Digitized by Google I Morgenröthe. Gedanken über die moralischen Vornrtheile. Von IFriedxlcla. iTletzsclio. „Es giebt so viele Morgenröthen, die noch nicht geleuchtet haben.“ Rigreda. Neue Ausgabe mit einer einführenden Vorrede. LEIPZIG. Verlag von E. W. Fritzsch. ISS?. *■ Digitized by Googb^ A^^orrede. I. In diesem Buche findet man einen „Unterirdischen“ an der Arbeit, einen Bohrenden. Grabenden, Untergraben- den. Man sieht ihn, vorausgesetzt, dass mati Augen für solcbe Arbeit der Tiefe hat — , wie er langsam, besonnen, mit sa.nfter Unerbittlichkeit vorwärts kfimmt, ohne dass die >soth sich allzusehr verriethe, welche jede lange Ent- behrung’ von Licht und Luft mit sich bringt; man kannte ihn selbst bei seiner dunklen Arbeit zufrieden nennen. Scheint e.s nicht, da.ss irgend ein Glaube ihn führt, ein 'Trost entschädigt? Dass er vielleicht seine eig’iie lang<' Hinstemiss haben will, sein Unverständliches, Verborgenes, Kitthsi-lhaftes, weil er weiss, was er auch haben wird: seinen eignen Morgen, seine eigne Erlösung, seine eigne M o r ge nrftt h e ? . . . Gewi.ss, er wird zurückkehren: fragt ihn nicht, was er da unten will, er wird es euch selbst schon sagen, die.ser scheinbare Trophonios und Unter- irdische, wenn er erst wieder „Mensch geworden“ ist Digitized by Google IV Man verlernt gründlich das Schweigen, wenn man so lange, wie er, ^laulvvurf war, allein war — — 2. In der That, meine geduldigen Freunde, ich will es euch sagen, was ich da unten wollte, hier in dieser späten Vorrede, welche leicht hätte ein Nachruf, eine Leichen- rede werden können : denn ich bin zurück gekommen und — ich bin davon gekommen. Glaubt ja nicht, dass ich euch zu dem gleichen Wagnisse iauffordem werde! Oder auch nur zur gleichen Einsamkeit! Denn wer auf solchen eignen Wegen geht, begegnet Niemandem: das bringen die „eignen Wege“ mit sich. Niemand kommt, ihm da- bei zu helfen; mit Allem, was ihm von Gefahr, Zufall, Bosheit und schlechtem Wetter zustösst, muss er allein fertig werden. Er hat eben seinen Weg für sich — und, wie billig, seine Bitterkeit, seinen gelegentliche^ Ver- druss an dics<'m „für sich“: wozu es zum Beispiel gehört, zu wissen, dass selbst seine Freunde nicht errathen können, wo er ist, wohin er geht, da.ss sie sich bisweilen fragen werden „wie? geht er überhaupt? hat er noch — einen Weg?" — Damals unternahm ich Etwas, das nicht Jeder- manns Sache sein durfte : ich stieg in die Tiefe, ich bohrte in den Grund, ich begann ein altes Vertrauen zu unter- \ suchen und anzugraben, auf dem wir Philosophen seit ein paar Jahrtausenden wie auf dem sichersten Grunde zu bauen pflegten, — immer wieder, obw'ohl jedes Ge- bäude bisher einstürzte: ich begann unser Vertrauen zur Moral zu untergraben. Aber ihr versteht mich nicht? Digilized by Google . A T V 0- Es ist bisher am schlechtesten über Gut und Böse hachg'edacht worden: cs war dies immer eine zu jft'fahr- liche Sache. Das Gewnssen, der >jute Ruf, die Hölle, unter Umständen selbst die Polizei erlaubten und erlauben keine Unbefangenheit; in Gegenwart der Moral soll eben, wie Angesichts jeder Autorität, nicht gedacht, noch weni- ger geredet werden; hier wird — gehorcht! So lang die Welt .steht, war noch keine Autorität Willens, sich zum Gegenstand der Kritik nehmen zu lassen; und gar die Moral kritisiren, die Moral als Problem, als proble- matisch nehmen: wie? war das nicht — ist das nicht — uninoralisch? — Aber die Moral gebietet nicht mir über jede Art von Schreckmitteln, um sich kritische Hände und Folterwerkzeuge vom Leibe zu halten; ihre .Sicher- heit liegt noch mehr in einer gewissen Kunst der ße- zauf>erung, auf die sie sich verste ht, — .sie weiss zu „be- geistern“. Es gelingt ihr, oft mit einem einzigen Blicke, den kritischen Willen zu lähmen, sogar zu sich liinüber- zulocken, ja es g-iebt Fälle, wo sic ihn gegen sich selbst zu kehren weiss: so d.i-ss er sich dann, gleich dem Skor- pione, den Stachel in den eignen Leib .sticht. Die Moral versteht sich eben von Alters her auf jede Teufelei von Ueberredungskunst : es giebt keinen Redner, auch heute noch, der sie nicht um ihre Hülfe angienge (man höre zum Beispiel selkst unsere Anarchisten reden: wie mo- ralisch reden sie, um zu überreden! Zuletzt heissen sie sich selbst noch gar „die Guten und Gerechten“.) Die Moral hat sich eben von jeher, so lange auf Erden ge- redet und überredet worden Ist, als die grösste Meisterin Digilized by Google VI der Verführung bewiesen — Und, was uns Philosophen angeht, als die eigentliche Circe der Philosophen. Woran liegt cs doch, dass von Plato ab alle philoso- phischen Baumeister in Europa umsonst gebaut haben? Dass Alles cinzufallen droht oder schon in Schutt liegt, was sic selber ehrlich und ernsthaft für aerc pcrcnnius hielten? Oh wie falsch ist die Antwort, av eiche man jetzt noch auf diese Frage bereit hält, „weil von ihnen Allen die Voraussetzung versäumt war, die Prüfung des Funda- mentes, eine Kritik der gesummten Vernunft“ - - jene vcr- hängni-ssvolle Antwort Kant’s, der damit uns modcnie Philo- sophen wahrhaftig nicht auf einen festeren und weniger trüglichen Boden gelockt hat! ( — und nachträglich ge- fragt, war cs nicht etwas sonderbar, zu verlangen, dass ein ^Verk2eug seine eigne Trefflichkeit und Tauglichkeit kritisiren solle? dass der Intellekt selbst seinen Werth, seine Kraft, seine Grenzen „erkennen“ solle? w:ir es nicht sogar ein wenig widersinnig? — ) Die richtige Antwort wäre vielmehr gewesen, dass alle Philosophen unter der T'erfühnmg der Moral gebaut haben, auch Kant — , dass ihr« Absicht scheinbar auf Gewissheit, auf „Wahrheit“, eigentlich aber auf „majestätische sittliche Gebäude“ ausgieng; um uns noch einmal der unschuldigen Sprache Kants zu bedienen, der es als seine eigne „nicht so glän- zende, aber doch auch nicht verdienstlosc“ Aufgabe und Arbeit bezeichnet, „den Boden zu jenen majestätischen sittlichen Gebäuden eben und baufe.st zu machen“ (Kritik der reinen Vernunft II, S. 257). Ach, cs ist ihm damit nicht gelungen, im Gegentheil! — Avie man heute sagen muss. Kant war mit einer solchen schAvärraerischen Digitized by Google VII Absicht eben der rechte Sohn seines Jahrhunderts, d;is mehr als jedes andere das Jahrhundert der Schwärmerei ge- nannt werden darf: wie er es, glücklicher Weise, auch in Bezug auf dessen werthvollere Seiten geblieben ist (zuin Beispiel mit jenem guten Stück Sensualismus, den er in seine Erkenntnisstheorie hinübemahm). Auch ihn hatte die Moral -Tarantel Rousseau gebissen, auch ihm lag der Gedanke des moralischen I''anatismus auf dem (frundc der Seele, als dessen Vollstrecker sich ein andrer Jünger Rousseau’s fühlte und bekannte, nämlich Robes- pierre, „de fonder sur la terre l’empire de la sagesse, de la justice et de la vertu“ (Rede vom 7. Juni 1794). An- dererseits konnte man es, mit einem solchen Eranzosen- E'anatismus im Herzen, nicht un französisch er, nicht tiefer, gründlicher, deutscher treiben — wenn das Wort „deutsch“ in diesem Sinne heute noch erlaubt ist — als cs Kant getrieben hat: um Raum für sein „moralisches Reich“ zu schaffen, sah er sich gonöthigt, eine unbeweisbare Welt anzusetzen, ein logisches .Jenseits“, — dazu eben hatte er seine Kritik der reinen Vernunft nöthig! Anders au-sg-edrückt: er hätte sie nicht nöthig gehabt, wenn ihm nicht Eins wichtiger als Alles gewesen wäre, das „moralische Reich“ unangreifbar, lieber noch ungreifbar für die Vernunft zu machen, — er empfand eben die Angreifbarkeit einer moralischen Ordnung der Dinge von Seiten der Vernunft zu stark! Denn Angesichts von Na- tur und Geschichte, Angesichts der gründlichen Unmo- ralität von Natur und Geschichte war Kant, wie jeder gute Deutsche von Alters her, Pessimist; er glaubte an die Moral, nicht weil sie durch Natur und Geschichte Digilized by vm bewiesen wird, sondern trotzdem dass ihr durch Natur und Geschichte beständig widersprochen wird. Man darf sich vielleicht, um dies „trotzdem dass" zu verstehen, an etwas Venvandtes bei Luther erinnern, bei jenem andern grossen Pessimisten, der es einmal mit der ganzen Lu- therischen Verwegenheit seinen Freunden zu Gemüthe führte: „wenn man durch Vernunft es fa-ssen könnte, wie der Gott gnädig und gerecht sein könne, der so viel Zorn und Bosheit zeigt, w'ozu brauchte man dann den (ilauben?" Nichts nämlich hat von jeher einen tieferen Eindruck auf die deutsche Seele gemacht. Nichts hat sie mehr „versucht“, als diese gefährlichste aller Schluss- folgerungen, welche jedem rechten Romanen eine Sünde wider den Geist ist: credo quia absurdum est: — mit ihr tritt die deutsche I.ogik zuerst in der Geschichte des christlichen Dogma’s auf; aber auch heute noch, ein Jahr- biusend später, wittem wir Deutschen von heute, späte Deutsche in jedem Betrachte — Etwas von Wahrheit, von Möglichkeit der Wahrheit hinter dem berühmten realdialektischen Grund-Satze, mit welchem Hegel seiner Zeit dem deutschen Geiste zum Sieg über Europa ver- half — „der ^Viderspruch bewegt die Welt, alle Dinge sind sich selbst widersprechend“ — : wir sind eben, sogar bis in die Logik hinein, Pe.s.simisten. 4- Aber nicht die logischen Werthurtheile sind die untersten und gründlichsten, zu denen die Tapferkeit unsers Argwohns hinunterkann: das Vertrauen auf die Venumft, mit dem die Gültigkeit dieser Unheile steht Digilized by Google IX und fällt, ist, als Vertrauen, ein moralisches Phäno- men . . . Vielleicht hat der deutsche Pessimismus seinen letzten Schritt noch zu thun? Vielleicht muss er noch Ein Mal auf eine furchtbare Weise sein Credo und sein Absurdum neben einander stellen ? Und wenn dies Buch bis in die Moral hinein, bis über das Vertrauen zur Mo- ral hinweg pessimistisch ist, — sollte es nicht gerade damit ein deutsches Buch sein? Denn es stellt in der J'hat einen Widerspruch dar und fürchtet sich nicht da- vor; in ihm wird der Moral das Vertrauen gekündigt — warum doch? Aus Moralität! Oder wie sollen w’ir’s heissen, was sich in ihm — in uns — begiebt? denn wir würden unsrem Gcschmacke nach bescheidenere Worte vorziehn. Aber es fst kein Zweifel, auch zu uns noch redet ein „du sollst“, auch wir noch ge- horchen einem strengen Gesetze über uns, — und dies ist die letzte Moral, die sich auch uns noch hörbar macht, die auch wir noch zu leben unssen, hier, wenn irgend W'orin, sind auch wir noch Menschen des Gewissens; dass wir nämlich nicht wieder zurückwollen in Das, was uns als überlebt und morsch gilt, in Irgend etwas „Un- glaubwürdiges“, heisse es nun Gott, l ugend, Wahrheit, Ge- rechtigkeit, Nächstenliebe; dass wir uns keine Lügen- brücken zu alten Idealen gestatten; dass wir von Grund aus Allem feind sind, was in uns vermitteln und mischen möchte ; feind jeder jetzigen Art Glauben und Christlich- keit; feind dem Halb- und Halben aller Romantik und Vaterländerei; feind auch der Artisten-Genüsslichkeit, Artisten-Gewissenlosigkeit, welche uns überreden möchte, da anzubeten, wo wir nicht mehr glauben — denn wir / Oigilized by X sind Artisten — ; feind, kurzum, dem ganzen europäischen Femininismus ^(oder Idealismus, wenn man’s lieber hört), der ewig „hinan zieht“ und ewig gerade damit „herunter bringt“: — allein als Menschen dieses Ge- wissens fühlen wir uns noch verwandt mit der deutschen Rechtschaffenheit und Frömmigkeit von Jahrtausenden, wenn auch als deren fragwürdigste und letzte Abkömm- linge, wir Immoralisten, wir Gottlosen von heute, ja sogar, in gewissem Verstände, als deren Erben, als Vollstrecker ihres Innersten Willens, eines pessimistischen Willens, wie gesagt, der sich davor nicht fürchtet, sich selbst zu verneinen, weil er mit Lust verneint! In uns vollzieht sich, gesetzt, d;iss ihr eine Formel wollt, — die vSelbst- aufhebung der Moral. — — 5- — Zuletzt aber: wozu müssten wir Das, was wir sind, was wir wollen und nicht wollen, so laut und mit solchem Eifer sagen? Sehen wir es kälter, ferner, klüger, höher an, sagen wir es, wie es unter uns gesagt werden darf, so heimlich, dass alle Welt es überhört, dass alle Welt uns überhört! Vor Allem .sagen wir es langsam . . . Diese Vorrede kommt spät, aber nicht zu spät, was liegt im Gamde an fünf, sechs Jahren? Ein solches Buch, ein solches Problem hat keine Eile; überdies sind wir Beide Freunde des lento, ich ebensowohl als mein Buch. Man ist nicht umsonst Philologe gewesen, man ist es vielleicht noch, das will sagen, ein Lehrer des langsamen Lesens: — endlich schreibt man auch langsam. Jetzt gehört es nicht nur zu meinen Gewohnheiten, sondern auch zu meinem Digilized by Google Geschmacko, — einem boshaften Gesclimacke vielleicht? — Nichts mehr zu schreiben, womit nicht jede Art Mensch, die „Eile hat“, zur Verzweiflung gebracht wird. Philologie nämlich ist jene ehrwürdige Kunst, welche von ihrem Verehrer vor Allem Eins heLscht, bei Seite gehn, sich Zeit lassen, still werden, langsam werden — , als eine Goldschmiedekunst und -kennerschaft des Wortes, die lauter feine vorsichtige Arbeit abzuthun hat und Nichts erreicht, wenn sie es nicht lento erreicht. Gerade damit aber ist sie heute nöthiger als je, gerade dadurch zieht .sie und bezaubert sie uns am stärksten, mitten in einem Zeitalter der „Arbeit“, will sagen: der Ila.st, der unanständigen und schwitzenden Eilfertigkeit, das mit Allem gleich „fertig werden“ will, auch mit jedem alten und neuen Buche: — sie selbst wird nicht so leicht irgend womit fertig, sic lehrt gut lesen, das heis.st langsam, tief, rück- und vorsichtig, mit Hintergedanken, mit offen ge- lassenen Thüren, mit zarten Fingern und Augen lesen . . . Meine geduldigen Freunde, dies Buch wün.scht sich nur vollkommene Ee.ser und Philologen: lernt mich gut lesen! — Ruta bei Genua, im Herbst des Jalires l8S6. Digitized by Google Digilized by Google Erstes Buch Digitized by Google I. Nachträgliche Vernünftigkeit. — Alle Dinge, ^ die lange leben, werden allmählich so mit Vernunft durchtränkt, dass ihre Abkunft aus der Unvernunft da- durch im wahrscheinlich wird. Klingt nicht fast jede genaue Geschichte einer Entstehung für das Gefühl paradox und frevelhaft? Widerspricht der gute Histo- riker im Grunde nicht fortwährend? 2. Vorurtheil der Gelehrten. — Es ist ein rich- tiges Urtheil der Gelehrten, dass die Menschen aller Zeiten zu wissen glaubten, was gut und böse, lobens- und tadelnswerth sei. Aber es ist ein Vorurtheil der Gelehrten, dass wir es jetzt besser wüssten, als^ irgend eine Zeit. 3- Alles hat seine Zeit. — Als der Mensch allen Dingen ein Geschlecht gab, meinte er nicht zu spielen, sondern eine tiefe Einsicht gewonnen zu haben: — den ungeheuren Umfang dieses Irrthums hat er sich sehr spät und jetzt vielleicht noch nicht ganz eingestanden. — Ebenso hat der Mensch Allem, was da ist, eine Beziehung zur Moral beigelegt und der Welt eine ethische Be- deutung über die Schulter gehängt. Das wird einmal ebenso viel und nicht mehr Werth haben, als es heute schon der Glaube an die Männlichkeit oder Weiblich- keit der Sonne hat. Digilized by 6 4- Gegen die erträumte Disharmonie der Sphä- ren. — Wir müssen die viele falsche Grossartigkeit wieder aus der Welt schaffen, weil sie gegen die Ge- rechtigkeit ist, auf die alle Dinge vor uns Anspruch haben! Und dazu thut noth, die Welt nicht disharmo- nischer sehen zu wollen als sie ist! 5- Seid dankbar! — Das grosse Ergebniss der bis- herigen Menschheit ist, dass wir nicht mehr beständige Furcht vor wilden Thieren, vor Barbaren, vor Göttern und vor unseren Träumen zu haben brauchen. 6. Der Taschenspieler und sein Widerspiel. — Das Erstaunliche in der Wissenschaft ist dem Erstaun- lichen in der Kunst des Taschenspielers entgegenge- setzt. Denn dieser will uns dafür gewinnen, eine sehr einfache Causalität dort zu sehen, wo in Wahrheit eine sehr complicirte Causalität in Thätigkeit ist. Die Wissen- schaft dagegen nöthigt uns, den Glauben an einfache Causalitäten gerade dort aufzugeben, wo Alles so leicht begreiflich scheint und wir die Narren des Augenscheins sind. Die „einfachsten“ Dinge sind sehr complicirt, — man kann sich nicht genug darüber verwundern! 7- Umlernen des Raumgefühls. — Haben die wirklichen Dinge oder die eingebildeten Dinge mehr zum menschlichen Glück beigetragen? Gewüss ist, dass die Weite des Raumes zwischen höchstem Glück und ^ tiefstem Unglück erst mit Hülfe der eingebildeten Dinge Digitized by Google 7 hergestellt worden ist. Diese Art von Raiungefühl wird folglich, unter der Einwirkung der Wissenschaft, immer verkleinert: so wie wir von ihr gelernt haben und noch lernen, die Erde als klein, ja das Sonnen- system als Punct zu empfinden. 8. Transfiguration. — Die rathlos Leidenden, die verworren Träumenden, die überirdisch Entzückten, — diess sind die drei Grade, in welche Raffael die Men- schen eintheilt. So blicken wir nicht mehr in die Welt — und auch Raffael dürfte es jetzt nicht mehr: er würde eine neue Transfig^ration mit Augen sehen. 9- Begriff der Sittlichkeit der Sitte. — ImVer- hältniss zu der Lebensweise ganzer Jahrtausende der Menschheit leben wir jetzigen Menschen in einer sehr unsittlichen Zeit: die Macht der Sitte ist erstaimlich abgeschwächt und das Gefühl der Sittlichkeit so ver- feinert und so in die Höhe getragen, dass es ebenso gut als verflüchtiget bezeichnet werden kann. Desshalb werden uns, den Spätgeborenen, die Grundeinsichten in die Entstehung der Moral schwer, sie bleiben uns, wenn wir sie trotzdem gefunden haben, an der Zunge kleben und wollen nicht heraus: weil sie grob klingen! Oder weil sie die Sittlichkeit zu verleumden scheinen! So zum Beispiel gleich der Hauptsatz: Sittlichkeit ist nichts Anderes (also namentlich nicht mehr!), als Gehorsam gegen Sitten, welcher Art diese auch sein mögen; Sitten aber sind die herkömmliche Art zu handeln und abzuschätzen. In Dingen, wo kein Digitized by 8 Herkommen befiehlt, giebt es keine Sittlichkeit; und je weniger das Leben durch Herkommen bestimmt ist, um so kleiner wird der Kreis der Sittlichkeit. Der freie Mensch ist unsittlich, weil er in Allem von sich und nicht von einem Herkommen abhängfen will: in allen ursprünglichen Zuständen der Menschheit bedeutet „böse“ soviel wie „individuell“, „frei“, „willkürlich“, „un- gewohnt“, „unvorhergesehen“, „unberechenbar“. Immer nach dem Maassstab solcher Zustände gemessen: wird eine Handlung gethan, nicht weil das Herkommen sie befiehlt, sondern aus anderen Motiven (zum Beispiel des individuellen Nutzens wegen), ja selbst aus eben den Motiven, welche das Herkommen ehemals begrün- det haben, so heisst sie unsittlich und wird so selbst von ihrem Thäter empfunden: denn sie ist nicht aus Ge- horsam gegen das Herkommen gethan worden. Was ist das Herkommen? Eine höhere Autorität, welcher man gehorcht, nicht weil sie das uns Nützliche be- fiehlt, sondern weil sie befiehlt. — Wodurch unter- scheidet sich diess Gefühl vor dem Herkommen von dem Gefühl der Furcht überhaupt? Es ist die Furcht vor einem höheren Intellect, der da befiehlt, vor einer unbegreiflichen unbestimmten Macht, vor etwas mehr als Persönlichem, — es ist Aberglaube in dieser Furcht. — Ursprünglich gehörte die ganze Erziehung und Pflege der Gesundheit, die Ehe, die Heilkunst, der Feldbau, der Krieg, das Reden und Schweigen, der Verkehr unter einander und mit den Göttern in den Bereich der Sittlichkeit: sie verlangte, dass man Vt>rschriften beobachtete, ohne an sich als Individuum zu denken. Ursprünglich also war Alles Sitte, und wer sich über sie erheben wollte, musste Gesetzgeber und Medicin- Digilized by Google 9 mann imd eine Art Halbgott werden: das heisst, er musste Sitten machen, — ein furchtbares, lebensge- fährliches Ding! — Wer ist der Sittlichste? Einmal Der, welcher das Gesetz am häufigsten erfüllt: also, gleich dem Brahmanen, das Bewusstsein desselben überallhin und in jeden kleinen Zeittheil trägt, sodass er fortwährend erfinderisch ist in Gelegenheiten, das Gesetz zu erfüllen. Sodann Der, der es auch in den schwersten Fällen erfüllt. Der Sittlichste ist Der, wel- cher am meisten der Sitte opfert: welches aber sind die grössten Opfer? Nach der Beantwortung dieser Frage entfalten sich mehrere unterschiedliche Moralen; aber der wichtigste Unterschied bleibt doch jener, wel- cher die Moralität der häufigsten Erfüllung von der der schwersten Erfüllung trennt. Man täusche sich über das Motiv jener Moral nicht, welche die schwerste Erfüllung der Sitte als Zeichen der Sittlichkeit fordert! Die Selbstüberwindung wird nicht ihrer nützlichen Folgen halber, die sie für das Individuum hat, gefor- dert, sondern damit die Sitte, das Herkommen herr- schend erscheine, trotz allem individuellen Gegengelüst imd Vortheil: der Einzelne soll sich opfern, — so heischt es die Sittlichkeit der Sitte. — Jene Moralisten dagegen, welche wie die Nachfolger der sokratischen Fuss- tapfen die Moral der Selbstbeherrschung und Enthalt- samkeit dem Individuum als seinen eigensten Vor- th eil, als seinen persönlichsten Schlüssel zum Glück an’s Herz legen, machen die Ausnahme — und wenn es uns anders erscheint, so ist es, weil wir unter ihrer Nachwirkung erzogen sind: sie alle gehen eine neue Strasse imter höchlichster Missbilligung aller Vertreter der Sittlichkeit der Sitte, — sie lösen sich aus der Digitized by Go«gle 10 Gemeinde aus, als Unsittliche, und sind, im tiefsten Ver- stände, böse. Ebenso erschien einem tugendhaften Römer alten Schrotes jeder Christ, welcher „am ersten nach seiner eigenen Seligkeit trachtete“, — als böse. — Überall, wo es eine Gemeinde und folglich eine Sittlichkeit der Sitte giebt, herrscht auch der Ge- danke, dass die Strafe für die Verletzung der Sitte vor Allem auf die Gemeinde fällt: jene übernatürliche Strafe, deren Aeusserung und Gränze so schwer zu begreifen ist und mit so abergläubischer Angst ergrün- det wird. Die Gemeinde kann den Einzelnen anhalten, dass er den nächsten Schaden, den seine That im Ge- folge hatte, am Einzelnen oder an der Gemeinde wieder gut mache, sie kann auch eine Art Rache am Einzelnen dafür nehmen, dass durch ihn, als angebliche Nachwir- kung seiner That, sich die göttlichen Wolken und Zomeswetter über der Gemeinde gesammelt haben, — aber sie empfindet die Schuld des ‘Einzelnen doch vor Allem als ihre Schuld und trägt dessen Strafe als ihre Strafe — : „die Sitten sind locker geworden, so klagt es in der Seele eines Jeden, wenn solche Thaten möglich sind.“ Jede individuelle Handlung, jede indi- viduelle Denkweise erregt Schauder; es ist gar nicht auszurechnen, was gerade die seltneren, ausgesuchteren, ursprünglicheren Geister im ganzen Verlauf der Ge- schichte dadurch gelitten haben müssen, dass sie immer als die bösen und gefährlichen empfunden wurden, ja dass sie sich selber so empfanden. Unter der Herr- schaft der Sittlichkeit der Sitte hat die Originalität jeder Art ein böses Gewissen bekommen; bis diesen Augenblick ist der Himmel der Besten noch dadurch verdüsterter, als er sein müsste. Digitized by Google 11 10. Gegenbewegung zwischen Sinn der Sittlich- keit und Sinn der Causalität. — In dem Maasse, in welchem der Sinn der Causalität zunimmt, nimmt der Umfang des Reiches der Sittlichkeit ab: denn jedesmal, wenn man die nothwendigen Wirkungen be- griffen hat und gesondert von allen Zufällen, allem ge- legentlichen Nachher (post hoc) zu denken versteht, hat man eine Unzahl phantastischer Causalitäten, an welche als Grundlagen von Sitten bisher geglaubt wurde, zerstört — die wirkliche Welt ist viel kleiner, als die phantastische — und jedesmal ist ein Stück Ängstlich- keit und Zwang aus der Welt verschwunden, jedesmal auch ein Stück Achtung vor der Autorität der Sitte: die Sittlichkeit im Grossen hat eingebüsst. Wer sie dagegen vermehren will, muss zu verhüten wissen, dass die Erfolge controlirbar werden. 1 1. Volksmoral und Volksmedicin. — An der Moral, welche in einer Gemeinde herrscht, wird fortwährend imd von Jedermann gearbeitet: die Meisten bringen Beispiele über Beispiele für das behauptete Verhält- niss von Ursache und Folge, Schuld und Strafe hinzu, bestätigen es als wohlbegründet und mehren seinen Glauben: Einige machen neue Beobachtungen über Handlungen und Folgen und ziehen Schlüsse und Gesetze daraus: die Wenigsten nehmen hie und da Anstoss und Icissen den Glauben an diesen Puncten schwach werden. — Alle aber sind einander gleich in der gänzlich rohen, unwissenschaftlichen Art ihrer Thätigkeit; ob es sich um Beispiele, Beobachtungen Digitized by Google 12 oder Anstösse handelt, ob um den Beweis, die Bekräf- tigung, den Ausdruck, die Widerlegung eines Ge- setzes, — es ist werthloses Material und werthlose Form, wie Material und Form aller Volksmedicin. Volksmedicin und Volksmoral gehören zusammen und sollten nicht mehr so verschieden abgeschätzt werden, wie es immer noch geschieht: beides sind die gefähr- lichsten Scheinwissenschaften. 12. Die Folge als Zuthat. — Ehemals glaubte man, der Erfolg einer That sei nicht eine Folge, sondern eine freie Zuthat — nämlich Gottes. Ist eine grössere Verwirrung denkbar! Man musste sich um die That und um den Erfolg besonders bemühen, mit ganz ver- schiedenen Mitteln und Praktiken! 13- Zur neuen Erziehung des Menschenge- schlechts. — Helft, ihr Hülfreichen und Wohlgesinn- ten, doch an dem Einen Werke mit, den Begriff der Strafe, der die ganze Welt überwuchert hat, aus ihr zu entfernen! Es giebt kein böseres Unkraut! Nicht nur in die Folgen unserer Handlungsweisen hat man ihn gelegt — und wie schrecklich und vemunftw’idrig ist schon diess, Ursache und Wirkung als Ursache und Strafe zu verstehen! — aber man hat mehr gethan und die ganze reine Zufälligkeit des Geschehens um ihre Unschuld gebracht, mit dieser verruchten Interpretations- kunst des Straf-Begriffs. Ja, man hat die Tollheit so weit getrieben, die Existenz selber als Strafe empfinden zu heissen, — es ist, als ob die Phantasterei von Kerker- Digitized by Google 13 meistern und Henkern bisher die Erziehung des Men- schengeschlechts geleitet hätte! 14. Bedeutung des Wahnsinns in der Geschichte der Moralität. — Wenn trotz jenem furchtbaren Druck der „Sittlichkeit der Sitte“, unter dem alle Gemeinwesen der Menschheit lebten, viele Jahrtausende lang vor imserer Zeitrechnung und in derselben im Ganzen und Grossen fort bis auf den heutigen Tag (wir selber woh- nen in der kleinen Welt der Ausnahmen und gleichsam in der bösen Zone): — wenn, sage ich, trotzdem neue und abweichende Gedanken, Werthschätzungen, Triebe immer wieder herausbrachen, so geschah diess unter einer schauderhaften Geleitschaft: fast überall ist es der Wahnsinn, welcher dem neuen Gedanken den Weg bahnt, welcher den Bann eines verehrten Brauches und Aberglaubens bricht. Begreift ihr es, w esshalb es der Wahnsinn sein musste? Etwas in Stimme und Gebärde so Grausenhaftes und Unberechenbares wie die dämo- nischen Launen des Wetters und des Meeres und dess- halb einer ähnlichen Scheu und Beobachtung Würdiges? Etwas, dcis so sichtbar das Zeichen völliger Unfreiwillig- keit trug, w’ie die Zuckungen und der Schaum des Epi- leptischen, das den Wahnsinnigen dergestalt als Maske und Schallrohr einer Gottheit zu kennzeichnen schien? Etwas, das dem Träger eines neuen Gedankens selber Ehrfurcht und Schauder vor sich und nicht mehr Ge- wissensbisse gab und ihn dazu trieb, der Prophet und Märtyrer desselben zu werden? — Während es uns heute noch immer wieder nahe gelegt wird, dass dem Genie, «instatt eines Kornes Salz, ein Kom Wahnwurz Digi'L 14 beigegeben ist, lag allen früheren Menschen der Ge- danke viel näher, dass überall, wo es Wahnsinn gfiebt, es auch ein Kom Genie und Weisheit gäbe, — etwas „Göttliches“, wie man sich zuflüsterte. Oder vielmehr: man drückte sich kräftig genug aus. „Durch den Wahnsinn sind die grössten Güter über Griechenland gekommen,“ sag^e Plato mit der ganzen alten Menschheit. Gehen wir noch einen Schritt weiter: allen jenen überlegenen Menschen, welche es unwiderstehlich dahin zog, das Joch irgend einer Sittlichkeit zu brechen und neue Ge- setze zu geben, blieb, wenn sie nicht wirklich wahn- sinnig waren. Nichts übrig, als sich wahnsinnig zu machen oder zu stellen — und zwar gilt diess für die Neuerer auf allen Gebieten, ^icht nur auf dem der prie- sterlichen und politischen Satzung: — selbst der Neuerer des poetischen Metrums musste durch den Wahnsinn sich beglaubigen. (Bis in viel mildere Zeiten hinein verblieb daraus den Dichtem eine gewisse Convention des Wahnsinns: auf welche zum Beispiel Solon zurück- grilf, als er die Athener zur Wiedereroberung von Sa- lamis aufstachelte.) — „Wie macht man sich wahnsinnig, wenn man es nicht ist und nicht wagt, es zu scheinen?“ diesem entsetzlichen Gedankengange haben fast alle bedeutenden Menschen der älteren Civilisation nachge- hangen; eine geheime Lehre von Kunstgriffen und diä- tetischen Winken pflanzte sich darüber fort, nebst dem Gefühle der Unschuld, ja Heiligkeit eines solchen Nach- sinnens und Vorhabens. Die Recepte, um bei den In- dianern ein Medicinmann, bei den Christen des Mittel- alters ein Heiliger, bei den Grönländern ein Angekok, bei den Brasilianern ein Paje zu werden, sind imWesent- lichen die selben: unsinniges Fasten, fortgesetzte ge- Digilized by Google 15 schlechtliche Enthaltung, in die Wüste gehen oder auf einen Berg oder eine Säule steigen, oder „sich auf eine bejahrte Weide setzen, die in einen See hinaussieht“ und schlechterdings an Nichts denken, als Das, was eine Verzückung und geistige Unordnung mit sich bringen kann. Wer wagt es, einen Blick in die Wildniss bit- terster und überflüssigster Seelennöthe zu thun, in wel- chen wahrscheinlich gerade die fruchtbarsten Menschen aller Zeiten geschmachtet haben! Jene Seufzer der Ein- samen und Verstörten zu hören: „Ach, so gebt doch Wahnsinn, ihr Himmlischen! Wahnsinn, dass ich endlich an mich selber glaube! Gebt Delirien und Zuckungen, plötzliche Lichter und Finsternisse, schreckt mich mit Frost und Gluth, wie sie kein Sterblicher noch empfand, mit Getöse und umgehenden Gestalten, lasst mich heu- len und winseln und wie ein Thier kriechen: nur dass ich bei mir selber Glauben finde! Der Zweifel frisst mich auf, ich habe das Gesetz getödtet, das Gesetz ängstigt mich wie ein Leichnam einen Lebendigen; wenn ich nicht mehr bin als das Gesetz, so bin ich der Verworfenste von Allen. Der neue Geist, der in mir ist, woher ist er, wenn er nicht von euch ist? Be- weist es mir doch, dass ich euer bin; der Wahnsinn allein beweist es mir.“ Und nur zu oft erreichte diese Inbrunst ihr Ziel zu gut: in jener Zeit, in welcher das Christenthum am reichsten seine Fruchtbarkeit an Hei- ligen und Wüsten-Einsiedlem bewies und sich dadurch selber zu beweisen vermeinte, gab es in Jerusalem grosse Irrenhäuser für verunglückte Heilige, für jene, welche ihr letztes Korn Salz daran gegeben hatten. Digitized by Google 16 15- Die ältesten Trostmittel. — Erste Stufe: der Mensch sieht in jedem Übelbefinden und Missgeschick Etwas, wofür er irgend jemand Anderes leiden lassen muss, — dabei wird er sich seiner noch vorhandenen Macht bewusst, und diess tröstet ihn. Zweite Stufe: der Mensch sieht in jedem Übelbefinden und Missge- schick eine Strafe, das heisst die Sühnung der Schuld und das Mittel, sich vom bösartigen Zauber eines wirk- lichen oder vermeintlichen Unrechtes loszumachen. Wenn er dieses Vortheils ansichtig wird, welchen das Unglück mit sich bringt, so glaubt er einen Anderen nicht mehr dafür leiden lassen zu müssen, — er sagt sich von dieser Art Befriedigung los, weil er nun eine andere hat. i6. Erster Satz der Civilisation. — Bei rohen Völ- kern giebt es eine Gattung von Sitten, deren Absicht die Sitte überhaupt zu sein scheint: peinliche und im Grunde überflüssige Bestimmungen (wie zum Beispiel die unter den Kamtschadalen, niemals den Schnee von den Schuhen mit dem Messer abzuschaben, niemals eine Kohle mit dem Messer zu spiessen, niemals ein Eisen in’s Feuer zu legen — und der Tod trifft Den, wel- cher in solchen Stücken zuwiderhandelt!), die aber die fortwährende Nähe der Sitte, den unausgesetzten Zwang, Sitte zu üben, fortwährend im Bewusstsein erhalten: zur Bekräftigfung des grossen Satzes, mit dem die Civilisation beginnt: jede Sitte ist besser, als keine Sitte. ä a Digitized by Google 17 17- Die gute und die böse Natur. — Erst haben die Menschen sich in die Natur hineingedichtet: sie sahen überall sich und Ihresgleichen, nämlich ihre böse und launenhafte Gesinnung, gleichsam versteckt unter Wolken, Gewittern, Raubthieren, Bäumen und Kräutern: damals erfanden sie die „böse Natur“. Dann kam ein- mal eine Zeit, da sie sich wieder aus der Natur hinaus- dichteten, die Zeit Rousseau’s: man war einander so satt, dass man durchaus einen Weltwinkel haben wollte, wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual: man erfand die „gfute Natur“. i8. Die Moral des freiwilligen Leidens. — Wel- cher Genuss ist für Menschen im Kriegszustände jener kleinen, stets gefährdeten Gemeinde, wo die strengste Sittlichkeit waltet, der höchste? Also für kraftvolle, rachsüchtige, feindselige, tückische, argwöhnische, zum Furchtbarsten bereite, und durch Entbehrung und Sitt- lichkeit gehärtete Seelen? Der Genuss der Grausam- keit: so wie es auch zur Tugend einer solchen Seele in diesen Zuständen gerechnet wird, in der Grausamkeit erfinderisch und unersättlich zu sein. An dem Thun des Grausamen erquickt sich die Gemeinde und wirft einmal die Düsterkeit der beständigen Angst und Vor- sicht von sich. Die Grausamkeit gehört zur ältesten Festfreude der Menschheit. Folglich denkt man sich auch die Götter erquickt und festlich gestimmt, wenn man ihnen den Anblick der Grausamkeit anbietet, — und so schleicht sich die Vorstellung in die Welt, dass das freiwillige Leiden, die selbsterwählte Marter einen gfuten Sinn und Werth habe. Allmählich formt Nietzsche, Morgearöthc. 2 Digitized by Google 18 die Sitte in der Gemeinde eine Praxis gemäss dieser Vorstellung: man wird bei allem ausschweifenden Wohl- befinden von nun an misstrauischer und bei allen schwe- ren schmerzhaften Zuständen zuversichtlicher; man sag^ sich: es mögen wohl die Götter ungnädig wegen des Glücks und gnädig wegen unseres Leidens auf uns sehen, — nicht etwa mitleidig! Denn das Mitleiden gilt als verächtlich und einer starken, furchtbaren Seele un- würdig; — aber gnädig, weil sie dadurch ergötzt und guter Dinge werden: denn der Grausame geniesst den höchsten Kitzel des Machtgefühls. So kommt in den Begriff des „sittlichsten Menschen“ der Gemeinde die Tugend des häufigen Leidens, der Entbehrung, der harten Lebensweise, der grausamen Kasteiung, — nicht, um es wieder und wieder zu sagen, als Mittel der Zucht, der Selbstbeherrschung, des Verlangens nach indivi- duellem Glück, — sondern als eine Tugend, welche der Gemeinde bei den bösen Göttern einen guten Geruch macht und wie ein beständiges Versöhnungsopfer auf dem Altäre zu ihnen empordampft. Alle jene geisti- gen Führer der Völker, welche in dem trägen frucht- baren Schlamm ihrer Sitten Etwas zu bewegen ver- mochten, haben ausser dem Wahnsinn auch die frei- willige Marter nöthig gehabt, um Glauben zu finden — und zumeist und zuerst, wie immer, den Glauben an sich selber! Je mehr gerade ihr Geist auf neuen Bahnen gieng und folglich von Gewissensbissen und Ängsten ge- quält wurde, um so grausamer wütheten sie 'gegen das eigene Fleisch, das eigene Gelüste und die eigene Ge- sundheit, — wie um der Gottheit einen Ersatz an Lust zu bieten, wenn sie vielleicht um der vernachlässigten und bekämpften Gebräuche und der neuen Ziele willen A k. Digitized by Google 19 erbittert sein sollte. Glaube man nicht zu schnell, dass wir jetzt von einer solchen Logik des Gefühls uns völlig befreit hätten! Die heldenhaftesten Seelen mögen sich darüber mit sich befragen. Jeder kleinste Schritt auf dem Felde des freien Denkens, des persönlich gestalte- ten Lebens ist von jeher mit geistigen und körperlichen Martern erstritten worden: nicht nur das Vorwärts- Schreiten, nein ! vor Allem das Schreiten, die Bewegung, die Veränderung hat ihre unzähligen Märtyrer nöthig gehabt, durch die langen pfadsuchenden und grund- legenden Jahrtausende hindurch, an welche man freilich nicht denkt, wenn man, wie gewohnt, von „Weltge- schichte“, von diesem lächerlich kleinen Ausschnitt des menschlichen Daseins redet; und selbst in dieser soge- nannten Weltgeschichte, welche im Grunde ein Lärm um die letzten Neuigkeiten ist, giebt es kein eigentlich wichtigeres Thema, als die uralte Tragödie von den Märtyrern, die den Sumpf bewegen wollten. Nichts ist theurer erkauft, als das Wenige von menschlicher Vernunft und vom Gefühle der Freiheit, welches jetzt unseren Stolz ausmacht. Dieser Stolz aber ist es, dessent- ' wegen es uns jetzt fast unmöglich wird, mit jenen un- geheuren Zeitstrecken der „Sittlichkeit der Sitte“ zu empfinden, welche der „Weltgeschichte“ vorausliegen, als die wirkliche und entscheidende Hauptge- schichte, welche den Charakter der Menschheit festgestellt hat: wo das Leiden als Tugend, die Grau- samkeit als Tugend, die Verstellung als Tugend, die Rache als Tugend, die Verleugnung der Vernunft als Tugend, dagegen das Wohlbefinden als Gefahr, die Wissbegier als Gefahr, der Friede als Gefahr, das Mit- kiden als Gefahr, das Bemitleidetwerden als» Schimpf, 2* Digitized by C«gle 78 rühmten geistlichen Werke der Heiligen sind selbst- erdachte.“ 89. Zweifel als Sünde. — Das Christenthum hat das Äusserste gethan, um den Cirkel zu schliessen und schon den Zweifel für Sünde erklärt. Man soll ohne Vernunft, durch ein Wunder, in den Glauben hineinge- worfen werden und nun in ihm wie im hellsten und unzweideutigsten Elemente schwimmen: schon der Blick nach einem Festlande, schon der Gedanke, man sei vielleicht nicht zum Schwimmen allein da, schon die leise Regung unserer amphibischen Natur — ist Sünde! Man merke doch, dass damit die Begründung des Glau- bens und alles Nachdenken über seine Herkunft eben- falls schon als sündhaft ausgeschlossen sind. Man will Blindheit und Taumel und einen ewigen Gesang über den Wellen, in denen die Vernunft ertrunken ist! QO. Egoismus gegen Egoismus. — Wie Viele schliessen immer noch: „es wäre das Leben nicht aus- zuhalten, wenn es keinen Gott gäbe!" (oder, wie es in den Kreisen der Idealisten heisst: „es wäre das Leben nicht au.szuhalten, wenn ihm die ethische Bedeutsamkeit seines Grundes fehlte!“) — folglich müsse es einen Gott (oder eine ethische Bedeutsamkeit des Daseins) geben! In Wahrheit steht es nur so, dass, wer sich an diese Vorstellungen gewöhnt hat, ein Leben ohne sie nicht wün.scht: dass es also für ihn und seine Erhal- tung nothwendige Vorstellungen sein mögen, — aber welche Anmaassung, zu decretiren, dass Alles, was für meine Erhaltung noth wendig ist, auch wirklich da sein Digitized by Google 79 müsse! Als ob meine Erhaltung etwas Nothwendiges sei! Wie, wenn Andere umgekehrt empfanden! wenn sie gerade unter den Bedingungen jener beiden Glaubens- artikel nicht leben möchten und das Leben dann nicht mehr lebenswerth fänden! — Und so steht es jetzt! 91. Die Redlichkeit Gottes. — Ein Gott, der all- wissend und allmächtig ist und der nicht einmal dafür sorget, dass seine Absicht von seinen Geschöpfen ver- standen ward, — sollte das ein Gott der Güte sein? Der die zahllosen Zweifel und Bedenken fortbestehen lässt, Jahrtausende lang, als ob sie für das Heil der Menschheit unbedenklich wären, und der doch wieder die entsetzlichsten Folgen bei einem Sich-vergreifen an der Wahrheit in Aussicht stellt? Würde es nicht ein grausamer Gott sein, wenn er die Wahrheit hätte und es ansehen könnte, wne die Menschheit sich jämmerlich um sie quält? — Aber vielleicht ist es doch ein Gott der Güte, — und er konnte sich nur nicht deutlicher ausdrücken! So fehlte es ihm vielleicht an Geist dazu? Oder an Beredtsamkeit? Um so schlimmer! Dann irrte er sich vielleicht auch in dem, was er seine „Wahrheit“ nennt, und er ist selber dem „armen betrogenen Teufel“ nicht so fern! Muss er dann nicht beinahe Höllenqualen ausstehen, seine Geschöpfe um seiner Erkenntniss willen so, und in alle Ewigkeit fort noch schlimmer, leiden zu sehen und nicht rathen und helfen zu können, ausser wie ein Taubstummer, der allerhand vieldeutige Zeichen macht, wenn seinem Kinde oder Hunde die schreck- lichste Gefahr auf dem Nacken sitzt? — Einem derartig schliessenden und bedrängten Gläubigen wäre wahrlich Digitized by Google 80 zu verzeihen, wenn ihm das Mitleiden mit dem leiden- den Gott näher läge, als das Mitleiden mit den „Näch- sten“, — denn es sind nicht mehr seine Nächsten, wenn jener Einsamste, Uranfanglichste auch der Leidendste, Trostbedürftigste von Allen ist. — Alle Religionen zeigen ein Merkmal davon, dass sie einer frühen unrei- fen Intellectucilität der Menschheit ihre Herkunft ver- danken, — sie alle nehmen es erstaunlich leicht mit der Verpflichtung, die Wahrheit zu sagen: sie wissen noch Nichts von einer Pflicht Gottes, gegen die Menschheit wahrhaftig und deutlich in der Mittheilung zu sein. — Über den „verborgenen Gott“ und über die Gründe, sich so verborgen zu haften und immer nur halb mit der Sprache an’s Licht zu kommen, ist Nie- mand beredter gewesen, als Pascal, zum Zeichen, dass er sich nie darüber hat beruhigen können: aber seine Stimme klingt so zuversichtlich, als ob er einmal mit hinter dem Vorhang gesessen hätte. Er hatte die Wit- terung einer Unmoralität in dem „deus absconditus“ und die grösste Scham und Scheu davor, sich diess einzugestehen: und so redete er, wie Einer, der sich fürchtet, so laut als er konnte. '' Am Sterbebette des Christenthums. — Die wirklich activen Menschen sind jetzt innerlich ohne Ühristenthum, und die massigeren und betrachtsameren Menschen des geistigen Mittelstandes besitzen nur noch ein zurechtgemachtes, nämlich ein wunderlich verein- fachtes Christenthum. Ein Gott, der in seiner Liebe Alles so fügt, wie es uns schliesslich am besten sein wird, ein Gott, der uns unsere Tugend wie unser Glück Digilized by Google 81 giebt und nimmt, sodass es im Ganzen immer recht und gut zugeht und kein Grund bleibt, das Leben schwer zu nehmen oder gar zu verklagen, kurz, die Resigna- tion und Bescheidenheit zur Gottheit erhoben, — das ist das Beste und Lebendigste, was vom Christenthum noch übrig geblieben ist. Aber man sollte doch mer- ken, dass damit das Christenthum in einen sanften Moralismus übergetreten ist: nicht sowohl „Gott, Frei- heit und Unsterblichkeit“ sind übrig geblieben, als Wohlwollen und anständige Gesinnung und der Glaube, dass auch im ganzen All Wohlwollen und anständige Gesinnung herrschen werden: es ist die Euthanasie des Christenthums. ' ^ 93. Was ist Wahrheit? — Wer wird sich den Schluss der Gläubigen nicht gefallen lassen, welchen sie gern machen: „die Wissenschaft kann nicht wahr sein, denn sie leugnet Gott. Folglich ist sie nicht aus Gott; folg- lich ist sie nicht wahr, — denn Gott ist die Wahrheit.“ Nicht der Schluss, sondern die Voraussetzung enthält den Fehler: wie, wenn Gott eben nicht die Wahrheit wäre, und eben diess bewiesen würde? wenn er die Eitelkeit, das Machtgelüst, die Ungeduld, der Schrecken, der entzückte und entsetzte Wahn der Menschen wäre? 94. Heilmittel der Verstimmten. — Schon Paulus meinte, ein Opfer sei nöthig, damit die tiefe Verstim- mung Gottes über die Sünde aufgehoben werde: und seitdem haben die Christen nicht aufgehört, ihr Miss- behagen über sich selber an einem Opfer auszulassen, — sei diess nun die „Welt“ oder die „Geschichte“ oder Niettfche, Morgenröthe. 6 Digilized by Google 82 die „Vernunft“ oder die Freude oder die friedliche Ruhe anderer Menschen, — irgend etwas Gutes muss für ihre Sünde sterben {wenn auch nur in effigie)! 95- Die historische Widerlegung als die endgül- tige. — Ehemals suchte man zu beweisen, dass es kei- nen Gott gebe, — heute zeigt man, wie der Glaube, dass es einen Gott gebe, entstehen konnte und wo- durch dieser Glaube seine Schwere und Wichtigkeit erhalten hat: dadurch wird ein Gegenbeweis, dass es keinen Gott gebe, überflüssig. — Wenn man ehemals die vorgebrachten „Beweise vom Dasein Gottes“ wider- legt hatte, blieb immer noch der Zweifel, ob nicht noch bessere Beweise aufzufinden seien, als die eben wider- legten: damals verstanden die Atheisten sich nicht darauf, reinen Tisch zu machen. „In hoc signo \Tnces.“ — So vorgeschritten Europa auch son.st sein mag: in religiösen Dingen hat es noch nicht die freisinnige Naivität der alten Brah- manen erreicht, zum Zeichen, dass in Indien vor vier Jahrtausenden mehr gedacht wurde und mehr Lust am Denken vererbt zu werden pflegte, als jetzt unter uns. Jene Brahmanen nämlich glaubten erstens, dass die Priester mächtiger seien, als die Götter, und zweitens, dass die Bräuche es seien, worin die Macht der Prie- ster begriffen liege: wesshalb ihre Dichter nicht müde wurden, die Bräuche (Gebete, Ceremonien, Opfer, Lie- der, Metren) als die eigentlichen Geber alles Guten zu preisen. Wie viel Dichterei und Aberglaube hier auch Digilized by Google 83 immer dazwischengelaufen sein mag: die Sätze sind wahr! Einen Schritt weiter: und man warf die Götter bei Seite, — was Europa auch einmal thun muss! Noch einen Schritt weiter: und man hatte auch die Priester und Vermittler nicht mehr nöthig, und der Lehrer der Religion der Selbsterlösung, Buddha, trat auf: — wie ferne ist Europa noch von dieser Stufe der Cultur! Wenn endlich auch alle Bräuche und Sitten vernichtet sind, auf welche die Macht der Götter, der Priester und Erlöser sich stützt, wenn also die Moral im alten Sinne gestorben sein ward: dann kommt — ja was kommt dann? Doch rathen war nicht herum, sondern sehen war zunächst zu, dass Europa nachholt, w'as in Indien, unter dem Volke der Denker, schon vor einigen Jahrtausen- den als Gebot des Denkens gethan wurde! Es giebt jetzt vielleicht zehn bis zwanzig Millionen Menschen unter den verschiedenen Völkern Europa’s, welche nicht mehr „an Gott glauben“, — ist es zu viel gefordert, dass sie einander ein Zeichen geben? Sobald sie sich derartig erkennen, werden sie sich auch zu erkennen geben, — sie werden sofort eine Macht in Europa sein und, glücklicherweise, eine Macht zwischen den Völ- kern ! Zwischen den Ständen ! Zwischen Arm und Reich ! Zwischen Befehlenden und Unterw’orfenen ! Zwischen den unruhigsten und den ruhigsten, beruhigendsten Menschen ! 6* Digilized by Go»g[e Zweites Buch. Digitized by Googie 97- Man wird moralisch, — nicht weil man mora- lisch ist! — Die Unterwerfung unter die Moral kann sclavenhaft oder eitel oder eigennützig oder resignirt oder dumpf-schwärmerisch oder gedankenlos oder ein Act der Verzweiflung sein, wie die Unterwerfung unter einen Fürsten: an sich ist sie nichts Morcilisches. 98. Wandel der Moral. — Es giebt ein fortwähren- des Umwandeln und Arbeiten an der Moral, — das bewirken die Verbrechen mit glücklichem Aus- gange (wozu zum Beispiel alle Neuerungen des mora- lischen Denkens gehören). 99. Worin wir Alle unvernünftig sind. — Wir ziehen immer noch die Folgerungen von Urtheilen, die wir für falsch halten, von Lehren, an die wir nicht mehr glauben, — durch unsere Gefühle. 100. Vom Traume erwachen. — Edle und weise Men- schen haben einmal an die Musik der Sphären geglaubt: edle und weise Menschen glauben noch immer an die „sittliche Bedeutung des Daseins“. Aber eines Tages wird auch diese Sphärenmusik ihrem Ohre nicht mehr vernehmbar sein! Sie erwachen und merken, dass ihr Ohr geträumt hatte. Digilized by Gi'aigle 88 101. Bedenklich. — Einen Glauben annehmen, blos weil er Sitte ist, — das heisst doch; unredlich sein, feige sein, faul sein! — Und so wären Unredlichkeit, Feigheit und Faulheit die Voraussetzungen der Sitt- lichkeit? 102. Die ältesten moralischen Urtheile. — Wie machen wir es doch bei der Handlung eines Menschen in unsrer Nähe? — Zunächst sehen wir darauf hin, was aus ihr für uns herauskommt, — wir sehen sie nur unter diesem Gesichtspunct. Diese Wirkung nehmen wir als die Absicht der Handlung — und endlich legen wir ihm das Haben solcher Absichten als dauernde Eigen- schaft bei und nennen ihn zum Beispiel von nun an „einen schädlichen Menschen“. Dreifache Irrung! Drei- facher uralter Fehlgriff! Vielleicht unsre Erbschaft von den Thieren und ihrer Urtheilskraft her! Ist nicht der Ursprung aller Moral in den abscheulichen kleinen Schlüssen zu suchen: „was mir schadet, das ist etwas Böses (an sich Schädigendes); was mir nützt, das ist etwas Gutes (an sich Wohl thuendes und Nutzenbringen- des); was mir einmal oder einigemale schadet, das ist das Feindliche an sich und in sich; was mir einmal oder einigemale nützt, das ist das Freundliche an sich und in sich.“ O pudenda origo! Heisst das nicht: die erbärmliche, gelegentliche , oft zufällige Relation eines Anderen zu uns als sein Wesen und Wesentlich- stes auszudichten, und zu behaupten, er sei gegen alle Welt und gegen sich selber eben nur solcher Relatio- nen fähig, dergleichen wir ein- oder einigemal erlebt haben? Und sitzt hinter dieser wahren Narrheit nicht k. Digilized by Google 89 noch der unbescheidenste aller Hintergedanken, dass wir selber das Princip des Guten sein müssen, weil sich Gutes und Böses nach uns bemisst? — 103. Es giebt zwei Arten von Leugnern der Sitt- lichkeit. — „Die Sittlichkeit leugnen“ — das kann einmal heissen: leugnen, dass die sittlichen Motive, welche die Menschen angeben, wirklich sie zu ihren Handlungen getrieben haben, — es ist also die Be- hauptung, dass die Sittlichkeit in Worten bestehe und zur groben und feinen Betrügerei (namentlich Selbst- betrügerei) der Menschen gehöre, und vielleicht gerade bei den durch Tugend Berühmtesten am meisten. So- dann kann es heissen: leugnen, dass die sittlichen Ur- theile auf Wahrheiten beruhen. Hier wird zugegeben, dass sie Motive des Handelns ^\4rklich sind, dass aber auf diese Weise Irrthümer, als Grund alles sittlichen Urtheilens, die Menschen zu ihren moralischen Hand- lungen treiben. Diess ist mein Gesichtspunct: doch möchte ich «im wenigsten verkennen, dass in sehr vie- len Fällen ein feines Misstrauen nach Art des ersten Gesichtspunctes, also im Geiste des La Rochefoucauld, auch im Rechte und jedenfalls vom höchsten allgemeinen Nutzen ist. — Ich leugne also die Sittlichkeit wie ich die Alchymie leugne, das heisst, ich leugfne ihre Vor- aussetzungen: nicht aber, dass es Alchymisten gegeben hat, welche an diese Voraussetzungen glaubten und auf sie hin handelten. — Ich leugne auch die Unsittlichkeit: nicht, dass zahllose Menschen sich unsittlich fühlen, sondern dass es einen Grund in der Wahrheit giebt, sich so zu fühlen. Ich leugne nicht, wie sich von selber Digilized by Google 90 versteht — vorausgesetzt, dass ich kein Narr bin — , dciss viele Handlungen, welche unsittlich heissen, zu vermeiden und zu bekämpfen sind; ebenfalls, dass viele, die sittlich heissen, zu thun und zu fordern sind, — aber ich meine: das Eine wie das Andere aus ande- ren Gründen, als bisher. Wir haben umzulernen, — um endlich, vielleicht sehr spät, noch mehr zu er- reichen: umzufühlen. 104. Unsere Werthschätzungen. — Alle Handlungen gehen auf Werthschätzungen zurück, alle Werth- schätzungen sind entweder eigene oder angenom- mene, — letztere bei Weitem die meisten. Warum neh- men wir sie an ? Aus Furcht, — das heisst: wdr halten es für rathsamer, uns so zu stellen, als ob sie auch die unsrigen wären — und gewöhnen uns an diese Vorstellung, sodass sie zuletzt unsere Natur ist. Eigene Werthschätzung: das ^\'ill besagen, eine Sache in Bezug darauf messen, wie weit sie gerade uns und niemandem Anderen Lust oder Unlust macht, — etwas äus.serst Seltenes! — Aber wenig- stens muss doch unsre Werthschätzung des Anderen, in der das Motiv dafür liegt, dass wir uns in den mei- sten Fällen seiner Werthschätzung bedienen, von uns au.sgehen, unsere eigene Bestimmung sein? Ja, aber als Kinder machen wir sie, und lernen selten wieder um; wir sind meist zeitlebens die Narren kindlicher an- gewöhnter Urtheile, in der Art, wie wir über unsre Nächsten (deren Geist, Rang, Moralität, Vorbildlichkeit. Verwerflichkeit) urtheilen und es nöthig finden, vor ihren Werthschätzungen zu huldigen. Digilized by Google 91 105. Der Schein-Egoismus. — Die Allermeisten, was sie auch immer von ihrem „Egoismus“ denken und sagen mögen, thun trotzdem ihr Lebenlang Nichts für ihr ego, sondern nur für das Phantom von ego, welches sich in den Köpfen ihrer Umgebung über sie gebildet und sich ihnen mitgetheilt hat, — in Folge dessen leben sie Alle zusammen in einem Nebel von unpersönlichen, halbpersönlichen Meinungen und willkürlichen, gleich- sam dichterischen Werthschätzungen, Einer immer im Kopfe des Andern, und dieser Kopf wieder in anderen Köpfen: eine wunderliche Welt der Phantasmen, welche .sich dabei einen so nüchternen An.schein zu geben weiss ! Dieser Nebel von Meinungen und Gewöhnungen wächst und lebt fast unabhängig von den Menschen, die er einhüllt; in ihm liegt die ungeheure Wirkung allge- meiner Urtheile über „den Menschen“ — alle diese sich selber unbekannten Menschen glauben an das blutlose Abstractum „Mensch“, das heisst, an eine Fiction; und jede Veränderung, die mit diesem Abstractum vorge- nommen wird, durch die Urtheile einzelner Mächtiger (wie Fürsten und Philosophen), wirkt ausserordentlich und in unvernünftigem Maasse auf die grosse Mehrzahl, — Alles aus dem Grunde, dass jeder Einzelne in dieser Mehrzahl kein wirkliches, ihm zugängliches und von ihm ergründetes ego der allgemeinen blassen Fiction entgegenzustellen und sie damit zu vernichten vermag. 