~M~&SiLj^ ins itplM Kritik der politischen Oekonomie. Von Karl Marx. Erster Band. Buch I : Der Produktionsprocess des Kapitals. Das Recht der üeberäetzung wird vorbebaltea. Hamburg Verlag aoii Otto Meissner. 1867. New-York: L. W. Schmidt. 24 Barclav-Strcet. /^_)5 Hßfob f^5H /^KW^/^' ' Jr/^X7l Gewidmet meinem unvergesslichen Freunde, dem kühnen, treuen, edlen Vorkämpfer des Proletariats, Wilhelm Wolff. Geb. zu Tarnau, 21, Juni 1809. Gest. im Exil zu Manchester 9. Mai 18 64. Inhalt des ersten Bandes. Vorwort ...••• E r s t e s B u c li . Der P r u d ii k t i o n s p r o z c s s des Erstes Kapitel. Waare und Geld 1) Die Wiiare .... 2) Der Austauschprozcss der Waaren 3) Das Geld und die Waarencirkulation A. Mass der Werthe B. Cirkulationsmittel . a) Die Metamorphose der Waaren b) Der Umlauf des Geldes c) Die Münze. Das Werthzeichen C. Geld a) Schatzbildung b) Zahlungsmittel c) Weltgeld .... Zweites Kapitel. Die Verwandlung von Geld in Kapital 1) Die allgemeine Formel des Kapitals 2) Widersprüche der allgemeinen Formel 3) Kauf und Verkauf der Arbeitskraft Drittes Kapitel. Die Produktion des absoluten Mehrwerths 1) Arbeitsprozess und Verwerthungsprozess 2) Constantes Kapital und variables Kapital 3) Die Rate des Mehrwerths 4) Der Arbeitstag ..... 5) Rate und Masse des Mehrwerths . Viertes Kapitel. Die Produktion des relativen Mehrwerth 1) Begriff des relativen Mehrwerths . 2) Cooperation .... 3) Theilung der Arbeit und Manufaktur 4) Maschinerie und grosse Industrie Kapitals. Seite VII l 1 45 55 55 63 63 74 85 91 91 96 103 106 106 117 129 141 141 165 178 198 281 291 291 302 318 355 VI Fünftes Kapitel. Weitere Untersuchungen über die Produktion des abso- luten und relativen Mehrwerths ..... 1) Absoluter und relativer Mehrvverth ..... 2) Grössenwechsel von Preis der Arbeitskraft und Mehrwertli A. Grösse des Arbeitstags und Intensivität der Arbeit constant, Pro duktivkraft der Arbeit variabel ..... B. Constanter Arbeitstag, constante Produktivkraft der Arbeit Intensivität der Arbeit variabel ..... C. Produktivkraft und Intensivität der Arbeit constant, Arbeitstag variabel ......... D. Gleichzeitige Variationen in Länge des Arbeitstags, Produktiv kraft und Intensivität der Arbeit ..... 3) Verschiedene Formeln für die Rate des Mehrwerths 4) Werth , resp. Preis der Arbeitskraft in der verwandelten Form des Arbeitslohns ......... a) Die Formverwandlung ....... b) Die beiden Grundformen des Arbeitslohns : Zeitlohn und Stück lohn .......... Sechstes Kapitel. Der Accumulationsprozess des Kapitals 1) Die kapitalistische Accumulatioii ...... a) Einfache Reproduktion . . . b) Verwandlung von Mehrwerth in Kapital .... c) Das allgemeine Gesetz der kapitalistischen Accumulation . 2) Die s. g. ursprüngliche Accumulation ..... 3) Die moderne Kolonisationstheorie ...... Nachtrag zu den Noten ........ Anhang zu Kapitel I, 1. Die Werthform Seite 496 496 .505 506 510 511 513 516 520 520 529 551 552 552 567 599 699 745 757 764 Vorwort. Das Werk , dessen ersten Band ich dem Publikum übergebe, bildet die Fortsetzung meiner 185 9 veröifentlichten Schrift: „Z u r K r i t i k der politischen 0 e k o n o m i e". Die lange Pause zwischen Anfang und Fortsetzung ist einer langjährigen Krankheit geschuldet, die meine Arbeit wieder und wieder unter- brach. Der Inhalt jener früheren Schrift ist resümirt im ersten Kapitel dieses Bandes. Es geschah diess nicht nur des Zusam- menhangs und der Vollständigkeit wegen. Die Darstellung ist verbessert. Soweit es der Sachverhalt irgendwie erlaubte, sind viele früher nur angedeutete Punkte hier weiter entwickelt, wäh- rend umgekehrt dort ausführlich Entwickeltes hier nur ange-: deutet wird. Die Abschnitte über die Geschichte der Werth- und Geldtheorie fallen jetzt natürlich ganz weg. Jedoch findet der Leser der früheren Schrift in den Noten zum ersten Kapitel neue Quellen zur Geschichte jener Theorie er- öffnet. Aller Anfang ist schwer, gilt in jeder Wissenschaft. Das Verständniss des ersten Kapitels, namentlich des Abschnitts, der die A n a 1 y s e der W a a r e enthält , wird daher die meiste Schwierigkeit machen. Was nun näher die Analyse der Werthsubstanz und der W e r t h g r ö s s e betrifft , so habe ich VlII sie möglichst popularisirti). Anders mit der Analyse der Wertli- form. Sie ist scliwerverständlich , weil die Dialektik viel schär- fer ist als in der ersten Darstellung. Ich rathe daher dem nicht durchaus in dialektisches Denken eingewohnten Leser, den Abschnittvon p. 15 (Zeile 19 von oben) bis Ende p. 34 ganz zu überschlagen, und statt dessen den dem Buch zu- gefügten Anhang: „Die Werth form" zu lesen. Dort wird versucht, die Sache so einfach und selbst so schulmeisterlich dar- zustellen, als ihre wissenschaftliche Fassung erlaubt. Nach Be- endigung des Anhangs kann der Leser dann im Text wieder fort- fahren mit p. 3 5. Die W e r t h f 0 r m , deren fertige Gestalt die G e 1 d f o r m , 4 ist sehr inhaltslos und einfach. Dennoch hat der Menschengeist - sie seit mehr als 2000 Jahren vergeblich zu ergründen gesucht, während andrerseits die Analyse viel inhaltsvollerer und kompli- cirterer Formen wenigstens annähernd gelang. Warum? Weil der ausgebildete Körper leichter zu studiren ist als die Körper- zelle, Bei der Analyse der ökonomischen Formen kann ausser- dem weder das Mikroskop dienen, noch chemische Reagentlen. Die Abstraktionskraft muss beide ersetzen. Für die bürgerliche Gesellschaft ist aber d i e W a a r e n f o r m des Arbeitsprodukts oder die Werthform der Waare die ökonomische Zellen- form. Dem Ungebildeten scheint sich ihre Analyse in blossen Spitzfindigkeiten herumzutreiben. Es handelt sich dabei 1) Es schien diess um so nüthiger, als selbst der Abschnitt von F. Las- salle's Schrift gegen S ch u Itze -D elitzsch , worin er ,, die geistige Quint- essenz'' meiner Entwicklung über jene Themate zu geben erklärt , bedeutönde Missverständnisse enthält. En passant. Wenn F. Lassalle die sämmt- lichen allgemeinen theoretischen Sätze seiner ökonomischen Ar- beiten, z. B. über den historischen Charakter des Kapitals , über den Zu- sammenhang zwischen Produktionsverliältnissen und Produk- tionsweise u. s. w. u. s. w. fast wörtlich, bis auf die von mir geschaffene Terminologie hinab, aus meinen Schriften entlehnt hat, und zwar ohne Quellenangabe, so war diess Verfahren wohl durch Propagandarücksichten bestimmt. Ich spreche natürlich nicht von seinen Detailausführungen und Nutz- anwendungen, mit denen ich nichts zu thun habe. IX in der Tliat um Spitzfindigkeiten, aber nur so wie es sich in der m i k r u 1 o g i s c h e n A n a t o ni i e darum handelt. Mit Ausnahme des Abschnitts über die Werthform wird man daher diess Buch nicht wegen Seh werverständlichkeit ankla- gen können. Ich unterstelle natürlich Leser, die etwas Neues lernen, also auch selbst denken wollen. Der Physiker beobachtet Naturprozesse entweder dort, wo sie in der prägnantesten Form und von störenden Einflüssen min- dest getrübt erscheinen, oder, wo möglich , macht er Exi)erimente unter Bedingungen, welche den reinen Vorgang des Prozesses sichern. Was ich in diesem Werk zu erforschen habe, ist die kapitalistische Produktionsweise und die ihr ent- sprechenden P r 0 d u k t i o n s - und V e r k e h r s v e r h ä 1 1 n i s s e. Ihre klassische Stätte ist bis jetzt England. Diess der Grund, warum es zur Hauptillustration meiner theoretischen Entwicklung dient. Sollte jedoch der deutsche Leser pharisäisch die Achseln zucken über die Zustände der englischen Lulustrie- und Acker- bauarbeiter, oder sich optimistisch dabei beruhigen, dass in Deutschland die Sachen noch lange nicht so schlimm stehn , so niuss ich ihm zurufen: De te fabula narratur! An und für sich handelt es sich nicht um den höheren oder niedrigeren Entwicklungsgrad der gesellschaftlichen Antagonis- men, welche aus den Naturgesetzen der kapitalistischen Produk- tion entspringen. Es handelt sich um diese Gesetze selbst, um diese mit eherner Nothwendigkeit wirkenden und sich durch- setzenden Tendenzen. Das industriell entwickeltere Land zeigt dem minder entwickelten nur das Bild der eignen Zukunft! Aber abgesehn hiervon. Wo die kapitalistische Produktion völlig bei uns eingebürgert ist, z. B. in den eigentlichen Fabri- ken, sind die Zustände viel seh lech ter als in England, weil das Gegengewicht der Fabrikgesetze fehlt. In allen andren Sphären quält uns, gleich dem ganzen übrigen kontinentalen Westeuropa, nicht nur die Entwicklung der kapitalistischen Pro- duktion, sondern auch der Mangel ihrer Entwicklung. Neben den modernen Nothständen drückt uns eine ganze Reihe vererbter Nothstände, entspringend aus der Fortvegetation alterthümlicher, X überlebter Produktionsweisen mit ihrem Gefolg- von zeit widri- gen gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen. Wir leiden nicht nur von den Lebenden, sondern auch von den Todten. Le m 0 r t s a i s i t 1 e vif! Im Vergleich zur englischen ist die sociale Statistik Deutsch- lands und des übrigen kontinentalen Westeuropa's elend. Den- noch lüftet sie den Schleier grade genug, um hinter demselben ein Medusenhaupt ahnen' zu lassen. Wir würden vor unsren eignen Zust<änden erschrecken, wenn unsre Regierungen und Parlamente, wie in England, periodische Untersuchungskom- missionen über die ökonomischen Verhältnisse bestallten, wenn diese Kommissionen mit derselben Machtvollkommenheit, wie in England, zur Erforschung der Wahrheit ausgerüstet würden, wenn es gelänge , zu diesem Behuf ebenso sachverständige , un- parteiische und rücksichtslose Männer zu finden, wie die Fabrik- inspektoren Englands sind , seine ärztlichen Berichterstatter über „Public Health" (Oetfentliche Gesundheit), seine Untersuchungs- kommissäre über die Exploitation der Weiber und Kinder, über Wohnungs- und Nahrungszustände u. s. w. Perseus brauchte eine Nebelkappe zur Verfolgung von Ungeheuern. Wir ziehen die Nebelkappe tief über Aug' und Ohr, um die Existenz der Un- geheuer wegläugnen zu können. Man muss sich nicht darüber täuschen. Wie der amerikani- sche Unabhängigkeitskrieg des 18. Jahrhunderts die Sturmglocke für die europäische Mittelklasse läutete , so der amerikanische Bürgerkrieg des 19. Jahrhunderts für die europäische Arbeiter- klasse. In England ist der Umwälzungsprozess mit Händen greif- bar. Auf einem gewissen Höhepunlit muss er auf den Kontinent rückschlagen. Dort wird er sich in brutaleren oder humaneren Formen bewegen, je nach dem Entwicklungsgrad der Arbeiter- klasse selbst. Von höheren Motiven abgesehn , gebietet also den jetzt herrschenden Klassen ihr eigenstes Interesse die Wegräu- mung aller gesetzlich kontrolirbaren Hindernisse, welche die Entwicklung der Arbeiterklasse hemmen. Ich habe desswegen u. a. der Geschichte, dem Inhalt und den Resultaten der eng- lischen Fabrikgesetzgebung einen so ausführlichen Platz in die- XI sem Bande eingeräumt. Eine Nation soll und kann von der an- deren lernen. Auch wenn eine Gesellschaft dem Naturgesetz ihrer B e w e g u n g auf die Spur gekommen ist , — und es ist der letzte Endzweck dieses Werks das ökonomi- sche Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen — kann sie naturgemässe Entwicklungsphasen weder überspringen, noch wegdekretiren. Aber sie kann die Geburtswehen abkürzen und mildern. Zur Vermeidung möglicher Missverständnisse ein Wort. Die Gestalten von Kapitalist und Gruudeigenthümer zeichne ich kei- neswegs in rosigem Licht. Aber es handelt sich hier um die Personen nur, soweit sie die Personifikation ökono- mischer Kategorien sind, Träger von bestimmten Klassenverhältnissen und Interessen. Weniger als jeder andre kann mein Standpunkt, der die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation als einen na- tu r geschichtlichen Prozess auffasst , den Einzelnen ver- antwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er social bleibt, so sehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag. Auf dem Gebiet der politischen Oekonomie begegnet die f r e i e w i s s e n s c h a f 1 1 i c h e F 0 r s c h u u g nicht nur demselben Feinde, wie auf allen anderen Gebieten. Die eigenthümliche Natur des Stoffes, den sie behandelt, ruft wider sie die heftigsten, kleinlichsten und gehässigsten Leidenschaften der menschlichen Brust, die Furien des Privatinteresses, auf den Kampfplatz. Die eng- lische Hochkirche z. B. verzeiht eher den Augriff auf 30 von ihren 31» Glaubensartikeln als auf '/sa ihres Geldeinkommens. Heut- zutage ist der Atheismus selbst eine culpa levis, verglichen mit der Kritik überlieferter EigenWiumsverhältuisse. Jedoch ist hier ein Fortschritt unverkennbar. Ich verweise z. B. auf das in den letzten Wochen veröffentlichte Blaubuch : „C o r r e s p o n d e u c e w i t h H e r M a j e s t y ' s M i s s i 0 n s A b r 0 a d , r e g a r d i u g I n - d u s t r i a 1 Q u e s t i o n s and T r a d e 's Union s." Die auswär- tigen Vertreter der englischen Krone sprechen es hier mit dürren Worten aus, dass in Deutschland, Frankreich , kurz allen Kultur- staaten des europäischen Kontinents , eine Umwandlung der be- XII stehenden Verbal tnisse von Kapital und Arbeit ebenso fühlbar und ebenso unvermeidlich ist als in England. Gleichzeitig erklärte jenseits des transatlantischen Oceans Herr Wade, Vicepräsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika , in öffentlichen Mee- tings : Nach Beseitigung der Sklaverei trete die Umwandlung der Kapital- und Grundeigenthumsverhältnisse auf die Tagesordnung ! Es sind diess Zeichen der Zeit, die sich nicht verstecken lassen durch Purpurmäntel oder schwarze Kutten. Sie bedeuten nicht, dass morgen Wunder geschehn werden. Sie zeigen, wie selbst in den herrschenden Klassen die Ahnung aufdämmert, dass die jetzige Gesellschaft kein fester Krystall, sondern ein umwand- lungsfähiger und beständig im Prozess der Umwandlung begrif- fener Organismus ist. Der zweite Band dieser Schrift wird den Cirkula- tionsprozess des Kapitals (Buch II) und die Gestal- tungen des Gesammtprozesses (Buch III), der ab- schliessende dritte Band (Buch IV) die Geschichte der Theorie behandeln. Jedes Urtheil wissenschaftlicher Kritik ist mir willkommen. Gegenüber den Vorurtheilen der s. g. ö f f e n 1 1 i c h e n M e i - nung, der ich nie Koncessionen gemacht habe, gilt mir nach wie vor der Wahlspruch des grossen Florentiners : Segui il tuo cor so, e lasciadir le genti! London, 25. Juli 18(37. Karl Marx. Erstes Buch. )Y Produktionsprozess des Kapitals. Erstes Kapitel. Waare und Geld. 1) Die W aar e. Der Reicbtluuri der Gesellschaften , in welchen kapitalistische Pro- duktionsweise herrscht, erscheint als eine „ungeheure Waarensammlung"*), die einzelne Waare als seine Elementarform, Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Analyse der Waare. Die Waare ist zunächst ein äusserer Gegenstand, ein Ding, das durch seine Eigenschaften menschliche Bedürfnisse irgend einer Art befriedigt. Die Natur dieser Bedürfnisse, ob sie z. B. dem Magen oder der Phantasie entspringen, ändert nichts an der Sache 2). Es handelt sich hier auch nicht darum, wie die Sache das menschliche Bedürfniss befriedigt, ob un- mittelbar als Lebensmittel, d. h. als Gegenstand des Genusses, oder auf einem Umweg, als Produktionsmittel. Jedes nützliche Ding, wie Eisen, Papier u. s. w., ist unter doppeltem rlMarx: ,, Zur Kritik der Politischen Oekonomie. Ber- ,p. 4. '.sire implies want ; it is the appetite of the mind , and as natural as he body .... the greatest number (of things) have their value from le wants of the mind." Nicholas Barbon:, ,A Discourse on le new money lighter, in answor to Mr. Locke's Consi- etc. London 1696", p. 2, 3. 1 Gesichtspunkt zu betrachten , nach Qualität und Quantität. Jedes solche Ding ist ein Ganzes vieler Eigenschaften und kann daher nach ver- schiedenen Seiten nützlich sein. Diese verschiedenen Seiten und daher die mannigfachen Gebrauchsweisen der Dinge zu entdecken , ist geschicht- liche That^). So ist die Findung gesellschaftlicher Mtisse für die Quan- tität der nützhchen Dinge. Die Verschiedenheit der Waarenmasse ent- springt theils aus der verschiedenen Natur der zu messenden Gegenstände, theils aus Convention. Die Nützlichkeit eines Dings für das menschliche Leben macht es zum Gebrauchswert h^). Abkürzend nennen wir das nützliche Ding selbst oder den Waarenkörper, wie Eisen, Weizen, Diamant u. s. w., Gebrauchs wert h, Gut, Artikel. Bei Betrachtung der Gebrauchs- werthe wird stets quantitative Bestimmtheit vorausgesetzt, wie Dutzend Uhren, Elle Leinwand, Tonne Eisen u. s. w. Die Gebrauchswerthe der Waaren liefern das Material einer eignen Disciplin, der Waaren- kunde^). Der Gebrauchswert!! verwirklicht sich nur im Gebrauch oder der Consumtion. Gebrauchswerthe bilden den stofflichen Inhalt des Reichthums, welches immer seine gesellschaftliche Form sei. In der von uns zu betrachtenden Gesellschaftsform bilden sie zu- gleich die stofflichen Träger des — Tausch werths. Der Tauschwerth erscheint zunächst als das quantitative V e r - hältniss, die Proportion, worin sich Gebrauchswerthe einer Art gegen 3) „Things have an intrinsick vertue (diess bei Barbon die specifische Be- zeichnung für Gebrauchsw erth) , which in all places have the same vertue; as the loadstone to attraet iron" (1. c. p. 16). Die Eigenschaft des Magnets, Eisen anzuziehn, wurde erst nützlich^ sobald mau vermittelst derselben die magnetische Polarität entdeckt hatte. *) ,,The natural worth of anything consists in its fitness to supply the necessities, or serve the conveniences of human life." (John Locke: ,,Some Considerations on the Consequences oft he Lovvering ofinterest. • 169 1" in ,, Works edit. Lond. 1777" V. 11 p. 28). Im 17. Jahrhundert finden ' wir noch häufig bei englischen Schriftstellern ,, Worth" für Gebrauchswerth und ,,Valu e" für Tauschwerth, ganz im Geist einer Sprache, die es liebt, die anm ittelbare Sache germanisch und die reflectirte Sache romanisch aus- zudrücken. 5) In der büi'gerlichen Gesellschaft herrscht die fictio juris, dass jeder Mensch als Waarenkäufer eine encyklopädische Waarenkenntniss besitzt. Gebrauchswerthe anderer Art austauschen ^) , ein Verhältniss , das bestän- dig mit Zeit und Ort wechselt. Der Tauschwerth scheint daher etwas ZufäUiges und rein Relatives, ein der Waare innerlicher , immanenter Tauschwerth (valeur intrinseque) also eine contradictio in adjecto '^). Betrachten wir die Sache näher. Eine einzelne Waare, ein Quartev Weizen z, B. tauscht sich in den V e r s c h i e d e u s t e n P r 0 p 0 r t i 0 n e n mit andern Artikeln aus. Dennoch bleibt sein Tauschwerth unverändert, ob in x Stiefelwichse, y Seide, z Gold u. s. w. ausgedrückt. Er muss also von diesen seinen verschiede- nen A u s d r u c k s w e i s e n unterscheidbar sein. Nehmen wir feiner zwei Waaren, z. B. Weizen und Eisen. Welches immer ihr AustauschverhäKniss , es ist stets darstellbar in einer Gleichung, worin ein gegebenes Quantum Weizen irgend einem Quantum Eisen gleich- gesetzt wird , z. B, 1 Quarter Weizen = a Ctr. Eisen. Was besagt diese Gleichung? Dass derselbe Werth in zwei verschiednen Dingen, in 1 Qrtr. Weizen und ebenfalls in a Ctr. Eisen existirt. Beide sind also gleich einem Dri tten , das an und für sich weder das eine, noch das andere ist. Jedes der beiden, soweit es Tauschwerth, muss also, un- abhängig von dem andern, auf diess Dritte reducirbar sein. Ein einfaches geometrisches Be'ispiel veranschauliche diess. Um den Flächeninhalt aller gradlinigen Figuren zu bestimmen und zu vergleichen, löst man sie in Dreiecke auf. Das Dreieck selbst reducirt man auf einen von seiner sichtbaren Figur ganz verschiednen Ausdruck — das halbe Produkt seiner Grundlinie mit seiner Höhe. Ebenso sind die Tauschwerthe der Waaren zu reduciren auf ein Gemeinsames, wovon sie ein Mehr oder Minder darstellen. Dass die Substanz des Tauschwerths ein von der physisch-handgreif- lichen Existenz der Waare oder ihrem Dasein als G ebrau chs w^erth ^) ,,La val e nr consiste dans le rappo rt d 'echan ge qui se trouve entre teile chose et teile autre, entre teile mesure d'une production et teile mesure d'une autre." (Le Trosne: ,,De L'Interet Social". Phy si o crates. ed. Daire. Paris 1846. p. 889.) ') ,, Nothing can have an infrinsick value" (N. Barbon 1. c. p. 16), oder wie Butler sagt: ,,The value of a thing Is just as much as it will bring." 1* durchaus Versclüednes und Unabhängiges, zeigt ihr Austauschverhältniss auf den ersten Blick, Es ist charakterisirt eben durch die Abstraktion vom G e b r a u c h s w e r t h. Dena Tauschwerth nach betrachtet ist näm- hcli eine Waare grade so gut als jede andre , wenn sie nur in richtiger Proportion vorhanden ist*). Unabhängig von ihrem Austauschverhältniss oder von der Form, worin sie als Tausch- Werthe erscheinen, sind die Waaren daher zunächst als Werthe schlechthin zu betrachten^). Als Gebrauchsgegenstände oder Güter sind die Waaren körperlich v e r s c h i e d n e Dinge. Ihr W e r t h sein bildet dagegen ihre Einheit. Diese Einheit entspringt nicht aus der Natur, sondern aus der Gesellschaft. Die gemeinsame gesellschaftliche Substanz, die sich in verschiedneu Gebrauchswerthen nur verschieden darstellt, ist — die Arbeit. Als Werthe sind die Waaren nichts als krystallisirte Arbeit. Die Masseinheit der Arbeit selbst ist die einfache Durchschnitts- arbeit, deren Charakter zwar in verschiednen Ländern und Kultur- epochen wechselt, aber in einer vorhandnen Gesellschaft gegeben ist. Komplicirtere Arbeit gilt nur als potenzirte oder vielmehr multipli- cirte einfache Arbeit, so dass z. B. ein kleineres Quantum komplicirter Arbeit gleich einem grösseren Quantum einfacher Arbeit. Wie diese Reduktion geregelt wird, ist hier gleichgültig. Dass sie beständig voi- geht, zeigt die Erfahrung. Eine Waare mag das Produkt der komplicirte- sten Arbeit sein. Ihr Werth setzt sie dem Produkt einfacher Arbeit gleich und stellt daher selbst nur ein bestimmtes Quantum einfacher Ar- beit dar. Ein Gebrauchswerth oder Gut hat also nur einen Werth, weil Arbeit in ihm vergegenständlicht oder materialisirt ist. Wie nun die Grösse seines Werthes messen? Durch das Quantum der 8) ,,One sort of wares are as good as another, if the value be equal. There isnodifference or distinctionin things of equal value . . . One hundred pounds worth of lead or iron, is of as great a value as one hundred pounds worth of silver and gold." (N. Barb on 1. c. p. 53 u. 7.) 9) Wenn wir künftig das Wort ,, Werth" ohne weitere Bestimmung brau- chen, so handelt es sich immer vom Tauschwerth. in ihm enthaltenen ,,werthbilden(len Substanz", der Arbeit. Die Quan- tität der Arbeit selbst misst sich an ihrer Zeitdauer und die Arbeits- zeit besitzt wieder ihren Massstab an bestimmten Zeitt heilen, wie Stunde , Tag u. s. w. Es könnte scheinen , dass wenn der Werth einer Waare durch das während ihrer Produktion verausgabte Arbeitsquautum bestimmt ist , je fauler oder ungeschickter ein Mann, desto werthvoller seine Waare, weil er desto mehr Arbeitszeit zu ihrer Verfertigung braucht. Aber nur die gesellschaftlich noth wendige Arbeitszeit zählt als werth- bildend. Gesellschaftlich nothwendige Arbeitszeit ist Arbeitszeit, erheischt um irgend einen Gebrauchswerth mit den vorhandnen gesellschaftlich -nor- malen Produktiousbedingungen und dem gesellschaftlichen Durchschnitts- grad von Geschick und Intensivität der Arbeit herzustellen. Nach der Einführung des Dampf Webstuhls in England z. B. genügte vielleicht halb so viel Arbeit als vorher, um ein gegebenes Quantum Garn in Gewebe zu verwandeln. Der englische Handweber brauchte zu dieser Verwandlung in der That nach wie vor Jiieselbe Arbeitszeit , aber das Produkt seiner individuellen Arbeitsstunde stellte jetzt nur noch eine halbe gesell- schaftliche Arbeitsstunde dar und fiel daher auf die Hälfte seines früheren Werths. Es ist also nur das Quantum gesellschaftlich noth wen- diger Arbeit oder die zur Herstellung eines Gebrauchs- werths gesellschaftlich nothwendige Arbeitszeit, welche seine Werth grosse bestimmt. Die einzelne Waare gilt hier überhaupt als Diirchschnittsexemplar ihrer Art 'O). Waaren , worin gleich grosse Arbeitsquanta enthalten sind, oder die in der selben A rb ei tszeit hergestellt werden können, haben daher dieselbe Werth grosse. Der Werth einer Waare verhält sich zum Werth jeder andern Waare, wie die zur Produktion der einen nothwendige Arbeitszeit zu der für die Pro- ■ duktion der andern nothwendigen Arbeitszeit. ,,AIs Werthe sind alle 1 Waaren nur bestimmte Masse f e s t g e r o n n e n e r Arbeitszeit"")- 1 "Xl" '*') ,,Toutes les productions d'un mGrae genre ne forment proprement qu'une massc, dont le prix se determine en general et sans egard aux circonstances par- ticulieies". (LeTrosne 1. c. p. 893.) ") K. Marx 1. c. p. 6. Die Wert h grosse einer Waare bliebe daher coiistaiit, wäre die zu ihrer Produktion erheischte Arbeitszeit constant. Letztere wech- selt aber mit jedem Wechsel in der Prodiiktivkraft der Arbeit. Die Prodiiktivkraft der Arbeit ist durch mannigfache Umstände be- stimmt, unter andern durch den Durchschnittsgrad des Geschickes der Arbeiter, die Entwicklungsstufe der Wissenschaft und ihrer technolo- gischen Anwendbarkeit, die gesellschaftliche Combination des Pro- duktionsprozesses, den Umfang und die Wirkungsfähigkeit der Pro- duktionsmittel, und durch Naturverhältnisse. Dasselbe Quantum Arbeit stellt sich z. B. mit günstiger Jahreszeit in 8 Bushel Weizen dar, mit ungünstiger in nur 4. Dasselbe Quantum Arbeit liefert mehr Metalle in reichhaltigen, als in armen Minen u. s. w. Diamanten kommen selten in der Erdrinde vor und ihre Findung kostet daher i m Durch- schnitt viel Arbeitszeit. Folglich stellen sie in wenig Volumen viel Ar- beit dar. J a c 0 b bezweifelt , dass Gold jemals seinen vollen Werth be- zahlt hat. Noch mehr gilt diess vom Diamant. Nach Eschwege hatte 1823 die achtzigjährige Gesammtausbeute der brasilischen Diamant- gruben noch nicht den Werth des 1 1/2 jährigen Durchschnittsprodukts der brasilischen Zucker- oder Kaffeepflanzungen erreicht. Mit reichhaltigeren Gruben würde dasselbe Arbeitsquantum sich in mehr Diamanten darstel- len und ihr Werth sinken. Gelingt es mit wenig Arbeit Kohle in Dia- mant zu verwandeln , so kann sein Wertli unter den von Ziegelsteinen fal- len. Allgemein: Je grösser die Produktivkraft der Arbeit, desto kleiner die zur Herstellung eines Artikels erheischte Arbeitszeit, desto kleiner die in ihm krystallisirte Arbeitsmasse , desto kleiner sein Werth. Umgekehrt, je kleiner die Produktivkraft der Arbeit, desto grösser die zur Herstellung eines Artikels nothwendige Arbeitszeit, desto grösser sein Werth. Die Werthgrösse einer Waare wechselt also direkt wie das Quan- t u m und umgekehrt wie die P r 0 d u k t i v k r a f t der sich in ihr ver- wirklichenden Arbeit. Wir kennen jetzt die Substanz des Werths. Es ist die Arbeit. Wir kennen sein G r ö s s e n m a s s. Es ist die Arbeitszeit. Seine Form, die den Werth eben zum Tausch -Werth stempelt, bleibt zu analysiren. Vorher jedoch sind die bereits gefundenen Bestimmungen «twas näher zu entwickeln. Ein Dins: kann Gebrauchs w erth sein, ohne Tauschwerth zu sein. Es ist diess der Fall , wenn sein Dasein für den Menschen nicht durch Arbeit vermittelt ist. So Luft , jungfräulicher Boden , natürliche Wiesen, wildwachsendes Holz u. s. w. Ein Ding kann nützlich und Pro- dukt menschlicher Arbeit sein , ohne W a a r e zu sein. Wer durch sein Produkt sein eignes Bedürfniss befriedigt, schafft zwar Gebrauchs- wert h , aber nicht W a a r e. Um Waare zu produciren , muss er nicht nur Gebrauchs werth produciren, sondern Gebrauchs wert h für andre, gesellschaftlichen G ebrauchs werth. Endlich kann kein Ding Werth sein, ohne Gebrauchsgegenstand zu sein. Ist es nutz- los, so ist auch die in ihm enthaltene Arbeit nutzlos, zählt nicht als Arbeit und bildet daher keinen Werth. Ursprünglich erschien uns die Waare als ein Z wies chl äch- tiges, Gebrauchswerth und Tauschwerth. Näher betrachtet wird sich zeigen, dass auch die in der Waare enthaltene Arbeit zwie- schlächtig ist. Dieser Punkt, der von mir zuerst kritisch entwickelt wurde '-) , ist der Springpunkt , um den sich das Verständniss der po- litischen Oekonomie dreht. Nehmen wir zwei Waaren, etwa einen Rock und 10 Ellen Leinwand. Der erstere habe den zweifachen Werth der letzteren , so dass wenn 10 Ellen Leinwand = W, der Rock = 2 W. Der Rock ist ein Gebrauchswerth , der ein besondres Bedürfniss be- friedigt. Um ihn hervorzubringen , bedarf es einer bestimmten Art zweckmässig produktiver Thätigkeit. Sie ist bestimmt nach Zweck, Operationsweise , Gegenstand , Mitteln und Resultat. Die Arbeit, deren Nützlichkeit sich so im Gebrauchswerth ihres Produkts oder darin darstellt, dass ihr Produkt ein Gebrauchswerth ist , heisse hier der Verein- fachung halber kurzweg nützliche Arbeit. Unter diesem Gesichts- punkt ist sie stets betrachtet in Bezug auf den Nutzeffekt, dessen Hervorbringung sie bezweckt. WieRock und Leinwand qualitativ verschiedne Gebrauchs- wert h e , so sind die ihr Dasein vermittelnden Arbeiten qualitativ verschieden — Schneiderarbeit uud Weberei. Wären jene Dinge nicht qualitativ verschiedne Gebrauchswerthe und daher Produkte qualitativ verschiedner nützlicher Arbeiten, so konnten sie sich über- '-) 1. c. p. 12, 13 und passim. liaiipt nicht als W a a r e n gegenübertreten. Rock tauscht sich nicht aus gegen Rock, derselbe Gebrauchswerth nicht gegen denselben Gebrauch swerth. In der Gesammtheit der verschiedenartigen Gebrauchswerthe oder Waarenkörper erscheint eine Gesammtheit eben so mannigfaltiger, nach Gattung, Art, Familie, Unterart , Varietät verschiedner nützlicher Arbeiten — eine g e s e 1 1 s c h a f 1 1 i c h e T h e i I u n g d e r A r b e i t. Sie ist Exi- stenzbedingung der Waarenproduktion , obgleich Waarenproduktion nicht umgekehrt Existenzbedingung gesellschaftlicher Arbeitstheilung. In der altindischen Gemeinde ist die Arbeit gesellschaftlich getheilt, ohne dass die Produkte zu Waaren werden. Oder, ein näher liegendes Beispiel, in jeder Fabrik ist die Arbeit systematisch getheilt , aber diese Theilung nicht dadurch vermittelt , dass die Arbeiter ihre i n d i v i d u e 1 1 e n P r o - d u k t e austauschen. Nur Produkte selbstständiger und von einander unabhängiger Privatarbeiten treten einander als Waaren gegenüber. Man hat also gesehn : In dem Gebrauchswerth jeder Waäre steckt eine bestimmte zweckmässig produktive Thätigkeit oder nützliche Arbeit. Gebrauchswerthe können sich nicht als Waaren gegenübertreten, wenn nicht qualitativ verschiedne nützliche Arbeiten in ihnen stecken. In einer Gesellschaft, deren Produkte allgemein die Form der Waare anneh- men, d. h. in einer Gesellschaft von Waarenproducenten , entwickelt sich dieser qualitative Unterschied der nützlichen Arbeiten , welche unabhängig von einander als Privatgeschäfte selbstständiger Producenten betrieben werden, zu einem yielgliedrigen System , zu einer gesellschaftlichen Thei- lung der Arbeit. Dem Rock ist es übrigens gleichgültig , ob er vom Schneider oder vom Kunden des Schneiders getragen wird. In beiden Fällen wirkt er als Gebrauchswerth. Ebensowenig ist das Verhältniss zwischen dem Rock und der ihn producirenden Arbeit an und für sich dadurch verändert , dass die Schneiderarbeit eigne Profession wird, selbstständiges Glied der gesell- schaftlichen Theilung der A.rbeit. Wo ihn das Kleidungsbedürfniss zwang, hat der Mensch Jahrtausende lang geschneidert, bevor aus einem Menschen ein Schneider ward. Aber das Dasein von Rock, Leinwand , jedem nicht von Natur vorhandnen Element des stofflichen R eich th ums, musste immer vermittelt sein durch eine spezielle , zweckmässig produktive Thätigkeit, die besondere Naturstoffe besondern menschlichen Bedürfnissen 9 assimilirt. Als Bildnerin von Gebrauchswerthen , als nützliche Ar- beit, ist die Arbeit daher von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen, ewige Naturnothwendigkeit, um den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur , also das menschliche Leben w. vermitteln. Die Gebrauchswerthe Rock , Leinwand u. s. w., kurz die Waaren- körper, sind Verbindungen von zwei Elementen, Naturstoff und Arbeit. Zieht man die Gesammtsumme aller verschiedenen nützlichen Arbeiten ab , die in Rock , Leinwand iv. s. w. stecken , so bleibt stets ein materielles Substrat zurück, das oiine Zuthun des Menschen von Natur vor- handen ist. Der Mensch kann in seiner Produktion nur verfahren, wie die Natur selbst, d. h. nur die Formen der Stoffe ändern ^3) Noch mehr. In dieser Arbeit der Formung selbst wird er beständig unterstützt von Naturkräften. Arbeit ist also nicht d i e e i n z i g e Q u e 1 1 e d e r von ihr p r o d u c i r t e n Gebrauchswerthe, des stofflichen R e i c h t h u m s. Die Arbeit ist sein Vater , wie William P e 1 1 y sagt, und die Erde seine Mutter. Gehn wir nun von der V^^aare, so weit sie Gebrauchsgegenstand, über zum Waaren-W e r t h . Nach unsrer Unterstellung hat der Rock den doppelten Werth der Leinwand. Diess ist aber nur ein quantitativer Unterschied, der uns zunächst noch nicht interessirt. Wir erinnern daher, dass wenn der Werth eines Rockes doppelt so gross als der von 10 Ellen Leinwand, 20 Ellen Leinwand dieselbe Werth grosse haben wie ein Rock. '3) ,,Tutti i fenomeni dell' universo , sieno essi prodotti della mano dell' iiomo, ovvero delle universali leggi della fisica, non ci danno idea di attuale crea- zione, ma unicamente di una mod if icazi o ne della materia. Accostare e separare sono gli unici elementi che l'ingegno innano ritrova analizando l'idea della fiproduzione ; e tanto e riproduzione di valore (Gebr auchswerth , ob- gleich Verri hier in seiner l'olemik gegen die Physiokraten selbst nicht recht weiss, von welcher Sorte Werth er spricht) e di richezze se la terra, l'aria e l'acqua ne campi si transmutino in grano, come se collamano dell' uomo il glutine di iin insetto si transmuti in velluto, ovvero alcuni pezzetti di metallosiorganizzinoaformareuna ripetizione". (Pietro Verri: ,,Medi t azi o ni sulla Economia Poli- tica" (zuerst gedruckt 1773) in der Ausgabe der italienischen Oekonomen von Custodi, Parte Moderna, t. XV p. 22.) 