandt hatte, dann zu feinen Schülern über Jeſus gefprochen haben fol (®. 19— 34), als eine, in der Abficht, aus jenen den Beftandtheil einer eigentlichen Geſchichtserzaͤh— lung zu bilden, hinzugefügte Erläuterung oder Ausführung. Es wird zunächft an das Zeugniß des Sohanned angefnüpft, von *) Matth. 11, 27 u. Parall, *+) Bo. 1, ©. 134 J Bd. II. 13 194 Schftes Bud. | welchem dort in allgemeinen und unbeftimmten Ausdrüden, wes niger um ein gefchichtliches Factum zu überliefern, ald um aus dem Munde des Täufers die Anficht über die geiftige oder ideale Priorität Chrifti vor allen Propheten auszufprechen, die Rede war*). Von diefem Zeugniffe wird eine Gefchichte erzählt, welche wir, nach den Grgebniffen unferer frühern Crörterung über das Berhältniß zwifchen Sohannes und Chriftus, nicht um» hin fonnen, für eine rein erdichtete, von dem Erzähler (d. h. wie wir vorausfegen, nicht vom Apoftel, fondern vom Heraus— geber des Evangeliums) aus dem Stegreif erfundene zu halten. „Prieſter und Leviten“ (fchon diefe altteftamentliche Formel hat etwas Verdächtiges, da fonft allenthalben zur Zeit Sefu nicht die „Leviten““, fonderndie „Schriftgelehrten“ e8 find, denen der— gleichen Gefchäfte übertragen zu werden pflegen) werden, während Sohannes lehrt und tauft, an ihn abgefandt, ihn zu befragen, wer er ſei. Hier nun fallen mehrere Fragen und Antworten, von denen wir im Vorhergehenden genugfam gezeigt zu haben mei- nen, wie wenig angemeffen fie diefer Situation, fo wie dem Charakter und der Denfweife des Johannes überhaupt find *). Bei dem entfcheidenden Ausfpruche, den der Täufer zuletzt giebt ***), fcheint dem Verfaſſer dafjelbe Wort vom Gegenfage der Waſſer- und der Geiftestaufe vorgefchwebt zu haben, wel- ches die andern Evangeliften dem Sohannes in den Mund le— gen +); allein ftatt der Hinweifung auf einen zukünftigen Mef- fias Spricht er hier von einem bereit3 in der Mitte feiner Hoͤ— rer flehenden Meffias. Am Tage darauf erblidt er Sefum auf fich zukommend; faft fcheint es, in der Abficht, fich taufen zu lafien, fo daß, was Sohannes hier fagt: Er fei das Lamm Gottes ++), auf ſich nehmend die Sünde der Welt, Er fei der von ihm als fein Höherer Bezeichnetez; er habe bisher Ihn nicht gekannt, aber der Beruf feines Thuns, feiner Waffertaufe fei N Als dem Täufer angehörig, Tann nämlich auch ich, wie jetzt die meiften Erffärer, nur die Worte B. 15 betrachten. Mit V. 16 nimmt der Evangelift wieder das Wort und fährt in feiner Betrachtung fort. **) Bd. 1, ©, 259, HER 2b, +) Mare. 1, 8 u. Parall. +r) Nach Jeſ. 53, 7, Vergl. Ap. Geſch. 8, 32. Evangelifche Erzählungen und Reden nach Sohannes. 195 fein anderer, als Ihn Israel zu offenbaren *), — daß, fagen wir, dies alle ald vor der Taufe oder im Augenblid der Taufe *) Die zweimal (V. 31. 33) vorkommenden Worte 01% Ydem avror, die in fo offenbarem Widerfpruche mit den (dem Berfaffer und dem Herausgeber diefes Evangeliums unbekannten) mythifchen Erzählune gen des Lukas ftehen, haben in diefem Zufammenhange den Zweck, das Wunderereigniß bei der Taufe um fo nahdrüdlicher Hervortreten zu, laſſen. Eine Beziehung auf die jüdiſche Erwartung einer Manifeftation des Meſſias erſt bei feiner Salbung durch Elias (Justio. dial. e. Tryph. 8), wie Bretfchneider will (Probabil. p. 13), kann ich darin nicht finden, und zwar hauptſächlich darum nicht, weil mir das an— gebliche Factum jener mythifhen Erwartung felbft fehr problemas tiſch erfheint. Zwar wird die Erwartung, daß der Meffias durch Elias gefalbt werden folle, in jenem Dialog noch einmal (cap. 49) aus dem Munde des Tryphon ausgeſprochen; aber dennoch bleibt es ungewiß, ob nicht der Berfaffer dieſes Dialogs, der, fei es nun Suftin oder ein anderer, jedenfalls dag Judenthum fehr, einfeitig von feinem heidengriftlihen Standpuncte aus kennt und beurtheilt, ſolche Erwartung vielmehr von dem Gefichtspuncte aus, daB Johannes der Elias und die Taufe Jefu eine Salbung zur Meffiaswürde fet, den Juden untergelegt habe. Solches Berfahren kann nad dem analogen, welches wir (Bd. L, ©. 205, Not. **)) in der Ayolpgie des Juſtin beobachteten, bei diefem Schriftfteller nicht befremden, um fo weniger, wenn wir die aud) fonft in jenem Dialog fir) kundge— bende Fahrläſſigkeit (fo 3. B. wird glei) an der zweiten ber ange— führten Stellen ftatt Maleachi, Zacharias als der Prophet genannt, der die Erfoheinung des Elias verfündigt habe), und Die untergeord— nete Rolle, welche dem Juden Tryphon zugetheilt wird, in Erwä— gung ziehen. Was uns aber. eben in diefem Puncte einen ſolchen Irrthum wahrfcheinfich macht, ift der Umftand, daß, während im N. T. jener Eliaserwartung fo vielfach Erwähnung geſchieht, dabei doch nirgends von einer ſolchen Salbung die Rede .ift, fondern die „Sal- bung” Chriftt zum König des Meffiasreiches immer, mit Nüd- bezug vielleicht auf Jeſ. 61, 1, auf Gott felbft zurüdgeführt wird (Ay. Geſch. 10, 38. Hebr. 1, 9). Und doch würde eine Erwähnung jener Salbung durch Elias dort um fo näher gelegen haben, je‘ auffalfender gerade diefe Erwartung durch die Taufhandlung in Er— füllung gegangen wäre, je ‚mehr mithin gerade dieſes Zuſammen— treffen zu einer Beftätigung der Ausfage, daß Johannes der Elias fei, Hätte dienen fönnen. — Oder wollte etwa die „mythifche Anficht“ fo weit gehen (was Strauß nicht gethan hat), das Factum ber Taufe Chriſti durch Johannes für einen aus jener mefflanifhen Er- wartung herhorgegangenen Mythus zu erflären: fo würde e8 dann nur um fo mehr befremden müffen, bei den Erzählungen von dieſer 13* 196 Sechſtes Bud. — ſelbſt geſagt zu verſtehen wäre. Dann werben freilich noch ei« nige Worte hinzugefuͤgt, welche ſich auf die bereits geſchehene Taufe beziehen, in denen Johannes die auch von den uͤbrigen Evangeliſten erzaͤhlte Viſion beim Taufacte (vergl. Buch IV, Nr. 1) als eine ihm ſelbſt gewordene Offenbarung verkuͤndigt, und darauf fein Zeugniß begründet, daß Sefus der Sohn Got- tes fei. Allein diefe Worte find von den vorhergehenden durch einen Zwifchenfaß abgetrennt, der es allerdings möglich macht, fie als gefagt zu anderer Zeit und unter andern Umftänden zu verftehen. — Daß aber Sohannes weder die einen noch die andern gefagt haben, daß er Jeſum weder während der Taufe noch unmittelbar nach derfelben, fondern nicht eher, als nach— dem der Erfolg, den Jeſu eigene Thätigkeit fand, ihn bewährt hatte, für den Meffias erkannt haben Fünne: auch dies haben wir in unfern vorhergehenden Büchern *) ausführlicher ausein« andergefeßt, ald daß wir hier darauf zurüczufommen brauchten. 3. Philippus, einer der Jünger des Herrn, fo eben erft von diefem zur Nachfolge aufgefordert, findet den Nathanael und fpricht zu ihm: „Von welchem Mofes im Gefeße ſchrieb und die Propheten, wir haben ihn gefunden: Jeſus, der Sohn Jo— ſephs, von Nazareth.’ Nathanael erwiederte: „Aus Nazareth, follte etwas Gutes kommen?“ Philippus heißt ihn mit fich fommen und felbft ſehen; Sefus aber, ald er den Nathanael fammen fieht, fpricht: ‚„‚Siehe da, ein wahrer Ssraelit, in wel— chem fein Falſch iſt!“ »Nathanael fragt ihn, woher er ihn fenne; worauf Sefus antwortet: „Ehe dir Philippus zurief, ald du unter dem Feigenbaum wareft, fah ich dich.” Darauf erwiedert Nathanael: „Rabbi, du bift der Sohn Gottes, du Begebenheit jener Erwartung nicht von fern gedarht zu fehen. Das gegen trägt namentlich die erfte der vorhin angeführten Stellen je= ‚ nes Dialogs gar auffallend ein Gepräge, welches ihre Abhängigkeit von der chriftlihen Anficht des Taufactes verräth. Kine Weiffa« gung: daß der Meffias felbft fi) nicht cher als folden erkennen folle, bis er durtch Elias gefalbt fei, ftimmt keineswegs zu dem fon« figen Charakter der jüdifchen Meffiaserwartungen, fondern ift faft offenbar erft demjenigen nachgebildet, was man über die Wirkung, welche die Zaufe auf Jeſum gehabt, in Erfahrung gebracht hatte. *") Bd. I, ©, 262 ff. Evangelifche Erzählungen und Reden nach Johannes. 197 biſt der König von Israel!“ Jeſus aber: „Weil ich dir fagte: ich fah dich unter dem Feigenbaum, glaubft du? Gros Beres als dies ſollſt du ſehen!“ Und er fügt hinzu: ,, Wahr: lich, wahrlic) ich fage euch, von jeßt an werdet ihr den Him— mel offen fehen, und die Engel auf- und abfleigen auf des Menfchen Sohn! ’’*) Troß der mehrfachen Unwahrfcheinlichfeiten, welche diefe Er» zaͤhlung, es Laßt fich nicht verfennen, einer Fritifchen Unterfuchung darbietet, hat diefelbe einen Hauch von Urfprünglichkeit, der fie uns wenigftens nicht ald ganz aus dem Stegreif erfunden, ja, in ihrem wabhrfcheinlih Acht apoftolifchen Urfprunge als das Borbild einer ahnlihen, in unferm Evangelium ihr voranges ſchickten Erzählung betrachten laßt **). Diefe andere wird von ‚dem Herausgeber des Cvangeliumd an das zuvor über Johan: ned Berichtete angefnüpft. Sohannes veranlaßt zwei feiner Jünger, die er auf den vorübergehenden Jeſus als das „Lamm Gottes ’’ aufmerffan macht, fih zu ihm zu gefellen. Jeſus fragt fie, was fie wollen; worauf jene ihn mit der Frage nad) feinem Aufenthalte antworten. Sefus heißt fie mit fich ges hen ***); jene thun es, und bleiben den Tag über bei ihm. Einer von ihnen war Andreas, der Bruder des Petrus, und zwifchen diefem und Petrus geht nun eine fehr ähnliche Scene vor, wie dort zwiſchen Philippus und Nathanaelz; nur daß Pe— trus noch fchneller folgt, und von Jeſus fogleih mit Nennung feines Namens und mit dem Bedeuten, daß er — Ke⸗ phas oder Petrus heißen ſolle, begrüßt wird +). Wie uns vereinbar diefe Erzählung mit der fynoptifchen von der Berus fung jenes Brüderpaares fei, hat man mit Recht bemerft. Es hilft nichtS, zu fagen, daß damals die nachherigen Jünger Jeſu noch nicht für immer gefolgt fein mögen; die Handlung des Namengebens beweift deutlih, daß der Meifter fie ſchon hier *) Cap. 1,8. 46 ff. **) Bergl. Bd, I, ©. 136. \ xxx) Die Worte Zoysode var idsrs könnten, bei dem myftifhen Zone, in welchem tie Scene gehalten ift, faft ausfehen wie eine Reminiscenz an das mehrmals wiederholte Zeyov zul ids im ſechſten Capitel der Apofalypfe. 7), B233f: 198 Sechſtes Bud. als die Seinigen behandelt. Nicht minder deutlich aber, als jener Widerfpruch, tritt, bei ihrer Verwandtſchaft mit der nach: folgenden Erzählung, für den aufmerkfamen Betrachter dies hervor, daß eine von beiden dad Vorbild ift, nach welcher der Erzähler dig andere geformt hat. Da aber nur die zweite, aber nicht auch Die erfte einen Gehalt von einiger Bedeutung hat, Die erfte aber durch jenen Widerfpruch, fo wie durch das Seltſame und Bes fremdende der Begrüßung, die Jeſus an Petrus richtet, ohne: hin verdächtig wird: ſo kann die Wahl zwifchen beiden wohl nicht zweifelhaft fein; um fo weniger, al$ bei der erften fich der Grund ihrer Einfehiebung fo deutlich kund giebt, namlich, wie ſchon anderwärtd bemerkt, der Vorrang, welchen die evangelifche Ueberlieferung jenem Brüderpaare in der Berufung durch Jeſus gegeben hatte. — Was aber die Glaubwürdigkeit der andern Anekdote betrifft: fo bat, daß Jeſus durch einen rafchen, fichern Blid den Charakter eines Solchen, der zu feinem Sünger fich eignete, herausfindet, an fich für uns eben fo wenig etwas Bes fremdendes, wie Das Ahnliche Greigniß, welches Lukas von der Begegnung mit dem Zachäus erzählt. Daß diefer Geiftesblid mit einem Zuge magifchen Hellfehens (anders nämlich läßt ſich das Grbliden unter dem Feigenbaume der Abficht des evangeli- [hen Erzählers zufolge wohl nicht deuten) verbunden erfcheint, ift freilich bedenklicher; noch bedenklicher die allzu ploͤtzliche Um— flimmung des Nathanael und feine Begrüßung des fo eben ihm noch vollig Unbekannten mit huldigenden Worten, und zwar mit fol: chen, deren fih, nach allem, was wir aus den Synoptifern wiffen, auch die Sünger nicht leicht, wenigftens nicht von vorn herein gegen Jeſus bedient haben. Auch die Worte, mit denen Philippus Jeſum dem Nathanael ankündigt, koͤnnen fchwerlic die Worte eines Juͤngers aus jener frühen Zeit fein, da ja über die Erfüllung der altteftamentlichen Weiffagungen in Sefu die Sänger erft nach feinem Zode, — bei feinem Leben höchftens jene drei Begün« ffigten auf dem Berklärungsberge (vergl. Buh IV, Nr. 43), und auch diefe kaum, — dad rechte Bewußtfein gewonnen ha: ben*). Solches Bewußtfein mag Sohannes, von der Macht der. neu von ihm gewonnenen, Sdee erfüllt, in die frühere Zeit FEBErB RUN RAN DT, 1 . Evangelifche Erzählungen und Neden nach Zohannes. 199 zurudigetragen haben. Gegen’ die Authentie der charafteriftifchen von Jeſus gefprochenen Schlußworte aber iſt nichts einzuwen⸗ den. Daß fie nicht im eigentlichen, fondern im fumbolifchen Sinne zu verftehen find, haben bereits ältere, übrigens wun— dergläubige Ausleger bemerkt. Dem Evangeliften waren fie vieleicht durch ihre Analogie mit den Vorftellungen der Logos: lehre von göttlichen Kräften oder Potenzen*), die um den Lo— 908 fi) verfammeln und in ihm zur geiftigen Einheit zuſam⸗ mengehen, ins Gedaͤchtniß zuruͤckgerufen worden. 4. Es war eine Hochzeit zu Kana in Galilaͤa; die Mut— ter Jeſu war dabei, und auch Jeſus und ſeine Juͤnger waren geladen. Als der Wein ausging, macht die Mutter Jeſum darauf aufmerkſam; er aber antwortet ihr: „Was habe ich mit dir zu thun, Weib? Noch kommt meine Stunde nicht!“ Darauf ſpricht ſeine Mutter zu den Dienern: „Was er euch ſagt, das thut!“ Nun ſtanden dort ſechs ſteinerne Waſſerge— faͤße, deren jedes zwei oder drei Eimer faßte; dieſe hieß Jeſus mit Waſſer fuͤllen. Sie fuͤllten ſie bis oben hinauf; darauf hieß er ſie ſchoͤpfen und das Geſchoͤpfte dem Vorſitzenden des Mahles bringen. Sie brachten es; der Vorſitzende koſtete und fchmedte, daß. es Wein warz da er nun nicht wußte, woher es war (nur die Diener wußten ed, welche gefchöpft hatten), fo rief er den Bräutigam und fprach zu ihm: „Jedermann fest zuerft den guten Wein auf, und wenn die Gäfte genug getrunfen haben, dann den geringeren; du, du haft den guten Wein bi jest zurücdbehalten !’/**) Auch bei diefer Wundererzählung, eben fo wie bei den in den fonoptifchen Evangelien berichteten, iſt e8 nicht unfere Ab— fißt, und nochmals auf die umftändliche Darlegung der innern und aͤußern Widerfprüche und der übrigen Umftände einzulafien, welche die Annahme ihrer thatfächlihen Wahrheit und unmög- lich machen. Unfer Beftreben Fann vielmehr nur darauf ges richtet fein, der unbeflimmten und gerade hier, wie gegen Strauß *) Öuvaucıs z. B. bei Philo; von dem wir übrigens barum nicht ber haupten wollen, daß Sohannes ihn ausdrücklich kannte und vor Augen hatte, ") Cap. 2, V. 1 ff. 200 Sechſtes Bud. euch von folhen Auslegern, die übrigens der „mythiſchen Anficht‘“ nicht abgeneigt find, bemerkt worden ift, in allen inneren und aͤußeren Beziehungen fo gut wie haltlofen Hypotheſe eines mythifchen Urfprungs gegenüber, die wahrſchein— liche Entftehung diefer fonderbaren Anekdote aufzufinden. — Hierzu nun giebt und den nächften Anhalt, aͤhnlich wie in manchen fy- ‚noptifchen Grzählungen, als deren Kern wir gleichfalls ein irgend einer gleichgültigen Perfon untergelegtes, praͤgnantes Wort er- fennen mußten, die Aeußerung, welche dem Arditriflinos in den Mund gelegt wird. Obgleich diefes Wort, wie die Erzählung bei unferm Evangeliften vorliegt, allerdings nur eine untergeordnete Stelle einnimmt, fo glauben wir doch nicht zu irren, wenn wir in ihm die eigentliche Spiße oder Pointe der Anekdote, und hiermit zugleich den Schlüffel zu ihrer Bedeutung im Ganzen erbliden. Es fieht und naͤmlich dafjelbe fehr darnach aus, als fei es nicht aus Irrthum über den aftgeber bei einem Fefte, fondern in ernftlicher Abficht über Chriftus und zwar von ihm felbft gefagt, in der Abficht, um eine Eigenthümlichkeit feines geiftigen Thuns im Ganzen, vielleicht auch feines Lehrverfahrens im Einzelnen auszudrüden. Wenn Sefus, zur Zeit etwa des unfcheinbaren Anfangs feiner Laufbahn, vielleicht auch in ausdrüdlichem Ge- genfaße gegen den Charakter und die Weiſe anderer Propheten *), auf den allmähligen, flufenweife fortfchreitenden Gehalt und Erfolg feines Unternehmens hinzuweifen fich veranlagt fah: fo konnte er dies fürwahr nicht bezeichnender thun, als in dieſem metaphorifchen Ausfpruche. Diefer aber bedurfte dann zu feiner Motivirung allerdings eines parabolifchen Zufammenhangs der Art, wie wir folchen nach mehrfachen bereit im Vorhergehenden uns aufgeftoßenen Analogien, auc in der gegenwärtigen Erzählung verborgen glauben dürfen. — Wie nun zwar die Erzählung vorliegt, ſo kann fie nicht unmittelbar in eine, vorausfäglich von Sefus er: zählte Parabel umgeſetzt werden. Es find vielmehr Umftände in fie aufgenommen, von welchen fi mit mehrerem Rechte vor: ausſetzen läßt, daß fie der Erzählung einer Parabel zum Anlaß dienten, als daß fie felbit einen Theil ſolcher Erzählung gebil: — — *) Kann fein, ſelbſt des Johannes, vergl. Joh. 5, 35. Evangelifche Erzählungen und Reden nach) Sohannes. 201 det haben follten. So gleich die chronologifche Beſtimmung, durch welche die Begebenheit, wie es wenigftens fo ſcheint ), in die Zeit vor der Ueberfiedelung Jeſu nach Kapernaum, ohne: hin vor dem eigentlichen Antritt feiner öffentlichen Laufbahn, gefeßt wird; fo ferner, was eng damit zufammenhängt, die Einfüh- rung der- Mutter Sefu und ihr Gefpräch mit ihrem Sohne. Dieſes Gefpräch nimmt fich in der Erzählung, wie fie vorliegt, fonderbar genug aus, indem Jeſus wegen der Zumuthung, ein Wunder zu thun, feine Mutter fchilt, und nachher daffelbe den« noch thut. Aber feine Verflehtung mit unferer Erzählung läßt fi) gar leicht begreifen, wenn wir annehmen, daß dem Evangeliften die Erinnerung vorfchwebte, wie Sefus, von den Seinigen aufgefordert, die außerordentlichen Gaben, welche man an ihm kannte, geltend zu machen, jene zwar in der Weife, wie hier berichtet wird *), zurecht wies, zugleich aber fein Ver— halten in einer parabolifchen Erzählung entfchuldigte; und daß ſolche Parabel es ift, welche die getrübte, zum Wunderglauben allenthalben fich hinneigende Ueberlieferung mit einer factifch von ihm verrichteten Wunderthat verwechfelt hat. Diefe An: 292212, ”r) Die Worte oirw jxsı 7 om mov beziehen ſich demnach, wie die neuern Erffärer fämmtlich, und ein Theil auch der alten es verftes ben, fo viel die hiftorifche Grundlage der Erzählung betrifft, unftreitig auf die Zeit zur Ausübung der Wunderkraft. Ob aber der Erzähs ler fie fo habe verftanden wiffen wollen, Täßt fih nichts defto wen'ger fragen, da wen fonft allenthalben bei ihm nur von der Zeit des Todes gefagt wird (Cap. 7, 6 f., wo nicht von biefer Zeit die Nede fein kann, heißt es nicht “ga, fondern »asgoe), und da Jeſus nach feiner Erzählung durch die That jener Auslegung feiner Worte widerfpricht. Ich bin daher geneigt, die Meinung an— derer Alten (3. B. des Auguftinus in feinen Tractaten über unfer Evangelium) für nicht verwerflih zu halten: es enthalte unfere gegenwärtige Stelle eine Borausbeziehung auf Cap. 19, 26, und Sefus wolle (nach der Abſicht des Evangeliften nämlich) andeuten, wie er mit feiner Mutter nicht eher, als in feiner Todesſtunde etwas zu Schaffen haben werde. Und zwar um fo mehr, da auch diefer Anfiht unfers Evangeliften eine hiftorifche Grundlage nicht fehlen würde, indem gar viele Spuren ber evangeliſchen Gefchichte dahin deuten, daß die Angehörigen Jeſu erft nach) feinem Tode feine Anhänger wurden. 202 Sechſtes Bud. nahme ſteht nit in Widerfpruch mit dem, was wir fonft von dem VBerhältniß Sefu zu feinen nächften Verwandten wiffen, während die Annahme eines Glaubens der, Maria an eine ſolche Wunderfraft ihres Sohnes, wie die bucftäblich ver— fiandene Erzählung fie vorausfest, zufammt der Annahme des wirklich gefchehenen Wunders allerdings dazu in Widerſpruch fichen würde. Daß jene Angehörigen ohne eigentlichen Glau— ben, ‚wie Chriftus ihn verlangt, doch eine hohe Meinung von feinen Gaben haben mochten, und daß fie diefe Gaben, waͤh— rend Sefus noch zügerte, öffentlich geltend gemacht zu fehen wünfchten: Davon hat fich in unferm Evangelium auch nod) eine andere Nachricht erhalten *).. Beide Nachrichten laſſen fih mit der Nachricht der Synoptifer, daß die wirkliche Lehr: und Wunderthätigkeit Sefu ihrer Erwartung keineswegs ent— fprach, fondern vielmehr die feltfamften Misverftandniffe erwedte‘*), gar wohl vereinigen, eben fo, wie man es an fich felbft nicht anders als wahrfcheinlich finden Fann, daß eine jo außerordent- liche Gabe ſchon vor ihrer öffentlichen Bethätigung im häusli- chen Kreile bemerft worden war und Aufſehen gemacht hatte. — Für die von uns vorausgefehte Parabel bleibt hiernach nur das MWundereigniß ſammt den dabei gewechfelten Worten übrig. Aber diefed beides genügt auch vollfommen, eine Parabel aus— zumachen, insbefondere wenn wir, wie dann am nächften liegt, annehmen, daß Sefus nicht perfonlich ſich darin einführte, fon- dern fich hinter der Perfon des „Braͤutigams“ verbarg, wie er ja auch anderwärts fich einen vurgprog nennt oder von An— dern fo genannt wird“*). Die fittliche Bedeutung des Wun— derereigniffes wurde in der Parabel felbft auf geiftreiche Weife durch die Worte des Architriflinos hervorgehoben, durch welche, wie nicht zu überfehen, der Schluß des Gleichniffes an feinen Anfang oder an feine Veranlaſſung geknüpft wird, indem eben fie recht eigentlih in der Abficht gefagt find, jene Zadler in Bezug auf die Erwartungen, die fie fih von Sefus machten, zur Geduld zu verweilen, und zugleich darauf hinzudeuten, wie Joh 7.3ff. *x) Marc. 3, 21 und Parall. x*ixx) Mare. 2, 19 und Parall. Joh. 3, 29. Evangeliſche Erzählungen und Neben nad) Sohannes. 203 eben dad, was ihnen im ungeweihten Sinne nur ald Waffer erſchien, fih am Schluffe des Mahles, welches der Herr be reitet hatte, ald der edelfte Wein erweilen werde: Daß die Erzählung in ihrer gegenwärtigen Geftalt nicht von dem Apoftel, fondern nur von dem Herausgeber des Evan— geliums herrühren koͤnne: darüber kann nach diefem allem für und Fein Zweifel fein. Aber auch davon, daß nur ein Theil oder Motiv derfelben fih in den ſchriftlichen Aufzeichnungen des Apoſtels vorgefunden habe, findet fich Feine fichere Spur; vielmehr trägt gerade der Achte Kern derfelben ein von dem fonft fo gleichmäßigen Charafter und Ton der johanneifchen Reden fehr verfchiedenes Gepräge. Die Anekdote fcheint fich in muͤndlicher Ueberlieferung. erhalten zu haben, und zwar in einer Ueberlieferung, die aus einer von den Quellen der ſynop⸗ tiſchen Ueberlieferung weſentlich verſchiedenen Quelle floß. Jeſus hat, falls die von uns vorgetragene Deutung der Parabel richtig iſt, dieſelbe noch vor ſeinem oͤffentlichen Auftreten, im haͤuslichen Kreiſe erzaͤhlt; die Erwaͤhnung der Juͤnger, welche nach unſerm Evangeliſten bei dem Feſte gegenwaͤrtig geweſen ſein ſollen, ſtammt wahrſcheinlich nur aus einer irrigen Reflexion des Letz— tern, der im Vorhergehenden die Berufung der erſten Juͤnger - an den Berkehr Jeſu mit dem Taͤufer geknuͤpft hatte ). Von jenem Kreiſe muß alſo auch dieſe Ueberlieferung ausgegangen ſein; und hiermit ſtimmt nun allerdings die Notiz, die wir von einer naͤhern perſoͤnlichen Bekanntſchaft des Apoſtels Johannes, namentlich mit der Mutter des Herrn, erhalten**), ganz wohl zufammenz indem durch Sohannes denn doch wohl diefe Ueber- lieferung an den Herausgeber unferd Evangeliums gefommen * Es ſei erlaubt, noch beſonders auf die Unwahrſcheinlichkeit, ja Undenkbarkeit aufmerkſam zu machen, welche darin liegt, daß „am dritten Tage“, nachdem Jeſus in einer entfernten Gegend jene Jünger ſich beigeſellt, dieſelben ſchon als die Seinigen mit ihm auf eine Hochzeit, nicht einmal an ſeinem bisherigen Aufenthaltsorte, ſondern an einem fremden, geladen werden. *x) Joh. 19, 26 enthält freilich nicht eine factiſch richtige Notiz über den Grund dieſes VBerhältniffes (vergl. Bdor I, ©. 463), aber doch eine folhe, die dag Verhältniß felbft als beftanden habend voraus— feßt, und infofern nicht ganz aus der Luft gegriffen fein Tann, 204 Sechſtes Bud. fein wird. Der Evangelift benugte die, in berfelben Weife, wie wir es öfter bei den Synoptifern finden, von ihm misver- ftandene Erzählung, um, feiner Denfweife zufolge, welche den Erfolg, den Sefus gefunden hatte, nur aus feinen Wundern abzuleiten wußte, ihn feine Laufbahn in Galilda mit einem recht auffallenden Mirafel eröffnen zu laffen. I. Es war ein Mann unter den Pharifaern, Namens Nikodemus, einer der Bornehmften unter den Suden. Diefer fam einft des Nachts zu Sefus und ſprach: „Rabbi, wir wiffen, daß du, ein von Gott gefandter Meifter, Famftl. Denn Niemand kann die Zeichen thun, die du thuft, wenn nicht Gott mit ihm iſt.“ Sefus antwortete ihm: „Wahrlich, wahrlich ich fage dir, wird einer nicht von neuem geboren, fo kann er das Reich Gottes nicht ſchauen!“ Da fragte Nifodemus: „Wie kann ein Menfch geboren werden, wenn er alt ift? Kann er etwa in den Leib feiner Mutter noch einmal eingehen und ſich gebären laſſen?“ Sefus antwortete: ‚„„Wahrlich, wahrlich ich fage dir, wird einer nicht aus Waffer und Geift geboren, fo kann er nicht in das Reich Gottes fommen! Was aus dem Fleifch geboren wird, ift Sleifh, und was aus’ dem Geift geboren wird, ift Geift. Wundere dich nicht, wenn ich Dir fagte, ihr müßt von neuem geboren werden! Der Wind, er weht, wo er will; feine Stim— me horft du, aber du weißt nicht, woher er fommt und wohin er geht. So jeder, der aus dem Geifte geboren wird!“ Niko— demus erwiederter „Wie kann dies geſchehen?“ und Sefus darauf: „Du bift der Lehrer von Israel, und fiehft das nicht ein? Wahrlih, wahrlich ich fage dir, was wir wiffen, reden wir, und was wir gefehen haben, bezeugen wir, und ihr nehmt unfer Zeugniß nicht an. Wenn ich euch Srdifches fagte, und ihr glaubt nicht, wie wollt ihr, wenn ich euch Himmlifches fage, glauben? Niemand ift in den Himmel hinangeftiegen, als nur, der vom Himmel herabfam, der Sohn des Menfchen, er, der in dem Himmel ift. Und wie Mofes die Schlange in der Wüfte emporhob, fo muß des Menfchen Sohn emporgehoben werden, damit, wer an ihn glaubt, nicht untergehe, fondern ewiges Leben habe. So naͤmlich liebte Gott die Welt, daß er feinen Sohn, den eingeborenen, gab, damit, wer an ihn Evangelifche Erzählungen und Reden nad) Sohannes. 205 glaubt, nicht untergehe, fondern ewiges Leben habe. Nicht namlich fandte Gott feinen Sohn in die Welt, die Welt zu richten, fondern der Welt Heil zu bringen. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet, wer aber nicht glaubt, ift fhon gerichtet; eben dadurch, daß er nicht glauben wollte an den Namen des eingeborenen Gottesfohnes. Eben dies aber ift das Gericht, daß das Licht in die Welt Fam, und die Menfchen das Dun: fel mehr liebten als das Licht, weil ihre Werke böfe waren. Mer namlich Uebles thut, haft das Licht und kommt nicht zum Licht, Damit feine Werke nicht geprüft werden. Wer aber die Wahrheit thut, kommt and Licht, damit feine Werke offene bar werden, daß fie in Gott gefhan find.‘’*) Diefes Gefpräch ift unftreitig eines der intereffanteften und für den VBerfaffer diefer Aufzeichnungen charafteriftifchften von allen, die wir bei Sohannes aufgezeichnet finden. Daß es in Bezug auf feine Authentie als von Sefus felbft gefprochenes nicht in gleicher Reihe mit den. fynoptifchen ftehen Fann, dies erhellt fchon aus Außeren Gründen. Sene führen fi auf eine oder. die andere Weife durchgehends zuleßt auf Augen- und Ohrenzeugen zuruͤck; hier aber wird ein, nach allen Umftänden zu Schließen, einfames Geſpraͤch zwifchen Sefus und einem Fremden berichtet, ein Gefpräch, von welchem, wenn man auch immerhin annehmen mag, daß der eine Theilnehmer feinen Ins halt wieder erzählte (von Sefus folches anzunehmen, verbietet der Zon, in welchem wir ihn fonft mit den Süngern fprechen hören), es doch jedenfalls eine unzuläffige Vorausſetzung wäre, wenn man die gefprochenen Wechfelreden mit wortlicher Treue fo durch mehrere Hände gehen laffen wollte. Auch flimmen, was den Inhalt felbft betrifft, jest wohl alle Auöleger dahin überein, daß derfelbe Feineswegs fo bündig in fich felbft zuſam— menhängt, daß nicht wenigftens Lüden und Weglaffungen in dem Gefpräh anzunehmen wären. Es dürfte vielmehr die allerdings nicht ganz hinwegzuläugnende Incongruenz derſelben mit dem übrigen Geſpraͤch, fo wie auch die andern Incongrus enzen ded ganzen Geſpraͤchs auf Rechnung der johanneifchen Darftellungöweife zu fchreiben fein, welche, fo geiftvoll und *) Cap. 3, B.1 ff. 206 Sechſtes Bud. tieffinnig fie iſt, Doch eines fireng logiſchen Zuſammenhangs und der daraus hervorgehenden Schärfe des Ausdrucks faft als Ienthalben entbehrt. — Hiermit find wir darauf zurüdges führt, auch in diefem Gefpräch die charafteriftifche Eigenthuͤm— lichkeit vielmehr deffen, der es niederfchrieb, als deſſen, ber redend darin eingeführt wird, wiederzuerfennen, Manche find fogar fo weit gegangen, den gefammten Schluß des Geſpraͤchs, die zufammenhängende Nede von den Worten (B. 16) an: „So nämlich liebte Gott die Welt“ u. ſ. w., ald nicht mehr zu dem Gefpräch gehörend, fondern als eine Zwifchenrede des GEvangeliften zu betrachten, Dies ſchien um fo mehr für ſich zu haben, als in demfelben Gapitel noch einmal der Fall vor: fommt, wo man eben fo zu urtheilen verfuht wird. Wir meinen die von uns fihon in einem frühern Zufammenhange erwähnte angebliche Nede des Taufers, in welcher auf das Bekenntniß feiner Unterordnung unter Chriftus die Worte fol- gen, die wir aus einem fogleich zu erwähnenden Grunde hier volftändig anführen wollen. „Der von oben fommt, ift über allem. Der von der Erde ift, ift von der Erde und fpricht von der Erde; der vom Himmel fommt, ift über allem, und was er gefehen und gehört hat, davon zeugt er, und fein Zeugs niß nimmt Niemand an, Wer fein Zeugniß annimmt, der bes fiegelt, daß Gott wahrhaftig ift. Den nämlich Gott abfandte, der redet Gottes Worte, denn nicht nach einem Maße giebt Gott den Geift*). Der Vater liebt. den Sohn und hat alles in feine Hand gegeben. Wer an den Sohn glaubt, hat ewi— ges Leben; wer aber dem Sohne nicht folgt, wird Fein Leben fehen, fondern der Zorn Gottes bleibt über ihm.’’*), — Wir haben diefe Worte darum hier angeführt, weil wir glauben, daß bei ihrer Leſung Jedem die offenbare Verwandtfchaft ihres Sinnes zu dem Inhalte des vorliegenden Gefprächs auffallen und ihn zur Einftimmung in unfere ſchon oben (Bud III, ©. 407) angedeutete Anficht treiben wird, die wir hier nochmals auf das beftimmtefte auszufprechen Fein Bedenken tragen, daß auch *) Sollte vielleicht diefe fonderbar ausgebrüdte Sentenz eine Erinne- rung an die Parabel Matth. 20, 1 ff. enthalten ? 2*) B 31 ff. Evangeliſche Erzählungen und Reden nach Sohanned. 207 fie noch ohne allen Zweifel von dem Apoftel in ununterbroche- nem Zufammenhange mit dem vorſtehenden Gefpräch niederge- fhrieben, von dem Herausgeber des Evangeliums aber will- fürlich davon losgeriffen und, ald Worte des Täufers, in eine erdichtete Erzählung von Letzterem, in die fie ganz und gar nicht paffen, eingefügt find. — Falt nun aber für diefe Worte, bei denen jene Annahme ſchon wegen der übeln Confequenzen, denen nicht zu entgehen ift, wenn man fie als von dem Apoftel dem Täufer untergelegt betrachtet (vergl. oben Buch I, ©. 107), doch viel dringlicher erfcheinen würde, nach unferer Erklärung die Nothwendigkeit der Annahme weg, daß der Evangelift fie . nicht für Worte des redend Eingeführten, fondern für feine eigenen geben wolle: fo Fonnen wir auch in Bezug auf die hier zunächft vorliegende Stelle folche Nothwendigfeit nicht an— erfennen. » E35. handelt fih alfo im gegenwärtigen Falle, wie in allen ähnlichen, wefentlich nur darum, ausfindig zu machen, welche Grundgedanken des Gefprähs in Wahrheit nicht blos den Evangeliften, fondern Sefu felbft angehören mögen. Das eigentliche Grundthema bildet offenbar der wichtige Begriff einer geiftigen Wiedergeburt als unumgänglicher Bedin- gung der Seligkeit. Für diefen Begriff ift vorliegendes Ges fpräch Die eigentlich claffifche Stelle, ja die einzige in ſaͤmmt— lichen vier Evangelien, wo derſelbe ausdrüdlich mit dieſem Worte ‚bezeichnet wird. Es ift daher allerdings von Intereſſe, nachzufragen, in wiefern wir berechtigt find, diefen Begriff, und, was im. vorliegenden Falle kaum von dem Begriffe ge- trennt werden kann, diefen Ausdruck auf Sefus felbft zurüdzus führen. — Bei diefer Unterfuchung verdient ein Umftand wer nigftend Erwähnung, von dem freilich noch problematifch bleibt, wie viel Beweiskraft für das Nefultat, welches wir fuchen, wir ihm beimeffen dürfen. Der Apologet und Märtyrer Juſti— nus, in deſſen Schriften fich fonft fo gut wie Feine Spuren, wenigftend Feine unzweideutigen, einer Kenntniß und Benutzung unſers vierten Evangeliumd finden, erwähnt, allerdingd zwar mit Worten, welche den bei Sohannes vorliegenden nahe genug ı fommen, um, gleich andern Gitaten dieſes Schriftftellers-, für frei aus dem Gedaͤchtniß nah unferer Stelle citirt gelten zu fonnen, und in einer Verbindung, die gleichfalls an die unfrige 208 | Sechſtes Bud). erinnert, den Ausfpruch Chrifti, Daß man, um in das Himmel- reich zu gelangen, neu geboren werden müffe *) Zwei fehr ähnliche Stellen, mit nody ausdrüdlicherm Bezug auf die Taufe jedoch, finden fich in den, zwar ſchwerlich aͤchten, aber jeden- falls fehr alten Schriften, welhe den Namen des Clemens Romanus tragen**), von denen es gleichfalls zweifelhaft ift, *) Justin. Mart. Apolog. I, p. 79 seq. Die Worte find bei Juftin: av um avaysvynünts, o® un &iotlönts sis ıyv PBaoıksiav züv orgavomv, während fie bei Sohanneg lauten: &av um rıs yevyndn erwdev, 0v Övvaraı ldriv ı7v Pacık:iav too Ysov, (Beiläufig kann bemerft werden, daß. diefe Zufammenftellung, insbefondere wenn man den Sobannes für die Duelle Zuftins Haft, entfcheidend ift dafür, das yearındyvaı avwdev, als: von neuem geboren werben, wiedergeboren werden, zu verftehen, — alfo aruder wie Apoftel- gefhichte 26, 5. Sal. A, 9, — nicht, wie manche Ausleger, „von oben, vom Himmel geboren werden.”) Die Veränderung des Aus— drucks Baoılsin Tod Heov IN Aaoıkeim zov ovgarcw ertlärt ſich aus der Anfchliegung des Juſtin an den Sprahgebraud des Mat- thäus, den er unftreitig von unfern Evangeliften am meiften bes nußt hat, und auch die übrigen Abweichungen find nicht bedeutend genug, um mit Nothiwendigfeit auf die Annahme hinzuführen, daß Juſtinus aus einer andern Quelle fhöpfte, — Was aber die Verbin- dung betrifft: fo bringt dort Juftin den Einwurf, den hier Nikode— mus macht, in feiner eigenen Perfon, in der Abficht nämlih, um zu zeigen, daß die Wiedergeburt, von der es fich dort handle, nur eine geiftige fein fünne; was bei Johannes Jeſus nachher ausdrück— lich beifügt, von welcher Beifügung aber Zuftin nichts gewußt zu has ben fiheint. Ferner wird die Stelle dort bei Gelegenheit des Sa— eramentes der Taufe angeführt, auf die auch in unferer Stelle ans gefptelt wird. . **) Recognit. VI, 9. p. 551 ed. Cleric. nnd Homil. XI, 26, p- 698. Merkwürdig, daß beide Stellen nicht nur (die leßtere) das avaysvyyöntez fondern auch den Ausdruck Baoılsia zuv ovparuv (regnum coelorum) mit der Juftinifchen gentein haben, was hier allerdings auf eine Unabhängigkeit von Johannes ſchließen zu Lafe fen ſcheint. — Eine andere merkwürdige Spur davon, daß Johan nes in diefem Geſpräch anderweit befannte Aeußerungen des Herrn vor Augen hatte, aber fie in einen felbfterfundenen Zufammen- hang hinein verarbeitete, findet fih in dem Briefe des Ignatius an die Philadelphener. Dort wird (e. 7. p. 32) von dem nvedun ge- nau mit denfelben Worten, die hier Jeſus (V. 8) braucht, gefagt: oidev nodv Foysraı xal rov vraysı, — mit dem Zufaß: al ro »gurra Ehkyysu. Diefe Sentenz hat keineswegs das Anfehen, nad Evangeliſche Erzaͤhlungen und Reden nach Johannes. 209 ob ſie unſer Johannesevangelium kannten. Hiernach ergiebt ſich wenigſtens die Moͤglichkeit, vielleicht ſelbſt eine nicht ganz unbedeutende Wahrſcheinlichkeit, daß jener Ausſpruch auch un— abhaͤngig von dem durch Johannes erzaͤhlten Geſpraͤch uͤberlie— fert war; neben den innern Gründen auch ein aͤußerer für die Authentie deſſelben. — Was naͤmlich die Sache ſelbſt betrifft, ſo ſind Ausdruck und Vorſtellung einer zweiten Geburt, einer Geburt aus dem Geiſte ſo ſchlagende, ſo ſehr den innerſten Mit— telpunct jener Umwandlung, die nach der Lehre und dem Vor— gang Chriſti in der Seele des Menſchen vorgehen ſoll, treffende und faſſende, daß nicht nur ihre Erfindung als des goͤttlichen Meiſters durchaus wuͤrdig erſcheint, ſondern daß man auch ſchwer begreifen wuͤrde, wie ſie, ohne auf eine Weiſe Epoche zu machen, die ſich noch in anderweiten Spuren beurkunden muͤßte, erſt unter den Juͤngern ſollten hervorgetreten ſein. — Zwar hat man mehrfach darnach getrachtet, die Wichtigkeit dieſes großen Wortes dadurch zu verringern, daß man die Vor— ſtellung einer zweiten geiſtigen Geburt als vorkommend in relis gioͤſen Begriffsſyſtemen ſchon einer fruͤhern Zeit aufzeigte. Doch iſt, was die Juden betrifft, dies eigentlich nicht gelungen; dem. Alten Zeftamente ift Begriff und Ausdrud einer in dem Indi— piduum als folchem erfolgenden zweiten Geburt*) fremd, und von den talmudifchen und Eabbaliftifchen Lehren, die ähnliche Ausdrüde kennen, laßt fich nicht beweifen, daß fie in Diefe frühe Zeit heranreichen und ohne Einfluß des Chriftenthums entftanden find. Dagegen finden ſich allerdings in andern mor— genlandifchen Religionen verwandte Vorftelungen; am auffal: der unfrigen gebildet zu fein; wohl aber läßt fich umgefehrt an- nehmen, daß bie unfrige mit einer nicht allgufern liegenden Wen— dung (welche der antiochenifche Bifchof unftreitig auch der johan- neifhen Schufe verdanfte) fener in der Weife des Apoftels frei nachgebildet if. *) Was nämlih im Alten Teftamente dem neuteftamentlichen Be— griffe der „neuen Schöpfung” (zuwn xrioıs) entfpricht, und auf die Bildung und Feſtſtellung deffelben im apoftolifchen Zeitalter allerdings nicht ohne Einfluß war: das ift der Begriff des Meſſias— zeiches, deraber dort nicht in dem Einzelnen als Einzelnem, fondern in dem Ganzen eintreten fol, UNS 14 210 Sechſtes Bud. lendſten vielleicht die indifche von der zweiten Geburt des Bra— manen. Aber in jener Umgebung, in der es Jeſus ausſprach, war das Wort jedenfalls ein noch unausgefprochenes; es war ein von feinem Urheber gewiß aus Feiner andern, ald aus ber tiefften Quelle des Geiftes gefchöpftes. Was damit ausgefpro- chen werden foll, ift im eigentlichften und frengften Sinne zu nehmen, ‘der hier überhaupt möglich ift. Jeſus behauptet eine wirkliche WVerfchiedenheit der geiftigen Subftanz in dem Mens fhen, den er einen wiedergeborenen nennt, von dem äußeren, blos natürlichen Menfchen. Sener ift, wie wir nach unferer heutigen Philofophie es ausdrüden würden, von der Subftanz des abfoluten, der natürliche Menfch aber von der Sub— ftanz des endlichen Geiftes; von jenem gilt daher, was im Drologe gefagt war, daß er fich unter die Kinder Gottes reiht, von denen es ja auch dort hieß, daß fie nicht aus dem Fleiſch, fondern aus dem Geifte geboren find. Ueber die Art und Weife, über den Hergang dieſer Gebint in den einzelnen Menfchen wird hier noch nichts Näheres beftimmt. Daß diefelbe freilich mehr als ein bloßer Act der Willfhr des natürlichen Menfchen ift, Daß es zu ihr außer dem Willen defjen, der wiedergeboren werden foll, auch) einer ausdrüdlichen, entgegenfommenden Thaͤ— tigkeit Gottes bedarf: dies ift in anderweiten Lehrausfprüchen Sefu enthalten, und wird hier durch das weiterhin über die Menfch- werbung des göttlichen Sohnes Beigefügte gleichfalls angedeutet. Was nun freilich dieſe Anfnüpfung der zufammenhängen- den Rede über die Menfchwerdung des Sohnes an das Vor— hergehende betrifft: fo trägt diefelbe dergeftalt den Stempel der eigenen Denk- und Redeweiſe des Sohannes, daß, ob irgend eine der Wendungen, die wir hier finden, Chrifto felbft ange- höre, faft mehr noch als problematifch bleibt. Für fich allein ges nommen zwar liegt der Gedanke jener Menfchwerdung unftreie tig -fehon in der oben angeführten fonoptifchen Nede über die Sohnſchaft Chrifti zum ewigen Vater, Aber ob Sefus ihn mit der von ihm an die Menfchen geftellten Forderung einer geifti- gen Wiedergeburt in der Weife, wie hier (übrigens auch mit Ueberfpringung der Mittelglieder) gefchieht, ausdrüdlich zuſam— mengebracht habe: dies wird durch das Vorliegende Feineswegs hinlänglich verbürgt. Es fcheint vielmehr foldhes Zufammen- ® ) Evangeliſche Erzählungen und Reden nad) Iohannes. 211 bringen jener ausdruͤcklich theoretifhen Richtung anzugehören, über welche das yperfonlihe Thun Sefu durchgängig erhaben war; welche vielmehr ausdrüdlich erſt feinen Juͤngern vorbe— halten blieb. Aehnliches gilt von den gleichfalld jenen ſynop— tifchen Ausſpruch anflingenden, aber in ihrer hier vorliegenden Geftalt viel zu fehr das Gepräge der Neflerion tragenden Worten über die himmlifche Natur und Würde Jeſu; ferner von der Andeutung des Kreuzestodes und dem abfichtlich in Diefelbe hineingelegten Doppelfinn; ganz beſonders aber von der Art und Weife, wie die Seligkeit von dem Glauben an Chriftus abhängig gemacht und fomit diefer Glaube ftilfchweigend mit der geiftigen Wiedergeburt identificirt wird. Diefe dem Glau— ben, der in diefem Zufammenhange doch zunaͤchſt als Ge: fhichtsglaube an den hiftorifchen Chriftus verftanden werden muß, beigemeffene Kraft würde fogar dem eigenen Aus- fpruhe des Sohannes im Prolog widerfprehen, wo von Kindern Gottes fehon vor Chriftus die Nede ift, wenn nicht der Evangelift, wie es fcheint abfichtlich, namentlich gegen den Schluß hin, einen umfaffendern Sinn in feine Worte herein- fpielen ließe, nach welchem allerdings zu fagen tft, daß, was bier „der Sohn“ genannt wird, ganz eben fo, wie dort der „Logos,“ an den auch ausdrüdlich die hier gebrauchten Worte erinnern, fchon vor der Menfchwerdung in der Perfon Sefu als in der Welt feiend gedacht werden Fann und gedacht werden muß; fo daß, was hier Glaube heißt, als eines und dafjelbe mit dem, was dort als ‚‚Aufnehmen des Logos“ bee zeichnet ward, zu verftehen ift. — Die Wiedergeburt wird eine Geburt nicht blos aus dem Geifte, fondern zugleich aus dem Waſſer genannt. Sollte auch diefed Wort für ein von Chri- ftus felbft gefprochenes anerkannt werden: fo würden wir dann jedenfalld denjenigen Erklärern beipflichten, welche es nicht, wie ſolches freilich zunächft ſich Darbietet, unmittelbar auf das riftliche Sacrament der Zaufe, fondern auf die auch vor Ein- feßung diefes Sacramentes durch die jüdifchen Ablutionsge: brauche, und noch neuerlich durch die Sohannestaufe ausgefpro- chene Idee beziehen, aus welcher unftreitig auch das Sacra— ment hervorgegangen ift. Aber das Wahrfcheinlichere iſt, Daß auch Diefer Zufak entweder dem Apoftel, oder vielleicht auch erft 14* 212 Sechſtes Bud. bem Herausgeber des Evangeliums angehört, von denen der eime oder der andere, wenn er auch nicht der Nede des Mei: ſters ausdruͤcklich den Bezug auf das Sacrament unterlegen wollte, doch feinerfeit® durch den Gedanken an daffelbe auf diefen Ausdrud geführt werden fonnte. Es druͤckt fich darin die Beziehung aus, in welche bereit3 die apoftolifche Kirche zum Begriffe der Wiedergeburt oder der neuen Schöpfung das Sacrament der Taufe feßte, welches bald als die unentbehr- liche Bedingung für folhe Wiedergeburt und für den Gewinn des wahren Glaubens betrachtet zu werden anfing. Hinfihtlich der Außerlichen Umftände in der Erzählung diefes Gefprächs kann noch bemerkt werden, daß die Verfekung deffelben nach Serufalem leicht nicht dem urfprünglichen Be: richte des Sohannes, fondern der fpätern Ueberarbeitung des Evangeliums angehören kann, welcher wir die Erdichtung der wieder- holten Seftreifen Sefu zuzufchreiben nicht umhin fonnen. Es hindert nichts, von Nikodemus anzunehmen, daß er zu jenen Schriftgelehrten gehörte, von denen ja auch die Synoptifer zu erzählen wiffen, daß fie, um Jeſum zu hören, von Serufalem nach Galilaͤa kamen. Mebrigend wird derfelbe nicht in der hier vorliegenden Erzählung, fondern erft an fpäteren Stellen unferd Evange— ums *) als wirklicher Anhänger Sefu bezeichnet. : Da nun diefe in der Nedaction des Evangeliums -Leicht aus dem Ruͤck— bli® auf die vorliegende entjtanden fein fonnen: fo erweift ſich der Verdacht ald grundlos, als ob die Perfon des Nifodemus nur dem verherrlichenden Streben der Sage, dem Meifter auch vornehme Seraeliten zu Anhängern zu geben, ihren Urſprung zu danken habe *). 6. Bei ſeinem Durchzuge durch Samaria kommt Jeſus eo ⏑—— =) Strauß, der dieſen Verdacht ausſpricht, äußert zugleich (L. J. I, ©. 634) die Vermuthung, ſelbſt der Name Nikodemus ſei be— deutſam gebildet, um die Erhebung über das gemeine Volk auszu⸗ drücken, welchem die Mehrzahl der Anhänger Jeſu angehörte, Aber wir begegnen diefem allerdings helleniftifch gebildeten Namen auch fonft in der israelitiſchen Gefhichte jener Zeit; fo 3. B. heißt ſo der Geſandte, den Ariftobulus an Pompejus ſchickte. Jos. antig. XIV, 3, ° Evangelifihe Erzählungen und Reden nach Sohannes. 213 in eine Stadt, Namens Sichar (gleichbedeutend, wie man vor- ausfest, mit dem befannteren Sihem). Dort feßt er, von der Reife ermüdet, um die Mittagsſtunde fich an einem Brunnen nieder, welchen die Sage als herrührend won Safob, der diefen Landftrich feinem Sohne Sofeph zum Erbtheil gegeben, bezeich: nete*). Da fieht er eine Samariterin kommen; er heißt fie ihm zu trinken geben; feine Jünger nämlich waren in die Stadt gegangen, Nahrungsmittel einzukaufen. Die Samariterin zeigt fich verwundert, wie er, als ein Jude, die doch fonft mit den Samaritern feinen Umgang pflegen, ſolchen Dienft von ihr begehre. Da fpricht Iefus zu ihr: „Kennteſt du die Gabe Gottes, und wer es ift, der von dir zu frinfen begehrt: fo würdeft du ihn bitten, und er dir lebendiges Waſſer geben.‘ Die Frau antwortet: „Herr, du haft Fein Gefäß zum fehöpfen, und der Brunnen ift tief; woher denn hätteft du das Waſſer, das Lebendige? Bift du etwa größer, als unfer Vater Jakob, der und den Brunnen gab, und felbft aus ihm trank mit feinen Kindern und feinen Heerden?“ Jeſus erwiedert: „Jeder, der von dieſem Waſſer trinkt, wird wiederum dürften. Wer aber von dem Waffer. trinkt, das ich ihm geben will: der wird nicht wieder dürften in alle Ewigkeit, fondern das Waffer, das ich ihm gebe, wird in ihm Quell eines Wafferd werden, das in ein ewiges Leben ſpringt.“ Darauf fagt die Frau: „Herr, gieb mir diefes Wafler, Damit ich nicht mehr dürfte, noch zu fchöpfen hierher Fomme!”’ Da heißt Sefus fie gehen, ihren Mann rufen und mit ihm zurüdfommen; die Frau fagt, fie habe feinen Mann, worauf Jeſus erwiedert: dies habe fie richtig gefagtz fünf Männer habe fie gehabt, den fie aber jest habe, fei nicht ihr Mann. Da fpricht die Frau: „Herr, ich fehbe, du bift ein Prophet! Unfere Väter pflegten auf diefem Berge**) zu beten, und ihr, ihr fagt, zu Ierufalem fei der Dit, wo man beten fol’ Worauf Sefus: ‚Weib, glaube mir, es fommt die Zeit, wo weder auf diefem Berge, noch in Serufa- lem ihr zum Vater beten werdet. Ihr, ihr betet, und wißt “) 1.Mof, 48,22, Yeral. 33,19. *#) Dem Berge Garizim bei Sichem, wo früher der zur Zeit Jefu freilich bereits zerftörte Tempel ſtand. ’ 214 Sechſtes Bud. nicht, was ihr betet, wir, wir wiffen, was wir beten, denn das Heil ift von den Zuden. Aber fie fommt, die Zeit, ja fie ift Schon jeßt, wo die wahren Beter zum Vater in Geifl und Wahrheit beten werden; denn folche Beter verlangt der Vater. Geift ift Gott, und die zu ihm beten, in Geift und Wahrheit follen fie beten.” Da fol die Frau ihr Vertrauen auf bie Zukunft eines Meſſias ausgefprochen haben, der ihnen dieſes alles auseinanderfeßen werde; Sefus aber fol ihr mit den Morten geantwortet haben: „Ich bin es, ich, der mit dir redet.” Darauf, heißt es, feien die Jünger zurücgefommen, und, obgleich verwundert, ihn mit einer Frau fich unterhalten zu fehen, haben fie doch nicht gewagt, über den Inhalt ihres Gefprächs ihn zu befragen. Die Samariterin aber habe ihren Eimer ftehen laſſen, fei in die Stadt zurücgelaufen und habe dureh ihre Erzählung große Aufmerkſamkeit unter ihren Lands— leuten erwect, unter denen Viele Sefum für den Gefalbten de3 Herrn erkennen lernten). Ausdrädlicher noch, als das vorige, Fündigt diefes Ge— fpräch fi) als ein folches an, welches Feine fremden Ohrenzeu: gen hatte, bei welchem mithin auch Feine wörtlihe Treue der Veberlieferung vorauszufegen iſt. Dagegen hat hier die Kritik einen allerdings wahrfcheinlichen Anlaß zur Aufzeichnung dieſes Geſpraͤchs aufgefunden, namlich, den in der Apoftelgefchichte erzählten Erfolg, welchen in ziemlich früher Zeit nad dem Tode des Heren die Predigt des Evangeliums in Samaria hatte. Sch glaube um fo mehr diefer Vermuthung beiftimmen zu müffen, ald unter den damald nach Samaria Abgefandten ausdrüdlich der Apoftel Sohannes erwähnt wird *), und als jene Begebenheit felbft in unmittelbarem Zufammenhange mit der Berläugnung des Serufalemifhen Tempels fteht, welche den Tod des Stephanus und die Verfolgung der Gemeinde zu Zerufalem zur Folge hatte***). Aus ihr jedoch folgt Feineswegs, daß die ganze Begebenheit erdichtet fei. Se mehr gerade durd) fie ein Anknuͤpfungspunct für die Authentie der Verfafferfchaft *) Cap 4, B5 fl. **) Apoftelgefh. 8, 14. **x) Ebendaſelbſt Cap. 6, 14. Cap. 7, 48 ff. Evangelifche Erzählungen und Neden nad; Sohannes. 215 des Apoftel gegeben wird, um fo weniger koͤnnen wir umhin, einen wirklich gefchehenen Vorfall ald zum Grunde liegend anzunehmen. Wahrfcheinlich jedoch ift diefer Vorfall in eine fpätere Zeit zu fegen, ald in die er, wenn die Anordnung uns ſers Evangeliſten fich richtig verhielte, fallen würde; denn bei der Ungeneigtheit Sefu, den Samaritern ausdrüdlich das Evan: gelium zu predigen*), it fchwerlich vorauszufegen, daß er eher, als bei feiner legten Neife, ihr Rand betreten hat. Die zwei prägnanteften Ausfprüche in den Reden Sefu zu der Sama- riterin, die Bezeichnung feiner Lehre als eines lebendigen, den Duft auf ewig fiilenden Waffers**), und die Verkündigung einer Zeit, wo die Verehrung Gottes nicht mehr auf einen volfsthümlichen Cultus befchränft, fondern eine Verehrung im Geift und in der Wahrheit fein wird, tragen, wenn irgend etwas, den Stempel der Xechtheit, wiewohl es fehr möglich it, daß fie in anderm Zufammenhange, als hier, gefagt waren. Auh daß Jeſus auf ungewöhnliche Art den Charakter und die Verhältniffe des Weibes durchſchaut, und dadurch ihre Auf: merkfamfeit erregt habe, kann feine Nichtigkeit haben; wenn gleich freilich dies wenig Wahrfcheinlichkeit hat, daß er gegen eine Solche fo unummunden mit einer Selbfioffenbarung folte herausgetreten fein, mit der er ſelbſt feinen nächften Süngern - gegenüber zurüdzuhalten pflegte. An dieſes Gefpräc reiht der Gvangelifi no einige Aus⸗ fprüche an, die Sefus gegen die von der Stadt zurüdfehrenden Sünger gethan haben fol. Da jedoch diefelben uns nur als willführlich aneinandergereiht erfcheinen, fo ziehen wir vor, fie von einander und von jenem Gefpräch abgefondert aufzuführen Nr. 7—9). 7. Die Sünger bringen ihm zu effen und bitten ihn, es zu thun. Er antwortet: „Ich habe eine Speife, von der ihr nichts wißt.‘ Die Sünger fragen unter fih, ob ihm jemand mittlerweile zu effen gebracht. Da fpricht er zuihnen: „Meine Speife ift, den Willen deffen, der mich fandte, zu thun, und *) Matth. 10, 5. **) Bergl. Cap. 7, B. 37 f. Es ift diefes Bild altteftamentlichen Borgängen narhgebilvet: PT. 36, 10. Jeſ. 12,3. Jerem. 2, 13. 17, 13. 216 Sechſtes Bud. fein Werk zu vollbringen.“*) — Ic würde es vorziehen, diefe legten Worte in einem andern Zufammenhang, als dem hier erzählten, gefagt zu denken, da fie, bei Gelegenheit der Ableh- nung einer wirklichen Speife gefagt, einen Beifchmad von Prahlerifhem zu enthalten fcheinen. Freilich kann von dieſem Scheine der johanneifche Chriftus überhaupt nicht freigefprochen werden. 8. „Sagt ihr nicht: vier Monate noch, dann ift die Ernte? Wohlen, ich fage euch: fehlagt Die Augen auf und feht die Felder an: fie find weiß zur Ernte ſchon!““) — Diefe Worte find wahrfcheinlih als Antwort auf eine Frage nach ber Zeit des zu erwartenden Meffiasreiches zu denken. Eine be- fondere Beziehung auf die Samariter, ald Gegenftand einer Ernte für Chriftus und die Apoftel in dem Sinne, wie aller- dings auch bei den Synoptifern das Bild der Ernte vorfommt**), ſcheint allerdings der Evangelift hineinlegen gewollt zu haben; aber fcehwerlich ift dies der Sinn, in welchem Chriftus ſelbſt diefe Worte gefprochen hat, An die Parabel übrigens von- Saat und Ernte (vergl. Buch V, ©. 84 ff.) gehalten, beweift diefer Ausfpruch, daß, wenn auch dort die Erntezeit in die Ferne hinausgefchoben zu werden fcheint, doc die Meinung Sefu nicht fein kann, als ob im Ddieffeitigen Leben nur gefäet, und nicht auch fehon geerntet werde. 9. ,‚Der Schnitter erhält feinen Lohn und fammelt Frucht zu ewigem Leben, zur Sreude fowohl des Säenden als des Grntenden. Hier nämlich gilt das wahre Wort: ein anderer ift es, der fäet, ein anderer, der erntet. ch, ich fandte euch, zu ernten, was nicht ihr gearbeitet habt; andere haben gear- beitet, und ihr feid in ihre Arbeit eingetreten ’’+)— Es ſcheint allerdings, als habe der Apoftel auch in diefe Worte, die er noch in unmittelbarem Zufammenhange mit jener famaritifchen Begebenheit geiprochen werden läßt, eine Andeutung auf die Ernte hineinlegen wollen, die erſt die Apoftel, nicht Chriftus Sea ff. =) ®, 35, KK) Matth. 9, 37 und Parall. DL 36 ff = Evangeliſche Erzaͤhlungen und Reden nach Johannes. 217 ſelbſt, in jenem Lande ſammeln ſollten. Hat ſie Jeſus wirk— lich ſelbſt, oder ihnen aͤhnliche, an die Juͤnger gerichtet: ſo mag der Sinn, in welchem er ſie geſprochen hat, wohl ein all— gemeinerer geweſen fein. 10. Jeſus, nah Galilaͤa zuruͤckgekehrt, kommt wieder nach Kana. Ein koͤniglicher Diener zu Kapernaum, deſſen Sohn frank lag, hört von feiner Ruͤckkehr aus Judaͤa; er kommt zu ihm und bittet ihn, mit ihm zu fommen und feinen Sohn zu heilen; er lag nämlich auf dem Tode, Sefus fprach zu ihm: ‚Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder feht, fo wolt ihre nicht glauben!” Der Diener bittet ihn, hinzugeben, bevor fein Kind fterbe; darauf Sefus: „Geh, dein Sohn lebt!” Der Mann glaubte dem Worte, das Sefus ihm gefagt hatte, und ging. Als er fhon im Geben war, kamen feine Sclaven ihm entgegen, und brachten ihm die Botfchaft, daß fein Sohn lebe. Er fragte fie nach der Stunde, im welcher die Beflerung be= gonnen hatte; fie antworteten, geftern um die fiebente Stunde habe ihn das Fieber verlaſſen. Da erkannte der Vater, daß es diefelbe Stunde war, in welcher ihm Sefus gefagt hatte: „Dein Sohn lebt“; er ward gläubig an ihn mit feinem gan: zen Haufe*). Wir haben, unbefchadet unferer Ueberzeuguug, welche auf die fchon von einigen der Alten**) vorausgefehte Identität die— fer Erzählung mit der fonoptifchen vom Hauptmanne zu Kaper— naum geht, ihr dennoch einen ausdrüdlichen Platz in der Reihe der dem johanneifchen Evangelium eigenthümlichen eingeräumt, theils weil fie in der Meinung der Meiften für eine felbftftän- Dige gilt, theils weil die Geftalt, in welcher wir fie hier vor uns haben, jedenfalls für den erzählenden Theil des vierten Evangeliums charakfteriftifch if. Der Evangeliſt führt fie***) ald das „zweite Wunder“ an, welches Jeſus in Galilaͤa ver: richtet habe; eine merkwürdige Aeußerung, die zum Beweis =), V. 46 ff. 2 **) Bei Iren. II. 22 indeffen wohl nur durch einen Gebächtnißfehler in flüchtiger Erwähnung der Begebenheit, nicht Durch ausdrückliche kri— tifche Erwägung. wer) B, 54, 218 Sechſtes Bud. dient, wie ihm die Anſchauung von jener Continuität der natür- lichen Wunderthätigkeit abging, welche in der fynoptifchen Dar— ftellung ein fo wefentliches Moment des Gefammtbildes vom Leben und von der Laufbahn des Herrn ausmacht ). Die Lücke, welche dadurch in feiner Auffaffung entſtanden war, fucht er durch die Erzählung einzelner Mirafel zu ergänzen, auf welche wir ihn allenthalben im Einzelnen jeden Erfolg, den Sefus fand, zurüdzuführen auf das ängftlichfte befliffen fehen. In einem folhen Mirakel nun ift unter feiner Hand, eben fo wie fhon unter den Händen der beiden Synoptifer, welche die Kenntnig von ihr aus dem Achten Matthäus gefchopft hatten, die Parabel vom Hauptmanne zu Kapernaum geworden, bie wir bei ihm freilich (er Fannte fie unftreitig nur aus mündlicher Veberlieferung) bis zur Unkenntlichkeit entftellt und verbunfelt erbliden. Trotz diefer Entftellung indeß laſſen fich fogar durch die ganz fremdartigen, willfürlich hineingetragenen Züge Die urfprünglichen jener Parabel no hindurch erkennen. Der „Hauptmann“ ift in einen „koͤniglichen Diener“ verwandelt, indem dem Gvangeliften nur die unbeflimmte Erinnerung einer der gewöhnlichen jüdifchen Umgebung des Herrn fremden, durch außern Rang ausgezeichneten VPerfonlichkeit geblieben war. Daß in der urfprünglichen Erzählung die vrtliche Zerne Sefu von dem durch ihn Geheilten ein Hauptmoment bildete, war ihm gleichfalls im Gedaͤchtniß geblieben; er unterließ nicht, Diefes Moment durch die namentliche Angabe einer andern Stadt, in welcher fich Sefus befand, ald er von dem Fremden angegangen ward, nachdrüdlicher hervorzuheben. Endlich war das Ge: daͤchtniß auch jenes Umftandes nicht ganz entfchwunden, daß Iefus mit feiner That eine Aeußerung des Unwillens gegen die wun— derfüchtigen und ungläubigen Juden verbunden hatte; diefe Aeußerung ward hier zu dem in dem Zufammenhange der vor: liegenden Erzählung fo fremdartig und unmotivirt daftehenden Worte, für welches man bisher eine befriedigende Erklaͤrung vergebens geſucht hat. In die Wendung, welche die Erzaͤhlung zuletzt nimmt, mag vielleicht, aͤhnlich wie beim Lukas, eine ver— dunkelte Erinnerung an den Hergang des Vorfalls mit der **) Vergl. Buch II, ©. 340 f. % Evangelifche Erzählungen und Neben nad) Sohannes. 219 Tochter des Jairus eingegangen fein. — Solchergeftalt glauben wir alle Abweichungen von der reiner erhaltenen fynoptifchen Erzählung aus Misverftändniffen und Gedächtnißfehlern erklären zu koͤnnen, welche freilich fo groß find, daß die eigentliche Pointe der Anekdote gänzlich darüber verloren gegangen ft. Don einer die Begebenheit ausdrüdlich zur größern Verherrli— hung Chrifti umgeftaltenden Tchätigkeit der Sage fünnen wir dagegen Feine Spur in ihr entdeden. 11. Die Erzählung von der Heilung eine Kranken zu Serufalem an einem Sabbath, welche wir bereit oben ange- führt haben* und hier nicht wiederholen wollen, wird mit den Morten Sefu gefchloffen: ‚Mein Vater wirfet bis jest, und auch ich wirke.“*) — Sollen wir diefe Worte wirklich in einem ähnlichen Zufammenhange und bei einer entfprechenden Veran— lafjung gefagt glauben: fo müffen wir doch annehmen, daß in ihrer urfprünglichen Geftalt die Oppofition gegen fal- che Begriffe von der Sabbathruhe Gottes deutlicher und präg- nanter noch ausgedrüdt war, als hier. Vielleicht aber gehört jene Zufammenftellung, fo wie jedenfalls die Ausführung des im Borhergehenden erzählten Borfald nur dem Herausgeber des Evangeliums an, und ift nicht als authentiich zu betrachten. An diefen Ausſpruch hat der Herausgeber des Evange— liums, angeblich ald VBerantwortungsrede Jeſu gegen die Vor— würfe, welche die Juden aufs neue ihm darüber machten, daß er Gott feinen Bater nannte, eine Reihe verfchiedenartiger Aus: ſpruͤche geknüpft, die wir wiederum von einander gefondert aufführen Nr. 12—15). 12. „Wahrlich, wahrlich, ich fage .. der Sohn kann nichts von ſich felber thun, wenn er es nicht den Vater thun fieht! Was nämlich diefer thut, das thut auch der Sohn, denn der Vater liebt den Sohn und zeigt ihm alles, was er thut. Größere Werke noch, als diefe, wird er ihm zeigen, daß ihr euch darüber verwundern folt. Wie nämlich der Vater die . Todten erwedt und lebendig mat, fo macht auch der Sohn, welche er will, lebendig. So auch richtet der Vater Keinen, ups 1ses125, 2 | Schftes Bud. fondern alles Gericht hat er dem Sohn übergeben, damit Alle den Sohn ehren follen, wie fie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, ehrt den Vater nicht, der ihn ſandte.“) — Waͤre es nicht Vermeffenheit, fo Fonnte die Aufgabe: inter ſſant genug erfiheinen, der urfprünglichen Geftalt nachzuforfchen, welche die Ausfprüche Sefu gehabt haben mögen, aus denen Sohannes den hier vorliegenden und fo manche andere unter den nachfolgenden gebildet hat. Mit wahrhaft fpeculativem Tieffinn wird im vorliegenden das Verhältnig des Sohnes zum Vater auögefprochenz das heißt, fo dürfen wir, und zwar im eigenen Sinne des Sohannes, fagen (denn offenbar handelt es fich bier nicht blos von Chrifti perfonlicher Erfcheinung) : der innerweltlichen Gottheit zur außerweltlichen. , Beide find im Geifte Eines. Sie theilen das Gefchäft des Lebendigma= chens; der Sohn nämlich thut dies innerhalb der beftehenden Schöpfung, — verfteht fich, nicht auf leibliche, fondern auf geiftige Weiſe, — der Vater hat es von Gwigfeit durch feine ſchaf⸗— fende Tätigkeit felbft gethan und wird e$ am Ende der Tage nochmald dur Hervorrufen eines neuen Himmels und einer neuen Erde thun. Das Gefchäft des Nichtens aber hat, weil es ein durchaus innerweltliches, die beftehende Schöpfung vor— ausfegendes ift, der Vater ganz dem Sohn übergeben; wiewohl der Sohn**) nicht, um zu richten, fondern in der .hohern Ab— fiht, felig, d. h. lebendig zu machen, in die Welt gekommen ift. — So gewiß diefe großen Wahrheiten in den Worten, die CHriftüs gefprochen hat, gelegen haben müffen: fo ift doch anzunehmen, daß er auch fie nicht in dieſer theoretifchen Ge— ftalt, die ihnen hier der Jünger leiht, ausgefprochen hat. Vor gefchwebt haben Letzterem namentlich bei den Schlußworten neben andern unftreitig auch die gegen die Juͤnger gefprochenen, von den Synoptifern uns überlieferten Worte, daß, wer fie aufnimmt, Shn aufnimmt, und wer Son, den, der ihn gefandt bat, aufnimmt**). 13. „Waͤhrlich, wahrlich, ich fage euch: wer mein Wort 72.107. *) Gap, 3, 17. *ᷣk*) Matth. 10, 40 ff. und Parall. Evangeliſche Reden und Erzaͤhlungen nach Johannes. 221 hoͤrt, und dem, der mich geſandt hat, glaubt: der hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, ſondern iſt vom Tod ins Leben uͤbergegangen!“*) 14. „Wahrlich, wahrlich, ich fage euch: es kommt eine Zeit und iſt ſchon jetzt, wo die Todten die Stimme des Soh— nes Gottes hoͤren werden, und die fie hoͤren, werden leben! Wie naͤmlich der Vater Leben hat in ſich ſelbſt, ſo gab er auch dem Sohne, Leben zu haben in ſich ſelbſt. Und die Macht gab er ihm, auch Gericht zu halten, weil er. Sohn des Menſchen ift. Laßt euch dies nicht wundern: kommt ja doch eine Zeit, wo alle, die in den Gräbern, feine Stimme hören und hervorgehen werden, die das Gute thaten, zu Lebens Auf: erftehung, die aber das Ueble, zu Gerichtes Auferftehung! Sch kann von mir felbft nichts thun. Wie ich höre, richte ich, und mein Gericht ift gerecht, weil ich nicht meinem Willen nach— gehe, fondern dem Willen defjen, der mich fandte.‘’**)! : Den Auslegern hat von Alters her an Ddiefer Stelle * Vermiſchung des geiſtigen Auferſtehungsbegriffs, der ſich ſchon in dieſem Leben und in der naͤchſten Gegenwart realiſiren ſoll, mit dem Begriffe einer dereinſtigen leiblichen Auferſtehung viel zu ſchaffen gemacht. Doch iſt die Verbindung nichts weniger als unklar, und auch bereits von den neueſten Erklaͤrern rich— tiger, als von ihren Vorgängern begriffen worden. Der leh- tere Begriff namlich kommt nur in einem parenthetifchen Satze vor; Sefus (Sohannes) erinnert die Juden an die bereit3 aus den Berfündigungen der Propheten“ ) ihnen befannte, bereinft zu ‚erwartende Auferftehung der Zodten, um dadurch ihnen den Begriff auch derjenigen Todtenerwedung näher zubringen, um bie es fi) im gegenwärtigen Augenblide zunächft handelte, der Belebung zur MWiedergeburt im Geifte, zur “uw arloıg. Diefe Erwedung gehört, wie fehon oben (Nr. 12) ausgefpro- chen war, eben fo, wie das damit verbundene Gericht über die nicht auf diefe Weife zu Erwedenden, ganz nur dem innerwelt- lichen Gotte, dem Sohne an. Das heißt, beides ſind nicht 24, (Mare. 9, 1 und Parall.) = BE23r, ***) Dan, 12%, 2, Es hätte nicht überfehen werben follen, daß V. 28 f; eine offenbare Beziehung auf diefe Prophetenftelle enthält, 222 Sechſtes Bud. mechaniſche Handlungen, die von außen gegen die Welt ver: richtet werden koͤnnten, fondern es ift die inwohnende Gelbft: entwickelung des in der Welt eingeborenen Gottesgeiftes, die Serbftvollziehung der Nothwendigkeit, welche der Freiheit dieſes Geiftes zum Grunde liegt. Daß aber diefes Gericht ein ges rechtes ift: dafür ift die Bürgfchaft die Einheit ded Sohnes mit dem Vater, und daß der Sohn nicht3 von fich felbft thut, . fondern was er den Vater thun fieht. In diefem Sinne wird ‚noch befonders aufmerffam darauf gemacht, wie diefes inner= weltliche Gericht fein Vorbild an demjenigen Gerichte hat, durch welches das Ende diefer Welt bezeichnet wird. Bon diefem Gerichte nämlih ift V. 28. 29 offenbar die Rede. Hier ift und bleibt es eine erfünftelte Deutung, wenn man auch, diefe Morte auf ein innerweltliches und gegenwärtige Gericht, auf eine nicht leibliche, fondern geiftige Auferftehung beziehen will. Die ausdrüdlihe Nücbeziehung aber auf das Vorhergehende enthält der dreißigfte Vers. Sollte namlich der Zufammenhang diefes Verſes mit den beiden ihm zunächft vorangehenden lo— giſch ſcharf und bündig gefaßt werden, (wobei wir freilich zu- geftehen müffen, daß es bei der Schreibart des Johannes unficher bleibt, ob der logifch bündigfte Sinn überall auch für den von ihm gemeinten zu gelten habe): fo würde er fo zu verftehen fein, daß in jenen beiden Verfen Sefus auf das von den Juden zus geftandene Beifpiel eines nicht von ihm, fondern vom Vater ausgehenden Gerichtes habe verweifen wollen, um, an diefes anfnüpfend, auch dasjenige Gericht, von welchem er hier ald von dem der Welt und der Gefchichte immanenten fpricht, als von einem nicht aus feiner perfünlichen Willkür, fondern aus einer und derfelben göttlichen Nothwendigfeit mit dem Gerichte am - Ende der Tage fließenden fprechen zu kͤnnen. Das „wie ich bore, fo richte ich“, würde hiernach ausdrüdlich auf eine Vor— bildlichfeit jenes letztern, des jüngften Gerichtes, zu jenem Ge— richte, welches Sefus ald das ihm, dem Sohne, übertragene bezeichnet, bezogen werden konnen. In dem jüngften Gerichte felbft aber hatten wir, diefem Zufammenhange zufolge, nicht den Sohn, fondern den Vater ald Nichter zu denken. Dies foheint zu flreiten mit den fonoptifchen Stellen von der Wie: derfunft des Menfchenfohnes ; aber es laßt fich mit denfelben durch ” Evangelifche Erzählungen und Reden nad) Sohannes. 223 die Annahme vereinigen, daß auch in ihnen von dem fort dauernden innerweltlichen Gericht, von dem jüngften aber nur in fofern die Rede ift, als auch in ihm die immanente Welt: entwidelung fortwirft, oder, um in den eigenen Ausdrüden unfers Evangeliften zu reden, als auch dort der Water nur die Handlungen des Sohnes beftätigt und bekräftigt. — Wenn übrigens als Grund des dem Sohne übertragenen innerweltli- chen Richteramtes ausdrüdlich dies genannt wird, Daß er „Sohn des Menfchen‘ ift*): fo wird damit eben die Noth⸗ wendigkeit einer Immanenz des richtenden Princips in der menſchlichen Natur angedeutet, und es gebuͤhrt dem Johannes der Ruhm, den Sinn, in welchem Jeſus dieſe Benennung fuͤr ſich gewählt hatte, richtig herausgefunden und durch vorliegen: den Zufammenhang ins Licht geftellt zu haben. 15. ‚Wenn ich felbit von mir zeuge, fo ift mein Zeugs niß nicht wahr. in Anderer ift es, der von mir zeugt, und ih weiß, daß fein Zeugniß von mir wahr ift. Ihr habt zu Johannes gefandt, und er hat der Wahrheit Zeugniß gegeben. Sch, ich nehme nicht von Menfchen mein Zeugniß, fondern dies fage ih, um euch zu. retten. Jener war die Leuchte, die brennende und fcheinende; ihr aber, ihr wolltet euch eine Zeit lang in feinem Lichte fonnen. Ich aber, ich habe ein Zeugniß für mid, das größer ift, als das des Johannes; die Werke nämlich, die mir der Vater zu vollbringen gab, dieſe Werke, die ich thue, zeugen von mir, daß der Vater mich gefandt bat. Ja der Water felbft, der mich fandte, hat für mich ges zeugt. Ihr habt weder feine Stimme gehört, noch feine Ge: ftalt gefehen. Und aud fein Wort haltet ihr nicht bleibend in euch, da ihr dem, den er gefandt hat, nicht glauben wollt. Ihr forfchet in den Schriften, da ihr in ihnen meint ewiges Leben zu finden; fie find es, die von mir zeugen, und Doc wollt ihr nicht zu mir kommen, um Leben zu gewinnen. Ehre von Menfchen nehme ich nicht; aber ich kenne euch, daß ihr die Liebe Gottes niht in euch habt. Ich Fam im Namen meined Vaters, und ihr nehmt mich nicht an; wenn ein anderer *) Diefe Stelfe ift dadurch merkwürdig, daß fie bie einzige ift, im welcher der Ausdruck vios rov avdeumov ohne Artikel vorkommt. En 224 Sechſtes Buch. in feinem eigenen Namen kommt, den werdet ihr annehmen. Wie Fonntet ihr glauben, da ihr Ehre von einander nehmet, und die Ehre beim alleinigen Gott nicht ſuchet? Meinet nicht, daß ich euch beim Vater verklagen werde. ES wird euch einer verklagen, Mofes, er, auf den ihr euere Hoffnung febtet. Höättet ihr Mofes geglaubt, fo würdet ihr mir glauben, denn von mir hat er gefchrieben. Glaubt ihr aber feinen Schriften nicht, wie folltet ihr meinen Worten glauben?“*) — Diefe Stelle bietet mehr als manche andere, eine bequeme Gelegen- heit dar, in die Art und Weife der Umfchmelzung, welche die Reden und Ausfprüche Jeſu bei Sohannes erfahren haben, eine deutlichere Einficht zu gewinnen. Unverfenndar nämlich liegen ihr Ausfprüche der Art zu Grunde, wie jene, welche bei Mat: thaͤus Sefus auf Anlaß der an ihn ergangenen Sendung des Zäufers ſpricht“?). Diefe Ausfprüche hat hier der Apoftel zu einer ausführlichern Theorie über das Verhaͤltniß Jeſu zu ſei— nen Vorgängern, über dad Zeugniß, welches dieſe Vorgänger ihm geben, und über dasjenige, welches in feinen eigenen Tha— ten liegt, ausgefponnen und folche Theorie dem Meifter felbft in den Mund gelegt. Man vergleiche aber die Worte, welche Sefus bei Matthäus, und die, welche er bei Sohannes fpricht, und frage: fich, ob Derfelbe, der jene urgewaltigen, göttlich le— bendigen Worte ſprach, auch diefe zwar dem Sinne nad) mit jenen übereinfommenden, aber durch Neflerion e und abgefhwächten fprechen konnte! 16. An die Erzählung von dem Speifungswunder, deren Zufammentreffen fowohl, wie auch deren Abweichung von der parallelen Darftellung der Synoptifer wir bei Gelegenheit die— fer leßtern bemerkt haben**), Tnüpft unfer Evangelium ein ausführliches Gefpräch zwifchen Jeſus und einer nicht näher beftimmten Volksmenge. Die VBeranlaffung deffelben wird fol- gendergeftalt erzählt). Am Tage nach jener Speifung fuchte dad Volk, welches dabei zugegen gewefen war, Sefum. Man *) DB, 31 ff. (Matth. 11, 9 F. und EL) =) Matth. 11,7 ff. =##) Buch IV, ©. 507 f. Gap Evangelifche Erzählungen und, Reden nad) Sohannes. 225 hatte nämlich bemerkt, daß er nicht mit feinen Süngern zugleich in das Schiff geftiegen war, das einzige, welches zur Ueber: fahrt über den See dort bereit lag. Al man ihn demunges achtet nicht fand (weil er nämlich auf wunderbare Weife über. den See hinweg gewandelt war), beftieg man die Cchiffe, die un: terdeß von Ziberias an jenen Ort gekommen waren, und fuchte ihn zu Kapernaum auf. Dort fragte man ihn, wanı er dahin gekommen ſei. Jeſus antwortete: „Wahrlich, wahrlich, ich fage euch, ihr ſuchet mich, nicht weil ihr Zeichen fehet, ſon— dern weil ihr von den Broten aßet und gefättigt wurdet! Schafft euch nicht die vergängliche Speife, fondern Diejes nige Speife, die ind ewige Leben dauert; eine folche wird euch . der Menfchenfohn geben; diefen nämlich hat Gott der Vater beſiegelt!“ Da fragten fie ihn: „Was follen wir thun, um die Werfe Gottes uns anzueignen?’’ Sefus antwortete: „Das ift Gottes Werk, daß ihr an den glaubt, den er gefandt hat.’ Sie fagten hierauf: „Was für ein Zeichen giebft du, daß wir e3 fehen und dir glauben? Was wilft du thun? Unfere Väter aßen das Manna in der Wüfte, wie ja gefchrieben ift*): er gab ihnen Brot vom Himmel zu eſſen.“ Jeſus nun forach zu ihnen: „Wahrlich, wahrlich, ich fage euch, nicht Mofes hat euch das Brot vom Himmel gegeben, fondern mein Vater giebt euch dad Brot vom Himmel, das wahrhaftige. Das Brot Gottes nämlich ift das, was vom Himmel herabfommt und der Welt Leben giebt.” Da fagten fie zu ihm: „Herr, auf alle Weife gieb uns dieſes Brot!“ Sefus aber ſprach: „Ich, ib bin das Brot deö Lebens. Wer zu mir fommt, wird nicht hungern, und wer an mich glaubt, wird nimmer dürften. Aber ich fagte euch, daß ihr mich fogar gefehen habt. und nicht glauben wollt. Alles was mir der Vater giebt, das wird zu mir fommen, und was zu mir fommt, das werde ich nicht hinauswerfen. Denn ich bin vom Himmel herabgeftiegen, nicht um meinen Willen, fondern um den Willen deffen zu thun, der mich ſandte. Dies aber ift der Wille defjen, der mich fandte, daß, was er mir auc gegeben hat, ich nichtd da— von verliere, fondern es am lebten Tage auferwede, Dies *) Pf, 78, 24 I. Bd. 15 226 | Sechſtes Bud. namlich tft der Wille deffen, der mich fandte, daß jeder, der den Sohn fchaut und an ihn glaubt, ewiges Leben habe, und ich ihn am legten Tage auferwecke.“ Dbgleich das weiter Folgende noch ald in einer Folge des Gefprähs mit dem Bisherigen gefprochen berichtet wird: fo erlauben wir und doch, fürerfi hier abzubrechen, um über den Zufammenhang diefer Neden mit dem Wunderereigniß, mit welchem fie unfer Evangelift in Verbindung fest, eim Urtheil zu gewinnen, Nichts Fanıı deutlicher fein, als daß diefer Zu: fammenhang ein erzwungener ift, ja daß der Inhalt des Ge- foräches felbft mit ihm in offenbarem Widerfpruche ſteht. Die Suden verlangen (B. 30) von Sefus ein Zeichen, durch das er fich vor ihnen beglaubigen fol; fie verlangen es mit aus— drüclicher Grinnerung an das Himmelöbrot, welches die Is— raeliten von Mofes in der Wüfte empfingen. Dieſes Verlan— gen ſetzt nicht nur nicht voraus, daß Sefus ein Wunder der Art gethan hatte, wie jenes, um deffenwillen die fo Fragenden ihn in diefem Augenblicke aufgefucht haben follen, fondern es feßt voraus, daß er folhes Wunder nicht gethan hatte. Es fegt fo offenbar dies voraus, Daß einige Ausleger zu der arme feligen Ausrede haben greifen wollen, die fo Fragenden feien nicht diefelben gewefen, welche Jeſus Tags zuvor gefpeift hatte; während doch Jeſus fie (W. 26) ausdruͤcklich als die nämlichen behandelt, und mat, felbft abgefehen davon, meinen follte, ein fo kurze Zeit vorher vor fünftaufend Zeugen verrichtetes Mirakel habe Sefu die Mahnung an das Wunder ähnlicher Art, welches einft Mofes gethan, erfparen müffen, die wir an ihn hier, gleichviel aus weſſen Munde, ergehen fehen. Auch feine Ant: wort, weit entfernt, auf das von ihm verrichtete Wunder zu ver- weifen und davon bei der Hindeutung auf das höhere, geiftige Himmelsbrot, welches den Menfchen in feiner Perfon gegeben war, den Ausgang zu nehmen — (was um fo nöthiger gewefen wäre, je leichter gerade jenes leibliche Mirafel dem Misver: ftandniffe Borfchub thun konnte, welchem Jeſus durch feine Ber- neinung, daß das Manna des Mofes das wahre Himmelsbrot fei, begegnen will), knuͤpft vielmehr an die von den Mitfpre- chenden angeregte Grinnerung an das Manna dergeftalt an, daß die Vorftellung des Himmelöbrotes nur durch diefe Erin: Evangelifhe Erzählungen und Neden nad) Sohannes. 227 nerung, durch fie aber fo vollftändig motivirt wird, daß man eine noch weitere Motivirung durch jene angeblich voran— gehende Begebenheit Feineswegs vermißt. — Hierzu Fommt noch folgender Umftand. Sogleich die Anfangsworte des Ge— ſpraͤchs verrathen dem mit der Denkweiſe Chrifti hinreichend Bertrauten einen andern, ja den gerade entgegengefesten Sinn von demjenigen, der in dem Zufammenhange, in welchem unfer Gvangelift fie giebt, ihnen aufgedrungen iſt. Derfelbe Chriftus, den wir fo ausdruͤcklich und mit folcher Entrüftung die Wun— derfucht feiner ungläubigen Zeitgenoffen ſchelten hören, kann unmöglich die Suden hier deshalb haben fchelten wollen, weil fie ihn nicht der Zeichen wegen, die er vor ihnen gethan, aufjuchen. Er kann es um fo weniger, je widerfinniger der Gegenfas ift, den er bei unferm Govangeliften den Suden als den wahren Grund, weshalb fie ihn auffuchen, unterlegt. Hat: ten die Juden ihn wirklih in Folge des Speifungswunders aufgefucht: fo kann man doch Feinesfalls annehmen, daß fie es wegen des Mohlgefühls, das ihnen die Sättigung gewährte, gethan haben werden, da fie ja diefe Befriedigung mit fo leich— ter Mühe auf anderm Wege erreichen konnten; fondern was fie dazu trieb, war dann immer dad Wunderbare jener Speifung. Der Gegenfas ift alfo auch in diefem Bezug ein verfehlter, eben fo, wie er es in Bezug auf die in Chriftus vorausgefegte, dem Wunderglauben und den Wunderforderungen güunftige Ge— finnung ift.— In der That aber zeigt uns, wenn wir mit eini— ger Geiftesfreiheit über die vollig unhaltbare Geftalt, in welcher der Herausgeber des Evangeliums diefe Neden überliefert hat, hinauszubliden den Muth faffen, fogleih der nächftfolgende Sat deutlich genug, wie wir diefen Gegenfaß im eigenen Sinne fei es des Sprechenden felbft, oder des urfprünglichen Aufzeich- ners zu verftehen haben, Wenn man die Wahl hat, unter welches der beiden Glieder diefes zweiten Gegenfakes, unter die ‚‚vergangliche Speife,’’ oder unter die „Speiſe fürd ewige Leben’ man die ‚‚Zeichen und Wunder’ einreihen fol, von denen dort die Nede war: fo wird jeder der Geſinnung Ghrifti einigermaßen Kundige ohne viel Bedenken fagen, daß fiein fei- nem Sinne nur das erftere, nicht das letztere fein Fonnten. Hat Chriftus, oder hat im Geifte Chrifti Johannes wirklich 15* 28; Schftes Bud. jene beiden Antithefen auf ähnliche Weife, wie wir es hier finden, zufammengeftellt: fo wird er dies gewiß in folcher Weife gethan haben, daß im erften Saße den onusio:g nicht minder, wie im zweiten der Powors anoAlvnevn eine Powors wE- vovoa sic Cwnv alovıov, fei es in eigentlichen oder in bildli— chen Ausdrüden gegenübergeftellt ward. Steht ja doch auch weiterhin das Manna, welches Sefus auc dort als das Andere des wahren Himmelöbrotes bezeichnet, in gleicher Kategorie mit den ommeloıg, welche die Juden von ihm verlangen. — Auh diefe Betrachtung muß und daher in der Vermuthung beſtaͤr— Een, welche durch die vorhin erwähnten Umftände gewedt wird. Die Nüdbeziehung dieſes Geſpraͤches auf das vermeintliche Wunderereigniß ift eine erfünftelte; das Gefpräch aber ift entwe— der überhaupt von folcher Beziehung unabhängig, oder es ift gleich jenem fynoptifchen über den Sauerteig, mit einer Bezie— hung ganz andern Snhaltes auf die von Chriſtus, wie wir im vierten Buche nachgewiefen haben, erzählte Parabel von der Brotfpeifung, fei es wirklich gehalten, oder von dem Apoftel aufgezeichnet worden. Melcher von diefen verfchiedenen möglichen Fällen nun auch der richtige fein mag, jedenfalls glauben wir in dem vorliegens den Gefpräce das Motiv zu entdeden, welches den Herausges bers unſers Evangeliums zur Aufnahme und Einreihung des - mehrmald erwähnten Wunderereigniffes an die Stelle, die es in feinem Werke einnimmt, bewogen hat. Daß nach der Urfchrift des Apoftels Das Gefpräcd in anderer Umgebung und auf andere Beranlaffung gehalten werden follte, ald in dem vorliegenden Berichte dafür angegeben worden, davon hat fich eine Spur in der am Schluffe deffelben *) nachgebrachten Bemerkung er- halten, daffelbe fei in der Synagoge zu Kapernaum vorgefal- len. Diefe Notiz fcheint dem Herausgeber, der wegen der auch für ihn damit in Verbindung gebliebenen **) Ueberfahrt über den See doch nicht umhin Fonnte, die Speifung am jenfeitigen Ufer vorfallen zu laffen, zu der fo umftändlich und fchwerfällig ges rathenen Nachricht über die Art und Weife, wie die Volks— *) V. 59, **) Bergl, Buch IV, ©, 520. Evangelifche Erzählungen und Reden nad) Johannes. 229 menge am Tage nach der Speiſung Jeſum ſuchte und endlich auffand, veranlaßt zu haben, waͤhrend er ſonſt wahrſcheinlich das Geſpraͤch unmittelbar auf die Speiſung wuͤrde haben fol— gen laſſen. Freilich ſetzt es einen ſtarken Grad von Urtheilslo— ſigkeit voraus, wenn er auf dieſe Weiſe, das Geſpraͤch den ſo eben von Jeſus geſpeiſten Juden in den Mund legend, daſſelbe richtig motivirt zu haben ſich einbilden konnte. Allein dieſe Urtheilsloſigkeit bleibt ganz dieſelbe, wenn man das Geſpraͤch von vorn herein in dem Zuſammenhange, den es in unſerm Evangelium erhalten hat, erzählt werden läßt; wo dann jener Tadel nicht bloß den Herausgeber, fondern den urfprünglichen Erzähler des Gefpräches ſelbſt treffen würde. Laͤßt man dage— gen unfere Borausfesungen über die Zufammenfegung des Evans geliums im Allgemeinen gelten: fo zeugt gerade die Unangemef- fenheit des Geſpraͤchs zu feiner vorgeblichen Veranlaffung von feiner relativen Aechtheit. In diefer Anficht nämlich brauchen wir und auch durch die vielfahen Wiederholungen nicht irre machen zu laffen, die ich allerdings in dieſem Gefpräche fin- den. Diefe liegen ganz in der Manier des Johannes, bie freis lich auch hierin nichts weniger, ald ein treues Abbild der eige- nen Art und Weife feiner Meifters iſt. Jeſus felbft, wenn er fi, wie wir nach dem hier Vorliegenden nicht bezweifeln wol: len, irgend einmal das Brot des Lebens genannt und feine Worte mit dem Manna in der Wüfte verglichen hat, that fol: ches unftreitig in einem kurzen, geiftreich kuͤhnen Spruche der Art, wie uns deren fo manche durch die Synoptifer überliefert find; daß er in fo lang ausgefponnenen Reden, wie hier, den widerfpenftigen, harthoͤrigen Suden jenen paradoren Begriff habe aufbringen wollen, ift nicht zu glauben, Die Worte nämlich, die wir bisher vor uns hatten, bil- den nur den Anfang des Gefprächd, welches, nach der etwas fremdartigen Seitenwendung, die in den letzten der von uns mit: getheilten Worte beginnt, noch einmal zu einer weiteren Gr: Elärung über das Himmelsbrot zuruͤckkehrt. Wir geben den Neft des Ganzen, um der leichtern Veberficht willen, in zwei abgetrennten Nummern; womit wir e8 zugleich als problematiſch ausfprechen wollen, ob nicht dad hier von und Getrennte viel: leicht ſchon in der Urfchrift des Johannes geſonderte, oder wer 230 Sechſtes Bud. nigftend nicht genau in derfelben Weife, wie hier im Evange- lium, unter fich verbundene Theile gebildet haben mag. 17. Ueber diefe Rede, daß er fich dad Himmelsbrot nennt, verwundern fich die Suden und fragen: „Iſt das nicht Sefus, der Sohn Joſephs, deffen Bater und Mutter wir Fennen? Wie kann der fagen, er fei vom Himmel herabgefommen?’’ Sefus fpricht antwortend zu ihnen: „Murmelt nicht unter einander! Niemand Fann zu mir fommen, wenn nicht der Vater, der mich fandte, ihn zieht; und ich, ich werde ihn am letzten Tage auf erweden. Es ift in den Propheten gefchrieben *)+ Cie follen alle von Gott belehrt werden. Seder, der vom Vater hört und lernt, Fommt zu mir, Nicht, als ob den Vater jemand gefehen hätte, als nur, der bei Gott ift: der hat den Vater, gefehen. Wahrlich, wahrlich ich fage euch, wer an mic) glaubt, hat ewige Leben! ’’ *) — Die Zwifchenrede der Juden, welche den Anlaß zu diefen Ausfprüchen giebt, erinnert zu auffallend an die Scene zu Nazareth ***), als daß wir fir nicht für einen Nachklang jenes Vorfalls anfprechen follten, fo gern wir auch die Möglichkeit zugeben, daß dergleichen Aeußerungen des Un— glaubens öfter, und in fehr ähnlicher Weife vorgefommen feien. Shre Einverwebung in den gegenwärtigen Zufammenhang ift kei— neöfalld eine gelungene zu nennen, fei es num, daß fie von dem Apoftel felbft, oder, wie wie Tieber annehmen möchten, vom Herausgeber herrührt. Man fieht ihr allzufehr das Vorurtheil an, welches jene Worte für eine Entgegnung auf einen aus— drüdlichen Ausſpruch Sefu über fich felbft nehmen zu müffen meinte; hierzu aber war die Selbftbezeichnung durch das Bild des Himmelsbroted Doch gewiß die ungeeignetfte. Die Ant» wort Sefu fchließt fih an das zunaͤchſt WVorhergegangene an. Ihre Verwandtſchaft mit dem befannten ſynoptiſchen Ausfpruche von der göttlichen Sohnfchaft +) ift unverkennbar. Uebrigens glaube ich durch fie noch eine befondere Beziehung hindurch— feinen zu fehen, die freilich in der Geftalt, wie fie uns der Syasekankr13r 7), B,.31, 5, “=, Marc, 6, 3 u. Parall. 7) Matth. 11, 27 u. Parall. ®, Evangelifche Erzählungen und Neben nach Johannes. 231 Apoftel und fein Nachfolger aufbewahrt haben, nicht unmittel- bar zu Tage fommt. 3 ift mir nämlich nicht unwahrfchein- lich, daß Sefus diefe, oder vielmehr nur diefen ähnliche Worte in der Abfiht gefprochen hat, um dem Misverftändniffe zu be— gegnen, als fchreibe er fich perfönlich das Vermögen zu, nad) Willkuͤr diejenigen auszuwählen, die er für fein Neich und def: fen Seligfeit beftimmen wolle. — Die Berficherung, daß er die Seinigen am legten Tage auferweden werde, ſchließt fich den fonoptifchen Ausfprüchen über die Parufie an und ift wie dieſe zu deuten, während nicht zu verfennen ift, daß beide durch ihr ungefünfteltes Zufammentreffen an Gewicht und Autorität we— fentlich gewinnen. 18. „Ich, ich bin das Brot des Lebens. Euere Väter aßen das Brot in der Wüfte, und ftarben. Das ift das Brot, das vom Himmel herabfommt, daß, wer von ihm ißt, nicht ſtirbt. Ich, ich bin das Brot, das lebendige, welches von Himmel herabfam. Wer von diefem Brote ift, wird leben in Gwigfeit. Und das Brot, das ich geben will, ift mein Sleifch, welches ich für daS Leben der Welt geben will.” — Da ftrit- ten die Suden unter einander und fprachen: „Wie kann der uns fein Fleifh zu effen geben?’ Sefus fprach zu ihnen: „Wahrlich, wahrlich ich fage euch, wenn ihr nicht das Fleiſch des Menfchenfohnes effet und fein Blut trinfet, fo habt ihr fein Leben in euh! Wer mein Fleifch ißt und mein Blut trinkt, hat ewiges Leben; und ich werde ihn am lebten Tage auferweden. Denn mein Zleifeh tft wahrhaftige Speife, und mein Blut ift wahrhaftiger Trant. Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich in-ihm. So wie mich der lebendige Vater gefandt hat, und auch ich Durch den Bater lebe: fo wird, wer mich ißt, auch der durch mich leben. Das ift das Brot, das vom Himmel gefommenz nicht, wie die Väter das Manna aßen und flarben. Wer diefes Brot ißt, der lebt in Ewigkeit!“ *) Es läßt fich nicht läugnen, daß dieſes nochmalige Zuruͤck— fommen auf das Gleichniß: des Lebensbrotes und das Ausfpin- nen deffelben zu der weitläuftigen Rede vom Eſſen und Trinken *) V. 51 ff. RaR Schftes Bud. des Fleifches und Blutes Chrifti für uns etwas in hohem Grabe Befremdendes, ja Abftoßendes und Widerwärtiges hat. Daß nach unferer Anficht nicht nur über die Zuſammenſetzung des Gvangeliums, fondern auch über den Charakter der vom Apo— ſtel felbft aufgezeichneten Neden eine wortliche Authentie dieſes Gefpräches ald eines von Jeſus felbft geführten in Feinem Falle behauptet werden kann, wird jeder Unbefangene hier, wie. mehrfach anderwärts in unferm Evangelium, nur für Gewinn achten. Dagegen würden wir und nicht entfchließen koͤnnen, Dafielbe aus dem angegebenen Grunde ‚auch dem Apoftel abzu— fprehen. Sn feinen übeln wie in feinen guten Cigenfchaften ift e8 dem, was wir für den apoftolifchen Kern des Evange— ums halten, offenbar zu verwandt, um nicht, in der Hauptfache wenigftens, den Beftandtheilen diefes Kernes beigezahlt zu were den. — Ich halte mich überzeugt, daß die Stelle, die wir hier zunächfi vor uns haben, beim Apoftel Sohannes aus einer Gr: innerung an die Einfehungsworte des Abendmahl hervorgeganz gen ift, Nicht als ob er diefe Worte, fo wie fie zu anderer Zeit und unter ganz andern Umftänden gefprochen waren, ges Tchichtlih Habe veferiven wollen. Er knuͤpft vielmehr nur ihren Snhalt an einen anderweiten ihm dafür geeignet feheinenden Zufammenhang, um fowohl diefen Zufammenhang durch ihn, ald hinwiederum ihn durch den Zufammenhang zu erläus tern ). Db folche Erläuterung ihm gelungen fei, ift freilich eine ‚andere Fragez die vielfachen Streitigkeiten, welche durch alle Zeiten der chriftlichen Wiffenfchaft hindurch über die Erlaͤu— terung diefer Stelle. ftatt gefunden haben, fcheinen fehr dagegen zu zeugen *). Indeſſen ift zu beachten, daß dieſe Verfchieden- heit der Meinungen zum großen Theil ſich auf den dogmati— *) Auf ähnliche Wetfe ſehen wir die Einfeßungsworte des Abend- mahls zum Ausdruck einer von der ausprüdlichen Beziehung auf das Sacrament als ſolches unabhängigen Borftellung benugt von Ignatius (wo eine Benugung unferes Evangeliums nicht voraus— gefeßt werden Tann, ein Einfluß der johanneifchen Schule dagegen allerdings wahrfeheinlich ift), in dem Briefe an die Römer, e. 7: Kerov od Head Beim, 0 Eorı oag& "Inood Xoiorot, Tov &% yevovs Aapßid za nöue Helv TO alua avrod,.6 Lorıv Eyann Apdapros. **) Vergl. die, intereffante Heberficht der verfihtedenen Meinungen über d. St, in dem Anhang B. zu Lücke's Kommentar, * Evangeliſche Erzaͤhlungen und Reden nach Johannes. 233 hen Werth gründete, den man der Stelle beimaf, indem man derfelben, als einem authentifchen Ausfpruche des Herrn felbft, eine verbindliche Kraft für die Glaubensüberzeugung zuzugefte- hen nicht umhin konnte; weshalb fie ein Jeder mit feinen uͤbri— gen dogmatifchen Anfichten in Einklang zu bringen fi) bemühen mußte. Wo diefe Nücficht wegfaͤllt, da fallt auch der Grund des Zweifels weg, daß der Apoftel in der That durch diefe Zufammen: ſtellung feine Anficht über die Bedeutung des Abendmahles unter gleichen Gefichtspunet habe ftellen wollen mit der Bedeutung des im Vorhergehenden verhandelten und am Schluffe nochmals auf: genommenen Sabed, daß Er das Brot des Lebens fei. Wie num aber diefer Sab im Vorhergehenden und noch auffallender im Nachfolgenden (Nr. 19) im rein geiftigen Sinne verftanden und erklärt wird: fo müffen wir annehmen, daß der Apoftel auch das Eſſen des Fleifches und das Trinken des Blutes Chriſti im Abendmahle nur von der geiftigen Gemeinfchaft der Lehre und des Lebens verftanden hat, und mithin die Symbole auch nur für Außerliche Zeichen gelten laffen Fonnte. Ich glaube fogar einen ausdrüdlichen Hinblid auf diefe Zeichen eben in der Art und Weife zu erkennen, wie beide fombolifche Reden, die vom Lebensbrote und die, vom Fleifche und Blute, mit einander _ verbunden werden. ES fcheint nämlich dieſe Berbindung recht eigentlich Darauf berechnet, auf den Grund aufmerffam zu ma: chen, weshalb im Abendmahle dad Brot ald thatfächliches Zei- chen diefelbe Stelle einnimmt, wie in den Worten der Einfe- Bung das Fleifh des Herrn; beide Symbole, das wörtliche und das factifche, als gleichgeltende Zeichen der durch den Tod Chriſti gefnüpften Lebensgemeinfchaft, entiprechend, wie in der vorliegenden Rede beide Vorſtellungen als Wechfelbegriffe be— handelt werden *). =) In Bezug auf das Blut und den Wein könnte man bie entfpre= chende Erklärung vielleicht in dem Gleichniffe von dem Weinftod und den Neben Cap. 15 finden, welches ſchon Durch die Stelle, die es in unferm Evangelium einnimmt, einen Bezug auf dag Abend— mahl anzubeuten fcheint, und wo V. 4 f. das ulvew Ev Euor aus unferm gegenwärtigen Geſpräche wörtlich wiederkehrt. — Beide Stel— : Ien in diefem Sinne zufammengekellt und mit der fynoptifchen Einſetzungsrede verglichen, würden einen intereffanten Beitrag zur 234 Sechſtes Bud. 19. Biele unter feinen Süngern, welche diefe Nede mit angehört hatten, fagten: „Das ift ein hartes Wort, wer kann es ertragen?” Da nun Sefus merkte, daß die Jünger dar: über unter einander murmelten, fagte er zu ihnen: ‚, Daran nehmt ihr Anftoß? Wenn ihre nun den Menſchenſohn hinan— gehen fehet, wo er zuvor war? Der Geift ifts, der lebendig macht, das Fleiſch ift nichts nüße!l Die Worte, die ich zu euch rede, find Geift und find Leben. Aber es find unter euch einige, die nicht glauben (es wußte nämlich, fest hier, wohl nicht der Apoftel, fondern der Herausgeber hinzu, Jeſus von Anfang an, wer die Ungläubigen, und wer der Verräther war); darum fagte ich euch, daß niemand zu mir fommen fann, dem es nicht von meinem Vater gegeben iſt.“) — Der Zufams menhang diefer Nede mit der vorhergehenden ift auf fehr ver- fchiedene Weife gedeutet worden; eine vollfommen genügende Deutung, d. h. eine folche, die mit Ausfchluß der übrigen für Die einzig richtige zu erkennen wäre, zu finden, dürfte kaum mög: ih fein. In der Verbindung der Saͤtze, welche hier Jeſus fpricht, unter fich felbft und mit der vorangehenden Aeußerung der Sünger liegt etwas Willfürliches, was ſtets die verfchieden- artigften Auffaffungen zulaffen wird, eben weil das eigentlich Schlagende, der gediegene Zufammenhang fehlt. Auch darüber befenne ich Feine beftimmte Anficht faffen zu koͤnnen, wie viel von dieſer Zufammenftellung dem Apoftel, und wie viel dem Veberarbeiter angehören mag. Möglich zwar, daß die Aus- fprüche vom Geiſt und vom Fleifh, und von der Bedeutung der Worte Chriſti als Geift und Leben von dem Apoftel felbft in Bezug auf die vorhergehende Nede vom Eſſen des Fleifches und Trinken des Blutes niedergefchrieben waren; aber eben fo möglich, daß fie, in ganz anderer Beziehung niedergefchrieben, erſt durch das Gutdünfen des Herausgebers diefe Stelle und Bedeutung gewonnen haben. 20. AS nad) diefem Geſpraͤch manche von den Jüngern Sefu verließen, ſprach er zu den Zwolfen: „Wollt etwa aud) Charafteriftit der Art und Weife geben, wie Johannes Ausfprüche des Herrn reflectirend überarbeitet, oder vielmehr nur als Thema zu eigenen, räfonnirenden Ausführungen benußt hat. *) V. 60 fi Evangeliſche Erzählungen und Reden nach Johannes. 235 ihr hinweggehen?’’ Da antwortete Simon Petrus: ,, Hear, zu wen follten wir und wenden? Worte ewigen Lebens haft du, und wir, wir haben geglaubt, und erfannt, daß du ber Heilige Gottes biſt!“ Darauf Iefus: „Habe ich nicht euch, vie Zwölf, ausgewählt? Und unter euch ift Einer ein Feind ! ’*)— Wenn wir uns nicht genöthigt glauben, auch diefe Morte als unmittelbar in ihrer vorliegenden Geftalt von dem Ayoftel felbft niedergefchrieben gelten zu laffen: fo Liegt nichts näher, als in ihnen die, freilich unfichere und bedeutend getrübte Neminiscenz an Ausfprüche zu erkennen, die uns in ihrer wahren Geftalt durch die Eynoptifer aufbewahrt find. Die Worte des Petrus erinnern an zwei verfchiedene Aeußerungen diefes Juͤngers, die wir bei Marcus finden *); daß der Sünger hier ausdrüdlich von Worten ewigen Lebens fpricht, welche der Meifter zu ihnen rede, Scheint nicht ohne ausdrücklichen Ruͤckblick auf die vorher: gehende Aeußerung Jeſu (B. 63) fo gewendet zu fein. Der merfwürdige Ausfpruh in Bezug auf Sudad Iſcharioth aber kann leicht durch eine ähnliche Uebertragung der in der leßten Nacht ausgefprochenen Weiffagung feines Verrathes fo geftaltet worden fein, wie, nach unferer obigen Bemerkung, die Acuße— rung über das Effen des Fleifches und des Blutes durch Ücher: tragung der Einfeßungsworte des Abendmahle. Zwar haben wir als wahrfcheinlich befunden, daß Jeſus auch früher fchon, ja fogleich von Anfang an den Charakter defien, der fein Verraͤ— ther werden follte, durchſchaut hatte***). Aber daraus folgt noch feineswegs die Wahrfcheinlichkeit, daß Jeſus auch frühzeitig fhon diefe feine Einficht in fo harten Worten follte ausgefpro= chen haben +). Solches Ausfprechen würde nicht fowohl, wie +) 3, 66,ff. **) Marc. 8, 29. 16, 28 u. Parall. FaeBergl, DDrL, ©, 3957 +) diaBolos kann hier freilich nicht durch „Teufel“ überfeßt werben; und man könnte ſich für die mildere Bedeutung biefes Ausdruds auf Marc. 8, 33 beziehen, wo Petrus felbft vom Herrn als „Sa— tan“ angeredet wird, Allein gerade bie verſteckte Andeutung bes gemeinten Jüngers giebt hier dem gebrauchten Worte eine Härte, die nichts anders als einen wirklichen Ausſpruch der Derwerfung darin erbliden läßt. 236 Sechſtes Bud. man den Zwed deffelben hat deuten wollen, jeden einzelnen der Juͤnger in Beforgniß verfest und zur Gelbftprüfung angeleitet, 7 ald vielmehr ein gegenfeitiges Mistrauen aller gegen alle er— weckt haben, welches Sefus unmöglich Fonnte hervorrufen wol= len. Iſt aber der Ausfpruch wirklich aus der fpätern Zeit über- tragen, fo dient er zu einer neuen Beftätigung unferer Anficht über jene fynoptifche Stelle, in welcher wir nach unferer obi- gen Auslegung derfelben nur eine Andeutung des Verraths über: haupt, nicht eine ausdrüdliche Bezeichnung des Judas zu er- blieen glauben. )— Die Hand des Ueberarbeiterd verräth fich übrigens an diefer Stelle durch die wiederholt eingefchobenen Berficherungen von der Kenntniß, die Sefus von vorn herein über den Charakter aller Perfonen feiner Umgebung, und infon= derheit feines Werräthers gehabt haben fol. 21. Auf die Mahnung feiner Brüder, fie zum Laubhüt- tenfefte nach Serufalem zu begleiten *), erwiedert Sefus: „Meine Zeit ift noch nicht gefommen, euere Zeit aber iſt ſtets bereit. Nicht kann die Welt euch haflen, mich aber haft fie, weil ich über fie Zeugniß gebe, daß ihre Werke böfe find. Ihr, ihr mögt auf diefes Feſt gehen, ich, ich gehe nicht auf diefes Feft, weil meine Zeit noch nicht erfuͤllt iſt.“ *) — Man kann in- diefen Worten, denen, mögen fie nun vom Xpoftel oder vom Herausgeber niedergefchrieben fein, wohl eine ächte Erinnerung zum Grunde liegt, nur daß fie wahrfcheinlich in eine weit fruͤ— here Zeit gehören, — (efwa in diefelbe, wie die Erzählung von der Hochzeit zu Kana, in welcher eine fehr Ahnliche Aeußerung vorkommt, oder auch ſchon in jene, wo nach der ihrem allge— meinen hiftorifchen Grunde nach. gleichfalls nicht verwerflichen Grzählung des Hebräerevangeliums +) Jeſus von feiner Mutter und feinen Brüdern aufgefordert ward, fich von Sohannes tau⸗ fen zu laffen), — man kann in ihnen ausgefprochen finden, was auch aus manchen andern Spuren feiner Lebensgefchichte herz vorzugehen feheint, daß Jeſus im Außerlichen Thun und Unter: *) Buch IV, ©, 601 ff. =) Berge. Buch II, ©, 310 f. r) Cap. 7, B 6 ff. +) Hieronym. adv. Pelag. II, 1. Evangelifche Erzählungen und Reden nach Sohannes. 237 laſſen fi) von einer inneren Stimme leiten ließ, die ihn, ähne lich etwa dem Dämonion des Sofrates, vor unzuläffigen Schrit— ten warnte, und zu folchen, die feinem Werke förderlich waren, antrieb *). Es Liegt in dem Begriffe der Thätigfeit eines aus Berordentlichen, welthiftorifchen Mannes, daß derfelbe gerade in jenen Xeußerlichfeiten, die für Andere gleichgültig und deshalb ihrer Willkür anheimgegeben find, an eine beftimmte Entfcheidung gebunden iſt; daß für ihn auch in folchen Fallen nur Eines das Rechte fein kann, wo für Andere fowohl diefes, als auch jenes Andere in gleicher Weife recht und zuläffig ift. Solche in dem providentiellen Zufammenhange feiner Stellung und ſei— nes Thuns begründete Nothwendigkeit pflegt fih, — manche denfwürdige Beifpiele aus der Lebensgefchichte folher Männer ließen fich dafür anführen, im Allgemeinen fpricht dafür ſchon der Glaube, den wir gerade bei ihnen fo häufig finden, an Ah— nungen, Schickſalsſtimmen u. ſ. w. — in der Weife eines, feis ner Gründe und Zwecke unbewußten, inflinctartigen Dranges fund zu geben, der zum Handeln nach einer beftimmten Nich- tung bintreibt, oder von einer andern folhen Richtung zurüds haͤlt. Sol eine Schidfalsftimme, meinen wir, hat Sefus auch in den Worten ausfprechen wollen, dis den bier aufgezeichneten zum Grunde liegen mögen. Der Evangelift freilich fcheint ihn . nur eine verftandige Berechnung der Gefahr, die ihm in Jeru— falem drohe, aussprechen lafjen gewollt zu haben; und überdies verliert bei ihm der Ausſpruch dadurch alle Bedeutung, daß Sefus felbft unmittelbar darauf ihm zuwiderhandelt. 22. Auf die VBerwunderung der Juden, woher er, ohne eine Schule durchgangen zu fein, feine Kenntniffe habe, erwies - dert Sefus (zu Serufalem, am Laubhüttenfefte) Folgendes: ‚Meine Lehre ift nicht mein, fondern deffen, der mich fandte. Will jemand feinen Willen thun, der wird von dieſer Lehre er— fennen, ob fie aus Gott ift, oder ob ich von mir felber rede, Mer von fich felber redet, fucht feinen eigenen Ruhm; wer aber den Ruhm deffen fucht, der ihn fandte, der ift wahr, und Fein Unrecht ift in ihm. Hat nicht Mofes euch) Das Geſetz gege— Aehnliche Erfheinungen in der Geſchichte der Apoftel: Ap. Geſch. 16,6. 21,4 ff. Gal. 2, 2 u. a. — Vergl. auch oben DD. I, ©. 430 ff. \ 238 Sechſtes Bud. ben? Und Feiner von euch thut das Geſetz. Was fucht ihr mich zu toͤdten?“ Der Haufe antwortet: „Du biſt befeffen, wer fucht dich zu toͤdten?“ Darauf Sefus: „Ein Werk habe ich gethban, und ihr alle verwundert euch darob. Mofes hat euch die Befchneidung gegeben (— nicht daß fie von Mofes wäre, feßt hier der Erzähler hinzu, fondern von den Vätern —), und ihr laßt am Sabbath befchneiden. Wenn eine Befchnei- dung am Sabbath erfolgen kann, um dem Gefege Mofes ge- nug zu thun, was züent ihr mir, daß ich einen ganzen Men: fhen am Sabbath gefund machte? Nichtet nicht nach dem Au— genfchein, fondern richtet, wie es die Gerechtigkeit verlangt.