JENSEITS VON GUT UND BÖSE: VORSPIEL EINER PHILOSOPHIE DER ZUKUNFT Friedrich Wilhelm Nietzsche Digitized by GooQle HARVARD COLLEGE LIBRARY FROM THE (^ojfr^c Schmamm^acksoTi FUND FOR THE PURCHA^ OF BOOKS ON S0aAL>A/KLEAR£ & MORALPHUjOSOPHT OVEN IN H0NORC!FHISIM(ENTS,TH£]R SIMPUdTr SNCERmrANDFEARLESSNESS Jenseits von Gut und Böse. » Vorspiel einer Philosophie der Zukunft Von Friedrieh Nietzsehe. — •o<3e»sx>«^ — I i 1 I 4 Leipzig: I I Druck und Veriag von C. G. Naumann. I 1886. Digitized by Google HARVARD UNIVERSiTY LIBRARY HARVAhj C LLEGE LIBRARY Alle Rechte Torbdialten. Vi X i Digitized by Google VORREDE Vorausgesetzt, dass die Wahrheit ein Weib ist — , wie? ist der Verdacht nicht gegründet, dass alle Philo- sophen, sofern sie Doginatiker waren, sich schlecht auf Weiber verstanden? dass der schauerliche Ernst, die linkische Zudringlichkeit, mit der sie bisher auf die Wahrheit zuzugehen pflegten, ungeschickte und unschickliche Mittel waren, um gerade ein Frauen- zimmer für sich einzunehmen? Gewiss ist, dass sie sich nicht hat einnehmen lassen: — und jede Art Dogmatik steht heute mit betrübter und muthloser Haltung da. Wenn sie überhaupt noch steht! Denn es giebt Spötter, welche behaupten, sie sei gefallen, alle Dogmatik liege zu Boden, mehr noch, alle Dogmatik liege in den letzten Zügen. Ernstlich geredet, es giebt gute Gründe zu der Hoffiiung, dass alles Dogmatisiren in der Philo- Sophie, so feierlich, so end- und letztgültig es sich auch gebärdet hat, doch nur eine edle Kinderei und Anfängerei gewesen sein möge; und die Zeit ist Digitized by Google IV vielleicht sehr nahe, wo man wieder und wieder be- greifen wird, was eigentlich schon ausgereicht hat, um den Ghrundstein zu solchen erhabenen und unbe- dingten Philosophen-Bauwerken abzugeben, welche die Dogmatiker bisher aufbauten, ~ irgend ein Volks* Aberglaube aus unvordenklicher Zeit (wie der Seelen- . Aberglaube, der als Subjekt- und Ich -Aberglaube auch heute noch nicht aufgehört hat, Unfug zu stiften), irgend ein Wortspiel vielleicht, eine Verführung von Seiten der Grrammatik her oder eine verwegene Ver- allgemeinerung von sehr engen , sehr persönlichen, ^^^^^ mssiSchlich» allzumenschlichen Thatsachen. Die K**/^ 1 ;<*thilosophie der Dogmatiker war hoffen tlich nur ein '^^■^''^j Versprechen über Jahrtausende hinweg: wie es in noch ^ früherer Zeit die Astrologie war, für deren Dienst viel- leicht mehr Arbeit, Geld, Scharfsinn, Geduld aufgewendet worden ist, als bisher für irgend eine wirkliche Wissen- schaft: — man verdankt ihr und ihren „überirdischen" Ansprüchen in Asien und Ägypten den grossen Stil der Baukunst. Es scheint, dass alle grossen Dinge, um der Menschheit sich mit ewigen Forderungen in das Herz einzuschreiben, erst als ungeheure und furchteinflossende Fratzen über die Erde hin wandeln müssen : eine solche Fratze war die dogmatische Philosophie, zum Beispiel die Vedanta-Lehre in Asien, der Piatonismus in Europa. Seien wir nicht undankbar gegen sie, so gewiss es auch zugestanden werden muss, dass der schlimmste, lang- wierigste und gefahrlichste aller Irrthümer bisher ein Dogmatiker-Irrthum gewesen ist, nämlich PUto's Er- Digitized by Google findung vom reinen Geiste und vom Guten an sich. Aber nunmehr, wo er überwunden ist, wo Europa von diesem Alpdrucke aufathmet und zum Mindesten eines gesunderen — Schlafs geniessen darf, sind wir, deren Aufgabe das Wachsein selbst ist, die Erben von all der Kraft, welche der Kampf gegen diesen Irrthum grosagezüchtet hat. Es hiess allerdings die Wahrheit auf den Kopf stellen und das Persp ektiv ische, die Ghrundbedingfung alles Lebens, selber verleugnen, so vom (reiste und vom Guten zu reden, wie Plato gethan hat ; ja man darf, als Arzt, fragen : „woher eine solche Krankheit am schönsten Gewächse des Alterthums, an Plato? hat ihn doch der böse Sokrates verdorben? wäre • Sokrates doch der Verderber der Jugend gewesen? und hätte seinen Schierling verdient?** — Aber der Kampf gegen Plato, oder, um es verstandlicher und für's „Volk*' zu sagen, der Kampf gegen den christlich-kirchlichen Drjick von Jahrtausenden — denn Christenthum ist Piatonismus far*s „Volk** — hat in Europa eine pracht- volle Spannung des Geistes geschaffen, wie sie auf Erden noch nicht da war: mit einem so gespannten Bogen kann man nunmehr nach den fernsten Zielen schiessen. Freilich, der europäische Mensch empfindet diese Spannung als Nothstand; und es ist schon zwei Mal im grossen Stile versucht worden, den Bogen ab- zuspannen, einmal durch den Jesuitismus, zum zweiten Male durch die demokratische Aufklärung : — als welche mit Hülfe der Pressfreiheit und des Zeitunglesens es in der That erreichen dürfte, dass der Geist sich selbst ÜIO VI nicht mehr so leicht als ^^Noth** empfindet f (Die Deut- schen haben das Pulver erfunden — alle Achtung 1 aber sie haben es wieder quitt gemacht — sie erfanden die Presse.) Aber wir, die wir weder Jesuiten» noch Demo- kraten, noch selbst Deutsche genug sind, wir guten Europäer und freien, sehr freien Geister — wir haben sie noch, die ganze Noth des Greistes und die ganze Spannung seines Bogens ! Und vielleicht auch den Pfeil, die Aufgabe, wer weiss? das Ziel Sils-Maria, Oberengadin im Jörn 1885. INHALT. . Seile ' Vom den Vomrtlieilca der Fliflotoplien i ^ Der freie Grebt 33 *~ -j Das rcli^jiöse Wesen 6l ^ Sprüche und Zwischenspiele ^ Zur Natnrgesdiiclite der Moral 103 - ^ Wir Cklehrten 133 ^ Unsere Tugenden 159 Völker und Vaterländer 193 Was ist ▼omehm? 325 lA. Aus hohen Bergen. Nachgesang » 267 Digitized by Google Erstes Hauptstück: von den Vorurtheilen der Philosophen. i Digitized by Google I. Der Wille zur Wahrheit, der uns noch zu manchem Wagnisse verführen wird, jene berühmte Wahrhaftig- keit, von der alle Philosophen bisher mit Ehrerbietung geredet haben: was für Fragen hat dieser Wille zur Wahrheit uns schon vorg-elegt! Welche wunderlichen schlimmen fragwürdigen Fragen! Das ist bereits eine lange Geschichte, — und doch scheint es, dass sie kaum eben angefangen hat? Was Wunder, wenn wir endlich einmal misstrauisch werden, die Geduld verlieren, uns ungeduldi*^ umdrehn? Dass wir von dieser Sphinx auch unserseits das Fragen lernen? Wer ist das eigent- lich, der uns hier Fragen stellt? Was in uns will eigentlich „zur Wahrheit"? — In der That, wir machten lanee Halt vor der Frage nach der Ursache dieses Willens, — bis wir, zuletzt, vor einer noch grundlicheren Frage ganz und gar stehen blieben. Wir fragten nach dem Werthe dieses Willens. Gesetzt, wir wollen Wahrheit: warum nicht lieber Unwahrheit? Und Ungewissheit? Selbst Unwissenheit? — Das Problem vom Werthe der Wahrheit trat vor uns hin, — oder waren wir*s, die vor das Problem hin traten? Wer von uns ist hier Oedipus? Wer Sphinx? Es ist ein Stelldichein, wie es scheint, von Fragen und Fragezeichen. — Und sollte man's glauben, dass es uns schliesslich bedünken will, als sei das Problem noch nie bisher gestellt, — als sei es von uns zum ersten Male gesehn, in's Auge gefasst, gewagt? Denn es ist ein Wagniss dabei, ^nd vielleicht giebt es kein grösseres. üigiiized by Google — 4 — 2. „Wie konnte Etwas aus seinem Gegensatz entstehn? Zum Beispiel die Wahrheit aus dem Irrthume? Oder der Wille zur Wahrheit aus dem Willen zur Täuschung? Oder die selbstlose Handlung aus dem Eigennutze? Oder das reine sonnenhafte Schauen des Weisen aus der Begehrlichkeit? Solcherlei Entstehung ist unmög- lieh; wer davon träumt, ein Narr, ja Schlimmeres; die Dinge höchsten Werthes müssen einen anderen, eigenen Ursprung haben, — aus dieser vergänglichen verführe- rischen täuschenden geringen Welt, aus diesem Wirrsal von Wahn und Begierde sind sie unableitbar 1 Vielmehr im Schoosse' des Sein's, im Unvergänglichen, im ver- borgenen Gotte, im „Ding an sich" — da muss ihr Grund liegen, und sonst nirgendswo!" — Diese Art zu urtheilen macht das typische Vorurtheil aus, an dem sich die Metaphysiker aller Zeiten wieder erkennen lassen ; diese Art von Werthschätzungen steht im Hintergrunde aller ihrer logischen Prozeduren; aus diesem ihrem „Glauben" heraus bemühn sie sich um ihr „Wissen", um Etwas, das feierlich am Ende als ^die Wahrheit" getauft wird. Der Grundglaube der Metaphysiker ist der Glaube an die Gegensätze der Werthe. Es ist auch den Vorsichtigsten unter ihnen nicht eingefallen, hier an der Schwelle bereits 2U zweifeln, wo es doch am nothig* sten war : selbst wenn sie sich gelobt hatten „de omnibus dubitandum". Man darf nämlich zweifeln, erstens, ob es Gegensätze überhaupt giebt, und zweitens, ob jene volksthümlichen Werthschätzungen und Werth-Gegen* sätze, auf welche die Metaphysiker ihr Siegel gedrückt haben, nicht vielleicht nur Vordergrunds-Schätzungen sind, nur vorläufige Perspektiven, vielleicht noch dazu ans einem Winkel heraus, vielleicht von Unten hinauf. Digitized by Google — 5 — Frosch-I^erspektiven gleichsam, um einen Ausdruck zu borgen, der den Malern geläufig ist? Bei allem Werthe, der dem Wahren, dem Wahrhaftigt^n, dem Selbstlosen zukommen mag: es wäre möglich, dass dem Scheine, ! dem Willen zur Täuschung, dem Eigennutz und der Begierde ein für alles Leben höherer und gfrundsatz* licherer Wertli zugeschrieben werden müsste. Ks wäre sogar noch möglich, dass was den Werth jener guten und verehrten Dinge ausmacht, gerade darin bestünde, mit jenen schlimmen, scheinbar entgegengesetzten Dingen auf verfängliche Weise verwandt, verknüpft, verhäkelt, vielleicht gar wesensgleich zu sein. Vielleicht! — Aber wer ist Willens, sich um solche gefährliche Vielleichts zu kümmern! Man muss dazu schon die Ankunft einer neuen Gattung von Philosophen abwarten, solcher, die irgend welchen anderen umgekehrten Geschmack und Hang haben als die bisherigen, — Philosophen des ge* fahrlichen Vielleicht in jedem Verstände. — Und allen Ernstes gesprochen: ich sehe solche neue Philosophen heraufkommen. 3. Nachdem ich lange genug den Philosophen zwischen die Zeilen und auf die t inger gesehn habe, sage ich mir: man muss noch den grössten Theil des bewussten Denkens unter die Instinkt-Thätigkeiten rechnen, und sogar im Falle des philosophischen Denkens; man muss hier umlernen, wie man in Betreff der Vererbung und des „Angeborenen** umgelernt hat. So wenig der Akt der Geburt in dem ganzen Vor- und Fortgange der Vererbung in Betracht kommt: ebenso wenig ist „Be- wusst-sein" in irgend einem entscheidenden Sinne dem Instinktiven entgegengesetzt, — das meiste be- biyiiizeü by Google — 6 — wusste Denken eines Philosophen ist durch seine In- stinkte heimlich geführt und in bestimmte Bahnen gezwungen. Auch hinter aller Logik und ihrer anschei- nenden Selbstherrlichkeit der Bewegung stehen Werth- schätzungen, deutlicher gesprochen, physiologische^ Forderungen zur Erhaltung einer bestimmten Art von Leben. Zum Beispiel, dass das Bestimmte mehr werth bei als das Unbestimmte, der Schein weniger werthals die „Wahrheit^*: dergleichen Schätzungen könnten, bei aller ihrer regulativen Wichtigkeit für uns, doch nur Vordergrunds- Schätzungen sein, einp bestimmte Art von niaiserie, wie sie gerade zur Erhaltung von Wesen, wie wir sind, noth thun mag. Gresetzt nämlich, dass nicht gerade der Mensch das ^Maass der Dinge'' ist 4- Die Falschheit eines Urtheils ist uns noch kein Ein- wand gegen ein Urtheil; darin klingt unsre neue Sprache vielleicht am fremdesten. Die Frage ist , wie weit es lebenfördernd, lebenerhaltend, Art-erhaltend, vielleicht gar Art-züchtend ist; und wir sind grund- sätzlich geneigt zu behaupten, dass die falschesten Urtheile (zu denen die synthetischen Urtheile a priori gehören) uns die unentbehrlichsten sind, dass ohne ein Geltenlassen der logischen Fiktionen, ohne ein Messen der Wirklichkeit an der rein erfundenen Welt des Un- bedingten, Sich-selbst-Gleichen, ohne eine beständige Fälschung der Welt durch die Zahl der Mensch nicht leben könnte, — dass Verzichtleisten auf falsche Urtheile ein Verzichtleisten auf Leben, eine Verneinung des Lebens wäre. Die Unwahrheit als Lebensbedingung zugestehn : das heisst freilich auf eine gefährliche Weise den gewohnten Werthgefühlen Widerstand leisten; biyitizeü by Google — 7 — und eine Philosophie, die das wagft, stellt sich damit allein schon jenseits von Grut und Bose. 5. Was dazu reizt, auf alle Philosophen halb miss- trauisch, halb spottisch zu blicken, ist nicht, dass man wieder und wieder dahinter kommt, wie unschuldigr sie sind — wie oft und wie leicht sie sich vergreifen und verirren, kurz ihre Kinderei und Kindlichkeit — sondern dass es bei ihnen nicht redlich genug zugeht: während sie allesammt einen grossen und tugendhaften Lärm machen , sobald das Problem der W' ahrhaftigkeit auch nur von ferne angerührt wird. Sie stellen sich sämmt- lich, als ob sie ihre eigentlichen Meinungen durch die Selbstentwicklung einer kalten, reinen, göttlich unbe- kümmerten Dialektik entdeckt und erreicht hätten (zum Unterschiede von den Mystikern jeden Rangs, die ehr- licher als sie und tölpelhafter sind — diese reden von „Inspiration*^ — ): während im Grunde ein vorweg- genommener Satz, ein Einfall, eine „Eingebung", zumeist ein abstrakt gemachter und durchgesiebter Herzens- wunsch von ihnen mit hinterher gesuchten Gründen vertheidigt wird: — sie sind allesammt Advokaten, welche es nicht heissen wollen, und zwar zumeist sogar verschmitzte Fürsprecher ihrer Vorurtheile , die bie „Wahrheiten" taufen — und sehr ferne von der Tapfer- keit des Gewissens, das sich dies, eben dies eingesteht, sehr ferne von dem guten Geschmack der Tapferkeit, welche dies auch zu verstehen giebt. sei es um einen Feind oder i^reund zu warnen, sei es aus Uebermuth und um ihrer selbst zu spotten. Die ebenso steife als sittsame Tartüfferie des alten Kant, mit der er uns auf die dialektischen Sciileichwege lockt, welche zu beinern Digitized by Google , „kategorischen Imperativ^^ führen, richtiger verfuhren — dies Schauspiel macht uns Verwohnte lächeln, die wir keine kleine Belustigung darin finden, den feinen Tücken alter Moralisten und Moralprediger auf die Finger zu sehn. Oder gar jener Hocuspocus von mathematischer Form, mit der Spinoza seine Philosophie — „die Liebe zu seiner Weisheit" zuletzt, das Wort richtig und billig ausgelegt — wie in Erz panzerte und maskirte, um damit von vornherein den Muth des An- greifenden einzuschüchtern, der auf diese unüberwind- . liehe Jungfrau und Pallas Athene den Blick zu werfen wagen würde: — wie viel eigne Schüchternheit und An- greifbarkeit verräth diese Maskerade eines einsiedleri- schen Kranken I 6. Allmählich hat sich mir herausgestellt, was jede grosse Philosophie bisher war: nämlich das Selbst- bekenntniss ihres Urhebers und eine Art ungewollter und unvermerkter m^moires; insgleichen, dass die • moralischen (oder unmoralischen) Absichten in jeder Philosophie den eigentlichen Lebenskeim ausmachten, aus dem jedesmal die ganze Pflanze gewachsen ist In der That, man thut gut (und klug), zur Erklärung davon, wie eigentlich die entlegensten metaphysischen Behauptungen eines Philosophen zu Stande gekommen sind, sich immer erst zu fragen: auf welche Moral will es (will er — ) hinaus? Ich glaube demgemäss nicht, dass ein „Trieb zur Erkenntniss*' der Vater der Philo- sophie ist, sondern dass sich ein andrer Trieb, hier wie sonst, der Erkenntniss (und der Verkenntniss 1) nur wie eines Werkzeugs bedient hat. Wer aber die Grund- triebe des Menschen darauf hin ansieht, wie weit sie gerade hier als inspirirende Genien (oder Dämonen Digitized by — 9 — und Kobolde — ) ihr Spiel getrieben haben mögen, wird finden, dass sie Alle schon einmal Philosophie getrieben haben, — und dass jeder Einzelne von ihnen gerade sich gar zu gerne als letzten Zweck des Dasi^ins und als berechtigten Herrn aller übrigen Triebe dar- stellen möchte. Denn jeder Trieb ist herrschsüchtig: und als solcher versucht er zu philosophiren. — Freilich: bei den Gelehrten, den eigentlich wissenschaftlichen Menschen, mag es anders stehn — „besser'*, wenn man • will — , da mag es wirklich so Etwas wie einen Erkenntniss- trieb geben, irgend ein kleines unabhängiges Uhrwerk, welches, gut aufgezogen, tapfer darauf los arbeitet, ohne dass die gesannnten übrigen Triebe des Lrelehrten wesentlich dabei betheiligt sind. Die eigentlichen ^Inter- essen*' des Gelehrten liegen deshalb gewöhnlich ganz wo anders, etwa in der Familie oder im Grelderwerb oder in der Politik; ja es ist beinahe gleichgültig, ob seine kleine Maschine an diese oder jene Stelle der Wissen- • Schaft gestellt wird, und ob der »hofTnungsvoUe^ junge Arbeiter aus sich einen guten Philologen oder Pilze- kenner oder Chemiker macht: — es bezeichnet ihn nicht, dass er dies oder jenes wird. Umgekehrt ist an dem Philosophen ganz und gar nichts Unpersönliches; und insbesondere giebt seine Moral ein entschiedenes und entscheidendes Zeugniss dafür ab, wer er ist — das heisst, in welcher Rangordnung die innersten Triebe seiner Natur zu einander gestellt sind. 7- Wie boshaft Philosophen sein können! Ich kenne nichts Giftigeres als den Scherz, den sich Epicur gegen Plato und die Platoniker erlaubte: er nannte sie Dionysio- kolakes. Das bedeutet dem Wortlaute nach und im Digitized by Google — 10 — Vordergrunde „Schmeichler des Dionysios", also Tyran- nen-Zubehör und Speichellecker; zu alledem will es aber noch sagen „das sind Alles Schauspieler» daran ist nichts Achtes" (denn Dionysokolax war eine populäre Bezeichnung des Schauspielers). Und das Letztere ist eigentlich die Bosheit» welche Epicur gegen Plato abschoss: ihn verdross die grossarttge Manier, das Sich-in-Scene-Setzen, worauf sich Plato sammt seinen Schülern verstand, — worauf sich üpicur nicht verstand l er, de^ alte Schulmeister von Samos. der in seinem Gärtchen zu Athen versteckt sass und dreihundert Bücher schrieb, wer weiss? vielleicht aus Wuth und Ehrgeiz gegen Plato? — Es brauchte hundert Jahre, bis Griechenland dahinter kam, wer dieser Gartengott Epicur gewesen war. — Kam es dahinter? — 8. In jeder Philosophie giebt es einen Punkt, wo die „Überzeugung" des Philosophen auf die Bühne tritt; oder, um es in der Sprache eines alten Mysteriums . zu sagen: adventavit asinus pulcher et fortissimus. 9- .,Gemäss der Natur^* wollt ihr leben? Oh ihr edlen Stoiker, welche Betrügerei der Worte! Denkt euch ein Wesen, wie es die Natur ist, verschwenderisch ohne Maass, gleichgültig ohne Maass, ohne Absichten und Rücksichten, ohne Erbarmen und Gerechtigkeit, fruchtbar und öde und ungewiss zugleich, denkt euch die Indifferenz selbst als Macht — wie könntet ihr gemäss dieser Indifferenz leben ? Leben — ist das nicht gerade ein Anders-sein- wollen, als diese Natur ist? Ist Leben nicht Abschätzen, Vorziehn, üngerechtsein, Be- — II grenzt-sein, Different-sein-wollen? Und gesetzt, euer Im- perativ „gemäss der Natur leben^ bedeute im Grrunde soviel als „gemäss dem Leben leben" — wie könntet ihr's denn nicht? Wozu ein Princip aus dem machen, was ihr selbst seid und sein müsst ? — In Wahrheit steht es ganz anders : indem ihr entzückt den Kanon eures Gesetzes aus der Natur zu lesen vorgebt, wollt ihr etwas Umgekehr- tes, ihr wunderlichen Schauspieler und Selbst-Betrüger! Euer Stolz will der Natur, sogar der Natur, eure Moral, euer Ideal vorschreiben und einverleiben,- ihr verlangt, dass sie „der Stoa gemäss" Natur sei und mochtet alles Dasein nur nach eurem eignen Bilde dasein machen — als eine ungeheure ewige Verherrlichung und Ver- allgemeinerung des Stoicismus! Mit aller eurer Liebe zur Wahrheit zwingt ihr euch so lange, so beharrlich, so hypnotisch-starr, die Natur falsch, nämlich stoisch zu sehn, bis ihr sie nicht mehr anders zu sehen ver- mögt, — und irgend ein abgründlicher Uochmuth giebt euch zuletzt noch die Tollhäusler-HofFnung ein, dass, weil ihr euch selbst zu tyrannisiren versteht — Stoicis- mus ist Selbst-Tyrannei — , auch die Natur sich tyran- nisiren lässt: ist denn der Stoiker nicht ein Stück Natur? Aber dies ist eine alte ewige Geschichte: was sich damals mit den Stoikern begab, begiebt sich heute noch, sobald nur eine Philosophie anfängt, an sich selbst zu glauben. Sie schafft immer die Welt nach ihrem Bilde, sie kann nicht anders; Philosophie ist dieser tyrannische Trieb selbst, der geistigste Wille zur Macht, zur „Schaffung der Welt", zur causa prima. 10. Der Eifer und die Feinheit, ich möchte sogar sagen: Schlauheit, mit denen man heute überall in Europa dem Digitized by Google 12 Probleme „vun der wirklichen und der scheinbaren Welt^^ auf den Leib rückt, giebt zu denken und zu horchen; und wer hier im Hintergrunde nur einen „Willen zur Wahrheit** und nichts weiter hört, erfreut sich gewiss nicht der schärfsten Ohren. In einzelnen und seltenen Fällen mag wirklich ein solcher Wille zur Wahrheit, irgend ein ausschweifender und abenteuernder Muth, ein Metaph} siker-Ehrgeiz des verlornen Postens dabei betheiligt sein, der zuletzt eine Handvoll „(ie- wissheif' immer noch einem ganzen Wagen voll schöner Möglichkeiten vorzieht; es mag sogar puritanische Fanatiker des Gewissens geben, welche lieber noch sich auf ein sicheresNichis al^ auf ein ungewisses Etwas sterben legen. Aber dies ist Nihilismus und Anzeichen einer verzweifelnden stobensmüden Seele: wie tapfer auch die Gebärden einer solchen Tugend sich ausnehmen mögen. Bei den stärkeren, lebensvolleren, nach Leben noch durstigen Denkern scheint es aber anders zu stehen: indem sie Partei gegen den Schein nehmen und das Wort „perspektivisch** bereits mit Hochmuth aussprechen, indem sie die Glaubwürdigkeit ihres eige- nen Leibes ungefähr so gering anschlagen wie die Glaubwürdigkeit des Augenscheins, welcher sagt „die Erde steht still**, und dermaassen anscheinend gutgelaunt den sichersten Besitz aus den Händen lassen (denn was glaubt man jetzt sicherer als seinen Leib?) wer weiss, ob sie nicht im Grunde Etwas zurückerobern wollen, das man ehemals noch sicherer besessen hat, irgend Etwas vom alten Grundbesitz des Glaubens von Ehedem, vielleicht „die unsterbliche Seele", vielleicht ,.den alten Gott", kurz, Ideen, auf welchen sich besser, nämlich kräftiger und heiterer leben liess als auf den „modernen Ideen**? Es ist Mi SS trauen gegen diese modernen Ideen darin. Digitized by Google — «3 — es ist Ung^lauben an alles Das, was gestern und heute gebaut Wurden ist; es ist vielleicht ein leichter Cber- druss und Hohn eingemischt, der das bric-a-brac von Begriffen verschiedenster Abkunft nicht mehr aushält» als welches sich heute der sogenannte Positivismus auf den Markt bringt , ein Ekel des verwöhnteren Ge- schmacks vor der Jahrmarkts -Buntheit und Lappen- haftigkeit aller dieser Wirklichkeits-Philosophaster, an denen nichts neu und acht ist als diese Buntheit Man soll darin, wie mich dünkt, diesen skeptischen Anti- Wirklichen und Erkenntniss-Mikroskopikern von heute Recht geben: ihr Instinkt, welcher sie aus der moder- nen Wirklichkeit hinwegtreibt, ist unwiderlegt, — was gehen uns ihre rückläufigen Schleichwege anl Das Wesentliche an ihnen ist nicht, dass sie „zurück" wollen: sondern, dass sie — weg wollen. Etwas Kraft, Flug, Muth, Künstlerschaft mehr: und sie würden hinaus wollen, — und nicht zurück! — II. Es scheint mir, dass man jetzt überall bemüht ist, von dem eigentlichen Einflüsse, den Kant auf die deutsche Philosophie ausgeübt hat, den Blick abzu- lenken und namentlich über den Werth, den er sich selbst zugestand, klüglich hinwegzuschlüpfen. Kant war vor Allem und zuerst stolz auf seine Kategorien- tafel, er sagte mit dieser Lafel in den Händen: ,,das ist das Schwerste, was jemals zum Behufe der Meta- physik unternommen werden konnte^. — Man verstehe doch dies „werden konnte''! er war stolz darauf, im Menschen ein neues Vermögen, das Vermögen zu synthetischen Urtheilen a priori, entdeckt zu haben. Gesetzt, dass er sich hierin selbst betrog: aber die ui^juiiL-j cy Google — 14 — Entwicklung und rasche Blüthe der deutschen Philo- sophie hängt an diesem Stolze und an dem Wetteifer aller Jüngeren, womöglich noch Stolzeres zu entdecken — und jedenfalls „neue Vermögen"! — Aber besinnen wir uns: es ist an der Zeit. Wie sind synthetische Urtheile a priori möglich? fragte sich Kant, — und was antwortete er eigentlich? Vermöge eines Ver- mögens: leider aber nicht mit drei Worten, sondern so umständlich, ehrwürdig und mit einem solchen Auf- wände von deutschem Tief- und Schnörkelsinne, . dass man die lustige nlaiserie allemande überhorte, welche in einer solchen Antwort steckt. Man war sogar ausser sich über dieses neue Vermögen, und der Jubel kam auf seine Höhe, als Kant auch noch ein moralisches Vermögen im Menschen hinzu entdeckte: — denn da- mals waren die Deutschen noch moralisch, und ganz und gar noch nicht „real-politisch". — Es kam der Honig- mond der deutschen Philosophie; alle jungen Theologen des Tübinger Stifts giengen alsbald in die Büsche, — alle suchten nach „Vermögen". Und was fand man nicht Alles — in jener unschuldigen, reichen, noch jugendlichen Zeit des deutschen Geistes, in welche die Romantik, die boshafte Fee, hineinblies, htneinsang, damals, als man „finden" und „erfinden'' noch nicht auseinander zu halten wusstel Vor Allem ein Vermögen für's „Übersinnliche^ : Schelling taufte es die intellektuale Anschauung und kam damit den herzlichsten Gelüsten seiner im (irunde frommgelüsteten Deutschen entgegen. Man kann dieser ganzen übermüthigen und schwärme- rischen Bewegung, welche Jugend war, so kühn sie sich auch in graue und greisenhafte Begriffe verkleidete, ücir nicht mehr Unrecht thun, als wenn man sie ernst nimmt und gar etwa mit moralischer Entrüstung uiyiLi^ed by Google — 15 — behandelt; genügt man wurde alter, — der Traum ver- flog. Es kam eine Zeit, wo man sich die Stirne rieb: man reibt sie sich heute noch. Man hatte geträumt: voran und zuerst — der alte Kant. „Vermöge eines Vermögens** — hatte er gesagt, mindestens gemeint. Aber ist denn das — eine Antwort? Eine Erklärung? Oder nicht vielmehr nur eine Wiederholung der Frage? Wie macht doch das Opium schlafen? „Vermöge eines Vermögens**, nämlich der virtus dormitiva — antwortet jener Arzt bei Meliere, quia est in eo virtus dormitiva, cujus est natura sensus assoupire. Aber dergleichen Antworten gehören in die Komödie, und es ist endlich an der Zeit, die Kantische Frage „wie sind synthetische Urtheile a priori möglich?** durch eine andre Frage zu ersetzen „warum ist der Glaube an solche Urtheile nöthig? — nämlich zu be* greifen, dass zum Zweck der Erhaltung von Wesen unsrer Art solche Urtheile als wahr geg-laubt werden müssen; weshalb sie natürlich noch falsche Urtheile sein könnten! Oder, deutlicher geredet und grob und gründlich: S3mthetische Urtheile a priori sollten gar nicht „möglich sein": wir haben kein Recht auf sie, in unserm Munde sind es lauter falsche Urtheile. Nur ist allerdings der Glaube an ihre Wahrheit nöthig, als ein Vordergrunds -Glaube und Augenschein, der in die Perspektiven-Optik des Lebens gehört. — Um zuletzt noch der ungeheuren Wirkung zu gedenken, welche ^die deutsche Philosophie*^ — man versteht, wie ich hoffe, ihr Anrecht auf Gansefüsschen? — in ganz Europa ausgeübt hat, so zweifle man nicht, dass eine gewisse virtus dormitiva dabei betheiligt war : man war entzückt, unter edlen Müssiggängem , Tugendhaften, Digitized by Google — i6 — Mystikern, Künstlern, Dreiviertels*Christen und politi- schen Dunkelmännern aller Nationen, Dank der deut- schen Philosophie, ein Gegengift gegen den noch übermächtigen Sensualismus zu haben, der vom vorigen Jahrhundert in dieses hinüberströmte, kurz — ^sensus ' assoupire*' 12. Was die materialistische Atomistik betrifft: so gehört dieselbe zu den bestwiderlegten Duingen, die es giebt; und vielleicht ist heute in Europa Niemand unter den Gelehrten mehr so ungelehrt, ihr ausser zum bequemen Hand- und Hausgebrauch (nämlich als einer Abkürzung der Ausdrucksmittel} iioch eine emstliche Bedeutung zuzumessen — Dank vorerst jenem Polen Boscovich, der, mitsamnU dem Polen Kopernicus, bisher der grösste und siegreichste Gegner des Augenscheins war. Während nämlich Kopernicus uns überredet hat zu glauben, wider alle Sinne, dass die Erde nicht fest steht, lehrte Boscovich dem Glauben an das Letzte, was von der Erde „feststand", abschwören, dem Glau- ben an den „Sto£E^% an die ^Materie", an das Erdenrest- und Klümpchen-Atom : es war der grÖsste Triumph über die Sinne, der bisher auf I'.rden errungen worden ist. — Man muss aber noch weiter gehn und auch dem ^atomistischen Bedürfnisse'S das immer noch ein gefahrliches Nachleben führt, auf Gebieten, wo es Niemand ahnt, gleich jenem berühmteren „metaphysi- schen Bedürfnisse" — den Krieg erklären, einen schonungslosen Krieg aufs Messer: — man muss zunächst auch jener anderen und verhängnissvolleren Atomistik den Garau-, machen, welche das Christenthum am besten und längsten gelehrt hat, der Seelen- Atomistik. Mit diesem Wort sei es erlaubt, jenen Digitized by Google — 17 — Glauben zu bezeichnen, der die Seele als etwas Un- vertilgbares. Ewiges, Untheilbares, als eine Monade, als eiiT Atomen nimmt: diesen Ghiuben soll man aus dex Wissenschaft hinausschaffen! Ks ist, unter uns ge- sagt, ganz und gar nicht nöthig, „die Seele^ selbst dabei los zu werden und auf eine der ältesten und ehrwürdigsten Hypothesen Verzicht zu leisten: wie es dem Ungeschick der Naturalisten zu begegnen pflegt, welche, kaum dass sie an „die Seele*^ rühren, sie auch verlieren. Aber der Weg zu neuen Fassungen und Verfeinerungen der Seelen-Hypothese steht offen: und Begriffe wie „sterbliche Seele" und „Seele als Subjekts- Vielheit*' und „Seele als Gesellschaftsbau der Triebe und Affekte** wollen furderhin in der Wissenschaft Bürgerrecht haben. Indem der neue Psycholog dem Aberglauben ein Ende bereitet, der bisher um die Seel^- Vorstellung mit einer fast tropischen Üppigkeit wucherte, hat er sich fireilich selbst gleichsam in eine neue Oede und ein neues Misstrauen hinaus gestossen — es mag sein, dass die älteren Psychologen es bequemer und lustiger hatten — : zuletzt aber weiss er sich eben damit auch zum £rfinden verurtheilt — und, wer weiss? vielleicht zum Finden. — 13- Die Physiologen sollten sich besinnen, den Selbst- erhaltungstrieb als kardinalen Trieb eines organischen . Wesens anzusetzen. Vor Allem will etwas Lebendiges seine Kraft auslassen — Leben selbst ist Wille zur • Magtf^ — : die Selbsterhaltung ist nur eine der indirekten und häufigsten Folgen davon. — Kurz, hier wie überall, Vorsicht vor überflüssigen teleolog-ischen Princi^ienl — wie ein solches der Selbsterhaltungstrieb Digitized by Google ist (man dankt ihn der Inconsequenz Spinoza's — )• So nämlich gebietet es die Methode, die wesentlich Principien-Sparsamkeit sein muss. 14. Es dämmert jetzt vielleicht in fünf, sechs Köpfen, dass Physik auch nur eine Welt - Auslegung und -Zu-« rechtlegung (nach unsl mit Verlaub gesagt) und nicht eine Welt-Erklärung ist: aber, insofern sie sich auf den Glauben an die Sinne stellt, gilt sie als mehr und muss auf lange hinaus noch als mehr, nämlich als ürklärung gelten. Sie hat Augen und Finger für sich, sie hat den Augenschein und die Handgreiflichkeit für sich: das wirkt auf ein Zeitalter mit plebejischem Grund- geschmack bezaubernd, übtnedend, überzeugend» — es folgt ja instinktiv dem Wahrheits-Kanon des ewig volksthümlichen Sensualismus. Was ist klar, was „erklärt"? Erst Das, was sich sehen und tasten lässt, — bis so weit muss man jedes Problem treiben. Umgekehrt: genau im Widerstreben gegen die Sinnen- falligkeit bestand der Zauber der platonischen Denkweise, welche eine vornehme Denkweise war, - — vielleicht unter Menschen, die sich sogar stärkerer und anspruchs- vollerer Sinne erfreuten, als unsre Zeitgenossen sie haben, aber welche einen höheren Triumph darin zu finden wussten, über diese Sinne Herr zu bleiben: und dies mittelst blasser kalter grauer Begriffs-Netze, die sie über den bunten Sinnen- Wirbel — den Sinnen-Pöbel, wie Plato sagte — warfen. Es war eine andre Art Genuss in dieser Welt-Ü^berwältigung und Welt- Aus- legung nach der Manier des Plato, als der es ist, welchen uns die Physiker von Heute anbieten, insgleichen die Darwinisten und Antiteleologen unter den physiolo- Digitized by Google — 19 — gischen Arbeitern, mit ihrem Princip der ^kleinstmog- lichen Kraft** und der grösstmoglichen Dummheit „Wo der Mensch nichts mehr zu sehen und zu greifen hat, da hat er auch nichts mehr zu suchen" — das ist freilich ein anderer Imperativ als der Platonische, welcher aber doch für ein derbes arbeitsames Geschlecht von Ma- schinisten und Brückenbauern der Zukunft, die lauter grobe Arbeit abzuthun haben, gerade der rechte Imperativ sein mag. Um Physiologie mit gutem Gewissen zu treiben, muss man daraufhalten, dass die Sinnesorgane nicht Erscheinungen sind im Sinne der idealistischen Philo- sophie: als solche könnten sie ja keine Ursachen sein! Sensualismus mindestens somit als regulative Hypothese, um nicht zu sagen als heuristisches Princip. — Wie? und Andere sagen gar, die Aussenwelt wäre das Werk unsrer Organe? Aber dann wäre ja unser Leib, als ein Stück dieser Aussenwelt, das Werk unsrer Organe! Aber dann wären ja unsre Organe selbst — das Werk unsrer Org«^e 1 Dies ist, wie mir scheint, eine genügende reductio ad absurdum: gesetzt, dass der Begriff causa sui etwas gründlich Absurdes ist. Folglich ist die Aussenwelt nicht das Werk unsrer Organe — ? i6. Es ffiebt immer noch harmlose Selbst-Beobachter, welche glauben, dass es „unmittelbare Gewissheiten^^ gebe, zum Beispiel „ich denke*', oder, wie es der Aber- glaube Schopenhauer's war, „ich will**: gleichsam als ob hier das Erkennen rein und nackt seinen Gegenstand zu fassen bekäme, als »Ding an sich^S und weder von 2* — 20 — Seiten des Subjekts» noch von Seiten des Objekts eine Fälschung' stattfände. Dass aber „unmittelbare Gewiss- heit", ebenso wie „absolute Erkenntniss" und „Ding an sich", eine contradictio in adjecto in sich schliesst, werde ich hundertmal wiederholen: man sollte sich doch end- lich von der Verführungf der Worte losmachen I Mag* das Volk 52flauben, dass Erkennen ein zu Ende-Kennen sei, der Philosoph muss sich sagen: „wenn ich den Vorgang zerlege» der in dem Satz „ich denke'' aus> gedrückt ist, so bekomme ich eine Reihe von verwegenen Behauptungen, deren Begründung schwer, vielleicht unmöglich ist, — zum Beispiel, dass ich es bin, der denkt, dass überhaupt ein Etwas es sein muss, das denkt, dass Denken eine Thätigkeit und Wirkung seitens eines Wesens ist , welches als Ursache gedacht wird, dass es ein „Ich'' giebt, endlich, dass es bereits fest steht, was mit Denken zu bezeichnen ist, — dass ich weiss, was Denken ist. Denn wenn ich nicht darüber mich schon bei mir entschieden hätte, wonach sollte ich abmessen, dass, was eben geschieht, nicht vielleicht „Wollen*' oder „Fühlen'' sei ? Genug, jenes „ich denke" setzt voraus, dass ich meinen augenblicklichen Zustand mit ander« n Zuständen, die ich an mir kenne, ver- gleiche, um so festzusetzen, was er ist: wegen dieser Rückbeziehung auf anderweitiges „Wissen" hat er für mich jedenfalls keine unmittelbare Gewissheit". — An Stelle jener „unmittelbaren Gewissheit", an welche das Volk im gegebenen Falle glauben mag, bekommt der- gestalt der Philosoph eine Reihe von Fragen der Metaph\sik in die Hand, recht eigentliche Gewissens- fragen des Intellekts, welche heissen: Woher nehme ich den Begriff Denken ? Warum glaube ich an Ursache und Wirkung? Was giebt mir das Recht, von einem biyitizeü by Google — 21 Ich, und gar von einem Ich als Ursache, und endlich noch von einem Ich als Gedanken-Ursache zu reden Wer sich mit der Berufung auf eine An Intuition der Erkenntniss getraut, jene metaphysischen Fragen sofort zu beantworten y wie es Der thut, welcher sag^: „ich denke» und weiss, dass dies wenigstens wahr, wirklich, gewiss ist" — der wird bei einem Philosophen heute ein Lächeln und zwei Fragezeiclien bereit ünden. ^Mein Herr, wird der Philosoph vielleicht ihm zu ver- stehen geben, es ist unwahrscheinlich, dass Sie sich nicht irren: aber warum auch durchaus Wahrheit?" — 17- Was den Aberglauben der Logiker betrifft: so will ich nicht müde werden, eine kleine kurze Thatsache immer wieder zu unterstreichen, welche von diesen Abergläubischen ungern zugestanden wird, nämlich, dass ein Gedanke kommt, wenn „er** will, und nicht wenn „ich"- will; so dass es eine Fälschung des Thatbestandes ist, zu sagen: das Subjekt „ich" ist die Bedingung des Prädikats ^denke^^ Es denkt: aber dass dies ^es** gerade jenes alte berühmte n^ch** sei, ist, milde geredet, nur eine Annahme, eine Behauptung, vor Allem keine „unmittelbare Gowissheit". Zuletzt ist schon mit diesem „es denkt" zu viel gethan: schon dies „es*' enthält eine Auslegung des Vorgangs und gehört nicht zum Vorgange selbst. Man schliesst hier nach der grammatischen Gewohnheit „I Jenken ist eine i hätig- keit, zu jeder Thätigkeit gehört Einer, der thätig ist, folglich — Ungefähr nach dem gleichen Schema suchte die ältere Atomistik zu der ,,Kraft*', die wirkt, noch jenes Klümpchen Materie, worin sie sitzt, aus der heraus sie wirkt, das Atom; strengere Köpfe lernten Digitized by Google 22 — endlich ohne diesen „Erdenrest*' auskommen, und viel- leicht gewohnt man sich eines Tages noch daran, auch seitens der Logiker ohne jenes kleine „es" (zu dem sich das ehrliche alte Ich verflüchtigt hat) auszukommen. • An einer Theorie ist es wahrhaftig nicht ihr ge- ringster Reiz, dass sie widerlegbar ist: gerade damit zieht sie feinere Köpfe an. Es scheint, dass die hundert- fach widerleg-te Theorie vom .,freien Willen" ihnt Fort- dauer nur noch diesem Reize verdankt — : immer wieder kommt Jemand und fühlt sich stark genug, sie zu widerlegen. 