10 Als Wertlie sind Rock und Leinwand Dinge von gleicher Substanz, objektive Ausdrücke gleichartiger Arbeit. Aber Seh neider- arbeit und Weberei sind qualitativ verschiedne Arbeiten. Es giebt jedoch Gesellschaftszustände , worin derselbe Mensch abwechselnd schneidert und webt, diese beiden verschiednen Arbeitsweisen daher nur Modi ficatio neu der Arbeit desselben Individuums und noch nicht besondre feste Functionen verschiedner Individuen sind, ganz wie der Rock , den unser Schneider heute , und die Hosen , die er morgen macht, nur Variationen derselben individuellen Arbeit voraussetzen. Der Augenschein lehrt ferner , dass in inisrer kapitalistischen Gesellschaft , je nach der wechselnden Richtung der Arbeitsnachfrage , eine gegebene Portion menschlicher Arbeit abwechselnd in der Form von Schneiderei oder in der Form von Weberei zugeführt wird. Dieser Fornr- wechsel der Arbeit mag nicht ohne Friction abgehu, aber er muss gehn. Sieht man ab von der Bestimmtheit der produktiven Thätigkeit und daher vom nützlichen Charakter der Arbeit, so bleibt das an ihr, dass sie eine Verausgabung menschlicher Arbeitskraft ist. Schneider- arbeit und Weberei, obgleich qualitativ verschiedne produktive Thätig- keiten, sind beide produktive Verausgabung von menschlichem Hirn, Muskel, Nerv, Hand u. s. w., und in diesem Sinn beide menschliche Arbeit. Es sind nur zwei verschiedne Formen, menschliche Arbeits- kraft zu verausgaben. Allerdings muss die menschliche Arbeitskraft selbst mehr oder minder entwickelt sein , um in dieser oder jener Form veraus- gabt zu werden. Der Werth der Waaren aber stellt menschliche Arbeit schlechthin dar , Vei-ausgabung menschlicher Arbeitskraft über- haupt. Wie nun in der bürgerlichen Gesellschaft ein General oder Ban- quier eine grosse , der Mensch schlechthin dagegen eine sehr schäbige Rolle spielt *'*) , so steht es hier auch mit der menschlichen Arbeit. Sie ist Verausgabung einfacher Arbeitskraft, die jeder gewöhnliche Mensch, ohne besondere Entwicklung, in seinem leiblichen Organismus be- sitzt. Die x^rbeitskraft eines Bauernknechts gelte z. B. für einfache Ar- beitskraft, ihre Verausgabung daher für einfache Arbeit oder mensch- liche Arbeit ohne weitern Schnörkel, Schneiderarbeit dagegen für »'•) Vgl. Hegel, ,, Philosophie des Rechts. Berlin 1840", p. 250, §. 190. — 11 — Verausgabung liöliei- entwickelter Arbeitskraft. Wälirencl sich der Arbeits- tag des Bauernknecbts daher etwa im Wertliausdrnck von '/a^^'^j stellt sich der Arbeitstag des Schneiders im Werthausdrneke von W dar^^). Dieser üntersdiied ist jedoch nur q u a n t i t a t i v. Wenn der Rock das Produkt eines Arbeitstags des Schneiders, hat er denselben Werth wie das Produkt von 2 Arbeitstagen des Bauernknechts. So zählt aber die Sclineiderarbeit immer nur als m u 1 ti plici rte Bauernarbeit. Die ver- scliiediien Proportionen , worin Aerschiedne Arbeitsarten auf einfache Ar- beit als ihre Masseinheit reducirt sind, werden durch einen gesell- schaftlichen Prozess hinter dem Rücken der Produzenten festgesetzt und scheinen ihnen daher durch das Herkommen gegeben. Der Vereinfachung hülber gilt uns im Folgenden jede Art Arbeitskraft unmittelbar für ein- fache Arbeitskraft, wodurch nur die Mühe der Reduktion erspart wird. Wie also in den Werthen Rock und Leinwand von dem ünter- sdiied ihi-er G e b r a u c h s w e r t h e abstrahirt ist , so iji der Arbeit, die diese Wert he darstellen, von dem ünterscliied der nützlichen Formen, worin sie das einemal S c h u e i d e r a r b e i t ist , das andremal W e b e r e i. Wie die Gebrauchs w e r t h e Rock und Leinwand V e r - bin dun gen zweckbestimmter , produktiver Thätigkeiten mit Tuch und Garn sind , die Wert he Rock und Leinwand dagegen blosse gleich- artige Arbeits g alle rten, so gilt auch die in diesen Werthen enthaltene Arbeit nicht durch ihr produktives Verhalten zu Tuch und Garn, sondern nur als Verausgabung menschlicher Arbeitskraft. Bildungselemente der G e b r a u c h s w e r t h e Rock und Leinwand sind Schneiderarbeit und Weberei eben durch ihre verschiednen Qualitäten, Substanz des Rock w e r t h s und Leinwand w e r t h s sind sie nur, soweit von ihrer besoiidern Qualität abstrahirt wird und beide gleiche Qualität besitzen, die Qualität menschlicher Arbeit. Rock und Leinwand sind aber nicht nur W e r t h e ü b e r h a u p t , son- dern Werthe von bestimmter Grösse und nach unsrer Unterstellung ist der Rock doppelt so viel werth, als 10 Ellen Leinwand. Woher diese i"^) Der Leser rauss aufmerken, dass hier nicht vom Lohn oder Werth die Rede ist, den der Arbeiter etwa für einen Arbeitstag erhält, sondern vom Waaren- werth, worin sich sein Arbeitstag vergegenständlicht. Die Kategorie des Ar- beitslohns existirt überhaupt noch nicht auf dieser Stufe unsrer Darstellung. 12 • Verschiedenheit ihrer W e r t h g r ö s s e n ? Daher dass die Leinwand nur halb so viel Arbeit enthält, als der Rock , sodass zur Produktion des letz- tern die Arbeitskraft während doppelt soviel Zeit verausgabt werden niuss, als zur Produktion der erstem. Wenn also mit Bezug auf den Gebrauchs wert h die in der Waare enthaltne Arbeit nur qualitativ gilt, gilt sie mit Bezug auf die W e r t h g r ö s s e nur quantitativ, nachdem sie bereits auf menschliche Arbeit ohne weitere Qualität reducirt ist. Dort handelt es sich um das Wie und Was der Arbeit, hier um ihr Wie Viel, ihre Zeitdauer. Da die Werthgrösse einer Waare nur das Quantum der in ihr enthaltnen Arbeit misst, müssen Waareu in gewisser Proportion stets gleich grosse Werthe sein. Bleibt die Produktivkraft sage aller zur Produktion eines Rocks erheischten nützlichen Arbeiten unverändert, so steigt die Werthgrösse der Röcke mit ihrer eignen Quantität. Wenn 1 Rock x, stellen 2 Röcke 2 x Arbeitstage dar u. s. w. Nimm aber an, die zur Produktion eines Rocks nothwendige Arbeitszeit steige auf das Doppelte oder falle um die Hälfte. Im ersten Fall hat ein Rock soviel Werth als vorher zwei Röcke, im letz- tern Fall haben zwei Röcke nur so viel Werth, als vorher einer, obgleich in beiden Fällen ein Rock nach wie vor dieselben Dienste leistet und die in ihm enthaltne nützliche Arbeit nach wie vor von derselben Gute bleibt. Aber das in seiner Produktion verausgabte Arbeits quan tum hat sich verändert. Ein grössres Quantum Gebrauchswerth bildet an und für sich grös- sern stofflichen R e i c h t h u m , zwei Röcke mehr als einer. Mit zwei Röcken kann mau zwei Menschen kleiden, mit einem Rock nur einen Men- schen u. s. w. Dennoch kann der steigenden Masse des stofflichen Reich- thums ein gleichzeitiger Fall seiner Werthgrösse entsprechen. Diese gegensätzliche Bewegung entspringt aus der zwieschlächtigen Be- stimmung der Arbeit. Produktivkraft ist natürlich stets Produktivkraft nützlicher, konkreter Arbeit. Sie drückt in der That nur den Wirkungs- grad zweckbestimrater produktiver Thätigkeit in gegebnem Zeitraum aus. Die nützliche Arbeit wird daher reichere oder dürftigere Produktenquelle im direkten V e r h ä 1 1 n i s s zum Steigen oder Fallen ihrer Produktiv- kraft. Dagegen trifft ein Wechsel der Produktivkraft die im Werth dargestellte Arbeit an und für sich gar nicht. Da die Produktivkraft der 13 — ~ konkreten nüfzlichen Form der Arbeit angehört , kann sie uatürlich die Arbeit nicht mehr berühren, sobald von ihrer konkreten iiützliclien Form abstrahirt wird. Dieselbe Arbeit stellt sich daher iu denselben Zeit- r ä n m e n stets in derselben W e r t h g r ö s s e dar , wie immer die Pro- duktivkraft wechsle. Aber sie liefert in d e m s e 1 b e n Z e i t r a u m v e r - s c h i e d n e Q u a n t a_ G e b r a u c h s w e r t h e , mehr wenn die Produktiv- kraft steigt, weniger, wenn sie sinkt. Im erstem Fall kann es geschehn, dass 2 Röcke weniger Arbeit enthalten als früher einer. Derselbe Wech- sel der Produktivkraft, der die Fruchtbarkeit der Arbeit und daher die Masse der von ihr gelieferten Gebrauchswerthe vermehrt , kann also die Werthgrösse selbst der vermehrten Gesammtmasse vermindern, wenn er nämlich die zu ihrer Produktion nothwendige Arbeitszeit ab- kürzt. Ebenso umgekehrt. Aus dem Bisherigen folgt , dass in der Waare zwar nicht zw ei ver- schiedene Sorten Arbeit stecken, wohl aber dieselbe Arbeit verschieden und selbst entgegengesetzt bestimmt ist, je nachdem sie auf den Ge- b r a u c h s w e r t h der Waare als ihr Produkt oder auf den W a a r e n - Wer th als ihren bloss gegenständlichen Ausdruck bezogen wird. Wie die Waare vor allem Gebrauchsgegenstand sein muss , um Werth zu sein , so muss die Arbeit vor allem nützliche Arbeit , zweckbestimmte pro- duktive Thätigkeit sein, um als Verausgabung menschlicher Arbeitskraft und daher als menschliche Arbeit schlechthin zu zählen. Da bisher nur noch Werthsubstauz und Werthgrösse bestimmt , wen- den wir uns jetzt zur Analyse der Werthform. Kehren w'ir zunächst wieder zurück zur ersten Erscheinungs- form des Waarenwerths. Wir nehmen zwei Quanta Waaren , die gleichviel Arbeitszeit zu ihrer Produktion kosten , also gleiche Werthgrössen sind , und wir haben 4 ö Ellen Lein wand = 2 Röcke, oder 40 Ellen Lein- wand sind zwei Röcke werth. Wir sehn, dass der Werth der Lein- wand iu einem bestimmten Quantum von Röcken ausge^drückt ist. Der Werth einer Waare, so dargestellt im Gebrauchs werth einer andern Waare , heisst ihr relativer W e r t h. Der relative Werth einer Waare kann wechseln , obgleich ihr Werth constant bleibt. Umgekehrt kann ihr relativer Werth coustant bleiben, 14 obgleich ihr Werth wechselt. Die Gleiclning : 4 0 Ellen Leinwand = 2 Röcke setzt nämlich voraus, dass beide Waaren gleich viel Arbeit kosten. Mit jedem Wechsel in der Prodiiktivkraft der sie hervorbringen- den Arbeiten wechselt aber die zu ihrer Produktion noth wendige Arbeits- zeit. Betrachten wir den Eiutluss solcher Wechsel auf den relativen Werth. I. Der Werth der Leinwand wechsle, während der Rockwerth con- stant bleibt. Verdoppelt sich die zur Produktion der Leinwand veraus- gabte Arbeitszeit, etwa in Folge zunehmender Unfriu-htbarkeit des flaclis- tragendeu Bodens, so verdoppelt sich ihr Werth. Statt 40 Ellen Lein- wand = 2 Röcke, hätten wii' : 4 0 Ellen Leinwand =^ 4 R ö c k e , da 2 Röcke jetzt nur halb so viel Arbeitszeit enthalten als 40 Ellen Lein- wand. Nimmt dagegen die zur Produktion der Leinwand nothwendige Arbeitszeit um die Hälfte ab , etwa in Folge verbesserter WebstiUde , so sinkt der Leinwand wert h um die Hälfte. Demgemäss jetzt: 4 0 Ellen Leinwand = 1 Rock. Der relative Werth der Waare A , d.h. ihr Werth ausgedrückt in der Waare B , s t e i g t u n d f ä 1 1 1 also direkt wie der W e r t h d e r W a a r e A , bei gleichbleibendem Werth der Waare B. H. Der Werth der Leinwand bleibe constant , während der Rock- werth wechsle. Verdoppelt sich unter diesen Umständen die zur Pro- duktion des Rockes nothwendige Arbeitszeit , etwa in Folge ungünstiger Wollschur, so haben wir statt 40 Ellen Leinwand = 2 Röcke jetzt : 4 0 El- len Leinwand = 1 Rock. Fällt dagegen der Wortli des Rocks um die Hälfte, so 4 0 Ellen L e i n w a n d = 4 R ö c k e. Bei gleichbleibendem Werth der Waare A , fällt oder steigt daher ihr relativer , in der Waare B ausgedrückter Werth im umgekehrten Verhältniss zum W e r t h w e c h s e I V 0 n B. Vergleicht man die verschiedenen Fälle sub I und H, so ergiebt sich, dass derselbe Wechsel des relativen W e r t h s aus ganz ent- gegengesetzten Ursachen entspringen kann. So wird aus 40 Ellen Leinwand = 2 Röcke 1) die Gleichung 4 0 Ellen Leinwand = 4 Röcke, entweder weil der Werth der Leinwand sich verdoppelt oder der Werth der Röcke um die Hälfte fällt, und 2) die Gleichung 40 Ellen Leinwand ^^1 Rock, entweder weil der Werth 15 der Leinwand um die Hälfte sinkt oder der Wertli des Rockes auf das Doppelte steigt. III. Die zur Produktion von Leinwand und Rock nothwendigen Arbeitsquauta wechseln gleichzeitig , in derselben Richtung und derselben Proportion. In diesem Falle nach wie vor 4 0 Ellen Leinwand = 2 Röcke, wie immer ihre Werthe verändert seien. Man entdeckt ihren Werthwechsel , sobald man sie mit einer dritten Waare vergleicht, deren Werth constant blieb. Stiegen oder fielen die Werthe a 1 1 e r Waaren gleich- zeitig und in derselben Proportion, so blieben ihre relativen Werthe unverändert. Ihren wirklichen Werthwechsel ersähe man daraus , dass in derselben Arbeitszeit nun allgemein ein grösseres oder kleineres Waaren- quantum als vorher geliefert würde. IV. Die zur Produktion von Leinwand und Rock resp. nothwendigen Arbeitszeiten , und daher ihre Werthe , mögen gleichzeitig in derselben Richtung wechseln , aber in ungleichem Grad , oder in entgegengesetzter Richtung u. s. w. Der Einfluss alier möglichen derartigen Combinatio- nen auf den relativen Werth einer Waare ei'giebt sich einfach durch An- wendung der Fälle L, II. und III. Wir haben eben untersucht, wie weit Wechsel in der relativen Werthgrösse einer Waare, der Leinwand, einen Wechsel ihrer eignen W e r t h g r ö s s e wiederspiegelt , und überhaupt den relativen Werth nur nach seiner quantitativen Seite betrachtet. Wir wenden uns jetzt zu seiner Form. Wenn der relative Werth D ai" s t e 1 1 u n g s f o r ra des Werth s, ist der Ausdruck der Aequivalenz zweier Waaren, wie X Waare A = y Waare B oder 20 Ellen Leinwand = 1 Rock, die ei n- fache Form des relativen Werths. I. Erste oder einfache Form des relativen Werths: 2 0 E 1 1 e n L e i n w a n d = 1 R 0 c k. (x W a a r e A =^ y W a a r e B.) Diese Form ist etwas schwierig zu analysiren , weil sie einfach ist '*'). Die in ihr enthaltenen unterschiedenen Bestimmungen sind ver- hüllt, unentwickelt, abstrakt und daher nur durch einige Anstiengung der Abstraktionskraft auseinander- und festzuhalten. So viel ergiebt sich "') Sie ist gewissermassen die Zellenfürm oder, wie Hegel sagen würde, das An sich des Geldes. 16 aber auf den ersten Blick , dass die F 0 r m dieselbe bleibt , ob 20 Ellen Leinwand = 1 Rock oder 20 Ellen Leinwand = x Röcke ''^). . Leinwand kömmt auf die Welt in Gestalt eines Gebrauchswertbs oder nützlichen Dings. Ihre steifleinene Körperlichkeit oder Natural- form ist daher nicht ihre Wer thform , sondern deren grades Gegen- theil. Ihr eignes Werth sei n zeigt sie zunächst dadurch , dass sie sich auf eine andre Waare, den Rock, als ihr Gleiches bezieht. Wäre sie nicht selbst Werth, so könnte sie sich nicht auf den Rock als Werth, als Ihresgleichen, beziehn. Qualitativ setzt sie sich den Rock gleich, indem sie sich auf ihn bezieht als Vergegenständlichung gleichartiger menschlicher Arbeit, d. h. ihrer eignen Werthsub st anz, und sie setzt sich nur einen Rock gleich statt X Röcke , weil sie nicht nur Werth überhaupt , sondern Werth von be- stimmter Grösse ist , ein Rock aber grade soviel Arbeit enthält als 20 Ellen Leinwand. Durch diese Beziehung auf den Rock schlägt die Leinwand verschiedne Fliegen mit einer Klappe. Indem sie die andre Waare sich als Werth gleichsetzt, bezieht siesichaufsich selbst als Werth. Indem sie sich auf sich selbst als Werth be- zieht, un t er scheidet sie sich zugleich von sich selbst als Ge- brau c h s w e r t h. Indem sie ihre Werth grosse — und Werthgrösse ist beides, Werth überhaupt und quantitativ gemessner Werth — im Roc ke ausdrückt, giebt sie ihrem Werth sein eine von ihrem un- mittelbaren Dasein unterschiedne Werth form. Indem sie sich so als ein in sich selbst Differenzirtes darstellt, stellt sie sich erst wirklich als Waare dar — nützliches Ding, das zugleich Werth ist. Soweit die Leinwand Gebrauchswerth , ist sie ein s e 1 b s t s t ä n d i g e s Ding. Ihr Werth erscheint dagegen nur im Verhältniss zu andrerWaare, dem Rocke z. B., ein Verhältniss , worin die Waarenart Rock ihr quali- tativ gleichgesetzt wird und daher in bestimmter Quantität •') Die wenigen Oekonomen, die sieh, wie J. Bailey, mit der Analyse der Werthform beschäftigt liabeu, konnten zu keinem Resultat kommen, einmal, weil sie Werthform und Werth verwechseln , zweitens , weil sie , unter dem rohen Eln- fluss des praktischen Bürgers, von vorn herein ausschliesslich die quantitative Be- stimmtheit ins Auge fassen. ,,The command of quantity .... constitutes value". (, ,MoneyanditsVicissitudes". Lond. 1837, p. 11.) Verfasser : J. Bailey. 17 gleichgilt, sie ersetzt, mit ihr austauschbar ist. Eigne, vom Gebrauchs- werth nn terscliiedne Form erhält der Werth daher nur durch seine Darstellung als T a u s c h w e r t h. ^ Der Ausdruck des Leinwand werth s im Rocke 'prägt dem Rocke selbst eine neue Form auf. In der That, was besagt die Werthform der Leinwand ? Dass der Rock mit ihr austauschbar ist. Wie er geht oder liegt, mit Haut und Haaren , in seiner Natural form Rock be- sitzt er jetzt die Form unmittelbarer Austauschbarkeit mit andrer Waare, die Form eines austauschbaren Gebrauchswerths oder Aequivalents. Die Bestimmung des Aequivalents enthält nicht mir, dass eine Waare Werth überhaupt ist, sondern dass sie in ihrer ding- lichen Gestalt, in ilirer Gebrauchsform, andrer Waare als Werth gilt und daher unmittelbar als Tausch werth für die andre Waare da ist. Als Werth besteht die Leinwand nur aus Arbeit, bildet eine durch- sichtig krystallisirte Arbeitsgallerte. In der Wirklichkeit ist dieser Kry- stall jedoch sehr trüb. Soweit Arbeit in ihm zu entdecken , und nicht jeder Waarenkörper zeigt die Spur der Arbeit, ist es nicht unterschiedslose menschliche Arbeit, sondern Weberei , Spinnerei u. s. w., die auch keines- wegs seine einzige Substanz bilden , vielmehr mit Naturstoffen verquickt sind. Um Leinwand als bloss dinglichen Ausdruck menschlicher Arbeit festzuhalten , muss man von allem absehn , was sie wirklich zum Ding macht. Gegenständlichkeit der menschlichen Arbeit, die selbst abstrakt ist, ohne weitere Qualität und Inhalt, ist nothwendig abstrakte Gegen- ständlichkeit , ein G e d a n k e n d i n g. So wiid das Flachsgewebe zum Hirngespinnst. Aber Waaren sind Sachen. Was sie sind, müssen sie sachlich sein oder in ihren eignen sachlichen Beziehungen zeigen. In der Produktion der Leinwand ist ein bestimmtes Quantum menschlicher Arbeitskraft verausgabt worden. Ihr Werth ist der bloss gegenständ- liche Reflex der so verausgabten Arbeit, aber er reflektirt sich nicht in ihrem Körper. Er offenbart sich, erhält sinnlichen Ausdruck durch ihr Werth verh ältni ss zum Rock. Indem sie ihn als Wert h sich gleichsetzt, während sie sich zugleich als Ge- brauchsgegenstand von ihm unterscheidet, wird der Rock die Erscheinun 2:sform des Leinwand -Werth s im Gegensatz zum 18 Leinwand - K ö r p e r , ihre Werthform im Unterschied von ihrer Na- tur al form *S). Jn dem relativen Werthausdruck: 20 Ellen Leinwand = 1 Rock oder X Leinwand ist y Rockwerth, gilt der Rock zwar nur als Werth oder Arbeitsgallerte, aber eben dadurch gilt die Arbeitsgallerte als Rock, der Rock als die Form , worin menschliche Arbeit gerinnt ^^''). Der Ge- brauchswerth Rock wird nur zur Erscheinungsform des Leinwand- Werths, weil sich die Leinwand auf das Rockmaterial als unmittelbare Materiatur abstrakter menschlicher Arbeit bezieht , also Arbeit gleicher Art wie die in ihr selbst vergegenständlichte. Der Gegenstand Rock gilt ihr als sinnlich handgreifliche Gegenständlichkeit gleichartiger menschlicher Arbeit , daher als Werth in Naturalform. Da sie als Werth gleichen Wesens mit dem Rock ist , wird die Naturalform Rock so zur Erscheinungsform ihres eignen Werths. Aber die im G e - brauch s werth Rock dargestellte Arbeit ist nicht menschliche Arbeit schlechthin, sondern eine bestimmte, nützliche Arbeit, Schneider arbeit. Menschliche Arbeit schlechthin , Verausgabung menschlicher Arbeitskraft, ist zwar jeder Bestimmung fähig , aber an und für sich unbestimmt. Ver- wirklichen , vergegenständlichen kann sie sich nur , sobald die menschliche Arbeitskraft in bestimmter Form verausgabt wird , als bestimmte Arbeit, denn nur der bestimmten Arbeit steht ein Naturstoff gegen- über , ein äusseres Material, worin sie sich vergegenständlicht. Bloss der Hegel'sche ,,Begriff" bringt es fertig, sich ohne äussern Stoff zu objek- tiviren ^^). '**) Man spricht desshalb vom Rockwerth der Leinwand , wenn man ihren Werth in Röcken, von ihrem Kornwerth, wenn man ihn in Korn darstellt u. s. w. Jeder solcher Ausdruck besagt, dass es ihr Werth ist, der in den Ge- brauchswerthen Rock, Korn u. s. w. erscheint. 18a) In gewisser Art gehts dem Menschen wie der Waare. Da er weder mit einem Spiegel auf die Welt kommt, noch als Fiehtescher Philosoph : Ich bin Ich, bespiegelt sich der Mensch zuerst nur in einem andern Mengchen. Erst durch die Beziehung auf den Menschen Paul als seinesgleichen , bezieht sich der Mensch Peter auf sich selbst als Mensch. Damit gilt ihm aber auch der Paul mit Haut und Haaren , in seiner paulinischen Leiblichkeit , als Erscheinungsform des genus Mensch. '9) ,, Der Begriff', welcher zunächst nur subjektiv ist, schreitet, ohne dass es 19 Die Leinwand kann sich nicht auf den Rock als Werth oder incar- nirte menschliclie Arbeit beziehn, ohne sich auf Sehn ei der - arbeit als die unmittelbare Verwirklichungsform mensch- licher Arbeit zu beziehen. Was jedoch die Leinwand am Gebrauchs- werth Rock interessirt, ist weder seine wollne Behäbigkeit , noch sein zu- geknöpftes Wesen , noch irgend eine andre nützliche Qualität , die ihn zum Gebraucliswerth stempelt. Er dient ihr nur dazu , ihre Werthgegenständ- lichkeit im Unterschied von ihrer steifleinenen Gebrauchsgegenständlichkeit darzustellen. Sie hätte denselben Zweck erreicht , wenn sie ihren Werth in Assa Fötida oder Poudrette oder Stiefelwichse ausgedrückt. Die S c h n e i d e r a r b e i t gilt ihr daher ebenfalls nicht , sofern sie zweckmäs- sig produktive Thätigkeit, nützliche Arbeit ,■ sondern nur sofern sie als bestimmte Arbeit Verwirklichnngsform , Vergegenständ- lich u n g s w e i s e menschlicher Arbeit überhaupt ist. Drückte die Leinwand ihren Werth statt im Rock in Stiefelwichse aus , so gälte ihr auch statt Schneidern Wichsen als die unmittelbare Verwirklichungsform abstrakter menschlicher Arbeit '^^). Erscheinungsform des Werths oder Aequivalent wird ein Gebrauchswerth oder Waarenkörper also nur da- durch, dass sich eine andere Waare auf die in ihm enthaltne konkrete, nützliche Arbeitsart als die unmittelbare Verwirklichungsform abstrakter menschlicher Arbeit bezieht. Wir stehn hier bei dem Springpunkt aller Schwierigkeiten , welche das Verständniss der Werth form hindern. Es ist relativ leicht, den Werth der Waare von ihrem Gebrauchswerth zu unterscheiden , oder die den Gebrauchswerth formende Arbeit von derselben Arbeit, so weit sie bloss als Verausgabung menschlicher Arbeitskraft im Waarenwerth berech- net wird. Betrachtet man Waare oder Arbeit in der einen Form, so nicht in der andern und vice versa. Diese abstrakten Gegensätze fallen von selbst auseinander und sind daher leicht auseinander zu halten. An- tlazu eines äusseren Materials oder Stoffs bedarf, seiner eignen Thätigkeit gemäss dazu fort, sich zu Objektiviren." Hegel, ..Logik" p. 367 in der ,,En cy klo- pädie:ErsterTheil. Berlin 184 0." '™) Sofern man nämlich populär die Bereitung der Wichse selbst Wichsen heisst. o * 20 ders mit der Wertliform, die nur im Verhältniss von Waare zu Waare existirt. Der Gebrauchswerth oder Waarenkörper spielt hier eine neue Rolle. Er wird zur Erscheinungsform des Waaren w e r t h s , also seines eignen Gegentheils. Ebenso wird die im Gebrauchswerth enthaltene kon- krete nützliche Arbeit zu ihrem eignen Gegentheil , zur blossen Verwirk- ■ lichungsform abstrakter menschlicher Arbeit. Statt auseiuanderzufal- len, reflektiren sich die gegensätzlichen Bestimmungen der Waare hier in einander. So befremdlich diess auf ersten Blick , erweist es sich bei wei- terem Nachdenken als nothwendig. Die Waare ist von Haus aus ein z wies ch lach tig Ding, Gebrauchswerth und Werth, Produkt nütz- licher Arbeit und abstrakte Arbeitsgallerte. Um sich darzustellen als das was sie ist, muss sie daher ihre Form verdoppeln. Die Form eines Gebrauchswerths besitzt sie von Natur. Es ist ihre Naturalform. Wertliform erwirbt sie erst im Umgang mit andren Waaren. Aber ihre Werthform muss selbst wieder gegenständliche Form sein. Die ein- zigen gegenständlichen Formen der Waaren sind ihre Gebrauchsgestalten, ihre Naturalforraen. Da nun die Naturalform einer Waare, der Leinwand z. B., das grade Gegentheil ihrer Werthform ist, muss sie eine andre Naturalform, die Naturalform einer andern Waare zu ihrer W er thform machen. Was sie nicht unmittelbar für sich selbst, kann sie unmittelbar für andre Waare und daher auf einem Umweg für sich selbst thun. Sie kann ihren Werth nicht in ihrem eignen Körper oder in ihrem eignen Gebrauchswerth ausdrücken , aber sie kann sich auf einen andern Gebrauchswerth oder Waarenkörper als unmittelbares Werthdaseiu beziehn. Sie kann sich nicht zu der in ihr selbst , wohl aber zu der in andrer Waarenart enthaltenen konkreten Arbeit als blosser Verwirklichungs- form abstrakter menschhcher Arbeit verhalten. Sie braucht dazu nur die andre Waare sich als Aequivalent gleichzusetzen. Der Gebrauchs- werth einer Waare existirt überhaupt nur für eine andre Waare , soweit er in dieser Weise zur Erscheinungsform ihres Wöl'ths dient. Betrachtet mau in dem einfachen relativen Werthausdrucke : x Waare A = y Waare B nur das quantitative Verhältniss, so findet man auch nur die oben entwickelten Gesetze über die Bewegung des relativen Werths, die alle darauf beruhn, dass die Werthgrösse der Waaren durch die zu ihrer Pro- duktion nothwendige Arbeitszeit bestimmt ist. Beti'achtet man aber das Werthverhältniss der beiden Waaren nach seiner qualitativen Seite, ■ 21 so entdeckt man in jenem einfachen Werthausdruck das Geheimniss der VVerthform und daher, in nuce, des Geldes -<*), Unsre Analyse hat gezeigt, dass der relative W e r t h a u s d r u c k einer W a a r e zwei v e r s c lii e d n e W e r t h f o r m e n e i n s c h 11 e s s t. Die Leinwand drückt ihren Werth und ihre bestimmte Werthg rosse im Rock aus. Sie stellt ihren Werth dar im W e r t h v e r h ä 1 1 n i s s zu einer audern W^aare, daher als Tausch werth. Andrerseits die andre W^aare, der Rock, worin sie ihren Werth relativ ausdrückt, erhält eben dadurch die Form eines mit ihr unmittelbar austauschbaren Gebrauchs- werths oder A e q u i v a 1 e n t s. Beide Formen, relative W e r t h f o r m der einen W^aare , Aequi valen tf orra der andern, sind Formen des T a u s c h w e r t h s. Beide sind in der That nur Momente, wechsel- seitig durcheinander bedingte Bestimmungen, desselben relativen Werthausdrucks, aber polarisch vertheilt auf die zwei gleichgesetzten W a a r e n e X t r e.m e. Quantitative Bestimmtheit ist nicht in der A e q u i v a 1 e n t f o r m einer Waare eingeschlossen. Das bestimmte Verhältniss z. B., worin Rock Aequivalent von Leinwand ist, entspringt nicht aus seiner Aequiva- lentform , der Form seiner unmittelbaren Austauschbarkeit mit der Leinwand , sondern aus der Bestimmung der Werthgrösse durch Arbeitszeit. Die Leinwand kann ihren eignen Werth nur in Röcken dar- stellen, indem sie sich auf ein bestimmtes Rockquantum als gegebenes Quantum krystallisirter menschlicher Arbeit bezieht. Aendert sich der Rock w e r t h , so ändert sich auch diese Beziehung. Damit sich aber der relative Werth der Leinwand ändere, muss er vorhanden sein, und er kann nur gebildet werden bei gegebenem Rockwerth. Ob die Leinwand ihren eignen W^erth nun in 1 , 2 oder x Röcken darstellt , hängt unter dieser Voraussetzung ganz von der Werthgrösse einer Elle Leinwand und der Ellenanzahl ab , deren Werth in Rockform dargestellt werden soll. Die Werthgrösse e i n e r W a a r e kann sich nur im Gebrauchswerth einer andern W aare ausdrücken, als r e 1 a t i v e r Werth. Die Form eines -o) Es ist kaum verwunderlich , dass die Oekonomen , ganz unter dem Einfluss stoflflicher Interessen, den Formgehalt des relativen Werthausdrucks übersehn haben, wenn vor Hegel die Logiker von Profession sogar den Forminhalt der Urtheiis- und Schlussparadigmen übersahen. 22 unmittelbar austauschbaren Gebrauchswertbs oder Aequivaleuts erhält eineWaare dagegen umgekehrt nur als das Material, worin derWerth einer andern Waare ausgedrückt wird. Diese Unterscheidung ist getrübt durch eine cliarakteristische Eigen- thümlichkeit des relativen Werthausdrucks in seiner einfachen oder ersten Form. Die Gleichung: 20 Ellen Leinwand = 1 Rock, oder 20 Ellen Leinwand sind einen Rock werth, schliesst nämlich offenbar die identische Gleichung ein : 1 Rock = 20 Ellen Leinwand, oder 1 Rock ist 20 Ellen Leinwand werth. Der relative Werthausdruck der Leinwand, worin der Rock als Aequivalent figurirt , enthält also rück- bezüglich den relativen Werthausdruck des Rocks, worin die Leinwand als Aequivalent figurirt. Obgleich beide Bestimmungen der Werth form oder beide Dar- stellungsweisen des Waaren werth s als Tausch werth nur relativ sind, scheinen beide nicht in demselben Grad relativ. Im relativen Werth der Leinwand: 20 Ellen Leinwand = 1 Rock, ist der Ta u sch- wer th der Leinwand ausdrücklich als ihreBeziehung auf eine andre Waare dargestellt. Der Rock seinerseits ist zwar auch nur Aequiva- lent, so weit sich die Leinwand auf ihn als Erscheinungsform ihres eig- nen Werths und daher mit ihr unmittelbar Austauschbares bezieht. Nur innerhalb dieser Beziehung ist er Aequivalent. Aber er verhält sich passiv. Er ergreift keifte Initiative. Er findet sich in Beziehung , weil sich auf ihn bezogen wird. Der Charakter, der ihm aus dem Verhältniss mit der Leinwand erwächst, erscheint daher nicht als Resultat seiner Be- ziehung, sondern ohne sein Zuthun vorhanden. Noch mehr. Die bestimmte Art und Weise, wie sich die Leinwand auf ihu bezieht, ist ganz dazu gemacht, es ihm ,,anzuthun", wäre er auch noch so beschei- den und keineswegs das Produkt eines ,,tailor run mad with pride". Die Leinwand bezieht sich nämlich auf den Rock als sinnlich existirende Ma- teriatur der menschlichen Arbeit in abstracto und daher als vorhandnen Werthkörper. Er ist diess nur, weil und sofern sich die Leinwand in dieser bestimmten Weise auf ihn bezieht. Sein A e q u i v a 1 e n t s e i n ist so zu sagen nur eine Reflexionsbestimmung der Leinwand. Aber es scheint grade umgekehrt. Einerseits giebt er sich selbst nicht die Mühe sich zu beziehn. Andrerseits bezieht sich die Leinwand auf ihn, nicht um ihn zu etwas zu machen , sondern weil er ohne sie etwas ist. 23 Das fertige Produkt der Beziehung der Leinwand auf den Rock, seine Aequivalentform , seine Bestimmtheit als unmittelbar austauschbarer Ge- braiichswerth, scheint ihm daher auch ausserhalb der Beziehung zur Leinwand dinglich anzugehören , ganz wie etwa seine Eigenschaft warm zu halten. In der ersten oder einfachen Form des relativen Werths: 20 Ellen Leinwand = 1 Rock, ist dieser falsche Schein noch nicht befestigt, weil sie unmittelbar auch das Gegentheil aussagt, dass der Rock Aequivalent der Leinwand und dass jede der beiden Waa- ren diese Bestimmtheit nur besitzt , weil und sofern die andre sie zu ihrem relativen ^yerthausdruck macht ^i). Li der einfachen Form des relativen Werths oder dem Ausdrucke der Aequivalenz zweier Waaren , ist die Form entwicklung des Werths für beide Waaren gleichmä ssig, obgleich jedesmal in entgegenge- setzter Richtung. Der relative Wer thausdru ck ist ferner mit Bezug auf jede der beiden Waaren einheitlich, denn die Leinwand stellt ihren Werth nur in einer Waare dar , dem Rocke und vice versa, aber für beide Waaren ist dieser Werthausdruck doppelt, verschieden für jede derselben. Endlich ist jede der beiden Waaren nurAequiva- 1 e n t für die andre einzelne Waarenart . also nur einzelnes Aequi- valent. Solche Gleichung , wie 20 Ellen Leinwand = IRock, oder 2wanzig Ellen Leinwand sind einen Rock werth, drückt offenbar den Werth der Waare nur ganz beschränkt und einseitig aus. Vergleiche ich lue Leinwand z. B., statt mit Röcken, mit andern Waaren, so erhalte ich auch andre relative W e r t h a u s d r ü c k e , andre Gleichungen, wie 20 Ellen Leinwand = u Kaffee, 20 Ellen Leinwand = v Thee u. s. w. Die Leinwand hat eben so viele verschiedne relative W e r t h a u s d r ü c k e , als es von ihr verschiedne Waaren giebt und die Zahl ihrer relativen Wertliausdrücke wächst beständig mit der Zahl neu Auftretender Waarenarten --). -') Es ist mit solchen Reflexionsbestimmungen überhaupt ein eignes Ding. Dieser Mensch ist z. B. nur König, weil sich andre Menschen als Unterthanen zu ihm verhalten. Sie glauben urngekehrt Unterthanen zu sein , weil er König ist. --) „The value of any commodity denoting its relation in exchange, '^'e may speak of it as . . . . cornvalue, clothvalue, according to the commodity with which 24 Die erste Form 20 Ellen Leinwand = 1 Rock gab zwei relative Ausdrücke für den Werth zweier Waaren. Diese zweite Form giebt für d e n. W e r t h derselben W a a r e die bunteste Mosaik relativer Ausdrücke. Auch scheint weder für den Ausdruck der Werth- grösse irgend etwas gewonnen, denn in 20 Ellen Leinwand = 1 Rock ist die Werth grosse der Leinwand, die ja in jedem Ausdrucke dieselbe bleibt, eben so erschöpfend dargestellt als in 20 Ellen Leinwand == uThee u. s. w., noch für die Formbestimmung des Aequivalents, denn in 20 Ellen Leinwand == u Kaffee u. s. w,, sind Katfee u. s. w. nur ein- zelne Aequivalente, ganz wie es der Rock war. Dennoch birgt diese zweite Form eine wesentliche Fortentwicklmig. Es Hegt darin nämlich nicht nur, dass die Leinwand ihren Werth zufällig bald in Röcken ausdrückt, bald in Katfee u. s. w., sondern dass sie ihn sowohl in Röcken als in Kaffee u. s. w. ausdrückt, entweder in dieser Waare oder jener oder der dritten u. s. w. Die Weiterbestim- mung zeigt sich, sobald diese zweite oder entfaltete Form des rela- tiven Werthausdrucks in ihrem Zusammenhang dargestellt wird. Wir erhalten dann : IL Z weite oder entfaltete Form d es relativen Werthsr 20 Ellen Leinwand = 1 Rock oder =^ u Kaffee oder = v Thee oder = X Eisen oder = y Weizen oder = u. s. w. u. s. w. z Waare A = u Waare B oder = v Waare C o d e r = w Waare D oder = X Waare E o d e r = y Waare F oder = u. s. w. Zunächst bildet offenbar die erste Form das Grundelement der it is compared ; and then there are athousand different kinds ofvalne,. as many kinds of value as there are commodities in existence , and all are equally real and equally nominal." (,,A Cr itical Dissertation on the'Nature, Measure a.nd Caus es ofValue: chicfly in reference to the writings^ of Mr. Ricardo andhis followers. By theAixthor of Essays on the Formation etc. ofOpinions. London 1825", p. 39). S. Bai ley , der Verfasser dieser anonymen Schrift, die ihrer Zeit viel Lärm in England machte, bildet sich ein durch diesen Hinweis auf die kunterbunten relativen Ausdrücke desselben Waaren - W e r t h s alle Begriffsbestimmung des Werths vernichtet zu haben. Dass er übrigens , trotz eigner Bornirtheit, wunde Flecken der Ricardo'- schen Theorie sondirt hat , bewies die Gereiztheit, womit die Ricardo'sche Schule ihr- angriff, z. B. in der Westminster Review. 