106. GegendieDefinitionen der moralischen Ziele. Man hört allerwärts jetzt das Ziel der Moral ungefähr so bestimmt: es sei die Erhaltung und Förderung der Digilized by tioogle 92 Menschheit; aber das heisst eine Formel haben wollen und weiter Nichts. Erhaltung, worin? muss man so- fort dagegen fragen, Förderung wohin? Ist nicht ge- rade das Wesentliche, die Antwort auf dieses Worin? und Wohin? in der Formel ausgelassen? Was lässt sich also mit ihr für die Pflichtenlehre festsetzen, was nicht schon, stillschweigend und gedankenlos, jetzt als fest- gesetzt gilt! Kann man aus ihr genügend absehen, ob man eine möglichst lange Existenz der Menschheit in’s Auge zu fassen habe? Oder die möglichste Entthierung der Menschheit? Wie verschieden würden in beiden Fällen die Mittel, das heisst die praktische Moral, sein müssen! Gesetzt, man wollte der Menschheit die höchste ihr mögliche Vernünftigkeit geben: diess hiesse gewiss nicht ihr die höchste ihr mögliche Dauer verbürgen! Oder gesetzt, man dächte an ihr „höchstes Glück" als das Wohin und Worin: meint man dann den höchsten Grad, den allmählich einzelne Menschen erreichen könn- ten? Oder eine, übrigens gar nicht zu berechnende letz- tens erreichbare Durchschnitts - Glückseligkeit Aller? Und warum wäre die Moralität gerade der Weg dahin? Ist nicht durch sie, im Grossen gesehen, eine solche Fülle von Unlust-Quellen aufgethan worden, dass man eher urtheilen könnte, mit jeder Verfeinerung der Sitt- lichkeit sei der Mensch bisher mit sich, mit seinem Nächsten und mit seinem Loose des Daseins unzufrie- dener geworden? Ist nicht der, bisher moralischste Mensch des Glaubens gewesen, der einzig berechtigte Zustand des Menschen im Angesichte der Moral sei die tiefste Unseligkeit? Digilized by Google 93 107- Unser Anrecht auf unsere Thorheit. — Wie soll man handeln? Wozu soll man handeln? — Bei den nächsten und gröbsten Bedürfnissen des Einzelnen be- antworten sich diese Fragen leicht genug, aber in je feinere, umfänglichere und wichtigere Gebiete des Han- delns man aufsteigt, um so unsicherer, folglich um so willkürlicher wird die Beantwortung sein. Nun aber soll hier gerade die Willkürlichkeit der Entscheidungen axisgeschlossen sein! — so heischt es die Autorität der Moral: eine unklare Angst und Ehrfurcht soll den Men- schen unverzüglich gerade bei jenen Handlungen leiten, deren Zwecke und Mittel ihm am wenigsten sofort deut- lich sind! Diese Autorität der Moral unterbindet das Denken, bei Dingen, wo es gefährlich sein könnte, falsch zu denken — : dergestalt pflegt sie sich vor ihren Anklägern zu rechtfertigen. Falsch: das“ heisst hier „gefährlich“, — aber gefährlich für wen? Gewöhn- lich ist es eigentlich nicht die Gefahr des Handelnden, welche die Inhaber der autoritativen Moral im Auge haben, sondern ihre Gefahr, ihre mögliche Einbusse an Macht und Geltung, sobald das Recht, willkürlich und thöricht, nach eigener, kleiner oder grosser Ver- nunft zu handeln. Allen zugestanden wird: für sich sel- ber nämlich machen sie unbedenklich Gebrauch von dem Rechte der Willkürlichkeit und ITiorheit, — sie befehlen, auch wo die Fragen „wie soll ich handeln? wozu soll ich handeln?" kaum oder schwierig genug zu beantworten sind. — Und wenn die Vernunft der Menschheit so ausserordentlich langsam wächst, dass man dieses Wachsthum für den ganzen Gang der Mensch- heit oft geleugnet hat: was trägt mehr die Schuld daran. Digilized by Göogle 94 als diese feierliche Anwesenheit, ja Allgegenwart mora- lischer Befehle, welche der individuellen Frage nach dem Wozu? und dem Wie? gar nicht gestattet, laut zu werden? Sind wir nicht daraufhin erzogen, gerade dann pathetisch zu fühlen und uns in’s Dunkle zu flüch- ten, wenn der Verstand so klar und kalt wHe möglich blicken sollte! Nämlich bei allen höheren und wichtige- ren Angelegenheiten. io8. Einige Th esen. — Dem Individuum, sofern es sein Glück will, soll man keine Vorschriften über den Weg zum Glück geben: denn das individuelle Glück quillt aus eigenen. Jedermann unbekannten Gesetzen, es kann mit Vorschriften von Aussen her nur verhin- dert, gehemmt werden. — Die Vorschriften, welche man „moralisch“ nennt, sind in Wahrheit gegen die Indivi- duen gerichtet und wollen durchaus nicht deren Glück. Eben.so wenig beziehen sich' diese Vorschriften auf das „Glück und die Wohlfahrt der Men.schheit,“ — mit wel- chen Worten strenge Begriffe zu verbinden überhaupt nicht möglich ist, geschweige dass man sie als Leitsterne auf dem dunklen Ozean moralischer Bestrebungen ge- brauchen könnte. — Es ist nicht wahr, dass die Mora- lität, w4e das Vorurtheil will, der Entwickelung der Vernunft günstiger sei als die Unmoralität. — Es ist nicht wahr, dass das unbewusste Ziel in der Ent- wickelung jedes bewussten Wesens (ITiier, Mensch, Menschheit u. s. w.) sein „höchstes Glück“ sei: vielmehr giebt es auf allen Stufen der Entwickelung ein beson- deres und unvergleichbares, weder höheres noch niede- res, sondern eben eigenthümliches Glück zu erlangen. Entwickelung will nicht Glück, .sondern Entwickelung Digilized by Google 95 und weiter Nichts. — Nur wenn die Menschheit ein allgemein anerkanntes Ziel hätte, könnte man Vor- schlägen „so und so soll gehandelt werden“: einstweilen giebt es kein solches Ziel. Also soll man die Forde- rungen der Moral nicht in Beziehung zur Menschheit setzen, es ist diess Unvernunft und Spielerei. — Der Menschheit ein Ziel an empfehlen ist etwas ganz An- deres: dann ist das Ziel als Etwas gedacht, das in un- serem Belieben ist; gesetzt, es beliebte der Mensch- heit so wde vorgeschlagen wird, so könnte sie sich daraufhin auch ein Moralgesetz geben, ebenfalls aus ihrem Belieben heraus. Aber bisher sollte das Moral- gesetz über dem Belieben stehen: man w'ollte diess Gesetz sich nicht eigentlich geben, sondern es irgend- woher nehmen oder irgendwo es auf finden oder irgendwoher es sich befehlen lassen. 109. Selbst-Beherrschung undMässigung und ihr letztes Motiv. — Ich finde nicht mehr als sechs wesentlich verschiedene Methoden, um die Heftigkeit eines Triebes zu bekämpfen. Einmal kann man den Anlässen zur Befriedigung des Triebes ausweichen und durch lange und immer längere Zeitstrecken der Nicht- befriedigung ihn schwächen und abdorren machen. So- dann kann man eine strenge regelmässige Ordm/ng in seiner Befriedigung sich zum Gesetz machen; indem man in ihn .selber auf diese Weise eine Regel bringt und seine Fluth und Ebbe in feste Zeitgränzen ein- schliesst, hat man Zwischenzeiten ge\vonnen, wo er nicht mehr stört, — und von da aus kann man vielleicht zur ersten Methode übergehen. Drittens kann man sich Digilized by Google 96 absichtlich einer \vilden und unbändigen Befriedigung eines Triebes überlassen, um den Ekel davon einzuemten und mit dem Ekel eine Macht über den Trieb zu er- langen: vorausgesetzt, dass man es nicht dem Reiter gleich thut, der sein Pferd zu Tode hetzt und selber dabei den Hals bricht, — was leider die Regel bei diesem Versuche ist. Viertens giebt es einen intellec- tuellen Kunstgriff, nämlich mit der Befriedigung über- haupt irgend einen sehr peinlichen Gedanken so fest zu verbinden, dass, nach einiger Übung, der Gedanke der Befriedigung immer sogleich selber als sehr pein- lich empfunden wird (zum Beispiel wenn der Christ sich gewöhnt, an die Nähe und den Hohn des Teufels beim Geschlechtsgenusse , oder an ewige Höllenstrafen für einen Mord aus Rache, oder auch nur an die Ver- ächtlichkeit zu denken, welche zum Beispiel einem Geld- Diebstahl im Auge der von ihm verehrtesten Menschen folgt, oder wenn Mancher schon zu hundert Malen einem heftigen Verlangen nach dem Selbstmord die Vorstellung des Jammers und der Selbstvorwürfe von Verwandten und Freunden entgegengestellt und damit sich auf der Schwebe des Lebens erhalten hat: — jetzt folgen diese Vorstellungen in ihm auf einander, wie Ursache und Wirkung). Hierhin gehört es auch, wenn der Stolz des Menschen, wie zum Beispiel bei Lord Byron und Napoleon, sich aufbäumt, imd das Über- gewicht eines einzelnen Affectes über die gesammte Haltung und die Ordnung der V emunft als Beleidigung empfindet: woraus dann die Gewohnheit und die Lust entsteht, den Trieb zu tyrannisiren und ihn gleichsam knirschen zu machen. („Ich will nicht der Sclave irgend eines Appetites sein“ — schrieb Byron in sein Tage- Digilized by Google 97 buch.) Fünftens: man nimmt eine Dislocation seiner Kraftmengen vor, indem man sich irgend eine beson- ders schwere und anstrengende Arbeit auferlegt oder sich absichtlich einem neuen Reize und Vergnügen unterwirft und dergestalt Gedanken und physisches Kräftespiel in andere Bahnen lenkt. Eben darauf läuft es auch hinaus, wenn man einen anderen Trieb zeit- weilig begünstigt, ihm reiche Gelegenheit der Befrie- digung giebt und ihn so zum Verschwender jener Kraft macht, über welche sonst der durch seine Heftigkeit lästig gewordene Trieb gebieten würde. Dieser oder Jener versteht es wohl auch, den einzelnen Trieb, der den Gewaltherm spielen möchte, dadurch im Zaume zu halten, dass er allen seinen ihm bekannten anderen Trieben eine zeitweilige Aufmunterung und Festzeit giebt und sie das Futter aufzehren heisst, welches der Tyrann für sich allein haben will. Endlich sechstens: wer es aushält und vernünftig findet, seine gesammte leibliche und seelische Organisation zu schwächen und niederzudrücken, der erreicht natürlich das Ziel der Schwächung eines einzelnen heftigen Triebes ebenfalls dcimit: wie zum Beispiel Der thut, welcher seine Sinn- lichkeit aushungert und dabei freilich auch seine Rüstig- keit und nicht selten seinen Verstand mit aushungert und zu Schanden macht, gleich dem Asketen. — Also: den Anlässen ausweichen, Regel in den Trieb hinein- pflanzen, Übersättigung und Ekel an ihm erzeugen, und die Association eines quälenden Gedankens (wie den der Schande, der bösen Folgen oder des beleidigten Stolzes) zu Stande bringen, sodann die Dislocation der Kräfte und endlich die allgemeine Schwächung und Erschöpfung, — das sind die sechs Methoden: dass Nietssche, MorgenrStbe. 7 Digitized by Goog[e 98 man aber überhaupt die Heftigkeit eines Triebes be- kämpfen will, steht nicht in unserer Macht, ebenso wenig, auf welche Methode man verfallt, ebenso wenig, ob man mit dieser Methode Erfolg hat. Vielmehr ist unser Intellect bei diesem ganzen Vorgänge ersichtlich nur das blinde Werkzeug eines anderen Triebes, welcher ein Rival dessen ist, der uns durch seine Hef- tigkeit quält: sei es der Trieb nach Ruhe oder die Furcht vor Schande und anderen bösen Folgen oder die Liebe. Während „wir“ uns also über die Heftigkeit eines Triebes zu beklagen meinen, ist es im Grunde ein Trieb, welcher über einen anderen klagt; das heisst; die Wahrnehmung des Leidens an einer solchen Heftigkeit setzt voraus, dass es einen ebenso heitigen oder noch heftigeren anderen Trieb gpebt, und dass ein Kampf bevorsteht, in welchem unser Intellect Partei nehmen muss. I IO. Das, was sich widersetzt. — Man kann folgen- den Vorgang an sich beobachten, und ich wollte, er würde oft beobachtet und bestätigt. Es entsteht in uns die Witterung einer Art von Lust, die wir noch nicht kannten, und folglich entsteht ein neues Verlangen. Nun kommt es darauf an, was diesem Verlangen sich widersetzt: sind es Dinge und Rücksichten gemeinerer Art, auch Menschen, welche wenig in unserer Achtung gelten, — so umkleidet sich das Ziel des neuen Ver- langens mit der Empfindung „edel, gut, lobenswerth, opferwürdig,“ die ganze vererbte moralische Anlage nimmt es nunmehr in sich auf, legt es zu ihren als mo- ralisch empfundenen Zielen — und jetzt meinen wir nicht mehr nach einer Lust, sondern nach einer Moralität zu i k. Digilized by Google 99 streben: was die Zuversichtlichkeit unseres Strebens sehr vermehrt. III. An die Bewunderer der Objectivität. — Wer als Kind mannichfaltige und starke Gefühle, aber wenig feines Urtheil und Lust an der intellectualen Gerechtig- keit, bei den Verwandten und Bekannten, unter denen er aufwuchs, wahrgenommen und folglich im Nachbilden von Gefühlen seine beste Kraft und Zeit verbraucht hat: bemerkt als Erwachsener an sich, dass jedes neue Ding, jeder neue Mensch sofort Zuneigung oder Ab- neigung oder Neid oder Verachtung in ihm rege macht; unter dem Drucke dieser Erfahrung, gegen den er sich ohnmächtig fühlt, bewundert er die Neutralität der Empfindung, oder die „Objectivität“, wie ein Wunder- ding, als Sache des Genie’s oder der seltensten Mora- lität, und tvnll nicht daran glauben, dass auch sie nur das Kind der Zucht und Gewohnheit ist. « • I 12. Zur Naturgeschichte von Pflicht und Recht. Unsere Pflichten — das sind die Rechte Anderer auf uns. Wodurch haben sie diese erworben? Dadurch, dass sie uns für Vertrags- und vergeltungsfähig nahmen, für gleich und ähnlich mit sich ansetzten, dass sie uns daraufhin Etw’as anvertrauten, uns erzogen, zurecht- wiesen , unterstützten. Wir erfüllen unsre Pflicht — das heisst: wir rechtfertigen jene Vorstellung von unserer Macht, auf welche hin uns Alles erwiesen wurde, wir geben zurück, in dem Maasse, als man uns gab. So ist es unser Stolz, der die Pflicht zu thun gebeut, — wir wollen unsre Selbstherrlichkeit wiederherstellen, 7* Digilized by Google 100 wenn wr dem, was Andre für uns thaten, Etwas ent- gegenstellen, das wir für sie thun, — denn Jene haben damit in die Sphäre unserer Macht eingegriffen und würden dauernd ihre Hand in ihr haben, wenn wir nicht mit der „Pflicht“ eine Wiedervergeltung übten, das heisst in ihre Macht eingriffen. Nur auf Dais, was in unsrer Macht steht, können sich die Rechte Anderer beziehen; es wäre unvernünftig, wenn sie Etwas von uns wollten, das uns selber nicht gehört. Genauer muss man sagen: nur auf Das, was sie meinen, dass es in unserer Macht steht, voraussetzend, dass es das Selbe ist, von dem wir meinen, es stehe in unserer Macht. Es könnte leicht auf beiden Seiten der gleiche Irrthum sein: das Gefühl der Pflicht hängt daran, dciss wir in Bezug auf den Umkreis unserer Macht den selben Glauben haben, wie die Anderen: nämlich dass wir bestimmte Dinge versprechen, uns zu ihnen verpflichten können („Freiheit des Willens“). — Meine Rechte: das ist jener Theil meiner Macht, den mir die Anderen nicht nur zugestanden haben, sondern in welchem sie mich erhalten wollen. Wie kommen diese Anderen dazu? Einmal: durch ihre Klugheit und Furcht und Vor- sicht: sei es, dass sie etwas Ähnliches von uns zurück- erwarten (Schutz ihrer Rechte), dass sie einen Kampf mit uns für gefährlich oder unzweckmässig halten, dass sie in jeder Verringerung unserer Kraft einen Nach- theil für sich erblicken, weil wir dann zum Bündniss mit ihnen im Gegensatz zu einer feindseligen dritten Macht ungeeignet werden. Sodann: durch Schenkung und Abtretung. In diesem Falle haben die Anderen Macht genug und übergenug, um davon abgeben zu können und das abgegebene Stück Dem, welchem sie Digilized by Google 101 es schenkten, zu verbürgen: wobei ein geringes Macht- gefühl bei Dem, der sich beschenken lässt, vorausge- setzt wird. So entstehen Rechte: anerkannte und ge- währleistete Machtgrade. Verschieben sich die Macht- verhältnisse wesentlich, so vergehen Rechte und es bilden sich neue, — diess zeigt das Völkerrecht in sei- nem fortwährenden Vergehen und Entstehen. Nimmt unsere Macht wesentlich ab, so verändert sich das Ge- fühl Derer, welche bisher unser Recht gewährleisteten: sie ermessen, ob sie uns wieder in den alten Vollbesitz bringen können, — fühlen sie sich hierzu ausser Stande, so leugnen sie von da an unsere „Rechte“. Ebenso, wenn unsere Macht erheblich zunimmt, verändert sich das Gefühl Derer, welche sie bisher anerkannten und deren Anerkennung wir nun nicht mehr brauchen: sie versuchen wohl, dieselbe auf das frühere Maass herab- zudrücken, sie werden eingreifen wollen und sich auf ihre „Pflicht“ dabei berufen, — aber diess ist nur ein unnützes Wortemachen. Wo Recht herrscht, da wird ein Zustand und Grad von Macht aufrecht erhalten, eine Verminderung und Vermehrung abgewehrt. Das Recht Anderer ist die Concession unseres Gefühls von Macht an das Gefühl von Macht bei diesen Anderen. Wenn sich unsere Macht tief erschüttert und gebrochen zeigt, so hören unsere Rechte auf: dagegen hören, wenn wir sehr viel mächtiger geworden sind, die Rechte Anderer für uns auf, wie wir sie bis jetzt ihnen zugestanden. — Der „billige Mensch“ bedarf fortwährend des feinen Tactes einer Wage: für die Macht- und Rechtsgrade, welche, bei der vergänglichen Art der menschlichen Dinge, immer nur eine kurze Zeit im Gleichgewichte schweben werden, zumei.st aber .sinken oder steigen: — Dioiti 102 billig sein ist folglich schwer und erfordert viel Übung, guten Willen und sehr viel sehr guten Geist. — i‘3- Das Streben nach Auszeichnung. — Das Stre- ben nach Auszeichnung hat fortwährend ein Augenmerk auf den Nächsten und will wissen, wie es ihm zu Muthe ist: aber die Mitempfindung und das Mitwnssen, welche dieser Trieb zu seiner Befriedigung nöthig hat, sind weit davon entfernt, harmlos oder mitleidig oder gütig zu sein. Man will vielmehr wahmehmen oder errathen, wie der Nächste an uns äusserlich oder innerlich leidet, wie er die Gewalt über sich verliert und dem Eindrücke nachgiebt, den unsere Hand oder auch nur unser An- blick auf ihn machen; und selbst wenn der nach Aus- zeichnung Strebende einen freudigen, erhebenden oder erheiternden Eindruck macht und machen wollte, so geniesst er diesen Erfolg doch nicht, insofern er dabei den Nächsten erfreute, erhob, erheiterte, sondern inso- fern er sich der fremden Seele eindrückte, deren Form veränderte und nach seinem Willen über ihr waltete. Das Streben nach Auszeichnung ist das Stre- ben nach Überwältigung des Nächsten, sei es auch eine sehr mittelbare und nur gefühlte oder gar erträumte. Es giebt eine lange Reihe von Graden dieser heimlich begehrten Überwältigung , und ein vollständiges Ver- zeichniss derselben käme beinahe einer Geschichte der Cultur gleich, von der ersten noch fratzenhaften Barbarei an bis zur Fratze der Überfeinerung und der krcink- haften Idealität hinauf. Das Streben nach Auszeich- nung bringft für den Nächsten mit sich — um nur einige Stufen dieser langen Leiter mit Namen zu nen- Digilized by Google 103 nen — : Martern, dann Schläge, dann Entsetzen, dann angstvolles Erstaunen, dann Verwunderung, dann Neid, dann Bewunderung, dann Erhebung, dann Freude, dann Heiterkeit, dann Lachen, dann Verlachen, dann Ver- spotten, dann Verhöhnen, dann Schläge-austheilen, dann Martem-anthun: — hier am Ende der Leiter steht der Asket und Märtyrer, er empfindet den höchsten Ge- nuss dabei, eben Das als Folge seines Triebes nach Auszeichnung selber davon zu tragen, was sein Gegen- bild auf der ersten Sprosse der Leiter, der Barbar, dem Anderen zu leiden giebt, an dem und vor dem er sich auszeichnen will. Der Triumph des Asketen über sich selber, sein dabei nach Innen gewendetes Auge, welches den Menschen zu einem Leidenden und zu einem Zuschauenden zerspaltet sieht und fürderhin in die Aussenwelt nur hineinblickt, um aus ihr gleichsam Holz zum eigenen Scheiterhaufen zu sammeln, diese letzte Tragödie des Triebes nach Auszeichnung, bei der es nur noch Eine Person giebt, welche in sich sel- ber verkohlt, — das ist der würdige Abschluss, der zu dem Anfänge gehört: beidemal ein unsägliches Glück beim Anblick von Martern! In der That, das Glück, als das lebendigste Gefühl der Macht gedacht, ist viel- leicht auf der Erde nirgendwo grösser gewesen, als in den Seelen abergläubischer Asketen. Diess drücken die Brahmanen in der Geschichte vom König Vi9va- mitra aus, der aus tausendjährigen Bussübungen eine solche Kraft schöpfte, dass er es uhtemahm, einen neuen Himmel zu erbauen. Ich glaube, in dieser gan- zen Gattung innerer Erlebnisse sind Avir jetzt grobe Neulinge und tastende Räthselrather; vier Jahrtausende früher wusste man mehr von diesen verruchten Ver- Digilized by Google 104 feinerungen des Selbstgenusses. Die Schöpfung der Welt: vielleicht, dass sie damals von einem indischen Träumer cils eine asketische Procedur gedacht worden ist, welche ein Gott mit sich vomimmt! Vielleicht, dass der Gott sich in die bewegte Natur wie in ein Marter- werkzeug bannen wollte, um dabei seine Seligkeit und Macht verdoppelt zu fühlen! Und gesetzt, es wäre gar ein Gott der Liebe: welcher Genuss für einen solchen, leidende Menschen zu schaffen, an der ungestillten Marter im Anblick derselben recht göttlich und über- menschlich zu leiden und sich dergestalt selber zu tyrannisiren! Und gar gesetzt, es wäre nicht nur ein Gott der Liebe, sondern auch ein Gott der Heiligkeit und Sündlosigkeit: welche Delirien des göttlichen As- keten sind zu ahnen, wenn er Sünde und Sünder und ewige Verdammnisse und unter seinem Himmel und Throne eine ungeheure Stätte der ewigen Qual und des ewigen Stöhnens und Seufzens schafft! — Es ist nicht ganz unmöglich, dass auch die Seelen des Paulus, des Dante, des Calvin und ihres Gleichen einmal in die schauerlichen Geheimnisse solcher Wollüste der Macht eingedrungen sind; — und angesichts solcher Seelen kann man fragen: ja, ist denn wrklich der Kreislauf im Streben nach Auszeichnung mit dem As- keten am letzten Ende angelangt und in sich abgerollt? Könnte dieser Kreis nicht noch einmal von Anfang an durchlaufen werden, mit der festgehaltenen Grundstim- mung des Asketen und zugleich des mitleidenden Got- tes? Also Anderen wehe thun, um sich dadurch wehe zu thun, um damit wiederum über sich und sein Mit- leiden zu triumphiren und in der äussersten Macht zu schwelgen! — Verzeihung für die Ausschweifung im Digilized by Google 105 Nachdenken über Alles, was in der seelischen Aus- schweifung des Machtgelüstes auf Erden schon möglich gewesen sein kann! 1 14. Von der Erkenntniss des Leidenden. — Der Zustand kranker Menschen, die lange und furchtbar von ihren Leiden gemartert werden und deren Verstand trotzdem dabei sich nicht trübt, ist nicht ohne Werth für die Erkenntniss, — noch ganz abgesehen von den intellectuellen Wohlthaten, welche jede tiefe Einsamkeit, jede plötzliche und erlaubte Freiheit von allen Pflichten und Gewohnheiten mit sich bringen. Der Schwer- leidende sieht aus seinem Zustande mit einer entsetz- lichen Kälte hinaus auf die Dinge: alle jene kleinen lügnerischen Zaubereien, in denen für gewöhnlich die Dinge schwimmen, wenn das Auge des Gesunden auf sie blickt, sind ihm verschwunden: ja, er selber liegt vor sich da ohne Flaum und Farbe. Gesetzt, dass er bisher in irgend einer gefährlichen Phantasterei lebte: diese höchste Ernüchterung durch Schmerzen ist das Mittel, ihn herauszureissen: und vielleicht das einzige Mittel. (Es ist möglich, deiss diess dem Stifter des Christenthums am Kreuze begegnete: denn die bitter- sten aller Worte „mein Gott, warum hast du mich ver- lassen!“ enthalten, in aller Tiefe verstanden, wie sie verstanden werden dürfen, das Zeugniss einer allgemei- nen Enttäuschung und Aufklärung über den Wahn sei- nes Lebens; er \vurde in dem Augenblicke der höch- sten Qual hellsichtig über sich selber, so wie der Dichter es von dem armen sterbenden Don Quixote erzählt.) Die ungeheure Spannung des Intellectes, welcher dem Schmerz Widerpart halten will, macht, dass Alles, Digitized by Google 106 worauf er nun blickt, in einem neuen Lichte leuchtet: und der unsägliche Reiz, den alle neuen Beleuchtungen geben, ist oft mächtig genug, um allen Anlockungen zum Selbstmorde Trotz zu bieten und das Fortleben dem Leidenden als höchst begehrenswerth erscheinen zu lassen. Mit Verachtung gedenkt er der gemüth- lichen warmen Nebelwelt, in der der Gesunde ohne Be- denken wandelt; mit Verachtung gedenkt er der edel- sten und geliebtesten Illusionen, in denen er früher mit sich selber spielte; er hat einen Genuss daran, diese Verachtung wie aus der tiefsten Hölle heraufzubeschwö- ren und der Seele so das bitterste Leid zu machen: durch dieses Gegengewicht hält er eben dem physischen Schmerze Stand, — er fühlt es, dass gerade diess Gegengewicht jetzt noththut! In einer schauerlichen Hellsichtigkeit über sein Wesen ruft er sich zu: „sei einmal dein eigener Ankläger und Henker, nimm ein- mal dein Leiden als die von dir über dich verhängte Strafe! Geniesse deine Überlegenheit als Richter; mehr noch: geniesse dein Belieben, deine tyrannische Will- kür! Erhebe dich über dein Leben wie über dein Lei- den, sieh hinab in die Gründe und die Grundlosigkeit!“ Unser Stolz bäumt sich auf, wie noch nie: es hat für ihn einen Reiz ohne Gleichen, gegen einen solchen Tyrannen wie der Schmerz ist, und gegen alle die Ein- flüsterungen, die er uns macht, damit wir gegen das Leben Zeuguiss ablegen, — gerade das Leben gegen den Tyrannen zu vertreten. In diesem Zustande wehrt man sich mit Erbitterung gegen jeden Pessimis- mus , damit er nicht als Folge unseres Zustandes er- scheine und uns als Besiegte demüthige. Nie ist eben- falls der Reiz, Gerechtigkeit des Urtheils zu üben. Digilized by Google 107 grösser, als jetzt, denn jetzt ist es ein Triumph über uns und den reizbarsten aller Zustände, der jede Un- gerechtigkeit des Urtheils entschuldbar machen wnirde; — aber wir wollen nicht entschuldigt sein, gerade jetzt wollen mr zeigen, dass wir „ohne Schuld“ sein können. Wir befinden uns in förmlichen Krämpfen des Hoch- muths. — Und nun kommt der erste Dämmerschein der Milderung, der Genesung — und fast die erste Wir- kung ist, dass wir uns gegen die Übermacht unseres Hochmuthes wehren: wir nennen uns darin albern und eitel, — als ob mr Etwas erlebt hätten, das einzig wäre ! Wir demüthigen ohne Dankbarkeit den allmächtigen Stolz, durch den wir eben den Schmerz ertrugen und verlangen heftig nach einem Gegengift des Stolzes : wir wollen uns entfremdet und entpersönlicht werden, nach- dem der Schmerz uns zu gewaltsam und zu lange per- sönlich gemacht hatte. „Weg, weg mit diesem Stolze! rufen wir, er w^ar eine Krankheit und ein Krampf mehr!“ Wir sehen wieder hin auf Menschen und Natur — mit einem verlangenderen Auge : wir erinnern uns weh- müthig lächelnd, dass wir Einiges in Bezug auf sie jetzt neu und anders wissen, als vorher, dass ein Schleier gefallen ist, — aber es erquickt uns so, wieder die gedämpften Lichter des Lebens zu sehen und aus der furchtbaren nüchternen Helle herauszutreten, in welcher wir als Leidende die Dinge und durch die Dinge hindurch sahen. Wir zürnen nicht, wenn die Zaubereien der Gesundheit wieder zu spielen beginnen, — wir sehen wie umgewandelt zu, milde und immer noch müde. In diesem Zustande kann man nicht Musik hören, ohne zu weinen. — Digilized by G>-^gle 108 »15- Das sogenannte „Ich“. — Die Sprache und die Vorurtheile, auf denen die Sprache aufgebaut ist, sind uns \delfach in der Ergp^ndung innerer Vorgänge und Triebe hinderlich; zum Beispiel dadurch, dass eigentlich Worte allein für superlativische Grade dieser Vorgänge und Triebe da sind — ; nun aber sind wir gewohnt, dort, wo uns Worte fehlen, nicht mehr genau zu beobachten, weil es peinlich ist, dort noch genau zu denken; ja, ehedem schloss man un^inllkürlich, wo das Reich der Worte aufhöre, höre auch das Reich des Daseins auf. Zorn, Hass, Liebe, Mitleid, Begehren, Erkennen, Freude, Schmerz, — das sind Alles Namen für extreme Zxistände: die milderen mittleren und gar die immerwährend spielenden niederen Grade entgehen uns, und doch weben sie gerade das Gespinnst unseres Charakters und Schicksals. Jene extremen Ausbrüche — und selbst das mässigste uns bewusste Wohl- gefallen oder Missfallen beim Essen einer Speise, beim Hören eines Tones ist vielleicht immer noch, richtig abgeschätzt, ein extremer Ausbruch — zerreissen sehr oft das Gespinst und sind dann gewaltthätige Aus- nahmen, zumeist wohl in Folge von Aufstauungen: — und wie vermögen sie als solche den Beobachter irre zu führen! Nicht weniger, als sie den handelnden Men- schen in die Irre fuhren. Wir sind Alle nicht Das, als was wir nach den Zuständen erscheinen, für die wir allein Bewusstsein und Worte — und folglich Lob und Tadel — haben; wir verkennen uns nach diesen grö- beren Ausbrüchen, die uns allein bekannt werden, w4r machen einen Schluss aus einem Material, in welchem die Ausnahmen die Regel übenv’iegen, wir verlesen Digilized by Google 109 uns in dieser scheinbar deutlichsten Buchstabenschrift unseres Selbst. Unsere Meinung über uns aber, die wir auf diesem falschen Wege gefunden haben, das sogenannte „Ich“, arbeitet fürderhin mit an unserem Charakter und Schicksal. — 1 16. Die unbekannte Welt des „Subjects“. — Das, was den Menschen so schwer zu begreifen fällt, ist ihre Unwissenheit über sich selber, von den ältesten Zeiten bis jetzt! Nicht nur in Bezug auf gut und böse, sondern in Bezug auf viel Wesentlicheres! Noch immer lebt der uralte Wahn, dass man wisse, ganz genau wisse, wie das menschliche Handeln zu Stande komme, in jedem Falle. Nicht nur „Gott, der in’s Herz sieht“, nicht nur der Thäter, der seine That über- legt, — nein, auch jeder Andere zweifelt nicht, das Wesentliche im Vorgänge der Handlung jedes Andern zu verstehen. „Ich weiss, was ich will, was ich gethan habe, ich bin frei und verantwortlich dafür, ich mache den Andern verantwortlich, ich kann alle sittlichen Möglichkeiten und alle inneren Bewegungen, die es vor einer Handlung giebt, beim Namen nennen; ihr mögt handeln, \vie ihr wollt, — ich verstehe darin mich und euch Alle!“ — so dachte ehemals Jeder, so denkt fast noch Jeder. Sokrates und Plato, in diesem Stücke grosse Zweifler und bewunderungswürdige Neuerer, w'aren doch harmlos gläubig in Betreff jenes verhäng- nissvollsten Vorurtheils, jenes tiefsten Irrthums, dass „der richtigen Erkenntniss die richtige Handlung fol- gen müsse“, — sie waren in diesem Grundsätze immer noch die Erben des allgemeinen Wahnsinns und Dün- Digilized by Google 110 kels: dass es ein Wissen um das Wesen einer Hand- lung gebe. „Es wäre ja schrecklich, wenn der Ein- sicht in das Wesen der rechten That nicht die rechte That folgte“, — diess ist die einzige Art, wie jene Grossen diesen Gedanken zu beweisen für nöthig hiel- ten, das Gegentheil schien ihnen undenkbar und toll — und doch ist diess Gegentheil gerade die nackte, seit Ewigkeiten täglich und stündlich bewiesene Wirk- lichkeit! Ist es nicht gerade die „schreckliche“ Wahr- heit: dass, was man von einer That überhaupt wissen kann, niemals ausreicht, sie zu thun, dass die Brücke von der Erkenntniss zur That in keinem einzigen Falle bisher geschlagen worden ist? Die Handlungen sind niemals Das, als was sie uns erscheinen! Wir haben so viel Mühe gehabt, zu lernen, dass die äusseren Dinge nicht so sind, wie sie uns erscheinen, — nun wohlan! mit der inneren Welt steht es ebenso! Die moralischen Handlungen sind in Wahrheit „etwas An- deres“, — mehr können wir nicht sagen : und alle Hand- lungen sind wesentlich unbekannt. Das Gegentheil war und ist der allgemeine Glaube: wir haben den ältesten Realismus gegen uns; bis jetzt dachte die Menschheit: „eine Handlung ist Das, als was sie uns erscheint.“ (Beim Wiederlesen dieser Worte kommt mir eine sehr ausdrück- liche Stelle Schopenhauer’s jn’s Gedächtniss, welche ich anführen will, zum Beweise, dass auch er noch, und zwar ohne jeden Scrupel, in diesem moralischen Realismus hängt und hängen geblieben ist: „wirklich ist Jeder von uns ein competenter und vollkommen moralischer Rich- ter, Gutes und Böses genau kennend, heilig, indem er das Gute liebt und das Böse verabscheut, — diess Alles ist Jeder, insofern nicht seine eigenen, sondern fremde Digilized by Google 111 Handlungen untersucht werden und er blos zu billigen und zu missbilligen hat, die Last der Ausführung aber von fremden Schultern getragen wird. Jeder kann dem- nach als Beichtiger ganz und gar die Stelle Gottes vertreten.“) 117. Im Gefängniss. — Mein Auge, wie stark oder schwach es nun ist, sieht nur ein Stück weit, und in diesem Stück webe und lebe ich, diese Horizont -Linie ist mein nächstes grosses und kleines Verhängniss, dem ich nicht entlaufen kann. Um jedes Wesen legt sich derart ein concentrischer Kreis, der einen Mittelpunct hat und der ihm eigenthümlich ist. Ähnlich schliesst uns das Ohr in einen kleinen Raum ein, ähnlich das Getast. Nach diesen Horizonten, in welche, wie in Ge- fangnissmauem. Jeden von uns unsere Sinne einschliessen, messen wir nun die Welt, wir nennen Dieses nah und Jenes fern. Dieses gross und Jenes klein. Dieses hart und Jenes weich: diess Messen nennen wir Empfinden, — es sind Alles, Alles Irrthümer an sich! Nach der Menge von Erlebnissen und Erregungen, die uns durch- schnittlich in einem Zeitpuncte möglich sind, misst man sein Leben, als kurz oder lang, arm oder reich, voll oder leer: und nach dem durchschnittlichen menschlichen Leben misst man das aller anderen Geschöpfe, — es sind Alles, Alles Irrthümer an sich! Hätten wir hundert- fach schärfere Augen für die Nähe, so würde uns der Mensch ungeheuer lang erscheinen; ja, es sind Organe denkbar, vermöge deren er als unermesslich empfunden würde. Andererseits könnten Organe so beschaffen sein, dass ganze Sonnensysteme verengt und zusammen- geschnürt gleich einer einzigen Zelle empfunden werden : Digilized by C J*)gle 112 und vor Wesen entgegengesetzter Ordnung könnte Eine Zelle des menschlichen Leibes sich als ein Sonnen- system in Bewegung, Bau und Harmonie darstellen. Die Gewohnheiten unserer Sinne haben uns in Lug und Trug der Empfindung eingesponnen: diese wieder sind die Grundlagen aller unserer Urtheile und „Er- kenntnisse“, — es giebt durchaus kein Entrinnen, keine Schlupf- und Schleichwege in die wirkliche Welt! Wir sind in unserem Netze, wir Spinnen, und was wir auch darin fangen, wir können gar Nichts fangen, als w'as sich eben in unserem Netze fangen lässt. ii8. Was ist denn der Nächste! — Was begreifen wir denn von unserem Nächsten, als seine Gränzen, ich meine. Das, womit er sich auf und an uns gleich- 0 sam einzeichnet und eindrückt? Wir begreifen Nichts von ihm, als die Veränderungen an uns, deren Ur- sache er ist, — unser Wissen von ihm gleicht einem hohlen geformten Raume. Wir legen ihm die Em- pfindungen bei, die seine Handlungen in uns hervor- rufen, und geben ihm so eine falsche umgekehrte Posi- tivität. Wir bilden ihn nach unserer Kenntniss von uns, zu einem Satelliten unseres eigenen Systems: und wenn er uns leuchtet oder sich verfinstert, und wir von Beidem die letzte Ursache sind, — so glauben wir doch das Gegentheil! Welt der Phantome, in der \vir leben! Verkehrte, umgestülpte, leere, und doch voll und gerade geträumte Welt! ä k. Digilized by Google 113 iig. Erleben und Erdichten. — Wie weit Einer seine Selbstkenntniss auch treiben mag, Nichts kann doch unvollständiger sein, als das Bild der gesammten Triebe, die sein Wesen constituiren. Kaum da.ss er die grö- beren beim Namen nennen kann: ihre Zahl und Stärke, ihre Ebbe und Fluth, ihr Spiel und Widerspiel unter einander, und vor Allem die Gesetze ihrer Ernährung bleiben ihm ganz unbekannt. Diese Ernährung wird also ein Werk des Zufalls: unsere täglichen Erlebnisse werfen bald diesem, bald jenem Triebe eine Beute zu, die er gierig erfasst, aber das ganze Kommen und Gehen dieser Ereignisse steht ausser allem vernünftigen Zusammenhang mit den Nahrungsbedürfnissen der ge- sammten Triebe: sodass immer Zweierlei eintreten wird, das Verhungern und Verkümmern der einen und die Überfütterung der anderen. Jeder Moment unseres Lebens lässt einige Polypenarme unseres Wesens wach- sen und einige andere verdorren, je nach der Nahrung, die der Moment in sich oder nicht in sich trägt. Un- sere Erfahrungen, wie gesagft, sind alle in diesem Sinne Nahrungsmittel, aber ausgestreut mit blinder Hand, ohne Wissen um den, der hungert, und den, der schon Über- fluss hat. Und in Folge dieser zufälligen Ernährung der 'Fheile wird der ganze ausgewachsene Polyp etwas ebenso Zufälliges sein, wde es sein Werden ist. Deut- licher gesprochen: gesetzt, ein Trieb befindet sich in dem Puncte, wo er Befriedigung begehrt — oder Übung seiner Kraft, oder Entladung derselben oder Sättigung einer Leere — es ist Alles Bilderrede — : so sieht er jedes Vorkommniss des Tages darauf an, wie er es zu seinem Zwecke brauchen kann; ob der Mensch nun läuft oder Ni«ttsche, Mor^eorötbc. 8 Digilized by Google 114 ruht oder zürnt oder liest oder spricht oder kämpft oder jubelt, der Trieb in seinem Durste betastet gleich- sam jeden Zustand, in den der Mensch geräth, und durchschnittlich findet er Nichts für sich daran, er muss warten und weiter dürsten: eine Weile noch und dann wird er matt, und noch ein paar Tage oder Monate der Nicht -Befriedigung, dann dorrt er ab, wne eine Pflanze ohne Regen. Vielleicht würde diese Grausam- keit des Zufalls noch greller in die Augen fallen, wenn alle Triebe es so gründlich nehmen wollten, wie der Hunger: der sich nicht mit geträumter Speise zu- frieden giebt; aber die meisten Triebe, namentlich die sogenannten moralischen, thun gerade diess, — wenn meine Vermuthung erlaubt ist, dass unsere Träume eben den Werth und Sinn haben, bis zu einem gewissen Grade jenes zufällige Ausbleiben der „Nahrung“ wäh- rend des Tages, zu compensiren. Warum war der Traum von gestern voller Zärtlichkeit und Thränen, der von vorgestern scherzhaft und übermüthig, ein früherer abenteuerlich und in einem beständigen düsteren Suchen? Wesshalb geniesse ich in diesem unbeschreibliche Schön- heiten der Musik, wesshalb schwebe und fliege ich in einem anderen mit der Wonne eines Adlers hinauf nach fernen Bergspitzen? Diese Erdichtungen, welche unse- ren Trieben der Zärtlichkeit oder des Scherzes oder der Abenteuerlichkeit oder unserm Verlangen nach Musik und Gebirge Spielraum und Entladung geben — und Jeder wird seine schlagenderen Beispiele zur Hand haben — , sind Interpretationen unserer Nerven- reize während des Schlafens, sehr freie, sehr willkür- liche Interpretationen von Bewegungen des Blutes und der Eingeweide, vom Druck des Armes und der Decken, Digilized by Google 115 von den Tönen der Thurmglocken, der Wetterhähne, der Nachtschwärmer und anderer Dinge der Art. Dass dieser Text, der im Allgemeinen doch für eine Nacht wie für die andere sehr ähnlich bleibt, so verschieden commentirt ward, dass die dichtende Vernunft heute und gestern so verschiedene Ursachen für die selben Nervenreize sich vorstellt: das hat darin .seinen Grund, dass der .Souffleur dieser Vernunft heute ein anderer war, als er gestern war, — ein anderer Trieb wollte sich befriedigen, bethätigen, üben, erquicken, entladen, — gerade er war in seiner hohen Fluth, und gestern war ein anderer darin. — Das wache Leben hat nicht diese Freiheit der Interpretation wie das träumende, es ist weniger dichterisch und zügellos, — muss ich aber au.sführen, dass unsere Triebe im Wachen eben- falls nichts Anderes thun, als die Nervenreize interpre- tiren und nach ihrem Bedürfnisse deren „Ursachen“ ansetzen? dass es zwischen Wachen und Träumen keinen wesentlichen Unterschied giebt? dass selbst bei einer Vergleichung sehr verschiedener Culturstufen die Frei- heit der wachen Interpretation in der einen der Frei- heit der anderen im Träumen Nichts nachgiebt? dass auch unsere moralischen Urtheile und Werthschätzungen nur Bilder und Phantcusien über einen uns unbekannten physiologischen Vorgang sind, eine Art angewöhnter Sprache, gewisse Nervenreize zu bezeichnen? dass all unser sogenanntes Bewusstsein ein mehr oder w'eniger phantastischer Commentar über einen ungewussten, viel- leicht unwissbaren, aber gefühlten Text ist? — Man nehme ein kleines Erlebniss. Gesetzt, wir bemerken eines Tages, dass Jemand auf dem Markte über uns lacht, da wir vorübergehen; jenachdem dieser oder jener 8» Digilized by Gyi )gle 116 Trieb in uns gerade auf seiner Höhe ist, wird diess Ereigniss für uns diess oder das bedeuten, — und je nach 'der Art Mensch, die wir sind, ist es ein ganz ver- schiedenes Ereigniss. Der Eine nimmt es hin wie einen Regentropfen, der Andere schüttelt es von sich wie ein Insect, Einer sucht daraus Händel zu machen. Einer prüft seine Kleidung, ob sie Anlass zum Lachen gebe. Einer denkt über das Lächerliche an sich in Folge da- von nach. Einem thut es wohl, zur Heiterkeit und zum Sonnenschein der Welt, ohne zu wollen, einen Strahl gegeben zu haben — und in jedem Falle hat ein Trieb seine Befriedigung daran, sei es der des Ärgers oder der Kampflust oder des Nachdenkens oder des Wohl- wollens. Dieser Trieb ergriff das Vorkommniss wie seine Beute: warum er gerade? Weil er durstig und hungernd auf der Lauer lag. — Neulich Vormittags um elf Uhr fiel unmittelbar und senkrecht vor mir ein Mann plötzlich zusammen, wie vom Blitz getroffen, alle Weiber der Umgebung schrieen laut auf; ich selber stellte ihn auf .seine Füsse und wartete ihn ab, bis die Sprache sich wieder einstellte, — während dem regte sich bei mir kein Muskel des Gesichts und kein Gefühl, weder das des Schreckens, noch das des Mitleidens, sondern ich that das Nächste und Vernünftigste und gieng kalt fort. Gesetzt, man hätte mir Tags vorher angekündigt, dass morgen um elf Uhr Jemand neben mir in dieser Weise nieder-stürzen werde, — ich hätte Qualen aller Art vorher gelitten, die Nacht nicht geschlafen und wäre vielleicht im entscheidenden Augenblick dem Manne gleich geworden, anstatt ihm zu helfen. In- zwischen hätten nämlich alle möglichen Triebe Zeit gehabt, das Erlebniss sich vorzustellen und zu com- Digilized by Google 117 mentiren. — Was sind denn unsere Erlebnisse? Viel mehr Das, was wir hineinlegen, als Das, was darin liegt! Oder muss es gar heissen: an sich liegt Nichts darin? Erleben ist ein Erdichten? — 120. Zur Beruhigung des Skeptikers. — „Ich weiss durchaus nicht, was ich thue! Ich weiss durchaus nicht, was ich thun soll!“ — Du hast Recht, aber zweifle nicht daran: du wirst gethan! in jedem Augei\J)licke! Die Menschheit hat zu allen Zeiten das Activum und das Passivum verwechselt, es ist ihr ewiger grammati- kalischer Schnitzer. I2I. „Ursache und Wirkung“! — Auf diesem Spiegel — und unser Intellect ist ein Spiegel — geht Etwas vor, das Regelmässigkeit zeigt, ein bestimmtes Ding folgt jedesmal wieder auf ein anderes bestimmtes Ding, — das nennen wir, wenn wir es wahmehmen und nennen wollen, Ursache und Wirkung, wir Thoren! Als ob wir da irgend Etwas begriffen hätten und begreifen könnten! Wir haben ja Nichts gesehen, als die Bilder von „Ursachen und Wirkungen“! Und eben diese Bild- lichkeit macht ja die Einsicht in eine wesentlichere Verbindung, als die der Aufeinanderfolge ist, unmöglich ! I 22. Die Zwecke in der Natur. — Wer, als unbe- fangener Forscher, der Geschichte des Auges und sei- ner F'ormen bei den niedrigsten Geschöpfen nachgeht und das ganze schrittweise Werden des Auges zeigt, muss zu dem grossen Ergebniss kommen: dass das Digilized by Google 118 Sehen nicht die Absicht bei der Entstehung des Auges gewesen ist, vielmehr sich eingestellt hat, als der Zu- fall den Apparat zusammengebracht hatte. Ein einzi- ges solches Beispiel: und die „Zwecke“ fallen uns wie Schuppen von den Augen! '23- Vernunft. — Wie die Vernunft in die Welt ge- kommen ist? Wie billig, auf eine unvernünftige Weise, durch einen Zufall. Man wird ihn errathen müssen, wie ein Räthsel. 124. Was ist Wollen! — Wir lachen über Den, wel- cher aus seiner Kammer tritt, in der Minute, da die Sonne aus der ihren tritt, und sagt: „ich will, dass die Sonne aufgehe“; und über Den, welcher ein Rad nicht aufhalten kann und sagt: „ich will, dass es rolle“; und über Den, welcher im Ringkampf niedergeworfen wird und sagt: „hier liege ich, aber ich will hier liegen!“ Aber, trotz allem Gelächter! Machen wir es denn jemals anders, als einer von diesen Dreien, wenn wir das Wort gebrauchen: „ich will“? 1-25- Vom „Reiche der Freiheit“. — Wir können viel, viel mehr Dinge .denken, als thun und erleben, — das heisst, unser Denken ist oberflächlich und zufrieden mit der Oberfläche, ja, es merkt sie nicht. Wäre unser Intellect streng nach dem Maasse unserer Kraft und unserer Übung der Kraft entwickelt, so würden wir den Grundsatz zu oberst in unserem Denken haben, dass wir nur begreifen können, was wir thun können, — Digilized by Google 119 wenn es überhaupt ein Begreifen giebt. Der Durstige entbehrt des Wassers, aber seine Gedankenbilder fuhren ihm unaufhörlich das Wasser vor die Augen, wie als ob Nichts leichter zu beschaffen wäre, — die oberfläch- liche und leicht zufriedengestellte Art des Intellectes kann das eigentliche nothleidende Bedürfniss nicht fassen und fühlt sich dabei überlegen: es ist stolz darauf, mehr zu können, schneller zu laufen, im Augen- blick fast am Ziele zu sein, — und so erscheint das Reich der Gedanken im Vergleich mit dem Reiche des Thuns, Wollens und Erlebens als ein Reich der Frei- heit: während es, wie gesagt, nur ein Reich der Ober- fläche und der Genügsamkeit ist. 1 2b. Vergessen. — Dass es ein Vergessen giebt, ist noch nicht bewiesen; was wir wissen, ist allein, dass die Wiedererinnerung nicht in unserer Macht steht. Vorläufig haben wir in diese Lücke unserer Macht jenes Wort „Vergessen“ gesetzt: gleich als ob es ein Ver- mögen mehr im Register sei. Aber was steht zuletzt in unserer Macht! — Wenn jenes Wort in einer Lücke unserer Macht steht, sollten nicht die anderen Worte in einer Lücke unseres Wissens um unsere Macht stehen? 127. Nach Zwecken. — Von allen Handlungen werden wohl am wenigsten die nach Zwecken verstanden, weil sie immer als die verständlichsten gegolten haben und für unser Bewusstsein das Alltäglichste sind. Die grossen Probleme liegen auf der Gasse. Digilized by Gwogle 120 128. Der Traum und die Verantwortlichkeit. — In Allem wollt ihr verantwortlich sein! Nur nicht für eure Träume! Welche elende Schwächlichkeit, welcher Mangel an folgerichtigem Muthe! Nichts ist mehr euer Eigen, als eure Träume! Nichts mehr euer Werk! Stoff, Form, Dauer, Schauspieler, Zuschauer, — in diesen Komödien seid ihr Alles ihr selber! Und hier gerade scheut und schämt ihr euch vor euch, und schon Oedipus, der weise Oedipus wusste sich Trost aus dem Gedanken zu schöpfen, dass wir Nichts für Das können, was wir träumen! Ich schliesse daraus; dass die grosse Mehr- zahl der Menschen sich abscheulicher Träume bewusst sein muss. Wäre es anders: wie sehr würde man seine nächtliche Dichterei für den Hochmuth des Menschen ausgebeutet haben! — Muss ich hinzufügen, dass der weise Oedipus Recht hatte, dass wir wirklich nicht für unsere Träume, — aber ebenso wenig für unser Wachen - verantwortlich sind, und dass die Lehre von der Frei- heit des Willens im Stolz und Machtgefühl des Men- schen ihren Vater und ihre Mutter hat? Ich sage diess vielleicht zu oft: aber wenigstens wird es dadurch noch nicht zum Irrthum. 129. Der angebliche Kampf der Motive. — Man redet vom „Kampf der Motive“, aber bezeichnet damit einen Kampf, der nicht der Kampf der Motive ist. Nämlich; in unserm überlegenden Bewusstsein treten vor einer That der Reihe nach die Folgen verschie- dener Thaten hervor, welche alle wir meinen thun zu können, und wir vergleichen diese Folgen. Wir meinen. Digilized by Google 121 zu einer That entschieden zu sein, wenn wir festgestellt haben, dass ihre Folgen die überwiegend günstigeren sein werden; ehe es zu diesem Abschluss unserer Er- wägung kommt, quälen wir uns oft redlich, wegen der grossen Schwierigkeit, die Folgen zu errathen, sie in ihrer ganzen Stärke zu sehen und zwar alle, ohne Fehler der Auslassung zu machen; wobei die Rechnung über- diess noch mit dem Zufalle dividirt werden muss. Ja, um das Schwierigste zu nennen: alle die Folgen, die einzeln so schwer festzustellen sind, müssen nun mit einander auf Einer Wage gegen einander abgewogen werden; und so häufig fehlt uns für diese Casuistik des Vortheils die Wage nebst den Gewichten, wegen der Verschiedenheit in der Qualität aller dieser möglichen Folgen. Gesetzt aber, auch damit kämen wir in’s Reine, und der Zufall hätte uns gegenseitig abwägbare Folgen auf die Wage gelegt: so haben wir jetzt in der That im Bilde der Folgen Einer bestimmten Handlung ein Motiv, gerade diese Handlung zu thun, — ja! Ein Motiv! Aber im Augenblicke, da wir schliesslich han- deln, werden wir häufig genug von einer anderen Gat- tung Motiven bestimmt, als es die hier besprochene Gattung, die des „Bildes der Folgen“, ist. Da wirkt die Gewohnheit unseres Kräftespiels, oder ein kleiner Anstoss von einer Person, die wir fürchten oder ehren oder lieben, oder die Bequemlichkeit, welche vorzieht, was vor der Hand liegt zu thun, oder die Erregung der Phantasie, durch das nächste beste kleinste Ereig- niss im entscheidenden Augenblick herbeigeführt, es T^irkt Körperliches, das ganz unberechenbar auftritt, es wirkt die Laune, es wirkt der Sprung irgend eines Affectes, der gerade zufällig bereit ist, zu springen: Digilized by Go^;K 122 kurz, es wirken Motive, die wir zum Theil gar nicht, zum Theil sehr schlecht kennen und die wir nie vor- her gegen einander in Rechnung setzen können. Wahr- scheinlich, dass auch unter ihnen ein Kampf Statt findet, ein Hin- und Wegtreiben, ein Aufwiegen und Niederdrücken von Gewichttheilen — und diess wäre der eigentliche „Kampf der Motive“: — etwas für uns völlig Unsichtbares und Unbewnisstes. Ich habe die Folgen und Erfolge berechnet und damit Ein sehr wesentliches Motiv in die Schlachtreihe der Motive ein- gestellt, — aber diese Schlachtreihe selber stelle ich ebensowenig auf, als ich sie sehe : der Kampf selber ist mir verborgen, und der Sieg als Sieg ebenfalls; denn wohl erfahre ich, was ich schliesslich thue, — aber welches Motiv damit eigentlich gesiegt hat, erfahre ich nicht. Wohl aber sind wir gewohnt, alle diese un- bewussten Vorgänge nicht in Anschlag zu bringen und uns die Vorbereitung einer That nur so weit zu denken, als sie bewusst ist: und so verwechseln wir den Kampf der Motive mit der Vergleichung der mög- lichen Folgen verschiedener Handlungen, — eine der folgenreichsten und für die Entwickelung der Moral verhängnissvollsten V erwechselungen ! 130. Zwecke? Willen? — Wir haben uns gewöhnt an zwei Reiche zu glauben, an das Reich der Zwecke und des Willens und an das Reich der Zufälle; in letzterem geht es sinnlos zu, es geht, steht und fällt darin, ohne dass Jemand sagen könnte wesshalb? wozu? — Wir furchten uns vor diesem mächtigen Reiche der grossen kosmischen Dummheit , denn ^vir lernen es Digilized by Google 123 meistens so kennen, dass es in die andere Welt, in die der Zwecke und Absichten, hineinfällt wie ein Ziegel- stein vom Dache, und uns irgend einen schönen Zweck todtschlägt. Dieser Glaube an die zwei Reiche ist eine uralte Romantik und Fabel: wir klugen Zwerge, mit unserem Willen und unseren Zwecken, werden durch die dummen, erzdummen Riesen, die Zufalle, belästigt, über den Haufen gerannt, oft todt getreten, — aber trotz alledem möchten wir nicht ohne die schauerliche Poesie dieser Nachbarschaft sein, denn jene Unthiere kommen oft, wenn uns das Leben im Spinnennetze der Zwecke zu langweilig oder zu ängstlich geworden ist und geben eine erhabene Diversion, dadurch dass ihre Hand einmal das ganze Netz zerreisst, — nicht dass sie es gewollt hätten, diese Unvernünftigen! Nicht dass sie es nur merkten! Aber ihre groben Knochen- hände greifen durch unser Netz hindurch, wie als ob es Luft wäre. — Die Griechen nannten diess Reich des Unberechenbaren und der erhabenen ewigen Bomirt- heit Moira und stellten es als den Horizont um ihre Götter, über den sie weder hinauswirken, noch -sehen können: mit jenem heimlichen Trotz gegen die Götter, welcher bei mehreren Völkern sich vorfindet, in der Gestalt, dass man sie zwar anbetet, aber einen letzten Trumpf gegen sie in der Hand behält, zum Beispiel wenn man als Inder oder Perser sie sich abhängig vom Opfer der Sterblichen denkt, sodass die Sterblichen schlimmsten Falls die Götter hungern und verhungern lassen können; oder wenn man wie der harte melan- cholische Skandinavier mit der Vorstellung einer einst- maligen Götter-Dämmerung sich den Genuss der stillen Rache schafft, zum Entgelt für die beständige Furcht, Digilized by Gi ' 124 welche seine bösen Götter ihm machen. Anders das Christenthum mit seinem weder indischen, noch per- sischen, noch griechischen, noch skandinavischen Grund- gefühle, welches den Geist der Macht im Staube an- beten und den Staub noch küssen hiess: diess gab zu verstehen, dass jenes allmächtige „Reich der Dumm- heit“ nicht so dumm sei wie es aussehe, dass wir viel- mehr die Dummen seien, die nicht merkten, dass hinter ihm — der liebe Gott stehe, er, der zwar die dunklen, krummen und wunderbaren Wege liebe, aber zuletzt doch Alles „herrlich hinausführe“. Diese neue Fabel vom lieben Gott, der bisher als Riesengeschlecht oder Moira verkannt worden sei und der Zwecke und Netze selber spinne, feiner noch als die unseres Verstandes — sodass sie demselben unverständlich, ja unverständig erscheinen müssten — diese Fabel war eine so kühne Umkehrung und ein so gewagtes Paradoxum, dass die zu fein gewordene alte Welt nicht zu widerstehen ver- mochte, so toll und widerspruchsvoll die Sache auch klang; — denn, im Vertrauen gesagt, es war ein Wider- spruch darin: wenn unser Verstand den Verstand und die Zwecke Gottes nicht errathen kann, woher errieth er diese Beschaffenheit seines Verstandes? und diese Beschaffenheit von Gottes Verstände? — In der neueren Zeit ist in der That das Misstrauen gross geworden, ob der Ziegelstein, der vom Dache fällt, wirklich von der „göttlichen Liebe“ herabgeworfen werde — und die Menschen fangen wieder an, in die alte Spur der Riesen- und Zwergen -Romantik zurückzugerathen. Lernen wir also, weil es hohe Zeit dazu ist: in unserm vermeintlichen Sonderreiche der Zwecke und der Ver- nunft regieren ebenfalls die Riesen! Und unsere Zwecke Digilized by Google 125 und unsere Vernunft sind keine Zwerge, sondern Riesen! Und unsere eigenen Netze werden durch uns selber ebenso oft und ebenso plump zerrissen wie von dem Ziegelsteine! Und es ist nicht Alles Zweck, was so ge- nannt wird, und noch weniger Alles Wille, was Wille heisst! Und, wenn ihr schliessen wolltet: „es giebt also nur Ein Reich, das der Zufälle und der Dummheit?“ — so ist hinzuzufügen: ja, vielleicht giebt es nur Ein Reich, vielleicht giebt es weder Willen noch Zwecke, und wir haben sie uns eingebildet. Jene eisernen Hände der Nothw’endigkeit, w'elche den Würfelbecher des Zufalls schütteln, spielen ihr Spiel unendliche Zeit: da müssen Würfe Vorkommen, die der Zweckmässigkeit und Ver- nünftigkeit jedes Grades vollkommen ähnlich sehen. Vielleicht sind unsere Willensacte, unsere Zwecke nichts Anderes, als eben solche Würfe — und wir sind nur zu beschränkt und zu eitel dazu, unsere äusserste Beschränktheit zu begreifen: die nämlich, dass wir sel- ber mit eisernen Händen den Würfelbecher schütteln, dass wir selber in unseren absichtlichsten Handlungen Nichts mehr thun, als das Spiel der Nothwendigkeit zu spielen. Vielleicht! — Um über diess Vielleicht hin- auszukommen, müsste man schon in der Untenveit und jenseits aller Oberflächen zu Gaste gewesen sein und am Tische der Persephone mit ihr selber gewürfelt und gewettet haben. 131- Die moralischen Moden. — Wie sich die mora- lischen Gesammt-Urtheile verschoben haben! Diese grössten Wunder der antiken Sittlichkeit, zum Beispiel Epiktet, wussten Nichts von der jetzt üblichen Verherr- lichung des Denkens an Andere, des Lebens für Andere; Digilized by lt\ 126 man würde sie nach unserer moralischen Mode geradezu unmoralisch nennen müssen, denn sie haben sich mit allen Kräften für ihr ego und gegen die Mitempfin- dung mit den Anderen (namentlich mit deren Leiden und sittlichen Gebrechen) gewehrt. Vielleicht dass sie uns antworten würden: „habt ihr an euch selber einen so langweiligen oder hässlichen Gegenstand, so denkt doch ja an Andere mehr, als an euch! Ihr thut gut daran!“ '32- Die ausklingende Christlichkeit in der Moral. „On n’est bon que par la pitiü: il faut donc qu’il y ait quelque piti6 dans tous nos sentiments“ — so klingt jetzt die Moral! Und woher kommt das? — Dass der Mensch der sympathischen, unintere.ssirten , gemein- nützigen, gesellschaftlichen Handlungen jetzt als der moralische empfunden \Hrd, — das ist vielleicht die allgemeinste Wirkung und Umstimmung, welche das Christenthum in Europa hervorgebracht hat: obwohl sie weder seine Absicht, noch seine Lehre gewesen ist. Aber es war das residuum christlicher Stimmungen, als der sehr entgegengesetzte, streng egoistische Grund- glaube an das „Eins ist noth“, an die absolute Wichtig- keit des ewigen persönlichen Heils, mit den Dogmen, auf denen er ruhte, allmählich zurücktrat, und der Nebenglaube an die „Liebe“, an die „Nächstenliebe“, zusammenstimmend mit der ungeheuren Praxis der kirch- lichen Barmherzigkeit, dadurch in den Vordergrund ge- drängt wurde. Je mehr man sich von den Dogmen loslöste, um so mehr suchte man gleichsam die Recht- fertigung dieser Loslösung in einem Cultus der Men- schenliebe: hierin hinter dem christlichen Ideale nicht w Digilized by Google 127 zurückzubleiben, sondern es womöglich zu überbieten, war ein geheimer Sporn bei allen französischen Frei- denkern, von Voltaire bis auf Auguste Comte: und Letzterer hat mit seiner berühmten Moralformel vivre pour autrui in der That das Christenthum überchrist- licht. Auf deutschem Boden hat Schopenhauer, auf englischem John Stuart Mill der Lehre von den sym- pathischen AflFectionen und vom Mitleiden oder vom Nutzen Anderer als dem Princip des Handelns die meiste Berühmtheit gegeben: aber sie selber waren nur ein Echo, — jene Lehren sind mit einer gewaltigen Triebkraft überall und in den gröbsten und feinsten Gestalten zugleich aufgeschossen, ungefähr von der Zeit der französischen Revolution an, und alle socialistischen Systeme haben sich wie unwillkürlich auf den gemein- samen Boden dieser Lehren gestellt. Es giebt vielleicht jetzt kein besser geglaubtes Vorurtheil, als diess: dass man wisse, was eigentlich das Moralische ausmache. Es scheint jetzt Jedermann wohlzuthun, wenn er hört, dass die Gesellschaft auf dem Wege sei, den Einzelnen den allgemeinen Bedürfnissen anzupassen und dass das Glück und zugleich das Opfer des Einzelnen darin liege, sich als ein nützliches Glied undWerkzeug des Ganzen zu fühlen: nur dass man gegenwärtig noch sehr schwankt, worin dieses Ganze zu suchen sei, ob in einem bestehenden oder zu begründenden Staate, oder in der Nation oder in einer Völker -Verbrüderung oder in kleinen neuen wirthschaftlichen Gemein.sam- keiten. Hierüber giebt es jetzt viel Nachdenken, Zwei- feln, Kämpfen, viel Aufregung und Leidenschaft; aber wundersam und wohltönend ist die Eintracht in der Forderung, dass das ego sich zu verleugnen habe, bis Digilized by Goi^’k' , 128 es, in der Form der Anpassung an das Ganze, auch wieder seinen festen Kreis von Rechten und Pflichten bekomme, — bis es etwas ganz Neues und Anderes geworden sei. Man will nichts Geringeres — ob man es sich nun eingesteht oder nicht — , als eine gründ- liche Umbildung, ja Schwächung und Aufhebung des Individuums: man wird nicht müde, alles das Böse und Feindselige, das Verschwenderische, das Kostspielige, das Luxushafte in der bisherigen Form des individuellen Daseins aufzuzählen und anzuklagen, man hofft wohl- feiler, ungefährlicher, gleichmässiger, einheitlicher zu wirthschaften, wenn es nur noch grosse Körper und deren Glieder giebt. Als gut wird Alles empfunden, was irgendwie diesem körper- und gliederbildenden Triebe und seinen Hülfstrieben entspricht, diess ist der moralische Grundstrom in unserem Zeitalter; Mitem- pfindung und sociale Empfindung spielen dabei in einan- der über. (Kant steht noch ausserhalb dieser Bewegung: V er lehrt ausdrücklich, dass %vir gegen fremde Leiden unempfindlich sein müssen, wenn unser Wohlthun mora- lischen Werth haben soll, — was Schopenhauer, sehr ergrimmt, wie man begreifen wird, die Kantische Abgeschmacktheit nennt.) 