MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES EIN BUCH FÜR FREIE GEISTER Friedrich Wilhelm Nietzsche Digitized by Google -L- U - FROM IUI LIBRARY OK ROBE KT MARK WKNIJCV PROFESSOR ÜF PHILO ÜOVIIV cikt or hi.v uoumii« i. TO THE L'NIVKKSITY OF MK HHi A.V IU.*M..W| 1,', j r 4$ 33 / M3 Digitized by Google Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister. Von yd/,*;,/:.. Friedrich Nietzsche. s Erster Band. Mit einem Brieffacsimile des Autors und einem Vorwort des Herausgeber«. Zweite Auflage. LEIPZIG Druck und Verlag von C. G. Naumann 1894. r Digitized by Google Uebersetzungsrecht vorbehalten. 33lj> - 1* 3-V, I "v t Vorwort des Herausgebers zur 2. Auflage. Denken wir uns in eine der entzückendsten Landschaften des südlichen Europa: auf jene bergige Halbinsel, die den Golf von Neapel nach Capri hin abschliesst und auf ihrer südlichen Küste Amalfi, auf ihrer nördlichen Sorrent und Castellamare trügt, — so haben wir das Stück Erde, Himmel und Meer vor Augen, unter dessen Einwirkung der grösste Theil (etwa zwei Drittel) dieses ersten Bandes von „Menschliches, Allzumenschliches" entstand. Sorrent ist die eigentliche Heimat dieses Buches. Dort, in der Geburtsstadt Tasso's, hatte sich im Herbst 1876 eine Gesellschaft zusammengefunden, deren Hauptmitglieder ich hier nenne: Fräulein Malvida v. Meysenbug, Verfasserin der „Memoiren einer Idealistin", Wagnerianerin und Schopenhaueriancrin, bekannt durch ihre Beziehung zu mehreren der edelmüthigsten Revolutionisten Europa's, bekannter noch durch ihre frauen-emaneipatorischen Bestrebungen, war die Veranlasserin der Zusammenkunft. Friedrich Nietzsche hatte von der baseler Universität auf ein Jahr Urlaub erhalten, um seine, durch Ucberarbeitung und durch häufige Anfälle von Kopfschmerz angegriffene Gesundheit wieder her- stellen zu können. Seine Absicht war, den Winter in Sorrent, den folgenden Sommer in den Schweizer Alpen zuzubringen. Hier, zu Sorrent, wohnte er, mit der Vorgenannten und den beiden Folgenden, in der Villa Rubinacci. An ihn hatten sich angeschlossen: Dr. Paul Ree und der baseler Studiosus Albert Brenner. Von Dr. Ree waren bis dahin die „Psychologischen Beobachtungen" (Berlin, Duncker) erschienen; sein zweites Werk „Der Ursprung der moralischen Empfindungen" wurde in Sorrent druckferti'j; und gelangte in die Hand des Verlegers zu Neujahr 1877. Nietzsche gedenkt beider Schriften Digitized by Google II auf Seite 61 und 63 des gegenwärtigen Buches. — Brenner, ein dichterisch beanlagter Schüler Nietzsche?s, war eines angehenden Lungenleidens wegen mit nach Sorrent gekommen. Er starb, 20 Jahre alt, zu Basel im Mai 1878; das einzige von ihm (pseudonym) erschienene Schrift- stück ist eine Novelle „Das flammende Herz" (Deutsche Rundschau, Juli 1877). Richard Wagner sammt Gemahlin und Familie kam im Oktober 1876 zu den Genannten hinzu. Wagner hatte soeben den ersten bayreuther Triumph gefeiert und suchte im Süden Erholung von den Mühen des Sommers. Als vorübergehende Gäste nenne ich noch den malerisch begabten Baron v. Seydlitz, nebst Gemahlin, aus München (sein Vorname ist mir entfallen). Dieser Herr, damals ein eifriger Wagnerianer, blieb seit diesem sorrentiner Aufenthalt mit Nietzsche in Freundschaft verbunden. Bis auf Wagner und Familie, die gegen Ende des Jahres 1876 wieder in Bayreuth waren, blieben die erstgenannten Vier bis in den April 1877 beisammen. Wie weit man von einem etwaigen Einfluss dieses Mcnschen- kreises auf den damaligen Nietzsche, ich meine auf die Entstehung der im vorliegenden Buch vereinigten Gedanken, sprechen dürfe, ist nicht schwer zu sagen. In Betracht kommen hiebei nur Wagner und Ree: — die übrigen Personen zählten fast nur als katakustisches Element mit. Was zunächst Wagner betrifft, so hatte Nietzsche von ihm Nichts mehr zu empfangen: sah er doch hier erst deutlich, welchem Ob- skurantismus die Bayreuther zutrieben. Nachdem Wagner ein Viertel- jahrhundert lang Schopenhauern angehangen — mit einer Subordination, die nicht gerade das Abzeichen selbständiger Denkcrgenie's ist - — , ging endlich die Aussaat dieses Philosophen in seinem Innern auf: aber siehe da, es war des Unkrautes mehr, als des Weizens. Alles, was an Schopenhauer verborgener Aberglaube und mönchisch-mittel- alterliches Residuum gewesen war (Heiligkeit, Erlösung, metaphysisches Bedürfniss, secotul sighi, Spiritismus, Wahrträumen u. s. w.), gerade Das war hier in's Kraut geschossen, — während die eigentlichen Stärken und Kühnheiten Schopenhauers, zumal die atheistischen, auf unfruchtbares Land gefallen waren. Wagner, der angebliche Künstler der Zukunft, ging sogar wieder in die Kirche und erzählte von den Digitized by Google III Erbauungen, die er dem Genuss des heiligen Abendmahls verdanke!.. Wieviel die Weltenuhr geschlagen, oder gar: wohinaus die Menschheit noch wolle — das wusste er sich nicht mehr aus dem Geiste seiner jüngern Jahre zu beantworten. Kurz: der zum Parsifal sich rüstende Wagner war auf jenes Kultur -Niveau gesunken, von dem aus es allerdings erst möglich war, eine breite Anhängerschaft auch für die Gedanken-Atmosphäre zu gewinnen, in der Wagner's Kunst schwebte und von der es hiess, sie solle die Denkweise der Zukunft werden! Alle unentschiednen Köpfe, alle halb- und ganzgläubigen Menschen, die sich vorher an so manchem Radikalen der Wagner'schen Natur gestossen hatten, der ganze Tross von Gebildeten, der Nichts zu bedeuten, Nichts zu entscheiden hat, — sie Alle konnten jetzt Wagnern folgen, ohne ihrem Verstand und Gemüth zu Viel zuzumuthen. Freilich: mit dieser Qualifikation für die Bildungsmassen hatte Wagner in den Augen Eines Mannes ungeheuer verloren, — in den Augen Nietzsche's. Die selbe Enttäuschung, die Nietzsche im August 76 mit dem Publikum der Bayreuther Festspiele erlebt hatte, erlebte er hier, in Sorrent, in noch ganz anderem und stärkerem Maasse eben mit dem Urheber dieser Spiele selbst. Die Wandlung in Wagner's Wesen musste sich zumal in den Jahren seit der Uebersiedelung nach Bayreuth (1872) vollzogen haben, jenen Jahren, in denen Wagner, praktischer Zwecke halber, sich mit der Zeit und den Zeitgenossen zu arrangiren hatte Für den zukünftigsten aller Denker — für Nietzsche — war es also mit Wagner's Zukunftsbedeutung vorbei: Wagner hatte sich als untüchtig, unzuverlässig erwiesen, in Dingen, in denen Nietzsche keinen Scherz verstand. Für jeden Anderen wäre das Unglück nicht weiter gross gewesen: für Nietzsche aber war es schwer zu tragen. War er es doch, der um Wagner's Haupt einen ganz neuen Glorien- schein geschaffen hatte, in welchem von nun an alle Anhänger ihren Meister (ja dieser sich selbst) leuchten sahen. Das Dokument, von dessen Erscheinen ab die neue welthistorische Schätzung Wagner's datirt, ist die „Geburt der Tragödie". In der zweiten Hälfte dieses Buches hatte Nietzsche einen Parallelismus gewagt zwischen Griechen und Deutschen, zwischen Aeschylus und Wagner! — und diesen Paral- lelismus musste er jetzt, als völlig verfehlt, widerlegt sehen: nicht mit Worten, nicht durch Feinde, sondern durch den Glorificirten selber, durch Wagner, — den selben Wagner, dem noch kurz zuvor von Nietzsche ein anderes verklärendes Buch, die vierte Un- Digitized by Google IV zeitgemässe Betrachtung, gewidmet worden war. Nietzsche hatte Wagnern als einen der Kühnsten, Tiefsten, Schwer- zu-erkennenden geliebt und verehrt wie keinen Lebenden sonst. Jetzt litt er unsäglich.*) Aber diesem Schmerze über die Entartung des Gefeierten sollte Nietzsche fürderhin eine Unsumme psychologischer Erfahrungen ver- danken: er sah vor Allem, dass er sich auch über Schopenhauer betrogen hatte, — dessen mystische Velleitäten es ja waren, die in Wagner's Seele so viel Unheil angerichtet hatten! Er sah, da.ss was er einst als Schopenhauer und Wagner geschildert hatte, ungeheure Idealfiguren waren: Schopenhauer und Wagner waren gleichsam nur der Vor wand gewesen, um das von Nietzsche geschaute Bild des Philosophen überhaupt, und des Künstlers überhaupt, nicht ganz ohne realen Untergrund hinzuzeichnen. Hatte er insofern nicht Wenig dazu beigetragen, das Missverständniss über beide Männer zu ver- mehren, so empfand er jetzt die Pflicht, vor aller Welt seinen Irrthum einzugestehen: in Betreff Schopenhauers offen, in Betreff Wagner's nur den Betheiligten verständlich. So sind zum Beispiel Stellen wie der Schluss des Aphorismus 109 sicherlich direkt an Wagner gerichtet. Es war die schonendste Form, den Irrenden zu warnen : denn die Welt wusste noch Nichts von Wagner's Fahnenflucht; Wagner hätte somit recht gut in die frühere Bahn der Tapferkeit einlenken können, ohne den Ruf eines Abtrünnigen fürchten zu müssen. Aber es war zu spät. Als das Buch im Mai 1878 erschien, zeigte sich's, dass Wagnern auch die alte Freimüthigkeit abhanden gekommen war: es hiess damals, er lese das Buch nicht; er habe es einem seiner wohl- gezognen Freunde gegeben, um sich von ihm „das Beste'' heraus- schreiben zu lassen. Im August- Heft der „Bayreuther Blätter" erschien dann, gegen Nietzsche gerichtet, Wagner's Artikel „Publikum und Popularität'' (III), — einer der werthvollsten Beiträge zur Psychologie des Meisters. Dass Wagner die Empfindung hatte, in Nietzsche einen mächtigem, einen weit ursprünglichem Geist vor sich zu haben, als er selbst war, geht daraus hervor, dass er hier, als Widersacher Nietzsche's, sich erniedrigte, wissentlich Dinge sagte, die nicht auf Nietzsche passten, und sogar hämisch wurde. Nietzsche legte diesem fehlschiessenden Aufsatz nur eine spaasshafte Bedeutung bei. Was er aber bedauerte, war, dass Wagner in den „Bayreuther *) Vergl. hiezu Xo. 3 der Vorrede zum II. Baude von „Menschliches, All- zumenschüches". Digitized by Google V Blattern" eine so bequeme Ablagerungsstätte für seine Radotagen und für die Ausbrüche seiner üblen Laune gefunden hatte. Um daher W agnern, soweit Nietzsche die Ursache und Zielscheibe solcher Aus- lassungen sein konnte, fernerhin davon abzuhalten sich selbst bloss- zustellen, schrieb Nietzsche an die Versandtstelle der „Bayreuther Blatter", er wünsche diese Zeitung nicht mehr zu empfangen. Damit hatte er erreicht, was er im Interesse Wagner's wollte: Wagner schwieg von nun an über ihn . . . Nietzsche aber fand jetzt den Weg zu seiner Grösse; er wurde der Philosoph, den er selbst in „Schopenhauer als Erzieher1' beschrieben hatte: — der grösste Be- freier des Geistes und der Seele ! der „abgründlichste" Denker, der die biologischen Consequenzen aller in uns wirkenden geistigen und moralischen Mächte bis an ihr jetzt erreichbares Ende gedacht, ihren Nihilismus nachgewiesen und dafür der Menschheit zum ersten Mal Ziele gezeigt hat. die auf dieser Erde und nicht über den Sternen liegen (ohne dass darum diese Ziele irgend Etwas gemein hätten mit den allenthalben demokratischen, abwärtsführenden Zielen der „Freidenker" von Heute), — Ziele, denen alle uns aus der Religion, der Moral und dem philosophischen Wahrheitsstreben vererbten Kräfte fortan zuzuwenden sind. Man hat die Trennung beider Männer den „Abfall Nietzsche's von Wagner" genannt und diesen „Abfall" auf eine angebliche Ge- kränktheit Nietzsche's zurückgeführt. Wer aber Nietzsche in seinem grandiosen Freimuth kannte, weiss, dass die Dinge nicht so liegen. Wagner hatte einst so gut wie Nietzsche gewusst, dass die Mensch- heit unmöglich in alle Ewigkeit hinaus beim Christenthum verharren könne: dass es mit der Menschenschwächung nachgerade genug sei, die diese Religion auf dem Gewissen hat ( — genug wenigstens für die Ausschlaggebenden) : dass die Menschheit aus dem müden Ableiern ihres Einerleis heraus und zu neuen Gestaltungen des Lebens schreiten müsse : dass aber neue schöpferische Kulturen nur von Innen, nämlich vom Innern des Menschen her, auf der Grundlage neuer Schätzungen, das heisst neuer Empfindungen, neuer Moralen, zu ermöglichen seien. — Solche und ähnliche Gedanken, wie sie das vorliegende Buch wieder aufregte, mussten dem Zukunftskünstler, der ihnen untreu geworden war, äusserst peinlich sein. Wagner war viel zu fein, um das Schmähliche seines Renegatenthums nicht zu empfinden: Nietzsche's Buch hatte ihn im innersten Gewissen getroffen. Anstatt aber auf die Warnung des jüngeren Freundes zu hören, anstatt ein Ende zu Digitized by Google VI machen mit der eingerissenen Verweichlichung, beschwichtigte Wagner sein Gewissen durch eigensinnige Täuschungen über den Werth seiner selbst und seines Freundes. So sagte er im Juni 78 zu einem meiner Bekannten: „Ach wissen Sie, Nietzsche liest man doch nur insofern, als er sich zu unsrer Sache hält"!! — Kurz, der Gekränkte war Wagner. Die Kränkung, die Nietzsche durch die Bayreuther Gegenäusserungen etwa erfuhr, ist Nichts im Vergleich zu der, die Wagner empfand. Dieser fühlte sich gerichtet: Nietzsche dagegen fühlte sich nur verhöhnt, von Einem, der abgefallen war, — von sich abgefallen, und damit zugleich von Nietzsche's Art abgefallen!.. Die Trennung war unvermeidlich. Sie wurde von beiden Männern tief beklagt : kulturhistorisch aber war sie ein „Glück" ! Denn erst mit dieser Isolation waren die Bedingungen gegeben, unter denen Nietzsche sich zu dem Denker entwickeln sollte, den wir in ihm verehren und dessen Probleme zu den gewaltigsten Fermenten der ferneren Entwickelung des Menschengeschlechts gehören werden. — Ich bin in der Frage, welchen Einfluss etwa Wagner auf die Gedanken des vorliegenden Buches gehabt haben könne, absichtlich bis zur Darstellung der Trennung beider Männer vorgegangen, — hauptsächlich, um jetzt schon den Conjecturcn zu begegnen, die von Leuten wie Rieh. Pohl, Ed. Kunkel, Dr. Arthur Seidl darüber an- gestellt wurden. Pohl ist bekanntlich Derjenige, der für das Erklärungs- bedürfniss geringer Menschen die oft colportirte Fabel erfunden hat, Nietzsche habe eine Oper componirt, dieselbe Wagnern gezeigt, Wagner habe sich abfällig über sie geäussert, folglich — sei Nietzsche ein Gegner Wagner's geworden!*) Ich erklare ausdrücklich und rufe Frau Wagner nebst ihren Kindern zu Zeugen darüber auf, dass Nietzsche weder eine Oper je componirt, noch — diese ungeschriebene Oper Wagnern je gezeigt hat. Die wenigen Compositionen, die Nietzsche mit nach Tribschcn brachte, sind vierhändige Klavierstücke; und wenn Wagner in seiner herzlichen Art darüber gescherzt hat, so ist gewiss Niemand eher bereit gewesen mitzulachen, als Nietzsche selbst. Da diese Compositionen noch in die Zeit vor der Veröffentlichung der „Geburt der Tragödie" fallen, so glauben wir Herrn Pohl aufs Wort, wenn er gesteht: „der Causalnexus für Nietzsche's Abfall fehlt mir". Ach, es fehlt ihm so vieles Andere! vor Allem ein Gefühl für Nietzsche's Freiheit der Seele und des Geistes! von der er, trotzdem *) Musikalisches Wochenblatt 1S88, paß. 519. Digitized by Google VIT er Nietzsche einmal besuchte, keinen Eindruck empfangen hat. Doch seien wir gerecht! fordern wir nicht von den Wagnerianern ein Ver- ständniss, dessen Wagner selbst, in einer entscheidenden Stunde, nicht mehr fähig sein wollte. Es bleibt trotz Alledem dabei, dass Nietzsche der beste Anhänger, der bedeutendste Kenner und Verehrer Wagner's gewesen und, selbst mit dem Buch „Der Fall Wagner", geblieben ist (wie ich dies im Vorwort zu den „Unzeitgemässen" S. V gezeigt habe): nur verehrt eben ein grosser, schöpferischer, sich selbst nicht schonender Mann anders, als Byzantiner verehren: er verehrt, weil er durchschaut und versteht, — die Andern verehren, weil sie zu kurz gerathen sind und daher nicht verstehen; sie würden Wagner ablehnen, wenn sie seine Seele erriethen und deren Schwelgen und Schaudern in „fünfzig Welten fremder Entzückungen", d. h. wenn sie ahnten, was eigentlich durch Wagner, in völkerpsychologischer Hin- sicht, zum Ausdruck kommt. — — Die Broschüre Kunkel's, „Richard Wagner und Friedrich Nietzsche", kenne ich nicht, mag sie auch nicht kennen. Nur eine Besprechung derselben von Seiten Dr. Arthur Seidl's las ich im „Musikalischen Wochenblatt" 1892, S. 388: dem- gemäss löst Kunkel das Problem, „wie Nietzsche zum Gegner Wagner's wurde", folgendermaassen : „Nietzsche lernte Voltaire näher kennen; diesem verdankte er die erlangte geistige Freiheit, und der „Parsifal" war dann nur ein Grund mehr für ihn zum Abfall"! — Zum Ver- ständniss dieses kindlich construirten Satzes muss man wissen, dass der Titel der ersten Auflage von „Menschliches" folgenden Zusatz enthielt : Dem Andenken Voltaire's geweiht zur Gedächtniss-Feier seines Todestages, des 30. Mai 1778. Diese Widmung wurde dem Buche erst kurz vor Uebersendung an den Verleger (Mitte Januar 78) beigefügt. Eingehend beschäftigt hat sich Nietzsche mit Voltaire nie, weder während der Niederschrift dieses Buches, noch auch vorher: er kannte die wenigen, heut noch lesbaren Sachen von ihm, die alle Welt kennt, — Mehr aber nicht. Dass sich Gelegenheit bot, das Buch als Festgabe zu Voltaire's Todes- feier herausgeben zu können, war ein Zufall hinterher. Im Buche selbst war Voltaire — abgesehen von der flüchtigen, von keiner Ein- genommenheit zeugenden Erwähnung in Aph. 240 und von dem Citat in Aph. 438 — nur Einmal ausführlicher behandelt: in Aph. 221 VIII (S. 198), als letzter der Poefes tragigues. Die acht Schlusszeilen in Aph. 463 dagegen, welche Voltaire als Antipoden von Rousseau's Institut ranctmier vorführen, sind erst, wie vielleicht noch zu erkennen ist, während des Druckes eingeschaltet worden. Ihretwegen sagte mir Nietzsche im Februar 78: „Ist das nicht lustig? Da widme ich dem Andenken Voltaires ein Freigeister-Buch . . und er selber kommt darin kaum vor! eigentlich nur ein Mal! und dieses eine Mal als Dichter, — nicht als Freigeist!.. Um es nicht gar zu sichtbar werden zu lassen, wie wenig im Grunde ich und mein Buch mit Voltaire zu thun haben, will ich seinen Namen hier in Aph. 463 noch einmal anbringen." — Nun, Herr Kunkel scheint das Verhältniss Voltaire's zu Nietzsche anders zu kennen. Dem gegenüber wird aber die Bemerkung erlaubt sein, wie leblos, wie äusserlich Einer sein muss, um dem schöpferischesten Denker des neunzehnten Jahrhunderts, dem Wieder -Entdecker des Dionysischen, dem ersten Psychologen Plato's und des Sokrates. dem Beseitiger des „Freigeistes" Strauss, dem Diagnostiker der historischen Krankheit, dem Verkünder eines noch nicht dagewesenen Typus des Philosophen und des Künstlers ( — denn Alles das war Nietzsche schon vor der Trennung von Wagner) eine nachträgliche Beeinflussung, ja Befreiung durch ■ — Voltaire nach- zusagen! durch Voltaire, diesen Theisten, diesen geistreichen Popu- larisier fremder Gedanken, den die europäische Kultur substanziell längst aufgesogen hat. dessen Befreiungswerk also, selbst für mittlere Geister, längst beendet ist und der als philosophischer Schriftsteller fast nur noch formell interessirt! Man muss vorsichtig sein, Herr Kunkel! Wer über Nietzsche spricht, verräth leider sich. — Wie kam es aber, dass Nietzsche den Namen Voltaire auf sein Buch schrieb, da doch Nietzsche hundertmal mehr an Voltaire zu befreien gehabt hätte, als dieser an Nietzsche? — Antwort: Der Name Voltaire, an den sich eine der ausgebreitetsten geistigen Bewegungen Europas knüpft und der, wie gesagt, zur Zeit der Herausgabe dieses Buches, wieder im Vordergrund des öffentlichen Interesses stand, diente Nietzschen nur als Abzeichen. Mit diesem Namen ist man ja geschützt vor der Verwechselung mit Dunkelmännern: er ist das Ent- setzen aller Romantiker und Mystiker! — Im Uebrigen vergleiche man hiezu Aph. 211 im II. Bande von „Menschliches, Allzumenschlichcs". Kehren wir jetzt nach Sorrent zurück, um zu sehen, welchen Einfluss der eingangs genannte Dr. Paul Ree auf Nietzsche ausgeübt Digitized by Google IX haben könne. Dies Thema ist, zum grössten Theil auf Grund der Briefe Nietzsches an Ree, von einer Freundin des letztern, einer Petersburgerin — Frau Lou Andreas-Salome — , in der Sonntagsbeilage zur Vossischen Zeitung vom 18. Januar 1 89 1 erörtert worden, doch so, dass Ree gewiss selbst ihrer Darstellung nicht beistimmt. Frau Andreas gilt in der Oeffentlichkeit als authentische Nietzsche-Kennerin. Dies ist sehr zu beklagen. Ihre biographischen Angaben wimmeln von Irrthümern, ihre Auffassung der Gedanken des späteren Nietzsche beruht auf einer ungenügenden Verarbeitung derselben, und das Bild, das sie von Nietzsche selbst entwirft, ist eine zwar feine, aber mark- lose Verzeichnung. Sie redet so sehr und mit jener Coquetterie der Melancholiker von Krankheit, Seufzern, Schmerzen, Wunden und anderen Leiden Nietzsche's, dass der Leser dessen prachtvolle Seite, seine kriegsmännische gaiete und gaillardise, gar nicht zu Gesicht bekommt, — ich meine jene Eigenschaft, der es zu danken ist, dass Nietzsche kein Pessimist im Stile Leopardi's wurde, die der Unter- grund seines Wesens war ( — „glücklich bis zum Frevel"), die all sein Denken durchleuchtete und ihm Hoffnungen so erhabener Art eingab, wie sie noch keinem Sterblichen erschienen waren, Hoffnungen, mit deren Aussprechen und Weiterwirken auch deren einstige Erfüllung verbürgt sein wird. Der Verkehr Nietzsche's mit Frau Andreas, damaligem Fräulein Salome, war von zu kurzer Dauer und stand unter zu sonderbaren Aspekten, als dass sie sich eine zutreffende Vorstellung von Nietzsche, wie er früher und wie er später war, hätte machen können: sie lernte ihn, ohne vorher in seine Schriften ein- geweiht zu sein, im Frühjahr 1882 kennen; schon Mitte November 82 sah sie ihn das letzte Mal, um dann, einige Monate darnach, sammt Ree aus Nietzsche's Leben völlig zu verschwinden. Von ihr ist übrigens die Dichtung' zu jenem gross empfundenen „Hymnus an das Leben", den Nietzsche, mit einigen Textändeningen, im August 82 in Musik gesetzt hat. Wer nun als Fernstehender ihren langen Aufsatz in der Vossischen Zeitung liest, muss glauben, die neue Aussicht auf Welt und Mensch, wie sie von Nietzsche im vorliegenden Buch eröffnet wird, sei das Werk Ree's. Frau Andreas (vielleicht mitverführt durch irrige Angaben in einer Buchhändler-Anzeige von Nietzsche's und Rees früherem Verleger) sagt zum Beispiel: „Als Menschliches, Allznmenschliches während eines gemeinsamen Winter- Aufenthaltes in Sorrent entstand, machte Nietzsche zur theoretischen Grundlage desselben ein Buch, X das Ree 1877 (Chemnitz bei Schmeitzner) veröffentlicht hatte (!) : Der Ursprung der moralischen Empfindungen." — Hoffentlich ist diese Entstellung der Thatsachen keine beabsichtigte. Nietzsche's Haupt- niederschriften für „Menschliches, Allzumenschliches" fallen allerdings in die sorrentiner Zeit, in jenen Herbst 76, in welchem er die Probleme des noch nicht fertigen Ree'schen Buches taglich mit Ree selbst durchbesprach. Aber eine grosse Zahl moralistischer Aphorismen zu „Menschliches" (176 Nummern) sind mir von Nietzsche bereits in den Monaten Mai, Juni, Juli und September 76 diktirt worden: — ich habe das Heft augenblicklich vor mir liegen. Dieses Heft war eine vorläufige Gedankensammlung zur geplanten 6. Unzeitgemässen Betrachtung, deren Titel Der Freigeist lauten sollte (beiläufig: — die fünfte Unzeitgemässe, zu der gleichfalls die Rudimente, auf 20 Folio- seiten in der Handschrift des Barons Carl von Gersdorff, vorhanden sind, sollte Wir Philologen heissen). Dieses, aus dem Sommer 76 stammende Heft heisst ,,Die Pflugschar" und trägt als Motto jenes merkwürdig humane, am Ende des Aph. 202 der „Morgenröthe" citirte Wort aus der frühesten deutschen Bauerngeschichte, aus „Meier Helmbrecht" von Wernher dem Gärtner (Anfang 13. Jahrh.). Herr Dr. Ree wird sich des Heftes gewiss noch entsinnen. Es enthält schon die ganze Psychologie der „gebundenen und der freien Geister" (Aph. 224 — 35), die Hauptstellen über die Entstehung des Genies, die Analyse des christlichen Erlösungsbedürfnisses (Aph. 132 — 35), das Meiste, was über die Erleichterung des Lebens und über die Wege zur geistigen Freiheit im gegenwärtigen Buche gesagt wird, und zwar, bis auf unerhebliche Verbesserungen, mit dem Druck wörtlich übereinstimmend. Aus genanntem Heft erhellen zwei Dinge: — erstens, dass die neue philosophische Stimmung Nietzsche's (die durchaus nicht, wie Frau Andreas meint, auf „den alten Idealismus", sondern nur auf den Romanticismus verzichtet) mindestens ein halbes Jahr vor der Reise nach Sorrent eintrat; — zweitens, dass Nietzsche auch schon als Verwandelter nach Bayreuth ging und seine neue Stimmung sich durch die dortige Enttäuschung nur verschärfte, nicht aber dort erst hervorgerufen wurde. — Den Hauptanlass zur Verwandlung gab eben nicht irgend ein Mensch, Buch oder Ereigniss, sondern Nietzsche's Natur selbst. Auf diese Natur lässt sich die unter willenlosen Menschen ausgedachte Theorie vom Milieu nur sehr bedingt anwenden: — bei Nietzsche geschah alles ihn Kennzeichnende trotz Umgebung, trotz Einflüssen, Digitized by Google XI trotz Wagner, trotz Ree. Sein Grundwille, der „Tyrann in ihm", unterschied ihn von vornherein von den Mitlebenden: Nietzsche war, selbst innerhalb seiner Familie, ein ungeheurer Atavismus, — der polnische Edelmann, der im Grossvater und Vater durch den Theologen niedergehalten worden war, schlug aus ihm (auch physiognomisch) wieder heraus. Dieser sein Grundwille drängte zu unausgesetztem Wachsthum, zur Höherentwicklung und Machtausbreitung: — die Verhältnisse aber, in die sich Nietzsche aus anerzogener Selbstver- kennung begeben hatte (sein Amt, seine Philologie, seine Herold- Stellung zu Schopenhauer und Wagner), waren Hemmungen seines Wachsthums. Auf die Dauer wäre dieser Zustand unhaltbar gewesen. Es musste zur Entscheidung kommen, wer unterliegen solle: ob der Weltenrichter in Nietzsche, oder der Dienende in ihm. Hier über- nahm nun die Natur, was Nietzsche damals mit Bewusstsein schwer- lich selbst gethan haben würde : sie bereitete den Weg zu seiner Befreiung. Das Mittel hiezu war grausam genug: sie machte Nietzschen krank und immer kränker. Das Gefühl des Ungenügens, des Sich-unnütz-Vergeudens verdüsterte ihn, ergriff allmählich sein ganzes Nervensystem und rief endlich jene häufig auftretenden Kopf- schmerzen hervor, derentwegen er den schon erwähnten Urlaub auf ein Jahr nehmen musste und derentwegen er schliesslich zum Auf- geben seiner Professur (Ostern 1879) sich genöthigt sah. — Wenn Nietzsche den Menschen seines Ranges die Befreiung vom Herkömm- lichen, die Loslösung aus falschen Stellungen, kurz den eigenen Weg zu gehen lehrt, so thut er dies als Einer, der die tiefsten, um nicht zu sagen die schlimmsten Erfahrungen auf diesem Gebiete hat, — aber auch die erprobtesten Erfahrungen : denn als er seinem hohen Selbst sich ganz hingeben und die Schätze seiner Tiefe in immer reicherer Fülle an's Licht stellen konnte, meinte es die Natur wieder gut mit ihm: er genas im Lauf der Jahre. Ich wiederhole: nicht Ree, sondern Nietzschc's Erkrankung war die Ursache, die mit ihrer entsinnlichenden Wirkung jene Helle und Ernüchterung herbeiführte, welche das charakteristische Merkmal des Xietzsche'schen Geistes in dieser Epoche ist. Nur wer diese Epoche, mit all ihren übrigen menschlichen Beziehungen, in Nietzsche's Nähe miterlebt hat, kann wissen, wie beschaffen sein Verhältnis* zu Ree war. Ohne Zweifel unterhielt sich Nietzsche gern mit ihm als mit einem klaren, zurückhaltenden, im Gesellschaftlichen äusserst fein empfindenden Gelehrten; ohne Zweifel verdankt Nietzsche ihm auch Digitized by Google XII die Bekanntschaft mit manchem neueren Werk der Moral-Litteratur. Dass aber Nietzsche mit Ree in den Grundfragen übereingestimmt hätte und Beide (wie Frau Andreas meint) „das selbe Ziel und (?) Denken erreichen" wollten, dass femer die Grundlage von Nietzsche's damaligem Denken der „Positivismus" (will sagen der Geist der natur- wissenschaftlichen Spezialisten) und Ree Derjenige gewesen sei, durch den sich Nietzschen „die positivistische Weltanschauung erschlossen" habe, — dies Alles ist rundweg zu verneinen. Erstens war Nietzsche längst vor der Beziehung zu Ree mit dem „Positivismus" bekannt; er besass nicht nur ausgebreitete Detailkenntnisse in den Naturwissen- schaften, sondern hatte sich auch mit den resumirenden Denkern des „Positivismus" vertraut gemacht: Comte, Dühring, F. A. Lange z. B. kannte er gut, wie seine Notizen aus der früheren bascler Zeit beweisen. Zweitens aber ist Nietzsche, obgleich er ein genauer Kenner des „Positivismus" war, niemals selber „Positivist" gewesen, am wenigsten in der Periode, die mit dem Frühling 1876 beginnt! Nietzsche war viel zu reich, zu tief, zu divinatorisch begabt, um die Einfachseherei der Positivisten und Realisten nicht als rasende niaiserie und Armuth zu empfinden. Ihn beherrscht, von allem Anfang an, das Bewusst- sein von der eingefleischten Irrthümlichkeit unserer sinnlichen Erkennt- niss und des Denkens: Alles, was wir „Wahrheit" nennen, ist ihm etwas völlig Bedingtes, eine Tyrannisirung der „wirklichen" Welt durch die Sinne, den Intellekt, die Logik; die Logik, als vereinfachendes Princip, ist nur eine Ueberwältigung und Zurechtmachung des Wirr- warrs der Erscheinungen für uns, eine Veroberflächlichung, bei der es sich leben lässt, bei der wir nicht zu Grunde gehen; mit der Logik kam nur die einfache Denkweise über die complicirte, die leichtere über die schwierigere zum Sieg: ihr Organ, die Vernunft, fälscht die Arbeit unserer Sinne, da sie selbst nur Formen -Schema ist und Fiktionen hervorbringt, auch schiebt sie allem Werden ein Substrat, ein „An sich", eine Materie, ein „Sein", womöglich einen Gott unter! und durch was Alles wird unser Wahrnehmen und Denken nicht noch bestimmt! durch Vorurtheile, durch's Gedächtniss, durch das momen- tane Gesammtgefühl unsres Leibes, durch weither vererbte Empfin- dungen und Werthgefühle, die nur im Bunde mit „falschen" Vor- stellungen in den Vorfahren entstehen konnten, u. s. f.! Frau Andreas bemerkt diese entmenschte Betrachtungsart erst in Nietzsche's späterer Zeit, also dort erst, wo seine Bcredtsamkeit so lapidare Gewalt erlangt hat (z. B. Götzendämmerung S. 18 — 27. 37 — 50, neue Auflage Digitized by Google XIII S. 15 — 22. 30 — 40), dass diese schwer zu sagenden und schwer zu fassenden Dinge endlich auch der ungeübtem Denkkraft vernehmlich werden müssen. „Nietzsche gleitet in eine Welt der Mystik hinein" sagt Frau Andreas von dieser letzten Periode und meint unter Mystik das soeben beschriebene erhöhte Bewusstsein vom phantomatischen Charakter der sinnlichen und logischen Erkenntniss. Hätte sie aber, anstatt sich von dem Gedanken der Uebereinstimmung zwischen Ree und Nietzsche suggeriren zu lassen, mehr auf die himmelweite Unterschieden heit Beider gesehen, so würde sie diese „Mystik", diese zwiefache Bewusstheit (für deren Mangel sich Ree als „der schärfere Kopf von Beiden" bezeichnen lassen muss) bereits aus den ersten Aphorismen des vorliegenden Buches herausgelesen haben. Unter den Positivisten von Heute faselt man gar von einem empi- rischen Ursprung der Logik: als habe der Mensch die Logik aus der Natur in sich hineingenommen (gleichwie er angeblich die Dinge ..wie sie sind" in sich hineinnehme), — als gebe es irgend eine Wesensgleichheit, ein „Entsprechen" zwischen Wirklichkeit und Intellek- tualität! . . Wer Nietzsche halbwegs kennt, weiss, wie zuwider ihm alle Denker sind, die nach dieser Seite hin schwanken. Indem Nietzsche die Entstehungsgeschichte der bisherigen Metaphysik auf seine Weise überdachte, kam er dahinter, dass sie nur Phantasmagorie sei. Darum aber, weil er sich dieser bisherigen Metaphysik entledigte, darf man ihn noch lange nicht einen Positivisten und Realisten nennen! Eine Metaphysis als Complement der Physis anzusetzen, ist kein nur willkürlicher, sondern ein nothwendiger Denkakt schon bei jeder Sinneswahrnehmung. Freilich: die bewusste Ausstaffirung des Metaphysischen mit allen möglichen abstrakten und, wie sich von selbst versteht, negativen Begriffen gehört erst einer denkerisch raffinirten Menschheit an (zeitlos, ohne Werden Sein; raumlos, ohne Vielheit Einheit; Substrat, ohne Eigenschaften Materie; für unsere Sinne unerreichbar „Ding an sich", u. s. w.): dieses Inventar ursprünglich negativer, jedoch in's Positive verdrehter Be- griffe, denen die Phantasie Vorstellungen unterschiebt, ist nur eine dialektische Sublimirung jenes die sinnliche Erkenntniss begleitenden Triebes, der zu jedem Aussen ein Innen, zu jedem Sinneseindruck »ine äussere Ursache sucht und daraufhin erst das „Ding" schallt 1— wir kennen nur Kräfte, Wirkungen auf unsre Organe. — keine . Dinge"). Das Inventar jener abstraktesten Begriffe, mit denen eleatisch, platonisch, kantisch begabte Menschen ihr Weltbild nochmals durch- Digitized by Google XIV geistigen, heisst „Metaphysik". — Auf einer niederen Kulturstufe weiss der Mensch Nichts von der Intellektualität seines Weltbildes: er hält es vielmehr für die Realität selbst, — für ihn giebt es nur Physis und eine hinzuphantasirte Metaphysis. Für den höher ent- wickelten Menschen, der endlich einsieht, dass sein Weltbild nur Gehirn phänomen ist, verschiebt sich dies Verhältniss; anfangs, noch im Zwange der Tradition, glaubt er an drei Existenzformen der Welt: an das Gehirnphänomen „Welt" (die scheinbare Welt), — an die reale Welt — , und an die metaphysische Welt. Bald aber ver- schmelzen die zwei letztern in Eins: die der metaphysischen Welt angedichteten Attribute fallen jetzt der ehemals real geglaubten selber zu (so wird zum Beispiel, weil das ehemalige Metaphysische unter Anderm auch zum Anwalt der menschlichen Moral gemacht worden war, bei Schopenhauer die Realität selber, das Wesen der Welt, moralisch!). Die Metaphysik, sofern sie Positives aussagt, ist Hirn- gespinnst und zu einem guten Theil Altweiber-Glaube. Die reale Welt, sofern sie für uns nur Erscheinung sein kann, ist ebenfalls Hirngespinnst: wir kommen aus uns nicht hinaus. Die Forderung der Positivisten, ein „wahres" Weltbild zu Stande zu bringen, ist eine Perversität ; — das Einzige, was wir können, ist: uns das durch und durch Relative unserer Erkenntniss gegenwärtig halten und diese so viel wie möglich von Allem reinigen, was wir als fälschende Zuthat früherer Zeitalter erkannt haben. Aber schon dies Letztere ist nicht völlig mehr möglich — oder, wie Nietzsche meint: mit der Abschaffung der unsern Sinnen unzugänglichen „wahren14, realen, ganz eigentlich metaphysischen Welt würden wir die „scheinbare" (unser intellektuales Weltbild) sofort mit abschaffen, — und umgekehrt. Der Leser halte mir diese Abschweifung zu Gute. Ich wollte mit ihr andeuten, dass Frau Andreas Manches an Nietzsche verkenne, was ihm von Anfang an eigen ist: zumal dass seine Art „Realismus" nicht vor dem erkenntnisstheoretischen Idealismus liege. Es entgeht ihr, wieviel Energie des Verstandes dazu gehört, um nicht in die Flachheit der schnellfertigen Realisten und anderer Wirklichkcitsapostel zu verfallen; sie hält den Aufwand an Verstand, den die letztern in Dingen der Erkenntniss machen, offenbar für grösser, als den, welchen Nietzsche macht: bringt sie es doch fertig, dessen spatere Denkweise — — „eine allein VerstandesmUssigen feindliche Philosophie" zu nennen! (statt: eine dem platten Verstand der Wirklichkeitsgläubigen feindliche Philosophie.) — „Nietzsche ne peut repeter assez souvent Digitized by Google XV sa raesestime ä legard de la femme, et cruclle ironie! son oeuvre est le plus intimement comprise — par une femme!" sagt ein Franzos in Hinsicht auf Frau Andreas (Henri Albert im „Mercurc de France", Febr. 1893). Ach, wie lange wird es nun wieder dauern, bis wir den von Frau Andreas verstandenen Nietzsche loswerden! Wer Nietzsche eigentlich ist und was er eigentlich will — dies ist zwar schon aus seinen erschienenen Büchern genugsam zu errathen , wird aber doch aus den späteren Nachlassschriften erst vollkommen deutlich werden. Frau Andreas hat jedenfalls keine ausreichende Vorstellung davon, wennschon sie den Leser — durch Verschweigen des Umstandes, dass sie die letzten sechs Jahre von Nietzsches Entwicklung nur aus der Ferne kennt — zu einer andern Meinung verführen möchte. Ich würde den Protest gegen ihre Art Verständniss unterlassen, wenn ich nicht wüsstc, dass man sie allerwärts für eine Epoptin hält. Dass sie dies aber nicht ist, erhellt schon aus ihren Urtheilen über krankhaft und gesund, über abwärts und aufwärts der Entwicklung Nietzsches, in welchen Urtheilen sie sich als unnietzschisch, nämlich abhängig von der herrschenden Meinung zeigt, — jener Meinung, die (etwa nach Lombroso) einen Normalmenschen statuirt, in welchem die Gleichung moral sanity (common sense) — health 0/ mind Fleisch und Blut geworden und der ungefähr mit dem Philister identisch ist. Sie hat sich ferner (wie ich dies in der Vorrede zum Zarathustra erwähnte) in den Kopf gesetzt, Nietzsches Denken habe in den Wahnsinn ein- münden müssen! d. h. sein ganzes Philosophiren sei eine Vorstufe zum Wahnsinn. Nichts ist aber verkehrter, als diese Annahme, — abgesehen davon, dass es Unsicherheit des Urtheils verräth, in den Gedanken eines Mannes deshalb etwas „Krankhaftes" zu sehen, weil man weiss: er hatte das Unglück, mit einer Invalidität des Kopfes zu enden. Alle, die Nietzsche kannten, hatten den Eindruck, dass er ein „Ausbund" gesunder Vernunft sei; ihnen lag nichts ferner, als der Gedanke, dass dieser Mann einst geistesgestört werden könne, -— und nun kommt Frau Andreas und macht tlcr Welt klar, dass der fünfte Akt dieses Denkerlebcns auf alle Fälle, weil aus inneren Gründen, sich im Irrenhaus habe abspielen müssen. Schon Zarathustra lehre nicht eigentlich den Individualismus überhaupt, sondern nur den Individualismus Nietzsches, seinen Despotismus, sein Allein- hcrrschenwollen über die ganze zukünftige Menschheit ( — während Nietzsche, mehr als sonst Jemand, sich gegenwärtig hielt, dass das Einzige, *as der Philosoph in Bezug auf die Zukunft thun könne, die Erweckung Digitized by Google XVI eines neuen Animus sei — d. h. die Schaffung neuer Werthe, d. h. neuer Werthgefühle, d. h. einer neuen Moral — : dass aber die besondere Gestaltung dieser Zukunft selbst von Faktoren abhänge, die unmöglich vorherzusehen seien, über die im Einzelnen etwas ganz Bestimmtes zu sagen oder zu wollen sich also von selbst verbiete. Im Ucbrigen ist Jemand damit, ob er an das Beherrschtwerden der Zukunft durch die Werthe Nietzsche's mit Frohlocken oder mit Wider- stand denkt, d. h. ob er eine Erstarkung oder eine weitere Ver- kümmerung des Typus Mensch wünscht, sofort charakterisirt.) Ferner: Nietzsche habe sich „für das nothwendig krankhaft disponirte Medium gehalten, durch welches hindurch die Ewigkeit aller Zeiten sich selbst und ihres Sinnes bewusst wird" . . . Nun, wenn Das keine Mystik ist, dann ist es etwas Anderes! nämlich dasselbe, was ihre Worte über den angeblichen Glauben Nietzsche's an seinen „freien Willen" sind (Freie Bühne, Mai 92, S. 401) oder ihre Worte über die zunächst rein mechanistisch zu verstehende Lehre von der Er- schöpfbarkeit, also Repetition, der kosmischen Molekularcombinationen („Ewige Wiederkunft"). Ich begreife nicht, wie Männer von starkem, gesundem Gefühl ihre Stael-Sandisch schmeckende Interpretation des kühnsten und tapfersten aller Denker auch nur haben aushalten, geschweige für richtig befinden und sich daran erbauen können. Ich für meine Person kann nicht anders: mir ist der Andreas'sche Nietzsche eine Abschwächung und Verundcutlichung, — um nicht Mehr zu sagen. Weiter! Frau Andreas sagt: Nietzsche habe, ausser in seiner letzten Periode, „sich niemals viel mit erkenntnisstheoretischen Fragen befasst". Ich füge hinzu, dass auch gegen mich sich Nietzsche in diesem Sinne ge- äussert hat, dass man aber diese Aeusserung nicht wörtlich verstehen darf. Schon in meinem ersten baseler Jahr (1875) ersah ich aus Gesprächen mit Nietzsche, dass er nicht nur ein ganz und gar bewanderter Erkenntniss- theoretiker war, sondern als der scharfsinnigste, der mir je vor- gekommen, auch seine eigensten Gedanken hatte. Wenn er gleichwohl behauptete, er habe sich nie ordentlich mit Erkenntnisstheorie be- schäftigt, so übertrieb er und meinte im Grunde: er sei noch zu keiner abschliessenden Ansicht in diesen Dingen gekommen, — habe sich gehütet, sich darin festzusetzen, da er nur zu wohl wisse, wie niemals eine erkenntnisstheoretische Dogmatik ohne Hintergedanken entstanden sei. Man darf nicht vergessen, dass Nietzsche der un- geheuerste Skeptiker ist, der je dagewesen, und dass er dort, wo er ganz er selbst ist. wie alle wahrhaft Produktiven nicht ans Digitized by GoOjgl XVII Vorhandene anknüpft, sondern erst nach In- Frage-Stellung und Beseitigung desselben seine Gedankenwelt aufbaut. Wie aber aller philosophische Skepticismus auf dem Gebiete der Erkenntniss- theorie beginnt, so auch der Nietzsche's. Hat wohl Jemand geprüft, auf welchen Voraussetzungen bereits seine ersterschienene Schrift, die „Geburt der Tragödie", ruht? — Sie ruht auf den nämlichen er- kenntnisstheoretischen Einsichten, auf denen seine späteren Schriften ruhen: auf jener oben (S. XII — XIV) vorgeführten Einsicht in die letzten Grenzen der Erkenntniss, ja, wenn man will, auf der Voraus- setzung der Selbstvernichtung der Erkenntniss, auf einem tragischen Ereigniss innerhalb der Erkenntnisstheorie also, das als Panacee die Kunst fordert . . . Kein Buch Nietzsche's ist so unbekannt, so un- verstanden geblieben, wie die „Geburt der Tragödie"; es kündigt den Kampf mit dem Nihilismus unserer Moral und Erkenntniss, das heisst: ein tragisches Zeitalter für Europa, an (G. d. Tr. S. 83 f.), — das Selbe, worauf Zarathustra's Traum deutet, den die Jünger missverstehen (Zar. II. 79 — 84; 2. Aufl. i<)3). Als Skeptiker ging nun Nietzsche auch an die Erforschung der Moral. Wir sahen, dass dies geschah, als er sich anschickte, seine Gedanken auf die Psychologie des Freigeistes (den Inhalt der 6. Unzeitgemässen) zu concentriren. Mit dieser Art Herankommens ist Nietzsche's Verhältniss zur Moral scharf genug charakterisirt : er nimmt eine total andere Stellung zu ihr ein, als Ree; er versteht die Moral im engern Sinne als Sache der gebundenen Geister, als Heerdent hier- Angelegenheit: sie interessirt ihn vor Allem als Gegnerin der in ihm selbst waltenden Moral, der Führerth ier-Moral. Nietzsche's fundamentaler Instinkt geht immer auf Rechtfertigung der Ausnahmen, auf Vertheidigung der werth vollen Menschen gegen die Massen. Ree'n dagegen ist das Gefühl, Ausnahme zu sein, fremd; ihn interessirt die Regel; sodann, und vielleicht in Folge dessen, fehlt ihm die ausser- und überwissenschaftliche Tendenz. Aber Nietzsche ist durch und durch Tendenz! sein Erforschen der Moral ist nur Mittel, kein Endzweck! er geht auf eine Neuordnung, Neugestaltung des Lebens aus, er ist kein Nihilist; er will instinktiv die Erhöhung des Tvpus Mensch; er will, gegen unsere Gleichheits-Narrethei, jener Gesinnung zum Sieg verhelfen, die alles II ervorragen de bejaht und in diesem erst die Vollendung des Menschen- und Völker- Daseins sieht; er will die Helle nisirung der Welt, die Trennung der grossen Synthesis von Occident und Orient, die Annullirung des Digitized by Google xviii von Alexander eingeleiteten Werkes: er will die (durch die christlich- jüdische „Vermoralisirung" Europa's entstandene) tiefe Fremdheit, welche uns noch immer von den Griechen trennt, beseitigen helfen; er will an Stelle der moralischen Werthe biologische Werthe! an Stelle der Sociologie eine Lehre von den Herrschaftsgebilden! an Stelle der Erkenntnisstheorie eine Perspektiven-Lehre der Affekte! u. s. w. . . . Wer, gleich Frau Andreas, diesen Grundwillen Nietzsche 's hier aus dem Auge verliert und meint, dieser Wille, der durch die fünf vorhergehenden Schriften (wenn auch in anderer Terminologie) so machtvoll zum Ausdruck gekommen war, habe sich im vorliegenden Buche schlafen gelegt, dem ist es zu verzeihen, dass er Schulter an Schulter neben Nietzsche einen blossen Gelehrten hinzustellen vermag, und sei es selbst ein so ausgezeichneter, wie es Ree ist. Man argwöhne um Alles in der Welt nicht, dass ich, indem ich einen Rang-Fehlgriff der Frau Andreas bezeichne, Ree's wirkliches Verdienst um die Moralforschung schmälern wolle. Im Gegentheil: ich bitte den für das moralistische Denken noch unvorbereiteten Leser dringend, Ree's Schrift „Ueber den L'rsprung der moralischen Empfindungen" als schönste Elementar-Einleitung zum II. Abschnitt von „Menschliches, Allzumenschliches" zu studiren. Es ist ein Buch, zu dem wir Deutschen uns gratuliren können; es ist vielleicht unser erstes, das endlich einmal ohne erbauliche Hinterabsichten an die Moralanalvtik geht. Gerade um dieses Freiseins von der idealistischen Selbstbetrügerei willen wurde Ree von Nietzsche ungemein geschätzt (wenn auch — wie Ree selbst wusstc — in andrer Weise, als die von Frau Andreas citirten übergütigen, auf Ermunterung abzielenden, meist ironice und nach dem Recept von Aph. 283 [jetzt 2 So] in „Jen- seits v. G. u. B." zu verstehenden Briefstcllen vermuthen lassen). Der Leser von Ree's Buch wird bald herausfinden, worin der Unterschied zwischen Ree und Nietzsche liegt, — soweit eben Letzterer als blosser Moralwissenschaftler dabei in Betracht kommt: denn er ist ja noch weit Mehr. Schon Nictzsche's frühere Schriften behandelten lauter moralische Dinge, lauter Psychologen-Probleme, — und zwar die grossen Probleme der Menschheit, solche, bei denen das Mitreden- wollen Unbedeutender und Unberufener von selbst versagt. Nietzsche sprach in jenen Schriften seine innersten moralischen Instinkte aus, die Imperative, nach denen er lebte und mit denen er allen Hoch- begabten der unersetzlichste Lehrer und Erzieher ist. Als er nun 1870 an die Charakteri>tik des „Freigeistes'' ging, wurde er mehr Digitized by Google als zuvor auf den Hintergrund hingewiesen, von dem der Freigeist sich abhebt: auf die Welt der gebundenen Geister, auf die Regel, auf die Menschen des Gemeinsinns, auf die moralische „Nonn". Er war glücklich, in Ree einen Gelehrten zu finden, der sich eingehend der Betrachtung dieser niederen Moralwelt gewidmet hatte. Ree kannte zumal die neueren englischen Utilitarier gut: er folgt ja ihrer Fahrte ( — sie führt über Bentham auf Helvetius zurück). Auf Seiten Nietzsche's blieb es natürlich nicht beim blossen Kennen-lernen; er bemächtigte sich sofort des ganzen Gebietes und durchackerte es auf seine Weise: — fortan sehen wir ihn immer an dieser Arbeit: alle Philosophie wird ihm zur Psychologie, zur erstaunlichsten moralistischen Symptomatologie, die es je gegeben. Er, mit dem starken Gefühl für Gegensätze, für Unterscheidendes, für Rang, für Ueber- und Unterordnung, für Krieg und Feindschaft, hatte schon in die alt- griechische Polis Blicke gethan, wie sie sicherlich kein Moderner vor ihm gethan hat: mit diesem Blicke kommt er nun auch als Moral- forscher zu Ergebnissen, die durchaus anders lauten, als die der übrigen Moralisten. Aus diesen Moralisten redet ja die Gleichheits- manie: sie wollen als Ideal das „Wohlbefinden Aller", den „all- gemeinen Nutzen", die „Tugend" sich nennende Schwäche und Vor- sicht der Behaglichen: sie sehen in der Moral nur, was sie selber fühlen und wünschen; und da sie unvermögend sind, höher hinaus zu wünschen, so bekommen sie die grossen Probleme, die Moral der Anführer, der wahrhaft Verantwortlichen, der Willensstarken, der überlegenen Geister gar nicht in Sicht. „Der Mensch strebt nach Glück" — sagen sie (gegen diesen Gesichtspunkt wehrt sich Nietzsche u. A. in Aph. 7 und früher in „Schopenhauer als Erzieher" S. 53 unten; 2. Aufl. S. 51 u.). „Der Mensch strebt nach Macht, sei es als Befehlender, sei es als Dienender" — so lautet Nietzsche's Grund- empfindung. — Man thäte Ree sicherlich Unrecht, wenn man in Hinsicht auf beide Formeln sagen wollte: „Dort Ree, hie Nietzsche!", aber gewiss auch steht Ree mit seinem Grundemprindcn ganz und gar nicht auf Seiten Nietzsche's. Vor Ree s Auge verschwimmt die Menschheit in's Ebene und Formlose, während Nietzsche sie immer als zerklüftetes Relief mit Thälem und Bergen sieht: er kann nicht anders, als alles Lebende, also auch Gemeinwesen, in sich contrastirend denken (am grandiosesten ist dies im Kapitel „Von der Selbst-Ueber- windung", Zarathustra II 161 f., ausgesprochen). Dem demokratisch gewöhnten Leser wird es daher auffallen, dass Nietzsche im gegen- XX wältigen Buche so viel von Kasten, Klassen, Oben und Unten, Mächtigen und Unterjochten redet (Aph. 439. 440. 446. 451. 472. Aph. 81. 92. 93. 114. 44), dass er gar eine zwiefache Moral und Werth ungsweise aufzeigt (Aph. 45), mit deren späterer Ausgestaltung zur thatsächlich vorhandenen Herren- und Sklaven-Moral er ein noch nie ausgesprochenes Geheimniss verrieth, — und dass er, aus dem Gesichtspunkt dieser zwiefachen Moral, die Forderung verschiedener Moralen aufstellt (Aph. 94. 95. 25: „auf der höchsten Stufe der Moral handelt der Mensch nach seinem Maassstab über die Dinge und Menschen, er selber bestimmt für sich und Andere, was ehren- voll, was nützlich ist." „Vom Einzelnen Handlungen verlangen, die man von allen Menschen wünscht — das ist eine schöne naive Sache! als ob ein Jeder ohne Weiteres wüsste, bei welcher Handlungsweise das Ganze der Menschheit wohlfährt!"). Alles das lag Reen sehr fern; ja, diese Dinge blieben ihm fremd, auch als Nietzsche sie immer deutlicher und eindringender vorzutragen begann. Abgesehen davon, dass für ihn (wie für die Utilitarier überhaupt) die Frage der mensch- lichen Rangordnung nicht existirt, fehlt ihm, bei allem guten Willen zur historischen Betrachtung, gerade der historische Sinn und die zertheilende , auseinanderlegende, durchschauende Kraft des Auges; in seinem Geiste vereinfacht sich Alles, er ist ein mathematischer Kopf. Welch ein „Realist" ist dagegen Nietzsche! Mit welchem Niederländer-Blick erfasst er die Phänomene! Wie anders steht ihm die „Wirklichkeit" Rede und Antwort! Hätte er nicht auch gegen Ree sagen können, was er schon gegen Strauss gesagt hatte? (I. Unzeitg. Betr. S. 44): dass er sich, trotz seines Darwinismus, nicht darauf ver- stehe, Darwin gegen Darwin anzuwenden? „Mit einer echten, ernst durchgeführten darwinistischen Ethik hätte man den Philister gegen sich" — nämlich mit der Ableitung von „Moralvorschriften aus dem bellum omnium contra omnes und aus dem Vorrecht des Stärkeren". Gleich den Engländern glaubt Ree mit der Utilität die Moralität in Händen zu haben, — sie ist aber nur ein primitiver Heerden- Gesichtspunkt und deckt sich nur zu einem geringen Theil mit dem weiten Begriffe „Moral": in der Utilität fehlen die Affekte, — das eigentlich Moralische ! Um die Sprödigkeit und Kälte seiner Gleichung „gut Andern nützlich" zu mildern, führt Ree den „unegoistischen Trieb" ein: sodass „gut" jetzt ausser „nützlich" noch „nächstenliebend, mitleidend, mitfreuend" u. s. w. heisst. Nietzsche ist auch hierin ein Gegner Ree's: er weist den Begriff „unegoistischer (altruistischer) Digitized by Google XXI Trieb" zurück, da derselbe, wenn nicht der Schönrednerei, so doch der mangelhaften Beobachtung entstamme und höchstens als Erleich- terung des Ausdrucks gebraucht werden dürfe (Aph. 57). Wie Ree seine Theorie hätte weiter-, d. h. bis zur heutigen moralischen Neurose führen sollen, dies steht in „Jenseits v. G. u. B." Aph. 201 (3. Aufl. Aph. 203). — Im Utilitarismus spricht sich der eigentliche Gemeinde- Erhaltungsinstinkt aus. Seine Voraussetzung, sein Grundirrthum ist: dass „Alle gleich" seien, oder doch, dass was dem niederen Menschen nütze, auch dem höheren nützen müsse! gut, nützlich sei für Alle gleich gut, — für's Genie wie für den Facchin. Der Begriff „nütz- lich" (gut) wird aber mit jedem dahintergestellten „Wozu" ein anderer. Und jeder Mensch wiederum hat andre Wozu's, andre Absichten, Ziele : denn Ziel und Absicht sind durchaus abhängig vom biologischen Werth des Einzelnen (von seinem Range), von der Kultur- und Kraft- summe, die sich im Einzelnen (als dem Endresultat einer langen Geschlechterreihe) personificirt. Nur in den gröbsten Dingen kann demnach ein für Alle verbindlicher Utilitarismus existiren. — Nietzsche, der die Staatsmoral, die Gemeinde-Erhaltungs-Moral, die altruistische Moral, kurz die Moral in Hinsicht auf Andere nicht für den In- begriff aller Moral, sondern nur für die eine Hälfte derselben hält, fordert seine Freigeister bereits im vorliegenden Buche auf, die andre Hälfte, die individualistische Moral, nicht zu vergessen. Für den Einzelnen sind Volk, Gemeinde, Nächste wohl regulirende, aber nicht alleinmaassgebende Gesichtspunkte, und je höher entwickelt ein Mensch ist, desto weniger gleicht sein moralischer Geschmack dem der Durch- schnittsmenschheit, desto Weniger hat er mit ihr „gemein", desto ferner von ihrem Verständniss denkt und handelt er. Der Mensch selber ist ein Staat für sich, ein Herrschaftsgebilde von Trieben, Affekten: in ihm wird befohlen, gehorcht, gekämpft, gesiegt oder die Waffe gestreckt, revoltirt oder niedergeworfen, genau wie im Staate da draussen. Ob aber in diesem Mikrokosmus (wie im grossen Ge- meinwesen) immer nach dem Gesichtspunkt des Nutzens befohlen und gehorcht werde, wenn es darin „moralisch" zugeht, fragt sich noch sehr: unsre Moral, unsre ererbten Werthgefühle sind völlig durchtränkt mit pricsterlich-religiösen Elementen, mit Wahn und Irr- thum, sie beruhen zum Theil auf Schätzungen, die andere Ziele ver- folgen, als z. B. die Kräftigung und Steigerung des Gesammt- und Einzellebens : unsere feinere Moral ist nicht unwesentlich christlich und will ein Zerfliessen und Zusammensinken der Individuen; die ihr ent- XXII gegenstehende Moral, die aristokratische, die das selbstherrliche In- dividuum will, wird von den bestmoralischen Menschen jetzt als Zurückgebliebenheit empfunden, und wer ihr, gleich Nietzsche, das Wort redet, darf von jener anderen Moral aus natürlich nicht als Wohlthäter der Menschheit gefeiert werden. Der selbständigere moderne Mensch denkt bei dem Begriffe „Moral", sobald er ihn zarter fassen will, zuerst fast immer an das System von Werth- schätzungen, Werthgefühlen (Affekten, Trieben, Instinkten), das der einzelne Mensch selber darstellt, — er gesteht da Jedem seine per- sönlichste Moral zu: seinen Geschmack im Handeln. Unsre Werth- gefühle (Affekte, Triebe, Instinkte, Lust- und Unlustempfindungen) sind gleichsam Fühlhörner und aufnehmende Organe unsrer Lebens- kraft: sie führen dieser zu, was sie gedeihen macht, sie stossen ab, was sie verkümmern machen würde; insofern sind sie ein untrügliches Zeugniss über die Existenzbedingungen und somit über Werth und Rang unsrer Lebenskraft. Es giebt eine natürliche Rangordnung der Menschen (die Menschen sind nicht gleich), — für Nietzsche wurde zuletzt die Moral überhaupt zur Lehre von dieser Rang- ordnung der Menschen. Ein Mann, der diesen Standpunkt ein- nimmt, wird eine Handlung nicht mehr nach ihren Folgen beurtheilen, wie es die kindliche Moral thut, — auch kaum mehr nach den „Motiven", Absichten (da diese nur Begleit- Erscheinungen, aber nicht Ursachen, mindestens nicht alleinige Ursachen einer Handlung sein können), — sondern er wird eine Handlung nach dem beurtheilen, was an ihr unwillkürlich, unabsichtlich ist. Und wenn ihm die Moral als Lehre von der Rangordnung der Menschen gilt, so wird sie ihm folglich auch eine Lehre von der Bedeutsamkeit ihrer Handlungen für diese Rangordnung sein, im zuletztgenannten Sinne. Schon im gegenwärtigen Buche ist Nietzsche's geheimer Verdacht : dass der blosse Utilitarismus — der kurzsichtige Heerden-Instinkt, der nur auf die allernächste, gemeinverständlichste Wirkung einer Handlung achtet und Nichts davon weiss, wie man (je nach Zeit- und Gesichtspunkt, entfernterer Wirkung und Gegenwirkung) auch aus der „schlechtesten" Handlung „Gutes" und aus der „besten" „Schlimmes" wachsen sehen könne — schon hier, sage ich, muth- maasst Nietzsche, dass der Utilitarismus eine Art Verschwörung der Meisten gegen die „Ausnahmen" der Menschheit sei, also gegen Die, auf welche es bei allem Völkerleben als letzten Zweck allein abgesehen sein sollte. Das heisst: Moral und Kulturfortschritt sind Digitized by Google XXIII nicht in Uebereinstimmung (Aph. 474). In Aph. 224 führt er aus, dass der Fortschritt der höheren Kultur von den moralisch schwächeren, unbedenklicheren Naturen abhängt, von Denen, die irgendworin ,, freie Geister" sind, von Denen, die vom Herkömmlichen abweichen. Und in Aph. 96 sagt er, gegen Ree: „Nicht das „Egoistische44 und das „Unegoistische'4 ist der Grundgegensatz, welcher die Menschen zur Unterscheidung von gut und böse, sittlich und unsittlich, gebracht hat, sondern: Gebundensein an ein Herkommen, Gesetz, — und Lösung davon.44 „Gut44, „sittlich4* sein heisst in primitiven Ge- meinwesen: Das thun, was Sitte (Brauch, Herkommen) für Alle ist. Ein grosser Theil Sitte und Brauch bezweckt da gar keinen direkten Nutzen : es sind Vorschriften oft unsinnigster Art (vergl. „Morgenröthe44 Aph. 16), nur dazu erfunden, um überhaupt den Gehorsam zu lehren, um zu verhindern, dass das Individuum individuell, nach eigenem Gutdünken handle. Der „u n egoistische" Mensch wird in jenen meist kriegerischen, von Feinden umgebenen Gemeinwesen (wo die gemein- nützige Handlung eine evident und fast unmittelbar eigennützige ist) nicht für „gut44 gehalten, sondern verachtet oder als tückisch gefürchtet; ebenso der „mitleidige" Mensch : da dort Bemitleidet-werdcn noch mit richtigem 1 lebenbejahendem) Instinkt als Verachtet-werden empfunden wird („Wanderer u. s. Sch.44 Aph. 50). Werden solche Gemeinwesen friedfertig, dann gelten diese harten Werthschätzungen nur noch im Wehr- und Herrscher-Stande, während die arbeitenden und die priesterlichen Stände weiblichere Gesinnungen annehmen. Diese letztern Stände fürchten den Krieger- und Herrscher-Stand: sie fühlen sich durch dessen leibliche Tüchtigkeit, durch die aus ihr folgenden expansiven Affekte und Tugenden (Tapferkeit, Wieder- vergelten aus eigener Kraft) bedroht und wünschen lieber Jedermann wie sich selbst: mehr passiv, furchtsam, abwartend, sich zusammen- ziehend. Beide auf einander angewiesene Menschentypen, der starke (obere) und der schwächere (untere), setzen nämlich jeder, von sich aus, biologische Werthe an: jeder nennt und empfindet sich als „gut". Die schwächeren Stände und Menschen sagen : „Gut sind doch eigentlich nur wir Unterdrückten und Leidenden : während Jene da oben Gewaltmenschen sind, böse und hassenswerth, nur dazu da, uns ihren Willen aufzuzwingen und uns auszunützen. Gut sind Alle, die in der Bedrückung leiden gleich uns: sie allein verdienen unser Mitgefühl. Jene Machthaber aber — Wehe ihnen! (denn es giebt eine „ewige Gerechtigkeit4') : sie werden für ihr Unrecht in alle Ewigkeit XXIV hinaus gemartert werden! wir dagegen, die Entbehrenden, gegen sie Ohnmächtigen, werden einst die ewige Seligkeit geniessen und uns am Anblick der endlosen Qual unsrer Bedrücker weiden!" — Die andere Partei (die der hervorragenden, starken, herrschenden Stände und Einzelnen) sagt: „Die Guten — das sind wir, die Wohl- gerathenen! Auf uns vor Allem kommt es an: ohne uns wären jene Untüchtigen eine degoutante Masse, ohne Ziel, ohne aufwärtstreibende Tendenz. Wir sind der Sinn, der Zweck, die Vollendung des gesell- schaftlichen Aufbaues. Wir bestimmen, wohin sich das Ganze be- wegen soll, aus unserm Kopf und Herzen wachsen die grossen Pläne und Hoffnungen, wir sehen Ideale, wir führen!.. Die da unten, die das nicht können, sind ärmere, unvollkommene Geschöpfe, eine niedrigere Gattung von Wesen, als wir; es fehlt ihnen das Beste: die Kraft und Höhe der Seele, es fehlt ihnen die an uns sich von selbst verstehende Souverainetät des Willens. Schon ihre Art, uns anzuerkennen, ist das Zeichen der Ohnmacht: mit Hass und Neid erkennen sie uns an. Damit aber erkennen sie sich selbst, in unseren Augen, als schwach und „schlecht" an." Diese hochwichtige Unterscheidung von „Gut — böse" und „Gut — schlecht", die das Fundament der ganzen späteren Moral Nietzsche's ausmacht, steht schlicht und noch unauffällig in dem berühmten Aphorismus 45 des vorliegenden Buches. Man beachte, dass hier ..gut" und „gut" zwei toto coelo verschiedene Werthe und Visirungs- punkte sind: — indem sich der Herren -Mensch als „gut" ansetzt und alle übrigen Menschen, Handlungen, Dinge nach sich abwerthet, hat das Wort „gut" den Sinn von : Macht ausübend, Furcht einflössend, Grösse mittheilend, überlegen, wohlgemuth, des Sieges im Voraus gewiss; — beim Sklaven -Menschen aber, dem nichtherrschenden, abhängigen Menschen, der sich und Seinesgleichen als „gut" ansetzt, bedeutet „gut" soviel als: ungefährlich, gutmüthig, nicht hart, nicht streng, leicht zu düpiren, durch Leid und Freud Anderer leicht zum Mitgefühl zu bringen (selbstlos, altruistisch). Aus jenem „gut" heraus werthet die antike Welt : ihre Werthungsweise (Moral) war aristokratisch, der Ausdruck des Willens zur Macht, d. h. des aufsteigenden Lebens; — aus diesem „gut" heraus werthet das Christenthum und der moderne Demokratismus : ihre Werthungsweise ist der Ausdruck des niedergehenden Lebens, des erkrankten Willens, der psychophysischen Decadencc. — Unsere moderne Moral ist nach Nietzsche eine Mischung aus beiden Gegensatz -Muralen. „Der moderne Mensch Uigitized by XXV (heisst es im „Fall Wagner" S. 57) stellt, biologisch, einen Wider- spruch der Werth e dar, er sitzt zwischen zwei Stühlen, er sagt in Einem Athem Ja und Nein. Wider Wissen, wider Willen haben wir Werthe, Worte, Formeln, Moralen entgegengesetzter Abkunft im Leibe, — wir sind, physiologisch betrachtet, falsch (double)..:1 Durch Nietzsche ist die Unterscheidung: Herren -Moral („Gut — schlecht") — Sklaven-Moral („Gut — böse") zum ersten Mal in die Moral-Philosophie eingeführt worden: und ihren ersten Ausdruck findet sie, wie gesagt, bereits im gegenwärtigen Buche, — zum Zeichen dafür, dass Nietzsche den Umfang der Moral völlig anders, als Ree, fasste. Für Ree ist mit der Utilität Alles abgewerthet, auch die Affekte: — für Nietzsche dagegen ist die Utilitätsmoral nur eine Enclave in dem grossen Kreis der Moral. Dass der spätere Nietzsche, wie ich öfter sagen hörte, vom Utilitarismus gänzlich abgekommen sei, ihn für einen Irrthum gehalten habe, ist nicht wahr. Wahr ist nur, dass Nietzsche in der späteren Zeit sein Augenmerk fast nur noch der Herren-Moral (deren erster Lehrer er heute ist) zugewandt hatte, — jener Moral, in der der grosse Affekt, der hohe Wille, der Instinkt der Ausnahme-Menschen, der Gedanke der Züchtung einer erlauchteren Gattung Mensch im Vordergründe steht, kurz, in der Alles vehemente Leidenschaft für erhabene Ziele ist, — in der folglich nicht nur die Werthungsweise der berechnenden Klugheit (wegen des pathetischen W'esens der Herren -Moral) kaum zu Worte kommt, sondern der Nützlichkeits-Maassstab selbst ein sehr viel anderer ist als der unsrer Nützlichkeits-Moral. Diese nämlich gehört wesentlich in 's Bereich der Sklaven-Moral: gut, nützlich gilt in ihr vor Allem Das, was dazu dient, mangelhaften, irgendwie leidenden Menschen das Dasein zu erleichtern, — daher die hohe Schätzung des Mitleids, der Fügsamkeit, der Bescheidenheit, des warmen Herzens und ver- wandter Tugenden. Die Herren, die Völkerbeweger, die grossen Anstossgeber würden mit solchen Tugenden ihr eigenes Selbst ver- neinen; — und was ihre persönliche „Nützlichkeit" betrifft, so kann sie nur vom Richterstuhl des grossen Lebens aus, des in Milliarden von Individuen zersprengten Lebens, begriffen werden, d. h. von jener Moral aus, für die das aufsteigende Leben, wie es sich im souverainen, grosse Wirkungen ausübenden Menschen objektivirt, der erste aller Werthe („gut") ist, — also von der Herren -Moral, der Moral „Gut — Schlecht" aus, jener Moral, die jenseits von „Gut — Böse", jenseits unsrer herrschenden kurzsichtigen Moral liegt. XXVI Man beachte, dass mit der von Nietzsche geforderten Unter- scheidung zweier Moralen (die mehr oder weniger in jedwedem Abhängigkeitsverhältniss existiren) das Problem vom biologischen Werth der Moralen mit aufgeworfen ist. Nietzsche geht schon hier über die alte Moralisten- Frage „Was ist gut?" hinaus und fragt: „Wer ist gut? Sehen wir uns den Guten an!" — wobei denn herauskommt, dass der „Gute" in der Sklaven-Moral nur ein Gegen- werth gegen den „Guten" in der Herren -Moral ist: nichts Erstes, Originales, sondern ein blosser Reaktivwerth. Das Urfaktum der Moral ist nämlich nicht das Urtheil „diese Handlung ist nützlich, jene schädlich" und „der Mensch, der jene Handlung thut, ist gut, und der diese thut, ist schlecht", — sondern das Urfaktum der Moral ist das Werthgefühl: „Ich bin gut und Alles, was meiner Art ist, ist gut"! Und der Erste, der dies sagt, ist der hochgeartete, prachtvoll gerathene Mensch, — der damit nichts Anderes ausspricht, als was Natur an ihm ist: sein ungewolltes, zweifellos und ohne sein Zuthun vorhandenes Uebcrgewicht über die unvollkommneren Wesen um ihn herum. Der Zweite, der sich „gut" nennt, nämlich der von diesem Ersten dirigirte Mensch, meint damit: „Gut ist, wer kein Ueber- gewicht hat." (Bekanntlich verfuhren auch ganze Völker, wie hier der Erste: die Namen, die sie sich selbst beilegten, waren häufig lobende, ehrende Namen; die aber, welche sie Nachbarvölkern gaben, waren meist verächtlicher Art, verkleinernd, spottend, — nach Ratzel's Anthropogeographie II, 563.) Immer und unwillkürlich strebte Nietzsche's Grundwille, der ein Herren- Wille war, den soeben skizzirten Erkenntnissen zu: ihre Keime sprossen bereits hier, in „Menschliches, Allzumenschliches", aus dem Boden. Nur wer selber von hohem Range war, konnte die Frage der menschlichen Rangordnung, der Verschiedenheit der moralischen Perspektiven, der Verschiedenwerthigkeit der Individuen mit so ein- dringendem Blicke sehen und lösen ( — jeder Moralist verräth, wie sein erstes Versuchs- und Beobachtungsobjekt — er selber — be- schaffen und gewerthet ist). Von Ree 's Philosophie aus führt jeden- falls keine Stufe dahinauf: Ree empfindet zu modern, zu gleichheitlich, er hat keine Härte, er überschätzt das Mitleidsgefühl, er unterschätzt den Egoismus, seine Betrachtungsart steht immer noch zu sehr unter dem Vorurtheil unsrer sanften menschenschwächenden Moral, er lässt das Gerechtigkeitsgefühl aus dem Strafen, nach dem Strafen entstehen: während das Strafen aus dem Gerechtigkeitsgefühl entsteht (nach Digitized by Google XXVII Nietzsche entsteht alles Strafen aus der Rache; — Rache unter Gleichgestellten gehört nach Aph. 92 in's Bereich der Gerechtigkeit); er setzt den Nutzen als etwas Geringes an, als Etwas, das Scham macht und daher bei der guten Handlung vergessen worden sein müsse (S. 17 seines Buches; an dies Vergessen glaubte damals auch Nietzsche: es war der einzige Punkt, in welchem er sich mit Ree berührt: in allem Uebrigen wird ihn der scharfsinnige, nachempfin- dende Leser differirend finden). Genug nun der Parallele! — Rees Buch „Der Ursprung der moralischen Empfindungen" bleibt, trotzdem es durch Nietzsche völlig überholt und in Schatten gestellt worden ist, höchst bemerkenswerth in der Moralphilosophie: wahrscheinlich ist es unter deutschen Moralbüchern das erste, das auf den Mctaphysiker- Glauben an eine immanente Moral verzichtet und die Moral als geworden darstellt; in formeller Hinsicht sodann verräth es eine feine Hand, einen strengen Geschmack: es ist auch hierin eine Ausnahme unter deutschen Büchern. — In dem Widmungs-Exemplar des „Ursprungs der moralischen Empfindungen", welches Ree Nietzschen verehrte, stehen folgende für Ree's anspruchslosen, liebenswürdigen Sinn zeugende Worte: „Dem Vater dieses Buches die Mutter". Diese Widmung ist zu bescheiden; sie übertreibt das Verdienst Nietzsche's um das Buch Ree's ebenso, wie Frau Andreas das Verdienst Rees um das Buch Nietzsche's übertreibt. Ree vermochte nicht die Wirkung zu empfangen, die von Nietzsche ausging: dazu waren Beide essen- tiell zu verschieden. Das sorrentiner Manuscript ist leider verloren gegangen: es ent- hielt noch manche Abschnitte, die zwar nicht in's vorliegende Buch aufgenommen werden konnten, die uns aber zur Charakteristik des damaligen Nietzsche jetzt hochwillkommen sein würden. So entsinne ich mich u. A. eines etwa zwei Quartseiten füllenden hymnischen Stückes, in welchem er das Allegrelto der Beethoven'schen A-dur- Svmphonie auf eine bedeutende Weise in Beziehung zu sich gebracht hatte: — jeden Morgen nämlich ging Nietzsche, oberhalb Sorrent, an Cypressen und wilden Rosen hin, seinen Gedanken nach: die Schattenseligkeit dieser Gedankengange nun war es, die für ihn in jenem geheiranissvollen Allegrelto ausklang und der er auf eine visionäre Art in Worten Ausdruck gegeben hatte. Das Stück stammte aus dem Anfang des sorrentiner Aufenthaltes (etwa November 76), aus der Zeit also, da er noch unter dem verblüffenden Eindruck von . Digitized by Google XXVIII Wagners Verchristlichung stand und sich gewiss oft wie ein Mensch unter blossen Phantomen vorkam. Der Stimmung nach lag das Stück zwischen den Schaudern der „Hadesfahrt" (II. Bd., Aph. 408) und dem heroisch-idyllischen Entzücken des Et in Arcadia ego (Wanderer, Aph. 295), doch mehr nach dem letztern hin: ■ — ein neues Leben wurde begonnen, mit vollem Bewusstsein, unter heiligen Eiden. Seitdem ich, im Herbst 77, dies Stück kennen lernte — leider aus zu flüchtiger Lektüre — , sehe ich Nietzsche, sobald ich mir ihn nach Sorrent denke, immer im Lichte dieses Stückes: — wie er, vom Geiste getrieben, am Gebirge hinstreift gleich Beethoven selber: wie er mit kälterem, aber schärferem Blick als früher in die Welt schaut und, trunken dieses neuen Anblicks, zu ihr eine Complementär- welt neuer Erkenntnisse und Ausblicke hinzuschafft. Was er dort oben schaut, ist ein neues Bild des Menschen, — zunächst des weisen Menschen, der sich über die Moral „Gut — Böse" (über unsere Moral) erheben darf, weil er aus zu edlem Blute stammt, zu geistig und seiner selbst zu sicher ist um die beschränkende Aus- sicht und den Fanatismus des sich moralisch erst binden- und er- ziehen-müssenden Menschen noch nöthig zu haben. Die Summe von Superstitionen und Voreingenommenheiten, welche die Moral vom Menschen fordert, zumal die unverhältnissmässige Ueberschätzung der nur Art-erhaltenden oder gar Art-schwächenden Menschen-Exemplare zu Ungunsten der Art-fördernden ist für die letzteren nicht nur über- flüssig, sondern eine Gefahr. „Dem Menschen sind viele Ketten angelegt worden, damit er es verlerne, sich wie ein Thier zu ge- bärden: und wirklich, er ist milder, geistiger, freudiger, besonnener geworden, als alle Thiere sind. Nun aber leidet er noch daran, dass er so lange seine Ketten trug, dass es ihm so lange an reiner Luft und freier Bewegung fehlte: — diese Ketten aber sind, ich wieder- hole es immer und immer wieder, jene schweren und sinnvollen Irrthümer der moralischen, der religiösen, der metaphysischen Vor- stellungen. Erst wenn auch die Ketten- Krankheit überwunden ist, ist das erste grosse Ziel ganz erreicht: die Abtrennung des Menschen von den Thieren. — Nun stehen wir mitten in unserer Arbeit, die Ketten abzunehmen, und haben dabei die höchste Vorsicht nöthig. Nur dem veredelten Menschen darf die Freiheit des Geistes ge- geben werden; ihm allein naht die Erleichterung des Lebens . und salbt seine Wunden aus." (Wanderer, Aph. 350.) Digitized by Google Es war ein Meistergriff Nietzsche's, diesem Typus Mensch den Namen „Freier Geist" — und nicht den des „Philosophen" — zu geben. Der freie Geist schwingt sich weit über den bisher gekannten Philosophen und dessen Vordergrunds- Weisheit hinaus: er ist ein Enfant terrible, das hinter alle Schwächen kommt, auch hinter die der Philosophen, und das insofern zu den grossen Leben- und Wahrhaftigkeit- fördernden Mächten dieser Erde gehört. Und woher kommt ihm diese Tiefe des Durchschauens, diese himmlische Schonungslosigkeit, diese Härte der Anforderungen, diese Verachtung alles Feigen, Bequemen, Femininischen am Menschen? — Zuvörderst natürlich aus dem Kern seiner Lebenskraft selbst; damit aber diese Lebenskraft eine solche Höhe des Heroismus, gegen sich und gegen Andere, erreichen konnte, bedurfte es (in den Vorfahren des Freigeistes und in ihm selbst) der strengsten Zucht und Uebung, — und zwar der Zucht mittelst der selben moralischen Imperative, zu denen als intellektuelle An- hängsel eben jene Illusionen, jene mythischen, metaphysischen und bio- logisch unrichtigen Vorstellungen erfunden wurden, welche der Frei- geist als Hinderniss einer noch strengeren Fassung jener Imperative erkennt und die er, wie eine Binde von den Augen, endlich von sich nimmt. Der „Freigeist", wie ihn Nietzsche versteht, ist eine Höherent- wicklung des bisherigen moralischen Menschen, in jedem Betrachte. Was die Anderen sich noch anzuzüchten haben, das hat er, und hat es geläuterter, reiner, rigoroser, machtvoller als Jene. Er ist ein Feind alles Schwachen, — das Meiste nämlich, was der jetzige Durchschnittsmensch für Moralität anspricht, ist Schwäche — unter schönen Namen: Furchtsamkeit, Gleissnerei, Anpassung, Eitelkeit, Bequemlichkeit, Widerstandsunfähigkeit: nichts Aktives, Wachsendes, Schöpferisches, kein Werkzeug zur Erhöhung des Typus Mensch. Der Freigeist, wie ihn Nietzsche versteht, hat auch nichts gemein mit den „Freidenkern" unserer Tage: — diese alle sind mehr oder weniger Demokraten, Abschaffer der höheren Werthe, Weiber-Eman- eipatoren, Gleichheits-Apostcl, durch die Wissenschaft seelisch verarmt und verroht, statt voller, edler, reicher geworden, ■ — zumal er- mangeln sie der religiösen Instinkte. Sie wissen Nichts davon, dass mit dem Nicht-mehr-für-wahr-halten der religionsmythischen Vor- stellungen keineswegs die religiösen Empfindungen ausgerottet werden sollen! Der Freigeist Nietzsche's setzt gerade vor diese er- habenen, ahnungsvollen, hoffnungsseligen- Empfindungen sein Ziel (—ihr ehemaliges Ziel war vornehmlich nihilistisch : eine Gottähnlichkeit nach XXX dem Tode). Religion und Moral sind es gewesen, die der mensch- lichen Seele eine so hohe idealistische Spannung gaben: aber dieser straft" gespannte Bogen war ins Blau des Himmels gerichtet, in's Nichts. Nietzsche weist diesem Bogen ein irdisch erreichbares Ziel an und legt schliesslich einen anderen Pfeil der Sehnsucht darauf: die Lehre vom Herren- und Uebermenschen , vom Menschen des aufsteigenden Lebens. Man wird Nietzsche nie unter den Verächtern der religiösen Empfindungen finden, so oft er auch über die wunder- liche Logik der Mythen und Dogmen, also über das intellektuelle Zubehör jener Empfindungen, lachen mag. (Das Wort „PfafP' z. B., mit welchem unreife „Freidenker" so gern um sich werfen, wird man in diesen Büchern vergebens suchen; Nietzsche weiss, wie nöthig der Priester ist: eine atheistische Menge, ein religionsloses Volk dünkt ihm ein Greuel; Religionen, selbst noch in Verdünnungen wie der des Spinozismus, sind Mittel der Züchtung und nur den höchsten Menschen entbehrlich.) — Nietzsche's Religiosität ist das Gegenstück der christlichen: diese strebt ja die Verkümmerung des Menschen an, um ihn in Disharmonie mit der Welt zu bringen und damit zu verjenseitigen! Gleichwohl sympathisirt Nietzsche mit den Frommen, mehr als mit jenen Flach- und Freidenkern, und zwar um ihres Ungenügens an sich willen: diese Unzufriedenheit der Frommen, diese instinktive Verurtheilung des eigenen Missrathen- seins ist ein Schritt in der Ueberwindung des Menschen, des Allzumenschlichen, des Erbärmlichen in ihm. Der Fromme strebt nicht nach Glück und Wohlbefinden, sondern nach dem „Heil der Seele", das ohne Leiden nicht zu erlangen ist; die Missachtung des Schmerzes kennzeichnet den Plebejer, — der Fromme empfindet hier vornehm. Im Frommen lebt unbestreitbar die Begierde nach einer höheren Existenzform des Menschen: die Verachtung des Menschen, wie er ist, war die Erfinderin der religiös - metaphysischen Denkweisen, sie trieb ihn hinter die Sterne und damit leider in's — Nichts. Anstatt mit aller Absicht und Kenntniss an der Zu- kunft des wirklichen Menschen zu bauen, gravitirt die christlich fromme Seele nach dem Unmöglichen hin. nach einem Ideal, das — als aus einer müden, also missverständlichen Auflassung des Lebens stammend — für den hochgearteten Menschen nichts Wünschens- werthes hat: — diesem Ideale fehlen ja gerade die Züge des Lebens! des grossen Lebens! (Werden, Kampf. Veränderung, Katastrophen, Affekt-Contrastc u. s. w.) Digitized by Google XXXI Der Freigeist, wie Nietzsche diesen Typus darlebte, bildet eine Uebergangsstufe im philosophischen Leben. Er ist, nach der Ver- gangenheit hin, eine Ueberwindung des bisher gekannten Philo- sophen mit seinen dogmatischen Grundhängen, seinem platonischen Glauben an ewige starre Begriffe, ewige Werthe, ewige Formen, seinem vorzeitigen Willen zu festen Horizonten, zum System, das heisst, Alles in Allem: mit seinem Willen zur geistigen Verknöcherung, zum Still- stand, zum Glauben dass es in der Analytik der Vorstellungen und Empfindungen, desgleichen im Synthetisiren derselben, Grenzen gebe, Grenzen, an denen er, der Philosoph, angelangt sei. Mit Alledem war der bisherige Philosoph inneren Imperativen unterthan, über deren Herkunft und Werth sich Rechenschaft zu geben ihm nicht in den Sinn kam. — Wie ein Sturmwind weht Nietzsche's Geist in die Gärten dieser Philosophen: Dächer hebt er ab, entwurzelt Bäume, verwüstet Beete und Gewächshäuser, Alles fegt er weg. „Den Boden lasst uns sehn, aus dem eure Bäume wachsen! Die Imperative lasst uns sehn, die eurem Denken und Schätzen souffliren! . . Ihr seid ein lebendiges System von Werthschätzungen : — was sind eure Werthschätzungen werth? was sind eure Nerven, euer Blut, euer Organismus werth? . . was ist euer Weltbild, das Produkt dieses Organismus', werth ? euer Urtheil über 's Leben, über euch ? . . und zwar vom Gesichtspunkt der Natur, der Physiologie aus! — Auf Fäulniss und Sumpfboden wohnt ihr ! Aus schwammigem Mull wachsen eure Bäume! Ihre Kronen sind rostgelb und braun! Die Luft, die ihr athmet, ist modrig und feucht ! Ihr seid Anwälte des niedergehenden, sich erschöpfenden Lebens, Volksstimme, Sklavcnstimme , Philister- stimme! Euch fehlt die aufgespeicherte Kraft, die sich opfern will weil sie muss! Euch fehlt die grosse Grausamkeit gegen euch, die Zeugerin der Tiefe und des Reichthums der Seele! Ihr schont euch! Ihr seid Fanatiker euer selber! eurer Schwächen, eurer Bornirtheit! Aus euch redet der Niedergang, die klägliche Verneinung des grossen Menschen, die klägliche Bejahung des kleinen Menschen! . . Alter wohlan! euch will ich Kopfschmerzen machen, euch will ich der ..Herold der Vernichtung"*) heissen, der Beschämer des Menschen der Armuth und Unnatur! Denn was ich baue, wie konntet ihr das sehn? Welche Luft ich athme, wie könntet ihr das riechen? Was ich bin, was ich will, — wie könntet ihr mir in meine Höhen *) Titel eines von Freiherrn Dr. von Bc-rger in Wien gehaltenen Vortrag über Friedrich Nietzsche. XXXII nachsteigen? — Ich will, dass ihr aufhört, euch und euer Menschen- Ideal für das Ziel der Menschheit zu halten: nur Mittel, Werkzeug, Brücke zu meinem Menschen sollt ihr sein. Ich will den Menschen, ohne dessen Dasein das eure eine Sinnlosigkeit, ein Körper ohne Kopf, ein Planetensystem ohne Sonne ist. Und wenn ihr nicht mit und zu meinem Menschen streben könnt, so mögt ihr ihm immer widerstreben: er wird euch doch in seine Kreise bannen! Ihr wollt ihm entfliehen, wollt in die Zügellosigkeit, ihr knirscht unter seinem Zwange, ihr hasst seine Macht: aber thut, was ihr wollt, — er ist durch eure Auflehnung nicht widerlegt, sondern — bewiesen! Was ihr wollt, ist: dass Niemand auf andrem Boden stehe, als auf dem euren! Was ich will, ist: dass die Besten sich auf meinen Boden verpflanzen, eure Niederung verlassen, eure Luft verachten lernen, in der Alles dumpf und stumpf, gemein und klein und immer kleiner wird! Was ihr wollt, ist: dass Niemand hervorrage, — dass es nur Einen Stand gebe: den, der jetzt der Werte ist, der die meisten Stimmen hat , eure Rechte geschenkt bekam , dessen niedrigste Individuen ihr als vollkommen gleichwiegend mit euren höchsten anerkanntet und der euch folglich — in den Staub treten wird. Was ich will, ist: dass es eine Mannich faltigkeit Hervor- ragender gebe, in denen eure nachgiebige Art überwunden ist. Ihr wollt ein Volk von Gleichen. Ich will, was die Natur will: die Ungleichheit . . . Nicht Alles ist für Alle, am wenigsten ist es meine Lehre. Mit ihr sollt ihr Vielen nicht einmal etwas anzufangen wissen: weder dürftet ihr das, noch würde es euch gelingen. Ich will weder ein Volk von Königen (wie ihr in eurem unheilbaren Gleichheits- wahne meint), noch will ich ein ganzes Volk von Knechten. Aber ihr — was wollt denn ihr? . . Aus Königen Knechte machen! aus Ungleichen Gleiche! aus Fliegenden Kriechende! aus Gesunden Kranke! — — Ich lehre den Herren - Menschen. Ich lehre den Menschen, welcher Herr seiner selbst wird. Der Mensch ist keine Einheit, er ist eine Vielheit von Trieben, er gleicht einem Volke mit niederen , höheren und höchsten Ständen. Es giebt Herren und Sklaven in euch: eure niederen Triebe stehen gegen die hohen auf, — sie sind schon zu Herren geworden, ob ihr es gleich nicht wisst. Ich lehre, dass ihr die niederen Triebe zu Sklaven eurer hohen machen sollt. Ich lehre, dass alles Niedre nur um des Hohen, Gestaltenden willen dasein darf, in sich aber keine Recht- fertigung tragt. Euch Wenigen, die ihr euch zu befehlen und zu Digitized by Google XXXIII gehorchen wisst, die ihr gezüchtet und erzogen seid zum Herrschen über euch, und damit zum Herrschen Über Andere, — euch Wenigen nur gilt meine Lehre. Ihr, die Strengen, die Vornehmen, die Un- gemeinen, in einem Zeitalter, das alle Unterschiede, alle Werthe weg- wischt, alle Gebirge zu Flachländern macht, auf alles Missrathen und Niedergehen allein sein Herz und Auge heftet und ebendann fast den Inbegriff der Moral sieht, — in euch nur, den Unbeirrten, den Weg- und Hinaussehenden, liegt die Bürgschaft der Erhöhung des Typus „Mensch". Ihr allein seid Wachsende, ihr müsst empor, ihr könnt nicht in die Gleichheit, ihr seid Andere, als Jene, die sich gehen lassen, keine Vorrechte behaupten und Alles thun, um ihren Rest Mensch und Mann auf moralische Weise endlich ganz loszu- werden. Ihr Seltenen , ihr Unterschiedenen allein , empfindet die Krankheit des Zeitalters. Diese Unfähigkeit zum Seelenbau, diese Haltlosigkeit, dies Sich-sinken-lassen, diese Hirn- und Herzverweich- lichung, die heute Moral heisst, — ihr wittert sie aus Allem heraus, was jetzt gefühlt, gedacht, gemalt, gemeisselt, gesungen, gedichtet, gelehrt, gepredigt, geforscht, gefunden, bio- und sociologisirt, joumalisirt und politisirt wird. Des Pudels Kern in Alledem ist der Geist des Zugeständnisse-machens (von Seiten der höheren Triebe und Menschen an die niederen), des Unterschied-Aufhebens, des Ausgleichs, der Herabmilderung, der „Versöhnung". Aber ihr Hochgebornen , auf die allein es in allem Völkerleben ankommt, dürft und könnt nicht ausgleichen! Gleich-werden ist nothwendig der Nieder-, ja Untergang der hohen Menschen, d. h. der Völkerziele. Schliesst euer Ohr vor den Wahnlehren dieses hoffnungslosen Mischmasch-Zeitalters! Habt den Muth zu euch, zur grossen Verantwortung! Befestigt eure Art in der Einsamkeit, um nach einem Jahrzehnt machtvoller zu eurem Volke zurückzukehren! Löst euch los von der Heerde, ihr Wenigen ! Werdet „Freie Geister", frei von der Herabstimmungs- moral „Gut — Böse". Eure Moral sei mit allem Bewusstsein die, welche ihr leiblich darstellt und an der euch irre zu machen Alle beflissen sind: die Moral „Gut — Schlecht", die „Herren- Moral." So und ähnlich empfindend denke man sich Nietzsche in dieser zweiten Schaffensperiode (ich sage ausdrücklich „empfindend": denn es war vorerst der Herren-Instinkt, der aus Nietzsche sprach, noch nicht aber das klare theoretische Bewusstsein über diesen Instinkt und seinen Gegensatz). 3 Digitized by Google XXXIV Der „Freigeist" ist, wie ich vorhin sagte, eine Uebergangsstufe im philosophischen Leben. Nach der Vergangenheit hin ist er eine Ueberwindung des bisher gekannten gelehrtenhaften Philosophen : nach der Zukunft hin aber ist er die Vorstufe eines neuen Typus des Philosophen. Die Aufgabe dieses Nietzsche'schen Philosophen selbst (des Zarathustra-Menschen) ist die Züchtung einer herrschenden Kaste aus dem Materiale der freien Geister, — die Züchtung einer aristokratischen, antidemokratischen Rasse xax ^ioj^v. Die welt- historische Bestimmung dieser Rasse kommt im vorliegenden Werke bereits durch den Gedanken ökumenischer, die Erdregierung betreffender Ziele zum Ausdruck. Stärker klingt diese Bestimmung in den späteren Schriften, zumal in „Jenseits von Gut und Böse" und der „Götzen- dämmerung" an: ihren bestimmtesten Ausdruck aber sollte sie in dem Hauptwerke „Der Wille zur Macht" finden. Man versteht nun den Sinn und Zweck von Nietzsche's Moralisiren. Nietzsche will den Rangunterschied zwischen hohen und niederen, vornehmen und gemeinen Menschen im innersten Lebenskern erfassen, um die Bedingungen lehren zu können, unter denen jene Wesen ent- stehen, die in höherem Maasse herrschende, als gehorchende sind. Es gab bisher keinen sicheren Maassstab für diesen Unterschied. Um ihn zu finden, musste die Frage vom Werthe unsrer (der christlich- demokratischen) Moral für das Wachsthum der Völker und Individuen aufgeworfen werden, — was zu thun noch keinem Moralisten einge- fallen war. Mit der Herren- und Sklaven- Moral ist jener Maass- stab gegeben. — Es versteht sich von selbst, dass beide Moralen nicht erlernbar, nicht blosse intellektuelle Werth-Optiken sind, die man wie Wahrheit und Irrthum eines Tages annehmen oder aufgeben kann: sie wurzeln vielmehr tief im Geblüt und sind aus dem einzelnen Menschen durch blosse Veränderung seiner gesellschaftlichen Stellung noch nicht herauszubringen; es bedarf der Seelenarbeit mehrerer Generationen, um den Sklaven im Geblüt zu überwinden und einen Herrenmenschen zu Stande zu bringen, dessen schöpferischer Wille hoheitlich genug ist, um die Opfer, die sein Wille von Anderen heischt, nicht nur erträglich zu machen, sondern um diese Opfer sogar gern, ja mit Begeisterung gebracht werden zu lassen. Ein wahrhaft Befehlender, ein Herrenmensch, ist Der noch keineswegs, welcher barsch mit dem Munde kommandiren muss und obendrein Groll und Widerstand findet; der wahrhaft Befehlende denkt kaum daran, ein Befehlender zu sein: was ihm an Menschen zugehört, stellt sich von Digitized by Google XXXV selbst in seine Dienste, schaart sich um ihn, fliegt ihm zu nach jener Mechanik, die den kleineren Körper dem grösseren zueilen heisst: er macht aus Dienenden beinahe Herren. Alle wahrhaften Herren waren solche hinreissende Menschen. In physiologischer Hinsicht sind sie Das, was man „Rasse-Menschen" nennt; ihre Seelen-Art ist nur auf der Grundlage einer gelungenen Leiblichkeit möglich; ihr Wohlsein und Wohlwollen, ihr Vertrauen, ihr Hoffen wächst aus der Fülle ihrer Kraft Alles, was sie thun, geschieht leicht, spontan und mit jener Sicherheit, die nicht an die Möglichkeit des Misslingens denkt; sie sind im Grund ihres Herzens Optimisten. Sie sind mehr, als nur „gut" (unschädlich, nützlich): zum Gut-sein, im Sinne des nicht- schöpferischen, nur seiner Erhaltung lebenden Menschen, gehört nur die nachahmende Ausübung der Sitte: — die Herren dagegen, als zeugende, schaffende Menschen, gehen notwendigerweise über das Herkommen hinaus, geben ihm einen neuen Sinn oder schaffen es selbst neu, — sie sind mehr, als nur gut: sie sind edel. — Der Sklavenmensch dagegen ist kein spontan-aktives Wesen, seine Aktion ist vor Allem Reaktion nach Oben. Er ist Entrüstungs-Pessimist, d. h. er weiss, dass er den höheren Dingen und Menschen nicht gewachsen ist: mit Scheelsucht und niederträchtigen Muthmaassungen schafft er seiner Ohnmacht Genugthuung für diese Thatsache, — er rächt sich fortwährend, in Gedanken und Gefühlen, und oft unter so unschuldig blickenden Masken, Dogmen und Principien, dass nur bei sehr scharfem Hinsehen als deren Urheber der Instinkt der Rache zu erkennen ist. Mit dem Gedanken einer himmlischen Seligkeit für Die, welche auf Erden keine Herren sein können, und einer Hölle für Die, welche keine Sklaven sein können, haben wir ein solches Produkt des Ressentiments vor uns ( — das Christenthum verstehe man als jüdische Auflehnung theils gegen die priesterlichen Macht- haber, theils gegen die römischen Statthalter und deren militärisches Gefolge; — man bedenke, wer der „Reiche" ist, der schwerer durch's Himmelsthor geht, als ein Kameel durch's Nadelöhr). Mit dem demo- kratischen Gedanken einer „Gleichheit Aller", d. h. der Abschaffung der besser und best gelungenen Menschen, haben wir ungefähr das selbe Produkt vor uns: nur in unmythischer Gestalt, der Realität näher gerückt. — Menschen, die durch das Vorhandensein überlegener Menschen zum Innewerden ihrer Minderwerthigkeit, zu Neid, Groll und Entrüstung gezwungen sind, also psychisch hasslicher werden, werden auch körperlich hässlich: ihre Nervenkraft kann sich nicht 3* Digitized by Google XXXVI völlig entladen, sie muss auf halbem Wege umkehren, heimliche Wuth nagt an allen Organen, ihre Galle vergrössert sich, ihr Stoffwechsel ist mehr Zersetzung, als Aufbau. Die Nachkommen solcher nieder- gehaltenen Menschen werden, auch wenn sie die Unabhängigkeit er- langen, noch lange Ressentiment-Menschen bleiben. Unter einander Übrigens, wenn sie nicht auf Mächtigere hinzusehen brauchen, sind sie sich meist ganz erträgliche Wesen. — Als Beispiel eines Herren- menschen auf hoher Kulturstufe diene uns Goethe, als Beispiel eines Ressentiment-Menschen Rousseau. Um zu erfahren, welchen Ranges ein Mensch unsrer Zeit ist, prüfe man seine Sympathie oder Anti- pathie in Bezug auf den Einen und den Andern. Einem mit Rousseau empfindenden Menschen wird Goethe ein unerträgliches Wesen sein. Aus einer Anzahl verschiedener journalistischer Arbeiten über Nietzsche musste ich entnehmen, dass Manche nicht wissen, zu welchem Zwecke die Psychologie der Herren- und Sklaven-Moral unternommen wurde. Eine solche Nicht-Wisserin ist — nach ihren in der „Neuen Freien Presse" (vom 16. und 17. Juni 1893) erschienenen „Erinnerungen an Friedrich Nietzsche" — die eingangs erwähnte „IdealLstin" Malvida v. Meysenbug. Diese Dame lernte Nietzschen, gelegentlich der Bayreuther Grundsteinlegung, durch Wagner's kennen. Als alte Schopenhauerianerin und Wagnerianerin stimmte sie Nietzschen nur so lange bei, so lange sein Wollen mit dem der Bayreuther parallel zu laufen schien, also bis zur IV. Un- zeitgemässen Betrachtung. Von „Menschliches, Allzumenschliches" ab wusste sie mit seiner Denkweise nichts Rechtes mehr anzufangen; trotzdem — denn Nietzsche war im persönlichen Umgang ferne davon, sein eigener Apostel zu sein — trotzdem blieb es, in aller Aufrichtigkeit, bei der früheren gegenseitigen Verehrung und Freund- schaft. Nietzsche war nicht böse, wenn ihm diese Freundin z. B. schrieb: sie hoffe, er werde wieder — zu Schopenhauer zurückkehren! Sie meinte damit, was sie in dem oben erwähnten Artikel weniger unzart ausspricht: sie habe immer gehofft, Nietzsche werde zu den Gedanken seiner ersten Periode zurückkehren. Gewiss, sagt sie ferner, wäre (nach dieser Umkehr) das Grundprincip seiner Philosophie nicht das der zweiten Periode, also nicht das der Herren- und Sklavenmoral geblieben, sondern — „der Nietzsche der dritten Epoche „würde zum Grundprincip seiner Philosophie kein anderes gewählt „haben, als das schon in der ersten Epoche ausgesprochene, welches Digitized by Google XXXVII „ich hier wiederhole: „Der Grundgedanke der Kultur, insofern diese „jedem Einzelnen von uns nur Eine Aufgabe zu stellen weiss, ist: „die Erzeugung des Philosophen, des Künstlers und des „Heiligen in uns und ausser uns zu fördern und dadurch „an der Vollendung der Natur zu arbeiten".*)" — Die gute Dame hat also keinen Begriff davon, dass der Philosoph, der Künstler und der Heilige — oder wie Nietzsche diese früheren Typen in seiner letzten Periode etwa nennen würde: der Erkennende, der Schaffende, der Liebende (die er in Eine Person, in den Zarathustra- Menschen zusammendrängt) — - — Herren-Menschen sind! . . Sie hat keinen Begriff davon, dass Nietzsche in diesem zweiten und dritten Entwicklungsstadium genau Das thut, was sie in ihrer Ge- dankenlosigkeit von ihm erst noch erhoffen zu müssen glaubte! sie sieht den Wald vor Bäumen nicht! sie sieht nicht, wie Nietzsche mit der Aufdeckung der Herrenmoral eben das Seelen -Mysterium aller grossen und zugleich hohen Menschen an's Licht stülpt: wie er unausgesetzt daran ist, jenen vornehmsten Typen der Menschheit diejenigen Rechte wieder zu schaffen und immer tiefer zu begründen, die ein kleinbürgerlich-humanes Zeitalter ihnen auf die inhumanste Weise wegzudeduciren sucht. Dass die Typen des Philosophen, des Künstlers und des sich selbst überwindenden Menschen in einem männlichen Kopfe nicht so cngelhaft-trieblos ausschauen können, wie in einem weiblichen, ist unvermeidlich. Es wäre schlimm, wenn es nicht so stünde. Und so wollen wir allen über Nietzsche schreibenden Frauen es noch zur Ehre anrechnen, dass sie, deren Produktivität auf anderen Gebieten liegt, zu Nietzsche's Problemen kein Erfahrungs- Verhältniss haben: es steht ihnen wirklich besser an, sich zu einem Philosophen des Altruismus, d. h. der Mitleids- (der Decadcnce-) Moral zu halten, als zu einem Philosophen der Herren -Moral: — „das Wohl Aller, mit Ausschluss des eignen, wollen" — wie lieblich klingt das in einem weiblichen Munde! — Im Bisherigen versuchte ich, Nietzsche's Tendenz, wie sie aus seiner ersten und dritten Periode deutlich wird, auszusprechen und darauf hinzuweisen, wie diese Tendenz auch in der hier an- hebenden zweiten Periode, trotz der Temperatur- Ermässigung von Nietzsche's Gefühl, die selbe bleibt: — es ist immer der von der Masse sich abhebende Mensch, der Nietzschen interessirt, er denkt ♦) „Schopenhauer als Erzieher" S. 58 (2. Aufl. S. 56). Digitized by Google XXXVIII immer nur für die Unerschrockensten, für die Seltenen, Feinen, Tiefen, Grossen, — für Seinesgleichen, hier für die „freien Geister". Mit dem vorliegenden Buche beginnt er seinen Lauf gleichsam von vorn, in einer andern Rennbahn, aber als Mensch der nämlichen Instinkte wie früher. Er untersucht die älteren Ideale , um sie neu zu schaffen, neu zu begründen; er sieht die unlogische Beschaffen- heit des Daseins, die Inconsequenz und Unvernunft in der Fundirung aller Institutionen, Systeme, Moralen, Wissenschaften, den Mangel an radikalem Denken, die Leichtgläubigkeit, Gutmüthigkeit , Philisterei, ja Bornirtheit selbst der scharfsinnigsten Menschen. Er lehrt ein unerhörtes Misstrauen, eine gütige Bosheit des Blicks, eine Skepsis, die mehr neugestaltet, als vernichtet: er lehrt eine neue Redlich- keit, er treibt alle diejenigen Tugenden, welche verfeinerte Formen der Grausamkeit sind, in eine nie gekannte Höhe; er fordert eine Selbstverleugnung (aus Stärke, — nicht aus Schwäche, wie es das Zeitalter will), einen Sinn der Opferung, eine Verachtung alles dessen, was aus der Feigheit und Behäbigkeit stammt, dass Dem, der sich an Nietzsche gestählt hat, alle übrigen Denker schwach und befangen erscheinen : — er verdirbt einem den Geschmack an allen anderen Philosophen. In dieser Schonungslosigkeit gegen sich und die mensch- lichen Dinge äussert sich jener Trieb, der Nietzschen einst zum Ent- decker des Dionysischen machte. Dieser Trieb nämlich ist selbst dionysisch, wächst aus einem Kraft - Ueberschuss : er erst bekommt die Natur, voran die menschliche, nackt zu sehen, entkleidet von den Schleiern und Nebeln, die die moralisch gebundenen Menschen über sich, zwischen sich und über die Welt gebreitet haben. Wer diesen grausamen, im SelbstzerHeischen noch lustvollen Trieb nicht hat und höchstens nur vom Hörensagen kennt, versteht Nietzsche nicht. Ein Beispiel hiezu liefert u. A. wieder Frau Andreas. Indem sie den Nietzsche des gegenwärtigen Buches immer durch Ree hin- durch sieht, ja mit Ree verwechselt, will sie finden, dass in dieser Periode jene Gesinnung bei Nietzsche zum Sieg komme, die er zuvor selbst (zumal in der „Geburt der Tragödie" und in „David Strauss") bekämpft hatte, — „die sokratische Gesinnung des theoretischen Menschen"! . . Aus dieser Anwendung Nietzsche'scher Begriffe wird abermals ersichtlich, dass Frau Andreas über Inhalt und Bedeutung derselben sich im Unklaren befindet. Der „theoretische Mensch", dessen Stammvater nach Nietzsche der undionysische Sokrates ist, deckt sich durchaus nicht mit derjenigen Art des wissenschaftlichen Digitized by Google XXXIX Menschen, welche Nietzsche hier selbst repräsentirt. Der theoretische Mensch ist vor Allem ein „vermoralisirtes" Wesen, er steckt in der Niaiserie der Heerdenmoral : durch diese ist er um seine Kraft- fülle, um die Unbefangenheit der Seele, um die Freiheit des Blicks gekommen. An sich nämlich ist die Steigerung der Intellektualität und des Bewusstseins durch die Wissenschaft nichts Undionysisches, im Gegentheil ! sie kann und soll zu einem wundenollen Werkzeug der Kraftsteigerung des Menschen werden. Aber der Wissenschafts- betrieb und die Wissenschaftler, wie sie gewöhnlich sind, — diese sind es, die ganz und gar nicht unter den Begriff „dionysisch" fallen. Der sokratisch-theoretische Mensch hat keine Vorstellung davon, wie sein Nervensystem bis in die feinsten Verästungen durchtränkt ist mit „Moralin", wie alle Funktionen dieses Nervensystems, alle seine Gefühle bis hinauf zu den scheinbar objektivsten Vernunftthätigkeiten heerdenmoralischen Einflüsterungen folgen, — wie demnach sein ge- sammtes Weltbild und Daseinsgefühl ein anderes sein könnte, wenn jene heerdenmoralische Suggestion wegfiele oder (da es ohne Suggestion nicht abgeht) an ihre Stelle eine total andere träte: die der hinab- schauenden Solitär- Menschen ( — mit der Umwerthung der mora- lischen Werthgeftihle sind alle Werthe mitumgewerthet). Der „theoretische Mensch" ist im untersten Grunde ein furchtsames Wesen: — studirt er Natur und Menschen, so geschieht es vor Allem, um in Zukunft sich ihren Kraftäusserungen möglichst zu ent- ziehen oder ihnen kleine Vortheile abzugewinnen. Sein Gegenstück, der dionysische (der Herren-) Mensch, ist ein muthiges Wesen: — er geht auf Natur und Menschen los, um sie zu überwältigen oder an ihnen zu Grunde zu gehen. Der theoretische Mensch lehrt als Bestes die Gefühlsschwächung, das Stillsitzen, die Vermeidung der Offensive, die blinzelnde Ironie, vor der selbst der Tod seinen Stachel verliere. Der dionysische Mensch dagegen, als Mensch der aufge- häuften und wachsenden Kraft, muss seine Kraft herauslassen: er sucht das Furchtbare und Fragwürdige am Dasein eigens auf, er fragt den Teufel nach Tod und Wunden; sein Wahlspruch ist „Was liegt an mir!" Nietzsche's Herankommen an unsre Moral ist solcher heroischen Art ! Man sehe nur genau hin ! Er leistet der Moral die selben Dienste, die Herkules dem König Augias leistete. — und hier, im gegenwärtigen Buche, beginnt er diese Arbeit. Er macht wieder Ernst mit der Moral : mit unsrer und mit der seinigen ! Er ahnt, wohin wir endlich gelangen, wenn wir noch etliche Jahrhunderte Digitized by Google XL in der Gefühls - Erweichung fortfahren, die jetzt (hauptsächlich seit Rousseau) als „Moral" verstanden wird: wir werden in eine bud- dhistische Ermüdung gerathen ! Und wahrlich : diese entnervende Moral mit ihrem Gerede von Tugenden, die keine virtuies, keine Stärken sind, diese Moral mit ihrer Bescheidenheit in den Anforde- rungen des Menschen an sich selbst und an die Andern, mit ihren ausdrücklichen Gelübden gegen Menschencomplexe, aus denen wir, selbst wenn wir wollten, nicht hinauskönnen, mit ihrer Transscenden- tirung der Welt durch die Phantasien kleinmüthiger, bannender Menschen, — was ist diese moderne Moral Anderes, als ein biolo- gischer Missgriff, ein Anzeichen der physischen Ermattung, des Ab- nehmens der Lebenskraft? Der starke Mensch, falls er noch vor- handen ist, wird das Opfer dieser Moral, und die längst Geschwächten schwächen sich immer mehr durch sie. — Gegen diese Moral macht Nietzsche Front. Die Erde gehört den Gesunden! Eine Moral, die beim Verschwinden des Leidens und der Schwachheit mit ver- schwinden würde (da sie vor Allem Mitleids -Moral ist), hat unter Gesunden keinen Sinn. Die Conscrvirung des Leidens sammt der hierauf bezüglichen Utilität zu erstreben kann ein Unrecht an der Höherentwicklung des Menschengeschlechtes sein. Immer stärker und voller soll auf Erden gelebt werden ! Was an menschlicher Grösse bisher dawar, was an welthistorischen Aufgaben gelöst wurde, soll nur Vorspiel und Einübung auf viel erhabenere Willensrichtungen sein. Man wird bemerkt haben, wie sich Nietzsche in diesen zwei Bünden „Menschliches, Allzumenschliches" mit mehr Wohlwollen, als früher, unserer Zeit zuwendet. Er sucht die Stärken seines Zeit- alters heraus, um diejenigen Hoffnungen an sie zu knüpfen, die er ehedem, als metaphysisch angehauchter Denker, in etwas anderer Gestalt hatte. So neu dies nämlich auch klingen mag: ehedem stand er dem „theoretischen Menschen" und dessen psychologischen Fälschungen näher, als in dieser Periode; er glaubte z. B. (unter dem Eintluss Schopenhauer's) an die Liebe und an das Mitleid als an Entselbstungen, als an „un egoistische" Triebe; er glaubte, dass das Metaphysische etwas Anderes sei, als die blosse Hinausprojicirung der Heerden-Wünschbarkeiten in's sinnlich Unerreichbare; er glaubte an die Worte von der „Uninteressirtheit" und ( >bjcktivität der höheren Menschen: während Diese gerade dadurch „höhere Menschen" sind, dass ihr „Interesse", ihre geistigen Leidenschaften weit mehr Energie haben, als die der Durchschnittsmenschen, nur dass diese Interessirtheit Digitized by Google XI. I Gegenständen gilt, welche die gewöhnlichen Menschen allerdings nicht interessiren, — in solchen und in vielen anderen Dingen, die ihre Herkunft aus der alten platonisch-sokratisch-christlichen Scheu vor der Realität nicht verleugnen, hat er hier gründlich anders denken gelernt. Hier, in dieser Periode, beginnt jene Schärfung seines Auges für alles Menschliche, die sich in der Zarathustra-Periode bis zur schonungslosen Kraft des Gorgonen - Blicks steigert. An welchem Vorbild aber lässt sich das Auge dermaassen schulen? . An einer der wirklichen Stärken unserer Zeit: an ihrer Naturwissenschaft! Diese, so sehr sie auch in manchen Theilen, von ihren Forschern her, noch Spuren des Vulgärgeistes und seiner Hcerden-Idiosynkrasie an sich trägt, erzieht doch zu einer wesentlich aussermo raiischen Betrachtungsweise und kann insofern für den höheren Menschen zu einem Mittel werden, zunächst seinen Geist von der lähmenden Falschsichtigkeit des moralisch kleinen Menschen zu befreien. „Wie heute schon der Mensch, hart geworden in der Zucht der Wissen- schaft, vor der Natur steht, so soll er fürderhin vor dem Menschen stehen" — mit diesen Worten bezeichnet Nietzsche selbst seine dionysische Gesammtrichtung. Für die moralisch und sonstwie nicht- schöpferischen Menschen liegt ja ein fertig überkommener Sinn in allen Handlungen, Menschen, Dingen: dieser Sinn wird wesentlich bestimmt durch die Art des Zieles, das sie (auch wenn sie Atheisten sein sollten) unbewusst nach Angabe der herrschenden Religion und Moral ihrem Leben stecken ( — es ist im Ganzen ein Ziel, durch das die Gattung nur erhalten, und zwar schwach erhalten, nicht aber gefördert wird). Jenen fertig überkommnen Sinn nun werden die Freigeister aus der Natur (also zunächst aus ihrer individuellen) wieder herausziehen: er ist zum grössten Theil, und mehr als die kühnsten Seelen-Analytiker argwöhnen, jüdisch-christlichen Ursprungs. Unter den ersten Mitteln, sich dieser gleichsam unterirdischen Herr- schaft der Bibel zu entziehen und einen Uebergang zur Befreiung des Geistes zu schaffen, nennt Nietzsche einmal (Wanderer, Aph. 86) neben Montaigne und Horaz die xenophontischen Memorabilien. Die damit ausgesprochene Empfehlung des „Mittler- Weisen" Sokrates, als eines vorläufigen Befreiers von der superstitiosen Moral, wird es gewesen sein, welche unaufmerksame Leser auf den Gedanken brachte, Nietzsche predige hier den somatischen Menschen. „Zu Sokrates führen die Strassen der verschiedensten philosophischen Lebensweisen zurück" (aber nicht hin). Digitized by Google XLII Eine andere „Stärke" unserer Zeit ( — nicht in den Augen Nietzsche's, sondern in denen der Zeitgenossen) ist die immer weiter um sich greifende Demokratisirung der Völker kaukasischer Rasse. Nietzsche sucht sich diese Bewegung hier durch den Ge- danken erträglich zu machen, dass mit ihr ein Kulturniveau geschaffen werde, durch das sich, wenn es zu leidlicher Höhe komme, auch diejenigen Typen proportional emportreiben lassen, zu deren Wesen es gehört, Erhebungen über das allgemeine Niveau zu sein. Nun giebt es zweierlei Menschen der Erhebung über dies Niveau: die Einen — z. B. unsere berühmten „Freidenker", Künstler, Gelehrten — sind Potenziru ngen der allgemeinen Zeitbildung; ihre Absichten, ihre Ideale liegen in der Richtung des Zeitgeschmacks, und falls sie Protestirende sind, protestiren sie im Sinne des Zeitgeschmacks. — Die zweite Art Typen der Erhebung: die „Freigeister" Nietzsche's, sind aber etwas Anderes, als blosse Potenzirungen der Zeitbildung: sie verhalten sich zu jenem Niveau sammt dessen Erhebungen wie Herren zu Beherrschten, — sie stehen von allem Anfang an über dem Zeitgeschmack, wurzeln mit ihren Instinkten nicht in demselben, sind unzeitgemäss. Sie sind in der Höhe — und die Anderen streben in die Höhe (in eine andere, als die der geborenen grands seigneurs: — die Aspiration nach der Höhe, der übliche „Idea- lismus", ist ja ein Merkmal des Sklaven -Naturells. Der Herren- Mensch dagegen ist kein „Idealist", sondern selber Ideal: als Mensch der Grösse und Höhe und eines total anderen Wachsthums, als es das der Zeitgemässen und der breiten Menge ist, muss er freilich den Letzteren oft als das Gegentheil dessen, was er ist, nämlich als Cyniker, erscheinen, zumal indem er die Triebe, durch welche die Menge am besten gedeiht und die sie deshalb geheiligt hat, für sein Gedeihen unbrauchbar, ja absurd findet.) Wenn dennoch ein solcher Unzcitgemässer, ein solcher Freigeist gleich Nietzsche, der demokra- tischen Bewegung hier noch nicht mit dem Ekel zusieht, den man von ihm erwartet, so ist es, weil er hofft, dass durch die demokra- tische Bewegung die Herren-Menschen immer deutlicher zum Gefühl und Bewusstsein ihres Abs tan des kommen werden. Unerbaulich ist die demokratische Bewegung nur, solange die Kaste noch nicht existirt, die sich über die Demokratie hinzuschichten hat. Die Sklaven sind da und arbeiten: aber noch fehlen Die, für welche sie arbeiten ( — denn Die, gegen welche sie jetzt arbeiten, sind, an Nietzsche's Maass gemessen, Pseudo-Herren und geistig meist rückständiger, als. Digitized by Google XLIII die Elite des eigentlichen Demokratismus selbst: sie gehören, ihrer Moral nach, im grossen Ganzen mit zu den Sklaven). Je höher geartet der Sklave, desto höher geartet werden seine einstigen Herren sein müssen. Und das Merkmal dieser Herren wird vor Allem die Höhe und Macht ihrer Ziele sein, die Energie des Willens, der Muth zur grossen Verantwortung, die Selbstgewissheit, die Stärke des Gemüths. Je weiter die Demokratisirung fortschreitet, desto dringen- der wird das Bedürfhiss nach solchen souverainen Menschen, und in umso gewaltigerer Ausprägung werden sie erscheinen müssen. Unter Umständen kann also der Wunsch nach ihrem Erscheinen in dem Wunsche eingeschlossen sein, dass es die Demokratie nur immer toller und blödsinniger treiben möge, — und sie wird dies, solange man den demokratischen Idealen nichts Anderes entgegenzusetzen weiss, als etwa Christenthum und Feudalismus. Es ist zu leicht, gegen so überlebte Dinge „Recht" zu haben; es ist zu leicht für die Untenstehenden, gegen eine Menschcnklasse „Recht" zu haben, die sich fast in Nichts als in der äusseren Begüterung von ihnen unter- scheidet, genau auf dem selben moralischen Boden steht, die selben niedrigen Ziele oder die selbe Ziellosigkeit, die selben Hänge und Gierden hat, die selbe Grundstellung zum Leben einnimmt und jene selbe Leere über und in sich fühlt, in der Alles „anbrüchig, anrüchig, lüstern, düster, geschwürig, verschwörerisch" wird. Die „Schuld" daran den unteren Schichten allein zuzuschieben, ist eine schlimme Rhetorik und verräth abermals die Rathlosigkeit der jetzt herrschen sollenden Klassen. — Es fehlt eben am Besten! Unser Zeitalter leidet den schlimmsten Mangel, den es giebt: es ermangelt der Menschen, welche alle Kräfte dieses an Erkenntnissen, Funden und Entdeckungen so reichen Jahrhunderts nicht nur als Polyhistoren und Encyklopädisten in sich vereinigen, sondern als Menschen der höchsten Seelen- macht diese Kräfte zu einer lebenvollcn Synthesis um- schaffen! Soweit unser Zeitalter Ziele hat, sind sie entweder illusorisch (christlich, sodann mittelalterlich) oder plebejisch (das kannibalische „Wohlbefinden Aller", bei dem nothwendig die höchsten Typen ver- kümmern und aussterben): — es sind Ziele der historischen Nach- ahmung oder der Sorg- und Gedankenlosigkeit: für die schöpferischen Menschen jener Synthesis also ohne Werth und Gültigkeit. Es liegt aber nun einmal auf der Hand, dass aus geistigen Faktoren, die der bisherigen Menschheit unbekannt waren, sich auch seelische Re- sultate und Ziele ergeben müssen, die Ihresgleichen nicht in der Digitized by Google XLIV Vergangenheit hatten. Dass solche Resultate noch nicht sichtbar wurden, hat zum Theil seinen Grund in dem schreienden Missver- hältniss, das sich zwischen dem ausgedehnten Intellektleben des mo- dernen Menschen und seinen darüber vernachlässigten Willens- und Seelenkräften herausgebildet hat. Wir brauchen Menschen aus dem Vollen! Unsere geistige Kultur heischt sie zu ihrer Ueberwältigung, Assimilation und Gesammtbeherrschung! Unsere Gelehrten, Philo- sophen, Dichter, Künstler reichen dazu nicht aus: sie alle gehen im Joch der „Gesellschafts"- (der Heerden- und Decadence-) Moral: — deswegen, einzig deswegen wurden sie schwach! Die Heerden- Moral erzieht zur seelischen Kleinheit. Die Gesammtbeherrschung der Kultur aber erfordert die seelische Grossheit, ist also eine Aufgabe für herrschaftliche Menschen, für Solche, die die Bildung nicht nur „repräsentiren", durch sie nicht „objektiv", willensschwach, entpersönlicht wurden, sondern als Menschen des grossen Affektes, als Menschen der höchsten Kraftfülle und Fruchtbarkeit den viel- fältigen Geist ihres Zeitalters aus der Hetcrogencität zur organischen Einheit erlösen. Wie aber ist dies möglich? Doch nicht etwa durch Systematisirung des geistigen Chaos'? — Nein, gewiss nicht: dies wäre ja wieder nur eine Gelehrten- Aufgabe, eine intellektuelle! — die Aufgabe ist aber eine moralische! . . Jene Synthesis kann nur unter der Einwirkung von Kräften entstehen, die nicht in der Bildungs-Masse vorhanden sind ( — wären sie vorhanden, so würde das Problem längst gelöst sein, ja, als Problem gar nicht existiren). Jene Synthesis bildet sich nur in der Seele von Menschen, deren Wille grundverschieden von dem der Zeitgenossen ist, in Menschen, die noch unverbraucht, aus jugendfrischem Geschlechte sind, über- laden mit zeugenden Kräften, ihren Mitmenschen folglich immer voraus und überlegen, folglich grundfremd. Diese Fremdheit macht sie im grossen Stile produktiv. Nehmen sie nämlich den Geist ihres Zeitalters in sich hinein, so gewahren sie mit Schauder und Ver- achtung, dass ihm genau Das fehlt, was ihnen als Sinn und Be- deutung ihres eigenen Daseins gilt. Der Geist des Zeitalters weiss Nichts von der starken Natur, von der grossen Leidenschaft, von einer anzustrebenden Erhöhung des ganzen Phänomens „Mensch", — er ist matt, ohne Antriebe zum Grossen, undionysisch, „alexandrinisch", banal und gut bis zur Erbärmlichkeit. Die Menschen aber, in denen jene Synthesis entsteht — die Herren-Menschen im Nietzsche'schen Sinne — leben in einer fortwährenden Spannung hoher Kräfte, die Digitized by Google XLV sich entladen müssen: mit diesen Kräften durchdringen sie die auf- genommene Geisteskultur. Jetzt bekommt diese eine Seele: aus der wüsten Formlosigkeit ersteht die Ordnung, die selbe, die im Seelen- bau des Herren -Menschen herrscht. Ein neues Wozu, Wohin ist aufgerichtet und sendet seine Kraftstrahlen in's Chaos, dass es sich neu gruppire und gliedere, d. h. sich in Hinsicht auf jenes WTozu neu abwerthe, neue Grade der Utilitat erhalte. Welches „Wozu" aber wäre dies ? — Kein anderes, als welches die gesammte organische Welt beherrscht: jedes lebende Wesen will Seinesgleichen zeugen. Der Herren -Mensch will die Erzeugung des Herren -Menschen (er will, mit den einstmaligen Worten Nictzsche's, „die Erzeugung des Genius"). So versteht er den Sinn und Zweck der Kultur. Nur im Dienste dieser Aufgabe giebt es eine Kultur: fehlt dieses oberste Ziel, wird es nicht mehr gesehen, so herrscht der Philister ä la Buckle, Mill und David Strauss, der kleine Mensch, der Knirps und „Erdfloh", der nun seine Rangordnung der Dinge an den Himmel schreibt und widerstandslos ein ganzes Zeitalter zu ihr — zu den Werthen und Adaptions-Tugenden der Heerde, der Masse, der „Gesellschaft" — überredet. Der Glaube aber an den „Menschen" und seine Zukunft kann nur durch grosse Menschen aufrecht erhalten werden: — fehlt diese Gattung Mensch, so zeigen sich so- fort die Ansätze zur Rückbildung in's Affenhafte, — oder Ermüdung und Hoffnungslosigkeit: Nihilismus. Die Erzeugung einer herrschenden starken, überlegenen Rasse (die durch andre Tugenden vollkommen wird, als durch welche mittelmSssige Naturen „vollkommen" werden) ist ein Gebot der Not- wendigkeit. Dieses Gebot lehrt, als der Erste, Nietzsche. Sind die aristokratischen Werthe wieder leibhaft und menschgeworden vor- handen, dann ergiebt sich das Erbleichen und Zurückweichen der demokratischen Werthe zum Theil von selbst: zum andern Theil freilich wird die Befestigung jener Rasse mit den furchtbarsten Kämpfen verknüpft sein. Die nächsten Jahrhunderte werden diese Kämpfe bringen. Erst wenn die souverainen Menschen sich in die Gefahr des Vernichtetwerdens und damit in die Notwendigkeit der schroffsten Selbstbehauptung versetzt sehen, kann ihr Wille jene edle Erzeshärte erhalten, ohne die ihr Typus weder vollkommen, noch die Fortdauer dieser Männer-Rasse garantirt sein würde. Ohne Krieg giebt es keine Männer: — es ist dafür gesorgt, dass der Krieg nicht ausstirbt; von seiner Abschaffung zu träumen möge der Digitized by Google XLVI „Humanität" sich nennenden Impotenz und Instinkt -Verkommenheit unsrer „Freidenker" überlassen bleiben. Nicht Eine Art des Lebens soll es geben, wie die Heerde will, sondern tausend Arten des Lebens! Klüfte müssen aufgerissen, tiefe Seelen - Unterschiede ge- schaffen werden! Alles, was zur Einartigkeit, zur Gleichheit hinführt, ist Symptom der sinkenden Kraft Der selbe Wille, der den Himmel entvölkerte und Ein Wesen hineinsetzte (um den Aufwand an Denk- kraft zu sparen, den der Polytheismus erfordert) — der selbe Wille will auch den Ueberreichthum des Lebens immer mehr verschwinden machen, . . warum? Weil das verarmte Leben auch noch sich selbst immer bequemer denkbar machen will. Ueberall die Anzeichen, dass das Meer sich glätten und still und todt werden möchte! . . Aber das Meer ist nicht sein eigner Herr: des Meeres Herr ist das Luft- meer! Dort in den äussersten Höhen beginnt es zu kräuseln, zu wirbeln und sich hinabzutrichtern , und bald wird es wehen und stürmen und brausen und auch das Wassermeer in seine Bewegung hineinreissen. 01a Hansson war es, der das schönste Wort über Nietzsche fand, auf das ich hier anspiele: „Nietzsche — ein Sturm- herd und Ausgangspunkt grosser Wogen". Ja, er wird stürmen, dieser Cyklon Friedrich Nietzsche! und was auch die Ressentiments- und Entartungsmännlein sagen mögen: die kommenden Jahrhunderte können ihn nicht loswerden! Ehe ich schliesse, mache ich noch mit Nietzsche's eignen Worten darauf aufmerksam, „dass man die eigentliche Aufgabe der höheren Species Mensch nicht in der Leitung der niederen zu sehen hat: die niedere Species soll nur die Basis sein, auf der eine höhere Species ihre eigene Aufgabe lebt". (Vergl. hiezu Aph. 258 in „Jenseits v. G. u. B."; 3. Aufl. Aph. 261.) — Sollte es mir gelungen sein, im Leser dieses Vorwortes ein Gefühl davon zu erwecken, mit wem und womit er es zu thun hat, wenn er Nietzsche liest, so ist es mir hoffentlich auch gelungen, das gröbste, nachgerade chronisch werdende „Missverständniss" über Nietzsche zu zerstreuen: das demokratische Missverständniss, dass er, weil er Moral lehrt, Verbindlichkeiten für Alle lehre! „Moral" sei für Alle gleich! Sie spreche wie Gott: „du sollst keine andern Moralen haben neben mir!" — Offenbar vermeint man, Nietzsche wolle den Dekalog umstossen oder zu Conflicten mit der Staats- gewalt einladen! . . Nietzsche's Moral bezieht sich aber auf eine Digitized by Google XLVII Welt sublimer Seelen - Antriebe und -Nüancen, die weder den Staat noch den Dekalog etwas angehen und die nur eben Denen, welche im genannten Missverständniss befangen sind, fehlen. Mag es also immerhin möglich sein, dass Viele bei Nietzsche's Worten verkehrte Vorstellungen haben oder wohl gar sich Bestärkungen ihrer niederen Kultur aus ihm holen, so ist daraufhin nur zu sagen, dass Miss- verständniss und Missbrauch kein Einwand gegen eine Lehre sind. Missverstanden und missbraucht worden sind alle Dinge, — und die besten am schlimmsten. — Es erübrigt mir nun noch, einige Herausgeber-Notizen zu geben. Die „Vermischten Meinungen und Sprüche" erschienen Anfang März 1879. „Der Wanderer und sein Schatten" — niedergeschrieben im Sommer 1879 zu Genf, Wiesen und St. Moritz [Nietzsche's erster engadiner Aufenthalt] — erschien im December 1879. Die Vorreden zu den in der jetzigen Gestalt vorliegenden Bänden I und II von „Menschliches, Allzumenschliches" schrieb Nietzsche, als diese Bücher in den Verlag von E. W. Fritzsch in Leipzig übergingen (1886). Was sodann den Text der gegenwärtigen Ausgabe anlangt, so diene Folgendes zur Nachricht. Nietzsche sprach einmal, im April 1885 zu Venedig, gegen mich die Absicht aus, diese zwei Bände „Mensch- liches, Allzumenschliches" durchaus umzuarbeiten. Dass er, bei dem unablässigen Zuströmen neuer Gedanken, Müsse für diese Arbeit finden werde, war kaum anzunehmen. Es fanden sich denn auch in seinem umfangreichen Manuscript - Nachlass nur drei Blätter vor, die der geplanten Umarbeitung gelten: auf ihnen stehen die drei ersten Aphorismen in neuer Fassung; leider bricht die Arbeit schon mitten im 3. Aphorismus ab. Da ich mich nicht entschliessen konnte, die ursprüngliche Fassung der späteren zu opfern, so Hess ich beide ab- drucken: die frühere als Text, die spätere als Fussnote (S. 19 — 23). Sie zeigen, mit einander verglichen, auf interessante Weise, wie Nietzsche's Sprache für diese reifere Denkart sich aus der anfäng- lichen Kühle und Zurückhaltung zur meisterlichen Freiheit und Lebendigkeit entwickelte. — Der übrige Text der beiden Bände ist (mit der sogleich zu nennenden Einschränkung) nach dem gedruckten Handexemplar Nietzsche's hergestellt, in welches er, gewiss lange be- vor ihm der Gedanke der Umarbeitung kam, zahlreiche Bleistift- XLVIII Correcturen eingetragen hat. Ich muss nun der Wahrheit gemäss berichten, dass mir beim Beginn des Neudruckes nur jene genannten drei Blätter bekannt waren und dass ich von der Existenz des durch- corrigirten Handexemplars noch Nichts wusste: erst von Bogen 12 dieses Bandes (S. 177) ab war ich im Stande, es zu benutzen und dessen Correcturen dem Neudruck bis an's Ende des II. Bandes zu Gute kommen zu lassen. Spätere Drucke werden also die in Bogen 2 — 11 des I. Bandes noch fehlenden Emendanden zu berücksichtigen haben. Diese betreffen übrigens fast durchgehends den sprachlichen Ausdruck, nicht den Gedanken. Sie sind ein Zeugniss dafür, mit welchem Feingefühl, welcher unerbittlichen Strenge Nietzsche als Schriftsteller zu Werke ging. Die Anmerkungen am Ende einiger Seiten stammen von mir ( — Nietzsche's Bücher haben, mit Ausnahme des „Falles Wagner", keine Fussnoten von seiner Hand). Diese Anmerkungen enthalten hauptsächlich Quellenangaben zu Citaten im Text. — „Mit meinen Citaten steht es schlecht! — sagte Nietzsche einmal zu mir — Aber ich kann mich auf meinen Reisen nicht mit Büchern beschleppen und muss meist aus dem Gedächtniss citiren." — Soweit meine Controle reicht, vermochte ich jedoch keine Versehen in seinen Anführungen zu entdecken: es sei denn das Eine im Aphorismus 437 ds. Bds., wo die Weiber irrthümlich im Plural erscheinen (vergl. Phädon 3). Es versteht sich von selbst, dass es dem Herausgeber nicht erlaubt war, Textänderungen auf eigne Faust vorzunehmen. Da die Verlagsbuchhandlung auch diesem Buch, gleich dem Zarathustra -Werke, ein Autograph Nietzsche's beizugeben wünschte, so habe ich aus meiner reichen Sammlung Nietzsche'scher Briefe ihr einen zur Verfügung gestellt, der sich am ehesten zur Wiedergabe in diesem Buch eignet. Die lithographische Reproduktion ist vollkommen gelungen und macht genau den Eindruck des Originals. Juli 1893. Peter Gast Digitized by Google */ f*t~ uf A Digitized by Google v>*y — t r//;/^ ä- uignizea Dy Google *'~f /W f*"M -*~«f h^ r^u^ (j—^ /v/v, - * / r-V * ^^T T Digitized by Google — ^ ^ „ -/ v <^ — 7 ^ Qr~ — tf* 1~ Digitized by Google Erster Band. Digitized by Google INHALT. Seile Vorrede . , , „ , , , , 5 Von den ersten und letzten Dingen 17 Zur Geschichte der moralischen Empfindungen §7 Das religiöse Leben 113 Aus der Seele der Künstler und Schriftsteller 153 Anzeichen höherer und niederer Kultur 205 Der Mensch im Verkehr . 263 Weib und Kind 291 Ein lilick auf den Staat 313 Der Mensch mit sich allein 349 Unter Freunden. Km Nachspiel 397 Das Register der Aphorismen-Titel befindet «ich am Ende dieses Bandes. VüKRIiDI«. i. I^-s ist mir oft genug und immer mit grossem Befremden ausgedrückt worden, dass es etwas Gemeinsames und Auszeichnendes an allen meinen Schriften gäbe, von der „Geburt der Tragödie4* an bis zum letzthin veröffentlichten „Vorspiel einer Philosophie der Zukunft": sie enthielten allesammt, hat man mir gesagt, Schlingen und Netze für unvorsichtige Vögel und beinahe eine beständige unver- merkte Aufforderung zur Umkehrung gewohnter Werth- schätzungen und geschätzter Gewohnheiten. Wie? Alles nur — menschlich -allzumenschlich? Mit diesem Seufzer komme man aus meinen Schriften heraus, nicht ohne eine Art Scheu und Misstrauen selbst gegen die Moral, ja, nicht übel versucht und ermuthigt, einmal den Für- sprecher der schlimmsten Dinge zu machen: wie als ob sie vielleicht nur die bestvcrleumdeten seien? Man hat meine Schriften eine Schule des Verdachts genannt, noch mehr der Verachtung, glücklicherweise auch des Muthes, ja der Verwegenheit. In der That, ich selbst glaube nicht, dass jemals Jemand mit einem gleich tiefen Ver- dachte in die Welt gesehn hat, und nicht nur als gelegent- licher Anwalt des Teufels, sondern ebenso sehr, theo- logisch zu reden, als Feind und Vorforderer Gottes; und Digitized by Google wer etwas von den Folgen erräth, die in jedem tiefen Verdachte liegen, etwas von den Frösten und Aengsten der Vereinsamung, zu denen jede unbedingte Ver- schiedenheit des Blickes den mit ihr Behafteten verurtheilt, wird auch verstehn, wie oft ich zur Erholung von mir, gleichsam zum zeitweiligen Selbstvergessen, irgendwo unterzutreten suchte — in irgend einer Ver- ehrung oder Feindschaft oder Wissenschaftlichkeit oder Leichtfertigkeit oder Dummheit; auch warum ich, wo ich nicht fand, was ich brauchte, es mir künsüich erzwingen, zurecht fälschen, zurecht dichten musste (— und was haben Dichter je Anderes gethan? und wozu wäre alle Kunst in der Welt da?). Was ich aber immer wieder am nöthigsten brauchte, zu meiner Kur und Selbst -Wieder- herstellung, das war der Glaube, n ich t dergestalt einzeln zu sein, einzeln zu sehn, - ein zauberhafter Argwohn von Ver- wandtschaft und Gleichheit in Auge und Begierde, ein Aus- ruhen im Vertrauen der Freundschaft, eine Blindheit zu Zweien ohne Verdacht und Fragezeichen, ein Genuss an Vordergründen, Oberflächen, Nahem, Nächstem, an Allem, was Farbe, Haut und Scheinbarkeit hat. Vielleicht, dass man mir in diesem Betrachte mancherlei „Kunst", mancherlei feinere Falschmünzerei vorrücken könnte: zum Beispiel, dass ich wissentlich- willentlich die Augen vor Schopenhauers blindem Willen zur Moral zugemacht hätte, zu einer Zeit, wo ich über Moral schon hellsichtig genug war; insgleichen dass ich mich über Richard Wagners unheilbare Romantik betrogen hätte, wie als ob sie ein Anfang und nicht ein Ende sei ; insgleichen über die Griechen, insgleichen über die Deutschen und ihre Zukunft — und es gäbe vielleicht noch eine ganze lange Liste solcher Insgleichen? — gesetzt aber, dies Alles wäre wahr und mit gutem Grunde mir vorgerückt, Digitized by Google was wisst ihr davon, was könntet ihr davon wissen, wie viel List der Selbst-Erhaltung, wie viel Vernunft und höhere Obhut in solchem Selbst-Betruge enthalten ist, — und wie viel Falschheit mir noch noth thut, damit ich mir immer wieder den Luxus meiner Wahrhaftigkeit gestatten darf? . . . Genug, ich lebe noch ; und das Leben ist nun einmal nicht von der Moral ausgedacht: es will Täuschung, es lebt von der Täuschung . . . aber nicht wahr? da beginne ich bereits wieder und thue, was ich immer gethan habe, ich alter Immoralist und Vogelsteller — und rede unmoralisch, aussermoralisch, „jenseits von Gut und Böse"? — 2. — So habe ich denn einstmals, als ich es nöthig hatte, mir auch die „freien Geister44 erfunden, denen dieses schwermüthig-muthige Buch mit dem Titel „Mensch- liches, Allzumenschliches'4 gewidmet ist : dergleichen „freie Geister44 giebt es nicht, gab es nicht, — aber ich hatte sie damals, wie gesagt, zur Gesellschaft nöthig, um guter Dinge zu bleiben inmitten schlimmer Dinge (Krankheit, Vereinsamung, Fremde, Acedia, Unthätigkeit): als tapfere Gesellen und Gespenster, mit denen man schwätzt und lacht, wenn man Lust hat zu schwätzen und zu lachen, und die man zum Teufel schickt, wenn sie langweilig werden, — als ein Schadenersatz für mangelnde Freunde. Dass es dergleichen freie Geister einmal geben könnte, dass unser Europa unter seinen Söhnen von Morgen und Uebermorgen solche muntere und verwegene Gesellen haben wird, leibhaft und handgreiflich und nicht nur, wie in meinem Falle, als Schemen und Einsiedler- Schattenspiel: daran möchte ich am wenigsten zweifeln. Ich sehe sie bereits kommen, langsam, langsam; und — 8 - vielleicht thue ich etwas, um ihr Kommen zu beschleu- nigen, wenn ich zum Voraus boschreibe, unter welchen Schicksalen ich sie entstehen , auf welchen Wegen ich sie kommen sehe? — — 3- Man darf vermuthen, dass ein Geist, in dem der Typus „freier Geist" einmal bis zur Vollkommenheit reif und süss werden soll, sein entscheidendes Ereigniss in einer grossen Loslösung gehabt hat, und dass er vor- her um so mehr ein gebundener Geist war und für immer an seine Ecke und Säule gefesselt schien. Was bindet am festesten? welche Stricke sind beinahe unzerreissbar? Hei Menschen einer hohen und ausgesuchten Art werden es die Pflichten sein : jene Ehrfurcht, wie sie der Jugend eignet, jene Scheu und Zartheit vor allem Altvcrchrten und Würdigen, jene Dankbarkeit für den Hoden, aus dem sie wuchsen, für die Hand, die sie führte, für das lieilig- thum, wo sie anbeten lernten, — ihre höchsten Augen- blicke selbst werden sie am festesten binden, am dauerndsten verpflichten. Die grosse Loslösung kommt für solchermaassen Gebundene plötzlich, wie ein Erdstoss: die junge Seele wird mit Einem Male erschüttert, los- gerissen, herausgerissen, — sie selbst versteht nicht, was sich begiebt. Ein Antrieb und Andrang waltet und wird über sie Herr wie ein Hefehl; ein Wille und Wunsch erwacht, fortzugehn, irgend wohin, um jeden Preis; eine heftige gefährliche Neugierde nach einer unentdeckten Welt flammt und flackert in allen ihren Sinnen. „Lieber sterben, als hier leben" — so klingt die gebieterische Stimme und Verführung: und dies „hier", dies „zu Hause" ist Alles, was sie bis dahin geliebt hatte! Ein plötzlicher Schrecken und Argwohn gegen Das, was sie liebte, ein Digitized by Google Blitz von Verachtung gegen Das, was ihr „Pflicht" hicss, ein aufrührerisches, willkürliches, vulkanisch stossendes Verlangen nach Wanderschaft, Fremde, Entfremdung, Erkältung, Ernüchterung, Vereisung, ein Hass auf die Liebe, vielleicht ein tempelschänderischer Griff und Blick rückwärts, dorthin, wo sie bis dahin anbetete und liebte, vielleicht eine Gluth der Scham über Das, was sie eben that, und ein Frohlocken zugleich, dass sie es that, ein trunkenes inneres frohlockendes Schaudern, in dem sich ein Sieg verräth — ein Sieg? über was? über wen? ein räthselhafter fragenreicher fragwürdiger Sieg, aber der erste Sieg immerhin: — dergleichen Schlimmes und Schmerzliches gehört zur Geschichte der grossen Los- lösung. Sie ist eine Krankheit zugleich, die den Menschen zerstören kann, dieser erste Ausbruch von Kraft und Willen zur Selbstbestimmung, Selbst-Werthsetzung, dieser Wille zum freien Willen : und wie viel Krankheit drückt sich an den wilden Versuchen und Seltsamkeiten aus, mit denen der Befreite, Losgelöste sich nunmehr seine Herrschaft über die Dinge zu beweisen sucht! Er schweift grausam umher, mit einer unbefriedigten Lüsternheit ; was er erbeutet, muss die gefährliche Spannung seines Stolzes abbüssen; er zerreisst, was ihn reizt. Mit einem bösen Lachen dreht er um, was er verhüllt, durch irgend eine Scham geschont findet : er versucht, wie diese Dinge aus- sehen, wenn man sie umkehrt. Es ist Willkür und Lust an der Willkür darin, wenn er vielleicht nun seine Gunst dem zuwendet, was bisher in schlechtem Rufe stand, — wenn er neugierig und versucherisch um das Verbotenste schleicht. Im Hintergrunde seines Treibens und Schwei- fens — denn er ist unruhig und ziellos unterwegs wie in einer Wüste — steht das Fragezeichen einer immer ge- fährlicheren Neugierde. „Kann man nicht alle Werthe umdrehn? und ist Gut vielleicht Böse? und Gott nur eine Erfindung und Feinheit des Teufels? Ist Alles viel- leicht im letzten Grunde falsch ? Und wenn wir Betrogene sind, sind wir nicht ebendadurch auch Betrüger? müssen wir nicht auch Betrüger sein ?" — solche Gedanken führen und verführen ihn, immer weiter fort, immer weiter ab. Die Einsamkeit umringt und umringelt ihn, immer drohender, würgender, herzzuschnürender, jene furchtbare Güttin und mater saeva cupidinum — aber wer weiss es heute, was Einsamkeit ist? . . . 4- Von dieser krankhaften Vereinsamung, von der Wüste solcher Versuchs- Jahre ist der Weg noch weit bis zu jener ungeheuren überströmenden Sicherheit und Gesund- heit, welche der Krankheit selbst nicht entrathen mag, als eines Mittels und Angelhakens der Erkenntniss, bis zu jener reifen Freiheit des Geistes, welche ebensosehr Selbstbeherrschung und Zucht des Herzens ist und die Wege zu vielen und entgegengesetzten Denkweisen er- laubt — , bis zu jener inneren Umfänglichkeit und Ver- wöhnung des Ueberreichthums, welche die Gefahr aus- schliesst, dass der Geist sich etwa selbst in die eignen Wege verlöre und verliebte und in irgend einem Winkel berauscht sitzen bliebe, bis zu jenem Ueberschuss an plastischen, ausheilenden, nachbildenden und wiederher- stellenden Kräften, welcher eben das Zeichen der grossen Gesundheit ist, jener Ueberschuss, der dem freien Geiste das gefährliche Vorrecht giebt, auf den Versuch hin leben und sich dem Abenteuer anbieten zu dürfen: das Meisterschafts -Vorrecht des freien Geistes! Dazwischen mögen lange Jahre der Genesung liegen, Jahre voll viel- farbiger schmerzlich -zauberhafter Wandlungen, beherrscht Digitized by Google 1 1 — und am Zügel geführt durch einen zähen Willen zur Gesundheit, der sich oft schon als Gesundheit zu kleiden und zu verkleiden wagt. Es giebt einen mittleren Zustand darin, dessen ein Mensch solchen Schicksals später nicht ohne Rührung eingedenk ist: ein blasses feines Licht und Sonnenglück ist ihm zu eigen, ein Gefühl von Vogel- Freiheit, Vogel- Umblick, Vogel-Uebermuth, etwas Drittes, in dem sich Neugierde und zarte Verachtung gebunden haben. Ein „freier Geist" — dies kühle Wort thut in jenem Zustande wohl, es wärmt beinahe. Man lebt, nicht mehr in den Fesseln von Liebe und Hass, ohne Ja, ohne Nein, freiwillig nahe, freiwillig ferne, am liebsten ent- schlüpfend, ausweichend, fortflatternd, wieder weg, wieder empor fliegend; man ist verwöhnt, wie Jeder, der einmal ein ungeheures Vielerlei unter sich gesehn hat, — und man ward zum Gegenstück Derer, welche sich um Dinge bekümmern, die sie nichts angehn. In der That, den freien Geist gehen nunmehr lauter Dinge an — und wie viele Dinge! — welche ihn nicht mehr bekümmern... . 