19. Die Philosophen pflegen vom Willen zu reden, wie als ob er die bekannteste Sache von der Welt sei; ja Schopenhauer gab zu verstehen, der Wille allein sei uns eigentlich bekannt, ganz und gar bekannt, ohne Abzug und Zuthat bekannt. Aber es dünkt mich immer wieder, dass Schopenhauer auch in diesem Falle nur gethan hat, was Philosophen eben zu thun pflegen: dass er ein Volks- Vorurtheil übernommen und über- trieben hat. Wollen scheint mir vor Allem etwas Complicirtes, Etwas, das nur als Wort eine Einheit ist, — und eben im Einen Worte steckt das Volks- Vbrurtheil, das über die allzeit nur geringe Vorsicht der Philosophen Herr geworden ist. Seien wir^.also einmal vorsichtiger, seien wir „unphilosophisch^ sagen wir: in jedem Wollen ist erstens eine Mehrheit von Gefühlen, nämlich das Gefühl des Zustandes, von dem weg, das Gefühl des Zustandes, zu dem hin, das Gefühl von diesem ^weg^ und »hin" selbst, dann noch — *3 — ein begleitendes Muskelgefühl, welches, auch ohne dass wir „Arme und Beine^ in Bewegung setzen, durch eine Art Gewohnheit, sobald wir ^wollen**, sein Spiel be- ginnt. Wie also Fühlen und zwar vielerlei Fühlen als Ingredienz des Willens anzuerkennen ist, so zweitens auch noch Denken : in jedem WiUensakte giebt es einen commandirenden Gedanken; — und man soll ja nicht glauben, diesen (jedanken von dem „Wollen" abschei- den zu können, wie als ob dann noch Wille übrig bliebe! Drittens ist der Wille nicht nur ein Complex von Fühlen und Denken, sondern vor Allem noch ein Affekt: und zwar jener Aifekt des Commando's. iJas, was „Freiheit des Willens" genannt wird, ist wesentlich der Überlegenheits-Affekt in Hinsicht auf Den, der ge- horchen muss: „ich bin frei, „er** muss gehorchen** — dies Bewusstsein steckt in jedem Willen, und ebenso jene Spannung der Aufmerksamkeit, jener gerade Blick, der ausschliesslich Eins fixirt, jene unbedingte Werth- schätzung „jetzt thut dies und nichts Anderes Noth**, jene innere Gewissheit darüber, dass geliorcht werden wird, und was Alles noch zum Zustande des Befehlenden gehört. Ein Mensch, der will — , befiehlt einem Etwas in sich, das gehorcht oder von dem er glaubt, dass es gehorcht. Nun aber beachte man, was das Wunder- lichste am Willen ist, — an diesem so vielfachen Dinge, für welches das Volk, nur Ein Wort hat: insofern wir im gegebenen Falle zugleich die Befehlenden und Ge- horchenden sind, und als Gehorchende die Gefühle des Zwingens, Drängens, Drückens, Widerstehens, Bewegens kennen , welche sofort nach dem Akte des Willens zu beginnen pflegen; insofern wir andererseits die Gewohn- heit haben, uns über diese Zweiheit vermöge des syn- thetischen Begriffs „ich'' hinwegzusetzen , hinwegzu- üigiiized by Google _ 24 — täuschen, hat sich an das Wollen noch eine ganze Kette von irrthümlichen Schlüssen und folglich von falschen Werthschätzungen des Willens selbst angehängt, — dergestalt, dass der Wollende mit gutem Glauben glaubt, Wollen genüge zur Aktion. Weil in den allermeisten Jb allen nur gewollt worden ist, wo auch die Wirkung des Befehls, also der Gehorsam, also die Aktion Er- wartet werden durfte* so hat sich der Anschein in das Gefühl übersetzt, als ob es da eine Noth wendig- keit von Wirkung gäbe; genug, der Wollende glaubt, mit einem ziemlichen Grad von Sicherheit, dass Wille und Aktion irgendwie Eins seien — , er rechnet das Gelingen, die Ausführung des Wollens noch dem Willen j^tv*fi ^ selbst zu und geniesst dabei einen Zuwachs jenes Macht- y -:^ n ' gefühls, welches alles Gelingen mit sich bringt. ,,Freiheit ^^^^ des Willens" — das ist das Wort für jenen vielfachen Lust-Zustand des Wollenden , der befiehlt und sich zu- gleich mit dem Ausführenden als Eins setzt, — der als solcher den Triumph über Widerstände mit geniesst, aber bei sich urtheilt, sein Wille selbst sei es, der eigentlich die Widerstände überwinde. Der Wollende nimmt dergestalt die Lustgefühle der ausführenden, erfolgreichen Werkzeuge, der dienstbaren ,,Unterwillen^^ oder Unter-Seelen — unser Leib ist ja nur ein Gesell- schaftsbau vieler Seelen — zu seinem Lustgefühle als Befehlender hinzu. L'effet c'est moi: es begiebt sich hier, was sich in jedem gut gebauten und glücklichen Ge- meinwesen begfiebt, dass die regierende Klasse sich mit den Erfolgen des Gemeinwesens identificirt. Bei allem Wollen handelt es sich schlechterdings um Befehlen und Gehorchen, auf der Grundlage, wie gesagt, eines Gesellschaftsbaus vieler ^Seelen*^: weshalb ein Philosoph sich das Recht nehmen sollte, Wollen an sich schon Digitized by Google — 25 — unter den Gesichtskreis der Moral zu fassen: Moral nämlich als Lehre von den Herrschafts-Verhältnissen ver- standen, unter denen das Phänomen „Leben" entsteht. — 20. Dass die einzelnen philosophischen Begriffe nichts Beliebiges, nichts Für-sich-Wachsendes sind, sondern in Beziehung und Verwandtschaft zu einander empor- wachsen, dass sie, so plötzlich und willkürlich sie auch in der Geschichte des Denkens anscheinend heraus- treten, doch eben so gut einem Systeme angehören als die sämmtlichen Glieder der Fauna eines Erdtheils: das verräth sich zuletzt noch dariiii wie sicher die ver- schiedensten Philosophen ein gewisses Ghrundschema von möglichen Philosophien immer wieder ausfüllen. Unter einem unsichtbaren Banne laufen sie immer von Neuem noch einmal die selbe Kreisbahn: sie mögen sich noch so unabhängig von einander mit ihrem kritischen oder systematischen Willen fühlen : irgend Etwas in ihnen führt sie, irgend Etwas treibt sie in bestimmter Ordnung hinter einander her, eben jene eingebome Systematik und Verwandtschaft der Begriffe. Ihr Denken ist in der That viel weniger ein Entdecken, als ein Wiedererkennen, Wiedererinnern, eine Rück- und Heim- kehr in einen fernen uralten Gesammt- Haushalt der Seele, aus dem jene Begriffe einstmals herausgewachsen sind: — Philosophiren ist insofern eine Art von Atavis- mus höchsten Ranges. Die wunderliche Familien- Ähnlichkeit alles indischen, griechischen, deutschen Fhilosophirens erklärt sich ein&ch genug. Gerade, wo Sprach -Verwandtschaft vorliegt, ist es gar nicht zu Vermeiden, dass, Dank der gemeinsamen Philosophie der Grammatik — ich meine Dank der unbewussten — 26 — Herrschaft und irührung durch gleiche grammatische Funktionen — von vornherein Alles für eine gleich- artige Entwicklung und Reihenfolge der philosophischen Systeme vorbereitet lieji^^t: ebenso wie zu gewissen andern Möglichkeiten der Welt-Ausdeutung der Weg wie abgesperrt erscheint. Philosophendes ural-altaischen Sprachbereichs (in dem der Subjekt-Begriff am schlech- testen entwickelt ist), werden mit grosser Wahrschein- lichkeit anders „in die Welt" blicken und auf andern Pfaden zu finden sein, als Indogermanen oder Musel- männer: der Bann bestimmter grammatischer Funktionen ist im letzten Grunde der Bann physiologischer Werth urtheile und Rasse-Bedingungen. — So viel zur Zurückweisung von Locke's Oberflächlichkeit in Bezug auf die Herkunft der Ideen. 21. Die causa sui ist der beste Selbst- Widerspruch, der bisher ausgedacht worden ist, eine Art logischer Noth- zucht und Unnatur: aber der ausschweifende Stolz des Menschen hat es dahin gebracht» sich tief und schreck- lich gerade mit diesem Unsinn zu verstricken. Das Verlangen nach ^Freiheit des Willens**, in jenem metap physischen Superlativ-Verstände, wie er leider noch immer in den Köpfen der Halb- Unterrichteten herrscht, das Verlangen, die ganze und letzte Verantwortlichkeit , für seine Handlungen selbst zu tragen und Gott, Welt, Vorfahren, Zufall, Gesellschaft davon zu entlasten , ist nämlich nichts Geringeres, als eben jene causa sui zu sein und, mit einer mehr als Münchhausen'schen Ver- wegenheit, sich selbst aus dem Sumpf des Nichts an den Haaren in's Dasein zu ziehn. Gesetzt , Jemand kommt dergestalt hinter die bäurische Einfalt dieses — 27 — berühmten Begriffs „freier Wille'' und streicht ihn aus seinem Kopfe, so bitte ich ihn nunmehr, seine „Auf- klärung*' noch um einen Schritt weiter zu treiben und auch die Umkehrung jenes Unbegriffs ^freier Wille^ aus seinem Kopfe zu streichen : ich meine den „unfreien Willen", der auf einen Missbrauch von Ursache und Wirkung hinausläuft. Man soll nicht „Ursache" und „Wirkung^' fehlerhaft verdinglichen, wie es die Naturforscher thun (und wer gleich ihnen heute im Denken naturalisirt — ) gemäss der herrschenden mecha* nistischen Tölpelei, welche die Ursache drücken und Stessen lässt, bis , sie „wirkt" ; man soll sich der „Ur- sache**, der „Wirkung" eben nur als reiner Begriffe bedienen, das heisst als conventioneller Fiktionen zum Zweck der Bezeichnung, der Verständigung, nicht der Erklärung. Im „An-sich" giebt es nichts von „Causal- Verbänden", von „Nothwendigkeit*^, von „psychologi- scher Unfreiheit*', da folgt nicht „die Wirkung auf die Ursache", da regiert kein „Gesetz". Wir sind es, die allein die Ursachen, das Nacheinander, das Für-einan- der, die Relativität, den Zwang, die Zahl, das Gesetz, die Freiheit, den Grund, den Zweck erdichtet haben; und wenn wir diese Zeichen -Welt als „an sich" in die Dinge hineindichten, hineinmischen, so treiben wir es noch einmal, wie wir es immer getrieben haben, näm- lich mythologisch. Der „unfreie Wille** ist Mjrtho- logie : im wirklichen Leben handelt es sich nur um starken und schwachen Willen. — Es ist fast immer schon ein Symptom davon, wo es bei ihm selber mangelt, wenn ein Denker bereits in aller „Causal- Verknüpfung** und „psychologischer Nothwendigkeit" etwas von Zwang, Noth, Folgen-Müssen, Druck, Unfreiheit herausfühlt: es ist verrätherisch, gerade so zu fühlen, — die Person Digitized by Google — 28 — verräth sich. Und überhaupt wird, wenn ich recht be- obachtet habe, von zwei ganz entgegengesetzten Seiten aus, aber immer auf eine tief personliche Weise die „Unfreiheit des Willens'" als Problem gefasst: die Einen wollen um keinen Preis ihre „Verantwortlichkeit", den Glauben an sich, das persönliche Anrecht auf ihr Verdienst fahren lassen (die eitlen Rassen gehören da- hin — ); die Anderen wollen umgekehrt nichts verant- worten, an nichts schuld sein und verlangen, aus einer innerlichen Selbst -Verachtung heraus, sich selbst irgend wohin abwälzen zu können. Diese Letzteren pflegen sich, wenn sie Bücher schreiben, heute der Verbrecher anzunehmen; eine Art von socialistischem Mitleiden ist ihre gefälligste Verkleidung. Und in der That, der Fatalismus der Willensschwachen verschönert sich er- staunlich, wenn er sich als ^1a religion de la souffrance humaine" einzuführen versteht: es ist sein „guter Geschmack^. 22. Man vergebe es mir als einem alten Philologen, der von der Bosheit nicht lassen kann, auf schlechte Interpretations-Künste den Finger zu legen: aber jene ^Gesetzmässigkeit der Natur", von der ihr Ph3rsiker so stolz redet, wie als ob besteht nur Dank eurer Ausdeutung und schlechten „Philologie", — sie ist kein Thatbestand, kein „Text", vielmehr nur eine naiv- humanitäre Zurechtmachung und Sinnverdrehung, mit der ihr den demokratischen Instinkten der modernen Seele sattsam entgegenkommt! „Überall (Tleichheit vor dem Gesetz, — die Natur hat es darin nicht anders und nicht besser als wir": ein artiger Hintergedanke, in dem noch einmal die pobelmannische Feindschaft gegen alles Bevorrechtete und Selbstherrliche, ins- Digitized by Google — 29 — gleichen ein zweiter und feinerer Atheismus verkleidet liegt. ^Ni dieu, ni mattre'* — so wollt auch ihr's: und darum „hoch das Naturgesetz**! — nicht wahr? Aber, wie gesagt, das ist Interpretation, nicht Text; und es könnte Jemand kommen, der, mit der entgegengesetzten Absicht und Interpretationskunst, aus der gleichen Natur und im Hinblick auf die gleichen Erscheinungen, gerade die tyrannisch-rücksichtenlose und unerbittliche Durchsetzung von Machtansprüchen herauszulesen V|r- stfinde, — ein Interpret, der die Ausnahmslosigkeit und Unbeding theit in allem „Willen zur Macht*' dermaassen euch vor Augen stellte, dass fast jedes Wort und selbst das Wort „Tyrannei" schliesslich unbrauchbar oder schon als schwächende und mildernde Metapher — als zu menschlich — erschiene; und der dennoch damit endete, das Gleiche von dieser Welt zu behaupten, was ihr behauptet, nämlich dass sie einen „nothwendigen" und ^berechenbaren** Verlauf habe, aber nicht, weil Gesetze in ihr herrschen, sondern weil absolut die Gesetze fehlen , und jede Macht in jedem Augenblicke ihre letzte Consequenz zieht. Gesetzt, dass auch dies nur Interpretation ist — und ihr werdet eifrig genug sein, dies einzuwenden? — nun, um so besser. — Die gesammte Psychologie ist bisher an moralischen Vorurtheilen und Befürchtungen hängen geblieben: sie hat sich nicht in die Tiefe gewagt. Dieselbe als Morphologie und Entwicklungslehre des Willens zur Macht zu fassen, wie ich sie fasse — daran hat noch Niemand in seinen Gredanken selbst gestreift: so- fern es nämlich erlaubt ist, in dem, was bisher ge- schrieben wurde, ein Symptom von dem, was bisher Digitized by Go .,1^ — 30 — verschwiegen wurde, zu erkennen. Die Gewalt der moralischen Vorurtheiie ist tief in die geistigste, in die anscheinend kälteste und voraussetzungsloseste Welt gedrungen — und, wie es sich von selbst versteht, schädigend, hemmend, blendend, verdrehend. Eine eigentliche Physio - Psychologie hat mit unbewussten Widerstanden im Herzen des Forschers zu kämpfen, sie hat „das Herz" gegen sich: schon eine Lehre von der gegenseitigen Bedingtheit der „g^ten" und der „schlimmen" Triebe, macht, als feinere Immoralität, einem noch kräftigen und herzhaften Gewissen Noth und Oberdruss, — noch mehr eine Lehre von der Ableitbarkeit aller guten Triebe aus den schlimmen. Gesetzt aber. Jemand nimmt gar die Affekte Hass, Neid, Habsucht, Herrschsucht als lebenbedingende Affekte, als Etwas, das im Gesammt-Haushalte des Lebens grundsätzlich und grundwesentlich vorhanden sein muss, folglich noch gesteigert werden muss, falls das Leben noch gesteigert werden soll, — der leidet an einer solchen Richtung seines Urtheils wie an einer See- krankheit. Und doch ist auch diese Hypothese bei weitem nicht die peinlichste und fremdeste in diesem ungeheuren fast noch neuen Reiche gefährlicher Er- kenntnisse: — und es giebt in der That hundert gute Gründe dafür, dass Jeder von ihm fernbleibt, der es — kannl Andrerseits; ist man einmal mit seinem Schiffe hierhin verschlagen, nun! wohlan i jetzt tüchtig die Zähne zusammengebissen! die Augen aufgemacht! die Hand fest am Steuer! — wir fahren geradewegs über die Moral weg, wir erdrücken, wir zermalmen vielleicht dabei unsren eignen Rest Moralitat, indem wir dorthin unsre Fahrt machen und wagen, — aber was liegt an uns! Niemals noch hat sich verwegenen Reisenden Digitized by Google — 31 — und Abenteurern eine tiefere Welt der Einsicht er- öffiiet: und der Psychologe, welcher dergestalt „Opfer bringt** — es ist nicht das sacrifizio deir intellettOi im Gegentheil ! — wird zum Mindesten dafür verlangen dürfen, dass die Psychologie wieder als Herrin der Wissenschaften anerkannt werde, zu deren Dienste und Vorbereitung die übrigen Wissenschaften da sind. Denn Psychologie ist nunmehr wieder der Weg zu den Grundproblemen. Digitized by Google Zweites Hauptstücl der freie Geist • • • 24« O sancta simplicitas! In welcher seltsamen Verein- fachung und Fälschung lebt der Mensch! Man kann sich nicht zu Ende wundern» wenn man sich erst einmal die Augen für dies Wunder eingesetzt hat! Wie haben wir Alles um uns hell und frei und leicht und einfach gemacht! wie wussten wir unsern Sinnen einen Freipass für alles Oberflächliche, unserm Denken eine. göttliche Begierde nach muthwilligen Sprüngen und Fehlschlüssen . zu geben! — wie haben wir es von Anfang an ver- standen, uns unsre Unwissenheit zu erhalten, um eine kaum begreifliche Freiheit, Unbedenklichkeit, Unvor- sichtigkei^t, Herzhaftigkeit, Heiterkeit des Lebens, um das Leben zu geij lassen ! Und erst auf diesem nunmehr festen und granitnen Grunde von Unwissenheit durfte sich bisher die Wissenschaft erheben, der Wille zum Wissen auf dem Ghrunde eines viel gewaltigeren Willens, des Willens zum Nicht-wissen , zum Ungewissen, zum Unwahren ! Nicht als sein Gegensatz, sondern — als seine Verfeinerung! Mag nämlich auch die Sprache, hier wie anderwärts, nicht über ihre Plumpheit hinauskönnen und fortfahren, von Gegensätzen «zu reden, wo es nur Grade und mancherlei Feinheit der Stufen giebt; mag ebenfalls die eingefleischte Xartüfferie der Moral, welche jetzt zu unserm unüberwindlichen „Fleisch und Blut** gehört, uns Wissenden selbst die Worte im Munde umdrehen : hier und da begreifen wir es und lachen darüber, wie gerade noch die beste Wissenschaft uns am besten in dieser vereinfachten, durch und durch 3* - 36 - künstlichen, zurecht gedichteten, zurecht gefälschten Welt festhalten will, wie sie unfreiwillig- willig den Irrthiim liebt, weil sie, die Lebendige, — das Leben liebt ! 25. Nach einem so fröhlichen Eingang möchte ein ernstes Wort nicht überhört werden: es wendet sich an die Ernstesten. Seht euch vor, ihr Philosophen und Freunde der Erkenntniss, und hütet euch vor dem Mar- tyrium! Vor dem Leiden i,um der Wahrheit willen**! Selbst vor der eigenen Vertheidigung ! Es verdirbt eurem Gewissen alle Unschuld und feine Neutralität, es macht euch halsstarrig gegen Einwände und rothe Tücher, es .verdummt, verthiert und verstiert, wenn ihr im Kampfe mit Gefahr, Verlästerung, Verdächtigung, Ausstossung und noch gröberen Folgen der Feindschaft, zuletzt euch gar als Vertheidiger der Wahrheit auf Erden ausspielen müsst: — als ob ^di^ Wahrheit** eine so harmlose und täppische Person wäre, dass sie Ver- theidiger nöthig hätte! und gerade euch, ihr Ritter von der traurigsten Grestalt, meine Herren Eckensteher und Spinneweber des Geistes 1 Zuletzt wisst ihr gut genug, dass nichts daran liegen darf, ob gerade ihr Recht behaltet, ebenfalls dass bisher noch kein Philosoph Recht behalten hat, und dass eine preiswürdigere Wahr- haftigkeit in jedem kleinen Fragezeichen liegen dürfte, W'elches ihr hinter eure Leibworto und Lieblingslehren (und gelegentlich hinter euch selbst) setzt, als in allen feierlichen Gebärden und Trümpfen vor Anklägern und Gerichtshöfen I Geht lieber bei Seite! Flieht in's Verborgene ! Und habt eure Maske und Feinheit, dass man euch verwechsele! Oder ein Wenig fürchte! Und vergesst mir den Garten nicht, den Garten mit goldenem — 37 — Gitterwerk! Und habt Menschen um euch, die wie ein Garten sind, — oder wie Musik über Wassern, zur Zeit des Abends, wo der Tag schon zur Erinnerung wird: — wählt die gute Einsamkeit, die freie muthwillige leichte Einsamkeit, welche euch auch ein Recht giebt, selbst in jrgend einem SinneL.iuichr gut zu bleiben! Wie giftig, wie listig, wie schlecht macht jeder lange Krieg, der sich nicht mit offener Gewalt fuhren lässtl Wie per- sönlich macht eine lange Furcht, ein langes Augen- merk auf Feinde, auf mögliche Feinde! Diese Aus- gestossenen der Gesellschaft, diese Lang -Verfolgten, Schlimm-Grehetzten, — auch die Zwangs-Einsiedler, die Spinoza's oder Giordano Bruno's — werden zuletzt immer, und sei es unter der geistigsten Maskerade, und vielleicht ohne dass sie selbst es wissen, zu raffinirten Rachsüchtigen und Giftmischern (man grabe doch ein- mal den Ghrund der Ethik und Theologie Spinoza's auf!) — gar nicht zu reden von der Tölpelei der morali- schen Entrüstung, welche an einem Philosophen das unfjßhlbare Zeichen dafür ist, dass ihm der philosophische Humor davon lief. Das Martyrium des Philosophen, seine „Aufopferung für die Wahrheit" zwingt an's Licht heraus, was vom Agitator und vom Schauspieler in ihm steckte; und gesetzt, dass man ihm nur mit einer artisti- schen Neugierde bisher zugeschaut hat, so kann in Be- zug auf manchen Philosophen der ^gefährliche AX'^uiisch freilich begreiflich sein, ihn auch einmal in seiner Ent- m artung zu sehn (entartet zum ^Märtyrer^, zum Buhnen- *und Tribünen -Schreihals). Nur dass man sich, mit einem solchen Wunsche, darüber klar sein muss, was man jedenfalls dabei zu sehen bekommen wird: — nur ein Satyrspiel, nur eine Nachspiel-Farce, nur den fort- währenden Beweis dafür, dass die lange eigentliche Digitized by Google - 38 - Tragödie zu Ende ist: vorausgesetzt, dass jede Philo- sophie im Entstehen eine lange Tragödie war. — z6. Jeder auserlesene Mensch trachtet instinktiv nach seiner Burg und Heimlichkeit, wo er von der Menge, den Vielen, den Allermeisten erlöst ist, wo er die Regel „Mensch*^ vergessen darf, als deren Ausnahme: — den Einen Fall ausgenommen, dass er von einem noch stärkeren Instinkte geradewegs auf diese Regel ge- stossen wird, als Erkennender im grossen und ausnahms- weisen Sinne. Wer nicht im Verkehr mit Menschen gelegentlich in allen Farben der Noth, grün und grau • vor Ekel, Überdruss, Mitgefühl, Verdüsterung, Verein- samung schillert, der ist gewiss kein Mensch höheren Geschmacks; gesetzt aber, er nimmt alle diese Last und Unlust nicht freiwillig auf sich, er weicht ihr immerdar aus und .bleibt, wie gesagt, still und stolz auf seiner Burg versteckt, nun,, so ist Elps gewiss: er ist zur Erkenntniss nicht gemacht nicht vorherbestimmt. Denn als solcher würde er eines Tages sich sagen müssen „hole der Teufel meinen guten Geschmack 1 aber die Regel ist interessanter als die Ausnahme, — als ich, die Ausnahme!*^ — und würde sich hinab be> geben, vor Allem „hinein". Das Studium des durch- schnittlichen Menschen, lang, ernsthaft, und zu diesem Zwecke viel Verkleidung, Selbstüberwindung, Vertraulichkeit, schlechter Umgang — jeder Umgang ist schlechter Umgang ausser dem mit Seines-Gleichen — : das macht ein nuthwendiges Stück der Lebensgeschichte jedes Philosophen aus, vielleicht das unangenehmste, übelriechendste, an Enttäuschungen reichste Stück. Hat er aber Glück, wie es einem Glückskinde der Erkenntniss Digitized by Google — 39 — geziemt, so begegnet er eigentlichen Abkürzern und Erleichterern seiner Aufgabe, — ich meine sogenannten Cynikern, also Solchen, welche das Thier, die Gemein- heit, die „RegeP an sich einfach anerkennen und dabei • noch jenen Grad von Geistigkeit und Kitzel haben, um über sich und ihres Gleichen vor Zeugen reden zu müssen : — mitunter wälzen sie sich sogar in Büchern wie auf ihrem eignen Miste. Cynismus ist die einzige Form, in welcher gemeine Seelen an Das streifen, was Redlich- keit ist; und der höhere Mensch hat bei jedem gröberen und feineren Cynismus die Ohren aufzumachen und sich jedes Mal Glück zu wünschen, wenn gerade vor ihm der Possenreisser ohne Schani oder der wissen- schaftliche Satyr laut werden. Es giebt sogar Fälle, wo zum Kkel sich die Bezauberung mischt: da nämlich, wo an einen solchen indiskreten Bock und Affen, durch eine Laune der Natur, das Genie gebunden ist, wie bei dem Abb^ Galiani, dem tiefsten, scharfsichtigsten und viel- leicht auch schmutzigsten Menschen seines Jahrhunderts — er war viel tiefer als Voltaire und folglich auch ein gut Theil schweigsamer. Häufiger schon geschieht es, dass, wie angedeutet, der wissenschaftliche Kopf auf einen Affenleib, ein feiner Ausnahme -Verstand auf eine gemeine Seele gesetzt ist, — unter Ärzten und Moral- Ph3rsiologen namentlich kein seltenes Vorkommniss. Und wo nur Einer ohne Erbitterung, vielmehr harmlos vom Menschen redet als von einem Bauche mit zweierlei Bedürfnissen und einem Kopfe mit Einem; überall wo Jemand immer nur Hunger, Geschlechts-Begierde und Eitelkeit si^'ht, sucht und sehn will, als seien es die eigentlichen und einzigen Triebfedern der menschlichen Handlungen; kurz, wo man ^schlecht*' vom Menschen redet — und nicht einmal schlimm — , da soll der Digitized by Google — 40 — Liebhaber der Erkenntniss fein und Reissig hinhorchen, er soll seine Ohren überhaupt dort haben, wo ohne Entrüstung geredet wird. Denn der entrüstete Mensch, und wer immer mit seinen eigfnen Zahnen sich selbst (oder, zum Ersatz dalür, die Welt, oder Gott, oder die Gesellschaft) zerreisst und zerfleischt, mag zwar mora- lisch gerechnet, höher stehn als der lachende und selbstzufriedene Satyr, in jedem anderen Sinne aber ist er der gewöhnlichere, gleichgültigere, unbeleh- rendere Fall. Und Niemand lügt soviel als der Entrüstete. — 27. Es ist schwer, verstanden zu werden: besonders wenn man gangasrotogati denkt und lebt, unter lauter Menschen, welche anders denken und leben, nämlich kurmagati oder besten Falles „nach der Gangart des Frosches*' mandeigagatl — ich thue eben Alles, um selbst schwer verstanden zu werden? — und man soll schon für den guten Willen zu einiger Feinheit der Interpretation von Herzen erkenntlich sein. Was aber „die guten Freunde** anbetrifft, welche immer zu be- quem sind und gerade als Freunde ein Recht auf Bequemlichkeit zu haben glauben: so thut man gut, ihnen von vornherein einen Spielraum und Xummel- platz des Missverstandnisses zuzugestehn: — so hat man noch zu lachen; — oder sie ganz abzuschaffen, diese guten Freunde, — und auch zu lachen! 28. Was sich am schlechtesten aus einer Sprache in die andere übersetzen lässt, ist das tempo ihres Stils: als welcher im Charakter der .Rasse seinen Grrund hat. Digitized by Google — 41 — • physiologischer gesprochen, im Durchschnitts- tempo ihres ^Stoffwechsels^. Es giebt ehrlich gemeinte Über- setzungen, die beinahe Fälschungen sind, als unfrei- willige Vergemeinerungen des Originals, bloss weil sein tapferes und lustiges tempu nicht mit übersetzt werden konnte» welches über alles Grefährliche in Dingen und Worten wegspringt, weghilft. Der Deutsche ist beinahe des Presto in seiner Sprache unfähig: also, wie man billig schliessen darf, auch vieler der ergötzlichsten und verwegensten Nuances des freien, freigeisterischen Gedankens. So gut ihm der Buffo und der Satyr fremd ist, in Leib und Gewissen, so gut ist ihm Aribtophanes und Petronius unübersetzbar. Alles Gravitätische, Schwerflüssige, Feierlich-Plumpe, alle langwierigen und langweiligen Gattungen des Stils sind bei den Deutschen in überreicher Mannichfaltigkeit entwickelt, — man vergebe mir die Thatsache, dass selbst Goethe's Prosa, in ihrer Mischung von Steifheit und Zierlichkeit, keine Ausnahme macht, als ein Spiegelbild der „alten guten Zeit", zu der sie gehört, und als Ausdruck des deutschen Geschmacks, zur Zeit, wo es noch einen „deutschen Geschmack** gab: der ein Rokoko-Geschmack war, in moribus et artibus. Lessing macht eine Ausnahme, Dank seiner Schauspieler -Natur, die Vieles verstand und sich auf Vieles verstand: er, der nicht umsonst der Obersetzer Bayle's war und sich gerne in die Nähe Diderot's und Voltaire's, noch lieber unter die römischen Lustspieldichter flüchtete: — Lessing liebte auch im tempo die Freigeisterei, die Flucht aus Deutschland. Aber wie vermöchte die deutsche Sprache, und sei es selbst in der Prosa eines Lessing, das tempo Macchia- vell's nachzuahmen, der, in seinem principe, die trockne feine Luft von Florenz athmen lässt und nicht umhin Digitized by Google — 42 — kann, die ernsteste Angelegenheit in einem unbändigen AUegrissimo vorzutragen: vielleicht nicht ohne ein boshaftes Artisten-Gefühl davon, welchen Gegensatz er wagt, — Gedanken, lang, schwer, hart, gefahrlich, und ein tempo des Galopps und der allerbesten muth- willigsten Laune. Wer endlich dürfte gar eine deutsche Übersetzung des Petronius wagen, der, mehr als irgend ein grosser Musiker bisher, der Meister des presto gewesen ist, in Erfindungen, Einfällen, Worten: — was liegt zuletzt an allen Sümpfen der kranken, schlimmen Welt, auch der ^alten Welt", wenn man, wie er, die Füsse eines Windes hat, den Zug und Athem, den befreienden Hohn eines Windes, der Alles gesund macht, indem er Alles laufen macht 1 Und was Aristophanes angeht, jenen verklärenden, complementären Geist, um dessentwillen man dem ganzen Griechen thum verzeiht, dass es da war, gesetzt, dass man in aller Tiefe be- griffen hat, was da Alles der Verzeihung, der Ver- klärung bedarf : — so wüsste ich nichts, was mich über Plato's Verborgenheit und Sphinx -Natur mehr hat träumen lassen als jenes glücklich erhaltene petit fait: dass man unter dem Kopfkissen seines Sterbelagers keine „Bibel" vorfand, nichts Ägyptisches, Pythago- reisches, Platonisches, — sondern den Aristophanes. Wie hätte auch ein Plato das Leben ausgehalten — ein griechisches Leben, zu dem er Nein sagte, — ohne einen Aristophanes 1 — 2g. Es ist die Saöhe der Wenigsten, unabhängig zu sein: — es ist ein Vorrecht der Starken. Und wer es versucht, auch mit dem besten Rechte dazu, aber ohne es zu müssen, beweist damit, dass er wahrscheinlich Digitized by Coo^ — 43 — nicht nur stark, sondern bis zur Ausgelassenheit ver- wegen ist. £r begiebt sich in ein Labyrinth, er ver- tausendfaltlgt die Gefahren, welche das Leben an sich schon mit sich bringt; von denen es nicht die kleinste ist, dass Keiner mit Augen sieht, wie und wo er sich verirrt, vereinsamt und stückweise von irgend einem Hohlen-Minotaurus des Crewissens zerrissen wird. Ge- setzt, ein Solcher geht zu Grunde, so geschieht es so ferne vom Verständniss der Menschen, dass sie es nicht fühlen und mitfühlen: und er kann nicht mehr zu- rück I er kann auch zum Mitleiden der Menschen nicht mehr zurück 1 SO. Unsre höchsten Einsichten müssen — und sollen! — wie Thorheiten, unter Umständen wie Verbrechen klin- gen, wenn sie unerlaubter Weise Denen zu Ohren kom- men, welche nicht dafür geartet und vorbestimmt sind. Das Exoterlsche und das Esoterische, wie man ehedem unter Philosophen unterschied, bei Indern, wie bei Griechen, Persern und Muselmännern, kurz überall, wo , man eine Rangordnung und nicht an Gleichheit und gleiche Rechte glaubte, — das hebt sich nicht sowohl dadurch von einander ab, dass der Exoteriker draussen steht und von aussen her, nicht von innen her, sieht, schätzt, misst, urtheiit: das Wesentlichere ist, dass er von Unten hinauf die Dinge sieht, — der Esoteriker aber von Oben herab! Es giebt Höhen der Seele, von wo aus gesehen selbst die Tragödie authört, tragisch" * zu wirken; und, alles Weh der Welt in Eins genommen, wer dürfte zu entscheiden wagen, ob sein Anblick noth- wendig gerade zum Mitleiden und dergestcdt zur Ver- doppelung des Wehs verführen und zwingen werde? ... Digitized by Google — 44 — Was der höheren Art von Menschen zur Nahrung oder zur Labsal dient, muss einer sehr unterschiedlichen und geringeren Art beinahe Gift sein. Die Tugenden des gemeinen Manns würden vielleicht an einem Philo- sophen Laster und Schwächen bedeuten; es wäre mög- lich, dass ein hochgearteter Mensch, gesetzt, dass er entartete und zu Grunde gienge» erst dadurch in den Besitz von Eigenschaften käme, derentwegen man nothig hätte, ihn in der niederen Welt, in welche er hinab ^ sank, nunmehr wie einen Heiligen zu verehren. Es giebt Bücher, welche für Seele und Gesundheit einen umgekehrten Werth haben, je nachdem die niedere Seele, die niedrigere Lebenskraft oder aber die höhere und gewaltigere sich ihrer bedienen : im ersten Falle sind es gefährliche, anbrockelnde, auflosende Bücher, im anderen . Heroldsrufe, welche die Tapfersten zu ihrer Tapferkeit herausfordern. Allerwelts -Bücher sind immer übel- riechende Bücher: der Kleine-Leute-Geruch klebt daran. Wo das Volk isst und trinkt, selbst wo es verehrt, da pflegt es zu stinken; Man soll nicht in Kirchen gehn, wenn man reine Luft athmen will. 31- Man verehrt und verachtet in jungen Jahren noch ohne jene Kunst der Nuance, welche den besten Gewinn des Lebens ausmacht, und muss es billigerweise hart büssen, solchergestalt Menschen und Dinge mit Ja und Nein überfallen zu haben. Es ist Alles darauf einge- richtet, dass der schlechteste aller Greschmäcker, der Geschmack für das Unbedingte grausam genarrt und gemis^braucht werde, bis der Mensch lernt, etwas Kunst in seine Gefühle zu legen und Heber noch mit dem künstlichen den Versuch zu wagen: wie es die rechten — 45 — Artisten des Lebens thun. Das Zornige und Ehrfürchtige, das der Jugend eignet, scheint sich keine Ruhe zu geben, bevor es nicht Alenschen und Dinge so zurecht gefälscht hat, dass es sich an ihnen auslassen kann : — Jugend ist an sich schon etwas Fälschendes und Be- trügerisches. Si>ater, wenn die junge Seele, durch lau* ter Enttäuschungen gemartert, sich endlich argwöhnisch gegen sich selbst zurück wendet, immer noch heiss und wild, auch in ihrem Argwohne und Gewissensbisse: wie zürnt sie sich nunmehr, wie zerreisst sie sich un* geduldig, wie nimmt sie Rache für ihre lange Selbst- Verblendung, wie als ob sie eine willkürliche Blindheit gewesen seil In diesem Übergange bestraft man sich ' selber, durch Misstrauen gegen sein Gefühl; man fol- tert seine Begeisterung durch den Zweifel, ja man fühlt schon das gute Gewissen als eine Gefahr, gleichsam als Selbst- Verschlei^ung und Ermüdung der feineren Redlichkeit; und vor Allem, man nimmt Partei, grund- sätzlich Partei gegen „die Jugend**. — Ein Jahrzehend später: und man begreift, dass auch dies Alles noch — Jugend war! Die längste Zeit der menschlichen Geschichte hin- durch — man nennt sie die prähistorische Zeit — wurde der Werth oder der Unwerth einer Handlung aus ihren Folgen abgeleitet: Ddie Handlung an sich kam dabei ebensowenig als ihre Herkunft in Betracht, sondern ungefähr so, wie heute noch in China eine Auszeichnung oder Schande vom Kinde auf die Eltern zurückgreift, so war es die rückwirkende Kraft des Erfolgs oder Misserfolgs, welche den Menschen anleitete, gut oder schlecht von einer Handlung zu denken. Nennen wir Digitized by Go .,11. - 46 - diese Periode die vormoralische Periode der Mensch» heit: der Imperativ „erkenne dich selbst I** war damals noch unbekannt. In den letzten zehn Jahrtausenden ist man hingegen auf einigen grossen Flächen der Erde Schritt für Schritt so weit gekommen, nicht mehr die Folgen, sondern die Herkunft der Handlung über ihren Werth entscheiden zu lassen : ein grosses Ereigniss als Ganzes, eine erhebliche Verfeinerung des Blicks und Maassstabs, die unbewusste Nachwirkung von der Herrschaft aristokratischer Werthe und des Glaubens an „Herkunft", das Abzeichen einer Periode, welche man im engeren Sinne als die moralische bezeichnen darf: der erste Versuch zur Selbst«£rkenntniss^ ist da- mit gemacht. Statt der Folgen die Herkunft: welche Umkehrung der Perspektive/ Und sicherlich eine erst nach langen Kämpfen und Schwankungen erreichte Umkehrung 1 Freilich : ein verhängnissvoller neuer Aber- glaube^ eine eigenthümliche Engigkeit der Interpretation kam eben damit zur Herrschaft: man interpretirte die Herkunft einer Handlung im allerbeö timmtesten Sinne als Herkunft £[us einer Absicht; man wurde Eins im Glauben