133- „Nicht mehr an sich denken.“ — Man überlege es sich doch recht gründlich : warum springt man Einem, der vor uns in’s Wasser fällt, nach, obschon man ihm gar nicht geneigt ist? Aus Mitleid: man denkt da nur noch an den Anderen, — sagt die Gedankenlosigkeit. Warum empfindet man Schmerz und Unbehagen mit Einem, der Blut speit, während man ihm sogar böse und Digilized by Google 129 feindlich gesinnt ist? Aus Mitleid: man denkt dabei eben nicht mehr an sich, — sagt die selbe Gedankenlosigkeit. Die Wahrheit ist: im Mitleid — ich meine in dem, was irreführender Weise gewöhnlich Mitleid genannt zu werden pflegt, — denken wir zwar nicht mehr bewusst an uns, aber sehr stark unbewusst, wie wenn wir beim Ausgleiten eines Fusses, für uns jetzt unbewusst, die zweckmässigsten Gegenbewegungen machen und dabei ersichtlich allen unseren Verstand gebrauchen. Der Un- fall des Andern beleidigt uns, er würde uns unserer Ohnmacht, vielleicht unserer Feigheit überführen, wenn wir ihm nicht Abhülfe brächten. Oder er bringt schon an sich eine Verringerung unsrer Ehre vor Anderen oder vor uns selber mit sich. Oder es liegt im Unfälle und Leiden eines Anderen ein Fingerzeig der Gefahr für uns; und schon als Merkmale der menschlichen Ge- fährdetheit und Gebrechlichkeit überhaupt können sie auf uns peinlich wirken. Diese Art Pein xmd Beleidi- gung weisen wir zurück und vergelten sie durch eine Handlung des Mitleidens, in ihr kann eine feine Noth- wehr oder auch Rache sein. Dass wir im Grunde stark an uns denken, lässt sich aus der Entscheidung errathen, welche wir in allen den Fällen treffen, wo wir dem An- blicke des Leidenden, Darbenden, Jammernden aus dem Wege gehen können: wir entschliessen uns, es nicht zu thun, wenn wir als die Mächtigeren, Helfenden hin- zukommen können, des Beifalls sicher sind, unsem Glücks-Gegensatz empfinden wollen oder auch uns durch den Anblick aus der Langenweile herauszureissen hoffen. Es ist irreführend, deis Leid, welches uns bei einem sol- chen Anblick angethan wird und das sehr verschiedener Art sein kann, Mit-Leid zu benennen, denn unter allen Nietzsche, Morgeoröthe. 9 Digilized by Gt>«gle 130 Umständen ist es ein Leid, von dem der vor uns Lei- dende frei ist: es ist uns zu eigen, wie ihm sein Leiden zu eigen ist. Nur dieses eigne Leid aber ist es, welches wir von uns abthim, wenn wir Handlungen des Mitleidens verüben. Doch thun wir Etwas der Art nie aus Einem Motive; so gewiss wir uns dabei von einem Leiden befreien wollen, so gewiss geben wir bei der gleichen Handlung einem Antriebe der Lust nach, — Lust entsteht beim Anblick eines Gegensatzes unsrer Lage, bei der Vorstellung, helfen zu können, wenn wdr nur wollten, bei dem Gedanken an Lob und Erkennt- lichkeit, im Falle wir hälfen, bei der Thätigkeit der Hülfe selber, insofern der Act gelingt und als etwas schrittweise Gelingendes dem Ausführenden an sich Ergötzen macht, namentlich aber in der Empfindung, dass unsere Handlung einer empörenden Ungerechtig- keit ein Ziel setzt (schon das Auslassen seiner Empö- rung erquickt). Diess Alles, Alles, und noch viel Fei- neres hinzugerechnet, ist „Mitleid“: — wie plump fällt die Sprache mit ihrem Einen Worte über so ein poly- phones Wesen her! — Dass dagegen das Mitleiden ein- artig mit dem Leiden sei, bei dessen Anblick es ent- steht, oder dass es ein besonders feines dxirchdringen- des Verstehen für dasselbe habe, diess Beides wider- spricht der Erfahrung, und wer es gerade in diesen beiden Hinsichten verherrlicht hat, dem fehlte eben auf diesem Bereiche des Moralischen die ausreichende Erfahrung. Das ist mein Zweifel bei all den unglaub- lichen Dingen, welche Schopenhauer vom Mitleide zu berichten weiss: er, der uns damit zum Glauben an seine grosse Neuigkeit bringen möchte, das Mitleiden — eben das von ihm so mangelhaft beobachtete, so Digilized by Google 131 schlecht beschriebene Mitleiden — sei die Quelle aller und jeder ehemaligen und zukünftigen moralischen Handlung — und gerade um der Fähigkeiten willen, die er ihm erst angedichtet hat. — Was unterschei- det schliesslich die Menschen ohne Mitleid von den mitleidigen? Vor Allem — um auch hier nur im Gro- ben zu zeichnen — haben sie nicht die reizbare Phan- tasie der Furcht, das feine Vermögen der Witterung für Gefahr; auch ist ihre Eitelkeit nicht so schnell be- leidigt, wenn Etwas geschieht, das sie verhindern könn- ten (ihre Vorsicht des Stolzes gebietet ihnen, sich nicht unnütz in fremde Dinge zu mischen, ja sie lieben es von sich selbst aus, dass Jeder sich selber helfe und seine eigenen Karten spiele). Zudem sind sie an das Ertragen von Schmerzen meistens gewöhnter, als die Mitleidigen; auch will es ihnen nicht so unbillig dün- ken, dass Andere leiden, da sie selber gelitten haben. Zuletzt ist ihnen der Zustand der Weichherzigkeit pein- lich, wie den Mitleidigen der Zustand des stoischen Gleichmuthes ; sie belegen ihn mit herabsetzenden Wor- ten und meinen, dass ihre Männlichkeit und kalte Tapferkeit dabei in Gefahr sei, — sie verheimlichen die Thräne vor Anderen und wischen sie ab, unwillig über sich selber. Es ist eine andere Art von Egoisten, als die Mitleidigen; — sie aber im ausgezeichneten Sinne böse, und die Mitleidigen gut zu nennen, ist Nichts, als eine moralische Mode, welche ihre Zeit hat: wie auch die umgekehrte Mode ihre Zeit gehabt hat, und eine lange Zeit! -• 134- In wie fern man sich vor dem Mitleiden zu hüten hat. — Das Mitleiden, sofern es wirklich Leiden 9* Digilized by Google 132 schafft — und diess sei hier unser einziger Gesichts- punct — , ist eine Schwäche, wie jedes Sich -verlieren an einen schädigenden Affect. Es vermehrt das Leiden in der Welt: mag mittelbar auch hie und da in Folge des Mitleidens ein Leiden verringert oder ge- hoben werden, so darf man diese gelegentlichen und im Ganzen unbedeutenden Folgen nicht benutzen, um sein Wesen zu rechtfertigen, welches, wie gesagt, schä- digend ist. Gesetzt, es herrschte auch nur Einen Tag: so gpenge die Menschheit an ihm sofort zu Grunde. An sich hat es so wenig einen guten Charakter, wie irgend ein Trieb: erst dort, wo es gefordert und ge- lobt wird — und diess geschieht dort, wo man das Schädigende in ihm nicht begreift, aber eine Quelle der Lust darin entdeckt — , hängt sich ihm das gute Gewissen an, erst dann giebt man sich ihm gern hin und scheut nicht seine Kundgebung. Unter anderen Verhältnissen, wo begriffen wird, dass es schädigend ist, gilt es als Schwäche: oder, wie bei den Griechen, als ein krankhafter periodischer Affect, dem man durch zeitweilige willkürliche Entladungen seine Gefährlich- keit nehmen könne. — Wer einmal, versuchsweise, den Anlässen zum Mitleiden im praktischen Leben eine Zeitlang absichtlich nachgeht und sich alles Elend, dessen er in seiner Umgebung habhaft werden kann, immer vor die Seele stellt, wird unvermeidlich krank und melancholisch. Wer aber gar als Arzt in irgend einem Sinne der Menschheit dienen will, wird gegen jene Empfindung sehr vorsichtig werden müssen, — sie lähmt ihn in allen entscheidenden Augenblicken imd unterbindet sein Wissen und seine hülfreiche feine Hand. Digilized by Google 133 135- Das Bemitleidetwerden. — Unter Wilden denkt man mit moralischem Schauder an’s Bemitleidetwerden : da ist man aller Tugend bar. Mitleid-gewahren heisst so viel wie Verachten: ein verächtliches Wesen will man nicht leiden sehen, es gewährt diess keinen Ge- nuss. Dagegen einen Feind leiden zu sehen, den man als ebenbürtig-stolz anerkennt und der unter Martern seinen Stolz nicht preisgiebt, und überhaupt jedes Wesen, welches sich nicht zum Mitleid -Anrufen, das heisst zur schmählichsten und tiefsten Demüthigting verstehen will, — dsis ist ein Genuss der Genüsse, da- bei erhebt sich die Seele des Wilden zur Bewunde- rung: er tödtet zuletzt einen solchen Tapferen, wenn er es in der Hand hat, und giebt ihm, dem Ungebro- chenen, seine letzte Ehre: hätte er gejammert, den Ausdruck des kalten Hohnes aus dem Gesichte ver- loren, hätte er sich verächtlich gezeigt, — nun, so hätte er leben bleiben dürfen, wie ein Hund, — er hätte den Stolz des Zuschauenden nicht mehr gereizt und an Stelle der Bewunderung wäre Mitleiden getreten. 136. Das Glück im Mitleiden. — Wenn man, wie die Inder, als Ziel der ganzen intellectuellen Thätig- keit die Erkenntniss des menschlichen Elendes auf- stellt und durch viele Geschlechter des Geistes hindurch einem solchen entsetzlichen Vorsatze treu bleibt: so bekommt endlich, im Auge solcher Menschen des erb- lichen Pessimismus’, das Mitleiden einen neuenWerth, als lebenerhaltende Macht, um das Dasein doch auszuhalten, ob es gleich werth erscheint, vor Ekel Digilized by Giüi'gle 134 und Grausen weggeworfen zu werden. Mitleiden wird das Gegenmittel gegen den Selbstmord, als eine Em- pfindung, welche Lust enthält und Überlegenheit in kleinen Dosen zu kosten giebt: es zieht von uns ab, macht das Herz voll, verscheucht die Furcht und die Erstarrung, regt zu Worten, Klagen und Handlungen an, — es ist verhältnissmässig ein Glück, gemessen am Elende der Erkenntniss, welche das Individuum von allen Seiten in die Enge und Dunkelheit treibt und ihm den Athem nimmt. Glück aber, welches es auch sei, giebt Luft, Licht und freie Bewegung. 137. Warum das „Ich“ verdoppeln! — Unsere eige- nen Erlebnisse mit dem Auge ansehen, mit dem wir sie anzusehen pflegen, wenn es die Erlebnisse Anderer sind, — diess beruhigt sehr und ist eine rathsame Medicin. Dagegen die Erlebnisse Anderer so ansehen und aufnehmen, wie als ob sie die unseren wären — die Forderung einer Philosophie des Mitleidens — , diess würde uns zu Grunde richten, und in sehr kurzer Zeit: man mache doch nur den Versuch damit und phantasire nicht länger! Gewiss ist ausserdem jene erste Maxime der Vernunft und dem guten Willen zur Ver- nünftigkeit gemässer, denn wir urtheilen über den Werth und Sinn eines Ereignisses objectiver, wenn es an Anderen hervortritt und nicht an uns: zum Beispiel über den Werth eines Sterbefalles, eines Geldverlustes, einer Verleumdung. Mitleiden als Princip des Han- delns, mit der Forderung: leide so an dem Übel des Andern, wie er selber leidet, brächte dagegen mit sich, dass der Ich - Gesichtspunct , mit seiner Übertreibung Digilized by Google s 135 und Ausschweifung, auch noch der Gesichtspunct des Anderen, des Mitleidenden, werden müsste: sodass wir an unserem Ich und am Ich des Anderen zugleich zu leiden hätten und uns derart freiwillig mit einer dop- pelten Unvernunft beschwerten, anstatt die Last der eigenen so gering wie möglich zu machen. /^' 138. / Das Zärtlicherwerden. — Wenn wir Jemanden lieben, ehren, bewundern und nun, hinterher, finden, dass er leidet, — immer mit grossem Erstaunen, weil wir nicht anders denken, als dass unser von ihm her- strömendes Glück aus einem überreichen Borne eige- nen Glückes komme, — so ändert sich unser Gefühl der Liebe, Verehrung und Bewunderung in etwas Wesentlichem: es wird zärtlicher, das heisst: die Kluft zwischen ihm und uns scheint sich zu überbrücken, eine Annäherung an Gleichheit scheint Statt zu finden. Jetzt erst gilt es uns als möglich, ihm zurückgeben zu können, während er früher über unserer Dankbar- keit erhaben in unserer Vorstellung lebte. Es macht uns dieses Zurückgebenkönnen eine grosse Freude und Erhebung. Wir suchen zu errathen, was seinen Schmerz lindert, und geben ihm diess; will er tröstliche Worte, Blicke, Aufmerksamkeiten, Dienste, Geschenke, — wir geben es; vor Allem aber: will er uns leidend über sein Leid, so geben wir uns als leidend, haben aber bei alledem den Genuss der thätigen Dankbarkeit: als welche, kurz gesagt, die gute Rache ist. Will und nimmt er gar Nichts von uns an, so gehen wir er- kältet und traurig, fast gekränkt fort: es ist, als ob unsere Dankbarkeit zurückgewiesen würde, — und in Digilized by Gdogle 136 diesem Ehrenpuncte ist der Gütigste noch kitzlich. — Aus dem Allen folgt, dass, selbst für den günstigsten Fall, im Leiden etwas Erniedrigendes und im Mitleiden etwas Erhöhendes und Überlegenheit -Gebendes liegt; was beide Empfindungen auf ewig von einander trennt. 139- Angeblich höher! — Ihr sagt, die Moral des Mitleidens sei eine höhere Moral, als die des Stoicis- mus’? Beweist es! aber bemerkt, dass über „höher“ und „niedriger“ in der Moral nicht wiederum nach mora- lischen Ellen abzumessen ist: denn es giebt keine ab- solute Moral. Nehmt also die Maassstäbe anders wo- her und — nun seht euch vor! 140. Loben und Tadeln. — Läuft ein Krieg unglück- lich aus, so frägft man nach Dem, der „Schuld“ am Kriege sei; geht er siegreich zu Ende, so preist man seinen Urheber. Die Schuld wird überall gesucht, wo ein Misserfolg ist; denn dieser bringet eine Verstimmung mit sich, gegen welche das einzige Heilmittel unwill- kürlich angewendet wird: eine neue Erregung des Machtgefühls — und diese findet sich in der Ver- urtheilung des „Schuldigen“. Dieser Schuldige ist nicht etwa der Sündenbock der Schuld Anderer: er ist das Opfer der Schwachen, Gedemüthigten, Herabge- stimmten, welche irgend woran sich beweisen wollen, dass sie noch Stärke haben. Auch sich selber verur- theilen kann ein Mittel sein, nach einer Niederlage sich zum Gefühl der Stärke zu verhelfen. — Dagegen ist die Verherrlichung des Urhebers oftmals das ebenso blinde Digilized by Google 137 Ergebniss eines anderen Triebes, der sein Opfer haben will, — und diessmal riecht das Opfer dem Opferthiere selber süss und einladend — : wenn nämlich das Ge- fühl der Macht in einem Volke, in einer Gesellschaft durch einen grossen und bezaubernden Erfolg überfüllt ist und eine Ermüdung am Siege eintritt, so giebt man von seinem Stolze ab; es erhebt sich das Gefühl der Hingebung und sucht sich sein Object. — Ob wir getadelt oder gelobt werden, wir sind gewöhn- lich dabei die Gelegenheiten, und allzuoft die willkür- lich am Schopf gefassten imd herbeigeschleppten Ge- legenheiten für unsere Nächsten, den in ihnen ange- schwollenen Trieb des Tadelns oder Löbens ausströmen zu lassen: wir erzeigen ihnen in beiden Fällen eine Wohlthat, an der wir kein Verdienst und für die sie keinen Dank haben. 141. Schöner, aber weniger werth. — Malerische Moralität: das ist die Moralität der steil aufschi essen- den Affecte, der schroffen Übergänge, der pathetischen, eindringlichen, furchtbaren, feierlichen Gebärden und Töne. Es ist die halbwilde Stufe der Moralität: man lasse sich durch ihren ästhetischen Reiz nicht verlocken, ihr einen höheren Rang anzuweisen. 142. Mitempfindung. — Um den Anderen zu verstehen, das heisst um sein Gefühl in uns nachzubilden, gehen wir zwar häufig auf den Grund seines so und so bestimmten Gefühls zurück und fragen zum Beispiel: warum ist er betrübt? — um dann aus dem selben Grunde selber betrübt zu werden; aber viel gewöhn- Digiti. 138 lieber ist es, diess zu unterlassen und das Gefühl nach den Wirkungen, die es am Anderen übt und zeigt, in uns zu erzeugen, indem wir den Ausdruck seiner Augen, seiner Stimme, seines Ganges, seiner Haltung (oder gar deren Abbild in Wort, Gemälde, Musik) an unserem Leibe nachbilden (mindestens bis zu einer leisen Ähnlichkeit des Muskelspiels und der Innervation). Dann entsteht in uns ein ähnliches Gefühl, in Folge einer alten Association von Bewegung und Empfindung, welche darauf eingedrillt ist, rückwärts und vorwärts zu laufen. In dieser Geschicklichkeit, die Gefühle des Andern zu verstehen, haben wir es sehr weit gebracht, und fast unwillkürlich sind wir in Gegenwart eines Menschen immer in der Übung dieser Geschicklichkeit: man sehe sich namentlich das Linienspiel in den weib- lichen Gesichtem an, wie es ganz vom unaufhörlichen Nachbilden und Wiederspiegeln dessen, was um sie herum empfunden wird, erzittert und glänzt. Am deut- lichsten aber zeigt uns die Musik, welche Meister wir im schnellen und feinen Errathen von Gefühlen und in der Mitempfindung sind: wenn nämlich Musik ein Nach- bild vom Nachbild von Gefühlen ist und doch, trotz dieser Entfernung und Unbestimmtheit, uns noch oft genug derselben theilhaftig macht, sodass wir traurig werden, ohne den geringsten Anlass zur Trauer, wie vollkommene Narren, blos weil wir Töne und Rhythmen hören, welche irgendwie an den Stimmklang und die Bewegung von Trauernden, oder gar von deren Ge- bräuchen, erinnern. Man erzählt von einem dänischen König, dass er von der Musik eines Sängers so in kriegerische Begeisterung hineingerissen wurde, dass er aufsprang und fünf Personen seines versammelten Digilized by Google 139 Hofstaates tödtete: es gab keinen Krieg, keinen Feind, vielmehr von Allem das Gegentheil, aber die vom Ge- fühle zur Ursache zurückschliessende Kraft war stark genug, um den Augenschein und die Vernunft zu überwältigen. Allein, diess ist eben fast immer die Wirkung der Musik (gesetzt, dass sie eben wirkt — ) und man braucht so paradoxer Fälle nicht, um diess einzusehen: der Zustand des Gefühls, in den uns die Musik bringt, ist fast jedesmal im Widerspruch mit dem Augenschein unserer wirklichen Lage und der Vernunft, welche diese wirkliche Lage und ihre Ur- sachen erkennt. — Fragen wir, wodurch die Nachbil- dung der Gefühle Anderer uns so geläufig geworden ist, so bleibt kein Zweifel über die Antwort: der Mensch, als das furchtsamste aller Geschöpfe, vermöge seiner feinen und zerbrechlichen Natur, hat in seiner Furcht- samkeit die Lehrmeisterin jener Mitempfindung, jenes schnellen Verständnisses für das Gefühl des Andern (auch des Thieres) gehabt. In langen Jahrtausenden sah er in allem Fremden und Belebten eine Gefahr: er bildete sofort bei einem solchen Anblick den Aus- druck der Züge und der Haltung nach und machte seinen Schluss über die Art der bösen Absicht hinter diesen Zügen und dieser Haltung. Dieses Ausdeuten aller Bewegungen und Linien auf Absichten hat der Mensch sogar auf die Natur der unbeseelten Dinge angewendet — im Wahne, dass es nichts Unbeseeltes gebe: ich glaube. Alles, was wir Naturgefühl nennen, beim Anblick von Himmel, Flur, Fels, Wald, Gewitter, Sternen, Meer, Landschaft, Frühling, hat hier seine Herkunft, — ohne die uralte Übung der Furcht, diess Alles auf einen zweiten dahinterliegenden Sinn hin zu Digilized by Gdogle 140 sehen, hätten wir jetzt keine Freude an der Natur, wie wir keine Freude an Mensch und Thier haben würden, ohne jene Lehrmeisterin des Verstehens, die Furcht. Die Freude und das angenehme Erstaunen, endlich das Gefühl des Lächerlichen, sind nämlich die später ge- borenen Kinder der Mitempfindung und die viel jünge- ren Geschwister der Furcht. — Die Fähigkeit des raschen Verstehens — welche somit auf der Fähigkeit beruht, sich rasch zu verstellen — nimmt bei stol- zen selbstherrlichen Menschen und Völkern ab, weil sie weniger Furcht haben: dagegen sind alle Arten des Verstehens und Sich-Verstellens unter den ängstlichen Völkern zu Hause; hier ist auch die rechte Heimath der nachahmenden Künste und der höheren Intelligenz. — Wenn ich von einer solchen Theorie der Mitempfin- dung aus, wie ich sie hier vorschlage, an die jetzt ge- rade beliebte und heilig gesprochene Theorie eines mystischen Processes denke, vermöge dessen das Mit- leid aus zwei Wesen eines macht und dergestalt dem einen das unmittelbare Verstehen des anderen ermög- licht: wenn ich mich erinnere, dass ein so heller Kopf wie der Schopenhauer’s an solchem schwärmerischen und nichtswürdigen Krimskrams seine Freude hatte und diese Freude wieder auf helle und halbhelle Köpfe übergepflanzt hat: so weiss ich der Verwunderung und des Erbarmens kein Ende. Wie gross muss unsere Lust am unbegreiflichen Unsinn sein! Wie nahe dem Verrückten steht immer noch der ganze Mensch, wenn er auf seine geheimen intellectuellen Wünsche hin- hört 1 — (Wofür eigentlich fühlte sich Schopenhauer gegen Kant so dankbar gestimmt, so tief verpflichtet? Es verräth sich einmal ganz unzweideutig: Jemand Digilized by Google 141 hatte davon gesprochen, wie dem kategorischen Impera- tive Kant’s die qualitas occulta genommen und er be- greiflich gemacht werden könne. Darüber bricht Schopenhauer in diese Worte aus: „Begreiflichkeit des kategorischen Imperativs! Grundverkehrter Gedanke! Ägyptische Finsterniss! Das verhüte der Himmel, dass der nicht noch begreiflich werde! Eben dass es ein Unbegreifliches giebt, dass dieser Jammer desVer- s tan des und seine Begriffe begränzt, bedingt, endlich, trüglich ist; diese Gewissheit ist Kant’s grosses Ge- schenk.“ — Man erwäge, ob Jemand einen guten Willen zur Erkenntniss der moralischen Dinge hat, der von vorn- herein durch den Glauben an die Unbegreiflichkeit dieser Dinge sich beseligt fühlt! Einer, der noch ehrlich an Erleuchtungen von Oben, an Magie und Geister- erscheinungen und die metaphysische Hässlichkeit der Kröte glaubt!) >43- Wehe, wenn dieser Trieb erst wüthet! — Gesetzt, der Trieb der Anhänglichkeit und Fürsorge für Andere (die „sympathische Affection“) wäre doppelt so stark, als er ist, so wäre es gar nicht auf der Erde auszuhalten. Man bedenke doch nur, was Jeder aus Anhänglichkeit und Fürsorge für sich selber anThor- heiten begeht, täglich und stündlich, und wie unaus- stehlich er dabei anzusehen ist: wie wäre es, wenn wir für Andere das Object dieser Thorheiten und Zu- dringlichkeiten würden, mit denen sie sich bisher nur selber heimgesucht haben! Würde man dann nicht blindlings flüchten, sobald ein „Nächster“ uns nahe käme? Und die S3mpathische Affection mit ebenso bösen Digilized by Gßogle 142 Worten belegen, mit denen wir jetzt den Egoismus belegen? 144. Die Ohren vor dem Jammer zuhalten. — Wenn wir uns durch den Jammer und das Leiden der anderen Sterblichen verdüstern lassen und unsern eigenen Him- mel mit Wolken bedecken, wer hat dann die Folgen dieser Verdüsterung zu tragen? Eben doch die anderen Sterblichen, und zu allen ihren Lasten noch hinzu! Wir können weder hülfreich noch erquicklich für sie sein, wenn wir das Echo ihres Jammers ,sein wollen, ja auch wenn wir immer nur nach ihm hin unser Ohr richten, — es sei denn, dass wir die Kunst der Olym- pier erlernten und uns fürderhin am Unglück der Men- schen erbauten, anstatt daran unglücklich zu werden. Das ist aber etwas zu olympierhaft für uns: obwohl wir, mit dem Genuss der Tragödie, schon einen Schritt nach diesem idealischen Götter-Kanibalenthum gethan haben. 145- „Unegoistischl“ — Jener ist hohl und will voll werden, Dieser ist überfüllt und will sich ausleeren, — Beide treibt es, sich ein Individuum zu suchen, das ihnen dazu dient. Und diesen Vorgang, im höchsten Sinne verstanden, nennt man beidemal mit Einem Worte: Liebe, — wie? die Liebe sollte etwas Unegoistisches sein? 146. Auch über den Nächsten hinweg. — Wie? Das Wesen des wahrhaft Moralischen liege darin, dass wir die nächsten und unmittelbarsten Folgen unserer Handlungen für den Anderen in’s Auge fassen und Digilized by Google 143 uns darnach entscheiden? Diess ist nur eine enge und kleinbürgerliche Moral, wenn es auch Moral sein mag: aber höher und freier scheint es mir gedacht, auch über diese nächsten Folgen für den Anderen hinweg- zusehen und entferntere Zwecke unter Umständen auch durch das Leid des Anderen zu fördern, — zum Beispiel die Erkenntniss zu fördern, auch trotz der Ein- sicht, dass unsere Freigeisterei zunächst und unmittel- bar die Anderen in Zweifel, Kummer und Schlimmeres werfen wird. Dürfen wir unseren Nächsten nicht wenig- stens so behandeln, wie wir uns behandeln? Und wenn wir bei uns nicht so eng und kleinbürgerlich an die unmittelbaren Folgen und Leiden denken: warum müss- ten wir es bei ihm thun? Gesetzt, wir hätten den Sinn der Aufopferung für uns: was würde uns verbieten, den Nächsten mit aufzuopfem? — so wie es bisher der Staat und der Fürst thaten, die den einen Bürger den anderen zum Opfer brachten, „der allgemeinen Inter- essen wegen“, wie man sagte. Aber auch wir haben allgemeine imd vielleicht allgemeinere Interessen : warum sollten den kommenden Geschlechtern nicht einige In- dividuen der gegenwärtigen Geschlechter zum Opfer gebracht werden dürfen? sodass ihr Gram, ihre Unruhe, ihre Verzweiflung, ihre Fehlgriffe und Angstschritte für nöthig befunden würden, weil eine neue Pflugschar den Boden brechen und fruchtbar für Alle machen solle? — Endlich: wir theilen zugleich die Gesinnung an den Nächsten mit, in der er sich als Opfer fühlen kann, wir überreden ihn zu der Aufgabe, für die wir ihn be- nützen. Sind wir denn ohne Mitleid? Aber wenn wir auch über unser Mitleid hinweg gegen uns selber den Sieg erringen wollen, ist diess nicht eine höhere Digitized by 144 und freiere Haltung und Stinunung, als jene, bei der man sich sicher fühlt, wenn man herausgebracht hat, ob eine Handlung dem Nächsten wohl oder wehe thut? Wir dagegen würden doch durch das Opfer — in welchem wir und die Nächsten einbegriflFen sind — das all- gemeine Gefühl der menschlichen Macht stärken und höher heben, gesetzt auch, dass wir nicht Mehr er- reichten. Aber schon diess wäre eine positive Vermeh- rung des Glückes. — Zuletzt, wenn diess sogar — — doch hier kein Wort mehr! Ein Blick genügt, ihr habt mich verstanden. 147. Ursache des „Altruismus“. — Von der Liebe haben die Menschen im Ganzen desshalb so emphatisch und vergöttlichend gesprochen, weil sie Wenig davon gehabt haben und sich niemals an dieser Ko.st satt essen durften; so wurde sie ihnen „Götterkost“. Möge ein Dichter einmal im Bilde einer Utopie die allge- meine Menschenliebe als vorhanden zeigen: gewss, er wird einen qualvollen und lächerlichen Zustand zu be- schreiben haben, dessengleichen die Erde noch nicht sah, — Jedermann nicht von Einem Liebenden umschwärmt, belästigt und ersehnt, wie es jetzt vorkommt, sondern von Tausenden, ja von Jedermann, vermöge eines un- bezwingbaren Triebes, den man dann ebenso beschimpfen und verfluchen wird, wie es die ältere Menschheit mit der Selbstsucht gethan hat; und die Dichter jenes Zu- standes, wenn man ihnen zum Dichten die Ruhe lässt, von Nichts träumend als von der seligen liebelosen Ver- gangenheit, der göttlichen Selbstsucht, der einstmals auf Erden noch möglichen Einsamkeit, Ungestörtheit, Unbeliebtheit, Gehasstheit, Verachtetheit und wie immer Digilized by Google 145 die ganze Niedertracht unserer lieben Thierwelt heisst, in der wir leben. 148. Ausblick in die Ferne. — Sind nur die Hand- lungen moralisch, wie man wohl definirt hat, welche um des Anderen willen und nur um seinetwillen gethan werden, so g^ebt es keine moralischen Handlungen! Sind nur die Handlungen moralisch — wie eine andere Definition lautet — , welche in Freiheit des Willens ge- than werden, so giebt es ebenfalls keine moralischen Handlungen! — Und was ist also Das, was man so nennt und das doch jedenfalls existirt und erklärt sein will? Es sind die Wirkungen einiger intellectueller Fehlgriffe. — Und gesetzt, man machte sich von diesen Irrthümem frei, was würde aus den „moralischen Handlungen“? — Vermöge dieser Irrthümer theilten wir bisher einigen Handlungen einen höheren Werth zu, als sie haben: wir trennten sie von den „egoistischen“ und den „un- freien“ Handlungen ab. Wenn wir sie jetzt diesen wieder zuordnen, wie wir thun müssen, so verringern wir gewiss ihren Werth (ihr Werthgefühl), und zwar unter das billige Maass hinab, weil die „egoistischen“ und „unfreien“ Handlungen bisher zu niedrig geschätzt wurden, auf Grund jener angeblichen tiefsten und inner- lichsten Verschiedenheit. — So werden gerade sie von jetzt ab weniger oft gethan werden, weil sie von nun an weniger geschätzt werden? — Unvermeidlich! Wenig- stens für eine gute Zeit, so lange die Wage des Werth- gefühls unter der Reaction früherer Fehler steht! Aber unsere Gegenrechnung ist die, dass wir den Menschen den guten Muth zu den als egoistisch verschrieenen Handlungen zurückgeben und den Werth derselben Nietzsche, Mor^nrötbe. IO Digilized by Google 146 wiederherstellen, — wir rauben diesen das böse Gewissen! Und da diese bisher weit die häufigsten waren und in alle Zukunft es sein werden, so nehmen wir dem ganzen Bilde der Handlungen und des Lebens seinen bösen Anschein! Diess ist ein sehr hohes Er- gebniss! Wenn der Mensch sich nicht mehr für böse hält, hört er auf, es zu sein! Digilized by Google Drittes Buch. IO* Digitized by Ck)OgIc 149- Kleine abweichende Handlungen thun noth! In den Angelegenheiten der Sitte auch einmal wider seine bessere Einsicht handeln; hier in der Praxis nach- geben und sich die geistige Freiheit Vorbehalten; es so machen wie Alle und damit Allen eine Artigkeit und Wohlthat erweisen, zur Entschädigung gleichsam für das Abweichende unserer Meinungen: — das gilt bei vielen leidlich freigesinnten Menschen nicht nur als unbedenklich, sondern als „honett“, „human“, „tolerant“, „nicht pedantisch“, und wie die schönen Worte lauten mögen, mit denen das intellectuelle Gewissen in Schlaf gesungen wird: und so bringt Dieser sein Kind zur christlichen Taufe herzu und ist dabei Atheist, und Jener thut Kriegsdienste wie alle Welt, so sehr er auch den Völkerhass verdammt, und ein Dritter läuft mit einem Weibchen in die Kirche, weil es eine fromme Verwandtschaft hat, und macht Gelübde vor einem Priester, ohne sich zu schämen. „Es ist nicht wesent- lich, wenn Unsereiner auch thut, was Alle immerdar thun und gethan haben“ — so klingt das grobe Vor- urtheil! Der grobe Irrthum! Denn es giebt nichts Wesentlicheres, als wenn das bereits Mächtige, Alt- herkömmliche und vemunftlos Anerkannte durch die Handlung eines anerkannt Vernünftigen noch einmal bestätigt wird : damit erhält es in den Augen Aller, die Digilized by C^i'gle 150 davon hören, die Sanction der Vernunft selber! Alle Achtung vor eueren Meinungen! Aber kleine abwei- chende Handlungen sind mehr werth! 150- Der Zufall der Ehen. — Wäre ich ein Gott, und ein wohlwollender Gott, so würden mich die Ehen der Menschen mehr als alles Andere ungeduldig machen. Weit, weit kann ein Einzelner vorwärts kommen, in seinen siebenzig, ja in seinen dreissig Jahren, — es ist zum Erstaunen, selbst für Götter! Aber sieht man dann, wie er das Erbe und Vermächtniss dieses Ringens und Siegens, den Lorber seiner Menschlichkeit, an den ersten besten Ort aufhängt, wo ihn ein Weiblein zerpflückt; sieht man, wie gfut er zu erringen, wie schlecht zu be- w'ahren versteht, ja wie er gar nicht daran denkt, dass er vermittelst der Zeugung ein noch siegreicheres Leben vorbereiten könne; so wird man, wie gesagt, ungeduldig und sagt sich „es kann aus der Menschheit auf die Dauer Nichts werden, die Einzelnen werden verschwen- det, der Zufall der Ehen macht alle Vernunft eines grossen Ganges der Menschheit unmöglich; — hören wir auf, die eifrigen Zuschauer und Narren dieses Schau- spiels ohne Ziel zu sein!“ — In dieser Stimmung zogen .sich einstmals die Götter Epikur’s in ihre göttliche Stille und Seligkeit zurück: sie waren der Menschen und ihrer Liebeshändel müde. 151- Hier sind neue Ideale zu erfinden. — Es sollte nicht erlaubt sein, im Zustande der Verliebtheit einen Entschluss über sein Leben zu fassen und einer heftigen Grille wegen den Charakter seiner Gesellschaft ein für Digilized by Google 151 allemal festzusetzen; man sollte die Schwüre der Lie- benden öffentlich für ungültig erklären und ihnen die Ehe verweigern: — und zwar, weil man die Ehe un- säglich wichtiger nehmen sollte! so dass sie in solchen Fällen, wo sie bisher zu Stande kam, für gewöhnlich gerade nicht zu Stande käme! Sind nicht die meisten Ehen der Art, dass man keinen Dritten als Zeugen wünscht? Und gerade dieser Dritte fehlt fast nie — das Kind — und ist mehr als ein Zeuge, nämlich der Sündenbock I >52- Eidformel. — „Wenn ich jetzt lüge, so bin ich kein anständiger Mensch mehr, und Jeder soll es mir in’s Gesicht sagen dürfen.“ — Diese Formel empfehle ich an Stelle des gerichtlichen Eides und der üblichen Anrufung Gottes dabei: sie ist stärker. Auch der Fromme hat keinen Grund, sich ihr zu widersetzen: so- bald nämlich der bisherige Eid nicht mehr hinreichend nützt, muss der Fromme auf seinen Katechismus hören, welcher vorschreibt „du sollst den Namen Gottes deines Herrn nicht unnützlich führen!“ 153- Ein Unzufriedener. — Das ist einer jener alten Tapferen: er ärgert sich über die Civilisation, weil er meint, dieselbe ziele darauf, alle guten Dinge, Ehren, Schätze, schöne Weiber, — auch den Feigen zugäng- lich zu machen. 154- Trost der Gefährdeten. — Die Griechen, in einem Leben, welches grossen Gefahren und Umstürzen sehr nahe stand, suchten im Nachdenken und Erkennen Digilized by öciogle 152 eine Art Sicherheit des Gefühls und letztes refugixun. Wir, in einem unvergleichlich sichrerem Zustande, haben die Gefährlichkeit in’s Nachdenken und Erkennen ge- tragen, und erholen und beruhigen uns von ihr am Leben. 155- Erloschene Skepsis. — Kühne Wagnisse sind in der neuen Zeit seltener, als in der alten und mittel- alterlichen, — wahrscheinlich desshalb, weil die neue Zeit nicht mehr den Glauben an Vorzeichen, Orakel, Gestirne und Wahrsager hat. Das heisst: wir sind dazu unfähig geworden, an eine uns bestimmte Zukunft zu glauben, so wie die Alten glaubten, welche — an- ders, als wir — in Beziehung auf Das, was kommt, viel weniger Skeptiker waren, als in Beziehung auf Das, was da ist. 156. Aus Übermuth böse. — „D2iss wir uns nur nicht zu wohl fühlen !“ — das war die heimliche Herzensangst der Griechen in der guten Zeit. Desshalb predigten sie sich das Maass. Und wir! 157- Cultus der „Naturlaute“. — Wohin weist es, dass unsere Cultur gegen die Aeusserungen des Schmerzes, gegen Thränen, Klagen, Vorwürfe, Gebärden derWuth oder der Demüthigung, nicht nur geduldig ist, dass sie dieselben gut heisst und unter die edleren Unvermeid- lichkeiten rechnet? — während der Geist der antiken Philosophie mit Verachtung auf sie sah und ihnen dtmch- aus keine Nothwendigkeit zuerkannte. Man erinnere sich doch, wie Plato — das heisst: keiner von den un- Digilized by Google 153 menschlichsten Philosophen — von dem Philoktet der tragischen Bühne redet. Sollte unsrer modernen Cultur vielleicht „die Philosophie“ fehlen? Sollten wir, nach der Abschätzung jener alten Philosophen, vielleicht sammt und sonders zum „Pöbel“ gehören? 158. Clima des Schmeichlers. — Die hündischen Schmeichler muss man jetzt nicht mehr in der Nähe der Fürsten suchen, — diese haben alle den militärischen Geschmack, und der Schmeichler geht wider diesen. Aber in der Nähe der Banquiers und Künstler wächst jene Blume auch jetzt noch. 159- DieTodtenerwecker. — Eitle Menschen schätzen ein Stück Vergangenheit von dem Augenblick an höher, von dem an sie es nachzuempfinden vermögen (zumal wenn diess schwierig ist), ja sie wollen es womöglich jetzt wieder von den Todten erwecken. Da der Eiteln aber immer eine Unzahl da ist, so ist die Gefahr der historischen Studien, sobald eine ganze Zeit ihnen ob- lieget, in der That 'nicht gering: es wird zu viel Kraft an alle möglichen Todten - Erweckungen weggeworfen. Vielleicht versteht man die ganze Bewegung der Ro- mantik am besten aus diesem Gesichtspuncte. 160. Eitel, begehrlich und wenig weise. — Eure Begierden sind grösser, als euer Verstand, und eure Eitelkeit ist noch grösser, als eure Begierden, — solchen Menschen, wie ihr seid, ist von Grund aus recht viel Digilized by Giif)gle 154 christliche Praxis und deizu ein Wenig Schopenhau- erische Theorie anzurathen! 161. Schönheit gemäss dem Zeitalter. — Wenn unsere Bildhauer, Maler und Musiker den Sinn der Zeit treffen wollen, so müssen sie die Schönheit gedunsen, riesenhaft und nervös bilden; so wie die Griechen, im Banne ihrer Moral des Maasses, die Schönheit als Apollo vom Belvedere sahen und bildeten. Wir sollten ihn eigentlich hässlich nennen! Aber die albernen „Classi- cisten“ haben uns um alle Ehrlichkeit gebracht! 162. Die Ironie der Gegenwärtigen. — Augenblick- lich ist es Europäer -Art, alle grossen Interessen mit Ironie zu behandeln, weil man vor Geschäftigkeit in ihrem Dienste keine Zeit hat, sie ernst zu nehmen. 163. Gegen Rousseau. — Wenn es wahr ist, dass unsere Civilisation etwas Erbärmliches an sich hat: so habt ihr die Wahl, mit Rousseau weiterzuschliessen „diese erbärmliche Civilisation ist Schuld an unserer schlechten Moralität“ oder gegen Rousseau zurückzu- schliessen „unsere gute Moralität ist Schuld an dieser Erbärmlichkeit der Civilisation. Unsere schwachen, un- männlichen gesellschaftlichen Begriffe von gut und böse und die ungeheuere Überherrschaft derselben über Leib und Seele haben alle Leiber und alle Seelen endlich schwach gemacht und die selbständigen, unabhängfigen, unbefangeneiv Menschen, die Pfeiler einer starken Digilized by Google 155 Civilisation, zerbrochen: wo man der schlechten Mo- ralität jetzt noch begegnet, da sieht man die letzten Trümmer dieser Pfeiler.“ So stehe denn Paradoxon gegen Paradoxon! Unmöglich kann hier dieWahrheit auf beiden Seiten sein: und ist .sie überhaupt auf einer von beiden? Man prüfe. 164. Vielleicht verfrüht. — Gegenwärtig scheint es so, dass unter allerhand falschen irreführenden Namen und zumeist in grosser Unklarheit von Seiten Derer, welche sich nicht an die be.stehenden Sitten und Ge- setze gebunden halten, die ersten Versuche gemacht werden, sich zu organisiren und damit sich ein Recht zu schaffen: während sie bisher, als Verbrecher, Frei- denker, Unsittliche, Bösewichte verschrieen, unter dem Banne der Vogelfreiheit und des schlechten Ge\vissens, verderbt und verderbend, lebten. Diess sollte man im Ganzen und Grossen billig und gut finden, wenn es auch das kommende Jahrhundert zu einem gefährlichen macht und Jedem das Gewehr um die Schulter hängt: schon damit eine Gegenmacht da ist, die immer daran erinnert, dass es keine allein-moralisch-machende Moral giebt und dass jede ausschliesslich sich selber bejahende Sittlichkeit zu viel gute Kraft tödtet und der Mensch- heit zu theuer zu stehen kommt. Die Abweichenden, welche so häufig die Erfinderischen und F'ruchtbaren sind, sollen nicht mehr geopfert werden; es soll nicht einmal mehr für schändlich gelten, von der Moral ab- zuweichen, in Thaten und Gedanken; es sollen zahl- reiche neue Versuche des Lebens und der Gemeinschaft gemacht werden; es soll eine ungeheuere Last von Digilized by ;Ie ■ 156 schlechtem Gewssen aus der Welt geschafft werden, — diese allgemeinsten Ziele sollten von allen Redlichen und Wahrheitsuchenden anerkannt und gefördert werden! 165. Welche Moral nicht langweilt. — Die sittlichen Hauptgebote, die ein Volk sich immer wneder lehren und vorpredigen lässt, stehen in Beziehung zu seinen Hauptfehlern, und desshalb werden sie ihm nicht lang- weilig. Die Griechen, denen die Mässigung, der kalte Muth, der gerechte Sinn und überhaupt die Verständig- keit allzuoft abhanden kamen, hatten ein Ohr für die vier sokratischen Tugenden, — denn man hatte sie so nöthig und doch gerade für sie so wenig Talent! 166. Am Scheidewege. — Pfui! ihr wollt in ein System hinein, wo man entweder Rad sein muss, voll und ganz, oder unter die Räder geräth! wo es sich von selber versteht, dass Jeder Das ist, wozu er von Oben her gemacht wird! Wo das Suchen nach „Connexion“ zu den natürlichen Pflichten gehört! wo Keiner sich be- leidigt fühlt, wenn er auf einen Mann mit dem Winke aufmerksam gemacht wird „er kann Ihnen einmal nützen“; wo man sich nicht schämt. Besuche zu machen, um die Fürsprache einer Person zu erbitten! wo man nicht ein- mal ahnt, wie man sich durch eine geflissentliche Ein- ordnung in solche Sitten ein für allemal als geringe Töpferwaare der Natur bezeichnet hat, welche Andere verbrauchen und zerbrechen dürfen, ohne sich sehr da- für verantwortlich zu fühlen; gleich als ob man sagte: „an solcher Art, wie ich bin, wird es nie Mangel geben: nehmt mich hin! Ohne Umstände!“ — Digilized by Google 157 1Ö7. Die unbedingten Huldigungen. — Wenn ich an den gelesensten deutschen Philosophen, an den ge- hörtesten deutschen Musiker und an den angesehensten deutschen Staatsmann denke, so muss ich mir einge- stehen: es wird den Deutschen, diesem Volke der un- bedingten Gefühle, jetzt recht sauer gemacht, und zwar von ihren eigenen grossen Männern. Es giebt da dreimal ein prachtvolles Schauspiel zu sehen: jedesmal einen Strom, in seinem eigenen, selbstgegrabenen Strom- bette, und so mächtig bewegt, dass es öfter scheinen könnte, als wollte er den Berg hinaufströmen. Und dennoch, wie weit man seine Verehrung auch treiben möge: wer möchte nicht gern anderer Meinung sein, als Schopenhauer, im Ganzen und Grossen! — Und wer könnte jetzt Einer Meinung mit Richard Wagner sein, im Ganzen und im Kleinen? so wahr es auch sein mag, was Jemand gesagt hat, dass überall, wo er Anstoss nimmt und wo er Anstoss giebt, ein Problem vergra- ben liegt, — genug, er selber bringt es nicht an das Licht. — Und endlich, wie Viele möchten von ganzem Herzen mit Bismarck Einer Meinung sein, wenn er selber nur mit sich Einer Meinung wäre oder auch nur Miene machte, es fürderhin zu sein! Zwar: ohne Grundsätze, aber mit Grundtrieben, ein beweglicher Geist im Dienste starker Grundtriebe, und eben desshalb ohne Grundsätze, — das sollte an einem Staatsmanne nichts Auffälliges haben, vielmehr als das Rechte und Natur- gemässe gelten; aber leider war es bisher so durchaus nicht deutsch! ebenso wenig, als Lärm um Musik, und Missklang und Missmuth um den Musiker, ebenso wenig. Digiti. .1 bv C 158 als die neue und ausserordentliche Stellung, welche Schopenhauer wählte: nämlich weder über den Dingen, noch auf den Knieen vor den Dingen — beides hätte noch deutsch heissen können — , sondern gegen die Dinge! Unglaublich! Und unangenehm! Sich in Eine Reihe mit den Dingen stellen und doch als ihr Gegner, zu guterletzt gar als der Gegner seiner selber! — was kann der unbedingte Verehrer mit einem solchen Vor- bilde anfangen! Und was überhaupt mit drei solchen Vorbildern, die unter einander selber nicht Frieden halten wollen! Da ist Schopenhauer ein Gegner der Musik Wagner’s, und Wagner ein Gegner der Politik Bismarck’s, und Bismarck ein Gegner aller Wagnerei und Schopenhauerei! Was bleibt da zu thun! Wohin sich mit seinem Durste nach der „Huldigung in Bausch und Bogen“ flüchten! Könnte man sich \nelleicht aus der Musik des Musikers einige hundert Tacte guter Musik auslesen, die sich Einem an’s Herz legen und denen man sich gern an’s Herz legt, weil sie ein Herz haben, — könnte man mit diesem kleinen Raub bei Seite gehen und den ganzen Rest — vergessen? Und ein eben solches Abkommen in Hinsicht des Philosophen und des Staatsmannes ausfindig machen, — auslesen, sich an’s Herz legen und namentlich den Rest ver- gessen? Ja, wenn nur das Vergessen nicht so schwer wäre! Da gab es einen sehr stolzen Menschen, der durchaus nur von sich selber Etwas annehmen wollte, Gutes und Schlimmes: als er aber das Vergessen nöthig hatte, konnte er es sich selber nicht geben, son- dern musste dreimal die Geister beschwören; sie kamen, sie hörten sein Verlangen, und zuletzt sagten sie: „nur diess gerade steht nicht in unserer Macht!“ Sollten Digilized by Google 159 die Deutschen sich die Erfahrung Manfred’s nicht zu Nutze machen? Warum erst noch die Geister beschwö- ren! Es ist unnütz, man vergisst nicht, wenn man ver- gessen will. Und wie gross wäre „der Rest“, den mein hier, von diesen drei Grrössen der Zeit, vergessen müsste, um fürderhin ihr Verehrer in Bausch und Bogen sein zu können! Da ist es doch räthlicher, die gute Ge- legenheit zu benutzen und etwas Neues zu versuchen: nämlich in der Redlichkeit gegen sich selber zu- zunehmen und aus einem Volke des gläubigen Nach- sprechens und der bitterbösen blinden Feindseligkeit ein Volk der bedingten Zustimmung und der wohl- wollenden Gegnerschaft zu werden; zunächst aber zu lernen, dass unbedingte Huldigungen vor Personen etwas Lächerliches sind, dass hierin Umlemen auch für Deutsche nicht unrühmlich ist, und dass es einen tiefen, beherzigens- werthen Spruch giebt : „Ce qui importe, ce ne sont point les personnes: mais les choses.“ Dieser Spruch ist wie Der, welcher ihn sprach, gross, brav, einfach und schweig- sam, — ganz wie Camot, der Soldat und der Repu- blicaner. — Aber darf man jetzt so von einem Franzo- sen zu Deutschen sprechen, noch dazu von einem Repu- blicaner? Vielleicht nicht; ja, vielleicht darf man nicht einmal daran erinnern, was Niebuhr seiner Zeit den Deutschen sagen durfte : Niemand habe ihm so sehr den Eindruck der wahren Grösse gegeben, als Camot. i68. Ein Vorbild. — Was liebe ich an Thukydides, was macht, dass ich ihn höher ehre, als Plato? Er hat die umfänglichste und unbefangenste Freude an allem Typischen des Menschen und der Ereignisse und findet. Digilized by G< 160 dass zu jedem Typus ein Quantum guter Vernunft gehört: diese sucht er zu entdecken. Er hat eine grössere preiktische Gerechtigkeit, als Plato; er ist kein Verlästerer und Verkleinerer der Menschen, die ihm nicht gefallen oder die ihm im Leben wehe gethan haben. Im Gegentheil: er sieht etwas Grosses in alle Dinge und Personen hinein und zu ihnen hinzu, indem er nur T5rpen sieht; was hätte auch die ganze Nach- welt, der er sein Werk weiht, mit dem zu schaffen, was nicht typisch wäre! So kommt in ihm, dem Menschen- Denker, jene Cultur der unbefangensten Welt- kennt niss zu einem letzten herrlichen Ausblühen, welche in Sophokles ihren Dichter, in Perikies ihren Staats- mann, in Hippokrates ihren Arzt, in Demokrit ihren Naturforscher hatte: jene Cultur, welche auf den Namen ihrer Lehrer, der Sophisten, getauft zu werden ver- dient und leider von diesem Augenblicke der Taufe an uns auf einmal blass und unfassbar zu werden beginnt, — denn nun argwöhnen wir, es müsse eine sehr un- sittliche Cultur gewesen sein, gegen welche ein Plato mit allen sokratischen Schulen kämpfte! Die Wahrheit ist hier so verzwickt und verhäkelt, dass es Widerwillen macht, sie aufzudröseln: so laufe der alte Irrthum (error veritate simplicior) seinen alten Weg! 169. Das Griechische uns sehr fremd. — Orien- talisch oder Modem, Asiatisch oder Europäisch: im Ver- hältniss zum Griechischen ist diesem Allem die Massen- haftigkeit und der Genuss an der grossen Quantität als der Sprache des Erhabenen zu eigen, während man in Pästum, Pompeji und Athen und vor der ganzen grie- Digilized by Google 161 chischen Architektur so erstaunt darüber wird, mit wie kleinen Massen die Griechen etwas Erhabenes aus- zusprechen wissen und auszusprechen lieben. — Eben- falls: wie einfach waren in Griechenland die Menschen sich selber in ihrer Vorstellung! Wie weit über- treffen wir sie in der Menschenkenntniss 1 Wie laby- rinthisch aber auch nehmen sich unsere Seelen und unsere Vorstellungen von den Seelen gegen die ihrigen aus! Wollten und wagten wir eine Architektur nach unserer Seelen-Art (wir sind zu feige dazu!) — so müsste dcis Labyrinth unser Vorbild sein! Die uns eigene und uns wirklich aussprechende Musik lässt es schon errathen! (In der Musik nämlich lassen sich die Menschen gehen, weil sie wähnen, es sei Niemand da, der sie selber unter ihrer Musik zu sehen vermöge.) 170. Andere Perspective des Gefühles. — Was ist unser Geschwätz von den Griechen! Was verstehen wir denn von ihrer Kunst, deren Seele — die Leiden- schaft für die männliche nackte Schönheit ist! — Erst von da aus empfanden sie die weibliche Schönheit. So hatten sie also für sie eine völlig andere Perspective, als wir. Und ähnlich stand es mit ihrer Liebe zum Weibe: sie verehrten anders, sie verachteten anders. 171. Die Ernährung des modernen Menschen. — Er versteht Vieles, ja fast Alles zu verdauen, — es ist seine Art Ehrgeiz: aber er würde höherer Ordnung sein, wenn er diess gerade nicht verstünde; homo pampha- gus ist nicht die feinste Species. Wir leben zwischen einer Vergangenheit, die einen verrückteren und eigen- Ntetstche, Morgenrötbe. II Digilized by Google 162 sinnigeren Geschmack hatte, als wir, und einer Zukunft, die vielleicht einen gewählteren haben wird, — wir leben zu sehr in der Mitte. 172, Tragödie und Musik. — Männer in einer kriege- rischen Grundverfassung des Gemüths, wife zum Bei- spiel die Griechen in der Zeit des Äschylus, sind schwer zu rühren, und wenn das Mitleiden einmal über ihre Härte sieg^, so ergreift es sie wie ein Taumel und gleich einer „dämonischen Gewalt“, — sie fühlen sich dann unfrei und von einem religiösen Schauder erregt. Hinter- her haben sie ihre Bedenken gegen diesen Zustand; so lange sie in ihm sind, geniessen sie das Entzücken des Ausser-sich-seins und des Wunderbaren, gemischt mit dem bittersten Wermuth des Leidens: es ist das so recht ein Getränk für Krieger, etwas Seltenes, Gefährliches und Bittersüsses, das Einem nicht leicht zu Theil wird. — An Seelen, die so das Mitleiden empfinden, wendet sich die Tragödie, an harte und kriegerische Seelen, welche man schwer besiegt, sei es durch Furcht, sei es durch Mitleid, welchen es aber nütze ist, von Zeit zu Zeit erweicht zu werden: aber was soll die Tra- gödie Denen, welche den „sympathischen Affectionen“ offen stehen wie die Segel den Winden ! Als die Athener weicher und empfindsamer geworden waren, zur Zeit Plato’s, — ach, we ferne waren sie noch von der Rühr- seligkeit unserer Gross- und Kleinstädter! — aber doch klagten .schon die Philosophen über die Schädlichkeit der Tragödie. Ein Zeitalter voller Gefahren, wie dcis eben beginnende, in welchem die Tapferkeit und Männlichkeit im Preise steigen, wird vielleicht allmählich die Seelen Digilized by Google 163 wHeder so hart machen, dass tragische Dichter ihnen noth thun: einstweilen aber waren diese ein Wenig über- flüssig, — um das mildeste Wort zu gebrauchen. — So kommt vielleicht auch für die Musik noch einmal das bessere Zeitalter (gewiss wird es das bösere sein!), dann, wenn die Künstler sich mit ihr an streng per- sönliche, in sich harte, vom dunklen Ernste eigener Leidenschaft beherrschte Menschen zu wenden haben: aber was soll die Musik diesen heutigen allzubeweg- lichen, unausgewachsenen, halbpersönlichen, neugierigen und nach Allem lüsternen Seelchen des verschwinden- den Zeitalters? 173- Die Lobredner der Arbeit. — Bei der Verherr- lichung der „Arbeit“, bei dem unermüdlichen Reden vom „Segen der Arbeit“ sehe ich den selben Hinterge- danken, wie bei dem Lobe der gemeinnützigen unper- sönlichen Handlungen: den der Furcht vor allem In- dividuellen. Im Grunde fühlt man jetzt, beim Anblick der Arbeit — man meint immer dabei jene harte Arbeit- samkeit von früh bis spät — , dass eine solche Arbeit die beste Polizei ist, dass sie Jeden im Zaume hält und die Entwickelung der Vernunft, der Begehrlichkeit, des Unabhängigkeitsgelüstes kräftig zu hindern versteht. Denn sie verbraucht ausserordentlich viel Nervenkraft und entzieht dieselbe dem Nachdenken, Grübeln, Träu- men, Sorgen, Liebeft, Hassen, sie stellt ein kleines Ziel immer in’s Auge und gewährt leichte und regelmässige Befriedigungen. So wird eine Gesellschaft, in welcher fortwährend hart gearbeitet wird, mehr Sicherheit haben: und die Sicherheit betet man jetzt als die oberste Gott- heit an. — Und nun! Entsetzen! Gerade der „Arbeiter“ II* Digilized by Grtogle 164 ist gefährlich geworden! Es wimmelt von „gefähr- lichen Individuen“! Und hinter ihnen die Gefahr der Gefahren — das individuum! 174. Moralische Mode einer handeltreibenden Ge- sellschaft. — Hinter dem Grundsätze der jetzigen mo- ralischen Mode : „moralische Handlungen sind die Hand- lungen der Sympathie für Andere“ sehe ich einen socia- len Trieb der Furchtsamkeit walten, welcher sich in dieser Weise intellectuell vermummt: dieser Trieb will, als Oberstes, Wichtigstes, Nächstes, dass dem Leben alle Gefährlichkeit genommen werde, welche es früher hatte und dass daran Jeder und mit allen Kräften helfen solle: desshalb dürfen nur Handlungen, welche auf die gemeinsame Sicherheit und das Sicherheitsge- fühl der Gesellschaft abzielen, das Prädicat „gut“ be- kommen! — Wie wenig Freude müssen doch jetzt die Menschen an sich haben, wenn eine solche T)rrannei der Furchtsamkeit ihnen das oberste Sittengesetz vor- schreibt, wenn sie es sich so widerspruchslos anbefehlen lassen, über sich, neben sich wegzusehen, aber für jeden Nothstand, für jedes Leiden anderwärts Luchs-Augen zu haben! Sind wir denn bei einer solchen ungeheuren Absichtlichkeit, dem Leben alle Schärfen und Kanten abzureiben, nicht auf dem besten Wege, die Mensch- heit zu Sand zu machen? Sandl Kleiner, weicher, runder, unendlicher Sand! Ist das euer Ideal, ihr Herolde der sympathischen Affectionen? — Inzwischen bleibt selbst die Frage unbeantwortet, ob man dem Anderen mehr nützt, indem man ihm unmittelbar fortwährend beispringt und hilft — was doch nur sehr oberflächlich Digilized by Google 165 geschehen kann, wo es nicht zu einem tyrannischen Übergreifen und Umbilden wird — oder indem man aus sich selber Etwas formt, was der Andere mit Ge- nuss sieht, etwa einen schönen, ruhigen, in sich abge- schlossenen Garten, welcher hohe Mauern gegen die Stürme und den Staub der Landstrassen, aber auch eine gastfreundliche Pforte hat. 175- Grundgedanke einer Cultur der Handeltrei- benden. — Man sieht jetzt mehrfach die Cultur einer Gesellschaft im Entstehen, für welche das Handel- treiben ebenso sehr die Seele ist, als der persönliche Wettkampf es für die älteren Griechen und als Krieg, Sieg und Recht es für die Römer waren. Der Handel- treibende versteht Alles zu taxiren, ohne es zu machen, und zwar zu taxiren nach dem Bedürfnisse der Con- sumenten, nicht nach seinem eigenen persönlichsten Bedürfnisse; „wer und wie Viele consumiren diess?* ist seine Frage der Fragen. Diesen Typus der Taxa- tion wendet er nun instinctiv und immerwährend an: auf Alles, und so auch auf die Hervorbringungen der Künste und Wissenschaften, der Denker, Gelehrten, Künstler, Staatsmänner, der Völker und Parteien, der ganzen Zeitalter: er fragt bei Allem, was geschaffen wird, nach Angebot xmd Nachfrage, um für sich den Werth einer Sache festzusetzen. Diess zum Cha- rakter einer ganzen Cultur gemacht, bis in’s Unbegränzte und Feinste durchgedacht und allem Wollen und Können aufgeformt: das ist es, worauf ihr Menschen des näch- sten Jahrhunderts stolz sein werdet: wenn die Prophe- ten der handeltreibenden Classe Recht haben, dieses Digilized by Goj^'^le 166 in euren Besitz zu geben! Aber ich habe wenig Glau- ben an diese Propheten. Credat Judaeus Apella — mit Horaz zu reden. 176. Die Kritik über die Väter. — Warum verträgt man jetzt die Wahrheit schon über die jüngste Ver- gangenheit? Weil immer schon eine neue Generation da ist, die sich im Gegensatz zu dieser Vergangen- heit fühlt und die Erstlinge des Gefühles der Macht in dieser Kritik geniesst. Ehemals wollte umgekehrt die neue Generation sich auf die ältere gründen, und sie begann sich zu fühlen, indem sie die Ansichten der Väter nicht nur annahm, sondern womöglich strenger nahm. Die Kritik über die Väter war damals laster- haft: jetzt beginnen die jüngeren Idealisten damit. 