25 zweiten , denn letztere besteht aus vielen einfachen relativen Werthaus- driieken, wie 20 Ellen Leinwand = 1 Rock, 20 Ellen Leinwand = u Kaffee u. s. w. In der ersten Form : 20 Ellen Leinwand = IRock kann es zufällige Thatsache scheinen, dass diese zweiWaaren in diesem bestimm- ten quantitativen Verhältnisse austauschbar sind. In der zweiten Form leuchtet dagegen sofort ein von der zufälligen Erscheinung wesentlich unterschiedner und sie bestimmender Hintergrund durch. Der Werth der Leinwand bleibt gleich gross , ob in Rock oder Kaffee oder Eisen u. s. w. dargestellt, in zahllos verschiednen Waaren , den verschie- densten Besitzern angehörig. Das zufällige Verhältniss zweier individuel- ler Waarenbesitzer fällt fort. Es wird offenbar, dass nicht der Austausch die Werthgrösse der Waare, sondern umgekehrt die Werthgrösse der Waare ihre Austauschverhältnisse regulirt. In dem Ausdruck : 20 Ellen Leinwand = 1 Rock galt der Rock als Erscheinungsfoi-m der in der Leinwand vergegenständlichten Arbeit. So wurde die in der Leinwand enthaltene Arbeit der im Rock euthaltnen gleichgesetzt und daher als gleichartige menschliche Arbeit bestimmt. Indess trat diese Bestimmung nicht ausdrücklich hervor. Unmittelbar setzt die erste Form die in der Leinwand enthaltne Arbeit nur der Schneiderarbeit gleich. Anders die zweite Form. In der end- losen , stets verlängerbaren Reihe ihrer relativen Werthausdrücke bezieht sich die Leinwand auf alle möglichen Waarenkörper als blosse Erschei- nungsformen der in ihr selbst enthaltenen Arbeit. Hier ist der Leinwand- W e r t h daher erst wahrhaft dargestellt als Werth, d. h. K r y s t a 1 1 menschlicher Arbeit überhaupt. Die zweite Form besteht aus einer Summe von lauter Gleichungen der ersten Form. Jede dieser Gleichungen, wie 2 0 Ellen Leinwand = 1 R 0 c k schliesst aber auch die Rückbeziehung ein: lRock = 20El- 1 e n Leinwand, wo der Rock seinen Werth in der Leinwand und eben dadurch die Leinwand als Aequivalent darstellt. Da diess nun von jedem der zahllosen relativen Werthgusdrücke der Leinwand gilt, erhalten wir : III. Dritte, umgekehrte oder rück bezogene zweite Form des r e 1 a t i v e u W e r t h s : — 26 1 Rock = 20 Ellen Leinwand. u Kaffee = 20 Ellen Leinwand. V Thee = 20 Ellen Leinwand. X Eisen = 20 Ellen Leinwand. y Weizen = 20 Pillen Leinwand. u. s. w. = 20 Ellen Leinwand. Der relative W e r t ii a u s d r u c k der Waaren kehrt hier zurück in seiner ursprihiglichen Gestalt: 1 Rock = 20 Ellen Leinwand. Jedoch ist diese einfache Gleichung jetzt weiter entwickelt. Ursprünglich ent- hielt sie nur , dass der Rockwert h durch seinen Ausdruck in einer an- dern Waare eine vom Geb ra u chs w er th Rock oder dem Rock- körper selbst unter seh i edne und unabhängige Form er- hält. Jetzt stellt dieselbe Form den Rock auch allen andern Waaren gegenüber als Werth dar und ist daher seine allgemein gültige Werth- form. Nicht nur der Rock, sondern Kaffee, Eisen, Weizen, kurz alle andern Waaren drücken ihren Werth jetzt im Material Leinwand aus. Alle stellen sich so einander als dieselbe M a t e r i a t u r m en schlicher Arb ei t dar. Sie sind nur noch quantitativ ver- schieden, wesswegen 1 Rock , u Kaffee, x Eisen u. s. w., d. h. ver- schiedne Quanta dieser verschiednen Dinge = 20 Ellen Leinwand, gleich demselben Quant u m vergegenständlichter menschlicher Arbeit. Durch ihren g e m e i n s c h a f t li c h en Werthausdriick im Material Leinwand unterscheiden sich also alle Waaren als T a u s c h w e r t h e von ihren eignen G ebr auch s werth en und beziehn sich zugleich auf einander als W e r t h g r ö s s e n , setzen sich qualitativ gleich und v e r g 1 e i - chensich quantitativ. Erst in diesem einheitlichen relativen Werthausdruck erscheinen sie alle für einander als Werthe und erhält ihr Weith daher erst seine entsprechende Erscheinungsform als Tau seh werth. Im Unterschied zur entfalteten Form des rela- tiven Werths (Form II) , die den Werth einer Waare im Umkreis aller andern Waaren darstellt, nennen wir diesen einheitlichen Werth- ausdruck die allgemeine relative Werth f o r m. In der Form II: 20 Eilen Leinwand = 1 Rock oder = u Kaffee oder = v Thee oder = x Eisen u. s. w., woi-in die Leinwand ihren relativen W e r t h a u s d r u c k entfaltet, bezieht sie sich auf j ede einzelne Waare, Rock, Kaffee u. s. w. als ein besondres Aequivalent und 27 auf alle zusamraen alsdenUnikr eis ihrer besondern A equivalent- formen. Ihr gegenüber gilt keine einzelne Waarenart noch als Aequiva- lent schlechthin , wie im einzelnen Aequivalent, sondern nur als be- sondres Aequivalent , wovon das eine das andre ausscliliesst. In der Form III, welche die rückbezogene zweite Form und also in ihr einge- schlossen ist, erseheint die Leinwand dagegen als die Gattungsform des Aequivalents für alle andern Waaren. P^s ist als ob neben und ausser Löwen, Tigern, Hasen und allen andern wirklichen Thieren , die grnppirt die verschiednen Geschlechter, Arten, Unterarten, Familien u. s. w. des Thierreichs bilden, auch noch das Thier existirte, die individuelle Incar- iiation des ganzen Thierreichs. Ein solches Einzelne, das in sich selbst alle wirklich vorhandenen Arten derselben Sache einbegreift, ist ein Allgemei- nes, wie Thier, Gott u. s. w. Wie die Leinwand daiier einzelnes Aequivalent wurde, dadurch dass sich eine andre Waare auf sie als Erscheinungsform des Werths bezog, so wird sie als allen Waaren gemein- schaftliche Erscheinungsform des Werths das allgemeine Aequiva- lent, a 1 1 g e m e i n e r W e r t h 1 e i b , a 1 1 g e m e i n e M a t e r i a t u r der abstrakten menschlichen Arbeit. Die in ihr niaterialisirte be- sondre Arbeit gilt daher jetzt als allgemeine V e r w i r k 1 i c h u u g s - f 0 r m der menschlichen Arbeit, als allgemeine Arbeit. Bei der Darstellung des Werths der Waare A in der Waare B , wo- durch die Waare B einzelnes Aequivalent wird , war es gleichgül- tig, von welcher besondern Sorte die Waare B. Nur nnisste die Kör- perlichkeit der Waare B andrer Art sein als die der Waare A, daher auch Produkt andrer n ü t z 1 i c her A r b e i t. Indem der Rock seinen Werth in Leinwand darstellte, bezog er sich auf Leinwand als die ver- wirklichte menschliche Arbeit, und eben dadurch auf Leine- weberei als die Verwirklichungsform der menschlichen Arbeit, aber die besondre Bestimmtheit, welche Leineweberei von andern Arbeitsarten unterscheidet, war durchaus gleichgültig. Sie musäte nur andrer Art sein als die Schneiderarbeit und im übrigen eine bestimmte Arbeitsart. Anders sobald die Leinwand allgemeines Aequivalent wird. Dieser Gebrauchswerth in seiner besondern Bestimmtheit , wodurch er L ein wand im Unterschied von allen andern Waarenarten, Kaflee, Eisen u. s. w., wird jetzt die allgemeine Werthforra aller andern Waaren und daher allgemeines Aequivalent. Die 28 in ihm dargestellte besondre nützliche Arbeitsart gilt daher jetzt als allgemeine V e r w i r k 1 i c h u n g s f o r m der ra e n s c h 1 i c li e n Ar- beit, als all gern eine Arbeit, grade soweit sie Arbeit von besondrer Bestimmtheit ist, Leineweberei im Unterschied nicht nur von Schnei- deij^i'beit, sondern von Kaflfeebau, Minenarbeit und allen andern Arbeits- arten. Umgekehrt gelten alle andren Arbeitsarten, im relativen Werthaus druck der Leinwand, des allgemeinen Aeqiiivalents (Form II), nur noch als b e s o n d r e Verwirklich u n g s f o r m e n der mensch- lichen Arbeit. Als W e r t h e sind die Waaren Ausdrücke derselben Einheit, der abstrakten menschlichen Arbeit. In der Form des Tauschwerths erscheinen sie ei nander a 1 s W e r t h e und b e z i e h n sich auf einander als W e r t h e. Sie beziehn sich damit zugleich auf die abstrakte mensch- liche Arbeit als ihre gemeinsame gesellschaftliche Substanz. Ihr gesellschaftliches Verhältniss besteht ausschliesslich darin ein- ander als nur quantitativ verschiedne , aber qualitativ gleiche und daher durch einander ersetzbare und mit einander vertauschbare Ausdrücke dieser ihrer gesellschaftlichen Substanz zu gelten. Als nützliches Ding besitzt eine Waare gesellschaftliche Bestimmtheit, soweit sie Gebrauchswert)! für andre ausser ihrem Besitzer ist , also gesellschaftliche Bedürfnisse befrie- digt. Aber gleichgültig , auf wessen Bedürfnisse ihre nützlichen Eigen- schaften sie beziehn, sie wird durch dieselben immer nur auf mensch- liche Bedürfnisse bezogener Gegenstand, nicht Waare für andre Waaren. Nur was blosse Gebrauchsgegenstände in Waaren verwandelt , kann sie a 1 s Waaren auf einander beziehn und daher in gesellschaftlichen Rapport setzen. Es ist diess aber ihr Wert h. Die Form, worin sie sich als Werthe, als menschliche Arbeitsgallerte gelten , ist daher ihre ges ellsch aft liehe Form. Gesellschaft- liche Form der Waare und Werthform oder Form der Aus- tauschbarkeit sind also eins und dasselbe. Ist die Naturalform einer Waare zugleich Werthform , so besitzt sie die Form unmittelbarer Austauschbarkeit mit andern Waaren und daher unmittelbar gesellschaftliche Form. Die einfache relative Werthform (Form I) 1 Rock = 20 Ellen Leinwand unterscheidet sich von der allgemeinen relati- 29 ven Werthform 1 Rock = 20 Ellen Leinwand nur dadurch, dass diese Gleichung jetzt ein Glied der Reihe bildet 1 Rock =20 Ellen Leinwand u Kaftee =20 Ellen Leinwand V Thee = 20 Ellen Leinwand u. s. w. Sie unterscheidet sich also in der That nur dadurch , dass die Leinwand aus einem einzelnen zum allgemeinen A e q u i v a 1 e n t fortent- wickelt ist. Wenn also im 'einfachen relativen VA'^erthausdrucke nicht die Waare, die ihre Werth grosse ausdrückt, sondern die Waare, worin Werthgrösse ausgedrückt wird, die Form unmittelbarer Austauschbarkeit, Aequivalentform, also unmittelbar gesell- schaftlich e F o r m erliält, so gilt dasselbe für den allgemeinen relativen Werthausdruck. Aber in der einfachen relativen Werthform ist dieser Unterschied nur noch formell und verschwindend. Wenn in 1 Rock = 20 Ellen Leinwand der Rock seinen Werth relativ, nämlich in Leinwand ausdrückt und die Leinwand dadurch Aequivalentform erhält, so schliesst dieselbe Gleichung unmittelbar die Rückbeziehung ein: 20 Ellen Lein- wand =^ 1 Rock, worin der Rock die Aequivalentform erhält und der Werth der Leinwand relativ ausgedrückt wird. Diese gleichmässige und gegenseitige Entwicklung der Werthform beider Waaren als relativer Werth und als Aequivaleut findet jetzt nicht länger statt. Wird die all- gemeine relative Werthform 1 Rock = 20 Ellen Leinwand, wo die Leinwand allgemeines Aequivaleut, umgekehrt in 2 0 Ellen Leinwand = 1 Rock, so wird der Rock dadurcli nicht allgemeines Aequivalent für alle andern Waaren , sondern nur ein besondres Aequivalent der Leinwand. Allgemein ist die relative Werthform des Rocks nur , weil sie zugleich die relative Werthform aller andern Waaren. Was vom Rock , gilt vom Katfee u. s. w. Es folgt daher , dass die allgemeine relative Werthform der Waaren sie selbst von der allgemeinen Aequivalentform ausschliesst. Umgekehrt ist eine Waare , wie Leinwand , sobald sie die allgemeine Aequivalentform besitzt, von der allgemeinen relativen Werthform ausge- schlossen. Die allgemeine , mit den andern Waaren einheitliche rehitivc Werthform der Leinwand wäre : 20 Ellen Leinwand = 20 Ellen Lein- wand. Diess ist aber eine Tautologie, welche die Werthgrösse dieser in allgemeiner Aequivalentform und daher in stets austauschbarer Form • 30 befindlichen Waare niclit ausdrückt. Vielmehr wird die entfaltete relative Werthform : 20 Ellen Leinwand = 1 Rock oder = u Kaffee 0 d e r = V Thee oder = u. s. w. jetzt zum s p e c i f i s c h e n relativen Werthausdrucke des allgemeinen Aequivalents. In dem allgemeinen relativen Werthausdruck der Waaren besitzt jede Waare, Rock, Kaffee, Thee u. s. w. eine von ihrer Naturalform ver- schiedne Werthform, nämlich die Form Leinwand. Und eben in dieser Form beziehn sie sich auf einander als Austauschbare und in quantitativ bestimmten Verhältnissen Austauschbare, denn wenn 1 Rock ^= 20 Ellen Leinwand, u Kaffee = 20 Ellen Leinwand u. s. w., so ist auch 1 Rock = u Kaffee u. s. w. Indem alle Waaren sich in einer und derselben Waare als Werthgrössen bespiegeln, wiederspiegeln sie sich wechselseitig als Werthgrössen. Aber die Naturalformen , die sie als Gebrauchsgegen- stände besitzen , gelten ihnen wechselseitig nur auf diesem Umweg , also nicht unmittelbar als Erscheinungsformen des Werths. Sowie sie unmittel- bar sind, sind sie daher nicht unmittelbar austauschbar. Sie besitzen also nicht die Form u n m i 1 1 e 1 b a r e r A u s t a u s c h b a r k e i t für einander oder ihre gesellschaftlich gültige Form ist eine vermittelte. Umgekehlt. Indem alle andern Waaren auf Leinwand als Erscheinungs- form des Werths sich beziehen , wird die Nattu-alforra der Leinwand die Form ihrer unmittelbaren Austauschbarkeit mit allen Waa- ren, dalier unmittelbar ihre allgemein gesellschaftliche Form. Eine Waare erhält nur die allgemeine Aequi valen tform , weil und sofern sie allen andern Waaren zur Darstellung ihrer allge- meinen relativen, daher nicht unmittelbaren Werthform dient. Waaren müssen sich aber relative Werthform überhaupt geben , weil ihre Naturalformen nur ihre Gebrauchswerthformen , und sie müssen sich ein- heitliche , daher allgemeine relative Werthform geben , um sich alle als Werthe , als gleichartige Gallerten menschlicher Arbeit auf einander zu beziehen. Eine Waare befindet sich daher nur in der Form unmittel- barer Austauschbarkeit mit allen andern Waaren und daher in unmittelbar gesellschaftlicher Form, weil und sofern alle andern Waaren sich nicht darin befinden, oder weil die Waare überhaupt sich von Haus aus nicht in unmittelbar austauschbarer oder gesellschaftlicher Form befindet. ol indem ihre unmittelbare Form die Foini ihres Gebranebswerths, nicht ihres Werthes. Man sieht es der Form allgemeiner unmittelbarer Aus- tauschbarkeit in der That keineswegs an, dass sie eine gegensätz- liche Waareuform ist, von der Form nicht unmittelbarer Austausch- barkeit ebenso unzertrennlich, wie die Positivität eines Magnetpols von der Negativität des andern. Man kann sich daher einbilden, man könne allen Waaren zugleich den Stempel unmittelbarer Austauschbarkeit aufdrücken, wie man sich auch einbilden kann, man könne alle Arbeiter zu Kapita- listen machen. In der That aber sind allgemeine relative W e r t h - form und allgemeine Aequivalentform die gegensätzlichen, sich wechselweis voraussetzenden und wechselweis abstossenden Pole dersel- ben gesellschaftlichen Form der Waaren 23). Als unmittelbar gesellschaftliche M a t e r i a t u r der Arbeit ist die Leinwand, das allgemeine Aequivalent, Materia tur unmittelbar gesellschaftlicher Arbeit, während die andern Waarenkörper , welche ihren Werth in Leinwand darstellen , Materiaturen nicht unmittelbar gesellschaftlicher Arbeiten sind. In der That sind alle Gebrauchswerthe nur Waaren, weil Produkte von einander unabhängiger P r i v a t a r b e i t e n , Privatarbeiten, die jedoch als besondere , wenn auch verselbständigte , Glieder des natur- wüchsigen Systems der Th ei hing der Arbeit stofflich von einander abhängen. Sie hängen so gesellsch^^ftlich zusammen grade durch ihre Verschiedenheit, ihre besondre Nützlichkeit. Eben dess- wegen produciren sie qualitativ verschiedne Gebrauchswerthe. Wenn 23) Für den Kleinbürger, der in der Form der Waarenproduktion das nee plus ultra menschlicher Freiheit und individueller Unabhängigkeit erblickt, wäre es natürlich sehr wünschenswerth, zugleich der mit dieser Form verbundnen Miss- stände überhoben zu sein, namentlich auch der nicht unmittelbaren Aus- tauschbarkeit der Waaren. Die Ausmalung dieser Philisterutopie bildet Proud- hon's Socialismus, der, wie ich anderswo gezeigt, nicht einmal das Verdienst der Originalität besitzt, vielmehr lange vor ihm von Brav, Gray und Andern weit bes- ser entwickelt wurde. Diess verhindert solche Weisheit nicht , heutzutage unter dem Namen der ,,science" in Frankreich zu grassiren. Nie hat eine Schule mehr als die Proudhon'sche mit dem Wort ,,science" um sich geworfen, denn ,,wo Begriffe fehlen, Da stellt zur rechten Zeit ein Wort sich ein." 32 iiiclit , so würden diese Gebrauchswerthe nicht zu Waaren für einander. Andrerseits macht diese verschiedne nützliche Qualität Produkte noch nicht zu Waaren. Producirt eine bäuerliche Familie für ihren eignen Consum Rock und Leinwand und Weizen , so treten diese Dinge der Fa- milie als verschiedne Produkte ihrer Farailienarbeit gegenüber , aber nicht sich selbst wechselseitig als Waaren. Wäre die Arbeit unmittelbar gesellschaftliche, d. h. gemeinsame Arbeit , so erhielten die Pro- dukte den unmittelbar gesellschaftlichen Charakter eines Gemeinprodukts für ihre Produeeuten , aber nicht den Charakter von Waaren für einander. Indess haben wir hier nicht weit zu suchen, worin die gesellschaftliche Form der in den Waaren enthaltenen und von einander unabhängigen Privatarbeiten besteht. Sie ergab sich bereits aus der Analyse der Waare. Ihre gesellschaftliche Form ist ihre Beziehung auf einander als g 1 e i c h e A r b e i t , also, da die G 1 e i c h h e i t toto coelo v e r s c h i e d n e r Arbeiten nur in einer Abstraktion von ihrer Ungleichheit be- stehenkann, ihre Beziehung auf einander als menschliche Arbeit überhaupt , Verausgabungen menschlicher Arbeitskraft, was alle menschlichen Arbeiten, welches immer ihr Inhalt und ihre Opera- tionsweise, in der That sind. In jeder gesellschaftlichen Arbeitsform sind die Arbeiten der verschiednen Individuen auch als menschliche auf einander bezogen, aber hier gilt diese Beziehung selbst als die s p e c i f i s c h g e s e 1 1 s cli a f 1 1 i c h e F o r m der Arbeiten. Nun besitzt aber keine dieser Privatarbeiten in ihrer Naturalform diese specifisch ge- sellschaftliche Form abstrakter menschlicher Arbeit, so wenig wie die Waare in ihrer Naturalform die gesellschaftliche Form blosser Arbeits- gallerte, oder des Werthes, besitzt. Dadurch aber dass die Naturalform einer Waare, hier der Leinwand , allgemeine Aequivalentform wird . weil sich alle andern Waaren auf dieselbe als Erscheinungsform ihres eignen Werths beziehn, wird auch die Leinweberei zur allgemeinen Verwirk- lichungsform abstrakter menschliclier Arbeit oder zu Arbeit in unmittelbar gesellschaftlicher Form. Der Massstab der „Gesellschaftlichkeit" muss aus der Natur der jeder Produktionsweise eigenthümlichen Verhältnisse, nicht aus ihr fremden Vorstellungen entlehnt werden. Wie vorhin gezeigt ward, dass die Waare von Natur die unmittelbare Form allgemeiner Aus- tauschbarkeit ausschliesst und die allgemeine Aequivalentform daher nur gegensätzlich entwickeln kann, so gilt dasselbe für die in den Waaren 33 steckenden Privatarbeiten. Da sie nicht im rai t tel bar gesell scliaft- liehe Arbeit sind, so ist erstens die gesellschaftliche Form eine von den Naturaltbrmen der wirklidien nützlichen Arbeiten unterschiedne, ihnen fremde , und abstrakte Form , und zweitens erhalten alle Arten P)'i- vatarbeit ihren g e s e 11 s cli a f t li c h e n Charakter nur gegensätzlich, indem sie alle einer ausschliesslichen Art Privatarbeit, hier der Leinevvebe- rei, gleichgesetzt werden. Dadurch wird letztere die unmittelbare und allgemeine Erscheinungsform abstrakter menschlicher Arbeit und so Arbeit in unmittelbar gesellschaftlicher Form. Sie stellt sich daher auch unmittelbar in einem gesellschaftlich geltenden und allgemein austausch- baren Produkt dar. Der Schein, als ob die Aequivalentform einer Waare aus ihrer eignen dinglichen Natur entspringe, statt blosser Reflex der Beziehungen der an- dern Waaren zu sein , befestigt sich mit der Fortbildung des einzelnen Aequivalents zum allgemeinen, weil die gegensätzlichen Momente der Werthform sich nicht mehr gl eich massig für die auf einander bezog- nen Waaren entwickeln, weil die allgemeine Aequivalentform eine Waare als etwas ganz apartes von allen andern Waaren scheidet und endlich weil diese ihre Form in der That nicht mehr das Produkt der Beziehung irgend einer einzelnen andern Waare ist. Indess ist auf unserm jetzigen Standpunkt das allgemeine Aequiva- lent noch keineswegs verknöchert. Wie wurde in der That die Leinwand in das allgemeine Aequivalent verwandelt ? Dadurch , dass sie ihren Werth erst in einer einzelnen Waare (Form I) , dann in allen andern Waaren der Reihe nach relativ darstellte (Form II) , und so r ü c k b e z ü g 1 i c h alle andern Waaren in ihr ihre Werthe relativ darstellten (Form III). Der einfache relative Werthausdruck war der Keim, woraus sich die allgemeine Aequivalentform der Leinwand entwickelte. Innerhalb dieser Entwicklung ändert sie die Rolle. Sie beginnt damit, ihre Werthgrösse in einer andern Waare darzustellen und endet damit zum Material für den Werth- ausdruck aller andern Waaren zu dienen. Was von der Leinwand , gilt von jeder Waare, In ihrem entfalteten relativen Werthausdrucke (Form II), der nur aus ihren vielen, einfachen Werthausdrückeu besteht, figurirt die Leinwand noch nicht als allgemeines Aequivalent. Vielmehr bildet hier jeder andre Waarenkörper ihr A equi valent , ist daher un- mittelbar austauschbar mit ihr und kann also die Stelle mit ihr wechseln. I. 3 34 Wir erhalten daher schliesslich : Form IV: 20 Ellen Leinwand = 1 Rock oder = n Kaffee oder = v Thee oder = X Eisen oder = y Weizen oder = u. s. w. 1 Rock = 20 Ellen Leinwand oder = u Kaffee oder = v Thee oder = X Eisen oder = y Weizen oder = u. s, w. u Kaffee =20 Ellen Leinwand oder = 1 Rock oder = v Thee oder = X Eisen oder == y Weizen oder = u. s. w. V Thee = u. s. w. Aber jede dieser Gleichungen rückbezogeu ergiebt Rock , Kaffee, Thee u. s. w. als allgemeines Aequivalent , daher den Werthausdruck in Rock, Kaffee, Thee u. s. w. als allgemeine relative Werthform aller andern Waaren. Die allgemeine Aequivalentform kommt immer nur einer Waare zu im Gegensatz zu allen andern Waaren ; aber sie kommt jeder Waare im Gegensatz zu allen andern zu. Stellt aber jede W^aare ihre eigne Na- turalform allen andern Waaren gegenüber als allgemeine Aequivalentform, so schliessen alle Waaren alle von der allgemeinen Aequivalentform aus und daher sich selbst von der gesellschaftlich gültigen Darstellung ihrer Werthgrössen. Man sieht : die Analyse der Waare ergiebt alle wesentlichen Bestimmungen derWerthform und die Werthform selbst in ihren gegen- sätzlichen Momenten , die allgemeine r e 1 a t i v e W e r t h f o r m , die allgemeine Aequivalentform, endhch die nie abschliessende Reihe einfacher relativer W e r t h a u s d r ti c k e , welche erst eine Durchgangsphase in der Entwicklung der Werthform bildet , um schliess- lich in die spe cifi seh relative Werthform des allgemeinen Aequivalents umzuschlagen. Aber die Analyse der Waare ergab diese Formen als Waaren form en überhaupt, die also auch jeder Waare zukommen, nur gegensätzlich, so dass wenn die Waare A sich in der einen Formbestimmung befindet, die Waaren B, C u. s. w. ihr gegen- über die an d er e annehmen. Das entscheidend Wichtige aber war den inneren nothwendigen Zusammenhang zwischen Werthform, Werthsub- stanz und Werth grosse zu entdecken, d. h. ideell ausgedrückt, zu beweisen, dass die Werthform aus dem Werthbegriff entspringt^*). 24) Es ist einer der Grundmängel der klassischen politischen Oekonomie, dass es ihr nie gelang, aus der Analyse der Waare und specieller des Waarenwerths 35 Eine W a a r e scheint auf den ersten Blick ein selbstverstcändliches, triviales Ding. Ihre Analyse ergiebt, dass sie ein sehr vertracktes Ding ist, voller metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken. Als blosser Gebrauchs w e r t h ist sie ein sinnliches Ding, woran nichts My- steriöses , ob ich sie nun unter dem Gesichtspunkt betrachte , dass ihre Eigenschaften menschliche Bedürfnisse befriedigen oder dass sie erst als Produkt menschlicher Arbeit diese Eigenschaften erhält. Es liegt ab- solut nichts räthselhaftes darin , dass der Mensch durch seine Thätigkeit die Formen der Naturstoffe in einer ihm nützlichen Weise verändert. Die Form des Holzes z. B. wird verändert, wenn man aus ihm einen Tisch macht. Nichtsdestoweniger bleibt der Tisch Holz, ein ordinäres sinn- die Form des Werths , die ihn eben zum Taus chwerth macht, herauszufinden. Grade in ihren besten Repräsentanten, wie A. Smith und Ricardo, behandelt sie die Werthform als etwas ganz Gleichgültiges oder der Natur der Waare selbst Aeusserliches. Der Grund ist nicht allein, dass die Analyse der Werth grosse ihre Aufmerksamkeit ganz absorbirt. Er liegt tiefer. Die Werthform des A r b e i t s p r o d u k t s ist die abstrakteste , aber auch allgemeinste F o r m der b ü r - gerlichen Produktionsweise, die hierdurch als eine besondre Art gesell- schaftlich er Produktionsweise und damit zugleich his toris c h charakterisirt wird. Versieht man sie daher für die ewige Naturform gesellschaftlicher Pro- duktion, so übersieht man nothwendig auch das Specifische der Werthform, also der Waa renform, weiter entwickelt der Geld form, Kapitalform u. s. w. :Man findet daher bei Oekonomen , welche über das Mass der Werthgrösse durch x\rbeitszeit durchaus übereinstimmen, die kunterbuntesten und widersprechendsten Vorstellungen von Geld, d. h. der fertigen Gestalt des allgemeinen Aequivalents. Diess tritt schlagend hervor z. B. bei der Behandlung des Bankwesens, wo mit den gemeinplätzlichen Definitionen des Geldes nicht mehr ausgereicht wird. Im Gegen- satz entsprang daher ein r e s t a u r i r t e s M e r k a n t i 1 s y s t e m (Ganilh u. s. w.), welches im Werth nur die gesellschaftliche Form sieht oder vielmehr nur ihren substanzlosen Schein. — Um es ein für allemal zu bemerken, verstehe ich unter kl assischer politischer Oekonomie alle Oekonomie seit W. Petty, die den i n n e r n Zusammenhang der bürgerlichen Produktionsverhältnisse er- forscht, im Gegensatz zur V u 1 g ä r ö k o n o m i e , diesich nur innerhalb des schein- baren Zusammenhangs herumtreibt, für eine plausible Verständlichmachung der so zu sagen gröbsten Phänomene und den bürgerlichen Hausbedarf das von der wissenschaftlichen Oekonomie langst gelieferte Material stets von neuem wieder- kaut, im Uebrigen aber sich darauf beschränkt, die banalen und selbstgefälligen Vorstellungen der bürgerlichen Produktionsagenten von ihrer eignen besten Welt zu systematislren, pedantisiren und als ewige W\ahrheiten zu proklamiren. 36 liches.Ding. Aber sobald er als Waare auftritt, verwandelt er sich in ein sinnlich übersinnliches Ding. Er steht nicht nur mit seinen Füssen auf dem Boden, sondern er stellt sich allen andern Waaren gegenüber auf den Kopf und entwickelt ans seinem Holzkopf Grillen , viel wunderlicher, als wenn er ans freien Stücken zu tanzen begänne ^^). Der mystische Charakter der Waare entspringt also nicht aus ihrem Gebrauchswerth. Er entspringt ebensowenig aus den Wer th bestimmun- gen, für sich selbst betrachtet. Denn erstens , wie verschieden die ntitz- Uchen Arbeiten oder produktiven Thätigkeiten sein mögen, es ist eine physiologische Wahrheit, dass sie Funktionen eines specifisch menschlichen Organismus im Unterschied von andern Organismen sind, und dass jede solche Funktion , welches immer ihr Inhalt und ihre Form, wesentlich Verausgabung von menschlichem Hirn , Nerv, Muskel , Sinnesorgan u. s. w. ist. Was zweitens der Bestimmung der Werthgrösse zu Grunde liegt, die Z ei td au er jener Verausgabung oder die Quantität der Arbeit, so ist die Quantität sogar sinnfällig von der Qualität der Arbeit unterscheidbar. In allen Zuständen musste die Arbeitszeit, welche die Produktion der Lebensmittel kostet, den Men- schen interessiren, obgleich nicht gleichmässig auf verschiednen Entwick- lungsstufen. Endlich, sobald die Menschen in irgend einer Weise für ein- ander arbeiten, erhält ihre Arbeit auch eine gesellschaftliche Form. Nehmen wir den Robinson auf seiner Insel. Bescheiden , wie er von Haus aus ist, hat er doch verschiedenartige Bedürfnisse zu befriedigen und muss daher nützliche Arbeiten v e r s c h i e d n e r Art verrichten, Werkzeuge machen, Möbel fabriciren, Lama zähmen, fischen, jagen u. s. w. Vom Beten u. dgl. sprechen wir hier nicht , da unser Robinson daran sein Vergnügen findet und derartige Thätigkeit als Erholung betrachtet. Trotz der Verschiedenheit seiner produktiven Funktionen weiss er , dass sie nur verschiedne Bethätigungsformen desselben Robinson , also nur verschiedne Weisen menschlicher Arbeit sind. Die Noth selbst zwingt ihn , seine Zeit genau zwischen seinen verschiednen Funktionen zu vertheilen. Ob die eine mehr, die andre weniger Raum in seiner Gesammtthätigkeit ein- 23) Man erinnert sich, tluss China nnd die Tische zu tanzen anfingen, als alle übrige Welt still zu stehn schien — pour encournger les autres. 