5- Ein Schritt weiter in der Genesung: und der freie Geist nähert sich wieder dem Leben, langsam freilich, fast widerspänstig, fast misstrauisch. Es wird wieder wärmer um ihn, gelber gleichsam; Gefühl und Mitgefühl bekommen Tiefe, Thauwinde aller Art gehen über ihn weg. Fast ist ihm zu Muthe, als ob ihm jetzt erst die Augen für das Nahe aufgiengen. Er ist verwundert und sitzt stille: wo war er doch? Diese nahen und nächsten Dinge: wie scheinen sie ihm verwandelt! welchen Flaum und Zauber haben sie inzwischen bekommen! Er blickt dankbar zurück, — dankbar seiner Wanderschaft, seiner Härte und Selbstentfremdung, seinen Fernblicken und Vogelflügen Digitized by Google — 12 in kalte Höhen. Wie gut, dass er nicht wie ein zärtlicher dumpfer Eckensteher immer „zu Hause", immer „bei sich" geblieben ist! Er war ausser sich: es ist kein Zweifel. Jetzt erst sieht er sich selbst — , und welche Ueber- raschungen findet er dabei! Welche unerprobten Schauder! Welches Glück noch in der Müdigkeit, der alten Krank- heit, den Rückfällen des Genesenden! Wie es ihm gefällt, leidend stillzusitzen, Geduld zu spinnen, in der Sonne zu liegen! Wer versteht sich gleich ihm auf das Glück im Winter, auf die Sonnenflecke an der Mauer! Es sind die dankbarsten Thiere von der Welt, auch die bescheidensten, diese dem Leben wieder halb zugewendeten Genesenden und Eidechsen : — es giebt solche unter ihnen, die keinen Tag von sich lassen, ohne ihm ein kleines Loblied an den nachschleppenden Saum zu hängen. Und ernstlich ge- redet: es ist eine gründliche Kur gegen allen Pessimismus (den Krebsschaden alter Idealisten und Lügenbolde, wie bekannt — ) auf die Art dieser freien Geister krank zu werden, eine gute Weile krank zu bleiben und dann, noch länger, noch länger, gesund, ich meine „gesünder" zu werden. Ks ist Weisheit darin, Lebens -Weisheit, sich die Gesundheit selbst lange Zeit nur in kleinen Dosen zu verordnen. 6. Um jene Zeit mag es endlich geschehen, unter den plötzlichen Lichtern einer noch ungestümen, noch wech- selnden Gesundheit, dass dem freien, immer freieren Geiste sich das Rathsei jener grossen Loslosung zu ent- schleiern beginnt, welches bis dahin dunkel, fragwürdig, last unberührbar in seinem Gedächtniss gewartet hatte. Wenn er sich lange kaum zu fragen wagte „warum so abseits? so allein? Allem entsagend, was ich verehrte? Digitized by Google — 13 — der Verehrung selbst entsagend? warum diese Härte, dieser Argwohn, dieser Hass auf die eigenen Tugenden?" — jetzt wagt und fragt er es laut und hört auch schon etwas wie Antwort darauf. „Du solltest Herr über dich werden, Herr auch über die eigenen Tugenden. Früher waren sie deine Herren; aber sie dürfen nur deine Werk- zeuge neben andren Werkzeugen sein. Du solltest Ge- walt über dein Für und Wider bekommen und es ver- stehn lernen, sie aus- und wieder einzuhängen, je nach deinem höheren Zwecke. Du solltest das Perspektivische in jeder Werthschätzung begreifen lernen — die Ver- schiebung, Verzerrung und scheinbare 'Ideologie der Horizonte und was Alles zum Perspektivischen gehört; auch das Stück Dummheit in Bezug auf entgegengesetzte Werthe und die ganze intellektuelle Einbusse, mit der sich jedes Für, jedes Wider bezahlt macht. Du solltest die noth wendige Ungerechtigkeit in jedem Für und Wider begreifen lernen, die Ungerechtigkeit als unab- lösbar vom Leben, das Leben selbst als bedingt durch das Perspektivische und seine Ungerechtigkeit. Du solltest vor Allem mit Augen sehn, wo die Ungerechtigkeit immer am grössten ist: dort nämlich, wo das Leben am kleinsten, engsten, dürftigsten, anfänglichsten entwickelt ist und dennoch nicht umhin kann, sich als Zweck und Maass der Dinge zu nehmen und seiner Erhaltung zu Liebe das Höhere, Grössere, Reichere heimlich und klein- lich und unablässig anzubröckeln und in Frage zu stellen, — du solltest das Problem der Rangordnung mit Augen sehn und wie Macht und Recht und Umfäng- lichkeit der Perspektive mit einander in die Höhe wachsen. Du solltest" — genug, der freie Geist weiss nunmehr, welchem „du sollst" er gehorcht hat, und auch, was er jetzt kann, was er jetzt erst — darf . . . Digitized by LaOOglC — 14 — /• Dergestalt giebt der freie Geist sich in Bezug auf jenes Räthsel von Loslösung Antwort und endet damit, indem er seinen Fall verallgemeinert, sich über sein Er- lebniss also zu entscheiden. „Wie es mir ergieng, sagt er sich, muss es Jedem ergehn, in dem eine Aufgabe leibhaft werden und „zur Welt kommen" will. Die heim- liche Gewalt und Notwendigkeit dieser Aufgabe wird unter und in seinen einzelnen Schicksalen walten gleich einer unbewussten Schwangerschaft, — lange, bevor er diese Aufgabe selbst in's Auge gefasst hat und ihren Namen weiss. Unsrc Bestimmung verfügt über uns, auch wenn wir sie noch nicht kennen; es ist die Zukunft, die unserm Heute die Regel giebt. Gesetzt, dass es das Problem der Rangordnung ist, von dem wir sagen dürfen, dass es unser Problem ist, wir freien Geister: jetzt, in dem Mittage unsres Lebens, verstehn wir es erst, was für Vorbereitungen, Umwege, Proben, Versuchungen. Verkleidungen das Problem nöthig hatte, ehe es vor uns aufsteigen durfte, und wie wir erst die vielfachsten und widersprechendsten Noth- und Glücksständc an Seele und Leib erfahren mussten, als Abenteurer und Weltumsegier jener inneren Welt, die „Mensch" heisst, als Ausmesser jedes „Höher" und „Uebercinander ", das gleichfalls „Mensch" heisst — überallhin dringend, fast ohne Furcht, Nichts verschmähend, Nichts verlierend, Alles auskostend, Alles vom Zufälligen reinigend und gleichsam aussiebend — bis wir endlich sagen durften, wir freien Geister: „Hier — ein neues Problem! Hier eine lange Leiter, auf deren Sprossen wir selbst gesessen und gestiegen sind, — die wir selbst irgend wann gewesen sind! Hier ein Höher, ein Tiefer, ein Unter-uns. eine ungeheure Digitized by Google lange Ordnung, eine Rangordnung, die wir sehen: hier — unser Problem!" 8. — Es wird keinem Psychologen und Zeichendeuter einen Augenblick verborgen bleiben, an welche Stelle der eben geschilderten Entwicklung das vorliegende Buch gehört (oder gestellt ist — ). Aber wo giebt es heute Psychologen? In Frankreich, gewiss; vielleicht in Russ- land; sicherlich nicht in Deutschland. Es fehlt nicht an Gründen, weshalb sich dies die heutigen Deutschen sogar noch zur Ehre anrechnen könnten: schlimm genug für Einen, der in diesem Stücke undeutsch geartet und ge- rathen ist! Dies deutsche Buch, welches in einem weiten Umkreis von Ländern und Völkern seine Leser zu finden gewusst hat — es ist ungefähr zehn Jahr unterwegs — und sich auf irgend welche Musik und Flötenkunst ver- stehn muss, durch die auch spröde Ausländer-Ohren zum Horchen verführt werden, — gerade in Deutschland ist dies Buch am nachlässigsten gelesen, am schlechtesten gehört worden: woran liegt das? — „Es verlangt zu viel, hat man mir geantwortet, es wendet sich an Menschen ohne die Drangsal grober Pflichten, es will feine und ver- wöhnte Sinne, es hat Ueberfluss nöthig, Ueberfluss an Zeit, an Helligkeit des Himmels und Herzens, an otium im verwegensten Sinne: — lauter gute Dinge, die wir Deutschen von Heute nicht haben und also auch nicht geben können." — Nach einer so artigen Antwort räth mir meine Philosophie, zu schweigen und nicht mehr weiter zu fragen; zumal man in gewissen Fällen, wie das Sprüchwort andeutet, nur dadurch Philosoph bleibt, dass man — schweigt. Nizza, im Frühling 1886. Erstes Hauptstück. Von den ersten und letzten Dingen. Digitized by Google Chemie der Begriffe und Empfindungen. — Die philosophischen Probleme nehmen jetzt wieder fast in allen Stücken die selbe Form der Frage an, wie vor zweitausend Jahren: wie kann Etwasaus seinem Gegen- satz entstehen, zum Beispiel Vernünftiges aus Ver- nunftlosem, Empfindendes aus Todtem, Logik aus Un- logik, interesseloses Anschauen aus begehrlichem Wollen, Leben für Andere aus Selbstsucht, Wahrheit aus Jrr- thümern? Die metaphysische Philosophie half sich bis- her über diese Schwierigkeit hinweg, insofern sie einfach die Entstehung des Einen aus dem Andern leugnete und für die höher gewertheten Dinge einen eigenen Ur- sprung annahm, unmittelbar aus dem An-sich der Dinge heraus."; Die historische Philosophie dagegen, welche gar *) Die im Vorwort des Herausgebers erwähnte Umarbeitung lautet von hier ab wie folgt: Kine umgekehrte Philosophie dagegen, die allerjungste und radihalste, die es bisher gegeben hat, eine eigentliche 1' hilosop h i c des Werdens, welche an ein An-sich" überhaupt nicht glaubt und folglich ebensowohl dem Begriffe „Sein" als dem liegrilfe „Erscheinung" das Bürgerrecht ver- weigert: eine solche antimetaphysische Philosophie hat mir in einzelnen Fallen wahrscheinlich gemacht (— und vermuthbeh wird dies in allen ihr Krgebniss sein), das» jene Fragestellung falsch ist, dass es jene Gegen- sätze gar nicht giebt, an welche die bisherige Philosophie geglaubt hat , verführt durch die Sprache und die in ihr gebietende Nützlichkeit der 2' Digitized by Google — 20 — nicht mehr getrennt von der Naturwissenschaft zu denken ist, die allcrjüngste aller philosophischen Methoden, er- mittelte in einzelnen Fällen (und vermuthlich wird dies in allen ihr Ergebniss sein), dass es keine Gegensätze sind, ausser in der gewohnten Uebertrcibung der popu- lären oder metaphysischen Auffassung, und dass ein Irr- thum der Vernunft dieser Gegenüberstellung zu Grunde liegt: nach ihrer Erklärung giebt es, streng gefasst, weder ein unegoistisches Handeln, noch ein völlig inter- esseloses Anschauen, es sind beides nur Sublimirungen, bei denen das Grundelcment fast verflüchtigt erscheint und nur noch für die feinste Beobachtung sich als vor- handen erweist. — Alles, was wir brauchen und was erst bei der gegenwärtigen Höhe der einzelnen Wissenschaften uns gegeben werden kann, ist eine Chemie der mora- lischen, religiösen, ästhetischen Vorstellungen und Empfin- dungen, ebenso aller jener Regungen, welche wir im Gross- und Kleinverkehr der Kultur und Gesellschaft, ja in der Einsamkeit an uns erleben : wie, wenn diese Chemie mit dem Ergebniss abschlösse, dass auch auf diesem Ge- biete die herrlichsten Farben aus niedrigen, ja verachteten Vergrößerung und Vereinfachung, — kurz, dass. man zuvörderst eine Chemie der Grundbegriffe nöthig hat, diese als geworden und auch wieder vor- a usgesetzt. Um mit solchen groben und viereckigen Gegenüberstellungen wie „egoistisch" und „unegoistisch", „IScgicrde" und „Geistigkeit", „lebendig" und „todt", , Wahrheit" und „Inthum", ein für alle Mal feitig zu werden, bedarf es einer mikroskopischen Psychologie ebensosehr als einer Geübtheit in alier Art historischer Perspektiven-Optik, wie eine solche bisher noch nicht da war und nicht einmal erlaubt war. Philosophen, so wie ich »ie will und verstehe, hatten bi.-her das Gewissen gegen sich: — die moralischen, religiösen und ästhetischen Imperative sagten Nein zu einer Methodik der Porschung, welche hier verlangt wird. Man muss sich vorerst von diesen Imperativen gelost hauen: man iniiss, wider sein Gewissen, sein Gewissen selbst s e c i r t haben ... Die Historie der begriffe und der Hegtitls-Verwandlung unter der Tyrannei der Werthgefulde — vcr. steht ihr das - Wer hat Li:*< und Muth genag. solchen lYtersuchr.ngtn zu Digitized by Google Stoffen gewonnen sind ? Werden Viele Lust haben, solchen Untersuchungen zu folgen? Die Menschheit liebt es, die Fragen über Herkunft und Anfänge sich aus dem Sinn zu schlagen: muss man nicht fast entmenscht sein, um den entgegengesetzten Mang in sich zu spüren? — 2. Der Erbfehler der Philosophen. — Alle Philo- sophen haben den gemeinsamen Fehler an sich, dass sie vom gegenwärtigen Menschen ausgehen und durch eine Analyse desselben ans Ziel zu kommen meinen. Unwill- kürlich schwebt ihnen „der Mensch" als eine aeterna veritas, als ein Gleichbleibendes in allem Strudel, als ein sicheres Maass der Dinge vor. Alles, was der Philosoph über den Menschen aussagt, ist aber im Grunde nicht Mehr, als ein Zcugniss über den Menschen eines sehr be- schränkten Zeitraumes. Mangel an historischem Sinn ist der Erbfehler aller Philosophen; manche sogar nehmen unversehens die allerjüngste Gestaltung des Menschen, wie eine solche unter dem Eindruck bestimmter Religionen, ja bestimmter politischer Ereignisse entstanden ist, als die folgen? Jetzt, wo es vielleicht zur Hohe der erreichten Yermenschlichung selbst gehört, dass der Mensch einen Widerstand fühle gegen die Geschichte seiner Anfänge, da>s er kein Auge haben will gegen alle Art pudenda origo: muss man nicht beinahe unmenschlich sein, um gerade in der umgekehrten Richtung sehen, suchen, entdecken zu wollen : — 2. Der Erbfehler der Philosophen. — Bisher litten die Philo- sophen allesammt an dem gleichen Gebrechen: — sie dachten unhistorisch, widerhistorisch. Sie giengen vom Menschen aus, den ihre Zeil und Um- gebung ihnen darbot, am liebsten sogar von sich, und von -ich allein; sie glaubten schon durch eine Selbst - Analysis 7.11m Ziele zu kommen, zu einer Kenntnis» ,,des Menschen". Ihre eigenen Werthgefühle ("der die ihrer Kaste, Kasse, Religion, Gesundheit) galten ihnen als unbedingte Werth- maajse; Nichts war ihnen frei« 1er und widerlicher, als jene Sdbstentsagung — 22 feste Form, von der man ausgehen müsse. Sie wollen nicht lernen, dass der Mensch geworden ist, dass auch das Erkenntnissvermögen geworden ist; während Einige von ihnen sogar die ganze Welt aus diesem Erkenntniss- vermögen sich herausspinnen lassen. — Nun ist alles Wesentliche der menschlichen Entwicklung in Ur- zeiten vor sich gegangen, lange vor jenen vier tausend Jahren, die wir ungefähr kennen; in diesen mag sich der Mensch nicht viel mehr verändert haben. Da sieht aber der Philosoph „Instinkte" am gegenwärtigen Menschen und nimmt an, dass diese zu den unveränderlichen That- sachen des Menschen gehören und insofern einen Schlüssel zum Verständniss der Welt überhaupt abgeben können; die ganze Teleologie ist darauf gebaut, dass man vom Menschen der letzten vier Jahrtausende als von einem ewigen redet, zu welchem hin al]e Dinge in der Welt von ihrem Anbeginne eine natürliche Richtung haben. Alles aber ist geworden; es giebt keine ewigen That- sachen: sowie es keine absoluten Wahrheiten giebt. - Demnach ist das historische Philosophiren von jetzt ab nöthig und mit ihm die Tugend der Bescheidung. des eigentlich wissenschaftlichen Gewissens: als welches in einer wohl- wollenden Verachtung der Person, jeder Person, jeder Personal-Perspektive, seine Freiheit geniesst. Diese Philosophen waren vorallercrst Personen; jeder sogar empfand hei sich „ich bin die Person selber", gleichsam die aeterna veritas von Mensch, „Mensch an .-ich". Aus dieser unhistorischen Optik, die sie gegen sich selber übten, ist die grosste Zahl ihrer Irrthüruer abzuleiten, — vor Allem der Giundirrthura , überall das „Seiende" zu suchen, überall Seiendes vorauszusetzen, überall Wechsel, Werden, Widerspruch mit Geringschätzung zu behandeln. Selbst unter dem Druck einer von der Historie beherrschten Kultur (— wie es die deutsche Kultur an der Wende des Jahrhunderts war) wird sich der typische Philosoph mindestens noch als Ziel des ganzen Werden«, auf welches alle Dinge von Anbeginn ihre Richtung nehmen, präsentiren : dies war das Schauspiel, welches seiner Zeit Hegel dem erstaunten Europa bot. Digitized by Google — 23 - 3- Schätzung der unscheinbaren Wahrheiten.— Es ist das Merkmal einer höhern Kultur, die kleinen unscheinbaren Wahrheiten, welche mit strenger Methode gefunden wurden, höher zu schätzen, als die beglückenden und blendenden Irrthümer, welche metaphysischen und künstlerischen Zeitaltern und Menschen entstammen. Zu- nächst hat man gegen erstere den Hohn auf den Lippen, als könne hier gar nichts Gleichberechtigtes gegen ein- ander stehen : so bescheiden, schlicht, nüchtern, ja schein- bar entmuthigend stehen diese, so schön, prunkend, berauschend, ja vielleicht beseligend stehen jene da. Aber das mühsam Errungene, Gewisse, Dauernde und deshalb für jede weitere Erkenntniss noch Folgenreiche ist doch das Höhere; zu ihm sich zu halten ist männlich und zeigt Tapferkeit, Schlichtheit, Enthaltsamkeit an. Allmählich wird nicht nur der Einzelne, sondern die gesammte Mensch- heit zu dieser Männlichkeit emporgehoben werden, wenn sie . sich endlich an die höhere Schätzung der haltbaren, dauerhaften Erkenntnisse gewöhnt und allen Glauben an 3- Schätzung der unscheinbaren Wahrheiten. — Es ist das Merkmal eines stärkeren und stolzeren Geschmackes (»n leicht es sich auch als dessen Gcgenlheil ausnimmt), die kleinen unscheinbaren, vorsichtigen Wahrheiten, welche mit strenger Methode gefunden wurden, höher zu schätzen, als jene weiten , schwebenden , umschleicrnden Allgemeinheiten , nach denen das Bedürfnis* religiöser und künstlerischer Zeitalter greift. Menschen, deren intellektuelle Zucht zurückgeblieben ist oder aus guten Gründen zurückgehalten werden muss ( — der Kall der Weiber), haben gegen jene kleinen Gewiss- heiten Etwas wie Hohn auf den Lippen; einem Künstler zum Heispiel sagt eine physiologische Entdeckung Nichts: Grund genug für ihn, gering von ihr zu denken. Solche Rückständige, welche gelegentlich den Richter zu spielen sich beikommen lassen ( — die drei Rückständigsten grossen Stils, die unser Zeitalter aufzuweisen hat, haben es alle drei gethan: Victor Hugo für Frankreich, Carlyle für England, Richard Wagner für Deutschland), weisen mit Ironie darauf hin. Digitized by LaOOglC - 24 - Inspiration und wundcrglcichc Mittheilung von Wahr- heiten verloren hat. — Die Verehrer der Formen freilich, mit ihrem Maassstabe des Schönen und Erhabenen, werden zunächst gute Gründe zu spotten haben, sobald die Schätzung der unscheinbaren Wahrheiten und der wissen- schaftliche Geist anfängt zur Herrschaft zu kommen: aber nur, weil entweder ihr Auge sich noch nicht dem Reiz der schlichtesten Form erschlossen hat oder weil die in jenem Geiste erzogenen Menschen noch lange nicht völlig und innerlich von ihm durchdrungen sind, so dass sie immer noch gedankenlos alte Formen nachmachen (und dies schlecht genug, wie es Jemand thut, dem nicht mehr viel an einer Sache liegt). Ehemals war der Geist nicht durch strenges Denken in Anspruch genommen, da lag sein Ernst im Ausspinnen von Symbolen und Formen. Das hat sich verändert; jener Ernst des Symbolischen ist zum Kennzeichen der niederen Kultur geworden. Wie unsere Künste selber immer intellektualer, unsere Sinne geistiger werden, und wie man zum Beispiel jetzt ganz anders darüber urtheilt, was sinnlich wohltönend ist, als vor hundert Jahren: so werden auch die Formen unseres Lebens immer geistiger, für das Auge älterer Zeiten vielleicht hässlicher, aber nur weil es nicht zu sehen vermag, wie das Reich der inneren, geistigen Schönheit sich fortwährend vertieft und erweitert und in wie fern uns Allen der geistreiche Blick jetzt mehr gelten darf, als der schönste Gliederbau und das erhabenste Bauwerk. 4- Astrologie und Verwandtes. -— Es ist wahr- scheinlich, dass die Objekte des religiösen, moralischen und ästhetischen Empfindens ebenfalls nur zur Oberfläche der Dinge gehören, während der Mensch gerne glaubt, Digitized by Google — 2S — dass er hier wenigstens an das Herz der Welt rühre; er täuscht sich, weil jene Dinge ihn so tief beseligen und so tief unglücklich machen, und zeigt also hier den selben Stolz wie bei der Astrologie. Denn diese meint, der Sternenhimmel drehe sich um das Loos des Menschen; der moralische Mensch aber setzt voraus, Das, was ihm wesentlich am Herzen liegt, müsse auch Wesen und Herz der Dinge sein. 5- Missverständniss des Traumes. — Im Traume glaubte der Mensch in den Zeitaltern roher uranfäng- licher Kultur eine zweite reale Welt kennen zu lernen; hier ist der Ursprung aller Metaphysik. Ohne den Traum hätte man keinen Anlass zu einer Scheidung der Welt gefunden. Auch die Zerlegung in Seele und Leib hängt mit der ältesten Auffassung des Traumes zu- sammen, ebenso die Annahme eines Seelenscheinleibes, also die Herkunft alles Geisterglaubens, und wahrscheinlich auch des Gotterglaubens. „Der Todte lebt fort; denn er erscheint dem Lebenden im Traume": so schloss man ehedem, durch viele Jahrtausende hindurch. 6. Der Geist der Wissenschaft im Theil, nicht im Ganzen mächtig. — Die abgetrennten kleinsten Gebiete der Wissenschaft werden rein sachlich behandelt: die allgemeinen grossen Wissenschaften dagegen legen, als Ganzes betrachtet, die Frage — eine recht unsachliche Frage freilich — auf die Lippen: wozu? zu welchem Nutzen? Wegen dieser Rücksicht auf den Nutzen werden sie, als Ganzes, weniger unpersönlich, als in ihren Theilen behandelt. Bei der Philosophie nun gar, als bei der Digitized by Google - 26 - Spitze der gesammten Wissenspyramide, wird unwill- kürlich die Frage nach dem Nutzen der Erkcnntniss überhaupt aufgeworfen, und jede Philosophie hat unbe- wusst die Absicht, ihr den höchsten Nutzen zuzuschreiben. Deshalb giebt es in allen Philosophien so viel hoch- fliegende Metaphysik und eine solche Scheu vor den unbedeutend erscheinenden Losungen der Physik; denn die Bedeutsamkeit der Erkenntniss für das Leben soll so gross als möglich erscheinen. Hier ist der Antago- nismus zwischen den wissenschaftlichen Einzelgebieten und der Philosophie. Letztere will, was die Kunst will, dem Leben und Handeln möglichste Tiefe und Bedeutung geben; in ersteren sucht man Erkenntniss und Nichts weiter, — was dabei auch herauskomme. Es hat bis jetzt noch keinen Philosophen gegeben, unter dessen Händen die Philosophie nicht zu einer Apologie der Erkenntniss geworden wäre ; in diesem Punkte wenigstens ist ein jeder Optimist, dass dieser die höchste Nützlichkeit zugesprochen werden müsse. Sie alle werden von der Logik tyranni- sirt: und diese ist ihrem Wesen nach Optimismus. 7- Der Störenfried in der Wissenschaft. — Die Philosophie schied sich von der Wissenschaft, als sie die Frage stellte: welches ist diejenige Erkenntniss der Welt und des Lebens, bei welcher der Mensch am glücklichsten lebt? Dies geschah in den sokratischen Schulen: durch den Gesichtspunkt des Glücks unterband man die Blut- adern der wissenschaftlichen Fe rschung — und thut es heute noch. ■ s. Pneumatische Erklärung der Natur. — Die Metaphysik erklärt die Schrift der Natur gleichsam pneu- Digitized by Google - -'7 - matisch, wie die Kirche und ihre Gelehrten es ehemals mit der Bibel thaten. Es gehört sehr viel Verstand dazu, um auf die Natur die selbe Art der strengeren Erklärungs- kunst anzuwenden, wie jetzt die Philologen sie für alle Bücher geschaffen haben: mit der Absicht, schlicht zu verstehen, was die Schrift sagen will, aber nicht einen doppelten Sinn zu wittern, ja vorauszusetzen. "Wie aber selbst in Betreff der Bücher die schlechte Er- klärungskunst keineswegs völlig überwunden ist und man in der besten gebildeten Gesellschaft noch fort- während auf Uebcrrestc allegorischer und mystischer Ausdeutung stösst: so steht es auch in Betreff der Xatur, — ja noch viel schlimmer. 9. Metaphysische Welt. — Es ist wahr, es könnte eine metaphysische Welt geben; die absolute Möglichkeit davon ist kaum zu bekämpfen. Wir sehen alle Dinge durch den Menschenkopf an und können diesen Kopf nicht abschneiden; während doch die Frage übrig bleibt, was von der Welt noch da wäre, wenn man ihn doch abgeschnitten hätte. Dies ist ein rein wissenschaftliches Problem und nicht sehr geeignet, den Menschen Sorgen zu machen; aber Alles, was ihnen bisher metaphysische Annahmen werthvoll, sch recken vol 1, lust voll ge- macht, was sie erzeugt hat, ist Leidenschaft, Irrthum und Selbstbetrug; die allerschlechtesten Methoden der Er- kenntnis*, nicht die allerbesten, haben daran glauben lehren. Wenn man diese Methoden, als das Fundament aller vorhandenen Religionen und Metaphysiken, auf- gedeckt hat, hat man sie widerlegt. Dann bleibt immer noch jene Möglichkeit übrig; aber mit ihr kann man gar Nichts anfangen, geschweige denn, dass man Glück, Heil Digitized by Google - 28 — und Leben von den Spinnenfäden einer solchen Möglich- keit abhängen lassen dürfte. — Denn man könnte von der metaphysischen Welt gar Nichts aussagen, als ein Anderssein, ein uns unzugängliches, unbegreifliches Anderssein; es wäre ein Ding mit negativen Eigen- schaften. — Wäre die Existenz einer solchen Welt noch so gut bewiesen, so stünde doch fest, dass die gleich- gültigste aller Erkenntnisse eben ihre Erkenntniss wäre: noch gleichgültiger als dem Schiffer in Sturmesgefahr die Erkenntniss von der chemischen Analysis des Wassers sein muss. 10. Harmlosigkeit der Metaphysik in der Zu- kunft. — Sobald die Religion, Kunst und Moral in ihrer Entstehung so beschrieben sind, dass man sie vollständig sich erklären kann, ohne zur Annahme metaphysischer Eingriffe am Beginn und im Verlaufe der Bahn seine Zuflucht zu nehmen, hört das stärkste Interesse an dem rein theoretischen Problem vom „Ding an sichu und der „Erscheinung" auf. Denn wie es hier auch stehe: mit Religion, Kunst und Moral rühren wir nicht an das „Wesen der Welt an sich"; wir sind im Bereiche der Vorstellung, keine „Ahnung" kann uns weitertragen. Mit voller Ruhe wird man die Erage, wie unser Weltbild so stark sich von dem erschlossenen Wesen der Welt unter- scheiden könne, der Physiologie und der Entwicklungs- geschichte der Organismen und Begriffe überlassen. 1 1. Die Sprache als vermeintliche Wissenschaft. Die Bedeutung der Sprache für die Entwickelung der Kultur liegt darin, dass in ihr der Mensch eine eigene Digitized by Google - 29 - Welt neben die andere stellte, einen Ort, welchen er für so fest hielt, um von ihm aus die übrige Welt aus den Angeln zu heben und sich zum Herrn derselben zu machen. Insofern der Mensch an die Begriffe und Namen der Dinge als an a e t e r n a e v e r i t a t e s durch lange Zeit- strecken hindurch geglaubt hat, hat er sich jenen Stolz angeeignet, mit dem er sich über das Thier erhob: er meinte wirklich, in der Sprache die Erkenntniss der Welt zu haben. Der Sprachbildner war nicht so bescheiden, zu glauben, dass er den Dingen eben nur Bezeichnungen gebe: er drückte vielmehr, wie er wähnte, das höchste Wissen über die Dinge mit den Worten aus; in der That ist die Sprache die erste Stufe der Bemühung um die Wissenschaft. Der Glaube an die gefundene Wahrheit ist es auch hier, aus dem die mächtigsten Kraftquellen geflossen sind. Sehr nachträglich — jetzt erst, dämmert es den Menschen auf, dass sie einen unge- heuren Irrthum in ihrem Glauben an die Sprache propagirt haben. Glücklicherweise ist es zu spät, als dass es die Entwickelung der Vernunft, die auf jenem Glauben beruht, wieder rückgängig machen könnte. — Auch die Logik beruht auf Voraussetzungen, denen Nichts in der wirk- lichen Welt entspricht, z. B. auf der Voraussetzung der Gleichheit von Dingen, der Identität des selben Dinges in verschiedenen Punkten der 7-eit: aber jene Wissenschaft entstand durch den entgegengesetzten Glauben (dass es dergleichen in der wirklichen Welt allerdings gebt). Ebenso steht es mit der Mathematik, welche gewiss nicht entstanden wäre, wenn man von Anfang an ge- wusst hätte, dass es in der Natur keine exaet gerade Linie, keinen wirklichen Kreis, kein absolutes Grössen- maass gebe. Digitized by Google - 3° — I 2. Traum und Kultur. — Die Gehirnfunktion, welche durch den Schlaf am meisten beeinträchtigt wird, ist das Gcdächtniss: nicht dass es ganz pausirte, — aber es ist auf einen Zustand der Unvollkommenheit zurückgebracht, wie es in Urzeiten der Menschheit bei Jedermann am Tage und im Wachen gewesen sein mag. Willkürlich und verworren, wie es ist, verwechselt es fortwährend die Dinge auf Grund der flüchtigsten Aehnlichkeiten: aber mit der selben Willkür und Verworrenheit dichteten die Völker ihre Mythologien, und noch jetzt pflegen Reisende zu beobachten, wie sehr der Wilde zur Vergesslichkeit neigt, wie sein Geist nach kurzer Anspannung des Ge- dächtnisses hin und her zu taumeln beginnt und er, aus blosser Erschlaffung, Lügen und Unsinn hervorbringt. Aber wir Alle gleichen im Traume diesem Wilden; das schlechte Wiedererkennen und irrthümliche Gleichsetzen ist der Grund des schlechten Schliessens, dessen wir uns im Traume schuldig machen: so dass wir, bei deutlicher Vergegenwärtigung eines Traumes, vor uns erschrecken, weil wir so viel Narrheit in uns bergen. — Die voll- kommene Deutlichkeit aller Traum -Vorstellungen, welche den unbedingten Glauben an ihre Realität zur Voraus- setzung hat, erinnert uns wieder an Zustände früherer Menschheit, in der die I Iallucination ausserordentlich häufig war und mitunter ganze Gemeinden, ganze Völker gleichzeitig ergriff. Also : im Schlaf und Traum machen wir das Pensum früheren Menschenthums noch einmal durch. ' 13« Logik des Traumes.-Im Schlafe ist fortwährend unser Nervensystem durch mannichfache innere Anlässe Digitized by Google - 3i — in Erregung, fast alle Organe sccernircn und sind in Thätigkeit, das Blut macht seinen ungestümen Kreislauf, die Lage des Schlafenden drückt einzelne Glieder, seine Decken beeinflussen die Empfindung verschiedenartig, der Magen verdaut und beunruhigt mit seinen Bewegungen andere Organe, die Gedärme winden sich, die Stellung des Kopfes bringt ungewöhnliche Muskellagen mit sich, die Füsse, unbeschuht, nicht mit den Sohlen den Boden drückend, verursachen das Gefühl des Ungewöhnlichen ebenso wie die andersartige Bekleidung des ganzen Körpers, — alles dies nach seinem täglichen Wechsel und Grade erregt durch seine Aussergewöhnlichkeit das ge- sammte System bis in die Gehirnfunktion hinein: und so giebt es hundert Anlässe für den Geist, um sich zu ver- wundern und nach Gründen dieser Erregung zu suchen: der Traum aber ist das Suchen und Vorstellen der Ursachen für jene erregten Empfindungen, das heisst der vermeintlichen Ursachen. Wer zum Beispiel seine Füsse mit zwei Riemen umgürtet, träumt wohl, dass zwei Schlangen seine Füsse umringcln : dies ist zuerst eine Hypothese, sodann ein Glaube, mit einer begleitenden bildlichen Vorstellung und Ausdichtung: „diese Schlangen müssen die causa jener Empfindung sein, welche ich, der Schlafende, habe", — so urtheilt der (reist des Schlafenden. Die so erschlossene nächste Vergangenheit wird durch die erregte Phantasie ihm zur Gegenwart. So weiss Jeder aus Erfahrung, wie schnell der Träumende einen starken an ihn dringenden Ton, zum Beispiel Glocken- lauten, Kanonenschüsse in seinen Traum verflicht, das heisst aus ihm hinterdrein erklärt, so dass er zuerst die veranlassenden Umstände, dann jenen Ton zu erleben meint. -- Wie kommt es aber, dass der Geist des Träumenden immer so fehl greift, während der selbe Digitized by Google 5^ — Geist im Wachen so nüchtern, behutsam und in Bezugs auf Hypothesen so skeptisch zu sein pflegt? so dass ihm die erste beste Hypothese zur Erklärung eines Gefühls genügt, um sofort an ihre Wahrheit zu glauben? (denn wir glauben im Traume an den Traum, als sei er Realität, das heisst wir halten unsre Hypothese für völlig erwiesen). — Ich meine: wie jetzt noch der Mensch im Traume schliesst, so schloss die Menschheit auch im Wachen viele Jahrtausende hindurch: die erste causa, die dem Geiste einfiel, um irgend Etwas, das der Erklärung be- durfte, zu erklären, genügte ihm und galt als Wahrheit. (So verfahren nach den Erzählungen der Reisenden die Wilden heute noch.) Im Traum übt sich dieses uralte Stück Menschenthum in uns fort, denn es ist die Grund- lage, auf der die höhere Vernunft sich entwickelte und in jedem Menschen sich noch entwickelt: der Traum bringt uns in ferne Zustände der menschlichen Kultur wieder zurück und giebt ein Mittel an die Hand, sie besser zu verstehen. Das Traumdenken wird uns jetzt so leicht, weil wir in ungeheuren Entwickelungsstrecken der Menschheit gerade auf diese Form des phantastischen und wohlfeilen Erklärens aus dem ersten beliebigen Ein- falle heraus so gut eingedrillt worden sind. Insofern ist der Traum eine Erholung für das Gehirn, welches am Tage den strengeren Anforderungen an das Denken zu genügen hat, wie sie von der höheren Kultur gestellt werden. — Einen verwandten Vorgang können wir geradezu als Pforte und Vorhalle des Traumes noch bei wachem Verstände in Augenschein nehmen. Schliessen wir die Augen, so producirt das Gehirn eine Menge von Lichteindrücken und Farben, wahrscheinlich als eine Art Nachspiel und Echo aller jener Licht Wirkungen, welche am Tage auf dasselbe eindringen. Nun verarbeitet aber Digitized by Google - 33 " der Verstand (mit der Phantasie im Hunde) diese an sich formlosen Farbenspiele sofort zu bestimmten Figuren, Gestalten, Landschaften, belebten Gruppen. Der eigent- liche Vorgang dabei ist wiederum eine Art Schluss von der Wirkung auf die Ursache; indem der Geist fragt: woher diese Lichteindrücke und Farben, supponirt er als Ursachen jene Figuren, Gestalten: sie gelten ihm als die Veranlassungen jener Farben und Lichter, weil er, am Tage, bei offenen Augen, gewohnt ist, zu jeder Farbe, jedem Lichteindrucke eine veranlassende Ursache zu linden. Hier also schiebt ihm die Phantasie fortwährend Bilder vor, indem sie an die Gesichtseindrücke des Tages sich in ihrer Produktion anlehnt, und gerade so macht es die Traumphantasie: — das heisst die vermeintliche Ursache wird aus der Wirkung erschlossen und nach der Wirkung vorgestellt : alles dies mit ausserordentlicher Schnelligkeit, so dass hier wie beim Taschenspieler eine Verwirrung des L'rtheils entstehen und ein Nacheinander sich wie etwas Gleichzeitiges, selbst wie ein umgedrehtes Nacheinander ausnehmen kann. — Wir können aus diesen Vorgängen entnehmen, wie spät das schärfere logische Denken, das Strengnehmen von Ursache und Wirkung, entwickelt worden ist, wenn unsere Vernunft- und Verstandes- funktionen jetzt noch unwillkürlich nach jenen primitiven Formen des Schliessens zurückgreifen und wir ziemlich die Hälfte unseres Lebens in diesem Zustande leben. — Auch der Dichter, der Künstler schiebt seinen Stimmungen und Zuständen Ursachen unter, welche durchaus nicht die wahren sind; er erinnert insofern an älteres Menschcn- thum und kann uns zum Verständnisse desselben ver- helfen. Nietzsche, Menschliches, Allzutnetuchliche-; I. 3 Digitized by Google — 31 - 14. Miterklingen. — Alle stärkeren Stimmungen bringen ein Miterklingen verwandter Empfindungen und Stimmungen mit sich; sie wühlen gleichsam das Gedächtniss auf. Es erinnert sich bei ihnen Etwas in uns und wird sich ähnlicher Zustände und deren Herkunft bewusst. So bilden sich angewöhnte rasche Verbindungen von Gefühlen und Gedanken, welche zuletzt, wenn sie blitzschnell hinter einander erfolgen, nicht einmal mehr als Complexe, sondern als Einheiten empfunden werden. In diesem Sinne redet man vom moralischen Gefühle, vom religiösen Ge- fühle, wie als ob dies lauter Einheiten seien : in Wahrheit sind sie Ströme mit hundert Quellen und Zuflüssen. Auch hier, wie so oft, verbürgt die Einheit des Wortes Nichts für die Einheit der Sache. "5- Kein Innen und Aussen in der Welt. — Wie Demokrit die Begriffe Oben und Unten auf den unend- lichen Raum übertrug, wo sie keinen Sinn haben, so die Philosophen überhaupt den Begriff „Innen und Aussen" auf Wesen und Erscheinung der Welt; sie meinen, mit tiefen Gefühlen komme man tief in's Innere, nahe man sich dem Herzen der Natur. Aber diese Gefühle sind nur insofern tief, als mit ihnen, kaum bemerkbar, gewisse complicirte Gedankengruppen regelmässig erregt werden, welche wir tief nennen; ein Gefühl ist tief, weil wir den begleitenden Gedanken für tief halten. Aber der tiefe Gedanke kann dennoch der Wahrheit sehr fern sein, wie zum Beispiel jeder metaphysische; rechnet man vom tiefen Gefühle die beigemischten Gedankenelemente ab, so bleibt das starke Gefühl übrig, und dieses verbürgt Nichts für Digitized by Google — 35 — die Erkenntniss, als sich selbst, — ebenso wie der starke Glaube nur seine Stärke, nicht die Wahrheit des Ge- glaubten beweist. 16. Erscheinung und Ding an sich. - Die Philo- sophen pflegen sich vor das Leben und die Erfahrung — vor Das, was sie die Welt der Erscheinung nennen — wie vor ein Gemälde hinzustellen, das ein für alle Mal entrollt ist und unveränderlich fest den selben Vorgang zeigt: diesen Vorgang, meinen sie, müsse man richtig aus- deuten, um damit einen Schluss auf das Wesen zu machen, welches das Gemälde hervorgebracht habe: also auf das Ding an sich, das immer als der zureichende Grund der Welt der Erscheinung angesehen zu werden pflegt. Da- gegen haben strengere Logiker, nachdem sie den Begriff des Metaphysischen scharf als den des Unbedingten, folglich auch Unbedingenden festgestellt hatten, jeden Zusammenhang zwischen dem Unbedingten (der meta- physischen Welt) und der uns bekannten Welt in Abrede gestellt: so dass in der Erscheinung eben durchaus nicht das Ding an sich erscheine, und von jener auf dieses jeder Schluss abzulehnen sei. Von beiden Seiten ist aber die Möglichkeit übersehen, dass jenes Gemälde — Das, was jetzt uns Menschen Leben und Erfahrung heisst — all- mählich geworden ist, ja noch völlig im Werden ist und deshalb nicht als feste Grösse betrachtet werden soll, von welcher aus man einen Schluss über den U'rheber (den zureichenden Grund) machen oder auch nur ablehnen dürfte. Dadurch, dass wir seit Jahrtausenden mit mora- lischen, ästhetischen, religiösen Ansprüchen, mit blinder Neigung, Leidenschaft oder Furcht in die Welt geblickt und uns in den Unarten des unlogischen Denkens recht Digitized by Google - 3ö - ausgeschwclgt haben, ist diese Welt allmählich so wunder- sam bunt, schrecklich, bedeutungstief , seelenvoll ge- worden, sie hat Farbe bekommen, — aber wir sind die Coloristen gewesen: der menschliche Intellekt hat die Erscheinung erscheinen lassen und seine irrthümlichen Grundauffassungen in die Dinge hineingetragen. Spät, sehr spät -- besinnt er sich: und jetzt scheinen ihm die Welt der Erfahrung und das Ding an sich so ausser- ordentlich verschieden und getrennt, dass er den Schluss von jener auf dieses ablehnt — oder auf eine schauerlich geheimnissvolle Weise zum A ufgeben unsers Intellektes, unsers persönlichen Willens auffordert: um dadurch zum Wesenhaften zu kommen, dass man wesenhaft werde. Wiederum haben Andere alle charakteristischen Züge unserer Welt der Erscheinung — das heisst der aus in- tellektuellen Irrthümern herausgesponnenen und uns an- geerbten Vorstellung von der Welt — zusammengelesen und, anstatt den Intellekt als Schuldigen anzu- klagen, das Wesen der Dinge als Ursache dieses thatsächlichen , sehr unheimlichen Weltcharakters ange- schuldigt und die Erlösung vom Sein gepredigt. — Mit all diesen Auffassungen wird der stetige und mühsame Prozess der Wissenschaft, welcher zuletzt einmal in einer Entstehungsgeschichte des Denkens seinen höchsten Triumph feiert, in entscheidender Weise fertig werden, dessen Resultat vielleicht auf diesen Satz hinaus- laufen dürfte: Das, was wir jetzt die Welt nennen, ist das Resultat einer Menge von Irrthümern und Phantasien, welche in der gesammten Entwickclung der organischen Wesen allmählich entstanden, in einander verwuchsen und uns jetzt als aufgesammelter Schatz der ganzen Ver- gangenheit vererbt werden , — als Schatz : denn der Werth unseres Menschenthums ruht darauf. Von dieser Digitized by Google - 37 — Welt der Vorstellung vermag uns die strenge Wissen- schaft thatsächlich nur in geringem Maasse zu lösen — wie es auch gar nicht zu wünschen ist — , insofern sie die Gewalt uralter Gewohnheiten der Empfindung nicht wesentlich zu brechen vermag: aber sie kann die Geschichte der Entstehung jener Welt als Vorstellung ganz allmählich und schrittweise authellen — und uns wenigstens für Augenblicke über den ganzen Vorgang hinausheben. Vielleicht erkennen wir dann, dass das Ding an sich eines homerischen Gelächters werth ist: dass es so viel, ja Alles schien und eigentlich leer, nämlich bedeutungsleer ist. 17- Metaphysische Erklärungen. — Der junge Mensch schätzt metaphysische Erklärungen, weil sie ihm in Dingen, welche er unangenehm oder verächtlich fand, etwas höchst Bedeutungsvolles aufweisen: und ist er mit sich unzufrieden, so, erleichtert sich dies Gefühl, wenn er das innerste Welträthscl oder Weltelend in dem wieder- erkennt, was er so sehr an sich missbilligt. Sich unver- antwortlicher fühlen und die Dinge zugleich interessanter rinden — das gilt ihm als die doppelte Wohlthat, welche er der Metaphysik verdankt. Später freilich bekommt er Misstrauen gegen die ganze metaphysische Erklärungsart; dann sieht er vielleicht ein, dass jene Wirkungen auf einem anderen Wege eben so gut und wissenschaftlicher zu erreichen sind: dass physische und historische Erklä- rungen mindestens ebenso sehr jenes Gefühl der Unver- antwortlichkeit herbeiführen, und dass jenes Interesse am Leben und seinen Problemen vielleicht noch mehr dabei entflammt wird. Digitized by Google - 38 - i8. Grundfragen der Metaphysik. — Wenn einmal die Entstehungsgeschichte des Denkens geschrieben ist, so wird auch der folgende Satz eines ausgezeichneten Logikers von einem neuen Lichte erhellt dastehen: „Das ursprüngliche allgemeine Gesetz des erkennenden Subjekts besteht in der inneren Notwendigkeit, jeden Gegenstand an sich , in seinem eigenen Wesen als einen mit sich selbst identischen, also selbstexistirenden und im Grunde stets gleichbleibenden und unwandelbaren, kurz als eine Substanz zu erkennen." Auch -dieses Gesetz, welches hier „ursprünglich44 genannt wird, ist geworden: es wird einmal gezeigt werden, wie allmählich, in den niederen Organismen, dieser Hang entsteht, wie die blöden Maul- wurfsaugen dieser Organisationen zuerst Nichts als immer das Gleiche sehen, wie dann, wenn die verschiedenen Erregungen von Lust und Unlust bemerkbarer werden, allmählich verschiedene Substanzen unterschieden werden, aber jede mit Einem Attribut, das heisst einer einzigen Beziehung zu einem solchen Organismus. — Die erste Stufe des Logischen ist das Urtheil; dessen Wesen besteht, nach der Feststellung der besten Logiker, im Glauben. Allem Glauben zu Grunde liegt die Empfin- dung des Angenehmen oder Schmerzhaften in Bezug auf das empfindende Subjekt. Eine neue dritte Empfindung als Resultat zweier vorangegangenen ein- zelnen Empfindungen ist das Urtheil in seiner niedrigsten Form. — Uns organische Wesen interessirt ursprünglich Nichts an jedem Dinge, als sein Vcrhältniss zu uns in Bezug auf Lust und Schmerz. Zwischen den Momenten, in welchen wir uns dieser Beziehung bewusst werden, den Zuständen des Empfindens, liegen solche der Ruhe, Digitized by Google 39 — des Xichtempfindens: da ist die Welt und jedes Ding für uns interesselos, wir bemerken keine Veränderung an ihm (wie jetzt noch ein heftig Interessirter nicht merkt, dass Jemand an ihm vorbeigeht). Für die Pflanze sind gewöhnlich alle Dinge ruhig, ewig, jedes Ding sich selbst gleich. Aus der Periode der niederen Organismen her ist dem Menschen der Glaube vererbt, dass es gleiche Dinge giebt (erst die durch höchste Wissenschaft aus- gebildete Erfahrung widerspricht diesem Satze). Der Ur- glaube alles Organischen von Anfang an ist vielleicht sogar, dass die ganze übrige Welt Eins und unbewegt ist. — Am fernsten liegt für jene Urstufe des Logischen der Gedanke an Causalität: ja jetzt noch meinen wir im Grunde, alle Empfindungen und Handlungen seien Akte des freien Willens; wenn das fühlende Individuum sich selbst betrachtet, so hält es jede Empfindung, jede Veränderung für etwas Isolirt es, das heisst Unbedingtes, Zusammenhangloses: es taucht aus uns auf, ohne Ver- bindung mit Früherem oder Späterem. Wir haben I lunger, aber meinen ursprünglich nicht, dass der Organismus er- halten werden will, sondern jenes Gefühl scheint sich ohne Grund und Zweck geltend zu machen, es isolirt sich und hält sich für willkürlich. Also: der Glaube an die Freiheit des Willens ist ein ursprünglicher Irrthum alles Organischen, so alt, als die Regungen des Logischen in ihm existiren; der Glaube an unbedingte Substanzen und an gleiche Dinge ist ebenfalls ein ursprünglicher, ebenso alter Irrthum alles Organischen. Insofern aber alle Meta- physik sich vornehmlich mit Substanz und Freiheit des Willens abgegeben hat, so darf man sie als die Wissen- schaft bezeichnen, welche von den Grundirrthümern des Menschen handelt, doch so, als wären es Grund- wahrheiten. Digitized by Google — 4o 19- Die Zahl. — Die Erfindung der Gesetze der Zahlen ist auf Grund des ursprünglich schon herrschenden Irr- thums gemacht, dass es mehrere gleiche Dinge gebe (aber thatsächlich giebt es nichts Gleiches), mindestens dass es Dinge gebe (aber es giebt kein „Ding"). Die Annahme der Vielheit setzt immer voraus, dass es Etwas gebe, das vielfach vorkommt: aber gerade hier schon wal- tet der Irrthum, schon da fingiren wir Wesen, Einheiten, die es nicht giebt. — Unsere Empfindungen von Raum und Zeit sind falsch, denn sie führen, consequent geprüft, auf logische Widersprüche. Bei allen wissenschaftlichen Feststellungen rechnen wir unvermeidlich immer mit eini- gen falschen Grössen : aber weil diese Grossen wenigstens constant sind, wie zum Beispiel unsere Zeit- und Raum- empfindung, so bekommen die Resultate der Wissenschaft doch eine vollkommene Strenge und Sicherheit in ihrem Zusammenhange mit einander; man kann auf ihnen fort- baucn — bis an jenes letzte Ende, wo die irrthümliche Grundannahme, jene constanten Fehler, in Widerspruch mit den Resultaten treten, zum Beispiel in der Atomen- lehre. Da fühlen wir uns immer noch zur Annahme eines „Dinges" oder stofflichen „Substrats", das bewegt wird, gezwungen, wahrend die ganze wissenschaftliche Procedur eben die Aufgabe verfolgt hat, alles Dingartige (Stoffliche) in Bewegungen aufzulösen: wir scheiden auch hier noch mit unserer Empfindung Bewegendes und Bewegtes und kommen aus diesem Zirkel nicht heraus, weil der Glaube an Dinge mit unserem Wesen von Alters her verknotet ist. — Wenn Kant sagt „der Verstand schöpft seine Gesetze nicht aus der Natur, sondern schreibt sie dieser vor4', so ist dies in Hinsicht auf den Begriff der Natur Digitized by Google — 4i ~ völlig wahr, welchen wir genüthigt sind, mit ihr zu ver- binden (Natur = Welt als Vorstellung, das heisst als Irr- thum), welcher aber die Aufsummirung einer Menge von Irrthümern des Verstandes ist. — Auf eine Welt, welche nicht unsere Vorstellung ist, sind die Gesetze der Zahlen gänzlich unanwendbar, diese gelten allein in der Men- schen-Welt. 20. Einige Sprossen zurück. — Die eine, gewiss sehr hohe Stufe der Bildung ist erreicht, wenn der Mensch über abergläubische und religiöse Begriffe und Aengste hinauskommt und zum Beispiel nicht mehr an die lieben Englein oder die Erbsünde glaubt, auch vom Heil der Seelen zu reden verlernt hat: ist er auf dieser Stufe der Befreiung, so hat er auch noch mit höchster Anspannung seiner Besonnenheit die Metaphysik zu überwinden. Dann aber ist eine rückl äuf i ge Be w egu n g nöthig: er muss die historische Berechtigung, ebenso die psychologische in solchen Vorstellungen begreifen, er muss erkennen, wie die grösste Förderung der Menschheit von dorther gekommen sei und wie man sich, ohne eine solche rück- läufige Bewegung, der besten Ergebnisse der bisherigen Menschheit berauben würde. — In Betreff der philo- sophischen Metaphysik sehe ich jetzt immer Mehrere, welche an das negative Ziel (dass jede positive Meta- physik Irrthum ist) gelangt sind, aber noch Wenige, welche einige Sprossen rückwärts steigen; man soll nämlich über die letzte Sprosse, der Leiter wohl hinausschauen, aber nicht auf ihr stehen wollen. Die Aufgeklärtesten bringen es nur so weit, sich von der Metaphysik zu befreien und mit Ueberlegenheit auf sie zurückzusehen: wahrend es doch auch hier, wie im Hippodrom, noth thut, um das Ende der Bahn herumzubiegen. Digitized by Google - 42 — 2 1. Muthmaasslichcr Sieg der Skepsis. — Man lasse einmal den skeptischen Ausgangspunkt gelten: gesetzt, es gäbe keine andere, metaphysische Welt und alle aus der Metaphysik genommenen Erklärungen der uns einzig bekannten Welt wären unbrauchbar für uns, mit welchem Blick würden wir dann auf Menschen und Dinge sehen? Dies kann man sich ausdenken, es ist nützlich, selbst wenn die Frage, ob etwas Metaphysisches wissenschaftlich durch Kant und Schopenhauer bewiesen sei, einmal ab- gelehnt würde. Denn es ist, nach historischer Wahr- scheinlichkeit, sehr gut möglich, dass die Menschen einmal in dieser Beziehung im Ganzen und Allgemeinen skep- tisch werden; da lautet also die Frage: wie wird sich dann die menschliche Gesellschaft, unter dem Einfluss einer solchen Gesinnung, gestalten? Vielleicht ist der wissenschaftliche Beweis irgend einer metaphysi- schen Welt schon so schwierig, dass die Menschheit ein Misstrauen gegen ihn nicht mehr los wird. Und wenn man gegen die Metaphysik Misstrauen hat, so giebt es im Ganzen und Grossen die selben Folgen, wie wenn sie direkt widerlegt wäre und man nicht mehr an sie glauben dürfte. Die historische Frage in Betreff einer unmeta- physischen Gesinnung der Menschheit bleibt in beiden Fällen die selbe. 22. Unglaube an das „monumentum aere peren- nius". — Ein wesentlicher Nachtheil, welchen das Auf- hören metaphysischer Ansichten mit sich bringt, liegt darin, dass das Individuum zu streng seine kurze Lebenszeit ins Auge fasst und keine stärkeren Antriebe empfängt, Digitized by Google — 43 — an dauerhaften, für Jahrhunderte angelegten Institutionen zu bauen; es will die Frucht selbst vom Baume pflücken, den es pflanzt, und deshalb mag es jene Bäume nicht mehr pflanzen, welche eine jahrhundertlango gleichmässige Pflege erfordern und welche lange Reihenfolgen von Geschlechtern zu überschatten bestimmt sind. Denn meta- physische Ansichten geben den Glauben, dass in ihnen das letzte endgültige Fundament gegeben sei, auf welchem sich nunmehr alle Zukunft der Menschheit niederzulassen und anzubauen genöthigt sei; der Einzelne fordert sein Heil, wenn er zum Beispiel eine Kirche, ein Kloster stiftet, es wird ihm, so meint er. im ewigen Fortleben der Seele angerechnet und vergolten, es ist Arbeit am ewigen Heil der Seele. — Kann die Wissenschaft auch solchen Glauben an ihre Resultate erwecken? In der That braucht sie den Zweifel und das Misstrauen als treuesten Bundes- genossen; trotzdem kann mit der Zeit die Summe der unantastbaren, das heisst alle Stürme der Skepsis, alle Zersetzungen überdauernden Wahrheiten so gross werden (zum Beispiel in der Diätetik der Gesundheit), dass man sich daraufhin entschliesst, „ewige" Werke zu gründen. Einstweilen wirkt der Contrast unseres aufgeregten Ephemeren-Daseins gegen die langathmige Ruhe meta- physischer Zeitalter noch zu stark, weil die beiden Zeiten noch zu nahe gestellt sind; der einzelne Mensch selber durchläuft jetzt zu viele innere und äussere Ent- wicklungen, als dass er auch nur auf seine eigene Lebenszeit sich dauerhaft und ein für alle Mal einzu- richten wagt. Ein ganz moderner Mensch, dtr sich zum Beispiel ein Haus bauen will, hat dabei ein Gefühl, als ob er bei lebendigem Leibe sich in ein Mausoleum ver- mauern wolle. Digitized by Google — 44 -73- Zeitalter der Vergleichung. — Je weniger die Menschen durch das Herkommen gebunden sind, um so grösser wird die innere Bewegung der Motive, um so grösser wiederum, dem entsprechend, die äussere Unruhe, das Durcheinanderfluthen der Menschen, die Polyphonie der Bestrebungen. Für wen giebt es jetzt noch einen strengeren Zwang, an einen Ort sich und seine Nach- kommen anzubinden? Für wen giebt es überhaupt noch etwas streng Bindendes? Wie alle Stilarten der Künste neben einander nachgebildet werden, so auch alle Stufen und Arten der Moralität, der Sitten, der Kulturen. Ein solches Zeitalter bekommt seine Bedeutung dadurch, dass in ihm die verschiedenen Weltbetrachtungen, Sitten, Kul- turen verglichen und neben einander durchlebt werden können: was früher, bei der immer localisirten Herrschaft jeder Kultur, nicht möglich war, entsprechend der Gebun- denheit aller künstlerischen Stilarten an Ort und Zeit. Jetzt wird eine Vermehrung des ästhetischen Gefühls end- gültig unter so vielen der Vergleichung sich darbietenden Formen entscheiden: sie wird die meisten — nämlich alle, welche durch dasselbe abgewiesen werden — absterben lassen. Ebenso findet jetzt ein Auswählen in den Formen und Gewohnheiten der höheren Sittlichkeit statt, deren Ziel kein anderes, als der Untergang der niedrigeren Sitt- lichkeiten sein kann. Es ist das Zeitalter der Vergleichung! Das ist sein Stolz, — aber billigerweise auch sein Leiden. Fürchten wir uns vor diesem Leiden nicht! Vielmehr wollen wir die Aufgabe, welche das Zeitalter uns stellt, so gross verstehen, als wir nur vermögen: so wird uns die Nachwelt darob segnen, — eine Nachwelt, die ebenso sich über die abgeschlossenen originalen Volks-Kulturen hinaus weiss, als über die Kultur der Vergleichung, aber Digitized by Google 45 — auf beide Arten der Kultur als auf verehrungswürdige Alterthümer mit Dankbarkeit zurückblickt. 24. Möglichkeit des Fortschritts. — Wenn ein Gelehrter der alten Kultur es verschwört, nicht mehr mit Menschen umzugehen, welche an den Fortschritt glauben, so hat er Recht. Denn die alte Kultur hat ihre Grösse und Güte hinter sich, und die historische Bildung zwingt Einen, zuzugestehen, dass sie nie wieder frisch werden kann; es ist ein unausstehlicher Stumpfsinn oder ebenso unleidliche Schwärmerei nöthig, um dies zu leugnen. Aber die Menschen können mit Bewusstsein bc- schlicssen, sich zu einer neuen Kultur fortzuentwickeln, während sie sich früher unbewusst und zufällig ent- wickelten.- sie können jetzt bessere Bedingungen für die Entstehung der Menschen, ihre Ernährung, Erziehung, Unterrichtung schaffen, die Erde als Ganzes ökonomisch verwalten, die Kräfte der Menschen überhaupt gegen einander abwägen und einsetzen. Diese neue bewusste Kultur tödtet die alte, welche, als Ganzes angeschaut, ein unbewusstes Thier- und Pflanzenleben geführt hat; sie tödtet auch das Misstrauen gegen den Fortschritt, — er ist möglich. Ich will sagen: es ist voreilig und fast unsinnig, zu glauben, dass der Fortschritt not h wendig erfolgen müsse; aber wie könnte man leugnen, dass er möglich sei? Dagegen ist ein Fortschritt im Sinne und auf dem Wege der alten Kultur nicht einmal denkbar. Wenn romantische Phantastik immerhin auch das Wort „Fortschritt" von ihren Zielen (z. B. abgeschlossenen ori- ginalen Volks-Kulturen) gebraucht: jedenfalls entlehnt sie das Bild davon aus der Vergangenheit; ihr Denken und Vorstellen ist auf diesem Gebiete ohne jede Originalität. Digitized by Google - 4o - -5- Privat- und Welt-Moral. — Seitdem der Glaube aufgehurt hat, dass ein Gott die Schicksale der Welt im Grossen leite und, trotz aller anscheinenden Krümmun- gen im Pfade der Menschheit, sie doch herrlich hinaus- führe, müssen die Menschen selber sich ökumenische, die ganze Erde umspannende Ziele stellen. Die ältere Moral, namentlich die Kants, verlangt vom Einzelnen Handlungen, welche man von allen Menschen wünscht: das war eine schone naive Sache; als ob ein Jeder ohne Weiteres wüs.ste, bei welcher Handlungsweise das Ganze der Menschheit wohlfahre, also welche Handlungen überhaupt wünschenswerth seien; es ist eine Theorie wie die vom Freihandel, voraussetzend, dass die allgemeine Harmonie sich nach eingeborenen Gesetzen des Besserwerdens von selbst ergeben müsse. Vielleicht lässt es ein zukünf- tiger U eberblick über die Bedürfnisse der Menschheit durchaus nicht wünschenswerth erscheinen, dass alle Menschen gleich handeln, vielmehr dürften im Interesse ökumenischer Ziele für ganze Strecken der Menschheit spccielle, vielleicht unter Umständen sogar böse Auf- gaben zu stellen sein. — Jedenfalls muss, wenn die Menschheit sich nicht durch eine solche bewusste Ge- sammtregierung zu Grunde richten soll, vorher eine alle bisherigen Grade übersteigende Kenntniss der Be- dingungen der Kultur, als wissenschaftlicher Maass- stab für ökumenische Ziele, gefunden sein. Hierin liegt die ungeheure Aufgabe der grossen Geister des nächsten Jahrhunderts. 20. Die Reaktion als Fortschritt. — Mitunter erscheinen schroffe, gewaltsame und fortreissende, aber Digitized by Google — 47 " trotzdem zurückgebliebene Geister, welche eine vergangene Phase der Menschheit noch einmal heraufbeschwören: sie dienen zum Beweis, dass die neuen Richtungen, welchen sie entgegenwirken, noch nicht kraftig genug sind, dass Etwas an ihnen fehlt: sonst würden sie jenen Beschwörern besseren Widerpart halten. So zeugt zum Beispiel Luther "s Reformation dafür, dass in seinem Jahr- hundert alle Regungen der Freiheit des Geistes noch unsicher, zart, jugendlich waren; die Wissenschaft konnte noch nicht ihr Haupt erheben. Ja, die gesummte Renais- sance erscheint wie ein erster Frühling, der fast wieder weggeschneit wird. Aber auch in unserem Jahrhundert bewies Schopenhauers Metaphysik, dass auch jetzt der wissenschaftliche Geist noch nicht kräftig genug ist: so konnte die ganze mittelalterlich -christliche Weltbetrach- tung und Mensch-Empfindung noch einmal in Schopen- hauers Lehre, trotz der längst errungenen Vernichtung aller christlichen Dogmen, eine Auferstehung feiern. Viel Wissenschaft klingt in seine Lehre hinein, aber sie beherrscht dieselbe nicht, sondern das alte, wohlbekannte „metaphysische Bedürfniss". Es ist gewiss einer der grössten und ganz unschätzbaren Vortheile, welche wir aus Schopenhauer gewinnen, dass er unsere Empfindung zeitweilig in ältere, mächtige Betrachtungsarten der Welt und Menschen zurückzwingt, zu welchen sonst uns so leicht kein Pfad führen würde. Der Gewinn für die Historie und die Gerechtigkeit ist sehr gross: ich glaube, dass es jetzt Niemandem so leicht gelingen möchte, ohne Schopenhauers Beihülfe dem Christenthum und seinen asiatischen Verwandten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: was namentlich vom Boden des noch vorhandenen Christenthums aus unmöglich ist. Erst nach diesem grossen Erfolge der Gerechtigkeit, erst nachdem Digitized by Google - 48 - wir die historische Betrachtungsart, welche die Zeit der Aufklärung mit sich brachte, in einem so wesentlichen Punkte corri^irt haben, dürfen wir die Fahne der Auf- klärung — die Fahne mit den drei Namen: Petrarca, Erasmus, Voltaire — von Neuem weitertragen. Wir haben aus der Reaktion einen Fortschritt gemacht. 27. Ersatz der Religion. — Man glaubt einer Philo- sophie etwas Gutes nachzusagen, wenn man sie als Ersatz der Religion für das Volk hinstellt. In der That bedarf es in der geistigen Oekonomie gelegentlich überleitender Gedankenkreise; so ist der Uebergang aus Religion in wissenschaftliche Betrachtung ein gewaltsamer, gefähr- licher Sprung, Etwas, das zu widerrathen ist. Insofern hat man mit jener Anempfehlung Recht. Aber endlich sollte man doch auch lernen, dass die Bedürfnisse, welche die Religion befriedigt hat und nun die Philosophie be- friedigen soll, nicht unwandelbar sind; diese selbst kann man schwächen und ausrotten. Man denke zum Beispiel an die christliche Seelennoth, das Seufzen über die innere Verderbtheit, die Sorge um das Heil, — Alles Vorstellungen, welche nur aus Irrthümern der Vernunft herrühren und gar keine Befriedigung, sondern Ver- nichtung-verdienen. Eine Philosophie kann entweder so nützen, dass sie jene Bedürfnisse auch befriedigt oder dass sie dieselben beseitigt; denn es sind angelernte, zeitlich begrenzte Bedürfnisse, welche auf Voraussetzungen beruhen, die denen der Wissenschaft widersprechen. Hier ist, um einen Uebergang zu machen, die Kunst viel eher zu benutzen, um das mit Empfindungen über- ladene Gcmüth zu erleichtern; denn durch sie werden jene Vorstellungen viel weniger unterhalten, als durch V Digitized by Google — 49 — eine metaphysische Philosophie. Von der Kunst aus kann man dann leichter in eine wirklich befreiende philo- sophische Wissenschaft übergehen. 28. Verrufene Worte. — Weg mit den bis zum Ueber- druss verbrauchten Wörtern Optimismus und Pessimismus ! Denn der Anlass, sie zu gebrauchen, fehlt von Tag zu Tage mehr: nur die Schwätzer haben sie jetzt noch so unumgänglich nöthig. Denn weshalb in aller Welt sollte Jemand Optimist sein wollen, wenn er nicht einen Gott zu vertheidigen hat, welcher die beste der Welten geschaffen haben muss, falls er selber das Gute und Vollkommene ist, — welcher Denkende hat aber die Hypo- these eines Gottes noch nöthig? — Es fehlt aber auch jeder Anlass zu einem pessimistischen Glaubensbekcnntniss, wenn man nicht ein Interesse daran hat, den Advokaten Gottes, den Theologen oder den theologisirenden Philo- sophen, ärgerlich zu werden und die Gegenbehauptung kräftig aufzustellen: dass das Böse regiere, dass die Unlust grösser sei, als die Lust, dass die Welt ein Machwerk, die Erscheinung eines bösen Willens zum Leben sei. W er aber kümmert sich jetzt noch um die Theologen — ausser den Theologen? — Abgesehen von aller Theologie und ihrer Bekämpfung liegt es auf der Hand, dass die Welt nicht gut und nicht böse, geschweige denn die beste oder die schlechteste ist, und dass diese Begriffe „gut" und „böse" nur in Bezug auf Menschen Sinn haben, ja vielleicht selbst hier, in der Weise, wie sie gewöhnlich gebraucht werden, nicht berechtigt sind: der schimpfenden und verherrlichenden Weltbetrachtung müssen wir uns in jedem Falle entschlagen. Nietzsche, Menschliches, Al'.zumeiischliches I. 4 Digitized by Google — 5<> — 20. Vom Dufte der Blüthen berauscht. — Das Schiff der Menschheit, meint man, hat einen immer stär- keren Tiefgang, je mehr es belastet wird; man glaubt, je tiefer der Mensch denkt, je zarter er fühlt, je höher er sich schätzt, je weiter seine Entfernung von den anderen Thieren wird, — je mehr er als das Genie unter den Thieren erscheint, — um so näher werde er dem wirklichen Wesen der Welt und deren Erkcnntniss kommen: dies thut er auch wirklich durch die Wissenschaft, aber er meint dies noch mehr durch seine Religionen und Künste zu thun. Diese sind zwar eine Blüthe der Welt, aber durchaus nicht der Wurzel der Welt näher, als der Stengel ist: man kann aus ihnen das Wesen der Dinge gerade gar nicht besser verstehen, obschon dies fast Jedermann glaubt Der Irrthum hat den Menschen so tief, zart, erfinderisch gemacht, eine solche Blüthe, wie Religionen und Künste, herauszutreiben. Das reine Er- kennen wäre dazu ausser Stande gewesen. Wer uns das Wesen der Welt enthüllte, würde uns Allen die unange- nehmste Enttäuschung machen. Nicht die Welt als Ding an sich, sondern die Welt als Vorstellung (als Irrthum) ist so bedeutungsreich, tief, wundervoll, Glück und Un- glück im Schoosse tragend. Dies Resultat führt zu einer Philosophie der logischen Weltverneinung: welche übrigens sich mit einer praktischen Weltbejahung eben- sogut wie mit deren Gegentheile vereinigen lässt. 30. Schlechte Gewohnheiten im Schliessen. — Die gewöhnlichsten Irrschlüsse der Menschen sind diese : eine Sache existirt, also hat sie ein Recht. Hier wird aus Google der Lebensfähigkeit auf die Zweckmässigkeit, aus der Zweckmässigkeit auf die Rechtmässigkeit geschlossen. Sodann: eine Meinung beglückt, also ist sie die wahre, ihre Wirkung ist gut, also ist sie selber gut und wahr. Hier legt man der Wirkung das Prädikat beglückend, gut, im Sinne des Nützlichen, bei und versieht nun die Ursache mit dem selben Prädikat gut, aber hier im Sinne des Logisch-Gültigen. Die Umkehrung der Sätze lautet: eine Sache kann sich nicht durchsetzen, erhalten, also ist sie unrecht; eine Meinung quält, regt auf, also ist sie falsch. Der Freigeist, der das Fehlerhafte dieser Art zu schliessen nur allzu häufig kennen lernt und an ihren Folgen zu leiden hat, unterliegt oft der Verführung, die entgegengesetzten Schlüsse zu machen, welche im All- gemeinen natürlich ebenso sehr Irrschlüsse sind: eine Sache kann sich nicht durchsetzen, also ist sie gut; eine Meinung macht Noth, beunruhigt, also ist sie wahr. 3«. Das Unlogische noth wendig. — Zu den Dingen, welche einen Denker in Verzweifelung bringen können, gehört die Erkenntniss, dass das Unlogische für den Menschen nöthig ist, und dass aus dem Unlogischen vieles Gute entsteht Es steckt so fest in den Leidenschaften, in der Sprache, in der Kunst, in der Religion und über- haupt in Allem, was dem Leben Werth verleiht, dass man es nicht herausziehen kann, ohne damit diese schö- nen Dinge heillos zu beschädigen. Es sind nur die allzu naiven Menschen, welche glauben können, dass die Natur des Menschen in eine rein logische verwandelt werden könne; wenn es aber Grade der Annäherung an dieses Ziel geben sollte, was würde da nicht Alles auf diesem Wege verloren gehen müssen! Auch der vernünftigste Digitized by Google Mensch bedarf von Zeit zu Zeit wieder der Natur, das heisst seiner unlogischen Grundstellung zu allen Dingen. 32. Ungerechtsein nothwendig. — Alle Urtheilc über den Werth des Lebens sind unlogisch entwickelt und deshalb ungerecht. Die Unreinheit des Urtheils liegt erstens in der Art, wie das Material vorliegt, nämlich sehr unvollständig, zweitens in der Art, wie daraus die Summe gebildet wird, und drittens darin, dass jedes einzelne Stück des Materials wieder das Resultat unreinen Erkennens ist und zwar dies mit voller Notwendigkeit. Keine Erfahrung zum Beispiel über einen Menschen, stünde er uns auch noch so nah, kann vollständig sein, so dass wir ein logisches Recht zu einer Gesammtab- schätzung desselben hätten; alle Schätzungen sind voreilig und müssen es sein. Endlich ist das Maass, womit wir messen, unser Wesen, keine unabänderliche Grösse, wir haben Stimmungen und Schwankungen, und doch müssten wir uns selbst als ein festes Maass kennen, um das Ver- hältniss irgend einer Sache zu uns gerecht abzuschätzen. Vielleicht wird aus Alledem folgen, dass man gar nicht urtheilen sollte; wenn man aber nur leben könnte, ohne abzuschätzen, ohne Abneigung und Zuneigung zu haben! — denn alles Abgeneigtsein hängt mit einer Schätzung zusammen, ebenso alles Geneigtsein. Ein Trieb zu Etwas oder von Etwas weg, ohne ein Gefühl davon, dass man das Förderliche wolle, dem Schädlichen ausweiche, ein Trieb ohne eine Art von erkennender Abschätzung über den Werth des Zieles, cxistirt beim Menschen nicht. Wir sind von vornherein unlogische und daher ungerechte Wesen, und können dies erkennen: dies ist eine der grösstcn und unauflösbarsten Disharmonien des Daseins. 1 Digitized by Google - 53 - Der Irrthum über das Leben zum Leben nothwendig. — Jeder Glaube an Werth und Würdig- keit des Lebens beruht auf unreinem Denken; er ist allein dadurch möglich, dass das Mitgefühl für das all- gemeine Leben und Leiden der Menschheit sehr schwach im Individuum entwickelt ist Auch die seltneren Men- schen, welche überhaupt über sich hinaus denken, fassen nicht dieses allgemeine Leben, sondern abgegrenzte Theile desselben in's Auge. Versteht man es, sein Augenmerk vornehmlich auf Ausnahmen, ich meine auf die hohen Begabungen und die reichen Seelen zu richten, nimmt man deren Entstehung zum Ziel der ganzen Weltent- wickelung und erfreut sich an deren Wirken, so mag man an den Werth des Lebens glauben, weil man näm- lich die anderen Menschen dabei übersieht: also unrein denkt. Und ebenso, wenn man zwar alle Menschen in's Auge fasst, aber in ihnen nur eine Gattung von Trieben, die weniger egoistischen, gelten lässt und sie in Betreff der anderen Triebe entschuldigt: dann kann man wiederum von der Menschheit im Ganzen Etwas hoffen und insofern an den Werth des Lebens glauben: also auch in diesem Falle durch Unreinheit des Denkens. Mag man sich aber so oder so verhalten, man ist mit diesem Verhalten eine Ausnahme unter den Menschen. Nun ertragen aber gerade die allermeisten Menschen das Leben, ohne erheb- lich zu murren, und glauben somit an den Werth des Daseins, aber gerade dadurch, dass sich Jeder allein will und behauptet, und nicht aus sich heraustritt wie jene Ausnahmen: alles Ausserpersönliche ist ihnen gar nicht oder höchstens als ein schwacher Schatten bemerkbar. Also darauf allein beruht der Werth des Lebens für den gewöhnlichen, alltäglichen Menschen, dass er sich wich- Digitized by Google — 54 - tiger nimmt, als die Welt. Der grosse Mangel an Phan- tasie, an dem er leidet, macht, dass er sich nicht in andere Wesen hineinfühlen kann und daher so wenig als möglich an ihrem Loos und Leiden theilnimmt. Wer dagegen wirklich daran theilnehmen könnte, müsste am Werthe des Lebens verzweifeln; gelänge es ihm, das Gesammt- bewusstsein der Menschheit in sich zu fassen und zu empfinden, er würde mit einem Fluche gegen das Dasein zusammenbrechen, — denn die Menschheit hat im Ganzen keine Ziele, folglich kann der Mensch, in Betrachtung des ganzen Verlaufes, nicht darin seinen Trost und Halt finden, sondern seine Verzweifelung. Sieht er bei Allem, was er thut, auf die letzte Ziellosigkeit der Menschen, so bekommt sein eigenes Wirken in seinen Augen den Charakter der Vergeudung. Sich aber als Menschheit (und nicht nur als Individuum) ebenso vergeudet zu fühlen, wie wir die einzelne Blüthe von der Natur ver- geudet sehen, ist ein Gefühl über alle Gefühle. — Wer ist aber desselben fähig? Gewiss nur ein Dichter: und Dichter wissen sich immer zu trösten. 34- Zur Beruhigung. — Aber wird so unsere Philo- sophie nicht zur Tragödie? Wird die Wahrheit nicht dem Leben, dem Besseren feindlich? Eine Frage scheint uns die Zunge zu beschweren und doch nicht laut werden zu wollen: ob man bewusst in der Unwahrheit bleiben könne? oder, wenn man dies müsse, ob da nicht der Tod vorzuziehen sei? Denn ein Sollen giebt es nicht mehr; die Moral, insofern sie ein Sollen war, ist ja durch unsere Betrachtungsart ebenso vernichtet wie die Religion. Die Erkenntniss kann als Motive nur Lust und Unlust, Nutzen und Schaden bestehen lassen: wie aber werden Digitized by Google — 55 - diese Motive sich mit dem Sinne für Wahrheit auseinan- dersetzen? Auch sie berühren sich ja mit Irrthümern (insofern, wie gesagt, Neigung- und Abneigung und ihre sehr ungerechten Messungen unsere Lust und Unlust wesentlich bestimmen). Das ganze menschliche Leben ist tief in die Unwahrheit eingesenkt; der Einzelne kann es nicht aus diesem Brunnen herausziehen, ohne dabei seiner Vergangenheit aus tiefstem Grunde gram zu werden, ohne seine gegenwärtigen Motive, wie die der Ehre, ungereimt zu finden und den Leidenschaften, welche zur Zukunft und zu einem Glück in derselben hindrängen, Hohn und Verachtung entgegenzustellen. Ist es wahr, bliebe einzig noch eine Denkweise übrig, welche als persönliches Er- gebniss die Verzweifelung, als theoretisches eine Philosophie der Zerstörung nach sich zöge? — Ich glaube, die Ent- scheidung über die Nachwirkung der Erkenntniss wird durch das Temperament eines Menschen gegeben: ich könnte mir eben so gut, wie jene geschilderte und bei einzelnen Naturen mögliche Nachwirkung, eine andere denken, vermöge deren ein viel einfacheres, von Affekten reineres Leben entstünde, als das jetzige ist: so dass zuerst zwar die alten Motive des heftigeren Begehrens noch Kraft hätten, aus alter vererbter Gewöhnung her, allmählich aber unter dem Einflüsse der reinigenden Er- kenntniss schwächer würden. Man lebte zuletzt unter den Menschen und mit sich wie in der Natur, ohne Lob, Vorwürfe, Ereiferung, an Vielem sich wie an einem Schauspiel weidend, vor dem man sich bisher nur zu fürchten hatte. Man wäre die Emphasis los und würde die Anstachelung des Gedankens, dass man nicht nur Natur oder mehr als Natur sei, nicht weiter empfinden. Freilich gehörte hiezu, wie gesagt, ein gutes Temperament, eine gefestete, milde und im Grunde frohsinnige Seele, Digitized by Google - 56 - eine Stimmung, welche nicht vor Tücken und plötzlichen Ausbrüchen auf der Hut zu sein brauchte und in ihren Aeusserungen Nichts von dem knurrenden Tone und der Verbissenheit an sich trüge, — jenen bekannten lästigen Eigenschaften alter Hunde und Menschen, die lange an der Kette gelegen haben. Vielmehr muss ein Mensch, von dem in solchem Maasse die gewöhnlichen Fesseln des Lebens abgefallen sind, dass er nur deshalb weiter lebt, um immer besser zu erkennen, auf Vieles, ja fast auf Alles, was bei den anderen Menschen Werth hat, ohne Neid und Verdruss verzichten können, ihm muss als der wünschenswertheste Zustand jenes freie, furchtlose Schweben über Menschen, Sitten, Gesetzen und den her- kömmlichen Schätzungen der Dinge genügen. Die Freude an diesem Zustande theilt er gerne mit, und er hat vielleicht nichts Anderes mitzutheilen, — worin freilich eine Entbehrung, eine Entsagung mehr liegt. Will man aber trotzdem Mehr von ihm, so wird er mit wohlwollen- dem Kopfschütteln auf seinen Bruder hinweisen, den freien Menschen der That, und vielleicht ein Wenig Spott nicht verhehlen: denn mit dessen „Freiheit" hat es eine eigene Bewandtniss. Digitized by Google Zweites Hauptstück. Zur Geschichte der moralischen Empfindungen. 35- Vortheile der psychologischen Beobachtung-. Dass das Nachdenken über Menschliches, Allzumensch- liches — oder wie der gelehrtere Ausdruck lautet: die psychologische Beobachtung — zu den Mitteln gehöre, vermöge deren man sich die Last des Lebens erleichtern könne, dass die Uebung in dieser Kunst Geistesgegenwart in schwierigen Lagen und Unterhaltung inmitten einer langweiligen Umgebung verleihe, ja dass man den dornen- vollsten und unerfreulichsten Strichen des eigenen Lebens Sentenzen abpflücken und sich dabei ein Wenig wohler fühlen könne: das glaubte man, wusste man — in früheren Jahrhunderten. Warum vergass es dieses Jahrhundert, wo wenigstens in Deutschland, ja in Europa, die Armuth an psychologischer Beobachtung durch viele Zeichen sich zu erkennen giebt? Nicht gerade in Roman, Novelle und philosophischer Betrachtung, — diese sind das Werk von Ausnahmemenschen; schon mehr in der Beurtheilung öffentlicher Ereignisse und Persönlichkeiten: vor Allem aber fehlt die Kunst der psychologischen Zergliederung und Zusammenrechnung in der Gesellschaft aller Stände, in der man wohl viel über Menschen, aber gar nicht über den Menschen spricht. Warum doch lässt man sich den reichsten und harmlosesten Stoff der Unterhaltung Digitized by Google - 6o — entgehen? Warum liest man nicht einmal die grossen Meister der psychologischen Sentenz mehr? — denn, ohne jede Uebertreibung gesprochen: der Gebildete in Europa, der La Rochefoucauld und seine Geistes- und Kunst- verwandten gelesen hat, ist selten zu finden: und noch viel seltener Der, welcher sie kennt und sie nicht schmäht. Wahrscheinlich wird aber auch dieser ungewöhnliche Leser viel weniger Freude an ihnen haben, als die Form jener Künstler ihm geben sollte; denn selbst der feinste Kopf ist nicht vermögend, die Kunst der Sentenzen-Schleiferei gebührend zu würdigen, wenn er nicht selber zu ihr er- zogen ist, in ihr gewetteifert hat. Man nimmt, ohne solche praktische Belehrung, dieses Schaffen und Formen für leichter als es ist, man fühlt das Gelungene und Reizvolle nicht scharf genug heraus. Deshalb haben die jetzigen Leser von Sentenzen ein verhältnissmässig unbedeutendes Vergnügen an ihnen, ja kaum einen Mund voll Annehm- lichkeit, so dass es ihnen ebenso geht, wie den gewöhn- lichen Betrachtern von Kameen: als welche loben, weil sie nicht lieben können und schnell bereit sind zu be- wundern, schneller aber noch, fortzulaufen. 36. Einwand. — Oder sollte es gegen jenen Satz, dass die psychologische Beobachtung zu den Reiz-, Heil- und Erleichterungsmitteln des Daseins gehöre, eine Gegen- rechnung geben ? Sollte man sich genug von den unan- genehmen Folgen dieser Kunst überzeugt haben, um jetzt mit Absichtlichkeit den Blick der sich Bildenden von ihr abzulenken? In der That, ein gewisser blinder Glaube an die Güte der menschlichen Natur, ein ein- gepflanzter Widerwille vor der Zerlegung menschlicher Handlungen, eine Art Schamhaftigkeit in Hinsicht auf Digitized by Google — Ci — die Nacktheit der Seele mögen wirklich für das gesammte Glück eines Menschen wünschenswertere Dinge sein, als jene, in einzelnen Fällen hülfreiche Eigenschaft der psycho- logischen Scharfsichtigkeit; und vielleicht hat der Glaube an das Gute, an tugendhafte Menschen und Handlungen, an eine Fülle des unpersönlichen "Wohlwollens in der Welt die Menschen besser gemacht, insofern er dieselben weniger misstrauisch machte. Wenn man die Helden Plutarch's mit Begeisterung nachahmt, und einen Abscheu davor empfindet, den Motiven ihres Handelns anzweifelnd nachzuspüren, so hat zwar nicht die Wahrheit, aber die Wohlfahrt der menschlichen Gesellschaft ihren Nutzen dabei: der psychologische Irrthum und überhaupt die Dumpfheit auf diesem Gebiete hilft der Menschlichkeit vorwärts, während die Erkcnntniss der Wahrheit vielleicht durch die anregende Kraft einer Hypothese mehr gewinnt, wie sie La Rochefoucauld der ersten Ausgabe seiner „Sentences et maximes morales" vorangestellt hat: „Ce que le monde nomme vertu n'est d'ordinaire qu 'un fan- töme forme par nos passions, a qui on donne un nom honnete pour faire impunement ce qu 'on veut". La Rochefoucauld und jene anderen französischen Meister der Seelenprüfung (denen sich neuerdings auch ein Deutscher, der Verfasser der „Psychologischen Beobachtungen" zu- gesellt hat) gleichen scharf zielenden Schützen, welche immer und immer wieder in's Schwarze treffen, — aber in's Schwarze der menschlichen Natur. Ihr Geschick erregt Staunen, aber endlich verwünscht ein Zuschauer, der nicht vom Geiste der Wissenschaft, sondern der Menschenfreund- lichkeit geleitet wird, eine Kunst, welche den Sinn der Verkleinerung und Verdächtigung in die Seelen der Menschen zu pflanzen scheint. Digitized by Google — 62 — 3 7- Trotzdem. — Wie es sich nun mit Rechnung und Gegenrechnung verhalte: in dem gegenwärtigen Zustande einer bestimmten einzelnen Wissenschaft ist die Aufer- weckung der moralischen Beobachtung nöthig geworden, und der grausame Anblick des psychologischen Secir- tisches und seiner Messer und Zangen kann der Mensch- heit nicht erspart bleiben. Denn hier gebietet jene Wissen- schaft, welche nach Ursprung und Geschichte der soge- nannten moralischen Empfindungen fragt und welche im Fortschreiten die verwickelten sociologischen Probleme aufzustellen und zu lösen hat: — die ältere Philosophie kennt die letzteren gar nicht und ist der Untersuchung von Ursprung und Geschichte der moralischen Empfin- dungen unter dürftigen Ausflüchten immer aus dem Wege gegangen. Mit welchen Folgen : das lässt sich jetzt sehr deutlich überschauen, nachdem an vielen Beispielen nach- gewiesen ist, wie die Irrthümer der grössten Philosophen gewöhnlich ihren Ausgangspunkt in einer falschen Er- klärung bestimmter menschlicher Handlungen und Em- pfindungen haben, wie auf Grund einer irrthümlichen Analysis, zum Beispiel der sogenannten unegoistischen Handlungen, eine falsche Ethik sich aufbaut, dieser zu Gefallen dann wiederum Religion und mythologisches Un- wesen zu Hülfe genommen werden, und endlich die Schatten dieser trüben Geister auch in die Physik und die gesammte Weltbetrachtung hineinfallen. Steht es aber fest, dass die Oberflächlichkeit der psychologischen Beob- achtung dem menschlichen Urtheilen und Schliessen die gefährlichsten Fallstricke gelegt hat und fortwährend von Neuem legt, so bedarf es jetzt jener Ausdauer der Arbeit, welche nicht müde wird, Steine auf Steine, Steinchen auf Steinchen zu häufen, so bedarf es der enthaltsamen Digitized by Google - 63 - Tapferkeit, um sich einer solchen bescheidenen Arbeit nicht zu schämen und jeder Missachtung derselben Trotz zu bieten. Es ist wahr: zahllose einzelne Bemerkungen über Menschliches und Allzumenschliches sind in Kreisen der Gesellschaft zuerst entdeckt und ausgesprochen worden, welche gewohnt waren, nicht der wissenschaftlichen Er- kenntniss, sondern einer geistreichen Gefallsucht jede Art von Opfern darzubringen; und fast unlösbar hat sich der Duft jener alten Heimat der moralistischen Sentenz — ein sehr verführerischer Duft — der ganzen Gattung angehängt: so dass seinetwegen der wissenschaftliche Mensch unwillkürlich einiges Misstrauen gegen diese Gattung und ihre Ernsthaftigkeit merken lässt. Aber es genügt, auf die Folgen zu verweisen: denn schon jetzt beginnt sich zu zeigen, welche Ergebnisse ernsthaftester Art auf dem Boden der psychologischen Beobachtung aufwachsen. Welches ist doch der Hauptsatz, zu dem einer der kühnsten und kältesten Denker, der Verfasser des Buches „Ueber den Ursprung der moralischen Em- pfindungen" vermöge seiner ein- und durchschneidenden Analysen des menschlichen Handelns gelangt? „Der moralische Mensch, sagt er, steht der intelligiblen (meta- physischen) Welt nicht näher, als der physische Mensch". Dieser Satz, hart und schneidig geworden unter dem Ham- merschlag der historischen Erkenntniss, kann vielleicht einmal, in irgendwelcher Zukunft, als die Axt dienen, welche dem „metaphysischen Bedürfniss" der Menschen an die Wurzel gelegt wird, — ob mehr zum Segen, als zum Fluche der allgemeinen Wohlfahrt, wer wüsste das zu sagen? — aber jedenfalls als ein Satz der erheblichsten Folgen, fruchtbar und furchtbar zugleich, und mit jenem Doppelgesichte in die Welt sehend, welches alle grossen Erkenntnisse haben. Digitized by Google - 64 - 38. Inwiefern nützlich. — Also: ob die psycholo- gische Beobachtung mehr Nutzen oder Nachtheil über die Menschen bringe, das bleibe immerhin unentschieden; aber fest steht, dass sie nothwendig ist, weil die Wissen- schaft ihrer nicht entrathen kann. Die Wissenschaft aber kennt keine Rücksichten auf letzte Zwecke, ebenso wenig als die Natur sie kennt: sondern wie diese gelegentlich Dinge von der höchsten Zweckmässigkeit zu Stande bringt, ohne sie gewollt zu haben, so wird auch die echte Wissen- schaft, als die Nachahmung der Natur in Begriffen, den Nutzen und die Wohlfahrt der Menschen gelegent- lich, ja vielfach, fördern und das Zweckmässige erreichen, — aber ebenfalls ohne es gewollt zu haben. Wem es aber bei dem Anhauche e'iner solchen Betrachtungsart gar zu winterlich zu Muthe wird, der hat vielleicht nur zu wenig Feuer in sich: er möge sich indessen umsehen und er wird Krankheiten wahrnehmen, in denen Eisumschläge noth thun, und Menschen, welche so aus Gluth und Geist „zusammengeknetet" sind, dass sie kaum irgendwo die Luft kalt und schneidend genug für sich finden können. Ueberdies: wie allzu ernste Ein- zelne und Völker ein Bedürfniss nach Leichtfertigkeiten haben, wie andere allzu Erregbare und Bewegliche zeit- weilig schwere niederdrückende Lasten zu ihrer Gesund- heit nöthig haben: sollten wir, die geistigeren Menschen eines Zeitalters, welches ersichtlich immer mehr in Brand geräth, nicht nach allen löschenden und kühlenden Mitteln, die es giebt, greifen müssen, damit wir wenigstens so stetig, harmlos und massig bleiben, als wir es noch sind, und so vielleicht einmal dazu brauchbar werden, diesem Zeitalter als Spiegel und Selbstbesinnung über sich zu dienen? — Digitized by Google - 65 - 39- Die Fabel von der intelligibelen Freiheit.— Die Geschichte der Empfindungen, vermöge deren wir Jemanden verantwortlich machen, also der sogenannten moralischen Empfindungen, verläuft in folgenden Haupt- phasen. Zuerst nennt man einzelne Handlungen gut oder böse ohne alle Rücksicht auf deren Motive, sondern allein der nützlichen oder schädlichen Folgen wegen. Bald aber vergisst man die Herkunft dieser Bezeichnungen und wähnt, dass den Handlungen an sich, ohne Rücksicht auf deren Folgen, die Eigenschaft „gut" oder „böse" innewohne: mit dem selben Irrthume, nach welchem die Sprache den Stein selber als hart, den Baum selber als grün bezeichnet — also dadurch, dass man, was Wirkung ist, als Ursache fasst. Sodann legt man das Gut- oder Böse-sein in die Motive hinein und betrachtet die Thaten an sich als moralisch zweideutig. Man geht weiter und giebt das Prädikat gut oder böse nicht mehr dem einzelnen Motive, sondern dem ganzen Wesen eines Menschen, aus dem das Motiv, wie die Pflanze aus dem Erdreich, heraus- wächst. So macht man der Reihe nach den Menschen für seine Wirkungen, dann für seine Handlungen, dann für seine Motive und endlich für sein Wesen verant- wortlich. Nun entdeckt man schliesslich, dass auch dieses Wesen nicht verantwortlich sein kann, insofern es ganz und gar nothwendige Folge ist und aus den Elementen und Einflüssen vergangener und gegenwärtiger Dinge concrescirt: also dass der Mensch für Nichts verantwort- lich zu machen ist, weder für sein Wesen, noch seine Motive, noch seine Handlungen, noch seine Wirkungen. Damit ist man zur Erkenntniss gelangt, dass die Geschichte der moralischen Empfindungen die Geschichte eines Irr- N'ietischc, Menschliches, Alliumenschlichcs I. 5 Digitized by Google - 66 — thums, des Irrthums von der Verantwortlichkeit ist: als welcher auf dem Irrthum von der Freiheit des Willens ruht. — Schopenhauer schloss dagegen so: weil gewisse Handlungen Unmuth („Schuldbewusstsein") nach sich ziehen, so muss es eine Verantwortlichkeit geben; denn zu diesem Unmuth wäre kein Grund vorhanden, wenn nicht nur alles Handeln des Menschen mit Notwendigkeit verliefe — wie es thatsächlich, und auch nach der Einsicht dieses Philosophen, verläuft — , sondern der Mensch selber mit der selben Notwendigkeit sein ganzes Wesen er- langte, — was Schopenhauer leugnet. Aus der Thatsache jenes Unmuthes glaubt Schopenhauer eine Freiheit be- weisen zu können, welche der Mensch irgendwie gehabt haben müsse, zwar nicht in Bezug auf die Handlungen, aber in Bezug auf das Wesen: Freiheit also, so oder so zu sein, nicht so oder so zu handeln. Aus dem esse, der Sphäre der Freiheit und Verantwortlichkeit, folgt nach seiner Meinung das operari, die Sphäre der strengen Causa- lität, Xothwendigkeit und Un Verantwortlichkeit. Jener Unmuth beziehe sich zwar scheinbar auf das operari — insofern sei er irrthümlich — , in Wahrheit aber auf das esse, welches die That eines freien Willens, die Grund- ursache der Existenz eines Individuums, sei; der Mensch werde Das, was er werden wolle; sein Wollen sei früher, als seine Existenz. — Hier wird der Fehlschluss gemacht, dass aus der Thatsache des Unmuthes die Berechtigung, die vernünftige Zulässigkeit dieses Unmuthes geschlos- sen wird; und von jenem Fehlschluss aus kommt Schopen- hauer zu seiner phantastischen Consequenz der sogenannten intelligibelen Freiheit. Aber der Unmuth nach der That braucht gar nicht vernünftig zu sein: ja er ist es gewiss nicht, denn er ruht auf der irrthümlichen Voraussetzung, dass die That eben nicht nothwendig hätte erfolgen Digitized by Google - 67 - müssen. Also: weil sich der Mensch für frei hält, nicht aber weil er frei ist, empfindet er Reue und Gewissens- bisse. — Ucbcrdies ist dieser ünmuth Etwas, das man sich abgewöhnen kann, bei vielen Menschen ist er in Bezug auf Handlungen gar nicht vorhanden, bei welchen viele andere Menschen ihn empfinden. Er ist eine sehr wan- delbare, an die Entwickelung der Sitte und Kultur ge- knüpfte Sache und vielleicht nur in einer verhältnissmässig kurzen Zeit der Weltgeschichte vorhanden. — Niemand ist für seine Thaten verantwortlich, Niemand für sein Wesen; richten ist soviel als ungerecht sein. Dies gilt auch, wenn das Individuum über sich selbst richtet. Der Satz ist so hell wie Sonnenlicht, und doch geht hier Jeder- mann lieber in den Schatten und die Unwahrheit zurück: aus Furcht vor den Folgen. 40. DasUeber-Thier. — Die Bestie in uns will belogen werden ; Moral ist Nothlüge, damit wir von ihr nicht zer- rissen werden. Ohne die Irrthümer, welche in den An- nahmen der Moral liegen, wäre der Mensch Thier geblieben. So aber hat er sich als etwas Höheres genommen und sich strengere Gesetze auferlegt. Er hat deshalb einen Hass gegen die der Thierheit näher gebliebenen Stufen: woraus die ehemalige Missachtung des Sklaven, als eines Nicht-Menschen, als einer Sache, zu erklären ist. 41. Der unveränderliche Charakter. — Dass der Charakter unveränderlich sei, ist nicht im strengen Sinne wahr; vielmehr heisst dieser beliebte Satz nur so viel, dass während der kurzen Lebensdauer eines Menschen die einwirkenden Motive gewöhnlich nicht tief genug 5* Digitized by Google — 68 — ritzen können, um die aufgeprägten Schriftzüge vieler Jahrtausende zu zerstören. Dächte man sich aber einen Menschen von achtzigtausend Jahren, so hätte man an ihm sogar einen absolut veränderlichen Charakter: so dass eine Fülle verschiedener Individuen sich nach und nach aus ihm entwickelte. Die Kürze des menschlichen Lebens verleitet zu manchen irrthümlichen Behauptungen über die Eigenschaften des Menschen. 4*- Die Ordnung der Güter und die Moral. — Die einmal angenommene Rangordnung der Güter, je nachdem ein niedriger, höherer, höchster Egoismus das Eine oder das Andere will, entscheidet jetzt über das Moralisch-sein oder Unmoralisch-sein. Ein niedriges Gut (zum Beispiel Sinnengenuss) einem höher geschätzten (zum Beispiel Ge- sundheit) vorziehen, gilt als unmoralisch, ebenso Wohl- leben der Freiheit vorziehen. Die Rangordnung der Güter ist aber keine zu allen Zeiten feste und gleiche; wenn Jemand Rache der Gerechtigkeit vorzieht, so ist er nach dem Maassstabe einer früheren Kultur moralisch, nach dem der jetzigen unmoralisch. „Unmoralisch" be- zeichnet also, dass Einer die höheren, feineren, geistigeren Motive, welche die jeweilen neue Kultur hinzugebracht hat, noch nicht oder noch nicht stark genug empfindet: es bezeichnet einen Zurückgebliebenen, aber immer nur dem Gradunterschied nach. — Die Rangordnung der Güter selber wird nicht nach moralischen Gesichtspunkten auf- und umgestellt; wohl aber wird nach ihrer jedes- maligen Festsetzung darüber entschieden, ob eine Hand- lung moralisch oder unmoralisch sei. Digitized by Google - 6o - 4,v Grausame Menschen als zurückgeblieben. — Die Menschen, welche jetzt grausam sind, müssen uns als Stufen früherer Kulturen gelten, welche übrig geblie- ben sind: das Gebirge der Menschheit zeigt hier einmal die tieferen Formationen, welche sonst versteckt liegen, offen. Es sind zurückgebliebene Menschen, deren Gehirn, durch alle möglichen Zufälle im Verlaufe der Vererbung, nicht so zart und vielseitig fortgebildet worden ist. Sic zeigen uns, was wir Alle waren, und machen uns er- schrecken: aber sie selber sind so wenig verantwortlich, wie ein Stück Granit dafür, dass es Granit ist. In unserm Gehirne müssen sich auch Rinnen und Windungen finden, welche jener Gesinnung entsprechen, wie sich in der Form einzelner menschlicher Organe Erinnerungen an Fisch- zustände finden sollen. Aber diese Rinnen und Windungen sind nicht mehr das Bett, in welchem sich jetzt der Strom unserer Empfindung wälzt. 44- Dankbarkeit und Rache. — Der Grund, weshalb der Mächtige dankbar ist, ist dieser. Sein Wohlthäter hat sich durch seine Wohlthat an der Sphäre des Mäch- tigen gleichsam vergriffen und sich in sie eingedrängt: nun vergreift er sich zur Vergeltung wieder an der Sphäre des Wohlthäters durch den Akt der Dankbarkeit. Es ist eine mildere Form der Rache. Ohne die Genugthuung der Dankbarkeit zu haben, würde der Mächtige sich unmächtig gezeigt haben und fürderhin dafür gelten. Deshalb stellt jede Gesellschaft der Guten, das heisst ursprünglich der Mächtigen, die Dankbarkeit unter die ersten Pflichten. — Swift hat den Satz hingeworfen, dass Menschen in dem selben Verhältniss dankbar sind, wie sie Rache hegen. Digitized by Google — 7o — 45- Doppelte Vorgeschichte von Gut und Böse. — Der Begriff gut und böse hat eine doppelte Vorgeschichte: nämlich einmal in der Seele der herrschenden Stärrfme und Kasten. Wer die Macht zu vergelten hat, Gutes mit Gutem, Böses mit Bösem, und auch wirklich Vergel- tung übt, also dankbar und rachsüchtig ist, der wird gut genannt; wer unmächtig ist und nicht vergelten kann, gilt als schlecht. Man gehört als Guter zu den „Guten", einer Gemeinde, welche Gemeingefühl hat, weil alle Einzelnen durch den Sinn der Vergeltuug mit einander verflochten sind. Man gehört als Schlechter zu den „Schlechten", zu einem Haufen unterworfener, ohnmächtiger Menschen, welche kein Gemeingefühl haben. Die Guten sind eine Kaste, die Schlechten eine Masse wie Staub. Gut und schlecht ist eine Zeit lang so viel wie vornehm und niedrig, Herr und Sklave. Dagegen sieht man den Feind nicht als böse an : er kann vergelten. Der Troer und der Grieche sind bei Homer beide gut. Nicht Der, welcher uns Schädliches zufügt, sondern Der. welcher verächtlich ist, gilt als schlecht. In der Gemeinde der Guten vererbt sich das Gute; es ist unmöglich, dass ein Schlechter aus so gutem Erdreiche hervorwachse. Thut trotzdem Einer der Guten Etwas, das der Guten unwürdig ist, so verfällt man auf Ausflüchte; man schiebt zum Beispiel einem Gott die Schuld zu, indem man sagt: er habe den Guten mit Verblendung und Wahnsinn geschlagen. — Sodann in der Seele der Unterdrückten, Machtlosen. Hier gilt jeder andere Mensch als feindlich, rücksichtslos, aus- beutend, grausam, listig, sei er vornehm oder niedrig; böse ist das Charakterwort für Mensch, ja für jedes lebende Wesen, welches man voraussetzt, zum Beispiel für einen Gott; menschlich, göttlich gilt so viel wie teuflisch, böse. Digitized by Google — 71 — Die Zeichen der Güte, Hülfbereitschaft, Mitleid, werden angstvoll als Tücke, Vorspiel eines schrecklichen Aus- gangs, Betäubung und Ueberlistung aufgenommen, kurz als verfeinerte Bosheit. Bei einer solchen Gesinnung des Einzelnen kann kaum ein Gemeinwesen entstehen, höch- stens die roheste Form desselben: so dass überall, wo diese Auffassung von gut und böse herrscht, der Unter- gang der Einzelnen, ihrer Stämme und Rassen nahe ist. — Unsere jetzige Sittlichkeit ist auf dem Boden der herrschenden Stämme und Kasten aufgewachsen. \b. Mitleiden stärker als Leiden. — Es giebt Fälle, wo das Mitleiden stärker ist, als das eigentliche Leiden. Wir empfinden es zum Beispiel schmerzlicher, wenn einer unserer Freunde sich etwas Schmähliches zu Schulden kommen lässt, als wenn wir selbst es thun. Einmal nämlich glauben wir mehr an die Reinheit seines Charak- ters, als er; sodann ist unsere Liebe zu ihm, wahrscheinlich eben dieses Glaubens wegen, stärker, als seine Liebe zu sich selbst. Wenn auch wirklich sein Egoismus mehr dabei leidet, als unser Egoismus, insofern er die übelen Folgen seines Vergehens stärker zu tragen hat, so wird das Unegoistische in uns — dieses Wort ist nie streng zu verstehen, sondern nur eine Erleichterung des Aus- drucks — doch stärker durch seine Schuld betroffen, als das Unegoistische in ihm. 47- Hypochondrie. — Es giebt Menschen, welche aus Mitgefühl und Sorge für eine andere Person hypochon- drisch werden; die dabei entstehende Art des Mitleidens Digitized by Google — 72 — ist nichts Anderes, als eine Krankheit. So giebt es auch eine christliche Hypochondrie, welche jene einsamen, religiös bewegten Leute befällt, die sich das Leiden und Sterben Christi fortwährend vor Augen stellen. -P- Oekonomie der Güte. — Die Güte und Liebe als die heilsamsten Kräuter und Kräfte im Verkehre der Menschen sind so kostbare Funde, dass man wohl wünschen möchte, es werde in der Verwendung dieser balsamischen Mittel so ökonomisch wie möglich verfahren: doch ist dies unmöglich. Die Oekonomie der Güte ist der Traum der verwegensten Utopisten. 49. Wohlwollen. — Unter die kleinen, aber zahllos häufigen und deshalb sehr wirkungsvollen Dinge, auf welche die Wissenschaft mehr Acht zu geben hat, als auf die grossen seltenen Dinge, ist auch das Wohlwollen zu rechnen; ich meine jene Aeusserungen freundlicher Gesinnung im Verkehr, jenes Lächeln des Auges, jene I ländedrücke, jenes Behagen, von welchem für gewöhnlich fast alles menschliche Thun umsponnen ist. Jeder Lehrer, jeder Beamte bringt diese Zuthat zu dem, was für ihn Pflicht ist, hinzu; es ist die fortwährende Bethätigung der Menschlichkeit, gleichsam die Wellen ihres Lichtes, in denen Alles wächst; namentlich im engsten Kreise, inner- halb der Familie, grünt und blüht das Leben nur durch jenes Wohlwollen. Die Gutmüthigkeit, die Freundlichkeit, die Höflichkeit des Herzens sind immerquellende Ausflüsse des unegoistischen Triebes und haben viel mächtiger an der Kultur gebaut, als jene viel berühmteren Aeusserungen desselben, die man Mitleiden, Barmherzigkeit und Auf- f Digitized by Google — 73 ~ Opferung nennt. Aber man pflegt sie geringzuschätzen, und in der That: es ist nicht gerade viel Unegoistisches daran. Die Summe dieser geringen Dosen ist trotzdem gewaltig, ihre gesammte Kraft gehört zu den stärksten Kräften. — Ebenso findet man viel mehr Glück in der Welt, als trübe Augen sehen: wenn man nämlich richtig rechnet und nur alle jene Momente des Behagens, an welchen jeder Tag in jedem, auch dem bedrängtesten Menschenleben reich ist, nicht vergisst. 50. Mitleiden erregen wollen. - La Rochefoucauld trifft in der bemerkenswerthesten Stelle seines Selbst- Portraits (zuerst gedruckt 1658) gewiss das Rechte, wenn er alle Die, welche Vernunft haben, vor dem Mitleiden warnt, wenn er räth, dasselbe den Leuten aus dem Volke zu überlassen, die der Leidenschaften bedürfen (weil sie nicht durch Vernunft bestimmt werden), um so weit ge- bracht zu werden, dem Leidenden zu helfen und bei einem Unglück kräftig einzugreifen; während das Mit- leiden, nach seinem (und Plato's) Urtheil, die Seele ent- kräfte. Freilich solle man Mitleiden bezeugen, aber sich hüten, es zu haben: denn die Unglücklichen seien nun einmal so dumm, dass bei ihnen das Bezeugen von Mitleid das grösste Gut von der Welt ausmache. — Viel- leicht kann man noch stärker vor diesem Mitleid-haben warnen, wenn man jenes Bedürfniss der Unglücklichen nicht gerade als Dummheit und intellektuellen Mangel, als eine Art Geistesstörung fasst, welche das Unglück mit sich bringt (und so scheint es ja La Rochefoucauld zu fassen), sondern als etwas ganz Anderes und Bedenk- licheres versteht. Vielmehr beobachte man Kinder, welche weinen und schreien, damit sie bemitleidet werden, und Digitized by Google — 74 — deshalb den Augenblick abwarton, wo ihr Zustand in die Augen fallen kann; man lebe im Verkehr mit Kran- ken und Geistig-Gedrückten und frage sich, ob nicht das beredte Klagen und Wimmern, das Zur- Schau- tragen des Unglücks im Grunde das Ziel verfolgt, den Anwe- senden weh zu thun: das Mitleiden, welches Jene dann äussern, ist insofern eine Tröstung für die Schwachen und Leidenden, als sie daran erkennen, doch wenigstens noch Eine Macht zu haben, trotz aller ihrer Schwäche: die Macht, wehe zu thun. Der Unglückliche gewinnt eine Art von Lust in diesem Gefühl der Überlegenheit, welches das Bezeugen des Mitleides ihm zum Bewusstsein bringt; seine Einbildung erhebt sich, er ist immer noch wichtig genug, um der Welt Schmerzen zu machen. Somit ist der Durst nach Bemitleidetwerden ein Durst nach Selbstgenuss, und zwar auf Unkosten der Mitmenschen; es zeigt den Menschen in der ganzen Rücksichtslosigkeit seines eigen- sten lieben Selbst: nicht aber gerade in seiner „Dummheit", wie La Rochefoucauld meint. — Im Zwiegespräche der Gesellschaft werden Dreiviertel aller Fragen gestellt, aller Antworten gegeben, um dem Unterredner ein klein Wenig weh zu thun; deshalb dürsten viele Menschen so nach Gesellschaft: sie giebt ihnen das Gefühl ihrer Kraft. In solchen unzähligen, aber sehr kleinen Dosen, in welchen die Bosheit sich geltend macht, ist sie ein mächtiges Reizmittel des Lebens: ebenso wie das Wohlwollen, in gleicher Form durch die Menschenwelt hin verbreitet, das allezeit bereite Heilmittel ist. — Aber wird es viele Ehrliche geben, welche zugestehen, dass es Vergnügen macht, wehe zu thun? dass man sich nicht selten damit unterhält — und gut unterhält — , anderen Menschen wenigstens in Gedanken Kränkungen zuzufügen und die Schrotkörner der kleinen Bosheit nach ihnen zu schiessen? Digitized by Google — 75 — Die Meisten sind zu unehrlich und ein paar Menschen sind zu gut, um von diesem Pudendum Etwas zu wissen ; diese mögen somit immerhin leugnen, dass Prosper Merimee Recht habe, wenn er sagt: „Sachez aussi qu' il n'y a rien de plus commun que de faire le mal pour le plaisir de le faire." 51. Wie der Schein zum Sein wird. — Der Schau- spieler kann zuletzt auch beim tiefsten Schmerz nicht auf- hören, an den Eindruck seiner Person und den gesammten scenischen Effekt zu denken, zum Beispiel selbst beim Begräbniss seines Kindes; er wird über seinen eignen Schmerz und dessen Aeusserungen weinen, als sein eigener Zuschauer. Der Heuchler, welcher immer ein und die selbe Rolle spielt, hört zuletzt auf, Heuchler zu sein; zum Beispiel Priester, welche als junge Männer gewöhnlich bewusst oder unbewusst Heuchler sind, werden zuletzt natürlich und sind dann wirklich, ohne alle Affektation, eben Priester; oder wenn es der Vater nicht so weit bringt, dann vielleicht der Sohn, der des Vaters Vorsprung benutzt, seine Gewöhnung übt. Wenn Einer sehr lange und hartnäckig Etwas scheinen will, so wird es ihm zuletzt schwer, etwas Anderes zu sein. Der Beruf fast jedes Menschen, sogar des Künstlers, beginnt mit Heu- chelei, mit einem Nachmachen von Aussen her, mit einem Copiren des Wirkungsvollen. Der, welcher immer die Maske freundlicher Mienen trägt, muss zuletzt eine Gewalt über wohlwollende Stimmungen bekommen, ohne welche der Ausdruck der Freundlichkeit nicht zu erzwingen ist, — und zuletzt wieder bekommen diese über ihn Gewalt, er ist wohlwollend. Digitized by Google 76 - Der Punkt der Ehrlichkeit beim Betrüge. — Bei allen grossen Betrügern ist ein Vorgang bemerkens- werth, dem sie ihre Macht verdanken. Im eigentlichen Akte des Betruges unter all den Vorbereitungen, dem Schauerlichen in Stimme, Ausdruck, Gebärden, inmitten der wirkungsvollen Scenerie, überkommt sie der Glaube an sich selbst: dieser ist es, der dann so vvundcrgleich und bezwingend zu den Umgebenden spricht. Die Reli- gionsstifter unterscheiden sich dadurch von jenen grossen Betrügern, dass sie aus diesem Zustande der Selbsttäu- schung nicht herauskommen: oder sie haben ganz selten einmal jene helleren Momente, wo der Zweifel sie über- wältigt; gewöhnlich trösten sie sich aber, diese helleren Momente dem bösen Widersacher zuschiebend. Selbst- betrug muss da sein, damit Diese und Jene grossartig wirken. Denn die Menschen glauben an die Wahrheit dessen, was ersichtlich stark geglaubt wird. Angebliche Stufen der Wahrheit. — Einer der gewöhnlichen Fehlschlüsse ist der: weil Jemand wahr und aufrichtig gegen uns ist, so sagt er die Wahrheit. So glaubt das Kind an die Urtheile der Eltern, der Christ an die Behauptungen des Stifters der Kirche. Ebenso will man nicht zugeben, dass alles Jenes, was die Menschen mit Opfern an Glück und Leben in früheren Jahrhun- derten vertheidigt haben, Nichts als Irrthümer waren: vielleicht sagt man, es seien Stufen der Wahrheit gewesen. Aber im Grunde meint man, wenn Jemand ehrlich an Etwas geglaubt und für seinen Glauben gekämpft hat und gestorben ist, wäre es doch gar zu unbillig, wenn eigentlich nur ein Irrthum ihn beseelt habe. So ein Vor- Digitized by Google — 77 — gang scheint der ewigen Gerechtigkeit zu widersprechen; deshalb dekretirt das Herz empfindender Menschen immer wieder gegen ihren Kopf den Satz: zwischen moralischen Handlungen und intellektuellen Einsichten muss durchaus ein noth wendiges Band sein. Es ist leider anders; denn es giebt keine ewige Gerechtigkeit. 54- Die Lüge. — Weshalb sagen zu allermeist die Menschen im alltäglichen Leben die Wahrheit? — Gewiss nicht, weil ein Gott das Lügen verboten hat. Sondern erstens: weil es bequemer ist; denn die Lüge erfordert Erfindung, Verstellung und Gedächtniss. (Weshalb Swift sagt: wer eine Lüge berichtet, merkt selten die schwere Last, die er übernimmt; er muss nämlich, um eine Lüge zu behaupten, zwanzig andere erfinden.) Sodann: weil es in schlichten Verhältnissen vortheilhaft ist, direkt zu sagen : ich will dies, ich habe dies gethan, und dergleichen; also weil der Weg des Zwangs und der Autorität sicherer ist, als der der List. — Ist aber einmal ein Kind in ver- wickelten häuslichen Verhältnissen aufgezogen worden, so handhabt es ebenso natürlich die Lüge und sagt unwill- kürlich immer Das, was seinem Interesse entspricht; ein Sinn für Wahrheit, ein Widerwille gegen die Lüge an sich ist ihm ganz fremd und unzugänglich, und so lügt es in aller Unschuld. 55- Des Glaubens wegen die Moral verdächtigen. Keine Macht lässt sich behaupten, wenn lauter Heuchler sie vertreten; die katholische Kirche mag noch so viele „weltliche" Elemente besitzen, ihre Kraft beruht auf jenen auch jetzt noch zahlreichen priesterlichen Naturen, welche Digitized by Google - 7$ - sich das Leben schwer und bedeutungstief machen, und deren Blick und abgehärmter Leib von Nachtwachen, Hungern, glühenden Gebete, vielleicht selbst von Geissei- hieben redet; Diese erschüttern die Menschen und machen ihnen Angst: wie, wenn es nöthig wäre, so zu leben? dies ist die schauderhafte Frage, welche ihr Anblick auf die Zunge legt. Indem sie diesen Zweifel verbreiten, gründen sie immer von Neuem wieder einen Pfeiler ihrer Macht ; selbst die Freigesinnten wagen es nicht, dem der- artig Selbstlosen mit hartem Wahrheitssinn zu widerstehen und zu sagen: „Betrogner du, betrüge nicht!" — Nur die Differenz der Einsichten trennt sie von ihm, durchaus keine Differenz der Güte oder Schlechtigkeit; aber was man nicht mag, pflegt man gewöhnlich auch ungerecht zu behandeln. So spricht man von der Schlauheit und der verruchten Kunst der Jesuiten, aber übersieht, welche Selbstüberwindung jeder einzelne Jesuit sich auferlegt und wie die erleichterte Lebenspraxis, welche die jesui- tischen Lehrbücher predigen, durchaus nicht ihnen, son- dern dem Laienstande zu Gute kommen soll. Ja man darf fragen, ob wir Aufgeklärten bei ganz gleicher Taktik und Organisation eben so gute Werkzeuge, ebenso be- wundernswürdig durch Selbstbesiegung, Unermüdlichkeit, Hingebung sein würden. 56. Sieg der Erkenntniss über das radikale Böse. Es trägt Dem, der weise werden will, einen reichlichen Gewinn ein, eine Zeit lang einmal die Vorstellung vom gründlich bösen und verderbten Menschen gehabt zu haben: sie ist falsch, wie die entgegengesetzte; aber ganze Zeitstrecken hindurch besass sie die Herrschaft und ihre Wurzeln haben sich bis in uns und unsere Welt Digitized by Google — 79 — hinein verästet. Um uns zu begreifen, müssen wir sie begreifen; um aber dann höher zu steigen, müssen wir über sie hinwegsteigen. Wir erkennen dann, dass es keine Sünden im metaphysischen Sinne giebt; aber, im gleichen Sinne, auch keine Tugenden; dass dieses ganze Bereich sittlicher Vorstellungen fortwährend im Schwan- ken ist, dass es höhere und tiefere Begriffe von gut und böse, sittlich und unsittlich giebt. Wer nicht viel Mehr von den Dingen begehrt, als Erkenntniss derselben, kommt leicht mit seiner Seele zur Ruhe und wird höchstens aus Unwissenheit, aber schwerlich aus Begehrlichkeit fehl- greifen (oder sündigen, wie die Welt es heisst). Er wird die Begierden nicht mehr verketzern und ausrotten wollen; aber sein einziges ihn völlig beherrschendes Ziel, zu aller Zeit so gut wie möglich zu erkennen, wird ihn kühl machen und alle Wildheit in seiner Anlage besänftigen. Ueberdies ist er eine Menge quälender Vorstellungen losgeworden, er empfindet Nichts mehr bei dem Worte Höllenstrafen, Sündhaftigkeit, Unfähigkeit zum Guten: er erkennt darin nur die verschwebenden Schattenbilder falscher Welt- und Lebensbetrachtungen. 57- Moral als Selbstzertheilung des Menschen. — Ein guter Autor, der wirklich das Herz für seine Sache hat, wünscht, dass Jemand komme und ihn selber dadurch vernichte, dass er die selbe Sache deutlicher darstelle und die in ihr enthaltenen Fragen ohne Rest beantworte. Das liebende Mädchen wünscht, dass sie die hingebende Treue ihrer Liebe an der Untreue des Geliebten bewähren könne. Der Soldat wünscht, dass er für sein siegreiches Vaterland auf dem Schlachtfeld falle : denn in dem Siege seines Vaterlandes siegt sein höchstes Wünschen mit. Digitized by Google - 8o — Die Mutter giebt dem Kinde, was sie sich selber entzieht, Schlaf, die beste Speise, unter Umständen ihre Gesund- heit, ihr Vermögen. — Sind das Alles aber unegoistische Zustände? Sind diese Thaten der Moralität Wunder, weil sie, nach dem Ausdrucke Schopenhauers, „unmöglich und doch wirklich" sind? Ist es nicht deutlich, dass in all diesen Fällen der Mensch Etwas von sich, einen Gedanken, ein Verlangen, ein Erzeugniss mehr liebt, als etwas Anderes von sich? dass er also sein Wesen z er t heilt und dem einen Theil den anderen zum Opfer bringt? Ist es etwas wesentlich Verschiedenes, wenn ein Trotzkopf sagt: „ich will lieber über den Haufen geschossen werden, als diesem Menschen da einen Schritt aus dem Wege gehn"? — Die Neigung zu Etwas (Wunsch, Trieb, Verlangen) ist in allen genannten Fällen vorhanden; ihr nachzugeben, mit allen Folgen, ist jeden- falls nicht „unegoistisch". — In der Moral behandelt sich der Mensch nicht als individuum, sondern als dividuum. 58. Was man versprechen kann. — Man kann Hand- lungen versprechen, aber keine Empfindungen; denn diese sind unwillkürlich. Wer Jemandem verspricht, ihn immer zu lieben oder immer zu hassen oder ihm immer treu zu sein, verspricht Etwas, das nicht in seiner Macht steht; wohl aber kann er solche Handlungen versprechen, welche zwar gewöhnlich die Folgen der Liebe, des Hasses, der Treue sind, aber auch aus anderen Motiven entspringen können: denn zu einer Handlung führen mehrere Wege und Motive. Das Versprechen, Jemanden immer zu lieben, heisst also: so lange ich dich liebe, werde ich dir die Handlungen der Liebe erweisen; liebe ich dich nicht mehr, so wirst du doch die selben Handlungen, wenn Digitized by Google — 8i — auch aus anderen Motiven, immerfort von mir empfangen : so dass der Schein in den Köpfen der Mitmenschen be- stehen bleibt, dass die Liebe unverändert und immer noch die selbe sei. — Man verspricht also die Andauer des Anscheines der Liebe, wenn man ohne Selbstverblendung Jemandem immerwährende Liebe gelobt 59- Intellekt und Moral. — Man muss ein gutes Gedächtniss haben, um gegebene Versprechen halten zu können. Man muss eine starke Kraft der Einbildung haben, um Mitleid haben zu können. So eng ist die Moral an die Güte des Intellekts gebunden. 60. Sich rächen wollen und sich rächen. — Einen Rachegedanken haben und ausführen heisst einen heftigen Fieberanfall bekommen, der aber vorübergeht: einen Rachegedanken aber haben, ohne Kraft und Muth, ihn auszufuhren, heisst ein chronisches Leiden, eine Vergiftung an Leib und Seele mit sich herumtragen. Die Moral, welche nur auf die Absichten sieht, taxirt beide Fälle gleich; für gewöhnlich taxirt man den ersten Fall als den schlimmeren (wegen der bösen Folgen, welche die That der Rache vielleicht nach sich zieht). Beide Schätz- ungen sind kurzsichtig. 61. Warten-können. — Das Warten-können ist so schwer, dass die grössten Dichter es nicht verschmäht haben, das Nicht-warten-können zum Motiv ihrer Dich- tungen zu machen. So Shakespeare im Othello, Sophokles Nietische, Menschliches, Alliumenschliches I. 6 Digitized by Google — 82 — im Ajax: dessen Selbstmord ihm, wenn er nur einen Tag noch seine Empfindung hätte abkühlen lassen, nicht mehr nöthig geschienen hätte, wie der Orakelspruch andeutet; wahrscheinlich würde er den schrecklichen Einflüsterungen der verletzten Eitelkeit ein Schnippchen geschlagen und zu sich gesprochen haben: wer hat denn nicht schon, in meinem Falle, ein Schaf für einen Helden angesehen? ist es denn so etwas Ungeheures? Im Gegentheil, es ist nur etwas allgemein Menschliches: Ajax durfte sich der- gestalt Trost zusprechen. Die Leidenschaft will nicht warten; das Tragische im Leben grosser Männer liegt häufig nicht in ihrem Konflikte mit der Zeit und der Niedrigkeit ihrer Mitmenschen, sondern in ihrer Unfähigkeit, ein Jahr, zwei Jahre ihr Werk zu verschieben; sie können nicht warten. — Bei allen Duellen haben die zurathenden Freunde das Eine festzustellen, ob die betheiligten Personen noch warten können: ist dies nicht der Fall, so ist ein Duell vernünftig, insofern Jeder von Beiden sich sagt: „entweder lebe ich weiter, dann muss Jener augen- blicklich sterben, oder umgekehrt". Warten hiesse in solchem Falle an jener furchtbaren Marter der verletzten Ehre angesichts ihres Verletzers noch länger leiden; und dies kann eben mehr Leiden sein, als das Leben über- haupt werth ist. 62. Schwelgerei der Rache. — Grobe Menschen, welche sich beleidigt fühlen, pflegen den Grad der Be- leidigung so hoch als möglich zu nehmen und erzählen die Ursache mit stark übertreibenden Worten, um nur in dem einmal erweckten Hass- und Rachegefühl sich recht ausschwelgen zu können. Digitized by Google - 83 - 63- Werth der Verkleinerung. — Nicht wenige, vielleicht die allermeisten Menschen haben, um ihre Selbst- achtung und eine gewisse Tüchtigkeit im Handeln bei sich aufrecht zu erhalten, durchaus nöthig, alle ihnen bekannten Menschen in ihrer Vorstellung herabzusetzen und zu ver- kleinern. Da aber die geringen Naturen in der Ueber- zahl sind und es sehr viel daran liegt, ob sie jene Tüchtig- keit haben oder verlieren, so — 64. Der Aufbrausende. — Vor Einem, der gegen uns aufbraust, soll man sich in Acht nehmen, wie vor Einem, der uns einmal nach dem Leben getrachtet hat: denn dass wir noch leben, das liegt an der Abwesen- heit der Macht zu tödten; genügten Blicke, so wäre es längst um uns geschehen. Es ist ein Stück roher Kultur, durch Sichtbarwerdenlassen der physischen Wildheit, durch Furchterregen Jemanden zum Schweigen zu bringen. — Ebenso ist jener kalte Blick, welchen Vornehme gegen ihre Bedienten haben, ein Ueberrest jener kastenmässigen Abgrenzungen zwischen Mensch und Mensch, ein Stück rohen Alterthums; die Frauen, die Bewahrerinnen des Alten, haben auch dieses Survival treuer bewahrt. 65. Wohin die Ehrlichkeit führen kann. — Jemand hatte die üble Angewohnheit, sich über die Motive, aus denen er handelte und die so gut und so schlecht waren wie die Motive aller Menschen, gelegentlich ganz ehrlich auszusprechen. Er erregte erst Anstoss, dann Verdacht, wurde allmählich geradezu verfehmt und in die Acht der Gesellschaft erklärt, bis endlich die Justiz sich eines so 6* Digitized by Google - 84 - verworfenen Wesens erinnerte, bei Gelegenheiten, wo sie sonst kein Auge hatte, oder dasselbe zudrückte. Der Mangel an Schweigsamkeit über das allgemeine Geheim- niss und der unverantwortliche Hang, zu sehen, was Keiner sehen will — sich selber — , brachten ihn zu Ge- fängniss und frühzeitigem Tod. 66. Sträflich, nie gestraft. — Unser Verbrechen gegen Verbrecher besteht darin, dass wir sie wie Schufte behandeln. 67. Sanctasimplicitas der Tugend. — Jede Tugend hat Vorrechte: zum Beispiel dies, zu dem Scheiterhaufen eines Verurtheilten ihr eigenes Bündchen Holz zu liefern. 68. Moralitätund Erfolg. — Nicht nur die Zuschauer einer That bemessen häufig das Moralische oder Unmo- ralische an derselben nach dem Erfolge: nein, der Thäter selbst thut dies. Denn die Motive und Absichten sind selten deutlich und einfach genug, und mitunter scheint selbst das Gedächtniss durch den Erfolg der That getrübt, so dass man seiner That selber falsche Motive unter- schiebt oder die unwesentlichen Motive als wesentliche behandelt. Der Erfolg giebt oft einer That den vollen ehrlichen Glanz des guten Gewissens, ein Misserfolg legt den Schatten von Gewissensbissen über die achtungs- würdigste Handlung. Daraus crgiebt sich die bekannte Praxis des Politikers, welcher denkt: „gebt mir nur den Erfolg: mit ihm habe ich auch alle ehrlichen Seelen auf meine Seite gebracht — und mich vor mir selber ehrlich gemacht." — Auf ähnliche Weise soll der Erfolg die Digitized by Google - 85 - bessere Begründung ersetzen. Noch jetzt meinen viele Gebildete, der Sieg des Christenthums über die griechi- sche Philosophie sei ein Beweis für die grössere Wahr- heit des ersteren, — obwohl in diesem Falle nur das Gröbere und Gewaltsamere über das Geistigere und Zarte gesiegt hat. Wie es mit der grösseren Wahrheit steht, ist daraus zu ersehen, dass die erwachenden Wissen- schaften Punkt um Punkt an Epikur's Philosophie ange- knüpft, das Christenthum aber Punkt um Punkt zurück- gewiesen haben. Liebe und Gerechtigkeit. — Warum überschätzt man die Liebe zu Ungunsten der Gerechtigkeit und sagt die schönsten Dinge von ihr, als ob sie ein viel höheres Wesen als jene sei? Ist sie denn nicht ersicht- lich dümmer als jene? — Gewiss, aber gerade deshalb um so viel angenehmer für Alle. Sie ist dumm und besitzt ein reiches Füllhorn; aus ihm theilt sie ihre Gaben aus, an Jedermann, auch wenn er sie nicht verdient, ja ihr nicht einmal dafür dankt. Sie ist unparteiisch wie der Regen, welcher, nach der Bibel und der Erfahrung, nicht nur den Ungerechten, sondern unter Umständen auch den Gerechten bis auf die Haut nass macht. Hinrichtung. — Wie kommt es, dass jede Hinrich- tung uns mehr beleidigt, als ein Mord? Es ist die Kälte der Richter, die peinliche Vorbereitung, die Einsicht, dass hier ein Mensch als Mittel benutzt wird, um Andere abzuschrecken. Denn die Schuld wird nicht bestraft, selbst wenn es eine gäbe: diese liegt in Erziehern, Eltern, Umgebungen, in uns, nicht im Mörder, — ich meine die veranlassenden Umstände. 69. 70. Digitized by Google - 86 — 7"« Die Hoffnung. — Pandora brachte das Fass mit den Uebeln und öffnete es. Es war das Geschenk der Götter an die Menschen, von Aussen ein schönes ver- führerisches Geschenk und „Glücksfass" zubenannt. Da flogen all die Uebel, lebendige beschwingte Wesen heraus: von da an schweifen sie nun herum und thun den Men- schen Schaden bei Tag und Nacht. Ein einziges Uebel war noch nicht aus dem Fass herausgeschlüpft: da schlug Pandora nach Zeus' Willen den Deckel zu, und so blieb es darin. Für immer hat der Mensch nun das Glücksfass im Hause und meint Wunder was für einen Schatz er in ihm habe; es steht ihm zu Diensten, er greift darnach: wenn es ihn gelüstet; denn er weiss nicht, dass jenes Fass, welches Pandora brachte, das Fass der Uebel war, und hält das zurückgebliebene Uebel für das grösste Glücksgut, — es ist die Hoffnung. — Zeus wollte näm- lich, dass der Mensch, auch noch so sehr durch die anderen Uebel gequält, doch das Leben nicht wegwerfe, sondern fortfahre, sich immer von Neuem quälen zu lassen. Dazu giebt er dem Menschen die Hoffnung: sie ist in Wahrheit das übelste der Uebel, weil sie die Qual der Menschen verlängert. 72- Grad der moralischen Erhitzb arkeit unbe- kannt. — Daran, dass man gewisse erschütternde An- blicke und Eindrücke gehabt oder nicht gehabt hat, zum Beispiel eines unrecht gerichteten, getödteten oder gemar- terten Vaters, einer untreuen Frau, eines grausamen feind- lichen Ueberfalls, hängt es ab, ob unsere Leidenschaften zur Glühhitze kommen und das ganze Leben lenken Digitized by Google - 87 - oder nicht. Keiner weiss, wozu ihn die Umstände, das Mitleid, die Entrüstung treiben können, er kennt den Grad seiner Erhitzbarkeit nicht. Erbärmliche kleine Ver- hältnisse machen erbärmlich; es ist gewöhnlich nicht die Quantität der Erlebnisse, sondern ihre Qualität, von welcher der niedere und höhere Mensch abhängt, im Guten und Bösen. 73- Der Märtyrer wider Willen. — In einer Partei gab es einen Menschen, der zu ängstlich und feige war, um je seinen Kameraden zu widersprechen: man brauchte ihn zu jedem Dienst, man erlangte von ihm Alles, weil er sich vor der schlechten Meinung bei seinen Gesellen mehr als vor dem Tode fürchtete; es war eine erbärm- liche schwache Seele. Sie erkannten dies und machten auf Grund der erwähnten Eigenschaften aus ihm einen Heros und zuletzt gar einen Märtyrer. Obwohl der feige Mensch innerlich immer Nein sagte, sprach er mit den Lippen immer Ja, selbst noch auf dem Schaffot, als er für die Ansichten seiner Partei starb: neben ihm nämlich stand einer seiner alten Genossen, der ihn durch Wort und Blick so tyrannisirte, dass er wirklich auf die an- ständigste Weise den Tod erlitt und seitdem als Märtyrer und grosser Charakter gefeiert wird. 74« All tags -Maass stab. — Man wird selten irren, wenn man extreme Handlungen auf Eitelkeit, mittelmässige auf Gewöhnung und kleinliche auf Furcht zurückführt. 7 5- Missverständniss über die Tugend. — Wer die Untugend in Verbindung mit der Lust kennen gelernt Digitized by Google — 88 - hat, wie Der, welcher eine genusssüchtige Jugend hinter sich hat, bildet sich ein, dass die Tugend mit der Unlust verbunden sein müsse. Wer dagegen von seinen Leiden- schaften und Lastern sehr geplagt worden ist, ersehnt in der Tugend die Ruhe und das Glück der Seele. Da- her ist es möglich, dass zwei Tugendhafte einander gar nicht verstehen. 76. Der Asket. — Der Asket macht aus der Tugend eine Xoth. 77- Die Ehre von der Person auf die Sache über- tragen. — Man ehrt allgemein die Handlungen der Liebe und Aufopferung zu Gunsten des Nächsten, wo sie sich auch immer zeigen. Dadurch vermehrt man die Schätzung der Dinge, welche in jener Art geliebt werden oder für welche man sich aufopfert: obwohl sie vielleicht an sich nicht viel werth sind. Ein tapferes Heer überzeugt von der Sache, für welche es kämpft. 78. Ehrgeiz ein Surrogat des moralischen Ge- fühls. — Das moralische Gefühl darf in solchen Naturen nicht fehlen, welche keinen Ehrgeiz haben. Die Ehr- geizigen behelfen sich auch ohne dasselbe, mit fast gleichem Erfolge. — Deshalb werden Söhne aus be- scheidenen, dem Ehrgeiz abgewandten Familien, wenn sie einmal das moralische Gefühl verlieren, gewöhnlich in schneller Steigerung zu vollkommenen Lumpen. 70- Eitelkeit bereichert. — Wie arm wäre der mensch- liche Geist ohne die Eitelkeit! So aber gleicht er einem Digitized by Google - 89 - wohlgefüllten und immer neu sich füllenden Waaren- magazin, welches Käufer jeder Art anlockt: Alles fast können sie finden, Alles haben, vorausgesetzt, dass sie die gültige Münzsorte (Bewunderung) mit sich bringen. 80. Greis und Tod. — Abgesehen von den Forde- rungen, welche die Religion stellt, darf man wohl fragen: warum sollte es für einen alt gewordenen Mann, welcher die Abnahme seiner Kräfte spürt, rühmlicher sein, seine langsame Erschöpfung und Auflösung abzuwarten, als sich mit vollem Bewusstsein ein Ziel zu setzen? Die Selbsttödtung ist in diesem Falle eine ganz natürliche naheliegende Handlung, welche als ein Sieg der Vernunft billigerweise Ehrfurcht erwecken sollte: und auch erweckt hat, in jenen Zeiten als die Häupter der griechischen Philosophie und die wackersten romischen Patrioten durch Selbsttödtung zu sterben pflegten. Die Sucht dagegen, sich mit ängstlicher Berathung von Aerzten und pein- lichster Lebensart von Tag zu Tage fortzufristen, ohne Kraft, dem eigentlichen Lebensziel noch näher zu kom- men, ist viel weniger achtbar. — Die Religionen sind reich an Ausflüchten vor der Forderung der Selbsttödtung: dadurch schmeicheln sie sich bei Denen ein, welche in das Leben verliebt sind. 81. Irrthümer des Leidenden und des Thäters. — Wenn der Reiche dem Armen ein Besitzthum nimmt (zum Beispiel ein Fürst dem Plebejer die Geliebte), so entsteht in dem Armen ein Irrthum; er meint, Jener müsse ganz verrucht sein, um ihm das Wenige, was er habe, zu nehmen. Aber Jener empfindet den Werth eines Digitized by Google — oo — einzelnen Besitzthums gar nicht so tief, weil er ge- wöhnt ist, viele zu haben: so kann er sich nicht in die Seele des Armen versetzen und thut lange nicht so sehr Unrecht, als dieser glaubt. Beide haben von einander eine falsche Vorstellung. Das Unrecht des Mächtigen, welches am meisten in der Geschichte empört, ist lange nicht so gross, wie es scheint. Schon die angeerbte Em- pfindung, ein höheres Wesen mit höheren Ansprüchen zu sein, macht ziemlich kalt und lässt das Gewissen ruhig: wir Alle sogar empfinden, wenn der Unterschied zwischen uns und einem andern Wesen sehr gross ist, gar Nichts mehr von Unrecht und tödten eine Mücke zum Beispiel ohne jeden Gewissen sbiss. So ist es kein Zeichen von Schlechtigkeit bei Xerxes (den selbst alle Griechen als hervorragend edel schildern), wenn er dem Vater seinen Sohn nimmt und ihn zerstückeln lässt, weil dieser ein ängstliches, ominöses Misstrauen gegen den ganzen Heer- zug geäussert hatte*): der Einzelne wird in diesem Falle wie ein unangenehmes Insekt beseitigt, er steht zu niedrig, um länger quälende Empfindungen bei einem Weltherr- scher erregen zu dürfen. Ja, jeder Grausame ist nicht in dem Maasse grausam, als es der Misshandelte glaubt ; die Vorstellung des Schmerzes ist nicht das Selbe wie das Erleiden desselben. Ebenso steht es mit dem unge- rechten Richter, mit dem Journalisten, welcher mit kleinen Unredlichkeiten die öffentliche Meinung irre führt. Ur- sache und Wirkung sind in allen diesen Fällen von ganz verschiedenen Empfindungs- und Gedankengruppen um- geben ; während man unwillkürlich voraussetzt, dass Thäter und Leidender gleich denken und empfinden, und gemäss dieser Voraussetzung die Schuld des Einen nach dem Schmerz des Andern misst. *) Herodot VII. 39- Digitized by Google — gi — 82. Haut der Seele. — Wie die Knochen, Fleischstücke, Eingeweide und Blutgefässe mit einer Haut umschlossen sind, die den Anblick des Menschen erträglich macht, so werden die Regungen und Leidenschaften der Seele durch die Eitelkeit umhüllt: sie ist die Haut der Seele. 83. Schlaf der Tugend. — Wenn die Tugend ge- schlafen hat, wird sie frischer aufstehen. 84. Feinheit der Scham. — Die Menschen schämen sich nicht, etwas Schmutziges zu denken, aber wohl, wenn sie sich vorstellen, dass man ihnen diese schmutzi- gen Gedanken zutraue. 85. Bosheit ist selten. — Die meisten Menschen sind viel zu sehr mit sich beschäftigt, um boshaft zu sein. 86. Das Zünglein an der Wage. — Man liebt oder tadelt, je nachdem das Eine oder das Andere mehr Ge- legenheit giebt, unsere Urtheilskraft leuchten zu lassen. 87. Lucas 18,14 verbessert. — Wer sich selbst er- niedrigt, will erhöhet werden. 88. Verhinderung des Selbstmordes. — Es giebt ein Recht, wonach wir einem Menschen das Leben neh- men, aber keines, wonach wir ihm das Sterben nehmen : dies ist nur Grausamkeit. Digitized by Google — Q2 - 8o. Eitelkeit. — Uns liegt an der guten Meinung der Menschen, einmal weil sie uns nützlich ist, sodann weil wir ihnen Freude machen wollen (Kinder den Eltern, Schüler den Lehrern und wohlwollende Menschen über- haupt allen übrigen Menschen). Nur wo Jemandem die gute Meinung der Menschen wichtig ist, abgesehen vom Vortheil oder von seinem Wunsche, Freude zu machen, reden wir von Eitelkeit. In diesem Falle will sich der Mensch selber eine Freude machen, aber auf Unkosten seiner Mitmenschen, indem er diese entweder zu einer falschen Meinung über sich verführt oder es gar auf einen Grad der „guten Meinung" absieht, wo diese allen Anderen peinlich werden muss (durch Erregung von Neid). Der Einzelne will gewöhnlich durch die Meinung Anderer die Meinung, die er von sich hat, beglaubigen und vor sich selber bekräftigen; aber die mächtige Gewöhnung an Autorität — eine Gewöhnung, die so alt als der Mensch ist — bringt Viele auch dazu, ihren eigenen Glauben an sich auf Autorität zu stützen, also erst aus der Hand Anderer anzunehmen : sie trauen der Urtheilskraft Anderer mehr, als der eigenen. — Das Interesse an sich selbst, der Wunsch, sich zu vergnügen, erreicht bei dem Eitelen eine solche Höhe, dass er die Anderen zu einer falschen, allzu hohen Taxation seiner selbst verführt und dann doch sich an die Autorität der Anderen hält: also den Irrthum herbeiführt und doch ihm Glauben schenkt. — Man muss sich also eingestehen, dass die eitelen Menschen nicht so- wohl Anderen gefallen wollen, als sich selbst, und dass sie so weit gehen, ihren Vortheil dabei zu vernachlässigen ; denn es liegt ihnen oft daran, ihre Mitmenschen ungünstig, feind- lich, neidisch, also schädlich gegen sich zu stimmen, nur um die Freude an sich selber, den Sclbstgenuss, zu haben. Digitized by Google - 93 — QO. Grenze der Menschenliebe. — Jeder, welcher sich dafür erklärt hat, dass der Andere ein Dummkopf, ein schlechter Geselle sei, ärgert sich, wenn Jener schliess- lich zeigt, dass er es nicht ist. 9». Moralite larmoyante. — Wie viel Vergnügen macht die Moralität! Man denke nur, was für ein Meer angenehmer Thränen schon bei Erzählungen edler, gross- müthiger Handlungen geflossen ist! — Dieser Reiz des Lebens würde schwinden, wenn der Glaube an die völlige Unverantwortlichkeit überhand nähme. 92. Ursprung der Gerechtigkeit. — Die Gerechtig- keit (Billigkeit) nimmt ihren Ursprung unter ungefähr gleich Mächtigen, wie dies Thukydides (in dem furcht- baren Gespräche der athenischen und melischen Gesandten) richtig begriffen hat. Wo es keine deutlich erkennbare Uebergewalt giebt und ein Kampf zum erfolglosen, gegen- seitigen Schädigen würde, da entsteht der Gedanke, sich zu verständigen und über die beiderseitigen Ansprüche zu verhandeln: der Charakter des Tausches ist der an- fängliche Charakter der Gerechtigkeit. Jeder stellt den Andern zufrieden, indem Jeder bekennt, was er mehr schätzt als der Andere. Man giebt Jedem, was er haben will, als das nunmehr Scinige, und empfängt dagegen ' das Gewünschte. Gerechtigkeit ist also Vergeltung und Austausch unter der Voraussetzung einer ungefähr gleichen Machtstellung: so gehört ursprünglich die Rache in den Bereich der Gerechtigkeit, sie ist ein Austausch. Ebenso die Dankbarkeit — Gerechtigkeit geht natürlich auf den Digitized by Google — 94 ~ Gesichtspunkt einer einsichtigen Selbsterhaltung zurück, also auf den Egoismus jener Ueberlegung: „wozu sollte ich mich nutzlos schädigen und mein Ziel vielleicht doch nicht erreichen?" — Soviel vom Ursprung der Gerech- tigkeit. Dadurch, dass die Menschen, ihrer intellektuellen Gewohnheit gemäss, den ursprünglichen Zweck soge- nannter gerechter, billiger Handlungen vergessen haben und namentlich weil durch Jahrtausende hindurch die Kinder angelernt worden sind, solche Handlungen zu bewundern und nachzuahmen, ist allmählich der Anschein entstanden, als sei eine gerechte Handlung eine un- egoistische: auf diesem Anschein aber beruht die hohe Schätzung derselben, welche überdies, wie alle Schätzun- gen, fortwährend noch im Wachsen ist: denn etwas Hoch- geschätztes wird mit Aufopferung erstrebt, nachgeahmt, vervielfältigt und wächst dadurch, dass der Werth der aufgewandten Mühe und Beeiferung von jedem Einzelnen noch zum Werthe des geschätzten Dinges hinzugeschlagen wird. — Wie wenig moralisch sähe die Welt ohne die Vergesslichkeit aus ! Ein Dichter könnte sagen, dass Gott die Vergesslichkeit als Thürhüterin an die Tempelschwelle der Menschenwürde hingelagert habe. 93- Vom Rechte des Schwächeren. — Wenn sich Jemand unter Bedingungen einem Mächtigeren unterwirft, zum Beispiel eine belagerte Stadt, so ist die Gegenbedin- gung die, dass man sich vernichten, die Stadt verbrennen und so dem Mächtigen eine grosse Einbusse machen kann. Deshalb entsteht hier eine Art Gleichstellung, auf Grund welcher Rechte festgesetzt werden können. Der Feind hat seinen Vortheil an der Erhaltung. — In- sofern giebt es auch Rechte zwischen Sklaven und Herren, Digitized by Google — 95 — das heisst genau in dem Maasse, in welchem der Besitz des Sklaven seinem Herrn nützlich und wichtig ist. Das Recht geht ursprünglich so weit, als Einer dem Andern werthvoll, wesentlich, unverlierbar, unbesiegbar und der- gleichen erscheint. In dieser Hinsicht hat auch der Schwächere noch Rechte, aber geringere. Daher das berühmte unusquisque tantum juris habet, quantum potentia valet1) (oder genauer: quantum potentia valere creditur). Die drei Phasen der bisherigen Moralität. — Es ist das erste Zeichen, dass das Thier Mensch geworden ist, wenn sein Handeln nicht mehr auf das augenblickliche Wohlbefinden, sondern auf das dauernde sich bezieht, dass der Mensch also nützlich, zweckmässig wird: da bricht zuerst die freie Herrschaft der Vernunft heraus. Eine noch höhere Stufe ist erreicht, wenn er nach dem Prinzip der Ehre handelt; vermöge desselben ordnet er sich ein, unterwirft sich gemeinsamen Empfindungen, und das erhebt ihn hoch über die Phase, in der nur die persönlich verstandene Nützlichkeit ihn leitete: er achtet und will geachtet werden, das heisst: er begreift den Nutzen als abhängig von dem, was er über Andere, was Andere über ihn meinen. Endlich handelt er, auf der höchsten Stufe der bisherige n Moralität, nach seinem Maassstab über die Dinge und Menschen: er selber be- stimmt für sich und Andere, was ehrenvoll, was nützlich ist; er ist zum Gesetzgeber der Meinungen geworden, gemäss dem immer höher entwickelten Begriff des Nütz- lichen und Ehrenhaften. Die Erkenntniss befähigt ihn, das Nützlichste, das heisst den allgemeinen dauernden l) Spinoza, Tract. pol. II \ S. Digitized by Google - 96 - Nutzen dem persönlichen, die ehrende Anerkennung von allgemeiner, dauernder Geltung der momentanen voranzu- stellen; er lebt und handelt als Collectiv-Individuum. 