177. Einsamkeit lernen. — Oh, ihr armen Schelme in den grossen Städten der Weltpolitik, ihr jungen, be- gabten, vom Ehrgeiz gemarterten Männer, welche es für ihre Pflicht halten, zu allen Begebenheiten — es begiebt sich immer Etwas — ihr Wort zu sagen! Welche, wenn sie auf diese Art Staub und Lärm machen, glau- ben, der Wagen der Geschichte zu sein! Welche, weil sie immer horchen, immer auf den Augenblick passen, wo sie ihr Wort hineinwerfen können, jede ächte Pro- ductivität verlieren! Mögen sie auch noch so begehr- lich nach grossen Werken sein: die tiefe Schweigsam- keit der Schwangerschaft kommt nie zu ihnen! Das Ereigniss des Tages jagt sie wie Spreu vor sich her, während sie meinen, das Ereigniss zu jagen, — die ar- men Schelme! — Wenn man einen Helden auf der Digilized by Google 167 Bühne abgeben will, darf man nicht daran denken, Chorus zu machen, ja, man darf nicht einmal wissen, wie man Chorus macht. 178. Die Täglich -Abgenützten. — Diesen jungen Männern fehlt es weder an Charakter, noch an Begabung, noch an Fleiss: aber man hat ihnen nie Zeit gelassen, sich selber eine Richtung zu geben, vielmehr sie von Kindesbeinen an gewöhnt, eine Richtung zu empfangen. Damals, als sie reif genug waren, um „in die Wüste geschickt zu werden“, that man etwas Anderes, — man benutzte sie, man entwendete sie sich selber, man er- zog sie zu dem täglichen Abgenutztwerden, man machte ihnen eine Pflichtenlehre daraus — und jetzt können sie es nicht mehr entbehren und wollen es nicht anders. Nur darf man diesen armen Zugthieren ihre „Ferien“ nicht versagen — wie man es nennt, diess Musse-Ideal eines überarbeiteten Jahrhunderts: wo man einmal nach Herzenslust faulenzen und blödsinnig und kindisch sein darf. 179. So wenig als möglich Staat! — Alle politischen und wirthschaftlichen Verhältnisse sind es nicht werth, dtiss gerade die begabtesten Geister sich mit ihnen be- fassen dürften und müssten: ein solcher Verbrauch des Geistes ist im Grunde schlimmer, als ein Nothstand. Es sind und bleiben Gebiete der Arbeit für die ge- ringeren Köpfe, und andere als die geringen Köpfe sollten dieser Werkstätte nicht zu Diensten stehen: möge lieber die Maschine wieder einmal in Stücke gehen! So wie es aber jetzt steht, wo nicht nur Alle täglich darum glauben wissen zu müssen, sondern auch Jeder- Digitized by .j 168 mann alle Augenblicke dafür thätig sein will und seine eigene Arbeit darüber im Stiche lässt, ist es ein grosser und lächerlicher Wahnsinn. Man bezahlt die „allge- meine Sicherheit“ viel zu theuer um diesen Preis: und, was das Tollste ist, man bringt überdiess das Gegen- theil der allgemeinen Sicherheit damit hervor, wie unser liebes Jahrhundert zu beweisen unternimmt: als ob es noch nie bewiesen wäre! Die Gesellschaft diebessicher und feuerfest und unendlich bequem für jeden Handel und Wandel zu machen und den Staat zur Vorsehung im guten und schlimmen Sinne umzuwandeln, — diess sind niedere, mässige und nicht durchaus unentbehrliche Ziele, welche man nicht mit den höchsten Mitteln und Werkzeugen erstreben sollte, die es überhaupt giebt, — den Mitteln, die man eben für die höchsten und seltensten Zwecke sich aufzusparen hätte! Unser Zeitalter, so viel es von Ökonomie redet, ist ein Ver- schwender: es verschwendet das Kostbarste, den Geist. 180. Die Kriege. — Die grossen Kriege der Gegen- wart sind die Wirkungen des historischen Studiums. 181. Regieren. — Die Einen regieren, aus Lust am Regieren; die Andern, um nicht regiert zu werden: — Diesen ist es nur das geringere von zwei Übeln. 182. Die grobe Consequenz. — Man sagt mit grosser Auszeichnung: „das ist ein Charakter!“ — ja! wenn er grobe Consequenz zeigt, wenn die Consequenz auch dem stumpfen Auge einleuchtet! Aber sobald ein feinerer Digilized by Google 169 und tieferer Geist waltet und auf seine höhere Weise folgerichtig ist, leugnen die Zuschauer das Vorhanden- sein des Charakters. Desshalb spielen verschlagene Staatsmänner ihre Komödie gewöhnlich hinter einem Deckmantel der groben Consequenz. 183. Die Alten und die Jungen. — „Es ist etwas Unmoralisches an den Parlamenten — so denkt Der und Jener immer noch — , denn man darf da auch An- sichten gegen die Regierung haben!“ — „Man muss immer die Ansicht von der Sache haben, welche der gnädige Herr befiehlt“ — das ist das elfte Gebot in manchem braven alten Kopfe, namentlich im nördlichen Deutschland. Man lacht darüber wie über eine ver- altete Mode: aber ehemals war es die Moral! Vielleicht, dass man auch wieder einmal über Das lacht, was jetzt, unter dem parlamentarisch erzogenen jüngeren Ge- schlechte als moralisch gilt: nämlich die Politik der Partei über die eigne Weisheit zu stellen und jede Frage des öffentlichen Wohles so zu beantworten, wie es gerade guten Wind für die Segel der Partei macht. „Man muss die Ansicht von der Sache haben, welche die Situation der Partei erheischt“ — so würde der Kanon lauten. Im Dienste einer solchen Moral giebt es jetzt jede Art von Opfer, Selbstüberwindung und Martyrium. 184. Der Staat als Erzeugniss der Anarchisten. — In den Ländern der gebändigten Menschen giebt es immer noch genug von den rückständigen und unge- bändigten: augenblicklich sammeln sie sich in den socia- listischen Lagern mehr als irgendwo anders. Sollte es Digilized by U(^)gle_ 170 dazu kommen, dass diese einmal Gesetze geben, so kann man darauf rechnen, dass sie sich an eine eiserne Kette legen und furchtbare Disciplin üben werden: — sie kennen sich! Und sie werden diese Gesetze aus- halten, im Bewusstsein, dass sie selber dieselben ge- geben haben, — das Gefühl der Macht, und dieser Macht, ist zu jung und entzückend für sie, als dass sie nicht Alles um seinetwillen litten. 185. Bettler. — Man soll die Bettler abschaffen: denn man ärgert sich, ihnen zu geben, und ärgert sich, ihnen nicht zu geben. 186. Geschäftsleute. — Euer Geschäft — das ist euer grösstes Vorurtheil, es bindet euch an euren Ort, an eure Gesellschaft, an eure Neigungen. Im Geschäft fleissig, — aber im Geiste faul, mit eurer Dürftigkeit zufrieden und die Schürze der Pflicht über diese Zu- friedenheit gehängt: so lebt ihr, so wollt ihr eure Kinder! 187. Aus einer möglichen Zukunft. — Ist ein Zu- stand undenkbar, wo der Übelthäter sich, selber zur Anzeige bringt, sich selber seine Strafe öffentlich dic- tirt, im stolzen Gefühle, dass er so das Gesetz ehrt, das er selber gemacht hat, dass er seine Macht ausübt, indem er sich straft, die Macht des Gesetzgebers; er kann sich einmal vergehen, aber er erhebt sich durch die freiwillige Strafe über sein Vergehen, er wischt das Vergehen durch Freimüthigkeit, Grösse und Ruhe nicht nur aus: er thut eine öffentliche Wohlthat hinzu. — Digilized by Google 171 Diess wäre der Verbrecher einer möglichen Zukunft, welcher freilich auch eine Gesetzgebung der Zukunft vor- aussetzt, des Grundgedankens: „ich beuge mich nur dem Gesetze, welches ich selber gegeben habe, im Kleinen und Grossen.“ Es müssen so viele Versuche noch ge- macht werden! Es muss so manche Zukunft noch an’s Licht kommen! i88. Rausch und Ernährung. — Die Völker werden so sehr betrogen, weil sie immer einen Betrüger suchen, nämlich einen aufregenden Wein für ihre Sinne. Wenn sie nur den haben können, dann nehmen sie wohl mit schlechtem Brode fürlieb. Der Rausch gilt ihnen mehr, als die Nahrung, — hier ist der Köder, an dem sie immer anbeissen werden! Was sind ihnen Männer, aus ihrer Mitte gewählt — und seien es die sachkundigsten Praktiker — gegen glänzende Eroberer, oder alte prunk- hafte Fürstenhäuser! Mindestens muss der Volksmann ihnen Eroberungen und Prunk in Aussicht stellen: so findet er vielleicht Glauben. Sie gehorchen immer, und thun noch mehr, als gehorchen, vorausgesetzt, dass sie sich dabei berauschen können! Man darf ihnen selbst die Ruhe und das Vergnügen nicht anbieten, ohne den Lorberkranz und seine verrückt machende Kraft darin. Dieser pöbelhafte Geschmack, welcher den Rausch wichtiger nimmt, als die Ernährung, ist aber kei- neswegs in der Tiefe des Pöbels entstanden: er ist viel- mehr dorthin getragen, dorthin verpflanzt und dort nur noch am meisten rückständig und üppig aufschiessend, während er von den höchsten Intelligenzen her seinen Ursprung nimmt und Jahrtausende lang in ihnen ge- blüht hat. Das Volk ist der letzte wilde Boden, auf Digilized by l^'ogle 172 dem dieses glänzende Unkraut noch gedeihen kann. — Wie! Und ihm gerade sollte man die Politik anver- trauen? Damit es sich aus ihr seinen täglichen Rausch mache? 189. Von der grossen Politik. — Soviel auch der Nutzen und die Eitelkeit, von Einzelnen wie von Völ- kern, in der grossen Politik mitwirken mögen: das gewaltigste Wasser, das sie vorwärts treibt, ist das Bedürfniss des Machtgefühls, welches nicht nur in den Seelen der Fürsten und Mächtigen, sondern nicht zum geringsten Theil gerade in den niederen Schichten des Volkes aus unversieglichen Quellen von Zeit zu Zeit hervorstösst. Es kommt immer wieder die Stunde, wo die Masse ihr Leben, ihr Vermögen, ihr Gewissen, ihre Tugend daranzusetzen bereit ist, um jenen ihren höch- sten Genuss sich zu schaffen und als siegreiche, tyran- nisch willkürliche Nation über andere Nationen zu schal- ten (oder sich schaltend zu denken). Da quellen die verschwenderischen, aufopfernden, hoffenden, vertrauen- den, überverwegenen, phantastischen Gefühle so reich- lich herauf, dass der ehrgeizige oder klug vorsorgende Fürst einen Krieg vom Zaune brechen und das gute Gewissen des Volkes seinem Unrecht unterschieben kann. Die grossen Eroberer haben immer die pathetische Sprache der Tugend im Munde geführt: sie hatten immer Massen um sich, welche sich im Zustande der Erhebung befanden und nur die erhobenste Sprache hören wollten. Wunderliche Tollheit der moralischen Urtheile! Wenn der Mensch im Gefühle der Macht ist, so fühlt und nennt er sich gut: und gerade dann fühlen und nennen ihn die Anderen, an denen er seine Macht Digilized by Google 173 auslassen muss, böse! — Hesiod hat in der Fabel von den Menschenaltem das selbe Zeitalter, das der homerischen Helden, zweimal hinter einander gemalt und zwei aus einem gemacht: von Denen aus gesehen, welche unter dem ehernen, entsetzlichen Druck dieser abenteuernden Gewaltmenschen standen oder durch ihre Vorfahren davon wussten, erschien es böse: aber die Nachkommen dieser ritterlichen Geschlechter verehrten in ihm eine gute alte, selig-halbselige Zeit. Da wusste sich der Dichter nicht anders zu helfen, als er gethan hat, — er hatte wohl Zuhörer beider Gattungen um sich I 190. Die ehemalige deutsche Bildung. — Als die Deutschen den anderen Völkern Europa’s anhengen interessant zu werden — es ist nicht zu lange her — , geschah es vermöge einer Bildung, die sie jetzt nicht mehr besitzen, ja die sie mit einem blinden Eifer ab- geschüttelt haben, wie als ob sie eine Krankheit ge- wesen sei: und doch wussten sie nichts Besseres da- gegen einzutauschen, als den politischen und nationalen Wahnsinn. Freilich haben sie mit ihm erreicht, dass sie den anderen Völkern noch weit interessanter ge- worden sind, als sie es damals durch ihre Bildung waren: und so mögen sie ihre Zufriedenheit haben! Inzwischen ist nicht zu leugnen, dass jene deutsche Bil- dung die Europäer genarrt hat und dass sie eines sol- chen Interesses, ja einer solchen Nachahmung und wett- eifernden Aneignung nicht werth war. Man sehe sich heute einmal nach Schiller, Wilhelm von Humboldt, Schleiermacher, Hegel, Schelling um, man lese ihre Briefw’echsel und führe sich in den grossen Kreis ihrer Digilized by G J 174 Anhänger ein: was ist ihnen gemeinsam, was an ihnen wirkt auf uns, wie wir jetzt sind, bald so unausstehlich, bald so rührend und bemitleidenswerth? Einmal die Sucht, um jeden Preis moralisch erregt zu erscheinen; sodann das Verlangen nach glänzenden knochenlosen Allgemeinheiten, nebst der Absicht auf ein Schöner- sehen-wollen in Bezug auf Alles (Charaktere, Leiden- schaften, Zeiten, Sitten), — leider „schön“ nach einem schlechten verschwommenen Geschmack, der sich nichts- destoweniger griechischer Abkunft rühmte. Es ist ein weicher, gutartiger, silbern glitzernder Idealismus, wel- cher vor Allem edel verstellte Gebärden und edel ver- stellte Stimmen haben will, ein Ding, ebenso anmaass- lich als harmlos, beseelt vom herzlichsten Widerwillen gegen die „kalte“ oder „trockene“ Wirklichkeit, gegen die Anatomie, gegen die vollständigen Leidenschaften, gegen jede Art philosophischer Enthaltsamkeit und Skepsis, zumal aber gegen die Naturerkenntniss, sofern sie sich nicht zu einer religiösen Symbolik gebrauchen liess. Diesem Treiben der deutschen Bildung sah Goethe zu, in seiner Art: danebenstehend, mild widerstrebend, schweigsam, sich auf seinem eignen, besseren Wege immer mehr bestärkend. Dem sah etwas später auch Schopenhauer zu, — ihm war viel wirkliche Welt und Teufelei der Welt wieder sichtbar geworden, und er sprach davon ebenso grob als begeistert: denn diese Teufelei hat ihre Schönheit! — Und was verführte im Grunde die Ausländer, dass sie dem nicht so zusahen, wie Goethe und Schopenhauer, oder einfach davon ab- sahen? Es war jener matte Glanz, jenes räthselhafte Milchstrassen-Licht, welches um diese Bildung leuchtete: dabei sagte sich der Ausländer „Das ist uns sehr, sehr Digilized by Google 175 ferne, da hört für uns Sehen, Hören, Verstehen, Ge- niessen, Abschätzen auf; trotzdem könnten es Sterne sein! Sollten die Deutschen in aller Stille eine Ecke des Himmels entdeckt und sich dort niedergelassen haben? Man muss suchen, den Deutschen näher zu kommen.“ Und man kam ihnen näher: während kaum viel später die selben Deutschen sich zu bemühen an- fiengen, den Milchstrassen-Glanz von sich abzustreifen; sie wussten zu gut, dass sie nicht im Himmel gewesen waren, — sondern in einer Wolke! 191. Bessere Menschen! — Man sagt mir, unsere Kunst wende sich an die gierigen, unersättlichen, un- gebändigten, verekelten, zerquälten Menschen der Gegen- wart und zeige ihnen ein Bild von Seligkeit, Höhe und Entweltlichung neben dem Bilde ihrer Wüstheit: sodass sie einmal vergessen und aufathmen können, ja vielleicht den Antrieb zur Flucht und Umkehr mit aus jenem Vergessen zurückbringen. Arme Künstler, mit einem solchen Publicum! Mit solchen halb priesterlichen, halb irrenärztlichen Hintergedanken! Um wie viel glücklicher war Corneille — „unser grosser Corneille“, wie Frau von Sövigfnö, mit einem Accent des Weibes vor einem ganzen Manne, ausruft, — um wie viel höher seine Zuhörerschaft, welcher er mit den Bildern ritterlicher Tugenden, strenger Pflicht, grossmüthiger Aufopferung, heldenhafter Bändigung seiner selber wohlthun konnte ! Wie anders liebten er und sie das Dasein, nicht aus einem blinden wüsten „Willen“ heraus, den man ver- flucht, weil man ihn nicht zu tödten vermag, sondern als einen Ort, auf dem Grösse und Humanität mitsam- Digilized by Ci<4og[e 176 men möglich sind und wo selbst der strengste Zwang der Formen, die Unterwerfung unter eine fürstliche und geistliche Willkür weder den Stolz, noch die Ritterlich- keit, noch die Anmuth, noch den Geist aller Einzelnen unterdrücken können, vi^mehr als ein Reiz und Sporn des Gegensatzes zur angeborenen Selbstherrlichkeit und Vornehmheit, zur ererbten Macht des WoUens und der Leidenschaft empfunden werden! 192. Sich vollkommene Gegner wünschen. — Man kann es den Franzosen nicht streitig machen, dass sie das christlichste Volk der Erde gewesen sind: nicht in Hinsicht darauf, dass die Gläubigkeit der Masse bei ihnen grösser gewesen sei, als anderwärts, sondern dess- halb, weil bei ihnen die schwierigsten christlichen Ideale sich in Menschen verwandelt haben und nicht nurVor- stellung, Ansatz, Halbheit geblieben sind. Da steht Pasccd, in der Vereinigung von Gluth, Geist und Red- lichkeit der erste aller Christen, — und man erwäge, was sich hier zu vereinigen hatte! Da steht Fenelon, der vollkommene und bezaubernde Ausdruck der kirch- lichen Cultur in allen ihren Kräften: eine goldene Mitte, die man als Historiker geneigt sein könnte, als etwas Unmögliches zu beweisen, während sie nur etwas unsäglich Schwderiges und Unwahrscheinliches gewesen ist. Da steht Frau von Guyon unter ihres Gleichen, den französischen Quietisten: und Alles, was die Be- redtsamkeit und die Bnmst des Apostels Paulus vom Zustande der erhabensten, bebendsten, stillsten, ver- zücktesten Halbgöttlichkeit des Christen zu errathen gesucht hat, ist da Wahrheit geworden und hat dabei Digilized by Google 177 jene jüdische Zudringlichkeit, welche Paulus gegen Gott hat, abgestreift. Dank einer ächten, frauenhaften, feinen, vornehmen, altfranzösischen Naivität in Wort und Ge- bärde. Da steht der Gründer der Trappistenklöster, er, der mit dem asketischen Ideale des Christenthums den letzten Emst gemacht hat, nicht als eine Ausnahme unter Franzosen, sondern recht als Franzose: denn bis zu diesem Augenblick vermochte seine düstere Schöpfung nur unter Franzosen heimisch und kräftig zu bleiben, sie folgte ihnen in den Eisass und nach Algerien. Ver- gessen wir die Hugenotten nicht: schöner ist die Ver- einigung des kriegerischen und arbeitsamen Sinnes, der feineren Sitte und der christlichen Strenge bisher nicht dagewesen. Und in Port Royal kam zum letzten Male das grosse christliche Gelehrtenthum zum Blühen: und das Blühen verstehen grosse Menschen in Frankreich besser, als anderwärts. Ferne davon, oberflächlich zu sein, hat ein grosser Franzose immer doch seine Ober- fläche, eine natürliche Haut für seinen Inhalt und seine Tiefe, — während die Tiefe eines grossen Deutschen zumeist wie in einer krausförmigen Kapsel verschlossen gehalten \\ürd, als ein Elixir, das vor Licht und leicht- fertigen Händen durch seine harte und wunderliche Hülle sich zu schützen sucht. — Und nun errathe man, warum dieses Volk der vollendeten Typen der Christlich- keit auch die vollendeten Gegentypen des unchrist- lichen Freigeistes erzeugen musste! Der französische Freigeist kämpfte in sich immer mit grossen Menschen und nicht nur mit Dogmen und erhabenen Missgeburten, ^vie die Freigeister anderer Völker. Nietzsche, Morg^enröthe. 12 Digilized by Google 178 193- Esprit und Moral. — Der Deutsche, welcher sich auf das Geheimniss versteht, mit Geist, Wissen und Ge- müth langweilig zu sein, und sich gewöhnt hat, die Langeweile als moralisch zu empfinden, — hat vor dem französischen esprit die Angst, er möchte der Moral die Augen ausstechen — und doch eine Angst und Lust, wie das Vöglein vor der Klapperschlange. Von den berühmten Deutschen hat vielleicht Niemand mehr esprit gehabt, als Hegel, — aber er hatte dafür auch eine so grosse deutsche Angst vor ihm, dass sie seinen eigen- thümlichen schlechten Stil geschaffen hat. Dessen Wesen ist nämlich, dass ein Kern umwickelt und nochmals und wiederum umwickelt wird, bis er kaum noch hindurch- blickt, verschämt und neugierig, — wie „junge Frau’n durch ihre Schleier blicken“, um mit dem alten Weiber- ha.sser Aeschylus zu reden — : jener Kern ist aber ein witziger, oft vorlauter Einfall über die geistigsten Dinge, eine feine, gew'agte Wortverbindung, wie so Etwas in die Gesellschaft von Denkern gehört, als Zukost der Wissenschaft, — aber in jenen Umwickelungen prä- sentirt es sich als abstruse Wissenschaft selber und durchaus als höchst moralische Langeweile! Da hatten die Deutschen eine ihnen erlaubte Form des esprit und sie genossen sie mit solchem ausgelassenen Ent- zücken, dass Schopenhauer’s giiter, sehr guter Verstand davor stille stand, — er hat zeitlebens gegen das Schau- spiel, welches ihm die Deutschen boten, gepoltert, aber es nie sich zu erklären vermocht. Digilized by Google 179 194- Eitelkeit der Morallehrer. — Der im Ganzen geringe Erfolg der Morallehrer hat darin seine Erklä- rung, dass sie zu viel auf Ein Mal wollten, das heisst, dass sie zu ehrgeizig waren: sie wollten allzugern Vor- schriften für Alle geben. Diess aber heisst im Unbe- stimmten schweifen und Reden an die Thiere halten, um sie zu Menschen zu machen: was Wunder, dass die Thiere diess langweilig finden! Man sollte begränzte Kreise sich aussuchen und für sie die Moral .suchen und fordern, also zum Beispiel Reden vor den Wölfen halten, um sie zu Hunden zu machen. Vor Allem aber bleibt der grosse Erfolg immer Dem, welcher weder Alle, noch begränzte Kreise, sondern Einen erziehen will und gar nicht nach rechts und links ausspäht. Das vorige Jahrhundert ist dem unseren eben dadurch über- legen, dass es in ihm so viele einzeln erzogene Men- schen gab, nebst eben so vielen Erziehern, welche hier die Aufgabe ihres Lebens gefunden hatten — und mit der Aufgabe auch Würde, vor sich und aller anderen „guten Gesellschaft“. 195- ^ Die sogenannte classische Erziehung. — Zu entdecken, dass unser Leben der Erkenntniss geweiht ist; dass wir es wegwerfen würden, nein! dass wir es weggeworfen hätten, wenn nicht diese Weihe es vor uns .selber .schützte; jenen Vers sich oft und mit Er- schütterung vorsprechen: „Schicksal, ich folge dir! Und wollt’ ich nicht, ich müsst' es doch und unter Seufzen thun!“ 12* Digitlzed by C> 180 — Und nun, bei einem Rückblick auf den Weg des Lebens, ebenfalls entdecken, dass Etwas nicht wieder gut zu machen ist: die Vergeudung unserer Jugend, als unsre Erzieher jene wissbegierigen , heissen und durstigen Jahre nicht dazu verwandten, uns derErkennt- niss der Dinge entgegenzuführen, sondern der sogenann- ten „classischen Bildung“! Die Vergeudung unserer Jugend, als man uns ein dürftiges Wissen um Grriechen und Römer und deren Sprachen ebenso ungeschickt, als quälerisch beibrachte und zuwider dem obersten Satze aller Bildung: dass man nur Dem, der Hunger darnach hat, eine Speise gebe! Als man uns Mathe- matik und Physik auf eine gewaltsame Weise aufzwang, anstatt uns erst in die Verzweiflung der Unwissenheit zu führen und unser kleines tägliches Leben, unsere Hantierungen und Alles, was sich zwischen Morgen und Abend im Hause, in der Werkstatt, am Himmel, in der Landschaft begiebt, in Tausende von Problemen aufzulösen, von peinigenden, beschämenden, aufreizen- den Problemen, — um unsrer Begierde dann zu zeigen, dass wir ein mathematisches und mechanisches Wissen zu allernächst nöthig haben und uns dann das erste wissenschaftliche Entzücken an der absoluten Folge- richtigkeit dieses Wissens zu lehren! Hätte man uns auch nur die Ehrfurcht vor diesen Wissenschaften gelehrt, hätte man uns mit dem Ringen und Unterliegen und Wieder -Weiterkämpfen der Grossen, von dem Mar- tyrium, welches die Geschichte der strengen Wissen- schaft ist, auch nur Ein Mal die Seele erzittern machen! Vielmehr blies uns der Hauch einer gewissen Gering- schätzung der eigentlichen Wissenschaften an, zu Gun- sten der Historie, der „formalen Bildung“ und der Digitized by Google 181 „Classicität“! Und wir Hessen uns so leicht betrügen! Formale Bildung! Hätten wir nicht auf die besten Lehrer unserer Gymnasien zeigen können, lachend und fragend: „wo ist denn da die formale Bildung? Und wenn sie fehlt, wie sollen sie dieselbe lehren?“ Und Classicität! Lernten wir Etwas von dem, worin gerade die Alten ihre Jugend erzogen? Lernten wir sprechen wie sie, schreiben wie sie? Übten wir uns unablässig in der Fechtkunst des Gesprächs, in der Dialektik? Lernten wir uns schön und stolz bewegen wie sie, ringen, werfen, faustkämpfen wie sie? Lernten wir Etwas von der prak- tischen Asketik aller griechischen Philosophen? Wurden wir in einer einzigen antiken Tugend geübt und in der Weise, wie die Alten sie übten? Fehlte nicht überhaupt das ganze Nachdenken über Moral in unserer Erziehung, um wieviel mehr gar die einzig mögUche Kritik desselben, jene strengen und muthigen Versuche, in dieser oder jener Moral zu leben? Erregte man in uns irgend ein Gefühl, das den Alten höher galt, als den Neueren? Zeigte man uns die Eintheilung des Tages und des Lebens und die Ziele über dem Leben in einem antiken Geiste? Lernten wir auch nur die alten Sprachen so, wie wir die lebender Völker lernen, — nämlich zum Sprechen und zum Bequem- und Gut-Sprechen? Nirgends ein wirkliches Können, ein neues Vermögen als Ergeb- niss mühseliger Jahre! Sondern ein Wissen darum, was ehemals Menschen gekonnt und vermocht haben! Und was für ein Wissen! Nichts wird mir von Jahr zu Jahr deutlicher, als dass alles griechische und antike Wesen, so schlicht und weltbekannt es vor uns zu liegen scheint, sehr schwer verständlich, ja, kaum zugänglich ist, und dass die übliche Leichtigkeit, mit der von den Alten Digitized by (n .jfit 182 geredet wird, entweder eine Leichtfertigkeit oder ein alter erblicher Dünkel der Gedankenlosigkeit ist. Die ähnlichen Worte und Begriffe täuschen uns: aber hinter ihnen liegt immer eine Empfindung versteckt, welche dem modernen Empfinden fremd, unverständlich oder pein- lich sein müsste. Das sind mir Gebiete, auf denen- sich Knaben tummeln dürften! Genug, wir haben es gethan, als wir Knaben waren und uns beinahe für immer dabei einen Widerwillen gegen das Alterthum heimgeholt, den Wider^villen einer scheinbar allzugrossen Vertraulichkeit! Denn .so weit geht die stolze Einbildung unserer classischen Erzieher, gleichsam im Besitze der Alten zu sein, da,ss sie diesen Dünkel noch auf die Erzogenen überfliessen Icissen, nebst dem Verdachte, dass ein solcher Besitz nicht wohl selig machen könne, sondern dass er gut genug für rechtschaffene, arme, närrische alte Bücher- Drachen sei: „mögen diese auf ihrem Horte brüten! er wird wohl ihrer würdig sein!“ mit diesem stillen Hintergedanken vollendete sich unsere classische Erziehung. — Diess ist nicht wieder gilt zu machen — an uns! Aber denken w'ir nicht nur an uns! 196. Die persönlichsten Fragen der Wahrheit. — „Was ist Das eigentlich, was ich thue? Und was will gerade ich damit?“ — das ist die Frage der Wahrheit, welche bei unserer jetzigen Art Bildung nicht gelehrt und folglich nicht gefragt wird, für sie giebt es keine Zeit. Dagegen mit Kindern von Possen zu reden und nicht von der Wahrheit, mit Frauen, die später Mütter werden sollen, Artigkeiten zu reden und nicht von der *■ Wahrheit, mit Jünglingen von ihrer Zukunft und ihrem Digitized by Google 183 Vergnügen zu reden und nicht von der Wahrheit, — dafür ist immer Zeit und Lust da! — Aber was sind auch siebenzig Jahre! — das läuft hin und ist bald zu Ende; es liegt so Wenig daran, dass die Welle wisse, wie und wohin sie laufe! Ja, es könnte Klugheit sein, es nicht zu wissen. — „Zugegeben: aber stolz ist es nicht, auch nicht einmal darnach zu fragen; unsere Bildung macht die Menschen nicht stolz.“ — Um so besser! — „Wirklich?“ 197. Die Feindschaft der Deutschen gegen die Aufklärung. — Man Überschläge den Beitrag, den die Deutschen der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts mit ihrer geistigen Arbeit der allgemeinen Cultur ge- bracht haben und nehme erstens die deutschen Philo- sophen; sie sind auf die erste und älteste Stufe der Speculation zurückgegangen, denn sie fanden in Be- griffen ihr Genüge, anstatt in Erklärungen, gleich den Denkern träumerischer Zeitalter, — eine vonvdssen- schaftliche Art der Philosophie wmrde durch sie wieder lebendig gemacht. Zweitens die deutschen Historiker und Romantiker: ihre allgemeine Bemühung gieng da- hin, ältere, primitive Empfindungen und namentlich das Christenthum, die Volk.sseele, Volkssage, Volkssprache, die Mittelalterlichkeit, die orientalische Asketik, das Inderthum zu Ehren zu bringen. Drittens die Natur- forscher: sie kämpften gegen Newton’s und Voltaire’s Geist und suchten, gleich Goethe und Schopenhauer, den Gedanken einer vergöttlichten oder verteufelten Natur und ihrer durchgängigen ethischen und symbo- lischen Bedeutsamkeit wieder aufrecht zu stellen. Der ganze grosse Hang der Deutschen gieng gegen die Auf- • Digitized by Cwogle 184 klärung, und gegen die Revolution der Gesellschaft, welche mit grobem Missverständniss als deren Folge galt: die Pietät gegen alles noch Bestehende suchte sich in Pietät gegen Alles, was bestanden hat, umzu- setzen, nur damit Herz und Geist wieder einmal voll würden und keinen Raum mehr für zukünftige und neuernde Ziele hätten. Der Cultus des Gefühls wurde aufgerichtet an Stelle des Cultus’ der Vernunft, und die deutschen Musiker, als die Künstler des Unsicht- baren, Schwärmerischen, Märchenhaften, Sehnsüchtigen, bauten an dem neuen Tempel erfolgreicher, als alle Künstler des Wortes und der Gedanken. Bringen wir in Anrechnung, dass unzähliges Gute im Einzelnen ge- sagt und erforscht worden ist und Manches seitdem billiger beurtheilt wird, als jemals: so bleibt doch übrig, vom Ganzen zu sagen, da.ss es keine geringe allge- meine Gefahr war, unter dem Anscheine der voll- und endgültigsten Erkenntniss des Vergangenen die Erkenntniss überhaupt unter das Gefühl hinabzudrücken und — um mit Kant zu reden, der so seine eigene 'Aufgabe bestimmte — „dem Glauben wieder Bahn zu machen, indem man dem Wissen seine Gränzen wies.“ Athmen wir wieder freie Luft: die Stunde dieser Ge- fahr ist vorübergegangen! Und seltsam: gerade die Geister, welche von den Deutschen so beredt beschworen wurden, sind auf die Dauer den Absichten ihrer Be- schwörer am schädlichsten geworden, — die Historie, das Verständniss des Ursprungs und der Entwickelung, die Mitempfindung für das Vergangene, die neu erregte Leidenschaft des Gefühls und der Erkenntniss, nachdem sie alle eine Zeit lang hülfreiche Gesellen des ver- dunkelnden, schwärmenden, zurückbildenden Geistes Digitized by Google 185 schienen, haben eines Tages eine andere Natur ange- nommen und fliegen nun mit den breitesten Flügeln an ihren alten Beschwörern vorüber und hinauf, als neue und stärkere Genien eben jener Aufklärung, wider welche sie beschworen waren. Diese Aufklärung haben wrir jetzt weiterzuführen, — unbekümmert darum, dass es eine „grosse Revolution“ und wiederum eine „grosse Reaction“ gegen dieselbe gegeben hat, ja dass es Beides noch giebt: es sind doch nur Wellenspiele, im Vergleiche mit der wahrhaft grossen Fluth, in wel- cher wir treiben und treiben wollen! iq8. Seinem Volke den Rang geben. — Viele grosse innere Erfahrungen haben, und auf und über ihnen mit einem geistigen Auge ruhen, — das macht die Men- schen der Cultur, welche ihrem Volke den Rang geben. In Frankreich und Italien that diess der Adel, in Deutsch- land, wo der Adel bisher im Ganzen zu den Armen im Geiste gehörte (vielleicht nicht mehr auf lange), thaten es Priester, Lehrer und deren Nachkommen. 199. Wir sind vornehmer. — Treue, Grossmuth, die .Scham des guten Rufs; diese Drei in Einer Gesinnung verbunden — das nennen wir adelig, vornehm, edel, und damit übertreffen wir die Griechen. Wir wollen es ja nicht preisgeben, aus dem Gefühle, dass die alten Gegenstände dieser Tugenden in der Achtung gesunken sind (imd mit Recht), sondern behutsam diesem unserem köstlichen Erbtriebe neue Gegenstände unterschieben. — Um zu begreifen, dass die Gesinnung der vornehmsten Digitized by Cn<)gle 186 Griechen inmitten unserer immer noch ritterlichen und feudalistischen Vornehmheit als gering und kaum an- ständig empfunden werden müsste, erinnere man sich jenes Trostspruches, den Odysseus in schmählichen Lagen im Munde führt: „Ertrag’ es nur, mein liebes Herz! du hast schon Hundemässigeres ertragen!“ Und dazu nehme man als Nutzanwendung des mythischen Vorbildes die Geschichte von jenem athenischen Officier, der, vor dem ganzen Generalstabe, von einem andern Officier mit dem Stocke bedroht, diese Schmach mit dem Worte von sich abschüttelte: „Schlag’ mich nur! Nun aber höre mich auch!“ (Diess that Themistokles, jener viel- gewandte Odysseus des classischen Zeitalters, der recht der Mann dazu war, in diesem schmählichen Augenblick jenen Trost- und Nothvers an sein „liebes Herz“ hin- unterzuschicken.) Es lag den Griechen ferne, Leben und Tod einer Beschimpfung halber so leicht zu nehmen, wie wir es thun, unter dem Eindruck vererbter ritter- licher Abenteuerlichkeit und Opferlust; oder Gelegen- heiten aufzusuchen, wo man Beides auf ein ehrenvolles Spiel setzen könne, wie wir bei Duellen; oder die Er- haltung des guten Namens (Ehre) höher zu achten, als die Eroberung des bösen Namens, wenn Letzteres mit Ruhm und Machtgefühl verträglich ist; oder den stän- dischen Vorurtheilen und Glaubensartikeln Treue zu halten, wenn sie verhindern könnten, ein Tyrann zu werden. Denn diess ist das unedle Geheimniss jedes guten griechischen Aristokraten:' er hält aus tiefster Eifersucht jeden seiner Standesgenossen auf gleichem Fusse mit sich, ist aber jeden Augenblick wie ein Tiger bereit, auf seine Beute, die Gewaltherrschaft, loszu- stürzen: was ist ihm dabei Lüge, Mord, Verrath, Ver- Digitized by Google 187 kauf der Vaterstadt! Die Gerechtigkeit \vurde dieser Art Menschen ausserordentlich schwer, sie galt beinahe für etwas Unglaubliches; „der Gerechte“ — das klang unter Griechen wne „der Heilige“ unter Christen. Wenn aber gar Sokrates sagte: „der Tugendhafte ist der Glücklichste“, so traute man seinen Ohren nicht, man glaubte etwas Verrücktes gehört zu haben. Denn bei dem Bilde des Glücklichsten dachte jeder Mann vor- nehmer Abkunft an die vollendete Rücksichtslosigkeit und Teufelei des Tyrannen, der seinem Übermuthe und seiner Lust Alles und Alle opfert. Unter Menschen, welche im Geheimen über ein solches Glück wild phan- tasirten, konnte freilich die Verehrung des Staates nicht tief genug gepflanzt werden, — aber ich meine: Men- schen, deren Machtgelüst nicht mehr so blind wüthet, wie das jener vornehmen Griechen, haben auch jene Abgötterei des Staats-Begriffes nicht mehr nöthig, mit welcher damals jenes Gelüst im Zaume gehalten %%oirde. 200. Armuth ertragen. — Der grosse Vorzug adeliger Abkunft ist, dass sie die Armuth besser ertragen lä.sst. 201. Zukunft des Adels. — Die Gebärden der vor- nehmen Welt drücken aus, dass in ihren Gliedern fort- während das Bewusstsein der Macht sein reizvolles Spiel spielt. So lässt sich der Mensch von adeliger Sitte, Mann oder Weib, nicht gern wie ganz erschöpft in den Sessel fallen, er vermeidet es, wo alle Welt es sich bequem macht, zum Beispiel auf der Eisenbahn, den Rücken anzulehnen, er scheint nicht müde zu werden. Digitized by Ci ii'glc 188 wenn er stundenlang bei Hofe auf seinen Füssen steht, er richtet sein Haus nicht auf das Behagliche, sondern grossräumig und würdevoll, wie zu einem Aufenthalt grösserer (auch längerer) Wesen ein, er beantwortet eine herausfordernde Rede mit Haltung und geistiger Helle, nicht wie entsetzt, zermalmt, beschämt, ausser Athem, nach Art des Plebejers. So wie er den An- schein einer beständig gegenwärtigen hohen physischen Kraft zu wahren weiss, wünscht er auch durch bestän- dige Heiterkeit und Verbindlichkeit, selbst in peinlichen Lagen, den Eindruck aufrecht zu erhalten, dass seine Seele und sein Geist den Gefahren und den Über- raschungen gewachsen ist. Eine vornehme Cultur kann in Absicht der Leidenschaften entweder dem Reiter gleichen, der Wonne empfindet, ein leidenschaftliches stolzes Thier im spanischen Tritt gehen zu lassen — man stelle sich das Zeitalter Ludwig’s des Vierzehnten • vor Augen — , oder dem Reiter, der sein Pferd wie eine Naturgewalt unter sich hinschiessen fühlt, hart an der Gränze, wo Pferd und Reiter den Kopf verlieren, aber im Genuss der Wonne, gerade jetzt noch den Kopf oben zu behalten: in beiden Fällen athmet die vornehme Cultur Macht, und wenn .sie sehr oft in ihren Sitten auch nur den Schein des Machtgefühls fordert, so wächst doch durch den Eindruck, welchen dieses Spiel auf die Nicht -Vornehmen macht, und durch das Schauspiel dieses Eindrucks, das wrkliche Gefühl der Überlegenheit fortwährend. — Diess unbestreitbare Glück der vornehmen Cultur, welches auf dem Gefühl der Überlegenheit sich aufbaut, beginnt jetzt auf eine noch höhere Stufe zu steigen, da es nunmehr. Dank allen freien Geistern, dem adelig Geborenen und Er- Digitized by Google 189 zogenen erlaubt und nicht mehr schimpflich ist, in den Orden der Erkenntniss zu treten und dort geistigere Weihen zu holen, höhere Ritterdienste zu lernen, als bisher, und zu jenem Ideal der siegreichen Weis- heit aufzuschauen, welches noch keine Zeit mit so gutem Gewissen vor sich aufstellen durfte, wie die Zeit, welche gerade jetzt kommen will. Zu guterletzt: wo- mit soll sich denn fürderhin der Adel beschäftigen, wenn es von Tag zu Tage mehr den Anschein hat, dass es unanständig wird, sich mit Politik zu befassen? 202. Zur Pflege der Gesundheit. — Man hat kaum angefangen, über die Physiologie der Verbrecher nach- zudenken und doch steht man schon vor der unabweis- lichen Einsicht, dass zwischen Verbrechern und Geistes- kranken kein wesentlicher Unterschied besteht: voraus- gesetzt, dass man glaubt, die übliche moralische Denkweise sei die Denkweise der geistigen Gesund- heit. Kein Glaube aber wird jetzt so gut noch ge- glaubt, wie dieser, und so scheue man sich nicht, seine Consequenz zu ziehen und den Verbrecher wie einen Geisteskranken zu behandeln: vor Allem nicht mit hoch- müthiger Barmherzigkeit, sondern mit ärztlicher Klug- heit, ärztlichem guten Willen. Es thut ihm Luftwechsel, andere Gesellschaft, zeitweiliges Verschwinden, vielleicht Alleinsein und eine neue Beschäftigung noth, — gut! Vielleicht findet er es selber in seinem Vortheil, eine Zeit hindurch in einem Gewahrsam zu leben, um so Schutz gegen sich selber und einen lästigen tyranni- schen Trieb zu finden, — gut! Man soll ihm die Mög- lichkeit und die Mittel des Geheiltwerdens (der Aus- Dioitized bv Go ^.'Ic 190 rottung, Umbildung, Sublimirung jenes Triebes) ganz klar vorlegen, auch, im schlimmen Falle, die Unwahr- scheinlichkeit desselben; man soll dem unheilbaren Ver- brecher, der sich selber zum Greuel geworden ist, die Gelegenheit zum Selbstmord anbieten. Diess als äusser- stes Mittel der Erleichterung Vorbehalten: soll man Nichts verabsäumen, um vor Allem dem Verbrecher den guten Muth und die Freiheit des Gemüthes wieder zu geben; man soll Gewissensbisse wie eine Sache der Unreinlichkeit ihm von der Seele wischen und ihm Fingerzeige geben, wie er den Schaden, welchen er vielleicht an dem Einen geübt, durch eine Wohlthat am Anderen, ja vielleicht an der Gesammtheit ausglei- chen und überbieten könne. Alles in äusserster Scho- nung! Und namentlich in Anonymität oder unter neuen Namen und mit häufigerem Ortswechsel, damit die Un- bescholtenheit des Rufes und sein künftiges Leben so wenig wie möglich dabei Gefahr laufe. Jetzt zwar will immer noch Der, welchem ein Schaden zugefugt ist, ganz abgesehen davon, wie dieser Schaden etwa g^t zu machen ist, seine Rache haben und wendet sich ihrethalben an die Gerichte, — und diess hält einst- weilen unsere abscheulichen Strafordnungen noch auf- recht, sammt ihrer Krämerwage und dem Aufwiegen- wollen der Schuld durch die Strafe: aber dürften wir nicht hierüber hinaus kommen können? Wie er- leichtert wäre das allgemeine Gefühl des Lebens, wenn man mit dem Glauben an die Schuld auch vom alten Instinct der Rache sich losmachte und es selbst als eine feine Klugheit der Glücklichen betrachtete, mit dem Christenthum den Segen über seine Feinde zu sprechen und Denen wohlzuthun, die uns beleidigt Digitized by Google 191 haben! Schaffen wir den Begriff der Sünde aus der Welt — und schicken wir ihm den Begriff der Strafe bald hinterdrein! Mögen diese verbannten Unholde irgendwo anders fürderhin, als unter Menschen, leben, wenn sie durchaus leben wollen und nicht am eigenen Ekel zu Grunde gehen! — Inzwischen erwäge man, dass die Einbusse, welche die Gesellschaft und die Einzelnen durch die Verbrecher erleiden, der Einbusse ganz gleich- artig ist, welche sie von den Kranken erleiden: die Kranken verbreiten Sorge, Missmuth, produciren nicht, zehren den Ertrag Anderer auf, brauchen Wärter, Ärzte, Unterhaltung und leben von der Zeit und den Kräften der Gesunden. Trotzdem würde man jetzt Den als unmenschlich bezeichnen, welcher dafür an den Kranken Rache nehmen wollte. Ehedem freilich that man diess; in rohen Zuständen der Cultur und jetzt noch bei man- chen wilden Völkern, wird der Kranke in der That als Verbrecher behandelt, als die Gefahr der Gemeinde und als Wohnsitz irgend eines dämonischen Wesens, welches sich ihm in Folge einer Schuld einverleibt hat, — da heisst es: jeder Kranke ist ein Schuldiger! Und wir, — sollten wir noch nicht reif für die entgegen- gesetzte Anschauung sein? sollten wir noch nicht sagen dürfen: jeder „Schuldige“ ist ein Kranker? — Nein, die Stunde dafür ist noch nicht gekommen. Noch fehlen vor Allem die Ärzte, für welche Das, was wir bisher praktische Moral nannten, sich in ein Stück ihrer Heil- kunst und Heilwissenschaft umgewandelt haben muss; noch fehlt allgemein jenes hungrige Interesse an diesen Dingen, das vielleicht einmal dem Sturm und Drang jener alten religiösen Erregungen nicht unähnlich er- scheinen wird; noch sind die Kirchen nicht im Besitz Digitized by ^Ic 192 der Pfleger der Gesundheit; noch gehört die Lehre von dem Leibe und von der Diät nicht zu den Verpflich- tungen aller niederen und höheren Schulen; noch giebt es keine stillen Vereine Solcher, welche sich unter ein- ander verpflichtet haben, auf die Hülfe der Gerichte und auf Strafe und Rache an ihren Übelthätern zu ver- zichten; noch hat kein Denker den Muth gehabt, die Gesundheit einer Gesellschaft und der Einzelnen dar- nach zu bemessen, wie viel Parasiten sie ertragen kann, und noch fand sich kein Staatengründer, welcher die Pflugschar im Geiste jener freigebigen und mildherzigen Rede führte; „willst du das Land bauen, so baue mit dem Pfluge: da geneusst dein der Vogel und der Wolf, der hinter deinem Pfluge geht, — es geneusst dein alle Creatur.“ 203. Gegen die schlechte Diät. — Pfui über die Mahlzeiten, welche jetzt die Menschen machen, in den Gasthäusern sowohl als überall, wo die wohlbestellte Classe der Gesellschaft lebt! Selbst wenn hochansehn- liche Gelehrte Zusammenkommen, ist es die selbe Sitte, welche ihren Tisch wie den des Banquiers füllt: nach dem Gesetz des „Viel zu viel“ und des „Vielerlei“, — woraus folgt, dass die Speisen auf den Effect und nicht auf die Wirkung hin zubereitet werden, und aufregende Getränke helfen müssen, die Schwere im Magen und Gehirn zu vertreiben. Pfui, welche Wüstheit und Über- empfindsamkeit muss die allgemeine Folge sein! Pfui, welche Träume müssen ihnen kommen! Pfui, welche Künste und Bücher werden der Nachtisch solcher Mahl- zeiten sein! Und mögen sie thun, was sie wollen: in ihrem Thun wird der Pfeffer und der Widerspruch oder Digitized by Google 193 die Weltmüdigkeit regieren! (Die reiche Classe in Eng- land hat ihr Christenthum nöthig, um ihre Verdauungs- beschwerden und ihre Kopfschmerzen ertragen zu kön- nen.) Zuletzt, um das Lustige an der Sache und nicht nur deren Ekelhaftes zu sagen, sind diese Menschen keineswegs Schlemmer; unser Jahrhundert und seine Art Geschäftigkeit ist mächtiger über ihre Glieder, als ihr Bauch: weis wollen also diese Mahlzeiten? — Sie re- präsentiren! Was, in aller Heiligen Namen? Den Stand? — Nein, das Geld: man hat keinen Stand mehr! Man ist „Individuum“! Aber Geld ist Macht, Ruhm, Würde, Vorrang, Einfluss; Geld macht jetzt das grosse oder kleine moralische Vorurtheil für einen Menschen, je nachdem er davon hat! Niemand will es unter den Scheffel, Niemand möchte es auf den Tisch stellen; folglich muss das Geld einen Repräsentanten haben, den man auf den Tisch stellen kann: siehe unsere Mahl- zeiten! — 204. Danae und Gott im Golde. — Woher diese unmässige Ungeduld, welche jetzt den Menschen zum Verbrecher macht, in Zuständen, welche den entgegen- gesetzten Hang besser erklären würden? Denn, wenn Dieser falsches Gewicht gebraucht. Jener sein Haus an- brennt, nachdem er es hoch versichert hat, ein Dritter am Prägen falschen Geldes Antheil nimmt, wenn drei Viertel der höheren Gesellschaft dem erlaubten Betrüge nachhängt und am schlechten Gewissen der Börse und der Speculation zu tragen hat: was treibt sie? Nicht die eigentliche Noth, es geht ihnen nicht so ganz schlecht, vielleicht sogar essen und trinken sie ohne Sorge, — aber eine furchtbare Ungeduld darüber, dass das Geld sich zu Nietn che« Morfenrütbe. 13 Digitized by Göogle 194 langsam häuft und eine ebenso furchtbare Lust und Liebe zu gehäuftem Gelde drängt sie bei Tag und bei der Nacht. In dieser Ungeduld und dieser Liebe aber kommt jener Fanatismus des Machtgelüstes wieder zum Vorschein, welcher ehemals durch den Glauben, im Besitz der Wahrheit zu sein, entzündet wurde und der so schöne Namen trug, dass man es daraufhin wagen konnte, mit gutem Gewissen unmenschlich zu sein (Juden, Ketzer und gute Bücher zu verbrennen und ganze höhere Culturen wie die von Peru und Mexiko auszu- rotten). Die Mittel des Machtgelüstes haben sich ver- ändert, aber der selbe Vulcan glüht noch immer, die Un- geduld und die unmässige Liebe wollen ihre Opfer: und was man ehedem „um Gottes willen“ that, thut man jetzt um des Geldes willen, das heisst um dessen wllen, was jetzt am höchsten Machtgefühl und gutes Gewissen giebt. 205. Vom Volke Israel. — Zu den Schauspielen, auf welche uns das nächste Jahrhundert einladet, gehört die Entscheidung im Schicksale der europäischen Juden. Dass sie ihren Würfel geworfen, ihren Rubikon über- schritten haben, greift man jetzt mit beiden Händen: es bleibt ihnen nur noch übrig, entweder die Herren Europa’s zu werden oder Europa zu verlieren, so wie sie einst vor langen Zeiten Aegfj^pten verloren, wo sie sich vor ein ähnliches Entweder-Oder gestellt hatten. In Europa aber haben sie eine Schule von achtzehn Jahrhunderten durchgemacht, wie sie hier kein andres Volk aufweisen kann, und zwar so, dass nicht eben der Gemeinschaft, aber umsomehr den Einzelnen die Er- fahrungen dieser entsetzlichen Übungszeit zu Gute ge- Digitized by Google 195 kommen sind. In Folge davon sind die seelischen und geistigen Hülfsquellen bei den jetzigen Juden ausser- ordentlich ; sie greifen in der Noth am seltensten von Allen, die Europa bewohnen, zum Becher oder zum Selbstmord, um einer tiefen Verlegenheit zu entgehen, — was dem geringer Begabten so nahe liegt. Jeder Jude hat in der (ireschichte seiner Väter und Grossväter eine Fundgrube von Beispielen kältester Besonnenheit und Beharrlich- keit in furchtbaren Lagen, von feinster Überlistung und Ausnützung des Unglücks und des Zufalls; ihre Tapfer- keit unter dem Deckmantel erbärmlicher Unterwerfung, ihr Heroismus im spemere se spemi übertrifft die Tu- genden aller Heiligen. Man hat sie verächtlich machen wollen, dadurch dass man sie zwei Jahrtausende lang verächtlich behandelte und ihnen den Zugang zu allen Ehren, zu allem Ehrbaren verwehrte, dafür sie um so * tiefer in die schmutzigeren Gewerbe hineinstiess, — und wahrhaftig, sie sind unter dieser Procedur nicht rein- licher geworden. Aber verächtlich? Sie haben selber nie aufgehört, sich zu den höchsten Dingen berufen zu glauben, und ebenso haben die Tugenden aller Leiden- den nie aufgehört, sie zu schmücken. Die Art, wie sie ihre Väter und ihre Kinder ehren, die Vernunft ihrer Ehen und Ehesitten zeichnet sie unter allen Europäern aus. Zu alledem verstanden sie es , ein Gefühl der Macht und der ewigen Rache sich aus eben den Ge- werben zu schaffen, welche man ihnen überliess (oder denen man sie überliess); man muss es zur Entschul- digung selbst ihres Wuchers sagen, dass sie ohne diese gelegentliche angenehme und nützliche Folterung ihrer Verächter es schwerlich ausgehalten hätten, sich so lange selbst zu achten. Denn unsere Achtung vor uns selber '3* Digitized by Google 196 ist daran gebunden, dass wir Wiedervergeltung im Guten und Schlimmen üben können. Dabei reisst sie ihre Rache nicht leicht zu weit: denn sie haben Alle die Freisinnigkeit, auch die der Seele, zu welcher der häufige Wechsel des Ortes, des Klima’s, der Sitten von Nachbarn und Unterdrückern den Menschen erzieht, sie besitzen die bei Weitem grösste Erfahrung in allem menschlichen Verkehre und üben selbst in der Leiden- schaft noch die Vorsicht dieser Erfahrung. Ihrer gei- stigen Geschmeidigkeit und Gewitztheit sind sie so sicher, dass sie nie, selbst in der bittersten Lage nicht, nöthig haben, mit der physischen Kraft, als gfrobe Arbeiter, Lastträger, Ackerbausclaven ihr Brod zu enverben. Ihren Manieren merkt man noch an, dass man ihnen niemals ritterlich vornehme Empfindungen in die Seele und schöne Waffen um den Leib gegeben hat: etwas Zu- dringliches wechselt mit einer oft zärtlichen, fast stets peinlichen Unterwürfigkeit. Aber jetzt, da sie unver- meidlich v'on Jahr zu Jahr mehr sich mit dem besten Adel Europa’s verschwägern, werden sie bald eine gfute Erbschaft von Manieren des Geistes und Leibes gemacht haben: sodass sie in hundert Jahren schon vornehm genug dreinschauen werden, um als Herren bei den ihnen Unterworfenen nicht Scham zu erregen. Und darauf kommt es an! Desshalb ist ein Austrag ihrer Sache für jetzt noch verfrüht! Sie wi.ssen selber am besten, dass an eine Eroberung Europa’s und an irgend w'elche Gewaltsamkeit für sie nicht zu denken ist: wohl aber, dass Europa irgendwann einmal wie eine völlig reife Frucht ihnen in die Hand fallen dürfte, welche sich ihr nur leicht entgegenstreckt. Inzwischen haben sie dazu nöthig, auf allen Gebieten der euro- Digitized by Google 197 päischen Auszeichnung sich auszuzeichnen und unter den Ersten zu stehen: bis sie es so weit bringen, Das, was auszeichnen soll, selber zu bestimmen. Dann werden sie die Erfinder und Wegzeiger der Europäer heissen und nicht mehr deren Scham beleidigen. Und wohin soll auch diese Fülle angesammelter grosser Eindrücke, welche die jüdische Geschichte für jede jüdische Familie ausmacht, diese Fülle von Leidenschaften, Tugenden, Entschlüssen, Entsagungen, Kämpfen, Siegen aller Art, — wohin soll sie sich ausströmen, wenn nicht zuletzt in gfrosse geistige Menschen und Werke! Dann, wenn die Juden auf solche Edelsteine und goldene Gefasse als ihr Werk hinzuweisen haben, wie sie die europäischen Völker kürzerer und weniger tiefer Erfahrung nicht her- vorzubringen vermögen und vermochten, wenn Israel seine ewige Rache in eine ewige Segnung Europa’s ver- wandelt haben wird: dann wird jener siebente Tag wieder einmal da sein, an dem der alte Judengott sich seiner selber, seiner Schöpfung und seines auserwählten Volkes freuen darf, — und wir Alle, Alle wollen uns mit ihm freun ! 206. Der unmögliche Stand. — Arm, fröhlich und unabhängig! — das ist beisammen möglich; arm, fröh- lich und Sclave! — das ist auch möglich, — und ich wüsste den Arbeitern der Fabrik-Sclaverei nichts Besse- res zu sagen: gesetzt, sie empfinden es nicht überhaupt als Schande, dergestalt, wie es geschieht, als Schrau- ben einer Maschine und gleichsam als Lückenbüsser der menschlichen Erfindungskunst verbraucht zu werden! Pfui! zu glauben, dass durch höhere Zahlung das Wesentliche ihres Elends, ich meine, ihre unper- Digitized bv G' 198 sönliche Verknechtung, gehoben werden könne! Pfui! sich aufreden zu lassen, durch eine Steigerung dieser Unpersönlichkeit, innerhalb des maschinenhaften Getrie- bes einer neuen Gesellschaft könne die Schande der Sclaverei zur Tugend gemacht werden! Pfui! einen Preis zu haben, für den man nicht mehr Person, son- dern Schraube wird! Seid ihr die Mitverschworenen in der jetzigen Narrheit der Nationen, welche vor Allem möglichst Mel produciren und möglichst reich sein wollen? Eure Sache wäre es, ihnen die Gegenrechnung vorzuhalten: wie grosse Summen inneren Werthes für ein solches äusserliches Ziel weggeworfen werden! Wo ist aber euer innerer Werth, wenn ihr nicht mehr wisst, was frei athmen heisst? euch selber nicht einmal noth- dürftig in der Gewalt habt? eurer wie eines abgestan- denen Getränkes allzu oft überdrüssig werdet? nach der Zeitung hinhorcht und den reichen Nachbar an- schielt, lüstern gemacht durch das schnelle Steigen und Fallen von Macht, Geld und Meinungen? wenn ihr keinen Glauben mehr an die Philosophie, die Lumpen trägt, an die Freimüthigkeit des Bedürfnisslosen habt? wenn euch die freiwillige idyllische Armuth, Berufs- und Ehelosig- keit, wie sie recht wohl den Geistigeren unter euch anstehen sollte, zum Gelächter geworden ist? Dagegen die Pfeife der socialistischen Rattenfänger immer im Ohre tönt, die euch mit' tollen Hoffnungen brünstig machen wollen? welche euch heissen, bereit zu sein und Nichts weiter, bereit von heute auf morgen, sodass ihr auf Etwas von Aussen her wartet und wartet und in Allem sonst lebt, wie ihr sonst gelebt habt, — bis dieses Warten zum Hunger und zum Durst und zum Fieber und zum Wahnsinn wird, und endlich der Tag Digitized by Google 199 der bestia triumphans in aller Herrlichkeit aufgeht? — Dagegen sollte doch Jeder bei sich denken; „lieber aus wandern, in wilden und frischen Gegenden der Welt Herr zu werden suchen und \'or Allem Herr über mich selber; den Ort so lange wechseln, als noch irgend ein Zeichen von Sclaverei mir winkt; dem Abenteuer und dem Kriege nicht aus dem Wege gehen und für die schlimmsten Zufalle den Tod in Bereitschaft halten: nur nicht länger diese unanständige Knechtschaft, nur nicht länger diess Sauer- und Giftig- und Verschwörerisch- werden!“ Diess wäre die rechte Gesinnung: die Ar- beiter in Europa sollten sich als Stand fürderhin für eine Menschen -Unmöglichkeit, und nicht nur, wie mei- stens geschieht, als etwas hart und unzweckmässig Ein- gerichtetes erklären; sie sollten ein Zeitalter des grossen Ausschwärmens im europäischen Bienenstöcke herauf- führen, wie dergleichen bisher noch nicht erlebt wurde, und, durch diese That der Freizügigkeit im gfrossen Stil, gegen die Maschine, das Capital und die jetzt ihnen drohende Wahl protestiren, entweder Sclave des Staates oder Sclave einer Umsturz-Partei werden zu müssen. Möge sich Europa des vierten 'fheiles seiner Bewohner erleichtern! Ihm und ihnen wird es leichter um’s Herz werden! In der Feme erst, bei den Unternehmungen schwärmender Colonisten-Züge wird man recht erkennen, wie viel gute Vernunft und Billigkeit, wie viel gesundes Misstrauen die Mutter Europa ihren Söhnen einverleibt hat, — diesen Söhnen, welche es neben ihr, dem ver- dumpften alten Weibe, nicht mehr aushalten konnten und Gefahr liefen, griesgrämig, reizbar und genuss- süchtig, wie sie selber, zu werden. Ausserhalb Europa’s werden die Tugenden Europa’s mit diesen Arbeitern Digitized by Goüglc 200 auf der Wanderschaft sein; und Das, was zu gefähr- lichem Missmuth und verbrecherischem Hange inner- halb der Heimath zu entarten begann, wird draussen eine wilde schöne Natürlichkeit gewinnen und Herois- mus heissen. — So käme doch endlich auch wieder reinere Luft in das alte, jetzt übervölkerte und in sich brütende Europa! Mag es immerhin dann an „Arbeits- kräften“ etw'as fehlen! Vielleicht wird man sich dabei besinnen, dass man an viele Bedürfnisse sich erst seit- dem gewöhnt hat, als es so leicht wurde, sie zu be- friedigen, — man wird einige Bedürfnisse wieder ver- lernen! Vielleicht auch wird man dann Chinesen hereinholen: und diese würden die Denk- und Lebens- weise mitbringen, welche sich für arbeitsame Ameisen schickt. Ja, sie könnten im Gainzen dazu helfen, dem unruhigen und sich aufreibenden Europa etwas asiatische Ruhe und Betrachtsamkeit und — was am meisten wohl noth thut — asiatische Dauerhaftigkeit in’s Geblüt zu geben. 