daran, dass der Werth einer Handlung im Werthe ihrer Absicht belegen sei. Die Absicht als die ganze Herkunft und Vorgeschichte einer Handlung: unter diesem Vorurtheile ist fast bis auf die neueste Zeit auf Erden moralisch gelobt, getadelt, gerichtet, auch - philosophirt worden. — Sollten wir aber heute nicht bei der Noth wendigkeit angelangt sein, uns noch- mals über eine Umkehrung und Grundverschiebung der Werthe schlüssig zu machen. Dank einer nochmaligen Selbstbesinnung und Vertiefung des Menschen, — soll- ten wir nicht an der Schwelle einer Periode stehen, welche, negativ, zunächst als die aussermoralische üigiiized by Google zu bezeichnen wäre: heute, wo wenigstens unter uns Immoralisten der Verdacht sich regt, dass gerade in dem, was n i cht- absi c htli ch an einer Handlung" ist, ihr entscheidender Werth belegen sei, und dass alle ihre Absichtlichkeit, Alles, was von ihr gesehn, gewusst, „bewussf' werden kann, noch zu ihrer Oberfläche und Haut gehöre, — welche, wie jede Haut, Etwas verräth, aber noch mehr verbirgt? Kurz, wir glauben, dass die Absicht nur ein Zeichen Und Symptom ist, das erst der Auslegung bedarf, dazu ein Zeichen, das zu Vielerlei und folglich für sich allein fast nichts bedeutet, — dass Moral, im bisherigen Sinne, also Absichten - Moral ein Vorurthöil gewesen ist, eine Voreiligkeit, eine Vor- läufigkeit vielleicht, ein Ding etwa vom Range der Astrologie und Alchymie, aber jedenfalls Etwas , das überwunden werden muss. Die Überwindung der Moral, in einem gewissen Verstände sogar die Selbstüberwin- dung der Moral: mag das der Name für jene lange geheime Arbeit sein, welche den feinsten und redlich- sten, auch den boshaftesten Gewissen von heute, als lebendigen Probirsteinen der Seele, vorbehalten blieb. — 33- £s hilft nichts: man muss die Gefühle der Hin- gebung, der Aufopferung für den Nächsten, die ganze Selbstentäusserungs-Moral erbarmungslos zur Rede stel- len und vor Gericht führen : ebenso wie die Aesthetik der ^interesselosen Anschauung", unter welcher sich die Ent- männlichung der Kunst verführerisch genug heute ein gutes Gewissen zu schaffen sucht. Es ist viel zu viel Zau- ber und Zucker in jenen Gefühlen des „für Andere'', des „nicht für mich", als dass man nicht nöthig hätte, hier doppelt misstrauisch zu werden und zu fragen: „sind - 4S - es nicht vielleicht — Verführungen?" — Dass sie gefallen — Dem, der sie hat, und Dem» der ihre Früchte geniesst, auch dem blossen Zuschauer, — dies giebt noch kein Argument für sie ab, sondern fordert gerade zur Vorsicht auf. Seien wir also vorsichtig 1 34. Auf welchen Standpunkt der Philosophie man sich heute auch stellen mag: von jeder Stelle aus gesehn ist die Irrthümlichkeit der Welt, in der wir zu leben glauben, das Sicherste und Festeste, dessen unser Auge noch habhaft werden kann: — wir finden Gründe über Gründe dafür, die uns zu Muthmaassungen über ein betrügerisches Princip im „Wesen der Dinge*' ver* locken mochten. Wer aber unser Denken selbst, also „den Geist'* für die Falschheit der Welt verantwortlich macht — ein ehrenhafter Ausweg, den jeder bewusste oder unbewusste advocatus dei geht — : wer diese Welt, sammt Raum, Zeit, Gestalt, Bewegung, als falsch er* schlössen nimmt: ein Solcher hätte mindestens guten Anlass, gegen alles Denken selbst endlich Misstrauen zu lernen: hätte es uns nicht bisher den allergrossten Schabernack gespielt? und welche Bürgschaft dafür gäbe es, dass es nicht fortführe, zu thun, was es immer gethan hat? In allem Ernste: die Unschuld der Denker hat etwas Rührendes und Ehrfurcht Einfidssendes, welche ihnen erlaubt, sich auch heute noch vor das Bewusstsein hinzustellen, mit der Bitte, dass es ihnen ehrliche Antworten gebe: zum Beispiel ob es „real** sei, und warum es eigentlich die äussere Welt sich so entschlossen vom Halse halte, und was dergleichen Fragen mehr sind. Der Glaube an „unmittelbare Ge- wissheiten^^ ist eine moralische Naivetat, welche uns uiyiLi^ed by Google — 49 — Philosophen Ehre macht: aber — wir sollen nun ein- mal nicht „nur moralische'' Menschen sein! Von der Moral abgesehn, ist jener Glaube eine Dummheit, die uns wenig Ehre macht! Mag im büigerlichen Leben das allzeit bereite Misstrauen als Zeichen des „schlechten Charakters" gelten und folglich unter die Unklugheiten gehören: hier unter uns, jenseits der bürgerlichen Welt und ihres Ja's und Nein's, — was sollte uns hindern, unklug 2u sein und zu sagen: der Philosoph hat nach- gerade ein Recht auf „schlechten Charakter^, als das Wesen, welches bisher auf Erden immer am besten genarrt worden ist, — er hat heute die Pflicht zum Misstrauen, zum boshaftesten Schielen aus jedem Ab- grunde des Verdachts heraus. — Man vergebe mir den Scherz dieser düsteren Fratze und Wendung: denn ich selbst gerade habe längst über Betrügen und Betrogen- werden anders denken, anders schätzen gelernt und halte mindestens ein paar Rippenstösse für die blinde Wuth bereit, mit der die Philosophen sich dagegen sträuben, betrogen zu werden. Warum nicht? Es ist nicht mehr als ein moralisches Vorurtheil, dass Wahr- PI, heit mehr werth ist als Schein; es ist sogar die schlechtest bewiesene Annahme , die es in der Welt giebt. Man gestehe sich doch so viel ein: es bestünde gar kein Leben, wenn nicht auf dem Grunde perspekti- vischer Schätzungen und Scheinbarkeiten; und wollte man, mit der tugendhaften Begeisterung und Tölpelei mancher Philosophen, die „scheinbare Welt" ganz ab- schaffen, nun, gesetzt, ihr könntet das, — so bliebe mindestens dabei auch von eurer „Wahrheit** nichts mehr übrig! Ja, was zwingt uns überhaupt zur An- nahme, dass es einen wesenhaften Gegensatz von „wahr" und „falsch** giebt? Genügt es nicht, Stufen der Schein- 4 Digitized by Go — 50 — barkeit anzunehmen und gleichsam hellere und dunklere Schatten und Gesammttone des Scheins, — verschiedene valeurs, um die Sprache der Maler zu reden? Warum dürfte die Welt, die uns etwas angeht - — , nicht eine Fiktion sein? Und wer da fragt: „aber zur Fiktion gehört ein Urheber?** — dürfte dem nicht rund geant- wortet werden : Warum? Gehört dieses „Gehört" nicht vielleicht mit zur Fiktion? Ist es denn nicht erlaubt, gegen Subjekt, wie gegen Prädikat und Objekt, nach» gerade ein Wenig ironisch zu sein? Dürfte sich der Philosoph nicht über die Gläubigkeit an die Grammatik erheben? Alle Achtung vor den Gouvernanten: aber wäre es nicht an der Zeit, dass die Philosophie dem Gouvernanten -Glauben absagte? — 35- Oh Voltaire! Oh Humanität 1 Oh Blödsinn! Mit der „Wahrheit", mit dem Suchen der Wahrheit hat es etwas auf sich; und wenn der Mensch es dabei gar zu menschlich treibt — „il ne cherche le vrai que pour faire le bien** — ich wette, er findet nichts! 36. Gresetzt, dass nichts Anderes als real „gegeben^' ist als unsre Welt der Begierden und Leidenschaften, dass wir zu keiner anderen „Realität** hinab oder hinaut können als gerade zur Realität unsrer Triebe — denn Denken ist nur ein Verhalten dieser Triebe zu einan- der — : ist es nicht erlaubt, den Versuch zu machen * und die Frage zu fragen, ob dies Gegeben nicht aus- reicht, um aus Seines -Gleichen auch die sogenannte mechanistische (oder ^materielle**) Welt zu verstehen? Ich meine nicht als eine Täuschung, einen „Schein**, uiyiLi^ed by Google — 51 — eine „Vorstellung*^ (im Berkeley'schen und Schopen- hauerischen Sinne), sondern als vom gleichen Realitäts- Range, welchen unser Affekt selbst hat, — als eine primitivere Form der Welt der Affekte, in der noch Alles in mächtiger Einheit beschlossen liegt, was sich dann im organischen Prozesse abzweigt und ausgestaltet (auch, wie billig, verzärtelt und abschwächt — ), als eine Art von Triebleben, in dem noch sämmtliche organische Funktionen, mit SelbstpRegulirung, Assimi- lation, Ernährung, Ausscheidung, Stoffwechsel, synthe- tisch gebunden in einander sind, — als eine Vorform des Lebens? — Zuletzt ist es nicht nur erlaubt, diesen Versuch zu machen: es ist, vom Gewissen der Methode aus, geboten. Nicht mehrere Arten von Causalität an- nehmen, so lange nicht der Versuch, mit einer einzigen auszureichen, bis an seine äusserste Grenze getrieben ist ( — bis zum Unsinn, mit Verlaub zu sagen): das ist eine Moral der Methode, der man sich heute nicht entziehen darf ; — es folgt „aus ihrer Definition**, wie ein Mathematiker sagen würde. Die Frage ist zuletzt, ob wir den Willen wirklich als wirkend anerkennen, ob wir an die Causalität des Willens glauben: thun wir das — und im Grunde ist der Glaube daran eben unser Glaube an Causcilität selbst — , so müssen wir den Versuch machen, die Willens-Causalität hypothetisch als die einzige zu setzen. nWille*^ kann natürlich nur auf „Wille** wirken — und nicht auf „Stoffe** (nicht auf „Nerven'- zum Beispiel — ): genug, man muss die Hypo- these wagen, ob nicht überall, wo „Wirkungen" aner- kannt werden, Wille auf Wille wirkt — und ob nicht- alles mechanische Geschehen, insofern eine Kraft darin thätig wird, eben Willenskraft, Willens-Wirkung ist. — Gesetzt endlich, dass es gelänge, unser gesammtes 4* Digitized by Google — 52 — Triebleben als die Ausgestaltung* und Verzweigung Einer Grundform des Willens zu erklären — nämlich des Willens zur Macht, wie es mein Satz ist — ■; gesetzt, dass man alle organischen Funktionen auf diesen Willen zur Macht zurfickführen könnte und in ihm auch die Lo- sung des Problems der Zeugung und Ernährung — es ist Ein Problem — fände, so hätte man damit sich das Recht ver.schafft, alle wirkende Kraft eindeutig zu bestimmen als: Wille zur Macht. Die Welt von innen gesehen, die Welt auf ihren ^intelligiblen Cha> rakter*' hin bestimmt und bezeichnet — sie wäre eben „Wille zur Macht" und nichts ausserdem. — 37. „Wie? Heisst das nicht, populär geredet: Gott ist widerlegt, der Teufel aber nicht — ?^ Im Gegentheill Im Gegentheil, meine Freunde ! Und, zum Teufel auch, wer zwingt euch, populär zu reden! — 38. Wie es zuletzt noch, in aller Helligkeit der Treueren Zeiten, mit der französischen Revolution gegangen ist, jener schauerlichen und aus der Nähe beurtheilt, über- flüssigen Posse, in welche aber die edlen und schwär- merischen Zuschauer von ganz Europa aus der Ferne her so lange und so leidenschaftlich ihre eignen Empö- rungen und Begeisterungen hinein interpreürt haben, bis der Text unter der Interpretation ver* schwand: so könnte eine edle Nachwelt noch einmal die ganze Vergangenheit nicht verstehn und dadurch vielleicht erst ihren Anblick erträglich machen. — Oder vielmehr: ist dies nicht bereits geschehen? waren wir nicht selbst — diese „edle Nachwelt"? Und ist es nicht gerade jetzt, insofern wir dies begreifen, — damit vorbei? > Digitized by Google — 53 — 39- Niemand wird so leicht eine Lehre, bloss weil sie g-lücklich macht, oder tugendhalt macht, deshalb für yrahr halten: die lieblichen „Idealisten" etwa ausge- nommen, welche für das Gute, Wahre, Schöne schwärmen und in ihrem Teiche alle Arten von bunten plumpen und gutmüthigen Wtinschbarkeiten durcheinander schwimmen lassen. Glück und Tugend sind keiiu; Argumente. Man vergisst aber gerne, auch auf Seiten besonnener Geister, dass Unglücklich -machen und Bose -machen ebensowenig Gegenargumente sind. Etwas dürfte wahr sein: ob es gleich im höchsten Grade schädlich und gefährlich wäre; ja es könnte selbst zur Grundbeschaffen- heit des Daseins gehören, dass man an seiner völligen Brkenntniss zu Grrunde gienge, — so dass sich die Stärke eines Geistes darnach bemässe, wie viel er von der „Walir- heit" gerade noch aushielte, deutlicher, bis zu welchem Grade er sie verdünnt, verhüllt, versüsst, verdumpft, ver- fälscht nöthig hatte. Aber keinem Zweifel unterliegt es, dass für die Entdeckung gewisser Theile der Wahrheit die Bösen und Unglücklichen begünstigter sind und eine grössere Wahrscheinlichkeit des Gelingens haben; nicht zu feden von den Bösen, die glücklich sind, — eine Speeles, welche von den I\loi allsten ver- schwiegen wird. Vielleicht, dass Härte und List günstigere Bedingungen zur Entstehung des starken, unabhängigen Geistes und Philosophen abgeben, als jene sanfte feine nachgebende Gutartigkeit und Kunst des Leicht-nehmens, welche man an einem Gelehrten schätzt und mit Recht schätzt. Vorausgesetzt, was voran steht, dass man den Begriff „Philosoph^ nicht auf den Philosophen einengt, der Bücher schreibt — oder gar seine Philosophie in Bücher bringt I — Einen ui^juiiL-j cy Google — 54 — letzten Zug zum Bilde des freigeisterischen Philosophen bringt Stendhal bei, den ich um des deutschen Ge- schmacks willen nicht unterlassen will zu unterstreichen : — denn er eeht wider den deutbchen Geschmack. „Pour etre bon philosophe", sagt dieser letzte grosse Psycholog, „il faut 6tre sec, clair, sans Illusion. Un banquier, qui a fait fortune, a une partie du caract^re requis pour faire des dccouvertes cn philosophie, c'est- ä-dire pour voir clair dans ce qui est" 40. Alles, was tief ist, liebt die Maske; die allertiefsten Dinge haben sogar einen Hass auf Bild und Gleichniss. Sollte nicht erst der Gegensatz die rechte Verklei* dung sein, in der die Scham eines Gottes einhergienge ? Eine fragfwürdige Frage: es wäre wunderlich, wenn nicht irgend ein Mystiker schon dergleichen bei sich gewagt hätte. Es giebt Vorgänge so zarter Art, dass man gut thut, sie durch eine Grobheit zu verschütten und unkenntlich zu machen; es giebt Handlungen der Liebe und einer ausschweifenden Grossmuih , hinter denen nichts räthlicher ist, als einen Stock zu nehmen und den Augenzeugen durchzuprügeln, damit trübt man dessen Gedächtniss. Mancher versteht sich darauf, das eigne Gedächtniss zu trüben und zu misshandeln, um wenigstens an diesem einzigen Mitwisser seine Rache zu haben: — die Scham ist erfinderisch. £s sind nicht die schlimmsten Dinge, deren man sich am schliiiniisten schämt: es ist nicht nur Arglist hinter einer Maske, — es giebt so viel Güte in der List. Ich könnte mir denken, dass ein Mensch, der etwas Kq6t> bares und Verletzliches zu bergen hätte, grpb und rund wie ein grünes altes schwerbeschlagenes Weinfass Digitized by Google — 55 — durch's Leben rollte: die Feinheit seiner Scham will es so. Einem Menschen, der Tiefe in der Scham hat, begegnen auch seine Schicksale und zarten Entschei- dungen auf Wegen, zu denen Wenige je gelangen, und um deren Vorhandensein seine Nächsten und Vertrau- testen nicht wissen dürfen : seine Lebensgefahr verbirgt •sich ihren Augen und ebenso seine wieder eroberte Lebens -Sicherheit. Ein solcher Verborgener, der aus Instinkt das Keden zum Schweigen und Verschweigen braucht und unerschöpflich ist in der AusÜucht vor Mit- theilung, will es und fordert es, dass eine Maske von ihm an seiner Statt in den Herzen und Köpfen seiner Freunde herum wandelt; und gesetzt, er will es nicht, so werden ihm eines Tages die Augen darüber aufgehn, dass es trotzdem dort eine Maske von ihm giebt, — und dass es gut so ist. Jeder tiefe Geist braucht eine Maske : mehr noch, um jeden tiefen Geist wächst fort- während eine Maske, Dank der beständig falschen, näm- lich flachen Auslegung jedes Wortes, jedes Schrittes, jedes Lebens-Zeichens, das er giebt. — 41. Man muss sich selbst seine Proben geben, dafür dass man zur Unabhängigkeit und zum Befehlen be- stimmt ist; und dies zur rechten Zeit. Alan soll seinen Proben nicht aus dem Wege gehn, obgleich sie viel- leicht das gefährlichste Spiel sind, das man spielen kann, und zuletzt nur Proben, die vor uns selber als t Zeugen und vor keinem anderen Richter abgelegt wer- den. Nicht an einer Person hängen bleiben: und sei sie die gelieb teste, — jede Person ist ein Gefängniss, auch ein WinkeL Nicht an einem Vaterlande hangen bleiben: und sei es das leidendste und hülfbedürftigste. ui^juiiL-j cy Google - 56 - — es ist schon weniger schwer, sein Herz von einem siegn^eichen Vaterlande los zu binden. Nicht an einem Mitleiden hängen bleiben: und gälte es höheren Men- schen, in deren seltne Alarter und Hülflosigkeit uns ein Zufall hat blicken lassen. Nicht an einer Wissen- schaft hängen bleiben: und locke sie Einen mit den kostbarsten, anscheinend gerade uns aufgesparten Fun- den. Nicht an seiner eignen Loslüsung hängen bleiben, an jener wollüstigen Ferne und Fremde des Vogels, der immer weiter in die Höhe flieht, um immer mehr unter sich zu sehn: — die Gefahr des Fliegenden. Nicht an unsern eignen Tugenden häng^en bleiben und als Ganzes das Opfer irgend einer Einzelheit an uns werden, zum Beispiel unsrer ,,Gastfreundschaft^ : wie es die Gefahr der Grefahren bei hochgearteten und reichen Seelen ist, welche verschwenderisch, fast gleichgültig mit sich selbst umgehn und die Tugend der Liberalität bis zum Laster treiben. Man muss wissen, sich zu bewahren: stärkste Probe der Unabhängig^keit. 42. Eine neue Gattung von Philosophen kt)mmt herauf : ich wage es, sie auf einen nicht ungefährlichen Namen zu taufen. So wie ich sie errathe, so wie sie sich er- rathen lassen — denn es gehört zu ihrer Art, irgend worin Räthsel bleiben zu wollen — , möchten diese Philosophen der Zukunft ein Recht, vielleicht auch ein Unrecht darauf haben, als Versucher bezeichnet zu werden. Dieser Name selbst ist zuletzt nur ein Versuch, und, wenn man will, eine Versuchung. 43. Sind es neue Freunde der „Wahrheit'', diese kom- menden Philosophen? Wahrscheinlich genug: denn alle Digitized b — 57 — Philosophen liebten bisher ihre Wahrheiten. Sicher- lich aber werden es keine Dogmatiker sein. Es muss ihnen wider den Stolz gehn, auch wider den Geschmack, wenn ihre Wahrheit gar noch eine Wahrheit für Jeder- mann sein soll: was bisher der geheime Wunsch und Hintersinn aller dogmatischen Bestrebungen war. ,,Mein Urtheil ist mein Urtheil: dazu hat nicht leicht auch ein Anderer das Reclit'^ — sagt vielleicht solch ein Philosoph der Zukunft. Man muss den schlechten Geschmack von sich abthun, mit Vielen übereinstim- men zu wollen. „Gut" ist nicht mehr gut, wenn der Nachbar es in den Mund nimmt. Und wie könnte es gar ein „Gemeingut*" geben I Das Wort widerspricht sich selbst: was gemein sein kann, hat immer nur wenig Werth. Zuletzt muss es so stehn, wie es steht und immer stand: die grossen Dinge bleiben für die Gro- ssen übrig, die Abgründe für die Tiefen, die Zartheiten und Schauder für die Feinen, und, im Ganzen und Kurzen, alles Seltene für die Seltenen. — 44- Brauche ich nach alledem noch eigens zu sagen, dass auch sie freie, sehr freie Geister sein werden, tliese Philo- so])hen der Zukunft, — so trewiss sie auch nicht bloss freie Geister sein werden, sondern etwas Mehreres, Höheres, Grösseres und Gründlich- Anderes, das nicht verkannt und verwechselt werden will? Aber, indem ich dies sage, fühle ich fast ebenso sehr gegen sie selbst, als gegen^ uns, die wir ihre Herolde und Vorläufer sind, wir freien Geisterl — die Schuldigkeit, ein altes dummes Vorurtheil und Missverständniss von uns gemeinsam fortzublasen, welches allzulange wie ein Nebel den Begriff „freier Geist" undurchsichtig gemacht hat. In Digitized by Google _ 5Ö - allen Ländern Europa's und ebenso in Amerika giebt , es jetzt Etwas, das Missbrauch mit diesem Namen treibt^^ eine sehr enge, eingefangne, an Ketten gelegte Art von Greistem, welche ungefähr das Gegentheil von dem wollen, was in unsern Absichten und Instinkten liegt, — nicht zu reden davon, dass sie in Hinsicht auf jene heraufkommenden neuen Philosophen erst recht zuge- machte Fenster und verriegelte ThÜren sein messen. Sie gehören, kurz und schlimm, unter die Nivellir^r, diese falschlich genannten ^freien Geister^^ — als beredte * und schreibfingrige Sklaven des demokratischen Ge- schmacks und seiner „modernen Ideen**: allesammt Menschen ohne Einsamkeit, ohne eigne Einsamkeit, plumpe brave Burschen, welchen weder Muth noch achtbare Sitte abgesprochen werden soll, nur dass sie eben unfrei und zum Lachen oberflächlich sind, vor Allem mit ihrem Grundhange, in den Formen der bis- herigen alten Gesellschaf t ungefähr die Ursache für all es menschliche Elend und Missrathen zu sehn: wobei die Wahrheit glücklich auf den Kopf zu stehn kommt! Was sie mit allen Kräften erstreben möchten, ist das allgemeine grüne Weide-Glück der Heerde, mit Sicher- heit, Ungefahrlichkeit, Behagen, Erleichterung des Lebens für Jedermann; ihre beiden am reichlichsten abgesungnen Lieder und Lehren heissen „Gleichheit der Rechte" und „Mitgefühl für alles Leidende**, — und das Leiden selbst wird von ihnen als Etwas ge- . nommen, das man abschaffen muss. Wir Umgekehrten, / die wir uns ein Auge und ein Gewissen für die Frage aufgemacht haben, wo und wie bisher die^ Pflanze „Mensch" am kräftigsten in die Höhe gewachsen ist, vermeinen, dass dies jedes Mal unter den umgekehrten Bedingungen geschehn ist, dass dazu die Gefährlichkeit — 59 — seiner Lage erst in's Ungeheure wachsen» seine £r« findungs- und Verstellungskraft (sein „Greist^ — ) unter langem Druck und Zwang sich in's Feine und Verwegene • entwickeln, sein Lebens-Wille bis zum unbedingten Macht -Willen gesteigert werden musste: — wir ver- meinen, dass Härte« Gewaltsamkeit, Sklaverei, Gefahr i auf der Gasse und im Herzen, Verborgenheit, Stoicismus, Versucherkunst und Teufelei jeder Art, dass alles Böse, Furchtbare, Tyrannische, Raubthier- und Schlangenhafte am Menschen so gut zur Erhöhung der Speeles ^Mensch*' dient, als sein Gegensatz: — wir sagen sogar nicht einmal genug, wenn wir nur so viel sagen und befinden uns jedenfalls, mit unserm Reden und Schweigen an dieser Stelle, am andern Ende aller modernen Ideologie und Heerden-Wünschbarkeit: als deren Antipoden viel- leicht? Was Wunder, dass wir „freien Geister" nicht gerade die mittheilsamsten Geister sind? dass wir nicht in jedem Betrachte zu verrathen wünschen, wovon ein Geist sich frei machen kann und wohin er dann vielleicht getrieben wird? Und was es mit der gefähr- ^ liehen Formel jenseits von Gut und Böse^ auf sich hat, mit der wir uns zum Mindesten vor Verwechsltmg behSten: wir sind etwas Anderes als „libre-penseurs**, „liberi pensatori", „Freidenker" und wie alle diese braven Fürsprecher der „modernen Ideen^ sich zu benennen lieben. In vielen Ländern des Geistes zu Hause, mindestens zu Gaste gewesen; den dumpfen an|["enehmen Winkeln immer wieder entschlüpft, in die uns Vorliebe und Vorhass, Jugend, Abkunft, der Zufall von Menschen und Büchern, oder selbst die Ermü- dungen der Wanderschaft zu bannen schienen; voller Bosheit gegen die Lockmittel der Abhängigkeit, welche in Ehren, oder Geld, oder Amtern, oder Begeisterungen üigiiized by Google — 6o — der Sinne versteckt liegen; dankbar sogar gegen Noth und wechselreiche Krankheit» weil sie uns immer von irgend einer Regel und ihrem „Vonirtheil^ losmachte, dankbar gegen Gott» Teufel» Schaf und Wurm in uns» neugierig bis zum Laster, Forscher bis zur Grausamkeit, mit unbedenklichen Fingern für Unfassbares, mit Zähnen und Mägen für das Unverdaulichste» bereit zu jedem Handwerk» das Scharfsinn und scharfe Sinne verlangt» bereit zu jedem Wagniss, Dank einem Überschusse von „freiem Willen", mit Vorder- und Hinterseelen, denen^^ Keiner leicht in die letzten Absichten sieht, mit Vor^ der- und Hintergründen» welche kein Fuss zu Ende laufen dürfte. Verborgene unter den Mänteln des Lichts, Erobernde, ob wir gleich Erben und Verschwendern gleich sehn, Ordner und Sammler von früh bis Abend, Geizhälse unsres Reichthums und unsrer vollgestopften Schubfacher, haushälterisch im Lernen und Vergessen, erfinderisch in Schematen, mitunter stolz auf Kategorien- Tafeln» mitunter Pedanten, mitunter Nachteulen der Arbeit auch am hellen Tage; ja, wenn es noth thut, selbst Vogelscheuchen — und heute thut es noth : näm- lich insofern wir die geborenen geschworenen eifer- süchtigen Freunde der Einsamkeit sind, unsrer eignen ^ tiefsten mitternächtlichsten mittäglichsten Einsamkeit;. ^ ' — eine solche Art Menschen sind wir, wir freien Geister! und vielleicht seid auch ihr etwas davon, ihr Kommenden? ihr neuen Philosophen? — Digitized by Google Drittes Hauptstück das religiöse Wesen. 45. Die menschliche Seele und ihre Grenzen, der bisher überhaupt erreichte Umfang menschlicher innerer Er- fahrungen, die Höhen, Tiefen und Fernen dieser Er- fahrungen, die ganze bisherige Geschichte der Seele und ihre noch unausgetrunkenen Möglichkeiten: das ist für einen geborenen Psychologen und Freund der „grossen Jagd" das vorbestimmte Jagdbereich. Aber wie oft muss er sich verzweifelt sagen : „ein Einzelner 1 ach, nur ein Einzelner! und dieser grosse Wald und Urwald!" Und so wünscht er sich einige hundert Jagd- gehülfen und feine gelehrte Spürhunde, welche er in die Geschichte der menschlichen Seele treiben könnte, um dort sein Wild zusammenzutreiben. Umsonst: er erprobt es immer wieder, gründlich und bitterlich, wie schlecht zu allen Dingen , die gerade seine Neugierde reizen. Gehülfen und Hunde zu ünden sind. Der Übel- stand, den es hat. Gelehrte auf neue und gefahrliche Jagdbereiche auszuschicken, wo Muth, Klugheit, Fein- heit in jedem Sinne noth thun, liegt darin, dass sie gerade dort nicht mehr brauchbar sind, wo die „grosse Jagd", aber auch die grosse Gefahr beginnt: — gerade dort verlieren sie ihr Spürauge und ihre Spürnase. Um zum Beispiel zu errathen und festzustellen, was für eine Geschichte bisher das Problem von Wissen und Gewissen in der Seele der homines religiosi gehabt hat, dazu müsste Einer vielleicht selbst so tief, so ver- wundet , so ungeheuer sein , wie es das intellektuelle Gewissen Pascal's war; — und dann bedürfte es immer - 64 - noch jenes ausgespannten Himmels von heller, boshafter Geistigkeit, welcher von Oben herab dies Gewimmel von gfefahrltchen und schmerzlichen Erlebnissen zu über- sehn, zu ordnen, in Formeln zu zwingfen vermöchte. — Aber wer thäte mir diesen Dienst 1 Aber wer hätte Zeit, auf solche Diener zu warten! — sie wachsen ersichtlich zu selten, sie sind zu allen Zeiten so unwahrscheinlich! Zuletzt muss man Alles selber thun, um selber Einiges zu wissen: das heisst, man hat viel zu thun! — Aber eine Neugierde meiner Art bleibt nun einmal das an- genehmste aller Laster, — Verzeihung! ich wollte sagen: die Liebe zur Wahrheit hat ihren Lohn im Himmel und schon auf Erden. — 46. Der Glaube, wie ihn das erste Christenthum ver- langt und nicht selten erreicht hat, inmitten einer skeptischen und südlich-freigeisterischen Welt, die einen Jahrhunderte langen Kampf von Philosophenschulen hinter sich und in sich hatte» hinzugerechnet die Er- ziehung zur Toleranz, welche das Imperium Romanum gab, — dieser Glaube ist nicht jener treuherzige und bärbeissige Unterthanen- Glaube, mit denen etwa ein Luther oder ein Cromwell oder sonst ein nordischer Barbar des Geistes an ihrem Gotte und Christenthum gehangen haben; viel eher schon jener Glaube Pascal's, der auf schreckliche Weise einem dauernden Selbst- morde der Vernunft ähnlich sieht, — einer zähen lang- lebigen wurmhaften Vernunft, die nicht mit Einem Male und Einem Streiche todtzumachen ist. Der christliche Glaube ist von Ajibeginn Opferung: Opferung aller Freiheit, alles Stolzes, aller Selbstgewissheit des Geistes; zugleich Verknechtung und Selbst-Verhöhnung, Selbst- Verstümmelung. Es ist Grausamkeit und religiöser Digitized by Google - 65 - Fhönicismus in diesem Glauben, der einem mürben, vielfachen und viel verwöhnten Gewissen zugemuthet wird: seine Voraussetzung* ist, dass die Unterwerfung des Geistes unbeschreiblich wohe thut, dass die p-anze Vergangenheit und Gewohnheit eines solchen Geistes sich gegen das Absurdissimum wehrt, als welches ihm der „Glaube** entgegentritt. Die modernen Menschen, mit ihrer Abstumpfung* g'egen alle christliche Nomen- klatur, tühlen das Schauerlich-Superlativische nicht mehr nach, das für einen antiken Geschmack in der Paradoxie der Formel „Gott am Kreuze** lag. Es hat bisher noch f niemals und nirgendswo eine gleiche Külinheit im Um- kehren, etwas gleich Furchtbares, t ragendes und Frag- würdiges gegeben wie diese Formel: sie verhiess eine Umwerthung aller antiken Werthe. — Es ist der Orient, \ der tiefe Orient, es ist der oritnlalische Sklave, der \ auf diese Weise an Rom und seiner vornehmen und j frivolen Toleranz, am römischen ^Katholicismus*^ des ! Glaubens Rache nahm: — und immer war es nicht der ' Glaube, sondern die Freiheit vom Glauben, jene halb stoische und lächelnde Unbekümmertheit um den Ernst des Glaubens, was die Sklaven an ihren Herrn, gegen ihre «Herrn empört hat. Die „Aufklärung** empört: der Sklave nämlich will Unbedingtes, er versteht nur das Tyrannische, auch in der Moral, er liebt wie er hasst, ohne Nuance, bis in die Tiefe, bis zum Schmerz, bis zur Krankheit, — sein vieles verborgenes Leiden empört sich gegen den vornehmen Geschmack, der das Leiden zu leugnen scheint. Die Skepsis gegen das Leiden, im Grunde nur eine Attitüde der aristokratischen Moral, ist nicht am wenigsten auch an der Entstehung des letzten grossen Sklaven -Aufstandes betheiligt, wel- cher mit der französischen Revolution begonnen hat. Digitized by Google 66 47- Wo nur auf Erden bisher die religiöse Neurose aufgetreten ist, finden wir sie verknüpft mit drei gefahr- lichen Diät- Verordnungen : Einsamkeit, Fasten und schlechtlicher Enthaltsamkeit, — doch ohne dass hier mit Sicherheit zu entscheiden wäre, was da Ursache, was Wirkung sei, und ob hier überhaupt ein Verhält- niss von Ursache und Wirkung vorliege. Zum letzten Zweifel berechtigt, dass gerade zu ihren regelmässig- sten Symptomen, bei wilden wie bei zahmen Völkern, auch die plötzlichste ausschweifendste Wollüstigkeit gehört, welche dann, ebenso plötzlich, in Busskrampf und Welt- und Willens-Verneinung umschlägt: beides vielleicht als maskirte Epilepsie deutbar? Aber nirgends- wo sollte man sich der Deutungen mehr entschlagen: um keinen Typus herum ist bisher eine solche Fülle von Unsinn und Aberglauben aufgewachsen, keiner scheint bisher die Menschen, selbst die Philosophen, mehr interessirt zu haben, — es wäre an der Zeit, hier gerade ein Wenig kalt zu werden, Vorsicht zu lernen, besser noch: wegzusehn, wegzugehn. — Noch im Hintergrunde der letztgekommenen Philosophie, der Schopenhauerischen, steht, beinahe als das Problem an sich, dieses schauerliche Fragezeichen der religiösen Krisis und Erweckung. Wie ist Wlllensverneinung möglich? wie ist der Heilige möglich? — das scheint wirklich die Frage gewesen zu sein, bei der Schopenhauer zum Philosophen wurde und anfieng. Und so war es eine acht Schopenhauerische Consequenz, dass sein Überzeugtester Anhänger (vielleicht auch sein letzter, was Deutschland betrifft — ) nämlich Richard Wagner, das eigne Lebenswerk gerade hier zu Ende brachte und zuletzt noch jenen furchtbaren und ewigen Typus Digitized by Google — Ö7 — als Kundry auf der Bühne vorführte, type vecu, und wie er leibt und lebt; zu gleicher Zeit, wo die Irren- ärzte fast aller Länder Europa's einen Anlass hatten, ihn aus der Nähe zu studiren, überall, wo die religiöse Neurose — oder, wie ich es nenne, „das religiöse Wesen*^ — als MHeilsarmee** ihren letzten epidemischen Ausbruch und Aufzug" gemacht hat. — Fragt man sich aber, was eigentlich am ganzen Phänomen des Heiligen den Menschen aller Art und Zeit, auch den Philosophen, so unbändig interessant gewesen ist: so ist es ohne allen Zweifel der ihm anhaftende Anschein des Wunders', nämlich der unmittelbaren Aufeinanderfolge von Gegensätzen, von moralisch entgegengesetzt gewer- theten Zuständen der Seele: man glaubte hier mit Händen zu greifen, dass aus einem ^schlechten Men- schen** mit Einem Male ein „Heiliger", ein guter Mensch werde. Die bisherige Psychologie litt an dieser Stelle Schiffbruch: sollte es nicht vornehmlich darum geschehen sein, weil sie sich unter die Herrschaft der Moral ge- stellt hatte, weil sie an die moralischen Werth-Gegensätze selbst glaubte, und diese Gegensätze in den Text und Thatbestand hineinsah, hineinlas, hineindeutete? — Wie? Das „Wunder** nur ein Fehler der Interpretation ? Ein Mangel an Philologie? — 48. Es scheint, dass den lateinischen Rassen ihr Katho- licismus viel innerlicher zugehört, als uns Nordländern das ganze Christenthum überhaupt: und dass folglich der Unglaube in katholischen Ländern etwas ganz Anderes zu bedeuten hat, als in protestantischen — nämlich eine Art Empörung gegen den Geist der Rasse, während er bei uns eher eine Rückkehr zum Geist 5* Digitized by Google — 68 — (oder Ungeist — ) der Rasse ist Wir Nordländer stammen unzweifelhaft aus Barbaren -Rassen» auch in Hinsicht auf unsere Beg-abung zur Religfion: wir sind schlecht für sie begabt. Man darf die Kelten aus- nehmen, welche deshalb auch den besten Boden für die Aufnahme der christlichen Infektion im Norden abge- geben haben: — in Frankreich kam das christliche Ideal, soweit es nur die blasse Soni e des Nordens er- laubt hat, zum Ausblühen. Wie fremdartig fromm sind unserm Geißchmack selbst diese letzten französischen Skeptiker noch, sofern etwas keltisches Blut in ihrer Abkunft ist! Wie katholisch, wie undeutsch riecht uns Auguste Comte's Sociologie mit ihrer römischen Logik der Instinkte ! Wie jesuitisch jener liebenswür- dige und kluge Cicerone von Port-Royal, Sainte-Beuve, trotz all seiner Jesuiten-Feindschaft! Und gar Erneste Renan: wie unzugänglich klingt uns Nordländern die Sprache solch eines R^nan, in dem alle Augenblicke irgend ein Nichts von religiöser Spannung seine in feinerem Sinne wollüstige und bequem sich bettende S6ele um ihr Gleichgewicht bringt 1 Man spreche ihm einmal diese schönen Satze nach, — und was für Bos- heit und Übermuth regt sich sofort in unserer wahr- scheinlich weniger schönen und härteren , nämlich deutscheren Seele als Antwort! — „disons donc hardi- ment que la religion est un produit de l'homme nor- mal, que rhomme est le plus dans le vrai quand il est le plus religieux et le plus assur^ d'une destin^e in- finie .... C'est quand 11 est bon qu'il veut que la vertu corresponde k un ordre Stemel, c'est quand il contemple les choses d'une mani^re d^sint^ress^e qu'il trouve la mort revoltante et absurde. Comment ne pas supposer que c'est dans ces moments-lä, que uidui-L-j cy Google - 69 - l'homin« voit le mieux? .... Diese Sätze sind meineA Ohren und Gewohnheiten so sehr antipodisch, dass, als ich sie fand, mein erster Jngrimm daneben schrieb „la niaiserie religieuse par excellencel" — bis mein letzter Ingrimm sie gar noch lieb gewann, diese Sätze mit ihrer auf den Kopf gestellten Wahrheit! Es ist so artig, so auszeichnend, seine eignen Antipoden zu haben ! 