95- Moral des reifen Individuums. — Man hat bisher als das eigentliche Kennzeichen der moralischen Handlung das Unpersönliche angesehen; und es ist nachgewiesen, dass zu Anfang die Rücksicht auf den allgemeinen Nutzen es war, derentwegen man alle unpersönlichen Handlungen lobte und auszeichnete. Sollte nicht eine bedeutende Umwandelung dieser Ansichten bevorstehen, jetzt wo immer besser eingesehen wird, dass gerade in der mög- lichst persönlichen Rücksicht auch der Nutzen für das Allgemeine am grössten ist: so dass gerade das streng persönliche Handeln dem jetzigen Begriff der Moralität (als einer allgemeinen Nützlichkeit) entspricht? Aus sich eine ganze Person machen und in Allem, was man thut, deren höchstes Wohl in's Auge zu fassen — das bringt weiter, als jene mitleidigen Regungen und Handlungen zu Gunsten Anderer. Wir Alle leiden freilich noch immer an der allzugeringen Beachtung des Persönlichen an uns, es ist schlecht ausgebildet, — gestehen wir es uns ein: man hat vielmehr unsern Sinn gewaltsam von ihm ab- gezogen und dem Staate, der Wissenschaft, dem Hülfe- bedürftigen zum Opfer angeboten: wie als ob es das Schlechte wäre, das geopfert werden müsste. Auch jetzt wollen wir für unsere Mitmenschen arbeiten, aber nur so weit, als wir unsern eigenen höchsten Vortheil in die- ser Arbeit finden, nicht mehr, nicht weniger. Es kommt nur darauf an, was man als seinen Vorth eil versteht; gerade das unreife, unentwickelte, rohe Individuum wird ihn auch am rohesten verstehen. Digitized by Google - 97 - 96. Sitte und sittlich. — Moralisch, sittlich, ethisch sein heisst Gehorsam gegen ein altbegründetes Gesetz oder Herkommen haben. Ob man mit Mühe oder gern sich ihm unterwirft, ist dabei gleichgültig: genug, dass man es thut. „Gut" nennt man Den, welcher wie von Natur, nach langer Vererbung, also leicht und gern das Sittliche thut, je nachdem dies ist (zum Beispiel Rache übt, wenn Rache-üben, wie bei den älteren Griechen, zur guten Sitte gehört). Er wird gut genannt, weil er „wozu" gut ist; da aber Wohlwollen, Mitleiden und dergleichen in dem Wechsel der Sitten immer als „gut wozu", als nützlich empfunden wurde, so nennt man jetzt vor- nehmlich den Wohlwollenden, Hülfreichen „gut". Böse ist „nicht sittlich" (unsittlich) sein, Unsitte üben, dem Herkommen widerstreben, wie vernünftig oder dumm dasselbe auch sei; das Schädigen des Nächsten ist aber in allen den Sittengesetzen der verschiedenen Zeiten vor- nehmlich als schädlich empfunden worden, so dass wir jetzt namentlich bei dem Wort „böse" an die freiwillige Schädigung des Nächsten denken. Nicht das „Egoistische" und das „Unegoistische" ist der Grundgegensatz, welcher die Menschen zur Unterscheidung von sittlich und un- sittlich, gut und böse gebracht hat, sondern: Gebunden- sein an ein Herkommen, Gesetz, und Lösung davon. Wie das Herkommen entstanden ist, das ist dabei gleich- gültig: jedenfalls ohne Rücksicht auf gut und böse oder irgend einen immanenten kategorischen Imperativ, son- dern vor Allem zum Zweck der Erhaltung einer Ge- meinde, eines Volkes; jeder abergläubische Brauch, der auf Grund eines falsch gedeuteten Zufalls entstanden ist, erzwingt ein Herkommen, welchem zu folgen sittlich ist; Nietx«che, Menschliches, AlLiumcn*chlichci I. 7 sich von ihm lösen ist nämlich gefährlich, für die Ge- meinschaft noch mehr schädlich als für den Einzelnen (weil die Gottheit den Frevel und jede Verletzung ihrer Vorrechte an der Gemeinde und nur insofern auch am Individuum straft). Nun wird jedes Herkommen fort- während ehrwürdiger, je weiter der Ursprung abliegt, je mehr dieser vergessen ist; die ihm gezollte Verehrung häuft sich von Generation zu Generation auf, das Her- kommen wird zuletzt heilig und erweckt Ehrfurcht; und so ist jedenfalls die Moral der Pietät eine viel ältere Moral, als die, welche unegoistische Handlungen verlangt. 97- Die Lust in der Sitte. — Eine wichtige Gattung der Lust und damit der Quelle der Moralität entsteht aus der Gewohnheit. Man thut das Gewohnte leichter, besser, also lieber, man empfindet dabei eine Lust, und weiss aus der Erfahrung, dass das Gewohnte sich be- währt hat, also nützlich ist; eine Sitte, mit der sich leben lässt, ist als heilsam, förderlich bewiesen, im Gegensatz zu allen neuen, noch nicht bewährten Versuchen. Die Sitte ist demnach die Vereinigung des Angenehmen und des Nützlichen, überdies macht sie kein Nachdenken nöthig. Sobald der Mensch Zwang ausüben kann, übt er ihn aus, um seine Sitten durchzusetzen und einzu- führen: denn für ihn sind sie die bewährte Lebensweisheit. Ebenso zwingt eine Gemeinschaft von Individuen jedes einzelne zur selben Sitte. Hier ist der Fehlschluss: weil man sich mit einer Sitte wohl fühlt oder wenigstens weil man vermittelst derselben seine Existenz durchsetzt, so ist diese Sitte noth wendig, denn sie gilt als die einzige Möglichkeit, unter der man sich wohl fühlen kann; das Wohlgefühl des Lebens scheint allein aus ihr hervor- Digitized by Google — 99 ~ zuwachsen. Diese Auffassung des Gewohnten als einer Bedingung des Daseins wird bis auf die kleinsten Einzel- heiten der Sitte durchgeführt: da die Einsicht in die wirkliche Causalität bei den niedrig stehenden Völkern und Kulturen sehr gering ist, so sieht man mit aber- gläubischer Furcht darauf, dass Alles seinen gleichen Gang gehe; selbst wo die Sitte schwer, hart, lästig ist, wird sie ihrer scheinbar höchsten Nützlichkeit wegen be- wahrt. Man weiss nicht, dass der selbe Grad von Wohl- befinden auch bei anderen Sitten bestehen kann und dass selbst höhere Grade sich erreichen lassen. Wohl aber nimmt man wahr, dass alle Sitten, auch die härtesten, mit der Zeit angenehmer und milder werden und dass auch die strengste Lebensweise zur Gewohnheit und da- mit zur Lust werden kann. 98. Lust und socialer Instinkt. — Aus seinen Be- ziehungen zu andern Menschen gewinnt der Mensch eine neue Gattung von Lust zu jenen Lustempfindungen hinzu, welche er aus sich selber nimmt; wodurch er das Reich der Lustempfindung überhaupt bedeutend um- fänglicher macht. Vielleicht hat er Mancherlei, das hieher gehört, schon von den Thieren her überkommen, welche ersichtlich Lust empfinden, wenn sie mit einander spielen, namentlich die Mütter mit den Jungen. Sodann gedenke man der geschlechtlichen Beziehungen, welche jedem Männchen ungefähr jedes Weibchen interessant in An- sehung der Lust erscheinen lassen, und umgekehrt. Die Lustempfindung auf Grund menschlicher Beziehungen macht im Allgemeinen den Menschen besser; die ge- meinsame Freude, die Lust mitsammen genossen, erhöht dieselbe, sie giebt dem Einzelnen Sicherheit, macht ihn 7- Digitized by Google — IOO — gutmüthiger, löst das Misstrauer), den Neid: denn man fühlt sich selber wohl und sieht den Andern in gleicher Weise sich wohl fühlen. Die gleichartigen Aeusse- rungen der Lust erwecken die Phantasie der Mit- empfindung, das Gefühl etwas Gleiches zu sein : das Selbe thun auch die gemeinsamen Leiden, die selben Unwetter, Gefahren, Feinde. Darauf baut sich dann wohl das älteste Bündniss auf: dessen Sinn die gemeinsame Beseitigung und Abwehr einer drohenden Unlust zum Nutzen jedes Einzelnen ist. Und so wächst der sociale Instinkt aus der Lust heraus. gg. Das Unschuldige an den sogenannten bösen Handlungen. — Alle „bösen" Handlungen sind motivirt durch den Trieb der Erhaltung oder, noeh genauer, durch die Absicht auf Lust und Vermeidung der Unlust des Individuums; als solchermaassen motivirt, aber nicht böse. „Schmerz bereiten an sich" existirt nicht, ausser im Gehirn der Philosophen, ebensowenig „Lust bereiten an sich" (Mitleid im Schopenhauerischen Sinne). In dem Zustand vor dem Staate tödten wir das Wesen, sei es Affe oder Mensch, welches uns eine Frucht des Baumes vorwegnehmen will, wenn wir gerade Hunger haben und auf den Baum zulaufen: wie wir es noch jetzt bei Wanderungen in unwirthlichen Gegenden mit dem Thiere thun würden. — Die bösen Handlungen, welche uns jetzt am meisten empören, beruhen auf dem Irrthume, dass der Andere, welcher sie uns zufügt, freien Willen habe: also dass es in seinem Belieben gelegen habe, uns dies Schlimme nicht anzuthun. Dieser Glaube an das Belieben erregt den Hass, die Rachlust, die Tücke, die ganze Verschlechterung der Phantasie, während wir einem Thicrc viel weniger zürnen, weil wir dies als un- Digitized by Google — IOI — verantwortlich betrachten. Leid thun nicht aus Erhal- tungstrieb, sondern zur Vergeltung — ist Folge eines falschen Urtheils und deshalb ebenfalls unschuldig. Der Einzelne kann im Zustande, welcher vor dem Staate liegt, zur Abschreckung andere Wesen hart und grausam behandeln: um seine Existenz durch solche abschreckende Proben seiner Macht sicher zu stellen. So handelt der Gewaltthätige, Mächtige, der ursprüngliche Staaten- gründer, welcher sich die Schwächeren unterwirft. Er hat dazu das Recht, wie es jetzt noch der Staat sich nimmt; oder vielmehr: es giebt kein Recht, welches dies hindern kann. Es kann erst dann der Boden für alle Moralität zurecht gemacht werden, wenn ein grösseres Individuum oder ein Collectiv- Individuum, zum Beispiel die Gesellschaft, der Staat, die Einzelnen unterwirft, also aus ihrer Vereinzelung herauszieht und in einen Verband einordnet. Der Moralität geht der Zwang voraus, ja sie selber ist noch eine Zeit lang Zwang, dem man sich, zur Vermeidung der Unlust, fügt. Später wird sie Sitte, noch später freier Gehorsam, endlich beinahe Instinkt: dann ist sie, wie alles lang Gewöhnte und Natürliche, mit Lust verknüpft — und heisst nun Tugend. IOO. Scham. — Die Scham existirt überall, wo es ein „Mysterium" giebt; dies aber ist ein religiöser Begriff, welcher in der älteren Zeit der menschlichen Kultur einen grossen Umfang hatte. Ueberall gab es umgrenzte Ge- biete, zu welchen das göttliche Recht den Zutritt versagte, ausser unter bestimmten Bedingungen: zu allererst ganz räumlich, insofern gewisse Stätten vom Fusse der L^n- eingeweihten nicht zu betreten waren und in deren Nähe Diese Schauder und Angst empfanden. Dies Gefühl Digitized by Google 102 wurde vielfach auf andere Verhältnisse übertragen, zum Beispiel auf die geschlechtlichen Verhältnisse, welche als «•in Vorrecht und Adyton des reiferen Alters den Blicken der Jugend, zu deren Vortheil, entzogen werden sollten: Verhältnisse, zu deren Schutz und Heilighaltung viele Götter thätig und im ehelichen Gemache als Wächter aufgestellt gedacht wurden. (Im Türkischen heisst des- halb dies Gemach Harem, „Heiligthum", wird also mit dem selben Worte bezeichnet, welches für die Vorhöfe der Moscheen üblich ist.) So ist das Königthum als ein Cen- trum, von wo Macht und Glanz ausstrahlt, dem Unter- worfenen ein Mysterium voller Heimlichkeit und Scham: wovon viele Nachwirkungen noch jetzt, unter Völkern, die sonst keineswegs zu den verschämten gehören, zu fühlen sind. Ebenso ist die ganze Welt innerer Zustände, die sogenannte „Seele", auch jetzt noch für alle Nicht- Philosophen ein Mysterium, nachdem diese, endlose Zeit hindurch, als göttlichen Ursprungs, als göttlichen Verkehrs würdig geglaubt wurde: sie ist demnach ein Adyton und erweckt Scham. 101 . Richtet nicht! — Man muss sich hüten, bei der Betrachtung früherer Perioden nicht in ein ungerechtes Schimpfen zu gerathen. Die Ungerechtigkeit in der Sklaverei, die Grausamkeit in der Unterwerfung von Per- sonen und Völkern ist nicht mit unserem Maasse zu messen. Denn damals war der Instinkt der Gerechtigkeit noch nicht so weit gebildet. Wer darf dem Genfer Calvin die Verbrennung des Arztes Servet vorwerfen? Es war eine consequente, aus seinen Ueberzeugungen fliessende Hand- lung, und ebenso hatte die Inquisition ein gutes Recht; nur waren die herrschenden Ansichten falsch und ergaben eine Conscquenz, welche uns hart erscheint, weil uns jene — io3 — Ansichten fremd geworden sind. Was ist übrigens Ver- brennen eines Einzelnen im Vergleich mit ewigen Höllen- strafen für fast Alle! Und doch beherrschte diese Vor- stellung damals alle Welt, ohne mit ihrer viel grösseren Schrecklichkeit der Vorstellung von einem Gotte wesent- lich Schaden zu thun. Auch bei uns werden politische Sektirer hart und grausam behandelt: aber weil man an die Nothwendigkeit des Staates zu glauben gelernt hat, so empfindet man hier die Grausamkeit nicht so sehr wie dort, wo wir die Anschauungen verwerfen. Die Grausam- keit gegen Thiere bei Kindern und Italienern geht auf Unverständniss zurück; das Thier ist namentlich durch die Interessen der kirchlichen Lehre zu weit hinter den Menschen zurückgesetzt worden. — Auch mildert sich vieles Schreckliche und Unmenschliche in der Geschichte, an welches man kaum glauben möchte, durch die Betrach- tung, dass der Befehlende und der Ausführende andere Personen sind: ersterer hat den Anblick nicht und daher nicht den starken Phantasie-Eindruck, letzterer gehorcht einem Vorgesetzten und fühlt sich unverantwortlich. Die meisten Fürsten und Militärchefs erscheinen, aus Mangel an Phantasie, leicht grausam und hart, ohne es zu sein. — Der Egoismus ist nicht böse, weil die Vorstellung vom „Nächsten" — das Wort ist christlichen Ursprungs und entspricht der Wahrheit nicht — in uns sehr schwach ist, und wir uns gegen ihn beinahe wie gegen Pflanze und Stein frei und unverantwortlich fühlen. Dass der Andere leidet, ist zu lernen: und völlig kann es nie gelernt werden. 102. „Der Mensch handelt immer gut." — Wir klagen die Natur nicht als unmoralisch an, wenn sie uns ein Donnerwetter schickt und uns nass macht: warum nennen Digitized by Google — 104 — wir den schädigenden Menschen unmoralisch? Weil wir hier einen willkürlich waltenden, freien Willen, dort Noth- wendigkeit annehmen. Aber diese Unterscheidung ist ein Irrthum. Sodann: selbst das absichtliche Schädigen nennen wir nicht unter allen Umständen unmoralisch; man tödtet z. B. eine Mücke unbedenklich mit Absicht, bloss weil uns ihr Singen missfällt; man straft den Ver- brecher absichtlich und thut ihm Leid an, um uns und die Gesellschaft zu schützen. Im ersten Falle ist es das Individuum, welches, um sich zu erhalten oder selbst um sich keine Unlust zu machen, absichtlich Leid thut; im zweiten der Staat. Alle Moral lässt absichtliches Scha- denthun gelten bei Nothwehr: das heisst wenn es sich um die Selbsterhaltung handelt! Aber diese beiden Gesichtspunkte genügen, um alle bösen Handlungen gegen Menschen, von Menschen ausgeübt, zu erklären: man will für sich Lust oder will Unlust abwehren; in irgend einem Sinne handelt es sich immer um Selbst- erhaltung. Sokrates und Plato haben Recht: was auch der Mensch thue, er thut immer das Gute, das heisst: Das, was ihm gut (nützlich) scheint, je nach dem Grade seines Intellektes, dem jedesmaligen Maasse seiner Ver- nünftigkeit. 103. Das Harmlose an der Bosheit. — Die Bosheit hat nicht das Leid des Andern an sich zum Ziele, son- dern unsern eigenen Genuss, zum Beispiel als Rache- gefühl oder als stärkere Nervenaufregung. Schon jede Neckerei zeigt, wie es Vergnügen macht, am Andern unsere- Macht auszulassen und es zum lustvollen Gefühle des Uebergewichts zu bringen. Ist nun das Unmora- lische daran, Lust auf Grund der Unlust Anderer zu haben? Ist Schadenfreude teuflisch, wie Schopen- Digitized by Google - io5 - hauer sagt? Nun machen wir uns in der Natur Lust durch Zerbrechen von Zweigen, Ablösen von Steinen, Kampf mit wilden Thieren und zwar, um unserer Kraft dabei bewusst zu werden. Das Wissen darum, dass ein Anderer durch uns leidet, soll also hier die selbe Sache, in Bezug auf welche wir uns sonst unverantwortlich fühlen, unmoralisch machen ? Aber wüsste man dies nicht, so hätte man die Lust an seiner eigenen Ueberlegenheit auch nicht dabei, diese kann eben sich nur im Leide des Anderen zu erkennen geben, zum Beispiel bei der Neckerei. Alle Lust an sich selber ist weder gut noch böse; woher sollte die Bestimmung kommen, dass man, um Lust an sich selber zu haben, keine Unlust An- derer erregen dürfe? Allein vom Gesichtspunkte des Nutzens her, das heisst aus Rücksicht auf die Folgen, auf eventuelle Unlust, wenn der Geschädigte oder der stellvertretende Staat Ahndung und Rache erwarten lässt : nur Dies kann ursprünglich den Grund abgegeben haben, solche Handlungen sich zu versagen. — Das Mitleid hat ebensowenig die Lust des Andern zum Ziele, als, wie gesagt, die Bosheit den Schmerz des Andern an sich. Denn es birgt mindestens zwei (vielleicht viel mehr) Ele- mente einer persönlichen Lust in sich und ist dorgestalt Selbstgenuss: einmal als Lust der Emotion, welcher Art das Mitleid in der Tragödie ist, und dann, wenn es zur That treibt, als Lust der Befriedigung in der Ausübung der Macht. Steht uns überdies eine leidende Person sehr nahe, so nehmen wir durch Ausübung mitleidvoller Hand- lungen uns selbst ein Leid ab. — Abgesehen von einigen Philosophen, so haben die Menschen das Mitleid, in der Rangfolge moralischer Empfindungen, immer ziemlich tief gestellt: mit Recht. Digitized by Google — io6 — 104. Nothwehr. — Wenn man überhaupt die Nothwehr als moralisch gelten lässt, so muss man fast alle Aeusse- rungen des sogenannten unmoralischen Egoismus' auch gelten lassen: man thut Leid an, raubt oder tödtet, um sich zu erhalten oder um sich zu schützen, dem persön- lichen Unheil vorzubeugen; man lügt, wo List und Ver- stellung das richtige Mittel der Selbsterhaltung sind. Absichtlich schädigen, wenn es sich um unsere Existenz oder Sicherheit (Erhaltung unseres Wohlbefin- dens) handelt, wird als moralisch concedirt; der Staat schädigt selber unter diesem Gesichtspunkt, wenn er Strafen verhängt. Im unabsichtlichen Schädigen kann natürlich das Unmoralische nicht liegen, da regiert der Zufall. Giebt es denn eine Art des absichtlichen Schä- digens, wo es sich nicht um unsere Existenz, um die Erhaltung unseres Wohlbefindens handelt? Giebt es ein Schädigen aus reiner Bosheit, zum Beispiel bei der Grausamkeit? Wenn man nicht weiss, wie weh eine Handlung thut, so ist sie keine Handlung der Bosheit; so ist das Kind gegen das Thier nicht boshaft, nicht böse: es untersucht und zerstört dasselbe wie sein Spiel- zeug. Weiss man aber je völlig, wie weh eine Handlung einem Andern thut? So weit unser Nervensystem reicht, hüten wir uns vor Schmerz: reichte es weiter, nämlich bis in die Mitmenschen hinein, so würden wir Niemandem ein Leides thun (ausser in solchen Fällen, wo wir es uns selbst thun, also wo wir uns der Heilung halber schneiden, der Gesundheit halber uns mühen und anstrengen). Wir schli essen aus Analogie, dass Etwas Jemandem weh thut, und durch die Erinnerung und die Stärke der Phantasie kann es uns dabei selber übel werden. Aber welcher lTnterschied bleibt immer zwischen dem Zahn- Digitized by Google — ig; — schmerz und dem Schmerze (Mitleiden), welchen der An- blick des Zahnschmerzes hervorruft? Also: bei dem Schädigen aus sogenannter Bosheit ist der Grad des erzeugten Schmerzes uns jedenfalls unbekannt; insofern aber eine Lust bei der Handlung ist (Gefühl der eignen Macht, der eignen starken Erregung), geschieht die Hand- lung, um das Wohlbefinden des Individuums zu erhalten, und fällt somit unter einen ähnlichen Gesichtspunkt wie die Nothwehr, die Nothlüge. Ohne Lust kein Leben; der Kampf um die Lust ist der Kampf um das Leben. Ob der Einzelne diesen Kampf so kämpft, dass die Menschen ihn gut, oder so, dass sie ihn böse nennen, darüber ent- scheidet das Maass und die Beschaffenheit seines Intellekts. 105. Die belohnende Gerechtigkeit. — Wer voll- ständig die Lehre von der völligen Unverantwortlichkeit begriffen hat, der kann die sogenannte strafende und be- lohnende Gerechtigkeit gar nicht mehr unter den Begriff der Gerechtigkeit unterbringen: falls diese darin besteht, dass man Jedem das Seine giebt. Denn Der, welcher gestraft wird, verdient die Strafe nicht: er wird nur als Mittel benutzt, um furderhin von gewissen Handlungen abzuschrecken; ebenso verdient Der, welchen man belohnt, diesen Lohn nicht: er konnte ja nicht anders handeln, als er gehandelt hat. Also hat der Lohn nur den Sinn einer Aufmunterung für ihn und Andere, um also zu späteren Handlungen ein Motiv abzugeben ; das Lob wird dem Laufenden in der Rennbahn zugerufen, nicht Dem, welcher am Ziele ist. Weder Strafe noch Lohn sind Etwas, das Einem als das Seine zukommt; sie werden ihm aus Nützlichkeitsgründen gegeben, ohne dass er mit Gerechtigkeit Anspruch auf sie zu erheben hätte. Man Digitized by Google — io8 — muss ebenso sagen „der Weise belohnt nicht, weil gut gehandelt worden ist", als man gesagt hat „der Weise straft nicht, weil schlecht gehandelt worden ist, sondern damit nicht schlecht gehandelt werde". Wenn Strafe und Lohn fortfielen, so fielen die kräftigsten Motive, welche von gewissen Handlungen weg, zu gewissen Handlungen hin treiben, fort; der Nutzen der Menschen erheischt ihre Fortdauer; und insofern Strafe und Lohn, Tadel und Lob am empfindlichsten auf die Eitelkeit wirken, so erheischt der selbe Nutzen auch die Fortdauer der Eitelkeit. 106. Am Wasserfall. — Beim Anblick eines Wasser- falles meinen wir in den zahllosen Biegungen, Schlänge- lungen, Brechungen der Wellen Freiheit des Willens und Belieben zu sehen; aber Alles ist nothwendig, jede Be- wegung mathematisch auszurechnen. So ist es auch bei den menschlichen Handlungen; man müsste jede einzelne Handlung vorher ausrechnen können, wenn man allwissend wäre, ebenso jeden Fortschritt der Erkenntniss, jeden Irrthum, jede Bosheit. Der Handelnde selbst steckt frei- lich in der Illusion der Willkür; wenn in einem Augen- blick das Rad der Welt still stände und ein allwissender, rechnender Verstand da wäre, um diese Pausen zu be- nützen, so könnte er bis in die fernsten Zeiten die Zukunft jedes Wesens weitererzählen und jede Spur bezeichnen, auf der jenes Rad noch rollen wird. Die Täuschung des Handelnden über sich, die Annahme des freien Willens, gehört mit hinein in diesen auszurechnenden Mechanismus. 107. Un Verantwortlichkeit und Unschuld. — Die völlige Un Verantwortlichkeit des Menschen für sein Han- Digitized by Google — IOQ — dein und sein Wesen ist der bitterste Tropfen, welchen der Erkennende schlucken muss, wenn er gewohnt war, in der Verantwortlichkeit und der Pflicht den Adelsbrief seines Menschenthums zu sehen. Alle seine Schätzungen, Auszeichnungen, Abneigungen sind dadurch entwerthet und falsch geworden: sein tiefstes Gefühl, das er dem Dulder, dem Helden entgegenbrachte, hat einem Irrthume gegolten; er darf nicht mehr loben, nicht tadeln, denn es ist ungereimt, die Natur und die Notwendigkeit zu loben und zu tadeln. So wie er das gute Kunstwerk liebt, aber nicht lobt, weil es Nichts für sich selber kann, wie er vor der Pflanze steht, so muss er vor den Hand- lungen der Menschen, vor seinen eignen stehen. Er kann Kraft, Schönheit, Fülle an ihnen bewundern, aber darf keine Verdienste darin finden: der chemische Prozess und der Streit der Elemente, die Qual des Kranken, der nach Genesung lechzt, sind ebensowenig Verdienste, als jene Seelenkämpfe und Nothzustände, bei denen man durch verschiedene Motive hin- und hergerissen wird, bis man sich endlich für das mächtigste entscheidet — wie man sagt (in Wahrheit aber, bis das mächtigste Motiv über uns entscheidet). Alle diese Motive aber, so hohe Namen wir ihnen geben, sind aus den selben Wurzeln gewachsen, in denen wir die bösen Gifte wohnend glauben; zwischen guten und bösen Handlungen giebt es keinen Unterschied der Gattung, sondern höchstens des Grades. Gute Hand- lungen sind sublimirte böse; böse Handlungen sind ver- gröberte, verdummte gute. Das einzige Verlangen des Individuums nach Selbstgenuss (sammt der Furcht, des- selben verlustig zu gehen) befriedigt sich unter allen Umständen, der Mensch mag handeln, wie er kann, das heisst wie er muss : sei es in Thaten der Eitelkeit, Rache, Lust, Nützlichkeit, Bosheit, List, sei es in Thaten der Digitized by Google I IO Aufopferung, des Mitleids, der Erkenntniss. Die Grade der Urtheilsfähigkeit entscheiden, wohin Jemand sich durch dies Verlangen hinziehen lässt; fortwährend ist jeder Ge- sellschaft, jedem Einzelnen eine Rangordnung der Güter gegenwärtig, wonach er seine Handlungen bestimmt und die der Anderen beurtheilt. Aber dieser Maassstab wan- delt sich fortwährend, viele Handlungen werden böse genannt und sind nur dumm, weil der Grad der Intelligenz, welcher sich für sie entschied, sehr niedrig war. Ja, in einem bestimmten Sinne sind auch jetzt noch alle Hand- lungen dumm, denn der höchste Grad von menschlicher Intelligenz, der jetzt erreicht werden kann, wird sicherlich noch überboten werden: und dann wird, bei einem Rück- blick, all unser Handeln und Urtheilen so beschränkt und übereilt erscheinen, wie uns jetzt das Handeln und Urtheilen zurückgebliebener wilder Völkerschaften be- schränkt und übereilt vorkommt. — Dies Alles einzu- sehen, kann tiefe Schmerzen machen, aber darnach giebt es einen Trost: solche Schmerzen sind Geburtswehen. Der Schmetterling will seine Hülle durchbrechen, er zerrt an ihr, er zerreisst sie: da blendet und verwirrt ihn das unbekannte Licht, das Reich der Freiheit. In solchen Menschen, welche jener Traurigkeit fähig sind — wie wenige werden es sein! — wird der erste Versuch ge- macht, ob die Menschheit aus einer moralischen sich in eine weise Menschheit umwandeln könne. Die Sonne eines neuen Evangeliums wirft ihren ersten Strahl auf die höchsten Gipfel in der Seele jener Ein- zelnen: da ballen sich die Nebel dichter, als je, und neben einander lagert der hellste Schein und die trübste Däm- merung. Alles ist Notwendigkeit, — so sagt die neue Er- kenntniss : und diese Erkenntniss selber ist Notwendigkeit Alles ist Unschuld: und die Erkenntniss ist der Weg zur Digitized by Google III — Einsicht in diese Unschuld. Sind Lust, Egoismus, Eitelkeit nothwendigzur Erzeugung der moralischen Phänomene und ihrer höchsten Blüthe, des Sinnes für Wahrheit und Gerechtigkeit der Erkenntniss, war der Irrthum und die Verirrung der Phantasie das einzige Mittel, durch welches die Menschheit sich allmählich zu diesem Grade von Selbsterleuchtung und Selbsterlösung zu erheben ver- mochte — wer dürfte jene Mittel geringschätzen? Wer dürfte traurig sein, wenn er das Ziel, zu dem jene Wege führen, gewahr wird? Alles auf dem Gebiete der Moral ist geworden, wandelbar, schwankend, Alles ist im Elusse, es ist wahr: — aber Alles ist auch im Strome: nach Einem Ziele hin. Mag in uns die vererbte Gewohnheit des irrthümlichen Schätzens, Liebens, Hassens immerhin fortwalten, aber unter dem Einfluss der wachsenden Er- kenntniss wird sie schwächer werden : eine neue Gewohn- heit, die des Begreifens, Nicht -Liebens, Nicht- Hassens, Ueberschauens, pflanzt sich allmählich in uns auf dem selben Boden an und wird in Tausenden von Jahren viel- leicht mächtig genug sein, um der Menschheit die Kraft zu geben, den weisen, unschuldigen (unschuld-bewussten) Menschen ebenso regelmässig hervorzubringen , wie sie jetzt den unweisen, unbilligen, schuldbewussten Menschen — das heisst die nothwendigc Vorstufe, nicht den Gegensatz von jenem — hervorbringt. Digitized by Google Drittes Hauptstück. Das religiöse Leben. e, Menschliches, Allxumenschliches I. io8. Der doppelte Kampf gegen das Uebel. — Wenn uns ein Uebel trifft, so kann man entweder so über dasselbe hinwegkommen, dass man seine Ursache hebt, oder so, dass man die Wirkung, welche es auf unsere Empfindung macht, verändert: also durch ein Um- deuten des Uebels in ein Gut, dessen Nutzen vielleicht erst später ersichtlich sein wird. Religion und Kunst (auch die metaphysische Philosophie) bemühen sich, auf die Aenderung der Empfindung zu wirken, theils durch Aenderung unseres Urtheils über die Erlebnisse (zum Beispiel mit Hülfe des Satzes: „wen Gott lieb hat, den züchtigt er"), theils durch Erweckung einer Lust am Schmerz, an der Emotion überhaupt (woher die Kunst des Tragischen ihren Ausgangspunkt nimmt). Je mehr Einer dazu neigt, umzudeuten und zurechtzulegen, um so weniger wird er die Ursachen des Uebels in's Auge fassen und beseitigen; die augenblickliche Milderung und Narkotisirung, wie sie zum Beispiel bei Zahnschmerz gebräuchlich ist, genügt ihm auch in ernsteren Leiden. Je mehr die Herrschaft der Religionen und aller Kunst der Narkose abnimmt, um so strenger fassen die Men- schen die wirkliche Beseitigung der Uebel in's Auge, was freilich schlimm für die Tragödiendichter ausfällt — 8* Digitized by Google - - 1 16 — denn zur Tragödie findet sich immer weniger Stoff, weil das Reich des unerbittlichen, unbezwinglichen Schicksals immer enger wird — , noch schlimmer aber für die Priester: denn diese lebten bisher von der Narkotisirung menschlicher Uebel. 109. Gram ist Erkenntniss. — Wie gern möchte man die falschen Behauptungen der Priester, es gebe einen Gott, der das Gute von uns verlange, Wächter und Zeuge jeder Handlung, jedes Augenblickes, jedes Gedankens sei, der uns liebe, in allem Unglück unser Bestes wolle, — wie gern möchte man diese mit Wahrheiten ver- tauschen, welche ebenso heilsam, beruhigend und wohl- thuend wären, wie jene Irrthümer! Doch solche Wahr- heiten giebt es nicht ; die Philosophie kann ihnen höchstens wiederum metaphysische Scheinbarkeiten (im Grunde ebenfalls Unwahrheiten) entgegensetzen. Nun ist aber die Tragödie die, dass man jene Dogmen der Religion und Metaphysik nicht glauben kann, wenn man die strenge Methode der Wahrheit im Herzen und Kopfe hat, andererseits durch die Entwickelung der Menschheit so zart, reizbar, leidend geworden ist, um Heil- und Trostmittel der höchsten Art nöthig zu haben; woraus also die Gefahr entsteht, dass der Mensch sich an der erkannten Wahrheit verblute. Dies drückt Byron in unsterblichen Versen aus: Sorrow is knowledge: they who know the most must mourn the deepst o'er the fatal truth, the tree of knowledge is not that of life.*) Gegen solche Sorgen hilft kein Mittel besser, als den feierlichen Leichtsinn Horazens, wenigstens für die schlimm- ♦) Manfred I, 1. Digitized by Google — lö- sten Stunden und Sonnenfinsternisse der Seele, herauf- zubeschwören und mit ihm zu sich selber zu sagen: quid aeternis minorem consiliis animum fatigas? cur non sub alta vel platano vel hac pinu jacentes — Sicherlich aber ist Leichtsinn oder Schwermuth jeden Grades besser, als eine romantische Rückkehr und Fahnen- flucht, eine Annäherung an das Christenthum in irgend einer Form: denn mit ihm kann man sich, nach dem gegenwärtigen Stande der Erkenntniss, schlechterdings nicht mehr einlassen, ohne sein intellektuales Ge- wissen heillos zu beschmutzen und vor sich und Anderen preiszugeben. Jene Schmerzen mögen peinlich genug sein: aber man kann ohne Schmerzen nicht zu einem Führer und Erzieher der Menschheit werden; und wehe Dem, welcher dies versuchen möchte und jenes reine Gewissen nicht mehr hätte! 1 10. Die Wahrheit in der Religion. — In der Periode der Aufklärung war man der Bedeutung der Religion nicht gerecht geworden, daran ist nicht zu zweifeln. Aber ebenso steht fest, dass man, in dem darauffolgenden Widerspiel der Aufklärung, wiederum um ein gutes Stück über die Gerechtigkeit hinausgieng, indem man die Reli- gionen mit Liebe, selbst mit Verliebtheit behandelte und ihnen zum Beispiel ein tieferes, ja das allertiefste Verständ- niss der Welt zuerkannte: welches die Wissenschaft des dogmatischen Gewandes zu entkleiden habe, um dann in unmythischer Form die „Wahrheit44 zu besitzen. Reli- gionen sollen also — dies war die Behauptung aller Gegner der Aufklärung — sensu allegorico, mit Rücksicht Digitized by Google — n8 — auf das Verstehen der Menge, jene uralte Weisheit aus- sprechen, welche die Weisheit an sich sei, insofern alle wahre Wissenschaft der neueren Zeit immer zu ihr hin, anstatt von ihr weg, geführt habe: so dass zwischen den ältesten Weisen der Menschheit und allen späteren Har- monie, ja Gleichheit der Einsichten walte und ein Fort- schritt der Erkenntnisse — falls man von einem solchen reden wolle — sich nicht auf das Wesen, sondern die Mittheilung desselben beziehe. Diese ganze Auffassung von Religion und Wissenschaft ist durch und durch irr- thümlich; und Niemand würde jetzt noch zu ihr sich zu bekennen wagen, wenn nicht Schopenhauers Beredtsam- keit sie in Schutz genommen hätte: diese laut tönende und doch erst nach einem Menschenalter ihre Hörer erreichende Beredtsamkeit. So gewiss man aus Schopen- hauers religiös-moralischer Menschen- und Weltdeutung sehr Viel für das Verständniss des Christenthums und an- derer Religionen gewinnen kann, so gewiss ist es auch, dass er über den Werth der Religion für die Er- kenntniss sich geirrt hat. Er selbst war darin ein nur zu folgsamer Schüler der wissenschaftlichen Lehrer seiner Zeit, welche allesammt der Romantik huldigten und dem Geiste der Aufklärung abgeschworen hatten; in unsere jetzige Zeit hineingeboren, würde er unmöglich vom sensus allegoricus der Religion haben reden können; er würde vielmehr der Wahrheit die Ehre gegeben haben, wie er es pflegte, mit den Worten: noch nie hat eine Reli- gion, weder mittelbar, noch unmittelbar, weder als Dogma, noch als Gleichniss, eine Wahrheit enthalten. Denn aus der Angst und dem Bedürmiss ist eine jede geboren, auf Irrgängen der Vernunft hat sie sich in's Dasein geschlichen; sie hat vielleicht einmal, im Zustande der Gefährdung durch die Wissenschaft, irgend Digitized by Google — ii9 _ eine philosophische Lehre in ihr System hineingelogen, damit man sie später darin vorfinde: aber dies ist ein Theologenkunststück, aus der Zeit, in welcher eine Reli- gion schon an sich selber zweifelt. Diese Kunststücke der Theologie, welche freilich im Christenthum, als der Religion eines gelehrten, mit Philosophie durchtränkten Zeitalters, sehr früh schon geübt wurden, haben auf jenen Aberglauben vom sensus allegoricus hingeleitet, noch mehr aber die Gewohnheit der Philosophen (namentlich der Halbwesen: der dichterischen Philosophen und der philosophirenden Künstler), alle die Empfindungen, welche sie in sich vorfanden, als Grundwesen des Menschen überhaupt zu behandeln und somit auch ihren eigenen religiösen Empfindungen einen bedeutenden Einfluss auf den Gedankenbau ihrer Systeme zu gestatten. Weil die Philosophen vielfach unter dem Herkommen religiöser Gewohnheiten, oder mindestens unter der altvererbten Macht jenes „metaphysischen Bedürfnisses", philosophirten, so gelangten sie zu Lehrmeinungen, welche in der That den jüdischen oder christlichen oder indischen Religions- meinungen sehr ähnlich sahen, — ähnlich nämlich, wie Kinder den Müttern zu sehen pflegen : nur dass in diesem Falle die Väter sich nicht über jene Mutterschaft klar waren, wie dies wohl vorkommt — , sondern in der Un- schuld ihrer Verwunderung von einer Familien -Aehnlich- keit aller Religion und Wissenschaft fabelten. In der That besteht zwischen der Religion und der wirklichen Wis- senschaft nicht Verwandtschaft, noch Freundschaft, noch selbst Feindschaft: sie leben auf verschiedenen Sternen. Jede Philosophie, welche einen religiösen Kometenschweif in die Dunkelheit ihrer letzten Aussichten hinaus erglänzen lässt, macht Alles an sich verdächtig, was sie als Wissen- schaft vorträgt: es ist dies Alles vermuthlich ebenfalls Digitized by Google — 120 — Religion, wenngleich unter dem Aufputz der Wissenschaft. — Uebrigens: wenn alle Völker über gewisse religiöse Dinge, zum Beispiel die Existenz eines Gottes, überein- stimmten (was, beiläufig gesagt, in Betreff dieses Punktes nicht der Fall ist), so würde dies doch eben nur ein Ge- genargument gegen jene behaupteten Dinge, zum Beispiel die Existenz eines Gottes, sein: der consensus gentium und überhaupt hominum kann billigerweise nur einer Narrheit gelten. Dagegen giebt es einen consensus omnium sapientium gar nicht, in Bezug auf kein einziges Ding, mit jener Ausnahme, von welcher der Goethe'sche Vers spricht: Alle die Weisesten aller der Zeiten lächeln und winken und stimmen mit ein: Thöricht, auf Bess'rung der Thoren zu harren! Kinder der Klugheit, o habet die Narren eben zum Narren auch, wie sich's gehört! Ohne Vers und Reim gesprochen und auf unseren Fall angewendet: der consensus sapientium besteht darin, dass der consensus gentium einer Narrheit gilt. 1 1 1. Ursprung des religiösen Kultus'. — Versetzen wir uns in die Zeiten zurück, in welchen das religiöse Leben am kräftigsten aufblühte, so finden wir eine Grundüberzeugung vor, welche wir jetzt nicht mehr theilen und derentwegen wir ein für alle Mal die Thore zum religiösen Leben uns verschlossen sehen: sie betrifft die Natur und den Verkehr mit ihr. Man weiss in jenen Zeiten noch Nichts von Naturgesetzen; weder für die Erde noch für den Himmel giebt es ein Müssen; eine Jahreszeit, der Sonnenschein, der Regen kann kommen oder auch ausbleiben. Es fehlt überhaupt jeder Begriff Google — 121 der natürlichen Causalität. Wenn man rudert, ist es nicht das Rudern, was das Schiff bewegt, sondern Ru- dern ist nur eine magische Ceremonie, durch welche man einen Dämon zwingt, das Schiff zu bewegen. Alle Er- krankungen, der Tod selbst ist Resultat magischer Ein- wirkungen. Es geht bei Krankwerden und Sterben nie natürlich zu; die ganze Vorstellung vom „natürlichen Hergang" fehlt, — sie dämmert erst bei den älteren Griechen, das heisst in einer sehr späten Phase der Menschheit, in der Conception der über den Göttern thronenden Moira. Wenn Einer mit dem Bogen schiesst, so ist immer noch eine irrationelle Hand und Kraft da- bei; versiegen plötzlich die Quellen, so denkt man zuerst an unterirdische Dämonen und deren Tücken; der Pfeil eines Gottes muss es sein, unter dessen unsichtbarer Wirkung ein Mensch auf einmal niedersinkt. In Indien pflegt (nach Lubbock) ein Tischler seinem Hammer, seinem Beil und den übrigen Werkzeugen Opfer darzubringen; ein Brahmane behandelt den Stift, mit dem er schreibt, ein Soldat die Waffen, die er im Felde braucht, ein Maurer seine Kelle, ein Arbeiter seinen Pflug in gleicher Weise. Die ganze Natur ist in der Vorstellung religiöser Menschen eine Summe von Handlungen bewusster und wollender Wesen, ein ungeheurer Complex von Will- kürlichkeiten. Es ist in Bezug auf Alles, was ausser uns ist, kein Schluss gestattet, dass irgend Etwas so und so sein werde, so und so kommen müsse; das unge- fähr Sichere, Berechenbare sind wir: der Mensch ist die Regel, die Natur die Regellosigkeit, — dieser Satz enthält die Grundüberzeugung, welche rohe, religiös pro- duktive Urkulturen beherrscht. Wir jetzigen Menschen empfinden gerade völlig umgekehrt: je reicher jetzt der Mensch sich innerlich fühlt, je polyphoner sein Subjekt 122 — ist, um so gewaltiger wirkt auf ihn das Gleichmaass der Natur; wir Alle erkennen mit Goethe in der Natur das grosse Mittel der Beschwichtigung für die moderne Seele, wir hören den Pendelschlag der grüssten Uhr mit einer Sehnsucht nach Ruhe, nach Heimisch- und Stillewerden an, als ob wir dieses Gleichmaass in uns hineintrinken und dadurch zum Genuss unser selbst erst kommen könnten. Ehemals war es umgekehrt: denken wir an rohe, frühe Zustände von Völkern zurück oder sehen wir die jetzigen Wilden in der Nähe, so finden wir sie auf das stärkste durch das Gesetz, das Herkommen bestimmt: das Individuum ist fast automatisch an dasselbe gebunden und bewegt sich mit der Gleichförmigkeit eines Pendels. Ihm muss die Natur — die unbegriffene, schreckliche, geheimnissvolle Natur — als das Reich der Freiheit, der Willkür, der höheren Macht erscheinen, ja gleichsam als eine übermenschliche Stufe des Daseins, als Gott. Nun aber fühlt jeder Einzelne solcher Zeiten und Zu- stände, wie von jenen Willkürlichkeiten der Natur seine Existenz, sein Glück, das der Familie, des Staates, das Gelingen aller Unternehmungen abhängen: einige Natur- vorgänge müssen zur rechten Zeit eintreten, andere zur rechten Zeit ausbleiben. Wie kann man einen Einfluss auf diese furchtbaren Unbekannten ausüben, wie kann man das Reich der Freiheit binden? so fragt er sich, so forscht er ängstlich: giebt es denn keine Mittel, jene Mächte ebenso durch ein Herkommen und Gesetz regel- mässig zu machen, wie du selber regelmässig bist? — Das Nachdenken der magie- und wundergläubigen Menschen geht dahin, der Natur ein Gesetz aufzu- legen — : und kurz gesagt, der religiöse Kultus ist das Ergebniss dieses Nachdenkens. Das Problem, welches jene Menschen sich vorlegen, ist auf das engste verwandt Digitized by Google — 123 — mit diesem: wie kann der schwächere Stamm dem stärkeren doch Gesetze diktiren, ihn bestimmen, seine Handlungen (im Verhalten zum schwächeren) leiten? Man wird zuerst sich der harmlosesten Art eines Zwanges erinnern, jenes Zwanges, den man ausübt, wenn man Jemandes Neigung erworben hat. Durch Flehen und Gebete, durch Unterwerfung, durch die Verpflichtung zu regelmässigen Abgaben und Geschenken, durch schmei- chelhafte Verherrlichungen ist es also auch möglich, auf die Mächte der Natur einen Zwang auszuüben, insofern man sie sich geneigt macht: Liebe bindet und wird ge- bunden. Dann kann man Verträge schliessen, wobei man sich zu bestimmtem Verhalten gegenseitig ver- pflichtet, Pfänder stellt und Schwüre wechselt. Aber viel wichtiger ist eine Gattung gewaltsameren Zwanges, durch Magie und Zauberei. Wie der Mensch mit Hülfe des Zauberers einem stärkeren Feind doch zu schaden weiss und ihn vor sich in Angst erhält, wie der Liebes- zauber in die Ferne wirkt, so glaubt der schwächere Mensch auch die mächtigeren Geister der Natur be- stimmen zu können. Das Hauptmittel aller Zauberei ist, dass man Etwas in Gewalt bekommt, das Jemandem zu eigen ist, Haare, Nägel, etwas Speise von seinem Tisch, ja selbst sein Bild, seinen Namen. Mit solchem Apparate kann man dann zaubern; denn die Grundvoraussetzung lautet: zu allem Geistigen gehört etwas Körperliches; mit dessen Hülfe vermag man den Geist zu binden, zu schädigen, zu vernichten; das Körperliche giebt die Hand- habe ab, mit der man das Geistige fassen kann. So wie nun der Mensch den Menschen bestimmt, so bestimmt er auch irgend einen Naturgeist; denn dieser hat auch sein Körperliches, an dem er zu fassen ist. Der Baum und, verglichen mit ihm, der Keim, aus dem er entstand, Digitized by Google — 124 — — dieses räthselhafte Nebeneinander scheint zu beweisen, dass in beiden Formen sich ein und der selbe Geist ein- gekörpert habe, bald klein, bald gross. Ein Stein, der plötzlich rollt, ist der Leib, in welchem ein Geist wirkt; liegt auf einsamer Haide ein Block, erscheint es unmög- lich, an Menschenkraft zu denken, die ihn hieher gebracht habe, so muss also der Stein sich selbst hinbewegt haben, das heisst: er muss einen Geist beherbergen. Alles, was einen Leib hat, ist der Zauberei zugänglich, also auch die Naturgeister. Ist ein Gott geradezu an sein Bild ge- bunden, so kann man auch ganz direkten Zwang (durch Verweigerung der Opfernahrung, Geissein, in-Fesseln- Legen und Aehnliches) gegen ihn ausüben. Die geringen Leute in China umwinden, um die fehlende Gunst ihres Gottes zu ertrotzen, das Bild desselben, der sie in Stich gelassen hat, mit Stricken, reissen es nieder, schleifen es über die Strassen durch Lehm- und Düngerhaufen; „du Hund von einem Geiste, sagen sie, wir Hessen dich in einem prächtigen Tempel wohnen, wir vergoldeten dich hübsch, wir fütterten dich gut, wir brachten dir Opfer und doch bist du so undankbar." Aehnliche Gewalt- maassregeln gegen Heiligen- und Muttergottesbilder, wenn sie etwa bei Pestilenzen oder Regenmangel ihre Schuldigkeit nicht thun wollten, sind noch während dieses Jahrhunderts in katholischen Ländern vorgekommen. Durch alle diese zauberischen Beziehungen zur Natur sind unzählige Ceremonien ins Leben gerufen: und end- lich, wenn der Wirrwarr derselben zu gross geworden ist, bemüht man sich, sie zu ordnen, zu systematisiren, so dass man den günstigen Verlauf des gesammten Ganges der Natur, namentlich des grossen Jahreskreislaufs, sich durch einen entsprechenden Verlauf eines Proceduren- Systems zu verbürgen meint. Der Sinnn des religiösen Digitized by Google - i25 Kultus' ist, die Natur zu menschlichem Vortheil zu be- stimmen und zu bannen, also ihr eine Gesetzlichkeit einzuprägen, die sie von vornherein nicht hat; während in der jetzigen Zeit man die Gesetzlichkeit der Natur erkennen will, um sich in sie zu schicken. Kurz, der religiöse Kultus ruht auf den Vorstellungen der Zauberei zwischen Mensch und Mensch ; und der Zauberer ist älter, als der Priester. Aber ebenso ruht er auf anderen und edleren Vorstellungen; er setzt das sympa- thische Verhältniss von Mensch zu Mensch, das Dasein von Wohlwollen, Dankbarkeit, Erhörung Bittender, von Verträgen zwischen Feinden, von Verleihung der Unter- pfänder, von Anspruch auf Schutz des Eigenthums voraus. Der Mensch steht auch in sehr niederen Kulturstufen nicht der Natur als ohnmächtiger Sklave gegenüber, er ist nicht nothwendig der willenlose Knecht derselben: auf der griechischen Stufe der Religion, besonders im Verhalten zu den olympischen Göttern, ist sogar an ein Zusammenleben von zwei Kasten, einer vornehmeren, mächtigeren und einer weniger vornehmen zu denken; aber beide gehören, ihrer Herkunft nach, irgendwie zu- sammen und sind Einer Art, sie brauchen sich vor ein- ander nicht zu schämen. Das ist das Vornehme in der griechischen Religiosität. 1 12. Beim Anblick gewisser antiker Opfergeräth- schaften. — Wie manche Empfindungen uns verloren gehen, ist zum Beispiel an der Vereinigung des Possen- haften, selbst des Obscönen, mit dem religiösen Gefühl zu sehen: die Empfindung für die Möglichkeit dieser Mischung schwindet, wir begreifen es nur noch historisch, dass sie existirte, bei den Demeter- und Dionysosfesten, Digitized by Google — 126 bei den christlichen Osterspielen und Mysterien : aber auch wir kennen noch das Erhabene im Bunde mit dem Bur- lesken und dergleichen, das Rührende mit dem Lächer- lichen verschmolzen : was vielleicht eine spätere Zeit auch nicht mehr verstehen wird. 1 13. Christenthum als Alterthum. — Wenn wir eines Sonntag Morgens die alten Glocken brummen hören, da fragen wir uns: ist es nur möglich! dies gilt einem vor zwei Jahrtausenden gekreuzigten Juden, welcher sagte, er sei Gottes Sohn. Der Beweis für eine solche Behauptung fehlt. — Sicherlich ist innerhalb unserer Zeiten die christliche Religion ein aus ferner Vorzeit hereinragendes Alterthum, und dass man jene Behauptung glaubt — während man sonst so streng in der Prüfung von An- sprüchen ist — ist vielleicht das älteste Stück dieses Erbes. Ein Gott, der mit einem sterblichen Weibe Kinder erzeugt; ein Weiser, der auffordert, nicht mehr zu arbeiten, nicht mehr Gericht zu halten, aber auf die Zeichen des bevorstehenden Weltunterganges zu achten; eine Gerechtigkeit, die den Unschuldigen als stellver- tretendes Opfer annimmt; Jemand, der seine Jünger sein Blut trinken heisst; Gebete um Wundereingriffe; Sünden an einem Gott verübt, durch einen Gott gebüsst; Furcht vor einem Jenseits, zu welchem der Tod die Pforte ist; die Gestalt des Kreuzes als Symbol inmitten einer Zeit, welche die Bestimmung und die Schmach des Kreuzes nicht mehr kennt, — wie schauerlich weht uns dies Alles, wie aus dem Grabe uralter Vergangenheit, an! Sollte man glauben, dass so Etwas noch geglaubt wird? Digitized by Google - I27 - 1 14- Das Ungriechische im Christenthum. — Die Griechen sahen übersieh die homerischen Götter nicht als Herren und sich unter ihnen nicht als Knechte, wie die Juden. Sie sahen gleichsam nur das Spiegelbild der gelungensten Exemplare ihrer eigenen Kaste, also ein Ideal, keinen Gegensatz des eigenen Wesens. Man fühlt sich mit einander verwandt, es besteht ein gegenseitiges Interesse, eine Art Symmachie. Der Mensch denkt vor- nehm von sich, wenn er sich solche Götter giebt, und stellt sich in ein Verhältniss, wie das des niedrigeren Adels zum höheren ist; während die italischen Völker eine rechte Bauern -Religion haben, mit fortwährender Aengstlichkeit gegen böse und launische Machtinhabcr und Quälgeister. Wo die olympischen Götter zurücktraten, da war auch das griechische Leben düsterer und ängst- licher. — Das Christenthum dagegen zerdrückte und zer- brach den Menschen vollständig und versenkte ihn wie in tiefen Schlamm: in das Gefühl völliger Verworfenheit liess es dann mit Einem Male den Glanz eines göttlichen Erbarmens hineinleuchten, so dass der Ueberraschte, durch Gnade Betäubte, einen Schrei des Entzückens ausstiess und für einen Augenblick den ganzen Himmel in sich zu tragen glaubte. Auf diesen krankhaften Excess des Gefühls, auf die dazu nöthige tiefe Kopf- und Herz- Corruption wirken alle psychologischen Erfindungen des Christenthums hin: es will vernichten, zerbrechen, betäu- ben, berauschen, es will nur Eins nicht: dasMaass, — und deshalb ist es im tiefsten Verstände barbarisch, asia- tisch, unvornehm, ungriechisch. Digitized by Google — 128 — I!5- Mit Vortheil religiös sein. — Es giebt nüchterne und gewerbstüchtige Leute, denen die Religion wie ein Saum höheren Menschenthums angestickt ist: diese thun sehr wohl, religiös zu bleiben, es verschönert sie. — Alle Menschen, welche sich nicht auf irgend ein Waffenhand- werk verstehen — Mund und Feder als Waffen einge- rechnet — werden servil: für Solche ist die christliche Religion sehr nützlich, denn die Servilität nimmt darin den Anschein einer christlichen Tugend an und wird er- staunlich verschönert — Leute, welchen ihr tägliches Leben zu leer und eintönig vorkommt, werden leicht religiös: dies ist begreiflich und verzeihlich, nur haben sie kein Recht, Religiosität von Denen zu fordern, denen das tägliche Leben nicht leer und eintönig verfliesst. 1 16. Der Alltags-Christ. — Wenn das Christenthum mit seinen Sätzen vom rächenden Gotte, der allgemeinen Sündhaftigkeit, der Gnadenwahl und der Gefahr einer ewigen Verdammniss, Recht hätte' so wäre es ein Zeichen von Schwachsinn und Charakterlosigkeit, nicht Priester, Apostel oder Einsiedler zu werden und mit Furcht und Zittern einzig am eigenen Heile zu arbeiten; es wäre unsinnig, den ewigen Vortheil gegen die zeitliche Be- quemlichkeit so aus dem Auge zu lassen. Vorausgesetzt, dass überhaupt geglaubt wird, so ist der Alltags-Christ eine erbärmliche Figur, ein Mensch, der wirklich nicht bis Drei zählen kann, und der übrigens, gerade wegen seiner geistigen Unzurechnungsfähigkeit, es nicht ver- diente, so hart bestraft zu werden, wie das Christenthum ihm verheisst. Digitized by Google — 1 29 — ii;. Von der Klugheit des Ch risten thu ms. — Es ist ein Kunstgriff des Christenthums, die völlige Unwür- digkeit, Sündhaftigkeit und Verächtlichkeit des Menschen überhaupt so laut zu lehren, dass die Verachtung der Mitmenschen dabei nicht mehr möglich ist. „Er mag sündigen, wie er wolle, er unterscheidet sich doch nicht wesentlich von mir: ich bin es, der in jedem Grade un- würdig und verächtlich ist" — so sagt sich der Christ. Aber auch dieses Gefühl hat seinen spitzigsten Stachel verloren, weil der Christ nicht an seine individuelle Ver- ächtlichkeit glaubt: er ist böse als Mensch überhaupt und beruhigt sich ein Wenig bei dem Satze: Wir Alle sind Einer Art. 1 18. Personenwechsel. — Sobald eine Religion herrscht, hat sie alle Die zu ihren Gegnern, welche ihre ersten Jünger gewesen wären. 1 19. Schicksal des Christenthums. — Das Christen- thum entstand, um das Herz zu erleichtern; aber jetzt müsste es das Herz erst beschweren, um es nachher er- leichtern zu können. Folglich wird es zu Grunde gehen. 120. Der Beweis der Lust. — Die angenehme Meinung wird als wahr angenommen: dies ist der Beweis der Lust (oder, wie die Kirche sagt, der Beweis der Kraft), auf welchen alle Religionen so stolz sind, während sie sich dessen doch schämen sollten. Wenn der Glaube nicht selig machte, so würde er nicht geglaubt werden: wie wenig wird er also werth sein! Nietzsche, Menschliches, Allzumeuschliches I. , Digitized by Google — 13° — 121. Gefährliches Spiel. — Wer jetzt der religiösen Empfindung wieder in sich Raum giebt, der muss sie dann auch wachsen lassen, er kann nicht anders. Da verändert sich allmählich sein Wesen, es bevorzugt das dem religiösen Element Anhängende, Benachbarte, der ganze Umkreis des Urtheilens und Empfindens wird umwölkt, mit religiösen Schatten überflogen. Die Empfin- dung kann nicht still stehen ; man nehme sich also in Acht. 122. Die blinden Schüler. — So lange Einer sehr gut die Stärke und Schwäche seiner Lehre, seiner Kunst- art, seiner Religion kennt, ist deren Kraft noch gering. Der Schüler und Apostel, welcher für die Schwäche der Lehre, der Religion und so weiter, kein Auge hat, ge- blendet durch das Ansehen des Meisters und durch seine Pietät gegen ihn, hat deshalb gewöhnlich mehr Macht, als der Meister. Ohne die blinden Schüler ist noch nie der Einfluss eines Mannes und seines Werkes gross ge- worden. Einer Erkenntniss zum Siege verhelfen heisst oft nur: sie so mit der Dummheit verschwistern, dass das Schwergewicht der letzteren auch den Sieg für die erste erzwingt. 123. Abbruch der Kirchen. — Es ist nicht genug an Religion in der Welt, um die Religionen auch nur zu vernichten. 124. Sündlosigkeit des Menschen. — Hat man begriffen, „wie die Sünde in die Welt gekommen" ist, nämlich durch Irrthümer der Vernunft, vermöge deren Digitized by Google — '3i — die Menschen unter einander, ja der einzelne Mensch sich selbst für viel schwärzer und böser nimmt, als es thatsächlich der Fall ist, so wird die ganze Empfindung sehr erleichtert, und Menschen und Welt erscheinen mit- unter in einer Glorie von Harmlosigkeit, dass es Einem von Grund aus wohl dabei wird. Der Mensch ist in- mitten der Natur immer das Kind an sich. Dies Kind träumt wohl einmal einen schweren beängstigenden Traum, wenn es aber die Augen aufschlägt, so sieht es sich immer wieder im Paradiese. 125. Irreligiosität der Künstler. — Homer ist unter seinen Göttern so zu Hause und hat als Dichter ein solches Behagen an ihnen, dass er jedenfalls tief unreli- giös gewesen sein muss. Mit dem, was der Volksglaube ihm entgegenbrachte — einen dürftigen, rohen, zum Theil schauerlichen Aberglauben — , verkehrte er so frei, wie der Bildhauer mit seinem Thon, also mit der selben Unbefangenheit, welche Aeschylus und Aristophanes be- sassen und durch welche sich in neuerer Zeit die grossen Künstler der Renaissance, sowie Shakespeare und Goethe auszeichneten. 126. Kunst und Kraft der falschen Interpretation. Alle die Visionen, Schrecken, Ermattungen, Entzückungen des Heiligen sind bekannte Krankheits-Zustände, welche von ihm, auf Grund eingewurzelter religiöser und psycho- logischer Irrthümer, nur ganz anders, nämlich nicht als Krankheiten, gedeutet werden. — So ist vielleicht auch das Dämonion des Sokrates ein Ohrenleiden, das er sich, gemäss seiner herrschenden moralischen Denkungsart, nur anders, als es jetzt geschehen würde, auslegt. Nicht 9 * Digitized by Google — 132 — anders steht es mit dem Wahnsinn und Wahnreden der Propheten und Orakelpriester; es ist immer der Grad von Wissen, Phantasie, Bestrebung, Moralität in Kopf und Herz der Interpreten, welcher daraus so viel ge- macht hat. Zu den grössten Wirkungen der Menschen, welche man Genie's und Heilige nennt, gehört es, dass sie sich Interpreten erzwingen, welche sie zum Heile der Menschheit missverstehen. 127. Verehrung des Wahnsinns. — Weil man be- merkte, dass eine Erregung häufig den Kopf heller machte und glückliche Einfälle hervorrief, so meinte man, durch die höchsten Erregungen werde man der glück- lichsten Einfälle und Eingebungen theilhaftig: und so verehrte man den Wahnsinnigen als den Weisen und Orakelgebenden. Hier liegt ein falscher Schluss zu Grunde. 128. Verheissungen der Wissenschaft. — Die moderne Wissenschaft hat als Ziel: so wenig Schmerz wie möglich, so lange leben wie möglich, — also eine Art von ewiger Seligkeit, freilich eine sehr bescheidene im Vergleich mit den Verheissungen der' Religionen. 1 29. Verbotene Freigebigkeit. — Es ist nicht genug Liebe und Güte in der Welt, um noch davon an ein- gebildete Wesen wegschenken zu dürfen. 130. Fortleben des religiösen Kultus' im Gemüth. Die katholische Kirche, und vor ihr aller antike Kultus, Digitized by Google — 133 - beherrschte das ganze Bereich von Mitteln, durch welche der Mensch in ungewöhnliche Stimmungen versetzt wird und der kalten Berechnung des Vortheils oder dem reinen Vernunft- Denken entrissen wird. Eine durch tiefe Töne erzitternde Kirche, dumpfe, regelmässige, zurückhaltende Anrufe einer priesterlichen Schaar, welche ihre Spannung unwillkürlich auf die Gemeinde überträgt und sie fast angstvoll lauschen lässt, wie als wenn eben ein Wunder sich vorbereitete, der Anhauch der Architektur, welche als Wohnung einer Gottheit sich in's Unbestimmte aus- reckt und in allen dunklen Räumen das Sich -Regen derselben fürchten lässt, — wer wollte solche Vorgänge den Menschen zurückbringen, wenn die Voraussetzungen dazu nicht mehr geglaubt werden? Aber die Resultate von dem Allen sind trotzdem nicht verloren: die innere Welt der erhabenen, gerührten, ahnungsvollen, tief- zerknirschten, hofFnungsseligen Stimmungen ist den Men- schen vornehmlich durch den Kultus eingeboren worden; was jetzt davon in der Seele existirt, wurde damals, als er keimte, wuchs und blühte, gross gezüchtet. I3I- Religiöse Nachwehen. — Glaubt man sich noch so sehr der Religion entwöhnt zu haben, so ist es doch nicht in dem Grade geschehen, dass man nicht Freude hätte, religiösen Empfindungen und Stimmungen ohne begrifflichen Inhalt zu begegnen, zum Beispiel in der Musik; und wenn eine Philosophie uns die Berechtigung von metaphysischen Hoffnungen, von dem dorther zu erlangenden tiefen Frieden der Seele aufzeigt und zum Beispiel von „dem ganzen sichern Evangelium im Blick der Madonnen bei Rafael" spricht, so kommen wir solchen Aussprüchen und Darlegungen mit besonders herzlicher Digitized by Google — '34 — Stimmung entgegen: der Philosoph hat es hier leichter, zu beweisen; er entspricht mit dem, was er geben will, einem Herzen, welches gern nehmen will. Daran bemerkt man, wie die weniger bedachtsamen Freigeister eigentlich nur an den Dogmen Anstoss nehmen, aber recht wohl den Zauber der religiösen Empfindung kennen; es thut ihnen wehe, letztere fahren zu lassen, um der ersteren willen. — Die wissenschaftliche Philosophie muss sehr auf der Hut sein, nicht auf Grund jenes Bedürfnisses — eines gewordenen und folglich auch vergänglichen Bedürfnisses — Irrthümer einzuschmuggeln : selbst Logiker sprechen von „Ahnungen" der Wahrheit in Moral und Kunst (zum Beispiel von der Ahnung, „dass das Wesen der Dinge Eins ist") : was ihnen doch verboten sein sollte. Zwischen den sorgsam erschlossenen Wahrheiten und solchen „geahnten" Dingen bleibt unüberbrückbar die Kluft, dass jene dem Intellekt, diese dem Bedürfhiss ver- dankt werden. Der Hunger beweist nicht, dass es zu seiner Sättigung eine Speise giebt, aber er wünscht die Speise. „Ahnen" bedeutet nicht das Dasein einer Sache in irgend einem Grade erkennen, sondern dasselbe für möglich halten, insofern man sie wünscht oder fürchtet; die „Ahnung" trägt keinen Schritt weit in's Land der Gewissheit. — Man glaubt unwillkürlich, die religiös gefärbten Abschnitte einer Philosophie seien besser be- wiesen, als die anderen; aber es ist im Grunde umgekehrt, man hat nur den inneren Wunsch, dass es so sein möge, — also dass das Beseligende auch das Wahre sei. Dieser Wunsch verleitet uns, schlechte Gründe als gute einzukaufen. Digitized by Google — 135 — Von dem christlichen Erlösungsbedürfniss. »32. Bei sorgsamer Ueberlegung muss es möglich sein, dem Vorgange in der Seele eines Christen, welchen man Erlösungsbedürfniss nennt, eine Erklärung abzugewinnen, die frei von Mythologie ist : also eine rein psychologische. Bis jetzt sind freilich die psychologischen Erklärungen religiöser Zustände und Vorgänge in einigem Verrüfe gewesen, insoweit eine sich frei nennende Theologie auf diesem Gebiete ihr unerspriessliches Wesen trieb: denn bei ihr war es von vornherein, sowie es der Geist ihres Stifters, Schleiermacher's, vermuthen lässt, auf die Er- haltung der christlichen Religion und das Fortbestehen der christlichen Theologen abgesehen; als welche in der psychologischen Analysis der religiösen „Thatsachen" einen neuen Ankergrund und vor Allem eine neue Be- schäftigung gewinnen sollten. Unbeirrt von solchen Vorgängern, wagen wir folgende Auslegung des bezeich- neten Phänomens. — Der Mensch ist sich gewisser Hand- lungen bewusst, welche in der gebräuchlichen Rangord- nung der Handlungen tief stehen, ja er entdeckt in sich einen Hang zu dergleichen Handlungen, der ihm fast so unveränderlich wie sein ganzes Wesen erscheint. Wie gerne versuchte er sich in jener anderen Gattung von Handlungen, welche in der allgemeinen Schätzung als die obersten und höchsten anerkannt sind, wie gerne fühlte er sich voll des guten Bewusstseins, welches einer selbstlosen Denkweise folgen soll! Leider aber bleibt es eben bei diesem Wunsche : die Unzufriedenheit darüber, demselben nicht genügen zu können, kommt zu allen übrigen Arten von Unzufriedenheit hinzu, welche sein Lebensloos überhaupt oder die Folgen jener böse genannten Digitized by Google - 136 - Handlungen in ihm erregt haben; so dass eine tiefe Verstimmung entsteht, mit dem Ausblicke nach einem Arzte, der diese, und alle ihre Ursachen, zu heben ver- möchte. — Dieser Zustand würde nicht so bitter em- pfunden werden, wenn der Mensch sich nur mit anderen Menschen unbefangen vergliche: dann nämlich hätte er keinen Grund, mit sich in einem besonderen Maasse un- zufrieden zu sein, er trüge eben nur an der allgemeinen Last der menschlichen Unbefriedigung und Unvollkom- menheit. Aber er vergleicht sich mit einem Wesen, welches allein jener Handlungen fähig ist, die unegoistisch genannt werden, und im fortwährenden Bewusstsein einer selbstlosen Denkweise lebt, mit Gott; dadurch, dass er in diesen hellen Spiegel schaut, erscheint ihm sein Wesen so trübe, so ungewöhnlich verzerrt Sodann ängstigt ihn der Gedanke an das selbe Wesen, insofern dieses als strafende Gerechtigkeit vor seiner Phantasie schwebt: in allen möglichen kleinen und grossen Erlebnissen glaubt er seinen Zorn, seine Drohung zu erkennen, ja die Geissei- schläge seines Richter- und Henkerthums schon vorzu- empfinden. Wer hilft ihm in dieser Gefahr, welche durch den Hinblick auf eine unermessliche Zeitdauer der Strafe an Grässlichkeit alle anderen Schrecknisse der Vorstellung überbietet ? 133. Bevor wir diesen Zustand in seinen weiteren Folgen uns vorlegen, wollen wir es doch uns eingestehen, dass der Mensch in diesen Zustand nicht durch seine „Schuld" und „Sünde", sondern durch eine Reihe von Irrthümern der Vernunft gerathen ist, dass es der Fehler des Spiegels war, wenn ihm sein Wesen in jenem Grade dunkel und hasscnswerth vorkam, und dass jener Spiegel sein Werk, das sehr unvollkommene Werk der menschlichen Phan- Digitized by Google tasie und Urtheilskraft war. Erstens ist ein Wesen, welches einzig rein unegoistischer Handlungen fähig wäre, noch fabelhafter als der Vogel Phönix; es ist deut- lich nicht einmal vorzustellen, schon deshalb, weil der ganze Begriff „unegoistische Handlung4' bei strenger Un- tersuchung in die Luft verstiebt. Nie hat ein Mensch Etwas gethan, das allein für Andere und ohne jeden persönlichen Beweggrund gethan wäre; ja wie sollte er Etwas thun können, das ohne Bezug zu ihm wäre, also ohne innere Xöthigung (welche ihren Grund doch in einem persönlichen Bedürmiss haben müsste)? Wie ver- möchte das ego ohne ego zu handeln? — Ein Gott, der dagegen ganz Liebe ist, wie gelegentlich angenommen wird, wäre keiner einzigen unegoistischen Handlung fähig: wobei man sich an einen Gedanken Lichtenbergs, der freilich einer niedrigeren Sphäre entnommen ist, erinnern sollte: „Wir können unmöglich für Andere fühlen, wie man zu sagen pflegt; wir fühlen nur für uns. Der Satz klingt hart, er ist es aber nicht, wenn er nur recht ver- standen wird. Man liebt weder Vater, noch Mutter, noch Frau, noch Kind, sondern die angenehmen Empfindungen, die sie uns machen", oder wie La Rochefoucauld sagt: „si on croit aimer sa maitresse pour l'amour d'elle, on est bien trompe." Weshalb Handlungen der Liebe höher geschätzt werden, als andere, nämlich nicht ihres We- sens, sondern ihrer Nützlichkeit halber, darüber vergleiche man die schon vorher erwähnten Untersuchungen „über den Ursprung der moralischen Empfindungen". Sollte aber ein Mensch wünschen, ganz wie jener Gott, Liebe zu sein, Alles für Andere, Nichts für sich zu thun, zu wollen, so ist letzteres schon deshalb unmöglich, weil er sehr Viel für sich thun muss, um überhaupt Anderen Etwas zu Liebe thun zu können. Sodann setzt es voraus, - i38 - dass der Andere Egoist genug ist, um jene Opfer, jenes Leben für ihn, immer und immer wieder anzunehmen: so dass die Menschen der Liebe und Aufopferung ein Interesse an dem Fortbestehen der liebelosen und auf- opferungsunfähigen Egoisten haben, und die höchste Mo- ralität, um bestehen zu können, förmlich die Existenz der Unmoralität erzwingen müsste (wodurch sie sich freilich selber aufheben würde). — Weiter: die Vorstellung eines Gottes beunruhigt und demüthigt so lange, als sie geglaubt wird; aber wie sie entstanden ist, darüber kann bei dem jetzigen Stande der völkervergleichenden Wissenschaft kein Zweifel mehr sein; und mit der Ein- sicht in jene Entstehung fällt jener Glaube dahin. Es geht dem Christen, welcher sein Wesen mit dem Gotte vergleicht, so, wie dem Don Ouixote, der seine eigne Tapferkeit unterschätzt, weil er die Wunderthaten der Helden aus den Ritterromanen im Kopfe hat; der Maass- stab, mit welchem in beiden Fällen gemessen wird, gehört in's Reich der Fabel. Fällt aber die Vorstellung des Gottes weg, so auch das Gefühl der „Sünde" als eines Vergehens gegen göttliche Vorschriften, als eines Fleckens an einem gottgeweihten Geschöpfe. Dann bleibt wahrscheinlich noch jener Unmuth übrig, welcher mit der Furcht vor Strafen der weltlichen Gerechtigkeit, oder vor der Missachtung der Menschen, sehr verwachsen und verwandt ist; der Unmuth der Gewissensbisse, der schärfste Stachel im Gefühl der Schuld, ist immerhin ab- gebrochen, wenn man einsieht, dass man sich durch seine Handlungen wohl gegen menschliches Herkommen, menschliche Satzungen und Ordnungen vergangen habe, aber damit noch nicht das „ewige Heil der Seele" und ihre Beziehung zur Gottheit gefährdet habe. Gelingt es dem Menschen zuletzt noch, die philosophische Ueber- Digitized by Google - 139 — zeugung von der unbedingten Notwendigkeit aller Handlungen und ihrer völligen Un Verantwortlichkeit zu gewinnen und in Fleisch und Blut aufzunehmen, so ver- schwindet auch jener Rest von Gewissensbissen. Ist nun der Christ, wie gesagt, durch einige Irrthümer in das Gefühl der Selbstverachtung gerathen, also durch eine falsche unwissenschaftliche Auslegung seiner Hand- lungen und Empfindungen, so muss er mit höchstem Er- staunen bemerken, wie jener Zustand der Verachtung, der Gewissensbisse, der Unlust überhaupt, nicht anhält, wie gelegentlich Stunden kommen, wo ihm dies Alles von der Seele weggeweht ist und er sich wieder frei und muthig fühlt. In Wahrheit hat die Lust an sich selber das Wohlbehagen an der eigenen Kraft, im Bunde mit der nothwendigen Abschwächung jeder tiefen Er- regung, den Sieg davongetragen; der Mensch liebt sich wieder, er fühlt es, — aber gerade diese Liebe, diese neue Selbstschätzung, kommt ihm unglaublich vor, er kann in ihr allein das gänzlich unverdiente Herabströmen eines Gnadenglanzes von Oben, sehen. Wenn er früher in allen Begebnissen Warnungen, Drohungen, Strafen und jede Art von Anzeichen des göttlichen Zornes zu er- blicken glaubte, so deutet er jetzt in seine Erfahrungen die göttliche Güte hinein: dies Ereigniss kommt ihm liebevoll, jenes wie ein hülfreicher Fingerzeig, ein drittes und namentlich seine ganze freudige Stimmung als Be- weis vor, dass Gott gnädig sei. Wie er früher im Zu- stande des Unmuthes namentlich seine Handlungen falsch ausdeutete, so jetzt namentlich seine Erlebnisse; die ge- tröstete Stimmung fasst er als Wirkung einer ausser ihm waltenden Macht auf, die Liebe, mit der er sich im 134- — 140 Grunde selbst liebt, erscheint als göttliche Liebe ; Das, was er Gnade und Vorspiel der Erlösung nennt, ist in Wahrheit Selbstbegnadigung, Selbsterlösung. Also: eine bestimmte falsche Psychologie, eine ge- wisse Art von Phantastik in der Ausdeutung der Motive und Erlebnisse ist die nothwendige Voraussetzung davon, dass Einer zum Christen werde und das Bedürfniss der Erlösung empfinde. Mit der Einsicht in diese Verirrung der Vernunft und Phantasie hört man auf, Christ zu sein. Von der christlichen Askese und Heiligkeit So sehr einzelne Denker sich bemüht haben, in den seltenen Erscheinungen der Moralität, welche man Askese und Heiligkeit zu nennen pflegt, ein Wunderding hinzu- stellen, dem die Leuchte einer vernünftigen Erklärung ins Gesicht zu halten, beinahe schon Frevel und Ent- weihung sei: so stark ist hinwiederum die Verführung zu diesem Frevel. Ein mächtiger Antrieb der Natur hat zu allen Zeiten dazu geführt, gegen jene Erscheinungen über- haupt zu protestiren; die Wissenschaft, insofern sie, wie früher gesagt, eine Nachahmung der Natur ist, erlaubt sich wenigstens gegen die behauptete Unerklärbarkeit, ja Unnahbarkeit derselben Einsprache zu erheben. Freilich gelang es ihr bis jetzt nicht: jene Erscheinungen sind immer noch unerklärt, zum grossen Vergnügen der er- wähnten Verehrer des moralisch -Wunderbaren. Denn, allgemein gesprochen: das Unerklärte soll durchaus uner- klärlich, das Unerklärliche durchaus unnatürlich, über- natürlich, wunderhaft sein, — so lautet die Forderung ■35- T 1 v- Digitized by Google — I4I in den Seelen aller Religiösen und Metaphysiker (auch der Künstler, falls sie zugleich Denker sind); während der wissenschaftliche Mensch in dieser Forderung das „böse Prinzip44 sieht. — Die allgemeine erste Wahrschein- lichkeit, auf welche man bei Betrachtung der Askese und Heiligkeit zuerst geräth, ist diese, dass ihre Natur eine complicirte ist: denn fast überall, innerhalb der physischen Welt sowohl wie in der moralischen, hat man mit Glück das angeblich Wunderbare auf das Complicirte und mehrfach Bedingte zurückgeführt. Wagen wir es also, einzelne Antriebe in der Seele der Heiligen und Asketen zunächst zu isoliren und zum Schluss sie in einander uns verwachsen zu denken. '37- Es giebt einen Trotz gegen sich selbst, zu dessen sublimirtesten Aeusserungen manche Formen der Askese gehören. Gewisse Menschen haben nämlich ein so hohes Bedürfniss, ihre Gewalt und Herrschsucht aus- zuüben, dass sie, in Ermangelung anderer Objekte, oder, weil es ihnen sonst immer misslungen ist, endlich darauf verfallen, gewisse Theile ihres eigenen Wesens, gleichsam Ausschnitte oder Stufen ihrer selbst, zu tyrannisiren. So bekennt sich mancher Denker zu Ansichten, welche er- sichtlich nicht dazu dienen, seinen Ruf zu vermehren oder zu verbessern; mancher beschwört förmlich die Missachtung Anderer auf sich herab, während er es leicht hätte, durch Stillschweigen ein geachteter Mann zu bleiben; andere widerrufen frühere Meinungen und scheuen es nicht, fürderhin inconsequent genannt zu werden: im Gegentheil, sie bemühen sich darum und be- nehmen sich wie übermüthige Reiter, welche das Pferd, erst wenn es wild geworden, mit Schweiss bedeckt, scheu Digitized by Google — I42 — gemacht ist, am liebsten mögen. So steigt der Mensch auf gefährlichen Wegen in die höchsten Gebirge, um über seine Aengstlichkeit und seine schlotternden Kniee Hohn zu lachen; so bekennt sich der Philosoph zu An- sichten der Askese, Demuth und Heiligkeit, in deren Glänze sein eigenes Bild auf das ärgste verhässlicht wird. Dieses Zerbrechen seiner selbst, dieser Spott über die eigene Natur, dieses spernere se sperni, aus dem die Re- ligionen so Viel gemacht haben, ist eigentlich ein sehr hoher Grad der Eitelkeit. Die ganze Moral der Berg- predigt gehört hieher: der Mensch hat eine wahre Wol- lust darin, sich durch übertriebene Ansprüche zu verge- waltigen und dieses tyrannisch fordernde Etwas in seiner Seele nachher zu vergöttern. In jeder asketischen Moral betet der Mensch einen Theil von sich als Gott an und hat dazu nöthig, den übrigen Theil zu diabolisiren. — 138. Der Mensch ist nicht zu allen Stunden gleich mora- lisch, dies ist bekannt: beurtheilt man seine Moralität nach der Fähigkeit zu grosser aufopfernder EntSchliessung und Selbstverleugnung (welche, dauernd und zur Ge- wohnheit geworden, Heiligkeit ist), so ist er im Affekt am moralischsten; die höhere Erregung reicht ihm ganz neue Motive dar, welcher er, nüchtern und kalt wie sonst, vielleicht nicht einmal fähig zu sein glaubte. Wie kommt dies? Wahrscheinlich aus der Nachbarschaft alles Grossen und hoch Erregenden; ist der Mensch einmal in eine ausserordentliche Spannung gebracht, so kann er ebenso- wohl zu einer furchtbaren Rache, als zu einer furchtbaren Brechung seines Rachebedürfnisses sich entschliessen. Er will, unter dem Einflüsse der gewaltigen Emotion, jedenfalls das Grosse, Gewaltige, Ungeheure, und wenn er Digitized by Google — 143 — zufällig merkt, dass ihm die Aufopferung seiner selbst ebenso oder noch mehr genugthut, als die Opferung des Anderen, so wählt er sie. Eigentlich liegt ihm also nur an der Entladung seiner Emotion; da fasst er wohl, um seine Spannung zu erleichtern, die Speere der Feinde zusammen und begräbt sie in seine Brust. Dass in der Selbstverleugnung, und nicht nur in der Rache, etwas Grosses liege, musste der Menschheit erst in langer Ge- wöhnung anerzogen werden; eine Gottheit, welche sich selbst opfert, war das stärkste und wirkungsvollste Sym- bol dieser Art von Grösse. Als die Besiegung des schwerst zu besiegenden Feindes, die plötzliche Be- meisterung eines Affektes, — als Dies erscheint diese Verleugnung; und insofern gilt sie als der Gipfel des Moralischen. In Wahrheit handelt es sich bei ihr um die Vertauschung der einen Vorstellung mit der andern, während das Gemüth seine gleiche Höhe, seinen gleichen Fluthstand, behält. Ernüchterte, vom Affekt ausruhende Menschen verstehen die Moralität jener Augenblicke nicht mehr, aber die Bewunderung Aller, die jene mit- erlebten, hält sie aufrecht; der Stolz ist ihr Trost, wenn der Affekt und das Verstand niss ihrer That weicht Also: im Grunde sind auch jene Handlungen der Selbstver- leugnung nicht moralisch, insofern sie nicht streng in Hinsicht auf Andere gethan sind; vielmehr giebt der Andere dem hochgespannten Gemüthe nur eine Gelegen- heit, sich zu erleichtern, durch jene Verleugnung. «39- In mancher Hinsicht sucht sich auch der Asket das Leben leicht zu machen, und zwar gewöhnlich durch die vollkommene Unterordnung unter einen fremden Willen oder unter ein umfängliches Gesetz und Ritual; etwa in Digitized by Google — M4 — der Art, wie der Brahmane durchaus Nichts seiner eige- nen Bestimmung überlässt und sich in jeder Minute durch eine heilige Vorschrift bestimmt. Diese Unterordnung ist ein mächtiges Mittel, um über sich Herr zu werden; man ist beschäftigt, also ohne Langeweile, und hat doch keine Anregung des Eigenwillens und der Leidenschaft dabei; nach vollbrachter That fehlt das Gefühl der Ver- antwortung und damit die Qual der Reue. Man hat ein für alle Mal auf eigenen Willen verzichtet, und dies ist leichter, als nur gelegentlich einmal zu verzichten; sowie es auch leichter ist, einer Begierde ganz zu ent- sagen, als in ihr Maass zu halten. Wenn wir uns der jetzigen Stellung des Mannes zum Staate erinnern, so finden wir auch da, dass der unbedingte Gehorsam be- quemer ist, als der bedingte. Der Heilige also erleichtert sich durch jenes völlige Aufgeben der Persönlichkeit sein Leben, und man täuscht sich, wenn man in jenem Phäno- men das höchste Heldenstück der Moralität bewundert. Es ist in jedem Falle schwerer, seine Persönlichkeit ohne Schwanken und Unklarheit durchzusetzen, als sich von ihr in der erwähnten Weise zu lösen; überdies verlangt es viel mehr Geist und Nachdenken. 140. Nachdem ich, in vielen der schwerer erklärbaren Handlungen, Aeusserungen jener Lust an der Emotion an sich gefunden habe, möchte ich auch in Betreff der Selbstverachtung, welche zu den Merkmalen der Heilig- keit gehört, und ebenso in den Handlungen der Selbst- quälerei (durch Hunger und Geisseischläge, Verrenkungen der Glieder, Erheuchclung des Wahnsinns) ein Mittel er- kennen, durch welches jene Naturen gegen die allgemeine Ermüdung ihres Lebenswillens (ihrer Nerven) ankämpfen: Digitized by Google — M5 — sie bedienen sich der schmerzhaftesten Reizmittel und Grausamkeiten, um für Zeiten wenigstens aus jener Dumpf- heit und Langenweile aufzutauchen, in welche ihre grosse geistige Indolenz und jene geschilderte Unterordnung unter einen fremden Willen sie so häufig verfallen lasst. 141. Das gewöhnlichste Mittel, welches der Asket und Heilige anwendet, um sich das Leben doch noch erträg- lich und unterhaltend zu machen, besteht in gelegentlichem Kriegführen und in dem Wechsel von Sieg und Nieder- lage. Dazu braucht er einen Gegner und findet ihn in dem sogenannten „inneren Feide". Namentlich nützt er seinen Hang zur Eitelkeit, Ehr- und Herrschsucht, sodann seine sinnlichen Begierden aus, um sein Leben wie eine fortgesetzte Schlacht und sich wie ein Schlachtfeld an- sehen zu dürfen, auf dem gute und böse Geister mit wechselndem Erfolge ringen. Bekanntlich wird die sinn- liche Phantasie durch die Regelmässigkeit des geschlecht- lichen Verkehrs gemässigt, ja fast unterdrückt, umgekehrt, durch Enthaltsamkeit oder Unordnung im Verkehre ent- fesselt und wüst. Die Phantasie vieler christlichen Heiligen war in ungewöhnlichem Maasse schmutzig; vermöge jener Theorie, dass diese Begierden wirkliche Dämonen seien, die in ihnen wütheten, fühlten sie sich nicht allzusehr verantwortlich dabei; diesem Gefühle verdanken wir die so belehrende Aufrichtigkeit ihrer Sclbstzeugnisse. Es war in ihrem Interesse, dass dieser Kampf in irgend einem Grade immer unterhalten wurde, weil durch ihn, wie gesagt, ihr ödes Leben unterhaltend wurde. Damit der Kampf aber wichtig genug erscheine, um andauernde Theilnahme und Bewunderung bei den Nicht- Heiligen zu erregen, musste die Sinnlichkeit immer mehr verketzert Nietrsche, Menschliches, Allitimeinchliches I. IO Digitized by Google i46 - und gebrandmarkt werden, ja die Gefahr ewiger Ver- dammniss wurde so eng an diese Dinge geknüpft, dass höchstwahrscheinlich durch ganze Zeitalter hindurch die Christen mit bösem Gewissen Kinder zeugten; wodurch gewiss der Menschheit ein grosser Schade angethan worden ist. Und doch steht hier die Wahrheit ganz auf dem Kopfe : was für die Wahrheit besonders unschicklich ist. Zwar hatte das Christenthum gesagt: jeder Mensch sei in Sünden empfangen und geboren, und im unaus- stehlichen Superlativ -Christenthumc des Calderon hatte sich dieser Gedanke noch einmal zusammengeknotet und verschlungen, so dass er die verdrehteste Paradoxio wagte, die es giebt, in dem bekannten Verse: die grösste Schuld des Menschen ist, dass er geboren ward. In allen pessimistischen Religionen wird der Zeugungsakt als schlecht an sich empfunden, aber keineswegs ist diese Empfindung eine allgemein-menschliche ; selbst nicht ein- mal das Urtheil aller Pessimisten ist sich hierin gleich. Empedokles zum Beispiel weiss gar Nichts vom Be- schämenden, Teuflischen, Sündhaften in allen erotischen Dingen; er sieht vielmehr auf der grossen Wiese des Unheils eine einzige heil- und hoffnungsvolle Erscheinung: die Aphrodite; sie gilt ihm als Bürgschaft, dass der Streit nicht ewig herrschen, sondern einem milderen Dämon einmal das Sccpter überreichen werde. Die christlichen Pessimisten der Praxis hatten, wie gesagt, ein Interesse daran, dass eine andere Meinung in der Herrschaft blieb; sie brauchten für die Einsamkeit und die geistige Wüstenei ihres Lebens einen immer lebendigen Feind: und einen allgemein anerkannten Feind, durch dessen Bekämpfung und Ueberwältigung sie dem Nicht -Heiligen sich immer von Neuem wieder als halb unbegreifliche, übernatürliche Digitized by Google — 147 — Wesen darstellen. Wenn dieser Feind endlich, in Folge ihrer Lebensweise und ihrer zerstörten Gesundheit, die Flucht für immer ergriff, so verstanden sie es sofort, ihr Inneres mit neuen Dämonen bevölkert zu sehen. Das Auf- und Xiederschwanken der Wagschalen Hochmuth und Demuth unterhielt ihre grübelnden Köpfe so gut, wie der Wechsel von Begierde und Seelenruhe. Damals diente die Psychologie dazu, alles Menschliche nicht nur zu verdächtigen, sondern zu lästern, zu geissein, zu kreu- zigen; man wollte sich möglichst schlecht und böse finden, man suchte die Angst um das Heil der Seele, die Verzweiflung an der eignen Kraft. Alles Natürliche, an welches der Mensch die Vorstellung des Schlechten, Sündhaften anhängt (wie er es zum Beispiel noch jetzt in Betreff des Erotischen gewöhnt ist), belästigt, verdüstert die Phantasie, giebt einen scheuen Blick, lässt den Menschen mit sich selber hadern und macht ihn unsicher und vertrauenslos; selbst seine Träume bekommen einen Beigeschmack des gequälten Gewissens. Und doch ist dieses Leiden am Natürlichen in der Realität der Dinge völlig unbegründet: es ist nur die Folge von Meinungen über die Dinge. Man erkennt leicht, wie die Menschen dadurch schlechter werden, dass sie das unvermeidlich- Natürliche als schlecht bezeichnen und später immer als so beschaffen empfinden. Es ist der Kunstgriff der Reli- gion und jener Metaphysiker, welche den Menschen als böse und sündhaft von Natur wollen, ihm die Natur zu verdächtigen und so ihn selber schlecht zu machen: denn so lernt er sich als schlecht empfinden, da er das Kleid der Natur nicht ausziehen kann. Allmählich fühlt er sich, bei einem langen Leben im Natürlichen, von einer solchen Last von Sünden bedrückt, dass übernatürliche Mächte nuthig werden, um diese Last heben zu können; und 10* — 148 — damit ist das schon besprochene Erlösungsbedürfniss auf den Schauplatz getreten, welches gar keiner wirklichen, sondern nur einer eingebildeten Sündhaftigkeit entspricht. Man gehe die einzelnen moralischen Aufstellungen der Urkunden des Christenthums durch und man wird überall finden, dass die Anforderungen überspannt sind, damit der Mensch ihnen nicht genügen könne; die Absicht ist nicht, dass er moralischer werde, sondern dass er sich möglichst sündhaft fühle. Wenn dem Menschen dies Gefühl nicht angenehm gewesen wäre, — wozu hätte er eine solche Vorstellung erzeugt und sich so lange an sie gehängt? Wie in der antiken Welt eine unermess- liche Kraft von Geist und Erfindungsgabe verwendet worden ist, um die Freude am Leben durch festliche Kulte zu mehren: so ist in der Zeit des Christenthums ebenfalls unermesslich viel Geist einem andern Streben geopfert worden: der Mensch sollte auf alle Weise sich sündhaft fühlen und dadurch überhaupt erregt, belebt, beseelt werden. Erregen, beleben, beseelen, um jeden Preis, — ist das nicht das Losungswort einer erschlafften, überreifen, überkultivirten Zeit? Der Kreis aller natür- lichen Empfindungen war hundertmal durchlaufen, die Seele war ihrer müde geworden : da erfanden der Heilige und der Asket eine neue Gattung von Lebensreizen. Sie stellten sich vor Aller Augen hin, nicht eigentlich zur Nachahmung für Viele, sondern als schauderhaftes und doch entzückendes Schauspiel, welches an jenen Grenzen zwischen Welt und Ueberwelt aufgeführt werde, wo Jedermann damals bald himmlische Lichtblicke, bald un- heimliche, aus der Tiefe lodernde Flammenzungen zu erblicken glaubte. Das Auge des Heiligen, hingerichtet auf die in jedem Metracht furchtbare Bedeutung des kurzen Erdenlebens, auf die Nähe der letzten Entscheidung Digitized by Google über endlose neue Lebensstrecken, dies verkohlende Auge, in einem halb vernichteten Leibe, machte die Menschen der alten Welt bis in alle Tiefen erzittern ; Hin- blicken, schaudernd wegblicken, von Neuem den Reiz des Schauspiels spüren, ihm nachgeben, sich an ihm ersättigen, bis die Seele in Gluth und Fieberfrost erbebt, — das war die letzte Lust, welche das Alterthum erfand, nachdem es selbst gegen den Anblick von Thier- und Menschenkämpfen stumpf geworden war. 142. Um das Gesagte zusammenzufassen: jener Seelcn- zustand, dessen sich der Heilige oder Heiligwerdende erfreut, setzt sich aus Elementen zusammen, welche wir Alle recht wohl kennen, nur dass sie sich unter dem Einfluss anderer als religiöser Vorstellungen anders ge- färbt zeigen und dann den Tadel der Menschen ebenso stark zu erfahren pflegen, wie sie, in jener Verbrämung mit Religion und letzter Bedeutsamkeit des Daseins, auf Bewunderung, ja Anbetung rechnen dürfen, — minde- stens in früheren Zeiten rechnen durften. Bald übt der Heilige jenen Trotz gegen sich selbst, der ein naher Verwandter der Herrschsucht ist und auch dem Ein- samsten noch das Gefühl der Macht giebt; bald springt seine angeschwellte Empfindung aus dem Verlangen, seine Leidenschaften dahinschiessen zu lassen, über in das Verlangen, sie wie wilde Rosse zusammenstürzen zu machen, unter dem mächtigen Druck einer stolzen Seele; bald will er ein völliges Aufhören aller störenden, quä- lenden, reizenden Empfindungen, einen wachen Schlaf, ein dauerndes Ausruhen im Schoossc einer dumpfen, thier- und pflanzenhaften Indolenz; bald sucht er den Kampf und entzündet ihn in sich, weil ihm die Lange- — ISO — weile ihr gähnendes Gesicht entgegenhält: er geisselt seine Selbstvergötterung mit Selbstverachtung und Grau- samkeit, er freut sich an dem wilden Aufrühre seiner Begierden, an dem scharfen Schmerz der Sünde, ja an der Vorstellung des Verlorenseins, er versteht es, seinem Affekt, zum Beispiel dem der äussersten Herrschsucht, einen Fallstrick zu legen, so dass er in den der äussersten Erniedrigung übergeht und seine aufgehetzte Seele durch diesen Kontrast aus allen Fugen gerissen wird; und zu- letzt wenn es ihn gar nach Visionen, Gesprächen mit Todten oder göttlichen Wesen gelüstet, so ist es im Grunde eine seltene Art von Wollust, welche er begehrt, aber vielleicht jene Wollust, in der alle anderen in einen Knoten zusammengeschlungen sind. Novalis, eine der Autoritäten in Fragen der Heiligkeit durch Erfahrung und Instinkt, spricht das ganze Geheimniss einmal mit naiver Freude aus: „Es ist wunderbar genug, dass nicht längst die Association von Wollust, Religion und Grau- samkeit die Menschen aufmerksam auf ihre innige Ver- wandtschaft und gemeinschaftliche Tendenz gemacht hat." Nicht Das, was der Heilige ist, sondern Das, was er in den Augen der Nicht-Heiligen bedeutet, giebt ihm seinen welthistorischen Werth. Dadurch, dass man sich über ihn irrte, dass man seine Seelenzustände falsch aus- legte und ihn von sich so stark als möglich abtrennte, als etwas durchaus Unvergleichliches und fremdartig-Ueber- menschliches: dadurch gewann er die ausserordentliche Kraft, mit welcher er die Phantasie ganzer Völker, ganzer Zeiten beherrschen konnte. Er selbst kannte sich nicht; er selbst verstand die Schriftzüge seiner Stimmungen, Neigungen, Handlungen nach einer Kunst der Inter- Digitized by Google — i5i — pretation, welche ebenso überspannt und künstlich war, wie die pneumatische Interpretation der Bibel. Das Verschrobene und Kranke in seiner Natur, mit ihrer Zusammenkoppelung von geistiger Armuth, schlechtem Wissen, verdorbener Gesundheit, überreizten Nerven, blieb seinem Blick ebenso wie dem seiner Beschauer verborgen. Er war kein besonders guter Mensch, noch weniger ein besonders weiser Mensch: aber er bedeutete Etwas, das über menschliches Maass in Güte und Weisheit hinaus- reiche. Der Glaube an ihn unterstützte den Glauben an Göttliches und Wunderhaftes, an einen religiösen Sinn alles Daseins, an einen bevorstehenden letzten Tag des Gerichtes. In dem abendlichen Glänze einer Weltunter- gangs-Sonne, welche über die christlichen Völker hin- leuchtete, wuchs die Schattengestalt des Heiligen in's Ungeheure: ja bis zu einer solchen Höhe, dass selbst in unserer Zeit, die nicht mehr an Gott glaubt, es noch genug Denker giebt, welche an den Heiligen glauben. Es versteht sich von selbst, dass dieser Zeichnung des Heiligen, welche nach dem Durchschnitt der ganzen Gattung entworfen ist, manche Zeichnung entgegengestellt werden kann, welche eine angenehmere Empfindung hervorbringen möchte. Einzelne Ausnahmen jener Gat- tung heben sich heraus, sei es durch grosse Milde und Menschenfreundlichkeit, sei es durch den Zauber unge- wöhnlicher Thatkraft; andere sind im höchsten Grade anziehend, weil bestimmte Wahnvorstellungen über ihr ganzes Wesen Lichtströme ausgiessen: wie es zum Bei- spiel mit dem berühmten Stifter des Christenthums der Fall ist, der sich für den eingeborenen Sohn Gottes hielt und deshalb sich sündlos fühlte; so dass er durch eine 144. Digitized by Gbogle — 152 — Einbildung — die man nicht zu hart beurtheilen möge, weil das ganze Alterthum von Göttersöhnen wimmelt — das selbe Ziel erreichte, das Gefühl völliger Sündlosigkeit, völliger Unverantwortlichkeit, welches jetzt durch die Wissenschaft Jedermann sich erwerben kann. — Eben- falls habe ich abgesehen von den indischen Heiligen, welche auf einer Zwischenstufe zwischen dem christlichen Heiligen und dem griechischen Philosophen stehen und insofern keinen reinen Typus darstellen: die Erkenntniss, die Wissenschaft — soweit es eine solche gab — , die Erhebung über die anderen Menschen durch die logische Zucht und Schulung des Denkens wurde bei den Bud- dhaisten als ein Kennzeichen der Heiligkeit ebenso ge- fordert, wie die selben Eigenschaften in der christlichen Welt, als Kennzeichen der Unheiligkeit, abgelehnt und verketzert werden. Digitized by Google Viertes Ilauptstück. Aus der Seele der Künstler und Schriftsteller. 145- Das Vollkommene soll nicht geworden sein. Wir sind gewöhnt, bei allem Vollkommenen die Frage nach dem Werden zu unterlassen: sondern uns des Ge- genwärtigen zu freuen, wie als ob es auf einen Zauber- schlag aus dem Boden aufgestiegen sei. Wahrscheinlich stehen wir hier noch unter der Nachwirkung einer uralten mythologischen Empfindung. Es ist uns beinahe noch so zu Muthe (zum Beispiel in einem griechischen Tempel wie der von Pästum), als -ob eines Morgens ein Gott spielend aus solchen ungeheuren Lasten sein Wohnhaus gebaut habe: anderemale als ob eine Seele urplötzlich in einen Stein hineingezaubert sei und nun durch ihn reden wolle. Der Künstler weiss, dass sein Werk nur voll wirkt, wenn es den Glauben an eine Improvisation, an eine wundergleiche Plötzlichkeit der Entstehung erregt; und so hilft er wohl dieser Illusion nach und führt jene Elemente der begeisterten Unruhe, der blind greifenden Unordnung, des aufhorchenden Träumens beim Beginn der Schöpfung in die Kunst ein, als Trugmittel, um die Seele des Schauers oder Hörers so zu stimmen, dass sie an das plötzliche Hervorspringen des Vollkommenen glaubt. — Die Wissenschaft der Kunst hat dieser Illusion, - i56 - wie es sich von selbst versteht, auf das bestimmteste zu widersprechen und die Fehlschlüsse und Verwöhnungen des Intellekts aufzuzeigen, vermöge welcher er dem Künstler in das Netz läuft. 146. Der Wahrheitssinn des Künstlers. — Der Künstler hat in Hinsicht auf das Erkennen der Wahr- heiten eine schwächere Moralität, als der Denker; er will sich die glänzenden, tiefsinnigen Deutungen des Lebens durchaus nicht nehmen lassen und wehrt sich gegen nüchterne, schlichte Methoden und Resultate. Scheinbar kämpft er für die höhere Würde und Bedeutung des Menschen; in Wahrheit will er die für seine Kunst wir- kungsvollsten Voraussetzungen nicht aufgeben, also das Phantastische, Mythische, Unsichere, Extreme, den Sinn für das Symbolische, die Ueberschätzung der Per- son, den Glauben an etwas Wunderartiges im Genius: er hält also die Fortdauer seiner Art des Schaffens für wichtiger, als die wissenschaftliche Hingebung an das Wahre in jeder Gestalt, erscheine diese auch noch so schlicht. 147. Die Kunst als Todtenbeschwörerin. — Die Kunst versieht nebenbei die Aufgabe, zu conserviren, auch wohl erloschene, verblichene Vorstellungen ein Wenig wieder aufzufärben; sie flicht, wenn sie diese Aufgabe löst, ein Band um verschiedene Zeitalter und macht deren Geister wiederkehren. Zwar ist es nur ein Scheinleben wie über Gräbern, welches hierdurch entsteht, oder wie die Wiederkehr geliebter Todten im Traume ; aber wenig- stens auf Augenblicke wird die alte Empfindung noch einmal rege und das Herz klopft nach einem sonst Digitized by Google - 157 — vergessenen Takte. Nun muss man wegen dieses all- gemeinen Nutzens der Kunst dem Künstler selber es nachsehen, wenn er nicht in den vordersten Reihen der Aufklärung und der fortschreitenden Vermännlichung der Menschheit steht: er ist zeitlebens ein Kind oder ein Jüngling geblieben und auf dem Standpunkt zurück- gehalten, auf welchem er von seinem Kunsttriebe über- fallen wurde; Empfindungen der ersten Lebensstufen stehen aber zugestandenermaassen denen früherer Zeit- läufte näher, als denen des gegenwärtigen Jahrhunderts. Unwillkürlich wird es zu seiner Aufgabe, die Mensch- heit zu verkindlichen; dies ist sein Ruhm und seine Begrenztheit. 148. Dichter als Erleichterer des Lebens. — Die Dichter, insofern auch sie das Leben der Menschen erleichtern wollen, wenden den Blick entweder von der mühseligen Gegenwart ab oder verhelfen der Gegenwart durch ein Licht, das sie von der Vergangenheit hcrstrahlen machen, zu neuen Farben. Um dies zu können, müssen sie selbst in manchen Hinsichten rückwärts gewendete Wesen sein: so dass man sie als Brücken zu ganz fernen Zeiten und Vorstellungen, zu absterbenden oder abge- storbenen Religionen und Kulturen gebrauchen kann. Sie sind eigentlich immer und nothwendig Epigonen. Es ist freilich von ihren Mitteln zur Erleichterung des Lebens einiges Ungünstige zu sagen : sie beschwichtigen und heilen nur vorläufig, nur für den Augenblick; sie halten sogar die Menschen ab, an einer wirklichen Verbesserung ihrer Zustände zu arbeiten, indem sie gerade die Leidenschaft der Unbefriedigten, welche zur That drängen, aufheben und palliativisch entladen. Digitized by Google - 158 - M9- Der langsame Pfeil der Schönheit. — Die edelste Art der Schönheit ist die, welche nicht auf einmal hinreisst, welche nicht stürmische und berauschende An- griffe macht (eine solche erweckt leicht Ekel), sondern jene langsam einsickernde, welche man fast unbemerkt mit sich fortträgt und die Einem im Traum einmal wieder- begegnet, endlich aber, nachdem sie lange mit Bescheiden- heit an unserm Herzen gelegen, von uns ganz Besitz nimmt, unser Auge mit Thränen, unser Herz mit Sehn- sucht füllt. — Wonach sehnen wir uns beim Anblick der Schönheit? Darnach, schön zu sein: wir wähnen, es müsse viel Glück damit verbunden sein. — Aber das ist ein Irrthum. 1 50. Beseelung der Kunst. — Die Kunst erhebt ihr Haupt, wo die Religionen nachlassen. Sie übernimmt eine Menge durch die Religion erzeugter Gefühle und Stimmungen, legt sie an ihr Herz und wird jetzt selber tiefer, seelenvoller, so dass sie Erhebung und Begeisterung mitzutheilen vermag, was sie vordem noch nicht konnte. Der zum Strome angewachsene Reichthum des religiösen Gefühls bricht immer wieder aus und will sich neue Reiche erobern: aber die wachsende Aufklärung hat die Dogmen der Religion erschüttert und ein gründliches Misstrauen eingeflösst: so wirft sich das Gefühl, durch die Aufklärung aus der religiösen Sphäre hinausgedrängt, in die Kunst ; in einzelnen Fällen auch auf das politische Leben, ja selbst direkt auf die Wissenschaft. Ueberall, wo man an menschlichen Bestrebungen eine höhere düstere Färbung wahrnimmt, darf man vermuthen, dass Geistergrauen, Weihrauchduft und Kirchenschatten daran hängen geblieben sind. Digitized by Google — i59 — '51- Wodurch das Metrum verschönert. — Das Metrum legt Flor über die Realität; es veranlasst einige Künstlichkeit des Geredes und Unreinheit des Denkens; durch den Schatten, den es auf den Gedanken wirft, verdeckt es bald, bald hebt es hervor. Wie Schatten nöthig ist, um zu verschönern, so ist das „Dumpfe" nöthig, um zu verdeutlichen. — Die Kunst macht den Anblick des Lebens erträglich, dadurch dass sie den Flor des unreinen Denkens über dasselbe legt. Kunst der hässlichen Seele. — Man zieht der Kunst viel zu enge Schranken, wenn man verlangt, dass nur die geordnete, sittlich im Gleichgewicht schwebende Seele sich in ihr aussprechen dürfe. Wie in den bildenden Künsten, so auch giebt es in der Musik und Dichtung eine Kunst der hässlichen Seele, neben der Kunst der schönen Seele; und die mächtigsten Wirkungen der Kunst, das Seelenbrechen, Steinebewegen und Thierevermensch- lichen ist vielleicht gerade jener Kunst am meisten gelungen. «53- Die Kunst macht dem Denker das Herz schwer. — Wie stark das metaphysische Bedürfhiss ist und wie sich noch zuletzt die Natur den Abschied von ihm schwer macht, kann man daraus entnehmen, dass noch im Freigeiste, wenn er sich alles Metaphysischen entschlagen hat, die höchsten Wirkungen der Kunst leicht ein Miter- klingen der lange verstummten, ja zerrissenen metaphy- sischen Saite hervorbringen, sei es zum Beispiel, dass er bei einer Stelle der neunten Symphonie Beethoven's sich über der Erde in einem Sternendome schweben fühlt, mit Digitized by Google — i6o — dem Traume der Unsterblichkeit im Herzen: alle Sterne scheinen um ihn zu flimmern und die Erde immer tiefer hinabzusinken. — Wird er sich dieses Zustandes be- wusst, so fühlt er wohl einen tiefen Stich im Herzen und seufzt nach dem Menschen, welcher ihm die verlorene Geliebte, nenne man sie nun Religion oder Metaphysik, zurückführe. In solchen Augenblicken wird sein intellek- tualer Charakter auf die Probe gestellt. 154- M i t dem Leben spielen. — Die Leichtigkeit und Leichtfertigkeit der homerischen Phantasie war nöthig, um das übermässig leidenschaftliche Gemüth und den überscharfen Verstand des Griechen zu beschwichtigen und zeitweilig aufzuheben. Spricht bei ihnen der Verstand : wie herbe und grausam erscheint dann das Leben! Sie täuschen sich nicht, aber sie umspielen absichtlich das Leben mit Lügen. Simonides rieth seinen Landsleuten, das 1 .eben wie ein Spiel zu nehmen ; der Ernst war ihnen als Schmerz allzubekannt (das Elend der Menschen ist ja das Thema, über welches die Götter so gern singen hören) und sie wussten, dass einzig durch die Kunst selbst das Elend zum Genüsse werden könne. Zur Strafe für diese Einsicht waren sie aber von der Lust, zu fabu- liren, so geplagt, dass es ihnen im Alltagsleben schwer wurde, sich von Lug und Trug frei zu halten, wie alles Poetenvolk eine solche Lust an der Lüge hat und oben- drein noch die Unschuld dabei. Die benachbarten Völker fanden das wohl mitunter zum Verzweifeln. 155. Glaube an Inspiration. — Die Künstler haben ein Interesse daran, dass man an die plötzlichen Ein- Digitized by Google - 161 — gebungen, die sogenannten Inspirationen glaubt; als ob die Idee des Kunstwerks, der Dichtung, der Grundge- danke einer Philosophie, wie ein Gnadenschein vom Himmel herableuchte. In Wahrheit producirt die Phan- tasie des guten Künstlers oder Denkers fortwährend, Gutes, Mittelmässiges und Schlechtes, aber seine Urtheils- kraft, höchst geschärft und geübt, verwirft, wählt aus, knüpft zusammen; wie man jetzt aus den Notizbüchern Beethoven's ersieht, dass er die herrlichsten Melodien allmählich zusammengetragen und aus vielfachen Ansät- zen gewissermaassen ausgelesen hat. Wer weniger streng scheidet und sich der nachbildenden Erinnerung gern überlässt, der wird unter Umständen ein grosser Impro- visator werden können; aber die künstlerische Impro- visation steht tief im Verhältniss zum ernst und mühevoll erlesenen Kunstgedanken. Alle Grossen waren grosse Arbeiter, unermüdlich nicht nur im Erfinden, sondern auch im Verwerfen, Sichten, Umgestalten, Ordnen. 156. Nochmals die Inspiration. — Wenn sich die Produktionskraft eine Zeit lang angestaut hat und am Ausfliessen durch ein Hemmniss gehindert worden ist, dann giebt es endlich einen so plötzlichen Erguss, als ob eine unmittelbare Inspiration, ohne vorhergegangenes in- neres Arbeiten, also ein Wunder sich vollziehe. Dies macht die bekannte Täuschung aus, an deren Fortbcstehen, wie gesagt, das Interesse aller Künstler ein Wenig zu sehr hängt. Das Kapital hat sich eben nur angehäuft, es ist nicht auf einmal vom Himmel gefallen. Es giebt übrigens auch anderwärts solche scheinbare Inspiration, zum Beispiel im Bereiche der Güte, der Tugend, des Lasters. Nietische, Menschliche«, Allmmenschliches I. II Digitized by Google — IÖ2 — i 57- Dic Leiden des Genius' und ihr Werth. — Der künstlerische Genius will Freude machen, aber wenn er auf einer sehr hohen Stufe steht, so fehlen ihm leicht die Geniessenden ; er bietet Speisen , aber man will sie nicht. Das giebt ihm ein unter Umständen lächerlich- rührendes Pathos; denn im Grunde hat er kein Recht, die Menschen zum Vergnügen zu zwingen. Seine Pfeife tönt, aber Niemand will tanzen: kann das tragisch sein? — Vielleicht doch. Zuletzt hat er als Compensation für diese Entbehrung mehr Vergnügen beim Schaffen, als die übrigen Menschen bei allen anderen Gattungen der Thätigkeit haben. Man empfindet seine Leiden über- trieben, weil der Ton seiner Klage lauter, sein Mund beredter ist; und mitunter sind seine Leiden wirklich sehr gross, aber nur deshalb, weil sein Ehrgeiz, sein Neid so gross ist. Der wissende Genius, wie Kepler und Spinoza, ist für gewöhnlich nicht so begehrlich und macht von seinen wirklich grösseren Leiden und Ent- behrungen kein solches Aufheben. Er darf mit grösserer Sicherheit auf die Nachwelt rechnen und sich der Ge- genwart entschlagen; während ein Künstler, der dies thut, immer ein verzweifeltes Spiel spielt, bei dem ihm wehe um's Herz werden muss. In ganz seltenen Fällen, — dann, wenn im selben Individuum der Genius des Könnens und des Erkennens und der moralische Genius sich verschmelzen — kommt zu den erwähnten Schmerzen noch die Gattung von Schmerzen hinzu, welche als die absonderlichsten Ausnahmen in der Welt zu nehmen sind : die ausser- und überpersönlichen, einem V olke, der Mensch- heit, der gesammten Kultur, allem leidenden Dasein zu- gewandten Empfindungen: welche ihren AVerth durch die Verbindung mit besonders schwierigen und entlegenen Digitized by Google - 1 63 — Erkenntnissen erlangen (Mitleid an sich ist Wenig werth). — Aber welchen Riaassstab, welche Goldwagc giebt es für deren Echtheit? Ist es nicht fast geboten, miss- trauisch gegen Alle zu sein, welche von Empfindungen dieser Art bei sich reden? 158. Verhängniss der Grösse. — Jeder grossen Er- scheinung folgt die Entartung nach, namentlich im Be- reiche der Kunst. Das Vorbild des Grossen reizt die eitleren Naturen zum äusserlichen Nachmachen oder zum Uebcrbieten; dazu haben alle grossen Begabungen das Verhängnissvolle an sich, viele schwächere Kräfte und Keime zu erdrücken und um sich herum gleichsam die Natur zu veröden. Der glücklichste Fall in der Ent- wicklung einer Kunst ist der, dass mehrere Genie's sich gegenseitig in Schranken halten; bei diesem Kampfe wird gewöhnlich den schwächeren und zarteren Naturen auch Luft und Licht gegönnt. 159. Die Kunst dem Künstler gefährlich. — Wenn die Kunst ein Individuum gewaltig ergreift, dann zieht es dasselbe zu Anschauungen solcher Zeiten zurück, wo die Kunst am kräftigsten blühte: sie wirkt dann zurück- bildend. Der Künstler kommt immer mehr in eine Ver- ehrung der plötzlichen Erregungen, glaubt an Götter und Dämonen, durchseelt die Natur, hasst die Wissen- schaft, wird wechselnd in seinen Stimmungen, wie die Menschen des Alterthums, und begehrt einen Umsturz aller Verhältnisse, welche der Kunst nicht günstig sind, und zwar dies mit der Heftigkeit und Unbilligkeit eines Kindes. An sich ist nun der Künstler schon ein zurück- 11 * Digitized by Google — 164 — bleibendes Wesen, weil er beim Spiel stehen bleibt, welches zur Jugend und Kindheit gehört: dazu kommt noch, dass er allmählich in andere Zeiten zurückgebildet wird. So entsteht zuletzt ein heftiger Antagonismus zwischen ihm und den gleichalterigen Menschen seiner Periode und ein trübes Ende; so wie, nach den Erzäh- lungen der Alten, Homer und Aeschylus in Melancholie zuletzt lebten und starben. 160. Geschaffene Menschen. — Wenn man sagt, der Dramatiker (und der Künstler überhaupt) schaffe wirk- lich Charaktere, so ist dies eine schöne Täuschung und Uebertreibung, in deren Dasein und Verbreitung die Kunst einen ihrer ungewollten, gleichsam überschüssigen Triumphe feiert. In der That verstehen wir von einem wirklichen lebendigen Menschen nicht viel und genera- lisiren sehr oberflächlich, wenn wir ihm diesen und jenen Charakter zuschreiben: dieser unserer sehr unvollkom- menen Stellung zum Menschen entspricht nun der Dichter, indem er ebenso oberflächliche Entwürfe zu Menschen macht (in diesem Sinne „schafft"), als unsere Erkenntniss der Menschen oberflächlich ist Es ist viel Blendwerk bei diesen geschaffenen Charakteren der Künstler; es sind durchaus keine leibhaftigen Naturprodukte, sondern ähnlich wie die gemalten Menschen ein Wenig allzu dünn, sie vertragen den Anblick aus der Nähe nicht. Gar wenn man sagt, der Charakter des gewöhnlichen lebendigen Menschen widerspreche sich häufig, der vom Dramatiker geschaffene sei das Urbild, welches der Natur vorge- schwebt habe, so ist dies ganz falsch. Ein wirklicher Mensch ist etwas ganz und gar Noth wendiges (selbst in jenen sogenannten Widersprüchen), aber wir erkennen Digitized by Google - i65 — diese Notwendigkeit nicht immer. Der erdichtete Mensch, das Phantasma, will etwas Notwendiges bedeuten, doch nur vor Solchen, welche auch einen wirklichen Menschen nur in einer rohen, unnatürlichen Simplifikation verstehen: so dass ein paar starke, oft wiederholte Züge, mit sehr viel Licht darauf und sehr viel Schatten und Halbdunkel herum, ihren Ansprüchen vollständig genügen. Sie sind also leicht bereit, das Phantasma als wirklichen, not- wendigen Menschen zu behandeln, weil sie gewöhnt sind, beim wirklichen Menschen ein Phantasma, einen Schat- tenriss, eine willkürliche Abbreviatur für das Ganze zu nehmen. — Dass gar der Maler und der Bildhauer die „Idee" des Menschen ausdrücke, ist eitel Phantasterei und Sinnentrug: man wird vom Auge tyrannisirt, wenn man so Etwas sagt, da dieses vom menschlichen Leibe selbst nur die Oberfläche, die Haut sieht; der innere Leib gehört aber eben so sehr zur Idee. Die bildende Kunst will Charaktere auf der Haut sichtbar werden lassen; die redende Kunst nimmt das Wort zu dem selben Zwecke: sie bildet den Charakter im Laute ab. Die Kunst geht von der natürlichen Unwissenheit des Menschen über sein Inneres (in Leib und Charakter) aus: sie ist nicht für Physiker und Philosophen da. 161. Selbstüberschätzung im Glauben an Künstler und Philosophen. — Wir Alle meinen, es sei die Güte eines Kunstwerks, eines Künstlers bewiesen, wenn er uns ergreift, erschüttert. Aber da müsstc doch erst unsere eigene Güte in Urthcil und Empfindung be- wiesen sein: was nicht der Fall ist. Wer hat mehr im Reiche der bildenden Kunst ergriffen und entzückt, als Bernini, wer mächtiger gewirkt, als jener nachdemosthe- Digitized by Google — i66 - nische Rhetor welcher den asianischen Stil einführte und durch zwei Jahrhunderte zur Herrschaft brachte? Diese Herrschaft über ganze Jahrhunderte beweist Nichts für die Güte und dauernde Gültigkeit eines Stils; deshalb soll man nicht zu sicher in seinem guten Glauben an irgend einen Künstler sein: ein solcher ist ja nicht nur der Glaube an die Wahrhaftigkeit unserer Empfindung, sondern auch an die Unfehlbarkeit unseres Unheils, während Unheil oder Empfindung oder beides selber zu grob oder zu fein geartet, überspannt oder roh sein können. Auch die Segnungen und Beseligungen einer Philosophie, einer Religion beweisen für ihre Wahrheit Nichts: ebensowenig als das Glück, welches der Irrsinnige von seiner fixen Idee her geniesst, Etwas für die Ver- nünftigkeit dieser Idee beweist. 162. Kultus des Genius' aus Eitelkeit. — Weil wir gut von uns denken, aber doch durchaus nicht von uns erwarten, dass wir je den Entwurf eines Rafaelischen Gemäldes oder eine solche Scene wie die eines Shake- speare'schen Drama's machen könnten, reden wir uns ein, das Vermögen dazu sei ganz übermässig wunderbar, ein ganz seltener Zufall, oder, wenn wir noch religiös empfinden, eine Begnadigung von Oben. So fördert unsere Eitelkeit, unsere Selbstliebe, den Kultus des Ge- nius': denn nur, wenn dieser ganz fern von uns gedacht ist, als ein miraculum, verletzt er nicht (selbst Goethe, der Neidlose, nannte Shakespeare seinen Stern der fernsten Höhe; wobei man sich jenes Verses erinnern mag: „die Sterne, die begehrt man nicht*4). Aber von jenen Ein- flüsterungen unserer Eitelkeit abgesehen, so erscheint die Digitized by Google 1 6 7 — Thätigkeit des Genie's durchaus nicht als etwas Grund- verschiedenes von der Thätigkeit des mechanischen Er- finders, des astronomischen oder historischen Gelehrten, des Meisters der Taktik. Alle diese Thätigkeiten erklären sich, wenn man sich Menschen vergegenwärtigt, deren Denken in Einer Richtung thätig ist, die Alles als Stoff benützen, die immer ihrem innern Leben und dem Anderer mit Eifer zusehen, die überall Vorbilder, Anreizungen er- blicken, die in der Combination ihrer Mittel nicht müde werden. Das Genie thut auch Nichts, als dass es erst Steine setzen, dann bauen lernt, dass es immer nach Stoff sucht und immer an ihm herumformt. Jede Thätigkeit des Menschen ist zum Verwundern complicirt, nicht nur die des Genie's: aber keine ist ein „Wunder". — Woher nun der Glaube, dass es allein beim Künstler, Redner und Philosophen Genie gebe? dass nur sie „Intuition" haben? (womit man ihnen eine Art von Wunder-Augenglas zu- schreibt, mit dem sie direkt in's „Wesen" sehen !) Die Men- schen sprechen ersichtlich dort allein von Genius, wo ihnen die Wirkungen des grossen Intellektes am angenehmsten sind und sie wiederum nicht Neid empfinden wollen. Jemanden „göttlich" nennen heisst „hier brauchen wir nicht zu wetteifern." Sodann: alles Fertige, Vollkommene wird angestaunt, alles Werdende unterschätzt. Nun kann Niemand beim Werke des Künstlers zusehen, wie es geworden ist; das ist sein Vortheil: denn überall, wo man das Werden sehen kann, wird man etwas abgekühlt. Die vollendete Kunst der Darstellung weist alles Denken an das Werden ab; es tyrannisirt als gegenwärtige Voll- kommenheit. Deshalb gelten die Künstler der Darstellung vornehmlich als genial, nicht aber die wissenschaftlichen Menschen. In Wahrheit ist jene Schätzung und diese Unterschätzung nur eine Kinderei der Vernunft. Digitized by Google - i68 — 163. Der Ernst des Handwerks. — Redet nur nicht von Begabung, angeborenen Talenten! Es sind grosse Männer aller Art zu nennen, welche wenig begabt waren. Aber sie bekamen Grösse, wurden „Genie's" (wie man sagt), durch Eigenschaften, von deren Mangel Niemand gern redet, der sich ihrer bewusst ist: sie hatten Alle jenen tüchtigen Handwerker-Ernst, welcher erst lernt, die Theile vollkommen zu bilden, bis er es wagt, ein grosses Ganzes zu machen ; sie gaben sich Zeit dazu, weil sie mehr Lust am Gutmachen des Kleinen, Nebensächlichen hatten, als an dem Effekte eines blendenden Ganzen. Das Re- cept zum Beispiel, wie Einer ein guter Novellist werden kann, ist leicht zu geben: aber die Ausführung setzt Eigenschaften voraus, über die man hinwegzusehen pflegt, wenn man sagt „ich habe nicht genug Talent". Man mache nur hundert und mehr Entwürfe zu Novellen, keinen länger als zwei Seiten, doch von solcher Deutlichkeit, dass jedes Wort darin nothwendig ist ; man schreibe täg- lich Anekdoten nieder, bis man es lernt, ihre prägnanteste, wirkungsvollste Form zu finden, man sei unermüdlich im Sammeln und Ausmalen menschlicher Typen und Charaktere, man erzähle vor Allem so oft es möglich ist und höre erzählen, mit scharfem Auge und Ohr für die Wirkung auf die anderen Anwesenden, man reise wie ein Landschaftsmaler und Costümzeichner, man ex- cerpire sich aus einzelnen Wissenschaften alles Das, was künstlerische Wirkungen macht, wenn es gut dargestellt wird, man denke endlich über die Motive der mensch- lichen Handlungen nach, verschmähe keinen Fingerzeig der Belehrung hierüber und sei ein Sammler von der- gleichen Dingen bei Tag und Nacht. In dieser mannich- Digitized by Google — 1 6g — fachen Uebung lasse man einige zehn Jahre vorüber- gehen: was dann aber in der Werkstätte geschaffen wird, darf auch hinaus an das Licht der Strasse. — Wie machen es aber die Meisten? Sie fangen nicht mit dem Theile, sondern mit dem Ganzen an. Sie thun vielleicht einmal einen guten Griff, erregen Aufmerksamkeit und thun von da an immer schlechtere Griffe, aus guten, natürlichen Gründen. — Mitunter, wenn Vernunft und Charakter fehlen, um einen solchen künstlerischen Lebensplan zu gestalten, übernimmt das Schicksal und die Xoth die Stelle derselben und führt den zukünftigen Meister schritt- weise durch alle Bedingungen seines Handwerks. 104. Gefahr und Gewinn im Kultus des Genius'. — Der Glaube an grosse, überlegene, fruchtbare Geister ist nicht nothwendig, aber sehr häufig noch mit jenem ganz- oder halbreligiösen Aberglauben verbunden, dass jene Geister übermenschlichen Ursprungs seien und gewisse wunderbare Vermögen besässen, vermittelst deren sie ihrer Erkenntnisse auf ganz anderem Wege theilhaftig würden, als die übrigen Menschen. Man schreibt ihnen wohl einen unmittelbaren Blick in das Wesen der Welt, gleichsam durch ein Loch im Mantel der Erscheinung, zu und glaubt, dass sie ohne die Mühsal und Strenge der Wissenschaft, vermöge dieses wunderbaren Seherblickes, etwas Endgültiges und Entscheidendes über Mensch und Welt mittheilen könnten. So lange das Wunder im Bereiche der Erkenntniss noch Gläubige findet, kann man vielleicht zugeben, dass dabei für die Gläubigen selber ein Nutzen herauskomme, insofern diese, durch ihre unbe- dingte Unterordnung unter die grossen Geister, ihrem eigenen Geiste für die Zeit der Entwickelung die beste Digitized by Google Disciplin und Schule verschaffen. Dagegen ist mindestens fraglich, ob der Aberglaube vom Genie, von seinen Vor- rechten und Sondervermögen, für das Genie selber von Nutzen sei, wenn er in ihm sich einwurzelt. Es ist je- denfalls ein gefährliches Anzeichen, wenn den Menschen jener Schauder vor sich selbst überfällt, sei es nun jener berühmte Cäsaren -Schauder oder der hier in Betracht kommende Genie-Schauder ; wenn der Opferduft, welchen man billigerwcise allein einem Gotte bringt, dem Genie ins Gehirn dringt, so dass er zu schwanken und sich für etwas Uebermenschliches zu halten beginnt. Die lang- samen Folgen sind: das Gefühl der Unverantwortlichkeit, der exceptionellen Rechte, der Glaube, schon durch seinen Umgang zu begnadigen, wahnsinnige Wuth bei dem Versuche, ihn mit Anderen zu vergleichen oder gar ihn niedriger zu taxiren und das Verfehlte seines Werkes in's Licht zu setzen. Dadurch, dass er aufhört, Kritik gegen sich selbst zu üben, fällt zuletzt aus seinem Ge- fieder eine der Schwungfedern nach der anderen aus: jener Aberglaube gräbt die Wurzeln seiner Kraft an und macht ihn vielleicht gar zum Heuchler, nachdem seine Kraft von ihm gewichen ist. Für grosse Geister selbst ist es also wahrscheinlich nützlicher, wenn sie über ihre Kraft und deren Herkunft zur Einsicht kommen, wenn sie also begreifen, welche rein menschlichen Eigenschaften in ihnen zusammengeflossen sind, welche Glücksumstände hinzutraten: einmal anhaltende Energie, entschlossene Hinwendung zu einzelnen Zielen, grosser persönlicher Muth, sodann das Glück einer Erziehung, welche die besten Lehrer, Vorbilder, Methoden frühzeitig darbot. Freilich, wenn ihr Ziel ist, die grösstmögliche Wirkung zu machen, so hat die Unklarheit über sich selbst und jene Beigabe eines halben Wahnsinns immer Viel gethan; Digitized by Google - i;i — denn bewundert und beneidet hat man zu allen Zeiten gerade jene Kraft an ihnen, vermöge deren sie die Menschen willenlos machen und zum Wahne fortreissen, dass übernatürliche Führer vor ihnen her giengen. Ja, es erhebt und begeistert die Menschen, Jemanden im Besitz übernatürlicher Kräfte zu glauben: insofern hat der Wahn- sinn, wie Plato sagt, die grössten Segnungen über die Menschen gebracht. — In einzelnen seltenen Fällen mag dieses Stück Wahnsinn wohl auch das Mittel gewesen sein, durch welches eine solche nach allen Seiten hin excessive Natur fest zusammengehalten wurde: auch im Leben der Individuen haben die Wahnvorstellungen häufig den Werth von Heilmitteln, welche an sich Gifte sind; doch zeigt sich endlich, bei jedem „Genie", das an seine Göttlichkeit glaubt, das Gift in dem Grade, als das „Genie" alt wird: man möge sich zum Beispiel Napoleon's erin- nern, dessen Wesen sicherlich gerade durch seinen Glau- ben an sich und seinen Stern und durch die aus ihm fliessende Verachtung der Menschen zu der mächtigen Einheit zusammenwuchs, welche ihn aus allen modernen Menschen heraushebt, bis endlich aber dieser selbe Glaube in einen fast wahnsinnigen Fatalismus übergieng, ihn seines Schnell- und Scharfblickes beraubte und die Ur- sache seines Unterganges wurde. 165. Das Genie und das Nichtige. — Gerade die originellen, aus sich schöpfenden Köpfe unter den Künst- lern können unter Umständen das ganz Leere und Schale hervorbringen, während die abhängigeren Naturen, die sogenannten Talente, voller Erinnerungen an alles mög- liche Gute stecken und auch im Zustand der Schwäche etwas Leidliches produciren. Sind die Originellen aber Digitized by Google — l72 - von sich selber verlassen, so giebt die Erinnerung ihnen keine Hülfe: sie werden leer. 166. Das Publikum. — Von der Tragödie begehrt das Volk eigentlich nicht Mehr, als recht gerührt zu werden, um sich einmal ausweinen zu können; der Artist dagegen, der die neue Tragödie sieht, hat seine Freude an den geistreichen technischen Erfindungen und Kunstgriffen, an der Handhabung und Vcrtheilung des Stoffes, an der neuen Wendung alter Motive, alter Gedanken. Seine Stellung ist die ästhetische Stellung zum Kunstwerk, die des Schaffenden ; die erstbeschriebene, mit alleiniger Rück- sicht auf den Stoff, die des Volkes. Von dem Menschen dazwischen ist nicht zu reden, er ist weder Volk noch Artist und weiss nicht, was er will: so ist auch seine Freude unklar und gering. 167. Artistische Erziehung des Publikums. — Wenn das selbe Motiv nicht hundertfältig durch verschiedene Meister behandelt wird, lernt das Publikum nicht über das Interesse des Stoffes hinauskommen; aber zuletzt wird es selbst die Nuancen, die zarten, neuen Erfindungen in der Behandlung dieses Motives fassen und geniessen, wenn es also das Motiv längst aus zahlreichen Bearbei- tungen kennt und dabei keinen Reiz der Neuheit, der Spannung mehr empfindet. 168. Künstler und sein Gefolge müssen Schritt halten. - Der Fortgang von einer Stufe des Stils zur andern muss so langsam sein, dass nicht nur die Künstler, sondern auch die Zuhörer und Zuschauer diesen Digitized by Google Fortgang mitmachen und genau wissen, was vorgeht. Sonst entsteht auf einmal jene grosse Kluft zwischen dem Künstler, der auf abgelegener Höhe seine Werke schafft, und dem Publikum, welches nicht mehr zu jener Höhe hinaufkann und endlich missmuthig wieder tiefer hinabsteigt. Denn wenn der Künstler sein Publikum nicht mehr hebt, so sinkt es schnell abwärts, und zwar stürzt es um so tiefer und gefährlicher, je höher es ein Genius getragen hat, dem Adler vergleichbar, aus dessen Fängen die in die Wolken hinaufgetragene Schildkröte zu ihrem Unheil hinabfällt.1) 1 6 g. Herkunft des Komischen. — Wenn man erwägt, dass der Mensch manche hunderttausend Jahre lang ein im höchsten Grade der Furcht zugängliches Thier war und dass alles Plötzliche, Unerwartete ihn kampfbereit, vielleicht todesbereit sein hiess, ja dass selbst später, in socialen Verhältnissen, alle Sicherheit auf dem Erwarteten, auf dem Herkommen in Meinung und Thätigkeit beruhte, so darf man sich nicht wundern, dass bei allem Plötzlichen, Unerwarteten in Wort und That, wenn es ohne Gefahr und Schaden hereinbricht, der Mensch ausgelassen wird, ins Gegentheil der Furcht übergeht: das vor Angst zitternde, zusammengekrümmte Wesen schnellt empor, entfaltet sich weit, — der Mensch lacht. Diesen Ueber- gang aus momentaner Angst in kurz dauernden Ueber- muth nennt man das Komische. Dagegen geht im Phänomen des Tragischen der Mensch schnell aus gros- sem, dauerndem Uebermuth in grosse Angst über; da aber unter Sterblichen der grosse dauernde Uebermuth viel seltener, als der Anlass zur Angst ist, so giebt es ') Anspielung auf das Wappen des Aeschylus. — 174 — viel Mehr des Komischen, als des Tragischen in der Welt; man lacht viel öfter, als dass man erschüttert ist. 1 70. Künstler- Ehrgeiz. — Die griechischen Künstler, zum Beispiel die Tragiker, dichteten, um zu siegen; ihre ganze Kunst ist nicht ohne Wettkampf zu denken: die hesiodische gute Ens, der Ehrgeiz, gab ihrem Genius die Flügel. Nun verlangte dieser Ehrgeiz vor Allem, dass ihr Werk die höchste Vortrefflichkeit vor ihren eigenen Augen erhalte, so wie sie also die Vortrefflichkeit ver- standen, ohne Rücksicht auf einen herrschenden Ge- schmack und die allgemeine Meinung über das Vortreff- liche an einem Kunstwerk; und so blieben Aeschylus und Euripides lange Zeit ohne Erfolg, bis sie sich endlich Kunstrichter erzogen hatten, welche ihr Werk nach den Maassstäben würdigten, welche sie selber anlegten. Somit erstreben sie den Sieg über Nebenbuhler nach ihrer eigenen Schätzung, vor ihrem eigenen Richterstuhl, sie wollen wirklich vortrefflicher sein; dann fordern sie von Aussen her Zustimmung zu dieser eigenen Schätzung, Bestätigung ihres Urtheils. Ehre erstreben heisst hier „sich überlegen machen und wünschen, dass es auch öffentlich so erscheine". Fehlt das Erstere und wird das Zweite trotzdem begehrt, so spricht man von Eitelkeit. Fehlt das Letztere und wird es nicht vermisst, so redet man von Stolz. 171. Das Nothwendige am Kunstwerk. — Die, welche so viel von dem Nothwendigen an einem Kunst- werk reden, übertreiben, wenn sie Künstler sind, in majorem artis gloriam, oder, wenn sie Laien sind, aus Unkenntniss. Die Formen eines Kunstwerkes, welche Digitized by Google — »75 - seine Gedanken zum Reden bringen, also seine Art zu sprechen sind, haben immer etwas Lässliches, wie alle Art Sprache. Der Bildhauer kann viele kleine Züge hinzuthun oder weglassen: ebenso der Darsteller, sei es ein Schauspieler oder, in Betreff der Musik, ein Virtuos oder Dirigent. Diese vielen kleinen Züge und Ausfeilungen machen ihm heute Vergnügen, morgen nicht, sie sind mehr des Künstlers als der Kunst wegen da: denn auch er bedarf, bei der Strenge und Selbstbezwingung, welche die Darstellung des Hauptgedankens von ihm fordert, gelegentlich des Zuckerbrodes und der Spielsachen, um nicht mürrisch zu werden. 172. Den Meister vergessen machen. — Der Klavier- spieler, der das Werk eines Meisters zum Vortrag bringt, wird am besten gespielt haben, wenn er den Meister vergessen Hess und wenn es so erschien, als ob er eine Geschichte seines Lebens erzähle oder jetzt eben Etwas erlebe. Freilich: wenn er nichts Bedeutendes ist, wird Jedermann seine Geschwätzigkeit verwünschen, mit der er uns aus seinem Leben erzählt. Also muss er verstehen, die Phantasie des Zuhörers für sich einzunehmen. Daraus wiederum erklären sich alle Schwächen und Narrheiten des „Virtuosenthums". '73- Corriger la fortune. — Ks giebt schlimme Zufällig- keiten im Leben grosser Künstler, welche zum Beispiel den Maler zwingen, sein bedeutendstes Bild nur als flüchtigen Gedanken zu skizziren oder zum Beispiel Beethoven zwangen, uns in manchen grossen Sonaten (wie in der grossen B-dur) nur den ungenügenden Klavier- auszug einer Symphonie zu hinterlassen. Hier soll der Digitized by Google i76 - späterkommende Künstler das Leben der Grossen nach- träglich zu corrigiren suchen: was zum Beispiel Der thun würde, welcher, als ein Meister aller Orchesterwirkungen, uns jene, dem Klavier-Scheintode verfallene Symphonie zum Leben erweckte. 174. Verkleinern. — Manche Dinge, Ereignisse oder Personen, vertragen es nicht, im kleinen Maassstabe behandelt zu werden. Man kann die Laokoon-Gruppe nicht zu einer Nippesfigur verkleinern; sie hat Grösse noth wendig. Aber viel seltener ist es, dass etwas von Natur Kleines die Vergrösserung verträgt; weshalb es Biographen immer noch eher gelingen wird, einen grossen Mann klein darzustellen, als einen kleinen gross. 175- Sinnlichkeit in der Kunst der Gegenwart. — Die Künstler verrechnen sich jetzt häufig, wenn sie auf eine sinnliche Wirkung ihrer Kunstwerke hinarbeiten; denn ihre Zuschauer oder Zuhörer haben nicht mehr ihre vollen Sinne und gerathen, ganz wider die Absicht des Künstlers, durch sein Kunstwerk in eine „Heiligkeit" der Empfindung, welche der Langweiligkeit nahe ver- wandt ist. — Ihre Sinnlichkeit fängt vielleicht dort an, wo die des Künstlers gerade aufhört, sie begegnen sich also höchstens an Einem Punkte. 1 76. Shakespeare als Moralist. — Shakespeare hat über die Leidenschaften viel nachgedacht und wohl von seinem Temperamente her zu vielen einen sehr nahen Zugang gehabt (Dramatiker sind im Allgemeinen ziemlich böse Menschen). Aber er vermochte nicht, wie Montaigne, Digitized by Google - «77 - darüber zu reden, sondern legte die Beobachtungen über die Passionen den passionirten Figuren in den Mund: was zwar wider die Natur ist, aber seine Dramen so gedankenvoll macht, dass sie alle anderen leer erscheinen lassen und leicht einen allgemeinen Widerwillen gegen sie erwecken. — Die Sentenzen Schillers (welchen fast immer falsche oder unbedeutende Einfälle zu Grunde liegen) sind eben Theater-Sentenzen und wirken als solche sehr stark: während die Sentenzen Shakespeare's seinem Vorbilde Montaigne Ehre machen und ganz ernsthafte Gedanken in geschliffener Form enthalten, deshalb aber für die Augen des Theaterpublikums zu fern und zu fein, also unwirksam sind. 177. Sich gut zu Gehör bringen. — Man muss nicht nur verstehen, gut zu spielen, sondern auch sich gut zu Gehör zu bringen. Die Geige in der Pfand des grössten Meisters giebt nur ein Gezirp von sich, wenn der Raum zu gross ist; man kann da den Meister mit jedem Stüm- per verwechseln. 178. Das Unvollständige als das Wirksame. — Wie Relief-Figuren dadurch so stark auf die Phantasie wirken, dass sie gleichsam auf dem Wege sind, aus der Wand herauszutreten und plötzlich, irgend wodurch gehemmt, Halt machen: so ist mitunter die reliefartig unvollständige Darstellung eines Gedankens, einer ganzen Philosophie wirksamer, als die erschöpfende Ausführung: — man über- lässt der Arbeit des Beschauers Mehr, er wird aufgeregt, Das, was in so starkem Eicht und Dunkel vor ihm sich abhebt, fortzubilden, zu Ende zu denken und jenes Hemmniss selber zu überwinden, welches ihrem völligen Heraustreten bis dahin hinderlich war. Nie tische, Menschliches, Alliutnenschliches I. 12 Digitized by Google — 1 7 S — 179. Gegen die Originalen. — Wenn die Kunst sich in den abgetragensten Stoff kleidet, erkennt man sie am besten als Kunst. 1 80. Collectivgeist. — Ein guter Schriftsteller hat nicht nur seinen eigenen Geist, sondern auch noch den Geist seiner Freunde. 181. Zweierlei Verkennung. — Das Unglück scharf- sinniger und klarer Schriftsteller ist, dass man sie für flach nimmt und deshalb ihnen keine Mühe zuwendet: und das Glück der unklaren, dass der Leser sich an ihnen abmüht und die Freude über seinen Eifer ihnen zu Gute schreibt. 182. Vcrhältniss zur Wissenschaft. — Alle Die haben kein wirkliches Interesse an einer Wissenschaft, welche erst dann anfangen, für sie warm zu werden, wenn sie selbst Entdeckungen in ihr gemacht haben. 183. Der Schlüssel. — Der eine Gedanke, auf den ein bedeutender Mensch, zum Gelächter und Spott der Unbedeutenden, grossen Werth legt, ist für ihn ein Schlüssel zu verborgenen Schatzkammern, für Jene nicht Mehr, als ein Stück alten Eisens. 1S4. Unübersetzbar. — Es ist weder das Beste, noch das Schlechteste an einem Buche, was an ihm unüber- setzbar ist. Digitized by Google — 179 — i8ö- Paradoxien des Autors. — Die sogenannten Paradoxien des Autors, an welchen ein Leser Anstoss nimmt, stehen häufig gar nicht im Buche des Autors, sondern im Kopfe des Lesers. 186. Witz. — Die witzigsten Autoren erzeugen das kaum bemerkbarste Lächeln. 187. Die Antithese. — Die Antithese ist die enge Pforte, durch welche sich am liebsten der Irrthum zur Wahrheit schleicht. 188. Denker als Stilisten. — Die meisten Denker schreiben schlecht, weil sie uns nicht nur ihre Gedanken, sondern auch das Denken der Gedanken mittheilen. 189. Gedanken im Gedicht. — Der Dichter führt seine Gedanken festlich daher, auf dem Wagen des Rhythmus: gewöhnlich deshalb, weil diese zu Fuss nicht gehen können. 190. Sünde wider den Geist des Lesers. — AVenn der Autor sein Talent verleugnet, bloss um sich dem Leser gleichzustellen, so begeht er die einzige Todsünde, welche ihm Jener nie verzeiht: im Fall er nämlich Etwas davon merkt. Man darf dem Menschen sonst alles Böse nachsagen: aber in der Art, wie man es sagt, muss man seine Eitelkeit wieder aufzurichten wissen. 12* i8o 191. Grenze der Ehrlichkeit. — Auch dem ehrlichsten Schriftsteller entfällt ein Wort zu viel, wenn er eine Periode abrunden will. 192. Der beste Autor. — Der beste Autor wird Der sein, welcher sich schämt, Schriftsteller zu werden. 193- Drakonisches Gesetz gegen Schriftsteller. — Man sollte einen Schriftsteller als einen Missethäter an- sehen, der nur in den seltensten Fällen Freisprechung oder Begnadigung verdient: das wäre ein Mittel gegen das Ueberhandnehmen der Bücher. 194. Die Narren der modernen Kultur. — Die Narren der mittelalterlichen Höfe entsprechen unseren Feuille- tonisten ; es ist die selbe Gattung Menschen, halbvernünftig, witzig, übertrieben, albern, mitunter nur dazu da, das Pathos der Stimmung durch Einfälle, durch Geschwätz zu mildern und den allzu schweren, feierlichen Glocken- klang grosser Ereignisse durch Geschrei zu übertäuben; ehemals im Dienste der Fürsten und Adeligen, jetzt im Dienste von Parteien (wie in Partei-Sinn und Partei-Zucht ein guter Theil der alten Unterthänigkeit im Verkehr des Volkes mit dem Fürsten jetzt noch fortlebt). Der ganze moderne Litteratenstand steht aber den Feuille- tonisten sehr nahe: es sind die „Narren der modernen Kultur", — welche man milder beurtheilt, wenn man sie als nicht ganz zurechnungsfähig nimmt. Schriftstellerei als Lebensberuf zu betrachten, sollte billigerweise als eine Art Tollheit gelten. Digitized by Google — 1 8 1 — 195- Den Griechen nach. — Der Erkenntniss steht es gegenwärtig sehr im Wege, dass so viele Worte durch hundertjährige Uebertreibung des Gefühls dunstig und aufgeblasen geworden sind. Die höhere Stufe der Kultur, welche sich unter die Herrschaft (wenn auch nicht unter die Tyrannei) der Erkenntniss stellt, hat eine grosse Er- nüchterung des Gefühls und eine starke Concentration aller Worte vonnöthen; worin uns die Griechen im Zeit- alter des Demosthenes vorangegangen sind. Das Ueber- spannte bezeichnet alle modernen Schriften; und selbst wenn sie einfach geschrieben sind, so werden die Worte in denselben noch zu excentrisch gefühlt. Strenge Ueberlegung, Gedrängtheit, Kälte, Schlichtheit, selbst ab- sichtlich bis an die Grenze des Möglichen hinab, überhaupt An-sich -halten des Gefühls und Schweigsamkeit, — das kann allein helfen. — Uebrigens ist diese kalte Schreib- und Gefühlsart, als Gegensatz, jetzt sehr reizvoll: und darin liegt freilich eine neue Gefahr. Denn die scharfe Kälte ist so gut ein Reizmittel, als ein hoher Wärmegrad. 