207. Verhalten der Deutschen zur Moral. — Ein Deutscher ist grosser Dinge fähig, aber es ist unwahr- scheinlich, dass er sie thut: denn er gehorcht, wo er kann, wie diess einem an sich trägen Geiste wohlthut. Wird er in die Noth gebracht, allein zu stehen und seine Trägheit abzuwerfen, ist es ihm nicht mehr mög- lich, als Ziffer in einer Summe unterzuducken (in dieser Eigenschaft ist er bei Weitem nicht so viel werth wie ein Franzose oder Engländer) — so entdeckt er seine Kräfte; dann wird er gefährlich, böse, tief, verwegen, und bringt den Schatz von schlafender Energie an’s Licht, den er in sich trägt und an den sonst Niemand Digitized by Google 201 (und er selber nicht) glaubte. Wenn ein Deutscher sich in solchem Falle selbst gehorcht — es ist die grosse Ausnahme — , so geschieht es mit der gleichen Schwer- fälligkeit, Unerbittlichkeit und Dauer, mit der er sonst seinem Fürsten, seinen amtlichen Obliegenheiten ge- horcht: sodass er, wie gesagt, dann gfrossen Dingen gewachsen ist, die zu dem „schwachen Charakter“, den er bei sich voraussetzt, in gar keinem Verhältniss stehen. Für gewöhnlich aber furchtet er sich, von sich allein abzuhängen, zu improvisiren: desshalb verbraucht Deutschland so viel Beamte, so viel Tinte. — Der Leicht- sinn ist ihm fremd, für ihn ist er zu ängstlich; aber in ganz neuen Lagen, die ihn aus der Schläfrigkeit her- ausziehen, ist er beinahe leichtsinnig; er geniesst dann die Seltenheit der neuen Lage wie einen Rausch, und er versteht sich auf den Rausch! So ist der Deutsche jetzt in der Politik beinahe leichtsinnig: hat er das Vor- urtheil der Gründlichkeit und des Ernstes auch hier für sich und benutzt er es im Verkehr mit den anderen po- litischen Mächten reichlich, so ist er doch insgeheim voller Übermuth, einmal schwärmen und launenhaft und neuerungssüchtig sein zu dürfen und mit Personen, Parteien, Hoffnungen wie mit Masken zu wechseln. — Die deutschen Gelehrten, welche bisher das Ansehen hatten, die Deutschesten unter den Deutschen zu sein, waren und sind vielleicht noch so gut wie die deutschen Soldaten, wegen ihres tiefen, fast kindlichen Hanges zum Gehorchen in allen äusseren Dingen und der Nöthigung, in der Wissenschaft viel allein zu stehen und Viel zu verantworten; wenn sie ihre stolze, schlichte und ge- duldige Art und ihre Freiheit von politischer Narrheit zu sichern wissen, in Zeiten, wo der Wind anders bläst, Digitized by Gi 202 so steht noch Grosses von ihnen zu erwarten: so wie sie sind (oder waren), sind sie der embryonische Zu- stand von etwas Höherem. — Der Vortheil und der Nachtheil der Deutschen, und selbst ihrer Gelehrten, war bisher, dass sie dem Aberglauben und der Lust, zu glauben, näher standen, als andere Völker; ihre Laster sind, nach wie vor, der Trunk und der Hang zum Selbstmord (dieser ein Zeichen von Schwerfällig- keit des Geistes, der schnell dazu gebracht werden kann, die Zügel wegzuwerfen) ; ihre Gefahr liegt in Allem, was die Verstandeskräfte bindet und die Affecte ent- fesselt (wie zum Beispiel der übermässige Gebrauch der Musik und der geistigen Getränke): denn der deutsche Affect ist gegen den eigenen Nutzen gerichtet und selbst- zerstörerisch wie der des Trunkenboldes. Die Begeiste- rung selber ist in Deutschland weniger werth, als ander- wärts, denn sie ist unfruchtbar. Wenn je ein Deutscher etwas Grosses th^t, so geschah es in der Noth, im Zu- stande der Tapferkeit, der zusammengebissenen Zähne, der gespanntesten Besonnenheit und oft der Grossmuth. — Der Umgang mit ihnen wäre wohl anzurathen, — denn fast jeder Deutsche hat Etwas zu geben, wenn man versteht, ihn dahin zu bringen, dass er es findet, wiederfindet (er ist unordentlich in sich). Wenn nun ein Volk dieser Art sich mit Moral abgiebt: welche Moral wird es sein, die gerade ihm genugthut? Sicher- lich wird es zuerst wollen, dass sein herzlicher Hang zum Gehorsam in ihr idealisirt erscheine. „Der Mensch muss Etwas haben, dem er unbedingt gehorchen kann“ — das ist eine deutsche Empfindung, eine deutsche Folgerichtigkeit: man begegnet ihr auf dem Grunde aller deutschen Morallehren. Wie anders ist der Eindruck, Digitized by Google 203 wenn man sich vor die gesammte antike Moral stellt! Alle diese griechischen Denker, so vielartig ihr Bild uns entgegenkommt, scheinen als Moralisten dem Tum- meister zu gleichen, der einem Jünglinge zuspricht „Komm! Folge mir! Ergieb dich meiner Zucht! So wirst du es vielleicht so hoch bringen, vor allen Helle- nen einen Preis davonzutragen.“ Persönliche Auszeich- nung, — das ist die antike Tugend. Sich unterwerfen, folgen, öffentlich oder in der Verborgenheit, — das Ist deutsche Tugend. Lange vor Kant und seinem kate- gorischen Imperativ hatte Luther aus der selben Em- pfindung gesagt; es müsse ein Wesen geben, dem der Mensch unbedingt vertrauen könne, — es war sein Gottesbeweis, er wollte, gröber und volksthümlicher als Kant, dass man nicht einem Begriff, sondern einer Person unbedingt gehorche und schliesslich hat auch Kant seinen Umweg um die Moral nur desshalb ge- nommen, um zum Gehorsam gegen die Person zu gelangen: das ist eben der Cultus des Deutschen, je weniger ihm gerade vom Cultus in der Religion übrig geblieben ist. Griechen und Römer empfanden anders und würden über ein solches „es muss ein Wesen geben“ — gespottet haben; es gehörte zu ihrer süd- ländischen Freiheit des Gefühls, sich des „unbedingten Vertrauens“ zu erw'ehren und im letzten Verschluss des Herzens eine kleine Skepsis gegen Alles und Jedes, sei es Gott oder Mensch oder Begriff, zurückzubehalten. Gar der antike Philosoph! Nil admirari — in diesem Satze sieht er die Philosophie. Und ein Deutscher, nämlich Schopenhauer, geht so weit im Gegentheil, zu sagen: admirari id est philosophari. — Wie aber nun, wenn der Deutsche einmal, wie es vorkommt, in den Digitized by k c 204 Zustand geräth, wo er grosser Dinge fähig ist? Wenn die Stunde der Ausnahme, die Stunde des Ungehor- sams kommt? — Ich glaube nicht, dass Schopenhauer mit Recht sagt, es sei der einzige Vorzug der Deut- schen vor anderen Völkern, dass es unter ihnen mehr Atheisten gebe, als anderwärts, — aber Das weiss ich: wenn der Deutsche in den Zustand geräth, wo er grosser Dinge fähig ist, so erhebt er sich allemal über die Moral! Und wie sollte er nicht? Jetzt muss er etwas Neues thun, nämlich befehlen — sich oder Anderen! Das Befehlen hat ihn aber seine deutsche Moral nicht gelehrt! Das Befehlen ist in ihr vergessen! Digitized by Google Viertes Buch. 2o8. Gewissensfrage. — „Und in summa: was wollt ihr eigentlich Neues?“ — Wir wollen nicht mehr die Ursachen zu Sündern und die Folgen zu Henkern machen. 209. Die Nützlichkeit der strengsten Theorien. — Man sieht einem Menschen viele Schwächen der Mora- lität nach und handhabt dabei ein grobes Sieb, vor- ausgesetzt, dass er sich immer zur strengsten Theorie der Moral bekennt! Dagegen hat man das Leben der freigeistischen Moralisten immer unter das Mikroskop gestellt: mit dem Hintergedanken, dass ein Fehltritt des Lebens das sicherste Argument gegen eine unwill- kommene Erkenntniss sei. 210. Das „an sich“. — Ehemals fragte man: was ist das Lächerliche? wie als ob es ausser uns Dinge gebe, welchen das Lächerliche als Eigenschaft anhafte, und man erschöpfte sich in Einfallen (ein Theologe meinte sogar, dass es „die Naivität der Sünde“ sei). Jetzt fragt man: was ist das Lachen? Wie entsteht dcis Lachen? Man hat sich besonnen und endlich festgestellt, dass es nichts Gutes, nichts Schönes, nichts Erhabenes, nichts Böse.s an sich giebt, wohl aber Seelenzustände, in denen wir die Dinge ausser und in uns mit solchen Worten belegen. Wir haben die Prädicate der Dinge wieder Digitized by Google 208 zurückgenommen, oder wenigstens uns daran er- innert, dass war sie ihnen geliehen haben: — sehen wir zu, dass wir bei dieser Einsicht die Fähigkeit zum • Verleihen nicht verlieren, und dass wir nicht zugleich reicher und geiziger geworden sind. 2 I I. An die Träumer der Unsterblichkeit. — Diesem schönen Bewusstsein eurer selbst wünscht ihr also ewige Dauer? Ist das nicht schamlos? Denkt ihr denn nicht an alle anderen Dinge, die euch dann in alle Ewigkeit zu ertragen hätten, wie sie euch bisher ertragen haben mit einer mehr als christlichen Geduld? Oder meint ihr, ihnen ein ewiges Wohlgefühl an euch geben zu können? Ein einziger unsterblicher Mensch auf der Erde wäre ja schon genug, um alles Andere, das noch da wäre, durch Überdruss an ihm in eine allgemeine Sterbe- und Aufhängewuth zu versetzen! Und ihr Erdenbewohner mit euren Begpäffelchen von ein 'paar Tausend Zeit- minütchen wollt dem ewigen allgemeinen Dasein ewig lästig fallen ! Giebt es etwas Zudringlicheres 1 — Zuletzt : seien wir milde gegen ein Wesen von siebenzig Jahren! — es hat seine Phantasie im Ausmalen der eignen „ewigen Langenw'eile“ nicht üben können, — es fehlte ihm an der Zeit! 212. Worin man sich kennt. — Sobald ein Thier ein anderes sieht, so misst es sich im Geiste mit ihm; und ebenso machen es die Menschen wilder Zeitalter. Dar- aus ergiebt sich, dass sich da jeder Mensch fast nur in Hinsicht auf seine Wehr- und Angriffskräfte kennen lernt. Digitized by Google 209 2>3- Die Menschen des verfehlten Lebens. — Die Einen sind aus solchem Stoffe, dass es der Ge- sellschaft erlaubt ist, Diess oder Jenes aus ihnen zu machen: unter allen Umständen werden sie sich gut dabei befinden und nicht über ein verfehltes Leben zu klagen haben. Andere sind von zu besonderem Stoffe — es braucht desshalb noch kein besonders edler, son- dern eben nur ein seltnerer zu sein — , als dass sie nicht sich schlecht befinden müssten, den einzigen Fall ausgenommen, dass sie ihrem einzigen Zwecke gemäss leben können: — in allen anderen Fällen hat die Ge- sellschaft den Schaden davon. Denn Alles, was dem Einzelnen als verfehltes, missrathenes Leben erscheint, seine ganze Bürde von Missmuth, Lähmung, Erkrankung, Reizbarkeit, Begehrlichkeit, wirft er auf die Gesellschaft zurück — und so bildet sich um sie eine schlechte dumpfe Luft und, im günstigsten Falle, eine Gewitter- wolke. 214. Was Nachsicht! — Ihr leidet, und verlangt, dass wir nachsichtig gegen euch sind, wenn ihr im Leiden den Dingen und Menschen Unrecht thut! Aber was liegt an unserer Nachsicht! Ihr aber solltet vorsich- tiger um euer selbst willen sein! Das ist eine schöne Art, sich für sein Leiden so zu entschädigen, dass man noch dazu sein Urtheil schädigt! Auf euch selber Fällt eure eigne Rache zurück, wenn ihr Etwas verun- glimpft; ihr trübt damit euer Auge, nicht das der Anderen: ihr gewöhnt euch an das Falsch- und Schief- Sehen! Nietstchef %[orgcnröthe. 1 4 Digitized by Google 210 2 15- Moral der Opferthiere. — „Sich begeistert hin- geben“, „sich selber zum Opfer bringen“ — diess sind die Stichworte eurer Moral, und ich glaube es gerne, dass ihr, wie ihr sagt, „es damit ehrlich meint“: nur kenne ich euch besser, als ihr euch kennt, wenn eure „Ehrlichkeit“ mit einer solchen Moral Arm in Arm zu gehen vermag. Ihr seht von der Höhe derselben herab auf jene andere nüchterne Moral, welche Selbstbeherr- schung, Strenge, Gehorsam fordert, ihr nennt sie wohl gar egoistisch, und gewiss! — ihr seid ehrlich gegen euch, wenn sie euch missfällt, — sie muss euch miss- fallen! Denn indem ihr euch begeistert hingebt und aus euch ein Opfer macht, geniesst ihr jenen Rausch des Gedankens, nunmehr eins zu sein mit dem Mäch- tigen, sei es ein Gott oder ein Mensch, dem ihr euch weiht: ihr schwelgt in dem Gefühle seiner Macht, die eben wieder durch ein Opfer bezeugt ist. In Wahrheit scheint ihr euch nur zu opfern, ihr wandelt euch viel- mehr in Gedanken zu Göttern um und geniesst euch als solche. Von diesem Genüsse aus gerechnet, — wie schwach und arm dünkt euch jene „egoistische“ Moral des Gehorsams, der Pflicht, der Vernünftigkeit: sie miss- fällt euch, weil hier wirklich geopfert und hingegeben werden muss, ohne dass der Opferer sich in einen Gott verwandelt wähnt, wie ihr wähnt. Kurz, ihr wollt den Rausch und das Übermaass, und jene von euch ver- achtete Moral hebt den Finger auf gegen Rausch und Übermaass, — ich glaube euch wohl, dass sie euch Missbehagen macht! Digitized by Google 211 21 6. Die Bösen und die Musik. — Sollte die volle Seligkeit der Liebe, welche im unbedingten Ver- trauen liegt, jemals anderen Personen zu Theil gewor- den sein, als tief misstrauischen, bösen und galligen? Diese nämlich gemessen in ihr die ungeheure, nie ge- glaubte und glaubliche Ausnahme ihrer Seele! Eines Tages kommt jene gränzenlose, traumhafte Empfindung über sie, gegen die sich ihr ganzes übriges heimliches und sichtbares Leben abhebt: wie ein köstliches Räthsel und Wunder, voll goldenen Glanzes und über alle Worte und Bilder hinaus. Dcis unbedingte Vertrauen macht stumm; ja, selbst ein Leiden und eine Schwere ist in diesem seligen Stummwerden, wesshalb auch solche ' vom Glück gedrückte .Seelen der Musik dankbarer zu sein pflegen, als alle anderen und besseren: denn durch die Musik hindurch sehen und hören sie, wie durch einen farbigen Rauch, ihre Liebe gleichsam ferner, rührender und weniger schwer geworden; Musik ist ihnen dtis einzige Mittel, ihrem ausserordentlichen Zu- stande zuzuschauen und mit einer Art von Entfrem- dung und Erleichterung erst seines Anblicks theilhaft zu werden. Jeder Liebende denkt bei der Musik: „sie redet von mir, sie redet an meiner Statt, sie weiss Alles!“ — 217. Der Künstler. — Die Deutschen wollen durch den Künstler in eine Art erträumter Passion kommen; die Italiäner wollen durch ihn von ihren wirklichen Pas- sionen ausruhen; die Franzosen wollen von ihm Gelegen- heit, ihr Urtheil zu beweisen, und Anlässe zum Reden haben. Also seien wir billig! >4’ Digitized by Google 212 218. Mit seinen Schwächen als Künstler schalten. Wenn wir durchaus Schwächen haben sollen und sie als Gesetze über uns endlich auch anerkennen müssen, so wün.sche ich Jedem wenig.stens so viel künstlerische Kraft, dass er aus seinen Schwächen die Folie seiner Tugenden und durch seine Schwächen uns begehrlich nach seinen Tugenden zu machen verstehe: Das, was in so ausgezeichnetem Maa.sse die grossen Musiker ver- standen haben. Wie häufig ist in Beethoven’s Musik ein grober rechthaberischer, ungeduldiger Ton, bei Mozart eine Jovialität biederer Gesellen, bei der Herz und Geist ein Wenig für lieb nehmen müssen, bei Richard Wagner eine abspringende und zudringende Unruhe, bei der dem Geduldigsten die gute Laune eben abhan- den kommen will: da aber kehrt er zu seiner Kraft zurück, und ebenso Jene; sie Alle haben uns mit ihren Schwächen einen Heisshunger nach ihren Tugenden und eine zehnmal empfindlichere Zunge für jeden Tropfen tönenden Geistes, tönender Schönheit, tönender Güte gemacht. 219. Der Betrug bei der Demüthigung. — Du ha.st deinem Nächsten mit deiner Unvernunft ein tiefes Leid zugefügt und ein unwiederbringliches Glück zerstört — und nun gewinnst du es über deine Eitelkeit, zu ihm zu gehen, du demüthigst dich vor ihm, giebst deine Unvernunft vor ihm der Verachtung preis und meinst, nach dieser harten, für dich äusserst beschwerlichen Scene sei im Grunde Alles wieder in Ordnung gebracht, — deine freiwillige Einbusse an Ehre gleiche die un- freiwillige Einbusse des Andern an Glück aus: mit Digitized by Google 213 diesem Gefühle gehst du erhoben und in deiner Tugend wiederhergestellt davon. Aber der Andere hat sein tiefes Leid wie vorher, es liegt ihm gar nichts Tröst- liches darin, dass du unvernünftig bist und es gesagt hast, er erinnert sich sogar des peinlichen Anblicks, den du ihm gegeben heist, als du dich vor ihm selbst verachtetest, wie einer neuen Wunde, welche er dir verdankt, — aber er denkt nicht an Rache und begreift nicht, wie zwischen dir und ihm Etwas ausgeglichen werden könnte. Im Grunde hast du jene Scene vor dir selber aufgeführt und für dich selber: du hattest einen Zeugen dazu eingeladen, deinetwegen wiederum und nicht seinetwegen, — betrüge dich nicht! 2 20. Würde und Furchtsamkeit. — Die Ceremonien, die Amts- und Standestrachten, die ernsten Mienen, das feierliche Dreinschauen, die langsame Gangart, die ge- wundene Rede und Alles überhaupt, was Würde heisst: das ist die Verstellungsform Derer, welche im Grunde furchtsam sind, — sie wollen damit furchten machen (sich oder Das, was sie repräsentiren). Die Furchtlosen, das heisst ursprünglich: die jederzeit und unzweifelhaft Fürchterlichen haben Würde und Ceremonien nicht nöthig, sie bringen die Ehrlichkeit, das Geradezu in Worten und Gebärden in Ruf und noch mehr in Ver- ruf, als Anzeichen der selbstbewussten Fürchterlichkeit. 22 1. Moralität des Opfers. — Die Moralität, welche sich nach der Aufopferung bemisst, ist die der halb- wilden Stufe. Die Vernunft hat da nur einen schwierigen Digitized by Google 214 und blutigen Sieg innerhalb der Seele, es sind gewal- tige Gegentriebe niederzuwerfen; ohne eine Art Grau- samkeit, wie bei den Opfern, welche kanibalische Götter verlangen, geht es dabei nicht ab. 222. Wo Fanatismus zu wünschen ist. — Phlegma- tische Naturen sind nur so zu begeistern, dass man sie fanatisirt. 223. Das gefürchtete Auge. — Nichts wird von Künst- lern, Dichtem und Schriftstellern mehr gefürchtet, als jenes Auge, welches ihren kleinen Betrug sieht, wel- ches nachträglich wahmimmt, wde oft sie an dem Gränz- wege gestanden haben, wo es entweder zur unschuldigen Lust an sich selber oder zum Effect-machen abführte; welches ihnen nachrechnet, wenn sie Wenig für Viel verkaufen wollten, wenn sie zu erheben und zu schmücken suchten, ohne selber erhoben zu sein; welches den Ge- danken durch allen Trug ihrer Kunst hindurch so sieht, wie er zuerst vor ihnen stand, vielleicht wie eine ent- zückende Lichtgestalt, vielleicht aber auch als ein Dieb- stahl an aller Welt, als ein Alltags -Gedanke, den sie dehnen, kürzen, färben, einwickeln, würzen mussten, um Etwas aus ihm zu machen, anstatt dass der Gedanke Etwas aus ihnen machte, — oh dieses Auge, welches alle eure Unruhe, euer Spähen und Gieren, euer Nach- machen und Überbieten (diess ist nur ein neidisches Nachmachen) eurem Werke anmerkt, welches eure Scham- röthe so gut kennt, wie eure Kunst, diese Röthe zu ver- bergen und v'or euch selber umzudeuten! Digitized by Google 215 224- Das „Erhebende“ am Unglück des Nächsten. Er ist im Unglück, und nun kommen die „Mitleidigen“ und malen ihm sein Unglück aus, — endlich gehen sie befriedigt und erhoben fort: sie haben sich an dem Entsetzen des Unglücklichen wie an dem eigenen Ent- setzen geweidet und sich einen guten Nachmittag gemacht. 225- Mittel, um schnell verachtet zu werden. — Ein Mensch, der schnell und viel spricht, sinkt ausser- ordentlich tief in unserer Achtung, nach dem kürzesten Verkehre, und selbst wenn er verständig spricht, — nicht nur in dem Maasse als er lästig fällt, sondern weit tiefer. Denn wir errathen, wie vielen Menschen er schon lästig gefallen ist, und rechnen zu dem Miss- behagen, das er macht, noch die Missachtung hinzu, w'elche wir für ihn voraussetzen. 226. Vom Verkehre mit Celebritäten. — A: Aber warum weichst du diesem grossen Manne aus? — B: Ich möchte ihn nicht verkennen lernen! Unsere Fehler vertragen sich nicht bei einander: ich bin kurzsichtig und misstrauisch, und er trägt seine falschen Diamanten so gern wie seine ächten. 227. Kettenträger. — Vonsicht vor allen Geistern, die an Ketten liegen! Zum Beispiel vor den klugen Frauen, welche ihr Schicksal in eine kleine, dumpfe Umgebung gebannt hat und die darin alt werden. Zwar liegen sie Digitized by Gctogle 216 scheinbar träge und halb blind in der Sonne da; aber bei jedem fremden Tritt, bei allem Unvermutheten fah- ren sie auf, um zu heissen ; sie nehmen an Allem Rache, was ihrer Hundehütte entkommen ist. 228. Rache im Lobe. — Hier ist eine geschriebene Seite voller Lob, und ihr nennt sie flach; aber wenn ihr errathet, dass Rache in diesem Lobe verborgen liegt, so werdet ihr sie fast überfein finden und an dem Reichthum kleiner kühner .Striche und Figuren euch sehr ergötzen. Nicht der Mensch, sondern seine Rache ist so fein, reich und erfinderisch; er selber merkt kaum Etwas davon. 22g. Stolz. — Ach, ihr kennt alle das Gefühl nicht, welches der Gefolterte nach der Folterung hat, wenn er in die Zelle zurückgebracht wird und sein Geheim- nis mit ihm! — er hält es immer noch mit den Zähnen fest. Was wisst ihr vom Jubel des menschlichen Stolzes! 230. „Utilitarisch“. — Jetzt gehen die Empfindungen in moralischen Dingen so kreuz und quer, dass man für diesen Menschen eine Moral durch ihre Nützlichkeit beweist, für jenen gerade durch die Nützlichkeit widerlegt. 231- Von der deutschen Tugend. — Wie entartet in seinem Geschmack, wie .sclavisch vor Würden, Stän- den, Trachten, Pomp und Prunk muss ein Volk gewesen sein, als es das Schlichte als das Schlechte, den Digitized by Google 217 schlichten Mann als den schlechten Mann abschätzte! Man soll dem moralischen Hochmuthe der Deutschen immer diess Wörtlein „schlecht“ und Nichts weiter ent- gegenhalten ! 232. Aus einer Disputation. — A: Freund, Sie haben sich heiser gesprochen! — B: So bin ich widerlegt. Reden wir nicht weiter davon. 233- Die „Gewissenhaften“. — Habt ihr Acht ge- geben, was für Menschen am meisten Werth auf strengste Gewissenhaftigkeit legen? Die, welche sich vieler er- bärmlicher Empfindungen bewusst sind, ängstlich von sich und an sich denken und Angst vor Anderen haben, die ihr Inneres so sehr wie möglich verbergen wollen, — sie suchen sich selber zu imponiren, durch jene Strenge der Gewnssenhaftigkeit und Härte der Pflicht, vermöge des strengen und harten Eindrucks, den An- dere von ihnen dadurch bekommen müssen (namentlich Untergebene). 234- Scheu vor dem Ruhme. — A: Dass Einer seinem Ruhme ausweicht, dass Einer seinen Lobredner absicht- lich beleidigt, dass Einer sich scheut, Urtheile über sich zu hören, aus Scheu vor dem Lobe, — das findet man, das giebt es, — glaubt oder glaubt es nicht! — B: Das findet sich, das giebt sich! Nur etwas Ge- duld, Junker Hochmuth! — 235- Dank abweisen. — Man darf wohl eine Bitte ab- weisen, aber nimmermehr darf man einen Dank ab- Digitized by Google 218 weisen (oder, was das Selbe ist, ihn kalt und conven- tionell annehmen). Diess beleidigt tief — und warum? 236. Strafe. — Ein seltsames Ding, unsere Strafe! Sie reinigt nicht den Verbrecher, sie ist kein Abbüssen: im Gegentheil, sie beschmutzt mehr, als dcis Verbrechen selber. 237- Eine Partei noth. — Es giebt eine lächerliche, aber nicht ungefährliche Betrübniss fast in jeder Partei: an ihr leiden alle Die, welche die jahrelangen, treuen und ehrenwerthen Verfechter der Parteimeinung waren und plötzlich, eines Tages, merken, dass ein viel Mäch- tigerer die Trompete in die Hand genommen hat. Wie wollen sie es ertragen, stumm gemacht zu sein! Und so werden sie laut und mitunter in neuen Tönen. 238. Das Streben nach Anmuth. — Wenn eine starke Natur nicht den Hang der Grausamkeit hat und nicht immer von sich selber occupirt ist, .so strebt sie unwill- kürlich nach Anmuth, — diess ist ihr Abzeichen. Die schwachen Charaktere dagegen lieben die herben Ur- theile, — sie gesellen sich zu den Helden der Menschen- verachtung, zu den religiösen oder philosophischen An- schwärzern des Daseins oder ziehen sich hinter strenge Sitten und peinliche „Lebensberufe'* zurück; so suchen sie sich einen Charakter und eine Art Stärke zu schaffen. Und diess thun sie ebenfalls unwillkürlich. Digitized by Google 219 239- Wink für Moralisten. — Unsere Musiker haben eine grosse Entdeckung gemacht: die interessante H ässlichkeit ist auch in ihrer Kunst möglich! Und so werfen sie sich in diesen eröffneten Ozean des Häss- lichen, wie trunken, und noch niemals war es so leicht, Musik zu machen. Jetzt hat man erst den allgemeinen dunkelfarbigen Hintergrund gewonnen, auf dem ein noch so kleiner Lichtstreifen schöner Musik den Glanz von Gold und Smaragd erhält; jetzt wagt man erst den Zuhörer in Sturm, Empörung und ausser Athem zu bringen, um ihm nachher durch einen Augenblick, des Hinsinkens in Ruhe ein Gefühl der Seligkeit zu geben, welches der Schätzung der Musik überhaupt zu Gute kommt. Man hat den Contrast entdeckt: jetzt erst sind die stärksten Effecte möglich — und wohlfeil: Niemand fragt mehr nach guter Mu.sik. Aber ihr müsst euch beeilen! Es ist für jede Kunst nur eine kurze Spanne Zeit noch, wenn sie erst zu dieser Entdeckung gelangt ist. — Oh, wenn unsere Denker Ohren hätten, um in die .Seelen unserer Musiker, vermittelst ihrer Musik, hineinzuhören! Wie lange muss man warten, ehe solch eine Gelegenheit sich wiederfindet, den innerlichen Men- schen auf der bösen 'Fhat und in der Unschuld dieser That zu ertappen! Denn unsere Musiker haben nicht den leisesten Geruch davon, dass sie ihre eigene Ge- schichte, die Geschichte der Verhässlichung der Seele, in Musik setzen. Ehemals musste der gute Musiker beinahe um seiner Kunst wdllen ein guter Mensch wer- den — . Und jetzt! I Digitized by Google 220 240. Von der Moralität der Schaubühne. — Wer da meint, Shakespeare’s Theater wirke moralisch und der Anblick des Macbeth ziehe unwiderstehlich vom Bösen des Ehrgeizes ab, der irrt sich: und er irrt sich noch einmal, wenn er glaubt, Shakespeare selber habe so empfunden wie er. Wer wirklich vom rasenden Ehr- geiz besessen ist, sieht diess sein Bild mit Lust; und wenn der Held an seiner Leidenschaft zu Grunde geht, so ist diess gerade die schärfste Würze in dem heissen Getränke dieser Lust. Empfand es der Dichter denn anders? Wie königlich, und durchaus nicht .schurken- haft, läuft sein Ehrgeiziger vom Augenblick des grossen Verbrechens an seine Bahn! Erst von da ab zieht er „dämonisch“ an und reizt ähnliche Naturen zur Nach- ahmung auf; — dämonisch heisst hier: zum Trotz gegen Vortheil und Leben, zu Gunsten eines Gedankens und Triebes. Glaubt ihr denn, Tristan und Isolde gäben dadurch eine Lehre gegen den Ehebruch, dass sie Beide an ihm zu Grunde gehen? Diess hiesse die Dichter auf den Kopf stellen: welche, wie namentlich Shcike- speare, verliebt in die Leidenschaften an sich sind, und nicht am geringsten in ihre todbereiten Stimmungen: — jene, wo das Herz nicht fester mehr am Leben hängt, als ein Tropfen am Glase. Nicht die Schuld und deren schlintmer Ausgang liegt ihnen am Herzen, dem Shake- speare so wenig wie dem Sophokles (im Ajax, Philoktet, Oedipus): so leicht es gewesen wäre, in den genannten Fällen die Schuld zum Hebel des Drama’s zu machen, so bestimmt ist diess gerade vermieden. Ebensowenig will der Tragödiendichter mit seinen Bildern des Lebens gegen das Leben einnehmen! Er ruft vielmehr; „es ist Digitized by Google 221 der Reiz allen Reizes, dieses aufregende, wechselnde, gefährliche, düstere und oft sonnendurchglühte Dasein! Es ist ein Abenteuer, zu leben, — nehmt diese oder jene Partei darin, immer wird es diesen Charakter be- halten!“ — So spricht er aus einer unruhigen und kraft- vollen Zeit heraus, die von ihrer Überfülle an Blut und Energie halb trunken und betäubt ist, — aus einer böseren Zeit heraus, als die unsere ist: wesshalb wir nöthig haben, uns den Zweck eines Shakespearischen Drama’s erst zurecht und gerecht zu machen, das heisst, es nicht zu verstehen. 241. Furcht und Intelligenz. — Wenn es wahr ist, was man jetzt des Bestimmtesten behauptet, da.ss die Ursache des schw'arzen Hautpigmentes nicht im Lichte zu suchen sei: könnte es vielleicht die letzte Wirkung häufiger und durch Jahrtausende gehäufter Wuthanfälle sein (und Blutunterströmungen der Haut)? Während bei anderen intelligenteren Stämmen das ebenso häufige Erschrecken und Bleichwerden endlich die w’eisse Haut- farbe ergeben hätte? — Denn der Grad der Furchtsam- keit ist ein Gradmesser der Intelligenz: und sich oft der blinden Wuth überlassen, das Zeichen davon, dass die Thierheit noch ganz nahe ist und sich wieder durch- setzen möchte. — Braun-grau wäre also w'ohl die Ur- farbe des Menschen, — etwas Affen- und Bärenhaftes, wie billig. 242. Unabhängigkeit. — Unabhängigkeit (in ihrer schwächsten Dosis „Gedankenfreiheit“ benannt) ist die Form der Entsagung, welche der Herrschsüchtige end- Digitized by Google 222 lieh anniinmt, — er, der lange Das gesucht hat, was er beherrschen könnte, und Nichts gefunden hat, als sich selber. 243- Die zwei Richtungen. — Versuchen wir den Spiegel an sich zu betrachten, so entdecken wir endlich Nichts, als die Dinge auf ihm. Wollen wir die Dinge fassen, so kommen wir zuletzt wieder auf Nichts, als auf den Spiegel. — Diess ist die allgemeinste Geschichte der Erkenntniss. 244. Freude am Wirklichen. — Unser jetziger Hang zur Freude am Wirklichen — wir haben ihn fast Alle — ist nur daraus zu verstehen, dass wir so lange und bis zum Überdruss Freude am Unwirklichen gehabt haben. An sich ist es ein nicht unbedenklicher Hang, so wie er jetzt auftritt, ohne Wahl und Feinheit: — seine mindeste Gefahr ist die Geschmacklosigkeit. 245- Feinheit des Machtgefühls. — Napoleon ärgerte sich, schlecht zu sprechen, und belog sich hierüber nicht: aber seine Herrschsucht, die keine Gelegenheit ver- schmähte und feiner war, als sein feiner Geist, brachte ihn dahin, noch schlechter zu sprechen, als er konnte. So rächte er sich an seinem eignen Arger (er war eifer- süchtig auf alle seine Affecte, weil sie Macht hatten) und genoss sein autokratisches Belieben. Sodann, in Hinsicht auf Ohren und Urtheil der Hörenden, genoss er diess Belieben noch einmal: wie als ob so zu ihnen zu reden immer noch gut genug sei. Ja, er frohlockte im Geheimen bei dem Gedanken, durch Blitz und Donner Digitized by Google 223 der höchsten Autorität — welche im Bunde von Macht und Genialität liegt — das Urtheil zu betäuben und den Geschmack irrezufuhren; während Beides in ihm kalt und stolz an der Wahrheit festhielt, dass er schlecht spreche. — Napoleon, als ein vollkommen zu Ende ge- dachter und ausgearbeiteter Typus Eines Triebes, ge- hört zu der antiken Menschheit: deren Merkmale — der einfache Aufbau und das erfinderische Ausbilden und Ausdichten Eines Motivs oder weniger Motive — leicht genug zu erkennen sind. 246. Aristoteles und die Ehe. — Bei den Kindern der grossen Genie’s bricht der Wahnsinn heraus, bei den Kindern der grossen Tugendhaften der Stumpfsinn — bemerkt Aristoteles. Wollte er damit die Ausnahme- Menschen zur Ehe einladen? 247- Herkunft des schlechten Temperaments. — Das Ungerechte und Sprunghafte im Gemüth mancher Menschen, ihre Unordnung und Maasslosigkeit sind die letzten Folgen unzähliger logischer Ungenauigkeiten, Ungründlichkeiten und übereilter Schlüsse, welcher sich ihre Vorfahren schuldig gemacht haben. Die Menschen mit gutem Temperament dagegen stammen aus über- legsamen und gründlichen Geschlechtern, welche die Vernunft hochgestellt haben, — ob zu löblichen oder bösen Zwecken, das kommt nicht so sehr in Betracht. 248. Verstellung als Pflicht. — Am meisten ist die Güte durch die lange Verstellung, welche Güte zu Digitized by Gi)ogle 224 scheinen suchte, entwickelt worden: überall, wo g-rosse Macht bestand, wurde die Nothwendigkeit gerade dieser Art von Verstellung eingesehen, — sie flösst Sicherheit und Vertrauen ein und verhundertfacht die wirkliche Summe der physischen Macht. Die Lüge ist, wenn nicht die Mutter, so doch die Amme der Güte. Die Ehrlich- keit ist ebenfalls am meisten durch die Anforderung eines Anscheins der Ehrlichkeit und Biederkeit gross- gezogen worden: in den erblichen Aristokratien. Aus der dauernden Übung einer Verstellung entsteht zuletzt Natur: die Verstellung hebt sich am Ende selber auf, und Organe und Instincte sind die kaum erwarteten Früchte im Garten der Heuchelei. 249. Wer ist denn je allein! — Der Furchtsame weiss nicht, was Alleinsein ist: hinter .seinem Stuhle steht immer ein Feind. — Oh, wer die Geschichte jenes feinen Gefühls, welches Ein.samkeit heisst, uns erzählen könnte! 250. Nacht und Musik. — Das Ohr, das Organ der Furcht, hat sich nur in der Nacht und in der Halbnacht dunkler Wälder und Höhlen so reich entwickeln können, wie es sich entwickelt hat, gemäss der Lebensweise des furchtsamen, das heisst des allerlängsten menschlichen Zeitalters, welches es gegeben hat: im Hellen ist das Ohr weniger nöthig. Daher der Charakter der Musik, als einer Kunst der Nacht und Halbnacht. 251- Stoisch. — Es giebt eine Heiterkeit des Stoikers, wenn er sich von dem Ceremoniell beengt fühlt, das Digitized by Google 225 er selber seinem Wandel vorgeschrieben hat, er ge- niesst sich dabei als Herrschenden. 252- Man erwäge! — Der gestraft wird, ist nicht mehr Der, welcher die That gethan hat. Er ist immer der Sündenbock. 253- Augenschein. — Schlimm! Schlimm! Was man am besten, am hartnäckigsten beweisen muss, das ist der Augenschein. Denn Allzuvielen fehlen die Augen, ihn zu sehen. Aber es ist so langweilig! 254- Die Vorwegnehmenden. — Das Auszeichnende, aber auch Gefährliche in den dichterischen Naturen ist ihre erschöpfende Phantasie: die, welche Das, was wird und werden könnte, vorweg nimmt, vorweg geniesst, vorweg erleidet und im endlichen Augenblick des Ge- schehens und der That bereits müde ist. Lord Byron, der diess Alles zu gut kannte, schrieb in sein Tagebuch: „Wenn ich einen Sohn habe, so soll er etwas ganz Pro- saisches werden — Jurist oder Seeräuber.“ 255- Gespräch über Musik. — A: Was sagen Sie zu dieser Musik? — B: Sie hat mich überwältigt, ich habe gar Nichts zu sagen. Horch! Da beginnt sie von Neuem! — A: Um so besser! Sehen wir zu, dass wir sie diessmal überwältigen. Darf ich einige Worte zu dieser Musik machen? Und Ihnen auch ein Drama zeigen, welches Sie vielleicht beim ersten Hören nicht sehen wollten? — B: Wohlan! ich habe zwei Ohren Nietitche, Morgenrötbe 1 5 Digitized by Google 226 ■und mehr, wenn es nöthig ist. Rücken Sie dicht an mich heran! — A: — Diess ist es noch nicht, was er uns sagen will, er verspricht bisher nur, dass er Etwas sagen werde, etwas Unerhörtes, wie er mit diesen Ge- bärden zu verstehen giebt. Denn Gebärden sind es- Wie er winkt! sich hoch aufrichtet! die Arme wirft! Und jetzt scheint ihm der höchste Augenblick der Spannung gekommen: noch zwei Fanfaren, und er führt sein Thema vor, prächtig und geputzt, wie klirrend von edlen Steinen. Ist es eine schöne Frau? Oder ein schönes Pferd? Genug, er sieht entzückt um sich, denn er hat Blicke des Entzückens zu sammeln, — jetzt erst gefällt ihm sein Thema ganz, jetzt wird er erfindsam, wagft neue und kühne Züge. Wie er sein Thema her- austreibt! Ah! Geben Sie Acht, — er versteht nicht nur, es zu schmücken, sondern auch zu schminken! Ja, er weiss, was Farbe der Gesundheit ist, er versteht .sich darauf, sie erscheinen zu la.ssen, — er ist feiner in seiner Selbstkenntniss, als ich dachte. Und jetzt ist er überzeugt, dass er seine Hörer überzeugt hat, er giebt seine Einfalle, als seien es die wichtigsten Dinge unter der Sonne, er hat unverschämte Fingerzeige auf sein Thema, als sei es zu gut für diese Welt. — Ha r wie misstrauisch er ist! Dass wir nur nicht müde wer- den! So verschüttet er seine Melodien unter Süssig- keiten, — jetzt ruft er sogar unsere gröberen Sinne an, um uns aufzuregen und so wieder unter seine Gewalt zu bringen! Hören Sie, wie er das Elementarische stür- mischer und donnernder Rhythmen beschwört! Und jetzt, da er merkt, da.ss diese uns fassen, würgen und beinahe zerdrücken, wagt er es, sein Thema wieder in’s Spiel der Elemente zu mischen und uns Halbbetäubte Digitized by Google 227 und Erschütterte zu überreden, unsere Betäubung und Erschütterung sei die Wirkung seines Wunder-Thema's. Und fürderhin glauben es ihm die Zuhörer: sobald es erklingt, entsteht in ihnen eine Erinnerung an jene er- schütternde Elementarwirkung, — diese Erinnerung kommt jetzt dem Thema zu Gute, — es ist nun „dämo- nisch“ geworden! Was für ein Kenner der Seele er ist! Er gebietet mit den Künsten eines Volksredners über uns. — Aber die Musik verstummt! — B; Und gut, dass sie es thut! denn ich kann es nicht mehr er- tragen, Sie zu hören! Zehnmal lieber will ich doch mich täuschen lassen, als Einmal in Ihrer Art die Wahrheit zu wissen! — A: Diess ist es, was ich von Ihnen hören wollte. So, wie Sie, sind die Besten jetzt: ihr seid zufrieden damit, euch täuschen zu la.ssen! Ihr kommt mit groben und lüsternen Ohren, ihr bringt das Gewissen der Kunst zum Hören nicht mit, ihr habt eure feinste Redlichkeit unterwegs weggeworfen! Und damit verderbt ihr die Kun.st und die Künstler! Immer, wenn ihr klatscht und jubelt, habt ihr das Ge- wissen der Künstler in den Händen, — und wehe, wenn sie merken, dass ihr zwischen unschuldiger und schul- diger Musik nicht unterscheiden könnt! Ich meine wahrlich nicht „gute“ und „schlechte“ Musik, — von die.ser und jener giebt es in beiden Arten! Aber ich' nenne eine unschuldige Musik jene, welche ganz und ^ gar nur an sich denkt, an sich glaubt, und über sich] die Welt v ergessen hat, — das Von-selber- Ertönen der tiefsten Einsamkeit, die über sich mit sich redet und nicht mehr weiss, da.ss es Hörer und Lauscher und Wirkungen und Missverständnisse und Misserfolge da draussen giebt. — Zuletzt: die Musik, welche wir eben ■5* Digitized by Google 228 hörten, ist gerade von dieser edlen und seltenen Art, und Alles, was ich von ihr sagte, war erlogen, — ver- zeihen Sie meine Bosheit, wenn Sie Lust haben! — B: Oh, Sie lieben also diese Musik auch? Dann sind Ihnen viele Sünden vergeben! 256. Glück der Bösen. — Diese stillen, düsteren, bösen Menschen haben Etwas, das ihr ihnen nicht streitig machen könnt, einen seltenen und seltsamen Genuss im dolce far niente, eine Abend- und Sonnenuntergangs- Ruhe, wie sie nur ein Herz kennt, das allzu oft durch Affecte verzehrt, zerrissen, vergiftet worden ist. 257- Worte in uns gegenwärtig. — Wir drücken unsere Gedanken immer mit den Worten aus, die uns zur Hand sind. Oder um meinen ganzen Verdacht aus- zudrücken: wir haben in jedem Momente eben nur den Gedanken, für welchen uns die Worte zur Hand sind, die ihn ungefähr auszudrücken vermögen. 258. Dem Hunde schmeicheln. — Man muss diesem Hunde nur einmal das Fell streichen: sofort knistert er und sprüht Funken, wie jeder andere Schmeichler — und ist geistreich auf seine Art. Warum sollten wir ihn nicht so ertragen! 259- Der ehemalige Lobredner. — „Er ist stumm über mich geworden, obwohl er die Wahrheit jetzt wei.ss und sie sagen könnte. Aber sie würde wie Rache klingen — und er achtet die Wahrheit so hoch, der Achtungswürdige !“ Digitized by Google 229 260. Amulet der Abhängigen. — Wer unvermeidlich von einem Gebieter abhängig ist, soll Etwas haben, wodurch er Furcht einflösst und den Gebieter im Zaume hält, zum Beispiel Rechtschaffenheit oder Aufrichtigkeit oder eine böse Zunge. 261. Warum so erhaben! — Oh, ich kenne diess Ge- thier! Freilich gefällt es sich selber besser, wenn es auf zwei Beinen „wie ein Gott“ daherschreitet, — aber wenn es wieder auf seine vier Füsse zurückgefallen ist, gefällt es mir besser: diess steht ihm so unvergleich- lich natürlicher! 262. Der Dämon der Macht. — Nicht die Nothdurft, nicht die Begierde, — nein, die Liebe zur Macht ist der Dämon der Menschen. Man gebe ihnen Alles, Ge- sundheit, Nahrung, Wohnung, Unterhaltung, — sie sind und bleiben unglücklich und grillig: denn der Dämon wartet und wartet und wüll befriedigt sein. M«in nehme ihnen Alles und befriedige diesen: so sind sie beinahe glücklich, — so glücklich als eben Menschen und Dä- monen sein können. Aber warum sage ich diess noch? Luther hat es schon gesagt, und besser als ich, in den Versen: „Nehmen .sie uns den Leib, Gut, Ehr’, Kind und Weib: lass fahren dahin, — das Reich muss uns doch bleiben!“ Ja! Ja! Das „Reich“! 263. Der Widerspruch leibhaft und beseelt. — Im sogenannten Genie ist ein physiologfischer Widerspruch: es besitzt einmal viele wilde, unordentliche, unwillkür- Digitized by Google 230 liehe Bewegung und sodann wiederum viele höchste Zweckthätigkeit der Bewegung, — dabei ist ihm ein Spiegel zu eigen, der beide Bewegungen neben ein- ander und in einander, aber auch oft genug wdder ein- ander zeigt. In I'olge dieses Anblicks i.st es oft un- glücklich, und wenn es ihm am wohlsten wird, im Schaffen, so ist es, weil es vergisst, dass es gerade jetzt mit höchster Zweckthätigkeit etwas Phantastisches und Unvernünftiges thut (das ist alle Kunst) — thun muss. 264. Sich irren wollen. — Neidische Menschen mit feinerer Witterung suchen ihren Rivalen nicht genauer kennen zu lernen, um sich ihm überlegen fühlen zu können. 265. Das Theater hat seine Zeit. — Wenn die Phan- tasie eines Volkes nachlä.sst, entsteht der Hang in ihm, seine Sagen sich auf der Bühne vorführen zu Icissen, jetzt erträgt es die groben Ersatzstücke der Phantasie, — aber für jenes Zeitalter, dem der epische Rhapsode zugehört, ist das 'Theater und der als Held verkleidete Schauspieler ein Hemmschuh anstatt ein Hügel der Phantasie: zu nah, zu bestimmt, zu schwer, zu wenig Traum und Vogelflug. 266. Ohne Anmuth. — Er hat einen Mangel an An- muth, und weiss es: oh, wie er es versteht, diess zu maskiren! Durch strenge Tugend, durch Düsterkeit des Blickes, durch angenommenes Misstrauen gegen die Menschen und das Dasein, durch derbe Possen, durch Verachtung der feineren Lebensart, durch Pathos und j k Digitized by Google 231 Ansprüche, durch cynische Philosophie, — ja, er ist zum Charakter g^eworden, im steten Bewusstsein seines Mangels. 267. Warum so stolz! — Ein edler Charakter unter- scheidet sich von einem gemeinen dadurch, dass er eine Anzahl Gewohnheiten und Gesichtspuncte nicht zur Hand hat, wie jener: sie sind ihm zufällig nicht ver- erbt und nicht anerzogen. 268. Scylla und Charybdis des Redners. — Wie schwer war es in Athen, so zu sprechen, dass man die Zuhörer für die Sache gewann, ohne sie durch die Form abzustossen oder von der .Sache mit ihr abzu- ziehen! Wie schwer ist es noch in Frankreich, so zu schreiben! 269. Die Kranken und die Kunst. — Gegen jede Art von Trübsal und Seelen -Elend soll man zunächst versuchen: Veränderung der Diät und körperliche derbe Arbeit. Aber die Menschen sind gewohnt, in diesem Falle nach Mitteln der Berauschung zu greifen: zum Beispiel nach der Kunst, — zu ihrem und der Kunst Unheil! Merkt ihr nicht, dass, wenn ihr als Kranke nach der Kunst verlangt, ihr die Künstler krank macht? 270. Anscheinende Toleranz. — Es sind diess gute, w'ohlwollende , verständige Worte über und für die Wissenschaft, aber! aber! ich sehe hinter diese eure Toleranz gegen die Wissenschaft! Im Winkel eures Digitized by Google 232 Herzens meint ihr trotz alledem, sie sei euch nicht nöthig, es sei grossmüthig von euch, sie gelten zu lassen, ja, ihre Fürsprecher zu sein, zumal die Wissen- schaft gegen eure Meinungen nicht diese Grossmuth übe! Wisst ihr, dass ihr gar kein Recht zu dieser Toleranz -Übung habt? dass diese huldreiche Gebärde eine gröbere Verunglimpfung der Wissenschaft ist, als ein offener Hohn, welchen sich irgend ein übermüthiger Priester oder Künstler gegen sie erlaubt? Es fehlt euch jenes strenge Gewissen für Das, was wahr und wirklich ist, es quält und martert euch nicht, die Wis- senschaft im Widerspruch mit euren Empfindungen zu finden, ihr kennt die gierige Sehnsucht der Erkenntniss nicht als ein Gesetz über euch waltend, ihr fühlt keine Pflicht in dem Verlangen, mit dem Auge überall gegen- wärtig zu sein, wo erkannt wird. Nichts sich entschlüpfen zu lassen, was erkannt ist. Ihr kennt Das nicht, was ihr so tolerant behandelt! Und nur, weil ihr es nicht kennt, gelingt es euch, so gnädige Mienen anzunehmen! Ihr, gerade ihr würdet erbittert und fanatisch blicken, wenn die Wissenschaft euch einmal in’s Gesicht leuch- ten wollte, mit ihren Augen! — Was kümmert es uns also, dass ihr Toleranz übt — gegen ein Phantom! und nicht einmal gegen uns! Und was liegt an uns! 271. Die Feststimmung. — Gerade für jene Menschen, welche am hitzigsten nach Macht streben, ist es unbe- schreiblich angenehm, sich überwältigt zu fühlen! Plötzlich und tief in ein Gefühl, wie in einen Strudel hinabzusinken! Sich die Zügel aus der Hand reissen zu lassen, und einer Bewegung wer weiss wohin? zu- Digitized by Google 233 Zusehen! Wer es ist, was es ist, das uns diesen Dienst leistet, — es ist ein grosser Dienst: wir sind so glück- lich und athemlos und fühlen eine Ausnahme-Stille um uns wie im mittelsten Grunde der Erde. Einmal ganz ohne Macht! Ein Spielball v'on Urkräften! Es ist eine Ausspannung in diesem Glück, ein Abwerfen der grossen Last, ein Abwärtsrollen ohne Mühen wie in blinder Schwerkraft. Es ist der Traum des Bergsteigers, der sein Ziel zwar oben hat, aber unterwegs aus tiefer Müdigkeit einmal einschläft und vom Glück des Ge- gensatzes — eben vom mühelosesten Abwärtsrollen — träumt. — Ich beschreibe das Glück, wie ich es mir bei unserer jetzigen gehetzten, machtdürstigen Gesell- schaft Europa’s und Amerika’s denke. Hier und da wollen sie einmal in die Ohnmacht zurücktaumeln, — diesen Genuss bieten ihnen Kriege, Künste, Religionen, Genie’s. Wenn man sich einem Alles verschlingenden und zerdrückenden Eindruck einmal zeitweilig über- lassen hat — es ist die moderne Feststimmung! — dann ist man wieder freier, erholter, kälter, strenger und strebt unermüdlich nach dem Gegentheil weiter: nach Macht. — 272. Die Reinigung der Rasse. — Es giebt wahr- scheinlich keine reinen, sondern nur reingewordene Rassen, und diese in grosser Seltenheit. Das Gewöhn- liche sind die gekreuzten Rassen, bei denen sich immer, neben der Disharmonie von Körperformen (zum Bei- spiel wenn Auge und Mund nicht zu einander stimmen), auch Disharmonien der Gewohnheiten und Werthbegriffe finden müssen. (Livingstone hörte Jemand sagen: „Gott schuf weisse und schwarze Menschen , der Teufel Digitized by Google 234 aber schuf die Halbrcissen“.) Gekreuzte Rassen sind stets zugleich auch gekreuzte Culturen, gekreuzte Mo- ralitäten: sie sind meistens böser, grausamer, unruhiger. Die Reinheit ist das letzte Resultat von zahllosen An- passungen, Einsaugungen und Ausscheidungen, und der Fortschritt zur Reinheit zeigt sich darin, dass die in einer Rasse vorhandene Kraft sich immer mehr auf einzelne ausgewählte Functionen beschränkt, während sie vordem zu viel und oft Widersprechendes zu be- sorgen hatte: eine solche Beschränkung wird sich immer zugleich auch wie eine Verarmung ausnehmen und will vorsichtig und zart beurtheilt sein. Endlich aber, wenn der Process der Reinigung gelungen ist, steht alle jene Kraft, die früher bei dem Kampfe der dis- harmonischen Eigenschaften daraufgieng, dem gesamm- ten Organismus zu Gebote: wesshalb reingewordene Rassen immer auch stärker und schöner geworden sind. — Die Griechen geben uns das Muster einer rein- gewordenen Ra.sse und Cultur: und hoffentlich gelingt einmal auch eine reine europäische Rasse und Cultur. 273- Das Loben. — Hier ist Einer, dem du anmerkst, dass er dich loben will: du beisst die Lippen zusam- men, das Herz wird geschnürt: ach, dass der Kelch vorübergienge! Aber er geht nicht, er kommt! Trinken wir also die süsse Unverschämtheit des Lobredners, überwinden wir den Ekel und die tiefe Verachtung für den Kern seines Lobes, ziehen wir die Falten der dank- baren Freude über’s Gesicht! — er hat uns ja wohlthun wollen! Und jetzt, nachdem es geschehen, wnssen wir, dass er sich sehr erhaben fühlt, er hat einen Sieg über Digitized by Google 235 uns errungen, — ja! und auch über sich selber, der Hund! — denn es wurde ihm nicht leicht, sich diess Lob abzuringen. 274. Menschenrecht und -Vorrecht. — Wir Menschen sind die einzigen Geschöpfe, welche, wenn sie missrathen, sich selber durchstreichen können wie einen missrathenen Satz, — sei es, dass wir diess zur Ehre der Menschheit oder aus Mitleiden mit ihr oder aus Widerwillen gegen uns thun. 275- Der Verwandelte. — Jetzt wird er tugendhaft, nur um Anderen wehe damit zu thun. Seht nicht so- viel nach ihm hin! 276. Wie oft! Wie unverhofft! — Wie viele ver- heirathete Männer haben den Morgen erlebt, wo es ihnen tagte, dass ihre junge Gattin langweilig ist und das Gegentheil glaubt! Gar nicht zu reden von jenen Weibern, deren Fleisch willig und deren Geist schwach ist! 277- Warme und kalte Tugenden. — Den Muth als kalte Herzhaftigkeit und Unerschütterlichkeit und den Muth als hitzige, halbblinde Bravour, — beides nennt man mit Einem Namen! Wie verschieden sind doch die kalten Tugenden von den warmen! Und Narr wäre Der, welcher meinte, das „Gutsein“ werde nur durch die Wärme hinzugethan: und kein geringerer Narr Der, welcher es nur der Kälte zuschreiben w'ollte! Die Wahrheit ist, dass die Menschheit den warmen und den 236 kalten Muth sehr nützlich gefunden hat, und überdiess nicht häufig genug, um ihn nicht in beiden Farben unter die Edelsteine zu rechnen. 278. Das verbindliche Gedächtniss. — Wer einen hohen Rang hat, thut gut, sich ein verbindliches Ge- dächtniss anzuschaffen, das heisst, sich von den Perso- nen alles mögliche Gute zu merken und dahinter einen Strich zu machen; damit hält man sie in einer ange- nehmen Abhängigkeit. So kann der Mensch auch mit sich selber verfahren: ob er ein verbindliches Gedächt- niss hat oder nicht, das entscheidet zuletzt über seine eigene Haltung zu sich selber, über die Vornehmheit, Güte oder das Misstrauen bei der Beobachtung seiner Neigungen und Absichten und zuletzt wieder über die Art der Neigungen und Absichten selber. 279. Worin wir Künstler werden. — Wer Jemanden zu seinem Abgott macht, versucht, sich vor sich selber zu rechtfertigen, indem er ihn in ’s Ideal erhebt; er wird zum Künstler daran, um ein gutes Gewissen zu haben. Wenn er leidet, so leidet er nicht am Nichtwissen, sondern am Sich-belügen, als ob er nicht wüsste. — Die innere Noth und Lust eines solchen Menschen — und alle leidenschaftlich Liebenden gehören dazu — ist mit gewöhnlichen Eimern nicht auszuschöpfen. 280. Kindlich. — Wer lebt, wie die Kinder — also nicht um sein Brod kämpft und nicht glaubt, dass seinen Handlungen eine endgültige Bedeutung zukomme — bleibt kindlich. Digitized by Google 237 281. Das Ich will Alles haben. — Es scheint, dass der Mensch überhaupt nur handelt, um zu besitzen: wenigstens legen die Sprachen diesen Gedanken nahe, welche alles vergangene Handeln so betrachten, als ob wir damit Etwas besässen („ich habe gesprochen, ge- kämpft, gesiegt": das ist, ich bin nun im Besitze meines Spruches, Kampfes, Sieges). Wie habsüchtig nimmt sich hierbei der Mensch aus! Selbst die Vergangenheit sich nicht entwinden lassen, gerade auch sie noch haben wollen ! 282. Gefahr in der Schönheit. — Diese Frau ist schön und klug: ach, wie vdel klüger aber würde .sie geworden sein, wenn sie nicht schön wäre! 283. Hausfrieden und Seelenfrieden. — Unsere ge- wöhnliche Stimmung hängt von der Stimmung ab, in 4 der wir unsere Umgebung zu erhalten wissen. 284. Das Neue als alt Vorbringen. — Viele erschei- nen gereizt, wenn man ihnen eine Neuigkeit erzählt, sie empfinden das Übergewicht, welches die Neuigkeit Dem giebt, der sie früher weiss. 285. Wo hört das Ich auf? — Die Meisten nehmen eine Sache, die sie wissen, unter ihre Protection, wie als ob das Wissen sie schon zu ihrem Eigenthum mache. Die Aneignungslust des Ichgefuhls hat keine Gränzen: Digitized by Google 238 die grossen Männer reden so, als ob die ganze Zeit hinter ihnen stünde und sie der Kopf dieses langen Leibes seien, und die guten Frauen rechnen sich die Schönheit ihrer Kinder, ihrer Kleider, ihres Hundes, ihres Arztes, ihrer Stadt zum Verdienste und wagen es nur nicht, zu sagen „das Alles bin ich“. Chi non ha, non e — sagt man in Italien. 286. Haus- und Schoossthiere und Verwandtes. — Giebt es etwas Ekelhafteres, als die Sentimentalität gegen Pflanzen und ITiiere, von Seiten eines Geschöpfes, das wie der wüthendste Feind von Anbeginn unter ihnen gehaust hat und zuletzt bei seinen geschwächten und verstümmelten Opfern gar noch auf zärtliche Ge- fühle An-spruch erhebt! Vor dieser Art „Natur“ geziemt dem Menschen vor Allem Ernst, wenn anders er ein denkender Mensch ist. 287. • Zwei Freunde. — Es waren Freunde, aber sie haben aufgehört, es zu sein, und .sie knüpften von beiden Seiten zugleich ihre Freundschaft los, der Eine, weil er sich zu sehr verkannt glaubte, der Andere, weil er sich zu sehr erkannt glaubte — und Beide haben sich dabei getäuscht! — denn Jeder von ihnen kannte sich selber nicht genug. 288. Komödie der Edlen. — Die, welchen die edle herzliche Vertraulichkeit nicht gelingt, versuchen es, ihre edle Natur durch Zurückhaltung und Strenge und Digitized by Google 239 eine gewisse Geringschätzung der Vertraulichkeit er- rathen zu lassen: wie als ob das starke Gefühl ihres Vertrauens Scham hätte, sich zu zeigen. 289. Wo man Nichts gegen eine Tugend sagen darf. — Unter den Feiglingen ist es von schlechtem Tone, Etwas gegen die Tapferkeit zu sagen, und erregt Verachtung; und rücksichtslose Menschen zeigen sich erbittert, wenn Etwas gegen das Mitleiden gesagt wird. 290. Eine Vergeudung. — Bei erregbaren und plötz- lichen Naturen sind die ersten Worte und Handlungen meisthin unbezeichnend für ihren eigentlichen Cha- rakter (sie werden durch die Umstände eingegeben und sind gleichsam Nachahmungen vom Geiste der Umstände), aber weil sie einmal gesprochen und gethan sind, so müssen die später nachkommenden eigentlichen Cha- raktenvorte und Charakterhandlungen häufig im Aus- gleichen oder im Wieder-gfut- oder -vergessen-Machen daraufgehen. 291. Anmaassung. — Anmaassung ist ein gespielter und erheuchelter Stolz; dem Stolze aber ist gerade eigenthümlich, dass er kein Spiel, keine V'erstellung und Heuchelei kann und mag, — insofern ist die An- maassung die Heuchelei der Unfähigkeit zur Heuchelei, etwas sehr Schweres und meist Misslingendes. Gesetzt aber, dass er sich, wie gewöhnlich geschieht, dabei ver- räth, so erwartet den Anmaassenden eine dreifache Un- annehmlichkeit: man zürnt ihm, weil er uns betrügen Digitized by Google 240 will, und zürnt ihm, weil er sich über uns hat erhaben zeigen wollen, — und zuletzt lacht man noch über ihn, weil ihm Beides missrathen ist. Wie sehr ist also von der Anmaassung abzurathen! 292. Eine Art Verkennung. — Wenn wir Jemanden sprechen hören, so genügt oft der Klang eines einzigen’ Consonanten (zum Beispiel eines r), um uns einen Zweifel über die Ehrlichkeit seiner Empfindung einzuflössen : wir sind diesen Klang nicht gewöhnt und würden ihn machen müssen, mit Willkür, — er klingt uns „ge- macht“. Hier ist ein Gebiet der gröbsten Verkennung: und das Selbe gilt vom Stile eines Schriftstellers, der Gewohnheiten hat, welche nicht aller Welt Gewohn- heiten sind. Seine „Natürlichkeit“ wird nur von ihm als solche empfunden, und gerade mit dem, was er selber als „gemacht“ fühlt, weil er damit einmal der Mode und dem sogenannten „guten Geschmacke“ nachgegeben hat, gefällt er vielleicht und erregt Zutrauen. 293- Dankbar. — Ein Gran dankbaren Sinnes und Pietät zu viel: — und man leidet daran wie an einem Leister und geräth mit seiner ganzen Selbständigkeit und Red- lichkeit unter das böse Gewissen. 294. Heilige. — Die sinnlichsten Männer sind es, welche vor den Frauen fliehn und den Leib martern müssen. 295- Feinheit des Dienens. — Innerhalb der grossen Kunst des Dienens gehört es zu den feinsten Aufgaben, Digitized by Google 241 einem unbändig Ehrgeizigen zu dienen, der zwar der stärkste Egoist in Allem ist, aber durchaus nicht dafür gelten will (es ist diess gerade ein Stück seines Ehr- geizes), dem Alles nach Willen und Laune geschehen muss und doch immer so, däss es den Anschein hat, als ob er sich aufopferte und selten für sich selber Etwas wolle. 296. Das Duell. — Ich erachte es als einen Vortheil, sagfte Jemand, ein Duell haben zu können, wenn ich durchaus eines nöthig habe; denn es giebt allezeit brave Kameraden um mich. Das Duell ist der letzte übrig gebliebene, völlig ehrenvolle Weg zum Selbstmord, leider ein Umschweif, und nicht einmal ein ganz sicherer. 297. Verderblich. — Man verdirbt einen Jüngling am sichersten, wenn man ihn anleitet, den Gleichdenkenden höher zu achten, als den Andersdenkenden. 298. Der Heroen-Cultus und seine Fanatiker. — Der Fanatiker eines Ideals, welches Fleisch und Blut hat, ist gewöhnlich so lange im Rechte, als er ver- neint, und er ist furchtbar darin: er kennt das Ver- neinte so gut wie sich selber, aus dem einfachsten Grunde, dass er von dorther kommt, dort zu Hause ist und sich im Geheimen immer fürchtet, dorthin noch zurückzumüssen, — er will sich die Rückkehr unmög- lich machen, durch die Art, wie er verneint. Sobald er aber bejaht, macht er die Augen halb zu und fängt an zu idealisiren (häufig auch nur, um den zu Hause Nietzsche, Morßenrüthe. 