37 nimmt, hängt ab von der grössern oder geringern Schwierigkeit, die zur Erzieking des bezweckten Nutzeffekts zu überwinden ist. Die Erfahrung lehrt ihm das und unser Robinson, der Uhr , Hauptbuch , Tinte und Feder aus dem SchiftlDruch gerettet, beginnt als guter Engländer bald Buch über sich selbst zu führen. Sein Inventarium enthält ein Verzeichniss der Ge- brauchsgegenstände, die er besitzt , der verschiednen Verrichtungen, die zu ihrer Produktion erheischt sind, endlich der Arbeitszeit, die ihm bestimmte Quanta dieser verschiednen Produkte im Durchschnitt kosten. Alle Beziehungen zwischen Robinson und den Dingen, die seinen selbstgeschaffnen Reichtlium bilden, sind hier sojeinfach und durchsichtig, dass selbst Herr M. Wirth sie ohne besondre Geistesanstrengung verstehn dürfte. Und dennoch sind darin alle wesentlichen Bestimmungen des Werths enthalten. Setzen wir nun an die Stelle Robinson's einen Verein freier Menschen, die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre vielen in- dividuellen Arbeitskräfte selbstbewusst als eine gesellscliaftliche Arbeits- kraft verausgaben. Alle Bestimmungen von Robinson's Arbeit wieder- holen sich, nur gesellschaftlich, statt individuell. Ein wesent- licher Unterschied tritt jedoch ein. Alle Produkte Robinson's waren sein ausschliesslich persönliches Produkt und daher unmittelbar Gebrauchs- gegenstände für ihn. Das Gesammtprodukt des Vereins ist ein gesell- schaftlich e s ^Produkt. Ein Theil dieses Produkts dient wieder als Produktionsmittel. Er bleibt gesellschaftlich. Aber ein anderer Theil wird als Lebensmittel von den Vereinsgliedern verzehrt. Er muss daher unter sie ver theil t werden. Die Art dieser Vertheilung wird wecli- seln mit der besondern Art des gesellschaftlichen Produktionsorganismus selbst und der entsprechenden geschichtlichen Entwicklungshöhe der Produ- zenten. Nur zur Parallele mit der Waarenproduktion setzen wir voraus, der Antheil jedes Produzenten an den Lebensmitteln sei bestimmt durch seine Arbeitszeit. Die Arbeitszeit würde also eine doppelte Rolle spielen. Ihre gesellschaftlich planmässige Vertheilung regelt die richtige Proportion der verschiednen Arbeitsfunktionen zu den verschiednen Be- dürfnissen. Andrerseits dient die Arbeitszeit zugleich als Mass des indi- viduellen Antheils des Produzenten an der Gemeinarbeit und daher auch an dem individuell verzehrbaren Theil des Gemeinprodukts. Die gesell- schaftlichen Beziehungen der Menschen zu ihren Arbeiten und ihren Ar- 38 beitsprodukten blieben hier durchsichtig einfach , in der Produktion sowohl als in der Distribution. Woher also der räthselhafte Charakter des Arbeitsprodukts, sobald es die Form der Waare annimmt? Wenn die Menschen ihre Produkte auf einander a 1 s W e r t h e beziehn, sofern diese Sachen für b 1 o s s sachliche Hüllen gleichartig mensch- licher Arbeit gelten, so liegt darin zugleich umgekehrt, dass ihre ver- schieduen Arbeiten nur als gleichartige menschliche Arbeit gelten in sachlicher Hülle. Sie beziehn ihre verschiednen Arbeiten auf ein- ander als menschliche Arbeit, indem sie ihre Produkte aufeinander als Werthe beziehn. Die persönliche Beziehung ist versteckt durch die sachliche Form. Es steht daher dem Werth nicht auf der Stirn geschrieben, was er ist. Um ihre Produkte aufeinander als Waaren zu beziehn, sind die Menschen gezwungen, ihre verschiednen Arbeiten abstrakt menschlicher Arbeit gleichzusetzen. Sie wissen das nicht, aber sie thun es, indem sie das materielle Ding auf die Abstraktion Werth reduciren. Es ist diess eine naturwüchsige und daher bewusstlos instinktive Opera- tion ihres Hirns, die aus der besondern Weise ihrer materiellen Produktion und den Verhältnissen , worin diese Produktion sie versetzt , nothwendig herauswächst. Erst ist ihr Verhältniss praktisch da. Zweitens aber, weil sie Menschen sind, ist i h r V e r h ä 1 1 n i s s als Verhältniss für sie da. Die Art, wie es für sie da ist, oder sich in ihrem Hirn reflektirt, entspringt aus der Natur des Verhältnisses selbst. Später suchen sie durch die Wissenschaft hinter das Geheimniss ihres eignen gesellschaft- lichen Produkts zu kommen, denn die Bestimmung eines Dings als Werth ist ihr Produkt, so gut wie die Sprache. Was nun ferner die Werth- grösse betrifft, so werden die unabhängig von einander betriebenen, aber, weil Glieder der naturwüchsigen T h e i 1 u n g der Arbeit, allsei- tig von einander abhängigen Privatarbeiten dadurch fortwährend auf ihr gesellschaftlich proportionelles Mass reducirt, dass sich in den zufälligen und stets schwankenden Austauschverhältnissen ihrer Pro- dukte die zu deren Produktion gesellschaftlich nothwendige Arbeitszeit als regelndes Naturgesetz gewaltsam durchsetzt, wie etwa das Gesetz der Schwere , wenn einem das Haus über dem Kopf zusammenpurzelt -^). 20) ,,Was soll man von einem Gesetze denken, das sich nur durch periodische Revolutionen durchsetzen kann? Es ist eben ein Naturgesetz, das auf der 39 Die Bestimmung der Werthgrösse durch die Arbeitszeit ist daher unter den erscheinenden Bewegungen der relativen Waarenwerthe verstecktes Geheimniss. Die eigne gesellschaftliche Bewegung der Produzenten be- sitzt für sie die Form einer Bewegung von Sachen , unter deren Controle sie stehn, statt sie zu controliren. Was nun endlich die Werthform betrifft, so ist es ja grade diese Form , welche die gesellschaftlichen Be- ziehungen der Privatarbeiter und daher die gesellschaftlichen Bestimmt- heiten der Privatarbeiten sachlich verschleiert, statt sie zu offen- baren. Wenn ich sage, Rock, Stiefel u. s. w. beziehn sich auf Leinwand als allgemeine Materiatur abstrakter menschlicher Arbeit , so springt die Verrücktheit dieses Ausdrucks ins Auge. Aber wenn die Produzenten von Rock, Stiefel u. s. w. diese Waaren auf die Leinwand als allgemei- nes Aequivalent beziehn, erscheint ihnen die gesellschaftliche Bezie- hung ihrer Privatarbeiten genau in dieser verrückten Form. Derartige Formen bilden eben die Kategorien der bürgerlichen Oekonomie. Es sind gesellschaftlich gültige, also objektive Gedan- kenformen für Produktionsverhältnisse dieser historisch bestimm- ten gesellschaftlichen Produktionsweise. Die Privatproduzenten treten erst in gesellschaftlichen Contakt ver- mittelst ihrer Privatprodukte, der Sachen. Die gesellschaftlichen Be- ziehungen ihrer Arbeiten sind und erscheinen daher nicht als unmit- telbar gesellschaftliche Verhältnisse der Personen in ihren Arbeiten , son- dern als sachliche Verhältnisse der Personen oder gesellschaft- liche Verhältnisse der Sachen. Die erste und allgemeinste Dar- stellung der Sache als eines g e s e 1 1 s c h a f 1 1 i c h e n D i n g s ist aber die Verwandlung des Arbeitsprodukts in W a a r e. Der Mysticismus der Waare entspringt also daraus , dass den Privat- produzenten die gesellschaftlichen Bestimmungen ihrer Privat- arbeiten als gesellschaftliche Naturbestimmtheiten der Arbeitsprodukte, dass die gesellschaftlichen Produktions- verhältnisse der Personen als gesellschaftliche Verhält- Bev/usstlosigkeit der Betheiligten beruht." (Friedrich Engels: ,,Umrisse au Einer Kritik der Nationalökonomie", p. 103 in ,, Deutsch -Französische Jahrbücher, herausgegeben von Arnold Rüge und Karl Marx. Paris 1849.") 40 iiisse d er Sach en zu einander und zu den Personen erscheinen. Die Verhältnisse der Privatarbeiter zur gesellschaftlichen Gesammtarbeit" ver- gegenständ liehen sich ihnen gegenüber und existiren daher für sie in den Formen von Gegenständen. Für eine Gesellschaft von Waarenproducenten , deren allgemein gesellschaftliches Produktionsver- hältniss darin besteht, sicli zu ihren Produkten als Waaren, also als Werthen zu verhalten, und in dieser sachlichen Form ihre Privat- arbeiten auf einander zu beziehn als gleiche m e n s c h 1 i c h e Arbeit, ist das Chris tenthum , mit seinem Kultus des abstrakten Menschen, namentlicli in seiner bürgerlichen Entwicklung, dem Protestantismus, Deis- mus u. s. w., die entsprechendste Religionsform. In den altasiati- schen , antiken u. s. w. Produktionsweisen spielt die Verwandlung des Produkts in Waare , und daher das Dasein der Menschen als Waarenpro- duzenten, eine untergeordnete Rolle , die jedoch um so bedeutender wird, je mehr die Gemeinwesen in das Stadium ihres Untergangs treten. Eigent- liche Handelsvölker existiren nur in den Intermundien der alten Welt, wie Epi- kurs Götter, oder wie Juden in den Poren der polnischen Gesellschaft. Jene alten gesellschaftlichen Prodnktionsorganismen sind ausserordentlich viel einfacher und durchsichtiger als der bürgerliche, aber sie beruhen entweder auf der Unreife des individuellen Menschen , der sich von der Nabelschnur des natürlichen Gattungszusammenhangs mit Andern noch nicht losgerissen hat, oder auf unmittelbaren Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnissen. Sie sind bedingt durch eine niedrige Entwicklungsstufe der Produktivkräfte der Arbeit und entsprechend befangene Verhältnisse der Menschen inner- halb ihres materiellen Lebenserzeugungsprozesses , daher zu einander und zur Natur. Diese wirkliche Befangenheit spiegelt sich ideell wieder in den alten Natur- und Volksreligionen . Der religiöse W i e d e r s c h e i n der wirklichen Welt kann nur verschwinden , sobald die Verhältnisse des praktischen Werkeltagslebens den Menschen tagtäglich durchsichtig ver- nünftige Beziehungen zu einander und zur Natur darstellen. Die Ver- hältnisse können sich aber nur als das darstellen, was sie sind. Die Ge- stalt des gesellschaftlichen Lebensprozesses, d. h. des materiellen Pro- duktionsprozesses , streift nur ihren mystischen Nebelschleier ab , sobald sie als Produkt frei vergesellschafteter Menschen unter deren bewusster planmässiger Controle steht. Dazu ist jedoch eine materielle Grundlage der Gesellschaft erheischt oder eine Reihe materieller Existenzbedingungen, 41 welche selbst wieder das naturwüchsige Produkt einer langen und qual- vollen Entwicklungsgeschichte sind. Die politische Uekonomie hat nun zwar, wenn auch unvollkommen ^7)^ Wertli und Werthgrösse analysirt, Sie hat niemals auch nur die Frage gestellt, warum sich die Arbeit im Werth und das Mass der Arbeit durch ihre Zeitdauer in der Wert h grosse- darstellt? Formen, denen es auf der Stirn geschrieben steht , dass sie einer Gesellschaftsformation an- gehören, worin der Produktionsprozess die Menschen , der Mensch noch -") Das Unzulängliche in ßicardo's Analyse der W erth g rü ss c — und es ist die beste — wird man aus dem dritten und vierten Bueh dieser Schrift ersehn. Was aber den Werth überhaupt betrifft, so unterscheidet die klassische politische Oekonomie nirgendwo ausdrücklich und mit klarem Bewusstsein Arbeit, die sich in Werth, von derselben Arbeit, soweit sie sich im Gebrau chswerth ihres Produkts darstellt. Sie macht natürlich den Unterschied thatsächlich , da sie die Arbeit das einemal quantitativ, das andremal qualitativ betrachtet. Aber esfällt ihr nicht ein, dass bloss q u a n t i t at i ver Un t e rs ch i e d der Arbeiten ihre qualitative Einheit oder G I ei ch h eit voraussetzt, also ihre Reduktion auf abstrakt menschliche Arbeit. Ricardo z. B. erklärt sich einverstanden mit Destutt de Tracy, wenn dieser sagt: ,,As it is certain that our physical and moralfaeulties arealoneour original riches, the employment ofthose faculties, labour of sonie kind , is our original treasure , and that it is ahvays from this employment — that all those things are created which \ve call riches ... It is certain too, that all those things only represent the labour which h a s created t h e m , and i f t h c y h a v e a v a 1 u c , o r e v e n t u o d i s - tinctvalues, they can only derive them from that (the valuc) of the labour from which they emanate." (Ricardo: ,,The Pri n ci ples of Pol. Econ. 3 ed. Lond. 1821", p. 334). Wir deuten nur an, dass Ricardo dem Destutt seinen eignen tieferen Sinn unterschiebt. Destutt sagt in der That zwar einerseits, dass alle Dinge , die den Reiehthum bilden , ,,die Arbeit reprä- senliren, die sie geschaffen hat" , aber andrerseits, dass sie ihre,, zwei ver- schiedenen Werthe" (Gebrauchswerth und Tauschwerth) vom ,, Werth der Arbeit" erhalten. Er fällt damit in die Flachheit der Vulgärökonomie, die den AV erth einer Waare (hier der Arbeit) voraussetzt, um dadurch hinterher den Werth der anderen Waaren zu bestimmen. Ricardo liest ihn so, dass sowohl im Gebrauchswerth als Tauschwerth sich Arbeit (nicht Werth der Arbeit) dar- stellt. Er selbst aber scheidet sowenig den z wi esch 1 äch tigen Charakter der Arbeit, die d oppelt dargestellt ist , dass er in dem ganzen Kapitel : ,,Value and Riches, Their Distinctive Properties" sich mühselig mit den Trivialitäten eines J. B. Say herumschlagen muss. Am Ende ist er daher auch ganz erstaunt, dass Destutt zwar mit ihm selbst über Arbeit als W e r t h q u e 1 1 c und dennoch andererseits mit Say über den Werthbegrirt' harmonire 42 nicht den Produktionsprozess bemeistert , gelten ihrem bürgerlichen Be- wusstsein für eben so selbstverständliche Naturnothweudigkeit als die pro- duktive Arbeit selbst. Vorbürgerliche Formen des gesellschaftlichen Pro- duktionsorganismus werden daher von ihr behandelt, wie etwa von den Kirchenvcätern vorchristliche Religionen ^8). ^ Wie sehr ein Theil der Oekonomen von dem der Waarenwelt ankle- benden Fetischismus oder dem gegenständlichen Schein der gesell- schaftlichen Arbeitsbestimmungen getäuscht wird, beweist u. a. der langweihg abgeschmackte Zank über die R o 1 1 e d e r N a t u r in der Bil- dung des Tauschwerths. Da Tauschwerth eine bestimmte gesellschaft- 28) ,,Les economistes ont une singuliere maniere de proceder. II n'y a pour eux que deux sortes d'institiition, Celles de l'art et celles de la nature. Les institutions de la feodalite sont des institutions artificielles , celles de la bour- geoisie sont des institutions naturelles. Ils ressemblent en ceci aiix theologiens, qui eux aussi etablissent deux sortes de religion. Toute religion qui n'est pas la leur est une invention des hommes, tandis que leur propre religion est une eraana- tion de dieu. — Ainsi il y a eu de l'histoire, mais il n'y en a plus." (Karl Marx: ,,Misere de la Philosophie. Reponse a la Philosophie de la Misere par M. Proudhon. 1847", p. 113.) Wahrhaft drollig ist Herr Bastiat, der sich einbildet, die alten Griechen und Römer hätten nur von Raub gelel)t. Wenn man aber viele Jahrhunderte duich von Raub lebt , muss doch beständig etwas zu rauben da sein oder der Gegenstand des Raubes sich fortwährend reproduciren. Es scheint daher, dass auch Griechen und Römer einen Produktionsprozess hatten , also eine Oekonomie , welche ganz so die materielle Grundlage ihrer Welt bildete, wie die bürgerliche Oekonomie die der heutigen Welt. Oder meint Bastiat etwa, dass eine Produktionsweise, die auf der Sklaven- arbeit beruht, auf einem Raubsystem ruht? Er stellt sich dann auf gefahr- lichen Boden. Wenn ein Denkriese wie Aristoteles in seiner Würdigung der Sklavenarbeit irrte , warum sollte ein Zwergökonom , wüe Bastiat, in seiner Würdigung der Lohnarbeit richtig gehn? — Ich ergreife diese Gelegen- heit, um einen Einwand, der mir beim Erscheinen meiner Schrift ,,Zur Kritik der Pol. Oekonomie. 1859" von einem deutsch-amerikanischen Blatte gemacht wurde, kurz abzuweisen. Es sagte , meine Ansicht , dass die bestimmte Produk- tionsweise und die ihr jedesmal entsprechenden Produktionsverhältnisse, kurz ,,die ökonomische Struktur der Gesellschaft die reale Basis sei, worauf sich ein juristi- scher und politischer Ueberbau erhebe, und welcher bestimmte gesellschaftliche Eewusstseinsformen entsprächen", dass ,,die Produktionsweise des materiellen Lebens den socialen, politischen und geistigen Lebensprozess überhaupt bedinge", — alles diess sei zwar richtig für die heutige Welt , wo die materiellen Interessen, aber nicht für das Mittelalter, wo der Katholicismus , und für Athen und Rom, wo 43 liehe Manier ist , die auf ein Ding verwandte Arbeit auszudrücken , kann «r nicht mehr Naturstotf enthalten als etwa der Wechselkurs. Als allgemeinste und unentwickeltste Form der bürgerlichen Pro- <3uktion , welche desswegen auch schon in früheren Produktionsperioden erscheint, obgleich nicht in derselben herrschenden, also charakteristischen Weise, war die Waarenform noch relativ leicht zu durchschauen. Aber konkretere Formen, wie das Kapital z. B.? Der Fetischismus der klassischen Oekonomie wird hier handgreitiich. Um jedoch nicht vorzugreifen , genüge hier noch ein Beispiel bezüg- lich der Waarenform selbst. Man hat gesebn , dass in der Beziehung von Waare auf Waare, z. B. von Stiefel auf Stiefelknecht, der Gebrauchswerth des Stiefelknechts , also die Nützlichkeit seiner wirklichen dinglichen Eigenschaften dem Stiefel durchaus gleichgültig ist. Nur als Erschei- nungsform ihres eignen Werths interessirt die Stiefelwaare der Stiefel- tnecht. Könnten die Waaren also sprechen , so würden sie sagen , unser Clebrauchswerth mag den Menschen interessiren. Er kömmt uns nicht als Dingen zu. Was uns aber dinglich zukömmt, ist unser Werth. Unser eigner Verkehr als Waarendinge beweist das. Wir beziehn uns nur als Tauschwerthe auf einander. Man höre nun, wie der Oekonom aus der Waarenseele heraus spricht: ,,Werth (Tauschwerth) ist Eigen- schaft der Dinge, Reichthum (Gebrauchswerth) des Menschen. Werth in diesem Sinn schiiesst nothwendig Austausch ein, Reichthum nicht 2^)." die Politik herrschten. Zunächst ist es befremdlich, dass Jemand vorauszusetzen beliebt, diese weltbekannten Redensarten über Mittelalter und antike Welt seien irgend Jemand unbekannt geblieben. So viel ist klar, dass das Mittelalter nicht vom Katholicisnius und die antike Welt nicht von der Politik leben konnten. Die Art und Weise, wie sie ihr Leben gewannen, erklärt umgekehrt, warum dort die Politik, hier der Katholicismus ihre Rollen spielten. Es gehört übrigens wenig Bekanntschaft z. B. mit der Geschichte der römischen Republik dazu, um zu wissen , dass die Geschichte des Grundeigenthums ihre Geheimgeschichte bildet. Andererseits hat schon Don Quixote den Irrthum gebüsst , dass er die fahrende Ritterschaft mit allen ökonomischen Formen der Gesellschaft gleich verträglich wähnte. -'•') ,,Value is a property of things, riches of man. Value , in this sense, necossarily implies exchanges, riches donot." ,,0 bser vations on so nie verbal Disputes in Pol. Econ., particularly relating to value and to offer and demand. L 0 n d. 1821", p. 16. 44 ,,Reichthum (Gebvauchswerth) ist ein Attribut des Menschen, Werth ei n Attribut d er Wa aren. Ein Mensch oder ein Gemeinwesen ist reich; eine Perle oder Diamant ist werth voll . . . Eine Perle oder Diamant hat Werth als Perle oder Diamant^O)." Bisher hat noch kein Chemiker Tauschwerth in Perle oder Diamant entdeckt. Unsere Verfasser, die besondern Anspruch auf kritische Tiefe machen, finden aber, dass der Gebrauchswerth der Sachen unabhängig \^ou ihren sachlichen Eigenschaften , dagegen ihr Tauschwerth ihnen als Sachen zukömmt. Was sie hierin bestätigt, ist der sonderbare Umstand , dass der Gebrauchs- werth der Dinge sich für den Menschen ohne Austausch realisirt, also im unmittelbaren Verhältniss zwischen Ding und Mensch, ihr Werth umgekehrt mn* im Austausch, d. h. in einem gesell- schaftlichen Prozess. Wer erinnert sieh hier nicht des guten Dogberry, der den Nachtwächter Seacoal belehrt: ,,Ein gut aussehender Mann zu sein, ist eine Gabe der Umstände, aber Lesen und Schreiben zu können, kömmt vö.n Natural)". Die Waare ist unmittelbare Einheit von Gebrauchs- werth und Tauschwerth, also zweier Entgegengesetzten. Sie ist daher ein unmittelbarer Widerspruch. Dieser Widerspruch muss sich entwickeln , sobald sie nicht wie bisher analytisch bald unter dem Gesichtspunkt des Gebrauchswerths , bald unter dem Gesichtspunkt des Tauschwerths betrachtet , sondern als ein Ganzes wirklich auf andere Waaren bezogen wird. Die wirkliche Beziehung der Waaren aufein- ander ist aber ihr A u s t a u s c h p r o z e s s. 30) ,,Riches are the attributc of man , value is the attribiite of commociities. A man or a Community is rieh, a pearl or a diamond is valuable . . . A pearl or a diamond is valuable as a pearl or diamond." 6. Bailey 1. c. p. 165. 3') Der Verfasser der ,,0 b s erva t i o n s" und S. Bailey besciuildigen Ricardo, er habe den Tauschwerth aus einem nur Relativen in etwas Ab- solutes verwandelt. Umgekehrt. Er hat die Scheinrelativität, die diese Dinge, Diamant und Perlen z. B. , als Tauschwerthe besitzen, auf das hinter dem Schein verborgene wahre Verhältniss reducirt, auf ihre Relativität als blosse Ausdrücke menschlicher Arbeit. Wenn die Ricardianer dem Bailey grob , aber nicht schlagend antworteten , so nur weil sie bei Ricardo selbst keinen Aufschluss über den inneren Zusammenhang zwischen Werth und Tausch- werth fanden. 45 2) Der A ust anschproz ess der Wanroii. Die Waareii köunen nicht selbst zu Markte gtlin und sich nicht selbst austauschen. Wir müssen uns also nach ihren Hütern umsehn, den W a a r e n b e s i t z e r n. Die Waaren sind Dinge und daher widerstands- los gegen den Meuschen. Wenn sie nicht willig, kann er Gewalt brau- chen, in andern Worten sie nehmen ^^). Um diese Dinge als Waaren auf einander zu beziehn, müssen die Waarenhüter sich aufeinander als Per- sonen beziehn, deren Willen ein Dasein in jenen Dingen hat, sodass Jeder nur mit seinem Willen und dem Willen des andern , beide also nur mit ihrem gemeinschaftlichen Willen sich die fremde Waare aneignen, in- dem sie die eigne veräussern und die eigne veräussern, um sich die fremde anzueignen. Sie müssen sich daher wechselseitig als Privateigen- t h ü ra e r anerkennen. Diess R e c h t s v e r h ä 1 1 n i s s , dessen Form der Vertrag ist, ob nun legal entwickelt oder nicht, ist nur das Willens- verhältniss, worin sich das ökonomische Verhältniss wiederspiegelt. Der Inhalt dieses Rechts- oder W i 1 1 e n s v e r h ä 1 1 n i s s e s ist durch das ökonomische Verhältniss selbst gegebenes), i3ie Personen beziehn sich hier nur auf einander, indem sie gewisse dachen als Waaren auf einander beziehn. Alle Bestimmungen dieser Beziehung sind also in der 3-) Im 12. durch seine Frömmigkeit so berufenen Jahrhundert kommen unter diesen Waaren oft sehr zarte Dinge vor. So zählt ein französischer Dichter jener Zeit unter den Waaren, die sich auf dem Markt von Landit einfanden, neben Klei- dungsstoften , Schuhen, Leder, Ackergeräthen , Häuten u. s. w. auch ,,femmes feiles de leur corps" auf. 3«) Proudhon schöpft erst sein Ideal der Gerechtigkeit, der justice eternell e, aus den der Waarenproduktion entsprechenden Rechtsverhältnissen, wo- durch, nebenbei bemerkt, auch der für alle Spiessbürger so tröstliche Beweis ge- liefert wird, dass die Form der Waarenproduktion ebenso ewig ist als die Ge- rechtigkeit. Dann umgekehrt will er die wirkliche Waarenproduktion und das ihr entsprechende wirkliche Recht diesem Ideal gemäss ummodeln. Was würde man von einem Chemiker denken, der, statt die wirklichen Gesetze des Stoffwechsels zu Studiren, und auf Basis derselben bestimmte Aufgaben zu lösen, den Stoffwechsel durch die ,, ewigen Ideen" der ,,naturalite" und der ,,affiuite" ummodeln wollte? Weiss man etwa mehr über den ,, Wucher" , wenn man sagt, er widerspreche der ,, justice eternelle'" und der ,,equite etcrnelle" und der ,,mutualite eternelle" und andern verites e'ternelles" , als die Kirchenväter wussten , wenn sie sagten, er — 46 Bestimmung der Sache als Waare enthalten. Der eine Mensch existirt hier nur für den andern als Repräsentant von Waare und daher als Waa- re n b e s i t z e r. Wir werden überhaupt im F'ortgang der Entwicklung finden, dass die ökonomischen Charakterniasken der Personen nur die Perso- nifikationen der ökonomischen Verhältnisse sind , als deren Träger sie sich gegenübertreten. Was den Waarenbesitzer namentlich von der Waare unterscheidet^ ist der Umstand , dass ilir der Gebrauchswerth jeder andern AVaare nur als Erscheinungsform ihres eignen Werths gilt. Geborner Leveller und Cyniker steht sie daher stets auf dem Sprung mit jeder andern Waare, sei selbe auch ausgestattet mit mehr Unannehmlichkeiten als Maritorne , nicht nur die Seele , sondern den Leib zu wechseln. Diesen der Waare man- gelnden Sinn für das Konkrete des Waarenkörp er s ergänzt der Waaren- besitzer durch seine eignen fünf und mehr Sinne. Seine Waare hat für ihn keinen unmittelbaren Gebrauchswerth. Sonst führte er sie nicht zu Markt. Sie hat Gebrauchswerth für andre. Für ihn hat sie unmittel- bar nur den Gebrauchswerth Träger von Tauschwerth und so Tausch mittel zu sein 3*). Darum will er sie veräussern für Waare, deren Gebrauchswerth ihm genüge thut. Alle Waaren sind Nicht- Gebrauch s \v e r t h e für ihre Besitzer, G e b r a u c h s w e r t h e für ihre Nicht-Besitzer. Sie müssen also allseitig die Hände wechseln. Aber dieser Händewechsel bildet ihren Austausch und ihr Aus- tausch bezieht sie als Werthe auf einander und realisirt sie als Werthe. Die Waaren müssen sich daher als Werthe r e a 1 i s i r e n , bevor s i e sich als Gebrauchs werthe realisiren können. Andrerseits müssen sie sich als Gebrauch s wer t h e bewähren, b e V 0 r s i e s i c h a 1 s W e r t h e realisiren können. Denn die auf widerspreche der ,,gnice eternelle" , der ,,foi eternelle", der ,, volonte eternelle de dieu"? 3-'') ,,Denn zweifach ist der Gebrauch jeden Guts. — Der eine ist dem Ding als solchem eigen, der andere nicht, wie einer Sandale zur Beschuhung zu dienen und austauschbar zu sein. Beides sind Gebrauchsw^erthe der Sandale, denn auch wer die Sandale mit dem ihm Mangelnden, z. B. der Nahrung aus- tauscht, benutzt die Sandale als Sandale. Aber nicht in ihrer natürlichen Ge- brauchsweise. Denn sie ist nicht da des Austausches wegen." (Aristoteles, de Rep. 1. 1. c. 9.) 47 sie verausgabte menschliche Arbeit zählt nur, soweit sie in nützlicher Form' verausgabt und zwar nützliche Arbeit für andre ist. Ob sie andern nütz- lich, ihr Produkt daher fremde Bedürfnisse befriedigt , kann aber nur ihr Austausch beweisen. Jeder Waarenbesitzer will seine Waare nur veräussern gegen a n d r e Waare, deren Gebrauchswerth sein Bedürfniss befriedigt. Sofern ist der Austausch für ihn nur iud i vidueller Prozess. Andrerseits will er seine Waare als Wert h realisiren , also in jeder ihm beliebigen andern Waare von d e m s e 1 b e n W e r t h , ob seine eigne Waare nun für den Besitzer der andern Waare Gebrauchswerth habe oder nicht. Sofern ist der Austausch für ihn allgemein gesellschaftlicher Prozess. Aber derselbe Prozess kann nicht gleichzeitig für alle Waarenbesitzer nur individuell und zugleich nur allgemein gesellschaftlich sein. Sehn wir näher zu, so gilt jedem Waarenbesitzer jede fremde Waare als besondres A e q u i v a 1 e n t seiner Waare , seine Waare daher als allgemeines Aequivalent aller andern Waaren. Da aber alle Waarenbesitzer dasselbe thun , ist keine Waare allgemeines Aequi- valent und besitzen die AVaaren daher auch keine allgemeine relative Wertliform , worin sie sich als Werthe gleichsetzen und als Werth- grössen vergleichen. Sie stehn sich daher überhaupt nicht gegenüber als Waaren , sondern nur als Produkte oder Gebrauchswerthe. In ihrer Verlegenheit denken unsre Waarenbesitzer wie Faust. Im Anfang war die T h a t. Sie haben daher schon gehandelt , bevor sie ge- dacht haben. Die Gesetze der Waarenuatur bethätigen sich im Natur- instinkt der Waarenbesitzer. Sie können ihre Waaren nur als Werthe und darum nur als Waaren auf einander beziehn, indem sie dieselben gegen- s ä t z 1 i c li auf irgend eine andre Waare als allgemeines Aequi- valent beziehn. Das ergab die Analyse der Waare. Aber nur die gesellschaftliche That kann eine bestimmte Waare zum allge- meinen Aequivalent machen. Die gesellschaftliche Action aller andern Waaren schliesst daher eine besti m m te Waare aus, worin sie allseitig ihre Werthe darstellen. Dadurch wird die Naturalform dieser 'W'aare gesellschaftlich gültige Aequivalentform. Allgemeines Aequi- valent zu sein wird durch den gesellschaftlichen Prozess zur speci- fisch gesellschaftlichen Funktion der ausgeschlossenen Waare. So wird sie — Geld. ,,Illi unum consilium habent et virtuteni 48 et potestatem siiam bestiae traclunt. Et ne qiiis possit emere aiit vendere, nisi qui habet cbaracterem aut nonien bestiae, aut inimerura nominis ejus." (Apocalypse.) Der Geldkrystall ist not h wendiges Produkt des Austauschpro- zesses der Waären. Der immanente Widerspruch der Waare als unmit- telbarer Einheit von Gebrauchswerth und Tauschwerth , als Produkt nützlicher Privatarbeit, die ein nur vereinzeltes Glied eines natur- wüchsigen Gesammtsystems der nüfzlichen Arbeiten oder der Th ei hing der Arbeit bildet, und als unmittelbar gesellschaftliche M a - teriatur abstrakter menschlicher Arbeit — dieser Wider- spruch ruht und rastet nicht, bis er sich zur Verdopplung der Waare in Waare und Geld gestaltet hat. In demselben Masse da- her, worin sich die Verwandlung der Arbeitsprodukte in W a a r e n , vollzieht sich die Verwandlung von Waare in G el d ^ä). Der unmittelbare Produktenaustausch hat einerseits die Form des einfachen relativen Werthausdrucks und hat sie andrerseits noch nicht. Jene Form war : x Waare A = y Waare B. Die Form des un- mittelbaren Produktenaustauschs ist: x Gebrauchsgegenstand A = y Ge- brauchsgegenstand B 36). Die Dinge A und B sind hier nicht Waaren vor dem Austausch, sondern werden es erst durch denselben. Die erste Weise, worin ein Gebrauchsgegenstand der Möglichkeit nach Tauschwerth ist, ist sein Dasein als N i c h t - G e b r a u c h s w e r t h , als die unmittel- baren Bedürfnisse seines Besitzers überschiessendes Quantum von Ge- brauchswerth. Dinge sind an und für sich dem Menschen äusserlich und daher verä usser li eh. Damit diese Veräusserung wechselseitig, brauchen Menschen nur stillschweigend als Privateigenthümer jener ver- 35) Danach beurtheile man die Pfiffigkeit des kleinbürgerlichen Socialismns, der die Waarenproduktion verewigen und zugleich den ,, Gegensatz von Geld und Waare", also das Gold selbst, denn es ist nur in diesem Gegensatze, ab- schaffen will. Ebensowohl könnte man den Papst abschaffen, und den Katho- licismus bestehn lassen. Das Nähere hierüber sieh in meiner Schrift: ,,Zur Kritik der Pol. Oekonomie" p. 61 sq. 36) So lange noch nicht zwei verschiedene Gebrauchsgegenstände aus- getauscht, sondern, wie wir das bei Wilden oft finden, eine chaotische Masse von Dingen als Aequivalent für ein Drittes angeboten wird, steht der unmittelbare Pro- duktenaustausch selbst erst in seiner Vorhalle. 49 — äusserlicLen Dinge und eben dadurch als von einander unabhängige Per- sonen einander gegenübertreten. Solch ein Verhältniss wechselseitiger Fremdheit existirt jedoch nicht für die Glieder eines naturwüchsigen Ge- meinwesens, habe es nun die Form einer patriarchalischen Familie, einer altindischen Gemeinde, eines Inkastaates u. s. w. Der Waarenaustausch beginnt, wo die Gemeinwesen enden , an den Punkten ihres Contakts mit fremden Gemeinwesen oder Gliedern fiemder Gemeinwesen. Sobald Dinge aber einmal im auswärtigen, werden sie auch rückschlagend im Innern Ge- nieinleben zu Waaren. Ihr quantitatives Austa u seh verhält- niss ist zunächst ganz zufällig. Austauschbar sind sie durch den Willensakt ihrer Besitzer sie wechselseitig zu veräussern. Sie erhal- ten daher die F o r m Austauschbarer , bevor sie als W e r t h e entwickelt sind. Indess setzt sich das Bedürfniss für fremde Gebrauchsgegenstände allmälig fest. Die beständige Wiederholung des Austauschs macht ihn zu einem regelmässigen gesellschaftlichen Prozess. Im Laufe der Zeit muss daher wenigstens ein Theil der Arbeitsprodukte absichtlich zum Behuf des Austauschs producirt werden. Von diesem Augenblick befestigt sich einerseits die Scheidung zwischen der Nützlichkeit der Dinge für den un- mittelbaren Bedarf und ihrer Nützlichkeit zum Austausch. Ihr Gebrauchs- werth scheidet sich von ihrem Tauschwerthe. Andrerseits wird das quan- titative Verhältniss, worin sie sich austauschen, von ihrer Produktion selbst abhängig. Die Gewohnheit fixirt sie als Werthgrössen. Im unmittelbaren Produktenaustausch ist Jede Waai-e unmittelbar Tauschmittel für ihren Besitzer, Aequivalent für ihren Nichtbesitzer, jedoch nur so weit sie Gebrauchswerth für ihn. Der Tauschartikel erhält also noch keine von seinem eignen Gebrauchswerth oder dem individuellen Bedih-fniss der Austauscher unabhängige Werthform. Die Nothwendig- keit dieser Form entwickelt sich mit der wachsenden Anzahl und Mannig- faltigkeit der in den Austauschprozess eintretenden Waaren. Die Aufgabe entspringt gleichzeitig mit den Mitteln ihrer Lösung. Ein Verkehr , wel- cher die Waarenbesitzer treibt, ihre eigenen Artikel mit verschiedenen andern Artikeln auszutauschen und daher zu vergleichen , findet niemals statt, ohne dass verschiedene Waaren von verschiedenen Waarenbesitzern innerhalb ihres Verkehrs mit einer und derselben dritten Waare n- art ausgetauscht und als Werthe verglichen werden . Solche dritte Waare, indem sie Aequivalent für v ers ch i e d en e andere Waaren wird, erhält I. 4 50 unmittelbar , wenn auch in engen Grenzen , allgemeine oder gesellschaft- liche Aequivalentform. Diese allgemeine Aequivalentform entsteht und ver- geht mit dem augenblicklichen gesellschaftlichen Contakt, der sie ins Leben rief. Abwechselnd und flüchtig kommt sie dieser und jener Waare zu. Mit der Entwicklung des Waarenaustauschs heftet sie sich aber aus- schliesslich fest an besondere Waarenarten , oder krystallisirt zur Geldform. An welcher Waarenart sie kleben bleibt, ist zunächst zu- fällig. Jedoch entscheiden im Grossen und Ganzen zwei Umstände. Die G e 1 d f 0 r m heftet sich entweder an die wichtigsten E i n t a u s c h a r t i k e 1 aus der Fremde, welche in der That naturwüchsige Erscheinungsfor- men des Tauschwerths der einheimischen Produkte sind. Oder an den Gebrauchsgegenstand, welcher das Hauptelement des einheimischen vor- an s s e r 1 i c h e n Besitzthums bildet , wie Vieh z. B. Nomadenvölker ent- wickeln zuerst die Geldform, weil all ihr Hab und Gut sich in beweg- licher, daher unmittelbar veräusserliclier Form befindet, und weil ihre Lebensweise sie beständig mit fremden Gemeinwesen in Contakt bringt, daher zum Produktenaustausch sollicitirt. Die Menschen haben oft den Menschen selbst in der Gestalt des Sklaven zum ursprünglichen Geldmate- rial gemacht , aber niemals den Grund und Boden. Solche Idee konnte nur in bereits ausgebildeter bürgerlicher Gesellschaft aufkommen. Sie datirt vom letzten Drittheil des 17. Jahrhunderts und ihre Ausfüh- rung, auf nationalem Massstab, wurde erst ein Jahrhundert später in der bürgerlichen Revolution der Franzosen versucht. In demselben Verhältniss, worin der Waarenaustausch seine nur lokalen Bande sprengt, der Waarenwerth sich daher zur Materiatur menschlicher Arbeit überhaupt ausweitet , geht die Geldform auf Waaren über, die von Natur zur gesellschaftlichen Funktion eines all- gemeinen Aequivalents taugen, auf die edlen Metalle. Dassnun, „obgleich Gold und Silber nicht von Natur Geld, Geld von Natur Gold und Silber ist" 37) , zeigt die Congruenz ihrer Natur- eigenschaften mit seinen Funktionen ^^). Bisher kennen wir aber nur 37) Karl Marx 1. c. p. 135. ,,I metalli .... naturalmente mo- neta. " (Galiani: ,,Della Moneta" in Custodi's Sammlung Parte Moderna, t. III, p. 72.) •'"*) Das Nähere darüber in meiner eiien citirten Schrift, Abschnitt: ,,Die edlen Metalle ". 