19G. Gute Erzähler schlechte Erklärer. — Bei guten Erzählern steht oft eine bewunderungswürdige psycho- logische Sicherheit und Consequenz, soweit diese in den Handlungen ihrer Personen hervortreten kann, in einem geradezu lächerlichen Gegensatz zu der Ungeübtheit ihres psychologischen Denkens: sodass ihre Kultur in dem einen Augenblicke ebenso ausgezeichnet hoch, als im nächsten bedauerlich tief erscheint. Es kommt gar zu häufig vor, dass sie ihre eigenen Helden und deren Handlungen ersichtlich falsch erklären, — es ist daran kein Zweifel, so unwahrscheinlich die Sache klingt. Vielleicht hat der — iSz — grössto Klavierspieler nur wenig über Bedingungen seiner Technik, zum Beispiel über die spccielle Tugend, Un- tugend , Nutzbarkeit und Erziehbarkeit jedes Fingers (daktylische Ethik) nachgedacht, und macht grobe Fehler, wenn er von solchen Dingen redet. »97- Die Schriften von Bekannten und ihre Leser. Wir lesen Schriften von Bekannten (Freunden und Fein- den) doppelt, insofern fortwahrend unsere Erkenntniss daneben flüstert: „das ist von ihm, ein Merkmal seines inneren Wesens, seiner Erlebnisse, seiner Begabung" und wiederum eine andere Art Erkenntniss dabei festzustellen sucht, was der Ertrag jenes Werkes an sich ist, welche Schätzung es überhaupt, abgesehen von seinem Verfasser, verdient, welche Bereicherung des Wissens es mit sich bringt. Diese beiden Arten des Lesens und Erwägens stören sich, wie das sich von selbst versteht, gegenseitig. Auch eine Unterhaltung mit einem Freunde wird dann erst gute Früchte der Erkenntniss zeitigen, wenn wir endlich nur noch an die Sache denken, und vergessen, dass wir Freunde sind. 198. Rhythmische Opfer. — Gute Schriftsteller ver- ändern den Rhythmus mancher Periode bloss deshalb, weil sie den gewöhnlichen Lesern nicht die Fähigkeit zuerkennen, den Takt, welchem die Periode in ihrer ersten Fassung folgte, zu begreifen: deshalb erleichtern sie es ihnen, indem sie bekannteren Rhythmen den Vorzug geben. — Diese Rücksicht auf das rhythmische Unver- mögen der jetzigen Leser hat schon manche Seufzer ent- lockt, denn ihr ist Viel schon zum Opfer gefallen. — Ob es guten Musikern nicht ähnlich ergeht? Digitized by Google - iSj - igg. Das Unvollständige als künstlerisches Reiz- mittel. — Das Unvollständige ist oft wirksamer als die Vollständigkeit, so namentlich in der Lobrede: für ihre Zwecke braucht man gerade eine anreizende Unvollstän- digkeit, als ein irrationales Element, welches der Phantasie des Hörers ein Meer vorspiegelt und, gleich einem Xebel, die gegenüberliegende Küste, also die Begrenztheit des zu lobenden Gegenstandes, verdeckt. Wenn man die bekannten Verdienste eines Menschen erwähnt und dabei ausführlich und breit ist, so lässt dies immer den Argwohn aufkommen, es seien die einzigen Verdienste. Der voll- ständig Lobende stellt sich über den Gelobten, er scheint ihn zu übersehen. Deshalb wirkt das Vollständige abschwächend. 200. Vorsicht im Schreiben und Lehren. — Wer erst geschrieben hat und die Leidenschaft des Schreibens in sich fühlt, lernt fast aus Allem, was er treibt und erlebt, nur Das noch heraus, was schriftstellerisch mittheilbar ist. Er denkt nicht mehr an sich, sondern an den Schrift- steller und sein Publikum; er will die Einsicht, aber nicht zum eigenen Gebrauche. Wer Lehrer ist, ist meistens unfähig, etwas Eigenes noch für sein eigenes Wohl zu treiben ; er denkt immer an das Wohl seiner Schüler, und jede Erkenntniss erfreut ihn nur soweit er sie lehren kann. Er betrachtet sich zuletzt als einen Durchweg- des Wissens und überhaupt als Mittel: sodass er den Ernst für sich verloren hat. 20 1. Schlechte Schriftsteller noth wendig. — Es wird immer schlechte Schriftsteller geben müssen, denn sie entsprechen dem Geschmack der unentwickelten, unreifen Digitized by Google — 184 — Altersklassen; diese haben so gilt ihr Bedürfniss wie die reifern. Wäre das menschliche Leben länger, so würde die Zahl der reif gewordenen Individuen überwiegen, oder mindestens gleich gross wie die der unreifen ausfallen; so aber sterben bei Weitem die meisten zu jung, das heisst es giebt immer viel mehr unentwickelte Intellekte mit schlechtem Geschmack. Diese begehren überdies, mit der grösseren Heftigkeit der Jugend, nach Befriedigung ihres Bedürfnisses, und sie erzwingen sich schlechte Autoren. 202. Zu nah und zu fern. — Der Leser und der Autor verstehen sich häufig deshalb nicht, weil der Autor sein Thema zu gut kennt und es beinahe langweilig findet, sodass er sich die Beispiele erlässt, die er zu Hunderten weiss; der Leser aber ist der Sache fremd und findet sie leicht schlecht begründet, wenn ihm die Beispiele vor- enthalten werden. 203. Eine verschwundene Vorbereitung zur Kunst. An Allem, was auf dem Gymnasium getrieben wurde, war das Werthvollste die Uebung im lateinischen Stil: diese war eben eine Kunstübung, während alle anderen Beschäfti- gungen nur das Wissen zum Zweck hatten. Den deutschen Aufsatz voranzustellen, ist Barbarei: denn wir haben keinen mustergültigen, an öffentlicher Bcredtsamkeit em- porgewachsenen deutschen Stil; will man aber durch den deutschen Aufsatz die Uebung im Denken fördern, so ist es gewiss besser, wenn man einstweilen von Stil dabei überhaupt absieht, also zwischen der Uebung im Denken und der im Darstellen scheidet. Letztere sollte sich auf mannichfache Fassung eines gegebenen Inhaltes Digitized by Google - i85 - beziehen und nicht auf selbständiges Erfinden eines Inhaltes. Die blosse Darstellung bei gegebenem Inhalte war die Aufgabe des lateinischen Stils, für welchen die alten Lehrer eine längst verloren gegangene Feinheit des Gehörs besassen. Wer ehemals in einer modernen Sprache gut schreiben lernte, verdankte es dieser Uebung (jetzt muss man sich nothgedrungen zu den älteren Fran- zosen in die Schule schicken); aber noch mehr: er bekam einen Begriff von der Hoheit und Schwierigkeit der Form und wurde für die Kunst überhaupt auf dem einzig rich- tigen Wege vorbereitet, — durch Praxis. 204. Dunklesund Ueberhellcs neben einander. — Schriftsteller, welche im Allgemeinen ihren Gedanken keine Deutlichkeit zu geben verstehen, werden im Ein- zelnen mit Vorliebe die stärksten, übertriebensten Bezeich- nungen und Superlative wählen: dadurch entsteht eine Lichtwirkung, wie bei Fackelbeleuchtung auf verworrenen Waldwegen. 205. Schriftstellerisches Malerthum. — Einen bedeu- tenden Gegenstand wird man am besten darstellen, wenn man die Farben zum Gemälde aus dem Gegenstande selber, wie ein Chemiker, nimmt und sie dann wie ein Artist verbraucht: sodass man die Zeichnung aus den Grenzen und Uebergängcn der Farben erwachsen lässt. So bekommt das Gemälde Etwas von dem hinreissenden Naturelement, welches den Gegenstand selber bedeutend macht. 206. Bücher, welche tanzen lehren. — Es giebt Schriftsteller, welche dadurch, dass sie Unmögliches als Digitized by Google möglich darstellen und vom Sittlichen und Genialen so reden, als ob beides nur eine Laune, ein Belieben sei, ein Gefühl von übermüthiger Freiheit hervorbringen , wie wenn der Mensch sich auf die Fussspitzen stellte und vor innerer Lust durchaus tanzen müsste. Nicht fertig gewordene Gedanken.-Ebenso wie nicht nur das Mannesalter, sondern auch Jugend und Kindheit einen Werth an sich haben und nicht nur als Durchgänge und Brücken zu schätzen sind, so haben auch die nicht fertig gewordenen Gedanken ihren Werth. Man muss deshalb einen Dichter nicht mit subtiler Aus- legung quälen, sondern sich an der Unsicherheit seines Horizontes vergnügen, wie als ob der Weg zu mehreren Gedanken noch offen sei. Man steht an der Schwelle; man wartet wie bei der Ausgrabung eines Schatzes: es ist, als ob ein Glücksfund von Tiefsinn eben gemacht werden sollte. Der Dichter nimmt Etwas von der Lust des Den- kers beim Finden eines Hauptgedankens vorweg und macht uns damit begehrlich, sodass wir nach diesem haschen: der aber gaukelt an unserm Kopf vorüber und zeigt die schönsten Schmetterlingsflügcl — und doch ent- schlüpft er uns. Das Buch fast zum Menschen geworden. — Jeden Schriftsteller überrascht es von Neuem , wie das Buch, sobald es sich von ihm gelöst hat, ein eigenes Leben für sich weiterlebt; es ist ihm zu Muthe, als wäre der eine Theil eines Insektes losgetrennt und gienge nun seinen eigenen Weg weiter. Vielleicht vergisst er sein Werk fast ganz, vielleicht erhebt er sich über die darin niederge- legten Ansichten, vielleicht selbst versteht er es nicht mehr 20-. 208. Digitized by Google - iS7 - - und hat jene Schwingen verloren, auf denen er damals flog, als er es aussann: währenddem sucht sich das Buch seine Leser, entzündet Leben, beglückt, erschreckt, erzeugt neue Werke, wird die Seele von Vorsätzen und Handlungen — kurz: es lebt wie ein mit Geist und Seele ausgestattetes Wesen und ist doch kein Mensch. — Das glücklichste Loos hat der Autor gezogen, welcher, als alter Mann, sagen .kann, dass Alles, was von leben- zeugenden, kräftigenden, erhebenden, aufklärenden Ge- danken und Gefühlen in ihm war, in seinen Schriften noch fortlebe und dass er selber nur noch die graue Asche bedeute, während das Feuer überallhin gerettet und weiter getragen sei. — Erwägt man nun gar, dass jede Handlung eines Menschen, nicht nur ein Buch, auf irgend eine Art Anlass zu anderen Handlungen, Ent- schlüssen, Gedanken wird, dass Alles, was geschieht, unlösbar fest sich mit Allem, was geschehen wird, ver- knotet, so erkennt man, dass es eine wirkliche Unsterb- lichkeit giebt, die der Bewegung: — was einmal bewegt hat, ist in dem Gesammtverbande alles Seienden, wie in einem Bernstein ein Insekt, eingeschlossen und verewigt. 209. Freude im Alter. — Der Denker und ebenso der Künstler, welcher sein besseres Selbst in Werke ge- flüchtet hat, empfindet eine fast boshafte Freude, wenn er gewahrt, wie sein Leib und Geist langsam von der Zeit angebrochen und zerstört werden: — ihm ist, als ob er von einem Winkel aus einen Dieb an seinem Geldschranke arbeiten sähe, während er doch weiss, dass dieser leer ist und alle Schätze gerettet sind. r Die Digitized by Google — i88 — 2 IO. Ruhige Fruchtbarkeit. — Die geborenen Aristo- kraten des Geistes sind nicht zu eifrig; ihre Schöpfungen erscheinen und fallen an einem ruhigen Herbstabend vom Baume, ohne hastig begehrt, gefördert, durch Neues verdrängt zu werden. Das unablässige Schaffen-wollen ist gemein und zeigt Eifersucht, Neid, Ehrgeiz an. Wenn man Etwas ist, so braucht man eigentlich Nichts zu machen, — und thut doch sehr Viel. Es giebt über dem „produktiven" Menschen noch eine höhere Gattung. 211. Achilles und Homer. — Es ist immer wie zwischen Achilles und Homer: der eine hat das Erlebniss, die Empfindung, der Andere beschreibt sie. Ein wirk- licher Schriftsteller giebt dem Affekt und der Erfahrung Anderer nur Worte: er ist Künstler, um aus dem Wenigen, was er empfunden hat, Viel zu errathen. Künstler sind keineswegs die Menschen der grossen Leidenschaft: aber häufig geben sie sich als solche, in der unbewussten Empfindung, dass man ihrer gemalten Leidenschaft mehr traut, wenn ihr eigenes Leben für ihre Erfahrung auf jenem Gebiete spricht. Man braucht sich ja nur gehen zu lassen, sich nicht zu beherrschen, seinem Zorn, seiner Begierde offenen Spielraum zu gönnen, sofort schreit alle Welt: wie leidenschaftlich ist er! Aber mit der tiefwühlenden, das Individuum anzehrenden und oft ver- schlingenden Leidenschaft hat es Etwas auf sich: wer sie erlebt, beschreibt sie gewiss nicht in Dramen, Tönen oder Romanen. Künstler sind häufig zügellose Indi- viduen, soweit sie eben nicht Künstler sind: aber das ist etwas Anderes. Digitized by Google — i8q — 212. Alte Zweifel über die Wirkung der Kunst. — Sollten Mitleid und Furcht wirklich, wie Aristoteles will, durch die Tragödie entladen werden, so dass der Zuhörer kälter und ruhiger nach Hause zurückkehre? Sollten Geistergeschichten weniger furchtsam, weniger abergläu- bisch machen? Es ist wahr, dass bei einigen physischen Vorgängen (zum Beispiel bei dem Liebesgenuss) mit der Befriedigung des Bedürfnisses eine Linderung und zeit- weilige Herabstimmung des Triebes eintritt. Aber die Furcht und das Mitleid sind nicht in diesem Sinne Bedürf- nisse bestimmter Organe, welche erleichtert werden wollen. Und auf die Dauer wird selbst jeder Trieb durch Uebung in seiner Befriedigung gestärkt, trotz jener periodischen Linderungen. Es wäre möglich, dass Mitleid und Furcht in jedem einzelnen Falle durch die Tragödie gemildert und entladen würden: trotzdem könnten sie im Ganzen durch die tragische Einwirkung überhaupt grösser werden; und Plato behielte doch Recht, wenn er meint, dass man durch die Tragödie insgesammt ängstlicher und rührseliger werde. Der tragische Dichter selbst würde dann not- wendig eine düstere, furchtvolle Weltbetrachtung und eine weiche, reizbare, thränensüchtige Seele bekommen ; des- gleichen würde es zu Plato's Meinung stimmen, wenn die tragischen Dichter und ebenso ganze Stadtgemein- den, welche sich besonders an ihnen ergötzen, zu immer grösserer Maass- und Zügellosigkeit ausarten. — Aber welches Recht hat unsere Zeit überhaupt, auf die grosse Frage Plato's nach dem moralischen Einfluss der Kunst eine Antwort zu geben? Hätten wir selbst die Kunst! — wo haben wir den Einfluss, irgend einen Einfluss der Kunst? Digitized by Google igo — 213- Freude am Unsinn. — Wie kann der Mensch Freude am Unsinn haben? So weit nämlich auf der Welt gelacht wird, ist dies der Fall; ja man kann sagen, fast überall, wo es Glück giebt, giebt es Freude am Unsinn. Das Umwerfen der Erfahrung ins Gegentheil, des Zweck- mässigen in's Zwecklose, des Nothwendigen in's Beliebige, doch so, dass dieser Vorgang keinen Schaden macht und nur einmal aus Uebcrmuth vorgestellt wird, ergötzt, denn es befreit uns momentan von dem Zwange des Nothwendigen, Zweckmässigen und Erfahrungsgemässen, in denen wir für gewöhnlich unsere unerbittlichen Herren sehen; wir spielen und lachen dann, wenn das Erwartete (das gewöhnlich bange macht und spannt) sich, ohne zu schädigen, entladet. Es ist die Freude der Sklaven am Saturnalienfeste. 214. Veredelung der Wirklichkeit. — Dadurch, dass die Menschen in dem aphrodisischen Triebe eine Gottheit sahen und ihn mit anbetender Dankbarkeit in sich wirkend fühlten, ist im Verlaufe der Zeit jener Affekt mit höheren Vorstellungsrcihen durchzogen und dadurch thatsächlich sehr veredelt worden. So haben sich einige Völker, ver- möge dieser Kunst des Idealisirens, aus Krankheiten grosse Hülfsmächte der Kultur geschaffen: zum Beispiel die Griechen, welche in früheren Jahrhunderten an grossen Nerven -Epidemien (in der Art der Epilepsie und des Veitstanzes) litten und daraus den herrlichen Typus der Bacchantin herausgebildet haben. — Die Griechen be- sassen nämlich Nichts weniger, als eine vierschrötige Gesundheit; — ihr Gcheimniss war, auch die Krankheit, wenn sie nur Macht hatte, als Gott zu verehren. Digitized by Google -'5- Musik. — Die Musik ist nicht an und für sich so bedeutungsvoll für unser Inneres, so tief erregend, dass sie als unmittelbare Sprache des Gefühls gelten dürfte; sondern ihre uralte Verbindung mit der Poesie hat so viel Symbolik in die rhythmische Bewegung, in Stärke und Schwäche des Tones gelegt, dass wir jetzt wähnen, sie spräche direkt zum Inneren und käme aus dem In- neren. Die dramatische Musik ist erst möglich, wenn sich die Tonkunst ein ungeheures Bereich symbolischer Mittel erobert hat, durch Lied, Oper und hundertfältige Versuche der Tonmalerei. Die „absolute Musik" ist ent- weder Form an sich, im rohen Zustand der Musik, wo das Erklingen in Zeitmaass und verschiedener Stärke überhaupt Freude macht, oder sie ist die ohne Poesie schon zum Vcrständniss redende Symbolik der Formen, nachdem in langer Entwickelung beide Künste verbunden waren und endlich die musikalische Form ganz mit Begriffs- und Ge- fühlsfädcn durchsponnen worden ist. Menschen, welche in der Entwickelung der Musik zurückgeblieben sind, können das selbe Tonstück rein formalistisch empfinden, an welchem die Fortgeschrittenen Alles symbolisch verstehen. An sich ist keine Musik tief und bedeutungsvoll, sie spricht nicht vom „Willen", vom „Dinge an sich"; das konnte der Intellekt erst in einem Zeitalter wähnen, welches den ganzen Umfang des inneren Lebens für die musikalische Symbolik erobert hatte. Der Intellekt selber hat diese Bedeutsamkeit erst in den Klang hineingelegt, wie er in die Verhältnisse von Linien und Massen bei der Architektur ebenfalls Bedeutsamkeit gelegt hat, welche aber an sich den mechanischen Gesetzen ganz fremd ist. 192 - 2 1 6. Gebärde und Sprache. — Aelter als die Sprache ist das Nachmachen von Gebärden, welches unwillkürlich vor sich geht und jetzt noch, bei einer allgemeinen Zurückdrängung der Gebärdensprache und gebildeten Be- herrschung der Muskeln, so stark ist, dass wir ein be- wegtes Gesicht nicht ohne Innervation unseres Gesichts ansehen können (man kann beobachten, dass fingirtes Gähnen bei Einem, der es sieht, natürliches Gähnen her- vorruft). Die nachgeahmte Gebärde leitete Den, der nachahmte, zu der Empfindung zurück, welche sie im Gesicht oder Körper des Nachgeahmten ausdrückte. So lernte man sich verstehen: so lernt noch das Kind die Mutter verstehen. Im Allgemeinen mögen schmerzhafte Empfindungen wohl auch durch Gebärden ausgedrückt worden sein, welche Schmerz ihrerseits verursachen (zum Beispiel durch Haarausraufen, die-Brust-schlagen, gewalt- same Verzerrungen und Anspannungen der Gesichts- muskeln). Umgekehrt: Gebärden der Lust waren selber lustvoll und eigneten sich dadurch leicht zum Mittheilen des Verständnisses (Lachen als Aeusserung des Gekitzelt- werdens, welches lustvoll ist, diente wiederum zum Aus- druck anderer lustvoller Empfindungen). — Sobald man sich in Gebärden verstand, konnte wiederum eine Sym- bolik der Gebärde entstehen: ich meine, man konnte über eine Tonzeichensprache sich verständigen, und zwar so, dass man zuerst Ton und Gebärde (zu der er symbolisch hinzutrat), später nur den Ton hervorbrachte. — Es scheint sich da in früher Zeit das Selbe oftmals ereignet zu haben, was jetzt vor unseren Augen und Ohren in der Entwickelung der Musik, namentlich der dramatischen Musik, vor sich geht: während zuerst die Musik, ohne erklärenden Tanz und Mimus (Gebärdensprache), leeres Digitized by Google — 193 — Geräusch ist, wird das Ohr, durch lauge Gewöhnung an jenes Nebeneinander von Musik und Bewegung, zur sofortigen Ausdeutung der Tonfiguren eingeschult und kommt endlich auf eine Höhe des schnellen Verständnisses, wo es der sichtbaren Bewegung gar nicht mehr bedarf und einen Tonsatz ohne dieselbe versteht. Man redet dann von absoluter Musik, das heisst von Musik, in der Alles ohne weitere Beihülfe sofort symbolisch verstan- den wird. 217. Die Entsinnlich ung der höheren Kunst. — Unser Ohr ist, vermöge der ausserordentlichen Uebung des Intellekts durch die Kunstentwickelung der neuen Musik, immer intellektualer geworden. Deshalb ertra- gen wir jetzt viel grössere Tonstärke, viel mehr „Lärm", weil wir viel besser eingeübt sind, auf die Vernunft in ihm hinzuhorchen, als unsere Vorfahren. That- sächlich sind nun alle unsere Sinne eben dadurch, dass sie sogleich nach der Vernunft, also nach dem „es be- deutet" und nicht mehr nach dem „es ist" fragen, etwas abgestumpft worden: wie sich eine solche Abstumpfung zum Beispiel in der unbedingten Herrschaft der Tempe- ratur der Töne verräth; denn jetzt gehört ein Ohr, das die feineren Unterscheidungen, zum Beispiel zwischen eis und des, noch macht, zu den Ausnahmen. In dieser Hin- sicht ist unser Ohr vergröbert worden. Sodann ist die häss- liche, den Sinnen ursprünglich feindselige Seite der Welt für die Musik erobert worden; das Bereich ihrer Macht, namentlich zum Ausdruck des Erhabenen, Furchtbaren, Geheimnissvollen, hat sich damit erstaunlich erweitert: unsere Musik bringt jetzt Dinge zum Reden, welche früher keine Zunge hatten. In ähnlicher Weise haben einige Maler das Auge intellektualer gemacht und sind weit über Nietzsche, Menschliches, AlUumenschlichc* I. 13 — 194 - Das hinausgegangen, was man früher Farben- und For- menfreude nannte. Auch hier ist die ursprünglich als hässlich geltende Seite der Welt vom künstlerischen Ver- stände erobert worden. — Was ist von Alledem die Con- sequenz? Je gedankenfähiger Auge und Ohr werden, um so mehr kommen sie an die Grenze, wo sie unsinnlich werden: die Freude wird in's Gehirn verlegt, die Sinnes- organe selbst werden stumpf und schwach, das Symbo- lische tritt immer mehr an Stelle des Seienden, — und so gelangen wir auf diesem Wege so sicher zur Barbarei, wie auf irgend einem anderen. Einstweilen heisst es noch: die Welt ist hasslicher als je, aber sie bedeutet eine schönere Welt als je gewesen. Aber je mehr der Ambra- duft der Bedeutung sich zerstreut und verflüchtigt, um so seltener werden Die, welche ihn noch wahrnehmen: und die Uebrigen bleiben endlich bei dem Ilässlichen stehen und suchen es direkt zu geniessen, was ihnen aber immer misslingen muss. So giebt es in Deutschland eine doppelte Strömung der musikalischen Fntwickelung: hier eine Schaar von Zehntausend mit immer höheren, zarteren Ansprüchen und mehr und mehr nach dem „es bedeutet" hinhörend, und dort die ungeheure Ueberzahl, welche alljährlich unfähiger wird, das Bedeutende auch in der Form der sinnlichen Hässlichkeit zu verstehen, und deshalb nach dem an sich Hässlichen und Ekelhaften, das heisst dem niedrig Sinnlichen, in der Musik mit wach- sendem Behagen greifen lernt. 218. Der Stein ist mehr Stein, als früher. — Wir verstehen im Allgemeinen Architektur nicht mehr, wenig- stens lange nicht in der Weise, wie wir Musik verstehen. Wir sind aus der Symbolik der Linien und Figuren Digitized by Google - 195 — herausgewachsen, wie wir der Klangwirkungen der Rhe- torik entwöhnt sind, und haben diese Art von Mutter- milch der Bildung nicht mehr vom ersten Augenblick unseres Lebens an eingesogen. An einem griechischen oder christlichen Gebäude bedeutete ursprünglich Alles Etwas, und zwar in Hinsicht auf eine höhere Ordnung der Dinge: diese Stimmung einer unausschöpf liehen Be- deutsamkeit lag um das Gebäude gleich einem zauber- haften Schleier. Schönheit kam nur nebenbei in das System hinein, ohne die Grundempfindung des Unheim- lich-Erhabenen, des durch Götternähe und Magie Ge- weihten, wesentlich zu beeinträchtigen; Schönheit mil- derte höchstens das Grauen, — aber dieses Grauen war überall die Voraussetzung. — Was ist uns jetzt die Schönheit eines Gebäudes? Das Selbe wie das schöne Gesicht einer geistlosen Frau: etwas Maskenhaftes. 219. Religiöse Herkunft der neueren Musik. — Die seelenvolle Musik entsteht in dem wiederhergestellten Katholicismus nach dem tridentinischen Concil, durch Palaestrina, welcher dem neu erwachten innigen und tief bewegten Geiste zum Klange verhalf; später, mit Bach, auch im Protestantismus, soweit dieser durch die Pietisten vertieft und von seinem ursprünglich dogmatischen Grund- charakter losgebunden worden war. Voraussetzung und nothwendige Vorstufe für beide Entstehungen ist die Be- fassung mit Musik, wie sie dem Zeitalter der Renaissance und Vor -Renaissance zu eigen war, namentlich jene gelehrte Beschäftigung mit Musik, jene im Grunde wissenschaftliche Lust an den Kunststücken der Harmo- nik und Stimmführung. Andererseits musste auch die Oper vorhergegangen sein: in welcher der Laie seinen 13* Digitized by Google — 196 — Protest gegen eine zu gelehrt gewordene kalte Musik zu erkennen gab und der Polyhymnia wieder eine Seele schenken wollte. — Ohne jene tief religiöse Umstimmung^ ohne das Ausklingen des innerlichst -erregten Gemüthes wäre die Musik gelehrt oder opernhaft geblieben; der Geist der Gegenreformation ist der Geist der modernen Musik (denn jener Pietismus in Bach's Musik ist auch eine Art Gegenreformation). So tief sind wir dem reli- giösen Leben verschuldet — Die Musik war die Gegen- renaissance im Gebiete der Kunst, zu ihr gehört die spätere Malerei der Carracci und Caravaggi, zu ihr vielleicht auch der Barockstil: mehr jedenfalls als die Architektur der Renaissance oder des Alterthums. Und noch jetzt darf man fragen: wenn unsere neuere Musik die Steine bewegen könnte, würde sie diese zu einer antiken Archi- tektur zusammensetzen? Ich zweifle sehr. Denn Das, was in dieser Musik regiert, der Affekt, die Lust an erhöhten, weit gespannten Stimmungen, das Lebendig-werden-wollen um jeden Preis, der rasche Wechsel der Empfindung, die starke Reliefwirkung in Licht und Schatten, die Neben- einanderstcllung der Ekstase und des Naiven, — das hat Alles schon einmal in den bildenden Künsten regiert und neue Stilgesetze geschaffen: — es war aber weder im Alterthum noch in der Zeit der Renaissance. 220. Das Jenseits in der Kunst. — Nicht ohne tiefen Schmerz gesteht man sich ein, dass die Künstler aller Zeiten in ihrem höchsten Aufschwünge gerade jene Vor- stellungen zu einer himmlischen Verklärung hinaufge- tragen haben, welche wir jetzt als falsch erkennen: sie sind die Verherrlicher der religiösen und philosophischen Irrthümer der Menschheit, und sie hätten dies nicht sein Digitized by Google 197 — können ohne den Glauben an die absolute Wahrheit derselben. Nimmt nun der Glaube an eine solche Wahr- heit überhaupt ab, verblassen die Regenbogenfarben um die äussersten Enden des menschlichen Erkennens und Wähnens: so kann jene Gattung von Kunst nie wieder aufblühen, welche (wie die divina commedia, die Bilder Rafael's, die Fresken Michelangelos, die gothischen Münster) nicht nur eine kosmische, sondern auch eine metaphysische Bedeutung der Kunstobjekte voraussetzt. Es wird eine rührende Sage daraus werden, dass es eine solche Kunst, einen solchen Künstlerglauben gegeben habe. 221. Die Revolution in der Poesie. — Der strenge Zwang, welchen sich die französischen Dramatiker auf- erlegten, in Hinsicht auf Einheit der Handlung, des Ortes und der Zeit, auf Stil, Vers- und Satzbau, Auswahl der Worte und Gedanken, war eine so wichtige Schule, wie die des Contrapunkts und der Fuge in der Entwickelung der modernen Musik oder wie die Gorgianischen Figuren in der griechischen Beredtsamkeit. Sich so zu binden, kann absurd erscheinen; trotzdem giebt es kein anderes Mittel, um aus dem Naturalisiren herauszukommen, als sich zuerst auf das allerstärkste (vielleicht allerwillkür- lichste) zu beschränken. Man lernt so allmählich mit Grazie selbst auf den schmalen Stegen schreiten, welche schwindelnde Abgründe überbrücken, und bringt die höchste Geschmeidigkeit der Bewegung als' Ausbeute mit heim: wie die Geschichte der Musik vor den Augen aller Jetztlebenden beweist. Hier sieht man, wie Schritt vor Schritt die Fesseln lockerer werden, bis sie endlich ganz abgeworfen scheinen können: dieser Schein ist das höchste Ergebniss einer nothwendigen Entwickelung in Digitized by Google — iq8 - der Kunst. In der modernen Dichtkunst gab es keine so glückliche allmähliche Herauswickelung aus den selbst- gelegten Fesseln. Lessing machte die französische Form, das heisst die einzige moderne Kunstform, zum Gespött in Deutschland und verwies auf Shakespeare, und so verlor man die Stetigkeit jener Entfesselung und machte einen Sprung in den Naturalismus — das heisst in die Anfänge der Kunst zurück. Aus ihm versuchte sich Goethe zu retten, indem er sich immer von Neuem wieder auf verschiedene Art zu binden wusste; aber auch der Begabteste bringt es nur zu einem fortwährenden Experi- mentiren, wenn der Faden der Entwickelung einmal ab- gerissen ist. Schiller verdankt die ungefähre Sicherheit seiner Form dem unwillkürlich verehrten, wenn auch ver- leugneten Vorbilde der französischen Tragödie und hielt sich ziemlich unabhängig von Lessing (dessen dramatische Versuche er bekanntlich ablehnte). Den Franzosen selber fehlten nach Voltaire auf einmal die grossen Talente, welche die Entwickelung der Tragödie aus dem Zwange zu jenem Scheine der Freiheit fortgeführt hätten; sie machten später nach deutschem Vorbilde auch den Sprung in eine Art Rousseau'ischen Naturzustand der Kunst und experimentirten. Man lese nur von Zeit zu Zeit Voltaire's Mahomet, um sich klar vor die Seele zu stellen, was durch jenen Abbruch der Tradition ein für alle Mal der europäischen Kultur verloren gegangen ist. Voltaire war der letzte der grossen Dramatiker, welcher seine viel- gestaltige, auch den grössten tragischen Gewitterstürmen gewachsene Seele durch griechisches Maass bändigte, — er vermochte Das, was noch kein Deutscher vermochte, weil die Natur des Franzosen der griechischen viel ver- wandter ist, als die Natur des Deutschen — ; wie er auch der letzte grosse Schriftsteller war, der in der Behandlung Digitized by Google - IQ9 — der Prosa- Rede griechisches Ohr, griechische Künstler- Gewissenhaftigkeit, griechische Schlichtheit und Anmuth hatte; ja wie er einer der letzten Menschen gewesen ist, welche die höchste Freiheit des Geistes und eine schlech- terdings unrevolutionäre Gesinnung in sich vereinigen können, ohne inconsequent und feige zu sein. Seitdem ist der moderne Geist mit seiner Unruhe, seinem Hass gegen Maass und Schranke, auf allen Gebieten zur Herr- schaft gekommen, zuerst entzügelt durch das Fieber der Revolution und dann wieder sich Zügel anlegend, wenn ihn Angst und Grauen vor sich selber anwandelte, — aber die Zügel der Logik! nicht mehr des künstlerischen Maasses! Zwar geniessen wir durch jene Entfesselung eine Zeit lang die Poesien aller Völker, Alles an verbor- genen Stellen Aufgewachsene, Urwüchsige, Wildblühende, Wunderlich-Schöne und Riesenhaft-Unregelmässige, vom Volksliede an bis zum „grossen Barbaren" Shakespeare hinauf; wir schmecken die Freuden der Lokalfarbe und des Zeitcostüms, die allen künstlerischen Völkern bisher fremd waren; wir benutzen reichlich die „barbarischen Avantagen" unserer Zeit, welche Goethe gegen Schiller geltend machte, um die Formlosigkeit seines Faust in das günstigste Licht zu stellen. Aber auf wie lange noch? Die hereinbrechende Fluth von Poesien aller Stile aller Völ- ker muss ja allmählich das Erdreich hinwegschwemmen, auf dem ein stilles verborgenes Wachsthum noch möglich gewesen wäre; alle Dichter müssen ja experimentirende Nachahmer, wagehalsige Kopisten werden, mag ihre Kraft von Anbeginn noch so gross sein. Das Publikum endlich, welches verlernt hat, in der Bändigung der darstellenden Kraft, in der organisirenden Bewältigung aller Kunstmittel die eigentlich künstlerische That zu sehen, muss immer mehr die Kraft um der Kraft willen, die Farbe um der — 200 — Farbe willen, den Gedanken um des Gedankens willen, ja die Inspiration um der Inspiration willen schätzen: es wird demgemäss die Elemente und Bedingungen des Kunstwerks gar nicht, wenn nicht isolirt, gemessen und zu guterletzt die natürliche Forderung stellen, dass der Künstler isolirt sie ihm auch darreichen müsse. Ja, man hat die „unvernünftigen" F'esseln der französisch- grie- chischen Kunst abgeworfen, aber unvermerkt sich daran gewöhnt, alle Fesseln, alle Beschränkung unvernünftig zu finden; - und so bewegt sich die Kunst ihrer Auf- lösung entgegen und streift dabei — was freilich höchst belehrend ist — alle Phasen ihrer Anfange, ihrer Kind- heit, ihrer Unvollkommenheit, ihrer einstmaligen Wagnisse und Ausschreitungen : sie interpretirt, im zu-Grunde-gehen, ihre Entstehung, ihr Werden. Einer der Grossen, auf dessen Instinkt man sich wohl verlassen kann und dessen Theorie Nichts weiter, als ein dreissig Jahre Mehr von Praxis fehlte, — Lord Byron hat einmal ausgesprochen: „Was die Poesie im Allgemeinen anlangt, so bin ich, je mehr ich darüber nachdenke, immer fester der Ueber- zeugung, dass wir allesammt auf dem falschen Wege sind, Einer wie der Andere. Wir folgen Alle einem inner- lich falschen revolutionären System, — unsere oder die nächste Generation wird noch zu der selben Ueberzeugung gelangen." Es ist dies der selbe Byron, welcher sagt: „Ich betrachte Shakespeare als das schlechteste Vorbild, wenn auch als den ausserordentlichsten Dichter." ') Und sagt im Grunde Goethes gereifte künstlerische Einsicht aus der zweiten Hälfte seines Lebens nicht genau das Selbe? — jene Einsicht, mit welcher er einen solchen Vorsprang über eine Reihe von Generationen gewann, Heide Stellen aus Briefen an Murray; die eiste vom 15. September 1817, die zweite vom 14. Juli 1 S2 1. Digitized by Google dass man im Grossen und Ganzen behaupten kann, Goethe habe noch gar nicht gewirkt und seine Zeit werde erst kommen? Gerade weil seine Natur ihn lange Zeit in der Bahn der poetischen Revolution festhielt, gerade weil er am gründlichsten auskostete, was Alles indirekt durch jenen Abbruch der Tradition an neuen Funden, Aussichten, Hülfsmitteln entdeckt und gleichsam unter den Ruinen der Kunst ausgegraben worden war, so wiegt seine spätere Um wandelung und Bekehrung so viel: sie bedeutet, dass er das tiefste Verlangen empfand, die Tradition der Kunst wieder zu gewinnen und den stehen gebliebenen Trüm- mern und Säulengängen des Tempels, mit der Phantasie des Auges wenigstens, die alte Vollkommenheit und Ganzheit anzudichten, wenn die Kraft des Armes sich viel zu schwach erweisen sollte, zu bauen, wo so ungeheure Gewalten schon zum Zerstören nöthig waren. So lebte er in der Kunst als in der Erinnerung an die wahre Kunst: sein Dichten war zum Hülfsmittel der Erinnerung, des Verständnisses alter, längst entrückter Kunstzeiten ge- worden. Seine Forderungen waren zwar in Hinsicht auf die Kraft des neuen Zeitalters unerfüllbar; der Schmerz darüber wurde aber reichlich durch die Freude aufge- wogen, dass sie einmal erfüllt gewesen sind und dass auch wir noch an dieser Erfüllung theilnehmen können. Nicht Individuen, sondern mehr oder weniger idealische Masken; keine Wirklichkeit, sondern eine allegorische Allgemeinheit; Zeitcharaktere, Lokalfarben zum fast Un- sichtbaren abgedämpft und mythisch gemacht; das gegen- wärtige Empfinden und die Probleme der gegenwärtigen Gesellschaft auf die einfachsten Formen zusammenge- drängt, ihrer reizenden, spannenden, pathologischen Eigen- schaften entkleidet, in jedem andern als dem artistischen Sinne wirkungslos gemacht; keine neuen Stoffe und Charaktere, sondern die alten, längst gewohnten in immerfort währender Neubeseelung und Umbildung: das ist die Kunst, so wie sie Goethe später verstand, so wie sie die Griechen, ja auch die Franzosen übten. 222. Was von der Kunst übrig bleibt. — Es ist wahr, bei gewissen metaphysischen Voraussetzungen hat die Kunst viel grösseren Werth, zum Beispiel wenn der Glaube gilt, dass der Charakter unveränderlich sei und dass das Wesen der Welt sich in allen Charakteren und Handlungen fortwährend ausspreche : da wird das Werk des Künstlers zum Bild des ewig Beharrenden, — während für unsere Auffassung der Künstler seinem Bilde immer nur Gültigkeit für eine Zeit geben kann, weil der Mensch, im Ganzen, geworden und wandelbar und selbst der Mensch im Einzelnen nichts Festes und Beharrendes ist. — Ebenso steht es bei einer andern metaphysischen Voraussetzung: gesetzt, dass unsere sichtbare Welt nur Erscheinung wäre, wie es die Mctaphysiker annehmen, so käme die Kunst der wirklichen Welt ziemlich nahe zu stehen: denn zwischen der Erscheinungs- Welt und der Traumbild- Welt des Künst- lers gäbe es dann gar zu viel Aehnliches; und die übrig- bleibende Verschiedenheit stellte sogar die Bedeutung der Kunst höher, als die Bedeutung der Natur, weil die Kunst das Gleichförmige, die Typen und Vorbilder der Natur darstellte. — Jene Voraussetzungen sind aber falsch : welche Stellung bleibt nach dieser Erkenntniss jetzt noch der Kunst? Vor Allem hat sie durch Jahrtausende hindurch gelehrt, mit Interesse und Lust auf das Leben in jeder Gestalt zu sehen und unsere Empfindung so weit zu bringen, dass wir endlich rufen: „wie es auch sei, das Leben, es ist gut!" Diese Lehre der Kunst, Digitized by Google — 203 — Lust am Dasein zu haben und das Menschenleben wie ein Stück Xatur, ohne zu heftige Mitbewegung, als Gegenstand gesetzmässiger Entwickelung anzusehen, — diese Lehre ist in uns hineingewachsen, sie kommt jetzt als allgewaltiges Bedürfniss des Erkennens wieder ans Licht. Man könnte die Kunst aufgeben, würde damit aber nicht die von ihr gelernte Fähigkeit einbüssen: ebenso wie man die Religion aufgegeben hat, nicht aber die durch sie erworbenen Gcmüths- Steigerungen und Erhebungen. Wie die bildende Kunst und die Musik der Maassstab des durch die Religion wirklich erworbenen und hinzugewonnenen Gefühls-Reichthumes ist, so würde nach einem Verschwinden der Kunst die von ihr gepflanzte Intensität und Vielartigkeit der Lebensfreude immer noch Befriedigung fordern. Der wissenschaftliche Mensch ist die Weiterentwickelung des künstlerischen. Abendröthe der Kunst. — Wie man sich im Alter der Jugend erinnert und Gedächtnissfeste feiert, so steht bald die Menschheit zur Kunst im Verhältniss einer rührenden Erinnerung an die Freuden der Jugend. Vielleicht dass früher niemals die Kunst so tief und seelenvoll erfasst wurde, wie jetzt, wo die Magie des Todes dieselbe zu umspielen scheint. Man denke an jene griechische Stadt in Unteritalien'), welche an Einem Tage des Jahres noch ihre griechischen Feste feierte, unter Wehmuth und Thränen darüber, dass immer mehr die ausländische Barbarei über ihre mitgebrachten Sitten trium- phire; niemals hat man wohl das Hellenische so genossen, nirgendswo diesen goldenen Nektar mit solcher Wollust ') Pästum. (Siehe den Anfang der „Vermischten Tischgespräche" des Aristoxenus.) Digitized by Google — 204 — geschlürft, als unter diesen absterbenden Hellenen. Den Künstler wird man bald als ein herrliches Ueberbleibsel ansehen und ihm, wie einem wunderbaren Fremden, an dessen Kraft und Schönheit das Glück früherer Zeiten hieng, Ehren erweisen, wie wir sie nicht gleich Unseres- glcichen gönnen. Das Beste an uns ist vielleicht aus Empfindungen früherer Zeiten vererbt, zu denen wir jetzt auf unmittelbarem Wege kaum mehr kommen können; die Sonne ist schon hinuntergegangen, aber der Himmel unseres Lebens glüht und leuchtet noch von ihr her, ob wir sie schon nicht mehr sehen. Digitized by Google Fünftes Hauptstück. Anzeichen höherer und niederer Kultur. Digitized by Google 224- Veredelung durch Entartung-. — Aus der Ge- schichte ist zu lernen, dass der Stamm eines Volkes sich am besten erhält, in welchem die meisten Menschen lebendigen Gemeinsinn in Folge der Gleichheit ihrer gewohnten und undiskutirbaren Grundsätze, also in Folge ihres gemeinsamen Glaubens haben. Hier erstarkt die gute, tüchtige Sitte, hier wird die Unterordnung des Individuums gelernt und dem Charakter Festigkeit schon als Angebinde gegeben und nachher noch anerzogen. Die Gefahr dieser starken, auf gleichartige, charaktervolle Individuen gegründeten Gemeinwesen ist die allmählich durch Vererbung gesteigerte Verdummung, welche nun einmal aller Stabilität wie ihr Schatten folgt. Ks sind die ungebundneren, viel unsichreren und moralisch schwächeren Individuen, an denen das geistige Fortschreiten in solchen Gemeinwesen hängt: es sind die Menschen, welche Neues und überhaupt Vielerlei versuchen. Unzählige dieser Art gehen, ihrer Schwäche wegen, ohne sehr er- sichtliche Wirkung zu Grunde; aber im Allgemeinen, zumal wenn sie Nachkommen haben, lockern sie auf und bringen von Zeit zu Zeit dem stabilen Elemente eines Gemeinwesens eine Wunde bei. Gerade an dieser wunden und schwach gewordenen Stelle wird dem gesammten Digitized by Google Wesen etwas Neues gleichsam inoculirt; seine Kraft im Ganzen muss aber stark genug sein, um dieses Neue in sein Blut aufnehmen und es sich assimiliren zu können. Die abartenden Naturen sind überall da von höchster Bedeutung, wo ein Fortschritt erfolgen soll. Jedem Fort- schritt im Grossen muss eine theilweise Schwächung vor- hergehen. Die stärksten Naturen halten den Typus fest, die schwächeren helfen ihn fortbilden. — Etwas Aehn- liches ergiebt sich für den einzelnen Menschen; selten ist eine Entartung, eine Verstümmelung, selbst ein Laster und überhaupt eine körperliche oder sittliche Einbusse, ohne einen Vortheil auf einer anderen Seite. Der kränkliche Mensch zum Beispiel wird vielleicht, inmitten eines kriegerischen und unruhigen Stammes, mehr Ver- anlassung haben, für sich zu sein und dadurch ruhiger und weiser zu werden, der Einäugige wird Ein stärkeres Auge haben, der Blinde wird tiefer in's Innere schauen und jedenfalls schärfer hören. Insofern scheint mir der berühmte „Kampf um's Dasein" nicht der einzige Gesichts- punkt zu sein, aus dem das Fortschreiten oder Stärker- werden eines Menschen, einer Rasse erklärt werden kann. Vielmehr muss sich Zweierlei zusammenfinden: einmal die Mehrung der stabilen Kraft durch Bindung der Geister in Glauben und Gemeingefühl; sodann die Möglichkeit, zu höheren Zielen zu gelangen, dadurch dass entartende Naturen vorkommen und, in Folge davon, theilweise Schwächungen und Verwundungen der stabilen Kraft (— gerade die schwächere Natur, als die zartere und feinere, macht alles Fortschreiten überhaupt möglich). Ein Volk, das irgendwo angebröckelt und schwach wird, aber im Ganzen noch stark und gesund ist, vermag das Neue in sich aufzunehmen und es sich zum Vortheil ein- zuverleiben. Bei dem einzelnen Menschen lautet die Digitized by Google — zog — Aufgabe der Erziehung so: ihn dermaassen fest und sicher hinzustellen, dass er als Ganzes gar nicht mehr aus seiner Bahn abgelenkt werden kann. Dann aber hat der Er- zieher diesem Zögling Wunden beizubringen oder die Wunden, die das Schicksal demselben schlägt, zu benutzen: sind auf diese Weise Schmerz und Bedürfhiss entstanden, so kann in die verwundeten Stellen etwas Neues und Edles inoculirt werden. Der gesammte Organismus wird es in sich hineinnehmen und später, an seinen Früchten, die Veredelung erkennen lassen. — Was den Staat betrifft, so sagt Macchiavelli, dass „die Form der Regierungen von sehr geringer Bedeutung ist, obgleich halbgebildete Leute anders denken. Das grosse Ziel der Staatskunst sollte Dauer sein, welche alles Andere aufwiegt, indem sie weit werthvoller ist, als Freiheit." Nur bei sicher begründeter und verbürgter grosster Dauer ist stetige Entwickelung und veredelnde Inoculation überhaupt möglich. Freilich wird gewöhnlich die gefährliche Ge- nossin aller Dauer, die Autorität, sich dagegen wehren. 225. Freigeist ein relativer Begriff. — Man nennt Den einen Freigeist, welcher anders denkt, als man von ihm auf Grund seiner Herkunft, Umgebung, seines Standes und Amtes oder auf Grund der herrschenden Zeitansichten erwartet. Er ist die Ausnahme, die gebundenen Geister sind die Regel; diese werfen ihm vor, dass seine freien Grundsätze ihren Ursprung entweder in der Sucht, aufzu- fallen, haben oder gar auf freie Handlungen, das heisst auf solche, welche mit der gebundenen Moral unvereinbar sind, schliessen lassen. Bisweilen sagt man auch, diese oder jene freien Grundsätze seien aus Verschrobenheit und Ueberspanntheit des Kopfes herzuleiten; doch spricht Nie tische, Menschliches, Allzunien%chlichcs I. ,1 Digitized by Google so nur die Bosheit, die damit schaden will, — wenn sie gleich selber an Das nicht glaubt, was sie sagt: denn das Zeugniss für die grössere Güte und Schärfe seines Intellektes ist dem Freigeist gewöhnlich in's Gesicht geschrieben, so lesbar, dass es die gebundenen Geister gut genug verstehen. Die beiden andern Ableitungen der Freigeisterei hingegen sind redlich gemeint; in der That entstehen auch viele Freigeister auf die eine oder die andere Art. Deshalb könnten aber die Sätze, zu denen sie auf jenen Wegen gelangten, doch wahrer und zu- verlässiger sein, als die der gebundenen Geister. Bei der Erkenntniss der Wahrheit kommt es darauf an, dass man sie hat, — nicht darauf, aus welchem Antrieb man sie suchte, auf welchem Wege man sie fand. Haben die Freigeister Recht, so haben die gebundenen Geister Unrecht, gleichgültig, ob die ersteren aus Unmoralität zur Wahrheit gekommen sind, oder ob die anderen aus Moralität bisher an der Unwahrheit festgehalten haben. — Uebrigens gehört es nicht zum Wesen des Freigeistes, dass er richtigere Ansichten hat, sondern vielmehr, dass er sich von dem Herkömmlichen gelöst hat, sei es mit Glück oder mit einem Misserfolg. Für gewöhnlich wird er aber doch die Wahrheit oder mindestens den Geist der Wahrheitsforschung auf seiner Seite haben: er fordert Gründe, die Anderen Glauben. 226. Herkunft des Glaubens. — Der gebundene Geist nimmt seine Stellung nicht aus Gründen ein, sondern aus Gewöhnung. Er ist zum Beispiel Christ, nicht weil er die Einsicht in die verschiedenen Religionen und die Wahl zwischen ihnen gehabt hätte ; er ist Engländer, nicht weil er sich für England entschieden hat, sondern — er fand V Digitized by Google — 211 das Christenthum und das Engländerthum vor und nahm sie an ohne Gründe, wie Jemand, der in einem Weinlande geboren wurde, ein Weintrinker wird. Später, als er Christ und Engländer war, hat er vielleicht auch einige Gründe zu Gunsten seiner Gewöhnung ausfindig gemacht; man mag diese Gründe umwerfen, damit wirft man ihn in seiner ganzen Stellung nicht um. Man nöthige zum Beispiel einen gebundenen Geist, seine Gründe gegen die Bigamie vorzubringen, dann wird man erfahren, ob sein heiliger Eifer für die Monogamie auf Gründen oder auf Angewöhnung beruht. — Angewöhnung geistiger Grund- sätze ohne Gründe nennt man Glauben. 227. Aus den Folgen auf Grund und Ungrund zurückgeschlossen. — Alle Staaten und Ordnungen der Gesellschaft: die Stände, die Ehe, die Erziehung, das Recht, alles dies hat seine Kraft und Dauer allein in dem Glauben der gebundenen Geister an sie, — also in der Abwesenheit der Gründe, mindestens in der Abwehr des Fragens nach Gründen. Das wollen die gebundenen Geister nicht gern zugeben und sie fühlen wohl, dass es ein Pudendum ist. Das Christenthum, das sehr unschuldig in seinen intellektuellen Einfällen war, merkte von diesem Pudendum Nichts, forderte Glauben und Nichts als Glauben und wies das Verlangen nach Gründen mit Leidenschaft ab; es zeigte auf den Erfolg des Glaubens hin: ihr werdet den Vortheil des Glaubens schon spüren, deutete es an, ihr sollt durch ihn selig werden. Thatsächlich verfährt der Staat ebenso und jeder Vater erzieht in gleicher Weise seinen Sohn: halte dies nur für wahr, sagt er, du wirst spüren, wie gut es thut. Dies bedeutet aber, dass aus dem persönlichen Nutzen, den eine Meinung einträgt, ihre 14* Digitized by Google Wahrheit erwiesen werden soll, die Zuträglichkeit einer Lehre soll für die intellektuelle Sicherheit und Begründet- heit Gewähr leisten. Es ist dies so, wie wenn der An- geklagte vor Gericht spräche: mein Vertheidiger sagt die volle Wahrheit, denn seht nur zu, was aus seiner Rede folgt : ich werde freigesprochen. — Weil die gebundenen Geister ihre Grundsätze des Nutzens wegen haben, so vermuthen sie auch beim Freigeist, dass er mit seinen Ansichten ebenfalls seinen Nutzen suche und nur Das für wahr halte, was ihm gerade frommt. Da ihm aber das Entgegengesetzte von dem zu nützen scheint, was seinen Landes- oder Standesgenossen nützt, so nehmen diese an, dass seine Grundsätze ihnen gefährlich sind; sie sagen oder fühlen: er darf nicht Recht haben, denn er ist uns schädlich. 228. Der starke, gute Charakter. — Die Gebundenheit der Ansichten, durch Gewöhnung zum Instinkt geworden, führt zu dem, was man Charakterstärke nennt. Wenn Jemand aus wenigen, aber immer aus den gleichen Moti- ven handelt, so erlangen seine Handlungen eine grosse Energie; stehen diese Handlungen im Einklänge mit den Grundsätzen der gebundenen Geister, so werden sie anerkannt und erzeugen nebenbei in Dem, der sie thut, die Empfindung des guten Gewissens. Wenige Motive, energisches Handeln und gutes Gewissen machen Das aus, was man Charakterstärke nennt. Dem Charakter- starken fehlt die Kenntniss der vielen Möglichkeiten und Richtungen des Handelns: seine Vernunft ist unfrei, ge- bunden, weil sie ihm in einem gegebenen Falle vielleicht nur zwei Möglichkeiten zeigt; zwischen diesen muss er jetzt, gemäss seiner ganzen Natur, mit Notwendigkeit wählen, und er thut dies leicht und schnell, weil er nicht Digitized by Google — 2 13 — zwischen fünfzig Möglichkeiten zu wählen hat. Die er- ziehende Umgebung will jeden Menschen unfrei machen, indem sie ihm immer die geringste Zahl von Möglichkeiten vor Augen stellt. Das Individuum wird von seinen Er- ziehern behandelt, als ob es zwar etwas Neues sei, aber eine Wiederholung werden solle. Erscheint der Mensch zunächst als etwas Unbekanntes, nie Dagewesenes, so soll er zu etwas Bekanntem, Dagewesenem gemacht werden. Einen guten Charakter nennt man an einem Kinde das Sichtbar - werden der Gebundenheit durch das Dagewesene; indem das Kind sich auf die Seite der gebundenen Geister stellt, bekundet es zuerst seinen erwachenden Gemeinsinn ; auf der Grundlage dieses Gemeinsinns aber wird es später seinem Staate oder Stande nützlich. 229. Maass der Dinge bei den gebundenen Geistern. — Von vier Gattungen der Dinge sagen die gebundenen Geister, sie seien im Rechte. Erstens: alle Dinge, welche Dauer haben, sind im Recht; zweitens: alle Dinge, welche uns nicht lästig fallen, sind im Recht; drittens: alle Dinge, welche uns Vortheil bringen, sind im Recht; viertens: alle Dinge, für welche wir Opfer gebracht haben, sind im Recht. Letzteres erklärt zum Beispiel, weshalb ein Krieg, der wider Willen des Volkes begonnen wurde, mit Begeisterung fortgeführt wird, sobald erst Opfer gebracht sind. — Die Freigeister, welche ihre Sache vor dem Forum der gebundenen Geister führen, haben nachzuweisen, dass es immer Freigeister gegeben hat, also dass die Freigeisterei Dauer hat, sodann, dass sie nicht lästig fallen wollen, und endlich, dass sie den . gebundenen Geistern im Ganzen Vortheil bringen; aber weil sie von diesem Letzten die gebundenen Geister Digitized by Google — 214 — nicht überzeugen können, nützt es ihnen Nichts, den ersten und zweiten Punkt bewiesen zu haben. 230. Esprit fort. — Verglichen mit Dem, welcher das Herkommen auf seiner Seite hat und keine Gründe für sein Handeln braucht, ist der Freigeist immer schwach, namentlich im Handeln; denn er kennt zu viele Motive und Gesichtspunkte und hat deshalb eine unsichere, ungeübte Hand. Welche Mittel giebt es nun, um ihn doch verhältnissmässig stark zu machen, sodass er sich wenigstens durchsetzt und nicht wirkungslos zu Grunde geht ? Wie entsteht der starke Geist (esprit fort) ? Es ist dies in einem einzelnen Falle die Frage nach der Erzeugung des Genius. Woher kommt die Energie, die unbeugsame Kraft, die Ausdauer, mit welcher der Einzelne, dem Herkommen entgegen, eine ganz individuelle Er- kenntniss der Welt zu erwerben trachtet? 231. Die Entstehung des Genie's. — Der Witz des Gefangenen, mit welchem er nach Mitteln zu seiner Be- freiung sucht, die kaltblütigste und langwierigste Benützung jedes kleinsten Vortheils kann lehren, welcher Handhabe sich mitunter die Natur bedient, um das Genie — ein Wort, das ich ohne allen mythologischen und religiösen Beigeschmack zu verstehen bitte — zu Stande zu bringen : sie fängt es in einen Kerker ein und reizt seine Begierde, sich zu befreien, auf das äusserste. — Oder mit einem anderen Bilde: Jemand, der sich auf seinem Wege im Walde völlig verirrt hat, aber mit ungemeiner Energie nach irgend einer Richtung hin in's Freie strebt, entdeckt mitunter einen neuen Weg, welchen Niemand kennt: Digitized by Google - 2I5 — auf ähnliche Weise entstehen die Genie's, denen man Originalität nachrühmt. — Es wurde schon erwähnt, dass eine Verstümmelung, Verkrüppelung, ein erheblicher Mangel eines Organs häutig die Veranlassung dazu giebt, dass ein anderes Organ sich ungewöhnlich gut entwickelt, weil es seine eigene Funktion und noch eine andere zu ver- sehen hat. Hieraus ist der Ursprung mancher glänzenden Begabung zu errathen. — Aus diesen allgemeinen An- deutungen über die Entstehung des Genius mache man die Anwendung auf den speciellen Fall, die Entstehung des vollkommenen Freigeistes. 232. Vermuthung über den Ursprung der Frei- geisterei. — Ebenso wie die Gletscher zunehmen, wenn in den Aequatorialgegenden die Sonne mit grösserer Gluth als früher auf die Meere niederbrennt, so mag auch wohl eine sehr starke, um sich greifende Freigeisterei Zeugniss dafür sein, dass irgendwo die Gluth der Em- pfindung ausserordentlich gewachsen ist. 233. Die Stimme der Geschichte. — Im Allgemeinen scheint die Geschichte über die Erzeugung des Genius folgende Belehrung zu geben: „Misshandelt und quält die Menschen! — so ruft sie den Leidenschaften Neid, Hass und Wetteifer zu — treibt sie zum Aeussersten! den Einen wider den Andern, das Volk gegen das Volk! und zwar durch Jahrhunderte hindurch! Dann flammt vielleicht, gleichsam aus einem bei Seite fliegenden Funken der dadurch entzündeten furchtbaren Energie, auf einmal das Licht des Genius empor! Der Wille, wie ein Ross durch den Sporn des Reiters wild gemacht, bricht dann aus und Digitized by Google — 2 1 6 — springt auf ein anderes Gebiet über." — Wer zum Be- wusstsein über die Erzeugung des Genius käme und die Art, wie die Natur gewöhnlich verfährt, auch praktisch durchführen wollte, würde gerade so böse und rücksichtslos wie die Natur sein müssen. — Aber vielleicht haben wir uns verhört. 234« Werth der Mitte des Wegs. — Vielleicht ist die Erzeugung des Genius nur einem begrenzten Zeiträume der Menschheit vorbehalten. Denn man darf von der Zukunft der Menschheit nicht zugleich alles Das erwarten, was ganz bestimmte Bedingungen irgend welcher Ver- gangenheit allein hervorzubringen vermochten; zum Bei- spiel nicht die erstaunlichen Wirkungen des religiösen Gefühles. Dieses selbst hat seine Zeit gehabt und vieles sehr Gute kann nie wieder wachsen, weil es allein aus ihm wachsen konnte. So wird es nie wieder einen reli- giös umgrenzten Horizont des Lebens und der Kultur geben. Vielleicht ist selbst der Typus des Heiligen nur bei einer gewissen Befangenheit des Intellektes möglich, mit der es, wie es scheint, für alle Zukunft vorbei ist. Und so ist die Höhe der Intelligenz vielleicht einem ein- zelnen Zeitalter der Menschheit aufgespart gewesen: sie trat hervor - und tritt hervor, denn wir leben noch in diesem Zeitalter — , als eine ausserordentliche, lang ange- sammelte Energie des Willens sich ausnahmsweise auf geistige Ziele durch Vererbung übertrug. Es wird mit jener Höhe vorbei sein, wenn diese Wildheit und Energie nicht mehr gross gezüchtet werden. Die Menschheit kommt vielleicht auf der Mitte ihres Weges, in der mitt- leren Zeit ihrer Existenz, ihrem eigentlichen Ziele näher, als am Ende. Es konnten Kräfte, durch welche zum Digitized by Google — 2I7 — Beispiel die Kunst bedingt ist, geradezu aussterben; die Lust am Lügen, am Ungenauen, am Symbolischen, am Rausche, an der Ekstase könnte in Missachtung kommen. Ja, ist das Leben erst im vollkommenen Staate geordnet, so ist aus der Gegenwart gar kein Motiv zur Dichtung mehr zu entnehmen, und es würden allein die zurückge- bliebenen Menschen sein, welche nach dichterischer Un- wirklichkeit verlangten. Diese würden dann jedenfalls mit Sehnsucht rückwärts schauen, nach den Zeiten des unvollkommenen Staates, der halb-barbarischen Gesell- schaft: — nach unseren Zeiten. 235. Genius und idealer Staat in Widerspruch. — Die Socialisten begehren für möglichst Viele ein Wohl- leben herzustellen. Sobald die dauernde Heimat dieses Wohllebens, der vollkommene Staat, wirklich erreicht wäre, würde durch dieses Wohlleben der Erdboden, aus dem der grosse Intellekt und überhaupt das mächtige Individuum wächst, zerstört sein: ich meine die starke Energie. Die Menschheit würde, sobald eben dieser Staat erreicht wäre, zu matt geworden sein, um den Genius noch erzeugen zu können. Müsste man somit nicht wünschen, dass das Leben seinen gewaltsamen Charakter behalte und dass immer von Neuem wieder wilde Kräfte und Energien hervorgerufen würden? Nun will das warme, mitfühlende Herz gerade die Beseitigung jenes gewalt- samen und wilden Charakters, und das wärmste Herz, das man sich denken kann, würde eben darnach am leidenschaftlichsten verlangen: während doch gerade seine Leidenschaft aus jenem wilden und gewaltsamen Charakter des Lebens ihr Feuer, ihre Wärme, ja ihre Existenz genommen hat; das wärmste Herz will also Beseitigung Digitized by Google — 218 — seines Fundamentes, Vernichtung seiner selbst, das heisst doch: es will etwas Unlogisches, es ist nicht intelligent Die höchste Intelligenz und das wärmste Herz können nicht in einer Person beisammen sein, und der Weise, welcher über das Leben das Urtheil spricht, stellt sich auch über die Güte und betrachtet diese nur als Etwas, das bei der Gesammtrechnung des Lebens mit abzuschätzen ist. Der Weise muss jenen ausschweifenden Wünschen der unintelligenten Güte widerstreben, weil ihm an dem Fortleben seines Typus und an dem endlichen Entstehen des höchsten Intellektes gelegen ist; mindestens wird er der Begründung des „vollkommenen Staates" nicht för- derlich sein, insofern in ihm nur ermattete Individuen Platz haben. Christus dagegen, den wir uns einmal als das wärmste Herz denken wollen, förderte die Verdum- mung der Menschen, stellte sich auf die Seite der geistig Armen und hielt die Erzeugung des höchsten Intellektes auf: und dies war consequent. Sein Gegenbild, der voll- kommene Weise — dies darf man wohl vorhersagen — wird ebenso nothwendig der Erzeugung eines Christus hinderlich sein. — Der Staat ist eine kluge Veranstaltung zum Schutz der Individuen gegen einander: übertreibt man seine Veredelung, so wird zuletzt das Individuum durch ihn geschwächt, ja aufgelöst, — also der ursprüng- liche Zweck des Staates am gründlichsten vereitelt. Die Zonen der Kultur. — Man kann gleichniss- weise sagen, dass die Zeitalter der Kultur den Gürteln der verschiedenen Klimate entsprechen, nur dass sie hinter einander und nicht, wie die geographischen Zonen, neben einander liegen. Im Vergleich mit der gemässigten Zone der Kultur, in welche überzugchen unsere Aufgabe Digitized by Google — 2 ig — ist, macht die vergangene Kultur im Ganzen und Grossen den Eindruck eines tropischen Klima's: — gewaltsame Gegensätze, schroffer Wechsel von Tag und Nacht, Gluth und Farbenpracht, die Verehrung alles Plötzlichen, Ge- heimnissvollen, Schrecklichen, die Schnelligkeit der herein- brechenden Unwetter, überall das verschwenderische Ueberströmen der Füllhörner der Natur: und dagegen — in unserer Kultur — ein heller, doch nicht leuchtender Himmel, reine, ziemlich gleich verbleibende Luft, Schärfe, ja Kälte gelegentlich: so heben sich beide Zonen gegen einander ab. Wenn wir sehen, wie dort die wüthendsten Leidenschaften durch metaphysische Vorstellungen mit un- heimlicher Gewalt niedergerungen und zerbrochen werden, so ist es uns zu Muthe, als ob vor unsern Augen wilde Tiger unter den Windungen ungeheurer Schlangen zer- drückt würden; unserem geistigen Klima fehlen solche Vorkommnisse, unsere Phantasie ist gemässigt, selbst im Traume kommt uns Das nicht bei, was frühere Völker im Wachen sahen. — Aber sollten wir über diese Ver- änderung nicht glücklich sein dürfen? selbst zugegeben, dass die Künstler durch das Verschwinden der tropischen Kultur wesentlich beeinträchtigt sind und uns Nicht- Künstler ein Wenig zu nüchtern finden? Insofern haben Künstler wohl das Recht, den „Fortschritt" zu leugnen; denn in der That: ob die letzten drei Jahrtausende in den Künsten einen fortschreitenden Verlauf zeigen, das lässt sich mindestens bezweifeln. Ebenso wird ein meta- physischer Philosoph, wie Schopenhauer, keinen Anlass haben, den Fortschritt zu erkennen, wenn er die letzten vier Jahrtausende in Bezug auf metaphysische Philosophie und Religion überblickt. — Uns gilt aber die Existenz der gemässigten Zone der Kultur selbst als P^ortschritt. Digitized by Google — 220 — 237- Renaissance und Reformation. — Die italienische Renaissance barg in sich alle die positiven Gewalten, welchen man die moderne Kultur verdankt: also Befreiung des Gedankens, Missachtung der Autoritäten, Sieg der Bildung über den Dünkel der Abkunft, Begeisterung für die Wissenschaft und die wissenschaftliche Vergangenheit der Menschen, Entfesselung des Individuums, eine Gluth der Wahrhaftigkeit und Abneigung gegen Schein und blossen Effekt (welche Gluth in einer ganzen Fülle künstlerischer Charaktere hervorloderte, die Vollkommen- heit in ihren Werken und Nichts als Vollkommenheit mit höchster sittlicher Reinheit von sich forderten); ja, die Renaissance hatte positive Kräfte, welche in unserer bisherigen modernen Kultur noch nicht wieder so mächtig geworden sind. Es war das goldene Zeitalter dieses Jahrtausends, trotz aller Flecken und Laster. — Dagegen hebt sich nun die deutsche Reformation ab als ein energischer Protest zurückgebliebener Geister, welche die Weltanschauung des Mittelalters noch keineswegs satt hatten und die Zeichen ihrer Auflösung, die ausser- ordentliche Verflachung und Veräusserlichung des religiösen Lebens, anstatt mit Frohlocken, wie sich gebührt, mit tiefem Unmuthe empfanden. Sie warfen mit ihrer nor- dischen Kraft und Halsstarrigkeit die Menschen wieder zurück, erzwangen die Gegenreformation, das heisst ein katholisches Christenthum der Nothwehr, mit den Gewalt- samkeiten eines Belagerungszustandes, und verzögerten um zwei bis drei Jahrhunderte ebenso das völlige Erwachen und Herrschen der Wissenschaften, als sie das völlige In- Fins- Verwachsen des antiken und des modernen Geistes vielleicht für immer unmöglich gemacht haben. Die Digitized by Google — 221 grosse Aufgabe der Renaissance konnte nicht zu Ende gebracht werden, der Protest des inzwischen zurück- gebliebenen deutschen Wesens (welches im Mittelalter Vernunft genug gehabt hatte, um immer und immer wieder zu seinem Heile über die Alpen zu steigen) verhinderte dies. Es lag in dem Zufall einer ausser- ordentlichen Constellation der Politik, dass damals Luther erhalten blieb und jener Protest Kraft gewann : denn der Kaiser schützte Luther, um dessen Neuerung gegen den Papst als Werkzeug des Druckes zu verwenden, — und ebenfalls begünstigte ihn im Stillen der Papst, um die protestantischen Reichsfürsten als Gegengewicht gegen den Kaiser zu benutzen. Ohne dies seltsame Zusammen- spiel der Absichten wäre Luther verbrannt worden wie Huss — und die Morgcnrothe der Aufklärung vielleicht etwas früher und mit schönerem Glänze, als wir jetzt ahnen können, aufgegangen. Gerechtigkeit gegen den werdenden Gott. Wenn sich die ganze Geschichte der Kultur vor den Blicken aufthut als ein Gewirr von bösen und edlen, wahren und falschen Vorstellungen und es Einem beim Anblick dieses Wellenschlags fast seekrank zu Muthe wird, so begreift man, welcher Trost in der Vorstellung eines werdenden Gottes liegt: dieser Gott enthüllt sich immer mehr in den Verwandlungen und Schicksalen der Menschheit, „es ist nicht Alles blinde Mechanik, sinn- und zweckloses Durcheinanderspielen von Kräften!" Die Vergottung des Werdens war ein metaphysischer Ausblick — gleichsam von einem Leuchtthurm am Meere der Geschichte herab — , an welchem eine allzuviel histo- risirende Gelehrtengcneration ihren Trost fand; darüber Digitized by Google darf man nicht böse werden, so irrthünilich jene Vorstellung auch sein mag. Nur wer, wie Schopenhauer, die Ent- wickelung leugnet, fühlt auch Nichts von dem Elend dieses historischen Wellenschlags und darf deshalb, weil er von jenem werdenden Gotte und dem Bedürfniss seiner Annahme Nichts weiss, Nichts fühlt, billigerweise seinen Spott auslassen. 239- Die Früchte nach der J ahreszeit. — Jede bessere Zukunft, welche man der Menschheit anwünscht, ist not- wendigerweise auch in manchem Betracht eine schlechtere Zukunft: denn es ist Schwärmerei, zu glauben, dass eine höhere neue Stufe der Menschheit alle die Vorzüge früherer Stufen in sich vereinigen werde und zum Bei- spiel auch die höchste Gestaltung der Kunst erzeugen müsse. Vielmehr hat jede Jahreszeit ihre Vorzüge und Reize für sich und schliesst die der anderen aus. Das, was aus der Religion und in ihrer Nachbarschaft gewachsen ist, kann nicht wieder wachsen, wenn sie zerstört ist; — höchstens können verirrte, spät kommende Absenker zur Täuschung darüber verleiten, ebenso wie die zeitweilig ausbrechende Erinnerung an die alte Kunst: ein Zustand, der wohl das Gefühl des Verlustes, der Entbehrung ver- räth, aber kein Beweis für die Kraft ist, aus der eine neue Kunst geboren werden könnte. 240. Zunehmende Severität der Welt. — Je höher die Kultur eines Menschen steigt, um so mehr Gebiete entziehen sich dem Scherz, dem Spotte. Voltaire war für die Erfindung der Ehe und der Kirche von Herzen dem Himmel dankbar: als welcher damit so gut für Digitized by Google — 223 " unsere Aufheiterung gesorgt habe. Aber er und seine Zeit, und vor ihm das sechszehnte Jahrhundert, haben diese Themen zu Ende gespottet; es ist Alles, was jetzt Einer auf diesem Gebiete noch witzelt, verspätet und vor Allem gar zu wohlfeil, als dass es die Käufer begehrlich machen könnte. Jetzt fragt man nach den Ursachen ; wir leben im Zeitalter des Ernstes. Wem liegt jetzt noch daran, die Differenzen zwischen Wirklichkeit und anspruchsvollem Schein, zwischen dem, was der Mensch ist und was er vorstellen will, in scherzhaftem Lichte zu sehen? Diese Contraste empfindet man ganz anders, sobald man nach den Gründen sucht. Je gründlicher Jemand das Leben versteht, desto weniger wird er spotten, — nur dass er zuletzt vielleicht noch über die „Gründlichkeit seines Yer- stehens" spottet. 241. Genius der Kultur. — Wenn Jemand einen Genius der Kultur imaginiren wollte, wie würde dieser beschaffen sein? Er handhabt die Lüge, die Gewalt, den rücksichts- losesten Eigennutz so sicher als seine Werkzeuge, dass er geradezu ein böses dämonisches Wesen zu nennen wäre ; aber seine Ziele, welche hie und da durchleuchten, sind gross und gut. Es ist ein Centaur, halb Thier, halb Mensch, und hat noch Engelsflügel dazu am Haupte. 242. Wund er- Erziehung. — Das Interesse an der Er- ziehung wird erst von dem Augenblicke an grosse Stärke bekommen, wo man den Glauben an einen Gott und seine Fürsorge aufgiebt: ebenso wie die Heilkunst erst erblühen konnte, als der Glaube an Wunder-Kuren auf- hörte. Bis jetzt glaubt aber alle Welt noch an die Digitized by Google — 2 24 — Wunder-Erziehung: aus der grössten Unordnung, Ver- worrenheit der Ziele, Ungunst der Verhältnisse sah man ja die fruchtbarsten, mächtigsten Menschen erwachsen: wie konnte dies doch mit rechten Dingen zugehen? — Jetzt wird man, bald auch in diesen Fällen, näher zusehen, sorgsamer prüfen: Wunder wird man dabei niemals ent- decken. Unter gleichen Verhältnissen gehen fortwährend unzählig viele Menschen zu Grunde: das einzelne gerettete Individuum ist dafür gewöhnlich stärker geworden, weil es diese schlimmen Umstände vermöge unverwüstlicher eingeborener Kraft ertrug und diese Kraft dabei noch geübt und vermehrt hat: so erklärt sich das Wunder. Eine Erziehung, welche an kein Wunder mehr glaubt, wird auf Dreierlei zu achten haben: erstens, wie viel Energie ist vererbt? zweitens, wodurch kann noch neue Energie entzündet werden? drittens, wie kann das Individuum den so überaus vielartigen Ansprüchen der Kultur angepasst werden, ohne dass diese es beunruhigen und seine Ein- artigkeit zersplittern, - kurz, wie kann das Individuum in den Contrapunkt der privaten und öffentlichen Kultur eingereiht werden? wie kann es die Melodie führen und zugleich als Melodie begleiten ? 243. Die Zukunft des Arztes. — Es giebt keinen Beruf, der eine so hohe Steigerung zuliesse, wie der des Arztes; namentlich jetzt, da die geistlichen Aerzte, die sogenannten Seelsorger, ihre Beschwörungskünste nicht mehr unter öffentlichem Beifalle treiben dürfen und ein Gebildeter ihnen aus dem Wege geht. Die höchste geistige Aus- bildung eines Arztes ist noch nicht erreicht, wenn er die besten neuesten Methoden kennt und auf sie eingeübt ist und jene fliegenden Schlüsse von Wirkungen auf Digitized by Google — 225 — Ursachen zu machen versteht, derentwegen die Dia- gnostiker berühmt sind: er muss ausserdem eine Beredt- samkeit haben, die sich jedem Individuum anpasst und ihm das Herz aus dem Leibe zieht, eine Männlichkeit, deren Anblick schon den Kleinmuth (den Wurmfrass aller Kranken) verscheucht, eine Diplomaten-Geschmeidig- keit im Vermitteln zwischen Solchen, welche Freude zu ihrer Genesung nöthig haben, und Solchen, die aus Gesundheitsgründen Freude machen müssen (und können), die Feinheit eines Polizei- Agenten und Advokaten, um die Geheimnisse einer Seele zu verstehen, ohne sie zu verrathen, — kurz ein guter Arzt bedarf jetzt der Kunstgriffe und Kunstvorrechte aller andern Berufsklassen : so ausgerüstet, ist er dann im Stande, der menschlichen Gesellschaft ein Wohlthäter zu werden, durch Vermehrung guter Werke, geistiger Freude und Fruchtbarkeit, durch Verhütung von bösen Gedanken, Vorsätzen, Schurkereien (deren ekler Ouell so häufig der Unterleib ist), durch Herstellung einer geistig-leiblichen Aristokratie (als Ehostifter und Ehever- hinderer), durch wohlwollende Abschneidung aller soge- nannten Seelenqualen und Gewissensbisse : so erst wird er aus einem „Medizinmann"*) ein Heiland und braucht doch keine Wunder zu thun, hat auch nicht nöthig, sich kreuzigen zu lassen. In der Nachbarschaft des Wahnsinns. — Die Summe der Empfindungen, Kenntnisse, Erfahrungen, die ganze Last unsrer Kultur, ist so gross geworden, dass eine Ueberreizung der Nerven- und Denkkräfte die all- gemeine Gefahr ist, ja dass die kultivirten Klassen der *) Bekanntlich der indianische Name derjenigen l'rie^ter, die zugleich noch Aerzte und Wahrsager sind. Nietische, Menschlich«, All* uracnscliliches I. 15 244. Digitized by Google — 226 — europäischen Länder durchweg neurotisch sind und fast jede ihrer grösseren Familien in einem Gliede dem Irr- sinn nahe gerückt ist Nun kommt man zwar der Ge- sundheit jetzt auf alle Weise entgegen: dennoch macht sich eine Verminderung jener Spannung des Gefühls, jener niederdrückenden Kultur-Last nöthig, — welche Verminderung, wenn sie selbst mit schweren Einbussen erkauft werden sollte, uns doch zu der grossen Hoffnung einer neuen Renaissance Spielraum giebt. Man hat dem Christenthum, den Philosophen, Dichtern, Musikern eine Ueberfülle tief erregter Empfindungen zu danken: damit diese uns nicht überwuchern, müssen wir den Geist der Wissenschaft beschwören, welcher kälter und skep- tischer macht und namentlich den Gluthstrom des Glaubens an letzte, endgültige Wahrheiten abkühlt; dieser Strom ist vornehmlich durch das Christenthum so wild geworden. 245- Glockenguss der Kultur. — Die Kultur ist ent- standen wie eine Glocke, innerhalb eines Mantels von gröberem, gemeinerem Stoffe: Unwahrheit, Gewaltsam- keit, unbegrenzte Ausdehnung aller einzelnen Ich's, aller einzelnen Völker, waren dieser Mantel. Ist es jetzt an der Zeit, ihn abzunehmen ? Ist das Flüssige erstarrt, sind die guten, nützlichen Triebe, die Gewohnheiten des edleren Gemüthes so sicher und allgemein geworden, dass es keiner Anlehnung an Metaphysik und an die Irrthümer der Religionen mehr bedarf, keiner Härten und Gewaltsam- keiten als mächtigster Bindemittel zwischen Mensch und Mensch, Volk und Volk? — Zur Beantwortung dieser Frage hilft uns kein Wink eines Gottes: unsere eigene Einsicht muss da entscheiden. Die Erdregierung hat der Mensch von nun an selbst in die Hand zu nehmen: seine Digitized by Google 227 — „Allwissenheit" muss über dem weiteren Schicksal der Kultur mit scharfem Auge wachen. 2 \b. Die Cyklopen der Kultur. — Wer jene zerfurchten Kessel sieht, in denen Gletscher gelagert haben, hält es kaum für möglich, dass eine Zeit kommt, wo an der selben Stelle ein Wiesen- und Waldthal mit Bächen darin sich hinzieht. So ist es auch in der Geschichte der Menschheit: die wildesten Kräfte brechen Bahn, zunächst zerstörend, aber ihre Thätigkeit war nöthig, damit später eine mildere Gesittung hier ihr Haus aufschlage. Die schrecklichen Energien — Das, was man das Böse nennt — sind die cyklopischen Architekten und Wegobauer der Humanität. 247. Kreislauf des Menschenthums. — Vielleicht ist das Menschenthum nur eine Entwickelungsphase einer bestimmten Thierart von begrenzter Dauer: sodass der Mensch aus dem Affen geworden ist und wieder zum Affen werden wird, während Niemand da ist, der an diesem verwunderlichen Komödien-Ausgang irgend ein Interesse nähme. Aehnlich wie mit dem Verfalle der römischen Kultur und seiner wichtigsten Ursache, der Ausbreitung des Christenthums, eine allgemeine Verhässlichung des Menschen innerhalb des römischen Reiches überhand nahm, so könnte auch durch den einstmaligen Verfall der allgemeinen Erdkultur eine viel höher gesteigerte Verhässlichung und endlich Verthierung des Menschen, bis in's AfFenhafte, herbeigeführt werden. — Gerade weil wir diese Perspektive in's Auge fassen können, sind wir vielleicht im Stande, einem solchen Ende vorzubeugen. 15* Digitized by Google — 228 — 248. Trostredc eines desperaten Fortschritts. — Unsere Zeit macht den Eindruck eines Interim-Zustandes; die alten Weltbetrachtungen, die alten Kulturen sind noch theilweise vorhanden, die neuen noch nicht sicher und gewohnheitsmässig geworden, daher ohne Geschlossenheit und Consequenz. Es sieht aus, als ob Alles chaotisch werde, das Alte verloren gehe, das Neue Nichts tauge und immer schwächlicher werde. Es ergeht uns wie dem Soldaten, welcher marschiren lernt: eine Zeit lang ist er unsicherer und unbeholfener als je, weil die Muskeln bald nach dem alten System, bald nach dem neuen bewegt werden und noch keines entschieden den Sieg behauptet. Wir schwanken: aber es ist nicht nöthig, dadurch ängstlich zu werden und das Neu-Errungene preiszugeben. Ueber- dies können wir in's Alte nicht zurück, wir haben die Schiffe verbrannt; es bleibt nur übrig, tapfer zu sein, mag nun dabei Dies oder Jenes herauskommen. — Schreiten wir nur zu, kommen wir nur von der Stelle! Vielleicht sieht sich unser Gebahren doch einmal wie Fortschritt an; wenn aber nicht, so mag Friedrich's des Grossen Wort auch zu uns gesagt sein und zwar zum Tröste: Ah, mon eher Sulzer, vous ne connaissez pas assez cette race maudite, ä laquelle nous appartenons. An der Vergangenheit der Kultur leiden. — Wer sich das Problem der Kultur klar gemacht hat, leidet dann an einem ähnlichen Gefühle wie Der, welcher einen durch unrechtmässige Mittel erworbenen Reichthum ererbt hat, oder wie der Fürst, der durch Gewaltthat seiner Vorfahren auf den Thron gekommen ist. Er denkt mit Trauer an seinen Ursprung und ist oft beschämt, oft reiz- 249. Digitized by Google — 229 — bar. Die ganze Summe von Kraft, Lebenswillen, Freude, welche er seinem Besitze zuwendet, balancirt sich oft mit einer tiefen Müdigkeit: er kann seinen Ursprung nicht vergessen. Die Zukunft sieht er wehmüthig an; seine Nachkommen, er weiss es voraus, werden an der Ver- gangenheit leiden gleich ihm. Manieren. — Die feinen Manieren verschwinden in dem Maasse, in welchem der Einfluss des Hofes und einer abgeschlossenen Aristokratie nachlässt: man kann diese Abnahme von Jahrzehnt zu Jahrzehnt beobachten, wenn man ein Auge für die öffentlichen Akte hat: als welche ersichtlich immer pöbelhafter werden. Niemand versteht mehr, auf geistreiche Art zu huldigen und zu schmeicheln; daraus ergiebt sich die lächerliche Thatsache, dass man gegenwärtig in Fällen, wo man Huldigungen darbringen muss (zum Beispiel einem grossen Staatsmanne oder Künstler), die Sprache des tiefsten Gefühls, der treu- herzigen, ehrenfesten Biederkeit borgt — aus Verlegenheit, aus Mangel an Geist und Grazie. So scheint die öffentliche festliche Begegnung der Menschen immer ungeschickter, aber gefühlvoller und biederer, ohne dies zu sein. — Sollte es aber mit den Manieren immerfort bergab gehen? Ich glaube vielmehr, dass die Entwickelung der Manieren eine tiefe Kurve macht und wir uns ihrem niedrigsten Stande nähern. Wenn die Gesellschaft erst ihrer Absichten und Principien sicherer geworden sein wird, sodass diese form- bildend wirken (während jetzt die angelernten Manieren früherer formbildender Zustände immer schwächer vererbt und angelernt werden), so wird es Manieren des Umgangs, Gebärden und Ausdrücke des Verkehrs geben, die so nothwendig und schlicht natürlich erscheinen müssen, als 250. f Digitized by Google — 23Ü — es diese Absichten und Principien sind. Die bessere Vertheilung der Zeit und Arbeit, die zur Begleiterin jeder schönen Mussezeit umgewandelte gymnastische Uebung, das vermehrte und strenger gewordene Nachdenken, welches selbst dem Körper Klugheit und Geschmeidigkeit giebt, bringt dies Alles mit sich. — Hier könnte man mit einigem Spotte unserer Gelehrten gedenken, und fragen, ob denn sie, die doch Vorläufer jener neuen Kultur sein wollen, sich in der That durch bessere Manieren aus- zeichnen? Es ist dies wohl nicht der Fall, obgleich ihr Geist willig genug dazu sein mag: aber ihr Fleisch ist schwach. Die Vergangenheit ist zu mächtig in ihren Muskeln: sie stehen noch in einer unfreien Stellung und sind zur Hälfte weltliche Geistliche, zur Hälfte abhängige Erzieher vornehmer Leute und Stände, und überdies durch Pedanterie der Wissenschaft, durch veraltete geistlose Methoden verkrüppelt und unlebendig gemacht. Sie sind, jedenfalls ihrem Körper nach und oft auch zu Dreiviertel ihres Geistes, immer noch die Höflinge einer alten, ja greisenhaften Kultur und als solche selber greisenhaft; der neue Geist, der gelegentlich in diesen alten Gehäusen rumort, dient einstweilen nur dazu, sie unsicherer und ängstlicher zu machen. In ihnen gehen sowohl die Gespenster der Vergangenheit, als die Gespenster der Zukunft um : was Wunder, wenn sie dabei nicht die beste Miene machen, nicht die gefälligste Haltung haben? 25»- Zukunft der Wissenschaft. — Die Wissenschaft giebt Dem, welcher in ihr arbeitet und sucht, viel Ver- gnügen, Dem, welcher ihre Ergebnisse lernt, sehr wenig. Da allmählich aber alle wichtigen Wahrheiten der Wissen- schaft alltäglich und gemein werden müssen, so hört auch Digitized by Google - 23i - dieses wenige Vergnügen auf: so wie wir beim Lernen des so bewunderungswürdigen Einmaleins längst aufgehört haben, uns zu freuen. Wenn nun die Wissenschaft immer weniger Freude durch sich macht und, durch Verdäch- tigung der tröstlichen Metaphysik, Religion und Kunst, immer mehr Freude nimmt: so verarmt jene grösste Quelle der Lust, welcher die Menschheit fast ihr gesammtes Menschenthum verdankt Deshalb muss eine höhere Kultur dem Menschen ein Doppelgehirn, gleichsam zwei Hirnkammern geben, einmal um Wissenschaft, sodann um Nicht- Wissenschaft zu empfinden: neben einander liegend, ohne Verwirrung, trennbar, abschliessbar; es ist dies eine Forderung der Gesundheit. In dem einen Bereiche liegt die Kraftquelle, im anderen der Regulator : mit Illusionen, Einseitigkeiten, Leidenschaften muss geheizt werden, mit Hülfe der erkennenden Wissenschaft muss den bösartigen und gefährlichen Folgen einer Ueberheizung vorgebeugt werden. — Wird dieser Forderung der höheren Kultur nicht genügt, so ist fast mit Sicherheit vorherzusagen, welchen Verlauf die menschliche Entwickelung nehmen ward: das Interesse am Wahren hört auf, je weniger es Lust gewährt; die Illusion, der Irrthum, die Phantastik erkämpfen sich, weil sie mit Lust verbunden sind, Schritt um Schritt ihren ehemals behaupteten Boden: der Ruin der Wissenschaften, das Zurücksinken in Barbarei ist die nächste Folge; von Neuem muss die Menschheit wieder anfangen, ihr Gewebe zu weben, nachdem sie es, gleich Penelope, des Nachts zerstört hat. Aber wer bürgt uns dafür, dass sie immer wieder die Kraft dazu findet? 252. Die Lust am Erkennen. — Weshalb ist das Erkennen, das Element des Forschers und Philosophen, Digitized by Google — 232 — mit Lust verknüpft? Erstens und vor Allem, weil man sich seiner Kraft dabei bewusst wird, also aus dem selben Grunde, aus dem gymnastische Uebungen, auch ohne Zuschauer, lustvoll sind. Zweitens, weil man, im Verlauf der Erkenntniss, über ältere Vorstellungen und deren Vertreter hinauskommt, Sieger wird oder wenigstens es zu sein glaubt. Drittens, weil wir durch eine noch so kleine neue Erkenntniss uns über Alle erhaben fühlen, als die Einzigen, welche mit ihr das Richtige wissen. Diese drei Gründe zur Lust sind die wichtigsten; doch giebt es, je nach der Natur des Erkennenden, noch viele Nebengründe. — Ein nicht unbeträchtliches Verzeichniss von solchen giebt, an einer Stelle, wo man es nicht suchen würde, meine paraenetische Schrift über Schopenhauer*): mit welcher Aufstellung sich jeder erfahrene Diener der Erkenntniss zufrieden geben kann, wenn er auch vielleicht den ironischen Anflug, der auf jenen Seiten zu liegen scheint, wegwünschen wird. Denn wenn es wahr ist, dass zum Entstehen des Gelehrten „eine Menge sehr mensch- licher Triebe und Triebchen zusammengegossen werden muss", dass der Gelehrte zwar ein sehr edles, aber kein reines Metall ist und „aus einem verwickelten Geflecht sehr verschiedener Antriebe und Reize besteht": so gilt doch das Selbe ebenfalls von Entstehung und Wesen des Künstlers, Philosophen, moralischen Genie's — und wie die in jener Schrift glorificirten grossen Namen lauten. Alles Menschliche verdient in Hinsicht auf seine Entstehung die ironische Betrachtung: deshalb ist die Ironie in der Welt so überflüssig. ♦) III. Ünzeitgemässe Betrachtung, l. Auflage S. "4-79- (2. Auflage S. 71—76.) Digitized by Google — 233 — 253- Treue als Beweis der Stichhaltigkeit. — Es gilt als ein gutes Zeichen für eine Theorie, wenn ihr Urheber vierzig Jahre lang kein Misstrauen gegen sie bekommen hat; ich behaupte jedoch, dass es noch keinen Philosophen gab, welcher auf die Philosophie, die seine Jugend erfand, nicht endlich mit Geringschätzung — mindestens mit Argwohn — herabgesehen hätte. — Vielleicht hat er aber von dieser Umstimmung öffentlich nicht gesprochen, aus Ehrsucht, oder — wie es bei edlen Naturen wahrscheinlicher ist — aus zarter Schonung seiner Anhänger. 254- Zunahme des Interessanten. — Im Verlaufe der höheren Bildung wird dem Menschen Alles interessant; er weiss das Belehrende einer Sache rasch zu finden und den Punkt anzugeben, wo eine Lücke seines Denkens damit ausgefüllt oder ein Gedanke durch dasselbe be- stätigt werden kann. Dabei verschwindet immer mehr die Langeweile, dabei auch die übermässige Erregbarkeit des Gemüthes. Er geht schliesslich wie ein Naturforscher unter Pflanzen, so unter Menschen herum und nimmt sich selber als ein Phänomen wahr, durch das nur sein erkennender Trieb stark angeregt wird. 255- Aberglaube bei Gleichzeitigem. — Etwas Gleichzeitiges hängt zusammen, meint man. Ein Ver- wandter stirbt in der Ferne, zu gleicher Zeit träumen wir von ihm , — also ! Aber viele Verwandte sterben und wir träumen nicht von ihnen. Es ist wie bei den Schiffbrüchigen, welche Gelübde thun: die Votivtafeln Digitized by l^oOQle — 234 — Derer, die zu Grunde gierigen, sieht man nicht im Tempel. — Ein Mensch stirbt, eine Eule krächzt, eine Uhr steht still, Alles in Einer Nachtstunde: sollte da nicht ein Zusammenhang sein? Eine solche Vertraulichkeit mit der Natur, wie diese Ahnung sie annimmt, schmeichelt den Menschen. — Die gleiche Gattung Aberglaube findet sich in verfeinerter Form bei Historikern und Kulturmalern wieder, welche vor allem sinnlosen Nebeneinander, an dem doch das Leben der Einzelnen und der Völker so reich ist, eine Art Wasserscheu zu haben pflegen. 256. Das Können, nicht das Wissen durch die Wissenschaft geübt. — Der Werth davon, dass man zeitweilig eine strenge Wissenschaft streng betrieben hat, beruht nicht gerade auf deren Ergebnissen: denn diese werden im Verhältniss zum Meere des Wissens- werthen, ein verschwindend kleiner Tropfen sein. Aber es ergiebt einen Zuwachs an Energie, an Schlussvermögen, an Zähigkeit der Ausdauer; man hat gelernt, einen Zweck zweckmässig zu erreichen. Insofern ist es sehr schätzbar, in Hinsicht auf Alles, was man später treibt, einmal ein wissenschaftlicher Mensch gewesen zu sein. 257- Jugendreiz der Wissenschaft. — Das Forschen nach Wahrheit hat jetzt noch so viel Reiz, weil sie sich gegen den grau und langweilig gewordenen Irrthum überall stark abhebt; dieser Reiz verliert sich immer mehr. Jetzt leben wir zwar noch im Jugendzeitalter der Wissen- schaft und pflegen der Wahrheit wie einem schönen Mädchen nachzugehen: wie aber, wenn sie eines Tages zum ältlichen, mürrisch blickenden Weibe geworden ist? Digitized by Google 235 — Fast in allen Wissenschaften hat man die Grundeinsicht entweder erst in jüngster Zeit gefunden oder sie wird noch gesucht; wie anders reizt dies an, als wenn alles Wesentliche festgestellt ist und nur noch eine kümmer- liche Herbstnachlese dem Forscher übrig bleibt (welche Empfindung man in einigen historischen Disciplinen kennen lernen kann). Die Statue der Menschheit. — Der Genius der Kultur verfährt wie Cellini, als dieser den Guss seiner Perseus-Statue machte*): die flüssige Masse drohte, nicht auszureichen, aber sie sollte es: so warf er Schüsseln und Teller und was ihm sonst in die Hände kam, hinein. Ebenso wirft jener Genius Irrthümcr, Laster, Hoffnungen, Wahnbilder und andere Dinge von schlechterem wie von edlerem Metalle hinein: denn die Statue der Menschheit muss herauskommen und fertig werden; was liegt daran, dass hie und da geringerer Stoff verwendet wurde? Eine Kultur der Männer. — Die griechische Kul- tur der klassischen Zeit ist eine Kultur der Männer. Was die Frauen anlangt, so sagt Perikles in der Grabrede**) Alles mit den Worten: sie seien am besten, wenn unter Männern so wenig als möglich von ihnen gesprochen werde. — Die erotische Beziehung der Männer zu den Jünglingen war in einem, unserem Verständniss unzugänglichen Grade die nothwendige, einzige Voraus- setzung aller männlichen Erziehung (ungefähr wie bei uns lange Zeit die höhere Erziehung der Frauen erst •) Vita di Ii. C. IV. 6. **) Thukydides II. 45- 258. — 236 — durch die Liebschaft und Ehe herbeigeführt wurde). Aller Idealismus der Kraft der griechischen Natur warf sich auf jenes Verhältniss, und wahrscheinlich sind junge Leute niemals wieder so aufmerksam, so liebevoll, so durchaus in Hinsicht auf ihr Bestes (virtus) behandelt worden, wie im sechsten und fünften Jahrhundert, — also gemäss dem schönen Spruche Hölderlin's „denn liebend giebt der Sterbliche vom Besten". Je höher dieses Ver- hältniss genommen wurde, um so tiefer sank der Verkehr mit der Frau : der Gesichtspunkt der Kindererzeugung und der Wollust — Nichts weiter kam hier in Betracht; es gab keinen geistigen Verkehr, nicht einmal eine eigent- liche Liebschaft Erwägt man ferner, dass die Weiber selbst vom Wettkampfe und Schauspiele jeder Art aus- geschlossen waren, so bleiben nur die religiösen Kulte als ihre einzige höhere Unterhaltung übrig. — Wenn nun allerdings in der Tragödie Elektra und Antigone vorge- führt wurden, so ertrug man dies eben in der Kunst, obschon man es im Leben nicht mochte: so wie wir jetzt das Pathetische im Leben nicht vertragen, aber in der Kunst gern sehen. — Die Weiber hatten keine andere Aufgabe, als schöne, machtvolle Leiber hervorzubringen, in denen der Charakter des Vaters möglichst unge- brochen weiterlebte, und damit der überhandnehmenden Nervenüberreizung einer so hochentwickelten Kultur entgegenzuwirken. Dies hielt die griechische Kultur ver- hältnissmässig so lange jung; denn in den griechischen Müttern kehrte der griechische Genius immer wieder zur Natur zurück. 2ÖO. Das Vorurtheil zu Gunsten der Grösse. — Die Menschen überschätzen ersichtlich alles Grosse und Hervorstechende. Dies kommt aus der bewussten oder Digitized by Google — 237 - unbewussten Einsicht her, dass es sehr nützlich ist, wenn Einer alle Kraft auf Ein Gebiet wirft und aus sich gleich- sam Ein monströses Organ macht. Sicherlich wäre dem Menschen selber eine gleichmässige Ausbildung seiner Kräfte nützlicher und glückbringender; denn jedes Talent ist ein Vampyr, der den übrigen Kräften Blut und Kraft aussaugt, — daher eine übertriebene Produktion den begabtesten Menschen fast zur Tollheit bringen kann. — Auch innerhalb der Künste erregen die extremen Naturen zu sehr die Aufmerksamkeit: es genügt eben eine viel geringere Kultur, um von ihnen sich fesseln zu lassen. Die Menschen unterwerfen sich aus Gewohnheit Allem, was Macht haben will. Die Tyrannen des Geistes. — Nur wohin der Strahl des Mythus fällt, da leuchtet das Leben der Griechen; sonst ist es düster. Nun berauben sich die griechischen Philosophen eben dieses Mythus: ist es nicht, als ob sie aus dem .Sonnenschein sich in den Schatten, in die Düster- keit setzen wollten? Aber keine Pflanze geht dem Lichte aus dem Wege; im Grunde suchten jene Philosophon nur eine hellere Sonne: der Mythus war ihnen nicht rein, nicht leuchtend genug. Sie fanden dies Licht in ihrer Erkenntniss, in dem, was Jeder von ihnen seine „Wahrheit" nannte. Damals aber hatte die Erkenntniss noch einen grösseren Glanz; sie war jung und ahnte noch Wenig von den Schwierigkeiten und Gefahren ihrer Pfade; sie konnte noch hoffen, mit einem einzigen Sprung an den Mittelpunkt alles Seins zu kommen und von dort aus das Räthsel der Welt zu lösen. Diese Philosophen hatten einen handfesten Glauben an sich und ihre „Wahr- heit" und warfen mit ihr alle ihre Nachbarn und Vorgänger 261. — 238 nieder; Jeder von ihnen war ein streitbarer gewaltthätiger Tyrann. Vielleicht war das Glück im Glauben an den Besitz der Wahrheit nie gTösser in der Welt: grösser aber auch nie die Härte, der Uebermuth, das Tyrannische und Böse eines solchen Glaubens. Sie waren Tyrannen, also Das, was jeder Grieche sein wollte und was jeder war, wenn er es sein konnte. Scheinbar macht nur Solon eine Ausnahme: in seinen Gedichten sagt er, dass er die persönliche Tyrannis verschmäht habe. Aber er that dies aus Liebe zu seinem Werke, zu seiner Gesetz- gebung; und Gesetzgeber sein ist eine sublimirtere Art des Tyrannenthums. Auch Parmenides gab Gesetze, wohl auch Pythagoras und Empedokles; Anaximander gründete eine Stadt. Plato war der fleisch gewordene Wunsch, der höchste philosophische Gesetzgeber und Staatengründer zu werden; er scheint schrecklich an der Nichterfüllung dieses Wunsches gelitten zu haben, und seine Seele wurde gegen sein Ende hin voll der schwärze- sten Galle. Je mehr das griechische Philosophenthum an Macht verlor, um so mehr litt es innerlich durch solche Galligkeit und Schmähsucht; als erst die verschiedenen Sekten ihre Wahrheiten auf den Strassen verfochten, da waren die Seelen dieser Freier der Wahrheit durch Eifer- und Geifersucht völlig verschlammt, das tyrannische Ele- ment wüthete jetzt als Gift in ihrem eigenen Körper. Diese vielen kleinen Tyrannen hätten einander roh fressen mögen; es war kein Funke mehr von Liebe und allzu- wenig Freude an ihrer eigenen Erkenntniss in ihnen übrig geblieben. — Der Satz, dass Tyrannen meistens ermordet werden und dass ihre Nachkommenschaft kurz lebt, gilt auch von den Tyrannen des Geistes. Ihre Geschichte verläuft rasch, gewaltsam, ihre Nachwirkung bricht plötzlich ab. Von fast allen grossen Hellenen kann man sagen, dass Digitized by Google -- 230 sie zu spät gekommen scheinen, so von Aeschylus, von Pindar, von Demosthenes, von Thukydides; ein Geschlecht nach ihnen — dann ist es mit ihrer Art völlig vorbei. Das ist das Stürmische und Unheimliche in der griechischen Geschichte. Jetzt bewundert man zwar das Evangelium der Schildkröte: — „geschichtlich denken" heisst jetzt fast so viel wie glauben, dass zu allen Zeiten nach dem Satze Geschichte gemacht worden wäre: „möglichst Wenig in möglichst langer Zeit !" Aber ach, die griechische Geschichte läuft so rasch! Nie wieder ist so verschwen- derisch, so maasslos gelebt worden. Ich kann mich nicht überzeugen, dass die Geschichte der Griechen jenen natürlichen Verlauf genommen habe, der so an ihr gerühmt wird. Sie waren viel zu mannichfach begabt, um in jener schrittweisen Manier allmählich zu sein, wie die Schildkröte im Wettlauf mit Achilles: und diese Allmählichkeit nennt man ja „natürliche Entwickelung". Bei den Griechen geht es schnell vorwärts, aber ebenso schnell abwärts; die Bewegung der ganzen Maschine ist so gesteigert, dass ein einziger Stein, in ihre Räder geworfen, sie zerspringen macht. Ein solcher Stein war Sokrates: — in einer Nacht war die bis dahin so wunderbar regel- mässige, freilich allzu schleunige Entwickelung der philo- sophischen Wissenschaft zerstört. Es ist keine müssige Frage, ob nicht Plato, wenn er von der sokratischen Verzauberung frei geblieben wäre, einen noch höheren Typus, als alle früheren des philosophischen Menschen, gefunden hätte, — der uns somit auf immer verloren wäre. Man sieht in die vorsokratische Zeit hinein wie in eine Bildner -Werkstätte für solche Typen: das sechste und fünfte Jahrhundert scheinen Mehr und Höheres zu verheissen, als sie hervorgebracht haben; es blieb aber beim Verheissen und Ankündigen. Und doch giebt es — 240 — kaum einen schwereren Verlust, als den Verlust eines Typus, — einer neuen, bis dahin unentdeckt gebliebenen höchsten Möglichkeit des philosophischen Lebens. Selbst die meisten der älteren Typen sind schlecht über- liefert: alle Philosophen von Thaies bis Demokrit scheinen mir ausserordentlich schwer erkennbar. Wem es aber gelingt, diese Gestalten nachzuschaffen, der wandelt unter Gebilden von mächtigstem und reinstem Typus. Diese schöpferische Fähigkeit ist freilich selten : sie fehlte selbst den späteren Griechen, welche sich mit der Kunde der älteren Philosophie befassten; Aristoteles zumal scheint seine Augen nicht im Kopfe zu haben, wenn er vor den Bezeichneten steht. Und so ist es, als ob diese herrlichen Philosophen umsonst gelebt hätten, oder als ob sie gar nur die streit- und redelustigen Schaaren der sokratischen Schulen hätten vorbereiten sollen. Die Entwickelung hat hier, wie gesagt, eine Lücke, einen Bruch ; irgend ein grosses Unglück muss geschehen sein, und die einzige Statue, an welcher man Sinn und Zweck jener grossen bildnerischen Vorübung erkannt haben würde, zerbrach oder misslang : was eigentlich geschehen ist, ist für immer ein Geheimniss der Werkstätte geblieben. — Das, was bei den Griechen sich ereignete — dass jeder grosse Denker im Glauben daran, Besitzer der ab- soluten Wahrheit zu sein, zum Tyrannen wurde, sodass auch die Geschichte des Geistes bei den Griechen jenen gewaltsamen, übereilten und gefährlichen Charakter be- kommen hat, den ihre politische Geschichte zeigt — diese Art von Ereignissen war damit nicht erschöpft: vieles Gleiche ist bis in die neueste Zeit hinein geschehen, ob- wohl allmählich seltener und jetzt schwerlich mehr mit dem reinen naiven Gewissen der griechischen Philosophen. Denn jetzt redet die Gegenlehre und die Skepsis zu Digitized by Google — 241 — mächtig, zu laut. Die Periode der Tyrannen des Geistes ist vorbei. In den Sphären der höheren Kultur wird es freilich immer Herrscher geben müssen, — aber die Herrschaft liegt von jetzt ab in den Händen der Oligarchen des Geistes. Sie bilden, trotz aller räumlichen und politischen Trennung, eine zusammen- gehörige Gesellschaft, deren Mitglieder einander er- kennen und anerkennen, — was auch die öffentliche Meinung und die Urtheile der auf die Masse wirkenden Tages- und Zeitschriftsteller für Schätzungen der Gunst oder Abgunst über sie in Umlauf bringen mögen. Die geistige Ueberlegenheit, welche früher trennte und ver- feindete, pflegt jetzt zu binden: — wie könnten die Einzelnen sich selbst behaupten und auf eigener Bahn, allen Strömungen entgegen, durch das Leben schwimmen, wenn sie nicht ihres Gleichen hier und dort unter gleichen Bedingungen leben sähen und deren Hand ergriffen, im Kampfe ebenso sehr gegen den ochlokratischen Charakter des Halbgeistes und der Halbbildung, als gegen die gelegentlichen Versuche, mit Hülfe der Massenwirkung eine Tyrannei aufzurichten? Die Oligarchen sind einander nöthig, sie haben an einander ihre beste Freude, sie ver- stehen ihre Abzeichen, — aber trotzdem ist ein Jeder von ihnen frei: erkämpft und siegt an se in er Stelle, er geht lieber unter, als dass er sich unterwirft. 262. Homer. — Die grösste Thatsache in der griechischen Bildung bleibt doch die, dass Homer so frühzeitig pan- hellenisch wurde. Alle geistige und menschliche Freiheit, welche die Griechen erreichten, geht auf diese Thatsache zurück. Aber zugleich ist es das eigentliche Verhängniss der griechischen Bildung gewesen: denn Homer verflachte, Nietzsche, Menschliche», Allzumcnschltches I. 16 V Digitized by L>O0j91£ — 242 indem er centralisirte und die ernsteren Instinkte der Unabhängigkeit auflöste. Von Zeit zu Zeit erhob sich aus dem tiefsten Grunde des Hellenischen der Wider- spruch gegen Homer; aber er blieb immer siegreich. Alle grossen geistigen Mächte üben neben ihrer befreienden Wirkung auch eine unterdrückende aus; freilich ist es ein Unterschied, ob Homer oder die Bibel oder die Wissen- schaft die Menschen tyrannisiren. 263. Begabung. — In einer so hoch entwickelten Mensch- heit, wie die jetzige ist, bekommt von Natur Jeder den Zugang zu vielen Talenten mit. Jeder hat angeborenes Talent, aber nur Wenigen ist der Grad von Zähigkeit, Ausdauer, Energie angeboren und anerzogen, der nöthig ist, damit Einer wirklich ein Talent wird, — also wird, was er ist, das heisst: es in Werken und Handlungen entladet. 264. Der Geistreiche entweder überschätzt oder unterschätzt. — Unwissenschaftliche, aber begabte Menschen schätzen jedes Anzeichen von Geist, sei es nun, dass er auf der Fährte der Wahrheit oder des Irrthums ist; sie wollen vor Allem, dass der Mensch, der mit ihnen • verkehrt, sie gut mit seinem Geist unterhalte, sie ansporne, entflamme, zu Ernst und Scherz fortreisse und jedenfalls vor der Langenweile als kräftigstes Amulet schütze. Die wissenschaftlichen Naturen dagegen wissen, dass die Begabung, allerhand Einfälle zu haben, auf das strengste durch den Geist der Wissenschaft gezügelt werden muss ; nicht Das, was glänzt, scheint, erregt, sondern die oft unscheinliche Wahrheit ist die Frucht, welche er vom Digitized by Google — 243 — Baum der Erkenntniss zu schütteln wünscht. Er darf, wie Aristoteles, zwischen „Langweiligen" und „Geist- reichen" keinen Unterschied machen; sein Dämon fuhrt ihn durch die Wüste ebenso wie durch tropische Vege- tation, damit er überall nur an dem Wirklichen, Haltbaren, Echten seine Freude habe. — Aus Alledem ergiebt sich, bei unbedeutenden Gelehrten, eine Missachtung und Ver- dächtigung des Geistreichen überhaupt, und wiederum haben geistreiche Leute häufig eine Abneigung gegen die Wissenschaft: wie zum Beispiel fast alle Künstler. 265. Die Vernunft in der Schule. — Die Schule hat keine wichtigere Aufgabe, als strenges Denken, vor- sichtiges Urtheilen, consequentes Schliessen zu lehren: deshalb hat sie von allen Dingen abzusehen, die nicht zu diesen Operationen tauglich sind, zum Beispiel von der Religion. Sie kann ja darauf rechnen, dass menschliche Unklarheit, Gewöhnung und Bedürfniss später den Bogen des allzustrafFen Denkens wieder abspannen. Aber so lange ihr Einfluss währt, soll sie Das erzwingen, was das Wesentliche und Auszeichnende am Menschen ist: „Ver- nunft und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Kraft" — wie wenigstens Goethe urtheilt. — Der grosse Naturforscher von Baer findet die Ueberlegenheit der Europäer im Vergleich zu Asiaten in der eingeschulten Fähigkeit, dass sie Gründe für Das, was sie glauben, angeben können, — wozu die Asiaten aber unfähig sind. Europa ist in die Schule des consequenten und kritischen Denkens gegangen, Asien weiss immer noch nicht zwischen Wahrheit und Dichtung zu unterscheiden und ist sich nicht bewusst, ob seine Ueberzeugungen aus eigener Beobachtung und regelrechtem Denken oder aus 16* Digitized by Google — 244 — Phantasien stammen. — Die Vernunft in der Schule hat Europa zu Europa gemacht: im Mittelalter war es auf dem Wege, wieder zu einem Stück und Anhängsel Asiens zu werden, — also den wissenschaftlichen Sinn, welchen es den Griechen verdankte, einzubüssen. 266. Unterschätzte Wirkung des gymnasialen Unterrichts. — Man sucht den Werth des Gymnasiums selten in den Dingen, welche wirklich dort gelernt und aus ihm unverlierbar heimgebracht werden, sondern in denen, welche man lehrt, welche der Schüler aber nur mit Widerwillen sich aneignet, um sie, so schnell er darf, von sich abzuschütteln. Das Lesen der Klassiker — das giebt jeder Gebildete zu — ist so, wie es überall getrieben wird, eine monströse Prozedur: vor jungen Menschen, welche in keiner Beziehung dazu reif sind, von Lehrern, welche durch ihr Sprechen, oft durch ihr Erscheinen schon einen Mehlthau über einen guten Autor legen. Doch hierin liegt gerade der Werth, der gewöhnlich verkannt wird: — dass diese Lehrer die abstrakte Sprache der höhern Kultur reden, schwerfällig und schwer zu ver- stehen, aber eine hohe Gymnastik des Kopfes; dass Begriffe, Kunstausdrücke, Methoden, Anspielungen in ihrer Sprache fortwährend vorkommen, welche die jungen Leute im Gespräche ihrer Angehörigen und auf der Gasse fast nie hören. Wenn die Schüler nur hören, so wird ihr Intellekt zu einer wissenschaftlichen Betrachtungsweise unwillkürlich präformirt. Es ist nicht möglich, aus dieser Zucht völlig unberührt von der Abstraktion, als reines Naturkind, herauszukommen. Digitized by Google 245 — 267. Viele Sprachen lernen. — Viele Sprachen lernen füllt das Gedächtniss mit Worten, anstatt mit Thatsachen und Gedanken, aus: während dieses ein Behältniss ist, das bei jedem Menschen nur eine bestimmt begrenzte Masse von Inhalt aufnehmen kann. Sodann schadet das Lernen vieler Sprachen, insofern es den Glauben, Fertig- keiten zu haben, erweckt und thatsächlich auch ein gewisses verführerisches Ansehen im Verkehre verleiht; es schadet sodann auch indirekt dadurch, dass es dem Erwerben gründlicher Kenntnisse und der Absicht, auf redliche Weise die Achtung der Menschen zu verdienen, entgegenwirkt. Endlich ist es die Axt, welche dem feineren Sprachgefühl innerhalb der Muttersprache an die Wurzel gelegt wird: dies wird dadurch unheilbar be- schädigt und zu Grunde gerichtet. Die beiden Völker, welche die grössten Stilisten erzeugten, Griechen und Franzosen, lernten keine fremden Sprachen. — Weil aber der Verkehr der Menschen mehr und mehr kosmopolitisch wird, und zum Beispiel ein vollkommener Kaufmann in London jetzt schon im Stande sein muss, sich in acht Sprachen schriftlich und mündlich verständlich zu machen, so ist freilich das Viele-Sprachen-lernen ein notwendiges Uebel, — welches aber, zuletzt zum Aeusserstcn kom- mend, die Menschheit zwingen wird, ein Heilmittel zu finden: und in irgend einer fernen Zukunft wird es eine neue Sprache, zuerst als Handelssprache, dann als Sprache des geistigen Verkehres überhaupt, für Alle geben, — so gewiss, als es einmal Luft-Schifffahrt geben wird. Wozu hätte auch die vergleichende Sprachwissenschaft ein Jahr- hundert lang die Gesetze der Sprache studirt und das Nothwendige, Werthvolle, Gelungene an jeder einzelnen Sprache abgeschätzt? — 246 — 268. Zur Kriegsgeschichte des Individuums. — Wir finden in ein einzelnes Menschenleben, welches durch mehrere Kulturen geht, den Kampf zusammengedrängt, welcher sich sonst zwischen zwei Generationen, zwischen Vater und Sohn, abspielt. Verschärft schon die Nähe der Verwandtschaft diesen Kampf, weil jede Partei das ihr so gut bekannte Innere der anderen Partei schonungslos in ihn mit hineinzieht, so wird dieser Kampf im einzelnen Individuum am erbittertsten sein: hier schreitet jede neue Phase über die früheren mit grausamer Ungerechtigkeit und Verkennung von deren Mitteln und Zielen hinweg. 269. Um eine Viertelstunde früher. — Man findet gelegentlich Einen, der mit seinen Ansichten über seiner Zeit steht, aber doch nur um so viel, dass er die Vulgär- ansichten des nächsten Jahrzehnts vorwegnimmt. Er hat die öffentliche Meinung eher, als sie öffentlich ist, das heisst: er ist einer Ansicht, die es verdient trivial zu werden, eine Viertelstunde eher in die Arme gefallen, als Andere. Sein Ruhm pflegt aber viel lauter zu sein, als der Ruhm der wirklich Grossen und Ueberlegenen. 270. Die Kunst, zu lesen. — Jede starke Richtung ist einseitig; sie nähert sich der Richtung der geraden Linie und ist, wie diese, abschliessend, das heisst: sie berührt nicht viele andere Richtungen, wie dies schwache Parteien und Naturen in ihrem wellenhaften Hin- und Hergehen thun. Auch den Philologen muss man es daher nach- sehen, dass sie einseitig sind. Herstellung und Rein- haltung der Texte, nebst der Erklärung derselben, in Digitized by Google — 247 — einer Zunft jahrhundertelang fortgeübt, hat endlich jetzt die richtigen Methoden finden lassen. Das ganze Mittel- alter war tief unfähig zu einer streng philologischen Er- klärung, das heisst: nicht einmal fähig zum blossen Ver- stehenwollen dessen, was der Autor sagt; — es war Etwas, diese Methoden zu finden! man unterschätze es nicht! Alle Wissenschaft hat dadurch erst Continuität und Stetigkeit gewonnen, dass die Kunst des richtigen Lesens, das heisst die Philologie, auf ihre Höhe kam. Die Kunst, zu schliessen. — Der grösste Fort- schritt, den die Menschen gemacht haben, liegt darin, dass sie jetzt richtig schliessen lernen. Das ist nichts so Natürliches, wie Schopenhauer annimmt, wenn er sagt: „zu schliessen sind Alle, zu urtheilen Wenige fähig", sondern es ist spät erlernt worden und jetzt noch nicht zur Herrschaft gelangt. Das falsche Schliessen ist in älteren Zeiten die Regel : — die Mythologien aller Völker, ihre Magie und ihr Aberglaube, ihr religiöser Kultus, ihr Recht sind die unerschöpflichen Beweis -Fundstätten für diesen Satz. Jahresringe der individuellen Kultur. — Die Stärke oder Schwäche der geistigen Produktivität hängt lange nicht so von der angeerbten Begabung, als von dem Maasse der miterhaltenen Spannkraft ab. Die meisten jungen Gebildeten von dreissig Jahren gehen um diese Frühsonnenwende ihres Lebens zurück und sind zu neuen geistigen Wendungen von da an unlustig. Des- halb ist dann, zum Heile einer fort und fort wachsenden Kultur, gleich wieder eine neue Generation nöthig, — die 271. 272. — 248 es aber ebenfalls nicht weit bringen wird: denn um die Kultur des Vaters nachzuholen, muss der Sohn die angeerbte Energie, welche der Vater auf jener Lebens- stufe, als er den Sohn zeugte, selber besass, fast auf- brauchen; nur mit dem kleinen Ueberschuss kommt er weiter ( — weil hier der Weg zum zweiten Mal gemacht wird, geht es ein Wenig schneller vorwärts; der Sohn verbraucht, um das Selbe zu lernen, was der Vater wusste, nicht ganz so viel Kraft). Sehr spannkräftige Männer, wie zum Beispiel Goethe, durchmessen so Viel, als kaum vier Generationen hinter einander vermögen; deshalb kommen sie aber zu schnell voraus, sodass die anderen Menschen sie erst in dem nächsten Jahrhundert einholen, vielleicht nicht einmal völlig, weil durch die häufigen Unterbrechungen die Geschlossenheit der Kultur, die Consequcnz der Entwickelung geschwächt worden ist. — Die gewöhnlichen Phasen der geistigen Kultur, welche im Verlauf der Geschichte errungen ist, holen die Men- schen immer schneller nach. Sie treten gegenwärtig in die Kultur als religiös bewegte Kinder ein und bringen es etwa im zehnten Lebensjahre zur höchsten Lebhaftig- keit dieser Empfindungen, gehen dann zu deren abge- schwächteren Formen (Pantheismus) über, während sie sich der Wissenschaft nähern; kommen über Gott, Un- sterblichkeit und dergleichen ganz hinaus, verfallen nun aber gewöhnlich den Zaubern einer metaphysischen Philosophie. Auch diese wird ihnen endlich unglaub- würdig; die Kunst scheint dagegen immer Mehr zu gewähren, sodass eine Zeit lang die Metaphysik nur noch in einer Umwandelung zur Kunst oder als künstlerisch verklärende Stimmung übrig bleibt und fortlebt Aber der wissenschaftliche Sinn wird immer gebieterischer und führt den Mann hin zur Naturwissenschaft und Historie Digitized by Google — 249 — und namentlich zu den strengsten Methoden des Er- kennens, während der Kunst eine immer mildere und anspruchslosere Bedeutung zufällt. Dies Alles pflegt sich jetzt innerhalb der ersten dreissig Jahre eines Mannes zu ereignen. Es ist die Rekapitulation eines Pensums, an welchem die Menschheit vielleicht dreissigtausend Jahre sich abgearbeitet hat. Zurückgegangen, nicht zurückgeblieben. — Wer gegenwärtig seine Entwicklung noch aus religiösen Empfindungen heraus anhebt und vielleicht längere Zeit nachher in Metaphysik und Kunst weiterlebt, der hat sich allerdings ein gutes Stück zurückbegeben und beginnt sein Wettrennen mit anderen modernen Menschen unter ungünstigen Voraussetzungen: er verliert scheinbar Raum und Zeit. Aber dadurch, dass er sich in jenen Bereichen aufhielt, wo Gluth und Energie entfesselt werden und fortwährend Macht als vulkanischer Strom aus unversieg- barer Quelle strömt, kommt er dann, sobald er sich nur zur rechten Zeit von jenen Gebieten getrennt hat, um so schneller vorwärts: sein Fuss ist beflügelt, seine Brust hat ruhiger, länger, ausdauernder athmen gelernt. — Er hat sich nur zurückgezogen, um zu seinem Sprunge ge- nügenden Raum zu haben: so kann selbst etwas Fürch- terliches, Drohendes in diesem Rückgange liegen. 274. Ein Ausschnitt unseres Selbst als künst- lerisches Objekt. — Es ist ein Zeichen überlegener Kultur, gewisse Phasen der Entwickelung, welche die geringeren Menschen fast gedankenlos durchleben und von der Tafel ihrer Seele dann wegwischen, mit Be- Digitized by Google wusstsein festzuhalten und ein getreues Bild davon zu entwerfen: denn dies ist die höhere Gattung der Maler- kunst, welche nur Wenige verstehen. Dazu wird es nöthig, jene Phasen künstlich zu isoliren. Die historischen Studien bilden die Befähigung zu diesem Malerthum aus, denn sie fordern uns fortwährend auf, bei Anlass eines Stückes Geschichte — eines Volkes oder Menschenlebens — uns einen ganz bestimmten Horizont von Gedanken, eine bestimmte Stärke von Empfindungen, das Vorwalten dieser, das Zurücktreten jener vorzustellen. Darin, dass man solche Gedanken- und Gefühls - Systeme aus gege- benen Anlässen schnell rcconstruiren kann, wie den Eindruck eines Tempels aus einigen zufällig stehen gebliebenen Säulen und Mauerresten, besteht der histo- rische Sinn. Das nächste Ergebniss desselben ist, dass wir unsere Mitmenschen als ganz bestimmte solche Systeme und Vertreter verschiedener Kulturen verstehen, das heisst als noth wendig, aber als veränderlich ; — ferner, dass wir aus unserer eigenen Entwicklung Stücke heraus- trennen und für sich hinstellen können. 275- Cyniker und Epikureer. — Der Cyniker erkennt den Zusammenhang zwischen den vermehrten und stär- keren Schmerzen des höher kultivirten Menschen und der Fülle von Bedürfnissen; er begreift also, dass die Unzahl von Meinungen über das Schöne, Schickliche, Geziemende, Erfreuende ebenso viele Genuss-, als Unlust- quellen entspringen lassen musste. Gemäss dieser Einsicht bildet er sich zurück, indem er viele dieser Meinungen aufgicbt und sich gewissen Anforderungen der Kultur entzieht; damit gewinnt er ein Gefühl der Freiheit und der Kräftigung; und allmählich, wenn die Gewohnheit Digitized by Googli ihm seine Lebensweise erträglich gemacht hat, zeigen sich Unlustempfindungen bei ihm in der That seltener und schwächer, als bei den kultivirten Menschen : er nähert sich dem Hausthier an. Ueberdies empfindet er Alles im Reiz des Contrastes, und — schimpfen kann er ebenfalls nach Herzenslust: sodass er dadurch wieder hoch über die Empfindungswelt des Thieres hinauskommt. — Der Epikureer hat den selben Gesichtspunkt wie der Cyniker; zwischen ihm und Jenem ist gewöhnlich bloss ein Unter- schied des Temperamentes. Nur benutzt der Epikureer seine höhere Kultur, um sich von den herrschenden Meinungen unabhängig zu machen: er erhebt sich über dieselben, — während der Cyniker sie gänzlich ablehnt. Jener wandelt wie in windstillen, wohlgeschützten, halb- dunkelen Gängen, während über ihm, im Winde, die Wipfel der Bäume brausen und ihm verrathen, wie heftig bewegt da draussen die Welt ist. Der Cyniker dagegen geht gleichsam nackt draussen im Windeswehen umher und härtet sich bis zur Gefühllosigkeit ab. 276. Mikrokosmus und Makrokosmus der Kultur. Die besten Entdeckungen über die Kultur macht der Mensch in sich selbst, wenn er findet, dass zwei heterogene Mächte in ihm walten. Gesetzt, es lebe Einer ebenso sehr in der Liebe zur bildenden Kunst oder zur Musik, als er vom Geiste der Wissenschaft fortgerissen wird, und er sehe ein, dass es unmöglich ist, diesen Widerspruch durch Vernichtung der einen Macht und volle Entfesselung der anderen aufzuheben: so bleibt ihm nur übrig, ein so grosses Gebäude der Kultur aus sich zu gestalten, dass jene beiden Mächte, wenn auch an verschiedenen Enden, darin wohnen können, während zwischen ihnen versöh- — 232 — nende Mittelmächte (von überwiegender Kraft, um nötigen- falls den ausbrechenden Streit zu schlichten) ihre Herberge haben. Ein solches Gebäude der Kultur im einzelnen Individuum wird die grösste Aehnlichkeit mit dem Kultur- bau in ganzen Zeitperioden haben und eine fortgesetzte analogische Belehrung über denselben abgeben. Denn überall, wo sich die grosse Architektur der Kultur ent- faltet hat, war ihre Aufgabe, die einander widerstrebenden Mächte zur Eintracht vermöge einer übermächtigen Ansammlung der weniger unverträglichen übrigen Mächte zu zwingen, ohne sie deshalb zu unterdrücken und in Fesseln zu schlagen. Glück und Kultur. — Der Anblick der Um- gebungen unserer Kindheit erschüttert uns: das Garten- haus, die Kirche mit den Gräbern, der Teich und der Wald, — dies sehen wir immer als Leidende wieder. Mitleid mit uns selbst ergreift uns: denn was haben wir seitdem Alles durchgelitten ! Hier steht Jegliches noch so still, so ewig da: nur wir sind so anders, so bewegt! Selbst etliche Menschen finden wir wieder: aber auch an ihnen hat die Zeit nicht mehr ihren Zahn gewetzt, als an einem Eichenbaume: Bauern, Fischer, Waldbewohner — sie sind die Selben! — Erschütterung, Selbstmitleid beim Anblick der niederen Kultur ist das Zeichen der höheren Kultur; — woraus sich ergicbt, dass durch diese das Glück jedenfalls nicht gemehrt worden ist. Wer eben Glück und Behagen vom Leben ernten will, der möge nur immer der höheren Kultur aus dem Wege gehen. 277. 278. Gleichniss vom Tanze. — Es ist das entscheidende Zeichen grosser Kultur, wenn Jemand in unserer Zeit jene Kraft und Biegsamkeit besitzt, um ebenso rein und streng im Erkennen zu sein, als, in andern Momenten, auch befähigt , der Poesie , Religion und Metaphysik gleichsam hundert Schritte vorzugeben und deren Gewalt und Schönheit nachzuempfinden. Eine solche Stellung zwischen zwei so verschiedenen Ansprüchen ist sehr schwierig: denn die Wissenschaft drängt zur absoluten Herrschaft ihrer Methode; wird diesem Drängen nicht nachgegeben, so entsteht die andere Gefahr eines schwäch- lichen Auf- und Niederschwankens zwischen verschiedenen Antrieben. Indessen: um wenigstens mit einem Gleichniss einen Blick auf die Lösung dieser Schwierigkeit zu eröffnen, möge man sich doch daran erinnern, dass der Tanz nicht das Selbe wie ein mattes Hin- und Hertaumeln zwischen verschiedenen Antrieben ist. Die hohe Kultur wird einem kühnen Tanze ähnlich sehen: weshalb, wie gesagt, viel Kraft und Geschmeidigkeit noth thut. 279. Von der Erleichterung des Lebens. — Ein Hauptmittel, sich das Leben zu erleichtern, ist das Ideali- siren aller Vorgänge desselben; man soll sich aber aus der Malerei recht deutlich machen, was idealisiren heisst. Der Maler verlangt, dass der Zuschauer nicht zu genau, zu scharf hinsehe: er zwingt ihn in eine gewisse Ferne zurück, damit dieser von dort aus betrachte ; er ist genöthigt, eine ganz bestimmte Entfernung des Betrachters vom Bilde vorauszusetzen; ja er muss sogar ein ebenso bestimmtes Maass von Schärfe des Auges bei seinem - 254 - Betrachter annehmen; in solchen Dingen darf er durch- aus nicht schwanken. — Jeder also, der sein Leben idea- lisiren will, darf es nicht zu genau sehen wollen und muss seinen Blick in eine gewisse Entfernung zurück- bannen. Dieses Kunststück verstand zum Beispiel Goethe. 280. Erschwerung als Erleichterung und umge- kehrt. — Vieles, was für gewisse Stufen des Menschen Erschwerung des Lebens ist, dient höheren Stufen als Erleichterung, weil diese letztern stärkere Erschwerungen des Lebens kennen gelernt haben. Ebenso kommt das Umgekehrte vor: so hat zum Beispiel die Religion ein Doppel-Gesicht, je nachdem ein Mensch zu ihr hinauf- blickt, um von ihr sich eine Last und Noth abnehmen zu lassen, oder auf sie hinabsieht, wie auf die Fessel, welche ihm angelegt ist, damit er nicht zu hoch in die Lüfte steige. 281. Die höhere Kultur wird nothwendig miss- verstanden. — Wer sein Instrument nur mit zwei Saiten bespannt hat, wie die Gelehrten, welche ausser dem Wissens-Trieb nur noch einen anerzogenen religiösen haben, der versteht jene Menschen nicht, die auf mehr Saiten spielen können. Es liegt im Wesen der höheren, vielsaitigeren Kultur, dass sie von der niederen immer falsch gedeutet wird; wie dies zum Beispiel geschieht, wenn die Kunst als eine verkappte Form des Religiösen gilt. Ja Leute, die nur religiös sind, verstehen selbst die Wissenschaft als Suchen des religiösen Gefühls, so wie Taubstumme nicht wissen, was Musik ist, wenn nicht sichtbare Bewegung. ^ Digitized by Google - 255 — 282. Klagelied. — Es sind vielleicht die Vorzüge unserer Zeiten, welche ein Zurücktreten und eine gelegentliche Unterschätzung der vita contemplativa mit sich bringen. Aber eingestehen muss man es sich, dass unsere Zeit arm ist an grossen Moralisten, dass Pascal, Epiktet, Seneca, Plutarch wenig noch gelesen werden, dass Arbeit und Fleiss — sonst im Gefolge der grossen Göttin Gesundheit — mitunter wie eine Krankheit zu wüthen scheinen. Weil Zeit zum Denken und Ruhe im Denken fehlt, so erwägt man abweichende Ansichten nicht mehr: man begnügt sich, sie zu hassen. Bei der ungeheuren Beschleunigung des Lebens wird Geist und Auge an ein halbes oder falsches Sehen und Urthcilen gewöhnt, und Jedermann gleicht den Reisenden, welche Land und Volk von der Eisenbahn aus kennen lernen. Selbständige und vorsichtige Haltung der Erkenntniss schätzt man beinahe als eine Art Verrücktheit ab; der Freigeist ist in Verruf gebracht, namentlich durch Gelehrte, welche an seiner Kunst, die Dinge zu betrachten, ihre Gründlichkeit und ihren Ameisen- fleiss vermissen und ihn gern in einen einzelnen Winkel der Wissenschaft bannen möchten: während er die ganz andere und höhere Aufgabe hat, von einem einsam ge- legenen Standorte aus den ganzen Heerbann der wissen- schaftlichen und gelehrten Menschen zu befehligen und ihnen die Wege und Ziele der Kultur zu zeigen. — Eine solche Klage, wie die eben abgesungene, wird wahr- scheinlich ihre Zeit haben und von selber einmal, bei einer gewaltigen Rückkehr des Genius der Meditation, ver- stummen. Digitized by l^oOQle — 256 — 283. Hauptmangel der thätigen Menschen. — Den Thätigen fehlt gewöhnlich die höhere Thätigkeit: ich meine die individuelle. Sie sind als Beamte, Kaufleute, Gelehrte, das heisst als Gattungswesen thätig, aber nicht als ganz bestimmte einzelne und einzige Menschen; in dieser Hinsicht sind sie faul. — Es ist das Unglück der Thätigen, dass ihre Thätigkeit fast immer ein Wenig un- vernünftig ist. Man darf zum Beispiel bei dem geld- sammelnden Banquier nach dem Zweck seiner rastlosen Thätigkeit nicht fragen: sie ist unvernünftig. Die Thätigen rollen, wie der Stein rollt, gemäss der Dummheit der Mechanik. — Alle Menschen zerfallen, wie zu allen Zeiten so auch jetzt noch, in Sklaven und Freie; denn wer von seinem Tage nicht zwei Drittel für sich hat, ist ein Sklave, er sei übrigens wer er wolle: Staatsmann, Kaufmann, Beamter, Gelehrter. 284. Zu Gunsten der Müssigen. — Zum Zeichen da- für, dass die Schätzung des beschaulichen Lebens abge- nommen hat, wetteifern die Gelehrten jetzt mit den thätigen Menschen in einer Art von hastigem Genüsse, wie wenn sie diese Art, zu geniessen, höher schätzten, als die, welche ihnen eigentlich zukommt und die in der That viel mehr Genuss ist. Die Gelehrten schämen sich des otium. Es ist aber ein edel Ding um Müsse und Müssiggehen. — Wenn Müssiggang wirklich der Anfang aller Laster ist, so befindet er sich also wenigstens in der nächsten Nähe aller Tugenden; der müssige Mensch ist immer noch ein besserer Mensch, als der thätige. — Ihr meint doch nicht, dass ich mit Müsse und Müssiggehen auf euch ziele, ihr Faulthiere? — Digitized by Google > — 257 — 285. Die moderne Unruhe. — Nach dem Westen zu wird die moderne Bewegtheit immer grösser, sodass den Amerikanern die Bewohner Europa's insgesammt sich als ruheliebende und geniessende Wesen darstellen, während diese doch selbst wie Bienen und Wespen durcheinander fliegen. Diese Bewegtheit wird so gross, dass die höhere Kultur ihre Früchte nicht mehr zeitigen kann; es ist, als ob die Jahreszeiten zu rasch auf einander folgten. Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Civilisation in eine neue Barbarei aus. Zu keiner Zeit haben die Thätigen, das heisst die Ruhelosen, mehr gegolten. Es gehört deshalb zu den nothwendigen Correcturen, welche man am Charakter der Menschheit vornehmen muss, das beschau- liche Element in grossem Maasse zu verstärken. Doch hat schon jeder Einzelne, welcher in Herz und Kopf ruhig und stetig ist, das Recht, zu glauben, dass er nicht nur ein gutes Temperament, sondern eine allgemein nützliche Tugend besitze und durch die Bewahrung dieser Tugend sogar eine höhere Aufgabe erfülle. * 286. Inwiefern der Thätige faul ist. — Ich glaube, dass Jeder über jedes Ding, über welches Meinungen möglich sind, eine eigene Meinung haben muss, weil er selber ein eigenes, nur einmaliges Ding ist, das zu allen anderen Dingen eine neue, nie dagewesene Stellung ein- nimmt. Aber die Faulheit, welche im Grunde der Seele des Thätigen liegt, verhindert den Menschen, das Wasser aus seinem eigenen Brunnen zu schöpfen. — Mit der Freiheit der Meinungen steht es wie mit der Gesundheit : beide sind individuell, von beiden kann kein allgemein gültiger Begriff aufgestellt werden. Das, was das eine Nietzsche, Menschliches, AllzumenschHches I. 17 Digitized by Google Individuum zu seiner Gesundheit nöthig hat, ist für ein anderes schon Grund zur Erkrankung, und manche Mittel und Wege zur Freiheit des Geistes dürfen höher entwickelten Naturen als Wege und Mittel zur Unfreiheit gelten. 287. Censor vitae. — Der Wechsel von Liebe und Hass bezeichnet, während einer langen Zeit, den inneren Zustand eines Menschen, der frei in seinem Urtheile über das Leben werden will; er vergisst nicht und trägt den Dingen Alles nach, Gutes und Böses. Zuletzt, wenn die Tafel seiner Seele mit Erfahrungen voll geschrieben ist, wird er das Dasein nicht verachten und hassen, aber es auch nicht lieben, sondern über ihm liegen bald mit dem Auge der Freude, bald mit dem der Trauer, und, wie die Natur, bald sommerlich, bald herbstlich gesinnt sein. 288. Nebenerfolg. — Wer ernstlich frei werden will, wird dabei ohne allen Zwang die Neigung zu Fehlern und Lastern mitverlieren; auch Aerger und Verdruss werden ihn immer seltener anfallen. Sein Wille nämlich will Nichts angelegentlicher, als Erkennen und das Mittel dazu, das heisst: den andauernden Zustand, in dem er am tüchtigsten zum Erkennen ist. 289. Werth der Krankheit — Der Mensch, der krank zu Bette liegt, kommt mitunter dahinter, dass er für gewöhnlich an seinem Amte, Geschäfte oder an seiner Gesellschaft krank ist und durch sie jede Besonnenheit über sich verloren hat: er gewinnt diese Weisheit aus der Müsse, zu welcher ihn seine Krankheit zwingt Digitized by Googli 2go. Empfindung auf dem Lande. — Wenn man nicht feste, ruhige Linien am Horizonte seines Lebens hat, Gebirgs- und Waldlinien gleichsam, so wird der innerste Wille des Menschen selber unruhig, zerstreut und begehr- lich wie das Wesen des Städters: er hat kein Glück und giebt kein Glück. 2QI. Vorsicht der freien Geister. — Freigesinnte, der Erkenntniss allein lebende Menschen werden ihr äusser- liches Lebensziel, ihre endgültige Stellung zu Gesellschaft und Staat bald erreicht finden und zum Beispiel mit einem kleinen Amte oder einem Vermögen, das gerade zum Leben ausreicht, gern sich zufrieden geben; denn sie werden sich einrichten so zu leben, dass eine grosse Verwandlung der äusseren Güter, ja ein Umsturz der politischen Ordnungen ihr Leben nicht mit umwirft Auf jene Dinge verwenden sie so wenig wie möglich Energie, damit sie mit der ganzen angesammelten Kraft und gleichsam mit einem langen Athem in das Element des Erkennens hinabtauchen können. So dürfen sie hoffen, tief zu tauchen und auch wohl auf den Grund zu sehen. — Von einem Ereigniss wird ein solcher Geist gern nur einen Zipfel nehmen, er liebt die Dinge in der ganzen Breite und Weitschweifigkeit ihrer Falten nicht: denn er will sich nicht in diese verwickeln. — Auch er kennt die Wochentage der Unfreiheit, der Abhängigkeit, der Dienstbarkeit Aber von Zeit zu Zeit muss ihm ein Sonntag der Freiheit kommen, sonst wird er das Leben nicht aushalten. — Es ist wahrscheinlich, dass selbst seine Liebe zu den Menschen vorsichtig und etwas kurzathmig sein wird, denn er will sich mit der Welt der Neigungen •7* — 2Ö0 — und der Blindheit nur so weit einlassen, als es zum Zwecke der Erkenntniss nöthig ist. Er muss darauf vertrauen, dass der Genius der Gerechtigkeit Etwas für seinen Jünger und Schützling sagen wird, wenn an- schuldigende Stimmen ihn arm an Liebe nennen sollten. — Es giebt in seiner Lebens- und Denkweise einen ver- feinerten Heroismus, welcher es verschmäht, sich der grossen Massen-Verehrung, wie sein gröberer Bruder es thut, anzubieten, und still durch die Welt und aus der Welt zu gehen pflegt. Was für Labyrinthe er auch durchwandert, unter welchen Felsen sein Strom sich auch zeitweilig durchgequält hat — kommt er ans Licht, so geht er hell, leicht und fast geräuschlos seinen Gang und lässt den Sonnenschein bis in seinen Grund hinab spielen. 2Q2. Vorwärts. — LTnd damit vorwärts auf der Bahn der Weisheit, guten Schrittes, guten Vertrauens! Wie du auch bist, so diene dir selber als Quell der Erfahrung! WTirf das Missvergnügen über dein Wesen ab, verzeihe dir dein eignes Ich: denn in jedem Falle hast du an dir eine Leiter mit hundert Sprossen, auf welchen du zur Erkenntniss steigen kannst. Das Zeitalter, in welches du dich mit Leidwesen geworfen fühlst, preist dich selig dieses Glückes wegen; es ruft dir zu, dass dir jetzt noch an Erfahrungen zu Theil werde, was Menschen späterer Zeit vielleicht entbehren müssen. Missachte es nicht, noch religiös gewesen zu sein! ergründe es völlig, wie du noch einen echten Zugang zur Kunst gehabt hast! Kannst du nicht, gerade mit Hülfe dieser Erfahrungen, ungeheuren Wegstrecken der früheren Menschheit verständnissvoller nachgehen? Sind nicht gerade auf dem Boden, welcher Digitized by Google — 26 1 — dir mitunter so missfällt, auf dem Boden des unreinen Denkens, viele der herrlichsten Früchte älterer Kultur aufgewachsen? Man muss Religion und Kunst wie Mutter und Amme geliebt haben, — sonst kann man nicht weise werden. Aber man muss über sie hinaussehen, ihnen entwachsen können; bleibt man in ihrem Banne, so versteht man sie nicht. Ebenso muss dir die Historie vertraut sein und das vorsichtige Spiel mit den Wag- schalen: „einerseits— andererseits". Wandle zurück, in die Fussstapfen tretend, in welchen die Menschheit ihren leid- vollen grossen Gang durch die Wüste der Vergangen- heit machte: so bist du am gewissesten belehrt, wohin alle spätere Menschheit nicht wieder gehen kann oder darf. Und indem du mit aller Kraft vorauserspähen willst, wie der Knoten der Zukunft noch geknüpft wird, bekommt dein eigenes Leben den Werth eines Werkzeuges und Mittels zur Erkenntniss. Du hast es in der Hand, zu erreichen, dass ;tll dein Erlebtes: die Versuche, Irrwege, Fehler, Täuschungen, Leidenschaften, deine Liebe und deine Hoffnung, in deinem Ziele ohne Rest aufgehe. Dieses Ziel ist: selber eine nothwendige Kette von Kultur- Ringen zu werden und, von deren Not- wendigkeit aus, auf die Nothwendigkcit im Gange der allgemeinen Kultur zu schliessen. Wenn dein Blick stark genug geworden ist, den Grund in dem dunklen Brunnen deines Wesens und deiner Erkenntnisse zu sehen, so werden dir vielleicht auch in seinem Spiegel die fernen Sternbilder zukünftiger Kulturen sichtbar werden. Glaubst du, ein solches Leben, mit einem solchen Ziele, sei zu mühevoll, zu ledig aller Annehmlichkeiten? So hast du noch nicht gelernt, dass kein Honig süsser als der der Erkenntniss ist und dass die hängenden Wolken der Trübsal dir noch zum Euter dienen müssen, aus dem du — 262 die Milch zu deiner Labung melken wirst. Kommt das Alter, so merkst du erst recht, wie du der Stimme der Natur Gehör gegeben, jener Natur, welche die ganze Welt durch Lust beherrscht: das selbe Leben, welches seine Spitze im Alter hat, hat auch seine Spitze in der Weisheit, in jenem milden Sonnenglanz einer beständigen geistigen Freudigkeit; beiden, dem Alter und der Weis- heit, begegnest du auf Einem Bergrücken des Lebens, — so wollte es die Natur. Dann ist es Zeit und kein Anlass zum Zürnen, dass der Nebel des Todes naht. Dem Lichte zu — deine letzte Bewegung; ein Jauchzen der Erkenntniss — dein letzter Laut. Digitized by Google Sechstes Hauptstück. Der Mensch im Verkehr. Digitized by Google - 293- Wohlwollende Verstellung. — Im Verkehre mit Menschen ist häufig eine wohlwollende Verstellung nöthig, als ob wir die Motive ihres Handelns nicht durchschauten. 294. Kopien. — Nicht selten begegnet man Kopien bedeutender Menschen; und den Meisten gefallen, wie bei Gemälden, so auch hier, die Kopien besser als die Originale. 295. Der Redner. — Man kann höchst passend reden, und doch so, dass alle Welt über das Gegentheil schreit: — nämlich dann, wenn man nicht zu aller Welt redet. 296. Mangel an Vertraulichkeit. — Mangel an Ver- traulichkeit unter Freunden ist ein Fehler, der nicht gerügt werden kann, ohne unheilbar zu werden. 297. Zur Kunst des Schenkens. — Eine Gabe aus- schlagen zu müssen, bloss weil sie nicht auf die rechte Weise angeboten wurde, erbittert gegen den Geber. Digitized by Google — 266 — 298. Der gefährlichste Parteimann. — In jeder Partei ist Einer, der durch sein gar zu gläubiges Aussprechen der Parteigrundsätze die Uebrigen zum Abfall reizt. 299. Rathgeber des Kranken. —Wer einem Kranken Rathschläge giebt, erwirbt sich ein Gefühl von Ueber- legenheit über ihn, sei es, dass sie angenommen oder dass sie verworfen werden. Deshalb hassen reizbare und stolze Kranke die Rathgeber noch mehr als ihre Krankheit. 300. Doppelte Art der Gleichheit. — Die Sucht nach Gleichheit kann sich so äussern, dass man entweder alle Anderen zu sich hinunterziehen möchte (durch Verkleinern, Sekretiren, Beinstellen) oder sich mit Allen hinauf (durch Anerkennen, Helfen, Freude an fremdem Gelingen). 301- Gegen Verlegenheit. — Das beste Mittel, ver- legenen Leuten zu Hülfe zu kommen, ist, dass man sie entschieden lobt. 302. Vorliebe für einzelne Tugenden. — Wir legen nicht eher besonderen Werth auf den Besitz einer Tugend, bis wir deren völlige Abwesenheit an unserem Gegner wahrnehmen. 303. Warum man widerspricht. — Man widerspricht oft einer Meinung, während uns eigentlich nur der Ton, mit dem sie vorgetragen wurde, unsympathisch ist. Digitized by Google — 267 — 304. . Vertrauen und Vertraulichkeit. — Wer die Vertraulichkeit mit einer anderen Person geflissentlich zu erzwingen sucht, ist gewöhnlich nicht sicher darüber, ob er ihr Vertrauen besitzt. Wer des Vertrauens sicher ist, legt auf Vertraulichkeit wenig Werth. 305. Gleichgewicht der Freundschaft. — Manchmal kehrt, in unserm Vcrhältniss zu einem andern Menschen, das rechte Gleichgewicht der Freundschaft zurück, wenn wir in unsre eigene Wagschale einige Gran Unrecht legen. 306. Die gefährlichsten Aerzte. — Die gefährlichsten Aerzte sind die, welche es dem geborenen Arzte als geborene Schauspieler mit vollkommener Kunst der Täuschung nachmachen. 3°7- Wann Paradoxien am Platze sind. — Geist- reichen Personen braucht man mitunter, um sie für einen Satz zu gewinnen, denselben nur in der Form einer un- geheuerlichen Paradoxie vorzulegen. 308. Wie muthige Leute gewonnen werden. — Muthige Leute überredet man dadurch zu einer Hand- lung, dass man dieselbe gefährlicher darstellt, als sie ist. 3<>9. Artigkeiten. — Unbeliebten Personen rechnen wir die Artigkeiten, welche sie uns erweisen, zum Vergehen an. Digitized by Google — 268 — 3io, Warten lassen. — Ein sicheres Mittel, die Leute aufzubringen und ihnen böse Gedanken in den Kopf zu setzen, ist, sie lange warten zu lassen. Warten macht unmoralisch. Gegen die Vertraulichen. — Leute, welche uns ihr volles V ertrauen schenken, glauben dadurch ein Recht auf das unsrige zu haben. Dies ist ein Fehlschluss; durch Geschenke erwirbt man keine Rechte. Ausgleichsmittel. — Es genügt oft, einem Andern, dem man einen Nachtheil zugefügt hat, Gelegenheit zu einem Witze über uns zu geben, um ihm persönlich Genugthuung zu schaffen, ja um ihn für uns gut zu stimmen. 313. Eitelkeit der Zunge. — Ob der Mensch seine schlechten Eigenschaften und Laster verbirgt oder mit Offenheit sie eingesteht, so wünscht doch in beiden Fällen seine Eitelkeit einen Vortheil dabei zu haben: man beachte nur, wie fein er unterscheidet, vor wem er jene Eigenschaften verbirgt, vor wem er ehrlich und offenherzig wird. Rücksichtsvoll. — Niemanden kränken, Niemanden beeinträchtigen wollen kann ebensowohl das Kennzeichen einer gerechten, als einer ängstlichen Sinnesart sein. Digitized by Google — 26t) — 315. Zum Disputiren erforderlich. — Wer seine Gedanken nicht auf Eis zu legen versteht, der soll sich nicht in die Hitze des Streites begeben. Umgang und Anmaassung. — Man verlernt die Anmaassung, wenn man sich immer unter verdienten Menschen weiss; Allein -sein pflanzt Uebermuth. Junge Leute sind anmaassend, denn sie gehen mit Ihresgleichen um, welche alle Nichts sind, aber gerne Viel bedeuten. 