49. Das, was an der Religiosität der alten Griechen staunen macht, ist die unbändige Fülle von Dankbarkeit, welche sie ausströmt: es ist eine sehr vornehme Art - Mensch, welche so vor der Natur und vor dem Leben steht! — Später, als der Pobel in Griechenland zum Übergewicht kommt, überwuchert die Furclit auch in der Religion ; und das Christenthum bereitete sich vor. — 50. Die Leidenschaft für Gott: es giebt bäurische, treu- herzige und zudringliche Arten, wie die Luther's, — der ganze Protestantismus entbehrt der südlichen delicatezza. Es giebt ein orientalisches Aussersichsein darin, wie bei einem unverdient begnadeten oder erhobenen Skla- ven, zum Beispiel bei Augustin, der auf eine beleidigende Weise aller Vornehmheit der Gebärden und Begierden ermangelt. Es giebt frauenhafte Zärtlichkeit und Be- gehrlichkeit darin, welche schamhaft und unwissend nach einer unio mystica et physica drängt: wie bei Madame de Guvon. In vielen l;ällen erscheint sie wun- derlich genug als Verkleidung der Pubertät eines Mädchens oder Jünglings; hier und da selbst als Hysterie einer alten Jungfer, auch als deren letzter Ehrgeiz: — die Kirche hat das Weib schon mehrfach in einem solchen Falle heilig gesprochen. Digitized by Google 5». Bisher haben sich die mächtigsten Menschen immer noch verehrend vor dem Heiligen gebeugt, als dem Räthsel der Selbstbezwingung und absichtlichen letzten Entbehrung: warum beugten sie sich? Sie ahnten in ihm — und gleichsam hinter dem Fragezeichen seines gebrechlichen und kläglichen Anscheins — die über- legene Kraft, welche sich an einer solchen Bezwingung erproben wollte, die Starke des Willens, in der sie die eigne Starke und herrschaftliche Lust wieder erkannten und zu ehren wussten : sie ehrten Etwas an sich, wenn sie den Heiligen ehrten. Es kam hinzu, dass der An- blick des Heiligen ihnen einen Argwohn eingab: ein solches Ungeheures von Verneinung, von Wider-Natur wird nicht unibonst begehrt worden sein, so sagten und fragten sie sich. Es giebt vielleicht einen Grund dazu, eine ganz grosse Gefahr, über welche der Asket, Dank seinen geheimen Zusprechem und Besuchern, näher unterrichtet sein möchte? Genug, die Mächtigen der Welt lernten vor ihm eine neue Eurcht, sie ahnten eine neue Macht, einen fremden, noch unbezwungenen Feind: — der ^Wille zur Macht*' war es, der sie nothigte, vor dem Heiligen stehen zu bleiben. Sie mussten ihn fragen 52. Im jüdischen ^alten Testament**, dem Buche von der göttlichen Gerechtigkeit, giebt es Menschen, Dinge und Reden in einem so grossen Stile, dass das grie- chische und indische Schriftenthum ihm nichts zur Seite zu stellen hat Man steht mit Schrecken und Ehrfurcht vor diesen ungeheuren Überbleibseln dessen, was der ^Mensch einstmals war, und wird dabei über das alte Asien und sein vorgeschobenes Halbinselchen Europa» — 71 — das durchaus gfegen Asien den „Fortschritt des Men- schen" bedeuten möchte , seine traurigen Gedanken haben. Freilich: wer selbst nur ein dünnes zahmes Hausthier ist und nur Hausthier -Bedürfhisse kennt (gleich unsren Gebildeten von heute, die Christen des „gebildeten" Christenthums hinzugenommen — ), der hat unter jenen Ruinen weder sich zu verwundern, noch ^ g^ar sich zu betrüben — der Geschmack am alten Testa- ment ist ein Prüfstein in Hinsicht auf „Gross" und „Klein" — : vielleicht, dass er das neue Testament, das Buch von der Gnade, immer noch eher nach seinem Herzen findet ^n ihm ist viel von dem rechten zärt- lichen dumpfen Betbrüder-, und Kleinen-Seelen-Geruch). Dieses neue Testament, eine Art Rokoko des Geschmacks in jedem Betrachte, mit dem alten Testament zu Einem Buche zusammengeleimt zu haben, als „Bibel^S als „das Buch an sich" : das ist vielleicht die grösste Verwegenheit und „Sünde wider den Geist", welche das litterarische Europa auf dem Gewissen hat. 53. Warum heute Atheismus? — «Der Vater" in Gott ist gründlich widerlegt; ebenso „der Richter", „der Belohner". Insgleichen sein „freier Wille": er hört nicht, — und wenn er horte, wüsste er trotzdem nicht zu helfen. Das Schlimmste ist : er scheint unfähig, sich deutlich mitzutheilen: ist er unklar? — Dies ist es, was ich, als Ursachen für den Niedergang des europäischen ' Theismus, aus vielerlei Gesprächen, fragend, hinhorchend, austindig gemacht habe; es scheint mir, dass zwar der religiöse Instinkt mächtig im Wachsen ist, — dass er aber gerade die theistische Beüriedigung mit tiefem Misstrauen ablehnt. Digitized by Google 54. Was thut denn im Grunde die ganze neuere Philo* Sophie? Seit Descartes — und zwar mehr aus Trotz gegen ihn, als auf Grund seines Vorgangs — macht man seitens aller Philosophen ein Attentat auf den alten Seelen -Begriff, unter dem Anschein einer Kritik des Subjekt- und Prädikat-Begriffs — das heisst: ein Attentat auf die Grundvoraussetzung der christlichen Lehre. Die neuere Philosophie, als eine erkenntnisstheoretische Skepsis, ist, versteckt oder offen, antichristlich: obschon, für feinere Ohren gesagt, keineswegs antireli- giös. Ehemals nämlich glaubte man an ^die Seele'', wie man an die Grammatik und das grammatische Sub- jekt glaubte: man sagte, „Ich** ist Bedingung, „denke** ist Prädikat und bedingt — Denken ist eine Thätigkeit, zu der ein Subjekt als Ursache gedacht werden muss. Nun versuchte man, mit einer bewunderungswürdigen Zähigkeit und List, ob man nicht aus diesem Netze heraus könne, — ob nicht vielleicht das Umgekehrte wahr sei: „denke" Bedingung, „Ich" bedingt; „Ich" also erst eine Synthese, welche durch das Denken selbst gemacht wird. Kant wollte im Ghrunde beweisen, dasb vom Subjekt aus das Subjekt nicht bewiesen wer- den könne, — das Objekt auch nicht: die Möglichkeit einer Scheinexistenz des Subjekts, also ^der Seele*^, mag ihm nicht immer fremd gewesen sein, jener Ge- danke, welcher als Vedanta -Philosophie schon einmal und in ungeheurer Macht auf Erden dagewesen ist 55- Es giebt eine grosse Leiter der religiösen Grausam- . keit, mit vielen Sprossen; aber drei davon sind die wichtigsten. Einst opferte man seinem Gotte Menschen, — 73 — vielleicht gerade solche, welche man am besten liebte, — dahin gehören die Erstlings -Opfer aller Vorzeit- Religionen, dahin auch das Opfer des Kaisers Tiberius iu der Mithrasgrotte der Insel Capri, jener schauer- lichste aller romischen Anachronismen. Dann, in der moralischen Epoche der Menschheit, opferte man seinem Grotte die stärksten Instinkte, die man besass, seine „Natur"; diese I'estfreude glänzt im grausamen Blicke des Asketen, des begeisterten „Wider -Natürlichen^. Endlich: was blieb noch übrig zu opfern? Musste man nicht endlich einmal alles Tröstliche, Heilige, Heilende, alle Hoffnung, allen Glauben an verborgene Harmonie, an zukünftige Seligkeiten und Gerechtigkeiten opfern? musste man nicht Gott selber opfern und* aus Grausam- keit gegen sich, den Stein, die Dummheit, die Schwere, das Schicksal, das Nichts anbeten? Für das Nichts Gott opfern — dieses paradoxe Mysterium der letzten Grau- samkeit blieb dem Geschlechte, welches jetzt eben her- auf kommt, aufgespart: wir Alle kennen schon etwas davon. — 56. Wer, gleich mir, mit irgend einer räthselhaften Be- gierde sich lange darum bemüht hat, den Pessimismus in die Tiefe zu denken und aus der halb christlichen, halb deutschen Enge und Einfalt zu erlösen, mit der er sich diesem Jahrhundert zuletzt dargestellt hat, nämlich in Gestalt der Schopenhauerischen Philosophie; wer wirklich einmal mit einem asiatischen und überasiatischen Auge in die weltverneinendste aller möglichen Denk- weisen hinein und hinunter geblickt hat — jenseits von Gut und Böse, und nicht mehr, wie Buddha und Schopenhauer, im Bann und Wahne der Moral — , der hat vielleicht ebendamit, ohne dass er es eigentlich — 74 — wollte, sich die Augen för das umgekehrte Ideal auf- gemacht: für das Ideal des übermüthigsten lebendigsten ■ und weltbejahendsten Menschen , der sich nicht nur mit dem , was war und ist, abgefunden und vertragen ge- lernt hat, sondern es, so wie es war und ist, wieder haben will, in alle Ewigkeit hinaus, unersättlich da capo rufend, nicht nur zu sich, sondern zum ganzen Stücke und Schauspiele, und nicht nur zu einem Schau- spiele, sondern im Grunde zu Dem, der gerade dies Schauspiel nöthig hat — und nöthig macht: weil er immer wieder sich nothig hat — und nöthig macht Wie? Und dies wäre nicht — circulus vitiosus deus? 57. Mit der Kraft seines geistigen Blicks und Einblicks wächst die Ferne und gleichsam der Raum um den Menschen: seine Welt wird tiefer, immer neue Sterne, immer neue Räthsel und Bilder kommen- ihm in Sicht. Vielleicht war Alles, woran das Auge des Geistes seinen Scharfsinn und Tiefsinn geübt hat, eben nur ein Anlass zu seiner Übung , eine Sache des S|uels, Etwas für Kinder und Kindsköpfe. Vielleicht erscheinen uns einst die feierlichsten Begriffe, um die am meisten gekämpft und gelitten worden ist, die Begriffe „Gott" und „Sünde", nicht wichtiger, als dem alten Manne ein Kinder -Spielzeug und Kinder -Schmerz erscheint, — und vielleicht hat dann „der alte Mensch*' wieder ein andres Spielzeug und einen andren Schmerz nöthig, — immer noch Kinds genug, ein ewiges Kindl 58. Hat man wohl beachtet, in wiefern zu einem eigent- lich religiösen Leben (und sowohl zu seiner mikros- Digitized by Google — 75 — kopischen Lieblings -Arbeit der Selbstprüfung, als zu jener zarten Gelassenheit, welche sich ^Gebet** nennt und eine beständig"e Bereitschaft für das „Kommen Gottes" ist) der äussere Müssiggang oder Halb^Müssig- gang noth thut, ich meine der Müssiggang mit gutem Gewissen, von Alters her, von Geblüt, dem das Aristo- kraten-Gefühl nicht ganz fremd ist, dass Arbeit schän- det, - nämlich Seele und Leib gemein macht? Und dass folglich die moderne, lärmende, Zeit* auskaufende, auf sich stolze, dumm -stolze Arbeitsamkeit, mehr als alles Übrige, gerade zum „Unglauben** erzieht und vor- bereitet? Unter Denen, welche zum Beispiel jetzt in Deutschland abseits von der Religion leben, finde ich Menschen von vielerlei Art und Abkunft der „Frei- denkerei**, vor Allem aber eine Mehrzahl solcher, denen Arbeitsamkeit, von Geschlecht zu Geschlecht, die religiösen Instinkte aufgelöst hat: so dass sie gar nicht mehr wissen, wozu Religionen nütze sind, und nur mit einer Art stumpfen Erstaunens ihr Vorhandensein in der Welt gleichsam registriren. Sie fühlen sich schon reichlich in Anspruch genommen, diese braven Leute, sei es von ihren Geschäften, sei es von ihren Vergnü- gungen, gar nicht zu reden vom „Vaterlande** und den Zeitungen und den „Pflichten der Familie": es scheint, dass sie gar keine Zeit für die Religion übrig haben, zumal es ihnen unklar bleibt, ob es sich dabei um ein neues Geschäft oder ein neues Vergnügen handelt, — denn unmöglich, sagen sie sich, geht man in die Kirche, rein um sich die gute Laune zu verderben. Sie sind keine Feinde der religiösen Gebräuche; verlangt man in gewissen Fällen, etwa von Seiten des Staates, die Betheiligung an solchen Gebräuchen, so thun sie, was man verlangt, wie man so Vieles thut — , mit einem Digitized by Co .,1^ - 76 - geduldigen und bescheidenen Ernste und ohne viel Neugierde und Unbehagen: — sie leben eben zu sehr abseits und ausserhalb, um selbst nur ein Für und Wider in sulchen Dingen bei sich nöthig zu finden. Zu diesen (iieichgültigen gehört heute die Überzahl der deutschen Protestanten in den mittleren Ständen, sonderlich in den arbeitsamen grossen Handels- und Verkehrscentren ; ebenfalls die Überzahl der arbeit- samen Gelehrten und der ganze Universitäts-Zubehör (die Theologen ausgenommen, deren Dasein und Mög- lichkeit daselbst dem Psychologen immer mehr und immer feinere Räthsel zu rathen giebt). Man macht sich selten von Seiten frommer oder auch nur kirchlicher Menschen eine Vorstellung davon, wie viel guter Wille, man konnte sagen» willkürlicher Wille jetzt dazu gehört, dass ein deutscher Gelehrter das Problem der Religion ernst nimmt; von seinem ganzen Handwerk her (und, wie gesag^t, von der handwerkerhaften Arbeit- samkeit her, zu welcher ihn sein modernes Gewissen verpflichtet) neigt er zu einer überlegenen, beinahe gü- tigen Heiterkeit gegen die Religion, zu der sich bis- weilen eine leichte Geringschätzung mischt, gerichtet gegen die „Unsauberkeit^ des Geistes, welche er über- all dort voraussetzt, wo man sich noch zur Kirche be- kennt. Es gelingt dem Geielirten erst mit Hülfe der Geschichte (also nicht von seiner personlichen Erfah- rung aus), es gegenüber den Religionen zu einem ehr- furchtsvollen Ernste und zu einer gewissen scheuen Rücksicht zu bringen ; aber wenn er sein Gefühl sogar bis zur Dankbarkeit gegen sie gehoben hat, so ist er mit seiner Person auch noch keinen Schritt weit dem, was noch als Kirche oder Frömmigkeit besteht, näher gekommen: vielleicht umgekeiirt. Die praktische Gleich- Digitized by Google — 77 — gültigkeit gegen religiöse Dinge, in welche hinein er geboren und erzogen ist, pflegt sich bei ihm zur Behut- samkeit und Reinlichkeit zu sublimiren, weiche die Berührung mit religiösen Menschen und Dingen scheut ; und es kann gerade die Tiefe seiner Toleranz und Menschlichkeit sein, die ihn vor dem feinen Nothstande ausweichen heisst» welchen das Toleriren selbst mit sich bringt — Jede Zeit hat ihre eigene gottliche Art von Naivetät, um deren Erfindung sie andre Zeitalter beneiden dürfen : — und wie viel Naivetät, verehrungs- würdige, kindliche und unbegrenzt tölpelhafte Naivetät liegt in diesem Überlegenheits-Glauben des Gelehrten, im guten Gewissen seiner Toleranz, in der ahnungslosen schlichten Sicherheit, mit der sein Instinkt den religiösen Menschen als einen minderwerthigen und niedrigeren Typus behandelt, über den er selbst hinaus, hinweg, hinauf gewachsen ist, — er, der kleine anmaassliche Zwerg und Pöbelmann, der tieissig-flinke Kopf- und Handarbeiter der ^Ideen'S der „modernen Ideen^M 59. Wer tief in die Welt gesehen hat, erräth wohl, welche Weisheit darin liegt, dass die Menschen ober- flächlich sind. Es ist ihr erhaltender Instinkt, der sie lehrt, flüchtig, leicht und falsch zu sein. Man findet hier und da eine leidenschaftliche und übertreibende Anbetung der „reinen Formen^, bei Philosophen wie bei Künstlern: möge Niemand zweifeln, dass wer der- gestalt den Cultus der Oberfläche nöthig hat, irgend wann einmal einen unglückseligen Griff unter sie grethan hat Vielleicht giebt es sogar hinsichtlich die- ser verbrannten Kinder, der geborenen Künstler, welche den Genuss des Lebens nur noch in der Absicht finden, Digitized by Google - 7Ö - sein Bild zu fälschen (gleichsam in einer langwierigen Rache am Leben — ) auch noch eine Ordnung des Ranges: man konnte den Grad, in dem ihnen das Le- ben verleidet ist, daraus abnehmen, bis wie weit sie sein Bild verfälscht, verdünnt, verjenseitigt, vergöttlicht zu sehn wünschen, — man könnte die homines religiös! mit unter die Künstler rechnen, als ihren höchsten Rang. Es ist die tiefe argwöhnische Furcht vor einem unheilbaren Pessimismus, der ganze Jahrtausende zwingt, sich mit den 2^hnen in eine religiöse Inter- pretation des Daseins zu verbeissen: die Furcht jenes Instinktes, welcher ahnt, dass man der Wahrheit zu früh habhaft werden könnte, ehe der Mensch stark genug, hart genug, Künstler genug geworden ist Die Frömmigkeit, das „Leben in Gott'^ mit diesem Blicke betrachtet, erschiene dabei als die feinste und letzte Ausgeburt der Furcht vor der Wahrheit, als Künstler -Anbetung und -Trunkenheit vor der con- sequentesten aller Fälschungen, als der Wille zur Um- kehrung der Wahrheit, zur Unwahrheit um jeden Preis. Vielleicht, dass es bis jetzt kein stärkeres Mittel gab, den Menchen selbst zu verschönern, als eben Fröm- migkeit: durch sie kann der Mensch so sehr Kunst, Oberflache, Farbenspiel, Güte werden,, dass man an seinem Anblicke nicht mehr leidet. — 60. Den Menschen zu lieben um Gottes Willen — das war bis jetzt das vornehmste und entlegenste Ge- fühl, das unter Menschen erreicht worden ist. Dass die Liebe zum Menschen ohne irgend eine heiligende Hinterabsicht eine Dummheit und Thierheit mehr ist, dass der Hang zu dieser Menschenliebe erst von einem Digitized by Google — 79 — höheren Hange sein Maass, seine Feinheit, sein Körn- chen Salz und Stäubchen Ambra zu bekommen hat : — welcher Mensch es auch war» der dies zuerst empfunden und „erlebt" hat, wie sehr auch seine Zunge gestolpert haben mag, als sie versuchte, solch eine Zartheit aus- zudrücken, er bleibe uns in alle Zeiten heilig und verehrenswerth, als der Mensch, der am höchsten bis* her getiugen und am schönsten sich verirrt hat! 6i. Der Philosoph, wie wir ihn verstehen, wir freien Geister — , als der Mensch der umfänglichsten Verant- wortlichkeit, der das Gewissen für die Gesammt- Ent- wicklung des Menschen hat: dieser Philosoph wird sich der Religionen zu seinem Zfichtungs- und Er- ziehungswerke bedienen, wie er sich der jeweiligen politischen und wirihschaftlichen Zustände bedienen wird. Der auslesende, züchtende, das heisst immer ebensowohl der zerstörende als der schöpferische und gestaltende Einfluss, welcher mit Hülfe der Religionen ciusgeübt werden kann , ist je nach der Art Menschen, die unter ihren Bann und Schutz gestellt werden, ein vielfacher und verschiedener. Für die Starken, Unab- hängigen, zum Befehlen Vorbereiteten und Vorbestimm- ten, in denen die Vernuntt und Kunst einer regierenden Rasse leibhaft wird, ist Religion ein Mittel mehr, um Widerstande zu überwinden, um herrschen zu können: als ein Band, das Herrscher und Unterthanen gemein- sam bindet und die Gewissen der letzteren, ihr Ver- borgenes und Innerlichstes, das sich gerne dem Ge- horsam entziehen möchte, den Ersteren verräth und überantwortet ; und falls einzelne Naturen einer solchen vornehmen Herkunft, durch hohe Geistigkeit, einem — 8o — abgezogeneren und beschaulicheren Leben sich zuneigen und nur die feinste Artung des Herrschens (über aus- gesuchte Jüng-er oder Ordensbrüder) sich vorbehalten, so kann Religion selbst als Mittel benutzt werden, sich Ruhe vor dem Lärm und der Mühsal des gröberen Regierens und Reinheit vor dem nothwendigen Schmutz alles Politik -Machens zu schaffen. So ver- standen es zum Beispiel die Brahmanen: mit Hülfe einer religiösen Organisation gaben sie sich die Macht, dem Volke seine Könige zu ernennen, während sie sich selber abseits und ausserhalb hielten und fühlten, als die Menschen höherer und überköniglicher Aufgaben. Inzwischen giebt die Religion auch einem Theile der Beherrschten Anleitung und Gelegenheit, sich auf einst- maliges Herrsrhen und Befehlen vorzubereiten , jenen langsam heraufkommenden Klassen und Ständen näm- lich, in denen, durch glückliche Ehesitten, die Kraft und Lust des Willens, der Wille zur Selbstbeherrschung, immer im Steigen ist: — ihnen bietet die Religion Anstösse und Versuchungen genug, die Wege zur höheren Geistigkeit zu gehen, die Gefühle der grossen Selbstüberwindung, des Schweigens und der Einsam- keit zu erproben : — Asketismus und Puritanismus sind fast unentbehrliche Erziehungs- und Veredelungsmittel, wenn eine Rasse über ihre Herkunft aus dem Pöbel Herr werden will und sich zur einstmaligen Herrschaft emporarbeitet. Den gewöhnlichen Menschen endlich, den Allermeisten, welche zum Dienen und zum allge- meinen Nutzen dasind und nur insofern dasein dürfen, giebt die Religion eine unschätzbare Genügsamkeit mit ihrer Lage und Art , vielfachen Frieden des Herzens, eine Veredelung des Gehorsams, ein Glück und Leid mehr mit Ihres-Gleichen und Etwas' von Verklärung und Digitized by Google Verschönerung, £twas von Rechtfertigung des ganzen AUtag^s, der ganzen Niedrigkeit, der ganzen Halbthier- Armuth ihrer'Seele. Religion und religiöse Bedeutsam- keit des Lebens legt Sonnenglanz auf solche immer geplagte Menschen und macht ihnen selbst den eigenen Anblick erträglich, sie wirkt, wie eine epikurische Philosophie auf Leidende höheren Ranges zu wirken pflegt, erquickend, verfeinernd, das Leiden gleichsam ausnützend, zuletzt gar heiligend und rechtfertigend. Vielleicht ist am Christenthum und Buddhismub inchts so ehrwürdig als ihre Kunst, noch den Niedrigsten anzulehren, sich durch Frömmigkeit in eine höhere Schein-Ordnung der Dinge zu stellen und damit das Genügen an der wirklichen Ordnung, innerhalb deren sie hart genug leben, — und gerade di^e Härte (huc Noth! — bei sich festzuhalten. 62. Zuletzt freilich, um solchen Religionen auch die schlimme Gegenrechnung zu machen und ihre unheim- liche Gefährlichkeit an's Licht zu stellen: — es bezahlt sich immer theuer und fürchterlich, wenn Religionen nicht als Züchtungs- und Erziehungsmittel in der Hand des Philosophen, sondern von sich aus und souverän walten, wenn sie selber letzte Zwecke und nicht Mittel neben anderen Mitteln sein wollen. Es gieht bei dem Menschen wie bei jeder anderen Thier- art einen Überschuss von Missrathenen , Kranken, Entartenden, Gebrechlichen, nothwendig Leidenden ; die gelungenen Fälle sind auch beim Menschen immer die Ausnahme und sogar in Hinsicht darauf, dass des Mensch das noch nicht festgestellte Thier ist, die spärliche Ausnahme. Aber noch schlimmer: je höher geartet 6 — 82 — der Typus eines Menschen ist, der durch ihn dargestellt wird, um so mehr steigt noch die Unwahrscheinlichkeit, dass er geräth: das Zufällige, das Gesetz des Unsinns im gesammten Haushalte der Menschheit zeigt sich am erschrecklichsten in seiner zerstörerischen Wirkung auf die höheren Menschen, deren Lebensbedingungen fein, vielfach und schwer auszurechnen sind. Wie verhalten sich nun die g-enannten beiden grössten Religionen zu diesem Ü b e r > c Ii u s s der misslungenen Fälle ? Sie suchen zu erhalten, im Leben festzuhalten, was sich nur irgend halten lässt, ja sie nehmen grundsätzlich für sie Partei, als Religionen für Leidende, sie geben allen Denen Recht, welche am Leben wie an einer Krank- heit leiden, und möchten es durchsetzen, dass jede andre - Empfindung des Lebens als falsch gelte und unmöglich werde. Möchte man diese schonende und erhaltende Fürsorge, insofern sie neben allen anderen auch dem höchsten, bisher fast immer auch leidendsten Typus des Menschen gilt und galt, noch so hoch anschlagen: in der Gesammt-Abrechnung gehören die bisherigen, näm- lich souveränen Religionen zu den Hauptursachen, welche den Typusu^^Mensch^ auf einer niedrigeren Stufe festhielten, — sie erhielten zu viel von dem, was zu Grunde gehn sollte. Man hat ihnen Unschätzbares zu danken; und wer ist reich genug an Dankbarkeit, um nicht vor alle dem arm zu werden, was zum Bei- spiel die ^geistlichen Menschen** des Christenthums bisher für Europa gethan haben! Und doch, wenn sie den Leidenden Trost, den Unterdrückten und Verzwei- felnden Muth, den Unselbständigen einen Stab und Halt gaben und die Innerlich-Zerstörten undWildrGewordenen von der Gesellschaft weg in Klöster und seelische Zucht- häuser lockten: was mussten sie ausserdem thun, um Digitized by Google - 83 - mit gutem Gewissen dergestalt grundsätzlich an der £rhaltung alles Kranken und Leidenden, das heisst in That und Wahrheit an der Verschlechterung* der europäischen Rasse zu arbeiten? Alle Werth- schätzungen auf den Kopf stellen — das mussten siel Und die Starken zerbrechen, die grossen Hoffnungen ankränkeln, das Glück in der Schönheit verdächtigen, alles Selbstherrliche, Männliche, Erobernde, Herysch- süchtige, alle Instinkte» welche dem höchsten und ^ wohlgerathensten Typus „Mensch** zu eigen sind, in . Unsicherheit, Gewissens - Noth , Selbstzerstörung um- knicken, ja die ganze Liebe zum Irdischen und zur Herrschaft über die £rde in Hass gegen die Erde und das Irdische verkehren — das stellte sich die Kirche zur Aufgabe und musste es sich stellen, bis für ihre Schätzung endlich „Entweltlichung^ „Entsinnlichung^ und „höherer Mensch** in Ein Gefühl zusammenschmolzen. Gesetzt, dass man mit dem spöttischen und unbethei- • ' ligten Auge eines epikurischen Gottes die wunderlich schmerzliche und ebenso grobe wie feine Komödie des europäischen Christenthums zu überschauen vermöchte, ich glaube, man fände kein Ende mehr zu staunen und zu lachen: scheint es denn nicht, dass Ein Wille über Europa durch achtzehn Jahrhunderte geherrscht hat, aus dem Menschen eine sublime Missgeburt zu machen? Wer aber mit umgekehrten Bedürfnissen, nicht epikurisch mehr, sondern mit irgend einem göttlichen Hammer in der Hand auf diese fast willkürliche Ent- ^ artung und Verkümmerung des Menschen zuträte, wie, * sie der christliche Europäer ist (Pascal zum Beispiel), ** " • '» müsste er da nicht mit Grimm, mit Mitleid, mit Entsetzen , . ^ . schreien : „Oh ihr Tölpel, ihr anmaassenden mitleidigen ^ • Tölpel, was habt ihr da gemacht! War das eine Arbeit 6* Digitized by Google für eure Händel Wie habt ihr mir meinen schönsten Stein verhauen und verhunzt 1 Was nahmt ihr euch heraus I" — Ich wollte sagen: das Christenthum war bis- her die verhängnissvollste Art von Selbst -Uberhebung. Menschen, nicht hoch und hart genug, um am Men- schen als Künstler gestalten zu dürfen; Menschen, nicht stark und fernsichtig genug, um, mit einer erha- benen Selbst-Bezwingung, das Vordergrund-Gesetz des tausendfältigen Missrathens und Zugrundegehns walten zu lassen; Menschen, nicht vornehm genug, um die abgründlich verschiedene Rangordnung und Rangkluft zwischen Mensch und Mensch zu sehen : — solche Men- schen haben, mit ihrem „Gleich vor Gott^, bisher über dem Schicksale Europa's gewaltet, bis endlich eine ver- kleinerte, fast lächerliche Art, ein Heerdenthier, etwas Gutwilliges, Kränkliches und Mittelmässiges, heran- gezüchtet ist, der heutige Europäer. . . . Digitized l?y Google Viertes Hauptstück: Sprüche und Zwischenspiele. Digitized by Goc^^le 63- Wer von Grund aus Lehrer ist, nimmt alle Dinge nur in Bezag auf seine Schüler ernst, — sogar sich selbst. 64. »Die Erkenntniss um ihrer selbst willen*^ — das ist der letzte Fallstrick, den die Moral legt: damit ver- wickelt man sich nuch einmal völlig in sie. 65. Der Reiz der Erkenntniss wäre gering, wenn nicht auf dem Wege zu ihr so viel Scham zu überwinden wäre. 65- !Man ist am unehrlichsten gegen seinem Gott: er d arf nicht sündigen 1 66. Die Neigung, sich herabzusetzen, sich bestehlen, belügen und ausbeuten zu lassen, könnte die Scham eines Gottes unter Menschen sein. 67, Die Liebe zu Einem ist eine Barbarei: denn sie wird auf Unkosten aller Übrigen ausgeübt. Auch die Liebe zu Gott. 68. ^Das habe ich gethan^^ sagt mein Gedächtniss. Das kann ich nicht gethan haben — sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich — giebt das Gedächtniss nach. 69. Man hat schlecht dem Leben zugeschaut, wenn man * , nicht auch die Hand gesehn hat, die auf eine schonende Weise — tödtet. — 88 - 7o. Hat man Charakter, so hat man auch sein typisches Erlebniss, das immer wiederkommt 71. Der Weise als Astronom. — So lange du noch die Sterne fühlst als ein „Über-dir^, fehlt dir noch der Blick des Erkennenden. 72. Nicht die Stärke, sondern die Dauer der hohen Empfindung* macht die hohen Menschen. 73. Wer sein Ideal erreicht, kommt eben damit über dasselbe hinaus. 73. Mancher Pfau verdeckt vor Aller Augen seinen Pfauenschweif — und heisst es seinen Stolz. 74. Kin Mensch mit Genie ist unausstehlich, wenn er nicht mindestens noch zweierlei dazu besitzt: Dank- barkeit und Reinlichkeit. 75. Grad und Art der Geschlechtlichkeit eines Menschen reicht bis in den letzten Gipfel seines Geistes hinauf. 76. Unter friedlichen Umständen fällt der kriegerische Mensch über sich selber her. 77. Mit seinen Grundsätzen will man seine Gewohn- heiten tyrannisiren oder rechtfertigen oder ehren oder beschimpfen oder verbergen: — zwei Menschen mit Digitized by Google - 89 - gleichen Grundsätzen wollen damit wahrscheinlich noch etwas Grund - Verschiedenes. 78. Wer sich selbst verachtet» achtet sich doch immer noch dabei als Verächter. 79- Eine Seele, die sich geliebt weiss, aber selbst nicht liebt, verräth ihren Bodensatz : — ihr Unterstes kommt herauf. 80. Eine Sache, die sich aufklärt, hört auf, uns etwas anzugehn. — Was meinte jener Gott, welcher anrieth: ' „erkenne dich selbst'*! Hiess es vielleicht: „höre auf, dich etwas anzugehn 1 werde objektiv!^ — Und Sokra- tes? — Und der „wissenschaftliche Mensch*'? — 81. Es ist furchtbar, im Meere vor Durst zu sterben. Müsst ihr denn gleich eure Wahrheit so salzen, dass sie nicht einmal mehr — den Durst loscht? 82. ^Mitleiden mit Allen** — wäre vHärte und Tyrannei mit dir, mein Herr Nachbar,! — 83. Der Instinkt. — Wenn das Haus brennt, vergisst man sogar das Mittagsessen. — Ja: aber man holt es auf der Asche nach. 84. Das Weib lernt hassen, in dem Maasse, in dem es zu bezaubern — verler at. ^ kj i^Lo Ly Google 85. Die gleichen Affekte sind bei Mann und Weib doch im Tempo verschieden: deshalb hören Mann und Weib nicht auf, sich misszuverstehn. 86. Die Weiber selber haben im Hintergrunde aller persönlichen Eitelkeit immer noch ihre unpersönliche Verachtung — für „das Weib." 87. Gebunden Herz, freier Geist. — Wenn man sein Herz hart bindet und gefangen legt, kann man seinem Greist viele Freiheiten geben: ich sagte das schon Ein Mal. Aber man glaubt mir's nicht, gesetzt, dass man's nicht schon weiss. . . . « 88. Sehr klugen Personen fängt man an zu misstrauen, wenn sie verlegen werden. 89. Fürchterliche Erlebnisse geben zu rathen, ob Der, welcher sie erlebt, nicht etwas Fürchterliches ist. 90. Schwere, schwermüthige Menschen werden gerade durch das, was Andre schwer macht, durch Hass und Liebe, leichter und kommen zeitweilig an ihre OberMche. 91. So kalt, so eisig, dass man sich an ihm die Finger verbrennt! Jede Hand erschrickt, die ihn anfasst! — Und gerade darum halten Manche ihn für glühend. Digitized by Google 92. Wer hat nicht für seinen guten Ruf schon einmal — sich selbst geopfert? — 93. In der Leutseligkeit ist Nichts von Menschenhass, aber eben darum allzuviel von Menschenverachtung. 94. Reüfi des Mannes : das heisst den Ernst wieder- gefunden haben, den man als Kind hatte, beim Spiel. 95. Sich seiner Unmoralität schämen : das ist eine Stufe auf der Treppe, an deren Ende man sich auch seiner Moralität schämt. 96. Man soll vom Leben scheiden wie Odysseus von Nausikaa schied, — mehr segnend als verliebt. 97. Wie? £in grosser Mann? Ich sehe immer nur den Schauspieler seines eignen Ideals. 98. Wenn man sein Gewissen dressirt, so küsst es uns zugleich, indem es beisst. 99. Der Enttäuschte spricht. — „Ich horchte auf Wider- hall, und ich hörte nur Lob — 100. Vor uns selbst stellen wir uns Alle einfältiger als wir sind : wir ruhen uns so von unsern Mitmenschen aus. Digitiz lOI. Heute möchte sich ein Erkennender leicht als Thierwerdung Gottes fühlen. I02. Gegenliebe entdecken sollte eigentlich den Lieben- den über das geliebte Wesen ernüchtern. „Wie? e s ist bescheiden genug, sogar dich zu lieben? Oder dumm genug? Oder — oder — ** 103. Die Gefahr im Glücke. — „Nun gereicht mir Alles zum Besten, nunmehr liebe ich jedes Schicksal: — wer hat Lust, mein Schicksal zu sein?** 104. Nicht ihre Menschenliebe, sondern die Ohnmacht ihrer Menschenliebe hindert die Christen von heute, uns — zu verbrennen. 105. Dem freien Geiste, dem „Frommen der Erkenntniss" — geht die pia fraus noch mehr wider den Geschmack (wider seine „Frömmigkeit") als die impia fraus. Daher sein tiefer Unverstand gegen die Kirche, wie er zum Typus „freier Geist" gehört, — als seine Unfreiheit 106. Vermöge der Musik geniessen sich die Leiden- ' Schäften selbst. 107. Wenn der Entschluss einmal gefasst ist, das Ohr auch für den besten Gegengrund zuschliessen : Zeichen des starken Charakters. Also ein gelegentlicher Wille zur Dummlieit. — 93 — loa. Es giebt gar keine moralis6hen Phänomene, sondern nur eine moralische Ausdeutung von Phänomenen. 109. Der Verbrecher ist häuficf genug seiner That nicht gewachsen: er verkleinert und verleumdet sie. HO. Die Advokaten eines Verbrechers sind selten Artisten genug» um das schöne Schreckliche der That zu Gunsten ihres Thäters zu wenden. I II. Unsre Eitelkeit ist gerade dann am schwersten zu verletzen, wenn eben unser Stolz verletzt wurde. 112. Wer sich zum Schauen und nicht zum Glauben vorherbestimmt fühlt , dem sind alle Gläubigen zu lär- mend und zudringlich: er erwehrt sich ihrer. 113. „Du willst ihn für dich einnehmen? So stelle dich vor ihm verlegen — " 114. Die ungeheure Erwartung in Betreff der Geschlechts- liebe und die Scham in dieser Erwartung, verdirbt den Frauen von vornherein alle Perspektiven. 115. Wo nicht Liebe oder Hass mitspielt, spielt das Weib mittelmässig. ^ , Digitized by Google ii6. Die grossen Epochen unsres Lebens liegen dort, wo wir den Muth gewinnen, unser Böses als unser Bestes umzutaufen. 117. Der Wille, einen Affekt zu überwinden, ist zuletzt doch nur der Wille eines anderen oder mehrerer anderer Affekte. 118. Es giebt eine Unschuld der Bewunderung: Der hat sie, dem es noch nicht in den Sinn gekommen ist, auch er könne einmal bewundert werden. 119. Der Ekel vor dem Schmutze kann so gross sein, dass er uns hindert, uns zu reinigen, — uns zu „recht- fertigen". 120. Die Sinnlichkeit übereilt oft das Wachsthum der Liebe, so dass die Wurzel schwach bleibt und leicht auszureissen ist. 121. £s ist eine Feinheit, dass Grott griechisch lernte, als er Schriftsteller werden wollte, — und dass er es nicht besser lernte. 122. Sich über ein Lob freuen ist bei Manchem nur eine Höflichkeit des Herzens — und gerade das Gegenstück einer Eitelkeit des Geistes. 123. Auch das Concubinat ist corrumpirt worden: — durch die Ehe. Digitized by Go — 95 124. Wer auf dem Scheiterhaufen noch frohlockt, trium- phirt nicht über den Schmerz, sondern darüber, keinen Schmerz zu fühlen, wo er ihn erwartete. Ein Gleichniss. 125. Wenn wir über Jemanden umlernen müssen, so rechnen wir ihm die Unbequemlichkeit hart an, die er uns damit macht. 126. Ein Volk ist der Umschweif der Natur, um zu sechs, sieben grossen Männern zu kommen. — Ja: und um dann um sie herum zu kommen. 127. Allen rechten Frauen geht Wissenschaft wider die Scham. Es ist ihnen dabei zu Muthe, als ob man damit ihnen unter die Haut, — schlimmer nochl unter Kleid und Putz gfucken wolle. 128. Je abstrakter die Wahrheit ist, die du lehren willst, um so mehr |musst du noch die Sinne zu ihr verführen. 129. Der Teufel hat die weitesten Perspektiven für Gott, deshalb hält er sich von ihm so fem: — der Teufel nämlich als der älteste Freund der Erkenntniss. 130. Was Jemand ist,' fangt an» sich zu verrathen, wenn sein Talent nachlässt, — wenn er aufhört, zu zeigen, was er kann. Das Talent ist auch ein Putz; ein Putz ist auch ein Versteck. uiyui^uj cy Vjoogle - 96 - 13 \ Die Geschlechter tauschen sich über einander: das macht, sie ehren und lieben im Grunde nur sich selbst (oder ihr eigenes Ideal, um es gefälliger auszudrücken — ). So will der Mann das Weib friedlich, — aber gerade das Weib ist wesentlich unfriedli eh, gleich der Katze, so gut es sich auch auf den Anschein des Friedens ein- geübt hat. 132. Man wird am besten für seine Tugenden bestraft. 133. Wer den Weg zu seinem Ideale nicht zu finden weiss, lebt leichtsinniger und frecher, als der Mensch ohne Ideal. 134. Von den Sinnen her kommt erst alle Grlaubwfirdig- keit, alles gute Gewissen, aller Augenschein der Wahrheit. 135- Der Pharisäismus ist nicht eine Entartung am guten Menschen : ein gutes Stück davon ist vielmehr die Be- dingung von allem Gut -sein. 136. Der Eine sucht einen Geburtshelfer für seine Ge- danken, der Andre Einen, dem er helfen kann : so ent- steht ein gutes Gespräch. 137. Im Verkehre mit Gelehrten und Künstl«-rn ver- rechnet man sich leicht in umgekehrter Richtung; man findet hinter einem merkwürdigen Gelehrten nicht selten einen mittelmässigen Menschen, und hinter einem mittel- Digitized by Google — 97 — massigen Künstler sogar oft — einen sehr merkwür- digen Menschen. 138. Wir machen es auch im Wachen wie im Traume: wir erfinden und erdichten erst den Menschen, mit dem wir verkehren — und vergessen es sofort. 139- In der Rache und in Liebe ist das Weib barbarischer, als der !Mann. 140. Rath als Räthsel. — „Soll das Band nicht reissen, — musst du erst drauf beissen.'^ 141. Der Unterleib ist der Grund dafür, dass der Mensch sich nicht so leicht für einen Gott hält. 142. Das züchtigste Wort, das ich gehört habe: „Dans le v^ritable amour c'est l'äme, qui enveloppe le corps.^ 143- Was wir am besten thun, von dem mochte unsre Eitelkeit, dass es grade als Das gelte, was uns am schwersten werde. Zum Ursprung mancher Moral. 144. Wenn ein Weib gelehrte Neigungen hat, so ist gewöhnlich Etwas an ihrer Geschlechtlichkeit nicht in Ordnung. Schon Unfruchtbarkeit disponirt zu einer gewissen Männlichkeit des Geschmacks; der Mann ist nämlich, mit Verlaub, „das unfruchtbare Thier". 7 / Digitized by Google - 98 - 145- Mann und Weib im Ganzen verg-lichen, darf man sagen: das Weib hätte nicht das Genie des Putzes, wenn es nicht den Instinkt der zweiten Rolle hätte. 146. Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht daböi zum Uncfeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein. 147. Aus alten liorentinischen Novellen, überdies — aus dem Leben: buona femmina e mala femmina vuol bastone. Sacchetti Nov. 86. 148. Den Nächsten zu einer guten Meinung veriuhren und hinterdrein an diese Meinung des Nächsten gläubig glauben: wer thut es in diesem Kunststück den Wei- bern gleich? — 149. Was eine Zeit als böse empfindet, ist gewohnlich ein unzeitgemässer Nachschl^ dessen, was ehemals als gut empfunden wurde, — der Atavismus eines älteren Ideals. 150* Um den Helden herum wird Alles zur Tragödie, um den Halbgott herum Alles zum Satyrspiel; und um Gott herum wird Alles — wie? vielleicht zur „Welt**? — 15". Ein 1 alent haben ist nicht genug: man mass auch eure Erlaubniss dazu haben, — wie? meine Freunde? i ^ i;jKi. „^ i.y Google — 99 — 152- ^Wo der Baum der Erkenntniss steht, ist immer das Paradies*^: so reden die ältesten und die jüngsten Schlangen. 