‘ — Ginige von den Bewohnern Serufalems Sprachen; „Iſt das nicht der, den fie tödten wollen? Und Doc) redet er fo frei und man fagt ihm nichts, Hätten denn wirflih die Obern ihn für den Meffias erkannt? Aber von dem da willen wir, woher er iftz wenn aber der Meffias kommt, jo weiß niemand, woher er iſt.“ Hierauf fprach Sefus mit lauter Stimme leh— rend im Tempel: ,, Wohl Fennt ihre mid), und wißt, woher ich bin. Und ich bin nicht von mir felbft gefommen, fondern der mich fandte, tft wahrhaftig, und ihr, ihr Fennt ihn nicht. Sch, ich Eenne ihn, weil ich von ihm herfomme und er mich gefandt hat.” Da fuchten fie ihn zu fangen, aber niemand Yegte Hand an ihn, denn feine Zeit war noch nicht gekommen. Viele aber aus dem Volk glaubten an ihn und fagten: „Wenn der Meffias Fommt, follte er wohl mehr Wunder thun, als der gethan hat?” Diefes Murmeln des Bolfes über ihn börten die Pharifüerz die Pharifaer und die Oberpriefter ſchick— ten ihre Diener, ihn zu fangen, Sefus fagte: „Noch kurze Zeit bin ich bei euch, und gehe dann hinweg zu dem, der mid) gefandt hat. Ihr werdet mich fuchen, und nicht finden; und wo ich bin, dahin Fonnt ihr nicht fommen.’’ Da fprachen die Suden unter fih: „Wohin will der gehen, da wir ihn nicht finden follen? Mill er etwa zu den Verſtreuten unter den Grie— hen gehen, und die Griechen lehren? Was iſt das für eine Nede, die er fprach: Ihr werdet mich fuchen und nicht finden; und wo ich bin, dahin Fonnt ihr nicht fommen?’’ *) Zr Bela: Gvangelifche Erzählungen und Reden nach Sohannes. 239 Diefed weitläuftige Gefprach kann ich nicht anders, als für eine ziemlich ungefchickte Compofition nicht des Apoſtels, ſon— dern des Ueberarbeiters halten. Die Ausfprüche Chriſti bilden darin nicht, wie in den acht johanneifchen Reden, den Haupt: beſtandtheil; fie find unbedeutend, und faft durchgehends entwe— der Wiederholung anderer johanneifcher Sprüche oder fehwache Neminiscenzen an folche Ausfprüche, die uns aus den Synop—⸗ tifern befannt find. Jene erftern find im vorliegenden Zuſam— menhange weit fchlechter, ald anderwärts angebracht. Wer, der ohne Vorurtheil diefe Stelle überlieft, Fann es ertragen, wenn er Chriſtum auf die doppelte Frage, erft, woher er feine Schrifts kenntniß habe, dann, wie Er, defjen Perfonlichfeit man gar wohl Eenne, der Meffias fein koͤnne, — ftatt der geiftreichen Wen— dungen, die er auf dergleichen Fragen bei den Synoptifern ſtets in Bereitfchaft hat, mit der. eintonigen, matt Flingenden Ver— weifung auf den, der ihn gefandt habe, antworten hört? Wenn er die Worte von der Ruͤckkehr zum Vater, die Verfündigung, daß man ihn fuchen und nicht finden werde *), gleichfall3 bis zum Ueberdruß vor folchen, die fie auf das albernfte misverfte- hen, wiederholen hoͤrt? — Nicht beffer aber paffen jene andern Neminiscenzen hieher. Wie fchaal nimmt ſich der Vorwurf binfichtlich des Verhaltens der Juden zum mofaifchen Gefeße aus, wenn man ihn mit jenem fynoptifchen Gefpräch mit den Dharifaern über die Beobachtung des Geſetzes *) zufammenhalt ! Wie unmotivirt und willfürlich fteht ferner in diefem Zufame menhange die Grinnerung an die am Sabbath gefchehene Hei- lung! Der Erzähler meint damit unftreitig die Begebenheit am Teiche Bethesdaz er fcheint Diefelbe noch immer ald das ein— zige Greigniß zu betrachten ***), wodurch Jeſus in Serufalem die Aufmerkfamfeit der Juden habe auf fich ziehen fonnen. Die Art und Weife der Erwähnung felbft aber fchließt eine unver: fennbare Erinnerung an die fynoptifchen Ausfprüche über das Heilen am Sabbath ein }), mit unbehülflihem Streben, den *) Bergl. Cap. 8, 21. Cap. 13, 33, "FH Marc, 7, 1. u. Parall. ***) Freilich im Widerfprud mit V. 31. 7) Defonders an Matih. 12, 3 ff., aber auch an Matth, 12, 11 f, Zuf, 13, 14. 14, 5. 210 Sechſtes Bud. rechten Ausdruck dafür wiederzufinden, ftatt deſſen ein offenbar ſchiefer und fchielender ergriffen wird. — Eben fo fchielend find durchgängig die tadelnden Neden der Juden ausgefallen, bei denen ſchon dies, hier wie anderwärtd, einen Uebelftand giebt, daß an mehreren Stellen ohne nähere Bezeichnung die Menge, der große. Haufe, als in Unterredung mit Sefus begriffen eins geführt wird. Wir finden in diefen Reden eine nochmalige Nez miniscenz an die Bemerkungen der Landsleute Jeſu zu Naza— reth. Aber um wie vieles beffer werden auch diefe bei den Sy— noptifern erzählt, ohne alle Einmifchung der ungehörigen Frage, ob Sefus der Mefjias fei, und (den Lufad ausgenommen) der eben fo ungehörigen Vorausfegung der Abficht, ihn zu todten! Bon diefer letztern wird. hier fo ungeſchickt als möglich als von einer eingeftandenen Sache gefprochen, von der man fich nur wundern müffe, Daß fie nicht laͤngſt in Ausführung ges bracht fei. 23. Einen fehr ähnlichen Charakter, wie das Vorherge— hende, trägt auch noch das zunächft Folgende, was der Erzähe ler am leßten, von ihm als „der große’ (2) bezeichneten Tage des Feſtes vorgehen laͤßt ). Mit Bezug (fo pflegen es we— nigftens die Ausleger zu verjiehen) auf den feftlichen Gebrauch des Waflergießend Spricht Sefus: ,,Wenn einer dürftet, der fomme zu mir und trinfe! Mer an mich glaubt, aus deffen Leibe werden, wie die Schrift fagt, Strome lebendigen Waſ— fers fich ergießen.“ — Es charakteriſirt die befchränft dogma- tiſche Anficht unfers Erzählers, wenn er diefe Worte, ftatt fie, wie fie unftreitig verftanden fein wollen (auch dann verftanden fein wollen, wenn fie, wie ich für nicht unwahrfcheinlich halte, nur den im Öefpräche zwifchen Sefus und der Samariterin vor: fommenden nachgebildet find), von dem Geifte zu verftehen, der fich zu allen Zeiten und in jedem Gläubigen an dem Wort und ber Lehre des Herrn entzünden Fann und wirklich entzuͤn— det hat, nur von den befondern Geiftesgaben verftehen zu müf- fen meint, mit denen erft nach des Herren Tode die Apoftel aus— gerüftet wurden. — Dann läßt er wiederum eine Scene folgen, in welcher Einige aus der Menge, diesmal, wie ed, fonderbar BITTE: Evangeliſche Erzählungen und Reden nad) Sohannes. 241 genug, wenigftens auf einen Augenblid fo fcheint, blos auf ‚jenes Wort hin, Sefum für „den Propheten‘, für ‚den Mef: ſias“ erklären wollen, wogegen Andere erinnern, daß der Schrift zufolge der Mefjias aus Davids Stamme, aus dem Fleden Bethlehem kommen folle. Verſuche, ihn zu fangen, mislingen abermal3; die Diener der Priefter und Pharifaer, von ihren Herren gefcholten, preifen die Macht feiner Worte; die Phari: ſaͤer meinen, Feiner der Angefehenen, fondern nur das gemeine Volk laffe fich, aus Unkunde des Geſetzes, von ihm irre füh- ven. Bon Nifodemus deshalb zuruͤckgewieſen, fragen fie ihn, ob etwa auch er ein Saliläer ſei; aus Galilda koͤnne ja ein für allemal (eine gefchichtlich falfhe Behauptung) Fein Pro— phet kommen. 24. Als Jeſus, fruͤh am Morgen vom Oelberge im Tempel angelangt, vor einer zahlreichen Umgebung ſitzend zu leh— ren beginnt, führen die Schriftgelehrten und Pharifaer eine im Ehebruch betroffene Frau zu ihm, ftellen fie vor ihn hin und fprechen zu ihm: ‚‚Meifter, diefe Frau ward auf der That des Ehebruchs betroffen. Im Geſetz hat Mofes uns geheißen, folche zu fleinigen; du nun, was fagft du?” Dies aber fagten fie, ihn verfuchend, um eine Anklage wider ihn zu gewinnen. Je— fus bücdte fich nieder und fihrieb mit dem Finger auf die Erdez als fie aber bei ihrer Frage beharrten, richtete er fich in bie Höhe und ſagte: „Wer unter euch ohne Fehl ifl, mag den ers fien Stein auf fie werfen!” Darauf büdte er fi wiederum nieder und fchrieb auf die Erde. Jene aber, als fie es hörten, wurden von ihrem Gewiffen getroffen und gingen einer nad) dem andern hinweg, von den Xelteften an bis zu den Süngften, und Sefus blieb allein zurücd mit der vor ihm ftehenden Frau, - Da richtete er ſich in die Höhe, und als er niemand erblidte außer der Frau, fprach er zu ihr: „Weib, wo find jene beine Ankläger? Hat Feiner dich verurtheilt?“ Sie antwortete: „Keiner, Herr!” Darauf Jeſus: „So verurtheile * ich dich nicht. Geh, und ſuͤndige nicht mehr!‘ *) Die vielfachen Außeren und inneren Schwierigkeiten, welche von einer Reihe von Kritifern in alter und neuer Zeit gegen *) Cap, 8, V. 1 ff. U. Bd. 16 242 Schftes Bud. diefes befanntlich aus Gründen Außerlicher Texteskritik verdaͤch— tige Bruchftüc erhoben worden find, würden und, bei unferer Anficht ſaͤmmtlicher erzählenden Theile diefes Evangeliums, noch nicht beftimmen, deffen Unächtheit diefen andern heilen gegen- über anzunehmen. Sie find, obwohl nicht gering, doch keines— wegs größer, als jene, Die wir bereits in fo manchen anderen Partien gefunden haben und fernerhin finden werden. Allein das Stück unterfcheidet fich in Charakter und Schreibart fo auf- fallend von allen übrigen johanneifchen Erzählungen, es fteht in feiner nächften Nachbarfchaft, die zwar nicht einen objectio ges diegenen Zufammenhang bildet, aber doch eine fich ſelbſt ziem- Yich gleichbleibende Farbe trägt, fo fremdartig da, daß auch wir den duch fein Fehlen in fo vielen Handfchriften veranlaßten Zweifel theilen müffen, ob es auch nur in dem Sinne, wie die übrigen von und für nichtapoftolifch erfannten Erzählungen, zu den urfprünglichen Beftandtheilen des Evangeliums gerechnet werden koͤnne. Seiner Einfleidung, und, bis zu einem gewifs fen Grade wenigftens, auch feinem Geifte nach fcheint es fich mehr jenen fynoptifchen Erzählungen anzufchließgen, welche Chris ſtum während feines Aufenthalts in Serufalem zunächft vor ſei— nem ode täglich früh Morgens von Bethanien oder vom Del- berge in. die Stadt hereinfommend, im Tempel lehrend und mit Schriftgelehrten, die ihn verfuchen wollen, Worte wechfelnd ein- führen. Damit würde fi) Die Notiz des Eufebius ) wohl ver: einigen laffen, nach welcher diefe oder eine ihr ähnliche Erzähr Yung ſich im Hebräerevangelium vorgefunden hätte; von diefem apokryphiſchen Evangelium nämlich ift Fein Zweifel, daß es den fonoptifchen weit näher ftand, als dem johamneifchen. Wie fie in den gegenwärtigen Zufammenhang fich verirrt haben möge, iſt nicht leicht zu entraͤthſeln; halten wir ed indeß für zuläffig, worauf der doppelte Schluß des Evangeliums und der fonder- bare, von dem übrigen Charakter der Erzählung in nicht ganz unähnlicher Weife, wie das gegenwärtige Stüd, abweichende Charakter des 21, Capitels hinzuführen ſcheinen, ftatt einer ein- fachen, eine Doppelte Ueberarbeitung unfers Evangeliums aufzu⸗ nehmen: ſo tritt dann wenigſtens die Moͤglichkeit ein, daß die *) Euseb. H. E. III, 39, Evangelifche Erzählungen und Neben nach Johannes. 243 Aufnahme des Stüds bereits diefer zweiten Necenfion angehört. Doc würde e8 dann freilich befremdend bleiben, daß fich nicht eine ähnliche Differenz der Handfchriften au in Bezug auf jenes Schlußcapitel findet. Den Anlaß zum Einfchieben gerade an diefe Stelle übrigens mag der Ausſpruch im Folgenden (8. 15) „Ich richte Niemand“ gegeben haben. — Betreffend endlich die Frage nach der gefchichtlichen Wahrheit der Anekdote: fo halten wir zwar nicht für wahrscheinlich, daß genau in der Geftalt, wie fie berichtet wird, diefelbe wirklich gefchehen feiz dagegen aber fcheint uns die darin erzählte Antwort Sefu von folcher Bes fchaffenheit, daß wir uns gar wohl denken fonnen, daß er fie in irgend einem andern Zufammenhange, etwa bei einem Falle von zweifelhafterer Natur, ald der hier erzählte geweſen wäre, wirklich gegeben habe. 25. „Ich, ih bin das Licht der Welt; wer mir folgt, wird nicht im Dunkel wandeln, fondern das Licht des Lebens haben!’ Darauf erwiedern ihm die Pharifäerr: „Du, du zeugft von dir felbft, dein Zeugniß tft nicht wahr.” Sefus ant= wortet: ‚Wenn ich auch von mir felber zeuge, fo ift mein Zeug: niß wahr, denn ich weiß, woher ih Fam und wohin ich gehe, ihr aber, ihr wißt nicht, woher ich fomme. oder wohin ich gehe. Shr, ihr richtet nach dem Fleifch, ich aber, ich richte Niemand, und wenn ich richte, fo ift mein Urtheilöfpruc) wahr. Denn ich bin nicht allein, fondern ich und der Vater, der mich fandte, Steht doch in euerm Gefeß gefchrieben, Daß zweier Menfchen Zeugniß wahr iſt. Sch, ich bin es, der von mir zeugt, und es zeugt von mir der Vater, der mich ſandte.“ Da fprachen fie zu ihm: „Wo iſt dein Vater?’ Jeſus antwortete: „We— der mich kennt ihr, noch meinen Vater, Kenntet ihr mich, fo würdet ihr auch meinen Vater Fennen.’’ *) — Diefe Reden, die Sefus der beigefügten Bemerkung zufolge im Schaßhaufe des Tempels gefprochen haben fol, enthalten nur offenbare, und zwar fehr matte Wiederholungen früher fchon dagewefener Ausiprüche, und find, gleich den vorhergehenden (Nr. 22, 25), ſchwerlich auch nur als Acht johanneifch zu betrachten. Die Berufung auf das Gefes, welches die Ausmittelung dev Wahr: Bf 16 * 21% Schftes Bud. heit durch zwei Zeugen verlangt, ift im gegenwärtigen Zufams menhange fehr unglüdlich angebracht, fieht aber faſt darnach aus, einer geiftreichen Wendung nachgebildet zu fein, deren Je— fus in irgend einem angemeffenern Zufammenhange wirklich fich bedient haben mochte, die aber der Erzähler zu unvollftändig im Gedächtniffe bewahrt hatte, um fie richtig wiederzugeben. — Die Scene ſchließt bei unferm Erzähler mit der bis zum Außer- ften Ueberdruß von ihm wiederholten Bemerkung, daß Niemand ihn gefangen habe, weil feine Zeit noch nicht gefommen war. 26. „Ich, ich gehe hinweg, und ihr werdet mich fuchen, und in euerer Sünde fterben! Wohin ich gehe, dahin Fonnt ihr nicht kommen.“ Da fagten die Juden: „Will er fich etwa umbringen, daß er fagt: wohin ich gehe, dahin Fonnt ihr nicht kommen?“ Und er darauf: „Ihr, ihr feid von unten, ich, ich bin von oben! Schr, ihr fetd von dieſer Welt, ich, ich bin nicht von diefer Welt, Sch fagte euch, daß ihr in euern Suͤn— den flerben werdet. Wenn ihr namlich nicht glauben wollt, daß ich Sch bin, fo werdet ihr in euern Sünden fterben! Da fragten fie ihn: „Du, wer bift denn du?’ Und Jeſus: „Ein für allemal nichts anders, als was ich zu euch rede! Biel habe ich von euch zu reden und zu urtheilen; aber der mich fandte ift wahr, und ich, was ich von ihm gehört habe, das fpreche ich zu der Welt.” Sie merften nicht, daß er zu ihnen vom Vater fprah. Da fagte Sefus: „Wenn ihr den Sohn des Menfchen erhöht haben werdet: dann werdet ihr er: fennen, daß ich Sch bin, und daß ich nichtS von mir felbft thue, fondern wie mich mein Vater lehrte, diefes rede. Und der mich fandte, ift mit mir; nicht hat mich der Vater allein gelaffen, denn ich, ich thue allenthalben, was ihm gefaͤllt.“) — Wiederum ein Geſpraͤch, voll der tädiofeften Wiederholungen, der abfurdeften Misverftändniffe und der unbehülflichften Ent: gegnungen von Seiten Jeſu! Geſetzt e8 wären, — was freis lich wir, wie wir Chriftum aus beſſern Quellen zu fennen glau- ben, für vollig unmöglich halten müffen, — dergleichen Ge: fpräche wirklich vorgefallen: wie Fann man irgend denkbar fin⸗ den, daß der vor allen andern begabte und beguͤnſtigte Juͤn— YEAR. % * Evangeliſche Erzaͤhlungen und Reden nach Johannes. 245 ger des Herrn nichts wichtigeres und des Meiſters wuͤrdigeres, als ſie, zu berichten gefunden haben ſollte! — Der Antwort auf die Frage, wer er ſei (V. 25)-thut man meines Erachtens zu viel Ehre an, wenn man fie für eine Verweifung ftatt auf den Buchftaben, auf den Geift der Reden nimmt. Solche Verwei— fung wäre zwar im Sinne des wahren, aber nicht des johan— neifchen Chriſtus. Es müßte denn fein, daß etwa auch hier eine verdunfelte Grinnerung an Ausfprüche der Art, wie jener vom Wunder des Propheten Jonas *) zum Grunde Yäge. 27. Sefus fpricht zu einigen an ihn glaubigen Suden: „Wenn ihr in meinem Worte verbleibt, fo feid ihr in Wahrheit meine Schüler, und ihr werdet die Wahrheit erfennen und die Wahr heit wird euch befreien!’ Darauf antworteten fie ihm: „Wir find Abrahams Same, und Niemandem haben wir je gedient; wie Fannft du fagen, daß wir exft, frei werden ſollen?“ Dar: auf Sefus: ‚„‚Wahrlich, wahrlich ich fage euch, wer die Sünde thut, ift Sklav der Sünde! Der Sflav aber bleibt nicht in Ewigkeit in dem Haufe, der Sohn aber bleibt da in Ewig- keit. Wenn nun der Sohn euch befreit, fo werdet ihr in Wahr: heit frei. Sch weiß, daß ihr Abrahams Same feid, aber ihr fuht mich umzubringen, weil mein Wort in euch feinen Platz findet! Ich, was ich bei meinem Vater gefehen habe, das fpreche ich, und ihr, was ihr bei euerm Vater gefehen Habt, das thut ihr.” Da erwiederten fie: ‚‚Unfer Vater ift Abra> ham!“ Sefus fprach: „Waͤret ihr Kinder Abraham, fo wür- det ihr Abrahams Werke thun. So aber fucht ihe mich umzu— bringen, mich, einen Dann, der euch die Wahrheit fprach, die ich von meinem Vater hörte; das hat Abraham nicht gethan! Shr, ihre thut die Werke eures Vaters.” Da fagten die Su: den: „Wir, wir find nicht aus Hurerei erzeugt, Einen Vater haben wir, Gott.” Darauf Sefus: „Wäre Gott euer Vater, fo würdet ihr mich lieben, denn ich ging von Gott aus und komme von Gott, ich bin nicht von mir felbft gekommen, fon: dern Er hat mid abgeſandt. Warum verfteht ihr meine Nede nicht? Weil ihr mein Wort nicht hören koͤnnt! Shr, ihr habt den Teufel zum Vater, und wollt nach den Begierden *) Dergl, oben Buch V, ©, 81 ff, 246 Schftes Bud. eured Vaters thun. Der war ein Menfchenmörder von Anfang und ift nicht in der Wahrheit fehen geblieben; denn Wahrheit ift nicht in ihm, Wenn er Lüge redet, fo redet er von feinem Eigenen, denn ein Lügner ift er, und der Vater der Lüge. Ich aber, weil ich die Wahrheit rede, fo glaubt ihr mir nicht. Wer unter euch zeiht mich eines Fehl? Wenn ih Wahrheit rede, warum glaubt ihr mir nicht? Wer aus Gott ift, hoͤrt Die Morte Gottes; darum wollt ihr nicht hören, weil ihr nicht aus Gott ſeid.“ — Hier fielen die Zuden eins „Haben wir nicht recht gefagt, daß du ein Samariter und befeffen biſt?“ Jeſus antwortete: „Ich bin nicht befeffen, fondern ehre meinen Va— ter; und ihr, ihr verachtet mih! Sch aber, ich ſuche nicht meine Ehre; es ift einer, der fie fucht und richtet. Wahrlich, wahrlich ich fage euch; wenn jemand mein Wort bewahrt, der wird den Tod nicht fehen in Ewigkeit!’ Da fprachen die Zus benz „Jetzt fehen wir, daß du befeffen bift. Abraham ftarb und die Propheten, und du, du ſagſt: wenn jemand mein Wort bewahrt, der wird den Tod nicht fehen in Ewigkeit! Bift du etwa größer, als unfer Vater Abraham, der doch geftorben ift, wie auch die Propheten geftorben find? Wozu machſt du dich ſelbſt?“ Sefus antwortet: „Wenn ich mich felbft ehre, fo ift meine Ehre nichts. Es ift mein Vater, der mich ehrt, er, den ihr euern Gott nennt und. ihm nicht Fenntz ich aber Fenne ihn. Wollte ich fagen, ich Fenne ihn nicht, fo wäre ich euch gleich, ein Lügner, Aber ich Fenne ihn und bewahre fein Wort, Abraham, euerVater, frohlodte, daß er meinen Tag fehen follte; er fah ihn und freute ſich.“ Da gingen ihm die Juden zu Leibe: „Du haft noch nicht funfzig Sahre, und willft Abra- ham gejehen haben?‘ Sefus aber fprach: „Wahrlich, wahr: lic) ich fage euch, ehe Abraham war, bin ich! *) So bereitwillig ich anerkenne, wie unficher in dem ganzen vierten Evangelium, und ganz befonderd in dieſem mittleren Theile defjelben die Ausfcheidung der Elemente ftet3 bleiben wird, aus deren Zufammenfügung ich den fonderbaren Charakter dies fes Schriftwerfes allein zu erklären vermag, und fo unweigerlich ich auch Died zugeftehe, Daß ich in Diefer gefammten Partie, *) B. 31 ff, R F Evangeliſche Erzählungen und Reden nach) Sohannes. 247 mit Ausnahme jenes anerkannt unächten Einfchiebfels am An: fange des achten Gapitels, Feine eigentlichen Näthe zu entdeden weiß: fo bin ich doch geneigt, in dem vorliegenden Gefpräche mehr Acht johamneifche Beftandtheile anzuerkennen, als in den zulegt betrachteten. Die ganz überflüffigen Wiederholungen find nicht mehr fo auffallend, wie dort; was etwa ald Wie: derholung eines fchon früher Geſagten erfcheinen koͤnnte, Das kann zum Theil vielmehr als das Driginal gelten, dem jenes frühere nachgebildet iftz auch hat das Geſpraͤch, fo entfernt e3 freilich auch noch immer von dem Charakter der ächten, d.h. der fynoptifchen Reden Chriftt bleibt, doch eher noch eine ge— wiffe Haltung, als die vorhergehenden, eine Haltung ähnlicher Art, wie etwa die Gefpräche mit Nifodemus und der Samari— terin. Sein Thema bildet die von den Juden vorgegebene, von Sefus nur bedingungsweife ihnen zugeftandene Sohnfchaft Abra- hams. Es ift ganz in der eigenthümlichen Weife des Johan— ne, daß er am Schluffe, nachdem in verfchiedenen Seiten- wendungen ded Gefpräces dieſes Thema ſchon verloren fcheint, daffelbe noch einmal aufnimmt und unmittelbar daran die Sen: tenz Enüpft, welche mit einer energifchen und paradoren Wen— dung dad Verhaͤltniß der göttlichen Perſoͤnlichkeit Chrifti zum Begriffe jenes Vorzugs, welcher durch die Abflammung von Abraham erworben wird, ausfpridht. In weldhem Sinne frei: lich Sefus felbft, falls eine feiner eigenen Reden zu dieſer Stelle die VBeranlaffung gegeben hat, fich über jene Kindfchaft Abra- hams geäußert haben mag: das läßt fich aus der vorliegenden Ausführung nicht mehr herausfinden, da diefe ganz den theore— tifchen Ideen des Johannes angepaßt ift. — Dies. nämlich glaube ich als das Wahrfcheinlichere auch von der gewichtigen Schluß- fentenz behaupten zu müffen, in welcher Chriſtus feine Pribei— tät vor Abraham behauptet. Diefelbe ift ganz im Geifte der iohanneifchen Logoslehre gefprochen, und erinnert auffallend an Die ähnlichen Sentenzen im Prolog, wo in verwandten Sinne Io: hannes dem Läufer die Behauptung einer Priorität Chriſti vor ihm felbft in den Mund gelegt wird. Eine abfolute Unmög- lichkeit indeß, daß nicht auch der wahre Chriftus fo etwas ge— fagt haben könne, laͤßt fi, befonders nach Sprüchen ber Art, wie der fhon mehrfach von uns in ähnlichen Bezügen erwähnte 248 | Sechſtes Bud. funoptifche ), allerdings nicht behaupten, Im feinem Sinne gefagt ift ed gewiß eben fo, wie wir auch den eigenen Sinn Shriftt vollfommen darin wiederfinden, wenn Paulus in den Begriff der Kindfchaft Abrahams ausdrüdlich auch die Heiden ein— fehließt, ald Samen’ Abrahams zwar nicht nad) dem Geſetz, aber nah dem Glauben Abrahams, in Folge der Weilfagung, er werde „Vater vieler Völker‘ werden *). Nur halte ich, falls unfer gegenwärtiger Ausfpruh von Chriftus felbft herrühren ſollte, für wahrfcheinlich (eine Vermuthung, deren ich mich, auch in Bezug auf die eben gedachte fynoptifche Stelle nicht erwehren zu fonnen befenne), daß Jeſus nicht von fich in der erften Perfon, ‘ fondern ven dem „Menſchenſohne“ gefprochen habe, was dann von dem Evangeliften, der beide Ausdrucksweiſen für gleichbe= deutend nahm, verwechfelt worden ift. Uebrigens Fann, was die Erwähnung der Kindfchaft Abrahams im gegenwärtigen Ge— fpräche überhaupt betrifft, an den Ausfpruch in der Erzählung vom Hauptmanne zu Kapernaum***) erinnert werden, wofelbft auf Ahnliche Weife, wie hier, die Juden der Vortheile verlu— ſtig erklärt werden, welche ihnen die Abftammung von den Erz- vätern gewähren follte. — Merkwuͤrdig ift (WB. 41) in der Rede der Juden der Uebergang von der Vorſtellung ihrer Abſtam— mung von Abraham zu der dem Propheten +) nachgefprochenen Borftellung einer unmittelbaren Vaterfchaft Gottes. Es bietet diefer, hier freilich unmotivirt bleibende und fehwerfällig ausge— drückte, aber in der wirklichen Sinnesweife der Juden unftreitig be— gründete Uebergang die vollftändigfte Analogie, die man nur immer verlangen kann, zu dem Uebergange von der Vorftellung von Chriftus als Davidsfohne zu der VBorftellung von ihm als un- ° mittelbarem Gottesfohne. — In der Erwiederung Sefu auf jene folge Behauptung dev Juden haben bereits andere Ausleger die eigenthümliche Lehre und Ausdrudsweife des Johannes wieder: erfannt, nach welchem jeder, der fündigt, vom Teufel ift, und der überhaupt alle Menfchen in Kinder Gottes und Kinder des *) Matth. 11, 27, =*) Röm. 4, 16 f, (vergl. Gal. 3.29): **) Matth, 8, 11 f, 7) Mal, 2, 10, Evangeliſche Erzählungen und Reden nad) Sohannes. 249 Teufels eintheilt *). Doch ift es nichts weniger als unmög- ich, daß Jeſus felbft in irgend einem Sufammenhange diefen harten Ausdrud von den Suden gebraucht hat. Sedenfalls aber follte der Hinblick auf jene fo auffallend der gegenwärtigen ver: wandte Stelle des johanneifchen Brief davon abhalten, die nachfolgende Frage Iefu, wer ihn denn einer Suͤnde zeihen fonne, in der beliebten dogmatifchen Weife auf eine ihn von allen andern Sterblichen ſpecifiſch unterfcheidende Sündlofigfeit zu deuten. Denn in jener Briefitelle *) wird von „jedem, der aus Gott geboren iſt“, verfichert, daß er Feine Sünde thue. 28. Im Borübergehen erblidte er einen Menfchen, der blind geboren war. Seine Sünger fragten ihn: „Rabbi, wer hat gefündigt, der da, oder feine Xeltern, daß er blind geworden iſt?“ Sefus antwortete: „Weder der da hat gefündigt, noch feine eltern, fondern Gottes Werke follten an ihm fich offenbaren. Ich muß die Werke deffen, der mich fandte, wirken, fo lange es Tag iſt — es kommt eine Nacht, wo niemand wirken kann. So lange ich in der Welt bin, bin ich ein Licht der Welt! Dies fagend fpie er auf die Erde, machte einen Koth, ftrich ihn in die Augen des Blinden und hieß ihn gehen und ſich in dem Teiche Siloa (das fol nah unferm Erzähler heißen: „der Geſandte“) wafchen. Sener ging, wufch fic) und ward fe- hend *). — Es folgt hierauf noch eine weitfchweifige, für ung, | wenn wir einmal die richtige Anfiht über die Befchaffenheit unfers Evangeliums gefaßt haben, ziemlich intereffelofe Erzählung von der Art, wie diefe Begebenheit unter den Juden befannt wurde, und von der Bewegung, die fie unter ihnen hervorrief. Es wird dabei vorausgefeht, daß das Gefpräch des Herrn mit dem Blinden feinen Zeugen hatte; erft nachdem die Dperation vollendet ift, wird man auf den Geheilten aufmerffam, zwei: felt, ob es derfelbe fei, den mar fonft als Blinden Fannte, und befragt ihn endlich, wer ihn geheilt habe. Der Menſch nennt Jeſum ald einen ihm übrigens Unbekannten (dvdonnos Asyo- evog Imooög) und befchreibt den Hergang feiner Cur. Vor die *) 1505. 3,8 ff. *#) B, 9. Bergl. Cap. 5, 18. #*) Cap, 9, V. 1 ff. 250 Sechſtes Bud. Phariſaͤer geführt, wiederholt er feine Ausfage und veranlaßt dadurch einen abermaligen Streit über Sefus, welcher fih zum Theil daran Fnüpft, daß die Heilung (wie Sene, fonderbar ges nug, aus den Ausfagen des Geheilten zunächft und faft allein herausgehört haben müfjen) an einem Sabbath gefchehen ift.. Demungeachtet will man der Thatfache felbft noch immer kei— nen Glauben ſchenken; man befragt die Aeltern des Blinden. Diefe aber weigern fich, Antwort zu geben, aus Furcht vor den Juden, welche, wie der Xefer bei diefer Gelegenheit erfährt *), jeden, der Jeſus für den Meffias halte, für ausgefchloffen von der Synagoge erflärt hatten. Darauf entfpinnt ſich ein neuer MWortwechfel mit dem vormald Blinden über die Möglichkeit, ob Jeſus, als ein fündiger Menſch, folhe Dinge verrichten fonne, welcher damit endigt, daß fie den Mann hinauswerfen. Da nimmt ſich Jeſus feiner an, fragt ihn, ob er an den Sohn Gottes glaube, giebt, auf Befragen des Andern, ſich felbft als folchen zu erfennen, und fpricht, da jener vor ihm niederfällt **): „Zum Gericht Fam ich in die Welt, daß die nicht Sehenden fehend, die Sehenden blind werden follen.’’ Dies hören einige Mharifaer und fragen ihn, ob er auch fie unter die Blinden rechne, worauf Sefus erwiedert: „Waͤret ihr blind, fo hättet ihr Feine Sünde, fo aber, da ihr euch fehend glaubt, bleibt euch euere Sünde. Wie allentHalben im vierten Evangelium, fo hat man aud) an biefer Erzählung die große Genauigkeit des Details ge- rühmt, und darin ein fichered Zeichen der Augenzeugenfchaft des Erzählerd erkennen wollen. Gerade hier aber war dieſes Lob befonders übel angebracht, da an denjenigen Theilen, welche daffelbe hauptlächlich treffen würde, der Bericht nicht einmal Anfprud darauf macht, aus Augenzeugenfchaft gefchöpft zu fein. Es müßte in der That fonderbar zugegangen fein, wenn bei allen jenen Verhandlungen erft der Suden, die fich über die Identitaͤt der Perfon deffen, den fie jeßt mit geöffnetem Geficht *) Vergl. oben Bd. J. ©. 332. Der Eyangelift ſcheint dasjenige Ver- bot im Sinne gehabt zu haben, welches (Ap. Geſch. 4, 18) beträghts liche Zeit nach dem Tode Chrifti an Die Apoftel erging. Er), 39, Evangeliſche Erzaͤhlungen und Reden nach Johannes. 251 erblicken, mit dem vormals Blinden verſichern wollen, unter ſich, dann eben dieſer Juden mit dem vormals Blinden ſelbſt, hierauf der Phariſaͤer mit dem letzteren und mit ſeinen Aeltern, der Apoſtel Johannes perſoͤnlich gegenwärtig geweſen wäre, Meint man aber, daß er dieſe Geſpraͤche ſaͤmmtlich durch ge— naue Erkundigung von Andern, etwa von eben jenem Geneſe— nen, der ſich nachher unter die Juͤnger des Herrn geſellt haben ſoll, in Erfahrung gebracht habe: ſo faͤllt auf, wie er dieſe Sorgfalt des Nachforſchens auf ein fo nichtiges Geſchwaͤtz gewen— det hat, welches, wenn nur der Ausgang defjelben befannt war, für ihn und für die Lefer feines Werkes Faum Gegenftand einer müffigen Neugier, eines ernfthaften Intereſſes nimmermehr fein fonnte, während es fo viele wichtigere Dinge zu berichten gab, über die er uns rathlos läßt. — Ferner hat man aus den die Heilung begleitenden Umftänden, welche, fo meint man, im Ges genfage der ſynoptiſchen Berichte über Blindenheilungen das Wunderbare des Ereigniffes eher vermindern ald vermehren, eis nen günftigen Schluß auf die factiſche Wahrheit Ddeffelben zie- hen zu dürfen gemeint. - Aber dabei liegt die Vorausſetzung zum Grunde, als ob unfer Erzähler jene Berichte feiner Mit: evangeliften gekannt haben muͤſſe; eine VBorausfesung, die fic) gerade hier um fo entfchiedener als falich ausweift, je deutlicher man aus der ganzen Behandlung dieſes Vorfalls und aus ſei— ner fpätern Wiedererwähnung *) erfieht, daß der Erzähler von feiner andern Blindenheilung Kunde hat, fondern die hier ers zählte für die einzige "hält, die Jeſus verrichtet hatte, Jene Nebenumftände aber find vielmehr von ganz gleicher Art, wie die auf das Ereigniß nachfolgenden Gefpräche, nämlich nach einem abftracten Typus erfunden, welchen fich der Erzähler über den Hergang ſolcher Heilungen gebildet haben mochte. So das Auflegen eines durch Speichel gebildeten Kothes nach den befannten Meinungen des Alterthums von der Heilkraft des Speichel in Augenkrankfheiten, das Waſchen im Teiche Siloa (von welchem Teiche ein ähnlicher Gebrauch fonft nicht befannt, und überdies eine Verwechslung mit der weit häufiger erwaͤhn— ten Duelle Siloa wahrfcheinlih), nad dem entjprechenden *) Cap, 11,37. 252 Sechſtes Bud. Hergange bei der Heilung des Naëman dur den Propheten Glifa*). Allgemeines Befremden hat bei den Auslegern die in Parenthefe beigefügte, etymologifch (wie wenigftend von den Meiften zugeftanden wird) falfche Deutung des Namens Siloa erwedt. Man hat fie, doch ohne hinlängliche Unterftügung durch Handfchriften, als eine eingefchobene Gloffe verwerfen wollen, unter dem Vorwande, Daß dergleichen Ueberfegungen von Ortönamen fonft bei dem Unfrigen nicht vorfommen. Allein der Grund folchen Nichtvorfommens ift einfach Diefer, daß Fein anderer hebräifcher Name fo, wie diefer, Anlaß zu, einem my— ſtiſchen Wortfpiele der Art gab, wie wir folche ja auch fonft bei unferm Gvangeliften häufig genug auf eine Weife ange- bracht finden, die man nicht minder, wie im gegenwärtigen Falle, recht haben würde, „an Unſinn ſtreifend“ zu nennen **). — Welch abgefhmadte Rolle der Evangelift Sefum am Schluffe, bei der Anmerbung des neuen Süngers fpielen laßt, bedarf für denjenigen, welcer den Sinn unferer bisherigen Auseinander— feßungen gefaßt hat, Feiner befondern Bemerkung. Die wahrfcheinliche Veranlaffung zur Aufnahme und Aus: fpinnung der gefammten Anefdote liegt in den Worten, die Jeſus am Schluffe über den Zwed feiner Sendung fpricht. Diefe mag unfer Evangelift, ſei es durch die Aufzeichnungen des Ayoftels, oder auf welchem Wege fonft, in Grfahrung gebracht und in derfelben fpielenden Weife, die wir fo eben rügten, auf wirf- Yihe Blindenheilungen, von denen er freilich auch vernom— men hatte, bezogen haben. Sie felbft, diefe Worte, tragen ganz den Stempel der Aechtheit, und zwar als authentifche Worte nicht blos des Sohannes, fondern Chrifti felbft. Die hierauf angeblih mit den Pharifaern gewechfelten Worte find freilich wieder ganz in der ungefchieten Weiſe unfers Evange— liften Daran geknuͤpft. — Bedenklicher, als die eben betrachteten, fcheinen ums die am Anfange der Erzählung Sefu in den Mund gelegten Worte. Schon was bie dortige Frage der Sünger betrifft, fo hat man mit Recht bemerkt, daß nur nach einer helleniſtiſchen Theorie, nicht aber nach Acht jüdifcher Weltan- =) 2, Kon 5, 10. ”) 300.2, 19 ff. 11,49 f. 18, 9u. a. (Gegen Lücke z. d. St.) Evangeliſche Erzählungen und Reden nach Sohannes. 253 fiht eine Sünde als Grund des Unglüds des Blindgeborenen vorausgefeht werden Fonnte. Daß Jeſus diefem Unglüde die Abficht unterlegt, daß feine Wunderfraft fi daran offenbaren folle, dies fonnte an fich zwar eine mildere Deutung zulaffenz Doc) erinnert e8 daran, wie auch anderwärtd unfer Gvangelift es liebt, bei Anläffen zu Wunderthaten und bei wirklich ges fchehenden Wundern die teleologifche Abficht durch Jeſus felbft hervorheben zu lafjen*), während bei den Synoptifern Sefus viel: mehr feine Wunderheilungen gefliffentlih zu verbergen pflegt. — Die Hinweifung auf die Nacht, da Niemand wirken fünne, erfcheint befremdend im Munde Deffen, deffen Wirken erft nach feinem Tode, recht beginnen folltez die Sentenz felbft übrigens erinnert an zwei ſpaͤter folgende”*), aus denen fie vielleicht erſt gebildet ift. 29. „Wahrlich, wahrlich, ich fage euch, wer nicht durch die Thür in den Schafftall tritt, fondern auf einem andern Mege hineindringt, der ift ein Dieb und ein Räuber, wer aber durch die Thür hineintritt, der ift der Hirt der Schafe! Die- fem dffnet der Thürhüter, und die Schafe hören auf feine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm zugehören, beim Namen und führt fie heraus. Und wenn er feine Schafe herausläßt, fo geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm, weil fie feine Stimme kennen. Ginem Fremden aber folgen fie nicht, fondern fliehen vor ihm, weil fie die Stimme des Fremden nicht kennen.“ Diefes Gleichniß wurde von den Juden, zu denen e3 Zefus fprach, nicht verftanden, Da ſprach Sefus aufs neue: „Wahrlich, wahrlich, ich fage euch: ich, ich bin die Thür zu den Schafen! Alle die vor mir Famen, find Diebe und Räus ber; aber es hörten die Schafe nicht auf fie. Ich, ich bin die Thür; wer durch mich eingeht, der wird gerettet werden; er wird eine und ausgehen und Weide finden. Der Dieb fommt nur, um zu ftehlen, zu fchlachten und zu verderben; ih, ih fomme, damit fie Leben haben und Ueberfluß! Ich bin der rechte Hirt; der rechte Hirt fest fein Leben ein für die Schafe, Der Miethling aber, der nicht felbft Hirt, deſſen nicht Die =) Bergl. Cap. 11, 4. 15. 42. 12, 30, =*) Cap. 11, 9 f, Eap. 12, 35. 254 Sechſtes Bud. Schafe eigen find, fieht den Wolf Fommen, und verläßt die Schafe und fliehtz der Wolf raubt und zerftreut die Schafe. Der Miethling aber flieht, weil er Miethling ift, und die Schafe ihm nicht am Herzen liegen. Ich, ich bin der rechte Hirt; ich kenne das Meinige und werde von dem Meinigen gefannt, gleichwie mich der Vater Fennt und auch ich den Vater Fenne. Auch andere Schafe noch habe ich, die nicht von diefem Stalle find; auch fie muß ich führen; fie werden meine Stimme hoͤ— ven, und es wird Eine Heerde, Ein Hirt werden. Darum liebt mich der Vater, weil ich mein eben einfeße, um es wie— derum zu erhalten. Niemand nimmt es von mir, fondern ich, ich feße es von freien Stüden ein. Sch habe Macht, es ein— zufegen, und habe Macht, es wiederum zu nehmen; dieſen Auftrag erhielt ih von meinem VBater*). Man hat von diefem Gletchniffe, welches wir übrigens nicht anftehen, zu den Acht apoftolifchen Beftandtheilen un— fers Evangeliums zu rechnen, nicht -mit Unrecht bemerkt, daß ' ed in der Geftalt, wie es vorliegt, nicht ganz in demfelben Sinne für eine Parabel gelten kann, wie die in den fonoptifchen Evangelien erzählten Parabeln. Es fehlt ihm Handlung und Fortfchritt, und mit diefen das, was man eigentlich die Pointe des Öleichniffes zu nennen pflegt. Auch die Deutung fteht dazu nicht in demfelben Verhältniß, wie andere von Chriftus aus— drüdlich gegebene Deutungen feiner Parabeln. Statt, wie diefe, eine genau in allen Momenten beftimmte, wenn auch ihrerfeits wiederum mit parabolifchen Elementen verfeßte zu fein, ift die hier vorliegende vielmehr nach einer Seite hin nur eine Wie- derholung umd weitere Ausfpinnung des Gleichnifjes, nach einer andern eine Umbildung deffelben, indem nämlich Sefus fich die Thür zu dem Stalle nennt**), während er fich vorher und auch yRCHH, 10,8. I 7 **) Diefen Ausfpruch fiheint Johannes aus einem andern Zuſammen— bange in diefes Gleichniß Herübergenommen zu haben. Sch fchliefe dies daraus, daß das Bild einer Thüre (dort nicht Hvow, fondern avi) für Chriftus gebraucht, fo häufig und ohne alle fichtlihe Be— ziehung auf gegenmwärtiges Gleichniß, bei den apoſtoliſchen Vätern vorkommt, von denen es ungewiß ift, ob fie das Evangelium Jo— bannis kannten; 3. B. Ignat. ep. ad Philad. c. 9. p. 33 ed. Cleric. Evangelifche Erzählungen und Neden nad) Johannes. 255 | nachher wieder vielmehr als den Hirten bezeichnet; noch nad) anderer Seite fünnte man fie eine Nede oder Predigt bei Ver: anlafjung des Gleichniffes nennen. Aber man ficht leicht, daß diefe VBerfchiedenheit ſich auf die Verfchiedengeit der Berichter- ftatter zurücführt. Im Geiſte des Iohannes lag es einmal nicht, die Reden feines Meifters fo treu zu bewahren und fo rein wiederzugeben, wie die Andern, und fo haben denn auch die wenigen Parabeln, die er überliefert, in feiner Darftellung ſo gut wie aufgehört Parabeln zu fein. Von dem vorliegen. den Gleichniffe iſt es mir wenigftens in hohem Grade wahr- icheinlich, daß es urfprünglicy eine wirkliche Parabel war; daß das Thun der verfchtedenen Subjecte, die auch hier noch er: wähnt werden, des Wolfes, des Raͤubers, des Miethlings, des guten Hirten wirklich zur Einheit einer Handlung, die ihren Anfang, ihren Fortgang und ihren Schluß hatte, verars beitet war. Die verwandten Bilder im Alten Leftament *) mag Jeſus dabei vor Augen gehabt haben, aber gewiß unter ſchied fich feine Erfindung von jenen durch weit wefentlichere Züge, als dies in der gegenwärtigen, fofern es fich nur von dem bildlichen Theil diefer Nede handelt, der Fall ift. ‚ 30. Jeſus, am Enfänienfefte zu Serufalem in der Halle Salomons *) zur Winterszeit umherwandelnd, wird von den Juden aufgefordert, daß er, wenn er der Meffias fei, es ihnen gerade herausfagen ſolle. Darauf Spricht er: „Ich fagte es euch, und ihr glaubtet es nicht. Die Werke, die ich im Nas men meines Vaters thue, dieſe zeugen von mir. Aber ihr, ihr glaubt es nicht, denn ihr gehört nicht zu meinen Schafen, Wie ih euch fagte, meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne fie, und fie folgen mir; und ich gebe ihnen ewiges Le: ben, und fie follen nicht verloren gehen in Ewigkeit, und Nie: mand fol fie aus meiner Hand reißen. Mein Vater, der fie mir gegeben hat, ift größer ald Alles, und Niemand vermag fie Clem. Rom. ad Cor. I, c. 18. Clem. homil. III, 52. Herm, past. II. simil. 9, e. 12. 13. Orac. Sybill. II, p. 265. *) Jerem. Cap. 23. Ezech. Cap. 34 u. a. **) Diefe wird als der gewöhnliche Aufenthaltsort der Apoftel nad Jeſu Tode genannt; Ap. Geſch. 3, 11. 5, 12, \ 256 Sechſtes Bud. aus feiner Hand zu reißen. Ich und der Vater find Eins.’ Da hoben die Juden abermals Steine auf, um ihn zu fleinigen. Sefus fpricht: „Viel ſchoͤne Werke habe ich euch durch meinen Vater gethan, wegen welches wollt ihr mich fteinigen? Die Juden antworteten: ,‚Wegen eines fchöonen Werkes fleinigen wir Dich nicht, fondern wegen deiner Aeußerung, und weil du, ein Menſch, dich zu Gott machſt.“ Darauf Sefus: „Iſt nicht in euerm Geſetz gefchrieben: Ich ſagte, ihr feid Götter? Wenn dort nun Götter jene heißen, an die das Wort Gottes erging, und die Schrift fich nicht aufheben läßt: wie Fonnt ihr mich, den der Vater heiligte und in die Welt fandte, einer Läfterung befchuldigen, weil ich fagte, ich fei Gottes Sohn? Wenn ic) nicht die Werke meines Vaters thue, fo glaubet mir nicht; thue ich fie aber, und ihr wollt mir nicht glauben, fo glaubet den Werfen, Damit ihr erfennet und glaubet, daß in mir der Bater, und ich in ihm!’ — Da fuchten fie ihn nochmals zu fangen, aber er entfchlüpfte aus ihrer Hand *). Wiederum ein fehr unglüclich erfundenes und ausgeführtes Gefpräch, aus dem wir, bei aller Weitläuftigfeit, fo gut wie nicht3 neues erfahren. Wäre nicht die Scheu vor einer Schrift, die wir in engftem Zufammenhang mit dem Heiligften zu den: fen gewohnt find: welcher Leſer würde ernfihaft bleiben bei der Scene, die ihm hier in feine Vorftellung zu faffen zugemuthet wird? Die Juden von Jeſus verlangend, daß er fich, was er doch, der Erzählung unferd Evangeliums zufolge, fehon bis zum Ueberdruß vor ihnen gethan, deutlich für den Meffias er: klaͤre; dann, als Jeſus nach einigen Umfchweifen, worin er ihnen unter andern erklaͤrt, daß ſie nicht ſeine Schafe ſind, ihrer Aufforderung folgt, ihn mit Steinen todt zu werfen Anſtalt machend; hierauf Jeſus erſt mit Berufung auf angebliche, „ſchoͤne Werke“ (von denen man bei unſerm Evangeliſten noch gar wenig erfahren hat), dann mit einem Wortſpiel, deſſen Une angemeffenheit feinen Zuhörern fchwerlich entgehen Eonnte, fich aus— reden wollend; endlich die Juden abermals Berfuche machend, ihn zu fangen, aber Jeſus (wie? erfährt man nicht) dennoch ihnen entfchlüpfend !! — Ich kann nicht glauben, daß diefes Ge— ⸗ —— ! Evangelifche Erzählungen und Reden nad) Johannes. 257 foräch mit der vorhergehenden Parabel, auf die e3 fich zuruͤck— bezieht, obgleich es zu einer andern Zeit vorgefallen fein fol, aus Einem Guffe feiz jene mag, fo wie wir fie befißen, uns mittelbar aus der Feder des Sohannes fein, das Gefpräch fhwerlih. Dennoch ift auch hier die Möglichkeit nicht zu bes freiten, daß Achte Aeußerungen Jeſu, freilich fehr entſtellt und ihrem wahren Zufammenhange entrüdt, zum Grunde liegen, Die Berufung auf die Wunder ald Beglaubigung feiner Sen— dung ift vielleicht von der Antwort Jeſu an die zu ihm ges fandten Sohannesjünger*) entlehnt. Selbft die Anführung der Dialmenftelle**), in welcher ungerechte Oberhäupter als „Goͤtter“ angeredet werden, gehört vielleicht nicht blos dem Gvangeliften an. Sollte indeß wirflih Sefus felbft diefe Stelle angeführt haben, fo ift dies wahrfcheinlich in ähnlichem Zufammenhange gefchehen, wie die. Anführung einer andern Pfalmenftelle bei den Synoptifern**), nämlich) um den Schriftgelehrten eine ver— fangliche Frage vorzulegen, an welcher ficy die Ohnmacht ihrer Schriftauslegung beurfunden follte. 31. Sefus hält fih in Peraͤa auf, an demfelben Orte, wo früher Sohannes taufte. Dort erhält er die Nachricht, daß fein Freund, Lazarus, in Bethanien erkrankt fei. Er antwortet auf die Meldung, welche die Schweftern des Erkrankten, denen er gleichfall8 befreundet war, ihm thun ließen: „Dieſe Krank: beit ift niht zum Tode, fondern zur Verherrlichung Gottes, damit Gottes Sohn durch fie verherrlicht werde,’ und bleibt Dort noch zwei Tage; dann fpricht er gegen feine Jünger die Abfiht aus, wieder nah Judaͤa zu gehen. Als die Jünger fi über diefen Gedanken wundern und ihn daran erinnern, wie unmittelbar vorher ihn die Suden haben fteinigen wollen, antwortet er: „Hat nicht der Tag zwolf Stunden? Wenn einer am Tage herumgeht, fo flößt er nicht an, weil er das Licht diefer Welt fiehtz geht er aber des Nachts umher, fo ſtoͤßt er an, weil das Licht nicht in ihm iſt.“ Dies fprach er, und unmittelbar darauf fagte er zu ihnen: „Lazarus, unfer *) Matth. 11, 5 und Para, #*) Sf, 82, 6, *##) Mare, 12, 36 und Parall. Bd. II, 17 258 Sehftes Bud. Freund, ift eingefchlafen; aber ich will gehen, ihn zu erwecken!“ Die Jünger, ihn misverftehend, meinten: wenn er fchlafe, fo werde er genefen, Sefus aber hatte von feinem Tode gefprochen und fagte num offen heraus: „Lazarus iſt geftorben; ich freue mich euertwegen, daß ich nicht da war, damit ihr glauben folt; aber gehen wir zu ihm!’’ Da fprah Thomas, der fo: genannte Zwilling, zu den Mitjüngern: „Gehen auch wir, um mit ihm zu fterben!’’ Sefus ging und fand ihn. bereits feit vier Tagen im Grabe liegen; viele Juden waren von dem funfzehn Stadien. entfernten Jeruſalem zu den Schweftern ge— kommen, um ihnen Troſt zuzufprechen. Als Martha hörte, daß Sefus fomme, ging fie ihm entgegen, Maria aber blieb im Haufe firen. Martha nun Sprach zu Sefus: „Waͤreſt du da gewefen, Herr, fo wäre mein Bruder nicht geftorben; aber auch fo weiß ich), Daß, was du Gott bitteft, er dir geben wird.’ Da fagte Sefus: „Dein Bruder wird auferfiehen!’’ Martha erwiederts „Ich weiß, daß er auferftehen wird, in der Aufer: ſtehung am jüngften Tage.’ Darauf Sefus; „Ich, ich bin die Auferfiehung und das Leben. Wer an mid glaubt, wird leben, auch wenn er flirbt, und jeder, der an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht fterben! Slaubft du das?’ Sie ſprach: „Ja Herr, ich glaube, daß du der Meffias bift, der Sohn Gottes, er, der in die Welt kommt!“ Dies fagend, entfernte fie fih, und rief heimlich ihre Schwefter Maria, indem fie zu ihre ſprach: „Der Meifter ift da und ruft dich!“ Als dieſe es hört, macht fie fich fchnell auf und fommt zu ihm; Sefus ' namlich war noch nicht in den Flecken eingetreten, fondern bes fand fi noch an dem Orte, wo Martha ihm begegnet war. Die Juden, die um fie waren, gingen ihr nach, indem fie meinten, fie wolle in die Gruft gehen, um dort zu weinen. As nun Maria Sefu begegnete, fiel fie ihm zu Füßen und ſprach: „Herr, wäreft du hier gewefen, fo wäre mein Bruder nicht geſtorben!“ Jeſus, als er fie und die begleitenden Ju— den weinen fah, ward er bewegt: er fragte, wo fie ihn hinge- legt häftenz fie hießen ihn fommen und fehen. Jeſus weinte; die Juden fprachen: „Siehe, wie er ihn liebte!“ Einige aber von ihnen fragten, ob der, welcher die Augen des Blinden geoͤffnet Evangelifche Erzählungen und Reden nach Johannes. 259 hätte, nicht auch feinen Tod hätte verhindern koͤnnen. Jeſus, von wiederholter Bewegung ergriffen, tritt in die Gruft ein; es war eine Höhle, und ein Stein lag davor. Er heißt den Stein hinwegnehmen; Martha fpricht: „Herr, er riecht fchon, er liegt vier Lage.’ Darauf Jeſus: „Sagte ich dir nicht, daß, wenn du nur glauben willſt, du die Herrlichkeit Gottes fehen ſollſt?“ Sie nahmen den Stein hinweg; Sefus hob feine Augen empor und rief: „Herr, ich danfe dir, daß du mich hörteft! Ich zwar, ich wußte, daß du mich immer hörft; aber um der umherftehenden Menge willen fagte ich ed, damit fie glauben, daß du mich gefandt haft.” Dies fagend, ruft er mit gewaltiger Stimme: „Lazarus, komm heraus!’ Der Zodte Fommt heraus, die Hände und Füße mit Binden und fein Geficht mit einem Schweißtuche umwunden; Sefus heißt ihn losbinden und gehen laffen*). Auch bei diefer Erzählung müffen wir, wie — bei mehs teren früher berichteten Wunderereigniffen, Bedenken tragen, die Polemik ausführlich zu wiederholen, welche von Seiten der neuern Kritik dagegen erhoben worden ift und den unhiftorifchen Charakter derfelben für jeden Unbefangenen (was freilich auf | theologifhem Gebiete Wenige find) zur Evidenz gebracht hat. Man kann bei Beurtheilung derfelben von der Frage nach der Denkbarkeit des Wunderd ald folchen ganz abfehen**), und *) Cap. 11, V. 1 ff. *) Eigentlihe Todtenerweckungen chen; nach) der oben im Dritten Buche Hon uns aufgeftellten Unterſcheidung, unter die Kategorie nicht der natürlichen Wunder, fondern der Mirafel einzureihen fein; denn es findet fih für fie nicht nur Fein unmittelbares Beifpiel, fondern aud feine Analogie in natürlich erflärbaren nnd factiſch beglaubigten Ereigniffen. Auch) ftehen die von den Evangeliften als folhe Erweckungen erzählten Ereigniffe allentyalben vereinzelt und bilden fein Moment in jener Stetigfeit des Wundertyung während der Öffentlichen Laufbahn Jeſu, welche fih nur über die natürlichen Runder, d. h. die Heilungen erfireeft (vergl. Bd. I, ©. 334 ff). Zwar nennt bei Eufebius H. E. IV, 3. der Apologet Duadratug neben den „Geheilten” auch die „vom Tode Erſtandenen“ als noch lange den Herrn überfebende Zeugen feiner Wunderfraft, in einem Tone, der beide ganz unter gleichem Gefichtspunet zu’ ftelfen fiheint. Aber diefer Ton ift derſelbe Ton rednerifcher Mebertreibung, dem wir auch in den Apologien des Juſtin u. a. begegnen. 21 / 260 Sechſtes Bud. man wird nichts deftoweniger innere fowohl, als äußere Gründe zu ihrer Verwerfung auf das vollftändigfte zufammenftimmend finden. Unter den äußern Gründen meinen wir zunächft das Berhältnig zu den fynoptifchen Evangelien. Nicht, daß die ' Synoptifer diefer Begebenheit überhaupt nicht gedenken, ift hier das entfcheidende Moment, fondern daß die, jenen Urkunden, wie wir nachgewiefen haben, allenthalben zum Grunde liegende Gefammtanficht, der Lebensgefchichte Jeſu und insbeſondere der letzten Kataftrophe diefer Gefchichte offenbar durch fie Lügen geftraft würde. Die Erzählung, wie fie in unferm Evangelium vorgetragen wird, fest einen wiederholten frühern Aufenthalt Sefu zu Serufalem und in der Umgegend voraus, welcher mit jenem funoptifchen Lebensbilde ſich ein für allemal nicht ver- trägt. Sie giebt ferner feinem Verhältniffe zu den Juden wäh ‚rend feines letzten Aufenthalts dafelbft eine Wendung, die eben fo wenig mit dem, was wir dort über das Motiv der Feier feine Einzugs und des Zudrangs zu feinen Lehrvorträgen im Zempel, wie mit demjenigen, was wir über dus Motiv und den Hergang feiner Verfolgung durch die Priefter und Schrift: gelehrten in Erfahrung bringen, zufammenftimmt. Ein folches Wunder, fo nahe vor der Kataftrophe in der unmittelbarften Nähe der Hauptftadt verrichtet, würde allerdings fich zum Mit: telpuncte aller Verhandlungen der Suden mit Sefus und über Sefus während jener verhängnißvollen Zeit haben geftalten müffen, wie wir es in unferm Evangelium in der That als folhen Mittelpunet behandelt fehen. Wo aber, wie bei den Synoptifern, Sinn und Inhalt diefer Verhandlungen ein ganz anderer iſt: da findet folches in dem Zufanmenhange, der und Dort doc fo Flar und fo gediegen entgegentritt, offenbar feinen Platz. Wie viel haltbarer und in fich begründeter aber jener Zuſammenhang ift, als derjenige, der hier an feiner Stelle erfonnen wird: dies Eonnte ſchon aus dem einen Umftande hervorgehen, daß auch unfer Evangelift fic) außer Stand gefe- hen bat, bei dem Verhoͤr und der Verurtheilung Sefu irgend eine Ruͤckſicht auf jene Wunderthat hindurchbliden zu laſſen. Und doch begreift man nicht, weder wie diefes Greigniß von feinen Anhängern unbenußt zu feinen Gunften, und dem Pila- Evangeliſche Erzaͤhlungen und Reden nach Sohannes. 261 tus, fo Scheint es, vollig ‚unbekannt bleiben Fonnte, noch auch, wie es bei den Gegnern, nicht die Furcht erregt haben follte, daß ale ihre Anfchläge wider einen mit Macht felbft gegen den Tod Ausgerüfteten fruchtios bleiben würden*). Oder follte man etwa meinen, daß die Juden jene Todtenerweckung für Betrug gehalten hätten: wie wäre es dann gefommen, daß nicht eben die- fer Betrug zu einem Klagattifel gegen ihn benutzt wurde? — Kein anderes Nefultat aber, als die Betrachtung der äußeren, giebt die Erwägung der Momente innerer Wahrfcheinlichfeit, die bet dieſer Erzählung in Frage Fommen. Mag man immerhin die anftößigen Züge, die fih in Bezug auf das perfünliche Beneh— men Chrifti hier fo gehäuft, wie kaum anderswo, vorfinden, erft das Zögern mit der Hülfe bis zum Tode des Lazarus, nur um feine MWunderfraft, ganz feiner fonftigen Gefinnung und Handlungsweife zuwider, dadurch noch auffallender bethä- tigen zu koͤnnen *), dann der feltfame, übel angebrachte Dop— pelfinn der Reden von der Auferftehung gegen die Martha, endlich die Schon von Manchen anftoßig-befundene Wendung des Schau- gebetes bei der Auferwedung ***), nachdem erunmittelbar zuvor den Tod des Lazarus beweint hatte, — mag man diefe alle, ſammt der übrigen (in der Ueberfegung von und noch fehr gemilderten) Unge— ſchicklichkeit und Schwerfälligfeit des Vortrags auf Rechnung des Grzählers ſetzen wollen: man giebt dadurch der Erzählung den Charakter innerer Wahrheit und Glaubwürdigkeit nicht zuruͤck, den fie allerdings durch folche Züge unwiderbringlich verfcherzt hat. Snöbefondere nimmt ed ihnen gegenüber fi) fonderbar aus, __ =) Wenn nıdh dem Bericht unfers Evangeliften (B. 37) in der Um— gebung des Lazarus Einige es verwunderlich fanden, wie der, wel— cher einem Blinden das Geficht wieder gegeben, nicht feinen Freund vor dem Tode bewahren fonnte: wie nahe lag es, nach der Er— weckung des Lazarus zu fehließen, daß, wer einen Andern vom Tode erwert hatte, durch dieſelbe Wunderfraft fih felber vor einem gewaltfamen Tode werde zu bewahren wiffen ? =) Diefe Abficht Liegt offenbar ſchon in V. 4, und wird durch Den ge— fammten weiteren Verlauf der Anekdote und durch die Aeußerungen Sefu V. 15 und V. 42 beftätigt. ze) Diefe Wendung ift ganz analog jenen bei unferm Evangeliften fo Häufig vorkommenden, durch welche er bie Unfehlbarfeit und All» wiſſenheit feines Helden zu wahren fi) befliffen zeigt. f 262 Schftes Bud. wenn man noch immer auf die Anfchaulichkeit und Genauigkeit, welche den Augenzeugen verrathe, fich zu berufen fortfährt. Die bloße Detailmahlerei giebt noch Feine Anfchaulichkeit; im Ge— gentheil, je mehr der Erzähler fpecielle und kleinliche Züge auf: nimmt, um fo leichter kann die Weglaffung anderer, die eben fo wefentlich oder noch wefentlicher zur vollftändigen Anfchauung des Hergangs gehören würden, oder Die Aufnahme anderer, die offenbar mit jenen oder mit fich felbft in Disharmonie ftehen, einer Elaren und lebendigen Anſchauung des Ganzen hemmend entgegen treten. Dies ift hier in der That der Fall, was Das leßtere betrifft, mit den vorhin erwähnten florenden Zügen, fo wie auch mit der nicht minder ftörenden Undeutlichkeit der von Je— ſus gegen die Jünger audgelprochenen bedeutfamen, aber in diefem BZufammenhange vollig unpaflenden Gentenz*); was das erflere betrifft, unter andern mit dem Schweigen des Evans geliften über den Grund, weldher Sefum, während Martha in das Haus geht, ihre Schwefter zu rufen, noch außer dem Haufe auf dem Wege, welchen er dahergefommen war, verweilen ließ; ein an ſich zwar geringfügiger Umftand, der aber in einem Zufammenhange, welchen eben fo geringfügige und an ſich ſelbſt intereffelofe Umftände ausfüllen, eben darum nicht hätte übergangen werden durfen, weil der Lefer durch Erzählung diefer Umftände fich unwillkuͤrlich aufgefordert findet, von dem, was hier berichtet wird, das Entgegengefeßte zu erwarten. — Da fih nun in diefem allem die Erzählung als eine ungenaue, aus mangelhafter Anfchauung hervorgegangene verräth: fo fpricht auch jenes Detail ded Vortrags, welches man zu ihrem Bor: theil geltend machen will, bei weitem mehr zu ihrem Nachtheil, Es verräth ſich darin das mühfame Beftreben des Grzählers, einem Greigniß, von welchem ihm eine in fich felbft Elare und gediegene Anſchauung abging, durch abfichtliche Ausmahlung feiner einzelnen Umftände die ihm mangelnde innere Haltung und Wahrfcheinlichkeit zu erfegen. E Daß übrigens auch diefe Begebenheit nicht ohne weiteres | ins Bereich der „Mythen“ zu verweifen fei, fondern daß fie \ irgendwie einen gefchichtlichen Grund und Anlaß gehabt haben ) V.9 f. . Evangeliſche Erzählungen und Neden nach Sohannes. 263 muͤſſe, ift nach unferer Gefammtanficht der evangelifchen Ge- f&hichtsüberlieferung überhaupt und des vierten Evangeliums insbefondere, allerdings vorauszufehen. Um für einen Mythus im wahrhaften Wortfinne gelten zu koͤnnen, fehlt ihr nicht wer niger als alles. Weit entfernt, einen idealen Gehalt der Art, wie folder das Wefen des wahren Mythus ausmacht, hinter einer Hülle, die nur das durchfichtige Gewand diefes Inhalts iſt, zu verbergen, will fie vielmehr offenbar als ein Außerliches Factum gelten, und läßt im Hintergrunde eine Anficht durch— ſcheinen, welche allen idealen Gehalt der Erfcheinung Chrifti in die Außerlihe Thatfächlichfeit feiner Wunder verlegt. Wenn wir bei der Entftehung anderer evangelifcher Wunderer: zählungen, insbefondere der fynoptifchen, obgleich wir aud fie mit eigentlichen Mythen (dergleichen von der ganzen evangeli- ſchen Gefchichte nur die Kindheitsfage enthält) zu verwechfeln Bedenken tragen müffen, doch noch die Mitwirkung eines my: thifchen Bildungstriebes zugeben, welcher durch das Bebürf- niß theild der Verfinnlichung des Geiftigen überhaupt, theils der Anfnüpfung der durch Chriftus angeregten Ideen an bie mythiſche Bilderweitdes Alten Teſtaments, dort das Misverſtaͤndniß der Worte und Lehrparabeln Chriſti oder der Erzählungen über Chriſtus veranlaßt hat: fo fünnen wir hier diefem geiftigen Triebe feinen oder nur einen fehr geringen Antheil zugeftehen, und müffen den Kern der Erzählung für wenig mehr, als ein reines Misverftändniß erklären, Die gefchichtliche Veranlaſſung dieſes Misverftändniffes kann nicht wohl anders, als in ziemlich par: ticulären Umftänden gefucht werden, folchen, die fich, gleich fo mans | chen andern, auf welche wir im Laufe unferer Betrachtung zum | Theil Schon geftoßen find, zufällig in der Erinnerung der Anhänz gerfchaft des Apofteld Johannes erhalten haben mochten. Auf folche | Umftände deutet ſchon der Familienfreis, innerhalb deſſen die | — Handlung vorgeht, den wir, in Folge ſeiner Erwaͤhnung auch bei Lukas, allerdings Urſache haben, als einen nicht aus dem / Stegreif erdichteten, fondern, wenigftend in der Perfon der bei⸗/ den Schweſtern, Martha und Maria, wirklich vorhanden gewe⸗ ſenen anzuerkennen. Auch daß der Wohnort dieſer Familie Bethanien, und daß ſie es war, welche den wiederholten Be— 264 i Sechſtes Bud. fuch diefes Fledens durch Jeſus und feine Jünger zur Zeit feines Aufenthaltes in Serufalem, von welchem wir auch aus den Synoptifern wiffen, veranlaßte: auch dies kann eine hifto- rifche Notiz fein. Doch moͤchten wir fehon hier nicht weiter, ald nur bis zur Anerkennung diefer Möglichkeit gehen, da Lu: kas bei feiner Erwähnung jenes Schwefterpaares offenbar einen andern Wohnort deffelben, ald Bethanien vorausſetzt, die bei- den andern Synoptifer aber eben fo offenbar ein anderes Haus als Schauplak der Salbungsfcenenennen, welche der Unfrige nach- her in das Haus jener Schweftern verlegt*). Sehr möglich daher, daß Lebterer nur durch die allgemeine, auch ihm zugefommene Kunde, wie Iefus oft in Bethanien verweilt habe, und, viel- Veicht näher noch durch den Umftand, daß die That jener Sal- bung ihm am beften auf die Perfon jener Maria, der Schwe- fer der Martha zu paſſen ſchien, fich verleiten ließ, den Wohn- ort der Schweftern, und mithin auch die Scene der uns hier vorliegenden Handlung nad) Bethanien zu verlegen. Die Art and Weife, wie er diefe Handlung in die Kataftrophe der Le— bensgefchichte Jeſu eingreifen läßt**), ift offenbar nur feine Erfindung, und vielleicht erft Durch diefe Verlegung der Scene nad) Bethanten und in die Zeit, von der man wußte, daß Sefus Bethanien zu befuchen pflegte, veranlaßt. — Was nun aber die Veranlaſſung felbft betrifft: fo würde die nächftliegende Vermuthung etwa auf ein, bei Gelegenheit des wirklichen To— desfalls eines Bruders vorgefallenes Geſpraͤch Sefu mit den Schweftern gehen, welches in irgend einer Weife die Auferfte- hung der Zodten zum Gegenftand hatte. Ein folches Gefpräch nun finden wir wirklich der vorliegenden Erzählung einverleibt, und zwar, was befonders merfwürdig und geeignet ift, unfere Vermuthung zu beftätigen, ein Gefpräch, welches auf die facti- ſche Auferwedung des Lazarus gar einen unmittelbaren Bezug bat. Jeſus verfichert die Martha von der Auferftehung des Lazarus in einem Ausdrude, welchen diefe vollfommen Recht bat, auf die dereinftige allgemeine Auferftehung am jüngften Lage zu beziehen; er entgegnet dem Ausfpruche ihrer Zuverficht *) Mare, 14, 3 und Parall. vergl, mit Joh. 12, 2, **) Vergl. Bd. I, ©, 435, 439, Evangeliſche Erzaͤhlungen und Reden nach Johannes. 265 in Bezug auf diefe Auferftehung mit Worten, welche den Glaus | ben an Ihn als das Moment hervorheben, welches den Tod überwinde und das ewige Leben erwerbe. Nun Fünnen wir ung zwar feineswegs entfchließen, die Geſtalt, in welcher diefes Ges fpräch in unferm Evangelium vorliegt, für eine authentifche zu halten. Die Erwiederung Jeſu paßt offenbar nicht zu dem Borhergehenden, da es ja nicht galt, der Martha für ihre Derfon den rechten Weg zum ewigen Heile zu zeigen, fondern, ihr in Bezug auf den verftorbenen Bruder die rechte Hoffe nung einzuflößen, oder fie darin zu beftärfen. Allein fo uns volftändig dieſe Neden durch unfern Covangeliften uͤber— liefert fein mögen: fo fcheint und doch das bloße Dafein des Geſpraͤchs, in feiner mangelhaften Verbindung mit dem— jenigen weiteren Berlaufe der Begebenheit, den wir für die eigene Zuthat des Herausgebers halten müffen, und andererfeits mit feinen wenigftens den Acht johamneifchen Charakter tra= genden Sentenzen ein hinreichendes Denkmal der urfprünglichen Ueberlieferung, aus welcher die hier vorliegende durch Misver— fand wunderfüchtiger Hörer, und auch wohl durch irrthümliche Vebertragung der Sage, daß Jeſus auch Zodte erwedt habe, auf den gegenwärtigen Fall entftanden fein mag. Die Ausbeute, welche mittelbarer Weife aus vorliegenz \, der Anekdote, durch richtige Deutung derfelben für den geiftigen Snhalt der evangelifchen Gefchichte gezogen werden kann, muß biernach allerdings als eine geringere erfcheinen, als bei andern MWundererzählungen, wo wir parabolifhe Aeußerungen Sefu ald den Kern der Erzählung nachweifen, oder in ber hiftorifchen Einkleidung einen Anſatz zur eigentlichen Mythen— bildung beobachten Eonnten. Zwar mögen auch außer dem eben erwähnten Gefpräche"fich vielleicht noch andere Data von hiftorifchem Gehalt darin verbergen; aber theils fehlt eine hin— Yänglich fihere Spur, um denfelben nachzugehen, theild bleiben fie vereinzelt und es gelingt nicht, ihren Zufammenhang mit demjenigen, was wir als Kern der Erzählung auszuheben ver- ſuchten, nachzumweifen. Lebteres gilt namentlich von dem merf- würdigen Spruche V. 9 f., der uns, für fi) abgefondert bes trachtet, mehr, ald die meiften felbft der Acht johamneifchen Ausſpruͤche, von jener kernigen Simplicität und prägnanten Bild: — 266 Sechſtes Bud. Vichfeit zu enthalten fcheint, welche die fynoptifchen Neden aus- zeichnet; den wir mithin fehr geneigt find, als einen von Chris ſtus felbft gefprochenen gelten zu laffen. Freilich aber müßte Ehriftus ihn, wenn er ihn wirklich gefprochen hat, in einem andern Zufammenhange, ald dem. hier berichteten, geſprochen haben, denn "in diefem erfcheint er vollig ungeeignet. Welches aber diefer Zufammenhang gewefen fein fonne, tft uns nicht gelungen auszumitteln. Eben fo wenig ift und gelungen, einen nähern Auffhluß über die Rolle zu finden, welche in dem Gefpräch, das wir der Anefoote zum Grunde liegen glauben, die Mar: tha, und welche die Maria gefpielt haben möge, und über die, vielleicht in ähnlicher Weife, wie in der bekannten Anekdote des Lukas, auf den Charakter diefer beiden Schweftern bezüglichen Aeußerungen des Herrn. Etwas diefer Art aufzufuchen, wird nämlich durch die Art und Weife ziemlich nahe gelegt, wie der Erzähler erft die Martha allein, und dann auch die Maria dem Herrn entgegenfommen läßt. In dem Bericht, wie er vorliegt, bleibt dies ein gleichgültiger und bedeutungslofer Umftand; vielleicht aus Ungeſchick des Erzählers, welcher den wahren Zu: fammenhang verloren hatte, vielleicht aber freilich auch, weil nicht8 der Art überhaupt vorhanden war, fondern jener Um— ftand von ihm, in der verfehlten Abficht, den ihm anderweit befannt gewordenen Charakter beider Schweftern auszudrüden, hinzuerfunden worden ift. 32. „Wahrlich, wahrlich, ich fage euch: wenn nicht das Waizenforn in die Erde fallt und ſtirbt, fo bleibt es allein; ftirbt e8 aber, fo trägt es viele Frucht.“) — Wir heben diefes Wort einzeln aus der längern Rede (Nr. 33) aus, in die es der Evangelift verflochten hat, weil es, fo für fich be— trachtet, den Achten Charafter der evangelifchen Parabel trägt, und ohne Bedenken für ein von Sefus felbft gefprochenes Gleich: nißwort genommen werden kann. Diefe einfache Naturanalogie für die weltgeihichtlihe Bedeutung der That, die Sefus ſter— bend verrichtete, ift ein claffifcher Ausdrud für letzterez es er— fcheint diefer Ausdrud um fo größer, je reiner er von aller überflüffigen Zugabe gehalten wird. *) Cap. 12, B. 24 Evangelifche Erzählungen und Reden nach Sohannes. 267 33. Vorſtehendes Wort giebt unfer Evangelift mit Vor— ausfchikung noch des Ausrufs: „Gekommen ift die Stunde, in welcher des Menfchen Sohn verherrlicht werden fol!” als Anfang weiterer Reden, die Jeſus nad) feinem Einzuge in Je— tufalem gefprochen haben fol. Als Veranlaffung zu denſelben wird berichtet, Daß einige Griechen, die zum Fefte gefommen . waren, Jeſum zu fehen wünfchten und fich deshalb an Phi— lippus wendeten, der nebft Andread den Meifter darum anging. Nach jenen Worten, deren Zufammenhang mit diefer Veran: laffung unklar bleibt, fährt Sefus fo fort: „Wer feine Seele liebt, wird fie verlieren, wer aber feine Seele in diefer Welt haßt, wird fie zu ewigem Leben bewahren. Wenn mir einer dient, der foll mir nachfolgen, und wo ich bin, da foll auch mein Diener fein. Wenn mir einer dient, den wird mein Bas ter ehren. Jetzt ift meine Seele erfchüttert, Und was foll ich fagen? Bater, vette mich aus diefer Stunde? Aber eben des— halb Fam ich in diefe Stunde. Vater, verherrliche deinen Namen!’ — Da fol eine Stimme vom Himmel gefommen fein: „Ich habe ihn verherrlicht, und werde ihn nochmals ver: herrlichen!” Das Volk hielt fie für Donner, Einige für einen Engel, der zu ihm ſprach. Selus fagte: ‚Nicht meinet: wegen Fam diefe Stimme, fondern euertwegen! Sekt ift ein Gericht über diefe Welt, jest wird der Herrfcher diefer Welt hinausgeworfen werden. Und wenn ich erhoben werde von der Erde, fo werde ich Alle zu mir ziehen! (Cine Andeutung, meint der Evangelift, über die Art und Weife feines Todes.) Das Volk erwiedert: „Wir haben aus dem Geſetz gehört, Daß der Meffias in Ewigfeit bleibt; wie Fannft du fagen, daß der Menfchenfohn erhoben werden fol? Wer ift diefer Men: ſchenſohn?“ Darauf Sefus: „Noch eine Eleine Weile ift das Licht unter euch. Wandelt umher, bis ‚ihr das Licht habt, damit euch nicht Dunkel überfalle! Wer im Dunkel wandelt, weiß nicht, wohin er geht. So lange ihr das Licht habt, Vernet an das Licht glauben, damit ihr Kinder des Lichtes werdet!” So fprach Zefus, ging dann hinweg und verbarg fi vor ihnen*). *) V. 28 fi. 268 Sechſtes Bud. Sch glaube in diefer Stelle eine Reihe einzelner, zufällig von dem Apoftel neben einander geftellter Ausfprüche zu erfen- nen, welche der Bearbeiter des Evangeliums in eine Erzählung zu vereinigen ſich hat angelegen fein laſſen. Was ald Veran— Yaffung der Neben erzählt wird, fteht mit denfelben nicht in dem mindeften Zufammenhange, fondern ift mit derfelben Will- für, auf welcher‘ wir unfern Erzähler ſchon öfters betroffen haben, derfelben vorangeftellt. Letzteres gilt auch von den Anz fangsworten V. 23, welche die Abficht haben, die Schlußworte diefer erften Rede Sefu, aus welcher der Herausgeber durchaus ein Ganzes machen wollte, einzuleiten. Eben diefe Rede aber befteht unverkennbar aus drei oder vier Beftandtheilen, die gar nicht zufammengehören, fondern, wie gefagt, urfprünglich gewiß nur zufällig zufammengeftellt waren, als folche, denen allerdings der Bezug auf das Leiden Chrifti gemeinfchaftlich ift. Zuerft der unter der vorigen Nummer aufgeführte Ausfpruh. Sodann V. 25 f. zwei andere, die wir auch bei den Synoptifern, und zwar gleichfald, nur in umgekehrter Ordnung, zufammengeftellt finden”); der zweite jedoch hat bei dem Unfrigen eine andere Wendung und Damit au einen andern Sinn erhalten. Zuleßt 8,27 einige Worte, die dem Sinne nach genau mit demjeni- gen übereinftimmen, was die Synoptifer bei feiner Bedrängniß im Garten Gethfemane Jeſum fprechen laſſen. Auch diefe leg: tern, eben fo wie die vorhergehenden, waren von dem Apoftel wahrfcheinlich für ſich felbftftandig, ohne die Abſicht einer weis tern Ausführung niedergefchrieben worden; die abenteuerliche Erfindung, welche an fie der Erzähler Fnüpft, wird am leichte: fien erflärlih, wenn wir annehmen, daß derfelbe jene Worte bereitö aufgezeichnet vorfand, und es für feine Pflicht hielt, fie in der Weife, wie wir e& hier gefchehen fehen, zu ergänzen, Diefe Ergänzung nämlich erinnert, wie ſchon von Manchen bemerkt worden ift, an den Engel, der nach Lukas Jeſu zu Gethfemane erfcheint. Allerdings fällt auf, wie unfer Evange- liſt dieſe Wundererfcheinung an eine fo ganz unangemeffene Stelle verſetzt; auch ſcheint der Bericht, den er zunächft von ihr giebt, vielmehr eine Reminiscenz an die Himmelsftimme auf *) Marc. 8, 34 f. und Parall. Evangelifche Erzählungen und Reden nad) Johannes. 269 dem VBerklärungsberge*) zu verrathen. Allein die nachfolgende Grflärung, daß Einige diefe Stimme für die Stimme eines Engeld gehalten hätten, der mit ihm gefprochen, läßt Feinen Zweifel, daß unferm Evangeliften die Sage von dem tröftenden Engel befannt war und bei diefer Erzählung vorfchwebte; die Umftände aber und die Umgebung, in welcher jene Scene vor— ging, Scheint er vergeffen zu haben. Dagegen läßt er Sefum B. 30 die Himmelsftimme in der auch fonft von ihm beliebten wunderfüchtigen Weife**) deuten, die aber diesmal um fo übler angebracht ift, als wir ja weiterhin die Juden nicht die mins deſte Notiz von diefer Stimme nehmen fehen. Dann aber folgt wiederum ein Ausfpruh, von dem wir und gar wohl denfen fonnen, daß ihn Sohannes felbft an jene vorangehenden ange— reiht hatte, um fo mehr, als fein Snhalt gleichfalls an einen ſynoptiſchen**) erinnert. Aehnliches Fonnte auch wohl von dem Nachfolgenden, V. 32, gelten, wenn nicht die Anfnüpfung ar das Borhergehende, je ausdrüdlicher fie ift, um fo erfünftelter _ erfchiene, und die Wiederholung des Satzes, V. 34, den Ver— dacht erwedte, daß derfelbe vielmehr aus einer frühern Stelle, wo er mit den Worten diefer Wiederholung vorkommt P), ges fchopft ift. Uebrigens benutzt der Erzähler, nachdem er zuvor in feiner gewöhnlichen Manier eine Deutung defjelben gegeben bat (eine folhe, welche fchwerlicy mit dem Sinne, in welchem ihn der Apoftel verftanden hatte, übereinftimmt), dieſen Sab, um auch diefe Scene, wie faft fammtliche von ihm erzählten, in einen Zank zwifchen Sefus und dem „Volke“ (man merke wohl, dem öyAog, demfelben 0yAog, den, wie wir aus den Synoptikern wiffen, damals vielmehr umgefehrt wegen feiner Begeifterung für Jeſus die Priefter und Schriftgelehrten fuͤrch— teten!) ausgehen zu laffen. Die „Antwort“ dieſes 0yAog V. 34 enthält ein Gewebe von Ungereimtheiten, wie fie kaum felt famer erdacht werden fonnen. Das Volk nimmt an, daß Jeſus von fih als Meſſias gefprochen habe. Dies möchte noch hin« *) Mare, 9, 7 und Parall. **) Bergl. Cap. 11, 4, 2 prtur 10,718. +) Gap. 3, 14, 270 Sechſtes Bud. gehen, obgleich im Worhergehenden nicht von feiner Meffiad- würde die Nede war, und Sefus, wie wir wiffen, ſich vor dem Volke nie ald den Chriftus ausgefprochen hat, und obgleich es nicht wahrfcheinlich ift, daß diefem Volke die altteftamentlichen Stellen*), die man auf ein ewiges Leben des Meffias deutete, So geläufig waren. Aber daffelbe Volk verfteht feine dunkle Nede, die ganz etwas anderes anzudeuten fchien, fogleich von feinem Kreuzestode; ed legt ihm ferner den von ihm Diesmal gar nicht gebrauchten Ausdrud „Menſchenſohn“ unter, um fra= gen zu fonnen, wer denn diefer Menfchenfohn fei, während doch durch dieſe Zufammenftellung fhon ausgefprochen wird, daß das Volk felbft „Menſchenſohn“ und Chriftus für gleich- bedeutend genommen haben fol. Welcher unglaubliche Wider: finn! — Dann folgt no) eine gleichfall3 unangemeffene Ueber— tragung einer früher fchon**) mitgetheilten Sentenz als Antwort Sefu auf diefen Zufammenhangz und zulegt verbirgt fih Jeſu vor dem Volke. As ob er in der Abficht, fich vor feinen Gegnern verborgen zu halten, nach Serufalem gekommen wäre ! ***) 34. Obgleich im Grunde auch nur, gleich manchen im Obigen fhon von uns bezeichneten Stüden, leere Wiederholungen von anderwärt bereit3 Gefagtem enthaltend, wollen wir doch die Worte noch aufführen, die unfer Evangelift entweder (nach der wahrfcheinlich richtigen Anficht der Altern Ausleger) als letzte öffentliche Nede Zefu, oder (nach der aus dem Gewahrwerden jener Wiederholungen hervorgegangenen, ‘aber in dem Berfaffer ein planmäßigeres oder biftorifch treueres Verfahren, als das feinige wirklich ift, vorausfegenden Anficht der neuern) als zus fammenfafjenden Auszug der vorhergegangenen Neden giebt. +) ‚Der an mich glaubt, glaubt nicht an mich, fondern an den, der mich fandte, und wer mich fchaut, fehaut den, der mich *) Sf. 110, 4 Dan. 7, 14, *#) Cap. 11,9 f. **xx) Tis momors meupdels ayyshos, Ofov ayylAksıv va venelsvoulve, »gunreras; — könnte man hier mit Celfus fragen, der diefe Frage, minder paffend, in Bezug auf die Erſcheinungen Jeſu nach feiner Auferftehung aufwarf, Orig. c. Cels. II, 70, +)» 44 ff. Evangelifche Erzählungen und Reden nach Sohannes. 271 fandte, Ich bin ein Licht, in die Melt gefommen, damit jeder, der an mich glaubt, nicht im Dunkel bleibe. Und wenn jemand meine Worte hört und nicht glaubt, fo richte ich ihn nicht (denn ich Fam nicht, die Welt zu richten, fondern die Welt zu ret- ten). Wer mich gering fehast und meine Worte nicht annimmt, bat feinen Richter. Das Wort, das ich. fprach, das wird ihn am jüngften Tage richten. Denn ich, ich fprach nicht von mir felbft, fondern der Water, der mich fandte, er hat mir aufge- tragen, was ich fagen und was ich reden fol; und ich weiß daß mein Auftrag ewiges Leben if. Was ich alfo rede, das rede ich fo, wie der Vater e8 mir gefagt hat.’’ 39. Sehr ausführlich find die Gefpräche, welche in Dei legten Nacht vor feinem Tode unfer Evangelift zwifchen Sefus und feinen Süngern gehalten werden läßt (Nr. 35 — 49), Sie eröffnen fih mit folgender Scene, welche wir genau mit den eigenen Worten des Gvangeliumd wiedergeben. Bor dem Pafchafefte, da Sefus wußte, daß feine Zeit ges fommen war, aus diefer Welt zum Water hinüberzugehen, be= hielt er die Liebe, mit der er die Seinen, die er in der Welt zurücließ, liebte, biS zuleßt. Und beim Mahle, da ſchon der Zeufel dem Sohne Simons, Judas Ifcharioth, ind Herz ger geben hatte, daß er ihn verrieth, erhebt fich Sefus, wiffend, wie Alles ihm der Vater in die Hand gegeben hatte, und er von Gott ausging und zu Gott zurüdfehrt, von dem Mahle, legt die Kleider ab, nimmt ein leinen Tuch und gürtet fich da= mit. Dann gießt er Waſſer in das Beden, und beginnt die Füße der Sünger zu wafchen und mit dem Tuch, womit er umgürtet war, abzutrodnen. In diefer Verrichtung kommt er zu Simon Petrus; diefer fagt zu ihm: „Herr, du, du waͤſcheſt mir die Füße?” Sefus antwortet: ‚Was ich thue, weißt du jeßt nicht, wirft e8 aber nach diefem erkennen lernen!” Da fagt Petrus: „Du ſollſt mir die Füße nicht wafchen in Ewige keit!“ Sefus erwiedert: ‚Wenn ich dich nicht wafche, fo haft du feinen Theil an mir.” Darauf Petrus: ,, Herr, nicht die Füße allein, fondern auch die Hande und dad Haupt!’ Je— fus aber fagt: „Wer einmal gebadet ift, bedarf nur, daß ihm die Füße gewafchen werden, übrigens iſt er ganz rein; auch ihr feid rein, doch nicht alle!“ Er Fannte naͤmlich den Verräther ; 272 Sechſtes Bud. darum fagte er, nicht alle feien fie rein. WS er nun ihre Füge gewafchen und feine Kleider wieder angelegt hatte, legte er ſich wieder hin und ſprach: „Merkt ihr, was ich gethan habe? Ihr nennt mic Meifter und Herr, und mit Recht, denn id) bin e8. Wenn nun ich euch die Füße wuſch, euer Herr und Meifter, fo müßt auch ihr euch unter einander die Füße was fhen. Ein Vorbild gab ich euch, Damit, wie ich euch that, fo auch ihr thun folt. Wahrlich, wahrlich ich fage euch: nicht ift der Knecht größer als fein Herr, noch der Apoftel größer, als der, der ihn fandte! Wiſſet ihr dies, felig feid ihr, wenn ihr es thut.’’ *) Dieſe Erzählung, fo unverfennbar ächte Beftandtheile fie enthält, trägt doch ald Ganzes einen fehr problematifchen Cha- rafter. Was zuvörderft die erzählte Handlung ſelbſt betrifft, fo befenne ich freimüthig mein Unvermögen, an einer fo Außer- lichen Demuthöbezeugung Deffen, der im Begriff war, in einem ganz andern Sinn für die Seinen fi hinzugeben, mich fon= derlich zu erbauen. Mir erfcheint die vornehme, gebietende Hal- tung, die Sefus bei den Spnoptifern fortwährend den Süngern gegenüber behauptet, auch wo er fich ihren Diener nennt, bei weitem des Gottlichen wuͤrdiger, als diefe Herablaflung, die, man fage was man wolle, für jedes unbefangene Gefühl einen Beifhmad von theatralifcher Abfichtlichkeit behält. Diejenigen, welche folche Handlung der Demuth in der That erhaben und erbaulich finden, fcheinen mir in einem nachweislichen Wider: Tpruche gegen fich felbft begriffen zu fein, wenn. fie dennod Ans ftand nehmen, diefelbe, oder gleichbedeutende Handlungen von fich felbft und von Andern zu fordern, zumal da Chriftus feinerfeits von feinen Süngern folche fo ausdrüclich verlangt. Daß er fie nur im fymbolifchen Sinne verlangt haben folltes dies an— zunehmen iſt gerade dann am wenigften ftatthaft, wenn er un- “ mittelbar vorher durch feinen eigenen Vorgang gezeigt hatte, daß er, wenn auch immerhin diefes felbft im Sinne eines Symbols, das wirkliche Verrichten der äußeren Handlung für nothwendig achtet, um auch dem Symbol als folhem fein Recht zu geben. — Die Apoftel, wendet man ein, haben ihn nicht fo verftanden, *) Cap, 13, V. 1 ff. Evangelifche Neden und Erzählungen nach Sohannes. 273 denn es findet fich in der Kirche nicht eher, als mehrere Jahr: hunderte fpäter das wirkliche Fußwafchen als angenommener heiliger Gebrauch. Aber wenn nur nicht eben diefer Umftand fo bedenklich gegen die hiftorifche Nichtigkeit des Factums und der daran gefnüpften Nede zeugte! Wie kann man es glaube lic) finden, daß nach einem folchen Vorgange des Herrn in feis ner legten Nacht, nach einer fo ausdrüdlichen Hinweifung def: felben auf diefes Beifpiel, das er gegeben, und Aufforderung, dafjelbe zu befolgen, fich dennoch in der apoftolifchen Gemeinde der Gebrauch des gegenfeitigen Sußwafchens nicht feftgefeßt ha— ben follte? — Die Schwierigkeiten, die in Bezug auf den Herz gang der Handlung in der Erzählung liegen, find bereits von Andern bemerkt worden. Das Fußwafchen pflegte vor der Mahizeit vollzogen zu werden, hier aber fol es während der: felben gefchehen. Das Benehmen des Petrus und die Antwor: ten, die Sefus ihm giebt, erfcheinen, von welcher Seite man fie auch betrachte, als ſchwer erflärlih. Hatte fich Sefus zu einer jolchen Handlung einmal entjchloffen: fo wird Dann ges wiß in der Art und Weife, wie er fie verrichtete, etwas gelegen haben, daS es nicht zu Weigerungen der Art kommen ließ, am wenigften, wenn, wie man dem Zone der Erzählung gemäß aller— dings vorauszuſetzen berechtigt iſt, Jeſus erft, nachdem er an ver: ſchiedenen andern Süngern bereits den Dienft verrichtet hatte, zu Petrus Fam. Die Antworten Jeſu auf jene Weigerung aber legen der Handlung unverkennbar einen geheimnißvollen, magiſchen oder facramentalen Sinn unter, den vernünftiger Weife Nie- mand in ihr finden kann. Alle Erklärungen jener Worte, durch die man fie nur auf den Hauptzwed der Handlung, den Be: weiß der Demuth zu beziehen verfucht, bleiben hinfend. Was aber die Erwiederung des Petrus auf diefe Antworten betrifft, fo kann ich in das Lob individueller, charakteriftifher Wahrheit, das man ihr fo freigebig zu ertheilen pflegt, Feineswegs ein: flimmen. Es ift wahr, daß Petrus auch anderwaͤrts fich über: eilt und hikig zeigt. Aber ein Wafchen des Hauptes und der Hände zu begehren, welches weder die Sitte mit fich brachte, noch der Herr felbft für den vorausgefehten Zweck der Hand: lung als nöthig erachtete, wäre für ihn doc gar zu Findifch gewefen. Es kündigt fich demnach diefer Zug vielmehr als einen, 18 II. Bd. 7 274 Schfies Bud. nicht ohne Ugbertreibung, nach dem einmal: befannten und. tra= Ditionell gewordenen Typus von dem Charakter des Petrus ers fonnenen an, und feine nächfte Beſtimmung iſt wahrfcheinlich, den nachfolgenden Spruch zu motiviren. Dieſen nämlid bin ich geneigt, für den eigentlichen Kern. der Erzählung zu nehmen, welche, fo will e8 mir fcheinen, theils auf feine Veranlafjung, theils auf Anlaß der am Schluffe fiehenden, bereits aus den Synoptifern und befannten Gnome gebildet ift. „Wer einmal gebadet ift, bedarf nur, daß ihm die Füße gewafchen werden, fonft ift er rein’: dieſe Eurzen Worte für ſich allein betrachtet geben ein bildliches Apophthegma der Art, welches auf das voll- ftändigfte den Stempel von Sefu eigener Nedeweife trägt, und ganz in feinem Geifte gefprochen ift. Es bezieht ſich Diefes Apophthegma auf Die morgenländifche Gewohnheit des Badens vor der Mahlzeit und des Füßewafchens zunächft bei oder vor Beginn derfelben, und fein Sinn ift diefer, daß, gleichwie for=" perlich der einmal Gereinigte zwar am übrigen Körper rein bleibt, aber doch einer wiederholten Reinigung der beim Gehen aufs neue befhmuzten Füße bedarf, fo auch fittlih die einmal voll- brachte Reinigung des Gemuͤths zwar einen wiederholten Pro— ceß der Bekehrung des ganzen Menfchen überflüffig macht, aber darum nicht. von der Nothwendigkeit ftetd erneuter Selbft- prüfung und Reinigung von einzelnen: Fehlern, die nur allzu— leicht im täglichen Xeben und Verkehr mit unfern Mitmenfchen an und haften, entbindet. Sonach wäre alfo auch von diefer. Erzählung anzunehmen, daß fie vielmehr aus Worten, die Sohannes aufbewahrt und überliefert hat, zufammengefeßt, als von Sohannes fo, wie wir fie befigen, aufgezeichnet if. Denn freilich, wäre fie diefes letztere, fo fände ein Zweifel an der gefchichtlichen Wahrheit ihres Inhalts im Ganzen auf Feine Weife ftatt. Hoͤchſtens koͤnnte man dann, wie auch bei andern Aufzeichnungen. diefer Art, die buchftäblihe Treue einzelner Fragen und Antworten, aber auch diefe nur mit der Außerften Vorſicht, in Zweifel zie— den. — Ginen Umftand, der mich gerade bei diefer Erzählung länger noch, als bei manchen andern hat anftehen laffen, ihre Abfaffung dur den Apoftel felbft in Frage zu ſtellen, glaube ich nicht verfchweigen zu dürfen; es ift folgender. Die Anz Evangeliſche Erzählungen und Reden nach Sohannes. 275 fangsworte des dreisehnten Gapiteld, mit welchen unfere Erzäh: lung beginnt, tragen einen Charakter, welcher fie mehr, als viele leicht irgend eine andere Stelle im ganzen Evangellum dazu zu eignen fiheint, als Eingang eines felbfiftändigen Aufſatzes der Art zu gelten, wie wir deren mehrere von des Apoftels Hand niedergefehrieben denfen müffen, wenn wir die Entftehung des Evangeliums in.der von und verfuchten Welfe erflären wols len. Da nun im Nachfolgenden eine Reihe von Neden mitges theilt wird, die wir, dafern wir überhaupt irgend aͤchte Be: ftandtheile in unferm Evangelium anerkennen wollen, denfelben ohne alle Frage beizuzählen haben: fo liegt die Vermuthung nahe, daß mit jenen Worten ein Auffat begonnen haben möge, in welchem der Upoftel es unternommen hatte, die von dem Herrn bei feinem legten Mahle gehaltenen Neden, fo weit er fie fich ins Gedächtniß zurüdzurufen vermochte, fchriftlich aufzuzeichnen, — Indeß wir brauchen dieſe Vermuthung nicht gerade aufzugeben, auch wenn wir e3 für wahrfcheinlich erkennen, daß gleich in den Anfang diefes Auffabes, wie in Bezug auf ſpaͤtere Theile deſſel— ben folches ohnehin nicht in Abrede zu ftellen wäre, von fremder Hand hineingearbeitet worden ift Scheint doch fogleich die Aehn— lichfeit der Gonftruction in den beiden erften Saͤtzen dieſes Gas piteld (dad wiederholte sidws 6 "Imooog ozı #. v. A.) eine, und zwar unftreitig verunglüdte, Nachbildung des erſten Satzes im zweiten durch eine fremde, frembdartige Beftandtheile einzu: fchieben beginnende Hand zu verrathen ). *) Noch einen andern Umſtand hat man für die gefhichtliche Wahr— heit des hier erzählten Vorfalls geltend gemacht, nämlich daß Die Art und Weiſe, wie Lufas (22, 24 fi.) die Erzählung von dent Rangſtreit der Jünger in die Erzählung von. der legten Mahlzeit einfchiebt, auf eine, dann freilich nur verwaſchene Erinnerung eines Borfalls der Art, wie der hier erzählte, hinzudeuten frheinen kann. Läugnen läßt fih nicht, daß namentlih V. 27, welder dem Lufas eigenthümlich angehört, und nicht, wie die übrige Erzählung, aus verfchtedenen Stellen des Marcus entlehnt tft, diefe Deutung zu begünftigen- ſcheint. Nichts deftoweniger halte ich biefen Umſtand nicht für hinreichend, die Unwahrſcheinlichkeiten unſerer Erzählung aufzuwiegen. Die Erzählung des Lufas ift augenfheinlich aus ei- ner Deutung der Worte Mare. 10, 45 hervorgegangen, nach deut beliebten Pragmatismus des Lufas, der überall für die Worte des 18* 276 Sechſtes Bud. 36. „Nicht vor euch Allen fpreche ih. Sch weiß, welche ich erwählte; aber die Schrift *) mußte erfüllt werden: Wer mit mir das Brot ißt, erhebt gegen mich feine Ferfe. Ich fage es euch jebt, ehe es gefchehen ift, Damit, wenn es geſchehen ift, ihr ‚glauben mögt, daß ich Ich bin.“ *) Sch glaube in diefen Worten, denen der Evangelift, ohne daß man den Zufammenhang deutlich fähe, noch die aus den Synoptifern bekannten folgen läßt: „Wer einen aufnimmt, den ich fende, nimmt mich auf, wer aber mich aufnimmt, nimmt den auf, der. mich gefandt hat”, — ich glaube in ihnen die Acht johan— neiſche Orundlage zu erfennen, auf welche der. Herausgeber des Evangeliums: die fogleich Darauf folgende weitere Erzählung von der Entlarvung des Verrätherd gebaut hat. Die Erzaͤh— lung von der Einfegung des Abendmahls, die bei den Synop— tifern ſo eng mit dieſer verbunden ift, übergeht er befanntlich 5 unftreitig aus feinem andern Grunde, als weil er in den Auf: zeichnungen des Sohannes feinen Anlaß zu ihrer Erwähnung fand. Die gegenwärtigen Worte flimmen ihrem wefentlichen Inhalte nach mit der entfprechenden Andeutung bei den Sy— noptifern * überein, und dienen fomit zur Beftätigung der von und als gefchichtlich erkannten TShatfache, daß Sefus in jener Nacht nur im Allgemeinen angefündigt habe, daß in der Mitte‘ feiner Sünger ſich fein Verräther befinde. Die Worte freilich, in. denen er bei dem Unfrigen dies thut, legen, wie die meiften _ johanneifchen, dem Herrn eine Reflexion unter, welche vielmehr , die eigene des Juͤngers iſt. Weder die Beziehung auf jene Pialmenftelle, in welcher nur erſt die Neflerion über den bereits gefchehenen Verrath eine meffianifche, Andeutung finden Eonnte, gehört Jeſu felbft an, noch die ausdrüdliche Verwahrung da— gegen, daß er bei feiner Auswahl der Sünger den Verraͤther nicht Herrn äußerliche Veranlaſſungen aufſucht, und hier nach ſeiner ſonſtigen Denkweiſe, die bekanntlich ſo viel Werth auf ſinnliche Entbehrung und Erniedrigung legt, keine bequemere zu finden wußte, als die An— nahme eines wirklichen Dienens beim Mahle, — worunter er ſich aber nicht eben ein Fußwaſchen vorgeſtellt zu haben ſcheint. *) Pſ. 41, 10. *#).R, 18 f; “) Vergl. oben Buch IV, ©, 601 ff. Evangeliſche Erzählungen und Reden nach Johannes. 277 ‚gekannt haben follte, noch auch die Bemerkung, daß er fehon jest ihnen den Verrath anfündige, um zu verhindern, daß fie nicht nachher an ihm irre ‚werden. Dies alles find Ne- flerionen des Süngers über Grund und: Bedeutng des Gefche- benen, aber ald Factum liegt ihnen jene Aeußerung Sefu zum Grunde, welche den Verräther als einen, der mit ihm ift, der mit ihm in eine Schüffel taucht, bezeichnete, — Die Erzaͤh— Yung aber, ‚welche aus diefen Worten der Herausgeber des Evan— geliums gebildet hat (auf ganz entfprechende Weife gebildet hat, wie nach unſerer früher gemachten Bemerkung, aus den Wor- ten des Prologs, Cap. 1, V. 15, die ausführliche Erzaͤh— lung V. 19 — 34), bedarf hier noch einer ausdruͤcklichern Be— ruͤckſichtigung. Sie lautet folgendergeftalt )Y. Iefus, als er dies (die eben angeführten Worte) gefprochen hatte, ward bewegt im Geift, und zeugte, und ſprach: „Wahrlich, wahrlich, ic fage euch: einer unter euch wird mich verrathen!“ Da fahen die Sünger fih unter einander an und wußten: nicht, von wen ex fpreche. Einer unter ihnen aber lag an Sefu Bruft, er, den Sefus liebte. Diefen fragt Simon Petrus, wer es fei, von dem Sefus ſpreche *). Jener lehnt fich darauf an feine Bruſt und foricht zu ihm „„Herr, mer it es?“ Jeſus antwortet: „Der ift es, dem ich den Biffen, den ich eintauchen will, darreichen werde.’ Da taucht er den Biffen ein und reicht ihn dem Sus das Sfcharioth. Als Diefer ihn gegeffen hatte, Fam in ihn. der Satan herein; Sefus aber fprach zu ihm: „Was du thun wilt, thue ſchnell!““ Dies verftand. feiner der zu Tiſche lie— genden, was er. damit meinte, Einige naͤmlich dachten, weil Sudas die, Kafle führte, Jeſus hieße ihn das Nöthige zum Feſt einkaufen, oder den Armen etwas geben. Als nun Sener den Biſſen genommen hatte, ging er fogleich hinweg; e3 war aber Nadıt. So lautet diefe Erzählung, die, wirftehennicht an, ed auszufpre: chen, neben der acht hiftorifchen und allein Jeſu würdigen des Marcus fich unter feiner Bedingung behaupten kann. Schon Manche haben, bald an dem einen, bald an dem andern Zuge derfelben Anftoß genoms *) 3,21, #) Nach der von Lachmann aufgenommenen Lesart, Nach der ge— wöhnlichen hätte Petrus den Johannes nur zu einer an Jeſus zu richtenden Frage aufgefordert, 278 Schftes Bud. men, und alle Berfuche, das Anftößige, was wirklich darin Liegt, hinweozuräumen oder zu mildern, find vergeblich. Solche heim- ‚liche Bezeichnung der Perfon des Berräthers (daß fie eine heimliche fei, wird zwar nicht ausdrüdlich gefagt, aber der Zus - fammenhang nöthigt Dazu, es anzunehmen) in feiner andern b- fiht, ald um die Neugier zweier der Jünger zu befriedigen, die nachher, — wir müffen annehmen, aus Indolenz oder Vergeßs lichfeit, denn für ein ausprüdliches Verbot des Herrn läßt die Erzählung feinen Plab, — nicht dad Mindefte thun, um dem Berrath zuvorzufommenz die Bezeichnung durch einen Act, der, mag man immerhin feine Bedeutung durch die unverbürgt blei— bende Ausrede, Judas fei vielleicht eben an der Reihe gewefen, von Jeſus, der beim Mahle die Stelle des Hausvaters ver: frat, den Brotbiffen dargereicht zu erhalten, zu ſchwaͤchen fuchen, auch fo noch als ein Zeichen des Wohlwollens und der Freund— lichfeit verfianden werden muß; endlich die harte und lieblofe Aufforderung an Judas, die auf gleichfald unbegreifliche Weife von diefem fogleich befolgt wird, während e8 vielmehr in feinem Intereſſe gelegen hätte, nichts zu thun, was den Verdacht gegen ihn beftärfen Eonnte: dies alles vereinigt giebt von diefer Scene ein Bild, von dem man nicht weiß, ob man mehr über feine, bisher dennoch faft algemein überfehene Ungereimtheit erftaus nen, oder über feine Unwürdigfeit zuͤrnen fol, Hält man dies ſes Bild vollends an die großartige Einfalt, in welcher die bier gefehllderte Scene bei Marcus, dem Quell der fonoptifchen Darftellungen uns entgegentritt; fo kann man das Vorurtheil nicht genug. beklagen, welches unter der Maske eines von dem Berufenften der Augenzeugen gegebenen Berichtes fo traurige Verunftaltungen des erhabenften Momentes, welchen die Weltge: ſchichte Fennt, fich hat gefallen laffen, Man pocht auf den Charakter der Individualität, den diefer Bericht vor den ſynoptiſchen voraus haben fol, Aber was für eine Individualität? die Individualität eines Detailgemäldes, Das aus lauter Inwahrfcheinlichkeiten zuſam— mengeſetzt ift und in jedem einzelnen Zuge dem fonft befannten Cha— racter jeder einzelnen der handelnden Perfonen ſchnurſtracks zuwider— Läuft! *) — Uebrigens laͤßt fich die Entftehung dieſes Berichtes *) Bon Jefus liegt dies am Tage, von Judas haben wir es fo eben bemerklich gemacht. Und wie veimt es fih zum Charakter des Pe— Evangelifche Erzählungen und Neben nach Sohannes, 279 aus dem fonft bekannten Zufammenhange der erzählten Bege- benheit leicht genug erklären. Der Biffen, den Sefus dem Ju— das reicht, ift offenbar aus einer Neminiscenz an die gewich— tigen Worte Jeſu: ,,der mit mir in die Schüffel taucht’ her: vorgegangen. Diefelben hatten ſich dem Gedächtniffe der Juͤn— ger unauslöfchlich eingeprägt, und der Verfaſſer unferer Erzaͤh— Yung hat fie ganz eben fo misverftanden, wie wir oben zeigten, daß der Verfaffer des erften Evangeliums fie im Berichte des Marcus midverftanden hat, nämlich als enthaltend eine per— fonliche Bezeichnung de3 Judas, da fie doch nur eine allge- meine und unbeflimmte enthielten. Hiernach nun hat fich dies fer Verfaffer den ganzen Vorfall in feiner uns fehon hinläng- Yich befannten Weife zurechtgelegt und infonderheit fich beflei— Bigt, demfelben eine Wendung zu geben, durch welche nach feis ner Meinung das Stillfehweigen der übrigen Juͤnger nach Ent» Yarvung des Judas erflärt wird, Einer unter den Süngern freilich mußte die Bezeichnung des Sudas vernommen haben; denn woher fonft die Erzählung von ihr? Diefer eine war Jo— hannes, aus deffen Munde für den Standpunct unfers Erzaͤh— lers alle dergleichen Erzählungen gefloffen waren, aus deſſen Munde er auch, unmittelbar oder mittelbar, jene Worte hatte, aus denen er die Erzählung von dem dargereichten Biffen bil« dete. In welchem Lichte er freilich hiernach den Sohannes und den diefem zugefellten Petrus erfcheinen läßt, fcheint der Erzaͤh— ler eben fo wenig bemerft zu haben, wie die übrigen Unge— reimtheiten feiner Erfindung. 37. „Jetzt hat des Menfchen Sohn fich verherrlicht und Gott hat fi in ihm verherrliht. Hat aber Gott fih in ihm verherrlicht, fo wird auch Gott ihn in ſich verherrlichen, und fogleich wird er ihn verherrlichen, Kinder, noch kurze Zeit bin ich unter euch; und wie ich den Juden fagte: wohin ich gebe, dahin koͤnnt ihr nicht fommen, fo fage ich es jest auch euch. Gin Gebot, ein neues, gebe ich euch: daß ihr euch unter ein= ander liebt; wie ich euch liebe, daß auch ihr euch einander liebt, trug, oder zu dem jenes Jüngers, der bie famaritifhe Stadt, bie Jeſu die Aufnahme verweigerte, von Feuer verzehrt wiſſen wollte (Luk. 9, 54), daß fie bier den Judas fo ruhig von dannen ziehen laſſen? N 280 Sechſtes Bud Daran werden Alle merken, daß ihr meine Sünger feid, wenn ihr unter einander Liebe habt.“) — Das ſchon von Andern gerügte Spiel, was mit dem Worte „, verherrlichen’ (dofafeıv) getrieben wird, dad ausdrüdliche Citat des frühern gegen bie Juden gethanen Ausfpruchs, und die mehrfach zu. bemerfende Anticipation bon Gedanken, die im Nachfolgenden wiederkeh- ren, kann gegen den johanneifchen Urfprung auch diefer Worte Berdaht erweden — (daß fie von Sefus fo nicht gefprochen fein fonnen, verfteht fich ohnehin). Doch mag die Entfcheidung über diefe Frage Dahingeftellt bleiben; eben fo auch, was die nach— folgenden Wechfelreden **) betrifft, in Denen die aus den Sy— noptifern befannte Ankündigung der Verlaͤugnung des Petrus an eine Frage diefes Züngerd gefnüpft wird: Wohin der Mei- fier denn gehen wolle? — worauf er die Antwort erhält: .,,Wo- hin ich gehe, Fannft du mir jest nicht folgen, fpäter aber wirft du mir folgen!‘ 38. „Euer Herz beunruhige fih nicht! Faflet Glauben an Gott, und an mich faflet Glauben! Sm Haufe meines Va: ters find viele Wohnungen; wäre e& nicht, fo würde ich es euch fagen. Ich gehe, euch eine Stätte zu bereiten; und wenn ich werde gegangen fein und eine Stätte euch bereitet haben, fo Fomme ich wieder und will euch zu mir nehmen, damit, wo ich bin, auch ihr feid. Wohin ich gehe, wißt ihr, und auch den Meg wißt ihr.‘ Auf diefe Worte fpriht Thomas: „Herr, wir wiffen nicht, wohin du gehſt; wie koͤnnen wir den Weg willen? Darauf Jeſus: „Ich, ich bin der Weg, und die Wahız heit, und das Leben. Niemand kommt zum Bater, als nur durch mich. Kenntet ihr mich, fo würdet ihr auch den Vater kennen; und von jetzt an Fennt ihr ihn, und habt ihn geſehen.“ Da Sprach Philippus : ‚Herr, zeige uns den Vater, und es ift uns genug?‘ Jeſus antwortetz „So lange bin ich bei euch, und du Fannteft mich nicht, Philippus? Wer mich gefehen hat, hat den Vater gefehen; wie Fannft du fagen: Zeige uns den Vater? Willſt du nicht glauben, daß ich in dem Vater, und _ der Vater in mir iſt? Die Worte, die ich rede, von mir rede ich fie nicht; der Vater aber, der in mir weilt, er thut die Werke, *) B, 31 ff, #*) V. 36 ff. Evangeliſche Erzählungen und Reden nad) Johannes, "281 Glaubet mir, daß ich in dem Vater, und der Vater in mirz wollt ihr aber nicht, fo glaubet um der Werke felbft willen!’ *) Es ift eben fo fchwer, dieſem Gefpräche und allen nach— folgenden Neden zu beftreiten, Daß es, wenn irgend Etwas in unferm Gvangelium, rein und unverfälfcht den Charakter und das Gepräge. des Acht johanneifchen Styles trägt, wie ande rerſeits, wenn feine Aechtheit in fo weit zugegeben ift, dann weiter auszumitteln, wie es ſich zu den urfprünglichen Aeu= Berungen Sefu und ihnen gegenüber feiner Jünger, die wir ald zum Grunde liegend vorauszufegen haben, verhalten möge. Sohannes fchreibt hier ald Augen = und Ohrenzeuge, er Fann daher dieſe Neden nicht vollig aus der Luft gegriffen haben; nichts deftoweniger. find in ihnen nur wenig Anklänge, die, an jenen Charakftertypus der Neden Chriſti gehalten, welchen wir aus den fynoptifchen Evangelien als den allein fichern, weil allein das Göttliche in Geftalt einer lebendigen, genia— len Perfonlichkeit manifeflirenden abgezogen haben, demſel— ben irgend zu entfprechen fcheinen koͤnnen. Cine befondere Schwierigkeit liegt auch in dem Umftande, daß Sefus in die- fen fammtlichen Reden von feinem bevorftehenden Hingange-als von einer vollig ausgemachten, auch den Züngern fattfam be— Fannten oder befannt fein follenden Sache fpricht, während wir doch aus der Darftellung der Synoptifer ſchließen müffen, daß die rafche Erfüllung feines Verhängniffes für ihn felbft in die— fem Augenblide nur noch eine Ahnung, für feine Sünger aber nicht einmal Ahnung war, — Eben diefer Umfland aber bietet am bequemften einen Anknuͤpfungspunct für eine Erklärung der Art und, Weife, wie dieſe Aufzeichnungen entftanden fein mögen, Sohannes erinnerte fich der mannichfachen, damals dunkel und unverftanden gebliebenen Andeutungen des Herrn über fein bes vorftehended Verhaͤngniß, und was damit im geiftigen oder äußerlichen Sinne zufammenhing; er erinnerte fih der Misver- ftändniffe, die dadurch in Einzelnen der Sünger veranlaßt wor- den waren, und der eben Dadurch herbeigeführten gegenfeitigen Erklärungen. Das Detail war ihm, theild eben um jener Dun— felheit willen, theils durch die Länge der Zeit und. die heftigen, *) Cap, 14, DB, 1 ff. 282 Sechſtes Bud. zunächft auf jene Begebenheit fo aͤußerlich wie innerlich folgenden Bewegungen, entfallen; er fuchte es fich, nachdem jene neue, höhere Klarheit ihm aufgegangen war, welche die Sage als Mittheilung der Gnofid durch den Auferflandenen an ihn und feine Mitjünger bezeichnet hat, wieder ind Gedächtniß zu ru— fen und in feinem Geifte zurechtzulegen. Was aus diefem Ber ftreben hervorging, war freilich mehr ein feinen eigenen Sinn, als den feines Meifters ausdrüdender Gedanfenzufammenhang;z und auch die Fragen und Einwuͤrfe feiner Mitjünger hat er wohl mehr ſich aus dieſem feinem gegenwärtigen Gedankenzu— fammenhange heraus conftruirt, ald die —— geſchehenen treu und genau wiedergegeben. 39. „Wahrlich, wahrlich ich ſage euch, wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich thue, gleichfalls thun, und wird groͤ— Bere noch thun! Denn ich gehe zu meinem Vater, und werde, was ihr in meinem Namen bitten wollt, gewähren, damit ber Bater in dem Sohne verherrlichet werde. Bittet ihr etwas in meinem Namen, fo will ich e8 gewähren.’ * — Diefen Wor: ten ſcheinen Ausfprüche der Art, wie die auch bei den Synopti— fern an wiederholten Stellen vorfommenden von der Kraft de3 Gebets und des Glaubens zum Grunde zu liegen, und Johan— nes fcheint diefelben der vorliegenden Situation und den von ihm gefaßten Lieblingsbegriffen entfprechend umgeftaltet zu haben. 