16 Digitized by Gocfgle 242 Gebliebenen damit wehe zu thun — ); man nennt diess wohl etwas Künstlerisches, — gut, aber es ist auch etwas Unredliches daran. Der Idealist einer Person stellt sich diese Person so in die Feme, dass er sie nicht mehr scharf sehen kann — und nun deutet er, was er noch sieht, in’s „Schöne“ um, das will sagen: in’s Symmetrische, Weichlinienhafte, Unbestimmte. Da er sein in der Feme und Höhe schwebendes Ideal nun- mehr auch anbeten will, so hat er, zum Schutze vor dem profanum vulgxis, nöthig, einen Tempel für seine Anbetung zu bauen. Hierhin bringt er alle ehrwür- digen und geweihten Gegenstände, die er sonst noch besitzt, damit deren Zauber auch noch dem Ideal zu Gute komme und es in dieser Nahrung wachse und immer göttlicher werde. Zuletzt hat er wirklich seinen Gott fertig gemacht, — aber wehe! es giebt Einen, der dariim weiss, wie das zugegangen ist, sein intellectuelles Ge- wnssen, — und es giebt auch Einen, der dagegen, ganz unbewusst, protestirt, nämlich der Vergöttlichte selber, der nunmehr, in Folge von Cultus, Lobgesang und Weih- rauch, unausstehlich wird und augenscheinlich in ab- scheulicher Weise sich als Nicht -Gott und All-zu-sehr- Mensch verräth. Hier bleibt nun einem solchen Fana- tiker nur noch Ein Ausweg: er lässt sich und seines Gleichen geduldig misshandeln und interpretirt das ganze Elend auch noch in majorem dei gloriam, durch eine neue Gattung von Selbstbetrug und edler Lüge: er nimmt gegen sich Partei und empfindet, als Gemiss- handelter und als Interpret, dabei Etwas wie ein Mar- tyrium, — so steigt er auf den Gipfel seines Dünkels. — Menschen dieser Art lebten zum Beispiel um Napo- leon: ja vielleicht ist gerade er es, der die romantische Digitized by Google 243 dem Geiste der Aufklärung fremde Prostration vor dem „Genie“ und dem „Heros“ unserem Jahrhundert in die Seele gegeben hat, er, vor dem ein Byron sich nicht zu sagen schämte, er sei ein „Wurm gegen solch ein Wesen“. (Die Formeln einer solchen Prostration sind von jenem alten anmaasslichen Wirr- und Murr- kopfe, Thomas Carlyle, gefunden worden, der ein langes Leben darauf verwendet hat, die Vernunft seiner Eng- länder romantisch zu machen: umsonst!) 299. Anschein des Heroismus. — Sich mitten unter die Feinde werfen, kann das Merkmal der Feigheit sein. 300. Gnädig gegen den Schmeichler. — Die letzte Klugheit der unersättlich Ehrgeizigen ist, ihre Menschen- verachtung nicht merken zu lassen, welche der Anblick der Schmeichler ihnen einflösst: sondern gnädig auch gegen sie zu erscheinen, wie ein Gott, der nicht anders als gnädig sein kann. 301. „Charaktervoll“. — „Was ich einmal gesagt habe, das thue ich“ — diese Denkweise gilt als charaktervoll. Wie viele Handlungen werden gethan, nicht w'eil sie als die vernünftigsten ausgewählt worden sind, sondern weil sie, als sie uns einfielen, auf irgend welche Art unsere Ehrsucht und Eitelkeit gereizt haben, sodass wir dabei verbleiben und sie blindlings durchsetzen! So mehren sie bei uns selber den Glauben an unseren Charakter und unser gutes Gewissen, also, im Ganzen, unsere Kraft: während das Auswählen des möglichst i6* Digitized by Cot)glc 244 Vernünftigen die Skepsis gegen uns und dermaassen ein Gefühl der Schwäche in uns unterhält. 302. Einmal, zweimal und dreimal wahr! — Die Menschen lügen unsäglich oft, aber sie denken hinterher nicht daran und glauben im Ganzen nicht daran. 303- Kurzweil des Menschenkenners. — Er glaubt mich zu kennen und fühlt sich fein und wichtig, wenn er so und so mit mir verkehrt; ich hüte mich, ihn zu enttäuschen. Denn ich würde es zu entgelten haben, während er mir jetzt wohlwill, da ich ihm ein Gefühl der wissenden Überlegenheit verschaffe. — Da ist ein Anderer: der fürchtet sich, dass ich mir einbilde, ihn zu kennen, und sieht sich dabei erniedrigt. So beträgt er sich schauerlich und unbestimmt und sucht mich über sich in die Irre zu führen, — um sich über mich wieder zu erheben. 304- Die Welt-Vernichter. — Diesem gelingt Etwas nicht; schliesslich ruft er empört aus: „so möge doch die ganze Welt zu Grunde gehen!“ Dieses abscheuliche Gefühl ist der Gipfel des Neides, welcher folgert: weil ich Etwas nicht haben kann, soll alle Welt Nichts haben! soll alle Welt Nichts sein! 305. Geiz. — Unser Geiz beim Kaufen nimmt mit der Wohlfeilheit der Gegenstände zu, — warum? Ist es, dass die kleinen Preis-Unterschiede eben erst das kleine Auge des Geizes machen? Digitized by Google 245 3o6. Griechisches Ideal. — Was bewunderten die Griechen an Odysseus? Vor Allem die Fähigkeit zxir Lüge und zur listigen und furchtbaren Wiedervergel- tung; den Umständen gewachsen sein; wenn es gilt, edler erscheinen als der Edelste; sein können, was man will; heldenhafte Beharrlichkeit; sich alle Mittel zu Gebote stellen; Geist haben — sein Geist ist die Bewunderung der Götter, sie lächeln, wenn sie daran denken — : diess Alles ist griechisches Ideal! Das Merk- würdigste daran ist, dass hier der Gegensatz von Schei- nen und Sein gar nicht gefühlt und also auch nicht sittlich angerechnet wird. Gab es je so gründliche Schauspieler! 307- Facta! Ja Facta ficta! — Ein Geschichtsschreiber hat es nicht mit dem, was wirklich geschehen ist, son- dern nur mit den vermeintlichen Ereignissen zu thun: denn nur diese haben gewirkt. Ebenso nur mit den vermeintlichen Helden. Sein Thema, die sogenannte Weltgeschichte, sind Meinungen über vermeintliche Handlungen und deren vermeintliche Motive, welche wieder Anlass zu Meinungen und Handlungen geben, deren Realität aber sofort wieder verdampft und nur als Dampf wirkt, — ein fortwährendes Zeugen und Schwangerwerden von Phantomen über den tiefen Nebeln der unergründlichen Wirklichkeit. Alle Histo- riker erzählen von Dingen, die nie existirt haben, ausser in der Vorstellung. 308. Sich nicht auf den Handel verstehen ist vor- nehm. — Seine Tugend nur zum höchsten Preise ver- Digitized by Google 246 kaufen oder gar mit ihr Wucher treiben, als Lehrer, Beamter, Künstler, — macht aus Genie und Begabung eine Krämer-Angelegenheit. Mit seiner Weisheit soll man nun einmal nicht klug sein wollen! 309. Furcht und Liebe. — Die Furcht hat die allge- meine Einsicht über den Menschen mehr gefördert, als die Liebe, denn die Furcht will errathen, wer der An- dere ist, was er kann, was er will; sich hierin zu täuschen, wäre Gefahr und Nachtheil. Umgekehrt hat die Liebe einen geheimen Impuls, in dem Andern so viel Schönes als möglich zu sehen oder ihn sich so hoch als möglich zu heben: sich dabei zu täuschen, wäre für sie eine Lust und ein Vortheil — und so thut sie es. 310. Die Gutmüthigen. — Die Gutmüthigen haben ihr Wesen durch die beständige Furcht erlangt, welche ihre Voreltern vor fremden Übergriffen gehabt haben, — sie milderten, beschwichtigten, baten ab, beugten vor, zerstreuten, schmeichelten, duckten sich, verbargen den Schmerz, den Verdruss, glätteten sofort wieder ihre Züge — und zuletzt vererbten sie diesen ganzen zarten und wohlgespielten Mechanismus auf ihre Kinder und Enkel. Diesen gab ein günstigeres Geschick keinen Anlass zu jener beständigen Furcht: nichtsdestoweniger spielen sie beständig auf ihrem Instrumente. 311- Die sogenannte Seele. — Die Summe innerer Bewegungen, welche dem Menschen leicht fallen und Digitized by Google 247 - die er in Folge dessen gerne und mit Anmuth thut, nennt man seine Seele; — er gilt als seelenlos, wenn er Mühe und Härte bei inneren Bewegungen merken lässt. 312. Die Vergesslichen. — In den Ausbrüchen der Leidenschaft und im Phantasiren des Traumes und des Irrsinns entdeckt der Mensch seine und der Menschheit Vorgeschichte wieder: die Thierheit mit ihren wilden Grimassen; sein Gedächtniss greift einmal weit genug rückwärts, während sein civilisirter Zustand sich aus dem Vergessen dieser Urerfahrungen, also aus dem Nachlassen jenes Gedächtnisses entwickelt. Wer als ein Vergesslicher höchster Gattung allem Diesen immer- dar sehr fern geblieben ist, versteht die Menschen nicht, — aber es ist ein Vortheil für Alle, wenn es hier und da solche Einzelne giebt, welche „sie nicht verstehen“ und die gleichsam aus göttlichem Samen gezeugt und von der Vernunft geboren sind. 313- Der nicht mehr erwünschte Freund. — Den Freund, dessen Hoffnungen man nicht befriedigen kann, wünscht man sich lieber zum Feinde. 314- Aus der Gesellschaft der Denker. — Inmitten des Ozeans des Werdens wachen wir auf einem Insel- chen, das nicht grösser als ein Nachen ist, auf, wir Abenteuerer und Wandervögel, und sehen uns hier eine kleine Weile um: so eilig und so neugierig wie mög- lich, denn wie schnell kann uns ein Wind verwehen Digitized by Google 248 oder eine Welle über das Inselchen hinwegspülen, so- dass Nichts mehr von uns da ist! Aber hier, auf diesem kleinen Raume, finden wir andere Wandervögel und hören von früheren, — und so leben wir eine köstliche Minute der Erkenntniss und des Errathens, unter fröh- lichem Flügelschlagen und Gezwitscher mit einander und abenteuern im Geiste hinaus auf den Ozean, nicht weniger stolz als er selber! 3»5- Sich entäussern. — Etwas von seinem Eigen- thume fahren lassen, sein Recht aufgeben — macht Freude, wenn es grossen Reichthum anzeigt. Dahin gehört die Grossmuth. 316. Schwache Secten. — Die Secten, welche fühlen, dass sie schwach bleiben werden, machen Jagd auf einzelne intelligente Anhänger und wollen durch Quali- tät ersetzen, was ihnen an Quantität abgeht. Hierin liegt keine geringe Gefahr für die Intelligenten. 317- Das Urtheil des Abends. — Wer über sein Tages- und Lebenswerk nachdenkt, wenn er am Ende und müde ist, kommt gewöhnlich zu einer melancho- lischen Betrachtung: das liegt aber nicht am Tage und am Leben, sondern an der Müdigkeit. — Mitten im Schaffen nehmen wir uns gewöhnlich keine Zeit zu Urtheilen über das Leben und das Dasein, und mitten im Geniessen auch nicht: kommt es aber einmal doch dazu, so geben wir Dem nicht mehr Recht, welcher auf den Digitized by Google 249 siebenten Tag und die Ruhe wartete, um Alles, was da ist, sehr schön zu finden, — er hatte den besseren Augen- blick verpasst. 318. Vorsicht vor den Systematikern! — Es giebt eine Schauspielerei der Systematiker: indem sie ein System ausfüllen wollen und den Horizont darum rund machen, müssen sie versuchen, ihre schwächeren Eigen- schaften im Stile ihrer stärkeren auftreten zu lassen, — sie wollen vollständige und einartig starke Naturen darstellen. 319- Gastfreundschaft. — Der Sinn in den Gebräu- chen der Gastfreundschaft ist: das Feindliche im Frem- den zu lähmen. Wo man im Fremden nicht mehr zu- nächst den Feind empfindet, nimmt die Gastfreundschaft ab; sie blüht, so lange ihre böse Voraussetzung blüht. 320. Vom Wetter. — Ein sehr ungewöhnliches und unberechenbares Wetter macht die Menschen auch gegen einander misstrauisch; sie werden dabei neuerungssüch- tig, denn sie müssen von ihren Gewohnheiten abgehen. Desshalb lieben die Despoten alle Länderstriche, wo das Wetter moralisch ist. 321. Gefahr in der Unschuld. — Die unschuldigen Menschen werden in allen Stücken die Opfer, weil ihre Unwissenheit sie hindert, zwischen Maass und Über- maass zu unterscheiden und bei Zeiten vorsichtig gegen sich selber zu sein. So gewöhnen sich unschuldige, Digitized by Ci 250 das heisst unwissende junge Frauen an den häufigen Genuss der Aphrodisien und entbehren ihn später sehr, wenn ihre Männer krank oder frühzeitig welk werden; gerade die harmlose und gläubige Auffassung, als ob diese häufige Art, mit ihnen zu verkehren, das Recht und die Regel sei, bringet sie zu einem Bedürfniss, welches sie später den heftigsten Anfechtungen und Schlimmerem aussetzt. Aber ganz allgemein und hoch genommen: wer einen Menschen und ein Ding liebt, ohne ihn und es zu kennen, wird die Beute von Etwas, das er nicht lieben würde, wenn er es sehen könnte. Überall, wo Erfahrenheit, Vorsicht und abgewogene Schritte noth thun, wird gerade der Unschuldige am gründlichsten verdorben werden, denn er muss mit blinden Augen die Hefe und das unterste Gift jeder Sache austrinken. Man erwäge die Praxis aller Fürsten, Kirchen, Secten, Parteien, Körperschaften: wird nicht immer der Unschuldige als der süsseste Köder zu den ganz gefährlichen und verruchten Fällen verwendet? — so wie Odysseus den unschuldigen Neoptolemos ver- wendet, um dem alten kranken Einsiedler und Unhold von Lemnos den Bogen und die Pfeile abzulisten. — Das Christenthum, mit seiner Verachtung der Welt, hat aus der Unwissenheit eine Tugend gemacht, die christ- liche Unschuld, vielleicht weil das häufigste Resultat dieser Unschuld eben, wie angedeutet, die Schuld, das Schuldgefühl und die Verzweiflung ist, somit eine Tugend, welche auf dem Umweg der Hölle zum Him- mel führt: denn nun erst können sich die düsteren Pro- pyläen des christlichen Heils aufthun, nun erst wirkt die V erheissung einer nachgeborenen zweitenUnschuld: — sie ist eine der schönsten Erfindungen des Christenthums! Digitized by Google 251 322. Womöglich ohne Arzt leben. — Es will mir scheinen, als ob ein Kranker leichtsinniger sei, wenn er einen Arzt hat, als wenn er selber seine Gesundheit besorgt. Im ersten Falle genügt es ihm, streng in Be- zug auf alles Vorgeschriebene zu sein; im andern Falle fassen wir Das, worauf jene Vorschriften abzielen, unsere Gesundheit, mit mehr Gewissen in’s Auge und bemerken viel mehr, gebieten und verbieten uns viel mehr, als auf Veranlassung des Arztes geschehen würde. — Alle Regeln haben diese Wirkung: vom Zwecke hinter der Regel abzuziehen und leichtsinniger zu machen. — Und wie würde der Leichtsinn der Mensch- heit in’s Unbändige und Zerstörerische gestiegen sein, wenn sie jemals vollkommen ehrlich der Gottheit als ihrem Arzte Alles überlassen hätte, nach dem Worte „wie Gott will“! — 323. Verdunkelung des Himmels. — Kennt ihr die Rache der schüchternen Menschen, welche sich in der Gesellschaft benehmen, als hätten sie ihre Gliedmaassen gestohlen ? Die Rache der demüthigen christenmässigen Seelen, welche sich auf Erden überall nur durchschlei- chen? Die Rache Derer, die immer sogleich urtheilen und immer sogleich Unrecht bekommen? Die Rache der Trunkenbolde aller Gattungen, denen der Morgen das Unheimlichste amTage ist? Desgleichen derKranken- bolde aller Gattungen, der Kränkelnden und Gedrückten, welche nicht mehr den Muth haben, gesund zu werden? Die Zahl dieser kleinen Rachsüchtigen und gar die ihrer kleinen Rache -Acte ist ungeheuer; die ganze Luft Digitized by Coogle 252 schwirrt fortwährend von den abgeschossenen Pfeilen und Pfeilchen ihrer Bosheit, sodass die Sonne und der Himmel des Lebens dadurch verdunkelt werden — nicht nur ihnen, sondern noch mehr uns, den Anderen, Übrigen: Wcis schlimmer ist, als dass sje uns allzu oft Haut und Herz ritzen. Leugnen wir nicht mitunter Sonne und Himmel, blos weil wir sie so lange nicht gesehen haben? — Also: Einsamkeit! Auch darum Ein- samkeit! 3-24. Philosophie der Schauspieler. — Es ist der beglückende Wahn der grossen Schauspieler, dass es den historischen Personen, welche sie darstellen, wirk- lich so zu Muthe gewesen sei, wie ihnen bei ihrer Dar- stellung, — aber sie irren sich stark darin: ihre nach- ahmende und errathende Kraft, die sie gerne für ein hellseherisches Vermögen ausgeben möchten, dringt nur gerade tief genug ein, um Gebärden, Töne und Blicke und überhaupt das Ausserliche zu erklären; das heisst, der Schatten von der Seele eines grossen Hel- den, Staatsmannes, Kriegers, Ehrgeizigen, Eifersüchtigen, Verzweifelnden wird von ihnen erhascht, sie dringen bis nahe an die Seele, aber nicht bis in den Geist ihrer Objecte. Das wäre freilich eine schöne Entdeckung, dass es nur des hellseherischen Schauspielers bedürfe, statt aller Denker, Kenner, Fachmänner, um in’s Wesen Irgend eines Zustandes hinabzuleuchten! Vergessen wir doch nie, sobald derartige Anmaassungen laut werden, dass der Schauspieler eben ein idealer Affe ist und so sehr Affe, dass er an das „Wesen“ und das „Wesent- liche“ gar nicht zu glauben vermag: Alles wird ihm Spiel, Ton, Gebärde, Bühne, Coulisse und Publicum. Digitized by Google 253 325- Abseits leben und glauben. — Das Mittel, um der Prophet und Wundermann seiner Zeit zu werden, gilt heute noch wie vor Alters: man lebe abseits, mit wenig Kenntnissen, einigen Gedanken und sehr viel Dünkel, — endlich stellt sich der Glaube bei uns ein, dass die Menschheit ohne uns nicht fbrtkommen könne, weil wir nämlich ganz ersichtlich ohne sie fort- kommen. Sobald dieser Glaube da ist, findet man auch Glauben. Zuletzt ein Rath für Den, der ihn brauchen mag (er wurde Wesley von seinem geistlichen Lehrer Böhler gegeben): „Predige den Glauben, bis du ihn hast, und dann wirst du ihn predigen, weil du ihn hast!“ — 326. Seine Umstände kennen. — Unsere Kräfte können wir abschätzen, aber nicht unsere Kraft. Die Umstände verbergen und zeigen uns dieselben nicht nur, — nein! sie vergrössern und verkleinern sie. Man soll sich für eine variable Grösse halten, deren Leistungs- fähigkeit unter Umständen der Begünstigung vielleicht der allerhöchsten gleichkommen kann: man soll also über die Umstände nachdenken und keinen Fleiss in deren Beobachtung scheuen. 327- Eine Fabel. — Der Don Juan der Erkenntniss: er ist noch von keinem Philosophen und Dichter entdeckt wor- den. Ihm fehlt die Liebe zu den Dingen, welche er erkennt, aber er hat Geist, Kitzel und Genuss an Jagd und Intri- guen der Erkenntniss — bis an die höchsten und fernsten Sterne der Erkenntniss hinauf! — bis ihm zuletzt Nichts Digitized by GOogle 254 mehr zu erjagen übrig bleibt, als das absolut Wehe- thuende der Erkenntniss, gleich dem Trinker, der am Ende Absinth und Scheidewasser trinkt. So gelüstet es ihn am Ende nach der Hölle, — es ist die letzte Er- kenntniss, die ihn verführt. Vielleicht, dass auch sie ihn enttäuscht, wie alles Erkannte! Und dann müsste er in alle Ewigkeit stehen bleiben, an die Enttäuschung festgenagelt und selber zum steinernen Gast geworden, mit einem Verlangen nach einer Abendmahlzeit der Erkenntniss, die ihm nie mehr zu Theil wird! — denn die ganze Welt der Dinge hat diesem Hungrigen keinen Bissen mehr zu reichen. 328. Worauf idealistische Theorien rathen lassen. Man trifft die idealistischen Theorien am sichersten bei den unbedenklichen Praktikern ; denn sie brauchen deren Lichtglanz für ihren Ruf. Sie greifen darnach mit ihren Instincten und haben gar kein Gefühl von Heuchelei dabei : so wenig ein Engländer mit seiner Christlichkeit und Sonntagsheiligung sich als Heuchler fühlt. Um- gekehrt: den beschaulichen Naturen, welche sich gegen alles Phantasiren in Zucht zu halten haben und auch den Ruf der Schwärmerei scheuen, genügen allein die harten realistischen Theorien: nach ihnen greifen sie mit der gleichen instinctiven Nöthigung, und ohne ihre Ehrlichkeit dabei zu verlieren. 329- Die Verleumder der Heiterkeit. — Tief vom Leben verwundete Menschen haben alle Heiterkeit ver- dächtigt, als ob sie immer kindlich und kindisch sei Digitized by Google 255 und eine Unvernunft verrathe, bei deren Anblick man nur Erbarmen und Rührung empfinden könne , wie wenn ein dem Tode nahes Kind auf seinem Bette noch seine Spielsachen liebkost. Solche Menschen sehen unter allen Rosen verborgene und verhehlte Gräber; Lustbarkeiten, Getümmel, fröhliche Musik erscheint ihnen wie die entschlossene Selbsttäuschung des Schwer- kranken, der noch einmal eine Minute den Rausch des Lebens schlürfen will. Aber dieses Urtheil über die Heiterkeit ist nichts Anderes, als deren Strahlenbrechung auf dem düsteren Grunde der Ermüdung und Krankheit: es ist selber etwas Rührendes, Unvernünftiges, zum Mitleiden Drängendes, ja sogar etw'as Kindliches und Kindisches, aber aus jener zweiten Kindheit her, welche dem Alter folgt und dem Tode voranläuft. 330. Noch nicht genug! — Es ist noch nicht genug, eine Sache zu beweisen, man muss die Menschen zu ihr auch noch verführen oder zu ihr erheben. Dess- halb soll der Wissende lernen, seine Weisheit zu sagen: und oft so, dass sie wie Thorheit klingt! 33«- Recht und Gränze. — Der Asketismus ist für Solche die rechte Denkweise, welche ihre sinnlichen Triebe ausrotten müssen, weil dieselben wüthende Raub- thiere sind. Aber auch nur für Solche! 332. Der aufgeblasene Stil. — Ein Künstler, der sein hochgeschwollenes Gefühl nicht im Werke entladen und sich so erleichtern, sondern vielmehr gerade das Digitized by G 256 Gefühl der Schwellung mittheilen will, ist schwnilstig und sein Stil ist der aufgeblasene Stil. 333- „Menschlichkeit“. — Wir halten die Thiere nicht für moralische Wesen. Aber meint ihr denn, dass die Thiere uns für moralische Wesen halten? — Ein Thier, welches reden konnte, sagte: ,, Menschlichkeit ist ein Vorurtheil, an dem wenigstens wir Thiere nicht leiden.“ 334- Der Wohlthätige. — Der Wohlthätige befriedigt ein Bedürfniss seines Gemüths, wenn er wohlthut. Je stärker dieses Bedürfniss ist, um so weniger denkt er sich in den Anderen hinein, der ihm dient, sein Be- dürfniss zu stillen, er wird unzart und beleidigt unter Umständen. (Diess sagt man der jüdischen Wohlthätig- keit und Barmherzigkeit nach: welche bekanntlich etwas hitziger ist, als die anderer Völker.) 335- Damit Liebe als Liebe gespürt werde. — Wir haben nöthig, gegen uns redlich zu sein und uns sehr gut zu kennen, um gegen Andere jene menschen- freundliche Verstellung üben zu können, welche Liebe und Güte genannt wird. 336- Wessen sind wir fähig? — Einer war durch seinen ungerathenen und boshaften Sohn den ganzen Tag so gequält worden, dass er ihn Abends erschlug und aufathmend zur übrigen Familie sagte: „So! nun können wir ruhig schlafen!“ — Was wissen wir, wozu uns Umstände treiben könnten! Digitized by Google 257 337- „Natürlich“. — In seinen Fehlem wenigstens na- türlich zu sein, — ist vielleicht das letzte Lob eines künstlichen und überall sonst schauspielerischen und halbächten Künstlers. Ein solches Wesen wird dess- halb gerade seine Fehler keck herauslassen. 338- Ersatz - Ge wissen. — Der eine Mensch ist für den anderen sein Gewssen; und diess ist namentlich wichtig, wenn der andere sonst keines hat. 339- Verwandlung der Pflichten. — Wenn die Pflicht aufhört, schwer zu fallen, wenn sie sich nach langer Übung zur lustvollen Neigung und zum Bedürfniss um- wandelt, dann w'erden die Rechte Anderer, auf welche sich unsere Pflichten, jetzt unsere Neigungen beziehen, etw'as Anderes: nämlich Anlässe zu angenehmen Em- pfindungen für uns. Der Andere wird vermöge seiner Rechte von da an liebenswürdig (anstatt ehrwürdig und furchtbar, wie vordem). Wir suchen unsere Lust, wenn wir jetzt den Bereich seiner Macht anerkennen und unterhalten. Als die Quietisten keine Last mehr an ihrem Christenthume hatten und in Gott nur ihre Lust fanden, nahmen sie ihren Wahlspruch „Alles zur Ehre Gottes!“ an: w'as sie auch immer in diesem Sinne thaten, es war kein Opfer mehr; es hiess so viel als „Alles zu unserm Vergnügen!“ Zu verlangen, dass die Pflicht immer etwas lästig falle — wie es Kant thut — heisst Ni^txschc, MorgcnrJUhc. I7 Digitized by Gt)6gle 258 verlangen, dass sie niemals Gewohnheit und Sitte werde : in diesem Verlangen steckt ein kleiner Rest von aske- tischer Grausamkeit. 340. Der Augenschein ist gegen den Historiker. — Es ist eine gut bewiesene Sache, dass die Menschen aus dem Mutterleibe hervorgehen: trotzdem lassen er- wachsene Kinder, die neben ihrer Mutter stehen, die Hypothese als sehr ungereimt erscheinen; sie hat den Augenschein gegen sich. 341- Vortheil im Verkennen. — Jemand sagte, er habe in der Kindheit eine solche Verachtung gegen die gefall- süchtigen Grillen des melancholischen Temperaments ge- habt, dass es ihm bis zur Mitte seines Lebens verborgen geblieben sei, welches Temperament er habe: nämlich eben das melancholische. Er erklärte diess für die beste aller möglichen Unwissenheiten. 342. Nicht zu verwechseln! — Ja! Er betrachtet die Sache von allen Seiten, und ihr meint, das sei ein rechter Mann der Erkenntniss. Aber er will nur den Preis herabsetzen, — er will sie kaufen! 343- Angeblich moralisch. — Ihr wollt nie mit euch unzufrieden werden, nie an euch leiden, — und nennt diess euren moralischen Hang! Nun gut, ein Andrer mag es eure Feigheit nennen. Aber Eins ist gewiss; ihr werdet niemals die Reise um die Welt (die ihr selber seid!) machen und in euch selber ein Zufall und eine Scholle auf der Scholle bleiben! Glaubt ihr denn, dass Digitized by Google 259 wir Andersgesinnten der reinen Narrheit halber uns der Reise durch die eigenen Öden, Sümpfe und Eis- gebirge aussetzen und Schmerzen und Überdruss an uns freiwillig erwählen, wie die Säulenheiligen? 344- Feinheit im Fehlgreifen. — Wenn Homer, wie man sagt, bisweilen geschlafen hat, so war er klüger als alle die Künstler des schlaflosen Ehrgeizes. Man muss die Bewunderer zu Athem kommen lassen, da- durch dass man sie voh Zeit zu Zeit in Tadler verwan- delt; denn Niemand hält eine ununterbrochen glänzende und wache Güte aus; und statt wohlzuthun, wird ein Meister der Art zum Zuchtmeister, den man hasst, wäh- rend er vor uns hergeht. 345- Unser Glück ist kein Argument für und wider. — Viele Menschen sind nur eines geringen Glückes fähig: es ist ebenso wenig ein Einwand gegen ihre Weisheit, dass diese ihnen nicht mehr Glück geben könne, als es ein Einwand gegen die Heilkunst ist, dass manche Menschen nicht zu curiren und andere immer kränklich sind. Möge Jeder mit gutem Glück gerade die Lebensauffassung finden, bei der er sein höchstes Maass von Glück verwirklichen kann: dabei kann sein Leben immer noch erbärmlich und wenig neidens- werth sein. 346. Weiberfeinde. — „Das Weib ist unser Feind“ — wer so als Mann zu Männern spricht, aus dem redet der ungebändigfte Trieb, der nicht nur sich selber, son- dern auch seine Mittel hasst. Digitized by Google 260 347- Eine Schule des Redners. — Wenn man ein Jahr lang schweigt, so verlernt man das Schwätzen und lernt das Reden. Die Pythagoreer waren die besten Staatsmänner ihrer Zeit. 348. Gefühl der Macht. — Man unterscheide wohl: wer das Gefühl der Macht erst gewannen will, greift nach allen Mitteln und verschmäht keine Nahrung des- selben. Wer es aber hat, der ist sehr wählerisch und vornehm in seinem Geschmack gew'orden; selten, dass ihm Etwas noch genugthut. 349- Nicht gar so wichtig. — Bei einem Sterbefalle, dem man zusieht, steigt ein Gedanke regelmässig auf, den man sofort, aus einem falschen Gefühl der An- ständigkeit, in sich unterdrückt: dass der Act des Ster- bens nicht so bedeutend sei, wäe die allgemeine Ehr- furcht behauptet, und dass der Sterbende im Leben wahrscheinlich wachtigere Dinge verloren habe, als er hier zu verlieren im Begriffe steht. Das Ende ist hier gewass nicht das Ziel. — 350. Wie man am besten verspricht. — Wenn ein Versprechen gemacht wird, so ist es nicht das Wort, welches verspricht, sondern das Unausgesprochene hin- ter dem Worte. Ja, die Worte machen ein Versprechen unkräftiger, indem sie eine Kraft entladen und ver- brauchen, welche ein 'l'heil jener Kraft ist, die ver- Digitized by Google 261 spricht. Lasst euch also die Hand reichen und legt dabei den P'inger auf den Mund, — so macht ihr die sichersten Gelöbnisse. 35«- Gewöhnlich missverstanden. — Im Gespräche bemerkt man den Einen bemüht, eine Falle zu legen, in welche der Andere fällt, nicht aus Bosheit, wie man denken sollte, sondern aus Vergnügen an der eignen Pfiffigkeit: dann wieder Andre, welche den Witz vor- bereiten, damit der Andre ihn mache, und welche die Schleife knüpfen, damit Jener den Knoten daraus ziehe: nicht aus Wohlwollen, wie man denken sollte, sondern aus Bosheit und Verachtung der gp’oben Intellecte. 352. Centrum. — Jenes Gefühl: „ich bin der Mittel- punct der Welt!“ tritt sehr stark auf, wenn man plötz- lich von der Schande überfallen wird; man steht dann da wie betäubt inmitten einer Brandung und fühlt sich geblendet wie von Einem grossen Auge, das von allen Seiten auf uns und durch uns blickt. 353- Redefreiheit. — „Die Wahrheit muss gesagt werden, und wenn die Welt in Stücke gehen sollte!“ — so ruft, mit grossem Munde, der grosse Fichte! — Ja! Ja! Aber man müsste sie auch haben! — Aber er meint. Jeder solle seine Meinung sagen, und wenn Alles drunter und drüber gienge. Darüber Hesse sich mit ihm noch rechten. 354- Muth zum Leiden. — So wie wir jetzt sind, können wir eine ziemliche Menge von Unlust ertragen, und Digitized by CiJi'glc 262 unser Magen ist auf diese schwere Kost eingerichtet. Vielleicht fänden wir ohne sie die Mahlzeit des Lebens fade: und ohne den guten Willen zum Schmerze würden wir allzu viele Freuden fahren lassen müssen! 355- Verehrer. — Wer so verehrt, dass er den Nicht- verehrenden kreuzigt, gehört zu den Henkern seiner Partei, — man hütet sich, ihm die Hand zu geben, selbst w'enn man auch von der Partei ist. 356. Wirkung des Glückes. — Die erste Wirkung des Glückes ist das Gefühl der Macht: diese will sich äussern, sei es gegen uns selber oder gegen andere Menschen oder gegen Vorstellungen oder gegen eingebildete Wesen. Die gewöhnlichsten Arten, sich zu äussem, sind: Beschenken, Verspotten, Vernichten, — alle drei mit einem gemeinsamen Grundtriebe. 357- Moralische Stechfliegen. — Jene Moralisten, denen die Liebe zur Erkenntniss abgeht und welche nur den Genuss des Wehethuns kennen — haben den Geist und die Langeweile von Kleinstädtern; ihr ebenso grausames, als jämmerliches Vergnügen ist, dem Nach- bar auf die Finger zu sehen und unvermerkt eine Ncidel so zu stecken, dass er sich daran sticht. In ihnen ist die Unart kleiner Knaben rückständig, w'elche nicht munter sein können ohne etvvcis Jagd und Misshandlung von Lebendigem und Todtem. Digitized by Google 263 358. Gründe und ihre Grundlosigkeit. — Du hast eine Abneigung gegen ihn und bringst auch reichliche Gründe für diese Abneigung vor, — ich glaube aber nur deiner Abneigung, und nicht deinen Gründen I Es ist eine Schönthuerei vor dir selber. Das, was instinctiv geschieht, dir und mir Avie einen Vernunftschluss vor- zuführen. 359- Etwas gut heissen. — Man heisst die Ehe gut, erstens weil man sie noch nicht kennt, zweitens weil man sich an sie gewöhnt hat, drittens weil man sie ge- schlossen hat, — das heisst fast in allen Fällen. Und doch ist damit Nichts für die Güte der Ehe überhaupt bewiesen. 360. Keine Utilitarier. — „Die Macht, der viel Böses angethan und angedacht wird, ist mehr werth, als die Ohnmacht, der nur Gutes widerfährt“, — so empfanden die Griechen. Das heisst: das Gefühl der Macht wurde von ihnen höher geschätzt, als irgend ein Nutzen oder guter Ruf. 361. Hässlich scheinen. — Die Mässigkeit sieht sich selber als .schön; sie ist unschuldig daran, dass sie im Auge des Unmässigen rauh und nüchtern, folglich als hässlich erscheint. 362. Verschieden im Hasse. — Manche hassen erst, wenn sie sich schwach und müde fühlen: sonst sind sie billig und übersehend. Andre heissen erst, wenn sie Digitized by Google 264 die Möglichkeit der Rache sehen: sonst hüten sie sich vor allem heimlichen und lauten Zorn, und denken, wenn es Anlässe dazu giebt, daran vorbei. 363- Menschen des Zufalls. — Das Wesentliche an jeder Erfindung thut der Zufall, aber den meisten Men- schen begegnet dieser Zufall nicht. 364- Wahl der Umgebung. — Man hüte sich, in einer Umgebung zu leben, vor der man weder würdig schwei- gen, noch sein Höheres mitzutheilen vermag, sodass unsere Klagen und Bedürfnisse und die ganze Geschichte unserer Nothstände zur Mittheilung übrig bleiben. Da- bei wird man mit sich unzufrieden, und unzufrieden mit dieser Umgebung, ja, nimmt den Verdruss, sich immer als Klagenden zu empfinden, noch zu dem Nothstände hinzu, der uns klagen macht. Sondern dort soll man leben, wo man sich schämt, von sich zu reden, und es nicht nöthig hat. — Aber wer denkt an solche Dinge, an eine Wahl in solchen Dingen! Man redet von sei- nem „Verhängniss“, stellt sich mit breitem Rücken hin und seufzt „ich unglückseliger Atlas!“ 365- Eitelkeit. — Die Eitelkeit ist die Furcht, original zu erscheinen, also ein Mangel an Stolz, aber nicht nothwendig ein Mangel an Originalität. 366. Verbrecher-Kummer. — Man leidet als entdeck- ter Verbrecher nicht am Verbrechen, sondern an der Digitized by Google 265 Schande oder am Verdruss über eine gemachte Dumm- heit oder an der Entbehrung des gewohnten Elementes, und es bedarf einer Feinheit, die selten ist, hierin zu unterscheiden. Jeder, der viel in Gefängnissen und Zuchthäusern verkehrt hat, ist erstaunt, wie selten da- selbst ein unzweideutiger „Gewissensbiss“ anzutreffen ist: um so mehr aber das Heimweh nach dem alten bösen geliebten Verbrechen. 367- Immer glücklich scheinen. — Als die Philo- sophie Sache des öffentlichen Wetteifers war, im Grie- chenland des dritten Jahrhunderts, gab es nicht wenige Philosophen, welche glücklich durch den Hintergedanken wurden, dass Andere, die nach anderen Principien leb- ten und sich dabei quälten, an ihrem Glücke Arger haben müssten: sie glaubten, mit ihrem Glücke jene am besten zu widerlegen, und dazu genügte es ihnen, immer glücklich zu scheinen: aber dabei mussten sie auf die Dauer glücklich werden! Diess war zum Beispiel das Loos der Cyniker. 368. Grund vieler Verkennung. — Die Moralität der zunehmenden Xerv’enkraft ist freudig und unruhig; die Moralität der abnehmenden Nervenkraft, am Abende oder bei Kranken und alten Leuten, ist leidend, be- ruhigend, abwartend, wehmüthig, ja nicht selten düster. Je nachdem man von dieser oder jener hat, versteht man die uns fehlende nicht, und dem Andern legt man sie oft als Unsittlichkeit und Schwäche aus. Digitized by Google 266 3Ö9- Sich über seine Erbärmlichkeit zu heben. — Das sind mir stolze Gesellen, die, um das Gefühl ihrer Würde und Wichtigkeit herzustellen, immer erst An- dere brauchen, die sie anherrschen und vergewaltigen können: Solche nämlich, deren Ohnmacht und Feigheit es erlaubt, dass Einer vor ihnen ungestraft erhabene und zornige Gebärden machen kann! — sodass sie die Erbärmlichkeit ihrer Umgebung nöthig haben, um sich auf einen Augenblick über die eigene Erbärmlichkeit zu heben! — Dazu hat Mancher einen Hund, ein Andrer einen Freund, ein Dritter eine Frau, ein Vierter eine Partei und ein sehr Seltener ein ganzes Zeitalter nöthig. 370. Inwiefern der Denker seinen Feind liebt. — Nie Etwas zurückhalten oder dir verschweigen, was gegen deinen Gedanken gedacht werden kann! Gelobe es dir! Es gehört zur ersten Redlichkeit des Denkens. Du musst jeden Tag auch deinen Feldzug gegen dich selber führen. Ein Sieg und eine eroberte Schanze sind nicht mehr deine Angelegenheit, sondern die der Wahrheit, — aber auch deine Niederlage ist nicht mehr deine Angelegenheit! 371- Das Böse der Stärke. — Die Gewaltthätigkeit als Folge der Leidenschaft, zum Beispiel des Zornes, ist physiologisch als ein Versuch zu verstehen, einem drohenden Erstickungsanfall vorzubeugen. Zahllose Handlungen des Übermuths, der sich an anderen Per- sonen auslässt, sind Ableitungen eines plötzlichen Blut- andranges durch eine starke Muskel-Action gewesen: Digitized by Google 267 und vielleicht gehört das ganze „Böse der Stärke“ unter diesen Gesichtspunct. (Das Böse der Stärke thut dem Andern wehe, ohne daran zu denken, — es muss sich auslassen; das Böse der Schwäche will wehe thun und die Zeichen des Leidens sehen.) 372. Zur Ehre der Kenner. — Sobald Einer, ohne Kenner zu sein, doch den Urtheiler spielt, soll man so- fort protestiren; ob es nun Männlein oder Weiblein sei. Schwärmerei und Entzücken für ein Ding oder einen Menschen sind keine Argumente : Widerwillen und Hass gegen sie auch nicht. 373- Verrätherischer Tadel. — „Er kennt die Men- schen nicht“ — das heisst im Munde des Einen: „er kennt die Gemeinheit nicht“, im Munde des Andern: „er kennt die Ungewöhnlichkeit nicht und die Gemein- heit zu gut“. 374- Werth des Opfers. — Je mehr man den Staaten und Fürsten das Recht aberkennt, die Einzelnen zu opfern (wie bei der Rechtspflege, der Heeresfolge u. s. w.), um so höher wird der Werth der Selbst-Opferung steigen. 375- Zu deutlich reden. — Man kann aus verschiede- nen Gründen zu deutlich articulirt sprechen: einmal, aus Misstrauen gegen sich, in einer neuen ungeübten Sprache, sodann aber auch aus Mi.sstrauen gegen die Anderen, wegen ihrer Dummheit oder Langsamkeit des Digitized by Ct4ogle 268 Verständnisses. Und so auch im Geistigsten: unsere Mittheilung ist mitunter zu deutlich, zu peinlich, weil Die, welchen wir uns mittheilen, uns sonst nicht ver- stehen. Folglich ist der vollkommene und leichte Stil nur vor einer vollkommenen Zuhörerschaft erlaubt. 376. Viel schlafen. — Was thun, um sich anzuregen, wenn man müde und seiner selbst satt ist? Der Eine empfiehlt die Spielbank, der Andere das Christenthum, der Dritte die Electricität. Das Beste aber, mein lieber Melancholiker, ist und bleibt: viel schlafen, eigent- lich und uneigentlich! So wird man auch seinen Mor- gen wieder haben! Das Kunststück der Lebensweis- heit ist, den Schlaf jeder Art zur rechten Zeit einzu- schieben wissen. 377- Worauf phantastische Ideale rathen lassen. — Dort, wo unsere Mängel liegen, ergeht sich unsere Schwärmerei. Den schwärmerischen Satz „liebet eure Feinde!“ haben Juden erfinden müssen, die besten Hasser, die es gegeben hat, und die schönste Verherrlichung der Keuschheit ist von Solchen gedichtet worden, die in ihrer Jugend wüst und abscheulich gelebt haben. 378. Reine Hand und reine Wand. — Man soll weder Gott noch den Teufel an die Wand malen. Man ver- dirbt damit seine Wand und seine Nachbarschaft. 379- Wahrscheinlich und unwahrscheinlich. — Eine Frau liebte heimlich einen Mann, hob ihn hoch über Digitized by Google 269 sich und sagte sich im Geheimsten hundert Male: „wenn mich ein solcher Mann liebte, so wäre diess wie eine Gnade, vor der ich im Staube liegen müsste!“ — Und dem Manne gieng es ganz ebenso, und gerade in Be- zug auf diese Frau, und er sag^e sich im Geheimsten auch gerade diesen Gedanken. Als endlich einmal Beiden die Zunge sich gelöst hatte und sie alles das Verschwiegene und Verschwiegenste des Herzens ein- ander sagten, entstand schliesslich ein Stillschweigen und einige Besinnung. Darauf hob die Frau an, mit erkälteter Stimme: „aber es ist ja ganz klar! wir sind Beide nicht Das, was wir geliebt haben! Wenn du Das bist, was du .sagst und nicht mehr, so habe ich mich umsonst erniedrigt und dich geliebt; der Dämon verführte mich so wie dich.“ — Diese sehr wahrschein- liche Geschichte kommt nie vor, — wesshalb? 380. Erprobter Rath. — Von allen Trostmitteln thut Trostbedürftigen Nichts so wohl, als die Behauptung, für ihren Fall gebe es keinen Trost. Darin liegt solche Auszeichnung, dass sie wieder den Kopf erheben. 381. Seine „Einzelheit“ kennen. — Wir vergessen zu leicht, da.ss wir im Auge fremder Menschen, die uns zum ersten Male sehen, etwas ganz Anderes sind, als Das, wofür wir uns selber halten: meistens Nichts mehr, als eine in die Augen springende Einzelheit, welche den Eindruck bestimmt. So kann der sanftmüthigste und billigste Mensch, w'enn er nur einen grossen Schnurrbart hat, gleichsam im vSchatten desselben sitzen, Digitized by Gotigle 270 und ruhig sitzen, — die gewöhnlichen Augen sehen in ihm den Zubehör zu einem grossen Schnurrbart, will sagen: einen militärischen, leicht aufbrausenden, unter Umständen gewaltsamen Charakter — und benehmen sich darnach vor ihm. 382. Gärtner und Garten. — Aus feuchten trüben Tagen, Einsamkeit, lieblosen Worten an uns, wachsen Schlüsse auf wie Pilze: sie sind eines Morgens da, wir wissen nicht woher, und sehen sich grau und gries- grämig nach uns um. Wehe dem Denker, der nicht der Gärtner, sondern nur der Boden seiner Gewächse ist! 383- Die Komödie des Mitleidens. — Wir mögen noch so sehr an einem Unglücklichen Antheil nehmen: in seiner Gegenwart spielen wir immer etwas Komödie, wir sagen Vieles nicht, was wir denken und wie wir es denken, mit jener Behutsamkeit des Arztes am Bette von Schwerkranken. 384. Wunderliche Heilige. — Es giebt Kleinmüthige, welche von ihrem besten Werke und Wirken Nichts halten und es schlecht zur Mittheilung oder zum Vor- trage bringen: aber aus einer Art Rache halten sie auch Nichts von der Sympathie Anderer oder glauben gar nicht an Sympathie; sie schämen sich, von sich selber hingerissen zu erscheinen und fühlen ein trotziges Wohlbehagen darin, lächerlich zu \verden. — Diess sind Zustände aus der Seele melancholischer Künstler. Digitized by Google 271 \ 385. Die Eiteln. — Wir sind wie Schauläden, in denen wir selber unsere angeblichen Eigenschaften, welche Andere uns zusprechen, fortwährend anordnen, ver- decken oder in’s Licht stellen, — um uns zu betrügen. 386. Die Pathetischen und die Naiven. — Es kann eine sehr unedle Gewohnheit sein, keine Gelegenheit vorbei zu lassen, wo man sich pathetisch zeigen kann: um jenes Genusses willen, sich den Zuschauer dabei zu denken, der sich an die Brust schlägt und sich selber jämmerlich und klein fühlt. Es kann folglich auch ein Zeichen des Edelsinns sein, mit pathetischen Lagen Spott zu treiben und in ihnen sich unwürdig zu be- nehmen. Der alte kriegerische Adel Frankreich’s hatte diese Art Vornehmheit und Feinheit. 387. Probe einer Überlegung vor der Ehe. — Ge- setzt, sie liebte mich, wie lästig würde sie mir auf die Dauer werden! Und gesetzt, sie liebte mich nicht, wie lästig würde sie erst da mir auf die Dauer werden! — Es handelt sich nur um zwei verschiedene Arten des Lästigen: — heirathen wir also! 388. Die Schurkerei mit gutem Gewissen. — Im kleinen Handel übervortheilt zu werden, — das ist in manchen Gegenden, zum Beispiel in Tyrol, so unange- nehm, weil man das böse Gesicht und die grobe Be- gierde darin, nebst dem schlechten Gewissen und der Digitized by Go«gle — 272 - * plumpen Feindseligkeit, welche im betrügerischen Ver- käufer gegen uns entsteht, noch obendrein in den schlechten Kauf bekommt. In Venedig dagegen ist der Prellende von Herzen über das gelungene Schelmen- stück vergnügt und gar nicht feindselig gegen den Ge- prellten gestimmt, ja geneigt, ihm eine Artigkeit zu erweisen und namentlich mit ihm zu lachen, falls er dazu Lust haben sollte. — Kurz, man muss zur Schur- kerei auch den Geist und das gfute Gewissen haben: das versöhnt den Betrogenen beinahe mit dem Betrüge. 389. Etwas zu schwer. — Sehr brave Leute, die aber etwas zu schwer .sind, um höflich und liebens\vürdig zu sein, suchen eine Artigkeit sofort mit einer ernsthaften Dienstleistung oder mit einem Beitrag aus ihrer Kraft zu beantworten. Es ist rührend anzusehen, wie sie ihre Goldstücke schüchtern heranbringen, wenn ein Anderer ihnen seine vergoldeten Pfennige geboten hat. 390- Geist verbergen. — Wenn wir Jemanden dabei ertappen, dass er seinen Geist vor uns verbirgt, so nennen wdr ihn böse: und zwar um so mehr, wenn wir argwöhnen, dass Artigkeit und Men.schenfreundlichkeit ihn dazu getrieben haben. 391- Der böse Augenblick. — Lebhafte Naturen lügen nur einen Augenblick: nachher haben sie sich .selber belogen und sind überzeugt und rechtschaffen. Digitized by Google 273 392. Bedingung der Höflichkeit. — Die Höflichkeit ist eine sehr gxite Sache und wirklich eine der vier Haupttugenden (wenn auch die letzte): aber damit wir uns einander nicht mit ihr lästig werden, muss Der, mit dem ich gerade zu thun habe, um einen Grad weniger oder mehr höflich sein, als ich es bin, — sonst kommen wir nicht von der Stelle, und die Salbe salbt nicht nur, sondern klebt uns fest. 393- Gefährliche Tugenden. — „Er vergisst Nichts, aber er vergiebt Alles.“ — Dann wird er doppelt ge- hasst, denn er beschämt doppelt, mit seinem Gedächt- niss und mit seiner Grossmuth. 394. Ohne Eitelkeit. — Leidenschaftliche Menschen denken wenig an Das, was die Anderen denken, ihr Zustand erhebt sie über die Eitelkeit. 395. Die Contemplation. — Bei dem einen Denker folgt der dem Denker eigene beschauliche Zustand immer auf den Zustand der Furcht, bei einem andern immer auf den Zustand der Begierde. Dem ersten scheint demnach die Beschaulichkeit mit dem Gefühl der Sicherheit verbunden, dem andern mit dem Gefühl der Sättigung — das heisst: jener ist dabei muthig, dieser überdrü.ssig und neutral gestimmt. 396. Auf der Jagd. — Jener ist auf der Jagd, ange- nehme Wahrheiten zu haschen, dieser — unangenehme. Nietzsche, MorgrnrUthe. 18 Digitized by GObgle 274 Aber auch der Erstere hat mehr Vergnügen an der Jagd, als an der Beute. 397- Erziehung. — Die Erziehung ist eine Fortsetzung der Zeugung und oft eine Art nachträglicher Beschö- nigung derselben. 398. Woran der Hitzigere zu erkennen ist. — Von zwei Personen, die mit einander kämpfen oder sich lie- ben oder sich bewundern, übernimmt die, welche die hitzigere ist, immer die unbequemere Stellung. Da.s Selbe gilt auch von zwei Völkern. 399- Sich vertheidigen. — Manche Menschen haben das beste Recht, so und so zu handeln; aber wenn sie sich darob vertheidigen, glaubt man’s nicht mehr — und irrt sich. 400. Moralische Verzärtelung. — Es giebt zart mora- lische Naturen, welche bei jedem Erfolge Beschämung und bei jedem Misserfolge Gewi.ssen.sbisse haben. 401. Gefährlichstes Verlernen. — Man fängt damit an, zu verlernen. Andere zu lieben und hört damit auf,, an sich nichts Liebenswerthes mehr zu finden. 402. Auch eine Toleranz. — „Eine Minute zu lange auf glühenden Kohlen gelegen haben und ein Wenig dabei anzubrennen, — das schadet noch Nichts, bei Digitized by Google 275 Menschen und Kastanien! Diese kleine Bitterkeit und Härte lässt erst recht schmecken, wie süss und milde der Kern ist.“ — Ja! So urtheilt ihr Geniessenden! Ihr sublimen ^lenschenfresser! 403- Verschiedener Stolz. — Die Frauen sind es, welche bei der Vorstellung erbleichen, ihr Geliebter möchte ihrer nicht werth sein; die Männer sind es, welche bei der Vorstellung erbleichen, sie möchten ihrer Geliebten nicht werth sein. Es ist hier von ganzen Frauen, ganzen Männern die Rede. Solche Männer, als die Menschen der Zuversichtlichkeit und des Macht- gefühls für gewöhnlich, haben im Zu.stande der Pas- sion ihre Verschämtheit, ihren Zweifel an sich; solche Frauen aber fühlen sich .sonst immer als die Schwachen, zur Hingebung Bereiten, aber in der hohen Ausnahme der Passion haben .sie ihren Stolz und ihr Machtgefühl, — als welches frägt: wer ist meiner würdig? 404. Wem man selten gerecht wird. — Mancher kann sich nicht für etwas Gutes und Grosses erwärmen, ohne schweres Unrecht nach irgend einer Seite hin zu thun: diess i.st seine Art Moralität. 405- I-uxus. — Der Hang zum Luxus geht in die Tiefe, eines Menschen: er verräth, dass das Überflüssige und Unmä.ssige das Wasser ist, in dem .seine .Seele am lieb- sten schwimmt. t8» Digitized by Ci*oglc 276 4o6. Unsterblich machen. — Wer seinen Gegner tödten will, mag erwägen, ob er ihn nicht gerade da- durch bei sich verewigt. 407. Wider unsern Charakter. — Geht die Wahrheit, die wir zu sagen haben, wider unsem Charakter — wie es oft vorkommt — , so benehmen wir .uns dabei, als ob wir schlecht lögen und erregen Misstrauen. 408. Wo viel Milde noth thut. — Manche Naturen haben nur die Wahl, entweder öffentliche Übelthäter oder geheime Leidträger zu sein. 40g. Krankheit. — Unter Krankheit ist zu verstehen: eine unzeitige Annäherung des Alters, der Hässlichkeit und der pessimistischen Urtheile: welche Dinge zu ein- ander gehören. 410. Die Ängstlichen. — Gerade die ungeschickten ängstlichen Wesen werden leicht zu Todtschlägem: sie verstehen die kleine zweckentsprechende Vertheidigung oder Rache nicht, ihr Hass weiss aus Mangel an Geist und Geistesgegenwart keinen andern Ausweg, als die Vernichtung. 41 !. Ohne Hass. — Du willst von deiner Leidenschaft Abschied nehmen? Thue es, aber ohne Hass gegen sie! Sonst hast du eine zweite Leidenschaft. — Die Digitized by Google 277 Seele der Christen, die sich von der Sünde freigemacht hat, wird gewöhnlich hinterher durch den Hass gegen die Sünde ruinirt. Sieh die Gesichter der grossen Chri- sten an! Es sind die Gesichter von grossen Hassern. 412. Geistreich und beschränkt. — Er versteht Nichts zu schätzen, ausser sich; und wenn er Andere schätzen will, so muss er sie immer erst in sich verwandeln. Darin aber ist er geistreich. 413- Die privaten und öffentlichen Ankläger. — Sieh dir Jeden genau an, der anklagt und inquirirt, — er enthüllt dabei .seinen Charakter: und zwar nicht sel- ten einen schlechteren Charakter, als das Opfer hat, hinter dessen Verbrechen er her ist. Der Anklagende meint in aller Unschuld, der Gegner eines Frevels und eines Frevlers müsse schon an .sich von gutem Charakter sein oder als gut gelten, — und so lässt er sich gehen, das heisst: er lässt sich heraus. 414. Die freiwillig Blinden. — Es giebt eine Art schwärmerischer, bis zum Aussersten gehender Hin- gebung an einer Person oder Partei, die verräth, dass wir im Geheimen uns ihr überlegen fühlen und darüber mit uns gröfcfen. Wir blenden uns gleichsam freiwillig zur Strafe dafür, dass unser Auge zu viel gesehen hat. 415- Remedium amoris. — Immer noch hilft gegen die Liebe in den meisten Fällen jenes alte Radical- mittel: die Gegenliebe. Digitized by 278 41 6. Wo ist der schlimmste Feind? — Wer seine Sache gxit führen kann und sich dessen bewusst ist, ist gegen seinen Widersacher meist versöhnlich ge- stimmt. Aber zu glauben, dass man die gute Sache für sich habe, und zu wissen, dass man nicht geschickt ist, sie zu vertheidigen, — das macht einen ingrimmigen und unversöhnlichen Hass auf den Gegner der eignen Sache. — Möge Jeder darnach berechnen, wo seine schlimmsten Feinde zu suchen sind! 417. Gränze aller Demuth. — Zu der Demuth, welche spricht: credo quia absurdum est, und ihre Vernunft zum Opfer anbietet, brachte es wohl schon Mancher: aber Keiner, so viel ich weiss, bis zu jener Demuth, die doch nur einen Schritt davon entfernt ist und welche spricht: credo quia absurdus sum. 418. Wahrspielerei. — Mancher ist wahrhaftig, — nicht weil er es verabscheut, Empfindungen zu heucheln, sondern well es ihm schlecht gelingen würde, seiner Heuchelei Glauben zu verschaffen. Kurz, er traut seinem Talent als Schauspieler nicht und zieht die Redlich- keit vor, die „Wahrspielerei“. 419. Muth in der Partei. — Die armen Schafe sagen zu ihrem Zugführer: „gehe nur immer voran, so wird es uns nie an Muth fehlen, dir zu folgen.“ Der arme Digitized by Google 279 Zugführer aber denkt bei sich: „folgt mir nur immer nach, so wird es mir nie an Muth fehlen, euch zu führen.“ 420. Verschlagenheit des Opferthiers. — Es ist eine traurige Verschlagenheit, wenn man sich über Jemanden täuschen will, dem man sich geopfert hat, und ihm Gelegenheit bietet, wo er uns so erscheinen muss, wie wdr wünschen, dass er wäre. 421. Durch Andre hindurch. — Es giebt Menschen, die gar nicht anders gesehen werden wollen, als durch Andre hindurchschimmemd. Und daran ist viel Klugheit. 422. Andern Freude machen. — Warum geht Freude- machen über alle Freuden? — Weil man damit seinen fünfzig eignen Trieben auf Einmal eine Freude macht. Es mögen das einzeln sehr kleine Freuden sein: aber thut man sie alle in Eine Hand, so hat man die Hand voller, als jemals sonst, — und das Herz auch! — Digitized by Fünftes Buch. Digitized by Google 423- Im grossen Schweigen. — Hier ist das Meer, hier können wir der Stadt vergessen. Zwar lärmen eben jetzt noch ihre Glocken das Ave Maria — es ist jener düstere und thörichte, aber süsse Lärm am Kreuz- wege von Tag und Nacht — , aber nur noch einen Augenblick! Jetzt schweigt Alles! Das Meer liegt bleich und glänzend da, es kann nicht reden. Der Himmel spielt sein ewiges stummes Abendspiel mit rothen, gelben, grünen Farben, er kann nicht reden. Die kleinen Klippen und Felsenbänder, welche in’s Meer hineinlaufen, wie um den Ort zu finden, wo es am einsamsten ist, sie können alle nicht reden. Diese ungeheure Stummheit, die uns plötzlich überfällt, ist schön und grausenhaft, das Herz schwillt dabei. — Oh der Gleissnerei dieser stummen Schönheit! Wie gut könnte sie reden, und wie böse auch, wenn sie wollte! Ihre gebundene Zunge und ihr leidendes Glück im Antlitz ist eine Tücke, um über dein Mitgefühl zu .spot- ten! — Sei es drum! Ich schäme mich dessen nicht, der Spott solcher Mächte zu sein. Aber ich bemitleide dich, Natur, weil du schweigen musst, auch wenn es nur deine Bosheit ist, die dir die Zunge bindet: ja, ich bemitleide dich um deiner Bosheit willen! — Ach, es wird noch stiller, und noch einmal schwillt mir das Herz: es erschrickt vor einer neuen Wahrheit, es kann auch nicht reden, es spottet selber mit, wenn der Digilized by Google 284 Mund Etwas in diese Schönheit hinausruft, es geniesst selber seine süsse Bosheit des Schweigens. Das Spre- chen, ja das Denken wird mir verhasst; höre ich denn nicht hinter jedem Worte den Irrthum, die Einbildung, den Wahngeist lachen? Muss ich nicht meines Mit- leidens spotten? Meines Spottes spotten? — Oh Meer! Oh Abend! Ihr seid .schlimme Lehrmeister! Ihr lehrt den Menschen aufhören, Mensch zu sein! Soll er sich euch hingeben? Soll er werden, wie ihr es jetzt seid, bleich, glänzend, stumm, ungeheuer, über sich selber ruhend? Über sich selber erhaben? 424. Eür wen die Wahrheit da ist. — Bis jetzt sind die Irrthümer die trostreichen Mächte gewesen: nun erwartet man von den erkannten Wahrheiten die selbe Wirkung und wartet ein Wenig lange schon. Wie, wenn die Wahrheiten gerade diess — zu trösten — nicht zu leisten vermöchten? — Wäre diess denn ein Einwand gegen die Wahrheiten? *V\^as haben diese mit den Zu.ständen leidender, verkümmerter, kranker Men- schen gemeinsam, dass sie gerade ihnen nützlich sein müssten? Es ist doch kein Beweis gegen die Wahr- heit einer Pflanze, wenn festgestellt wird, dass sie zur Genesung kranker Menschen Nichts beiträgt. Aber ehemals war man bis zu dem Grade vom Menschen als dem Zwecke der Natur überzeugt, dass man ohne Wei- teres annahm, es könne auch durch die Erkenntniss Nichts aufgedeckt werden, was nicht dem Menschen heilsam und nützlich sei, ja, es könne, es dürfe gar keine anderen Dinge geben. — Vielleicht folgt aus alledem der Satz, dass die Wahrheit als Ganzes und Digilized by Google 285 Zusammenhängendes nur für die zugleich mächtigen und harmlosen, freud- und friedenvollen Seelen (wie es die des Aristoteles war) da ist, ebenso wie diese wohl auch nur im Stande sein werden, sie zu suchen: denn die anderen suchen Heilmittel für sich, mögen sie noch so stolz über ihren Intellect und dessen Freiheit denken, — sie suchen nicht die Wahrheit. Daher kommt es, dass diese Anderen so wenig ächte Freude an der Wissenschaft haben und ihr Kälte, Trockenheit und Unmenschlichkeit zum Vorwmrf machen: es ist diess das Urtheil der Kranken über die Spiele der Gesunden. — Auch die griechischen Götter verstanden nicht zu trösten; als endlich auch die griechischen Menschen allesammt krank wurden, war diess ein Grund zum Untergang solcher Götter. 425- Wir Götter in der Verbannung! — Durch Irr- thümer über ihre Herkunft, ihre Einzigkeit, ihre Be- stimmung, und durch Anforderungen, die auf Grund dieser Irrthümer gestellt wurden, hat sich die Mensch- heit hoch gehoben und sich immer wieder „selber über- troffen“: aber durch die selben Irrthümer ist unsäglich viel Leiden, gegenseitige Verfolgung, Verdächtigung, Verkennung, und noch mehr Elend des Einzelnen in sich und an sich in die Welt gekommen. Die Menschen sind leidende Geschöpfe geworden, in Folge ihrer Moralen: was sie damit eingekauft haben, das ist. Alles in Allem, ein Gefühl, als ob sie im Grunde zu gut und zu bedeutend für die Erde wären und nur vorübergehend sich auf ihr aufhielten. „Der leidende Hochmüthige“ i.st einstweilen immer noch der höchste Typus des Menschen. Digilized by Goögle 28G 426. Farbenblindheit der Denker. — Wie anders sahen die Griechen in ihre Natur, wenn ihnen, wie man •sich eingestehen muss, das Auge für Blau und Grün blind war, und sie statt des ersteren ein tieferes Braun, statt des zweiten ein Gelb sahen (wenn sie also mit gleichem Worte zum Beispiel die F'arbe des dunkelen Haares, die der Kornblume und die des südländischen Meeres bezeichneten, und wiederum mit gleichem Worte die Farbe der grünsten Gewächse und der menschlichen Haut, des Honigs und der gelben Harze: sodass ihre grössten Maler bezeugtermaassen ihre Welt nur mit .Schwarz, Weiss, Roth und Gelb wiedergegeben haben), — wie anders und wie viel näher an den Menschen ge- rückt musste ihnen die Natur erscheinen, weil in ihrem Auge die Farben des Menschen auch in der Natur über- wogen und diese gleichsam in dem Farbenäther der Menschheit schwamm! (Blau und Grün entmenschlichen die Natur mehr, als alles Andere.) Auf diesem Mangel ist die spielende I-eichtigkeit, welche die Griechen aus- zeichnet, Naturvorgänge als Götter und Halbgötter, das heisst als menschartige Gestalten zu sehen, grossge- wachsen. — Diess sei aber nur das Gleichniss für eine weitere Vermuthung. Jeder Denker malt seine Welt und jedes Ding mit weniger Farben, als es giebt, und ist gegen einzelne Farben blind. Diess i.st nicht nur ein Mangel. Er sieht vermöge dieser Annäherung und Vereinfachung Harmonien der Farben in die Dinge hinein, welche einen grossen Reiz haben und eine Bereicherung der Natur ausmachen können. Vielleicht ist diess sogar der Weg gew-esen, auf dem die Mensch- heit den (jrenuss im Anblick des Daseins erst gelernt Digilized by Google 287 hat: dadurch, dass ihr dieses Dasein zunächst in einem oder zwei Farbentönen und dadurch harmonisirt vor- geführt wurde: sie übte sich gleichsam auf diese weni- gen Töne ein, bevor sie zu mehreren übergehen konnte. Und noch jetzt arbeitet sich mancher Einzelne aus einer theilweisen Farbenblindheit in ein reicheres Sehen und Unterscheiden hinaus: wobei er aber nicht nur neue Genüsse findet, sondern immer auch einige der früheren aufgeben und verlieren muss. 427. Die Verschönerung der Wissenschaft. — Wie die Rococo-Gartenkunst entstand, aus dem Gefühl „die Natur ist hässlich, wild, langfweilig, — auf! wir wollen sie verschönern (embellir la nature)!