317- Motiv des Angriffs. — Man greift nicht immer an, um Jemandem wehe zu thun, ihn zu besiegen: sondern gewiss oft nur, um sich seiner Kraft bewusst zu werden. 318. Schmeichelei. — Personen, welche unsere Vorsicht im Verkehr mit ihnen durch Schmeicheleien betäuben wollen, wenden ein gefährliches Mittel an, gleichsam einen Schlaftrunk, welcher, wenn er nicht einschläfert, nur umsomehr wach erhält. 3«9- Guter Briefschreiber. — Der, welcher keine Bücher schreibt, viel denkt und in unzureichender Gesell- schaft lebt, wird gewöhnlich ein guter Briefschreiber sein. 320. Am hässlichsten. — Es ist zu bezweifeln, ob ein Vielgereister irgendwo in der Welt hässlichere Gegenden gefunden hat, als im menschlichen Gesichte. Digitized by Google 32i. Die Mitleidigen. — Die mitleidigen, im Unglück jederzeit hülfreichen Naturen sind selten zugleich die sich mitfreuenden: beim Glück der Anderen haben sie Nichts zu thun, sind überflüssig, fühlen sich nicht im Besitz ihrer Ueberlegenheit und zeigen deshalb leicht Missvergnügen. 322. Verwandte eines Selbstmörders. — Verwandte eines Selbstmörders rechnen es ihm übel an, dass er nicht aus Rücksicht auf ihren Ruf am Leben geblieben ist. 323. Undank vorauszusehen. — Der, welcher etwas Grosses schenkt, findet keine Dankbarkeit; denn der Beschenkte hat schon durch das Annehmen zu viel Last. 324. In geistloser Gesellschaft. — Niemand dankt dem geistreichen Menschen die Höflichkeit, wenn er sich einer Gesellschaft gleichstellt, in der es nicht höflich ist, Geist zu zeigen. 3*5- Gegenwart von Zeugen. — Man springt einem Menschen, der in's Wasser fällt, noch einmal so gern nach, wenn Leute zugegen sind, die es nicht wagen. 326. Schweigen. — Die für beide Parteien unangenehmste Art, eine Polemik zu erwidern, ist, sich ärgern und schweigen: denn der Angreifende erklärt sich das Schweigen gewöhnlich als Zeichen der Verachtung. Digitized by Googl — 27I — 327- Das Geheimniss des Freundes. — Es wird Wenige geben, welche, wenn sie um Stoff zur Unter- haltung verlegen sind, nicht die geheimeren Angelegen- heiten ihrer Freunde preisgeben. 328. Humanität. — Die Humanität der Berühmtheiten des Geistes besteht darin, im Verkehre mit Unberühmten auf eine verbindliche Art Unrecht zu behalten. 329- Der Befangene. — Menschen, die sich in der Ge- sellschaft nicht sicher fühlen, benutzen jede Gelegenheit, um an einem Nahegestellten, dem sie überlegen sind, diese Ueberlegenheit öffentlich, vor der Gesellschaft, zu zeigen, zum Beispiel durch Neckereien. Dank. — Eine feine Seele bedrückt es, sich Jeman- den zu Dank verpflichtet zu wissen; eine grobe, sich Jemandem. 33i. Merkmal der Entfremdung. — Das stärkste Anzeichen von Entfremdung der Ansichten bei zwei Menschen ist dies, dass beide sich gegenseitig einiges Ironische sagen, aber keiner von beiden das Ironische daran fühlt 332- Anmaassung bei Verdiensten. — Anmaassung von Menschen mit Verdienst beleidigt noch mehr, als Anmaassung von Menschen ohne Verdienst: denn schon das Verdienst beleidigt. Digitized by Google — 2J2 — 333- Gefahr in der Stimme. — Mitunter macht uns im Gespräche der Klang der eigenen Stimme verlegen und verleitet uns zu Behauptungen, welche gar nicht unserer Meinung entsprechen. 3 34- Im Gespräche. — Ob man im Gespräche dem Andern vornehmlich Recht giebt oder Unrecht, ist durch- aus Sache der Angewöhnung: das Eine wie das Andere hat Sinn. 335. Furcht vor dem Nächsten. — Wir fürchten die feindselige Stimmung des Nächsten, weil wir befürchten, dass er durch diese Stimmung hinter unsere Heimlich- keiten kommt. 336. Durch Tadel auszeichnen. — Sehr angesehene Personen ertheilen selbst ihren Tadel so, dass sie uns damit auszeichnen wollen. Es soll uns aufmerksam machen, wie angelegentlich sie sich mit uns beschäftigen. Wir verstehen sie ganz falsch, wenn wir ihren Tadel sachlich nehmen und uns gegen ihn vertheidigen; wir ärgern sie dadurch und entfremden uns ihnen. 337- Verdruss am Wohlwollen Anderer. — Wir irren uns über den Grad, in welchem wir uns gehasst, gefürchtet glauben, weil wir selber zwar gut den Grad unserer Abweichung von einer Person, Richtung, Partei kennen, jene Andern aber uns nur oberflächlich kennen und deshalb auch nur oberflächlich hassen. Wir begegnen Digitized by Google — 273 — oft einem Wohlwollen, welches uns unerklärlich ist; ver- stehen wir es aber, so beleidigt es uns, weil es zeigt, dass man uns nicht ernst, nicht wichtig genug nimmt. 338. Sich kreuzende Eitelkeiten. — Zwei sich begeg- nende Personen, deren Eitelkeit gleich gross ist, behalten hinterdrein von einander einen schlechten Eindruck, weil jede so mit dem Eindruck beschäftigt war, den sie bei der andern hervorbringen wollte, dass die andere auf sie keinen Eindruck machte; beide merken endlich, dass ihr Bemühen verfehlt ist und schieben je der andern die Schuld zu. 339- Unarten als gute Anzeichen. — Der überlegene Geist hat an den Taktlosigkeiten, Anmaassungen , ja Feindseligkeiten ehrgeiziger Jünglinge gegen ihn sein Vergnügen; es sind die Unarten feuriger Pferde, welche noch keinen Reiter getragen haben und die doch in Kurzem so stolz sein werden, ihn zu tragen. 340- Wann es rathsam ist, Unrecht zu behalten.— Man thut gut, Anschuldigungen, selbst wenn sie uns Unrecht thun, ohne Widerlegung hinzunehmen, im Fall der Anschuldigende ein noch grösseres Unrecht darin erblicken würde, wenn wir ihm widersprächen oder gar ihn widerlegten. Freilich kann Einer auf diese Weise immer Unrecht haben und immer Recht behalten und zuletzt mit dem besten Gewissen von der Welt der unerträglichste Tyrann und Quälgeist werden; und was vom Einzelnen gilt, kann auch bei ganzen Klassen der Gesellschaft vorkommen. Nietzsche, Menschliches, Alkumcnschliches L l Digitized by Google — 274 - 34i- Zu wenig geehrt. — Sehr eingebildete Personen, denen man weniger Beachtung geschenkt hat, als sie erwarteten, versuchen lange, sich selbst und Andere darüber irre zu führen, und werden spitzfindige Psycho- logiker, um herauszubekommen, dass der Andere sie doch genügend geehrt hat: erreichen sie ihr Ziel nicht, reisst der Schleier der Täuschung, so geben sie sich nun um so grösserem Unmuthe hin. 342. Urzustände in derRede nachklingend. — In der Art, wie jetzt die Männer im Verkehre Behauptungen aufstellen, erkennt man oft einen Nachklang der Zeiten, wo dieselben sich besser auf Waffen, als auf irgend Etwas verstanden: sie handhaben ihre Behauptungen bald wie zielende Schützen ihr Gewehr, bald glaubt man das Sausen und Klirren der Klingen zu hören; und bei einigen Männern poltert eine Behauptung herab wie ein derber Knüttel. — Frauen dagegen sprechen so, wie Wesen, welche Jahrtausende lang am Webstuhl sassen oder die Nadel führten oder mit Kindern kindisch waren. 343- Der Erzähler. — Wer Etwas erzählt, lässt leicht merken, ob er erzählt, weil ihn das Faktum interessirt oder weil er durch die Erzählung interessiren will Im letzteren Falle wird er übertreiben, Superlative ge- brauchen, und Aehnliches thun. Er erzählt dann ge- wöhnlich schlechter, weil er nicht so sehr an die Sache, als an sich denkt. Digitized by Google - 275 - 344- Der Vorleser. — Wer dramatische Dichtungen vorliest, macht Entdeckungen über seinen Charakter: er findet für gewisse Stimmungen und Scenen seine Stimme natürlicher, als für andere, etwa für alles Pathetische oder für das Scurrilc, während er vielleicht im gewöhnlichen Leben nur nicht Gelegenheit hatte, Pathos oder Scurrilität zu zeigen. 345- Eine Lustspiel-Scene, welche im Leben vor- kommt. — Jemand denkt sich eine geistreiche Meinung über ein TKema aus, um sie in einer Gesellschaft vor- zutragen. Nun würde man im Lustspiel anhören und ansehen, wie er mit allen Segeln an den Punkt zu kommen und die Gesellschaft dort einzuschiffen sucht, wo er seine Bemerkung machen kann: wie er fortwährend die Unterhaltung nach Einem Ziele schiebt, gelegentlich die Richtung verliert, sie wiedergewinnt, endlich den Augenblick erreicht: fast versagt ihm der Athem — und da nimmt ihm Einer aus der Gesellschaft die Bemerkung vom Munde weg. Was wird er thun? Seiner eigenen Meinung opponiren? 346. Wider Willen unhöflich. — Wenn Jemand wider Willen einen Andern unhöflich behandelt, zum Beispiel nicht grüsst, weil er ihn nicht erkennt, so wurmt ihn dies, obwohl er nicht seiner Gesinnung einen Vorwurf machen kann; ihn kränkt die schlechte Meinung, welche er bei dem Andern erregt hat, oder er fürchtet die Folgen einer Verstimmung, oder ihn schmerzt es, den Andern verletzt zu haben, — also Eitelkeit, Furcht oder Mitleid können rege werden, vielleicht auch alles zusammen. 18* — 2-]b — 347- Verräther-Meisterstück. — Gegen den Mitver- schworenen den kränkenden Argwohn zu äussern, ob man nicht von ihm verrathen werde, und dies gerade in dem Augenblicke, wo man selbst Verrath übt, ist ein Meisterstück der Bosheit, weil es den Andern persönlich occupirt und ihn zwingt, eine Zeit lang sich sehr unver- dächtig und offen zu benehmen, sodass der wirkliche Verräther sich freie Hand gemacht hat. 348. Beleidigen und beleidigt werden. — Es ist weit angenehmer, zu beleidigen und später um Verzeihung zu bitten, als beleidigt zu werden und Verzeihung zu ge- währen. Der, welcher das Erste thut, giebt ein Zeichen von Macht und nachher von Güte des Charakters. Der Andere, wenn er nicht als inhuman gelten will, muss schon verzeihen; der Genuss an der Demüthigung des Anderen ist dieser Nöthigung wegen gering. 349. Im Disput. — Wenn man der Meinung eines An- dern widerspricht und dabei zugleich seine eigene ent- wickelt, so verrückt gewöhnlich die fortwährende Rück- sicht auf die andere Meinung die natürliche Haltung der eigenen: sie erscheint absichtlicher, schärfer, vielleicht etwas übertrieben. 35o. Kunstgriff. — Wer etwas Schwieriges von einem Andern erlangen will, muss die Sache überhaupt nicht als Problem fassen, sondern schlicht seinen Plan hinlegen, Digitized by Google — 2:i - als sei er die einzige Möglichkeit; er muss es verstehen, wenn im Auge des Gegners der Einwand, der Wider- spruch dämmert, schnell abzubrechen und ihm keine Zeit zu geben. 35». Gewissensbisse nach Gesellschaften. — Warum haben wir nach gewöhnlichen Gesellschaften Gewissensbisse ? Weil wir wichtige Dinge leicht genommen haben, weil wir bei der Besprechung von Personen nicht mit voller Treue gesprochen oder weil wir geschwiegen haben, wo wir reden sollten, weil wir gelegentlich nicht aufgesprungen und fortgelaufen sind, kurz weil wir uns in der Gesellschaft benahmen, als ob wir zu ihr gehörten. 352. Man wird falsch beurtheilt. — Wer immer dar- nach hinhorcht, wie er beurtheilt wird, hat immer Aergcr. Denn wir werden schon von Denen, welche uns am nächsten stehen („am besten kennen"), falsch beurtheilt. Selbst gute Freunde lassen ihre Verstimmung mitunter in einem missgünstigen Worte aus; und würden sie unsere Freunde sein, wenn sie uns genau kännten? — Die Ur- theile der Gleichgültigen thun sehr weh, weil sie so un- befangen, fast sachlich klingen. Merken wir aber gar, dass Jemand, der uns feind ist, uns in einem geheim ge- haltenen Punkte so gut kennt, wie wir uns, wie gross ist dann erst der Verdruss! 353- Tyrannei des Portraits. — Künstler und Staats- männer, die schnell aus einzelnen Zügen das ganze Bild eines Menschen oder Ereignisses combiniren, sind am meisten dadurch ungerecht, dass sie hinterdrein verlangen, - 278 - das Ereigniss oder der Mensch müsse wirklich so sein, wie sie es malten; sie verlangen geradezu, dass Einer so begabt, so verschlagen, so ungerecht sei, wie er in ihrer Vorstellung lebt. 354- Der Verwandte als der beste Freund. — Die Griechen, die so gut wussten, was ein Freund sei, — (sie allein von allen Völkern haben eine tiefe, vielfache philosophische Erörterung der Freundschaft, da ihnen zuerst, und bis jetzt zuletzt, der Freund als ein lösens- werthes Problem erschienen war) — diese selben Griechen haben die Verwa ndten mit einem Ausdrucke bezeichnet, welcher der Superlativ des Wortes „Freund" ist. Dies bleibt mir unerklärlich. 355- Verkannte Ehrlichkeit. — Wenn Jemand im Ge- spräche sich selber citirt („ich sagte damals", „ich pflege zu sagen"), so macht dies den Eindruck der Anmaassung, während es häufig gerade aus der entgegengesetzten Quelle hervorgeht, mindestens aus Ehrlichkeit, welche den Augen- blick nicht mit den Einfällen schmücken und herausputzen will, welche einem früheren Augenblicke angehören. 356. Der Parasit. — Es bezeichnet einen völligen Mangel an vornehmer Gesinnung, wenn Jemand, nur um nicht arbeiten zu müssen, lieber in Abhängigkeit, auf Anderer Kosten leben will, — gewöhnlich mit einer heim- lichen Erbitterung gegen Die, von denen er abhängt. — Eine solche Gesinnung ist viel häufiger bei Frauen zu finden, als bei Männern: an ihnen auch viel verzeihlicher (aus historischen Gründen). Digitized by Google — 279 — 357- Auf dem Altar der Versöhnung. — Es giebt Umstände, wo man eine Sache von einem Menschen nur so erlangt, dass man ihn beleidigt und sich verfeindet: dieses Gefühl, einen Feind zu haben, quält ihn so, dass er gern das erste Anzeichen einer milderen Stimmung zur Versöhnung benützt und auf dem Altar dieser Ver- söhnung die Sache opfert, an der ihm früher so viel ge- legen war, dass er sie um keinen Preis geben wollte. 358. Mitleid fordern, ein Zeichen der Anmaassung. Es giebt Menschen, welche, wenn sie in Zorn gerathen und die Anderen beleidigen, dabei erstens verlangen, dass man ihnen Nichts übel nehme, und zweitens, dass man mit ihnen Mitleid habe, weil sie so heftigen Paroxys- men unterworfen sind. So weit geht die menschliche Anmaassung. 359- Köder. — „Jeder Mensch hat seinen Preis",*) — das ist nicht wahr. Aber es findet sich wohl für Jeden ein Köder, an den er anbeissen muss. So braucht man, um manche Person für eine Sache zu gewinnen, dieser Sache nur den Glanz des Menschenfreundlichen, Edlen, Mildthätigen , Aufopfernden zu geben — und welcher Sache könnte man ihn nicht geben? — Es ist das Zucker- werk und die Näscherei ihrer Seele ; andere haben anderes. 360. Verhalten beim Lobe. — Wenn gute Freunde die begabte Natur loben, so wird sie sich öfters aus Höflichkeit und Wohlwollen darüber erfreut zeigen: aber •) Wort Cromwell's. Digitized by L^ooQle - 280 — in Wahrheit ist es ihr gleichgültig. Ihr eigentliches Wesen ist ganz träge dagegen und um keinen Schritt dadurch aus der Sonne oder dem Schatten, in dem sie liegt, herauszuwälzen; doch die Menschen wollen durch Lob eine Freude machen, und man würde sie betrüben, wenn man sich über ihr Lob nicht auch erfreut zeigte. 361. Die Erfahrung des Sokrates. — Ist man in einer Sache Meister geworden, so ist man gewöhnlich eben dadurch in den meisten andern Sachen ein Stümper geblieben; aber man urthcilt gerade umgekehrt, — wie dies schon Sokrates erfuhr.*) Dies ist der Uebelstand, welcher den Umgang mit Meistern unangenehm macht. 362. Mittel der Verthicrung. — Im Kampf mit der Dummheit werden die billigsten und sanftesten Menschen zuletzt brutal. Sie sind damit vielleicht auf dem rechten Wege der Vertheidigung; denn an die dumme Stirn ge- hört, als Argument, von Rechtswegen die geballte Faust. Aber weil, wie gesagt, ihr Charakter sanft und billig ist, so leiden sie durch diese Mittel der Nothwehr mehr, als sie Leid zufügen. 363. Neugierde. — Wenn die Neugierde nicht wäre, würde Wenig für das Wohl des Nächsten gethan werden. Aber die Neugierde schleicht sich unter dem Namen der Pflicht oder des Mitleides in das Haus des Unglücklichen und Bedürftigen. — Vielleicht ist selbst an der vielge- rühmten Mutterliebe ein gut Stück Neugierde. Apologie 8. Digitized by Google — 28 1 — 304. Verrechnung in der Gesellschaft. — Dieser wünscht interessant zu sein durch seine Urtheile, Jener durch seine Neigungen und Abneigungen, der Dritte durch seine Bekanntschaften, ein Vierter durch seine Ver- einsamung — und sie verrechnen sich Alle. Denn Der, vor dem das Schauspiel aufgeführt wird, meint, selber das einzig dabei in Betracht kommende Schauspiel zu sein. .05- Duell. — Zu Gunsten aller Ehrenhändel und Duelle ist zu sagen, dass, wenn Einer ein so reizbares Gefühl hat, nicht leben zu wollen, wenn Der und Der das und das über ihn sagt oder denkt, er ein Recht hat, die Sache auf den Tod des Einen oder des Andern ankommen zu lassen. Darüber, dass er so reizbar ist, ist gar nicht zu rechten, damit sind wir die Erben der Vergangenheit, ihrer Grösse sowohl wie ihrer Uebertreibungen, ohne welche es nie eine Grösse gab. Existirt nun ein Ehren- Kanon, welcher Blut an Stelle des Todes gelten lässt, sodass nach einem regelrechten Duell das Gemüth er- leichtert wird, so ist dies eine grosse Wohlthat, weil sonst viele Menschenleben in Gefahr wären. — Eine solche Institution erzieht übrigens die Menschen in Vor- sicht auf ihre Acusserungen und macht den Umgang mit ihnen möglich. 366. Vornehmheit und Dankbarkeit. — Eine vor- nehme Seele wird sich gern zur Dankbarkeit verpflichtet fühlen und den Gelegenheiten, bei denen sie sich ver- pflichtet, nicht ängstlich aus dem Wege gehen; ebenso wird sie nachher gelassen in den Aeusserungen der Digitized by Google 1 — 282 — Dankbarkeit sein; während niedere Seelen sich gegen alles Verpflichtet - werden sträuben oder nachher in den Aeusserungen ihrer Dankbarkeit übertrieben und allzu sehr beflissen sind. Letzteres kommt übrigens auch bei Personen von niederer Herkunft oder gedrückter Stellung vor: eine Gunst, ihnen erwiesen, deucht ihnen ein Wunder von Gnade. 367. Die Stunden der Beredtsamkeit. — Der Eine hat, um gut zu sprechen, Jemanden nöthig, der ihm entschieden und anerkannt überlegen ist; der Andere kann nur vor Einem, den er überragt, völlige Freiheit der Rede und glückliche Wendungen der Beredtsamkeit finden: in beiden Fällen ist es der selbe Grund; Jeder von ihnen redet nur gut, wenn er sans gene redet, der Eine, weil er vor dem Höheren den Antrieb der Con- currenz, des Wettbewerbs nicht fühlt, der Andere eben- falls deshalb angesichts des Niederen. — Nun giebt es eine ganz andere Gattung von Menschen, die nur gut reden, wenn sie im Wetteifer, mit der Absicht zu siegen, reden. Welche von beiden Gattungen ist die ehrgeizigere: die, welche aus erregter Ehrsucht gut, oder die, welche aus eben diesen Motiven schlecht oder gar nicht spricht? 368. Das Talent zur Freundschaft. — Unter den Menschen, welche eine besondere Gabe zur Freundschaft haben, treten zwei Typen hervor. Der Eine ist in fort- währendem Aufsteigen und findet für jede Phase seiner Entwickelung einen genau zugehörigen Freund. Die Reihe von Freunden, welche er auf diese Weise erwirbt, ist unter sich selten in Zusammenhang, mitunter in Digitized by Google - 283 — Misshelligkeit und Widerspruch: ganz dem entsprechend, dass die späteren Phasen in seiner Entwickelung die früheren Phasen aufheben oder beeinträchtigen. Ein solcher Mensch mag im Scherz eine Leiter heissen. — Den andern Typus vertritt Der, welcher eine An- ziehungskraft auf sehr verschiedene Charaktere und Begabungen ausübt, sodass er einen ganzen Kreis von Freunden gewinnt; diese selbst aber kommen dadurch unter einander in freundschaftliche Beziehung, trotz aller Verschiedenheit. Einen solchen Menschen nenne man einen Kreis: denn in ihm muss jene Zusammengehörig- keit so verschiedener Anlagen und Naturen irgendwie vorgebildet sein. — Uebrigens ist die Gabe, gute Freunde zu haben, in manchem Menschen grösser, als die Gabe, ein guter Freund zu sein. 369. Taktik im Gespräch. — Nach einem Gespräch mit Jemandem ist man am besten auf den Mitunterredner zu sprechen, wenn man Gelegenheit hatte, seinen Geist, seine Liebenswürdigkeit vor ihm im ganzen Glänze zu zeigen. Dies benutzen kluge Menschen, welche Jemanden sich günstig stimmen wollen, indem sie bei der Unter- redung ihm die besten Gelegenheiten zu einem guten Witz und dergleichen zuschieben. Es wäre ein lustiges Gespräch zwischen zwei sehr Klugen zu denken, welche sich gegenseitig günstig stimmen wollen und sich des- halb die schönen Gelegenheiten im Gespräch hin und her zuwerfen, während keiner sie annimmt: sodass das Ge- spräch im Ganzen geistlos und unliebenswürdig verliefe, weil Jeder dem Andern die Gelegenheit zu Geist und Liebenswürdigkeit zuwiese. — 284 — 37<->- Entladung des Unmuthes. — Der Mensch, dem Etwas misslingt, führt dies Misslingen lieber auf den bösen Willen eines Anderen, als auf den Zufall zurück. Seine gereizte Empfindung wird erleichtert, wenn er sich — statt eine Sache — eine Person als Ursache des Misslingens denkt; denn an Personen kann man sich rächen, die Unbilden des Zufalls aber muss man hinunterwürgen. Die Umgebung eines Fürsten pflegt deshalb, wenn diesem Etwas misslungen ist, einen einzelnen Menschen als an- gebliche Ursache zu bezeichnen und im Interesse aller Höflinge aufzuopfern; denn der Missmuth des Fürsten würde sich sonst an ihnen Allen auslassen, da er ja an der Schicksalsgöttin selber keine Rache nehmen kann. 37». Die Farbe der Umgebung annehmen. — Warum ist Neigung und Abneigung so ansteckend, dass man in der Nähe einer stark empfindenden Person kaum leben kann, ohne mit ihrem Für und Wider angefüllt zu werden ? Erstens ist die völlige Enthaltung vom Urtheilen sehr schwer, mitunter für unsere Eitelkeit geradezu uner- träglich; sie trägt da gleiche Farbe mit der Gedanken- und Empfindungsarmuth oder mit der Aengstlichkeit, der Unmännlichkeit: und so werden wir wenigstens dazu fort- gerissen, Partei zu nehmen, vielleicht gegen die Richtung unserer Umgebung, wenn diese Stellung unserm Stolze mehr Vergnügen macht. Gewöhnlich aber — das ist das Zweite — bringen wir uns den Uebergang von Gleich- gültigkeit zu Neigung oder Abneigung gar nicht zum Bewusstsein, sondern gewöhnen uns allmählich an die Empfindungsweise unserer Umgebung, und weil sympa- Digitized by Google - 285 - thisches Zustimmen und einander- Verstehen so angenehm ist, tragen wir bald alle Zeichen und Parteifarben dieser Umgebung. Ironie. — Die Ironie ist nur als pädagogisches Mittel am Platze, von Seiten eines Lehrers im Verkehr mit Schülern irgend welcher Art: ihr Zweck ist Demüthigung, Beschämung, aber von jener heilsamen Art, welche gute Vorsätze erwachen lässt und Dem, welcher uns so be- handelte, Verehrung, Dankbarkeit als einem Arzte ent- gegenbringen heisst. Der Ironische stellt sich unwissend und zwar so gut, dass die sich mit ihm unterredenden Schüler getäuscht sind und in ihrem guten Glauben an ihr eigenes Besserwissen dreist werden und sich Blossen aller Art geben ; sie verlieren die Behutsamkeit und zeigen sich, wie sie sind, — bis in einem Augenblick die Leuchte, die sie dem Lehrer in's Gesicht hielten, ihre Strahlen sehr demüthigend auf sie selbst zurückfallen lässt. — Wo ein solches Verhältniss, wie zwischen Lehrer und Schüler, nicht vorliegt, da ist die Ironie eine Unart, ein gemeiner Affekt. Alle ironischen Schriftsteller rechnen auf die alberne Gattung von Menschen, die sich gerne allen Anderen mit dem Autor zusammen überlegen fühlen wollen, als welchen sie für das Mundstück ihrer Anmaass- ung ansehen. — Die Gewöhnung an Ironie, ebenso wie die an Sarkasmus, verdirbt übrigens den Charakter, sie verleiht allmählich die Eigenschaft einer schadenfrohen Ueberlegenheit: man ist zuletzt einem bissigen Hunde gleich, der noch das Lachen gelernt hat, ausser dem Beissen. 37*. - 286 - 373- Anmaassung. — Vor Nichts soll man sich so hüten, als vor dem Aufwachsen jenes Unkrautes, welches Anmaassung heisst und uns jede gute Ernte verdirbt; denn es giebt Anmaassung in der Herzlichkeit, in der Ehrenbezeigung, in der wohlwollenden Vertraulichkeit, in der Liebkosung, im freundschaftlichen Rathe, im Ein- gestehen von Fehlern, im Mitleid mit Anderen: — alle diese schönen Dinge erwecken Widerwillen, wenn jenes Kraut dazwischenwächst. Der Anmaassende, das heisst Der, welcher Mehr bedeuten will, als er ist oder gilt, macht immer eine falsche Berechnung. Zwar hat er den augenblicklichen Erfolg für sich, insofern die Menschen, vor denen er anmaassend ist, ihm gewöhnlich das Maass von Ehre zollen, welches er fordert, aus Angst oder Bequemlichkeit; aber sie nehmen eine schlimme Rache dafür, da sie ebensoviel, als er über das Maass forderte, von dem Werthe subtrahiren, den sie ihm bis jetzt bei- legten. Es giebt Nichts, was die Menschen sich theurer bezahlen lassen , als Demüthigung. Der Anmaassende kann sein wirkliches, grosses Verdienst in den Augen der Andern so verdächtigen und klein machen, dass man mit staubigen Füssen darauf tritt. — Selbst ein stolzes Benehmen sollte man sich nur dort erlauben, wo man ganz sicher sein kann, nicht missverstanden und als an- maassend betrachtet zu werden, zum Beispiel vor Freunden und Gattinnen. Denn es giebt im Verkehre mit Menschen keine grössere Thorheit, als sich den Ruf des An- maassenden zuzuziehen; es ist noch schlimmer, als wenn man nicht gelernt hat, höflich zu lügen. Digitized by Google — 287 — 374. Zwiegespräch. — Das Zwiegespräch ist das voll- kommene Gespräch, weil Alles, was der Eine sagt, seine bestimmte Farbe, seinen Klang, seine begleitende Gebärde in strenger Rücksicht auf den Anderen, mit dem gesprochen wird, erhält, — also dem entsprechend, was beim Briefverkehr geschieht: dass man unter zehn Aus- drucksweisen eines und des selben Gefühls diejenige wählt, die sich nur für diesen und keinen andern Adressaten eignet. Beim Zwiegespräch giebt es nur eine einzige Strahlenbrechung des Gedankens: diese bringt der Mit- Unterredner hervor, als der Spiegel, in welchem wir unsere Gedanken möglichst schön wiedererblicken wollen. Wie aber ist es bei zwei, bei drei und mehr Mit-Unterrednern? Da verliert nothwendig das Gespräch an individualisirender Feinheit, die verschiedenen Rücksichten kreuzen sich, heben sich auf: die Wendung, welche dem Einen wohl- thut, ist nicht der Sinnesart des Andern gemäss. Deshalb wird der Mensch im Verkehr mit Mehreren gezwungen, sich auf sich zurückzuziehen, die Thatsachcn hinzustellen, wie sie sind, und ihnen gerade jenen spielenden Aether der Humanität zu nehmen, der ein Zwiegespräch zu den angenehmsten Dingen der Welt macht. Man höre nur den Ton, in welchem Männer im Verkehr mit ganzen Gruppen von Männern zu reden pflegen! es ist, als ob der Grundbass aller Rede der sei: „Das bin ich! das sage ich! Nun haltet davon, was ihr wollt!" — Dies ist auch der Grund, weshalb geistreiche Frauen bei Dem, welcher sie in Gesellschaften kennen lernte, meistens einen befremdenden, peinlichen, abschreckenden Eindruck hinterlassen: es ist das Reden zu Vielen, vor Vielen, das die Frauen aller geistigen Liebenswürdigkeit beraubt und nur das bewusste Digitized by Google — 288 Beruhen auf sich selbst, ihre Taktik und die Absicht auf öffentlichen Sieg in grellem Lichte zeigt: während die selben Frauen im Zwiegespräch wieder zu Weibern werden und ihre geistige Anmuth wiederfinden. 375- Nachruhm. — Auf die Anerkennung einer fernen Zukunft hoffen, hat nur Sinn, wenn man annimmt, dass die Menschheit wesentlich unverändert bleibe und dass alles Grosse nicht für Eine, sondern für alle Zeiten als gross empfunden werden müsse. Dies ist aber ein Irr- thum; die Menschheit, in ihrem Empfinden und Urtheilen über Das, was schön und gut ist, verwandelt sich sehr stark; es ist Phantasterei, von sich zu glauben, dass man eine Meile Wegs voraus sei und dass die gesammte Menschheit unsere Strasse ziehe. Zudem: ein Gelehrter, der sich verkannt weiss, darf jetzt bestimmt darauf rechnen, dass seine Entdeckung von Anderen auch gemacht wird, und dass ihm besten Falls einmal später von einem Historiker zuerkannt wird, er habe Das und Jenes auch schon gewusst, sei aber nicht im Stande gewesen, seiner Sache Glauben zu verschaffen. Nicht- anerkannt - werden wird von der Nachwelt immer als Mangel an Kraft ausgelegt. — Kurz, man soll der hochmüthigen Vereinsamung nicht zu bereitwillig das Wort reden. Es mag ja Ausnahmefälle geben: aber zumeist sind es unsere Fehler, Schwächen und Narrheiten, welche die Anerkennung unserer grossen Eigenschaften verhindern. 370. Von den Freunden. Ueberlege nur mit dir selber einmal, wie verschieden die Empfindungen, wie yctheilt die Meinungen selbst unter den nächsten Be- Digitized by Google 289 — kannten sind! wie selbst gleiche Meinungen in den Köpfen deiner Freunde eine ganz andere Stellung oder Stärke haben, als in deinem ! wie hundertfältig der Anlass kommt zum Missverstehen, zum feindseligen Auseinander- fliehen ! Nach Alledem wirst du dir sagen : „Wie unsicher ist der Boden, auf dem alle unsere Bündnisse und Freundschaften ruhen! wie nahe sind kalte Regengüsse oder böse Wetter! wie vereinsamt ist jeder Mensch!" — Sieht Einer dies ein, und noch dazu, dass alle Mei- nungen und deren Art und Stärke bei seinen Mit- menschen ebenso nothwendig und unverantwortlich sind wie ihre Handlungen, gewinnt er das Auge für diese innere Nothwendigkeit der Meinungen aus der unlös- baren Verflechtung von Charakter, Beschäftigung, Talent, Umgebung, — so wird er vielleicht die Bitterkeit der Empfindung los, mit der jener Weise rief: „Freunde, es giebt keine Freunde!" Er wird sich vielmehr eingestehen: Ja, es giebt Freunde! aber der Irrthum, die Täuschung über dich führte sie dir zu! und schweigen müssen sie gelernt haben, um dir freund zu bleiben! denn fast immer beruhen solche menschliche Beziehungen darauf, dass irgend ein paar Dinge nie gesagt werden, ja dass an sie nie gerührt wird: kommen diese Steinchen aber in's Rollen, so folgt die Freundschaft hinterdrein und zerbricht. Giebt es Menschen, welche nicht tödtlich zu verletzen wären, wenn sie erführen, was ihre ver- trautesten Freunde im Grunde von ihnen denken? — Indem wir uns selbst erkennen und unser Wesen selber als eine wandelnde Sphäre der Meinungen und Stimmungen ansehen und somit ein Wenig gering- schätzen lernen, bringen wir uns wieder in's Gleich- gewicht mit den Uebrigen. Es ist wahr, wir haben gute Gründe, unsere Bekannten, und seien es die grössten, Nie tische, Menschliches, Allxumenschliches I. ig — 290 — gering zu achten; aber eben so gute, diese Empfindung- gegen uns selber zu kehren. — Und so wollen wir es mit einander aushalten, da wir es ja mit uns aushalten; und vielleicht kommt Jedem auch einmal die freudigere Stunde, wo er sagt: „Freunde, es giebt keine Freunde!" so rief der sterbende Weise; „Feinde, es giebt keinen Feind!" — mV ich, der lebende Thor. Digitized by l^oOQle Siebentes Hauptstück. Weib und Kind. 377- Das vollkommene Weib. — Das vollkommene Weib ist ein höherer Typus des Menschen, als der voll- kommene Mann: auch etwas viel Seltneres. — Die Naturwissenschaft der Thiere bietet ein Mittel, diesen Satz wahrscheinlich zu machen. 378. Freundschaft und Ehe. — Der beste Freund wird wahrscheinlich die beste Gattin bekommen, weil die gute Ehe auf dem Talent zur Freundschaft beruht. 379. Fortleben der Eltern. — Die unaufgelösten Dissonanzen im Verhältniss von Charakter und Gesinnung der Eltern klingen in dem Wesen des Kindes fort und machen seine innere Leidensgeschichte aus. 380. Von der Mutter her. — Jedermann trägt ein Bild des Weibes von der Mutter her in sich: davon wird er bestimmt, die Weiber überhaupt zu verehren oder sie geringzuschätzen oder gegen sie im Allgemeinen gleich- gültig zu sein. Digitized by Google — 294 — 38i. Die Natur corrigiren. — Wenn man keinen guten Vater hat, so soll man sich einen anschaffen. 382. Väter und Söhne. — Väter haben Viel zu thun, um es wieder gut zu machen, dass sie Söhne haben. 383. Irrthum vornehmer Frauen. — Die vornehmen Frauen denken, dass eine Sache gar nicht da ist, wenn es nicht möglich ist, von ihr in der Gesellschaft zu sprechen. 384. Eine Männerkrankheit. — Gegen die Männer- krankheit der Selbstverachtung hilft es am sichersten, von einem klugen Weibe geliebt zu werden. 385. Eine Art der Eifersucht. — Mütter sind leicht eifersüchtig auf die Freunde ihrer Söhne, wenn diese besondere Erfolge haben. Gewöhnlich liebt eine Mutter sich mehr in ihrem Sohn, als den Sohn selber. 386. Vernünftige Unvernunft. — In der Reife des Lebens und des Verstandes überkommt den Menschen das Gefühl, dass sein Vater Unrecht hatte, ihn zu zeugen. Mütterliche Güte. — Manche Mutter braucht glückliche, geehrte Kinder, manche unglückliche: sonst kann sich ihre Güte als Mutter nicht zeigen. Digitized by Google — 295 — 388. Ve rschiedene Seufzer. — Einige Männer haben über die Entführung ihrer Frauen geseufzt, — viele darüber, dass Niemand sie ihnen entfuhren wollte. 389. Liebesheirathen. — Die Ehen, welche aus Liebe geschlossen werden (die sogenannten Liebesheirathen), haben den Irrthum zum Vater und die Noth (das Be- dürfniss) zur Mutter. 390. Frauenfreundschaft. — Frauen können recht gut mit einem Manne Freundschaft schliessen; aber um diese aufrecht zu erhalten — dazu muss wohl eine kleine physische Antipathie mithelfen. 39i- Langeweile. — Viele Menschen, namentlich Frauen, empfinden die Langeweile nicht, weil sie niemals ordent- lich arbeiten gelernt haben. 392. Ein Element der Liebe. — In jeder Art der weib- lichen Liebe kommt auch Etwas von der mütterlichen Liebe zum Vorschein. 393- Die Einheit des Ortes und das Drama. — Wenn die Ehegatten nicht beisammen lebten, würden die guten Ehen häufiger sein. 394. Gewöhnliche Folgen der Ehe. — Jeder Umgang, der nicht hebt, zieht nieder, und umgekehrt; deshalb sinken gewöhnlich die Männer etwas, wenn sie Frauen Digitized by Google — 296 — nehmen, während die Frauen etwas gehoben werden. Allzu geistige Männer bedürfen ebenso sehr der Ehe, als sie ihr wie einer widrigen Medizin widerstreben. 395. Befehlen lehren. — Kinder aus bescheidenen Familien muss man ebenso sehr das Befehlen durch Erziehung lehren, wie andere Kinder das Gehorchen. 396. Verliebt werden wollen. — Verlobte, welche die Convenienz zusammengefügt hat, bemühen sich häufig, verliebt zu werden, um über den Vorwurf der kalten, berechnenden Nützlichkeit hinwegzukommen. Ebenso bemühen sich Solche, die ihres Vortheils wegen zum Christenthum umlenken, wirklich fromm zu werden; denn so wird das religiöse Mienenspiel ihnen leichter. 397. Kein Stillstand in der Liebe. — Ein Musiker, der das langsame Tempo liebt, wird die selben Ton- stücke immer langsamer nehmen. So giebt es in jeglicher Liebe kein Stillstehen. 398. Schamhaftigkeit — Mit der Schönheit der Frauen nimmt im Allgemeinen ihre Schamhaftigkeit zu. 399- Ehe von gutem Bestand. — Eine Ehe, in der Jedes durch das Andere ein individuelles Ziel erreichen will, hält gut zusammen, zum Beispiel wenn die Frau durch den Mann berühmt, der Mann durch die Frau beliebt werden will. Digitized by Google - 297 — 400. Proteus-Natur. — Weiber werden aus Liebe ganz zu dem, als was sie in der Vorstellung der Männer, von denen sie geliebt werden, leben. 401. Lieben und besitzen. — Frauen lieben meistens einen bedeutenden Mann so, dass sie ihn allein haben wollen. Sie würden ihn gern in Verschluss legen, wenn nicht ihre Eitelkeit widerriethe: diese will, dass er auch vor Anderen bedeutend erscheine. 402. Probe einer guten Ehe. — Die Güte einer Ehe bewährt sich dadurch, dass sie einmal eine „Ausnahme" verträgt. 403. Mittel, Alle zu Allem zu bringen. — Man kann Jedermann so durch Unruhen, Aengste, Ueberhäufung von Arbeit und Gedanken abmatten und schwach machen, dass er einer Sache, die den Schein des Complicirten hat, nicht mehr widersteht, sondern ihr nachgiebt, — das wissen die Diplomaten und die Weiber. 404. Ehrbarkeit und Ehrlichkeit — Jene Mädchen, welche allein ihrem Jugendreize die Versorgung fur's ganze Leben verdanken wollen und deren Schlauheit die gewitzigten Mütter noch souffliren, wollen ganz das Selbe wie die Hetären, nur dass sie klüger und unehrlicher als diese sind 405- Masken. — Es giebt Frauen, die, wo man bei ihnen auch nachsucht, kein Inneres haben, sondern reine Digitized by Google Masken sind. Der Mann ist zu beklagen, der sich mit solchen fast gespenstischen, nothwendig unbefriedigenden Wesen einlässt ; aber gerade sie vermögen das Verlangen des Mannes auf das stärkste zu erregen: er sucht nach ihrer Seele — und sucht immer fort. 406. Die Ehe als langes Gespräch. — Man soll sich beim Eingehen einer Ehe die Frage vorlegen: glaubst du, dich mit dieser Frau bis in's Alter hinein gut unter- halten zu können? Alles Andere in der Ehe ist transi- torisch, aber die meiste Zeit des Verkehrs gehört dem Gespräche an. 407. Mädchen träume. — Unerfahrene Mädchen schmei- cheln sich mit der Vorstellung, dass es in ihrer Macht stehe, einen Mann glücklich zu machen ; später lernen sie, dass es so viel heisst als: einen Mann geringschätzen, wenn man annimmt, dass es nur eines Mädchens bedürfe, um ihn glücklich zu machen. — Die Eitelkeit der Frauen verlangt, dass ein Mann Mehr sei, als ein glücklicher Gatte. 408. Aussterben von Faust und Gretchen. — Nach der sehr einsichtigen Bemerkung eines Gelehrten*) ähneln die gebildeten Männer des gegenwärtigen Deutschland einer Mischung von Mephistopheles und Wagner, aber durchaus nicht Fausten: welchen die Grossväter (in ihrer Jugend wenigstens) in sich rumoren fühlten. Zu ihnen passen deshalb — um jenen Satz fortzusetzen — aus zwei Gründen die Gretchen nicht. Und weil sie nicht mehr begehrt werden, so sterben sie, scheint es, aus. *) I'aul de Lagardc. Digitized by Googli — 2Q9 — 409. Mädchen als Gymnasiasten. — Um Alles in der Welt nicht noch auf die Mädchen unsere Gymnasial- * bildung übertragen! Sie, die aus geistreichen, wissbe- gierigen, feurigen Jungen meist — Abbilder ihrer Lehrer macht ! 410. Ohne Nebenbuhlerinnen. — Frauen merken es einem Manne bald an, ob seine Seele schon in Besitz genommen ist ; sie wollen ohne Nebenbuhlerinnen geliebt sein und verargen ihm die Ziele seines Ehrgeizes, seine politischen Aufgaben, seine "Wissenschaften und Künste, wenn er eine Leidenschaft zu solchen Sachen hat. Es sei denn, dass er durch diese glänze, — dann erhoffen sie, im Falle einer Liebesverbindung mit ihm, zugleich einen Zuwachs ihres Glanzes; wenn es so steht, begünstigen sie den Liebhaber. 41 1. Der weibliche Intellekt — Der Intellekt der Weiber zeigt sich als vollkommene Beherrschung, Gegen- wärtigkeit des Geistes, Benutzung aller Vortheile. Sie vererben ihn als ihre Grundeigenschaft auf ihre Kinder, und der Vater giebt den dunkleren Hintergrund des Willens dazu. Sein Einfluss bestimmt gleichsam Rhythmus und Harmonie, mit denen das neue Leben abgespielt werden soll; aber die Melodie desselben stammt vom Weibe. — Für Solche gesagt, welche Etwas sich zurecht zu legen wissen: die Weiber haben den Verstand, die Männer das Gemüth und die Leidenschaft. Dem wider- spricht nicht, dass es die Männer mit ihrem Verstände thatsächlich so viel weiterbringen: sie haben die tieferen, gewaltigeren Antriebe; diese tragen ihren Verstand, der Digitized by Google — 30° — an sich etwas Passives ist, so weit. Die Weiber wundern sich im Stillen oft über die grosse Verehrung, welche die Männer ihrem Gemüthe zollen. Wenn die Männer vor Allem nach einem tiefen, gemüthvollen Wesen, die Weiber aber nach einem klugen, geistesgegenwärtigen und glän- zenden Wesen bei der Wahl ihres Ehegenossen suchen, so sieht man im Grunde deutlich, wie der Mann nach dem idealisirten Manne, das Weib nach dem idealisirten Weibe sucht, also nicht nach Ergänzung, sondern nach Vollendung der eigenen Vorzüge. 412. Ein Urtheil Hesiod's bekräftigt — Ein Zeichen für die Klugheit der Weiber ist es, dass sie es fast überall verstanden haben, sich ernähren zu lassen, wie Drohnen im Bienenkorbe. Man erwäge doch, was das aber ur- sprünglich bedeuten will und warum die Männer sich nicht von den Frauen ernähren lassen. Gewiss weil die männ- liche Eitelkeit und Ehrsucht grösser als die weibliche Klugheit ist; denn die Frauen haben es verstanden, sich durch Unterordnung doch den überwiegenden Vortheil, ja die Herrschaft zu sichern. Selbst das Pflegen der Kinder könnte ursprünglich von der Klugheit der Weiber als Vorwand benutzt worden sein, um sich der Arbeit möglichst zu entziehen. Auch jetzt noch verstehen sie, wenn sie wirklich thätig sind, zum Beispiel als Haus- hälterinnen, davon ein sinnverwirrendes Aufheben zu machen, sodass von den Männern das Verdienst ihrer Thätigkeit zehnfach überschätzt zu werden pflegt 413. Die Kurzsichtigen sind verliebt — Mitunter genügt schon eine stärkere Brille, um den Verliebten zu Digitized by Google — JOI — heilen; und wer die Kraft der Einbildung hätte, um ein Gesicht, eine Gestalt sich zwanzig Jahre älter vorzustellen, gienge vielleicht sehr ungestört durch das Leben. 414. Frauen im Hass. — Im Zustande des Hasses sind Frauen gefährlicher, als Männer: zunächst weil sie durch keine Rücksicht auf Billigkeit in ihrer einmal erregten feindseligen Empfindung gehemmt werden, sondern ihren Hass ungestört bis zu den letzten Consequenzen anwachsen lassen; sodann weil sie darauf eingeübt sind, wunde Stellen (die jeder Mensch, jede Partei hat) zu finden und dort hineinzustechen : wozu ihnen ihr dolchspitzer Verstand treffliche Dienste leistet (während die Männer beim An- blick von Wunden zurückhaltend, oft grossmüthig und versöhnlich gestimmt werden). 4 «5- Liebe. — Die Abgötterei, welche die Frauen mit der Liebe treiben, ist im Grunde und ursprünglich eine Erfindung der Klugheit, insofern sie ihre Macht durch jene Idealisirungen der Liebe erhöhen und sich in den Augen der Männer als immer begehrenswerther darstellen. Aber, durch die Jahrhunderte - lange Gewöhnung der Frauen an diese Ueberschätzung der Liebe, ist es ge- schehen, dass sie in ihr eigenes Netz gelaufen sind und jenen Ursprung vergessen haben. Sie selber sind jetzt noch mehr die Getäuschten, als die Männer, leiden des- halb auch mehr an der Enttäuschung, — die ja fast not- wendig im Leben jeder Frau eintreten wird, wofern sie nur Phantasie und Verstand genug hat, um getäuscht und enttäuscht werden zu können. ^TDigitized by Google — 3°2 — 416. Zur Emancipation der Frauen. — Können die Frauen überhaupt gerecht sein, da sie so gewohnt sind, gleich zu lieben oder zu hassen, gleich für oder wider zu empfinden? — Sie sind seltener für Sachen, mehr für Personen eingenommen; sind sie es aber für Sachen, so werden sie sofort deren Parteigänger und verderben damit die reine unschuldige Wirkung derselben. Eine nicht geringe Gefahr entstünde daher, wenn ihnen die Politik und einzelne Theile der Wissenschaft anvertraut würden (zum Beispiel Geschichte). Denn was wäre seltener, als eine Frau, welche wirklich wüsste, was Wissenschaft ist? Die besten nähren im Busen sogar eine heimliche Geringschätzung gegen sie, als ob sie ihr irgend wo- durch überlegen wären. Vielleicht kann dies Alles anders werden, — einstweilen ist es so. 417. Die Inspiration im Urtheile der Frauen. — Jene plötzlichen Entscheidungen über das Für oder Wider, welche Frauen zu geben pflegen, die blitzschnellen Er- hellungen persönlicher Beziehungen durch ihre hervor- brechenden Neigungen und Abneigungen, kurz die Be- weise der weiblichen Ungerechtigkeit, sind von liebenden Männern mit einem Glanz umgeben worden, als ob alle Frauen Inspirationen von Weisheit hätten, auch ohne den delphischen Kessel und die Lorbeerbinde! — sodass ihre Aussprüche noch lange nachher wie sibyllinische Orakel interpretirt und zurechtgelegt werden. Wenn man aber erwägt, dass für jede Person, für jede Sache sich Etwas geltend machen lässt, aber ebenso gut auch Etwas gegen sie, dass alle Dinge nicht nur zwei-, sondern drei- und vierseitig sind, so muss man zugeben, dass es beinahe un- Digitized by Google — 3°3 — möglich ist, mit solchen plötzlichen Entscheidungen gänzlich fehlzugreifen; ja man könnte sagen: die Natur der Dinge ist so eingerichtet, dass die Frauen immer Recht behalten. 418. Sich lieben lassen. — Weil die eine von zwei liebenden Personen gewöhnlich die liebende, die andere die gehebte Person ist, so ist der Glaube entstanden, es gäbe in jedem Liebeshandel ein gleichbleibendes Maass von Liebe: je mehr die eine Person davon an sich reisse, um so weniger bleibe für die andere übrig. Ausnahms- weise kommt es vor, dass die Eitelkeit jede der beiden Personen überredet, sie sei die, welche geliebt werden müsse: sodass sich beide lieben lassen wollen, — woraus sich, namentlich in der Ehe, mancherlei halb drollige, halb absurde Scenen ergeben. 419. Widersprüche in weiblichen Köpfen. — Weil die Weiber so viel mehr persönlich als sachlich sind, vertragen sich in ihrem Gedankenkreise Richtungen, die logisch mit einander in Widerspruch stehen: sie pflegen sich eben für die Vertreter dieser Richtungen der Reihe nach zu begeistern und nehmen deren Systeme in Bausch und Bogen an; doch so, dass überall dort eine todte Stelle entsteht, wo eine neue Persönlichkeit später das Uebergewicht erhält. Es kommt vielleicht vor, dass die ganze Philosophie im Kopf einer alten Frau aus lauter solchen todten Stellen besteht. 420. Wer leidet mehr? — Nach einem persönlichen Zwiespalt und Zanke zwischen einer Frau und einem — 3cn , und versteht es. seinen Helden einen grossen, ergreifenden Zug zu geben.4« Berner Bund: „Ein gutes Volksstück, wahrscheinlich viel besser als alle andern Luther, die gelegentlich einen Theaterabend langweilig machen. Der Werth liegt in den sehr lebendig gehaltenen Volksscenen. " Vossische Zeitung: „Wir wollen Hindersin nicht mit Shakespeare in eine Linie stellen, aber wir stehen nicht an zu behaupten, dass die Persönlichkeit Cäsar' s bei Hindersin besser zur (ieltung kommt, als bei Shaekespeare , bei dem Cäsar mehr ein Opfer als ein Cäsar ist. Wie jener Abschiuss des Stückes, so sind noch andere, kühnere und doch nicht minder zweckmässige Neuerungen von Hindersin eingeführt worden. Hindersin's „Julius Caesar" zählt zu den besten historischen Dramen, welche in den letzten Jahren erschienen sind." Blätter für literarist he Unterhaltung: „Das Schauspiel Alexander spielt im ersten Aufzuge bei Arbela in Pcrsien , im zweiten und dritten in Susa, im vierten in Indien, im fünften in Babylon. Eine Reihe glänzender Bilder wird dem Besthauer vorgeführt, geschickt geordnet und mit allem Pompe musikalischer und scenischer Erfindung ausgestattet. Das Talent Hindersin's ist anzuerkennen; eine lebhafte Phantasie vereinigt sich mit einer starken Neigung zur Romantik. Einzelne Scenen sind voll handelnden Lebens, und Hindersin weiss Könige sich königlich erweisen und äussern zu lassen. Als in Indien die Krieger Alexander'* in ihrer Sehnsucht nach der Heimath schwierig werden, fragt der König: Sind sie Macedonier Und Männer? Heimweh ist für Frauen gut. Des Mannes Heimath ist die Welt — ganz im Sinne des geschichtlichen Alexander, der ja die Schranken der griechischen Sonderstaaten gegen einander und gegen den < »rient durchbrach." Digitized by Google Verlag von C. (i. Naumann in Leipzig. C. G. Ritter. Dramatisehe Dichtungen. Der milde Weif. i<>° i.Aufl. 1877, 2. Aufl. 1880. 1 1 Bogen broschirt Mark 3. — 3 — König Roderich. 160 1878. io' ( Bogen Virginia. io° 1878. 7 Bogen .... Bondelmonte. 160 1881. q> 4 Bogen . . Raub der Sabinerinnen. 160 1886. 1 il/4 Bog. Longinus. 160 1892. 11 Bogen . . . M » 3- 3- 3 — Theorie des deutschen Trauerspiels. 160 1880. 10 Bogen „ 3. — Karl llillebrand widmete bereits dem ersten dieser Bühnenstücke in der National- Zeitung (Referat vom 25. April 1879) eine ausführlicht Be- sprechung, aus welcher hier einige Stellen hervorgehoben sein mögen: Niemand wird das Trauerspiel, ohne einen Eindruck der Fremd- artigkeit zu empfangen, durchlesen ; aber auch Niemand wird es ohne das Gefühl, etwas Bedeutendem gegenüber zu sein, aus der Hand legen. Jenes erste Gefühl wird fast ganz verschwinden, das zweite aber viel mächtiger auf Denjenigen eindringen , der es wieder liest. Die Wahl des Stoffes ist höchst glücklich ; aus unserer ganzen Vergangenheit ist kein Name so volksthümlich als Friedrich Barbarossa, keine Sage so lebendig, als die vom Kyffhäuser. Die Gegenwart, d. h. die Erstehung des neuen Reiches, daran anzuknüpfen, haben schon Viele versucht; erst Diesem ists geglückt Dabei ist die geschichtliche Treue nicht das geringste Verdienst des Poems Das Stück ist nicht für das Lesen geschrieben, aber es liest sich mit lebhaftestem Interesse. Die Exposition schon ist von bewegtester Dramatik. Einzelne Scenen sind von packender und dabei ganz natürlicher Drastik, so die wundervolle Gerichtsverhandlung vor dem Kaiser. Auch der Dialog ist ungemein lebendig, natürlich; im ganzen Stück ist nicht eine allgemeine Sentenz, die sich loslösen und citieren Hesse: so geht Alles in der Handlung auf. Auch Monologe sind bei Ritter fast keine, und nichts Unnöthiges, Episodisches ist da: Alles wirkt zur Schlingung und Lösung des Knotens mit. Selbst die Ruhepunkte in der Entwicklung der Haupthandlung zeugen von grossem Kunstverständnisse; sie erlauben Sammlung, ohne uns den Faden verlieren zu lassen. . . . Wunderbar in der Einfachheit ihrer Umrisse ist die Hauptgestalt, wun- derbar namentlich der Umschwung im 4. Akt, fast alle Charaktere sind meisterhaft gezeichnet und in wenig Pinselstrichen ausgeführt. Die Hand- lung aber entwickelt sich einzig aus diesen Charakteren und hat absolut nichts Zufälliges In gleich günstiger Weise, wie der „milde Weif", sind von Hille- brand und Anderen die späteren Dramen Ritter's beurtheilt worden. In seiner „Theorie" aber hat Ritter gezeigt, dass er nicht nur ein genial schaffender Dichter, sondern auch ein scharf denkender Kritiker war; leider hat ihn vor wenig Jahren der Tod seinem Lebenswerk entrissen. Digitized by Google Menschliches, Allzumenschliches. i Ein Buch für freie Geister. Von Friedrich Nietzsche. Zweiter Band. Zweite Auflage. LEIPZIG Druck und Verlag von C. G. Naumann 1894. 4 Digitized by Google Uebcrsetzungsrecht vorbehalten. Digitized by Google Zweiter Band. Digitized by Google Digitized by Google INHALT. Seite Vorrede 7 Erste Abtheilung: Vermischte Meinungen und Sprüche. 1. Von Dingen der Erkenntnis* 19 II. Moralia 34 III. Zur Religion 53 IV. Im Reiche der Kunst und der Bücher 59 V. Anzeichen höherer und niederer Kultur 99 VI. Der Mensch im Verkehr 129 VII. Weib, Kind, Jugend 138 VIII. Staat und Volk 145 IX. Zur Menschen- und Selbstkenntniss 161 Zweite Abtheilung: Der Wanderer und sein Schatten. I. Zur Auslegung von Welt und Leben 187 II. Moralist und Moral 202 III. Rebgiositat 236 IV. Künstlerische Dinge 245 V. Auf mancherlei Kulturstufen 279 VI. Das gesellige Leben 318 VII. Der jüngere Mensch 325 VIII. Im demokratischen Zeitalter 331 IX. Das neue Leben 347 Das Register der Aphorismen-Titel befindet sich am Ende v V dieses Bandes. Digitized by Google VORREDE. I. M an soll nur reden, wo man nicht schweigen darf; und nur von dem reden, was man überwunden hat, — alles Andere ist Geschwätz, „Litteratur", Mangel an Zucht. Meine Schriften reden nur von meinen Ueberwindungen: „ich" bin darin, mit Allem, was mir feind war, ego ipsis- simus, ja sogar, wenn ein stolzerer Ausdruck erlaubt wird, ego ipsissimum. Man erräth: ich habe schon Viel — unter mir . . . Aber es bedurfte immer erst der Zeit, der Genesung, der Ferne, der Distanz, bis die Lust bei mir sich regte, etwas Erlebtes und Ueberlebtes, irgend ein eigenes Factum oder Fatum nachträglich für die Er- kenntniss abzuhäuten, auszubeuten, blosszulegen, „darzu- stellen" (oder wie man's heissen will). Insofern sind alle meine Schriften, mit einer einzigen, allerdings wesentlichen Ausnahme*), zurückzudatiren — sie reden immer von einem „Hinter-mir" — : einige sogar, wie die drei ersten Unzeitgemässen Betrachtungen, noch zurück hinter die Entstehungs- und Erlebnisszeit eines vorher herausge- gebenen Buches (der „Geburt der Tragödie" im ge- gebenen Falle: wie es einem feineren Beobachter und Vergleicher nicht verborgen bleiben darf). Jener zornige *) „Also sprach Zarathustra" I - IV, 1883 — 85. — A. d. H. Digitized by Google Ausbruch gegen die Deutsch thümelei, Behäbigkeit und Sprach -Verlumpung des alt gewordenen David Strauss, der Inhalt der ersten Unzeitgemässen , machte Stim- mungen Luft, mit denen ich lange vorher, als Student, inmitten deutscher Bildung und Bildungsphilisterei ge- sessen hatte (ich mache Anspruch auf die Vaterschaft des jetzt viel gebrauchten und missbrauchten Wortes „Bildungsphilister" — ); und was ich gegen die „historische Krankheit" gesagt habe, das sagte ich als Einer, der von ihr langsam, mühsam genesen lernte und ganz und gar nicht Willens war, fürderhin auf „Historie" zu verzichten, weil er einstmals an ihr gelitten hatte. Als ich sodann, in der dritten Unzeitgemässen Betrachtung, meine Ehr- furcht vor meinem ersten und einzigen Erzieher, vor dem grossen Arthur Schopenhauer zum Ausdruck brachte — ich würde sie jetzt noch viel stärker, auch persönlicher ausdrücken — , war ich für meine eigne Person schon mitten in der moralistischen Skepsis und Auflösung drin, das heisst ebenso sehr in der Kritik als der Ver- tiefung alles bisherigen Pessimismus — , und glaubte bereits „an gar nichts mehr", wie das Volk sagt, auch an Schopenhauer nicht: eben in jener Zeit entstand ein ge- heim gehaltenes Schriftstück „über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne". Selbst meine Siegs- und Festrede zu Ehren Richard Wagner's, bei Gelegenheit seiner Bayreuther Siegesfeier 1876 — Bayreuth bedeutet den grössten Sieg, den je ein Künstler errungen hat — ein Werk, welches den stärksten Anschein der „Aktualität" an sich trägt, war im Hintergrunde eine Huldigung und Dankbarkeit gegen ein Stück Vergangenheit von mir, gegen die schönste, auch gefährlichste Meeresstille meiner Fahrt . . . und thatsächlich eine Loslösung, ein Abschied- nehmen. (Täuschte Richard Wagner sich vielleicht selbst Digitized by Google - 9 - darüber? Ich glaube es nicht. So lange man noch liebt, malt man gewiss keine solchen Bilder; man „betrachtet" noch nicht, man stellt sich nicht dergestalt in die Ferne, wie es der Betrachtende thun muss. „Zum Betrachten gehört schon eine geheimnissvolle Gegnerschaft, die des Entgegenschauens" — heisst es auf Seite 46 der ge- nannten Schrift selbst, mit einer verrätherischen und schwer- müthigen Wendung, welche vielleicht nur für wenige Ohren war.) Die Gelassenheit, um über lange Zwischen- jahre innerlichsten Alleinseins und Entbehrens reden zu können, kam mir erst mit dem Buche „Menschliches, Allzumenschliches", dem auch dies zweite Für- und Vor- wort gewidmet sein soll. Auf ihm, als einem Buche „für freie Geister", liegt Etwas von der beinahe heiteren und neugierigen Kälte des Psychologen, welche eine Menge schmerzlicher Dinge, die er unter sich hat, hinter sich hat, nachträglich für sich noch feststellt und gleichsam mit irgend einer Nadelspitze fest sticht: — was Wunders, wenn, bei einer so spitzen und kitzlichen Arbeit, ge- legentlich auch etwas Blut fliesst, wenn der Psychologe Blut dabei an den Fingern und nicht immer nur — an den Fingern hat? . . . 2. Die Vermischten Meinungen und Sprüche sind, ebenso wie der Wanderer und sein Schatten, zuerst einzeln als Fortsetzungen und Anhänge jenes eben genannten menschlich - allzumenschlichen „Buchs für freie Geister" herausgegeben worden: zugleich als Fortsetzung und Ver- doppelung einer geistigen Kur, nämlich der antiroman- tischen Selbstbehandlung, wie sie mir mein gesund ge- bliebener Instinkt wider eine zeitweilige Erkrankung an der gefährlichsten Form der Romantik selbst erfunden, Digitized by Google selbst verordnet hatte. Möge man sich nunmehr nach sechs Jahren der Genesung, die gleichen Schriften ver- einigt gefallen lassen, als zweiten Band von Menschliches, Allzumenschliches: vielleicht lehren sie, zusammen be- trachtet, ihre Lehre stärker und deutlicher, — eine Gesund- heitslehre, welche den geistigeren Naturen des eben heraufkommenden Geschlechts zur disciplina voluntatis empfohlen sein mag. Aus ihnen redet ein Pessimist, der oft genug aus der Haut gefahren, aber immer wieder in sie hineingefahren ist, ein Pessimist also mit dem guten Willen zum Pessimismus, — somit jedenfalls kein Romantiker mehr: wie? sollte ein Geist, der sich auf diese Schlangenklugheit versteht, die Haut zu wechseln, nicht den heutigen Pessimisten eine Lektion geben dürfen, welche allesammt noch in der Gefahr der Romantik sind ? Und ihnen zum Mindesten zeigen, wie man das — macht? . . . — Es war in der That damals die höchste Zeit, Abschied zu nehmen: alsbald schon bekam ich den Beweis dafür. Richard Wagner, scheinbar der Sieg- reichste, in Wahrheit ein morsch gewordener, verzwei- felnder Romantiker, sank plötzlich, hülflos und zer- brochen, vor dem christlichen Kreuze nieder . . . Hat denn kein Deutscher für dieses schauerliche Schauspiel damals Augen im Kopfe, Mitgefühl in seinem Gewissen gehabt? War ich der Einzige, der an ihm — litt? — Genug, mir selbst gab dies unerwartete Ereigniss wie ein Blitz Klarheit über den Ort, den ich verlassen hatte, — und auch jenen nachträglichen Schauder, den Jeder empfindet, der unbewusst durch eine ungeheure Gefahr gelaufen ist. Als ich allein weitergieng, zitterte ich; nicht lange darauf war ich krank, mehr als krank, Digitized by Google — 1 1 nämlich müde, — müde aus der unaufhaltsamen Ent- täuschung über Alles, was uns modernen Menschen zur Begeisterung übrig blieb, über die allerorts vergeudete Kraft, Arbeit, Hoffnung, Jugend, Liebe; müde aus Ekel vor dem Femininischen und Schwärmerisch - Zuchtlosen dieser Romantik, vor der ganzen idealistischen Lügnerei und Gewissens -Verweichlichung, die hier wieder einmal den Sieg über einen der Tapfersten davongetragen hatte ; müde endlich, und nicht am wenigsten, aus dem Gram eines unerbittlichen Argwohns, — dass ich, nach dieser Enttäuschung, verurtheilt sei, tiefer zu misstrauen, tiefer zu verachten, tiefer allein zu sein, als je vorher. Meine Aufgabe — wohin war sie? Wie? schien es jetzt nicht, als ob sich meine Aufgabe von mir zurückziehe, als ob ich nun für lange kein Recht mehr auf sie habe? Was thun, um diese grösste Entbehrung auszuhalten? — Ich begann damit, dass ich mir gründlich und grundsätzlich alle romantische Musik verbot, diese zweideutige, gross- thuerische schwüle Kunst, welche den Geist um seine Strenge und Lustigkeit bringt und jede Art unklarer Sehnsucht, schwammichter Begehrlichkeit wuchern macht. „Cave musicam" ist auch heute noch mein Rath an Alle, die Manns genug sind, um in Dingen des Geistes auf Reinlichkeit zu halten; solche Musik entnervt, erweicht, verweiblich t, ihr „Ewig -Weibliches" zieht uns — hinab! . . . Gegen die romantische Musik wendete sich damals mein erster Argwohn, meine nächste Vorsicht; und wenn ich überhaupt noch etwas von der Musik hoffte, so war es in der Erwartung, es möchte ein Musiker kommen, kühn, fein, boshaft, südlich, übergesund genug, um an jener Musik auf eine unsterbliche Weise Rache zu nehmen. — Digitized by Google 4- Einsam nunmehr und schlimm misstrauisch gegen mich, nahm ich, nicht ohne Ingrimm, dergestalt Partei gegen mich und für Alles, was gerade mir wehe that und hart fiel: — so fand ich den Weg zu jenem tapferen Pessimismus wieder, der der Gegensatz aller romantischen Verlogenheit ist, und auch, wie mir heute scheinen will, den Weg zu „mir" selbst, — zu meiner Aufgabe . . . Jenes verborgene und herrische Etwas, für das wir lange keinen Namen haben, bis es sich endlich als unsere Aufgabe erweist, — dieser Tyrann in uns nimmt eine schreckliche Wiedervergeltung für jeden Versuch, den wir machen, ihm auszuweichen oder zu entschlüpfen, für jede vorzeitige Bescheidung, für jede Gleichsetzung mit Solchen, zu denen wir nicht gehören, für jede noch so achtbare Thätigkeit, falls sie uns von unsrer Hauptsache ablenkt, — ja für jede Tugend selbst, welche uns gegen die Härte der eigensten Verantwort- lichkeit schützen möchte. Krankheit ist jedes Mal die Antwort, wenn wir an unsrem Rechte auf unsre Auf- gabe zweifeln wollen, — wenn wir anfangen, es uns irgendworin leichter zu machen. Sonderbar und furcht- bar zugleich! Unsre Erleichterungen sind es, die wir am härtesten büssen müssen! Und wollen wir hinterdrein zur Gesundheit zurück, so bleibt uns keine Wahl: wir müssen uns schwerer belasten, als wir je vorher be- lastet waren . . . 5- — Damals lernte ich erst jenes einsiedlerische Reden, auf welches sich nur die Schweigendsten und Leidend- sten verstehn: ich redete, ohne Zeugen oder vielmehr gleichgültig gegen Zeugen, um nicht am Schweigen zu Digitized by Google — i3 - leiden, ich sprach von lauter Dingen, die mich nichts an- giengen, aber so, als ob sie mich etwas angiengen. Da- mals lernte ich die Kunst, mich heiter, objektiv, neu- gierig, vor Allem gesund und boshaft zu geben, — und bei einem Kranken ist dies, wie mir scheinen will, sein „guter Geschmack"? Einem feineren Auge und Mit- gefühl wird es trotzdem nicht entgehn, was vielleicht den Reiz dieser Schriften ausmacht, — dass hier ein Leidender und Entbehrender redet, wie als ob er nicht ein Leidender und Entbehrender sei. Hier soll das Gleichgewicht, die Gelassenheit, sogar die Dankbarkeit gegen das Leben aufrecht erhalten werden, hier waltet ein strenger, stolzer, beständig wacher, beständig reiz- barer Wille, der sich die Aufgabe gestellt hat, das Leben wider den Schmerz zu vertheidigen und alle Schlüsse abzuknicken, welche aus Schmerz, Enttäuschung, Ueber- druss, Vereinsamung und andrem Moorgrunde gleich giftigen Schwämmen aufzuwachsen pflegen. Dies giebt vielleicht gerade unsern Pessimisten Fingerzeige zur eig- nen Prüfung? — denn damals war es, wo ich mir den Satz abgewann: „ein Leidender hat auf Pessimismus noch kein Recht!", damals führte ich mit mir einen langwierig-geduldigen Leidzug gegen den unwissenschaft- lichen Grundhang jedes romantischen Pessimismus, ein- zelne persönliche Erfahrungen zu allgemeinen Urtheilen, ja Welt-Verurtheilungen aufzubauschen, auszudeuten . . . kurz, damals drehte ich meinen Blick herum. Opti- mismus, zum Zweck der Wiederherstellung, um irgend wann einmal wieder Pessimist sein zu dürfen — ver- steht ihr das? Gleich wie ein Arzt seinen Kranken in eine völlig fremde Umgebung stellt, damit er seinem ganzen „Bisher", seinen Sorgen, Freunden, Briefen, Pflichten, Dummheiten und Gedächtnissmartern entrückt Digitized by Google — »4 — wird und Hände und Sinne nach neuer Nahrung, neuer Sonne, neuer Zukunft ausstrecken lernt, so zwang ich mich, als Arzt und Kranker in Einer Person, zu einem umgekehrten unerprobten Klima der Seele, und na- mentlich zu einer abziehenden Wanderung in die Fremde, in das Fremde, zu einer Neugierde nach aller Art von Fremdem . . . Ein langes Herumziehn, Suchen, Wechseln folgte hieraus, ein Widerwille gegen alles Festbleiben, gegen jedes plumpe Bejahen und Verneinen; ebenfalls eine Diätetik und Zucht, welche es dem Geiste so leicht als möglich machen wollte, weit zu laufen, hoch zu flie- gen, vor Allem immer wieder fort zu fliegen. Thatsäch- lich ein Minimum von Leben, eine Loskettung von allen gröberen Begehrlichkeiten, eine Unabhängigkeit inmitten aller Art äusserer Ungunst, sammt dem Stolze, leben zu können unter dieser Ungunst; etwas Cynismus vielleicht, etwas „Tonne", aber ebenso gewiss viel Grillen - Glück, Grillen -Munterkeit, viel Stille, Licht, feinere Thorheit, verborgenes Schwärmen — das Alles ergab zuletzt eine grosse geistige Erstarkung, eine wachsende Lust und Fülle der Gesundheit. Das Leben selbst belohnt uns für unsern zähen Willen zum Leben, für einen solchen langen Krieg, wie ich ihn damals mit mir gegen den Pessimismus der Lebensmüdigkeit führte, schon für jeden aufmerksamen Blick unsrer Dankbarkeit, der sich die kleinsten, zartesten, flüchtigsten Geschenke des Lebens nicht entgehn lässt. Wir bekommen endlich dafür seine grossen Geschenke, vielleicht auch sein grösstes, das es zu geben vermag, — wir bekommen unsre Aufgabe wieder zurück. — — 6. — Sollte mein Erlebniss — die Geschichte einer Krankheit und Genesung, denn es lief auf eine Genesung Digitized by Google 15 hinaus — nur mein persönliches Erlebnis* gewesen sein? Und gerade nur mein „Menschlich -Allzumenschliches"? Ich möchte heute das Umgekehrte glauben; das Zu- trauen kommt mir wieder und wieder dafür, dass meine Wanderbücher doch nicht nur für mich aufgezeichnet waren, wie es bisweilen den Anschein hatte — . Darf ich nunmehr, nach sechs Jahren wachsender Zuversicht, sie von Neuem zu einem Versuche auf die Reise schicken? Darf ich sie Denen sonderlich ans Herz und Ohr legen, welche mit irgend einer „Vergangenheit" be- haftet sind und Geist genug übrig haben, um auch noch am Geiste ihrer Vergangenheit zu leiden? Vor Allem aber Euch, die ihr es am schwersten habt, ihr Seltenen, Gefährdetsten, Geistigsten, Muthigsten, die ihr das Ge- wissen der modernen Seele sein müsst und als solche ihr Wissen haben müsst, in denen was es nur heute von Krankheit, Gift und Gefahr geben kann zusammen- kommt, — deren Loos es will , dass ihr kränker sein müsst als irgend ein Einzelner, weil ihr nicht „nur Einzelne" seid .... deren Trost es ist, den Weg zu einer neuen Gesundheit zu wissen, ach! und zu gehen, einer Gesundheit von Morgen und Uebcrmorgcn, ihr Vorher- bestimmten, ihr Siegreichen, ihr Zeit - Ueberwinder, ihr Gesündesten, ihr Stärksten, ihr guten Europäer! — -- 7- — Dass ich schliesslich meinen Gegensatz gegen den romantischen Pessimismus, das heisst zum Pessimis- mus der Entbehrenden, Missglückten, Ueberwundenen, noch in eine Formel bringe: es giebt einen Willen zum Tragischen und zum Pessimismus, der das Zeichen eben- sosehr der Strenge als der Stärke des Intellekts (Ge- schmacks, Gefühls, Gewissens) ist. Man fürchtet, mit Digitized by Google 10 — diesem Willen in der Brust, nicht das Furchtbare und Fragwürdige , das allem Dasein eignet: man sucht es selbst auf. Hinter einem solchen Willen steht der Muth, der Stolz, das Verlangen nach einem grossen Feinde. — Dies war meine pessimistische Perspektive von Anbe- ginn, — eine neue Perspektive, wie mich dünkt? eine solche, die auch heute noch neu und fremd ist? Bis zu diesem Augenblick halte ich an ihr fest, und, wenn man mir glauben will, ebensowohl für mich, als, ge- legentlich wenigstens, gegen mich . . . Wollt ihr dies erst bewiesen? Aber was sonst wäre mit dieser langen Vorrede — bewiesen? S i 1 s - M a r i a , Obcr-Engadin, im September 1886. Digitized by Google Erste Abtheilung: Vermischte Meinungen und Sprüche. Nie tusche, Menschliches, Allzumenschliche» 11. 2 I. Von Dingen der Erkenntniss. i. An die Enttäuschten der Philosophie. — Wenn ihr bisher an den höchsten Werth des Lebens geglaubt habt und euch nun enttäuscht seht, müsst ihr es denn jetzt zum niedrigsten Preise losschlagen? 2. Verwöhnt. — Man kann sich auch in Bezug auf die Helligkeit der Begriffe verwöhnen : wie ekelhaft wird da der Verkehr mit den Halbklaren, Dunstigen, Streben- den, Ahnenden! Wie lächerlich und doch nicht erheiternd wirkt ihr ewiges Flattern und Haschen und Doch-nicht- fliegen- und fangen - können ! 3- Die Freier der Wirklichkeit. — Wer endlich merkt, wie sehr und wie lange er genarrt worden ist, umarmt aus Trotz selbst die hässlichste Wirklichkeit: sodass dieser, den Verlauf der Welt im Ganzen gesehen, zu allen Zeiten die allerbesten Freier zugefallen sind, — denn die Besten sind immer am besten und längsten getäuscht worden. 2* Digitized by Google 4- Fortschritt der Freigeisterei. — Man kann den Unterschied der früheren und der gegenwärtigen Freigeisterei nicht besser verdeutlichen, als wenn man jenes Satzes gedenkt, den zu erkennen und auszusprechen die ganze Unerschrockenheit des vorigen Jahrhunderts nöthig war und der dennoch, von der jetzigen Einsicht aus bemessen, zu einer unfreiwilligen Naivetät herab- sinkt, — ich meine den Satz Voltaire's: „croyez-moi, mon ami, Terreur aussi a son merite." 5- Eine Erbsünde der Philosophen. — Die Philo- sophen haben zu allen Zeiten die Sätze der Menschen- prüfer (Moralisten) sich angeeignet und verdorben, dadurch, dass sie dieselben unbedingt nahmen und Das als noth wendig beweisen wollten, was von Jenen nur als ungefährer Fingerzeig oder gar als land- oder stadtsässige Wahrheit eines Jahrzehents gemeint war, — während sie gerade dadurch sich über Jene zu erheben meinten. So wird man als Grundlage der berühmten Lehren Schopen- hauers vom Primat des Willens vor dem Intellekt, von der Unveränderlichkeit des Charakters, von der Nega- tivität der Lust — die alle, so wie er sie versteht, Irrthümer sind — populäre Weisheiten finden, welche Moralisten aufgestellt haben. Schon das Wort „Wille", welches Schopenhauer zur gemeinsamen Bezeichnung vieler menschlicher Zustände umbildete und in eine Lücke der Sprache hineinstellte (zum grossen Vortheil für ihn selber, soweit er Moralist war — da es ihm nun freistand, vom „Willen** zu reden, wie Pascal von ihm geredet hatte), — schon der „Wille" Schopenhauers ist unter den m Händen seines Urhebers, durch die Philosophen -Wuth Digitized by Google — 21 der Verallgemeinerung, zum Unheil für die Wissenschaft ausgeschlagen: denn dieser Wille ist zu einer poetischen Metapher gemacht, wenn behauptet wird, alle Dinge in der Natur hätten Willen; endlich ist er, zum Zweck der Verwendung bei allerhand mystischem Unfuge, zu einer falschen Verdinglichung gemissbraucht worden, — und alle Modephilosophen sagen es nach und scheinen es ganz genau zu wissen, dass alle Dinge Einen Willen hätten, ja dieser Eine Wille wären ( — was, nach der Ab- schilderung, die man von diesem All -Eins -Willen macht, so viel bedeutet, als ob man durchaus den dummen Teufel zum Gotte haben wolle). 6. Wider die Phantasten. — Der Phantast verleugnet die Wahrheit vor sich, der Lügner nur vor Andern. 7. Licht-Feindschaft. — Macht man Jemandem klar, dass er, streng verstanden, nie von Wahrheit, sondern immer nur von Wahrscheinlichkeit und deren Graden reden könne, so entdeckt man gewöhnlich an der unver- hohlenen Freude des also Belehrten, wie viel lieber den Menschen die Unsicherheit des geistigen Horizontes ist und wie sie die Wahrheit im Grunde ihrer Seele wegen ihrer Bestimmtheit hassen. — Liegt es daran, dass sie Alle insgeheim selber Furcht davor haben, dass man einmal das Licht der Wahrheit zu hell auf sie fallen lasse? Sie wollen Etwas bedeuten, folglich darf man nicht genau wissen, was sie sind? Oder ist es nur die Scheu vor dem allzuhellen Licht, an welches ihre dämmernden, leicht zu blendenden Fledermaus - Seelen nicht gewöhnt sind: sodass sie es hassen müssen? Digitized by Google — 22 — 8. Christen-Skepsis. — Pilatus mit seiner Frage: „Was ist Wahrheit!" wird jetzt gern als Advokat Christi eingeführt, damit alles Erkannte und Erkennbare als Schein verdächtigt und auf dem schauerlichen Hintergrunde des Nichts-wissen-könnens das Kreuz aufgerichtet werde. 9- „Naturgesetz", ein Wort des Aberglaubens. — Wenn ihr so entzückt von der Gesetzmässigkeit in der Natur redet, so müsst ihr doch entweder annehmen, dass aus freiem, sich selbst unterwerfendem Gehorsam alle natürlichen Dinge ihrem Gesetze folgen — in welchem Falle ihr also die Moralität der Natur bewundert — ; oder euch entzückt die Vorstellung eines schaffenden Mecha- nikers, der die kunstvollste Uhr, mit lebenden Wesen als Zierrath daran, gemacht hat. — Die Notwendigkeit in der Natur wird durch den Ausdruck „Gesetzmässigkeit" menschlicher und ein letzter Zufluchtswinkel der mytho- logischen Träumerei. 10. Der Historie verfallen. — Die Schleier- Philo- sophen und Welt -Verdunkler, also alle Metaphysiker feinern und gröberen Korns, ergreift Augen-, Ohren- und Zahnschmerz, wenn sie zu argwöhnen beginnen, dass es mit dem Satze: die ganze Philosophie sei von jetzt ab der Historie verfallen, seine Richtigkeit habe. Es ist ihnen, ihrer Schmerzen wegen, zu verzeihen, dass sie nach Jenem, der so spricht, mit Steinen und Unflath werfen: — die Lehre selbst kann freilich dadurch eine Zeit lang schmutzig und unansehnlich werden und an Wirkung verlieren. Digitized by Google — 23 — 1 1. Der Pessimist des Intellektes. — Der wahrhaft Freie im Geiste wird auch über den Geist selber frei denken und sich einiges Furchtbare in Hinsicht auf Quelle und Richtung desselben nicht verhehlen. Deshalb werden ihn die Andern vielleicht als den ärgsten Gegner der Freigeisterei bezeichnen und mit dem Schimpf- und Schreckwort „Pessimist des Intellektes" belegen : gewohnt, wie sie sind, Jemanden nicht nach seiner hervorragenden Stärke und Tugend zu nennen, sondern nach dem, was ihnen am fremdesten an ihm ist. 12. Schnappsack der Metaphy siker. — Allen Denen, welche so grossthuerisch von der Wissenschaftlich- keit ihrer Metaphysik reden, soll man gar nicht antworten ; es genügt, sie an dem Bündel zu zupfen, welches sie, einigermaassen scheu, hinter ihrem Rücken verborgen halten. Gelingt es, dasselbe zu lüpfen, so kommen die Resultate jener Wissenschaftlichkeit, zu ihrem Erröthen, an's Licht: ein kleiner lieber Herrgott, eine artige Un- sterblichkeit, vielleicht etwas Spiritismus und jedenfalls ein ganzer verschlungener Haufen von Armen -Sünder- Elend und Pharisäer-Hochmuth. 13- Gelegentliche Schädlichkeit der Erkenntniss. Die Nützlichkeit, welche die unbedingte Erforschung des Wahren mit sich bringt, wird fortwährend so hundert- fach neu bewiesen, dass man die feinere und seltenere Schädlichkeit, an der Einzelne ihrethalben zu leiden haben, unbedingt mit in den Kauf nehmen muss. Man kann es nicht verhindern, dass der Chemiker bei seinen Versuchen Digitized by Google — 24 — sich gelegentlich vergiftet und verbrennt. — Was vom Chemiker gilt, gilt von unsrer gesammten Kultur: woraus sich, nebenbei gesagt, deutlich ergiebt, wie sehr dieselbe für Heilsalben bei Verbrennungen und für das stete Vor- handensein von Gegengiften zu sorgen hat 14. Philister-Nothdurft. — Der Philister meint einen Purpurfetzen oder Turban von Metaphysik am nöthigsten zu haben und will ihn durchaus nicht schlupfen lassen: und doch würde man ihn ohne diesen Putz weniger lächerlich finden. 15. Die Schwärmer. — Mit Allem, was Schwärmer zu Gunsten ihres Evangeliums oder ihres Meisters sagen, vertheidigen sie sich selbst, so sehr sie sich auch als Richter (und nicht als Angeklagte) gebärden, — weil sie unwillkürlich und fast in jedem Augenblicke daran erinnert werden, dass sie Ausnahmen sind, die sich legitimiren müssen. 16. Das Gute verführt zum Leben. — Alle guten Dinge sind starke Reizmittel zum Leben, selbst jedes gute Buch, das gegen das Leben geschrieben ist. 17. Glück des Historikers. — „Wenn wir die spitz- findigen Metaphysiker und Hinterweltler reden hören, fühlen wir Anderen freilich, dass wir die „Armen im Geist" sind, aber auch dass unser das Himmelreich des Wechsels, mit Frühling und Herbst, Winter und Sommer, und Jenen die Hinterwelt ist, mit ihren grauen, frostigen, Digitized by Google — 25 — unendlichen Nebeln und Schatten." — So sprach Einer zu sich bei einem Gange in der Morgensonne: Einer, dem bei der Historie nicht nur der Geist, sondern auch das Herz sich immer neu verwandelt und der, im Gegensatze zu den Metaphysikern, glücklich darüber ist, nicht „Eine unsterbliche Seele", sondern viele sterbliche Seelen in sich zu beherbergen. 18. Drei Arten von Denkern. — Es giebt strömende, fliessende, tröpfelnde Mineralquellen; und dem ent- sprechend drei Arten von Denkern. Der Laie schätzt sie nach der Masse des Wassers, der Kenner nach dem Gehalt des Wassers ab, also nach dem, was eben nicht Wasser in ihnen ist. IQ. Das Bild des Lebens. — Die Aufgabe, das Bild des Lebens zu malen, so oft sie auch von Dichtern und Philosophen gestellt wurde, ist trotzdem unsinnig: auch unter den Händen der grössten Maler-Denker sind immer nur Bilder und Bildchen aus einem Leben, nämlich aus ihrem Leben, entstanden — und nichts Anderes ist auch nur möglich. Im Werdenden kann sich ein Werdendes nicht als fest und dauernd, nicht als ein „das" spiegeln. 20. Wahrheit will keine Götter neben sich. — Der Glaube an die Wahrheit beginnt mit dem Zweifel an allen bis dahin geglaubten Wahrheiten. 21. Worüber Schweigen verlangt wird. — Wenn man von der Freigeisterei wie von einer höchst gefähr- Digitized by Google - 26 — liehen Gletscher- und Eismeer -Wanderung redet, so sind Die, welche jenen Weg nicht gehen wollen, beleidigt: als ob man ihnen Zaghaftigkeit und schwache Kniee zum Vorwurf gemacht hätte. Das Schwere, dem wir uns nicht gewachsen fühlen, soll vor uns nicht einmal genannt werden. 22. Historia in nuce. — Die ernsthafteste Parodie, die ich je hörte, ist diese: „im Anfang war der Unsinn, und der Unsinn war, bei Gott! und Gott (göttlich) war der Unsinn." 23- Unheilbar. — Ein Idealist ist unverbesserlich : wirft man ihn aus seinem Himmel, so macht er sich aus der Hölle ein. Ideal zurecht. Man enttäusche ihn, und siehe ! — er wird die Enttäuschung nicht minder brünstig umarmen, als er noch jüngst die Hoffnung umarmt hat. Insofern sein Hang zu den grossen unheilbaren Hängen der menschlichen Natur gehört, kann er tragische Schick- sale herbeiführen und später Gegenstand von Tragödien werden: als welche es eben mit dem Unheilbaren, Un- abwendbaren, Unentfliehbaren in Menschen -Loos und -Charakter zu thun haben. 24. Der Beifall selber als Fortsetzung des Schau- spiels. — Strahlende Augen und ein wohlwollendes Lächeln ist die Art des Beifalls, welcher der ganzen grossen Welt- und Daseinskomödie gezollt wird, — aber zugleich eine Komödie in der Komödie, welche die andern Zuschauer zum „Plauditc amici" verführen soll. Digitized by Google — 27 — 25- Muth zur Langweiligkeit. — Wer den Muth nicht hat, sich und sein Werk langweilig finden zu lassen, ist gewiss kein Geist ersten Ranges, sei es in Künsten oder Wissenschaften. — Ein Spötter, der ausnahmsweise auch ein Denker wäre, könnte, bei einem Blick auf Welt und Geschichte, hinzufügen: „Gott hatte diesen Muth nicht; er hat die Dinge insgesammt zu interessant machen wollen und gemacht." 26. Aus der innersten Erfahrung des Denkers. — Nichts wird dem Menschen schwerer, als eine Sache un- persönlich zu fassen: ich meine, in ihr eben eine Sache und keine Person zu sehen: ja man kann fragen, ob es ihm überhaupt möglich ist, das Uhrwerk seines personen- bildenden, personendichtenden Triebes auch nur einen Augenblick auszuhängen. Verkehrt er doch selbst mit Gedanken, und seien es die abstraktesten, so, als wären es Individuen, mit denen man kämpfen, an die man sich anschliessen , welche man behüten, pflegen, aufnähren müsse. Belauern und belauschen wir uns nur selber, in jenen Minuten, wo wir einen uns neuen Satz hören oder finden! Vielleicht missfällt er uns, weil er so trotzig, so selbstherrlich dasteht; unbewusst fragen wir uns, ob wir ihm nicht einen Gegensatz als Feind zur Seite ordnen, ob wir ihm ein „Vielleicht", ein „Mitunter" anhängen können; selbst das Wörtchen „wahrscheinlich" giebt uns eine Genugthuung, weil es die persönlich lästige Tyrannei des Unbedingten bricht. Wenn dagegen jener neue Satz in milder Form einherzieht, fein duldsam und demüthig und dem Widerspruche gleichsam in die Arme sinkend, so versuchen wir es mit einer andern Probe unserer Digitized by Google 28 — Selbstherrlichkeit: „Wie? können wir diesem schwachen Wesen nicht zu Hülfe kommen, es streicheln und nähren, ihm Kraft und Fülle, ja Wahrheit und selbst Unbedingt- heit geben? Ist es möglich, uns elternhaft oder ritterlich oder mitleidig gegen dasselbe zu benehmen?" — Dann wieder sehen wir hier ein Urtheil und dort ein Urtheil, entfernt von einander, ohne sich anzusehen, ohne sich aufeinanderzu zu bewegen: da kitzelt uns der Gedanke, ob hier nicht eine Ehe zu schliessen, ein Schluss zu ziehen sei, mit dem Vorgefühle, dass, im Falle sich eine Folge aus diesem Schlüsse ergiebt, nicht nur die beiden ehelich verbundenen Urtheile, sondern auch die Ehestifter die Ehre davon haben. Kann man aber weder auf dem Wege des Trotzes und Uebelwollens, noch auf dem des Wohlwollens jenem Gedanken Etwas anhaben (hält man ihn für wahr — ), dann unterwirft man sich und huldigt ihm als einem Führer und Herzoge, giebt ihm einen Ehrenstuhl und spricht nicht ohne Gepränge und Stolz von ihm; denn in seinem Glänze glänzt man mit. Wehe Dem, der diesen Glanz verdunkeln will! es sei denn, dass jener Gedanke selber uns eines Tages bedenklich wird: — dann stossen wir, die unermüdlichen „Königsmacher" (king-makers) der Geschichte des Geistes, ihn vom Throne und heben flugs seinen Gegner hinauf. Dies erwäge man und denke noch ein Stück weiter: gewiss wird dann Niemand von einem „Erkenntnisstriebe an und für sich" reden! — Weshalb zieht also der Mensch das Wahre dem Unwahren vor, in diesem heimlichen Kampfe mit Gedanken -Personen, in dieser meist versteckt bleibenden Gedanken - Ehestiftung, Gedanken - Staatenbegründung, Gedanken-Kinderzucht, Gedanken-Armen- und Kranken- pflege? Aus dem gleichen Grunde, aus dem er die Gerechtigkeit im Verkehre mit wirklichen Personen übt: Digitized by Google — 29 — jetzt aus Gewohnheit, Vererbung und Anerziehung, ursprünglich, weil das Wahre — wie auch das Billige und Gerechte — nützlicher und ehrebringender ist, als das Unwahre: denn im Reiche des Denkens sind Macht und Ruf, die sich auf dem Irrthum oder der Lüge aufbauen, schlecht zu behaupten: das Gefühl, dass ein solcher Bau irgendwann zusammenbrechen könne, ist demüthigend für das Selbstbewusstsein seines Bau- meisters; er schämt sich der Zerbrechlichkeit seines Mate- rials und möchte, weil er sich selber wichtiger als die übrige Welt nimmt, Nichts thun, was nicht dauernder als die übrige Welt wäre. Im Verlangen nach der Wahr- heit umarmt er den Glauben an die persönliche Unsterb- lichkeit, das heisst den hochmüthigsten und trotzigsten Gedanken, den es giebt, verschwistert, wie er ist, mit dem Hintergedanken „pereat mundus, dum ego salvus sim!" Sein Werk ist ihm zu seinem ego geworden: er schafft sich selber in's Unvergängliche, Allem Trotzbietende um. Sein unermesslicher Stolz ist es, der nur die besten, härtesten Steine zum Werke verwenden will, Wahrheiten also oder Das, was er dafür hält. Mit Recht hat man zu allen Zeiten „das Laster des Wissenden" den Hochmuth genannt, — doch würde es ohne dieses triebkräftige Laster erbärmlich um die Wahrheit und deren Geltung auf Erden bestellt sein. Darin, dass wir uns vor unsern eigenen Gedanken, Begriffen, Worten fürchten, dass wir aber auch in ihnen uns selber ehren, ihnen unwill- kürlich die Kraft zuschreiben, uns belehren, verachten, loben und tadeln zu können, darin, dass wir also mit ihnen wie mit freien geistigen Personen, mit unab- hängigen Mächten verkehren, als Gleiche mit Gleichen, — darin hat das seltsame Phänomen seine Wurzel, welches ich „intellektuales Gewissen*« genannt habe. — Digitized by Google - 30 - So ist auch hier etwas Moralisches höchster Gattung aus einer Schwarzwurzel herausgeblüht. 27. Die Obskuranten. — Das Wesentliche an der schwarzen Kunst des Obskurantismus ist nicht, dass er die Köpfe verdunkeln will, sondern dass er das Bild der Welt anschwärzen, unsere Vorstellung vom Dasein verdunkeln will. Dazu dient ihm zwar häufig jenes Mittel, die Aufhellung der Geister zu hintertreiben: mit- unter aber gebraucht er gerade das entgegengesetzte Mittel und sucht durch die höchste Verfeinerung des Intellekts einen Ueberdruss an dessen Früchten zu erzeugen. Spitzfindige Metaphysiker, welche die Skepsis vorbereiten und die durch ihren übermässigen Scharfsinn zum Misstrauen gegen den Scharfsinn auffordern, sind gute Werkzeuge eines feineren Obskurantismus. — Ist es möglich, dass selbst Kant in dieser Absicht verwendet werden kann? ja dass er, nach seiner eigenen berüch- tigten Erklärung, etwas Derartiges, wenigstens zeitweilig, gewollt hat: dem Glauben Bahn machen, dadurch, dass er dem Wissen seine Schranken wies? — was ihm nun freilich nicht gelungen ist, ihm so wenig, wie seinen Nachfolgern auf den Wolfs- und Fuchsgängen dieses höchst verfeinerten und gefährlichen Obskurantis- mus, ja des gefährlichsten: denn die schwarze Kunst erscheint hier in einer Lichthülle. 28. An welcher Art von Philosophie die Kunst verdirbt. — Wenn es den Xebeln einer metaphysisch- mystischen Philosophie gelingt, alle ästhetischen Phäno- mene undurchsichtbar zu machen, so folgt dann, Digitized by Google dass sie auch untereinander unabschätzbar sind, weil jedes einzelne unerklärlich wird. Dürfen sie aber nicht einmal mehr mit einander zum Zwecke der Abschätzung verglichen werden, so entsteht zuletzt eine vollständige Unkritik, ein blindes Gewährenlassen ; daraus aber wie- derum eine stetige Abnahme des Genusses an der Kunst (welche nur durch ein höchst verschärftes Schmecken und Unterscheiden sich von der rohen Stillung eines Bedürfnisses unterscheidet). Je mehr aber der Genuss abnimmt, um so mehr wandelt sich das Kunst- Verlangen zum gemeinen Hunger um und zurück, dem nun der Künstler durch immer gröbere Kost abzuhelfen sucht. 29. Auf Gethsemane. — Das Schmerzlichste, was der Denker zu den Künstlern sagen kann, lautet: „könnt ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?" 30. Am Webstuhle. — Den Wenigen, welche eine Freude daran haben, den Knoten der Dinge zu lösen und sein Gewebe aufzutrennen, arbeiten Viele entgegen (zum Beispiel alle Künstler und Frauen), ihn immer wieder neu zu knüpfen, neu zu verwickeln und so das Begriffene in's Unbegriffene, womöglich Unbegreifliche umzubilden. Was dabei auch sonst herauskomme, — das Gewebte» Verknotete wird immer etwas unreinlich aussehen müssen, weil zu viele Hände daran arbeiten und ziehen. 3i- In der Wüste der Wisse nschaft. — Dem wissen- schaftlichen Menschen erscheinen auf seinen bescheidenen und mühsamen Wanderungen, die oft genug Wüsten- — 32 — reisen sein müssen, jene glänzenden Luftersch einungen, die man „philosophische Systeme" nennt: sie zeigen mit - zauberischer Kraft der Täuschung die Lösung aller Räthsel und den frischesten Trunk wahren Lebenswassers in der Nähe; das Herz schwelgt und der Ermüdete berührt das Ziel aller wissenschaftlichen Ausdauer und Noth beinahe schon mit den Lippen, sodass er wie unwillkürlich vorwärts drängt. Freilich bleiben andere Naturen, wie betäubt von der schönen Täuschung, stehen: die Wüste verschlingt sie, für die Wissenschaft sind sie todt. Wieder andere Naturen, welche jene subjektiven Tröstungen schon öfter erfahren haben, werden wohl auf's Aeusserste missmuthig und ver- fluchen den Salzgeschmack, den jene Erscheinungen im Munde hinterlassen und aus dem ein rasender Durst ent- steht, — ohne dass man nur Einen Schritt damit irgend einer Quelle näher gekommen wäre. 32. Die angebliche „wirkliche Wirklichkeit". — Der Dichter stellt sich, wenn er die einzelnen Berufsarten, zum Beispiel die des Feldherrn, des Seidenwebers, des Seemanns, schildert, als ob er diese Dinge von Grund aus kenne und ein Wissender sei; ja, bei der Aus- einandersetzung menschlicher Handlungen und Geschicke benimmt er sich, wie als ob er beim Ausspinnen des ganzen Weltennetzes zugegen gewesen sei; insofern ist er ein Betrüger. Und zwar betrügt er vor lauter Nicht- wissenden— und deshalb gelingt es ihm : diese bringen ihm das Lob seines echten und tiefen Wissens entgegen und verleiten ihn endlich zu dem Wahne, er wisse die Dinge wirklich so gut, wie der einzelne Kenner und Macher, ja wie die grosse Welten Spinne selber. Zuletzt also wird der Betrüger ehrlich und glaubt an seine Wahr- Digitized by Google haftigkeit. Empfindende Menschen sagen es ihm sogar in's Gesicht, er habe die höhere Wahrheit und Wahr- haftigkeit, — sie sind nämlich der Wirklichkeit zeitweilig müde und nehmen den dichterischen Traum als eine wohlthätige Ausspannung und Nacht für Kopf und Herz. Was dieser Traum ihnen zeigt, erscheint ihnen jetzt mehr werth, weil sie es, wie gesagt, wohlthätiger empfinden: und immer haben die Menschen gemeint, das werthvoller Scheinende sei das Wahrere, Wirklichere. Die Dichter, die sich dieser Macht bewusst sind, gehen absichtlich darauf aus, Das, was für gewöhnlich Wirklichkeit genannt wird, zu verunglimpfen und zum Unsichern, Scheinbaren, Unechten, Sünd-, Leid- und Trugvollen umzubilden; sie benützen alle Zweifel über die Grenzen der Erkenntniss, alle skeptischen Ausschreitungen, um die faltigen Schleier der Unsicherheit über die Dinge zu breiten: damit dann, nach dieser Verdunkelung, ihre Zauberei und Seelenmagie recht unbedenklich als Weg zur „wahren Wahrheit4', zur „wirklichen Wirklichkeit" verstanden werde. Nietxsche, Menschliches, AlLmmenschliches II. 5 II. Moralia. 33- Gerecht sein wollen und Richter sein wollen. Schopenhauer, dessen grosse Kennerschaft für Mensch- liches und Allzumenschlichcs, dessen ursprünglicher That- sachen-Sinn nicht Wenig durch das bunte Leoparden- Fell seiner Metaphysik beeinträchtigt worden ist (welches man ihm erst abziehen muss, um ein wirkliches Moralisten- Genie darunter zu entdecken), — Schopenhauer macht jene treffliche Unterscheidung, mit der er viel mehr Recht behalten wird, als er sich selber eigentlich zuge- stehen durfte: „die Einsicht in die strenge Nothwendigkeit der menschlichen Handlungen ist die Grenzlinie, welche die philosophischen Köpfe von den anderen scheidet/4 Dieser mächtigen Einsicht, welcher er zu Zeiten offen stand, wirkte er bei sich selber durch jenes Vorurtheil entgegen, welches er mit den moralischen Menschen (nicht mit den Moralisten) noch gemein hatte und das er ganz harmlos und gläubig so ausspricht: „der letzte und wahre Aufschluss über das innere Wesen des Ganzen der Dinge muss nothwendig eng zusammenhängen mit dem über die ethische Bedeutsamkeit des menschlichen Handelns", — welcher Zusammenhang eben durchaus nicht „nothwendig" ist, vielmehr durch jenen Satz von der strengen Nothwendigkeit der menschlichen Handlungen, Digitized by Google - 35 das heisst der unbedingten Willens-Unfreiheit und Un- verantwortlichkeit, abgelehnt wird. Die philosophischen Köpfe werden sich also von den anderen durch den Un- glauben an die metaphysische Bedeutsamkeit der Moral unterscheiden: und das dürfte eine Kluft zwischen sie legen, von deren Tiefe und Unüberbrückbarkeit die so beklagte Kluft zwischen „Gebildet" und „Ungebildet", wie sie jetzt • existirt, kaum einen Begriff giebt. Freilich muss noch manche Hinterthür, welche sich die „philosophischen Köpfe", gleich Schopenhauern selbst, gelassen haben, als nutzlos erkannt werden: keine führt in's Freie, in die Luft des freien Willens; jede, durch welche man bisher geschlüpft ist, zeigte dahinter wieder die ehern blinkende Mauer des Fatums: wir sind im Gefängniss, frei können wir uns nur träumen, nicht machen. Dass dieser Er- kenntniss nicht lange mehr widerstrebt werden kann, das zeigen die verzweifelten und unglaublichen Stellungen und Verzerrungen Derer an, welche gegen sie andringen, mit ihr noch den Ringkampf fortsetzen. — So ungefähr geht es bei ihnen jetzt zu: „Also kein Mensch verantwortlich? und Alles voll Schuld und Schuldgefühl? Aber irgendwo muss doch der Sünder sein! Ist es unmöglich und nicht mehr erlaubt, den Einzelnen, die arme Welle im not- wendigen Wellcnspiele des Werdens, anzuklagen und zu richten, — nun denn: so sei das Wellenspiel selbst, das Werden, der Sünder! hier ist der freie Wille! hier darf angeklagt, verurtheilt, gebüsst und gesühnt werden! so sei Gott der Sünder und der Mensch sein Erlöser! so sei die Weltgeschichte Schuld, Sclbstvcrurtheilung und Selbstmord! so werde der Misscthäter zum eigenen Richter, der Richter zum eigenen Henker!" — Dieses auf den Kopf gestellte Christenthum — was ist es denn sonst? — ist der letzte Fechter- Ausfall im Kampfe 3* Digitized by Google - 36 der Lehre von der unbedingten Moralität mit der von der unbedingten Unfreiheit, — ein schauerliches Ding, wenn es Mehr wäre als eine logische Grimasse, Mehr als eine hassliche Gebärde des unterliegenden Gedankens, — etwa der Todeskrampf des verzweifelnden und heilsüch- tigen Herzens, dem der Wahnsinn zuflüstert: „Siehe, du bist das Lamm, das Gottes Sünde trägt." — Der Irrthum steckt nicht nur im Gefühle „ich bin verantwortlich", sondern ebenso in jenem Gegensatze „ich bin es nicht, aber irgendwer muss es doch sein". — Da Beides nicht wahr ist, so hat der Philosoph zu sagen, wie Christus: „Richtet nicht!44, und der letzte Unterschied zwischen den philosophischen Köpfen und den andern wäre der, dass die ersten gerecht sein wollen, die andern Richter sein wollen. 34- Aufopferung. — Ihr meint, das Kennzeichen der moralischen Handlung sei die Aufopferung? — Denkt doch nach, ob nicht bei jeder Handlung, die mit Ueberlegung gethan wird, Aufopferung ist, — bei der schlechtesten wie bei der besten. 35- Gegen die Nierenprüfer der Sittlichkeit. — Man muss das Beste und das Schlechteste kennen, dessen ein Mensch fähig ist, im Vorstellen und Ausführen, um zu beurtheilen, wie stark seine sittliche Natur ist und wurde. Aber Jenes zu erfahren ist unmöglich. 36. Schlangenz ahn. — Ob man einen Schlangenzahn habe oder nicht, weiss man nicht eher, als bis Jemand die Ferse auf uns gesetzt hat. Eine Frau oder Mutter Digitized by Google — 37 würde sagen: bis Jemand die Ferse auf unsern Liebling, unser Kind gesetzt hat — Unser Charakter wird noch mehr durch den Mangel gewisser Erlebnisse, als durch Das, was man erlebt, bestimmt. 37- Der Betrug in der Liebe. — Man vergisst Manches aus seiner Vergangenheit und schlägt es sich absichtlich aus dem Sinn : das heisst, man will, dass unser Bild, welches von der Vergangenheit her uns anstrahlt, uns belüge, unserm Dünkel schmeichele, — wir arbeiten fortwährend an diesem Selbstbetruge. — Und nun meint ihr, die ihr so viel vom „Sich selbst vergessen in der Liebe", vom „Aufgehen des Ich in der andern Person" redet und rühmt, dies sei etwas wesentlich Anderes? Also man zerbricht den Spiegel, dichtet sich in eine Person hinein, die man bewundert, und geniesst nun das neue Bild seines Ich, ob man es schon mit dem Namen der anderen Person nennt, — und dieser ganze Vorgang soll nicht Selbstbetrug, nicht Selbstsucht sein, ihr Wunderlichen ! — Ich denke, Die, welche Etwas von sich vor sich verhehlen, und Die, welche sich als Ganzes vor sich verhehlen, sind darin gleich, dass sie in der Schatz- kammer der Erkenntniss einen Diebstahl verüben: woraus sich ergiebt, vor welchem Vergehen der Satz „erkenne dich selbst" warnt. 38. An den Leugner seiner Eitelkeit. — Wer die Eitelkeit bei sich leugnet, besitzt sie gewöhnlich in so brutaler Form, dass er instinktiv vor ihr das Auge schliesst, um sich nicht verachten zu müssen. \ Digitized by Google - 38 - 39- Weshalb die Dummen so oft boshaft werden. Auf Einwände des Gegners, gegen welche sich unser Kopf zu schwach fühlt, antwortet unser Herz durch Verdächtigung der Motive jener Einwände. 40. Die Kunst der moralischen Ausnahmen. — Einer Kunst, welche die Ausnahmefälle der Moral zeigt und verherrlicht — dort wo das Gute schlecht, das Un- gerechte gerecht wird — darf man nur selten Gehör geben: wie man von Zigeunern ab und zu Etwas kauft, doch mit Scheu, dass sie nicht viel Mehr entwenden, als der Gewinn beim Kaufe ist. 41. Genuss und Nicht-Genuss von Giften. — Das einzige entscheidende Argument, welches zu allen Zeiten die Menschen abgehalten hat, ein Gift zu trinken, ist nicht, dass es tödtetc, sondern, dass es schlecht schmeckte. 42. Die Welt ohne Sündengefühle. — Wenn nur solche Thaten gethan würden, welche kein schlechtes Gewissen erzeugen, so sähe die menschliche Welt immer noch schlecht und schurkenhaft genug aus: aber nicht so kränklich und erbärmlich wie jetzt. — Es lebten genug Böse ohne Gewissen zu allen Zeiten: und vielen Guten und Braven fehlt das Lustgefühl des guten Gewissens. 43. Die Gewissenhaften. - Seinem Gewissen folgen ist bequemer, als seinem Verstände: denn es hat bei jedem Misserfolg eine Entschuldigung und Aufheiterung Digitized by Google 39 ^ in sich, — darum giebt es immer noch so viel Gewissen- hafte gegen so wenig Verständige. 44. Entgegengesetzte Mittel, das Bitter werden zu verhüten. — Dem einen Temperament ist es von Nutzen, seinen Verdruss in Worten auslassen zu können: im Reden versüsst es sich. Ein anderes Temperament kommt erst durch Aussprechen zu seiner vollen Bitterkeit: ihm ist es zuträglicher, Etwas hinunterschlucken zu müssen: der Zwang, den sich Menschen solcher Art vor Feinden oder Vorgesetzten anthun, verbessert ihren Charakter und verhütet, dass er allzu scharf und sauer wird. 45- Nicht zu schwer nehmen. — Sich wund liegen ist unangenehm, aber doch kein Beweis gegen die Güte der Kur, nach der man bestimmt wurde, sich zu Bett zu legen. — Menschen, die lange ausser sich lebten und endlich sich dem philosophischen Innen- und Binnenleben zuwandten, wissen, dass es auch ein Sich-wund-liegen von Gemüth und Geist giebt. Dies ist also kein Argument gegen die gewählte Lebensweise im Ganzen, macht aber einige kleine Ausnahmen und scheinbare Rückfällig- keiten nöthig. 46. Das menschliche „Ding an sich". — Das ver- wundbarste Ding und doch das unbesiegbarste ist die menschliche Eitelkeit: ja durch die Verwundung wächst seine Kraft und kann zuletzt riesengross werden. 47- Die Posse vieler Arbeitsamen. — Sie er- kämpfen durch ein Uebermaass von Anstrengung sich Digitized by Google — 4Q — freie Zeit und wissen nachher Nichts mit ihr anzufangen, als die Stunden abzuzählen, bis sie abgelaufen sind. 48. Viel Freude haben. — Wer viel Freude hat, muss ein guter Mensch sein: aber vielleicht ist er nicht der klügste, obwohl er gerade Das erreicht, was der Klügste mit aller seiner Klugheit erstrebt. 49. Im Spiegel der Natur. — Ist ein Mensch nicht ziemlich genau beschrieben, wenn man hört, dass er gern zwischen gelben hohen Kornfeldern geht, dass er die Waldes- und Blumenfarben des abglühenden und ver- gilbten Herbstes allen andern vorzieht, weil sie auf Schöneres hindeuten als der Natur je gelingt, dass er unter grossen fettblätterigen Nussbäumen sich ganz heimisch wie unter Bluts-Verwandten fühlt, dass im Gebirge seine grösste Freude ist, jenen kleinen abge- legenen Seen zu begegnen, aus denen ihn die Einsamkeit selber mit ihren Augen anzusehen scheint, dass er jene graue Ruhe der Nebel -Dämmerung liebt, welche an Herbst- und Frühwinter- Abenden an die Fenster heran- schleicht und jedes seelenlose Geräusch wie mit Sammt- Vorhängen ausschliesst, dass er unbehauenes Gestein als übriggebliebene, der Sprache begierige Zeugen der Vor- zeit empfindet und von Kind an verehrt, und zuletzt, dass ihm das Meer mit seiner beweglichen Schlangenhaut und Raubthier -Schönheit fremd ist und bleibt? — Ja, Etwas von diesem Menschen ist allerdings damit be- schrieben, aber der Spiegel der Natur sagt Nichts darüber, dass der selbe Mensch, bei aller seiner idyllischen Em- pfindsamkeit (und nicht einmal „trotz ihrer"), ziemlich Digitized by Google - 41 — lieblos, knauserig und eingebildet sein könnte. Horaz, der sich auf dergleichen Dinge verstand, hat das zarteste Gefühl für das Landleben einem römischen Wucherer in Mund und Seele gelegt, in dem berühmten „beatus ille qui procul negotiis". 50. Macht ohne Siege. — Die stärkste Erkenntniss (die von der völligen Unfreiheit des menschlichen Willens) ist doch die ärmste an Erfolgen: denn sie hat immer den stärksten Gegner, die menschliche Eitelkeit. 5«. Lust und Irrthum. — Der Eine theilt sich unwill- kürlich durch sein Wesen an seine Freunde wohlthätig mit, der Andere willkürlich durch einzelne Handlungen. Obgleich das Erstere als das Höhere gilt, so ist doch nur das Zweite mit dem guten Gewissen und der Lust verknüpft, — nämlich mit der Lust der Werkheiligkeit, welche auf dem Glauben an die Willkür unseres Gut- und Schlimmthuns, das heisst auf einem Irrthum ruht. 52. Es ist thöricht, Unrecht zu thun. — Eigenes Unrecht, das man zugefügt hat, ist viel schwerer zu tragen als fremdes, das Einem zugefügt wurde (nicht gerade aus moralischen Gründen, wohlgemerkt — ); der Thäter ist eigentlich immer der Leidende, wenn er nämlich entweder den Gewissensbissen zugänglich ist oder der Einsicht, dass er die Gesellschaft gegen sich durch seine Handlung bewaffnet und sich isolirt habe. Deshalb sollte man sich, schon seines inneren Glückes wegen, also um seines Wohlbehagens nicht verlustig zu gehen (ganz abgesehen von Allem, was Religion und Digitized by Google 42 — Moral gebieten), vor dem Unrecht-Thun in Acht nehmen, mehr noch als vor dem Unrecht-Erfahren: denn letzteres hat den Trost des guten Gewissens, der Hoffnung auf Rache, auf Mitleiden und Beifall der Gerechten, ja der ganzen Gesellschaft, welche sich vor dem Uebelthäter fürchtet. — Nicht Wenige verstehen sich auf die unsaubere Selbstüberlistung, jedes eigene Unrecht in ein fremdes, ihnen zugefügtes umzumünzen und für das, welches sie nicht auf Andere abwälzen können, sich das Ausnahme- recht der Nothwehr zur Entschuldigung vorzubehalten: um auf diese Weise viel leichter an ihrer Last zu tragen. 53- Neid mit oder ohne Mundstück. — Der gewöhn- liche Neid pflegt zu gackern, sobald das beneidete Huhn ein Ei gelegt hat; er erleichtert sich dabei und wird milder. Es giebt aber einen noch tieferen Neid: der wird in solchem Falle todtenstill, und, wünschend dass jetzt jeder Mund versiegelt würde, immer wüthender darüber, dass dies gerade nicht geschieht. Der schweigende Neid wächst im Schweigen. 54- Der Zorn als Spion. — Der Zorn schöpft die Seele aus und bringt selbst den Bodensatz an's Licht Man muss deshalb, wenn man sonst sich nicht Klarheit zu schaffen weiss, seine Umgebung, seine Anhänger und Gegner in Zorn zu versetzen wissen, um zu erfahren, was im Grunde Alles wider uns geschieht und gedacht wird. 55- Die Verteidigung moralisch schwieriger, als der Angriff. — Das wahre Helden- und Meisterstück des guten Menschen liegt nicht darin, dass er die Sache Digitized by Google - 43 ^ angreift und die Person zu lieben fortfährt: sondern in dem viel schwereren, seine eigene Sache zu vert heidigen, ohne dass er der angreifenden Person bitteres Herzeleid mache und machen wolle. Das Schwert des Angriffs ist ehrlich und breit, das der Vertheidigung läuft gewöhnlich in eine Nadel aus. 56. Ehrlich gegen die Ehrlichkeit. — Einer, der gegen sich öffentlich ehrlich ist, bildet sich zu allerletzt Etwas auf diese Ehrlichkeit ein: denn er weiss nur zu gut, warum er ehrlich ist, — aus dem selben Grunde, aus dem ein Anderer den Schein und die Verstellung vorzieht. 57. Glühende Kohlen. — Glühende Kohlen auf des Andern Haupt sammeln wird gewöhnlich missverstanden und schlägt fehl, weil der Andere sich ebenfalls im Besitze des Rechts weiss und auch seinerseits an das Kohlen- sammeln gedacht hat. 58. Gefährliche Bücher. — Da sagt Einer „ich merke es an mir selber: dies Buch ist schädlich". Aber er warte nur ab und vielleicht gesteht er sich eines Tages, dass dieses selbe Buch ihm einen grossen Dienst erwies, indem es die versteckte Krankheit seines Herzens hervortrieb und in die Sichtbarkeit brachte. — Veränderte Meinungen verändern den Charakter eines Menschen nicht (oder ganz wenig); wohl aber beleuchten sie einzelne Seiten des Gestirns seiner Persönlichkeit, welche bisher, bei einer andern Constellation von Meinungen, dunkel und uner- kennbar geblieben waren. 59- Geheucheltes Mitleiden. — Man heuchelt Mit- leiden, wenn man über das Gefühl der Eeindseligkcit sich Digitized by Google — 44 ~ erhaben zeigen will: aber gewöhnlich umsonst Dies bemerkt man nicht ohne ein starkes Zunehmen jener feindseligen Empfindung. 60. Offener Widerspruch oft versöhnend. — Im Augenblick, wo Einer seine Differenz der Lehrmeinung in Hinsicht auf einen berühmten Parteiführer oder Lehrer öffentlich zu erkennen giebt, glaubt alle Welt, er müsse ihm gram sein. Mitunter hört er aber gerade da auf, ihm gram zu sein : er wagt es , sich selber neben ihm aufzustellen, und ist die Qual der unausgesprochenen Eifersucht los. 61. Sein Licht leuchten sehen. — Im verfinsterten Zu- stande von Trübsal, Krankheit, Verschuldung sehen wir es gern, wenn wir Anderen noch leuchten und sie an uns die helle Mondesscheibe wahrnehmen. Auf diesem Um- wege nehmen wir an unserer eigenen Fähigkeit, zu er- hellen, Antheil. 62. Mitfreude. — Die Schlange, die uns sticht, meint uns wehe zu thun und freut sich dabei; das niedrigste Thier kann sich fremden Schmerz vorstellen. Aber fremde Freude sich vorstellen und sich dabei freuen, ist das höchste , Vorrecht der höchsten Thiere und wieder unter ihnen nur den ausgesuchtesten Exemplaren zugänglich, — also ein seltenes humanum: sodass es Philosophen gegeben hat, welche die Mitfreude geleugnet haben. 63. Nachträgliche Schwangerschaft. — Die, welche zu ihren Werken und Thaten gekommen sind, sie wissen nicht wie, gehen gewöhnlich hinterher um so mehr mit Digitized by Google — 45 — ihnen schwanger: wie um nachträglich zu beweisen, dass es ihre Kinder und nicht die des Zufalls sind. 64. Aus Eitelkeit hartherzig. — Wie Gerechtigkeit so häufig der Deckmantel der Schwäche ist, so greifen billig denkende, aber schwache Menschen aus Ehrgeiz mitunter zur Verstellung und benehmen sich ersichtlich ungerecht und hart, um den Eindruck der Stärke zu hinterlassen. 65. Demüthigung. — Findet Jemand in einem ge- schenkten Sack Vortheil auch nur ein Korn Demüthigung, so macht er doch noch eine böse Miene zum guten Spiele. 66. Aeusserstes Herostratenthum. — Es könnte Herostrate geben, welche den eigenen Tempel anzündeten, in dem ihre Bilder verehrt werden. 67. Die Deminutiv-Weit. — Der Umstand, dass alles Schwache und Hülfsbedürftige zu Herzen spricht, bringt die Gewohnheit mit sich, dass wir Alles, was uns zu Herzen spricht, mit Verkleinerungs- und Abschwächungs- worten bezeichnen, — also, für unsere Empfindung, schwach und hülfsbedürftig machen. 68. Ueble Eigenschaft des Mitleidens. — Das Mitleiden hat eine eigene Unverschämtheit als Gefährtin: denn weil es durchaus helfen möchte, ist es weder über die Mittel der Heilung, noch über Art und Ursache der Digitized by Google - 46 - Krankheit in Verlegenheit und quacksalbert muthig auf die Gesundheit und den Ruf seines Patienten los. 69. Zudringlichkeit. — Es giebt auch eine Zudringlich- keit gegen Werke; und sich, als Jüngling schon, nach- ahmend zu den erlauchtesten Werken aller Zeiten mit der Vertraulichkeit des Du und Du zu gesellen, beweist einen völligen Mangel an Scham. — Andere sind nur aus Ignoranz zudringlich: sie wissen nicht, mit wem sie es zu thun haben, — so nicht selten junge und alte Philologen im Verhältniss zu den Werken der Griechen. 70. Der Wille schämt sich des Intellektes. — Mit aller Kälte machen wir vernünftige Entwürfe gegen unsre Affekte: dann aber, wenn der Vorsatz ausgeführt werden soll, begehen wir häufig die gröbsten Fehler dagegen, weil wir im Augenblick des Affektes uns jener Kälte und Besonnenheit schämen, mit der wir unsern Vorsatz fassten. Und so thut man dann gerade das Unvernünftige, — aus jener Art trotziger Grossherzigkeit, welche jeder Affekt mit sich bringt. 7i. Wa rum die Moral-Skeptiker missfallen. — AVer seine Moralität hoch und schwer nimmt, zürnt den Skeptikern auf dem Gebiete der Moral: denn dort, wo er alle seine Kraft aufwendet, soll man staunen, aber nicht untersuchen und zweifeln. — Ferner giebt es Naturen, deren letzter Rest von Moralität eben der Glaube an „Moral" ist; sie benehmen sich ebenso gegen die wSkep- tiker, womöglich noch leidenschaftlicher. Digitized by Google -- 47 - 12. Schüchternheit. — Alle Moralisten sind schüchtern, weil sie wissen, dass sie mit Spionirern und Verräthern verwechselt werden, sobald man ihren Hang ihnen an- merkt; ferner auch, weil sie sich überhaupt bewusst sind, im Handeln unkräftig zu sein: denn mitten im Werke ziehen die Motive ihres Thuns ihre Aufmerksamkeit fast vom Werke ab. 73- Eine Gefahr für die allgemeine Moralität — Menschen, die zugleich edel und ehrlich sind, bringen es zu Wege, jede Teufelei, welche ihre Ehrlichkeit ausheckt, zu vergöttlichen und die Wage des moralischen Urtheils eine Zeit lang stillzustellen. 74- Bitterster Irrthum. — Es beleidigt unversöhnlich, zu entdecken, dass man dort, wo man überzeugt war geliebt zu sein, nur als Hausgeräth und Zimmerschmuck betrachtet wurde, an dem der Hausherr vor Gästen seine Eitelkeit auslassen kann. 75. Liebe und Zweiheit — Was ist denn Liebe Anderes, als: verstehen und sich darüber freuen, dass ein Andrer in andrer und entgegengesetzter Weise, als wir, lebt, wirkt und empfindet? Damit die Liebe die Gegensätze durch Freude überbrücke, darf sie dieselben nicht auf- heben, nicht leugnen. — Sogar die Selbstliebe enthält die unvermischbare Zweiheit (oder Vielheit) in Einer Person als Voraussetzung. 76. Aus dem Traume deuten. - Was man mitunter im Wachen nicht genau weiss und fühlt — ob man gegen Digitized by Google - 48 - eine Person ein gutes oder ein schlechtes Gewissen habe — , darüber belehrt völlig unzweideutig der Traum. 77- Ausschweifung. — Die Mutter der Ausschweifung ist nicht die Freude, sondern die Freudlosigkeit. 78. Strafen und belohnen. — Niemand klagt an, ohne den Hintergedanken an Strafe und Rache zu haben, — selbst wenn man sein Schicksal, ja sich selber anklagt. — Alles Klagen ist Anklagen, alles Sich-freuen ist Loben: wir mögen das Eine oder das Andere thun, immer machen wir Jemanden verantwortlich. 79- Zweimal ungerecht. — Wir fördern mitunter die Wahrheit durch eine doppelte Ungerechtigkeit: dann nämlich, wenn wir die beiden Seiten einer Sache, die wir nicht im Stande sind zusammen zu sehen, hintereinander sehen und darstellen, — doch so, dass wir jedesmal die andere Seite verkennen oder leugnen, im Wahne, Das, was wir sehen, sei die ganze Wahrheit 80. Misstrau eu. — Das Misstrauen an sich selber geht nicht immer unsicher und scheu daher, sondern mitunter wie tollwüthig: es hat sich berauscht, um nicht zu zittern. 81. Philosophie des Parvenü. — Will man einmal eine Person sein, so muss man auch seinen Schatten in Ehren halten. \ Digitized by Google - 49 — 82. Sich rein zu waschen verstehen. — Man muss lernen, aus unreinlichen Verhältnissen reinlicher hervorzu- gehen, und sich, wenn es noth thut, auch mit schmutzigem Wasser waschen.*) 83. Sich gehen lassen. — Je mehr sich Einer gehen lässt, um so weniger lassen ihn die Andern gehen. 84. Der unschuldige Schuft — Es giebt einen lang- samen, schrittweisen Weg zu Laster und Schurkenhaftig- keit jeder Art Am Ende desselben haben Den, welcher ihn geht, die Insekten-Schwarme des schlechten Gewissens völlig verlassen, und er wandelt, obschon ganz verrucht, doch in Unschuld. 85. Pläne machen. — Pläne machen und Vorsätze fassen bringt viel gute Empfindungen mit sich, und wer die Kraft hätte, sein ganzes Leben lang Nichts als ein Pläne - Schmiedender zu sein, wäre ein sehr glücklicher Mensch; aber er wird sich gelegentlich von dieser Thätig- keit ausruhen müssen, dadurch dass er einen Plan aus- führt, — und da kommt der Aerger und die Ernüchterung. 86. Womit wir das Ideal sehen. — Jeder tüchtige Mensch ist verrannt in seine Tüchtigkeit und kann aus ihr ' nicht frei hinausblicken. Hätte er sonst nicht sein gut Theil von Unvollkommenheit, er könnte seiner Tugend halber zu keiner geistig -sittlichen Freiheit kommen. Unsere Mängel sind die Augen, mit denen wir das Ideal sehen. *) Spätere Variante: — Uesier noch sich mit schmutzig . in Wasser waschen, als unrein bleiben. Ni etliche, Menschtichcs, Allzumeiischliche* II. 4 Digitized by Google — 5o — 87. Unehrliches Lob. — Unehrliches Lobspenden macht hinterdrein viel mehr Gewissensbisse, als unehrliches Tadeln: wahrscheinlich nur deshalb, weil wir durch zu starkes Loben unsere Urteilsfähigkeit viel stärker blossgestellt haben, als durch zu starkes, selbst ungerechtes Tadeln. 88. Wie man stirbt, ist gleichgültig. — Die ganze Art, wie ein Mensch während seines vollen Lebens, seinerblühen- den Kraft, an den Tod denkt, ist freilich sehr sprechend und zeugnissgebend für Das, was man seinen Charakter nennt: aber die Stunde des Sterbens selber, seine Haltung auf dem Todtenbette, ist fast gleichgültig dafür. Die Er- schöpfung des ablaufenden Daseins, namentlich wenn alte Leute sterben, die unregelmässige oder unzureichende Ernährung des Gehirns während dieser letzten Zeit, das gelegentlich sehr Gewaltsame des Schmerzes, das Uner- probte und Neue des ganzen Zustandes und gar zu häufig der An- und Rückfall von abergläubischen Eindrücken und Beängstigungen, als ob am Sterben viel gelegen sei und hier Brücken schauerlichster Art überschritten würden, — dies Alles erlaubt es nicht, das Sterben als Zeugniss über den Lebenden zu benützen. Auch ist es nicht wahr, dass der Sterbende im Allgemeinen ehrlicher wäre, als der Lebende: vielmehr wird fast Jeder, durch die feierliche Haltung der Umgebenden, durch die zurückgehaltenen oder messenden Thräncn- und Gefühlsbäche, zu einer bald bewussten, bald unbewussten Komödie der Eitelkeit ver- führt. Der Ernst, mit dem jeder Sterbende behandelt wird, ist gewiss gar manchem armen verachteten Teufel der feinste Gcnuss seines ganzen Lebens, eine Art Schadenersatz und Abschlagszahlung für viele Entbehrungen, gewesen. Digitized by Google - 5« - 8g. Die Sitte und ihr Opfer. — Der Ursprung der Sitte geht auf zwei Gedanken zurück: „Die Gemeinde ist mehr werth, als der Einzelne" und „der dauernde Vortheil ist dem flüchtigen vorzuziehen"; woraus sich der Schluss ergiebt, dass der dauernde Vortheil der Gemeinde unbedingt dem Vortheile des Einzelnen, namentlich seinem momentanen Wohlbefinden, aber auch seinem dauernden Vortheile und selbst seinem Weiterleben voranzustellen sei. Ob nun der Einzelne durch eine Einrichtung leide, die dem Ganzen frommt, ob er an ihr verkümmere, ihretwegen zu Grunde gehe, — die Sitte muss erhalten, das Opfer gebracht werden. Eine solche Gesinnung entsteht aber nur in Denen, welche nicht das Opfer sind, — denn dieses macht in seinem Falle geltend, dass der Einzelne mehr werth sein könne, als Viele, ebenso dass der gegenwärtige Genuss, der Augenblick im Para- diese, vielleicht höher anzuschlagen sei, als eine matte Fortdauer von leidlichen oder wohlhäbigen Zuständen. Die Philosophie des Opferthiers wird aber immer zu spät laut: und so bleibt es bei der Sitte und der Sittlichkeit; als welche eben nur die Empfindung für den ganzen Inbegriff von Sitten ist, unter denen man lebt und erzogen wurde — und zwar erzogen nicht als Einzelner, sondern als Glied eines Ganzen, als Ziffer einer Majorität. — So kommt es fortwährend vor, dass der Einzelne sich selbst, vermittelst seiner Sittlichkeit, majorisirt. 90. Das Gute und das gute Gewissen. — Ihr meint, alle guten Dinge hätten zu allen Zeiten ein gutes Ge- wissen gehabt? — Die Wissenschaft, also gewisslich etwas sehr Gutes, ist ohne ein solches und ganz bar 4* Digitized by Google — 52 — alles Pathos' in die Welt getreten: vielmehr heimlich, auf Umwegen, mit verhülltem oder maskirtem Haupte einher- ziehend, gleich einer Verbrecherin, und immer mindestens mit dem Gefühle einer Schleichhändlcrin. Das gute Gewissen hat als Vorstufe das böse Gewissen — nicht als Gegensatz: denn alles Gute ist einmal neu, folglich ungewohnt, wider die Sitte, unsittlich gewesen und nagte im Herzen des glücklichen Erfinders wie ein Wurm. 91. Der Erfolg heiligt die Absichten. — Man scheue sich nicht, den Weg zu einer Tugend zu gehen, selbst wenn man deutlich einsieht, dass Nichts als Egoismus — also Nutzen, persönliches Behagen, Furcht, Rücksicht auf Gesundheit, auf Ruf oder Ruhm — die dazu treiben- den Motive sind. Man nennt diese Motive unedel und selbstisch: gut, aber wenn sie uns zu einer Tugend, zum Beispiel Entsagung, Pflichttreue, Ordnung, Sparsamkeit, Maass und Mitte anreizen, so höre man ja auf sie, wie auch ihre Beiworte lauten mögen! Erreicht man nämlich Das, wozu sie rufen, so veredelt die erreichte Tugend, vermöge der reinen Luft, die sie athmen lässt, und des seelischen Wohlgefühls, das sie mittheilt, immerfort die ferneren Motive unseres Handelns, und wir thun die selben Handlungen später nicht mehr aus den gleichen gröberen Motiven, welche uns früher dazu führten. — Die Erziehung soll deshalb die Tugenden, so gut es geht, erzwingen, je nach der Natur des Zöglings: die Tugend selber, als die Sonnen- und Sommerluft der Seele, mag dann ihr eigenes Werk daran thun und Reife und Süssigkeit hinzuschenken. Digitized by Google III. Zur Religion. 92. Christenthümler, nicht Christen. — Das wäre also euer Christenthum: — Um Menschen zu ärgern, preist ihr „Gott und seine Heiligen"; und wiederum wenn ihr Menschen preisen wollt, so treibt ihr es so weit, dass Gott und seine Heiligen sich ärgern müssen. — Ich wollte, ihr lerntet wenigstens die christlichen Manieren, da es euch so an der Manierlichkeit des christlichen Herzens gebricht. 93- Natureindruck der Frommen und Unfrommen. Ein ganzer frommer Mensch muss uns ein Gegenstand der Verehrung sein: aber ebenso ein ganzer aufrichtiger, durchdrungener Unfrommer. Ist man bei Menschen der letzteren Art wie in der Nähe des Hochgebirges, wo die kräftigsten Ströme ihren Ursprung haben, so bei den Frommen wie unter saftvollen, breitschattigen, ruhigen Bäumen. 94- Justizmorde. — Die zwei grössten Justizmorde in der Weltgeschichte sind, ohne Umschweife gesprochen, ver- schleierte und gut verschleierte Selbstmorde. In beiden Fällen wollte man sterben, in beiden Fällen Hess man Digitized by Google — 54 — sich das Schwert durch die Hand der menschlichen Un- gerechtigkeit in die Brust stossen. „Liebe." — Der feinste Kunstgriff, welchen das Christenthum vor den übrigen Religionen voraus hat, ist ein Wort: es redete von Liebe. So wurde es die lyrische Religion (während in seinen beiden anderen Schöpfungen das Semitenthum der Welt heroisch -epische Religionen geschenkt hat). Es ist in dem Worte Liebe etwas so Vieldeutiges, Anregendes, zur Erinnerung, zur Hoffnung Sprechendes, dass auch die niedrigste Intelligenz und das kälteste Herz noch Etwas von dem Schimmer dieses Wortes fühlt. Das klügste Weib und der gemeinste Mann denken dabei an die verhältnissmässig uneigen- nützigsten Augenblicke ihres gesammten Lebens, selbst wenn Eros nur einen niedrigen Flug bei ihnen genommen hat; und jene Zahllosen, welche Liebe vermissen, von Seiten der Eltern, Kinder oder Geliebten, namentlich aber die Menschen der sublimirten Geschlechtlichkeit, haben im Christenthum ihren Fund gemacht. Das erfüllte Christenthum. — Es giebt auch innerhalb des Christenthums eine epikureische Gesinnung, ausgehend von dem Gedanken, dass Gott von dem Menschen, seinem Geschöpf und Ebenbilde, nur verlangen könne, was diesem zu erfüllen möglich sein müsse, dass also christliche Tugend und Vollkommenheit erreichbar und oft erreicht sei. Nun macht zum Beispiel der Glaube, seine Feinde zu lieben — selbst wenn es eben nur Glaube, Einbildung und durchaus keine psychologische Wirklichkeit (also keine Liebe) ist — unbedingt glücklich, 95- 96. Digitized by Google - 55 — so lange er wirklich geglaubt wird (warum? darüber werden freilich Psycholog und Christ verschieden denken). Und so möchte das irdische Leben durch den Glauben, ich meine die Einbildung, nicht nur jenem Ansprüche, seine Feinde zu lieben, sondern allen übrigen christlichen Ansprüchen zu genügen und die göttliche Vollkommen- heit nach der Aufforderung „seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist" wirklich sich ange- eignet und einverleibt zu haben, in der That zu einem seligen Leben werden. Der Irrthum kann also die Verheissung Christi zur Wahrheit machen. 97- Von der Zukunft des Christenthums. — Ueber das Verschwinden des Christenthums und darüber, in wel- chen Gegenden es am langsamsten weichen wird, kann man sich eine Vermuthung gestatten, wenn man erwägt, aus welchen Gründen und wo der Protestantismus so unge- stüm um sich griff. Er verhiess bekanntlich , alles das Selbe viel wohlfeiler zu leisten, was die alte Kirche leistete, also ohne kostspielige Seelenmessen, Wallfahrten, Priester- Prunk und -Ueppigkeit; er verbreitete sich namentlich bei den nördlichen Nationen, welche nicht so tief in der Symbolik und Formenlust der alten Kirche eingewurzelt waren, als die des Südens: bei diesen lebte ja im Christen- thume das viel mächtigere religiöse Heidenthum fort, während im Norden das Christenthum einen Gegensatz und Bruch mit dem Altheimischen bedeutete und deshalb mehr gedankenhaft als sinnfällig von Anfang an war, eben des- halb aber auch, zu Zeiten der Gefahr, fanatischer und trotziger. Gelingt es, vom Gedanken aus das Christen- thum zu entwurzeln, so liegt auf der Hand, wo es an- fangen wird, zu verschwinden: also gerade dort, wo es auch Digitized by Google - 56 - am allerhärtesten sich wehren wird. Anderwärts wird es sich beugen, aber nicht brechen, entblättert werden, aber wieder Blätter ansetzen, — weil dort die Sinne und nicht die Gedanken für dasselbe Partei genommen haben. Die Sinne aber sind es, welche auch den Glauben unterhalten, dass mit allem Kostenaufwand der Kirche doch immer noch sparsamer und bequemer gewirthschaftet werde, als mit den strengen Verhältnissen von Arbeit und Lohn: denn welches Preises hält man die Müsse (oder die halbe Faul- heit) für werth, wenn man sich erst an sie gewöhnt hat! Die Sinne wenden gegen eine entchristlichte Welt ein , dass in ihr zu viel gearbeitet werden müsse, und der Ertrag an Müsse zu klein sei; sie nehmen die Partei der Magie, das heisst — sie lassen lieber Gott für sich arbeiten (oremus nos, deus laborabit!). 9S. Schauspielerei und Ehrlichkeit der Un- gläubigen. — Es giebt kein Buch, welches Das, was jedem Menschen gelegentlich wohl thut — schwärmerische opfer- und todbereite Glücks -Innigkeit im Glauben und Schauen seiner „Wahrheit" — so reichlich enthielte, so treuherzig ausdrückte, als das Buch, welches von Christus redet: aus ihm kann ein Kluger alle Mittel lernen, wo- durch ein Buch zum Weltbuch, zum Jedermanns -Freund gemacht werden kann, — namentlich jenes Meister-Mittel, Alles als gefunden, Nichts als kommend und ungewiss hinzustellen. Alle wirkungsvollen Bücher versuchen, einen ähnlichen Eindruck zu hinterlassen: als ob der weiteste geistige und seelische Horizont hier umschrieben sei und um die hier laufende Sonne sich jedes gegenwärtige und zukünftige Gestirn drehen müsse. — Muss also nicht aus dem selben Grunde, aus dem solche Bücher wirkungsvoll sind, jedes rein wissenschaftliche Buch wirkungsarm Digitized by Google — 57 ~ sein? Ist es nicht verurtheilt, niedrig und unter Niedrigen zu leben, um endlich gekreuzigt zu werden und nie wieder aufzuerstehen? Sind im Verhältniss zu dem, was die Religiösen von ihrem „Wissen", von ihrem „heiligen" Geist verkünden, nicht alle Redlichen der Wissenschaft „arm im Geiste"? Kann irgend eine Religion mehr Entsagung ver- langen, unerbittlicher den Selbstsüchtigen aus sich hinaus- ziehen, als die Wissenschaft? So und ähnlich und jedenfalls mit einiger Schauspielerei mögen wir reden, wenn wir uns vor den Gläubigen zu vertheidigen haben; denn es ist kaum möglich, eine Vertheidigung ohne etwas Schauspielerei zu führen. Unter uns aber muss die Sprache ehrlicher sein: wir bedienen uns da einer Freiheit, welche Jene, ihres eigenen Interesses halber, nicht einmal ver- stehen dürfen. Weg also mit der Kapuze der Entsagung! der Miene der Demuth! . . . Vielmehr und vielbesser, so klingt unsere Wahrheit: „Wenn die Wissenschaft nicht an die Lust der Erkenntniss, an den Nutzen des Erkannten geknüpft wäre, was läge uns an der Wissenschaft? Wenn nicht ein Wenig Glaube, Liebe und Hoffnung unsere Seele zur Erkenntniss hinführte, was zöge uns sonst zur Wissen- schaft? Und wenn zwar in der Wissenschaft das Ich Nichts zu bedeuten hat, so bedeutet das erfinderische glückliche Ich, ja selbst schon jedes redliche und fleissige Ich sehr Viel in der Republik der Wissenschafts-Menschen. Achtung der Achtung-Gcbenden, Freude Solcher, welchen wir wohlwollen oder die wir verehren, unter Umständen Ruhm und eine mässige Unsterblichkeit der Person ist der erreichbare Preis für jene Entpersönlichung, — von ge- ringeren Aussichten und Belohnungen hier zu schweigen, obschon gerade ihrethalben die Meisten den Gesetzen jener Republik und überhaupt der Wissenschaft zugeschworen haben und immerfort zuzuschwören pflegen. Wenn wir Digitized by Google - 58 - nicht in irgend einem Maasse unwissenschaftliche Menschen geblieben wären, was könnte uns auch nur an der Wissenschaft liegen! Alles in Allem genommen und rund, glatt und voll ausgesprochen: für ein rein er- kennendes Wesen wäre die Erkenntniss gleich- gültig. — Von den Frommen und Gläubigen unter- scheidet uns nicht die Qualität, sondern die Ouantität Glaubens und Frommseins: wir sind mit Wenigerem zu- frieden. Aber — werden Jene uns zurufen — so seid auch zufrieden! und gebt euch auch als zufrieden! — Worauf wir leicht antworten dürften: „In der That, wir gehören nicht zu den Unzufriedensten! Ihr aber, wenn euer Glaube euch selig macht, so gebt euch auch als selig! Eure Gesichter sind immer eurem Glauben schäd- licher gewesen, als unsere Gründe! Wenn jene frohe Botschaft eurer Bibel euch in's Gesicht geschrieben wäre, ihr brauchtet den Glauben an die Autorität dieses Buches nicht so halsstarrig zu fordern: eure Werke, eure Hand- lungen sollten die Bibel fortwährend überflüssig machen, eine neue Bibel sollte durch euch fortwährend entstehen! So aber hat alle eure Apologie des Christenthums ihre Wurzel in eurem Unchristenthum; mit eurer Vertheidigung schreibt ihr eure eigne Anklageschrift. Solltet ihr aber wünschen, aus diesem eurem Ungenügen am Christenthum herauszukommen, so bringt euch doch die Erfahrung von zwei Jahrtausenden zur Erwägung! — welche, in be- scheidene Frageform gekleidet, so klingt: „wenn Christus wirklich die Absicht hatte, die Welt zu erlösen, sollte es ihm nicht misslungen sein?" Digitized by Google IV. Im Reiche der Kunst und der Bücher. 99. Der Dichter als Wegzeiger für die Zukunft. So viel unter den jetzigen Menschen noch überschüssige dichterische Kraft vorhanden ist, welche bei der Gestaltung des Lebens nicht verbraucht wird, so viel sollte, ohne jeden Abzug, Einem Ziele sich weihen: nicht etwa der Abmalung des Gegenwärtigen, der Wiederbeseelung und Verdichtung der Vergangenheit, sondern — dem Weg- weisen für die Zukunft! — und dies wiederum nicht in dem Verstände, als ob der Dichter, gleich einem phan- tastischen Nationalökonomen, günstigere Volks- und Ge- sellschafts-Zustände und deren Ermöglichung im Bilde vorwegnehmen solle: — vielmehr, wie früher die Künstler an den Götterbildern fortdichteten, so soll er an dem schönen Menschenbilde fortdichten und jene Fälle auswittern, wo, mitten in unserer modernen Welt und Wirklichkeit, ohne jede künstliche Abwehr und Meidung derselben, die schöne grosse Seele noch möglich ist, — dort, wo sie auch jetzt noch sich in harmonische, eben- massige Zustände einzuleben vermag, durch sie Sichtbar- keit, Dauer und Vorbildlichkeit bekommt und also, durch Erregung von Nachahmung und Neid, die Zukunft schaffen Digitized by Google — 6o — hilft. Dichtungen solcher Dichter würden sich dadurch auszeichnen, dass sie gegen die Luft und Gluth der Leidenschaften abgeschlossen und verwahrt erschienen: der unverbesserliche Fehlgriff, das Zertrümmern des gan- zen menschlichen Saitenspiels, Hohnlachen und Zähne- knirschen und alles Tragische und Komische im alten gewohnten Sinne, würde in der Nähe dieser neuen Kunst als lästige archaisirende Vergröberung des Menschen- Bildes empfunden werden. Kraft, Güte, Milde, Reinheit und ungewolltes, eingeborenes Maass in den Personen und deren Handlungen: ein geebneter Boden, welcher dem Fusse Ruhe und Lust giebt: ein leuchtender Himmel auf Gesichtern und Vorgängen sich abspiegelnd: das Wissen und die Kunst zu neuer Einheit zusammengeflossen : der Geist ohne Anmaassung und Eifersucht mit seiner Schwester, der Seele, zusammen wohnend und aus dem Gegensätzlichen die Grazie des Ernstes, nicht die Ungeduld des Zwiespaltes, herauslockend: — dies Alles wäre das Umschliessende, Allgemeine, Goldgrundhafte, auf dem jetzt erst die zarten Unterschiede der verkörperten Ideale das eigentliche Gemälde — das der immer wachsenden menschlichen Hoheit — machen würden. — Von Goethe aus führt mancher Weg in diese Dichtung der Zukunft: aber es bedarf guter Pfadfinder und vor Allem einer weit grössern Macht als die jetzigen Dichter, das heisst die unbedenklichen Darsteller des Halbthiers und der mit Kraft und Natur verwechselten Unreife und Unmässigkcit, besitzen. ioo. Die Muse als Penthcsilea. — „Lieber verwesen als ein Weib sein, das nicht reizt." Wenn die Muse erst einmal so denkt, so ist das Ende ihrer Kunst wieder Digitized by Google — 6i — in der Nähe. Aber es kann ein Tragödien- und auch ein Komödien-Ausgang sein. IOI. Was der Umweg zum Schönen ist. — Wenn das Schöne gleich dem Erfreuenden ist — und so sangen es ja einmal die Musen — , so ist das Nützliche der oft- mals nothwendige Umweg zum Schönen und kann den kurzsichtigen Tadel der Augenblicks-Menschen, die nicht warten wollen und alles Gute ohne Umwege zu erreichen denken, mit gutem Recht zurückweisen. 102. Zur Entschuldigung mancher Schuld. — Das unablässige Schaffen-wollen und Nach-Aussen-spähen des Künstlers hält ihn davon ab, als Person schöner und besser zu werden, also sich selber zu schaffen; es sei denn, dass seine Ehrsucht gross genug ist, um ihn zu zwingen, dass er sich auch im Leben mit Andern der wachsenden Schönheit und Grösse seiner Werke immer entsprechend ge- wachsen zeige. In allen Fällen hat er nur ein bestimmtes Maass von Kraft; was er davon auf sich verwendet — wie könnte dies noch seinem Werke zu Gute kommen? Und umgekehrt. 103. Den Besten genug thun. — Wenn man mit seiner Kunst „den Besten seiner Zeit genug gethan", so ist dies ein Anzeichen davon, dass man den Besten der nächsten Zeit mit ihr nicht genug thun wird: „gelebt" freilich „hat man für alle Zeiten", — der Beifall der Besten sichert den Ruhm. IO}. Aus Einem Stoffe. — Ist man aus Einem Stoffe mit einem Buche oder Kunstwerk, so meint man ganz Digitized by Google - - 62 — innerlich, es müsse vortrefflich sein, und ist beleidigt, wenn Andere es hässlich, überwürzt oder grossthuerisch finden. 105. Sprache und Gefühl. — Dass die Sprache uns nicht zur Mittheilung des Gefühls gegeben ist, sieht man daraus, dass alle einfachen Menschen sich schämen, Worte für ihre tieferen Erregungen zu suchen: die Mittheilung derselben geschieht bei ihnen nur durch Handlungen, und selbst hier giebt es ein Erröthen darüber, wenn der Andere ihre Motive zu errathen scheint Unter den Dichtern, welchen im Allgemeinen die Gottheit diese Scham ver- sagte, sind doch die edleren in der Sprache des Gefühls einsilbiger und lassen einen Zwang merken: während die eigentlichen Gefühls-Dichter im praktischen Leben meistens unverschämt sind. 106. Irrthum über eine Entbehrung. — Wer sich nicht von einer Kunst lange Zeit völlig entwöhnt hat, sondern immer in ihr zu Hause ist, kann nicht von ferne begreifen, wie Wenig man entbehrt, wenn man ohne diese Kunst lebt. 107. Drei viertelskraft. — Ein Werk, das den Eindruck des Gesunden machen soll, darf höchstens mit Dreiviertel der Kraft seines Urhebers hervorgebracht sein. Ist er dagegen bis an seine äusserste Grenze gegangen, so regt das Werk den Betrachtenden auf und ängstigt ihn durch seine Span- nung. Alle guten Dinge haben etwas Lässiges und liegen wie Kühe auf der Wiese. 108. Den Hunger als Gast abweisen. — Weil dem Hungrigen die feinere Speise so gut und um Nichts besser Digitized by Google 63 - als die gröbste dient, so wird der anspruchsvollere Künstler nicht darauf denken, den Hungrigen zu seiner Mahlzeit einzuladen. 109. Ohne Kunst und Wein leben. — Mit den Werken der Kunst steht es wie mit dem Weine: noch besser ist es, wenn man Beide nicht nöthig hat, sich an Wasser hält und das Wasser aus innerem Feuer, innerer Süsse der Seele immer von selber wieder in Wein verwandelt. 1 10. Das Raub-Genie. — Das Raub-Genie in den Künsten, das selbst feine Geister zu täuschen weiss, ent- steht, wenn Jemand unbedenklich von jung an alles Gute, welches nicht geradezu vom Gesetz als Eigenthum einer bestimmten Person in Schutz genommen ist, als freie Beute betrachtet. Nun liegt alles Gute vergangener Zeiten und Meister frei umher, eingehegt und behütet durch die verehrende Scheu der Wenigen, die es erkennen: diesen Wenigen bietet jenes Genie, kraft seines Mangels an Scham, Trotz und häuft sich einen Reichthum auf, der selber wieder Verehrung und Scheu erzeugt. 