40, „Wenn ihr mich liebt, fo haltet meine Gebote! Ich will den Vater bitten, und Er wird euch einen andern Bei: ftand geben, der bei euch beharren fol in Ewigkeit, den Geift der Wahrheit, den die Welt nicht faſſen kann, weil fie ihn nicht fieht noch Fenntz ihr aber Fennt ihn, weil er bei euch verweilt und in euch fein wird. Ich laſſe euch nicht verwaift, ich fomme zu euch. Noch eine Fleine Weile, und die Welt fieht mich nicht mehr; ihr aber, ihr feht mich; denn ich, ich lebe, und auc) ihre folt leben! An jenem Tage werdet ihr erkennen, daß ich in_ dem Vater bin, und Er in mir, und ich in euch. Wer meine Gebote hält und bewahrt, der ift es, der mich liebt; wer aber mich liebt, der wird von meinem Water geliebt werden, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.’ Hier ſprach *), 3.12 fi | Evangelifche Erzählungen und Reden nach Sohannes. 283 Judas (nicht der Iſcharioth): „Herr, wie ift es gekommen, daß du dich uns offenbaren willft, und nicht der Welt? Ses fus antwortete: „Wer mich liebt, der wird mein Gebot bewah— ven, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und unfere Wohnung bei ihm auffhlagen. Wer mich nicht liebt, der halt meine Gebote nicht; und das Wort, wels ches ihr hört, ift nicht mein, fondern des Waters, der mich Tandte, Dies habe ich zu euch gefprochen, fo lange ich unter euch bin; der Beiftand aber, der Geift, der heilige, den der Bater in meinem Namen fenden wird, der wird euch alles leh— ren und euch alles ins Gedächtniß rufen, was ich euch fagte, Frieden laſſe ich euch zuruͤck; Frieden, den meinen, gebe ich euch. Nicht wie die Welt ihn giebt, gebe ich ihn euch. Euer Herz beunruhige ſich nicht und fürchte fich nicht! Ihr hörte, Daß ich euch fagte: ich gehe hinweg und komme zu euch. Lieb» tet ihr mich, freuen würdet ihr euch, Daß ich zum Vater gehez denn der Vater ift größer als ich. Und jet habe ich es euch gefagt, ehe es gefchieht, damit, wenn es gefchieht, ihr glauben mögt. Nicht mehr viel werde ich mit euch reden. Denn es kommt der Herrfcher diefer Welt; und er thut mir nichts anz aber damit die Welt erfenne, daß ich den Vater liebe, und weil mir e8 der Vater fo geheißen hat, darum handle ich fo. Kommt, laßt uns von binnen gehen !’’*) : Diefe Worte, die unter fich felbft zufammenhängen und nicht weiter in einzelne Ausfprüche fich zerfpalten laſſen, ſchei— nen, der Aufforderung zum Weggehen, die am Schluffe fteht, zufolge, in den urfprünglichen Aufzeichnungen des Johannes das Ende eines Aufſatzes gebildet zu haben, der zunächft für ſich allein die bei jenem Mahle gefprochenen Neden enthalten folte, Was weiter folgt, gehört dann wahrfcheinlich einem ans dern, vielleicht fpäter in gleicher Abficht von dem Apoftel verfaß- ten Auffaße an, der bei der Redaction des Evangeliumd uns mittelbar an jenen vorangehenden, als Ein Ganzes mit ihm bil- dend, angefchloffen wurde. Dies die einzig genügende Erklärung jener, in der Stellung, die fie jest einnehmen, befremdenden Schlußworte, Mit der Mehrzahl der bisherigen Erklärer annehmen *) V. 15 ff, 284 Sechſtes Bud. wollen, fie feien wirklich im Momente des Aufbrechens von Je— fus fo gefprochen worden, in der Abficht, die Nede zu beſchlie— Ben, das Weitere aber habe er nachher, etwa ftehend, hinzuge⸗ fügt, — Dies würde heißen, in diefen Reden einen. Grad von wortlicher Treue vorauszufegen, der felbft bei einer: weit minder das Gepräge der Individualität des Verfaſſers tragenden Auf: zeichnung befremden müßte. — Mehr Beachtung verdient die Hin: weiſung auf die Ahnlichen Aufbruchsworte in der Scene zu Geth- femane bei den Synoptifern *)5; doch möchten wir aus der al- lerdings auffallenden Verwandtfchaft Diefer Worte mit den ge= genwärtigen nicht ſowohl auf einen feftftehenden Zypus der Sage, als vielmehr darauf fchließen, daß wirklich diefe Worte, die lesten oder faft die lesten, die fie aus dem Munde des Herrn vernommen: hatten, fi) dem Gedächtniß der Zünger fo tief einprägten, daß fie in die verfchiedenften Berichte unabhaͤn— gig von einander übergegangen find. Hier in diefem Falle num ift es allerdings möglich, Daß der unmittelbare Ohrenzeuge Zohan: nes diefe Worte an einen richtigern Ort geftelt hat, als Mar— cus, der nur aus den Mittheilungen Anderer fich ihrer erinnern konnte, Durch) die Hinzufügung des nachfolgenden Auffakes indeß, welche vom Apoftel, als er jene Worte fchrieb, gewiß nicht beabfichtigt war, ift die wahrfcheinlich richtige Stelle für fie, die Stelle beim Aufbruh vom Mahle, wiederum verlo- ven gegangen. 41. „Ich, ich bin der Weinftod, der wahrhaftige, und mein Vater ift der Winzer. Jede Rebe, die nicht in mir Frucht bringt, die fchneidet er ab, und jede, die Frucht trägt, die rei— nigt er, damit fie noch mehrere trage. Ihr, ihr feid rein durch das Wort, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir, und ih in euch! Gleichwie die Rebe nicht Frucht tragen kann von fich felbft, wenn fie nicht in dem Weinftocd bleibt, fo auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibet. Ich bin der Weinftod, ihr die Neben. Wer in mir bleibet und ich in ihm, der trägt viele Früchte; ohne mich Fonnt ihr nichts thun. Wer nicht in mir bleibt, der wird hinausgeworfen, wie die Nebe, und muß vertrocknen; und fie fammeln es und werfen es ins Feuer, und *) Marc. 14, 42 u. Parall, Evangeliſche Erzaͤhlungen und Reden nach Johannes. 285 e3 brennt. Wenn ihr in mic bleibt und meine Worte in euch bleiben, fo moͤgt ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch werden. Darin verherrlicht fih mein Vater, daß ihr viele Frucht traget und meine Jünger werdet!” *) — Diefes treff- liche Gleichniß trägt auf das unverfennbarfte das ächte, durch— aus eigenthümliche Gepräge der Parabeln Sefu, und ift voll- kommen in demfelben Sinne, wie die fonoptifchen, eine Para- bel zu nennen, wenn gleich es hier nicht ganz in der Weife einer Parabel vorgetragen if. Die Weife des Vortrags aber iſt ganz die nämliche, wie überall fonft bei Johannes; die Erzaͤh— lung der Parabel wird durch fie faft mehr zu einer Predigt über die Parabel. Ueber die von Chriftus wirklich gegebene Ausfüh- führung Diefer Parabel kann man vielleicht einen Wink entneh— men aus der fonderbar Elingenden Erzählung, die nach dem Berichte des Papias *) der Presbyter Sohannes unmittelbar aus dem Munde des Herrn von gigantifchen Weinſtoͤcken gege— ben haben foll, welche dereinft im Himmelreiche wachfen würden. Ohne Zweifel waren die Aeußerungen, die Sohannes der Pres- byter aus Chrifti Munde vernommen haben fol, meift para= bolifcher Art, und den Papias trifft hier der Tadel, den ſchon Gufebius gegen ihn ausfpriht, das fombolifh Gemeinte im eigentlichen Sinne genommen zu haben. — Db übrigens Sefus diefe Parabel wirklich erft beim legten Mahle erzählt (was man aus manchen Gründen nicht ganz wahrfcheinlich hat finden wol- len), oder ob Johannes fie nur in den Zufammenhang der leß- ten Neden, die er ihm zufchreibt, hineingefragen habe, muß da= bingeftellt bleiben, Wir haben bereit oben die Bermuthung ges außert, daß es vielleicht die Grinnerung an die Einſetzungs— worte des Abendmahls gewefen fein mag, welche in dem Apo— ftel jene Neflerionen veranlaßte, die ihm jenes Gleichniß ind Ges dächtniß riefen. Jedenfalls giebt daffelbe, bei feinem den aͤch— ten Nedefiyl Jeſu an ſich ausgeprägt tragenden Charakter, eine Buͤrgſchaft dafür, daß die johanneifche Myſtik, die einen fo ftarfen Accent auf das wirkliche, wefentliche Sein der Juͤnger in dem Herrn und des Herrn in den Süngern (auf die Imma— =) Gap. 15, | ff. **) Dei Jrenäus V, 33, 286 Sechſtes Bud. nenz des Menfchen in Gott und Gottes in den Menfchen, um in den Ausdrüden der neuern fpeculativen Philofophie zu ſpre⸗ chen) legt, nicht ohne einen Grund in den authentifchen Aus: forüchen des Meifters iſt. Doc möchten wir nicht gerade an— nehmen, daß Sefus mit folher Ausdrüdlichkeit fich in der erften Perfon (eher vielleicht den ‚Sohn des Menfchen‘’) als den Weinftoct genannt habe, von welchem dieſe Parabel fpricht. 42. „Wie mich der Vater liebte, fo liebte ich euch. Bleibet in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote bewahrt, fo bleibt ihr in meiner Liebe; gleich wie ich die Gebote meines Vaters bewahrt habe und in feiner Liebe bleibe.) — Da in diefen Worten die Summe deſſen zufammengefaßt ift, was man, auf Grund vornehmlich des johgmneifchen Evangeliums, gemei- niglic) als Wahlfpruch chriftliher Gefinnung zu brauchen pflegt: fo ift wohl nicht überflüffig, auch hier zum Bewußtfein darüber zu gelangen, wie diefe und "alle ahnlich lautenden Worte in der Faſſung, in der fie uns hier vorgetragen werden, nicht Die MWahrfcheinlichkeit für. fich haben, von Sefus felbft gefprochen zu fein. Sie enthalten offenbar eine Neflerion über das „Blei— ben in Ihm,“ welches fic) Sohannes hier und noch mehrfach im Nachfolgenden durch mancherlei Paraphrafen zu verdeutli- hen ſucht. Die Ausdrüdlichkeit des Liebegebotes, welches bei unferm Evangeliften eine fo große Rolle fpielt, und an der fih die felbftbewußte, empfindfame Frömmigkeit der neuern Zeit vornehmlich zu erbauen liebt, nimmt fich, genauer ange: fehen, beffer in dem Munde des. Süngers, der über den Sinn der Worte des Meifters nachdachte, als in dem eigenen Munde des Meifters aus. Dem Meifter ziemte es, diefe Liebe den Juͤn— gern thatfächlich einzuflößen, Dem Jünger, die durch den Mei: fier gewedte zum Bewußtfein zu bringen und in Worte zu fallen. Die Worte Sefu bei Matthäus: ‚‚ Kommt her zu mir alle, ihr Leidenden und Bedraͤngten“ u. ſ. w., find, als eigener Zuruf des Herrn an die Liebebedürftigen, mehr werth, als alle Liebesreden des Sohannesevangeliums, fo hoch Iektere auch, gleich den faft wörtlich gleichlautenden in den Briefen des Io: hannes, zu fchägen find, wenn man fie ald Ausdrud des durch 9 V.9 fe Evangelifche Erzählungen und Reden nach Sohannes. 287 den Herin in dem Lieblingsjünger und. durch diefen in den übrigen Juͤngern gewedten Bewußtfeins betrachtet. 43, „Dies habe ich zu euch gefprochen, damit meine Freude in euch bleibe, und euere Freude fich vollende. Dies ift mein Gebot, daß ihr euch einander liebet, wie ich euch liebte. Eine größere Liebe, ald diefe hat Feiner, daß er fein Leben für feine Freunde giebt. Ihr feid meine Freunde, wenn ihr thut, was » ich euch gebiet, Sch nenne euch nicht mehr Knechte; der Knecht weiß nicht, was fein Herr thutz ich nannte euch Freunde, weil ich euch alles, was ich von meinem Vater gehört babe, . mittheilte. Nicht ihr erwähltet mich, fondern ich erwählte euch und beftimmte euh, daß ihr gehen und Frucht tragen folltet, und euere Frucht bleiben folltez damit, was ihr den Vater in meinem Namen bittet, er euch geben möchte. Dies gebiete ich euch, daß ihr euch unter einander liebet!““) — Es iſt nidt zu verfennen, daß die Reden Chrifti ſich im Kreife bewegen, indem er einerfeitö fagt, fein Gebot fei, daß fie fih und ihn lieben follen, andererfeits, diefe Liebe beftehe darin, daß fie feine Gebote halten. Es iſt dies eine UnbehülflichFeit des Ausdruds und allerdings auch des Gedankens, die wir bei Sohannes allenthalben (auch in feinen Briefen) bemerken, die man aber, wo fie auch vorfommt, nie auf Rechnung des Meifters fchrei- ben follte, den er fprechen laßt. In den Neben diefes Letztern Dagegen, die wir auch der Form nach für authentifch erkennen, bemerfen wir bei der höchften Geiftesfülle alenthalben auch die firengfte logifche Correctheit. 44. ‚Denn die Welt euch haßt, fo bedenkt, daß fie mich eher, als euch, gehaßt hat! Waͤret ihr von der Welt, fo würde die Welt das Shrige lieben. Weil ihr aber von der Melt nicht feid, fondern ich euch von der Welt ausgefchieden babe, darum haft euch die Welt. Gedenkt des Wortes, das ich euch fagte: ein Knecht ift nicht größer als fein Herr! Has ben fie mich verfolgt, fo werden fie auch euch verfolgen; haben fie mein Wort bewahrt, fo werden fie auch Das eure bewahren, Aber dies alles werden fie thun, um meined Namens willen, weil fie den nicht Eennen, der mich fandte. Wäre ich nicht *) V. 11 ff. 2388 Schftes Bud. gekommen und hätte zu ihnen geredet, fo hätten fie Feine Schuld. So aber. haben fie gefehen und. haben dennoch mich gehaßt und meinen Vater. Aber es follte fich erfüllen, was in ihrem Geſetz gefchrieben fteht*): fie haben mich ohne Urfache gehaßt! Wenn aber der Beiftand Fommen wird, den ich euch fenden will vom Vater, der Geift der Wahrheit, der vom Vater aus: geht, der wird über mich Zeugniß geben! Auch ihr aber feid Zeugen, weil ihr vom Anfang an mit mir. ſeid.“*) — Es if » unverkennbar, daß hier und im Folgenden Sohannes jene Res den Jeſu vor Augen gehabt hat, die er nach den Synoptifern nicht beim Mahle, fondern im Angeficht des Tempels ſpricht ). Sleichwie Dort von der Parufie des Menfchenfohnes, jo ift hier vielmehr von der Sendung des Parafleten, deren fich der Eovangelift als einer wirklich fchon erfolgten bewußt war, bie Rede. ES fcheint Feinem Zweifel zu unterliegen, daß beides, fo fehr e8 den Worten nach ald ein Verfchiedenes erfcheint, für eines und Daffelbe genommen werden muß. Auch bier hat fich Sohannes die Verfündigungen des Heren in feinem Geifte zu— recht gelegt, und das, was die andern Jünger erft von der Zukunft erwarteten, ſchon in der Gegenwart erfüllt gefehen. Die Lehre vonder Parufie des Herrn am Ende der Welt hat er darum nicht aufgegeben; es hat fich diefelbe vielleicht fogar von feiner Umgebung aus zu den hiliaftifchen Ideen entwidelt, die wir in der Apofalypfe ausgefprochen finden. Aber es ift merkwürdig, wie fehr Diefe Lehre in den eigenen Schriften des Apofteld und namentlich in den hier vorliegenden Partien des Evangeliums in den Hintergrund tritt. Schwerlich hat Jo— hannes die Parufie als fo nahe bevorftehend erwartet, wie wir es z. B. von Paulus und von Petrus wiffen. 45. , ‚Died habe ich zu euch geredet, damit ihr nicht irre werdet. Von der - Synagoge werden fie euch ausfchließen; ja es fommt eine Zeit, wo jeder, der euch toͤdtet, Gott einen Dienft damit zu leiften meint! Und das werden fie thun, weil fie den Vater nicht erkannten, und auch mich nicht. Aber dies *) Bf. 69, 5, BER SETE ***) Mare, 13 und Parall, Evangeliſche Erzählungen und Reden nach Johannes. 289 habe ich zu euch geredet, damit, wenn fie kommt, die Zeit, ihr daran gedenfet, daß ich es euch fagte, Sch fagte es euch nicht von Anfang, fo lange ich unter euch war; jest aber gehe ich hinweg zu dem, der mich fandte, und Feiner von euch fragt mich, wohin ich" gehe, fondern weil ich dies zu euch geredet habe, jo hat der Schmerz euer Herz erfüllt. Aber ich fage euch die Wahrheit: es frommt euch, daß ich von hinnen gehe, denn gehe ich nicht, fo kommt der Beiftand nicht zu euch 5 gehe ich aber, fo fende ich ihn euch. Und wenn er fommt, fo wird er vor der Welt an den ag bringen Schuld und Necht und Geriht: Schuld, daß fie nicht an mich glauben, Recht, daß ich. zu meinem Vater gehe und ihe mich nicht mehr feht,. Ges‘ richt, daß der Fürft diefer Welt gerichtet ift 1%) — Man merkt diefen Worten die Mühe an, Die fich der Sünger gab, über Abfiht und Zwed von feines Meifters Hingang fich klar zu werden; ja die Reflexion blidt deutlich hindurch, welche fich über den Grund, warum Sefus feine Weiffagungen über die Zufunft bis zuletzt aufgefpart hatte, Nechenfchaft zu geben fucht. 46. ,Moch viel hätte ich euch zu fagen, aber ihr. fonnt es jest nicht tragen. Wenn aber er fommen wird, der Geift der Wahrheit, fo wird er euch zu der ganzen Wahrheit führen! Denn nicht von fich felbft wird er reden, fondern was er ger hört hat, wird er reden, und was fommen foll, euch verfündigen. Er wird mic) verherrlihen, denn er nimmt von dem Meinen und wird es euch verfündigen. Alles was der Vater hat, ift mein; darum fagte ich: von dem Meinen wird er nehmen und euch verkuͤndigen.“) — Eine merkwürdige Stelle, in Der fich das Bemwußtfein verräth, welches Sohannes allerdings. Davon zu haben nicht umhin konnte, wie er und feine Mitjünger Mans ches, — auch in dieſem Gvangelium Manches — ald Chrifti Lehre vortrugen, was fie nicht unmittelbar von dem perfünlichen Chriſtus, fondern von dem Geifte hatten, den ihnen Chriftus fandte, ‚Sie hätten es, wenn Chriftus felbft es ihnen hätte fagen wollen, noch nicht tragen Fonnen, weil ihnen erſt aus ihrem Innern heraus das Bemußtfein über die gefammte Be: *) Cap, 10, V. 1 ff. =) B, 12 ff. I. Bd. 19 \ —— —— — 290 Sechſtes Bud. deutung ſeines Daſeins aufgehen mußte. Aber nachdem ihnen mit dieſem Bewußtſein auch jener Lehrinhalt aufgegangen war, * der erſt durch ihre Arbeit ſich zum Syſtem entwickeln ſollte, da wußten ſie ſich auch berechtigt, ihn als Chriſti eigene Lehre auszuſprechen, weil der Geiſt, der ſie dies gelehrt hatte, mit dem eigenen Geiſte des Herrn einer und derſelbe war. AT. „Noch eine Kleine Weile, und ihr feht mich nicht mehr, und wiederum eine Fleine Weile, und ihr werdet mich ſehen; denn ich gehe zum Vater.“ Bei diefen Worten fpra- chen einige der Jünger zu einander: „Was will er damit fa- gen: eine Fleine Weile, und ihr feht mich nicht mehr, und wie- derum eine kleine Weile und ihr werdet. mich fehen? und: ich gehe zum Vater?“ Sie fagten alfo: „Was iſt das, die Fleine Weile? Wir wifjfen nicht, was er redet.” Da merkte Sefus, daß fie ihn fragen wollten, und fprach zu ihnen: ‚Darüber forfchet ihr unter einander, daß ich fagte: eine Fleine Weile, und ihr feht mich nicht mehr, und wiederum eine Kleine Weile, und ihr werdet mich fehen? Wahrlich, wahrlich, ich fage euch: weinen und Elagen werdet ihr, die Welt aber wird frohloden! Shr werdet trauern, aber euere Zrauer wird ſich in Freude verfehren. Das Weib, wenn fie gebären fol, hat Schmerz, denn ed Fam ihre Stunde; ift aber das Kind geboren, fo denkt fie nicht mehr an ihr Leid, um der Freude willen, daß ein Menfch in die Welt geboren ift. Auch ihr, habt jekt zwar den Schmerz; aber ich werde euch wiederfehen, und freuen wird fi euer Herz und euere Freude nimmt euch Niemand weg. Und an jenem Tage werdet ihr mich nichts fragen.” — Unter allen Stellen diefer Neben diejenige, die am ausdrüd- lichſten auf die bevorftehende Auferftehung des Herrn Scheint‘ bezogen werden zu Tonnen. Aber auch in ihr ift die Vorſtellung des Wiederfehens fo durchaus geiftig gewendet, daß fie der hergebrachten materiellen Anſicht der Auferftehungsthatfache nichts weniger als günftig ift. Die Vergleichung des Schmerzes, den das Scheiden des Herrn über die Jünger bringt, mit den Ge: burtswehen eines Weibes ift ſehr wahrfcheinlich aus Jeſu eige: nem Munde, da fie eben fo wenig, wie alle andern bildlichen =) V. 16 ff. | Evangelifche Erzählungen und Reden nach Sohannes. 291 Reden diefer Art, auf dem Wege lag, den die abfirufe Aus: drucksweiſe des Jünger ging. 48. ,,Wahrlih, wahrlich, ich fage euch: was ihr den Vater in meinem Namen bitten werdet, das wird er euch ge— ben! Bis jest habt ihr noch nicht in meinem Namen gebeten. Bittet und ihr werdet empfangen, Damit euere Freude vollendet ji! — Bis jest habe ich in Gleichniffen zu euch gefprochen; es Fommt die Zeit, wo ich nicht mehr in Gleichniffen zu euch fprechen, fondern frei heraus von dem Vater euch verfündigen werde. An jenem’ Tage werdet ihr in meinem Namen beten. Und ich fage euch nicht, daß ich den Vater für euch bitten will; der Vater felbft Liebt euch, weil ihr mich geliebt, und ge- glaubt habt, daß ich von Gott ausging. Ich ging vom Vater aus und bin in die Welt gefommenz wiederum verlaffe ich Die Welt und gehe zum Vater.” — Hier fprahen die Jünger zu ihm: „Siehe, jetzt redeſt du frei heraus und fprichft Fein Gleichniß! Sekt wiffen wir, daß du alles weißt, und nicht bedarfit, daß Dich Semand frage; darum glauben wir, daß du von Gott ausgingeft.”” Ihnen antwortet Sefus: „FJetzt wollt ihr glauben? Wohlan, es kommt eine Stunde und ift eben jet gekommen, wo ihr jeder in feine Heimath euch zerftreuet und mich allein laſſet; doch bin ich nicht allein, der Vater ift mit mir. Dies habe ich zu euch geredet, damit ihr in mir Frieden habet. In der Welt habt ihr Nothz aber faffet Muth, ich, , ich habe die Welt überwunden !’’*)— Wir fehen hier auf eine etwas wunderlihe Weife die Erinnerung an jene Vorausfagung | Jeſu, Daß alle Zünger an ihm follen irre werden, von der auch die Synoptiker wiffen**), in den dem Johannes eigen’ thümlichen Gedankengang aufgenommen. Jeſus Fimdigt an, daß er bei feiner geiftigen Wiederkunft nicht mehr, wie wäh: rend feines Lebens, in Gleichniffen zu den Süngern fprechen werde ; das heißt, Zohannes läßt ihn die Umwandlung ankündigen, die in ihm, dem Sünger, der die Lehre des Meifters felbftftändig aus dem Geifte, den der Meifter in ihm geweckt hatte, wiederzuerzeugen unternahm, zur Zeit, ald er dies fehrieb, bereits vorgegangen BR H ) Marc, 14, 27 und Parall. 292 Schftes Bud. war. Er läßt ihn von diefer Umwandlung (in Wahrheit frei- lich würde fich diefelbe nach feiner Darjtellung bereits in allen vorhergehenden Reden bethätigt haben) fogleich noch ein DBei- fpiel geben, indem er ihn im Sinne der Logoslehre von feinem Ausgange vom Vater und Rüdgange zum Vater fprechen läßt; von der Gewährung des Gebetes, das in feinem Namen gefchieht, welches aber der Vater nicht blos auf feine Bitte, fondern weil er felbft die Zünger liebt, die den Sohn lieben, erfüllen will. Die Zünger merken diefe Umwandlung der bildlichen Rede in eine eigentliche; fie verfichern, in Folge derfelben ihn nunmehr vol: kommen verftanden zu haben. Sefus aber, der nicht vergeffen hat, Daß, was er ihnen eigentlich zu fagen hätte, die Jünger „jetzt noch nicht tragen koͤnnen“, findet fich veranlaßt, dieſe vertrauensvolle Aeußerung durch die Hinweifung auf die unmittelbar bevorfte- henden Zeichen ihres Kleinmuths und ihres ſchwachen Glaubens niederzufchlagen. — Faſt fcheint es, Sohannes habe, um der Be- fremdung über den Charakter der von ihm Sefu in den Mund ge: legten Reden zuvorzufommen, abfichtlih zu verftehen geben ‚ wollen, wie die Sünger damals zwar in der Meinung geftan- den haben, die Worte des Meifters, auch die im tiefern Sinne, im Sinne der nachmaligen Gnofis gefprochenen, zu verftehen, wie aber Sefus ſelbſt ſolches Verſtaͤndniß ihnen abgefprochen und fie auf die Zukunft verwiefen habe, 49. Diefes redete Sefus, und hob feine Augen zum Him⸗ mel und fprach: „Vater, fie ift gefommen, die Stunde; ver: herrliche deinen Sohn, damit auch der Sohn dich verherrliche! Gabſt du ihm ja doc Macht über alles Fleiſch, Damit er allem, was du ihm gegeben haft, ewiges Leben gebe. Dies aber ift dad ewige Leben, daß fie dich, den allein wahrhaftigen Gott, und den du gefandt haft, Sefum Chriftum, erkennen, Sch, ich verherrlichte Dich auf der Erde, das Werk vollbrachte ich, das du mir zu. verrichten gabſt; und jeßt verherrliche mich, Vater, bei dir mit der Herrlichkeit, die ich, ehe die Welt war, bei dir hatte! Sch offenbarte deinen Namen den Menfchen, die du mie aus ber Welt gabft. Dein waren fie, und mir haft du fie gegeben, und fie haben mein Wort bewahrt. Seht erfann- ten fie, daß alles, was du mir gegeben haft, von dir iſt. Die Worte, die du mir gegeben haft, habe ich ihnen gegeben; und x Evangelifche Erzählungen und Neden nach Johannes. 293 ſie empfingen ſie, und erkannten in Wahrheit, daß ich von dir ausging, und glaubten, daß du mich geſandt haft. Sch, ic) bitte für fie; nicht für die Welt bitte ich, fondern für die, die du mir gegeben haft, weil fie dein find. Und das Meine alles it dein, und das Deine mein, und ich bin in ihnen verherr- licht worden. Sch bin nicht mehr in der Welt, und fie find in der Welt, und ich, ich Fomme zu dir. Heiliger Vater, be- wahre fie in deinem Namen, in dem du fie mir gegeben haft, damit fie eins find, fo wie wir! Als ich mit ihnen in der Welt war, bewahrte ich fie in deinem Namen; die du mir ge— geben haft, bewachte ich, und Feines von ihnen ging verloren, als nur der Sohn des Verderbens, damit die Schrift erfüllt würde. Sest aber fomme ich zu dir; und Died rede ich in der Welt, damit fie meine Freude vollendet in fich haben follen. Sch, ich habe ihnen dein Wort gegeben; und die Welt hafte fie, weil fie nicht von der Welt find, fo wie ich nicht von der Welt bin. Ich bitte nicht, daß du fie aus der Welt hinweg nehmeft, fondern daß du fie vor dem Böfen bewahreft! Bon der Welt find fie nicht, fo wie ich nicht von der Welt bin. Weihe fie in deiner Wahrheit; dein Wort ift Wahrheit! Co wie du mich in die Welt fandteft, fo fandte auch ich fie in die Melt. Und für fie weihe ich mich felbft, damit auch fie in Wahrheit geweihet feien. Nicht für fie aber bitte ich allein, fondern für alle, die durch ihr Wort an mich gläubig werden; damit alle eins feien, fo wie du, Water, in mir, und ich in dir, damit auch fie in uns eins feienz damit die Welt glauben lerne, daß du, du mich fandteft! Und ich, ich habe die Herr: lichkeit, die du mir gegeben haft, ihnen gegeben, damit fie eins feien, fowie wir eins find (ich in ihnen, und du in mir), da— nit fie vollendet feien in Eins, und damit die Welt erkenne, daß du mich fandteft und fie liebteft, fo wie du mich liebteft. Bater, die du mir gegeben haft, ich will, daß, wo ich bin, auch fie mit mir feien, Damit fie meine Herrlichkeit ſchauen, die du mir gabſt, weil du mic liebteſt vor Erfchaffung der Welt! Gerechter Vater, die Welt erfannte dich nicht, ich aber erkannte dich, und diefe erkannten, daß du mich fandteft! Und ic lehrte fie deinen Namen Eennen, und werde fie ihn Fennen leh— Pr Schftes Bud. von; damit die Liebe, die du für mich hatteft, in ihnen fei, und ich in ihnen.’ *) Sch weiß wohl, wie fchroff ich ‚gegen die hergebrachte Meinung anftoße, welche noch jeßt in diefem Gebete das „un— ftreitig Erhabenfte, was uns die evangelifche Ueberlieferung auf: bewahrt hat, den reinen Abdrud von Sefu hohem Gottesbe- wußtfein und Gottesfrieden‘’ bewundert, wenn ich es ald meine ° Mare und beſtimmte Ueberzeugung ausfpreche, daß daſſelbe — durchgehends und ohne Einfhränkfung nicht von Jeſus felbft, fondern allein von Sohannes herrührt, Gerade in ihm vermag ih nicht einmal einzelne Spuren der Art, wie in den meiften der übrigen johanneifchen Neden, zu entdeden, die auf eine Erinnerung an wirklich von Sefus gefprochene Worte fchließen laffen. Auch ift mir fehr erklärlich, weshalb eben hier folche Spuren fehlen; ich bin nämlich der Meinung, daß Sefus gar nicht in jener Nacht laut vor den Süngern gebetet hat, und daß es auch die Abficht des Johannes nicht war, ihn gin laus te8 Gebet vor den Züngern fprechen zu laffen, fondern daß er nur den Sinn und Inhalt feines heimlichen Gebetes, fo wie er denfelben faffen zu müffen glaubte, in diefen Worten ausdrüden wollte. Hätte Sefus wirklich ein Gebet gefprochen, defjen In- halt nur von fern dem gegenwärtigen ahnlich war: fo heißt dies offenbar fo viel, als, er hätte die Sünger von allem, was geſchehen follte, auf das deutlichfte und ausführlichfte un— terrichtet. Dann aber wäre das Betragen der Sünger in jener Naht durchaus unerflärlich. Gleich unerklärlich bliebe, man fage dagegen was man wolle, wenn er ein folches Gebet auch nur innerlich ſprechen Fonnte, die Angft, die er zu Gethfemane litt. Diefe verträgt fich, wie bereits oben angedeutet**), Feines- wegs mit einer ſolchen Klarheit des Bewußtſeins über das Bevorftehende ; fo vollfommen wohl fie fich auch mit dem längft von Jeſus gefaßten Entfchluffe, zu dulden und auf fich zu neh— men, was auc fommen möge, verträgt. — Allerdings alfo haben wir in diefem Gebete, mehr noch ald in der ganzen übrigen Folge der johanneifchen Neben, was man einen „idea— =) Cap. 17, *) Bd. J. ©. 618. 4 Evangeliſche Erzählungen und Reden nach Johannes. 295 liſirten Chriftus‘‘ nennt; nur daß dieſes Ideal, weit entfernt, die Wirklichkeit zu übertreffen, noch lange nicht an die Wirk: lichfeit des gefchichtlichen Chriftus heranreicht. Dex johanneifche Chriſtus ſpricht auch hier aus Abftractionen heraus, die freilich wohl von allem, was man ‚‚menfchliche Schwäche‘ nennt, frei, aber eben damit auch aller Acht menfchlichen Wahrheit und Lebendwärme baar und ledig find. Sch fage dies nicht, um einen Tadel diefer Neden auszufprechen. Diefelben haben, wenn ich fie fo betrachte, wie fie betrachtet fein wollen, als Ausdruck des Begriffs, den fich der Sünger von feinem Herrn und Heiland und von dem Sotte, der in ihm Menfch ward, gebildet hatte, auch meine: volle Anerkennung und Bewunde— rung. Allein diefer Begriff hat wohl zwar. einen religiofen und philofophifchen Werth; er flößt hohe Achtung für den Geift und das Gemüth des Süngers ein, der ihn bilden konnte; ge— fhichtlihen Werth aber, d. h. gefhichtlihe Wahrheit hat er nicht, und eben fo wenig hat er im wahrhaften Sinne poetifche Wahrheit. Dem gefchichtlichen Ehriftus, — und was von dem geichichtlichen Chriftus gilt, würde eben fo fehr von einem wahrhaft dichterifchen Chriftusbilde gelten, wenn es denkbar wäre, daß ein Dichter, ohne daß die Gefhichte ihm vorange: gangen, folches hätte erfinnen können, — dem gefchichtlichen Chri= ftus find die Gedanken, die bei Johannes die, Subftanz feines Chriftusbildes ausmachen, zwar aud nicht fremd, aber fie bil= den nur ein Moment, ein untergeordnete, nicht abgefondert bhervortretendes Moment der ungleich lebendigern, unmittelbarer dem Leben fich anfchließenden Gedanken, die den wirklichen Gott zugleich zum wirflihen Menfchen mahen. Der jo: hanneifche Chriftus ift nur Gott (oder vielmehr nur Allgemein: begriff), aber nicht auch Menſch, wie der. gefchichtliche Chriſtus .e8 war, Er ift es, fagen wirz nicht, er ſoll nur Gott fein, Denn wir beftreiten keineswegs, daß die Meinung des Io: hannes von Chriftus allerdings dieſe war, er fei, wie wahr- haftiger Gott, fo auch wahrhaftiger Menfch geweſen. Wiefern Sean es in der Beftimmung diefes Juͤngers vor allem lag, Chriftum als Gott, als göttlichen Logos zu erfennen, fo hat er diefer _\ Beftimmung vollftändig genügt, und man kann diefen Ruhm ihm geben, ohne den andern ihm nicht gebührenden Ruhm für ” ‚296 Schftes Bud). ihn in Anfpruch zu nehmen, auch den Menfchen Jeſus, die ge- ſchichtliche Perfonlichkeit des Hohen Meifterd richtiger, als andere Sünger, aufgefaßt und abgefchildert zu haben. 50. Das vorläufige Verhör Jeſu vor dem Hohenpriefter (Annas, fo fcheint der Erzähler zu meinen, Ginige jedoch ver- ftehen auch dies ſchon von Kaiphas*)) wird in unferm Evan: selium folgendergeftalt berichtet. Der Hohepriefter befragt Je— fum über feine Schüler und über feine Lehre. Jeſus antwortet ihm: „Ich habe frei zur Welt geredet; ich. habe ſtets in der Synagoge und im Tempel gelehrt, wo. alle Juden zufammen- kommen, und indgeheim habe ich nichts geredet; was fragft du mich? Frage die, die es gehört haben, was ich zu ihnen redete; fiehe, dieſe wiffen, was ich ſprach!“ Als er. dies fagte, gab einer der Diener, der dabei ftand, ihm einen Schlag und ſprach: „So antworteft du dem Hohenprieſter?“ Jeſus erwiederter: „Wenn ich uͤbel redete, fo beweife es, redete ich aber recht, : warum fchlägft du mich?“*) — Mit Recht hat man bemerflich gemacht, wie die Antwort, die Sefus dem Ho— henpriefter giebt, auffallend an die Worte erinnert, welche Sefus bei den Synoptikern zu den Häfchern fpricht, Die ihn gefangen nehmen”*), Auch hier, wie mehrfach anderwärts, feheint der Herausgeber des Evangeliums (nicht der Apoftel) von: jenen Morten vernommen, aber fowohl fie felbft, als auch die Ber: anlaffung, bei welcher fie gefprochen wirden, ungenau im Ge— dächtniffe behalten zu haben. Jedenfalls hat der funoptifche Bericht den doppelten Vorzug vor dem unfrigen, erftend daß man dort begreift, wie die Sünger unmittelbar die Worte ver- nehmen konnten, was bier nicht der Fall ift, fodann, daß die Worte felbft dort, als Vorwurf der Heimlichkeit und Hinterlift, mit der man fich feiner bemächtigte, angemeffener geftellt er— feinen. Eine Frage nah dem Inhalte. feiner Lehre hätte Jeſus ohne Zweifel entweder gar nicht, oder mit einer geiftrei= heren Wendung beantwortet. Eben fo unbedeutend und un— gehörig wie diefe Antwort, ift die fpätere auf den Schlag des *) ©. Bo. 1, ©. 433, ER) Cap. 18, V. 19 ff. ER) Mare, 14, 49 und Para. Evangelifche Erzählungen und Reden nach Johannes. 297 Diener3’). Wie kann man glauben, daß Iefus Neigung ge: zeigt haben follte, fich im Angefiht des Hohenpriefterd mit. die: fem Diener in einen Wortwechfel über das Ziemliche oder Un: ziemliche feiner früheren Antwort einzulaffen? y 51. Das Verhoͤr vor Pilatus wird folgendergeftalt er: zahlt). Die Juden führen Sefum von Kaiphas früh am Morgen in das Prätorium; fie felbft. bleiben draußen ftehen, um fich, des Fefted wegen, nicht zu verunreinigen. Pilatus tritt zu ihnen heraus und fragt fie, was für eine Anklage fie gegen ihn habenz worauf er zur Antwort erhält: „Waͤre Der Fein Uebelthäter, fo hätten wir ihn dir nicht übergeben!’ Pila- tus fordert fie auf, ihn nach ihrem Geſetz zu richten; die Ju— den erwiedern, daß ihnen Feine Hinrichtung verftattet fei. Da geht Pilatus wieder ind Prätorium hinein und fragt Sefum, ob er der König der Juden fei. Jeſus antwortet: „Sagſt du dies von dir felbft, oder fprachen Andere dir von mir?” Dar: auf Pilatus: „Bin ich etwa ein Jude? Dein Volk und die Priefter übergaben dich mir. Was haft du gethan?“ Jeſus antwortet: „Mein Königreich ift nicht von diefer Welt! Wäre mein Königreih von diefer Welt, fo würden meine Diener gekämpft haben, daß ich nicht in die Gewalt der Juden kaͤme; ſo aber ift mein Königreich nicht Daher.’ Pilatus fpricht: „Ein König alfo bift du doch?“ Jeſus antwortet: „Du fagft es, daß ich ein König bin. Ich bin dazu in die Welt gekommen, daß ich für die Wahrheit zeuge. Jeder, der aus der Wahrheit ift, hört meine Stimme!’ Da fragt Pilatus: „Was ift Wahr: *) Was diefen Schlag felbft betrifft, fo können wir nicht umhin, an die ähnliche Scene zwiſchen Paulus und dem Hohenpriefter Ananias (Ap. Geſch. 23, 2) dabei zu erinnern und die Vermuthung zu wagen, daß die unfrige fener nachgebifvet fet, ähnlich, wie wir ſchon oben im dritten Buche eine folhe Nachbildung eines VBorfalls der Apo- ftelgefchichte in der Darftellung des Lukas (welchem Evangeliften, in Folge feiner Stellung zu Paulus, dergleichen allerdings näher noch lag, als dem Unfrigen) zu bemerfen glaubten (Bd. I, ©. 457, Note**) ), Dort übrigens befiehlt der Hohepriefter den Dienern, den Paulus auf ven Mund zu fihlagen; mie unwahrſcheinlich, daß, nad ver Darftellung des Infrigen, der Diener in Gegenwart bes Hohen- ü priefters fich von freien Stüden folches unterfangen haben follte! *5) Cap. 18, V. 28 bis Cap. 19, V. 16. 298 Sechſtes Bud. heit? — Auf dieſes erſte Gefpräch läßt der Evangelift jene Scene folgen, wo Pilatus ſich erbietet, den Angefchuldigten » zum Feſte loszugeben, die Juden aber die Freigebung nicht Sefu, Sondern des Barabbas fordern; ferner die Geißelung Sefu, feine Krönung mit der Dornenfrone und Bekleidung . mit einem Purpurgewand. Den fo Gemidhandelten führt dann Pilatus den Juden vor, um ihr Mitleiden. zu erweden, aber diefe (d. hi'die Priefter und ihre Diener) verlangen hartnaͤckig feine Kreuzigung, fo daß Pilatus fich veranlaßt findet, ihnen zuzurufen, fie möchten ihn dahinnehmen und felbft Ereuzigen, er finde Feine Schuld an ihm; worauf die Juden nochmals ant- worten, „ſie hätten ein Gefeß, und nach ihrem Geſetz müffe er fterben, weil er ſich felbft zum Sohne Gottes gemacht habe.’ Als Pilatus diefe Nede hörte, ward er noch mehr von Furcht ergriffen; er ging nochmals ins Prätorium und fragte Sefum, woher er fei, Sefus aber gab ihm Feine Antwort. Da ſprach er zu ihm: „Du redeſt nicht zu mir? Weißt du nicht, daß ih Macht habe, dich Freuzigen zu laffen, und Macht, dich loszuſprechen?“ Jeſus antwortete: „DOu hätteft Feine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben gegeben wäre; darum hat, » der mich dir übergab, größere Schuld!“ Hierauf fuchte Pila— tus ihn zu befreien, die Suden aber riefen: ,, Wenn du Den befreift, bift du Fein Freund des Kaifersz mer" fich felbft zum König macht, handelt dem Kaifer zuwider!” Als Pilatus diefe Nede hörte, führte er Sefum heraus und ſetzte fich ‘auf die Erhöhung, Steinpflafter (hebräifch Gabbatha) genannt. ı Dort zeigte er ihn den Juden und rief: „Siehe euer König! fol ich (unter ftetem Gefchrei: „Hinweg, hinweg, laß ihn Ereuzi- gen !’’) euern König Freuzigen laſſen?“ Die Priefter erwieder- ten, fie hätten feinen König, als nur den Kaiſer; da übergab ihnen Pilatus Sefum, um ihn zu kreuzigen. Dieſe Erzählung ift ein Gewebe von Unwahrfcheinlichkei- ten und inneren Widerfprüchen aller Art, welche fehon bei der einfachen Zufammenftelung mit dem vollfommen glaub: würdigen Bericht der Synoptifer, namentlich des Marcus, fich ohne viele Mühe als das, was fie find, erkennen laſſen. Wie vollig unklar der Erzähler felbft über den Hergang war, den er be- richten wollte, erhellt fchon aus dem Umftande, daß: er feine 3 \ Evangeliſche Erzählungen und Reden nad) Sohannes. 299 Leer in Ungewißheit darüber läßt, ob es fich davon handele, daß Pilatus, wie ed die Synoptifer ohne allen Zweifel richtig erzählen, das von dem Synedrium gegen Jeſus gefprochene Urtheil*) vollſtrecken, oder umgekehrt, daß er felbft das Urtheil fprechen und das gefprochene von den Juden vollziehen Taffen ſoll. Faſt fcheint es, als fei der Erzähler feinerfeits der letz— teren Meinung, und als feien die Andeutungen, die auch bei ihm für das Entgegengefeste zu fprechen fcheinen**), ihm unwillkuͤrlich entfchlüpft, als Spuren des wahren Hergangs der Sache, die er nicht ganz aus feinem Bericht vertilgen Fonnte, Denn von! - einem durch das Synedrium gegen Jeſus ausgefprochenen To— desurtheil hat er im Vorhergehenden nichts berichtet; ihm zufolge follteman meinen, es fei vor jener Abführung zu Pilatus gar Fein wei: teres Berhör erfolgt, fondern nur vom Hohenpriefter die einfacheFrage nach feiner Lehre (fiehe die vorige Nummer) an ihn geftellt wor: den. AmAnfange des gegenwärtigen Gefpräch8 aber erfcheinen die Juden, dem Pilatus gegenüber, nicht als eine Obrigkeit, welche die Vollſtreckung eines rechtsgültig gefällten Spruch, fondern als Ankläger, welche einen Nichterfpruch verlangen. Die Auf: forderung des Pilatus an fie, Jeſum nad) ihrem eigenen Gefeß zu richten, enthält offenbar eine Ablehnung, felbft das Richters, ' amt auszuüben; eben jo auch nachher (Cap. 19, 8. 6) die Weifung, fie, die Suden, felbft mochten ihn Freuzigen, da Pi: latus feinerfeit3 ihn ſchuldig zu finden nicht vermöge. Freilich follte man meinen, folche Aufforderung, aus dem eigenen Munde des Procuratord ausgefprochen, müfje einer Grlaubniß gleich- gegolten haben, den Angeklagten ſelbſt zu richten, und man begreift. nicht, weshalb die Juden fäumten, von diefer Erlaubniß Ge- brauch zu machen. Es ift nicht ganz leicht, herauszufinden, was der Erzähler fich Dabei gedacht haben möge, wenn er den- noch, mit halber Erinnerung an den wahren Hergang der Sache, die Suden davon nicht fogleich Gebrauch machen läßt. Indeſſen ſcheint e8, als ob diefelben nach feiner Abfiht das erflemal den Pilatus fo verftehen follen, ald meine er die Verhängung nicht *) Mare, 14, 64 und Parallı *#) Snsbefondere Cap. 19, B. 23, wo die orgorınrar, welche Jeſum gekreuzigt hatten, erwähnt werben. 300 Sechſtes Bud. der Todes-, fondern nur einer Disciplinarftrafez Das zweitemal feheinen«die Juden in ihrer Antwort wirklih das ihnen ge— ‚ machte Anerbieten zu acceptiren, Pilatus aber während ihrer Worte und nachher im Gefpräch mit Jeſus anderes Sinnes zu werben*) und fein Urtheil, welches freilich Fein eigentlicher Urtheilsfpruh iſt, zurücdnehmen zu wollen. Endlich bringt ihn die drohende Erwähnung des Kaifers dahin, auch jekt zwar nicht Jeſum ſelbſt zu verurtheilen, aber doch ihn den Suden, ald wäre ein Urtheil fehon gefprochen, mit der Er— laubniß, ihn zu Ereuzigen, auszuantworten. Dies nämlich wird mit Haren Worten zuleßt gefagt, daß die Juden ihn von Pila= tus empfangen und (— zu der roͤmiſchen“*) Strafe der Kreu— zigung !) zurfichtftätteführen. Dies ift ein offenbarer Srrthum, den ein Augenzeuge, oder auch nur ein wirflih Sachkundiger nim— mer hätte begehen Fonnen, der aber bei unferm Erzähler da: durch veranlaßt fcheint, daß er. ſtets die Juden ald die des Todes Sefu Schuldigen hatte nermen hören; wie fich dies auch in der legten Erwiederung Jeſu an Pilatus ausfpricht. Diefelbe Schiefheit der Auffaflung und Halbheit der ‚Kenntniß, die wir in Bezug auf den Zweck und Ausgang diefer- Verhandlung nachgewiefen haben, Fommt auch noch in vielen andern Umftänden zum Vorſchein. Der Evangelift hatte *) Dies Liegt namentlich in dem 24 zovrov B. 12, während das waihov Eyoßydn DB. 8 zweideutig und unklar bleibt, Jedenfalls indeß wird durch diefe Worte, wie man fie auch deuten wolle, die Möglichkeit ausgeichlofien, jene vorhergehenden Zugeftändniffe des Pilatus als nur ironiſch gemeint zu verſtehen. **) Was, fonderbarer Weife, der Unfrige Cap. 18, 32 ausdrücklich anerkennt; offenbar im Widerfprug mit feiner nachherigen Voraus— feßung, daß Jefus den Juden zur Kreuzigung übergeben werde. Diefer Widerfprud (über den die neuern Ausleger eben fo unbe— dachtſam, wie über die übrigen Schwierigkeiten dieſer Erzählung binwegzugehen pflegen) ift von Auguftin in feiner Auslegung d. St. bemerkt worden, der deshalb vorſchlägt, jene Zurückweiſung auf eine frühere Weiffagung Jeſu nicht vom Kreuzestode, fondern von der Neberantwortung an die Heiden zu verſtehen. Aber diefe Aus- legung können wir darum nicht für die richtige halten, weil die letztere Weiffagung nur bei den Synoptifern, die erftere aber (Cap. 3, 14. 12, 32) bei dem Infrigen vorkommt. Evangelifche Erzählungen und Reden nach Sohannes. 301 . ſprechen hören von einer öffentlichen, außerhalb des Präatoriums vorgefallenen Scene zwifchen Pilatus und dem Volke, welches, der hergebrachten Gewohnheit zur Fefteszeit gemäß, die Losge— bung eines Gefangenen verlangte*); was Pilatus zu Gunften Sefu zu benugen einen Verſuch machte. Daraus bildet er die wunderliche Geftalt des Procefjes, die wir hier vorgeführt ſehen: die Ankläger vor dem Prätorium ftehen bleibend, angeblich aus Scheu vor Verumreinigung, wenn fie fo nahe vor dem Genuß des Pafchamahles ein heidnifches Haus beträten; Jeſus ind Prätorium hineingeführt, zu welchem Zwecke, fieht man nicht, wenn es doch feinen Anklägern gewährt ward, draußen vor demfelben gehört zu werden; Pilatus endlich hin und her lau: fend, um bald die einen, bald den anderen zu hören. Bon einem jüdifchen Aberglauben an Verunreinigung durch das Be: treten eines heidnifchen Haufe, bat man fich vergebens be— müht, eine irgendwie begründete Spur anderwärts aufzufinden *). Es ift die Vorausſetzung eines foldhen unferm Evangeliften ohne Zweifel eben fo irrthümlich entfchlüpft, wie die Voraus: feßung, als habe das Pafchamahl den Juden in jenem Augen- blide erft noch bevorgeftanden, aus Unfunde des wahren Zeit: verhältniffes und vielleicht auch des jüdifchen Gebrauchs her: vorgegangen ift***). Gefest aber felbft, was wir nicht zugeben, der Evangelift koͤnne in beiden Vorausfeßungen Recht haben: *) dvaßoncas 6 07405 ne&aro arreiode., heißt es Marc. 15, 8, wofür Matth. 27, 17 einfach: ovvnyusvov ovrow gefeßt if, Lukas hat hieraus, wahrfcheinlih aus Misverftand (Cap, 23, 13), eine feier= liche Berfammlung des ganzen Bolfes nebft Prieftern und Oberen gemacht, welche Pilatus ausdrücklich zu ſich beruft. **) Das zoAlaodeı m mapkoyzodaı alhopvhu, welches Ap. Gef. 10, 28 als adEuırov avögl Tovdalw bezeichnet wird, bezeichnet offenbar etwas mehr, als nur Das Betreten ver Wohnung. Eben fo läßt fih der Gedanke folher Verunreinigung aus 5 Mof. 16, 4 nur ge= waltfamer Weife ableiten. ***) S. Bd. 1, ©, 447. Wollen wir eine Unkunde oder Halbtunde des Gebrauhs annehmen, fo würde dann ein Gleiches auch von ben Worten meo zys Eoprns rov naoya, Cap, 13, 1 gelten können, Im entgegengefegten Falle wäre anzunehmen, daß der Evangelift ab- ſichtlich die verſchiedenen von ihm gegebenen Zeitbeftimmungen unter fih habe in Uebereinſtimmung bringen wollen. 302 Sechſtes Bud. fo bleibt noch immer der Anftoß, welchen die unerflärliche Nach: giebigfeit des fonft Feineswegd den Juden fo gefälligen Pi: latus gegen diefen jüdifchen Eigenfinn giebt, da ja durch das Hereinbringen Jeſu in das Prätorium die Nothwendigkeit eines dort anzuftellenden Verhoͤrs anerkannt wird. Freilich fpielt in den ganzen Bericht und befonders in den Schluß: deffelben die Vorſtellung einer öffentlich von Pilatus gehaltenen Gerichts— ſitzung hinein. Aber daß eine ſolche nicht wirklich ftattfand, — darum nicht ftattfand, weil das Urtheil über den Angefchuldig- ten ſchon gefprochen war, und es fich nur um deſſen Vollzie- hung handelte: — dies geht unwiderfprechlic aus der Berglei- hung des eben erwähnten Umftandes, (den der Evangelift fo gewiß nicht erfunden hat, fo gewiß er mit feiner übrigen Darftellung im offenbarften Widerfpruche feht) mit der Dar- ftelung der Synoptifer hervor. Diefe legtern willen, mit Aus— nahme des Matthäus, der ihrer aber nur in dem verbächtigen Zufaße von der Sendung der Gattin des Pilatus gedenkt, nicht3 von einer Befteigung des Richterftuhles durch Pilatus, die übrigens auch nach dem Unfrigen als zwedlos erfcheint, da Pilatus dort nicht einen Nichterfpruch, fondern nur einen zwei: deutigen Spott vernehmen läßt. Nach ihnen Tonnen mir annehmen, wenn e8 auch nicht ausdrüdlich gefagt wird, daß die Verhandlung zwifchen dem Procurator und den Anflägern im Innern des Prätoriums vorgingz und auch die Vorführung Sefu vor die feinen Tod fordernde Menge wird, außer bei Lukas, wenigftens nicht ausprüdlich von ihnen erwähnt*). Am wenigften aber hat der fonderbare Verſuch, durch den Anblid des ſchmaͤhlich Gemishandelten das Mitleiden des Volkes zu erweden, — falld wirklich dies bei dem Unfrigen die Meinung ift, — bei jenen einen Platz, da fie die Geißelung erſt, wie es der romifche Gebrauch mit fich brachte, nach vollftändig er- folgter Entfcheidung vollzogen werden Taflen. Die Neden, welche unfer Evangelift Jeſum mit Pilatus wechfeln läßt, enthalten wenigftens Feine Bereicherung unferer *) Do fheint, was Marc. 15, 16 u. Parall, von den Soldaten gefagt wird, daß fie ihn Fow r3s avAns führten, dies vorauszuſetzen. Pa Evangelifche Erzählungen und Neben nach Sohannes. 303 Kenntniß der Denf= und Handlungsweife des göttlichen Mei- fters. Die richtige Notiz, daß Sefus auf die gegen ihn erho— benen Anklagen gefhwiegen habe, war auch zu ihm gedrungen, aber er giebt ſie (Gap. 19, 9) vereinzelt, ftatt. der; Antwort auf die beftimmte Frage, woher er ſei; wodurch ihre Bedeu: tung verloren geht. Die Antwort auf die erfte Frage des Pi— latus iſt und bleibt, mag man eine Deutung erfünfteln, welche man wolle, eine ganz unbegreifliche; fo keck und troßig ‚konnte Sefus unmöglich zu dem fprechen, dem er. (Cap. 19,11) felbft zugefland, feine Gewalt gegen ihn von oben zu haben. Das nach» folgende Gefpräch ift nichts als eine Umfchreibung der von den Synoptifern*) berichteten einfachen Bejahung der Frage, ob er der König Israels ſei; eine Umfchreibung, die wir um fo überflüffiger, ja florender finden müffen, je Elarer und das Mo— tiv jener Einfylbigfeit Sefu bei diefem Verhoͤr bereit3 oben ent- gegengetreten ift**), und je entfchiedener wir, nach dem früher Bemerkten**), die VBorausfesung, als feien die Jünger (die hoͤchſt unfchidlich hier ‚‚Diener‘’ [ürmoeraı] genannt werden) von Sefus felbit abgehalten worden, zu feiner Vertheidigung Gewalt zu brauchen, für eine factifch irrige zu erflären nicht umhin fonnen. — Sn den Worten des Pilatus: „Was ift Wahr: heit?“ hat man einen befonders charafteriftifchen Zug für die Denfweife des leichtſinnigen Weltmannes finden wollen. Möglich, daß diefe Aeußerung aus einem andern Zufammen- hange befannt war, und daß der Evangelift die Gelegenheit ergriff, fie hier einfließen zu laffen. Die Wendung, deren er- in der Rede Zefu fich bedient, um das Stihwort dAnyIeıw anzubringen, fcheint allerdings von einer folchen AbfichtlichFeit zu zeugen; denn da8 uwozvgeiv v7 almdeig Tonnte von Pila- tus doch ſchwerlich als eine Function der Paoıleiw Jeſu ver: flanden werden, wie denn auch der Erzähler durch Die ange: haͤngten Worte, in denen Sefus fi) als König der Wahrheit ausfprechen fol, freilich unvollfommen genug, die Beziehung *) Marc. 15, 2 und Parall, **) Bd. I, ©, 459 ff, ***) Ebendaſ. ©, 449, 304 Sechſtes Bud, darauf zu erläutern nöthig findet. — In der fpäteren Aeuße— rung, in welcher Sefus die Schuld feiner Verurtheilung von Pilatus ab auf die Juden (oder den Judas?) wirft, Tonnen wir nicht fowohl die Milde gegen den erflern bewundern, als vielmehr nur die Bitterfeit befremdlich finden, welche er, einem Manne gegenüber, gegen den es eine ganz andere Haltung zu behaupten galt (diefelbe Haltung, die wir den wahren Ehriftus bei den Spnoptifern wirklich behaupten fehen), gegen * Feinde hindurchblicken laͤßt. Siebented Bud. Die Unferftehbung und die Himmelfahrt. II. Bd. 20 Siebentes Bud. Die Anferftehung und die Himmelfahrt. In unferer hiftorifchen, durch fondernde und vergleichende Kritit der evangelifchen Nachrichten gewonnenen Anficht der Lebensgefhichte Jeſu bleibt nach allem Bisherigen noch ein Problem zu löfen, welches, wenn e3 ungelöft bleiben follte, jene Anficht in einem ihrer wichtigften Momente, wo nicht al3 noth- wendig falſch und irrig, doch als ungerechtfertigt und luͤckenhaft erfcheinen laffen würde. Wir glaubten ald ein Hauptergebniß unferer Unterfuchung diefes feftftellen zu dürfen, daß Sefus das Schickſal, welches ihn am Schluffe feiner Laufbahn perfünlich traf, durch) eigenen ſelbſtbewußten Willensentfchluß auf fich nahm, in der Elaren Einfiht und Ueberzeugung, daß er nur auf die- fem Wege, und auf feinem andern, feiner Beftimmung gemü- gen und das Werk, welches ihm von feinem himmlifchen Va— ter übertragen war, vollbringen Eonne *). Es mußte diefer Ent- fchluß uns um fo bedeutender und gewichtiger, es mußte die Einficht, aus der er hervorging, um fo reiner und tiefer begründet er- foheinen, als wir zugleich erkannten, wie der eine fowohl als die andere dem gottbefeelten Manne ganz eigenthümlich ange hörte und Feineswegs von ihm dem Meffiasglauben des ißraeli- tifchen Volkes, an welchen er in andern Beziehungen fein Werk und Unternehmen anfchloß, entlehnt, oder auch nur durch ihn angeregt war. Dennoch fonnen wir nicht umhin, zu fagen, daß, fo lange wir, wie wir es in unferer bisherigen Darftel: *) Bergl. insbefondere Bd. I, ©, A21 ff. Außerdem ©. 2% ff. ©. 328. 459 ff. 529 ff, 544 ff. 20 * 308 Siebentes Bud. Yung gethan haben, unfere Betrachtung nur bis an den Augen: blick des Todes fortführen, den Jeſus am Kreuze erlitt, jener Entſchluß für und etwas Näthfelhaftes behält, und ein Pro— blem darin zuruͤckbleibt, deffen Erklaͤrung wir innerhalb diefes Umfreifes vergeblich fuchen. - Mit gleicher Gewißheit, wie jener Todesentfchluß felbfi, war und auc Died entgegen getreten, daß diefer Entfhluß in Jeſus Fein müffiger kann gewefen fein, nicht etwa eine Schwärmerei der Art, dergleichen manche fpä- tere Sünger ihrem Meifter unterzulegen fcheinen, welche in Lei— den und Tod nur als folchen, und abgefehen von ihrem, welthi- ftorifch durch fie bedingten Erfolge, ein geheimnißvolles Ver— dienft, eine myſterioſe Kraft der Berfühnung Gottes und Der Befeligung der Menfchen gefucht und gefunden hätte. Es Fann derfelbe vielmehr unmöglich anders, ald aus der Elaren, voll- ftändig begründeten Einfiht hervorgegangen fein, wie nur auf diefem Wege und auf feinem andern das Merk, deſſen Scho- pfung die Aufgabe feines Lebens gewefen war, vollendet und befiegelt werden koͤnne. Nur ſolche Einficht entfpricht Der Gei- ftesgroße und dem erhabenen Selbftbewußtfein, welches wir den Göttlihen allenthalben. in feinem Leben bethätigen ſehen; nur fie, aber Feineswegs die Vorftellung eines Opfer- und Verſoͤh— nungstodes, finden wir auch in feinen eigenen weiffagenden Re— den über die Nothwendigfeit feines Todes ausgefprochen. Aber diefes felbft, wie Jeſus diefe Ginficht, diefe Ueberzeugung, die fi nachher freilich durch. den Erfolg bewährt hat, faffen Eonnte, fcheint um fo ſchwieriger zu erklären, je fchärfer wir die äußere Lage feiner Sache, fo wie fie im Augenblide feines Todes wirklich war, ind Auge faffen. Er hatte, — auch dies. ergab fi) uns als das Refultat einer aufmerffamen Grwägung der Art und Weife feiner Lehrthätigkeit*), — er hatte während ſei— ned Lebens nicht in der Weife anderer Neligionsftifter und Weisheitslehrer einen ausgebreiteten Schülerkreis ſich herange— bildet, von dem er erwarten Fonnte, daß er durch fich feldft, durch die Macht des in ihm zerftreuten, aber ſtets wieder fich zur Einheit zufammenfindenden Geiftes fich felbft und das in ihm bereits verwirklichte Werk erhalten und fortpflanzen werde, *) Bd. I, ©, 386 ff. Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 399 fondern er hatte die Fülle feines Wertes, jene Fülle, aus wel cher heraus fich erft im Kaufe der Sahrhunderte der weltumfaf- fende Zweck feines Dafeins verwirklichen follte, allein jenem engen Kreife feiner eigentlichen Zünger anvertraut, durch den erft nach feinem Zode eine chriftliche Gemeinde, eine Kirche geftiftet wer: den follte. Eben diefe Sünger aber, wie wenig finden wir fie noch in dem verhängnißvollen Augenblide zu jener intellectuel- len und fittlichen GSelbftftändigfeit herangereift, welche menſch— licher Weife allein das Gedeihen des hohen, ihnen übertragenen Werkes verbürgen Fonnte! Nicht umfonft hatte in der Nacht felbft, in welcher er von einem aus ihrer Mitte verrathen ward, der Meifter die Weiffagung ausgefprochen, daß fie in Furzem alle an ihm würden irre werden. Was er gefagt, traf nur zu bald und nur zu vollftändig ein; er ward noch in jener Nacht von allen verlaſſen, und von dem, der bisher fuͤr den erſten, fuͤr den kuͤhnſten und eifrigſten dieſer Juͤnger gegolten hatte, dreimal verläugnet *). Gewiß, wenn trotz aller dieſer, geſchicht— *) Wir haben ſchon oben (Bd. I. ©. 430) auf die Bedeutung auf— merkfam gemacht, welche man in diefem Bezug der Anekdote von der Berläugnung des Petrus zuzugeftehen nicht umhin fann, die nicht umfonft von fümmtlihen Evangeliften mit fo gewichtigem Nach— druck erzählt wird. Eben fo haben wir (S. 448 f.) darauf hinges twiefen, wie wir alle Urſache haben, bei der Gefangennehmung Jeſu die einfache Darfiellung des Marcus für die einzig richtige zu hal⸗ ten, nach welcher an der Flucht der Jünger ein ausdrücklicher Wille des Meifters feinen Theil hatte, außer etwa, inſofern er den Wider- ftand für unnüß erfannte. Das Gegentheil, wie es, jeder auf feine Weiſe, aber unter fich keineswegs übereinſtimmend, Die dreiandern Evans geliften berichten, hat, man fage, was man wolle, etwas Unnatürliches. Warum hätte Jeſus dann, ſtatt den Berrath des Judas abzuwarten, ſich nicht Tieber gleich dem Synedrium felbft ausgeliefert? Wahr- Yih, hätte Jeſus fo gehandelt, fo Könnten wir ven von Celfus ihm gemachten Vorwurf, die Jünger gefliffentfich zu feigen Verräthern gemacht zu haben (Orig. c. Cels. II, 20), nicht ganz ungerecht fin- den! Endlich iſt von ung auch (©. 463 f.), was das Benehmen der Sünger während der Kreuzigung betrifft, zu bemerfen nicht unterlaf- fen worden, wie nach der unftreitig richtigen Erzählung der zwei erften Evangeliften feiner derfelben als dabei gegenwärtig voraus— zufegen ift, und, was ber vierte Enangelift yon der Nähe Des Jo⸗ hannes am Kreuze zu erzählen weiß, eben ſo erdichtet iſt, wie (was 310 Siebentes Buch. lich ſo vollkommen beglaubigten Umſtaͤnde der Goͤttliche die Zu— verſicht, daß ſein Werk dennoch fuͤr ihn und fuͤr die Menſch— heit kein verlorenes ſei, mit in den Tod hinuͤbernahm, ſo konnte dieſelbe nicht auf dem Wege aͤußerlicher, verſtaͤndiger Berech— nung in ihm erwacht ſein oder ſich befeſtigt haben! Dieſe Erwaͤgung iſt es, von der wir meinen, daß ſie den denkenden Betrachter der Lebensgeſchichte des Heilandes aller— dings veranlaſſen wird, die ſo vielfach in unſern evangeliſchen Urkunden als Thatſache erzaͤhlte oder in der Erzaͤhlung anderer Thatſachen vorausgeſetzte Sage, daß Jeſus jene außerordent— liche Begebenheit, welche ſich, dem Glauben der Juͤnger zufolge, nach feinem Kreuzestode ereignet hat, vorausgeſehen und vor: ausverfündigt habe, — troß des Vielen und Exrheblichen, welches ſich gegen fie einwenden läßt, durch die bisher dagegen erho— bene, mit Scharffinn durchgeführte Polemik *) noch nicht für ganz befeitigt zu erfennen. "Daß freilich diefe Verfündigung nicht wohl in den Elaren, unumwundenen Ausdrüden, in denen uns fere Gvangeliften fie berichten, gefprochen, oder, wäre fie fo ge— fprochen, von den Züngern im Gedächtniffe bewahrt fein fonne: dies zeigt, ganz abgefehen fürerft noch von dem Wunderbaren fowohl der Vorausfagung, ald auch der vorausgefagten Bege— benheit, ſchon dasjenige deutlich genug, was uns von dem Be— tragen der Sünger bei jener Begebenheit felbft, welche fie keines— wegs erwarteten, fondern durch die fie auf das Außerfte über- raſcht wurden, berichtet wird. Beiderlei Berichte, die, welche jene angeblichen Aeußerungen des Herrn, und die, welche dieſe Ueberrafchung und Beftürzung melden, find, wie man längft richtig erfannt hat, fchlechterdings unter einander unvereinbar ; und da wir die einen oder Die andern zu verwerfen oder zu be- fchränfen doch nicht umhin Fonnen, fo kann auch darüber Fein Zweifel fein, welche von beiden diefes Loos treffen wird, Sit nämlich in den Erzählungen von jener außerordentlichen Bege— wir hier nachträglich bemerken wollen) die von Lukas (23, 49) in die Erzählung des Marcus von den Weibern, vie fern ftanden und zufahen, eingedrängten Worte: mavres o/ yvworor avron. ) Auch in Bezug auf diefen Punet findet fih alles fehon früher in diefem Sinn Gefagte bündig zufammengefaßt bei Strauß 8. J. I, ©. 324 ff. Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 311 benheit, die fo ganz an der Außerften Grenze desjenigen Gebie: tes ftehen, in welchem der einfache Gefchichtöglaube fich heimifch findet, irgend etwas, was durch fich felbft, feiner innern Be- ſchaffenheit nach den Charakter gefchichtlicher Wahrheit trägt und diefen Charakter der übrigen Erzählung mittheilt: fo ift es eben diefes Erftaunen, diefe Befremdung der Juͤnger über das Ungeheure, was ihnen unerwartet und unvorhergefehen entge= gentritt. Sie ift es um fo mehr, je weniger fie in jenen Be— richten felbft mit Vorliebe gemeldet und ausgefehmüdt wird, je offenbarer fie vielmehr durch diefelben, die, wie gefagt, von ganz andern, ja widerfprechenden Vorausſetzungen ausgehen, unbeab- fichtigt und faft den Erzählern unvermerft hindurchblickt. Wenn - daher Sefus wirklich feine Auferftiehung vorausverfündigt hat, fo kann er es nur in dunfeln, den Süngern Damals unverftan- den gebliebenen, und erft nach dem Erfolg ihnen deutlich ge— wordenen Aeußerungen gethan haben. Daß dies wirklich fü fi verhalten habe: dies wird auch ausdrüdlich angedeutet an einer Stelle, die um fo merfwürdiger ift, als fie zuvor in Fei- neswegs dunkeln oder zweideutigen Ausdrüden Sefum auf bie „Auferſtehung des Menſchenſohnes“ hinweifen, und nachher nichts deſtoweniger die Sünger über dieſes Wort als ein ihnen unverftändliches fich berathen läßt *). Wir dürfen annehmen, daß, was an diefer Stelle ausdrüdlich gefagt wird, daffelbe von allen ähnlichen Aeußerungen Jeſu zu gelten hat, und daß, wie dort of: fenbar der Evangelift ftatt der Dunkeln Worte, deren fich Damals unftreitig der Herr bedient hat, die deuflichen feßt, in welche fich die Zünger, nachdem fie die Deutung gefunden, jene ver: wandelt hatten, ein Entfprechendes auch an allen andern Stel: len gefchehen ift, wo wir gleich- oder Ahnlichlautende Worte, wie bier, finden”*). Das vierte Evangelium giebt in Sefu ei: genem Munde wirklich nur verhüßte Andeutungen jenes Greig- niffes; und wenn auch unter diefen wohl eine und die andere #) 70V Aoyov Erparmoav MQOS &avrous, avöntovvres, Ti Eotı TO 4 VE- »o0v avaoıızvar. Marc, 9, 10. Der erfte Evangelift Hat (Matth. 17, 9) im Gefühl der Unzweideutigkeit jenes Ausprudes diefe Notiz weggelaffen, der dritte (Luk. 9, 36) aus gleihem Grunde fie mit einer nahe liegenden andern vertauſcht. =#) Marc, 8, 31. 9, 31. 10,34. 14,28 u. Parall, Matth. 12, 40. 312. Siebentes Bud. fein mag, der entweder der Evangelift felbft *) diefen Sinn unterlegt, oder in welcher die Ausleger ihn mit Unrecht finden wollen: fo fcheint doch den Apoftel Sohannes das richtige Be— wußtfein geleitet zu haben, wie alle jene Berfündigungen, welche die Zünger nad) dem Tode des Herrn auf feine Auferftehung von den Todten bezichen zu dürfen glaubten, nie anders von ihm, als indirect und Anigmatifch ausgefprochen waren, „Ueber ein Kleines, fo würden fie ihn nicht mehr fehen, und abermals über ein Kleines, fo würden fie ihn wieder fehen,’’ läßt er Sefum wiederholt *) zu feinen Süngern fagenz und wenn die Deutung, die er nachher von diefen Worten ihm felbft in den Mund legt, denfelben mehr einen allgemein geiftigen, als den befondern, thatfächlihen Sinn unterzulegen ſcheint: fo zeugt ‚eben dies nur für den Doppelfinn, der auch) nach dem Erfolge noch den felbftdenfenden Jünger über die eigentliche Meinung feines Meifters in Ungemwißheit ließ. Ausdruͤcklich alfo, indem wir die factifche Nichtigkeit jener unmittelbaren Geftalt befämpfen mußten, in welcher, den ſy— noptifchen Evangeliften zufolge (die fich jedoch, in jener eben angeführten Aeußerung des Marcus, gewifjfermaßen felbft corri- Hiren), Sefus feine Auferftiehung vorausgefagt haben fol, — ausdruͤcklich in dieſem Kampfe felbft tritt und die thatfächliche Wahrheit einer von Sefus im Allgemeinen gegebenen Verkuͤndi— gung des Auffhwungs, welcher in der Perfon feiner auf wunder: bare Anregung von oben fich neu belebt und neu gefräftigt fuͤh— Venden Sünger feiner Sache nad) feinem Tode bevorftand, um fo unabweislicher vor die Augen. Ganz eben fo abfichtslos und ungefünftelt nämlich, wie die Erzählungen von dem Er: flaunen der Sünger beim Eintreffen des ihnen felbft unbewußt Boraudverfündigten, find auch folche Andeutungen, welche an der Stelle felbft, wo jene weiffagenden Worte berichtet wer: den, denfelben hin und wieder eine Wendung geben, die ung *) Dies gilt namentlich von dem Ausſpruche Cap. 2, 19. Vergl. Bd. 1, ©, 454. Merkwürdig, wie bei diefer Gelegenheit auch die— fer Evangelift (V. 22) recht ausdrücklich gefteht, daß erft nach dem Erfolg die Jünger fi) dieſes Ausſpruchs erinnert und jene Deu- tung dafür, die der Evangelift, dort giebt, gefunden haben, ®*) Cap, 14, 18 f, Cap, 16, 16, Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 313 ihre eigentliche Geftalt in einem reineren Lichte erkennen läßt, als in welchem die Berichterftatter felbft fie betrachtet zu ha— ben fcheinen. Es erhalten fogar diefe Wendungen zum Theil durch einen den Erzählern felbft unverftanden gebliebenen Zu: fammenhang, dem fie angehören, eine eigenthümliche Beglau— bigungz eine folche, die und um fo weniger an der Wahrheit des in ihnen Enthaltenen zweifeln läßt. Wir führen auch hier— von ein, wie wir glauben, hinlänglich überzeugendes Beifpiel an. Wenn in der vorhin angeführten Stelle des Marcus der Herr feinen drei vertrauten Süngern unterfagt, von dem wun— derbaren Geficht, welches ihnen auf dem Berge der Verklärung geworden war, eher gegen Andere zu fprechen, als bis der Mens fhenfohn von dem Tode auferftanden fei, wobei jene, wie der Evangeliſt hinzufeßt, nicht verftanden, was er mit diefem „Auf— erftiehen von dem Tode“ fagen wolle: fo ergiebt fih aus unferer Deutung ded geheimnißreichen Vorfalls ) faft von felbft jener Sinn, welcher damald den Süngern verborgen blieb. Mit ihm zugleich aber ergiebt fich die Wahrheit der Worte, welche Sefus an der Stelle der von dem Evangeliften überlie- ferten gefprochen haben mag; fie ergiebt fich vermöge ihrer Un— entbehrlichfeit zur Vervollſtaͤndigung des. Sinnes der übrigen Erzählung. Offenbar nämlich verweift der Herr die Juͤnger auf eine Zeit, wo fie fähig fein würden, jene ideale Verklärung, in der ihnen feine Geftalt nebft den Geftalten des Mofes und des Elias erfchienen war, richtiger, als damals noch der Fall war, im Begriffe feftzuhalten und in ausdrüdlicher Lehre Andern mit: zutheilen. Er belehrt fie, daß diefe Zeit erſt nach feinem Tode fommen werde, und er verlangt von ihnen, daß fie erft den folchergeftalt im Geifte und in der Wahrheit Auferflandenen den Israeliten als ihren Meſſias verfündigen follen; wobei frei— lich eben diefe von dem Herrn gleichfalls in Räthfelmorten aus: gefprochene Verfündigung einer künftigen höhern Klarheit den Züngern als ein neues Problem erfcheinen mußte. So gefaßt erhält nicht nur jene in ihrer buchftäblihen Faſſung allerdings befremdende Aeußerung eine dem Zufammenhange, in welchem fie vorkommt, durchaus entfprechende innere Wahrheit und Wahr: #) Bd. I, ©. 534 ff. R / 314 Siebentes Bud). fcheinlichkeit, fondern fie trifft auch mit den vorhin erwähnten Weiffagungen bei Sohannes und mit der bei eben diefem Evans geliften fo ausdruͤcklich ausgefprochenen Verheißung eines Pa— rakleten, deſſen Beiftand gleichfalls erfi nach des Herrn Tode den Süngern werden fol, auf das überrafchendfte zufammen. Beide VBerfündigungen, jene fonoptifche und diefe johanneifchen, ‘find von einander ganz unabhängig erzählt, und, bei aller Ueber: einftimmung ihres Sinnes, fo durchaus verfchieden in Wort, Ausdrud und begrifflihen Zufammenhang gefaßt, jede in fich felbft von fo originellem Charakter und von fo geiftvollen Be— ziehungen, daß wir mit vollem Necht von ‘ihnen, entfprechend wie oben von den Todesverfündigungen *), fagen fonnen, daß fie feiner äußern Beglaubigung weiter bedürfen, fondern ſich durch fich felbft und durch ihre innere Wahrheit hinreichend be— Hlaubigen. Diefelbe erhabene Zuverficht in Bezug auf die Dauer und den Fortgang feines Werfes fpricht fich ohne Zweifel auch), mag man biefelben übrigens auslegen wie man will, in jenen Weiffa- gungen aus, welche von den Süngern als Berheißung einer dereinfti- gen perfonlichen Wiederfunft des Herrn zum Behufe eines über Le— bende und Todte zu haltenden Weltgerichtes verftanden worden find. Den eigentlihen Kern zwar diefer Weiffagungen bildet, wie wir im Obigen dies nachzuweifen verfucht haben **), eine An— fhauung von mehr allgemein idealem, als auf das perfonliche Merk Chriſti insbefondere bezüglichem Gehalt. Sene Zukunft (Parufie) des Menfhenfohnes, — bekanntlich das Bild, unter welchem jene endliche Scheidung des Guten von dem Boͤ— fen, jener Sieg des Guten über dad Bofe verfündigt worden ift, deffen Gewißheit eine der wefentlichiten Inhaltsbeſtimmun— gen chriftlicher Lehre ausmacht, — wird in der ſynoptiſchen Hauptftele, die davon handelt *H, als ausdrüdlicher Gegen: fab fogar mit einer Verkündigung der Leiden und Drangfale zufammengeftellt, welche zunächft nach dem Tode des Herrn feine Sünger erwarteten. Allein wenn ſchon in diefer Verkuͤn— “) DpeL, ©2422 ff, =) Bd. J. ©, 593 ff. "Er Marc, 13, 24 u. Parall. Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 315 digung wefentlic die Vorausſetzung enthalten ift, daß die Juͤn— ger am Werke ihres Meifters fefthalten und in der Vertretung dieſes Merkes den Kampf auch mit den Pforten der Holle nicht cheuen werden, — eine Vorausfekung, welche, wie wir zeig: ten, durch den Gemüthszuftend und das Betragen der Jünger im damaligen Zeitpunct felbft Feineswegs hinreichend begründet: fcheinen konnte; — wenn alfo ſchon diefe, den freudigern Aus— fihten in die Zukunft, welche Sefus feinen Süngern fonft er: oͤffnet, ſcheinbar widerfprechende Verkündigung folgerechter Weiſe uns auf die Annahme hinführt, daß Jeſus für das Beſtehen feines Werkes in der Perfon feiner Jünger noch eine Bürg- fhaft anderer Art haben mußte: fo find auch in der bildlichen Weiffagung über den Endausgang jenes Kampfes Momente enthalten, welche noch auf einen andern darin verborgenen Sinn, als jener allgemeine und unperfonliche, hinzudeuten fcheinen. Bon den Süngern felbit find bekanntlich diefe Neden als hans delnd von einer nahen, noch bei ihrem irdifchen Leben ihnen be: vorftehenden Zufunft des Menfchenfohnes verftanden worden; und auch die eigenen Worte Sefu, jo wie fie uns von den Eovangeliften berichtet werden, enthalten Aeußerungen, welche ausdrüclich dem damals lebenden Gefchlechte diefe Kataftrophe verfündigen *). Hier nun ift ſchon von Andern die Vermu— thung geäußert worden, daß vielleicht diefe Aeußerungen von jenen, welche als die Shatfache der Auferftehung verfündigende berichtet werden, nicht von Haus aus mögen verfchieden, fon- dern beide die einen und felben gewefen fein**. Diefe Vermu— *) Mare. 9, 1. 13, 20. Vergl. unfere Erflärung über die erfte die- fer beiden Stellen Bd. I, ©. 533, wonach die nicht ganz angemefz fene Bemerfung über die zweite, ebendaf. ©, 597, zu verbeflern ift. Der Rückblick nämlich auf jene frühere Stelle zeigt, daß Die Ver— bindung von B.30 mit B.29, welche wir dort als eine wilffürliche bezeichnen wollten (aus DVerfehen tft es gefchehen, Daß, was nur von B. 30 zu fagen war, von V. 28— 30 zugleich gefagt zu werben den Anfchein hat), nicht eine blos willkürliche ift, fondern daß die Meinung Zefu allerdings diefe war, auch das Kommen des Men- fhenfohnes als noch „diefem Geflecht“ bevorftehend anzufündigen. =) „Da die Jünger Chrifti die tröftlichen Berheißungen feiner Wie- derfehr nicht konnten durch die Tage feiner Auferftehung für erfüllt halten, fo erwarteten fie diefe Erfüllung am Ende der irdiſchen 316 Siebentes Bud. thung gewinnt offenbar an Wahrfcheinlichfeit, je mehr wir einer: feitö von der gleichmäßigen Unmöglichkeit uns überzeugen, ſo— wohl daß Sefus mit deutlichen Worten feine Auferftehung, als auch daß er, buchftäblich in der Weife, wie die Sünger und nach ihnen die Evangeliften es ihm untergelegt haben, fein der: einſtiges Kommen in den Wolfen verfündigt haben koͤnne *), und je weniger wir Doch andererfeits den Glauben der Juͤnger fowohl an die eine, ald auch an die andere für einen gänzlich leeren und grundlofen halten dürfen. Die Standhaftigkeit, mit welcher wir auf das Wort ihres Meifters hin, die Sünger die Erwartung jener zweiten Wiederfunft des Herrn fefthalten fehen, obgleich der Erfolg folhe Erwartung nicht beftätigte und ob» gleich diefelbe in dem natürlichen Glauben an die Unwandel- berfeit des alltäglichen Naturlaufs einen fchwer zu überwinden- den Gegner hat, — diefe Standhaftigfeit ift uns jedenfalls ein Bürge dafür, daß es die Gewohnheit der Sünger nicht war, erft nach dem Erfolg dergleichen Verfündigungen ihres Mei— ſters zu erfinden und ihnen Glauben beizumeffen; während doch andererfeit3 die eben fo factifche Ueberraſchung der Sünger durch die Erfcheinung des Auferftandenen dafür zeugt, Daß, was die— fen Fall betrifft, die uns überlieferten Worte dieſer Verkuͤn— Digung erft nach dem Erfolg Fonnen feftgeftellt worden fein. — Freilich müffen wir in Bezug auf beiderlei Berfündigungen, wenn wir fie für Die eine und felbe nehmen wollen, einen Irrthum der Sünger, und zwar gewiffermaßen einen doppelfeitigen, eingeftehen. Allein dieſer Irrthum, da er fich fo auffallend nach der einen Seite hin in der Feftigfeit des Glaubens, nach der andern ſo— gar in einer gefchichtlichen Thatſache bewährt hat, kann nicht wohl anders, ald auch eine factifche Wahrheit zum Grunde lie- gen haben. Fragen wir aber nach der Befchaffenheit dieſer Grundlage: was liegt dann näher, als zu vermuthen, daß die Sünger, nachdem fich ihnen jene Weiffagung des Meifters in ihrer perfonlichen Erfahrung theilweife auf eine ihnen felbft un- erwartete Art erfüllt hatte, ohne doch daß fie ihren Inhalt durch “ menfchlichen Dinge.“ Schleiermacher, der chriſtl. Glaube Zweite Aufl, Bd. II, ©. 527. *) Bergl, Bd. I, ©. 594 f. Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 317 diefe Erfüllung vollftändig erſchoͤpft hätten finden Fonnen, die Weiſſagung ſelbſt, deren Erinnerung ihrem Gedaͤchtniſſe nur in dunkeln, unſichern Zuͤgen gegenwaͤrtig war, in Gedanken theilten, und der Erfuͤllung des noch uͤbrigen Theils mit um ſo mehr geſteigerter Zuverſicht entgegenſahen, je maͤchtiger ſie durch die uͤberraſchende Erfuͤllung des andern Theils ergriffen waren? Eine Theilung, die um fo leichter geſchehen konnte, als unſtrei— tig der Meifter felbft in feinen öfter wiederholten Aeußerungen über diefen geheimnißvollen Gegenftand nicht derfelben Worte und Wendungen fich bedient, als er vielmehr, wie es die Gewohn— heit feines veichen Geiftes mit fich brachte, in verfchiedenen und mannichfaltigen Ausdrudsweifen auf die Mannichfaltigfeit und BVerfchiedenheit der Bezüge, die in der einen und felben Idee enthalten waren, hingewieſen hatte”). AS ficheres Ergebniß der vorftehenden Betrachtung glau- ben wir nach dieſem allem dies bezeichnen zu dürfen: daß Je— fus von der Zukunft feines Werkes und feiner Lehre in einer Meife geiprochen hatte, welche das Bewußtfein einer auch nach feinem Tode fei es fortdauernden oder wiederkehrenden perfün= lihen Wirkfamkeit, das Bewußtfein, daß durch dieſe Wirkſam— keit Werk und Lehre vor dem Untergange gefhüst und ein end— licher Sieg ihnen gefichert fei, einfchloß. Unſtreitig ift das Phaͤ— nomen diefes Bewußtſeins ein außerordentliches und wunderba- res; allein wir glauben und berechtigt, daſſelbe ald ein noth— wendiges, fchlechterdings nicht hinwegzudenkendes Moment des meffianifchen Selbftbewußtfeind auszufprechen, welches fich in der gefammten gefchichtlihen Erſcheinung des. Erloͤſers manife- ftirt hat. — Daß ohne das Bewußtfein, ohne die innere Ge- wißheit und Zuverficht eines dereinftigen Erfolgs, einer in der Zukunft ihm bevorftehenden Anerkennung feiner göttlichen Würde und Sendung unter dem menfchlichen Gefchleht Sefus nicht in- der Weife, wie wir e8 ihn in den wiederholteften, gefchichtlich auf das unantaftbarfte beglaubigten Aeußerungen haben thun , *) Eine Spur übrigens, daß anfangs bie Jünger geneigt waren, die Erfiheinung des Auferftandenen für die verheißene Wiederkunft zur Herftellung des Meſſiasreichs zu halten, ſcheint fih Ap. Gef. 1, 6 erhalten zu haben, , / 318 Siebentes Bud. hören, von fich fprechen, daß er ohne diefelbe überhaupt die Haltung, die wir ihn feinen Jüngern und dem Volke gegenüber behaupten fehen, nicht annehmen fonnte: Dies liegt am Zage, und wir dürfen nach der in unfern’ vorhergehenden Büchern ge= gebenen Darftellung feiner Lebensgefchichte und des Beweifes, daß dem wirklich fo war, überhoben glauben. Nicht, als ob wir diefe Folgerung hier Yeichtfertig und obenhin im Worüber: gehen aus jenem thatfächlichen Inhalt abziehen wollten; — wir find uns ihres Gewichtes gar wohl bewußt! denn wo zeigte die Meltgefchichte in ihrem Laufe fonft einen Sterblichen, der etwas fo Ungeheures in Bezug auf feine Perfon zu erwarten hätte wagen dürfen? Wein das Grftaunen über diefe wunderbare Thatfache des GSelbftbemußtfeins Chrifti fallt unmittelbar mit der Anerkennung des Geifteswunders, welches in dem Auftreten des in eine einzelne Perfonlichkeit zufammengefaßten gottmenfch- lichen Geiftes überhaupt liegt, zufammen. Ohne diefes Selbft- bewußtfein, welches, allein. durch die Gewalt der Idee und in ihrer Unmittelbarkeit, ohne alle veflectirende Wiſſenſchaft, die Zu— Eunft nicht minder, wie die Vergangenheit und Gegenwart Des Menſchengeſchlechts umfaßte und ſich als deren für alle Zei- ten feftftehenden Mittelpunct erkannte, wäre Chriftus eben nicht Chriſtus geweſen! Dieſes Bewußtſein ift nichts anders, als die ideale Seite der göttlichen Offenbarung, der Gegenwart Got: * tes in dem perſoͤnlichen Chriſtus, welche in der Erſcheinung und dem ſittlichen Thun, in der geiſtigen und phyſiſchen Wunder: fraft des Heren ihr reales Gegenbild hat. — Nicht ganz fo unmittelbar leuchtet dafjelbe auc, von dem andern Momente ein, welches, wie wir gezeigt zu haben meinen, gleichfalls noch in jenen von Chriftus ausgefprochenen Werkündigungen enthal: ten gewefen fein muß, nämlich von der Art und Weife, wie er jene von ihm vorausgefehenen Erfolge in Wort und Begriff an feine eigene, auch mit dem Tod nicht aufhorende perfonliche Wirkfamkeit geknüpft hat. Diefe Wendung fcheint zu dem We- fentlichen jener Anfchauung, deren Inhalt fich auf den großen Gang der Weltgefchichte im Ganzen bezieht, fih nur als eine zufällige zu verhalten. Man Eonnte leicht auf die Vermuthung gerathen, daß fie nicht ernftlich gemeint gewefen fei, fondern eben nur der Form des Ausdrucks angehoͤre; um fo mehr, als Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 319 ihe Inhalt, für fih allein genommen, kaum umhin kann, als hinüberfpielend entweder in abergläubige Vorftellungen, oder in ein durchaus geheimnißvolles, ein für allemal verfchloffenes Wun— dergebiet betrachtet zu werden. Nicht defloweniger müffen wir nach allem bisher Gefagten auch) für diefes Moment noch eine andere, wefentlichere Geltung in Anfpruch nehmen. Ziehen wir nämlich die Umftände in Erwägung, unter welchen Zefus jene Weiffagung ausſprach: fo erfcheint uns dieſes Vorgefuͤhl des Hinausreichens auch feiner perfönlichen Thaͤtigkeit über die Schran- fen, welche durch die Natur allem andern perfonlichen Wirken gezogen find, fo ein außerordentliches und fcheinbar alle fonft uns bekannte Gefegmäßigfeit des Seelenlebens überfchreitendes Phänomen es ift, dennoch ald ein unentbehrliches Mittelglied in der Mirflichkeit des meffianifchen Selbſtbewußtſeins. Hat nämlich, wie wir gezeigt zu haben meinen, im Augenblicke des Todes Jeſu feine Sache noch aller äußerlich realen Bürgfchaft für ihr Fortbeftehen entbehrt: fo muß in der Seele des Gött- lichen, in welcher demungeachtet die Zuverficht Diefes Fortbefte- hens unerfchüttert blieb, etwas an die Stelle folcher äußern Bürafchaft getreten fein, was diefe Zuverficht und das Han- deln im Sinne diefer Zuverficht rechtfertigte. — Die Voraus— feßung eines ſolchen Etwas iſt um fo unentbehrlicher, je weni- ger wir in Jeſus ein in irgend einem Sinne wiffenfchaftliches, philofophifches Bewußtſein über den Saufalzufammenhang jenes gefchichtlichen Entwidelungsprocefies der Menfchheit, in deffen Mitte Er als der entfcheidendfte Wendepunct geftellt war, vor- ausfegen fonnen, Bände nämlich diefe letztere Borausfekung ftatt, fo ließe fich wenigftens die Möglichfeit denken, wie Zefus durch wiffenfchaftlihe Einfiht in die Zeit- und Weltverhältniffe zu der Ueberzeugung gelangen Fonnte, daß fein Werk für das Zeit- alter Beduͤrfniß fei und deshalb nicht verloren gehen Tonne, fondern, obgleich feheinbar verloren, früher oder fpäter wieder ergriffen werden müffe. So aber, da das meffianifche Selbft- bewußtfein in ihm folcher wifjenfchaftlichen Wermittelung ent: behtte, da es in ihm felbft nur in der Geftalt idealer Unmittelbar: keit gegenwärtig war: fo läßt fich auch, da man verftändiger Weife doch nicht annehmen kann, daß Sefus im Momente feines To— des fich über die Hindernifje, welche dem Fortgange feines Wer- 320 Siebentes Bud, kes entgegenftanden, verblendet haben follte, für jene Zuverficht fein anderes denfbares Motiv auffinden, ald nur ein in diefelbe Geftalt der Subjectivität des Bewußtſeins, welche für den Herin felbft überhaupt die einzige Form feines meffianifchen Wiſſens war, eingefchloffenes. Wie Jeſus, ohne eine im Geift auseinandergebreitete und entwidelte Kenntniß der Welt, der er als Heiland gefommen war, nur Sich als ihren Heiland wußte, fo konnte er auch die Zukunft feines Werkes unter kei— ner andern Form, ald eben nur unter der Form einer auch nach feinem Tode fortdauernden oder dereinft wiederkehrenden perſoͤn— lichen Wirkfamkeit, im Geifte anfchauen. | Die in diefer Form von Sefus gefaßte Anfhauung ift es alfo, welche wir uns berechtigt glauben, als die gemein- fchaftlihe thatfächliche Grundlage der Verfündigungen anzufes hen, welche die Sünger theils auf feine Auferftehung, theils auf feine Wiederkunft zum Weltgericht bezogen haben. Man wird und nicht einwenden, daß wir. hiermit felbft uns des Fehlers ſchuldig machen, den wir oben bei Gelegenheit der in diefem lestern Sinne verftandenen Weiffagungen *) an den Evangeliften und an denen rügten, die auch hier noch fireng an dem Buch» fiaben der evangelifchen Ueberlieferung fefthalten wollen: daß fie nämlich dem göttlihen Meifter einen bei der Klarheit und Höhe feines Geiftes unerklaͤrlichen Irrthum und Aberglauben unterlegen. Diejenige Form, in der er, wie wir und davon überzeugt halten, wirklich feine Auferftehung, feine perfonliche Wiederkunft vorausgewußt und vorausgefagt hat, enthält in der That weder Irrthum noch Aberglauben, denn — der Er: folg hat diefe Vorausſagung gerechtfertigt. Jeſus ift wirklich nach feinem Zode feinen Süngern erfchienen; er hat durch die— ſes fein Erfcheinen die Sünger — fowohl die, welche es wäh- rend feines Lebens geworden waren, als auch felbft andere noch, die es erft durch diefe wunderbare Thatfache wurden, — aufs neue für feine Sache gewonnen und gefräftigt, und ihnen nun erft die Fähigkeit ertheilt, felbftftändig fein Werk wieder aufzuneh- men und e8 unzerftörbar für alle Zeiten zu begründen. So gewiß wir dieſe, durch Zeugniffe von unmwiderfprechlicher Glaubwuͤrdig— *) Bd. I, ©, 593 ff. Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 321 feit berührte Thatſache als eine gefchichtliche hinnehmen und in irgend einer, eben jeßt von und aufzufuchenden Weife vor dem Verftande zu rechtfertigen fuchen müffen: fo wenig kann und bei diefer Unterfuchung der gleich hier ausgemittelte Umftand gleichgültig fein, daß diefelbe in dem eigenen Bewußtfein Sefu während feines Lebens im Fleiſche vorgebildet und angekündigt war. Denn wie durch das Gefchehen, durch den Erfolg dieſes Bewußtſein ſich als ein über Irrthum und Aberglauben Er: habenes gerechtfertigt hat: fo wird umgekehrt durch die Weiſſa— gung als folche (ähnlich, wie, nach dem Gebrauch, den Ehriftus felbft und feine Apoftel von ihnen machen, durch die MWeiffa- gungen des Alten Teftaments das Auftreten des Meffias über: haupt) das Wunderereigniß in feiner göttlichen Nothwendigfeit, in feiner Erhabenheit über Zufall, über außerliche und auch über fubjectiv pfochologifhe Motive der Art, auf welche es die Bweifelfucht der Neueren nicht felten bat zurückführen wollen, - gleich von vorn herein uns entgegengebracht. Diefe einleitenden Bemerkungen waren beftimmt, auf die Anerfenntniß einer höhern, für das gemeine Bewußtfein geheim- nigvollen Nothwendigfeit hinzuführen, die auch in diefer Bege- benheit waltete, Durch welche die irdifche Erfcheinung des Herrn gekrönt worden ift. — Wir haben und durch fie in Bezug auf den Hauptgegenftand des gegenwärtigen Buches in eine ent- fchieden ablehnende Stellung gegen diejenige Anſicht verfest, welche unter der Mehrzahl derer, die gleich uns nach einer ge⸗ Thichtlihen, von dogmatifchen Worurtheilen freien Gefammt- auffaffung der evangelifchen Gefchichte fireben, bisher die vor- herrfchende war. Auch jene außerordentliche Begebenheit, welche die evangelifchen Erzähler als eine Auferftehung des Herrn aus dem Grabe, in das nach der Abnahme vom Kreuze fein Leich- nam gelegt worden war, berichten: auch fie hat man befannt- lich auf die gemeine Ordnung des natürlichen Gefchehens zu— rücdzuführen gefucht, durch die Annahme nämlich, ald ob Jeſus nicht wirklich am Kreuze geftorben, fondern, von einer dem / Tode gleichen Ohnmacht befallen und in Folge derfelben für todt angefehen, im Grabe nicht fowohl das Leben felbft, als vielmehr nur den äußeren Gebrauch der Lebenskraft wiedererlangt babe. Diefe Anficht gehört zwar im Allgemeinen zu jenen, N Bar 21 x 322 Siebentes Bud. mit deren Widerlegung wir und in unferem gefammten: Werke nicht ausdrüdlich befchäftigt haben, da wir fie als hinlänglich = widerlegt durch die Eritifchen Arbeiten der neueften Zeit betrach- ten durften. Da jedoch gerade in dieſem Puncte der naturali: ſtiſche Irrthum tiefer noch, als in Bezug auf die meiften an- h dern Puncte der evangelifchen Gefchichte Wurzel gefaßt zu ha— ben fcheint, und da überdies auch diejenige Anficht, welche jeßt für die rechtgläubige zu gelten pflegt, eine folche ift, welche jener naturaliftifchen Thor und Thuͤre öffnet und nur zu oft fie deut: Vic genug im Hintergrunde zeigt: fo wird es nicht überflüffig fein, bei der Darftellung, die wir jest von dem wahren Her: gange ded wunderbaren Ereigniffes zu geben im Begriffe find, diefelbe von ‘vorn herein im Auge zu behalten und die Mo- mente ausdrüdlich hervorzuheben, auf die hauptfächlich ihre Wi: derlegung zu begründen iſt. Der Hauptumftand, auf welchem die eben gedachte Hypo« thefe zu fußen pflegt, ift befanntlich der: allerdings gefchichtlich beglaubigte, daß Sefus früher, als fonft gewöhnlich ans Kreuz Geheftete, verfchteden, und vom Kreuze abgenommen worden iſt. Die Veranlafjung diefer Abnahme wird bei den Synopti- fern und im vierten Evangelium verfchieden erzählt: Dem Be- richt des Marcus zufolge, welchen das erfte und das dritte Evangelium nur etwas abgekürzt wiedergeben, kommt am Abend des Tages der Kreuzigung Sofeph von Arimathäa,- ein ange fehenes Mitglied des Synedriums und Bekenner der Lehre vom Herannahen des Gottesreiches *) zu Pilatus, und bittet ihn *) svognuwv BovAsvrns, 05 #al auros 7v mpoodsydusvog mv Baoı- Asiov vov Ieov. Marc, 15, 43: Lukas giebt diefe Worte ziemlich genau wieder, nur mit dem fich von ſelbſt verſtehenden Zufaße, daß derfelbe an dem Berfahren des Synedriums gegen Jeſus feinen Theil hatte. Den Verfaſſer des erften Evangeliums frheint dagegen das Bedenken, welches Lukas mit diefen Worten zur befeitigen fucht, ver- mocht zu haben, den Zofeph flatt BovAsurns nur &vdewmos rAovoros zu nennen; übrigens fügt er, bie Worte des Marcus noch deutlich hindurch fcheinen laſſend, Hinzus ds xa2 adros Zuadnrevos ro Inooo. Der vierte Evangeliſt nennt ihn gerabehin einen Schüler Jeſu, aber einen „heimlichen, aus Furcht Hor den Juden“; in Folge der ein- mal gefaßten Lieblingsanftcht diefes Evangeliften, aber in offenba- rem Widerſpruch zu der Handlung, die fo eben von Zofeph berichtet Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 323 um den Leichnam Jeſu. Wenn der Evangelift als das Motiv der Befchleunigung dieſes Gefuhs in Parenthefe die Worte hin- zufest: weil es Ruͤſttag oder Vorſabbath (Freitag) war: fo ift die Meinung unverkennbar diefe, Sofeph habe den folgenden Tag nicht abwarten wollen, „weil er an ihm, als an einem Sab: bath, (wie auch im vierten Evangelium angedeutet wird *)) ein Begräbniß nicht würde haben verrichten Fünnen. Es fcheint alſo, als ob der Evangelift Die römische Sitte der Kreuzigung vorausſetze, nach welcher die Leichname „den Naben zum Fraß“ ) am Kreuze hängen blieben. Damit fteht auch dies in Uebereinftimmung, daß Pilatus feine Werwunderung bezeugt, wie Sefus fchon geftorben fein Fonne, daß er den wachthaben: den Genturio rufen läßt, um ihn über die Zeit des Todes zu befragen, und erſt, nachdem er deffen Bericht vernommen, dem Sofeph fein Gefuch gewährt. Offenbar nämlich wird hier vor- ausgefeßt, daß der Procurator die fo frühzeitige Abnahme vom Kreuze als eine Anomalie betrachtet, und fie nur unter der Borausfegung zugeftehen will, daß der Tod wirklich fehon er: folgt war. Dem fteht nun allerdings entgegen, Daß Joſe— phus *) im allgemeinen Ausdrüden es als jüdifche Sitte er: wähnt, die Gefreuzigten ‚‚vor Sonnenuntergang ’’ abzunehmen und zu begraben; unftreitig, um dadurch dem moſaiſchen Geſetze in Bezug auf die Leichname der Gehenkten +) genugzuthun. Daß diefe Sitte, auch abgefehen von der Dazwifchenfunft des Sofeph, in Bezug auf Iefus und die Mitgefreitzigten würde beobachtet worden fein: darauf konnte allerdings ſchon der Umſtand hinzudeuten fcheinen, daß die beiden andern Synoptifer beide No: tizen des Marcus, fowohl die von dem Motiv der befchleunig: _ ten Bitte des Sofeph ++), ald auch die von der Verwunderung wird. Wie viel wahrer und charakteriftifiher bei Marcus dag ein- fahe roAunoas. *) 50h. 19:42: **) Horat. ep. I, 16, 48. *=#) Bell. Tud. IV, 5, 2, zooavenw ’Iovdaluv weg) ras Tapas moovorev mowvusvuw, Worte nal Tois &4 Haradiams dvaoravgmusvous TO Övvros Hhlov yadskeiv Te na) Hanrew. +) 5 Mof, 21, 22 f. ++) Die Notiz, daß der Tag Tapaonsvn war, wird von Beiden Evan 212 "B2A 20 Stebentes Bud. des Pilatus und feinem Gefpräch mit dem Genturio, weglaſſen. Snöbefondere aber meint man diefen Umftand außer Zweifel ges feßt zu fehen durch die von der fonoptifchen abweichende Er— zählung des vierten Evangeliums von dem Hergange der Kreu— zesabnahme. Dort fommen ſchon vor Sofeph von Arimathäa „die Juden“ zu Pilatus und bitten ihn um die Erlaubniß, die Gefreuzigten abnehmen und ihnen die Beine zerbrechen zu dürfen *). Allein der vierte Evangelift weiß von jener jüdifchen Sitte eben fo wenig etwas, wie der zweite; vielmehr nennt er ausdrücklich ein anderes Motiv jener Bitte, nämlich die Be— forgniß, daß nicht durch das Hängenbleiben der Korper am folgenden Tage der Sabbath verunreinigt werde, deſſen eier diesmal, unftreitig wegen des Pafcha, eine befonderd ausge: zeichnete fol gewefen fein. Er betrachtet alfo die frühzeitige Abnahme ganz eben fo, wie Marcus, als eine Ausnahme von der Regel, und fämmtliche Evangeliften befinden fich entweder in offenbarem MWiderfpruche gegen jene durch das Zeugniß des Sofephus unterftüßte Annahme, oder wenigftens nicht in aus: drüclich bethätigter Webereinftimmung mit derfelben. Hier-⸗ nach fonnen auch wir nicht wohl umhin, diefe Annahme aufzu- geben; wenn auch vielleicht, was die Erzählung des Marcus betrifft, noch der Ausweg bliebe, bei diefem Gvangeliften, der ia fein Evangelium in Rom gefchrieben haben fol, einen durch die Befanntfchaft mit romifcher Gewohnheit veranlaßten Irrthum vorauszufeßen. Näher noch möchte es indefjen wohl: liegen, die Worte des Sofephus fo zu deuten, daß dort nur von wirklich Geftorbenen die Nede fe, während man die Lebenden bis zum wirklich erfolgten Tode, alfo auch en Naht, am Kreuze hängen ließ *). geliften an einer fpätern Stelle nachgebracht: Luk. 23, 54 und Matth. 27, 625 von leßterem in fehr fonderbaren Ausprüden, welche unwi— derfprechlich darauf hinweifen, daß er, als er fie niederſchrieb, in der Meinung ftehen mußte, jenen Tag fihon mapaoxevn genannt zu baben, wonach alfo jene Weglaffung bei ihm als zufällig erfiheint. *2) Joh. 19, 31. *) Es ſteht mit jener Nachricht des Joſephus übrigens auch eine ge⸗ legentliche Notiz des Philo in Widerſpruch. Dieſer nämlich macht (Opp. ed. Mang. II, p. 529) dem Avilius Flaccus, Statthalter von . x Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 325 Faͤllt nun aber hiernach für die Darftellung des vierten Evangeliums das günftige Vorurtheil hinweg, welches man auf den oben angeführten Umftand Fonnte begründen wollen: fo wird eine genauere Betrachtung des Näheren diefer Darftellung und, fo allgemein diefelbe auch bisher als unzweifelhaft und unantaftbar gegolten hat, ſchwerlich dazu vermögen, ihr vor der einfacheren fpnoptifchen einen Vorzug einzuräumen. Schon über die Perfon derer, welche den Leichnam herabnahmen, herrfcht eine offenbare Verwirrung, indem erft die Suden für fih felbft diefe Erlaubniß nebft der damit verbundenen des Beinzerbrechens begehren, dann aber (V. 32) nicht fie felbft, fondern die römischen Soldaten diefes Gefchäft verrichten, und endlich gar noch einmal von Sofeph von Arimathäa derfelbe Ausdruck gebraucht wird, der in dem frühern Zufammenhange die Abnahme vom Kreuz bedeutete*); welches leßtere ganz dar: nach ausfieht, aus unwillfürlich auffteigender Erinnerung an den wahren Hergang der Sache, fo wie derfelbe von den Syn- optifern berichtet wird, gefloffen zu fein. Noch mehr Ver: dacht aber erweckt, was von dem Verfahren gegen die Körper der Gefreuzigten felbft erzählt wird. Das Zerbrechen der Beine als Mittel zur Befchleunigung des Todes *) ift eine ganz uner- börte, an fich felbft wegen ihrer offenbaren Zwedwidrigfeit un- wahrfcheinlihe und fehlechterdings durch Fein Zeugniß der Alten als Sitte in ähnlichen Fällen auch nur von fern, beglaubigte**) Alerandria, fein Verfahren gegen angefehene Juden zum Vorwurf, und bemerft bei diefer Gelegenheit, daß er zur Feier feftlicher Tage fogar ſchon Gefrenzigte vom Kreuze habe abnehmen fehen. War dies in Aegypten, wo doch auch die Juden nach ihrem Gefeß zu leben pflegten, eine fo feltene Ausnahmer fo tft ſchwerlich anzuneh- men, daß es die Römer in Judäa viel anders werben gehalten haben. *) nowenosv, va aon und: nos To onua V. 38, **) Ginige Ausleger geben zu, daß Dadurch nicht der Tod herbeiges führt werden konnte, und feßen daher noch das Hinzufommen eineg tödtfihen Stoßes voraus, Aber wenn das Zerbrechen der Beine ‚nur im Allgemeinen Brauch war, ohne die beftimmte Abficht, den Tod herbeiäuführen; warum wäre es dann nicht auch an dem bereits Geftorbenen verübt worden ? { ***) Die einzige Stelle nämlih, die man dafür anzuführen weiß, “ 326 Siebentes Bud). Maßregel. Der Evangeliſt zeigt uns-felbft den Weg, wie er, oder wie die Sage, derer folgt, auf diefe feltfame Erdichtung gefommen iftz ex führt nämlich (WB. 36) das mofaifche Gefek über dad Pafchalamm an*), welchem, wie dort geboten wird, fein Bein gebrochen werden fol. In diefem Gebot eine my— ſtiſche Weiffagung auf den Meffias zu fuchen, hatte man fic) zuerft vieleicht Dadurch veranlaßt gefunden, daß eine Ahnliche Weiffagung, die in einer andern jener gefeglichen Beflimmungen zu liegen ſchien, wirklich für. erfüllt ‚gelten konnte, naͤmlich die in dem Verbote, nicht von dem Ofterlamme übrig zu laſſen bis auf den andern Tag**), vermeintlich enthaltene allegorifche Beziehung auf die noh am Tage des Todes erfolgte Beer: digung. Vielleicht, daß dem Evangeliften oder feiner Quelle überdies etwas von der römifchen, mit der Kreuzigung freilich nicht in dem mindeften Zufammenhange ftehenden Strafe des erurifragium zu Ohren gefommen war; und fo ward Denn, nach der. Weife jener. Gefchichtserzähler, der abenteuerliche Ein- fall ohne. weitere hiflorifche Kritik in eine Thatfache umgeſetzt; den Mitgekreuzigten mußten die Beine zerbrochen werden, da— mit. es als ein befonderes goͤttliches Verhaͤngniß erfcheinen Fonnte, wenn fie dem al3 „Lamm Gottes’ Abgefchiedenen nicht zerbrochen wurden. — Aehnlich verhält es fich fehr wahres fcheinlich mit der daran geknuͤpften, noch weit abenteuerlichern Erzählung von dem Lanzenftich indie Seite des bereits geſtor— benen Sefus. Auch hier haben wir eine doppelte myftifche Be— ziehung, eine ausgefprochene auf eine Prophetenftelle***), und eine nicht ausgefprochene, aber fchwerlich hinwegzuläugnende auf die facramentale Bedeutung der Stoffe, welche der durch diefen Laetant, instit. div. IV, 26 ift völlig unbeweiſend, da die Worte sieut eorum mos ferebat offenbar erft aus der evangelifchen Erzäh- lung abgezogen find. *) 2 Moſ. 12, 46. 4 Mof. 9, 12. **) A. a. O. und 2 Mof. 12, 10. Freilich wird biefe angebliche Weif- fagung nicht gleich ausdrüdfih von dem Eyangeliften angeführt, aber. die Deutung - derfelben in dem angegebenen Sinne feheint jener myftifch fpielenden Allegorienluft, die fih in den andern Deus tungen fund giebt, fo nahe zu Liegen, daß es mich Wunder nimmt, fie noch) bei feinem Ausleger gefunden zu haben, Da. . Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 327 Stih verurſachten Wunde entftröomt fein. follen. Die letztere ohne Zweifel iſt e$, welche, wie wir bereit$ in einem früheren Zufammenhange darauf hindeuteten*), jetzt aber ausführlicher. beweifen wollen, auch diefe feltfame, den glaubwürdigen. Er: zahlern vollig unbekannte, ja mit ihrem Bericht in ausdruͤcklichem Widerfpruch fiehende Erfindung veranlaßt hat. Die Erzählung unferd Evangeliften lautet bekanntlich fo, daß die Soldaten, nachdem fie den beiden Mitgekreuzigten die Beine zerbrochen hatten und an Jeſus Famen, gewahr wurden, daß er bereits todt ſei; deshalb unterliegen fie es, ihm die Beine zu zerbrechen, fondern einer von ihnen flach ihm mit feinem Speer in die Seite, wo dann aus der Wunde fogleich Waſſer und Blut herausgefloffen fein fol. — Wir übergehen hier den minder erheblichen Einwinf, daß ja nach der ſynoptiſchen Darftelung der Centurio den wirklich erfolgten Tod fchon fruͤ— her bemerft hatte; man hat denfelben durc die Annahme un- Ihadlih zu machen gefucht, es feien dieſe Soldaten ein. ander res Detachement gewefen, wodurch jenes frühere unterdeß möge abgelöft worden fein. Aber Feineswegsd vermögen wir mit glei- her Bereitwilligkeit, wie in der Regel die neuern Erklaͤrer, jene nach mehrfach bereit3 eingeholten und jeden Augenblid zu neuer Prüfung offenftehenden Zeugnifjen der Sachkundigen durch: aus widernatürliche und unerhörte Thatfache, das Herausfließen von Blut und Waffer aus einem Fürzlich entfeelten Leichname als ein auf natürlichem Wege erfolgtes Greigniß, oder gar als ein folches, welches zum Beweife des wirklich erfolgten Todes habe dienen fonnen, hinzunehmen. — Der Evangelift felbft freilich fol fie, meint. man, ganz unverkennbar aus dieſem letz— tern. Gefichtspuncte betrachtet haben. Derſelbe fügt nämlich feiner Erzählung folgende, in den wunderlichften Ausdrüden abgefaßte VBerficherung hinzu: „Und der es gefehen hat, hat es bezeugt, und fein Zeugniß ift wahr, und er weiß, daß er wahr fpriht, damit auch ihr glauben ſollt.“ Diefe Worte meint man nicht anders, als fo deuten zu müffen, daß der hier— mit als Augenzeuge fih einführende Erzähler durch Betheuerung diefes thatfächlichen Umftandes die Wirklichkeit des Todes Jeſu **) Bd. J. ©, 102. 328 Siebentes Bud. denen, die etwa daran zweifelten, erhärten wollte, Allein diefe Deutung ift fo gewiß falſch, ſo gewiß es in alter Zeit nach- weislich Keinem eingefallen ift, weder das Factum jenes Todes in Zweifel zu ziehen, noch auch in jenem Umftande felbft, deſſen Widerfpruch zu dem regelmäßigen Naturlaufe der gefunden, wenn auch minder foftematifchen Naturkenntniß und Naturbe: obachtung des Alterthbums nicht verborgen bleiben Fonnte*), etwas anderes, als ein ganz Außerordentliches, ein Mirafel zu erbliden. Dies alfo, das Wunderbare, Myſterioͤſe diefer Er: fheinung will der Evangelift mit jener Berficherung betheuern. Sp haben ihn unfers Wiffens feine alten Ausleger fammtlich verftanden, Deren Feiner ſich nur von fern träumen ließ, Daß man in diefer Stelle die Abweifung eines Zweifels an ber Wirklichkeit des Todes Jeſu finden koͤnne. Was für ein Pub- licum wäre auch dasjenige gewefen, welched der Evangelift durch Anführung einer Thatfache, die nach einer Seite hin das gerade Gegentheil des Todes bewiefen haben würde, nach der andern auch ihnen, eben fo wie uns, ald eine durchaus anomale und räthfelhafte erfcheinen mußte, von einer Meinung zurücbringen wollte, auf welche nur eim in dem damaligen Zeitalter fo ungewöhnlicher naturaliftifcher Forſchungstrieb hätte führen Fünnen? Und wie wäre e3 zugegangen, daß fich von einem Zweifel diefer Art, der, wäre er wirklich gehegt und ge— außert worden, die apoftolifche Verfündigung in ihrer wefent- Vichften und unantaftbarften Grundvorausfesung angegriffen hätte, außer diefer gegenwärtigen nicht die Feifefte Spur, weder in den Evangelien fonft, noch in den apoftolifchen Briefen, in denen doch fehon von fo viel andern Srrlehren die Nede ift, noch in den Schriftftelleen der fpätern Zeit erhalten hätte? — Auch davon übrigens findet ſich ber den Alten Feine Spur, daß man in diefer Stelle, wie Andere wollen, eine directe Abſicht“) der Widerlegung doketiſcher Irrthuͤmer gefunden hätte, *) Man vente an die, von den Auslegern häufig genug, aber oft nur gedanfen!os angeführten Worte des Euthymius: „Aus einem Leich- — und wenn man zehntauſend Mal hineinſticht, kommt kein Blut eraus.