“ — so entsteht aus dem Gefühl „die Wissenschaft ist hässlich, trocken, trostlos, schwierig, langwierig, — auf! lasst uns sie ver- schönern!“ immer wieder Etwas, das sich die Philo- sophie nennt. Sie will, was alle Künste und Dichtungen wollen, — vor Allem unterhalten: sie will diess aber, gemäss ihrem ererbten Stolze, in einer erhabeneren und höheren Art, vor einer Auswahl von Geistern. Für diese eine Gartenkunst zu schaffen, deren Hauptreiz wie bei jener „gemeineren“ die Täuschung der Augen ist (durch Tempel, Fernblicke, Grotten, Irrpfade, Wasser- falle, um im Gleichnisse zu reden), die Wissenschaft in einem Auszuge und mit allerlei wunderbaren und plötz- lichen Beleuchtungen vorzuführen und so viel Unbe- stimmtheit, Unvernunft und Träumerei in §ie einzu- mischen, dass man in ihr „wie in der wilden Natur“ und doch ohne Mühsal und Langeweile wandeln könne, — das ist kein geringer Ehrgeiz: wer ihn hat, träumt Digilized by Google 288 sogar davon, auf diese Art die Religion entbehrlich zu machen, welche bei den früheren Menschen die höchste Gattung von Unterhaltungskunst abgegeben hat. — Diess geht nun seinen Gang und erreicht eines Tages seine hohe Fluth: jetzt schon beginnen die Gegen- stimmen gegen die Philosophie laut zu werden, welche rufen „Rückkehr zur Wissenschaft! Zur Natur und Natür- lichkeit der Wissenschaft!“ — womit vielleicht ein Zeit- alter an hebt, das die mächtigste Schönheit gerade in den „wilden, hässlichen“ Theilen der Wissenschaft ent- deckt, wie man seit Rousseau erst den Sinn für die Schönheit des Hochgebirges und der Wüste entdeckt hat. 428. Zwei Arten Moralisten. — Ein Gesetz der Natur zum ersten Male sehen und ganz sehen, also es n ach- weisen (zum Beispiel das der Fallkraft, der Licht- und Schallreflexion) ist etwas Anderes und die Sache anderer Geister, als ein solches Gesetz erklären. So unter- scheiden sich auch jene Moralisten, welche die mensch- lichen Gesetze und Gewohnheiten sehen und aufzeigen — die feinohrigen, feinnasigen, feinäugigen Moralisten — durchaus von denen, welche das Beobachtete erklären. Die letzteren müssen vor Allem erfinderisch sein und eine durch Scharfsinn und Wissen entzügelte Phantasie haben. 429. Die neue Leidenschaft. — Warum fürchten und hassen wir eine mögliche Rückkehr zur Barbarei? Weil sie die Menschen unglücklicher machen würde, als sie es sind? Ach nein! Die Barbaren aller Zeiten hatten mehr Glück: täuschen wir uns nicht! — Sondeni unser Digilized by Google 289 Trieb zur Erkenntniss ist zu stark, als dass war noch das Glück ohne Erkenntniss oder das Glück eines starken festen Wahnes zu schätzen vermöchten; es macht Pein, uns solche Zustände auch nur vorzustellen! Die Unruhe des Entdeckens und Errathens ist uns so reizvoll und unentbehrlich geworden, wie die unglückliche Liebe dem Idebenden wird: welche er um keinen Preis gegen den Zustand der Gleichgültigkeit hergeben würde; — ja, vielleicht sind wir auch unglücklich Liebende! Die Er- kenntniss hat sich in uns zur Leidenschaft verwandelt, die vor keinem Opfer erschrickt und im Grunde Nichts fürchtet, als ihr eigenes Erlöschen; wir glauben auf- richtig, dass die gesammte Menschheit unter dem Drange und Leiden dieser Leidenschaft sich erhabener und ge- trösteter glauben müsste als bisher, wo sie den Neid auf das gröbere Behagen, das im Gefolge der Barbarei kommt, noch nicht überwunden hat. Vielleicht selbst, dass die Menschheit an dieser Leidenschaft der Erkenntniss zu Grunde geht! — auch dieser Gedanke vermag Nichts über uns! Hat sich denn das Christenthum je vor einem ähnlichen Gedanken gescheut. Sind die Liebe und der Tod nicht Geschwister? Ja, wir hassen die Barbarei, — wir wollen Alle lieber den Untergang der Menschheit, als •den Rückgang der Erkenntniss! Und zuletzt: wenn die Menschheit nicht an einer Leidenschaft zu Grunde geht, so wird sie an einer Schwäche zu Grunde gehen: was will man lieber? Diess ist die Hauptfrage. Wollen wir für sie ein Ende im Feuer und Licht oder im Sande? — 430- Auch heldenhaft. — Dinge vom übelsten Ge- rüche thun, von denen man kaum zu reden wagt, die Nietstcbe, Mor^eorötbe. ( g Digitized by C^JOgle 290 aber nützlich und nöthig sind, — ist auch heldenhaft. Die Griechen haben sich nicht geschämt, unter die grossen Arbeiten des Herakles auch die Ausmistung eines Stalles zu setzen. 43«- Die Meinungen der Gegner. — Um zu messen^ wie fein oder wie schwachsinnig von Natur auch die gescheutesten Köpfe sind, gebe man darauf Acht, wie sie die ileinungen ihrer Gegner auffassen und wieder- geben: dabei verräth sie das natürliche Maass jedes^ Intellectes. — Der vollkommene Weise erhebt, ohne es zu wollen, seinen Gegner in’s Ideal und macht dessen Widerspruch frei von allen Flecken und Zufälligkeiten r erst wenn dadurch aus seinem Gegner ein Gott mit leuchtenden Waffen geworden ist, kämpft er gegen ihn, 432- Forscher und Versucher. — Es giebt keine alleinwnssendmachende Methode der Wissenschaft! Wir müssen versuchsweise mit den Dingen verfahren, bald böse, bald gut gegen sie sein und Gerechtigkeit, Leiden- schaft und Kälte nach einander für sie haben. Dieser redet mit den Dingen als Polizist, Jener als Beicht- vater, ein Dritter als Wanderer und Neugieriger. Bald mit Sympathie, bald mit Vergewaltigung wird man ihnen Etwas abdringen; Einen führt Ehrfurcht vor ihren Geheimnissen vorwärts und zur Einsicht, Einen wiederum Indiscretion und Schelmerei in der Erklärung von Ge- heimnissen. Wir Forscher sind wie alle Eroberer, Ent- decker, Schifffahrer, Abenteuerer von einer verwegenen Moralität und müssen es uns gefallen lassen, im Ganzer» für böse zu gelten. Digilized by Google 291 433- Mit neuen Augen sehen. — Gesetzt, dass unter Schönheit in der Kunst immer die Nachbildung des Glücklichen zu verstehen ist — und so halte ich es für die Wahrheit — , je nachdem eine Zeit, ein Volk, ein grosses in sich selber gesetzgeberisches Individuum sich den Glücklichen vorstellt: was giebt dann der so- genannte Realismus der jetzigen Künstler über dcis Glück unserer Zeit zu verstehen? Es ist unzweifelhaft seine Art von Schönheit, welche wir jetzt am leichtesten zu erfassen und zu gemessen wissen. Folglich muss man wohl glauben, das jetzige uns eigene Glück liege im Realistischen , in möglichst scharfen Sinnen und treuer Auffassung des Wirklichen, nicht also in der Realität, sondern im Wissen um die Realität? So sehr hat die Wirkung der Wissenschaft schon Tiefe und Breite gewonnen, dass die Künstler des Jahrhun- derts, ohne es zu wollen, bereits zu Verherrlichem der wissenschaftlichen „Seligkeiten“ an sich geworden sind! 434- Fürsprache einlegen. — Für die grossen Land- schaftsmaler sind die anspruchslosen Gegenden da, die merkwürdigen und seltenen Gegenden aber für die kleinen. Nämlich: die gro.ssen Dinge der Natur und Menschheit müssen für alle die Kleinen, Mittelmä-ssigen und Ehrgeizigen unter ihren Verehrern Fürsprache ein- legen, — aber der Grosse legt Fürsprache für die schlichten Dinge ein. 435- Nicht unvermerkt zu Grunde gehen. — Nicht Einmal, sondern fortwährend bröckelt es an unserer '9* Digitized by 292 Tüchtigkeit und Grösse; die kleine Vegetation, welche zwischen Allem hineinwächst und sich überall anzu- klammern versteht, diese ruinirt Das, was gross an uns ist, — die alltägliche, stündliche übersehene Erbärm- lichkeit unserer Umgebung, die tausend Würzelchen dieser oder jener kleinen und kleinmüthigen Empfindung, welche aus unserer Nachbarschaft, aus unserem Amte, unserer Geselligkeit, unserer Tageseintheilung heraus- wächst. Lassen wir diess kleine Unkraut unbemerkt, so gehen wir an ihm unbemerkt zu Grunde! — Und wollt ihr durchaus zu Grunde gehen, so thut es lieber auf einmal und plötzlich: dann bleiben vielleicht von euch erhabene Trümmer übrig! Und nicht, wie jetzt zu befurchten steht, Maulwurfshügel! Und Gras und Unkraut auf ihnen, die kleinen Siegreichen, bescheiden wie vordem, und zu erbärmlich selbst zum Triumphiren ! 436. Casuistisch. — Es giebt eine bitterböse Alter- native, der nicht Jedermanns Tapferkeit und Charakter gewachsen ist: als Passagier eines Schiffes zu entdecken, dass Capitän und Steuermann gefährliche Fehler machen und dass man ihnen in nautischem Wissen überlegen sei, — und nun sich zu fragen: Wie! wenn du gegen sie eine Meuterei erregtest und sie Beide gefangen nehmen liessest? Verpflichtet dich deine Überlegenheit nicht dazu? Und sind sie nicht wiederum im Rechte, dich einzusperren, weil du den Gehorsam untergräbst? — Diess ist ein Gleichniss für höhere und bösere Lagen: wobei zuletzt immer noch die Frage bleibt, was uns unsere Überlegenheit, unseren Glauben an uns selber in solchen Fällen gewährleistet. Der Erfolg? Aber da Digilized by Google 293 muss man eben schon das Ding thun, welches alle Gefahren in sich trägt, — und nicht nur Gefahren für uns, sondern für das Schiff. 437- Vorrechte. — Wer sich selber wirklich besitzt, das heisst wer sich endgültig erobert hat, betrachtet es fürderhin als sein eigenes Vorrecht, sich zu strafen, sich zu begnadigen, sich zu bemitleiden: er braucht diess Niemandem zuzugestehen, er kann es aber auch einem Andern mit Freiheit in die Hand geben, einem Freunde zum Beispiel, — aber er weis.s, dass er damit ein Recht verleiht und dass man nur aus dem Besitze der Macht heraus Rechte verleihen kann. 438- M ensch und Dinge. — Warum sieht der Mensch die Dinge nicht? Er steht selber im Wege: er verdeckt die Dinge. 439- Merkmale des Glücks. — Das Gemeinsame aller Glücksempfindungen ist zweierlei: Fülle des Gefühls und Übermuth darin, sodass man wie ein Fisch sein Element um sich fühlt und in ihm springt. Gute Christen werden verstehen, was christliche Ausgelassenheit ist. 440. Nicht entsagen! — Auf die Welt verzichten, ohne sie zu kennen, gleich einer Nonne, — das giebt eine un- fruchtbare, vielleicht schwermüthige Einsamkeit. Diess hat Nichts gemein mit der Ein.samkeit der vita contem- plativa des Denkers: wenn er sie wählt, will er keines- Digitized by Go^^le 294 wegs entsagen ; vielmehr wäre es ihm Entsagung, Schwer- muth, Untergang seiner selbst, in der vita practica aus- harren zu müssen: auf diese verzichtet er, weil er sie kennt, weil er sich kennt. So springt er in sein Wasser, so gewinnt er seine Heiterkeit. 441. Warum das Nächste uns immer ferner wird. Je mehr wir an Alles, was war und sein wird, denken, um so bleicher wird uns Das, was gerade jetzt ist. Wenn wir mit Gestorbenen leben und in ihrem Sterben mitsterben, was sind uns dann noch die „Nächsten“? Wir werden einsamer, — und zw’ar weil die ganze Fluth der Menschheit um uns rauscht. Die Gluth in uns, die allem Menschlichen gilt, nimmt immer zu — und darum blicken wir auf Das, was uns umgiebt, wie als ob es gleichgültiger und schattenhafter geworden wäre. — Aber unser kalter Blick beleidigt! 442. Die Regel. — „Die Regel ist mir immer inter- essanter, als die Ausnahme“ — wer so empfindet, der ist in der Erkenntniss weit voraus und gehört zu den Eingeweihten. 443- Zur Erziehung. — Allmählich ist mir das Licht über den allgemeinsten Mangel unserer Art Bildung und Erziehung aufgegangen: Niemand lernt. Niemand strebt darnach. Niemand lehrt — die Einsamkeit er- tragen. Digitized by Google 295 444- Verwunderung über Widerstand. — Weil Etwcis für uns durchsichtig geworden ist, meinen wir, es könne uns nunmehr keinen Widerstand leisten — und sind dann erstaunt, dass wir hindurchsehen und doch nicht hindurch können! Es ist diess die selbe Thorheit und das selbe Erstaunen, in welches die Fliege vor jedem Glasfenster geräth. 445- Worin sich die Edelsten verrechnen. — Man giebt Jemandem endlich sein Bestes, sein Kleinod, — nun hat die Liebe Nichts mehr zu geben: aber Der, welcher es annimmt, hat daran gewiss nicht sein Bestes, und folglich fehlt ihm jene volle und letzte Erkennt- lichkeit, auf welche der Gebende rechnet. 446. Rangordnung. — Es giebt erstens oberflächliche Denker, zweitens tiefe Denker — solche, welche in die Tiefe einer Sache gehen — , drittens gründliche Denker, die einer Sache auf den Grund gehen, — was sehr viel mehr werth ist, als nur in ihre Tiefe hinabsteigen! — endlich solche, welche den Kopf in den Morast stecken: was doch weder ein Zeichen von Tiefe noch von Gründ- lichkeit sein sollte! Es sind die lieben Untergründlichen. 447- Meister und Schüler. — Zur Humanität eines Meisters gehört, seine Schüler vor sich zu warnen. Digitized by Google 296 448. Die Wirklichkeit ehren. — Wie kann man dieser jubelnden Volksmenge ohne Thränen und ohne Zustim- mung Zusehen! Wir dachten vorher gering von dem Gegenstand ihres Jubels und würden noch immer so denken, wenn wir ihn nicht erlebt hätten! Wozu können uns also die Erlebnisse fortreissen! Was sind unsere Meinungen! Man muss, um sich nicht zu verlieren, um seine Vernunft nicht zu verlieren, vor den Erlebnissen flüchten ! So floh Plato vor der Wirklichkeit und wollte die Dinge nur in den blassen Gedankenbildern anschauen; er war voller Empfindung und wusste, wie leicht die Wellen der Empfindung über seiner Vernunft zusammen- schlugen. — So hätte sich demnach der Weise zu sagen; „ich will die Wirklichkeit ehren, aber ihr den Rücken dabei zuwenden, weil ich sie kenn^ und fürchte?“ — er müsste es machen wie africanische Völkerschaften vor ihrem Fürsten: welche ihm nur rückwärts nahen und ihre Verehrung zugleich mit ihrer Angst zu zeigen wissen? 449- Wo sind die Bedürftigen des Geistes? — Ah! Wie es mich anwidert, einem Anderen die eigenen Gedanken aufzudrängeni Wie ich mich jeder Stim- mung und heimlichen Umkehr in mir freue, bei der die Gedanken Anderer gegen die «eigenen zu Rechte kommen! Ab und zu giebt es aber ein noch höheres Fest, dann, wenn es einmal erlaubt ist, sein geistiges Haus und Habe wegzuschenken, dem Beichtvater gleich, der im Winkel sitzt, begierig, dass ein Bedürf- tiger komme und von der Xoth seiner Gedanken er- zähle, damit er ihm wieder einmal Hand und Herz voll und Digitized by Google 297 die beunruhigte Seele leicht mache! Nicht nur, dass er keinen Ruhm davon haben will: er möchte auch der Dankbarkeit aus dem Wege laufen, denn sie ist zu- dringlich und ohne Scheu vor Einsamkeit und Still- schweigen. Aber namenlos oder leicht verspottet leben, zu niedrig, um Neid oder Feindschaft zu erwecken, mit einem Kopf ohne Fieber, einer Handvoll Wissen und einem Beutel voll Erfahrungen ausgerüstet, gleichsam ein Armenarzt des Geistes sein und Dem und Jenem, dessen Kopf durch Meinungen verstört ist, helfen, ohne dass er recht merkt, wer ihm geholfen hat! Nicht vor ihm Recht haben und einen Sieg feiern wollen, sondern so zu ihm sprechen, dass er das Rechte nach einem kleinen unvermerkten Fingerzeig oder Widerspruch sich selber sagt und stolz darüber fortgeht! Wie eine ge- ringe Herberge sein, die Niemanden zurückstösst, der bedürftig ist, die aber hinterher vergessen oder verlacht wird! Nichts voraus haben, weder die bessere Nahrung, noch die reinere Luft, noch den freudigeren Geist, — sondern abgeben, zurückgeben, mittheilen, ärmer werden ! Niedrig sein können, um Vielen zugänglich und für Nie- manden demüthigend zu sein! Viel Unrecht auf sich liegen haben und durch die Wurmgänge aller Art Irrthümer gekrochen sein, um zu vielen verborgenen Seelen auf ihren geheimen Wegen gelangen zu können! Immer in einer Art Liebe und immer in einer Art Selbstsucht und Selbstgeniessens ! Im Besitz einer Herrschaft und zugleich verborgen und entsagend sein I Beständig in der Sonne und Milde der Anmuth liegen und doch die Aufstiege zum Erhabenen in der Nähe wissen! — Das wäre ein Leben! Das wäre ein Grund, lange zu leben! Digilized by Google 298 450. Die Lockung der Erkenntniss. — Auf leiden- schaftliche Geister wirkt der Blick durch das Thor der Wissenschaft wie der Zauber aller Zauber; und ver- muthlich werden sie dabei zu Phantasten und im gün- stigen Falle zu Dichtem: so heftig ist ihre Begierde nach dem Glück der Erkennenden. Geht es euch nicht durch alle Sinne, — dieser Ton der süssen Lockung, mit dem die Wissenschaft ihre frohe Botschaft verkün- det hat, in hundert Worten und im hundert-ersten und schönsten: „Lass den Wahn schwinden! Dann ist auch das ‘Wehe mir’! verschwunden; und mit dem ‘Wehe mir’! ist auch das Wehe dahin.“ (Marc Aurel.) 451. Wem ein Hofnarr nöthig ist. — Die sehr Schönen, die sehr Guten, die sehr Mächtigen erfahren fast nie über irgend Etwas die volle und gemeine Wahrheit, — denn in ihrer Gegenwart lügt man unwillkürlich ein Wenig, weil man ihre Wirkungen empfindet und diesen Wirkungen gemäss Das, was man an Wahrheit mit- theilen könnte, in der Form einer Anpassung vor- bringft (also Farben und Grade des Thatsächlichen fälscht, Einzelheiten weglässt oder hinzuthut und Das, was sich gar nicht anpassen lassen will, hinter seinen Lippen zurückbehält). Wollen Menschen der Art trotz Alledem und durchaus die Wahrheit hören, so müssen sie sich ihren Hofnarren halten, — ein Wesen mit dem Vor- rechte des Verrückten, sich nicht anpassen zu können. Digitized by Google 299 452. Ungeduld. — Es giebt einen Grad von Ungeduld bei Menschen der That und des Gedankens, welcher sie, bei einem Misserfolge, sofort in das entgegenge- setzte Reich übertreten, sich dort passioniren ^und in Unternehmungen einlassen heisst, — bis auch von hier wieder ein Zögern des Erfolges sie vertreibt: so irren sie, abenteuernd und heftig, durch die Praxis vieler Reiche und Naturen und können zuletzt, durch die All- kenntniss von Menschen und Dingen, welche ihre un- geheuere Wanderung und Übung in ihnen zurücklässt, und bei einiger Milderung ihres Triebes, — zu mäch- tigen Praktikern werden. So wird ein Fehler des Cha- rakters zur Schule des Genie’s. 45J. Moralisches Interregnum. — Wer wäre jetzt schon im Stande, Das zu beschreiben, was einmal die morali-schen Gefühle und Urtheile ablösen wird! — so sicher man auch einzusehen vermag, dass diese in allen Fundamenten irrthümlich angelegt sind und ihr Gebäude der Reparatur unfähig ist: ihre Verbindlichkeit muss von Tag zu Tage immer abnehmen, sofern nur die Ver- bindlichkeit der Vernunft nicht abnimmt! Die Gesetze des Lebens und Handelns neu aufbauen, — zu dieser Auf- gabe sind unsere Wissenschaften der Physiologie, Medicin, Gesellschafts- und Einsamkeitslehre ihrer selbst noch nicht sicher genug: und nur aus ihnen kann man die Grund- steine für neue Ideale (wenn auch nicht die neuen Ideale selber) entnehmen. So leben wir denn ein vorläufiges Dasein oder ein nachläufiges Dasein, je nach Ge- schmack und Begabung, und thun am besten, in diesem Digilized by Google 300 Interregnum, so sehr, als nur möglich, unsere eigenen reges zu sein und kleine Versuchsstaaten zu gründen. Wir sind Experimente: wollen wir es auch sein! 454- Z\^ischenrede. — Ein Buch, wie dieses, ist nicht zum Durchlesen und Vorlesen, sondern zum Aufschlagen, namentlich im Spazierengehen und auf Reisen, man muss den Kopf hinein- und immer wieder hinausstecken können und nichts Gewohntes um sich finden. 455- Die erste Natur. — So wie man uns jetzt er- zieht, bekommen wir zuerst eine zweite Natur: und \vir haben sie, wenn die Welt uns reif, mündig, brauch- bar nennt. Einige Wenige sind Schlangen genug, um diese Haut eines Tages abzustossen: dann, wenn unter ihrer Hülle ihre erste Natur reif geworden ist. Bei den Meisten vertrocknet der Keim davon. 456- Eine werdende Tugend. — Solche Behauptungen und Verheissungen, wie die der antiken Philosophen von der Einheit der Tugend und der Glückseligkeit, oder wie die des Christenthums „Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes, so wird euch solches Alles Zufällen!“ — .sind nie mit voller Redlichkeit, und doch immer ohne schlechtes Gewissen, gemacht worden: man stellte solche Sätze, deren Wahrheit man sehr wünschte, keck als die Wahrheit gegen den Augenschein auf, und empfand dabei nicht einen religiösen oder moralischen Gewissensbiss — denn, man war in honorem majorem Digilized by Google 301 der Tugend oder Gottes über die Wirklichkeit hinaus- gegangen und ohne alle eigennützigen Absichten! Auf dieser Stufe der Wahrhaftigkeit stehen noch viele brave Menschen: wenn sie sich selbstlos fühlen, scheint es ihnen erlaubt, es mit der Wahrheit leichter zu nehmen. Man beachte doch, dass weder unter den sokratischen, noch unter den christlichen Tugenden die Redlichkeit vorkommt: diese ist eine der jüngsten Tugenden, noch wenig gereift, noch oft verwechselt und verkannt, ihrer selber noch kaum bewusst, — etwas Werdendes, das \vir fördern oder hemmen können, je nachdem unser Sinn steht. 457- Letzte Schweigsamkeit. — Einzelnen geht es so w'ie Schatzgräbern: sie entdecken zufällig die ver- borgen gehaltenen Dinge einer fremden Seele und haben daran ein Wissen, welches oft schwer zu tragen ist! Man kann unter Umständen Lebende und Todte bis zu einem Grade gut kennen und innerlich ausfindig machen, dass es Einem peinlich wird, von ihnen gegen Andere zu reden: man fürchtet mit jedem Worte indiscret zu sein. — Ich könnte mir ein plötzliches Stummwerden des weisesten Historikers denken. 458. Das grosse Loos. — Das ist etwas sehr Seltenes, aber ein Ding zum Entzücken: der Mensch nämlich mit schön gestaltetem Intellecte, welcher den Charakter, die Neigungen und auch die Erlebnisse hat, die zu einem solchen Intellecte gehören. Digilized by Google 302 459- Die Grossmüthigkeit des Denkers. — Rous- seau und Schopenhauer — Beide waren stolz genug, ihrem Dasein den Wahlspruch aufzuschreiben; vitam irapendere vero. Und Beide wiederum — was mögen sie in ihrem Stolze gelitten haben, dass es ihnen nicht gelingen wollte, verum impendere vitae! — verum, wie es jeder von ihnen verstand — , dass ihr Leben neben ihrer Erkenntniss nebenherlief wie ein launischer Bass, der zur Melodie nicht stimmen wnll! — Aber es stünde schlimm um die Erkenntniss, wenn sie jedem Denker nur in dem Maasse zugemessen würde, als sie ihm ge- rade auf den Leib passt! Und es stünde schlimm um die Denker, wenn ihre Eitelkeit so gross wäre, dass sie diess allein ertrügen! Gerade darin glänzt die schönste Tugend des grossen Denkers: die Grossmüthigkeit, dass er als Erkennender sich selber und sein Leben unver- zagt, oftmals beschämt, oftmals mit erhabenem Spotte und lächelnd — zum Opfer bringt. 460. Seine gefährlichen Stunden ausnützen. — Man lernt einen Menschen und einen Zustand ganz anders kennen, wenn Gefahr um Hab und Gut, Ehre, Leben und Tod, für uns und unsere Liebsten, in jeder ihrer Bewegungen liegt: wie zum Beispiel Tiberius tiefer über das Innere des Kaisers Augustus und seines Regi- mentes nachgedacht und mehr davon gewmsst haben muss, als dem weisesten Historiker es auch nur mög- lich wäre. Nun leben wir Alle v'ergleichungsweise in einer viel zu grossen Sicherheit, als dass wir gute Menschenkenner werden könnten: der Eine erkennt aus Digilized by Google 303 Liebhaberei, der Andere aus Langerweile, der Dritte aus Gewohnheit; niemals heisst es: „erkenne, oder geh’ zu Grunde!“ Solange sich uns die Wahrheiten nicht mit Messern in’s Fleisch schneiden, haben wir in uns einen geheimen Vorbehalt der Geringschätzung gegen sie : sie scheinen uns immer noch den „gefiederten Träu- men“ zu ähnlich, wie als ob wir sie haben und auch nicht haben könnten, — als ob Etwas an ihnen in unse- rem Belieben stünde, als ob wir auch von diesen unse- ren Wahrheiten erwachen könnten! 461. Hic Rhodus, hic salta. — Unsere Musik, die sich in Alles verwandeln kann und verwandeln muss, weil sie, wie der Dämon des Meeres, an sich keinen Charakter hat: diese Musik ist ehemals dem christ- lichen Gelehrten nachgegangen und hat dessen Ideal in Klänge zu übersetzen vermocht: warum sollte sie nicht endlich auch jenen helleren, freudigeren und all- gemeinen Klang finden, der dem idealen Denker entspricht? — eine Musik, die erst in den weiten schwe- benden Wölbungen seiner Seele sich heimisch auf und nieder zu wiegen vermöchte? — Unsere Musik war bisher so gross, so gut: bei ihr war kein Ding unmög- lich! So zeige sie denn, dass es möglich ist, diese Drei: Erhabenheit, tiefes und warmes Licht und die Wonne der höchsten Folgerichtigkeit auf Einmal zu empfinden ! 462. Langsame Curen. — Die chronischen Krankheiten der Seele entstehen wie die des Leibes, sehr selten nur durch einmalige g^robe Vergehungen gegen die Vernunft von Leib und Seele, sondern gewöhnlich durch zahllose Digitized by Gortgle 304 unbemerkte kleine Nachlässigkeiten. — Wer zum Bei- spiel Tag für Tag um einen noch so unbedeutenden Grad zu schwach athmet und zu wenig Luft in die Lunge nimmt, sodass sie als Ganzes nicht hinreichend ange- strengt und geübt wird, trägt endlich ein chronisches Lungenleiden davon; in einem solchen Falle kann die Heilung auf keinem anderen Wege erfolgen, als dass wnederum zahllose kleine Übungen des Gegentheils vor- genommen und unvermerkt andere Gewohnheiten ge- pflegt werden, zum Beispiel, wenn man sich zur Regel macht, alle Viertelstunden des Tages Einmal stark und tief aufzuathmen (womöglich platt am Boden liegend; eine Uhr, welche die Viertelstunden schlägt, muss dabei zur Lebensgefährtin gewählt werden). Langsam und kleinlich sind alle diese Curen; auch wer seine Seele heilen will, soll über die Veränderung der kleinsten Gewohnheiten nachdenken. Mancher sagt zehnmal des Tages ein böses kaltes Wort an seine Umgebung und denkt sich Wenig dabei, namentlich nicht, dass nach einigen Jahren er ein Gesetz der Gewohnheit über sich geschaffen hat, welches ihn nunmehr nöthigt, zehnmal jedes Tages seine Umgebung zu verstimmen. Aber er kann sich auch daran gewöhnen, ihr zehnmal wohlzu- thun! — 463- Am siebenten Tage. — „Ihr preist Jenes als mein Schaffen? Ich habe nur von mir hinw’eggethan , was mir lästig war! Meine Seele ist über der Eitelkeit der Schaffenden erhaben. — Ihr preist Diess als meine Resignation? Ich habe nur von mir hinweggethan, was mir lästig war! Meine Seele ist über der Eitelkeit der Resignirten erhaben.“ Digilized by Google 305 464. Scham des Schenkenden. — Es ist so ungross- müthig, immer den Gebenden und Schenkenden zu machen und dabei sein Ge.sicht zu zeigen! Aber geben und schenken und seinen Namen und seine Gunst verhehlen! Oder keinen Namen haben, wie die Natur, in der uns eben Diess mehr als Alles erquickt, hier endlich einmal nicht mehr einem Schenkenden und Gebenden, nicht mehr einem „gnädigen Gesichte“ zu begegnen! — Frei- lich, ihr verscherzt euch auch diese Erquickung, denn ihr habt einen Gott in diese Natur gesteckt — und nun ist wieder Alles unfrei und beklommen! Wie? Niemals mit sich allein sein dürfen? Nie mehr unbewacht, unbe- hütet, ungegängelt, unbeschenkt? Wenn immer ein An- derer um uns ist, so ist das Beste von Muth und Güte in der Welt unmöglich gemacht. Möchte man nicht gegen diese Zudringlichkeit des Himmels, gegen diesen unvermeidlichen übernatürlichen Nachbar ganz des Teu- fels werden! — Aber es ist nicht nöthig, es war ja nur ein Traum! Wachen war auf! 465- Bei einer Begegnung. — A: Wohin blickst du? Du stehst so lange schon still hier. — B: Immer das Alte und das Neue! Die Hülfsbedürftigkeit einer Sache reisst mich so weit und so tief in sie hinein, dass ich endlich ihr dabei auf den Grund komme und einsehe, dass sie nicht gar so viel werth ist. Am Ende aller solcher Erfahrungen steht eine Art Trauer und Starr- heit. Diess erlebe ich alle Tage im Kleinen zu dreien Malen. Nietftche, Morgenrüthe. 20 Digilized by Google 306 466. Verlust im Ruhme. — Welcher Vorzug, als ein Unbekannter zu den Menschen reden zu dürfen! „Die Hälfte unserer Tugend“ nehmen uns die Götter, wenn sie uns das Incognito nehmen und uns berühmt machen. 467. Zweimal Geduld! — „Damit machst du vielen Menschen Schmerz.“ — Ich weiss es; und weiss auch diess, dass ich doppelt dafür leiden muss, einmal durch Mitleid an ihrem Leide und dann durch die Rache, die sie an mir nehmen werden. Aber trotzdem ist es nicht weniger nöthig, so zu thun, wie ich thue. 468. Das Reich der Schönheit ist grösser. — Wie wir in der Natur herumgehen, listig und froh, um die Allem eigene Schönheit zu entdecken und gleichsam auf der That zu ertappen, wie wir bald bei Sonnen- schein, bald bei gewitterhaftem Himmel, bald in der bleichsten Dämmerung einen Versuch machen, jenes .Stück Küste mit Felsen, Meerbuchten, Ölbäumen und Pinien so zu sehen, wie es zu seiner Vollkommenheit und Meisterschaft kommt: so sollten wir auch unter den Menschen umhergehen, als ihre Entdecker und Aus- späher, Gutes und Böses ihnen erweisend, damit die ihnen eigene .Schönheit sich offenbare, welche bei Diesem sonnenhaft, bei Jenem gewitterhaft und bei einem Dritten erst in der halben Nacht und bei Regenhimmel .sich entfaltet. Ist es denn verboten, den bösen Men.schen als eine wilde Landschaft zu geni essen, die ihre eigenen kühnen Linien und Lichtwirkungen hat, wenn Digilized by Google 307 der selbe Mensch, solange er sich gut und gesetzlich stellt, unserm Auge wie eine Verzeichnung und Carri- catur erscheint und als ein Flecken in der Natur uns Pein macht? — Ja, es ist verboten; bisher war es nur erlaubt, im Moralisch - Guten nach Schönheit zu suchen, — Grund genug, dass man so Wenig gefunden und sich so viel nach imaginären Schönheiten ohne Knochen hat umthun müssen! — So gewiss es hundert Arten von Glück bei den Bösen giebt, von denen die Tugendhaften Nichts ahnen, so giebt es an ihnen auch hundert Arten von Schönheit: und viele sind noch nicht entdeckt. 469. Die Unmenschlichkeit des Weisen. — Bei dem schweren. Alles zermalmenden Gange des Weisen, wel- cher, nach dem buddhistischen Liede, „einsam wandelt wie das Rhinozeros“, — bedarf es von Zeit zu Zeit der Zeichen einer versöhnlichen und gemilderten Mensch- lichkeit: und zwar nicht nur jener schnelleren Schritte, jener artigen und geselligen Wendungen des Geistes, nicht nur des Witzes und einer gewissen Selbstverspot- tung, sondern selbst der Widersprüche, der gelegent- lichen Rückfälle in die herrschende Ungereimtheit. Da- mit er nicht der Walze gleiche, welche wie das Ver- hängniss daherrollt, mu.ss der Weise, der lehren will, seine Fehler zu seiner Beschönigfung gebrauchen, und indem er sagt „verachtet mich!“, bittet er um die Gunst, der Fürsprecher einer anmaa.sslichen Wahrheit zu sein. Er will euch in’s Gebirge führen, er wird euer Leben vielleicht in Gefahr bringen: dafür überlässt er es euch willig, vorher und nachher, an einem solchen Führer Rache zu nehmen, — es ist der Preis, um den er sich 20* Digilized by Google 308 selber den Genuss macht, voranzugehen. — Gedenkt ihr dessen, was euch durch den Sinn gieng, als er euch einmal durch eine finstere Höhle auf schlüpfrigen Wegen geleitete ? Wie euer Herz, klopfend und missmuthig, sich sagte: „dieser Führer da könnte Besseres thun, als hier herumzukriechen! Er gehört zu einer neugierigen Art von Müs.siggängern : — ist es nicht schon zu viel Ehre für ihn, dass wir ihm überhaupt einen Werth zuzuer- kennen scheinen, indem wir ihm folgen?" 470. Am Gastmahle Vieler. — Wie glücklich ist man, wenn man so genährt wird, wie die Vögel, aus der Hand Eines, der den Vögeln ausstreut, ohne sie genauer an- zu.sehen und auf ihre Würdigkeit zu prüfen! Zu leben als ein Vogel, der kommt und fortfliegt und keinen Namen im Schnabel trägt! So am Gastmahle Vieler mich zu sättigen, ist meine Freude. 471. Eine andere Nächstenliebe. — Das aufgeregte, lärmende, ungleiche, nervöse Wesen macht den Gegen- satz zur grossen Leidenschaft: diese, wie eine stille düstere Gluth im Innern wohnend und dort alles Heisse und Hitzige sammelnd, lässt den Menschen nach Aussen hin kalt und gleichgültig blicken und drückt den Zügen eine gewisse Impassibilität auf. Solche Menschen sind gelegentlich wohl der Nächstenliebe fähig, — aber sie ist anderer Art, als die der Geselligen und Gefallsüch- tigen: es ist eine milde, betracht.same, gelassene Freund- lichkeit; sie blicken gleichsam aus den Fenstern ihrer Burg hinaus, die ihre Festung und eben dadurch ihr Digilized by Google 309 Gefängniss ist: — der Blick in’s Fremde, Freie, in das Andere thut ihnen so wohl! 472. Sich nicht rechtfertigen. — A: Aber warum willst du dich nicht rechtfertigen? — B: Ich könnte es, hierin und in hundert Dingen, aber ich verachte das Vergnügen, das in der Rechtfertigung liegt: denn diese Dinge sind für mich nicht gross genug, und lieber will ich Flecken an mir tragen, als jenen Kleinlichen zu ihrer hämischen Freude zu verhelfen, dass .sie sagen könnten: „er nimmt diese Dinge doch sehr wichtig!“ Diess ist eben nicht wahr! Vielleicht müsste mir noch mehr an mir selber gelegen sein, um eine Pflicht zu haben, fehlerhafte Vorstellungen über mich zu berich- tigen; — ich bin zu gleichgültig und träge gegen mich und so auch gegen Das, was durch mich gewirkt wird. 473- Wo man sein Haus bauen soll. — Wenn du in der Einsamkeit dich gross und fruchtbar fühlst, so wird dich die Geselligkeit verkleinern und veröden: und um- gekehrt. Machtv'olle Milde, wie die eines Vaters: — wo diese Stimmung dich ergreift, da gründe dein Haus, sei es nun im Gewühl oder in der Stille. Ubi pater sum, ibi patria. 474- Die einzigen Wege. — „Dialektik ist der einzige Weg, um zu den göttlichen Wesen und hinter den .Schleier der Erscheinung zu gelangen“ — diess be- hauptet Plato ebenso feierlich und leidenschaftlich, als es Schopenhauer von dem Gegensätze der Dialektik behauptet, — und Beide haben Unrecht. Denn es Digilized by Google 310 giebt Das gar nicht, zu dem hin sie einen Weg uns zeigen wollen. — Und waren nicht alle grossen Leiden- schaften der Menschheit bisher solche Leidenschaften für ein Nichts? Und alle ihre Feierlichkeiten — Feier- lichkeiten um ein Nichts? 475- Schwer werden. — Ihr kennt ihn nicht: er kann viel Gewichte an sich hängen, er nimmt sie doch alle mit in die Höhe. Und ihr schliesst, nach eurem kleinen Flügelschlage, er wolle unten bleiben, weil er diese Gewichte an sich hänge! 476. Am Erntefeste des Geistes. — Das häuft sich von Tag zu Tage und quillt auf, Erfahrungen, Erleb- nisse, Gedanken über sie und Träume über diese Ge- danken, — ein unermesslicher, entzückender Reichthum! Sein Anblick macht Schwindeln ; ich begreife nicht mehr, wie man die Geistig - Armen selig preisen kann! — Aber ich beneide sie mitunter, dann, wenn ich müde bin: denn die Verwaltung eines solchen Reichthumes ist eine schwere Sache, und ihre Schwere erdrückt nicht selten alles Glück. — Ja, wenn es genügte, ihn nur an- zublicken! Wenn man nur der Geizhals seiner Erkennt- nisse wäre! 477- Von der Skepsis erlöst. — A: ,, Andre kommen misslaunig und schwach, zernagt, wnirm.stichig, ja halb zerfressen aus einer allgemeinen moralischen Skepsis heraus, — ich aber muthiger und gesünder als je, mit wiedererworbenen Instincten. Wo scharfer Wind weht, die See hoch geht und keine kleine Gefahr zu bestehen Digilized by Google 311 ist, da wird mir wohl. Zum Wurm bin ich nicht ge- worden, ob ich gleich oftmals tvie ein Wurm habe arbeiten und graben müssen.“ — B; Du hast eben auf- gehört, Skeptiker zu sein! Denn du verneinst! — A: „Und damit habe ich wieder Ja-sagen gelernt.“ 478. Gehen wir vorüber! — Schont ihn! Lasst ihn in seiner Einsamkeit! Wollt ihr ihn ganz zerbrechen? Er hat einen Sprung bekommen, wie ein Glas, in das sich plötzlich etwas zu Heisses ergoss, — und er war ein so kostbares Glas! 479- Liebe und Wahrhaftigkeit. — Wir sind aus Liebe arge Verbrecher an der Wahrheit und gewohnte Hehler und Stehler, welche mehr wahr sein lassen, als uns wahr scheint, — desshalb muss der Denker immer wieder von Zeit zu Zeit die Personen, welche er liebt (es werden nicht gerade die sein, welche ihn lieben), in die Flucht jagen, damit sie ihren Stachel und ihre Bosheit zeigen und aufhören, ihn zu verführen. Dem- nach wird die Güte des Denkers ihren ab- und zuneh- menden Mond haben. 480. Unvermeidlich. — Erlebt, was ihr wollt: wer euch nicht wohl will, sieht in eurem Erlebniss einen Anlass, euch zu verkleinern! Erfahrt die tiefsten Um- wälzungen des Gemüths und der Erkenntniss und ge- langt endlich wie ein Genesender mit schmerzlichem Lächeln hinaus in Freiheit und lichte Stille; — es wird doch Einer sagen „Der da hält seine Krankheit für ein Argument, seine Ohnmacht für den Beweis der Ohn- Digilized by Google 312 macht Aller; er ist eitel genug, um krank zu werden, damit er das Übergewicht des Leidenden fühle.“ — Und gesetzt, dass Jemand seine eignen Fesseln sprengt und sich dabei tief verwundet: so wird ein Andrer mit Spott darauf hinzeigen. „Wie gross ist doch seine Un- geschicklichkeit!“ wird er sagen; „So muss es einem Menschen ergehen, der an seine Fesseln gewöhnt ist und Narr genug ist, sie zu zerrei.ssen!“ 481. Zwei Deutsche. — Vergleicht man Kant und Schopenhauer mit Plato, Spinoza, Pascal, Rousseau, Goethe in Absehung auf ihre Seele und nicht auf ihren Geist: so sind die erstgenannten Denker im Nachtheil: ihre Gedanken machen nicht eine leidenschaftliche Seelen- Geschichte aus, es giebt da keinen Roman, keine Kri- sen, Katastrophen und Todesstunden zu errathen, ihr Denken ist nicht zugleich eine unwillkürliche Biographie einer Seele, sondern, im Falle Kant’s, eines Kopfes, im Falle Schopenhauer’s, die Beschreibung und Spiege- lung eines Charakters („des unveränderlichen“) und die Freude am „Spiegel“ selber, das heisst an einem vorzüglichen Intellecte. Kant erscheint, wenn er durch .seine Gedanken hindurchschimmert, als wacker und ehren werth im besten Sinne, aber als unbedeutend: es fehlt ihm an Breite und Macht; er hat nicht zu viel erlebt, und seine Art, zu arbeiten, nimmt ihm die Zeit, Etwas zu erleben, — ich denke, wie billig, nicht an grobe „Ereignisse“ von Aus.sen, sondern an die Schick- •sale und Zuckungen, denen das ein.samste und stillste Leben verfallt, welches Müsse hat und in der Leiden- schaft des Denkens verbrennt. Schopenhauer hat einen Digilized by Google 313 Vorsprung vor ihm: er besitzt wenigstens eine gewisse heftige Hässlichkeit der Natur, in Hass, Begierde, Eitelkeit, Misstrauen, er ist etwas wilder angelegt und hatte Zeit und Müsse für diese Wildheit. Aber ihm fehlte die „Entwickelung“: wie sie in seinem Gedanken- umkreise fehlte; er hatte keine „Geschichte“. 482. Seinen Umgang suchen. — Suchen wir denn zu viel, wenn wir den Umgang von Männern suchen, welche mild, wohlschmeckend und nahrhaft geworden sind wie Kastanien, die man zur rechten Zeit in’s Feuer gelegt und aus dem Feuer genommen hat? Welche Weniges vom Leben erwarten, und dieses lieber als geschenkt, und nicht als verdient, annehmen, wie als ob die Vögel und die Bienen es ihnen gebracht hätten? Welche zu stolz sind, um sich je belohnt fühlen zu können? Und zu ernst in ihrer Leidenschaft der Er- kenntniss und der Redlichkeit, als dass sie noch Zeit und Gefälligkeit für den Ruhm hätten? — Solche ^län- ner würden wir Philosophen nennen; und sie selber werden immer noch einen bescheideneren Namen finden. 483. Überdruss am Menschen. — A: Erkenne! Ja! Aber immer als Mensch! Wie? Immer vor der gleichen Komödie sitzen, in der gleichen Komödie spielen? Nie- mals aus anderen, als aus diesen Augen in die Dinge sehen können? Und \velche unzählbaren Arten von Wesen mag es geben, deren Organe besser zur Er- kenntniss taugen! Was wird am Ende aller ihrer Er- kenntniss die Menschheit erkannt haben? — ihre Organe! Digitized by C .-Ajgle 314 Und das heisst vielleicht: die Unmöglichkeit der Er- kenntniss! Jammer und Ekel! — B: Das ist ein böser Anfall, — die Vernunft fällt dich an! Aber morgen wirst du wieder mitten im Erkennen sein und damit auch mitten in der Unvernunft, will sagen: in der Lust am Menschlichen. Gehen wir an’s Meer! — 484. Der eigene Weg. — Wenn wir den entscheiden- den Schritt thun und den Weg antreten, welchen man den „eigenen Weg" nennt: so enthüllt sich uns plötz- lich ein Geheimniss: wer auch alles mit uns freund und vertraut war, — Alle haben sich bisher eine Über- legenheit über uns eingebildet und sind beleidigt. Die Besten von ihnen sind nachsichtig und warten geduldig, dass wir den „rechten Weg" — sie wissen ihn ja! — schon wieder finden werden. Die Anderen spotten und thun, als sei man vorübergehend närrisch geworden oder bezeichnen hämisch einen Verführer. Die Böseren erklären uns für eitle Narren und suchen unsere Motive zu schwärzen, und der Schlimmste sieht in uns seinen schlimmsten Feind, einen, den nach Rache für eine lange Abhängigkeit dürstet, — und fürchtet sich vor uns. — Was also thun? Ich rathe: seine Souveränität damit anfangen, dass man für ein Jahr voraus allen uns Be- kannten für Sünden jeder Art Amnestie zusichert. 485- Ferne Perspectiven. — A: Aber warum diese Einsamkeit? — B: Ich zürne Niemandem. Aber allein scheine ich meine Freunde deutlicher und schöner zu sehen, als zusammen mit ihnen; und als ich die Musik Digilized by Google 315 am meisten liebte und empfand, lebte ich ferne von ihr. Es scheint, ich brauche die fernen Perspectiven, um gut von den Dingen zu denken. 486. Gold und Hunger. — Hier und da giebt es einen Menschen, der Alles, was er berührt, in Gold verwan- delt. Eines guten bösen Tages wird er entdecken, dass er selber dabei verhungern muss. Er hat Alles glän- zend, herrlich, idealisch - unnahbar um sich, und nun sehnt er sich nach Dingen, welche in Gold zu verwan- deln ihm durchaus unmöglich ist — und wie sehnt er sich! Wie ein Verhungernder nach Speise! — Wo- nach wird er greifen? 487. Scham. — Da steht das schöne Ross und scharrt den Boden, es schnaubt, es verlangt nach einem Ritte und liebt Den, der es sonst reitet, — aber oh Scham! dieser kann sich heute nicht hinaufschwingen, er ist müde. — Diess ist die .Scham des ermüdeten Denkers vor seiner eigenen Philosophie. 488. Gegen die Verschwendung der Liebe. — Er- röthen wir nicht, wenn ^vir uns auf einer heftigen Ab- neigung ertappen? Aber wir sollten es auch bei heftigen Zuneigungen thun, der Ungerechtigkeit wegen, die auch in ihnen liegt! Ja, noch mehr: es giebt Menschen, die sich wie eingeengt und geschnürten Herzens fühlen, wenn Jemand ihnen seine Zuneigung nur so zu Gute kommen lässt, dass er damit Anderen Etwas von Zu- neigung entzieht. Wenn wir es der Stimme anhören. Digilized by Google 316 dass wir ausgewählt, vorgezogen werden! Ach, ich bin nicht dankbar für dieses Auswahlen, ich merke, dass ich es Dem nachtrage, der mich so auszeichnen will; er soll mich nicht auf Unkosten der Anderen lieben! Will ich doch schon zusehen, mit mir mich selber zu ertragen! Und oft habe ich noch das Herz voll und Grund zu Cber- muth, — einem Solchen, der Solches hat, soll man Nichts bringen, was Andere nöthig, bitter nöthig haben! 489. Freunde in der Noth. — Mitunter merken wir, dass einer unserer Freunde mehr zu einem Andern, als zu uns gehört, dass sein Zartsinn sich bei dieser Ent- scheidung quält und seine Selbstsucht dieser Entschei- dung nicht gewachsen ist: da müssen wir es ihm er- leichtern und ihn von uns fortbeleidigen. — Diess ist ebenfalls da nöthig, wo wir in eine Art zu denken übergehen, welche ihm verderblich sein würde: unsere Liebe zu ihm muss uns treiben, durch ein Unrecht, das wir auf uns nehmen, ihm ein grites Gewissen zu seiner Lossagung von uns zu schaffen. 490. Diese kleinen Wahrheiten! — „Ihr kennt diess Alles, aber ihr habt es nie erlebt, — ich nehme euer Zeugniss nicht an. Diese „kleinen Wahrheiten"! — sie dünken euch klein, weil ihr sie nicht mit eurem Blute bezahlt habt!" — Aber sind sie denn gross, desshalb, weil man Zuviel dafür bezahlt hat? Und Blut ist immer ein Zuviel! — „Glaubt ihr? Was ihr geizig mit Blute seid!“ Digilized by Google 317 49'- Auch desshalb Einsamkeit! — A: So willst du wieder in deine Wüste zurück? — B: Ich bin nicht schnell, ich muss auf mich warten, — es wird spät, bis jedesmal das Wasser aus dem Brunnen meines Selbst an’s Licht kommt, und oft muss ich länger Durst leiden, als ich Geduld habe. Desshalb gehe ich in die Ein- samkeit, — um nicht aus den Cisternen für Jedermann zu trinken. Unter Vielen lebe ich wie Viele und denke nicht wie ich; nach einiger Zeit ist es mir dann immer, als wolle man mich aus mir verbannen und mir die Seele rauben — und ich werde böse auf Jedermann und fürchte Jedermann. Die Wüste thut mir dann noth, um wieder gut zu werden. 492. Unter den Südwinden. — A: ,,Ich verstehe mich nicht mehr! Gestern noch war es in mir so stürmisch und dabei so warm, so sonnig — und hell bis zum Aussersten. Und heute! Alles ist nun ruhig, weit, schwer- müthig, dunkel, wie die Lagame von Venedig: — ich will Nichts und athme tief auf dabei und doch bin ich mir insgeheim unvnllig über diess Nichts -Wollen: — so plätschern die Wellen hin und her, im See meiner Melancholie. — B: Du beschreibst da eine kleine an- genehme Krankheit. Der nächste Nordostwind wird sie von dir nehmen! — A: Warum doch! 493- Auf dem eigenen Baume. — A: „Ich habe bei den Gedanken keines Denkers so viel Vergnügen, wie bei den eigenen: das sagt freilich Nichts über ihren Digilized by Google 318 Werth, aber ich müsste ein Narr sein, um die für mich schmackhaftesten Früchte zurückzusetzen, weil sie zu- fällig auf meinem Baume wachsen! — Und ich war einmal dieser Narr.“ — B: „Andern geht es umgekehrt: und auch diess sagt Nichts über den Werth ihrer Ge- danken, namentlich noch Nichts gegen ihren Werth.“ 494- Letztes Argument des Tapferen. — „In diesem Gebüsche sind Schlangen.“ — Gut, ich werde in das Gebüsch gehen und sie tödten. — „Aber vielleicht wirst du dabei das Opfer, und sie werden nicht einmal das deine!“ — Was liegt an mir! 495- Unsere Lehrer. — In der Jugend nimmt man seine Lehrer und Wegweiser aus der Gegenwart und aus den Krei.sen, auf welche wir gerade stossen: w’ir haben die gedankenlose Zuversicht, dass die Gegenwart Lehrer haben müsse, die für uns mehr, als für jeden Anderen taugen und dass wir sie finden müssen, ohne viel zu suchen. Für diese Kinderei muss man später hartes Lösegeld zahlen: man muss seine Lehrer an sich abbüssen. Dann geht man wohl nach den rech- ten Wegweisern suchen in der ganzen Welt herum, die Vorwelt eingerechnet, — aber es ist vielleicht zu .spät. Und schlimmsten Falles’ entdecken wir, dass sie lebten, als wir jung waren — und dass wir uns damals ver- griffen haben. 496. Das böse Princip. — Plato hat es prachtvoll be- schrieben, wie der philosophische Denker inmitten jeder bestehenden Gesellschaft als der Ausbund aller Ruch- Digilized by Google 319 lüsigkeit gelten muss: denn als Kritiker aller Sitten ist er der Gegensatz des sittlichen Menschen, und wenn er es nicht so weit bringt, der Gesetzgeber neuer Sitten zu werden, so bleibt er in der Erinnerung der Menschen zurück als „das böse Princip“. Wir dürfen hieraus er- rathen, wie die ziemlich freisinnige und neuerungssüch- tige Stadt Athen dem Rufe Plato’s bei seinen Lebzeiten mitgespielt hat: was Wunders, dass er — der, wie er selber sagt, den „politischen Trieb“ im Leibe hatte, — dreimal einen Versuch in Sicilien gemacht hat, wo sich damals gerade ein gesammtgriechischer Mittelmeer-Staat vorzubereiten schien? In ihm und mit seiner Hülfe ge- dachte Plato für alle Griechen Das zu thun, was Muham- med später für seine Araber that: die grossen und kleinen Bräuche und namentlich die tägliche Lebens- weise von Jedermann festzusetzen. Möglich waren seine Gedanken, so gewiss die des Muhammed möglich waren: sind doch viel unglaublichere, die des Christen- thums, als möglich bewiesen worden! Ein paar Zufalle weniger und ein paar andere Zufälle mehr — und die Welt hätte die Platonisirung des europäischen Südens erlebt; und gesetzt, dieser Zustand dauerte jetzt noch fort, so würde muthmaasslich in Plato das „gute Prin- cip“ von uns verehrt werden. Aber der Erfolg fehlte ihm: und so blieb ihm der Ruf eines Phantasten und Utopisten, — die härteren Namen sind mit dem alten Athen zu Grunde gegangen. 497- Das reinmachende Auge. — Von „Genius“ wäre am ehesten bei solchen Menschen zu reden, wo der Geist, wie bei Plato, Spinoza und Goethe, an den Charakter und Digitized by Gf^oglf 320 das Temperament nur lose angeknüpft erscheint, als ein beflügeltes Wesen, das sich von jenen leicht trennen und sich dann weit über sie erheben kann. Dagegen haben gerade Solche am lebhaftesten von ihrem „Ge- nius“ gesprochen, welche von ihrem Temperamente nie loskamen und ihm den geistigsten, grössten, allge- meinsten, ja unter Umständen kosmischen Ausdruck zu geben wussten (wie zum Beispiel Schopenhauer). Diese Genie's konnten nicht über sich hinausfliegen, aber sie glaubten sich vorzufinden, wiederzufinden, wohin sie auch nur flogen, — das ist ihre „Grö.sse“, und kann Grös.se .sein! — Die Anderen, welchen der Name eigent- licher zukommt, haben das reine, reinmachende Auge, das nicht aus ihrem Temperament und Charakter gewachsen scheint, .sondern frei von ihnen und meist in einem milden Widerspruch gegen sie auf die Welt wie auf einen Gott blickt und diesen Gott liebt. Auch ihnen ist aber dieses Auge nicht mit Einem Male ge- schenkt: es giebt eine Übung und Vorschule des Sehens, und wer rechtes Glück hat, findet zur rechten Zeit auch einen Lehrer des reinen Sehens. 4q8. Nicht fordern! — Ihr kennt ihn nicht! Ja, er unterwirft sich leicht und frei den Menschen und den Dingen, und ist gütig gegen Beide; .seine einzige Bitte ist, in Ruhe gelassen zu werden, — aber nur so- lange Menschen und Dinge nicht Untenverfung for- dern. Alles Fordern macht ihn stolz, scheu und kriegeri.sch. Digitized by Google 321 499- Der Böse. — „Nur der Einsame ist böse,“ rief Diderot: und sogleich fühlte sich Rousseau tödtlich ver- letzt. Folglich gestand er sich zu, dass Diderot Recht habe. In der That hat jeder böse Hang inmitten der Gesellschaft und Geselligkeit so viel Zwang sich anzu- thun, so viel Larven vorzunehmen, so oft sich selbst in das Prokrustes - Bett der Tugend zu legen, dass man recht wohl von einem Märtyrerthum des Bösen reden könnte. In der Einsamkeit fallt diess Alles dahin. Wer böse ist, ist es am meisten in der Einsamkeit: auch am besten — und folglich für das Auge Dessen, der überall nur ein Schauspiel sieht, auch am schönsten. 500. Wider den Strich. — Ein Denker kann sich Jahre lang zwingen, wider den Strich zu denken: ich meine, nicht den Gedanken zu folgen, die sich ihm von Innen her anbieten, sondern denen, zu welchen ein Amt, eine vorgeschriebene Zeiteintheilung, eine willkürliche Art von Fleiss ihn zu verpflichten scheinen. Endlich aber wird er krank: denn diese anscheinend moralische Über- windung verdirbt seine Nervenkraft ebenso gründlich, wie es nur eine zur Regel gemachte Ausschweifung thun könnte. 501. Sterbliche Seelen! — In Betreff der Erkennt- niss ist \-ielleicht die nützlichste Errungenschaft: dass der Glaube an die unsterbliche Seele aufgegeben ist. Jetzt darf die Menschheit warten, jetzt hat sie nicht mehr nöthig, sich zu überstürzen und halbgeprüfte Nietzsche, Morgenrötbe. 21 Digitized by Google 322 Gedanken hinunterzuwürgen, wie sie ehedem musste. Denn damals hieng das Heil der armen „ewigen Seele“ von ihren Erkenntnissen während des kurzen Lebens ab, sie musste sich von heut zu morgen entscheiden, — die „Erkenntniss“ hatte eine entsetzliche Wichtigkeit! Wir haben den guten Muth zum Irren, Versuchen, Vor- läufig-nehmen wdeder erobert — es ist Alles nicht so wichtig! — und gerade desshalb können Individuen und Geschlechter jetzt Aufgaben von einer Grossartigkeit in’s Auge fassen, welche früheren Zeiten als Wahnsinn und Spiel mit Himmel und Hölle erschienen sein würden. Wir dürfen mit uns selber experimentiren! Ja die Mensch- heit darf es mit sich! Die grössten Opfer sind der Er- kenntniss noch nicht gebracht worden, — ja, es wäre früher Gotteslästerung und Preisgeben des ewigen Heils gewesen, solche Gedanken auch nur zu ahnen, wie sie unserem Thun jetzt voranlaufen. 502. Ein Wort für drei verschiedene Zustände. — In der Leidenschaft bricht bei Diesem das wilde, scheuss- liche, unausstehliche Thier hervor; Jener erhebt sich durch sie in eine Höhe und Grösse und Pracht der Gebärde, gegen die sein son.stiges Sein dürftig erscheint. Ein Dritter, durch und durch veredelt, hat auch den edelsten Sturm und Drang, er ist in diesem Zustande die wildschöne Natur und nur um einen Grad tiefer, als die grosse ruhig-schöne Natur, welche er für ge- wöhnlich darstellt: aber von den Menschen wird -er in der Leidenschaft mehr begriffen und gerade dieser Mo- mente wegen mehr verehrt, — er ist ihnen da einen Schritt näher und verwandter. .Sie empfinden Entzücken Digilized by Google 323 und Entsetzen bei einem solchen Anblick und nennen ihn gerade da: göttlich. 503- Freundschaft. — Jener Einwand gegen das philo- sophische Leben, dass man mit ihm seinen Freunden unnützlich werde, wäre nie einem Modernen gekom- men: er ist antik. Das Alterthum hat die Freundschaft tief und stark ausgelebt, ausgedacht und fa.st mit sich in’s Grab gelegt. Diess ist sein Vorsprung vor uns: dagegen haben wir die idealisirte Geschlechtsliebe auf- zuweisen. Alle grossen Tüchtigkeiten der antiken Men- schen hatten darin ihren Halt, dass Mann neben Mann stand, und dass nicht ein Weib den Anspruch erheben , durfte, das Nächste, Höchste, ja Einzige seiner Liebe zu sein, — wie die Passion zu empfinden lehrt. Viel- leicht wachsen unsere Bäume nicht so hoch, wegen des Epheu’s und der Weinreben daran. 504- Versöhnen! — Sollte es denn die Aufgabe der Philosophie sein, zwischen dem, was das Kind gelernt und der Mann erkannt hat, zu versöhnen? Sollte die Philosophie gerade die Aufgabe der Jünglinge sein, weil diese in der Mitte zwischen Kind und Mann stehen und das mittlere Bedürfniss haben? Fast will es so scheinen, wenn man erwägt, in welchen Lebensaltern die Philosophen jetzt ihre Conception zu machen pflegen: dann, wenn es zum Glauben zu spät und zum Wissen noch zu früh ist. 505- Die Praktischen. — Wir Denker haben den Wohl- geschmack aller Dinge erst festzustellen und nöthigen- 31* Digitized by Gowgle 324 falls ihn zu decretiren. Die praktischen Leute nehmen ihn endlich von uns an, ihre Abhängigkeit von uns ist unglaublich gross und das lächerlichste Schauspiel der Welt, so wenig sie um dieselbe wissen und so stolz sie über uns Unpraktische hinwegzureden lieben: ja sie würden ihr praktisches Leben geringschätzen, wenn war es geringschätzen wollten: — wozu uns hier und da ein kleines Rachegelüst reizen könnte. 506. Die nöthige Austrocknung alles Guten. — Wie! Man müsse ein Werk gerade so auffassen, wie die Zeit, die es hervorbrachte? Aber man hat mehr Freude, mehr Erstaunen und auch mehr zu lernen daran, wenn man es gerade nicht so auffasst! Habt ihr nicht- gemerkt, dass jedes neue gute Werk, so lange es in der feuchten Luft seiner Zeit liegt, seinen mindesten VV'^erth besitzt, — gerade weil es so sehr noch den Ge- ruch des Marktes und der Gegnerschaft und der neuesten Meinungen und alles Vergänglichen zwischen heut und morgen an sich trägt? Später trocknet es aus, seine „Zeitlichkeit“ stirbt ab — und dann erst bekommt es seinen tiefen Glanz und Wohlgeruch, ja, wenn es dar- nach ist, sein stilles Auge der Ewigkeit. 507. Gegen die Tyrannei des Wahren. — Selbst wenn wir so toll wären, alle unsere Meinungen für wahr zu halten, so würden wir doch nicht wollen, da.ss sie allein exi.stirten — : ich n-üsste nicht, warum die Allein- herrschaft und Allmacht der Wahrheit zu wünschen wäre; mir genügte schon, dass sie eine grosse Macht habe. Aber sie mu.ss kämpfen können und eine Gegner- Digilized by Google 325 Schaft haben, und man muss sich von ihr im Unwahren ab und zu erholen können, — sonst wird sie uns lang- weilig, kraft- und geschmacklos werden und uns eben dazu auch machen. 