1 1 1. An die Dichter der grossen Städte. — Den Gärten der heutigen Poesie merkt man es an, dass die grossstädtischen Kloaken zu nahe dabei sind: mitten in den Blüthengeruch mischt sich Etwas, das Ekel und Fäulniss verräth. — Mit Schmerz frage ich: habt ihr es so nöthig, ihr Dichter, den Witz und den Schmutz immer zu Gevatter zu bitten, wenn irgend eine unschuldige schöne Empfindung von euch getauft werden soll? Müsst ihr durchaus eurer edlen Göttin eine Fratzen- und Teufels- Digitized by Google - 64 - kappe aufsetzen? Woher aber diese Noth, dieses Müssen? — Eben daher, dass ihr den Kloaken zu nahe wohnt 112. Vom Salz der Rede. — Niemand hat noch erklärt, warum die griechischen Schriftsteller von den Mitteln des Ausdrucks, welche ihnen in unerhörter Fülle und Kraft zu Gebote standen, nur so übersparsamen Gebrauch gemacht haben, dass jedes nachgriechische Buch dagegen grell, bunt und überspannt erscheint. — Man hört, dass dem Nordpol-Eise zu, ebenso wie in den heissesten Landern, der Gebrauch des Salzes spärlicher werde, dass dagegen die Ebenen- und Küstenbewohner im Erdgürtel der mässigeren Sonnenwärme am reichlichsten Gebrauch von ihm machen. Sollten die Griechen aus doppelten Gründen — weil zwar ihr Intellekt kälter und klarer, ihre leiden- schaftliche Grundnatur aber um Vieles tropischer war, als die unsrige — des Salzes und Gewürzes nicht in dem Maasse nöthig gehabt haben, als wir? i '3- Der freieste Schriftsteller. — Wie dürfte in einem Buche für freie Geister Lorenz Sterne ungenannt bleiben, — er, den Goethe als den freiesten Geist seines Jahrhunderts geehrt hat! Möge er hier mit der Ehre fürlieb nehmen, der freieste Schriftsteller aller Zeiten genannt zu werden, in Vergleich mit welchem alle andern steif, vierschrötig, unduldsam und bäurisch -geradezu er- scheinen. An ihm dürfte nicht die geschlossene, klare, sondern die „unendliche Melodie" gerühmt werden, wenn mit diesem Worte ein Stil der Kunst zu einem Namen kommt, bei dem die bestimmte Form fortwährend gebrochen, verschoben, in das Unbestimmte zurückübersetzt wird, so- Digitized by Google 65 - dass sie das Eine und zugleich das Andere bedeutet. Sterne ist der grosse Meister der Zweideutigkeit, — dies Wort billigerweise viel weiter genommen, als man gemeinhin thut, wenn man dabei an geschlechtliche Be- ziehungen denkt. Der Leser ist verloren zu geben, der jederzeit genau wissen will, was Sterne eigentlich über eine Sache denkt: ob er bei ihr ein emsthaftes oder ein lächelndes Gesicht macht, — denn Sterne versteht sich auf Beides in Einer Faltung seines Gesichtes ; er versteht es ebenfalls (und will es sogar), zugleich Recht und Un- recht zu haben, den Tiefsinn und die Posse zu verknäueln. Seine Abschweifungen sind zugleich Forterzählungen und Weiterentwickelungen der Geschichte; seine Sentenzen enthalten zugleich eine Ironie auf alles Sentenziöse; sein Widerwille gegen das Ernsthafte ist einem Hange ange- knüpft, keine Sache nur flach und äusserlich zu nehmen. So bringt er bei dem rechten Leser ein Gefühl von Un- sicherheit darüber hervor, ob man gehe, stehe oder liege : ein Gefühl, welches dem des Schwebens am verwandtesten ist. Er, der geschmeidigste Autor, theilt auch seinem Leser Etwas von dieser Geschmeidigkeit mit. Ja, Sterne verwechselt unversehens die Rollen und ist bald ebenso Leser als er Autor ist; sein Buch gleicht einem Schau- spiel im Schauspiel, einem Theaterpublikum vor einem andern Theaterpublikum. Man muss sich der Sternischen Laune auf Gnade und Ungnade ergeben — und kann übrigens erwarten, dass sie gnädig, immer gnädig ist. — Seltsam und belehrend ist es, wie ein so grosser Schrift- steller wie Diderot sich zu dieser allgemeinen Zweideutig- keit Sterne's gestellt hat : nämlich ebenfalls zweideutig — , und das eben ist echt Sternischer Ueberhumor. Hat Diderot, in seinem Jacques le fataliste, Sterne nachgeahmt, bewundert, verspottet, parodirt? — man kann es nicht Nietzsche, Menschliches, AlLiumeuschlichei II. r Digitized by Google 66 — völlig herausbekommen, — und vielleicht hat eben dies sein Autor gewollt. Gerade dieser Zweifel macht die Franzosen gegen das Werk eines ihrer ersten Meister (der sich vor keinem Alten und Neuen zu schämen braucht) ungerecht. Die Franzosen sind eben zum Humor — und namentlich zu diesem humoristisch- Nehmen des Humors selber — zu ernsthaft. — Sollte es nöthig sein, hinzuzufügen, dass Sterne unter allen grossen Schriftstellern das schlechteste Muster und der eigentlich unvorbildliche Autor ist, und dass selbst Diderot sein Wagniss büssen musste ? Das, was die guten Franzosen und vor ihnen einzelne Griechen als Prosaiker wollten und konnten, ist genau das Gegentheil von dem, was Sterne will und kann: er erhebt sich eben als meister- hafte Ausnahme über Das, was alle schriftstellerischen Künstler von sich fordern: Zucht, Geschlossenheit, Cha- rakter, Beständigkeit der Absichten, Ueberschaulichkeit, Schlichtheit, Haltung in Gang und Miene. — Leider scheint der Mensch Sterne mit dem Schriftsteller Sterne nur zu verwandt gewesen zu sein: seine Eichhorn-Seele sprang mit unbändiger Unruhe von Zweig zu Zweig; was nur zwischen Erhaben und Schuftig liegt, war ihm bekannt; auf jeder Stelle hatte er gesessen, immer mit dem unverschämten wässerigen Auge und dem empfind- samen Mienenspiele. Er war, wenn die Sprache vor einer solchen Zusammenstellung nicht erschrecken wollte, von einer hartherzigen Gutmüthigkeit und hatte in den Genüssen einer barocken, ja verderbten Einbildungskraft fast die blöde Anmuth der Unschuld. Eine solche fleisch- und seelenhafte Zweideutigkeit, eine solche Freigeisterei bis in jede Faser und Muskel des Leibes hinein, wie er diese Eigenschaften hatte, besass vielleicht kein anderer Mensch. Digitized by Google - 67 - 1 14- Gewählte Wirklichkeit. — Wie der gute Prosa- schriftsteller nur Worte gebraucht, die der Umgangs- sprache angehören — doch lange nicht alle Worte der- selben (wodurch eben der gewählte Stil entsteht) — so wird der gute Dichter der Zukunft nur Wirkliches darstellen und von allen phantastischen, abergläubischen, halbredlichen, abgeklungenen Gegenständen, an denen frühere Dichter ihre Kraft zeigten, völlig absehen. Nur Wirklichkeit, aber lange nicht jede Wirklichkeit! — sondern eine gewählte Wirklichkeit! Abarten der Kunst. — Neben den echten Gattungen der Kunst — der der grossen Ruhe und der der grossen Bewegung — giebt es Abarten : die ruhesüchtige, blasirte Kunst und die aufgeregte Kunst. Letztere zwei wünschen, dass man ihre Schwäche für Stärke nehme und sie mit den echten Gattungen verwechsele. 1 16. Zum Heros fehlt jetzt die Farbe. — Die eigent- lichen Dichter und Künstler der Gegenwart Heben es, ihre Gemälde auf einen roth, grün, grau und goldig flackernden Grund aufzutragen, auf den Grund der nervösen Sinnlichkeit: auf diese verstehen sich ja die Kinder dieses Jahrhunderts. Dies hat den Nachtheil — wenn man nämlich nicht mit den Augen des Jahr- hunderts auf jene Gemälde sieht — , dass die grössten Gestalten,^ welche Jene hinmalen, etwas Flimmerndes, Zitterndes, Wirbelndes an sich zu haben scheinen, sodass man ihnen heroische Thaten eigentlich nicht zutraut, sondern höchstens heroisirende, prahlerische Unthaten. 5* Digitized by Google - 68 - u7. Stil der Ueberladung. — Der überladene Stil in der Kunst ist die Folge einer Verarmung der organi- sirenden Kraft bei verschwenderischem Vorhandensein von Mitteln und Absichten. — In den Anfängen der Kunst findet sich mitunter das gerade Gegenstück dazu. Pulchrum est paucorum hominum. — Die Ge- schichte und die Erfahrung sagen uns, dass das bedeut- same Ungeheuerliche, welches die Phantasie geheimniss- voll anregt und über das Wirkliche und Alltägliche fortträgt, älter ist und reichlicherwächst, als das Schöne in der Kunst und dessen Verehrung, — und dass es sofort wieder in Ueberfülle ausschlägt, wenn der Sinn für Schönheit sich verdunkelt. Für die Mehr- und Ueberzahl der Menschen scheint jenes Ungeheuerliche ein höheres Bedürfniss zu sein, als das Schöne : wohl deshalb, weil es das gröbere Narcoticum enthält. Ursprünge des Geschmacks an Kunstwerken. Denkt man an die anfänglichen Keime des künstlerischen Sinnes und fragt sich, welche verschiedentlichen Arten der Freude durch die Erstlinge der Kunst, zum Beispiel bei wilden Völkerschaften, hervorgebracht werden, so findet man zuerst die Freude, zu verstehen, was ein Andrer meint: die Kunst ist hier eine Art Räthsel- Aufgeben, das dem Errathenden Genuss am eigenen Schnell- und Scharfsinn verschafft. — Sodann erinnert man sich beim rohesten Kunstwerk an Das, was Einem in der Erfahrung angenehm war, und hat insofern Freude: zum Beispiel wenn der Künstler auf Jagd, Sieg, El8. 119. Digitized by Google - 69 - Hochzeit hingedeutet hat. — Wiederum kann man sich durch das Dargestellte erregt, gerührt, entflammt fühlen: beispielsweise bei Verherrlichung von Rache und Gefahr. Hier liegt der Genuss in der Erregung selber, im Siege über die Langeweile. — Auch die Erinnerung an das Unan- genehme, insofern es überwunden ist, oder insofern es uns selber als Gegenstand der Kunst vor dem Zuhörer interessant erscheinen lässt (wie etwa, wenn der Sänger die Unfälle eines verwegenen Seefahrers beschreibt), kann grosse Freude machen: welche man dann der Kunst zu Gute rechnet. — Feinerer Art ist schon jene Freude, die beim Anblick alles Regelmässigen und Symmetrischen, in Linien, Punkten, Rhythmen, entsteht: denn dieser An- blick ruft die Erinnerung auch an das Geordnete und Regelmässige wach, dem man im Leben alles Wohl- befinden zu danken hat. Im Kultus des Symmetrischen verehrt man also unbewusst die Regel und das Gleich- maass als Quelle seines bisherigen Glücks; diese Freude ist eine Art Dank gebet. — Erst bei einer gewissen Ueber- sättigung an dieser letzterwähnten Freude entsteht das noch feinere Gefühl, dass auch im Durchbrechen des Symmetrischen und Geregelten Genuss liegen könne, — wenn es zum Beispiel anreizt, Vernunft in der scheinbaren Unvernunft zu suchen: wodurch es dann, als eine Art ästhetischen Räthselrathens, wie eine höhere Gattung der zuerst erwähnten Kunstfreude dasteht. — Wer dieser Betrachtung weiter nachhängt, wird wissen, auf welche Art von Hypothesen hier zur Erklärung der ästhe- tischen Erscheinungen grundsätzlich verzichtet wird. 120. Nicht zu nahe. — Es ist ein Nachtheil für gute Gedanken, wenn sie zu rasch auf einander folgen; sie Digitized by Google verdecken sich gegenseitig die Aussicht. — Deshalb haben die grössten Künstler und Schriftsteller reichlichen Ge- brauch vom Mittelmässigen gemacht 121. Roheit und Schwäche. — Die Künstler aller Zeiten haben die Entdeckung gemacht, dass in der Roheit eine gewisse Kraft liegt und dass nicht Jeder roh sein kann, der es wohl sein möchte; ebenso dass manche Arten von Schwäche stark auf das Gefühl wirken. Hieraus sind nicht wenig Kunstmittel-Surrogate abgeleitet worden, deren sich völlig zu enthalten selbst den grössten und gewissenhaftesten Künstlern schwer wird. 122. Das gute Gedächtniss. — Mancher wird nur deshalb kein Denker, weil sein Gedächtniss zu gut ist Hungermachen statt Hungerstillen. — Grosse Künstler wähnen, sie hätten durch ihre Kunst eine Seele völlig in Besitz genommen und ausgefüllt: in Wahrheit, und oft zu ihrer schmerzlichen Enttäuschung, ist jene Seele dadurch nur um so umfänglicher und unausfullbarer geworden, — sodass zehn grössere Künstler sich nun in ihre Tiefe hinabstürzen könnten, ohne sie zu sättigen. Künstler-Angst. — Die Angst, man möchte ihren Figuren nicht glauben, dass sie leben, kann Künstler des absinkenden Geschmacks verführen, diese Figuren so zu bilden, dass sie sich wie toll benehmen: wie andererseits, aus der selben Angst, griechische Künstler 123. 124. Digitized by Google — 7i — des ersten Aufgangs selbst Sterbenden und Schwer- verwundeten jenes Lächeln geben, welches sie als leb- haftestes Zeichen des Lebens kannten, — unbekümmert darum, was die Natur in solchem Falle des Noch-lebens, des Fast-nicht-mehr-lebens bildet. 125. Der Kreis soll fertig werden. — Wer einer Philosophie oder Kunstart bis an das Ende ihrer Bahn und um das Ende herum nachgegangen ist, begreift aus einem innern Erlebniss, warum die nachfolgenden Meister und Lehrer sich von ihr, oft mit abschätziger Miene, zu einer neuen Bahn fortwandten. Der Kreis muss eben umschrieben werden! — aber der Einzelne, und sei es der Grösste, sitzt auf seinem Punkte der Peripherie fest, mit einer unerbittlichen Miene der Hartnäckigkeit : als ob der Kreis nie geschlossen werden dürfe. 126. Aeltere Musik und die Seele der Gegenwart. Weil jede Kunst zum Ausdruck seelischer Zustände — der bewegteren, zarteren, drastischeren, leidenschaftlicheren — immer befähigter wird, so empfinden die späteren Meister, durch diese Ausdrucks - Mittel verwöhnt, ein Unbehagen bei den Kunstwerken der älteren Zeit: wie als ob es den Alten eben nur an den Mitteln gefehlt habe, ihre Seele deutlich reden zu lassen, vielleicht gar an einigen tech- nischen Vorbedingungen; und so meinen die Neuern, hier nachhelfen zu müssen, — denn sie glauben an die Gleich- heit, ja Einheit aller Seelen. In Wahrheit ist aber die Seele jener Meister selber noch eine andere gewesen, — grösser vielleicht, aber kälter und dem Reizvoll-Leben- digen noch abhold: das Maass, die Symmetrie, die Gering- Digitized by Google 72 achtung des Holden und Wonnigen, eine unbewusste Herbe und Morgenkühle, ein Ausweichen vor der Leidenschaft, wie als ob an ihr die Kunst zu Grunde gehen werde, — dies macht die Gesinnung und Moralität aller älteren Meister aus, welche ihre Ausdrucks-Mittel nicht zufällig, sondern nothwendig mit der gleichen Moralität wählten und durchgeisteten. — Soll man aber, bei dieser Erkenntniss, den Späterkommenden das Recht versagen, die älteren Werke nach ihrer Seele zu beseelen? Nein! Denn nur dadurch, dass wir ihnen unsere Seele geben, vermögen sie fortzuleben: erst unser Blut bringt sie dazu, zu uns zu reden. Der wirklich „historische" Vortrag würde ge- spenstisch zu Gespenstern reden. Man ehrt die grossen Künstler der Vergangenheit weniger durch jene unfrucht- bare Scheu, die jedes Wort, jede Note so liegen lässt, wie sie gestellt ist, als durch thätige Versuche, ihnen immer von Neuem wieder zum Leben zu verhelfen. — Freilich: dächte man sich Beethoven plötzlich wiederkommend und eines seiner Werke gemäss der modernsten Beseeltheit und Nerven -Verfeinerung, welche unsern Meistern des Vortrags zum Ruhme dient, vor ihm ertönend: er würde wahrscheinlich lange stumm sein, schwankend, ob er die Hand zum Fluchen oder Segnen erheben solle, endlich aber vielleicht sprechen: „Nun! Nun! Das ist weder Ich noch Nicht-Ich, sondern etwas Drittes, — es scheint mir auch etwas Rechtes, wenn es gleich nicht das Rechte ist Ihr mögt aber zusehen, wie ihr's treibt, da ihr ja jeden- falls zuhören müsst, — und der Lebende hat Recht, sagt ja unser Schiller. So habt denn Recht und lasst mich wieder hinab!" Gegen die Tadler der Kürze. — Etwas Kurz- Gesagtes kann die Frucht und Ernte von vielem Lang- Digitized by Google — 73 — Gedachten sein: aber der Leser, der auf diesem Felde Neuling ist und hier noch gar nicht nachgedacht hat, sieht in allem Kurz - Gesagten etwas Embryonisches, nicht ohne einen tadelnden Wink an den Autor, dass er dergleichen Unausgewachsenes, Ungereiftes ihm zur Mahl- zeit mit auf den Tisch setze. 128. Gegen die Kurzsichtigen. — Meint ihr denn, es müsse Stückwerk sein, weil man es euch in Stücken giebt (und geben muss)? 129. Sentenzen- Leser. — Die schlechtesten Leser von Sentenzen sind die Freunde ihres Urhebers, im Fall sie beflissen sind, aus dem Allgemeinen wieder auf das Be- sondere zurückzurathen, dem die Sentenz ihren Ursprung verdankt: denn durch diese Topfguckerei machen sie die ganze Mühe des Autors zu nichte, sodass sie nun, anstatt einer philosophischen Stimmung und Belehrung, verdienter- maassen Nichts als die Befriedigung der gemeinen Neu- gierde zum Gewinn erhalten. 130- Unarten des Lesers. — Die doppelte Unart des Lesers gegen den Autor besteht darin, das zweite Buch desselben auf Unkosten des ersten zu loben (oder um- gekehrt) und dabei zu verlangen, dass der Autor ihm dankbar sei. I3I- Das Aufregende in der Geschichte der Kunst Verfolgt man die Geschichte einer Kunst — zum Beispiel die der griechischen Beredtsamkeit — , so geräth man, von Meister zu Meister fortgehend, beim Anblick der Digitized by Google 74 — immer gesteigerten Besonnenheit, mit der sie den alten und neuhinzugefügten Gesetzen und Selbstbeschränk- ungen gehorchen, zuletzt in eine peinliche Spannung: man begreift, dass der Bogen brechen muss und dass die sogenannte unorganische Composition, mit den wunder- vollsten Mitteln des Ausdrucks überhängt und maskirt — in jenem Falle der Barockstil des Asianismus — einmal eine Notwendigkeit und fast eine Wohlthat war. 132. An die Grossen der Kunst. — Jene Begeisterung für eine Sache, welche du Grosser in die Welt hinein- trägst, lässt den Verstand Vieler verkrüppeln. Dies zu wissen, demüthigt. Aber der Begeisterte trägt seinen Höcker mit Stolz und Lust: insofern hast du den Trost, dass durch dich das Glück in der Welt vermehrt ist. »33- Die ästhetisch Gewissenlosen. — Die eigent- lichen Fanatiker einer künstlerischen Partei sind jene völlig unkünstlerischen Naturen, welche in die Elemente der Kunstlehre und des Kunstkönnens nicht selbst ein- gedrungen sind, aber auf das Stärkste von allen elemen- tarischen Wirkungen einer Kunst ergriffen werden. Für sie giebt es kein ästhetisches Gewissen — und daher Nichts, was sie vom Fanatismus zurückhalten könnte. 134. Wie nach der neueren Musik sich die Seele bewegen soll. — Die künstlerische Absicht, welche die neuere Musik in dem verfolgt, was jetzt, sehr stark aber undeutlich, als „unendliche Melodie" bezeichnet wird, kann man sich dadurch klar machen, dass man Digitized by Google — 75 — in's Meer geht, allmählich den sichern Schritt auf dem Grunde verliert und sich endlich dem wogenden Elemente auf Gnade und Ungnade übergiebt: man soll schwimmen. In der bisherigen älteren Musik musste man, im zier- lichen oder feierlichen oder feurigen Hin und Wieder, Schneller und Langsamer, tanzen: wobei das hierzu nöthige Maass, das Einhalten bestimmter gleichwiegender Zeit- und Kraftgrade von der Seele des Zuhörers eine fortwährende Besonnenheit erzwang: auf dem Wider- spiele dieses kühleren Luftzuges, welcher von der Be- sonnenheit herkam, und des durchwärmten Athems musikalischer Begeisterung ruhte der Zauber jener Musik. — Richard Wagner wollte eine andere Art Bewegung der Seele, welche, wie gesagt, dem Schwimmen und Schweben verwandt ist. Vielleicht ist dies das Wesent- lichste seiner Neuerungen. Sein berühmtes Kunstmittel, diesem Wollen entsprungen und angepasst — die „un- endliche Melodie" — bestrebt sich, alle mathematische Zeit- und Kraft-Ebenmässigkeit zu brechen, mitunter selbst zu verhöhnen, und er ist überreich in der Erfindung solcher Wirkungen, welche dem älteren Ohre wie rhythmische Paradoxien und Lästerreden klingen. Er fürchtet die Versteinerung, die Krystallisation, den Uebergang der Musik in das Architektonische, — und so stellt er dem zweitaktigen Rhythmus einen dreitaktigen entgegen, führt nicht selten den Fünf- und Siebentakt ein, wieder- holt die selbe Phrase sofort, aber mit einer Dehnung, dass sie die doppelte und dreifache Zeitdauer bekommt. Aus einer bequemen Nachahmung solcher Kunst kann eine grosse Gefahr für die Musik entstehen: immer hat neben der Ueberreife des rhythmischen Gefühls die Ver- wilderung, der Verfall der Rhythmik im Versteck gelauert. Sehr gross wird zumal diese Gefahr, wenn eine solche - 76 - Musik sich immer enger an eine ganz naturalistische, durch keine höhere Plastik erzogene und beherrschte Schauspielerkunst und Gebärdensprache anlehnt, welche in sich kein Maass hat und dem sich ihr anschmiegenden Elemente, dem allzu weiblich en Wesen der Musik, auch kein Maass mitzutheilen vermag. 135- Dichter und Wirklichkeit — Die Muse des Dichters, der nicht in die Wirklichkeit verliebt ist, wird eben nicht die Wirklichkeit sein und ihm hohl- äugige und allzu zartknochichte Kinder gebären. 136. Mittel und Zweck. — In der Kunst heiligt der Zweck die Mittel nicht: aber heilige Mittel können hier den Zweck heiligen. 137. Die schlechtesten Leser. — Die schlechtesten Leser sind die, welche wie plündernde Soldaten verfahren: sie nehmen sich Einiges, was sie brauchen können, heraus, beschmutzen und verwirren das Uebrige und lästern auf das Ganze. 138. Merkmale des guten Schriftstellers. — Die guten Schriftsteller haben Zweierlei gemeinsam : sie ziehen vor, lieber verstanden, als angestaunt zu werden; und sie schreiben nicht für die spitzen und überscharfen Leser. 139- Die gemischten Gattungen. — Die gemischten Gattungen in den Künsten legen Zeugniss über das Misstrauen ab, welches ihre Urheber gegen ihre eigene Digitized by Google - 77 - Kraft empfanden; sie suchten Hülfsmächte, Anwälte, Verstecke, — so der Dichter, der die Philosophie, der Musiker, der das Drama, der Denker, der die Rhetorik zu Hülfe ruft. 140. Mund halten. — Der Autor hat den Mund zu halten, wenn sein Werk den Mund aufthut 141. Abzeichen des Ranges. — Alle Dichter und Schriftsteller, welche in den Superlativ verliebt sind, wollen Mehr, als sie können. 142. Kalte Bücher. — Der gute Denker rechnet auf Leser, welche das Glück nachempfinden, das im guten Denken liegt: sodass ein Buch, welches sich kalt und nüchtern ausnimmt, durch die rechten Augen gesehen, vom Sonnenschein der geistigen Heiterkeit umspielt und als ein rechter Seelentrost erscheinen kann. 143- Kunstgriff der Schwerfälligen. — Der schwer- fällige Denker wählt gewöhnlich die Geschwätzigkeit oder die Feierlichkeit zur Bundesgenossin: durch die erstere meint er sich Beweglichkeit und leichten Fluss anzueignen, durch die letztere erweckt er den Schein, als habe er seine Eigenschaft sich freiwillig beigelegt, in künstlerischer Ab- sicht, zum Zweck der Würde, welche Langsamkeit der Bewegung fordert. 144. Vom Barockstile. — Wer sich als Denker und Schriftsteller zur Dialektik und Auseinanderfaltung der Digitized by Google - 78 - Gedanken nicht geboren oder erzogen weiss, wird unwill- kürlich nach dem Rhetorischen und Dramatischen greifen: denn im letzten Grunde liegt ihm daran, sich verständlich zu machen und dadurch Gewalt zu ge- winnen, gleichgültig ob er das Gefühl auf ebenem Pfade zu sich leitet oder es unversehens überfällt, — ob er als Hirt oder als Räuber kommt Das Selbe gilt in den bildenden wie musischen Künsten: — hier fördert das Gefühl mangelnder Dialektik oder des Ungenügens in Ausdruck und Erzählung, zusammen mit einem über- reichen, drängenden Formentriebe, jene Gattung des Stiles zu Tage, welche man Barockstil nennt. — Nur die Schlechtunterrichteten und Anmaassenden werden übrigens bei diesem Worte sogleich eine abschätzige Empfindung haben. Der Barockstil entsteht jedesmal beim Abblühen einer grossen Kunst (dann nämlich, wenn die Anforde- rungen in der Kunst des klassischen Ausdrucks allzugross geworden sind) als ein Natur-Ereigniss, dem man — weil es der Nacht voranläuft — wohl mit Schwermuth zusehen wird, aber zugleich mit Bewunderung für die ihm eigen- tümlichen Ersatzkünste des Ausdrucks und der Erzählung. Dahin gehört schon die Wahl von Stoffen und Vorwürfen höchster dramatischer Spannung, bei denen, auch ohne Kunst, das Herz zittert, weil Himmel und Hölle der Empfindung allzunah sind: dann die Beredtsamkeit der starken Affekte und Gebärden, des Hässlich- Erhabenen, der grossen Massen, überhaupt der Quantität an sich — wie dies sich schon bei Michelangelo, dem Vater oder Gross- vater der italienischen Barockkünstler, ankündigt — : die Dämmerungs-, Verklärungs- oder Feuerbrunstlichter auf so starkgebildeten Formen: dazu fortwährend neue Wag- nisse in Mitteln und Absichten, vom Künstler für die Künstler kräftig unterstrichen, während der Laie wähnen Digitized by Google — 79 — muss, das beständige unfreiwillige Ueberströmen aller Füllhörner einer ursprünglichen Natur -Kunst zu sehen. Diese Eigenschaften alle, in denen jener Stil seine Grösse hat, sind in den früheren, vorklassischen und klassischen Epochen einer Kunstart nicht möglich, nicht erlaubt: solche Köstlichkeiten hängen lange als verbotene Früchte am Baume. — Gerade jetzt, wo die Musik in diese letzte Epoche übergeht, kann man das Phänomen des Barock- stils in einer besonderen Pracht kennen lernen und Vieles durch Vergleichung daraus für frühere Zeiten lernen: denn es hat von den griechischen Zeiten ab schon oftmals einen Barockstil gegeben, in der Poesie, Beredtsamkeit, im Prosastile, in der Skulptur ebensowohl als'bekannter- maassen in der Architektur — und jedesmal hat dieser Stil, ob es ihm gleich am höchsten Adel, an dem einer unschuldigen, unbewussten, sieghaften Vollkommenheit, gebricht, auch Vielen von den Besten und Ernstesten seiner Zeit wohlgethan: — weshalb es, wie gesagt, anmaassend ist, ohne Weiteres ihn abschätzig zu beurtheilen, so sehr sich Jeder glücklich preisen darf, dessen Empfindung durch ihn nicht für den reineren und grösseren Stil unempfäng- lich gemacht wird. 145. Werth ehrlicher Bücher. — Ehrliche Bücher machen den Leser ehrlich, wenigstens indem sie den Hass und Widerwillen aus ihm herauslocken, den seine verschmitzte Klugheit sonst am besten zu verstecken weiss. Gegen ein Buch lässt man sich gehen, wenn man sich auch noch so sehr gegen Menschen zurückhält. 146. Wodurch die Kunst Partei m ach t. — Einzelne schöne Stellen, ein erregender Gesammt -Verlauf und Digitized by Google — 80 — hinreissende erschütternde Schluss - Stimmungen — so viel wird auch den meisten Laien von einem Kunstwerk noch zugänglich sein: und in einer Periode der Kunst, in der man die grösste Masse der Laien auf die Seite der Künstler hinüberziehen, also eine Partei (vielleicht zur Erhaltung der Kunst überhaupt) machen will, wird der Schaffende gut thun, auch nicht Mehr zu geben: damit er nicht zum Verschwender seiner Kraft werde, auf Ge- bieten, wo Niemand ihm Dank weiss. Das Uebrige zu leisten — nämlich die Natur in ihrem organischen Bilden und Wachsen -lassen nachzuahmen — hiesse in jenem Falle : auf Wasser säen. 147. Zum Schaden derHistorie gross werden. — Jeder spätere Meister, welcher den Geschmack der Kunst- Geniessenden in seine Bahn lenkt, bringt unwillkürlich eine Auswahl und Neu- Abschätzung der älteren Meister und ihrer Werke hervor: das ihm Gemässe und Ver- wandte, das ihn Vorschmeckende und Ankündigende in Jenen gilt von jetzt ab als das eigentlich Bedeutende an Jenen und ihren Werken, — eine Frucht, in der gewöhn- lich ein grosser Irrthum als Wurm verborgen steckt. 148. Wie ein Zeitalter zur Kunst geködert wird. — Man lerne mit Hülfe aller Künstler- und Denker- Zaubereien die Menschen an, vor ihren Mängeln, ihrer geistigen Armuth, ihren unsinnigen Verblendungen und Leidenschaften Verehrung zu empfinden — und dies ist möglich — , man zeige vom Verbrechen und vom Wahne nur die erhabene Seite, von der Schwäche der Willenlosen und Blind -Ergebenen nur das Rührende Digitized by Google - 8i — und zu -Herzen -Sprechende — auch dies ist oft genug geschehen — : so hat man das Mittel angewendet, auch einem ganz unkünstlerischen und unphilosophischen Zeit- alter schwärmerische Liebe zu Philosophie und Kunst (namentlich zu den Künstlern und Denkern als Personen) einzuflössen, und, in schlimmen Umständen, vielleicht das einzige Mittel, die Existenz so zarter und gefährdeter Gebilde zu wahren. 149. Kritik und Freude. — Kritik, einseitige und ungerechte ebensogut wie verständige, macht Dem, der sie übt, so viel Vergnügen, dass die Welt jedem Werk, jeder Handlung Dank schuldig ist, welche viel und Viele zur Kritik auffordert: denn hinter ihr her zieht sich ein blitzender Schweif von Freude, Witz, Selbstbewunderung, Stolz, Belehrung, Vorsatz zum Bessermachen. — Der Gott der Freude schuf das Schlechte und Mittelmässige aus dem gleichen Grunde, aus dem er das Gute schuf. 150. Ueber seine Grenze hinaus. — Wenn ein Künstler Mehr sein will, als ein Künstler, zum Beispiel der moralische Erwecker seines Volkes, so verliebt er sich zur Strafe zu- letzt in ein Ungethüm von moralischem Stoff — und die Muse lacht dazu: denn diese gutherzige Göttin kann aus Eifersucht auch boshaft werden. Man denke an Milton und Klopstock! Gläsernes Auge. — Die Richtung des Talentes auf moralische Stoffe, Personen, Motive — auf die „schöne Seele" des Kunstwerks — ist mitunter nur das gläserne Auge, welches der Künstler, dem es an der schönen Seele Nietuche, Menschliche , AlUumtaschlichc* IL 6 Digitized by Google — 82 — gebricht, sich einsetzt: selten mit dem Erfolge, dass dies Auge zuletzt doch lebendige Natur wird, wenn auch etwas verkümmert blickende Natur, — meistens vielmehr mit dem andern Erfolge, dass alle Welt Natur zu sehen meint, wo kaltes Glas ist 152. Schreiben und Siegenwoll e n. — Schreiben sollte immer einen Sieg anzeigen, und zwar eine Ueber- windung seiner selbst, welche Andern zum Nutzen mitgetheilt werden muss. Aber es giebt dyspeptische Autoren, welche gerade nur schreiben, wenn sie Etwas nicht verdauen können, ja wenn dies ihnen schon in den Zähnen hängen geblieben ist : sie suchen unwillkürlich mit ihrem Aerger auch dem Leser Verdruss zu machen und insofern Gewalt über ihn auszuüben, — das heisst: auch sie wollen siegen, aber über Andere. 153. „Gut Buch will Weile haben." — Jedes gute Buch schmeckt herb, wenn es erscheint: es hat den Fehler der Neuheit Zudem schadet ihm sein lebender Autor, im Fall er bekannt ist und Manches von ihm verlautet : denn alle Welt pflegt den Autor und sein Werk zu verwechseln. Was in diesem an Geist, Süsse und Goldglanz ist, muss sich erst mit den Jahren entwickeln, unter der Pflege wachsender, dann alter, zuletzt überlieferter Verehrung. Manche Stunde muss darüber hinlaufen, manche Spinne ihr Netz daran gewoben haben. Gute Leser machen ein Buch immer besser, und gute Gegner klären es ab. 154. Maasslosigkeit als Kunstmittel. — Künstler wissen sehr wohl, was es sagen will: die Maasslosigkeit Digitized by Google - 83 - als Kunstmittel benützen, um den Eindruck des Reich- thums hervorzubringen. Es gehört das zu den unschuldigen Listen der Seelenverfuhrung, auf welche sich die Künstler verstehen müssen: denn in ihrer Welt, in der es auf Schein abgesehen ist, brauchen auch die Mittel des Scheins nicht nothwendig echt zu sein. 155. Per versteckte Leierkasten. — Die Genie's ver- stehen sich besser als die Talente darauf, den Leierkasten zu verstecken, vermöge ihres umfänglicheren Faltenwurfs: — aber im Grunde können sie auch nicht Mehr, als ihre alten sieben Stücke immer wieder spielen. 156. Der Name auf dem Titelblatt — Dass der Name des Autors auf dem Buche steht, ist zwar jetzt Sitte und fast Pflicht: doch ist es eine Hauptursache davon, dass Bücher so wenig wirken. Sind sie nämlich gut, so sind sie mehr werth, als die Personen: als deren Quintessenzen; — sobald aber der Autor sich durch den Titel zu erkennen giebt, wird die Quintessenz wieder von Seiten des Lesers mit dem Persönlichen, ja Persönlichsten diluirt, und somit der Zweck des Buches vereitelt. Es ist der Ehrgeiz des Intellektes, nicht mehr individuell zu erscheinen. 157. Schärfste Kritik. — Man kritisirt einen Menschen, ein Buch am schärfsten, wenn man das Ideal desselben hinzeichnet. 158. Wenig und ohne Liebe. — Jedes gute Buch ist für einen bestimmten Leser und dessen Art geschrieben, 6» Digitized by Google - 84 - wird deshalb von allen übrigen Lesern, der grossen Mehr- zahl, ungünstig angesehen: und weil sein Ruf auf so schmaler Grundlage ruht, kann dieser auch nur langsam aufgebaut werden. Mittelmassig und schlecht ist ein Buch eben dadurch, dass es Vielen zu gefallen sucht und auch gefällt. 159- Musik und Krankheit. — Die Gefahr in der neuern Musik liegt darin, dass sie uns den Becher des Wonnigen und Grossartigen so hinreissend und mit einem Anschein von sittlicher Ekstase an die Lippen setzt, dass auch der Mässige und Edle immer einige Tropfen zu viel von ihr trinkt. Diese Minimal -Aus- schweifung, fortwährend wiederholt, kann aber zuletzt eine tiefere Erschütterung und Untergrabung der geistigen Gesundheit zu Wege bringen, als irgend ein grober Excess es vermöchte: sodass Nichts übrig bleibt, als eines Tages die Nymphengrotte zu fliehen und, trotz Meereswogen und Gefahren, nach dem Rauch von Ithaka und nach den Umarmungen der schlichteren und menschlicheren Gattin sich den Weg zu bahnen. 160. Vo rtheil für die Gegner. — Ein Buch voller Geist theilt auch an seine Gegner davon mit. 1 6 1 . Jugend und Kritik. — Ein Buch kritisiren — das heisst für die Jungen nur: keinen einzigen produktiven Ge- danken desselben an sich herankommen lassen und sich, mit Händen und Füssen, seiner Haut wehren. Der Jüngling lebt gegen alles Neue, das er nicht in Bausch und Bogen lieben kann, im Stande der Nothwehr und begeht dabei, so oft er nur kann, ein überflüssiges Verbrechen. Digitized by Google - 85 - IÖ2. Wirkung der Quantität. — Die grösste Paradoxie in der Geschichte der Dichtkunst liegt darin, dass in Allem, worin die alten Dichter ihre Grösse haben, Einer ein Barbar, nämlich fehlerhaft und verwachsen vom Wirbel bis zur Zehe, sein kann und dennoch der grösste Dichter bleibt. So steht es ja mit Shakespeare, der, mit Sophokles zusammengehalten, einem Bergwerke voll einer Unermess- lichkeit an Gold, Blei und Geröll gleicht, während jener nicht nur Gold, sondern Gold in der edelsten Gestaltung ist, die seinen Werth als Metall fast vergessen macht. Aber die Quantität, in ihren höchsten Steigerungen, wirkt als Qualität. Das kommt Shakespeare zu Gute. 163. Aller Anfang ist Gefahr. — Der Dichter hat die Wahl, entweder das Gefühl von einer Stufe zur andern zu heben und es so zuletzt sehr hoch zu steigern — oder es mit einem Ueberfalle zu versuchen und gleich von Beginn an mit aller Gewalt am Glockenstrang zu ziehen. Beides hat seine Gefahren: im ersten Falle läuft ihm vielleicht sein Zuhörer vor Langerweile, im zweiten vor Schrecken davon. 164. Zu Gunsten der Kritiker. — Die Insekten stechen, nicht aus Bosheit, sondern weil sie auch leben wollen; ebenso unsere Kritiker: sie wollen unser Blut, nicht unsern Schmerz. 165. Erfolg von Sentenzen. — Die Unerfahrenen meinen immer, wenn ihnen eine Sentenz sofort durch ihre schlichte Wahrheit einleuchtet, sie sei alt und bekannt, und blicken dabei scheel auf den Urheber, als habe er Digitized by Google — 86 — das Gemeingut Aller gestohlen : während sie an gewürzten Halbwahrheiten Freude finden, und dies dem Autor zu erkennen geben. Dieser weiss einen solchen Wink zu würdigen und erräth daraus leicht, wo es ihm gelungen und wo misslungen ist. 166. Siegen wollen. — Ein Künstler, der in Allem, was er unternimmt, über seine Kräfte hinausgeht, wird doch zuletzt, durch das Schauspiel des gewaltigen Ringens, das er gewährt, die Menge mit sich fortreissen: denn der Erfolg ist nicht immer nur beim Siege, sondern mit- unter schon beim Siegen - wollen. 167. Sibi scribere. — Der vernünftige Autor schreibt für keine andere Nachwelt als für seine eigene, das heisst, für sein Alter, um auch dann noch an sich Freude haben zu können. 168. Lob der Sentenz. — Eine gute Sentenz ist zu hart für den Zahn der Zeit und wird von allen Jahrtausenden nicht aufgezehrt, obwohl sie jeder Zeit zur Nahrung dient: dadurch ist sie das grosse Paradoxon in der Litteratur, das Unvergängliche inmitten des Wechselnden, die Speise, welche immer geschätzt bleibt wie das Salz, und niemals, wie selbst dieses, dumm wird. 169. Kunstbedürfniss zweiten Ranges. — DasVolk hat wohl Etwas von dem, was man Kunstbedürfniss nennen darf, aber es ist Wenig, und wohlfeil zu befrie- digen. Im Grunde genügt hierfür der Abfall der Kunst: Digitized by Google - 87 - das soll man ehrlich sich eingestehen. Man erwäge doch nur zum Beispiel, an was für Melodien und Liedern jetzt unsere kraftvollsten, unverdorbensten, treuherzigsten Schichten der Bevölkerung ihre rechte Herzensfreude haben! man lebe unter Hirten, Sennen, Bauern, Jägern, Soldaten, Seeleuten und gebe sich die Antwort! Und wird nicht in der kleinen Stadt, gerade in den Häusern, welche der Sitz altvererbter Bürgertugend sind, jene allerschlechteste Musik geliebt, ja gehätschelt, welche überhaupt jetzt hervorgebracht wird? Wer von tieferem Bedürfnisse, von unausgefülltem Begehren nach Kunst in Beziehung auf das Volk, wie es ist, redet, der faselt oder schwindelt. Seid ehrlich! Nur bei Ausnahme- Menschen giebt es jetzt ein Kunstbedürfniss in hohem Stile, — weil die Kunst überhaupt wieder einmal im Rückgange ist und die menschlichen Kräfte und Hoff- nungen sich für eine Zeit auf andre Dinge geworfen haben. — Ausserdem, nämlich abseits vom Volke, besteht freilich noch ein breiteres, umfänglicheres Kunstbedürfniss, aber zweiten Ranges, in den höheren und höchsten Schichten der Gesellschaft: hier ist Etwas wie eine künstlerische Gemeinde, die es aufrichtig meint, möglich. Aber man sehe sich die Elemente an! Es sind im Allgemeinen die feineren Unzufriedenen, die an sich zu keiner rechten Freude kommen: der Gebildete, der nicht frei genug geworden ist, um der Tröstungen der Religion entrathen zu können und doch ihre Oele nicht wohlriechend genug findet: der Halbedle, der zu schwach ist, einen Grund- fehler seines Lebens oder einen schädlichen Hang seines Charakters zu brechen, durch heroisches Umkehren oder Verzichtleisten: der Reichbegabte, der zu vornehm von sich denkt, um durch bescheidene Thätigkeit zu nützen, und zu träge zur ernsten aufopfernden Arbeit ist: das — 88 — Mädchen, welches sich keinen genügenden Kreis von Pflichten zu schaffen weiss: die Frau, die durch eine leichtsinnige oder frevelhafte Ehe sich band und nicht genug gebunden weiss: der Gelehrte, Arzt, Kaufmann, Beamte, der zu zeitig in das Einzelne einkehrte, und seiner ganzen Natur niemals vollen Lauf gegönnt hat, dafür aber mit einem Wurm im Herzen seine immerhin tüchtige Arbeit thut: endlich alle unvollständigen Künstler — dies sind jetzt die noch wahrhaft Kunstbedürftigen ! Und was begehren sie eigentlich von der Kunst? Sie soll ihnen für Stunden und Augenblicke das Unbehagen, die Lange- weile, das halbschlechte Gewissen verscheuchen und womöglich den Fehler ihres Lebens und Charakters als Fehler des Welten - Schicksals in's Grosse umdeuten, — sehr verschieden von den Griechen, welche in ihrer Kunst das Aus- und Ueberströmen ihres eigenen Wohl- und Gesundseins empfanden und es liebten, ihre Vollkommen- ■ heit noch einmal ausser sich zu sehen: — sie führte der Selbstgenuss zur Kunst, diese unsere Zeitgenossen — der Selbstverdruss. i 70. Die Deutschen im Theater. — Das eigentliche Theatertalent der Deutschen war Kotzebue; er und seine Deutschen, die der höheren sowohl als die der mittleren Gesellschaft, gehörten noth wendig zusammen, und die Zeitgenossen hätten von ihm im Ernste sagen dürfen: „in ihm leben, weben und sind wir". liier war nichts Erzwungenes, Angebildetes, Halb- und Angeniessendes: was er wollte und konnte, wurde verstanden, ja bis jetzt ist der ehrliche Theater -Erfolg auf deutschen Bühnen im Besitze der verschämten oder unverschämten Erben Kotzebueischer Mittel und Wirkungen, namentlich Digitized by Google 89 _ soweit das Lustspiel noch in einiger Blüthe steht; woraus sich ergiebt, dass Viel von dem damaligen Deutschthum, zumal abseits von der grossen Stadt, immer noch fortlebt. Gutmüthig, in kleinen Genüssen unenthaltsam, thränen- lüstern, mit dem Wunsche, wenigstens im Theater sich der eingebornen pflichtstrengen Nüchternheit entschlagen zu dürfen und hier lächelnde, ja lachende Duldung zu üben, das Gute und das Mitleid verwechselnd und in Eins zusammenwerfend — wie es das Wesentliche der deutschen Sentimentalität ist — , überglücklich bei einer schönen, grossmüthigen Handlung, im Uebrigen unterwürfig nach Oben, neidisch gegen einander, und doch im Innersten sich selbst genügend — so waren sie, so war er. — Das zweite Theatertalent war Schiller: dieser entdeckte eine Klasse von Zuhörern, welche bis dahin nicht in Betracht gekommen waren; er fand sie in den unreifen Lebens- altern, im deutschen Mädchen und Jüngling. Ihren höheren, edleren, stürmischeren, wenn auch unklareren Regungen, ihrer Lust am Klingklang sittlicher Worte (welche in den dreissiger Jahren des Lebens zu verschwinden pflegt) kam er mit seinen Dichtungen entgegen und errang sich dadurch, gemäss der Leidenschaftlichkeit und Parteisucht jener Altersklasse, einen Erfolg, der allmählich auch auf die reiferen Lebensalter mit Vortheil einwirkte: Schiller hat im Allgemeinen die Deutschen verjüngt. — Goethe stand über den Deutschen in jeder Beziehung und steht es auch jetzt noch: er wird ihnen nie angehören. Wie könnte auch je ein Volk der Goethischen Geistigkeit im Wohl -Sein und Wohl -Wollen gewachsen sein! Wie Beethoven über die Deutschen weg Musik machte, wie Schopenhauer über die Deutschen weg philosophirte, so dichtete Goethe seinen Tasso, seine Iphigenie über die Deutschen weg. Ihm folgte eine sehr kleine — go — Schaar Höchstgebildeter, durch Alterthum, Leben und Reisen Erzogener, über deutsches Wesen hinaus -Ge- wachsener: — er selber wollte es nicht anders. — Als dann die Romantiker ihren zweckbewussten Goethe-Kultus aufrichteten, als ihre erstaunliche Kunstfertigkeit des An- schmeckens dann auf die Schüler Hegel's, die eigentlichen Erzieher der Deutschen dieses Jahrhunderts, übergieng, als der erwachende nationale Ehrgeiz auch dem Ruhme der deutschen Dichter zu Gute kam und der eigentliche Maassstab des Volkes, ob es sich ehrlich an Etwas freuen könne, unerbittlich dem Urtheile der Einzelnen und jenem nationalen Ehrgeize untergeordnet wurde — das heisst, als man anfieng sich freuen zu müssen — , da entstand jene Verlogenheit und Unechtheit der deutschen Bildung, welche sich Kotzebue's schämte, welche Sophokles, Calderon und selbst Goethe's Faust- Fortsetzung auf die Bühne brachte und welche ihrer belegten Zunge, ihres verschleimten Magens wegen, zuletzt nicht mehr weiss, was ihr schmeckt, was ihr langweilig ist. — Selig sind Die, welche Geschmack haben, wenn es auch ein schlechter Geschmack ist! — Und nicht nur selig, auch weise kann man nur vermöge dieser Eigenschaft werden; weshalb die Griechen, die in solchen Dingen sehr fein waren, den Weisen mit einem Wort bezeichneten, das den Mann des Geschmacks bedeutet, und Weisheit — künstlerische sowohl wie erkennende — geradezu „Geschmack" (Sophia) benannten. 171. Die Musik als Spätling jeder Kultur. —Die Musik kommt von allen Künsten, welche auf einem bestimmten Kulturboden, unter bestimmten socialen und politischen Verhältnissen jedesmal aufzuwachsen pflegen, als die *N \ Digitized by Google - gi — letzte aller Pflanzen zum Vorschein, im Herbst und Ab- blühen der zu ihr gehörigen Kultur: während gewöhnlich die ersten Boten und Anzeichen eines neuen Frühlings schon bemerkbar sind; ja mitunter läutet die Musik wie die Sprache eines versunkenen Zeitalters in eine erstaunte und neue Welt hinein und kommt zu spät. Erst in der Kunst der Niederländer Musiker fand die Seele des christ- lichen Mittelalters ihren vollen Klang: ihre Ton-Baukunst ist die nachgeborne, aber echt- und ebenbürtige Schwester der Gothik. Erst in Händel's Musik erklang das Beste von Luther's und seiner Verwandten Seele, der grosse jüdisch-heroische Zug, welcher die ganze Reformations- Bewegung schuf. Erst Mozart gab dem Zeitalter Ludwig des Vierzehnten und der Kunst Racine's und Claude Lor- rain's in klingendem Golde heraus. Erst in Beethoven's und Rossini's Musik sang sich das achtzehnte Jahrhundert aus, das Jahrhundert der Schwärmerei, der zerbrochnen Ideale und des flüchtigen Glückes. So möchte denn ein Freund empfindsamer Gleichnisse sagen, jede wahrhaft bedeutende Musik sei Schwanengesang. — Die Musik ist eben nicht eine allgemeine, überzeitliche Sprache, wie man so oft zu ihrer Ehre gesagt hat, sondern entspricht genau einem Gefühls-, Wärme- und Zeitmaass, welches eine ganz bestimmte einzelne, zeitlich und örtlich gebun- dene Kultur als inneres Gesetz in sich trägt; die Musik Palaestrina's würde für einen Griechen völlig unzugänglich sein, und wiederum — was würde Palaestrina bei der Musik Rossini's hören? — Vielleicht, dass auch unsere neueste deutsche Musik, so sehr sie herrscht und herrsch- lustig ist, in kurzer Zeitspanne nicht mehr verstanden wird ; denn sie entsprang aus einer Kultur, die im raschen Absinken begriffen ist; ihr Boden ist jene Reaktions- und Restaurations-Periode, in welcher ebenso ein gewisser Digitized by Google — 92 - Katholicismus des Gefühls wie die Lust an allem heimisch-nationalen Wesen und Unwesen zur Blüthe kam und über Europa einen gemischten Duft ausgoss: welche beiden Richtungen des Empfindens, in grösster Stärke erfasst und bis in die entferntesten Enden fort- geführt, in der Wagnerischen Kunst zuletzt zum Erklingen gekommen sind. Wagners Aneignung der altheimischen Sagen, sein veredelndes Schalten und Walten unter deren so fremdartigen Göttern und Helden — welche eigentlich souveraine Raubthicre sind, mit Anwandlungen von Tief- sinn, Grossherzigkeit und Lebensüberdruss — , die Neu- beseelung dieser Gestalten, denen er den christlich- mittelalterlichen Durst nach verzückter Sinnlichkeit und Entsinnlichung dazugab: dieses ganze Wagnerische Nehmen und Geben in Hinsicht auf Stoffe, Seelen, Gestalten und Worte spricht deutlich auch den Geist seiner Musik aus, — wenn diese, wie alle Musik, von sich selber nicht völlig unzweideutig zu reden vermöchte. Dieser Geist führt den allerletzten Kriegs- und Reaktionszug an gegen den Geist der Aufklärung, der aus dem vorigen Jahrhundert in dieses hineinwehte, — ebenso gegen die übernationalen Gedanken der franzö- sischen Umsturz- Schwärmerei und der englisch-amerika- nischen Nüchternheit im Umbau von Staat und Gesell- schaft. — Ist es aber nicht ersichtlich, dass die hier — bei Wagner selbst und seinem Anhange — noch zurück- gedrängt erscheinenden Gedanken- und Empfindungskreise längst von Neuem wieder Gewalt bekommen haben? und dass jener späte musikalische Protest gegen sie zumeist in Ohren hineinklingt, die andere und entgegengesetzte Töne lieber hören? sodass eines Tages jene wunderbare und hohe Kunst ganz plötzlich unverständlich werden und sich Spinnweben und Vergessenheit über sie legen Digitized by Google - 93 - könnten. — Man darf sich über diese Sachlage nicht durch jene flüchtigen Schwankungen beirren lassen, welche als Reaktion innerhalb der Reaktion, als ein zeitweiliges Einsinken des Wellenbergs inmitten der gesammten Bewegung erscheinen. So mag dieses Jahrzehent der nationalen Kriege, des ultramontanen Martyriums und der socialistischen Beängstigung in seinen feineren Nach- wirkungen auch der genannten Kunst zu einer plötzlichen Glorie verhelfen, — ohne ihr damit die Bürgschaft dafür zu geben, dass sie „Zukunft habe", oder gar, dass sie die Zukunft habe. — Es liegt im Wesen der Musik, dass die Früchte ihrer grossen Kultur-Jahrgänge zeitiger un- schmackhaft werden und rascher verderben, als die Früchte der bildenden Kunst oder gar die auf dem Baume der Erkenntniss gewachsenen: unter allen Erzeugnissen des menschlichen Kunstsinns sind nämlich Gedanken das Dauerhafteste und Haltbarste. 172. Die Dichter keine Lehrer mehr. — So fremd es unserer Zeit klingen mag: es gab Dichter und Künstler, deren Seele über die Leidenschaften und deren Krämpfe und Entzückungen hinaus war, und die deshalb an rein- licheren Stoffen, würdigeren Menschen, zarteren Ver- knüpfungen und Lösungen ihre Freude hatten. Sind die jetzigen grossen Künstler meistens Entfesseier des Willens und unter Umständen eben dadurch Befreier des Lebens, so waren jene — Willens- Bändiger, Thier -Verwandler, Menschen-Schöpfer und überhaupt Bildner, Um- und Fort- bildner des Lebens: während der Ruhm der jetzigen im Abschirren, Kettenlösen, Zertrümmern liegen mag. — Die älteren Griechen verlangten vom Dichter, er solle der Lehrer der Erwachsenen sein: aber wie müsste sich Digitized by Google — 94 — jetzt ein Dichter schämen, wenn man dies von ihm ver- langte! — er, der selber sich kein guter Lehrer war und daher selber kein gutes Gedicht, kein schönes Gebilde wurde, sondern im günstigen Falle gleichsam der scheue, anziehende Trümmerhaufen eines Tempels, aber zugleich eine Höhle der Begierden, mit Blumen, Stechpflanzen, Gift- kräutern ruinenhaft überwachsen, von Schlangen, Gewürm, Spinnen und Vögeln bewohnt und besucht, — ein Gegen- stand zum trauernden Nachsinnen darüber, warum jetzt das Edelste und Köstlichste sogleich als Ruine, ohne die Vergangenheit und Zukunft des Vollkommenseins, empor- wachsen muss. — 173. Vor- und Rückblick. — Eine Kunst, wie sie aus Homer, Sophokles, Theokrit, Calderon, Racine, Goethe ausströmt, als Ueberschuss einer weisen und harmo- nischen Lebensführung — das ist das Rechte, nach dem wir endlich greifen lernen, wenn wir selber weiser und harmonischer geworden sind! nicht jenes barbarische, wenngleich noch so entzückende Aussprudeln hitziger und bunter Dinge aus einer ungebändigten chaotischen Seele, das wir früher als Jünglinge unter Kunst verstanden. Es begreift sich aber aus sich selber, dass für gewisse Lebens- zeiten eine Kunst der Ueberspannung, der Erregung, des Widerwillens gegen das Geregelte, Eintönige, Einfache, Logische ein nothwendiges Bedürfhiss ist, welchem Künst- ler entsprechen müssen, damit die Seele solcher Lebens- zeiten sich nicht auf anderm Wege, durch allerlei Unfug und Unart, entlade. So bedürfen die Jünglinge, wie sie meistens sind, voll, gährend, von Nichts mehr als von der Langenweile gepeinigt, — so bedürfen Frauen, denen eine gute, die Seele füllende Arbeit fehlt, jener Kunst Digitized by Google — 95 ~ der entzückenden Unordnung. Um so heftiger noch ent- flammt sich durch sie ihre Sehnsucht nach einem Genügen ohne Wechsel, einem Glück ohne Betäubung und Rausch. 174. Gegen die Kunst der Kunstwerke. — Die Kunst soll vor Allem und zuerst das Leben verschönern, also uns selber den Andern erträglich, womöglich angenehm machen : mit dieser Aufgabe vor Augen, mässigt sie und hält uns im Zaume, schafft Formen des Umgangs, bindet die Unerzogenen an Gesetze des Anstandes, der Rein- lichkeit, der Höflichkeit, des Redens und Schweigens zur rechten Zeit. Sodann soll die Kunst alles Hässliche ver- bergen oder umdeuten, jenes Peinliche, Schreckliche, Ekelhafte, welches trotz allem Bemühen immer wieder, gemäss der Herkunft der menschlichen Natur, heraus- brechen wird: sie soll so namentlich in Hinsicht auf die Leidenschaften und seelischen Schmerzen und Aengste verfahren und im unvermeidlich oder unüberwindlich Hässlichen das Bedeutende durchschimmern lassen. Nach dieser grossen, ja übergrossen Aufgabe der Kunst ist die sogenannte eigentliche Kunst, die der Kunst- werke, nur ein Anhängsel. Ein Mensch, der einen Ueberschuss von solchen verschönernden, verbergenden und umdeutenden Kräften in sich fühlt, wird sich zuletzt noch in Kunstwerken dieses Ueberflusses zu entladen suchen; ebenso, unter besondern Umständen, ein ganzes Volk. — Aber gewöhnlich fängt man jetzt die Kunst am Ende an, hängt sich an ihren Schweif und meint, die Kunst der Kunstwerke sei das Eigentliche, von ihr aus solle das Leben verbessert und umgewandelt werden — wir Thoren! Wenn wir die Mahlzeit mit dem Nachtisch beginnen und Süssigkeiten über Süssigkeiten kosten, was Digitized by Google - 96 - Wunders, wenn wir uns den Magen und selbst den Appetit für die gute, kräftige, nährende Mahlzeit, zu der uns die Kunst einladet, verderben! i75. Fortbestehen der Kunst — Wodurch besteht jetzt im Grunde eine Kunst der Kunstwerke fort? Dadurch, dass die Meisten, welche Müsse - Stunden haben, — und nur für Diese giebt es ja eine solche Kunst — nicht glauben ohne Musik, Theater- und Gallerien - Besuch, ohne Roman- und Gedichte-Lesen mit ihrer Zeit fertig zu werden. Gesetzt, man könnte sie von dieser Befriedigung abhalten, so würden sie entweder nicht so eifrig nach Müsse streben — und der neiderregende Anblick der Reichen würde seltener (ein grosser Gewinn für den Bestand der Gesellschaft!) — oder sie hätten Müsse, lernten aber nachdenken (was man lernen und verlernen kann — ) über ihre Arbeit zum Beispiel, ihre Verbindungen, über Freuden, die sie erweisen könnten; alle Welt, mit Ausnahme der Künstler, hätte in beiden Fällen den Vortheil davon. — Es giebt gewiss manchen kraft- und sinnvollen Leser, der hier einen guten Einwand zu machen versteht. Der Plumpen und Böswilligen halber soll es doch einmal gesagt werden, dass es hier, wie so oft in diesem Buche, dem Autor eben auf den Einwand an- kommt, und dass Manches in ihm zu lesen ist, was nicht gerade darin geschrieben steht. 176. Das Mundstück der Götter. - Der Dichter spricht die allgemeinen höheren Meinungen aus, welche ein Volk hat: er ist deren Mundstück und Flöte; — aber er spricht sie, vermöge des Metrums und aller anderen künstlerischen Digitized by Google — 97 — Mittel so aus, dass das Volk sie wie etwas ganz Neues und Wunderhaftes nimmt, und es vom Dichter allen Ernstes glaubt, er sei das Mundstück der Götter. Ja, in der Umwölkung des Schaffens vergisst der Dichter selber, wo er alle seine geistige Weisheit her hat — : von Vater und Mutter, von Lehrern und Büchern aller Art, von der Strasse und namentlich von den Priestern. Ihn täuscht seine eigene Kunst und er glaubt wirklich, in naiver Zeit, dass ein Gott durch ihn rede, dass er im Zustande einer religiösen Erleuchtung schaffe — : während er eben nur sagt, was er gelernt hat, Volks -Weisheit und Volks- Thorheit untereinander. Also: insofern der Dichter wirk- lich vox populi ist, gilt er als vox dei. 177. Was alle Kunst will und nicht kann. — Die schwerste und letzte Aufgabe des Künstlers ist die Dar- stellung des Gleichbleibenden, in sich Ruhenden, Hohen, Einfachen, vom Einzelreiz weit Absehenden; deshalb werden die höchsten Gestaltungen sittlicher Vollkommen- heit von den schwächeren Künstlern als unkünstlerische Vorwürfe selbst abgelehnt, — ihrem Ehrgeize ist der Anblick dieser Früchte gar zu peinlich: sie glänzen ihnen aus den äussersten Aesten der Kunst entgegen, aber es fehlt ihnen Leiter, Muth und Handgriff, um sich so hoch wagen zu dürfen. An sich ist ein Phidias als Dichter recht wohl möglich, in Anbetracht der modernen Kraft aber fast nur im Sinne jenes Wortes, dass bei Gott kein Ding unmöglich ist. Schon der Wunsch nach einem dichterischen Claude Lorrain ist ja gegenwärtig eine Un- bescheidenheit, so sehr Einen das Herz darnach verlangen heisst. — Der Darstellung des höchsten Menschen, das heisst des einfachsten und zugleich vollsten, Nietzsche, Menschliches, AllzumcnHchliches II. n Digitized by Google - 98 - war bis jetzt kein Künstler gewachsen; vielleicht aber haben, von allen bisherigen Menschen, die Griechen — im Ideal der Athene — am weitesten den Blick geworfen. 178. Kunst und Restauration. — Die rückläufigen Bewegungen in der Geschichte — die sogenannten Restaurations-Zeiten, welche einem geistigen und gesell- schaftlichen Zustand, der vor dem zuletzt bestehenden lag, wieder Leben zu geben suchen und denen eine kurze Todten- Erweckung auch wirklich zu gelingen scheint — haben den Reiz gemüthvoller Erinnerung, sehnsüchtigen Verlangens nach fast Verlorenem, hastigen Umarmens von minutenlangem Glücke. Wegen dieser seltsamen Vertiefung der Stimmung finden gerade in solchen flüchtigen, fast traumhaften Zeiten Kunst und Dichtung einen natürlichen Boden: wie an steil absinkenden Berges- hängen die zartesten und seltensten Pflanzen wachsen. — Manchen guten Künstler treibt es unvermerkt zu einer derartigen Restaurations-Denkweise in Politik und Gesell- schaftsleben, für welche er sich, auf eigene Faust, ein stilles Winkelchen und Gärtchen zurechtmacht: in diesem sammelt er dann die menschlichen Ueberreste jener ihn anheimelnden Geschichtsepoche um sich und lässt vor lauter Todten, Halbtodten und Sterbensmüden sein Saiten- spiel ertönen, — vielleicht mit dem erwähnten Erfolg einer kurzen Todten -Erweckung. Digitized by Google V. Anzeichen höherer und niederer Kultur 179. Glück der Zeit. — In zwei Beziehungen ist unsre Zeit glücklich zu preisen. In Hinsicht auf die Ver- gangenheit gemessen wir alle Kulturen und deren Hervorbringungen und nähren uns mit dem edelsten Blute aller Zeiten: wir stehen noch dem Zauber der Ge- walten, aus deren Schoosse jene geboren wurden, nahe genug, um uns vorübergehend ihnen mit Lust und Schau- der unterwerfen zu können, — während frühere Kulturen nur sich selber zu geniessen vermochten und nicht über sich hinaussahen, vielmehr wie von einer weiter oder enger gewölbten Glocke überspannt waren, aus welcher zwar Licht auf sie herabströmte, durch welche aber kein Blick hindurchdrang. — In Hinsicht auf die Zukunft erschliesst sich uns, zum ersten Mal in der Geschichte, der ungeheure Weitblick menschlich-ökumenischer, die ganze bewohnte Erde umspannender Ziele. Zugleich fühlen wir uns der Kräfte bewusst, diese neue Aufgabe ohne An- maassung selber in die Hand zu nehmen; ja, möge unser Unternehmen ausfallen, wie es wolle, mögen wir unsere Kräfte überschätzt haben, jedenfalls giebt es Niemanden, dem wir Rechenschaft schuldeten, als uns selbst: die Menschheit kann von nun an durchaus mit sich anfangen, was sie will. — Es giebt freilich sonderbare Menschen- 7* Digitized by Google Bienen, welche aus dem Kelche aller Dinge immer nur das Bitterste und Aergerlichste zu saugen verstehen (— und in der That, jedes Ding enthält Etwas von sol- chem Nicht -Honig in sich): — diese mögen über das geschilderte Glück unseres Zeitalters in ihrer Art empfinden und an ihrem Bienen -Korb des Missbehagens weiter bauen. 180. Eine Vision. — Lehr- und Betrachtungsstunden für Erwachsene, Reife und Reifste, täglich, ohne Zwang, aber nach dem Gebot der Sitte, von Jedermann besucht, — die Kirchen als die würdigsten und erinnerungs- reichsten Stätten dafür, — gleichsam alltägliche Fest- feiern der erreichten und erreichbaren menschlichen Vernunft würde, — ein neueres und volleres Auf- und Ausblühen des Lehrer -Ideals, in welches der Geistliche, der Künstler und Arzt, der Wissende und der Weise hineinverschmelzen (wie deren Einzel -Tugenden als Ge- sammt-Tugend auch in der Lehre selber, in ihrem Vortrag, ihrer Methode zum Vorschein kommen müssten): — dies ist meine Vision, die mir immer wiederkehrt und von der ich fest glaube, dass sie einen Zipfel des Zukunfts-Schleiers gehoben hat. 181. Erziehung Ve rdrehung. — Die ausserordentliche Unsicherheit alles Unterrichtswesens — auf Grund deren jetzt jeder Erwachsene das Gefühl bekommt, sein einziger Erzieher sei der Zufall gewesen — , das Windfahnenhafte der erzieherischen Methoden und Absichten erklärt sich daraus, dass jetzt die ältesten und die neuesten Kul- turmächte wie in einer wilden Volksversammlung mehr gehört, als verstanden werden wollen und um jeden Digitized by Googl — IOI — Preis durch ihre Stimme, ihr Geschrei beweisen wollen, dass sie noch existiren oder dass sie schon existiren. Die armen Lehrer und Erzieher sind bei diesem wider- sinnigen Lärm erst betäubt, dann still und endlich stumpf geworden und lassen Alles über sich ergehen: wie sie nun wieder auch Alles über ihre Zöglinge ergehen lassen. Sie selbst sind nicht erzogen: wie sollten sie erziehen? Sie selbst sind keine gerad gewachsenen kräftigen, saft- vollen Stämme: wer sich an sie anschliessen will, wird sich winden und krümmen müssen, und zuletzt verdreht und verwachsen erscheinen. 182. Philosophen und Künstler der Zeit. — Wüstheit und Kaltsinn, Brand der Begierden, Abkühlung des Herzens, — dies widerliche Nebeneinander findet sich im Bilde der höheren europäischen Gesellschaft der Gegen- wart. Da glaubt der Künstler schon Viel zu erreichen, wenn er durch seine Kunst neben dem Brande der Begierde auch einmal den Brand des Herzens aufflammen macht : und ebenso der Philosoph, wenn er bei der Kühle des Herzens, die er mit seiner Zeit gemein hat, auch die Hitze der Begierde durch sein weltvemeinendes Urtheilen in sich und jener Gesellschaft abkühlt. 183. Nicht ohne Noth Soldat der Kultur sein. — Endlich, endlich lernt man, was nicht zu wissen Einem in jüngeren Jahren so viel Einbusse macht : dass man zuerst das Vortreffliche thun, zuzweit das Vortreffliche aufsuchen müsse, wo und unter welchem Namen es auch zu finden sei! dass man dagegen allem Schlechten und Mittelmässigen sofort aus dem Wege gehe, ohne es zu Digitized by Google bekämpfen! und dass schon der Zweifel an der Güte einer Sache — wie er bei geübterem Geschmacke schnell entsteht — uns als Argument gegen sie und als Anlass, ihr völlig auszuweichen, gelten dürfe : auf die Gefahr hin, einige Male dabei zu irren und das schwerer zugängliche Gute mit dem Schlechten und Unvollkommenen zu ver- wechseln. — Nur wer nichts Besseres kann, soll den Schlechtigkeiten der Welt zu Leibe gehen, als der Soldat der Kultur. Aber der Nähr- und Lehrstand derselben richtet sich zu Grunde, wenn er in Waffen einhergehen will und den Frieden seines Berufs und Hauses durch Vorsorge, Nachtwachen und böse Träume in unheimliche Friedlosigkeit umkehrt. 184. Wie Naturgeschichte zu erzählen ist — Die Naturgeschichte — als die Kriegs- und Siegsgeschichte der sittlich-geistigen Kraft im Widerstande gegen Angst, Einbildung, Trägheit, Aberglauben, Narrheit — sollte so erzählt werden, dass Jeder, der sie hört, zum Streben nach geistig-leiblicher Gesundheit und Blüthe, zum Frohgefuhl, Erbe und Fortsetzer des Menschlichen zu sein, und zu einem immer edleren Unternehmungs-Bedürfniss unauf- haltsam fortgerissen würde. Bis jetzt hat sie ihre rechte Sprache noch nicht gefunden, weil die spracherfinderischen und beredten Künstler — denn deren bedarf es hiezu — gegen sie ein verstocktes Misstrauen nicht loswerden und vor Allem nicht gründlich von ihr lernen wollen. Hier muss man den Engländern zugestehen, dass sie in ihren naturwissenschaftlichen Lehrbüchern für die niederen Volksschichten bewunderungswürdige Schritte nach jenem Ideale hin gethan haben: dafür werden diese Bücher aber auch von ihren ausgezeichnetsten Gelehrten — ganzen, Digitized by Google io3 — vollen und füllenden Naturen — geschrieben, und nicht, wie bei uns, von den Mittelmässigkeiten der Forschung. 185. Genialität der Menschheit. — Wenn Genialität, nach Schopenhauer's Beobachtung, in der zusammen- hängenden und lebendigen Erinnerung an das Selbst- Erlebte besteht, so möchte im Streben nach Erkenntniss des gesammten historischen Gewordenseins — welches immer mächtiger die neuere Zeit gegen alle früheren ab- hebt und zum ersten Male zwischen Natur und Geist, Mensch und Thier, Moral und Physik die alten Mauern zerbrochen hat — ein Streben nach Genialität der Mensch- heit im Ganzen zu erkennen sein. Die vollendet gedachte Historie wäre kosmisches Selbstbewusstsein. 186. Kultus der Kultur. — Grossen Geistern ist das ab- schreckende Allzumenschliche ihres Wesens, ihrer Blind- heiten, Verkrümmungen, Maasslosigkeiien beigegeben, damit ihr mächtiger, leicht allzumächtiger Einfluss fort- während durch das Misstrauen, welches jene Eigenschaften einflössen, in Schranken gehalten werde. Denn das System alles dessen, was die Menschheit zu ihrem Fortbestehen nöthig hat, ist so umfassend und nimmt so verschieden- artige und zahlreiche Kräfte in Anspruch, dass für jede einseitige Bevorzugung — sei es der Wissenschaft, des Staates oder der Kunst oder des Handels, wozu jene Einzelnen treiben — die Menschheit als Ganzes harte Busse zahlen muss. Es ist immer das grör ste Yerhängniss der Kultur gewesen, wenn Menschen angebetet wurden: in welchem Sinne man sogar mit dem Spruche des mosaischen Gesetzes zusammen fühlen darf, welcher ver- Digitized by Google bietet, neben Gott andere Götter zu haben. — Dem Kultus des Genius und der Gewalt muss man, als Er- gänzung und Heilmittel, immer den Kultus der Kultur zur Seite stellen: weicherauch dem Stofflichen, Geringen, Niedrigen, Verkannten, Schwachen, Unvollkommenen, Einseitigen, Halben, Unwahren, Scheinenden, ja dem Bösen und Furchtbaren, eine verständnissvolle Würdigung und das Zugeständniss, dass dies Alles nöthig sei, zu schenken weiss; denn der Zusammen- und Fortklang alles Menschlichen, durch erstaunliche Arbeiten und Glücksfälle erreicht, und eben so sehr das Werk von Cyklopen und Ameisen als von Genie's, soll nicht wieder verloren gehen: wie dürften wir da des gemeinsamen, tiefen, oft unheimlichen Grundbasses entrathen können, ohne den ja Melodie nicht Melodie zu sein vermag? 187. Die alte Welt und die Freude. — Die Menschen der alten Welt wussten sich besser zu freuen: wir, uns weniger zu betrüben. Jene machten, mit allem ihrem Reichthum von Scharfsinn und Nachdenken, immerfort neue Anlässe ausfindig, sich wohl zu fühlen und Feste zu feiern: während wir unsern Geist auf Lösung von Auf- gaben verwenden, welche mehr die Schmerzlosigkeit, die Beseitigung von Unlustquellen im Auge haben. In Betreif des leidenden Daseins suchten die Alten zu ver- gessen oder die Empfindung in's Angenehme irgendwie umzubiegen: sodass sie hierin palliativisch zu helfen suchten, während wir den Ursachen des Leidens zu Leibe gehen und im Ganzen lieber prophylaktisch wirken. — Vielleicht bauen wir nur die Grundlagen, auf denen spätere Menschen auch wieder den Tempel der Freude errichten. Digitized by Google - io5 - [88. Die Musen als Lügnerinnen. — „Wir verstehen uns darauf, viele Lügen zu sagen" — so sangen einstmals die Musen, als sie sich vor Hesiod offenbarten. — Es führt zu wesentlichen Entdeckungen, wenn man den Künstler einmal als Betrüger fasst. 189. Wie paradox Homer sein kann. — Giebt es etwas Verwegeneres, Schauerlicheres, Unglaublicheres, das über Menschenschicksal, gleich der Wintersonne, so hinleuchtet, wie jener Gedanke, der sich bei Homer findet: Das ja fügte der Götter Beschluss und verhängte den Menschen Untergang, dass es wär' ein Gesang auch späten Geschlechtern.*) Also: wir leiden und gehen zu Grunde, damit es den Dichtern nicht an Stoff fehle! — und dies ordnen gerade so die Götter Homer's an, welchen an der Lustbarkeit der kommenden Geschlechter sehr viel gelegen scheint, aber allzuwenig an uns, den Gegenwärtigen! — Dass je solche Gedanken in den Kopf eines Griechen gekommen sind! 190. Nachträgliche Rechtfertigung des Daseins. — Manche Gedanken sind als Irrthümer und Phantasmen in die Welt getreten, aber zu Wahrheiten geworden, weil die Menschen ihnen hinterdrein ein wirkliches Substrat untergeschoben haben. 191. Pro und Contra nöth ig. — Wer nicht begriffen hat, dass jeder grosse Mann nicht nur gefördert, sondern •) Odyssee VIII, 579. , Digitized by Google auch, der allgemeinen Wohlfahrt wegen, bekämpft werden muss, ist gewiss noch ein grosses Kind — oder selber ein grosser Mann. 192. Ungerechtigkeit des Genie's. — Das Genie ist am ungerechtesten gegen die Genie's, falls sie seine Zeit- genossen sind: einmal glaubt es, sie nicht nöthig zu haben, und hält sie deshalb überhaupt für überflüssig (denn es ist ohne sie, was es ist); sodann kreuzt ihr Einfluss die Wirkung seines elektrischen Stromes: weshalb es sie sogar schädlich nennt. 193- Schlimmstes Schicksal eines Propheten. — Er arbeitete zwanzig Jahre daran, seine Zeitgenossen von sich zu überzeugen, — es gelingt im endlich; aber inzwischen war es seinen Gegnern auch gelungen: er ist nicht mehr von sich überzeugt 194. Drei Denker gleich einer Spinne. — In jeder philosophischen Sekte folgen drei Denker in diesem Verhältnisse auf einander: der Erste erzeugt aus sich den Saft und Samen, der Zweite zieht ihn zu Fäden aus und spinnt ein künstliches Netz, der Dritte lauert in diesem Netz auf Opfer, die sich hier verfangen, — und sucht von der Philosophie zu leben. 195. Aus dem Verkehr mit Autoren. — Es ist eine ebenso schlechte Manier, mit einem Autor umzugehen, wenn man ihn an der Nase fasst, wie wenn man ihn an seinem Ilorne fasst — und jeder Autor hat sein Horn. Digitized by Google — io; — 1 96. Zweigespann. — Unklarheit des Denkens und Ge- fühlsschwärmerei sind ebenso häufig mit dem rücksichts- losen Willen, sich selber mit allen Mitteln durchzusetzen, sich allein gelten zu lassen, verbunden, wie herzhaftes Helfen, Gönnen und Wohlwollen mit dem Triebe nach Helle und Reinlichkeit des Denkens, nach Mässigung und Ansichhalten des Gefühls. 197. Das Bindende und das Trennende. — Liegt nicht im Kopfe Das, was die Menschen verbindet — das Verständniss für gemeinsamen Xutzen und Nachtheil — und im Herzen Das, was sie trennt — das blinde Aus- wählen und Zutappen in Liebe und Hass, die Hinwendung zu Einem auf Unkosten Aller und die daraus entspringende Verachtung des allgemeinen Nutzens? 198. Schützen und Denker. — Es giebt curiose Schützen, welche zwar das Ziel verfehlen, aber mit dem heimlichen Stolz vom Schiessstande abtreten, dass ihre Kugel jeden- falls sehr weit (allerdings über das Ziel hinaus) geflogen ist, oder dass sie zwar nicht das Ziel, aber etwas Anderes getroffen haben. Und ebensolche Denker giebt es. 199. Von zwei Seiten aus. — Man feindet eine geistige Richtung und Bewegung an, wenn man ihr überlegen ist und ihr Ziel missbilligt, oder wenn ihr Ziel zu hoch und unserem Auge unerkennbar, also wenn sie uns über- legen ist. So kann die selbe Partei von zwei Seiten aus, von Oben und von Unten her, bekämpft werden, und nicht selten schliessen die Angreifenden aus gemeinsamem Digitized by Google — io8 — Hass ein Bündniss mit einander, das widerlicher ist, als Alles, was sie hassen. 200. Original. — Nicht dass man etwas Neues zuerst sieht, sondern dass man das Alte, Altbekannte, von Jeder- mann Gesehene und Uebersehene wie neu sieht, zeichnet die eigentlich originalen Köpfe aus. Der erste Entdecker ist gemeinhin jener ganz gewöhnliche und geistlose Phan- tast — der Zufall. 201. Irrthum der Philosophen. — Der Philosoph glaubt, der Werth seiner Philosophie liege im Ganzen, im Bau; die Nachwelt findet ihn im Stein, mit dem er baute und mit dem, von da an, noch oft und besser gebaut wird: also darin, dass jener Bau zerstört werden kann und doch noch als Material Werth hat. 202. Witz. — Der Witz ist das Epigramm auf den Tod eines Gefühls. 203. Im Augenblicke vor der Lösung. — In der Wissenschaft kommt es alle Tage und Stunden vor, dass Einer unmittelbar vor der Lösung stehen bleibt, überzeugt, jetzt sei sein Bemühen völlig umsonst gewesen, — gleich Einem, der, eine Schleife aufziehend, im Augenblicke, wo sie der Lösung am nächsten ist, zögert: denn da gerade sieht sie einem Knoten am ähnlichsten. 204. Unter die Schwärmer gehen. — Der besonnene und seines Verstandes sichere Mensch kann mit Gewinnst ein Jahrzehnt unter die Phantasten gehen und sich in Digitized by Google — 109 — dieser heissen Zone einer bescheidenen Tollheit überlassen. Damit hat er ein gutes Stück Wegs gemacht, um zuletzt zu jenem Kosmopolitismus des Geistes zu gelangen, der ohne Anmaassung sagen darf: „nichts Geistiges ist mir mehr fremd". 205. Scharfe Luft. — Das Beste und Gesündeste in der Wissenschaft wie im Gebirge ist die scharfe Luft, die in ihnen weht. — Die Geistig -Weichlichen (wie die Künstler) scheuen und verlästern dieser Luft halber die Wissenschaft 206. Warum Gelehrte edler als Künstler sind. — Die Wissenschaft bedarf edlerer Naturen, als die Dicht- kunst: sie müssen einfacher, weniger ehrgeizig, enthalt- samer, stiller, nicht so auf Nachruhm bedacht sein und sich über Sachen vergessen, welche selten dem Auge Vieler eines solchen Opfers der Persönlichkeit würdig erscheinen. Dazu kommt eine andere Einbusse, deren sie sich bewusst sind: die Art ihrer Beschäftigung, die fortwährende Aufforderung zur grössten Nüchternheit schwächt ihren Willen, das Feuer auf ihrem Herde wird nicht so stark unterhalten, wie auf dem der dichterischen Naturen: deshalb verlieren sie meist in früheren Lebens- jahren, als Jene, ihre höchste Kraft und Blüthe, — und wie gesagt, sie wissen um diese Gefahr. Unter allen LTmständen erscheinen sie unbegabter, weil sie weniger glänzen, — werden daher für Weniger gelten, als sie sind. 207. Inwiefern die Pietät verdunkelt. — Dem grossen Manne macht man in späteren Jahrhunderten alle grossen Eigenschaften und Tugenden seines Jahrhunderts zum Digitized by Google Geschenk, — und so wird alles Beste fortwährend durch die Pietät verdunkelt, welche es als ein heiliges Bild ansieht, an dem man Weihgeschenke aller Art aufhängt und aufstellt, bis es endlich ganz durch dieselben verdeckt und umhüllt wird und fürderhin mehr ein Gegenstand des Glaubens, als des Schauens ist 208. Auf dem Kopfe stehen. — Wenn wir die Wahrheit auf den Kopf stellen, bemerken wir gewöhnlich nicht, dass auch unser Kopf nicht dort steht, wo er stehen sollte. 209. Ursprung und Nutzen der Mode. — Die ersicht- liche Selbstzufriedenheit des Einzelnen mit seiner Form macht die Nachahmung rege und erschafft allmählich die Form der Vielen, das heisst die Mode: diese Vielen wollen durch die Mode eben jene so wohlthuende Selbst- zufriedenheit mit der Form und erlangen sie auch. — Wenn man erwägt, wie viel Gründe zu Aengstlichkeit und schüchternem Sichverstecken jeder Mensch hat und wie Dreiviertel seiner Energie und seines guten Willens durch jene Gründe gelähmt und unfruchtbar werden können, so muss man der Mode vielen Dank zollen, insofern sie jenes Dreiviertel entfesselt und Selbstvertrauen und gegen- seitiges heiteres Entgegenkommen Denen mittheilt, welche sich unter einander an ihr Gesetz gebunden wissen. Auch thörichte Gesetze geben Freiheit und Ruhe des Gemüths, sofern sich nur Viele ihnen unterworfen haben. 210. Zungenlöser. — Der Werth mancher Menschen und Bücher liegt allein in der Eigenschaft, Jedermann zum Digitized by Google III — Aussprechen des Verborgensten, Innersten zu nöthigen: es sind Zungenlöser und Brecheisen für die verbissensten Zähne. Auch manche Ereignisse und Uebelthaten, welche scheinbar nur zum Fluche der Menschheit da sind, haben jenen Werth und Nutzen. 211. Freizügige Geister. — Wer von uns würde sich einen „freien Geist" zu nennen wagen, wenn er nicht auf seine Art jenen Männern, denen man diesen Namen als Schimpf anhängt, eine Huldigung darbringen möchte, indem er Etwas von jener Last der öffentlichen Missgunst und Beschimpfung auf seine Schultern ladet? — In allem Ernste aber (und ohne diesen hoch- oder grossmüthigen Trotz) dürften wir uns „freizügige Geister" nennen: weil wir den Zug zur Freiheit als stärksten Trieb unseres Geistes fühlen und, im Gegensatz zu den gebundenen und festgewurzelten Intellekten, unser Ideal fast in einem geistigen Nomadenthum sehen, — um einen bescheidenen und fast abschätzigen Ausdruck zu gebrauchen. 212. Ja die Gunst der Musen! — Was Homer darüber sagt, greift in's Herz, so wahr, so schrecklich ist es: „Herzlich liebt' ihn die Muse und gab ihm Gutes und Böses; denn die Augen entnahm sie und gab ihm süssen Gesang ein."*) — Dies ist ein Text ohne Ende für den Denkenden: Gutes und Böses giebt sie, das ist ihre Art von herzlicher Liebe! Und Jeder wird es sich besonders auslegen, warum wir Denker und Dichter unsre Augen daran geben müssen. *) Odyssee VIII, 63. Digitized by Google — 112 — 213- Gegen die Pflege der Musik. — Die künstlerische Ausbildung des Auges von Kindheit an, durch Zeichnen und Malen, durch Skizziren von Landschaften, Personen, Vorgängen, bringt nebenbei den für das Leben unschätz- baren Gewinn mit sich, das Auge zum Beobachten von Menschen und Lagen scharf, ruhig und ausdauernd zu machen. Ein ähnlicher Neben -Vortheil erwächst aus der künstlerischen Pflege des Ohres nicht: weshalb Volks- schulen im Allgemeinen gut thun werden, der Kunst des Auges vor der des Ohres den Vorzug zu geben. 2 1}. Die Entdecker von Trivialitäten. — Subtile Geister, denen Nichts ferner liegt als eine Trivialität, entdecken oft nach allerlei Umschweifen und Gebirgs- pfaden eine solche und haben grosse Freude daran, zur Verwunderung der Nicht -Subtilen. Moral der Gelehrten. — Ein regelmässiger und schneller Portschritt der Wissenschaft ist nur möglich, wenn der Einzelne nicht zu misstrauisch sein muss, um jede Rechnung und Behauptung Anderer nach- zuprüfen, auf Gebieten, die ihm ferner liegen: dazu aber ist die Bedingung, dass Jeder auf seinem eigenen Felde Mitbewerber hat, die äusserst misstrauisch sind und ihm scharf auf die Finger sehen. Aus diesem Neben- einander von „nicht zu misstrauisch" und „äusserst miss- trauisch" entsteht die Rechtschaffenheit in der Gelehrten- Republik. Digitized by Google — H3 — 2l6. Grund der Unfruchtbarkeit. — Es giebt höchst begabte Geister, welche nur deshalb immer unfruchtbar sind, weil sie, aus einer Schwäche des Temperamentes, zu ungeduldig sind, ihre Schwangerschaft abzuwarten. 217. Verkehrte Welt der Thränen. — Das vielfache Missbehagen, welches die Ansprüche der höheren Kultur dem Menschen machen, verkehrt seine Natur endlich so weit, dass er für gewöhnlich sich starr und stoisch hält und nur noch für die seltenen Anfälle des Glücks die Thränen übrig hat, ja dass Mancher schon bei dem Genüsse der Schmerzlosigkeit weinen muss: — nur im Glücke schlägt sein Herz noch. 218. Die Griechen als Dolmetscher. — Wenn wir von den Griechen reden, reden wir unwillkürlich von Heute und Gestern : — ihre allbekannte Geschichte ist ein blanker Spiegel, der immer Etwas wiederstrahlt, das nicht im Spiegel selbst ist. Wir benützen die Freiheit, von ihnen zu reden, um von Anderen schweigen zu dürfen, — damit Jene nun selber dem sinnenden Leser Etwas in's Ohr sagen. So erleichtern die Griechen dem modernen Menschen das Mittheilen von mancherlei schwer Mittheilbarem und Bedenklichem. 219. Vom erworbenen Charakter der Griechen. — Wir lassen uns leicht durch die berühmte griechische Helle, Durchsichtigkeit, Einfachheit und Ordnung, durch das Krystallhaft -Natürliche und zugleich Krystallhaft- Nietzichc, Menschliches, Allzutneuschliches II. S Digitized by Google ii4 — Künstliche griechischer Werke verführen, zu glauben, das Alles sei den Griechen geschenkt: sie hätten zum Beispiel gar nicht anders gekonnt als gut schreiben, wie dies Lichtenberg einmal ausspricht Aber Nichts ist voreiliger und unhaltbarer. Die Geschichte der Prosa von Gorgias bis Demosthenes zeigt ein solches Arbeiten und Ringen aus dem Dunklen, Ueberladnen, Geschmack- losen heraus zum Lichte hin, dass man an die Mühsal der Heroen erinnert wird, welche die ersten Wege durch Wald und Sümpfe zu bahnen hatten. Der Dialog der Tragödie ist die eigentliche That der Dramatiker, seiner ungemeinen Helle und Bestimmtheit wegen (man überlege, was dies bei einer Volksanlage heissen will, welche im Symbolischen und Andeutenden schwelgte und durch die grosse chorische Lyrik noch eigens dazu erzogen war — ): wie es die That Homers ist, die Griechen von dem asiatischen Pomp und dem dumpfen Wesen befreit und die Helle der Architektur, im Grossen und Einzelnen, errungen zu haben. Es galt auch keineswegs für leicht, Etwas recht rein und leuchtend zu sagen; — woher sonst die hohe Bewunderung für das Epigramm des Simonides? das ja so schlicht sich giebt, ohne vergoldete Spitzen, ohne Arabesken des Witzes, — aber Das, was es zu sagen hat, deutlich sagt, mit der Ruhe der Sonne: nicht mit der Effekthascherei eines Blitzes. Griechisch ist das Zustreben zum Lichte aus einer gleichsam eingeborenen Dämmerung: daher geht ein Frohlocken durch das Volk beim Hören von etwas klar- und gut- Gesagtem, einer lakonischen Sentenz, bei der Sprache der Elegie, den Sprüchen der sieben Weisen. Daher auch wurde das Vorschriftengeben in Versen, das uns anstössig ist, so geliebt ( — die eigent- liche apollinische Aufgabe für den hellenischen Geist): denn man wusste, was es heisst, unter dem Zwange des Digitized by Google - ii5 — • Metrum's nicht in Dunkelheit zu verfallen. Die Schlicht- heit, die Geschmeidigkeit, die Nüchternheit sind der Volks- anlage angerungen, nicht mitgegeben, — die Gefahr eines Rückfalles in's Asiatische schwebte immer über den Griechen, und wirklich kam es von Zeit zu Zeit über sie wie ein dunkler überschwemmender Strom mystischer Regungen, elementarer Wildheit und Finsterniss. Wir sehen sie untertauchen, wir sehen Europa gleichsam weggespült, überfluthet — denn Europa war damals sehr klein — , aber immer kommen sie auch wieder an's Licht, gute Schwimmer und Taucher wie sie sind: das Volk des Odysseus. 220. Das eigentlich Heidnische. — Vielleicht giebt es nichts Befremdenderes für Den, welcher sich die griechische Welt ansieht, als zu entdecken, dass die Griechen allen ihren Leidenschaften und bösen Natur- hängen von Zeit zu Zeit gleichsam Feste gaben und sogar eine Art Festordnung ihres Allzumenschlichen von Staatswegen einrichteten: es ist dies das eigentlich Heid- nische ihrer Welt, — vom Christenthume aus nie begriffen, nie zu begreifen und stets auf das Härteste bekämpft und verachtet. — Sie nahmen jenes Allzumenschliche als unvermeidlich und zogen vor, statt es zu beschimpfen, ihm eine Art Recht zweiten Ranges durch Einordnung in die Bräuche der Gesellschaft und des Kultus zu geben : ja, Alles, was im Menschen Macht hat, nannten sie göttlich und schrieben es an die Wände ihres Himmels. Sie leugnen den Naturtrieb, der in den schlimmen Eigenschaften sich ausdrückt, nicht ab, sondern ordnen ihn ein und beschränken ihn auf bestimmte Kulte und Tage, nachdem sie genug Vorsieh tsmaassregeln erfunden haben, um jenen wilden Gewässern einen 8* Digitized by Google — u6 - möglichst unschädlichen Abfluss zu geben. Dies ist die Wurzel aller moralistischen Freisinnigkeit des Alterthums, Man gönnte dem Bösen und Bedenklichen, dem Thierisch- Rückständigen ebenso wie dem Barbaren, Vor-Griechen und Asiaten, welcher im Grunde des griechischen Wesens noch lebte, eine massige Entladung und strebte nicht nach seiner völligen Vernichtung. Das ganze System solcher Ordnungen umfasste der Staat, der nicht auf ein- zelne Individuen oder Kasten, sondern auf die gewöhn- lichen menschlichen Eigenschaften hin construirt war. In seinem Baue zeigen die Griechen jenen wunderbaren Sinn für das Typisch -Thatsächliche, der sie später befähigte, Naturforscher, Historiker, Geographen und Philosophen zu werden. Es war nicht ein beschränktes, priesterliches oder kastenmässiges Sitten gesetz , welches bei der Ver- fassung des Staates und Staats -Kultus zu entscheiden hatte: sondern die umfänglichste Rücksicht auf die Wirk- lichkeit alles Menschlichen. — Woher haben die Griechen diese Freiheit, diesen Sinn für das Wirkliche? Vielleicht von Homer und den Dichtern vor ihm; denn gerade die Dichter, deren Natur nicht die gerechteste und weiseste zu sein pflegt, besitzen jene Lust am Wirklichen, Wirkenden jeder Art und wollen selbst das Böse nicht völlig verneinen : es genügt ihnen, dass es sich mässige und nicht Alles todtschlage oder innerlich giftig mache — das heisst: sie denken ähnlich wie die griechischen Staaten- bildner und sind deren Lehrmeister und Wegebahner gewesen. 221. Ausnahme-Griechen. — In Griechenland waren die tiefen, gründlichen, ernsten Geister die Ausnahme: der Instinkt des Volkes gieng vielmehr dahin, das Ernste Digitized by Google — ll7 - und Gründliche als eine Art von Verzerrung zu empfinden. Die Formen aus der Fremde entlehnen, nicht schaffen, sondern zum schönsten Schein umbilden — das ist griechisch: nachahmen — nicht zum Gebrauch, sondern zur künstlerischen Täuschung — , über den aufgezwung- nen Ernst immer wieder Herr werden, ordnen, ver- schönern, verflachen — so geht es fort von Homer bis zu den Sophisten des dritten und vierten Jahrhunderts der neuen Zeitrechnung, welche ganz Aussenseite, pomphaftes Wort, begeisterte Gebärde sind und sich an lauter aus- gehöhlte, schein-, klang- und effekt - lüsterne Seelen wenden. — Und nun würdige man die Grösse jener Ausnahme-Griechen, welche die Wissenschaft schufen! Wer von ihnen erzählt, erzählt die heldenhafteste Ge- schichte des menschlichen Geistes! 222. Das Einfache nicht das Erste, noch das Letzte der Zeit nach. — In die Geschichte der religiösen Vorstellungen wird viel falsche Entwickelung und All- mählichkeit hinein gedichtet, bei Dingen, die in Wahrheit nicht aus- und hintereinander, sondern nebeneinander und getrennt aufgewachsen sind; namentlich ist das Einfache viel zu sehr noch im Rufe, das Aelteste und Anfäng- lichste zu sein. Nicht wenig Menschliches entsteht durch Subtraktion und Division und gerade nicht durch Ver- doppelung, Zusatz, Zusammenbildung. — Man glaubt zum Beispiel immer noch an eine allmähliche Entwickelung der Götterdarstellung von jenen ungefügen Holzklötzen und Steinen aus bis zur vollen Vermenschlichung hinauf: und doch steht es gerade so, dass, so lange die Gottheit in Bäume, Holzstücke, Steine, Thiere hineinverlegt und -empfunden wurde, man sich vor einer Anmenschlichung Digitized by Google ~ u8 — ihrer Gestalt wie vor einer Gottlosigkeit scheute. Erst die Dichter haben, abseits vom Kultus und dem Banne der religiösen Scham, die innere Phantasie der Menschen daran gewöhnen, dafür willig machen müssen: — über- wogen aber wieder frömmere Stimmungen und Augen- blicke, so trat dieser befreiende Einfluss der Dichter wie- der zurück und die Heiligkeit verblieb nach wie vor auf Seite des Ungethümlichen, Unheimlichen, ganz eigentlich Unmenschlichen. Selbst aber Vieles von dem, was die innere Phantasie sich zu bilden wagt, würde doch noch, in äussere, leibhafte Darstellung übersetzt, peinlich wirken: das innere Auge ist um Vieles kühner und weniger scham- haft, als das äussere (woraus sich die bekannte Schwierig- keit und theilweise Unmöglichkeit ergiebt, epische Stoffe in dramatische umzuwandeln). Die religiöse Phantasie will lange Zeit durchaus nicht an die Identität des Gottes mit einem Bilde glauben: das Bild soll das Numen der Gottheit in irgend einer geheimnissvollen, nicht völlig auszudenkenden Weise hier als thätig, als örtlich gebannt erscheinen lassen. Das älteste Götterbild soll den Gott bergen und zugleich verbergen, — ihn andeuten, aber nicht zur Schau stellen. Kein Grieche hat je inner- lich seinen Apollo als Holz -Spitzsäule, seinen Eros als Steinklumpen angeschaut: es waren Symbole, welche gerade Angst vor der Veranschaulichung machen sollten. Ebenso steht es noch mit jenen Hölzern , denen mit dürftigster Schnitzerei einzelne Glieder, mitunter in der Ueberzahl, angebildet waren: wie ein lakonischer Apollo vier Hände und vier Ohren hatte. In dem Unvollstän- digen, Andeutenden oder Uebervollständigen liegt eine grausenhafte Heiligkeit, welche abwehren soll, an Menschliches, Menschenartiges zu denken. Es ist nicht eine embryonische Stufe der Kunst, in der man so Etwas Digitized by Google ii9 — "bildet (als ob man in der Zeit, wo man solche Bilder verehrte, nicht hätte deutlicher reden, sinnfälliger dar- stellen können), — vielmehr scheut man gerade Eines: das direkte Heraussagen. Wie die Cella das Allerheiligste, das eigentliche Numen der Gottheit birgt und in geheim- nissvolles Halbdunkel versteckt, doch nicht ganz; wie wiederum der peripterische Tempel die Cella birgt, gleich- sam mit einem Schirm und Schleier vor dem ungescheuten Auge schützt, aber nicht ganz: so ist das Bild die Gott- heit und zugleich Versteck der Gottheit. — Erst als ausserhalb des Kultus, in der profanen "Welt des Wett- kampfes, die Freude an dem Sieger im Kampfe so hoch gestiegen war, dass die hier erregten Wellen in den See der religiösen Empfindung hinüberschlugen: erst als das Standbild des Siegers in den Tempelhöfen aufgestellt wurde und der fromme Besucher des Tempels freiwillig oder unfreiwillig sein Auge wie seine Seele an diesen unumgänglichen Anblick menschlicher Schönheit und Ueberkraft gewöhnen musste — sodass, bei der räum- lichen und seelischen Nachbarschaft, Mensch- und Gott- verehrung in einander überklangen — : erst da verliert sich die Scheu vor der eigentlichen Vermenschlichung des Götterbildes, und erst damit ist der grosse Tummel- platz für die grosse Plastik aufgethan, — für lange Zeit noch mit der Beschränkung, dass an den zur Anbetung bestimmten Götterbildern die uralte Form und Hässlich- keit bewahrt und vorsichtig nachgebildet werden solle. — Aber der Weih ge schenk gebende Hellene darf seiner Lust, Gott Mensch werden zu lassen, jetzt in aller Selig- keit nachhängen. 223. Wohin man reisen muss. — Die unmittelbare Selbstbeobachtung reicht lange nicht aus, um sich kennen Digitized by Google 120 — zu lernen : wir brauchen Geschichte, denn die Vergangen- heit strömt in hundert Wellen in uns fort; wir selber sind ja Nichts als Das, was wir in jedem Augenblick von diesem Fortströmen empfinden. Auch hier sogar, wenn wir in den Fluss unseres anscheinend eigensten und persönlichsten Wesens hinabsteigen wollen, gilt Heraklit's Satz: man steigt nicht zweimal in den selben Fluss. — Das ist eine Weisheit, die allmählich zwar altbacken geworden, aber trotzdem eben so kräftig und nahrhaft geblieben ist, wie sie es je war: ebenso wie jene, dass, um Geschichte zu verstehen, man die lebendigen Ueberrcste geschichtlicher Epochen aufsuchen müsse, — dass man reisen müsse, wie Altvater Herodot reiste: zu Nationen (— diese sind ja nur festgewordene ältere Kulturstufen, auf die man sich stellen kann — ), zu sogenannten wilden und halbwilden Völkerschaften, namentlich dorthin, wo der Mensch das Kleid Europa's ausgezogen oder noch nicht angezogen hat Nun giebt es aber noch eine feinere Kunst und Absicht des Reisens, welche es nicht immer nöthig macht, von Ort zu Ort und über Tausende von Meilen hin den Fuss zu setzen. Es leben sehr wahrscheinlich die letzten drei Jahr- hunderte in allen ihren Kultur-Färbungen und -Strahlen- brechungen auch in unserer Nähe noch fort: sie wollen nur entdeckt werden. In manchen Familien, ja in ein- zelnen Menschen liegen die Schichten schön und über- sichtlich noch übereinander: anderswo giebt es schwieriger zu verstehende Verwerfungen des Gesteins. Gewiss hat sich in abgelegenen Gegenden, in weniger bekannten Gebirgsthälem, umschlossneren Gemeinwesen ein ehrwür- diges Musterstück sehr viel älterer Empfindung leichter erhalten können und muss hier aufgespürt werden: während es zum Beispiel unwahrscheinlich ist, in Berlin, Digitized by Google — 121 — wo der Mensch ausgelaugt und abgebrüht zur Welt kommt, solche Entdeckungen zu machen. Wer nach langer Uebung in dieser Kunst des Reisens, zum hundert- äugigen Argos geworden ist, der wird seine Io — ich meine sein ego — endlich überall hinbegleiten und in Aegypten und Griechenland, Byzanz und Rom, Frank- reich und Deutschland, in der Zeit der wandernden oder der festsitzenden Völker, in Renaissance und Reformation, in Heimat und Fremde, ja in Meer, Wald, Pflanze und Gebirge, die Reise -Abenteuer dieses werdenden und verwandelten ego wieder entdecken. — So wird Selbst- Erkenntniss zur All - Erkenntniss in Hinsicht auf alles Vergangene: wie (nach einer andern, hier nur anzu- deutenden Betrachtungskette) Selbstbestimmung und Selbsterziehung in den freiesten und weitest blickenden Geistern einmal zur All -Bestimmung, in Hinsicht auf alles zukünftige Menschenthum, werden könnte. 224. Balsam und Gift. — Man kann es nicht gründlich genug erwägen: das Christenthum ist die Religion des altgewordenen Alterthums, seine Voraussetzung sind ent- artete alte Kulturvölker; auf diese vermochte und vermag es wie ein Balsam zu wirken. In Zeitaltern, wo die Ohren und Augen „voller Schlamm" sind, sodass sie die Stimme der Vernunft und Philosophie nicht mehr zu ver- nehmen, die leibhaft wandelnde Weisheit, trage sie nun den Namen Epiktet oder Epikur, nicht mehr zu sehen vermögen: da mag vielleicht noch das aufgerichtete Marterkreuz und die „Posaune des jüngsten Gerichts" wirken, um solche Völker noch zu einem anständigen Ausleben zu bewegen. Man denke an das Rom Iuvenal's, an diese Giftkröte mit den Augen der Venus: — da lernt Digitized by Google man, was es heisst, ein Kreuz vor der „Welt" schlagen, da verehrt man die stille christliche Gemeinde und ist dankbar für ihr Ueberwuchern des griechisch-römischen Erdreichs. Wenn die meisten Menschen damals gleich mit der Verknechtung der Seele, mit der Sinnlichkeit von Greisen geboren wurden: welche Wohlthat, jenen Wesen zu begegnen, die mehr Seelen als Leiber waren und welche die griechische Vorstellung von den Hadesschatten zu verwirklichen schienen: scheue, dahinhuschende, zir- pende, wohlwollende Gestalten, mit einer Anwartschaft auf das „bessere Leben" und dadurch so anspruchslos, so stillverachtend, so stolz - geduldig geworden! — Dies Christenthum als Abendläuten des guten Alterthums, mit zersprungener, müder und doch wohltönender Glocke, ist selbst noch für Den, welcher jetzt jene Jahrhunderte nur historisch durchwandert, ein Ohrenbalsam: was muss es für jene Menschen selber gewesen sein! — Dagegen ist das Christenthum für junge frische Barbarenvölker Gift; in die Helden-, Kinder- und Thierseele des alten Deutschen zum Beispiel die Lehre von der Sündhaftigkeit und Verdammniss hineinpflanzen, heisst nichts Anderes als: sie vergiften; eine ganz ungeheuerliche chemische Gährung und Zersetzung, ein Durcheinander von Gefühlen und Urtheilen, ein Wuchern und Bilden des Abenteuer- lichsten musste die Folge sein und also, im weiteren Verlaufe, eine gründliche Schwächung solcher Barbaren- völker. — Freilich : was hätten wir, ohne diese Schwächung, noch von der griechischen Kultur! was von der ganzen Kultur -Vergangenheit des Menschengeschlechts! — Denn die vom Christenthume unangetasteten Barbaren ver- standen gründlich mit alten Kulturen aufzuräumen: wie es zum Beispiel die heidnischen Eroberer des romanisirten Britannien mit furchtbarer Deutlichkeit bewiesen haben. Digitized by Google - 123 — Das Christenthum hat wider seinen Willen helfen müssen, die antike „Welt" unsterblich zu machen. — Nun bleibt auch hier wieder eine Gegenfrage und die Möglichkeit einer Gegenrechnung übrig: wäre vielleicht, ohne jene Schwächung durch das erwähnte Gift, eine oder die andere jener frischen Völkerschaften, etwa die deutsche, im Stande gewesen, allmählich von selber eine höhere Kultur zu finden, eine eigene, neue? — von welcher somit der Menschheit selbst der entfernteste Begriff ver- loren gegangen wäre? — So steht es auch hier, wie überall: man weiss nicht, um christlich zu reden, ob Gott dem Teufel oder der Teufel Gott mehr Dank dafür schuldig ist, dass Alles so gekommen ist, wie es ist. 225. Glaube macht selig und verdammt. — Ein Christ, der auf unerlaubte Gedankengänge geräth, könnte sich wohl einmal fragen: ist es eigentlich nöthig, dass es einen Gott, nebst einem stellvertretenden Sündenlamme, wirklich giebt, wenn schon der Glaube an das Dasein dieser Wesen ausreicht, um die gleichen Wirkungen hervorzubringen? Sind es nicht überflüssige Wesen, falls sie doch existiren sollten ? Denn alles Wohlthuende, Tröstliche, Versittlichende, ebenso wie alles Verdüsternde und Zermalmende, welches die christliche Religion der menschlichen Seele giebt, geht von jenem Glauben aus und nicht von den Gegenständen jenes Glaubens. Es steht hier nicht anders als bei dem bekannten Falle: zwar hat es keine Hexen gegeben, aber die furchtbaren Wirkungen des Hexenglaubens sind die selben gewesen, wie wenn es wirklich Hexen gegeben hätte. Für alle jene Gelegenheiten, wo der Christ das unmittelbare Ein- greifen eines Gottes erwartet, aber umsonst erwartet — Digitized by Google — I24 — weil es keinen Gott giebt — , ist seine Religion erfinderisch genug in Ausflüchten und Gründen zur Beruhigung: hierin ist es sicherlich eine geistreiche Religion. — Zwar hat der Glaube bisher noch keine wirklichen Berge versetzen können, obschon dies ich weiss nicht wer behauptet hat; aber er vermag Berge dorthin zu setzen, wo keine sind. 226. Tragikomödie von Regensburg. — Hier und da kann man mit einer erschreckenden Deutlichkeit das Possenspiel der Fortuna sehen, wie sie an wenig Tage, an Einen Ort, an die Zustände und Meinungen Eines Kopfes das Seil der nächsten Jahrhunderte anknüpft, an dem sie diese tanzen lassen will. So liegt das Ver- hängniss der neueren deutschen Geschichte in den Tagen jener Disputation von Regensburg: der friedliche Aus- gang der kirchlichen und sittlichen Dinge, ohne Religions- kriege, Gegenreformation, schien gewährleistet, ebenso die Einheit der deutschen Nation; der tiefe, milde Sinn des Contarini schwebte einen Augenblick über dem theologischen Gezänk, siegreich, als Vertreter der reiferen italienischen Frömmigkeit, welche die Morgenröthe der geistigen Freiheit auf ihren Schwingen wiederstrahlte. Aber der knöcherne Kopf Luther's, voller Verdächtigungen und unheimlicher Aengste, sträubte sich: weil die Recht- fertigung durch die Gnade ihm als sein grösster Fund und Wahlspruch erschien, glaubte er diesem Satze nicht im Munde von Italienern: während diese ihn, wie es bekannt ist, schon viel früher gefunden und durch ganz Italien in tiefer Stille verbreitet hatten. Luther sah in dieser scheinbaren Uebereinstimmung die Tücken des Teufels, und verhinderte das Friedenswerk, so gut er Digitized by Google — I25 - konnte: wodurch er die Absichten der Feinde des Reiches ein gutes Stück vorwärts brachte. — Und nun nehme man, um den Eindruck des schauerlich Possenhaften noch mehr zu haben, hinzu, dass keiner der Sätze, über welche man sich damals in Regensburg stritt, weder der von der Erbsünde, noch der von der Erlösung durch Stell- vertretung, noch der von der Rechtfertigung im Glauben, irgendwie wahr ist, oder auch nur mit der Wahrheit zu thun hat! dass sie alle jetzt als undiskutirbar erkannt sind ! — und dass dennoch die Welt darüber in Flammen gesetzt wurde 1 also über Meinungen, denen gar keine Dinge und Realitäten entsprechen ! (während in Betreff von rein philologischen Fragen, zum Beispiel nach der Er- klärung der Einsetzungs -Worte des Abendmahls, doch wenigstens ein Streit erlaubt gewesen wäre, weil hier die Wahrheit hätte gesagt werden können : — aber wo Nichts ist, da hat auch die Wahrheit ihr Recht verloren). — Zuletzt bleibt Nichts übrig zu sagen, als dass damals aller- dings Kraftquellen entsprungen sind, so mächtig, dass ohne sie alle Mühlen der modernen Welt nicht mit gleicher Stärke getrieben würden. Und erst kommt es auf Kraft an, dann erst auf Wahrheit — oder auch dann noch lange nicht: nicht wahr, meine lieben Zeitgemässen ? 227. Goethe's Irrungen. — Goethe ist darin die grosse Ausnahme unter den grossen Künstlern, dass er nicht in der Bornirtheit seines wirklichen Vermögens lebte, als ob dasselbe an ihm selber und für alle Welt das Wesentliche und Auszeichnende, das Unbedingte und Letzte sein müsse. Er meinte zweimal, etwas Anderes zu besitzen, als er wirklich besass, — und irrte sich: in der zweiten Hälfte seines Lebens, wo er ganz durch- Digitized by Google — 126 — drungen von ; der Ueberzeugung erscheint, einer der grössten wissenschaftlichen Entdecker und Licht- bringer zu sein. Und ebenso schon in der ersten Hälfte seines Lebens: er wollte von sich etwas Höheres, als die Dichtkunst ihm schien, — und irrte sich auch darin. Die Natur habe aus ihm einen bildenden Künstler machen wollen — das war sein innerlich glühendes und versengendes Geheimniss, das ihn endlich nach Italien trieb, damit er sich in diesem "Wahne noch recht austobe und ihm jedes Opfer bringe. Endlich entdeckte er, der Besonnene, allem Wahnschaffhen an sich ehrlich Abholde, wie ein trügerischer Kobold von Begierde ihn zum Glauben an diesen Beruf gereizt habe, wie er von der grössten Leidenschaft seines Wollens sich losbinden und Abschied nehmen müsse. Die schmerzlich schneidende und wühlende Ueberzeugung, es sei nöthig, Abschied zu nehmen, ist völlig in der Stimmung des Tasso aus- geklungen: über ihm, dem „gesteigerten Werther", liegt das Vorgefühl von Schlimmerem als der Tod ist, wie wenn sich Einer sagt : „nun ist es aus — nach diesem Abschiede; wie soll man weiter leben, ohne wahnsinnig zu werden!" — Diese beiden Grundirrthümer seines Lebens gaben Goethe, angesichts einer rein litterarischen Stellung zur Poesie, wie damals die Welt sie allein kannte, eine so unbefangene und fast willkürlich erscheinende Haltung. Abgesehen von der Zeit, wo Schiller — der arme Schiller, der keine Zeit hatte und keine Zeit Hess — ihn aus der enthaltsamen Scheu vor der Poesie, aus der Furcht vor allem litterarischen Wesen und Handwerk heraustrieb, — erscheint Goethe wie ein Grieche, der hier und da eine Geliebte besucht, zweifelnd, ob es nicht eine Göttin sei, der er keinen rechten Namen zu geben wisse. Allem seinem Dichten merkt man die anhauchende Digitized by Google — I27 — Nähe der Plastik und der Natur an; die Züge dieser ihm vorschwebenden Gestalten — und er meinte vielleicht immer nur den Verwandlungen Einer Göttin auf der Spur zu sein — wurden ohne Willen und Wissen die Züge sämmtlicher Kinder seiner Kunst Ohne die Um- schweife des Irrthums wäre er nicht Goethe geworden: das heisst, der einzige deutsche Künstler der Schrift, der jetzt noch nicht veraltet ist, — weil er ebensowenig Schriftsteller, als Deutscher „von Beruf" sein wollte. 228. Reisende und ihre Grade. — Man unterscheide die Reisenden nach fünf Graden: die des ersten niedrigsten Grades sind solche, welche reisen und dabei gesehen werden, — sie werden eigentlich gereist und sind gleichsam blind; die nächsten sehen wirklich selber in die Welt; die dritten erleben Etwas in Folge des Sehens; die vierten leben das Erlebte in sich hinein und tragen es mit sich fort; endlich giebt es einige Menschen der höchsten Kraft, welche alles Gesehene, nachdem es erlebt und eingelebt worden ist, endlich auch nothwendig wieder aus sich herausleben müssen, in Handlungen und Werken, sobald sie nach Hause zurückgekehrt sind. — Diesen fünf Gattungen von Reisenden gleich gehen überhaupt alle Menschen durch die ganze Wanderschaft des Lebens: die niedrigsten als reine Passiva, die höchsten als die Handelnden und Auslebenden ohne allen Rest zurückbleibender innerer Vorgänge. 229. Im Höher-Steigen. — Sobald man höher steigt als Die, welche Einen bisher bewunderten, so erscheint man eben Denen als gesunken und herabgefallen: denn Digitized by Google — 128 — sie vermeinten unter allen Umständen, bisher mit uns (sei es auch durch uns) auf der Höhe zu sein. Maass und Mitte. — Von zwei ganz hohen Dingen: Maass und Mitte, redet man am besten nie. Einige Wenige kennen ihre Kräfte und Anzeichen aus den Mysterien-Pfaden innerer Erlebnisse und Umkehrungen : sie verehren in ihnen etwas Göttliches und scheuen das laute Wort. Alle Uebrigen hören kaum zu, wenn davon gesprochen wird, und wähnen, es handele sich um Lange- weile und Mittelmässigkeit: Jene etwa noch ausgenommen, die aus jenem Reiche einmal einen anmahnenden Klang vernommen, aber gegen ihn sich die Ohren verstopft haben. Die Erinnerung daran macht sie nun böse und aufgebracht. 230. Digitized by Google VI. Der Mensch im Verkehr. 231. Humanität der Freund- und Meisterschaft.— „Gehe du gen Morgen: so werde ich gen Abend ziehen" — so zu empfinden ist das hohe Merkmal von Humanität im engeren Verkehre; ohne diese Empfindung wird jede Freundschaft, jede Jünger- und Schülerschaft irgendwann einmal zur Heuchelei. 232. Die Tiefen. — Tiefdenkende Menschen kommen sich im Verkehr mit Andern als Komödianten vor, weil sie sich da, um verstanden zu werden, immer erst eine Oberfläche anheucheln müssen. 233. Für die Verächter der „Heerden-Menschheit". Wer die Menschen als Heerde betrachtet und vor ihnen, so schnell er kann, flieht, den werden sie gewiss einholen und mit ihren Hörnern stossen. 234. Hauptvergehen gegen den Eitelen. — Wer einem Andern in der Gesellschaft Gelegenheiten giebt, Nie tische, Menschliches, Allzumenschliches II. q Digitized by Google 130 — sein Wissen, Fühlen, Erfahren glücklich darzulegen, stellt sich über ihn und begeht also, falls er nicht als Höher- stehender von Jenem ohne Einschränkung empfunden wird, ein Attentat auf dessen Eitelkeit, — während er derselben gerade Befriedigung zu geben glaubte. 235. Enttäuschung. — Wenn ein langes Leben und Thun, sammt Reden und Schriften, von einer Person öffentlich Zeugniss ablegt, so pflegt der Umgang mit ihr zu enttäuschen, aus doppeltem Grunde: einmal, weil man zu Viel von einer kurzen Zeitspanne Verkehrs erwartet — nämlich alles Das, was erst tausend Gelegenheiten des Lebens könnten sichtbar werden lassen — , sodann, weil jeder Anerkannte sich keine Mühe giebt, im Ein- zelnen noch um Anerkennung zu buhlen. Er ist zu nachlässig — und wir sind zu gespannt. 236. Zwei Quellen der Güte. — Alle Menschen mit gleichmässigem Wohlwollen behandeln und ohne Unter- schied der Person gütig- sein, kann eben so sehr der Ausfluss tiefer Menschenverachtung, als gründlicher Menschenliebe sein. 237. Der Wanderer im Gebirge zu sich selber. — Es giebt sichere Anzeichen dafür, dass du vorwärts und höher hinauf gekommen bist: es ist jetzt freier und aus- sichtsreicher um dich als vordem, die Luft weht dich kühler, aber auch milder an, — du hast ja die Thorheit verlernt, Milde und Wärme zu verwechseln — , dein Gang ist lebhafter und fester geworden, Muth und Besonnenheit sind mitsammen gewachsen: — aus allen Digitized by Google '3* — diesen Gründen wird dein Weg jetzt einsamer sein dürfen und jedenfalls gefahrlicher sein, als dein früherer, wenn auch gewiss nicht in dem Maasse, als Die glauben, welche dich Wanderer vom dunstigen Thale aus auf dem Gebirge schreiten sehen. 238. Ausgenommen der Nächste. — Offenbar steht mein Kopf nur auf meinem eigenen Halse nicht recht; denn jeder Andere weiss bekanntlich besser, was ich zu thun und zu lassen habe: nur mir selber weiss ich armer Schelm nicht zu helfen. Sind wir nicht Alle wie Bild- säulen, denen falsche Köpfe aufgesetzt wurden? nicht wahr, mein geliebter Nachbar? — Doch nein, Du gerade bist die Ausnahme. 239- Vorsicht. — Mit Personen, denen die Scheu vor dem Persönlichen fehlt, soll man nicht umgehen oder unerbittlich ihnen vorher die Handschellen der Convenienz anlegen. 240. Eitel erscheinen wollen. — Im Gespräche mit Unbekannten oder Halbbekannten nur ausgewählte Ge- danken äussern, von seinen berühmten Bekanntschaften, bedeutenden Erlebnissen und Reisen reden, ist ein An- zeichen davon, dass man nicht stolz ist, mindestens dass man nicht so scheinen möchte. Die Eitelkeit ist die Höflichkeits-Maske des Stolzen. 241. Die gute Freundschaft. — Die gute Freundschaft entsteht, wenn man den Anderen sehr achtet (und zwar 9* Digitized by Google — 132 — mehr als sich selbst), ihn dabei liebt (jedoch nicht so sehr als sich) und man endlich, zur Erleichterung des Verkehrs, den zarten Anstrich und Flaum der Intimität hinzuzuthun versteht, sich aber der eigentlichen Intimität und der Verwechselung von Ich und Du weislich enthält 242. Die Freunde als Gespenster. — Wenn wir uns stark verwandeln, dann werden unsere Freunde, die nicht-verwandelten, zu Gespenstern unserer eigenen Ver- gangenheit: ihre Stimme tönt schattenhaft-schauerlich zu uns heran, — als ob wir uns selber hörten, aber jünger, härter, ungereifter. 243. Ein Auge und zwei Blicke. — Die selben Per- sonen, welche das Naturspiel des Gunst- und Gönner- suchenden Blicks haben, haben gewöhnlich auch, in Folge ihrer häufigen Demüthigungen und Rachegefuhle, den unverschämten Blick. 244. Die blaue Ferne. — Zeitlebens ein Kind — das klingt sehr rührend, ist aber nur das Urtheil aus der Ferne; in der Nähe gesehen und erlebt, heisst es immer: zeitlebens knabenhaft. 245. Vortheil und Nachtheil im gleichen Miss- verständnis s. — Die verstummende Verlegenheit des feinen Kopfes wird gewöhnlich von Seiten der Unfeinen als schweigende Ueberlegenheit gedeutet und sehr ge- fürchtet: während die Wahrnehmung, dass es nur Ver- legenheit ist, Wohlwollen erzeugen würde. Digitized by Google - 133 — 246. Der Weise sich als Narren gebend. — Die Menschenfreundlichkeit des Weisen bestimmt ihn mit- unter, sich erregt, erzürnt, erfreut zu stellen, um seiner Umgebung durch die Kälte und Besonnenheit seines wahren Wesens nicht weh zu thun. 247. Sich zur Aufmerksamkeit zwingen. — Sobald wir merken, dass Jemand im Umgange und Gespräche mit uns sich zur Aufmerksamkeit zwingen muss, haben wir einen vollgültigen Beweis dafür, dass er uns nicht oder nicht mehr liebt. 248. Weg zu einer christlichen Tugend. — Von seinen Feinden zu lernen ist der beste Weg dazu, sie zu lieben: denn es stimmt uns dankbar gegen sie. 249. Kriegslist des Zudringlichen. — Der Zudring- liche giebt auf unsere Conventionsmünze in Goldmünze heraus und will uns dadurch nachträglich nöthigen, unsere Convention als Versehen und ihn als Ausnahme zu behandeln. 250. Grund der Abneigung. — Wir werden manchem Künstler oder Schriftsteller feindlich, nicht weil wir endlich merken, dass er uns hintergangen hat, sondern weil er nicht feinere Mittel für nöthig befand, um uns zu fangen. Digitized by Google — 134 - 251- Im Scheiden. — Nicht darin, wie eine Seele sich der Andern nähert, sondern wie sie sich von ihr entfernt, erkenne ich ihre Verwandtschaft und Zusammengehörigkeit mit der andern. 252. Silentium. — Man darf über seine Freunde nicht reden: sonst verredet man sich das Gefühl der Freundschaft. 253. Unhöflichkeit. — Unhöflichkeit ist häufig das Merkmal einer ungeschickten Bescheidenheit, welche bei einer Ueberraschung den Kopf verliert und durch Grob- heit dies verbergen möchte. 254. Verrechnung in der Ehrlichkeit. — Das bisher von uns Verschwiegene erfahren mitunter gerade unsere neuesten Bekannten zuerst: wir meinen dabei thörichter- weise, es sei unser Vertrauens-Beweis die stärkste Fessel, mit welcher wir sie festhalten könnten, — aber sie wissen nicht genug von uns, um das Opfer unseres Aussprechens so stark zu empfinden, und verrathen unsere Geheimnisse an Andere, ohne an Verrath zu denken: sodass wir viel- leicht darüber unsere alten Bekannten verlieren. Im Vorzimmer der Gunst. — Wen wir lange im Vorzimmer unsrer Gunst stehen lassen, der geräth in Gährung und wird sauer. 256. Warnung an die Verachteten. — Wenn man unverkennbar in der Achtung der Menschen gesunken Digitized by Google — 135 — ist, so halte man mit den Zähnen an der Scham im Ver- kehre fest; sonst verräth man den Anderen, dass man auch in seiner eigenen Achtung gesunken ist. Der Cynismus im Verkehre ist ein Anzeichen, dass der Mensch in der Einsamkeit sich selber als Hund behandelt. 257. Manche Unkenntniss adelt. — In Hinsicht auf die Achtung der Achtung-Gebenden ist es vortheilhafter, gewisse Dinge ersichtlich nicht zu verstehen. Auch die Unwissenheit giebt Vorrechte. 258. Der Widersacher der Grazie. — Der Unduldsame und Hochmüthige mag die Grazie nicht und empfindet sie wie einen leibhaft sichtbaren Vorwurf gegen sich: denn sie ist Toleranz des Herzens in Bewegung und Gebärde. 259. Beim Wiedersehen. — Wenn alte Freunde nach langer Trennung einander wiedersehen, ereignet es sich oft, dass sie sich theilnahmvoll stellen bei Erwähnung von Dingen, die für sie ganz gleichgültig geworden sind: und mitunter merken es Beide, wagen aber nicht den Schleier zu heben — aus einem traurigen Zweifel. So entstehen Gespräche wie im Todtenreiche. 260. Nur Arbeitsame sich zu Freunden wählen. — Der Müssige ist seinen Freunden gefährlich: denn weil er nicht genug zu thun hat, redet er davon, was seine Freunde thun und nicht thun, mischt sich endlich hinein und macht sich beschwerlich : weshalb man kluger Weise nur mit Arbeitsamen Freundschaft schliessen soll. Digitized by Google - i36 - 261. Eine Waffe doppelt so viel, als zwei. — Es ist ein ungleicher Kampf, wenn der Eine mit Kopf und Herz, der Andere nur mit dem Kopfe für seine Sache spricht: der Erstere hat gleichsam Sonne und Wind gegen sich und seine beiden Waffen stören sich gegen- seitig: er verliert den Preis — in den Augen der Wahr- heit Dafür ist freilich der Sieg des Zweiten mit seiner Einen Waffe selten ein Sieg nach dem Herzen aller andern Zuschauer und macht bei ihnen unbeliebt. 262. Tiefe und Trübe. — Das Publikum verwechselt leicht Den, welcher im Trüben fischt, mit Dem, welcher aus der Tiefe schöpft. 263. An Freund und Feind seine Eitelkeit de- monstriren. — Mancher misshandelt aus Eitelkeit selbst seine Freunde, wenn Zeugen zugegen sind, denen er sein Uebergewicht deutlich machen will: Andere wieder über- treiben aus Eitelkeit den Werth ihrer Feinde, um stolz darauf hinzuweisen, dass sie solcher Feinde werth sind. 264. Abkühlung. - Die Erhitzung des Herzens ist gewöhnlich mit der Krankheit von Kopf und Urtheil verbunden. Wem für einige Zeit an der Gesundheit des letzteren gelegen ist, der muss also wissen, was er abzukühlen hat: unbesorgt um die Zukunft seines Herzens! Denn ist man überhaupt der Erwärmung fähig, so wird man auch wieder warm werden und seinen Sommer haben müssen. Digitized by Google 137 - 265. Zur Mischung der Gefühle. — Gegen die Wissen- schaft empfinden Frauen und selbstsüchtige Künstler Etwas, das aus Neid und Sentimentalität zusammen- gesetzt ist. 266. Wenn die Gefahr am grössten ist. — Man bricht das Bein selten, so lange man im Leben mühsam aufwärts steigt; aber dann, wenn man anfängt, es sich leicht zu machen und die bequemen Wege zu wählen. 267. Nicht zu zeitig. — Man muss sich in Acht nehmen, nicht zu zeitig scharf zu werden, weil man zu- gleich damit zu zeitig — dünn wird. 268. Freude am Widerspänstigen. — Der gute Erzieher kennt Fälle, wo er stolz darauf ist, dass sein Zögling, wider ihn, sich selber treu bleibt: da nämlich, wo der Jüngling den Mann nicht verstehen darf oder zu seinem Schaden verstehen würde. 269. Versuch der Ehrlichkeit — Jünglinge, die ehr- licher werden wollen als sie waren, suchen sich zuerst einen anerkannt Ehrlichen zum Opfer, das sie anfallen, indem sie sich zu seiner Höhe hinaufzuschimpfen suchen — mit dem Hintergedanken, dass dieser erste Versuch jeden- falls ungefährlich sei : denn gerade Jener dürfe die Un- verschämtheit des Ehrlichen nicht züchtigen. Digitized by Google VII. Weib, Kind, Jugend. 270. Das ewige Kind. — Wir meinen, das Märchen und das Spiel gehöre zur Kindheit: wir Kurzsichtigen! Als ob wir in irgend einem Lebensalter ohne Märchen und Spiel leben möchten! Wir meinen's und empfinden's freilich anders, aber gerade dies spricht dafür, dass es das Selbe ist: — denn auch das Kind empfindet das Spiel als seine Arbeit und das Märchen als seine Wahrheit Die Kürze des Lebens sollte uns vor dem pedantischen Scheiden der Lebensalter bewahren — als ob jedes etwas Neues brächte — und ein Dichter einmal den Menschen von zweihundert Jahren, den, der wirklich ohne Märchen und Spiel lebt, vorführen. 271. Jede Philosophie ist Philosophie eines Lebens- alters. — Das Lebensalter, in dem ein Philosoph seine Lehre fand, klingt aus ihr heraus, er kann es nicht verhüten, so erhaben er sich auch über Zeit und Stunde fühlen mag. So bleibt Schopenhauers Philosophie das Spiegelbild der hitzigen und schwermüthigen Jugend, — es ist keine Denkweise für ältere Menschen; so erinnert Plato's Philosophie an die mittlem dreissiger Jahre, wo ein kalter und ein heisser Strom auf einander Digitized by Google — 139 — zuzubrausen pflegen, sodass Staub und zarte Wölkchen und, unter günstigen Umständen und Sonnenblicken, ein bezauberndes Regenbogenbild entsteht. 272. Vom Geiste der Frauen. — Die 'geistige Kraft einer Frau wird am besten dadurch bewiesen, dass sie, aus Liebe zu einem Manne und dessen Geiste, ihren eigenen Geist zum Opfer bringt, und dass trotzdem ihr auf dem neuen, ihrer Natur ursprünglich fremden Gebiete, wohin die Sinnesart des Mannes sie drängt, sofort ein zweiter Geist nachwächst. 2/3- Erhöhung und Erniedrigung im Geschlecht- lichen. — Der Sturm der Begierde reisst den Mann mitunter in eine Höhe hinauf, wo alle Begierde schweigt : dort wo er wirklich liebt und noch mehr in einem besseren Sein, als in einem besseren Wollen lebt. Und wiederum steigt ein gutes Weib häufig aus wahrer Liebe bis hinab zur Begierde und erniedrigt sich dabei vor sich selber. Namentlich das Letztere gehört zu dem Herz- bewegendsten, was die Vorstellung einer guten Ehe mit sich zu bringen vermag. 274. Das Weib erfüllt, der Mann verheisst. — Durch das Weib zeigt die Natur, womit sie bis jetzt bei ihrer Arbeit am Menschenbilde fertig wurde; durch den Mann zeigt sie, was sie dabei zu überwinden hatte, aber auch, was sie noch Alles mit dem Menschen vor- hat. — Das vollkommene Weib jeder Zeit ist der Müssiggang des Schöpfers an jedem siebenten Tage der Kultur, das Ausruhen des Künstlers in seinem Werke. Digitized by Google 140 — 275- Umpflanzung. — Hat man seinen Geist verwendet, um über die Maasslosigkeit der Affekte Herr zu werden, so geschieht es vielleicht mit dem leidigen Erfolge, dass man die Maasslosigkeit auf den Gebt überträgt und fürderhin im Denken und Erkennenwollen ausschweift. 276. Das Lachen als Verrätherei. — Wie und wann eine Frau lacht, das ist ein Merkmal ihrer Bildung: aber im Klange des Lachens enthüllt sich ihre Natur, bei sehr gebildeten Frauen vielleicht sogar der letzte unlösbare Rest ihrer Natur. Deshalb wird der Menschen- prüfer sagen wie Horaz, aber aus verschiedenem Grunde: Ridete puellae! 277- Aus der Seele der Jünglinge. — Jünglinge wechseln, in Bezug auf die selbe Person, mit Hingebung und Unverschämtheit ab: denn im Grunde verehren und verachten sie nur sich in dem Andern und müssen, so lange sie noch nicht in der Erfahrung das Maass ihres Wollens und Könnens gefunden haben, zwischen Selbst- Verehrung und Selbst -Verachtung hin- und hertaumeln. 278. Zur Verbesserung der Welt. — Wenn man den Unzufriedenen, Schwarzgalligen und Murrköpfen die Fortpflanzung verwehrte, so könnte man schon die Erde in einen Garten des Glücks verzaubern. — Dieser Satz gehört in eine praktische Philosophie für das weibliche Geschlecht. Digitized by Google — I4I 279. Seinem Gefühle nicht misstrauen. — Die frauenhafte Wendung „man solle seinem Gefühle nicht misstrauen" bedeutet nicht viel Mehr als: man solle essen, was Einem gut schmeckt. Dies mag auch, namentlich für maassvolle Naturen, eine gute Alltags- regel sein. Andere Naturen müssen aber nach einem andern Satze leben : „du musst nicht nur mit dem Munde, sondern auch mit dem Kopfe essen, damit dich nicht die Naschhaftigkeit des Mundes zu Grunde richte." 280. Grausamer Einfall der Liebe. — Jede grosse Liebe bringt den grausamen Gedanken mit sich, den Gegenstand der Liebe zu tödten, damit er ein für alle Mal dem frevelhaften Spiele des Wechsels entrückt sei: denn vor dem Wechsel graut der Liebe mehr, als vor der Vernichtung. 281. Thüren. — Das Kind sieht ebenso wie der Mann in Allem, was erlebt, erlernt wird, Thüren: aber Jenem sind es Zugänge, Diesem immer nur Durchgänge. 282. Mitleidige Frauen. — Das Mitleiden der Frauen, welches geschwätzig ist, trägt das Bett des Kranken auf offenen Markt. 283. Frühzeitiges Verdienst. — Wer jung schon sich ein Verdienst erwirbt, verlernt gewöhnlich dabei die Scheu vor dem Alter und dem Aelteren, und schliesst sich damit, zu seinem grössten Nachtheil, von der Gesell- schaft der Reifen, Reife Gebenden aus: sodass er, trotz Digitized by Google — 142 — frühzeitigerem Verdienste, länger als Andere grün, zu- dringlich und knabenhaft bleibt 284. Bausch- und Bogen-Seelen. — Die Frauen und die Künstler meinen, dass wo man ihnen nicht wider- spricht, man nicht widersprechen könne; Verehrung in zehn Punkten und stillschweigende Nicht - Billigung in anderen zehn scheint ihnen neben einander unmöglich, — weil sie Bausch- und Bogen-Seelen haben. 285. Junge Talente. — In Hinsicht auf junge Talente muss man streng nach der Goethe'schen Maxime ver- fahren, dass man oft dem Irrthum nicht schaden dürfe, um der Wahrheit nicht zu schaden. Ihr Zustand ist ähnlich der Schwangerschaft und bringt seltsame Gelüste mit sich: welche man ihnen, so gut es gehen will, be- friedigen und nachsehen sollte, um der Frucht willen, die man von ihnen hofft. Freilich muss man, als Kranken- wärter dieser wunderlichen Kranken, die schwere Kunst der freiwilligen Selbst-Demüthigung verstehen. 286. Ekel an der Wahrheit — Die Frauen sind so geartet, dass alle Wahrheit, in Bezug auf Mann, Liebe, Kind, Gesellschaft, Lebensziel, ihnen Ekel macht und dass sie sich an Jedem zu rächen suchen, der ihnen darüber das Auge öffnet 287. Die Quelle der grossen Liebe. — Woher die plötzlichen Leidenschaften eines Mannes für ein Weib entstehen, die tiefen, innerlichen? Aus Sinnlichkeit allein Digitized by Google M3 — am wenigsten: aber wenn der Mann Schwäche, Hülfs- bedürftigkeit und zugleich Uebermuth in Einem Wesen beisammen findet, so geht Etwas in ihm vor, wie wenn seine Seele überwallen wollte: er ist im selben Augen- blicke gerührt und beleidigt Auf diesem Punkte ent- springt die Quelle der grossen Liebe. 283. Reinlichkeit. — Man soll den Sinn für Reinlich- keit im Kinde bis zur Leidenschaft entfachen: später erhebt er sich, in immer neuen Verwandlungen, fast zu jeder Tugend hinauf und erscheint zuletzt als Compen- sation alles Talentes, wie eine Lichtfülle von Reinheit, Massigkeit, Milde, Charakter, — Glück in sich tragend, Glück um sich verbreitend. 289. Von eitlen alten Männern. — Der Tiefsinn gehört der Jugend, der Klarsinn dem Alter zu: wenn trotzdem alte Männer mitunter in der Art der Tief- sinnigen reden und schreiben, so thun sie es aus Eitel- keit — in dem Glauben, dass sie damit den Reiz des Jugendlichen, Schwärmerischen, Werdenden, Ahnungs- und Hoffnungsvollen annehmen. 290. Benutzung des Neuen. — Männer benutzen Neu- Erlerntes oder -Erlebtes fürderhin als Pflugschar, vielleicht auch als Waffe: aber Weiber machen daraus sofort einen Putz für sich zurecht. 291. Recht haben bei den zwei Geschlechtern. — Giebt man einem Weibe zu, dass es Recht habe, so kann Digitized by Google — 144 — es sich nicht versagen, erst noch die Ferse triumphirend auf den Nacken des Unterworfenen zu setzen, — es muss den Sieg auskosten; während Mann gegen Mann sich in solchem Falle gewöhnlich des Rechthabens schämt. Dafür ist der Mann an das Siegen gewöhnt; das Weib erlebt damit eine Ausnahme. 292. Entsagung im Willen zur Schönheit. — Um schön zu werden, darf ein Weib nicht für hübsch gelten wollen: das heisst, es muss in neunundneunzig Fällen, wo es gefallen könnte, es verschmähen und hintertreiben, zu gefallen, um Ein Mal das Entzücken Dessen einzu- ernten, dessen Seelenpforte gross genug ist, um Grosses aufzunehmen. 293. Unbegreiflich, unausstehlich. — Ein Jüngling kann nicht begreifen, dass ein Aelterer seine Ent- zückungen, Gefühls-Morgenröthen, Gedanken -Wendungen und -Aufschwünge auch einmal durchlebt habe: es be- leidigt ihn schon, zu denken, dass sie zweimal existirt hätten, — aber ganz feindselig stimmt es ihn, zu hören, dass, um fruchtbar zu werden, er jene Blüthen verlieren, ihren Duft entbehren müsse. Digitized by Google VIII. Staat und Volk. 294. Partei mit der Miene der Dulderin. — Jede Partei, die sich die Miene der Dulderin zu geben weiss, zieht die Herzen der Gutmüthigen zu sich hinüber und gewinnt dadurch selber die Miene der Gutmüthigkeit, zu ihrem grössten Vortheil. 295. Behaupten sicherer, als beweisen. — Eine Be- hauptung wirkt stärker, als ein Argument (wenigstens bei der Mehrzahl der Menschen): denn das Argument weckt Misstrauen. Deshalb suchen die Volksredner die Argumente ihrer Partei durch Behauptungen zu sichern. 296. Die besten Hehler. — Alle regelmässig Erfolg- reichen besitzen eine tiefe Verschlagenheit darin, ihre Fehler und Schwächen immer nur als anscheinende Stärken zum Vorschein zu bringen: weshalb sie dieselben ungewöhnlich gut und deutlich kennen müssen. 297. Von Zeit zu Zeit. — Er setzte sich in das Stadt- thor und sagte zu Einem, der hindurch gieng: dies eben Nietzsche, Menschliche*, AUzumenschliches 11. IO Digitized by Google - — 146 — sei das Stadtthor. Jener entgegnete: es sei das eine Wahr- heit, aber man dürfe nicht zu viel Recht haben, wenn man Dank dafür haben wolle. — „Oh, antwortete er, ich will auch keinen Dank; aber von Zeit zu Zeit ist es doch sehr angenehm, nicht nur Recht zu haben, sondern auch Recht zu behalten." 298. Die Tugend ist nicht von den Deutschen erfunden. — Goethe's Vornehmheit und Neidlosigkeit, Beethoven's edle einsiedlerische Resignation, Mozart's Anmuth und Grazie des Herzens, Händel's unbeugsame Männlichkeit und Freiheit unter dem Gesetz, Bach's ge- trostes und verklärtes Innenleben, welches nicht einmal nöthig hat, auf Glanz und Erfolg zu verzichten, — sind denn dies deutsche Eigenschaften?.. Wenn aber nicht, so zeigt es wenigstens, wonach Deutsche streben sollen und was sie erreichen können. 299. Pia fraus oder etwas Anderes. — Möchte ich mich irren; aber mich dünkt, im gegenwärtigen Deutsch- land werde eine doppelte Art der Heuchelei für Jeder- mann zur Pflicht des Augenblicks gemacht: man fordert ein Deutschthum aus reichspolitischer Besorgniss, und ein Christenthum aus socialer Angst, — Beides aber nur in Worten und Gebärden und namentlich im Schweigen- können. Der Anstrich ist es, der jetzt so viel kostet, so hoch bezahlt wird: die Zuschauer sind es, derent- wegen die Nation ihr Gesicht in deutsch- und christen- thümelnde Falten legt 300. Inwiefern auch im Guten das Halbe mehr sein kann, als das Ganze. — Bei allen Dingen, die auf Digitized by Google i47 — Bestand eingerichtet werden und immer den Dienst vieler Personen erfordern, muss manches weniger Gute zur Regel gemacht werden, obschon der Organisator das Bessere und Schwerere sehr gut kennt. Er wird also nur darauf rechnen, dass es nie an Personen fehle, welche der Regel entsprechen können: — die Regel aber ist, wie er weiss, das Mittelgut der Kräfte. — Dies sieht ein Jüngling selten ein und glaubt, falls er als Neuerer auftritt, Wunder wie sehr er im Rechte und wie seltsam die Blindheit der Andern sei. 301. Der Parteimann. — Der echte Parteimann lernt nicht mehr: er erfährt und richtet nur noch. Solon da- gegen, der nie Parteimann war, sondern neben und über den Parteien oder gegen sie sein Ziel verfolgte, ist be- zeichnenderweise der Vater jenes schlichten Wortes, in welchem die Gesundheit und Unausschöpflichkeit Athen's beschlossen liegt: „Alt werd' ich und immer lern' ich fort". 302. Was, nach Goethe, deutsch ist. — Wahrhaft Unerträgliche sind Die, von denen man selbst das Gute nicht annehmen mag, — welche Freiheit der Gesinnun g haben, aber nicht merken, dass es ihnen an Geschmacks- und Geistes-Freiheit fehlt. Gerade dies aber ist, nach Goethe's wohlerwogenem Urtheil, deutsch. — Seine Stimme und sein Beispiel weisen darauf hin, dass der Deutsche Mehr sein müsse, als ein Deutscher, wenn er den andern Nationen nützlich, ja nur erträglich werden wolle, und in welcher Richtung er bestrebt sein solle, über sich und ausser sich hinaus zu gehen. 10* Digitized by Google — 148 — 303. Wann es noth thut, stehen zu bleiben. — Wenn die Massen zu wüthen beginnen und die Vernunft sich verdunkelt, thut man gut, sofern man der Gesund- heit seiner Seele nicht ganz sicher ist, unter einen Thor- weg unterzutreten und nach dem Wetter auszuschauen. 304. Umsturzgeister und Besitzgeister. — Das einzige Mittel gegen den Socialismus, das noch in eurer Macht steht, ist: ihn nicht herauszufordern, — das heisst selber massig und genügsam leben, die Schaustellung jeder Ueppigkeit nach Kräften verhindern und dem Staate zu Hülfe kommen, wenn er alles Ueberflüssige und Luxus- Aehnliche empfindlich mit Steuern belegt Ihr wollt dies Mittel nicht? Dann — ihr reichen Bürgerlichen, die ihr euch „liberal" nennt — gesteht es euch nur zu: eure eigene Herzensgesinnung ist es, welche ihr in den Socia- listen so furchtbar und bedrohlich findet, in euch selber aber als unvermeidlich gelten lasst, wie als ob sie dort etwas Anderes wäre. Hättet ihr, so wie ihr seid, nicht euer Vermögen, nicht die Sorge um dessen Erhaltung, diese eure Gesinnung würde euch zu Socialisten machen: nur der Besitz unterscheidet zwischen euch und ihnen. Euch müsst ihr zuerst besiegen, wenn ihr irgendwie über die Gegner eures Wohlstandes siegen wollt. — Und wäre jener Wohlstand nur wirklich Wohlbefinden ! er wäre dann nicht so äusserlich und neid-herausfordernd, er wäre mit- theilender, wohlwollender, ausgleichender, nachhelfender! Aber das Unechte und Schauspielerische eurer Lebens- freuden, die mehr im Gefühl des Gegensatzes (dass An- dere sie nicht haben und euch beneiden), als im Gefühle der Kraft -Erfüllung und Kraft -Erhöhung liegen — eure Digitized by Google — 149 — Wohnungen, Kleider, Wägen, Schauläden, Gaumen- und Tafel -Erfordernisse, eure lärmende Opern- und Musik- begeisterung, endlich eure Frauen, geformt und gebildet, aber aus unedlem Metall, vergoldet, aber ohne Goldklang, als Schaustücke von euch gewählt, als Schaustücke sich selber gebend: — das sind die giftträgerischen Verbreiter jener Volkskrankheit, welche als socialistische Herzens- krätze sich jetzt immer schneller der Masse mittheilt, aber in euch ihren ersten Sitz und Brüteherd hat. Und wer hielte diese Pest jetzt noch auf? — 305. Taktik der Parteien. — Wenn eine Partei merkt, dass ein ihr bisher Zugehöriger aus einem unbedingten Anhänger ein bedingter geworden ist, so erträgt sie dies so wenig, dass sie, durch allerlei Aufreizungen und Krän- kungen, versucht, Jenen zum entschiedenen Abfall zu bringen und zum Gegner zu machen: — denn sie arg- wöhnt, dass die Absicht, in ihrem Glauben etwas nur relativ Werth volles zu sehen, welches ein Für und Wider, ein Abwägen und Ausscheiden zulässt, ihr gefährlicher sei, als ein Gegnerthum in Bausch und Bogen. 306. Zur Stärkung von Parteien. — Wer eine Partei innerlich stärken will, biete ihr Gelegenheit, ersichtlich Unrecht leiden zu müssen: dadurch sammelt sie ein Kapi- tal guten Gewissens, das ihr vielleicht bis dahin fehlte. 307. Für seine Vergangenheit sorgen. — Weil die Menschen eigentlich nur alles Alt -Begründete, Langsam- Gewordene achten, so muss Der, welcher nach seinem Digitized by Google — 150 — Tode fortleben will, nicht nur für Nachkommenschaft, sondern noch mehr für eine Vergangenheit sorgen: weshalb Tyrannen jeder Art (auch tyrannenhafte Künstler und Politiker) der Geschichte gern Gewalt anthun, damit diese als Vorbereitung und Stufenleiter zu ihnen hin erscheine. 308. Partei-Schriftsteller. — Der Paukenschlag, mit welchem sich junge Schriftsteller im Dienste einer Partei so Wohlgefallen, klingt Dem, welcher nicht zur Partei gehört, wie Ketten gerassei, und erweckt eher Mitleid, als Bewunderung. 309. Gegen sich Partei ergreifen. — Unsere Anhänger vergeben es uns nie, wenn wir gegen uns selbst Partei ergreifen; denn dies heisst in ihren Augen: nicht nur ihre Liebe zurückweisen, sondern auch ihren Verstand blossstellen. 310. Gefahr im Reichthum. — Nur wer Geist hat, sollte Besitz haben: andernfalls ist der Besitz gemein- gefährlich. Der Besitzende nämlich, der von der freien Zeit, welche der Besitz ihm gewähren könnte, keinen Gebrauch zu machen versteht, wird immer fortfahren, nach Besitz zu streben: dieses Streben wird seine Unter- haltung, seine Kriegslist im Kampf mit der Langenweile sein. So entsteht zuletzt, aus massigem Besitz, welcher dem Geistigen genügen würde, der eigentliche Reichthum: und zwar als das gleissende Ergebniss geistiger Unselb- ständigkeit und Armuth. Nur scheint der Reichthum etwas Besseres zu sein, als seine armselige Abkunft er- warten lässt: er kann sich ja mit Bildung und Kunst Digitized by Google — i5i — maskiren, — er kann die Maske kaufen. Dadurch er- weckt er Neid bei dem Aermeren und Ungebildeten — welche im Grunde immer die Bildung beneiden, in der Maske aber nicht die Maske sehen — und bereitet all- mählich eine sociale Umwälzung vor: denn vergoldete Roheit und schauspielerisches Sich-Blähen im angeblichen „Genüsse der Kultur" giebt Jenen den Gedanken ein „es liegt nur am Gelde", — während allerdings Etwas am Gelde liegt, aber viel Mehr am Geiste. 311- Freude im Gebieten und Gehorchen. — Das Gebieten macht Freude wie das Gehorchen, ersteres wenn es noch nicht zur Gewohnheit geworden ist, letzteres aber wenn es zur Gewohnheit geworden ist. Alte Diener und neue Gebietende fördern sich gegenseitig im Freude- machen. 312. Ehrgeiz des verlornen Postens. — Es giebt einen Ehrgeiz des verlornen Postens, welcher eine Partei dahin drängt, sich in eine äusserste Gefahr zu begeben. 3i3- Wann Esel noth thun. — Man wird die Menge nicht eher zum Hosiannah-Rufen bringen, als bis man auf einem Esel in die Stadt einreitet. 314. Partei-Sitte. — Eine jede Partei versucht, das Be- deutende, das ausser ihr gewachsen ist, als unbedeutend darzustellen; gelingt es ihr aber nicht, so feindet sie es um so bitterer an, je vortrefflicher es ist. Digitized by Google - 152 — 315- Leer werden. — Von Dem, der sich den Ereignissen hingiebt, bleibt immer Weniger übrig. Grosse Politiker können deshalb ganz leere Menschen werden und doch einmal voll und reich gewesen sein. 316. Erwünschte Feinde. — Die socialistischen Regungen sind den dynastischen Regierungen eher angenehm, als furchteinflössend, weil sie durch dieselben Recht und Schwert zu Ausnahme-Maassregeln in die Hand be- kommen, mit denen sie ihre eigentlichen Schreckgestalten, die Demokraten und Anti-Dynasten, treffen können. Zu Allem, was solche Regierungen öffentlich hassen, haben sie jetzt eine heimliche Zuneigung und Innigkeit: sie müssen ihre Seele verschleiern. Der Besitz besitzt. — Nur bis zu einem gewissen Grade macht der Besitz den Menschen unabhängig, freier; eine Stufe weiter — und der Besitz wird zum Herrn, der Besitzer zum Sklaven: als der er ihm nun seine Zeit, sein Nachdenken zum Opfer bringen muss und sich fürder- hin an einen Ort angenagelt, zu einem bestimmten Ver- kehr verpflichtet, einem bestimmten Staate einverleibt fühlt, — Alles vielleicht wider sein innerlichstes und wesentlichstes Bedürfniss. 