51 die eine Funktion des Geldes, als Ersclieimingsfonn des Waaren w e r t h s zu dienen oder als das Material, worin die Wertligrössen der Waaren sich gesellschaftlich ausdrücken. Ad.äquate Erscheinungsfoim von Werth oder ]\[at('riatur abstrakter und daher gleicher menschlicher Arbeit kann nur eine Materie sein, deren säumitliche Exemplare dieselbe gleichförmige Qualität besitzen. Andrerseits, da der Unterschied der Wertligrössen rein quantitativ ist, verschicdne Quanta geronnener Arbeitszeit aus- drückt, muss die Geldwaare rein quantitativer Unterschiede fähig, also nach Willkülir theilbar und aus ihren Theilen wieder zusammensetzbar sein, Gold und Silber besitzen aber diese Eigenschaften von Natur. Der G e b r a u c h 8 w e r t h der Geldwaare verdoppelt sich. Neben ihrem besondern Gebrauchswerth als Waare, wie Gold z. B. zum Aus- stopfen hohler Zähne, Rohmaterial von Luxusartikeln u. s. w, dient, er- halt sie einen formalen Gebrauchswerth, der aus ihren specifischen gesell- schaftlichen Funktionen entspringt. Da alle andern Waaren nur besondere Aequivalente des Geldes, das Geld ihr allgemeines Aequivalent, verhalten sie sich als besondre W a a r e u zum Geld als der allgemeinen Waare ^9). Man hat gesehn, dass die Geld form nur der an einer Waare fest- haftende Reflex der Beziehungen aller andern Waaren. Dass Geld Waare ist**^), ist also nur eine Entdeckung für den, der von seiner fer- tigen Gestalt ausgeht, um sie hinterher zu analj'sii'en. Der Austausch- prozess giebt der Waare, die er in Geld verwandelt, nicht ihren Werth, "^) ,,I1 danaro e la merce uni versal e.-- (Vervi 1. c. p. 16.) *o) „Silver and gold themselves , which \ve may call hy the geueral name of Bullion, are . . . conimodities . . . raising and fallingin . . value . . . Bullion then may be reckoned to be of higher value , where the smaller weight will pur- chase the greater quantity of the product or manufacture of the country etc." (,,A Discourse of the General Notions of Money, Trade, and Exchange, as they stand in relations to eachother. By a Mer- chant. Lond. 1695", p. 7.) ,,Silver and gold , coioed or uncoined , tho' they are used for a raeasure of all other things, are no less a coinmodity than wine, oyl, tobacco, cloth or stuft's." (,,A Discourse concerning Trade, and that in particularof theEast-Indies etc., London 1689", p. 2.) ,,The stock and riches of the kingdom caiinot properly be confined to money, nor ought gold and silver to be excluded froni being mer chan di z e. " (,,The East India Trade a most Profitable Trade. London 1677", p. 4.) 4* 52 sondern ihre spezifische Werthform. Die Verwechslung beider Bestim- mungen verleitete dazu , den Werth von Gold und Silber für imaginär zu halten^'). Weil Geld in bestimmten Funktionen durch blosse Zeichen seiner selbst ersetzt werden kann , entsprang der andere Irrthum , es sei ein blosses Zeichen. Andrerseits lag darin die Ahnung, dass die Geld- form des Dings ihm selbst äusserlich und blosse Erscheinungsform dahinter versteckter menschlicher Verhältnisse. In diesem Sinn wäre jede Waare ein Zeichen , weil als Werth nur sachliche Hülle der auf sie verausgabten menschlichen Arbeit*-). Indem man aber die gesellschaft- •»') ,,L'oro e l'argento hanno valore come metalli anteriori all' essere mo- neta." (Galiani 1. c.) Locke sagt: ,,Die allgemeine Uebereinstimmung der Menschen legte dem Silber, wegen seiner Qualitäten , die es zum Geld ge- eignet machten, einen imaginären Werth bei." Dagegen Law: ,,Wie könnten verschiedene Nationen irgend einer Sache einen imaginären Werth geben . . . oder wie hätte sich dieser imaginäre Werth erhalten können?" Wie wenig er selbst aber von der Sache verstand : ,,Das Silber tauschte sich aus nach dem Gebrauchs werth, den es hatte, also nach seinem wirklichen Werth; durch seine Bestimmung als Geld erhielt es einen zuschüssigen Werth (une valeur additionnelle)." (Jean Law: ,,Considerations sur lenume- raire et le commerce" in E. Daire's Edit. der ,,Ec o n onid stes Financi ers du XVIII. siecle" p. 470.) *2) ,,L'argent en (des denrees) est le signe." (V. de Forbonnais: ,, Elements du Commerce. Nouv. Edit. Leyde 1766", t. II, ]>. 143.) ,,Comme signe il est attire par les denrees." (1. c. p. 155.) ,,L'argent est un signe d'une chose et la represente." (Montesquieu: ,, Esprit des Lois". Oeuvres Lond. 1767, t. II, p. 2.) ,,L'argent n'est pas simple signe, car il est lui-meme richesse ; il ne represente pas les valeurs, il les equivaut." (Le Trosne 1. c. p. 910.) ,, Betrachtet man den Begriff" des Werths, so wird die Sache selbst nur als ein Zeichen angesehn und sie gilt nicht als sie selber, sondern als was sie werth ist." (Hegel 1. c. p. 100.) Lange vor den Oekonomen brachten die Juristen die Vorstellung von Geld als blossem Zeichen und dem nur imaginären Werth der edlen Metalle in Schwung, im Sykophantendienst der königlichen Gewalt, deren Münzverfälschungsrecht sie das ganze Mittelalter hindurch auf die Traditionen des römischen Kaiserreichs und die Geldbegriffe der Pandekten stützten. ,,Qu'aucun puisse ni doive faire deute", sagt ihr gelehriger Schüler, Philipp von Valois , in einem Dekret von 1346 , ,,que ä nous et a notre majeste royale n'appartienne seulement . . . le mestier, le fait, l'etat, la Provision et toute l'ordonnance des monnaies , de donner tel cours , et pour tel prix comme il nous plait et bon nous semble." Es war römisclies Rechtsdogma, dass der Kaiser den Geldwerth dekretirt. Es 53 liehen Charaktere, welche Sachen oder die sachlichen Charaktere, welche gesellschaftliche Bestimmungen der Arbeit auf Grundlage einer bestimmten Produktionsweise erhalten , für blosse Zeichen , erklart man sie zugleich für willkührliches Reflexionsprodukt der Menschen. Es war diess beliebte Aufklärungsmanier des 18. Jahrhunderts, um den räth- selhaften Gestalten menschlicher Verhältnisse, deren Entstehungsprozess es noch nicht entziffern konnte, vorläufig wenigstens den Schein der Fremd- heit abzustreifen. Es ward vorhin bemerkt, dass die Aequivalentform einer Waare die quantitative Bestimmung ihrer Werthg r ö s s e nicht einschliesst. Weiss man , dass Gold Geld , daher mit allen andern Waaren unmittelbar austauschbar ist, so weiss mau desswegen nicht, wie viel z. B. 10 Pfund Gold werth sind. AYie jede Waare kann das Geld seine eigne Werth- grösse nur relativ in andern Waaren ausdrücken. Sein eigner Werth ist bestimmt durch die zu seiner Produktion erheischte Arbeitszeit und drückt sich in dem Quantum jeder andern Waare aus, worin gleichviel Arbeitszeit geronnen ist*-^). Diese Festsetzung seiner relativen Werth- grösse findet statt an seiner Produktionsquelle in unmittelbarem Tausch- handel. Sobald es als Geld in den Austauschprozess eintritt, ist sein Werth bereits gegeben. Wenn es schon in den letzten Decennien des 17. Jahrhunderts weit überschrittener Anfang der Geldanalyse, zu wissen, dass Geld W a a r e ist , so aber auch nur der Anfang. Die Schwierigkeit war ausdrücklich verboten, das Geld als Waare zu behandeln. ,,Peounias vero nulli emere fas erit, nam in usu publico constitutas oportet non esse mercem." Gute Auseinandersetzung hierüber von G. F. Pagnini: ,,Saggio sopra il giusto pregiodellecose. 1751", bei Custodi Parte Moderna, t. II. Namentlich im zweiten Theil der Schrift polemisirt Pagnini gegen die Herren Juristen. *3) ,,If a man can bring to London an ounce of silver out of the earth in Peru, in the same time that he can producc a busbel of corn , then one is the natural price of the other ; now if by reason of new and more easier mines a man can procure two ounces of silver as easily as he formerly didone, the corn will be as cheap at 10 Shillings the bushel , as it was before at 5 Shillings, caeteris paribus.'" William Petty: ,,A Treatise on Taxes and Contri- butions. Lond. 1667", p. 31. 54 liegt nicht dariu zu begreifen, dass Geld Waare, sondern wie, warum, wo- durch Waare Geld ist ^*). Wir sahen , wie schon in dem einfachsten Ausdrucli des Tausch- werths : x Waare A = y Waare B , das Ding , w o r i n die Werthgrösse eines andern Dings dargestellt wird, seine Aequivalentform unabhängig von dieser Beziehung als gesellschaftliche Natureigeuschaft zu besitzen scheint. Wir verfolgten die Befestigung dieses falschen Scheins. Er ist vollendet, sobald die allgemeine Aequivalentform mit der Naturalforra einer besondern Waarenart verwachsen oder zur Geldfoi'm krystallisirt ist. Eine Waare scheint nicht erst Geld zu werden , weil die andern Waaren allseitig ihre Werthe in ihr darstellen , sondern sie scheinen umgekehrt all- gemein ihre Werthe in ihr darzustellen, weil sie Geld ist. Die vermit- telnde Bewegung verschwindet in ihrem eignen Resultat und lässt keine Spur zurück. Ohne ihr Zuthun finden die Waaren ihre eigne Werthge- stalt fertig vor als einen ausser und neben ihnen existirendeu Waaren- körper. Diese Dinge, Gold und Silber, wie sie aus den Eingeweiden der Erde herauskommen , sind zugleich die unmittelbare Incarnation aller menschlichen Arbeit. Daher die Magie des Geldes. Das bloss atorai- stische Verhalten der Menschen in ihrem gesellschaftlichen Produk- tionsprozess und daher die von ihrer Controle und ihrem bewussten indi- viduellen Thun unabhängige , sachliche Gestalt ihrer eignen Produk- ■5*) Nachdena Herr Professor Koscher uns belehrt: ,,Die falschen Definitionen von Geld lassen sich in zwei Hauptgruppen theilen : solche, die es für m ehr, und solche , die es für w e n i g e r halten als eine Waare," folgt ein kunterbunter Katalog von Scliriften über das Geldwesen , wodurch auch nicht die entfernteste Einsicht in die wirkliche Geschichte der Theorie durch- schimmert, und dann die Moral: ,,Zu leugnen ist übrigens nicht, dass die meisten neueren Nationalökonomen die Eigenthümlichkeiten , welche das Geld von andern Waaren unterscheiden (also doch mehr oder weniger als Waare?) nicht genug im Auge behalten haben ... Insofern ist die halbmercantilistische Reaktion von Ganilh etc. nicht ganz unbegründet." (Wilhelm Röscher: ,,Die Grundlagen der Nationalökonomie. 3. Aufl. 18.58", p. 207 — 10.) Mehr — weniger — nicht genug — insofern — nicht ganz! Welche Begriffsbestimmungen I Und dergleichen eklektische Pro- fessoralfaselei tauft Herr Röscher bescheiden ,,die anatomisch -physiologische Me- thode" der politischen Oekonomie! Eine Entdeckung ist ihm jedoch geschuldet, nämlich, dass Geld ,,eine angenehme Waare-' ist. I 55 tionsverl)äItnisse erscheinen zunächst darin, duss ihre Arbeitsprodukte all- gemein die Waarenform annehmen. DasRäthsel des Geld- fetischs ist daher nur das sichtbar gewordne, die Augen blendende R ä t h s e 1 des W a a r e n f e t i s c h s s e 1 b s t. 3) Das Geld oder die Waarencirculatiou. A, Mass der Wert he. Ich setze überall in dieser Schrift, der Vereinfachung halber, Gold als die Geldvvaare voraus. Dadurch dass sich die Waaren in Gold ihren allgemeinen relativen Werthausdruck geben , funktionirt das Gold ihnen gegenüber als Mass der Wert he. Die Waaren werden nicht durch das Geld comraensurabel. Umgekehrt. Weil alle Waaren als Werthe vergegenständ- lichte menschliche Arbeit, daher an und für sich comraensurabel sind, können sie sich alle in irgend einer dritten Waare messen und diese dadurch in ihr gemeinschaftliches Werthmass oder Geld verwandeln. Geld als Werthmass ist aber noth wendige Erscheinungsform des immanenten Werthmasses der Waaren , der Arbeitszeit *^). Der einfache relative Werthausdruck der Waaren in Geld — X AN'aare A = y Geldwaare — ist ihr Preis. In ihren Prei- sen erscheinen die W^aaren erstens als Werthe, qualitativ Gleiche, ^•5) Die Frage, warum das Geld nicht unmittelbar die Arbeitszeit selbst repräsentirt , so dass z. B. eine Papiernote x Arbeitsstunden vorstellte, kömmt ganz einfach auf die Frage heraus, -narum auf Grundlage der Waarenpro- duktion die Arbeitsprodukte sich als Waaren darstellen müssen , denn die Dar- stellung der Waare schliesst ihre Verdopplung in Waare und Geldwaare ein. Oder warum Privatarbeit nicht als unmittelbar gesellschaftliche Arbeit , als ihr Gegentheil , behandelt werden kann. Ich habe den seichten Utopismus eines ,, Arbeitsgelds" auf Grundlage der Waarenproduktion anderswo ausführlicher er- örtert. (1. c. p. 61 sqq.) Hier sei noch bemerkt, dass z. B. das Owensche ,, Arbeitsgeld" ebensowenig ,,Geld" ist, wie etwa eine Theatermarke. Owen setzt unmittelbar vergesellschaftete Arbeit voraus, eine der Waaren- produktion diametral entgegengesetzte Produktionsform. Das Arbeitscertifikat kon- statirt nur den individuellen Antheil des Producenten an der Gemeinarbeit und seinen individuellen Anspruch auf den zur Konsumtion bestimmten Theil des Oemeinprodukts. Aber es fällt Owen nicht ein, die Waarenproduktion einer- seits vorauszusetzen und dennoch andrerseits ihre nothwendigen Bedingungen durch Geldpfuschereien umgehu zu wollen. 56 Materiatur derselben Arbeit oder dieselbe Mater iatur der Arbeit, Gold, zweitens als quantitativ bestimmte W e r t h g r ö s - s e n , denn in der Proportion , worin sie gleich bestimmten Goldquanta, sind sie einander gleich oder stellen gleiche Arbeitsquanta vor. Andrer- seits wird der entfaltete relative W e r t h a u s d r n c k oder die end- lose Reihe relativer Werthausdrücke zur spezifisch relativen W e r t h f o r m der G e 1 d w a a r e. Diese Reihe ist aber jetzt schon ge- geben in den Waarenpreisen. Man lese die Quotationen eines Preiscou- rants rückwärts und man findet die Werthgrösse des Geldes in allen mög- lichen Waaren dargestellt. Die Reihe hat auch neuen Sinn erhalten. Das Gold, weil Geld , besitzt bereits in seiner Naturalforra die allgemeine Aequivalentform oder die Form allgemeiner unmittelbarer Austauschbar- keit unabh.ängig von seinen relativen Werthausdrücken. Ihre Reihe stellt jetzt daher zugleich, ausser seiner Werthgrösse, die entfaltete Welt des stofflichen Reichthums oder der Gebrauchswerthe vor, worin es un- mittelbar umsetzbar ist. Geld hat dagegen keinen Preis. Um an dieser einheitlichen relativen AVerthform der andern Waaren theilzu- nehmen , mttsste es auf sich selbst als sein eignes Aequivalent bezogen werden. Für die Bewegung der Waaren preise gelten die früher gegebnen Gesetze des einfachen relativen Werthausdrucks. Die Waaren preise können nur allgemein steigen, bei gleichbleibendem Geld wer th, wenn die Waaren w e r t h e steigen, bei gleichbleibenden Waaren w e r t h e n , wenn der Geld werth fällt. Umgekehrt. Die Waarenp reise können nur allge- mein fallen , bei gleichbleibendem Geldwerth , wenn die Waaren w e r t h e fallen, bei gleichbleibenden Waarenwerthen , wenn der Geldwerth steigt. Es folgt daher keineswegs, dass steigender Geldwerth proportiouelles Sin- ken der Waarenpreise und fallender Geldwerth proportioneltes Steigen der Waarenpreise bedingt. Diess gilt nur für Waaren von unverändertem Werth, Solche Waaren z. B., deren Werth gleichmässig und gleichzeitig steigt mit dem Geldwerth, behalten dieselben Preise. Steigt ihr Werth langsamer oder rascher als der Geldwerth, so wird der Fall oder das Stei- gen ihrer Preise beschränkt durch die Differenz zwischen ihrer Werthbewegung und der des Geldes u. s. w. Die preisbestimmte Waare hat doppelte Form , reelle und vorgestellte oder ideelle. Ihre wirkliche Gestalt ist die eines Ge- 57 brauchsgegenstandes , eines Produkts konkreter nützlicher Ar- beit, z. B. Eisen. Ihre Werthgestalt, ihre Erscheinungsform als Mate- r i a t u r eines bestimmten Quantums gleichartiger menschlicher Arbeit, istihr Preis, ein Quantum Go Id. Aber Gold ist vom Eisen ver- seil iednes Ding und in seinem Preise bezieht das Eisen sich selbst auf Gold als ein andres Ding, das jedoch ihm Werth -Gleiches ist. Der Preis oder die Geldform der Waare existirt nur in dieser gleichsetzen- den Beziehung, also so zu sagen nur in ihrem Kopfe, und ihr Besitzer muss seine Zunge in ihren Kopf stecken oder ihr Papierzettel anhängen, um ihren Preis für die Aiissenwelt vorzustellen'*^). Die Form ihres Werths ist daher vorgestellte , ideelle Geldform im Unterschied zur hand- greiflich reellen Körperform ihres Gebrauchswerths. Da die Waaren so ihre Werthe nur ideell im Geld ausdrücken , drücken sie dieselben auch in nur vorgestelltem oder ideellem Geld aus. Mass der Werthe ist das Geld daher nur als vorgestelltes ideelles Geld. Jeder Waaren- besitzer weiss, dass er kein wirkliches Gold verbraucht , wenn er Waaren in Gold schätzt oder dem Waaren werth die Form des Waaren p r e i s e s giebt. Obgleich nun das Geld als Werthmass nur ideell funktionirt, hängt der Preis dennoch ganz vom reellen G e 1 d m a t e r i a 1 ab. Denn eine Waare, eine Tonne Eisen z. B., wird in ihrem Preise als Materiatur eines bestimmten Quantums Arbeit auf bestimmtes Quantum Geldmaterial als Materiatur desselben Quantums Arbeit bezogen, aber dasselbe Quantum Arbeit materialisirt sich in ganz verschiednen Quanta Gold , Sil- *<^) Der Wilde oder Halbwilde braucht die Zunge anders. Kapitain Parry bemerkt z. B. von den Bewohnern an der Westküste der Baftinsbav : „In this case (beim Produktenaustausch) .... they licked it (the thing re- presented to theni) twice to their tongues after which they seemed to consider the bargain satisfactorily concluded." Ebenso beleckte bei den östlichen Eskimos der Eintauscher jedesmal den Artikel beim Empfang desselben. Wenn die Zunge so im Norden als Organ der Aneignung, ist es kein Wunder, dass der Bauch im Süden als Organ des accumulirten Eigenthums gilt und der Kaffer den Reich- thum eines Mannes nach seinem Fettwanst schätzt. Die Kaffern sind grund- gescheute Kerle, denn während der britische ,,B o a rd of Health" in seinem Bericht von 1864 den Mangel eines grossen Theils der Arbeiterklasse an fettbil- denden Substanzen beklagt, machte ein Dr. Harvey, der jedoch nicht die Blut- circulation erfunden hat, in demselben Jahre sein Glück durch Puff-Rccepte, die der Bourgeoisie und Aristokratie Fettüberflusscslast abzutreiben versprachen 58 hev oder Kupfer. Der Wertli einer Tonne Eisen erhält also ganz ver- scliiedne Preisausdrücke, je nachdem Gold , Silber oder Kupfer als Werth- raass funktionirt. Die preisbestimmten Waaren- stellen sich alle dar in der Form: a Waare A = x Gold ; b Waare B = z Gold, c Waare C = y Gold u. s. w., wo a, b, c bestimmte Masse der Waarenarten A, B, C, x, z, y be- stimmte Masse des Goldes. Die Tf'aaren w e r t h e sind daher ver- wandelt in vorgestellte Goldquanta von verschieduer Grösse, also, trotz der wirren Buntheit der Waarenkörper, in gleichnamige Grössen, Gold grossen. Verschiedne Goldquanta, weil gleichnamige Grössen, vergleichen und messen sich unter einander, indem sie auf ein f i X i ]• t e s Quantum Gold als ihre Masseinheit bezogen werden. Diese Masseinheit selbst wird durch weitere Eintheilung in aliquote Theile zum M a s s s t a b fortentwickelt. Solche Massstäbe besassen Gold, Silber, Kupfer bereits in ihren M e t a 1 1 g e w i c h t e n , bevor sie Geld wurden. Ihr vor- gefundener metallischer Gewichtmassstab dient daher ursprünglich auch stets in ihrer Geldfunktion. Die Geldnamen der Metallgewichte trennen sich jedoch nach und nach von ihren ursprünglichen Gewi cht namen aus verschiedenen Gründen, vlnrunter historisch entscheidend: 1) Einführung fremden Geldes bei minder entwickelten Völkern, wie z. B. im alten Rom Silber- uiid Goldmünzen zuerst als ausländische Waaren circulirten. Die Namen <]ieses fremden Gelds sind von den einheimischen Gewichtnaraen verschie- den. 2) Mit der Entwicklung des Reichthums wird das minder edleMetal! durch das edlere aus der Funktion des Werthmasses verdrängt. Kupfer durch Silber, Silber durch Gold , so sehr diese Reihenfolge aller poetischen Chronologie widersprechen mag*^^). Pfund war nun z. B. Geldname für ein wirkliches Pfund Silber. Sobald Gold das Silber als Werthmass verdrängt, hängt sich derselbe Name vielleicht an \ i- u. s. w. Pfund Gold , je nach dem Werthverhältniss von Gold und Silber. Pfund als Geldname und als gewöhnlicher Gewichtname des Goldes sind jetzt ge- trennt. 3) Die Jahrhunderte lang fortgesetzte Geldfälschun g der Fürsten, welche vom ursprünglichen Gewicht der Geklmünzen in der That nur den Namen zurückliess. *"') Sie ist übrigens auch nicht von allgemein historischer Gültigkeit. 59 Diese historisciien Prozesse machen die Trennung des Geldnamens -der Metallgewiclite von ihrem gewöhnlichen Gowichtnamen zur Volksge- wohuheit. Bei definitiver Reglung des Geldmassstabs, die einerseits rein conventioneil ist, andrerseits gesetzlicher Allgemeinheit und Zwangsgültig- keit bedarf , verstelltes sich zuletzt von selbst, dass die Staatsautorität einen bestimmten Gewichttheil des edlen Metalls, z. B. eine Unze Gold, als Gewichteinheit fixirt und diese abtheilt in aliquote Theile, denen sie belie- bige legale Taufnamen beilegt , wie Pfund , Thaler u. s. w. Solcher ali- quote Theil, der dann als die eigentliche Masseinheit des Geldes gilt, wird weiter getheilt und nntergetheilt in andre aliquote Theile, die ihrerseits gesetzliche Taufnamen eihalten , wie Shilling , Penuy u. s. w. Nach wie vor bleiben bestimmte Metallgewichte Massstab des Metallgelds. Was sich geändert, ist Eintheilnng und Namengebung. Die Waaren verwandeln Gold in das Mass der Werthe, indem sie allseitig ihre Werthe in ihm ausdrücken. So erhalten ihre Werth- grössen die Form der Preise oder vorgestellter G o 1 d q u a n t a. Diese Verwandlung von Werth in Preis einmal vollbracht, wird es tech- nisch noth wendig , das Mass der Werthe weiter zu bestimmen zum M a s s s t a b der Preise. Beide Funktionen sind durchaus verschieden. Als Massstab der Preise kann und muss ein bestimmtes Quantum Gold f ixi rt werden , grade wie der Massstab andrer gleichnamiger Grössen. Der Werth Wechsel des Goldes ändert nichts am Werthverhältniss sei- ner verschiednen Gewichttheile unter einander und die gesetzlich fixirteu Taufnamen dieser Theile ändern nichts an ihrem Gewicht. Der Massstab der Preise misst aber nur verschiedne Quanta Gold an einem fixirten Gold- quantum , nicht den W e r t h eines Goldquantums durch das Gewicht 'des andern. Der Werth wechse 1 des Goldes verhindert auch nicht seine Funk- tion als Werthmass. Er trifft alle Waaren gleichzeitig, lässt also, caeteris paribus , ihre wechselseitigen relativen Werthe u n v e r ä n d e r t , obgleich sie sich nun alle in höheren oder niedrigeren Goldpreisen als zu- vor ausdrücken. Die Waaren stellen ihre NYerthe jetzt nicht nur gleichnamig als Gold, sondern in denselben gesellschaftlich gültigen Rechennamen des Goldmassstabs, wie Pfd.St. s. d. u. s. w., dar. Das Geld dient alsRechen - geld, so oft es gilt eine Sache als Werth und daher in Geldform zu fixiren. 60 Der Name einer Sache ist ihrer Natur ganz äusserlich und da- her erlischt auch ihre Begriffsbestimmung in ihm. Ich weiss nichts vom Menschen, wenn ich weiss, dass ein Mensch Jakobus heisst. Ebenso ver- schwindet in den G e 1 d n a m e n Pfund, Thaler, Frank , Dukat u. s. w. jede Spur des Werthverhältnisses. Die Wirre über den Geheimsinn dieser kabbalistischen Zeichen ist um so grösser als die Geldnamen zugleich den Werth der Waaren und aliquote Theile eines Goldgewichts, des Geldmassstabs, und das eine nur darstellen, weil das andre *'^). Andrerseits ist es nothwendig, dass der Wertli im Unterschied von den bunten Körpern der Waaren sich zu dieser begriffslos sachlichen , aber auch einfach gesellschaftlichen Form fortentwickle. Der Preis ist der G e 1 d n a ra e der in der Waare vergegenständlich- ten Arbeitszeit. Die A e q u i v a 1 e n z der Waare und des Geldqnantums, dem ihr Preis sie gleichsetzt, ist daher eine Tautologie*^), wie ja überhaupt der relative Wert h au sd ruck einer Waare stets der Ausdruck der Aequivalenz zweier Waaren ist. Wenn aber der Preis als Exponent der Werthgrösse der Waare Exponent ihres Austausch- verhältnisses mit Geld ist, so folgt nicht umgekehrt, dass der Exponent ihres Austauschverhältnisses mit Geld nothwendig der Expo- nent ihrer Werthgrösse ist. Gesellschaftlich nothwendige Arbeitszeit ^") Vgl. ,,Theorieen von der Masseinheit des Geldes" in ,,Zur Kritik der pol. Oekon. etc.", p. 53 sqq. Die Phantasien über Erhöhung oder Erniedrigung des ,,Münzpr ei s es" , die darin besteht , die gesetzlichen Geld- namen für gesetzlich tixirte Gewichttheile Gold oder Silber auf grössere oder kleinere Gewichttheile von Staatswegen zu übertragen und demgemäss auch etwa ',4 Unze Gold statt in 20 künftig in 40 sh. zu prägen — diese Phantasien, soweit sie nicht ungeschickte Finanzoperationen gegen Staats- und Privatgläubiger, son- dern ökonomische ,, Wunderkuren" bezwecken , hat Petty so erschöpfend be- handelt in ,,Qu an tnl um cu m que concerning Money. To the L'ord Marquis of Halifax. 1682", dass schon seine unmittelbaren Nachfolger, Sir Dudley North und John Locke, von Späteren gar nicht zu reden, ihn nur verflachen konnten. ,,If the wealth of a nation" , sagt er u. A. , ,,could be decupled by a Proclamation , it were stränge that such proclamations have not long since been made by our Governors." (1. c. p. 36.) ''^) ,,0u bien , il faut consentir ä dire qu'une valeur d'un million en argent vaut plus qu'une valeur egale en marchandises." (L e T.rosne 1. c. p. 922), also ,, qu'une valeur vaut plus qu'une valeur egale." 61 von gleicher Grösse stelle sich in 1 Quarter Weizen und in 2 Pfd. St. (ungefähr i/o Unze Gold) dar. Die 2 Pfd. St. sind Geldausdrücke der Werthgrösse des Quarter Weizen , oder sein Preis. Erlauben nnn die Umstände, ihn zu 3 Pfd. St., oder zwingen sie ihn zu 1 Pfd. St. zu uotiren, so sind 1 Pfd. St. und 3 Pfd. St. als Ausdrücke der Werthgrösse des Weizens zu klein oder zu gross, aber sie sind dennoch Preise desselben, denn erstens sind sie seine Wer th form, Geld, und zweitens Expouente seines Austauschverhältnisses mit Geld. Bei gleichbleibenden Produktions- bedingungen oder gleichbleibender Produktivkraft der Arbeit muss nach wie vor zur Reproduktion des Quarter Weizen gleich viel gesell- schaftliche Arbeitszeit veiausgabt werden . Dieser Umstand hängt weder vom Willen des Weizenproduzenten noch der andern Waa- renbesitzer ab. Die Werthgrösse der Waare drückt also ein noth wen- diges, ihrem IJildungsprozess immanentes Verhältniss zur gesell- schaftlichen Arbeitszeit aus. Mit der Verwandlung der Werthgrösse in Preis erscheint diess nothwendige Verhältniss als Austauschverhältniss der ^^'aare mit einer andern aus.ser ihr existirenden Waare. Diese Form kann aber ebensowohl die Werthgrösse der Waare als das zufällige Ver- hältniss ausdrücken , worin sie unter gegebnen Umständen veräusserlich ist. Die Möglichkeit quantitativer I n c o n g r u e n z zwischen Preis und Werthgrösse, oder der Abweichung des Pi'eises von der Werth- grösse, ist also in der Preisform selbst gegeben. Es ist diess kein Mangel dieser Form, sondern macht sie umgekehrt zur adäquaten Form einer Produktionsweise , worin sich die Regel nur als blindwirkendes Durchschnittsgesetz der Regellosigkeit durchsetzen kann. Die Pr ei sform lä.-st jedoch nicht nur die MögHchkeit quanti- tativer Incongruenz zwischen Werthgrösse und Preis, d. h. zwischen der Werthgrösse und ihrem eignen Geldausdruck zu, sondern kann einen qualitativen W iderspruch beherbergen , so dass der Preis überhaupt aufhört, W e r t h ausdruck zu sein, obgleich Geld nur die Werthform der Waaren ist. Dinge, die an und für sich keine Waaren sind, z. B. Ge- wissen , Ehre u. s. w., können ihren Besitzern gegen Geld veräusserlich sein und so durch ihren Preis die Waarenform erhalten. Ein Ding kann daher formell einen Preis haben, ohne einen Werth zu haben. Der Preisausdruck wird hier imaginär, wie gewisse Grössen der Ma- thematik oder das ,, unendliche Urtheil" der Logik. Wo wir jedoch für 62 wesentliche Produktionsverhältnisse derartige imaginäre Preisform finden, wie z. B. Preis des Grund und Bodens, obgleich der Boden, weil keine menschhche Arbeit in ihm vergegenständlicht ist, auch keinen Werth hat, wird die tiefere Analyse unter der imaginären Form stets ein wirkliches Werthverhältniss oder von ihm abgeleitete Beziehung verbor- gen finden. Doch kehren wir zurück zum normalen Waarenpreis, der uns hier' allein noch bekannt ist. Der Preis ist die nur ideelle Werthgestalt der Waare. Erdrückt also zugleich aus, dass sie noch nicht reelle Werthgestalt besitzt oder dass ihre Naturalforni nicht ihre allgemeine Aequivalentform ist. Die ideelle Werthgestalt der Waare ist ferner Preis, d.h. nur vorgestellte oder ideelle G o 1 d g e s t a 1 1. Er drückt also aus , dass, um die W^irkung eines Tauschwerths oder allgemei- nen Aequivalents auf andre Waaren auszuüben , sie ihren natürlichen Leib abstreifen , sich aus nur vorgestelltem Gold in wirkliches Gold verwandeln muss, obgleich diese Transsubstantiation ihr ,, saurer" ankommen mag als dem hegel'schen ,, Begriff"' der Uebergang aus der Nothwendigkeit in die Freiheit oder einem Hummer das Sprengen seiner Schale, oder dem Kir- chenvater Hieronymus das Abstreifen des alten Adam*^). Neben ihrer reellen Gestalt, Eisen z. B., kann die Waare im Preis ideelle Werth- gestalt oder vorgestellte Goldgestalt besitzen , aber sie kann nicht zu- gleich wirklich Eisen und wirklich Gold sein. Für ihre Preisgebung ge- nügt es, vorgestelltes Gold ihr gleichzusetzen. Durch Gold ist sie zu ersetzen, damit sie ihrem Besitzer den Dienst eines allgemeinen Aequivalents leiste. Träte der Besitzer des Eisens z. B. dem Besitzer einer weltlustigen Waare gegenüber, und verwiese ihn auf den Eisen- preis, der Geldform sei, so würde der Weltlustige antworten, wie im Himmel der heilige Petrus dem Dante, der ihm die Glaubensformeln hergesagt : ■'S) Wenn Hieionymus in seiner Jugend viel mit dem materiellen Fleisch zu ringen hatte, wie sein Wüstenkampf mit schönen Frauenbildern zeigt, so im Alter mit dem geistigen Fleisch. ,,Ich glaubte mich'', sagt er z. B., ,,im Geist vor dem Weltrichter. ,, Wer bist du?" fragte eine Stimme. ,, Ich bin ein Christ. '' ,,Du lügst", donnerte der Weltrichter. ,,Du bist nur ein Cicero ni an er !" 