153- Was aus Liebe gethan wird, geschieht inrnier jen- seits von Gut und Bose. 154. Der Einwand, der Seitensprung, das irohliche Miss- trauen, die Spottlust sind Anzeichen der Gesundheit: alles Unbedingte gehört in die Pathologie. 155. Der Sinn für das Tragische nimmt mit der Sinnlich- keit ab und zu. 156. Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes, — ^ aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel. 157. Der Gredanke an den Selbstmord ist ein starkes Trostmittel: mit ihm kommt man gut über manche böse Nacht hinweg. 158. Unserm stärksten Triebe, dem Tyrannen in uns, unterwirft sich nicht nur unsre Vernunft, sondern auch unser Gewissen. 159. Man muss vergelten, Gutes und Schlimmes: aber warum gerade an der Person, die uns Gutes oder Schlim- mes that? 7» / üigiiized by Google 100 i6a Man liebt seine Erkenntniss nicht genug mehr, so- bald man sie mittheilt i6i. Die Dichter sind gegen ihre Erlebnisse schamlos: sie beuten sie aus. 162. „Unser Nächster ist nicht unser Nachbar, sondern dessen Nachbar*' ^ so denkt jedes Volk. 163. Die Liebe bringt die hohen und verborgenen Eigen- schaften eines Liebenden an's Licht, — sein Seltenes, Ausnah ms weises : insofern täuscht sie leicht über Das, was Regel an ihm ist 164. Jesus sagte zu seinen Juden: „das Gesetz war für Knechte, — liebt Gott; wie ich ihn liebe, als sein Sohn I Was geht uns Sohne Gottes die Moral anl** — 165. Angesichts Jeder Partei. — Ein Hirt hat im- mer auch noch einen Leithammel nöthig, — oder er muss üelbst gelegentlich Hammel sein. 166. Man lügt wohl mit dem Munde; aber mit dem Maule, das man dabei macht, sagt man doch noch die Wahrheit. 167. Bei harten Menschen ist die Innigkeit eine Sache der Scham — und etwas Kostbares. — lOI — i68. Das Christenthum gab dem Eros Gift zu trin- ^ ken: — er starb zwar nicht daran, aber entartete, zum Laster. 169. Viel von sich reden kann auch ein Mittel sein, sich zu verbergen. 170. Im Lobe ist mehr Zudringlichkeit, als im Tadel. 171. Mitleiden wirkt an einem Menschen der Erkennt- niss beinahe zum Lachen, wie zarte Hände an einem Cyklopen. 172. Man umarmt aus Menschenliebe bisweilen einen Beliebigen (weil man nicht Alle umarmen kann): aber gerade Das darf man dem Beliebigen nicht verrathen 173. Man hasst nicht, so lange nutn nuch gering schätzt, sondern erst, wenn man gleich oder höher schätzt. 174- Ihr Utilitarier, auch ihr liebt alles utile nur als ein Fuhrwerk eurer Neigungen, — auch ihr findet eigentlich den Lärm seiner Räder unausstehlich? 175- Man liebt zuletzt seine Begierde, und nicht das Be- gehrte. 176. Die Eitelkeit Andrer geht uns nur dann wider den Geschmack, wenn sie wider unsre Eitelkeit geht Digitized by Google — 102 — 177- ÜberDaSi was ^Wahrhaftigkeit^ ist, war vielleicht noch Niemand wahrhaftig genug. 178. Klugen Menschen glaubt man ihre Thorheiten nicht: welche Einbusse an Menschenrechten! 179. Die Folgren unsrer Handlungen fassen uns am Schöpfe, sehr gleichgültig dagegen, dass wir uns in- zwischen „gebessert'^ haben. 180. £s giebt eine Unschuld in der Lüge, welche das Zeichen des guten Glaubens an eine Sache ist. 181: Es ist unmenschlich, da zu segnen, wo Einem ge- flucht wird. 182. Die Vertraulichkeit des Überlegenen erbittert, weil sie nicht zurückgegeben werden darf. — 183. ^Nicht dass du mich belogst, sondern dass ich dir nicht mehr glaube, hat mich erschüttert.'' — 184. Es giebt einen Übermuth der Güte, welcher sich wie Bosheit ausnimmt. 185. „Er missfallt mir* — Warum? — „Ich bin ihm nicht gewachsen." — Hat je ein Mensch so geantwortet ? Digitized by Google Fünftes Hauptstück: zur Naturgeschichte der Moral. i86. Die moralische Empfindung' ist jetzt in Europa ebenso fein, spät, vielfach, reizbar, raffinirt, als die dazu gehörige „Wissenschaft der Moral" noch jung, anfänger- haft, plump und grobfingrig ist: — ein anziehender Gegensatz, der bisweilen in der Person eines Moralisten selbst sichtbar und leibhaft wird. Schon das Wort „Wissenschaft der Moral" ist in Hinsicht auf Das, was damit bezeichnet wird, viel zu hochmüthig und wider den guten Geschmack: welcher immer ein Vorgeschmack für die bescheideneren Worte zu sein pflegt. Man sollte, in aller Strenge, sich eingestehn, was hier auf lange hinaus noch noth thut, was vorläufig allein Recht hat: nämlich Sammlung des Materials, begriffliche Fassung und Zusammenordnung eines ungeheuren Reichs zarter Werthgefühle und Werthunterschiede, welche leben, wachsen, zeugen und zu Grunde gehn, — undt vielleicht, Versuche, die wiederkehrenden und häufigeren Greatal- tungen dieser lebenden Krystallisation anschaulich zu machen, — als Vorbereitung zu einer Typenlehre der Moral. Freilich: man war bisher nicht so bescheiden. Die Philosophen allesammt forderten, mit einem steifen Ernste, der lachen macht, von sich etwas sehr viel Höheres, Anspruchsvolleres, Feierlicheres , sobald sie sich mit der Moral als Wissenschaft be£assten: sie wollten die Begründung der Moral, — und jeder Philosoph hat bisher geglaubt, die Moral begründet zu haben ; die Moral selbst aber galt als „gegebenes Wie ferne lag ihrem plumpen Stolze jene unscheinbar dünkende und in Staub und Moder belassene Aufgabe einer Beschreibung, obwohl für sie kaum die feinsten Hände und Sinne fein genuLj- sein könnten! Gerade da- durch, dass die Moral-Philosophen die moralischen facta nur gröblich, in einem willkürlichen Auszuge oder als zufällige Abkürzung kannten, etwa als Moralitäl ilirer Umgebung, ihres Standes, ihrer Kirche, ihres Zeitgeistes, ihres Klima's und Erdstriches, — gerade dadurch, dass sie in Hinsicht auf Völker, Zeiten, Vergangenheiten schlecht unterrichtet und selbst wenig wissbegierig waren, bekamen sie die eigentlichen Probleme der Moral gar nicht zu Gesichte: — als welche alle erst bei einer Vergleichung vieler Moralen auftauchen. In aller bis- herigen „Wissenschaft der Moral" fehlte, so wunder- lich es klingen mag, noch das Problem der Moral selbst: es fehlte der Argwohn dafür, dass es hier etwas Proble- matisches gebe. Was die Philosophen „Begründung der ^loral'' nannten und von sich forderten, war, im rechten Lichte gesehn', nur eine gelehrte Form des guten Glaubens an die herrschende Moral, ein neues Mittel ihres Ausdrucks, also ein Thatbestand selbst innerhalb einer bestimmten Aloralität, ja sogar, im letzten Grunde, eine Art Leugnung, dass diese Moral als Problem gefasst werden dürfe: — und jedenfalls das Gegenstück einer Prüfung, Zerlegung, AnzweiÜung, Vivisektion eben dieses Glaubens. Man höre zum Bei- spiel, mit welcher beinahe verehrenswürdigen Unschuld noch Schopenhauer seine eigene Aufgabe hinstellt, und man mache seine Schlüsse über die Wissenschaft- lichkeit einer „Wissenschaft", deren letzte Meister noch wie die Kinder und die alten Weibchen reden: — „das Princip, sagt er (p. 130 der Grrundprobleme der Moral), Digitized by Google — 107 — der Grundsatz, über dessen Inhalt alle Ethiker eigent- lich einig sind: neminem laede» immo omnes, quantum potes, juva — das ist eigentlich der Satz, welchen zu begründen alle Sittenlehrer sich abmühen .... das eigentliche Fundament der Ethik, welches man wie den Stein der Weisen seit Jahrtausenden sucht Die Schwierigkeit, den angeführten Satz zu begründen, mag freilich gross sein — bekannthch ist es auch Schopenhauem damit nicht geglückt — ; und wer einmal gründlich nachgefühlt hat, wie abgeschmackt-falsch und sentimental dieser Satz ist, in einer Welt, deren Essenz Wille zur Macht ist — , der mag sich daran erinnern lassen, dass Schopenhauer, obschon Pessimist, eigent- lich — die Flöte blies. . . . Täglich, nach Tisch: man lese hierüber seinen Biographen. Und beiläufig gefragt: ein Pessimist, ein Gott- und Welt -Verneiner , der vor der Moral Halt macht, — der zur Moral Ja sagt und Flöte bläst, zur laede- neminem -Moral: wie? ist das eigentlich — ein Pessimist? 187. Abgesehn noch vom Werthe solcher Behauptungen wie „es giebt in uns einen kategorischen Imperativ", kann man immer noch fragen: was sagt eine solche Behauptung von dem sie Behauptenden aus? Es giebt Moraleti, welche ihren Urheber vor Anderen rechtfertigen sollen; andre Moraien sollen ihn beruhigen und mit sich zufrieden stimmen ; mit anderen will er sich selbst an's Kreuz schlagen und demüthigen; mit andern will er Rache üben, mit andern sich verstecken, mit andern sich verklären und hinaus, in die Höhe und Irerne setzen; diese Moral dient ihrem Urheber, um zu ver- gessen, jene, um sich oder Etwas von sich vergessen Digitized by Google — io8 — zu machen ; mancher Moralist möchte an der Menschheit Macht und schöpferische Laune ausüben; manch Ande- rer, vielleicht gerade auch Kant, gfiebt mit seiner Moral zu verstehn: „was an mir achtbar ist, das ist, dass ich gehorchen Jcann, — und bei euch soll es nicht anders stehn, als bei mir!** — kurz, die Moralen sind auch nur eine Zeichensprache der Affekte. i8S. Jede Moral ist, im Gegfensatz zum laisser aller, ein Stück Tyrannei gegen die „Natur ', auch gegen die „Vernunft^ : das ist abe> noch kein Einwand gegen sie, man müsste denn selbst schon wieder von irgend einer Moral aus dekretiren, dass alle Art Tyrannei und Un« vernunit unerlaubt sei. Das Wesentliche und Unschätz- bare an jeder Moral ist, dass sie ein langer Zwang ist: um den Stoicismus oder Port>Royal oder das Puritaner- thum zu verstehen, mag man sich des Zwangs erinnern, unter dem bisher jede Sprache es zur Stärke und Frei- heit gebracht, — des metrischen Zwangs, der Tyrannei von Reim und Rhythmus. Wie viel Noth haben sich in jedem Volke die Dichter und die Redner gemacht! — einige Prosaschreiber von heute nicht ausgenommen, in deren Ohr ein unerbittliches Gewissen wohnt — „um einer Thorheit willen*', wie utilitimsche Tölpel sagen, welche sich damit klug dünken, — „aus Unterwürfigkeit gegen Willkür-Gesetze", wie die Anarchisten sagen, die sich damit yfrei^, selbst freigeistisch wähnen. Der wunderliche Thatbestand ist aber, dass Alles, was es von Freiheit, Feinheit, Kühnheit, Tanz und meisterlicher Sicherheit auf Erden giebt oder gegeben hat, sei es nun in dem Denken selbst, oder im Regieren, oder im Reden und ÜberredMi, in den Künsten ebenso wie in Digitized by Google — lOQ — den Sittlichkeiten, sich erst vermöge der „Tyrannei solcher Willkür •Gesetze'' entwickelt hat; und allen Ernstes, die Wahrscheinlichkeit dafür ist nicht gering, dass gerade dies „Natur" und „natürlich" sei — und nicht jenes laisser aller! Jeder Künstler weiss, wie fern vom Gefühl des Sich-gehen-lassens sein „natürlichster^ Zustand ist, das freie Ordnen, Setzen, Verfugen, JGe- • stalten in den Augenblicken der „Inspiration", — und wie streng und fein er gerade da tausendfältigen Ge- setzen gehorcht, die aller Formulirung durch Begriffe gerade auf Grund ihrer Härte und Bestimmtheit spotten (auch der festeste Begriff hat, dagegen gehalten, etwas Schwimmendes, Vielfaches, Vieldeutiges — ). Das We- sentliche, „im Himmel und auf £rden^, wie es scheint, ist, nochmals gesagt, dass lange tmd in Einer Richtung gehorcht werde: dabei kommt und kam auf die Dauer immer Etwas heraus, dessen twillen es sich lohnt, auf Erden zu leben, zum Beispiel Tugend, Kunst, Musik, Tanz, Vernunft, Geistigkeit, — irgend etwas Verklären- des, Raffinirtes, Tolles und Göttliches. Die lange Un- freiheit des Geistes, der missirauische Zwang in der Mittheilbarkeit der Gedanken, die Zucht, welche sich der Denker auferlegte, innerhalb einer kirchlichen und hofischen Richtschnur oder unter aristotelischen Voraus- setzungen zu denken, der lange geistige Wille, Alles, was geschieht, nach einem christlichen Schema auszu- legen und den christlichen Gott noch in jedem Zufalle wieder zu ' entdecken und zu rechtfertigen , — all dies Gewaltsame, Willkürliche, Harte, Schauerliche, Wider- vernünftige hat sich als das Mittel herausgestellt, durch welches dem europäischen Geiste seine Stärke, seine rücksichtslose Neugierde und feine Beweglichkeit an- gezüchtet wurde : zugegeben, dass dabei ebenfalls uner- Digitizod by Google — HO — setzbar viel an Kraft und Geist erdrückt, erstickt und verdorben werden musste (denn hier wie überall zeigt sich „die Natur*', wie sie ist, in ihrer ganzen verschwen- derischen und gleichgültigen Grossartigkeit, welche empört, aber vornehm istj. Dass Jahrtausende lang die europäischen Denker nur dachten, um Etwas zu bewei- sen — heute ist uns umgekehrt jeder Denker ver- dächtig, der „Etwas beweisen will** — , dass ihnen bereits immer feststand, was als Resultat ihres strengsten Nach- denkens herauskommen sollte, etwa wie ehemals bei der asiatischen Astrologie oder wie heute noch bei der harmlosen christlich -moralischen Ausleo un L; der näch- sten persönlichen Ereignisse „zu Ehren Gottes" und „zum Heil der Seele^* : — diese Tyrannei, diese Willkür, diese strenge und grandiose Dummheit hat den Geist er zöge n ; die Sklaverei ist, wie es scheint, im gröberen und feineren Verstände das unentbehrliche Mittel auch der geistigen Zucht und Züchtung. Man mag jede Moral darauf hin ansehn : die „Natur** , in ihr ist es, welche das laisser aller, die allzugtosse Freiheit hassen lehrt und das Bedürfniss nach beschränkten Horizonten, nach nächsten Aufgaben pflanzt, — welche die Ver- engerung der Perspektive, und also in gewissem Sinne die Dummheit, als eine Lebens- und Wachsthums- Bedingung lehrt. „Du sollst gehorchen, irgend wem, und auf lange: sonst gehst du zu Grunde und verlierst die letzte Achtung vor dir selbst** — dies scheint mir der moralische Imperativ der Natur zu sein, welcher freilich weder „kategorisch" ist , wie es der alte Kant von ihm verlangte (daher das „sonst" — ), noch an den Ein- zelnen sich wendet (was liegt ihr am Einzelnen 1), wohl aber an Volker, Rassen, Zeitalter, Stände, vor Allem aber an das ganze Thier „Mensch", an den Menschen. Digitized by Google — III — 189. Die arbeitsamen Rassen finden eine grosse Be- schwerde darin, den Müssiggang zu ertragen: es war ein Meisterstück des englischen Instinktes« den Sonn- tilg in dem Maasse zu heiligen und zu langweiligen, dass der Engländer dabei wieder unvermerkt nach sei- nem Wochen* und Werktage lüstern wird: — als eine Art klug erfundenen, klug eingeschalteten Fastens, wie dergleichen auch in der antiken Welt reichlich wahrzunehmen ist (wenn auch, wie billig bei südlän- dischen Volkern, nicht gerade in Hinsicht auf Arbeit — ), Es muss Fasten von vielerlei Art geben; und überall, wo mächtige Triebe und Gewohnheiten herrschen, haben die Gesetzgeber dafür zu sorgen, Schalttage einzuschie- ben, an denen solch ein Trieb in Ketten gelegt wird und wieder einmal hungern lernt. Von einem höheren Orte aus gesehn , erscheinen ganze Geschlechter und Zeitalter, wenn sie mit irgend einem moralischen Fanatis- mus behaftet auftreten, als solche eingelegte Zwangs- und Fastenz eite'n, während weichen ein JVieb sich ducken und niederwerten, aber auch sich reinigen und schärfen lernt; auch einzelne philosophische Sekten (zum Beispiel die Stoa inmitten der hellenistischen Cultur und ihrer mit aphrodisischen Düften überladenen und geil gewordenen Luft) erlauben eine derartige Auslegung. — Hiermit ist auch ein Wink zur Erklärung jenes Pairadoxons gegeben, warum gerade in der christ- lichsten Periode Europa's und überhaupt erst unter dem Druck christlicher Werthurtheile der Geschlechtstrieb sich bis zur Liebe (amour-passion) sublimirt hat. Digitized by Google igo. Es giebt Etwas in der Moral Plato's, das nicht eigentlich zu Plato gehört, sondern sich nur an seiner Philosophie vorfindet, man könnte sagen, trotz Plato: nämlich der Sokratismus, für den er eigentlich zu vor- nehm war. ^Keiner will sich selbst Schaden thun, daher geschieht alles Schlechte unfreiwillig. Denn der Schlechte fügt sich selbst Schaden zu: das würde er nicht thun, falls er wüsste, dass das Schlechte schlecht ist. Demgemäss ist der Schlechte nur aus einem Irrthum schlecht; nimmt man ihm seinen Irrthum, so macht man ihn nothwendig — gut.^ — Diese Art zu schliessen riecht nach dem Po bei, der am Schlechthandeln nur die leidigen Folgen in*s Auge fasst und eigentlich urtheilt ^es ist dumm, schlecht zu handeln" ; währender „gut" mit ^nützlich und angenehm" ohne Weiteres als identisch nimmt. Man darf bei jedem Utilitarismus der Moral von vornherein auf diesen gleichen Ursprung rathen und seiner Nase folgen: man wird selten irre gehn. — Plato hat Alles gethan, um etwas Feines und Vornehmes in den Satz seines Lehrers hinein zu interpretiren. Vor Allem sich selbst — , er, der verwegenste aller Inter- preten, der den ganzen Sokrates nur wie ein populäres Thema und Volkslied von der Gasse nahm, um es in's Unendliche und Unmögliche zu variiren: nämlich in alle seine eignen Masken und Vielfältigkeiten. Im Scherz gesprochen, und noch dazu homerisch: was ist denn der platonische Sokrates, wenn nicht OQoad'B Ilkaxwv ^td4v re Ulamv iiiaarj tt Xiftai^* igi. Das alte theologische Problem von „Glauben" und „Wissen" — oder, deutlicher, von Instinkt und Ver- Digitized by Google — 113 — nunft — also die Frage, ob in Hinsicht auf Werth- schätzung der Dinge der Instinkt mehr Autorität ver- diene, als die Vernünftigkeit , welche nach Gründen, nach einem „Warum?", also nach Zweckmässig-keit und Nützlichkeit geschätzt und gehandelt wissen will, — es ist immer noch jenes alte moralische Problem, wie es zuerst in der Person des Sokrates auftrat und lange vor dem Christen thum schon die Geister gespaltet hat. Sokrates selbst hatte sich zwar mit dem Geschmack seines Talentes — dem eines überlegenen Dialektikers — zunächst auf Seiten der Vernunft gestellt; und in Wahr- heit, was hat er sein Leben lant»^ gethan, als über die linkische Unfähigkeit seiner v^ornehmen Athener zu lachen, welche Menschen des Instinktes waren gleich allen vornehmen Menschen und niemals genügend über die Gründe ihres Handelns Auskunft geben konnten? Zuletzt aber, im Stillen und Ueheimen, lachte er auch über sich selbst: er fand bei sich, vor seinem feineren Gewissen und Selbstverhör, die gleiche Schwierigkeit und Unfähigkeit. Wozu aber, redete er sich zu, sich deshalb von den Instinkten lösen! Man muss ihnen und auch der Vernunft zum Recht verhelfen, — man muss den Instinkten folgen, aber die Vernunft überreden, ihnen dabei mit guten Gründen nachzuhelfen. Dies war die eigentliche Falschheit jenes grossen geheim- nissreichen Ironikers; er brachte sein Gewissen dahin, sich mit einer Art Selbstüberlistung zufrieden zu geben : im Grunde hatte er das Irrationale im moralischen Urtheile durchschaut. — Plato, in solchen Dingen unschuldiger und ohne die Verschmitztheit des Plebejers, wollte mit Aufwand aller Kraft — der grossten Kraft, die bisher ein Philosoph aufzuwenden hatte! — sich beweisen, dass Vernunft und Instinkt von selbst auf 8 Digitized by Google — 114 — Ein Ziel zugehen, auf das Gute, auf „Gott^S und seit Piato sind alle Theologen und Philosophen auf der gleichen Bahn, — das heisst, in Dingen der Moral hat bisher der Instinkt, oder wie die Christen es nennen, „der Glaube^, oder wie ich es nenne, „die Ueerde^^ gesiegt. Man müsste denn Descartes ausnehmen, den Vater des Rationalismus (und folglich Grossvater der Revolution), welcher der Vernunft allein Autorität zuerkannte: aber die Vernunft ist nur ein Werkzeug, und Descartes war' oberflächlich. 192. Wer der Geschichte einer einzelnen Wissenschaft nachgegangen ist, der findet in ihrer Entwicklung einen l^eitfadeii zum Verständniss der ältesten und gemein- sten Vorgänge alles „Wissens und Erkennens" : dort wie hier sind die voreiligen Hypothesen, die Erdich- tungen, der gute dumme Wille zum „Glauben**, der Mangel an Misstrauen und Geduld zuerst entwickelt, — unsre Sinne lernen es spät, und lernen es nie ganz, feine treue vorsichtige Organe der Erkenntniss zu sein. Unserm Auge fallt es bequemer, auf einen gegebenen Anlass hin ein schon öfter erzeugtes Bild wieder zu er- zeugen, als das Abweichende und Neue eines Eindrucks bei sich festzuhalten: letzteres braucht mehr Kraft, mehr „Moralität**. Etwas Neues hören ist dem Ohre peinlich und schwierig; fremde Musik hören wir schlecht Unwill- kürlich versuchen wir, beim Hören einer andren Sprache, die gehörten Laute in Worte einzuformen, welche uns vertrauter und heimischer klingen : so machte sich zum Beispiel der Deutsche ehemals aus dem gehörten arcu- balista das Wort Armbrust zurecht. Das Neue findet auch unsre Sinne feindlich und widerwillig; und über- 4 Digitized by Google — 115 — haupt herrschen schon bei den „einfachsten^ Vor- gängen der Sinnlichkeit die Affekte, wie Furcht, Liebe, Hass, eingeschlossen die passiven Affekte der Faul- heit. — So wenig ein Leser heute die einzelnen Worte (oder gar Silben) einer Seite sammtlich abliest — er nimmt vielmelir aus zwanzig Worten ungefähr fünf nach Zufall heraus und nerräth** den zu diesen fGnf Worten muthmaasslich zugehörigen Sinn — , eben so wenig sehen wir einen Baum genau und vollständig, in Hinsicht auf Blätter, Zweige, Farbe, (restalt ; .es fallt uns so sehr viel leichter, ein Ungefähr von Baum hin zu phantasiren. Selbst inmitten der seltsamsten Erleb- nisse machen wir es noch ebenso: wir erdichten uns den grossten Theil des Erlebnisses und sind kaum dazu zu zwingen, nicht als „Erfinder** irgend einem Vor- gänge zuzuschauen. Dies Alles will sagen: wir sind von Grund aus, von Alters her — an's Lügen ge- wöhnt Oder, um es tugendhafter und heuchlerischer, kurz angenehmer auszudrücken : man ist viel mehr Künst- ler als man weiss. — In einem lebhaften Gespräch sehe ich oftmals das Gesicht der Person, mit der ich rede, je nach dem Gedanken, den sie äussert, oder den ich bei ihr hervorgerufen glaube, so deutlich und fein- bestimmt vor mir, dass dieser Grad von Deutlichkeit weit über die Kraft meines Sehvermögens hinausgeht: — die Feinheit des Muskelspiels und des Augen-Aus- drucks muss also von mir hinzugedichtet sein. Wahr- scheinlich machte die Person ein ganz anderes Gesicht oder gar keins. 193. Quidquid luce fuit, tenebris agit: aber auch umge- kehrt. Was wir im Traume erleben, vorausgesetzt, dass wir es oftmals erleben, gehört zuletzt so gut zum Ge- 8* - ii6 — sammt-Haushalt unsrer Seele, wie irgend etwas ^wirk- lich" Erlebtes : wir sind vermöge desselben reicher oder ärmer, haben ein Bedürfniss mehr oder weniger und werden schliesslich am hellen lichten Tage, und selbst in den heitersten Augenblicken unsres wachen Geistes ein Wenig von den Gewöhnungen unsrei: Träume ge- gängelt. Gesetzt, dass Hiner in seinen Träumen oft- mals geflogen ist und endlich, sobald er träumt, sich einer Kraft und Kunst des Fliegens wie seines Vor» rechtes, bewusst wird, auch wie seines eigensten be- neidenswerthen Glücks: ein Solcher, der jede Art von Bogen und Winkeln mit dem leisesten Impulse ver- wirklichen zu können glaubt, der das Gefühl einer ge- wissen gottlichen Leichtfertigkeit kennt, ein „nach Oben" ohne Spannung und Zwang, ein „nach Unten" ohne Herablassung und Erniedrigung — ohne Schwere! — wie sollte der Mensch solcher Traum -Erfohrungen und Traum-Gewohnheiten nicht endlich auch far seinen wachen Tag das Wort „Glück" anders gefärbt und be- stimmt finden 1 wie sollte er nicht anders nach Glück — verlangen? „Aufschwung^, so 'wie dies von Dichtem beschrieben wird, muss ihm, gegen jenes „Fliegen" gehalten, schon zu erdenhaft, muskelhaft, gewaltsam, schon zu „schwer'^ sein. 194. Die Verschiedenheit der Menschen zeigt sich nicht nur in der Verschiedenheit ihrer Gütertafeln, also darin, dass sie verschiedene Güter für erstrebenswerth halten und auch über das Mehr und Weniger des Werthes, über die Rangordnung der gemeinsam anerkannten Güter mit einander uneins sind: — sie zeigt sich noch mehr in dem, was ihnen als wirkliches Haben und Digitized by Google 4 — 117 — Besitzen eines Gutes gilt. In Betreff eines Weibes zum Beispiel gilt dem Bescheideneren schon die Ver- fügung über den I.eib und der Geschlechtsgenuss als ausreichendes und genugthuendes Anzeichen des Ha- bens, des Besitzens; ein Anderer, mit seinem argwöh- nischeren und anspruchsvolleren Durste nach Besitz, sieht das „Fragezeichen", das nur Scheinbare eines solchen Habens und will feinere Proben, vor Allem, um zu wissen, ob das Weib nicht nur ihm sich giebt, son- dern auch für ihn lässt, was sie hat oder gerne hätte — : so erst gilt es ihm als „besessen". Ein Dritter aber ist auch hier noch nicht am Ende seines Misstrauens und HabenwoUens, er fragt sich, ob das Weib, wenn es Alles für ihn lässt, dies nicht etwa für ein Phantom von ihm thut: er will erst gründlich, ja abgründlich gut gekannt sein, um überhaupt geliebt werden zu kön- nen, er wagt es, sich errathen zu lassen — . Erst dann fühlt er die Geliebte völlig in seinem Besitze, wenn sie sich nicht mehr über ihn betrügt, wenn sie ihn um seiner Teufelei und versteckten Unersättlichkeit willen eben so sehr liebt, als' um seiner Güte, Geduld und Geistigkeit willen. Jener möchte ein Volk besitzen: und alle höheren Cagliostro- und Catilina-Künste sind ihm zu diesem Zwecke recht. Ein Anderer, mit einem feineren Besitzdurste, sagt sich ^man darf nicht be> trügen, wo man besitzen will*' — , er ist gereizt und ungeduldig bei der Vorstellung, dass eine Maske von ihm über das Herz des Volks gebietet : „also muss ich mich kennen lassen und, vorerst, mich selbst kennen!^ Unter hülfreichen und wohlthätigen Menschen findet man jene plumpe Arglist fast regelmässig vor, welche sich Den, dem geholfen werden soll, erst zurecht macht: als ob er zum Beispiel Hülfe „verdiene^^, gerade nach i;jui.o-. l y Google ihrer Hülfe verlangte, und für alle Hülfe sich ihnen tief dankbar, anhänglich, unterwürfig* beweisen werde, — mit diesen Einbildungen verfügen sie über den Be- dürftigen wie über ein Eigenthum, wie sie aus einem Verlangen nach £igenthum überhaupt wohlthätige und hülfreiche Menschen sind. Man findet sie eifersüchtig, wenn man sie beim Helfen kreuzt oder ihnen zuvor- kommt Die Eltern machen unwillkürlich aus dem Kinde etwas ihneiv Ahnliches — sie nennen das „Er- ziehung" — , keine Mutter zweifelt im Gruncie ihres Herzens daran, am Kinde sich ein Eigenthum geboren zu haben, kein Vater bestreitet sich das Recht, es sei- nen Begriffen und Werthschätzungen unterwerfen zu dürfen. Ja, ehemals schien es den Vätern billig, über Leben und Tod des Neugebornen (wie unter den alten Deutschen) nach Gutdünken zu verfügen. Und wie der Vater, so sehen auch jetzt noch der Lehrer, der Stand, der Priester, der Fürst in jedem neuen Menschen eine unbedenkliche Gelegenheit zu neuem Besitze. Woraus folgt 195« Die Juden — ein Volk „geboren zur Sklaverei", wie Tacitus und die ganze antike Welt sagt, „das aus- erwählte Volk unter den Völkern**, wie sie selbst sagen und glauben — die Juden haben jenes Wunder- stück von Umkehrung der Werthe zu Stande gebracht, Dank welchem das Leben auf der Ei^de für ein Paar Jahrtausende einen neuen und gefahrlichen Reiz erhalten hat: — ihre Propheten haben „reich** „gottlos" „böse** „gewaltthätig" „sinnlich" in Eins geschmolzen und zum ersten Male das Wort „Welt" zum Schandwort gemünzt In dieser Umkehrung der Werthe (zu der es gehört, das \Vort für „Arm" als synonym mit „Heilig" und Digitized by Google „Freund" zu brauchen) liegt die Bedeutung des jüdischen Volks: mit ihm beginnt der Sklaven- Auf stand in der Moral. 196. £s giebt unzählige dunkle Körper neben der Sonne zu erschliessen, — solche die wir nie sehen werden. Das ist, unter uns gesagt, ein Gleichniss; und ein Moral-Psycholog liest die gesammte Sternenschrift nur als eine Gleichniss- und Zeichensprache, mit der sich Vieles verschweigen lässt. 197. Man missversteht das Raubthier und den Raub- menschen (zum Beispiele Cesare Borgia) gründlich, man missversteht die „Natur", so lange man noch nach einer „Krankhaftigkeit** im Grunde dieser gesündesten aller tropischen Unthiere und Gewächse sucht, oder gar nach einer ihnen eingeborenen „Hölle*' — : wie es bisher fast alle Moralisten gethan haben. £s scheint, dass es bei den Moralisten einen Hass gegen den Urwald und gegen die Tropen gfiebt? Und dass der „tropische Mensch" um jeden Preis diskreditirt werden muss, sei es als Krankheit und Entartung des Menschen, sei es als eig^e Holle und Selbst-Marterung? Warum doch? Zu Gunsten der „gemässigten Zonen"? Zu Gunsten der gemässigten Menschen ? Der „Moralischen" ? Dex Mittel- massigen? — Dies zum Kapitel „Moral als Furcht- samkeit**. — 198. Alle diese Moralen, die sich an die einzelne Person wenden, zum Zwecke ihres „Glückes", wie es heisst, — was sind sie Anderes, als Verhaltungs -Vorschläge im — 120 — Verhältniss zum Grade der Gefährlichkeit, in welcher die einzelne Person mit sich selbst lebt; Recepte gegen ihre Leidenschaften, ihre guten und schlimmen Hänge, so fern sie den Willen zur Macht haben und den Herrn spielen mochten; kleine und grosse Klugheiten und Künsteleien, behaftet mit dem Winkelgeruch alter Haus- mittel und Altweiber -Weisheit; allesammt in der Form barock und unvernünftig — weil sie sich an ^AUe^ wenden, weil sie generalisiren, wo nicht generalisirt werden darf — , allesammt unbedingt redend, sich unbe- dingt nehmend, allesammt nicht nur mit Einem Korne Salz gewürzt, vielmehr erst erträglich, und bisweilen sogar verführerisch, wenn sie überwürzt und gefahrlich zu riechen lernen, vor Allem „nach der anderen Welt": Das ist Alles, intellektuell gemessen, wenig werth und noch lange nicht „Wissenschaft**, geschweige denn „Weisheit**, sondern, nochmals gesagt und dreimal ge- sagt, Klugheit. Klugheit, Klugheit, gemischt mit Dummheit, Dummheit, Dummheit, — sei es nun jene Gleichgültigkeit und Bildsäulenkalte gegen die hitzige Narrheit der Affekte, welche die Stoiker anriethen und ankurirten; oder auch jenes Nicht -mehr -Lachen und Nicht-mehr- Weinen des Spinoza, seine so naiv befür- wortete Zerstörung der Affekte durch Analysis und Vivisektion derselben; oder jene Herabstiramung der Affekte auf ein unschädliches Mittelmaass, bei welchem sie befriedigt werden dürfen, der Aristotelismus der Moral; selbst Moral als Genuss der Affekte in einer absichtlichen Verdünnung und Vergeistigung durch die Symbolik der Kunst, etwa als Musik, oder als Liebe zu Gott und zum Menschen um Gotteswillen — denn in der Religion haben die Leidenschaften wieder Bürgerrecht, vorausgesetzt dass ; zuletzt selbst jene entgegen- Digitized by Google — 12t — kommende und muthwillige Hingebung an die Affekte, wiö sie Hafis und Goethe gelehrt haben, jenes kühne Fallen-lassen der Zügel, jene geistig- leibliche licentia morum in dem Ausnahmefalle alter weiser Käuze und Trunkenbolde, bei denen es „wenig Gefahr mehr hat". Auch Dies zum Kapitel „Moral als Furchtsamkeit'^. «99- Insofern es zu allen Zeiten, so lange es Menschen giebt, auch Menschenheerden gegeben hat (Geschlechts- Verbände, Gremeinden, Stämme, Volker, Staaten, Kir- chen) und immer sehr viel Gehorchende im Verhälmiss zu der kleinen Zahl befehlender, — in Anbetracht also, dass Gehorsam bisher am besten und längsten unter Menschen geübt und gezüchtet worden ist, darf man billig \ uraussetzen , dass durchschnittlich jetzt einem Jeden das Bedürfniss darnach angeboren ist, als eine Art formalen Gewissens, welches gebietet: „du sollst irgend Etwas unbedingt thun^ irgend Etwas unbedingt lassen", kurz „du sollht •. Dies ßedürfniss sucht sich zu sättigen und seine Form mit einem Inhalte zu füllen; es greift dabei, gemäss seiner Stärke, Ungeduld und Spannung, wenig wählerisch, als ein grober Appetit, zu und nimmt an, was ihm nur von irgend welchen Befehlenden — Eltern, Lehrern, Gesetzen, Standesvor- urtheilen, öffentlichen Meinungen — in's Ohr gerufen wird. Die seltsame Beschränktheit der menschlichen Entwicklung, das Zögernde, Langwierige, oft Zurück- laufende und Sich -Drehende derselben beruht darauf, dass der Heerden- Instinkt des Gehorsams am besten und auf Kosten der Kunst des Befehlens vererbt wird. Denkt man sich diesen Instinkt einmal bis zu seinen letzten Ausschweifungen schreitend, so fehlen I Digitized by Google — 122 — endlich geradezu die Befehlshaber und Unabhängigen; oder sie leiden innerlich am schlechten Gewissen und haben nöthig, sich selbst erst eine Täuschung vor- zumachen, um befehlen zu können; nämlich als ob auch sie nur gehorchten. Dieser Zustand besteht heute that- sächlich in Europa: ich nenne ihn die moralische Heuchelei der Befehlenden. Sie wissen sich nicht duders vor ihrem schlechten Gewissen zu schützen als dadurch, dass sie sich als Ausführer älterer oder hohler Befehle gebärden (der Vorfahren, der Verfassung, des Rechts, der Gesetze oder gar Gottes) oder selbst von der Heerden* Denkweise her sich Heerden- Maximen bor- gen, zum Beispiel als „erste Diener ihres Volks** oder als „Werkzeuge des gemeinen Wohls**. Auf der anderen Seite giebt sich heute der Heerdenmensch in Europa das Ansehn, als sei er die einzig erlaub^ Art Mensch, und verherrlicht seine Eigenschaften, vermöge deren er zahm, verträglich und der Heerde nützlich ist, als die eigentlich menschlichen Tugenden: also Gemein- sinn, Wohlwollen, Rücksicht, Fleiss, Massigkeit, Be- scheidenheit, Nachsicht, Mitleiden. Für die Fälle aber, wo man der Führer und Leithammel nicht entrathen zu können glaubt, macht man heute Versuche über Versuche, durch Zusammen -Addiren kluger Heerden- menschen die Befehlshaber zu ersetzen : dieses Ursprungs sind zum Beispiel alle repräsentativen Verfassungen. Welche Wohlthat, welche Erlösung von einem unerträg:- lich werdenden Druck trotz Alledem das Erscheineh eines unbedingt Befehlenden für diese Heerdenthieif« Europäer ist, dafür gab die Wirkung, welche das Er- scheinen Napoleon's machte, das letzte grosse Zeugnis die Geschichte der Wirkung Napoleon's ist beina die Geschichte des höheren Glücks, zu dem es dies Digitize 1 S^^^^i — 123 — ganze Jahrhundert in seinen werthvollsten Menschen und Augenblicken gebracht hat. 20Ü. Der Mensch aus einem Auflösungs-Zeitalter, wel- ches die Rassen durch einander wirft, der als Solcher die Erbschaft einer vielfältigen Herkunft im Leibe hat, das heisst gegensätzliche und oft nicht einmal nur gegen- sätzliche Triebe und Werthmaasse, welche mit einander kämpfen und sich selten Ruhe geben, — ein solcher Mensch der späten Culturen und der gebrochenen Lichter wird durchschnittlich ein schwächerer Mensch sein: sein gründlichstes Verlangen geht darnach, dass der Krieg", der er ist, einmal ein luide hab(^; das Glück erscheint ihm, in Übereinstimmung mit einer beruhigenden (zum Beispiel epikurischen oder christ- lichen) Medizin und Denkweise, vornehmlich als das Glück des Ausruhens, der Ungestörtheit, der Sattheit, der endlichen Einheit, als „Sabbat der Sabbate^S um mit dem heiligen Rhetor Augustin zu reden, der selbst ein solcher Mensch war. — Wirkt aber der Gegensatz und Krieg in einer solchen Natur wie ein Lebensreiz und -Kitzel mehr — , und ist andererseits zu ihren mächtigen und unversöhnlichen Trieben auch die eigent- liche Meisterschaft und Feinheit im Kriegfuhren mit sich, also Selbst -Beherrschung, Selbst- Überlistung hinzuvererbt und angezüchtet: so entstehen jene zauber- haften Unfassbaren und Unausdenklichen , jene zum . Siege und zur Verfuhrung vorherbestimmten Räthsel- menschen, deren schönster Ausdruck Alcibiades und Caesar ( — denen ich gerne jenen ersten Europäer nach meinem Geschmack, den Hohenstaufen Friedrich' den Zweiten zugesellen möchte), unter Künstlern viel- Digitized by Google — 124 — leicht Lionardo da Vinci ist. Sie erscheinen genau in den selben Zeiten, wo jener schwächere Typus, mit sei- nem Verlangen nach Ruhe, in den Vordergrund tritt: beide Typen gehören zu einander und entspringen den gleichen Ursachen. 