318. Von der Herrschaft der Wissenden. — Es ist leicht, zum Spotten leicht, das Muster einer gesetz- gebenden Körperschaft aufzustellen. Zunächst hätte ihre Digitized by Google — 153 Wahl nicht auf Grund eines „allgemeinen Stimmrechtes" zu erfolgen. Vielmehr müssten die Redlichen und Ver- trauenswürdigeren eines Landes, welche in irgend einem Fache Meister und Sachkenner sind, sich aus der Masse ausscheiden — durch gegenseitige Auswitterung und An- erkennung -r aus ihnen wiederum müssten sich, in engerer Wahl, die in jeder Einzelart Sachverständigen und Wissenden ersten Ranges auswählen — gleichfalls durch gegenseitige Anerkennung und Gewährleistung. Bestünde nun aus ihnen die gesetzgebende Körperschaft, so müsste endlich, für jeden einzelnen Fall, nur Stimme und Urtheil der speciellsten Sachverständigen entscheiden, und die Ehrenhaftigkeit aller Uebrigen gross genug geworden sein, um die Abstimmung dabei auch nur Jenen zu über- lassen: sodass im strengsten Sinne das Gesetz aus dem Verstände der Verständigsten hervorgienge. — Jetzt stimmen Parteien ab; und bei jeder Abstimmung muss es Hunderte von beschämten Gewissen geben, — die der Schlecht-Unterrichteten, Urtheils-Unfähigen, die der Nach- sprechenden, Nachgezogenen, Fortgerissenen. Nichts erniedrigt die Würde jedes neuen Gesetzes so, als dieses anklebende Schamroth der Unredlichkeit, zu der jede Partei-Abstimmung zwingt. — Aber, wie gesagt, es ist leicht, zum Spotten leicht, ein solches Muster, wie das obige, aufzustellen: keine Macht der Welt wäre jetzt stark genug, es zu verwirklichen, — es müsste denn sein, dass der Glaube an die höchste Nützlichkeit der Wissenschaft und der Wissenden endlich auch dem Böswilligsten einleuchtete und dem jetzt herrschenden Glauben an die Zahl vorgezogen würde. Im Sinne dieser Zukunft sei unsere Losung: „Mehr Ehrfurcht vor den Wissenden! Und nieder mit allen Parteien!" Digitized by Google — 154 — 3!9- Vom „Volke der Denker" (oder des schlechten Denkens). — Das Undeutliche, Schwebende, Ahnungs- volle, Elcmentarische, Intuitive — um für unklare Ding-e auch unklare Namen zu wählen — , das man dem deutschen Wesen nachsagt, würde, wenn es thatsächlich noch bestünde, ein Beweis dafür sein, dass seine Kultur um viele Schritte zurückgeblieben und noch immer von Bann und Luft des Mittelalters umschlossen wäre. — Freilich liegen in einer solchen Zurückgebliebenheit auch einige Vortheile : die Deutschen würden mit diesen Eigen- schaften — wenn sie dieselben, nochmals gesagt, jetzt noch besitzen sollten — zu einigen Dingen, und namentlich zum Verständniss einiger Dinge, befähigt sein, zu welchen andere Nationen alle Kraft verloren haben. Und sicherlich geht Viel verloren, wenn der Mangel an Ver- nunft — das heisst eben: das Gemeinsame in jenen Eigenschaften — verloren geht. Aber hier giebt es auch keine Einbusse ohne den höchsten Gegengewinn, sodass jeder Grund zum Jammern fehlt, — vorausgesetzt, dass man nicht wie Kinder und Leckerhafte die Früchte aller Jahreszeiten zugleich geniessen will. 320. Eulen nach Athen. — Die Regierungen der grossen Staaten haben zwei Mittel in den Händen, um das Volk in Furcht und Gehorsam von sich abhängig zu erhalten: ein gröberes, das Heer, — ein feineres, die Schule. Mit Hülfe des ersteren bringen sie den Ehrgeiz der höheren Schichten und die Kraft der niederen (soweit Beides thätigen und rüstigen Männern mittlerer und minderer Begabung zu eigen zu sein pflegt) auf ihre Seite. Mit Hülfe des andern Mittels — der Schule — gewinnen sie Digitized by Google — 155 die begabte Armuth für sich, namentlich die geistig- anspruchsvolle Halbarmuth der mittlem Stände. Sie machen vor Allem aus den Lehrern allen Grades einen unwillkürlich nach „Oben" blickenden geistigen Hof- staat: — indem sie der Privatschule und der ganz und gar missliebigen Einzelerziehung Stein über Stein in den Weg legen, sichern sie sich die Verfügung über eine sehr bedeutende Anzahl von Lehrstellen, auf die sich nun fort- während gewiss fünfmal mehr hungrig und unterwürfig blickende Augen richten, als je Befriedigung finden können. Diese Stellungen dürfen ihren Mann aber nur kärglich nähren: so allein unterhält sich in ihm jener Fieberdurst nach Beförderung, der ihn noch enger an die Absichten der Regierung anschliesst. Denn eine massige Unzu- friedenheit zu pflegen ist hier immer vortheilhafter als Zu- friedenheit, die Mutter des Muthes, die Grossmutter des Freisinns und des Uebermuthes. Vermittelst dieses leib- lich und geistig in Zaum gehaltenen Lehrerthums wird nun, so gut es gehen will, alle Jugend des Landes auf eine gewisse zweckmässig abgestufte, dem Staate nützliche Bildungshöhe gehoben: vor Allem aber wird auf die un- reifen und ehrsüchtigen Geister aller Stände fast unver- merkt jene Gesinnung übertragen, dass nur eine vom Staat anerkannte und abgestempelte Lebensrichtung sofort gesellschaftliche Auszeichnung mit sich führe. Die Wirkung dieses Glaubens an Staats-Prüfungen und -Titel geht so weit, dass selbst unabhängig gebliebenen, durch Handel oder Handwerk emporgestiegenen Männern so lange ein Stachel der Unbefriedigung in der Brust bleibt, bis auch ihre Stellung von Oben her bemerkt und durch begnadigende Verleihung von Rang und Orden anerkannt ist, — bis man „sich sehen lassen kann". Endlich legt der Staat allen Denen, die in seine hundert und aber- Digitized by Google 156 - hundert Aemter und Erwerbsposten eintreten wollen, die Verpflichtung auf, sich durch die Staatsschulen bilden und abzeichnen zu lassen. Ehre bei der Gesellschaft, Brod für sich, Ermöglichung einer Familie, Schutz von Oben her, Gemeingefühl der gemeinsam Gebildeten — dies Alles bildet ein Netz von Hoffnungen, in welches der junge Mann hineinläuft: woher sollte ihm denn das Misstrauen angeweht sein? — Ist zu guter Letzt gar noch bei Jedermann die Verpflichtung, einige Jahre Soldat zu sein, nach Ablauf weniger Generationen, zu einer ge- dankenlosen Gewohnheit und Voraussetzung geworden, auf welche hin man frühzeitig den Plan seines Lebens zurechtschneidet, so kann der Staat auch noch den Meistergriff wagen, Schule und Heer, Begabung, Ehrgeiz und Kraft durch Vortheile in einander zu flechten, das heisst, den Höher-Begabten und -Gebildeten durch günstigere Bedingungen zum Heere zu locken und mit dem Soldatengeiste des freudigen Gehorsams zu erfüllen: sodass er vielleicht dauernd zur Fahne schwört und durch seine Begabung ihr einen neuen, immer glänzenderen Ruf verschafft. — Dann fehlt Nichts weiter, als Gelegen- heit zu grossen Kriegen: für diese sorgen, von Berufs- wegen, also in aller Unschuld, die Diplomaten, sammt Zeitungen und Börsen, — und was das „Volk" betrifft, so hat es, als Soldatenvolk, bei Kriegen immer ein gutes Gewissen: man braucht es ihm nicht erst zu machen. 321- Die Presse. — Erwägt man, wie auch jetzt noch alle grossen politischen Vorgänge sich heimlich und ver- hüllt auf das Welttheater schleichen, wie sie von un- bedeutenden Ereignissen verdeckt werden und in deren Nähe klein erscheinen, wie sie erst lange nach ihrem Digitized by Google — 157 - Geschehen ihre tiefen Einwirkungen zeigen und den Boden nachzittern lassen, — welche Bedeutung kann man da der Presse zugestehen, wie sie jetzt ist? mit ihrem täglichen Aufwand von Lunge, um zu schreien, zu übertäuben, zu erregen, zu erschrecken? — ist sie Mehr, als der permanente blinde Lärm, der die Ohren und Sinne nach einer falschen Richtung ablenkt? 322. Nach einem grossen Ereignis s. — Ein Volk und Mensch, dessen Seele bei einem grossen Ereigniss zu Tage gekommen ist, fühlt darauf gewöhnlich das Bedürfniss nach einer Kinderei oder Roheit, — ebenso aus Scham, als um sich zu erholen. 323- Gut deutsch sein heisst: sich entdeutschen. — Das, was die nationalen Unterschiede ausmacht, ist (viel mehr, als man bis jetzt eingesehen hat) nur der Unterschied verschiedener Kulturstufen, — und nur zum geringsten Theil etwas Bleibendes (und auch dies nicht in einem strengen Sinne). Deshalb ist alles Argumentiren aus dem National -Charakter so wenig verpflichtend für Den, welcher an der Umschaffung der Ueberzeugungen, das heisst an der Kultur arbeitet. Erwägt man zum Beispiel, was Alles schon deutsch gewesen ist, so wird man die theoretische Frage: „Was ist deutsch?" sofort durch die Gegenfrage verbessern: „Was ist jetzt deutsch?" — und jeder gute Deutsche wird sie praktisch, gerade durch Ueberwindung seiner deutschen Eigenschaften, lösen. Wenn nämlich ein Volk vorwärtsgeht und wächst, so sprengt es jedesmal den Gürtel, der ihm bis dahin sein nationales Ansehen gab; — bleibt es aber stehen, ver- Digitized by Google - .58 - kümmert es, so schliesst sich ein neuer Gürtel um seine Seele: die immer härter werdende Kruste baut gleichsam ein Gefängniss herum, dessen Mauern immer wachsen. Hat ein Volk also sehr viel Festes, so ist dies ein Beweis, dass es versteinern will und ganz und gar Monument werden möchte, wie es, von einem bestimmten Zeitpunkte an, das Aegypterthum war. Der also, welcher den Deutschen wohlwill, möge für sein Thell zusehen, wie er immer mehr aus dem, was deutsch ist, hinauswachse. Die Wendung zum Undeutschen ist deshalb immer das Kennzeichen der Tüchtigen unseres Volkes gewesen. 324- Ausländereien. — Ein Ausländer, der in Deutsch- land reiste, missfiel und gefiel durch einige Behauptungen, je nach den Gegenden, in denen er sich aufhielt. Alle Schwaben, die Geist haben — pflegte er zu sagen — sind kokett. — Die anderen Schwaben aber meinten noch immer, Uhland sei ein Dichter und Goethe unmoralisch gewesen. — Das Beste an den deutschen Romanen, welche jetzt berühmt würden, sei, dass man sie nicht zu lesen brauche: man kenne sie schon. — Der Berliner erscheine gutmüthiger, als der Süddeutsche, denn er sei allzu sehr spottlustig und vertrage deshalb Spott: was Süddeutschen nicht begegne. — Der Geist der Deutschen werde durch ihr Bier und ihre Zeitungen niedergehalten: er empfehle ihnen Thee und Pamphlete, zur Kur natürlich. — Man sehe sich, so rieth er, doch die verschiedenen Völker des altgewordenen Europa daraufhin an, wie ein jedes eine bestimmte Eigenschaft des Alters besonders gut zur Schau trägt, zum Vergnügen für Die, welche vor dieser grossen Bühne sitzen: wie die Franzosen das Kluge und Liebens- würdige des Alters, die Engländer das Erfahrene und Digitized by Google — i59 — Zurückhaltende, die Italiener das Unschuldige und Un- befangene mit Glück vertreten. Sollten denn die anderen Masken des Alters fehlen? Wo ist der hochmüthige Alte? Wo der herrschsüchtige Alte? Wo der habsüchtige Alte? — Die gefährlichste Gegend in Deutschland sei Sachsen und Thüringen: nirgends gebe es mehr geistige Rührig- keit und Menschenkenntniss, nebst Freigeisterei, und das Alles sei durch die hässliche Sprache und die eifrige Dienstbeflissenheit dieser Bevölkerung so bescheiden ver- steckt, dass man kaum merke, hier mit den geistigen Feldwebeln Deutschlands und seinen Lehrmeistern in Gutem und Schlimmem zu thun zu haben. — Der Hoch- muth der Norddeutschen werde durch ihren Hang, zu gehorchen, der der Süddeutschen durch ihren Hang, sich's bequem zu machen, in Schranken gehalten. — Es schiene ihm, dass die deutschen Männer in ihren Frauen ungeschickte, aber sehr von sich überzeugte Hausfrauen hätten: sie redeten so beharrlich gut von sich, dass sie fast die Welt und jedenfalls ihre Männer von der eigens deutschen Hausfrauen-Tugend überzeugt hätten. — Wenn sich dann das Gespräch auf Deutschlands Politik nach Aussen und Innen wendete, so pflegte er zu erzählen — er nannte es: verrathen — , dass Deutschlands grösster Staatsmann nicht an grosse Staatsmänner glaube. — Die Zukunft der Deutschen fand er bedroht und bedrohlich: denn sie hätten verlernt, sich zu freuen (was die Italiener so gut verstünden), aber sich durch das grosse Hazard- spiel von Kriegen und dynastischen Revolutionen an die Emotion gewöhnt, folglich würden sie eines Tages die Erneute haben. Denn dies sei die stärkste Emotion, welche ein Volk sich verschaffen könne. — Der deutsche Socialist sei eben deshalb am gefährlichsten, weil ihn keine bestimmte Noth treibe; sein Leiden sei, nicht zu Digitized by Google — i6o — wissen, was er wolle; so werde er, wenn er auch Viel erreiche, doch noch im Genüsse vor Begierde verschmach- ten, ganz wie Faust, aber vermuthlich wie ein sehr pöbel- hafter Faust „Den Faust-Teufel nämlich, — rief er zuletzt — von dem die gebildeten Deutschen so geplagt wurden, hat Bismarck ihnen ausgetrieben: nun ist der Teufel aber in die Säue gefahren und schlimmer, als je vorher." 3*5- Meinungen. — Die meisten Menschen sind Nichts und gelten Nichts, bis sie sich in allgemeine Ueber- zeugungen und öffentliche Meinungen eingekleidet haben, nach der Schneider -Philosophie: Kleider machen Leute. Von den Ausnahme - Menschen aber muss es heissen: erst der Träger macht die Tracht; hier hören die Meinungen auf, öffentlich zu sein, und werden etwas Anderes, als Masken, Putz und Verkleidung. Digitized by Google IX. Zur Menschen- und Selbstkenntniss. 326. Zwei Arten der Nüchternheit. — Um Nüchtern- heit aus Erschöpfung des Geistes nicht mit Nüchternheit aus Mässigung zu verwechseln, muss man darauf Acht haben, dass die erstere übellaunig, die andere froh- müthig ist 327. Verfälschung der Freude. — Keinen Tag länger eine Sache gut heissen als sie uns gut scheint, und vor Allem: keinen Tag früher, — das ist das einzige Mittel, sich die Freude echt zu erhalten: die sonst allzuleicht fade und faul im Geschmacke wird und jetzt für ganze Schichten des Volkes zu den verfälschten Lebensmitteln gehört. 328. Der Tugend-Bock. — Beim Allerbesten, was Einer thut, suchen Die, welche ihm wohlwollen, aber seiner That nicht gewachsen sind, schleunigst nnen Bock, um ihn zu schlachten, wähnend, es sei der Sündenbock, — aber es ist der Tugend -Bock. 329- Souveränität — Auch das Schlechte ehren und sich zu ihm bekennen, wenn es Einem gefällt, und Nietische, Menschliches, Allzumeaschliches II. II Digitized by Google — 1 02 — keinen Begriff davon haben, wie man sich seines Gefallens schämen könne, ist das Merkmal der Souverainität , im Grossen und Kleinen. 330. Der Wirkende ein Phantom, keine Wirklich- keit — Der bedeutende Mensch lernt allmählich, dass er, sofern er wirkt, ein Phantom in den Köpfen An- derer ist, und geräth vielleicht in die feine Seelenqual, sich zu fragen, ob er das Phantom von sich zum Besten seiner Mitmenschen nicht aufrecht erhalten müsse. 33i. Nehmen und geben. — Wenn man von Einem das Geringste weg (oder vorweg) genommen hat, so ist er blind dafür, dass man ihm viel Grösseres, ja das Grösste gegeben hat. 332. Der gute Acker. — Alles Abweichen und Negiren zeigt einen Mangel an Fruchtbarkeit an: im Grunde, wenn wir nur gutes Ackerland wären, dürften wir Nichts unbenützt umkommen lassen und in jedem Dinge, Ereig- nisse und Menschen willkommenen Dünger, Regen oder Sonnenschein sehen. 333- Verkehr als Genuss. — Hält sich Einer, mit ent- sagendem Sinne, absichtlich in der Einsamkeit, so kann er sich dadurch den Verkehr mit Menschen, selten genossen, zum Leckerbissen machen. 334. Oeffentlich zu leiden verstehen. — Man muss sein Unglück affichiren und von Zeit zu Zeit hörbar Digitized by Google - i63 - seufzen, sichtbar ungeduldig sein: denn Hesse man die Andern merken, wie sicher und glücklich in sich man trotz Schmerz und Entbehrung ist, wie neidisch und bös- willig würde man sie machen! — Aber wir müssen Sorge dafür tragen, dass wir unsre Mitmenschen nicht verschlechtern; überdies würden sie uns in jenem Falle harte Steuern auferlegen, — und unser öffentliches Leiden ist jedenfalls auch unser privater Vortheil. 335- Wärme in den Höhen. — Auf den Höhen ist es wärmer als man in den Thälern meint, namentlich im Winter. Der Denker weiss, was alles dies Gleichniss besagt. 336. Das Gute wo.llen, das Schöne können. — Es genügt nicht, das Gute zu üben, — man muss es gewollt haben und, nach dem Wort des Dichters, „die Gottheit in seinen Willen aufnehmen". Aber das Schöne darf man nicht wollen, — man muss es können, in Unschuld und Blindheit, ohne alle Neubegier der Psyche. Wer seine Laterne anzündet, um vollkommene Menschen zu finden, der achte auf dieses ihr Merkmal: es sind Die, welche immer um des Guten willen handeln und immer dabei das Schöne erreichen, ohne daran zu denken. Viele der Besseren und Edleren bleiben nämlich, aus Unver- mögen, aus Mangel der schönen Seele, mit all ihrem guten Willen und ihren guten Werken, unerquicklich und hässlich anzusehen; sie stossen zurück und schaden selbst der Tugend durch das widrige Gewand, welches ihr schlechter Geschmack derselben anlegt * Digitized by Google 164 — 337- Gefahr der Entsagenden. — Man muss sich hüten, sein Leben auf einen zu schmalen Grund von Begehrlich- keit zu gründen: denn wenn man den Freuden entsagt, welche Stellungen, Ehren, Genossenschaften, Wollüste, Bequemlichkeiten, Künste mit sich bringen, so kann ein Tag kommen, wo man merkt, statt der Weisheit, durch diese Verzichtleistung, den Lebens-Ueberdruss zum Nachbarn erlangt zu haben. 338. Letzte Meinung über Meinungen. — Entweder verstecke man seine Meinungen, oder man verstecke sich hinter seine Meinungen. Wer es anders macht, der kennt den Lauf der Welt nicht oder gehört zum Orden der heiligen Tollkühnheit. 339- „Gaudeamus igitur". — Die Freude muss auch für die sittliche Natur des Menschen auferbauende und aus- heilende Kräfte enthalten: wie käme es sonst, dass unsere Seele, sobald sie im Sonnenschein der Freude ruht, sich unwillkürlich gelobt „gut sein!" „vollkommen werden!" und dass dabei ein Vorgefühl der Vollkommenheit, gleich einem seligen Schauder, sie erfasst? 340. An einen Gelobten. — So lange man dich lobt, glaube nur immer, dass du noch nicht auf deiner eigenen Bahn, sondern auf der eines Andern bist. 34'. Den Meister lieben. — Anders liebt der Gesell, anders der Meister den Meister. Digitized by Google - i65 - 342- Allzuschönes und Menschliches. — „Die Natur ist zu schön für dich armen Sterblichen" — so empfindet man nicht selten: aber ein paarmal, bei einem innigen Anschauen alles Menschlichen, seiner Fülle, Kraft, Zart- heit, Verflochtenheit, war es mir zu Muthe, als ob ich sagen müsste, in aller Demuth: „auch der Mensch ist zu schön für den betrachtenden Menschen!" — und zwar nicht etwa nur der moralische Mensch, sondern jeder. 343- Bewegliche Habe und Grundbesitz. — Wenn Einen das Leben einmal recht räuberhaft behandelt hat und an Ehren, Freuden, Anhang, Gesundheit, Besitz aller Art nahm, was es nehmen konnte, so entdeckt man vielleicht hinterdrein, nach dem ersten Schrecken, dass man reicher ist, als zuvor. Denn jetzt erst weiss man, was Einem so zu eigen ist, dass keine Räuberhand daran zu rühren vermag: und so geht man vielleicht aus aller Plünderung und Verwirrung mit der Vornehmheit eines grossen Grundbesitzers hervor. 344- Unfreiwillige Idealfiguren. — Das peinlichste Gefühl, das es giebt, ist: zu entdecken, dass man immer für etwas Höheres genommen wird, als man ist. Denn man muss sich dabei eingestehen: irgend Etwas an dir ist Lug und Trug, dein Wort, dein Ausdruck, dein Auge, deine Handlung — und dieses trügerische Etwas ist so nothwendig wie deine sonstige Ehrlichkeit, hebt aber deren Wirkung und Werth fortwährend auf. Digitized by Google 345- Idealist und Lügner. — Man soll sich von dem schönsten Vermögen — dem, die Dinge in's Ideal zu heben — nicht tyrannisiren lassen: sonst trennt sich eines Tages die Wahrheit von uns mit dem bösen Worte „du Lügner von Grund aus, was habe ich mit dir zu schaffen?" 346. Missverstanden werden. — Wenn man als Ganzes missverstanden wird, so ist es unmöglich, ein einzelnes Missverstanden-werden von Grund aus zu heben. Das muss man einsehen, um nicht überflüssige Kraft in seiner Vertheidigung zu verschwenden. 347- Der Wassertrinker spricht — Trinke deinen Wein nur weiter, der dich dein Leben lang gelabt hat, — was geht es dich an, dass ich ein Wassertrinker sein muss? Sind Wein und Wasser nicht friedfertige, brüder- liche Elemente, die ohne Vorwurf bei einander wohnen ? 348. Aus dem Lande der Menschenfresser. — In der Einsamkeit frisst sich der Einsame selbst auf, in der Vielsamkeit fressen ihn die Vielen. Nun wähle! 349- Im Gefrierpunkt des Willens. — „Endlich ein- mal kommt sie doch, jene Stunde, die dich in die goldene Wolke der Schmerzlosigkeit einhüllen wird: wo die Seele ihre eigene Müdigkeit geniesst und glücklich im geduldigen Spiele mit ihrer Geduld den Wellen eines See's gleicht, die an einem ruhigen Sommertage, Digitized by Google — 1 67 — im Wiederglanz eines buntgefärbten Abendhimmels, am Ufer schlürfen, schlürfen und wieder stille sind — ohne Ende, ohne Zweck, ohne Sättigung, ohne Bedürfhiss, — ganz Ruhe, die sich am Wechsel freut, ganz Zurückebben und Einfluthen in den Pulsschlag der Natur." — Dies ist Empfindung und Rede aller Kranken: erreichen sie jedoch jene Stunden, so kommt, nach kurzem Genüsse, die Langeweile. Diese aber ist der Thauwind für den eingefrorenen Willen: er erwacht, bewegt sich und zeugt wieder Wunsch auf Wunsch. — Wünschen ist ein An- zeichen von Genesung oder Besserung. 350- Das verleugnete Ideal. — Ausnahmsweise kommt es vor, dass Einer das Höchste erst dann erreicht, wenn er sein Ideal verleugnet: denn dies Ideal trieb ihn bisher zu heftig an, — sodass er in der Mitte der jedesmaligen Bahn ausser Athem kam und stehen bleiben musste. 35i- Verrätherische Neigung. — Man beachte es als Merkmal eines neidischen, aber höherstrebenden Menschen, wenn er sich von dem Gedanken angezogen fühlt, dass es dem Vortrefflichen gegenüber nur eine Rettung giebt: Liebe. 352. Treppen-Glück. — Wie der Witz mancher Menschen nicht mit der Gelegenheit gleichen Schritt hält, sodass die Gelegenheit schon durch die Thür hindurch ist, während der Witz noch auf der Treppe steht: so giebt es bei Andern eine Art von Treppen-Glück, welches zu langsam läuft, um der schnellfüssigen Zeit immer zur Seite zu sein: das Beste, was sie von einem Erlebniss, Digitized by Google i68 — einer ganzen Lebensstrecke zu gemessen bekommen, fallt ihnen erst lange Zeit hinterher zu, oft nur als ein schwacher gewürzter Duft, welcher Sehnsucht erweckt und Trauer, — als ob es möglich gewesen wäre, irgendwann in diesem Element sich recht satt zu trinken. Nun aber ist es zu spät. 353- Würmer. — Es spricht nicht gegen die Reife eines Geistes, dass er einige Würmer hat 354- Der siegreiche Sitz. — Eine gute Haltung zu Pferd stiehlt dem Gegner den Muth, dem Zuschauer das Herz, — wozu willst du erst noch angreifen? Sitze wie Einer, der gesiegt hat! u-' *, 355. Gefahr in der Bewunderung. — Man kann aus allzugrosser Bewunderung für fremde Tugenden den Sinn für seine eigenen und, durch Mangel an Uebung, zuletzt diese eigenen selbst verlieren, ohne die fremden dafür zum Ersatz zu erhalten. 356. Nutzen der Kränklichkeit. — Wer oft krank ist, hat nicht nur einen viel grösseren Genuss am Gesund- sein — wegen seines häufigen Gesund -werden s — , sondern auch einen höchst geschärften Sinn für Gesundes und Krankhaftes in Werken und Handlungen, eigenen und fremden: sodass zum Beispiel gerade die kränklichen Schriftsteller — und darunter sind leider fast alle grossen — in ihren Schriften einen viel sichrem und gleichmässigeren Ton der Gesundheit zu haben pflegen, als die körperlich Digitized by Google — 1 6g — Robusten, — weil sie besser, als diese, sich auf die Philosophie der seelischen Gesundheit und Genesung und ihre Lehrmeister: Vormittag, Sonnenschein, Wald und Wasserquelle, verstehen. 357- Untreue, Bedingung der Meisterschaft — Es hilft Nichts: Jeder Meister hat nur Einen Schüler — und der gerade wird ihm untreu, — denn er ist auch zur Meisterschaft bestimmt 358. Nie umsonst — Im Gebirge der Wahrheit kletterst du nie umsonst: entweder du kommst schon heute weiter hinauf, oder du übst deine Kräfte, um morgen höher steigen zu können. 359- Vor grauen Fensterscheiben. — Ist denn Das, was ihr durch dies Fenster von der Welt seht, so schön, dass ihr durchaus durch kein anderes Fenster mehr blicken wollt, — ja selbst Andere davon abzuhalten den Ver- such macht? 360. Anzeichen starker Wandlungen. — Wenn man von lange Vergessenen oder Todten träumt, so ist dies ein Zeichen, dass man eine starke Wandlung in sich durch- lebt hat und dass der Boden, auf dem man lebt, völlig umgegraben worden ist: da stehen die Todten auf und unser Alterthum wird Neuthum. 361. Arznei der Seele. — Still-liegen und Wenig- denken ist das wohlfeilste Arzneimittel für alle Krank- Digitized by Google i7o - heiten der Seele und wird, bei gutem Willen, von Stunde zu Stunde seines Gebrauchs angenehmer. 362. Zur Rangordnung der Geister. — Es ordnet dich tief unter Jenen, dass du die Ausnahmen festzu- stellen suchst, Jener aber die Regel. 363. Der Fatalist. — Du musst an das Fatum glauben, — dazu kann die "Wissenschaft dich zwingen. Was dann aus diesem Glauben bei dir herauswächst — Feigheit, Ergebung oder Grossartigkeit und Freimuth — , das legt Zeugniss von dem Erdreich ab, in welches jenes Samen- korn gestreut wurde: nicht aber vom Samenkorn selbst, denn aus ihm kann Alles und Jedes werden. 364. Grund vieler Verdriesslichkeit — Wer im Leben das Schöne dem Nützlichen vorzieht, wird sich gewiss zuletzt, wie das Kind, welches Zuckerwerk dem Brode vorzieht, den Magen verderben und sehr verdriesslich in die Welt sehen. 365. Uebermaass als Heilmittel. — Man kann sich seine eigene Begabung dadurch wieder schmackhaft machen, dass man längere Zeit die entgegengesetzte übermässig verehrt und geniesst. Das Uebermaass als Heilmittel zu gebrauchen ist einer der feineren Griffe in der Lebenskunst. 366. „Wolle ein Selbst!" — Die thätigen erfolgreichen Naturen handeln nicht nach dem Spruche „Kenne dich Digitized by Google — 17« selbst!", sondern wie als ob ihnen der Befehl vorschwebte: „Wolle ein Selbst, so wirst du ein Selbst!" — Das Schicksal scheint ihnen immer noch die Wahl gelassen zu haben: während die Unthätigen und Beschaulichen dar- über nachsinnen, wie sie jenes Eine Mal, beim Eintritt in's Leben, gewählt haben. 367. Womöglich ohne Anhang leben. — Wie Wenig Anhänger zu bedeuten haben, begreift man erst, wenn man aufgehört hat, der Anhänger seiner Anhänger zu sein. 368. Sich verdunkeln. — Man muss sich zu verdunkeln verstehen, um die Mückenschwärme allzulästiger Bewun- derer loszuwerden. 369. Langeweile. — Es giebt eine Langeweile der feinsten und gebildetsten Köpfe, denen das Beste, was die Erde bietet, schaal geworden ist. Gewöhnt daran, ausgesuchte und immer ausgesuchtere Kost zu essen und vor der gröbern sich zu ekeln, sind sie in Gefahr, Hungers zu sterben, — denn des Allerbesten ist nur Wenig da, und mitunter ist es unzugänglich oder stein- hart geworden, sodass es auch gute Zähne nicht mehr beissen können. 3/0. Die Gefahr in der Bewunderung. — Die Be- wunderung einer Eigenschaft oder Kunst kann so stark sein, dass sie uns abhält, nach ihrem Besitz zu streben. 37i. Was man von der Kunst will. — Der Eine will vermittelst der Kunst sich seines Wesens freuen, der Digitized by Google — I72 - Andere will mit ihrer Hülfe zeitweilig über sein Wesen hinaus, von ihm weg. Nach beiden Bedürfhissen giebt es eine doppelte Art von Kunst und Künstlern. 372. Abfall. — Wer von uns abfällt, beleidigt damit vielleicht nicht uns, aber sicherlich unsere Anhänger. 373- Nach dem Tode. — Wir finden es gewöhnlich erst lange nach dem Tode eines Menschen unbegreiflich, dass er fehlt: bei ganz grossen Menschen oft erst nach Jahrzehnten. Wer ehrlich ist, meint bei einem Todesfalle gewöhnlich, dass eigentlich nicht Viel fehle und dass der feierliche Leichenredner ein Heuchler sei Erst die Noth lehrt das Nöthig-sein eines Einzelnen, und das rechte Epitaph ist ein später Seufzer. 374- Im Hades lassen. — Viele Dinge muss man im Hades halbbewussten Fühlens lassen und nicht aus ihrem Schatten -Dasein erlösen wollen: sonst werden sie, als Gedanke und Wort, unsere dämonischen Herrn und ver- langen grausam nach unserm Blute. 375. Nähe des Bettlerthums. — Auch der reichste Geist hat gelegentlich den Schlüssel zu der Kammer verloren, in der seine aufgespeicherten Schätze ruhen, und ist dann dem Aermsten gleich, der betteln muss, um nur zu leben. 370- Ketten-Denker. — Einem, der viel gedacht hat, erscheint jeder neue Gedanke, den er hört oder liest, sofort in Gestalt einer Kette. Digitized by Google - 173 — 377- Mitleid. — In der vergoldeten Scheide des Mit- leides steckt mitunter der Dolch des Neides. 378. Was ist Genie? — Ein hohes Ziel und die Mittel dazu wollen. 379- Eitelkeit der Kämpfer. — Wer keine Hoffnung hat, in einem Kampfe zu siegen, oder ersichtlich unter- legen ist, will umsomehr, dass die Art seines Kämpfens bewundert werde. 380. Das philosophische Leben wird missgedeutet. In dem Augenblicke, wo Jemand anfangt mit der Philo- sophie Ernst zu machen, glaubt alle Welt das Gegen- theil davon. 381. Nachahmung. — Das Schlechte gewinnt durch die Nachahmung an Ansehen, das Gute verliert dabei, — namentlich in der Kunst 382. Letzte Lehre der Historie. — „Ach dass ich damals gelebt hätte!" — das ist die Rede thörichter und spielerischer Menschen. Vielmehr wird man, bei jedem Stück Geschichte, das man ernstlich betrachtet hat, und sei es das gelobteste Land der Vergangenheit, zuletzt ausrufen: „Nur nicht dahin wieder zurück! Der Geist jener Zeit würde mit der Last von hundert Atmo- sphären auf dich drücken, des Guten und Schönen an ihr würdest du dich nicht erfreuen, ihr Schlimmes nicht Digitized by Google — 174 — verdauen können." — Zuverlässig wird die Nachwelt ebenso über unsre Zeit urtheilen: sie sei unausstehlich, das Leben in ihr unlebebar gewesen. — Und doch hält es Jeder in seiner Zeit aus ? — Ja, und zwar deshalb, weil der Geist seiner Zeit nicht nur auf ihm liegt, sondern auch in ihm ist Der Geist der Zeit leistet sich selber Widerstand, trägt sich selber. 383. Grossheit als Maske. — Mit Grossheit des Be- nehmens erbittert man seine Feinde, — mit Neid, den man merken lässt, versöhnt man sie sich beinahe: denn der Neid vergleicht, setzt gleich, er ist eine unfreiwillige und stöhnende Art von Bescheidenheit — Ob wohl hier und da, des erwähnten Vortheils halber, der Neid als Maske vorgenommen worden ist, von Solchen, welche nicht neidisch waren? Vielleicht; sicherlich aber wird Grossheit des Benehmens oft als Maske des Neides gebraucht, von Ehrgeizigen, welche lieber Nachtheile erleiden und ihre Feinde erbittern wollen, als merken lassen, dass sie sich innerlich ihnen gleich setzen. 384. Unverzeihlich. — Du hast ihm eine Gelegenheit ge- geben, Grösse des Charakters zu zeigen, und er hat sie nicht benutzt Das wird er dir nie verzeihen. * '335.; Gegen-Sätze. — Das Greisenhafteste, was je über den Menschen gedacht worden ist, steckt in dem be- rühmten Satze „das Ich ist immer hassenswerth"; das Kindlichste in dem noch berühmteren „liebe deinen Nächsten, wie dich selbst". — Bei dem einen hat die Digitized by Google - 175 — Menschenkenntniss aufgehört, bei dem andern noch gar nicht angefangen. 386. 4Das fehlende Ohr. — „Man gehört noch zum Pöbel, so lange man immer auf Andere die Schuld schiebt; man ist auf der Bahn der Weisheit, wenn man immer nur sich selber verantwortlich macht; aber der Weise findet Niemanden schuldig, weder sich noch Andere." — Wer sagt dies? — Epiktet, vor achtzehn- hundert Jahren. — Man hat es gehört, aber vergessen. — Nein, man hat es nicht gehört und nicht vergessen: nicht jedes Ding vergisst sich. Aber man hatte das Ohr nicht dafür, das Ohr Epiktet's. — So hat er es also sich selber in's Ohr gesagt? — So ist es: Weisheit ist das Gezischel des Einsamen mit sich auf vollem Markte. 387. Fehler des Standpunktes, nicht des Auges. — Man steht sich selber immer einige Schritte zu nah; und dem Nächsten immer einige Schritte zu fern. So kommt es, dass man ihn zu sehr in Bausch und Bogen beurtheilt und sich selber zu sehr nach einzelnen, gelegent- lichen, unbeträchtlichen Zügen und Vorkommnissen. 388. Die Ignoranz in Waffen. — Wie leicht nehmen wir es, ob ein Andrer von einer Sache weiss oder nicht weiss, — während er vielleicht schon bei der Vorstellung Blut schwitzt, dass man ihn hierin für unwissend halte. Ja, es giebt ausgesuchte Narren, welche immer mit einem vollen Köcher von Bannflüchen und Machtsprüchen einher- gehen, bereit, Jeden niederzuschiessen, der merken lässt, es gebe Dinge, worin ihr Urtheil nicht in Betracht komme. Digitized by Google i76 389. Am Trinktisch der Erfahrung. — Personen, welche aus angeborener Massigkeit jedes Glas halbaus- getrunken stehen lassen, wollen nicht zugeben, dass jedes Ding in der Welt seine Neige und Hefe habe. 3QO- Singvögel. — Die Anhänger eines grossen Mannes pflegen sich zu blenden, um sein Lob besser singen zu können. Nicht gewachsen. — Das Gute missfällt uns, wenn wir ihm nicht gewachsen sind 392- Die Regel als Mutter oder als Kind. — Ein anderer Zustand ist der, welcher die Regel gebiert, — ein anderer der, welchen die Regel gebiert 393- Komödie. — Wir ernten mitunter Liebe und Ehre für Thaten oder Werke, welche wir längst wie eine Haut von uns abgestreift haben: da werden wir leicht verführt, die Komödianten unserer eigenen Vergangen- heit zu machen und das alte Fell noch einmal über die Schultern zu werfen — und nicht nur aus Eitelkeit, sondern auch aus Wohlwollen gegen unsere Bewunderer. 394. Fehler der Biographen. — Die kleine Kraft, welche noth thut, einen Kahn in den Strom hineinzu- stossen, soll nicht mit der Kraft dieses Stromes, der ihn fürderhin trägt, verwechselt werden: aber es geschieht fast in allen Biographien. Digitized by Google — 177 - 395- Nicht zu theuer kaufen. — Was man zu theuer kauft, verwendet man gewöhnlich auch noch schlecht, weil ohne Liebe und mit peinlicher Erinnerung, — und so hat man einen doppelten Nachtheil davon. 396. Welche Philosophie immer der Gesellschaft noth thut. — Der Pfeiler der gesellschaftlichen Ordnung ruht auf dem Grunde und der Voraussetzung, dass ein Jeder auf Das, was er ist, thut und erstrebt, auf seine Gesundheit oder Krankheit, seine Armuth oder Wohl- stand, seine Ehre oder Unansehnlichkeit, mit Heiterkeit hinblickt und dabei empfindet „ich tausche doch mit Keinem". — Wer an der Ordnung der Gesellschaft bauen will, möge nur immer diese Philosophie der heiteren Tauschablehnung und Neidlosigkeit in die Her- zen einpflanzen. 397- Anzeichen der vornehmen Seele. — Eine vor- nehme Seele ist die nicht, welche der höchsten Auf- schwünge fähig ist, sondern jene, welche sich wenig erhebt und wenig fällt, aber immer in einer freieren durchleuchteten Luft und Höhe wohnt. 393. Das Grosse und sein Betrachter. — Die beste Wirkung des Grossen ist, dass es dem Betrachter ein vergrösserndes und abrundendes Auge einsetzt 399- Sich genügen lassen. — Die erlangte Reife des Verstandes bekundet sich darin, dass man dorthin, wo Nietzsche, Menschliche», Allxumenschliche* II. 12 Digitized by Google i78 seltene Blumen unter den spitzigsten Dornenhecken der Erkenntniss stehen, nicht mehr geht, sondern sich an Garten, Wald, Wiese und Ackerfeld genügen lässt, in Anbetracht, dass das Leben für das Seltene und Ausser- gewöhnliche zu kurz ist 400. Vortheil in der Entbehrung. — Wer immerdar in der Wärme und Fülle des Herzens und gleichsam in der Sommerluft der Seele lebt, kann sich jenes schauer- liche Entzücken nicht vorstellen, welches winterlichere Naturen ergreift, wenn sie ausnahmsweise von den Strah- len der Liebe und dem lauen Anhauche eines sonnigen Februartages berührt werden. 401. Recept für den Dulder. — Dir wird die Last des Lebens zu schwer? — So musst du die Last deines Lebens vermehren. Wenn der Dulder endlich nach dem Flusse Lethe dürstet und sucht, — so muss er zum Helden werden, um ihn gewiss zu finden. 402. Der Richter. — Wer Jemandes Ideal geschaut hat, ist dessen unerbittlicher Richter und gleichsam sein böses Gewissen. 403- Nutzen der grossen Entsagung. — Das Nütz- lichste an der grossen Entsagung ist, dass sie uns jenen Tugendstolz mittheilt, vermöge dessen wir von da an leicht viele kleine Entsagungen von uns erlangen. 404. Wie die Pflicht Glanz bekommt. — Das Mittel, um deine eherne Pflicht im Auge von Jedermann in Digitized by Google - 179 — Gold zu verwandeln, heisst: Halte immer etwas Mehr, als du versprichst! 405- Gebet zu Menschen. — „Vergieb uns unsere Tugenden" — so soll man zu Menschen beten. 406. Schaffende und Geniessende. — Jeder Ge- niessende meint, dem Baume habe es an der Frucht gelegen; aber ihm lag am Samen. — Hierin besteht der Unterschied zwischen allen Schaffenden und Geniessenden. 407. Der Ruhm aller Grossen. — Was ist am Genie gelegen, wenn es nicht seinem Betrachter und Verehrer solche Freiheit und Höhe des Gefühls mittheilt, dass er des Genie's nicht mehr bedarf! — Sich überflüssig machen — das ist der Ruhm aller Grossen. 408. Die Hadesfahrt. — Auch ich bin in der Unter- welt gewesen, wie Odysseus, und werde es noch öfter sein; und nicht nur Hammel habe ich geopfert, um mit einigen Todten reden zu können, sondern des eignen Blutes nicht geschont. Vier Paare waren es, welche sich mir, dem Opfernden, nicht .versagten: Epikur und Montaigne, Goethe und Spinoza, Plato und Rousseau, Pascal und Schopenhauer. Mit Diesen muss ich mich auseinandersetzen, wenn ich lange allein gewandert bin, von ihnen will ich mir Recht und Unrecht geben lassen, ihnen will ich zuhören, wenn sie sich dabei selber unter- einander Recht und Unrecht geben. Was ich auch nur sage, beschliesse, für mich und Andere ausdenke: auf 12* Digitized by Google i8o jene Acht hefte ich die Augen und sehe die ihrigen auf mich geheftet. - Mögen die Lebenden es mir verzeihen, wenn sie mir mitunter wie die Schatten vorkommen, so verblichen und verdriesslich , so unruhig und ach! so lüstern nach Leben: während Jene mir dann so lebendig scheinen, als ob sie nun, nach dem Tode, nimmermehr lebensmüde werden könnten. Auf die ewige Leben- digkeit aber kommt es an: — was ist am „ewigen Leben" und überhaupt am Leben gelegen! Digitized by Google Zweite Abtheilung. Der Wanderer und sein Schatten. « . * Der Schat fett: Da ich dich so lange nicht reden hörte, so möchte ich dir eine Gelegenheit geben. Der Wanderer : Es redet — wo? und wer? Fast ist es mir, als hörte ich mich selber reden, nur mit noch schwächerer Stimme, als die meine ist. Der Schatten (nach einer Weile): Freut es dich nicht, Gelegenheit zum Reden zu haben? Der Wanderer : Bei Gott und allen Dingen, an die ich nicht glaube: mein Schatten redet. Ich höre es, aber glaube es nicht. Der Schatten: Nehmen wir es hin und denken wir nicht weiter darüber nach! in einer Stunde ist Alles vorbei. Der Wanderer: Ganz so dachte ich, als ich in einem Walde bei Pisa erst zwei und dann fünf Kameclc sah. Digitized by Google 184 Der Schlitten : Es ist gut, dass wir Beide auf gleiche Weise nachsichtig gegen uns sind, wenn einmal unsere Vernunft stille steht! so werden wir uns auch im Ge- spräche nicht ärgerlich werden und nicht gleich dem Andern Daumenschrauben anlegen, falls sein Wort uns einmal unverständlich klingt Weiss man gerade nicht zu antworten, so genügt es schon, Etwas zu sagen: das ist die billige Bedingung, unter der ich mich mit Jeman- dem unterrede. Bei einem längeren Gespräche wird auch der Weiseste einmal zum Narren und dreimal zum Tropf. Der Wanderer: Deine Genügsamkeit ist nicht schmei- chelhaft für Don, welchem du sie eingestehst. Der Schaden: Soll ich denn schmeicheln? Der Wanderer: Ich dachte, der menschliche Schatten sei seine Eitelkeit; diese würde aber nie fragen: „soll ich denn schmeicheln?" Der Schatten: Die menschliche Eitelkeit, soweit ich sie kenne, fragt auch nicht an, wie ich schon zweimal that, o b sie reden dürfe : sie Tedet immer. Der Wanderer : Ich merke erst, wie unartig ich gegen dich bin, mein geliebter Schatten, ich habe noch mit keinem Worte gesagt, wie sehr ich mich freue, dich zu hören und nicht bloss zu sehen. Du wirst es wissen, ich liebe den Schatten, wie ich das Licht liebe. Damit es Schönheit des Gesichts, Deutlichkeit der Rede, Güte und Festigkeit des Charakters gebe, ist der Schatten so nöthig wie das Licht. Es sind nicht Gegner: sie halten sich vielmehr liebevoll an den Händen, und wenn das Licht verschwindet, schlüpft ihm der Schatten nach. Der Schafte»: Und ich hasse das Selbe, was du Digitized by Google ■85 hassest, die Nacht. Ich liebe die Menschen, weil sie Lichtjünger sind, und freue mich des Leuchtens, das in ihrem Auge ist, wenn sie erkennen und entdecken, die unermüdlichen Erkcnner und Entdecker. Jener Schatten, welchen alle Dinge zeigen, wenn der Sonnenschein der Erkenntniss auf sie fällt, — jener Schatten bin ich auch. Der Wanderer: Ich glaube dich zu verstehen, ob du dich gleich etwas schattenhaft ausgedrückt hast. Aber du hattest Recht: gute Freunde geben einander hier und da ein dunkles Wort als Zeichen des Einverständnisses, welches für jeden Dritten ein Räthsel sein soll. Und wir sind gute Freunde. Deshalb genug des Vorredens! Ein paar hundert Fragen drücken auf meine Seele, und die Zeit, da du auf sie antworten kannst, ist vielleicht nur kurz. Sehen wir zu, worüber wir in aller Eile und Friedfertigkeit mit einander zusammenkommen! Der Schatten: Aber die Schatten sind schüchterner, als die Menschen: du wirst Niemandem mittheilen, wie wir zusammen gesprochen haben! Der Wanderer: Wie wir zusammen gesprochen haben? — der Himmel behüte mich vor langgesponnenen schriftlichen Gesprächen! Wenn Plato weniger Lust am Spinnen gehabt hätte, würden seine Leser mehr Lust an Plato haben. Ein Gespräch, das in der Wirklichkeit ergötzt, ist, in Schrift verwandelt und gelesen, ein Ge- mälde mit lauter falschen Perspektiven: Alles ist zu lang oder zu kurz. — Doch werde ich vielleicht mittheilen dürfen, worüber wir übereingekommen sind? Der Schatten: Damit bin ich zufrieden; denn Alle werden darin nur deine Ansichten wiedererkennen: des Schattens wird Niemand gedenken. Digitized by Google — i86 Der Wanderer: Vielleicht irrst du, Freund! Bis jetzt hat man in meinen Ansichten mehr den Schatten wahr- genommen, als mich. Der Schatten: Mehr den Schatten, als das Licht? Ist es möglich? Der Wanderer: Sei ernsthaft, lieber Narr! Gleich meine erste Frage verlangt Ernst. — Digitized by Google I. Zur Auslegung von Welt und Leben. i. Vom Baum der Erkenntniss. — Wahrscheinlich- keit, aber keine Wahrheit: Freischeinlichkeit, aber keine Freiheit, — diese beiden Früchte sind es, derentwegen der Baum der Erkenntniss nicht mit dem Baum des Lebens verwechselt werden kann. 2. Die Vernunft der Welt. — Dass die Welt nicht der Inbegriff einer ewigen Vernünftigkeit ist, lässt sich endgültig dadurch beweisen, dass jenes Stück Welt, welches wir kennen — ich meine unsre menschliche Vernunft — , nicht allzu vernünftig ist. Und wenn sie nicht allezeit und vollständig weise und rationell ist, so wird es die übrige Welt auch nicht sein; hier gilt der Schluss a minori ad majus, a parte ad totum, und zwar mit entscheidender Kraft. 3- „Am Anfang war." — Die Entstehung verherr- lichen — das ist der metaphysische Nachtrieb, welcher bei der Betrachtung der Historie wieder ausschlägt und durchaus meinen macht, am Anfang aller Dinge stehe das Werthvollste und Wesentlichste. Digitized by Google - i8S — 4- Maass für den Werth der Wahrheit — Für die Höhe der Berge ist die Mühsal ihrer Besteigung durchaus kein Maassstab. Und in der Wissenschaft soll es anders sein ! sagen uns Einige, die für eingeweiht gelten wollen — , die Mühsal um die Wahrheit soll gerade über den Werth der Wahrheit entscheiden ! Diese tolle Moral geht von dem Gedanken aus, dass die „Wahrheiten" eigentlich Nichts weiter seien, als Turngeräthschaften, an denen wir uns wacker müde zu arbeiten hätten, — eine Moral für Athleten und Festturner des Geistes. 5- Sprachgebrauch und Wirklichkeit. — Es giebt eine erheuchelte Missachtung aller der Dinge, welche thatsächlich die Menschen am wichtigsten nehmen: aller nächsten Dinge. Man sagt zum Beispiel „man isst nur, um zu leben", — eine verfluchte Lüge, wie jene, welche von der Kindererzeugung als der eigentlichen Absicht aller Wollust redet. Umgekehrt ist die Hoch- schätzung der „wichtigsten Dinge" fast niemals ganz echt: die Priester und Metaphysiker haben uns zwar auf diesen Gebieten durchaus an einen heuchlerisch über- treibenden Sprachgebrauch gewöhnt, aber das Gefühl doch nicht umgestimmt, welches diese wichtigsten Dinge nicht so wichtig nimmt, wie jene verachteten nächsten Dinge. — Eine leidige Folge dieser doppelten Heuchelei aber ist immerhin, dass man die nächsten Dinge, zum Beispiel Essen, Wohnen, Sich-Kleiden, Verkehren, nicht zum Objekt des stetigen unbefangenen und allgemeinen Nachdenkens und Umbildens macht, sondern, weil dies für herabwürdigend gilt, seinen intellektuellen und künst- lerischen Ernst davon abwendet ; sodass hier die Gewohn- Digitized by Google — i8y — heit und die Frivolität über die Unbedachtsamen, nament- lich über die unerfahrene Jugend, leichten Sieg haben: während andererseits unsere fortwährenden Verstösse gegen die einfachsten Gesetze des Körpers und Geistes uns Alle, Jüngere und Aeltere, in eine beschämende Ab- hängigkeit und Unfreiheit bringen, — ich meine in jene im Grunde überflüssige Abhängigkeit .von Aerzten, Lehrern und Seelsorgern, deren Druck jetzt immer noch auf der ganzen Gesellschaft liegt. 6. Die irdische Gebrechlichkeit und ihre Haupt- ursache. — Man trifft, wenn man sich umsieht, immer auf Menschen, welche ihr Lebenlang Eier gegessen haben, ohne zu bemerken, dass die länglichten die wohlschmeckendsten sind, welche nicht wissen, dass ein Gewitter dem Unterleib förderlich ist, dass Wohlgerüche in kalter klarer Luft am stärksten riechen, dass unser Geschmackssinn an verschiedenen Stellen des Mundes ungleich ist, dass jede Mahlzeit, bei der man gut spricht oder gut hört, dem Magen Nachtheil bringt. Man mag mit diesen Beispielen für den Mangel an Beobachtungs- sinn nicht zufrieden sein, umsomehr möge man zugestehen, dass die allernächsten Dinge von den Meisten sehr schlecht gesehen, sehr selten beachtet werden. Und ist dies gleichgültig? — Man erwäge doch, dass aus diesem Mangel sich fast alle leiblichen und seelischen Gebrechen der Einzelnen ableiten! Nicht zu wissen, was uns förderlich, was uns schädlich ist, in der Einrichtung der Lebensweise, Vertheilung des Tages, Zeit und Aus- wahl des Verkehres, in Beruf und Müsse, Befehlen und Gehorchen, Natur- und Kunstempfinden, Essen, Schlafen und Nachdenken; im Kleinsten und Alltäglichsten Digitized by Google — 190 — unwissend zu sein und keine scharfen Augen zu haben — Das ist es, was die Erde für so Viele zu einer „Wiese des Unheils" macht! Man sage nicht, es liege hier wie überall an der menschlichen Unvernunft! — vielmehr: Vernunft genug und übergenug ist da, aber sie wird falsch gerichtet und künstlich von jenen kleinen und allernächsten Dingen abgelenkt! Priester und Lehrer, und die sublime Herrschsucht der Idealisten jeder Art, der gröberen und feineren, reden schon dem Kinde ein, es komme auf etwas ganz Anderes an: auf das Heil der Seele, den Staatsdienst, die Förderung der Wissenschaft, oder auf Ansehen und Besitz, als die Mittel, der ganzen Menschheit Dienste zu erweisen: während das Bedürfniss des Einzelnen, seine grosse und kleine Noth innerhalb der vierundzwanzig Tagesstunden etwas Ver- ächtliches oder Gleichgültiges sei. — Sokrates schon wehrte sich mit allen Kräften gegen diese hochmüthige Vernachlässigung des Menschlichen zu Gunsten des Menschen und liebte es, mit einem Worte Homer's, an den wirklichen Umkreis und Inbegriff alles Sorgens und Nachdenkens zu mahnen: Das ist es und nur Das, sagte er, „was mir zu Hause an Gutem und Schlimmem begegnet". 7. Zwei Trostmittel. — Epikur, der Seelen-Besch wich- tiger des späteren Alterthums, hatte jene wundervolle Einsicht, die heutzutage immer noch so selten zu finden ist: dass zur Beruhigung des Gemüths die Lösung der letzten und äussersten theoretischen Fragen gar nicht nöthig sei. So genügte es ihm, Solchen, welche „die Götter- Angst" quälte, zu sagen: „wenn es Götter giebt, so bekümmern sie sich nicht um uns," — anstatt über die letzte Frage, ob es Götter überhaupt gebe, unfrucht- Digitized by Google — I9I — bar und aus der Ferne zu disputiren. Jene Position ist viel günstiger und mächtiger: man giebt dem Andern einige Schritte vor und macht ihn so zum Hören und Beherzigen gutwilliger. Sobald man sich aber anschickt, das Gegentheil zu beweisen — dass die Götter sich um uns bekümmern — : in welche Irrsale und Dorngebüsche muss der Arme gerathen, ganz von selber, ohne die List des Unterredners, der nur genug Humanität und Feinheit haben muss, um sein Mitleiden an diesem Schauspiele zu verbergen. Zuletzt kommt jener Andere zum Ekel — dem stärksten Argument gegen jeden Satz — , zum Ekel an seiner eigenen Behauptung; er wird kalt und geht fort mit der selben Stimmung, wie sie auch der reine Atheist hat: „was gehen mich eigentlich die Götter an! Hole sie der Teufel!" — In anderen Fällen, namentlich wenn eine halb physische, halb moralische Hypothese das Gemüth verdüstert hatte, widerlegte Epikur nicht diese Hypothese, sondern gestand ein, dass es wohl so sein könne: aber es gebe noch eine zweite Hypothese, um die selbe Erscheinung zu erklären ; vielleicht könne es sich auch noch anders verhalten. Die Mehrheit der Hy- pothesen genügt auch in unserer Zeit noch (zum Beispiel über die Herkunft der Gewissensbisse), um jenen Schatten von der Seele zu nehmen, der aus dem Nachgrübeln über eine einzige, allein sichtbare und dadurch hundert- fach überschätzte Hypothese so leicht entsteht. — Wer also Trost zu spenden wünscht, an Unglückliche, Uebel- thäter, (Hypochonder, Sterbende, möge sich der beiden beruhigenden Wendungen Epikur's erinnern, welche auf sehr viele Fragen sich anwenden lassen. In der ein- fachsten Form würden sie etwa lauten: erstens, gesetzt es verhält sich so, so geht es uns Nichts an; — zweitens: es kann so sein, es kann aber auch anders sein. IQ2 - 8. In der Nacht — Sobald die Nacht hereinbricht, verändert sich unsere Empfindung über die nächsten Dinge. Da ist der Wind, der wie auf verbotenen Wegen umgeht, flüsternd, wie Etwas suchend, verdrossen, weil er's nicht findet. Da ist das Lampenlicht, mit trübem, röthlichem Scheine, ermüdet blickend, der Nacht ungern widerstrebend, ein ungeduldiger Sklave des wachen Menschen. Da sind die Athemzüge des Schlafenden, ihr schauerlicher Takt, zu der eine immer wiederkehrende Sorge die Melodie zu blasen scheint, — wir hören sie nicht, aber wenn die Brust des Schlafenden sich hebt, so fühlen wir uns geschnürten Herzens, und wenn der Athem sinkt und fast in's Todtenstille erstirbt, sagen wir uns „ruhe ein Wenig, du armer gequälter Geist!" — wir wünschen allem Lebenden, weil es so gedrückt lebt, eine ewige Ruhe: die Nacht überredet zum Tode. — Wenn die Menschen der Sonne entbehrten und mit Mondlicht und Oel den Kampf gegen die Nacht führten, welche Philosophie würde um sie ihren Schleier hüllen! Man merkt es ja dem geistigen und seelischen Wesen des Menschen schon zu sehr an, wie es durch die Hälfte Dunkelheit und Sonnen -Entbehrung, von der das Leben umflort wird, im Ganzen verdüstert ist. 9. Wo die Lehre von der Freiheit des Willens entstanden ist. — Ueber dem Einen steht die Not- wendigkeit in der Gestalt seiner Leidenschaften, über dem Andern als Gewohnheit zu hören und zu gehorchen, über dem Dritten als logisches Gewissen, über dem Vierten als Laune und muthwilliges Behagen an Seiten- sprüngen. Von diesen Vieren wird aber gerade da die Digitized by Google — IQ3 — Freiheit ihres Willens gesucht, wo Jeder von ihnen am festesten gebunden ist: es ist, als ob der Seidenwurm die Freiheit seines Willens gerade im Spinnen suchte. — Woher kommt dies? Ersichtlich daher, dass Jeder sich dort am meisten für frei hält, wo sein Lebensgefühl am grössten ist, also, wie gesagt, bald in der Leiden- schaft, bald in der Pflicht, bald in der Erkenntniss, bald im Muthwillen. Das, wodurch der einzelne Mensch stark ist, worin er sich belebt fühlt, meint er unwillkür- lich, müsse auch immer das Element seiner Freiheit sein: er rechnet Abhängigkeit und Stumpfsinn, Unabhängigkeit und Lebensgefuhl als nothwendige Paare zusammen. — Hier wird eine Erfahrung, die der Mensch im gesell- schaftlich-politischen Gebiete gemacht hat, fälschlich auf das allerletzte metaphysische Gebiet übertragen: dort ist der starke Mann auch der freie Mann, dort ist lebendiges Gefühl von Freud und Leid, Höhe des Höffens, Kühnheit des Begehrens, Mächtigkeit des Hassens das Zubehör der Herrschenden und Unabhängigen, während der Unter- worfene, der Sklave, gedrückt und stumpf lebt. — Die Lehre von der Freiheit des Willens ist eine Erfindung herrschender Stände. 10. Keine neuen Ketten fühlen. — Solange wir nicht fühlen, dass wir irgend wovon abhängen, halten wir uns für unabhängig: ein Fehlschluss, welcher zeigt, wie stolz und herrschsüchtig der Mensch ist. Denn er nimmt hier an, dass er unter allen Umständen die Ab- hängigkeit, sobald er sie erleide, merken und erkennen müsse, unter der Voraussetzung, dass er für gewöhnlich in der Unabhängigkeit lebe und, wenn er sie ausnahms- weise verliere, sofort einen Gegensatz der Empfindung Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches IL 13 Digitized by Google ig4 — spüren werde. — Wie aber, wenn das Umgekehrte wahr wäre: dass er immer in vielfacher Abhängigkeit lebt, sich aber für frei hält, wo er den Druck der Kette aus langer Gewohnheit nicht mehr spürt? Nur an den neuen Ketten leidet er noch; — „Freiheit des Willens" heisst eigentlich Nichts weiter, als: keine neuen Ketten fühlen. Ii. Die Freiheit des Willens und die Isolation der Fakta. — Unsere gewohnte ungenaue Beobachtung nimmt eine Gruppe von Erscheinungen als Eins und nennt sie ein Faktum: zwischen ihm und einem andern Faktum denkt sie sich einen leeren Raum hinzu, sie isolirt jedes Faktum. In Wahrheit aber ist all unser Handeln und Erkennen keine Folge von Fakten und leeren Zwischenräumen, sondern ein beständiger Fluss. Nun ist der Glaube an die Freiheit des Willens gerade mit der Vorstellung eines beständigen, einartigen, ungeteilten, untheilbaren Fliessens unverträglich: er setzt voraus, dass jede einz eine Handlung isolirt und untheilbar sei; er ist eine Atomistik im Bereiche des Wollens und Erkennens. — Gerade so wie wir Charaktere un- genau verstehen, so machen wir es mit den Fakten: wir sprechen von gleichen Charakteren, gleichen Fakten: beide giebt es nicht. Nun loben und tadeln wir: aber nur unter dieser falschen Voraussetzung, dass es gleiche Fakta gebe, dass eine abgestufte Ordnung von Gattungen der Fakten vorhanden sei, welcher eine abgestufte Werthordnung entspreche: also wir isoliren nicht nur das einzelne Faktum, sondern auch wiederum die Gruppen von angeblich gleichen Fakten (gute, böse, mitleidige, neidische Handlungen u. s. w.) - beide Male irrthümlich. — Das Wort und der Begriff sind der Digitized by Google - 195 - sichtbarste Grund, weshalb wir an diese Isolation von Handlungen -Gruppen glauben: mit ihnen bezeichnen wir nicht nur die Dinge, wir meinen ursprünglich durch sie das Wahre derselben zu erfassen. Durch Worte und Begriffe werden wir jetzt noch fortwährend verfuhrt, die Dinge uns einfacher zu denken, als sie sind, getrennt von einander, untheilbar, jedes an und für sich seiend. Es liegt eine philosophische Mythologie in der Sprache versteckt, welche alle Augenblicke wieder herausbricht, so vorsichtig man sonst auch sein mag. Der Glaube an die Freiheit des Willens, das heisst der gleichen Fakten und der isolirten Fakten — hat in der Sprache seinen beständigen Evangelisten und Anwalt 12. Die Grundirrthümer. — Damit der Mensch irgend eine seelische Lust oder Unlust empfinde, muss er von einer dieser beiden Illusionen beherrscht sein: entweder glaubt er an die Gleichheit gewisser Fakta, gewisser Empfindungen: — dann hat er durch die Vergleichung jetziger Zustände mit früheren und durch Gleich- oder Ungleichsetzung derselben (wie sie bei aller Erinnerung stattfindet) eine seelische Lust oder Unlust; — oder er glaubt an die Willens-Freiheit, etwa wenn er denkt, „dies hätte ich nicht thun müssen", „dies hätte anders aus- laufen können", und gewinnt daraus ebenfalls Lust oder Unlust Ohne die Irrthümer, welche bei jeder seelischen Lust und Unlust thätig sind, würde niemals ein Menschen- thum entstanden sein, — dessen Grundempfindung ist und bleibt, dass der Mensch der Freie in der Welt der Unfreiheit sei, der ewige Wunderthäter, sei es dass er gut oder böse handelt, die erstaunliche Ausnahme, das Ueberthier, der Fast -Gott, der Sinn der Schöpfung, der 13* Digitized by Google — 196 — Nichthinwegzudenkende, das Lösungswort des kosmischen Räthsels, der grosse Herrscher über die Natur und Ver- ächter derselben, das Wesen, das seine Geschichte Welt- geschichte nennt! — Vanitas vanitatum homo. 13. Zweimal sagen. — Es ist gut, eine Sache sofort doppelt auszudrücken und ihr einen rechten und einen linken Fuss zu geben. Auf Einem Bein kann die Wahr- heit zwar stehen: mit zweien aber wird sie gehen und herumkommen. 14. Der Mensch, der Komödiant der Welt — Es müsste geistigere Geschöpfe geben, als die Menschen sind, bloss um den Humor ganz auszukosten, der darin liegt, dass der Mensch sich für den Zweck des ganzen Weltendaseins ansieht und die Menschheit sich ernstlich nur mit Aussicht auf eine Welt -Mission zufrieden giebt Hat ein Gott die Welt geschaffen, so schuf er den Menschen zum Affen Gottes, als fortwährenden Anlass zur Erheiterung in seinen allzulangen Ewigkeiten. Die Sphärenmusik um die Erde herum wäre dann wohl das Spottgelächter aller übrigen Geschöpfe um den Menschen herum. Mit dem Schmerz kitzelt jener gelangweilte Unsterbliche sein Lieblingsthier, um an den tragisch- stolzen Gebärden und Auslegungen seiner Leiden, über- haupt an der geistigen Erfindsamkeit des eitelsten Ge- schöpfes, seine Freude zu haben — als Erfinder dieses Erfinders. Denn wer den Menschen zum Spaasse ersann, hatte mehr Geist, als dieser, und auch mehr Freude am Geist. — Selbst hier noch, wo sich unser Menschenthum einmal freiwillig demüthigen will, spielt uns die Eitelkeit einen Streich, indem wir Menschen wenigstens in dieser Digitized by Google — 197 ~ Eitelkeit etwas ganz Unvergleichliches und Wunderhaftes sein möchten. Unsere Einzigkeit in der Welt! ach, es ist eine gar zu unwahrscheinliche Sache! Die Astronomen, denen mitunter wirklich ein erdentrückter Gesichtskreis zu Theil wird, geben zu verstehen, dass der Tropfen Leben in der Welt für den gesammten Charakter des ungeheuren Ozeans von Werden und Vergehen ohne Bedeutung ist; dass ungezählte Gestirne ähnliche Be- dingungen zur Erzeugung des Lebens haben wie die Erde, sehr viele also, — freilich kaum eine Handvoll im Vergleich zu den unendlich vielen, welche den lebenden Ausschlag nie gehabt haben oder von ihm längst ge- nesen sind; dass das Leben auf jedem dieser Gestirne, gemessen an der Zeitdauer seiner Existenz, ein Augen- blick, ein Aufflackern gewesen ist, mit langen, langen Zeiträumen hinterdrein, — also keineswegs das Ziel und die letzte Absicht ihrer Existenz. Vielleicht bildet sich die Ameise im Walde ebenso stark ein, dass sie Ziel und Absicht der Existenz des Waldes sei, wie wir dies in Bezug auf die Erde thun, wenn wir an den Untergang der Menschheit in unserer Phantasie fast unwillkürlich den Erduntergang anknüpfen: ja wir sind noch beschei- den, wenn wir dabei stehen bleiben und zur Leichenfeier des letzten Menschen nicht eine allgemeine Welt- und Götterdämmerung veranstalten. Der unbefangenste Astro- nom selber kann die Erde ohne Leben kaum anders empfinden, denn als leuchtenden und schwebenden Grabhügel der Menschheit 15. Bescheidenheit des Menschen. — Wie wenig Lust genügt den Meisten, um das Leben gut zu finden! wie bescheiden ist der Mensch! Digitized by Google — 198 — i6. Worin Gleichgültigkeit noth thut. — Nichts wäre verkehrter, als abwarten wollen, was die Wissen- schaft über die ersten und letzten Dinge einmal end- gültig feststellen wird, und bis dahin auf die herkömm- liche Weise denken (und namentlich glauben!) — wie dies so oft angerathen wird. Der Trieb, auf diesem Gebiete durchaus nur Sicherheiten haben zu wollen, ist ein religiöser Nachtrieb, nichts Besseres, — eine versteckte und nur scheinbar skeptische Art des „meta- physischen Bedürfnisses", mit dem Hintergedanken ver- kuppelt, dass noch lange Zeit keine Aussicht auf diese letzten Sicherheiten vorhanden und bis dahin der „Gläubige" im Rechte sei, sich um das ganze Gebiet nicht zu kümmern. Wir haben diese Sicherheiten um die aller- äussersten Horizonte gar nicht nöthig, um ein volles und tüchtiges Menschenthum zu leben: ebensowenig als die Ameise sie nöthig hat, um eine gute Ameise zu sein. Vielmehr müssen wir uns darüber klar werden, woher eigentlich jene fatale Wichtigkeit kommt, die wir jenen Dingen so lange beigelegt haben: und dazu brauchen wir die Historie der ethischen und religiösen Empfin- dungen. Denn nur unter dem Einfluss dieser Empfindungen sind uns jene allerspitzesten Fragen der Erkenntniss so erheblich und furchtbar geworden : man hat in die äusser- sten Bereiche, wohin noch das geistige Auge dringt, ohne in sie einzudringen, solche Begriffe wie Schuld und Strafe (und zwar ewige Strafe!) hineinverschleppt: und dies um so unvorsichtiger, je dunkler diese Bereiche waren. Man hat seit Alters mit Verwegenheit dort phantasirt, wo man Nichts feststellen konnte, und seine Nachkommen überredet, diese Phantasien für Ernst und Wahrheit zu nehmen, zuletzt mit dem abscheulichen Digitized by Google - i99 — Trumpfe: dass Glaube mehr werth sei, als Wissen. Jetzt nun thut in Hinsicht auf jene letzten Dinge nicht Wissen gegen Glauben noth, sondern Gleichgültigkeit gegen Glauben und angebliches Wissen auf jenen Ge- bieten! — Alles Andere muss uns näher stehen, als Das, was man uns bisher als das Wichtigste vorgepredigt hat: ich meine jene Fragen: wozu der Mensch? Welches Loos hat er nach dem Tode? Wie versöhnt er sich mit Gott? und wie diese Curiosa lauten mögen. Ebensowenig, wie diese Fragen der Religiösen, gehen uns die Fragen der philosophischen Dogmatiker an, mögen sie nun Idea- listen oder Materialisten oder Realisten sein. Sie allesammt sind darauf aus, uns zu einer Entscheidung auf Gebieten zu drängen, wo weder Glauben noch Wissen noth thut; selbst für die grössten Liebhaber der Erkenntniss ist es nützlicher, wenn um alles Erforschbare und der Vernunft Zugängliche ein umnebelter trügerischer Sumpfgürtel sich legt, ein Streifen des Undurchdringlichen, Ewig-Flüssigen und Unbestimmbaren. Gerade durch die Vergleichung mit dem Reich des Dunkels am Rande der Wissens-Erde steigt die helle und nahe, nächste Welt des Wissens stets im Werthe. — Wir müssen wieder gute Nachbarn der nächsten Dinge werden und nicht so verächtlich wie bisher über sie hinweg nach Wolken und Nachtunholden hinblicken. In Wäldern und Höhlen, in sumpfigen Strichen und unter bedeckten Himmeln — da hat der Mensch, als auf den Kulturstufen ganzer Jahrtausende, allzulange gelebt, und dürftig gelebt. Dort hat er die Gegenwart und die Nachbarschaft und das Leben und sich selbst verachten lernen — und wir, wir Bewohner der Ii chteren Gefilde der Natur und des Geistes, bekommen jetzt noch, durch Erbschaft, Etwas von diesem Gift der Verachtung gegen das Nächste in unser Blut mit. Digitized by Google — 200 — 17- Tiefe Erklärungen. — Wer die Stelle eines Autors „tiefer erklärt", als sie gemeint war, hat den Autor nicht erklärt, sondern verdunkelt. So stehen unsre Metaphysiker zum Texte der Natur ; ja noch schüm- mer. Denn um ihre tiefen Erklärungen anzubringen, richten sie sich häufig den Text erst daraufhin zu: das heisst, sie verderben ihn. Um ein curioses Beispiel für Textverderbniss und Verdunkelung des Autors zu geben, so mögen hier Schopenhauers Gedanken über die Schwangerschaft der Weiber stehen.*) „Das Anzeichen des steten Daseins des Willens zum Leben in der Zeit — sagt er — ist der Coitus; das Anzeichen des diesem Willen auf's Neue zugesellten, die Möglichkeit der Erlösung offen haltenden Lichtes der Erkenn tniss, und zwar im höchsten Grade der Klarheit, ist die erneuerte Mensch- werdung des Willens zum Leben. Das Zeichen dieser ist die Schwangerschaft, welche daher frank und frei, ja stolz einhergeht, während der Coitus sich verkriecht wie ein Verbrecher." Er behauptet, dass „jedes Weib, wenn beim Generationsakt überrascht, vor Scham vergehn möchte", aber „ihre Schwangerschaft, ohne eine Spur von Scham, ja, mit einer Art Stolz, zur Schau trägt". — Vor Allem lässt sich dieser Zustand nicht so leicht mehr zur Schau tragen, als er sich selber zur Schau trägt; indem Schopenhauer aber gerade nur die Absichtlichkeit des zur -Schau -Tragens hervorhebt, be- reitet er sich den Text vor, damit dieser zu der bereit gehaltenen „Erklärung" passe. Sodann ist Das, was er über die Allgemeinheit des zu erklärenden Phänomens sagt, nicht wahr: er spricht von „jedem Weibe"; viele, namentlich die jüngeren Frauen, zeigen aber in diesem •) Parcrga, IT. \ 167. Digitized by Google — 201 — Zustande, selbst vor den nächsten Anverwandten, oft eine peinliche Verschämtheit; und wenn Weiber reiferen und reifsten Alters, zumal solche aus dem niederen Volke, in der That sich auf jenen Zustand Etwas zu Gute thun sollten, so geben sie wohl damit zu verstehen, dass sie noch von ihren Männern begehrt werden. Dass bei ihrem Anblick der Nachbar und die Nachbarin oder ein vorübergehender Fremder sagt oder denkt: „sollte es möglich sein! — ", dieses Almosen wird von der weib- lichen Eitelkeit bei geistigem Tiefstande immer noch gern angenommen. Umgekehrt würden, wie aus Schopen- hauers Sätzen zu folgern wäre, gerade die klügsten und geistigsten Weiber am meisten über ihren Zustand öffent- lich frohlocken: sie haben ja die meiste Aussicht, ein Wunderkind des Intellekts zu gebären, in welchem „der Wille" sich zum allgemeinen Besten wieder einmal „ver- neinen" kann ; die dummen Weiber hätten dagegen allen Grund, ihre Schwangerschaft noch schamhafter zu ver- bergen, als Alles, was sie verbergen. — Man kann nicht sagen, dass diese Dinge aus der Wirklichkeit genommen sind. Gesetzt aber, Schopenhauer hätte ganz im Allge- meinen darin Recht, dass die Weiber im Zustande der Schwangerschaft eine Selbstgefälligkeit mehr zeigen, als sie sonst zeigen, so läge doch eine Erklärung näher zur Hand, als die seinige. Man könnte sich ein Gackern der Henne auch vor dem Legen des Eies denken, des In- haltes: „Seht! seht! ich werde ein Ei legen! ich werde ein Ei legen!" Digitized by Google II. Moralist und Moral. 18. Der moderne Diogenes. — Bevor man den Menschen sucht, muss man die Laterne gefunden haben. — Wird es die Laterne des Cynikers sein müssen ? — 19. Immoralisten. — Die Moralisten müssen es sich jetzt gefallen lassen, Immoralisten gescholten zu werden, weil sie die Moral seciren. Wer aber seciren will, muss tödten: jedoch nur, damit besser gewusst, besser geur- theilt, besser gelebt werde; nicht, damit alle Welt secire. Leider aber meinen die Menschen noch immer, dass jeder Moralist auch durch sein gesammtes Handeln ein Musterbild sein müsse, welches die Anderen nachzu- ahmen hätten; sie verwechseln ihn mit dem Prediger der Moral. Die älteren Moralisten secirten nicht genug und predigten allzuhäufig: daher rührt jene Verwechselung und jene unangenehme Folge für die jetzigen Moralisten. 20. Nicht zu verwechseln. — Die Moralisten, welche die grossartige, mächtige, aufopfernde Denkweise — etwa bei den Helden Plutarch's, oder den reinen, erleuchteten, wärmeleitenden Seelenzustand der eigentlich guten Männer Digitized by Google — 203 — und Frauen — als schwere Probleme der Erkenntniss behandeln und der Herkunft derselben nachspüren, indem sie das Complicirte in der anscheinenden Einfachheit auf- zeigen und das Auge auf die Verflechtung der Motive, auf die eingewobenen zarten Begriffs-Täuschungen und die von Alters her vererbten, langsam gesteigerten Einzel- und Gruppen -Empfindungen richten, — diese Moralisten sind am meisten gerade von denen verschieden, mit denen sie doch am meisten verwechselt werden: von den kleinlichen Geistern, die an jene Denkweisen und Seelenzustände überhaupt nicht glauben und ihre eigne Armseligkeit hinter dem Glänze von Grösse und Reinheit versteckt wähnen. Die Moralisten sagen: „hier sind Pro- bleme", und die Erbärmlichen sagen: „hier sind Betrüger und Betrügereien"; — sie leugnen also die Existenz gerade dessen, was jene zu erklären beflissen sind. 21. Der Mensch als der Messende. — Vielleicht hat alle Moralität der Menschheit in der ungeheuren inneren Aufregung ihren Ursprung, welche die Urmenschen ergriff, als sie das Maass und das Messen, die Wage und das Wägen entdeckten (das Wort „Mensch" bedeutet ja den Messenden: er hat sich nach seiner grössten Entdeckung benennen wollen!). Mit diesen Vorstellungen stiegen sie in Bereiche hinauf, die ganz unmessbar und unwäg- bar sind, es aber ursprünglich nicht zu sein schienen. 22. Princip des Gleichgewichts. — Der Räuber und der Mächtige, welcher einer Gemeinde verspricht sie gegen den Räuber zu schützen, sind wahrscheinlich im Grunde ganz ähnliche Wesen, nur dass der zweite Digitized by Google seinen Vortheil anders, als der erste erreicht: nämlich durch regelmässige Abgaben, welche die Gemeinde an ihn entrichtet, und nicht mehr durch Brandschatzungen. (Es ist das nämliche Verhältniss wie zwischen Handels- mann und Seeräuber, welche lange Zeit ein und die selbe Person sind: — wo ihr die eine Funktion nicht räthlich scheint, da übt sie die andere aus. Eigentlich ist ja selbst jetzt noch alle Kaufmanns-Moral nur die Verk lüger ung der Seeräuber - Moral : so wohlfeil wie möglich kaufen — womöglich für Nichts als die Unternehmungskosten — , so theuer wie möglich verkaufen.) — Das Wesentliche an jenem ersterwähnten Verhältniss ist: der Mächtige verspricht, gegen den Räuber Gleichgewicht zu halten; darin sehen die Schwachen eine Möglichkeit, zu leben. Denn entweder müssen sie sich selber zu einer gleich- wiegenden Macht zusammenthun oder sich einem Gleich- wiegenden unterwerfen (ihm für seine Leistungen Dienste leisten). Dem letzteren Verfahren wird gern der Vorzug gegeben, weil es im Grunde zwei gefährliche Wesen in Schach hält: den Räuber durch den Mächtigen und Diesen durch die Schwachen: der Mächtige hat nämlich seinen Vortheil davon, die Unterworfenen gnädig oder leidlich zu behandeln, damit sie nicht nur sich, sondern auch ihn, den Beherrscher, ernähren können. Thatsäch- lich kann es dabei immer noch hart und grausam genug zugehen; aber beim Vergleich mit dem früheren Zustand der Furcht vor völliger Vernichtung athmen die Men- schen schon in dem hier erreichten Zustande auf. — Die Gemeinde ist im Anfang die Organisation der Schwachen zum Gleichgewicht mit gefahrdrohenden Mächten. Eine Organisation zum Uebergewicht wäre räthlicher, wenn man dabei so stark würde, um die Gegenmacht auf Einmal zu vernichten: und handelt es sich um Digitized by Google — 205 einen einzelnen mächtigen Schadenthuer, so wird dies gewiss versucht. Ist aber der Eine ein Stammhaupt oder hat er grossen Anhang, so ist die schnelle, entscheidende Vernichtung unwahrscheinlich und die dauernde lange Fehde zu gewärtigen: diese aber bringt für die Gemeinde den am wenigsten wünschbaren Zustand mit sich, weil sie durch ihn die Zeit verliert, für ihren Lebensunterhalt mit der nöthigen Regelmässigkeit zu sorgen, und den Ertrag aller Arbeit jeden Augenblick bedroht sieht Deshalb zieht die Gemeinde vor, ihre Macht zu Ver- theidigung und Angriff genau auf die Höhe zu bringen, auf der die Macht des gefährlichen Nachbars ist, und ihm zu verstehen zu geben, dass in ihrer Wagschale jetzt gleichviel Erz liege: warum wolle man nicht gut Freund mit einander sein? — Gleichgewicht ist also ein sehr wichtiger Begriff für die älteste Rechts- und Morallehre; Gleichgewicht ist die Basis der Gerechtigkeit Wenn diese in roheren Zeiten sagt „Auge um Auge, Zahn um Zahn", so setzt sie das erreichte Gleichgewicht vor- aus und will es vermöge dieser Vergeltung erhalten: sodass, wenn jetzt der Eine sich gegen den Andern ver- geht, der Andere keine Rache der blinden Erbitterung mehr nimmt Sondern vermöge des jus talionis wird das Gleichgewicht der gestörten Machtverhältnisse wieder- hergestellt: denn ein Auge, ein Arm mehr ist in solchen Urzuständen ein Stück Macht, ein Gewicht mehr. — Inner- halb einer Gemeinde, in der Alle sich als gleichgewichtig betrachten, ist gegen Vergehungen, das heisst gegen Durchbrechungen des Princips des Gleichgewichtes, Schande und Strafe da: — Schande, ein Gewicht, ein- gesetzt gegen den übergreifenden Einzelnen, der durch den Uebergriff sich Vortheile verschafft hat, durch die Schande nun wieder Nachtheile erfährt, die den früheren Digitized by Google — 206 — Vortheil aufheben und überwiegen. Ebenso steht es mit der Strafe: sie stellt gegen das Uebergewicht, das sich jeder Verbrecher zuspricht, ein viel grösseres Gegen- gewicht auf, gegen Gewaltthat den Kerkerzwang, gegen Diebstahl den Wiederersatz und die Strafsumme. So wird der Frevler erinnert, dass er mit seiner Handlung aus der Gemeinde und deren Moral -Vorth eilen ausschied: sie behandelt ihn wie einen Ungleichen, Schwachen, Ausser- ihr-Stehenden. Deshalb ist Strafe nicht nur Wieder- vergeltung, sondern hat ein Mehr, ein Etwas von der Härte des Naturzustandes; an diesen will sie eben erinnern. 23. Ob die Anhänger der Lehre vom freien Willen strafen dürfen? — Die Menschen, welche von Berufs- wegen richten und strafen, suchen in jedem Falle festzu- stellen, ob ein Uebelthäter überhaupt für seine That ver- antwortlich ist, ob er seine Vernunft anwenden konnte, ob er aus Gründen handelte und nicht unbewusst oder im Zwange. Straft man ihn, so straft man, dass er die schlechteren Gründe den besseren vorzog: welche er also gekannt haben muss. Wo diese Kenntniss fehlt, ist der Mensch nach der herrschenden Ansicht unfrei und nicht verantwortlich: es sei denn, dass seine Un- kenntniss, zum Beispiel seine ignorantia legis, die Folge einer absichtlichen Vernachlässigung des Erlernens ist; dann hat er also schon damals, als er nicht lernen wollte was er sollte, die schlechteren Gründe den besseren vor- gezogen, und muss jetzt die Folge seiner schlechten Wahl büssen. Wenn er dagegen die besseren Gründe nicht gesehen hat, etwa aus Stumpf- und Blödsinn, so pflegt man nicht zu strafen: es hat ihm, wie man sagt, die Wahl gefehlt, er handelte als Thier. Die absichtliche Digitized by Google — 207 — Verleugnung der besseren Vernunft ist jetzt die Voraus- setzung, die man beim strafwürdigen Verbrechen macht Wie kann aber Jemand absichtlich unvernünftiger sein, als er sein muss? Woher die Entscheidung, wenn die Wagschalen mit guten und schlechten Motiven belastet sind? Also nicht vom Irrthum, nicht von der Blindheit her, nicht von einem äusseren, auch von keinem inneren Zwange her (man erwäge übrigens, dass jeder sogenannte „äussere Zwang4' Nichts weiter ist, als der innere Zwang der Furcht und des Schmerzes). Woher die Entschei- dung? — /ragt man immer wieder. Die Vernunft soll also nicht die Ursache sein, weil sie sich nicht gegen die besseren Gründe entscheiden könnte? Hier nun ruft man den „freien Willen" zu Hülfe: — es soll das vollen- dete Belieben entscheiden! ein Moment eintreten, wo kein Motiv wirkt! wo die That als Wunder geschieht! aus dem Nichts heraus! Man straft diese angebliche Beliebigkeit, in einem Falle, wo kein Belieben herr- schen sollte : die Vernunft, welche das Gesetz, das Verbot und Gebot kennt, hätte gar keine Wahl lassen dürfen, meint man, und als Zwang und höhere Macht wirken sollen. Der Verbrecher wird also bestraft, weil er vom „freien Willen" Gebrauch macht, das heisst: weil er ohne Grund gehandelt hat, wo er nach Gründen hätte handeln sollen. Aber warum that er dies? Dies eben darf nicht einmal mehr gefragt werden: es war eine That ohne „darum", ohne Motiv, ohne Herkunft, etwas Zweckloses und Vernunftloses. — Eine solche That dürfte man aber, nach der ersten oben vorangeschickten Bedingung aller Strafbarkeit, auch nicht strafen! Auch jener Ge- sichtspunkt der Strafbarkeit darf nicht geltend gemacht werden, als wenn hier Etwas nicht gethan, Etwas unter- lassen, von der Vernunft nicht Gebrauch gemacht sei; Digitized by Google denn unter allen Umständen geschah die Unterlassung ohne Absicht! und nur die absichtliche Unterlassung des Gebotenen gilt als strafbar. Der Verbrecher hat zwar die schlechten Gründe den besseren vorgezogen: aber ohne Grund und Absicht; er hat zwar seine Vernunft nicht angewendet: aber nicht, um sie nicht anzuwenden. Jene Voraussetzung, die man beim strafwürdigen Ver- brecher macht, dass er seine Vernunft absichtlich ver- leugnet habe, — gerade sie ist bei der Annahme des „freien Willens" aufgehoben. Ihr dürft nicht strafen, ihr Anhänger der Lehre vom „freien Willen", nach euern eigenen Grundsätzen nicht 1 — Diese sind aber im Grunde Nichts, als eine sehr wunderliche Begriffs-Mythologie ; und das Huhn, welches sie ausgebrütet hat, hat abseits von aller Wirklichkeit auf seinen Eiern gesessen. 24. Zur Beurtheilung des Verbrechers und seines Richters. — Der Verbrecher, der den ganzen Fluss der Umstände kennt, findet seine That nicht so ausser der Ordnung und Begreiflichkeit, wie seine Richter und Tadler ; seine Strafe aber wird ihm gerade nach dem Grade von Erstaunen zugemessen, welches Jene beim Anblick der That als einer Unbegreiflichkeit befällt — Wenn die Kenntniss, welche der Vertheidiger eines Verbrechers von dem Fall und seiner Vorgeschichte hat, weit genug reicht, so müssen die sogenannten Milderungsgründe, welche er der Reihe nach vorbringt, endlich die ganze Schuld hinwegmildem. Oder, noch deutlicher: der Ver- theidiger wird schrittweise jenes verurtheilende und Strafe zumessende Erstaunen mildern und zuletzt ganz aufheben, indem er jeden ehrlichen Zuhörer zu dem inne- ren Geständniss nöthigt: „er musste so handeln, wie er Digitized by Google gehandelt hat; wir würden, wenn wir straften, die ewige Notwendigkeit bestrafen." — Den Grad der Strafe ab- messen nach dem Grad der Kenntniss, welchen man von der Historie eines Verbrechens hat oder überhaupt gewinnen kann, — streitet dies nicht wider alle Billigkeit? — 25- Der Tausch und die Billigkeit. — Bei einem Tausche würde es nur dann ehrlich und rechtlich zugehen, wenn jeder der beiden Tauschenden so viel verlangte, als ihm seine Sache werth scheint: die Mühe des Erlangens, die Seltenheit, die aufgewendete Zeit u. s. w. in Anschlag gebracht, nebst dem Affekt ionswerthe. Sobald er den Preis in Hinsicht auf das Bedürfniss des Andern macht, ist er ein feinerer Räuber und Erpresser. — Ist Geld das eine Tauschobjekt, so ist zu erwägen, dass ein Frankenthaler in der Hand eines reichen Erben, eines Tagelöhners, eines Kaufmannes, eines Studenten ganz verschiedene Dinge sind: Jeder wird, je nachdem er fast Nichts oder Viel that, ihn zu erwerben, Wenig oder Viel dafür empfangen dürfen, — so wäre es billig: in Wahr- heit steht es bekanntlich umgekehrt. In der grossen Geldwelt ist der Thaler des faulsten Reichen gewinn- bringender, als der des Armen und Arbeitsamen. 26. Rechtszustände als Mittel. — Recht, auf Ver- trägen zwischen Gleichen beruhend, besteht, solange die Macht Derer, die sich vertragen haben, eben gleich oder ähnlich ist. Die Klugheit hat das Recht geschaffen, um der Fehde und der nutzlosen Vergeudung zwischen ähnlichen Gewalten ein Ende zu machen. Dieser aber ist ebenso endgültig ein Ende gemacht, wenn der Nietzsche, Menschliches, AlUumenschliches II. 1^ eine Theil entschieden schwächer, als der andere, geworden ist: dann tritt Unterwerfung ein und das Recht hört auf, — aber der Erfolg ist der selbe wie der, welcher bisher durch das Recht erreicht wurde. Denn jetzt ist es die Klugheit des Ueberwiegenden, welche die Kraft des Unterworfenen zu schonen und nicht nutzlos zu vergeuden anräth: und oft ist die Lage des Unterworfenen günstiger, als die des Gleichgestellten war. — Rechtszustände sind also zeitweilige Mittel, welche die Klugheit anräth, — keine Ziele. 27. Erklärung der Schadenfreude. — Die Schaden- freude entsteht daher, dass ein Jeder in mancher ihm wohlbewussten Hinsicht sich schlecht befindet, Sorge oder Neid oder Schmerz hat: der Schaden, der den Andern betrifft, stellt diesen ihm gleich, er versöhnt seinen Neid. — Befindet er sich gerade selber gut, so sammelt er doch das Unglück des Nächsten als ein Kapital in seinem Bewusstsein auf, um es bei einbrechendem eigenen Unglück gegen dasselbe einzusetzen; auch so hat er „Schadenfreude". Die auf Gleichheit gerichtete Gesinnung wirft also ihren Maassstab aus auf das Gebiet des Glücks und des Zufalls: Schadenfreude ist die gemeinste Art Freude über den Sieg und die Wieder- herstellung der Gleichheit, auch innerhalb der höheren Weltordnung. Erst seitdem der Mensch gelernt hat, in anderen Menschen seines Gleichen zu sehen, also erst seit Begründung der Gesellschaft, giebt es Schadenfreude. 28. Das Willkürliche im Zumessen der Strafen. — Die meisten Verbrecher kommen zu ihren Strafen wie die Digitized by Google — 211 — Weiber zu ihren Kindern. Sie haben zehn- und hundert- mal das Selbe gethan, ohne übele Folgen zu spüren: plötzlich kommt eine Entdeckung und hinter ihr die Strafe. Die Gewohnheit sollte doch die Schuld der That, derent- wegen der Verbrecher gestraft wird, entschuldbarer er- scheinen lassen; es ist ja ein Hang entstanden, dem schwerer zu widerstehen ist! Anstatt dessen wird er, wenn der Verdacht des gewohnheitsmässigen Verbrechens vorliegt, härter gestraft; die Gewohnheit wird als Grund gegen alle Milderung geltend gemacht. Eine vorherige musterhafte Lebensweise, gegen welche das Verbrechen um so fürchterlicher absticht, sollte die Schuldbarkeit ver- schärft erscheinen lassen ! — aber sie pflegt die Strafe zu mildern. So wird Alles nicht nach dem Verbrecher bemessen, sondern nach der Gesellschaft und deren Schaden und Gefahr: frühere Nützlichkeit eines Menschen wird gegen seine einmalige Schädlichkeit eingerechnet, frühere Schädlichkeit zur gegenwärtig entdeckten addirt und demnach die Strafe am höchsten zugemessen. Wenn man aber dergestalt die Vergangenheit eines Menschen mit straft oder mit belohnt (dies im ersten Fall, wo das Weniger- Strafen ein Belohnen ist), so sollte man noch weiter zurückgehen und die Ursache einer solchen oder solchen Vergangenheit strafen und belohnen, ich meine Eltern, Erzieher, die Gesellschaft u. s. w. ; in vielen Fällen wird man dann die Richter irgendwie bei der Schuld betheiligt finden. Es ist willkürlich, beim Verbrecher stehen zu bleiben, wenn man die Vergangenheit straft: man sollte, wenn man die absolute Entschuldbarkeit jeder Schuld nicht zugeben will, bei jedem einzelnen Fall stehn bleiben und nicht weiter zurückblicken: also die Schuld isoliren und sie gar nicht mit der Vergangen- heit in Verknüpfung bringen, — sonst wird man zum Digitized by Google — 212 Sünder gegen die Logik. Zieht vielmehr, ihr Willens- Freien, den notwendigen Schluss aus eurer Lehre von der „Freiheit des Willens" und dekretirt kühnlich : „keine That hat eine Vergangenheit" 29. Der Neid und sein edlerer Bruder. — Wo die Gleichheit wirklich durchgedrungen und dauernd be- gründet ist, entsteht jener, im Ganzen als unmoralisch geltende Hang, der im Naturzustande kaum begreiflich wäre: der Neid. Der Neidische fühlt jedes Hervorragen des Anderen über das gemeinsame Maass und will ihn bis dahin herabdrücken — oder sich bis dorthin erheben: woraus sich zwei verschiedene Handlungsweisen ergeben, welche Hesiod als die böse und die gute Eris bezeich- net hat. Ebenso entsteht im Zustande der Gleichheit die Indignation darüber, dass es einem Anderen unter seiner Würde und Gleichheit schlecht ergeht, einem Zweiten über seiner Gleichheit gut: es sind dies Affekte edlerer Naturen. Sie vermissen in den Dingen, welche von der Willkür des Menschen unabhängig sind, Ge- rechtigkeit und Billigkeit, — das heisst: sie verlangen, dass jene Gleichheit, die der Mensch anerkennt, nun auch von der Natur und dem Zufall anerkannt werde; sie zürnen darüber, dass es den Gleichen nicht gleich ergeht. 30. Neid der Götter. — Der „Neid der Götter" entsteht, wenn der niedriger- Geachtete sich irgendworin dem Höheren gleichsetzt (wie Ajax) oder durch Gunst des Schicksals ihm gleichgesetzt wird (wie Niobe als über- reich gesegnete Mutter). Innerhalb der gesellschaft- lichen Rangordnung stellt dieser Neid die Forderung auf, Digitized by Google 213 — dass ein Jeder kein Verdienst über seinem Stande habe, auch dass sein Glück diesem gemäss sei und namentlich dass sein Selbstbewusstsein jenen Schranken nicht ent- wachse. Oft erfährt der siegreiche General den „Neid der Götter", ebenso der Schüler, der ein meisterliches Werk schuf. Eitelkeit alsNachtrieb des ungesellschaft- lichen Zustande s. — Da die Menschen ihrer Sicher- heit wegen sich selber als einander gleich gesetzt haben, zur Gründung der Gemeinde, diese Auffassung aber im Grunde wider die Natur des Einzelnen geht und etwas Erzwungenes ist, so machen sich, je mehr die allgemeine Sicherheit gewährleistet ist, neue Schösslinge des alten Triebes nach Uebergewicht geltend: in der Abgrenzung der Stände, in dem Anspruch auf Berufs-Würden und -Vorrechte, überhaupt in der Eitelkeit (Manieren, Tracht, Sprache u. s. w). Sobald einmal eine Gefährdung des Gemeinwesens wieder fühlbar wird, drücken die Zahl- reicheren, welche im Zustande der allgemeinen Ruhe ihr Uebergewicht nicht durchsetzen konnten, wieder den Zustand der Gleichheit hervor: die absurden Sonderrechte und Eitelkeiten verschwinden auf einige Zeit. Stürzt aber das Gemeinwesen ganz zusammen, geräth Alles in Anarchie, so bricht sofort der Naturzustand, die unbe- kümmerte, rücksichtslose Ungleichheit hervor, wie dies auf Korkyra geschah, nach dem Berichte des Thukydides. Es giebt weder ein Naturrecht, noch ein Naturunrecht. 32- Billigkeit. — Eine Fortbildung der Gerechtigkeit ist die Billigkeit, entstehend unter Solchen, welche nicht gegen die Gemeinde -Gleichheit Verstössen: es wird auf Digitized by Google — 2I4 — Fälle, für die das Gesetz Nichts vorschreibt, jene feinere Rücksicht des Gleichgewichts übertragen, welche vor- und rückwärts blickt, und deren Maxime ist „wie du mir, so ich dir". Aequum heisst eben „es ist gemäss unserer Gleichheit; diese mildert auch unsere kleinen Verschie- denheiten zu einem Anschein von Gleichheit herab und will, dass wir Manches uns nachsehen, was wir nicht müssten". 33- Elemente der Rache. — Das Wort „Rache" ist so schnell gesprochen: fast scheint es, als ob es gar nicht mehr enthalten könne, als Eine Begriffs- und Em- pfindungswurzel. Und so bemüht man sich immer noch, dieselbe zu finden: wie unsere Nationalökonomen noch nicht müde geworden sind, im Worte „Werth" eine solche Einheit zu wittern und nach dem ursprünglichen Wurzel -Begriff des Werthes zu suchen. Als ob nicht alle Worte Taschen wären, in welche bald Dies, bald Jenes, bald Mehreres auf einmal gesteckt worden ist! So ist auch „Rache" bald Dies, bald Jenes, bald etwas mehr Zusammengesetztes. Man unterscheide einmal jenen abwehrenden Zurückschlag, den man fast unwillkürlich auch gegen leblose Gegenstände, die uns beschädigt haben (wie gegen bewegte Maschinen), ausführt: der Sinn unserer Gegenbewegung ist, dem Beschädigen Einhalt zu thun, dadurch dass wir die Maschine zum Stillstand bringen. Der Gegenschlag muss mitunter, um dies zu erreichen, so stark sein, dass er die Maschine zertrümmert; wenn dieselbe aber zu haltbar ist, um vom Einzelnen so- fort zerstört werden zu können, wird Dieser doch immer noch den heftigsten Schlag ausführen, dessen er fähig ist, — gleichsam als einen letzten Versuch. So benimmt man sich auch gegen schädigende Personen bei der Digitized by Google - 2i5 — unmittelbaren Empfindung des Schadens selber; will man diesen Akt einen Rache -Akt nennen, so mag es sein; nur erwäge man, dass hier allein die Selbst-Erhaltung ihr Vernunft -Räderwerk in Bewegung gesetzt hat, und dass man im Grunde nicht an den Schädiger, sondern nur an sich dabei denkt: wir handeln so, ohne wieder schaden zu wollen, sondern nur, um noch mit Leib und Leben davonzukommen. — Man braucht Zeit, wenn man von sich mit seinen Gedanken zum Gegner über- geht und sich fragt, auf welche Weise er am empfind- lichsten zu treffen ist. Dies geschieht bei der zweiten Art von Rache: ein Nachdenken über die Verwundbarkeit und Leidensfähigkeit des Andern ist ihre Voraussetzung; man will wehe thun. Dagegen sich selber gegen weite- ren Schaden sichern, liegt hier so wenig im Gesichtskreis des Rachenehmenden, dass er fast regelmässig den weiteren eignen Schaden zu Wege bringt und ihm sehr oft kaltblütig vorher entgegensieht. War es bei der ersten Art von Rache die Angst vor dem zweiten Schlage, welche den Gegenschlag so stark wie möglich machte: so ist hier fast völlige Gleichgültigkeit gegen Das, was der Gegner thun wird; die Stärke des Gegen- schlags wird nur durch Das, was er uns gethan hat, bestimmt. — Was hat er denn gethan? Und was nützt es uns, wenn er nun leidet, nachdem wir durch ihn gelitten haben? Es handelt sich um eine Wiederher- stellung: während der Rache -Akt erster Art nur der Selbst- Erhaltung dient. Vielleicht verloren wir durch den Gegner Besitz, Rang, Freunde, Kinder, — diese Verluste werden durch die Rache nicht zurückgekauft, die Wiederherstellung bezieht sich allein auf einen Nebenverlust bei allen den erwähnten Verlusten. Die Rache der Wiederherstellung bewahrt nicht vor weiterem Digitized by Google — 2 16 — Schaden, sie macht den erlittenen Schaden nicht wieder gut, — ausser in Einem Falle. Wenn unsere Ehre durch den Gegner gelitten hat, so vermag die Rache sie wiederherzustellen. Sie hat aber in jedem Falle einen Schaden erlitten, wenn man uns absichtlich ein Leid zufügte: denn der Gegner bewies damit, dass er uns nicht fürchtete. Durch die Rache beweisen wir, dass wir auch ihn nicht fürchten: darin liegt die Ausgleichung, die Wiederherstellung. (Die Absicht, den völligen Mangel an Furcht zu zeigen, geht bei einigen Personen so weit, dass ihnen die Gefährlichkeit der Rache für sie selbst — Einbusse der Gesundheit oder des Lebens, oder sonstige Verluste — als eine uncrlässlichc Bedingung jeder Rache gilt. Deshalb gehen sie den Weg des Duells, obschon die Gerichte ihnen den Arm bieten, um auch so Genug- tuung für die Beleidigung zu erhalten: sie nehmen aber die gefahrlose Wiederherstellung ihrer Ehre nicht als genügend an, weil sie ihren Mangel an Furcht nicht beweisen kann.) — Bei der ersterwähnten Art der Rache ist es gerade die Furcht, die den Gegenschlag ausführt: hier dagegen ist es die Abwesenheit der Furcht, welche, wie gesagt, durch den Gegenschlag sich beweisen will. — Nichts scheint also verschiedener, als die innere Motivirung der beiden Handlungsweisen, die mit Einem Wort „Rache" benannt werden: und trotzdem kommt es sehr häufig vor, dass der Rache -Uebcnde in Unklarheit ist, was ihn eigentlich zur That bestimmt hat; vielleicht, dass er aus Furcht und um sich zu erhalten den Gegen- schlag führte, hinterher aber, als er Zeit hatte, über den Gesichtspunkt der verletzten Ehre nachzudenken, selber sich einredet, seiner Ehre halber sich gerächt zu haben: — dieses Motiv ist ja jedenfalls vornehmer, als das andere. Dabei ist noch wesentlich, ob er seine Ehre in Digitized by Google — 2I7 — den Augen der Anderen (der Welt) beschädigt sieht oder nur in den Augen des Beleidigers: im letztern Falle wird er die geheime Rache vorziehen, im erstem aber die öffentliche. Je nachdem er sich lebhaft oder schwach in die Seele des Thäters und der Zuschauer hineindenkt, wird seine Rache erbitterter oder zahmer sein; fehlt ihm diese Art Phantasie ganz, so wird er gar nicht an Rache denken; denn das Gefühl der „Ehre" ist dann bei ihm nicht vorhanden, also auch nicht zu verletzen. Ebenso wird er nicht an Rache denken, wenn er den Thäter und die Zuschauer der That verachtet: weil sie ihm keine Ehre geben können, als Verachtete, und demnach auch keine Ehre nehmen können. Endlich wird er auf Rache in dem nicht ungewöhnlichen Falle verzichten, dass er den Thäter liebt: freilich büsst er so in dessen Augen an Ehre ein und wird vielleicht der Gegenliebe dadurch weniger würdig. Aber auch auf alle Gegenliebe Verzicht leisten, ist ein Opfer, welches die Liebe zu bringen bereit ist, wenn sie dem geliebten Wesen nur nicht wehe thun muss: dies hiesse sich selber mehr wehe thun, als jenes Opfer wehe thut. — Also: Jedermann wird sich rächen, er sei denn ehrlos oder voll Verachtung oder voll Liebe gegen den Schädiger und Beleidiger. Auch wenn er sich an die Gerichte wendet, so will er die Rache als private Person: nebenbei aber noch, als weiter- denkender vorsorglicher Mensch der Gesellschaft, die Rache der Gesellschaft an Einem, der sie nicht ehrt. So wird durch die gerichtliche Strafe sowohl die Privat- ehre als auch die Gesellschaftsehre wiederhergestellt: das heisst — Strafe ist Rache. — Es giebt in ihr un- zweifelhaft auch noch jenes andere, zuerst beschriebene Element der Rache, insofern durch sie die Gesellschaft ihrer Selbst-Erhaltung dient und der Nothwehr Digitized by Google — 218 — halber einen Gegenschlag führt. Die Strafe will das weitere Schädigen verhüten, sie will abschrecken. Auf diese Weise sind wirklich in der Strafe beide so verschiedene Elemente der Rache verknüpft, und dies mag vielleicht am meisten dahin wirken, jene erwähnte Begriffsverwirrung zu unterhalten, vermöge deren der Einzelne, der sich rächt, gewöhnlich nicht weiss, was er eigentlich will. 34- Die Tugenden der Einbusse. — Als Mitglieder von Gesellschaften glauben wir gewisse Tugenden nicht ausüben zu dürfen, die uns als Privaten die grösste Ehre und einiges Vergnügen machen, zum Beispiel Gnade und Nachsicht gegen Verfehlende aller Art, — überhaupt jede Handlungsweise, bei welcher der Vortheil der Gesell- schaft durch unsere Tugend leiden würde. Kein Richter- Collegium darf sich vor seinem Gewissen erlauben, gnädig zu sein: dem König, als einem Einzelnen, hat man dies Vorrecht aufbehalten; man freut sich, wenn er Gebrauch davon macht, — zum Beweise, dass man gern gnädig sein möchte, aber durchaus nicht als Gesellschaft. Diese er- kennt somit nur die ihr vortheilhaften oder mindestens unschädlichen Tugenden an (die ohne Einbusse oder gar mit Zinsen geübt werden, zum Beispiel Gerechtigkeit). Jene Tugenden der Einbusse können demnach in der Gesellschaft nicht entstanden sein, da noch jetzt, innerhalb jeder kleinsten sich bildenden Gesellschaft der Widerspruch gegen sie sich erhebt. Es sind also Tugen- den unter Nicht-Gleichgestellten, erfunden von dem Ueber- legenen, Einzelnen, es sind Herrscher-Tugenden, mit dem Hintergedanken, „ich bin mächtig genug, um mir eine ersichtliche Einbusse gefallen zu lassen, dies ist ein Be- weis meiner Macht" — also mit Stolz verwandte Tugenden. Digitized by Google — 2ig — 35- Casuistik des Vorth eil s. — Es gäbe keine Ca- suistik der Moral, wenn es keine Casuistik des Vortheils gäbe. Der freieste und feinste Verstand reicht oft nicht aus, zwischen zwei Dingen so zu wählen, dass der grössere Vortheil nothwendig bei seiner Wahl ist. In solchen Fällen wählt man, weil man wählen muss, und hat hinterdrein eine Art Seekrankheit der Empfindung. 36. Zum Heuchler werden. — Jeder Bettler wird zum Heuchler; wie Jeder, der aus einem Mangel, aus einem Nothstand (sei dies ein persönlicher oder ein öffentlicher) seinen Beruf macht. — Der Bettler empfindet den Mangel lange nicht so, wie er ihn empfinden machen muss, wenn er vom Betteln leben will. 37- Eine Art Kultus der Leidenschaften. — Ihr Düsterlinge und philosophischen Blindschleichen redet, um den Charakter des ganzen Weltwesens anzuklagen, von dem furchtbaren Charakter der menschlichen Leidenschaften. Als ob überall, wo es Leidenschaft gegeben hat, es auch Furchtbarkeit gegeben hätte! Als ob es immerfort in der Welt diese Art von Furcht- barkeit geben müsste! — Durch eine Vernachlässigung im Kleinen, durch Mangel an Selbstbeobachtung und Beobachtung Derer, welche erzogen werden sollen, habt ihr selber erst die Leidenschaften zu solchen Unthiercn anwachsen lassen, dass euch jetzt schon beim Worte „Leidenschaft" Furcht befällt! Es stand bei euch und steht bei uns, den Leidenschaften ihren furchtbaren Charakter zu nehmen und dermaassen vorzubeugen, Digitized by Google — 220 dass sie nicht zu verheerenden Wildwassern werden. — Man soll seine Versehen nicht zu ewigen Fatalitäten aufblasen; vielmehr wollen wir redlich mit an der Auf- gabe arbeiten, die Leidenschaften der Menschheit alle- sammt in Freudenschaften umzuwandeln. 38. Gewissensbiss. — Der Gewissensbiss ist, wie der Biss des Hundes gegen einen Stein, eine Dummheit. 39- Ursprung der Rechte. — Die Rechte gehen zu- nächst auf Herkommen zurück, das Herkommen aut ein einmaliges Abkommen. Man war irgendwann einmal beiderseitig mit den Folgen des getroffenen Abkommens zufrieden und wiederum zu träge, um es förmlich zu erneuern; so lebte man fort, wie wenn es immer erneuert worden wäre, und alimählich, als die Vergessenheit ihre Nebel über den Ursprung breitete, glaubte man einen heiligen, unverrückbaren Zustand zu haben, auf dem jedes Geschlecht weiterbauen müsse. Das Herkommen war jetzt Zwang, auch wenn es den Nutzen nicht mehr brachte, dessentwegen man ursprüng- lich das Abkommen gemacht hatte. — Die Schwachen haben hier ihre feste Burg zu allen Zeiten gefunden: sie neigen dahin, das einmalige Abkommen, die Gnaden- erweisung, zu verewigen. 40. Die Bedeutung des Vergessens in der mora- lischen Empfindung. - Die selben Handlungen, welche innerhalb der urspünglichen Gesellschaft zuerst die Absicht auf gemeinsamen Nutzen eingab, sind Digitized by Google — 221 später von anderen Generationen auf andere Motive hin gethan worden: aus Furcht oder Ehrfurcht vor Denen, die sie forderten und anempfahlen: oder aus Gewohnheit, weil man sie von Kindheit an um sich hatte thun sehen: oder aus Wohlwollen, weil ihre Ausübung überall Freude und zustimmende Gesichter schuf: oder aus Eitelkeit, weil sie gelobt wurden. Solche Handlungen, an denen das Grundmotiv, das der Nützlichkeit, vergessen worden ist, heissen dann moralische: nicht etwa, weil sie aus jenen anderen Motiven, sondern weil sie nicht aus bewusster Nützlichkeit gethan werden. — Woher dieser Ha ss gegen den Nutzen, der hier sichtbar wird, wo sich alles lohenswerthe Handeln gegen das Handeln um des Nutzens willen förmlich abschliesst? — Offenbar hat die Gesellschaft, der Herd aller Moral und aller Lob- sprüche des moralischen Handelns, allzu lange und allzu hart mit dem Eigen -Nutzen und Eigen -Sinne des Ein- zelnen zu kämpfen gehabt, um nicht zuletzt jedes andere Motiv sittlich höher zu taxiren, als den Nutzen. So ent- steht der Anschein, als ob die Moral nicht aus dem Nutzen herausgewachsen sei: während sie ursprünglich der Gesellschafts-Nutzen ist, der grosse Mühe hatte, sich gegen alle die Privat -Nützlichkeiten durchzusetzen und in höheres Ansehen zu bringen. 4t. Die Erbreichen der Moralität. — Es giebt auch im Moralischen einen Erbreichthum: ihn besitzen die Sanften, Gutmüthigen, Mitleidigen, Mildthätigen, welche Alle die gute Handlungsweise, aber nicht die Vernunft (die Quelle derselben) von ihren Vorfahren her mit- bekommen haben. Das Angenehme an diesem Reich- thum ist, dass man von ihm fortwährend darreichen und Digitized by Google 222 mittheilen muss, wenn er überhaupt empfunden werden soll, und dass er somit unwillkürlich daran arbeitet, die Abstände zwischen moralisch - reich und -arm geringer zu machen: und zwar, was das Merkwürdigste und Beste ist, nicht zu Gunsten eines dereinstigen Mittel- maasses zwischen diesem arm und reich, sondern zu Gunsten eines allgemeinen Reich- und Ueberreich- werdens. — So wie hier geschehen ist, lässt sich etwa die herrschende Ansicht über den moralischen Erbreich- thum zusammenfassen: aber es scheint mir, dass dieselbe mehr in majorem gloriam der Moralität, als zu Ehren der Wahrheit aufrecht erhalten wird. Die Erfahrung mindestens stellt einen Satz auf, welcher, wenn nicht als Widerlegung, jedenfalls als bedeutende Einschränkung jener Allgemeinheit zu gelten hat. Ohne den erlesensten Verstand, so sagt die Erfahrung, ohne die Fähigkeit der feinsten Wahl und einen starken Hang zum Maasshalten, werden die Moralisch-Erbreichen zu Ver- schwendern der Moralität: indem sie haltlos sich ihren mitleidigen, mildthätigen, versöhnenden, beschwichtigenden Trieben überlassen, machen sie alle Welt um sich nach- lässiger, begehrlicher und sentimentaler. Die Kinder solcher höchst moralischen Verschwender sind daher leicht — und wie leider zu sagen ist, bestenfalls — angenehme schwächliche Taugenichtse. 42- Der Richter und die Milderungsgründe. — „Man soll auch gegen den Teufel honnett sein und seine Schulden bezahlen", sagte ein alter Soldat, als man ihm die Geschichte Faustens etwas genauer erzählt hatte, „Faust gehört in die Hölle!" — „Oh, ihr schrecklichen Männer!" rief seine Gattin aus, „wie ist das nur möglich! Digitized by Google 223 — Er hat ja Nichts gethan, als keine Tinte im Tintenfass gehabt! Mit Blut schreiben ist freilich eine Sünde, aber deshalb soll ein so schöner Mann doch nicht brennen?" 43- Problem der Pflicht zur Wahrheit. — „Pflicht" ist ein zwingendes, zur That drängendes Gefühl, das wir gut nennen und für undiskutirbar halten (— über Ursprung, Grenze und Berechtigung desselben wollen wir nicht reden und nicht geredet haben). Der Denker hält aber Alles für geworden und alles Gewordene für diskutirbar, ist also der Mann ohne Pflicht, — solange er eben nur Denker ist. Als solcher würde er also auch die Pflicht, die Wahrheit zu sehen und zu sagen, nicht anerkennen und dies Gefühl nicht fühlen; er fragt: woher kommt sie? wohin will sie?, — aber dies Fragen selber wird von ihm als fragwürdig angesehen. Hätte dies aber nicht zur Folge, dass die Maschine des Denkers nicht mehr recht arbeitet, wenn er sich beim Akte des Er- kennens wirklich unverpflichtet fühlen könnte? Insofern scheint hier zur Heizung das selbe Element nöthig zu sein, das vermittelst der Maschine untersucht werden soll. — Die Formel würde vielleicht sein: an- genommen, es gebe eine Pflicht, die Wahrheit zu erkennen, wie lautet die Wahrheit dann in Bezug auf jede andere Art von Pflicht? — Aber ist ein hypothe- tisches Pflichtgefühl nicht ein Widersinn? — 44. Stufen der Moral. — Moral ist zunächst ein Mittel, die Gemeinde überhaupt zu erhalten und den Untergang von ihr abzuwehren; sodann ist sie ein Mittel, die Ge- meinde auf einer gewissen Höhe und in einer gewissen Digitized by Google — 224 — Güte zu erhalten. Ihre Motive sind Furcht und Hoff- nung: und zwar um so derbere, mächtigere, gröbere, als der Hang zum Verkehrten, Einseitigen, Persönlichen noch sehr stark ist. Die entsetzlichsten Angstmittel müssen hier Dienste thun so lange noch keine milderen wirken wollen und jene doppelte Art der Erhaltung sich nicht anders erreichen lässt (zu ihren allerstärksten gehört die Erfindung eines Jenseits mit einer ewigen Hölle). Weitere Stufen der Moral, und also Mittel zum bezeich- neten Zwecke sind die Befehle eines Gottes (wie das mosaische Gesetz); noch weitere und höhere die Befehle eines absoluten PflichtbegrifTs mit dem „du sollst", — Alles noch ziemlich grob zugehauene, aber breite Stufen, weil die Menschen auf die feineren, schmäleren, ihren Fuss noch nicht zu setzen wissen. Dann kommt eine Moral der Neigung, des Geschmacks, endlich die der Einsicht, — welche über alle illusionären Motive der Moral hinaus ist, aber sich klar gemacht hat, wie die Menschheit lange Zeiten hindurch keine anderen haben durfte. 45- Moral des Mitleidens im Munde der Un- mässigen. — Alle Die, welche sich selber nicht genug in der Gewalt haben und die Moralität nicht als fort- währende, im Grossen und Kleinsten geübte Selbstbe- herrschung und Selbstüberwindung kennen, werden un- willkürlich zu Verherrlichern der guten , mitleidigen, wohlwollenden Regungen, jener instinktiven Moralität, welche keinen Kopf hat, sondern nur aus Herz und hülf- reichen Händen zu bestehen scheint. Ja es ist in ihrem Interesse, eine Moralität der Vernunft zu verdächtigen und jene andere zur alleinigen zu machen. Digitized by Google — 225 — 46. Kloaken der Seele. — Auch die Seele muss ihre bestimmten Kloaken haben, wohin sie ihren Unrath ab- fliessen lässt: dazu dienen Personen, Verhältnisse, Stände oder das Vaterland oder die Welt oder endlich — für die ganz Hoffärtigen (ich meine unsere lieben modernen „Pessimisten") — der liebe Gott. 47- Eine Art von Ruhe und Beschaulichkeit — Hüte dich, dass deine Ruhe und Beschaulichkeit nicht der des Hundes vor einem Fleischerladen gleicht, den die Furcht nicht vorwärts und die Begierde nicht rück- wärts gehen lässt: und der die Augen aufsperrt, als ob sie Münder wären. 48. Das Verbot ohne Gründe. — Ein Verbot, dessen Grund wir nicht verstehen oder zugeben, ist nicht nur für den Trotzkopf, sondern auch für den Erkenntniss- durstigen fast ein Geheiss: man lässt es auf den Versuch ankommen, um so zu erfahren, weshalb das Verbot gegeben ist. Moralische Verbote, wie die des Dekalogs, passen nur für Zeitalter der unterworfenen Vernunft: jetzt würde ein Verbot „du sollst nicht tödten", „du sollst nicht ehebrechen", ohne Gründe hingestellt, eher eine schädliche, als eine nützliche Wirkung haben. 49. Charakterbild. — Was ist das für ein Mensch, der von sich sagen kann: „ich verachte sehr leicht, aber hasse nie. An jedem Menschen finde ich sofort Etwas heraus, das zu ehren ist und dessentwegen ich ihn ehre; die sogenannten liebenswürdigen Eigenschaften ziehen mich wenig an." Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches II. 15 Digitized by Google — 226 — 50- Mitleiden und Verachtung. — Mitleiden äussern wird als ein Zeichen der Verachtung empfunden, weil man ersichtlich aufgehört hat, ein Gegenstand der Furcht zu sein, sobald Einem Mitleiden erwiesen wird. Man ist als Bemitleideter unter das Niveau des Gleich- gewichts hinabgesunken, — während schon für gleich zu gelten der menschlichen Eitelkeit nicht genugthut, son- dern erst das Hervorragen und Furchteinflössen der Seele das erwünschteste aller Gefühle giebt. Deshalb ist es ein Problem, wie die Schätzung des Mitleides aufgekommen ist, ebenso wie erklärt werden muss, warum jetzt der Uneigennützige gelobt wird: ursprünglich wird er ver- achtet oder als tückisch gefürchtet. 5». Klein sein können. — Man muss den Blumen, Gräsern und Schmetterlingen auch noch so nahe sein wie ein Kind, das nicht viel über sie hinwegreicht. Wir Aelteren dagegen sind über sie hinausgewachsen und müssen uns zu ihnen herablassen; ich meine, die Gräser hassen uns, wenn wir unsere Liebe für sie bekennen. — Wer an allem Guten Theil haben will, muss auch zu Stunden klein zu sein verstehen. 52. Inhalt des Gewissens. — Der Inhalt unseres Gewissens ist Alles, was in den Jahren der Kindheit von uns ohne Grund regelmässig gefordert wurde, durch Personen, die wir verehrten oder fürchteten. Vom Gewissen aus wird also jenes Gefühl des Müssens erregt („Dieses muss ich thun, Dieses lassen"), welches nicht fragt: warum muss ich? — In allen Fällen, wo Digitized by Google — 227 — eine Sache mit „weil" und „warum" gethan wird, handelt der Mensch ohne Gewissen; deshalb aber noch nicht wider dasselbe. — Der Glaube an Autoritäten ist die Quelle des Gewissens: es ist also nicht die Stimme Gottes in der Brust des Menschen, sondern die Stimme einiger Menschen im Menschen. 53- Ueberwindung der Leidenschaften. — Der Mensch, der seine Leidenschaften überwunden hat, ist in den Besitz des fruchtbarsten Erdreiches getreten: wie der Kolonist, der über die Wälder und Sümpfe Herr geworden ist. Auf dem Boden der bezwungenen Leiden- schaften den Samen der guten geistigen Werke säen, ist dann die dringende nächste Aufgabe. Die Ueberwindung selber ist nur ein Mittel, kein Ziel; wenn sie nicht so angesehen wird, so wächst schnell allerlei Unkraut und Teufelszeug auf dem leergewordenen fetten Boden auf, und bald geht es auf ihm voller und toller zu, als je vorher. 54- Geschick zum Dienen. — Alle sogenannten prak- tischen Menschen haben ein Geschick zum Dienen: das eben macht sie praktisch, sei es für Andere oder für sich selber. Robinson besass noch einen besseren Diener, als Freitag war: das war Crusoe. 55- Gefahr der Sprache für die geistige Frei- heit. — Jedes Wort ist ein Vorurtheil. 56. Geist und Langeweile. — Das Sprüch wort: „Der Magyar ist viel zu faul, um sich zu langweilen", giebt 15* Digitized by Google — 228 — zu denken. Die feinsten und thätigsten Thiere erst sind der Langenweile fähig. — Ein Vorwurf für einen grossen Dichter wäre die Langeweile Gottes am siebenten Tage der Schöpfung. 57- Im Verkehr mit den Thiere n. — Man kann das Entstehen der Moral in unserem Verhalten gegen die Thiere noch beobachten. Wo Nutzen und Schaden nicht in Betracht kommen, haben wir ein Gefühl der völligen Unverantwortlichkeit ; wir tödten und verwunden zum Beispiel Insekten, oder lassen sie leben, und denken für gewöhnlich gar Nichts dabei. Wir sind so plump, dass schon unsere Artigkeiten gegen Blumen und kleine Thiere fast immer mörderisch sind: was unser Vergnügen an ihnen gar nicht beeinträchtigt. — Es ist heute das Fest der kleinen Thiere, der schwülste Tag des Jahres: es wimmelt und krabbelt um uns, und wir zerdrücken, ohne es zu wollen, aber auch ohne Acht zu geben, bald hier, bald dort ein Würmchen und gefiedertes Käferchen. — Bringen die Thiere uns Schaden, so er- streben wir auf jede Weise ihre Vernichtung; die Mittel hiezu sind oft grausam genug, ohne dass wir dies eigentlich wollen: es ist die Grausamkeit der Gedanken- losigkeit. Nützen sie, so beuten wir sie aus: bis eine feinere Klugheit uns lehrt, dass gewisse Thiere für eine andere Behandlung, nämlich für die der Pflege und Zucht, reichlich lohnen. Da erst entsteht Verantwort- lichkeit. Gegen das Hausthier wird die Quälerei ge- mieden; der eine Mensch empört sich, wenn ein anderer unbarmherzig gegen seine Kuh ist, ganz in Gemässheit der primitiven Gemeinde - Moral , welche den gemein- samen Nutzen in Gefahr sieht, so oft ein Einzelner sich vergeht. Wer in der Gemeinde ein Vergehen wahr- Digitized by Google — 229 nimmt, fürchtet den indirekten Schaden für sich: und wir fürchten für die Güte des Fleisches, des Landbaues und der Verkehrsmittel, wenn wir die Hausthiere nicht gut behandelt sehen. Zudem erweckt Der, welcher roh gegen Thiere ist, den Argwohn, auch roh gegen schwache, ungleiche, der Rache unfähige Menschen zu sein; er gilt als unedel, des feineren Stolzes ermangelnd. So entsteht ein Ansatz von moralischem Urtheilen und Empfinden: das Beste thut nun der Aberglaube hinzu. Manche Thiere reizen durch Blicke, Töne und Gebärden den Menschen an, sich in sie hineinzudichten, und manche Religionen lehren im Thiere unter Umständen den Wohnsitz von Menschen- und Götterseelen sehen: weshalb sie überhaupt edlere Vorsicht, ja ehrfürchtige Scheu im Umgange mit den Thieren anempfehlen. Auch nach dem Verschwinden dieses Aberglaubens wirken die von ihm erweckten Empfindungen fort und reifen und blühen aus. — Das Christenthum hat sich bekanntlich in diesem Punkte als arme und zurückbildende Religion bewährt. 58. Neue Schauspieler. — Es giebt unter den Menschen keine grössere Banalität, als den Tod; zuzweit im Range steht die Geburt (weil nicht Alle geboren werden, welche doch sterben); dann folgt die Heirath. Aber diese kleinen abgespielten Tragikomödien werden bei jeder ihrer un- gezählten und unzählbaren Aufführungen immer wieder von neuen Schauspielern dargestellt und hören deshalb nicht auf, interessirte Zuschauer zu haben: während man glauben sollte, dass die gesammte Zuschauerschaft des Erdentheaters sich längst, aus Ueberdruss daran, an allen Bäumen aufgehängt hätte. So Viel liegt; an neuen Schauspielern! so Wenig am Stück! Digitized by Google — 230 59- Was ist „obstinat"? — Der kürzeste Weg ist nicht der möglichst gerade, sondern der, bei welchem die günstigsten Winde unsere Segel schwellen: so sagt die Lehre der Schifffahrer. Ihr nicht zu folgen heisst obstinat sein: die Festigkeit des Charakters ist da durch Dummheit verunreinigt. 60. Das Wort „Eitelkeit". — Es ist lästig, dass einzelne Worte, deren wir Moralisten schlechterdings nicht entrathen können, schon eine Art Sittencensur in sich tragen — aus jenen Zeiten her, in denen die nächsten und natürlichsten Regungen des Menschen verketzert wurden. So wird jene Grundüberzeugung, dass wir auf den Wellen der Gesellschaft viel mehr durch Das, was wir gelten, als durch Das, was wir sind, gutes Fahr- wasser haben oder Schiffbruch leiden — eine Ueber- zeugung, die für alles Handeln in Bezug auf die Gesellschaft das Steuerruder sein muss — mit dem allgemeinsten Worte „Eitelkeit", „vanitas" gebrandmarkt, eines der vollsten und inhaltreichsten Dinge mit einem Ausdruck, welcher dasselbe als das eigentlich Leere und Nichtige bezeichnet, etwas Grosses mit einem Deminu- tivum, ja mit den Federstrichen der Karrikatur. Es hilft Nichts, wir müssen solche Worte gebrauchen, aber dabei unser Ohr den Einflüsterungen alter Gewohnheit ver- schliessen. 61. Türkenfatalismus. — Der Türkenfatalismus hat den Grundfehler, dass er den Menschen und das Fatum als zwei geschiedene Dinge einander gegenüberstellt: der Mensch, sagt er, könne dem Fatum widerstreben, es zu Digitized by Google — 231 — vereiteln suchen, aber schliesslich behalte es immer den Sieg; weshalb das Vernünftigste sei, zu resigniren oder nach Belieben zu leben. — In Wahrheit ist jeder Mensch selber ein Stück Fatum. Wenn er in der angegebenen Weise dem Fatum zu widerstreben meint, so vollzieht sich eben darin auch das Fatum; der Kampf ist eine Einbildung, aber ebenso jene Resignation in das Fatum; alle diese Einbildungen sind im Fatum eingeschlossen. — Die Angst, welche die Meisten vor der Lehre der „Unfreiheit des Willens" haben, ist die Angst vor dem Türkenfatalismus: sie meinen, der Mensch werde schwäch- lich, resignirt und mit gefalteten Händen vor der Zukunft stehen, weil er an ihr Nichts zu ändern vermöge: oder aber, er werde seiner vollen Launenhaftigkeit die Zügel schiessen lassen, weil auch durch diese das einmal Bestimmte nicht schlimmer werden könne. Die Thor- heiten des Menschen sind ebenso ein Stück Fatum wie seine Klugheiten: auch jene Angst vor dem Glauben an das Fatum ist Fatum. Du selber, armer Aengst- licher, bist die unbezwingliche, noch über den Göttern thronende Moira für Alles, was da kommt; du bist der Segen oder Fluch, und jedenfalls die Fessel, in welcher der Stärkste gebunden liegt; in dir ist alle Zukunft der Menschen -Welt vorherbestimmt, es hilft dir Nichts, wenn dir vor dir selber graut. 62. Advokat des Teufels. — „Nur durch eigenen Schaden wird man klug, nur durch fremden Schaden wird man gut", — so lautet jene seltsame Philosophie, welche alle Moralität aus dem Mitleiden und alle Intellektu- alität aus der Isolation des Menschen ableitet: damit ist sie unbewusst die Sachwalterin aller irdischen Schad- Digitized by Google — 232 — haftigkeiL Denn das Mitleiden hat das Leiden nöthig, und die Isolation die Verachtung der Anderen. 63. Die moralischen Charaktermasken. — In den Zeiten, da die Charaktermasken der Stände für endgültig fest, gleich den Ständen selber, gelten, werden die Mora- listen verführt sein, auch die moralischen Charakter- masken für absolut zu halten und sie so zu zeichnen. So ist Moliere als Zeitgenosse der Gesellschaft Ludwig's XIV. verständlich; in unserer Gesellschaft der Uebergänge und Mittelstufen würde er als ein genialer Pedant erscheinen. 64. Die vornehmste Tugend. — In der ersten Aera des höheren Menschenthums gilt die Tapferkeit als die vor- nehmste der Tugenden, in der zweiten die Gerechtigkeit, in der dritten die Mässigung, in der vierten die Weisheit. In welcher Aera leben wir? In welcher lebst du? 65. Was vorher nöthig ist. — Ein Mensch, der über seinen Jähzorn, seine Gall- und Rachsucht, seine Wollust nicht Meister werden will und es versucht, irgendworin sonst Meister zu werden, ist so dumm wie der Acker- mann, der neben einem Wildbach seine Aecker anlegt, ohne sich gegen ihn zu schützen. 66. Was ist Wahrheit? — Schwarzert (Melanchthon): „Man predigt oft seinen Glauben, wenn man ihn gerade verloren hat und auf allen Gassen sucht, — und man predigt ihn dann nicht am schlechtesten!" — Luther: Digitized by Googl 233 — Du redest heut wahr wie ein Engel, Bruder I — Schwarzert: „Aber es ist der Gedanke deiner Feinde, und sie machen auf dich die Nutzanwendung." — Luther: So war's eine Lüge aus des Teufels Hinterm. 67. Gewohnheit der Gegensätze. — Die allgemeine ungenaue Beobachtung sieht in der Natur überall Gegen- sätze (wie zum Beispiel „warm und kalt"), wo keine Gegen- sätze, sondern nur Grad Verschiedenheiten sind. Diese schlechte Gewohnheit hat uns verleitet, nun auch noch die innere Natur, die geistig-sittliche Welt, nach solchen Gegensätzen verstehen und zerlegen zu wollen. Unsäg- lich viel Schmerzhaftigkeit, Anmaassung, Härte, Entfrem- dung, Erkältung ist so in die menschliche Empfindung hineingekommen, dadurch dass man Gegensätze an Stelle der Uebergänge zu sehen meinte. 68. Ob man vergeben könne? — Wie kann man ihnen überhaupt vergeben, wenn sie nicht wissen, was sie thun! Man hat gar Nichts zu vergeben. — Aber weiss ein Mensch jemals völlig, was er thut? Und wenn dies immer mindestens fraglich bleibt, so haben also die Menschen einander nie Etwas zu vergeben, und Gnade -üben ist für den Vernünftigsten ein unmögliches Ding. Zu allerletzt: wenn die Uebelthäter wirklich gewusst hätten, was sie thaten, — so würden wir doch nur dann ein Recht zur Vergebung haben, wenn wir ein Recht zur Beschuldigung und Strafe hätten. Dies aber haben wir nicht. Digitized by Google - 234 6g. Habituelle Scham. — Warum empfinden wir Scham, wenn uns etwas Gutes und Auszeichnendes erwiesen wird, das wir, wie man sagt, „nicht verdient haben"? — Es scheint uns dabei, dass wir uns in ein Ge- biet eingedrängt haben, wo wir nicht hingehören, wo wir ausgeschlossen sein sollten, — gleichsam in ein Heiliges oder Allerheiligstes, welches für unsern Fuss unbetretbar ist. Durch den Irrthum Anderer sind wir dennoch hinein- gelangt: und nun überwältigt uns theils Furcht, theils Ehrfurcht, theils Ueberraschung; wir wissen nicht, ob wir fliehen, ob wir des gesegneten Augenblickes und seiner Gnaden -Vortheile geniessen sollen. Bei aller Scham ist ein Mysterium, welches durch uns entweiht oder in der Gefahr der Entweihung zu sein scheint; alle Gnade erzeugt Scham. — Erwägt man aber, dass wir überhaupt niemals Etwas „verdient haben", so wird, im Fall man dieser Ansicht innerhalb einer christlichen Gesammt- Betrachtung der Dinge sich hingiebt, das Gefühl der Scham habituell: weil einem Solchen Gott fortwährend zu segnen und Gnade zu üben scheint. Abgesehen von dieser christlichen Auslegung, wäre aber auch für den völlig gottlosen Weisen, der an der gründ- lichen Unverantwortlichkeit und Unverdienstlichkeit alles Wirkens und Wesens festhält, jener Zustand der habi- tuellen Scham möglich : wenn man ihn behandelt, als ob er Dies und Jenes verdient habe, so scheint er sich in eine höhere Ordnung von Wesen eingedrängt zu haben, welche überhaupt Etwas verdienen, welche frei sind und ihres eigenen Wollens und Könnens Verant- wortung wirklich zu tragen vermögen. Wer zu ihm sagt „du hast es verdient", scheint ihm zuzurufen „du bist kein Mensch, sondern ein Gott". Digitized by Google - 235 — 7o. Der ungeschickteste Erzieher. — Bei Diesem sind auf dem Boden seines Widerspruchsgeistes alle seine wirklichen Tugenden angepflanzt, bei Jenem auf seiner Unfähigkeit, Nein zu sagen, also auf seinem Zu- stimmungsgeiste; ein Dritter hat alle seine Moralität aus seinem einsamen Stolze, ein Vierter die seine aus seinem starken Geselligkeitstriebe aufwachsen lassen. Gesetzt nun, durch ungeschickte Erzieher und Zufälle wären bei diesen Vieren die Samenkörner der Tugenden nicht auf den Boden ihrer Natur ausgesäet worden, welcher bei ihnen die meiste und fetteste Erdkrume hat: so wären sie ohne Moralität und schwache unerfreuliche Menschen. Und wer würde gerade der ungeschickteste aller Erzieher und das böse Verhängniss dieser vier Menschen gewesen sein ? . . Der moralische Fanatiker, welcher meint, dass das Gute nur aus dem Guten, auf dem Guten wachsen könne. Schreibart der Vorsicht. — A: Aber, wenn Alle dies wüssten, so würde es den Meisten schädlich sein. Du selber nennst diese Meinungen gefährlich für die Gefährdeten, und doch theilst du sie öffentlich mit? — B: Ich schreibe so, dass weder der Pöbel, noch die populi, noch die Parteien aller Art mich lesen mögen. Folglich werden diese Meinungen nie öffentliche sein. — A: Aber wie schreibst du denn? — B: Weder nütz- lich, noch angenehm — für die genannten Drei. Digitized by Google > III. Religiosität. 72. Göttliche Missionäre. — Auch Sokrates fühlt sich als göttlicher Missionär: aber ich weiss nicht, was für ein Anflug" von attischer Ironie und Lust am Spaassen auch selbst hierbei noch zu spüren ist, wodurch jener fatale und anmaassende Begriff gemildert wird Er redet ohne Salbung davon: seine Bilder, von der Bremse und dem Pferd, sind schlicht und unpriesterlich, und die eigent- lich religiöse Aufgabe, wie er sie sich gestellt fühlt, den Gott auf hunderterlei Weise auf die Probe zu stellen, ob er die Wahrheit geredet habe, lässt auf eine kühne und freimüthige Gebärde schliessen, mit der hier der Missionär seinem Gotte an die Seite tritt Jenes Auf- die -Probe -Stellen des Gottes ist einer der feinsten Compromisse zwischen Frömmigkeit und Freiheit des Geistes, welche je erdacht worden sind. — Jetzt haben wir auch diesen Compromiss nicht mehr nöthig. 73- Ehrliches Malerthum. — Raffael, dem Viel an der Kirche (sofern sie zahlungsfähig war), aber Wenig, gleich den Besten seiner Zeit, an den Gegenständen des kirchlichen Glaubens gelegen war, ist der anspruchs- Digitized by Google — 237 — vollen ekstatischen Frömmigkeit mancher seiner Besteller nicht einen Schritt weit nachgegangen: er hat seine Ehrlichkeit bewahrt, selbst in jenem Ausnahme-Bild, das ursprünglich für eine Processions - Fahne bestimmt war, in der Sixtinischen Madonna. Hier wollte er einmal eine Vision malen: aber eine solche, wie sie edle junge Männer ohne „Glauben" auch haben dürfen und haben werden, die Vision der zukünftigen Gattin, eines klugen, seelisch- vornehmen, schweigsamen und sehr schönen Weibes, das ihren Erstgeborenen im Arme trägt. Mögen die Alten, die an das Beten und Anbeten gewöhnt sind, hier, gleich dem ehrwürdigen Greise zur Linken, etwas Uebermensch- liches verehren: wir Jüngeren wollen es, so scheint Raffael uns zuzurufen, mit dem schönen Mädchen zur Rechten halten, welche mit ihrem auffordernden, durch- aus nicht devoten Blicke den Betrachtern des Bildes sagt: „Nicht wahr? diese Mutter und ihr Kind — das ist ein angenehmer einladender Anblick?" Dies Gesicht und dieser Blick strahlt von der Freude in den Gesichtern der Betrachter wieder; der Künstler, der dies Alles erfand, geniesst sich auf diese Weise selber und giebt seine eigene Freude zur Freude der Kunst -Empfangenden hinzu. — In Betreff des „heilandhaften" Ausdrucks im Kopfe eines Kindes hat Raffael, der Ehrliche, der keinen Seelenzustand malen wollte, an dessen Existenz er nicht glaubte, seine gläubigen Betrachter auf eine artige Weise überlistet; er malte jenes Naturspiel, das nicht selten vorkommt, das Männerauge im Kindskopfe, und zwar das Auge des wackeren hülfereichen Mannes, der einen Nothstand sieht. Zu diesem Auge gehört ein Bart; dass dieser fehlt und dass zwei verschiedene Lebens- alter hier aus Einem Gesichte sprechen, dies ist die an- genehme Paradoxie, welche die Gläubigen sich im Sinne Digitized by Google - 238 - ihres Wunderglaubens gedeutet haben: so wie es der Künstler von ihrer Kunst des Deutens und Hineinlegens auch erwarten durfte. 74- Das Gebet. — Nur unter zwei Voraussetzungen hatte alles Beten — jene noch nicht völlig erloschene Sitte älterer Zeiten — einen Sinn: es müsste möglich sein, die Gottheit zu bestimmen oder umzustimmen, und der Betende müsste selber am besten wissen, was ihm noth thue, was für ihn wahrhaft wünschenswerth sei. Beide Voraussetzungen, in allen anderen Religionen an- genommen und hergebracht, wurden aber gerade vom Christenthum geleugnet; wenn es trotzdem das Gebet beibehielt, bei seinem Glauben an eine allweise und all vorsorgliche Vernunft in Gott, durch welche eben dies Gebet im Grunde sinnlos, ja gotteslästerlich wird, — so zeigte es auch darin wieder seine bewunderungs- würdige Schlangen -Klugheit; denn ein klares Gebot „du sollst nicht beten44 hätte die Christen durch die Langeweile zum Unchristenthum geführt. Im christlichen ora et labora vertritt nämlich das ora die Stelle des Vergnügens: und was hätten ohne das ora jene Un- glücklichen beginnen sollen, die sich das labora ver- sagten, die Heiligen! — aber mit Gott sich unterhalten, ihm allerlei angenehme Dinge abverlangen, sich selber ein Wenig darüber lustig machen, wie man so thöricht sein könne, noch Wünsche zu haben, trotz einem so vortrefflichen Vater, — das war für Heilige eine sehr gute Erfindung. 75- Eine heilige Lüge. — Die Lüge, mit der auf den Lippen Arria starb (Paete, non dolet*), verdunkelt alle *) Maralti I, 14. Digitized by Google Wahrheiten, die je von Sterbenden gesprochen wurden. Es ist die einzige heilige Lüge, die berühmt geworden ist; während der Geruch der Heiligkeit sonst nur an Irrthümern haften blieb. 76. Der nöthigste Apostel. — Unter zwölf Aposteln muss immer einer hart wie Stein sein , damit auf ihm die neue Kirche gebaut werden könne. 77- Was ist das Vergänglichere, der Geist oder der Körper? — In den rechtlichen, moralischen und religiösen Dingen hat das Aeusserlichste, das Anschau- liche, also der Brauch, die Gebärde, die Ceremonie am meisten Dauer: sie ist der Leib, zu dem immer eine neue Seele hinzukommt. Der Kultus wird wie ein fester Wort -Text immer neu ausgedeutet; die Begriffe und Empfindungen sind das Flüssige, die Sitten das Harte. 78. Der Glaube an die Krankheit, als Krankheit. Erst das Christenthum hat den Teufel an die Wand der Welt gemalt; erst das Christenthum hat die Sünde in die Welt gebracht Der Glaube an die Heilmittel, welche es dagegen anbot, ist nun allmählich bis in die tiefsten Wurzeln hinein erschüttert: — aber immer noch besteht der Glaube an die Krankheit, welchen es gelehrt und verbreitet hat 79- Rede und Schrift der Religiösen. — Wenn der Stil und Gesammtausdruck des Priesters, des redenden und schreibenden, nicht schon den religiösen Menschen ankündigt, so braucht man seine Meinungen Über Re- ligion und zu Gunsten derselben nicht mehr ernst zu nehmen. Sie sind für ihren Besitzer selber kraftlos gewesen, wenn er, wie sein Stil verräth, Ironie, An- maassung, Bosheit, Hass und alle Wirbel und Wechsel der Stimmungen besitzt, ganz wie der unreligiöseste Mensch; — um wieviel kraftloser werden sie erst für seine Hörer und Leser sein! Kurz, er wird dienen, dieselben unreligiöser zu machen. 80. Gefahr in der Person. — Je mehr Gott als Person für sich galt, um so weniger ist man ihm treu gewesen. Die Menschen sind ihren Gedankenbildern viel anhäng- licher, als ihren geliebtesten Geliebten: deshalb opfern sie sich für den Staat, die Kirche, und auch für Gott — sofern er eben ihr Erzeugniss, ihr Gedanke bleibt und nicht gar zu persönlich genommen wird. Im letzteren Falle hadern sie fast immer mit ihm: selbst dem Frömmsten entfuhr ja die bittere Rede „mein Gott, warum hast du mich verlassen!" 81. Die weltliche Gerechtigkeit. — Es ist möglich, die weltliche Gerechtigkeit aus den Angeln zu heben — mit der Lehre von der völligen Un Verantwortlichkeit und Unschuld Jedermannes: und es ist schon ein Versuch in gleicher Richtung gemacht worden, gerade auf Grund der entgegengesetzten Lehre von der völligen Verant- wortlichkeit und Verschuldung Jedermannes. Der Stifter des Christenthums war es, der die weltliche Gerechtig- keit aufheben und das Richten und Strafen aus der Welt schaffen wollte. Denn er verstand alle Schuld — 241 — als „Sünde", das heisst als Frevel an Gott und nicht als Frevel an der Welt, andererseits hielt er Jedermann im grössten Maassstabe und fast in jeder Hinsicht für einen Sünder. Die Schuldigen sollen aber nicht die Richter ihres Gleichen sein: so urtheilte seine Billigkeit. Alle Richter der weltlichen Gerechtigkeit waren also in seinen Augen so schuldig wie die von ihnen Ver- urtheilten, und ihre Miene der Schuldlosigkeit schien ihm heuchlerisch und pharisäerhaft. Ueberdies sah er auf die Motive der Handlungen, und nicht auf den Erfolg, und hielt für die Beurtheilung der Motive nur einen Einzigen für scharfsichtig genug: sich selber (oder wie er sich ausdrückte: Gott). 82. Eine Affektation beim Abschiede. — Wer sich von einer Partei oder Religion trennen will, meint, es sei nun für ihn nöthig, sie zu widerlegen. Aber dies ist sehr hochmüthig gedacht. Nöthig ist nur, dass er klar einsieht, welche Klammern ihn bisher an diese Partei oder Religion anhielten und dass sie es nicht mehr thun, was für Absichten ihn dahin getrieben haben und dass sie jetzt anderswohin treiben. Wir sind nicht aus strengen Erkenntnissgründen auf die Seite jener Partei oder Religion getreten: wir sollen dies, wenn wir von ihr scheiden, auch nicht affektiren. 83. Heiland und Arzt. — Der Stifter des Christen- thums war, wie es sich von selber versteht, als Kenner der menschlichen Seele nicht ohne die grössten Mängel und Voreingenommenheiten und als Arzt der Seele dem so anrüchigen und laienhaften Glauben an eine Universal- Nietzsche, Menschliches, Allzumenschlichcs II. l6 Digitized by Google — 242 — medizin ergeben. Er gleicht in seiner Methode mitunter jenem Zahnarzte, der jeden Schmerz durch Ausreissen des Zahnes heilen will; so zum Beispiel indem er gegen die Sinnlichkeit mit dem Rathschlage ankämpft: „Wenn dich dein Auge ärgert, so reisse es aus." — Aber es bleibt doch noch der Unterschied, dass jener Zahnarzt wenigstens sein Ziel erreicht, die Schmerzlosigkeit des Patienten; freilich auf so plumpe Art, dass er lächerlich wird: während der Christ, der jenem Rathschlage folgt und seine Sinnlichkeit ertödtet zu haben glaubt, sich täuscht: sie lebt auf eine unheimliche vampyrische Art fort und quält ihn in widerlichen Vermummungen. 84. Die Gefangenen. — Eines Morgens traten die Gefangenen in den Arbeitshof; der Wärter fehlte. Die Einen von ihnen giengen, wie es ihre Art war, sofort an die Arbeit, Andere standen müssig und blickten trotzig umher. Da trat Einer vor und sagte laut: „Arbeitet, so viel ihr wollt, oder thut Nichts: es ist Alles gleich. Eure geheimen Anschläge sind an's Licht gekommen, der Gefängnisswärter hat euch neulich belauscht und will in den nächsten Tagen ein fürchterliches Gericht über euch ergehen lassen. Ihr kennt ihn, er ist hart und nach trägerischen Sinnes. Nun aber merkt auf: ihr habt mich bisher verkannt; ich bin nicht, was ich scheine, sondern viel Mehr: ich bin der Sohn des Gefängniss- wärters und gelte Alles bei ihm. Ich kann euch retten, ich will euch retten, — aber, wohlgemerkt, nur Diejenigen von euch, welche mir glauben, dass ich der Sohn des Gefängnisswärters bin; die Uebrigen mögen die Früchte ihres Unglaubens ernten." Digitized by Google — 243 — Nun, — sagte nach einigem Schweigen ein älterer Gefangener — was kann dir daran gelegen sein, ob wir es dir glauben oder nicht glauben? Bist du wirklich der Sohn und vermagst du Das, was du sagst, so lege ein gutes Wort für uns Alle ein : es wäre wirklich recht gut- müthig von dir. Das Gerede von Glauben und Unglauben aber lass' bei Seite! Und — rief ein jüngerer Mann dazwischen — ich glaub' es ihm auch nicht: er hat sich nur Etwas in den Kopf gesetzt. Ich wette, in acht Tagen befinden wir uns gerade noch so hier wie heute, und der Gefängniss Wärter weiss Nichts. ,Und wenn er Etwas gewusst hat, so weiss er's nicht mehr — sagte der Letzte der Gefangenen, der jetzt erst in den Hof hinabkam — : der Gefängnisswärter ist eben plötzlich gestorben.' — Holla! — schrieen Mehrere durcheinander — holla! Herr Sohn, Herr Sohn, wie steht es mit der Erbschaft ! Sind wir vielleicht jetzt deine Gefangenen? — „Ich habe es euch gesagt, — entgegnete der An- geredete mild — ich werde Jeden freilassen, der an mich glaubt, so gewiss als mein Vater noch lebt." — Die Gefangenen lachten nicht, zuckten aber mit den Achseln und Hessen ihn stehen. 