63 ,,Asäai bcne e trascors^ D'osta moneta gia la lega e'l peso, Ma dinimi se tu l'hai nella tua borsa." Die Preisform sehliesst die Veräiisserlichkeit der AYaaren gegen Geld und die Nothwendigkeit dieser Veräusserung ein. Die Preisbestim- mung der AVaaren hat andrerseits eine im Aiistauscliprozess befindliche Waare, das Gold, bereits zu Geld gemacht. Im ideellen Mass der Werthe lauert daher das halte Geld. B. Circulationsmittel. a) Die Metamorphose d o '• W a a r e n. Man sah, dass der Austauschprozess derWaaren widersprechende und einander ausschliessende Beziehungen einschloss. Die Entwicklung der Waare, die wir eben betrachtet, hebt diese Widersprüche nicht auf, aber sie schafft die Form, worin sie sich bewegen können. Diess ist über- haupt die Methode , wodurch sich wirkliche Widersprüche lösen. Es ist z. B. ein Widerspruch, dass ein Körper beständig in einen andern fällt und eben so beständig von ihm weg flieht. Die Ellipse ist eine der Bewe- gungsformen , worin dieser Widerspruch sich eben so sehr verwirklicht als löst. Soweit der Austauschprozess der Waaren sie aus der Hand, worin sie Nicht- Gebrauchs werthe, in die Hand überträgt , worin sie Ge- brauchs werthe, ist er gesellschaftlicher Stoffwechsel. Das Produkt einer nützlichen Arbeitsweise ersetzt das der andern. Ein- mal angelangt zur Stelle , wo sie als Gebrauchswert!! gilt, dient die Waare als Gebrauchsgegenstand oder fällt in die Sphäre der Consumtion aus der Sphäre des Waarenaustauschs. Letztre allein interessirt uns hier. Wir haben also den ganzen Prozess nach der Formseite zu betrachten, also nur den F 0 r m w e c h s e 1 oder die M e t a ra o r p h o s e der W a a r e n , welche den gesellschaftlichen Stoffwechsel vermittelt. Die durchaus mangelhafte Auffassung dieses Formwechsels, der Funk- tionen des Geldes , der daraus entspringenden verschiednen Formbestimmt- heiten, die das Geld aus seinen verschiednen Funktionen schöpft, ist, abge- sehn von Unklarheit über den Wörthbegriff selbst, dem Umstand geschul- det, dass jeder Formwechsel einer "Waare sich im Austausch z w e i e r Waaren , der Waare und der Geldwaare, darstellt. Hält man an diesem stofflichen Moment, dem Austausch von Waare und Gold, allein fest, 64 so übei'sieht man grade , was man sehn soll , nämlich was sich mit der F 0 r m zuträgt. Man übersieht, dass die Bestimmung des Goldes als Geld bereits eine Forrabestimmung ist, die ihm nicht als blosser Waare gehört, dass die andern Waaren sich in ihren Preisen selbst auf das Gold als ihre eigne Geldgestalt beziehn, und dass es seinerseits nur die allgemeine unmittelbare Aequivalentform erhält, weil die Waaren überhaupt sich eine allgemeine relative Werthform geben müssen. Die Waaren gehn zunächst unvergoldet, unverzuckert, wie der Kamm ihnen gewachsen ist, den Austauschprozess ein. Er produzirt die Ver- doppln n g d e r W a a r e i n W a a r e und Geld, ein äussei'er Gegen- satz, worin sie ihren immanenten Gegensatz von Gebrauchswerth und Tauschwerth darstellen. In diesem Gegensatz treten die Waaren als Gebrauch swerthe dem Geld als Tauschwerth gegenüber. An- drerseits sind beide Seiten des Gegensatzes AV aar en, also Einheiten von Gebrauchswerth und Wert h. Aber diese Einheit von Unter- schieden stellt sich auf jedem der beiden Pole umgekehrt dar und stellt dadurch zugleich deren Wechselbeziehung dar. Die W^aare ist reell Gebrauchswerth, ihr Werthdasein erscheint nur ideell im Preis, der sie auf das gegenüberstehende Gold als i h r e r e e 1 1 e W e r t h g e s t a 1 1 bezieht. Umgekehrt gilt das Goldmaterial nur als Wer th ra at eria tur Geld. Es ist reell daher allgemeines Aequivalent, Tausch- werth. Sein Gebrauchswerth erscheint nur noch ideell in der Reihe der relativen Werthausdrücke , worin es sich auf die gegenüber- stehenden Waaren als den Umkreis seiner reellen Gebrauchs- gestalteu bezieht. Diese gegensätzlichen Formen der Waaren sind die wirklichen Bewegungsformen ihres Austauschpro- zesses. Begleiten wir nun irgend einen W^aareubesitzer , unsern altbekannten Leinweber z. B. , zur Scene des Austauschprozesses, dem Waaren markt. Seine Waare , 20 Ellen Leinwand , ist p r e i s b e s t i m m t. Ihr Preis ist 2 Pfd. St. Er tauscht sie aus gegen 2 Pfd. St., und. Mann von altem Schrot und Korn , tauscht die 2 Pfd. St. wieder aus gegen eine Familien- bibel vom selben Preis. Die Leinwand, für ihn nur Waare, Werth träger, wird entäussert gegen Gold, ihre Werthgestalt, und aus dieser Gestalt rück- veräussert gegen eine andere Waare , die Bibel , die aber als Gebrauchs- gegenstand in's AYeberhaus wandern und dort Erbauungsbedürfnisse befrie- 65 digen soll. Der Austauscliprozess der Waare vollzieht sich also in zwei entgegengesetzten n n d einander e r g ä n z e n d e n M e t a m o r - p h 0 s e n — Verwandlung der Waare in Geld und i h r e R ü c k - Verwandlung aus Geld in Waare ^O). Die Momente der Waaren- nietamorpliose sind zugleich Händel des Waareubesitzers — Verkauf, Austausch der Waaie mit Geld, Kauf, Austausch des Gelds mit Waare, und Einheit beider Akte: Verkaufen um zu kaufen. - Besieht sich der Leinweber nun das Endresultat des Handels, so be- sitzt er Bibel statt Leinwand , statt seiner ursprünglichen Waare eine andre vom selben Werth , aber verschiedner Nützlichkeit. In gleicher Weise eignet er sich seine verschiednen Lebens- und Produktionsmittel an. Von seinem Standpunkt vermittelt der ganze Prozess, die Geldwerdung der Leinwand luid die Waarenwerdung des Geldes , Verkauf und Kauf, nur den Austausch seines Arbeitsprodukts mit fremdem Arbeits- produkt, den Produktenaustausch. Der Austauschprozess der AVaare vollzieht sich also in folgendem Formwechsel : Waare — Geld — Waare. W — G — W. Nach ihrem stofflichen Lihalt ist die Bewegung W — W, Austausch von Waare gegen Waare , Stoffwechsel der gesellschaftlichen Arbeit , in dessen Resultat der Prozess selbst erlischt. W — G. Erste Metamorphose der Waare oder Verkauf: Das üeberspringen des Waarenwerths aus dem Waarenleib in den Gold- leib ist, wie ich es anderswo bezeichnet, der salto mortale der Waare. Misslingt er, so ist zwar nicht die Waare geprellt, wohl aber der Waaren- besilzer. Die gesellschaftliche Theilung der Arbeit macht seine Arbeit ebenso einseitig als seine Bedürfnisse vielseitig. Eben desswegen dient ihm sein Produkt nur als T a u s c h w e r t h , allgemeines A e q u i v a - lent. Allgemeine, gesellschaftlich gültige Aequivalentform erhält es ^°) ,,Ex ät Tov . . . 77vq6^ ayra/jfißiaO-ai ticcvth , g:t;aly 6 llQny.Xtiros, xctinvQ anch'TMi' , wsnfQ /Qvaov /Qtjiiaia x cd ^ Qtj /u ui wy ^qv aos." (F. Lassalle: ,,D i e Ph i 1 os o p b i e Herakleitos desDunkeln. Ber- lin 1858", Bd. I, p. 222.) Lassalle's Note zu dieser Stelle, p. 224, n. 3, er- klärt das Geld unrichtig für blosses Wertbzeicben. I. 5 ßQ aber nur im Geld und das Geld befindet sich in fremder Tasche. Um es herauszuziehn , muss die Waare vor allem Gebrauchs werth für den Geldbesitzer sein , die auf sie verausgabte Arbeit also in gesellschaftlich nützlicher Form verausgabt sein oder sich als Glied der gesellschaft- lichen Theilung der Arbeit bewähren. Aber die Theilung der Arbeit ist ein naturwüchsiger P r o d u k t i o n s o r g a n i s m u s , dessen Fäden hinter dem Rücken der Waarenproducenten gewebt wurden und sich fortweben. Vielleicht ist die Waare Produkt einer neuen Arbeitsweise, die ein neu aufgekommenes Bedürfniss zu befriedigen vorgiebt oder auf eigne Faust ein Bedürfniss erst hervorrufen will. Gestern noch eine Funk- tion unter den vielen Funktionen eines und desselben VVaarenproducenten, reisst sich eine besondre Arbeitsverrichtung heute vielleicht los von diesem Zusammenhang , verselbstständigt sich und schickt eben desswegen ihr T h e i 1 p r 0 d u k t als s e 1 b s t s t ä n d i g e Waare zu Markt. Die Um- stände mögen reif oder unreif sein für diesen Scheidungsprozess. Das Produkt befriedigt heute ein gesellschaftliches Bedürfniss. Morgen wird es vielleicht ganz oder theilweise von einer ähnlichen Produktenart aus seinem Platze verdrängt. Ist auch die Arbeit, wie die unsres Leinwebers, patentirtes Glied der gesellschaftlichen Arbeitstheilung , so ist damit noch keineswegs der Gebrauchswerth grade seiner 20 Ellen Leinwand garan- tirt. Wenn das gesellschaftliche Bedürfniss für Leinwand, und es hat sein Mass, wie alles andre, bereits durch nebenbuhlerische Leinweber gesättigt ist, wird das Produkt unsres Freundes überschüssig , überflüssig und damit nutzlos. Einem geschenkten Gaul sieht man nicht ins Maul , aber er be- schreitet nicht den Markt, um Präsente zu machen. Gesetzt aber der Ge- brauchswerth seines Produkts bewähre sich und Geld werde daher ange- zogen von der Waare. Aber nun fragt sich's, wie viel Geld? Die Ant- wort ist allerdings schon auticipirt im Preis der Waare , dem Exponenten ihrer Werthgrösse. Wir sehn ab von etwaigen rein subjektiven Rechen- fehlern des Waarenbesitzers , die auf dem Markt sofort objectiv corrigirt werden. Er soll auf sein Produkt nur den gesellschaftlich nothwendigen Durchschnitt von Arbeitszeit verausgabt haben. Der Preis der AVaare ist also nur Gelduame des in ihr vergegenständlichten Quantums gesellschaft- licher Arbeit. Aber ohne Erlaubniss und hinter dem Rücken unsres Lein- webers geriethen die altverbürgten Produktionsbedingungen der Leinweberei in Gähruns;. Was gestern zweifelsohne gesellschaftlich nothwendige Ar- 67 beitszeit zur Produktion einer Elle Leinwand war, hört heute auf es zu sein , wie der Geldbesitzer eifrigst demonstrirt aus den Preisquotationen verschiedner Nebenbuhler unsres Freundes. Zu seinem Unglück giebt's viele Weber auf der Weit. Gesetzt endlich jedes auf dem Markt vor- handne Stück Leinwand enthalte nur gesellschaftlich nothwendige Arbeits- zeit. Trotzdem kann die Gesammtsumme dieser Stücke überflüssig ver- ausgabte Arbeitszeit enthalten. Vermag der Marktniagen das Gesammt- quantum Leinwand, zum Normalpreis von 2 Sh. per Elle, nicht zu ab- sorbiren, so beweist das , dass ein zu grosser Theil der gesellschaftlichen Gesammtarbeitszeit in der Form der Leinweberei verausgabt wurde. Die Wirkung ist dieselbe als hätte jeder einzelne Leinweber mehr als die ge- sellschaftlich nothwendige Arbeitszeit auf sein individuelles Produkt ver- wandt. Hier heisst's : Mitgefangen, mitgehangen. Alle Leinwand auf dem Markt gilt nur als ein Handelsartikel, jedes Stück nur als aliquoter Theil. Und in der That ist der Werth jeder individuellen Elle ja auch nur die Materiatur desselben gesellschaftlich bestimmten Quantums gleich- artiger menschlicher Arbeit. Man sieht, die Waare liebt das Geld, aber ,,thecourseof true love runs neversmooth." Ebenso naturwüchsig zufällig, wie die qualitative, ist die quantitative Gliederung des gesellschaftlichen Produktionsorganis- raus, der seine membra disjecta im System der Theilung der Arbeit dar- stellt. Unsere Waarenbesitzer entdecken daher , . dass dieselbe Theilung der Arbeit, die sie zu unabhängigen Pri vatpr o ducenten , den gesellschaftlichen Produktionsprozess und ihre Verhältnisse in diesem Pro- zess von ihnen s e 1 b s t u n a b h ä n g i g macht, dass die Unabhängig- keit der Personen von einander sich in einem System allseitiger sachlicher Abhängigkeit ergänzt. Die Theilung der Arbeit verwandelt das Arbeitsprodukt in Waare und macht dadurch seine Verwandlung in Geld nothweudig. Sie macht es zugleich zufällig, ob diese Transsubstanliation gelingt. Hier ist jedoch das Phänomen rein zu betrachten, sein normaler Vorgang also vorauszu- setzen. Wenn es übrigens überhaupt vorgeht, die Waare also nicht un- verkäuflich ist, findet stets ihr Form Wechsel statt, obgleich abnormal in diesem Formwechsel Substanz — Werthgrösse — eingebüsst oder zuge- setzt werden mag. Dem einen Waarenbesitzer ersetzt Gold seine Waare und dem an- 68 dern Waare sein Gold. Das sinnfällige Phänomen ist der Hände- oder Stellenwechsel von Waare und Gold, von 20 Ellen Leinwand und 2 Pfd. St., d. h. ihr Austausch. Aber womit tauscht sich die Waare aus? Mit ihrer eignen allgemeinen Werthgestalt. Und womit das Gold? Mit einer besondern Gestalt seines Gebrauchswerths. Warum tritt Gold der Leinwand als Geld gegenüber? Weil ihr Preis von 2 Pfd. St. oder ihr Geldname sie bereitsauf Gold als Geld bezieht. Die E u t ä u s s e r u n g der uri?prüngliclien Waaronfoi'ra vollzieht sich durch die Ver ausser ung der Waare, d. h. in dem Augenblicke, wo ihr Ge- brauchswerth das in ihrem Preis nur vorgestellte Gold wiiklich anzieht. Die R e a 1 i s i r u n g des Preises oder der nur ideellen Werthform der Waare ist daher zugleich umgekehrt Realisirung des nur ideellen Ge- brauchswerths des Geldes, die Verwandlung von Waare in Geld zugleich Verwandlung von Geld in Waare. Der eine Prozess ist zweiseitiger Prozess, vom Pol des Waarenbesitzers Verkauf, vom Gegenpol des Geldbesitzers Kauf. Oder Verkauf ist Kauf, W — G zugleich G — W 31). Wir kennen bisher kein andres ökonomisches Verhältniss der Men- schen zu einander ausser dem von Waarenbesitzern, ein Verhältniss, worin sie fremdes Arbeitsprodukt nur aneignen , indem sie eignes entfremden. Einem Waarenbesitzer kann der andre daher nur als Geldbesitzer gegenüber- treten, entweder weil sein Arbeitsprodukt vonNatur die Geldform besitzt, also Geldmaterial ist, Gold u. s. w., oder weil seine eigne Waare sich bereits gehäutet und ihre ursprüngliche Gebrauchsform abgestreift hat. Um als Geld zu funktioniren, muss das Gold natürlich an irgend einem Punkt in den Waaren- markt eintreten. Dieser Punkt liegt an seiner Produktionsquelle, wo es sich als unmittelbares Arbeitsprodukt mit anderm Arbeitsprodukt von demselben W^ertl) austauscht. Aber von diesem Augenblick funktionirt es nur als wirkliches Geld, weil es beständig realisirter Waa renpreis ist^ä). 5') ,,Toute vente est achat" (Dr. Qu es n ay : ,,Di alogues sur le Com- merce et les Travaux des Artisans". Phy si o er a tcs , ed. Daire, I. Partie, Paris 1846, p. 170), oder, wie Qiiesnay in seinen ,,Maximes Generales" sagt: ,,Vendre est acheter." 5-) ,,Le prix d'une marchandise ne pouvant pas etre paye que par le prix d'uae autre marchandise." (Mercier de la Ri viere: ,,L'Ordre na- 69 Abgesebn vom Austausch des Golds mit Waare an seiner Produktions- quelle, ist das Gold iu der Hand jedes Waarenbesitzers die entäusserte Ge- stalt seiner veräusserten Waare, Produkt des Verkaufs oder der ersten W a a r e n m e t a m 0 r p h 0 s e W — G ^^) . Ideelles Geld oder W e r t h - m a s s wurde das Gold, weil alle Waaren ilu'e Werthe in ihm massen und es so V 0 r s t e 1 1 u n g s w e i s e zu ihrer entäusserten Gebrauchsgestalt oder Werth- gestalt machten. Reelles Geld wird es, weil die Waaren durch ihre allseitige Veräusserung es zu ihrer wirklich entäusserten oder verwandelten Gebrauchsgestalt und daher zu ilirer wirklichen Werthgestalt machen. In ihrer Werthgestalt streift die Waare jede Spur ihres naturwüchsigen Gebrauchswerths und der besondern nützlichen Arbeit ab , welcher sie den Ursprung verdankt, um sich in die gleichförmige gesellschaftliche Materiatur unterschiedsloser menschlicher Arbeit zu verpuppen. Man sieht dem Geld daher nicht an, welchen Schlags die in es verwandelte Waare. Eine sieht in ihrer Geldform grade aus wie die andre. Geld mag daher Dreck sein, obgleich Dreck nicht Geld ist. Wir wollen annehmen , dass die zwei Goldfuchse, wogegen unser Leineweber seine Waare veräussert , die ver- wandelte Gestalt eines Qimrters Weizen sind. Der Verkauf der Leinwand, W — G, ist zugleich ihr Kauf, G — W. Aber als Verkauf der Leinwand beginnt dieser Prozess eine Bewegung, die mit seinem Gegen- theil endet , mit dem K a u f d e r Bibel; als K a u f d e r Leinwand endet er eine Bewegung , die mit seinem Gegentheil begann , mit dem Verkauf des Weizens. W — G (Leinwand — Geld), die erste Phase von W — G — W (Leinwand — Geld — Bibel) , ist zugleich G — W (Geld — Leinwand) , die letzte Phase einer andern Bewegung W — G — W (Weizen — Geld — Leinwand). Die erste Meta- morphose e i n e r W a a r e , ihre Verwandlung aus der Waarenform in Geld , ist stets zugleich zweite entgegengesetzte Metamorphose einer andern Waare, ihre Rückverwandlung aus der Geldform in Waare ^*). turel et essentiel des societe's politiques". Phy s io cra t e s , ed. Daire, II. Partie, p. 554.) 53) ,,Pour avoir cet argent, il faiit avoir vendu." (1. e. p. 543.) *^) Ausnahme, wie vorher bemerkt, bildet der Gold- resp. Silberproducent, der sein Produkt austauscht, ohne es vorher verkauft zu haben. 70 G — W. Zweite oder Schlussmetamorphose der Waare. Kauf. — Weil die entäusserte Gestalt aller andern Waaren oder das Produkt ihrer allgemeinen Veräusserung , ist Geld die absolut veräusser liehe Waare. Es liest alle Preise rückwärts und spiegelt sich so in allen Waarenleibern als dem hingebenden Material seiner eignen Waarenwerdung. Zugleich zeigen die Preise , die Liebesaugen , womit ihm die Waaren winken, die Schranke seiner Verwandlungsfähig- keit, nämlich seine eigne Quantität. Da die Waare in ihrer Geld- werdung verschwindet,' sieht man dem Geld nicht an, wie es in die Hände seines Besitzers gelangt oder was in es verwandelt ist. Non ölet, wessen Ursprungs auch immer. Als ent äusserte Gestalt steht es den Waaren, ihm als der absolut v e r ä u s s e r 1 i c h e n W a a r e n g e s t a 1 1 steht die Waarenwelt gegenüber ^^). G — W, der Kauf ist zugleich Verkauf, W — G, die letzte Meta- morphose einer Waare daher zugleich die erste Metamorphose einer andern Waare. Für unsern Leinweber schliesst der Lebenslauf seiner Waare mit der Bibel , M'orin er die 2 Pfd. St, rückverwandelt hat. , Aber der ur- sprüngliche Bibelbesitzer setzt die vom Leineweber gelösten 2 Pfd. St. iu Kornbranntwein um, G — W, die Schlussphase von W — G — W (Lein- wand — Geld — Bibel) ist zugleich W — G , die erste Phase von W — G — W (Bibel — Geld — Kornbranntwein). Da der Waarenproduzent nur ein einseitiges Produkt liefert, verkauft er es oft in grösseren Mas- sen , während seine vielseitigen Bedürfnisse ihn zwingen , den realisirten Preis oder die gelöste Geldsumme beständig in zahlreiche Käufe zu zer- splittern. Ein Verkauf mündet daher in viele Käufe verschiedner Waaren. Die Schlussmetamorphose einer Waare bildet so eine Summe von ersten Metamorphosen andrer Waaren. Betrachten wir nun die G e s a m m t m e t a ra o r p h o s e einer Waare, z. B. der Leinwand , so sehn wir zunächst , dass sie aus zwei entgegenge- setzten und einander ergänzenden Bewegungen besteht, W — G und G — W. Die zwei entgegengesetzten Wandlungen vollziehn sich in zwei ent- gegengesetzten gesellschaftlichen Prozessen des Waarenbesitzers und reflek- tiren sich in zwei entgegengesetzten ökonomischen Charakteren dessel- 55) ,,Si l'argent represente, tlans nos mains , les choses que nous pouvons desirer d'acheter, ily represente aussi les choses que nous avous vendues pour cet argent. " (Mercier de la Ri vi ere 1. c. p. 586.) 71 ben. Als Agent des Verkaufs wird er Verkäufer, als Agent des Kaufs Käufer. Wie aber in jeder Wandlung der Waare ihre beiden Formen, Waarenform und Geldforni , gleichzeitig existiren , nur auf entgegengesetz- ten Polen , so steht demselben Waarenbesitzer als Verkäufer ein andrer Käufer und als Käufer ein andrer Verkäufer gegenüber. Wie dieselbe Waare die zwei umgekehrten Wandlungen successiv durchläuft, aus Waare Geld luid aus Geld Waare wird, so wechselt derselbe Waarenbesitzer die Rollen von Verkäufer und Käufer. Es sind diess also keine festen , son- dern im Tauschprozess der Waaren beständig die Person wechselnden Charaktere. Die Gesammtnietamorphose einer Waare unterstellt, in ihrer einfach- sten Form , vier Extreme und drei P e r s o n a e d r a m a t i s. Erst tritt der Waare das Geld als ihre entäusserte Gestalt gegenüber, die jenseits, in fremder Tasche , sachlich harte Realität besitzt. So tritt dem Waarenbesitzer ein Geldbesitzer gegenüber. Sobald die Waare nun in Geld verwandelt , wird letztres zu ihrer verschwindenden A e q n i - val entform, deren Gebrauchswert)) oder Inhalt diesseits in andern Waarenkörpern existii-t. Als Endpunkt der ersten Waarenwandlnng ist das Geld zugleich Ausgangspunkt der zweiten. So der Verkäufer im ersten Act Käufer im zweiten, wo ihm ein dritter Waarenbesitzer als Ver- käufer gegenübertritt ^^^). Die beiden umgekehrten Bewegungsphasen der Waarenmetamorphose bilden einen Kreislauf: Waarenform, Abstreifung der Waarenform, Rückkehr zur Waarenform. Allerdings ist die Waare selbst hier gegensätzlich bestimmt, am Ausgangspunkt Nicht-Gebiauchswerth , am Endpunkt Gebrauchswertli für ihren Besitzer, wie das Geld die Waare erst als festen Werthkrystall darstellt , um hinterher als ihre blosse Aequiva- lentforni zu zerrinnen. Die zwei Metamorphosen , die den Kreislauf einer Waare, bilden zugleich die umgekehrten Theilmetamorphosen zweier andren Waa- ren. Dieselbe Waare (Leinwand) eröffnet die Reihe ihrer eignen Meta- morphosen und schliesst die Gesammtmetamorphose einer andern Waare (des Weizens). Während ihrer ersten W^andlung, dem Verkauf, spielt 5*^) ,,I1 }■ a donc quatre termes et trois contractants, dont l'na intervient deux fois." (Le Trosue 1. c p. 908.) 72 sie diese zwei Rollen in eigner Person. Als Goldchrysalide dagegen^ worin sie selbst den Weg alles Fleisches wandert, endet sie zugleich die erste Metamorphose einer dritten Waare. Der Kreislauf, den die Meta- morphosenreihe jeder Waare bildet, verschlingt sich also unentwirrbar mit den Kreisläufen andrer Waaren. Der Gesammtprozess stellt sich dar als W a a r e n c i r c u 1 a t i 0 n. Die Waarencirculation ist nicht nur formell , sondern wesentlich vom unmittelbaren Produktenaustausch unterschieden. Man werfe nur einen Piückblick auf den Vorgang. Der Leineweber hat unbedingt Leinwand mit Bibel vertauscht , eigne Waare mit fremder. Aber diess Phänomen ist nur wahr für ihn. Der Bibelagent , der dem Kühlen Heisses vorzieht, dachte nicht daran, Leinwand für Bibel einzutauschen, wie der Leineweber nicht davon weiss , dass Weizen gegen seine Leinwand eingetauscht wor- den ist u. s. w. Die Waare des B ersetzt die Waare des A, aber A und B tauschen nicht wechselseitig ihre Waaren aus. Es kann in der That vorkommen, dass A und B wechselweis von einander kaufen , aber solche besondre Beziehung ist keineswegs durch die allgemeinen Verhält- nisse der Waarencirculation bedingt. Einerseits sieht man hier, wie der Waarenaustausch die individuellen und lokalen Schranken des unmittelbaren Produktenaustauschs durchbricht und den Stoffwechsel der menschlichen Arbeit entwickelt. Andrerseits entwickelt sich ein gan- zer Kreis von den handelnden Personen uncontrolirbarer, gesellschaftlicher Naturzusammenhänge. Der Weber kann nur Leinwand verkaufen , weil der Bauer Weizen , Heisssporn nur die Bibel , weil der Weber Leinwand, der Destillateur nur gebranntes Wasser, weil der andre das Wasser des ewigen Lebens bereits verkauft hat u. s. w. Der Circulationsprozess erlischt desswegen auch nicht , wie der un- mittelbare Produktenaustausch , in dem Stellen - oder Händewechsel der Gebrauchswerthe. Das Geld verschwindet nicht , weil es schliesslich aus der Metamorphosenreihe einer Waare herausfällt. Es schlägt immer nieder auf eine durch die Waaren geräumte Circulalionsstelle. Z. B. in der Gesammtmetamorphose der Leinwand : Leinwand — Geld — Bibel fällt erst die Leinwand aus der Circulation , Geld tritt an ihre Stelle, fällt dann die Bibel aus der Circulation, Geld tritt an ihre Stelle. Der Ersatz von Waare durch Waare lässt zugleich an dritter Hand die Geldwaare hängen. Die Circulation schwitzt beständig Geld aus. 73 Nichts kann alberner sein als das Dogma, die Waarencirculation be- dinge ein notliwendiges Gleichgewicht der Verkäufe und Käufe, weil jeder Verkauf Kauf und vice versa. Meint diess , dass die Zahl der wirklich vollzognen V^erkäufe gleich derselben Zahl von Käufen , so ist es platte Tautologie. Aber es soll beweisen, dass der Verkäufer seinen eignen Käufer zu Markt führt. Verkauf und Kauf sind ein i d e n t i s c h e r A c t als Wechselbeziehung zw^eier pol arisch entgegengesetzter Personen, des Waarenbesitzers und des Geldbesitzers. Sie bilden zwei pol arisch entgegengesetzteAkte als Handlungen dersel- ben Person. Die Identität von Verkaiif und Kauf schliesst daher ein, dass die Waare nutzlos wird , wenn sie , in die alchymistische Retorte der Circulation geworfen, nicht als Geld herauskommt, nicht vom Waa- renbesitzer verkauft , also vom Geldbesitzer gekauft wird. Jene Identität enthält ferner , dass der Prozess, wenn er gelingt , einen Ruhepunkt, einen Lebensabschnitt der Waare bildet , der länger oder kürzer währen kann. Da die erste Metamorphose der Waare zugleich Verkauf und Kauf, ist dieser Theilprozess zugleich selbstständiger Prozess. Der Käufer hat die Waare , der Verkäufer hat das Geld , d. h. eine Waare , die circula- tionsfähige Form bewahrt, ob sie früher oder später wieder auf dem Markt erscheine. Keiner kann verkaufen , ohne dass ein Andrer kauft. Aber keiner braucht unmittelbar zu kaufen , weil er selbst verkauft hat. Die Circulation sprengt die zeitlichen , örtlichen und individuellen Schran- ken des Produktenaustauschs eben dadurch, dass sie die hier vorhandne unmittelbare Identität zwischen dem Austausch des eignen und dem Eintausch des fremden Arbeitsprodukts in den Gegensatz von Verkauf und Kauf spaltet. Dass die selbstständig einander gegenüber- tretenden Prozesse eine innere Einheit bilden, heisst eben so sehr, dass ihre innere Einheit sich in äusseren Gegensätzen bewegt. Geht die äusserliche Verselbstständigung der innerlich Unselbstständigen, weil einander ergänzenden , bis zu einem gewissen Punkt fort , so macht sich die Einheit gewaltsam geltend durch eine — Krise. Der der Waare immanente Gegensatz von Gebrauchswerth und Tauschwerth , von Privat- arbeit, die sich zugleich als unmittelbar gesellschaftliche Arbeit darstellen muss, von besondrer konkreter Arbeit , die zugleich nur als abstrakt all- gemeine Arbeit gilt, von Personificirung der Sache und Versachlichung der Personen — dieser immanente Widerspruch erhält in den Gegensätzen der 74 Waarenmetaraorphose seine entwickelten Be wegungsf orm en." Diese Formen scliliessen dalier die Möglichkeit, aber auch nur die Möglich- keit der Krisen ein. Die Entwicklung dieser Möglichkeit zur Wirklich- keit erfordert einen ganzen Umkreis von Verhältnissen, die vom Standpunkt der einfachen Waarencirculation noch gar nicht existiren ^'^). Als Vermittler der Waarencirculation erhält das Geld die Funktion des C i r c u 1 a t i 0 n s m i 1 1 e 1 s. b) Der Umlauf des G e 1 d e s. Der Formwechsel , worin sich der Stoffwechsel der Arbeitsprodukte vollzieht, W — G — W, bedingt, dass derselbe AVerth als Waare den Ausgangspunkt des Pi'ozesses bildet und zu demselben Punkt zurück- kehrt als Waare. Diese Bewegung der Waaren ist daher Kreis- lauf. Andrerseits schliesst dieselbe Form den Kreislauf des Geldes aus. Ihr Ptesultat ist beständige Entfernung d e s G e 1 d e s von seinein Ausgangspunkt, nicht Rückkehr zu demselben. So lange der Verkäufer die verwandelte Gestalt seiner Waare festhält, das Geld, befindet sich die Waare im Stadium der ersten Metamorphose oder hat nur ihre erste Cir- culationshälfte zurückgelegt. Ist der Prozess, Verkaufen um zu kau- fen, vervollständigt, so ist auch das Geld wieder aus der Hand ihres ursprünglichen Besitzers entfernt. Allerdings, wenn der Leinweber, nach- dem er die Bibel gekauft, von neuem Leinwand verkauft, kehrt auch das 5') Vergleiche meine Bemerkungen über James Mi 11: ,,Zur Kritik etc." ]). 74—76. Zwei Punkte sind hier charakteristisch für die Methode der ökonomistischen Apologetik. Erstens die Identificirung von Waarencircula- tion lind unmittelbarem Produktenaustausch durch einfache Abstraktion von ihren Unterschieden. Zweitens der Versuch, die Widersprüche des kapi- talistischen Produktionsprozesses wegzuleugnen, indem man die Ver- hältnisse seiner Produktionsagenten in die einfachen Beziehungen auflöst, die aus der Waarencirculation entspringen. Waarenproduktion und Waarencirculation sind aber Phänomene, die den verschiedensten Produktionsweisen angehören, wenn auch in verschiednem Umfang und Tragweite. Man weiss also noch nichts von der differentia specifica dieser Produktionsweisen und kann sie daher nicht beur- theilen , wenn man nur die ihnen gemeinschaftlichen , abstrakten Kategorien der Waarencirculation kennt. In keiner andern Wissenschaft ausser der politischen Oekonomie herrscht ähnliche Wichtigthuerei mit elementarischer Gemeinplätzlich- keit. Z. B. J. B. Say nimmt sich heraus, über die Krisen abzuurtheilen, weil er weiss, dass die Waare Produkt ist. 75 Geld in seine Hand zurück. Aber es kelirt nicht zurück durch den Circula- tionsprozess der ersten 20 Ellen Leinwand. Er hat es vielmehr aus den Händen des Leinwebers in die des Bibelverkäufers entfernt. Es kehrt nur zurück durch die Erneuerung oder Wiederholung desselben Circula- tionsprozesses für neue Waare, und endet hier wie dort mit demselben Re- sultat. Die dem Geld durch die Waarencirculation unmittelbar ertheilte Bewegungsform ist daher seine beständige Entfernung vom Ausgangspunkt, sein Lauf aus der Hand eines Waarenbesitzers in die eines andern , oder sein Umlauf (curiency, cours de la monnaie). Der Umlauf des Geldes zeigt beständige, eintönige AViederholung desselben Prozesses. Die Waare steht stets auf Seite des Verkäufers, das Geld stets auf Seite des Käufers, als Kaufmittel. Es funktionirt als Kaufraittel , indem es den Preis der Waare real isi rt. Indem es ihn realisirt , überträgt es die Waare aus der Hand des Verkäufers in die des Käufers, während es sich gleichzeitig aus der Hand des Käufers in die des Verkäufers entfernt, um denselben Prozess mit einer andern Waare zu wiederholen. Dass diese einseitige Form der Geldbewegung aus der dop- pelseitigen Formbewegung der Waare entspringt, ist verhüllt. Die Natur der AVaarencirculation selbst erzeugt den entgegengesetzten Schein. Die erste Metamorphose der Waare ist nicht nur als Bewegung des Geldes, sondern als ihre eigne Bewegung sichtbar, aber ihre zweite Metamorphose ist nur als Bewegung des Geldes sichtbar. In ihrer ersten Circulations- hälfte wechselt die Waare den Platz mit dem Geld. Damit fällt zugleich ihre Gebrauchsgestalt aus der Circulation heraus , in die Consumtion ^^). Ihre Werthgestalt oder Geldlarve tritt an ihre Stelle. Die zweite Circu- lationsliälfte durchläuft sie nicht mehr in ihrer eignen Naturalhaut, sondern in ihrer Goldhaut. Die Continuität der Bewegung fällt damit ganz auf die Seite des Geldes und dieselbe Bewegung, die für die Waare zwei entgegengesetzte Prozesse eiuschliesst , schliesst als eigne Bewegung des Geldes stets denselben Prozess ein, seinen Stellenwechsel mit stets andrer Waare. Das Resultat der Waarencirculation , Ersatz von Waare 5*) Selbst wenn die Waaie wieder und wieder verkauft wird , ein Phänomen, das hier noch nicht für uns existirt, fällt sie mit dem letzten definitiven Verkauf aus der Sphäre der Circulation in die der Consumtion , um hier als Lebensmittel oder als Produktionsmittel zu dienen. 76 durch andre Waare, erscheint dalier nicht durch ihren eignen Formwechsel vermittelt, sondern durch die Funktion des Geldes als Circulations- mittel, welches die an und für sich bewegungslosen Waaren circulirt, sie aus der Hand, worin sieNicht-Gebrauchswerthe, in die Hand tiberträgt, worin sie Gebrauchswerthe, stets in entgegengesetzter Richtung zu seinem eignen Lauf. Es entfernt die Waaren beständig aus der Circulations- sphäre, indem es beständig an ihre Circulationsstelle tritt und sich damit von seinem eignen Ausgangspunkt entfernt. Obgleich daher die Geldbe- wegung nur Ausdruck der Waarencirculafion , erscheint umgekehrt die Waarencirculation nur als Resultat der Geldbewegung ^9). Andrerseits kommt dem Geld nur die Funktion des Circulationsmittels zu, weil es die verselbstständigte Werthgestalt der Waaren ist. Seine Be- wegung als Circulationsmittel ist daher in der That nur ihre eigne Form- bewegung. Diese muss sich daher auch sinnlich im Umlauf des Geldes wiederspiegeln. Der doppelte Forrawechsel der Waare spiegelt sich wie- der im z w e i ra a 11 g e n S t e 1 1 e n w e c h s e 1 d e s s e 1 b e n G e 1 d s t ü c k s , wenn wir die Gesammtmetamorphose einer Waare, in der mehrmaligen W^ i e d e r h 0 1 u n g seines Stellenwechsels, wenn wir die Ver- schlingung der zahllosen Metamorphosen in einander betrachten. Diesel- ben Geldstücke kommen als e n t ä u s s e r t e Gestalt der Waare in die Hand des Verkäufers und verlassen sie als absolut v e r ä u s s e r 1 i c h e Gestalt der Waare. Das Geld wirkt in derselben Weise als Kauf- mittel, jedesmal gegenüber andrer Waare, in beiden Prozessen. Aber ihr innerer Zusammenhang, oder die doppelte Formbestimmtheit, die es in bei- den Prozessen für dieselbe Waare hat, erscheint in der doppelten und gegensätzlichen Bewegung, die denselben Geldstücken aufgedrückt wird. Dieselben 2 Pfd. St., die beim Verkauf der Leinwand aus der Tasche des Weizenbauers in die Tasche des Leinwebers einwandern, wandern von ihr aus beim Kauf der Bibel. Es ist doppelter Stellenwechsel, und die Leinwand oder ihren Repräsentanten als Centrum betrachtet , in entgegen- gesetzter Richtung , positiver bei Einnahme des Geldes, negativer bei sei- ner Ausgabe. Finden dagegen nur einseitige Waarenraetamorphosen statt, blosse Verkäufe oder blosse Käufe, wie man will, so wechselt das- ^3) ,,I1 (l'argent) n'a d'autre mouvement que celui qui est imprime'parles pi'o- ductions." (L e Trosne 1. c. p. 885.) 