“ =) Eine indirecte, dem Verfaſſer ſelbſt unbewußte Beziehung auf Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 329 Und wahrhaftig, wer durch die gefammte Lebens: und Todes— gefchichte des Herrn nicht dazu zu bewegen war, ihn für einen leibhaften Menfchen mit Fleifh und Blut zu halten, der würde fehwerlich auch durch die Erzählung dieſes räthfelhaften Ereigniſſes fich dazubewogen gefunden haben! — Ueberhauptfollte man, wie wir auch früher ſchon mit ausdrüdlicher Beziehung auf das vierte Evangelium erinnerten, endlich einmal davon zuruͤckkommen, bei jenen alten Schriftftellern, fei es im Ganzen oder im Einzelnen ihrer Darftellung, Beziehungen und Abficht- Vichfeiten vorauszufeßen, die fie nicht offen ausfprechen und an den Tag legen. Es iſt ganz und gar nicht in ihrer Art, am wenigften in der Art eines fo wortreichen, zu Erläuterungen und Nebenbemerkungen aller Art fo geneigten Schriftftellers, wie der Herausgeber diefes Evangeliums ſich und alfenthalben zeigt, eine irrige Meinung nur verfleckt, durch räthfelhaft ausgedrückte Berficherungen zu befämpfen, flatt ihr offen und unmittelbar zu Leibe zu gehen. | Bei fo gehäuften Schwierigkeiten, in welche fich die neuer- dings faft allgemein beliebten Deutungen der fraglichen Stelfe verwicdeln, glauben wir das Gegentheil derfelben als evident ausfprechen zu dürfen, und die Ruͤckkehr zu der von den Alten gegebenen Auslegung binlänglich gerechtfertigt zur finden, Auch hier indeß darf man nicht auf halbem Wege ſtehen bleiben. Am naͤchſten koͤnnte es zu liegen ſcheinen, die Verſicherung des Evangeliſten nur auf das Eintreffen der Weiſſagungen zu bezie— hen, die er im Nachfolgenden ausdruͤcklich ſelbſt als Grund des Geſchehenen und von ihm Erzaͤhlten anfuͤhrt. Allein die Be— theuerung ſchließt ſich zu deutlich an die Notiz vom Heraus⸗ fließen des Blutes und Waſſers an, als daß man nicht zunaͤchſt auf dieſe, von der doch in jenen von dem Evangeliſten ſelbſt angefuͤhrten Weiſſagungen nicht die Rede iſt, ſie zuruͤckzubeziehen ſich veranlaßt finden ſolltez zumal da der feierliche Ton, in welchem ſie ausgeſprochen wird, augenſcheinlich auf ein Wunder, — und ein Wunder haben wir, wie geſagt, in jener angeblichen Thatſache zu ſuchen — hindeutet, und gar nicht zu erklaͤren doketiſche Anſichten liegt nämlich, wie wir alsbald fehen werben, allerdings in diefer Stelle. 330 Siebentes Bud. wäre, wenn er nicht auf ein folches bezogen. werden Fünnte, Es ift aber dem Evangeliften nicht blos um ein Wunder über: haupt zu thun, fondern ausdrüdlih um ein Wunder von facras mentaler, myftifcher Bedeutung. Auch dies haben die alten Ausleger fehr richtig bemerkt, und zum Sheil fchon in dieſem Sinne auf jene merkwürdige Stelle des erſten johanneifchen Briefes*) hingewiefen, in der wir. bereit3 oben zugleich noch in einem andern Sinne den Schlüffel zur gegenwärtigen gefunden haben. Wie dort Chriftus als Der genannt wird, „der da kommt durch Waffer und Blut, nicht im Waffer allein, fondern im Wafler und im Blut: fo ift die gegenwärtige Stelle beftimmt, den Körper Chrifti als den Lebensquell aufzuzeigen, aus welchem die Sacramente der Kirche, — nit das Blut allein, fondern auch das Wafler, — ohne die Keiner zum wahren Leben hinducchdringen kann, ausgefloffen find**). — Es verfteht fih, daß wir von der folchergeftalt aufgefundenen Deutung unferer Stelle nicht denfelben Gebrauch machen wer: den, wie jene Alten, welche in dem aus Chrifti Leichnam ver- meintlich hervorgeftromten Waſſer und Blut ein. thatfächliches, myfteriofes Wunderwerk erkennen wollten. Wir befennen uns vielmehr nochmals hier auf das zuperfichtlichfte zu der Meinung, nicht fowohl, daß jene Briefftelle dem Sinne nad) mit unferer evangelifchen zufammentrifft, als vielmehr, daß fie die Autorität ift, auf welche fich der Erzähler in jenen wunderlich lautenden Morten, die man gewöhnlich für die Berufung eines Augen: zeugen auf feine Augenzeugenfchaft nimmt, ausdrüdlich berufen wollte. AWlerdings findet fich in dieſer Aeußerung des Achten #) ovrös Lorıv 6 &Aduv Oi vdaros nal ainaros, Imooös 6 Xouords ovx &v TO bdarı uovov, dhh Ev Tu vdarı nor zo alnarı. 1. Joh. 5, 6. *ixx) — ut illic quodammodo vitae ostium panderetur, unde sacramenta Ecclesiae manaverunt, sine quibus ad vitam, quae vere vita est, non intratur. Augustin. ad h. 1. — Es iſt eine myſtiſche Heiligung des Waſſers zum Sarrament der Taufe, was durch diefe fonderbare Verbindung des Waffers mit dem Blute des Herrn bezweckt wurde; eine Heiligung ähnlicher Art, wie nah Ignatius bereits durch die Zaufe Chrifti durch Johannes bewerkftelligt worden wäre (EBarzi- 0%, iva ra made vo vöwe xa.$oglon. Ign. Eph. 18), Die Auferſtehung und die Himmelfahrt. 331° Sohannes nichts von dem hier erzählten Factumz wie denn ohne Zweifel diefer-Apoftel fo wenig, wie irgend einer der übrigen. Juͤnger des Herrn, etwas davon gewußt hat. - Der wahre, von dem Herausgeber des Evangeliums nicht minder, wie von. den fpätern Auslegern misverftandene Sinn jener Briefſtelle befteht nämlich fehr wahrfcheinlich in dem Gegen: ſatze gegen die in dem gefammten Briefe des Apoftels be— kaͤmpfte Lehre des Gnoftifers Gerinthus, welcher bekanntlich unter anderm auch behauptete, der göttliche Logos, der wahre Chriftus oder Meffias habe fich nicht fehon bei der Geburt, fondern erft in dem Augenblide der Taufe durch Sohannes mit dem Men- ſchen Jeſus vereinigt. Diefem gegenüber macht dort der Apoftel die vollfommene Menfchheit des wahren Chriflus geltend; er bemerkt, das Element, in welchem diefer Chriftus zu den Menfchen gekommen fei und fich den Menfchen mitgetheilt habe, fei allerdings zwar auch das Waffer der Taufe, aber nicht allein diefes Waffer, / fondern eben fo fehr auch das Blut des lebendigen Menfchen, | in welchem er ſich verfürpert hatte*). — Sonach finden wir in. Ich trage diefe Deutung mit einer gemiffen Zuverfiht vor, ob» gleich fie meines Wiffens bis jet noch durch feine Außere Autorität unterftüßt if, Sie begründet ſich auf eine Borausfegung, auf bie ich weiter unten noch einmal zurücfommen werde, daß der gefammte Brief eine (keineswegs verftedte, fondern offen ausgeſprochene) Bekämpfung der Lehre des Cerinthus enthält. Unter Diefer Bor- ausfeßung reiht ſich die bei jeder andern Vorausfegung dem Zus fammenhange fremd bleibende Stelle auf das ungezwungenfte in den Zufammenhang ein; auch entfpricht diefe Deutung dem unmit- telbaren Wortfinne offenbar weit befier, als die gewöhnliche. Nach leßterer nämlich Toll das 2Adeiv di aluaros vder &v TO aluarı den Verſöhnungstod Chrifti bezeichnen; eine durch alle ſprachliche Ana— logien ganz und gar ungererhtfertigte Deutung, während jener Ausdrud vielmehr unverkennbar nad Analogie Des 2Adeiv Ev oagnı (Cap. 4, 2) gebildet ift und alfo unftreitig auch ein dieſem Entfpre- chendes bezeichnen wird. Und welcher fehielende Gegenſatz nach jener Deutung, der zu dem 2Adeiv di vdaros! fei es nun, daß man diefes letztere mit der Mehrzahl namentlich der richtiger fehenden ältern Ausleger, auf die Taufe Chrifti dur) Johannes, oder mit den meiften neuern auf die durch Chriftus felbft verordnete Taufe beziehe; in welchem letztern (dem Wortfinn gleiche Gewalt, wie bie obige Deutung des EAdev du aiuaros anthuenden) Falle man 332 Siebentes Bud. diefer Stelle freilich weder die Thatſache, von der unfer Evan: gelift hier erzählt, noch auch felbft die ſymboliſche Beziehung, welche er diefer Ehatfache unterlegt; denn namentlich das Blut hat in derfelben durchaus Feine facramentale Bedeutung. Allein wie fehr es in der Weiſe unfers Evangeliften, oder desjenigen Süngerkreifes lag, aus welchem feine Bearbeitung der johan— neifchen Aufzeichnungen hervorgegangen ift, erſt, dergleichen dann, um für das ou Ev rw vdarı uovov x. T. A, einen erträgli= hen Sinn herauszubringen, einen dem Zufammenhange gänzlich fremden Geitenblit auf den Täufer zu Hülfe nehmen muß, vor welchem Durch das darauf folgende «Aa für Jeſus ein Vorzug in Anſpruch genommen werden fol. Nach unferer Deutung dagegen find Wortausprud und Gegenfat gleich treffend, fo wie der Zuſam— menhang vollkommen bündig. Es war im Vorhergehenden von dem Borzuge des Glaubens an Jeſus als den Chriftus (orı Imoovs Zorıv 6 Xouoros V. 1), an Jeſus als den Sohn Gottes (ru /moovg Eorıw 0 vios rov Heov) bie Rede geweſen, im Gegenfaße der Gerinthifhen Unterfheidung zwifchen Jeſus und Chriftus. Der Begriff diefes Glaubens wird nun hier erläutert Durch diefen feinen Gegenſatz. Der cerinthifihe Glaube nämlich war der Glaube an einen Chriftus, der nur de vdaros fommt, d. h. der dur das Waffer der Taufe erft mit dem Menfchen Jeſus fich vereinigt. Die— fem gegenüber tft der wahre Chrifius 0 22Hwv dr vdarog zal eiuaros (da fagt der Apoftel hier, noch nicht 2», indem er an die Borftellungsmeife des Cerinthus anfnüpft, nach welcher nur yon einem eAdeiv dic, nicht ev, Die Nede fein konnte). Diefer Chriftus, der wahre, ift ver Menſch Jeſus; der wahre Glaube alfo ein Glaube an Je— fun als den Chrift (der Artikel zwifchen 770006 und Xesoros tft an diefer Stelle unentbehrlih, und Feineswegs zu eliminiren), Zu mehrerer Verftändigung feßt der Apoſtel noch hinzu, indem er, feiner Sinnesweife gemäß, das cerinthifche due, welches auf das Waffer geht, in ein ev verwandelt, welches zunächft auf das Blut geht: „nicht imWaſ— fer blos, fondern auch im Blut“ (d. h. hier fo viel wie „im Fleiſch“). — Was weiter von der Zeugenfihaft des Geiftes, der als Zeuge mit Wafler _ und Blut, die gleichfalls zeugen, in Eins zufammentreffe, gefagt wird: das hat wahrfheinfich den Zweck, die cerinthifhe Behaup- tung von der felbftftändigen Perfönlichfeit des Geiftes, Der in der Taufe auf Jeſus herabgefommen fei, zu widerlegen. Der Apoftel meint, der Geift komme bier nur als Zeuge in Betracht, eben fo wie Waffer und Blutz das Zeugniß dieſer drei aber fei eines und daffelbe, nämlich (V. 9) ein Zeugniß Gottes über feinen Sohn, Jeſus ven Chriſt oder Meffias. Die Auferftehung und. die, Himmelfahrt. 333 fombolifche Beziehungen zu finden, und dann, aus diefen Be: ziehungen Thatfachen zu. bilden: dies hat fich uns fehon mehr- fah, und eben vorhin noch in der unmittelbar mit der gegen- wärtigen verfnüpften Erzählung von dem Beinzerbrechen gezeigt. Beide Erzählungen fcheinen in der That, wie fie äußerlich uns mittelbar mit einander verfnüpft find, fo auch ihrer innern Be— ichaffenheit nach wie vorausbeftimmt dazu, fich einander. ihren Charakter und ihre Entftehung gegenfeitig zu erläutern, indem beide, als Facta betrachtet, gleich widerfinnig find, in beiden aber die ſymboliſche Beziehung, die ihnen den Urfprung gegeben hat, gleich unverkennbar ift. — Crleichtert wird, was die gegenwaͤr— tige betrifft, die Einfiht in ihre Entftehung noch durch eine zufällige Notiz, durch die wir von einer Sage, welche der vor- liegenden höchft wahrfcheinlich als Anknüpfungspunct gedient hat, Kenntniß erhalten. In den ſ. g. fibyllinifchen Orakeln, unter denen fich anerkannter Weife Bruchftüde aus fehr früher Zeit befinden, kommt eine doppelte Weiffagung vor, welche unter den übrigen Mishandlungen, die Sefus vor feiner Kreus zigung von den Soldaten des Pilatus zu erleiden haben werde, auch eines „Stechens feiner Seite mit Rohren“*) gedenkt. Aus unſerer evangeliſchen Stelle, wie dieſe gegenwärtig vor: liegt, kann diefe Weiffagung ſchwerlich entnommen fein, da fie mit ihr fo wenig übereinftimmt. Es liegt daher nichts näher, ald zu vermuthen, daß vielmehr umgekehrt, die evangelifche . Sage fich aus einer Combination des dort angedeuteten, aus feiner urfprünglichen Umgebung herausgeriffenen Umſtandes mit jener fombolifchen Andeutung des Apofteld gebildet hat. So finden wir und denn nach diefem allem auch hier eben fo, wie allenthalben im bisherigen Verlaufe unferer Betrachtung, veranlaßt, von der unklaren, gefhraubten und fich ſelbſt widers fprechenden Darftellung des vierten Evangeliums zu der ein fachen, natürlichen und mit fich felbft vollkommen übereinftim= menden der Synoptifer, namentlich des Marcus, zurüczufehren. Ehen damit nun aber kann es feheinen, al feien wir bei dem entgegengefeßten Biel angekommen von jenem, nach welchem *) mAsvoov vofovsı xalauoıcıw. Sibyll. orac. I, p. 184 und VIII, p. 651 s. ed. Dall. 334 Siebentes Bud. wir, wie wir von vorn herein Fein Hehl hatten, bei diefer Unter- fuhung hinftreben. Es kann fcheinen, als hätten wir mit ber zuleßt behandelten Stelle des Johannesevangeliumd eine Haupt- ftüße der Anficht entfernt, welche den nicht blos fcheinbar, fondern wirklich erfolgten Tod Zefu ald eine beglaubigte und erwiefene Shatfache betrachtet. Auch abgefehen nämlich von jener dahin ge- deuteten Verficherung des Evangeliften ift in neuerer Zeit nicht felten die Meinung geäußert worden, daß erft jener Lanzenſtich für den Thatbeftand des wirklich erfolgten Todes entfcheidend fet, während e8 von dem wenigen, Stunden der Kreuzigung zweifelhaft bleibe, ob fie zureichend gewefen feien, den Tod des Gefreuzigten herbeizuführen, Freilich hat man dagegen zu be- merken nicht unterlaffen, daß auch die als thatfachlih an: genommene Erzählung von diefem Stich, von welder Geite man fie auch betrachte, weder die Zodtlichkeit defjelben, noch den fchon früher erfolgten Tod zu verbürgen geeignet iftz ſo daß alfo, wer einmal zu folchem Zweifel fich hinneigt, ſich auch durch fie ſchwerlich davon zurücfgeführt finden wird. Nichts deftoweniger hat die bisherige Kritik fich meift erft Durch fie, aber auch durch fie vollftändig beruhigt gefunden, und es wird Manchem befremdlich erfcheinen, wenn wir unfererfeits jet alles Ernftes gerade umgekehrt die Befeitigung dieſer vermeint- lichen Shatfache als einen wefentlichen Schritt zur Befeitigung jenes Zweifeld geltend machen. — Diefe unfere Anficht gründet fi) auf folgende Erwägung. So lange man die von und in ihrer Blöße dargelegte Stelle als die gewichtiafte Autorität über den factifchen Hergang der Kreuzesabnahme zu betrachten fortfährt: fo lange wird man auch geneigt bleiben, die Ten— denz derfelben, namentlich die Tendenz der ihr einverwebten Betheuerung, gegen den Argwohn eines bloßen Scheintodes ge= richtet zu glauben, Dies hat der Hergang der Verhandlungen über fie in der neueften Zeit deutlich bewiefen, indem die offen- bare Mehrzahl der Zorfcher, und zwar von den entgegengefeß: teften Parteien, fich diefer Auslegung‘ zuneigt*), während die an- dern von uns widerlegten Auslegungsweifen nur noch verein: ) Mit de Wette und Strauß befennt fih u. a. auch Tholud : zu ihr, eben ſo Winer u. a. Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 335 zelte Anhänger zählen*), die der alten Ausleger aber, Die wir für die einzig richtige erkannten, gleihmäßig von allen aufge: geben. ſcheint. Nun aber befennen wir, daß es für und von _ hiftorifcher Seite Fein bedeutenderes Argument gegen die Anz nahme. eines Scheintodes giebt, als das gänzliche Nichtvorhan— fein jedes folhen Argwohns fowohl innerhalb der früheften Ehriftengemeinde,; als auch felbft unter ihren Gegnern. Wir halten diefe$ argumentum a silentio für fo bedeutend, daß es uns als volfommen genügend erfcheint, allen und jeden Zweifel niederzufchlagen, den, für fich allein betrachtet, die Fruͤhzeitig— keit des erfolgten Todes allerdings erweden koͤnnte. Es kommt nämlih, wie man fchon dfter erinnert hat, hier nicht fo fehr auf den Umftand an, ob der Tod im Moment der Abnahme vom Kreuze wirklich fchon erfolgt war, — wiewohl auch dies, wenn auch als ungewöhnlich, Doch Feineswegs ald unmöglich, ja nicht einmal als unwahrfcheinlich zu betrachten fein dürfte, und wir unfererfeit uns unbedenklich auch zu Diefer Annahme bekennen; — als vielmehr, ob, felbft im Falle einer Ohnmacht, eine Scheintodes, ohne fremde Beranftaltung und Beihülfe eine Wiederbelebung im Grabe, eine Entfernung aus dem, wie wir fo ausdrüdlich berichtet finden, wohlwerwahrten Grabe möglich war. Dies wird mit Recht von Allen, die nur einigermaßen mit Klarheit ſich dieſe Frage vorlegten, verneintz und fomit wäre denn felbft für diejenigen, , welche jenen Umftand bedenk— licher finden, als wir ihn finden koͤnnen, der Gedanke. an eine mögliche Erwedung von dem angeblichen Scheintode auf den Verdacht einer geheimen Mafchinerie folcher Art zurücdgeführt, wie fie gewiß eine Spur ihres Dafeins, wäre e$ auch nur in argmwöhnifchen Vermuthungen fei es der Gegner außerhalb, oder der Irrlehrer innerhalb der Gemeinde zurüdgelaffen haben müßte. — Diefes, gerade im gegenwärtigen Falle fich für die aufmerffame Unterfuchung als fo hochft gewichtig, ja als ent- fcheidend erweifende Beweismittel alfo, das Nihtvorhan- denfein folhen Argwohns in dem gefammten nachfolgenden **) Diejenige, welche die Stelle als gerichtet gegen die Doketen be- trachtet, Olshaufenz jene aber, welche ven Bezug auf die Weif- fagungen hervorhebt, Lücke. 336 Siebentes Bud. Zeitalter, würde durch die, in jener von und abgewiefenen Weife misverftandene, Verficherung des Apofteld unwiederbringlich ver- loren gehen; ja wir fanden uns genöthigt, Diefe Verficherung, wenn wir fie wirklich fo zu verftehen hätten, ald einen Beweis vielmehr vom Gegentheile deffen, was fie beweifen fol, anzu—⸗ fehen und hinzunehmen. In der That, hätte der Apoftel Jo— hannes (diefen nämlich müßten wir uns als ihren Urheber denken, wenn die Stelle ihre Autorität in jenem Sinne behaup- ten follte) innerhalb der Gemeinde, an die er feine Evangelien- fchrift richtete, einen folchen Zweifel an der Realität des Todes Sefu vorgefundenz hätte er, — ohne Zweifel von allen bündigern Beweismitteln entblößt, — fich eines ſolch en Argus mentes bedienen müffen, um diefen Zweifel niederzufchlagen : fo würde e8 uns als evident erfcheinen, daß Sefus wirklich nur fcheintodt gewefen fein koͤnne. Das aus der, wahrfchein: lich nur leicht geristen, nicht tief eingegrabenen Wunde aus: fließende Blut wäre ein offenbares Zeichen des noch nicht aus dem Körper entfchwundenen Lebens; die Meinung, auch Waſſer erblickt zu haben, müßte auf irgend einer Taͤuſchung beruhen”), und eben fo auch die Meinung, daß dies für ein Zeichen des Todes habe gelten konnen. Mehr als alles aber würde die in der apoftolifchen Gemeinde dann als factifch beftanden habend und von dem Apoftel nur fo gelegentlich und obenhin, mit offenbar unzureichenden Beweismitteln bekämpft. anzuerfennende Anficht über die Befchaffenheit des Kreuzestodes: und der Wiederbele— ‚bung Sefu die gewichtigfte Inſtanz dafür abgeben, daß bie At und Weiſe und der gefammte Charakter der Erfcheinung Ehrifti nach jener Kataftrophe folche waren, welche jenem Ber: dachte Raum gaben, und daß die nähern Mittheilungen, welche die Apoftel über fie zu machen hatten, denſelben zu widerlegen keineswegs geeignet. waren, Hiervon nun das gerade Gegentheil ergiebt fich ung, wenn wir, in Folge unferer Auslegung der befprochenen Stelle, und *) Etwa, wie Safe vermuthet (L. 3. $. 149), auf einer Verwech— felung des nur Leicht gefärbten „Blutiwaffers, mit welcher die unge- binderte Blutung einer Wunde in freier Luft zu enden. pflegt, mit wirklichem Waſſer. Die Auferftehung und. bie Himmelfahrt. 337 der von uns. verfuchten Erklärung ihres Urfprungs die Möglich- feit einer in ihr fich werbergenden Spur folcher frühzeitig. vor- handenen naturaliftifchen Anficht als befeitigt anfehen dürfen. So nämlich finden wir und in Stand gelegt, die Thatfache des Nihtvorhandenfeins diefer Anficht zu jener frühen Zeit in ihrem ganzen Gewicht geltend zu machen; eine Thatſache, die uns, wie gefagt, für die Unwahrheit der Anficht ſelbſt, fo wie diefelbe erſt in neuerer Zeit aufgeftelt worden, entſcheidend ift. — Man wende uns nicht ein, Daß, wenn wir fo eben das wirflihe Vorhandenſein jenes Argwohns unter den gegebenen Umſtaͤnden als entfcheidend für die factifhe Wahrheit dieſes Argwohns betrachteten, hieraus bei der Umkehrung der Praͤ— miffen den Regeln der Logik gemäß nur die Möglichkeit, aber nicht die Nothwendigfeit für die Unwahrheit folchen Argwohns folge. Es handelt ſich bier nicht ‚um eine abftracte logifche Dperation, fondern um die Natur einer allgemein verfündigten und allgemeines Auffehen machenden gefohichtlihen Zhatfache, von. der fich, bei der heftigen und andauernden Beftreitung zu— mal, die fie fand, wahrlich nicht denken läßt, daß ihre wahre Beichaffenheit Allen ohne Ausnahme, die über fie verhandelten, hätte verborgen bleiben fonnen. — Died nämlich müßte, abgefe- hen von jener falſch gedeuteten Stelle, in Bezug auf die Wie- derbelebung des fcheintodt vom Kreuze abgenommenen Sefus offenbar. der Fall gewefen fein. Denn wo fande ſich fonft in irgend einem Denfmale der apoftolifchen oder derinachfolgenden Zeit, fei e8 unter Freunden oder unter Gegnern, auch nur bie leifefte Andeutung eines Argwohns, durch den man dieſem an- geblich wahren Hergange der wunderbaren Begebenheit auf die ‚Spur gefommen wäre? Um fich zu überzeugen, wie entfernt zu. jener Zeit ſelbſt die, fcharfiinnigften Gegner des Chriftenthumg von einem folhen Berdachte waren, gehe man unter andern die. Polemik des Celſus gegen das Factum der Auferftehung durch, wie wir fie ausführlih genug im zweiten Buche des Drigened gegen dieſen heidnifchen Skeptifer ausgezogen leſen. Diefe gefammte Polemik ift ausfchließlic gegen bie thatfächliche Wahrheit der Erſcheinungen des Auferflandenen felbft gerichtet ; Diefe werden ald Betrug und leere Phantafterei behandelt, nir- gends aber nur im entfernteften der Gedanke geäußert, ber an- Bd. I. 22 338 Siebentes Bud, geblich Auferftandene Fonne wohl in der That, aber nicht als ein vom Tod, fondern nur von einem Scheintod Genefener mit feinen Süngern Verkehr gepflogen haben. Eben fo entfernt müffen die Juden der apoftolifchen Zeit von dieſem Argwohn gewefen fein, wenn es fich, wie Faum zu bezweifeln, mit der im erften Evangelium gegebenen Notiz richtig verhält, daß un— ter denfelben ſich das Gerücht verbreitet hatte, Die Juͤnger hätten den Leichnam Sefu, um feine Auferftehung erdichten zu fonnen, heimlich aus dem Grabe hinweggefchafft. — Ein ganz befonderes Gewicht aber möchten: wir, für den Beweis des factifchen Nichtvorhandenfeins folchen Verdachts, der Art und Weiſe beilegen, wie Marcus der VBerwunderung des Pilatus über den frühzeitigen Tod Jeſu gedenkt. Diefe ift offenbar eine fo harmlofe und unbefangene, wie fie es nimmermehr würde fein fünnen, wenn der Gvangelift von einem Zweifel folher Art irgend eine Kunde gehabt hätte, ja wenn ihm nur von fern die Möglichfeit deffelben beigefallen wäre”). Auch) feine beiden Paraphraften würden, wenn fie von einem folchen Zweifel das Mindefte gewußt hätten, nicht umhin gekonnt ha— ben, jene Nachricht ihres Vorgängers, ftatt fie als eine unbe— deutende und nicht zur Sache gehörige zu übergehen, vielmehr auf eine Weiſe zu erläutern, welche die Nahrung, die aus ihr jener Zweifel ziehen Fonnte, zu befeitigen gedient hätte. Wenn nun aber, troß Diefes, den Zweifel, wie e8 uns jest fo erfcheint, fo nahe legenden, ihn fo auffallend begünftigenden Umftandes, — wir meinen nicht blos die vom Pilatus ausgefprochene Ver: wunderung über den fo raſch erfolgten Tod Jeſu, fondern die: fen frübgeitigen Tod felbft, — dennoch Fein Zweifel ſich geregt hat; wenn wir es, nach aufmerffamer Durchforſchung der Do— cumente des apoftolifchen und nachapoftolifchen Zeitalters, als erwiefen betrachten dürfen, daß diefem Zeitalter folcher Zweifel vollig fremd und unbefannt geblieben ift: fo verkehrt fich uns unter den Händen gerade jener Umftand, welcher, oberflächlich *) Daß es falfh ift, mit Strauß (L. 3. I, ©. 572) das zakaı (Mare. 15,44) zu preſſen: dies geht fehon aus dem Umſtande hervor, daß diefes Wort in der Frage des Pilatus, nicht in der Antwort des Genturio fteht, ö Die Auferftehung und die Himmelfahrt. . 339 betrachtet, unter und den Zweifel aufzuregen und zu nähren nicht umhin Fonnte, in einen Beweis für die Grundlofigfeit dieſes Zweifels. Wir fonnen nämlich bei aufmerkffamer Erwaͤ— gung deffelben nicht umhin, mit Zuverficht zu fchließen, daß ein Zeitalter, welches auch diefer Umftand zum Zweifel zu ver: führen ſich unfräftig gezeigt hat, während es doch der That: fahe, um die es fich handelte, fo nahe fland und zu ihrer Prüfung, — die auch von dem verfchiedenften Seiten her Fei- neswegs ausblieb, — in dem Beſitz fo ausreichender Mittel war, — daß, fagen wir, diefes Zeitalter durch die Befchaffenheit der fonftigen Kenntniß, die es von dieſer Thatfache hatte,. von vorn herein verhindert gewefen fein muß, folchem Zweifel Raum zu geben. Und hiermit nun haben wir die Unterfuchung auf den Punct geführt, den wir von vorn herein ald eigentlichen Ziel: punct vor Augen hatten, wenn wir gleich denfelben durch fcheinbar fehr weit davon Abführende Umwege und Kruͤmmun— gen verfolgen mußten. Das factifhe Nihtvorhanden- fein des durch einen von dem Factum der Aufer- ftehung felbft vollig unabhängigen Umftand fonahe gelegten Verdachts, als ob Chriftus am Kreuze niht wirklich geftorben fei, im apoftolifchen Zeit: alter, beweift, daß die Erfcheinungen des Aufer— ftandenen, fowohl an fich felbft, als in den Erzaͤh— lungen der Jünger einen Charafter müfjen getra- gen haben, der eine Erklärung derfelben mittelft ſolchen Verdachtes gar nicht zuließ, der vielmehr ſolchen Berdaht auf das beftimmtefte und unzwei— deutigfte ausfhloß. Worin aber diefer Charakter beftan- den haben wird? darüber kann, wer auch nur die zu allen Zei- ten der chriftlichen Kirche von einem anfehnlichen und ehren- werthen Theil ihrer Lehrer ausdrüdlich aufgeftellte und verthei- digte, von der Kirche als folcher niemals verworfene Anficht über die Befchaffenheit der wunderbaren Thatfache Fennt und berüdjichtigen will, feinen Augenbli in Zweifel bleiben. Diefe Anfiht nämlich geht dahin, daß Chriftus in einem verflär- ten Korper auferftanden feiz nicht in dem irdifchen, aus ſchwerer 22* — 340 Siebentes Buh Materie, aus Fleifeh und Blut gebildeten Körpert). Von ihr ift nur Ein Schritt zu der Vermuthung, ‚die freilich ihrerfeits über, die Grenzen der bisherigen Dogmatik und des Buchſta— benglaubens an die evangelifche Ueberlieferung ‘hinausgeht: daß die Auferftehung Sefu überhaupt nur eine dem ‚Gebiete des Geiftes- und Seelenlebens, nicht der äußern Körperlichkeit an— gehörende Thatſache fei, daß an ihre der irdifche, ind. Grab gelegte Leib keinen Antheil gehabt habe. Dieſe Anfiht, wie fie ſchon vorlängft von philofophifchen Betrachtern der evanges liſchen Gefchichte gefaßt und mit Vorliebe gehegt worden ift **), *) Diefe Anficht, die freilich, wegen des Buchſtabenglaubens an die evangelifchen Nachrichten, nicht immer mit Confequenz durchgeführt werden Fonnte, war in der-ältern Zeit und der Fatpolifchen Kirche entfchieden die vorherrichende. Beim Entftehen des Proteftantismus ift fe zu einer Streitfrage zwiſchen Lutheranern und Galviniften geworden, nachdem zuerft die letztern, Calvin felbft an ihrer Spige, mit zelotifchem Eifer für die entgegengefeßte Anfiht Partei zu er— greifen und diefelbe, als die auch fonft als rechtgläubig anerfannte einzufipwärzen begonnen. hatten. Wie wenig das Ießtere gelingen konnte, Davon Fann man fi) Leicht überzeugen, wenn man z. B. in Suicers Thesaurus die diefen Gegenftand betreffende Stelle (int Artifel eraorasıs, Tom. I, p. 311 s.) nachlefen will. Nachdem der eifrig calviniſtiſche Verfaſſer hier zuerft den Anlauf nimmt, die An— ficht, daß der Körper des Auferfiandenen ein verklärter gewefen fet, als eine manichätfehe, eutychianiſche, origeniſtiſche Ketzerei zw ſchil— dern und es zu diefem Behuf an Anführung von Stellen aus den Schriften jener Keßer nicht fehlen läßt, fieht er fih im meitern Derfauf zu der Anerfenntniß genöthigt, daB auch orthodoxe Kirchen- väter, Hieronymus, Theophylaftus, Epiphanius u. a. (vergl. ebenda. p. 1415) diefelbe Meinung gehegt und ausgefprochen haben, Darüber in fichtlicher Berlegenpeit beſchuldigt er endlich die „Papiſten“ Pontificios) — d.h. offenbar die gefammte bisherige orthodoxe Kirche — fammt und fonders diefer vermeintlichen Keßerei, Um aber feine eigene Partei vor dem Vorwurfe fectirerifher Heterodorte zu ſchützen, ergreift er folgenden wunderlichen Ausweg: „Die orthodore Lehre läugne nicht, daß der Körper Chrifti nach der Auferftiehung feinen Eigenfhaften nad (ratione.qualitatum) geiftig und himmliſch gewefen fei, wohl aber läugne fie beharrlich und entfrhieden, Daß er auch feiner Subftanz nach folches geweſen ſei.“ **) Man denfe an die befannte, auch von Strauß wieder angeführte und ausgezogene Aeußerung Spind za's. Dffenbar denfelben Sinn haben die Worte Hegels (Borlefungen über die Philoſ. der e Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 341 iſt bekanntlich" auch neuerdings als das Ergebniß_ einer Kritik ausgefprochen worden, welche zugleich freilich in der Art und Weife, wie fie dies that, nur allzufehr den Vorwurf auf fich Ind, ‚die geiftige Wahrheit und Wirklichkeit dieſer, auch fo noch im höchften Sinne wunderbar und außerordentlich zu nennen: den Thatſache eben fo zu einer leeren Einbildung herabzufegen, wie } fie zuvor die eigentliche. Lebensthätigkeit des Herrn ihres weſentli⸗ chen, göttlihen Gehaltes “entleert zu haben den Anfchein nicht hatte vermeiden fünnen. An uns tft es jetzt, einestheils die Wahr- heit diefer Auffaffung vollftändiger noch, als es unferd Erach— tens durch jene Kritik geſchehen ift, gefchichtlich zu begründen, anderntheils mit‘ diefer Begründung zugleich, und in gewiffen Sinne durch fie felbft, fo gut wir e8 vermögen, den Beweis zu führen, wie bet Anerkennung diefer Geftalt der Thatfache | der religiofe Glaube an den Auferftandenen nichts von feinem fubftantiellen Gehalte aufzugeben braucht, wie er denfelben viel— mehr in edlerer und reinerer Geftalt, als zuvor, zu bewahren und zu behaupten in Stand gefekt wird. Indem wir und num zu diefem Unternehmen rüften, be: gegnen wir zunächft allerdings einer Erzählung, welche im die vecteften Widerfpruche damit zu flehen fiheint, indem fie auf das ausdruͤcklichſte von einer Entleerung des Grabes fpricht, in welches ber Leichnam Jeſu durch Sofeph von Arimathäa gelegt worden war. Es fteht diefe Erzählung bei den Synoptifern in unmittelbarem Zufammenhange mit dem Bericht von dieſer Grablegung, welcher auf zwei Zufchauerinnen, die Maria Mag- dolena und jene andere Maria, die als Mutter des Jakobus und Sofes bezeichnet: zu werden pflegt, zurüdgeführt wird, — diefelben, welche uns auch, nebft der Salome, der Mutter des zebedaidifchen Brüderpaares, die beiden erften Synoptiker als fernftehende Zufchauerinnen bei der Kreuzigung genannt hatten. Diefe zwei, To heißt es bei Marcus, welchem auch hier der Berfafier des erften Evangeliums in allen Hauptpuncten. treu Religion I, ©, 250): „Die Auferftehung gehört wefentlich den Glauben an. Chriſtus ift nach feiner Auferftehung nur feinen Freun⸗ den erfchienen; Dies ift nicht Außerliche Geſchichte für den Unglau— ben, fondern nur für den Glauben ift diefe Erſcheinung.“ 342 Siebentes Bud. nacherzäplt, fahen zu, wie Sofeph den Leichnam vom Kreuze herabnahm, in Leinwand hüllte und in. ein Grabmal legte, welches (wie bei den Suden der Gebrauch) in einen Feld ge: hauen war; vor den Eingang des Grabmals (— die übrigen Evangeliften, Marcus nicht, bezeichnen es, wohl nicht ohne einen fymbolifchen Nebengedanfen, als ein neues, bisher noc) ungebrauchtes) wälzte er einen Stein. Auch Lukas, der im Borhergehenden ald Zeugen der Kreuzigung, wohl nur unbedachtfamer Weife „ſaͤmmtliche Angehörige Jeſu“ genannt, doch neben diefen (unftreitig nur auf Veranlaffung der Drigis nalftelle bei Marcus, da er fonft diefelben als unter jenen fchon begriffen fehmwerlich noch befonderd würde hervorgehoben haben) der Frauen ausdrüdlich gedacht hatte, erwähnt hier, doc) ohne fie namentlich zu nennen, ausdrudlich nur die letzteren. Wir machen auf dieſen Umftand abſichtlich aufmerffam, zunächft zwar, weil er, zufammengenommen mit dem Inhalte der nach— folgenden Erzählung, eine neue Beftätigung für die factifche Nichtigkeit jener Angabe der zwei erſten Synoptifer giebt, nach welcher ſchon bei der Kreuzigung nur die Frauen, aber Feiner von den übrigen Züngern Augenzeugen waren. Denn. was für ein Grund Fonnte diefe lesteren vermocht haben, nicht gleichfal8, wenn fie zuvor gegenwärtig waren, aud an der Grablegung noch Antheil zu nehmen; oder was für ein Grund den Berichterftatter, gerade hier ihre Augenzeugenfchaft zu vers fchweigen® Daß aber Feiner der Juͤnger aus eigener Anfchauung die Grabftätte Fannte: dieſer Umftand ift, wie fi) uns bald deutlicher zeigen wird, für die weitere Folge der Begebenheiten allerdings von Wichtigkeit. — Auch im vierten Evangelium finden wir Feine Spur einer Gegenwart der Sünger bei der Grablegung; doch wird dort auch der Frauen nicht ausdrüd: lich gedacht, fondern ftatt ihrer dem Sofeph noch Nikodemus beigefellt. Diefer nämlich foll, zur Einbalfamirung des Leich— nams, welcher, — um der Schnelligkeit willen, wie es dort heißt, — in einem nahegelegenen Garten beigefeßt ward, die ungeheuere Quantität von hundert Pfund Spezereien herzugebracht haben. Dadurch feßt fich diefer Evangelift in einen offenbaren Wider: ſpruch zu den Synoptifern, welche, ungleich wahrfcheinlicher, den Frauen das Gefchäft des Einbalfamirens vorbehalten, und Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 343 dieſes Gefchäft ald die Veranlaffung des zwei Tage fpäter von ihnen unternommenen Befuchs am Grabe nennen, Mährend nun die zwei mittleren Evangeliften die Erzaͤh— lung von diefem Befuche unmittelbar an die vorhergehende ans ſchließen: fo finden wir bei dem erften die Erzählung dazwifchen: gefhoben, wie die Priefter und Pharifäer ſich von Pilatus eine Wache erbaten, um fie vor das Grab zu ftellen; aus dem Grunde, damit nicht die Jünger auf den Einfall kommen moͤch— ten, den Leichnam zu flehlen und vorzugeben, Chriftus fei, der von dem Lebenden ‚ausgefprochenen Verfündigung gemäß, deren fih bier auch die Gegner erinnern wollen, aus dem Grabe auf: erftanden. — Diefe Erzählung ift, nebft der weiteren, die fich daran reiht *), wie nach der wirklich erfolgten Auferftehung Sefu die Wache von den Prieftern und Aelteſten unter dem Verſpre— chen, fie bei Pilatus vertreten und entfchuldigen zu wollen, be: ftochen ward, zu fagen, fie habe geichlafen und unterdeß fei der Leichnam von den Süngern geftohlen worden, — von der Kri— tif neuerer Zeit mit feltener Einſtimmigkeit für apokryphiſch er— Fannt, fie if, nachdem man ſich von der Unmöglichkeit, daß fie etwa in den Zert des Evangeliums von fremder Hand einge: ſchoben fein fonne, überzeugt hatte, als eined der Hauptmerf: male der Unächtheit des fogenannten Matthäusevangeliums be— trachtet worden. Wir glauben, insbefondere nach der bündis gen Zuſammenfaſſung aller Momente diefer Kritik durch Strauß **), und aller weiteren Polemik gegen fie enthoben, und gehen lies ber dazu fort, auf die Bedeutung des factifchen Momentes auf merffam zu machen, welches ihr, und wahrfcheinlich nicht ihr allein, zum Grunde liegt. Diefes Moment namlich ift, wie gleichfalls bereits Strauß richtig bemerkt hat, offenbar das nach der ausdrüdlichen, auch durch anderweite Spuren, die fi in juͤdiſchen Schriften darüber vorfinden ***), beftätigten Andeutung des Evangeliften +) (der freilich ſeinerſeits daſſelbe aus jenem Borfalle ableiten will), thatfächlich zu feiner Zeit unter den Ju— *) Matth. 28, 11 ff. **) 2, 3, ]I, ©, 582 ff. *##) Berge, Eifenmenger Neuentdedtes Judenthum. I, ©. 189 f. + Matth. 28, 15, 344 Siebentes Bud. den verbreitet gewefene Geruͤcht, der Leichnam Jeſu fei von ſei— nen Süngern entwendet worden. Wir haben, wie fich in der weiteren Folge unferer Unterſuchung deutlicher ergeben wird, durchaus feinen Grund, diefes Gerücht für ein, fei es in facti— fcher Wahrheit begründetes, oder auch nur durch wirkliche Ent: fernung des Leichnams veranlaßtes zu halten; wohl aber haben wir in ihm, bei der vorläufig von und ausgefprochenen Anſicht über die eigentliche Befchaffenheit der Erſcheinungen des Aufers ſtandenen, einen naheliegenden und nicht unbenußt zu laffenden Anknuͤpfungspunct zur Erflärung des diefer Anficht hauptfäche lich Entgegenftehenden. Wie, wenn das erwähnte jüdifche Ges rücht, ftatt aus dem Berfhwinden des Leichnams entftanden zu fein, vielmehr umgekehrt unter den Chriften zu der Meinung, daß der Herr, nicht blos im Geifte, oder im Leibe der Verklaͤ— rung, fondern in feinem wdifchen Leibe auferftanden fei, den erften Anlaß gegeben hätte? Die Entftehung des Gerüchtes felbft im Laufe der Zeit kann, wenn einmal der Glaube an die Auferftehung Ehrifti von den Chriften factifch ausgefprochen war und von den Juden befämpft ward, auch ohne alle thatfächliche Grundlage nicht im mindeften befremden. Noch weniger aber Fann befremden, wenn die Chriften einer Thatfache Olauben ſchenkten, die folchergeftalt durch das eigene, freiwillige Zeug: niß ihrer Gegner über allen Zweifel: erhoben fchien, und wenn fi) auf diefer Grundlage jene Sagen bildeten, welche Das Factum der Entleerung * Grabes allerdings vorauszu— ſetzen ſcheinen. In dieſer Betrachtung alſo glauben wir den Schluͤſſel zu— naͤchſt zu der Erzaͤhlung vom Leerfinden des Grabes durch die Frauen gefunden zu haben, welche ſo, wie wir ſie, nicht ohne die vielfachſten gegenſeitigen Widerſpruͤche, in unſern Evange— ‚lien leſen, auf das unverkennbarſte die Spur einer erfindenden und umbildenden Thätigkeit der Sage trägt. Wir halten uns ‚ bei der nähern Prüfung derfelben wiederum zunächft an Mar: cus. Auch hier nämlich Liegt der Bericht diefes Evangeliſten fichtlih den beiden andern fynoptifchen, fo viele Freiheit fich lchtere auch diesmal mit ihrem Driginal genommen haben, zum Grunde und läßt in mehrfachen Spuren, die bei jenen immer mehr verwifcht find, den urfprünglichen Thatbeftand hindurcher— Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 345 kennen. — Nach Ablauf des Sabbaths, fo erzahlt der Evans gelift, Fauften Maria Magdalena, Maria Jakobi und Salome Specereien ein, um den Leichnam zu falbenz fehr früh am fols genden Sage, mit Sonnenaufgang, gingen fie hin zum Grabe, Da kam ihnen der Zweifel, wer ihnen den Stein, den fie vor den Eingang des Grabes hatten legen fehen, hinwegwälzen werde; als fie aber aufblicten, wurden fie gewahr, Daß der Stein, groß wie er war, hinweggewälzt fei. Sie gingen in das Grab hinein und erblidten dort einen Süngling zur Rech— ten jigen, in einem weißen Kleide; fie wurden von Schreden ergriffen. Er aber fprach zu ihnen: „Erſchrecket nicht, ihr, ſu— het Jeſus den Nazarener, den Gekreuzigten; der ift erwacht, er ift nicht hierz fehet da den Ort, wo fie ihn hinlegten! Aber gehet, jagt feinen Süngern und dem Petrus, daß er euch nad Saliläa vorangehtz dort follt ihr ihn fehen, fo wie er euch ſagte!“ Da gingen fie hinaus und flohen von dem Grabe hinweg; fie waren vor Schreden außer fih und fagten aus Furcht Niemandem etwas davon. — Go die ältefte und ur— fprünglichfte der Erzählungen, die uns über das wunderbare Er— eigniß erhalten find. Ihr Typus läßt fi, wie gefagt, aud) in den freilich im Ginzelnen ſchon vielfach abweichenden der bei— den andern Synoptifer, zugleich mit den. Gründen diefer Ab— weichung, noch immer deutlich hindurcherfennen. Der Berfaf: fer des erften Evangeliums Fonnte, nachdem er einmal die Gr: zahlung von der Wache eingefchoben hatte, nicht umhin, von der Art und Weife, wie troß derfelben der Stein hinmwegge- wälzt worden war, eine etwas beftimmtere Nechenfchaft zu ge= ben; auch mußte diefe Begebenheit noch andere Zeugen außer der Wache gehabt haben, damit das falfche Zeugniß der letzte— ren Zügen geftraft werden konnte. Zu diefem Behufe nun be= nutzt der GEvangelift den Beſuch der Frauen. Er fchweigt von der Abficht des Salbens und läßt fie nur in der . allgemeinen Abficht, das Grab zu befehen, herzukommen; hauptfächlic wohl, weil er vorausſetzte, Daß durch die Wache der Zugang zu den Leichnam felbft ihnen unzuganglich geworden war, vielleicht aber auch, um die Ueberrafhung, als fie den Stein wirklich hin- weggemwälzt fahen, als defto größer erfcheinen zu lafjen. Hin— fichtlich der Zeit des Befuchs findet Feine Abweichung ſtatt; denn 346 Siebentes Bud. die allerdings etwas ungewöhnlich lautenden Worte *) find, wie neuere Erflärer richtig gezeigt haben, gleichfalls von dem Mor: gen nach) dem Sabbath, nicht von dem vorhergehenden Abend zu verftehen. So auch gebt der Evangelift nicht dazu fort, das Hinwegwälzen des Steines durch den, unter gewaltigem Erdbe— ben, fo heißt es bei ihm, vom Himmel herabfteigenden Engel unmittelbar vor den Augen Der Frauen vorgehen zu laſſen, ſon— dern er hält feine Darftellung, wie es fcheint, in abfichtlicher Unbeftimmtheit, um weder feinen Vorgänger Lügen zu flrafen, noc) die Augenzeugenfchaft der Frauen geradezu auszufchließen. Der Engel fest fih nach) ihm auf den Stein nieder, feine Ges ftalt wie ein Blis und fein Gewand weiß wie Schnee; die Wache, als fie ihn erblickt, faͤllt von Furcht ergriffen für todt zur Erde, der Engel aber wendet jich zu den (unbeftimmt, ob Schon länger daftehenden, oder jest erft hinzufommenden) Frauen und redet fie faft genau mit denfelben Worten an, wie dort bei Marcus *), — Worte, die freilich vorauszufesen fcheinen, daß die Frauen nicht felbft hatten den Stein hinwegwalzen und ‚den Auferftandenen aus dem Grabe heraustreten fehen, — Bis auf =) 08 oaßBarom, Ti ErrıpWoxzovon &is ulav ondfarım. Matth. 28, 1. *=) Um fich von der Identität der beiverfeitigen Neden und zugleich davon zu überzeugen, welcher von beiden Evangeliften der Para— phraft des andern ift, betrachte man fie einander gegenübergeftellt; Marcus, un Er Vaußdsiote' "Imoovv Enreize rov NaLlapnvov zov doraremuvov nylo9m, ov# !orıv wos’ y' € ‚ u „ — ide 0 Tomos, unov Fümxav aı'rov. al Umaysrs, sitare Tois uasn- Tais ‚aUToD, zol zo Ilerom, & — ng00Y dv uas sis Tolılaiar 3 ne 2 &xet avrov oweote, nadws eirev c - vu. Ma ‚tthäus, un 0; Fetoite vet‘ olda rag orL Inoovv zov Eorav- gwuLvov Önrsirs oux Lorw ads 1yLgdn yap, na- os ers. deure, iders Tov TomoV,- &4sı70 0 zuplus. al Tayv mogenitrtoau girars rois wadntais aurov, ori ,ny&odn ano Tov vergow* zal 1dod, Trgo- aysı, vos &is TmV Vakıkalav Enst avrov Oweode' Ldov, Eimov vwin. 0 OTEOVU Die legten Worte des Mareus fiheinen dem Verfaſſer des erfien Evangeliums unverftändlich geblieben zu fein, der fich nicht fogleich an die, obgleich von ihm felbft (Matth. 26, 32) nachgefihriebenen Worte Marc, 14, 28 erinnerte, und deshalb hier den Engel, ftatt sirer, eirov fagen ließ, das xadws simev aber auf die von Chri- ftus vorausgegebene Verkündigung feiner Auferftefung bezog. Die Auferftehung und die Himmelfahrt, ı 847 diefen Punct, von wo ab bei beiden Evangeliften neue, ſelbſt— fländige Zuſaͤtze beginnen, verhält fih auch Lukas ähnlich zu Marcus, dem Inhalte nach mit weniger auffallenden Differen- zen, im Ausdrude gleihmäßiger umfchreibend. Abgefehen von dem wenig erheblichen Umftande, daß er hier eben fo, wie ſchon bei der Kreuzigung, die Frauen nicht mit Namen nennt, fondern erft fpäter *) ihre Nennung nachholt (wobei er ftatt der Sa— lome, deren Namen auch. der erfte Gvangelift zu nennen vers meidet **), eine Johanna nennt, vielleicht weil der Name jener in fpäterer Zeit minder bekannt war), — fo läßt er die Frauen fogleich bei ihrer Ruͤckkeyr von der Grablegung die Spezereien bereit halten; unftreitig weil er die Unwahrfcheinlichkeit bemerkt hatte, welche darin liegt, daß fie diefelben fo früh am Mor: gen, wie es nad) dem Buchftaben des Marcus fo feheinen würde, eingekauft haben follten. Der Befuch felbft am Mor: gen des dritten Tages wird erzählt, wie bei Marcus; nur heißt es ausdrüdlich, daß fie den Leichnam nicht fanden; worauf dann zwei Männer mit leuchtenden Gewändern zu ihnen tre— ten und fie mit folgenden Worten anreden: „Was ſucht ihr den Lebenden unter den Todten? Er ift nicht hier, fondern er ift erwacht! Erinnert euch, wie er zu euch redete, ald er noch in Galilda war: des Menfchen Sohn müffe in die Hände, fündiger Menfchen gegeben und gefreuzigt ‚werden, und am dritten age auferftehen!’’ — Bei diefen Worten, an denen man übrigens auch noch in einem andern Zuge die Worte des arcus bindurchfchimmern fiebt**), ift befonderd merfwürdig die eigenthümliche Wendung, welche Lukas der Erwähnung Galilaͤas giebt. Daß Jeſus den Züngern nad Galilaͤg vorangehen wolle, konnte er den Engel deshalb nicht fagen laffen, weil fie nach ihm in Zerufalem follen zurüdgeblieben fein; er feht daher in jenen Worten des Marcus ein Misverftändniß vor- aus, und fucht daffelbe durch eine feinem Sinn entfprechende 210 24,10% **) Matth. 27, 56 heißt es n unmo To viov Zeßedulov ‚ eben fo wie Cap. 20, 205 Matth. 28, 1 aber werben nur Die beiden Ma— rien erwähnt. FER) 9,2 Zorıv ode, dhh mylednm V. 6. 348 ntunm&@tebentes Bud); Herwendung dieſes Morted zu einem andern Gebrauche zus gleich zu erflären und zu befeitigen *). Bon dem vierten Evangelium einftweilen abfehend, in welchem als erfter Beſuch am Grabe nur dies erzählt wird, daß eine der Frauen, Maria Magdalena, am Morgen nad) dem Sabbath, man erfährt nicht, in welcher Abfiht, zu dem Grabe hinfommt und, da fie den Stein hinweggewälzt findet, zu den Süngern zurüdläuft, um fie Davon zu benachrichtigen **), — fer es uns jetzt erlaubt, als das Reſultat dieſer verglei- chenden Darlegung der drei fynoptifchen Berichte noch einmal mit Entſchiedenheit Ddiefes hervorzuheben, daß wir uns bei der Frage nach ihrer Glaubwürdigkeit und bei der Nachforſchung nach dem ihnen factifch zum Grunde Legenden ausschließlich an Marcus zu halten haben. Die Zufage und Abänderungen ber beis den. andern, wenn fie irgend ald ein Moment bei diefer Nach- forfhung in Betracht kommen follen, fonnen nur dienen, zu bemweifen, wie dieſes Greigniß frühzeitig ein Gegenftand aus— fhmüdender und umbildender Sage geworden iſt, da der Ge— danke fih, nach allem. von uns dabei Erinnerten, von felbft aufhebt, fie als hiſtoriſche Bereicherungen für die Kunde des Thatbeftandes benugen zu wollen. Nun aber iſt es gewiß be— achtenswerth, wie gerade in der Erzählung des Marcus ein Umftend vorkommt, der faft von felbft uns darauf hinweift, wie wir Feineöwegs ‚hier einen urkundlich genauen, durch: forg- faltige Abwägung der Zeugerausfagen zu einer Zeit, wo noch feine fagenhafte Umgeftaltung des Vorgefallenen hätte vorange— hen Fonnen, feftgeftellten und beglaubigten Bericht vor uns zu haben glauben dürfen. Wir meinen die Bemerfung am Schluffe, daß die Frauen von dem, was fie am Grabe gefehen, gegen jedermann fhwiegen — Man begreift nicht, in wel— chem Sntereffe der Evangelift, der Wahrheit zuwider, dieſe Bemerkung hätte hinzudichten koͤnnen; zugleich lautet diefelbe fo allgemein, daß nur ofjenbare Willfür des Auslegers fie *) Einen ganz ähnlichen Kunftgriff hatten wir oben Bob. J, ©. 609, Note **) Gelegenheit zu ‚bemerken, in Bezug auf Luk. 22, 60, vergl, mit Mare, 14, 71, =*) oh, 20, 1 f. ’ j 2 Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 349 auf einen kurzen Zeitpunct befchränfen, oder die Jünger, —fie, die bei dem, auch in diefem Puncte, wie wir oben nachwiefen, durchaus glaubwirdigen Evangeliften in der That vielmehr feit der Nacht des Verraths völlig vom Schauplage abgetreten find und wahrfcheinlich bereits fich entfernt und zeritreut hatten, — Davon ausnehmen Fonnte, Wie denn auch die: beiden andern Synoptiker diefe Bemerfung unftreitig eben deshalb eigenmächtig abgeändert haben, weil ihre Bedeutung ihnen nicht ver: borgen geblieben war. — Bringen wir hiermit die weitere Notiz in Verbindung, in welche auch das erfie Gvangelium einftinmt, daß die Erfcheinungen des Auferftandenen vor den Süngern nicht eher, als nach ihrer Ruͤckkehr in Galilaͤa erfolgen folten: fo liegt in der That nichts näher, als zu vermuthen, daß vor diefer Rückkehr gar nicht3 von jenem Vorfall am Grabe ver: lautet haben werde; daß derfelbe vielmehr nicht eher, als. viel- leicht erft geraume Zeit, nachdemjene Erſcheinungen, welche dort als bevorſtehend verfündigt wurden, bereits gefchehen waren und in Folge derfelben die Juͤnger und Freunde Sefu fich wieder gefammelt hatten, erzählt und beſprochen worden fein möge. Freilich fcheint diefer Wermuthung, — abaefehen noch von den. weitern Grzahlungen der zwei legten Evangelien, wovon fogleic noch ein Mehreres, — bei Marcus felbft dad Scheiß entgegenzuftes ben, welches der Engel den Frauen giebt; indem dieſes offenbar einen Auftrag an die Sünger enthält. Allein bet dem auffal= lenden Widerfpruch, in welchem dieſe Worte zu der gleich dar— auf folgenden Notiz von dem Schweigen der Frauen ftehen, kann man fie nihtwohlanders, als, allerdings ziemlich unbedachtfam, mit KRüdfiht nur auf die wirklicd erfolgte Heimfehr der Juͤnger nach Galilda von dem Evangeliften. hingefchrieben anſehen, und Feineswegs aus ihnen folgern, daß die Frauen fich jenes Auftrags auch wirklich entledigt haben. Ein anderer Umftand, welcher in der Erzählung des Mar— cu eine Deutung der Urt, wie die von uns hier bezwedte, begünftigt, ift der auspridlich berichtete, angeblich beim Hin: gehen zu der Gruft felbft ausgefprochene Zweifel der Frauen, wer ihnen doc den Stein von der Gruft hinwegwalzen werde. Kaͤme freilich diefer Zug in einer. Erzählung vor, welche übri: gens ein rein hiftorifches Gepräge trüge: fo würde man ihn 350 Siebentes Bud. unbedenklich als einen nur der Darftellung als folcher angeho- renden hinnehmen, wie er denn, gleich fo manchen ähnlichen in andern. Erzählungen, unverkennbar zur Belebung der Scene dient, und das Geinige dazu beiträgt, die Darftellung des Marcus auch in diefer Hinficht vor den übrigen auszuzeichnen. Allein wenn man erft den Gefammtcharakter diefer Scene fich vergegenwärtigt, und dann einen Blid auf die Art und Weile wirft, wie überhaupt diefer Nebenpunct, dad Vorfchieben und Abwälzen des Steines, in dem fynoptifchen Berichte ſowohl von der Grablegung, als auch von dem Beſuche am Grabe, — er, der ohneNachtheil der Hauptfache ganz hätte übergangen wer— den Fonnen*), — fich geltend macht und hervordrängt: fo liegt der Argwohn nicht allzufern, daß in der That diefer Stein den Frauen ein ernftlicheres Hinderniß ihres Vorhabens möge ges wefen fein. — Wir glauben e8 verantworten zu koͤnnen, wenn wir jene Aeußerung bei Marcus für den Reſt einer älteren und wahrfcheinlih urfprünglihen Erzahlung der Frauen felbft neh» men, einer folchen, in welcher diefelben zwar ihre Abſicht, den Leichnam zu falben, aber auch den Grund, weshalb diefe Ab» fiht nicht zur Ausführung gefommen war, berichteten. Welche Grfcheinungen auch fonft den Frauen geworden fein mögen, aus denen fich fpäter die gegenwärtige Erzählung bilden konnte: davon halten wir uns, nach allem bisher Gefagten, und noch mehr nad allem ferner zu Erörternden, auf das beftimmtefte überzeugt, daß von einem durch fie Leer gefundenen Grabe nicht eher die Nede gewefen ift, ald nachdem jenes unter den Juden aus Miöverftand und zur Widerlegung der chriftlichen Aufer— ftehungspredigt ausgefprengte ‚Gerücht die Sünger felbft auf den Gedanken gebracht hatte, daß man in der That den Leichnam Sefu aus der ihm bereiteten Grabftätte entfernt gefunden haben muͤſſe. Wir finden uns in diefer Ueberzeugung auc dadurch) *) In der Erzählung des Marcus würde ihn offenbar niemand ver- miffen, wenn er weggeblieben wäre; bei Lufas und Johannes ift er in der Erzählung yon der Grablegung wirklich weggeblieben. Nur der erfte Evangelift benußt den Stein, um den Engel, der ihn hin- weggewälzt bat, fih darauf nieperfegen zu laſſen. Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 351 beſtaͤrkt, daß wir in den apoſtoliſchen Briefen auch die leiſeſte Spur dieſes Umſtandes vergeblich ſuchen, obgleich bei der wie— derholten Berufung auf die Auferſtehung des Herrn ſo vielfa— cher Anlaß vorhanden war, auch feiner zu gedenfen*), wenn derfelbe fchon damals befannt, oder wenn er von irgend einer Bedeutung für den Glauben der Apoftel gewefen wäre**). Daß übrigens in der That, während die Sünger bereits nad) Galiläa fich entfernt hatten, den in Serufalem einftweilen noch zurücgebliebenen Frauen etwas Außerordentliches ähnlicher *) Wie nahe hätte 3. B. feine Erwähnung 1. Kor. 15, 4 gelegen, nad dem Eeyyys spraı 77 zei nuloa, und vor dem Gp_n Ange. **) Noch bliebe zwar eine andere Vermuthung übrig, welche die Ent— ftehung ſowohl des jüdifchen Gerüchts, als auch der Erzählung der Frauen zugleich erklären würde, nämlich wenn man, auf Joh. 19, 24 fußend, das Grab, in welches Joſeph am Abend der Kreuzigung den Leichnam legte, für ein interimiftifches halten wollte, aus welchem derfelbe nachher, — etwa in der Nacht nach dem Sabbath, — ohne Vorwilfen der Frauen wieder herausgenommen. worden fei. Diefe Unwiffenheit der Weiber würde an fih nichts auffalfendes haben, da von einer perfünlichen Berbindung zwifchen ihnen oder den Jüngern und dem Grableger durchaus nichts verlautet, ſon— dern vielmehr der entfihiedenfte Grund vorhanden tft, Feine folche Verbindung vorauszuſetzen. — Was aber jener Bermuthung durchaus entgegenfteht, ift, daß Dann offenbar au eben der in jener Stelfe des vierten Evangeliums angedeutete Umftand felbft hätte verborgen bleiben müffen; denn fonft hätte es doch allzunahe gelegen, den wah— ven. Grund der Entfernung des Leichnams herauszufinden. Diefe Betrachtung entzieht jener Stelle die Glaubwürdigkeit, die fie durch jene Combination fonft leicht zu erhalten fcheinen könnte. Uebrigens befennen wir, daß wir uns nur fehr ungern entfohließen würden, bei der Entftehung eines fo wichtigen Momentes, wie derGlaube der apoſtoliſchen Gemeinde an die Auferftehung ihres Herrn ift, einem fo zufälligen und Außerlichen Imftande, wie die auf diefem Wege gefihehene Entfernung des Leichnams wäre, irgend ein Gewicht ein— zuräumen. Wenigftens dürfte man aus ihr nicht jenen Glauben ſelbſt in ſeiner Reinheit, ſondern nur die Meinung von der irdiſchen Leiblichkeit des Auferſtandenen ableiten wollen; ſo daß alſo durch jenen Umſtand, wie nach unſerer, wie uns ſcheint, beſſer begründeten Hypotheſe durch die Lüge der Juden, der wahre Auferſtehungsglaube vielmehr getrübt und verunreinigt, als erzeugt worden wäre. 352 Siebentes Bud. Art begegnet fein muß, wie bald nachher, oder vielleicht ſchon gleichzeitig, in ihrem Vaterlande den Juͤngern begegnen follte: . dies glauben wir allerdings theild fchon aus der bisherigen Grzählung felbft, welche fonft eines fubftantiellen Hintergrundes entbehren würde, theils und befonderd aber daraus fchlie: Ben zu müffen, daß neben diefer Erzählung und vielleicht von ihr unabhängig fich noch eine andere erhalten hat, welche von einer perfonlichen Erſcheinung Sefu entweder vor den Frauen fammtlich, oder vor einer derfelben, der: Maria Magdalena, ſprach. — Ob dieſe Erfcheinung noch, gleich der vorhergehenden, von Marcus erzählt worden ift, halten wir für ungewiß, ja, nach dem bereitd erwähnten Schluffe der vorhergehenden Er— zahlung, für unwahrfcheinlih. Was nämlich den noch übrigen Theil diefes Gvangeliums, vom neunten Verfe des fechszchnten Capitels an betrifft: fo müffen wir uns unbedingt denen an- fchließen, welche, auf erhebliche Zeugniffe ſchon aus dem frühes ſten Alterthume geftügt, dieſen Abfchnitt für unächt halten. Daß er nicht in dem Styl und der Redeweiſe des Evangeliften abgefaßt ſei: Died zu erweifen, Fünnte, neben der mit der An— fchaulichkeit und Lebendigfeit der Erzählungen des Marcus fo auffallend contrafiirenden Zrocdenheit und Kürze, ſchon der Umftand Hinreichen, daß in ihm die bei jenem Evangeliften mit kaum merfbaren Unterbrechungen ausschließlich gebräuchliche Ver— bindung der Saͤtze durch „Und“ mit einem Male abbrichtz was jeder, der Sinn für die Eigenthümlichfeit diefes Schrift: ftelers hat, für ein ſo charakfteriflifches Merkmal erkennen muß, daß Sich faſt Schon darauf allein die Verwerfung dieſes Abfchnittes begründen ließ. Noch weit entfchiedener aber beweift die offenbare Zufammenhangslofigkeit und der grelle Widerſpruch mit dem Vorhergehenden die Unächtheit. Im Borhergehenden war verfündigt worden, daß Sefus in Galiläa feinen Süngern erfcheinen wolle; davon ift hier nicht weiter die Nede, fondern Jeſus erfcheint erft der Magdalena, nachher den Süngern, offenbar noch zu oder bei Serufalem. Im Vor: hergehenden hieß es, daß die Frauen von der Erfcheinung, welche fie am Grabe gehabt hatten, ſchwiegen; hier erfcheint noch an demfelben Morgen Sefus der Magdalena, und diefe verfündigt \ ” Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 353 es fogleich den Süngern*), — Bei Lufas ift von diefer Iekt- genannten Erfcheinung gar nicht die Rede; dieſer Evangelift- fcheint, was den Vorfall mit den Frauen betrifft, nur den Bericht des Achten Marcus vor Augen gehabt und denfelben fo, wie es die weiteren, ihm eigenthuͤmlichen Mittheilungen zu fordern fchienen, modificirt zu haben. : Dagegen finden wir im erften und vierten Evangelium zwar unter fich felbft abweichende Erzählungen, die aber auf eine ihnen beiden und jener dem Marcus untergefchobenen Notiz gemeinfchaftliche Grundlage hin: deuten, fo wie fie auch dort mit der, fammtlichen Gvangeliften gemeinfchaftlihen, Erzählung von der Engelderfcheinung am Grabe auf eigenthümliche Weife verflochten werden. Der erfte Eovangelift**) erzählt, daß die Frauen auf die Worte, die der Engel zu ihnen ſprach, vol Furcht und großer Freude liefen, um den Süngern das VBorgefallene zu verfündigen. Unterwegs begegnete ihnen. Jefus und rief ihnen einen Gruß zu. Gie kamen zu ihm heran, umfaßten feine Füße und fielen vor ihm nieder. Da ſprach Sefus: „Fuͤrchtet euch nicht, geht, verfün- digt es meinen Brüdern, damit fie nad) Galilaa gehen; dort follen fie mich ſehen!“ Im vierten Evangelium ift e8, eben fo, wie in dem Zufage zu Marcus, Magdalena allein, welcher der Herr erfcheint. Sie fteht***) (bei einem zweiten Beſuche des Grabes, muß man dort vorausfeßen) weinend draußen neben der Gruft. In die Gruft fi) hineinbüdend erblidt fie zwei Engel in weißen Kleidern, den einen zu Häupten, den andern zu Füffen der Stätte, wo der Leichnam gelegen hatte. Diefe befragen fie, weshalb fie weinez fie antwortet: weil man *) Die Bemerkungen, durch welche neuerlih de Wette (Ereget. Sandb, z. N. T. 1, 2, ©. 195 fi.) die Aechtheit dieſes Stücks ver— theidigt hat, gründen fih fammtlih auf die Vorausfeßung, daß Marcus hier nur fortfahre, eben fo, wie in feinem ganzen übrigen Evangelium, die andern Evangeliften (fogar den Johannes mit ein- geichloffen) zu benugen und aus ihnen feine Erzählung zufammen- zuftellen, Aber eben weil diefes Stüd fo offenbar aus fremden Darftellungen compilirt ift, id wir, baß es von Marrug nicht herrühren fann, *#) Matth. 28, 8 ff. *4%) Joh. 20, 11 ff. I. 82. 23 354 Siebentes Bud. ihr ihren Hexen hinweggenommen, und fie nicht wiſſe, wohin man ihn gelegt habe. Dies fagend, wendet fie fich zurück und fieht Sefum daftehen, ohne zu willen, daß er es ift. Auch er fragt fie, warum fie weine und wen fie fuche. Sie halt ihn für den Gärtner und fpricht zu ihm: „Herr, wenn du ihn hinweggenommen haft, fo fage mir, wo du ihn hingelegt haft; ich will ihn wegnehmen!" Da ruft ihr Jeſus zur „Maria! fie wendet fih um und ruft: „Rabbuni!“ (Meifter). Darauf Jeſus: „Ruͤhre mich nicht an, denn ich bin noch nicht hinge— gangen zu meinem Vater! Geh aber zu meinen Brüdern und fage ihnen von mir: ich gehe hin zu meinem Vater und euerm Bater, zu meinem Gott und euerm Gott!’ Da geht Maria und verkündet es den Süngern, daß fie den Herrn gefehen, und was er zu ihr gefagt. Betrachten wir dieſe Erzählungen mit der nämlichen Unbe— fangenheit, wie alles Bisherige, uneingenommen von dem Vor— urtheile für die Autorität des seinen oder ded andern Evange— liſten, aber die wahrfcheinlich größere Nähe des Marcus zu den gemeinfchaftlichen Quellen anerfennend und berücfichtigend: fo liegt die Verfuchung nahe, dieſe den Weibern angeblich nach der Engelderfcheinung gewordene perfünliche Erfcheinung des Herin als eine fpätere Ausſchmuͤckung des Vorfalls anzu: fehen, der und von Marcus noch in einer einfacheren, dem ur: forünglichen Thatbeſtand näheren Geftalt berichtet wird. Wie in der Erzählung des erſten Evangeliums diefe Erfcheinung ſich al eine überflüffige Zugabe ausnimmt, die Worte, die Sefus bier fpricht, als eine müßige Wiederholung der fchon von dem Engel gefprochenen: dies ift bereit von Andern bemerft wor- den, und ed wird fih wohl überhaupt kaum mehr jemand fin- den, welcher den gefammten Auferftehungsbericht dieſes Evan— geliums mit feinen vielfachen, auffallenden Widerfprüchen zu denen der übrigen, noch als gefchichtlich feftzuhalten „geneigt wäre, Im vierten Evangelium finden wir zwar dad Umgefehrte, daß, wie der neuefte Kritiker richtig bemerft hat, die Engelserſchei— nung faft von jener perfonlichen abforbirt wird und neben ihr nur noch als ein unnüger Ueberfluß daſteht. Dagegen wird das Zwiegefpräch zwifchen Sefus und Magdalena in einer Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 355 fonderbaren und auffallenden Geftalt *) überliefert, in einer folhen, welche, wie wir fpäter noch einmal darauf zuruͤck— kommend nachweifen werden, gleich fo manchen andern der übrigen Grfcheinungen des Auferftandenen, deutlich Spuren einer Ausprägung nach dogmatiſchen Vorurtheilen und Hypothefen einer etwas fpätern Zeit trägt. Hierzu kommt, daß wir in der bald näher von uns zu erörternden Stelle des Korinther- briefes, wo der Apoftel Paulus fammtliche Erfcheinungen des Auferftandenen der Reihe nach durchgeht, einer Grfcheinung, welche die Weiber oder eine derfelben gehabt, nicht gedacht finden. — So nahe nun, wie gefagt, nach diefem allem die bereit3 angegebene Vermuthung liegt, fo ift doch auf der an- dern Seite zu bedenken, daß es, wenn wirklich das den Frauen damals Widerfahrene aus entiprechendem Gefichtspuncte, wie die fpätern Erfcheinungen vor den Juͤngern erflärt werden foll, dann auch wenigftens am nächften liegen würde, dafür eine ähnliche oder entfprechende Geftalt, wie bei jenen vorauszu- fegen. Dafern man nicht etwa (was uns Feineswegs verwerf- lich fcheint) annehmen will, daß nach den verfchiedenen Gra- den der Empfänglichfeit und des Verftändniffes in den einzel- nen Sudividuen fich auch die Geftalt der Dffenbarungen rich— tete, welche fie erhalten follten, und daß, was die geiftesfräfti- geren Jünger als eine unmittelbare, perfönliche Einwirkung des Herrn erkannten, darin die Weiber nur die Erfcheinung und die mahnende Zufprache eined Engel zu gewahren glauben konnten; bis fich fpäter, bei gegenfeitiger Mittheilung und Ue— berlieferung "des wiederholt Gefchehenen, auch für dieſes Greig- =) Sch fehe mich hier zu einem härteren Urtheil genöthigt, als felbft Strauß ausgefprochen hat, nach welchem (L. 3. II, ©. 604) „die Ausmalung der Scene, mit dem anfänglichen Nichterfennen u. ſ. f. der geiftreichen und gefühlpollen Manier des Verfaſſers Ehre ma- hen“ fol. Die Verwechslung mit dem Gärtner ift vielmehr eine bedeutungsloſe, auf materialiftifche Anfichten der Art, wie daß Jeſu Aeußeres durch fein Leiden entftellt gemwefen, daß er Gärtnerskleiver angelegt und dergleichen, hinausführende Wendung, und die Worte, welche Maria zu dem vermeintlichen Gärtner fpricht, find offenbar bloße Lückenbüßer. — 356 \ Siebentes Bud. niß die Anficht bildete, daß, wie bei den anderen, der Herr perfonlich Dabei zugegen gewefen fei. Ein anderer Zufaß, welchen die Erzählung von dem Bor: falle am Grabe, doch nur in den zwei legten Evangelien‘), erhalten hat, ift diefer, daß auf die durch die Frauen erhaltene Nachricht, nach Lukas Petrus, nach dem vierten Evangelium Petrus und Johannes, gleichfalls dorthin ‚‚gelaufen‘’ feien und in der leeren Gruft nur die leinenen Binden, mit denen der Leichnam ummwunden gemwefen, umbherliegend gefunden haben. Die auffallende Uebereinftimmung der Ausdrüde, in welchen beide Evangeliften diefen Umftand erzählen”), läßt in diefem befondern Falle, wie fchon von Andern bemerkt, auf eine ihnen beiden gemeinfchaftlihe Quelle fchließen. Gerade hierdurch aber wird die nichts deftoweniger ftattfindende Differenz zwifchen beiden nur um jo verbachterwedender, wenigſtens in Bezug auf Diejenigen Züge der Erzählung, welche der vierte Evangelift für ſich allein hatz zumal da man bei Lukas eine Abfichtlichteit, ‚dem Petrus einen Vorzug vor Sohannes einzuräumen, Feines- wegs vorausfegen kann, während der entgegengefegte Argwohn | in Bezug auf den Herausgeber des vierten Cvangeliums nahe genug liegt und nicht ohne Grund neuerdings gegen feine Dar: flellung an diefer, wie noch an andern Stellen geltend gemacht worden ift. Allein diefem Mangel an Uebereinftiimmung unter fi) ſelbſt entfpricht, als ein noch weit wichtigerer Grund zur DBerwerfung der ganzen Nachricht, der offenbare Widerfpruch derfelben zur Darftelung der zwei erften Evangelien; wozu fid) auch noch der Mangel jeder anderweiten Beglaubigung derfel- ben, 3. B. in den apoftolifchen Briefen, gefellt, in denen auch bier eben fo, wie in Bezug auf den Beſuch der Frauen, die *) Luk, 24, 12, Joh. 20, 3 ff. **) Eine ähnliche, nicht minder auffalfende Uebereinftimmung findet bei der Erzählung von der Erſcheinung Jeſu vor den Frauen in einigen Puncten zwifchen dem erften und vierten Evangelium ſtatt. In beiden wollen die Frauen (bei Job: tft es wenigfteng vorauszufegen) die Füße Jeſu umfaffen; in beiden nennt Jeſus die Jünger (wie fonft nirgends) feine „Brüder“. Auch hier aber erfiheint der Bericht des vierten Evangeliums als der ausgeführtere und mit manchen Zuſätzen bereicherte, Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 357 Veranlaffung, jenes Umftandes zu gedenken, wenn er gefchicht: lid) wahr gewefen oder wenn auf ihn irgend ein Werth gelegt worden wäre, oftmals fo nahe gelegen hätte, — Um von Marcus zu fchweigen, welcher der erfte gewefen fein müßte, dieſes Umftandes zu gedenken, da er Den felbft betraf, von wel- chem er feine Erzählungen hatte: fo läßt fich ferner auch nicht wohl ein Grund erfinnen, welcher diefen Zug aus der Ueberlieferung, fo wie wir fie im erften Evangelium finden, verdrängt haben folte, da das Zeugniß eines oder zweier der vornehmften Juͤn— ‚ger doch für ein gnewichtigeres, als das Zeugniß der Weiber gelten mußte. Auch muß es, wenigftens für einen höhern Standpunct der Beurtheilung jener Erfcheinungen, für einen folchen, welcher Bedenken trägt, hier eine bloße Zufälligkeit der Begegnung anzunehmen, Befremden erweden, daß nur die, Frauen, und nicht auch die Jünger jener doppelten Erfcheinung der Engel und des Auferftandenen gewürdigt fein follen, nicht minder, wie es Befremden erwect, auf die erhaltene Botfchaft, die ja nach Lufas*) ausdruͤcklich fammtlichen Süngern mitge- theilt ward, nicht fie alle nach dem Grabe gehen und über das Gefchehene Nachforſchungen anftellen zu fehen. Wie leicht fällt es Dagegen, den Urfprung jener Erzählung felbft zu erklären, wenn Diefelbe zu der verhältnißmäßig vorgerüdten Zeit, der jene beiden Gvangelien angehören, erfunden ward, nachdem die Erzählung von dem Befuche der Frauen am Grabe ſchon allgemein verbreitet war und allgemeinen Glauben gefunden hatte! In der That trägt diefelbe nur allzufehr den Stempel jener apofryphifchen Anekdoten, die zu jener Zeit in Menge über jeden einzelnen der Apoftel erdichtet wurden, deren einige auch in unfere Fanonifchen Evangelien Eingang gefunden haben; ja wir möchten vermuthen, daß fie nicht etwa nur ausschließlich zu dem Zweck erfonnen worden ift, der Entfernung des Leich- nams aus der Gruft eine vollfommnere Beglaubigung zu erthei- Yen, fondern daß in ihr noch andere, vielleicht allegorifche Be— ziehungen auf Charakter und Lehre der beiden Apoftel verborgen fein mögen”*). — Charafteriftifch übrigens für die in den Er— TUE. 2A, I, *=*) Man denfe an das, was wir über ähnliche, namentlich den Petrus 358 Siebentes Bud. zählungen des vierten Evangeliums herrfchende Sinnesweiſe ift die Bemerkung*), welche auf ein fo Außerlihes Moment, wie das Leerfinden des Grabes ift, den Glauben des Apoftels Sohannes zurädführen will; welcher Glaube folchergeftalt auf dem kahlſten Verftandesfchluffe beruht haben würde. An diefe VBerwerfung der zulegt erwähnten Notiz knuͤpft fih uns nun zunächft das wichtige Geſchichtsmoment, welches, wie wir ein für allemal befennen müffen, die unentbehrliche Bafis unſerer Auffaffung der gefammten Auferftehungsgefchichte ausmacht. Wir meinen die — im offen einzugeftehenden Wider: fpruche zu den zwei legten Evangelien freilich — ein für alle: mal als gefhichtlich feſtzuhaltende Thatſache der Entfernung ſaͤmmtlicher Zünger Sefu fehr bald nach feinem Tode, wo nicht gar noch vor demfelben, aus Serufalem. Wenn den in dieſem Puncte zwifchen den Evangelien obwaltenden Wider: fprud) bereits Leffing als denjenigen nannte, den er von allen Miderfprüchen der Auferftehungsgefhichte am liebſten möchte befeitigen fonnen *): fo gebührt der neueften Kritif der evangelifchen Gefchichte der Ruhm, zuerft das Wahre Klar ein: gefehen und mit Entfchiedenheit und Energie hervorgehoben zu haben***). Konnte indefjen diefe Kritik, wegen der Unficherheit ihrer Anſichten über das Verhältniß der verfchiedenen Evange— Vienfchriften zu einander, auch bier den Schein einer gewilfen Willkuͤr nicht vermeiden, mit der fie diesmal die Nachrichten des erfien Evangeliums vor denen der übrigen (auch Marcus mit eingeſchloſſen, da Strauß in die Aechtheit der Schlußpar: tie dieſes Evangeliums Feinen Zweifel fest) den Vorzug gab: fo haben wir durch unfere Anficht des Marcusevangeltums eine feftere Baſis gewonnen, auf welche wir jenes Ergebniß begrün: den koͤnnen. Die achte Marcusfchrift ſchließt, wie vorhin er— wähnt, mit der Botfchaft, welche‘ der Engel den Frauen an die Sünger aufträgt, ihn in aliläa zu erwarten; was aber betreffende Anefooten oben (Bd. I, ©, 521, Bd. II, ©, 93 fi. ©, 97 f.) bemerkt haben. *) oh. 20, 4. **) Leffings Werfe (Berlin 1825). Bd, V, ©, 182. =) Strauß L. J. 1, ©. 616 ff. ww. Die Auferfiehung und die Himmelfahrt. 359 die Frauen, zugleich mit dem ganzen Vorfall, zunächt ſollen verfchwiegen haben. Diefe Nabhrichten braucht man fürwahr nicht Ängftlih zu preffen, um in ihnen die Vorausfegung enthalten zu finden, daß der Auferftandene den Süngern wirk— lich in Saliläa, nicht in Serufalem erfchienen und daß von dem, was unterdeß zu Ierufalem und am Grabe vorgefallen war, nicht eher, ald nach diefen Erfcheinungen zwifchen den Frauen und den Süngern die Nede gewefen ift. Es ift uns nicht unwahrfcheinlih, daß Marcus in dem aufhentifchen Schluſſe feiner Evangelienfchrift (für foldyen naͤmlich Fonnen wir. die Worte Zpoßoüwro yao, Cap. 16, B. 8, allerdings nicht halten) diefen wahren Hergang der Sache berichtet hatte, und dag man fpäter, nachdem ſich die Sagen, wie wir fie in den zwei legten Evangelien lefen, gebildet hatten, jenen Schluß in der Meinung, ein Nichtigered an feine Stelle zu feßen, aus— drüdlich abgeändert hat. Der Berfaffer des erſten Evange— liums hat fehr wahrfcheinlih noch einen andern, als unfern gegenwärtigen Schluß des Marcusevangeliums vor Augen ger habt; möglich, daß wir denfelben in dem Schluffe des feinigen, vom fechszehnten Verſe des achtundzwanzigſten Gapiteld an ziemlich treu wiedergegeben finden. Allerdings befremdet in diefem Schluffe die auffallende Dürftigkeit der Nachrichten über das in Salilda Borgefallene, da man doch, fchon nach) den Andeutungen des Apoftel5 Paulus, von einem Schüler des Pe— trus veichere Auffchlüffe über die Erfcheinungen des Auferftan- denen zu erwarten berechtigt war. Indeſſen läßt ſich von einem fo ungenügenden Schluffe das Berfchwinden offenbar leichter erklären, als es bei einem ausgeführteren und inhaltsrei- cheren fich erklären Laffen würde. Hätte Marcus einen umfaf- fendern und genauer eingehenden Bericht von allem, was er aus den Mittheilungen des Petrus in Erfahrung gebracht haben konnte, wirklich gegeben, fo würden fehwerlich jene Sagen felbft fih haben bilden und Eingang gewinnen koͤnnen, welche in dem gegenwärtigen Schlußabfchnitte feines Evangeliums mehr nur vorausgefest und fummarifch berichtet, als ausdrüdlich darge: ftelt werden. Auch laßt fich gar wohl denken, daß die Aus: fagen der Apoftel über jene geheimnißvollen Greigniffe, die einem ganz andern Gebiete der Erfahrung angehörten, als die Bege- 360 Siebentes Bud, benheiten ihres frühern Umgangs mit dem Lebenden, nicht von folder Befchaffenheit fein mochten, welche seine Darftellung der— felben in der fonftigen, anfchaulichen und malerifchen Weife unfers Evangeliſten zuließ oder dazu aufforderte, Eben fie, welche ihrem allgemeinen Inhalte nach recht eigentlich, weit mehr als jene frühern Begebenheiten, ein Gegenftand der evan— gelifchen Predigt und Verkündigung waren, eigneten in ihrem nähern Detail fich nicht zum Gegenftand der Geſchichtserzaͤh— lung, die nicht mit jener Predigt felbft zu verwechieln ift, ſon— dern ihr nur zur Unterlage und Ergänzung zu dienen die Be: flimmung hatte. Wir konnen e8 Daher nicht anders, als fehr erklärlich finden, wenn ber erfte evangeliſche Gefchichtichreiber nichts, ald das feinen Lefern ohnehin Bekannte, über jene Er: eigniffe mitzutheilen fand, und ſich Daher nur infofern auf die- felben einließ, als es nöthig fchien, um feiner Darftellung einen Schluß zu geben. Diefer Schluß felbft, — falls wir nämlich vertrauen duͤr— fen, ihn feinem wefentlihen Inhalte nach in jenem Schlußab- fchnitte des erften Evangeliumd noch vor uns zu haben, — fpricht befanntlich nur noch von einer einzigen Erſcheinung Jeſu vor feinen Juͤngern. Diefe fol gefchehen fein auf einem Berge in Galilaͤa, wohin Sefus die Sünger, — fo fest unfer gegen« wärtiger Neferent hinzu, ohne aber näher anzugeben, auf welche Weiſe, — befchieden hatte. Dort erblicten fie ihn, — fo heißt es, ohne Daß zuvor berichtet worden wäre, Daß oder wie er fi ihnen genaht habe, — eine merfwürdige Wendung, durd) welche, wie aus der Vergleichung mit den übrigen Erzählungen erhellen wird, in der That eben dies gefagt zu werden feheint, daß auch fie nicht wußten, woher er gefommen fei. Sie fielen vor ihm nieder, einige unter ihnen aber zweifelten. Da foll Sefus zu ihnen herzugetreten fein, und folgende Worte gefpro- chen haben: „Mir ift alle Gewalt im Himmel und auf Erden übergeben worden! So gehet denn, und unterweifet alle Voͤl— fer, taufet fie im Namen ded Vaters, und des Sohnes, und des heiligen Geiftes, und lehret fie alles befolgen, was ich euch geheißen habe! Und fiche, ich bin mit euch allezeit bis zum Ende diefer Welt!“ — Wie gefagt, in diefer Erzählung, fo geneigt wir auch find, fie auf eine Quelle zurückzuführen, deren Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 361 Glaubwürdigkeit fih uns im Wefentlihen fo vielfach erprobt hat, bleiben wir weit entfernt, etwas mehreres, ald eben nur den abfichtlich kurz, gefaßten Abſchluß einer Geſchichtserzaͤh— Jung zu erbliden, deren Zweck und Anlage es gar nicht mit fich brachte, in das weitere Detail der Ereigniffe einzugeben, auf welche fich der Glaube der apoftolifchen Gemeinde an die Auferfte= hung ihres Herrn begründete. Daß wirklich die Erfcheinung des Auferftandenen, die hier erzählt wird, die einzige gewefen fei, oder daß der Berichterftatter nur von dieſer einzigen ge: wußt haben koͤnne: dies würde aus feinem Schweigen über an— dere folche Erfcheinungen nur dann fich erfchließen laſſen, wenn wir anzunehmen berechtigt wären, daß der Plan feiner Schrift eine Abficht der VBolftändigkeit auch in Bezug auf diefen Gegen: ſtand mit ſich brachte. Wohl aber laſſen fich aus diefer Dürftigen Seftaltung des Schluffes der älteften und urfprünglichften Evan— gelienfchrift, — geſetzt namlich felbft, die des Marcus hätte Die: fen Schluß nicht gehabt, fo Fann fie, allen Anzeigen nach, wenigftens feinen inhaltsreicheren gehabt haben, — gewiffe an: dere Folgerungen ziehen; folche, die wir um fo ficherer als be= währte anerkennen werden, je mehr wir fie bei weiterer Unter= fuhung mit demjenigen, was fi) aus anderen nicht minder glaubwürdigen, ja vielleicht noc unmittelbarer glaubwürdigen Quellen entnehmen läßt, in Uebereinftimmung finden werden. Eben hier nämlich, wo die Quellen, aus denen wir bis zu diefem Puncte die Kenntniß unſers Gegenftandes hauptfächlich und faft allein zu ſchoͤpfen hatten, fo fpärlich und fo getrübt zu fließen beginnen, eben hier tritt zu Ergänzung derſelben eine andere Quelle ein, gegen deren Lauterkeit wenigftens Fein irgend- wie begründeter Einwand fich erheben läßt: die apoftolifchen Briefe fammt einigen andern, an den Kanon diefer Briefe fich zunächft anfchliegenden Documenten. Wenn gerade hier, wo die evangelifchen Berichte fo dürftig und unzuverläffig wer- den, diefe Quelle reichlicher, als bei irgend einer andern Partie der evangelifchen Gefchichte, für den, der fie mit Unbefangen: heit und Umficht zu benugen verfteht, zu fließen anhebt: fo ha= ben wir dies nicht blos als einen günfligen Zufall anzufehen, fondern es ift eine Folge der Bedeutung, welche die Auferfte- hung des Herin für die apoftolifche Predigt, für die evarigeliz 362 Siebentes Bud. ſche Verkündigung hatte. Die Predigt der Apoftel war von Haus aus, in ihrem erften Urfprunge gar nichts anders, als eben die Verkuͤndigung diefer außerordentlichen Thatfache: alles weitere, was fonft darin begriffen ward, Schloß ſich an dieſe als an den Kern und Mittelpunct diefer Predigt an. Wie na= türlih Daher, daß auch jene Briefe, welche ihrerfeits faft nur aus Erinnerungen an die apoftolifche Predigt, aus gelegentli= chen Ausführungen einzelner Puncte diefer Predigt zuſammen— gefeßt find, nicht nur im Allgemeinen jene Thatfache fo aus- drüdlich, wie, mit Ausnahme der Kreuzigung, Faum irgend eine andere Thatſache aus dem Leben des Herrn vorausfeken, fon- dern auch im Einzelnen häufig darauf zurücdkommen. Die Anz Deutungen, welche wir über dieſen Gegenftand in ihnen finden, find für und um fo belehrender, je weniger fie, — hierin den Er— zahlungen der Evangelien ungleich, — in der ausdrüdlichen Abficht gegeben werden, das Thatfächlihe jener wunderbaren Erfchei- nungen in einen Begriff oder in eine zufammenhängende Er— zahlung zu faſſen; je mehr fih in ihnen vielmehr unbefangen und abfichtslos die Vorftelung verräth, welche fich ihre Verfaſ— “fer davon gebildet hatten, Den ausdrüdlicy erzahlenden Dar— ſtellungen namlich pflegen fih, wo, wie bei den Evangeliften durchgängig, Geiftesbildung und Fahigkeit des Ausdruds in eis- nem Misverhältniffe zu dem Gegenfiande fteht, nur allzuleicht fremdartige Glemente beizumifchen, welche den Gegenftand in einer nicht mehr ganz reinen Färbung erfcheinen laffen. Diefe Gefahr liegt jenen gelegentlichen Aeußerungen ferner; fehon in diefer Hinficht Daher würden die Nachrichten der apoftolifchen Briefe entfchieden im Vortheil gegen die evangelifchen fein, wenn fie auch nicht, wie wir doch für ausgemacht zu halten be= rechtigt find, der Begebenheit ſelbſt und der unmittelbarften Kunde von ihr um fo viel näher ftänden. Nach jener evangelifchen Erzählung, die wir unter den auf und gefommenen für die urfprünglichfte halten, würde der Auf: erftandene feinen Juͤngern nur ein einziges Mal erichienen fein. Wir geben auf, wie fchon bemerkt, es mit diefer Ausfage ge— nau zu nehmen; wohl aber meinen wir, daß aus ihr ein that: fachlicher Umftand von entfcheidender Wichtigkeit für die Auf: faſſung jener Begebenheiten zu entnehmen tft, ein folcher, der Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 363 auch durch die übrigen evangelifchen Nachrichten beftätigt, durch eine Stelle der Briefe aber über allen Zweifel hinausgehoben wird. Es ift in nenerer ‚Zeit Sitte geworden, beſonders zu Sweden der Erbaulichkeit, von einem Umgange zu reden, den nach feiner Auferftehung Jeſus eine Zeitlang mit feinen Juͤn— gern gepflogen haben fol. Dies beruht, wie ſchon aus jener - Stelle fattfam erhellt, auf einer grundfalfchen Vorſtellung, die man fic) von jenen Grfcheinungen des Auferftandenen macht. Mag man immerhin durch) jene Erzählung von nur Einem Be: fuche die Annahme auch noch anderer folcher Befuche nicht ausgefchloffen finden: eim länger andauerndes, eine Reihe von Lagen hindurch fortgefeßtes Beifammenfein, dergleichen man unter „Umgang“ zu verfichen pflegt, wird dadurch jedenfalls ausgefchloffen. Hätte ein ſolches flattgefunden, fo wäre die Entftehung jener Nachricht, möchte man diefelbe noch fo fehr für eine apokryphiſche erklären, ſchlechthin unerflärlih. Aus einer Gewohnheit gegenfeitigen Umgangs durch den Zeitraum mehrerer Wochen hindurch wird in einer Ueberlieferung, die al: lenthalben mehr die Tendenz nach Vergrößerung ald nach Ver: Eeinerung des Wunderbaren zeigt, nimmermehr eine furze, ein: malige Zuſammenkunft. Nur in. einzelnen, fchnell vorüberges henden Momenten kann der Auferftandene den Juͤngern erfchie= nen, nicht eine längere Zeit hindurch unter ihnen gewandelt fein: dies würden wir, auch wenn alle andern Nachrichten fehl: ten, mit entfchiedenfter Zuverfiht ſchon aus jener einen ſchlie— Gen Fonnen. Aber auch alle übrigen evangelifchen Erzählungen, fammt den apokryphiſchen, die fich daran reihen, fo weit fie fih auch, befonders die letzteren, wiewohl nicht fie allein, oft ins Gebiet des Fabelhaften verlieren, wiffen doch immer nur von einzelnen Zufammenfünften, nie von einem andauernden Umgange zu erzählen. Man fonnte vielleicht auf den Gedan- fen kommen, dies der eigenthümlihen Manier jener Erzähler zuzufchreiben, welche auch fonft öfters, wie mehrfach von und bemerkt, einen Inhalt, der fich im ftetigen Zufammenhange deg Geſchehens durch längere oder Fürzere Zeiträume ausbreitet, in einzelne Scenen und Momente zufammenzudrängen lieben. Al— lein dies läßt bier Schon die Beſchaffenheit jener Erzählungen nicht zu, welche immer von neuem wieder den Herrn und vor: « 364 Siebentes Bud. führen, wie er durch fein unerwartete, wunderbares Erſchei⸗— nen, nicht felten durch feine Wiedererfennung, nachdem er an— fangs ihnen unerkannt geblieben war, die Jünger überrafcht und in Grftaunen feßt. Aber mehr ald alles ift es die befannte Stelle im funfzehnten Gapitel des erften Korintherbriefes, wodurch jeder Zweifel, der etwa hinfichtlich diefes Umftandes noch übrig bleiben konnte, völlig niedergefchlagen wird. Dort nämlich fehen wir den Apoftel, wie es fcheint, mit der Abficht der Vollſtaͤndigkeit, eine Reihe von Erfcheinungen aufzählen, welche theils einzelne Juͤn— ger, theild ganze Verfammlungen von Süngern zugleich und in Einem Augenblide gehabt Hatten. — Hier haben wir eine Aus— fage, in diefem wie noch in manchen andern Bezügen von dem größten, entfcheidendften Gewicht. Sie ift frei nicht nur von allen den fagenhaften Beimifchungen, die wir in’ den fpätern evangelifchen Berichten zu bemerken glauben, fondern auch von dem Beftreben, die Thatfachen, von denen fie fpricht, zur An— fchaulichfeit einer Gefchichtserzahlung herauszuarbeiten. Sie giebt nichts, als eine einfache, nüchterne Notiz über jedes ein- zelne der von ihr erwähnten Greigniffe, bei welcher an eine Abfichtlichfeit des Zufammenziehens in eine befchränfte Anzahl einzelner Momente jo wenig, wie an irgend eine andere Ab— fichtlichfeit in der Ausmalung diefer Momente gedacht wer: den kann. - Wie nun fehon durch dieſen, mittelft jener Zeugniffe zur Evidenz erhobenen Umftand, die Seltenheit und Bereinzelung der Momente, in welchen fich der Auferftandene vor feinen Juͤn— gern fehen ließ, jede Wahrfcheinlichkeit eines Verkehrs folcher Art aufgehoben wird, wie fonft unter lebenden Menfchen ftatt: findet: dies hätte man fich fchon Längft deutlich machen und ausdrüdlicher, als bisher gefchehen ift, eingeftehen follen. Welche irgend annehmbare Vermuthung läßt fich über den Aufenthalt Sefu in der Zwifchenzeit zwifchen jenen Zufammenfünften er: finnen, wenn er wirklich ald lebendiger Menſch in feinem irdi- ſchen Leibe unter Lebenden wandelte? Wie gebt e8 zu, daß in Feiner jener Erzählungen oder Erwähnungen der Auferftehungss thatfache auch nur entfernt eine Spur darauf hinweift, daß man nach feinem Aufenthaltsorte geforfht, daß man ihn im der Mitte der Sünger zu halten, oder irgendwo anzutreffen gefucht Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 365 habe? Daß unfere Evangeliften, welche doch fonft nad) ei— nem anfchaulichen Zufammenhange ihrer Erzählung, nad) Aus— füllung der Lücken, die zwiſchen den einzelnen von ihnen berichteten Ereigniffen fich finden, fo ſichtlich hinftreben, diefe und ändere aͤhn— liche Fragen, die jedem von uns bei der Kunde von der Aufer— ſtehung eines Todten gleich im erften Augenblide beifallen wuͤr— den, fich offenbar gar nicht vorgelegt haben? Dieß find doch gewiß Schwierigkeiten, deren Lofung jeder, dem der Glaube an jene Shatfache zugemuthet wird, zu verlangen fich berechtigt halten darf, und die fih nicht durch das Eingeſtaͤndniß, „daß über das irdifche Dafein Chrifti nad) feiner Auferftehung mans ches Dunkel verbreitet iſt“ befeitigen oder — vertufchen laſ— fen. Bielmehr, wenn aus allen Nachrichten, die wir befiken, deutlich hervorgeht, daß die Sünger ein Verweilen des Aufer- ffandenen unter ihnen gar nicht erwarteten, daß fie von jeder neuen Erfcheinung deffelben gleich fehr, wie von der erften über: raſcht wurden, daß es ihnen nicht einfiel, den Auferftandenen zu folhem Verweilen aufzufordern, ihn nach feinem Aufent⸗ haltsorte zu befragen, oder auf andere Weiſe dieſen Ort aus— zuforſchen; wenn dieſe Gemuͤthsſtimmung der Juͤnger ſich auch noch auf die evangeliſchen Erzaͤhler jener Begebenheiten uͤber— tragen hat, welche eben ſo wenig, wie die Juͤnger ſelbſt, ſich jene Fragen und Ueberlegungen in den Sinn kommen laſſen: ſo ift klar, daß in der Beſchaffenheit der Erſcheinungen ſelbſt der Grund diefer Sorglofigkeit gelegen haben muß. — Eben diefe Beſchaffenheit nun finden wir aud in den Ausdrüden, Deren ſich Apoftel und Evangeliften über diefelben bedienen, fo oft von ihnen die Rede iftz wir finden fie in einer Reihe näherer Umftände, die bei der Erzählung von ihnen berichtet werden, in der gefammten Haltung diefer Erzählungen und der allent- halben hindurchfcheinenden Glaubensanficht der apoftolifchen Kirche über den Artikel der Auferftehung Ehrifti fo unverkennbar ange— deutet und vorausgefeht, daß wir, bei dem beften Willen, und gegen fremde, insbefondere gegen folche Anfichten, die wit der religiöfen Ueberzeugung der Einzelnen verwachſen find, toles rant und billig zu erweifen, ed kaum anders, als Verblendung nennen koͤnnen, wenn auch wiffenfchaftliche Forſcher ſich noch immer daruͤber taͤuſchen wollen. ° 366 Siebentes Bud. In den Worten, die zur Bezeichnung der Erfcheinungen des Auferftandenen bei Apofteln fowohl als Evangeliften die ge= brauchlichen find, druͤckt ſich allenthalben derfelbe Typus aus, den wir bereits in der Wendung bemerflich machten, mit wel- cher das erfte Evangelium die Erfcheinung auf dem Berge in Öaliläa berichtet. Paulus, in der vorhin erwähnten Stelle des Korintherbriefs, braucht von den ſechs Erfcheinungen , von de— nen er fpricht, viermal hinter einander, ohne Abwechfelung mit einem anderen, den Ausdrud: „er ward gefehen’’ oder „er ließ fich fehen’ (pn); von einem Sprechen, von Wechfelre- den, die zwifchen dem Herrn und den Süngern wären gepflo- gen worden, oder von Aufträgen, die er ihnen ertheilt hätte, ift dort nicht die Rede. Demfelben Worte begegnen wir be- fonders häufig bei Lukas, welcher, ungeachtet gerade bei ihm ſich die Anficht jener Erfcheinungen fichtlich zu materialifiren bes ginnt, doch den urfprünglichen Erzählungen nahe genug fteht, um den Charakter derfelben noch deutlich hindurchbliden zu laſ— fen. Nicht nur, daß bei ihm die nämliche Erfcheinung des Herin vor Petrus, von der auch Paulus erzählt, bei einer vor- übergehenden Erwähnung mit demfelben Ausdrude bezeichnet wird *), nicht nur, daß anderwärts **), und zwar im Munde des dort redend eingeführten Sefus, eben diefes Wort auch von der eigenen Chriftophanie des Paulus, die gleichfalls unter den im Korintherbriefe aufgeführten ift, wiederfehrt: fo finden wir auch dann, wenn in Baufch und Bogen von fammtlichen Erſcheinungen des Auferftandenen während der angeblichen vier- zig Tage feines irdifchen Wandels gefprochen wird, das eine Mal den nämlichen **), ein anderes Mal den noch auffallendern Ausdrud gebraucht: er habe „in vielen Zeichen fih den Juͤn— gern zu erkennen gegeben.”’+) Ein anderes Wort, das gleich- fal3 bei den Evangeliften haufig vorfommt, ift eben das, def- fen wir und felbft Vorläufig bedient haben: daß er den Juͤn— * Luk. 24, 34 =) Ap. Geſch. 26, 16, FE) HpdM EL ulgas misiovs Tois ovvavapäcır avra #. t. 4. Ar. Geſch. 13, 31, +) &v nohhois terumglos di 7uspbv TSO0aE«X0rTa INTaVJuEvog av- vois. ebendaſ. 1, 3, Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 367 gern erfchienen fei. Daffelbe wird in dem unächten Schluß: ‚ abfchnitte des Marcus zu drei verfchiedenen Malen nach ein: ander gebraucht ); eben fo in dem Schlußcapitel des vierten Evangeliums *), und bei Lukas in der Apoftelgefchichte ***). Eben darauf, wohin diefe Worte fo unverkennbar deuten, kommt unftreitig auch der dreimal in zwei verfchiedenen Evangelien ſich vorfindende Ausdrud: „er ftand in ihrer Mitte‘’***) zuruͤck; wo- bei im vierten Evangelium wiederholt noch ausdrüdlich, ge— wiß nicht blos als ein müffiger Zufaß, bemerft wird, daß die Thuͤren verfchloffen waren +). WS Gegenfab aber zu jenem „Erſcheinen“ findet fih in einer der Erzählungen des Lukas vom Abfchiede der Ausdrud: „er verſchwand“ P), womit gleich unzweideutig das Geifterhafte, Körperlofe feiner Gegenwart be: zeichnet wird. | As einen Umftand von befonderer Ueberzeugungsfraft für den durch die hier angeführten authentifchen Ausdruͤcke bezeich- neten Sharafter jener Chriftophanien haben mit Recht fchon An- dere diefen angeführt, daß Paulus in der Reihe derfelben, als den übrigen im Wefentlichen gleichartig, und als die lebte unter ihnen diejenige anführt, die ihm felbft ++) geworden war. Daß diefe lestere nicht in derfelben Zeit mit den übrigen, nicht in- nerhalb jener vierzig Tage fich ereignet haben kann, in welche man der Angabe des Lukas folgend den irdifchen Wandel des *) 2pavn. Mare, 16, 9. Eyavsgndn: V. 12. 14. ) Zpavigwosv Eavrov. Zoh. 21, 1. Eyavsondn. D. 14. =) Zöunev avrov Eupary yeviodaı. Ap. Geſch. 10, 41. ER) Zr Ev u£om aurow. Luf. 24, 36. 2077 sisto u£cov. 30h. 20, 19. 26. +) Soh. 20, 19. 26 5 zwei Stellen, denen e8 freilich an verfünftelnden Deutungen nicht gefehlt hat. +F) dyavros Ey&vero am’ autom. Yuf. 24, 31. +47) Nicht um ein Berdienft der Driginalität mir anzumaßen, fondern um der größern Beglaubigung willen, welcde für eine Anfiht dann erwächft, wenn Mehrere unabhängig von einander darauf fommen, glaube ich bemerken zu müffen, daß die auf diefen Umftand, und überhaupt auf den gefammten Inhalt von 1 Kor. 15, 4 ff. begrüns dete Auffaffung der Auferftehungsthatfahe in mir durch) unabhängi- des Duellenftudium ausgebildet und feftgeftellt war, ſchon vor dem» Erfcheinen des Strauß’fhen Werfes, und ohne daß ich von ben Schriften, in denen ſchon früher ähnliche Gedanfen ausgeſprochen waren (3. B. Kaifers bibl, Theologie), Kenntnig gehabt Hätte, 368 Siebentes Bud. Auferſtandenen einzufchließen pflegt, liegt am Tage; denn da- mals war Paulus, und blieb es noch geraume Zeit, der ent- fchiedenfte Gegner, der erbittertfte Verfolger der werdenden Chris ftengemeinde. Dffenbar aber ift jene Erſcheinung die nämliche, deren er fich auch anderwärts rühmt und von der er feinen Beruf und feine Beglaubigung zum Apoftel des Herm ableitet *)5 undenfbar alfo wäre e8, daß er auh nach ihr in feiner frü= hern Gefinnung beharrt haben follte. In wie weit diefe Chri- ftophanie durch diejenige Erzählung richtig und genau ausge— drückt werde, welche an drei verfchiedenen, nicht ganz unter fich felbft übereinftimmenden Stellen der Apoftelgefchichte von dem Greigniffe gegeben wird, welches die Befehrung des nachherigen Apoftels zur Folge hatte, welches Paulus dort felbft ein ‚‚himms liſches Geficht‘‘ **) nennt, fünnen wir für jest dahingeftellt laſ— fen; aber daß fie eine Erfcheinung des perfonlichen Chriftus in dem irdifchen Körper nicht fein Fonnte, von welchem auch Die jest für rechtgläubig geltende Anficht zugefteht, daß er wenig- ſtens feit der Himmelfahrt nicht „mehr als ſolcher vorhanden war: Dies dürfen wir als ausgemacht und unzweifelhaft anfe- hen. Will man nun aber annehmen (wie für Die, welche an jener Anficht fefthalten, offenbar nichts anderes übrig bleibt), daß der Apoftel es fih erlaubt habe, in die Reihe jener Befuche, die Chriſtus in feinem irdiſchen Leibe feinen übrigen Juͤngern ge— macht hatte, ohne irgend einen Wink über den Unterfchied der- felben von jenen, auch die von ihm felbft erblidte Bifion zu fielen: fo bedenke man, welcher Begrifföverwirrung über den wichtigften aller Glaubensartifel, über den eigentlichen Cardi— nalpunct des Glaubens der chriftlichen Gemeinde man dadurd) den Apoftel ſchuldig macht, deffen Ausfprüchen man doch gleich- falls eine buchftäbliche Autorität beizulegen keineswegs aufgiebt! War es Unkunde über die von der feinigen angeblich fo ver- fchiedene Befchaffenheit der übrigen Chriftophanien, was den Paulus zu diefer Zufammenftellung veranlaßt hatte: wie fünnte man dann noch irgend einen Werth auf eine Thatfache legen, über die fich ohne allen Nachtheil feines Glaubens und feines E) 1 RE IIh, Sal Areal, °F) ovgdvios onracie. Ap. Gefrh. 26, 19. Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 369 Wirkens derjenige Apoftel täufchen Fonnte, in welchem wir. den Glauben an eine andere Auferfiehung des Herrn, als jene ver- meintlich gefchichtlihe gewefen fein foll, folhe Wunder thun ſehen; wie nur einen Augenbli anftehen, hier lieber mit Paulus irren, als mit dem geiftlofen Geſchichtsglauben der fpätern Zeit das Rechte ergreifen zu wollen! Oder hätte Paulus vielmehr über fein eigenes Geficht fich getäufcht und daffelbe für die Ge— genwart des Herrn in feinem irdifchen Leibe gehalten: wie war eine folche Taͤuſchung möglich, wenn er von der längft erfolg- ten Himmelfahrt des Heren gehört hatte; oder wäre fie möglich geweien, wie follten dann die andern Sünger ſich nicht eben fo gut, wie er, getäufcht haben Fünnen? Am wenigften aber von allem: ift zuläfjig, anzunehmen, daß der Apoftel, wiſſend, daß feine Chriftophanie von anderer Befchaffenheit, als die übrigen war, nichts deftoweniger dieſelbe den übrigen gleichgeftellt und für fie von den Befennern feiner Lehre den nämlichen Glau— ben, wie für jene, in Anfpruch genommen hatte, Denn mit diefer Einfiht hätte ihm: dann die rein fubjective Natur der feinigen (— als eine nur fubjective nämlid wird fie doch wohl von denen gefaßt werden müfjen, die zur ob— jectiven Wahrheit der achten Erfcheinungen des Auferftandenen die Wiederbelebung feines irdifchen Leibes für unentbehrlich ach— ten *) —) zum Bewußtfein fommen muͤſſen; und jenes Gleich- *) Die Borausfegung der alten Orthodorie ift freilich vielmehr dieſe, daß Chriftus auch dem Paulus wirklich, aber im verflästen Leibe erſchienen ſei. Aber wir ftreiten hier nicht gegen diefe, die, wie oben bemerkt, auf keine Weife dagegen ift, auch die übrigen Chri- ftophanien als Erfheinungen eines verklärten Leibes zu faffen, fon= dern gegen die modern aufgeftußte Rechtgläubigfeit, welche von ſol— hen Erfcheinungen nichts wiſſen will, und auf der Wiedererfchei- nung Chrifti in feinem irdifchen Leibe eben darum beharrt, weil fie nur die Alternative kennt, daß Chriftus entweder fo, oder gar nicht auferftanden fei: Wenn nichts Ddeftoweniger auch von Anhän— gern diefer neuern Rechtgläubigfeit in Bezug auf die paulinifche Chriftophanie jene ältere Anfiht beibehalten wird (wie z. B. von Neander: Geſch. der Pflanzung und Leitung der riftl. Kirche dur die Apoftel I, ©. 112, der fich übrigens unverkennbar zu der Anſicht Hinneigt, welche diefelbe für eine bloße Bifton nimmt); iv fteht dann diefer Fall einer ſolchen Ehriftophanie ganz vereinzelt, I. Bd. 2A wm un &tiebentes Bud. ſtellen des am ihn nur innerlich ‚ergangenen Nufes mit dem an die übrigen Apoſtel auch Außerlich ergangenen würde ‘auf der frevelhafteften Anmaßung beruhenz auf einer folchen, die, wollte man auch den Paulus felbft ihrer fahig halten, ſchon von feinen‘ Mitapofteln — keine Weiſe haͤtte geduldet werden koͤnnen. Wie aber durch dieſes Zuſammenſtellen einer —— von ganz unzweifelhaft unkoͤrperlicher, geiſtiger oder geiſterhaf— ter Natur mit jenen angeblich materiellen: fo zeigt Paulus und jeigen eben fo auch: feine Mitapoftel auch "durch ihr uͤbriges Berhaltengegendiefe Erſcheinungen, gegen die Stelle, welche fie den— felben in dem Bufammenhange ihres Glaubens, . in ihrer. ge— fammten religioſen Denkweiſe einraͤumen, auf das unzweideu- tigſte und beharrlichſte, welche Vorſtellung fie von. ihnen: ge— faßt, ohne irgend einen Zweifel oder ein. Schwanken, ja ohne. den Gedanken auch nur an die Möglichkeit einer an— dern Vorftelungsweife gefaßt Haben mußten. Wenn der 'ge- nannte Apoftel, zu Ierufalem vor das Synedrium geführt und in Gefahr, dem’ Haß insbefondere der fadducaifchen Secte zu unterliegen, fich an die Partei der Pharifäer wendet undiderfelben begreiflich macht, wie es ihre eigene Xehre, ihr. eigener Glaube fe, der Slaube an Auferfiehung der Todten, wegen deſſen er verfolgt werde *); wenn er fpäter, dem Könige Agrippa vorge: führt, diefen fragt: ob es denn unter feinen Landsleuten für etwas fo unglaubliches gelte, daß Gott Todte auferwede?**) — da mußte er, wenn er fich nicht der Gefahr ausfeben wollte, einer ungehörigen, ſophiſtiſchen Begriffsverdrehung mit Recht bezuͤch— tigt zu werden, in beiden Faͤllen das Bewußtſein haben, mit ſeiner Lehre von der Auferſtehung Jeſu Chriſti keine andere, als eine ſolche Behauptung auszuſprechen, deren Moͤglichkeit un— mittelbar in der Lehre der Phariſaͤer, der eigentlichen juͤdiſchen ermangelt jeder Analogie in andern beglaubigten oder zugeſtande— nen Thatſachen, und mithin auch alfer und jeder wiſſenſchaftlichen Begründung. *) 290 Dagıoards sıur, vios Dapıoalov' epl EAnidos zul dvaord- 0808 vErEWV Eyo) rplvoun. Ape Geſch. 23; 6. *ᷣx) di Amlorov nplvsraı map dwiv, el 0 B8os verpors Eysipsı; Eben- daß; 26, 8, Die Auferftehung und Die Himmelfahrt. 371 Drthodorie damaliger Zeit”), zu der fih Paulus nach diefer Seite bin auch als Chrift nd immer befennen durfte, anerkannt war. — Daß es fich namlich in beiden Fällen nicht um den Aufer- ſtehungsglauben überhaupt, fondern nur um die Auferftehung Chriſti als bereits gefchehene Thatfache handeln fonnte: darüber kann fhon im Allgemeinen fein Zweifel fein, da ja nur mit der leß- tern, aber nicht auch mit der erftern Behauptung die Chriften den Juden Anftoß gaben. ES wird dies aber dort auch noch aus: drücdlich bezeugt, durch den Bericht, den Feftus dem Agrippa über die gegen den Paulus erhobenen Befchuldigungen giebt , und durch die weitere Wendung, welche Paulus felbft in fei- ner Verantwortung nimmt, welche damit fehließt, Chriftum als den „Erſten aus der Auferftehung der Todten“ zu bezeichnen ***). Sn Bezug aber auf Schon Verſtorbene beftand die pharifäifche Drthodorie, wie wir ausdrüdlich in. der erften der hier ange: führten Stellen+) belehrt werden, eben darin, die Möglichkeit einer Erſcheinung derfelben als abgefchiedener Geifter nicht in Abrede zu fielen. Auf die unzweideutigfte Weife von der Welt giebt der Berichterftatter zu verftehen, daß in jener flürmifchen Sisung des Synedriums, wo der Apoftel die Pharifäer zu noͤ— thigen wußte, daß fie gemeinfchaftliche Sache mit ihm machten, ed fich zwifchen diefen und den Sadducäern eben um nichts anderes, als um die Möglichkeit handelte, ob ein abgefchiedener Geiſt einem lebenden Menſchen fih offenbart haben Tonne ). Eine ganz entfprechende Anwendung, wie hier zur Ver— theidigung feiner Lehre nach außen, fehen wir den Paulus von der Auferftehungsthatfache anderwärts innerhalb der Gemeinde *) 7 dxgıßsorarm aigsoıs 175 musripas Ioyorelas. Cbendaf. V. 5. ##) Intnuora — &lyov mE0S avriv Hol megl Tıvos ’Imood TEÜwmxoroR, öv Epaorev 0 Ieavkog Cjv. Ebendaſ. 25, 19. **) Cap. 26, 23, +)-ECap. 23, 8. +7) Die Rede der Pharifäer bricht B. 9 mit den Worten ab: eu Ö2 nvsvua Ehahnosv auto, 9) ayyelos.... worauf, wie der Zufanmen- bang zeigt, ein gutheißender Ausſpruch folgen follte, Schon vorher (2. 8) war der Unterfihied der pharifäifchen Lehre von der ſaddu⸗ cäiſchen ſo bezeichnet worden, daß, wahrend die letztere läugne: un eivar und: oavaoraoiv, undE ayyslov unte nvsoua, die Bye beides beiahe. 