508. Nicht pathetisch nehmen. — Das, was wir thun, um uns zu nützen, soll uns keinen moralischen Lob- spruch eintragen, weder von Anderen, noch von uns selber; ebenso wenig Das, was wir Ihun, um uns an uns zu freuen. In solchen Fällen das Pathetisch-nehmen abweisen und sich selber alles Pathetischen enthalten, ist der gute Ton bei allen höheren Menschen: und wer sich an ihn gewöhnt hat, dem ist die Naivität wieder- geschenkt. 509. » Das dritte Auge. — Wie! du bedarfst noch des Theaters! Bist du noch so jung? Werde klug und suche die Tragödie und Komödie dort, wo sie besser gespielt wird! Wo es interessanter und interessirter zugeht! Ja, es ist nicht ganz leicht, dabei eben nur Zuschauer zu bleiben, — aber lerne es! Und fast in allen Lagen, die dir schwer und peinlich fallen, hast du dann ein Pfört- chen zur Freude und eine Zuflucht, selbst noch, wenn deine eigenen Leidenschaften über dich herfallen. Mache dein ITieater-Auge auf, das grosse dritte Auge, welches durch die zwei anderen in die Welt schaut! 510. Seinen Tugenden entlaufen. — Was liegt an einem Denker, wenn er nicht gelegentlich seinen eigenen Tugenden zu entlaufen weiss! Er soll ja „nicht nur ein moralisches Wesen“ .sein! Digitized by (^oogIe 32G 5II- Die Versucherin. — Die Ehrlichkeit ist die grosse Versucherin aller Fanatiker. Was sich Euthem in Ge- stalt des Teufels oder eines schönen Weibes zu nahen schien und was er auf jene ungeschlachte Manier von sich abwehrte, war wohl die Ehrlichkeit und vielleicht, in seltneren Fällen, sogar die Wahrheit. 512. Gegen die Sachen muthig. — Wer seiner Natur nach gegen Personen rücksichtsvoll oder ängstlich ist. aber seinen Muth gegen die Sachen hat, scheut sich vor neuen und näheren Bekanntschaften und beschränkt seine alten: damit sein Incognito und seine Rücksichts- losigkeit in der Wahrheit zu.sammenwachsen. 513- Schranke und Schönheit. — Suchst du Menschen mit schöner Cultur? Aber dann musst du dir, wie wenn du schöne Gegenden suchst, auch beschränkte Aus- sichten und Ansichten gefallen lassen. — Gewi.ss giebt es auch panoramatische Menschen, gewiss sind sie, wie die panoramatischen Gegenden, lehrreich und erstaun- lich: aber nicht schön. 5'4- An die Stärkeren. — Ihr stärkeren und hoch- müthigen Geister, nur um Eins seid gebeten: legt uns Anderen keine neue Last auf, sondern nehmt Etwas von unserer Last auf euch, da ihr ja die Stärkeren seid! Aber ihr macht es .so gerne umgekehrt: denn ihr wollt fliegen, und desshalb sollen wir auch noch eure Last zu unserer tragen: das heisst, wir sollen kriechen! Digitized by Google 327 5>5- Zunahme der Schönheit. — Warum nimmt die Schönheit mit der Civilisation zu? Weil bei dem civili- sirten Menschen die drei Gelegenheiten zur Hässlichkeit selten und immer seltener kommen: erstens die Affecte in ihren wildesten Ausbrüchen, zweitens die leiblichen Anstrengungen des äussersten Grades, drittens die Nöthigung, durch den Anblick Furcht einzuflössen, welche auf niederen und gefährdeten Culturstufen so gross und häufig ist, dass sie selbst Gebärden und Cere- moniell festsetzt und die Hässlichkeit zur Pflicht macht. 516. Seinen Dämon nicht in die Nächsten fahren lassen! — Bleiben wir immerhin für unsere Zeit dabei, dass Wohlwollen und Wohlthun den guten Menschen ausmache; nur lasst uns hinzufügen: „vorau.sgesetzt, dass er zuerst gegen sich selber wohlwollend und wohl- thuend gesinnt sei!“ Denn ohne Dieses — wenn er vor sich flieht, sich ha.sst, sich Schaden zufügt — ist er gewiss kein guter Mensch. Dann rettet er sich nur in die Anderen, vor sich selber: mögen diese Anderen Zusehen, dass .sie nicht schlimm dabei fahren, so wohl er ihnen anscheinend auch will! — Aber gerade Diess: das ego fliehen und hassen und im Anderen, für den Anderen leben — hat man bisher, ebenso gedankenlos als zuversichtlich, „unegoistisch“ und folglich „gut“ geheissen! 517- Zur Liebe verführen. — Wer sich selber hasst, den haben wir zu fürchten, denn wir werden die Opfer Digitized by Google 328 seines Grolls und seiner Rache sein. Sehen wir also zu, wie wir ihn zur Liebe zu sich selber verführen! 518. Resignation. — Was i.st Ergebung? Es ist die bequemste Lage eines Kranken, der sich lange unter Martern herumgeworfen hat, um sie zu finden, der dadurch müde ward — und sie nun auch fand! 519- Betrogen werden. — Sobald ihr handeln wollt, müsst ihr die Thür zum Zweifel verschliessen, — sagte ein Handelnder. — Und du fürchtest dich nicht, auf diese Weise der Betrogene zu werden? — antwortete ein Beschaulicher. 520. Die ewige Todtenfeier. — Es könnte Jemand über die Geschichte weg eine fortgesetzte Grabrede zu hören glauben: man begrub und begräbt immer sein Liebstes, Gedanken und Hoffnungen, und erhielt und erhält Stolz dafür, gloria mundi, das heisst, den Pomp der I.eichenrede. Damit soll Alles gut gemacht werden! Und der Leichenredner ist immer noch der grösste öffentliche Wohlthäter! 521. Ausnahme - Eitelkeit. — Jener hat Eine hohe Eigenschaft, zu seinem Tröste: über den Rest seines Wesens — es i.st fast Alles Rest! — gleitet sein Blick verächtlich hin. Aber er erholt sich von sich selber, wenn er wie zu seinem Heiligthume geht; schon der Weg dahin dünkt ihm wie ein Aufsteigen auf breiten sanften Stufen: — und ihr Grausamen nennt ihn dess- halb eitel! Digilized by Google 32!) 52-2- Die Weisheit ohne Ohren. — Täglich zu hören, was über uns gesprochen wird, oder gar zu ergrübeln, was über uns gedacht wird, — das vernichtet den stärk- sten Mann. Darum la.ssen uns ja die Anderen leben, um täglich über uns Recht zu behalten! Sie tvürden uns ja nicht aushalten, wenn wir gegen sie Recht hätten oder gar haben wollten! Kurz, bringen wir der all- gemeinen Verträglichkeit das Opfer, horchen wir nicht hin, wenn über uns geredet, gelobt, getadelt, gewünscht, gehofft wird, denken wir auch nicht einmal daran! 523- Hinterfragen. — Bei Allem, was ein Mensch sicht- bar werden lässt, kann man fragen: was soll es ver- bergen? Wovon soll es den Blick ablenken? Welches Vorurtheil soll es erregen? Und dann noch: bis wie weit geht die Feinheit dieser Verstellung? Und worin vergreift er sich dabei? 524- Eifersucht der Einsamen. — Zwischen geselligen und einsamen Naturen ist dieser Unterschied (voraus- gesetzt, dass beide Geist haben!): die ersteren werden zufrieden oder beinahe zufrieden mit einer Sache, welche sie auch .sei, von dem Augenblicke an, da sie eine mit- theilbare glückliche Wendung über dieselbe in ihrem Geiste gefunden haben, — das versöhnt sie mit dem Teufel selber! Die Einsamen aber haben ihr stilles Entzücken, ihre stille Qual an einer Sache, sie hassen die geist- reiche glänzende Ausstellung ihrer innersten Probleme, wie sie die allzugewählte Tracht an ihrer Geliebten Digitized by C yfOglc 330 hassen: sie sehen dann melancholisch auf sie hin, wie als ob der Verdacht ihnen aufstiege, dass sie Anderen gefallen wolle! Diess ist die Eifersucht aller einsamen Denker und leidenschaftlichen Träumer auf den esprit. 525- Wirkung des Lobes. — Die Einen werden durch grosses Lob schamhaft, die Anderen frech. 526. Nicht Symbol sein wollen. — Ich beklage die Fürsten; es ist ihnen nicht erlaubt, sich zeitweilig im Verkehre zu annulliren und so lernen sie die Menschen nur aus einer unbequemen Lage und Verstellung kennen ; der fortwährende Zwang, Etwas zu bedeuten, macht sie zuletzt thatsächlich zu feierlichen Nullen. — Und so geht es Allen, welche ihre Pflicht darin sehen, Sym- bole zu .sein. 527- Die Versteckten. — Habt ihr jene Menschen noch nicht gefunden, welche auch ihr entzücktes Herz festhalten und pressen und welche lieber .stumm werden, als dass sie die Scham des Maasses verlören? — Und jene Unbequemen und oft so Gutartigen fandet ihr auch noch nicht, welche nicht erkannt werden wollen, und die ihre Fusstapfen im Sande immer wieder ver- wischen, ja die Betrüger sind, vor Anderen und vor sich, um verborgen zu bleiben? 528. Seltnere Enthaltsamkeit. — Es ist oft kein ge- ringes Zeichen von Humanität, einen Andern nicht beur- theilen zu wollen und sich zu weigern, über ihn zu denken. Digilized by Google 331 529- Wodurch Menschen und Völker Glanz be- kommen. — Wie viele ächte individuelle Hand- lungen werden desshalb unterlassen, weil man, bevor man sie thut, einsieht oder argwöhnt, dass sie missver- standen werden! — also gerade jene Handlungen, welche überhaupt Werth haben, im Guten und Schlimmen. Je höher also eine Zeit, ein Volk die Individuen achtet und je mehr man ihnen das Recht und Übergewicht zugesteht, um so mehr Handlungen jener Art werden sich an’s Licht wagen — und so breitet sich zuletzt ein Schimmer von Ehrlichkeit, von Ächtheit im Guten und Schlimmen über ganzen Zeiten und Völkern aus, dass sie, wie zum Beispiel die Griechen, nach ihrem Untergange noch Jahrtausende lang gleich manchen Sternen fortleuchten. 530. Umschweife des Denkers. — Bei Manchen ist der Gang ihres gesammten Denkens streng und uner- bittlich kühn, ja, mitunter grausam gegen sich, aber im Einzelnen sind sie milde und beugsam; sie drehen sich zehnmal um eine Sache, mit wohlwollendem Zögern, aber endlich gehen sie ihren strengen Weg weiter. Es sind Ströme mit vielen Krümmungen und abge- schiedenen Einsiedeleien; es giebt Stellen in ihrem Laufe, wo der Strom mit sich selber Versteckens spielt und sich eine kurze Idylle macht, mit Inseln, Bäumen, Grotten und Wasserfällen: und dann zieht er wieder weiter, an Felsen vorüber und sich durch das härteste Gestein zwingend. Digilized by Google 332 53‘- Die Kunst anders empfinden. — Von der Zeit an, wo man einsiedlerisch-gesellig, verzehrend und ver- zehrt, mit tiefen fruchtbaren Gedanken, und nur noch mit ihnen, lebt, will man von der Kunst entweder über- haupt Nichts mehr oder man will etwas ganz Anderes, als früher, — das heisst, man ändert seinen Geschmack. Denn früher wollte man durch die Thür der Kunst gerade in das Element auf einen Augenblick hinein- tauchen, in welchem man nun dauernd lebt; damals träumte man sich damit in das Entzücken eines Besitzes, und nun besitzt man. Ja, vorübergehend wegw'erfen, was man jetzt hat, und sich arm, als Kind, Bettler und Narr träumen — kann uns nunmehr gelegentlich entzücken. 532- „Die Liebe macht gleich.“ — Die Liebe will dem Andern, dem sie sich weiht, jedes Gefühl von Fremdsein ersparen, sie ist folglich voller Verstellung und Anähnlichung, sie betrügt fortwährend und schau- spielert eine Gleichheit, die es in Wahrheit nicht giebt. Und diess geschieht so instinctiv, dass liebende Frauen diese Verstellung und beständige zarteste Betrügerei ableugnen und kühn behaupten, die Liebe mache gleich (das heisst sie thue ein Wunder!). — Dieser Vorgang ist einfach, wenn die eine Person sich lieben lässt und es nicht nöthig findet, sich zu verstellen, viel- mehr diess der anderen, liebenden überlässt: aber nichts Venvickelteres und Undurchdringbareres von Schauspie- lerei giebt es, als wenn beide in der vollen Leidenschaft für einander sind und folglich Jeder sich aufgiebt und sich dem Anderen gleichstellen und ihm allein gleich- Digilized by Google 333 machen will: und keiner zuletzt mehr weiss, was er nachahmen, wozu er sich verstellen, als was er sich geben soll. Die schöne Tollheit dieses Schauspiels ist zu gut für diese Welt und zu fein für menschliche Augen. 533- Wir Anfänger! — Was erräth und sieht ein Schauspieler Alles, wenn er einen anderen spielen sieht! Er weiss es, wenn ein Muskel an einer Gebärde den Dienst versagt, er sondert jene kleinen, gemachten Dinge ab, welche einzeln und kaltblütig vor dem Spiegel ein- geübt sind und nicht in’s Ganze hineinwachsen wollen, er fühlt es, wenn der Spieler von seiner eigenen Erfin- dung auf der Scene überrascht wird und wenn er sie in der Überraschung v'erdirbt. — Wie anders wieder sieht ein Maler auf einen vor ihm sich bewegenden Menschen! Er sieht namentlich sofort Vieles hinzu, um das Gegenwärtige zu vervollständigen und zur ganzen Wirkung zu bringen; er probirt im Geiste mehrere Be- leuchtungen des selben Gegenstandes, er div'idirt das Ganze der Wirkung durch einen Gegensatz, den er hinzustellt. — Hätten wir doch erst das Auge dieses Schauspielers und dieses Malers für das Reich der menschlichen Seelen! 534- Die kleinen Dosen. — Soll eine Veränderung möglichst in die Tiefe gehen, so gebe man das Mittel in den kleinsten Dosen, aber unablässig auf weite Zeit- strecken hin! Was ist Grosses auf Einmal zu schaffen! So wollen wdr uns hüten, den Zustand der Moral, an den wir gewöhnt sind, mit einer neuen Werthschätzung der Dinge Hals über Kopf und unter Gewaltsamkeiten Digilized by Google 334 zu vertauschen, — nein, wir wollen in ihm noch lange, lange fortleben — bis wir, sehr spät vermuthlich, inne werden, dass die neue Werthschätzung in uns zur überwiegenden Gew’alt gew’orden ist und dass die klei- nen Dosen derselben, an die wir uns von jetzt ab gewöhnen müssen, eine neueNatur in uns gelegt haben. — Man fängt ja an, auch diess einzusehen, dass der letzte V ersuch einer grossenVeränderung derWerthschätzungen, und zw'ar in Bezug auf die politischen Dinge, — die „grosse Revolution“ — nicht mehr war, als eine pathe- tische und blutige Quacksalberei, welche durch plötz- liche Krisen dem gläubigen Europa die Hoffnung auf plötzliche Genesung beizubringen wusste — und damit alle politischen Kranken bis auf diesen Augenblick un- geduldig und gefährlich gemacht hat. — 535- Die Wahrheit hat die Macht nöthig. — An sich ist die Wahrheit durchaus keine Macht, — was auch immer des Gegentheils der schönthuerische Auf- klärer zu sagen gewohnt sein mag! — Sie muss viel- mehr die Macht auf ihre Seite ziehen oder sich auf die Seite der Macht schlagen, sonst wird sie immer wieder zu Grunde gehen! Diess ist nun genug und übergenug bewiesen! 536- Die Daumenschraube. — Es empört endlich, immer und immer wieder zu sehen, wie grausam Jeder seine paar Privat -Tugenden den Anderen, die sie zu- fällig nicht haben, aufrechnet, wie er sie damit zwickt und plagt. Und so wollen wir es auch mit dem „Sinn für Redlichkeit“ menschlich treiben, so gewiss man an Digilized by Google 335 ihm eine Daumenschraube besitzt, um allen diesen gross- artigen Selbstlingen, die auch jetzt noch ihren Glauben der ganzen Welt aufdringen wollen, bis aufs Blut wehe zu thun; — wir haben sie an uns selber erprobt! 537- Meisterschaft. — Die Meisterschaft ist dann er- reicht, wenn man sich in der Ausführung weder ver- greift, noch zögert. 538. Moralischer Irrsinn des Genie’s. — Bei einer gewissen Gattung grosser Geister giebt es ein pein- liches, zum Theil fürchterliches .Schauspiel zu beobach- ten; ihre fruchtbarsten Augenblicke, ihre Flüge aufwärts und in die Feme scheinen ihrer gesummten Con.stitution nicht gemäss zu sein und irgendwie über deren Kraft hinauszugehen, sodass jedes Mal ein Fehler und auf die Dauer die Fehlerhaftigkeit der Maschine zurück- bleibt, als welche sich aber wiederum, bei so hoch- geistigen Naturen wie den hier gemeinten, in allerlei moralischen und intellectuellen Symptomen viel regel- mässiger als in körperlichen Xothzuständen zu erkennen giebt. So könnte das unbegreiflich Ängstliche, Eitle, Gehässige, Neidische, Eingeschnürte und Einschnürende, welches plötzlich aus ihnen hervorspringt, jenes ganze Allzupersönliche und Unfreie in Naturen, wie denen Rousseau’s und Schopenhauers, recht wohl die Folge eines periodischen Herzleidens sein: diess aber die Folge eines Nervenleidens und dieses endlich die Folge . So lange der Genius in uns wohnt, sind wir beherzt, ja wie toll, und achten nicht des Lebens, der Gesund- heit und der Ehre; wir durchfliegen den Tag freier, als Digilized by Google 336 ein Adler, und sind sicherer im Dunkel, als die Eule. Aber auf einmal verlässt er uns, und ebenso plötzlich fällt tiefe Furchtsamkeit auf uns : wir verstehen uns selber nicht mehr, wir leiden an allem Erlebten, an allem Nichterlebten, wir sind wie unter nackten Felsen, vor einem Sturme, und zugleich wie erbärmliche Kinds- seelen, die sich vor einem Geraschel und einem Schatten fürchten. — Drei Viertel alles Bösen, das in der Welt gethan wird, geschieht aus Furchtsamkeit: und diese ist vor Allem ein physiologischer Vorgang! — 539. Wisst ihr auch, was ihr wollt? — Hat euch nie die Angst geplagt, ihr möchet gar nicht dazu taugen, Das, was wahr ist, zu erkennen? Die Angst, dass euer Sinn zu stumpf, und selbst euer Feingefühl des Sehens noch viel zu grob sei? Wenn ihr einmal merktet, was für ein Wille hinter eurem Sehen waltete? Zum Beispiel, wie ihr gestern mehr sehen wolltet, als ein Anderer, heute es anders sehen wollt, als der Andere, oder wie ihr von vornherein euch sehnt, eine Übereinstimmung, oder das Gegentheil von dem zu finden, was man bisher zu finden vermeinte! Oh der schämenswerthen Gelüste! Wie ihr oft nach dem Starkwirkenden, oft nach dem Beruhigenden ausspäht. — weil ihr gerade müde seid ! Immer voller ge- heimer Vorherbestimmungen, wie dieWahrheit beschaffen sein müsse, dass ihr, gerade ihr sie annehmen könntet! Oder meint ihr, heute, da ihr gefroren und trocken wie ein heller Morgen im Winter seid und euch Nichts am Herzen liegt, ihr hättet bessere Augen? Gehört nicht Wärme und Schwärmerei dazu, einem Gedankendinge Gerechtigkeit zu schaffen? — und das eben heisst * h. Digilized by Google 337 Sehen! Als ob ihr überhaupt mit Gedankendingen an- ders verkehren könntet, als mit Menschen! Es ist in diesem Verkehre die gleiche Moralität, die gleiche Ehren- haftigkeit, der gleiche Hintergedanke, die gleiche Schlaff- heit, die gleiche Furchtsamkeit, — euer ganzes liebens- und hassenswürdiges Ich ! Eure körperlichen Ermattungen •werden den Dingen matte Farben geben, eure Fieber werden Ungeheuer aus ihnen machen! Leuchtet euer Morgen nicht anders auf die Dinge, als euer Abend? Fürchtet ihr nicht in der Höhle jeder Erkenntniss euer eigenes Gespenst wieder zu finden, als das Gespinnst, in welches die Wahrheit sich vor euch verkleidet hat? Ist es nicht eine schauerliche Komödie, in welcher ihr so unbedachtsam mitspielen wollt? — 540. Lernen. — Michelangelo sah in Raffael das Stu- dium, in sich die Natur: dort das Lernen, hier die Begabung. Indessen ist diess eine Pedanterie, mit aller Ehrfurcht vor dem grossen Pedanten gesagt. Was ist denn Begabung Anderes, als ein Name für ein älteres Stück Lernens, Erfahrens, Einübens, Aneignens, Ein- verleibens, sei es auf der Stufe unserer Väter oder noch früher! Und wiederum: Der, welcher lernt, be- gabt sich selber, — nur ist es nicht so leicht, zu lernen, und nicht nur die Sache des guten Willens; man muss lernen können. Bei einem Künstler stellt sich dem oft der Neid entgegen, oder jener Stolz, wel- cher beim Gefühl des Fremdartigen sofort seine Stacheln hervorkehrt und sich unwillkürlich in einen Verthei- digungszustand , statt in den des Lernenden , versetzt. An beidem fehlte es Raffael, gleich Goethe, und dess- Nictxscbe, Morgenrüthc. 2 2 Digitized by 338 halb waren sie grosse Lerner und nicht nur die Aus- beuter jener Erzgänge, welche sich aus dem Geschiebe und der Geschichte ihrer Vorfahren ausgelaugt hatten. Raffael verschwindet vor uns als Lernender, mitten in der Aneignung dessen, was sein grosser Nebenbuhler als seine „Natur“ bezeichnete: er trug täglich ein Stück davon hinweg, dieser edelste Dieb; aber ehe er den ganzen Michelangelo in sich hinübergetragen hatte, starb er — und die letzte Reihe seiner Werke, als der An- fang eines neuen Studienplanes, ist weniger vollkom- men und schlechthin gut, eben weil der grosse Lerner vom Tode in seinem schwierigsten Pensum gestört wor- den ist und das rechtfertigende letzte Ziel, nach wel- chem er ausschaute, mit sich genommen hat. 541- Wie man versteinern soll. — Langsam, langsam hart werden wie ein Edelstein — und zuletzt still und zur Freude der Ewigkeit liegen bleiben. 54-2. Der Philosoph und das Alter. — Man thut nicht klug, den Abend über den Tag urtheilen zu lassen: denn allzu oft wird da die Ermüdung zur Richterin über Kraft, Erfolg und guten Willen. Und ebenso sollte die höchste Vorsicht in Absehung auf das Alter und seine Beurtheilung des Lebens geboten sein, zumal das Alter, wie der Abend, sich in eine neue und reizende Mora- lität zu verkleiden liebt und durch Abendröthe, Däm- merung, friedliche oder sehnsüchtige Stille den Tag zu beschämen weiss. Die Pietät, welche wir dem alten Manne entgegenbringen, zumal wenn es ein alter Denker I Digilized by Google 339 und Weiser ist, macht uns leicht blind gegen die Alte- rung seines Geistes, und es thut immer noth, die Merkmale solcher Alterung und Ermüdung aus ihrem Versteck, das heisst: das physiologische Phänomen hinter dem moralischen Für- und Vorurtheile hervorzu- ziehen, um nicht die Narren der Pietät und die Schä- diger der Erkenntniss zu werden. Nicht selten nämlich tritt der alte Mann in den Wahn einer grossen mora- lischen Erneuerung und Wiedergeburt und giebt von dieser Empfindung aus Urtheile über das Werk und den Gang seines Lebens ab, wie als ob er jetzt erst hellsichtig geworden sei: und doch steht hinter diesem Wohlgefühle und diesem zuversichtlichen Urtheilen als Einbläserin nicht die Weisheit, sondern die Müdigkeit. Als deren gefährlichstes Kennzeichen mag wohl der Genieglaube bezeichnet werden, welcher erst um diese Lebensgränze grosse und halbgrosse Männer des Geistes zu überfallen pflegt: der Glaube an eine Ausnahme- stellung und an Ausnahmerechte. Der von ihm heim- gesuchte Denker hält es nunmehr für erlaubt, sich es leichter zu machen und als Genie mehr zu decreti- ren, als zu beweisen: wahrscheinlich ist aber eben der Trieb, welchen die Müdigkeit des Geistes nach Erleich- terung empfindet, die stärkste Quelle jenes Glaubens, er geht ihm der Zeit nach zuvor, wie es auch anders erscheinen möge. Sodann: um diese Zeit will man ge- mäss der Genusssucht aller Müden und Alten die Re- sultate seines Denkens geniessen, anstatt sie wieder zu prüfen und auszusäen,. und hat dazu nothig, sie sich mundgerecht und geniessbar zu machen und ihre Trocken- heit, Kälte und Würzlosigkeit zu beseitigen; und so ge- schieht es, dass der alte Denker sich scheinbar über 22* Digitized by G 340 das Werk seines Lebens erhebt, in Wahrheit aber das- selbe durch eingemischte Schwärmereien, Süssigkeiten, Würzen, dichterische Nebel und mystische Lichter ver- dirbt. So ergieng es zuletzt Plato, so ergfieng es zu- letzt jenem grossen rechtschaffenen Franzosen, dem die Deutschen und die Engländer dieses Jahrhunderts, als einem Umschlinger und Bändiger der strengen Wissen- schaften, Keinen an die Seite zu stellen vermögen, Auguste Comte. Ein drittes Merkmal der Ermüdung: jener Ehrgeiz, welcher in der Brust des grossen Den- kers stürmte, als er jung war, und der damals in Nichts sein Genügen fand, ist nun auch alt geworden, er greift, w'ie Einer, der keine Zeit mehr zu verlieren hat, nach den gröberen und bereiteren Mitteln der Befriedigung, das heisst, nach denen der thätigen, herrschenden, ge- waltsamen, erobernden Naturen: von jetzt ab will er Institutionen gründen, die seinen Namen tragen, und nicht mehr Gedanken-Bauten; was sind ihm jetzt noch die ätherhaften Siege und Ehren im Reiche der Beweise und Widerlegungen! was ist ihm eine Verewigung in Büchern, ein zitterndes Frohlocken in der Seele eines Lesers! Die Institution dagegen ist ein Tempel, — das weiss er wohl, und ein Tempel von Stein und Dauer erhält seinen Gott sicherer am Leben, als die Opfer- gaben zarter und seltener Seelen. Vielleicht findet er um diese Zeit auch zum ersten Mal jene Liebe, welche mehr einem Gotte gilt, als einem Menschen, und sein ganzes Wesen mildert und versüsst sich unter den Strahlen einer solchen Sonne gleich einer Frucht im Herbste. Ja, er wird göttlicher und schöner, der grosse Alte — und trotzdem ist es das Alter und die Müdig- keit, w'elche ihm erlauben, derartig auszureifen, .stille Digilized by Google 341 zu werden und in der leuchtenden Abgötterei einer Frau auszuruhen. Nun ist es vorbei mit seinem früheren trotzigen, dem eignen Selbst überlegenen Verlangen nach ächten Schülern, nämlich ächten Fortdenkem, das heisst, ächten Gegnern: jenes Verlangen kam aus der ungeschwächten Kraft, aus dem bewussten Stolze, jeder- zeit noch selber der Gegner und Todfeind seiner eige- nen Lehre werden zu können, — jetzt will er ent- schlossene Parteigänger, unbedenkliche Kameraden, Hülfstruppen, Herolde, ein pomphaftes Gefolge. Jetzt hält er überhaupt die furchtbare Isolation nicht mehr aus, in der jeder vorwärts- und vorausfliegende Geist lebt, er umstellt sich nunmehr mit Gegenständen der Verehrung, der Gemeinschaft, der Rührung und Liebe, er will es endlich auch einmal so gut haben, wie alle Religiösen, und in der Gemeinde feiern, was er hoch- schätzt, ja, er wird dazu eine Religion erfinden, um nur die Gemeinde zu haben. So lebt der weise Alte und geräth dabei unvermerkt in eine solche klägliche Nähe zu priesterhaften, dichterischen Ausschweifungen, dass man sich kaum dabei .seiner weisen und .strengen Jugend, seiner damaligen straffen Moralität des Kopfes, seiner wahrhaft männlichen Scheu vor Einfällen und .Schwärmereien erinnern darf. Wenn er sich früher mit anderen, älteren Denkern verglich, so geschah es, um .seine .Schwäche ernst mit ihrer Kraft zu messen und gegen sich selber kälter und freier zu werden: jetzt thut er es nur, um sich bei der Vergleichung am eige- nen Wahne zu berauschen. Früher dachte er mit Zu- versicht an die kommenden Denker, ja, mit Wonne sah er sich ein.stmals in ihrem volleren Lichte untergehen: jetzt quält es ihn, nicht der Letzte sein zu können, er Digitized by k 342 sinnt über Mittel nach, mit seiner Erbschaft, die er den Menschen schenkt, auch eine Beschränkung des souve- ränen Denkens ihnen aufzuerlegen, er fürchtet und ver- unglimpft den Stolz und den Freiheitsdurst der indivi- duellen Geister — : nach ihm soll keiner mehr seinen Intellect völlig frei walten lassen, er selber will als das Bollwerk für immer stehen bleiben, an welches die Brandung des Denkens überhaupt schlagen dürfe, — das sind seine geheimen, vielleicht nicht einmal immer geheimen Wünsche! Die harte Thatsache hinter solchen Wünschen ist aber, dass er selber vor seiner Lehre Halt gemacht hat und in ihr seinen Gränzstein, sein „Bis hierher und nicht weiter“ aufgerichtet hat. Indem er sich selber kanonisirt, hat er auch das Zeugniss des Todes über sich ausge.stellt; von jetzt ab darf sein Geist sich nicht weiter entwickeln, die Zeit für ihn ist um, der Zeiger fällt. Wenn ein grosser Denker aus sich eine bindende Institution für die zukünftige Mensch- heit machen will, darf man sicherlich annehmen, da.ss er über den Gipfel seiner Kraft gegangen und sehr müde, sehr nahe seinem Sonnenuntergänge ist. 543- Nicht die Leidenschaft zum Argument der Wahrheit machen! — Oh, ihr gutartigen und sogar edlen Schwärmer, ich kenne euch! Ihr wollt Recht be- halten, vor uns, aber auch vor euch, und vor Allem . vor euch! — und ein reizbares und feines böses Ge- wissen stachelt und treibt euch so oft gerade gegen euere Schwärmerei! Wie geistreich werdet ihr dann, in der Überlistung und Betäubung dieses Gewissens! Wie hasst ihr die Ehrlichen, Einfachen, Reinlichen, wie meidet Digilized by Google 343 ihr ihre unschuldigen Augen! Jenes bessere Wissen, dessen Vertreter sie sind und dessen Stimme ihr in euch selber zu laut hört, wie es an eurem Glauben zweifelt, — wie sucht ihr es zu verdächtigen, als schlechte Gewohnheit, als Krankheit der Zeit, als Vernachlässigung und Ansteckung eurer eigenen geistigen Gesundheit! Bis zum Hass gegen die Kritik, die Wissenschaft, die Vernunft treibt ihr es! Ihr müsst die Geschichte falschen, damit sie für euch zeuge, ihr müsst Tugenden leugnen, damit sie die eurer Abgötter und Ideale nicht in Schatten stellen! Farbige Bilder, wo Vemunftgründe noth thäten! Gluth und Macht der Ausdrücke! Silberne Nebel! Am- brosische Nächte! Ihr versteht euch darauf, zu beleuch- ten und zu verdunkeln, und mit Licht zu verdunkeln! Und wirklich, wenn eure Leidenschaft in’s Toben ge- räth, so kommt ein Augenblick, da ihr euch sagt: jetzt habe ich mir das gute Gewissen erobert, jetzt bin ich hochherzig, muthig, selbst verleugnend, grossartig, jetzt bin ich ehrlich! Wie dürstet ihr nach diesen Augen- blicken, wo eure Leidenschaft euch vor euch selber volles, unbedingtes Recht und gleichsam die Unschuld giebt, wo ihr in Kampf, Rausch, Wuth, Hoffnung ausser euch und über alle Zweifel hinweg seid, wo ihr decretirt „wer nicht ausser sich ist, wie wir, der kann gar nicht wissen, was und wo die Wahrheit ist!“ Wie dürstet ihr darnach, Menschen eures Glaubens in diesem Zu- stande — es ist der der Lasterhaftigkeit des In- tellectes — zu finden und an ihrem Brande eure Flam- men zu entzünden! Oh über euer Martyrium! Über euren Sieg der heilig gesprochenen Lüge! Müsst ihr euch so viel Leides selber anthun? — Müsst ihr? — Digitized by C^^>ogIe 344 544- Wie man jetzt Philosophie treibt. — Ich merke wohl: unsere philosophirenden Jünglinge, Frauen und Künstler verlangen jetzt gerade das Gegentheil dessen von der Philosophie, was die Griechen von ihr empfiengen! Wer das fortwährende Jauchzen nicht hört, welches durch jede Rede und Gegenrede eines plato- nischen Dialogs geht, das Jauchzen über die neue Er- findung des vernünftigen Denkens, was versteht der von Plato, was von der alten Philosophie? Damals füllten sich die Seelen mit Trunkenheit, wenn das strenge und nüchterne Spiel der Begriffe, der Verallgemeinerung, Widerlegung, Engführung getrieben wurde, — mit jener Trunkenheit, welche vielleicht auch die alten grossen strengen und nüchternen Contrapunctiker der Musik ge- kannt haben. Damals hatte man in Griechenland den anderen älteren und ehedem allmächtigeren Geschmack noch auf der Zunge: und gegen ihn hob sich das Neue so zauberhaft ab, dass man von der Dialektik, der „göttlichen Kunst“, wie im Liebe.swahnsinn sang und stammelte. Jenes Alte aber war das Denken im Banne der Sittlichkeit, für das es lauter festgestellte Urtheile, festgestellte Ursachen, keine anderen Gründe als die der Autorität gab: sodass Denken ein Nachreden war und aller Genuss der Rede und des Gesprächs in der Form liegen musste. (Überall, wo der Gehalt als ewig und allgültig gedacht wnrd, giebt es nur Einen gros.sen Zauber: den der wechselnden Form, das heisst der Mode. Der Grieche genoss auch an den Dichtern, von den Zeiten Homer’s her, und später an den Plastikern, nicht die Originalität, sondern deren Widerspiel.) Sokrates war es, der den entgegengesetzten Zauber, den der Digilized by Google 345 Ursache und Wirkung, des Grundes und der Folge ent- deckte: und wir modernen Menschen sind so sehr an die Nothdurft der Logik gewöhnt und zu ihr erzogen, dass sie uns als der normale Geschmack auf der Zunge liegt und als solche den Lüsternen und Dünkelhaften zuwider sein muss. Was sich gegen ihn abhebt, ent- zückt diese: ihr feinerer Ehrgeiz möchte gar zu gerne sich glauben machen, dass ihre Seelen Ausnahmen seien, nicht dialektische und vernünftige Wesen, sondern — nun zum Beispiel „intuitive Wesen“, begabt mit dem „inneren Sinn“ oder mit der „intellectualen Anschauung“. Vor Allem aber wollen sie „künstlerische Naturen“ sein, mit einem Genius im Kopfe und einem Dämon im Leibe und folglich auch mit Sonderrechten für diese und jene Welt, namentlich mit dem Götter -Vorrecht, unbegreif- lich zu sein. — Das treibt nun auch Philosophie! Ich fürchte, sie merken eines Tages, dass sie sich vergriffen haben, — das, was sie wollen, ist Religion! 545- Aber wir glauben euch nicht! — Ihr möchtet euch gerne als Menschenkenner geben, aber wir werden euch nicht durchschlüpfen lassen! .Sollen wir es nicht merken, dass ihr euch erfahrener, tiefer, erregter, voll- ständiger darstellt, als ihr seid? So gut wir an jenem Maler es fühlen, wie schon in der Führung seines Pin- sels eine Anmaassung liegt: so gut wir es jenem Mu- siker anhören, dass er durch die Art, wie er sein ITiema einführt, es als höher ausgeben möchte, als es ist. Habt ihr Geschichte in euch erlebt, Erschütterungen, Erd- beben, weite lange Traurigkeiten, blitzartige Be- glückungen? Seid ihr närrisch gewesen mit grossen und Digilized by Google 346 kleinen Narren? Habt ihr den Wahn und das Wehe der guten Menschen wirklich getragen? Und das Wehe und die Art Glück der schlechtesten hinzu? Dann redet mir von Moral, sonst nicht! 546. Sclave und Idealist. — Der Epiktetische Mensch wäre wahrlich nicht nach dem Geschmacke Derer, welche jetzt nach dem Ideale streben. Die stete Spannung seines Wesens, der nach Innen gewendete unermüdliche Blick, das \'erschlossene, Vorsichtige, Unmittheilsame seines Auges, falls es sich einmal der Aussen weit zu- kehrt; und gar das Schweigen oder Kurzreden; Alles Merkmale der strengsten Tapferkeit, — was wäre das für unsere Idealisten, die vor Allem nach der Expan- sion lüstern sind! Zu alledem i.st er nicht fanatisch, er ha.sst die Schaustellung und die Ruhmredigkeit unserer Idealisten: sein Hochmuth, so gross er ist, will doch nicht die Anderen stören, er gesteht eine gewisse milde Annäherung zu und möchte Niemandem die gute Laune verderben, — ja er kann lächeln! Es ist .sehr viel antike Humanität in diesem Ideale! Das Schönste aber ist, .dass ihm die Angst vor Gott völlig abgeht, dass er streng an die Vernunft glaubt, dass er kein Bussredner ist. Epiktet war ein Sclave: sein idealer Mensch ist ohne Stand und in allen Ständen möglich, vor Allem aber wird er in der tiefen, niedrigen Masse zu suchen sein, als der Stille, Sich -Selbst -Genügende innerhalb einer allgemeinen Verknechtung, der sich nach Aussen hin für sich selber wehrt und fortwährend im Zustande der höchsten Tapferkeit lebt. Von dem Christen unterscheidet er .sich vor Allem hierin, dass der Christ Digilized by Google 347 in Hoffnung lebt, in der Vertröstung auf „unaussprech- bare Herrlichkeiten“, dass er sich beschenken lässt und das Beste von der göttlichen Liebe und Gnade, und nicht von sich, erwartet und annimmt: während Epiktet nicht hofft und sein Bestes sich nicht schenken lässt, — er besitzt es, er hält es tapfer in seiner Hand, er macht es der ganzen Welt streitig, wenn diese es ihm rauben wall. Das Christenthum war für eine andere Gattung antiker Sclaven gemacht, für die willens- und vernunftschwachen, also für die grosse Masse der Sclaven. 547- Die Tyrannen des freistes. — Der (rang der Wissenschaft wird jetzt nicht mehr durch die zufällige Thatsache, dass der Mensch ungefähr siebenzig Jahre alt wird, gekreuzt, w’ie es allzulange der Fall war. Ehe- mals %vollte Einer während dieses Zeitraumes an's Ende der Erkenntniss kommen und nach diesem allgemeinen Gelüste schätzte man die Methoden der Erkenntniss ab. Die kleinen einzelnen Fragen und Versuche galten als verächtlich, man wollte den kürzesten Weg, man glaubte, weil Alles in der Welt auf den Menschen hin ein- gerichtet schien, dass auch die Erkennbarkeit der Dinge auf ein menschliches Zeitmaass eingerichtet sei. Alles mit Einem Schlage, mit Einem Worte zu lösen, — das war der geheime Wunsch: unter dem Bilde des gor- dischen Knotens oder unter dem des Eies des Colum- bus dachte man sich die Aufgabe; man zweifelte nicht, dass es möglich sei, auch in der Erkenntniss nach Art des Alexander oder des Columbus zum Ziele zu kommen und alle Fragen mit Einer Antwort zu erledigen. „Ein Räthsel ist zu lösen“: so trat das Lebensziel vor das Digitized by Go; 348 Auge des Philosophen; zunächst war das Räthsel zu finden und das Problem der Welt in die einfachste Räthselform zusammenzudrängen. Der gränzenlose Ehr- geiz und Jubel, der „Enträthsler der Welt“ zu sein, machte die Träume des Denkers aus: Nichts schien ihm der Mühe werth, wenn es nicht das Mittel war. Alles für ihn zu Ende zu bringen! So war Philosophie eine Art höchsten Ringens um die Tyrannenherrschaft des Geistes, — dass eine solche irgend einem Sehr-Glück- lichen, Feinen, Erfindsamen, Kühnen, Gewaltigen Vor- behalten und aufgespart sei, — einem Einzigen! — daran zweifelte Keiner, und Mehrere haben gewähnt, zuletzt noch Schopenhauer, dieser Einzige zu sein. — Daraus ergiebt sich, dass im Grossen und Ganzen die Wissenschaft bisher durch die moralische Beschränkt- heit ihrer Jünger zurückgeblieben ist und dass sie mit einer höheren und grossmüthigeren Grundempfindung fürderhin getrieben werden muss. „Was liegt an mir!“ — steht über der Thür des künftigen Denkers. 548. Der Sieg über die Kraft. — Erwägt man, was bisher Alles als „übermenschlicher Geist“, als „Genie“ verehrt worden ist, so kommt man zu dem traurigen .Schlüsse, dass im Ganzen die Intellectualität der Mensch- heit doch etwas sehr Niedriges und Armseliges gewesen sein muss: so wenig Geist gehörte bisher dazu, um sich gleich erheblich über sie hinaus zu fühlen! Ach, um den wohlfeilen Ruhm des „Genie’s“! Wie schnell ist -sein Thron errichtet, seine Anbetung zum Brauch ge- worden! Immer noch liegt man vor der Kraft auf den Knieen — nach alter Sclaven-Gewohnheit — und doch Digilized by Google 349 ist, wenn der Grad von Verehrungswürdigkeit fest- gestellt werden soll, nur der Grad der Vernunft in der Kraft entscheidend: man muss messen, inwieweit gerade die Kraft durch etwas Höheres überwunden worden ist und als ihr Werkzeug und Mittel nunmehr in Diensten steht! Aber für ein solches Messen giebt es noch gar zu wenig Augen, ja zumeist wird noch das Messen des Genie’s für einen Frevel gehalten. Und so geht vielleicht das Schönste immer noch im Dunkel vor sich und versinkt, kaum geboren, in ewige Nacht, — nämlich das Schauspiel jener Kraft, welche ein Genie nicht auf Werke, sondern auf sich als Werk, ver- wendet, das heisst auf seine eigene Bändigung, auf Reini- gung seiner Phantasie, auf Ordnung und Auswahl im Zuströmen von Aufgaben und Einfallen. Noch immer ist der grosse Mensch gerade in dem Grössten, was Verehrung erheischt, unsichtbar wie ein zu fernes Ge- stirn: sein Sieg über die Kraft bleibt ohne Augen und folglich auch ohne Lied und Sänger. Noch immer ist die Rangordnung der Grösse für alle vergangene Menschheit noch nicht festgesetzt. 549- „Selbst flucht“. — Jene Menschen der intellectuellen Krämpfe, welche gegen sich selber ungeduldig und ver- finstert sind, wie Byron oder Alfred de Müsset, und in Allem, was sie thun, durchgehenden Pferden gleichen, ja, die aus ihrem eigenen Schaffen nur eine kurze, die Adern fast sprengende Lust und Gluth und dann eine um so winterlichere Öde und Vergrämtheit davontragen, wie sollen sie es in sich aushalten! Sie dürsten nach einem Aufgehen in einem „Ausser-sich“; ist man mit Digitized by Goögle 350 einem solchen Durste ein Christ, so zielt man nach dem Aufgehen in Gott, nach dem „Ganz-eins-mit-ihm- werden“; ist man Shakespeare, so genügt einem erst das Aufgehen in Bildern des leidenschaftlichsten Lebens; ist man Byron, so dürstet man nach Thaten, weil diese noch mehr uns von uns abziehen, als Gedanken, Gefühle und Werke. Und so wäre vielleicht doch der Thaten- drang im Grunde Selbstflucht? — würde Pascal uns fragen. Und in der That! Bei den höch.sten Exemplaren des Thatendranges möchte der Satz sich beweisen lassen : man erwäge doch, mit dem Wissen und den Erfahrungen eines Irrenarztes, wie billig, — dass Vier von den Thaten- durstigsten aller Zeiten Epileptiker gewesen sind (näm- lich Alexander, Cäsar, Muhammed und Napoleon): so wie auch Byron diesem Leiden unterworfen war. 550. Erkenntniss und Schönheit. — Wenn die Men- schen, so wie sie immer noch thun, ihre Verehrung und ihr Glücksgefühl für die Werke der Einbildung und der Verstellung gleichsam aufsparen, so darf es nicht Wun- der nehmen, wenn sie sich beim Gegensatz der Einbil- dung und Verstellung kalt und unlustig finden. Das Entzücken, welches schon beim kleinsten sicheren end- gültigen Schritt und Fortschritt der Einsicht entsteht und welches aus der jetzigen Art der Wissenschaft so reichlich und schon für so Viele herausströmt, — dieses Entzücken wird einstweilen von allen Denen nicht ge- glaubt, welche sich daran gewöhnt haben, immer nur beim Verlassen der Wirklichkeit, beim Sprung in die Tiefen des Scheins entzückt zu werden. Diese meinen, die Wirklichkeit sei hässlich: aber daran denken sie Digitized by Google 351 nicht, dass die Erkenntniss auch der hässlichsten Wirk- lichkeit schön ist, ebenso dass wer oft und viel erkennt, zuletzt sehr ferne davon ist, das grosse Ganze der Wirk- lichkeit, deren Entdeckung ihm immer Glück gab, häss- lich zu finden. Giebt es denn etwas „an sich Schönes“? Das Glück der Erkennenden mehrt die Schönheit der Welt und macht Alles, was da ist, sonniger; die Er- kenntniss legt ihre Schönheit nicht nur um die Dinge, sondern, auf die Dauer, in die Dinge; — möge die zu- künftige Menschheit für diesen Satz ihr Zeugniss ab- geben! Inzwischen gedenken wir einer alten Erfahrung: zwei so grundverschiedene Menschen, wie Plato und Aristoteles, kamen in dem überein, was das höchste Glück ausmache, nicht nur für sie oder für Menschen, sondern an sich, selbst für Götter der letzten Selig- keiten: sie fanden es im Erkennen, in der Thätigkeit eines wohlgeübten findenden und erfindenden Verstan- des (nicht etwa in der „Intuition“, wie die deutschen Halb- und Ganztheologen, nicht in der Vision, wie die Mystiker, und ebenfalls nicht im Schaffen, wie alle Praktiker). Ähnlich urtheilten Descartes und Spinoza: wie müssen sie Alle die Erkenntniss genossen haben! Und welche Gefahr für ihre Redlichkeit, dadurch zu Eobrednem der Dinge zu werden! — 55>- Von zukünftigen Tugenden. — Wie kommt es, dass, je begreiflicher die Welt geworden ist, um so mehr die Feierlichkeit jeder Art abgenommen hat? Ist es, dass die Furcht so sehr das Grundelement jener Ehrfurcht war, welche uns bei allem Unbekannten, Ge- heimnissvollen überfiel und uns vor dem Unbegreiflichen Digitized by (. igle 352 niedersinken und um Gnade bitten lehrte? Und sollte die Welt dadurch, dass wir weniger furchtsam geworden sind, nicht auch an Reiz für uns verloren haben? Sollte mit unserer Furchtsamkeit nicht auch unsre eigene Würde und Feierlichkeit, unsre eigene Furchtbar- keit, geringer geworden sein? Vielleicht, dass wir die Welt und uns selber geringer achten, seit wir muthiger über sie und uns denken? Vielleicht, dass es eine Zu- kunft giebt. wo dieser Muth des Denkens so angew'achsen sein wird, dass er als der äusserste Hochmuth sich über den Menschen und Dingen fühlt, — wo der Weise als der am meisten Muthige sich selber und das Dasein am meisten unter sich sieht? — Diese Gattung des Muthes, welche nicht ferne einer ausschweifenden Gross- muth ist, fehlte bisher der Menschheit. — Oh, wollten doch die Dichter wieder werden, w-as sie einstmals ge- wesen sein sollen: — Seher, die uns Etwas von dem Möglichen erzählen! Jetzt, da ihnen das Wirkliche und das Vergangene immer mehr aus den Händen ge- nommen wird und werden muss, — denn die Zeit der harmlosen Falschmünzerei ist zu Ende! Wollten sie uns von den zukünftigen Tugenden Etwas voraus- empfinden lassen! Oder von Tugenden, die nie auf Erden sein werden, obschon sie irgendwo in der Welt sein könnten, — von purpurnglühenden Sternbildern und ganzen Milchstrassen des Schönen! Wo seid ihr, ihr Astronomen des Ideals? 552- Die idealische Selbstsucht. — Giebt es einen weihevolleren Zustand, als den der Schwangerschaft? Alles, was man thut, in dem stillen Glauben thun, es Digitized by Google 353 müsse irgendwie dem Werdenden in uns zu Gute kom- men! Es müsse seinen geheimnissvollen Werth, an den wir mit Entzücken denken, erhöhen! Da geht man Vielem aus dem Wege, ohne hart sich z%vingen zu müssen! Da unterdrückt man ein heftiges Wort, man giebt versöhnlich die Hand: aus dem Mildesten und Besten soll das Kind hervorwachsen. Es schaudert uns vor unsrer Schärfe und Plötzlichkeit: wie wenn sie dem geliebtesten Unbekannten einen Tropfen Unheil in den Becher seines Lebens gösse ! Alles ist verschleiert, ahnungsvoll, man weiss von Nichts, wde es zugeht, man wartet ab und sucht bereit zu sein. Dabei waltet ein reines und reinigendes Gefühl tiefer Un Verantwortlich- keit in uns, fast wie es ein Zuschauer vor dem ge- .schlossenen Vorhang hat, — es wächst, es tritt an den Tag; wir haben Nichts in der Hand, zu bestimmen, weder seinen Wertii, noch seine Stunde. Einzig auf jeden mittelbaren segnenden und wehrenden Einfluss sind wir angewiesen. „Es ist etwas Grösseres, das hier wächst, als wir sind“ ist unsere geheimste Hoffnung: ihm legen wir Alles zurecht, dass es gedeihlich zur Welt komme: nicht nur alles Nützliche, sondern auch die Herzlichkeiten und Kränze unserer Seele. — In dieser Weihe soll man leben! Kann man leben! Und sei das Erwartete ein Gedanke, eine That, — wir haben zu allem wesentlichen V’^ollbringen kein anderes Ver- hältniss, als das der Schwangerschaft und .sollten das anmaassliche Reden von „Wollen“ und „Schaffen“ in den Wind blasen! Diess ist die rechte idealische Selbstsucht: immer zu sorgen und zu wachen und die Seele still zu halten, dass unsere Fruchtbarkeit schön zu Ende gehe! So, in dieser mittelbaren Art Nietxschef Morgenröthe. 23 Digitized by Google 354 sorgen und wachen wir für den Nutzen Aller; und die Stimmung, in der wir leben, diese stolze und milde Stimmung, ist ein Öl, welches sich weit um uns her auch auf die unruhigen Seelen ausbreitet. — Aber wunderlich sind die Schwangeren! Seien wir also auch wunderlich und verargen wir es den Anderen nicht, wenn sie es .sein müssen! Und selbst, wo diess in's Schlimme und Gefährliche sich verläuft: bleiben wir in der Ehrfurcht vor dem Werdenden nicht hinter der welt- lichen Gerechtigkeit zurück, welche dem Richter und dem Henker nicht erlaubt, eine Schwangere zu berühren ! 553- Auf Umwegen. — Wohin will diese ganze Phi- losophie mit allen ihren Umwegen? Thut sie mehr, als einen stäten und starken Trieb gleichsam in Vernunft zu übersetzen, einen Trieb nach milder Sonne, heller und bewegter Luft, südlichen Pflanzen, Meeres- Athem, flüchtiger Fleisch-, Eier- und Früchtenahrung, heissem Wasser zum Getränke, tagelangen stillen Wanderungen, wenigem Sprechen, seltenem und vorsichtigem Lesen, einsamem Wohnen, reinlichen, schlichten und fast sol- datischen Gewohnheiten, kurz nach allen Dingen, die gerade mir am besten schmecken, gerade mir am zu- träglichsten sind? Eine Philosophie, welche im Grunde der Instinct für eine persönliche Diät ist? Ein Instinct, welcher nach meiner Luft, meiner Höhe, meiner Witte- rung, meiner Art Gesundheit durch den Umweg meines Kopfes sucht? Es giebt viele andere und gewnss auch viele höhere Erhabenheiten der Philosophie, und nicht nur solche, welche düsterer und anspruchsvoller sind, als die meinen, — vielleicht sind auch sie insgesammt Digitized by Google 355 nichts Anderes, als intellectuelle Umwege derartig per- sönlicher Triebe? — Inzwischen sehe ich mit einem neuen Auge auf das heimliche und einsame Schwärmen eines Schmetterlings, hoch an den Felsenufern des See’s, wo viele gute Pflanzen wachsen; er fliegt umher, unbe- kümmert darum, dass er nur das Leben Eines Tages noch lebt, und dass die Nacht zu kalt für seine geflügelte Ge- brechlichkeit sein wird. Es würde sich wohl auch für ihn eine Philosophie finden lassen: ob es schon nicht die meine sein mag. — 554- Vorschritt. — Wenn man den Fortschritt rühmt, so rühmt man damit nur die Bewegung und Die, welche uns nicht auf der Stelle .stehen bleiben lassen, — und damit ist gewiss unter Umständen viel gethan, inson- derheit, wenn man unter Ägyptern lebt. Im beweg- lichen Europa aber, wo sich die Bewegung, wie man .sagt, „von selber versteht“ — ach, wenn wir nur auch Etwas davon verstünden! — lobe ich mir den Vor- schritt und die Vorschreitenden, das heisst Die, welche sich selber immer wieder zurücklassen und die gar nicht daran denken, ob ihnen Jemand sonst nachkommt. „Wo ich Halt mache, da finde ich mich allein: wozu sollte ich Halt machen! Die Wü.ste ist noch gross!“ — so empfindet ein solcher Vorschreitender. 555- Die geringsten genügen schon. — Man soll den Ereignissen aus dem Wege gehen, wenn man weiss, dass die geringsten sich schon stark genug auf uns einzeichnen, — und diesen entgeht man doch nicht. — 2i* Digilized by Google 356 Der Denker muss einen ungefähren Kanon aller der Dinge in sich haben, welche er überhaupt noch er- leben will. 556. Die guten Vier. — Redlich gegen Uns und was sonst uns l-'reund ist; tapfer gegen den Feind; gross- müthig gegen den Besiegten; höflich — immer: so wollen uns die vier Cardinaltugenden. 557- Auf einen Feind los. — Wie gut klingen schlechte Alusik und schlechte Gründe, wenn man auf einen Feind los marschirt! 558. Aber auch nicht seine Tugenden verbergen! Ich liebe die Menschen, welche durchsichtiges Wasser sind und die, mit Pope zu reden, auch „die Unreinlich- keiten auf dem Grunde ihres Stromes sehen lassen.“ Selbst für sie giebt es aber noch eine Eitelkeit, freilich von .seltener und sublimirter Art: Einige von ihnen wollen, dass man eben nur die Unreinlichkeiten sehe und die Durchsichtigkeit des Wa.ssers, die diess mög- lich macht, für Nichts achte. Kein Geringerer, als Gotama Buddha, hat die Eitelkeit dieser' Wenigen er- dacht, in der Formel: „lasset eure Sünden sehen vor den Leuten und verberget eure Tugenden!“ Diess heisst aber der Welt kein gutes Schauspiel geben, — es ist eine Sünde wider den Geschmack. 559- „Nichts zu sehr!“ — Wie oft wird dem Einzelnen angerathen, sich ein Ziel zu setzen, das er nicht erreichen A W Digilized by Google 357 kann und das über seine Kräfte geht, um so wenigstens Das zu erreichen, was seine Kräfte bei der allerhöch- sten Anspannung leisten können! Ist diess aber wirk- lich so wünschenswerth? Bekommen nicht nothwendig die besten Menschen, die nach dieser Lehre leben, und ihre besten Handlungen etwas Übertriebenes und Ver- zerrtes, eben weil zu viel Spannung in ihnen ist? Und verbreitet sich nicht ein grauer Schimmer von Erfolg- losigkeit dadurch über die Welt, dass man immer kämpfende Athleten, ungeheure Gebärden und nirgends einen bekränzten und siegesgemuthen Sieger sieht? 560. Was uns frei steht, — Man kann wie ein Gärt- ner mit seinen Trieben schalten und, was Wenige wissen, die Keime des Zornes, des Mitleidens, des Nachgrübelns, der Eitelkeit so fruchtbar und nutzbringend ziehen wie ein schönes Obst an Spalieren; man kann es thun mit dem guten und dem schlechten Geschmack eines Gärt- ners und gleichsam in französischer oder englischer oder holländischer oder chinesischer Manier, man kann auch die Natur walten lassen und nur hier und da für ein Wenig Schmuck und Reinigung sorgen, man kann endlich auch ohne alles Wissen und Nachdenken die Pflanzen in ihren natürlichen Begünstigungen und Hindernissen aufwachsen und unter sich ihren Kampf auskämpfen lassen, — ja, man kann an einer solchen Wildniss seine Ereude haben und gerade diese Freude haben wollen, wenn man auch seine Noth damit hat. Diess Alles steht uns frei : aber wie Viele wissen denn davon, dass uns diess frei steht? Glauben nicht die Meisten an sich wie an vollendete ausgewachsene Digilized by Google Image not a vailable 359 dann nicht mehr vergisst: die Mutter des Odysseus starb aus Gram und Verlangen nach ihrem Kinde! Den Einen treibt es v'on Ort zu Ort, und dem Andern, dem Sess- haften und Zärtlichen, bricht das Herz darüber: so ist es immer! Der Kummer bricht Denen das Herz, welche es erleben, dass gerade ihr Geliebtester ihre Meinung, ihren Glauben verlässt, — es gehört diess in die Tra- gödie, welche die freien Geister machen, — um die sie mitunter auch wissen! Dann müssen sie auch wohl einmal, wie Odysseus, zu den Todten steigen, um ihren Gram zu heben und ihre Zärtlichkeit zu beschwichtigen. 563- Der Wahn der sittlichen Weltordnung. — Es giebt gar keine ewige Noth wendigkeit, welche forderte, dass jede Schuld gebüsst und bezahlt werde, — es war ein schrecklicher, zum kleinsten Theile nütz- licher Wahn, dcuss es eine solche gebe — : ebenso wie es ein Wahn ist, dass Alles eine Schuld i.st, was als solche gefühlt wird. Nicht die Dinge, sondern die Meinungen über Dinge, die es gar nicht giebt, haben die Menschen so verstört! 564- Gleich neben der Erfahrung! — Auch grosse Geister haben nur ihre fünf Finger breite Erfahrung, — gleich daneben hört ihr Nachdenken auf: und es beginnt ihr unendlicher leerer Raum und ihre Dummheit. 565- Würde und Unwissenheit im Bunde. — Wo wir verstehen, da werden wir artig, glücklich, erfinderisch. Digilized by Google Image not a vailable 3G1 lieben der Menschen kostspielig, und folglich mühsam, und oft unausstehlich machen. — In einem anderen Sinne freilich ist das Leben des Denkers das kost- spieligste, — es ist Nichts zu gut für ihn; und gerade des Besten zu entbehren wäre hier eine unerträg- liche Entbehrung. 567- Im Felde. — „Wir müssen die Dinge lustiger nehmen, als sie es verdienen; zumal wir sie lange Zeit ernster genommen haben, als sie es verdienen.“ — .So sprechen brave Soldaten der Erkenntniss. 568. Dichter und Vogel. — Der Vogel Phöni.x. zeigte dem Dichter eine glühende und verkohlende Rolle. „Erschrick nicht! sagte er, es ist dein Werk! Es hat nicht den Geist der Zeit und noch weniger den Geist Derer, die gegen die Zeit sind; folglich muss es ver- brannt werden. Aber diess ist ein gutes Zeichen. Es giebt manche Arten von Morgenrothen.“ 569- An die Einsamen. — Wenn wir die Ehre anderer Personen nicht in unseren Selbstgesprächen ebenso schonen, wie in der Öffentlichkeit, so sind wir unan- ständige Menschen. 570- Verluste. — Es giebt Verluste, welche der Seele eine Erhabenheit mittheilen, bei der sie sich des Jam- mems enthält und sich wie unter hohen schwarzen Cypressen schweigend ergeht. Nietzsche» Morg^«nrütbe, ^3^* Digitized by Öoogle 362 571- Feld -Apotheke der Seele. — Welches ist das stärkste Heilmittel? — Der Sieg. 572- Das Leben soll uns beruhigen. — Wenn man, wie der Denker, für gewöhnlich in dem grossen Strome des Gedankens und Gefühls lebt, und selbst unsere Träume in der Nacht diesem Strome folgen: so begehrt man vom Leben Beruhigung und Stille, — während Andere gerade vom Leben ausruhen wollen, wenn sie sich der Meditation übergeben. 573- Sich häuten. — Die Schlange, welche sich nicht häuten kann, geht zu Grunde. Ebenso die Geister, welche man verhindert, ihre Meinungen zu wechseln; sie hören auf, Geist zu sein. 574- Nicht zu vergessen! — Je höher wir uns erheben, um so kleiner erscheinen wir Denen, welche nicht fliegen können. 575- Wir Luft-Schifffahrer des Geistes! — Alle diese kühnen Vögel, die in’s Weite, Weiteste hinaus- fliegen, — gewiss! irgendwo werden sie nicht mehr weiter können und sich auf einen Mast oder eine kärg- liche Klippe niederhocken — und noch dazu so dank- bar für diese erbärmliche Unterkunft! Aber wer dürfte daraus schliessen, dass es vor ihnen keine ungeheuere Digilized by Google 363 freie Bahn mehr gebe, dass sie so weit geflogen sind, als man fliegen könne! Alle unsere grossen Lehr- meister und Vorläufer sind endlich stehen geblieben, und es ist nicht die edelste und anmuthigste Gebärde, mit der die Müdigkeit stehen bleibt: auch mir und dir wird es so ergehen! Was geht das aber mich und dich an! Andere Vögel werden weiter fliegen! Diese unsere Einsicht und Gläubigkeit fliegt mit ihnen um die Wette hinaus und hinauf, sie steigt geradewegs über unserm Haupte und über seiner Ohnmacht in die Höhe und sieht von dort aus in die Feme, sieht die Schaaren viel mächtigerer Vögel, als wir sind, voraus, die dahin streben werden, wohin wir strebten, und wo Alles noch Meer, Meer, Meer ist! — Und wohin wollen wir denn? Wollen wir denn über das Meer? Wohin reisst uns dieses mächtige Gelüste, das uns mehr gilt als irgend eine Lust? Warum doch gerade in dieser Richtung, dorthin, wo bisher alle Sonnen der Mensch- heit untergegangen sind? Wird man vielleicht uns einstmals nachsagen, dass auch wnr, nach Westen steuernd, ein Indien zu erreichen hofften, — dass aber unser Loos war, an der Unendlichkeit zu scheitern? Oder, meine Brüder? Oder? — Digitized by Google il' by Google JAN 3 0 19Si5 Digitized by Google Oigitized by Google