77 selbe Geld auch nur einmal den Platz. Sein zweiter Stellenwechsel drückt stets die zweite Metamorphose der Waare aus , ihre Rückverwandluiig aus Geld. Es versteht sich übrigens ganz von selbst , dass alles diess nur für die hier betrachtete Form der einfachen Waarencircuiation gilt. Jede Waare, bei ihrem ersten Schritt in die Circulation, ihrem ersten Formwechsel, fällt aus der Circulation heraus, während stets neue Waare iu sie eintritt. Das Geld dagegen als Circulationsmittel haust beständig in der Circulationssphäre und treibt sich beständig in ihr um. Es ent- steht also die Frage, wie viel Geld diese Sphäre beständig absorbirt. In einem Lande geht jeden Tag gleichzeitig, daher räumlich neben einander, eine ungeheure Anzahl einseitiger Waarenmetaraorphosen vor, oder eine zahllose Masse zersplitterter Veikäufe , welche die von einander unab- hängigen Waarenbesitzei- vollziehen. In ihren Preisen sind die Waaren bereits bestimmten vorgestellten Geldquantis gleichgesetzt. Da nun die hier betrachtete, unmittelbare Circulationsform Waare und Geld einander stets leiblich gegenüberstellt, die eine auf den Pol des Verkaufs, das andre auf den Gegenpol des Kaufs, ist die für den Circulationsprozess der Waaren- welt erheischte Masse von Circulationsmitteln bereits durch die Preis- summe der Waaren bestimmt. In der Thnt stellt das Geld nur reell die in der Preissumme der W'aaren bereits ideell ausgedrückte Goldsumme dar. Die Gleichheit dieser Summen versteht sich dalier von selbst. Wir wissen jedoch , dass bei gleichbleibenden Werthen der Waaren ihre Preise mit dem Werthe des Goldes (des Geldmaterials) selbst wechseln , verhält- nissmässig steigen, wenn er fällt, und fallen, wenn er steigt. Ob die Preis- summe der Waaren so steige oder falle, die Masse des circulirenden Geldes muss gleichmässig steigen oder fallen. Der Wechsel in der Masse der Circulationsmittel entspringt hier allerdings aus dem Geld selbst, aber nicht aus seiner Funktion als Circulationsmittel, son- dern aus seiner Funktion als Werthmass. Der Preis der Waaren wechselt erst umgekehrt wie der Werth des Geldes und dann wechselt die Masse der Circulationsmittel direkt wie der Preis der W^iaren. Ganz dasselbe Phänomen würde sich ereignen , wenn z. B. nicht der Werth des Goldes sänke, sondern Silber es als Werthmass er- setzte, oder nicht der Werth des Silbers stiege , sondern Gold es aus der Funktion des Werthmasses verdrängte. In dem einen Fall müsste mehr Silber circulireu als vorher Gold, in dem andern weniger Gold als vorher 78 Silber. In beiden Fällen hätte sich der VVerth des Geldmaterials verändert, d. h. der Waare, die als Mass der Werthe funktionirt, da- her der Preisausdruck der Waarenwerthe , daher die Masse des circuliren- den Geldes , das zur Realisirung dieser Preise dient. Man hat gesehn, dass die Circulationssphäre der Waaren ein Loch hat, wodurch Gold (Sil- ber, kurz das Geldniaterial) in sie eintritt als Waare von gegebnem Werth. Dieser Werth ist vorausgesetzt bei der Funktion des Geldes als Werthmass, also bei der Preisbestimmung. Sinkt nun z. B. der Werth des Werthmasses selbst, so erscheint diess zunächst im Preiswechsel der Waaren, die unmittelbar an den Produktionsquellen der edlen Metalle mit ihnen als Waaren ausgetauscht werden. Namentlich in minder entwickel- ten Zuständen der bürgerlichen Gesellschaft wird ein grosser Theil der andern W^aaren noch längere Zeit in dem nun illusorisch gewordnen , ver- alteten Werth des Werthmasses geschätzt werden. Indess inficirt eine Waare die andre durch ilir relatives Werthverhältniss zu derselben, die Gold- oder Silberpreise der Waaren gleichen sich allmählig aus in den durch ihre Werthe selbst bestimmten Proportionen , bis schliesslich alle Waarenwerthe dem neuen Werth des Geldmetalls entsprechend geschätzt werden. Dieser Ausgleichungsprozess ist begleitet von dem fortwähren- den Wachsthum der edlen Metalle , welche im Ersatz für die direkt mit ihnen ausgetauschten Waaren einströmen. In demselben Mass daher, worin die berichtigte Preisgebung der Waaren sich verallgemeinert, oder ihre Werthe dem neuen , gesunkenen und bis zu einem gewissen Punkt fortsinkenden Werth des Metalls gemäss geschätzt werden, ist auch bereits seine zu ihrer Realisirung nothwendige Mehrmasse vorhanden. Einseitige Beobachtung der Thatsachen, welche der Entdeckung der neuen Gold- und Silberquellen folgten , verleitete im 17. und namentlich im 18. Jahrhun- dert zum Trugschluss , die Waarenpreise seien gestiegen , weil mehr Gold und Silber' als Circulationsmittel funktionirten. Im Folgenden wird der Werth des Goldes als gegeben vorausgesetzt , wie er in der That im Augenblick der Preisschätzung gegeben ist. Unter dieser Voraussetzung also ist die Masse der Circulationsmittel durch die zu realisirende P r e i s s u m m e der Waaren bestimmt. Setzen wir nun ferner den Preis jeder Waarenart als gegeben voraus , so hängt die P r e i s s u m m e der Waaren offenbar von der in Circulation befind- lichen Waaren masse ab. Es gehört wenig Kopf brechens dazu, um 79 zu begreifen, dass wenn 1 Quarter Weizen 2 Pfd. St., 100 Quarter 200 Pfd. St., 200 Quarter 4 00 Pfd. St. u. s. w. kosten, mit der iMasse des Weizens daher die Geldmasse wachsen muss , die beim Verkauf den Platz mit ihm wechselt. Die Waarenmasse als gegeben vorausgesetzt, fluthet die Masse des circulirenden Geldes auf und ab mit den Preisschwankungen der Waaren. Sie steigt und fallt, weil die Preis summe der Waaren in Folge ihres Preiswechsels zu- oder abnimmt. Dazu ist keineswegs nöthig, dass die Preise aller Waaren gleichzeitig steigen oder fallen. Die Preis- steigerung einer gewissen Anzahl leitender Artikel in dem einen, oder ihre Preissenkung in dem andern Fall , reicht hin , um die zu realisirende Preissumme aller circulirenden Waaren zu erhöhn oder zu senken, also auch mehr oder weniger Geld in Circulation zu setzen. Ob der Preis- wechsel der Waaren wirkliche Werthweclisel wiederspiegelt oder blosse Schwankungen der Marktpreise, die Wirkung auf die Masse der Circula- tionsmittel bleibt dieselbe. Es sei gegeben eine Anzahl zusammenhangsloser, gleichzeitiger und daher räumlich neben einander fiillender Verkaufe oder Theilmetamor- phosen, z. B. von 2 Quarter Weizen, 20 Ellen Leinwand, 1 Bibel, 4 Gal- lons Kornbranntwein. Wenn der Preis jedes Artikels 2 Pfd. St. , die zu realisirende Preissumme daher 8 Pfd. St. , so muss eine Geldmasse von 8 Pfd. St. in die Circulation eingehn. Bilden dieselben Waaren dagegen Glieder der uns bekannten Metamorphosenreihe : 1 Quarter Weizen — 2 Pfd. St. — 20 Ellen Leinwand — 2 Pfcl. St. — 1 Bibel — 2 Pfd. St. — 4 Gallons Kornbranntwein — 2 Pfd. St., so circuliren dieselben 2 Pfd. St. die verschiedenen Waaren der Reihe nach, indem sie deren Preise der Reihe nach, "also auch die Preissumme von 8 Pfd.St. realisiren, um schliesslich in der Hand des Destillateurs auszuruhn. Sie vollbringen vier U m 1 ä u f e. Dieser wiederholte Stellenwechsel derselben Geldstücke stellt den doppelten Formwechsel der Waare dar, ihre Bewegung durch zwei entgegengesetzte Circulationsstadien und die Verschlingung der Meta- morphosen verschiedner Waaren ^O). Die gegensätzlichen und einander ^°) ,,Ce sont les productions qui le (l'argent) mettent en mouvement et le fönt circuler . . . La celerite de son mouvement (sc. de Taigent) supplee a sa quantite. Lorqu'il en est besoin, il ne fait que glisser d'une main dans l'autre sans s'aireter un instant." (Le Trosne 1. c. p. 915, 91G.) 80 «rgäiizenden Phasen, wodurch dieser Prozess verläuft, können nicht räum- licli neben einander fallen, sondern nur zeitlich auf einander folgen. Zeitabschnitte bilden daher das Mass seiner Dauer , oder die Anzahl der Umläufe derselben Geldstücke in gegebner Zeit misst die G e s c h w i n d i g- k ei t des Gel dum lauf s. Der Circulationsprozess jener vier Waaren dauere z. B. einen Tag. So ist die zu realisirende Preissiunme : 8 Pfd. St., die Anzahl der Umläufe desselben Geldstücks während des Tags: 4 und die Masse des circulirenden Geldes: 2 Pfd. St., oder für einen gegebnen Zeitabschnitt des Circulationsprozesses : Masse des als C i r c u 1 a t i o n s - Preissumme der VVaaren . , ^ , . . -, ^ , — r— = mittel tunktionir enden Gel- Umlaiifsanzahl eines Geldstücks ^ x^. ^, ., „ . des. Dies Gesetz gilt allgemein. Der Circulationsprozess eines Landes in einem gegebnen Zeitabschnitt um- fasst zwar einerseits viele zersplitterte , gleichzeitige und räumlich neben einander fallende Verkäufe (resp. Käufe) oder Theilmetamorphosen, worin dieselben Geldstücke nur einmal die Stelle wechseln oder nur einen Um- lauf vollziehn, andrerseits viele tlieils neben einander herlaufende, theils sich in einander verschlingende mehr oder minder gliederreiche Metamor- phosenreihen , worin dieselben Geldstücke mehr oder minder zahlreiche Umläufe zurücklegen. Die Gesammtzahl der Umläufe aller in Circula- tion befindlichen gleichnamigen Geldstücke ergiebt jedoch die D u r c h s c h n i 1 1 s a n z a h 1 der Umläufe des einzelnen Geldstücks oder die Durchschnittsgeschwindigkeit des Geldumlaufs. Die Geldmasse, die bei Beginn z. B. des täglichen Circulationsprozesses in ihn hineingeworfen wird, ist natürlich bestimmt durch die Preissumme der gleichzeitig und räumlich neben einander circulirenden Waaren. Aber inner- halb des Prozesses wird ein Geldstück so zu sagen für das andre verant- wortlich gemacht. Beschleunigt das eine seine Umlaufsgeschwindigkeit, so erlahmt die des andern , oder es fliegt ganz aus der Circulationssphäre heraus, da diese nur eine Goldmasse absorbiren kann , welche multiplicirt mit der mittlem Umlaufsanzahl ihres einzelnen Elements gleich der zu realisirenden Preissumme ist. Wächst daher die Anzahl der Umläufe der Geldstücke , so nimmt ihre circulirende Masse ab. Nimmt die Anzahl ihrer Umläufe ab, so wächst ihre Masse. Weil die Masse des Geldes , die als Circulationsmittel funktioniren kann , bei gegebner Durchschnittsge- schwindigkeit gegeben ist , hat man daher z. B. nur eine bestimmte 81 ■ Quantität von Ein-Pfund-Noten in die Cirkulation hinein zu \v(rfen, um eben so viele Soveieigns liinaus zu werfen, ein allen Banken wohlbekanntes Kunststück. Wie im Geldumlauf überhaupt nur der Circulationsprozess der Waaren erscheint, so in der Geschwindigkeit des Geldumlaufs die Ge- schwindigkeit ihres Formwechsels, das continuirliche Ineinandergreifen der Metaniorphosenreihen, die Hast des Stoffwechsels , das rasche Verschwin- den der Waaren aus der Circulationssphäre und ihr ebenso rascher Ersatz durch neue Waaren. In der Geschwindigkeit des Geldumlaufs erscheint also die flüssige Einheit der entgegengesetzten und sich ergänzen- den Phasen, Verwandlung der Gebrauchsgestalt in Werthgestalt und Rück- verwandlung der Werthgestalt in Gebrauchsgestalt , oder der beiden Pro- zesse des Verkaufs und Kaufs. Umgekehrt erscheint in der Verlangsa- niung des Geldumlaufs die Trennung und gegensätzliche Ver- selbstständigung dieser Prozesse , die Stockung des Formwechsels und daher des Stoffwechsels. W^olier diese Stockung entspringt , ist na- türlich der Circulation selbst nicht aiizusehn. Sie zeigt nur das Phänomen selbst. Der populären Anschauung, welche mit verlangsamtem Geldumlauf das Geld minder häufig auf allen Punkten der Circulationsperipherie er- scheinen und verschwinden sieht, liegt es nah das Phänomen aus mangeln- der Quantität der Circulationsmittel zu deuten 6*). 0') ,,Money being . . . the common measure of buying and selling, every body who has anything to seil, and cannot procure chapmen for it, is presently apt to tliink , that want of money in the kingdom, or country , is the cause why his goods do not go ofF; and so, want of money is the common cry ; which is a great mistake . . . What do these people want, who cry out for money? . . . The Farmer complains . . he tbinks that were more money in the country, he should have a price for his goods . . . Then it seems money is not his want, but a Price for his corn and cattle , which he would seil, biit cannot . . . why cannot he get a price? ... 1) Either there is too much corn and cattle in the country, so that most who come to market have need of selling , as he has, and few of buying: or, 2) There wants the usual vent abroad by Transportation .... Or, 3) The consumption fails, as when men, by reason of poverty , do not spend so much in their houses as formerly they did ; wherefore it is not the increase of specifick money, which would at all advance the farmer's goods, but the removal of any of these three causes, which do truly keep down the market . . The mer- chant and shopkeeper want money in the same manner, that is , they want a vent I. 6 82 Das Gesammtqnantum des in jedem Zeitabschuitt als Circulations- mittel functionirendeii Geldes ist also bestimmt einerseits durch die Preis- summe der circulirenden Waarenwelt, andrerseits durch den langsamer« oder raschern Fluss ihrer gegensätzlichen Circulationsprozesse, von dem es abhängt, der wievielte Theil jener Preissumme durch dieselben Geldstücke realisirt werden kann. Die Preissumme der Waaren hängt aber ab sowohl von der Masse als den P r e i s e n jeder Waarenart. Die drei Faktoren der Preisbewegung, der circulirenden Waaren- masse und endlich der Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes können aber in verschiedner Richtung und verschiednen Verhältnissen wechseln, die zu realisirende Preissumme, daher die durch sie bedingte Masse der C i r c u 1 a t i o n s m i 1 1 e 1, also sehr zahlreiche Cora- binationen untergehn. Wir zählen hier nur die in der Geschichte der Waarenpreise wichtigsten auf. Bei gleichbleibenden W a a r e n p r e i s e n kann die Masse der Circulationsmittel wachsen , weil die Masse der circulirenden Waaren zu- nimmt oder die ümlaufsgeschwindigkeit des Geldes abnimmt, oder beides zusammenwirkt. Die Masse der Circulationsmittel kann umgekehrt ab- nehmen mit abnehmender Waarenmasse oder zunehmender Circulations- geschwindigkeit. Bei allgemein steigenden W a a r e n p r e i s e n kann die Masse der Circulationsmittel gleichbleiben , wenn die Masse der circulirenden Waaren in demselben Verhältnlss abnimmt, worin ihr Preis zunimmt, oder die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes eben so rasch zunimmt als die Preiserhöhung, während die cirkuUrende Waarenmasse constant bleibt. for the goods they deal in, by reason that the markets fail ... in a nation never thrives better, than -vvhen riches are tost from band to band." (Sir Dudley North: ,,üiscourses upon Trade. Lond. 1691", p.U — 15 passim.) Herrenscb wand's Schwindeleien kommen alle darauf hinaus, dass die aus der Natur derWaare entspringenden und daher in der Waarencirculation erscheinenden Widersprüche durch Vermehrung der Circulationsmittel beseitigt werden können. Aus der Volksillusion, welche Stockungen des Produktions- und Circulationsprozesses einem Mangel an Circulationsmitteln zuschreibt, folgt übri- gens keineswegs iimgekehrt , dass wirklicher Mangel an Circulationsmitteln, z. B. in Folge officieller Pfuschereien mit der ,,regulation of currency", nicht seinerseits Stockungen hervorrufen kann. Die Masse der Circiilationsniittel kann fallen , weil die Waarenniasse rascher ab- oder die Umlaufsgeschwindigkeit rascher zunimmt als die Preise. Bei allgemein fall enden Waaren preisen kann die Masse der Circulationsmittel gleichbleiben , wenn die Waarenniasse in demselben Verhältniss wächst, worin ihr Preis fällt , oder die ümlaufsgeschwindigkeit des Geldes in demselben Verhältniss abnimmt wie die Preise. Sie kann wachsen , wenn die Waarenniasse rascher wächst oder die Circulations- geschwiudigkeit rascher abnimmt als die Waarenpreise fallen. Die Variationen der verschiedenen Faktoren können sich wechselsei- tig compensiren, so dass ihrer beständigen Unstätigkeit zum Trotz die zu lealisirende Gesammtsumme der Waarenpreise constant bleibt, also auch die circulirende Geldmasse. Man findet daher, namentlich bei Betrach- tung etwas längerer Perioden, ein viel constanteres Durchschnitts- n i V e a u d e r in j e.d e m Lande c i r c u 1 i r e n d e n G e 1 d m a s s e und, mit Ausnahme starker Perturbationen, die periodisch aus den Produktions- und Handelskrisen , seltner aus einem Wechsel im Geldwerth selbst ent- springen, viel geringere Abweichungen von diesem Durchschnittsniveau als man nach dem Augenschein erwarten sollte. Das Gesetz , dass die Quantität der Circulationsmittel bestimmt ist durch die Preissumme der circulirenden Waaren und die Durchschnitts- geschwindigkeit des Geldumlaufs 6-) , kann auch so ausgedrückt werden. "-) ,,There is a certain measure, and proportion of money requisite to drive the trade of a nation, more or less than which, wouldprejudice thesame. Justas there is a certain proportion of farthings necessary in a sinall retail Trade, to change siiver money, and to even such reckonings as cannot be adjusted with the smallest siiver pieces . . . Now as the proportion of the number of farthings re- •luisite in commerce is to be taken from the number of people , the frequency of their exchanges ; as also, and principally , from the value of the smallest *ilver pieces of money ; so in like manner, the proportion of money (gold and siiver species) requisite to our trade, is tobe likewise taken from the frequency of commutations, and from the bigness of payments." (Wil- liam Petty: ,,A Treatise on Taxes and Co n t ribu ti ons. Lond. 1667'-, p. 17.) Die Hume'sche Theorie ward gegen J. Stouart u. A. ver- theidigt von A. Young in seiner ,,PoliticalArithmetic. Lond. 1774", wo ein eignes Kapitel: ,,Prices depend on quantity of money", p. 6* . 84 dass bei gegebner Werthsumme der Waareu und gegebner Durchschnitts- geschwindigkeit ihrer Metamorphosen , die Quantität des umlaufenden Geldes oder des Geldmaterials von seinem eignen Werth abhängt. Die Illusion, dass umgekehrt die Waareupreise durch die Masse der Circu- lationsmittel und letztre ihrerseits durch die Masse des in einem Lande befindlichen Geldmaterials bestimmt werden ^^), wurzelt bei ihren ursprüng- lichen Vertretern in der abgeschmackten Hypothese, dass Waaren ohne Preis und Geld ohne Werth in den Circulationsprozess eingehn. 112 sqq. Ich bemerke ,,Zur Kritik etc. p. 149": ,,T)'ie Frage über die Quantität der circulirenden Münze beseitigt er (A. Smith) stillschweigend, indem er das Geld ganz falsch als blosse Waare behandelt." Diess gilt nur, so- weit A. Smith ex officio das Geld behandelt. Gelegentlich jedoch , z. B. in der Kritik der früheren Systeme der Pol. Oekon. , spricht er das Richtige aus : ,,The quantity of coin in every country is regulated by the value of the commodities which are to be circulated by it . . . . The value of goods annually bought and sold in any country requires a certain quantity of mouey to circulate and distri- bute them to their proper consumers , and can give employment to no more. The Channel of circulation necessarily draws to itself a sum sufficient to fill it , and never admits any more." (Wealth of Nations, 1. IV. eh. I.) Aehnlich eröffnet A. Smith sein Werk ex officio mit einer Apotheose der Theilung der Arbeit. Hinterher, im letzten Buch über die Quellen des Staatseinkommens, reproducirt er gelegentlich A. Ferguson's, seines Lehrers, Denunciation der Thei- lung der Arbeit. <53) ,,The prices of things will certainly rise in every nation , as the gold and silver increase amongst the people ; and , consequently , where the gold and silver deerease in any nation, the prices of all things must fall proportionably to such decrease of money." (Jacob Vanderlint: ,,Money answers all Things". Lond. 1734, p. 5.) Nähere Vergleichung zwischen Vanderlint und Hume's ,,Essays" lässt mir nicht den geringsten Zweifel, dass Hume V.'s übrigens sehr bedeutende Schrift kannte und benutzte. Die Ansicht , dass die Masse der Circulationsmittel die Preise bestimmt , auch bei Barbon und noch viel älteren Schriftstellern. ,,No inconvenience" , sagt Vanderlint, ,,can arise by an unrestrained trade, but very great advantage . . . since, if the cash of the nation be decreased by it, which prohibitions are designed to prevent, those nations that get the cash will certainly find every thing advance in price , as the cash increases amongst them. And .... our manufactures and every thing eise, will soon become so moderate as to turn the balance of trade in our favour, and thereby fetch the money back again." (1. c. p. 44.) 85 P • wo sich dann ein aliquoter Tlieil dos Waarenbreis mit einem aliquoten Theil des Metalibergs austausche ^■*). " c) Die Münze. Da s Wer th z eich en. Aus der Funktion des Geldes als Circulationsmittel entspringt seine "■') Dass jede einzelne Waarenart durch ihren Preis ein Element der Preissumme aller cir cxi li r en d en Waaren bildet, ist selbstverständ- lich. Wie aber unter einander incommensurable Ge br au chs we rth e sich en masse mit der in einem Land befindlichen Gold- oder Silbermasse austauschen sollen, ist völlig unbegreiflich. Verschwindelt man die Waarenwelt in eine ein- zige G esamm t waar e , wovon jede Waare nur einen aliquoten Theil bildet, so kommt das schöne Rechenexempel heraus: Gesammtwaare = x Ctr. Gold, Waare A = aliquoter Theil der Gesammtwaare = demselben aliquoten Theil von X Ctr. Gold. Diess ehrlich heraus bei M o n t e s q u i e u : ,,Si l'on compare la masse de Tor et de l'argent qui est dans le monde , avec la somme des marchandiscs qui ysont, il est certain que chaque denree ou marchandise , en particulier, pourra etre compare'e li une certaine portion de l'autre. S n pposons q u'il n'y ai t q u ' u n e s e u 1 e denree o u marchandise dans 1 e monde, ou qu'il n'y .nit qii'iine seule qui s'achete, et qii'elle se divise comme l'argent; cette pavtie de cette marchandise repondra a une partie de la masse de l'argent ; la nioitie du total de Tune a la moitie du total de l'autre etc. . . . l'etablissement du prix des choses depend toujours fondamentalenient de la raison du total des choses au total des signes." (Montesquieu, 1. ct. III, p. 12, \3.) Ueber die Weiterentwicklung dieser Theorie durch Ricardo , seinen Schüler James Mill, Lord Overstone u. s. w. vgl. ,,Zur Kritik u. s. w." p. 140 — 146 u. p. 150 seqq. Herr J. St. Mill versteht es, mit der ihm geläufigen eklektischen Logik, der Ansicht seines Vaters J. Mill und zugleich der entgegengesetzten zu sein. Vergleicht man den Text seines Compendiums : ,,Princ. of Pol. Econ." mit der Vorrede (erste Ausgabe) , worin er sich selbst als Adam Smith der Gegen- wart ankündet, so weiss man nicht, was mehr bewundern, die Naivetät des Mannes oder die des Publikums , das ihn auf Treu und Glauben in den Kauf nahm als Adam Smith , zu dem er sich etwa verhält wie General Williams Kars von Kars zum Herzog von Wellington. Die weder umfangreichen noch gehaltreichen <3ri- ginalforschungen des Herrn J. St. Mill im Gebiet der Pol. Oek. findet man alle in Reih' und Glied aufmarschirt in seinem 1844 erschienenen Schriftchen : ,,Some Unsettled Questions ofPolitical Economy". Locke spricht direkt den Zusammenhang zwischen der Wer thl osigkei t von Gold und Silber und der Bestimmung ihres Werths durch Quantität aus. ,,Mankind having consented to put an imaginary value upon gold and silver . . . the intrinsick value, regarded in these metals , is nothing but the quantity." ,,Some Considerations etc. 1691". Works ed 1777, vol. II, p. 15. 86 Münzgestalt. Der in dem Preise oder Geldnamen der Waaren vorge- stellte Gewichtstheil Gold muss ihnen in der Circulation als gleichnamiges Goldstück oder Münze gegenübertreten. Wie die Feststellung des Massstabs der Preise , fällt das Geschäft der Münzung dem Staat anheim. In den verschiedenen Nationaluniformen , die Gold und Silber als Münzen tragen, auf dem Weltmarkt aber wieder ausziehn , erscheint die Scheidung zwischen den Innern oder nationalen Sphären der Waarencirculation und ihrer allgemeinen Weltmarktssphäre. Goldmünze und Barrengold unterscheiden sich also von Haus aus nur durch die Figur, und das Gold ist beständig aus einer Form in die andre verwandelbar *5'5). Der Weg aus der Münze ist aber zugleich der Gang zum Schnielztiegel. Im Umlauf verschleissen nämlich die Goldmünzen, die eine mehr, die andre weniger. Goldtitel und Goldsubstanz , Nominal- gehalt und Realgehalt beginnen ihren Scheidungsprozess. Gleichnamige Goldmünzen werden von ungleichem Werth , weil verschiednem Gewicht. Das Gold als Circulationsmittel weicht ab vom Gold als Massstab der Preise , und hört damit auch auf wirkliches Aequivalent der Waaren zu sein , deren Preise es realisirt. Die Geschichte dieser Wirren bildet die Münzgeschichte des Mittelalters und der Neuzeit bis ins 18. Jahrhundert. Die naturwüchsige Tendenz des Cirkulationsprozesses, das Goldsein der Münze in Goldschein oder die Münze in ein Symbol ihres officiellen Metall- gehalts zu verwandeln , ist selbst anerkannt durch die modernsten Gesetze ßs) Es liegt natürlich ganz jenseits meines Zwecks, Details wie Schlagschatz u, dgl. zu behandein. Gegenüber dem romantischen S3"kophanten Adam Müller jedoch, der ,, die grossartige Liberalität" bewundert, womit die ,, eng- lische Regierung unentgeldlich münzt'', folgendes Urtheil Sir Dud- ley North's : ,,SiIver and gold , like other commodities , have their ebbings and flowings. Upon the arrival of quantities from Spain ... it is carried into the Tower, and coined. Not long after there will come a demand for buUion, to be exported again. If there is none, but all happens to be in coin , what then? Melt it down again; there's no loss in it, for the coining costs the owner nothing. Thus the nation has been abused , and made to pay for the twisting of straw , for asses to eat. If the merchant (North war selbst einer der grössten Kaufleute zu Charles II. Zeit) had to pay the price of the coinage, he would not have sent his silver to the Tower without consideration ; and coined money would always keep a value above uncoined silver. " (North 1. c. p. 18.) 87 über den Grad des Metallverliistes , der ein Goldstück kursunfähig macht oder demonetisirt. Wenn der Geldumlauf selbst den Realgehalt vom Nomiualgehalt der Münze scheidet, ihr Metalldasein von ihrem funktionellen Dasein, so enthält er die Möglichkeit latent, das Metallgeld in seiner Münzfunktiou durch Marken aus andrem Material oder Symbole zu ersetzen. Die tech- nischen Hindernisse der Münzung ganz diminutiver Gewichtstheile des Goldes, resp. Silbers, und der Umstand , dass niedrigere Metalle ursprüng- lich statt der edleren , Silber statt des GoJdes , Kupfer statt des Silbers, zum Werthraass dienen und daher als Geld circuliren im Augenblick, wo das edlere Metall sie entthront, erklären historisch die Rolle von Silber- und Kupfermarken als Substitute der Goldmünze, Sie ersetzen das Gold in den Kreisen der Waarencirculation , worin die Münze am schnellsten circulirt und sich daher am schnellsten abnutzt , d. h. wo Käufe und Ver- käufe unaufhörlich im kleinsten Massstab erneuert werden. Um die Fest- setzung dieser Trabanten au der Stelle des Goldes selbst zu verhindern, werden gesetzlich die sehr niedrigen Proportionen bestimmt, worin sie allein an Zahlungsstatt für Gold angenommen werden müssen. Die be- sondern Kreise, worin die verschiednen Münzsorten umlaufen, laufen natür- lich in einander. Die Scheidemünze erscheint neben dem Gold zur Zah- lung von Bruchtheilen der kleinsten Goldmünze ; das Gold tritt beständig iii die Detailcirculation ein , wird aber durch Auswechslung mit Scheide- münze ebenso beständig herausgeworfen ^O). Der Metallgehalt der Sifter- oder Kupfermarken ist willkührlich durch das Gesetz bestimmt. Im Umlauf verschleissen sie noch rascher als die '^'') ,,If silver never exceed what is wanted for the smaller payments, it cannot be collected in sufticient quantities for the larger pajments . . . the use of gold in the mai'n payments necessarily implies also its use in the retail trade : those who have gold coin offering them for small purchases , and reeeiving with the commo- dity purchased a balance of silver in return ; by which means the surplus of silver that would otherwise encumber the retail dealer, is drawn off and dispersed into general circulation. But if there is as much silver as will transact the small pay- ments independent of gold, the retail dealer raust then receive silver for small pur- chases ; andit must of necessity accumulate in his hands." (David Buchanan: ,,Inquiry into the Taxation and Commercial Policy of Great Btitain. Edinburgh 1844", p. 248, 249.) 88 Goldmünze. Ihre Münzfunktion wird daher faktisch durchaus nnabhängig von ihrem Gewicht, d. h. von allem Werth. Das Münzdasein des Goldes scheidet sich völlig von seiner Werthsubstanz. Relativ werthlose Dinge, Papier Zettel, können also an seiner Statt als Münze funktioniren. In den metallischen Geldmarken ist der rein symbolische Charakternoch eini- germassen versteckt. Im Papiergeld tritt er augenscheinlich hervor. Man sieht : ce n'est que le premier pas qui coüte. Es handelt sich hier nur von Staatspapiergeld mit Zwangs- kurs. Es wächst unmittelbar aus der metallischen Circulation heraus. Creditgeld unterstellt dagegen Verhältnisse, die uns vom Standpunkt der einfachen Waarencirculation noch durcliaus unbekannt sind. Im Vor- beigehn sei jedoch bemerkt, dass, wie eigentliches Papiergeld aus der Funktion des Geldes als Circulationsmittel entspringt, das Cre- ditgeld in der Punktion des Geldes als Zahlungsmittel seine natur- wüchsige Wurzel besitzt ^^). Papierzettel, denen Geldnamen, wie 1 Pfd. St., 5 Pfd. St. u. s. w. aufgedruckt sind, werden vom Staat äusserlich in den Circulationsprozess hineingeworfen. Soweit sie wirklich an der Stelle der gleichnamigen Goldsumme circulireu, spiegeln sicli in ihrer Bewegung nur die Gesetze des •''■') Der Finanzmandarine Wan-mao-in Hess sich beigehn, dem Sohn des Himmels ein Projekt zu unterbreiten, welches versteckt auf Verwandlung der chi- nesischen Reichsassignaten in convertible Banknoten hinzielte. Im Bericht des Assignaten -Comites von April 1854 erhält er gehörig den Kopf gewaschen. Ob er auch die obligate Tracht Bambushiebe erhielt, wird nicht gemeldet. ,,Das Comite", lautet es am Schluss des Berichts, ,,hat sein Projekt aufmerksam er- wogen und findet, dass alles in ihm auf den Vortheil der Kaufleute ausgeht und nichts für die Krone vortheilhaft ist. " (,, Arbeiten der Kaiserlich Russi- schen Gesandtschaft zu Peking über China. Aus dem Russi- schen von Dr. K. Abel und F. A. Mecklenburg. Erster Band. Berlin 18.58", p. 47 sq.) Ueber die beständige Entmetallung der Goldmünzen durch ihren Umlauf sagt ein ,,Governor" der Bank of England als Zeuge vor dem ,,House of Lords' Committee" (über ,,Bankacts") : ,, Jedes Jahr wird eine frische Klasse von Souverainen (diess nicht politisch, sondern der So- ■ vereign ist Name des Pfd. St. ) zu leicht. Die Klasse, welche das eine Jahr als voll- wichtig passirt , verliert durch den Verschleiss hinreichend, um das nächste Jahr die Wagschale gegen sich zu drehn." (H. o. Lords' Committee 1848, n. 429.) 