20 1. So lange die Nützlichkeit, die in den moralischen Werthurtheilen herrscht, allein die Ileerden-Xützlichkeit ist, so lange der Blick einzig der Erhaltung der Gemeinde zugewendet ist, und das Unmoralische genau und aus- schliesslich in dem gesucht wird, was dem Gemeinde-Be- stand gefahrlich scheint: so lange kann es noch keine „Moral der Nächstenliebe*^ geben. Gesetzt, es findet sich auch da bereits eine bestandige kleine Übung von Rück- sicht, Mitleiden, Billigkeit, Milde, Gegenseitigkeit der Hültleistung, gesetzt, es sind auch auf diesem Zustande der Gesellschaft schon alle jene Triebe thätig, welche spater mit Ehrennamen, als „Tugenden" bezeichnet werden und schliesslich fast mit dem Begriff „Moralitat** in Eins zusammenfallen: in jener Zeit gehören sie noch gar nicht in das Reich der moralischen Werthschätzungen — sie sind noch aussermoralisch. Eine mitleidige Handlung zum Beispiel heisst in der besten Römerzeit weder gut noch böse, weder moralisch noch unmoralisch; und wird sie selbst gelobt, so verträgt sich mit diesem Lobe noch auf das Beste eine Art unwilliger Gering- schätzung, sobald sie nämlich mit irgend einer Handlung zusammengehalten wird, welche der Förderung des Ganzen, der res publica, dient. Zuletzt ist die „Liebe zum Nächsten** immer etwas Nebensächliches, zum Theil Conventionelles und Willkürlich-Scheinbares im Ver- hältniss zur Furcht vor dem Nächsten. Nachdem uiyiLi^ed by Google — 125 — das Gefuge der Gesellsckaft im Ganzen festgestellt und gegen äussere Gefahren gesichert erscheint, ist es diese Furcht vor dem Nächsten, welche wieder neue Perspek- tiven der moralischen Werthschätzung schafft. Gewisse starke und gefährliche Triebe, wie Unternehmungslust^ Tollkühnhetit, Rachsucht, Verschlagenheit, Raubgier, Herrschsucht, die bisher in einem gemeinnützigen Sinne nicht nur geehrt — unter anderen Namen, wie billig, als den eben gewählten — , sondern gross-gezogen und -gezüchtet werden mussten (weil man ihrer in der Gefahr des Ganzen gegen die Feinde des Ganzen beständig bedurfte), werden nunmehr in ihrer Gefährlichkeit doppelt stark empfunden — jetzt, wo die Abzugskanäle für sie fehlen — und schrittweise, als unmoralisch, gebrandmarkt und der Verleumdung preisgegeben. Jetzt kommen die gegensätzlichen Triebe und Neigungen zu moralischen Ehren; der Heerden*Instinkt zieht, Schritt für Schritt, seine Folgerung. Wie viel oder wie wenig Gemein- Gefährliches , der Gleichheit Gefährliches in einer Meinung, in einem Zustand und Affekte, in einem ' Willen, in einer Begabung liegt, das ist jetzt die mora- lische Perspektive: die Furcht ist auch hier wieder die Mutter der Moral. An den höchsten und stärksten Trieben, wenn sie» leidenschaftlich ausbrechend, den Einzelnen weit über den Durchschnitt und die Niederung des Heerdengewissens hinaus und hinauf treiben, geht das Selbstgefühl der Gemeinde zu Grunde, ihr Glaube an sich, ihr Rückgrat gleichsam, zerbricht: folglich wird man gerade diese Triebe am besten brandmarken und verleumden. iJie hohe unabhängige Geistigkeit, der Wille, zum Alleinstehn, die grosse Vernunft schon werden als Gefahr empfunden ; Alles, was den Einzelnen über die Heerde hinaushebt und dem Nächsten Furcht Digitized by Google 126 macht, heisst von nun an böse; die billige, bescheidene, sich einordnende, gleichsetzende Gesinnung, das Mittel- OK aass der Begierden kommt zu moralischen Namen und Ehren. Endlich, unter sehr friedfertigen Zustanden, fehlt die Gelegenheit und Nöthigung immer mehr, sein Gefühl zur Strenge und Härte zu erziehn; und jetzt beginnt jede Strenge, selbst in der Grerechtigkeit, die Gewissen zu stören; eine hohe und harte Vornehmheit und Selbst -Verantwortlichkeit beleidigt beinahe und erweckt Misstrauen, „das Lamm", noch mehr „das Schaf* gewinnt an Achtung. £s giebt einen Punkt von krank- hafter Vermürbung und Verzärtlichung in der Geschichte der Gesellschaft, wo sie selbst für ihVen Schädiger, denV er- brecher Partei nimmt, und zwar ernsthaft und ehrlich. Strafen: das scheint ihr irgendworin unbillig, — gewiss ist, dass die Vorstellung „Strafe** und „Strafen-SoHen** ihr wehe thut, ihr Furcht macht. „Genügt es nicht, ihn ungefährlich machen ? Wozu noch strafen ? Strafen selbst ist fürchterlich!*^ — mit dieser Frage zieht die Heerden*Moral, die Moral der Furchtsamkeit ihre letzte Consequenz. Gesetzt, man könnte überhaupt die Gefahr, den Grund zum Fürchten abschaffen , so hätte man diese Moral mit abgeschafft: sie wäre nicht mehr notig, sie hielte sich selbst nicht mehr für nöthig! — Wer das Grewissen des heutigen Europäers prüft, wird aus tausend moralischen Falten und Ver- stecken immer den gleichen Imperativ herauszuziehen haben, den Imperativ der Heerden-Furchtsamkeit: „wir wollen, dass es irgendwann einmal Nichts mehr zu fürchten giebt!'' Irgendwann einmal — der Wille und Weg dorthin heisst heute in Europa überall der „Fortschritt**. Digitized by Google 9 — 127 — 202. Sagen wir es sofort noch einmal, was wir schon hundert Mal gesagt haben : denn die Ohren sind für solche Wahrheiten — für unsere Wahrheiten — heute nicht gutwillig. Wir wissen es schon genug» wie be- leidigend es klingt, wenn Einer überhaupt den Men- schen ungeschminkt und ohne Gleichniss zu den Thieren rechnet; aber es wird beinahe als Schuld uns ange- rechnet werden, dass' wir gerade in Bezug auf die Men- schen der „modernen Ideen" beständig die Ausdrücke „Heerde", „Heerden -Instinkte" und dergleichen ge- brauchen. Was hilft esl Wir können nicht anders: denn gerade hier liegt unsre neue Einsicht. Wir fan- den, dass in allen moralischen llaupturtheilen Europa einmüthig geworden ist, die Länder noch hinzugerechnet, wo Europa's Einfluss herrscht: man weiss ersichtlich in Europa, was Sokrätes nicht zu wissen meinte, und was jene alte berühmte Schlange einst zu lehren ver- hiess, — man „weiss" heute, was Gut und Böse ist. Nun muss es hart klingen und schlecht zu Ohren gehn» wenn wir immer von Neuem darauf bestehn: was hier zu wissen glaubt, was hier mit seinem Loben und Tadeln sich selbst verherrlicht, sich selbst gut heisst, ist der Instinkt des Heerdenihiers Mensch : als welcher zum Durchbruch, zum Übergewicht, zur Vorherrschaft über andere Instinkte gekommen ist und immer mehr kommt, gemäss der wachsenden physiologischen Annähe- rung und Anähnlichung, deren Symptom er ist. Moral ist heute in EuropaHeerdenthier-M oral: --also nur, wie wir die Dinge verstehn. Eine Art von mensch- licher Moral, neben der, vor der, nach der viele andere, vor Allem höhere Moralen möglich sind oder sein sollten. Gegen eine solche „Möglichkeit", gegen ein Google — 128 — solches „Sollte" wehrt sich aber diese Moral mit allen Kräften : sie sagt hartnäckig und unerbittlich „ich bin die Moral selbst» und Nichts ausserdem ist Moral 1^ — ja mit Hülfe einer Religion, welche den sublimsten Heerdenthier-Begierden zu Willen war und schmeichelte, ist es d^ahin gekommen, dass wir selbst in den politi- schen und gesellschaftlichen Einrichtungen einen im- mer sichtbareren Ausdruck dieser Moral finden: die demokratische Bewegung macht die Erbschaft der christlichen. Dass aber deren Tempo für die Ungedul- digeren, für die Kranken und Süchtigen des genannten Instinktes noch viel zu langsam und schläfrig ist, dafür spricht das immer rasender weidende Geheul, das im- mer unverhülltere Zähnetietschen der Anarchisten-Hunde, welche jetzt durch die Gassen der europäistphen Cultur schweifen: anscheinend im Gegensatz zu den friedlich- aiHfitsamen Demokraten und Revolutions- Ideologen, noch mehr zu den tölpelhaften Philosophastern und Bruderschafts-Schwärmem, welche sich Socialisten nen- nen und die „freie Gesellschaft" wollen, in Wahrheit aber Eins mit ihnen Allen in der gründlichen und instinktiven Feindseligkeit gegen jede andre Gesell- schafts-Form als die der autonomen Heerde (bis hin* auf zur Ablehnung selbst der Begriffe „Herr" und „Knecht" — ni dieu ni maitre heisst eine socialis tische Formel — ); Eins im zähen Widerstande gegen jeden Sonder-Anspruch, jedes Sonder-Recht und Vorrecht (das heisst im letzten Grunde gegen jedes Recht: denn dann, wenn Alle gleich sind, braucht Niemand mehr „Rechte^ — ); Eins im Misstrauen gegen die strafende Gerechtigkeit (wie als ob sie eine Vergewaltigung am Schwächeren, ein Unrecht an der noth wendigen Folge aller früheren Gesellschaft wäre — ); aber ebenso Digitized by Googiß — 129 — Eins in der Religion des Mitleidens, im Mitgefühl, so- weit nur gefühlt, gelebt, gelitten wird (bis hinab zum Thier, bis hinauf zu „Gott": — die Ausschweifung eines „Mitleidens mit Gott" gehört in ein demokratisches Zeitalter — ) ; Eins allesammt im Schrei und der Unge« duld des Mitleidens, im Todhass gegen das Leiden über- haupt, in der fast weiblichen Unfähigkeit, Zuschauer dabei bleiben zu können, leiden lassen zu können; Eins in der unfreiwilligen Verdüsterung und Verzart- lichung, unter deren Bann Europa von einem neuen Buddhismus bedroht scheint; liins im Glauben an die Moral des gemeinsamen Mitleidens, wie als ob sie die Moral an sich sei, als die Höhe, die erreichte Höhe des Menschen, die alleinig^e Hoffnung der Zukunft, das Trostmittel der Gegenwärtigen, die grosse Ablösung aller Schuld von Ehedem : — Eins allesammt im Glau- ben an die Gemeinschaft als die Erlöserin, an die Heerde also, an „sich" 203, Wir, die wir eines andren Glaubens sind — , wir, denen die demokratische Bewegung nicht bloss als eine Verfalls-Form der politischen Organisation, sondern als Verfalls-, nämlich Verkleinerungs-Form des Menschen gilt, als seine Vermittelmässigung und Werth-Ernied- rigung: wohin müssen wir mit unsren Hoffnungen greifen? — Nach neuen Philosophen, es bleibt keine Wahl; nach Geistern, stark und ursprünglich genug, um die Anstösse zu entgegengesetzten Werthschätzungen zu geben und „ewige Werthe" umzuwerthen, umzu- kehren; nach Vorausgesandten, nach Menschen der Zukunft, welche in der Gegenwart den Zwang und Knoten anknüpfen, der den Willen von Jahrtausenden 9 — 130 — auf neue Bahnen zwingt. Dem Menschen die Zukunft des Menschen als seinen Willen, als abhängig von einem Menschen-Willen zu lehren und grosse Wagnisse und Gesammt- Versuche von Zucht und Züchtung vor- zubereiten, um damit jener schauerlichen Herrschaft des Unsinns und Zufalls, die bisher „Geschichte^ hiess» ein Ende zu machen — der Unsinn der „grÖssten Zahl" ist nur seine letzte Form — : dazu wird irgendwann einmal eine neue Art von Philosophen und Befehls- habern nöthig sein, an deren Bilde sich Alles, was auf Erden an verborgenen, furchtbaren und wohlwollenden Geistern dagewesen ist, blass und verzwergt ausnehmen möchte. Das Bild solcher Führer ist es, das vor unser n Augen schwebt: — darf ich es laut sagen, ihr freien Geister? Die Urnstände, welche man zu ihrer Entstehung theils schalfen, theils ausnützen müsste; die muthmaasslichen Wege und Proben, vermöge deren eine Seele zu einer solchen Hohe und Gewalt aufwüchse, um den Zwang zu diesen Aufgaben zu empfinden; eine Umwerthung der Warthe, unter deren neuem Druck und Hammer ein Gewissen gestahlt, ein Herz in Erz verwandelt würde, dass es das Gewicht einer solchen Verantwortliclikeit ertrüge; andererseits die Nothwen- digkeit solcher Führer, die erschreckliche Gefahr, dass sie ausbleiben oder missrathen und entarten konnten — das sind unsre eigentlichen Sorgen und Verdüster- ungen, ihr wisst es, ihr freien Geister? das sind die schweren fernen Gedanken und Gewitter, welche über den Himmel unseres Lebens hingehn. Es g^ebt wenig so empfindliche Schmerzen, als einmal gesehn, errathen, mitgefühlt zu haben, wie ein ausserordentlicher Mensch aus seiner Bahn gerieth und entartete: wer aber das seltene Auge für die Gesammt-Gefahr hat, dass „der Digitized by Google — 131 — Mensch'* selbst entartet, wer, gleich uns, die unge- heuerliche Zufälligkeit erkannt hat, welche bisher in Hinsicht auf die Zukunft des Menschen ihr Spiel spielte — ein Spiel, an dem keine Hand und nicht einmal ein „t inger Gottes" mitspielte ! — wer das Verhangniss erräth, das in der blödsinnigen Arglosigkeit und Ver- trauensseligkeit der ^modernen Ideen*^, noch mehr in der ganzen christlicli-europäisclien Moral verborgen liegt: der leidet an einer Beängstigung, mit der sich keine andere vergleichen lässt, — er.fasst es ja mit Einem Blicke, was Alles noch, bei einer günstigen Ansammlung und Steigerung von Kräften und Auf- gaben, aus dem Menschen zu züchten wäre, er weiss es mit allem Wissen seines Gewissens, wie der Mensch noch unausgeschopft für die grössten Möglich- keiten ist, und wie oft schon der Typus Mensch an geheimniss vollen Entscheidungen und neuen Wegen gestanden hat: — er weiss es noch besser, aus seiner schmerzlichsten Erinnerung, an was für erbärmlichen Dingen ein Werdendes höchsten Ranges bisher gewöhn- lich zerbrach, abbrach, absank, erbärmlich ward. Die Gesammt-Entartung de.s Menschen, hinab bis zu dem, was heute den socialistischen Tölpeln und Flach* köpfen als ihr „Mensch der Zukunft" erscheint, — als ihr Ideal! — diese Entartung und Verkleinerung des Menschen zum vollkommenen Heerdenthiere (oder, wie sie sagen, zum Menschen der ^freien Gesellschaft**), diese Verthierung des Menschen zum Zwergthiere der gleichen Rechte und Ansprüche ist möglich, es ist kein Zweifel! Wer di^e Möglichkeit einmal bis zu Ende gedacht hat, kennt einen Ekel mehr, als die übrigen Men- schen, — und vielleicht auch eine neue Aufgabe!.... Digitized by Google Sechstes Hauptstück: wir Gelehrten Digitized by Google 204. * Auf die Gefahr hin, dass Moralisiren sich auch hier als Das herausstellt, was es immer war — nämlich als ein unverzagtes montrer ses plaies,.nach Balzac — , mochte ich wagfen, einer ungebührlichen und schädlichen Rangverschiebung entgegenzutreten, welche sich heute, ganz unvermerkt und wie mit dem besten Gewissen, zwischen Wissenschaft und Philosophie herzustellen droht. Ich meine, man muss von seiner Erfahrung aus — Erfahrung bedeutet, wie mich dünkt, immer schlimme Erfahrung? — ein Recht haben, über eine • solche höhere Frage des Rangs mitzureden: um nicht wie die Blinden von der Farbe oder wie Frauen und Künstler gegen die Wissenschaft zu reden („ach, diese schlimme Wissenschaft! seufzt deren Instinkt und Scham, sie kommt immer dahinter!** — ), Die Unabhängig* keits-Erklärung des wissenschaftlichen Menschen, seine Emancipation von der Philosophie, ist eine der feineren Nachwirkungen des demokratischen Wesens und Un- wesens: die Selbstverherrlichung und Selbstüberhebung des Gelehrten steht heute überall in voller Blüthe und in ihrem besten Frühlinge, — womit noch nicht gesagt sein soll, dass in diesem Falle Eigenlob lieblich röche. „Los von allen Herren!** — so will es auch hier der piSbelmännische Instinkt; und nachdem sich die Wissen- schaft mit glücklichstem Erfolge der Theologie erwehrt hat, deren „Magd^^ sie zu lange war, ist sie nun in vollem Übermuthe und Unverstände darauf hin aus, der Philosophie Gesetze zu machen und ihrerseits einmal - 136 - den „Herrn'- — was sage ich! den Philosophen zu spielen. Mein Gedächtniss — das Gedächtniss eines wissenschaftlichen Menschen, mit Verlaub 1 — strotzt von Naivetaten des Hochmuths, die ich seitens junger Naturforscher und alter Ärzte über Philosophie und Philosophen gehört habe (nicht zu reden von den ge- bildetsten und eingebildetsten aller Gelehrten, den Phi- lologen und Schulmännern, welche Beides von Berufs wegen sind — ). Bald war es der Spezialist und Eckensteher, der sich instinktiv überhaupt gegen alle synthetischen Aufgaben und Fähigkeiten zur Wehre setzte; bald der fleissige Arbeiter, der einen Geruch von otium und der vornehmen Üppig^keit im Seelen- Haushalte des Philosophen bekommen hatte und sich dabei beeinträchtigt und verkleinert fühlte. Bald war es jene Farben -Blindheit des Nützlichkeits- Menschen, der in der Philosophie Nichts sieht, als eine Reihe widerlegter Systeme und einen verschwenderischen Aufwand, der Niemandem „zu Gute kommt**. Bald sprang die Furcht vor verkappter Mystik und Grenz- berichtigung des Erkennens hervor; bald die Missach- tung einzelner Philosophen , welche sich unwillkürlich zur Missachtung der Philosophie verallgemeinert hatte. Am häufigsten endlich fand 'ich bei jungen Gelehrten hinter der hochmüthigen Geringschätzung der Philo- sophie die schlimme Nachwirkung eines Philosophen selbst, dem man zwar im Ganzen den Gehorsam gekün- digt hatte, ohne doch aus dem Banne seiner wegwerfen- den Werthschätzungen anderer Philosophen heraus- getreten zu sein: — mit dem Ergebniss einer Gesammt- Verstimmung gegen alle Philosophie. (Dergestalt scheint mir zum Beispiel die Nachwirkung Schopenhauer's auf das neueste Deutschland zu sein: — er hat es mit Digitized by Google * — *37 — seiner unintelligenten Wuth auf Hegel dahin gebracht, die ganze letzte Generation von Deutschen aus dem Zusammenhang' mit der deutschen Cultur herauszubre- chen, welche Cultur, Alles wohl erwogen, eine Höhe und divinatorische Feinheit des historischen Sinns gewesen ist: aber Schopenhauer selbst war gerade an dieser Stelle bis zur Genialität arm, unempfänglich, undeutsch.) Überhaupt in's Grosse gerechnet, mag es \'or Allem das Menschliche, Allzumenschliche, kurz d*ie Armseligkeit der neueren Philosophen selbst gewesen sein, was am gründlichsten der Ehrfurcht vor der Philo- sophie Abbruch gethan und dem pöbelmannischen Instinkte die Thore aufgemacht hat. IMan gestehe es sich doch ein, bis zu welchem Grade unsrer moder- nen Welt die ganze Art der Heraklite, Plato's, Empedokles', und wie alle diese königlichen und pracht- vollen Einsiedler des Geistes geheissen haben, abgeht; und mit wie gutem Rechte Angesichts solcher Vertreter der Philosophie, die heute Dank der Mode ebenso oben- auf als unten -durch sind — in Deutschland zum Bei- spiel die beiden Löwen von Berlin , der Anarchist Eugen Dühring und der Amalgamist Eduard von Hart- mann — ein braver Mensch der Wissenschaft sich besserer Art und Abkunft fühlen darf. Es ist in Sonderheit der Anblick jener Mischmasch-Philosophen, die sich ^Wirklichkeits-Philosophen'^ oder „Positivisten*^ nennen, welcher ein gefahrliches Misstrauen in die Seele eines jungen, ehrgeizigen Gelehrten zu werfen im Stande ist: das sind ja besten Falls selbst Gelehrte und Spezialisten, man greift es mit Händen! t— das sind ja allesammt Überwundene • und unter die Bot- mässigkeit der Wissenschaft Zuriickgebrachte, welche irgendwann einmal mehr von sich gewollt m L.\^u\^c^ cy LaOOQle - 13» - haben, ohne em Recht zu diesem „mehr~ und ieiner Verantwortlichkeit zu haben — und die jetzt, ehrsam, ingrimmig, rachsuchtig, den Unglauben an die Herren- Aufgabe und HerrschaftHchkeit der Philosophie mit Wort; und That repräsentiren. Zuletzt: wie könnte es auch anders seinl Die Wissenschaft blüht heute und hat das gute Gewissen reichlich im Gesichte, während Das, wozu die ganze neuere Philosophie allmählich ge- sunken ist, dieser Rest Philosophie von heute, Miss- trauen und Missmuth, wenn nicht Spott und Mitleiden gegen sich rege macht. Philosophie auf ^Erkenntniss- theorie** reduzirt, thatsächltch nicht mehr als eine schüchterne Epuchistik und Knthaltsamkeitslehre: eine Philosophie, die gar nicht über die Schwelle hinweg kommt und sich peinlich das Recht zum Eintritt ver- weigert — das ist Philosophie in den letzten Zügen, ein Ende, eine Agonie, Etwas, das Mitleiden macht. Wie könnte eine solche Philosophie — herrschen 1 205. Die Gefahren iür die Entwicklung des Philosophen sind heute in Wahrheit so vielfach, dass man zweifeln möchte» ob diese Frucht überhaupt noch reif werden kann. Der Umfang und der Thurmbau der Wissenschaf- ten ist in's l ngeheure gewachsen, und damit auch die Wahrscheinlichkeit, dass der Philosoph schon als Ler- nender müde wird oder sich irgendwo festhalten und wSpezialisiren^ lässt: so dass er gar nicht mehr auf seine Höhe, nämlich zum Überblick, Umblick, Xiederblick kommt. Oder er gelangt zu spät hinauf, dann, wenn seine beste Zeit und «Kraft schon vorüber ist; oder be- schädigt, vergröbert, entartet, so dass sein Blick, sein Gesammt*Werthurtheil wenig mehr bedeutet. Gerade Digitized by Qo — 139 — die Feinheit seines intellektuellen Grewissens lEsst ihn vielleicht unterwegs zögern und sich verzögern; er fürchtet die Verführung zum Dilettanten, zum Tausend- fuss und Tausend-Fühlhorn , er weiss es zu gut, dass Einer, der vor sich selbst die Ehrfurcht verloren hat, auch als Erkennender nicht mehr befiehlt, nicht mehr führt: er müsste denn schon zum grossen Schauspieler werden wollen, zum philosophischen Cagliostro und Rattenfänger der Oeister, kurz zum Verführer. Dies ist zuletzt eine Frage des Geschmacks: wenn es selbst nicht eine Frage des Gewissens wäre. £s kommt hinzu, um die Schwierigkeit des Philosophen noch einmal zu verdoppeln, dass er von sich ein Urtheil, ein Ja oder Nein, nicht über die Wissenschaften, sondern über das Leben und den Werth des Lebens verlangt, r— dass er ungern daran glauben lernt, ein Recht oder gar eine Pflicht zu diesem Urtheile zu haben, und sich nur aus den um- fänglichsten — vielleicht störendsten, zerstörendsten — Erlebnissen heraus und oft zögernd, zweifelnd, ver- stummend seinen Weg zu jenem Rechte und jenem Glauben sucheii muss. In der That, die Menge hat den Philosophen lange Zeit verwechselt und verkannt, sei es mit dem wissenschaftlichen Menschen und idealen Gelehrten, sei es mit dem religiös-gehobenen entsinn- lichten „entweltlichten" Schwärmer und Trunkenbold Gottes; und hört man gar heute Jemanden loben, dafür, dass er „weise*^ lebe oder „als ein Philosoph*S so be- deutet es beinahe nicht mehr, als „klug und abseits". Weisheit: das scheint dem Pöbel eine Art Flucht zu sein, ein Mittel und Kunststück, sich gut aus einem schlimmen Spiele herauszuziehn ; aber der rechte Philo- soph — so scheint es uns, meine Freunde? — lebt „un philosophisch'' und „unweise", vor Allem unklug. C^oogle — 140 — und fühlt die Last und Pflicht zu hundert Versuchen und Versuchungen des Lebens: — er risquirt sich be- standig, er spielt das schlimme Spiel 206. Im Verhältnisse zu einem Genie, das heisst zu einem Wesen, welches entweder zeugt oder gebiert, beide Worte in ihrem höchsten Umfange genommen — , hat der Gelehrte, der wissenschaftHche Durchschnittsmensch immer etwas von der alten Jungfer: denn er versteht sich gleich dieser nicht auf die zwei werthvollsten Ver- richtungen des Menschen. In der That, man gesteht ihnen Beiden, den Gelehrten und den alten Jungfern, gleichsam zur Entschädigung die Achtbarkeit zu — man unterstreicht in diesen Fällen die Achtbarkeit und hat noch an dem Zwange dieses Zugeständnisses den gleichen Beisatz von Verdruss. Sehen wir genauer zu: was ist der wissenschaftliche Mensch? Zunächst eine unvomehme Art Mensch, mit den Tugenden einer unvomehmen, das heisst nicht herrschenden, nicht autoritativen und auch nicht selbstgenugsamen Art Mensch: er hat Arbeitsamkeit, geduldige Einordnung in Reih und Glied, Gleichmässigkeit und Maass im Können und Bedürfen, er hat den Instinkt für Seines- gleichen und für Das, was Seinesuieichcn nöthig hat, zum Beispiel jenes Stück Unabhängigkeit und grüner Weide, ohne welches es keine Ruhe der Arbeit giebt, jenen Anspruch auf Ehre und Anerkennung (die zuerst und zuoberst jirkennung-, Erkennbarkeit voraussetzt — ), jenen Sonnenschein des guten Namens, jene beständige Besiegelung seines Werthes und seiner Nützlichkeit, mit der das innerliche Miss trauen, der Chrund im Herzen aller abhängigen Menschen und Heerdenthiere, — 141 — immer wieder überwunden werden muss. Der Gelehrte hat, wie billig, auch die Krankheiten und Unarten einer unvomehmen Art: er ist reich am kleinen Neide und hat ein Luchsauge für das Niedrige solcher Naturen, zu deren Höhen er nicht hinauf kann. Er ist zutraulich, doch nur wie Einer, der sich gehen, aber nicht stro» men lässt; und gerade vor dem Menschen des grossen Stroms steht er um so kälter und verschlossener da, — sein Auge ist dann wie ein glatter widerwilliger See, in dem sich kein Entzficken, kein Mitgefühl mehr kräu- selt. Das Schlimmste und Grefahrlichste , dessen ein Gelehrter fähig- ist, kommt ihm vom Instinkte der ^littelmässigkeit seiner Art; von jenem Jesuitismus der Mittelmässigkeit, welcher an der Vernichtung des unge- wöhnlichen Menschen instinktiv arbeitet und jeden ge- spannten Bogen zu brechen oder — noch lieber ! — abzuspannen sucht. Abspannen nämlich, mit Rücksicht, mit schonender Hand natürlich — , mit zutraulichem Mitleiden abspannen: das ist die eigentliche Kunst des Jesuitismus, der es immer verstanden hat, sich als Religion des Mitleidens einzuführen. — 207. Wie dankbar man auch immer dem objektiven Geiste entgegenkommen mag — und wer wäre nicht schon einmal alles Subjektiven und seiner verfluchten Ipsissimosität bis zum Sterben satt gewesen! — zuletzt muss man aber auch gegen seine Dankbarkeit Vorsicht lernen und der Übertreibung Einhalt thun, mit der die Entselbstung und Entpersönlichung des Geistes gleich- sam als Ziel an sich, als Erlösung und Verklärung neuerdings gefeiert wird: wie es namentlich innerhalb der Pessimisten-Schule zu geschehn pflegt, die auch Digitized by Google — 142 — gute Gründe hat, dem „interesselosen Erkennen** ihrer- seits die höchsten Ehren zu geben. Der objektive Mensch, der nicht mehr flucht und schimpft, gleich dem Pessimisten, der ideale Gelehrte, in dem der wissen- schaftliche Instinkt nach tausendfachem Ganz- und Halb- Missrathen einmal zum Auf- und Ausblühen kommt, ist sicherlich eins der kostbarsten Werkzeuge, die es giebt: aber er gehört in die Hand eines Mächtigeren. £r ist nur ein Werkzeug, sagen wir: er ist ein Spie- gel, — er ist kein „Selbstzweck**. Der objektive Mensch ist in der That ein Spiegel: vor Allem, was erkannt Warden will, zur Unterwerfung gewohnt, ohne eine an- dre Lust, als wie sie das Erkennen, das „Abspiegeln*^ giebt, — er wartet, bis Etwas kommt, und breitet sich dann zart hin, dass auch leichte Fusstapfen und das Vorüberschlüpfen geisterhafter Wesen nicht auf seiner Fläche und Haut verloren gehen. Was von „Person*^ an ihm noch übrig ist, dünkt ihm zuföllig, oft willkür- lich, noch öfter störend: so sehr ist er sich selbst zum Durchgang und Wiederschein fremder Gestalten und Ereignisse geworden. Er besinnt sich auf „sich** zu- rück, mit Anstrengung, nicht selten falsch; er verwech- selt sich leicht, er vergreift sich in Bezug auf die eig- nen Nothdürfte und ist hier allein unfein und nachlässig. Vielleicht quält ihn die Gresundheit oder die Kleinlich- keit und Stubenluft von Weib und Freund, oder der Mangel an Gesellen und Gesellschaft, — ja, er zwingt sich, über seine Qual nachzudenken: umsonst 1 Schon schweift sein Gedanke weg, zum allgemeineren Falle, und morgen weiss er so wenig als er es gestern wusste, wie ihm zu helfen ist. Er hat den Jirnst für sich ver- loren, auch die Zeit: er ist heiter, nicht aus Mangel an Noth, sondern aus Mangel an Fingern und Handhaben / Digitized by Co ^»^.^ — 143 ■— für seine Noth. Das gewohnte Entgegenkommen gegen jedes Ding und Erlebniss« die sonnige und unbefangene Gastfreundscliait, mit der er Alles annimmt, was auf ihn stösst, seine Art von rücksichtslosem Wohlwollen, von gefahrlicher Unbekümm^rtheit um Ja und Nein: ach, es giebt genug Fälle, wo er diese seine Tugenden büssen muss! — und als Mensch überhaupt wird er gar zu leicht das caput mortuum dieser Tugenden. Will man Liebe und Hass von ihm, ich meine Liebe und Hass, wie Grott, Weib und Thier sie verstehn — : er wird thun, was er kann, und geben, was er kann. Aber man soll sich nicht wundern, wenn es nicht viel ist, — wenn er da gerade sich unächt, zerbrechlich, fragwürdig und morsch zetgft. Seine Liebe ist gewollt, sein Hass künstlich und mehr ewißtour de force, eine kleine Eitelkeit und Übertreibung. £r ist eben nur acht» so weit er objektiv sein darf: allein in seinem heitern Totalismus ist er noch „Natur" und „natürlich". Seine spiegelnde und ewig sich glättende Seele weiss nicht mehr zu beja- hen, nicht mehr zu verneinen ; er befiehlt nicht; er zerstört auch nicht. „Je ne m^prise presque rien** — sagt er mit Leibnitz : man überhöre und unterschätze das pre.sque nicht! Er ist auch kein Mustermensch; er geht Nieman- dem voran, noch nach; er stellt sich überhaupt zu ferne, als dass er Ghrund hätte, zwischen Gut und Böse Partei zu ergreifen. Wenn man ihn so lange mit dem Philosophen verwechselt hat, mit dem cäsarischen Züchter und Gewaltmenschen der Cultur: so hat man ihm viel zu hohe Ehren gegeben und das Wesentlichste an ihm übersehen, — er ist ein Werkzeug, ein Stück Sklave, wenn gewiss auch die sublimste Art des Skla- ven, an sich aber Nichts, — presque rien! Der objek- tive Mensch ist ein Werkzeug, ein kostbares, leicht ver- Digitized by Google — 144 — letzliches und getrübtes Mess- Werkzeug und Spiegel- Kunstwerk» das man schonen und ehren soll; aber er ist kein Ziel, kein Ausgang und Aufgang, kein comple- mentärer Mensch, in dem das übrige Dasein sich recht- fertigt, kein Schluss — und noch weniger ein Anfang, eine Zeugung und erste Ursache» nichts Derbes, Mäch- tiges, Auf-sich-Gestelltes, das Herr sein will: vielmehr nur ein zarter ausg"eblasener feiner beweglicher Formen- Topf, der auf irgend einen Inhalt und Gehalt erst warten muss« um sich nach ihm „zu gestalten^, — für gewöhnlich ein Mensch ohne Gehalt und Inhält, ein „selbstloser" Mensch. Folglich auch Nichts für Weiber, in parenthesi. — 208. Wenn heute ein Philosoph zu verstehen giebt, er sei kein Skeptiker, — ich hoffe, man hat Das aus der eben gegebenen Abschilderung des objektiven Geistes herausgehört? — so hört alle Welt das ungern; man sieht ihn darauf an, mit einiger Scheu, man möchte so Vieles fragen, fragen... ja, unter furchtsamen Hor- chern, wie es deren jetzt in Menge giebt, heisst er von da an gefahrlich. Es ist ihnen, als ob sie, bei seiner Ablehnung der Skepsis, von Feme her irgend ein böses bedrohliches Greräusch hörten, als ob irgend- wo ein neuer Sprengstoff versucht werde, ein Dynamit des Geistes, vielleicht ein neuentdecktes Russisches Nihilin, ein Pessimismus bonae voluntatis, der nicht bloss Nein sagt, Nein will, sondern — schrecklich zu denken! Nein thut. Gegen diese Art von „gutem Willen" — einem Willen zur wirklichen thätlichen Verneinung des Lebens — giebt es anerkanntermaassen heute kein besseres Schlaf- und Beruhigungsmittel, als Skepsis, den sanften holden einlullenden Mohn Skepsis; ^ lyui^L,^ 1 y Google — 145 ~ und Plamlet selbst wird heute von den Ärzten der Zeit gegen den „Geist" und sein Rumoren unter dem Boden verordnet. ^Hat man denn nicht alle Ohren schon voll von schlimmen Geräuschen? sagt der Skeptiker, als ein Freund der Ruhe und beinahe als eine Art von Sicherheits-Polizei: dies unterirdische Nein ist fürchter- lich I Stille endlich, ihr pessimbtischen Maiüwürfel" Der Skeptiker nämlich, dieses zärtliche Greschöpf, erschrickt allzuleicht; sein Gewissen ist darauf eingeschult, bei jedem Nein, ja schon bei einem entschlossenen harten Ja zu zucken und etwas wie einen Biss zu spüren. Jal und Nein! — das geht ihm wider die Moral; umgekehrt liebt er es, seiner Tugend mit der edlen Enthaltung ein Fest zu machen, etwa indem er mit Montaigne spricht: ^was weiss ich?** Oder mit Sokrates: „ich weiss, dass ich Nichts weiss''. Oder: „hier traue ich mir nicht, hier steht mir keine Thür offen." Oder: ^gesetzt, sie stünde offen, wozu gleich eintreten 1'^ Oder: „wozu nützen alle vorschnellen Hypothesen? .Grar keine Hypothesen machen könnte leicht zum guten Geschmack gehören. Müsst ihr denn durchaus etwas Krummes g^leich gerade biegen? Durchaus jedes Loch mit irgend welchem Werge ausstopfen? Hat das nicht Zeit? Hat die Zeit nicht Zeit? Oh ihr Teufelskerle, könnt ihr denn gar nicht warten? Aubh das Ungewisse hat seine Reize, auch die Sphinx ist eine Circe, auch die Circe war eine Philosophin.** — Also tröstet sich ein Skeptiker; und es ist wahr, dass er einigen Trost nöthig hat Skepsis nämlich ist der geistigste Ausdruck einer ge- wissen vielfachen ph3rsiologischen Beschaffienheit, welche man in gemeiner Sprache Nervenschwäche und Kränklich- keit nennt; sie entsteht jedes Mal, wenn sich in ent- scheidender und plötzlicher Weise lang von einander TO L.iy M^c^j cy Google — 146 abgetrennte Rassen oder Stände kreuzen. In dem neuen Geschlechte, das gleichsam verschiedene Maasse und Werthe in's Blut vererbt bekommt, ist Alles Un- ruhe, Störung, Zweifel, Versuch; die besten Kräfte wirken hemmend, die Tugenden selbst lassen einander nicht wachsen und stark werden, in Leib und Seele 'fehlt Gleichgewicht, Schwergewicht, perpendikuläre Sicherheit. Was aber in solchen Mischlingen am tief- sten krank wird und entartet, das ist der Wille: sie kennen das Unabhängige im Entschlüsse, das tapfere Lustgefühl im Wollen gar nicht mehr, — sie zweifeln an der „Freiheit des Willens^' auch noch in ihren Träumen. Unser Europa von heute, der Schauplatz eines unsinnig plötzlichen Versuchs von radikaler Stände- und folglich Rassenmischung, ist deshalb skeptisch in allen Höhen und Tiefen, bald mit jener beweglichen Skepsis, welche ungeduldig imd lüstern von einem Ast zum andern springt, bald trübe wie eine mit Fragezeichen überladene Wolke, — und seines Willens oft bis zum Sterben satt! Willenslähmung: wo findet man nicht heute diesen Krüppel sitzen 1 Und oft noch wie geputzt! Wie verführerisch herausgeputzt! Es giebt die schönsten Prunk- und Lügenkleider für diese* Krankheit; und dass zum Beispiel das Meiste von dem, was sich heute als „Objektivität", „Wissen- schaftlichkeit", „l'art pour l'art", „reines willensfreies Erkennen"* in die Schauläden stellt, nur aufgeputzte Skepsis und Willenslähmung ist, — für diese Diagnose der europäischen Krankheit will ich einstehn. — Die Krankheit des Willens ist ungleichmässig über Europa verbreitet: sie zeigt sich dort am grossten und viel- faltigsten, wo die Cultur schon am längsten hMmisch ist, sie verschwindet in dem Maasse, als „der Barbar** I . j .1. o L y Google — — noch — oder wieder — unter dem schlotterichten Ge- wände von westländischer Bildung sein Recht geltend macht. Im jetzigen Frankreich ist demnach, wie man es ebenso leicht erschliessen als mit Händen greifen kann, der Wille am schlimmsten erkrankt; und Frank- reich, welches immer eine meisterhafte Geschicklichkeit gehabt hat, auch die verhängnissvollen Wendungen seines Geistes in's Reizende und Verführerische umzu- kehren, zeigt heute recht eigentlich als Schule und Schaustellung aller Zauber der Skepsis sein Cultur- Übergewicht über Europa. Die Kraft zu wollen, und zwar einen Willen lang zu wollen, ist etwas stärker schon in Deutschland, und im deutschen Norden wiederum stärker als in der deutschen Mitte; erheblich stärker in England, Spanien und Corsika, dort an das Phlegma, hier an harte Schädel gebunden, — um nicht von Italien zu reden, welches zu jung ist, als dass es schon wüsste, was es wollte, und das erst beweisen muss, ob es wollen kann — , aber am allerstärksten und erstaunlichsten in jenem ungeheuren Zwischenreiche, wo Europa gleichsam nach Asien zurücküiesst , in Russland. Da ist die Kraft zu wollen seit langem zurückgelegt und aufgespeichert, da wartet der Wille — ungewiss, ob als Wille der Verneinung oder der Be- jahung — in bedrohlicher Weise darauf, ausgelöst zu werden, um den Physikern von heute ihr Leibwort abzuborgen. Es dürften nicht nur indische Kriege und Verwicklungen in Asien dazu nöthig sein, damit Europa von seiner grössten Gefahr entlastet werde, sondern innere Umstürze, die Zersprengung des Reichs in kleine Körper und vor Allem die Einfuhrung des parlamentarischen Blödsinns, hinzugerechnet die Ver- pflichtung für Jedermann, zum Frühstück seine Zeitung 10» Digitized by Google zu lesen. Ich sage dies nicht als Wünschender: mir wurde das Entgegengesetzte eher nach dem Herzen sein, — ich meine eine solche Zunahme der Bedrohlich- keit Russlands, dass Europa sich entschliessen müsste, gleichermaassen bedrohlich zu werden» nämlich Einen Willen zu bekommen, durch das Mittel einerneuen über Europa herrschenden Kaste, einen langen furcht- baren eigenen Willen, der sich über Jahrtausende hin Ziele setzen konnte: — damit endlich die langge- sponnene Komödie seiner Kleinstaaterei und ebenso seine dynastische wie demokratische Viel wollerei zu einem Abschluss käme. Die Zeit für kleine Politik ist ■ vorbei: schon das nächste Jahrhundert bringt den Kampf um die iird-Herrschaft, — den Zwang zur grossen Politik. 