85. Der Verfolger Gottes. — Paulus hat den Ge- danken ausgedacht, Calvin ihn nachgedacht, dass Un- zähligen seit Ewigkeiten die Verdammniss zuerkannt ist und dass dieser schöne Weltenplan so eingerichtet wurde, damit die Herrlichkeit Gottes sich daran offenbare; Himmel und Hölle und Menschheit sollen also da sein, — um die Eitelkeit Gottes zu befriedigen! Welche grau- 16* Digitized by Google — 244 — same und unersättliche Eitelkeit muss in der Seele Dessen geflackert haben, der so Etwas sich zuerst oder zuzweit ausdachte! — Paulus ist also doch Saulus geblieben, — der Verfolger Gottes. 86. Sokrates. — Wenn Alles gut geht, wird die Zeit kommen, da man, um sich sittlich-vernünftig zu fördern, lieber die Memorabilien des Sokrates in die Hand nimmt, als die Bibel, und wo Montaigne und Horaz als Vor- läufer und Wegweiser zum Verständniss des einfachsten und unvergänglichsten Mittler -Weisen, des Sokrates, benutzt werden. Zu ihm führen die Strassen der ver- schiedensten philosophischen Lebensweisen zurück, welche im Grunde die Lebensweisen der verschiedenen Tempe- ramente sind, festgestellt durch Vernunft und Gewohn- heit und allesammt mit ihrer Spitze hin nach der Freude am Leben und am eignen Selbst gerichtet; woraus man schliessen möchte, dass das Eigenthümlichste an Sokrates ein Antheilhaben an allen Temperamenten gewesen ist. — Vor dem Stifter des Christenthums hat Sokrates die fröhliche Art des Ernstes und jene Weisheit voller Schelmenstreiche voraus, welche den besten Seelen- zustand des Menschen ausmacht. Ueberdies hatte er den grösseren Verstand. Digitized by Google IV. Künstlerische Dinge. 87. Gut schreiben lernen. — Die Zeit des gut-Redens ist vorbei, weil die Zeit der Stadt - Kulturen vorbei ist Die letzte Grenze, welche Aristoteles der grossen Stadt erlaubte — es müsse der Herold noch im Stande sein, sich der ganzen versammelten Gemeinde vernehmbar zu machen — , diese Grenze kümmert uns so wenig, als uns überhaupt noch Stadtgemeinden kümmern, uns, die wir selbst über die Völker hinweg verstanden werden wollen. Deshalb muss jetzt ein Jeder, der gut europäisch gesinnt ist, gut und immer besser schreiben lernen: es hilft Nichts, und wenn er selbst in Deutschland ge- boren ist, wo man das schlecht -Schreiben als nationales Vorrecht behandelt. Besser schreiben aber heisst zugleich auch besser denken; immer Mittheilenswertheres er- finden und es wirklich mittheilen können; übersetzbar werden für die Sprachen der Nachbarn; zugänglich sich dem Verständnisse jener Ausländer machen, welche unsere Sprache lernen; dahin wirken, dass alles Gute Gemeingut werde und den Freien Alles frei stehe; endlich, jenen jetzt noch so fernen Zustand der Dinge vorbereiten, wo den guten Europäern ihre grosse Aufgabe in die Hände fällt: die Leitung und Ueberwachung der gesammten Erdkultur. — Wer das Gegentheil predigt, sich nicht — 246 — um das gut- Schreiben und gut -Lesen zu kümmern — beide Tugenden wachsen mit einander und nehmen mit einander ab — , der zeigt in der That den Völkern einen Weg, wie sie immer noch mehr national werden können: er vermehrt die Krankheit dieses Jahrhunderts und ist ein Feind der guten Europäer, ein Feind der freien Geister. 88. Die Lehre vom besten Stile. — Die Lehre vom Stil kann einmal die Lehre sein, den Ausdruck zu finden, vermöge dessen man jede Stimmung auf den Leser und Hörer überträgt; sodann die Lehre, den Ausdruck für die wünschenswertheste Stimmung eines Menschen zu finden, deren Mittheilung und Uebertragung also auch am meisten zu wünschen ist: für die Stimmung des von Herzensgrund bewegten, geistig freudigen, hellen und aufrichtigen Menschen, der die Leidenschaften über- wunden hat. Dies wird die Lehre vom besten Stile sein: er entspricht dem guten Menschen. 89. Auf den Gang Acht geben. — Der Gang der Sätze zeigt, ob der Autor ermüdet ist; der einzelne Aus- druck kann dessenungeachtet immer noch stark und gut sein, weil er für sich und früher gefunden wurde: damals als der Gedanke dem Autor zuerst aufleuchtete. So ist es häufig bei Goethe, der zu oft diktirte, wenn er müde war. 90. Schon und noch. — A: „Die deutsche Prosa ist noch sehr jung: Goethe meint, dass Wieland ihr Vater sei." — B: So jung, und schon so hässlich! — C: „Aber — soviel m i r bekannt, schrieb schon der Bischof Ulfilas Digitized by Google — 247 — deutsche Prosa; sie ist also gegen fünfzehnhundert Jahre alt." — B: So alt, und noch so hässlich! 9t. Original-deutsch. — Die deutsche Prosa, welche in der That nicht nach einem Muster gebildet ist und wohl als originales Erzeugniss des deutschen Geschmacks zu gelten hat, dürfte den eifrigen Anwälten einer zu- künftigen originalen deutschen Kultur einen Fingerzeig geben, wie etwa, ohne Nachahmung von Mustern, eine wirklich deutsche Tracht, eine deutsche Geselligkeit, eine deutsche Zimmereinrichtung, ein deutsches Mittags- essen aussehen werde. — Jemand, der längere Zeit über diese Aussichten nachgedacht hatte, rief endlich in vollem Schrecken aus: „Aber, um des Himmels willen, vielleicht haben wir schon diese originale Kultur, — man spricht nur nicht gerne davon!" 92. Verbotene Bücher. — Nie Etwas lesen, was jene arroganten Vielwisser und Wirrköpfe schreiben, welche die abscheulichste Unart, die der logischen Paradoxie, haben: sie wenden die logischen Formen gerade dort an, wo Alles im Grunde frech improvisirt und in die Luft gebaut ist („Also" soll bei ihnen heissen „du Esel von Leser, für dich giebt es dies „also" nicht, — wohl aber für mich" — worauf die Antwort lautet: „du Esel von Schreiber, wozu schreibst du denn?") 93- Geist zeigen. ~ Jeder, der seinen Geist zeigen will, lässt merken, dass er auch reichlich vom Gegen- theil hat. Jene Unart geistreicher Franzosen, ihren besten Einfällen einen Zug von dedain beizugeben, hat ihren Ursprung in der Absicht, für reicher zu gelten, als sie sind: sie wollen lassig schenken, gleichsam ermüdet vom beständigen Spenden aus übervollen Schatzhäusern. 94- Deutsche und französische Litteratur. — Das Unglück der deutschen und französischen Litteratur der letzten hundert Jahre liegt darin, dass die Deutschen zu zeitig aus der Schule der Franzosen gelaufen sind — und die Franzosen, späterhin, zu zeitig in die Schule der Deutschen. 95- Unsere Prosa — Keines der jetzigen Kultur- völker hat eine so schlechte Prosa wie das deutsche; und wenn geistreiche und verwöhnte Franzosen sagen: es g i e b t keine deutsche Prosa, — so dürfte man eigent- lich nicht böse werden, da es artiger gemeint ist, als wir's verdienen. Sucht man nach den Gründen, so kommt man zuletzt zu dem seltsamen Ergebniss, dass der Deutsche nur die improvisirte Prosa kennt und von einer anderen gar keinen Begriff hat Es klingt ihm schier unbegreiflich, wenn ein Italiener sagt, dass Prosa gerade um soviel schwerer sei als Poesie, um wieviel die Darstellung der nackten Schönheit für den Bildhauer schwerer sei, als die der bekleideten Schönheit Um Vers, Bild, Rhythmus und Reim hat man sich redlich zu bemühen, — das begreift auch der Deutsche und ist nicht geneigt, der Stegreifdichtung einen besonders hohen Werth zuzumessen. Aber an einer Seite Prosa wie an einer Bildsäule arbeiten? — es ist ihm, als ob man ihm Etwas aus dem Fabelland vorerzählte. — 249 — g6. Der grosse StiL — Der grosse Stil entsteht, wenn das Schöne den Sieg über das Ungeheure davonträgt. 97- Ausweichen. — Man weiss nicht eher, worin bei ausgezeichneten Geistern das Feine ihres Ausdrucks, ihrer Wendung liegt, wenn man nicht sagen kann, auf welches Wort jeder mittelmässige Schriftsteller beim Ausdrücken der selben Sache unvermeidlich gerathen sein würde. Alle grossen Artisten zeigen sich beim Lenken ihres Fuhrwerks zum Ausweichen, zum Ent- gleisen geneigt, — doch nicht zum Umfallen. 98. Etwas wie Brod. — Brod neutralisirt den Ge- schmack anderer Speisen, wischt ihn weg; deshalb gehört es zu jeder längeren Mahlzeit. In allen Kunst- werken muss es Etwas wie Brod geben, damit es ver- schiedene Wirkungen in ihnen geben könne: welche, unmittelbar und ohne ein solches zeitweiliges Ausruhen und Pausiren aufeinanderfolgend, schnell erschöpfen und Widerwillen machen würden, sodass eine längere Mahl- zeit der Kunst unmöglich wäre. 99. Jean Paul. — Jean Paul wusste sehr Viel, aber hatte keine Wissenschaft, verstand sich auf allerlei Kunstgriffe in den Künsten, aber hatte keine Kunst, fand beinahe Nichts ungeniessbar, aber hatte keinen Geschmack, besass Gefühl und Ernst, goss aber, wenn er davon zu kosten gab, eine widerliche Thränenbrühe darüber, ja er hatte Witz, — aber leider für seinen Digitized by Google — 25Ü — Heisshunger darnach viel zu wenig: weshalb er den Leser gerade durch seine Witzlosigkeit zur Verzweiflung- treibt. Im Ganzen war er das bunte stark- riechende Unkraut, welches über Nacht auf den zarten Frucht- feldern Schiller's und Goethes aufschoss; er war ein be- quemer guter Mensch, und doch ein Verhängniss, — ein Verhängniss im Schlafrock. 100. Auch den Gegensatz zu schmecken wissen. — Um ein Werk der Vergangenheit so zu geniessen, wie es seine Zeitgenossen empfanden, muss man den damals herrschenden Geschmack, gegen den es sich abhob, auf der Zunge haben. IOI. Weingeist -Autoren. — Manche Schriftsteller sind weder Geist noch Wein, aber Weingeist: sie können in Flammen gerathen und geben dann Wärme. 102. Der Mittler- Sinn. — Der Sinn des Geschmacks, als der wahre Mittler- Sinn, hat die anderen Sinne oft zu seinen Ansichten der Dinge überredet und ihm seine Gesetze und Gewohnheiten eingegeben. Man kann bei Tische über die feinsten Geheimnisse der Künste Auf- schlüsse erhalten: man beachte, was schmeckt, wann es schmeckt, wonach und wie lange es schmeckt. 103. Lessing. — Lessing hat eine echt französische Tugend und ist überhaupt als Schriftsteller bei den Fran- zosen am fleissigsten in die Schule gegangen: er versteht seine Dinge im Schauladen gut zu ordnen und aufzu- Digitized by Google stellen. Ohne diese wirkliche Kunst würden seine Ge- danken, so wie deren Gegenstände, ziemlich im Dunkel geblieben sein, und ohne dass die allgemeine Einbusse gross wäre. An seiner Kunst haben aber Viele gelernt (namentlich die letzten Generationen deutscher Gelehrten) und Unzählige sich erfreut — Freilich hätten jene Lernen- den nicht nöthig gehabt, wie so oft geschehen ist, ihm auch seine unangenehme Ton -Manier, in ihrer Mischung von Zankteufelei und Biederkeit, abzulernen. Ueber den „Lyriker41 Lessing ist man jetzt einmüthig: über den Dramatiker wird man es werden. — 104. Unerwünschte Leser. — Wie quälen den Autor jene braven Leser mit den dicklichten ungeschickten Seelen, welche immer, wenn sie woran anstossen, auch umfallen und sich jedesmal dabei wehe thun. 105. Dichter-Gedanken. — Die wirklichen Gedanken gehen bei wirklichen Dichtern alle verschleiert einher, wie die Aegypterinnen : nur das tiefe Auge des Gedan- kens blickt frei über den Schleier hinweg. — Dichter- Gedanken sind im Durchschnitt nicht so viel werth, als sie gelten: man bezahlt eben für den Schleier und die eigene Neugierde mit. 106. Schreibt einfach und nützlich! — Uebergänge, Ausführungen, Farbenspiele des Affekts, — Alles das schenken wir dem Autor, weil wir dies mitbringen und seinem Buche zu Gute kommen lassen, falls er selber uns Etwas zu Gute thut. 107. Wieland. — Wieland hat besser, als irgend Jemand, deutsch geschrieben und dabei sein rechtes meisterliches Genügen und Ungenügen gehabt (seine Uebersetzungen des Lucian und der Briefe Cicero's sind die besten deutschen Uebersetzungen); aber seine Gedanken geben uns Nichts mehr zu denken. Wir vertragen seine heitern Moralitäten ebenso wenig, wie seine heiteren Immorali- täten: beide gehören so gut zu einander. Die Menschen, die an ihnen ihre Freude hatten, waren doch wohl im Grunde bessere Menschen, als wir, — aber auch um ein gut Theil schwerfälligere, denen ein solcher Schriftsteller eben noth that. — Goethe that den Deutschen nicht noth, daher sie auch von ihm keinen Gebrauch zu machen wissen. Man sehe sich die besten unserer Staatsmänner und Künstler daraufhin an: sie alle haben Goethe nicht zum Erzieher gehabt, — nicht haben können. 108. Seltene Feste. — Körnige Gedrängtheit, Ruhe und Reife — wo du diese Eigenschaften bei einem Autor findest, da mache Halt und feiere ein langes Fest mitten in der Wüste: es wird dir lange nicht wieder so wohl werden. 109. Der Schatz der deutschen Prosa. — Wenn man von Goethe's Schriften absieht, und namentlich von Goethe's Unterhaltungen mit Eckermann, dem besten deutschen Buche, das es giebt: was bleibt eigentlich von der deut- schen Prosa-Litteratur übrig, das es verdiente, wieder und wieder gelesen zu werden? — Lichtenberg^ Aphorismen, das erste Buch von Jung - Stilling's Lebensgeschichte, Adalbert Stifters Nachsommer und Gottfried Kellers Digitized by Google Leute von Seldwyla, — und damit wird es einstweilen am Ende sein. 1 10. Schreibstil und Sprechstil. — Die Kunst, zu schreiben, verlangt vor Allem Ersatzmittel für die Ausdrucksarten, welche nur der Redende hat: also für Gebärden, Accente, Töne, Blicke. Deshalb ist der Schreib- stil ein ganz anderer, als der Sprechstil, und etwas viel Schwierigeres: — er will mit Wenigerem sich ebenso ver- ständlich machen, wie jener. Demosthenes hielt seine Reden anders, als wir sie lesen; er hat sie zum Gelesen- werden erst überarbeitet. — Cicero's Reden sollten, zum gleichen Zwecke, erst demosthenisirt werden: jetzt ist viel mehr römisches Forum in ihnen, als der Leser ver- tragen kann. i ii. Vorsicht im Citiren. — Die jungen Autoren wissen nicht, dass der gute Ausdruck, der gute Gedanke sich nur unter Seinesgleichen gut ausnimmt, dass ein vorzügliches Citat ganze Seiten, ja das ganze Buch ver- nichten kann, indem es den Leser warnt und ihm zuzu- rufen scheint: „Gieb Acht, ich bin der Edelstein, und rings um mich ist Blei, bleiches, schmähliches Blei." Jedes Wort, jeder Gedanke will nur in seiner Gesell- schaft leben: das ist die Moral des gewählten Stils. 112. Wie soll man Irrthümer sagen? — Man kann streiten, ob es schädlicher sei, Irrthümer schlecht zu sagen, oder, sie so gut wie die besten Wahrheiten zu sagen. Gewiss Ist, dass sie im erstem Fall auf doppelte Weise dem Kopfe schaden und schwerer aus ihm zu — 254 — entfernen sind; freilich wirken sie dann nicht so sicher wie im zweiten Falle: sie sind weniger ansteckend. Beschränken und vergrössern. — Homer hat den Umfang des Stoffes beschränkt, verkleinert, aber die einzelnen Scenen aus sich wachsen lassen und ver- grössert — und so machen es später die Tragiker immer von Neuem: jeder nimmt den Stoff in noch kleineren Stücken, als sein Vorgänger, jeder aber erzielt eine reichere Blüthenfülle innerhalb dieser abgegrenzten umfriedeten Gartenhecken. 1 14. Litteratur und Moralität sich erklärend. — Man kann an der griechischen Litteratur zeigen, durch welche Kräfte der griechische Geist sich entfaltete, wie er in verschiedene Bahnen gerieth und woran er schwach wurde. Alles das giebt ein Bild davon ab, wie es im Grunde auch mit der griechischen Moralität zugegangen ist und wie es mit jeder Moralität zugehen wird: wie sie erst Zwang war, erst Härte zeigte, dann allmählich milder wurde, wie endlich Lust an gewissen Handlungen, an gewissen Conventionen und Formen entstand, und daraus wieder ein Hang zur alleinigen Ausübung, zum Alleinbesitz derselben: wie die Bahn sich mit Wett- bewerbenden füllt und überfüllt, wie Uebersättigung eintritt, neue Gegenstände des Kampfes und Ehrgeizes aufgesucht, veraltete ins Leben erweckt werden, wie das Schauspiel sich wiederholt und die Zuschauer des Zuschauens überhaupt müde werden, weil nun der ganze Kreis durchlaufen scheint — und wie dann ein Stille- stehen, ein Ausathmcn kommt: die Bäche verlieren sich im Sande. Es ist das Ende da, wenigstens ein Ende. Digitized by Google — 255 — H5. Welche Gegenden dauernd erfreuen. — Diese Gegend hat bedeutende Züge zu einem Gemälde, aber ich kann die Formel für sie nicht finden, als Ganzes bleibt sie mir unfassbar. Ich bemerke, dass alle Land- schaften, die mir dauernd zusagen, unter aller Mannich- faltigkeit ein einfaches geometrisches Linien - Schema haben. Ohne ein solches mathematisches Substrat wird keine Gegend etwas künstlerisch Erfreuendes. Und vielleicht gestattet diese Regel eine gleichnisshafte An- wendung auf den Menschen. 1 16. Vorlesen. — Vorlesen ist nicht vortragen, aber es setzt voraus, dass man vortragen könne: man hat überall blasse Farben anzuwenden und die Grade der Blässe in genauen Proportionen zu dem immer vor- schwebenden und dirigirenden , voll und tief gefärbten Grundgemälde, das heisst nach dem Vortrage der selben Partie, zu bestimmen. Also muss man dieses letzteren mächtig sein. 117. Der dramatische Sinn. — Wer die feineren vier Sinne der Kunst nicht hat, sucht Alles mit dem gröbsten, dem fünften zu verstehen: dies ist der dramatische Sinn. 1 18. Herder. — Herder ist alles Das nicht, was er von sich wähnen machte (und selber zu wähnen wünschte): kein grosser Denker und Erfinder, kein neuer treibender Fruchtboden mit einer urwaldfrischen unausgenutzten Kraft Aber er bcsass in höchstem Maassc den Sinn der Witterung, er sah und pflückte die Erstlinge der Jahres- zeit früher, als alle Anderen, welche dann glauben konnten, er habe sie wachsen lassen: sein Geist war zwischen Hellem und Dunklem, Altem und Jungem und überall dort wie ein Jäger auf der Lauer, wo es Ueber- gänge, Senkungen, Erschütterungen, die Anzeichen inneren Quellens und Werdens gab: die Unruhe des Frühlings trieb ihn umher, aber er selber war der Frühling nicht! — Das ahnte er wohl zu Zeiten, und wollte es doch sich selber nicht glauben, er, der ehrgeizige Priester, der so gern der Geister-Papst seiner Zeit gewesen wäre! Dies ist sein Leiden. Er scheint lange als Prätendent mehrerer Königthümer, ja eines Universalreiches, gelebt zu haben und hatte seinen Anhang, welcher an ihn glaubte: der junge Goethe war unter ihm. Aber überall, wo zuletzt Kronen wirklich vergeben wurden, gieng er leer aus: Kant, Goethe, sodann die wirklichen ersten deutschen Historiker und Philologen nahmen ihm weg, was er sich vorbehalten wähnte, — oft aber auch im Stillsten und Geheimsten nicht wähnte. Gerade wenn er an sich zweifelte, warf er sich gern die Würde und die Begeisterung um: dies waren bei ihm allzu oft Gewänder, die Viel verbergen, ihn selber täuschen und trösten mussten. Er hatte wirklich Begeisterung und Feuer, doch sein Ehrgeiz war viel grösser! Dieser blies ungeduldig in das Feuer, dass es flackerte, knisterte und rauchte — sein Stil flackert, knistert und raucht — , aber er wünschte die grosse Flamme, und diese brach nie hervor! Er sass nicht an der Tafel der eigentlich Schaffenden: und sein Ehrgeiz Hess nicht zu, dass er sich bescheiden unter die lediglich Geniessenden setzte. So war er ein unruhiger Gast, der Vorkoster aller geistigen Gerichte, die sich die Deutschen in einem halben Jahrhundert aus allen Welt- und Zeitreichen — 257 - zusammenholten. Nie wirklich satt und froh, war Herder überdies allzu häufig krank: da setzte sich bisweilen der Neid an sein Bett, auch die Heuchelei machte ihren Besuch. Etwas Wundes und Unfreies blieb an ihm haften: und mehr als irgend einem unserer sogenannten Klassiker geht ihm die einfältige wackere Mannhaftigkeit ab. 119. Geruch der Worte. — Jedes Wort hat seinen Geruch: es giebt eine Harmonie und Disharmonie der Gerüche und also der Worte. 120. Der gesuchte Stil. — Für den Freund des ge- suchten Stils ist der gefundene Stil eine Ohrenqual. 121. Gelöbnis s. — Ich will keinen Autor mehr lesen, dem man anmerkt, er wollte ein Buch machen: sondern nur jene, deren Gedanken unversehens ein Buch wurden. 122." Die künstlerische Convention. — Dreiviertel Homer ist Convention; und ähnlich steht es bei allen griechischen Künstlern, die zu der modernen Originali- tätswuth keinen Grund hatten. Es fehlte ihnen alle Angst vor der Convention; durch diese hiengen sie ja mit ihrem Publikum zusammen. Conventionen sind nämlich die für das Verständniss der Zuhörer eroberten Kunstmittel, die mühvoll erlernte gemeinsame Sprache, mit welcher der Künstler sich wirklich mittheilen kann. Wenn er zumal, wie der griechische Dichter und Musiker, mit jedem seiner Kunstwerke sofort siegen will — da Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches II. \n Digitized by v^oogle - 258 - er öffentlich mit einem oder zweien Nebenbuhlern zu ringen hat — , so ist die erste Bedingung, dass er sofort auch verstanden werde: was aber nur durch die Con- vention möglich ist. Das, was der Künstler über die Convention hinaus erfindet, das giebt er aus freien Stücken darauf und wagt dabei sich selber daran, im besten Fall mit dem Erfolge, dass er eine neue Convention schafft. Für gewöhnlich wird das Originale angestaunt, mitunter sogar angebetet, aber selten verstanden; der Convention hartnäckig ausweichen heisst: nicht verstanden werden wollen. Worauf weist also die moderne Originalitäts- wuth hin? 123. Affektation der Wissenschaftlichkeit bei Künstlern. — Schiller glaubte, gleich anderen deutschen Künstlern, wenn man Geist habe, dürfe man über allerlei schwierige Gegenstände auch wohl mit der Feder improvisiren. Und nun stehen seine Prosa- Aufsätze da, — in jeder Beziehung ein Muster, wie man wissen- schaftliche Fragen der Aesthetik und Moral nicht an- greifen dürfe, — und eine Gefahr für junge Leser, welche, in ihrer Bewunderung des Dichters Schiller, nicht den Muth haben, vom Denker und Schriftsteller Schiller gering zu denken. — Die Versuchung, welche den Künstler so leicht und so begreiflicherweise befällt, auch einmal über die gerade ihm verbotene Wiese zu gehen und in der Wissenschaft ein Wort mitzusprechen — der Tüchtigste nämlich findet zeitweilig sein Handwerk und seine Werkstätte unausstehlich — , diese Versuchung bringt den Künstler so weit, aller Welt zu zeigen, was sie gar nicht zu sehen braucht, nämlich: dass es in seinem Denkzimmerchen eng und unordentlich aussieht — warum auch nicht? er wohnt ja nicht darin! — , dass die Digitized by Google — 259 — Vorrathsspeicher seines Wissens theils leer, theils mit Krimskrams gefüllt sind — warum auch nicht? es steht dies sogar im Grunde dem Künstler- Kinde nicht übel an — , namentlich aber, dass selbst für die leichtesten Handgriffe der wissenschaftlichen Methode, die selbst Anfängern geläufig sind, seine Gelenke zu ungeübt und schwerfällig sind — und auch dessen braucht er sich wahr- lich nicht zu schämen! — Dagegen entfaltet er oftmals keine geringe Kunst darin, alle die Fehler, Unarten und schlechten Gelehrtenhaftigkeiten, wie sie in der wissen- schaftlichen Zunft vorkommen, nachzuahmen, im Glauben, dies eben gehöre, wenn nicht zur Sache, so doch zum Schein der Sache; und dies gerade ist das Lustige an solchen Künstler - Schriften , dass hier der Künstler, ohne es zu wollen, doch thut, was seines Amtes ist: die wissenschaftlichen und unkünstlerischen Naturen zu parodiren. Eine andere Stellung zur Wissenschaft, als die parodische, sollte er nämlich nicht haben, soweit er eben der Künstler und nur der Künstler ist. 124. Die Faust-Idee. — Eine kleine Nähterin wird verfuhrt und unglücklich gemacht; ein grosser Gelehrter aller vier Facultäten ist der Uebelthäter. Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugegangen sein? Nein, gewiss nicht! Ohne die Beihülfe des leibhaftigen Teufels hätte es der grosse Gelehrte nicht zu Stande gebracht. — Sollte dies wirklich der grösste deutsche „tragische Gedanke" sein, wie man unter Deutschen sagen hört? — Für Goethe war aber auch dieser Gedanke noch zu fürchterlich; sein mildes Herz konnte nicht umhin, die kleine Nähterin, „die gute Seele, die nur einmal sich vergessen", nach ihrem unfreiwilligen Tode in die Nähe der Heiligen zu 17» Digitized by Google versetzen; ja, selbst den grossen Gelehrten brachte er, durch einen Possen, der dem Teufel im entscheidenden Augenblick gespielt wird, noch zur rechten Zeit in den Himmel, ihn „den guten Menschen" mit dem „dunklen Drange": — dort im Himmel finden sich die Liebenden wieder. — Goethe sagt einmal, für das eigentlich Tragische sei seine Xatur zu conciliant gewesen. 125. Giebt es „deutsche Klassiker"? — Sainte-Beuve bemerkt einmal, dass zu der Art einiger Litteraturen das Wort „Klassiker" durchaus nicht klingen wolle: wer werde zum Beispiel so leicht von „deutschen Klassikern" reden! — Was sagen unsre deutschen Buchhändler dazu, welche auf dem Wege sind, die fünfzig deutschen Klassiker, an die wir schon glauben sollen, noch um weitere fünfzig zu vermehren? Scheint es doch fast, als ob man eben nur dreissig Jahre lang todt zu sein und als erlaubte Beute öffentlich da zu liegen brauche, um unversehens plötzlich als Klassiker die Trompete der Auferstehung zu hören! Und dies in einer Zeit und unter einem Volke, wo selbst von den sechs grossen Stammvätern der Litteratur fünf unzweideutig veralten oder veraltet sind, — ohne dass diese Zeit und dieses Volk sich gerade dessen zu schämen hätten! Denn jene sind vor den Stärken dieser Zeit zurückgewichen, man überlege es sich nur mit aller Billigkeit! — Von Goethe, wie angedeutet, sehe ich ab, er gehört in eine höhere Gattung von Litteraturen, als „National- Litteraturen" sind: deshalb steht er auch zu seiner Nation weder im Verhältniss des Lebens, noch des Neuseins, noch des Veraltens. Nur für Wenige hat er trplebt und lebt er noch: für die Meisten ist er Nichts, — 2ÖI — als eine Fanfare der Eitelkeit, welche man von Zeit zu Zeit über die deutsche Grenze hinüberbläst. Goethe, nicht nur ein guter und grosser Mensch, sondern eine Kultur, Goethe ist in der Geschichte der Deutschen ein Zwischen- fall ohne Folgen: wer wäre im Stande, in der deutschen Politik der letzten siebenzig Jahre zum Beispiel ein Stück Goethe aufzuzeigen! (während jedenfalls darin ein Stück Schiller, und vielleicht sogar ein Stückchen Lessing thätig gewesen ist). Aber jene andern Fünf! Klopstock veraltete schon bei Lebzeiten auf eine sehr ehrwürdige Weise: und so gründlich, dass das nachdenkliche Buch seiner späteren Jahre, die Gelehrten-Republik, wohl bis heutigen Tag von Niemandem ernst genommen worden ist. Herder hatte das Unglück, dass seine Schriften immer entweder neu oder veraltet waren ; für die feineren und stärkeren Köpfe (wie für Lichtenberg) war zum Beispiel selbst Herder's Hauptwerk, seine Ideen zur Geschichte der Menschheit, sofort beim Erscheinen etwas Veraltetes. Wieland, der reichlich gelebt und zu leben gegeben hat, kam als ein kluger Mann dem Schwinden seines Einflusses durch den Tod zuvor. Lessing lebt vielleicht heute noch, — aber unter jungen und immer jüngeren Gelehrten! Und Schiller ist jetzt aus den Händen der Jünglinge in die der Knaben, aller deutschen Knaben gerathen! Es ist ja eine bekannte Art des Veraltens, dass ein Buch zu immer unreiferen Lebens- altern hinabsteigt. — Und was hat diese Fünf zurück- gedrängt, sodass gut unterrichtete und arbeitsame Männer sie nicht mehr lesen? Der bessere Geschmack, das bessere Wissen, die bessere Achtung vor dem Wahren und Wirklichen: also lauter Tugenden, welche gerade durch jene Fünf (und durch zehn und zwanzig Andere weniger lauten Namens) erst wieder in Deutschland an- Digitized by Google gepflanzt worden sind und welche jetzt als hoher Wald über ihren Gräbern neben dem Schatten der Ehr- furcht auch Etwas vom Schatten der Vergessenheit breiten. — Aber Klassiker sind nicht Anpflanzer von intellektuellen und litterarischen Tugenden, sondern Vollender und höchste Lichtspitzen derselben, welche über den Völkern stehen bleiben, wenn diese selber zu Grunde gehen: denn sie sind leichter, freier, reiner, als sie. Es ist ein hoher Zustand der Menschheit möglich, wo das Europa der Völker eine dunkle Vergessenheit ist, wo Europa aber noch in dreissig sehr alten, nie ver- altenden Büchern lebt: in den Klassikern. 126. Interessant, aber nicht schön. — Diese Gegend verbirgt ihren Sinn, aber sie hat einen, den man errathen möchte: wohin ich sehe, lese ich Worte und Winke zu Worten, aber ich weiss nicht, wo der Satz beginnt, der das Räthsel aller dieser Winke löst, und werde zum Wendehals darüber, zu untersuchen, ob von hier oder von dort aus zu lesen ist. 127. Gegen die Sprach-Neuerer. — In der Sprache neuern oder alterthümeln, das Seltene und Fremdartige vorziehen, auf Reich thum des Wortschatzes anstatt auf Beschränkung trachten, ist immer ein Zeichen des unge- reiften oder verderbten Geschmacks. Eine edele Armuth, aber innerhalb des unscheinbaren Besitzes eine meister- liche Freiheit zeichnet die griechischen Künstler der Rede aus: sie wollen Weniger haben, als das Volk hat — denn dieses ist am reichsten in Altem und Neuem — , aber sie wollen dies Wenige besser haben. Man ist — - 263 — schnell mit dem Aufzählen ihrer Archaismen und Fremd- artigkeiten fertig, aber kommt nicht zu Ende im Be- wundern, wenn man für die leichte und zarte Art ihres Verkehrs mit dem Alltäglichen und scheinbar längst Verbrauchten in Worten und Wendungen ein gutes Auge hat. 128. Die traurigen und die ernsten Autoren. —Wer zu Papier bringt was er leidet, wird ein trauriger Autor: aber ein ernster, wenn er uns sagt, was er litt und weshalb er jetzt in der Freude ausruht. 129. Gesundheit des Geschmacks. — Wie kommt es, dass die Gesundheiten nicht so ansteckend sind wie die Krankheiten — überhaupt, und namentlich im Geschmack? Oder giebt es Epidemien der Gesundheit? — 130. Vorsatz. — Kein Buch mehr lesen, das zu gleicher Zeit geboren und (mit Tinte) getauft wurde. 131- Den Gedanken verbessern. — Den Stil ver- bessern — das heisst den Gedanken verbessern, und gar Nichts weiter! — Wer dies nicht sofort zugiebt, ist auch nie davon zu überzeugen. »32- Klassische Bücher. — Die schwächste Seite jedes klassischen Buches ist die, dass es zu sehr in der Mutter- sprache seines Autors geschrieben ist. Digitized by Google — 2 64 — «33. Schlechte Bücher. — Das Buch soll nach Feder, Tinte und Schreibtisch verlangen: aber gewöhnlich ver- langen Feder, Tinte und Schreibtisch nach dem Buche. Deshalb ist es jetzt so wenig mit Büchern. 134- Sinnesgegenwart — Das Publikum wird, wenn es über Gemälde nachdenkt, dabei zum Dichter, und wenn es über Gedichte nachdenkt, zum Forscher. Im Augenblick, da der Künstler es anruft, fehlt es ihm immer am rechten Sinn, nicht also an der Geistes-, sondern an der Sinnesgegenwart. US- Gewählte Gedanken. — Der gewählte Stil einer bedeutenden Zeit wählt nicht nur die Worte, sondern auch die Gedanken aus, — und zwar beide aus dem Ueblichen und Herrschenden: die gewagten und allzu frisch riechenden Gedanken sind dem reiferen Ge- schmack nicht minder zuwider, als die neuen tollkühnen Bilder und Ausdrücke. Später riecht Beides — der ge- wählte Gedanke und das gewählte Wort — leicht nach Mittelmässigkeit, weil der Geruch des Gewählten sich schnell verflüchtigt und dann nur noch das Uebliche und Alltägliche daran geschmeckt wird. 136. Hauptgrund der Verderbniss des Stils. — Mehr Empfindung für eine Sache zeigen wollen, als man wirklich hat, verdirbt den Stil, in der Sprache wie in allen Künsten. Alle grosse Kunst dagegen hat die umgekehrte Neigung: sie liebt es, gleich jedem sittlich Digitized by Google — 263 — bedeutenden Menschen, das Gefühl auf seinem Wege anzuhalten und nicht ganz an's Ende laufen zu lassen. Diese Scham der halben Gefühls-Sichtbarkeit ist zum Bei- spiel bei Sophokles auf das Schönste zu beobachten; — die Züge der Empfindung scheinen sich zu verklären, wenn sie sich nüchterner giebt, als sie ist. 137. Zur Entschuldigung der schwerfälligen Stilisten. — Das Leicht-Gesagte fällt selten so schwer in's Gehör, als die Sache wirklich wiegt; — das liegt aber an den schlecht geschulten Ohren, welche aus der Erziehung durch Das, was man bisher Musik nannte, in die Schule der höheren Tonkunst, das heisst der Rede, übergehen müssen. 138. Vogelperspektive. — Hier stürzen Wildwasser von mehreren Seiten einem Schlünde zu: ihre Bewegung ist so stürmisch und reisst das Auge so mit sich fort, dass die kahlen und bewaldeten Gcbirgshänge ringsum nicht abzusinken, sondern wie hinabzu fliehen scheinen. Man wird beim Anblick angstvoll gespannt: als ob etwas Feindseliges hinter AUedem verborgen liege, vor dem Alles flüchten müsse und gegen das uns der Abgrund Schutz verliehe. Diese Gegend ist gar nicht zu malen, es sei denn, dass man wie ein Vogel in der freien Luft über ihr schwebe. Hier ist einmal die sogenannte Vogel- perspektive nicht eine künstlerische Willkür, sondern die einzige Möglichkeit. 139- Gewagte Vergleichungen. — Wenn die ge- wagten Vergleichungen nicht Beweise vom Muthwillen — 266 - des Schriftstellers sind, so sind sie Beweise seiner er- müdeten Phantasie. In jedem Falle aber sind sie Be- weise seines schlechten Geschmackes. 140. In Ketten tanzen. — Bei jedem griechischen Künstler, Dichter und Schriftsteller ist zu fragen: welches ist der neue Zwang, den er sich auferlegt und den er seinen Zeitgenossen reizvoll macht (sodass er Nach- ahmer findet) ? Denn was man „Erfindung" (im Metrischen zum Beispiel) nennt, ist immer eine solche selbstgelegte Fessel. „In Ketten tanzen", es sich schwer machen und dann die Täuschung der Leichtigkeit darüber breiten, — das ist das Kunststück, welches sie uns zeigen wollen. Schon bei Homer ist eine Fülle von vererbten Formeln und epischen Erzählungsgesetzen wahrzunehmen, inner- halb deren er tanzen musste: und er selber schuf neue Conventionen für die Kommenden hinzu. Dies war die Erziehungs- Schule der griechischen Dichter: — zuerst also einen vielfältigen Zwang sich auferlegen lassen, durch die früheren Dichter; sodann einen neuen Zwang hinzu- erfinden, ihn sich auferlegen und ihn anmuthig besiegen: sodass Zwang und Sieg bemerkt und bewundert werden. 141. Fülle der Autoren. — Das Letzte, was ein guter Autor bekommt, ist Fülle; wer sie mitbringt, wird nie ein guter Autor werden. Die edelsten Rennpferde sind mager, bis sie von ihren Siegen ausruhen dürfen. 142. Keuchende Helden. - Dichter und Künstler, die an Engbrüstigkeit des Gefühls leiden, lassen ihre Helden Digitized by Google — 267 — am meisten keuchen: sie verstehen sich auf das leichte Athmen nicht. Der Halb-Blinde. — Der Halb-Blinde ist der Tod- feind aller Autoren, welche sich gehen lassen. Diese sollten seinen Ingrimm kennen, mit dem er ein Buch zuschlägt, aus welchem er merkt, dass sein Verfasser fünfzig Seiten braucht, um fünf Gedanken mitzutheilen: jenen Ingrimm darüber, den Rest seiner Augen fast ohne Entgelt in Gefahr gebracht zu haben. — Ein Halb- Blinder sagte: alle Autoren haben sich gehen lassen. — „Auch der heilige Geist?" — Auch der heilige Geist. Aber der durfte es; er schrieb für die Ganz-Blinden. 144. Der Stil der Unsterblichkeit. — Thukydides so- wohl wie Tacitus, — Beide haben beim Ausarbeiten ihrer Werke an eine unsterbliche Dauer derselben gedacht: dies würde, wenn man es sonst nicht wüsste, schon aus ihrem Stile zu errathen sein. Der Eine glaubte seinen Gedanken durch Einsalzen, der Andere durch Einkochen Dauerhaftigkeit zu geben; und Beide, scheint es, haben sich nicht verrechnet. 145. Gegen Bilder und Gleichnisse. — Mit Bildern und Gleichnissen überzeugt man, aber beweist nicht. Deshalb hat man innerhalb der Wissenschaft eine solche Scheu vor Bildern und Gleichnissen; man will hier gerade das Ueberzeugende, das Glaublich- Machende nicht und fordert vielmehr das kälteste Misstrauen auch schon durch die Ausdrucksweise und die kahlen Wände heraus: weil das Misstrauen der Prüfstein für das Gold der Ge- wissheit ist. Digitized by Google — 268 — i46. Vorsicht. — Wem es an gründlichem Wissen gebricht, der möge sich in Deutschland ja hüten, zu schreiben. Denn der gute Deutsche sagt da nicht: „er ist unwissend", sondern: „er ist von zweifelhaftem Charakter*'. — Dieser übereilte Schluss macht übrigens den Deutschen alle Ehre. 147. Bemalte Gerippe. — Bemalte Gerippe: das sind jene Autoren, welche Das, was ihnen an Fleisch abgeht, durch künstliche Farben ersetzen möchten. 148. Der grossartige Stil und das Höhere. — Man lernt es schneller grossartig schreiben, als leicht und schlicht schreiben. Die Gründe davon verlieren sich ins Moralische. 149. Sebastian Bach. — Sofern man Bach's Musik nicht als vollkommener und gewitzigter Kenner des Contra- punktes und aller Arten des fugirten Stiles hört, und demgcmäss des eigentlichen artistischen Genusses ent- rathen muss, wird es uns als Hörern seiner Musik zu Muthe sein (um uns grandios mit Goethe auszudrücken), als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf. Das heisst: wir fühlen, dass hier etwas Grosses im Werden ist, aber noch nicht ist: unsere grosse moderne Musik. Sie hat schon die Welt überwunden, dadurch dass sie die Kirche, die Nationalitäten und den Contrapunkt über- wand. — In Bach ist noch zu viel crude Christlichkeit, crudes Deutsch thum, crude Scholastik; er steht an der Schwelle der europäischen (modernen) Musik, aber schaut sich von hier nach dem Mittelalter um. Digitized by Google — 269 — I iso- Händel. — Händel, im Erfinden seiner Musik kühn, neuerungssüchtig, wahrhaft, gewaltig, dem Heroischen zugewandt und verwandt, dessen ein Volk fähig ist, — wurde bei der Ausarbeitung oft befangen und kalt, ja an sich selber müde; da wendete er einige erprobte Methoden der Durchführung an, schrieb schnell und Viel, und war froh, wenn er fertig war, — aber nicht in der Art froh, wie es Gott und andere Schöpfer am Abende ihres Werktags gewesen sind. 151. Haydn. — Soweit sich Genialität mit einem schlecht- hin guten Menschen verbinden kann, hat Haydn sie gehabt. Er geht gerade bis an die Grenze, welche die • Moralität dem Intellekt zieht; er macht lauter Musik, die „keine Vergangenheit" hat. 152. Beethoven und Mozart. — Beethoven's Musik erscheint häufig wie eine tiefbewegte Betrachtung beim unerwarteten Wiederhören eines längst verloren geglaubten Stückes „Unschuld in Tönen"; es ist Musik über Musik. Im Liede der Bettler und Kinder auf der Gasse, bei den eintönigen Weisen wandernder Italiener, beim Tanze in der Dorfschenke oder in den Nächten des Carnevals, — da entdeckte er seine „Melodien": er trägt sie wie eine Biene zusammen, indem er bald hier, bald dort einen Laut, eine kurze Folge erhascht Es sind ihm verklärte Erinnerungen aus der „besseren Welt": ähnlich wie Plato es sich von den Ideen dachte. — Mozart steht ganz anders zu seinen Melodien: er findet seine Inspirationen nicht beim Hören von Musik, sondern Digitized by Google im Schauen des Lebens, des bewegten südländischen Lebens: er träumte immer von Italien, wenn er nicht dort war. 153- Recitativ. — Ehemals war das Recitativ trocken; jetzt leben wir in der Zeit des nassen Recitativs: es ist ins Wasser gefallen, und die Wellen reissen es, wohin sie wollen. 154. „Heitere" Musik. — Hat man lange die Musik entbehrt, so geht sie nachher wie ein schwerer Südwein allzuschnell in's Blut und hinterlässt eine narkotisch be- täubte, halbwache, schlaf-sehnsüchtige Seele; namentlich thut dies gerade die heitere Musik, welche zusammen Bitterkeit und Verwundung, Ueberdruss und Heimweh giebt und Alles wie in einem verzuckerten Giftgetränk wieder und wieder zu schlürfen nöthigt. Dabei scheint der Saal der heiter rauschenden Freude sich zu verengern, das Licht an Helle zu verlieren und bräuner zu werden: zuletzt ist es Einem zu Muthe, als ob die Musik wie in ein Gefängniss hineinklinge, wo ein armer Mensch vor Heimweh nicht schlafen kann. 155- Franz Schubert. — Franz Schubert, ein geringerer Artist als die andern grossen Musiker, hatte doch von Allen den grössten Erbreichthum an Musik. Er ver- schwendete ihn mit voller Hand und aus gütigem Herzen: sodass die Musiker noch ein paar Jahrhunderte an seinen Gedanken und Einfällen zu zehren haben werden. In seinen Werken haben wir einen Schatz von unver- brauchten Erfindungen; Andere werden ihre Grösse im Verbrauchen haben. — Dürfte man Beethoven den — 271 — idealen Zuhörer eines Spielmannes nennen, so hätte Schubert darauf ein Anrecht, selber der ideale Spielmann zu heissen. 156. Modernster Vortrag der Musik. — Der grosse tragisch - dramatische Vortrag in der Musik bekommt seinen Charakter durch Nachahmung der Gebärden des grossen Sünders, wie ihn das Christenthum sich denkt und wünscht: des langsam schreitenden, leidenschaftlich Grübelnden, des von Gewissensqual Hin- und Herge- worfenen, des entsetzt Fliehenden, des entzückt Haschen- den, des verzweifelt Stillstehenden — und was sonst Alles die Merkmale des grossen Sünderthums sind. Nur unter der Voraussetzung des Christen, dass alle Menschen grosse Sünder sind und gar Nichts thun, als sündigen, Hesse es sich rechtfertigen, jenen Stil des Vortrags auf alle Musik anzuwenden: insofern die Musik das Abbild alles menschlichen Thuns und Treibens wäre, und als solches fortwährend die Gebärdensprache des grossen Sünders zu sprechen hätte. Ein Zuhörer, der nicht genug Christ wäre, um diese Logik zu verstehen, dürfte freilich bei einem solchen Vortrage erschreckt ausrufen: „Um des Himmels willen, wie ist denn die Sünde in die Musik gekommen !" 157- Felix Mendelssohn. — Felix Mendelssohn's Musik ist die Musik des guten Geschmacks an allem Guten, was dagewesen ist: sie weist immer hinter sich. Wie könnte sie viel „Vor -sich", viel Zukunft haben! — Aber hat er sie denn haben wollen? Er besass eine Tugend, die unter Künstlern selten ist, die der Dankbarkeit ohne Nebengedanken: auch diese Tugend weist immer hinter sich. Digitized by Google — 272 158. Eine Mutter der Künste. — In unserem skep- tischen Zeitalter gehört zur eigentlichen Devotion fast ein brutaler Heroismus des Ehrgeizes; das fanatische Augenschliessen und Kniebeugen genügt nicht mehr. Wäre es nicht möglich, dass der Ehrgeiz, in der Devotion der Letzte für alle Zeiten zu sein, der Vater einer letzten katholischen Kirchenmusik würde, wie er schon der Vater des letzten kirchlichen Baustils gewesen ist? (Man nennt ihn Jesuitenstil ) 159. Freiheit in Fesseln — eine fürstliche Freiheit — Der letzte der neueren Musiker, der die Schönheit ge- schaut und angebetet hat gleich Leopardi*), der Pole Chopin, der Unnachahmliche — alle vor und nach ihm Gekommenen haben auf dies Beiwort kein Anrecht — , Chopin hatte die selbe fürstliche Vornehmheit der Con- vention, welche Raffael im Gebrauche der herkömmlichen einfachsten P'arben zeigt, — aber nicht in Bezug auf Farben, sondern auf die melodischen und rhythmischen Herkömmlichkeiten. Diese Hess er gelten, als geboren in der Etiquette, aber wie der freieste und anmuthigste Geist in diesen Fesseln spielend und tanzend — und zwar ohne sie zu verhöhnen. 160. Chopin's Barcarole. — Fast alle Zustände und Lebensweisen haben einen seligen Moment. Den wissen die guten Künstler herauszufischen. So hat einen solchen selbst das Leben am Strande, das so langweilige, schmutzige, ungesunde, in der Nähe des lärmendsten und habgierigsten Gesindels sich abspinnende; — diesen Vergl. das Gedicht „11 pensiero dominante". Digitized by Google — 273 — seligen Moment hat Chopin, in der Barcarole, so zum Ertönen gebracht, dass selbst Götter gelüsten könnte, lange Sommerabende dabei in einem Kahne zu liegen. 161. Robert Schumann. — Der „Jüngling", wie ihn die romantischen Liederdichter Deutschlands und Frank- reichs um das erste Drittel dieses Jahrhunderts träumten, — dieser Jüngling ist vollständig in Sang und Ton über- setzt worden — durch Robert Schumann, den ewigen Jüngling, so lange er sich in voller eigner Kraft fühlte: es giebt freilich Momente, in denen seine Musik an die ewige „alte Jungfer" erinnert. 162. Die dramatischen Sänger. — „Warum singt dieser Bettler?" — Er versteht wahrscheinlich nicht, zu jammern. — „Dann thut er Recht: aber unsere drama- tischen Sänger, welche jammern, weil sie nicht zu singen verstehen, — thun sie auch das Rechte?" 163. Dramatische Musik. — Für Den, welcher nicht sieht, was auf der Bühne vorgeht, ist die dramatische Musik ein Unding: so gut der fortlaufende Commentar zu einem verloren gegangenen Texte ein Unding ist Sie verlangt ganz eigentlich, dass man auch die Ohren dort habe, wo die Augen stehen; damit ist aber an Euterpe Gewalt geübt: diese arme Muse will, dass man ihre Augen und Ohren dort stehen lasse, wo alle anderen Musen sie auch haben. 164. Sieg und Vernünftigkeit. — Leider entscheidet auch bei den ästhetischen Kriegen, welche Künstler mit Nietzsche, Menschlich«, AlUumcnjchliches II. l8 Digitized by Google — 274 — ihren Werken und deren Schutzreden erregen, zuletzt die Kraft, und nicht die Vernunft. Jetzt nimmt alle Welt als historische Thatsache an, dass Gluck im Kampfe mit Piccini Recht gehabt habe; jedenfalls hat er ge- siegt: die Kraft stand auf seiner Seite. 165. ] Vom Principe des Vortrags in der Musik. — Glauben denn wirklich die jetzigen Künstler des musi- kalischen Vortrags, das höchste Gebot ihrer Kunst sei, jedem Stück so viel Hochrelief zu geben, als nur möglich ist, und es um jeden Preis* eine dramatische Sprache reden zu lassen? Ist dies, zum Beispiel auf Mozart angewendet, nicht ganz eigentlich eine Sünde wider den Geist, den heiteren, sonnigen, zärtlichen, leicht- sinnigen Geist Mozart's, dessen Ernst ein gütiger und nicht ein furchtbarer Ernst ist, dessen Bilder nicht aus der Wand herausspringen wollen, um die Anschauenden in Entsetzen und Flucht zu jagen. Oder meint ihr, Mozartische Musik sei gleichbedeutend mit „Musik des steinernen Gastes"? Und nicht nur die Mozartische, son- dern alle Musik? — Aber ihr entgegnet, die grössere Wirkung spreche zu Gunsten eures Princips; — und ihr würdet Recht haben, wofern nicht die Gegenfrage übrig bliebe: auf wen da gewirkt worden sei? und auf wen ein vornehmer Künstler überhaupt nur wirken wollen dürfe? Niemals auf das Volk! Niemals auf die Unreifen! Niemals auf die Empfindsamen! Niemals auf die Krankhaften! Vor Allem aber: niemals auf die Abgestumpften! 166. Musik von heute. — Diese modernste Musik, mit ihren starken Lungen und schwachen Nerven, erschrickt immer zuerst vor sich selber. Digitized by Google — 275 — 167. Wo die Musik heimisch ist. — Die Musik erlangt ihre grosse Macht nur unter Menschen, welche nicht dis- kutiren können oder dürfen. Ihre Förderer ersten Ranges sind deshalb Fürsten, welche wollen, dass in ihrer Nähe nicht viel kritisirt, ja, nicht einmal viel gedacht werde; sodann Gesellschaften, welche, unter irgend einem Drucke (einem fürstlichen oder religiösen) sich an das Schweigen gewöhnen müssen, aber um so stärkere Zaubermittel gegen die Langeweile des Gefühls suchen (gewöhnlich die ewige Verliebtheit und die ewige Musik); drittens ganze Völker, in denen es keine „Gesellschaft" giebt, aber um so mehr Einzelne mit einem Hang zur Einsamkeit, zu halb- dunklen Gedanken und zur Verehrung alles Unaussprech- lichen: es sind die eigentlichen Musikseelen. — Die Griechen, als ein red- und streitlustiges Volk, haben des- halb die Musik nur als Zukost zu Künsten vertragen, über welche sich wirklich streiten und reden lässt: während über die Musik sich kaum reinlich denken lässt — Die Pythagoreer, jene Ausnahme-Griechen in vielen Stücken, waren, wie verlautet, auch grosse Musiker: die selben, welche das fünfjährige Schweigen, aber nicht die Dia- lektik erfunden haben. 168. Sentimentalität in der Musik. — Man sei der ernsten und reichen Musik noch so gewogen, um so mehr vielleicht wird man in einzelnen Stunden von dem Gegen- stück derselben überwunden, bezaubert und fast hinweg- geschmolzen; ich meine: von jenen allereinfachsten italie- nischen Opern-Melismen, welche, trotz aller rhythmischen Einförmigkeit und harmonischen Kinderei, uns mitunter wie die Seele der Musik selber anzusingen scheinen. Gebt es zu oder nicht, ihr Pharisäer des guten Geschmacks: i8« Digitized by Google — 276 — es ist so, und mir liegt jetzt daran, dieses Räthsel, dass es so ist, zum Rathen aufzugeben und selber ein Wenig daran herumzurathen. — Als wir noch Kinder waren, haben wir den Honigseim vieler Dinge zum ersten Mal gekostet, niemals wieder war der Honig so gut wie da- mals, er verführte zum Leben, zum längsten Leben, in der Gestalt des ersten Frühlings, der ersten Blumen, der ersten Schmetterlinge, der ersten Freundschaft. Damals — es war vielleicht um das neunte Jahr unseres Lebens — hörten wir die erste Musik, und das war die, welche wir zuerst verstanden, die einfachste und kindlichste also, welche nicht viel Mehr als ein Weiterspinnen des Ammen- liedes und der Spielmannsweise war. (Man muss nämlich auch für die geringsten „Offenbarungen" der Kunst erst vorbereitet und eingelernt werden: es giebt durchaus keine „unmittelbare" Wirkung der Kunst, so schön auch die Philosophen davon gefabelt haben.) An jene ersten musikalischen Entzückungen — die stärksten unseres Lebens — knüpft unsere Empfindung an, wenn wir jene italienischen Melismen hören: die Kindes - Seligkeit und der Verlust der Kindheit, das Gefühl des Unwiederbring- lichsten als des köstlichsten Besitzes — das rührt dabei die Saiten unsrer Seele an, so stark wie es die reichste und ernsteste Gegenwart der Kunst allein nicht vermag. — Diese Mischung ästhetischer Freude mit einem moralischen Kummer, die man jetzt, wie mir scheint etwas gar zu hoffärtig, gemeinhin „Sentimentalität" zu nennen pflegt (— es ist die Stimmung Faustens am Schlüsse der ersten Scene), — diese „Sentimentalität" der Hörenden kommt der italienischen Musik zu Gute, welche sonst die erfahrenen Feinschmecker der Kunst, die reinen „Aesthetiker", zu ignorircn lieben. — Uebrigens wirkt fast jede Musik erst von da an zauberhaft, wo wir aus ihr die Sprache der Digitized by Google — 277 - eigenen Vergangenheit reden hören: und insofern scheint dem Laien alle alte Musik immer besser zu werden, und alle eben geborene nur wenig werth zu sein: denn sie erregt noch keine „Sentimentalität", welche, wie gesagt, das wesentlichste Glücks-Element der Musik für Jeden ist, der nicht rein als Artist sich an dieser Kunst zu freuen vermag. 169. Als Freunde der Musik. — Zuletzt sind und bleiben wir der Musik gut, wie wir dem Mondlicht gut bleiben. Beide wollen ja nicht die Sonne verdrängen, — sie wollen nur, so gut sie es können, unsere Nächte erhellen. Aber nichtwahr? scherzen und lachen dürfen wir trotzdem über sie? Ein Wenig wenigstens? Und von Zeit zu Zeit? Ueber den Mann im Monde! Ueber das Weib in der Musik! 170. Die Kunst in der Zeit der Arbeit. — Wir haben das Gewissen eines arbeitsamen Zeitalters: dies erlaubt uns nicht, die besten Stunden und Vormittage der Kunst zu geben, und wenn diese Kunst selbst die grösste und würdigste wäre. Sie gilt uns als Sache der Müsse, der Erholung: wir weihen ihr die Reste unserer Zeit, unserer Kräfte. — Dies ist die allgemeinste Thatsache, durch welche die Stellung der Kunst zum Leben verändert ist: sie hat, wenn sie ihre grossen Zeit- und Kraft- Ansprüche an die Kunst -Empfangenden macht, das Gewissen der Arbeitsamen und Tüchtigen gegen sich, sie ist auf die Gewissenlosen und Lässigen angewiesen, welche aber, ihrer Natur nach, gerade der grossen Kunst nicht zuge- than sind und ihre Ansprüche als Anmaassungen empfin- den. Es dürfte deshalb mit ihr zu Ende sein, weil ihr die Luft und der freie Athem fehlt: oder — die grosse Kunst Digitized by Google versucht, in einer Art Vergröberung und Verkleidung, in jener anderen Luft heimisch zu werden (mindestens es in ihr auszuhalten), die eigentlich nur für die kleine Kunst, für die Kunst der Erholung, der ergötzlichen Zerstreuung das natürliche Element ist. Dies geschieht jetzt aller- wärts; auch die Künstler der grossen Kunst versprechen Erholung und Zerstreuung, auch sie wenden sich an den Ermüdeten, auch sie bitten ihn um die Abendstunden seines Arbeitstages, — ganz wie die unterhaltenden Künst- ler, welche zufrieden sind, gegen den schweren Ernst der Stirnen, das Versunkene der Augen einen Sieg errungen zu haben. Welches ist nun der Kunstgriff ihrer grösseren Genossen? — Diese haben in ihren Büchsen die gewalt- samsten Erregungsmittel, bei denen selbst der Halbtodte noch zusammenschrecken muss; sie haben Betäubungen, Berauschungen, Erschütterungen, Thränenkrämpfe : mit diesen überwältigen sie den Ermüdeten und bringen ihn in eine übernächtige Ueberlebendigkeit, in ein Ausser- sich-sein des Entzückens und des Schreckens. Dürfte man, wegen der Gefährlichkeit ihrer Mittel, der grossen Kunst, wie sie jetzt, als Oper, Tragödie und Musik, lebt, — dürfte man ihr als einer arglistigen Sünderin zürnen? Gewiss nicht: lebte sie ja selber hundertmal lieber in dem reinen Element der morgendlichen Stille und wendete sich an die erwartenden, unverbrauchten, kraftgefüllten Morgen- Seelen der Zuschauer und Zuhörer! Danken wir ihr also, dass sie es vorzieht, so zu leben, — statt davonzufliehen: aber gestehen wir uns auch ein, dass für ein Zeitalter, welches einmal wieder freie, volle Fest- und Freudentage in das Leben einführt, unsere grosse Kunst unbrauchbar sein wird. V. Auf mancherlei Kulturstufen. 171. Die Angestellten der Wissenschaft und die Anderen. — Die eigentlich tüchtigen und erfolgreichen Gelehrten könnte man insgesammt als „Angestellte" be- zeichnen. Wenn, in jungen Jahren, ihr Scharfsinn hin- reichend geübt, ihr Gedächtniss gefüllt ist, wenn Hand und Auge Sicherheit gewonnen haben, so werden sie von einem älteren Gelehrten auf eine Stelle der Wissenschaft angewiesen, wo ihre Eigenschaften Nutzen bringen können; späterhin, nachdem sie selber den Blick für die lückenhaften und schadhaften Stellen ihrer Wissenschaft erlangt haben, stellen sie sich von selber dorthin, wo sie noth thun. Diese Naturen allesammt sind um der Wissenschaft willen da. — Aber es giebt seltnere, selten gelingende, selten völlig ausreifende Naturen, „um derent- willen die Wissenschaft da ist" — wenigstens scheint es ihnen selber so — : oft unangenehme, oft eingebildete, oft querköpfige, fast immer aber bis zu einem Grade zauberhafte Menschen. Sie sind nicht Angestellte, und auch nicht Ansteller; sie bedienen sich dessen, was von Jenen erarbeitet und sichergestellt worden ist, in einer gewissen fürstenhaften Gelassenheit und mit geringem und seltenem Lobe : gleichsam als ob Jene einer niedrigem Gattung von Wesen angehörten. Und doch haben sie Digitized by Google — 28o eben nur die gleichen Eigenschaften, wodurch diese An- deren sich auszeichnen, und diese Eigenschaften mitunter sogar ungenügender entwickelt Obendrein ist ihnen eine Beschränktheit eigentümlich , die Jenen fehlt, und derentwegen es unmöglich ist, sie an einen Posten zu stellen und in ihnen nützliche Werkzeuge zu sehen: — sie können nur in ihrer eigenen Luft, auf ihrem eigenen Boden leben. Diese Beschränktheit giebt ihnen ein, was Alles von einer Wissenschaft „zu ihnen gehöre", das heisst, was sie in ihre Luft und Wohnung heim- tragen können ; sie wähnen immer, ihr zerstreutes „Eigen- thum" zu sammeln. Verhindert man sie, an ihrem eigenen Neste zu bauen, so gehen sie wie obdachlose Vögel zu Grunde ; Unfreiheit ist für sie Schwindsucht Pflegen sie, in der Art jener Anderen, einzelne Gegenden der Wissen- schaft, so sind es doch immer nur solche, wo gerade die ihnen nöthigen Früchte und Samen gedeihen; was geht es sie an, ob die Wissenschaft, im Ganzen gesehen, unan- gebaute oder schlecht gepflegte Gegenden hat? Es fehlt ihnen jede unpersönliche Theilnahme an einem Problem der Erkenntniss: — wie sie selber durch und durch Person sind, so wachsen auch alle ihre Einsichten und Kenntnisse wieder zu einer Person zusammen, zu einem lebendigen Vielfachen, dessen einzelne Theile von einander abhängen, in einander greifen, gemeinsam ernährt werden und das als Ganzes eine eigne Luft, einen eignen Geruch hat — Solche Naturen bringen, mit diesen ihren personenhaften Erkenntniss-Gebilden, jene Täuschung hervor, dass eine Wissenschaft (oder gar die ganze Philosophie) fertig sei und am Ziele stehe. Das Leben in ihrem Gebilde übt diesen Zauber aus: als welcher zu Zeiten sehr verhängniss- voll für die Wissenschaft und irreführend für jene vorhin beschriebenen, eigentlich tüchtigen Arbeiter des Geistes ■ — 28! — gewesen ist, zu andern Zeiten wiederum, als die Dürre und die Ermattung herrschten, wie ein Labsal und gleich dem Anhauche einer kühlen erquicklichen Raststätte gewirkt hat. — Gewöhnlich nennt man solche Menschen Philosophen. 172. Anerkennung des Talents. — Als ich durch das Dorf Sils gieng, fieng ein Knabe aus Leibeskräften an, mit der Peitsche zu knallen : — er hatte es schon weit in dieser Kunst gebracht und wusste es. Ich warf ihm einen Blick der Anerkennung zu, — im Grunde that mir's bitter wehe. — So machen wir es bei der An- erkennung vieler Talente. Wir thun ihnen wohl, wenn sie uns wehe thun. 173. Lachen und Lächeln. — Je freudiger und sicherer der Geist wird, umsomehr verlernt der Mensch das laute Gelächter; dagegen quillt ihm ein geistiges Lächeln fortwährend auf, ein Zeichen seines Verwunderns über die zahllosen versteckten Annehmlichkeiten des guten Daseins. 174. Unterhaltung der Kranken. — Wie man bei seelischem Kummer sich die Haare rauft, sich vor die Stirn schlägt, die Wange zerfleischt, oder sich gar wie Oedipus die Augen ausbohrt: so ruft man gegen heftige körperliche Schmerzen mitunter eine heftige bittere Empfindung zu Hülfe, durch Erinnerung an Verleumder und Verdächtiger, durch Verdüsterung unserer Zukunft, durch Bosheiten und Dolchstiche, welche man im Geiste gegen Abwesende schleudert. Und bisweilen ist es wahr, dass dabei ein Teufel den andern austreibt, — aber man hat dann den andern. — Darum sei den Digitized by Google - 282 - Kranken jene andere Unterhaltung anempfohlen, bei der sich die Schmerzen zu mildern scheinen: über Wohl- thaten und Artigkeiten nachzudenken, welche man Freund und Feind erweisen kann. i75. Mediokrität als Maske. — Die Mediokrität ist die glücklichste Maske , die der überlegene Geist tragen kann, weil sie die grosse Menge, das heisst die Mediokren, nicht an Maskirung denken lässt — : und doch nimmt er sie gerade ihretwegen vor, — um sie nicht zu reizen, ja nicht selten aus Mitleid und Güte. 176. Die Geduldigen. — Die Pinie scheint zu horchen, die Tanne zu warten: und beide ohne Ungeduld: — sie denken nicht an den kleinen Menschen unter sich, den seine Ungeduld und seine Neugierde auffressen. 1/7. Die besten Scherze. — Der Scherz ist mir am willkommensten, der an Stelle eines schweren, nicht unbedenklichen Gedankens steht, zugleich als Wink mit dem Finger und Blinzeln des Auges. 178. Zubehör aller Verehrung. — Ueberall, wo die Vergangenheit verehrt wird, soll man die Säuberlichen und Säubernden nicht einlassen. Der Pietät wird ohne ein Wenig Staub, Unrath und Unflath nicht wohl. 179. Die grosse Gefahr der Gelehrten. — Gerade die tüchtigsten und gründlichsten Gelehrten sind in der Digitized by Google - 283 - Gefahr, ihr Lebensziel immer niedriger gesteckt zu sehen und, im Gefühle davon, in der zweiten Hälfte ihres Lebens immer missmuthiger und unverträglicher zu werden. Zuerst schwimmen sie mit breiten Hoffnungen in ihre Wissenschaft hinein und messen sich kühnere Aufgaben zu, deren Ziele mitunter durch ihre Phantasie schon vorweggenommen werden: dann giebt es Augen- blicke wie im Leben der grossen entdeckenden SchifF- fahrer, — Wissen, Ahnung und Kraft heben einander immer höher, bis eine ferne neue Küste zum ersten Mal dem Auge aufdämmert. Nun erkennt aber der strenge Mensch von Jahr zu Jahr mehr, wie viel daran gelegen ist, dass die Einzelaufgabe des Forschers so beschränkt wie möglich genommen werde, damit sie ohne Rest gelöst werden könne und jene unerträgliche Vergeudung von Kraft vermieden werde, an welcher frühere Perioden der Wissenschaft litten: alle Arbeiten wurden zehnmal gemacht, und dann hatte immer noch der Elfte das letzte und beste Wort zu sagen. Je mehr aber der Gelehrte dieses Räthsel-Lösen-ohne-Rest kennen lernt und übt, um so grösser wird auch seine Lust daran: aber ebenso wächst auch die Strenge seiner Ansprüche in Bezug auf Das, was hier „ohne Rest" genannt ist. Er legt Alles bei Seite, was in diesem Sinne unvollständig bleiben muss, er gewinnt einen Widerwillen und eine Witterung gegen das Halb- Lösbare, — gegen Alles, was nur im Ganzen und Unbestimmteren eine Art Sicherheit ergeben kann. Seine Jugendpläne zerfallen vor seinem Blicke : kaum bleiben einige Knoten und Knötchen daraus übrig, an deren Entknüpfung jetzt der Meister seine Lust hat, seine Kraft zeigt. Und nun, mitten in dieser so nütz- lichen, so rastlosen Thätigkeit überfällt ihn, den Aelter- gewordenen, plötzlich und dann öfter wieder ein tiefer Digitized by Google — 284 — Missmuth, eine Art Gewissensqual: er sieht auf sich hin, wie auf einen Verwandelten, als ob er verkleinert, er- niedrigt, zum kunstfertigen Zwergen umgeschaffen wäre, er beunruhigt sich darüber, ob nicht das meisterliche Walten im Kleinen eine Bequemlichkeit sei, eine Ausflucht vor der Mahnung zur Grösse des Lebens und Gestaltens. Aber er kann nicht mehr hinüber, — die Zeit ist um. 180. Die Lehrer im Zeitalter der Bücher. — Dadurch, dass die Selbst -Erziehung und Verbrüderungs- Erziehung allgemeiner wird, muss der Lehrer in seiner jetzt ge- wöhnlichen Form fast entbehrlich werden. Lernbegierige Freunde, die sich zusammen ein Wissen aneignen wollen, finden in unserer Zeit der Bücher einen kürzeren und natürlicheren Weg, als „Schule" und „Lehrer" sind. 181. Die Eitelkeit als die grosse Nützlichkeit — Ursprünglich behandelt der starke Einzelne nicht nur die Natur, sondern auch die Gesellschaft und die schwächeren Einzelnen als Gegenstand des Raub -Baues: er nützt sie aus, so viel er kann, und geht dann weiter. Weil er sehr unsicher lebt, wechselnd zwischen Hunger und Ueber- fluss, so tödtet er mehr Thiere, als er verzehren kann, und plündert und misshandelt die Menschen mehr, als nöthig wäre. Seine Machtäusserung ist eine Rache- äusserung zugleich gegen seinen pein- und angstvollen Zustand: sodann will er für mächtiger gelten, als er ist, und missbraucht deshalb die Gelegenheiten: der Furcht- Zuwachs, den er erzeugt, ist sein Macht- Zuwachs. Er merkt zeitig, dass nicht Das, was er ist, sondern Das, was er gilt, ihn trägt oder niederwirft: hier ist der Ur- - 285 - sprung der Eitelkeit. Der Mächtige sucht mit allen Mitteln Vermehrung des Glaubens an seine Macht. — Die Unterworfenen, die vor ihm zittern und ihm dienen, wissen wiederum, dass sie genau so viel werth sind, als sie ihm gelten: weshalb sie auf diese Geltung hin- arbeiten und nicht auf ihre eigene Befriedigung an sich. Wir kennen die Eitelkeit nur in den abgeschwächtesten Formen, in ihren Sublimirungen und kleinen Dosen, weil wir in einem späten und sehr gemilderten Zustande der Gesellschaft leben : ursprünglich ist sie die grosse Nütz- lichkeit, das stärkste Mittel der Erhaltung. Und zwar wird die Eitelkeit um so grösser sein, je klüger der Ein- zelne ist: weil die Vermehrung des Glaubens an Macht leichter ist, als die Vermehrung der Macht selber, aber nur für Den, der Geist hat, oder — wie es für Urzu- stände heissen muss — der listig und hinterhaltig ist. 182. Wetterzeichen der Kultur. — Es giebt so wenige entscheidende Wetterzeichen der Kultur, dass man froh sein muss, für seinen Haus- und Garten gebrauch wenigstens Ein untrügliches in den Händen zu haben. Um zu prüfen, ob Jemand zu uns gehört oder nicht — ich meine zu den freien Geistern — , so prüfe man seine Empfindung für das Christenthum. Steht er irgendwie anders zu ihm als kritisch, so kehren wir ihm den Rücken: er bringt uns unreine Luft und schlechtes Wetter. — Unsere Aufgabe ist es nicht mehr, solche Menschen zu lehren, was ein Scirocco - Wind ist; sie haben Mosen und die Propheten des Wetters und der Aufklärung: wollen sie diese nicht hören, so — Digitized by Google — 286 — 183. Zürnen und strafen hat seine Zeit — Zürnen und strafen ist unser Angebinde von der Thierheit her. Der Mensch wird erst mündig, wenn er dies Wiegen- geschenk den Thieren zurückgiebt — Hier liegt einer der grössten Gedanken vergraben, welche Menschen haben können, der Gedanke an einen Fortschritt aller Fortschritte. — Gehen wir einige Jahrtausende mit ein- ander vorwärts, meine Freunde! Es ist sehr viel Freude noch den Menschen vorbehalten, wovon den gegen- wärtigen noch kein Geruch zugeweht ist! Und zwar dürfen wir uns diese Freude versprechen, ja als etwas Nothwendiges verheissen und beschwören, im Fall nur die Entwickelung der menschlichen Vernunft nicht stille steht! Einstmals wird man die logische Sünde, welche im Zürnen und Strafen, einzeln oder gesellschafts- weise geübt, verborgen liegt, nicht mehr über's Herz bringen, — einstmals, wenn Herz und Kopf so nahe bei einander zu wohnen gelernt haben, wie sie jetzt noch einander ferne stehen. Dass sie sich nicht mehr so ferne stehen, wie ursprünglich, ist beim Blick auf den ganzen Gang der Menschheit ziemlich ersichtlich; und der Einzelne, der ein Leben innerer Arbeit zu überschauen hat, wird mit stolzer Freude sich der überwundenen Ent- fernung, der erreichten Annäherung bewusst werden, um daraufhin noch grössere Hoffnungen wagen zu dürfen. 184. Abkunft der „Pessimisten". — Ein Bissen guter Nahrung entscheidet oft, ob wir mit hohlem Auge oder hoffnungsreich in die Zukunft schauen: dies reicht in's Höchste und Geistigste hinauf. Die Unzufriedenheit und Welt - Schwärzerei ist dem gegenwärtigen Geschlechte — 287 — von den ehemaligen Hungerleidern her vererbt. Auch unsern Künstlern und Dichtern merkt man häufig an, wenn sie selber auch noch so üppig leben, dass sie von keiner guten Herkunft sind, dass sie von unterdrückt lebenden und schlecht genährten Vorfahren Mancherlei in's Blut und Gehirn mitbekommen haben, was als Gegenstand und gewählte Farbe in ihrem Werke wieder sichtbar wird. — Die Kultur der Griechen ist die der Vermögenden, und zwar der Altvermögenden: sie lebten ein paar Jahrhunderte hindurch besser, als wir (in jedem Sinne besser, namentlich viel einfacher in Speise und Trank), — da wurden endlich die Gehirne so voll und fein zugleich, da floss das Blut so rasch hindurch, einem freudigen hellen Weine gleich, dass das Gute und Beste bei ihnen nicht mehr düster, verzückt und gewalt- sam, sondern schön und sonnenhaft heraustrat. 185. Vom vernünftigen Tode. — Was ist vernünf- tiger: die Maschine stillzustellen, wenn das Werk, das man von ihr verlangte, ausgeführt ist? — oder sie laufen zu lassen, bis sie von selber stille steht, das heisst bis sie verdorben ist? . . Ist Letzteres nicht eine Vergeudung der Unterhaltungskosten, ein Missbrauch mit der Kraft und Aufmerksamkeit der Bedienenden? Wird hier nicht weggeworfen, was anderswo sehr noth thäte? Wird nicht selbst eine Art Missachtung gegen die Maschinen überhaupt verbreitet, dadurch, dass viele von ihnen so nutzlos unterhalten und bedient werden? — Ich spreche vom unfreiwilligen (natürlichen) und vom freiwilligen (vernünftigen) Tode. Der natürliche Tod ist der von aller Vernunft unabhängige, der eigentlich unver- nünftige Tod, bei dem die erbärmliche Substanz der Digitized by Google Schale darüber bestimmt, wie lange der Kern bestehen soll oder nicht: bei dem also der verkümmernde, oft kranke und stumpfsinnige Gefängniss Wärter der Herr ist, der den Punkt bezeichnet, wo sein vornehmer Ge- fangener sterben soll. Der natürliche Tod ist der Selbst- mord der Natur, das heisst die Vernichtung des ver- nünftigen Wesens durch das unvernünftige, welches an das erstere gebunden ist. Nur unter der religiösen Beleuchtung kann es umgekehrt erscheinen: weil dann, wie billig, die höhere Vernunft (Gottes) ihren Befehl giebt, dem die niedere Vernunft sich zu fügen hat. Ausserhalb der religiösen Denkungsart ist der natür- liche Tod keiner Verherrlichung werth. — Die weisheits- volle Anordnung und Verfügung des Todes gehört in jene jetzt ganz unfassbar und unmoralisch klingende Moral der Zukunft, in deren Morgenröthe zu blicken ein unbeschreibliches Glück sein muss. 186. Zurückbildend. — Alle Verbrecher zwingen die Gesellschaft auf ein früheres Kultur-Niveau zurück, als das ist, auf welchem sie gerade steht: Verbrecherwirken zurückbildend. Man denke an die Werkzeuge, welche die Gesellschaft der Nothwehr halber sich schaffen und unterhalten muss: an den verschmitzten Polizisten, den Gefängniss Wärter, den Henker; man vergesse den öffent- lichen Ankläger und den Advokaten nicht; endlich frage man sich, ob nicht der Richter selber, und die Strafe und das ganze Gerichtsverfahren in ihrer Wirkung auf die Nicht -Verbrecher, viel eher niederdrückende, als erhebende Erscheinungen sind; — es wird eben nie ge- lingen, der Nothwehr und der Rache das Gewand der Unschuld umzulegen; und so oft man den Menschen als ein Mittel zum Zwecke der Gesellschaft benutzt und opfert, trauert alle höhere Menschlichkeit darüber. 187. Krieg als Heilmittel. — Matt und erbärmlich werdenden Völkern mag der Krieg als Heilmittel an- zurathen sein: falls sie nämlich durchaus noch fortleben wollen: denn es giebt für die Völker-Schwindsucht auch eine Brutalitäts - Kur. Das ewige Leben -wollen und Nicht -sterben -können ist aber selber schon ein Zeichen von Greisenhaftigkeit der Empfindung: je voller und tüchtiger man lebt, um so schneller ist man bereit, das Leben für eine einzige gute Empfindung dahin zu geben. Ein Volk, das so lebt und empfindet, hat die Kriege nicht nöthig. 188. Geistige und leibliche Verpflanzung als Heil- mittel. — Die verschiedenen Kulturen sind verschiedene geistige Klimata, von denen ein jedes diesem oder jenem Organismus vornehmlich schädlich oder heilsam ist. Die Historie im Ganzen, als das Wissen um die verschiedenen Kulturen, ist die Heilmittellehre, nicht aber die Wissenschaft der Heilkunst selber. Der Arzt ist erst recht noch nöthig, der sich dieser Heilmittellehre bedient, um Jeden in sein ihm gerade erspriessliches Klima zu senden — zeitweilig oder auf immer. In der Gegenwart leben, innerhalb einer einzigen Kultur, genügt nicht als allgemeines Recept: dabei würden zu viele höchst nützliche Arten von Menschen aussterben, die in ihr nicht gesund athmen können. Mit der Historie muss man ihnen Luft machen und sie zu erhalten suchen; auch die Menschen zurückgebliebener Kulturen haben ihren Werth. — Dieser Kur der Geister steht zur Seite, dass die Nietzsche, Menschliches, Allxumenschliches IL 1 9 Menschheit in leiblicher Beziehung darnach streben muss, durch eine medizinische Geographie dahinterzu- kommen, zu welchen Entartungen und Krankheiten jede Gegend der Erde Anlass giebt, und umgekehrt, welche Heilfaktoren sie bietet: und dann müssen allmählich Völker, Familien und Einzelne so lange und so anhaltend ver- pflanzt werden, bis man über die angeerbten physischen Gebrechen Herr geworden ist. Die ganze Erde wird endlich eine Summe von Gesundheits-Stationen sein. 189. Der Baum der Menschheit und die Vernunft. — Das, was ihr als Uebervölkerung der Erde in greisen- hafter Kurzsichtigkeit fürchtet, giebt dem Hoffnungs- volleren eben die grosse Aufgabe in die Hand: die Menschheit soll einmal ein Baum werden, der die ganze Erde überschattet, mit vielen Milliarden von Blüthen, die alle neben einander Früchte werden sollen, und die Erde selbst soll zur Ernährung dieses Baumes vorbereitet werden. Dass der jetzige noch kleine Ansatz dazu an Saft und Kraft zunehme, dass in unzähligen Kanälen der Saft zur Ernährung des Ganzen und des Einzelnen umströme, — aus diesen und ähnlichen Aufgaben ist der Maassstab zu entnehmen, ob ein jetziger Mensch nützlich oder unnütz ist. Die Aufgabe ist unsäglich gross und kühn: wir Alle wollen dazu helfen, dass der Baum nicht vor der Zeit verfaule! — Dem historischen Kopfe gelingt es wohl, das menschliche Wesen und Treiben sich im Ganzen der Zeit so vor die Augen zu stellen, wie uns Allen das Ameisen -Wesen mit seinen kunstvoll gethürmten Haufen vor Augen steht Ober- flächlich beurtheilt, würde auch das gesammte Menschen- thum, gleich dem Ameisenthum, von „Instinkt" reden Digitized by Go lassen. Bei strengerer Prüfung nehmen wir wahr, dass ganze Völker, wie ganze Jahrhunderte, sich abmühen, neue Mittel ausfindig zu machen und auszuprobiren, womit man einem grossen menschlichen Ganzen und zuletzt dem grossen Gesammt- Fruchtbaume der Menschheit wohlthun könne; und was auch immer bei diesem Aus- probiren die Einzelnen, die Völker und die Zeiten für Schaden leiden, durch diesen Schaden sind jedesmal Einzelne klug geworden, und von ihnen aus strömt die Klugheit langsam auf die Maassregeln ganzer Völker, ganzer Zeiten über. Auch die Ameisen irren und ver- greifen sich; die Menschheit kann recht wohl durch Thorheit der Mittel verderben und verdorren, vor der Zeit, es giebt weder für jene, noch für diese einen sicher führenden Instinkt Wir müssen vielmehr der grossen Aufgabe in's Gesicht sehen, die Erde für ein Gewächs der grössten und freudigsten Fruchtbarkeit vorzu- bereiten, — einer Aufgabe der Vernunft für die Vernunft! 190. Das Lob des Uneigennützigen und sein Ursprung. — Zwischen zwei nachbarlichen Häuptlingen war seit Jahren Hader: man verwüstete einander die Saaten, führte Heerden weg, brannte Häuser nieder, mit einem unentschiedenen Erfolge im Ganzen, weil ihre Macht ziemlich gleich war. Ein Dritter, der durch die abgeschlossene Lage seines Besitzthums von diesen Fehden sich fern halten konnte, aber doch Grund hatte, den Tag zu fürchten, an dem einer dieser händelsüchtigen Nachbarn entscheidend zum Uebergewicht kommen würde, trat endlich zwischen die Streitenden, mit Wohlwollen und Feierlichkeit: und im Geheimen legte er auf seinen Friedensvorschlag ein schweres Gewicht, indem er jedem 19* — 292 — Einzelnen zu verstehen gab, fürderhin gegen Den, welcher sich wider den Frieden sträube, mit dem Andern gemein- same Sache zu machen. Man kam vor ihm zusammen, man legte zögernd in seine Hand die Hände, welche bisher die Werkzeuge und allzu oft die Ursache des Hasses gewesen waren, — und wirklich, man versuchte es ernstlich mit dem Frieden. Jeder sah mit Erstaunen, wie plötzlich sein Wohlstand, sein Behagen wuchs, wie man jetzt am Nachbar einen kaufs- und verkaufsbereiten Händler, anstatt eines tückischen oder offen höhnenden Uebelthäters hatte, wie selbst, in unvorhergesehenen Nothfällen, man sich gegenseitig aus der Noth ziehen konnte, anstatt, wie es bisher geschehen, diese Noth des Nachbars auszunutzen und auf's Höchste zu steigern ; ja es schien, als ob der Menschenschlag in beiden Gegenden sich seitdem verschönert hätte: denn die Augen hatten sich erhellt, die Stirnen sich entrunzelt. Allen war das Vertrauen zur Zukunft zu eigen geworden, — und Nichts ist den Seelen und Leibern der Menschen förderlicher, als dies Vertrauen. Man sah einander alle Jahre am Tage des Bündnisses wieder, die Häuptlinge sowohl wie deren Anhang, und zwar vor dem Angesicht des Mittlers: dessen Handlungsweise man, je grösser der Nutzen war, den man ihr verdankte, immer mehr anstaunte und verehrte. Man nannte sie uneigennützig, — man hatte den Blick viel zu fest auf den eigenen, zeither eingeernteten Nutzen gerichtet, um von der Handlungsweise des Nachbars Mehr zu sehen, als dass sein Zustand in Folge derselben sich nicht so verändert habe, wie der eigene: er war vielmehr der selbe geblie- ben, und so schien es, dass Jener den Nutzen nicht im Auge gehabt habe. Zum ersten Male sagte man sich, dass die Uncigennützigkeit eine Tugend sei: gewiss — 293 — mochten im Kleinen und Privaten sich oftmals bei ihnen ähnliche Dinge ereignet haben, aber man hatte das Augenmerk für diese Tugend erst, als sie zum ersten Male in ganz grosser Schrift, lesbar für die ganze Gemeinde, an die Wand gemalt wurde. — Erkannt als Tugenden, zu Namen gekommen, in Schätzung gebracht, zur Aneignung anempfohlen, sind die moralischen Eigen- schaften erst von dem Augenblicke an, da sie sichtbar über Glück und Verhängniss ganzer Gesellschaften ent- schieden haben: dann ist nämlich die Höhe der Empfin- dung und die Erregung der inneren schöpferischen Kräfte bei Vielen so gross, dass man dieser Eigenschaft Geschenke bringt, vom Besten, was Jeder hat. Der Ernste legt ihr seinen Ernst zu Füssen, der Würdige seine Würde, die Frauen ihre Milde, die Jünglinge alles HofFnungs- und Zukunftsreiche ihres Wesens: der Dichter leiht ihr Worte und Namen, reiht sie in den Reigentanz ähnlicher Wesen ein, giebt ihr einen Stammbaum, und betet zuletzt, wie es Künstler thun, das Gebilde seiner Phantasie als neue Gottheit an, — er lehrt sie anbeten. So wird eine Tugend, weil die Liebe und die Dankbar- keit Aller an ihr arbeitet wie an einer Bildsäule, zuletzt eine Ansammlung des Guten und Verehrungswürdigen, eine Art Tempel und göttliche Person zugleich. Sie steht fürderhin als einzelne Tugend da, als ein Wesen für sich, was sie bis dahin nicht war, und übt die Rechte und die Macht einer geheiligten Uebermenschlichkeit aus. — Im späteren Griechenland standen die Städte voll von solchen vergottmenschlichten Abstractis (man ver- zeihe das absonderliche Wort um des absonderlichen Begriffs willen); das Volk hatte sich auf seine Art einen platonischen „ Ideenhimmel " inmitten seiner Erde her- gerichtet, und ich glaube nicht, dass die Inwohner dieses Digitized by Google — 294 - Himmels weniger lebendig empfunden wurden, als irgend eine althomerische Gottheit. 191. Dunkel-Zeiten. — „Dunkel -Zeiten" nennt man solche in Norwegen, da die Sonne den ganzen Tag unter dem Horizonte bleibt: die Temperatur fällt dabei fortwährend langsam. — Ein schönes Gleichniss für alle Denker, welchen die Sonne der Menschheits- Zukunft zeitweilig verschwunden ist. 192. Der Philosoph der Ueppigkeit — Ein Gärtchen, Feigen, kleine Käse, und dazu drei oder vier gute Freunde, — das war die Ueppigkeit Epikur's. 193. Die Epochen des Lebens. — Die eigentlichen Epochen im Leben sind jene kurzen Zeiten des Still- standes, mitten innen zwischen dem Aufsteigen und Ab- steigen eines regierenden Gedankens oder Gefühls. Hier ist wieder einmal Sattheit da: alles Andere ist Durst und Hunger — oder Ueberdruss. 194. Der Traum. — Wenn unsere Träume ausnahms- weise einmal gelingen und vollkommen werden — für gewöhnlich ist der Traum eine Pfuscher - Arbeit — , so sind sie symbolische Scenen- und Bilder-Ketten an Stelle einer erzählenden Dichter-Sprache : sie umschreiben unsere Erlebnisse oder Erwartungen oder Verhältnisse mit dichte- rischer Kühnheit und Bestimmtheit, sodass wir immer über uns erstaunt sind, wenn wir uns morgens unserer — 295 — Träume erinnern. Wir verbrauchen im Träumen zu viel Künstlerisches — und sind deshalb am Tage oft zu arm daran. 195- Natur und Wissenschaft — Ganz wie in der Natur, werden auch in der Wissenschaft die schlechteren, unfruchtbareren Gegenden zuerst gut angebaut, — weil hierfür eben die Mittel der angehenden Wissenschaft ungefähr ausreichen. Die Bearbeitung der fruchtbarsten Gegenden setzt eine sorgsam entwickelte ungeheure Kraft von Methoden, gewonnene Einzel - Resultate und eine organisirte Schaar von Arbeitern, gut geschulten Arbeitern, voraus; — dies Alles findet sich erst spät zusammen. — Die Ungeduld und der Ehrgeiz greifen oft zu früh nach diesen fruchtbarsten Gegenden; aber die Ergebnisse sind dann gleich Null. In der Natur würden sich solche Versuche dadurch rächen, dass die Ansiedler verhungerten. 196. Einfach leben. — Eine einfache Lebensweise ist jetzt schwer: zu ihr thut viel mehr Nachdenken und Er- findungsgabe noth, als selbst sehr gescheute Leute haben. Der Ehrlichste von ihnen wird vielleicht noch sagen: „ich habe nicht die Zeit, darüber so lange nachzudenken. Die einfache Lebensweise ist für mich ein zu vornehmes Ziel; ich will warten, bis Weisere, als ich bin, sie gefunden haben." 197. Spitzen und Spitzchen. — Die geringe Frucht- barkeit, die häufige Ehelosigkeit und überhaupt die ge- schlechtliche Kühle der höchsten und kultivirtesten Geister, sowie der zu ihnen gehörenden Klassen, ist in der Oeko- nomie der Menschheit wesentlich; die Vernunft erkennt Digitized by Google und macht Gebrauch davon, dass bei einem äussersten Punkte der geistigen Entwicklung die Gefahr einer nervösen Nachkommenschaft sehr gross ist: solche Menschen sind Spitzen der Menschheit, — sie dürfen nicht weiter in Spitzchen auslaufen. 198. Keine Natur macht Sprünge. — Wenn der Mensch sich noch so stark fortentwickelt und aus einem Gegensatz in den andern überzuspringen scheint: bei genaueren Beobachtungen wird man doch die Ver- zahnungen auffinden, wo das neue Gebäude aus dem älteren herauswächst. Dies ist die Aufgabe des Bio- graphen: er muss nach dem Grundsatze über das Leben denken, dass keine Natur Sprünge macht. 199. Zwar reinlich. — Wer sich mit reingewaschenen Lumpen kleidet, kleidet sich zwar reinlich, aber doch lumpenhaft. 200. Der Einsame spricht — Man erntet als Lohn für vielen Ueberdruss, Missmuth, Langeweile — wie dies alles eine Einsamkeit ohne Freunde, Bücher, Pflichten, Leidenschaften mit sich bringen muss — jene Viertelstunden tiefster Einkehr in sich und die Natur. Wer sich völlig gegen die Langeweile verschanzt, verschanzt sich auch gegen sich selber: den kräftigsten Labetrunk aus dem eigenen innersten Born wird er nie zu trinken bekommen. 201. Falsche Berühmtheit. — Ich hasse jene angeb- lichen Naturschönheiten, welche im Grunde nur durch Digitized by Go das Wissen, namentlich das geographische, Etwas be- deuten, an sich aber dem schönheitsdurstigen Sinne dürftig bleiben: zum Beispiel die Ansicht des Montblanc von Genf aus — etwas Unbedeutendes ohne die zu Hülfe eilende Gehirnfreude des Wissens; die näheren Berge dort sind alle schöner und ausdrucksvoller, — aber „lange nicht so hoch", wie jenes absurde Wissen, zur Abschwächung, hinzufügt. Das Auge widerspricht dabei dem Wissen: wie soll es sich im Widersprechen wahrhaft freuen können! 202. Vergnügungs- Reis ende. — Sie steigen wie Thiere den Berg hinauf, dumm und schwitzend; man hatte ihnen zu sagen vergessen, dass es unterwegs schöne Aussichten gebe. 203. Zu Viel und zu Wenig. — Die Menschen durch- leben jetzt alle zu Viel und durchdenken zu Wenig: sie haben Heisshunger und Kolik zugleich und werden des- halb immer magerer, so Viel sie auch essen. — Wer jetzt sagt: „ich habe Nichts erlebt" — ist ein Dummkopf. 204. Ende und Ziel. — Nicht jedes Ende ist das Ziel. Das Ende der Melodie ist nicht deren Ziel; aber trotz- dem: hat die Melodie ihr Ende nicht erreicht, so hat sie auch ihr Ziel nicht erreicht. Ein Gleichniss. 205. Neutralität der grossen Natur. — Die Neutra- lität der grossen Natur (in Berg, Meer, Wald und Wüste) 298 — gefällt, aber nur eine kurze Zeit: nachher werden wir ungeduldig. „Wollen denn diese Dinge gar Nichts zu uns sagen? Sind wir für sie nicht da?" Es entsteht das Gefühl eines crimen laesae majestatis humanae. 206. Die Absichten vergessen. — Man vergisst über der Reise gemeinhin deren Ziel. Fast jeder Beruf wird als Mittel zu einem Zwecke gewählt und begonnen, aber als letzter Zweck fortgeführt Das Vergessen der Ab- sichten ist die häufigste Dummheit, die gemacht wird. 207. Sonnenbahn der Idee. — Wenn eine Idee am Horizonte eben aufgeht, ist gewöhnlich die Temperatur der Seele dabei sehr kalt. Erst allmählich entwickelt die Idee ihre Wärme, und am heissesten ist diese (das heisst sie thut ihre grössten Wirkungen), wenn der Glaube an die Idee schon wieder im Sinken ist. 208. Wodurch man Alle wider sich hätte. — Wenn jetzt Jemand zu sagen wagte: „wer nicht für mich ist, der ist wider mich", so hätte er sofort Alle wider sich. — Diese Empfindung macht unserm Zeitalter Ehre. 209. Sich des Reichthums schämen. — Unsere Zeit verträgt nur eine einzige Gattung von Reichen: solche, welche sich ihres Reichthums schämen. Hört man von Jemandem „er ist sehr reich", so hat man dabei sofort eine ähnliche Empfindung wie beim Anblick einer wider- lich anschwellenden Krankheit, einer Fett- oder Wasser- Digitized by Google — 299 — sucht: man muss sich gewaltsam seiner Humanität erinnern, um mit einem solchen Reichen so verkehren zu können, dass er von unserm Ekelgefühle Nichts merkt. Sobald er aber gar sich Etwas auf seinen Reichthum zu Gute thut, so mischt sich zu unserm Gefühle die fast mitleidige Verwunderung über einen so hohen Grad der menschlichen Unvernunft: sodass man die Hände gen Himmel erheben und rufen möchte „armer Entstellter, Ueberbürdeter, hundertfach Gefesselter, dem jede Stunde etwas Unangenehmes bringt oder bringen kann, in dessen Gliedern jedes Ereigniss von zwanzig Völkern nachzuckt, wie magst du uns glauben machen, dass du dich in deinem Zustande wohlfühlst! Wenn du irgendwo öffentlich erscheinst, — so wissen wir, dass es eine Art Spiessruthenlaufens ist, unter lauter Blicken, welche für dich nur kalten Hass oder Zudringlichkeit oder schweigsamen Spott haben. Dein Erwerben mag leichter sein, als das der Anderen: aber es ist ein überflüssiges Erwerben, welches wenig Freude macht, und dein Be- wahren alles Erworbenen ist jedenfalls jetzt ein müh- seligeres Ding, als irgend ein mühseliges Erwerben. Du leidest fortwährend, denn du verlierst fortwährend. Was nützt es dir, dass man dir immer neues künstliches Blut zufuhrt: deshalb thun doch die Schröpf köpfe nicht weniger weh, die auf deinem Nacken sitzen, beständig sitzen! — Aber, um nicht unbillig zu werden, es ist schwer, vielleicht unmöglich für dich, nicht reich zu sein: du musst bewahren, musst neu erwerben, der vererbte Hang deiner Natur ist das Joch über dir, — aber des- halb täusche uns nicht und schäme dich ehrlich und sichtlich des Joches, das du trägst: da du ja im Grunde deiner Seele müde und unwillig bist, es zu tragen. Diese Scham schändet nicht." 210. Ausschweifung in der Anmaassung. — Es giebt so anmaassende Menschen, dass sie eine Grösse, welche sie öffentlich bewundern, nicht anders zu loben wissea als indem sie dieselbe als Vorstufe und Brücke, die zu ihnen führt, darstellen. 211. Auf dem Boden der Schmach. — Wer den Menschen eine Vorstellung nehmen will, thut sich ge- wöhnlich nicht genug damit, sie zu widerlegen und den unlogischen Wurm, der in ihr sitzt, herauszuziehen: viel- mehr wirft er, nachdem der Wurm getödtet ist, die ganze Frucht auch noch in den Koth, um sie den Menschen unansehnlich zu machen und Ekel vor ihr einzuflössen. So glaubt er das Mittel gefunden zu haben, die bei widerlegten Vorstellungen so gewöhnliche „Wiederauf- erstehung am dritten Tage" unmöglich zu machen. — Er irrt sich, denn gerade auf dem Boden der Schmach, inmitten des Unflathes, treibt der Fruchtkern der Vor- stellung schnell neue Keime — . Also: ja nicht verhöhnen, beschmutzen, was man endgültig beseitigen will, sondern es achtungsvoll auf Eis legen, immer und immer wieder, in Anbetracht, dass Vorstellungen ein sehr zähes Leben haben. Hier muss man nach der Maxime han- deln: „Eine Widerlegung ist keine Widerlegung". 212. Loos der Moralität. — Da die Gebundenheit der Geister abnimmt, ist sicherlich die Moralität (die vererbte, überlieferte, instinkthafte Handlungsweise nach mora- lischen Gefühlen) ebenfalls in Abnahme: nicht aber die einzelnen Tugenden — Massigkeit, Gerechtigkeit, Seelen- ruhe — , denn die grösste Freiheit des bewussten Geistes führt einmal schon unwillkürlich zu ihnen hin und räth sie sodann auch als nützlich an. 213. Der Fanatiker des Misstrauens und seine Bürgschaft. — Der Alte: Du willst das Ungeheure wagen, die Menschen im Grossen zu belehren? Wo ist deine Bürgschaft? — Pyrrhon: Hier ist sie: ich will die Menschen vor mir selber warnen, ich will alle Fehler meiner Natur öffentlich bekennen und meine Ueber- eilungen, Widersprüche und Dummheit vor Aller Augen blossstellen. „Hört nicht auf mich — will ich ihnen sagen — bis ich nicht eurem Geringsten gleich geworden bin, und noch geringer bin, als er! sträubt euch gegen die Wahrheit, solange ihr nur könnt, aus Ekel vor Dem, der ihr Fürsprecher ist! Ich werde euer Verführer und Betrüger sein, wenn ihr noch den mindesten Glanz von Achtbarkeit und Würde an mir wahrnehmt!" — Der Alte: Du versprichst zu Viel ; du kannst diese Last nicht tragen. — Pyrrhon: So will ich auch Dies den Menschen sagen: dass ich zu schwach bin und nicht halten kann, was ich verspreche. Je grösser meine Unwürdigkeit, um so mehr werden sie der Wahrheit misstrauen, wenn sie durch meinen Mund geht. — Der Alte: Willst du denn der Lehrer des Misstrauens gegen die Wahrheit sein? — Pyrrhon: Des Misstrauens, wie es noch nie in der Welt war, — des Misstrauens gegen Alles und Jedes. Es ist der einzige Weg zur Wahrheit. Das rechte Auge darf dem linken nicht trauen, und Licht wird eine Zeitlang Finsterniss hcissen müssen: dies ist der Weg, den ihr gehen müsst. Glaubt nicht, dass er euch zu Frucht- bäumen und schönen Weiden führe. Kleine harte Körner werdet ihr auf ihm finden, — das sind die Wahrheiten: Jahrzehnte lang werdet ihr die Lügen händevoll ver- schlingen müssen, um nicht Hungers zu sterben, ob ihr schon wisset, dass es Lügen sind. Jene Körner aber werden gesäet und eingegraben, und vielleicht, vielleicht giebt es einmal einen Tag der Ernte: Niemand darf ihn versprechen, er sei denn ein Fanatiker. — Der Alte: Freund! Freund! Auch deine Worte sind die des Fana- tikers! — Pyrrhon: Du hast Recht! Ich will gegen alle Worte misstrauisch sein. — Der Alte: Dann wirst du schweigen müssen. — Pyrrhon: Ich werde den Menschen sagen, dass ich schweigen muss und dass sie meinem Schweigen misstrauen sollen. — Der Alte: Du trittst also von deinem Unternehmen zurück? — Pyrrhon: Vielmehr, — du hast mir eben das Thor gezeigt, durch welches ich gehen muss. — Der Alte: Ich weiss nicht — : verstehen wir uns jetzt noch völlig? — Pyrrhon: Wahr- scheinlich nicht. — Der Alte: Wenn du dich nur selber völlig verstehst! — Pyrrhon dreht sich um und lacht — Der Alte: Ach Freund! Schweigen und Lachen — ist das jetzt deine ganze Philosophie? — Pyrrhon: Es wäre nicht die schlechteste. — 214. Europäische Bücher. — Man ist beim Lesen von Montaigne, Larochefoucauld, Labruyere, Fontenelle (namentlich der Dialogues des morts), Vauvenargues, Chamfort dem Alterthum näher, als bei irgend welcher Gruppe von sechs Autoren anderer Völker. Durch jene Sechs ist der Geist der letzten Jahrhunderte der alten Zeitrechnung wieder erstanden, — sie zusammen bilden ein wichtiges Glied in der grossen noch fortlaufenden Kette der Renaissance. Ihre Bücher erheben sich über Digitized by Go — 303 — den Wechsel des nationalen Geschmacks und der philo- sophischen Färbungen, in denen für gewöhnlich jetzt jedes Buch schillert und schillern muss, um berühmt zu werden: sie enthalten mehr wirkliche Gedanken, als alle Bücher deutscher Philosophen zusammengenommen: Gedanken von der Art, welche Gedanken macht, und die ich bin in Verlegenheit, zu Ende zu definiren; genug, dass es mir Autoren zu sein scheinen, welche weder für Kinder noch für Schwärmer geschrieben haben, weder für Jungfrauen noch für Christen, weder für Deutsche noch für — ich bin wieder in Verlegenheit, meine Liste zu schliessen. — Um aber ein deutliches Lob zu sagen: sie wären, griechisch geschrieben, auch von Griechen verstanden worden. Wie viel hätte dagegen selbst ein Plato von den Schriften unserer besten deutschen Denker, zum Beispiel Goethe's, Schopenhauers , überhaupt ver- stehen können? von dem Widerwillen zu schweigen, welchen ihre Schreibart ihm erregt haben würde, nämlich das Dunkle , Uebertriebene und gelegentlich wieder Klapperdürre, — Fehler, an denen die Genannten noch am Wenigsten von den deutschen Denkern und doch noch allzuviel leiden (Goethe, als Denker, hat die Wolke lieber umarmt, als billig ist, und Schopenhauer wandelt nicht ungestraft fast fortwährend unter Gleichnissen der Dinge, statt unter den Dingen selber). — Dagegen, welche Helligkeit und zierliche Bestimmtheit bei jenen Franzosen! Diese Kunst hätten auch die feinohrigsten Griechen gutheissen müssen, und Eines würden sie sogar bewundert und angebetet haben, den französischen Witz des Ausdrucks: so Etwas liebten sie sehr, ohne gerade darin besonders stark zu sein. Digitized by Google — 3°4 — 21 5- Mode und modern. — Ueberall, wo noch die Unwissenheit, die Unreinlichkeit , der Aberglaube im Schwange sind, wo der Verkehr lahm, die I^ndwirthschaft armselig, die Priesterschaft mächtig ist, da finden sich auch noch die Nationaltrachten. Dagegen herrscht die Mode, wo die Anzeichen des Entgegengesetzten sich finden. Die Mode ist also neben den Tugenden des jetzigen Europa zu finden: sollte sie wirklich deren Schattenseite sein? — Zunächst sagt die männliche Bekleidung, welche modisch und nicht mehr national ist, von Dem, der sie trägt, aus, dass der Europäer nicht als Einzelner, noch als Standes- und Volksgenosse auffallen will, dass er sich eine absichtliche Dämpfung dieser Arten von Eitelkeit zum Gesetz gemacht hat; dann: dass er arbeitsam ist und nicht viel Zeit zum An- kleiden und Sich-putzen hat, auch alles Kostbare und Ueppige in Stoff und Faltenwurf im Widerspruch mit seiner Arbeit findet; endlich: dass er durch seine Tracht auf die gelehrteren und geistigeren Berufe als die hin- weist, welchen er als europäischer Mensch am nächsten steht oder stehen möchte: während durch die noch vor- handenen Nationaltrachten der Räuber, der Hirt oder der Soldat als die wünschbarsten und tonangebenden Lebensstellungen hindurchschimmern. Innerhalb dieses Gesammtcharakters der männlichen Mode giebt es dann jene kleinen Schwankungen, welche die Eitelkeit der jungen Männer, der Stutzer und Nichtsthuer der grossen Städte hervorbringt, also Derer, welche als euro- päische Menschen noch nicht reif geworden sind. — Die europäischen Frauen sind dies noch viel weniger, weshalb die Schwankungen bei ihnen viel grösser sind: auch sie wollen das Nationale nicht, und hassen es, als — 305 Deutsche , Französinnen, Russinnen an der Kleidung erkannt zu werden, wiewohl sie als Einzelne sehr gern aufzufallen wünschen; ebenso soll Niemand schon durch ihre Bekleidung in Zweifel gelassen werden, dass sie zu einer angeseheneren Klasse der Gesellschaft (zur „guten" oder „hohen" oder „grossen" Welt) gehören, und zwar wünschen sie nach dieser Seite hin gerade um so mehr voreinzunehmen, als sie nicht oder kaum zu jener Klasse gehören. Vor Allem aber will die junge Frau Nichts tragen, was die etwas ältere trägt, weil sie durch den Verdacht eines höheren Lebensalters im Preise zu fallen glaubt: die ältere wiederum möchte durch jugendlichere Tracht so lange täuschen, als es irgend angeht, — aus welchem Wettbewerb sich zeitweilig immer Moden er- geben müssen, bei denen das eigentlich Jugendliche ganz unzweideutig und unnachahmlich sichtbar wird. Hat der Erfindungsgeist der jungen Künstlerinnen in solchen Biossstellungen der Jugend eine Zeitlang geschwelgt oder, um die ganze Wahrheit zu sagen: hat man wieder einmal den Erfindungsgeist älterer höfischer Kulturen, sowie den der noch bestehenden Nationen, und überhaupt den ganzen kostümirten Erdkreis zu Rathe gezogen und etwa die Spanier, die Türken und Altgriechen zur Insce- nirung des schönen Fleisches zusammengekoppelt, so entdeckt man endlich immer wieder, dass man sich doch nicht zum Besten auf seinen Vortheil verstanden habe, dass, um auf die Männer Wirkung zu machen, das Ver- steckenspielen mit dem schönen Leibe glücklicher sei, als die nackte und halbnackte Ehrlichkeit ; und nun dreht sich das Rad des Geschmackes und der Eitelkeit einmal wieder in entgegengesetzter Richtung: die etwas älteren jungen Frauen finden, dass ihr Reich gekommen sei, und der Wettkampf der lieblichsten und absurdesten Nietzsche, Menschliches, Allxumcnschtichc, II. 20 Digitized by Google — 3°6 — i Geschöpfe tobt wieder von Neuem. Je mehr aber die Frauen innerlich zunehmen und unter sich nicht mehr, wie bisher, den unreifen Altersklassen den Vorrang- zuge- stehen, desto geringer werden diese Schwankung-en ihrer Tracht, desto einfacher ihr Putz: über welchen man billigerweise nicht nach antiken Mustern das Urtheil sprechen darf, also nicht nach dem Maassstab der Ge- wandung südländischer See - Anwohnerinnen , sondern in Berücksichtigung der klimatischen Bedingungen der mitt- leren und nördlichen Gegenden Europa's, derer nämlich, in welchen jetzt der geist- und formerfindende Genius Europa's seine liebste Heimat hat. — Im Ganzen wird also gerade nicht das Wechselnde das charakter- istische Zeichen der Mode und des Modernen sein, denn gerade der Wechsel ist etwas Rückständiges und bezeichnet die noch ungereiften männlichen und weib- lichen Europäer: sondern die Ablehnung der nationalen, ständischen und individuellen Eitelkeit. Dem entsprechend ist es zu loben (weil es kraft- und zeitersparend ist), wenn einzelne Städte und Gegenden Europa's für alle übrigen in Sachen der Kleidung denken und erfinden, in Anbetracht dessen, dass der Formensinn nicht Jeder- mann geschenkt zu sein pflegt: auch ist es wirklich kein allzu hochfliegender Ehrgeiz, wenn zum Beispiel Paris, so lange jene Schwankungen noch bestehen, es in An- spruch nimmt, der alleinige Erfinder und Neuerer in diesem Reiche zu sein. Will ein Deutscher, aus Hass gegen diese Ansprüche einer französischen Stadt, sich anders kleiden, zum Beispiel so wie Albrecht Dürer sich trug, so möge er erwägen, dass er dann ein Kostüm hat, welches zwar ehemalige Deutsche trugen, welches aber die Deutschen ebensowenig erfunden haben, — es hat nie eine Tracht gegeben, welche den Deutschen als Digitized by Google — 307 - Deutschen bezeichnete; übrigens mag er zusehen, wie er aus dieser Tracht herausschaut und ob etwa der ganz moderne Kopf nicht mit all seiner Linien- und Fältchen- schrift, welche das neunzehnte Jahrhundert hineingrub, gegen eine Dürerische Bekleidung Einsprache thut. — Hier, wo die Begriffe „modern" und „europäisch" fast gleich gesetzt sind, wird unter Europa viel Mehr an Länderstrecken verstanden, als das geographische Europa, die kleine Halbinsel Asien's, umfasst: namentlich gehört Amerika hinzu, soweit es eben das Tochterland unserer Kultur ist. Andererseits fällt nicht einmal ganz Europa unter den Kultur- Begriff „Europa"; sondern nur alle jene Völker und Völkertheile , welche im Griechen-, Römer-, Juden- und Christenthum ihre gemeinsame Ver- gangenheit haben. 216. Die „deutsche Tugend". — Es ist nicht zu leugnen, dass vom Ausgange des vorigen Jahrhunderts an ein Strom moralischer Erweckung durch Europa floss. Damals erst wurde die Tugend wieder beredt; sie lernte es, die ungezwungenen Gebärden der Erhebung, der Rührung finden, sie schämte sich ihrer selber nicht mehr und ersann Philosophien und Gedichte zur eigenen Ver- herrlichung. Sucht man nach den Quellen dieses Stromes: so findet man einmal Rousseau, aber den mythischen Rousseau, den man sich nach dem Eindrucke seiner Schriften — fast könnte man wieder sagen: seiner mythisch ausgelegten Schriften — und nach den Finger- zeigen, die er selber gab, erdichtet hatte (er und sein Publikum arbeiteten beständig an dieser Idealfigur). Der andere Ursprung liegt in jener Wiederauferstehung des stoisch-grossen Römerthums, durch welche die Fran- 20* Digitized by Google — 3^8 — zoscn die Aufgabe der Renaissance auf das Würdigste weitergeführt haben. Sie giengen von der Nachschöpfung antiker Formen mit herrlichstem Gelingen zur Xach- schöpfung antiker Charaktere über: sodass sie ein An- recht auf die allerhöchsten Ehren immerdar behalten werden, als das Volk, welches der neueren Menschheit bisher die besten Bücher und die besten Menschen gegeben hat. — Wie diese doppelte Vorbildlichkeit, die des mythischen Rousseau und die jenes wiedererweckten Römergeistes, auf die schwächeren Nachbarn wirkte, sieht man namentlich an Deutschland: welches, in Folge seines neuen und ganz ungewohnten Aufschwunges zu Ernst und Grösse des Wollens und Sich- beherrschen s, zuletzt vor seiner eigenen neuen Tugend in Staunen gerieth und den Begriff „deutsche Tugend" in die Welt warf, wie als ob es nichts Ursprünglicheres, Erbeigeneres geben könnte, als diese. Die ersten grossen Männer, welche jene französische Anregung zur Grösse und Be- wusstheit des sittlichen Wollens auf sich überleiteten, waren ehrlicher und vergassen die Dankbarkeit nicht. Der Moralismus Kant's, — woher kommt er? Er giebt es wieder und wieder zu verstehen: von Rousseau und dem wiedererweckten stoischen Rom. Der Moralismus Schillers: gleiche Quelle, gleiche Verherrlichung der Quelle. Der Moralismus Beethoven's in Tönen: er ist das ewige Loblied Rousseau's, der antiken Franzosen und Schillers. Erst „der deutsche Jüngling" vergass die Dankbarkeit ( — inzwischen hatte man ja das Ohr nach den Predigern des Franzosenhasses hingewendet): jener deutsche Jüngling, der eine Zeitlang mit mehr Bewusst- heit, als man bei andern Jünglingen für erlaubt hält, in den Vordergrund trat. Wenn er nach seiner Vaterschaft spürte, so mochte er mit Recht an die Nähe Schillers, Digitized by Google 3og — Fichte's und Schleiermacher's denken: aber seine Gross- väter hätte er in Paris, in Genf suchen müssen, und es war sehr kurzsichtig, zu glauben, was er glaubte: dass die Tugend nicht älter als dreissig Jahre sei. Damals gewöhnte man sich daran, zu verlangen, dass beim Worte „deutsch" auch noch so nebenbei die Tugend mit- verstanden werde, — und bis auf den heutigen Tag hat man es noch nicht völlig verlernt. — Nebenbei bemerkt, jene genannte moralische Ervveckung hat für die Er- kenntniss der moralischen Erscheinungen, wie sich fast errathen lässt, nur Nachtheile und rückschreitende Be- wegungen zur Folge gehabt. Was ist die ganze deutsche Moralphilosophie, von Kant an gerechnet, mit allen ihren französischen, englischen und italienischen Ausläufern und Nebenzüglern? Ein halbtheologisches Attentat gegen Helvc-tius, ein Abweisen der lange und mühsam erkämpften Freiblicke oder Fingerzeige des rechten Weges, welche er zuletzt gut ausgesprochen und zusammengebracht hat. Bis auf den heutigen Tag ist Helvc'tius in Deutschland der best beschimpfte aller guten Moralisten und guten Menschen. 217. Klassisch und romantisch. — Sowohl die klassisch als auch die romantisch gesinnten Geister — wie es diese beiden Gattungen immer giebt — tragen sich mit einer Vision der Zukunft: aber die ersteren aus einer Stärke ihrer Zeit heraus, die letzteren aus deren Schwäche. 218. Die Maschine als Lehrerin. — Die Maschine lehrt durch sich selber das Ineinandergreifen von Menschenhaufen, bei Aktionen, wo Jeder nur Eins zu thun hat: sie giebt das Muster der Partei-Organisation Digitized by Google — 3 Zweigespann 107 Das Bindende und das Trennende 107 Schützen und Denker 107 Von zwei Seiten aus 107 Original 10* Irrthum der Philosophen . . . 108 WUz IfiÄ Im Augenblicke vor der Lösung 108 Unter die Schwärmer gehen . . 108 Scharfe Luft 109 Warum Gelehrte edler als Künst- ler sind 109 Inwiefern die Pietät verdunkelt . 109 Auf dem Kopfe stehen . . . . 1 10 Ursprung und Nutzen der Mode tio Zungenlöser 1 LQ Freizügige Geister . . . ... 11 L Ja die Kunst der Musen . . .111 2 — Gegen die Pflege der Musik . . 1I2 Die Entdecker von Trivialitäten I_L2 Moral der Gelehrten LL2 Grund der Unfruchtbarkeit . . .113 Verkehrte Welt der Thränen . . 113 Die Griechen als Dolmetscher . 113 Vom erworbenen Charakter der Griechen MJ Das eigentlich Heidnische . . . 11$ Ausnahme-Griechen 1 16 Das Einfache nicht das Erste, noch das Letzte der Zeit nach 117 Wohin man reisen muss . . . I IQ Balsam und Gift Iii Glaube macht selig und verdammt 123 Tragikomödie von Regensburg . 1 24 Goethe's Irrungen 13$ Reisende und ihre Grade . . . 127 Im Höher-Steigen 127 Maass und Mitte L2£ VI. Der Mensch im Verkehr. Humanität der Freund- und Meisterschaft 129 Die Tiefen 129 Für die Verächter der „Heerden- Menschheii" 129 Hauptvergehen gegen den Eitelen 129 Enttäuschung ijo Zwei Quellen der Güte . . . . 130 Der Wanderer im Gebirge zu sich selber 130 Ausgenommen der Nächste . . 13t Vorsicht ijj^ Eitel erscheinen wollen . . . . 131 Die gute Freundschaft . . . .131 Die Freunde als Gespenster . . 132 Ein Auge und zwei Blicke . . . 132 Die blaue Ferne 1^2 Vortheil und Nachtheil imgleichen Missverständniss 132 Der Weise sich als Narren gebend ijj Sich zur Aufmerksamkeit zwingen 133 Weg zu einer christlichen Tugend 133 Kriegslist des Zudringlichen . . ijj Grund der Abneigung Im Scheiden 134 Silentium 134 Unhöflichkeit 134 Verrechnung in der Ehrlichkeit . IJ4 Im Vorzimmer der Gunst . . . 134 Warnung an die Verachteten . . 13^ Manche Unkenntniss adelt . . . 13s Der Widersacher der Grazie . . 13s Beim Wiedersehen ijj Nur Arbeitsame sich zu Freunden wählen 135 Eine Waffe doppelt so viel, als zwei ij6 Tiefe und Trübe 136 An Freund und Feind seine Eitel- keit demonstriren 136 Abkühlung 1^6 Zur Mischung der Gefühle . . . 137 Wenn die Gefahr am grössten ist 137 Nicht zu zeitig 137 Freude am Widerspänstigen . . 137 Versuch der Ehrlichkeit . . . . 137 I — 373 — Das ewige Kind 138 Jede Philosophie ist Philosophie eines Lebensalters 138 Vom Geiste der Frauen . . . . 139 VII. Weib, Kind, Jugend. Thüren 14J Mitleidige Frauen 141 Frühzeitiges Verdienst .... 1 4 1 Bausch- und Bogen-Seelen . . . 142 Erhöhung und Erniedrigung im Geschlechtlichen 130, Das Weib erfüllt, der Mann ver- heisst 139 Umpflanzung 140 Das Lachen als Verrätherei . . 140 Aus der Seele der Jünglinge . . 140 Zur Verbesserung der Welt . . 140 Seinem Gefühle nicht misstrauen i_4J Grausamer Einfall der Liebe . . 14t Junge Talente 142 Ekel an der Wahrheit . . . . 142 Die Quelle der grossen Liebe . 142 Reinlichkeit 143 Von eitlen alten Männern . . . 143 Benutzung des Neuen 14J Recht haben bei den zwei Ge- schlechtern 143 Entsagung im Willen zur Schönheit 144 Unbegreiflich, unausstehlich . . 144 VIII. Staat und Volk. Partei mit der Miene der Dulderin 143 Behaupten sicherer, als beweisen 145 Die besten Hehler 14^ Von Zeit zu Zeit 14J Die Tugend ist nicht von den Deutschen erfunden 146 Pia fraus oder etwas Anderes . 146 Inwiefern auch im Guten das Halbe mehr sein kann, als das Ganze 1 46 Der Partei mann I4J Was, nach Goethe, deutsch ist . i^j Wann es noth thut, stehen zu bleiben 148 Umsturzgeister und Besitzgeister 148 Taktik der Parteien 143 Zur Stärkung von Parteien . . 149 Für seine Vergangenheit sorgen 149 Partei-Schriftsteller 1^0 Gegen sich Partei ergreifen . . 150 Gefahr im Reichthum 150 Freude im Gebieten und Gehorchen 1 5 1 Ehrgeiz des verlornen Postens . » S T Wann Esel noth thun iji Partei-Sitte 1^1 Leer werden 1^2 Erwünschte Feinde i_J2 Der Besitz besitzt 152 Von der Herrschaft der Wissenden 152 Vom „Volke der Denker" (oder des schlechten Denkens) . . . 154 Eulen nach Athen I_J4 Die Presse 1 56 Nach einem grossen Ereigniss . l ^7 Gut deutsch sein heisst : sich ent- deutschen 1^2 Ausländereien Pj>8 Meinungen 1ÜQ IX. Zur Menschen- und Selbstkenntniss. Zwei Arten der Nüchternheit . . 161 , Verfälschung der Freude . . . Der Tugend-Bock iüj Souverainetät L&l Der Wirkende ein Phantom, keine Wirklichkeit \£a Nehmen und geben LÜ2 Der gute Acker 1 62 Verkehr als Genuss ...... L&2 OefTentlich zu leiden verstehen . 1 62 Wärme in den Höhen . . . . 163 Das Gute wollen, das Schöne können 1 63 Gefahr der Entsagenden . . . . 164 — 124 — Letzte Meinung über Meinungen i_6± „Gaudeamus igitur" 164 An einen Gelobten 164 Den Meister lieben 164 Allzuschönes und Menschliches . 165 Hewegliche Habe und Grundbesitz löj Unfreiwillige Idealfiguren . . . 165 Idealist und Lügner 166 Missverstanden werden . . . l_66 Der Wassertrinker spricht . . . 166 Aus dem Lande der Menschen- fresser 1Ü6 Im Gefrierpunkt des Willens . . 166 Das verleugnete Ideal 167 Verrätherische Neigung .... 167 Treppen-Glück 167 Würmer i£S_ Der siegreiche Sitz iM Gefahr in der Bewunderung . . 168 Nutzen der Kränklichkeit . . . 168 Untreue, Bedingung der Meister- schaft 163 Nie umsonst . . 169 Vor grauen Fensterscheiben . . 169 Anzeichen starker Wandlungen . 169 Arznei der Seele 160, Zur Rangordnung der Geister . 170 Der Fatalist 170 Grund vieler Verdriesslichkeit . 170 Uebcrmaass als Heilmittel . . . 170 „Wolle ein Selbst" 170 Womöglich ohne Anhang leben 17J Sich verdunkeln 171 Langeweile 17J Die Gefahr in der Bewunderung ij_i Was man von der Kunst will . 17t Abfall I7_2 Nach dem Tode 1 72 Im Hades lassen 171 Nähe des Bettlerthums . . . . 172 Ketten- Denker 1-2 Mitleid 173 Was ist Genie? 173 Eitelkeit der Kämpfer 173 Das philosophische Leben wird missgedeutet ijj Nachahmung 173 Letzte Lehre der Historie . . 173 Grossheit als Maske 1 74 Unverzeihlich 1 74 Gegen-Sätze 174 Das fehlende Ohr 175 Fehler des Standpunktes, nicht des Auges \J_$ Die Ignoranz in Waffen . . . . 1 75 Am Trinktisch der Erfahrung . 176 Singvögel 176 Nicht gewachsen 176 Die Regel als Mutter oder als Kind 176 Komödie 1 76 Fehler der Biographen . . . . 176 Nicht zu theuer kaufen . . . . 177 Welche Philosophie immer der Gesellschaft noth thut . . . . 177 Anzeichen der vornehmen Seele 177 Das Grosse und sein Betrachter 177 Sich genügen lassen 177 Vortheil in der Entbehrung . . 178 Recept für den Dulder . . . . 178 Der Richter 178 Nutzen der grossen Entsagung . 17S Wie die Pflicht Glanz bekommt 178 Gebet zu Menschen 179 Schaffende und Geniessende . . 179 Der Ruhm aller Grossen . . . 179 Die Hadesfahrt [22 — 375 — Zweite Abtheilung: Der Wanderer und sein Schatten. L Zur Auslegung von Welt und Leben. . 187 Keine neuen Ketten fühlen I82 203 20Ü Vom Baum der Erkenntnis» Die Vernunft der Welt . . „Am Anfang war" 187 Maass für den Werth der Wahrheit ifiÄ Sprachgebrauch und Wirklichkeit 1 SS Die irdische Gebrechlichkeit und ihre Hauptursache 189 Zwei Trostmittel 1^0 In der Nacht 192 Wo die Lehre von der Freiheit des Willens entstanden ist . . 192 II. Moralist Der moderne Diogenes .... 2122 Immoralisten 202 Nicht m verwechseln 202 Der Mensch als der Messende . 203 Princip des Gleichgewichts . . Ob die Anhänger der Lehre vom freien Willen strafen dürfen ? . Zur Beurtheilung des Verbrechers und seines Richters 2128. Der Tausch und die Billigkeit . 2 Co, Rechtszustände als Mittel . . . 209 Erklärung der Schadenfreude . . 210 Das Willkürliche im Zumessen der Strafen 21D Der Neid und sein edlerer Bruder 212 Neid der Götter 2_L2 Eitelkeit ab Nachtrieb des un- gesellschaftlichen Zustandes . 213 Billigkeit 213 Elemente der Rache 214 Die Tugenden der Einbusse . . 218 Casuistik des Vortheils . . . .219 Zum Heuchler werden . . . . 219 Eine Art Kultus der Leidenschaften 219 Gewissensbiss 22Q Ursprung der Rechte 2212 Die Bedeutung des Vergessens in der moralischen Empfindung . 22D. Die Erbreichen der Moralität 221 Der Richter und die Milderungs- gründe 222 Problem der Pflicht zur Wahrheit 223 Die Freiheit des Willens und die Isolation der Fakta 194 Die GrundiiTthümcr I9_£ Zweimal sagen 196 Der Mensch, der Komödiant der Welt 196 Bescheidenheit des Menschen . . 197 Worin Gleichgültigkeit noth thut 198 Tiefe Erklärungen 2HQ und Moral. Stufen der Moral 223 Moral des Mitleidens im Munde der Unmässigen 224 Kloaken der Seele 225 Eine Art von Ruhe und Be- schaulichkeit 22s Das Verbot ohne Gründe . . . aas Charakterbild 225 Mitleiden und Verachtung . . . 226 Klein sein können 226 Inhalt des Gewissens ... . 22b Ueberwindung der Leidenschaften 227 Geschick zum Dienen 227 Gefahr der Sprache für die geistige Freiheit 227 Geist und Langeweile 227 Im Verkehr mit den Thieren . . 228. Neue Schauspieler 229 Was ist „obstinat"? ...... 230 Das Wort „Eitelkeit" .... 230 Türkenfatalismus 230 Advokat des Teufels 231 Die moralischen Charaktermasken 232 Die vornehmste Tugend .... 232 Was vorher nöthig ist .... 232 Was ist Wahrheit? 232 Gewohnheit der Gegensätze . . 233 Ob man vergeben könne? . . . 233 Habituelle Scham 234 Der ungeschickteste Erzieher . . 235 Schreibart der Vorsicht .... 235 III. Religiosität. Göttliche Missionare 236 ' Ehrliches Mslerthum 236 Das Gebet 238 Eine heilige Lüge 238 Der nöthigste Apostel 239 Was ist das Vergänglichere, der Geist oder der Körper? . . .239 Der Glaube an die Krankheit, als Krankheit 239 Rede und Schrift der Rebgiösen 239 Gefahr in der Person 240 Die weltliche Gerechtigkeit . . 240 Eine Anektation beim Abschiede 241 Heiland und Arzt 241 Die Gefangenen 242 Der Verfolger Gottes 243 244 IV. KÜMtl. Gut schreiben lernen 245 Die Lehre vom besten Stile . . 246 Auf den Gang Acht geben . . . 246 Schon und noch 246 Original-deutsch 247 Verbotene Bücher 247 Geist zeigen 247 Deutsche und französische Litte- ratur 248 Unsere Prosa 248 Der grosse Stil 249 Ausweichen 249 Etwas wie Brod 249 Jean Paul 249 Auch den Gegensatz zu schmecken wissen 250 Weingeist-Autoren 250 Der Mittler Sinn ...... 250 Lessing 250 Unerwünschte Leser 251 Dichter-Gedanken . . ... 251 Schreibt einfach und nützlich! . 251 Wieland 252 Seltene Feste 252 Der Schatz der deutschen Prosa 252 Schreibstil und Sprechstil . . .253 Vorsicht im Citiren 253 Wie soll man Irrthümer sagen? 253 Beschränken und vergrössern . .254 Litteratur und Moralität sich er- klärend 254 Welche Gegenden dauernd erfreuen 255 Vorlesen 255 Der dramatische Sinti 255 »che Dinge. Hfr0 Reaktion gegen die Maschinen- Kultur 3io Die Gefährlichkeit der Aufklärung 31 1 Die Leidenschaft im Mittelalter 311 Rauben und sparen 312 Digitized by Google - 37« - 3»2 Gegen die Vernachlässigung der Da» ausschweifende Athen . . . 312 315 Klugheit der Griechen . . . . 313 Grosse Werke und grosser Glaube 315 313 3»° Stil der üeberlegenheit . . 313 Augenschliessen des Geistes . . 3«4 Die furchtbarste Rache . . . . 3l° 314 31 / Gefährlichste Auswanderung . . 315 Warum die Bettler noch leben . 31/ 315 Warum die Bettler noch leben . VI. Das gesellige Leben. Wie der Denker ein Gespräch 1 Am mildthätigsten 321 3i8 321 Die Kunst, sich zu entschuldigen 3i8 321 Unmöglicher Umgang 319 321 319 322 319 Eine lichte Art von Schatten 322 Das Schweigen des Ekels . . . 319 320 322 Doppelsinn des Auges . . . . 320 323 Positiv und negativ 320 Der Voreingenommene . . . . 323 Die Rache der leeren Netze . . 320 Sein Recht nicht geltend machen 320 323 321 VII. Der jüngere Mensch. Das Kinder-Himmelreich . . . 325 Gross und vergänglich . . . . 329 Die Ungeduldigen 325 329 Es giebt keine Erzieher . . . . .^6 329 Mitleiden mit der Jugend . . . 327 Männliches und weibliches Tempe- 327 rament und die Sterblichkeit . 330 Der Geist der Frauen in der jetzigen Gesellschaft . . . . 328 VIII. Im demokratischen Zeitalter. Die Zeit der Cyklopenbauten 331 Das Mittel zum wirklichen frieden 338 Das Recht des allgemeinen Ob der Besitz mit der Gerechtig- 332 keit ausgeglichen werden kann 340 Das schlechte Schliessen . . . 333 Der Werth der Arbeit . . . . 342 Prämissen des Maschinen -Zeit- ■ Vom Studium des Gesellschafts- 334 343 Ein Hemmschuh der Kultur . . 334 Inwiefern die Maschine demüthigt 343 Mehr Achtung vor den Wissenden ! 335 Hundertjährige Quarantäne . . 344 Die Gefahr der Könige . . . . 336 Der gefährlichste Anhänger . . 344 Der Lehrer ein notwendiges Das Schicksal und der Magen . 344 337 344 337 Ziel und Mittel der Demokratie 346 Digitized by Google — 379 — IX. Das : Die Besonnenheit und der Erfolg 347 Et in Arcadia ego 34& Rechnen und messen 349 Nicht unzeitig sehen wollen . . 349 Aus der Praxis des Weisen . . 349 Die Ermüdung des Geistes . . 349 „Eins ist noth" ....... 350 Ein Zeugniss der Liebe .... 350 Wie man schlechte Argumente zu verbessern sucht 35° Die Rechüichkeit 35° Mensch! 35» Nöthigste Gymnastik 351 Sich selber verlieren 351 Wann Abschiednehmen noth thut 351 Am Mittag 35 * Sich vor seinem Maler hüten . . 352 Die zwei Grundsätze des neuen Lebens 352 Gefährliche Reizbarkeit .... 353 Zerstören der Illusionen . . . .353 Das Eintönige des Weisen . .353 Nicht zu lange krank sein . . .353 Wink für Enthusiasten ... 354 Sich zu überraschen wissen . .354 Meinungen und Fische . . . -355 Anzeichen von Freiheit und Un- freiheit 355 Sich selber glauben 355 Reicher und ärmer zugleich . . 356 Wie man angreifen soll . . . . 356 ie Leben. Tod 357 Reue 357 Zum Denker werden .... 357 Das beste Heilmittel 358 Nicht anrühren! 358 Die vergessene Natur 358 Tiefe und Langweiligkeit . . . 358 Wann es Zeit ist, sich Treue zu geloben 358 Wetterpropheten 359 Stetige Beschleunigung .... 359 Die guten Drei 359 Für die „Wahrheit" sterben . . 360 Seine Taxe haben 3&° Moral für Häuserbauer .... 360 Sophokleismus 360 Das Heroische 360 Doppelgängerei der Natur . . . 361 Leutseligkeit des Weisen . . .361 Gold 361 Rad und Hemmschuh 361 Störungen des Denkers .... 362 Viel Geist haben 362 Wie man siegen muss .... 362 Wahn der überlegenen Geister . 362 Forderung der Reinlichkeit . . 363 Auch eines Heros würdig . . . 363 Woran die Weisheit zu messen ist 3^3 Den Irrthum unangenehm sagen 363 Die goldene Loosung 3^3 Digitiz^Hfapoglc Verlag von C. G. Naumann in Leipzig. Dr. Carl Fuchs. Thematikon zu Peter Gast's komischer Oper Die heimliche Ehe. Nebst einer Einleitung: „Im Foyer", und 240 in den Text gedruckten Notenbeispielen. 8° 16 Bogen broschirt Mark 1.50. Unter anderen schreibt Richard von Pergh über dieses Buch in der Allgemeinen Kunstchronik, Wien: — „Wir erhalten einen Einblick in das Werk eines noch unbekannten Tonsetzers und gewinnen volle Achtung für dasselbe. Bei dem herrschenden Mangel an werthvollen komischen Opern scheint es fast unbegreiflich, dass Gast's „heimliche Ehe14 nicht langst Boden gefasst hat ; die Musik — soweit wir sie aus den in dem Thematikon allerdings zahlreich angeführten Notenbeispielen beurtheilen können, — ist durchaus vornehm, melodisch und ansprechend. Jedenfalls werden die Operndirectoren gut thun, das vorliegende Buch in die Hand zu nehmen und vorläufig alle Bedenken beiseite zu lassen, welche die Gleichheit des Titels mit jenem der köstlichen Oper Cimarosa's wohl jederzeit erwecken dürfte." Inzwischen wurde die Oper auf dem Danziger Stadttheater mit grossem Erfolge aufgeführt; sie war übrigens das Entzücken Friedrich Nietzsche's, welcher in seinem „Fall Wagner4' (1888) über Peter Gast schrieb: „Ich kenne nur einen Musiker, der heute noch im Stande ist, eine Ouvertüre aus ganzem Holze zu schnitzen: und Niemand kennt ihn." AJbert Kniepi. Theorie der Geist es werthe. 8° io'/, Bogen broschirt Mark 3.— Inhalt: Einleitung. — Das Problem der Philosophien. — Von den Horizonten der Philosophen. — Zur Psychologie der Religionen. — Zur Psychologie der Kunst. Stimmen der Presse: „Kniepf fegt mit einem scharfen Besen, wird aber nicht nur den Erfolg haben, dass man ihn liest. Er wird anregend auf alle künstlerische Geister wirken" . . . (Hamburger Signale). — „Wir würden dem Verfasser und seinem Buche schweres Unrecht zufügen, wollten wir unterlassen, anzuerkennen, dass seine Kritik des kirchlichen Dogmatismus allenthalben zutrifft . . ." (Leuchte). — „Die doppelte Art, wie in den ursprünglichen Naturreligionen und den späteren Moralreligionen das Problem „Mensch" gelöst wird, der ewige Kampf zwischen dem daseiusfrohen Voksmytkus und der asketischen Priesterreligion ist von Kniepf zum ersten Male an der Wurzel erfasst und in seiner ganzen Bedeutung für Vergangen- heit, Gegenwart und Zukunft entschleiert worden . . ." (Die Gesellschaft). — „Ein tief anregendes und erhebendes Buch. Die Kunst behandelt Kniepf unter dem gleichen Gesichtspunkte, wie die Religion: er eifert gegen die Nüchternheit und Alltäglichkeit der modernen Kunst, gegen ihren Pessi- mismus und ihre Lust am „Milieu". Und er verlangt dagegen eine Kunst, die „verherrliche", berausche, beselige. Eine Kunst im Sinne der neunten Symphonie. Kniepf hat mit diesen Ausführungen allen Denen aus der Seele gesprochen, die eine grossere Kunst, als sie heute auf Bühnen und Ausstellungen sich breit macht, ersehnen" . . . (Tägliche Rundschau), u. a. m. Verlag von C. G. Naumann in Leipzig. Karl Adolf BrodtbecJc. Geistesblitze grosser Männer für freie Denker gesammelt 8° broschirt Mark 3.50, gebunden Mark 4.75. Diese Prosa- Anthologie geistvoller Aussprüche der bedeutendsten Staats- männer, Philosophen und Dichter eignet sich vorzüglich zum Festgeschenk für Politiker, Gelehrte und Literaten, vor Allem auch für die Freunde Nietzsche'scher Philosophie. Die Geistesblitze enthalten systematisch gxuppirte Aussprüche folgen- der Männer: Biedermann, Bismarck, Björnson, Börne, Büchner, Bulle, Burckhardt, Campanella, Carriere, Dickens, Droysen, Epikur, Feuer- bach, Fichte, Freytag, Friedrich IL, Giesebrecht, Goethe, Gregorovius, Grün, v. Hartmann, Henne am Rhyn, Humboldt, v. Ihering, Jäger, Jean Paul, Kant, Lange, Lasker, Lessing, Lichtenberg, Lippert, Luther, Macaulay, Mill, Mirabeau, Mommsen, Montaigne, Moser, Nietzsche, Pestalozzi, Pindar, Rabener, v. Ranke, Schäffle, Schefer, Scherr, Schiller, Schopenhauer, Scott, Shakespeare, Spinoza, Stein, v. Sybel, Treitschke, Vischer, Georg Weber, K. S. Weber, Widmann. Die Sammlung ist eingetheilt in die Hauptgruppen: Kultur, Ge- schichte und Staat — Staat und Kirche. — Zweifel und Aufklärung. — Religion. — Aphorismen. — Das Weib. — Aus der moralischen Welt — Anfangsgründe unserer Moral. — Vom Genie. — Woher? Wozu? Wohin? Dr. Max Zerbst. Nein und Ja! Antwort auf Dr. Hermann Türcks Broschüre: Friedrich Nietzsche und seine philosophischen Irrwege. 8° 6 Bogen broschirt Mark 1. — Dr. Zerbst wendet sich in seinem Buche gegen den Angriff, mit welchem Dr. Hermann Türck vor einiger Zeit Friedrich Nietzsche und seine Philo- sophie blosszustellen suchte. Dieser Angriff wird als ein Versuch mit untauglichen Mitteln bezeichnet und möglichst durch Citatc aus Nietzsche selbst zurückgewiesen. Indem die letzteren mit dem Inhalt des Türck'schen Pamphlets con- frontirt werden, und dadurch das Ungenaue, Verkehrte, ja Widersinnige Ton Dr. Türcks Behauptungen klargelegt wird, weiss Dr. Zerbst zugleich in nuce einen Abriss der Nietzsche'schen Philosophie zu geben, zeigt, wozu Nietzsche Nein sagt, wo er als Werthzerstörer auftritt, wk. was er bejaht, wo er Werthe schafft; daher der Titel Nein und Ja. Und hierin dürfte auch der Grund zu suchen sein, warum das Buch sich über das Niveau einer polemisirenden Streitschrift hoch hinaushebt, obwohl es natür- lich zunächst als eine solche aufgefasst sein will. Digitized by Go Verlag von C. G. Naumann in Leipzig. £>r. JUbert WJttstocJc. Geschichte der Deutschen Pädagogik im Umriss. Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. II. Auflage. 8° 330 Seiten broschirt Mark 3.—, gebunden Mark 3.75. Inhalt: Einleitung. — Die vorchristliche Erziehung der Deutschen. — Die christliche Pädagogik. — Die Anfänge der kirchlichen Erziehung. — Karl der Grosse. — Blüthe und Verfall des geistlichen Schul- und Bildungs- wesen. — Die ritterliche Erziehung. — Die bürgerliche Erziehung. — Die Universitäten. — Das Wiederaufleben der klassischen Studien. — Die Refor- mation und ihre Pädagogen. — Die Entstehung der deutschen Volksschule. — Das Gelehrtenschulwesen im sechzehnten Jahrhundert. — Die Pädagogik des Jesuitismus. — Die Begründer der Didaktik und Methodik. — Das siebzehnte Jahrhundert. — ■ Die Pädagogik des Pietismus. — Die Gründung der Realschule. — Die deutsche Aufklärung. — Die Pädagogik des Philan- tropismus. — Rochow. — Die Pädagogik des Humanismus. — Der päda- gogische Einfluss der deutschen Klassiker. — Pestalozzi. •- Die philoso- phischen Pädagogiker. — Ausbau der Theorie und Praxis. - Fröbel und die Kindergärten. — Die Gegenwart und die nationale Erziehung. JDr. Albert Wittstedt. Lessings Erziehung des Menschengeschlechtes als pädagogisches System. 8° 185 Seiten broschirt Mark 2.25, gebunden Mark 3.— Inhalt: Einleitung. — I. Lessings Erziehungstheorie: 1) Das Wesen der Erziehung. 2) Die Aufgabe der Erziehung. 3) Das Ziel der Erziehung. — II. Lessings Lehre von den Erziehungsmitteln, oder der Disziplin. — III. Lessings Unterrichtstheorie: 1 ) Allgemeine didaktisch-methodische Grund- sätze. 2) Uebcr die Elementarbücher. 3) Der Religionsunterricht. 4) Der Unterricht im Rechnen. — IV. Lessings Pädagogik und die pädagogischen Prinzipien der philosophischen Schulen nach ihm. — V. Schlussbetrachtung. L>r. JUbert Wittstock:. Die Erziehung im Sprichwort oder Die deutsche Volks • Pädagogik. 8° 284 Seiten broschirt Mark 3. — , gebunden Mark 3.75. Inhalt: Sprichwörter über die Bedeutung der Erziehung. — Sprich- wörter über die körperliche Erziehung. — Sprichwörter über die geistliche Erziehung. — Sprichwörter über die sittliche Erziehung. — Sprichwörter über die religiöse Erziehung. — Sprichwörter über die Zuchtmittel. — Sprich- wörter über Unterricht, Schule, Lehrer. — Sprichwörter über Berufs- und Lebensbildung. — Alphabetisches Verzeichniss der Er/iehungs-Sprichwörter. Verlag von C. G. Naumann in Leipzig. £>r. Eugen L>ühring. Die Grössen der modernen Literatur. Populär und kritisch nach neuen Gesichtspunkten dargestellt. I. Abtheilung. 8° 18V4 Bogen broschirt Mark 6. — , gebunden Mark 7.25. IL Abtheilung. 8° 26V« Bogen broschirt Mark 8. — , gebunden Mark 9.50. Nach einer allgemeinen weltliteraturgeschichtlichen Einleitung und nach einem etwas näheren Eingehen auf Dante, Cervantes und Shakespeare und auf sonstige Vorerscheinungen wie Moliere, werden ausführlich Vol- taire, Goethe und Bürger behandelt, wobei die Schriftsteller zweiter Ordnung nur kurz zur Erwähnung kommen. Die zweite Abtheilung enthält ausführlich Rousseau, Schiller, Byron und Shelley, woneben die Schriftsteller von weniger hohem Range, wie in der ersten Abtheilung, nur kurz gekennzeichnet werden und auf die neuesten nur gedrängt onentirende Bemerkungen entfallen. Jedes neue Buch Dühring's darf von vornherein des Interesses der weitesten Kreise sicher sein; das vorliegende Werk hat aber um so mehr ein allgemeines Aufsehen erregt, als uns der berühmte Autor darin auf sein populärstes Gebiet führt, welches er, abgesehen von ge- legentlichen Nebenbeinerkungen, in seinen früheren Schriften und abgesehen von seiner Lessingbroschüre, bisher noch nicht betreten hatte; und auch hier öffnet er neue und überraschende Perspektiven, so dass nicht nur die Würdigung einzelner Schriftsteller, sondern überhaupt die Behandlung literar- historischer Fragen im Anschluss an dieses Werk wesentlichen Aenderungen unterliegen dürfte. Dr. Emil Doli. EUGEN DÜHRING. Etwas von dessen Charakter, Leistungen und reformatorischem Beruf. Eine populäre Gedcnkschrift aus eigenen Wahrnehmungen, mündlichem und brieflichem Verkehr. Mit Dühring's Bildniss in Lichtdruck. 8° 6 Bogen broschirt Mark 2.— In dieser Schrift giebt der Verfasser, dessen Name durch Dühring's „Sache, Leben und Feinde" sowohl, als auch durch die Adressbewegung zu Dühring's 2 5 jähriger Schriftstcllerw irksamkeit 1886 in den interessirten Kreisen längst bekannt ist, zum ersten Male ein getreues, gedrängt gezeichnetes Bild dieser universellen Persönlichkeit. Kein Anderer als er konnte zur Lösung dieser schwierigen aber dankbaien Aufgabe berufen sein; denn nur ihm allein war das Glück vergönnt, 20 Jahre hindurch mit Dühring münd- lich und brieflich fortdauernd zu verkehren. Dieser langjährige Verkehr hat ihn in den Stand gesetzt, alle die Charakter- und Geisteszüge, welche nur ein näherer Unigang offenbart, mit denen, die Dühring's schriftstellerische Leistungen zeigen, zu einem lebensvollen Gesammtbilde zu vereinigen. Es werden im Laufe der Darstellung nicht blos die intimeren Lebensverhältnisse, sondern auch eine grosse Anzahl mündlicher und brieflicher Ausführungen mitgetheilt, die auf den Charakter und die private Persönlichkeit, sowie auf die allgemeinen Ziele neues Licht werfen. Ausserdem sind besondere Ab- schnitte populären Charakteristiken der reformatorischen Haltung und der schriftstellerischen Eigenschaften gewidmet. Digitized by Google Friedrich Nietzsche. II. BAND Yerlac yon c. g. Naumann in Leipzig. "B 33/3 WENLEY LIBRARY Digitized by Google Verlag von C. G. NAUMANN in Leipzig. Friedrich Nietzsche's Werke. Gebundene Gesammt -Werkausgabe. Die Gesammt-J Verausgabe in einzeln käuflichen „Ganzbänden" führe ich nur gebunden. Die Einbände dieser Ausgabe haben doppeltes Rückenschild (deren oberes den Autornamen und die Bandzahl, deren unteres den Inhalt des Bandes angiebt) ; im übrigen ist die äussere Ausstattung gleich, mit den von mir bisher gelieferten Einbänden (Halb- franz mit Goldrückenpressung). Die Gesammt- Werkausgabe erhält folgende Gestaltung: Band I. Abtheilung I. Biographie Friedrich Nietzsche's von Peter Gast. Abtheilung II. Die Geburt der Tragödie. PflT Das Erscheinen dieses Bandes kann unter einigen Jahren nicht erfolgen , w eil die erste Abtheilung, die Biographie Friedrich Nietzsche's, erst rom Herausgeber unter Mitwirkung der Freunde des Autors bearbeitet wird; der Preis dieses Bandes wird nach dem Erscheinen der ersten Abtbeilung bestimmt werden. Band II. Abtheilung I. Unzeitgemäße e Betrachtungen, I. und II. Stück, mit einem Vorwort von Peter Gast. Abtheilung II. Unzeitgemäsae Betrachtungen, III. und IV. Stück gebunden Mark 10.50 Band III. Menschliches, Allzumenschliches I, mit einem faesimilirten Brief Nietzsche's und einem Vorwort von Peter Gast gebunden Mark 9. — Band IV. Menschliches, Allzumenschliches XL Vermischte Meinungen und Sprüche. — Der Wanderer und sein Schatten . gebunden Mark 9. — Band V. Morgenröthe. Gedanken über die moralischen Vorurthcile. gebunden Mark 9. — Band VI. Die fröhliche Wissenschaft („la gaya scienza'') mit Anhang: Lieder des Prinzen Vogelfrei gebunden Mark 9.— Band VII. Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen, in 4 Theilen. Mit dem Portrait und einem faesimilirten Brief Nietzsche's, nebst einem Vorwort von Peter Gast .... gebunden Mark 12.— Band VIII. Abtheilung I. Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft. Abtheilung II. Zur Genealogie der Moral Eine Streitschrift. gebunden Mark 10.— Band IX. Der Fall Wagner. Götzendämmerung. Gesammelte Gedichte Friedrich Nietzsche's. (Neben den bereits veröffentlichten Dich- tungen des Autors werden in diesem Bande auch die im litterarischen Nach- lasse vorgefundenen Gedichte, Alles in Allem 134 Nummern, erscheinen. Jgf~ Auch der Preis dieses Bandes wird erst nach dem Erscheinen desselben festgestellt. Einbanddecken apart pro Band Mark 1.50. In der gebundenen GcHammt-Werhausgabe liegen dir Binde II, III, IV, VII und VIII bereits vor und können sofort geliefert '..erden. Das Erscheinen der übrigen Bande: I, l ', VI und IX -wird seiner Zeit von der Ver- lagshandlung bekannt gemacht; die darin enthaltenen Schriften Xietzsche's können vor- läufig nur wie auf der 4. Umschlagseite angegeben bezogen werden. Wtt Ausgabe in Einzel-Bänden siehe 4. Seite des Umschlages. TU Digitized by Google Verlag- von C. G. NAUMANN in Leipzig. Friedrich Nietzsche's Werke in Einzel- Bänden. Die Geburt der Tragödie. Neue Ausgabe. 8° br. M. 3. — , geb. M. 4.25 Unzeitgemässe Betrachtungen. Zweite Auflage. 2 Bände. 8° (Mit einem Vorwort von Peter Gast, in Band I.) Band I. Erstes Stück: David Strauss, der Bekenner und Schriftsteller. Zweites Stück : Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben. 8° br.M.4.50, geb. M. 5.75 Band II. Drittes Stück: Schopenhauer als Erzieher. Viertes Stück: Richard Wagner in Bayreuth. 8° . . br. M. 4.50, geb. M. 5.75 Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister. Zweite Auflage. 2 Bände. 8° (Mit facsimilirtem Brief des Autors und einem Vorwort von Peter Gast, in Band I.) Band I. Aphorismen in 9 Hauptstücken . br. M. 7.50, geb. M. 9. — Band II. Vermischte Meinungen und Sprüche. — Der Wanderer und sein Schatten br. M. 7.50, geb. M.g. — Morgenröthe. Gedanken über die moralischen Vorurtheile. Neue Ausgabe. 8° br. M. 7.50, geb. M. g.— Die fröhliche Wissenschaft (Ja gaya scienza"). Mit Anhang: Lieder des Prinzen Vogelfrei. Neue Ausgabe. 8° . br. M. 7.50, geb. M.g. — Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen, in 4 Theilen. Dritte Auflage. 8° (Mit Bild und facsimilirtem Brief des Autors und einem Vorwort von Peter Gast) . . br. M. 10. — , geb. M. 12. — Also sprach Zarathustra. IV. Theil, apart für Besitzer der ersten Auflage, mit Bild des Autors. — Anhang: Dionysos-Dithyramben, br. M. 4. — Jenseit6 von Gut und Böse. Vorspiel einer " Philosophie der Zukunft. Dritte Auflage. 8° br. M. 5. — , geb. M. 6.25 Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift. Zweite Auflage. 8° br. M. 3.50, geb. M.4.75 Der Fall Wagner. Ein Musikanten-Problem. Zweite Auflage. 8° br. M. 1.50, geb. M. 2.75 Götzendämmerung oder: Wie man mit dem Hammer philosophrrt. Zweite Auflage. 8° br. M. 2.25, geb. M. 3.50 Einbanddecken apart pro Band M. 1.25, für Zarathustra M. 1.50 In der endgültig angenommenen neuen, einheitlichen Ausstattung liegen folgernde Werke wr.1 Umeitgemdsse Betrachtungen I/II — M 'enschliches, Allzumenschliches Iii/ — Also sprach Zara- thustra I IV — Jenseits von Cut sind Böse — Zur Genealogie der Moral — GÖttendammerung. Die vier Werke: Die Geburt der Tragödie, Morgenröthe, Fröhliche Wissenschaft und Der Fall Wagner erhalten diese einheitliche Ausstattung erst bei ihrer Xeuauflage, sobald die alteren Auf lagebestände ausverkauft sind. Uebersetzungen. A travers l'ceuvre de Fr. Nietzsche. Extraits de tous ses ouvrages (P. Lauterbach et Ad. Wagnon). kl. 8° br. M. 1.60 Richard Wagner ä Bayreuth. (M. Baumgartner) kl. S° . . . br. M. a. — Le cas Wagner (Dan. Halevy et Rob. Dreyfus) kl. 8° . . . br. M. 1.60 MT Gebundene Gesammt-Werkausgabe siehe 3. Seite des Umschlages. ~M Digitized by Google