24 372 | Siebentes Bud. felbft, zur Begründung und Befeftigung Diefer Lehre machen, Faft durch alle feine Briefe zieht jich als ein Grundgedanfe diefer hindurch, der am deutlichften und. entfchiedenften im erften Korintherbriefe, in demfelben ‚Zufammenhange, in welchem jene Aufführung einer Neihe von Chriftophanien vorfommt, ausge: fprochen wird: daß die Auferftehung Chrifti den unwiderlegli- chen Beweis für die Unfterblichfeit der durch. ihn Erlöften gebe. Wie es mit diefem Beweife gemeint fei, darüber hätte längft ſchon die, die Schlußfolge jenes Beweiſes umfehrende Verſi— cherung die Augen oͤffnen koͤnnen, die wir wiederholt, jenen Irr— gläubigen der Forinthifchen Gemeinde gegenüber, welche behaup— teten, die allgemeine vom Herrn verheißene Auferftehung Aller fei fchon erfolgt und nicht erft von der Zufunft zu erwarten, mit den Flarflen, unzweideutigften Worten ausgelprochen leſen: wenn es feine (d, h. feine andere, als jene fafchlich dafür gehaltene) Auferftehung der Todten gebe, wenn die Todten nicht wirklich auferfiehen, fo fünne auch Chriftus nit auferftanden fein*. — Inoffenbarem Bi: derfpruche mit diefen, einen ganz andern Zufammenhang aus: fprechenden Worten, fo wie ohnehin mit dem Geifte der pau— liniſchen und überhaupt der acht apoftolifchen Auferftehungslehre, legt der moderne Supernaturalismus dem Apoftel das geiftlofe Kaifonnement unter: Chriftus habe die Auferftehung. Aller, ge— lehrt, er habe die Glaubwürdigkeit feiner Lehre durch feine eis gene, gleichfalls von Ihm vorausgefagte, Auferftehung bewiefen, alfo müffe man auch jener Lehre glauben. Er felbft freilich, diefer Supernaturalismus, Fann nicht anders, als ſolches Raiſon— nement unterlegen, nachdem er zuvor die Auferftehung in einer Weiſe gefaßt hat, welche dieſes Ereigniß nicht nur feiner Er- fcheinung, fendern auch feinem Weſen nach nur als Aus: nahme von der fonftigen Gefeßlichkeit des Naturlaufs bezeich- net. Durch eine folche Ausnahme würde für das, was unter dem Geſetze ift, nichtS bewiefen werden; die Auferftehung Iefu, fupernaturaliftifch gefaßt, Fann für die Auferftehung der andern Menfchen an fich felbft offenbar nicht beweifen, weil fie eben eine » ’ - 12 \ *) 8 avaoraoıs vexcWv ovn Eorıv, ovdE Xguoros Eynysprau 1 Kor. BE > x > > CH r x > na 15, 13. zu vergoi 00% Eyeigoyrau, ovdE ‚Nguoros Eynysgrau V. 16. Die Auferſtehung und die Himmelfahrt. „ »18 ganz andere ift, als diefe dereinftige Auferftehung Aller, Anders der Apoftel. Diefer betrachtet’ vielmehr, wie die angeführten Worte zeigen, die Erfcheinung des auferftandenen Chriſtus darum als beweis fend für die Auferftehung Aller, weil fie ohne Borausfegung einer all- gemeinen Auferftehung unmöglich würde haben erfolgen fünnen. Wie aber fonnte er dies, wenn fie ihm etwas anderes wäre, als nur eine eigenthümliche Bethätigung jenes fubftantiellen Seins, welches nicht Chriftus allein, Sondern alle Menfchen ohne Unterfchied nach’ dem irdifchen Tode bewahren? Nicht von der Seite ihres Unterfchieds von der ſonſtigen Gefeßmäßigfeit des Naturlaufes, nicht von ihrer wunderbaren, miraculöfen Natur > entnimmt der Apoſtel jene Beweiskraft der Auferftehungsthatfache, fondern ge- rade umgefehrt von der Seite ihrer Identität mit diefer Gefeß- mäßigfeit. Diefe Identität aber, wo bliebe fie, wenn die Auf: erftehung Jeſu das wäre, was die Auferftehung der andern Men- ſchen eben nicht fein fol, eine augenblidliche, auf kurze Zeit geichehene Wiederbelebung des im Grabe verwefenden Leibes, des irdifchen, zum Erbe des göttlichen Neiches ausdrüdlich von dem Apoftel für unfähig erflärten *) Fleifches und Blutes? — Man wende nicht ein, daß der Apoftel anderwärts auch dieſem irdiſchen Leibe eine Wiedergeburt zu verheißen feheine **), und daß hiernach allerdings auch die fupernaturaliftiich, gefaßte Auf: erftehungsthatfache einer Analogie zu jener allgemeinen Aufer— ftehung nicht entbehren, und die Anfiht, als fet fie nad) derfelben Geſetzmaͤßigkeit erfolgt, zulaffen würde, Daß nämlich dies die Meinung des Paulus nicht fei,. erhellt Elar aus dem weiteren Fortgange feiner Betrachtung. Er geht nach wiederholter Berfiherung, wie mit Berläugnung des Glaubens an allgemeine Auferftehung das ganze Chriſtenthum aufgehoben werde, zu der Frage fort, von welcher Art denn die Leiber der Auferftehenden fein werden *), und bezeichnet diefelben als *) 0008 zul alua Baoıheiav Beov zAmgovounocı ov Övvaraı. A. a. D. BD. 50, ==) Nom. 8, 11; eine Stelle, die wahrfheinfih gar nicht von dem fünftigen Leben, fondern ſchon von dem gegenwärtigen fpricht; En fo wie Nöm. 6, 5. 2 Kor. 4, 47 Kolof. 3, 1 u. a. SEI 807, 19, 30 11: * e 374 Siebentes Bud. pneumatifche, in ausdruͤcklichem Gegenfaße gegen Fleifch und Blut des piychifchen Leibes, als himmliſche und uns verwesliche,. In einem ſolchen Leibe alfo mußte auch Chri— ſtus feinen Süngern erfchienen fein, wenn fein Erfcheinen eine Beweiskraft für die Nealität folcher LKeiblichkeit haben, oder wenn umgelfehrt mit dem Glauben an unfere Dereinftige Aufer- ftehung in folcher Leiblichkeit auch der’&laube an die Wahrheit der Auferftehung Chrifti fallen follte. Nur in diefem Sinne Fann Chriftus der „Erſtling von den Entſchlafenen“ ) heißen, daß in ihm, vermöge feiner höheren Natur und göttlichen Ab— funft, diefe pnreumatifche Leiblichkeit, der Auferftehungsförper, fi früher als in allen Andern manifeftirte, und durch fein ausdrücdliches Erfcheinen vor denen, welche es tragen konnten, Buͤrge für die Gewißheit einer entfprechenden Wiederbelebung Aller ward. Nur fo ift die Auferftehung Chriſti Glaubens: thatſache, in ganz entiprechender Weile Glaubensthatfache, wie die dereinftige allgemeine Auferftehung es ift. Als eine folche aber, nicht als ein Außerliches Factum, deſſen Realität fich durch Zeugen- und Urfundenbeweife oder durch die species fact eines vermißten oder wiederaufgefundenen Leichnams be> weifen oder widerlegen ließe, wird fie offenbar, hier eben fo, wie Dort vor dem Synedrium und vor Agrippa, von Paulus behandelt, wenn er den Läugnern einer zukünftigen allgemeinen Auferftehung zu bedenken giebt, daß. fie nothgedrungen dazu fortgehen müffen, auch die fchon gefchehene und von den Glaͤu— bigen erprobte Auferftehung ihres Herrn und Meifter in Ab— rede zu ftellen. Nicht umfonft erinnert er die Korinther an ihre Laufe, eine Taufe „auf die Todten““, was, fo giebt er zu bemerken, offenbar widerfinnig wäre, wenn die Todten nicht auferftehen follen**). Wir wiffen nämlich, daß der Tod, auf wel: hen die chriftlichen Zäuflinge getauft wurden, Fein anderer, als der Tod Chrifti war"); fo daß alfo auch hieraus hervorgeht, *) anapyn twv nsroıumulvov, V. 20.23. (moBrOToxos Ex To vergov Koloff. 1, 18. Apofal, 1, 5, euros 25 dvaoraosws vergov Ay, Geſch. 26, 23,) ),%.2% 2) ROHR OS, Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 375 wie der Apoſtel den Glauben an Chriftus, den „dem Fleiſche nach Getödteten, dem Geiſte nach aber wieder lebendig, Ge: machten’, wie ein anderer Apoftel ihn nennt *), won dem Glau—⸗ ben an die Unfterblichfeit und Auferftehung Aller — * keine Weiſe zu trennen wußte. Das Ergebniß nun, welches aus dieſem allem, wir meinen unwiderſprechlich, hervorgeht: daß nämlich die Apoftel des Glaubens tebten, den Auferftandenen nicht in dem wiederauf: gelebten irdischen Leibe, fondern in jener verklärten Geftalt ges | ſchaut zu haben, in welcher er, wie fie es bildlich auszudrüden | lieben, zur Rechten des himmlischen Vaters ſitzt, — dieſes Er- gebniß geroinnt feine. legte Betätigung jest noch durch einen | bisher unfers Wiffens fo gut wie ganzlich, überfehenen Umftand, deffen Erörterung, da ſie am bequemften zur nähern Betrach— tung der einzelnen Erzählungen hinüberführt, wir bis auf Diefe Stelle verfchoben haben. — Das herrſchende Borurtheil von einem. in jenem Wortfinne, den. wir als durchaus unbiblifch verwerfen mußten, irdiſchen Wandel des Auferftandenen während jener vierzig Tage, die uns Lukas als den Zeitraum nennt, inner halb deſſen er fich durch allerhand. Zeichen feinen Süngern zu erbliden gab, ift durch nichts mehr genährt worden, als durch einen Bericht, welchen, in einer Geftalt, an der wahrfcheinlich der Zufall und die Willfür des Erzählers vielen Antheil hat, der eben genannte Evangelift von der Art und Weile giebt, wie bei der nah ihm Testen jener Grfcheinungen. der, Herr aus der Mitte feiner Sünger fol entrüdt worden fein. . Auf dem Delberge unweit Serufalem, — fo lautet» bekanntlich die Erzählung am Beginne der Apoftelgefchichte, — nachdem Jeſus ven Züngern die Sendung des heiligen Geiftes verheißen und fie zu Zeugen feiner Lehre über den ganzen Erdfreis nochmals feierlich eingeſetzt hatte, ward er. vor ihrem Angeſicht emporge- hoben z eine. Wolfe entzog ihn ihren Bliden, und als fie ihm in dem Himmel nachfahen, flanden zwei Männer in weißem / Gewand neben ihnen, welche ihnen verfündigten, daß derfelbe/ Jeſus, den fie fo eben zum Himmel emporfhweben fahen, in gleicher Weiſe von dort einft wiederfommen ‚werde. — Mit Für- *) Havarwäelt udv vapzı, Cmonoımdeis ÖE avevuorı, 1 Petr. 3, 18, j 376 Siebentes Bud. zen Worten wird diefes wunderbare Ereigniß am Schluffe der Evangelienſchrift deſſelben Verfaſſers berichtet, und gleicherge— ſtalt auch in dem wahrſcheinlich unaͤchten Zuſatze zu Marcus; hier jedoch, wie es wenigſtens ſo ſcheint, unter nicht ganz mit jener Erzaͤhlung uͤbereinſtimmenden Umſtaͤnden. In den beiden andern Evangelien dagegen, und eben fo in den übrigen Bü- chern des Neuen — herrſcht uͤber daſſelbe das tiefſte Stilfchweigen*). Was für ein Schluß aus diefem Still ſchweigen auf die Befehaffenheit jener Erzählung zu ziehen ſei: dies hat unbefangenen Korfchern feit längerer Zeit eben fo wenig entgehen fünnen, wie die Schwierigkeit, unter Vorauss feßung der Realität des irdifchen Koͤrpers, deſſen Entfernung von der Erde doch gerade erft durch dieſes Greigniß erfolgt fein fol, das Ereigniß felbft auf eine irgend annehmbare Weife voritellig zu machen. Es lohnt aber der Mühe, dem Grunde und Urfprunge der Sage von diefer Begebenheit etwas näher nachzugehen. Aus diefer Unterfuchung wird fich ergeben, wie gerade fie vecht eigentlich die Grenzſcheide zwifchen jenen *) Vom Apoftel Paulus läßt fi) mit leichter Mühe ſogar ein pofiti- Her Beweis führen, daß er von der Himmelfahrt als finnlich wahres nehmbarer Begebenheit nichts gewußt haben fann. Er führt Eph. 4, 8 die Stelle: Pf. 68, 19 an (welche, auf den Meffins bezogen, wie Paulus fie hier auf ihn bezieht, unftreitig mit unter den Beranlaffun= gen’ der fpäteren Geftaltung der Sage von der Himmelfahrt zu nennen tft), und fucht fich diefen Ausfpruch zu deuten, indem er die Frage aufiwirft, wie denn ‚die Worte: „er ftieg hinauf in die Höhe” anders gefagt werden fönnen, als von Dem, der feinerfeits auch in die nie= dern Regionen der Erde herabgeftiegen fei (ro Ö8, av£ßn, ti Eorw, & un) ürı zal zar: 'Bn EIS Ta KaTursoQ TS yñe 33 Der Herabſtei— gende ſei einer und derſelbe mit dem über alle Himmel Heraufſtei⸗ genden (0 xarapas avros Eorı zul 0 avapas Umsoavn marrwv mu ovgavav). Wer fieht hier nicht, daß in diefen Worten der Ausdruck aveßn als ein Problem behandelt wird, deſſen Anwendung auf Chriſtus Feineswegs fo deutlich vorlag, mie fie vorgelegen haben müßte, wenn der Apoftel von feiner Himmelfahrt etwas gewußt hätte? — Die einzige Stelle bei Paulus, die fih mit einigem Schein auf die firhtbare Himmelfahrt beziehen läßt, if das ani/ndn &v do&n 1 Timoth. 3, 16. Alfein abgefehen von dem zweifelhaften Charakter der Paftoralbriefe (von deren Unächtheit ich mich jedoch, auch nach den neueften Verhandlungen darüber, noch nicht eigent- Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 377 beiden verfchiedenen Anfichten über die Befchaffenheit der Er— fcheinungen des Auferftandenen bezeichnet, indem fie nur auf. dem Boden der geiftigeren Anficht erwachfen Tonnte, ‚einmal, vorhanden aber allerdings der Meinung Vorſchub that, als ſei der in jenem Augenblid von der Erde Entfernte bisher auch noch im eigentlichen, d. bh. im Außerlichen und leiblichen Sinne auf der Erde gegenwärtig gewefen. Auf die rechte Spur in Betreff diefes Gegenftandes zu führen, eignet fich vielleicht Feine andere Notiz fo fehr, als eine wenig beachtete in dem f. g. Briefe des Barnabad. Dort wird in einem Zufammenhange, wo von der Sonntagsfeier die Rede ift, mit Haren Worten gefagt, daß Sefus an diefem Tage auferſtanden und, nad) feiner Erfcheinung vor den Jüngern, zum Himmel aufgefahren fei*). Den legtern Sab von dem erftern trennen, wie in Ermangelung einer befjern Auskunft die Ausleger verfucht haben, und durch Hineindenken einer fpätern Zeitbeftim- mung fürdas imle&tern erwähnte Ereigniß den Berfafferdes Briefes mit Lukas in Uebereinftimmung fegen wollen, ift ein offenbar gewaltfames Verfahren. Wozu fonft fonnten diefe Worte hier fiehen, wenn nit auch fie zur Erklärung der Sonntagsfeier dienen follten? Hätten wir nichts, als diefe Stelle einer, wenn auch nicht von dem Apoftelgehülfen felbft, deſſen Namen fie trägt, herrührenden, aber doc unläugbar einem fehr frühen Zeitalter angehörenden Schrift mit jener Erzählung des Lukas zufammenzuftellen: fo müßte ſich ſchon aus ihr uns für Die leßtere die Vermuthung ergeben, daß fie nicht ſowohl etwas einmal Gefchehenes, als vielmehr ein bei jeder neuen Erfchei- nung des Herrn vor feinen Jüngern wiederholt Gefchehenes berichte. Daß dad VBerfchwinden jeder einzelnen folchen Er: foheinung ald ein Auffahren des Grfchienenen zum Himmel ber lich überzeugt befennen fann): fo ift auch hier dieſe Deutung feines- wegs nothwendig, fondern ſchon die Zufammenftellung aus Lauter folhen Sägen, deren feiner ein einzelnes Ereigniß, fondern deren jeder einen bleibenden Zuftand ausfagt, empfiehlt eine andere Auslegung. x #) @yousv nv Yjulpav mv oydomv &is Eupgoovvnv, &u 1) 0 Imoovs dvlorn En vergöv nal Yavsgweis avißn eis vous olgavoug. Ep. Barnab. c. 15. p. 48. Cleric. 378 Siebentes Bud. zeichnet wird: dieſe Ausdrucsweife entfpricht an und- fir fich ferbft vollkommen jenem Kreife von Borftellungen, welchem auch die oben erwähnten Ausdrüde: „er erfchien, er ward ge— fehen, er ward unfichtbar“ angehören. Sie dient zur Erklaͤ— rung des fonft fo räthielhaften Umftandes, daß niemand daran dachte, dem Aufenthaltäorte des nur auf kurze Augenblide Er: fcheinenden nachzuſpuͤren, oder nach einer früher flattgefundenen Erſcheinung neue, ahnliche Befuche des Auferftandenen zu er— warten: Die Art und Weife, wie Lukas am Schluffe des Evans geliums, und wie der Verfaffer des Schlußabfihnittes ‚bei Mar- cus jener Begebenheit nur ganz vorübergehend gedenken, ohne von ihr seine ausführlichere Erzählung, wie Lukas wenigftens ‚von den ihr vorangehenden Auftritten, zu geben, deutet, bei dem Schweigen der andern Evangeliften, ihrerfeitS eben fo. fehr auf einen fchon als befannt und geläufig vorausgefegten Ausdrud, wie andererfeit auf eine Dürftigfeit deffen, was man über die Thatfache als folche in Erfahrung gebracht hattes Wenn aber Lukas am Beginne der Apoftelgefchichte in feiner gewöhnlichen, zwar maleriſchen, aber. flüchtigen und über das Schwierige leicht hinweggleitenden Manter den ausführlichern Beriht nach: holt: fo fieht Dies ganz jo aus, als habe er erfi nach jener früheren, Turzen Erwähnung — nicht etwa genauere Nachrichten eingezogen, wohl aber fich darauf bejonnen, wie ein ſolches Greigniß wohl einer genauern Befchreibung werth fei. In: deffen fteht jene Nachricht des Pfeudo-Barnabas den evangeli= fchen gegenüber Feineswegs einſam; es laßt fich vielmehr bei aufmerkfamer Erwägung der verfchiedenen Aeußerungen, welche fi in den Evangelien und den Briefen über die Auferftehung in ihrem Zufammenhange mit der Erhöhung Chrifti finden, zur vollfommenften Klarheit bringen, wie in der Borftellung der früheften Chriftenheit dad Verhaͤltniß diefer beiden Glaubens- artifel zu einander ganz ein anderes war, ald es. fpäter in Folge jener Erzählung des Lukas geworden ift. Diefe Vorftellung nämlich ging, um es Furz zu fagen, dahin: daß Die Erhöhung Chriſti zur Rechten des himmlifchen Vaters nicht eine von feiner Auferftehung getrennte, fondern daf beide eine und diefelbe Begebenheit, jede einzelne Erſchei— nung des Herrn alfo ein Herabfteigen von der Höhe war, zu ‘ Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 379 der er, verfchwindend, jedesmal fich aufs neue erhob. Die Auferftehung, welche, allerdings auch der ächt apoftolifchen Lehre zufolge, am dritten Tage nach dem Kreuzestode erfolgt war*), — diefe von den Apofteln ald Ur» und Grundthatfache des gefammten chriftlichen Glaubens gepredigte und verfündigte Auf: erftehung — ift nicht das Hervorgehen des Leibes aus dem Grabe, fondern die Erhebungder Seele Ehrifi aus dem Hades, der die Seelen der abgeſchie de— nen Sterblidhen aufnimmt, in den Himmel und an die Rechte Gottes”). Bon dort, von feinem Site zur Rechten des himmlifchen Waters aus, nicht von irgend einem irdiſchen Schlupfwinfel aus, in den er fich, den gemeinen fuper- naturaliftifchen eben fo, wie naturaliftifchen Vorſtellungen zu— folge, um von feinen Gegnern und von allen Fremden unbe: merft zu bleiben, verfrochen haben müßte, befucht er feine Juͤn— ger, und dorthin Fehrt er nach jedem einzelnen diefer Befuche, nicht blos nach dem angeblich letzten (welcher übrigens: nach Lukas felbft, der ja noch die fpätere Erfcheinung vor Paulus kennt und davon zu erzählen weiß, nicht einmal der legte wäre), jedesmal zurüd. — Diefe Behauptungen urfundlich zu erweifen, wollen wir bei demfelben Gvangeliften beginnen, von welchem die entgegengefegte Vorftellung ſich hauptfächlich her— fhreibt, bei dem aber, wie ſchon aus den oben angeführten Ausdrüden hervorgeht, fich noch genugfame Spuren der urfprüng- lichen, aus welcher ſich ja feine eigene eben erft entwickeln konnte, *).1:80r. 15, 4. **) Eine derjenigen Stellen, auf welche die Apoftel Hauptfächlich ihre Behauptung, daß Sie Auferftehung des Meffias bereits im A, T. gemweiffagt fei, zu begründen pflegten, war, wie aus Ap. Geſch. 2, 25 ff. erhellt, der fechszefnte Pfalm. Dort heißt es V. 10: „Du wirft meine Seele nicht im Hades laſſen“; Worte, die, obwohl dort von einem Lebenden gefagt, die Apoftel offenbar, in Gemäßheit der allgemein unter Juden und Heiden Damals geltenden und weder von ihnen, noch von Chriftus felbft widerlegten Vorftellungen yon dem Aufenthaltsorte der Seelen zunächſt nach dem Tode, auf den— jenigen Hades bezogen, der auch die Seele Chrifti im Tode zunächft aufnahm, von wo diefelbe aber alsbald ald mowroroxos zv vergnv oder amagyı zuv zezorumuevomv wieder hervorging. 380 Siebentes Bud. erhalten haben. Der Ausdrud, deſſen Lufas*), und deſſen nach ihm der Ergänzer des Marcus fich bedient**), um die Erhöhung auszudrüden, die jener Erzählung zufolge erft nach Verlauf der vierzig Tage erfolgt fein fol, ift befanntlich: „er ward hinaufgenommen“ (dveiryIn). Der nämliche Ausdrud aber findet fich bei Lukas felbft in einem Zufammenhange, wo offenbar nicht von der Himmelfahrt ald folcher, fondern ganz - einfach von feinem Tode, von feinem Abfchiede von der Erde überhaupt die Rede ift***). Dies deutet, bei der eigenthuͤm— lichen Bedeutung diefes Ausdruds, die ſich auch in der fchon vorhin angeführten paulinifhen Stelle +) bethätigt, auf eine Gewohnheit, diefen Abfchied in demfelben Lichte zu betrachten, in ir die fpätere Dogmatifche Ausprägung Diefer Lehre erft die Himmelfahrt betrachten wollte. Eben fo glauben wir auch die Worte des den zwei Jüngern auf dem Wege nad) Emmaus GErfcheinenden deuten zu müffen, in denen er fie. be— lehrt: „wie folches habe’ der Meffiad leiden und eingehen müffen in feine Herrlichfeit. ++) Denn daß hier folches Ein- gehen nicht erſt von der Zufunft verfündigt, fondern als bereits gejchehen vorauögefeßt wird: dafür fprechen die fogleich näher nachzumeifenden Analogien der apoftolifchen Briefe zu laut, als daß wir und veranlaßt finden follten, nach Analogie einer, allerdings nahe liegenden Stelle +++), eine Ungenauigfeit des Aus— druds anzunehmen. Diefelbe Vorftellungsweife blickt auch noch in zwei Stellen ‚der Apoftelgefchichte hindurch, welche deutlich genug eine auch nach der fpätern Anficht zwar noch vollfom- men zu vechtfertigende, aber gewiß nicht aus ihr zunächft her— vorgegangene Continuität des Lebens Chrifti von dem Momente feiner Auferftehung an feßen, die eine, indem fie die Unzerſtoͤr— * *) Ap. Geſch. 1, 2. 11. **) Mare, 16,19, =eR) gylvero 87 cu ovumimgovodas ras jusgas u7s dvalıweng avror. Luk. 9, 51. +) 1 Zimoth. 3,16, H Luk. 2%, 26. +rr Eine ähnliche Conftruction findet fih nämlich V. 47 vor, wo das angvydzvar allerdings auf die Zukunft geht. Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 381 barkeit diefes Lebens von jenem Momente an datirt*), die an⸗ dere, indem fierin einem Zufammenhange, wo es fih von dem Factum der Auferftehung handelt, von einer gegenwärtigen Fort dauer des Lebens Chrifti fpricht**). Aehnlich aber, wie bei Lufas, und um fo unzweideutiger, je näher fie den Erfcheinungen ſelbſt ftehen, auf deren Anlaß . ſich dieſe Vorſtellung gebildet hat, findet ſich dieſelbe auch bei den. übrigen neuteftamentlihen Schriftftellerns Betrachten wir in diefer Abficht zunächft die Evangeliften. Unſtreitig wohl im Sinne jener Borftellung werden von Marcus, und nach ihm von den beiden andern Synoptifern, Sefu die hier freilich nicht eben glüdlich angebrachten Worte in den Mund gelegt: „‚Shr werdet des Menfchen Sohn fehen zur Rechten der Macht ſitzen und mit den Wolfen des Himmels Fommen!’’ **) Denn es liegt in Diefem Zufammenhange offenbar am naͤchſten, an den Tod Chrifti zu denfen, nicht san ein fpäteres Ereigniß, durch das er erft an diefe Stelle erhoben würde. » Auch ſind die Morte nicht zunüberfehen, welche in: jener Anrede auf dem Berge in Galiläa der Auferftandene zu den Juͤngern ſpricht, worin er. ihnen alle Macht im Himmel und auf Erden als be reits ihm übergeben, nicht als erſt bei einer bevorftehenden Auffahrt zum Himmel ihm zurübergeben anfündigt +). — Im vierten Evangelium findet fich eine ganze Reihe won ‚Stellen, die von der Erhöhung, von der Verklärung Chrifti nach oder vielmehr bei feinem wöifhen Tode fprechen, ohne daß dabei eine Bezugnahme auf die Himmelfahrt in der, diefem Evans gelium ganz fremden Geſtalt, wie Lufas fie erzählt, vorausge— *) avlornosv arrov &uı werguv,‘ unser wihkovre vmoorg&ptw £ı5 diagtoparv. Ay. Geſch. 13, 34. *%) nrinara, elyov — nepl zıwos Imoov Tshrnnoros,\ov Epaoner 6 IIevkos Env, ebendaf. 25, 19. — Auch in den Erwähnungen der Erhöhung Chriſti im Zufammenhange mit feiner Auferſtehung, Ap. Gefh. 2, 33: 5, 3b, wird beides wenigftens nicht ausbrüdlid von einander getrennt gehalten, #2) Marc, 14, 6% u. Parall. Lukas (22, 69) hat für nöthig eranhtet, das. Auffalfende zu befeitigen, was in dem: „Ihr werdet ſehen“ liegt. + Matth, 28, 18. 382 Siebentes Bud. fegt werden koͤnnte. Zwar hat man einen folchen Bezug, wenn nicht noch anderwaͤrts, fo wenigſtens in den’ Worten Iefu Gay. 6, B.62 finden wollen, „Wie nun, wenn ihr den Menfchenlohn da hinaufgehen fehet, wo er zuvor war?“ Aber der Zufammenhang, ' wenn irgend ein einigermaßen bündiger vorausgefeßt werden fol, zeigt, daß von einem Aergerniß Die Rede ift, welches die Juͤnger nehmen werden; folches Aergerniß aber Fonnte nur an dem ode, nicht an der Himmelfahrt Jeſu genommen werden *). Wenn aber Jeſus den Nifodemus mit abfichtlihem Doppelfinne auf die Nothwendigkeit' einer „Erhoͤ⸗ hung des Menfchenfohnes ’* hinweiſt, gleichwie Mofes Die Schlange in der Wüfte erhöht habe**); wenn er in den Ab: fchiedsreden an feine Jünger auf das vielfachfte wiederholt von einer Nücdkehr zu ihnen fpriht, aus dem Orte, wo er zuvor ihnen’ eine Stätte bereiten wolle **), von einem Wiederfehen, nachdem die Welt ihn nicht mehr werde fehen fonnen+); wenn er als den Grund, der es möglich) machen werde, daß Die Sünger ihn wieder fehen konnen, ausdruͤcklich Diefen angiebt, daß er zum Vater gehe +7); wenn er endlich in dem hohenprie- fterlichen Gebete, wie auch fchon vorher, von feiner bevorftehenden Berflärung auf eine Weife redet, durch Die jeder unbefangene Lofer unwillfürlich genöthigt wird, den Moment diefer Verklaͤ— rung ald mit dem Momente feines Todes fo gut wie unmit- *) Bergl. de Wette z. d. St., welcher, zuerft von allen Auslegern, wie es wenigſtens und fo ſcheint, eine Logifch befriedigende Erklä— zung der. Stelle gegeben hat; wiewohl es freilich immer möglich und und fogar nicht unwahrfeheinlich bleibt, daß der Evangeliſt felbft, — darauf aber, fommen direct oder indirect alle andern Er- Härungen hinaus, — nichts Klares bei diefen Worten gedacht habe, er) Joh. 3,14, Iinmittelbar vorher, V. 13: oödeis dvapeßnnev zig ‚Tov Ovgavor, El un %. Tr I #8) Cap. 14, 3 7) Cap. 14,19% Cap. 16, 16. 19: Jeſus braucht hier den Ausdruck oweodE we, ein Wort, das, wie oben bemerkt, fo Häufig von den Erfcheinungen des Auferftandenen gebraucht wird. In der Erwie— derung des Judas, Cap. 14,22, heißt 883 Zurv weiksıg re 0E0RvTOr. ++) Cap. 16, 16. Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 333 telbar zufammenfallend zu denken *): fo find dieſe (in ihrer vorliegenden Geftalt dem Ayoftel, nicht dem Meifter felbft an— gehörenden) Aeußerungen offenbar aus einer Grundanfchauung hervorgegangen, welche. ſich mit keiner andern, als nur mit einer rein geiſtigen Anſicht der Auferſtehungsthatſache verträgt. Wie man auch jene Verheißungen der Wiederkehr, des Wie: derſehens verſtehe, — wir ſelbſt glauben, daß ihr Sinn noch ein allgemeinerer iſt, — der Apoſtel ſeinerſeits konnte ſie un— möglich aufzeichnen, ohne dabei an die auch von ihm miterleb- ten Erfcheinungen des Auferſtandenen zw denken. Hätte es bie Natur diefer Erfcheinungen nicht zugelaſſen, fie ohne eine bei: gefügte ausdrüdliche Unterfcheidung in jene allgemeinere An: deutung mit einzufchließen: ſo hätterer e8 nicht umgehen fon: nen, feinem Chriftus in dieſem Zufammenhange eine Hinweiz fung auch auf fie in’ den’ Mund zu legen, da die Neben dieſes Chriſtus, fo wie fie vorliegen, nicht anders, dennals eine ftill- fchweigende Laͤugnung jener Außerlichen leiblichen Auferftehung verftanden werden fonnen. Hat ed ja doch fogar der Herausgeber de3 Evangeliums, er, den: wir vallenthalben "fo geneigt fehen, mpyfteriofe Anfptelungen aufzufinden‘ oder den Sprechenden ‚un: terzulegen, nicht gewagt, in dieſe Neden, wie er fie bei dem Apoftel fand, eine ſolche Anfpielung hineinzulegenz hat er es doc vorgezogen, um den Chriſtus feines Evangeliums in Betreff des Vorauswiſſens feiner" bevorftehenden leiblichen: Auferftehung nicht ganz leer ausgehen zu laffen, lieber jenen Ausſpruch von der Zerftörung und dem Wiederaufbau des Tempels in dieſer Weiſe zu deuten”). Aus den apoftolifchen Briefen, die, wie ſchon bemerkt, durchaus Feine irgend wahrſcheinliche Spur der Vorſtellung von der Himmelfahrt in ihrer fpäteren Geftalt enthalten, gedenken wir zunächft zweier Stellen des erſten petrinifchen Briefes, in deren erſter e8 von Gott heißt, „daß er Jeſum von den Zodten erwedte und ihm die Herrlichfeit gab,’ *) während in der zweiten von einem Heile die Rede ift, welches und „durch die *) Cap. 17, 1 ff. vergl. Cap. 12, 23. **) Cap. 2, 21 a KER) eie edv dysigarra alrov x vergiw nal Öofav auch dovra. 1 Petr, 17 21. 384 Siebentes Bud. Auferftehung Jeſu Chrifti wird, der in den Himmel erhoben, zur Rechten Gottes figt.*) Diefe lebte, Stelle ift wegen des Zufammenhangs, welchen fie angehört, befonders merfwürdig. Es ift nämlich, derfelbe Zufammenhang, in welchem der Gegen faß mit ausdrüdlichen Worten fo, wie vorhin angegeben, ges ftelt worden war: daß Chriftus als der dem Fleiſche nach Ge- todtete, dem .Geift nach aber wieder lebendig Gewordene bes zeichnet ward. Sein Tod wird. hierauf ausdrüdlic als ein Herabfteigen in den Hades bezeichnet, wofelbft er die von der Zeit des Noah. her gebundenen Geifter erlöft haben fol (eine Borftellung, die bier mit ziemlich dunfeln Worten angedeutet ift, in der nachapoftolifchen Zeit aber zu der Theorie ausge— bildet ward, daß Chriftus, von den Propheten im Hades er- wartet, bei feinem Herabfteigen diefelben erweckt *), d. h. un— ftreitig wohl, mit fi zum. Himmel heranführt); und im Ge— genfage gegen dieſes Herabfteigen zum Hades im Kreuzestode ift es, daß feine Auferftehung ald Auffteigen zum Himmel und als Erhebung zur Rechten Gottes bezeichnet wird. — Die nam- liche, offenbar: nicht zufällige oder elliptifche Vereinigung des Begriffs der Auferftehung mit dem der Erhöhung oder Verklä- rung findet ſich in den mannichfaltigften Ausdrüden und Wen: dungen auch bei Paulus. Auch hier heißt es von Gott, daß er Ehriftum „von den Zodten erwedte und im Himmel zu feiner Rechten ſetzte“*93 ein Ausfpruch, in welchen unmittelbar darz auf auch die durch Ehriftus Erlöften mit eingefchloffen werden, +) zum deutlichen Beweis, wie unmittelbar jene zwei Begriffe der * *) dr dvaordosos. Inood Noworod, 08 Eorıv Ev Öskuk Tod eod, mogsu- Yeis eis ovgavor. Ebendaf. 3, 21 f. **x) ]gnat. Magnes. 9. FRE) Zyeigas aurov Eu vergwv' xal &uddrosv Lv dskıd autos Zv rols Errovgavioıs, Ephef.1, 20. Eyspdeis, 05 zul Lorıv &v ds&ıa tov Veuv. Rom. 8, 34. +) ovras nwäg vergo's orvslmoroinos dis Xoeroro" xal ovmyEıge, wal ovvenadıoev Ev Tois Erorgavioıs &v Noıord Imooo. Epheſ. 2, 5f.:E8 entfpricht diefe Stelle den mehrfach bei Paulus vorkom- menden Anwendungen des Begriffs der Auferftehung auf die fitt- liche Wiedergeburt noch innerhalb des irbifchen "Lebens; woraus vielleicht jenes Misverſtändniß in der forintpifchen Gemeinde ent- - Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 385 Erweckung einerfeitS und der Erhöhung andererfeit3 als einer und derfelbe betrachtet werden mußten, da fogar in einen zus nächft uneigentlichen, nur durc Analogie entftandenen Gebrauch derfelben. die Zufammenpaarung beider übergetragen wurde. Sp auch wird, ganz wie in der zweiten petrinifchen Stelle, Die ausdrückliche Einfegung Jeſu in die Würde der Sohnfchaft Gottes als eine Folge feiner Auferftehung gejegt*); das Leben des vom Tode Erftandenen wird, wie in den vorhin angeführ- ten Stellen der Apoftelgefchichte, ein folches genannt, an wel: chem der Tod feine Macht mehr habe**); die Erwartung einer MWiederfunft des göttlichen Sohnes aus dem Himmel findet fich unmittelbar an die Thatfache feiner Auferftehung geknüpft — und wie die Auferſtehung Chriſti ſelbſt ſeine Erhoͤhung zur Rech— ten des Vaters iſt, fo hat die ethiſche Theilnahme an dieſer Auferſtehung in den Glaͤubigen die Folge, daß ſie nach jener Region ſich hingezogen fühlen, wo der folchergeftalt Erhöhte iſt ). — Eine andere Schrift, in welcher jene Anfchauung der apoftolifchen Zeit auf fehr merfwürdige Weife hervortritt, ift der Hebräerbrief. Ie mehr in diefem Briefe der Gegenfaß der Erniedrigung und der Erhöhung Chrifti das eigentliche Grund- thema der Betrachtung bildet, deſto charakteriftifcher ift es, wenn. diefer Gegenfag auch in ihm allenthalben ald ein ganz unmittelbarer, dem Gegenfaße von Tod und Auferftehung voll- kommen gleichbedeutender erfcheint ++), und nirgends im ent- fernteften auf einen Zeitraum hingedeufet wird, der zwifchen ftanden fein mochte, als lehre das Chriftenthum nur eine ſolche ethifhe Auferftehung, aber feine andere, #) Öguodeis viog Heod Ev Övvausı, £E avaoraosoıs vergow. Röm. 1, 4 ##) Xouoros Eyeodels Eu vengov ovnlrı anodvnozsı' Üavaros avrov 0Ux- &rı zugiewsı, Ebendaf, 6, 9. #iR) gyaulvew ToV viov avrovd &4 TOW ovgavov, ov NYsıQEV &n Tom vergow. 1 Theilalon. 1, 10. +) ei ovymy&odnte ca Xeuory, Ta avo Imrsits, 00 6 Xguoros dorıy ev Öekıa oo Hsov zadmusvos. Koloſſ. 3, 1. ++) Vergl. z. DB: Stellen, wie Hebr. 1, 3: zadagssuov moınoausvos zov duagrımy, ira Juoev Ev Ösfık 17$ weyahmovvns Ev vymlois. Cap. 2,9: Bhlrousv ’Imooöv dia To nadmua Tod Yavarov ÖoEn al rıun Eorspavautvov. Cap. 12, 2: vrr£usıve oTavgoV, aloyuvns #a- Taggovıjoas, &v Öskıd ve Tod Dgovov zoo Veov nsndtızev. Bd. I. . 25 3856 Siebentes Bud beiden in der Mitte gelegen hätte, auf eine Begebenheit, die, von der Auferftehung noch verfchieden, den Zeitpunct bezeich— nete, von dem fich die MWiedererhöhung Jeſu zur himmlifchen Herrlichfeit datirt hätte. Ein eben fo unmittelbarer ift diefer Gegenfag auch in der Apofalypfe*), deren gefammte Compo- fition übrigens für die, unftreitig von jenen erften Ehriftophanien fi ableifende, Neigung der erften Chriften, in vifionärer Ge— ftalt Offenbarungen des Herrn zu empfangen, ein Zeugniß ab- giebt. — In dem fpätern Sprachgebrauch der Kirche blieb do&a&soHaı der folenne Ausdrud für den Märtyrertod **), was gleichfalls wohl in Tester Inftanz auf die Verklärung des Herin in feinem Tode, dem Vorbild aller von den Märtyrern erduldeten Leiden, zurücdzuführen fein möchte. Wenn nun aber aus diefem allem das von uns vorläufig ausgefprochene Nefultat nicht nur über die Befchaffenheit der Erſcheinungen des auferftandenen Chriſtus an fich felbft, fondern auch über das Bewußtfein, welches von dieſer Befchaffenheit derfelben die Sünger hatten, klar und unabweislich hervorgeht: fo kann daſſelbe doch nicht eher für wiffenfchaftlih vollfommen feftgeftellt gelten, als bis auch für diejenigen Umftände, die in den Nachrichten unferer Quellen ihm zu widerfprechen fiheinen, eine befriedigende Erklärung gefunden ift. — Bekanntlich find ges rade die ausführlichen Erzählungen, welche von einigen jener wunderbaren Auftritte die zwei legten Evangelien geben, zum Theil recht ausdrüdlich darauf berechnet, Die greifbare Keiblich: feit des Auferftandenen außer Zweifel zu fegen. Im Wider: fpruch mit der oben von und erwähnten und für glaubwürdig erfannten Angabe der zwei erften Gvangelien, nach welcher Jeſus erft in Galilaͤa feinen Süngern erfcheinen wollte und wirklich erfchienen ift, wiffen die Verfaſſer beider eben genannter Goangelienfchriften von einem Auftritte zu erzählen, der ſich *) 3. B. Apok. 1, 18: Eyerounv vergos, nel ıdod Low Eiwı eig Toög aiwvas row aiwvow. Kap. 2, 8: Ey&vero vezpos, nal Eimosv. **) Bergl. Suicer. thes. I, p. 949. Das dofalsodaı ift nämlich nicht blos tranfitiv von dem dofalsır zov Heov (Joh. 21, 19), fondern unftreitig von der Wechfelfeitigfeit des Verperrlihens und Verherr— lichtwerdens (Job. 17, 1) zu verftehen. Die Auferfiehung und die Himmelfahrt. 387 noch am Abende de3 Tages, an welchem man das Grab Ieer gefunden hatte.*), zu Serufalem zugetragen haben foll. Sefus tritt, — bei verfchloffenen Thuͤren, fegt der vierte Evangelift hinzu, — in die Mitte eines Zimmers, in welchem die Sünger verſammelt find; er begrüßt fie, und als jene, erfchroden, einen Geift zu erblicken meinen, zeigt er ihnen feine Hande und, nach Lufas, feine Füße, nach dem vierten Gvangeliften, feine Seite, und fordert fie auf, ihn zu berühren; ein Geift fünne ja (fo feßt er bei Lukas hinzu) nicht Fleifeh und Bein haben, wie fie doc fähen, daß er habe. Der Schluß diefer Scene wird bei beiden Gvangeliften verfchieden erzählt; bei Lukas fordert der Erfchienene etwas zu effen und ißt in Gegenwart der Zün: ger, bei dem Andern aber ertheilt er ihnen durch Anhauchen den \ heiligen Geift und fendet fie in die Melt hinaus, indem er ihnen die Macht verleiht, Sünden zu vergeben und zuruͤckzube— halten. — Ferner reiht der legfgenannte Evangelift an diefe Erzählung noch eine Anekdote, von welcher Lufas nichts weiß *). Thomas, der damald nicht zugegen war, hört die Uebrigen erzählen, wie fie den Herrn gefehen haben; er erklärt, e8 ihnen nicht eher glauben zu wollen, als bis er in feinen Händen die Spur der Nägel gefehen, bis er mit feinen Händen diefe Spur, und eben fo auch die Spur des Lanzenftich$ in der Seite be— rührt haben werde, Wenige Lage darauf wiederholt fih in feiner Gegenwart die Erſcheinung; er wird von Sefus aufge fordert, zu thun, wie er gefagt, und fich zum Glauben zu be— fehren, dann aber, nachdem er ihn für feinen Herrn und feinen } Gott erkannt, mit dem Befcheid entlaffen: ‚Du glaubft, weil ‚du gefeben haft; felig, die nicht fehen und dennoch glauben !’’ Mer mit den Ergebniffen unferer bisherigen Betrachtung, ſei es immerhin diefelben als annoch problematifch dahingeftellt laffend, aber nur ihren Inhalt gehörig erwägend und durch £einen Autoritätsglauben gebunden, die eben aufgeführten Er— zählungen überlieft: bei dem kann ed kaum fehlen, daß er in =) Luk. 24, 21 vergl. mit 24, 36. Joh. 20, 19. **) Lukas nennt (24, 33) die bei der erfteren Erfheinung gegenwärti- gen Jünger ausprüdlih „die Eilf”, fo daß nah ihm alfo auch Thomas dort als anweſend vorausgefeßt zu werden ſcheint. 2a 388 ⸗ Siebentes Bud. ihnen eher eine Beſtaͤtigung, als eine Widerlegung jener Ergeb> niffe erbliden wird. Durd; fie felbft wird auf das ausdruͤck— lichfte der Zweifel an der Nealität deffen, was eben durch fie bewiefen werden foll, als ein ihatfachlich vorhandener, in. dem ‚Augenblid der Grfcheinung felbft vorhanden gewefener auöge- fprochen; und wahrlich diefer Zweifel felbft beweift nicht min— der ftarf Dafür, daß Grund zu ihm vorhanden war, wie, nad) unferer - obigen Bemerkung, das factifhe Nichtvorhandenfein eines Zweifels an der Realität ded Todes Sefu die Grund— lofigfeit jenes Zweifel bewies! Man denke fich einen Aus genblid Jeſum in feinem irdifchen Leibe, von einem Schein: tode, oder immerhin auch von dem wirklichen ode, der aber nach den Anfichten des modernen Supernaturalismus einem Scheintode zum VBerwechfeln ähnlich wird, genefen unter die Sünger fretend, und frage fi) aufs Gewiffen, ob dann wohl, bei allem Schreden und Grftaunen, welches allerdings die na= türlihe Folge einer folchen Erſcheinung war, der Zweifel an der Realität feined Daſeins nur einen Augenblid habe Raum gewinnen Fünnen! Auch der Zweifel des Thomas erfcheint in der Erzählung als ein. ganz unerklärliher. Er ftellt nämlich nach der Abficht des Erzählers unverkennbar nicht dieſes felbit, daß feine Mitjünger den Herin zu fehen geglaubt, fondern nur die Realität der Erſcheinung in Frage. Wie aber Fonnte über diefe nach den Berfiherungen der Jünger noch Zweifel fein? — Mir ftehen daher nach allem Bisherigen Feinen Augenblid an, _ in jenem Zweifel, den diefe Erzählungen erft den Süngern ins: gefammt, dann dem Thomas insbefondere unterlegen, vielmehr den Zweifel derer zu exrbliden, die zu widerlegen eben dieſe Erzählungen erfunden waren. In diefer Vermuthung finden wir uns durch einen Umftand beftärft, der in der That hoͤchſt geeignet ift, über den Urfprung diefer und aller ähnlicher Sa: gen, deren fpäter noch gar manche erfunden worden find, einen Aufſchluß zu ertheilen. Wir begegnen nämlich einer Erzählung, deren Inhalt wir bet ihren geringen Abweichungen gar wohl für einen und denfelben mit dem unferer. evangelifchen halten fonnen, wiewohl fie offenbar von diefen unabhängig ift, in dem Briefe des Ignatius an die Gemeinde zu Smyrna. Diefe Erzählung wird dort in der ausdrüdlihen Abficht vorgetragen, Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 389 um einer Irrlehre zu begegnen, welche man, dem eigenen Bei- fptele des antiochenifchen Bifchofs folgend, gemeinhin mit dem Namen der do ketiſchen zu bezeichnen pflegt, Die wir aber (ein Umftand, der, wie wir fogleich fehen werden, für das Ver: ſtaͤndniß jener evangelifchen Erzählungen nicht ohne Wichtigkeit ift) guten Grund haben, eben fo, wie die in den Briefen des Apoftel3 Sohannes befampfte, welche ſchon von Mehreren für eine und diefelbe mit jener erkannt worden ift, für Feine andere, als die Gnofis des Cerinthus und feiner Anhänger zu halten*). *) Es ift fhon an ſich felbft Höchft unwahrſcheinlich, daß fo nahe an der apoftolifhen Zeit und gar noch während des Lebens der Apoftel _ felbft, eine fo abenteuerliche Anficht, wie der Dofetismus der fpätern Önpftifer, welche den Leib Chrifti für einen Scheinleib hielten, follte Pla ergriffen haben. Sp etwas den Augenzeugen des wirklichen Lebens und Todes des Herrn ing Angefiht zu behaupten, fonnte fich fo Leicht niemand einfallen laffenz; während dagegen das Syſtem des Cerinthus fih mit organiſcher Stetigfeit aus der durch) Johannes und feine Mitapoftel in die Chriftologie hinübergetragenen Logoslehre entwickeln konnte und ohne Zweifel wirklich entwickelt hat. Allein man braucht auch nur die Aeußerungen fowohl des Johannes, als des Fgnatius genauer anzufehen, um gewahr zu werben, daß die— felben nicht nur ohne allen Zwang auf den cerinthifchen Dofetismus fih beziehen laſſen, fondern fogar fehwerlich eine andere Deutung zulaſſen möchten. Was Johannes betrifft (von deffen Kämpfen mit Cerinthus fich befanntlich bei Iren. c. Haer. HI, 11 eine geſchicht— liche Nachricht erhalten hat, die man ſchon nad) den Worten jenes Kirchenvaters keineswegs fo ausfhlieglih auf das Evangelium hätte beziehen follen, auf welches fie jener irrthümlicher Weife freilich aus bezieht): fo haben wir bereits oben die Stelle 1 Joh. 5, 6 in diefem Sinne gedeutet, welche bisher noch gar nicht zur Ausmitte— Yung der polemifchen Beranlaflungen dieſes Briefes benußt worden if. Man braucht aber nur die Worte Cap. 2, DB. 22 zis Eorıv ö apsrorms, &i un 0 agvouusvos, ürı Imoovs our Eorıv 6 Nguoros;z und ihnen gegenüber Cap. 5, B. 1 die Worte: mas 6 miorsvuw, oru moovs Zorıv 0 Xgroros, 24 Tod Dsod yeykvvnraı, aufmerffam zu erwägen, um die lleberzeugung zu gewinnen, baß Die Öegner, welche der Apoſtel in diefem Briefe befämpft, nicht ſolche find, welche Die Nealität der leiblichen Perfönlichfeit Jeſu läugneten, fondern ſolche, welche zwiſchen der Perſönlichkeit Jeſu und der Perſönlichkeit des Meſſias als ſolchen unterſcheiden wollten. Nah Maßgabe dieſer Stellen find auch Cap. 4, V. 2 und 2 Joh. V. 7 zu erklären, aus denen man bisher hauptfächlih auf einen Dofetismus anderer Art hat 390 Siebentes Bud. Dürfen wir nun in dem Dafein diefer Irrlehre felbft in iener frühen Zeit mit Necht einen fprechenden Beweis für Die Richtigkeit unferer Anfiht über die Shatfache der Auferftehung im Allgemeinen zu finden glauben, indem es nämlich ganz un- verfennbar eben die, von ihnen als zugeflanden vorausgefeßte, unförperliche Natur der Erfcheinungen des Auferftandenen war, welche den Strlehrem zu der Behauptung den Vorwand gab, fohließen wollen. OuoAoysiv Tyoodv Xororov &v oapnl EAnkvdore oder "oyonsvov &v ,oagud. heißt in beiden nicht: einen im Fleiſche erfchienenen 3. Chr. anerfennen (wäre dies, fo würde es dann fprahrichtiger heißen, &AyAvdivne und Eoysodar, was an ber erſte— ren Stelle auch eine, aber allzuwenig duch kritiſche Autoritäten unterftüßte Pesart iſt, — ouwodoysiv nämlich finden wir fonft nit mit dem bloßen Accuſativ, Sondern mit dem accusat. cum infinit. eonftruirt), freilich auch nicht, wie Andere es genom— men haben: befennen, daß der im Fleifche erfihienene Jeſus der Meſſias feiz — fondern, wie ich in Folge jener Analogien e8 ver- ftehen zu müffen glaube: befennen, daß Jeſus der im Fleiſche er- ſchienene Meſſias fe. — Die Dofeten des Ignatius aber kann ich » (die NXerhtheit der kürzern Necenfion vorausgeſetzt, die fih au hier aufs neue beurfundet) nicht für andere erfennen, Wenn es dort ad Ephes. 7, heißt: ic larpoc Lorıv oapxıR0E TE nal MVEVUaTıRdg, yevyrös nal aylımros, fo wird damit offenbar die cerinthifche Du- plieität eines fleifchlichen Jeſus und eines rein geiftigen Chriftus bekämpft. Wo aber Ignatius feine Gegner ausprüdlih als ro Öoxsiv Aryovras bezeichnet: da tft dag, wovon fie das doxsiv prädi- eiren, nirgends der vermeintliche Scheinförper, fondern nur das Leiden, So ad Trall. 9. und ad Smyrn. 2. zo doxsiv arrov me- rovdevnı, — auch ad Smyra. 4, 70 Öuxsiv ravra Errgeydn me zoo xugiov zuov geht offenbar nur auf dag Leiden als folches, wie aus der Widerlegung des Sgnatius erhellt, welche diefelbe tft, wie in der Stelle des Briefes an die Trallenfer. Daß aber Chriſtus nur ſcheinbar gelitten habe, dies fagend wollte der cerinthifche Do- fetismus nicht läugnen, daß Jeſus nicht wirklich gelitten habe, ſon— dern die Behauptung war nur dieſe: in dem Leiden Jeſu habe der wahre Chriftus, der göttliche Logos, nur fcheinbar mit gelitten. — Sagt ja in diefem Sinne mit Recht Baur (hriftlihe Gnofis, ©. 263): „Man fann fowohl nad Bafilives (diefem nämlich wird in diefem Punete eine mit Cerinthus übereinftimmende Anficht zu- gefihrieben), als nah Mareion fagen, der Erlöfer fei nur zum Schein Menfch geworden, oder nur zum Schein in einem wirkfichen Menfchenkörper erſchienen.“ Die Auferfiehung und die Himmelfahrt. 391 nur dieſer Chriftus fei der wahre, der Sefus aber, der unter Pontius Pilatus den Kreuzestod erlitten habe, fei eine. von jenem Chriftus unterfchiedene, nur auf eine Zeitlang von ihm begeiftet gewefene Perfonlichkeit *): fo. liegt nicht minder nahe, in der Neaction gegen diefe Anficht den Urfprung, wie vielleicht noch mancher anderer Dogmen und Mythen des fpätern Chri: ftenthums **), fo namentlih auc derjenigen Erzählungen zu *) Daß dem wirklich fo gewefen ift, dies erhellt aus nichts anderem deutlicher, als aus der Art und Weife felbft, wie Ignatius (ad Smyra. e. 2 s.) jene Erzählung einführt. Er befämpft die Meinung, als babe Chriftus nicht wirklich gelitten: „er habe vielmehr in Wahr- beit gelitten, fo wie er auch in Wahrheit auferftanden ſei“ (dAndws tadev, (5 zal aAmdas aveornosv Eavrov); jene AUngläubigen, die ihm nur ein Scheinleiden zufchrieben, feien felbft nur Scheinmen— fhen (avror To Öoxsiv ovrec), und wie fie wähnen, fo werde ihnen felbft gefihehen. Er aber, der DBrieffteller, wiffe und glaube, daß Jeſus auch nach feiner Auferfiehfung im FSleifhe war u. f. w. Wer fann bier bverfennen, daß der Brieffteller fich ausprüdlich den Um— ftand zur Bekämpfung ausſucht, deffen feine Gegner zur Begründung ihrer Anficht fich bedienten, indem fie ihn für zugeftanden hielten ? =#) Mehrere Spuren der tgnatianifchen Briefe, wo in einem Zuſam— menhange ausprüclicher Polemik gegen jene Dofeten der jungfräus. lichen Geburt des Herrn gedacht wird (ad Ephes. 7. 18 s. ad Trall. 9.) machen mir wahrfcheinlich, daß namentlich Diefes Dogma, oder diefer zum Dogma firirte Mythus hierzu gehören mag. Ich unter- Laffe nicht, Dies als einen vielleicht nicht unerheblichen Nachtrag zu dem Bd. I, ©. 174 ff. über diefen Gegenftand Gefagten hier zu bemerken. Bekanntlich wird Cerinthus unter denen genannt, welche fih zu der ebionitifchen Anftcht von der natürlichen Geburt des Herrn und der Baterfhaft Joſephs befannten, Nach den Keuße- rungen der Kirchenväter follte man meinen, ex habe das firchliche Dogma von der jungfräulichen Empfängnig der Maria ausdrücklich angegriffen. Dies aber ift unftreitig ein Anachronismus, und die Wahrheit vielmehr diefe, daß Cexinthus Derjenige war, ber zuerft auf die übernatürliche Abftammung des eigentlichen „Chriſtus“ drang, jenes Chriftus, der fih nah ihm in der Johannestaufe auf den Sohn des Zofeph und der Maria herabließ. Wie diefer Gnoftiker von den Eyangeliften nur den Marcus fannte, nicht ald ob er ihn vor den übrigen vorgezogen hätte, fondern weil damals noch fein anderes Evangelium vorhanden war (dahin nämlich iſt unftreitig die Aeußerung des Irenäus zu berichtigen ‘ce. Haer. Il, Il: qui Jesum separant a Christo, et impassibilem perseverasse CGhristum, 392 Siebentes Bud. fuchen, die wir hier ausdruͤcklich zu diefem Zwecke benußt finden. In den Achten Schriften des Apoftels Sohannes freilich finden wir begreifliher Weife von einer Reaction folcher Art noch feine Spurz doch ift e8 nicht unmöglich), daß der zufällige Ge- brauch eines Wortes fogleih am Anfange des erften feiner Briefe *) auf ganz ähnliche Weife einen Anlaß zur Entftehung einer oder. der andern jener Erzählungen gegeben hat **), wie wir. oben in Bezug auf eine andere Stelle des nämlichen Bries fes wahrfcheinlich fanden, daß durch fie eine andere fabelhafte Erzählung des Evangeliums veranlaßt worden fei. Bei Igna— tius dagegen tritt, obgleich auch er die Lehre des apoftolifchen Zeitalters, daß der Auferftandene fogleich in feiner Auferftehung passum vero Jesum dieunt, id quod secundum Marcum est praefe- rentes evangelium ete., womit ohne Zweifel zunächft Cerinth ge— meint ift): fo wußte er nicht anders, als daß Jeſus von Nazareth der Sohn menfihlicher Aeltern feiz eben darum aber fonnte er von feinen Standpunet aus ihn nicht ohne weiteres für den Chriftus halten. Ihm gegenüber nun fonnte die orthodore Lehre nicht ums bin, fhon für Jeſus das Prädicat des „Sohnes Gottes’ in An— fpruc zu nehmen, welches Eerinth nur feinem „Chriſtus“ geben wollte, und fo fiheint fih in der Reaction gegen jene Irrlehre auf ganz entfprechende Weife die Anficht von der übernatürlihen Erzeugung, wie die Anficht von der ſinnlichen Taftbarfeit des Auferfiehungstär= pers gebilvet zu haben, #) ar yeipes yumv Ewrkdpnoev fagt 1 Joh. 1, 1 in Bezug auf die menfchliche Erfeheinung des göttlichen Logos in Jefus Chriftus über- haupt; Lufas ſowohl, als auch Ignatius brauden diefes Wort aus— drüflich in Bezug auf den Körper des Auferftandenen. **) Merkwürdig jedoch, daß gerade bei Gelegenheit diefer Stelle von einen alten Ausleger derfelben (dem fälfchlich fogenannten Clemens Alerandrinus) einer Sage gedacht wird, nach welcher eben Jo— hannes, indem er den Körper berühren wollte, mit feiner Hand nur das Leere getroffen haben foll, weil es fein wirklicher Körper von irdiſchem Sleifh und Blute war. Ich bin indeffen weit entfernt, dies - fer apofryppifchen Anekdote eine fonderlihe Beweisfraft für die yon mir vertretene Anficht zuzuſchreiben, und befenne mich vielmehr ge- neigt, dieſelbe für eine Allegorie auf ven Charakter des johanneifchen Ehriftusbilpes, dem es in einem andern Sinne fo fehr an Fleiſch und Blut fehlt, zu halten; ähnlich ungefähr, wie die Bd. J, ©, 47, Not, erwähnte den Matthäus betreffende Anekdote. Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 393 zum Vater zurüdgefehrt fei und mit dem Vater fich wieder vereinigt habe, noch nicht vergeffen hatte*), doch die Behaup- fung von der finnlichen, fleifchlichen Realität des Auferftehungs= koͤrpers auf eine Weife hervor, in welcher man auf das Deutz lichfte die Geneſis diefer Behauptung (die fich freilich wohl nicht erft von ihm herfchreibt) erkennt. — Die bier von und gegebene Erklärung des Urfprungs jener Erzählungen wird übriz > gens noch durch einen Umftand beftätigt, auf den feinerfeitS von ihr aus ein Licht fällt, während er unter alken andern Vor: ausfegungen räthfelhaft und unerflärt bleiben würde, und deffen Erklärung wir in unferm gegenwärtigen Zufammenhange für den Hauptgewinn aus der Einficht in jenen Zufammenhang zu halten nicht umhin koͤnnen. Es fallt nämlich auf, wie, we: nigftens in den beiden johamneifchen Erzählungen, — die Ana— logie derfelben macht es nicht unwahrfcheinlich, daß auch die des Lufas ſo zu verftehen ift*), — alles Gewicht in dem Be— weife der LeiblichFeit des Auferftandenen nicht auf die Taſtbar— feit feines Körpers Überhaupt, fondern einzig auf die Erſchei— nung der Wundenmale in demfelben gelegt wird. Bet Igna— tius ift dies freilich anders; dort fordert der Auferftandene die Sünger einfach nur zur Berührung feines Körpers überhaupt auf, um fich (wie es mit ähnlichen Worten auch bei Lufas fo beißt) zu überzeugen, daß er Fein unkoͤrperliches Gefpenft fei***). *) In den Worten ad Smyra. ce. 3: @s 0agzıxos, zaimse MVsvuatinüg Evmulvos ty rarei, tritt unverkennbar die Erinnerung an jene oben von uns nachgewieſene Lehre, und die Derfelben noch keines— wegs verfagte Anerkennung an den Tag. Von der Himmelfahrt, wie Lukas fie erzählt, weiß auch (der Achte) Ignatius noch nichts, **) Wenn nämlich Lufas 24, 39 den Jüngern zuruft: iders zas yeipas uov na) Tois nodas uov, fo fheint der Evangelift allerdings, wie die weiter folgenden Worte zeigen, eg nur auf die finnfiche Leib- Yichfeit überhaupt bezogen zu haben; auch kommt hinſichtlich der Süße die befanntlich verfehieden beantwortete Frage in Betracht, ob diefe bei der Kreuzigung angenagelt gewefen feien. Dennoch bleibt die Erwähnung gerade nur der Hände und Füße auffallend und Scheint unwillfürkih auf das Analoge im vierten Evangelium hin— zuweiſen. x*xx) Jaßere, wmlagroark us, nal löste, ori own eine Öuıuovıor aow- worov. Ignat. 1. 1, 394 Siebentes Bud. Dennoch ftehen wir nicht an, die Erklärung diefes Umftandes gerade in derjenigen Beziehung zu fuchen, die bei Ignatius ausprüdlicher, als bei den Gvangeliften hervortritt. Es waren nämlich jene Erzählungen beftimmt, nicht fowohl die Leiblichkeit des Auferftandenen überhaupt, als vielmehr ausdrüdlich Die Sdentität feines Leibes mit dem gefreuzigten Leibe Jeſu zu er weifen, da Gerinthus eben die Identitaͤt der Perfon des aufer- ſtandenen Ehriftus mit dem gefreuzigten Sefus in Abrede geftellt hatte. Ueberbliden wir nunmehr die von und im Bisherigen ges ı wonnenen Ergebniffe im Zufammenhange: fo werden wir in ihnen die allein zuläffige Deutung eines andern fonderbaren Zuges finden, binfichtlich deſſen alle bisherigen Verſuche einer Erklärung fehr unbefriedigend ausgefallen find. Wir meinen den bereits oben angeführten Zuruf des Auferftandenen an die Magdalena: fie folle ihn nicht anrühren, denn er fei noch nicht zum Vater hinaufgegangen*). Auch hier wollen wir uns nicht auf eine Kritik der verfchiedenen Auslegungen einlaffen; bie unglüdlichfte darunter ift unftreitig die, zwar ſchon in mehrfacher Geftalt von den namhafteften Auslegern vorgebrachte, nach wel— cher der noch krankhaft empfindlige Körper des fo eben aus dem Grabe Hervorgegangenen noch Feine Berührung foll haben vertragen fonnen. Aber auch jene Deutungen, nach welchen diefe Worte, fei es eine Aufforderung zur Eile, oder ein Ab» lehnen voreiliger Anbetung, oder eine Warnung, fich nicht einem noch unzeitigen Gefühle zu überlaffen, enthalten follen, tragen etwas dem Sinne und Zufammehhange aller diefer Erzählungen durchaus Fremdes in fie hinein, etwas, das, wenn es hätte ausgefprochen werden follen (es Elingt aber auch an fich felbft nur allzufehr nach modernem Pragmatismus), gewiß mit andern, minder zweideutigen Worten wäre ausgedrüdt worden’). Die =)%309..20,17. *7) Die Schwäche diefer Verfuche zeigt fih auch darin, daß andere gleich namhafte Ausleger, ftatt firh zu ihnen zu bequemen, fich Fieber zu dem Gewaltftreiche einer Verwandlung des un nov anrov in cv wov antov entichließen wollen, um fo einen Sinn zu gewinnen, den Frühere, wohlfeileren Kaufs, noch durch eine Interpunction nach un zu erreichen dachten. Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 395 . Worte: ur mov dnrrov, in fo unmittelbarer Nähe und Nach: barfchaft zu der ausdrüdlichen Aufforderung an die Zünger, ihn zu berühren, um von feiner Leiblichfeit fich zu überzeugen, fonnen durchaus nicht anders, ald in dem entfprechenden Sinne verftanden werden: daß namlich die Berührung darum unters fagt wird, weil der Körper noch ein untaftbarer fei. So haben auch die alten Ausleger ſaͤmmtlich fie verftandenz fie, welche da, wo es gilt, nur einfach den Sinn des Schriftftellers aus— zumitteln, faft allenthalben fo fehr gegen die neuern im Vor— theile find. — Gleich richtig indeß den allerdings fchwierigen Be— zug diefer Worte auf die nachfolgenden zu deuten, wurben jene Ausleger durch ihr dogmatifches Vorurtheil verhindert, was fie in Betreff des Verhältniffes, in welchem dieſer Evangelift zu der Lehre von der Himmelfahrt fteht, nicht Elar fehen ließ. Man irrt nämlich, wenn man in der nachfolgenden Hindeutung. auf den Heimgang zum Water eine Anfpielung auf Das, Ereig— niß der Himmelfahrt in der Geftalt, wie Lukas es erzählt, zu finden meint. Dieſes Greigniß würde der Evangelift, wenn es ihm nicht gänzlich fremd gewefen wäre, gewiß nicht unterlaffen haben, zu berichten; überdies aber fagt die Botfchaft, die Jeſus der Magdalena an die Zünger aufträgt, „er gehe hin zu feinem und ihrem Vater, zu feinem und ihrem Gott“, woͤrtlich verftan= den, wie fie verftanden fein will, etwas ganz anderes: name lich daß er jest unmittelbar zu dem Bater hinübergehe, Denn wozu diefe ganze Botſchaft, wenn der Here noch vor jener Kataftrophe die Sünger wiederholt zu befuchen gedachte? Und wie fonnte er bei der erften Zufammenkunft mit den Süne gern, wäre dieſe Zufammenfunft vor feinem Hingange zum Bater gefchehen, ihnen, wie unfer ‚Evangelift, abweichend frei: lih auch hierin von Lukas, erzahlt*), den heiligen Geift erthei: len, da es doch nad der ausdrüdlihen Bemerkung deffelben Evangeliften *) vor der Erhöhung Sefu feinen heiligen Geift gab? Es fchließt ſich alfo, wie namentlich aus dem zuleßt er— — wähnten Umſtande unwiderſprechlich erhellt, Die gegenwärtige / Stelle an die Borftellung an, die wir als die bei allen Schrift: *) V. 22, S feste ” F - 0 u e> 23 2 28 vi — x) guno mv mveuua dyıov, OT 0 Inooſũs ovöeinw edugkuhn. Cap, 7,39. 396 Siebentes Bud. ſtellern der apoftolifchen und zum Theil auch der nächftfolgen- den Zeit geltende nachgewiefen haben, an die Vorftelung, daß eben erft von feinem Site zur Nechten des himmlifchen Vaters aus der Aufetftandene feinen Juͤngern erfchienen ift. Näher hat der Evangelift wohl den von ihm beim Achten Sohannes vorgefundenen Ausfpruch Gap. 16, V. 16 vor Augen gehabt, wo die Berheißung des Wiederſehens ausdrüdli durch den Hingang zum Vater bedingt erfcheint. Auch die hier der Mag— dalena aufgetragene Botfchaft enthält alfo, fo verftanden, gleich der entfprechenden im erften Evangelium *), eine Verheißung des Miederfehens an die Jünger, — offenbar der einzige Inhalt, den eine folche Botfchaft fchielicher Weife haben Fonnte, Daß eben von dem Hingange zum Vater die Erlangung des Leibes abhängig gemacht wird, in welchem er alsdann den Juͤngern ericheinen will, Fann kaum befremden, wenn man bedenft, was wir fchon früher bemerften, daß nach diefer Vorſtellungsweiſe auch jener taftbare, die Spuren der Wundenmale tragende Leib allerdings noch immer als ein verflärter, über die Bedingungen der irdiſchen Leiblichfeit hinausgerhcter angefehen ward. Bes fremdender und allerdings in hohem Grade wunderlich ift, was wie hier als die eigenthümliche Borftellung unfers Gvangeliften auszufprechen haben: daß auf dem Wege, fo zu fagen, nach dem Himmel und zum ewigen Vater, der jo eben aus dem Grabe (oder vielmehr aus dem Hades) Erftandene der Magdalena be= gegnet, und, indem er ihr feine Erhebung, feine Wiederbeflei- ' dung mit dem verflärten Körper als bevorftehend anfündigt, feinen gegenwärtigen Zuftand als einen forperlofen bezeichnet. Es Scheint dieſe Vorſtellung, fo wie aud das fonderbare Schwanken zwifchen Sichtbarkeit und Unfichtbarfeit, Erkennbar— keit und Unerfennbarfeit feiner Geftalt, welches diefe Erzählung ‚ mit der von den Süngern, die nach Emmaus wandern, gemein hat, aus der Verlegenheit hervorgegangen zu fein, in der man fih befand, die VBorftellungen unter einander in Einklang zu bringen, bie eineötyeild aus den unter einander abweichenden Berichten der Einzelnen von den Erfcheinungen, die fie gehabt, anderntheild aus den Umftanden, die man einmal al$ factifche *) Matth, 28, 10. Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 397 angenommen hatte, wie die Entfernung des Leichnams aus dem Grabe, als Conſequenz ſich zu ergeben ſchienen. Es ſchien unzulaͤſſig, den Körper ſogleich aus dem Grabe ald einen ver— Härten hervorgehen zu laſſen; in feinem irdifchen Keibe Sefum gen Himmel auffteigen und dann verflärt zurüdfommen zu laffen, ging eben fo wenig an; zudem hatte fich das Andenken erhalten an die geifterhafte, unfaßbare Natur wenigftens eines Theild jener Erfcheinungen. Aus diefen Umftänden vereinigt, welche darauf hindrängten, ein wunderbares Verſchwinden des irdiſchen Körpers unmittelbar nach feiner Erwedung oder bei derfelben anzunehmen, fcheint das fonderbare Zwielicht, in wel— chem dieſe erfte Erfcheinung des Auferftandenen bei unferm Evangeliften gehalten ift, gleichſam das Pulſiren diefer Erſchei— nung zwifchen Körperlichkeit und Unförperlichfeit, zwifchen eige- | ner und fremder Geftalt entftanden zu fein. — Um vollftändigften | freilich würde fich diefelbe erflären laffen, wenn wir annehmen dürften, daß die Erzählung von diefer Begegnung des Aufer— ftandenen mit der Magdalena urfprünglich unabhängig gewefen fei von der Erzählung vom Leerfinden des Grabes, und viel mehr aus der Borftellung hervorgegangen, nicht daß Sefus aus dem Grabe, fondern daß er aus dem Hades auferftand, fo daß er alfo recht eigentlich auf feinem Wege vom Hades zum Himmel der Magdalena begegnet wäre. Wir fehen nichts, was diefer Annahme entgegenftehen koͤnnte; vielmehr Fonnte diefelbe noch durch den Umftand eine Beftätigung zu gewinnen fheinen, daß auch in der obenangeführten Stelle des Barna— bas*), dafern wir uns irgend genau an die Worte halten dür- fen, fogar der Befuch bei den Süngern felbft als gefchehen zwar nad) der Auferftehung aus dem Haͤdes, aber vor der Grhebung zum Himmel, die noch an demfelben Zage erfolgte, vorgeftellt zu werden das Anfehen hat. — Bemerken wollen wir indeß, was namentlich die Darſtellung unfers Evangeliften betrifft, daß bei diefer, auch noch außerhalb der urfprünglichen Erzählung felbft, anderweite Vorbilder mitgewirkt haben mögen, folche, in welchen manche der Züge, die fie, wir müffen es geflehen, auf *) Ep. Barnab. 15. 398 Siebentes Bud. eine ziemlich unbehülfliche Weife nachgebildet hat, noch eine an⸗ dere, von ihr unverftanden gebliebene Bedeutung hatten. ð Es iſt naͤmlich bei allen ausfuͤhrlichern Erzaͤhlungen von Erſcheinungen des Auferſtandenen, ſowohl den kanoniſchen, als auch den apokryphiſchen, dies in Anſchlag zu bringen, daß ein ſymboliſches Element in ſie hineinſpielt, ein Anſatz zur Mythen— bildung noch in anderem, wahrhafterem Sinne, als in welchem man auch die bisher erwähnten Alterationen des Thatlachlichen in der Auferftehungsbegebenheit, dem auf diefem Gebiete jeßt gewöhnlich gewordenen Sprachgebrauche folgend, mythiſche würde nennen fonnen. Es find Anflänge der Art, wie wir fie bin und wieder auch in der eigentlichen Lebensgefchichte des Herrn bemerft haben; zur wirklichen Bildung eines Mythen— Ereifes indeß, wie in der Kindheitägefchichte, ift es auch hier nicht. gefommen. Den Charakter diefer mythifchen Anklänge finden wir am reinften in der vorhin erwähnten Erzählung des Lufas ausgeprägt, die wir hier zunaͤchſt neben die zuleßt behandelte johanneifche ftellen wollen, da fih, was in unferer Erklärung diefer legteren vielleicht unbefriedigend bleiben mußte, am beften durch den Hinblick auf fie wird ergänzen laffen. Auch) nimmt fie bei Lukas ganz die entfprechende Stelle ein, wie jene im vierten Gvangelium, indem dieſem Evangeliften eine Grfiheinung des Auferftandenen vor den Frauen gänzlich unbe- kannt ift. Seine Erzählung, ‚die er unmittelbar auf die Notiz von dem Beſuche des Petrus am Grabe folgen läßt, lautet folgendergeftalt *). Zwei von den Süngern (wie e8 aus der nachfolgenden Nennung eines Namens fcheint, nicht aus der Zahl der Zwölf) wandelten noch an dem nämlichen Tage nad) einem Sleden, fehzig Stadien von Serufalem entfernt, Namens Emmaus. Sie fprahen unter einander von allem Gefchehenen ; unterdeß nahete fich ihnen Jeſus und ging mit ihnen; ihre Augen aber waren gebunden, und fie erkannten ihn nicht. Gr fragte fie nach dem Inhalt ihres Gefprächs und nach dem Grunde ihres düftern Anſehns; der eine von ihnen, Namens Kleopas, antwortete: „Du allein hältjt dich in Serufalem auf, und weißt nicht, was dort in diefen Lagen gefchehen iſt?“ ) Luft. 2 MLIETT, Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 399 Er fragte fie, was es feiz jene fprahen: „Das von Jeſus dem Nazarener, der ein prophetifcher Mann war, mächtig in That und Wort vor Gott und allem Volk; wie ihn unfere Driefter und Dberen zum Tode verutheilten und Freuzigen ließen? Wir aber, wir hofften, daß er es fei, der Israel erlö- fen fol. Aber bei alle dem find es heute drei Tage, feitdem dies gefchehen if. Doc einige Frauen unter und haben uns in Erftaunen gefeßtz fie waren früh am Grabe gewefen und batten feinen Leichnam nicht gefunden, da Famen fie und be— haupteten, auch ein Gefiht von Engeln gefehen zu haben, welche fagten, er lebe. Einige unter uns gingen hin zum Grabe und fanden, wie die Frauen geſagt; ihn felbft aber fahen fie nicht.” Da fprach er zu ihnen: „O ihr Gedanfenlofen und im Herzen Tragen zum Ölauben an alles dad, was die Pros pheten redeten! Mußte dies nicht der Meffiad leiden und ein- gehen in feine Herrlichkeit?’ Und von Mofes und von allen Propheten anhebend legte er ihnen aus, was in allen Schriften von ihm fteht. Sie famen in dem Fleden an, nach welchem fie zugingen, und er gab vor, weiter reifen zu wollen. Da drangen fie in ihn, bei ihnen zu bleiben, weil e$ Abend fei und der Tag fich neige. Er entſchloß fih dazu und ging mit ihnen hinein. AS fie zufammen niederfaßen, nahm er das Brot, ſprach ein Danfgebet, brach ed und gab es ihnen. Da fielen ihnen die Schuppen von den Augen und fie erfannten ihn; .er aber verfhwand vor ihnen. Da fagten fie zu einan— der: „Fuͤhlten wir nicht unfer Herz brennen, ald er unterwegs zu uns redete und das Verftändnig der Schrift und eröffnete?” So weit die Erzählung des Lukas, die von den meiften der übrigen Erzählungen von Erſcheinungen des Auferftandenen einen offenbar verfchiedenen Charakter trägt. Hätten wir nichts, als nur fie und ihr Ahnliche: fo würden wir und kaum im Geringften bedenken, den ganzen Cyklus diefer Erzählungen für einen Kreis von Mythen zu halten, deren Sinn und Inhalt dahin ginge, die Genefis des höhern Bewußtſeins der apojtoli- {hen Gemeinde über die Meffiasmwürde ihres Meifters und über die weltgefchichtlihe Bedeutung und Nothwendigfeit feines Todes, im einer. den mythifchen Dichtungen aller Zeiten und aller Volker durchaus entfprechenden Form darzuftellen. Diefes 400 Siebentes Bud. Erfcheinen in fremder, unerfennbarer Geftalt, dieſes Erkannt— werden erft beim Berfehwinden*) erinnert fo auffallend an bie Art und Weife der homerifchen Götter, die ja auch vorzugs- weife gern mit ihren Begünftigten zu Tiſche figen und einſa— men Wanderern fich beigefellen**), daß wir, — bei der voll: fommenen Unmöglichkeit zumal, dies auf natürlihem Wege zu erklären, ohne in die handgreiflichften Ungereimtheiten zu ver fallen, — den Eindruck, daß wir und auf mythifchem Gebiete befinden, erhalten würden, auch wenn die Analogie zu der bes friedigendften mythologifchen Deutung nicht innerhalb des Ge— bietes der evangelifchen Gefchichte felbft fo nahe läge, wie fie in der That liegt. Solche Analogie nämlich giebt uns hier zunächft die Berklärungsgefchichte***), die wir zwar nicht für einen Mythus im firengeren Wortfinne erfennen konnten, aber doch für eine Ueberlieferung folcher Art, welche auf eine, der eigentlichen My— thenpoefie analoge Weife einen idealen Gehalt in eine ſymbo— lifche Hülle gekleidet hat. Dort war ed die Genefid der Ein- fiht in die Meffiaswürde ihres Meifters, wie fie durch den lebenden Meifter felbft feinen drei vornehmften Süngern zu Theil geworden war, welche fich in das Bild einer überirdifchen Ver— klaͤrung dieſes Meifterd und einer Erſcheinung jener propheti— fchen Geftalten Eleidete, deren wahres Verhaͤltniß zum Meffias dem Verftändniß der Juͤnger zugleich damit war erfchloffen worden. Auf ganz entiprechende Weife fehen wir hier die Ges neſis der nämlichen, nach Verfchiedenheit der Umftande nur wenig modificirten Cinficht in andern Süngern nach dem Tode des Meiſters ſymboliſch ausgedruͤckt und Ddargeftellt. Auch dieſe Juͤnger waren damals noch in den ſinnlichen und irdiſchen Meſſiaserwartungen der Juden befangen; es war in ihnen zwar, durch den Eindruck, den ſie von der hohen Perſoͤnlichkeit und den Wunderthaten ihres Meiſters, von ſeinen eigenen gele— ja ‚ * ’ ’ *) Iyvıa yog usroniods mod md! Arnuawv 22 LA ’ J gsi Eyvav amıovros' agiyvaroı Ö2 αο zreo. Il. XIII, 71 s. E73 di —5 — ’ > ” 3 5 r c - ) daivvvrai Ts map duuı xadmjusvor, VIER TeQ Nuss > > ” - J & 0 apa Tıs nal worvos ıov Edußintar odirns, ” R 5 EN oun KOTargUmroVgW, Erei oplow Eyyudev &iufr. Od. VII, 204 ss. **) Berge. Bu IV, ©. 534 ff. Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 401 gentlichen Aeußerungen und Näthfelworten, und von den An- Deutungen der bereits tiefer eingemweihten Mitjünger empfangen hatten, der Glaube oder die Ahnung geweckt worden, daß Sefus von Nazareth; diefer Meffiad feiz aber der unglüdliche Aus: gang feiner Lebenslaufbahn ſchien Diefe ihre Erwartungen Lügen zu firafen. Da ward in ihnen, fei es durch einen oder den andern aus ihrer Mitte felbft, oder durch einen derjenigen Juͤn— ger, welche in diefer Einficht bereitö weiter vorgefchritten waren, weil fie den Belehrungen des lebenden Meifters näher geftanden hatten, der Gedanfe angeregt*), wie ja auch von der Nothwen- digkeit des den Meffias treffenden Leidens und gewaltfamen Todes die Andeutungen in der Schrift, in den Weiffagungen der Propheten gegeben fein. Man ging die heiligen Schriften von Moſes an bi8 auf die jüngften Propheten herab aufs neue | aufmerkfam durch, und man überzeugte fich immer mehr und mehr von der Wahrheit dieſer Deutung und Auffaffung ihrer meffia- nifchen Berfündigungen. Endlich ward, was anfangs Vermu— thung gewefen war, zur Gewißheit, zur begeifterten Anfchau- ung. Durhdrungen von dem Gefühl, wie das Leiden des Herrn nicht3 anders fet, als der Eingang zu feiner Herrlichkeit, erinnerte man fich feiner Verheißungen, auch nach feiner Erhoͤ— hung den Seinen nahe und in ihrer Mitte bleiben zu wollen; man fühlte ſich aufs neue von feinem Geifte durchdrungen und ward fich feiner geiftigen Gegenwart bewußt. — Diefer ganz na— türlihe Hergang hat fich in unferer fagenhaften Erzählung auf eine einfache und ungefünftelte Weiſe verfinnbildlicht. Wir würden, in Bezug auf die Unmittelbarkfeit und Natürlichkeit des bildlichen Ausdrucks, von diefer Erzählung ganz daſſelbe *) Die Hindeutung auf das am Grabe Vorgefallene V. 22? — 24 ges hört, wie fhon aus ihrer Nichtberukfichtigung im Nachfolgenden erhelfen würde, wenn auch nicht unfere Anficht über jenen Vorfall felbft uns dies anzunehmen nöthigte, nicht der urfprünglichen, fagen- haften Erzählung felbft, fondern dem Evangeliften an, der dadurch diefe Erzählung an das bei ihm Vorangehende knüpfen wollte, Die umgefehrte Anfiht Schleiermahers, als habe der Evangelift erft aus dieſer Andeutung die vorangehende Erzählung gebifvet, widerlegt fih durch dag, was wir oben über die Abhängigfeit Diefer Ießtern von Marcus bemerften. JH. BD. 26 402 Siebentes Bud. fagen koͤnnen, was wir oben von der Berflärungsgefchichte ſag⸗ ten, wenn nicht hier allerdings noch die Erinnerung an andere Erſcheinungen des Auferftandenen mit hineinfpielte und dem Ganzen eine von dem rein fymbolifchen Charakter etwas ver- fehiedene Färbung ertheilte. Gleichfalls das fombolifche Element feheint und vorwie— gend in der Erzählung von der Chriſtophanie am See Ziberias, welche wir im ein und zwanzigften Gapitel des Johannesevan— geliumd leſen. Wir ſchließen diefelbe fogleich hier an, ohne und ausführlicher auf die Unterfuchung über die Aechtheit dieſes Capitels einzulaffen. Diefe Unterfuchung nämlich hat für uns, was den Inhalt diefer Partie betrifft, Darum nur eine unter- geordnete Wichtigkeit, weil 5 fich, nach unferer Gefammtanficht über das vierte Evangelium, doch nur von dem relativ gleich- artigen oder ungleichartigen Urfprunge derſelben mit den übrigen erzählenden Theilen des Ganzen, nicht von der Ber- fafferfchaft des Apoftels felbft, deſſen Namen diefes Ganze trägt, würde handeln koͤnnen ). — Simon Petrus, Thomas, Nathanael, die Zebedäiden und noch zwei andere Sünger ftei- gen auf den Vorgang des Petrus in ein Schiff auf dem Gee Tiberias, um zu fiſchen; jedoch ohne Erfolg im Laufe der Nacht. Am Morgen ruft ihnen Sefus, unerkannt, vom Strande *) In Styl und Schreibart befenne ich Keinen wefenflichen Unter— ſchied zwifchen biefer Partie und dem übrigen Ep. finden zu fün- nen. Dies macht mich geneigt, auch noch als ihren Berfaffer allerdings den Herausgeber deg, Ganzen anzuerkennen, wenn ich auch in früheren Zufanımenhängen die Möglichkeit Habe gelten Yaf- fen, daß das Ey. von Mehreren herausgegeben fei, und daß Meh- rere namentlich in den Schluß hineingearbeitet haben, Dagegen ift fein Zweifel, daß fhon Cap. 20, 31 ein vollftändig abſchließender Schluß gegeben ift, und daß das 21. Cap. nur als ein Nachtrag vom Herausgeber oder den Herausgebern hinzugefügt fein Tann. Eben Diefes Verfahren aber, — welches als Factum von Niemand Yeicht mehr in Abrede geftellt wird, felbft von denen nicht, die noch immer den Apoſtel Johannes für den Verf. auch dieſes Nachtrags halten, — zeugt, zumal bei der mythiſchen Beſchaffenheit des ſol— chergeſtalt Hinzugeſetzten, auf das lauteſte und ſtärkſte für die Wahrſcheinlichkeit eines compilatoriſchen Verfahrens überhaupt bei der Compoſition der geſammten Evangelienſchrift. Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 403 aus zu, ob fie etwas zu efjen haben. Da fie e8 verneinen, heißt er fie das Netz zur Nechten des Schiffes werfen; dort werde ihnen der Fang beffer glüden. Sie thun es, und fangen fo viel, daß fie das Netz nicht heraufzuziehen vermögen. Da fpricht der Sünger, den Jeſus liebte, zu Petrus: „Es iſt der Herr!’ Petrus, da er dies hört, wirft fein Gewand über (er war nämlich nadt) und flürzt fih in den See; die andern Sünger aber famen mit dem Schiffe, denn fie waren nur etwa zweihundert Ellen vom Strande, nachdem fie die Fifche aufge Vaden hatten. Ans Land geftiegen, erbliden fie ein Kohlenfeuer und darauf einen Fiſch nebft Brot. Jeſus heißt fie von den fo eben. gefangenen Fiſchen herbeibringen. Da geht Petrus und zieht das Neb ans Land, welches hundert drei und funfzig Fiſche enthält. Sefus heißt fie fruͤhſtuͤcken; — Eeiner von den Süngern — wird hier hinzugefegt — wagte ihn zu fragen, wer er fei, denn fie Fannten ihn; — er fommt, nimmt das Brot und giebt es ihnen, und eben fo die: Fiſche. Wahrend des Frühftüds fragt er den Petrus: „Simon Sona, Tiebft du mich mehr, als diefe da?” Diefer antwortet: „Ja Herr, du weißt, daß ich dich liebe!“ Darauf fagt er: „Weide meine Laͤmmer!“ Frage, Antwort und Gegenantwort werden bald darauf wiederholt; bei einer zweiten Wiederholung der Frage ſchmerzt es den Petrus und er antwortet: „Herr, du weißt alles, du weißt, daß ich Dich liebe!“ Darauf Sefus: „Weide meine Schafe! Wahrlich, wahrlich, ich fage Dirp als du jünger warft, gürteteft du dich felbft, und wandelteft, wohin du wol: teftz wenn du aber alterft, wirft du deine Hände ausftreden und ein Anderer wird dich gürten und führen, wohin du nicht willſt!“ Dies, bemerkt der Erzähler, habe er gefagt, um an- zubeuten, mit welchem Zode er Soft verherrlichen werde; dann aber habe er ihn aufgefordert, ihm nachzufolgen. Da habe fich Petrus umgewandt und den von Jeſus geliebten Sünger erblickt, wie er dem Meifter nachging. Auf die Frage: was dieſem be: vorftehe, antwortet Sefus: „Wenn ich will, daß er bleibe, bis ich komme, was geht es dich an? Du, folge mir nach!“ Da— her fol das Gerücht in der Gemeinde entftanden fein, daß diefer Jünger nicht fterben werde; der Erzähler aber macht dar— 26* 404 Siebentes Buch. auf. aufmerkſam, wie Jeſus dieſe Worte nur bedingungsweiſe geſagt habe. Wie die vorhin betrachtete Erzählung durch die Klarheit und Einfalt ihres in ein leicht durchfichtiges fymbolifches Ge— wand verhüllten Sinnes fich und ald eine mythifche oder my— thenähnliche verrietht fo Die gegenwärtige durch die fonderbare, allerdings zugleich ind Bizarre und Willfürliche uͤbergehende Zufammenfesung » ihrer unter fich ſehr verfchiedenartigen. Be: ftandtheile, Einige derfelben koͤnnen wir und nicht. enthalten als die einen und felben mit Zügen anderer Erzählungen an— zufprechen, welche wir ſchon in jenen frühern Zufammenhängen, wo wir ihnen bereits begegnet find, für fagenhafte und ſymbo— lifche erkennen mußten. Die Begebenheit mit den Fifchen ift, wie Strauß mit Necht bemerkt hat, ihrem Urfprunge nach. nicht verfchieden von jener bei Lukas erzählten, welche diefer Evan: gelift freilich zu einer ganz andern Zeit und unter ganz andern Umftänden gefchehen läßt. Ihr fombolifcher Sinn wird dort unmittelbarer, als bier der Fall ift, an den Tag gebracht duch die Anknüpfung an das Wort Sefu, daß er feine Sünger zu Menſchenfiſchern machen wolle *), und wenn man, wie. diefe Anknüpfung vermuthen laͤßt, den Urfprung diefer Anekdote in einer von Sefus erzählten Parabel ſucht: fo wird man urtheilen müffen, Daß in jener Geflalt der Erzählung fich das Andenken . an diefen ihren Urfprung wirkfamer erhalten hat, als in der hier vorliegenden. Auf der andern Seite, wenn man es vor: ziehen wollte, diefelbe für eine erſt in fpäterer Zeit entftandene, Sage zu nehmen, für eine mythiſche Darftelung etwa des wirklichen, wunderbar reichen und raſchen Menfchenfangs, wel: cher den Apoſteln nach der Anweifung ihres Meifters fo bald nach deſſen Abſcheiden glüdter fo würde es näher liegen, bie Geſtalt, in der wir fie hier vorfinden, für. die urfprünglichere zu halten. Wie freilich unfer Evangelift fie vorträgt, muß man geftehen, daß das mythiſche Gepräge noch bei weitem mehr, als in der Erzählung des Lukas von dem Mahle der Zünger zu Emmaus, verwifcht ifl. Dies mag theild von der größeren Schwerfälligfeit und dem materielleren Sinne unſers gegenwaͤr— *) Bergl. oben Buch V, ©. 139, Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 405 tigen Erzählers, theils aber auch daher rühren, daß die Erzaͤh— lung mehr noch, als jene, mit heterogenen Glementen vermifcht it, ohne durch ein. geiftiges Band mit denfelben zur idealen Einheit verbunden zu fein. So ift namentlich der Bericht von dem durch Sefus vorbereiteten, Durch die Juͤnger fodann wirk— lich gehaltenen Mahle ein der Erzählung von dem Fifchzuge jedenfall, mag diefe nun urſpruͤnglich eine Parabel oder ein Mythus gewefen fein, fremder, wahrſcheinlich erft von dem Evangeliften herzugebrachter Zug, ein ſolcher, durch" welchen jenes Bild des Fifchzuges offenbar eine falfche Wendung erhält und feine wahren Sinnes verluftig geht. Gin anderer, gleiche falls heterogener, obwohl den geiftigen Sinn nicht fo offenbar verunftaltender Zug ift das Heranfchwimmen des Petrus auf den Zuruf des Heren, von dem ich, auch dies, auf Strauß’s Vorgang, gleichfalls für nicht unwahrfcheinlich halte, daß er mit einem ähnlichen, von dem Berfaffer des erſten Evange: liums bet einer frühern Beranlaffung berichteten Zuge einer und derfelbe iſt; ſo wie es überhaupt gar leicht gefchehen fein kann, entweder daß jener frühere Vorfall aus dem gegenwärtigen, oder daß diefer gegenwärtige zum Theil aus jenem in ber Weiſe der umdichtenden Sage gebildet worden ift*). Auch das Gefpräh mit Petrus und Sohannes endlich ift. der übri: gen Erzählung nur Außerlic angehängt; es iſt feiner inneren Beſchaffenheit nah vollkommen unabhängig von diefer, fo wie überhaupt von der Vorausfesung, Daß es der Auferflandene ift, der hier zu feinen Süngern fpricht, fo wie auch umgekehrt die übrige Erzählung feiner nicht bedarf, um ſich ſowohl ihrem Sinne, ald ihrer außeren Geftalt nach in fich felber abzu— ſchließen. Es wäre nicht unmöglich, daß dieſes Geſpraͤch ſei— nen Hauptbeſtandtheilen nach, d. h. den antithetiſchen Weiſſa— gungen uͤber Petrus und uͤber Johannes, wirklich ein authenti— ſches — dann unſtreitig ſchon vor dem Tode Chriſti vorgefal— lenes — waͤre. Doch moͤchte ich dies nach dem innern Cha— rakter deſſelben nicht gerade für wahrfcheinlich achten, auch wenn ich, wie ich allerdings zu thun mich gedrungen finde, den Sinn der Yeußerungen über beide Apoſtel tiefer fuche, ald nur, *) Bergh, Dr. 5 SM * 406 Siebentes Bud. wie auf den erſten Anblick am naͤchſten zu liegen und von dem Erzaͤhler ſelbſt beabſichtigt zu werden ſcheint, in einer Hindeutung auf den Kreuzestod des Petrus einerſeits, auf die lange Le— bensdauer des Johannes andererſeits. Es iſt ſchon von Andern bemerkt worden, daß die Worte, welche zu Petrus geſprochen werden, wenn man von der ausdruͤcklich hinzugefuͤgten Deutung des Evangeliſten abfieht, die nur allzuſehr an verſchiedene aͤhn— liche, noch auffallender verfehlte Deutungen anderer Reden Jeſu durch denſelben Evangeliſten erinnert*), faſt mehr das Anſehen haben, nur auf die Schwaͤche und Hinfaͤlligkeit des Alters zu gehen; wozu auch der Gegenſatz einer ewigen Jugend, welche, wenigftens bedingungsweife, dem Sohannes verheißen wird, ganz wohl zu paffen fcheinen” Fonnte. Hierbei nun läge es nicht allzufern, dieſen Gegenfaß nicht, oder nicht allein im außerlichen, leiblichen, fondern zugleich im geiftigen Sinne ges meint zu glauben; fo daß alfo dem Petrus etwa ein frühzeiti- ges Erftarren und Verwelken feiner allzu einfeitig pofitiven und Dogmatifchen Richtung, dem Sohannes dagegen die ewige Ju— gend feiner idealeren, finnig fpeculativen Denkweiſe geweifjagt würde, "Nur fo gefaßt, erfcheint die Sage, welche, wie wir beiläufig erfahren, zur Zeit, als diefe Erzählung niedergeſchrie— ben ward, in Betreff des Johannes wirklich fehon zum Glau— ben der Gemeinde geworden war, als wirklich bedeutend. Sie erfcheint als noch bedeutender, wenn man etwa in beiden Weiffagungen nicht fowohl die Perfon der beiden Sünger, als vielmehr die in ihrer Perſon beginnenden” und vorläufig durch fie vertretenen Firchlichen Tendenzen und Richtungen gemeint finden wollte, Iſt ja doch Petrus zu allen Zeiten als der apoflolifche Fürft und Gründer des römifch-Fatholifchen Kirchen- gebäudes betrachtet worden, auf welches bezogen jene: Weiſſa— gung in der That einen höchft prägnanten Sinn enthalten würde; und hat fich ja auch diefem gegenüber mehrfach fchon die Neigung ausgefprochen, in der Sinnesweiſe des Sohannes jenes geiftig geläuterte, fpeculativ begründete Glaubensbefenntniß des Chriſtenthums vorgebildet zu erbliden, von welchem wir nicht zweifeln dürfen, daß ed in der That bis an das Ende ") Rap, 2, 21, Cay. 12, 33, Cap, 18, 32 wa. [2 Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 407 ° der Tage zu dauern die Beftimmung hat! — So gewagt ſolche Deutungen fein mögen, fo geben fie jedenfalls der Scene einen würdigern Charakter, als diefelbe dann behauptet, wenn wir die Worte des Herrn fo verftehen wollen, wie fie der Evan- gelift verftanden und ausgelegt hat. Eine Weiffagung auf den (geſchichtlich uͤbrigens noch manchem Zweifel unterworfenen) Kreuzestod des Apoftels ift in diefem Zufammenhange völlig zwedlos und klingt deshalb faft wie ein müffiges Prahlen des Weiſſagenden mit feiner Allwiffenheit, um fo mehr, je weniger in ihrem Zone, was man etwa barin zu finden erwarten fünnte, die Abficht einer Beihwichtigung der Betruͤbniß des Süngers über das, in der wiederholten Frage des Meifters zu liegen fcheinende Mistrauen in feine Liebe zu ihm bemerkbar wird. Die Aeußerung über Sohannes aber: für eine fo müffige zu halten, wie der Evangelift fie gefliffentlich als folche erfcheinen zu laffen Sorge trägt, fest wenig Gefühl und Verftändniß für die in allen Worten und Reden des Herin liegende Tiefe des Sinnes und der Bedeutung voraus. — Auch diefe oder eine ähnliche ſymboliſche Bedeutung vorausgefeßt, bekenne ich in- deß, Daß jene weiljagenden Neben und der ganze Zufammen- bang des vorliegenden Gefpräches mehr den Charakter einer finnig erfundenen Sage, als authentifcher Worte des Herrn mir zu iragen ſcheinen. Nicht, als ob ich die Tiefe des Blicks in dad Innere der Perfonlichkeit feiner Sünger und in den welthiftorifchen Zufammenhang der Schickſale und Geiftesgeftal- tungen, welche fih an diefe Perfonlichkeiten knuͤpfen follten, dem göttlichen Meifter fremd glauben wollte; fondern infofern Betrahtungen und Anſchauungen folcher Art überhaupt mehr der ſtill und langſam fpinnenden und webenden Sagendichtung angehören, als dem rafchen und augenblidlichen Wechſelverkehr des Gefprädhes, in welchem fie unverftanden und deshalb aud) ohne Wirkung bleiben würden. Mir haben diefe mythifchen Anklänge, obgleich fie, wie auch zum Theil ſchon aus ihrer Stellung in unfern evangeli- fhen Urkunden hervorgeht, mehr nur einen Anhang zu dem eigentlichen Kerne der Auferftehungsgefhichte, als ſelbſt einen integrivenden Beftandtheil diefes Kernes bilden, dennoch dem: jenigen, was wir jest abfchließend über diefen Kern Telbft zu ı 408 Siebentes Bud. fagen haben, aus dem Grunde voranfchiden wollen, um eben. durch den Gegenfab zu ihnen die duch und Durch Davon verfchiedene, nicht mythifche, fondern hiftorifche Befchaffenheit dieſes Kernes in ein defto helleres Licht zu ftellen. Wie bereits zugeftanden, fo ift ein Theil diefer Anklänge wirklich von fol: cher Art, daß man darin, die Anfänge oder Bruchſtuͤcke eines größeren Mythenkreifes (wie fich ein folcher, wenn man will, wirflih auch in der großen Anzahl apofiyphifcher Dichtungen von Gifcheinungen, von Thaten und Neden des Auferftandenen gebildet hat) zu erbliden ſich leicht verleitet finden Fann, und der Gedanke liegt fo entfernt nicht, der fih wohl fchon hin und wieder in Manchem geregt hat, es möge der Ausgang von des Heilandes Leben in ganz entfprechender Weile, wie fein Eingang, durch ein in fich felbft zufammenhängendes oder we— nigftens in allen feinen Haupttheilen gleichartiges Gewebe my- thifcher Dichtung verherrlicht und zu dem gemacht worden fein, was er in der evangelifchen Ueberlieferung und in dem Dogma der chrifilihen Kicche eben geworden und geblieben tft; — fo daß alfo, mit einem Worte, die Auferfiehung und die Himmel- fahrt ganz eben fo rein mythifche Thatfachen waren, wie etwa die jungfräuliche Empfängnig des Herrn, wie feine Geburt in der Davidsftadt, oder wie die Anbetung der Hirten und der Beſuch der Magier. Diefe VBermuthung, wie fie ſchon mit unfern Vorausſetzungen Über die Befchaffenheit der evangeli- jhen Nachrichten im Allgemeinen ſchwer in Einflang zu brin— gen, in der Deutung des Befonderen und Einzelnen ſchwer durchzuführen und zu bewähren fein würde, fcheitert vollfommen in dem Nücblid auf jenes Zeugniß, welches wir fehon oben als das unflreitig gewichtigfte und volftändigfte von allen, welche Die Auferflehungsthatfache betreffen, angeführt haben, das Zeug: niß Des Apoſtels Paulus. ES ift merkwürdig, wie dieſes Zeug- niß, welches Doch mit der unverkennbaren Abficht der Vollſtaͤn— digkeit eine Reihe von Erfcheinungen des Auferftandenen name haft macht, gerade über jene Ereigniffe fchweigt, über deren ſei es im mehr Außerlichen Sinne fagenhafte, oder im inner: Vichen und idealen mythifche und fombolifche Natur wir uns im Borhergehenden nicht haben täufchen wollen. Meder von dem Befuc der Frauen am Grabe und den daran ſich knuͤpfenden Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 409 Erfeheinungen der Engel und des Auferftandenen felbft weiß Paulus etwas zu fagen, noch von dem Gange der zwei Sünger nah Emmaus, noch endlich von der, Begebenheit vor den fieben Süngern am See Tiberias. Die Chriftophanie der Eilf, von welcher der dritte und der vierte Evangelift gemeinfchaftlich erzählen, glaubt man zwar, vielleicht nicht mit Unrecht, in der von Paulus ald die zweite jener Erfcheinungen genannten*) wiederzufinden, aber von den fo auffallend, wie wir eben zeig⸗ ten, ins Abenteuerliche heruͤberſpielenden Umſtaͤnden, mit denen fie in den evangeliſchen Berichten ausgeflattet iſt, findet fi) beim Apoftel Feine Erwähnung. Für die weitere Scene aber, die nach dem vierten Evangeliften (dev übrigens durch feine be- flimmte Zahlangabe *) ſich noch recht ausdrüdlih mit dem Apoftel in Widerſpruch fest) in Gegenwart auch des bei jener früheren angeblich fehlenden Thomas erfolgte, will fih in den Angaben des Paulus durchaus Feine einigermaßen zutreffende Stelle finden. Dagegen fpriht Paulus von einer beträchtlichen Anzahl anderer Erfcheinungen, von denen fich in den Evange— lien Feine Spur findet; und zwar von allen fammt und fonders im ſchlichteſten Tone, ganz einfach nur fie als Thatſachen be= richtend, ohne irgend über die Art und Weife, wie, und die Umftände, unter welchen fie erfolgt waren, fich näher zu erflä- ren. Zuerſt erfchien nach ihm der Herr dem Petrus z eine Er— fheinung, von der außer Paulus nur noch fein Schüler Lukas etwas weiß, der ihrer gleichfalls nur im Vorübergehen gedenft**), ohne irgend fich, wie bei den andern Erfcheinungen, die er be— richtet, auf eine weitere Befchreibung einzulaffen. Sodann, wie vorhin bemerkt, den Zwoͤlfen; hierauf einftmals fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meiften zur Zeit, als Pau- lus dies an die Korinther fehrieb, noch lebten, ein Theil aber bereits abgefchieden war. Dann dem Jakobus, —unftreitig dem ald Bruder des Heren bezeichneten, wenn dies auch nit ausdrücdlich bemerkt wird; — dann fämmtlichen Apoſteln; zuleßt dem Paulus felbfi, welcher ſich ſolch hoher Auszeichnung un: *) site rois Omdeza. 1 Kor. 15, 5. =) Joh. 21, 14. we) uf, 24, 34. 410 Siebentes Bud. würdig befennt, indem er erft durch fie aus einem Feind und Berfolger des Chriftenthums in deſſen Freund und Bekenner verwandelt worden war. — Die Abweichung dieſer pauliniſchen Nachrichten von den evangeliſchen iſt ein Problem, welches ſich weder die ſuperna— turaliſtiſche, noch die naturaliſtiſche Anſicht der Auferſtehungsge⸗ ſchichte jemals in feinem ganzen Umfange und feiner ganzen Schwere vorgelegt hatz und beide hatten auch gute Urfache, ſich alles Eingehens in daffelbe zu enthalten, da e8 in der That gleich gefahrdrohend für beide if. Daß die Nachricht des Apofteld, infofern von feiner eigenen Ueberzeugung, den Aufer: ftandenen gefehen zu haben, und von der factifchen Ausfage jener Andern die Rede ift, denen ähnliche Erfiheinungen zu Theil geworden waren, — ſaͤmmtlicher Apoftel alfo und eben fo auch jener Fünfhundert, unter denen Paulus gewiß noch mit einem guten Theile in perfonliche Berührung getreten war, — daß dieſe Nachricht eine vollfommen glaubwürdige, über jeden Verdacht, fei es abfihtlicher Faͤlſchung, oder unwillfürlicher, mythifcher und myftifcher Umbil ldung erhabene iftz wer dies in Zweifel ziehen wollte, der müßte Treue und Glauben und jede urkundliche Sicherheit aus der Gefchichte überhaupt hinweglaͤug— nen. Nun aber fragen wir: waren die Erfcheinungen, von denen hier Paulus fpricht, die wir alfo, wenn irgend Etwas in der Weltgefchichte, für Shatfache anzuerkennen haben, — waren fie factiich von der Befchaffenheit, wie jene im Obigen vorläufig von und ald mythiich oder fagenhaft bezeichneten, von denen die Evangelien, namentlich die zwei legten, fo ausführ: lich zu berichten wiffen: wie wäre e8 dann zugegangen, daß von einem großen, ja dem größten, jedenfalls dem Außerlich auffallendfien Theile derfelben alle und jede Kunde bis auf die lebte Spur aus den evangelifchen Nachrichten hat verfchwinden fonnen? Man bedenfe, was e& heißen will: Chriftus tritt als leibliche, finnlich wirkliche Geftalt, als Diefer einzelne Menfch, \ wie er während feines Lebens unter dem Volke gewandelt war, ‚ in die Mitte von fuͤnfhundert Jüngern, um fi) (died nämlich würden wir dann unftreitig vorausfegen müffen) mit ihnen zu unterreden und ihnen Aufträge zu ertheilen; und Feiner unferer evangelifchen Erzähler gedenft nur mit einem Worte Diefer Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 411 außerordentlichen Begebenheit, während fie doch alle, jeder auf feine Weife, wiewohl freilich faft nirgends unter fich felbft über: einftimmend, Erfcheinungen von weit geringerer Bedeutung und viel zweideutigerer Befchaffenheit, fo wie andere Umftände, die auf die Auferftehung des Gefreuzigten Bezug haben, zum Theil im Fleinlichfien Detail befchreiben und ausmalen! Wahrlich diefer Umftand allein wäre hinreichend, da er die des Paulus nicht vermag, die Glaubwürdigkeit der Gvangeliften in allem und jedem, was fie berichten und was fie verfchweigen, unwieder« bringlich zu zerflören und fie ald Schriftfteller, die fih in einer ſchon ganz fabelhaften Entfernung von den Begebenheiten, von denen fie fprechen wollten, befunden haben müffen, ganz im Allgemeinen zu bezeichnen, wenn fic nicht für diefen befonde= ren Fall die nähere Erklärung finden ließe, wie es mit der Umbildung. eines Theil der von dem Apoftel berichteten That- fahen ins Fabelhafte und Moythifche, mit der Vergeffenbeit, in die ein anderer Theil derfelben gerathen ift, oder vielmehr nur mit feiner Ausfonderung aus der Neihe der übrigen zugegan- gen fein mag. Alles namlich erklärt fich auf das einfachſte und natürlichfte, wenn wir von dem Gingeftändnig ausgehen, daß Paulus, wie ſchon aus allem bisher Ausgeführten unwiderfprechlich erhellen | — muß, an dieſer Stelle, fo wie überhaupt, nur von Erſchei— nungen unfaßlicher, geifterhafter Art fpricht, von folchen, die von den Berfchiedenen, welche fie fchauten, auf verfchiedene Weiſe gedeutet werden Eonnten, und in denen das Moment der , wirflihen, realen Gegenwart des Auferfiandenen nicht auf außerlicher, finnlicher Gewißheit, fondern auf der fubjectiven Ueberzeugung und Glaubensanfchauung jedes Einzelnen beruhte. Wir machten bereits oben, als von der Erfcheinung die Nede war, welche die Frauen am Grabe gehabt haben follen, deren factifche Grundlage wir auch jest, ungeachtet des Schweigens diefer unferer vornehmlichften Autorität, nicht in Abrede ftellen wollen, — wir machten bereits dort bemerkflich, wie es fich gar wohl denken läßt, daß ein und derfelbe Vorfall von Einigen als eine Erſcheinung nur von Engeln, von Andern ald eine Erſcheinung des Herrn felbft gefaßt worden war. Etwas ähn- liches müffen wir in. Bezug auf einige der hier von Paulus 412 Siebente3 Bud. erwähnten Begebenheiten nothivendig gleichfalls annehmen, wenn wir die Webergehung derſelben durch fümmtliche Evangeliften nicht völlig unerflärbar finden wollen. Am nächften liegt es unftreitig, über die Befchaffenheit diefer Erfcheinungen faͤmmt— ih und der Nelationen von ihnen ein Urtheil ſich nach jener ‚zu bilden, deren Paulus felbft fih rühmt, über deren Beſchaf— fenheit wir nach dem, was er felbft von ihr fagt, und nad) dem dreifach wiederholten ausführlichen Berichte in der Apo— ftelgefchichte Feineswegs im Zweifel bleiben koͤnnen. Während von derfelben Paulus felbft wiederholt die Worte braucht, daß er den Herrn gefehen habe, fo ift in jenen drei Erzählungen nirgends von dem Erblicken einer Geftalt, in welcher der Apo— ftel die Geftalt Jeſu erfannt oder zu erkennen geglaubt hätte, die Nede, fondern vielmehr von einer Stimme, durch die ihm der Herr zugerufen habe, daß Er es ſei. Die Worte, welche damals Sefus geſprochen haben foll, werden von Lukas an allen drei Stellen, — an der einen, wo Paulus redend eingeführt wird, fogar mit dem Beifabe als in hebraifcher Sprache ge— ſprochen ), — ausführlich angegeben, unter mehrfachen und Feines: wegs unbedeutenden Variationen jedoch, aus denen fogleich fon dies hervorgeht, wie wenig wir die Relation derfelben für eine diplomatifch genaue Ueberlieferung zu nehmen uns eine fallen laffen dürfen, Bon der Stimme, welche diefe Worte fprach, weiß nun zwar der Evangeliſt in feinem erften Berichte zu erzählen, daß auch die Begleiter des Apoſtels fie vernommen haben, von welchen er ausdrüdlich hinzufügt, Daß fie die Geftalt des Sprechenden nicht erblidt hätten**); allein an einer andern Stelle firaft er fih aus dem Munde des Paulus felbft Lügen, indem er denfelben fagen läßt, feine Begleiter haben zwar das Licht vom Himmel erblidt, aber ‚Die Stimme deſſen, der zu ihm redete, nicht vernommen **). Gedenft man überdies der zahlreichen Stellen, in denen gerade die Apoftelgefchichte von Stimmen, welche im Traume oder in einem Zuftande der Ber: *) zn Eßoaidı duellzro. Ap. Geſch. 26, 14. WE) novoyrss wEv TnS ywvns, und&va d2 Oewonvres. Ebendaf. — "HH To uEv pas LO8donvro, Tnv O8 yurıv odr 7rovoav Tod Aukoüvros wo. Ebendaſ. 22, 9, * Die Auferfiehung und die Himmelfahrt. 413 zuͤckung vernommen worden fein follen, die Worte, die fie ge: fprochen, zu berichten weiß*): fo liegt wahrhaftig nichts näher, al3 zu vermuthen, daß der Erzähler diefe Worte nah Willkuͤr, wie es ihm der Situation am angemeffenften fchien, gebildet haben mag, während ber Apoflel weder dieſe, noch irgend welche beitimmte Worte vernahm, ſondern nur ganz im Allge— meinen Gedanken der Art in feiner Seele aufgeregt fühlte, die er fpäter, bei der Mittheilung diefes Vorfall, durch diefe oder ähnliche Worte auszudrüden fuchte. — Den Paulus feldft fehen wir in feinen Schriften nicht blos im Allgemeinen fein apofto= lifches Amt auf den Ruf des Herrn, der an ihn ergangen war, zurücdführen, fondern auch, ihrem befondern Inhalte nach, feine Lehre, fein „Evangelium“ aus der Offenbarung Chrifti an ihn ableiten **); fo daß man alfo, wollte man es einmal mit den | angeblich zu ihm gefprochenen Worten des Auferftandenen buch- ftäblic) nehmen, offenbar genöthigt fein würde, eine ausführlich Damals geſchehene Mittheilung der Lehre vorauszufehen; was offenbar allen andern Umftänden widerfprechen würde, die uns von jener wunderbaren Erfcheinung berichtet werben. Menn nun aus diefem allem für jenes von Paulus felbft erlebte Ereigniß, welches derfelbe in gleiche Reihe mit den übriz. gen Erſcheinungen des Auferftandenen ftellt, ſich eine ſo große Berfchiedenheit der wirklichen und möglichen Auffaffungen fhon duch Sole, die dem Apoftel am naͤchſten fanden, ergiebt, — wenn fih Ihon in Bezug auf dieſes eine die ganze Scala durchgehen läßt von der Annahme einer ausführlichen, im anhaltend fortgefesten Verkehr mit dem noch Lebenden erhaltenen Inſtruction und Belehrung an, bis zu der Annahme — — einer rein geiſtigen und ſubjectiven, von allen objectiven Mo— menten entblößten Viſion und Ekſtaſe herab: fo iſt es wohl erlaubt, zu ſchließen, daß es ſich in Bezug auf alle andern Chriſtophanien aͤhnlich wird verhalten haben. Zwiſchen ſolchen Momenten der Anregung und Entzuͤckung, in denen man die unmittelbare Naͤhe und perſoͤnliche Gegenwart des Herrn zu *) Ap. Geſch. 9, 10. 18, 9. 22, 18. 23, 11 u. a. ’ **) 0) Y0g 20 apa dvdgunov maptlaßov avro ovre Eöudaydnv, ahla di anonehiwsws Imoov Xeuorov. Öal. 1, 1, 414 Siebentes3 Bud. empfinden glaubte, und andern, die man auf andere Weife deu: tete, fei es als Engelderfiheinungen, oder als Bezeugungen des von Chriftus verheißenen Parakleten, oder wie fonft, beftand gewiß Eeine fefte Grenze, fondern ed Fonnte, was von Einem in der einen dieſer Geftalten, dafielbe von Anderen in’ einer andern folchen Geftalt fowohl gefaßt, als auch erzählt und be— richtet werden, Olaubensartifel im eigentlichen und wahren Mortfinne, Artikel und Snhaltsbeftimmung der evangelifchen Berkündigung Fonnte Feine jener einzelnen Erfcheinungen in ihrer befondern Thatfächlichkeit werden, fondern nur der allgemeine Sag: daß Chriftus am dritten Lage auferftanden fei, das heißt dem urfprünglichen, erft nach der apoftolifchen Zeit in die Vorſtellung eines leiblichen Hervorgehens aus dem Grabe am dritten Sage und einer Himmelfahrt am vierzigften umgedeute- ten Sinne nach, wie oben gezeigt, nichts anders, als: daß feine Seele am dritten Tage aus dem Hades in den Himmel und an die Rechte des himmlifchen Vaters entrüdt worden fer, — Sn der Anrede zwar an die Forinthifche Gemeinde, bei Gele- genheit welcher er jene Aufzählung der zu feiner Kenntniß ge- fommenen Grfcheinungen giebt, koͤnnte es vielleicht fcheinen, als wolle Paulus jede einzelne derfelben ald einen Beftandtheil der Berkfündigung, die er hier den Korinthern als eine früher fchon durch ihn gefchehene in Erinnerung bringt, geltend macdhen*). Allein dies Darf und nicht irren. Wie Paulus an diefer Stelle felbft nur beiläufig diefe Angaben als gelegentliche weitere Aus: führung des einen Thema, daß Sefus erftanden fei, giebt, fo haben fie diefen Charakter unftreitig auch ſchon in feinen frü- hern Vorträgen, auf welche er fich hier zurückbezieht, getragen. Waͤre dies anders gewefen: wie hätten dann jene auffallenden Abweichungen der evangelifchen Berichte von dem feinigen und unter fich felbft entfiehen konnen; Abweichungen, die fo bedeu- tend find, daß felbft Solche, die fonft die gefammte evangelifche Geſchichte in einen Typus der evangelifchen Verfündigung einge- ſchloſſen meinen, das Geftändniß nicht umgehen koͤnnen, daß hier alle gleichmäßige Haltung Diefed Typus aufhört? — #) napldune yo vv Ev ngWroıs 0 nal napelaßov' Or Nororös x. Te 4. 1 Kor. 15, 3. Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 415 Miefern indeß bei der Predigt von der Auferftehung die Beru- fung auf eine Thatfache nicht umgangen werden konnte: fo fheint es, daß die Apoftel Üübereingefommen waren, eine Er- fheinung, welche die gemeinfame Zeugenfchaft der Eilf für ſich hatte, als die eigentlich entfcheidende und beweifende Thatſache ſtatt aller andern anzuführen. Dies fchließen wir aus der Art und Weife, wie der erfte Evangelift ftatt aller andern (mit ein- ziger Ausnahme der vor den Weibern) diefer einen. gedenkt, indem wir es bereit3 oben wahrfcheinlich zu machen fuchten, daB er den Bericht von diefer einen von Marcus hatte, bei welchem fie vermuthlich ganz einfam ftand. Wir halten diefe Erſcheinung für die zweite der von Paulus erwähnten, da wir uns nicht entfchliegen koͤnnen, fie, was bei der fünften unter diefen der Fall ift, welche in den übrigen VBorausfegungen fonft gleichfalls mit ihr zufammentreffen würde, erft nach der Er- fheinung vor den Fünfhunderten gefhehen zu glauben. Eben fo tft und nicht unwahrfcheinlih, daß diefelbe Erfcheinung auch die Berfaffer des dritten und vierten Evangeliums. gemeint haben bei ihren Erzählungen von einem Befuche bei den Eilfen, den fie freilich fhon an den Abend des Tages der Auferftehung und nach Serufalem verfegen, fo wie diefer Vorfall auch fonft bei ihnen fagenhaft umgebildet erfcheint. Ja auch bei feiner Angabe über die Verfammlung der Sünger auf dem Delberge, wo die Himmelfahrt erfolgt fein fol, hat Lukas fchwerlich eine andere Erfcheinung, ald eben diefe, im Sinne gehabt; nad dem Berichte im Evangelium würde diefelbe, eben fo wie dort in dem Briefe des Barnabas, fogar noch an demfelben Tage vorgefallen zu fein ſcheinen; während fiein der Apoftelgefchichte be- kanntlich um vierzig Tage fpäter erfolgt. — Bei Paulus findet fi) zwar durchaus Feine Zeitangabe, weder in Bezug auf die hier in Rede ftehende, noch auf irgend eine der übrigen Erfchei- nungen. Da wir indeß von dem den Apoflel perfönlich betref- fenden Greigniffe wiffen, daß daffelbe einer fo beträchtlich ſpaͤ— tern Zeit angehört, fo ift wenigftens dazu fein Grund vorhan- den, feine Worte, in der Weife etwa, wie die Evangeliften die von ihnen erzählten Begebenheiten fo nahe an einander zu rücken lieben, auf eine unmittelbare Nähe und Aufeinanderfolge jener Erſcheinungen zu deuten. Jenes Ereigniß, von welchem > 416 Siebentes Bud. das erfle Gvangelium ſpricht, war ohne Zweifel, wie es dort ausdrüdlich fo heißt, in Galiläa gefchehen, nicht eher, als nachdem die Zünger ſich aus ihrer Flucht und Zerftrenung wies derum gefammelt hatten, Diefes felbft aber, daß die Sünger fich folchergeftalt wieder zufammenfanden, wozu im Augenblid vor ihres Meifters Tode wenig Ausfiht vorhanden fchten, mag das Werk Einzelner unter ihnen, vielleicht namentlich des Per trus gewefen fein, welchen wir ducch einen an ihn perfünlich zuvor ergangenen Ruf des Herrn, — denfelben, deſſen Paulus und Lukas ald der früheften aller einzelnen Erfcheinungen Chriſti vor feinen Süngern gedenken, — Dazu angefpornt und ermuthigt glauben dürfen*). Mas nun aber die Erfceheinung vor den Fünfhunderten be- trifft, welche Paulus zunächft auf die Erfcheinung vor den Eil- fen, ‚oder, wie er ed, wohl nur um der typifchen Zahl willen, ausdrücdt, vor den Zwölfen folgen läßt: fo vermögen wir Das Raͤthſel, wie dieſe fich aus Der evangelifchen Ueberlitferung fo gänzlich hat verlieren Fonnen, auf Feine andere Weife zu erflä- *) Durch diefe Bermuthung, die fich insbefondere wegen der Analogie fer empfiehlt, welche piernach, in den Wirkungen beider, zwifchen der dem Petrus und der dem Paulus gewordenen Chriftophani® ftatt- finden würde, ergiebt ſich zugleich ein annehmlicher Zuſammen— hang für die Erzählung namentlich des Lukas. Diefer nämlich läßt (Cap. 24, 34) die Jünger, welche zu Emmaus den Herrn. gefhaut hatten, nachher son den Uebrigen die Nachricht erhalten, daß er dem Petrus erfihienen feis worauf fie das ihnen felbit Begegnete erzählen und dann jene Erfiheinung vor den Apoſteln gemeinfchaft- lich („und die mit ihnen waren‘, feßt Lukas hinzu) erfolgt. Dies würde nach dem von ung im Obigen dargelegten-Vorausfeßungen, insbefondere nach unferer Deutung des Borfalls zu Emmaus, folgen- dergeftaltizuerffären fein: Die Ehriftophanie des Petrus trifft zufammen mit der don andern Jüngern unterdeß durch tieferes Nachfinnen und durch höhere Eingebung gewonnenen Heberzeugung, daß ihr Meifter trotz des ſchmachvoll erlittenen Todes dennoch der Meffias fei, ja daß eben Diefes fein Leiden einen nothwendigen Beftandtheil feines Meſſiasberufs gebildet habe, und daß auch jebt no die Gründung des Mefftasreiches Durch ihn zu erwarten fe. Dadurch werden Die Sünger bewogen, fi) wiederum zu fammeln und vereint die Wie- derkunft des Heren im Geifte zu erwarten, welche dann (nur frei= lich nicht genau in der yon Lukas berichteten Weife) wirklich erfolgt. Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 417 ren, ald durch die Vorausſetzung, Daß fie nicht von Allen für das erkannt worden ift, wofür Paulus, von feinem durchaus geiftigen und immateriellen Standpuncte aus unftreitig mit Recht, ‚fie erkannt hat, für eine Bethätigung des Auferftandenen in perfonlicher Gegenwart. Es feheint, daß namentlich in der nachapoftolifchen Zeit, je mehr im-Kampfe gegen den gnoftifchen Doketismus und unter Einfluß des neuerdings entftandenen Gerüchtes von der Entleerung des Grabes die Anfiht von den feühern Chriftophanien fich vergröberte und materialifirte, defto mehr die fpäteren diefer Chriftophanien, auf welche die mate— viellere Anficht fich nicht mehr ausdehnen ließ, problematifch wurden. So befindet fih, wie wir oben fahen, bhinfichtlich jener Begebenheit, welche Paulus zu wiederholten Malen ganz unumwunden als eine ihm felbft gewordene perfonliche Erfchei- nung des Auferftandenen bezeichnet, Lukas in fichtlicher Verle— genheitz er vermeidet es, ohne Zweifel abfichtlich, fie in gleicher Weiſe, wie die früheren, als ein wirkliches Auftreten des leben— digen, leiblicy realen Chriftus zu bezeichnen, und hält feine Er- zahlung in einem fonderbaren, zwiſchen Viſion und äußerlicher Realität unficher Tchwanfenden Zwielichte. In Bezug auf jenes andere Greigniß aber, welches eine fo große Anzahl von Zeugen hatte, denen die Meinung von einer koͤrperlichen Realität deſſen, was fie gefehen und erfahren, nicht wohl aufzubringen oder unterzulegen war, hat er, da es ihm unftreitig nicht unbekannt bleiben Eonnte, es vorgezogen, feinem Berichte über die Grün- dung und die Schidfale der apoftolifchen Gemeinde eine ganz andere Auffaffung deffelben einzuverleiben. So kuͤhn nämlic) und parador diefe, Meinung auch erfcheinen mag: fo halten wir und dennoch faft verfichert, daß jenes Ereigniß Fein anderes ift, als die Ausgießung des Geiſtes am Pfingftfefte, wovon wir bei jenem Gefchichtfchreiber eine fo ausführliche, aber, wie man jebt wohl allgemein zugiebt,. ſtark mit fagenhaften Ele- menten untermifchte Befchreibung lefen*). Deutliche Spuren ins— befondere in den Schriften des Sohannes, desjenigen. Schrift: ftellers, der nächft Lukas unter allen neuteflamentlichen am aus— druͤcklichſten dieſer „Sendung des Parakleten“ als eines nad) *) Ap. Geſch. 2. I. Bd. ; 21 418 Siebentes Bud. dem Tode des Herrn feinen Juͤngern bevorftehenden Ereigniffes gedenkt, weifen uns nämlich darauf hin, wie auch dieſe wun— derbare Begebenheit, entfprechend, wie die angebliche Begeben- heit der Himmelfahrt, Feineswegs von vorn herein in dem Glau- ben der Apoftel diefelbe dogmatifche und hiftorifche Stelle ein- nahm, die fie fpäter, auf Veranlaſſung wir dürfen wohl fagen . einzig und allein des Lukas, in dem Firchlichen Lehrgebäude eingenommen hat. Gleichwie die Himmelfahrt Eined und Daf- felbe mit der Auferftehung als ſolcher: fo war fie gewiß in der urfprünglich apoftolifchen Anfhauungsweife Eines und Daffelbe mit den Erfcheinungen des Auferftandenen vor feinen Süngern. Dies geht am deutlichften zwar aus denjenigen Stellen hervor, wo, wie in der Erzählung des vierten Evangeliums von der Haupterfcheinung in der Mitte der Jünger, ausdrüdlich berich- tet wird, daß der Erfchienene den Süngern durch fein Anhau— ‚chen den heiligen Geift mittheilte*), oder wo derfelbe, wie in dem Anhange zu Marcus, diefelben Gnadengaben, welche bei Lukas von jener Ausgießung abgeleitet werden, den Süngern ausdrüdlich als die Segnungen nennt, die ihren Glauben be- gleiteh follen**). Auch die wahrfcheinlih aus dem Achten Mar- us gefchöpfte Verficherung des Auferfiandenen am Schluffe des Matthäusevangeliums, daß er von jekt an ununterbrochen bei ihnen fei, hat unftreitig ganz diefelbe Bedeutung **). Faft noch überzeugender indeß für und, wenn auch nicht fo aus— drüdlih, wie aus diefen, zwar nicht ihrem Sinne, aber doch ihrem Urfprunge nach problematifchen Stellen, ergiebt fich uns das naͤmliche Refultat aus Betrachtung der Art und Weife, wie beim achten Zohannes der Herr die Sendung des Parakleten feinen Süngern anfündigt+). Diefe Verkündigung nämlich nimmt in den Acht johanneifchen Chriftusreden ganz diefelbe Stelle ein, wie in den ſynoptiſchen die Verfündigungen feiner doppelten MWiederfunft, erſt bei der Auferftehung, dann zum jüngften Ge— richt. Es wird an fie zu wiederholten Malen auf das unmit: *) oh. 20, 22. **) Mare. 16, 17 f. =) Matth, 28, 20. P Joh. 14,16. 26. 15, 26. 16, 7 ff. Die Auferftehung und die Himmelfahrt. A419 telbarfte jene Verheißung des perſoͤnlichen Wiederfommens und Miederfehens angereiht*), welche hier zwar mehr den Charakter eines Ausfpruchs von allgemeinerem, rein geiftigem Inhalt trägt, als der Berfündigung einer einzelnen wunderbaren Begebenheit, aber bet welcher man doch annehmen muß, daß der Apoftel an die Er- fcheinungen des Auferftandenen gedacht und diefelben in fie mit hat einfchliegen wollen, dafern man anders nicht geradezu in ihnen eine ftilfchweigende Verlaͤugnung diefer Erfcheinungen erbliden will, Nehmen wir insbefondere noch) hinzu, daß in dem Briefe des Sohannes Sefus Chriftus, der Verklärte und Erhöhte, ausdruͤcklich ſelbſt mit dem Namen des Parakleten ber zeichnet wird), während dagegen der Begriff der Auferftehung Ehrifit in der Weife, wie wir ihn fonft im Neuen Veftamente gefaßt finden, in diefem Briefe und nicht minder auch in allen von und als Acht erkannten Partien des johanneifchen Evange— liums auffallend zurücdtritt: fo koͤnnen wir kaum zweifeln, daß jene 'weiffagenden Worte in abfichtlichem, Durch die rein geiftige, ideale Faffung der Auferftehungsbegebenheit - durch denſelben Apoftel bedingtem Doppelfinn die Urfache in ihrer Wirfung oder zugleich mit ihrer Wirkung auszudrüden die Beftimmung hatten. — Der Apoftel Paulus kennt in Bezug auf feine eigene Per: fon nach der Erfcheinung des Herrn, die ihm geworden war, offenbar Fein zweites Greigniß, welches ihn mit den Gaben des heiligen Geiftes ausgerüftet hätte, fondern der letztere ift ihm fogleich mit jener erfteren gegeben, eben fo, wie wir ihn auch in Bezug auf feine Mitapoftel feinen Unterfchied machen fehen zwifchen der ihnen gewordenen Offenbarung des Herrn und einer fpäteren Mittheilung des Parakleten. Lukas fteht alfo mit feiner ausdrüdlichen Sonderung diefer beiden Ereig- niffe im Neuen Eeftamente eben fo einfam, wie wir ihn in Be: zug auf feine Sonderung der Himmelfahrt von der Auferfte- bung haben ftehen fehenz die erfigenannte Sonderung aber er- ſcheint als die nothwendige Folge diefer letztern, indem es in der apoftolifchen Gemeinde als eine feftgeftellte Wahrheit galt, ) Cap. 14, 18. 28. Cap. 16, 16. ! F#) Zav Tıs duagrn, magazımrov Eyowsv moos Tov Tarlge Inoovv Xgıorov Öinaıov. 1 Zoh. 2, 1. “ ID 7 420 Siebentes Bud. daß nicht eher, als nach der Verflärung und Erhöhung Chrifti der heilige Geift feinen Juͤngern zu Theil werden Fonnte ). Es war ein und derfelbe Proceß dogmatifcher Zerfegung der in dem apoftolifhen Auferftehungsglauben als flüffige Momente vereinigt gewefenen Beftandtheile (ein Proceß, den wir indeß bei Lukas noch keineswegs abgefchloffen und zu Ende geführt finden), in welchem fi), nachdem ſich als caput mortuum die verkörperte und materialifirte Geftalt des vermeintlich nicht blos aus dem Hades, fondern aus dem Grabe Auferftandenen nie dergefchlagen hatte, die Vorftellungen der Himmelfahrt und der Grfcheinung des Parakleten, das himmlifche und das irdifche Element des urfprünglichen, Achten Auferftehungsbegriffs, To zu fagen in Geftalt zweier flüchtiger Safe von einander und von’ ihrem urfprünglichen Träger ausfonderten, und verfelbft: fländigt das Weite fuchten. Zwifchen diefer Erfcheinung in Gegenwart der Fünfhundert und der legten, die ihm felbft geworden war, erwähnt Paulus noch einer vor Safobus, und einer andern vor fammtlichen Apofteln gefchehenen. Von dieſer letztern halte ich es, da der Brieffieler hier nicht, wie bei jener früheren, ein „Zugleich“ (Epasieg) hinzufest, für ungewiß, ob fie wirklich eine in einem ein: zelnen Zeitmoment erfolgte war, oder ob nicht vielmehr nur ‚dies gefagt werden fol, daß nach jenen großen Momenten die Apoftel alle einzeln noch befondere Erfcheinungen hatten. Die Notiz hinfichtli des Safobus aber ift von befonderer Merk: würdigfeit, und‘ dient, genauer unterfucht, gleichfalls zu einer richt unwichtigen Beftätigung unſerer Anfichten über die Be— fchaffenheit dieſer Erfcheinungen überhaupt. Daß nämlich unter diefem Jakobus Fein anderer zu verftehen ift, als derfelbe, den wir nachher ald den „Bruder des Herrn“ und den „Gerechten“ eine fo bedeutende Stellung in der Gemeinde einnehmen fehen: dies geht aus jener apokryphiſchen Erzählung des Hebräerevans geliums hervor**), der einzigen, in welcher wir außerhalb der *) Joh. 7, 39. Auch in den vorhin erwähnten Stellen der Abſchieds— reden Jeſu kann man dieſe Anſicht enthalten finden, wenn ſie dort auch nicht mit ſo ausdrücklichen, unzweideutigen Worten ausgeſpro— hen ift, **x) Hieronym. de vir. illustr, 2. Die Auferſtehung und die Himmelfahrt. 421 paulinifchen Stelle diefe Erfeheinung noch erwähnt finden, Es war aber diefer Safobus, wie wir früher als wahrfcheinlich „befunden haben, während der Lebenszeit des Herin ſchwerlich unter der Zahl der Apoftel oder auch nur feiner Anhänger über: haupt geweſen; wir haben vielmehr allen Grund, (anzunehmen, daß er auf ganz ähnliche Weife, wie Paulus ſelbſt, erft durch diefe. Erfcheinung zum Glauben an den Herrn befehrt worden iſt). Diefe Annahme ftimmt fehr gut zu der Zeitbeftimmung, die wir nach der Angabe des Paulus für diefes Ereigniß, wel- es erſt nach der Erfcheinung vor den Fünfhunderten erfolgt fein fol, vorauszufesen haben. Minder leicht würde fie freilich mit der fabelhaften Darftellung des Hebräerevangeliums zu vereinigen fein, nach welcher Jakobus, der dort ald gegenwärtig beim legten Mahle vorausgeſetzt wird, ein. Gelübde gethan haben foll, nicht eher, als nachdem er den Auferflandenen würde erblict haben, wieder Brot zu genießen. — Wenn wir anderwärts diejen Jakobus nebft Petrus und Sohannes als diejenigen ge— nannt gefunden haben, die von dem auferflandenen Herrn die Gnofis empfangen haben follenz: fo haben wir. bereits oben darauf hingewiefen, einerfeitS, wie in diefe Notiz zum Theil eine Erinnerung eingegangen fein mag an die Eröffnungen, welche der Herr während feines Lebens ‚den drei vertrauten Süngern gemacht hatte, unter denen wir an der Stelle diefes Jakobus ‚den gleichnamigen Zebedäiden genannt finden, anderer- ſeits, wie diefelbe zunächft von derjenigen Gnofis fpricht, welche in bie chriftlihe Kirche. wahrfcheinlich zuerft Durch. den Apoftel Sohannes, doch nicht ohne Mitwirkung jener beiden anderen „Pfeiler der apoftolifchen Gemeinde’’, unter welche bald auch Safobus der Gerechte gezählt ward, eingeführt worden iſt “). Wie in Bezug auf diefe fogenannte Gnofis, fo haben wir auch in Bezug auf alle andern Lehren, Gebote und Ver— heißungen, welche in den evangelifchen Nachrichten und ander= waͤrts, in ausdrüdlihe Worte gefaßt, dem Auferftandenen in den Mund gelegt werden, fchon mehrfach angedeutet, wie wir, nach unferer Gefammtanfiht jenes Ereigniffes, uns allerdings *) Bergl. BB. 1, ©, 241 f: *#) Bergl, Bd. I, ©, 400, 3b. II, ©, 191, 422 Siebentes Bud. außer Stande finden, fie wirklich von demfelben gefprochen zu glauben. Was der Geift, der durch diefe Erfcheinungen ihnen mitgetheilt oder in ihnen angeregt ward, ihnen eingab; was fie," in Folge folcher begeifterten Intuition, in einem höheren Einne ald Ausspruch oder Geheiß des Herrn anzufehen und zu verfündigen fich berechtigt wußten: das kleideten die Jünger in die Form einer in ausdruͤcklichen Worten von ihrem Meifter ihnen gemachten Mittheilung 5 die innere Stimme, Die zu ihnen ſprach, ward in der Tradition zu einer äußern, die nur dem geiftigen Ohre vernehmbare zu einer auch von dem leiblichen Ohre vernommenen. Darum finden wir auch unter den in folhem Zufammenhange berichteten Neden durchaus Feine, Die jenes eigenthuͤmliche Gepräge des individuellen Geiftes Chrifti trügen, welches wir allenthalben als das entfcheidende Kriterium der Aechtheit folcher Neden betrachtet haben; wir finden uͤber— haupt Feine, denen wir eine in der Form, die fie eben als ges fprochene Reden Haben, nicht blos in dem von der Form ab- zutrennenden Inhalt liegende Bedeutung zugeftehen koͤnnten. Die meiften derfelben enthalten nur entweder jene allgemeinen Neflerionen über die mit den meffianifchen Weiffagungen zu— fammentreffende Bedeutung des Leidens und Todes Ehrifti und über die feiner Perfon und feiner Lehre bevorftehende Macht und Herrlichkeit, womit wir die Sünger damals hauptfächlich befchäftigt zu denken auch ohnedies nicht umhin fünnen würden (fo außer dem Gefpräche auf dem Wege nah Emmaus, nad) dem Berichte des Lukas im Evangelium namentlich auch noch die legte Unterredung*)), oder das einfache Geheiß der Predigt des Evangeliums über den Erdkreis, nebft der Verheißung der Wundergaben, die für diefen Beruf als Ausrüftung dienten, und, was in den Schlußreden der zwei erften Evangelien noch ausdrüdlich Damit verbunden wird **), nebft dem Auftrage, die— jenigen, welche fie gläubig finden würden, auf den Namen, fo ®) Luf, 24, 46 f. =) In den Worten, die Lukas Chriftum beim Abſchied in der Apoftel- geſchichte (A, 5) fprechen läßt, finden wir anftatt des Gebotes der Waffertaufe die Verheißung der Geiftestaufe, die den Süngern dem— nächſt zu Theil werden foll. n Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 423 heißt es dort (in den Briefen ift nur von einer Taufformel auf den od Chrifti die Nede), des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geiftes zu taufen. — Was namentlich diefen Ießtern Punct, den Auftrag zum Laufen, betrifft: fo haben wir bereits in einem frühern Zufammenhange darauf hingedeutet *), wie wir denfelben für nichts anderes, als für eine verhüllte Notiz von dem thatfächlichen Umftande zu nehmen haben, daß die Einführung des Gebrauchs der Taufe in wejentlichem Zuſam— menhange mit dem fihöpferifchen Bewegungs- und Bildungs: procefie fleht, den die Grfcheinungen des Auferftandenen in der eben damals erft, und durch fie, werdenden und fich geftaltenden Gemeinde des Herrn hervorriefen. Wir mußten uns dort auf das entfchiedenfte gegen die Meinung erklären, welche nur durch eine ald ganz unhaltbar ſich ausweifende Erzählung des vierten Evangeliums veranlaßt worden ift, während fie fonft Alles gegen fi) hat, als ob Jeſus ſchon während feines Lebens feine Sim: ger die Taufhandlung habe verrichten laffen. Während wir aber diefe Meinung nicht umhin Fonnten für ein. reines Misver— ſtaͤndniß zu erklären, fo hat dagegen die Nachricht, Daß der Auferftandene feine Sünger zum Taufen ausgefandt habe, aller dings einen fubftantielleren Grund und Snhalt. Sie hat fol: en in der wirklichen, nicht blos eingebildeten Bedeutung, welche die Taufe als fymbolifche, facramentale Handlung, als magiſcher, myfteriöfer Act der Mittheilung und Erwedung des Geiftes bereits für Jeſus perfönlih, als er fie von Sohannes empfing, gehabt hatte *), und in ganz entfprechender Weife nad feinem Tode für den Kreid feiner Jünger gewann. Es fieht diefe Bedeutung der Taufe, es ſteht mit einem Worte dasjenige, was die Taufe zum Sacrament macht, in jenem realen und fubftantielen Sinne, welcher den Begriff des Sa: cramentes von dem des blos willkürlich fombolifchen Gebrauchs unterfcheidet, in einem für die rationale, wiffenfchaftlihe Be— trachtung allerdings geheimnißvoll bleibenden Zufammenhange mit dem Glemente des Magifchen und Wunderbaren in dem perfünlichen Dafein des Heilandes. Daher unftreitig auch) Die BUTTON f, =") Berge, Bd. I, ©, 274 ff. ©. 471 ff. Ara Siebentes Bud. Beziehung deffelben auf die Erſcheinung des Auferftandenen, die fich in der Notiz von dem Geheiße ausdrüct, welches Der Auferftandene an feine Sünger gerichtet haben fol. Einer aus= druͤcklichen Einfegung, die wirklich der Herr felbft ausgefprochen hätte, bedurfte es nicht, um die Taufe in diefem realen Sinne zum Sacrament zu machen, nad) der weit Fräftigern Weihe, welche Chriftus ihr durch feinen Empfang ertheilt hatte, derge— ftalt ertheilt hatte, daß fich bei diefem Empfange die Kraft gei- ſtiger Magie, welche fie fortan an feinen Süngern ausüben follte, an ihm felbft bethätigte *). Aehnliches, wie von der Taufe, möchten wir in gewiſſem Sinne auch von dem Sacramente des Abendmahles behaupten, wiewohl wir, was diefes betrifft, eine ausdrüdliche Einſetzung deffelben durch den noch lebenden Chriftus, oder wenigftens eine Handlung des Lesteren, die als folche Einfesung betrachtet werden fonnte, nichtin Abredeftellen**). Eine eben ſolche Einfeßung oder ein Geheiß zur fortdauernden Feier diefes Gedächtnigmahles finden wir dem auferftandenen Chriftus nicht in den Mund ges legt; wohl aber fiheint aus andern Spuren ein Zufammenhang diefer Feier und ihrer facramentalen Bedeutung mit den Er: fcheinungen des Auferftandenen hervorzugehen. — Nach Lukas fol bekanntlich derfelbe bei feiner erften Erfcheinung im Juͤn— gerfreife zu efjen verlangt und das ihm Dargebotene vor den Augen der Jünger genoffen habenz bei der Erfcheinung am ga= Kläifchen See im vierten Evangelium hält er gleichfalls mit den Süngern ein Mahl und reicht ihnen die Speife dar. Man pflegt gemeiniglich diefe Erzählungen fo zu verftehen, als ob fie, ähnlih wie die Erzählung vom Hinzeigen und Betaften- laffen der Wundenmale, beftimmt feien, die reale Leiblichkeit des Auferftandenen zu beweilen. Bon folcher Abficht findet fich indeß in der zweiten diefer Erzählungen Feine Spur, und auch die erfte, obgleich im Zufammenhange mit der eben gedachten vorgetra= gen, erftredt doch die bei diefer leßtern deutlich ausgefprochene *) Dies der wahre und große Sinn jener fihon oben yon ung ange führten Worte des Jgnatius (Ephes. 18): &Barriodn, iva u ndde To vowE zudagion. **) Bergl. Bd, I, €, 605 ff. ‚Die Auferftehung und die Himmelfahrt. . 425 Abficht wenigftens nicht mit ausdrüdlichen Worten auf das von ihr berichtete Factum. Noch weniger kann von einer folchen Abficht bei der Erzählung von dem Mahle zu Emmaus die Rede fein. Eben hier liegt dagegen ganz unverkennbar eine geheimnißvolle Bedeutung in dem doppelt hervorgehobenen*) Umftande, daß in dem Momente des Brotbrechend den Süns gern die Augen geöffnet werden und der Herr von ihnen erfannt wird. Suchen wir in dem Zufammenhange unferer oben vor— getragenen Auslegung jener mythiſchen Anekdote diefe Bedeu: fung zu enträthfeln: fo bietet ſich uns für fie ohne allen Zwang oder Fünftliche Deutung der natürliche Auffhluß, Daß es ein gemeinfchaftliches Mahl war, wo in gegenfeitiger Mittheilung und Durchſprechung des großen Problems den Süngern die wahre Einficht in den Zweck und die Nothwendigkeit von ihres Meifterd gewaltfamem Tode und über das Fortbeftehen feines Werkes auch troß diefem Tode aufging. — Welch ein wichtiges Moment in der Lebensgemeinfchaft der apoftolifchen Gemeinde die gemeinfamen Mahle ausmachten, ift aus der Apoſtelge— fchichte bekannt *), in welcher bei Erwähnung derfelben der Ausdruf des „Brotbrechens“ (uAdoıg ToV dorov), der von den Evangeliften fämmtlich, fo wie auch von Paulus bei dem Bericht von der Stiftung des Abendmahls**), und von Lukas in der Erzählung vom Mahle zu Emmaus wiederholt gebraucht wird, gleichfalls als ein folenner, um den feierlichen Moment der Gemeinfchaft zu bezeichnen, vorfommt. Es ift nicht un— wahrfcheinlich, daß die heilige Sitte diefer gemeinfamen Mahle, die facramentale Bedeutung derfelben, eben fo wenig, wie bie Ginführung und facramentale Bedeutung des Zaufritus ihren eigentlichen Urfprung in einem ausdrüdlichen Geheiße des Herrn noch bei feinem Leben hatte, fondern vielmehr eben darin, daß eben bei folhen Mahlen die Erfcheinungen des Heren, — nicht blos was ſymboliſch oder mythifch fo genannt wird, wie Die Begebenheit zu Emmaus, fondern allerdings auch diejenigen Erſcheinungen, die wir als wunderbare und magifche anfprechen *) uf, 24, 30 f. 35. =*) Ap. Geſch. 2, 42. 46. 6, 2. =#=#) Marc, 14, 22 u. Parall. 1 Kor, 11, 24 426 Siebentes Bud. müffen, vorgefallen waren. — Dies und nichts anders fcheint und in jenen fagenhaften Erzählungen angedeutet zu werben, fo wie auch die apokryphiſche Erzählung von Jakobus ſchwer— lich einen andern Sinn haben kann, als daß. diefer durch die Ehriftophanie, die ihm geworden war, neu befehrte Jünger eben Dadurch zur Theilnahme an der Lebensgemeinfchaft. mit den übrigen Süngern bewogen ward. — Das Abendmahl, wel: ches Sefus in der legten Nacht mit feinen Süngern gefeiert hatte, würde hiernach zu dem Firchlichen Sacramente als fol- chem fich ahnlich verhalten, wie die von Ehriftu empfangene Taufe zu dem chriftlihen Zaufritus, als eine Stiftung durch. die That, nicht durch Wort und Gebot, während in anderer Weiſe die wirkliche Einfegung beider Sacramente mit gleichem Rechte, — wiewohl wir nur bei der Taufe Dies ausdrüdlich geichehen fehen, — auf den Auferftandenen würde zurüdgeführt werden fonnen. ü Dies alfo iſt es, was wir auf dem Wege biftorifcher Kritik über die eigentliche Befchaffenheit jener geheimnißvollen Zhatfache, Durch welche allein es bewirkt worden ift, daß die Früchte des Thuns Sefu Chrifti im Leben und im Tode nicht für die Menfchheit verloren gegangen find, auszumitteln uns im Stande gefunden haben. Durch alles dies ift freilich die Frage nicht beantwortet, auf welche es, was das religiofe In— tereſſe, das Intereſſe des Glaubens betrifft, einzig anzufommen Scheint, die Frage, ob jene außerordentlichen Phänomene, die fich bald nach dem Zode des Herrn im Schoße feiner Sünger- ſchaft thatfächlich und unläugbar zugetragen haben, auf Wahr: heit oder auf Taͤuſchung beruhen; das beißt mit andern Wor— ten, ob in denfelben der abgefchiedene Geift des Herrn, den die Sünger zu vernehmen glaubten, wirklich gegenwärtig war, oder ob fie durch Natururfachen anderer Art, phyſiſche und pſycholo— gifche, erzeugt worden find. Allein diefe Frage ift eine folche, die fih auf hiftorifchem Wege nicht mehr beantworten läßt, und unfere gefammte vorftehende Unterfuchung hat feinen an— dern Zwed, als eben diefen, zu beweifen, daß der Glaube an Die Auferftehung des Herrn einem andern Gebiete, ald dem der außeren gefchichtlichen Thatfächlichkeit angehört. ES heißt die— fen Glauben verumreinigen, wenn man mit dem modernen \ Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 427 Supernaturalismus die leibliche Auferftehung des wirklich am Kreuze Geftorbenen zu einer Geſchichtsthatſache von Außerlicher Geltung machtz fo wie es ihn aufheben und zerftören heißt, wenn man, mit dem Naturalismus, an feine Stelle den Wahn der Wie: dererwedung von einem Scheintode fest. Gefchichtliche That: fache ift eben nur der Glaube, — nicht der mytbifche Glaube der jpätern chriftlichen Welt an die leibliche Auferftehung des Herrn, fondern der perfonliche Wunderglaube der Apoftel und ihrer Gefährten an die Gegenwart des Auferfiandenen in den von ihnen felbft erlebten Gefichten und Erfcheinungen. Was aus diefem Glauben zu folgern fei, ob die thatfächliche Wahr: beit feines Inhalts und Gegenftandes, die wirkliche, urfächliche Thaͤtigkeit jenes abgefchiedenen, bereit3 in einen Zuftand gött- licher Verklärung und Herrlichkeit hinübergegangenen Geiftes in den Gefichten feiner Sünger, oder ob eine Täufchung diefer Sünger, eine zufällige, aus individuellen Zuftänden und Geiftes- anlagen hervorgehende, oder vielleicht auch eine auf höherer, welthiftorifcher Nothwendigkeit des Entwidelungsproceffes der religiofen Ideen beruhende, eine Taͤuſchung ähnlicher Art, wie jene, die mehr oder weniger in jedem mythifchen und dichteri- ſchen Religionsglauben enthalten iſt: das kann, wie gefagt, nicht mehr Gegenftand rein gefchichtlicher, ſondern nur einer auf wiffenfchaftliche und zugleich auf religiofe Fragen ganz an— derer Art eingehenden Unterfuchung fein. Ein Gefchäft jedoch liegt in Bezug auf dieſe wichtige Frage auch noch der gefhichtlichen Betrachtung ob, nämlich diefes: bemerklich zu machen, von welchen allerdings noch ins Bereih des Gefchichtlichen fallenden Schwierigkeiten beide leg: tere Erklaͤrungsarten getroffen werden, obgleich fie diejenigen find, welhe man, wie heut zu Tage die Denfweife der Meiften ſich geftaltet hat, der geſchichtlichen Anficht näher liegend findet, als die entgegengefeßte, die an den eigenen Glauben der Apoftel fih enger anſchließt. — Was zunaͤchſt den Verſuch einer Erklärung nur aus phyfifchen und pſychologiſchen Urſachen betrifft: fo bedenke man, was «8 heißen will, ein Greigniß von fo ungeheuren welthiftorifchen Folgen aus einem bloßen Zufall abzuleiten; einen in fo vielen Perfonen zugleich entftandenen, in den Gemüthern der erften — 428 Siebentes Bud. Gläubigen mit fo viefenhafter fittlicher Gewalt feſt wurzelnden Glauben auf eine zufällige fubjective Taͤuſchung zuruͤckzufuͤhren! Davon nicht zu forehen, was fi und am Cingange des gegenwärtigen Buches mit höchfter Wahrfcheinlichkeit, um nicht zu fagen mit Gewißheit ergeben hat, daß in irgend einer Weiſe Ehriftus felbft diefes Ereigniß vorausgefagt haben muß. Sollte auc diefe Vorausſetzung mit jener naturaliſtiſchen Erklärung: vereinbar gefunden werden, fo müßte -Chriftus nach . feiner Kenntniß der pſychiſchen Zuftände feiner Jünger jene Vorgänge vorausgefehen und, bei Ueberfchlagung der Zukunft, die er fich für fein Werk verfprechen durfte, vorausberechnet haben. Welche Gewaltfamkeit, dies anzunehmen: oder vielmehr, wie hören, wenn man ed dennoch annimmt, jene Zuftande, auf die fi) folhe Berechnung gegründet haben müßte, eben damit auf, blos zufällige zu fein, und erweifen fich uns als das Moment einer vor dem weiffagenden Geifte des Erlöfers Elar ausgebrei= teten, welthiftorifchen Nothwendigfeit! — In der. That auch iſt es auf demjenigen ‚Standpuncte philofophifch =gef&pichtlicher Forfhung, der fih einmal zu der hier von und vorgefragenen Anficht der Auferfiehungsthatfache erhoben hat, nicht mehr dieſe Grklärungsweife, welche der an die wirkliche Gegenwart des Gegenftandes jener Vifionen gläubigen Auslegung wirklih noch den Vorrang flreitig machen Fanın, Eine Nothwendigkeit hoͤhe— ver Art wird für jene wunderbare Greigniß von Keinem leicht mehr in Abrede geftelt, der nicht ganz und gar in haturalifti- ſchen Anfichten befangen ift, Wer aber fich zu Anfichten. folcher Art bekennt, dem liegt dann näher, fich überhaupt an diejenige Borftellung zu halten, die wir bereits oben als die naturaliftifche bezeichnet haben, fo fchlecht diefelbe freilich, warum fich aber folcher Naturalismus nicht fonderlih zu fümmern pflegt, von biftorifcher Seite begründet ift, — falld er nicht etwa zu der gefchichtlich allerdings eben fo wenig zu begründenden Hypothefe von Betrug und gefliffentlicher Taͤuſchung feine Zuflucht neh— men will. — Wie man nicht umhin Fann, einzugeftehen, daß fi nicht abfehen läßt, wie ohne jenes Ereigniß, durch welches \ ft die Apoftel die Ueberzeugung und die fittliche Kraft ges \ wannen, die fie zur VBollführung des von dem Meifter ihnen \ übertragenen Werkes befähigte, der völlige Untergang diefes | | Die Auferfiehung und die Himmelfahrt. 429 Werkes hätte verhütet werden Fünnen: fo weiß man ſich be- vechtigt, das Bewußtfein von der welthiftorifchen Nothwendig- feit des Werkes felbft auch auf die Mittel zu übertragen, welche zur Ausführung des Werkes erfordert waren. Man entfchließt ſich, nicht blos die Vorftellung von Chriftus, dem aus dem Grabe oder aus dem Hades Auferftandenen im Allgemeinen, fondern ausprüdlich auch die Meinung der Apoftel und ihrer Gefährten, perfonlich den Auferftandenen erblidt und feine un: mittelbare Einwirkung empfunden zu haben, als die Form gel- ten zu laffen, unter welcher der geiftige Glaube an die Offenba— rung Gottes in Chriſto allein in dem menſchlichen Gefchlecht Wurzel faffen Fonnte, welche daher mit dem göttlichen Offen: barungsinhalte zugleich gegeben fein mußte und in jeder Bezie- hung die Nothwendigfeit aller übrigen Momente diefer Offen: barung theilt. Der Auferftehungsglaube würde hiernach, wie fhon erinnert, im Chriftenthum’ eine ganz analoge Gtellung einnehmen, wie in den heidnifchen Religionen die mythifchen Dichtungen von der Götterweltz ed würde ihm zwar feine un— mittelbare, aber eine poetifche oder fymbolifche Wahrheit zuzu— f&hreiben fein, eine Wahrheit folcher Art, Die für jenes Ge— ſchlecht, welches die reine Wahrheit noch nicht zu tragen ver- mochte, die Stelle Diefer reinen Wahrheit vertreten mußte, — Aber hier ift es unftreitig am Orte, auf den höchft bedeuten: den und wefentlichen Unterfchied des Auferftehungsglaubens der Apoftel von allem und jedem mythifchen und poetifchen Glau— ben aufmerffam zu machen. Wir haben und oben *) gegen die mehrfach mit vieler Zuverficht hervorgetretene Behauptung - erklären müffen, daß die fchlichte Form der evangelifchen Er— zählungen aus der Kindheit des Herrn ald ein Beweismittel gegen den mythifchen Urfprung diefer Erzählungen benutzt wer— den fünnez hier aber müffen allerdings wir felbft ein Aehn— liches auf das zuverfichtlichfte zwar nicht von den evangelifchen Berichten über die Auferftehung, wohl aber von der Art und Weiſe behaupten, wie in den eigenen Schriften der Apoftel der Glaube an die Auferftehung des Herrn fich ausfpricht und be— thätigt. Was den Mythus zum im fich felbft nothwendigen, ©) Bd. I, ©, 15 18 430 Siebentes Bud. begeifterten Ausdrude veligidfer Ideen eignet, ſolcher Ideen, deren geiftige Wahrheit dabei doch eine von der bildlihen Hülle, in welcher fie dem Bewußtfein dargeboten wird, unterfchiedene und unabhängige bleibt; was ihn, wie wir es vorhin ausdruͤck— ten, zur nothwendigen, wiewohl an fi unwahren Form für einen zugleich wahrhaften und nothwendigen Inhalt macht: das ift feine durchgängige Dbjectivität und Loslöfung von allem Perfönlichen, feine Unabhängigkeit von allem zu beftimmter Zeit und an beftimmtem Orte Gefchehenden. So leicht der Mythus, einmal vorhanden, zum Gegenftande des Aberglaubens werden kann, ja fo unfehlbar er, als Drgan religiofer Sdeen gebraucht, im Cultus der Menge allenthalben dazu wird: fo verhält fich doch im der Production des Mythus das Subject (d. h. nicht der Ginzelne ald Einzelner, denn von einem Einzelnen wird fein Mythus erfunden, fondern das mythendichtende Gefchlecht) abfolut frei, — frei fchaffend und frei Dichtend ; gebunden nur durch die Nothwendigkeit des Inhaltes, den es in der finnbild- lichen Form auszudrüden ringt, aber der Form felbft die Noth- wendigfeit, durch die fie an den Inhalt gebunden wird, erft durch jene ihre freie Thätigfeit ertheilend oder anerfchaffend. Ganz anders würde es fich mit jenen Viſionen verhalten, falls wir auch fie für die zwar nothwendige, aber an ſich unmwahre Hülle der religivfen Wahrheit, die durch fie in den Gemüthern des apoftolifchen Zeitalters befefligt, oder der in ihre ein Aus— druck gegeben werden follte, erkennen müßten. In der nadten, durchaus poefielofen Profa diefer Vifionen, — fo nämlich, wie wir diefelben nicht aus den bereit mythifch umgebildeten Er: zählungen der Gvangeliften, fondern aus den authentifchen | Zeugniffen derer, die fie felbit erlebten, insbefondere des Paulus fennen lernen, — diefer zu beftimmter Zeit, an beſtimmtem Orte, in Bezug auf beftimmte Perfonen vorgefallenen Ereigniffe, wäre den Gemüthern der Schauenden offenbar eine Außerliche, unfreie Gewalt angethan worden; hier Fönnten fich diefelben nicht, wie beim Mythus, frei dichtend und fchaffend, fondern nur leidend das Unwahre für Wahres nchmend verhalten haben. | Um für diefe Art und Weife der Verförperung einer veligiöfen | Idee in einem factifchen Momente von nur bildlicher und ſym— | bolifcher, nicht unmittelbar realer Bedeutung einen Begriff zu Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 431 entdecken, welcher diefelbe über die Kategorie des bloßen Irr— thums oder Aberglaubens hinaushobe, würde demnach Feines: falld die Analogie des mythifchen Neligionsglaubens ausreichen, fondern man müßte ſich nach einem anderweiten Gefege um— fehen, weldhem gemäß fich jenes Phänomen, fo wie e8 fich uns als gefchichtlihe Thatſache erwiefen hat, koͤnnte geftaltet haben. Ob es aber je gelingen wird, ein ſolches Gefeß aus: findig zu machen: daran zu zweifeln werden wir uns aller dings wohl berechtigt halten dürfen, wenn wir die Natur jener duch und durch ethifchen Neligiofität bedenken, die fich in den Gemüthern der Apoftel und durch fie der gefammten Ehri- ftenheit an diefe Grundthatfache der chriftlichen Glaubenszuver- fiht gefnüpft hat. So wenig diefe ethifche Neligiofität mit gewiffen productiven fowohl, als auch receptiven mythifchen Thaͤtigkeiten fhlechthin unvereinbar iſt, — wie davon das apo— ftolifche Zeitalter in mehr als einem Bezuge die unzweideutig- ‚ fen Proben gegeben hatz waren ja doch, um von den Sagen aus dem Gebiete der evangelifhen Gefchichte. felbft zu fchwei- gen, deren Bildung doch jedenfall noch in dieſem Zeitalter wenigftens begonnen hat, nach der einen Seite hin der Glaube an die meffianifchen Weiffagungen und die Auslegung. Diefer Weiffagungen, nad) der andern die Erwartung der Wiederfunft des Heren und der daran ſich knuͤpfenden chiliaſtiſchen Ideen ganz unzweifelhaft mythifcher Natur: — fo ſchwer läßt fich be— greifen, wie gerade fie, die fo weſentlich auf der Bafis der reinen, ungetrübten und ungefchmüdten Wahrheit der Einficht und Aufrihtigfeit des Befenntniffes ruht, ihren Ausgang von einer facifhen Taͤuſchung, — einer Taͤuſchung folcher Art freilich, die in allen Befennern des Chriſtenthums ganz Die MWirfungen der Wahrheit geübt haben müßte, — follte haben nehmen koͤnnen. Daß die obnfifchen oder pſychiſchen Phänomene, auf welche ſich der apoftolifche Auferftehungsglaube begründet hat, für unfere Gefammtanficht des thatfächlichen Inhalts der evan— gelifchen Gefchichte fih unter jenen Begriff des natürlich Wun- derbaren einreihen werden, deſſen thatfächlihe Wahrheit wir, im Gegenfaße des transfcendenten fupernaturaliftifchen Wunder- glaubens fowohl, als auch der gemein naturaliftiihen Wunder: / 432 Siebentes Bud. läugnung anerkannt haben: daruͤber kann im Allgemeinen wohl Fein Zweifel fein, gleichviel, in welchem Sinne man übrigens die vorhin aufgeworfene Frage beantworten möge. Die Zuftände, in welchen die Sünger den Auferftandenen zu fchauen glaubten, waren, — alles drängt uns darauf hin, dies anzunehmen, — Zuſtaͤnde einer Aufregung jener Wunderfräfte, welche, der von uns biftorifch glaubwürdig befundenen Nachricht der Evangelien zufolge, durch Chriftus felbft den Apoſteln mitgetheilt oder in ihnen angeregt und zum Bemwußtfein gebracht waren, und deren Dafein in der apoftolifhen Zeit auch nach der Zeit jener Er— fcheinungen durch die unverbächtigften, unwiderfprechlichften Zeug: nifje der apoftolifchen Briefe beglaubigt if. Man Fann fie magnetifche Zuftände, Zuftände des Hellfehens nennen, mit der— felben VBorfihtsmaßregel jedoch, die wir oben bei Gelegenheit der Wunderheilungen des Heilandes zu empfehlen nicht unter- liegen, daß man nicht geradezu dabei eine wirkliche Einerleiheit derſelben mit Erfcheinungen und Zuftänden, die in der Erfah: rung anderer Zeiten und Perfonen thatfächlich gegeben find, vorausfegen wolle. Entfchließt man fihb in Folge der eben angedeuteten fittlichen und veligiofen Erwägungen, die reale Gegenwart der Perfon des abgefchiedenen Heilandes in diefen Erſcheinungen, die reale Caufalität diefer Perfonlichkeit in ihnen anzuerkennen: fo ift die Forderung nicht zu umgehen, daß aud) in Bezug auf ſolche Eaufalität und Gegenwart eine Analogie in andern beglaubigten Shatfachen der natürlihen Magie, oder, falls dies nicht gelingen follte, wenigftens ein Moment der Gontinuität aufgezeigt werde, welches von andern Thatfachen zu dieſer außerordentlichen und in ihrer Art einzigen Thatſache gleichfam als eine Brüde hinüberführe. Es kann nicht fehlen, daß nicht in diefem Zufammenhange die Frage nach der Möglichfeit eined Erfiheinend abgefchiedener Geifter überhaupt in Anregung gebracht, und an die im natürlichen Glauben aller Völker, der voheften wie der gebildetften, fo allgemein verbreiteten und tief wurzelnden, von der Aufklärung unferd Zeitalterd aber mit fo entfchiedener Abneigung zurüdgeftoßenen und verworfenen Vor: ftellungen über diefen Gegenftand erinnert werden wird. Freilich kann man jenen Glauben nicht einen rationalen Anfnüpfungs- punct für den Wunderglauben an die Exfcheinung des Aufer- Die Auferftehung und. die Himmelfahrt. 433 flandenen in: gleichem , Sinne nennen, wie für die, Wun- derthaten des lebenden Chriftus die Thatfachen des animali- fhen Magnetismus folhen Anknüpfungspunct abgeben; eben darum nicht „weil „der Inhalt diefes Glaubens ein von der Wiffenfchaft zur Zeit. noch, feineswegs anerkannter oder zuge: flandener ift. Es ‚wird ‚hier. vielmehr der umgekehrte Fall ein: treten, daß, wer aus fittlichereligiofen Gründen fi, nachdem er die Unhaltbarkeit des Auferftehungsglaubens in feiner bishes- — rigen ſupernaturaliſtiſchen Geſtalt eingeſehen hat, dennoch zu dieſem Glauben in der gereinigten Geſtalt, welche wir hier anzu⸗ deuten verſucht haben, zu bekennen fortfaͤhrt, ein ſolcher ſich durch denſelben Begriffszuſammenhang, der ihn zu dieſer gerei— nigten Geftalt ſeines Bekenntniſſes hinuͤberfuͤhrte, aufgefordert finden wird, die Continuitaͤt dieſes Wunderglaubens mit ſeiner übrigen Weltanſchauung wo möglich durch das allgemeine An- erfenntniß der Möglichkeit einer Einwirkung abgefchiedener Gei- fter auf lebende Menfchen feftzuhalten. Finden wir doch in den evangelifchen Nachrichten felbft unmittelbar. an die Erfcheinung des Auferftandenen die Sage gefnüpft, daß zu der nämlichen Zeit auch andere "abgefchiedene Geifter heiliger Männer der Vorzeit den Bewohnern Jeruſalems erfchienen feien *). Unver: Fennbar deutet dieſe Sage auf einen factifchen Zufammenhang des urchriftlichen Auferftehungsglaubens mit jenem volfsthümlichen Geifterglauben ; welcher Zuſammenhang überdies auch in *) Matth. 27, 52 f. Auch in diefer Stelle hat man, flatt ber fo nahe liegenden und natürlihen Deutung auf Geiftererfheinun- gen, ein unerhörtes Mirafel erbliden wollen, weil der Evan— gelift zugleich von einem Erdbeben und yon Eröffnung der Grä- - . ber fpridht. Gerade fie aber ift, wenn wir in ihr, wie ed Das Natürlichfte ift, die Geiftererfiheinung für das Ilrfprüngliche, für ihren twefentlichen Inhalt nehmen, ‚während das Uebrige nur der Darftellung angehört, recht geeignet, zu zeigen, ‚wie fich für vie Phantaſie an das Bild folcher Erfiheinungen unwillkürlich der Ge— danfe und das Bild eines Aufſtörens der Gräber fnüpfte (Aehnliches können wir auch in den Geifterfagen anderer Zeiten und Völker be= obachten), und dadurch ein Licht auf die Entftefung der Sage vom Leerfinden des Grabes, in das Jeſus gelegt worden war, zu werfen. II. Bd. 28 434 Siebentes Bud. einer ſchon oben von uns angeführten Stelle der Apoftelge- ſchichte mit Haren Worten ausgefprochen wird"). Es iſt nicht unſere Abficht, hier in der That für jenen Geifterglauben das Wort zu nehmen. Nur daran glauben wir uns, im Intereffe des Glaubens an die Wahrheit der Aufer- ftehungsthatfache, allerdings verpflichtet zu erinnern, daß bei einem beträchtlichen Theile unferer Zeitgenoffen die hartnädige Laͤugnung auch nur der Denkfbarkeit oder Möglichkeit ſolcher Erfchei: nungen, während fie doch manches Thatfachliche zugeftehen, was fir die Crflärung derfelben gar wohl eine Bafis abgeben fonnte, bereit3 eben fo fehr zu einem an Aberglauben anftrei= fenden Vorurtheil geworden ift, wie folches in frühern Zeiten vielleicht der Glaube an folche Erfeheinungen war’). Es mag *) Ay. Geſch. 23, 8 f. **) Es fer erlaubt, bier eine Neuerung Leffings in Erinnerung zu bringen, die auf unfere Zeit noch ganz diefelbe Anwendung leidet, wie auf jene, in welcher fie gefchrieben ward (Hamb. Dramaturgie: Werke, Bd.124,,& 84 Fi): „Win glauben feine Gefpenfter mehr? Wer ſagt das? Oder vielmehr, was heißt dag? Heißt es fo viel: wir find, endlich in unſern Einfichten fo weit gekommen, daß wir die Unmöglichfeit davon erweifen können, gewiffe unumftößliche Wahrheiten, die nit dem Glauben an Geipenfter im Widerſpruch fteben, find fo allgemein befannt geworden, find auch dem gemein— ften Manne immer und beftändig. fo gegenwärtig, daß ihm alles, was damit ftreitet, nothwendig lächerlich und abgefhmadt vorkom— men muß? Das fann es nicht heißen. Wir glauben feine Gefpen- fter, fann alfo nur fo viel heißen: in diefer Sache, über die fi faft eben fo viel dafür als dawider fagen läßt, die nicht entſchieden ift und nicht entſchieden werben fann, hat die gegenwärtig herrſchende Art zu venfen den Gründen dawider das Uebergewicht gegeben; einige Wenige haben diefe Art zu denfen, und Viele wollen fie zu haben fiheinen; dieſe machen das Geſchrei und geben den Ton.“ Sn fehr ähnlichem Sinne, wie hier Leſſing, hat fich (in einen etwas humoriſtiſchen Tone, der aber über den zum Grunde Tiegenden Ernft keineswegs einen Zweifel veran— laffen kann) über den Glauben an Geiftererfheinungen auch Kant ausgefprorhen in der an tieffinnigen, wahrhaft fpeculativen Gedanken fo reihen Abhandlung: „Träume eines Geifterfehers, erläutert durch) Träume der Metaphyſik“. Ich ziehe aus derfelben folgende Stellen aus, als befonders geeignet, im diejenige Vorſtellungsweiſe einzu= führen, welche ich einer Beurtpeilung der von ung befprochenen hi—⸗ Die Auferftehung und die Himmelfahrt. 435 fein, daß an der heftigen Abneigung unfers Zeitalters gegen das Zugeftändnig der Möglichkeit von Geiftererfcheinungen den wefentlichften Antheil der Misbrauch hat, den man: häufig mit — ſtoriſchen Erſcheinungen am liebſten zum Grunde legen möchte (Kants kleine Schriften, Königsberg u, Leipzig, 1797. Bd. 2, ©. 420 ff): „Es ift nicht unwahrſcheinlich, daß geiftige Empfindungen in. das Bewußtfein übergehen können, wenn fie Phantafien erregen, die mit ihnen ‚verwandt find. Auf diefe Art würden. Ideen, die durch. einen geiftigen Einfluß mitgeteilt find, fih in die Zeichen derjenigen Sprache einfleiven, die der Menſch fonft im Gebrauch bat, die empfundene Gegenwart eines Geiftes in das Bild einer menſchlichen Figur, Ordnung und Schönheit der immtatertellen Welt in Phantaften, die unfere Sinne fonft im Leben. vergnügen u. f. w. Diefe Art der Erfoheinungen kann gleichwohl nicht etwas gemeines und gewöhnliches fein, fondern ſich nur bei Perfonen er- eignen, deren Organe eine ungewöhnlich große Neizbarfeit haben, die Bilder der Phantafte dem innern Zuftande der Seele gemäß durch harmonifhe Bewegung mehr zu verftärfen, als gewöhnkicher Weife bei gefunden Menfhen gefchieht und auch geſchehen fol. Solche feltfame Perfonen würden in gewiſſen Augenblicen, mit der Apparenz mander Gegenftände als außer ihnen angefochten fein, welche fie für eine Gegenwart von geiftigen Naturen halten wür— den, die auf ihre förperlihen Sinne fiele, obgleich hierbei nur ein Blendwerk der Einbildung vorgeht, doch fo, daß die Urſache davon ein wahrhafter geiftiger Einfluß if, der nicht — unmittelbar empfunden werden fann, fonbern fih nur durch ver— wandte Bilder.der Phantafie, welche den Schein der Empfindungen annehmen, zum Bemwußtfein offenbart. Die Erziehungsbegriffe, oder auch mancher fonft eingefohlichene Wahn würden hierbei ihre Nolle fptelen, two Berblendung mit Wahrheit untermengt wird, und eine wirkliche geiftige Empfindung zwar zum Grunde Liegt, die doch in Schattenbilder der finnlihen Dinge umgefhaffen. worden.‘ — „Ab— gefchiedene Seelen und reine Geifter können. zwar niemals unfern äußern Sinnen gegenwärtig fein, noch fonft mit der Materie in Gemeinfchaft ftehen, aber wohl auf den Geift des Menfchen, der mit ihnen zu einer großen Republik gehört, wirken, ‘fo, daß die Borftel- lungen, die fie in ihm erweden, ſith nach wem Geſetz feiner Phan— tafie in verwandte Bilder, einffeiden und- die Apparenz der, ihnen gemäßen Gegenftände als außer ihm erregen... Dieſe Täuſchung kann einen jeden Sinn betreffen, und fo fehr Diefelbe auch, mit un— gereimten Sirngefpinnften untermengt wäre, fo dürfte man fi dies nit abhalten Taffen, hierunter geiſtige —— flüſſe zu vermuthen.“ 28* 436 3 Siebentes Bud. dem Glauben san ſie hat treiben ſehen. Indeß wird man ſich nicht weigern zuzugeben, daß theoretifch betrachtet dieſer Mis— brauch und Aberglaube, und wäre er noch ein weit fchlimmerer, ald er in diefem Falle wirklich ift, noch lange feinen vollgül- tigen Beweis, gegen Die Wahrheit der Sache abgiebt. Theo: vetifch betrachtet, „bekennen wir, was namentlich Diejenigen be: trifft, welche: die Wahrheit: und Wirklichkeit der. magnetifhen Grfcheinungen in dem Umfenge anerfennen, wie es in der That Miele jener Läugner thun, was überhaupt die Anhänger einer fpeculativen, geiftigen oder dynamifchen Naturanficht betrifft (denn freilich. die mechanifchen und atomiftifchen Phyſiker , brauchen um ſolche runde nicht verlegen zu fein), — bei der Achtung ins⸗ befondere, welche eben diefe Denkweiſe den Thatſachen des Bölferglaubens in allen andern Beziehungen zu zollen fo ges neigt, iſt, — kaum einen wirklich Haren und entfcheidenden Grund ° jener, Abneigung entdeden zu. können, .al$ nur — (wie umge- ehrt» Kant behauptete, daß. die Neigung zum Glauben an Gei: ftererfcheinungen vhauptfächlich durch den Wunſch, unfere Fort: dauer nach dem Zode durch fie beftätigt zu fehen, veranlaßt werde) — den Unglauben an perfünliche Fortdauer nach dem Tode überhaupt, welcher freilich, bei nicht Wenigen die geheime Triebfeder ihrer Gegnerfchaft gegen den: Glauben an Geifterer- ſcheinungen fein mag. Im diefem Sinne fünnte es gar ſo ent⸗— fernt nicht zu Tiegen fcheinen, in vollem Ernſt noch jest wieder auf das Natfonnement des Apoftel3 Paulus im erften Korin- therbriefe zurüczufommen, und. die Anerkennung oder Nichtan- erfennung- der Realität: jener Erfcheinungen des: Auferftandenen als nothwendigerweiſe zugleich ftehend oder fallend mit dem Glauben an perſoͤnliche Unfterblichfeit auszufprechen. "Nicht, als 0b die Wahrheit diefes Glaubens durch jene. vermeintliche Thatſache, die, wie gefagt, eine Thatſache im äußerlich gez. ſchichtlichen, oder gar im juriftifchen Sinne gar nicht tft, be- wiefen werden: fonnte , fondern infofern (was allein auch der urfundliche Sinn des Apoftels if) nur unter Vorausſetzung perſonlicher Fortdauer der abgeſchiedenen Seelen uͤberhaupt eine reale Gegenwart des perſoͤnlichen Chriſtus in jenen. Erſcheinun— gem) anerkannt werden kann, während umgekehrt, bei der An— nahme einer Taͤuſchung in Bezug auf dieſe Erſcheinungen, die Die Auferſtehung und die Himmelfahrt. 437 Furcht entftehen würde, daß diefelbe Taͤuſchung ſich ber den gefammten Unfterblichkeits- und Auferſtehungsglauben der Apo— ſtel erſtreckt haben Tonne. Jedenfalls giebt! uns, wie ſchon oben gezeigt, der Apoſtel in’ dieſem Raiſonnement die Anleitung, die Auferſtehungsthatſache nicht als bloße Ausnahme von dem Geſetz alles andern Geſchehens, ſondern als inbegriffen unter einem ſolchen Geſetz zu betrachten.’ Dies, ift unſtreitig ein! Um: fand, durch welchen die: Befenmer des apoſtoliſchen Chriſten— thums fchon um der Autorität des Apoftels willen fich zur Vorſicht in der Verwerfung der Möglichkeit folcher Thatfachen (aufgefordert finden follten, in denen allein ſich ein folches Gefeß bethätigen kann In keinem: Falle übrigens kann unfere Meinung diefe fein, die Grfcheinungen des auferftandenen Chriftus ohne weiteres mit andern, als wirklich oder moͤglich zu denkenden, Geifteverfcheinungen unter einen und denſelben Geſichtspunct ſtellen zu wollen. Drin⸗ gender noch, als dort bei dem Wunderheilungen, iſt hier die Vor— ſicht zu empfehlen, uͤber der Gleichheit nicht die Verſchiedenheit, uͤber der Analogie nicht‘ die Umſtaͤnde, welche dieſen Fall zu einem; außerordentlichen "und einzigen, in feiner Erfcheinung des volksthümlichen Geifteralaubens fein vollftändiges Gegen: bild habenden machen, zu vergeffen, Es giebt nämlich in die— fem Bolfsglauben, durchaus Fein. anderweites, Beilpiel ‚einer irgendwie beglaubigten Annahme von Erſcheinungen abgeſchie— dener Geifter, welche, wie diefe, von der es ſich hier handelt, einem großartigen und erhabenen fittlichen Zwecke "gedient hät- ten. Im Gegentheil, wiefern wir ung überhaupt zu dem Zus geſtaͤndniſſe der Moglichkeit, ſolcher Erſcheinungen entfhließen koͤnnen: fo. ſpricht alles Dafür, dieſelben im Allgemeinen als ein krankhaftes, abnormes, kurz als ein im Grunderntch t- feinfollendes Phaͤnomen zu denken; wie ja der Volks— glaube in der Regel nur von Erfcheinungen unfeliger und ge- quälter Geifter zu erzählen weiß. Dennoch „aber wäre es übereilt, hieraus den Schluß ziehen zu wollen, daß alfo. über: haupt die Erfcheinung des auferftandenen Chriftus mit jenen unheimlihen Phänomenen nichts gemein haben’ Tonne. ' Denn auch von der Wundergabe Chriftt mußten wir Achnliches fagen : naͤmlich dag fie und daß die durch fie in den Apoſteln gewedten Wunderfräfte das einzige gefchichtlich beglaubigte Beifpiel einer 438 Siebente3 Bud. folchen Begabung find, in welcher 'magnetifche Kräfte einem ſittlichen Bwede dienen und eine weltgefchichtliche Bedeutung haben. Es dürfte vielmehr eben dies der einfachfte Ausdrud fein, der. für den Grund: jener wunderbaren Erfcheinungen, inſo— fern wir wirklich in ihnen den abgefchiedenen Geift des Gefreu- zigten perfonlich gegenwärtig zu denken uns gedrungen fühlen, fih finden Yaßt: daß in der vermöge feiner weltgefchichtlichen Stellung dem Heiland vor allen andern Sterblichen verliehenen ‚ magnetifchet Wundergabe als wefentliches Moment dad Ber: mögen enthalten war, auch nach feinem Tode noch auf feine Juͤnger und auf einzelne andere, durch Eörperliche und geiftige Dis— pofition für folhe Einwirkung Empfänglihe magiſch einzumirfen und ihnen die Gewißheit feiner geiſtigen, lebendig in ihnen fortwirfenden Nähe mitzutheilen. Er war ſich diefes Wermo- gend, ſo fcheint es, ſchon während feines Lebens, mittelft: der zu derfelben Wunderfraft gehörenden Gabe der Weiffagung be- wußt gewefen, sund er hatte aus ihm jene Zuverficht über den Beftand feines Werkes gefchöpft, für welche wir auf jedem an— dern Wege eine genügende Erklärung zu finden verzweifeln mußten*). *) Für den Standpunet der alten Dogmatik, (welcher übrigens bei ihrer Lehre vom Herabfteigen Chrifti zur Hölfe in der That etwas der Art vorgeſchwebt haben mag) Täge, gegenüber dem Zweifel, der fid etwa gerade auf diefen Punet werfen fünnte, wie ftch Doch der Reinfte aller Sterblihen durch ſolches gefpenftifche Untgehen nad dem Tode in Eine Reihe mit unfeligen Geiftern gefett haben fünne ? der Gedanfe garnicht fern, daß vielleicht auch diefe Gleichſtellung mit zu feiner Erniedrigung und feinem ftellvertretenden Leiden ge- hört haben möge. Die Wahrheit, die in diefem Gedanken Tiegen würde, könnte man philofophifh etwa fo ausdrücken: Die fittlich und phyſiſch Frankhafte Befrhaffenheit der menfchlichen Natur, aus der jene abnormen Aufregungen der Nacht» und Traumfeite dieſer Natur inmitten des wachen Tageslebens ftammen, findet ihren Grgenfaß und dadurch) mittelbar ihre Heilung in einer außeror- dentlichen Begabung folcher Art, mittelft welcher die fittlichen Mächte des Tageslebens auch in jene nächtlichen Gebiete eindringen und über die Organe derfelben gebieten. — Auf diefem Wege, wenn auf irgend einem ‚andern, glauben wir, daß eine philofophifhe Erklärung des Auferftehungswunders, fo wie in gewiffen Sinne der Wunder- gaben Jeſu und der Apoftel überhaupt zu ermöglichen wäre, Achtes Bud. Philoſophiſche Schlußbetrachtung über die religiofe Bedeutung der Perfonlichkeit Chriſti und der evanz. gelifchen Ueberlieferung. — * — EN ber | EEE A TAN FRERENTEN ah DER EE SEN EN 2 —* — All a re re Mitte + er —** ur 7 az ——* * 1 = — a BES J x — — BEE ri. ei: Er RN UFCHDEORER — — — — en Achtes Bud, — — Philoſophiſche Schlußbetrachtung über die religiöſe Bedeutung der Perſönlichkeit Chrifti uud der evange: liſchen Veberlieferung. Das „Leben Jeſu“ von Strauß fehließt bekanntlich mit der Aufftellung eines „letzten Dilemma’’, deſſen Inhalt die Frage bildet, wie fich feiner gläubigen Gemeinde gegenüber ein Lehrer der Kirche zu verhalten habe, in deſſen Geifte die „ſpe— eulative Chriſtologie““, d. h. die Ginficht aufgegangen ift, daß „als Subject der Prädicate, welche die Kirche Chrifto .beilegt, ftatt eines Individuums eine Idee’ — die Idee der Menfch- heit — zu feßen ſei. Wir erblicken in diefer Fragftellung den auf der einen Seite zu fchroff, auf der andern zu Eleinlich ge: rathenen Ausdrud eines weit tieferen und umfaffenderen Di— lemma, innerhalb deſſen ſich das gefammte religiöfe und philo— fophifche Leben unferer Zeit einherbewegt, und deffen Löfung, bewußt oder unbewußt, die alleinige Aufgabe der gefammten hiftorifchenundphilofophifchen Theologiediefes Zeitalters ausmacht. Die zwei Glieder \auch dieſes Dilemma find allerdings, eben fo, wie dort bei Strauß, auf der einen Seite der Kirchliche, auf der andern der philofophifche Begriff von Chriftus, auf der einen Seite das dogmatifch und mythiſch befangene Bewußtſein, welches ein früheres Zeitalter in dem Firchlichen Glaubensbe- Eenntniffe niedergelegt hat, auf der. andern das frei auf fich ſelbſt ruhende Bewußtfein, durch welches in unferer eigenen Zeit diefes Bekenntniß durchbrochen worden ift. Allein dieſer letztere Begriff, dieſes letztere Bewußtſein fteht jenem: erfteren feineswegs ſo fertig, ſo gleicherweife dogmatiſch in ſich 442 Achtes Bud. - abgefchloffen gegenüber, wie es von dem Standpuncte eines als fertig und vollendet vorausgefeßten, in der That aber fo, wie es dort gefaßt wird, fehr particulären und befchränften Sy— ſtems aus der Verfaſſer des „Lebens Jeſu“ Ddargeftelt und ausgefprochen hat. Wäre diefe Auffaffung Die richtige, fo wirde dann in der That das Dilemma, wie eö bei Strauß fo erfcheint, nur den Einzelnen als Einzelnen betreffen. Was. die Sache felbft angeht, fo ftände eine fertige Wahrheit der gleichfalld fertigen Unwahrheit, oder, wenn man lieber will, eine fertige efoterifche Wahrheit der fertigen eroterifchen gegen: über, und nur der Einzelne hätte fich zwifchen beiden zu ent— ſcheiden; er hätte, falls er für fich felbft bereits Die efoterifche Wahrheit ergriffen "hätte, fich zu entfcheiden, ob er zu den Exo— terifern in ihrer eroterifchen, oder in feiner eigenen efoterifchen Weiſe forechen wolle. In Wahrheit aber ift es ein Conflict, der nicht blos die Ginzelnen, welche fich zwifchen beiden Ge- genfäsen hin und her geworfen finden, Fondern die Sache oder die Idee felbft angeht. ES ift der eigene Entftehungs- und Bildungsproceß des philofophifchereligiofen Bewußtfeins, welches dem kirchlich-dogmatiſchen noch Feineswegs als ein gleich ferti- ges. und abgefchloffenes gegenüberfteht, fondern in diefem Kampfe eben erſt fich felbft zu gewinnen und zu geftalten ringt. Berfucht man es, den eigentlichen Inhalt jenes Dilemma auf feine zugleich, einfachfte und umfaffendfte Geftalt zuruͤckzu— führen, fo ergiebt fich folgender Ausdrud fuͤr ihn. Das kirch— liche Syſtem beruht auf der Vorausſetzung ‚eines. Gegenfaes von Heiligem und Profanem, von Seligfeit und Unfeligfeit, von dem die philofophifche Vernunft nichts weiß, den fie, wenn er ihr. in. der Geftalt, wie jenes Syſtem es thut, geboten wird, nicht ‚für wichtig erkennen kann. Heilig ift jenem. Syftem fhlehthin nur die in der Perfon Jeſu Ehrifti Menſch gewor— dene Gottheit, ſammt allem, was aus der felbftbewußten An: erfennung dieſer gottmenſchlichen Perfonlichfeit gefloſſen iſt oder auf ſie ſich zuruͤckbezieht; Heil und Selbigkeit findet dieſes Syſtem fuͤr die Menſchen durchaus nur eben in dieſer Anerken— nung ſelbſt, und unter keiner Bedingung außerhalb derſelben. Was zu der Perſoͤnlichkeit Chriſti in keinem durch den ſelbſtbe— wußten Glauben an die Menſchwerdung Gottes in dieſer Per⸗ Philofophifhe Schlußbetrahhtung. 443 fon gefeßten Bezuge fteht, gilt ihm als profanz ein ſelbſtbe— wußter Menfchengeift, ja jeder einzelne Zuftand eines felbftbe- wußten Wefens, der diefes Glaubens und Bezuges entbehrt, al3 unfelig. — Ihrem Grund haben diefe Vorausſetzungen unftreitig darin, daß das Syftem von folchen gefchaffen wor— den ift, die für ihre Perfon fich bewußt waren, durch ven Glauben an die Menfchwerdung Gottes in Chrifto den Seelen- frieden und das Bewußtfein des ewigen Heiled gewonnen zu haben, welche ihnen zuvor mangelten, und die diefes ihr Be— wußtfein zu verallgemeinern und, im pofitiven fowohl, als negativen Sinne, über die ganze Menfchheit zu erftreden fich für erlaubt hielten. Der Erfolg fchien diefes ihr Beginnen zu rechtfertigen; “anderthalb Sahrtaufende hindurch ift wirklich das Bewußtfein zwar nicht des der Zahl nach größten, aber des edelften, geiftig Fräftigften und der höchften Bildung. empfäng- lihen Theiles der Menfchen in diefen Standpunct eingegangen und auf ihm ftehen geblieben, welcher Seelenheil und Seligkeit von der felbfibewußten Beziehung auf Chriftus als Gottmen- chen abhängig macht. Selbft die mächtige Ummwälzung, die nach Verlauf diefer anderthalb Sahrtaufende einen Theil der riftlichen Kirche von dem andern losriß und ihm eine neue Geftalt gab, vermochte diefe Grundvorausfesung des bisherigen Kirchenthums nicht zu erfchüttern. Die proteftantifche Kirche ift in: dieſem erften aller Eirchlichen Grundſaͤtze mit der Fatholi- ſchen einig, Daß es außerhalb des Glaubens an den perfönli- chen, gefchichtlichen Gottmenfchen Fein Heil giebt. Sie unter: fcheidet fi) von jener nur dadurch, daß fie fi mit der For- derung dieſes Glaubens begnügt, und nicht zugleich von dem Anfhluß an die beftimmte, gefchichtlich beftehende Form der Kirchengemeinichaft (welche Gemeinfchaft in ihrer frühern In— tegrität eben nur der Katholicismus feftgehalten hat) das Seelenheil: der Einzelnen abhängig macht. Cine Thatfahe von nicht geringerer welthiftorifcher Be— deutung, als die kirchliche Refogmation, ganz gleichzeitig mit diefer, weshalb fie auch ihrem Geiſt und ihren Folgen nad) nicht felten mit ihr verwechfelt wird, ift das Hervorgehen einer von dem Belenntniffe des Chriftenthbums unabhängigen philo- fophifhen Speculation im Schooße chriſtlicher Völker, WE: _ Achtes Bud. und das Heranwachfen derfelben zu einer Macht, welche, wenn nicht jenem Bekenntniffe überhaupt, doc) ‚der bisherigen, in der eben angegebenen Weife particulariftifchen und erclufiven Geftalt defjelben den Untergang droht. Die erfle Wiege diefer Macht war das Land felbft, welches, der Hauptſitz des Firchlichen Katholicismus, den äußeren Sturm des Proteflantismus von ſich abhalten mußte. Dort war, unmittelbar vor dem Aus— bruche dieſes Sturmes, jene. geiftige Wiedergeburt des heidni— ſchen Alterthums erfolgt, aus welcher fich, im Laufe des Sahr: hunderts der Neformation, eine fpeculative Philofophie empor- bob, die, eine Tochter des alten Platonismus, unter chriftlichen Voͤlkern zuerft von Ideen des Wahren, des Schönen und des Guten zu reden wußte, welche, nicht auf befonderer gefchichtlicher Offenbarung, fondern allein auf der Selbftgewißheit des Geiftes beruhend, dem Geifte, der fie in feinem Bewußtfein zu faflen und fein Selbft in fie Hineinzubilden wagt, eine von allen ge= ſchichtlichen Thatfachen unabhängige Seligfeit verbürgen. — Bald nachdem, in dem Jahre, welches den Schluß jenes Jahrhun— derts bildet, der Heros dieſer Philofophie, Giordano Bruno, zu Rom den Maärtyrertod. für die Idee und die Freiheit des Geiftes verlitten hatte, wanderte das philoſophiſche Bewußtſein aus Stalien aus *) und nahm ziemlic) "gleichzeitig in’ dem ka— tholifchen Frankreich und dem proteftantifchen Britannien und Holland feinen Sit, wofelbft es fchon in einem‘ viel umfaf: . fendern Sinne, ald zuvor in Stalien, volksthuͤmlich ward und einen Theil des Volkes dem Firchlichen Befenntniß entfremdete, Man hat neuerdings nicht felten die Benennung des philo— fophifchen Jahrhunderts verfpottet, welche namentlich unter der franzoͤſiſchen Nation jenes Bewußtfein dem Zeitalter gab, in welchem es fich zuerft felbft gewann und unter einem gebildeten Volke Wurzel ſchlug; weil allerdings die Philofo- phie, die zu jener Zeit als Wiffenfchaft die herrfchende war, hinter den Forderungen wahrhafter Speculation in mehr: facher Beziehung weit zurüdblieb. Allein man darf darüber *) In Folge jener Regeneration des Fatholifchen Kirchenthums in der zweiten Hälfte des fechszehnten Jahrhunderts, welche Nante fo trefffich in feiner „Geſchichte der Päbſte“ geſchildert Hat, Philofophifhe Schlußbetrahtung. 445 das Wahre und Große nicht vergeffen, welches in dieſer Be— nennung inſofern liegt, als durch fie eben dies ausgedrüdt wird, Daß jekt zum erſtenmal das muͤndig gewordene, auf ſich ſelbſt geftellte Bewußtfein des Geiftes fammt den aus diefem Bewußtfein vherausgeborenen, von jet an in Geftalt der All— gemeinheit, nicht mehr der gefchichtlichen Befonderheit gefaßten Sdeen zur weltbeherrfchenden Macht erhoben wurde. — Geit der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts ift, obgleich Die zuletzt genannten Nationen den Standpunct jenes Bewußtfeins, «wel: ches wir mit Necht das philofophifche nennen Dürfen, wiewohl es in feiner Einfachheit weit:entfernt davon ift, die Wiffenfchaft der Philofophie als folche auszumachen, Feineswegs verlafjen haben. oder zu jener: fruͤhern Geftalt des Firchlichen Bewußt— feins zurüdgefehrt find, vielmehr noch immer darin vorwärts gefchritten find, doch Deutfchland, die Wiege der Firchlichen Neformation, das Land geworden, in welchem fich dieſes Be— wußtfein mit der größten Energie emporarbeitet,: gegen ‚die Be: fchranfungen, die ihm das kirchliche entgegenſetzt, am mächtig: fien anfämpft, und mit der reichften Bethätigung. der ihm in: wohnenden Schöpferfraft ſich felbft eine: lebendige, organiſch durchgebildete Geftalt zu geben ringt. Nur hier’ zur Zeit noch bat es fich zu einer wirklichen philofophifchen Wiffenfchaft her— ausgebildet, und. dadurch eine Waffe gewonnen, mit: welcher. es nach und nach den gefammten,. bisher noch von dem Firchlichen Princip befegt gehaltenen Boden fich erobern zu wollen Miene macht ʒ waͤhrend ihm: gegenüber das Eirchliche Princip gleichfalls nur hier auch feinerfeitd die Rüftung der Wiffenfchaft angelegt und fi) auf den Kampfımit den Waffen: der Idee eingelaffen hat, um Schritt vor Schritt dem philofophifchen Principe: den Boden, den es fi erfämpfen will, ftreitig zu machen. In Feiner: befchränfteren ‚Geftalt, als in welcher wir den— felben fo. eben faßten, darf jener. Gegenſatz der teligiöfen, Prinz cipien gefaßt werden, ı wenn über die eigentliche Befchaffenheit der Aufgabe, die wir. und im gegenwärtigen Buche geſtellt has ben, ein richtiges Bewußtfein gewonnen: werden fol. Wir haben uns dieſe Aufgabe, die Aufgabe, im philofophifch-religio- fen Sinne die Bedeutung: der Perfonlichkeit Chrifti und der evangelifchen Ueberlieferung nachzuweiſen, — kaum brauchen: wir 446 Achtes Bud. es erft noch’ zu erinnern, — aus der Mitte desjenigen Stand: punctes heraus vorgelegt, den wir im Obigen den philofophi- chen nannten. Der Zweck unferer Arbeit geht durchaus nur auf eine VBerftändigung innerhalb Diefes Standpunctes, waͤh— rend wir auf jede Möglichfeit einer Verftändigung oder Aus: gleichung mit dem entgegengefeßten Standpuncte, der zur Zeit noch ſich den Firhlichen zu nennen berechtigt ift, von vorn herein verzichten. Ed ift von Wichtigkeit, bei einem Principien: ftreite folcher Art, in welchem man durchaus auf der einen Seite fteht, fi) Flar und unummwunden von der entgegengefegten loszufagen, und uͤber das wirkliche Vorhandenfein des Gegen: faßes fich Feine Illuſion zu machen. Aber es ift nicht minder wichtig, den Gegenfaß als ſolchen rein zu faffen, d. h. nicht mehr und nichts anderes in die. Begriffsbejtimmung der ftrei- tenden Principien aufzunehmen, als wirklich in ihnen unmit- telbar enthalten iftz damit nicht eine bloße Abweichung in den Folgerungen, über die man fich bei genauerer Nachforfchung vielleicht würde verftändigen koͤnnen, als eine Verfchiedenheit im Principe, worüber Feine Verftändigung möglich ift, angefe- hen werde. Beiden Forderungen glauben wir in unferer obigen Bezeichnung des Firchlichen und des philofophifchen Princips genügt zu haben. Doch wird es nicht überflüffig fein, mit aus: druͤcklicherem Bezuge auf gewiffe falfche Stellungen: des Ge— genfaßes, denen wir heut zu Lage nicht felten begegnen, die Eigenthümlichfeit des Standpunctes, den wir hier eingenommen haben, fowohl nad feinem: Gegenſatze zu demjenigen, was wirklich Dadurch ausgefchloffen wird, als nach feinem: Verhaͤlt— niffe zu dem, was in diefer Ausſchließung keineswegs begriffen ift, darzulegen. Man würde nämlich irren, wenn man den Gegenfaß, von dem wir hier fprechen, fei es dem Princip oder den Conſequen— zen nach für einen und denfelben mit dem Gegenfaße, welchen man gemeinhin dur die Worte Supernaturalismus und Rationalis mus zu bezeichnen pflegt, halten wollte. Es mag fein, daß dieſer letztere Gegenſatz auf eine oder die andere Meife in jenem feinen Grund hat, vielleicht aus einem Mis— verftande von jenem hervorgegangen iſt. In der Geftalt, wie er in der Theologie unferer Zeit aufzutveten pflegt, ift er Fei- Philoſophiſche Schlußbetrahtung. 447 neswegs mit jenem zu verwechſeln; er iſt uͤberhaupt hier nur von untergeordneter Bedeutung, und mit Recht wird heut zu Tage von Theologen fowohl, als Philoſophen faſt allgemein auf eine Vermittelung und Ausgleihung dieſes Gegenfages, auf eine Vereinigung und gegenfeitige Verfchmelzung der. hier getrennt gehaltenen Begriffsmomente gedrungen, Anders ver: halt es ſich auch im diefer Beziehung mit dem vorhin erwähn: ten Gegenfage. Hier kann nicht genug darauf gedrungen wer: den, daß derfelbe rein und abfolut, das heißt in einen Weiſe gefaßt werde, welche ſchon durch ſich felbft jede MoöglichFeit einer Vereinbarung des Entgegengefegten ausfchließt, und es Elar erkennen laßt, wie es ſich hier fchlechterdings nurum Sieg oder Untergang, um Wahrheit oder Unwahrheit des einen oder des andern Princips handelt und handeln kann. St wirklich in dem Sinne, wie das Firchliche Glaubensbekenntniß es aus: fpriht, außer in dem Glauben an Jeſus Chriftus , dem unter Dontius Pilatus Oefreuzigten und Auferftandenen,‘ Fein Heil für die Menfchen möglich: fo find die Ideen des Wahren und des Guten, von welchen die Philofophen träumen, Taͤuſchung und leere Einbildung, die Tugenden der Heiden — nicht blos der vorchriftlichen, von denen Auguftinus diefen Ausfpruch that, fondern noch mehr jener riftlihen Heiden, die ein Heil auch außer Chriftus Fennen wollen — find glänzende Lafter, und jeder Verſuch, das Chriftenthum philofophifch zu. begreifen, ift, wo nicht ein ſchlechthin verderblicher und verwerflicher, doch ein unnüger und gefährlicher. Diefe Folgerungen haben nod die Reformatoren, felbft der fonft fo geiftesfreie, kuͤhne und groß: finnige Luther, — fo fremd dieſem übrigens die bornirte Un— menfchlichfeit eines Calvin, welde Servet dem Feuertode über- gab, und die pfäffifhe Engherzigfeit eines Melanchthon, welche diefe Greuelthat gut heißen Fonnte, war, — auf dad unummwuns- denfte anerkannt. So lange das Firchliche Glaubensbefenntnig diefes Princip und dieſe Folgerungen nicht aufgiebt, — e$ ver: mag fie aber nicht aufzugeben, ohne fih von Grund aus’ um: zugeftalten, ohne eine wirflih neue Confelfion des Chriftenthbums zu begründen, da bie bisherigen Con— feffionen von Grund aus auf jene Vorausfegung begründet find, — fo lange ift und bleibt die Philofophie die natürliche 448 Achtes Bud. Gegnerin dieſes Befenntniffes, und es ift entweder Unredlichkeit oder Selbfttäufchung, wenn fie nichts deftoweniger, wie wir. es peut zu Tage fo häufig haben hören müffen, in vollfommener Einftimmung mit demfelben. zu beharren vorgiebt. Dafern es nicht, wie folche8 wohl von manchen Anhangern desjenigen fpeculativen Syſtems gelten möchte, welches fich neuerdings zum wiffenfchaftlihen Vertreter des Firhlichen Proteftantismus hat aufwerfen wollen, vielmehr nur Verachtung des Firchlichen Glaubensbefenntniffes, vielmehr nur. die. Meinung ift, daß es bei diefem, als welches ohnehin nur, eroterifcher Natur fei, nur in Form der „Vorſtellung““, nicht in Form des „Begriffes“, dv. h. der ,,Wahrheit‘’ feinen Snhalt faffe, mit dergleichen Borausfegungen nicht viel auf fich habe, und diefelben nur als bildlich oder ſymboliſch, nicht als ernftlich gemeint zu betrach— ten: feien: ; Dieſen und ähnlichen Misverftändniffen gegenuber Tonnen wir nicht umhin, es ſchaͤtzbar und anerfennenswerth zu finden, wenn der Verſuch zur Erneuerung des proteftantifch =Firchlichen Lehrgebaudes, der, von einem jüngft abgefchiedenen berühmten Theologen zuerft gemacht, in der deutfchen evangelifchen Theo— logie bereits den vielfachften Anklang und Nachfolge gefunden, ' ja recht eigentlich eine Schule begründet: hat, auf welcher das wiffenfchaftliche Anfehen dieſes Lehrgebaͤudes jetzt hauptfächlich zu: beruhen ſcheint, — wenn dieſer Verſuch von einer reinen Sonderung des religiofen: und des philoſophiſchen Princips aus: geht und: von dem erſteren es, wiefern es das chriſtliche ſei, als Thatſache ausſpricht, Daß daſſelbe für jeden Einzelnen das Bewußtſein des Seelenheils und der Seligkeit an das in der Perſon Jeſu Chriſti, und nur in ihr, vollſtaͤndig verwirklichte Gottesbewußtſein knuͤpfe. Der Urheber dieſer wiſſenſchaftlichen Geſtaltung des kirchlichen Lehrbegriffs war Philoſoph und Theo— log in Einer Perſon; er hat daher ſeiner Glaubenslehre nicht ſowohl die Grundvorausſetzung ſelbſt, welche ſie als poſitiv confeſſionelle von jeder philoſophiſchen unterſcheidet, als vielmehr die ausdruͤckliche Reflexion uͤber ſolche Vorausſetzung zum Prin— cip gegeben. Er ſtellt das Gefühl des Erloͤſtſeins durch CHriftus eben nur, wie es fich als fubjective Thatfache in den Gemüthern der Einzelnen vorfindet, an die Spike dieſer Glau— Philofophifhe Schlußbetrachtung. 449 benslehre, ohne, wie die frühere Glaubenslehre, die proteftan- tiſche nicht minder wie die Fatholifche, allerdings that, fogleich von vorn herein von der Forderung einer abfoluten Allgemein- heit dieſes Gefühls, diefes Bewußtſeins auszugehen, und hier- mit folche Forderung an die Stelle der philofophifchen Allge- meinbegriffe des Wahren und des Guten zu feßen. Als Folge: ung freilich ergiebt fich die Forderung folcher Allgemeinheit, die Laͤugnung der Möglichkeit eines Seelenheils für die Nicht: riften auch dort aus jenem Princip für alle, die fich zu dem Princip als ſolchem bekennen. Allein es ift für die Wiffenfchaft eben nur Folgerung, nicht felbft Voftulatz die Wiffenichaft als folhe fteht außerhalb jener fubjectivereligiöfen: Gefühle, aus denen fie die einzelnen Glaubenslehren ald Folgerungen hervor- zieht. Schleiermacher. felbft, wenn er e3 nicht abfichtlich ver- mieden hätte, von dem durch ihn doch gleichfalls anerkannten und in andern wiffenfchaftlichen Gebieten ausdrüdlich eingenommenen philofophifchen Standpuncte aus über diefelben Gegenftande Rede zu ſtehen, die er in der Glaubenslehre von dem chriftlichen abhan- delt, würde ſich nicht haben entbrechen fünnen, einzugeftehen, daß die Philofophie, die Wilfenichaft als ſolche, fo bereitwillig fie auch das faͤctiſche VBorhandenfein jenes religiöfen ‚Gefühls, deffen Begriff an die Spise der Glaubenslehre geftellt iſt, an— erkennen mag, doch die ausſchließliche Wahrheit diefes Gefühle, die in dem Gefühle enthaltene Verneinung der Mög- lichkeit eines Seelenheild außerhalb feines Bereichs, Feineswegs anerkennen kann. Es müßte denn fein, daß er, — was aber, feinen ſonſtigen philoſophiſchen Aeußerungen zufolge, ſein Sinn feineswegs gewefen zu fein fcheint, — das Gebiet der Philoſophie auf Das blos logische oder negativedialeftifche Den- fen hätte befchränfen wollen, wo es noch zu Feiner Gemwißheit eines’ pofitiv Wahren und Guten, kurz zu feiner Idee in jenem Sinne kommt, welcher die Selbftgewißheit und Befriedigung des denkenden Geiftes mit fi führt. So giebt denn diefe neue Bearbeitung des Firchlichen Lehr- begriffs felbft, welche die ausdrüdliche Herftellung deſſelben zu ihrem Iwede hatte, indem fie ihn auf ein von der Philofo- phie unabhängiges Princip begründen wollte, ein Zeugniß von der Macht, welche in unferer Zeit der philofophifche 29 : I. 3, 450 Uhtes Bud. Gedanke gewonnen hat. Mit fo großer Kunft in diefer Bear- beitung der Inhalt des Syſtems durchgehends an die nicht fpeculativen, fondern factifehen und pofitiven Prämiffen geknuͤpft ift: ſo iſt doch, wie fich auch fein Urheber gar wohl bewußt war, der Standpunct, von welchem aus diefe Prämiffen felbft aufgeftellt und auseinandergefegt werden, ein Außerlicher, viel— mehr ein philofophifcher, als ein Firchlichereligiofer. Hiermit aber ift in die gefammte Darftellung des Syſtems das Be: wußtfein über die Bedingtheit des innerhalb der Pramiffen genommenen Standpunctes als ein dieſem Standpuncte ſelbſt fremdartiges Element eingedrungen. Es hat auf die Art und Weiſe der Ableitung des beſondern Glaubensinhaltes aus jenen Praͤmiſſen den unzweideutigſten Einfluß geuͤbt, und eine nach— weisliche, durch die philoſophiſchen Anſichten unferer Zeit über: - haupt und die Schleiermacherfchen insbefondere vielfach bedingte Abweichung von den älteren Geftaltungen des Firchlichen Glau- bensfyftems herbeigeführt. So entfchieden jene Darftellung aus dem Bewußtfein über den Gegenfaß des Firchlichen und des philofophifchen Princips hervorgegangen tft, fo ift doch in ihr, eben in Folge dieſer ihrer Entftehung, der Gegenfaß Feineswegs rein gehalten. Wie einerfeitS die Philofophie mit ihren An: forüchen auf frei aus der Idee des Wahren und des Guten zu gewinnende Geiftesbefriedigung dort mehr, als es ihre wahre Natur wohl mit fich bringen möchte, nachläßt, fo fehen wir andererfeits die Slaubenälchre weit mehr, als fie es hätte thun konnen, wenn fie ftreng aus dem Geifte des Eirchlichen Bekennt— niffes wäre herausgearbeitet worden, dem Einfluffe der Philo— ſophie Raum geben und ihren Forderungen ſich anbequemen. — Es iſt hier nicht der Drt, die Abweichungen der Schleierma= cherſchen Glaubenslehre von der Firchlich =evangelifchen, deren Darftellung und Ausführung fie zu fein vorgiebt, im Einzelnen nachzuweifen. Nur in Bezug auf das Princip, wie wir daffelbe im Worhergehenden gefaßt haben, -fei uns eine Bemerkung ver: ftattet, welche zeigen mag, wie tief dafjelbe von dem Ginfluffe des Entgegengefegten, gegenweldyes man es eben aufrecht erhalten will, durchdrungen ift. Aus der Mitte jenes Bewußtfeins, welchem dad Heil in Chriftus aufgegangen war, felbft heraus hatte die Kirchenlehre die eigentliche: Verwirklichung dieſes Philofophifhe Schlußbetrachtung. 451 Heiled doc in die Zukunft, in das Senfeit3 hinausgefchoben. Es war ihr nicht entgangen, wie im gegenwärtigen Leben zwi— chen Gläubigen und Ungläubigen weder in Bezug auf Leiden und Zuftände, auf geiftiges Wohl und Wehe, noch auch felbft in Bezug auf fittlihe8 Thun und Handeln der Unterfchied ein fo fchroffer und klar ausgelprochener ift, wie er es fein müßte, wenn jenes Heil ſchon hier als ein in feinem vollen Umfange verwirflichtes follte gelten Fünnen, Mit großer Umficht war deshalb von der alten Kirchenlehre die Segnung, welche der Glaube an Ehriftus den Gläubigen hienieden gewährt, nur als die einfache Gewißheit des Heiles, welches ext jenſeits fich verwirklichen werde, bezeichnet worden, und jene Lehre war weit entfernt Davon geblieben, folche Gewißheit mit der Wirf- lichfeit des Heiles felbft zu verwecfeln. Anders jene neuere Slaubenslehre. Wie diefelbe Davon ausging, jene Gewißheit des Heiles, außerlich reflectirend, als eine Thatfache des Bewußt— fein Einzelner, als ein pfochologifches Phänomen aufzufaffen: fo Fonnte fie fih nicht dabei begnügen, den Inhalt diefer Ge- wißheit als einen dem Subjecte felbft, welchem folche Gewißheit inwohnt, noch jenfeitigen Eategorifch hinzuftellen, ſondern fie mußte fih auf eine Analyfe jener Thatſache des Bewußtſeins eben in ihrer empirifhen Thatſaͤchlichkeit einlaffenz; wo ſich denn fand, daß jene Gewißheit, follte fie anders nicht eine Zaufhung fein, auf einer Erfahrung bed Heiles beruhen müffe. So gefchah es, daß diefer Glaubenslehre unter den Han: den der Begriff des Heiles fih aus einem. wesentlich jenfeiti- gen in einen wefentlicy diefjeitigen verwandelte; — woran übri- gens auch Die Befchaffenheit derjenigen Philofophie, unter deren Einfluß dieſes Lehrgebäude entftanden war, welche den Blid überhaupt mehr auf das Dieffeit3, ald auf das Senfeits zu richten liebt,ihren Antheil haben mag. — Hiermit ift num aber die eigentliche Bedeutung des alten Glaubensgrundfaßes in der That verloren gegangen. Wo die Ausfihrt auf eine dereinftige, aus dem dann in Schauen umgefesten Glauben emporwach— fende Seligkeit fo, wie in Schleiermacherd eigener Darſtellung in den Hintergrund tritt, fo ganz nur al$ eine beiläufige,, in Bezug auf das Wie ganz und gar problematifch bleibende Folgerung, ja faft als ein hors d’oeuvre hinzugebracdht wird: 29 * 452 | Achtes Bud. da wird auch demjenigen Bewußtfein, welches feine dieffeitige Befriedigung in dem Glauben an Chriſtus gewonnen hat, offen— bar feine mächtigfte, ja feine einzige Waffe gegen Alle, die ihm die Wahrheit ſolcher Befriedigung beftreiten "oder bezweifeln, aus den Händen geriffen. Das „chriſtliche Bewußtſein“ findet fi) wehrlos den Angriffen 'insbefondere der Philofophie ausge- feßt, welche, nachdem fie ihm zuvor jene Waffe entwunden hat, die das chriſtliche Bewußtjein — ein bedenkliches Zeichen feiner Schwäche! — fellzubalten nicht mehr vermochte, nunmehr unter dem Panier der Idee auf daffelbe eindringt und ihm durch Die That beweift, daß man auch unter dieſem Paniere fliegen, d. daß man in dem Wiffen der Idee des Wahren, des Guten und des Schönen Diefelbe dieſſeitige Geiftesbefriedigung, den— felben Seelenfrieden finden koͤnne, welche‘ jenes Bewußtfein in ben Glauben an den Gekreuzigten und Auferftandenen gefun- den hatte, 07 Die Nachfolger Schleiermachers, Die gegenwärtigen Stimme führer Der evangelifcheficchlichen Theologie in Deutfchland find allerdings in der eben gedachten, fo wie in manchen andern Beziehungen dem urſpruͤnglichen Sinne des Firchlichen Glan: bensbefenntniffes wieder näher getreten, Dies mag im Allge: meinen den doppelten Grund haben, einestheils, daß bei wie- derholter, andauernder Vertiefung in das alte, dem Zeitbe— wußtfein fo entfremdet gewordene Lehrgebaͤude Inhalt und Be- deutung deffelben den Forſchern reiner und vwollftändiger auf: ging, als folches bei dem erſten Anlaufe hatte geſchehen konnen, anderntheild, daß diejenige fpeculative Philofophie, von welcher die meiften diefer Theologen ihren Ausgang nehmen oder zu der fie wenigftend in irgend einer Beziehung flehen, die Philo- fophie Schellingg und Hegels, dem hiftorifchen Verſtaͤndniß früherer Geiftesgeftalten fürderlicher ift, alS jener abftractere und fubjectivere Sdealismus, von deffen Einfluß Schleiermacher fich nie ganz’ hat losmachen konnen. "Schon dies indeffen, daß es einer folchen phifofophifhen Einwirkung und Forderung, fo wie von Der andern Seite, daß ed tief eingehender hiftorifcher Stu: dien, überhaupt bedurfte, — fihon dies zeige, wie wenig es auch in Diefer Schule, To lange dieſelbe, wozu fich bis jegt nur Sehr wenige ihrer Glieder entfchloffen haben, ihr eigenthüms Philoſophiſche Schlußbetrachtung. 453 liches Princip, die reflectirende Auffaſſung des. kirchlich-religidſen Standpunctes vom philoſophiſchen aus, nicht ganz) aufgeben will, zur wirklichen, vollftändigen Einigung mit dem kirchlichen Syſtem wird. kommen koͤnnen. Fortwährend muß in ihr, in Folge dieſes Princips und in Folge des Geiftes jener leitenden Philofophie, die Tendenz nach einer Verdieffeitigung der- chrift: lichen Heilszuftände vorwalten.Wiefern aber das Eingehen auf die eschatologifchen Begriffe fich nicht vermeiden läßt, ſo hat die moderne rationelle Denkweiſe auf dieſem Gebiete felbft mit dem von der. neuern Schule ſo gut wie allgemein. angenomme— nen Dogma einer dereinfligen Wiederbringung und Beſe— kigung Aller den entfcheidendften Sieg über die altfirchliche Davon ‚getragen. Diefes Dogma nämlich kann fchlechterdings in nicht3 anderm feinen Grund haben, als in. der — vielleicht fogar misverftandenen — Allgemeinheit der Idee. Dem altkirch- lichen Bewußtfein von der. Ausfchlieglichfeit des Heiles in Chriſto- widerspricht es auf das Ddirectefte, wie es denn auch von der. Kiche zu allen Zeiten auf; das entfchiedenfte und auss drüdlichfte verworfen worden iſt und in eben fo directem Wi- derfpruche fteht es, wie wir oben mehrfach nachgewiefen haben, zu den perfonlichen Ausfprüchen und Lehren Ehrifti. Der Grund aber, welcher diefem Dogma einen jo allgemeinen Eingang in die, wenn auch fonft noch fo fehr der Firchlichen Rechtglaͤubig— keit befliffenen, Syfteme unferer Zeit gefichert hat, iſt nicht: ſo— wohl die angeblihe Schwierigkeit des Begriffs der Berwerfung und Berdammniß überhaupt, — diefer Begriff ift für die wahre Phi— lofophie mit nichten ein fo undenfbarer, wie man vorgiebtz hat fich ja doch ganz unabhangig von jeder anderen poſitiven Religion Schon im Alterthume Platon auf ihn hingeführt ge- funden, — als vielmehr nur das gerechte Strauben der Philo— fophie, oder wenn man will, ſchon des durch die Philofophie in feine Rechte eingefegten gefunden Menfchenverftandes gegen die Zumuthung, ewige Verdammniß als die nothwendige Folge des. diefjeitigen Nichtglaubens an den perfünlichen Chriſtus zu denken. Enger und unmittelbarer, als man es auf den erflen Ans blick vielleicht glauben wird, hängt mit, dem hier erürterten Gegenfage des kirchlichen und des philofophifchen Glaubens: —8 Achtes Buch. princips das verſchiedene Verhalten beider Standpuncte zu der evangeliſchen, ſo wie uͤberhaupt zu der bibliſchen Ueberlieferung zufammen; und auch die ſelbſtbewußt reflectirende, wiewohl unvollftändig bleibende Rüdfehr der neuern Theologie von dem rationalen auf den Firchlichen Standpunct hat eine eigenthuͤm— liche, zwifchen kritiſcher Freiheit und gläubiger Gebundenheit in der Mitte fchwebende Geftaltung dieſes Verhältniffes zur Folge gehabt. Das Kirchliche Princip, wie e8, dem Inhalte der ebriftlichen Offenbarung gegenüber, feine Idee anerfennt, welche für die Wahrheit und Gotteswürdigkeit der Offenbarung als ein Mafftab dienen Fünnte, fondern nur aus diefer Dffenba= rung felbft den Mafftab jedes Urtheild über fie entnommen wiffen will, kann auch für die Form, in welcher ihm diefer Inhalt geboten wird, für das Organ der Ueberlieferung diefes Snhalts, von feinem Kriterium etwa3 wiffen wollen, was nicht allein in und mit diefem Organ gegeben ift. Der Begriff diefes Organes felbft wird zwar verfchieden, wird weiter oder enger gefaßt werden koͤnnen, es wird mehr oder weniger bereitwillig eine relative Unabhängigkeit des Inhalt$ von dem Organe zus gegeben werden fünnen, je nachdem man innerhalb der Kirche jelbft den Umfang des zum Heile Wefentlichen, was in der chriſtlichen Offenbarung enthalten fein fol, weiter oder enger ſtellt; wie denn über alle diefe Fragen befanntlicy von jeher in der Kirche die vielfachften Differenzen obgewaltet ha— ben. Allein über den einen Punct Fann Fein Zweifel fein, daß, ift einmal eine Schrift als Duelle unferer Erfenntniß des Dffenbarungsinhaltes anerfannt, dann diefe Schrift jedem an- derweiten Maßftabe der Beurtheilung, als nur dem aus die— fem Inhalte felbft zu entnehmenden, entzogen ift. — Dies der natürliche Sinn des Dogma von der Snfpiration der bibli— ſchen Schriften; ein Sinn, der nirgends klarer hervortritt, als da, wo wir einzelne Vorkaͤmpfer und Begründer des Firchlichen Glaubensbefenntniffes, folche, die zu geiſtvoll und zu geiftesfret waren, um, wie die Mehrzahl ihrer Nachfolger, fich jedes Urtheils zu begeben, 3. B. einen Luther, aus jenem inneren Kriterium heraus, welches allein durch Die relative Fülle und Tiefe der eigenthümlich chriftlichen Ideen gegeben wird, uͤber Philoſophiſche Schlußbetrachtung. 455 dieſe oder jene einzelne der bibliſchen Schriften urtheilen hoͤren *). Allein diefes innere Kriterium kann ſich dort doch. nie zu einer wirklichen Wiffenfchaft der biblifchen Kritik entwickeln, "weil es fich zu denjenigen Erfenntnißthätigfeiten, von denen folche Kritik ausgehen müßte, ftetS in einem incommenfurablem. Berhältniffe befindet. Iſt der menfchliche Berftand zur felbftftändigen Er— faſſung des durch fich felbft Wahren, Schönen und. Guten un- fabig: ſo giebt es für den Grundfaß Feine Grenze, daß was vor den Menfchen als Thorheit gilt, eine göttliche Meisheit fein koͤnne. Die offenbarften innen Widerfprüche, die auffals lendfte Unfchonheit, ja Unwürdigfeit in Form und Inhalt ver: mögen nicht3 gegen die Aechtheit, gegen die Theopneuftie einer Dffenbarungsurfunde zu beweifen: denn was iſt der Menich, daß er mit feiner Einbildung von Einfiht und Wiſſenſchaft Gott zu meiftern fich unterfangen dürfte? — Fuͤr die neuere evan- geliiche Theologie hat fich der hier gedachte Punct als einer. der ſchwierigſten und gefährlichften erwiefen; denn eben bier kommt die Gewaltfamfeit der VBorausfegungen, zu der fich diefelbe nicht, wie die frühere Kirchenlehre, offen befennen will, fondern *) Wir erwähnten bereits oben (Bd. I, ©. 116, Not.) das charakte— riſtiſche, vom kirchlichen Etandpunete aus folgerehte, obwohl vom fritifchen irrige Urtheil Luthers über den relativen Werth der Evan- gelien. Es fei erlaubt, insbefondere auch mit Bezug auf das, was wir fogleich über die Stellung, welche die neuere Theologie zu dies fem Ev. eingenommen hat, fagen werben, folgende merkwürdige Stelle über das Johannesev. anzuführen, die wir aus dem Com— mentar Luthers über die Bergpredigt entnehmen. „S. Matthäus fammt den andern zwei Evangelitten Marco und Luka treibt fein Evangelion nicht fo hoch und viel auf den hohen Artikel von Ehrifto, als ©. Johannes und Paulus; darum reden und vermahnen fie viel von guten Werfen, Wie eg denn fein fol in der Ehriftenpeit, daß man beides treibe, doch ein jegliches in feinem Wefen und Würden gehe, daß man zuerft und am höchften den Glauben an Chriſtum führe, darnach auch die Werfe treibe. Weil nun der Evangelift Johannes durch und dur den Hauptartikel aufs gewal- tigfte getrieben hat, und billig daher der höchſte und fürnehmfte Evangelift geachtet ift, fo haben Matthäus, Lukas und Mareus au das andere Stüf für fih genommen und ftarf getrieben, Daß es auch nicht vergeffen würde, alfo daß fie in dem Stück beifer denn Sohannes, und er wiederum in jenem.‘ 4536 Achtes Bud. die fie fo gern hinter dem Mantel philofophifcher Reflexion, den fie fi) umgeworfen hat, verbergen, nicht ſowohl vor fremden Augen, als vielmehr vor ihren eigenen verbergen möchte, recht auffallend zu Tage. — Die Analyfe des ‚‚chriftlichen Bes wußtfeins,’’ von welcher diefe Theologie ausgeht, konnte nicht umhin, auf eine relative Unabhängigkeit diefes Bewußtſeins von der befondern Art und Weife der Ueberlieferung jener That— fachen , auf welche diefes Bewußtfein ſich zurücdbezieht, hinzu— führen. Solche Unabhängigkeit geht aus der Gefchichte dieſes Bewußtfeins allzu deutlich hervor, ald daß fie von einer Theo— vie, die auf dem Wege der Gefchichtbetrachtung zu ihm zuruͤck— gefommen war, hätte verfannt werden mögen. Das hriftliche Bemußtfein ift älter, als die biblifchen Urkunden, denn es hat diefen Urkunden ihr Dafein gegeben; es hat fih Sahrhunderte lang in der Chriftenheit erhalten und fortgepflanzt, während jene Urkunden der großen Mehrzahl der Chriften unzuganglich und fo gut wie unbekannt waren”); ja die Neformatoren felbft, *) Bekanntlich hat auf biefe beiden Umſtände, der frühern yproteftan- tiſchen Buchſtabenorthodoxie gegenüber, zuerft Leffing mit durch— greifender Energie aufmerkſam gemacht. Eben Leffing aber war es, der zugleich das Wefentfiche des Chriftenthums auf ganz ähnliche Weife, wie fpäter Schleierntacher, in das Gefühl feste. Freilich erwächſt hieraus für die neuere kirchliche Theologie noch Fein Recht, ven großen Mann zu den Ihrigen zu zählen; er that Dies (vergl. die merkwürdige Aeußerung in einem Briefe an feinem Bruder, Werke Bd. 28, ©. 336) yuuraorızos, nicht doyuarızac, das chrift liche Gefühl, welches er als Hiftorifches Prineip der Kirchlichen Dog— matik bezeichnet, ift nicht das feinige; wie hätte er fonft den Na— than fehreiben können? Bon dem gemeinen Nationalismus. unter- fehted ſich Leffing nicht durch eine größere Hinneigung zum Hifto- rifch- Pofitiven des Chriſtenthums, fondern durch feine großartige Ahnung des fpeculativen Gehalts der firchliden Dogmatik, Dieſe Ahnung mochte fih, wenn er ſich im Allgemeinen darüber ausſprach (vergl, ebendaf. ©. 223 ff), in die Anerfennung nur des Scharfe finns und der Confequenz, die man an dem alten Syſtem zu be= wundern habe, Fleidenz im Beſondern und Einzelnen war eg, wie unter andern feine Bertheidigungen des Begriffs der Dreteintgfeit gegen Wiffowatius, des Begriffs der ewigen Höffenftrafen mit Leib- sig gegen Eberhard, des Tutherifchen Begriffs ver Euchariſtie auf Deranfaflung des Berengar von Toms u. fr we zeigen, offenbar Philoſophiſche Schlußbetrahtung. 457 welche. den: Glauben und das Lehrfoften der Kirche ſo aus— druͤcklich und fo ausſchließlich auf fie begründen wollten, haben, wie wir fo eben‘ zeigten, hin und wieder durch die That einen Algemeinbegriff des Chriſtlichen als Nichter über das Beſon— dere und Einzelne jener Urkunden anerkannt, — Hiermit nun fchien der philologiſchen und hiſtoriſchen Bibelkritik in ihrem vollen Umfange freie Bahn gebrochen 5 und bekanntlich hat der— ſelbe ausgezeichnete Theolog, den wir vorhin als den Wieder— herſteller und Neubegruͤnder der evangeliſch-kirchlichen Theologie erwaͤhnten, durch ſeine eigene kritiſche Thaͤtigkeit und durch den Einfluß, den ſein Vorgang auf Andere uͤbte, dieſe Kritik auf einen Standpunct wiſſenſchaftlicher Freiheit erhoben, den fie, da dem älteren Rationalismus der gefchichtliche Sinn und. das ge- Ihichtliche Intereffe abging, welche, Dazu erfordert werden, noch zu Feiner frühern Zeit erreicht hattes — Allein. wenn: aud) das Recht der Kritik bier im Allgemeinen vollftändig anerkannt, wenn auch den Ficchlichen Lehren von der Infpiration und der Autorität der Bibel eine Deutung gegeben ward, gegen welche jelbft die unbefangenfte hiftorifche und. philofophifche Forſchung kaum etwas einzuwenden finden Fann*): fo. Fonnfe doch) in ihrer wirklichen Ausübung diefe Kritik keineswegs eine durchgängig, unbefangene und vorurtheilslofe fein. Hatte die. alte Theologie mit Verzichtleiftung auf alle wilfenfchaftliche Kritik durch. den— felben Gewaltitreih, durch welchen fie ein für allemal jene fchroffe Scheidewand zwifchen Heiligem und Profanem 308, die Unfehlbarfeit der Schrift zu einem Glaubensartifel gemacht, ohne, richtig verftanden, weder dieſe Unfehlbarkeit aus dem Slaubensinhalte, noch umgekehrt die Wahrheit des Glaubens: mehr als dies, es war der Achte, philofophifhe Wahrheitsfinn, Sp auch ging die Tendenz Leffings bei feinem Iinternehmen einer Eyan- geltenfritit unverkennbar auf den Gewinn eines großartigen, ächt hiſtoriſchen Chriſtusbildes; wiewohl ſich freilich nicht wohl abfehen Yaßt, wie er diefe Abficht durch die Ausführung feiner „Neuen Hy— pothefe über die Evangeliſten“, wenn er zu einer ſolchen gekommen wäre, würde haben realiſiren können. *) Das Lehrftück „von der heiligen Schrift” in Schleiermarhers Glau— benslehre (zweite Ausg. $. 128—132) gehört, philoſophiſch betrach— tet, zu den reinften und vorzüglichſten Partien des ganzen Werkes. 458 Achtes Bud. inhalts aus der Unfehlbarkeit der Schriftausfagen beweifen zu wollen: fo liegt es dagegen im Sntereffe Diefer neueren, mag fie immerhin die relative Unabhängigkeit des Glaubensin- haltes von dem Zeugniffe der Schrift ausdrüdlicher noch, als jene alte, anerkennen, doch, wiederum ausdrüdlicher, der Schrift ſich als Organes für den wiffenfchaftlichen Beweis der gefchicht: lichen Thatfachen zu bedienen, auf welche diefer Glaube fich zurücbezieht, Mit großer Weisheit hatte zwar Schleiermacher den Umfang derjenigen Thatfachen, die ald wefentlicher Glau— bensinhalt gelten follen, fo eng, als es fih nur irgend thun ließ, zufammenzuziehen fich beflifjenz; er war in dieſem Stres ben fo weit gegangen, daß er fogar Thatfachen, welche nach— weislih zu allen Zeiten ald das unentbehrlichfte Fundament diefes Glaubens betrachtet worden find, wie die Auferftehungs- thatfache, zu unwefentlichen und gleichgültigen herabfegen wollte. Allein auch bei der größten Piberalität in Bezug auf alles ge— ſchichtliche oder mythifche Bei- und Nebenwerf, — eine Libe— ralität, die indeß, in Folge ihrer oben bezeichneten Zendenz, die theologifehe Schule unferer Zeit ungleich mehr zu befchräns fen, als zu erweitern Neigung zeigt, — bleibt denn doc für diefe Schule die Aufgabe, auf dem Wege der Kritik und Wiſ— fenfchaft dem perſoͤnlichen Chriftus ein folches gefchichtliches Dafein zu vindiciren, durch welches die Grundanfchauung dies for Theologie, die Reinheit und Vollendung des in allen übri- gen Sterblichen getrübten Gottesbewußtfeins in der Perfon Ehrifti, gerechtfertigt wird. Diefe Aufgabe aber fteht, ganz ab» gefehen fürerft von der gefchichtlichen Wahrheit oder Unwahrheit diefes Ehriftusbegriffes, zu dem reinen Begriffe hiftorifcher Kri- tie und Wiffenfhaft ſchon darum in einem Misverhältniffe, weil fie großentheils negativer Art it, den Nero der gefchicht- lichen Erkenntniß Chriſti einerfeit3 in Lie Vorausfekung, daß Fein anderer Sterblicher daffelbe gewefen fei, was er, anderer- feit3 in den Beweis einer wefentlich negativen Eigenfchaft, nämlich der Sündlofigfeit, ſetzt; wahrend doch weder dieſer Beweis aufrrein gefchichtlihem Wege geführt, noch jene Vor— ausfegung durch gefchichtliche Kritif gewonnen werden kann. In diefem Umftande nun haben wir in der That den Auf: ſchluß gefunden über den wahren Grund jener fonderbaren Philofophifhe Schlußbetrahtung. 459 Vorurtheile der gegenwärtig vorwaltenden Evangelienkritif, mit welchen wir in unfern obigen Büchern fo vielfach zu kaͤmpfen hatten. Die Borliebe faft der gefammten neuern Theologie für das johanneifche Evangelium im Gegenfaße der fynoptifchen ſtammt einzig daher, weil man zum Behufe des Syſtems eben eines andern Chriftus bedarf, ald des gefchichtlihen. Man bedarf eines Chriftus, der, in ein räthfelhaftes, myftifches Halb: dunfel, oder, was damit ziemlich auf eins hinausfommt, in einen unnahbaren Pichtglanz gehüllt, gar nicht Anſpruch darauf macht, eine menfchlih wahre, gefchichtlich begreifliche Geftalt zu ſein; eines Ghriftus, deffen Thaten und Neden, durch einen glaubwürdigen Berichterftatter, wo möglich durch einen Augen— und Ohrenzeugen bezeugt, ihn als ein von allen andern Mens ſchen, auch den reinften und erhabenften, nicht bloß der Größe, fondern der Qualität und Gattung nad) durchaus verfchiedenes, von aller menfchlihen Schwäche freies, wiewohl auch nicht ge— rade durch ſolche Eigenfchaften, die menfchliher Weife Be— wunderung, Ehrfurcht und Liebe erweden, in nicht auch fonft vorfommendem Maße bevorzugtes Wefen fchildern. Man be: darf, um es furz zu fagen, nicht eines wir klich en Ehriftus, ſon— dern eines Chriſtusbegriffs, eines folchen, der, zugleich als hiſto— rifche Erfcheinung in Geftalt einer wirklichen Perfonlichfeit beglau: bigt, die Eigenfchaften in fich vereinigt, welche das Syſtem der ‚Slaubenslehre auf dem Wege der Abftraction und Analyfe des von ihm vorausgefesten ‚‚hriftlichen Bewußtſeins,“ nicht auf dem Wege lebendiger gefchichrliher Anfhauung, für feinen Chriſtus gewonnen hat. Wo fände fich dies alles beffer bei- fammen, al$ in dem Chriſtus des Sohannesevangeliums, ihm, der, wie wir hinreichend gezeigt zu haben glauben, fein ideales Da— fein einer ganz entfprechenden Operation des abſtract reflectiren: den Denfens und der Begriffsanalyfe zu danken hat, wie jener Chriftusbegriff. der modernen Theologie? — Daß, auch abge: fehen von der Unvollftändigfeit und Unlebendigfeit des Chris fiusbildes, die Gefhichtserzählung diefes Evangeliums der un« befangenen wiffenfchaftlichen Auffaffung vielfache Schwierigkeiten darbietet, dies kann ihm bei jener Anficht kaum zum Nachtheil ges reichen, da es derfelben um ein Elares, durchaus verftändliches gefchichtliches Bild eben nicht zu thun iſt, noch zu thun fein 460 Achtes Bud. kann, fondern fie fih gar: gern Dabei beruhigt, wie es neuerlich einer der verdienftvollften und zugleich der freifinnigften Forſcher diefer Schule gethan hat, die Herftellung eines folchen Bildes als das „‚mißlichfte und bedenklichſte Geſchaͤft““ auszufprechen und, „zu dem Eifer, mit dem man fich auf diefes Fach gewor— fen, den Kopf zu ſchuͤtteln.