209. Inwiefern das neue kriegerische Zeitalter, in welches wir Europäer ersichtlich eingetreten sind, vielleicht auch der Entwicklung einer anderen und stärkeren Art von Skepsis günstig sein mag, darüber mochte ich mich vorläufig nur durch ein Gleichniss ausdrücken, welches die Freunde der deutschen Geschichte schon verstehen werden. Jener unbedenkliche Enthusiast für schöne grossgewachsene Grenadiere, welcher, als Konig von Preussen, einem militärischen und skeptischen Genie — und damit im Grunde jenem neuen, jetzt eben siegreich heraufgekommenen Typus des Deutschen — das Dasein gab, der fragwürdige tolle Vater Friedrichs des Grossen, hatte in Einem Punkte selbst den Griff und die Glücks- Kralle des Genies: er wusste, woran es damals in Deutschland fehlte, und welcher Mangel hundert Mal ängstlicher und dringender war, als etwa der Mangel an Bildung und gesellschaftlicher Form, — sein Wider- Digitized by Google — 149 — Wille gegen den jungen Friedrich kam aus der Angst eines tiefen Instinktes. Männer fehlten; und er arg- wohnte zu seinem bittersten Verdrusse. dass sein eig- ner Sohn nicht Manns genug sei. Darin betrog er sich: aber wer hätte an seiner Stelle sich nicht betrogen? Er sah seinen Sohn dem Atheismus, dem esprit, der genüsslichen Leichtlebigkeit geistreicher Franzosen verfallen: — er sah im Hintergrunde die grosse Blut- aussaugerin, die Spinne Skepsis, er argwohnte das unheilbare Elend eines Herzens, das zum B5sen wie zum Guten nicht mehr hart genug ist, eines zerbrochnen Willens, der nicht mehr behehlt, nicht mehr befehlen kann. Aber inzwischen wuchs in seinem Sohne jene gefährlichere und härtere neue Art der Skepsis em- por — wer weiss, wie sehr gerade durch den Hass des Vaters und durch die eisige Melancholie eines ein- sam gemachten Willens begünstigt? — die Skepsis der verwegenen Männlichkeit, welche dem Genie zum Krie- ge und zur Eroberung nächst verwandt ist und in der Crestalt des grossen Friedrich ihren ersten Einzug in Deutschland hielt. Diese Skepsis verachtet und reisst trotzdem an sich; sie untergräbt und nimmt in Besitz; sie glaubt nicht, aber sie verliert sich nicht dabei ; sie giebt dem Geiste gefahrliche Freiheit aber sie hält das Herz streng; es ist die deutsche Form der Skep- sis, welche, als ein fortgesetzter und in's Geistigste gesteigerter Fridericianismus, Europa eine gute Zeit unter die Botmässigkeit des deutschen Geistes und seines kritischen und historischen Misstrauens gebracht hat. Dank dem unbezwinglich starken und zähen Manns -Charakter der grossen deutschen Philologen und Greschichts-Kritiker (welche, richtig angesehn, alle* sammt auch Artisten der Zerstörung und Zersetzung Digitized by Google waren) stellte sich allmählich und trotz aller Romantik in Musik und Philosophie ein neuer Begriff vom deutschen Geiste fest, in dem der Zug zur männlichen Skepsis entscheidend hervortrat; sei es zum Beispiel als Unerschrockenheit des Blicks, als Tapferkeit und Härte der zerlegfenden Hand, als zäher Wille zu ge- fährlichen Entdeckungsreisen, zu vergeistigten Nordpol- Expeditionen unter öden und gefahrlichen Himmeln. Es mag seine guten Gründe haben, wenn sich warm- blütige und oberflächliche Menschlichkeits - Menschen gerade vor diesem Geiste bekreuzigen : cet esprit fata- liste, ironique, mephistoph^lique nennt ihn, nicht ohne Schauder, Michelet Aber will man nachfühlen, wie auszeichnend diese Furcht vor dem „Mann" im deut- schen Geiste ist, durch den Europa aus seinem „dog- matischen Schlummer'^ geweckt wurde, so möge man sich des ehemaligen Begriffs erinnern, der mit ihm überwunden werden musste, — und wie es noch nicht zu lange her ist, dass ein vermännlichtes Weib es in zügelloser Anmaassung wagen durfte, die Deutschen als sanfte herzensgfute willensschwache und dichterische Tölpel der Theilnalmie Europa's zu empfehlen. Man verstehe doch endlich das Erstaunen Napoleon's tief genug, als er Goethen zu sehen bekam: es verräth, was man sich Jahrhunderte lang unter dem „deutschen Geiste" gedacht hatte, „Voilä un homme!" — das wollte sagen: „Das ist ja ein Mann! Und ich hatte nur einen Deutschen erwartet!" — 2IO. Gesetzt also, dass im Bilde der Philosophen der Zukunft irgend ein Zug zu rathen giebt, ob sie nicht vielleicht, in dem zuletzt angedeuteten Sinne, Skeptiker Digitized by Google — 151 — sein müssen, so wäre damit doch nur ein Etwas an ihnen bezeichnet — und nicht sie selbst. Mit dem gleichen Rechte dürften sie sich Kritiker nennen lassen; und sicherlich werden es Menschen der Experimente sein. Durch den Namen, auf welchen ich sie zu taufen wagte, habe ich das Versuchen und die Lust am Versuchen schon ausdrücklich unterstrichen: geschah dies deshalb, weil sie, als Kritiker an Leib und Seele, sich des Expe- riments in einem neuen, vielleicht weiteren, vielleicht gefahrlicheren Sinne zu bedienen lieben? Müssen sie, in ihrer Leidenschaft der Erkenntniss, mit verwegenen ui^ schmerzhaften Versuchen weiter gehn, als es der weichmüthigp und verzärtelte Geschmack eines demo- kratischen Jahrhunderts gut heissen kann ? — Es ist kein Zweifel: diese Kommenden werden am wenigsten jener ernsten und nicht unbedenklichen Eigenschaften ent- rathen dürfen, welche den Kritiker vom Skeptiker ab- heben, ich meine die Sicherheit der Werthmaasse, die bewusste Handhabung einer Einheit von Methode, den gewitzten Muth, das Alleinstehn und Sich-verantworten- können; ja, sie gestehen bei sich eine Lust am Nein- sagen und Zergliedern und eine gewisse besonnene Grausamkeit zu, welche das Messer sicher und fein zu führen weiss, auch noch, wenn das Herz blutet. Sie werden härter sein (und vielleicht nicht immer nur gegen sich), als humane Menschen wünschen mögen, sie werden sich nicht mit der „Wahrheit" einlassen, damit sie ihnen „gefalle'^ oder sie „erhebe*^ und „begeistere** : — ihr Glaube wird vielmehr gering sein, dass gerade die Wahrheit solche Lustbarkeiten für das Gefühl mit sich bringe. Sie werden lächeln, diese strengen Geister, wenn Einer vor ihnen sagte ,Jener Gedanke erhebt mich: wie sollte er nicht wahr sein?* Oder: Digitized by Google ^enes Werk entzückt mich: wie sollte es nicht schön sein?^ Oder: „jener Künstler vergrossert^ich: wie sollte er nicht gross sein?* — sie haben vielleicht nicht nur ein Lächein, sondern einen ächten Ekel vor allem derartig Schwärmerischen» Idealistischen, Femininischen, Hermaphroditischen bereit, und wer ihnen bis in ihre geheimen Herzenskammern zu folgen wüsste. würde schwerlich dort die Absicht vorfinden, „christliche Cie- fühle^ mit dem ^antiken Geschmacke^ und etwa gar noch mit dem ^modernen Parlamentarismus*' zu ver- söhnen (wie dergleichen Versöhnlichkeit in unserm sehr unsicheren, folglich sehr versöhnlichen Jahrhundert s<^pftr bei Philosophien vorkommen soll). Kritische Zucht und jede Gewöhnung, welche zur Reinlichkeit und Strenge in Dingen des Geistes führt, werden diese Philosophen der Zukunft nicht nur von sich verlangen; sie dürften sie wie ihre Art Schmuck selbst zur Schau tragen, — trotzdem wollen sie deshalb noch nicht Kritiker heissen. Es scheint ihnen keine kleine Schmach, die der Philo- sophie angethan wird, wenn man dekretirt, wie es heute so gern geschieht: ^Philosophie selbst ist Kritik und kritische Wissenschaft — und gar nichts ausser- dem !'• Mag diese Werthschätzung der Philosophie sich des Beifalls aller Positivisten Frankreichs und Deutsch- lands erfreuen ( — und es wäre möglich, dass sie sogar dem Herzen und Geschmacke Kant's geschmeichelt hätte ; man erinnere sich der Titel seiner Hauptwerke — ) : unsre neuen Philosophen werden trotzdem sagen: Kri- tiker sind Werkzeuge des Philosophen und eben darum, als Werkzeuge, noch lange nicht selbst Philosophen! Auch der grosse Chir*=>^*^ J^^" J^^V^g^^'^^S nur ein grosser Kritiker. — Digitized by Google — 153 — 211. Ich bestehe darauf, dass man endlich aufhöre, die philosophischen Arbeiter und überhaupt die wissen- schaftlichen Menschen mit den Philosophen zu verwech- seln, — dass man gerade hier mit Strenge „Jedem das Seine** und Jenen nicht viel zu Viel, Diesen nicht viel zu Wenig gebe. Es magf zur Erziehung des wirklichen Philosophen nötiiii^- sein, dass er selbst auch aul allen diesen Stufen einmal gestanden hat, auf welchen seine Diener, die wissenschaftlichen Arbeiter der Philosophie, stehen bleiben, — stehen bleiben müssen; er muss beüjst vielleicht Kritiker und Skeptiker und Dogmatiker und Historiker und überdies Dichter und Sammler und Reisender und Kathselrather und Moralist und Seher und ^freier Geist** und beinahe Alles gewesen sein, um den Umkreis menschlicher Werthe und Werth-Gefühle zu durchlaufen und mit vielerlei Augen und Gewissen, von der Höhe in jede Ferne, von der Tiefe in jede Höhe, von der Ecke in jede Weite, blicken zu können. Aber dies Alles sind nur Vorbedingungen seiner Auf- gabe: diese Aufgabe selbst will etwas Anderes, — sie verlangt, dass er Werthe schaffe. Jene philosophi- schen Arbeiter nach dem edlen Muster Kant's und Hegel's haben irgend einen grossen Thatbestand von Werthschätzungen — das heisst ehemaliger Werth- setzungen, Werthschöpfungen, welche herrschend geworden sind tmd eine Zeit lang ^Wahrheiten** genannt werden — festzustellen und in Formeln zu drängen, sei es im Reiche des Logischen oder des Politischen (Moralischen) oder des Künstlerischen. Diesen Forschem liegt es ob, alles bisher Geschehene und Geschätzte übersichtlich, überdenkbar, fasslich» handlich zu machen, alles Lange, ja „die Zeit'^ selbst, abzukürzen Digitized by Google — 154 — und die ganze Vergfangenheit zu überwältigen: eine ungeheure und wundervolle Aufgabe, in deren Dienst sich sicherlich jeder feine Stolz, jeder zähe Wille be- friedigen kann. Die eigentlichen Philosophen aber sind Befehlende und Gesetzgeber: sie sagen ^so soll es sein!**, sie bestimmen erst das Wohin? und Wozu ? des Menschen und verfügen dabei über die Vorarbeit aller philosophischen Arbeiter, aller Über- wältiger der Vergangenheit, — sie greifen mit schöpferi- scher Hand nach der Zukunft, und Alles, was ist und war, wird ihnen dabei zum Mittel, zum Werkzeug, zum Hammer. Ihr „Erkennen^^ ist Schaffen, ihr Schaan ist eine Gesetzgebung, ihr Wille zur Wahrheit ist — Wille zur Macht. — Giebt es heute solche Philo- sophen? Gab es schon solche Philosophen? Muss es nicht solche P|;iilosophen geben? .... 212. Es will mir immer mehr so scheinen, dass der Philo- soph alsein nothwendiger Mensch des Morgens und Obermorgens sich jederzeit mit seinem Heute in Wider- spruch befunden hat und befinden musste: sein Feind war jedes Mal das Ideal von Heute. Bisher haben alle diese ausserordentlichen Förderer des Menschen, welche' man Philosophen nennt, und die sich selbst selten als Freunde der Weisheit, sondern eher als unangenehme Narren und gefährliche Fragezeichen fühlten — , ihre Auf* gäbe, ihre harte, ungewollte, unab weisliche Aufgabe, endlich aber die Grösse ihrer Aufgabe darin gefunden, das böse Gewissen ihrer Zeit zu sein. Indem sie gerade den Tugenden der Zeit das Messer vivisektorisch auf die Brust setzten, verriethen sie, was ihr eignes Geheimniss war: um eine neue Grösse des Menschen Digitized by Google — "55 — 2U wissen» um einen neuen ungegangenen Weg zu seiner Vergrösserung. Jedes Mal deckten sie auf, wie viel Heuchelei, Bequemlichkeit, Sich-gehen-lassen und Sich- fallen-lassen, wie viel Lüge unt«r dem bestgeehrten Typus ihrer zeitgenössischen Moralität versteckt, wie viel Tugend überlebt sei; jedes Mal sagten sie: ^wir müssen dorthin, dorthinaus, wo ihr heute am wenigsten zu Hause seid.'' Angesichts einer Welt der „modernen Ideen^, welche Jedermann in eine Ecke und „Spezia- lität" bannen möchte» würde ein Philosoph» falls es heute Philosophen geben könnte, gezwungen sein, die Grösse des Menschen, den Begriff „Grösse" gerade in seine Umfanglichkeit und Vielfältigkeit» in seine Ganz- heit im Vielen zu setzen: er würde sogar den Werth und Rang darnach bestimmen, wie viel und vielerlei Einer tragen und auf sich nehmen, wie weit Einer seine Verantwortlichkeit spannen könnte. Heute schwächt und verdünnt der Zeitgeschmack und die Zeittugend den Willen, Nichts ist so sehr zeitgemass als Willens- schwäche: also muss, im Ideale des Philosophen, gerade " •' . Stärke des Willens» Härte und Fähigkeit zu langen f'. / EntSchliessungen in den Begriff „Grrösse^ hineingehören ; ' mit so gutem Rechte als die umgekehrte Lehre und - das Ideal einer blöden entsagfenden demüthiL''en selbst- "'/''* losen Menschlichkeit einem umgekehrten Zeitalter an- h^r/t, ti,/.-, gemessen war, einem solchen, das gleich dem sechs- /. zehnten Jahrhundert an seiner aufgestauten Energie des Willens und den wildesten Wässern und Sturm- üuthen der Selbstsucht litt. Zur Zeit des Sokrates, unter lauter Menschen des ermüdeten Instinktes» unter con- servativen Altathenem» welche sich gehen Hessen — .,zum Glück'*, wie sie sagten, zum A'^ergnügen , wie sie thaten — und die dabei immer noch die alten prunk- Digitized by Google - 156 - vollen Worte in den Mund nahmen, auf die ihnen ihr Leben längst kein Recht mehr gab, war vielleicht Ironie zur GrSsse der Seele nöthig, jene sokrattsche boshafte Sicherheit des alten Arztes und Pöbelmanns, welcher schonungslos in's eigne Fleisch schnitt, wie in's Fleisch und Herz des ^Vornehmen", mit einem Blick, welcher verständlich genug sprach: ^verstellt euch vor mir nicht! Hier — sind wir gleich!" Heute um- gekehrt, wo in Europa das Heerdenthier allein zu Ehren kommt und Ehren vertheilt, wo die „Gleichheit der Rechte** allzuleicht sich in die Gleichheit im Unrechte umwandeln könnte: ich will sagen in geraeinsame Be- kriegung alles Seltenen, Fremden, Bevorrechtigten, des höheren Menschen, der höheren Seele, der höheren Pflicht, der höheren Verantwortlichkeit, der schöpferi- schen Machtfülle und Herrschaftlichkeit — heute gehört das Vornehm-sein, das Für-sich-sein-wollen, das Anders- sein-können, das Allein-stehn und auf-eigne-Faust-leben- müssen zum Begriff „Grösse** ; und der Philosoph wird Etwas von seinem eignen Ideal verrathen , wenn er aufstellt: „der soll der Grösste sein, der der Einsamste sein kann, der Verborgenste, der Abweichendste, der Mensch jen- seits von Gut und Böse, -der Herr seiner Tugenden, der Überreiche des Willens; dies eben soll Grösse heissen: ebenso vielfach als ganz, ebenso weit als voll sein können.*^ Und nochmals gefragt: ist heute — Grösse möglich? 213, Was ein Philosoph ist, das ist deshalb schlecht zu lernen, weil es nicht zu lehren ist: man muss es „wissen**, aus Erfahrung,. — oder man soll den Stolz haben, es nicht zu wissen. Dass aber heutzutage alle Welt von Dingen redet, in Bezug auf welche sie keine Er- Digitized by Google — 157 — fahrung haben kann, gilt am meisten und schlimmsten vom Philosophen und den philosophischen Zuständen: — die Wenigsten kennen sie, dürfen sie kennen, und alle populären Meinungen über sie sind falsch. So ist zum Beispiel jenes acht philosophische Beieinander einer küh- nen ausgelassenen Geistigkeit, welche presto läuft, und einer dialektischen Strenge und Nothwendigkeit, die kei- nen Fehltritt thut, den meisten Denkern und Gelehrten von ihrer Erfahrung her unbekannt und darum, falls Jemand davon vor ihnen reden wollte, unglaubwürdig. Sie stellen sich jede Nothwendigkeit als Noth, als peinliches Folgen-müssen und Gezwungen-werden vor; und das Denken selbst gilt ihnen als etwas Langsames, Zögern- des, beinahe als eine Mühsal und oft genug als ,,des Schweisses der Edlen werth" — aber ganz und gar nicht als etwas Leichtes, (lüttliches und dem Tanze, dem Übermuthe, Nächst -Verwandtesl „Denken^^ und eine Sache „ernst nehmen**, „schwer nehmen** — das ge- hört bei ihnen zu einander: so allein haben sie es „er- lebt" — . Die Künstler mögen hier schon eine feinere Witterung haben: sie, die nur zu gut wissen, dass gerade dann, wo sieNichts mehr „willkürlich** und Alles nothwen- dig machen, ihr Gefühl von Freiheit, Feinheit, Vollmacht, von schöpferischem Setzen, Verfügen, Gestalten auf seine Hohe kommt, — kurz, dass Nothwendigkeit und „Freiheit des Willens** dann bei ihnen Eins sind. £s giebt zuletzt eine Rangordnung seelischer Zustände, welcher die Rangordnung der Probleme gemäss ist; und die höchsten Probleme stossen ohne Gnade Jeden zurück, der ihnen zu nahen wagt, ohne durch Höhe und Macht seiner Geistigkeit zu ihrer Losung vorher- bestimmt zu sein. Was hilft es, wenn gelenkige Aller- welts- Köpfe oder ungelenke brave Mechaniker und Digitized by Google — 158 - Empiriker sich, wie es heute so vielfach geschieht, mit ihrem Plebejer -Ehrgeize in ihre Nähe und gleichsam an diesen riüof der Höfe*^ drängen 1 Aber auf solche Teppiche dürfen grobe Füsse nimmermehr treten : dafür ist im Urgesetz der Dinge schon gesorgt; die Xhüren bleiben diesen Zudringlichen geschlossen, mögen sie sich auch die Kopfe daran stossen und zerstossen! Für jede hohe Welt muss man geboren sein; deutlicher gesagt, man muss für sie gezüchtet sein; ein Recht auf Philosophie — das Wort im grossen Sinne genom- men — hat man nur Dank setner Abkunft, die Vor- fahren, das ./jcblüf' entsclieidet auch hier. Viele (jeschlechter müssen der Entstehung des Philosophen vorgearbeitet haben; jede seiner Tugenden muss einzeln erworben, gepflegt, fortgeerbt, einverleibt worden sein, und nicht nur der kühne leichte zarte Gang und Lauf seiner Gedanken, sondern vor Allem die Bereitwilligkeit zu grossen Verantwortungen, die Hoheit herrschender Blicke und Niederblicke, das Sich-Abgetrennt-Fühlen von der Menge und ihren Pflichten und Tugenden, das leutselige Beschützen und Vertheidigen dessen, was missverstanden und verleumdet wird, sei es Gott, sei es Teufel, die Lust und Übung in der grossen Grerech- tigkeit, die Kunst des Befehlens, die Weite des Willens, das langsame Auge, welches selten bewundert, selten hinauf blickt, selten liebt .... Digitized by Google Siebentes Hauptstück unsere Tugenden. 214* Unsere Tugenden? — Es ist wahrscheinlich, dass auch wir noch unsere Tugenden haben, ob es schon billigerweise nicht jene treuherzigen und vierschrötig'en Tugenden sein werden, um derentwillen wir unsere Grossväter in Ehren, aber auch ein wenig uns vom Leibe halten. Wir Europäer von übermorgen, Wir Erstlinge des zwanzigsten Jahrhunderts, — mit aller unsrer gefährlichen Neugierde, unsrer Vielfältigkeit und Kunst der Verkleidung, unsrer mürben und gleich« sam versüssten Grausamkeit in Geist und Sinnen, — wir werden vermuthlich, wenn wir Tugenden haben sollten, nur solche haben, die sich mit unsren heim- lichsten und herzlichsten Hängen, mit unsern heissesten Bedürfhissen am besten vertragen lernten: wohlan, suchen wir einmal nach ihnen in unsren Labyrinthen! — woselbst sich, wie man weiss, so mancherlei verliert, so mancherlei ganz verloren geht. Und giebt es etwas Schöneres, als nach seinen eigenen Tugenden suchen? Heisst dies nicht beinahe schon; an seine eigne lugend glauben? Dies aber „an seine Tugend glauben^^ — ist dies nicht im Grrunde dasselbe, was man ehedem sein „gutes Gewissen" nannte, jener ehrwürdige lang- schwänzige Begriffs-Zopf, den sich unsre Grossväter hinter ihren Kopf, oft genug auch hinter ihren Ver- stand hängten? Es scheint demnach, wie wenig 'wir uns auch sonst altmodisch und grossvätcrhatt-ehrbar dünken mögen, in Einem sind wir dennoch die würdigen Enkel dieser Grossväter, wir letzten Europäer mit gutem II Digitizec ^jOOgle — l62 — Gewissen: auch wir noch tragen ihren Zopf. — Ach! Wenn ihr wüsstet, wie es bald, so bald schon — anders kommt! 215. Wie es im Reich der Sterne mitunter zwei Sonnen sind, welche die Bahn Eines Planeten bestimmen, wie in gewissen Fällen Sonnen verschiedener Farbe um einen einzigen Planeten leuchten, bald mit rothem Lichte, bald mit grünem . Lichte, und dann wieder gleichzeitig ihn treffend und bunt überfluthend: so sind wir moder- nen Menschen, Dank der complicirten Mechanik unsres „Sternenhimmels" — durch verschiedene Muralen bestimmt; unsre Handlungen leuchten abwechselnd in verschiedenen Farben, sie sind selten eindeutig, — und es giebt genug Fälle, wo wir bunte Handlungen thun. 216. Seine Feinde lieben? Ich glaube, das ist gut gelernt worden: es geschieht heute tausendfältig, im Kleinen und im Grossen; ja es geschieht bisweilen schon das Höhere und Sublimere — wir lernen verachten, wenn wir lieben, und gerade wenn wir am besten lieben: — aber alles dies unbewusst, ohne Lärm, ohne Prunk, mit jener Scham und Verborgenheit der Güte;, welche dem Munde das feierliche Wort und die Tugend-Formel verbietet. Moral als Attitüde — geht uns heute wider den Geschmack. Dies ist auch ein Fortschritt: wie es der Fortschritt unsrer Väter war, dass ihnen endlich Religion als Attitüde wider den Geschmack gieng, ein- gerechnet die Feindschaft und Voltairische Bitterkeit gegen die Religion (und was Alles ehemals zur Frei- geist-Gebärdensprache gehörte). Es ist die Musik in unserm Gewissen, der Tanz in unserm Geiste, zu dem — i63 - alle Puritaner -Litanei, alle Moral- Predigt und Bieder- männerei nicht klingen will. 217. Sich vor Denen in Acht nehmen, welche einen hohen Werth darauf legen, dass man ihnen moralischen Takt und Feinheit in der moralischen Untersdieidung zutraue! Sie vergeben es uns nie, wenn sie sich einmal vor uns (oder gar an uns) vergriffen haben, — sie werden unvermeidlich zu unsern instinktiven Verleumdern und Beeinträchtigorn, selbst wenn sie noch unsre „Freunde" bleiben. — Selig sind die Vergesslichen: denn sie werden auch mit ihren Dummheiten „fertigt. 218. Die Psychologen Frankreichs — und wo giebt es heute sonst noch Psychologen? — haben immer noch ihr bitteres und vielfältiges Vergnügen an der betise bourgeoise nicht ausgekostet, gleichsam als wenn genug, sie verrathen etwas damit. Flaubert zum Bei- spiel, der brave Bürger von Rouen, sah. hörte und schmeckte zuletzt nichts Anderes mehr: es war seine Art von Selbstquälerei und feinerer Grausamkeit. Nun empfehle ich, zur Abwechslung — denn es wird lang- weilig — , ein anderes Ding zum Entzücken: das ist die unbewubste VerschUigenheit, mit der sich alle guten dicken braven Geister des Mittelmaasses zu höheren Geistern und deren Aufgaben verhalten, jene feine ver- häkelte jesuitische Verschlagenheit, welche tausend Mal feiner ist, als der Verstand und Geschmack dieses Mittelstandes in seinen besten Augenblicken — sogar auch als der Verstand seiner Opfer — : zum abermaligen Beweise dafür, dass der „Instinkt** unter allen Arten von Intelligenz, welche bisher entdeckt wurden, die II* Digitized by Google - 164 - intelligenteste ist. Kurz, studirt, ihr Psychologen, die Philosophie der „Regel** im Kampfe mit der „Aus- nahme**: da habt ihr ein Schauspiel, gut genug für Götter und göttlichi! Bübluiltii^keit ! Oder, noch deut- licher; treibt Vivisektion am „guten Menschen^S am „homo bonae voluntatis** an euch! 2 IQ. ' Das moralische Urtheilen und Yerurtheilen ist die Lieblings- Rache der Geistig -Beschränkten an Denen, ' die es weniger sind, auch eine Art Schadenersatz dafür, dass sie von der Natur schlecht bedacht wurden, end- lich eine Gelegenheit, Geist zu bekommen und fein zu werden: — Bosheit vergeistigt. Es thut ihnen im Grunde ihres Herzens wohl, dass es einen Maassstab giebt, vor dem auch die mit Gütern und Vorrechten des Geistes Überhäuften ihnen gleich stehn: — sie kämpfen für die „Gleichheit Aller vor Gott*^ und brauchen beinahe dazu schon den Glauben an Gott Unter ihnen sind die kräftigsten Gegner des Atheismus, Wer ihnen sagte „eine hohe Geistigkeit ist ausser Vergleich mit irgend welcher Bravheit und Achtbarkeit eines eben nur moralischen Menschen*', würde sie rasend machen: — ich werde mich hüten, es zu thun. Vielmehr möchte ich ihnen mit meinem Satze schmeicheln, dass eine hohe Geistigkeit selber nur als letzte Ausgeburt mora- lischer Qualitäten besteht; dass sie eine Synthesis aller jener Zustände ist, welche den „nur moralischen" Men- schen nachgesagt werden, nachdem sie, einzeln, durch lange Zucht und Übung, vielleicht in ganzen Ketten von Geschlechtern erworben sind; dass die hohe Geistig- keit eben die Vergeistigung der Gerechtigkeit und jener gütigen Strenge ist, welche sich beauftragt weiss, Digitized by Google - i65 - die Ordnung des Ranges in der Welt aufrecht zu erhalten, unter den Dingen selbst — und nicht nur unter Menschen. 220. Bei dem jetzt so volksthümlichen Lobe des »Un- interessirten** muss man sich, vielleicht nicht ohne einige Gefahr, zum Bewusstsein bringen, woran eigentlich das Volk Interesse nimmt, und was überhaupt die Dinge sind, um die sich der gemeine Mann gründ- lich und tief kümmert: die. Grebildeten eingerechnet, sogar die Gelehrten, und wenn nicht Alles trügt, bei- nahe auch die Philosophen. Die Thatsache kommt dabei heraus, dass das Allermeiste von dem, was feinere und verwöhntere Geschmäcker, was jede höhere Natur interessirt und reizt, dem durchschnittlichen Menschen gänzlich ..uninteressant" scheint: — bemerkt er trotz- dem eine Hingebung daran, so nennt er sie ^d^int^ess^^ und wundert sich, wie es möglich ist, „uninteressirt*^ zu handeln. Es hat Philosophen gegeben, welche dieser Volks-Verwunderung noch einen verführerischen und mystisch -jenseitigen- Ausdruck zu verleihen wussten (— vielleicht weil sie die höhere Natur nicht aus Er- fahrung kannten?) — statt die nackte und herzlich billige Wahrheit hinzustellen, dass die „uninteressirte" ' Handlung eine sehr interessante und interessirte Hand- lung ist, vorausgesetzt „Und die Liebe?" — Wie 1 Sogar eine Handlung aus Liebe soll „unegoistisch" sein? Aber ihr Tölpel ■ — ! „Und das Lob des Aulopfernden — Aber wer wirklich Opfer gebracht hat, weiss, dass er etwas dafür wollte und bekam, — vielleicht etwas von sich für etwas von sich — dass er hier hingab, um dort mehr zu haben, vielleicht um überhaupt mehr zu sein oder sich doch als „mehr'' zu fühlen. Aber dies ist Digitized by Google — i66 — ein Reich von Fragen und Antworten, in dem ein ver- wöhnterer Geist sich ungern aufhält: so sehr hat hier bereits die Wahrheit nothig, das Gähnen zu unter- drücken, wenn sie antworten muss. Zuletzt ist sie ein Weib: man soll ihr nicht Gewalt anthun. 22t. Es kommt vor, sagte ein moralistischer Pedant und Kleinigkeitskrämer , dass ich einen uneigennützigen Menschen ehre und auszeichne: nicht aber, weil er uneigennützig ist, sondern weil er mir ein Recht darauf zu haben scheint, einem anderen Menschen auf seine eignen Unkosten zu nützen. Genug, es fragt sich immer, wer er ist und wer Jener ist. An Einem zum Beispiele, der zum Befehlen bestimmt und gemacht wäre, würde Selbst -Verleugnung urd be- scheidenes Zurücktreten nicht eine Tugend, sondern die Vergeudung einer Tugend sein: so scheint es mir. Jede unegoistische Moral, welche sich unbedingt nimmt uner Werthschätzungen, für das Verhältniss der Autorität der Werthe zur Autorität der wirkenden Kräfte): dieser historische Sinn, auf welchen wir Europäer als auf unsre Besonderheit An- spruch machen, ist uns im Gefolge der bezaubernden und tollen Halbbarbarei gekommen, in welche Europa durch die demokratische Vermengung der Stände und Rassen gestürzt worden ist, — erst das neunzehnte Jahrhundert kennt diesen Sinn, als seinen sechsten Sinn. Die Vergangenheit von jeder Form und Lebensweise, 2^24. 169 von Culturen, die früher hart neben einander, über einander lagen, strömt Dank jener Mischung in uns ^moderne Seelen'^ aus, unsre Instinkte laufen nunmehr überallhin zurück, wir selbst sind eine Art Chaos — : schliesslich ersieht sich „der Geistes wie gesagt, seinen Vortheil dabei. Durch unsre Halbbarbarei in Leib und Begierde haben wir geheime Zugänge überallhin, wie sie ein vornehmes Zeitalter nie besessen hat, vor Allem die Zugänge zum Labyrinthe der unvollendeten Culturen und zu jeder Halbbarbarei, die nur jemals auf Erden dagewesen ist; und insofern der beträch t- lich>te Theil der menschlichen Cultur bisher eben Haibbarbarei war, bedeutet „historischer Sinn^^ beinahe den Sinn und Instinkt für Alles, den Geschmack und die Zunge iür Alles: womit er sich sofort als ein unvor nehmer Sinn ausweist. Wir gemessen zum Beispiel Homer wieder: vielleicht ist es unser glück- lichster Vorsprung, dass wir Homer zu schmecken verstehen, welchen die Menschen einer vornehmen Cultur (etwa die Franzosen des siebzehnten Jahrhunderts, wie Saint-Evremond, der ihm den esprit vaste vorwirft, selbst noch ihr Ausklang Voltaire) nicht so leicht sich anzueignen wissen und wussten, — welchen zu ge- messen sie sich kaum erlaubten. Das sehr bestimmte Ja und Nein ihres Gaumens, ihr leicht bereiter Ekel, ihre zögernde Zurückhaltung in Bezug auf alles Fremd* artige, ihre Scheu vor dem Ungeschmack selbst der lebhaften Neugierde, und überhaupt jener schlechte Wille jeder vornehmen und selbstgenügsamen Cultur, sich eine neue Begehrlichkeit, eine Unbcfriedigung am Eignen, eine Bewunderung des i:ich nicht durch seine eignen Missver- ständnisse verführen lassen darf, — Genies seiner Art haben selten das Recht, sich selbst zu verstehen. Noch wenig-er freilich durch den ungesitteten Lärm, 1^** ct^Ar^-t 1^ mit dem man sich jetzt in Frankreich gegen Richard ^ '^•^'< i '^i Wagner sperrt und wehrt : — die Thatsache bleibt nichts- ' destoweniger bestehen, dass die französische Spät-'**^ If^'" Romantik der Vierziger Jahre und Richard Wagner '^^'^H^ ' auf das Engste und Innigste zu einander gehören. Sie ^ ■ \ ^ i;^ j sind sich in allen Höhen und Tiefen ihrer Bedürfnisse ^ ^...r,u verwandt, grundverwandt : Ruropa ist es, das Eine Uf.^ ?r (..{^ f Europa, dessen Seele sich durch ihre vielfältige und (-^ tu . ( ».i ungestüme Kunst hinaus, hinauf drängt und sehnt — wohin? in ein neues Licht? nach einer neuen Sonne? Aber wer möchte genau aussprechen, was alle diese Meister neuer Sprachmittel nicht deutlich auszusprechen wussten ? Gewiss ist, dass der gleiche Sturm und Drang sie quälte, dass sie auf gleiche Weise suchten, diese letzten grossen Suchenden! Allesammt beherrscht von ^ i^ud by Google — 222 — der Litteratur bis in ihre Augen und Ohren — die ersten Künstler von weltlitterarischer Bildung — meistens sogar selber Schreibende, Dichtende, Vermittler und Vermischer der Künste und der Sinne (Wagner ge- hört als Musiker unter die Maler, als Dichter unter die Musiker, als Künstler überhaupt unter die Schau- spieler); allesammt Fanatiker des Ausdrucks „um jeden Preis** — ich hebe Delacroix hervor, den Nächstver- wandten Wagner's — , allesammt grosse Entdecker im Reiche des Erhabenen, auch des Hässlichen und Gräss- lichen, noch gfrössere Entdecker im Effekte, in der Schaustellung, in der Kunst der Schauläden, allesammt Talente weit über ihr Genie hinaus — , Virtuosen durch und durch, mit unheimlichen Zugängen zu Allem, was verfahrt, lockt, «wingt, umwirft, geborene Feinde der Logik und der geraden Linien, begehrlich nach dem Fremden, dem Exotischen, dem Ungeheuren, dem Krum- men, dem Sich- Widersprechenden ; als Menschen Tan- talusse des Willens, heraufgekommene Plebejer, welche sich im Leben und Schaffen eines vornehmen tempo, eines lento unfähig wussten, — man denke zum Beispiel an Balzac — zügellose Arbeiter', beinahe Selbst- Zerstörer durch Arbeit; Antinomisten und Aufrührer in den Sitten, Ehrgeizige und Unersättliche ohne Grleichgewicht und Genuss; allesammt zuletzt an dem christlichen Kreuze zerbrechend und niedersinkend (und das mit Fug und Recht: denn wer von ihnen wäre tief und ursprünglich genug zu einer Philosophie des Antichrist gewesen? — ) im Ganzen eine verwegen-wagende, prachtvoll-gewalt- same, hochfliegende und hoch emporreissende Art höherer Menschen, welche ihrem Jahrhundert — und es ist das Jahrhundert der Menge! — den Begriff „höherer Mensch*' erst zu lehren hatte Mögen Digitized by Gc) — 223 — die deutschen Freunde Richard Wagner's darüber mit sich zu Käthe gehn , ob es in der Wagner- ischen Kunst etwas schlechthin Deutsches g^ebt, oder ob nicht g'erade deren Auszeichnung ist, aus über- deutschen Quellen und Antrieben zu kommen: wo- bei nicht unterschätzt werden mag, wie zur Ausbildung seines Typus gerade Paris unentbehrlich war, nach dem ihn in der entscheidendsten Zeit die 1 iefe seiner Instinkte verlangen hiess, und wie die ganze Art seines Auftretens, seines Selbst-Apostolats erst Angesichts des franzosischen Socialisten - Vorbilds sich vollenden konnte. Vielleicht wird man, bei einer feineren Ver- gleichung, zu Ehren der deutschen Natur Richard Wagner's finden, dass er es in Allem starker, verwe- gener, härter, höher g-etrieben hat, als es ein Franzose des neunzehnten Jahrhunderts treiben könnte, — Dank dem Umstände, dass wir Deutschen der Barbarei noch näher stehen als die Franzosen — ; vielleicht ist sogar das Merkwürdigste, was Richard Wagner geschaffen hat, der ganzen so späten lateinischen Rasse für immer und nicht nur für heute unzugänglich, unnachfuhlbar, unnachahmbar : die Gestalt des Siegfried, jenes sehr freien Menschen, der in der That bei weitem zu frei, zu hart, zu wohlgemuth, zu gesund, zu antikatholisch für den Geschmack alter und mürber Culturvolker sein mag. Er mag sogar eine Sünde wider die Romantik gewesen sein, dieser antiromanische Siegfried: nun, Wagner hat diese Sünde reichlich quitt gemacht, in seinen alten trüben Tagen, als er — einen Geschmack vorwegnehmend, der inzwischen Politik geworden ist — mit der ihm eignen religiösen Vehemenz den Weg nach Rom, wenn nicht zu gehn, so doch zu predigen anfieng. — Damit man mich, mit diesen letzten Worten, . ,j .1^ ^ . y Google 1 nicht missverstehe, will ich einige kräftige Reime zu Hülfe nehmen, welche auch weniger feinen Ohren es verrathen werden, was ich will, — was ich gegen den „letzten Wagner" und seine Parsifal-Musik will. — Ist Das noch deutsch? — Aus deutschem Herzen kam dies schwüle Kreischen? Und deutschen Leibs ist dies Sich-selbst-Entfleischen ? Deutsch ist dies Priester-I Icln*]espreitzen, Dies weihrauch-düftelnde Sinne-Reizen? Und deutsch dies Stocken, Stürzen, Taumeln, Dies ungewisse Bimbambaumeln? Dies Nonnen- Augein, Ave-Glocken-Bimmeln, Dies ganze falsch verzückte Himmel-Überhimmeln? — Ist Das noch deutsch? — Erwägt! Noch steht ihr an der Pforte: — Denn, was ihr hört, ist Rom, — Rom's .Glaube ohne Wortel t^iyiu^uJ cy Google Neuntes Hauptstück was ist vornehm? 257. Jede Erhöhung des Typus „Mensch" war bisher das Werk einer aristokratischen Gesellschaft — und so wird es immer wieder sein: als einer Gresellschaft, welche an eine lange Leiter der Rangordnung und Werthverschiedenheit von Mensch und Mensch glaubt und Sklaverei in irg'end einem Sinne nothig hat. Ohne das Pathos der Distanz , wie es aus dem eingefleisch- ten Unterschied der Stände, aus dem beständigen Aus- blick und Herabblick der herrschenden Kaste auf Unterthänige und Werkzeuge und aus ihrer ebenso beständigen Übung im Gehorchen und Befehlen, Nieder- und Fernhalten erwächst, konnte auch jenes andre geheimnissvollere Pathos ^a.r nicht erwachsen, jenes Verlangen nach immer neuer Distanz-Erweiterung inner- halb der Seele selbst, die Herausbildung immer höherer, seltnerer, fernerer, weitgespannterer, umfänglicherer Zustände, kurz eben die Erhöhung des Typus „Mensch'', die fortgesetzte „Selbst -Überwindung des Menschen", um eine moralische Formel in einem übermoralischen Sinne zu nehmen. Freilich: man darf sich über die Entstehungsgeschichte einer aristokratischen Gesell- schaft (also der Voraussetzung jener Erhöhung des Typus ^Mensch^' — ) keinen humanitären Täuschungen hingeben: die Wahrheit ist hart. Sagen wir es uns ohne Schonung, wie bisher jede höhere Cultur auf Erden \ angefangen hat! Menschen mit einer noch natürlichen Natur, Barbaren in jedem furchtbaren Verstände des Wortes, Raubmenschen, noch. im Besitz ungebrochner 15* — 228 — Willenskräfte und Macht -Begierden, warfen sich auf schwächere» gesittetere, friedlichere, vielleicht handel- treibende oder viehzüchtende Rassen, oder auf alte mürbe Culturen , in denen eben die letzte Lebenskraft in glänzenden Feuerwerken von Geist und Verderbniss verflackerte. Die vornehme Kaste war im Anfang immer die Barbaren-Kaste: ihr Übergewicht lag nicht vorerst in der physischen Kraft, sondern in der seeli- schen, — es waren die ganzeren Menschen (was auf je- der Stufe auch so viel mit bedeutet als ^die ganzeren Bestien" — ). 250. Corruption, als der Ausdruck davon, dass innerhalb der Instinkte Anarchie droht, und dass der Grundbau der Affekte, der „Leben** heisst, erschüttert ist: Comip- tion ist, je nach dem Lebensgebilde, an dem sie sich zeigt, etwas Grundverschiedenes. Wenn zum Beispiel - eine Aristokratie, wie die Frankreichs am Anfange der Revolution, mit einem sublimen Ekel ihre Privilegien weg- wirft und sich selbst einer Ausschweifung- ihres moralischen Gefühls zum Opfer bringt, so ist dies Cor- ruption: — es war eigentlich nur der Abschlussakt jener Jahrhunderte dauernden Corruption , vermöge deren sie Schritt für Schritt ihre herrschaftlichen ßefugnisse abgegeben und sich zur Funktion des Königthums (zuletzt gar zu dessen Putz und Prunkstück) herabge- setzt hatte. Das Wesentliche an einer guten und ge- sunden Aristokratie ist aber, dass sie sich nicht als Funktion (sei es des Königthums, sei es des Gemein- wesens), sondern als dessen Sinn und höchste Recht- fertigung fühlt, — dass sie deshalb mit gutem Grewis- sen tlas l.)pfer einer Unzaiil Menschen hinnimmt, welche um ihretwillen zu unvollständigen Menschen, zu Digitized by Google — 229 — Sklaven, zu Werkzeugen herabgedrückt und vermindert werden müssen. Ihr Grundglaube muss eben sein, dass die Gesellschaft nicht um der Gesellschaft willen da- sein dürfe, sondern nur als Unterbau und Gerüst, an dem sich eine ausgesuchte Art Wesen zu ihrer höheren Aufgabe und überhaupt zu einem höheren Sein em- porzuheben vermag: vergleichbar jenen sonnensüch- tigen Kletterpflanzen auf Java — man nennt sie Sipo Matador welche mit ihren Armen einen Eichbaum so lange und oft umklammem, bis sie endlich, hoch über ihm, aber auf ihn gestützt, in freiem Lichte ihre Krone entfalten und ihr Glück zur Schau tragen können. — 259- Sich gegenseitig der Verletzung, der Gewalt, der Ausbeutung enthalten , seinen Willen dem des Andern gleich setzen: dies kann in einem gewissen groben Sinne zwischen Individuen zur guten Sitte werden, wenn die Bedingungen dazu gegeben sind (nämlich deren thatsächliche Ähnlichkeit in Kraftmengen und Werihmaassen und ihre Zusammengehörigkeit innerhalb Eines Körpers). Sobald man aber dies Princip weiter nehmen wollte und womöglich gar als Grundprincip der Gesellschaft, so würde es sich sofort erweisen als Das, was es ist: als Wille zur Verneinung des Lebens, als Auflösungs- und Verfalls-Princip. Hier muss man gründlich auf den Grund denken und sich aller empfind- samen Schwächlichkeit erwehren: Leben selbst ist wesentlich Aneignung, Verletzung, Überwältigung des Fremden und Schwächeren, Unterdrückung, Härte, Aufzwängung eigner Formen, Einverleibung und min- destens, mildestens, Ausbeutung, — aber wozu sollte man immer gerade solche Worte gebrauchen, denen von — 2^0 — Alters her eine verleumderische Absicht eingeprägt ist? Auch jener Körper, innerhalb dessen, wie vorher ange- nommen wurde, die Einzelnen sich als gleich behandeln — es geschieht in jeder gesunden Aristokratie — muss selber, falls er ein lebendiger und niciht ein absterbender Korper ist, alles Das gegen andre Körper thun, wessen sich die Einzelnen in ihm gegen einander enthalten: \ er wird der leibhafte Wille zur Macht sein müssen, er wird wachsen , um sich greifen , an sich ziehn , Über- gewicht gewinnen wollen, — hicht aus irgend einer Moralität oder Immoralität heraus, sondern weil er leb t, und weil Leben eben Wille zur Macht ist. In keinem " Punkte ist aber das gemeine Bewusstsein der Europäer widerwilliger gegen Belehrung, als hier ; man schwärmt jetzt überall, .-unter wissenschaftlichen Verkleidungen sogar, von kommenden Zustanden der Gesellschaft, denen „der ausbeuterische Charakter'' abgehn soll: — das klingt (in meinen Ohren , als ob man ein Leben zu erfinden verspräche, welches sich aller organischen Funktionen enthielte. Die „Ausbeutung'* gehört nicht einer ver- derbten oder unvoUkommnen und primitiven Gesellschaft an: sie gehört in's Wesen des Lebendigen, als orga- nische Grundiunktion, sie ist eine Folge des eigentlichen Willens zur Macht, der eben der Wille des Lebens ist. — Gesetzt, dies ist als Theorie eine Neuerung, — als Realität ist es das ür- Faktum aller Cjeschichte : man sei doch so weit gegen sich ehrlich! — 260. Bei einer Wanderung durch die vielen feineren und gröberen Moralen, welche bisher auf Erden ge- herrscht haben oder noch herrschen, fand ich gewisse Züge regelmässig mit einander wiederkehrend und an- Digitized by Google — 231 — einander geknüpft: bis sich mir endlich zwei Grund- typen verriethen, und ein Grundunterschied heraus- . sprang". Es giebt Herren-Moral und Sklaven- Moral; — ich füge sofort hinzu, ciass in allen höheren und gemischteren Culturen auch Versuche der Ver- mittlung beider Moralen zum Vorschein kommen, noch öfter das Durcheinander derselben und gegen^ seilig'e Missverstehen, ja bisweilen ihr hartes Neben- einander— sogar im selben M. nschen, innerhalb Einer Seele. Die moralischen Werthunterscheidungen sind entweder unter einer herrschenden Art entstanden» welche sich ihres Unterschieds gegen die beherrschte mit Wohlgefühl bewusst wurde, — oder unter den 4 Beherrschten, den Sklaven und Abhängigen jeden , Grades. Im ersten Falle, wenn die Herrschenden es sind, die den Begriff „g^ut" bestimmen, sind es die erhobenen stolzen Zustän le der.Se^le, welche als das Auszeichnende und die Rangordnung Bestimmende empfunden werden. Der vornehme Mensch trennt die Wesen von sich ab, an denen das Gegentheil solcher gehobener stolzer Zustände zum Ausdruck kommt: erj verachtet sie. Man bemerke sofort, dass in dieser ersten! Art Moral der Gegensatz niTut" und „schlecht" so viel bedeutet wie „vornehm" und „verächtlich**: — derj Gegensatz „gut" und „böse" ist anderer Herkunft.', Verachtet wird der Feige, der Angstliche, der Klein- 1 liehe, der an die enge Nützlichkeit Denkende ; ebenso \ der Misstrauische mit seinem unfreien Blicke, der Sich" Erniedrigende, die Hunde-Art von Mensch, welche sich misshandein lässt, der bettelnde Schmeichler, vor Allem der Lügner: — es ist ein Grundglaube aller Aristo- kraten, dass das gemeine Volk lügnerisch ist. „Wir Wahrhaftitren" — so nannten sich im alten Griechen- Digitized by Google — 232 land die Adeligen. Es liegt auf der Hand, dass die moralischen Werthbezeichnungen überall zuerst auf Menschen und erst abgeleitet und spät auf Hand- lungen gelegt wordt^n sind: weshalb es ein arger Fehl- griff ist, wenn Moral-Historiker von Fragen den Aus- gang nehmen wie „warum ist die mitleidige Handlung gelobt worden Die vornehme Art Mensch fühlt sich als werthbestimmend, sie hat nicht nöthig, sich gut- heissen zu lassen , sie urtheilt ^was mir schädlich ist, das ist an sich schädlich^, sie weiss sich als Das, was überhaupt erst Ehre den Dingen verleiht, sie ist Werthesch äffend. Alles, was sie an sich kennt, ehrt sie: eine solche Moral ist SelVjstverherrlichung. Im Vordergrunde steht das Gefühl der Fülle, der Macht, die überströmen will, das Glück der hohen Spannung, das Bewusstsein eines Reichthums, der schenken und abgeben möchte : — auch der vornehme Mensch hilft dem Unglücklichen, aber nicht oder fast nicht aus Mitleid, sondern mehr aus einem Drang, den der Überfluss von Macht erzeugt. Der vornehme Mensch ehrt in sich den Mächtigen, auch Den, welcher Macht über sich selbst hat, der zu reden und zu schweigen versteht, der mit Lust Strenge und Härte gegen sich übt und J^£- erbietung vor allem Strengen und Harten hat. ^Ein hartes Herz legte Wotan mir in die Brust'' heisst es in einer alten skandinavischen Saga: so ist es aus der Seele eines stolzen Wikingers heraus mit Recht ge- dichtet. Eine solche Art Mensch ist eben stolz darauf, nicht zum Mitleiden gemacht zu sein: weshalb der Held der Saga warnend hinzufügt „wer jung schon kein hartes Herz hat, dem wird es niemals hart^^ Vornehme und Tapfere, welche so denken, sind am ent- ferntesten von jener Moral, welche gerade im Mitleiden Digitized by Google — 233 — oder im Handeln für Andere oder im d^sintöressement das Abzeichen des Moralischen sieht; der Glaube an sich selbst, der Stolz auf sich selbst, eine Grundfeind- schaft und Ironie gegen „Selbstlosigkeit" gehört eben so bestimmt zur vornehmen Moral wie eine leichte Geringschätzung^ und Vorsicht vor den Mitgefühlen und dem „wannen Herzen'*. — Die ^Mächtigen sind es, welche zu ehren verstehen, es ist ihre Kunst, ihr Reich der Erfindung. Die tiefe Ehrfurcht vor dem Alter und vor dem Herkommen das ganze Recht ^ steht auf dieser doppelten Ehrfurcht — , der Glaube und das Vorurtheil zu Gunsten der Vorfahren und zu Ungunsten der Kommenden ist typisch inr der Moral der Mächtigen; und wenn umgekehrt die Menschen der ^modernen Ideen" beinahe instinktiv an den „Fort- schritt" und „die Zukunft" glauben und der Achtung vor dem Alter immer mehr ermangeln, so verräth sich damit genugsam schon die unvornehme Herkunft dieser „Ideen". Am meisten ist aber eine Moral der Herr- schenden dem gegenwärtigen Geschmacke fremd und peinlich in der Strenge ihres Grundsatzes, dass man nur gegen Seinesgleichen Pflichten habe; dass man gegen die Wesen niedrigeren Ranges, gegen alles • Fremde nach Gutdünken oder ,,wie es das Herz will" handeln dürfe und jedenfalls „jenseits von Gut und Böse" — : hierhin mag Mitleidep und dergleichen ge- hören. Die Fähigkeit und Pflicht zu langer Dankbar- keit und langer Rache — beides nur innerhalb seines Gleichen — , die Feinheit in der Wiedervergeltung, das Begrifls-Raffinement in der Freundschaft, eine gewisse Nothwendigkeit, Feinde zu haben (gleichsam als Ab- zugsgräben für die Affekte Neid Streitsucht Über- muth, — im Grunde, um gut freund sein zu können): Digitized by Google Alles das sind t3rpische Merkmale der vornehmen Moral, welche, wie angedeutet, nicht die Moral der „modernen Ideen" ist und deshalb heute schwer nach- zufühlen, auch schwer auszugraben und aufzudepken ist — Es steht anders mit dem zweiten Typus der Moral, der Sklaven-Moral. Gesetzt, dass die Vergewaltigten, Gedrückten, Leidenden, Unfreien, Ihrer-selbst- Unge- wissen und Müden moralisiren : was wird das Gleichartige ihrer moralischen Werthschätzungen sein ? Wahrschein- lich wird ein pessimistischer Argwohn gegen die ganze Lage des Menschen zum Ausdruck kommen, vielleicht eine Verurtheilung des Menschen mitsammt seiner Lage. Der blick des Sklaven ist abgünstig für die Tugenden des Mächtigen: er hat Skepsis und Misstrauen, er hat Feinheit des Misstrauens gegen alles ^Gute*^, was dort geehrt wird — , er möchte ^ich überreden , dass das Glück selbst dort nicht acht sei. Umgekehrt werden ' die Eigenschaften hervorgezogen und mit Licht über* gössen, welche dazu dienen, Leidenden das Dasein zu erleichtern: hier kommt das Mitleiden, die gefallige hülf bereite Hand, das warme Herz, die Geduld, der Fleiss, die Demuth, die Freundlichkeit zu Ehren — , denn das sind hier die nützlichsten Eigenschatten und beinahe die einzigen Mittel, den Druck des Daseins auszuhalten. Die Sklaven-Moral ist wesentlich Nütz- . lichkeits-Moral. Hier, ist der Herd für die Entstehung jenes berühmten Gegensatzes „gut*' und „böse'': — in's Böse wird die Macht und Gefährlichkeit hinein empfunden, eine gewisse Furchtbarkeit, Feinheit und Stärke, welche die Veriichtung ntcht aufkommen lässt. Nach der Sklaven-Moral erregt also der ^Böse" 1* urcht; nach der Herren-Moral ist es gerade der „Gute*^, der ^Furcht erregt und erregen will, während der »schlechte** Digitized by Google — 235 — Mensch als der verächtliche empfunden wird. Der Gegensatz kommt auf seine Spitze, wenn sich, gemäss der Sklavenmoral- Consequenz , zuletzt nun auch an den „Guten^ dieser Moral ein Hauch von Gering- schätzung hängt — sie mag leicht und wohlwollend sein — , weil der Gute innerhalb der Sklaven-Denkweise jedenfalls der ungefährliche Mensch sein muss: er ist gutmüthig» leicht zu betrügen, ein bischen dumm vielleicht, un bonhomme. Überall, wo die Sklaven- Moral zum Übergewicht kommt, zeigt die Sprache eine Neigung, die Worte ^gut'' und ^dumm^^ einander anzu* nähern. — Ein letzter Grundunterschied : das Verlangen nach Freiheit, der Instinkt für das Glück und die Feinheiten des Freiheits-Gefühls gehört ebenso noth- wendig zur Sklaven-Moral und -Moralität, als die Kunst und Schwärmerei in der Ehrfurcht, in der Hingebung # das regelmässige Symptom einer aristokratischen Denk-- *• und Werthungsweise ist. — Hieraus lässt sich ohne - • - Weiteres verstehn, warum die Liebe als Passion — es ist unsre europäische Spezialität — bclilechter- dings vornehmer Abkunft sein muss: bekanntlich ge- hört ihre Erfindung den proven9alischen Ritter-Dich- tern zu, jenen prachtvollen erfinderischen Menschen des „gai saber", denen Europa so Vieles und beinahe sich selbst verdankt. — ' 261. Zu den Dingen, welche einem vornehmen Men- schen vielleicht am schwersten zu begreifen sind» ge- hört die Eitelkeit: er wird versucht sein, sie noch dort zu leugnen, wo eine andre Art Mensch sie mit beiden Händen zu fassen meint Das Problem ist für ihn, sich Wesen vorzustellen» die eine gute Meinung über sich Digitized by Google — 236 — zu erwecken suchen^ welche sie selbst von sich nicht haben — und also auch nicht „verdienen*^ — , und die doch hinterdrein an diese gute Meinung selber glauben. Das erscheint ihm zur Hälfte so geschmacklos und un- ehrerbietig vor sich selbst, zur andren Hälfte so barock- unvernünftig, dass er die Eitelkeit gern als Ausnahme fassen möchte und sie in den meisten Fällen, wo man von ihr redet, anzweifelt. Er wird zum I ')eis].)iel sag"en : „ich kann mich über meinen Werth irren und anderer- seits doch verlangen, dass mein Werth gerade so, wie ich ihn ansetze, auch von Andern anerkannt werde. — aber das ist keine KiLelkeit (wundern Dünkel oder, in den häuhgeren 1^ allen, Das, was „Demuth", auch „Bescheiden- heit^ genannt wird)." Oder auch: „ich kann mich aus vielen Gründen über die gute Meinung Anderer freuen, vielleicht weil ich sie ehre und liebe und mich an jeder ihrer Freuden erfreue, vielleicht auch weil ihre gute Meinung den Glauben an meine eigne gute Meinung bei mir unterschreibt und kräftigt, vielleicht weil die gute Meinung Anderer, selbst in Fällen, wo ich sie nicht theile, mir doch nützt oder Nutzen verspricht, — aber das ist Alles nicht Eitelkeit.^^ Der vornehme Mensch muss es sich erst mit Zwang, namentlich mit Hülfe der Historie, vorstellig machen, dass, seit un- vordenklichen Zeiten , in allen irgendwie abhängigen Volksschichten der gemeine Mensch nur Das war, was er galt: — gar nicht daran gewöhnt, Werthe selbst an- zusetzen, mass er auch sich keinen andern Werth bei, als seine Herren ihm beimassen (es ist das eitrentliche Herren recht, Werthe zu schaffen). Mag man es als die Folge eines ungeheuren Atavismus begreifen, dass der gewöhnliche Mensch auch jetzt noch immer erst aui eine Meinung iiber sich wartet und sich dann der- Digitized by Google — 237 — selben instinktiv unterwirft: aber durchaus nicht bloss einer „guten** Meinung-, sondern auch einer schlechten und unbilligen (man denke zum T'eispiel an den gröss- ten Theil der Selbstschätzung en und Selbstunter - Schätzungen, welche gläubige Frauen ihren Beichtvätern ablernen, und überhaupt der gläubige Christ seiner Kirche ablernt). Thatsächlich wird nun. gemäss dem langsamen Heraufkommen der demokratischen Ord- nung der Dinge (und seiner Ursache, der Blutvermi- schung von Herren und Sklaven), der ursprünglich vor- nehme und seltne Drang, sich selbst von sich aus einen Werth zuzuschreiben und von sich „gut zu denken", mehr und mehr ermuthigt und ausgebreitet werden: aber er hat jeder Zeit einen älteren, breiteren und gründlicher einverleibten Hang gegen sich, — und im Phänomene der „Eitelkeit" wird dieser ältere Hang Herr über den jüngeren. Der Eitle freut sich über jede gute Meinung, die er über sich hört (ganz abseits von allen Gesichtspunkten ihrer Nützlichkeit, und ebenso abgesehn von wahr und falsch), ebenso wie er an jeder schlechten Meinung leidet: denn er unterwirft sich beiden, er fühlt sich ihnen unterworfen, aus jenem ältesten Instinkte der Unterwerfung, der an ihm aus- bricht. — Es ist „der Sklave" im Blute des Eitlen, ein Rest von der Verschmitztheit des Sklaven — und wie viel „Sklave** ist zum Beispiel jetzt noch im Weibe rückständig! — , welcher zu gfuten Meinungen über sich zu verführen sucht; es ist ebenfalls der Sklave, der vor diesen Meinungen nachher sofort selbst nieder- fällt, wie als ob er sie nicht hervorgerufen hätte. — Und nochmals gesagft: Eitelkeit ist ein Atavismus. Digitized by Google — 238 — 202. Eine Art entsteht, ein Typus wird fest und stark unter dem langen Kampfe mit wesentlich gleichen ungünstigen Bedingxingen. Umgekehrt weiss man aus den Erfahrungen der Züchter, dass Arten, denen eine überreichliche Ernährung und überhaupt ein Mehr von Schutz und Sorgfalt zu Theil wird, alsbald in der stärksten Weise zur Variation des J'ypus neigen und reich an Wundern und Monstrositäten (auch an monströsen Lastern) sind. Nun sehe man einmal ein aristo- kratisches Gremeinwesen, etwa eine alte griechische Polis oder Venedig, als eine, sei es freiwillige, sei es unfrei- willige Veranstaltung zum Zweck der Züchtung an: es sind da Menschen bei einander und auf sich angewiesen, welche ihre Art durclisetzcn wollen, meistens, weil sie sich durchsetzen müssen oder in furchtbarer Weise Gefahr laufen, ausgerottet, zu werden. Hier fehlt jene Gunst, jenes Übermaass, jener Schutz, unter denen die Variation begünstigt ist; die Art hat sich als Art nöthig, als Etwas, das sich gerade vermöge seiner Härte, Gleichförmigkeit, Einfachheit der Form überhaupt durchsetzen und dauerhaft machen kann, im bestän- digen Kampfe mit den Nachbarn oder mit den auf* ständischen oder Aufstand drohenden Unterdrückten. Die mannichfaltigste Erfahrung lehrt sie, welchen Eigenschaften vornehmlich sie es verdankt, dass sie, allen Gottern und Menschen zum Trotz, noch da ist, dass sie noch immer obgesiegt hat: diese Eigenschaften nennt sie Tugenden, diese Tugenden allein züchtet sie gross. Sie thut es mit Härte, ja sie will die Härte; jede aristokratische Moral ist unduldsam, in der Er- ziehung der Jugend, in der Verfügung über die Weiber, in den Ehesitten, im Verhältnisse von Alt und Jung, Digitized by Google — 239 — in den Strafgesetzen (welche allein die Abartenden in's Auge fassen): — sie rechnet die Unduldsamkeit selbst unter die Tugenden, unter dem Namen „Gerechtig"keit**. Ein Typus mit wenigen, aber sehr starken Zügen, eine Art strenger kriegerischer klug-schweigsamer» geschlos- sener und verschlossener Menschen (und als solche vom feinsten Gefühle für die Zauber und nuances der Societät) wird auf diese Weise über den Wechsel der Geschlechter hinaus festgestellt; der beständige Kampf mit immer gleichen ungünstigen Bedingungen ist, wie gesagt, die Ursache davon , dass ein Tyj)us lest und hart wird. Endlich aber entsteht einmal eine Glückslage, die ungeheure Spannung lässt nach; es giebt vielleicht keine Feinde mehr unter den Nachbarn, und die Mittel zum Leben, selbst zum Genüsse des Lebens sind überreichlich da. Mit Einem Schlage reibst das Band und der Zwang der alten Zucht: sie fühlt sich nicht mehr als nothwendig, als Dasein-bedingend, — wollte sie fortbestehn, so könnte sie es nur als eine Form des Luxus, als archaisirender Geschmack. Die Variation, sei es als Abartung (in's Höhere, F^ere, Seltnere), sei es als Entartung und Monstrosität, ist plötzlich in der grössten Fülle und Pracht auf dem Schauplatz, der Einzelne wagt einzeln zu sein und sich abzuheben. An diesen Wendepunkten der Ge- schichte zeigt sich neben einander und oft in einander verwickelt und verstrickt ein herrliches vielfaches ur- waldhaftes Heraufwachsen und Emporstreben, eine Art tropisches Tempo im Wetteifer des Wachsthums und ein ungeheures Zugrundegehen und Sich-zu-Grunde- Richten, Dank den wild gegeneinander gewendeten, gleichsam explodirendcn Eguisnien, welche „um Sonne imd Licht^' mit einander ringen und keine Grenze, * Digitized by Google — 240 — keine Zügelung, ^eine Schooimg mehr aus der bisheri- gen Moral zu entnehmen wissen. Diese Moral selbst war es, welche die Kraft in's Ungeheure angehäuft, die ü»-ri ß<^gen auf so bedrohliche Weise gespannt hat: — jetzt ist, jetzt wird sie ^überlebt**. Der gefährliche imd unheimliche Punkt ist erreicht, wo das grössere, vielfachere, umfänglichere Leben über die alte Moral hinweg lebt; das „Individuum" steht da, genöthigt zu einer eigenen Gesetzgebung, zu eigenen Künsten und Listen der Selbst -Erhaltung, Selbst -Erhöhung, Selbst- Erlösung. Lauter neue Wozu's, lauter neue Womit's, keine gemeinsamen Formeln mehr, Missver- standni'-s und Missachtung mit einander im Bunde, der Verfall, Verderb und die höchsten Begierden scdiauer- lich verknotet, das Grenie der Rasse aus allen Füll- hörnern des Guten und Schlimmen überquellend, ein verhängnissvolles Zugleich von Frühling und Herbst, voll neuer Reize und Schleier, die der jungen, noch unausgeschÖpften , noch unermüdeten Verderbniss zu eigen sind. Wieder ist die Gefahr da, die Mutter der Moral, die grosse Gefahr, dies Mal in's Individuum verlegt, in den Nächsten und Freund, auf die Gasse, in's eigne Kind, in's eigne Herz, in alles Eigenste und Geheimste von Wunsch und Wille: was werden jetzt die Moral-Philosophen zu predigen haben, die um diese Zeit heraufkommen? Sie entdecken, diese scharfen Be- obachter und Eckensteher, dass es schnell zum Ende geht, dass Alles um sie verdirbt und verderben macht, dass Nichts bis übermorgen steht, Eine Art Mensch ausgenommen, die unheilbar Mittelmässigen. Die Mittelmässigen allein haben Aussicht» sich fortzusetzen, sich fortzupflanzen, — sie sind die Menschen der Zu- kunft, die einzig Überlebenden; „seid wie siel werdet Digitized by Google — 241 — mittelmässig 1^ heisst nunmehr die alleinige Moral, die noch Sinn hat, die noch Ohren findet. — Aber sie ist schwer zu predigen, diese Moral der Mittelmässigkeit! — sie darf es ja niemals eingestehn , was sie ist und was sie willl sie muss von Maass und Würde und Pflicht und Nächstenliebe reden, — sie wird Noth haben, die Ironie zu verbergen! — 263. Es giebt einen Instinkt für den Rang, welcher, mehr als Alles, schon das Anzeichen eines höh en Ranges ist; es giebt eine Lust an den Nuancen der Ehrfurcht, die auf vornehme Abkunft und Gewohnheiten rathen lässt. Die Feinheit, Güte und Höhe einer Seele wird gefahrlich auf die Probe gestellt, wenn Etwas an ihr vorüber geht, das ersten Ranges ist, aber noch nicht von den Schaudern der Autorität vor zudringlichen GrifEen und Plumpheiten gehütet wird: Etwas, das, un- abgezeichnet, unentdeckt, versuchend, vielleicht will- kürlich verhüllt und verkleidet, wie ein lebendiger Prüfstein seines Weges geht. Zu wessen Aufgabe und Übung es gehört, Seelen auszuforschen, der wird sich in mancherlei Formen gerade dieser Kunst bedienen, um den letzten Werth einer Seele, die unverrückbare eingeborne Rangordnung, zu der sie gehört, festzustel- len: er wird sie auf ihren Instinkt der Ehrfurcht hin auf die Probe stellen. DifFi^rence engendre haine: die Gemeinheit mancher Natur sprützt plötzlich wie schmutziges Wasser hervor, wenn irgend ein heiliges Gefass, irgend eine Kostbarkeit aus verschlossenen Schreinen, irgend ein Buch mit den Zeichen des gro- ssen Schicksals vorübergetragen wird; und andrerseits giebt es ein unwillkürliches Verstummen, ein Zögern 16 Digitized by Google — 242 — des Auges, ein StUlewerden aller Gebärden, woran sich ausspricht, dass eine Seele die Nähe des Verehrungs- würdigsten fühlt. Die Art, mit der im Ganzen bisher die Ehrfurcht vor der Bibel in Europa aufrecht er- halten wird, ist vielleicht das beste Stück Zucht und Verfeinerung der Sitte, das Europa dem Christenthume verdankt: solche Bücher der Tiefe und der letzten Be- deutsamkeit brauchen zu ihrem Schutz eine von Aussen kommende Tyrannei von Autorität, um jene Jahrtausende von Dauer zu gewinnen, welche nöthig sind, sie auszu- schöpfen und auszurathen. Es ist Viel erreicht, wenn der grossen Menge (den Flachen und Geschwind-Därmen aller Art) jenes Gefühl endlich angezüchtet ist, dass sie nicht an Alles rühren dürfe; dass es heilige Erleb- 4 nisse giebt, vor denen sie die Schuhe auszuziehn und die unsaubere Hand fern zu halten hat, — es ist bei- nahe ihre höchste Steigerung zur Menschlichkeit. Um- gekehrt wirkt an den sogenannten Gebildeten, den Gläubigen der „modernen Ideen'S vielleicht Nichts so ekelerregend, als ihr Mangel an Scham, ihre bequeme Frechheit des Auges und der Hand, mit der von ihnen - an Alles gerührt, geleckt, getastet wird; und es ist möglich, dass sich heut im Volke, im niedem Volke, namentlich unter Bauern, immer noch mehr relative Vurnehmheit des Geschmacks und Takt der Ehrfurcht vorfindet, als bei der zeitunglesenden Halbwelt des Geistes, den Gebildeten. 264. Es ist aus der Seele eines Menschen nicht wegzu- wischen, was seine Vorfahren am liebsten und bestän- digsten gethan haben: ob sie etwa emsige Sparer waren und Zubehör eines Schreibtisches und Geldkas- tens, bescheiden und bürgerlich in ihren Begierden, Digitized by Google — 243 — bescheiden auch in ihren Tugenden; oder ob sie an's Befehlen von früh bis spät gewohnt lebten, rauhen Vergnügungen hold und daneben vielleicht noch rau- heren Pflichten und Verantwortungen ; oder ob sie end- lich alte Vorrechte der Geburt und des Besitzes ir- gendwann einmal geopfert haben, um ganz ihrem Glauben — ihrem ,,Gotte" — zu leben, als die Men- schen eines unerbittlichen und zarten Gewissens; welchem vor jeder Vermittlung errothet. Es ist gar nicht möglich, dass ein Mensch nicht die Eigenschaften und Vorlieberi seiner Eltern und Altvordern im Leibe habe: was auch der Augenschein dagegen sagen mag. Dies ist jdas Problem der Rasse. Gesetzt, man kennt Einiges von den Eltern, so ist ein Schluss auf das Kind erlaubt : irgend eine widrige Unenthaltsamkeit, irgend ein Winkel-Neid, eine plumpe Sich-Rechtgeberei — wie diese Drei zusam- men zu allen Zeiten den eigentlichen Pöbel-Typus aus- gemacht haben — dergleichen muss auf das Kind so sicher Übergehn, wie verderbtes Blut; und mit Hülfe der besten Erziehung und Bildung wird man eben nur erreichen, über eine solche Vererbung zu täuschen. — Und was will heute Erziehung und Bildung Anderes! In unsrem sehr volksthümlichen, will sagen pöbelh£iften Zeitalter muss „Erziehung" und „Bildung" wesentlich die Kunst, zu täuschen, sein, — über die Herkunft« den vererbten Pobel in Leib und Seele* hinweg zu täuschen. Ein Erzieher, der heute vor Allem Wahrhaftigkeit pre- digte und seinen Züchtlingen beständig zuriefe „seid wahr 1 seid natürlich ! gebt euch, wie ihr seid P — selbst ein solcher tugendhafter und treuherziger Esel würde nach einiger Zeit zu jener furca des Horaz greifen ler- nen, um naturam expellere: mit welchem Erfolge? „Pöbel" usque recurret. — i6» ; — 244 — 265. Auf die Gefahr hin, unschuldige Ohren missvörgnügt zu machen, stelle ich hin: der Egoismus gehprt zum Wesen der vornehmen Seele, ich meine jenen unverrück- baren jGrlauben, dass einem Wesen, wie „wir sind**, andre Wesen von Natur' unterthan sein müssen und sich ihm zu opfern haben.' Die vornehme Seele nimmt . diesen Thatbestand ihres Egoismus ohne jedes Frage- zeichen hin, auch ohne ein Gefühl von Härte, Zwang, WiHkür darin, vielmehr wie Etwas, das im Urgesetz der Dinge begründet sein mag: — suciite sie nach eir^m Namen dafür, so würde sie sagen „es ist die Gerechtigkeit selbst*^ Sie gesteht sich, unter Umstan- den, die sie anfangs zogern lassen, zu, dass es mit ihr Gleichberechtigte giebt; sobald sie über diese Frage des Rangs im Reinen ist, bewegt sie sich unter diesen Gleichen und Gleichberechtigten mit der gleichen Sicher- heit in Scham und zarter Ehrfurcht, welche sie im Verkehre mit sich selbst hat, — gemäss einer eingebornen himmlischen Mechanik, auf welche sich alle Sterne ver- stehn. Es ist ein Stück ihres Egoismus mehr, diese Feinheit und Selbstbeschrankung im Verkehre mit ihres Gleichen — jeder Stern ist ein solcher Egoist — : sie ehrt sich in ihnen und in den Rechten, welche sie an dieselben, abgiebt, sie zweifelt nicht, dass der Aus- tausch von Ehren und Rechten als Wesen alles Ver- kehrs ebenfalls zum naturgemässen Zustand der Dinge gehört. Die vornehme Seele giebt, wie sie nimmt, aus dem leidenschaftlichen und reizbaren Instinkte der Ver- geltung heraus, welcher auf ihrem Grunde liegt. Der Begriff ^^Onade** hat inter pares keinen Sinm und Wohl- geruch; es mug eine sublime Art geben, Geschenke von Üben her gleichsam über sich ergehen zu lassen Digitized by Google und wie Tropfen durstig au&utrinkeif: aber für diese Kunst und Gebärde hat die vornehme Seele kein Ge- schick. Ihr Kguisitius hindert sie hier: sie blickt ungern überhaupt nach „üben", — sondern entweder vor sich, horizontal und langsam, oder hinab: — sie weiss sich in der Hohe. — 266. „Walirhafc hochachten kann man nur, wer sich nicht selbst such ff — Goethe an Rath Schlosser. • ♦ 267. £s giebt ein Sprüchwort bei den Chinesen, das die Mütter schon ihre Kinder lehreo : siao-sin „mache dein Herz klein!" Dies ist der eigentliche Grrundhang in späten Civilisationen: ich zweifle nicht, dass ein antiker Grieche auch an uns Europäern von Heute zuerst die Selbstverkleinerung herauserkennen wurde, — damit allein schon giengen wir ihm „wider den Geschmack*^ — 268. Was ist zuletzt die Gemeinheit? — Worte sind Tonzeichen für Begriffe; Begriffe aber sind mehr oder weniger bestimmte Bildzeichen für oft wiederkehrende und zusammen kommende Emphn düngen, für Kmpfin- dungs-Grruppen. Es genügt noch nicht, um sich einander zu verstehen, dass man die selben Worte gebraucht: man muss die selben Worte auch für die selbe Gattung innerer Erlebnisse gebrauchen, man muss zuletzt seine Erfahrung mit einander gemein haben. Deshalb ver- stehen sich die Menschen Eines Volkes besser unter einander, als Zugehörige verschiedener Volker, selbst wenn sie sich der gleichen Spr^iche bedienen; oder uiyuiiL.J cy Google 246 — vielmehr, wenn Menschen lange unter ähnlichen Be- dingfungen (des Klima's» des Bodens, der Gefahr, der Bedürfnisse, der Arbeit) zusammen 'gelebt haben, so entsteht daraus Etwas, das „sich versteht", ein Volk. In allen Seelen hat eine gleiche Anzahl oft wiederkeh- render Erlebnisse die Oberhand gewonnen über seltner kommende: auf sie hin versteht man sich, schnell und immer schneller — die Geschichte der Sprache ist die Geschichte eines Abkürzungs- Prozesses — ; auf dies schnelle Verstehen hin verbindet man sich, enger und immer enger. Je grösser die Gefährlichkeit, um so grösser ist das Bedürfniss, schnell und leicht über Das, was noth thut, übereinzukommen; sich in der Gefahr nicht misszuverstehn, djis ist es, was die Menschen zum Verkehre schlechterdings nicht entbehren können. Noch bei jeder Freundschaft oder Liebschaft macht man diese Probe: Nichts derart hat Dauer, sobald man dahinter kommt, dass Einer von Beiden bei gleichen Worten anders fühlt, meint, wittert, wünscht, fürchtet, als der Andere. (Die Furcht vor d^m ^ewigen Missverstandniss^: das ist jener wohlwollende Genius, der Personen ver- schiedenen Geschlechts so oft von übereilten Verbin- dungen abhält, zu denen Sinne und Herz rathen — und nicht irgend ein Schopenhauerischer ^Genius der Gat- tung" — !) Welche Gruppen von Empfindungen inner- halb einer Seele am schnellsten wach werden, das Wort ergreifen, den Befehl geben, das entscheidet über die gesammte Rangordnung ihrer Werthe, das bestimmt zuletzt ihre Gütertafel. Die Werthschätzungen eines Menschen verrathen etwas vom Aufbau seiner Seele, und worin sie ihre Lebensbedingungen, ihre eigentliche Nfoth sieht. Gesetzt nun, dass die Noth von jeher nur solche Menschen einander angenähert hat, welche mit Digitized by Google — 247 — ähnlichen Zeichen ähnliche Bedürfnisse, ähnliche Erleb- nisse andeuten konnten, so ergiebt sich im Ganzen, dass dieleichte Mittheilbarkeit der Noth, das heisst im letzten Grunde das Erleben von nur durchschnitt- liehen und gemeinen Erlebnissen, unter allen Gewal- ten, welche über den Menschen bisher verfugt haben, die gewaltigste gewesen sein muss. Die ähnlicheren, die gewöhnlicheren Mensclien waren und sind immer im Vortheile, die Ausgesuchteren, Feineren, Seltsameren, schwerer Verständlichen bleiben leicht allein, unterliegen, bei ihrer Vereinzelung, den Unfällen und pflanzen sich selten fort. Man muss ungeheure Gegenkräfte an- rufen, um diesen natürlichen, allzünatürlichen progressus in simile, die Fortbildung des Menschen in's Ähnliche, Gewöhnliche, Durchschnittliche, Heerdenhafte — in's Gemeine! — zu kreuzen. •» 269. Je mehr ein Psycholog — ein gebomer, ein unver- meidlicher Psycholog und Seelen-Errather — sich den ausgesuchteren Fällen und Menschen zukehrt, um so grösser wird seine Gef^^r, am Mitleiden zu ersticken: er hat Härte und Heiterkeit nöthig, mehr als ein and- rer Mensch. Die Verderbniss, das Zugrundegehen der höheren Menschen, der fremder gearteten Seelen ist nämlich die Regel : es ist schrecklich, eine solche Regel immer vor Augen zu haben. Die vielfache Marter des Psychologen , der dieses Zugrundegehen entdeckt hat, der diese gesammte innere „Heillosigkeit" des höheren Menschen, dieses ewige „Zu spätt** in jedem Sinne, erst einmal und dann fast immer wieder entdeckt, durch die ganze Geschichte hindurch, — kann vielleicht eines Tages zur Ursache davon werden, dass er mit Digitized by Google — 248 — Erbitterung' sich gegen sein eignes Loos wendet und einen Versuch der Selbst-Zerstörung macht, — dass er selbst „verdirbt". i^Ian wird fast bei jedem Psychologen eine verrätherische Vorneigung und Lust am Umgange mit alltaglichen und wohlgeordneten Menschen wahr- nehmen: daran verräth sich, dass er immer einer Hei- lung bedarf, dass er eine Art Flucht und Vergessen braucht» weg von dem, was ihm seine Einblicke und Einschnitte, was ihm sein „Handwerk" auf's Gewissen gelegt hat. Die Furcht vor seinem Gedächtniss ist ihm eigen. Er kommt vor dem Urtheile Anderer leicht zum Verstummen: er hört mit einem unbewegten Ge- sichte zu, wie dort verehrt, bewundert, geliebt, verklärt wird, wo er gesehen hat, — oder er verbirgt noch sein Verstummen, indem er irgend einer Vordergrunds- Meinung ausdrücklich zustimmt. Vielleicht geht die Paradoxie seiner Lage so weit in's Schauerliche, dass die Menge, die Gebildeten, die Schwärmer gerade dort, wo er das grosse Mitleiden neben der grossen Ver- achtung gelernt hat, ihrerseits die grosse Verehrung lernen, — die Verehrung für „grosse Männer"^ und Wunderthiere, um derentwillen man das Vaterland, die Erde, die Würde der r^Ienscliheit, sich selber segnet 'und in Ehren hält, auf welche man die Jugend hinweist, hinerzieht .... Und wer weiss, ob sich nicht bisher in in allen grossen Fällen eben das Gleiche begab: dass die Menge einen Gott anbetete. — und dass der „Gott** nur ein armes Opferthier warl Der Erfolg war immer der grosste Lügner, — und das „Werk*' selbst ist ein Erfolg; der grosse StadUsmann, der Eroberer, der Ent- decker ist in seine Schöpfungen verkleidet, bis in's ' Unerkennbare; das „Werk**, das des Künstlers, des Philosophen, erfindet erst Den, welcher es geschaffen I y Google — 249 — hat, geschaffen haben soll; die „gfrossen Männer^S wie sie verehrt werden, sind kleine schlechte Dichtungen hinterdrein; in der Welt der geschichtlichen Werthe herrscht die Falschmünzerei. Diese grossen Dichter zum Beispiel, diese Byron, Musset, Poe, Leopardi, Kleist, Gogol, — so wie sie nun einmal sind, vielleicht sein müssen: Menschen der Augenblicke, begeistert, sinn* lieh, kindsköpfisch, im Misstrauen und Vertrauen leicht- fertig und plötzlich; mit Seelen, an denen gewöhnlich irgend ein Bruch verhehlt werden soll; oft mit ihren Werken Rache nehmend für eine innere Besudelung, oft mit ihren Aufflüyen Vergessenheit suchend vor einem allzutreuen Gedächtniss , oft in den Schlamm verirrt und beinahe verliebt, bis sie den Irrlichtem um die Sümpfe herum gleich werden und sich zu Ster- nen verstellen — das y