“ Am wenigften Anftoß nimmt man an den Widerfprüchen gegen die Gefchichtserzählung der Synoptiker. In Bezug auf diefe nämlich kann die Schule, gemäß der von ihr mit fo vielem Eifer ergriffenen Traditions— hypotheſe, eine um fo auftichtiger gemeinte Liberalität beweifen, je weniger gar manche, der aus der fynoptifchen Darftellung fo klar, fo mächtig und fo fprechend’hervortretenden gefchichte lichen Züge mit den: theoretifchen Vorausfeßungen ihres Chris ſtusbegriffs zuſammenſtimmen wollen. — Freilich ‚pocht man bei diefem allem hauptfächlich auf die Außern, hiſtoriſchen Beweiſe für die Aechtheit des Sohannesevangeltums; man möchte fich gern überreden, daß man, nur dem Gewichte diefer Beweife nachgebend,, die wiffenfchaftliche Chriſtologie hauptfächlich auf diefe Urkunde begründet habe. Allein bet mehrerer Unbefangen- heit würde man fih nieht haben verhehlen koͤnnen, daß es nicht die Kraft der äußern Zeugniffe ft, — dieſe fprechen für die Authentie und die gefchichtliche Autorität der fynoptifchen Evan— gelien nicht im mindeften ſchwaͤcher, ſondern im Gegentheil noch beträchtlich ftärfer, und dennoch trägt man Fein Bedenken, , die Unmpglichkeit der Authentie des erften dieſer Evangelien ' einzugeftehen und dem zweiten einen Charakter zuzufchreiben, welcher mit feiner Abfaffung durch einen unmittelbaren Apoſtel— ſchuͤler ſchlechterdings unverträglich ift, — fondern einzig und allein das theoretifche Intereffe, was zu jener Bevorzugung des vierten Evangeliums hat veranlaffen koͤnnen. Es laͤßt ſich nicht mehr verfennen : die Befreiung der bib- liſchen Kritit von hemmenden Vorurtheilen, die Herbeiführung der Möglichkeit einer Acht hiftorifchen Erfenntniß jener. That— fachen, auf welche fich der chriftliche Dffenbarungsglaube bezieht, ift ein und Dderfelbe Act mit der Erhebung von dem Stand: puncte der bisherigen Firchlichen VBorausfeßungen zu dem vor— ausfeßungslofen philofophifchen Standpuncte. Der gegenwaͤr— tigen evangelifchen Theologie hat dieſe Erhebung, welche, wenn Philoſophiſche Schlußbetrachtung. 461 nicht dem ganzen Umfange ihrer Folgen, fo doch ihrem einfa— hen Principe nach die große Thatfache des Geifteslebens der neuern Zeit bildet, zwar nicht fremd bleiben koͤnnen; fie hat durch Die reflectivende Stellung, welche fie fich in Bezug auf dad Firchliche Princip gegeben hat, durch die Art und Weife ihrer wiljenfchaftlichen Behandlung diefes Princips, endlich durch das wenigitens formal und theoretifch won ihr gegebene, auch im Einzelnen zur thätigen Ausübung gebrachte Zugeftändniß der freien hiftorifchen Kritik Diefelbe anerkannt und fich ihrer Einwirkung nicht entzogen. Aber fo lange fie den kirchlich-con— feffionellen Standpunct behaupten will, den fie, dem frühern Nationalismus: gegenüber, feit Schleiermacher wieder eingenome - men bat, fo lange ift und bleibt fie gezwungen, die philoſo— phiſche Emancipation mehr oder weniger ausdrädlich, die hiſto— riſch-kritiſche in einem beträchtlichen. Theile ihrer wichtigften Grgebniffe und Folgen zu verläugnen. Cine wirklich unbefan- gene geſchichtliche Anficht namentlich der evangelifchen Ueber: lieferung, — der übrigen Bibelkritik, insbefondere der alttefta= mentlichen, bleibt in der neuern Theologie, vermoͤge ihres laxe— ren Princips, ein freierer Spielraum, — hat zu ihrer nothwen— digen Vorausfegung das Anerfenntniß, daß es außerhalb dieſer Veberlieferung und unabhängig von ihr Kriterien ihrer Wahr— beit, nicht blos der Form, fondern auc dem Inhalte nach giebt; die Firchliche Theologie aber kann nur in Betreff der Form, nicht in Betreff des Inhalts folche Kriterien zugeben, da fie über den Inhalt, hierin von der philofophiichen Kritik abweichend, feine Ideen ald Richter erkennt. Cine Kritik aber, die fich nur auf die Form, auf die Außere und innere Beglau— bigung der Ueberlieferung als folcher, abgefehen von dem Inhalte, erftrectt, bleibt nothwendig unvollfftändig; ja fie leiftet auch das niht wirklich, was fie zu leiften verfpriht, da wenigftens die innere Form der Ueberlieferung auf das unzertrennlichfte mit dem Inhalte verwachfen und von der Vefchaffenheit des In— halt abhängig if. So gewiß demnach ein philofophifches Verſtaͤndniß des Inhalts das unentbehrlich integrivende Mo— ment jeder philologiſch-hiſtoriſchen Kritik eines Schriftwerkes oder einer geſchichtlichen Urkunde bildet, vorausgeſetzt nur, daß der Gegenſtand derſelben überhaupt in das Bereich der philo— 462 Achtes Bud. fophifchen Betrachtung fällt: fo gewiß wird auch die Kritif der evangelifchen Ueberlieferung ihr Princip zwar in der Vor— ausfeßung der Möglichkeit eines freien, idealen Maßftabes für den chriftlichen Dffenbarungsinhalt haben müffen, ihre Voll— endung aber nur in dem gründlichen, Acht wiſſenſchaftlichen Gebrauche diefes Maßſtabes finden Tonnen. Die Fritifche Bearbeitung der evangelifchen Gefchichte, welche wir in unfern obigen Büchern gegeben haben, ift, wir brauchen ed kaum noch ausdrüdlich zu erinnern, wefentlic aus dem Bewußtfein diefer Forderung hervorgegangen, die hiftorifche philologifche Kritik diefer Gefchichte, jene Kritif, welche, wo fie fi) von den theologifchen Vorausfeßungen, die in der: bis— herigen wiffenfchaftlihen Behandlung derfelben den pofitiven Kern zu bilden pflegten, vollig losgemacht hatte, für ſich allein durchaus nur negativ ausfallen Fann, durch das philoſophiſche Drincip der Idee, die ein Kriterium auch für den Inhalt der evangelifchen UWeberlieferung abgiebt, zu ergänzen. Sie hat, wie es einem Werke gefchichtlicher Forſchung und Darftellung ziemt, die idealen, fpeculativen Vorausſetzungen, welche für fie an die Stelle jener theologifchen treten, nicht in Geftalt be- grifflicher, dogmatifcher Allgemeinheit an’ die Spitze ihrer Ber trachtung geftellt, fondern fie hat diefelben überall nur im Eine zelnen hindurchbliden laffen. Denn eben dies ift dad Vorrecht des Gefchichtichreibers und Gefchichtforfcherd vor dem philofo= phifchen Syftematifer, daß er die Ideen, welche der lektere methodifch zu entwideln und zu erweifen hat, ald ein fchon in dem allgemeinen Geifte vorhandenes Gemeingut Aller betrachten und ſich begnügen darf, nur andeutend von fern auf fie hinzu— weifen. — Wie indeffen der Gegenftand, von dem es fih in diefer Arbeit handelt, recht eigentlich auf der Spike oder dem Gipfel, und mithin an der Grenze alles Gefchichtlichen ſteht: fo befindet fich die wiffenfchaftliche Darftelung defjelben in Be— zug auf jene idealen VBorausfegungen, auch abgefehen davon, daß in Folge der herrfchenden Kirchenlehre die Anwendung fol cher Vorausfegungen auf ihn überhaupt oder zum großen Theil beftritten zu werden pflegt, nicht durchaus in dem Falle anderer Gefhichtfchreibung. Bereits im Verlaufe jener Darftellung haben wir öftere und ausführlichere Abfcehweifungen dieſes Inhalts Philofophifhe Schlußbetrachtung. 463 nicht umgehen. fünnen, als bei andern gefchichtlichen Gegen: ftänden folche, fei es für zuläffig, oder für erforderlich würden haben gelten koͤnnen. Diefelben Umftande veranlaßten uns auch hier, am Schluffe des Ganzen, zu einer ausdrüdlichern Aus— ſprache dev philofophifchen Denkweiſe, in deren Licht wir une fern Gegenftand zu erkennen. fuchten, und zwar nach ihrem doppelten Gegenfaße zunäachft zwar, wie wir im Borftehenden thaten, gegen die abweichenden theologifchen Vorausſetzungen; fodann aber, was wir jest noch Fürzlich zu thun Willens find, gegen eine gewiffe, fogleih von und näher zu bezeichnende philoſophiſche Denkweiſe, insbefondere gegen ein befonderes philoſophiſches Syftem, von deſſen Standpuncte aus der Inhalt der evangelifchen Ueberlieferung in einem, jenen theologifchen Vorausſetzungen zwar direct entgegengefesten, aber zum wahren philoſophiſchen Verſtaͤndniſſe Dderfelben unſerer Ueberzeugung nach nicht minder unzureichenden Sinne bearbeitet worden iſt. Der Forderung, welche wir ſo eben an eine aͤcht kritiſche Behandlung der evangeliſchen, fo wie jeder geſchichtlichen Ue— berlieferung ftellten, daß fie zu ihrem Hintergrund philofophifche Ideen habe, welche für den Inhalt folcher Ueberlieferung ein entfprecpendes Kriterium abgeben, wie für das formale Mo- ment die philologiſch-hiſtoriſchen Kriterien find, — dieſer For— derung ſcheint das „Leben Jeſu“ von Strauß recht ausdruͤck— lic) nachzukommen, indem fein Verfaſſer nicht nur im Allge— meinen von philofophifhen. Studien ausgegangen zu fein und denſelben „die innere. Befreiung des Gemuͤths und Denkens von gewiſſen religiofen und dogmatifchen Vorausſetzungen“ zu verdanken befennt, ſondern auch am Schluſſe feines Werkes insbeſondere die „Ideen“ nachzuweiſen fich beſtrebt, welche der evangeliſchen Ueberlieferung ſo ihre Form, als ihren Inhalt be— ſtimmt haben. Dennoch haben wir über dieſe Arbeit im Be— ginn und Verlauf der unfrigen ſtillſchweigend und ausdruͤcklich das Urtheil fällen müflen: daß fie jene negative und formale Kritik zwar, welche ihrem allgemeinen Princip nad) auch von der neuern firhlihen Theologie anerkannt wird, reiner und voll: ftändiger, als es in Folge ihrer particulariftifchen Vorausſetzun— gen die leßtere vermochte, zu Ende geführt hat, daß aber jene pofitive Seite der Achten Kritik ihr abgeht, welche A604 Achtes Bud. nicht ble3 auf der Anerkennung einer Abhängigkeit des In— halts won der Sdee im Allgemeinen, fondern auf der Tebendigen Durhdringung der Auffaffung diefes Inhalts mit dem Be- wußtfein der Idee beruht. Sie hat von der gefammten evan- gelifchen Gefchichte eine durchaus ſkeptiſche Anſicht aufgeſtellt; nicht als ob fie die Hiftorifche Grundlage, welche diefe Gefchichte imn der Perfonlichkeit Sefu von’ Nazareth hat, ganzlich verläug- nete, fondern infofern dieſe Perfönlichkeit durch ihre Fritifchen Berneinungen zu etwas Unbefanntem und Unerfennbarem, der weiteren wiffenfchaftlichen Forſchung, die fih vielmehr nad) ihr in diefen Verneinungen felbft vollenden fol, Unzugaͤnglichem wird. — Hiervon kann der Grund nur in der Befchaffenheit der Ideen liegen, welche von ihr an die Spike (äußerli an den Schluß) der Unterfuchung geftellt worden find. Wir wol- Yen diefe Befchaffenheit insbefondere nach der Geite hin zu be- Yeuchten fuchen, wo Strauß mit der ihm eigenthümlichen Ge— ftaltung feiner leitenden Ideen nicht einfam ſteht oder nur einen kleinen Kreis von Belennern feines philofophifchen Syſtems zu Genoffen hat, fondern wo diefe Seftaltung als das letzte Er- zeugniß, als der Abfchluß einer Richtung des Denkens über religiöfe, ja auf gewiffe Weife über gefchichtliche Gegenftande überhaupt betrachtet werden fann, welche zu deri vorhin be zeichneten kirchlichen nicht blos den durchaus berechtigten Ge- genfaß der philofophifchen Forſchung als folcher, fondern einen Gegenfa von gleicher Einfeitigfeit bildet, einen folchen alfo, deffen Ausgleihung vielmehr wir jest als unfere Aufgabe be- trachten müffen. Die Richtung, welche wir hier meinen, tft diefelbe, welche zu bezeichnen der Name des Nationalismus erfunden wor- den iſt; ein Name, der gemeinhin freilich nur auf gewiffe be- fondere Grfcheinungen dieſer Richtung "angewandt zu werden pflegt, folche, die einem niederen, außerlichen Gebiete des Den- tens angehören und von dem folgerecht durchgeführten, philo— Tophifchen Nationalismus felbft verläugnet und verworfen wer- den. Der eigentliche Nationalismus, — deffen Begriff in rein philofophifher Beziehung zu beftimmen nicht im Bereich unſe— ver gegenwärtigen Betrachtung liegt, — Fann in religiofer Bezie- bung als diejenige Denfart bezeichnet werden, welche das Heil Philoſophiſche Schlußbetrahtung. 465 in der VBernunftidee als folcher findet, in dem abftracten Be- wußtfein derfelben und in dem Thun und Handeln nach An: leitung dieſes Bewußtfeins, welched man, von diefer praftifchen Seite betrachtet, das moralifche zu nennen pflegt, Es liegt in der Natur diefer Denkart, daß fie allem Gefchichtlichen als folhem im firengen Wortfinne Feine religidfe Bedeutung zuge: ſtehen kann; denn Gefchichte ift eben das Andere und Aeußere der Idee, das in der Zeit Wechfelnde, Entftehende und Ver— fhwindende, während die Idee das zu aller Zeit fich Gleich: bleibende, das Ewige und Unveränderliche ift. Doch giebt es auf theologifchem Gebiete einen gewilfen laxeren und unbe= flimmteren Rationalismus, der fich mit der vorhin gefchilderten modern =Ffirchlichen. Theologie gar wohl bis zu einem gewiffen Grade befreunden, ja nicht felten in Faum merklichen Uebergän- gen mit derfelben verfchmelzen kann. Gerade nämlich jene ausschließliche Werthſchaͤtzung der abflracten Wernunftidee und die damit verbundene Verachtung des Gefchichtlichen kann nur allzuleicht verleiten, derjenigen gefchichtlichen. Erfcheinung, in welcher man, freilich nur in Folge eines hiſtoriſchen Irrthums, den erften Durchbruch der Wernunftidee im menfchlichen Ge— fhlehte zu erbliden meint, eine Bedeutung zuzugeftehen, die von jener, welche das ‚‚chriftliche Bewußtfein‘’ ihm zugefteht, wenigftend dem oberflächlichen Betrachter wenig Unterfchied zeigt. In der Abneigung gegen die religiofen Phänomene des Heidenthbums begegnet fi diefer Nationalismus ohnehin mit der Kirchenlehre, und fo ift denn gar leicht ein Vorwand ge- funden, jenes VBernunftbewußtfein in den Namen des „chriſt— lichen“ mit einzufchließen, oder den le&teren auf das erftere zu übertragen, Geht überdied folche Denfweile, wie ed z. B. in Soh. Gottl. Fichte der Fall war, zu einer tieferen fpeculativen Faſſung ethifcher und religifer Ideen in der fubjectiv »tdealifti- ſchen Geftalt, welche diefem Nationalismus am nächften liegt, fort, fo erbliden wir ganz diefelben Phänomene eined halb Friz tiihen, halb dogmatifchen Zuruͤckkommens auf die Bibellehre, einer Vorliebe insbefondere für das johanneifche Ehriftenthum, wie in jener modernifirten Kirchenlehre. — Anders jener confe= quente, ſtreng wiffenfchaftlihe Nationalismus, der fich neuer dings in dem Strauß’fhen Werke auf feine a getrieben »». I 30 466 Achtes Bud. hat. Diefer läßt die Geſchichte nicht unbeachtet zur Seite liegen; eben fo wenig misbraucht er fie, um unter dev Maste eines gefchichtlichen Factums, welches herfommlicher Weife der Menge ein Gegenftand religiofer Verehrung if, feine Vernunft: idee einzufchwärzen, fondern er dringt mit Elarem und feſtem Blicke in die Gefchichte ein, aber nicht, um ein Pofitives von veligiofer Bedeutung aus ihr zu gewinnen, fondern um allen gefhichtlichen Inhalt ohne Unterfchied der Einen, allein felig machenden Wernunftidee zu opfern. Die Spee felbft ift ihm zwar nicht, wie dem gemeinen Rationalismus, ein Außerzeit liches in dem Sinne, daß ihre VBerwirflihung innerhalb der Zeit dem Zufalle und dem guten Willen der Einzelnen anheim— gegeben wäre. Sie ift ihm vielmehr ein nach der einen Seite zu aller Zeit Wirfliches, nach der andern im Laufe der Zeit zu immer höherer, volftändigerer Verwirklichung Kommendes; allein eben darum, weil ihre Verwirklichung eine über die Individua— lität und Freiheit der Einzelnen erhabene Nothwendigfeit ift, verhält fie fich gegen alle einzelnen Grfcheinungen der Gefchichte gleichgültig; das Einzelne als Einzelnes kann weder der Idee, noch ihrer Wirklichkeit, fei e8 etwas geben oder etwas nehmen; feinem Cinzelwefen gebührt deshalb ein Cultus ähnlicher Art, wie er nur für die Idee in Anfpruc) genommen wird. Der religiofe Eultus, welcher gefchichtlih der Perfonlichkeit Sefu Chrifti gewidmet worden ift, wird von diefem Rationalismus nicht blos, wie von dem früheren, auf Die Bedeutung zurücdges führt, welche die Lehre Chrifti für" das Erwachen des Bewußt— feind der Vernunftidee, fondern mehr noch auf die Bedeutung, welche fein Schiefal als ſymboliſcher Ausdrud für das Schick— fal der Idee im menſchlichen Gefhleht und in der Weltge- Ihichte überhaupt hat. Dabei hütet fich derfelbe jedoch forg- fältig, eine ähnliche Verwechslung, wie jener frühere Rationalis- mus zu begehen, und in diefem Schidfale etwas mehr, als eben nur ein zufälliges Sinnbild, fo wie in der Lehre als fol- cher etwas mehr, als nur eine unter den vielen auch zu früs herer Zeit umd unter, andern Volfern vorkommenden Regungen und Xeußerungen des Vernunftbewußtfeins zu finden. Die nähere, individuelle Befchaffenheit diefer Negung, fo wie die näheren, individuellen Motive und Geftaltungen diefes Schick— \ Philofophifhe Shiußbetrahtung. 467 ſals haben für ihn Fein Intereffe mehr, weil die Idee als folche . aus ihnen feinen Zuwachs zu erhalten vermöchte; höchftens koͤnnten fie ein Gegenftand für die fubjective Neugier oder etwa für diejenige Wißbegier, die auf den hiftorifchen Cauſalzuſam— menhang als folchen gerichtet ift, fein. Das einzig ernfte, veliz gidfe oder religios woiflenfchaftliche Intereffe in Bezug auf fie befteht für ihn darin, fie durch hiftorifche Kritif von allem demjenigen zu entkleiden, womit die Berwechälung mit der Idee als folcher fie ausgefehmüct hat, damit auf diefem Wege auch umgekehrt die Idee aus der Verunftaltung, die fie durch jene Verwechslung erlitten hat, gereiniget hervorgehe. Wiefern wir die philofophifche Aufgabe, die wir uns hier, der hiftorifchzkritifchen, welche unfere vorangehenden Bücher zu löfen fuchten, entfprechend, in diefem gegenwärtigen leßten zur Lofung vorgefegt haben, — wiefern wir diefelbe, in der gegen- wärtig fo beliebten Weife, welche in der Theologie, wie vorhin erwähnt, hauptfächlic die WVermittelung der Gegenfäge, die man als RationaliSmus und Supernaturalismus zu bezeichnen pflegt, zu erfireben gewohnt ift, auch unſererſeits als die Wermitte- lung eines Gegenfaßes bezeichnen wollten: jo würde diefer Gegen- fa derfelbe fein, deſſen Glieder ſich uns jest beiderfeitö nach ihrer wahren Befchaffenheit ergeben haben. Nicht. die Philofophie als folhe, oder die philofophifche Religion überhaupt, das heißt in unferm gegenwärtigen Zufammenhange jede folche Denk: weife, welche einen idealen Allgemeinbegriff des Wahren und des Guten anerkennt und foldyen dem Particularismus der po— fitiven Kirchenlegre entgegenftelt, bildet zu der Kirchenlehre einen Gegenfaß folcher Art, deſſen Vermittelung von uns zu fuchen wäre, — diefen Gegenfaß haben wir vielmehr in un— ferm gefammten Werke ftillfchweigend, im gegenwärtigen Buche auch ausdruͤcklich, als einen Gegenfaß von Feineswegs zweifel- hafter oder getheilter Berechtigung anerkannt; — fondern allein der Nationalismus, d. h. wie wir deffen Begriff zu faf- fen ung veranlaßt fanden, diejenige Denfweife, welche denfelben ausfhlieglihen Eultus, den die Kirchenlehre den hiftori- fhen Grundthatfahen des Ghriftentbums widmet, auf die Bernunftidee als ſolche überträgt. Die kirchliche Theo— logie des Proteftantismus iſt ſeit geraumer Zeit theils wirklich 30* 468 Achtes Bud. fhon im diefen ihren directen Gegenſatz umgefchlagen, theils fortwährend auf dem Sprunge, dahin umzuſchlagen; nur diefer ihr unmittelbarer Gegenfaß, aber nicht das ‚höhere Vermittelnde hat in fie felbft einzubringen, hat fi innerhalb des fcheinbar von dem kirchlichen Princip beherrfchten Gebietes eine Stelle zu verfchaffen: gewußt. Dies kann befremdend fcheinen, aber es iſt nicht anders als natürlich. Denn jedes begrenzte Prin- cip ift innerhalb feiner Sphäre zwar dem Umfchlagen in fein Gegentheil ausgefest, um aber fich mit dieſem Gegentheile zur höhern Einheit zu durchdringen, worin beide Theile als Mo: mente zugleich erhalten und «aufgehoben find, muß‘es über fich felbft hinausgehen und, zu etwas anderm werden, als es inner: halb jenen Sphäre eben iſt. Das Princip jener Heilslehre, Die alles Heil nur in den Glauben an Ehriftus fest, kann, ohne fih mit Bewußtfein felbjt aufzugeben, gar wohl ſich auf einen Punet hingetrieben finden, wo ihm. unter den Händen: diefer Glaube einen ganz andern Inhalt annimmt. Diefe Erfahrung ift es, welche wir an ſo manchen Geftalten des Nationalise mus machen, welche gar eifrig für ihre Lehre die kirchliche Dig- nität in Anfpruch nehmen, obgleich fie mit der urfprünglichen Kirchenlehre faftinichts, als eben nur die Ausfchlieglichkeit ge— mein haben, mit der fie die Begriffe, welche durch fie an die Stelle der chriftlichen Glaubensbegriffe eingedrangt worden find, als die allein heilbringenden geltend machen. Auch das voll- endete rationaliftiiche. Syflem, von deffen Standpunct neuer dings jene negative Kritik der. evangelifchen Geſchichte ausge- gangen ift, bleibt für ſich felbft weit davon entfernt, ſich in religiofer Hinfiht von dem kirchlichen Principe des Proteftan: tismus loszutrennen. ES behauptet vielmehr auf das ausdruͤck— lichfte feine Identität mit diefem Princip und fest allen Unter: ſchied von demfelben einzig nur in die Form oder in das Organ des Ausdrucks, indem es ganz das Nämliche in Form des Begliffs oder. des reinen Gedankens zu enthalten vorgiebt, was jenes in Form des Gefühls und der VBorftellung enthalte. — Das ächte Eichliche Bewußtfein kann fi) zwar über den Unterfchied, ‘ja über den Gegenfab und Widerſpruch des Nationalismus in jeder diefer Geftalten auf die Länge nicht täufchenz es firäubt fi) gegen fie und flüchtet vor ihnen, Schuß ſuchend, je mehr » Philoſophiſche Schlußbetrachtung. 469 und mehr zu den alten geſchichtlichen Geſtalten der Kirchen— lehre zuruͤck. Aber ſelbſt ſchon durch und durch ergriffen, wie wir oben zeigten, von den Ideen, aus deren Hypoſtaſirung der Rationalismus hervorgegangen iſt, entbehrt es der Kraft, den— ſelben wirklich aus der kirchlichen Gemeinſchaft auszuſtoßen; es ſieht ſich ihn in feiner Mitte zu dulden um fo mehr genoͤthigt, je mehr gerade dem freien Eindringen jener Sdeen der Proteftanz tismus gegenwärtig fein unlaugbares geiftiges Uebergewicht über das Fatholifche Kirchenthum verdankt, welches er zur Beit feiner Entftehung allerdings nicht diefen, an denen damals umgekehrt die Fatholiihe Welt reicher war, fondern der Wiedergeburt und erneuten Belebung des chriftlichen Urprincips zu verdanken hatte. Se aufrichtiger und unumwundener wir nun unfererfeits, abweichend hierin von dem herifchenden Zeitgeifte, welcher theils in dem Wiederanfchluß an die alte Kirchenlehre, theild in dem philofophifchen Sectenwefen, nicht felten auch wohl in beiden zugleich feine Rettung vor der immer drohender hervortretenden Bereinzelung und Bereinfamung der Geifter ſucht, das Unge— nügen befennen, welches wir fowohl an den kirchlichen als an ben tationaliftifchen Principien zu nehmen nicht umhin fünnen: um fo dringender wird für und die Pflicht, die Befchaffenheit jenes Princips wenigftend im Allgemeinen anzudeuten, auf wel: ches allein wir, indem wir nur ihm die Möglichkeit einer Acht hiftorifchen Auffaffung der gefhichtlihen Dffenbarungsthatfachen zu verdanken befennen, zugleich den Begriff einer: ächt philofo- phiſchen Neligiofität für die Gegenwart, und die Ausſicht auf eine dereinftige Regeneration auch des Firchlichen Chriftenthums für die Zukunft, zu begründen wagen. Daß daſſelbe auf gewifle Weiſe zwifchen der. Kirchenlehre und dem Nationalismus in der Mitte ftehen werde, haben wir bereits erwähnt; Doch nicht der— geftalt, als fei es efleftifch aus beiden zufammengefekt, fondern durchaus in der Weife, wie jedes Höhere die Gegenfäße der niederen Stufe in fich vereinigt, und, indem es beide in ſich faßt, für fich felbft ein Mittleres zwifchen beiden zu bilden ſcheint. Mit dem Nationalismus iſt unferm Princip gemein: fhaftlih die Anerkennung von Ideen des Wahren, des Scho: nen und des Guten, welche dem menſchlichen Geifte nicht erſt 470 Achtes Bud. von außen offenbart werden, fondern deren Keim, urfprünglich in ihn gelegt, durch feine eigene, felbfiftändige Thaͤtigkeit zur wiffenfchaftlichen Erfenntniß entwidelt wird; es ift ihm ferner damit gemein das Zugeftändniß, daß die fo entwidelten Ideen das einzig gültige Kriterium wie fir alles menſchlich Gute, Schöne und Wahre, fo auch für jede göttliche Offenbarung als foldhe bilden. Mit der Kirchenlehre dagegen hat es die Leber: zeugung gemein, daß Seelenheil und Seligfeit des Einzelnen fowohl, wie auch des Gefchlechtes, nicht auf den Ideen als folchen, auf ihrer rein theoretifchen Erfenntniß oder ihrer felbft- bewußten, praftifchen Anwendung, fondern in Wahrheit auf dem Beſitz eines Höheren beruht, welches zwar nach den Ideen zu beurtheilen, aber nicht mit den reinen Vernunftideen als folchen zu verwechfeln ift. Der Unterfchied, den wir hier zuletzt ausfprachen, fo wich— tig er für und it, da auf ihm das gefammte Princip unferer religiofen Erfenntniß beruhen foll, fcheint Vielen ein offenbarer Widerfprud. Sie koͤnnen ſich naͤmlich von der Meinung nicht losmacen, das, wonach ein Anderes beurtheilt werde, muͤſſe nothwendig höher und größer als dieſes Andere fein. Man ſieht, wie aus dieſem Vorurtheile aller Nationalismus, ver fpeculative nicht minder, wie der gemeine, ftammt. Indem wir uns naͤmlich jenes idealen Maßſtabes bewußt werden, wel— chem alles Goͤttliche und Menſchliche zu unterwerfen wir uns berechtigt wiſſen, ſo entſteht damit zugleich die Taͤuſchung, als ob wir in ſolchem Maßſtabe das wahrhaft Höhere, als alles dadurch zu Beurtheilende, befäßen. Und doch brauchte man fi ganz nur fireng an das Bild zu halten, welches man aus- fpriht, wenn man die Vernunftideen einen Maßftab der Be- urtheilung nennt, um gewahrt zu werden, wie unbegründet jenes Vorurtheil ift. Es ift wahr, in dem Begriffe des Maßſta— bes, biefen ganz nur ald den Außerlich quantitativen genom— men, für welchen das Wort zunächft erfunden ift, liegt die unendliche Möglichkeit der Anwendung auf alle denfbare Ge: genftände, bie überhaupt einer quantitativen Schaͤtzung, einer Meſſung faͤhig ſind, moͤgen ihrer ſo viele, oder moͤgen ſie ſo groß ſein, als ſie wollen, — liegt mithin als Potenz, als ideelles Moment die quantitative Unendlichkeit, waͤhrend jeder Philoſophiſche Schlußbetrachtung. 471 einzelne Gegenſtand, der mit dem Maßſtabe gemeſſen wird, ſo groß er auch ſei, doch immer nur ein endlicher, ein begrenzter iſt. Uber als reale, wirkliche Größe betrachtet, braucht dev Maßftab mit nichten größer zu fein, als das durch ihn Ge- mefjenez; im Gegentheil, ex ift feinem eigentlichen Begriffe nach gar Feine wirkliche, ſondern nur eine ideelle Größe; wiefern er aber durch eine wirkliche Größe dargeftellt wird, fo pflegt man es bequemer zu finden, durch VBervielfachung eines Kleineren das Größere, als umgekehrt durch Zertheilung eines Groͤßeren dad Kleinere zu meffen. Dies nun übertragen auf die Geltung der Vernunftideen als Maßſtab für die Beurtheilung eines, fei es menfchlicher oder göttlicher Weife geſchichtlich Gegebenen, fo . läge offenbar wenigfiens in dem Bilde als folchem fein Grund, die Ideen ald das Höhere, denn dieſes, zu feßen, fondern das Nächftliegende wäre, wie es ohnehin der natürliche Menfchen- verftand thut, nur diefes Gegebene ald das wirklich Wahre, Schöne und Gute, die Ideen aber nur ald die abftracte Mög- lichfeit eines Wahren, eines Schönen oder Guten zu betrachten. Wollte man aber hier auf einer ftrengeren Scheidung der Be— griffe beharren und etwa mit Platon fagen, der wirkliche Koͤr— per fei groß nicht Durch feine Wirklichkeit, fondern durch feine Zheilnahme an dem Begriffe der Größe, eben fo auch fei das geiftig Wirkliche wahr, ſchoͤn oder gut nicht durch feine Wirk lichkeit, oder durch das, was es außerdem noch ift, fondern durch feine Zheilnahme an den Begriffen der Wahrheit, der .. Schönheit und der Güte; nun aber fei der Theil nothwendig geringer als das Ganze, folglich das einzelne Große minder groß ald die Größe, das einzelne Wahre, Schöne und Gute minder wahr, Schon und gut als die Wahrheit, die Schön: heit und die Güte: fo würde zwar erft hiermit die Frage in dasjenige Gebiet der Betrachtung erhoben, welchem jie in Wahrheit angehört, in das fpeculativphilofophiiche; allein wir brauchten uns auch hier noch Feineswegs fogleich gefangen zu geben. Es würde ſich naͤmlich dann vor allen Dingen fragen, ob auch, jener Begriff der Theilmahme ein richtig angewand- ter ſei; ob das Verhaͤltniß des Dafeins der Ideen in dem Wirklichen zu ihrem Sein außerhalb diefes Wirtlichen in der That dem Verhältniffe, welches zwifchen Theil und Gaͤnzem 4 Achtes Buch. obwaltet, gleichgelten kͤnne. Dieſen Zweifel aufwerfend, koͤnn⸗ ten wir uns auf den eben genannten Denker ſelbſt berufen, der in einem ſeiner tiefſinnigſten Werke eben dies als Einwurf ge— gen die Ideenlehre erheben laͤßt und nicht beantwortet, wie doch die Ideen ohne Widerſpruch gegen ihre innerſte Natur als theilbar gedacht werden koͤnnen“)? Insbeſondere aber koͤnnten wir fragen, ob nicht eben hierin ein wefentlicher Fortfchritt der, bekanntlich mehr dem Empirifchen, der natürlichen und gefchicht: lihen Wirklichkeit zugewandten Philofophie des Artfioteles über den reinen Sntellectualismus oder Nationalismus feines großen Vorgängers anzuerkennen fei, daß dur) fie an die Stelle des Gegenfakes von Theil und Ganzem der höhere Ge— genfaß von Dynamis und Entelechie gefeßt, und das Ver— haͤltniß der Wirklichkeit zu den Ideen ftatt als „Theilnahme“ (medskıs), vielmehr. als „Kraftaͤußerung“ (Eveoysın) oder als „Vollendung“ (Evrarzysıa) beftimmt worden ift? Daß in dem Begriffe jener Sdeen, welche als reine Ber: nunftideen das Object des rationaliftifchen Cultus find, an fich ſelbſt ſchon die Forderung einer über ihr begriffliches Dafein hinausgehenden Verwirklichung liegt; daß fie ihre Bedeutung recht eigentlich nur darin haben, eine Wirklichkeit eben ‚zu for— dern, die noch nicht mit ihnen felbft gegeben iſt: dies wird, genauer betrachtet, von dem Nationalismus felbft anerkannt, wenn er feine VBernunftideen, namentlich nach der fittlichen Seite hin, vorzugsweife in der Geftalt eines Sollens, eines Gebotes, eines Fategorifchen Imperativs vorzuftellen liebt. Wenigſtens die Idee des Guten, wenn nicht auch die übrigen Ideen, faßt der Nationalismus als eine folche, die etwas außer fih, nämlic) ein Handeln oder Thun vernünftiger Weſen fordert, um.fich darin zu verwirklichen; er faßt fie eben ald das Geſetz folhen Thuns und Handelns, als das mo— valifche oder Sittengeſetz. Damit fcheint er fi dem natürlichen Bewußtfein wieder anzunähern, welches den Begriff des Guten nur ald Prädicat* realer Dinge, nicht felber als Subftanz Fenntz welches, damit etwas gut fei, von ihm fordert, daß es eben fei, d. h. Daß es eine von dem bloßen Begriffe *) Plat. Parmen. p, 131 s. Philofophifhe Schlußbetrahtung. 473 noch unterfchiedene Nealität oder Wirklichkeit habe. Aber indem der Nationalismus feine Verwirklichung des Guten nicht un- mittelbar in ein Sein, fondern ausdrüdlich nur in ein Handelt fest: fo bleibt diefe Annäherung unvollfommen und fchlägt fich wieder in das Gegentheil zurüd. Thun, Handeln, macht als foldes noch Feine Wirklichkeit aus; es geht aus von einem Sein und geht hin nad) einem Sein, es ift die Erſcheinung eines Seins, welches ihm als feine Urfache zum Grunde liegt, und es ift die Beziehung auf ein Sein, in welchem es als in feinem Zwecke fein Ende erreicht. Hier nun iſt es, wo der Nationalismus ftatt diefes Seins, in weldhem alles Thun ſei— nen Anfang und fein Ende hat, welches alfo, wenn die Idee des Guteh in einer fittlihen Subſtanz realifirt werden follte, als ſolche Subftanz, als das Gute auszufprechen fein würde, wiederum die reine Vernunftidee oder den abftracten Begriff des Guten unterfchiebt. Das Handeln wird ihm zu einem Handeln um des Handelns felbft oder, was gleich viel, um des Gefeßes willen; es hat Feine Bedeutung weder als Offens barung, noch etwa, wie man es auch faflen fonnte, als Ent- flehungsproceß, als organifcher Act des Werdens einer fittlichen Subdftanz, einer folchen, die mehr, ald nur eben das Sittenge— ſetz felbft, das reine Sollen wäre. Oder, dafern fich diefe Denfart ja zur Anerkennung einer folchen Subftanz entfchließt, — wie fie in ihrer neueften fpeculativen und confequent durche geführten Geftalt dies wirklich gethan hat: — fo trägt fie dann Sorge, diefe Subftanz, ald den „‚objectiven Geiſt““ in dem reinen Erfennen al$ dem „‚‚abfoluten Geifte”’, die Idee des Guten in der Idee der Wahrheit ald ihrem Höheren wieder aufzulöfen, und fomit auf einem Umwege eben dahin zuruͤckzu— kommen, wohin der moralifche oder der ibealiftifche Rationalis= mus auf einem Fürzern Wege gelangt war. Diejenige Sphäre indeß, aus welcher fich die Erläuterung über das wahre Verhältniß der Vernunftideen zu den Dffenba= rungsthatfachen am bequemften entnehmen läßt, wie wir denn auch in der That an ihe den allgemeinen, philofophifchen Ra- tionalismus in unferer Zeit am häufigften haben fcheitern fehen, ift die aftbetifhe. — Das fih aus Begriffen, aus Theorien feine Kunſt- oder Dichterwerke conflruiren laſſen, Daß jedes 474 Achtes Bud. Kunftwer?, jeder fchöne, erhabene, oder in irgend einem Sinne äfthetifch bedeutende Gegenftand, wenn man verfucht, ihn in Begriffe aufzulöfen, allegeit einen in der Rechnung nicht auf: gehenden Reſt zurücdläßt und zur Begriffsbeftimmung als fol cher ein durchaus incommenſurables Verhaͤltniß zeigt: dies ift eine der Wahrheiten, deren Erkenntniß in die Geiftesbildung unfers Zeitalter8 am tiefften eingedrungen ift und ſich am frucht- barften und folgenreichften erwiefen hat. Dabei aber wird durch fie eine allgemeine theoretifhe Erkenntniß des Schönen Teineswegd ausgefchloffen; es wird nicht ausgefchloffen, daß es nicht einen Allgemeinbegriff, eine Sdee der Schönheit gebe, die, bereitö vor der Anfchauung des einzelnen Schönen Gegenftandes, 3. B. des einzelnen Kunftwerfes, im Geifte des Beſchauers gegenwärtig, von demfelben ald Kriterium gebraucht wird, wo— durh er den Gegenftand als einen fchönen erfennt und im Vergleich mit andern folchen Gegenftänden ihm die Art und das Maß feiner Schönheit beftimmt. Das Vorhandenfein fol- ches idealen Maßftabes wird auch von denen nicht geläugnet, welche die Möglichkeit einer ftrengen Wiffenfhaft von der Kunft und der Schönheit in Zweifel ziehen; denn auch diefe bleiben fih doch immer bewußt, daß die Schönheit als ſolche nicht dergeftalt am einzelnen Schönen haftet, daß fie mit diefem Ein- zelnen zu Grunde gehen müßte, oder daß von der Kenntniß und Anerkennung dieſes oder jened Einzelnen die Kenntniß und Anerkennung des Schönen als folchen abhängen follte. Hier, auf Afthetifchem Gebiete, giebt es Feinen Particularismus der Art, welcher, dem Particularismus der Kirchenlehre auf religid- fem Gebiete analog, für einen einzelnen empirifch gegebenen Gegenftand den Eultus in Anſpruch nahme, welcher nur der Idee der Schönheit in der Zotalität ihrer Verwirklichungen zus fommt, gleich als habe es vor diefem Gegenftand Feine Schon beit gegeben, oder als fer erft mit ihm die Schönheit in die Welt geboren worden. Eher haben fih hin und wieder Re— gungen und Anklänge des entgegengefeßten Extrems, nämlich eines Afthetifchen Nationalismus gezeigt. So finden wir fchon bei Platon eine Geringfchagung des einzelnen Schönen, na— mentlich in Poefie und Kunft, dem an und für fich felbft Schoͤ— nen oder der Idee der Schönheit gegenüber, zu welcher, ber I ; Philofophifhe Schlußbetrahtung. 475 Einen, unfinnlichen und ewigen, diefer Denker den Blick von dem vielen, dem finnlich und irdifh Schönen emporzuheben auffordert. Auch der neuefte fpeculative Nationalismus, vb» gleih er, ähnlich wie dort in Bezug auf die Idee des Guten oder die fittlihe Subftanz, auch die Verwirklihung des Be: griffs der Schönheit nur im einzelnen und befondern ſchoͤnen Gegenftande, namentlich im Kunftwerfe, nicht in Abrede ftellt, fuht doch, ganz eben fo, wie dort, die Idee der Schönheit felbft in die angeblich höher ftehende Idee des abfoluten Wiſ— fens oder der Wahrheit aufzulofen und dadurch in der That die jelbftftandige, über die Allgemeinheit des Begriffs hinaus gehende Würde und Bedeutung der fehonen Gegenftändlichkeit zu vernichten. Allein, wie ſchon bemerkt, auf diefem Gebiet weniger, als faft auf irgend einem andern, bat, in neuerer Zeit wenigftens, feitdem man von der Kunft einen höhern Be: griff gewonnen hat, als jenen, nach welchem nur in didattifche und moralifche Zwede, oder gar nur in Convenienz und todte Regelmaͤßigkeit ihr Wefen gefeßt ward (welche Anficht man gleichfalls ald eine Art von aͤſthetiſchem Nationalismus, analog etwa dem gemein moralifchen Nationalismus auf religiofem Gebiete bezeichnen Fann), der Rationalismus Wurzel fafjen wol- len. Wenn von irgend einer Seite her, fo dürfen wir daher von diefer die Hoffnung hegen, daß von hier aus fich die rich» tige Einficht über das wahre VBerhältniß zwifchen Idee und lebendiger Wirklichkeit auch für das religioſe Gebiet wird ges winnen laffen. Wir hoffen dies um fo mehr, ald es nicht einmal die bloße Analogie der beiderfeitigen Gebiete ift, was zur Uebertragung der innerhalb des einen derfelben erworbenen Einficht auf das andere berechtigt, fondern fogar ein unmittels bares Berhältniß zwifchen ihnen obwaltet, ein unmittelbares Hereinfpielen äfthetifher Anfhauungen und Begriffsbeftimmuns gen in das religiüfe Begriffsgebiet, fo daß ohne Beruͤckſichti— gung jener diefes leßtere gar nicht in feiner eigentlichen und vollen Wahrheit erfannt werden Fann. So befremdend es nämlich beiden entgegengefekten Par- teien, der rationaliftifchen nicht minder, wie der kirchlichen, ſo— fern fie in der fchroffen Abgefchloffenheit der beiderfeitigen Prin- cipien beharren, erfcheinen mag: fo bedenfen wir uns dennoch 476 Achtes Bud. nicht, alles Ernftes die Behauptung aufzuftellen, daß jede acht - hiftorifche Würdigung goͤttlicher Offenbarungsthatfachen von einer Afthetifchen Anfhauung diefer Thatſachen ausgehen muß. Ausgehen, fagen wir, nicht, auf fie zuruͤckkommen oder in fie aufgehen, denn nichts Fünnte mehr unferm Sinne widerftreben, ald eine Auflöfung oder Berflüchtigung der religio: fen Ideen in die Afthetifchenz; folche würden wir vielmehr ge— radezu als abgottifch und frewelhaft bezeichnen müffen. Der tiefe Zufammenhang aber des aͤſthetiſchen Momentes mit dem religiofen, welchen wir allerdings behaupten, und hier etwas ausführlicher erörtern zu müffen glauben, ftellt ſich uns zunächft in den heidniſchen Neligionen dar. Zu diefen wird fich, unferer innigften Ueberzeugung zufolge, das acht philofophifche Bekenntniß des Chriftenthbums eine von Grund aus. andere Stellung geben, als das bisherige Firchliche fowohl, wie auch rationaliſtiſche; weshalb wir fie auch hier einer nähern Beruͤck— fihtigung zu würdigen für feine Abirrung von unferm Zwecke halten. Man hat die heidnifchen Religionen, insbefondere die ebelfte und gebildetfte derfelben, die hellenifche, gar nicht felten Schon als Afthetifche oder Kunftreligionen bezeich- netz meift in dem Sinne jedoch, daß damit ein Aufgehen und Berfchwinden der religiofen Subftanz, ein Eindrängen der poe= tifchen Lüge an die Stelle der religiofen Wahrheit gemeint wurde. Solche Meinung kann nur auf einer mangelhaften Auffaffung des Afthetifchen, des dichterifchen Momentes im Heiz denthume felbft beruhen; wäre lebteres in feiner Wahrheit und Totalität erfaßt worden, fo würde es unfehlbar auch zur Ans fhauung der hinter ihm fich verbergenden religiofen Subftanz, religiofen Offenbarung hingeführt haben. Man erfaßte, — auch die geiftreichften Verſuche einer Ausführung dieſes Begriffs der äfthetifchen oder Kunftreligion, weiche unfere philofophifche Literatur aufzuweifen hat, find von diefem Fehler nicht frei, *) — *) Wir meinen hier unter andern ingbefondere den fonft in manchem Betracht fehr verdienſtvollen Abſchnitt über die griechifche Neligion in Hegels religionsppflofophifchen VBorlefungen, fo wie auch ſchon die frühern Andeutungen in der „Phänomenologie des Geiſtes.“ Schon der von Hegel gewählte Ausdruck Kunftreligion ftatt Des Philoſophiſche Schlußbetrahtung. 417 man erfaßte mehr oder weniger immer nur das Einzelne ftatt des Ganzen; man fehte die Afthetifchereligiöfe Bedeutung des Hriechifchen Heidenthums in die einzelnen Kunftwerfe und Kunft: richtungen, ftatt fie, worin fie allein vollftändig gegeben ift, in den Mythus und den den Mythus ergänzenden und zur leben: digen Gegenwart machenden Cultus zu feßen. Es ift hier der Ort, uns etwas beflimmter über den Be— griff und die allgemeine Natur des Mythus und der mythi- hen Religionen zu erklären, nachdem wir in unferm zweis ten Buche diefen Begriff, in feiner befondern Anwendung, bie er allerdings auch auf den gefchichtlichen Urfprung und bie Urkunden des Chriftentyums leidet, mehr nur vorausgefeßt, als, worauf es und hier ankommt, fein Wefen überhaupt vom all: gemeineren Standpuncte aus erklärt haben. — Der Weg, auf welchem wir im gegenwärtigen Zuſammenhange zu diefem Be- griffe gelangt find, veranlaßt uns, vor allem auf einen Umftand aufmerffam zu machen, der in den bisherigen Erörterungen def: felben fo gut wie ganz überfehen worden ift, wiewohl er von allen gerade der geeignetfte fein möchte, in die äfthetifchzreligiofe Doppelnatur des Mythus die richtige Einficht zu eröffnen. Der Mythus it, — dies pflegt man im. Allgemeinen zuzugeflehen, obgleich man über die Art und Weife, wie fich das Afthetifche Moment an ihm bethätigt, meift unterläßt eine nähere Nechen- fchaft zu geben, — wefentlich äfthetifcher, dichterifcher Natur, nicht beftimmt für die gemeine, fondern für die begeifterte, poetische Anfchauung, für eine ſolche Anfchauung, welche feinen Snhalt nicht als ein Factum, welchem aͤußere, hiſtoriſche Wirk— richtigeren mythiſche Religion bezeichnet den Sitz des Misver— ſtändniſſes, ſo wie er auch den unter den Theologen ſeiner Schule ſo häufig vorkommenden Rückfall in die rationaliſtiſch-chriſtenthümliche Geringſchätzung des religiöſen Heidenthums begünſtigt hat. Gründ— lich durchdrungen von der ächten Anſchauung auch der religiöſen Subſtanz des Heidenthums zeigen ſich dagegen unſere großen deut— ſchen Dichter, vor allen, auf Winkelmanns und Herders Vorgang, Göthe, aber auch Schiller (namentlich die „Götter Griechenlands“ dieſes Dichters gehören zu den edelſten und ſpre— chendſten Zeugniſſen dieſer Anſchauung), und unter den neuern kei— ner in höherm Maße, als Fr. Rückert. 8: Achtes Bud. Yichfeit zufäme, fondern ald eine Geſtalt, aus der ein Geift foriht, wenn ihr auch Feine aͤußere Wirklichkeit entipricht, zu nehmen weiß. Auf der andern Seite jedoch ift der Mythus nicht ein wirkliches poetiſches Kunſtwerk, nicht eine fertige, ausgearbeitete Geftalt, zu der man, mit einigermaßen ausgebil- detem Organe für Tünftlerifche Auffaffung, nur herantreten dürfte, um fie zu faffen und jenen Eindrud von ihr zu gewin- nen, den ein Dichterwerk als folches hervorbringen will. Er verlangt vielmehr, um in feiner poetifchen Bedeutung aufgefaßt zu werden, eine nachfchaffende, ergänzende Thätigkeit im Ge— müthe des Beſchauers, ein Eindringen in fein Inneres, wo, fo fcheint es, die geftaltenden Kräfte verborgen liegen, die den fonft fo troden und dürftig feheinenden Außeren Umriß beleben, ausfüllen, und eine feelenvolle Bewegung ihm einhauchen follen. Mangelt diefe Thätigkeit, jo Fann es nicht fehlen, daß nicht der Inhalt des Moythus für eine Außere Gefchichtsthatfache, oder, wenn die hiftorifche Einficht in die Unwahrheit dieſer ver- meintlichen Thatfache aufgegangen ift, für eine lügenhafte Er- Dichtung, für eine Entftelung und Verfaͤlſchung der Geſchichte genommen werde. — Der neuern Zeit ift, wie fchon bemerkt, die Einfiht aufgegangen, daß die wahre Natur des Mythus allerdings eine andere und tiefere iſt; allein wie nur Wenigen eine hinreichende productive Kraft gegeben ift, um ohne jene äußeren Unterftüßungsmittel, wie den Griechen der Eultus und die Kunft fie boten, eine wahrhaft lebendige Anfchauung der Mythen in fich hervorzurufen: fo ift man bis jest nur felten auch theoretifch dazu fortgegangen, die wahre Natur jener gei- fligen Elemente zu ergründen, welche, in dem Mythus nieder- gelegt, unter dem Volke, welches den Mythus erfand, die Be: trachtung der mythifchen Geftalt zur Afthetifchen und dichtert- fhen Anfhauung zu fleigern vermochte. Diefe Elemente nam: lich find nicht etwa, wie die Altern und neuern Mythendeuter faft jederzeit auf einem. oder dem andern Wege dahin zurüd- fommen, von abftract verftändiger, begrifflicher Natur, mit Be— wußtfein und Abfiht in die Mythen wie in ein allegorifches Bild oder Raͤthſelwort hineingelegt; fondern fie find eben we: jentlih religidfer Natur, Elemente göttlicher Offenbarung, welche fih auf eine dem gemeinen Verſtand unbegreifliche, nur 4 Philoſophiſche Schlußbetrahtung. 479 der begeifterten Anſchauung zugängliche Weife in die leicht ſkiz— zirten Geftalten und Erzählungen hineingebildet haben. Hält man diefen Gefichtspunet feft, fo fällt auch in ſitt— licher Beziehung auf den Inhalt der mythifchen Religionen ein ganz anderes Licht, als in welchem man diefelben gemeinhin zu betrachten pflegt. Die heftigen Anklagen, die man noch) immer von dem angeblich chriftlihen, in der That aber meift vielmehr vationaliftifchen Standpuncte aus gegen dad Heiden— thum ſammt und fonders, nicht etwa nur gegen einzelne Geftal« tungen deifelben, Solche, deren wirkliche Verkehrtheit und tiefe Bösartigfeit auch von und nicht geläugnet werden foll, erheben hört, — der Borwurf pofitiver Unfittlichkeit, der auf dem my» thifchen Götterglauben als ſolchem haften fol, — fie alle be— ruhen auf dem Verkennen des dichterifchen Momentes der My— thologie, auf der Vorausſetzung, ald nehme die Mythologie, ftatt der poetifchen Anfhauung, einen trodnen Geſchichtsglau— ben für fih in Anſpruch. So freilich, wenn ihnen eine nur unmittelbare und buchftäbliche Geltung zugefchrieben wird, kann man an fämmtlichen Göttergeftalten und Goͤttergeſchichten, hel— lenifchen nicht minder wie barbarifchen, nur Anftoß, aber in feiner Hinficht eine Erbauung, nicht einmal eine äfthetifche, ges ſchweige eine religiofe und fittliche finden, und von dieſem Standpuncte angefehen, it die unbedingte Verwerfung derſel— ben, wie fie früher das kirchliche Chriſtenthum, fpäter der Ra— tionalismus ausgefprochen hat, die Entgegenftellung des heid- niſch Neligiofen zu dem chriſtlich Religiofen wie des Böfen und Verkehrten zu dem Guten und Wahren, nur die reinfte Conſequenz und Folgerichtigfeit. Verſteht man es Dagegen, jene Geftalten fo zu nehmen, wie fie von den Künftlern und Dichtern Griechenlands genommen worden find, welche durd) die Freiheit, mit der fie über die Götterfage Schalten, genuglam zeigen, daß ihr Götterglaube ganz etwas anderes, als ein bor- nirter Köhlerglaube war, — wie fie zur Zeit der blühenden Poefie und Kunft und noch vor diefer Zeit von dem helleni= ſchen Volke überhaupt in jenem Cultus der edelften SittlichFeit und der reinften Menfchlichfeit, worin diefes Volk allen andern, auch den chriftlichen Volfern vorangegangen ift, genommen wor— den fein muͤſſen; — verfteht man es Überdies, von dem Stand» 480 Abtes Bud. puncte eines höheren wifjenfchaftlichen Bewußtfeind aus die re- Vigiöfen Ideen, die in jenen bichterifchen Sinnbildern niederge- Yegt find, zur Elaren, begrifflichen Einficht zu bringen: fo erhält dann das eredo, quia absurdum est, welches man fo oft in Bezug auf die paradoren Lehren des chriftlichen Kirchenglaubens ausgefprochen hat, auch in Bezug auf jene Götterfabeln feinen guten Sinn. Wir haben oben in unferer Deutung der evan- gelifchen Kindheitsfage ein Beiſpiel gegeben, in welcher Weiſe es gefchehen Fann, daß ein Achter und tiefer religiöfer Gehalt fih in dergleichen Dichtungen hineinbildet, welche der ungebil- dete oder der religios befangene Sinn für wirkliche Gefchichte nimmt. Auf dieſes Beifpiel müfjen wir hier Diejenigen zurüd- weifen, welche die von uns behauptete Möglichkeit eines folchen Gehaltes auch in den Mythen des Heidenthums etwa bezwei- feln wollen ). Wäre ed uns Dereinft vergonnt, auf folches Unternehmen einzugehen, fo. hoffen wir, daß ed uns gelingen würde, auf dem Wege. derfelben gefchichtlich = philofophifchen Deutungdmethode, die wir dort angewandt haben, in den Mythen namentlih der griechifchen Welt einen religiofen Gehalt nachzumeifen, der an Tiefe, Reichthum und fittlichem Adel dem religivfen Gehalt z.B. des Sudenthums, in welchem die mythiſche Darftellung auf einen engeren Umkreis befchränft war, nicht im mindeften nachfteht, ja, wenn wir unfere wahre Ueberzeugung ausfprechen follen, der in allen diefen Bezügen faft eben fo weit, wie in Bezug auf Poefie und Fünftlerifche ‚Schönheit, das Judenthum hinter fich zurüdläßt.— Daß näm- lih in dem le&teren die Grundidee und Grundwahrheit aller Religion zu einem verftändigen, auch dem gemein profaifchen Bewußtfein zugänglichen und immergegenwärtigen Monotheismus herausgearbeitet war, dies bleibt allerdings zwar ein demfelben eigenthümlicher Vorzug, den wir ihm keineswegs zu verfümmern *) Außerdem erlaubt fih der Verf. jedoch, auf feinen Aufſatz „zur Geſchichte des Unfterblicpfeitsglaubens untet den Griechen” in der „Zeitſchrift für Philoſophie und fperulative Theologie” von J. 9. Sichte (Bd. II, Heft I) zu verweiſen. Seine allgemeineren An- - fihten über diefen Gegenftand hat er ſchon früher in der Schrift „Ueber den Begriff, Die Behandlung und die Quellen der Mytholo— gie" ausgefprorpen, { ; Philoſophiſche Schlußbetrachtung. 481 gedenken, — auch dadurch nicht, daß wir etwa, wie Manche thun, ſolches monotheiſtiſche Bewußtſein als den griechiſchen Mythen im Hintergrunde ruhend, ihren geſchichtlichen Anfang und philoſophiſch-religioſen Kern bildend nachzuweiſen verſu— chen ſollten. Allein fo gern wir auch dieſes dem israelitiſchen Volke eigenthümliche Bewußtfein ein durch göttliche Offenba- rung im wahrhaften Wortfinne erleuchtetes nennen: fo müffen wir es für eine durchaus einfeitige, aus Firchlichen und zum Theil auch aus rationaliftifchen VBorurtheilen ftammende Betrachtungs- weife erklären, wenn man ausfchließlih auf diefen Monotheis- mus den Begriff der vordriftlichen Offenbarung befchränfen will. So wenig diefes Moment göttlicher Offenbarung ver- mocht hat, aus den Israeliten ein fittlich edleres oder geiftig begabtered Volk zu bilden, al3 die Griechen waren: fo wenig fommt ihm der That und Wahrheit nach ſolche Ausfchließ- lichkeit zu. Die Dffenbarungen der innerweltlichen, Dem menflichen Geifte eingeborenen, wiewohl noch nicht zur con— creten Geftalt einer individuellen Perſoͤnlichkeit herausgeborenen Gottheit, deren die Hellenen gewürdigt wurden, bilden wefent- lich zu ihm ein zweites, ergänzende! Moment, und find, auch in ihrer zeitwierigen Trennung von jenem erfteren, durchaus nicht für ein Niedered oder Geringeres, fondern eher für ein Höheres zu achten. Was wir hier über den Begriff und die Natur der my- thifhen Neligionen im Allgemeinen bemerft haben, das Fann zugleich dienen, worum es uns hier zunächft zu thun war, die Art und Weife deutlich zu machen, wie das Afthetifche Moment in dem Begriffe der Religion überhaupt, fo zu fagen, in die Mitte tritt zwifchen die rationale, begrifflihe Grundlage aller Religion und das durchaus Übervernünftige und zu den Be— griffen des Nationalismus ſich ſchlechthin incommenfurabel ver: haltende Moment, welches wir im engern Sinne das religife, das Moment göttliher Offenbarung zu nennen haben. Wir fehen, wie in den mythifchen Religionen das Bewußtfein de3 re— ligiofen Gehalte, das Verſtaͤndniß der religiofen Ideen durch— aus an die begeifterte poetifche Anſchauung geknüpft ift, welche in den Geftalten der Sage, nicht zwar auf diefelbe Weife, wie in wirklichen Kunftwerfen, fondern, eben wegen ihrer Verknuͤ— I. Bd. 31 482 Achtes Bud. pfung mit der religiofen Subftanz des Mythus, auf eine inner lichere, geheimnißvollere Weife niedergelegt ift. Die Fähigkeit, folche Anfhauung zu erweden, kann mit Necht ald ein Kriterium für die Aechtheit des religiofen Gehaltes der Mythen betrachtet werden. Wie der Mythus, in welchem die Keime folcher Anſchauung enthalten find, unter den Händen unempfänglicher Individuen oder Geſchlechter, die ihm, ſtatt jenes begeifterten GEindringens, einen todten Gefchichtsglauben widmen, zur Ab— götterei, zum Aberglauben wird: fo ift derjenige Mythus, dem folche Fähigfeit abgeht, von Haus aus nichts anders, als Abgötterei und Aberglaube. Aeußerlich betrachtet, koͤnnen ſich die Mythen beider Urt einander fehr ahnlich ſehen; ja es Füns nen fogar, mit den Augen des Verſtandes betrachtet, die My— then der letztern Art nicht felten einen Vorzug vor den erfteren zu behaupten fcheinen, wenn fie nämlich, wie in der gefchicht- lihen Wirklichkeit der mythiſchen Neligionen gar nicht felten der Fall ift, einen begrifflichen, rationalen Sinn mehr auf der Oberfläche, in der Weife allegorifcher Darftellung zur Schau tragen. Durch diefen Schein beftochen, ift e8 manchen For- fhern begegnet, die Mythologien 3. B. einiger morgenländi- fcher Völker wegen ihres vermeintlichen Tiefſinns, der aber in der hat nur eine trübe Miſchung von pbhantaftifcher Ueber: fchwänglichfeit und nüchterner Verftändigfeit ift, ungebührlich hoch zu flelen, und dagegen die Mythologie der Griechen als leichtfertige, nur der Schönheit, aber nicht der religidfen Wahr: heit huldigende Dichtung gering zu fhäsen. — Bon ſolchem Misverftande uns fern haltend, fehen wir an diefem Beifpiele der Achten mytbifchen Religion, wie die Schönheit als ein zwar irrationales, durch Feine Verftandes- noch Vernunft: begriffe zu erfchöpfendes, aber dennoch zugleich — im wahr: hafteften, d. h. in demjenigen Wortfinne, wo Idee wefentlich zugleich die begriffliche Allgemeinheit einfchließt und fchlechter: dings Fein hiftorifch Particuläres, dergleichen nach dem Firchli- chen Begriffe die göttliche Offenbarung wäre, bezeichnen Fann, — ideales Element ſich der religiofen Subſtanz anfchließt und zu einem, Vehikel göttlicher Offenbarung wird, Sie wird es, nicht in dem Sinne, als ob durch fie die religiofe Subftanz als eine in ſich felbft einfache und durchaus rationale, in die Philoſophiſche Schlußbetrahtung. 483 irrationale Sphäre finnlicher Aeußerlichfeit herabgezogen würde, — (fo müffen es freilich diejenigen mißverftehen, welche aus der mythiſchen Religion eine bloße Kunftreligion machen, als beftehe das Mefentlihe und Eigenthümliche diefer Neligion nur in der erfcheinenden, wirklichen Schönheit, in der Schönheit des Kunft- werfes als einzelnen und befonderen); — fondern in dem weit tieferen, daß die Fülle der göttlichen Offenbarung, welche zu tragen der bloße VBernunftbegriff unvermögend ift, fich, einem überfhäumenden Becher gleich, in das irrationale Clement der Schönheit ergießt. Daß es namlich an jeder einzelnen Stelle der mythifchen Religion nicht die erfcheinende Schönheit nur als jolche, fondern die religiofe Subftanz felbft ift, welcher jene den Bernünftbegriff überfteigende Fülle und Ueberſchwaͤnglichkeit angehört: Died wird eben dadurch bewiefen, daß nicht die außerlich erfcheinende mythiſche Geftalt für fich Telbft, gleich dem Kunftwerfe, das Schöne iſt, fondern daß fie erft durch das lebendige Wirken der in fie hineingelegten religiöfen Ideen im Geifte des Befchauers zur ſchoͤnen wird; was nicht der Fall fein Fonnte, wenn in der mythifchen Religion, fo wie Sene wollen, die religiofe Subftanz in der Schönheit auf= und ihrer felbft verluftig ginge. In entfprechendem Sinne, wiewohl nicht genau in dem namlichen, behaupten wir nun, Daß auch die hriftliche Offen— barung felbft, foviel ihr Verhältniß zu der rationalen Grund: lage aller Religion betrifft, einerfeit3 nad Analogie des aftheti- fhen Momentes zu beurtheilen ift, andererſeits die Afthetifche Anfhauung zu einem ihr eigenen, inwohnenden Momente hat. — Das Lestere würde Schon infofern behauptet werden müffen, als, wie wir in unferm zweiten Buche nachgewiefen haben, auch die mythifhe Anſchauungs- und Darftelungsweife inners halb ihres Bereiches allerdings noch flattfindet, und zwar nicht blos als ein zufälliges Bei- und Nebenwerk, als ein müffiger Schmuck oder Zierratl) an der religiofen Subſtanz und Wahr: heit ftattfindet, fondern ald das unentbehrliche Organ der An: knuͤpfung dieſer höchften aller Offenbarungsthatfachen an alle früheren, die'zu ihrem Organ entweder auöfchließlich, oder zum großen Theil den Mythus hatten. Auch die in den Mythen der evangelifchen Weberlieferung niedergelegten Ideen und Ans 31* 484 Achtes Bud. fhauungen find, obgleich fie nicht von Chriftus felbit, ja nicht einmal unmittelbar von den Apofteln herrühren, als Offenba— rungsthatfachen anzufehen. Sie find es genau in demfelben ‘ Sinne, wie der Acht religidfe Gehalt aller vorchriftlichen Mythen es ift, als eine, nicht einem Einzelnen, fondern dem ganzen Berein der Bekenner gewordene Eingebung oder begeifterte, durch die Hülle der Außern hiftorifchen Thatfachen zu dem inneren Wefen und Zufammenhang derfelben hindurchdringende Unfhauung Nur auf diefe Weife läßt fih das Wunder der Bedeutung diefer Mythen ſowohl fallen, ald auch er- Hören. Auch von ihnen nämlich gilt, was wir von den: helle: nifhen Mythen fagten, daß fie mit demfelben begeifterten, für die Myſterien des gefchichtlichsreligiofen Gehalts, der fi in ihnen verbirgt, empfänglien Sinne, welcher fie erzeugt hat, auch betrachtet und ergründet fein wollen. Auch fie müffen vor dem Auge des Geiftes zum lebendigen dichterifchen Bilde werden, damit ihr Gehalt fih in ihnen offenbarez oder vielmehr fie werden durch das Eindringen in ihren Gehalt, gleichviel ob diefer fürerft nur noch in frommer, gläubiger Ahnung, oder ob er in Elarer, begrifflicher Erfenntniß aufgefaßt werde, zu ſolchem Bilde. Nur in den Außerlichen Gefchichtsglauben aufgenom— men bleiben fie, gleich allen andern Mythen, todte Schein- thatfachen, ohne lebendigen, innerlih wahren oder äußerlich wahrfcheinlichen Zufanmenhang mit ihrer gefchichtlihen Umge— bung, ja mit fich felbft, mit der Natur der Dinge und den Geſetzen alles Gefchehens in unauflöslihem Widerfpruch. Indeſſen ift es, wie fchon angedeutet, Feineswegs aus— fohließlid die Gegenwart des mythifchen Elementes, worein wir die afthetifche Seite der chriftlichen Offenbarung fegen zu müffen glauben. "Um den ganzen Umfang der Geltung diefes Mo: mente auch innerhalb diefes Gebietes, um noch mehr den ganzen Umfang der analogen Bedeutung diefes Momentes für dad Wefen und die Natur auch der chriftlihen Dffenbarung zu überbliden, müffen wir von einer Bemerkung ausgeben, deren Inhalt und deren Folgen fich freilich noch beträchtlich weiter, als über den hier in Rede ftehenden Punct erftreden.— So ent: fhieden wir gerade durch diefe Anerkennung des äfthetifchen Momentes uns in Widerfpruch gegen die Kirchenlehre zu feßen Philofophifhe Schlußbetrahtung. 485 ſcheinen: fo finden wir uns nichts deftoweniger, eben indem wir daran gehen, diefem Momente feine Stelle anzuweifen, ge= nöthigt, in einer anderen, noch ungleich umfangreicheren und Durchgreifenderen Beziehung ung auf die Seite diefer Lehre und gegen den Nationalismus, gleichviel in welcher Geftalt derfelbe auftrete, in Gegenfab zu ſtellen. Gine Grundverfchiedenheit diefer beiden entgegengefegten Standpuncte befteht nämlich darin, daß von der Kirchinlehre der wefentlihe Kern und Gehalt der chriftlichen Offenbarung in die gottmenfchliche Perſoͤnlichkeit des Heilandes felbft, in fein Thun, feine Schidfale und fein ge: fammtes Dafein, von dem Nationalismus dagegen nur in feine Lehre, in die von ihm ausgefprochene religiöfe und fittliche Wahrheit gefegt wird. Wäre letzteres das richtiger fo hätte das Afthetiiche Moment hier unftreitig Feine Stelle. Dann würde vielmehr der Gegenſatz diefer ‚‚offenbaren Religion““ zu der: früheren „Kunſtreligion“ eben fo zu ftellen fein, wie ihn das neueſte Syftem des fpeculativen Nationalismus geftellt hat, daß nämlich die zuvor in die finnliche Aeußerlichfeit der Kunft- anfchauung verfenft gemwefene „Idee“ hier auf eine Stufe er— hoben werde, wo fie diefes Mediums entbehren fünne, indem fie, noch nicht zwar in der Neinheit des ‚‚Ipeculativen Gedans kens“, aber doch in der diefe Neinheit vorbereitenden Geiftig- feit der „religioſen Vorſtellung“ ausgefprochen werde. Sft dagegen der Kern auch diefer Offenbarung, wie wir ein Ent- fprechendes ſchon oben von der mythiichen vorausfesten, eine über die Begriffsform als folhe hinausgehende Subftantialität des in die Welt und die Menfchheit hineingeborenen Gottes— geiftes; ift diefe Subftantialität hier noch vollfommner, als bei der mythifchen Offenbarung ſolches der Fall war, mit der gei- ftigen Subftanz des Menfchlichen vereinigt, dergeftalt vereinigt, das die Perfonlichkeit eines einzelnen Individuums für die der Form und dem wejentlichen Inhalte nach vollendete Dffenba- rung jenes Göttlihen gelten darf: fo wird es nicht nur als möglich, fondern es wird auch als nothwendig und in der Na— tur der Sache begründet auszufprechen fein, daß diefes Indi— viduum auch der Afthetifchen Anfchauung eine Seite darbiete, von welcher das Göttliche in ihm zugleich nach feiner Identität mit dem Ööttlihen der vorchriftlichen, mythifchen Offenbarung, 486 Achtes Bud. und nach feiner von allen anderen es an aiheiheifien Eigen: thümlichFeit erkannt werde. Die Perfonlichkeit Sefu, wie fie ſch in der ee Ueberlieferung darftellt, hat wirklich dieſe Seite, und es tritt diefelbe in diefer Ueberlieferung mit einer Kraft und Entfchie: denheit hervor, vermöge deren ihre Macht nicht felten auch von ſolchen empfunden worden ift, die fich über die religiüfe Bedeu- tung dieſer Perfönlichkeit Feineswegs Ear geworden find, oder, in rationaliſtiſchen Vorurtheilen befangen, der Perſon als fol- cher eine religiofe Bedeutung keineswegs zugeflehen wollten. Mehr noch, als diefe Vorurtheile, hat fich der Anſchauung und Anerkennung des Afthetifchen Momentes die Dogmatifche Nebel- bülle hinderlich erwielen, welche von den älteften bis auf Die neueften Zeiten ſich um das reine Charafterbild dieſer göttlichen Perfonlichkeit gelegt hat. Schon die Vermengung mythiſcher Elemente mit den gejchichtlichen in den ſynoptiſchen Evangelien bildet gewilfermaßen einen Anfang diefer Hemmung. Denn wenn auch die dort erzählten Mythen für fich felbft auf das allervollftändigfte von jenem Afthetifchen Elemente durchdrungen find, fo Tonnen fie, als wirkliche Gefchichte misverftanden, fih doch keineswegs mit dem geſchichtlichen Chriftusbilde zu einer Geftalt verfchmelzen, die für die Anfchauung eine Ginheit und Ganzheit bildet. Noc weit empfindlicher aber wird das Bild, welches troß diefer Vermengung jeder einigermaßen em- pfängliche Lefer noch immer aus den ſynoptiſchen Gvangelien Davonträgt, durch die Eindrüde geftort, ‚welche er von dem Sohannesevangelium erhält. Der Chriftus der Synoptiker ift eine im wahrhafteften Wortfinne plaftifche Geftalt, in Elaren, reinen und fcharf begrenzten Umtiffen vor das geiftige Auge des Be- ſchauers tretend, in dem Ehriftus des Sohannes erfcheinen die feften Umriffe diefer Geftalt durch fremdartige Beimifhung verfchoben, ihre lebendigen Farben durch Neflerion abgebleicht. Nicht, als laͤug— neten wir, daß man aus der Lectüre des Sohannesevangeliums nicht auch einen gewiffermaßen äfthetifchen, poetifchen Eindrud gewinnen fonnte. Ein folcher iſt gar wohl erreichbar; ja er kann Faum ausbleiben, wenn man, ohne auf die Compofition des Ganzen oder auf das Detail der erzählenden Theile eine befondere Auf: merffamfeit zu richten, fi) ganz nur der Wirkung hingiebt, Philofophifhe Schlußbetrahtung. 487 welche ber edle, finnig forfchende Geift ausübt, der aus den Reden zu und ſpricht. Allein diefer Eindrud ift dann mehr fubjectiver, Iyrifcher Artz es iſt die unmwillfürlich empfundene Mittheilung der edlen, in dem Sünger, den Chriftus vor allen liebte, leben: digen Wärme des Gefühls für feinen, Meifter und zugleich der idealen Begeifterung für den Begriff der göttlichen Würde des Meifters, aber nicht eine objective, in dem Chriftusbild felbft ruhende Schönheit der Geftalt und der Bewegung. Nicht genug, daß das Sohannesevangelium den Eindrud diefer Schönheit nicht felbit gewähren Fann, fo ſtoͤrt und verwirrt es, fo lange fein Chriftus in gleichem oder in noch vollftändigerem Sinne, als der fynoptifche, für den gefchichtlichen genommen wird, ganz unvermeidlich die Wirfung des funoptifchen Chri— ftusbildes, weil diefe Wirkung durchaus auf der Klarheit, Ent: fchiedenheit und Feftigfeit der Züge beruht, durch welche una dort die individuelle Perfonlichfeit des Heilandes vor Augen geftellt wird. — Die anfchauungslofe, ins Unendliche verfchwim: mende Ueberfchwänglichfeit des Chriftusbegriffs, welcher hier- durch, So wie theilweife allerdings fehon durch manche von den Synoptifern aufgenommene Züge an die Stelle jenes plaftifch abgefchloffenen Chriftusbildes tritt, ift dann auch durch das kirchliche Dogma fanctionirt und feftgehalten worden. Sie hat erft dem Particularismus der Kirchenlehre, dann dem modernen Kationalismus den unverfennbarften Vorſchub gethan, und wird nicht eher einer über beide fich erhebenden philofophifchereligio- fen Auffaffung des Chriftenthbums Raum geben, -ald bis fie felbft durch eine gediegene, an das afthetifhe Moment ſich anfnü- pfende und von ihm den Ausgang nehmende Anſchauung des acht geſchichtlichen Chriftusbildes verdrängt worden ift. Unfere Behauptung alfo geht, wie man fieht, dahin, daß einer acht philofophifchen Chriftologie, und nicht blos einer theoretifchen, wiſſenſchaftlichen Chriftologie, fondern auc einem mit wahrhaft philofophifcher Erfenntniß vereinbaren Glauben an Chriftus eine Anfchauung der Art, wie wir fie hier bezeich- net haben, eine folhe, wie fie nur mittelft einer durch Aftheti- fches Gefühl geleiteten hiftorifchen Kritif erworben werden Fan, allerdings unentbehrlih ift, ja daß nur auf fie jener philofo- phifch geläuterte Glaube ſich factifh begründen läßt. Auch 488 Ahtes Bud. hier indeß finden wir uns vweranlaßt, nochmal auf das aus- drüclichfte gegen eine folche Deutung diefes unferd Ausfpruchs zu proteftiren, welche demfelben etwa den Sinn unterlegen wollte, als festen wir. den Glauben als folchen ausschließlich nur. in jene Anfchauung, als verwechfelten wir infonderheit das reli— gidfe Moment jenes Glaubens mit dem Afthetifchen diefer Anfhauung. ‚Der Glaube ald folcher, das religiofe Moment des Glaubens befteht überhaupt. nicht in dem blos theoretifchen Berhalten ‚gegen feinen Gegenftand, fei diefes Verhalten nun ein wiffenfchaftliches Erkennen, oder ein äfthetifches Schauen, fondern wefentlich in praftifcher Aneignung der geiftigen Sub— ftanz dieſes Gegenftandes. Solche Aneignung aber feßt ihrer- feitö ein theoretifches Verhalten zu dem Gegenftande als fol: chem voraus; von der Befchaffenheit die ſes Verhaltens hans delt es fih, wenn die Frage aufgeworfen wird, wiefern zur Mahrheit der objectiven Erfenntniß des Gegenftandes auch die äfthetifche Auffaffung dieſes Gegenftandes erforderlich fei. Wir bejahen dies, im Gegenfaße weniger gegen die alte Kirchen- lehre, von der das äfthetiiche Moment, wenn auch unbewußt und nicht in feiner Reinheit, fondern getrübt durch die vorhin erwähnten Umftände, in der That vorausgefeht ward, als viel- mehr gegen folche Anfichten, welche zum einzigen Kriterium für die Göttlichkeit der Offenbarungsthatfachen ein abftractes Be— griffsmoment machen. Solche Kriterien erkennen wir für gleich unzureichend, fei e$ nun, daß man fie mit dem modernen, zum Theil Schon auf rationaliftifchen Vorausfesungen beruhenden Supernaturalismus in die angebliche hiftorifche Gewißheit der Wunder fee, durch die fich Sefus ald Gottgefandter documen: _ tirt haben fol, oder, mit dem folgerechten Nationalismus, in gewiffe beftimmte, von Jeſus ausgefprochene Wahrheiten oder in ihm vorgefundene Zhatfachen des abftracten, theoretifchen Selbjtbewußtfeind ). Ihnen gegenüber behaupten wir, daß *) Diefes Tebtere fagen wir nicht ohne Bezug auf eine für den ſpecu— lativen Nationalismus der Hegel'ſchen Schule harakteriftifche Aeu— Berung von Strauß, im dritten Heft feiner „Streitſchriften“ (©. 73 f.). Dort wird zuvörderſt im Allgemeinen als „das Höchfte in der religiöfen Sphäre, und, fofern dieſe die Höchfte iſt, das höchſte Philoſophiſche Schlußbetrahtung. 489 auch die Außerlichen Merkmale, die Momente der Erfcheinung, woran die Perfon des Heren ald eine göttliche erkannt werden überhaupt zu Erreishende” dies bezeichnet, „daß ein Menſch fih uns mittelbar Eins mit Gott wiſſe.“ „Ob nun diefe Einigung in Chrifto wirklich ftattgefunden, könne nur hiſtoriſch, nicht phifofoppifch ent— ſchieden werden; ſelbſt daß überhaupt irgend einmal ein folder Menſch in der Gefhichte auftreten müſſe, Taffe ſich nicht a priori darthun.“ In diefem Sinne wird es den „neuangeregten kri— tifchen Unterfuhungen, namentlich über Urfprung und Charakter des vierten Evangeliums’ anheimngeftellt, ob fie uns „das Nefultat bringen werden, daß Jeſus fih wirklich als Eins mit Gott gewußt und ausgeſprochen habe;“ wäre dies, fo würde dann daraus fol- gen, „daß er allerdings in einem Sinne, wie fein Anderer (wiewohl noch lange nicht in dem excluſiven Sinne der Kirchenlehre), menfch- gewordener Gott, Gottmenfh heißen müßte, fofern er in dem Ge— biete des innigften Verhältniſſes zwifhen Göttlichem und Menſchli— chem das Höchfte der Vereinigung erreicht hätte,’ — Mit einer höchlich anzuerfennenden Präcifion hat Strauß hier die Alternative dargeftellt, auf die es in der Ehriftologte des Hegel’fchen Syſtems wirklich hinauskommt, die fih aber Hegel felbft nicht zu Harem Bemwußtfein gebracht hatte, indem feine Aeußerungen, wie Strauß in dem unmittelbar darauf folgenden Abfchnitte (S.76 ff.) nicht minder bündig nachweiſt, unficher einherſchwanken zwifchen der Borausfeßung, daß Jeſus wirklich ſolches Bewußtfein gehabt, und der Annahme, daß es erft durch das fpätere Kirchliche Bemwußtfein ihm untergelegt worden ſei. Wir aber fünnen nicht umhin, eben hierin Das ratio= naliftifche Grundgebrechen des Syſtems zu erbliden, daß die Frage über die concrete Ödttlichfeit der Erfcheinung Chriſti auf dieſe haar— fharfe Spibe des rein theoretifhen Sich- als Eins-Wiſſens mit Gott geftellt wird; wovon dann die natürliche Folge eben diefe ift, das fie, obgleich nur gefchichtlicher, nicht aprioriftifher Natur, wie Strauß fehr richtig bemerkt, — dennoch auf gefchichtlichem Gebiete nimmer entfehieden werden fann, weil eine folche Einzelheit niemals, wie die concrete Totalität eines gefchichtlihen Charafterbildes aller- dings, Gegenftand einer gediegenen, ſich durch ſich felbit beglaubi- genden hiftorifchen Anfehauung fein fann. Hier könnte der Zweifel nur auf juriftifchem, nicht auf hiftorifhem Wege niedergefihlagen werben; um ihn zu befeitigen, müßte man ung ein unter allen juriftifchen Förmlichkeiten aufgenommenes Protocol aufzeigen, worin eine folche Aeußerung Jeſu, wie Strauß fie verlangt, niedergelegt wäre. Confequenter Weife indeß wird vom Standpunete jenes Sy— fiems aus dieſe Thatfadhe, wie alle hiftorifhen, als eine ziemlich gleichgültige, mit dem Inhalte des philoſophiſchen Erfen- neng keineswegs in Einem Range ſtehende betrachtet. 490 n Achtes Bud. fol, von gleich geiftiger, und, der Abfttaction des Begriffs gegenüber, won gleich concreter, irrationaler Natur fein müffen, wie das innere Wefen felbft, deſſen Außenfeite fie eben bilden follen. Nur darin, daß wir fie wirklich als Merkmale be- trachten, als Merkmale für ein Erkennen, welches durch den Befis von Vernunftideen in Stand gefeßt wird, Göttliches von Ungottlihem nicht minder, wie menfhlid Wahres, Gutes und Schönes von feinem Gegentheile zu unterfcheiden, — nur darin frelen wir und allerdings auf die Seite des rationalen Bes Fenntnifjes und in Gegenfab gegen das altfirchliche, welches mit jener idealen Grundlage einer Vermittelung des Glaubens: inhaltes für das Erkennen nothwendig auch das VBorhandenfein außerlicher Anknüpfungspuncte folcher Wermittelung in Abrede ftelen muß. Man hat, befonders in neuerer Zeit, und zwar von fehr verfchiedenartigen Standpuncten aus, die Zotalität deffen, was der gefchichtliche Chriftus für die Anfchauung feiner Sünger fein fol, in den Begriff einer Urbildlichfeit zuſammenzu— foffen gefuhtz womit man fagen wollte, daß in ihm fich die, Idee der Menfchheit, gereinigt von den Flecken, mit denen fie in allen andern Sterblichen behaftet erfcheint, und in jeder Hin- ficht zu. ihrer abfoluten Vollendung erhoben darftelle. Wir müffen es bier als unfere Aufgabe betrachten, uns zu diefem Begriffe in ein möglichft klar beftimmtes Verhältniß zu feken, denn nur durch ihn läßt fih von den allgemeinen Voraus: fegungen über die Natur unfers Gegenftandes, Die wir im Vor— ftehenden zu entwideln fuchten, zu dem Weiteren, was wir, als philofoghifches Gefammtergebniß unferer gefchichtlichen Be— trachtung deffelben, über feine befondere Eigenthuͤmlichkeit zu fagen haben, ein bequemer Webergang gewinnen. Die nahe Beziehung liegt vor Augen, in welche diefer Begriff, nach einer Seite hin wenigftend, zu der Bedeutung tritt, welche wir für das Afthetifhe Moment in Anfpruc genommen haben. Die Geltung diefes Momentes fcheint infofern durch ihn ausdrüd- ih) anerkannt zu werden, ald BildlichFeit, wie fo eben von und angedeutet, wefentlich für die Anſchauung, alio für diefelbe Auffaffungsweife, der auch das Xefthetifche als folches angehört, ift. Indeſſen liegt in der Vorftellung der Urbildlichkeit Philoſophiſche Schlußbetrachtung. 491 zugleich noch ein anderes Moment, welches der aͤſthetiſchen Auffaſſung fremd bleibt, ja welches leicht als geradezu derſelben entgegengeſetzt und mit ihr ſtreitend erſcheinen kann. Die aͤſthe— tiſche Anſchauung, ſo ſehr ſie ſich in ihrem Gegenſtande geſaͤt— tigt und befriedigt fuͤhlen, ja ſo unbedenklich ſie denſelben fuͤr einen innerhalb der Grenzen ſeiner Individualitaͤt makelloſen und vollkommenen erkennen mag, weiß doch von keiner Aus— ſchließlichkeit der Vorzuͤge, die ſie ihrem Gegenſtande zuſchreibt. Daß es andere, dieſem Gegenſtande an Intenſitaͤt der Vortreff— lichkeit gleiche oder ihn noch uͤberſteigende gebe, wird durch ſie nicht nur nicht ausgeſchloſſen, ſondern es iſt ſolche Moͤglichkeit ſogar nothwendig unter den Vorausſetzungen jener Anſchauung enthalten; wenn nicht gerade fuͤr das ausdruͤckliche Bewußt— ſein des Anſchauenden, ſo doch an ſich ſelbſt; inſofern naͤm— lich dieſelbe ein Gefuͤhl jener ſchoͤpferiſchen Freiheit einſchließt, durch welche allein der ſchoͤne oder der erhabene Gegenftand wefentlich das ift, was er ift. Die Vorftellung der Urbildlich- Feit dagegen, die in diefem Sinne von denen, die auf fie ihre Chriftologie begründen wollen, ausdrüdlich von jener der bloßen Borbildlichfeit unterfchieden zu werden pflegt *), fchließt noth— wendig das Bewußtfein ein, Daß über dem, was als Urbild geſetzt wird, nichts Höheres oder Vollendeteres, ja daß nicht einmal ein ihm an Hoheit und Vollendung Gleiches gegeben werden fonne. Hier num entfleht die Frage, ob durch dieſes Moment das äfthetifche nicht nothwendigerweife aufgehoben oder ausgefchloffen werde, ob die Anfchauung der Urbildlichkeit, welche man für die gefchichtlihe Geftalt des Erlöfers in Anſpruch nimmt, nicht eine von der Afthetifchen Anfchauung fpecififch verfchiedene, dem Grundwefen beider nach vollig von ihr ge- trennte fei. Diefe Frage zu beantworten, muß uns eine um fo wichtigere Aufgabe unferer gegenwärtigen Betrachtung fein, je größer das Gewicht ift, welches wir im Vorhergehenden auf das äfthetifhe Moment zu legen uns veranlaßt fahen, und je mehr auf der andern Seite gerade für die philofophifche Be— trachtung faft fammtlihe dogmatiſche Beftimmungen der bis: *) Bergl. 3. B. Schleiermachers Glaubenslehre. $. 93. 3 492 Achtes Bud. herigen Chriftologie an dem Begriffe der Urbildlichkeit zu haͤn— gen fcheinen. 3 Daß der Kern, der eigentlich wefentliche und eigenthuͤm— liche Inhalt des Begriffs der Urbildlichfeit nicht in der Afthett- fchen, fondern durchaus nur in der fittlich »religiofen Sphäre liege, fol von uns auf Feine Weife geläugnet, fondern vielmehr auf das ausdrüdlichfte anerkannt und behauptet werden. Der Begriff der Urbildlichfeit, wenn er fih auch zunächft an die Anſchauung derer, für die das Urbild als Bild ausgeprägt ward, wendet oder aus diefer Anfchauung heraus gefaßt wird, fett doch nicht dieſe Anfchauung felbft als das eigentlich We— fentliche darin, fondern das Wefentliche ift in ihm das Sein, welches angefchaut wird; welchem es zwar nicht gleichgültig oder zufällig ift, angefchaut zu werden, aber welches doch kei— neswegs, wie das Afthetifche Object, in der Anſchauung felbft und nur für fie das ift, was es iſt. Jenes göttliche Urbild der Menfchheit, welches fih in der Perfon Chrifti verwirklicht . bat, ift das, was es ift, wefentlich. in fich felbft und für fich felbft, und nur dadurch, daß es für fich felbft dies ift, auch fir die Anſchauung Anderer, nämlich der übrigen Menfchheit. Es ift Subject, ehe e8 Object, Weſen, ehe es Erfchei- nung ift, und bleibt Wefen und Subject, auch nachdem es zum Object und zur Grfcheinung für Andere geworden iſt. Dies alles fagt der Begriff des Urbildes als folcher, fo wie er in abftractem Denken, unabhängig von der Betrachtung der ge— fhichtlichen Geftalt, in welcher wir feine Verwirklichung zu erbliden glauben, gefaßt wird. Der Begriff des Urbildes, eben weil er über die Anfchauung als folche hinausgeht, weil er ein Fürfichfein, welches jenfeit3 aller Anſchauung liegt, zu feinem Inhalte hat, muß in einer gewifjen Unabhängigkeit von der gefchichtlichen Anſchauung, in welcher er feine Realifation finden foll, gefaßt werden; wie ja befanntlicy auch fchon zur Zeit Chrifti felbft der Begriff des göttlichen Logos (dieſer nam: lich entfpricht in allen Hauptzügen demjenigen, was wir jeßt Urbild nennen) zuerft unabhängig von der Anſchauung des ge— fchichtlichen Chriftus entworfen, und erft nachher auf diefen übertragen worden ift. Um fo näher aber liegt diefem Begriffe die Gefahr, auf einfeitig rationaliftifche Weife gefaßt zu werden, Philofophifhe Schlußbetrahtung. 493 dergeftalt nämlich, daß nicht nur feine abftracte Faſſung als von feiner gefchichtlichen Verwirklichung unabhängig erfcheint, fondern daß auch fein Inhalt felbft das Anfehen gewinnt, un- abhängig von folcher Verwirklihung etwas für fich zu fein und ihrer nicht zu bedürfen. Dies, meinen wir, ift den meiften neu- ern Theorien, theologifchen und philofophifchen, die ihre Chri- ftologie auf diefen Begriff haben begründen wollen, in der That begegnet, und daher fchreibt fich die Richtung, welche wir die Kritik, die durch folche Theorien geleitet ward, allenthalben felbft wider den Willen ihrer Urheber haben nehmen fehen, die Geſtalt des gefhichtlichen Chriftus gänzlich auszutilgen oder zur Bedeutungslofigkeit herabzufegen. Dieſem gegenüber müffen wir darauf dringen, daß ſchon in feiner abftracten Faſſung der Begriff der Urbildlichkeit, dafern er überhaupt eine Anwendung auf den gefchichtlichen Chriftus leiden fol, fo geftellt werde, daß feine Wahrheit von feiner gefchichtlihen Erfüllung abhängig bleibt, oder mit andern Morten, daß er fich felbft für einen leeren, abftracten und in- haltlofen erfenne, fo lange er nicht in irgend einer gefchichtli- chen Erfheinung, für die er allerdings die Merkmale, aber auh nichts, als nur die Merkmale giebt, bethätigt if. — Wie die bisherige Theologie Ddiefen Begriff gefaßt hat, war das eigentlidy wefentliche, charafterijtiihe Moment deffelben im Grunde ein negatives: die Neinheit von fittlihen Mängeln, die Sundlofigfeit des urbildlichen Gottmenfchen. Als das pofitive Moment ward allenthalben nur jene durch den Begriff als ſolchen darftellbare und im reinen Begriff ſich bethätigende Gottesnähe, das abftracte Gottesbewußtfein gefaßt, wel— ches in feiner Allgemeinheit nicht ald ein ausfchliegliches Beſitz⸗ thum des urbildlihen Menſchen, fondern als das gemeinfame Erbtheil Aller betrachtet ward. Nur die Neinheit diefes Got: teöbewußtfeind, die Abmwejenheit aller florenden und trübenden Glemente, welche die Sinnlichkeit und die Sünde in den an— dern Sterblichen erzeugt, ſollte den urbildlichen Menfchen von diefen andern unterfcheiden, nur fie dem gefchichtlichen Bilde des Gottlihen auch für diefe die Kraft der Reinigung und der Stärkung diefes Bewußtſeins ertheilen. — Hier nun hat man mit Recht gefragt, weshalb ed denn zu diefen Wirkungen 49% Achtes Bud. nothwendig eben einer gefchichtlichen Geftalt bedinfe, da es ja doch eben nur der Begriff, die im Geifte jedes Einzelnen ent- worfene und feftgehaltene Idee eines folchen mafellofen Urbildes fei, durch welche unmittelbar und zunächft diefe Wirfungen in den Seelen und Gemüthern der Ginzelnen vollbracht werden"). Hierzu kommt die Schwierigkeit des hijtorifchen Beweiſes für *) Bekanntlich ift ſchon öfters und von Mehreren diefer Einwand namentlich der Schleiermanerfchen Chriftologie entgegengehal- ten worden. Wir verweifen hier vor allem auf die Kritik, welde Baur in feiner „chriſtlichen Gnofig” (S. 643 ff.) von dem Schleier- macher'ſchen Begriffe der Nrbilpfichfeit Chrifti gegeben hatz und zwar hauptfächlich aus dem Grunde, um zugleich darauf aufmerkfam machen zu fünnen, wie ganz derfelbe Einwand au diejenige Ehri- ftologie treffen muß, welche man neuerdings von dem Hegel’fchen Standpunete aus zu entwerfen fucht, ja wie dieſe Chriftologie durch den Urheber jener Philoſophie felbft fchon zum voraus widerlegt tft. Baur nämlich giebt weiterhin (S. 707 ff.) von derjenigen Chrifto- logie, welche Hegel in feinen religionsphilofophifhen Borlefungen aufgeftelt hat, eine foharfe und treffende Auseinanderfesung, aus welcher hervorgeht, wie der Chriftus Hegels felbfibemußter und ausgefprochener Weife das ift, was der Schleiermadher’fshe an fich it, nämlich ein durch den Glauben der Gemeinde erzeugtes Bild der göttlichen, urbildlichen Menfchheit oder der Einheit ner menſch— lien Natur mit der göttlichen. Bei Hegel geht diefes Glaubens— bild dann weiter ausdrüdlich in das „abfolute Wiffen’ über, was bei Schleiermacher, der Fein „‚abfolutes Wiſſen“ kennt, welches über dem „ehriftlichen Bewußtſein“ ftünde, nicht geſchieht; d. h. es wird eben als folhes Bild, in feiner Unterſchiedenheit von der hiftorifchen Perfönlichkeit Jeſu, die nicht diefe urbildliche ift, ſpeculativ erfannt und swiffenfchaftlih gewußt, indem die Speculation zugleich die Wahrheit des in dieſem Bilde verborgenen Gehaltes in Form des Begriffs, d. h. der Allgemeinheit, der Lostrennung von dem Hiſto— rifchen, erfennt, Dffenbar ganz daffelbe Ergebniß, wie es Strauß in feiner „Schlußabhandlung” darſtellt. — Zwar macht Baur (S. 716) noch einen Verſuch, die Bedeutung auch des hiftorifchen Chri— ftus nad) Hegel’fcher Philofophie zu retten, indem er demfelben die Erzeugung des Bewußtſeins über jenen Gehalt, d. h. über die Ein- heit der göttlichen und menfchlichen Natur vindieiren will. Aber bier tritt die Schwierigfeit des hiftorifchen Bemweifes einz zumal da der Begriff des göttlichen Logos, wie oben bemerkt, ein nachweislich älterer ift, und da es um die Authentie der Ausfprüche, welche Jeſu von Johannes untergelegt werden, fo mislich ſteht. Philoſophiſche Schlußbetrachtung. 495 negative Thatſachen der Art, wie die Suͤndloſigkeit Jeſu, jo lange diefelbe nicht als die nothwendige Folge eines höheren Pofitiven gefaßt wird. Selbſt wenn wir über die Lebensge— Ichichte des Herrn noch weit vollftändigere Nachrichten hätten, als wir deren wirklich befigen, felbft dann würden diefelben für fich allein immer noch Fein vollftändig objectives Zeugniß über feine wirkliche Freiheit von Sünden abgeben. Hinſichtlich des Fehlenden blieben wir nach wie vor auf fein Selbftzeugniß verwiefen, defien Glaubwürdigkeit fich wiederum nur aus einem Pofitiven folder Art, welches diefe Anficht eben nicht Fennt, ableiten läßt. — Allein diefe gefammte negative Faſſung des Begriffs der Urbildlichfeit rührt, genauer betrachtet, nur davon her, daß man unbewußt von dem Vorurtheile ausgeht, als müffe der— felbe ein im abftracten Denken zu erfchöpfender fein, als müffe man, noch vor der Anfchauung des gefchichtlichen Urbildes, das begriffiiche Urbild im Geifte vollftändig gegenwärtig haben fon: nen. Man behandelt das Urbild als Gegenftand einer intellec: tuellen Anſchauung, gegen welche alle empirische und geſchicht— liche Wirklichfeit in einem Misverhältnig ftehen fol; fol diefem Urbilde felbft ein empirifches und gefchichtliches Dafein vindicirt werden, jo Fann dies nicht anders, ald auf verneinende Meife geichehen, indem diejenigen Momente der Wirklichkeit, in wel: chen jenes Misverhältniß beruht, davon entfernt gehalten wer: den. Dabei bedenkt man freilich nicht, wie man fich eben hiermit in den ausdrüdlichften Widerfpruch zu der Vorausſetzung ftelt, welche man doch gleichfalls Feineswegs hatte aufgeben wollen, daß nämlich erſt in dem hiſtoriſchen Chriſtus uns jenes Urbild ald ein gegenwärtiges und wirkliches aufgegangen fei, deſſen Natur, wenn fie eine abftracte und rein begriffliche wäre, allenthalben und gleihmäßig zu jeder Zeit im Geifte gegenwärz tig fein müßte. Durch diefe Erwägung nun glauben wir den Ausfpruch gerechtfertigt: daß auch der Begriff des Urbildes, obwohl nad) feiner befondern Gigenthümlichfeit von wefentlid davon vers fehiedener, weit darüber hinausgehender Natur, doch innerhalb feiner felbft für ein Moment der Art Raum laffen muß, wie jenes war, welches wir in unferer obigen Betrachtung als das äfthetifche bezeichnet haben. Soll durch diefen Begriff nicht 496 Achtes Buch. die geſchichtliche Erſcheinung Jeſu zu einer uͤberfluͤſſigen oder we— nigſtens zu einer in der naͤmlichen Weiſe, wie andere hiſtoriſche Thatſachen, in der Cauſalreihe der Begebenheiten ſich aufhe— benden und verſchwindenden werden: ſo muß der Inhalt dieſes Begriffs Gegenſtand einer Anſchauung fein, in welcher noch etwas mehr, ald in dem bloßen Denken des Begriffs als ſolchen enthalten if. Das Verhaͤltniß zwar. zwilchen Begriff und Snhalt, zwifchen Denken und Anfchauen wird hier nicht genau das nämliche fein fonnen, wie bei den Gegenftänden der im engern Sinne fo zu nennenden äfthetifchen Anfchauung. Während nämlich bei diefen der Begriff fih nur als die Bafis, ald die Art» oder attungsallgemeinheit verhält, welche die Sndividualität des anzufchauenden Gegenftandes nur Außerlic) umfchließt, ohne an fie heranzureichen: fo wird hier der Begriff fi) vielmehr umgefehrt aus der Anfchauung herausgebären und erzeugen müffen, weil er eben der Begriff eines nur einmal, und fonft nirgends wieder VBorhandenen und Anzufchauenden iſt. Hierzu kommt, was indeffen nicht dem hier in Nede fte- henden Gegenftande eigenthümlich, fondern ihm mit allen andern Gegenftänden fittlichereligiofer Anfchauung gemeinfam ift, die Snnerlichfeit und Subjectivität deffelben. Vermoͤge diefer ift, wie vorhin bemerft, in ihm das Moment der Anfcehauung nur ein Uebergangsmoment, nur eine Brüde zu der das Innere und Berborgene erfaffenden Begriffseinficht, aber nicht in glei- chem Sinne, wie bei der äfthetifchen Gegenftändlichkeit, ein felbftftandiges, in fich felbft fich vollendendes und erfüllendes. Allein wenn man in religiofen Dingen dem Nationalismus entgehen will, der jede lebendige und geifterfüllte Weſenheit zur leeren Begriffsallgemeinheit aushohlt: jo kommt es eben darauf an, dasjenige Erkennen, welches auf Anfchauung beruht und nur durch Anfchauung erworben werden kann, von jener abftracz ten und aprioriftifchen Begriffserfenntniß zu unterfcheiden, welche, wenn fie nicht auch der Zeit nach der Anfchauung vorangeht, allenthalben doch von dem Sndividuellen und Goncreten der Anfhauung abfieht, und nur über jene Allgemeinbegriffe fich erftvedt, welche nicht Gegenftand der Anfchauung als folcher fein koͤnnen. Philoſophiſche Schlußbetrahtung. 497 Die Erfenntniß, deren Befchaffenheit wir hier auf eine von der fonft gewöhnlichen freilich fehr abweichende Weiſe ans gedeutet haben, iſt dieſelbe, welche man ein für allemal mit dem Namen der religiofen oder der Ölaubenserfennt: niß bezeichnen kann. Der reinen aprioriftifchen Erkenntniß gegenüber, welche ihre Begriffe ohne Zuthun der Erfahrung fhlehthin nur aus dem angeborenen Beſitzthum des Geiftes bildet, ſteht dieſe Erkenntniß in einer Reihe mit der empiti- fchen, mit der Erfahrungserfenntnig überhaupt, Es ift eben nur der Nationalismus, welcher fie mit der aprioriftifchen zu— fammen in einen gemeinfchaftlichen Gegenfaß gegen die Erfah: rungserkenntniß ftellen will. Von der aprioriftifchen, aber nicht von ihr, gilt, was der Nationalismus von beiden gemein- Ichaftlih zu behaupten ſich unterfängt: daß die Erfahrung, die finnlihe Anfhauung und Borftellung nur die Hülle fei, welche den feiner ſelbſt noch unmächtigen Begriff umſchließe, aber von dem Begriffe. abgejtreift werde, fobald er in Form des rei— nen Gedanfens und der abfoluten Wilfenfchaft ſich felbft ge— wonnen hat. — Bei der gemein empirifchen Grfenntniß, deren Gegenftande den Gebieten der Natur: und des, endlichen Gei— fteslebens angehören, fieht fich auch der Nationalismus genoͤ— thigt, einzugeftehen, "daß hier der: Begriff nie volftändig von dem aus feinem Urfprunge ihm anflebenden Elemente der Bor- ftelung und der finnlihen Anſchauung gereinigt werden fonne. Weil aber die eben genannte Denkweiſe alle Wahrheit nur dem Begriffe oder der rein geiftigen Idee vindiciren will: fo erklärt fie, folgerecht durchgeführt, fo wie fie in einem neuern philoſo— phifchen Syſteme fih durchgeführt hat, diefen nie zu vertilgen: den empirischen Reft für einen Mangel der Erfahrungserfenntniß. Sie erfindet dafür die Kategorie der „Aeußerlichkeit““ ‚oder des „Außerfichfeins der Idee,’ und behauptet, daß von dieſem Aeußerlichen eben darum feine adäquate Erkenntniß möglich fei, weil e8 nicht wahrhaft fei, fondern, gleich dem platonifchen Sophiften, in die Nacht des Nichtfeind fich vwerberge. Den Gegenftänden der religiöfen Erfenntniß dagegen wagt auch der Rationalismus die volle Wahrheit nicht abzuſprechen; eben deshalb aber verlangt er von diefer Erfenntniß, daß fie das I, Bd. 32 498 ve idhtes Bud. empirifche ‚Element vollftändig abftreife und in der dorn des reinen Gedankens ſich abſchließe und vollende— Die Erfahrung, von welcher wir, dieſen rationaliſtiſchen Anſichten gegenuͤber, behaupten muͤſſen, daß ſie nicht blos als verſchwindendes, ſondern als bleibendes Element in jeder reli— gioſen Erkenntniß, ganz eben «fo, wie in jeder andern empiri⸗— ſchen enthalten ſei, die ſe Erfahrung iſt freilich nicht eine der gemeinen Erfahrung gleichartige, nicht eine ſinnliche, und eben fo "wenig eine. im gemeinen Wortſinne pfychilche oder auch aͤußerlich hiſtoriſche. Es iſt durchaus ‚einer Erfahrung höherer Art, eine ſolche eben, wie wir fie durch keinen andern Ausdruck deutlicher bezeichnen zu koͤnnen glauben, als durch den im Bor- hergehenden von uns gebrauchten der Afthetifchen. Durch dieſen nämlich wird am prägnanteften ‘jene abſolut geiftige, nicht blos über. die, gemeine Sinnlichkeit, ſondern au über den, gemeinen! Verſtand, ja über: die Vernunft felbft erhabene Natur des Gegenftandes der Anfchauung und: der Anſchauung ſelbſt "bezeichnet... Doch gilt dieſer Ausdruck, wie bereits) dort angedeutet, "eben nun von dem Momente der kußerlichen, gegen— ſtaͤndlichen Anſchauung oder Vorftellung, "mit welchem. jede folhe Erfahrung zwar anbebt, "aber worin fie ſich keineswegs noch vollbringt oder vollendet. Die äfthetiiche Erfahrung wird zus fittlichen, und zwar zur fittlichen im höhern Sinne, zur ſit tlich-religioſen (denn es giebt ‚auch eines niedere ſittliche Erfahrung, eine ſolche, welche durchaus nur: dem Gebiete des endlichen, hiftorifchen Geifteslebens angehört), indem der Sinn des Anfchauenden von der Erfcheinung, vonder finnlich wahr: nehmbaren oder biftorifch überlieferten Außenfeite des Gegen- ſtandes feiner Anschauung in das Innere dieſes Gegenftandes fortgezogen, und, inſofern dieſes Innere als ſolches ihm den— noch ein fuͤr allemal unzugaͤnglich bleibt, auf fein eigenes Innere, um dort die Ergaͤnzung für das Fehlende und ‚äußerlich Uner: veihbare zu ſuchen, zuruͤckgeworfen wird. Hier erſt fieht man deutlich, weshalb dem Gegenſtande einer ſolchen Erfahrung durch— aus eine von’ dem Anſchauenden unabhängige Realitaͤt zukom—⸗ men muß, wenn anders nicht die Erfahrung ſelbſt eine leere Daͤuſchung fein folks Nur das Reale naͤmlich, das Fuͤrſich⸗ ſeiende und von dem Denken oder Vorſtellen des Andern Un— Philofophifhe Schlußbetrahtung. 499 abhängige vermag eine reale und Iebendige Wirkung dieſer Art auf den Geiſt, der in fein Inneres eindringen wil, auszutiben, während, was nur Gegenftand für ein fremdes Erkennen, aber nicht felbft erkennendes und Handelndes Subject ft, in jettem Erkennen aufgeht und machtlos verfhwindet. — Hiermit nun haben wir die praftifche Seite der Glaͤubenserkenntiuß be— zeichnet, welche derſelben, nach unſerer obigen Andeutung gleich weſentlich iſt, wie die aͤſthetiſch-theoretiſche, und durch deren Vereinigung mit dieſer letzteren erſt die Bildung, deren gidſen Begriffe und Ideen zu Stande kommt. Der’ Glaube an eine fittlichereligiofe Subſtanz/ die Erkenntniß einer ſolchen Subſtanz ſetzt zwar jederzeit eine Offenbarung diefer Subſtanz voraus, ein Heraustreten derſelben in die Objectivitaͤt und Er: ſcheinung; aber er bleibt, wenn er ächfer Art iſt, nicht bei’ der Anſchauung dieſes Gegenftändlichen ſtehen, fondern er er dringt in das Innere ein, welches hinter der Gegenftändl ichfeit verborgen it, d. h., denn eine andere Weife der Aneignung dieſes In: nern ift und bleibt undenfbar, ‚er bildet Die Subſtam des glaͤu⸗ bigen Gemuͤthes in die Natur dieſer religidfen Subſtanz hinein, Nichts anders als dies kann gemeint fein, wenn das Chriſten⸗ thum von einem Verdienſte des Glaubens ſpricht, ja wenn es die Geltung, die Zurechnung jedes andern fittlichen Wer- dienftes won dem Glauben abhängig macht; von jenem‘ Glaͤu⸗ ben, der, auf die Offenbarung des einigen und hoͤchſten Goftes fußend, aber Feineswegs mit einer theoretiſchen Auffaffung des in diefer Offenbarung gegenſtaͤndlich Gewordenen ſich begnuͤgend, Gemüth und Seele an die Subſtanz des Goͤttlichen, welches ſich den Menſchen offenbart hat, dahingiebt. Wie diefer Glaube einerſeits aus einem Schauen hervorgeht, naͤmlich aus dem Schauen der goͤttlichen Offenbarung, ohne welche ihm weder fein Gegenſtand, noch fein Ziel gegeben fein koͤnnke: ſo hat man doch nicht minder Recht, zu ſagen, Daß er dem eigentli— chen und hoͤchſten Schauen ſeinerſeits vielmehr vorangeht und dazu erſt die Bedingung: und Vorſtufe bildet. Dieſes Schauen naͤmlich, das Schauen der göttlichen Subftanz, fo wie dieſelbe nicht? nur als Erſcheinung und Object, in ihrer allenthalben nur particulaͤren und mit Momenten äußerer Zufälligfeit behaf⸗ teten Manifeſtation, ſondern ſo, wie ſie an und * ſich ſelbſt 32 500 ont Achtes Bud. ift, kann ſich fuͤr den Gläubigen nur erſt als ‚Frucht ‚der Hin— einbildung ſeines Gemuͤthes in die Subſtanz ergeben, welche erſt dadurch aus einer an ſich innerlichen, und mithin fuͤr ihn. aͤußerlichen und fremden, zu einer auch für ihn ſelbſt in— nerlichen und gegenwaͤrtigen wird. Dieſe kurzen Bemerkungen über die allgemeine Natur. des fittlicheveligiöfen Exkennens, die, um. eine wiffenfchaftliche Aus— führung, zu erhalten, freilich eines ganz andern Zufammenhangs bedürfen ‚. ‚glaubten „wir, hier, einfchalten zu müffen, um „eine etwas genauere Rechenſchaft über. den Sinn zu geben, in wels chem nach unſerer Ueberzeugung der Schritt, von einer blos äfthetifch-gefchichtlichen Auffaffung der Perſoͤnlichkeit Chrifti, wie wie dieſelbe im VBorhergehenden bezeichneten, zu der fittlichzreliz giofen Auffafiung dieſer Perfonlichkeit: als des göttlichen Urbildes der, Menfchheit gethan werden muß, — Aus allem. Gefagten folgt, Daß; wir Feine Möglichfeit, zu der Teßteren zu gelangen, zugeben koͤnnen, als nur von der erfteren. aus, indem wir den Glauben, der nicht von; der Anfchauung eines objectiv. Gegebe- nen ausgeht, ‚für ‚einen leeren und inhaltlofen: zu erklären nicht umbin fonnen. „Wir treten hiermit in einen: ausdrüdlichen: Ge— genſatz gegen ‚den ſeit Leffing, der zuerſt nach diefer Richtung hinzuleiten fuchte,, in, der neuern Theologie und. Philofophie zu wiederholten: Malen in Anregung gebrachten Gedanken, als ob das Chriſtenthum wohl auch ohne die Schrift, ohne. das in der Schrift, aufbewahrte und zur bleibenden: Geftalt fixirte Bild ſei— nes göttlichen Stifter beſtehen koͤnne; ja wir ‚glauben durch dieſe Wendung einen neuen Geſichtspunct über die Bedeutung zu, eröffnen, welche man für die,heiligen, Urkunden des Chriſten— thums mit Recht von jeher. in Anfpruch genommen hat. Be— ftünde der weſentliche Gehalt des Chriſtenthums in einem Lehre begriffe: ſo würde diefer fich allerdings eben fo-gut aud) ohne alle ſchriftliche Aufzeichnung, oder, aus. ſolcher Aufzeichnung entnommen, nach Vernichtung Dderfelben in mündlicher Ueberlie- ferung haben erhalten Tonnen. , Bedürfte es, um diefen. Lehr: begriff als ‚einen aus göttlicher Offenbarung ftammenden zu bes Hlaubigen, des Gedaͤchtniſſes gewilfer Thatſachen, etwa. einer Reihe von.Zeihen und Wundern: fo läßt fi auch in. Bezug auf dieſe wohl eine Bewahrung ihres Gedächtniffes auf tradi— — Philofophifhe Schlußbetrachtung. 501 tionellem Wege denken, wodurch die factifche Mahrheit nicht ſchlechter, “als. jest durch "bie fchriftlichen Urkunden Heſchieht, bezeugt würde, Völlig unentbehrlich aber waren und find noch jetzt die ſchriftlichen Urkunden zu demjenigen Zwecke, in deſſen fortwaͤhrende Realiſation wir das eigentliche Weſen des Chri⸗ ſtenthums zu ſetzen nicht umhin koͤnnen. Nur durch ſie naͤmlich konnte in ſolcher Weiſe das Bild der göttlichen" Perſoͤnlichkeit des Heilandes aufbewahrt werden, daß auf alfe"Beiten hin jedem Einzelnen die Möglichkeit ‚geöffnet bleibt, daffelbe in ſei⸗— nem Geifte zu jener’ lebendigen Anſchauung zu bringen, aus der allein fich, unfern obigen: Bemerkungen zufolge, "die wahrhafte Slaubenseinficht erzeugen kann. So gewiß diefe Anfchauung in dem Begriffe, in der Idee der urbildlichen Perfönlichkeit nicht verfchwinden, ſondern mit ihrer ganzen Unmitteldarfeit und Lebendigkeit darin gegenwärtig bleiben fol; fo gewiß der Glaube an den Gott, der fid in Chriſto offenbart hat, das Schauen der perfonlichen Geftalt, welche das durch und’ dur) begeiftete Werkzeug dieſer Offenbarung war, zu feiner Voraus- fegung hat: fo unerläßlich bleibt .e8 gefordert, daß nicht nur ein in dem Geifte der Gemeinde fortwährend erweiterter und umgebildeter Allgemeinbegriff von Chriftus, fondern daß auch die individuelle, geſchichtliche Geftalt des perſoͤnlichen Chriftus durch ein Außerliches, an ſich gleihgültiges Mittel zu unantaft: barer Präfenz und: Gegenftändlichkeit" fixirt, in der Mitte der Jünger gegenwärtig fet, damit an ihrer Anfchauung der Glaube jedes Ginzelnen derfelben fih entzunden, nähren und immer auf3 neue wieder anfachen fonne. Die Ueberlieferung, welche’ diefe Geftalt aufbewahrt, darf der fcheinbar Fleinlichften, indi- viduellſten Züge nicht entbehren, denn nur in ſolchen offenbart fi die concrete Wirklichkeit des perfünlichen Dafeind, auf das es hier ankommt; das VBorhandenfein diefer Züge in einer zur Wiedergebärung des lebendigen Chriftusbildes aus begeifterter Anſchauung heraus zureichenden Vollſtaͤndigkeit ift es, deffen Bewußtfein fich in dem Dogma von der Theopneuftie' der biblt- fchen Urkunden ausgefprochen hat. Keineswegs dagegen kann als nothwendiges Erforderniß zur Integrität dieſer Ueberliefe: rung auch die Reinheit derfelben von jedweder frembdartigen Beimifhung gelten: Sie kann deshalb nicht dafür gelten, weil 32 nn Ahtes Bud dieſe Urkunden nicht ein Kunſtwerk ſein ſollen, deſſen Zweck ſich ſchon in der Anſchauung als ſolcher erfuͤllt, ſondern weil ſie vielmehr den Beſchauer in ein hinter ihnen verborgenes In— nere hinuͤberzufuͤhren die Beſtimmung haben, welches er nicht ohne, ein ſelbſtthaͤtiges Aufgebot feiner intellectuellen und fittli- hen. Kräfte zu erreichen vermag. Ihr Inhalt iſt vermoͤge feiner Natur ein Problem, welches jeder Einzelne nur durch den hoͤch⸗ ſten Aufſchwung des Geiſtes und des Gemuͤthes ſich zu loͤſen vermag ; es kann nicht ſchaden, ſondern wird vielmehr im Ge— gentheil zu jener Anſtrengung, welche hier unumgänglich gefor— dert iſt, noch mehr aufreizen, wenn auch aͤußerlich die Urkunden ſich fuͤr die wiſſenſchaftliche Betrachtung als ein Problem dar— ſtellen, welches eine immer aufs neue zu uͤbende und immer weiter zu vervollkommnende Kunſt der Loͤſung in Anſpruch nimmt. Was nmaͤmlich diejenige Aufgabe betrifft, welche durch die Beſchaffenheit des Inhalts der heiligen Urkunden der Betrach— tung, welche. dieſen Inhalt fich aneignen will, geftellt wird: fo iſt nicht außer Acht zu laſſen, daß auch ihre Lofung auf einem andern Wege erfolgen muß, als auf welchem man fich einen rein theorefifchen Gehalt aus Schriften, die ausdrücdlich der Ueberlieferung, , eines Lehrbegriffs gewidmet find, anzueignen pflegt. Wer Chriſtus war, und in welcher Weife wir des Heiles, das, er. ven Menfchen gebracht, theilhaftig werdens dieſes beides und worem man fonft noch, das MWefen: der chriftlichen Lehre feßen mag, wird und nicht efwa im feinem ganzen Umfange durch. klare, unzweideutige Ausfprüche folcher Art, deren Autos rität eine in. der, Perfönlichfeit der Sprechenden äußerlich be— glaubigte wäre, mitgetheilt. Es genügt nicht, daß wir, in der Weiſe, wie es zu thun die Nichtung jener Denkweife: mit fich bringt, welche man die fupernaturaliftifche nennt, dieſe Aus» fprüche, nachdem wir und von ihrer Autorität aus Außern oder innen Gründen binlänglicy überzeugt haben, nur Außerlich ſammeln und, ſo gut es gehen wilk, zu einem, foftematifchen Zuſammenhange ‚verarbeiten. Vielmehr, wie die allgemeine Ueberzeugung von der Göttlichkeit des biblifchen Offenbarungs: gehaltes nur durch die Anfchauung der gefchichtlichen Perfün= lichkeit des, Hexin. gewornmen werden. fannz fo hängt auch das weitere Eindringen in. dieſen Gehalt: durchaus ander fteigenden Philoſophiſche Schlußbetrahtung. 503 Vertrautheit, und fo zu fagen an dem ununterbrochenen perfon: lichen Verkehr und Umgang mit diefer erhabenen gefchichtlichen Geftalt. Die Lehren, die Ausfprüche des Herrn haben ihre Bedeutung wefentlich darin, Daß ſich durch fie und in ihnen jein Wefen, feine Perfonlichkeit offenbart. Abgetrennt von bie: fer Perfönlichkeit, wie fie die gewöhnliche Dogmatit und Moral davon abzutrennen liebt, find fie weder an fich ſelbſt verſtaͤnd⸗ lich, noch in der Weife didaktifcher Allgemeinbegriffe oder fitt- licher. Gebote zur unmittelbaren Anwendung auf fremde Lebens: und Erfenntnißgebiete geeignet. : Ein Entfprechendes gilt fogar auch von allen uͤbrigen Theilen der biblifchen Offenbarung, in: fofern dieſelben Chriftum zu ihrem Mittelpuncte, und nur von der Beziehung auf ihn ihre göttliche Autorität: und Beglaubi- gung, haben. Weder das Geſetz und die Propheten, noch auch felbft Die: Lehrvorträge der Apoftel find für und etwas, abge: trennt von dem gefchichtlichen Zufammenhange, deſſen Anfchau: ung und Verſtaͤndniß mit dem Verftändniffe und der Anſchauung des perfönlichen Ehriftus ein: untrennbares Ganze bildet... So wenig man dies in der bisherigen Kirche ausdrüdlich hat aner— Tennen wollen, wo vielmehr von jeher das Beftreben darauf gerichtet war und noch ift, aus fümmtlichen theoretifchen oder paranetifhen Ausfprüchen des Alten und des Neuen Zeftamen- tes, abgetrennt von ihren gefchichtlichen Umgebungen und Mo: tiven, ein Syſtem riftlicher Glaubens- und Sittenlehre abzu— ziehen; fo ift es doch durch die That infofern zugeftanden wor⸗ den, ald das wirkliche Lehrgebäude der Kirche offenbar ein anderes-ift, als man auf jenem Wege würde haben gewinnen koͤnnen. Jene Anfchauung des Ganzen der Perfonlichkeit Chrifti und des weltgefchichtlichen Zufammenhangs, in welchen diefe Perſoͤnlichkeit eingetreten ift, jene VBertrautheit mit dem innern, fittliben Wefen dieſer Perfonlichkeit, ‘von der wir behaupten, daß nur fie dasjenige gewähren fonne, was man vergebens durch abftracte Analyfe und Zufammenftellung des Einzelnen zu.erreichen fucht, hat in der That ſchon bei der Gründung jenes Lehrgebäudes beflimmend eingewirkt, und ‚hat, weit mehr als die einzelnen biblifchen Lehrausfprüche und Gebote, dem chriſt— lichen Glauben auch feine Firchliche Geftalt gegeben. —. Das Bewußtfein, daß nur dem Geifte, aber nicht dem Buchftaben 504 Achtes Bud. nach die biblifche Ueberlieferung als Quelle des kirchlichen Glaus bens betrachtet werden kann, ift es, was in der Fatholifchen Kirche jene Zurüdftellung der Autorität des gefchriebenen Wor= tes hinter die Autorität der Tradition und des in der Gemeinde lebendig gegenwärtigen Geiftes »bewirft hat, weldhe im Laufe der Zeiten freilich eine wirkliche Entfremdung auch dem Geifte nach von dem göttlichen Urquel zur Folge hatte. Der Proteftantismus hat den Zugang zu dieſem Duell auf neue eröffnet; aber er Fan nicht von dem Tadel befreit werden, zum Princip feiner Glaubenslehre bewußter und ausdrüdlicher Weiſe, — unbewußter Weife behielt er freilich aus der frühern Kirche gar Manches bei, was nicht in dem biblifchen Buchſta— ben feinen Urfprung hat, und verwarf gar Manches, was, ftreng genommen, aus dieſem Buchftaben allerdings fich ergeben würde, — ftatt des Geiftes den Buchflaben der Schrift gemacht zu haben. Es ift alfo nach diefem allem als eine wefentliche Berich— tigung des Princips der proteftantifchen Lehre anzuerkennen, wenn man in neuerer Zeit angefangen hat, mit Beifeitfegung der frühern Formeln das wefentlihe Moment des chriftlichen Glaubens in die Anerkennung der urbildlihen Würde und Bedeutung des gefchichtlichen, perfünlichen Chriftus zu feßen. Hiermit namlich tft, flatt der abftracten Begriffe und Lehrfäge, welche allenthalben den Inhalt ausprüdlich zu didaktiſchem oder “fombolifhem Behufe aufgefeßter Slaubensbefenntniffe bil den, dem Glauben ein concreter Gegenftand zugleich der aͤſthe— tifchen Anſchauung und des fittlihen Strebens vorgelegt. Die Urbildlichkeit Chrifti ift eben dadurch recht eigentlih Ghau— bens gegenftand im Gegenfage bloßer Erfenntnißgegenftände, daß fie fi nicht aus gegebenen Thatſachen durch Verftandesfchlüffe ableiten läßt, Tondern einzig und allein durch begeifterte An- ſchauung dieſes Gegebenen und durch fittliche Erhebung des Gemuͤths, welde, über die Erfcheinung dieſes Gegebenen hin- aus, zum inneren Kern und Wefen des darin fich Offenbaren— den durchdringt, gewonnen werden kann. Es kann zwar nicht von jedem Bekenner des Chriftenthums gleihmäßig verlangt werden, Daß er auf durchaus felbitftändige Weife, durch eigenes Schauen und Forſchen dieſe Ueberzeugung ſich aneigne und fich Philofophifhe Shlußbetrabtung 505 in den Beſitz eines Chriftusbildes ſetze, deffen er ſich in felbft= eigener, urlebendiger Anſchauung als des göttlichen Urbildes der Menfchheit bewußt ift. In der Mehrzahl derer, welche die Gemeinde des Herrn ausmachen, wird mehr oder weniger auch diefer Glaube, eben fo wie die bisherigen confeffionellen Glaus benslehren, ſtets den Charafter eines Außerlichen Autoritaͤts— glaubens behalten müffen, da das Hindurchdringen zur Freiheit jener Glaubenseinfiht von Bedingungen einer höhern, wiffen: Thaftlichen Bildung abhängig bleibt, die nur in: Wenigen ſich erfüllen koͤnnen. Da indeffen, in Folge der durch den Protes flantismus errungenen Glaubensfreiheit, der Zugang zu den Quellen einem’ Jeden aus der Gemeinde geöffnet bleibt, ſo iſt hiermit wenigftens die Möglichkeit einer unbegrenzten Annähes tung an jene ſelbſtſtaͤndige Einficht auch für jeden Einzelnen geöffnet. Jeder Einzelne kann und foll aus eigener Befchäfti- gung mit den heiligen Urfunden, wenn nicht ein in fich felbft vollfommen klares und in allen feinen Weltbeziehungen durch» aus verftändliches, Doch ein für die Bedürfniffe feiner intellec— tuellen Bildung ausreichendes Bild de3 Herrn gewinnen. Daß aber die Anerkennung des göttlichen Urbildes der Menfchheit in der Perfon Chrifti als das Princip feftgeftelt: werden koͤnne, deffen Bekenntniß den VBereinigungspunet für die. chriftliche Ge: meinde als ſolche abgiebt: dazu reicht hin, daß nur im Allge— meinen die Geftalt diefer Perfonlichkeit zur Anfchauung und prüfenden Forſchung Aller offen hingejtelt fei. In welchem Einzelnen dann das Bild derfelben eine auch Andern mittheils bare Klarheit und Feftigkeit gewinnt: der wird durch die Mits theilung des von ihm Erſchauten und innerlich Erlebten, ſo wie äußerlich durch wifjenfchaftlihe Forfhung Erprobten diefen Andern ein Führer zu Chriftus im eigentlihern und unmittels barern Sinne werden, ald in welchem er es Durch bloße Ueber— Vieferung der Allgemeinbegriffe, welche man als dogmatifche und moralifche»ehren aus den Ausiprüchen des Herm und feiner Apoftel abzuziehen allerdings auch nie unterlaffen wird, zu wers den vermochte. Die unermeßliche, durd feinen Allgemeinbegriff jener, Art, durch welche der Rationalismus , der fpeculative ſowohl, als der gemeine, fie verdrängen will, zu erfegende Wichtigkeit, welche 506 Achtes Buch. diefer Anſchauung einer urbildlichen, und dennoch gefchichtlich wirklichen Perfönlichkeit auch wir zuzufchreiben nicht umhin koͤn— ken, — wie ja in der That die Weltgefhichte felbft fie bezeugt, der durch" diefe Anfchauung eine neue Geftalt gegeben worden ift,— beruht ihrem wefentlichen Grunde nach auf der Bedeutung, welche ihr Gegenftand in einem bei weitem wahrhafteren und tebendineren Sinne, ald der Sinn ift, in weldem der gewohns liche Supernaturalismus dieſes Wort ausfpricht, ald göttliche Dffenbarung bat. Es ift fo gewiß wahr, fo gewiß der Rationalismus in allen feinen Geftalten und Variationen falſch ift, daß, wie alles menfchlic” Gute und Schöne, eben fo auch Gott felbft nicht im reinen, von Anfchauung entblößten oder die Anſchauung als ein zu überwindendes Moment abftreifen= den und hinter fich zurüdlaffenden Begriffe, fondern. allein durch Lebendige Anfchauung und Erfahrung erkannt werden Fann. Die Erfahrung, durch ‚die er erkannt wird, iſt eben jene fittlicheveligiofe, welche, wie oben gezeigt, von einem Momente objectiver, geifterfüllter Anfchauung ihren Ausgang nehmen muß, um von diefer Außenfeite aus zu dem inneren Wefen und Selbft ihres Gegenftandes vorzudringen, welches Jeder nur in dem Maße fich anzueignen und zu erfennen vermag, in welchem er fein eigenes Selbft in die Natur des Gegenftandes. hereinbildet. Darum kann fi Gott nie und nimmer auf didaktifche oder dogmatifhe Weife, durch Mittheilung abftracter Begriffe oder reiner Gedanfenformen, in welche fein Wefen gefaßt: werden fol, den Sterblichen offenbaren, Die Bildung des Begriffs, der Lehre als folcher, bleibt allenthalben, auch in wirklich offen— barter Religion, den Gläubigen überlaffen, welche die Offenbas rung bereits fich angeeignet haben. Iſt ja doch auch in der Hriftlihen Kirche die Glaubenslehre, nicht nur die bisher gel- tende, fondern auch jede mögliche zukünftige Geftalt derfelben, nicht von Chriſtus felbft und auch nicht einmal von feinen Apofteln ausgefprochen, fondern einem geſchichtlichen Pro— ceffe der Bildung, Reinigung und Vollendung innerhalb des tirchlichen Lebens felbft anheimgegeben worden. Was wir da= gegen wirklich, im unmittelbaren, eigentlichen Sinne Offenbae rung Gottes zu nennen haben, das ift allenthalben ein Sein, nicht ein Begriffz eine der conereten Borftelung und Anſchauung Philoſophiſche Schlußbetrabhtung. 507 vorliegende Geftaltz jedoch nicht eine folche, in welche, wie in der Afthetifchen Geftalt, in dem Kunftwerfe, das Innere, der Geift, vollftandig in die Aeußerlichkeit der Erfcheinung aufginge. Wie nun unter allen Geftalten, welche menschlicher Anfchauung zugänglich find, die eigene, in fich befchloffene und untheilbare Geftalt der menfchlichen Perfünlichkeit zwar nicht für die Afthes tiihe Anfchauung als ſolche die unbedingt höchfte oder voll: fommenfte (auch die Zufammenftellung nämlich einer Mehrheit, fei es ruhender Geftalten, oder bewegter Handlungen und Ber gebenheiten vermag gar wohl eine Afthetifch eben fo vollen= dete Anfchauung zu geben), wohl aber die einzige ift, in welcher der Einheit und Abgefchloffenheit der Erfcheinung ein mit ſich felbft durchaus einiges und in fich abgefchloffenes Innere ent: foriht: fo kann es für die Menfchen Feine vollfommnere Offen: barung des Göttlichen geben, als jene perfünliche und indivi— durelle in der Geftalt eines wirklichen, aber das von Gott felbft gedachte und entworfene Urbild der Menfchheit volftändig in fi darftellenden Menfchen. N Das Auftreten Sefu Chriſti bezeichnet in der MWeltgefchichte bekanntlich den entfcheidenden Wendepunct, von welchem aus der Monotheismus zur herrfchenden Grundüberzeugung des gefammten für fittliche und geiftige Bildung höherer Art em: pfänglichen Theiles der Menichheit geworden ift. Fragt man nach der Art und Weife, wie es bei der Offenbarung diefer großen Wahrheit, diefer erſten und wichtigften Vorausfegung aller andern Wahrheiten des Chriftenthums zugegangen ift: ſo muß man, wenn man dabei von den herrfchenden, fei es ſuper— naturaliftifchen oder rationaliſtiſchen Vorftelungen ausgeht, fi) hoͤchlich überrafcht finden, bet Durchforſchung der Lehrausfprüche des Herrn ſchlechterdings nichtd der Art anzutreffen, was eine ausdrüdliche Geltendmachung des Glaubens an Einen Gott zu bezwecken ſchiene. Allerdings richtet Jeſus feine Neden durchgängig zunächft an Bekenner des mofaijchen Glaubens, bei welchen er den Monotheismus als vollfommen feftgeftellt und über jeden Zweifel hinausgehoben vorausfegen konnte, Allein wenn es bei der Begründung diefes Glaubensinhaltes fo wer fentlih auf die ausdruͤckliche Ausfprache deffelben aus dem Munde des Gottgefandten ankam: wie wäre ed gefchehen, daß 508 Achtes Bud. Chriftus nicht wenigftens indirect, bei feinen Verfündigungen einer dereinftigen Verbreitung feiner Lehre ber die heidnifche Welt, diefes Moment mit ganz anderem Nachdruck, als wir ihn wirklich thun fehen, hervorgehoben hätte? Wie hätte er, wenn feine Sendung diefe war, den Heiden die Einheit Gottes als eine durch ihn won Gott ihnen offenbarte Wahrheit. zu lehren, es umgehen Fünnen, wäre es auch nur in feinen Gefprächen mit den Süngern und in feinen Anreden an die Juden, den heidniſchen Götterdienft zu befaämpfen oder irgend einen aus— drüdlichen Bezug auf denfelben zu nehmen, und ihm gegenüber die Wahrheit, daß nur der. israelitifche Jehova der alleinige Gott und Herr fei, wiederholt zu befräftigen® Sogar: in der apoftolifchen Predigt ift die Bekämpfung des heidnifchen Götter- und Goͤtzendienſtes allenthalben nur eine beiläufige; fie nimmt kur efwaneine entfprechende Stelle ein, wie ihr gegenüber auch die Bekämpfung der iBraelitifchen Geſetzesgerechtigkeit, aber ' durchaus Feine breitere und ausdrücdlichere. Allenthalben erfolgt die Verkündigung der Einheit Gottes mehr in der Weije einer ſtillſchweigenden Borausfekung, als einer ausdrüdlichen Lehre; und wenn auch für die Juden ſolche Vorausſetzung allenfalls als Ruͤckbeziehung auf frühere göttliche Offenbarungsausfprüche gelten Fonnte, ſo hätten doch für die Heiden diefe Ausfprüche in ganz anderer Weife, ald wir zur apoftolifchen Zeit gefcheben fehen, als integrirender Theil in die evangelifche Verfündigung aufgenommen werden müflen, wenn wirklich die Meinung dieſe gewefen wäre, auf fie in fupernaturaliftifcher Weiſe als gütt- liche Autoritäten die monotheiftifche Glaubenslehre begründen zu wollen. — Die Wahrheit ift aber vielmehr diefe, daß Chriftus eben fo wenig durch LZehrausfprüche, die er vorausfekte, wie durch ſolche, die er felbft gab, fondern durch fein gefammtes perſoͤnliches Dafein und feine Erfcheinung dem menfchlichen Ge: Schlechte Der Begründer des monotheiftifchen Glaubens gewor- den ift. Nicht die Lehre Sefu und feiner Apoftel war es, welche die Heiden genöthigt hätte, den Glauben an ihre Götter aufzugeben und für falfch zu erfennen, fondern die Anſch aus ung der in Sefus offenbarten und Menſch gewordenen, Gott- heit trat für fie an die Stelle der mythifchen Anfchauungen, die zu der Zeit, als dad Evangelium ihnen gepredigt ward, Philoſophiſche Schlußbetrachtung. 509 bereits ihre fruͤhere Kraft der Erleuchtung und der Beſeligung verloren hatten. Was die Lehre als ſolche betrifft, ſo hatten ſich keineswegs gering zu ſchaͤtzende Anklaͤnge eines ſpeculativen Monotheismus unter Griechen und Roͤmern bereits vor Chri— ſtus, und in den naͤchſten Jahrhunderten nach Chriſtus voͤllig unabhaͤngig von ſeiner Lehre, ja zum Theil in ausdruͤcklichem Widerſpruche dazu, vernehmen laſſen. Dieſe Anklaͤnge, die Philoſopheme der platoniſchen und einiger anderer philoſophi— ſchen Schulen des Alterthums, reichen, mag man ſupernatura— liſtiſcher Seits dagegen einwenden, was man wolle, vollkommen hin, um zu beweiſen, daß zu dem allgemeinen Begriffe der Einheit und Perſoͤnlichkeit Gottes, zu der Ueberzeugung, da ß nur Ein Gott und daß dieſer Gott denkender und wollender Geiſt ſei, die menſchliche Vernunft auch durch ſich ſelbſt, ohne offenbarte Er— kenntniß dieſes Begriffs, — wiewohl, glauben wir nach unſerer Totalanſicht dieſes geſchichtlichen Entwickelungsganges hinzu— ſetzen zu muͤſſen, nicht ohne Unterftüßung des Materials der Anſchauung, welches ihr Durch die mythiſche Offenbarung ge— worden war, — gelangen konnte. Ganz unverkennbar iſt dieſer ſpeculative Monotheismus die Baſis geworden, uͤber der ſich fuͤr die gebildete Welt zu jener Zeit die chriſtliche Glaubenslehre begruͤndet hat. Er war darauf angewieſen, ſich durch die An— ſchauung, welche das Chriſtenthum von dem in der Perſon ſeines Stifters offenbarten Gotte gewaͤhrt, zu ergaͤnzen und auszufüllen, und es hat ſich ſomit das Umgekehrte zugetragen von der rationaliſtiſchen Vorausſetzung, als ob zuvor in poſiti⸗ ver Religion die Vorſtellung von Gott gefaßt werden müßte, bevor Gott in ſeiner „Wahrheit““, d.h. im Begriff und rei- nen Gedanken erfaßt werden koͤnne. Vielmehr, der Gott, der in der Perfon Jeſu Ehrifti offenbar geworden: ift, hat ſich eben dadurch als ein: folcher beurfundet, der höher iſt, als alle Vers nunft, Daß er fchon wor diefer Offenbarung auf doppelte Weiſe, in ‚dem. religiöfen Auffchwunge des israelitifichen und in’ dem philofophifchen des helleniſchen Bewußtſeins, in Vorſtellung und Begriff gefaßt worden war, waͤhrend beide Weiſen ihrer Erfüllung durch feine lebendige, anſchaubare Gegenwart erſt entgegenſahen. — Nicht, als ob vor Chriſtus alle concrete An— ſchauung des Goͤttlichen, aller lebendige Verkehr mit dem Goͤtt⸗ 510 Achtes Bud. lichen den Menfchen verſagt gewefen waͤre. Dies kann fo wenig unfere Meinung fein, fo gewiß wir es, wie fchon aus allem bisher Gefagten hervorgeht, mit dem Begriffe der göttlis chen Offenbarung, die wir bereit in’den vorchriftlichen Religionen, und Feineswegs etwa blos im der jüdifchen finden, volfommen ernftlich nehmen. Wir glauben vielmehr, wie wir gleichfalls fo eben fehon andeuteten, auch die Begriffe und Erfenntniffe, die fich bei den Philofophen des Alterthums von Gott und den göttlihen Dingen vorfinden, mittelbar oder unmittelbar aus Dffenbarungsthatfachen jener Art, durch die fich zu allen Zeiten der Weltgefchichte das Göttlihe den Menfchen bezeugt hat, ableiten zu müfjenz indem wir der Ueberzeugung find, daß die Bernunft, auf fich felbft geftelt, durchaus nur formale, aber feine realen und inhaltvollen Begriffe, dergleichen jeder irgend wahrhafte Begriff des Göttlichen ft, auch wo er, wie von Eini- gen der Alten, nur noch in feiner abftracteften Form als „Idee des Guten“ gefaßt wird, zw erzeugen vermag. Allein wenn auch aus der unendlichen Mannichfaltigfeit: imd Zerſtreuung dieſer Offenbarungsthatfachen mit Hülfe der dem menfchlichen Geiſte eingeborenen und durch die philoſophiſche Speculation zum wiffenfchaftlichen Bewußtfein gebrachten Vernunftformen die Einheit und die abfolute Geiftigfeit des Göttlichen erfchlof- fen werden: konnte: fo blieb das eigentliche, innere Wefen und Selbft des Gottlichen den Menfchen doch fo lange unerkannt, fo lange es nicht in derjenigen Form, die es allein. vollftändig zu hegen und in‘ fi aufzunehmen vermag, in die Mitte der Menschheit eingetreten war. Diefe Bedeutung, die wir fo eben. zu bezeichnen verfuch- ten, ‚glauben wir der Offenbarung Gottes in Chriſto beilegen zu Tonnen ‚ohne: daß deshalb unfere Lehre der Vorwurf trifft, den man gegen bie bisher für rechtgläubig geltende allerdings, wie uns bedünft, nicht ohne einigen Schein von Recht erhoben hatır daß fie unbeachtet Taffe, wie es „ja gar nicht die Art fei, wie: die Idee fich vealifirt, in Ein Exemplar ihre ganze Fuͤlle auszufchütten und gegen alle andern zu geizen, fondern daß fie: in einer Mannichfaltigfeit von Eremplaren, die fich gegen⸗ feitig ergänzen, im Wechfel fich fehender und wiederaufhebender Sndividuen ihren Reichthum auszubreiten: liebe.“ Es erhellt Philoſophiſche Schlußbetrahtung. —511 namlich aus vielen unſerer Zwiſchenbemerkungen, fo wie ſchon von vorn herein aus: dem Gegenfage, in den wir und offen und. uns verholen gegen. das excluſive Princip der Kirchenlehre ftellten, daß die Art und Weife, wie wir in der Perfonlichkeit Chriſti das vollendete Urbild der Menfchheit und das Abbild der Gott— heit zu erbliden uns überzeugt halten, weder eine unbegrenzte. Annäherung am diefes Urbild von Seiten. der übrigen Sterblis hen, noch auch. felbft seine reale, wahrhafte Gegenwart Gottes in dem Thun und Erkennen anderer menfchlicher Perſoͤnlichkei— ten ausschließt. Der Gott, der in Chriftus Menfch geworden ift, iſt uns keineswegs ein Deus ex machina ; feineswegs eim Gott, der erfb zu diefer Zeit und an diefem Orte fich zu den Menfchen herabgelaffen hätte, darum: herabgelaffen,: weil er zuvor die Unfähigkeit der Menfchen, fich ohne: ein folches Ent— gegenkommen von feiner Seite zu ihm zu erheben, in Erfah: rung gebracht. Vielmehr, wie Gott, auch nad) dem Aug: fpruche unferer heiligen: Urkunden, zu feiner Zeit, und an feinem: Drte ſich den Sterblichen undezeugt gelaſſen hat: ſo dürfen wir aud vom den Menfchen fagen, daß zu Feiner Zeit und unter; feinem Volke das Streben, diefe Bezeugungen zu faffen und die Subftanz des Göttlichen durch geiftige Wieder— geburt ſich anzueignen, ganz gefehlt hat und daß es uͤberall zu einem größern oder geringern Erfolge gediehen iſt. Jene vollftändige Hin: einbildung des geiftigen Selbit und Weſens eines menfchlichen Individuums im die, göttliche Subftanz, worein wir den Begriff der in Chrifto erfolgten Offenbarung ſetzen, ft: durchaus nun, als der Schlußr und: Gipfelpunet einer Reihe von: Manifefta: tionen des Göttlichen in. der Menfchenwelt: zu‘ begreifen, die auch ihrerfeitö eben fo, mie jene Hineinbildung felbft, auf einer Wechfelthätigkeit und Wechfelvereinigung. der Gottheit: einerfeits und der Menfchheit andererfeits beruhen. Dies hat fogar die Kirchenlehre: anerfannt durch ihre Ausfage, daß Ehriftus nicht eher erfcheinen: konnte, ald ‚nachdem die Seit erfüllt warz‘ nur daß) freilich Diefe Lehre den vorchriſtlichen Offenbarungs⸗ proceß einfeitig auf das Judenthum befchränkte, und in Folge dieſer Beſchraͤnkung auch hier nur als einen: Proceß aͤußerlicher, mechanifcher Mittheilung zu faflen vermochtez wodurch in der That: def Sinn jenes Zugeftändniffes wieder. aufgehoben: wird. 512 Achtes Bud. Man verfennt nämlich diefen Sinn, wenn man den Ausfpruch nur aufdie Empfänglichfeit ver Menfchen für das, was dur) Chriſtus ihnen dargeboten wird, beziehen will. Der wahre Sinn ift unfteeitig diefer, daß," weil die Menfchwerbung Gottes in Chriſto eine That’eben fo fehr der Menfchheit, als der Öotts heit ift, diefe That nicht eher erfolgen kann, als nachdem die Menfchheit fie zu vollbringen erftarkt und gereift iſt. Es if eine That der Menfchheit, fagen wir; nicht, eine That des einzelnen Menfchen Jeſus von Nazareth; dieſer letztere viel- mehr war das, was er war, fihon in Folge jener Doppelthat der Selbftentäußerung Gottes und der Erhebung: der Menfch- heit zu Gott. Diefe Erhebung aber Fann eben darum, weil fie nicht den Einzelnen ald Einzelnen, fondern das ganze Ge- fchlecht betrifft, nicht eine plößliche, fondern fie muß eine all mählige fein? Das: menfchliche Gefchlecht muß erft in Form der Allgemeinheit das Göttliche fich angeeignet, muß das Inwoh— nen der: göttlichen Subftanz durch die Geftalten von Natur: und Bolkergottheiten fich zum: Bewußtfein gebracht haben, bes vor es die Füle diefer Subftanz zu der Geftalt der Sub— jectivität und Einzelheit einer: menfchlichen Perſon herausgebären kann. Eben deshalb ift und bleibt e8 auch unftatthaft, ja dem wahren Begriffe der Menfchwerdung Gottes durchaus wider: fprechend, die Erfcheinung des in dieſem Sinne Menſch gewor— denen Gottes auf eine im "gemeinen Wortfinn übernatürliche, miraculoͤſe Weife verfolgt, oder von Erfcheinungen, durch welche die geſetzliche Drdnung des Naturlebens durchbrochen worden wäre, begleitet zu denken. Durch Mirafel in diefem Sinne nämlich würde jene Stetigkeit des weltgefchichtlichen Offenba— rungsproceffed unterbrochen werden, unter: deren) Vorausſetzung es allein: möglich iſt, das menſchliche Gefchlecht im Ganzen als felbftthätig in diefem Procefje zu denken, Gott erfchiene in den Mirafeln, um auf unfern vorigen Ausdrud zuruͤckzukommen, eben als Deus ex machina, als ein dem menfchlichen Gefchlecht fih von außen, durch mechanische Einwirkung manifeftirender, nicht aber feinem eigenſten Wefen und Selbſt nah in das Weſen und. die Natur des menfchlichen Gefchlechtes eingehender. Meit mehr, ald ‚den Vorwurf: eines ungehörigen, allzu— ſchroffen Hervorhebens des Einen gottmenfhlichen Individuums . Philoſophiſche Schlußbetrahhtung. 513 vor der Maſſe der übrigen Individuen des menfchlichen Ge— ſchlechtes, hat die von uns aufgeftelte Lehre den entgegenge: festen zu befürchten, daß fie, gleich jener vationaliftifchen, wel- cher fie fich doch ausdrüdlich entgegenftellt, auf eine pantheifti- fche VBergötterung des gefammten menfchlichen Gefchlechtes hin- ausfomme. Wir befennen uns ohne allen Nüdhalt oder Vor— behalt zu der Ueberzeugung, daß der Gott, der in Chriftus die Geftalt eines wirflihen, menfchlichen Individuumgs angenom- men hat, nicht von außen in diefes Individuum hereingeftiegen it, fondern von Anfang an in dem menfchlichen Gefchlechte gegenwärtig war. Seine Menfchwerdung in dieſem Indivi- duum gilt uns, zunächft als ſolche betrachtet, für eine Bege— benheit, die, wie alle andern herwortretenden Greigniffe des welt: geichichtlichen Entwidelungsprocefjes der Menfchheit, einerfeits auf der Nothwendigfeit und Gefeglichkeit diefes Proceffes, an- dererfeitd auf der innerhalb diefer Gefeglichfeit das lebendige Princip der Fortbewegung ausmachenden creatürlichen Freiheit beruht; von einem befondern Rathfchluffe des außerweltlichen Gottes, gerade in diefes Individuum herabzufteigen, nachdem er fih von allen übrigen abfichtlich entfernt gehalten, wiffen wir nicht3 zu fagen. Wir läugnen die Mirafel, durch welche Gott, erft vor Chriftus, aber nur unter dem ifraelitifchen Volke, dann in Chriftus felbft, feine Außerlihe Macht über die Natur in Durchbrechung des gefeßmäßigen Naturlaufes offenbart haben fol, und geben nur folche Wunder zu, welche in Manifeftatio- nen der Macht des Geiftes auch über Gebiete, die ihm in den gewöhnlichen Zuſtaͤnden unzugaͤnglich bleiben, beftehen; von die: fen Wundern aber behaupten wir, daß fie fich unter Heiden nicht minder, wie unter Zuden, und in Chriftus nur auf aus: gezeichnetere Weife, als anderwärts, zugetragen haben. — Dies alles find Behauptungen, welche, wir verfennen es nicht, ftarf nach Pantheismus Elingen, und den Bekennern der bisherigen Kirchenlehre mannichfahen Anftoß zu geben nicht ermangeln werden. Auch wagen wir nicht, die Möglichkeit zu läugnen, daß Jemand mit einer Anficht, welche mit der von ung Dargelegten bis auf diefen Punct in allen Hauptmomenten übereinftimmt, ſich wirflih zum Pantheismus, das heißt, wie wirses in diefem Zufammenhange fallen müffen, zu der Bd. I, 33 514 Achtes Bud. Meinung befenne, daß es außer jenem der Welt und Menſch— heit eingeborenen Gottesgeifte, welcher die vollftändigfte Wirk— lichkeit feines Dafeins in der Perfönlichfeit Chriftt erreicht hat, feinen andern Gott gebe; daß alfo, wie man ed aud wohl auszudrüden verfucht hat, erft in Chriftus Gott Perfon gewor: den fei und als Perfon feit Chriftus nur im Geifte der Ge: meinde fortlebe. Allein unfere eigene Ueberzeugung ift mit nich- ten diefe bier bezeichnete; auch follten wir meinen, daß die von und im Vorhergehenden für die Beurtheilung des Hiftori- fehen im Chriftenthume aufgeftellten Principien hinreichend deut— liche Spuren an fich tragen, wodurch fie fih als aus einem andern philofophifch-religiofen Standpuncte hervorgegangen be— urfunden. Wir erlauben und, auf den Zufammenhang jener Principien mit einer Weltanficht, die wir für die im acht philo= ſophiſchen Wortfinn theiftifche oder monotheiftifche halten, und, was ſich damit unzertiennlich verbunden erweifen wird, auf die Bedeutung, welche in Folge diefes Zufammenhangs das ächte, wiflfenfchaftlihe Verſtaͤndniß des Gefchichtlichen der rift- lichen Offenbarung für die eben genannte Weltanficht hat, jekt nod in der Kürze hinzuweifen. Was und die Offenbarung Gottes in Chrifto als den Gipfel und Mittelpunct aller innerweltlichen Erſcheinungen des Göttlihen betrachten läßt: das ift, wie mehrfach angedeutet, die Form der Perfonlichfeit, in welcher und diefe Subftanz hier entgegentritt, — nicht als blos vorgeftellte, wie auch im he— bräifchen Monotheismus Gott in diefer Geftalt vorgeftellt ward, auch nicht als blos gegenftändlich erfcheinende für die Anſchau— ung, wie in den mythifchen Götterbildern der Hellenen, — fondern als reale, lebendige Perfünlichkeit eines gefchichtlichen Indivi— duums, welches fein creatürliches Selbft vollftändig in die Sub- ftanz des Göttlihen hineingebildet hat. Für diefe Form felbft giebt es num zwar verfchiedene Gefichtöpuncte, aus denen ntan die hohe Bedeutung, welche ihr beigelegt wird, erklären Tann. Einestheils nämlich fann man fagen, daß innerhalb der irdi— ſchen Welt das Göttliche ſich in feiner volftandigern Weife zu bethätigen vermag, ald in derjenigen, welche zugleich die umfaſ— ſendſte und intenfivfte Realität des endlichen Daſeins als fol: hen enthält, Hiernach wäre die Erfheinung Gottes als Per: Philofophifhe Schlußbetrahtung 515 fon in Chrifto nur als ein relativ Höchftes innerhalb einer bee ffimmten Sphäre des Daſeins gefaßt, nicht als ein abfolut Höchftes für die Gottheit felbft. Da indeffen diefe Ephäre die nämliche wäre, auf welche unfere Grfenntniß ein für allemal befchränft fein fol, fo würden wir von einer andern Meife des göttlichen Seins und Wirkens durchaus Feine Borftellung bil- den koͤnnen; für uns bliebe jene Manifeftation der Gottheit die unbedingt höchfte, fo wie nur der innerhalb des vor ung offen liegenden Gebietes der Erfcheinung fich manifeftirende Gott der wahrhaft reale und wirkliche. . Wiefern aber dennoch diefer Standpunct, wie wir es in den meiften wiffenfchaftlichen ſowohl, als populären Geftaltungen deffeiben wirklich gefchehen fehen, auf den Slaubensfag, daß Gott allerdings noch ein dieſer Sphäre der Erſcheinung, auf die wir angewiefen find, jenfeitiges Dafein hat, ein größeres Gewicht legen wollte, fo Fünnte hier doch von einer Derfonlichfeit diefes außerweltlichen Gottes nicht die Rede fein; der als perfünlich erfannte Gott wäre hier durchaus nur der innerweltliche, der in den Formen der Endlichkeit erfcheinende. — Sn einem höhern Sinne hat jenes rationaliftifche Syftem, dem wir fhon zu verfchiedenen Malen in unferer Betrachtung begegnet find, den Begriff der innerweltlichen Perfonlichkeit Gottes zu faffen verfucht, indem es aus dem Sabe, daß Gott wefentlich Geift ift, die Kolgerung zog, daß er, als Geift, nicht blos, in Geftalt der Objectivität, zum Bewußtfein des vorftellenden und denfenden Menfchengeiftes, fondern auch zum Selbftbewußtfein fommen müffe. Dies aber gefchehe nur, wenn ein menſch— liches Individuum in feiner Selbftheit und Einzelheit ſich un- mittelbar als Gott wilfe, und diefes Bewußtfein feiner Eins heit mit Gott auf die übrige Menfchheit, deren Einheit mit Gott folchergeftalt durch jenes Individuum vermittelt wird, übertrage. Hiernach alfo wäre die Form der Perfonlichkeit, welche Gott in Ehrifto annimmt, allerdings eine abfolute, fein eigenes Wefen und Selbſt, nicht blos feine Erfcheinung vor den Menfchen betreffende; zugleich aber wäre diefe Perfonlich« feit die einzige, welche Gott überhaupt zufäme, Gott alfo nicht von Ewigkeit her Perfon, fondern erſt im Laufe der Zeit und der Weltgefchichte zur Perfon geworden, Meder die eine, noch die andere diefer beiden Anfichten ift, 33 516 Achtes Bud. wie aus unferer vorftehenden Betrachtung erhellt, die unfrige; wer der die eine, noch die andere enthält den Sinn, in welchem wir iu der Perfönlichfeit Chrifti die eigene, ewige Perfonlichkeit Gottes zu erfennen glauben. — Wir haben, was namentlich den Gegenſatz zu der zuleßt erwähnten Anficht betrifft, wiederholt ausgefpro= chen, wie, was uns das Moment der Gttlichfeit in der Er— fcheinung Chriſti ausmacht, nicht jenes abftracte Selbſtbewußt— fein ift, worin er fich ald Eins mit dem Vater erkennt, ſon— dern die concrete Zotalität feines perfonlichen Seins und Thuns, fo wie diefelbe Gegenftand nicht der abftracten Begriffserfenntniß, fondern der lebendigen, fittlich -religiofen Anſchauung und Er— fahrung if. Die Perfonlichkeit galt und allenthalben nur für die Form, innerhalb deren fich die Subftanz des. göttlichen, wie des menfchlichen Geiftes zu ihrer hochften Intenfität und Le— bensfülle entwideltz ohne jedoch, daß wir darum fie in dem Sinne, wie die erfte jener beiden Erflärungsweifen thut, für eine blos endliche, für eine bloße Erfcheinungsform, welche auf das Mefen des der Welt jenfeitigen Gottes Feine Anwendung leide, zu nehmen uns veranlaßt gefunden hätten. Vielmehr, indem wir den in Chriftus Menfch gewordenen Gott nicht ald einen bloßen Gegenftand für die Anfchauung oder BVorftellung der Menfchen, fondern als einen zugleich innerlichen und für fich felbft feienden, und nur vermöge feiner Innerlichkeit und feines Fuͤrſichſeins als Gegenftand eines fittlihen Glaubens erkann— ten: fo haben wir Damit die Perfonlichkeit als eine auch für das Weſen und die Subflanz des Gottlichen gültige und auf fie anwendbare erfannt. Und dies nun ift in der That auch unfere, philofophiich, wie wir glauben, durchaus begründete Ue- berzeugung, welche wir hier freilich nur ausfprechen, aber nicht wiffenfchaftlich ausführen und rechtfertigen Fonnen: daß die all- gemeinen Denf- und Wirklichfeitsformen, die Kategorieen, welche wir als fchlechthin gültig für alles und jedes endliche Dafein erkennen, diefelbe Gültigfeit auch für das Göttliche be- haupten, ohne daß darum das Göttliche als Inhalt, als reale Subftanz Eines und Daffelbe mit dem Endlichen wird, Wir halten dafür, daß diefe Anficht, die für uns freilich noch auf einem andern wiffenfchaftlihen Boden wurzelt, die unumgäng- liche Vorausfekung auch desjenigen bildet, was wir für die Philoſophiſche Schlußbetrahtung. 517 unwandelbare Grundanfchauung des Chriftenthums erkannten. Hätten nämlich die endlichen Dafeinsformen Feine Anwendung auf Gott, fo Fonnte in Wahrheit auch von. Feiner folchen Of— fenbarung Gottes die Rede fein, in welcher wir wirklich ein Göttliches zu fehauen oder zu vernehmen uns verfichert halten dürften; denn was wir fchauen und vernehmen, ſchauen und vernehmen wir doch jederzeit nur in jenen Formen, deren Anwend: barkeit auf Gott eben beftritten wird. — Bei diefer Grundanficht ergiebt fih und num ganz von felbft und ungefucht die Frage: wenn das Göttlihe überhaupt in gleichen Dafeinsformen, wie das Menſchliche, nicht blos erfcheint, fondern wirklich ift: wie es denn zugehe, daß es diefer höchften und vollfommenften Form, der Form, durch welche der Geift allein wahrhaft in ſich und für ſich felbft ift, fo lange entbehren fol, während der endliche Geift des Menfchen ihrer fchon laͤngſt theilhaftig ge- worden ift? Dies nämlich würde offenbar der Fall fein, wenn, wie es die vorhin bezeichnete pantheiftifche Lehre fo will, jener der Welt und Menfchheit eingeborene Gottesgeift, der erſt in Chriſtus zum Selbftbewußtfein und zur Perfonlichfeit gelangt, der einzige oder der ganze Gott wäre. Dem bier ausgefprochenen Einwurfe kann auf wiffenfchaft- lihem Wege nicht anders ausgewichen werden, als wen man zugiebt, daß diefelbe Form geiftigen Dafeins, welde die größte Fülle und Tiefe diefes Daſeins umfaßt, nothwen- dig auch die uranfängliche und erfte fein muß, diejenige, von welcher alle andern Dafeinsformen des Geiftigen und mit dent Geiftigen aud des Natürlichen ihren Urfprung haben. — Wir find der Meinung, daß die Wahrheit und Nothwendig- keit dieſes Zugeſtaͤndniſſes fich durch Die ftrengfte philoſophiſche Dialektik erweiſen laͤßt, finden es jedoch der Abſicht gegen— waͤrtiger Betraͤchtung nicht gemaͤß, derſelben ein ſolches Be— weisverfahren einzuverleiben. Naͤher liegt es uns, darauf hin— zuweiſen, wie, ganz unabhängig von ſolcher wiſſenſchaftlichen Be— weisführung, — auf deren vollkommener Unabhängigfeit von der Autorität biblifcher Ausfprüche wir aber darum nicht minder be: harren muͤſſen, — auch die einfache religiofe Betrachtung des gefhichtlichen Chriſtus in feinem Sein und Grfcheinen, in fei- nem Reden und Thun, zu allen Zeiten Alle, die fich mit glau- 518 | Achtes Bud. bigem Sinne und ohne vorgefaßte Meinung ihr bingaben, auf eine der hier von und bezeichneten entfprechende Ueberzeu- gung geführt hat. Nicht zwar auf eigentliche Lehrausfprüche des Herrn oder feiner Apoftel dürfen wir.uns berufen. Diefe, obgleich auch unter ihnen eine Menge fich finden, die mit Recht von jeher als beweifend für den theiftifchen Glauben im Gegenfaße des pantheiftifchen betrachtet worden find, tragen doch, wenigftens die erfteren, allzufehr den Charakter von Näth: felworten und Orakelſpruͤchen, ald daß fie nicht mit einigem Scheine von Recht fämmtlich auf die pantheiftifche Seite herüber- gezogen werden Eonnten. Der Herr hat, wie mehrfach von und angedeutet, abfichtlich nur in diefem Ton gefprochen, weil der Zweck feiner Erfcheinung nicht diefer war, Ausfagen über Glau- benswahrheiten zu geben, auf die feine Sünger ohne eigenen geiftigen Auffehwung als auf eine Außerlihe Autorität ihr Glaus bensfyftem begründen fonnten. Allein es ift eine von der Be- rufung auf einzelne Ausfprüche wefentlich verfchiedene Wendung, wenn wir behaupten, daß aus der Geſammtanſchauung der per: fonlihen Erfeheinung Ehrifti in der Einheit aller ihrer Momente die fittliche Ueberzeugung hervorgeht: daß der Vater, den er verfündigte und auf deſſen Willen er fein Thun und fein Leiden zurücführte, zunaͤchſt für das eigene Bewußtfein Chrifti, fodann aber der That und Wahrheit nach, nicht jener unperfönliche, innerweltliche Gott war, der fich erft in Ihm zur Perfonlich- feit erhoben hatte, fondern ein außer= und überweltlicher, in derfelben Geftalt der Perfonlichfeit, zu der jener erft im Laufe der Zeit fich aufgefhwungen hatte, von Ewigfeit zu Ewigfeit feiender. Hier ift e8 erlaubt, — unter Vorbehalt jedoch der ein für allemal von uns anerkannten Rechte der Wiffenfchaft, welche dadurch auf Feine Weife beeinträchtigt werden dürfen, — von ei: nem chriftlihen Gefühl, von einem chriftlichen Bewußtfein zu Sprechen, welches den Begriff eines perfonlichen Gottes und Weltfchöpfers, der fich in eben angedeuteter Weiſe zu dem göttlichen Sohne und durch ihn zu allen, welche durch Beiftand feines Geiftes Gottes Kinder werden, eben ald Bater verhält, zu einem noths wendigen Momente feiner felbft hat, d. h. zu einem folchen, ohne den es jene fittlich «religiofe Anfchauung, welche die Ge— ftalt des gefchichtlichen Chriftus ihm gewährt, feftzuhalten und Philoſophiſche Schlußbetrachtung. 519 dad Werk der geiftigen Wiedergebint, zu dem es von diefer An: Ihauung fortgetrieben wird, zu vollbringen nicht vermögen würde. So wenig nun aber, unferer innigften Ueberzeugung nach, der wahre Glaube an die Offenbarung Gottes in Chrifto, das ächte, lebendige Schauen des offenbarten Gottes in der Perfon Chriſti, ohne das Zugeftändniß jener theiftifchen Grundvoraus: feßung beftehen kann: eben fo wenig liegt in der Kehre und der Erfcheinung Jeſu, infofern fie beide Gegenftand folches geifti- gen Glaubens und Schauens find, ein Grund, fein Verhältniß zu dem himmlifchen Vater für ein in jenem Sinne excluſives und zugleich über: und außernatürliches zu nehmen, wie es bie bisherige Kirchenlehre dafür genommen hat. Im Gegentheil, diefe Meinung fteht fowohl zu dem natürlichen und unverkünftelten Sinne der Lehrausſpruͤche des Herrn, als auch zu der gefamme- ten Haltung und Handlungsweife deffelben in dem ausdrüd- lichten Widerfpruche. Wenn Jeſus fich ftatt aller andern Praͤ— Dicate, womit ihn erft der jüdifche und dann der kirchlich-chriſt— lihe Dogmatismus ausgeftattet hat, nur das einfache Pradicat des „Menſchenſohnes“ giebt: fo Liegt darin auf das Flarfie ausgeiprochen, daß fein göttliches Selbft nicht von außen in die Welt hineingefommen, Sondern aus dem Geifte der Welt und der Menfchheit durch inwohnende Entwidelung und Selbft: entfaltung herausgeboren ift. Gegenüber einem fo durchgehen— den und laut fprechenden Selbftzeugniffe wird es Feinem tiefer Berftändigen einfallen koͤnnen, etwa jene parabolifchen Aeuße— tungen von der Sendung des göttlichen Sohnes in die von Gott abgefallene und ihm entfremdete Welt auf ſolche Weife deuten zu wollen, als ob fie von einer außerlich mechanifchen Sendung des Göttlihen in eine ſchlechthin nur ungottliche Um: gebung zu fprechen die Beftimmung hätten. Gerade bei Aeuße— rungen diefer Art fchließt Jeſus in den Gegenfaß, in welchem Gr als göttlicher Sohn zu dem wirklich entgötterten Theile des Menfchengefchlechtes fteht, — ein Gegenfaß, der fich freilich in Ihm auf feine höchfte Spiße getrieben hatte, — die Pro: pheten und alle gotterfüllten Menfchen der Vorzeit mit ein, und deutet auf eine Gtetigfeit des Zufammenhanges, in welchem Seine Erfcheinung zur Erfcheinung Diefer fteht. — Die Ste: tigkeit diefes Zufammenhangs allein ift es, was jene Uebertra- 520 Achtes Bud. gung ded Begriffs vom göttlichen Logos auf die Perfon Chrifti fowohl veranlaffen, als auch rechtfertigen Fonnte, in welcher, wie wir in unferm fechften Buche zu zeigen fuchten, der Apo— ftel Sohannes feinen Mitjüngern und der chriftlichen Kirchen- lehre, welche diefes Philofophem freilich nicht ganz richtig vers ftanden hat, vorangegangen ift. Unter dem Logos nämlich ward in der helleniftifchen Philofophie, aus welcher Sohannes diefen Begriff entlehnte, durchaus ein innerweltliches Princip verftanden; und auch Sohannes nahm ihn dafür, wie auf das deutlichfte der Prolog zu dem nach ihm genannten Evangelium zeigt, welcher die Perfon Sefu Chrifti zwar als die Verkoͤrpe— rung oder Fleifhwerdung des Logos bezeichnet, aber die Hineinbildung des Logos in die Welt ald einen und denſelben Act mit der Weltfchöpfung begreift”). Dies naͤmlich, die uranfanglihe Mittheilung und Hinein- bildung einer göttlichen Subftanz in die von Gott gefchaffene, durch feinen Schöpferruf aus dem Nichts hervorgehende Melt, muͤſſen wir nach allem bisher Gefagten allerdings für die un— entbehrliche Vorausſetzung erklären, durch welche allein die re= ligiöfe Ueberzeugung von der Wirklichfeit diefer göttlichen Of: fenbarung in der Perfon Chrifti fi) auch philoſophiſch rechtfer: tigen, durch welche fie infonderheit mit einem wiffenfchaftlich begründeten theiftiichen Syftem ſich in Uebereinftimmung bringen läßt. Nur unter diefer Borausfegung, und fchlechthin unter Feiner andern, ift namentlich jener Begriff der Einheit göttlicher Natur in Ehrifto mit der menfchlichen eines richtigen Sinnes und wiffenfchaftlichen Verftandniffes fähig, welchen die ) Die Worte eis ra idıa 7498 Joh, 1, 11 werden zwar von den meiften Auslegern, nicht ohne gewichtige Gründe, nicht auf die Welt überhaupt, fondern auf das jüdiſche Volk insbefondere bezogen. Alfein V. 10, zeigt unwiderſprechlich, daß der Apoftel diefe Aeuße— rung nicht im exelufiven Sinne gethan haben kann, fondern daß er fih im ächten Sinne der helleniftifchen Philofoppie zu einer univer= fellen Anfiht von der Immanenz des Logos in der „Welt“ (2v ao x00uW) befannte. — Die Worte o x00W0S dv Tod &y&vero haben ein überrafchendes Gegenbild an den Worten des Philo Cim zweiten Buch de Monarchia, Opp. ed. Mang. I, p. 225): Aoyos de gorıw &ixuv Deod, di ov OVumas 6 #00u08 Fönwiovgysito. Philoſophiſche Schlußbetrachtung. 521 Kirche mit Recht zu ihrem Haupt- und Grunddogma gemacht hat, fuͤr welchen aber es ihr eben darum ſo ſchwer geworden iſt, den richtigen, vor ketzeriſchen Misverſtaͤndniſſen der entge— gengeſetzteſten Art ihn ſicher ſtellenden Ausdruck zu finden, weil ſie es unterlaſſen hatte, ſich uͤber ſeine nothwendigen Vorbedin— gungen ſowohl, als auch uͤber ſeine inwohnenden Momente eine genuͤgende Rechenſchaft zu geben. — Daß Chriſtus, gleichwie wirklicher Gott, ſo auch wirklicher Menſch war, iſt eine ganz leere Verſicherung, ja ein voͤllig unlogiſcher, ſich ſelbſt wider— ſprechender Satz, ſobald auch nur eine der Bedingungen, unter welchen anderwaͤrts das menſchliche Daſein geſetzt iſt, nur eine der Beſtimmungen und Begrenzungen, welche daſſelbe nicht blos im negativen, ſondern auch im pofitiven Sinne, (da feine wahrhafte Poſition ohne inwohnende Verneinung oder Grenze gedacht wers den Fann) zu dem machen, was es ift, in Ehriftus als aufgehoben oder al3 nicht vorhanden gedacht werden fol. Weil alfo Chris ſtus, um wirklicher Menfch zu fein, feiner menfchlichen Perſoͤn— lichkeit nach als ein organifches Erzeugniß Ded auf dem Wege, der durch die allgemeinen Geſetze der Natur vorgezeichnet wird, fich entfaltenden Oattungscharafterd der Menfchheit muß be= trachtet werden koͤnnen: fo kann auch das fubjectiv Göttliche in ihm nicht anders begriffen werden, als unter Vorausſetzung eines fubftantiell Goͤttlichen in der Menfchheit überhaupt, zu welchem es eben in dem Verhältniffe von Subject zu Subftanz, von Einzelnem zu Allgemeinem fteht. Durch dieſe Vorausſe— Kung wird — nicht etwa die Menfchheit überhaupt, d. h. jedes einzelne andere menfchlihe Individuum, in demfelben Sinne für göttlich erklärt, in welchem, der Ausſage unferes Glaubens zufolge, nur Chriftus der Göttliche iftz es wird auch nicht „als Subject der Prädicate, welche die Kirche Chrifto beilegt, ftatt des Individuums die Idee, nämlich die Sdee der Menſch— heit, gefegt’’: Sondern es wird nur dies gefagt, daß die götts liche Subftanz, die in Chriftus zum Fürfichfein und zur con— creten Wirklichkeit gediehen ift, an fich oder Der Idee nach allerdings der Menfchheit überhaupt zufommt, und nicht ohne diefes ihr Anfichfein in Öeftalt der Allgemeinheit das Fürfich« fein in Geftalt eines einzelnen Menfchen hätte gewinnen koͤnnen. Bei diefer Grundanficht über die Hineinbildung der goͤtt— 522 Achtes Bud. lihen Subftanz in die Welt überhaupt, nicht in die Perfon Chrifti insbefondere, werden wir dem pantheiftifchen Syfteme, welches in der eben angedeuteten Weile eine Veränderung des Subjects für die von der Kirche dem gefchichtlichen Chriftus beigelegten Prädicate fordert, das Zugeftändniß freilich nicht verfagen konnen, daß manche der Firhlichen Dogmen in ihrer dermaligen Geftalt aus einer Verwechslung -jener allgemeis nen göttlichen Subſtanz mit ihrer befondern Erfcheinung in der Perfon des gefhhichtlichen Chriftus hervorgegangen find. Menn in der älteften fpeculativen Geftalt der chriftlichen Lehre, in jener angeblich von dem auferftandenen Chriſtus den drei apoftolifchen Pfeilern feiner Gemeinde mitgetheilten Gnoſis oder Geheimlehre*), fo weit wir den Inhalt derfelben aus den Schriften des Apoſtels Sohannes kennen, wenn in ihr das Prädicat der göttlihen Sohnſchaft durchaus an den Begriff des Logos und erft durch Vermittelung dieſes Begriffs an den perfonlichen Chriftus geknüpft wird: fo dürfen wir es als den urfundlichen Sinn diefer ehrwürdigen Lehre auszufprehen wagen, daß jene Hingabe des Eingeborenen Sohnes in die Welt, welche fie als das Mittel nennt, wodurd) die göttliche Liebe das Heil der Gläubigen bewirkt habe, ftatt, wie es gewöhnlich gefchieht, von dem Opfertode Iefu, vielmehr von jener uranfänglichen Hins einbildung des göttlichen Logos in das Weltweſen überhaupt zu verftehen ift, welche in der Erfcheinung Chrifti nur ihre Spitze erreichte *). — Es hat fich bekanntlich fpäter, und zwar *) Vergl. oben Buch VI, S. 191. “*) Es kommt, fo ſcheint es mir, um zu entfcheiven, wiefern dies wirklih als der urkundliche Sinn des Johannes betrachtet werden könne, hauptfächlih auf die Deutung des Prädicates wovoysvys an, mit welchem berfelbe an den beiden Stellen, wo er von diefer Hingabe fpricht (oh. 3, 16. 18. 1 Joh, A, 9.) ven göttlichen Sohn bezeichnet. Ich meines Theils halte mich überzeugt, daß die— fes Wort, obgleich fih ein unmittelbarer Gebrauch deffelben vor Sohannes nicht direct nachweifen Läßt, doch von demfelben entweder unmittelbar aus der helleniftiichen Logoslehre entlehnt, oder wenig⸗ ftens mit ausdrüdlichem Bezug auf das Prädicat des momroroxos, welches, wie man aus Philo weiß, die alerandrinifhe Schule dem Logos (dem Adam Kadmon der fpäteren [oder vielleicht auch fhon früheren? vergl. 1 Kor, 15, 45] Kabbala) gab, gebildet it. Philoſophiſche Schlußbetrahtung. 523 nicht ohne wichtige fpeculative Gründe und Beziehungen, in der Kirche die Gewohnheit gebildet, diefe Wefenheit des gütte lichen Sohnes oder Logos bereit3 vor feiner Hingabe an die Welt, d. h. nach der gewöhnlichen Faſſung, vor der Menſch— werdung Chrifti, — nach der unfrigen fchon vor der Schöpfung der Welt, — als eine göttliche Perſoͤnlichkeit zu bezeich— nen, als zweite Perfon in der Gottheit, indem, wie bes kannt, die Kirchenlehre ihrem Gotte zwar Einheit und Untheils barkeit des MWefens oder der Subftanz, aber innerhalb diefer Einheit und unbefchadet derfelben eine dreifache Perfonlichkeit zufchreibt. Dies ift einerfeitS zwar nicht ohne wahrnehmbares Buthun und Mitwirfung der bereit3 vorhandenen Anfchauung des in Chriftus zur gefchichtlichen Perfönlichkeit gewordenen Lo— 908 gefchehen; obgleih, wie gefagt, der philofophifche Grund, die philofophifhe Wahrheit dieſer Faſſung davon unabhängig ift, und auch ſchon die vorchriftliche Kogoslehre bei Philo und Andern fi unverkennbar dazu hinneigt, den Logos als einen feiner felbft bewußten und für fich feienden Geift, als Perfon zu faflen. Andererfeit8 aber konnte der Xehrbegriff von der göttlichen Dreieinigfeit nicht umhin, auf die Dogmatifche Ge: Zwar möchte ich nicht gerade der Hypotheſe des Elericus beipflich- en, daß Johannes mit der ausdrüdlichen Abficht, ven Philo zu be— richtigen, fein woroyevns erfunden habe, aber es Läßt fich fehr wohl denfen, wie er, um der Schwierigfeit willen, jenen Ausdrud auf Chriftus anzuwenden, das mewroroxos in woroyevıjs verwandelte, ohne doch zunächft etwas anderes damit ausdrücken zu wollen, alg den Begriff des Logos als göttlichen Urerzeugniffes und Urbildes aller Creatur. Die Art und Weife, wie Johannes den Begriff des wovoyer7s im Prologe einführt (EIsaouusda mv dofav arro, ÖvEav ve uovoysvors naga nargis DB. 14), zeigt, daß er ihn als einen ſchon befannten und dem des Logos gleichbedeutenden behan« delt; daß aber auh V. 18 auf den Logos als folcdhen geht, be> weift die unverfennbare Nücbeziehung auf Sprüchw. 8, 30. Das Zöoxsv Joh. 3, 16 ift ein charakteriftifcherer Ausdrud, als amtorak- »sv 41 Joh. 4, 95 letzteres kann allerdings kaum anders als nur von der Perfon Jeſu verfianden werden, wie es an biefer Stelle auch) die polemifche Beziehung gegen Cerinthus (vergl. oben Buch VII, ©. 389) mit fih bringt; Zdwxev dagegen geht recht eigentlich auf den Logos als folhen und wird mit Unrecht von einem Theile der Ausleger auf den Kreuzestod Jeſu bezogen. 524 Achtes Bud. ftaltung des VBerhältniffes zwifchen der Logosidee und dem per: fonlichen Chriſtus zuruͤckzuwirken; es ward durch fie die Ver: fuchung näher gelegt, die Identität Diefer beiden‘ als. eine un— mittelbare vorzuftellen, während fie in Wahrheit vielmehr eine durch den weltgefchichtlichen Proceß der Herausarbeitung des der Menfchheit eingeborenen Logos zur perfünlichen Geftalt eined wirflihen Menfchen, eines gefchichtlichen Individuums vermittelte ift. So ift es gefchehen, daß das tieffinnige Phi: Iofophem von der Hingabe jener zweiten göttlichen Perfonlichkeit, des von Ewigkeit her von dem göttlichen Vater gezeugten Sohnes (— ein Philofophem nennen wir e3, weil es in ber religiofen Grundanfchauung des Chriftentbums und in den ausdrüdlichen Lehrausfprüchen Chrifti nur eingewidelt, nicht ausdrüdlich enthalten ift, und, um zum ausdrüdlichen Bes wußtfein und zur klaren Cinficht gebracht zu werden, einer Mitwirkung der philofophiichen Speculation bedurfte —), ftatt feines urfprünglichen univerfellen, einen erclufiven und particu— lariftifchen Sinn erhalten hat, einen folchen, dem fich die Achte philofophiihe Wiffenfchaft immer nur nothduͤrftig anzubeque= men, nie ſich aufrichtig zu ihm zu befennen vermocht hat. Bei weiterer Betrachtung diefes, von der bisherigen Kirche und von der ächten, chriftlichen Speculation in fo verfchiedenem Sinne gefaßten Begriffs der Menfchwerdung des göttlichen Sohnes kommen insbefondere die wichtigen, tief eingreifen _ den Vorftellungen von dem Leiden, dem Tode und der Auferftehbung dieſes Sohnes in Frage und verlangen eine unferm Bisherigen angemeffene Deutung. Auch über fie haben wir eine Anficht aufzuftellen, welche, fo parador fie auf den er— ften Anblick fcheinen mag, bei einer forgfältigen und vorur- theilöfreien Erwägung ſich als die einzige wifjenfchaftlich halt- bare Weife einer Erklärung und Deutung des fo aͤußerſt ges wichtvollen idealen Inhalt3 erweilen wird, welchen die Kirchen: lehre in die den perfonlichen Chriftus betreffenden Thatſachen hineingelegt hat, welche fie befanntlich mit jenen Begriffsbeftim: mungen für unmittelbar tdentiich nimmt. — Wir haben wahrlich nicht im Sinne, jene großen Thatfachen der evangelifchen Ges ſchichte in einem Sinne zu erklären, als ob wir ihnen an der An— erfennung ihres fittlihen Gehaltes und. ihrer welthiftorifchen Be— Philoſophiſche Schlußbetrahtung 9% deutung auch nur das Geringfte zu fchmälern gedächten; über un: fere Denfweife binfichtlich diefes Punctes wird, meinen wir, unfere obige hiftorifchefritifche Behandlung diefer Thatfachen ein hinreichendes Zeugniß abgelegt haben. Allein diefe Anerfens nung ift nicht nur vollfommen unabhängig von der Geltung des dogmatifchen Gehaltes, den die bisherige Kirchenlehre ihnen beilegt, fondern fie vermag in ihrer Wahrheit gar nicht cher hervorzufreten, als nachdem zuvor jene dogmatifchen Beſtim— mungen von den gefchichtlichen Thatfachen als folchen abge— fondert find, oder vielmehr, nachdem durch die begriffliche Un— tericheidung des dogmatifchen Elementes von dem gefchichtlichen die Moglichkeit eröffnet ift, die dogmatifche Bedeutung, anftatt ald eine den Thatfachen unmittelbar inwohnende, als eine durch ihre gefchichtliche Bedeutung vermittelte zu erfennen. — Es ift nämlich vor allen Dingen einzufehen, wie der dogma— tifhe Satz von der Nothwendigfeit derjenigen Begriffsbeftims mungen, welche die Kirchenlehre in die Iymbolifchen Vorſtel— lungen vom Leiden, vom Tod und von der Auferftehung des Menſch gewordenen Gottes gehüllt hat, ihrem allgemeine: ren Sinne nad nicht minder von der Erfcheinung des ges ſchichtlichen Chriftus unabhängig find, wie, nach unferer obigen Bemerkung, der Sab von der Menfchwerdung des göttlichen Logos, d. h. von feiner uranfänglichen Hineinbildung in das Meltwefen überhaupt. Ihr Sinn ift in diefer Allgemeinheit fein anderer, als, daß diefe Menfchwerdung auf einer Ernie: drigung, auf einer Selbftentäußerung des göttlichen Wefens, oder näher, jenes ewigen göttlichen Ab» und Ebenbildes, jener zweiten Perfon in der Gottheit beruhe, welche allein, nicht aber der Vater ald ſolcher, als das an die Welt Dahingege: bene gefaßt werden darf, wenn die Klippe des Pantheismus umſchifft und das theiftifche Moment, welches wir ald gefor- dert durch das unentbehrliche Bedürfnig aller wahrhaften Res ligiofität, und nicht minder auch durch eine folgerechte philoſo— phifhe Speculation erkannten, bewahrt werden fol. Diefes zweite göttliche Selbft, der ewige Sohn oder Logos, geht, in= dem er in die Welt eingeht, zunächft nothwendig darin uns ter; er ftirbt, das heißt die Geftalt der Perfonlichkeit, in welcher er von Ewigkeit her beim Vater if, wird an ihm ne= 526 Achtes Bud. girt und in die unperfönliche Allgemeinheit oder Potentialität, aus welcher heraus fich die unendliche Vielheit und Manniche faltigfeit der Greaturen erzeugen fol, aufgehoben. Aber aus biefer Geftalt der Entfremdung feiner felbft taucht er im Laufe der Zeit und im Fortgange der Entwidelung des Weltwefens wieder auf zur geiftigen Selbftheit und Perfonlichfeit, und feiert folchergeftalt feine Auferftehung. Er feiert fie nicht blos in einem einzelnen Momente der Weltgefchichte, oder in einem einzelnen creatürlichen Individuum, fondern zu allen Zeiten, feit es geiftige, felbftbewußte Gefchöpfe giebt, in allen denjeni= gen Gefchöpfen, die ſich ihres unmittelbaren, endlichen Ichs, - ihrer creatürlichen Selbfiheit entäußern und zur Wiedergeburt in der geiftigen Subſtanz des Logos, der in allen ald Giner und Derfelbe gewußt wird, dahingeben. Dies, wie gefagt, der allgemeine Sinn jener in dem chrift- lichen Glaubensbefenntniffe eine fo bedeutende Stelle einneh- menden Vorftellungen, infofern diefelben von den gefchichtlichen Beziehungen, mit denen fie fih in diefem Befenntniffe ver- ſchmolzen haben, unabhängig, in begrifflicher Erfenntniß gefaßt würden. Wlerdings find fie vor dem GChriftenthume fo nicht gefaßt worden, darum nicht fo gefaßt worden, weil die Borftellungen als folche fih hier ausdrüdlicher noch, als die allgemeine Borftellung von der Perfönlichfeit und Menfchwer: dung des Logos, am die gefchichtlichen Thatſachen knuͤpften und erft auf Anlaß diefer Shatfachen gebildet worden find. Aeltern Urfprungs aber noch, ald jene philofophifchen Syſteme, in welchen die Idee ded Logos zum wiffenfchaftlihen Bewußt- fein Fam, find die fombolifchen Sagen, die fich unter verfchie- denen Völkern des Alterthbums finden, von dem Leiden und Tod und von der Wiedergeburt eines oder des andern ihrer Götter, — des Dfiris, des Attys, des Zagreus und anderer, — in - denen wir, fo entftellt durch Dichterfabeln und abergläubifche Zufäße aller Art fie und vorgetragen werden, doch den tie fen Hintergrund der Bedeutung, die ihnen allen gemeinfam ift, nicht verfennen dürfen. Auch abgefehen aber von dieſen be: fondern Vorftellungen, die allerdings erft im Chriftenthume einen feiten Boden gewonnen haben, ift es erlaubt zu fagen, daß der gefammte Polytheismus des vorchriftlichen Alterthums eben Philoſophiſche Schlußbetrahtung. 527 darin feine Wahrheit und Berechtigung, und einen religiofen Gehalt hat, welcher dem religiöfen Gehalte des hebräifchen Monotheismus an Tiefe und aͤchter Bedeutung nicht im Ges ringften nachfteht, nicht im Geringften weniger als ein aus göttlicher Offenbarung ftammender zu betrachten ift: daß Die göttliche Wefenheit, welche feinen Gegenftand ausmacht, der That und Wahrheit nach die in die Viclheit und bumte Mans nichfaltigfeit des Weltweſens zerfpaltene if. Dem Polytheiss mus als folchem fehlt Feineswegs die lebendige Anfchauung einer göttlichen Wirklichkeitz was ihm in der That fehlt, ift nur das höhere Bewußtfein über das Verhaͤltniß dieſer erfcheinenden Wirklichkeit des Göttlichen zu der Einen göttlichen Idee und Subſtanz. Darum alfo Fonnten jene Vorftellungen, welche offenbar ein Bewußtfein über dieſes Verhaͤltniß vorausfeken, innerhalb des Heidenthums nicht zum eigentlichen Durchbruch) kommen; fie ruhen eben nur als dunkle, ungelöfte Näthfel in feinem Hintergrunde. Mit dem Chriftentyume, welches jene Einfiht eröffnet, treten fie in den Vordergrund heraus, und bier nun ift es ohne Zweifel nicht als ein Zufall, fondern als eine welthiftorifche Nothwendigkeit zu betrachten, wenn der Ins halt diefer Vorſtellungen in den Schidfalen und Lebensereignifs fen des Stifters diefer Religion fein Gegenbild gefunden hat, wenn fih diefe Schiefale und Lebensereigniffe durch eine Fügung, an welcher der göttlich erleuchtete Berftand und der heilige, von aller Willkür jedoch in der Wahl der Mittel fowohl, als in der Segung der Zwede durchaus entfernt bleibende, Wille ihres erhabenen Traͤgers den wefentlichften Antheil hatte, zu einem fombolifhen Ausdrud der großen Wahrheit, die in ihnen zus gleich zur befonderen gefhichtlihen Thatſache und Begebenheit ward, gefaltet haben. So nun, wenn in der eben angedeuteten Weife der allge: meine ideale Gehalt, der fi in der Vorftelung der chriftlichen Gemeinde, nicht durch Zufall zwar, aber auch noch nicht in der Geftalt begriffliher Wahrheit, an jene großen Zhatfachen der evangelifchen Geſchichte gefnüpft hat, von ihnen abgefon- dert und ald ein auch unabhängig von ihnen Zeftftehendes ihnen vorausgefeßt wird, — fo erſt geftalten fich auch dieſe gefchicht: lichen Thatſachen zu einem in der That unerfchöpflichen Gegen» 528 Achtes Buch. ftande philoſophiſch-religidſer Betrachtung. Denn fo nur ver: mag die Bedeutung diefer Thatfachen, ald eine durch einen Gegenfaß realer und idealer Momente vermittelte, nicht blos im blinden Glauben erfaßt, fondern im begreifenden Denken verarbeitet zu werden. — Die fittlihe Größe zwar des von Sefus freiwillig erduldeten Leidens und gewaltfamen Todes kann, wie fich aus unferer gefchichtlichen Darftellung diefer in- haltsfchweren Greigniffe ergeben haben wird, von der Einficht in das Nähere diefer Bedeutung unabhängig anerkannt und verftanden werden. Diefe nämlich) beruht durchaus nur auf ber allgemeinen, im fittlihen Gefühl, nicht im begreifenden Denfen erfaßten Nothwendigfeit diefes Leidens. Wir brauchen, um den Geelenadel und die Charakfterftärfe volftändig zu würdigen, welche ficb in der Uebernahme defjelben offenbart hat, dem Herrn felbft nicht eine begriffsmäßige Erfenntniß aller Iwede und Motive diefes Leidens zuzufchreiben, fondern was wir ihm in dieſem Bezuge zuzufchreiben haben, ift nur das einfache, wie gefagt, im Gefühl und in der Vorftelung gegebene Be: mwußtfein, daß es fo und nicht anders fein mußte, daß es der Wille des himmlifchen VBaterd war. — Das GSittliche jener hoͤ— bern Sphäre, welcher diefes Thun angehört, hat nämlich dies mit dem Xefthetifchen gemein, daß das Moment des Wiſſens und Erfennend, das Bewußtſein der begrifflihen Bedeutung, in der gediegenen Subftantialität des fittlich handelnden Gei- ſtes zwar enthalten, aber zunächft als aufgehobenes enthalten iſt; Das fittlihe — in diefem höhern, wefentlich dem Gebiete der Religion oder des abfoluten Geiftes angehörigen Wortfinne fittlihe — Individuum kann, ohne daß dadurch feiner Sittlich- Feit Eintrag gefchähe, ganz in demfelben Sinne unbewußt han: deln, wie der Fünftlerifch fchaffende Genius ohne ausdrüdliches, wiffenfchaftliches Bewußtfein feinem Werfe die Begriffe und Ideen einverleibt, welche der philofophifche Betrachter durch reflectirendes Denken daraus hervorzieht. Eben deshalb aber hat eine ganz ähnliche Aufgabe, wie in Bezug auf Kunftwerke, die philofophifche Betrachtung auch in Bezug auf diefes fittliche Thun zu löfen. An ihr ift es, die Motive und Zweckbeziehun— gen zum Bewußtfein zu bringen, aus denen jene Nothwendigkeit hervorgeht, welche in dem Thun felbft und deffen unmittelbarer, Philoſophiſche Schlußbetrachtung. 329 veflertonslofer Anfhauung eben nur ald eine thatfächlich vor- handene Forderung einfach gewußt, aber nicht in der Zotalität ihrer Momente und Inhaltsbeftimmungen erfannt wird. Ohne Zweifel würde es eine grundfalfche Auffaffung von der Bedeutung des Leidend und des gewaltfamen Todes Sefu fein, wenn man der Uebernahme deffelben die ausdrückliche, ſelbſtbewußte Abficht unterlegen wollte, jenen fpeculativen Satz, den wir fo eben als den eigentlichen dogmatifchen Inhalt des Kirchenglaubens an das Leiden und den Tod des göttlichen Sohnes aufzeigten, der des tiefen Denkens unfähigen Menge zur Anſchauung oder VBorftelung zu bringen und fomit auch das wilfenfchaftlihe Bewußtfein Ddefjelben, welches von einem fpä- teren, weiter vorgefchrittenen Gefchlechte gefaßt werden follte, vorzubereiten. Durch folches reflectivende Bewußtfein über die Bedeutung feines Todes würde Sefus, flatt Durch die That feiner Selbftaufopferung jene ewige That der Selbftaufopferung des gottlihen Sohnes auf wahrhafte, d. h. auf immanente Weiſe darzuftellen, diefelbe vielmehr umgekehrt aus jener ewigen That als ein blos Außerliches Abbild oder Conterfei derfelben ausgefchieden haben; fo daß der Glaube, den wir nachher als den Glauben der Gemeinde vorfinden, an die wirkliche Identität beider Thaten als baarer Aberglaube, das Hervorrufen aber diefes Glaubens durch die That des Erlöfers als gefliffentliche Taͤuſchung anzufehen wäre. Wollte man überdies eine gleiche Abfichtlichfeit in Bezug auf die Auferftehungsthatfache anneh- men, bergeftalt, daß das Wiedererfcheinen des Herrn nach fei- nem Kreuzestode den ausdrüdlichen Zwed gehabt hätte, bie ewige, in der creatürlichen Welt feit ihrer Schöpfung und feit der Hineingeburt des göttlichen Logos in fie unabläffig fich wiederholende Thatfache der Auferftehung des göttlichen Sohnes auf entfprechende Weife, wie dort die Aufopferung diefes Schnes, zu verfinnlichen: fo würde man nicht umhin fünnen, — dafern man nicht etwa auf Die Hypothefe einer Fünftlihen Muyftification und Mafchinerie bei den vorgeblihen Zhatfachen des Todes und der Auferftehung Chrifti zurüdfommen wollte, — Gott felbft, den Grweder des Gefreuzigten oder den Erzeuger jener Ge: fihte, welche feine Zünger fchauten, ald den Urheber folcher Taͤuſchung vorzuftelen. — So Außerlichen Vorftellungsweifen - I. Bv, 34 930 Ahtes Buch. gegenüber, — zu denen jedoch eine vationaliftifche Auffaflung des von uns hier angedeuteten Gedanfenzufammenhangs faft mit Nothwendigfett hinführen würde, — hätte der an die Kir- chenlehre fich anfchließende Glaube volfommen Recht, auf der Identitaͤt der von und als unterfchiedene behandelten Thatfachen zu beharren, darauf zu beharren, daß in der Shatfache des Todes und der Auferftehung des Herrn die Bedeutung diefer Thatfache unmittelbar gegeben fei, und nicht eine von der That— ſache als folcher unterfchiedene Bedeutung aufgefucht zu werden brauche. Es wäre dies derfelbe Gegenfaß mit jenem, welcher zur Zeit der Neformation in Bezug auf die Euchariftie verhandelt ward und dort zur Zrennung beider proteftantifchen Confeſſio— nen Anlaß gab; wobei die tiefere Ahnung der Wahrheit, un: ferer innigften Ueberzeugung nach, auf der Seite der Iutherifchen war, jo wenig wir auch den unmittelbar dDogmatifchen Ausdrud für genügend halten Fonnen. Auch das Leiden und der Tod Sefu Ehrifti bedeutet nicht blos, fondern ift wirklich Die ewige Selbftaufopferung des göttlichen Sohnes; auch im den Erſcheinungen des auferftandenen Sefus Chriftus ift die ewige Auferftehung des Logos nicht etwa nur für die Einbildung oder Vorftellung der Gläubigen, fondern der That und Wahrheit nad) wirffam und gegenwärtig. Und zwar find beide in beiden nicht etwa nur auf gleiche Weife, wie auch in andern gefchichtlichen Shatfachen gegenwärtig, fondern beide erreichen in beiden eine Spike ihrer weltgefchichtlichen Manifeftation und Bethätigung, von welcher man in ganz anderm Sinne, ala von irgend einer andern einzelnen Thatfache, — fo gewiß fich übrigens auch in allen Thatfachen von höherm Gehalt mehr oder weniger dad eine oder das andere, oder auch beides aus: drückt, — fagen kann, daß hier die Grfcheinung mit der Idee, die reale Thatfache mit der idealen zufammenfällt. Chriftus hat gelitten und ift geftorben, nicht um die Selbftaufopferung des göttlihen Sohnes für die Welt, an die er fich dahingegeben hat, in einem Bilde und aͤußern Zeichen darzuſtellen; ſondern die Hineinbildung des Logos in das Weltweſen, und in Folge derſelben ſeine Unterwerfung unter das Geſetz der Endlichkeit und Creatuͤrlichkeit in der Weltentwickelung ſpiegelt ſich mit einer uͤber Zufall und Willkuͤr erhabenen Nothwendigkeit und Philofophifhe Schlußbetrabtung. 531 zugleich mit einer alle andern Begebenheiten der Weltgeſchichte uͤberſtrahlenden Klarheit, in dem Schickſale desjenigen Sterb— lichen, welcher vor allen anderen die geiſtige Subftanz des Lo— 908 am vollfommenften zu der feinigen gemacht hatte. Chriſtus iſt auferftanden, nicht um für die ewige Auferftehung des Soh— nes ein Außerliches Zeugniß zu geben, fondern die die Endlichkeit überwindende und die endlichen Creaturen zur unfterblichen Per: fonlichfeit verklaͤrende Perfünlichfeit des Logos hat, vermöge derfelben Gefeßmäßigfeit der Weltentwicelung, diefem einzelnen Individuum ausnahmsweiſe vor anderen die Macht verliehen, auch nad) dem irdiichen Tode perfonlich fortzumirken, und dadurch die Erhabenheit der aus der Subftanz des Logos wiedergeborenen Perfonlichfeit über die Schranken der Endlichfeit kund zu geben. Dies der allgemeinfte Ausdrud, der fih, wie wir glauben, für das wahre VBerhältniß jener gefchichtlichen Thatſachen zu dem idealen Gehalte, deſſen Anfchauung der Glaube der chriftlichen Gemeinde in fie hineingelegt hat, vom philofophifchen Stand— puncte aus finden laffen dürfte. Wir verfennen indeg nicht, wie wenig durch diefen Ausdrucd die wirkliche, weltgefchichtliche und religiofe Bedeutung jener Thatſachen erfchöpft wird. Sein Mangel beiteht insbefondere darin, daß in ihm die vollendete aftpetifch-fittliche Darftellung der göttlichen Subſtanz nur durch Ein menfchliches Individuum, das Zufammenfallen der natür: lichen Selbftheit mit der GSelbftheit des Logos nur in Einem Sndividuum, während beide in allen übrigen getrennt bleiben, als etwas Thatfachliches nur vorausgefeht wird; wie wir e8 allerdings durch unfere frühere Erörterung als Thatfache feftge- ftelt hatten. Diefem gegenüber läßt fich nämlich die Forderung nicht abweifen, daß das Verhaͤltniß des realen zu dem idealen Momente in jenen Thatſachen auf eine Weife begriffen werde, wo- durch zugleich die Rothwendigkeit diefes thatfächlichen Umftan- des, daß nur in Einem Individuum die Idee ſolche vollendete Kealifation finden Fonnte, zum Bewußtfein kommt. So fange diefe Forderung nicht erfüllt ift, fo lange wird immer noch auf der Bereinigung beider Momente in den bekannten chriftlichen Slaubensfägen ein Schein von Willfür haften. Denn mit der Moöglichfeit anderer, gleich vollfommener oder noch vollfonm- nerer Offenbarungen des Logos, welche fo lange zugeftanden 34 * 532 Achtes Bud. werden muß, fo lange die eigenthümliche Göttlichkeit der Er— ſcheinung des gefchichtlichen Chriftus auf Die angegebene Meife nur empirifch begriffen ift, bleibt auch die Möglichkeit ander ver," gleich vollfommener oder noch vollfommnerer Erſcheinungs— formen für jene Begriffsbeftimmungen der Selbftaufopferung und der Auferftehung des göttlichen Sohnes. — Das Moment nun, an welches der philofophifche Beweis, die fperulative Er— kenntniß jener Nothwendigkeit zunächft wird anzufnüpfen fein, diefes Moment ift nicht etwa in der Natur des Logos als folher zu fuchen, als ob deffen Subftanz ſich in der Perfon- lichkeit Gines cereatürlichen Individuums dergeftalt erfchopfe und feinem ganzen Selbft nah darin aufgehe, daß er niht noch andere folche Individuen zu erzeugen und auszufüllen vermoͤ— gend fei. Einem ſolchen Erflärungsverfuche würde man unter andern mit Necht die Frage entgegenhalten, welche nicht ohne Grund ſchon öfters gegen die pantheiftifiche Anficht des welt- gefhichtlihen Dffenbarungsproceffes, fo wie ohnehin gegen die der bisherigen Kirchenlehre erhoben worden ift: was denn von der gefammten außerirdifchen Schöpfung zu halten fei, und ob diefe als entblößt von jenem göttlichen Logos, der nur auf der Erde Menfch geworden, gedacht werden jolle? Es ift jenes Moment vielmehr in der Befchaffenheit des menfchlichen Gefchlechtes zu Juchen, dejfen Natur und Subftanz, nach der Kirchenlehre nicht minder, wie nach der unfrigen, neben der Subftanz des Logos den zweiten Factor in der Erzeugung des perfonlichen Sottmenfchen, jo wie in jeder andern Offenbarungs: thatfache ausmacht. Mit diefer Frage nach der Befchaffenheit des Gefchlechtes, welchem Chriftus nach der natürlichen Seite feines Dafeins angehört, trefen wir, indem wir durch fie die Beantwortung der vorhin aufgeworfenen Antwort fuchen, zugleich in eine neue Sphäre von Vorftelungen ein, welche in der Firchlichen Chris ftologie gleichfal3 noch enthalten find, ohne daß fie durch die von und im Bisherigen gegebenen Begriffsbeftimmungen für erfchöpft gelten fonnten. Nach der Kirchenlehre ift es befannt- lich die Süundhaftigkeit des menschlichen Gefchlechtes, ift es ein durch Die Stammältern diefes Gefchlechtes ausdruͤcklich ver- fchuldeter Abfall von Gott und Ungehorfam gegen Gott, wo: Philofophifhe Schlußbetrachtung. 533 durch , follte diefes Gefchlecht dennoch gerettet und zu der Se— ligfeit, die ihm von Gott beſtimmt worden war, erhoben wer: den, die Nothwendigfeit einer Menfchwerdung des göttlichen Sohnes, und infonderheit die Nothwendigfeit feines Leidens und Sterbens herbeigeführt ward. Manche werden vielleicht glauben, für diefe Dogmatifchen Kehren ſchon in unfern bisherigen Grörterungen die genuͤgende Deutung und Erklärung gefünden zu haben. Insbeſondere läge ſolches denjenigen nicht fern, Die etwa mit den pantheiftifchen Anfichten der neuern Philofophie zu unferer gegenwärtigen Betrachtung herzufommen. Wer, wie im Ganzen diefer Pantheismus, von der Sünde und dem Bo: fen eine blos negative Anficht hat, der würde nur folgerecht handeln, wenn er den Begriff jener erblichen Sünde, von wel: her nach der Kirchenlehre der Tod Chrifti das menfchliche Ges fhleht erlöft hat, auf die endliche, von dem- göttlichen Logos noch nicht vollftändig durchdrungene Natur der creatürlichen Melt überhaupt, den Begriff der Erlöfung aber auf ihre Wie— dergeburt aus der Subftanz des Logos beziehen wollte, welche, wie vorhin erinnert, nicht ohne eine Dahingabe diefer Subftanz an die Welt erfolgen Fanı. Auch wenn man indefjen jenen rein negativen Begriff des Boͤſen und der Sünde im Allge— meinen nicht für wahr oder für ausreichend hält, — wie denn wir an unferm Theile der Ueberzeugung find und diefelbe in unfern Erläuterungen der evangelifchen Neden und Ausfprüche des Herrn mehrfach an den Tag gelegt haben, daß die ethijch-reli« gioſe Weltanfhauung, welche diefen Reden zum Grunde liegt und durch fie gewedt wird, zu einem ihrer wefentlichften und unzweifelhafteften Beftandtheile einen entfchieden po fitiven Be: griff des Böfen hat: — auch dann felbft Fann man fich dennoch geneigt finden, den Firchlichen Begriff der Erbfünde in dieſem negativen Sinne zu erklären, und mithin auch dem ber Erlöfung feine andere Bedeutung zuzufchreiben, als die hier angedeutete. Man kann e8 um fo mehr, je mehr Schwierigfeit gerade jener pofitive Begriff des Boͤſen, als wefentlic in der creatürlichen Freiheit, der Freiheit des Individuums wurzelnd, der Annahme entgegenzuftellen fcheint, als ob ein folhes Boͤſe in irgend einem Sinne vererbt werden, als ob es, ftatt dem Individuum als geiftigem Einzelgefchöpf, ald Vernunftweſen, dernatürlichen Ge— 334 Achtes Bud. fammtheit des Gefchlechtes anhängen oder von diefer als ver fchuldet gelten koͤnne. — Man Fann es ferner um fo mehr, je weniger zu läugnen fteht, daß, was die eigenen Reden des Herrn betrifft, in diefen der Begriff einer Erbfünde nirgends ausdrücklich, ſei es Direct gelehrt, oder als Grundlage anderer Lehren voraus- gefeßt wird. Die Berfündigung des Himmelreiches, welche man als den Geſammtinhalt diefer Lehrausfprüche betrachten kann, laßt im Öanzen und Großen das Berheißene ungleic) weniger im Lichte einer Befreiung von dem pofitiven Uebel der Sünde erfcheinen, als vielmehr eines abfoluten geijtigen Gu— tes, deffen unbegrenzter Werth von allem Gegenfaße eines Ue— bels vollfommen unabhängig ift. Wenn aber in einzelnen Aus» fprüchen von einer Vergebung auch der Sünden, von einer diefe Vergebung herbeiführenden, verfühnenden Kraft des Todes Sefu allerdings die Nede ift: fo wäre hier noch immer für Die Vermuthung Raum, daß die dogmatifchen Anfichten der apo— ftolifchen Kirche, die nachweislich fehr frühzeitig diefe Richtung nahmen, auf die Geftalt, in der und diefe Ausfprüche überliefert find, nicht mögen ohne Einfluß geblieben fein. Ungeachtet diefer Umftände, deren Gewicht uns fehr wohl bewußt ift, und die von uns beim Ziehen des Gefammtergeb- niffes über die religiofe Bedeutung der Erfcheinung Chrifti keineswegs unberüdfichtigt bleiben, befennen wir dennoch, daß wir unfererfeitS dem Dogma von Sündenfal und Erloͤ— fung noch einen andern Inhalt, nicht blos für die religiofe Vorftellung, fondern auch für die begriffliche Erfenntniß, zuzu: fchreiden nit umhin Fonnen. Daß die Hineinbildung des gött- lichen Geifted in den creatürlihen, die Wiedergeburt des crea- türlichen in dem göttlichen, nicht mit der Stetigkeit eines Na- turgefeßes erfolgt, fondern unter den Kämpfen der Weltge: ſchichte; daß die vollfommene Verwirklichung des göttlichen Neiches, die vollfommene Ausfcheidung des Guten von dem Boͤſen fowohl für das Ganze des menfchlichen Gefchlechtes, als für deffen einzelne Individuen in ein dem irdifchen jenfei- tiges Dafein hinausgefchoben, in dem dieffeitigen aber auch für die geiftig wiedergeborenen Individuen an die Stelle folcher Verwirklichung die Nothwendigkeit des irdiſchen Todes ge- reten iſt: darin finden wir uns genöthigt ein felbftverfchuldetes Philoſophiſche Schlußbetrahtung. 5335 Misverhältniß zu erblicken, in welchem das Gefchlecht als fol- ches zu der von feinem Schöpfer ihm angewiefenen Beftimmung fteht. Solches Misverhältniß ift wohl zu unterfcheiden von jener Kluft, durch welche auch zufolge des urfprünglichen Schö- pfungsbegriffs alle Gefchöpfe niederer Art, — auch die geiftigen eingefchloffen in ihrer unmittelbaren oder Naturbeftimmt: heit, nach welcher der Geift nur noch der endliche oder fubjec- tive, nicht der abfolute oder göttliche iff, — von den in dem göttlichen Geifte wiedergeborenen Greaturen abgetrennt find. Eine folche Unterfcheidung der Stufen des creatürlichen Dafeins glauben wir, wie gefagt, fchon in der Nothwendigfeit des Schoöpfungsbegriffs als folchen zu entdeden, und deshalb fie als über alle jenfeitige Welten nicht minder, wie über unfere dieffeitige, fich erfiredend denken zu müffen. Hierauf alfo den Gegenfaß von Sünde und Erlöfung zunächft oder allein beziehen zu wollen, würde uns ald eine ungehörige Begriffs: verwechfelung erfcheinen, fo wenig auch zu läugnen fteht, daß in die Firchliche Lehre von diefem Gegenfabe auch jene Ans fhauung, als für welche diefe Lehre keinen andern Ausdruck zu finden gewußt hat, mit eingegangen if. — Es würde für die Abfiht dieſer gegenwärtigen Betrachtung zu weit führen, wenn wir ben Gedankengang, durch welchen wir diefe Annahme philofophifeh zu begründen glauben, feinem ganzen Umfange nach in diefelbe aufnehmen wollten. Wir fehen uns daher ge: nöthigt, hierüber, fo wie noch über manche andere Puncte, die in diefem Buche zur Sprache gefommen find, auf anderwärts gegebene wiſſenſchaftliche Auseinanderfeßungen zu verweifen *), hier aber auf den einen uns hier zunächft intereffirenden Punct uns zu befchränfen. *) Der Berfaffer glaubt erwarten zu Dürfen, daß Niemand fih über den philoſophiſchen Theil feiner gegenwärtigen Arbeit ein Urtheil erlauben werde, ohne von feinen Altern philofophifhen Schriften wenigftens folgende drei verglichen zu haben, welche zu bem hier Berhandelten in dem nächften Bezuge ftehen: „Die Idee ber Gottheit, eine philofophifhe Abhandlung’ (ingbefondere das lebte Hauptſtück, ©, 234— 373), die Abhandlung „über die philofophifhe Bedeutung der chriſtlichen Eschatologie” in den theologiſchen Studien und Kri— tifen von 1836, Heft 2, und die Necenfion yon Romangs Werfe ‚über Determinismus und Willensfreiheit” in den Heivelb, Jahrb. Detober 1836, 536 Achtes Bud. In dem angedeuteten Misverhältniffe der Menfchheit als Gattung zu der im fchöpferifchen Geifte Gottes entworfenen Idee der Menfchheit ift der Grund zu fuchen, weshalb das menfchlihe Gefchlecht jenes fein Urbild, jene vollendete Dar— ſtellung der Perfönlichfeit des göttlichen Logos in der Geftalt creatürlicher Perfonlichfeit nur einmal, nur in einem einzigen feiner Individuen erreichen Fonnte. An die Stelle der unmit- telbaren Verwirklichung des Urbildes war für dad Gefchlecht durch feinen Süundenfall zunächft ein Zuftand getreten, in wel- chem nur noch eine Außerliche, objective, intellectuelle Anfchaus ung des Urbildes, ein Aufftreben nach dem Urbilde als einem fernen und jenfeitigen ftattfinden konnte. Das Ziel diefes Stre- bens, die wirkliche, reale Gleichheit, Fonnte, wie uns die fitt- lichereligiofe Erfahrung unfer Gefhleht als wirklich befchaffen zeigt, dem Gefchlecht als folhem weder vollfommen erreichbar, noch durchaus unerreichbar fein. Im erftern Falle namlich wäre gar Fein wirkliches Misverhältniß, Fein wirklicher Suͤnden— fall vorhanden, da ja die Verwirklichung des göttlichen Urbildes, die Aneignung des göttlichen Logos, zufolge desjenigen Schoͤ— pfungsbegriffs, den wir für den allein wahrhaft fpeculativen erkennen, in jedem Falle nur durch eine Selbftthat des menfch- lichen Geſchlechts, nicht durch blos leidendes Empfangen des göttlichen Geſchenks, erfolgen fonnte. Im letztern aber würde "die Kluft zwiſchen Menfchlihem und Göttlihem ſich als eine gänzlich unausfüllbare, das Geſchlecht alfo fich als vollig ver- loren und verworfen vor Gott, ald in allen feinen Gliedern für alle Ewigfeit untheilhaftig des von Gott ihm beftimmten Heiles erwiefen haben. — Weder die eine noch die andere jener ‚Zolgen ift, wie und eben die religiofe Grfahrung lehrt (denn a priori freilich, aus reiner Begriffserfenntniß, läßt fich über diefe Dinge nichts ausfagen), für das menfchliche Gefchlecht wirklich eingetreten; das Gefchlecht hat fich wirklich in den Beſitz eines goͤttlichen Heiles geſetzt, wiewohl nicht in einen ungeſtoͤr⸗ ten oder ungetruͤbten, in einen ſolchen vielmehr, der fuͤr jeden Einzelnen nicht ohne innere und aͤußere Kaͤmpfe, ohne Leiden und Entſagung erreichbar iſt. Es muß daher auch in Bezug auf die Grreichbarfeit oder Nichterreichbarkeit des Urbildes durch dad Geſchlecht als folches ein Mittleres eingetreten geweſen Philofopbifhe Schlußbetrachtung. 537 fein, Diefes Mittlere aber befteht, wie uns näher die phi- loſophiſch-religidſe Betrachtung der Meltgefchichte lehrt, eben darin, daß das halb bewußte, halb unbewußte Aufftreben des Gefchlechtes nach feinem Urbilde fo lange andauerte, bis in einem feiner Individuen das Urbild in der That verwirklicht. war; daß aber, fobald diefer Punct erreicht war, für die übri- gen daraus nicht die Möglichfeit einer unmittelbaren, realen Mittheilung der urbildlichen Natur, fondern nur das vollendete Bewußtfein über die wahre Befchaffenheit ihres Zuftandes und defjen Entfernung von dem Urbilde, über die Möglichkeit einer Realiſation des urbildlichen Zuftandes für jeden Einzelnen nicht im Dieffeitigen, fondern erft in einem jenfeitigen Dafein, und über die dieffeitigen fittlichen Bedingungen ſolcher jenſeitigen Realiſation ſich ergeben hat. Erſt in Folge der hier aufgeſtellten Anſichten laͤßt ſich ſagen, daß die zwei Momente, in welche uns, wie auf eine oder die andere Weiſe Allen, die in unſern Tagen eine philoſophiſche Betrachtung der Grundthatſache des chriſtlichen Glaubens unter— nehmen, diefe Thatfache zu zerfallen drohte, das reale oder ge- fhichtlihe und das ideale oder urkildliche, wirklich zufammen- gefchlofjen und in ihrer Einheit und Zufammengehörigfeit begriffen find. Die Perfonlichkeit des ewigen Sohnes für die religiofe Borftellung mit der Perfönlichfeit des gefchichtlichen Chriftus zu identificiren Fonnte ſich der Glaube nicht dadurch berechtigt wiffen, daß er diefe gefchichtliche PerfonlichFeit als Die zufällig vollfommenfte, zufällig am reichften von dem göttlichen Geifte erfüllte oder am reinften und innigften mit der Subſtanz diefes_ Geiftes verfchmolzene angefhaut hatte. So lange zu diefer Anfhauung nicht ein pofitives Moment hinzutritt, durch welches die Möglichkeit, die Subftanz des Logos mit gleicher Vollkom— menheit, wie in Sefus von Nazareth, auch in andern menfch- lichen Individuen, bereits dageweſenen oder fünftig zu erwar- tenden, realifirt zu fehen, ein für allemal ausgefchloffen wird: fo lange bleibt auf jener Vereinigung der Vorwurf einer Will- für haften, die, wenn fie wirklich vorhanden wäre, jenen Glau— ben als eine von der mythifchen des Heidenthums nicht allzu: weit entfernte Sdololatrie bezeichnen würde. Es ift nicht blos die Realifation des Urbildes der Menfchheit, was uns I. Bd. 35 538 Achtes Bud. Chriſtum als den im Steifche erfchienenen Logos zu bezeichnen erlaubt, — der Begriff jenes Urbildes ift, wiefern die Realiſa— tion deffelben in einer Mehrheit von Individuen ald möglich, ia fogar als urfprünglich gefordert zu denken ift, von dem Logos, deffen Perfönlichkeit wefentlich nur Eine, auf feine Weife zu vervielfältigende ift, noch wefentlich zu unterfcheiden, — es ift vielmehr folche Nealifation nur, wiefern fie die Bedeutung hat, eine in ihrer Art einzige und nur einmal erfolgende That des dem Geſchlechte inwohnenden Logos zu ſein, — eine That, durch welche dem Geſchlechte fuͤr alle Zeiten ſeines Beſtehens ein beſtimmtes, in feſtſtehende Grenzen eingeſchloſſenes Verhaͤlt— niß zur Gottheit vermittelt wird. In dieſem Sinne finden wir auch von Chriſtus ſelbſt das Bewußtſein nicht etwa nur ſeiner Erhabenheit uͤber die gemeine Menſchennatur, ſeiner Einheit mit Gott in einer Weiſe, wie es eben ſo gut von einer Mehrheit von Individuen gelten koͤnnte, ſondern allerdings auch ſeiner ausſchließlichen Sendung, ſeiner welthiſtoriſchen Einzigkeit aus— geſprochen); Ausſpruͤche, welche darum in dieſer Ausdruͤcklich— keit von ihm gethan werden mußten, weit eben in feinem Be— wußtfein von fich ſelbſt das Bewußtfein des menfchlichen Ge— fchlechtes über feine fittliche Natur und Beftimmung fich finden und gewinnen follte. — Insbeſondere aber gewinnen die Be: griffsbeftimmungen von der durch Chriftus dem menfchlichen Gefchlecht gewordenen Erlofung von der Sünde, fo wie von dem ftellvertretenden Leiden und dem Verſoͤhnungstode des Erlöfers erft in diefem Zufammenhange ihre volle Bedeutung, und die Beziehung derfelben auf den gefhichtlichen Chriftus ihre Nechtfertigung. Wie der göttliche Logos durch feine ewige Selbftaufopferung Die Creatur, an die er ſich hingiebt, von *) Wir unterlaffen nicht, aufmerffam darauf zu machen (was fon früher hätte geſchehen follen), wie von diefem Geſichtspuncte aug noch ein neues Licht auf die fo vielfach wiederholte Verfündigung feiner dereinſtigen Wiederfunft am Ende aller menfchlichen Dinge fällt. Indem Chriftus diefe Wiederkunft verfündigt, fo ſchließt er damit jede Erfcheinung eines zweiten Chriftus während der Dauer der gegenwärtigen Weltordnung auf das beftimmtefte aus, und mweift dagegen auf den Zuſammenhang hin, der zwiſchen feiner gefrhicht« lichen Erfoheinung und der Gemißheit einer jenfeitigen NRealifation des göttlichen Reiches für das Menſchengeſchlecht ftattfindet. * Philoſophiſche Schlußbetrachtung. 539 ihrer Endlichkeit: ſo erloͤſt die Erſcheinung dieſes Logos in der Perſon des geſchichtlichen Chriſtus das menſchliche Geſchlecht von den ſonſt unvermeidlichen Folgen ſeines Suͤndenfalls. Denn nur dadurch, daß es dieſe Erſcheinung aus ſich hervor— treibt, beweiſt das Geſchlecht, daß es den goͤttlichen Logos nicht voͤllig von ſich zuruͤckgeſtoßen, der Wiedergeburt in ſeinem Geiſte ſich nicht voͤllig unfaͤhig gemacht hat. Wiefern aber die That dieſer Erloͤſung als die eigene, perſoͤnliche That des Er: loͤſers gefaßt werden fol: fo kann dieſelbe in nichts anderem beftanden haben, al3 in feinem Gehorfam bis zum Tode, d. h. in dev unbedingten Ergebung in jene welthiftorifche Nothwens. digkeit, welche fein Leiden und feinen gewaltfamen Tod herbeiführte, Wir glauben in unferer gefchichtlichen Darftellung erwiefen zu haben, daß diefe Ergebung des Erlöfers in fein Schidfal eine freie, die Nothwendigfeit, der er fich ergab, für ihn felbft nicht ein Außerlicher Zwang, fondern eine fittliche Forde— rung war. Billig wird hier noch eine Andeutung über Grund und Inhalt dieſer welthiftorifchen Nothwendigkeit, diefer an Chriſtus ergangenen fittlichen Forderung der Erduldung von Leiden und Schmach und der freiwilligen Aufopferung feines wdifchen Dafeins von uns verlangt werden. Diefen Snhalt auszufprechen, find nun eben die VBorftellungen der Stell- vertretung und der Berfühnung beftimmt, die wir freilich nur als einen ziemlich unvollfommenen Ausdruck für die Verket— tung von Momenten, realen fowohl ald idealen, betrachten fünnen, in welchen der wahre Beftand jener Nothwendigkeit zu fuchen iſt. Die eigentlihe Wahrheit diefer Borftelungen für den Gedanfenzufammenhang, der uns hier auf fie geführt hat, denfen wir mit hinreichender Deutlichkeit zu bezeichnen, wenn wir auf die Art und Weife aufmerffam machen, wie die Dar: ſtellung jener idealen und univerfellen Thatfache, der Hingabe des göttlichen Logos an die Welt überhaupt, welche wir oben als den vorläufig anzunehmenden Zwed oder Sinn der hier in Rede ftehenden . gefchichtlichen Thatfachen bezeichnen mußten, duch Die unterdeffen für uns neu hinzugefommenen Momente ver Betrachtung näher und beftimmter motivirt wird. — Eine freiwillige Selbftaufopferung des irdifchen Daſeins, nur in der allgemeinen Abfiht, um dadurd im Bild oder Gleichniß die 540 Ahtes Bud, Selbftaufopferung des Logos darzuftellen, Fonnte an fich für feinen Sterblihen, und auch für Ehriftus nicht eine fittliche Forderung fein. Wohl aber läßt fich begreifen, wie der fittliche Zuftand, in welchen durch feinen Sündenfall das menfhliche Gefchlecht verfeßt worden war, für jene einzelne Perfönlichkeit, in welcher diefes Gefchlecht fein Urbild erreicht hatte, die Un: möglichkeit mit fich führen konnte, fi auf andere Weile, als durch folche Selbftaufopferung, fittlich zu bethätigen. Der ur: fprünglichen Beftimmung des menschlichen Gefchlechtes zufolge hätte der Logos feine Auferfiehung, feine Wiedergeburt zur Ge— ftalt der innerweltlichen Perfönlichkeit unfterblicher, ſittlich reiner und geiftig abfoluter Gefchöpfe, unter denen die ewige Perfün- lichfeit des göttlichen Geites das Band geiftiger Gemeinschaft ausmacht, fchon innerhalb diefes iwdifchen Dafeins feiern follen. Durch den Suͤndenfall war der Tod auf die Welt gefommen, d. h. die Nothwendigfeit des irdiſchen Todes auch für die geiftig wiedergeborenen Geſchoͤpfe. Diefer Nothwendigkeit mußte auch Der, in welchem das Urbild der Menfchheit wiedergewonnen war, unterliegen; nicht blos im Allgemeinen, fondern auf eine Weife unterliegen, vermöge welcher der Moment feines Todes felbft als Offenbarung des göttlichen Logos an die Stelle jener ewi« gen Dauer und vollendeten Geftalt des trdifchen Dafeind ge— treten tft, in welcher fich, wenn Fein Sündenfall vorangegangen wäre, der Logos offenbart haben würde. Mit andern Worten; der Logos, da er fich nicht im Leben des Grlöfers als aufer— ftehender hafte offenbaren fonnen, mußte fich in feinem Tode als untergehender, als für die Schöpfung fih dahin gebender offenbaren. Daher alfo für Jeſus Chriftus die Nothwendigfeit der freiwilligen Hingabe in den gewaltfamen Tod. Denn nur durch diefe Freiheit Fonnte fein Tod die Bedeutung einer fittlihen That, einer Offenbarung des Göttlichen in ihm, nur durch diefe Gewaltfamteit das Leiden die Bedeutung einer Folge der Sündenfchuld des Menfchengefchlechts erlangen. Stellvertretend ift das Leiden des Grlöfers, infofern in der eben angegebenen Weife an die Stelle des ewigen Todes, dem dad menfchliche Gefchlecht anheimgefallen wäre, wenn es feinen Erlöfer aus feiner Mitte hätte erzeugen Fünnen, der zeit: liche Tod diefes Erlöfers trat; verfühnend oder genug: - +8 * Philoſophiſche Schlußbetrachtung. 541 thuend, infofern durch diefen Tod das menfchliche Gefchlecht feine Schuld abbüßt und das ewige Heil wiedergewinnt, deſſen es ohne den Tod feines Erlöfers, (d. h. ohne das Auftreten eines Grlöfers uͤberhaupt, der nur in feinem Tode das ift, was er ift) verluftig hätte bleiben müffen. Auch dies freilich niht im ausfchließlichen Sinne; denn eine wefentlich gleichar: tige, nur dem Grade nach unterfchiedene, verfühnende Kraft und flellvertretende Bedeutung Fan, wie aus dem Zufammenz . hange erhellt, dem Leiden und Tode jedwedes Gerechten beige— mefjen werden. Aber bei allen Andern bleibt folches Leiden mehr oder weniger ein zufälliges, und ihr Tod nur das gemeine | Menſchenſchickſal; bei Chriftus allein hat fich die fittliche Frei— heit der That und die weltgefchichtliche Nothwendigfeit der Be— deufung dergeftalt zur Einheit durchdrungen, daß die gefchicht- liche Thatſache als folche für die reinfte Offenbarung der Idee gelten muß, an welcher alle Gewißheit eines ewigen Heiles für das Menfchengefchleht hängt. Darum bat auch nur in Chri- flus Leiden und Tod, in Folge derfelben weltgefchichtlichen Nothwendigkeit, für die Anfhauung des menſchlichen Gefchlechts die ausdruͤckliche Bewährung erhalten, eine That des fich felbft für die Welt dahingebenden Logos zu fein. Nicht Chriftus allein zwar ift auferftanden, fondern Alle, die fein Kreuz auf fihb nehmen und ihm nachfolgen, follen mit ihm auferftehen; aber nur Seine Auferftehung ift durch Phänomene, in denen fich die über das Grab hinausreichende Beftand- und Wirfungs- fähigkeit der zu ihrem Urbilde fich wiederaufgefhwungen haben- den Menfchheit beurfundete, zum Gegenftande einer Anfchau- ung geworden, welche dem Glauben an die Auferftehung Aber in der Auferftehung des ewigen Sohnes zur Bafis dient. Darf nun Chriftus, der gefchichtliche, unter Pontius Pila- tus gefreuzigte, in diefem Sinne, den wir hier zu entwideln gefucht, aber nur in diefem, als der Heiland und Erlöfer des menfchlichen Gefchlechts betrachtet werden: fo ergiebt ſich, — zu: gleich mit der unendlich hohen Bedeutung, welche die Anſchau— ung feiner das Göttliche mit dem Menfchlichen vollfommener, als irgend eine andere Geftalt der Weltgefchichte, vermählenden Per- fonlichfeit auf alle Zeiten hin für diefes Gefchlecht behaupten wird, — nach der andern Seite jedoch nicht minder, wie wenig 542 Achtes Bud. diefe Bedeutung einen fo exclufiven Charakter trägt, wie bie bisherige Kirchenlehre, aus Misverftändnig, müffen wir fagen, des wahren Sinnes und Gehaltes ihrer eigenen Ölaubensfäße, in fie bineingetragen hat. Daß der Glaube an Chriftus es fei, welcher jedem Einzelnen von uns die Seligfeit, ſei es, wie es das alte Dogma meinte, für die Zukunft und das Senfeits verfichere, oder, wie die moderne Ölaubenslehre e8 umgedeutet hat, Schon dieſſeits unmittelbar gewähre: dieſer Satz koͤnnte von der Philoſophie nur dann als ein richtiger anerkannt wer— den, wenn man ſowohl dem Begriffe des Glaubens, als auch dem feines Gegenftandes eine andere Deutung geben wollte, ald in dem unmittelbaren Wortfinne liegt. Allerdings haben wir im Dbigen felbft auf eine Beziehung hingewiefen, nach welcher es fich rechtfertigen laßt, wenn man durch das Wort Glauben den Inbegriff deffen ausdrüdt, wodurd vom reli— giofen Standpuncte aus der fittliche Werth des Individuums, und folglich deffen Anfpruch auf ewiges Heil bedingt erfcheint. Diefe Beziehung namlich tritt ein, infofern man unter Glau— ben die der Seele inwohnende Gewißheit eines objectiv Guten und Gottlichen verftehtz eine Gewißheit, durch welche unftreitig jede Handlung und Selbftbeftimmung im Geiſte diefes Gottlichen, jede praftifche Hineinbildung des eigenen fubjectiven Selbft in die Subftanz deffelben, erft ermöglicht wird, Eben fo auch, wenn man unter Chriftus nicht den gefchichtlichen, fondern jenen ewigen Sohn oder Logos verjtehen will, durch . deifen Hingabe an die Welt allein das Gute und Göttliche zu einem innerhalb der Welt zu verwirkflichenden geworden ift: fo hat es feine volle Nichtigkeit, zu fagen, daß ohne den Glau- ben an diefen Ehriftus, das heißt dann, ohne die Ueberzeugung nicht etwa von dem wifjenfchaftlichen Begriffe des Logos, fondern von der Möglichkeit eine innerweltlich Guten und Göttli- chen überhaupt, Fein fittlicher Werth des Individuums denkbar it. — Würde aber jener Glaube ald der Glaube an den ge: ſchichtlichen Chriftus gefaßt: fo würde auch dann noch in der Behauptung von der allein feligmachenden Kraft diefes Glaubens ein richtiger Sinn gefunden werden fünnen, dafern diefelbe nicht fowohl auf den perfünlichen Glauben des Einzelnen, als viel: mehr auf das veligiofe und Firchliche Leben im Ganzen und Philoſophiſche Schlußbetrahtung. 543 Großen bezogen würde; fo Daß alfo die Meinung diefe wäre, folches Leben. fonne, nachdem Chriſtus einmal in der Weltge- ſchichte erſchienen ft, zum Heile Aller fortan nicht anders mehr, als in der Nücdbeziehung auf ihn, in der Befeelung durch feinen Geift und der Anfchauung feines Seins und Wir: fens gedeihen. Diefem Sabe würden wir, wie aus allem bisher Gefagten erhellt, unfererfeits vollkommen beipflichten, aber wir würden dabei nicht umhin konnen, ihm zwei andere Säbe gegenüberzuftellen, welche zu feiner Ergänzung unentbehrlich find. Der erfte if, daß, wenn auch feit Chriftus ein Heil für das Ganze des Gefchlechtd nicht ohne Chriſtus möglich ift, darum doch nicht, im Sinne des bisherigen Dogma, diefes Heil, das Heil für das Ganze, erſt durch den gefchichtlichen Chriſtus auf die Welt gefommen ift, fondern daß es auch vor« her ſchon, und zwar unter Heiden nicht minder wie unter Juden, eine Heilsordnung gab, eine folche, wodurch die Welt im Ganzen zu Chriftus hingeführt ward, fo wie fie durch die Heilsordnung feit Chriftus zu Chriſtus zurücgeführt wird, Der zweite ift, daß auch innerhalb der chriftlichen Heilsordnung für die Einzelnen noch immer der größten Freiheit geiftiger Bewe— gung Raum bleibt; ja daß auf jeder Stufe der Entwicelung. des Ganzen immer von neuem wieder die Nothwendigkeit eines Durchgangs durch negative oder ffeptifche Standpuncte eintritt, auf welchen dann jedesmal viele Einzelne, ohne darum von dem göttlichen Heile ausgefchloffen zu fein, zurücbleiben. Für den Einzelnen find die Wege, die zum Heile führen, und waren deren zu jeder Zeit, eben fo vielfache und mannichfaltige, als vielfach und mannichfaltig die Berfchlingungen des Weges find, welchen die Entwidelung des Ganzen geht. Der geradefte und ficherfte diefer Wege ift aber zu jeder Zeit derjenige, durch wel- chen die Richtung bezeichnet wird, nach der jene Umwege des allgemeinen Entwidelungsganges in längern oder Fürzern Pau— fen ftet3 wieder zuruͤcklenken; alfo, feit dem Auftreten Chrifti, die Anſchauung feiner gefchichtlichen Perfönlichfeit und die Hin- einbildung des eigenen Selbft in die Subſtanz des Göttlichen, welches in diefer großen Anſchauung und entgegengebracht wird, Gnde des zweiten Bandes. F * * Berichtigungen zum erſten Bande. S. 26. Das hier in der Note gegebene Zugeſtändniß einer in dem Briefe des Barnabas erſichtlichen genaueren Bekaͤnntſchaft mit Begeben- heiten der evangelifhen Gefhichte muß ich, bei nochmaliger Anficht der’ dort angeführten Stelle, zurücknehmen. Es bezieht ſich dieſe Etelfe (Barnab. 12) feineswegs auf Marc. 12, 36, fondern fie enthält, eben fo wie Ap. Geſch. 2, 34, eine von jener Nede Jeſu unabhängige Anfüh- zung der Pfalmenftelfe 110, 1. ©. 177 kann das 3. 5— 8 in Parentheſe Gefagte Leicht dahin mis— verftanden werden, . als feien unter den „Griechen“ die Septuaginta felbft gemeint; diefe aber waren befanntlich, au) nach der eigenen Notiz der dort angeführten Stellen, nicht Griechen, fondern Juden. Der Zus fammenhang aber zeigt, daß vielmehr von denen die Rede ift, für welche die KNeberſetzung beftimmt war. — Uebrigens möge zur Erflärung des Urſprungs der Sage von der übernatürlichen Erzeugung Sefu das im zweiten Bande ©, 391, Note **) Bemerfte verglichen werden; aus welcher Note zugleich dag Bd. I, ©. 51 über das Evangelium des Ce— rinthus (welches, wie aus der angeführten Stelle des Irenäus hervor— geht, a Zweifel das Marcusevangelium war) Gefagte zu berich- tigen ift. : ©. 289 3.2 9. u. iſt das Citat von Marc. 8, 27 u. Parall. un— paſſend, indem Cäfaren Philippi dort, wie öfter, im Gegenfage der Seeftadt Cäfarea fo genannt wird. ©. 366 3. 4 tft die dort verfuchte Deutung des Ausdruds draxei- 0:15 avsvuarev als irrig zurüdnehmen, Im zweiten Bande wäre ©. 344 bei der dort verfuchten Erflärung über die Entftehung der Eage vom Leerfinden des Grabes nod) der Ein- fluß zu berüdfichtigen gewefen, den als meſſtaniſch verftandene Stellen des A. T., wie Pf. 16, 10, welche Ap. Geſch. 2, 27 vom Apoftel Petrus angeführt wird, ausgeübt haben mögen. Keineswegs aber ift daraus, daß diefe Anführung von Lukas dem Apoftel am Pfingftfefte in den Mund gelegt wird, zu fehließen, daß damals fihon die apoftolifche Berfündigung darauf gerichtet gewefen fei, den Leichnam Jeſu als auf- erftanden und der Verweſung entnommen auszufprechen. Drudfehler im zweiten Bande. © 12 3. 1 ftatt Theil Lies feinen Theil. — 321 — 1 ft. berührte [. bewährte. — 370 — 11 ft. gegen die Stelle I. durch d. St. — 453 — 11 v. u ift anderen zu flreichen. Druf von Breitkopf und Härtel in Leipzig. Weisse... | Evangelische... = THEOLOGY LIBRARY SCHOOL OF THEOLOSY | AT CLAREMONT | CALIFORNIA