89 Geldumlaufs selbst wiecler. Ein spezifisches Gesetz der Papiercirciilation kann nur aus ihrem Repräsentationsverhältniss zum Gold entspringen. Und diess Gesetz ist einfach diess , dass die Ausgabe des Papiergelds auf d i e Quantität zu beschränken ist, worin das von ihm symbolisch dargestellte Gold (resp. Silber) wirklich circuliren müsste. Nun schwankt zwar das Goldquantum, welches die Circulationsspliäre absorbiren kann , beständig über oder unter ein gewisses Durclisclmittsniveau. Jedoch sinkt die Masse des circulirenden Mediums in einem gegebnen Land nie unter ein gewisses Minimum, das sich erfahrungsmässig feststellt. Dass diese Minimalmasse fortwährend ihre Bestandtheile wechselt , d. h. aus stets an- dern Goldstücken besteht, ändert natürlich nichts an ihrem Umfang und ihrem constanten Umtrieb in der Circulationsspliäre. Sie kann daher durch Papiersymbole ersetzt werden. Werden dagegen beute alle Circiüations- kanäle zum vollen Grad ihrer Geidabsorptionsfähigkeit mit Papiergeld ge- füllt , so können sie in Folge der Schwankungen der Waarencirculation morgen übervoll sein. Alles Mass geht verloren. Ueberschreitet aber das Papier sein Mass, d. h. die Quantität von Goldmünze gleicher Deno- mination, welche circuliren könnte, so stellt es, von der Gefahr allgemeiner Discreditirung abgesehn, innerhalb der Waarenwelt dennoch nur die durch ihre immanenten Gesetze bestimmte, also auch allein repräsentirbare Gold- quantität vor. Stellt die Papierzettelmasse z. B. je 2 Unzen Gold , statt je 1 Unze dar, so werden ihre Geldnamen faktisch, sage etwa von 1 Pfd. St. per 1/4 Unze, zu Namen von '/g Unzen herabgesetzt. Die Wirkung ist dieselbe, als wäre das Gold in seiner Funktion als Mass der Preise verändert worden. Dieselben Werthe, die sich daher vorher im Preise von 1 Pfd. St., drücken sich jetzt im Preise von 2 Pfd. St. aus. Das Papiergeld ist Gold zeichen oder Geldzeichen. Sein Ver- hältniss zu den Waaren wert h en besteht nur darin, dass sie ideell in den- selben Goldquanta ausgedrückt sind, welche vom Papier symbolisch sinn- lich dargestellt werden. Nur sofern das Papiergeld Goldquanta repräsen- tirt , die , wie alle andern Waarenquanta , aucli Werthquanta , ist es W^er thze ich en. Es fragt sich schliesslich , warum das Gold durch blosse werthlose Zeichen seiner selbst ersetzt werden kann ? Es ist aber, wie man geselm, nur so ersetzbai-, soweit es in seiner Funktion als Münze oder Circulations- mittel isolirt oder verselbstständigt wird. Nun findet die Verselbststän- 90 digiing dieser Funktion zwar nicht für die einzelnen Goldmünzen statt, obgleich sie in dem Fortcirculiren verschlissener Goldstücke erscheint. Blosse Münze oder Circulationsmittel sind die Goldstücke grade nur so lang sie sich wirklich im Umlauf befinden. Was aber nicht für die ein- zelne Goldmünze, gilt für die vom Papiergeld ersetzbare Minimalmasse Gold. Sie haust beständig in der Circulationssphäre, funktionirt fortwäh- rend als Circulationsmittel und existirt daher ausschliesslich als Träger dieser Funktion. Ihre Bewegung stellt also nur das fortwährende Inein- anderumschlagen der entgegengesetzten Prozesse der Waarenmetaraor- phose W ^ — G — W dar, worin der Waare ihre Werthgestalt nur gegen- tibertritt, um sofort wieder zu verschwinden. Die selbstständige Darstellung des Tauschwer ths der Waare ist hier nur flüch- tiges Moment. Sofort wird sie wieder durch andere Waare ersetzt. Da- her genügt auch die bloss symbohsche Existenz des Geldes in einem Pro- zess, der es beständig aus einer Hand in die andre entfernt. Sein funk- tionelles Dasein absorbirt so zu sagen sein materielles. Verschwindend objektivirter Reflex der Waarenpreise funktionirt es nur noch als Zeichen seiner selbst und kann daher auch durch Zeichen ersetzt werden ^^j. Nur bedarf das Zeichen des Geldes seiner eignen objektiv gesellschaft- lichen Gültigkeit und diese erhält das Papiersymbol durch den Zwangskurs. Nur innerhalb der von den Grenzen eines Gemeinwesens umschriebnen oder Innern Circulationssphäre gilt dieser Staatszwang, aber mich nur hier geht das Geld völlig auf in seine Funktion als Circulations- mittel oder Münze, und kann daher im Papiergeld eine von seiner Metall- substanz äusserlich getrennte und bloss funktionelle Existenzweise er- halten. ^ä) Daraus , dass Gold und Silber als Münze oder in der ausschliesslichen Funktion als Circulationsmittel zu Zeichen ihrer selbst werden, leitet Nicholas Barbon das Recht der Regierungen her ,,to raisemoney", d.h., z. B. einem Quantum Silber, das Groschen hiess, den Namen eines grössern Silberquantums wie Thaler zu geben, und so den Gläubigern Groschen statt Thaler zurückzuzahlen. ,,Money does wear and grow lighter by often telling over . . . It is the d eno m i n atio n and currency of the money that men regard in bargaining, and not the quantity of silver . . . 'Tis the publick authority upon the metal that makes it money." (N. Barbon 1. c. p. 29, 30, 25.) 91 C. Geld. Die AVaare, welche als Werthiuass und daher aucli, persöulich oder durch Stellvertreter, als Circul atioiismi ttel funktioiiirt, ist Geld. Gold (resp. Silber) ist daher Geld. Als Geld funktionirt es, einerseits wo es in seiner goldnen (resp. silbernen) Leiblichkeit erscheinen uiuss. daher als G e 1 d w a a r e , also weder bloss ideell, wie im Werthmass, noch repräsentationsfähig-, wie im Circulationsraittel ; andrerseits, wo seine Funk- tion, ob es selbe nun in eigner Person oder durch Stellvertreter vollziehe, es als alleinige W e r t h g e s t a 1 1 oder allein adäquates Dasein des T a u s c h w e r t h s allen andern Waaren als blossen Gebrauchs- w e r t h e n gegenüber f i x i r t. a) S c h a t z b i 1 d u n g. Der continuirliche Kreislauf der zwei entgegengesetzten Waaren- raetamorphosen oder der flüssige Umschlag von Verkauf und Kauf er- scheint im rastlosen Umlauf des Geldes oder seiner Funktion als per- petuum mobile der Circulation. Es wird immobilisirt, oder verwandelt sich, wie Boisgnillebert sagt , aus m e u b 1 e in i m m e u b 1 e , aus Münze in Geld, sobald die Metamorphosenreihe unterbrochen, der Verkauf nicht durch nachfolgenden Kauf ergänzt wird. Mit der ersten Entwicklung der Waareucirculation selbst entwickelt sich die Nothwendigkeit und die Leidenschaft, das Produkt der ersten Metamorphose, die verwandelte Gestalt der Waare oder ihre Goldpuppe festzuhalten ^'^j. Waare wird verkauft, nicht um Waare zu kaufen , son- dern um Waarenform durch Geldform zu ersetzen. Aus blosser Vermitt- lung des Stoffwechsels wird dieser Forrawechsel zum Selbstzweck. Die e n t ä u s s e r 1 6 Gestalt der Waaie wird verhindert als ihre absolut v e r - ausser liehe Gestalt oder nur verschwindende Geldform zu funktiouiren. Das Geld versteinert damit zum Schatz, und der Waarenverkäufer wird S c h a t z b i 1 d n e r. Grade in den Anfängen der Waareucirculation verwandelt sich nur der Ueberschuss an Gebrauchswerthen in Geld. Gold und Silber werden so von selbst zu gesellschaftlichen Ausdrücken des Ueberflusses oder des ^'^) ,,Une richesse en argent ii'est que . . . richesse en productions, con- verties en argent." (Mercier de la Riviere 1. c. p. .557.) ,,Une valeur en productions n'a fait que changer de forme." (id. p. 486.) 92 Reichthums. ' Diese naive Form der Scliatzbildung verewigt sich bei Völ- kern, wo der traditionellen und auf Selbstbedarf gerichteten Produktions- weise ein fest abgeschlossner Kreis von Bedürfnissen entspricht. So bei den Asiaten , namentlich den Indern. V a n d e r 1 i n t , der die Waaren- preise durch die Masse des in einem Land befindlichen Goldes und Silbers bestimmt wähnt, fragt sich, warum die indischen Waaren so wohlfeil? Antwort: Weil die Inder das Geld vergraben. Von 1602 — 1734, be- merkt er, vergruben sie 150 Millionen Pfd. St. Silber, die ursprünglich von Amerika nach Europa kamen '70). Von 1856 — 1866, also in 10 Jahren, exportirte England nach Indien und China (das nach China exportirte Me- tall fliesst grossentheils wieder nach Indien) 120 Millionen Pfd. St. in Silber, welches vorher gegen australisches Gold eingewechselt wurde. Mit mehr entwickelter Waarenproduktion muss jeder Waarenpro- ducent sich den nexus rerum, das ,, gesellschaftliche Faustpfand" sichern '^^j. Seine Bedürfnisse erneuern sich unaufhörlich und gebieten unaufhörlichen Kauf fremder Waare , während Produktion und Verkauf seiner eignen VVaare Zeit kosten und von Zuftillen abhängen. Um zu kaufen, ohne zu verkaufen, muss er vorher verkauft haben , ohne zu kaufen. Diese Ope- ration, auf allgemeiner Stufenleiter ausgeführt, scheint sich selbst zu wider- sprechen. An ihren Produktionsquellen jedoch tauschen sich die edlen Metalle direkt mit andern Waaren aus. Es findet hier Verkauf (auf Seite der Waarenbesitzer) ohne Kauf (auf Seite der Gold- und Silberbesitzer) statt '7-). Und spätere Verkäufe ohne nachfolgende Käufe vermitteln bloss die weitere Vertheilung der edlen Metalle unter alle Waarenbesitzer. So entstehn auf allen Punkten des Verkehrs Gold- und Silberschätze vom verschiedensten Umfang. Mit der Möglichkeit, die Waare als Tausch- werth oder den Tauschwertli als Waare festzuhalten, erwacht die Goldgier. Mit der Ausdehnung der Waarencireulation wächst die Macht des Geldes, der stets schlagfertigen , absolut gesellschaftlichen Form des Reichthums. ,,Gold ist ein wunderbares Ding ! Wer dasselbe besitzt, ist Herr von '") 'Tis by this practice they kecp all their goods and manxifactures at such low rates." (Vanderlint 1. c. p. 95, 96.) "') ,,Money is a pledge." (John Bellers: ,, Essays ahoul the Poor, Manufac tures , Trade, Plantations, and Iramorality. Lond. 1699", p. 13.) '2) Kauf im kategorischen Sinn unterstellt nämlich Gold oder Silber schon als verwandelte Gestalt der Waare, oder als Produkt des Verkaufs. 93 allem, was er wüuscbt. Durch Gold kann man sogar Seelen in das Para- dies gelangen lassen." (Coliunbus, im Biief aus Jamaica, 1503). Da dem Geld nicht anzAisehn , was in es verwandelt ist , verwandelt sich alles, Waare oder nicht , in Geld. Alles wird verkiluflich und kaufbar. Die Circulation wird die grosse gesellsciiaftliche Retorte, worin alles hinein- fliegt, um als Geldkrystall wieder herauszukommen. Dieser Alchymie wider- stehen nicht einmal Heiligenknochen und noch viel weniger minder grobe res sacrosanctae , extra commercium hominum"-^). Wie im Geld aller qualitative Unterschied der Waaren ausgelöscht ist , löscht es seinerseits als radikaler Leveller alle Unterschiede aus"^). Das Geld ist aber selbst Waare, ein äusserlich Ding, das Privateigenthum eines Jeden werden kann. Die gesellschaftliche Macht wird so zur Privatmacht der Privatperson. Die antike Gesellschaft denuncirt es daher als die Scheidemünze ihrer ökonomischen und sittlichen Ordnung '^2). Die moderne Gesellschaft , die "■*) Heinrich III. , allerchristlichster König von Frankreich , raubt Klöstern u. s. w. ihre Reliquien, um sie zu versilbern. Man weiss, welche Rolle der Raub der delphischen Tenipelschätze durch die Phokier'in der griechischen Geschichte spielt. Dem Gott der Waaren dienten bei den Alten bekanntlich die Tempel zum Wohnsitz. Sie waren ,, heilige Banken". Den Phöniziern, einem Handelsvolke par «xcelience, galt Geld als die entäusserte Gestalt aller Dinge. Es war daher in der Ordnung, dass die Jungfrauen, die sich an den Festen der Liebesgöttin den Fremden hingaben, das zum Lohn empfangene Gel.dstück der Göttin opferten. '■') ,,Gold ! yellow, glittering precious gold I Thus much of this, will make black white; foul, fair; Wrong, right ; base, noble; old, young ; coward, valiant What this, you gods ! Why this Will lug your priests and servants'tVom your sides ; Pluck stout men's jjillows from below their heads. This yellow slave Will knit and break religions ; bless the accurs'd ; Make the hoar leprosy ador'd ; place thieves And give then» title, knee and approbation, With Senators of the bench ; this is it, That makes the wappen'd widow wed again Come damned earth, Thou common whore of mankind." (Shakespeare. Timon of Athens.) "5) „Ovöiy y() ,,In the form of money .... capital is productive of no profit." (Ricardo: Princ. of Pol. Econ. p. 267.) I. 9 130 kann die Veränderung aus. dem zweiten Akt , dem Wiederverkauf der Waare, entspringen , denn dieser Akt verwandelt die Waare blos aus der Naturalform zurück in die Geldform. Die Veränderung muss sich also zutragen mit der Waare, die im ersten Akt G — W gekauft wird, aber nicht mit ihrem Tausch werth, denn es werden Aequivalente aus- getauscht, die Waare wird zu ihrem Werthe bezahlt. Die Veränderung kann also erst entspringen aus ihrem Gebrauchswerth als solchem, d. h. aus ihrem Verbrauch. Um aus dem Verbrauch einer Waare Tauschwerth herauszuziehn , müsste unser Geldbesitzer so glücklich sein innerhalb der C i r k u 1 a t i o n s s p h ä r e , auf dem Markt , eine Waare zu entdecken, deren Ge bra uch s werth selbst die eigenthümliche Be- schaffenheit besässe, Quelle von Tauschwerth zu sein , deren wirk- licher Verbrauch also selbst V e r g e g e n s t ä n d 1 i c h u n g von Arbeit wäre, daher W e r t h s c h ö p f u n g. Und der Geldbesitzer findet auf dem Markt eine solche spezifische Waare vor — das Arbeitsvermögen oder die Arbeitskraft. Unter Arbeitskraft oder Arbeitsvermögen verstehn wir den Inbegriff der physischen und geistigen Fähigkeiten, die in der Leiblichkeit, der lebendigen Persönlichkeit eines Menschen existiren und die er in Be- wegung setzt, so oft er Gebrauchswerthe irgend einer Art producirt. Damit jedoch der Geldbesitzer die Arbeitskraft als Waare auf dem Markt vorfinde, müssen verschiedne Bedingungen erfüllt sein. Der Waaren- austausch schliesst an und für sich keine andern Abhängigkeitsver- hältnisse ein als die aus seiner eignen Natur entspringenden. Unter dieser Voraussetzung kann die Arbeitskraft als Waare nur auf dem Markt erscheinen, sofern und weil sie von ihrem eignen B e sitze r,. der Person, deren Arbeitskraft sie ist , a 1 s W a a r e feilgeboten oder ver- kauft wird. Damit ihr Besitzer sie als Waare verkaufe , muss er über sie verfügen können , also freier Eigentliümer seines Arbeitsvermögens, seiner Person sein ^o). Er und der Geldbesitzer begegnen sich auf dem Markt und treten in Verhältniss zu einander als ebenbürtige W a a r e n - ^0) In Realencyklopädien des klassischen Alterthums kann man den Unsinn lesen, dass in der antiken Welt das Kapital völlig entwickelt war ,, ausser dass der freie Arbeiter und das Creditwesen fehlten." Auch Herr Mommsen in seiner ,,Rö mischen Geschichte" begeht ein quid pro quo über das andere. 131 b e s i t z e r , nur dadurch unterschieden , dass der eine Käufer , der andere Verkäufer, beide also j ur istisch gleiclie Personen sind. Die Fortdauer dieses Verhältnisses erheischt, dass derEigenthümer dei- Arbeits- kraft sie stets nur für bestimmte Zeit verkaufe, denn verkauft er sie in Bausch und Bogen, ein für allemal, so verkauft er sich selbst, verwan- delt sich aus einem Freien in einen Sklaven , aus einem Waarenbesitzer in »ine Waare. Er als Person muss sich beständig zu seiner Arbeits- kraft als seinem Eigenthum und daher seiner eignen Waare verhalten und das kann er nur , so weit er sie dem Käufer stets nur vorübergehend , für einen bestimmten Zeittermin , zur Verfügung stellt , zum Verbrauch über- lässt, also durch ihre Veräusserung nicht auf sein Ei gen th um an ihr verzichtet*'). Die zweite wesentliche Bedingung , damit der Geldbesitzer die Ar- beitskraft auf dem Markt als Waare vorfinde, ist die, dass ihr Be- sitzer, statt W a a r e n verkaufen zu können , worin sich seine Arbeit ver- gegenständlicht hat, vielmehr se ine Arbeitskraft selbst, die nur in seiner lebendigen Leiblichkeit existirt, als Waare feilbieten muss. ■'!) Verschiedne Gesetzgebungen setzen daher ein Maximum für den Arbeits- kontrakt fest. Alle Gesetzbücher bei Völkern freier Arbeit regeln Kündigungs- bedingungen des Kontrakts. Bei verschiednen Völkern , namentlich in Mexiko (vor dem amerikanischen Bürgerkrieg auch in den von Mexiko losgerissenen Terri- torien, und der Sache nach bis zu Kusa's Umwälzung in den Donauprovinzen) ist die Sklaverei unter der Form von Peonage versteckt. Durch Vorschüsse , die in Arbeit abzutragen, und sich von Generation zu Generation fortwälzen, wird nicht nur der einzelne Arbeiter, sondern seine Familie , thatsächlich das Eigenthum andrer Personen und ihrer Familien. Juarez hatte die Peonage abgeschafft. Der sogenannte Kaiser Maximilian führte sie wieder ein durch ein Dekret, das im Repräsentantenhaus zu Washington treffend als Dekret zur Wiedereinführung der Sklaverei in Mexiko denuncirt ward. ,,Von meinen besonderen körperlichen und geistigen Geschicklichkeiten und Möglich- keiten der Thätigkeit kann ich . . . . einen in der Zeit beschränkten Ge- brauch an einen Andern veräussern, weil sie nach dieser Beschränkung ein äusserliches Vei'hältniss zu meiner Totalität und Allgemeinheit erhalten. Durch die Veräusserung meiner ganzen durch die Arbeit konkreten Zeit und der Totalität meiner Produktion würde ich das Substantielle derselben, meine allgemeine Thätigkeit und Wirklichkeit , meine Persönlichkeit zum Eigenthum eines Andern machen." Hegel: ,,Ph il os o phi e des Rechts. Berlin 1840", p. 104, § 67. 9* 132 Damit Jemand von seiner Arbeitskraft unterschiedne Waaren verkaufe , miiss er natürlich Produktionsmittel besitzen, z. B. Roh- stoffe, Arbeitsinstrumente u. s. w. Er kann keine Stiefel machen obne Leder. Er bedarf ausserdem Lebensmittel. Niemand kann von Produkten der Zukunft zehren, also auch nicht von Gebrauchswerthen, mit deren Produktion er noch nicht fertig , und wie am ersten Tag seiner Erscheinung auf der Weltbühne muss der Mensch noch jeden Tag konsu- miren, bevor und während er produzirt. Werden die Produkte als Waa- ren produzirt, so müssen sie verkauft werden, nachdem sie produ- zirt sind und können die Bedürfnisse des Produzenten erst nach dem Ver- kauf befriedigen. Zur Produktionszeit kömmt die für den Verkauf nöthige Zeit hinzu. Zur V^erwandlung von Geld in Kapital muss der Geldbesitzer also den freien Arbeiter auf dem Waaren markt vorfinden, frei in dem Doppelsinn, dass er als freie Person über seine Arbeitskraft als seine Waare verfügt, dass er andrerseits andre Waaren nicht zu verkaufen hat, los und ledig, frei ist von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nöthigen Sachen. Die Frage, warum dieser freie Arbeiter ihm in der Cirkulations- sphäre gegenübertritt, interessirt den Geldbesitzer nicht , der den Arbeits- markt als eine besondre Abtheilung des Waarenniarkts vorfindet. Und einstweilen interessirt sie uns eben so wenig. Wir halten uns theoretisch an die Thatsache, wie der Geldbesitzer praktisch. Eins jedoch ist klar. Die Natur produzirt nicht auf der einen Seite Geld- oder Waarenbesitzer und auf der andern blosse Besitzer der eignen Arbeitskräfte. Diess Ver- hältniss ist kein naturgeschichtliches und eben so wenig ein ge- sellschaftliches, das allen Geschichtsperioden gemein wäre. Es ist offenbar selbst das Resultat einer vorhergegangnen historischen Ent- wicklung, das Produkt vieler ökonomischer Umwälzungen , des Untergangs einer ganzen Reihe älterer Formationen der gesellschaftlichen Pro- duktion, Auch die ökonomischen Kategorieen , die wir früher betrachtet , tra- gen ihre geschichtliche Spin*. . Im Dasein des Produkts als Waare sind bestimmte historische Bedingungen eingeliüllt. Um Waare zu werden, darf das Produkt nicht als unmittelbares Subsistenzmittel für den Produzenten selbst produzirt werden. Hätten wir weiter geforscht : 133 Unter welchen Umständen nehmen alle oder nimmt auch nur die Mehr- zahl der Produkte die Form der W a a r e an, so hätte sich gefunden , dass diess nur auf Grundlage einer ganz spezifischen, der kapitalistischen Produktionsweise, geschieht. Eine solche Untersuchung lag jedoch der Analyse der Waare fern. Waarenproduktion und Waarencirkulation können stattfinden , obgleich die weit überwiegende Produktenraasse , un- mittelbar auf den Selbstbedarf gerichtet, sich nicht in Waare verwan- delt, der gesellschaftliche Produktionsprozess also noch lange nicht in sei- ner ganzen Breite und Tiefe vom Tauschwerth beherrscht ist. Die Dar- stellung des Produkts als Waare bedingt eine so weit entwickelte T h e i 1 u n g d e r A r b e i t innerhalb d e r G e s e 1 1 s c h a f t , dass die Scheidung zwischen Gebrauchswerth und Tauschwerth, die im unmittel- baren Tauschhandel erst, beginnt , bereits vollzogen ist. Eine solche Entwicklungsstufe ist aber den geschichtlich verschiedensten ökono- mischen Gesellschaftsformationen geraein. Oder betrachten wir das Geld, so setzt es eine gewisse Höhe der Waa- rencirkulation voraus. Die besondern Geldformen, blosses Waaren- äquivalent, oder Cirkulationsraittel, oder Zahlungsmittel, Schatz und Weltgeld, deuten, je nachdem verschiednen Umfang und dem relativen Vorwiegen einer oder der andern Funktion, aufsehrverschiedne Stufen des gesellschaftlichen Produktionsprozesses. Dennoch genügt erfahrungsmässig eine relativ schwach entwickelte Waarencii'kulation zur Bildung aller dieser Formen. Anders mit dem Kapital. Seine historischen Existenzbedingungen sind durchaus nicht da mit der Waaren- und Geldcirkulatiou. Es entsteht nur, wo der Besitzer von Produktions- und Lebensmitteln den freien Arbeiter als Verkäufer seiner Arbeitskraft auf dem Markt vorfindet, und diese eine historische Bedingung umschliesst eine Welt- geschichte. Das Kapital kündigt sich daher von vorn herein als eine Epoche des gesellschaftlichen Produktionsprozesses an. Diese eigenthümHche Waare, die Arbeitskraft, ist nun näher zu betrachten. Gleicli allen andern Waaren besitzt sie einen Tau seh - w e r t h *-). W i e wird er bestimmt ? ^2) ,,The Value or Worth of a man, is as of all other things , bis price : that is to sav, so much as would be given for the use of bis power." Tb. Hobbes: ,,Leviathan" in Worksedit. Molesworth. London 1839—44, V. III, p. 76. 134 Der Werth der Arbeitskraft, gleich dem jeder andern Waare, ist be- stimmt durch die zur Produktion, also auch Reproduktion, dieses spezifi- schen Artikels not h wendige Arbeitszeit. Soweit sie Tausch- werth , repräsentirt die Arbeitskraft selbst nur ein bestimuirtes Quantum in ihr vergegenständlichter gesellschaftlicher Durchschnittsarbeit. Die Arbeitskraft existirt nur als Anlage des lebendigen Individuums. Ihre Produktion setzt also seine Existenz voraus. Diese gegeben, besteht ihre Produktion in seiner Reproduktion oder Erhaltung. Zu seiner Erhaltung bedarf das lebendige Individuum einer gewissen Summe von Lebensmitteln. Die zur Produktion der Arbeitskraft nothwendige Arbeitszeit löst sich also auf in die zur Produktion dieser Lebensmittel nothwendige Arbeitszeit, oder der Werth der Arbeitskraft ist der Werth der zur Erhal- tung ihres Besitzers noth wendigen Lebensmittel. Die Arbeits- kraft verwirklicht sich jedoch nur durch ihre Aeusserung, bethätigt sich nur in der Arbeit. Durch ihre Bethätigung, die Arbeit, wird aber ein bestimmtes Quantum von menschlichem Muskel, Nerv, Hirn u. s. w. ver- ausgabt, das wieder ersetzt werden muss. Diese vermehrte Ausgabe be- dingt eine vermehrte Einnahme *3), Wenn der Eigenthümer der Arbeits- kraft heute gearbeitet hat , muss er denselben Prozess morgen unter den- selben Bedingungen von Kraft und Gesundheit wiederholen können. Die Summe der Lebensmittel muss also hinreichen , das arbeitende Individuum als arbeitendes Individuum in seinem normalen Lebeuszustand zu erhalten. Die natürlichen Bedürfnisse selbst , wie Nahrung , Kleidung , Heizung, Wohnung u. s. w. sind verschieden je nach den klimatischen und andern natürlichen Eigenthümlichkeiten eines Landes. Andrerseits ist der Um- fang s. g. nothwendige r Lebensmittel, wie die Art ihrer Be- friedigung, selbst ein h i s t o r i s c h e s P r o d u k t und hängt daher gros- sentheils von der Kulturstufe eines Landes, unter anderm auch wesentlich davon ab, unter welchen Bedingungen , und daher mit welchen Gewohn- heiten und Lebensansprüchen die Klasse der freien Arbeiter sich gebildet hat**). Im Gegensatz zu den andern Waaren enthält also die Werth- ''3) Der altröraische villicus, als Wirthschafter an der Spitze der Acker- bausklaven, empfing daher, ,, weil er leichtere Arbeit hat als die Knechte, knapperes Mass als diese." (Th. Mommsen: Rom. Geschichte 1856, p. 810.) ^^) In seiner Schrift : ,,0 ver population an d i ts Rem ed y. London 1846" giebt W. Th. Thornton hierzu interessante Belege. 135 bestiramung der Arbeitskraft ein historisches und moralisches Element. Für ein bestimmtes Land , zu einer bestimmten Periode jedoch , ist der Durchschnitts-Umkreis der nothwendigen Lebensmittel gegeben. Der Eigenthümer der Arbeitskraft ist sterblich. Soll also seine Er- scheinung auf dem Markt eine kontinuirliche sein, wie die kontinuirliche Verwandlung von Geld in Kapital voraussetzt, so muss der Verkäufer der Arbeitskraft sich verewigen , ,,wie jedes lebendige Individuum sich ver- ewigt, durch Fortpflanzung^^)." Die durch Abnutzung und Tod dem Markt entzogenen Arbeitskräfte müssen zum allermindesten durch eine gleiche Zahl neuer Arbeitskräfte beständig ersetzt werden. Die Summe der zur Produktion der Arbeitskraft nothwendigen Lebensmittel schliesst also die Lebensmittel der Ersatzmänner ein , d, h. der Kinder der Arbei- ter, so dass sich diese Race eigenthümlicher Waarenbesitzer auf dem Waa- renmarkt verewigt ^^). Um die allgemein menschliche Natur so zu modificiren , dass sie Ge- schick und Fertigkeit in einem bestimmten Arbeitszweig erlangt, ent- wickelte und spezifische Arbeitskraft wird, bedarf es einer bestimmten Bildung oder Erziehung , welche ihrerseits eine grössere oder geringere Summe von Waarenäquivalenten kostet. Je nach dem mehr oder minder vermittelten Charakter der Arbeitskraft, sind ihre Bildungskosten ver- schieden. Diese Erlernuugskosten, verschwindend klein für die gewöhn- liche Arbeitskraft , gehn also ein in den Umkreis der zu ihrer Produktion nothwendigen Waaren. Der Werth der Arbeitskraft löst sich auf in den Werth einer bestimmten Summe von Lebensmitteln. Er wech- selt daher auch mit dem Werth dieser Lebensmittel, d. h. der Grösse der zu ihrer Produktion erheischten Arbeitszeit. Ein Theil der Lebensmittel , z. B. Nahrungsmittel , Heizungsmittel u. s. w., werden täglich neu verzehrt , und müssen tägüch neu ersetzt ") Petty. ''0) ,,Its (labour's) natural price . . . consists in such a quantity ofnecessaries, and comforts of life , as , from the nature of the climate , and the habits of the countiy , are necessary to support the labourer , and to enable him to rear such a family asmaypreserve, in the market, an undiminishedsupply of labours." R. Torrens: ,,An Essay on the ExternalCorn Trade. London 1815", p. 62. Das Wort Arbeit steht hier falschlich für Arbeitskraft. 136 werden. Andere Lebensmittel, wie Kleider, Möbel u. s. w., verbrauchen sich in längeren Zeiträumen , und sind daher nur in längeren Zeiträumen zu ersetzen. Waaren einer Art müssen täglich, andere wöchentlich, vier- teljährlich u. s. f. gekauft oder gezahlt werden. Wie sich die Summe dieser Ausgaben aber immer während eines Jahres z. B. vertheilen möge, sie muss gedeckt sein durch die Durchschnittseinnahme, Tag ein, Tag aus. Wäre die Masse der täglich zur Produktion der Arbeitskraft erheischten Waaren = A , die der wöchentlich erheischten = B , die der viertel- jährhch erheischten = C u. s. w. , so wäre der tägliche Durchschnitt = 365 A + 52 B + 4 C -4- ^ . • ;,. dieser Waaren *— u. s. w. Gesetzt m dieser 365 für den Durchschnitts-Tag nöthigen Waarenmasse steckten 6 Stunden gesellschaftlicher Arbeit, so vergegenständlicht sich in der Arb ei tsk raft täglich ein halber Tag gesellschaftlicher Durchschnittsarbeit, oder ein halber Arbeitstag ist zur täglichen Produktion der Arbeitskraft erheischt. Diess zu ihrer täglichen Produktion erheischte Arbeitsquantum bildet den Tages werth der Arbeits- kraft, oder den Werth der täglich reproduzirten Arbeitskraft. Wenn sich ein halber Tag gesellschaftlicher Durchschnittsarbeit ebenfalls in einer Goldmasse von 3 sh. oder einem Thaler darstellt, so ist Ein Thal er der dem Tageswerth der Arbeitskraft entsprechende Preis. Bietet der Besitzer der Arbeitskraft sie feil für Einen Thaler täglich, so ist ihr Ver- kaufspreis gleich ihrem Werth, und , nach unsrer Voraussetzung, zahlt der auf Verwandlung seiner Thaler in Kapital erpichte Geldbesitzer diesen Werth. Die letzte Grenze oder Minimalgrenze des Wertlis der Arbeits- kraft wird gebildet durch den Werth einer Waarenmasse , ohne deren täg- liche Zufuhr der Träger der Arbeitskraft , der Mensdi , seinen Lebenspro- zess nicht erneuern kann , also durch den Werth der physisch un- entbehrlichen Lebensmittel. Sinkt der Preis der Arbeitskraft aufdiessMinimum, so sinkt er unter ihren Werth, denn sie kann so nur in verkümmerter Form erhalten werden und sich ent- wickeln. Der Tauschwerth jeder Waare ist aber bestimmt durch die Arbeitszeit, erfordert um sie in normaler Güte zu liefern. Es ist eine ausserordentlich wohlfeile Sentimentalität, diese aus der Na- tur der Sache fliessende Werthbestimmung der Arbeitskraft grob 137 zu finden und etwa mit Rossi zu jammern: ,,Das Arbeitsvermögen (puis- sance de travail) begreifen , während man von den Subsistenzmittehi der Arbeit wäln-end des Produktionsprozesses abstrahirt, heisst ein Hirnge- spinnst (etre de raison) begreifen. Wer Arbeit sagt, wer Arbeitsvermögen sagt, sagt zugleich Arbeiter und Subsistenzmittel , Arbeiter und Arbeits- lohn *'^)." Wer Arbeitsvermögen sagt , sagt nicht Arbeit , so wenig als wer Verdauungsvermögen sagt, Verdauen sagt. Zum letztern Prozess ist bekanntlich mehr als ein guter Magen erfordert. Wer Arbeitsvermögen sagt, abstrahirt nicht von den zu seiner Subsistenz notliwendigen Lebens- mitteln. Ihr Werth ist vielmehr ausgedrückt in seinem Werth. AVird es nicht verkauft, so nützt es dem Arbeiter nichts, so empfindet er es viel- mehr als eine grausame Naturnothwendigkeit , dass sein Arbeitsvermögen ein bestimmtes Quantum Subsistenzmittel zu seiner Produktion erheischt hat und stets wieder von neuem zu seiner Reproduktion erheischt. Er entdeckt dann mit Sismondi: ,,das Arbeitsvermögen . . . . ist Nichts, wenn es nicht verkauft wird*^)." Die eigenthümliche Natur dieser spezifischen Waare, der Arbeits- kraft, bringt es mit sich, dass mit der AbschUessung des Kontrakts zwischen Käufer und Verkäufer ihr Gebrauchs werth noch nicht wirklich in die Hand des Käufers übergegangen ist. Ihr Tausch werth , gleich dem jeder andern Waare, war bestimmt, bevor sie in dieCirkulation trat, denn ein bestimmtes Quantum gesellschaftlicher Arbeit ward zur Produktion der Arbeitskraft verausgabt, aber ihr G e b r a u c h s w e r t h besteht erst in der nachträglichen Kraftäusserung. Die Veräusserung der Kraft und ihre wirkliche Aeusserung, d. h. ihr Dasein als Gebrauchswerth, fallen daher der Zeit nach aus einander. Bei solchen Waaren aber , wo die formelle Veräusserung des Gebrauchswerths durch den Verkauf und seine wirkliche üeberlassung an den Käufer der Zeit nach auseinander fallen , funktionirt das Geld des Käufers meist als Zahlungsmittel. In allen Ländern kapitalistischer Produktionsweise wird die Arbeitskraft erst gezahlt, nach- dem sie bereits während des im Kaufkontrakt festgesetzten Termins funk- tionirt hat, z. B. am Ende jeder Woche *3). Ueberall sc hi es st daher der ^■') Rossi: ,,Cours d'Econ. Polit. Bruxelles 1842", p. 370. ■i**) Sismondi: ,,Nouv. Princ. etc.", t. I, p. 112. ■'ä) ,,A11 labüur is paid, after it has ceased." (,,An Inquiry in tothose 138 Arbeiter dem Kapitalisten den Gebrauchs werth der Arbeitskraft vor; er lässt sie vom Käufer konsumiren , bevor er ihren Preis bezahlt erhält, überall kreditirt daher der Arbeiter dem Kapitalisten. Dass diess Kreditiren kein leerer Wahn ist, zeigt nicht nur der gelegentliche Verlust des kreditirten Salairs beim Bankerott des Kapitalisten ^o) , sondern auch eine Reihe mehr nachhaltiger Wirkungen ^i). Indess ändert es an der Natur des 1 Principles respecting the Nature of demand etc.", p. 104. ,,Le credit commercial a du commencerau moment oü Touvrier, premier artisan de la produetion , a pu, au moyen de ses economies, attendre le salaire de son travail jusqix'a la fin de la semaine , de la quinzalne , du mois, du trimestre etc." (Ch. Ganilh: Des Systemes de l'Econ. Polit. 2emeedit. Paris 1821, t. I, p. 150.) •''') ,,L'ouvrier prete son industrie", aber setzt Storch schlau hinzu: er ,,riskirt nichts" ausser ,,de perdre son salaire . . . l'ouvrier ne transmet rien de materiel." (Storch: Cours d'Econ. Polit. Petersbourg 1815, t. II, p. 37.) 51) Ein Beispiel. In London existiren zweierlei Sorten von Bäckern , die ,,full priced" , die das Brod zu seinem vollen Werthe verkaufen, und die under- sellers, die es unter diesem Werth verkaufen. Letztere Klasse bildet über 3^4 der Gesammtzahl der Bäcker, (p. XXXII im ,, Report" des Regierungskom- missairs H. S. Tremenheere über die, ,Grievances complained ofbythe j ourneymen bakers etc. London 1862.") Diese undersellers verkaufen, fast ausnahmslos, Brod , das verfälscht ist durch Beimischung von Alaun , Seife, Perlasche, Kalk, Derbyshire Steinmehl und ähnlicher angenehmer, nahrhafter und gesunder Ingredienzien. (Sieh das oben citirte Blaubuch, ebenso den Bericht des ,,Committee of 1855 on the A dulter ation ofBread" und Dr. Hassall's: ,,Adulterations Detected." 2nd edit. London 1862.) Sir John Gor- don erklärte vor dem Committee von 1855, dass ,,in Folge dieser Fälschungen der Arme, der von zwei Pfund Brod täglich lebt, jetzt nicht den vierten Theil des Nahrungsstoffes wirklich erhält, abgesehn von den schädlichen Wirkungen auf seine Gesundheit. " Als Grund, ,, warum ein sehr grosser Theil der Arbeiterklasse", obgleich wohlunterrichtet über die Fälschungen, dennoch Alaun, Steinmehl u. s. w. mit in den Kauf nimmt, führt Tremenheere (1. c. p. XLVIll) an, dass OS für sie ,, ein Ding derNothwendigkeit ist, von ihrem Bäcker oder dem chandler's Shop das Brod zu nehmen, wie man es ihnen zu geben beliebt." Da sie erst Ende der Arbeitswoche bezahlt werden, können sie auch ,,das während der Woche von ihren Familien verzehrte Brod erst Ende der Woche zahlen" und fügt Tremen- heere mit Anführung der Zeugenaussagen hinzu: ,,es ist notorisch, dass mit solchen Mixturen bereitetes Brod express für diese Art Kunden ge- macht wird." (,,It is notorious that bread composed of those mixtures, is 139 Waarenaustauschs selbst nichts , ob das Geld als Kaufmittel oder als Zah- lungsmittel funktiouirt. Der Preis der Arbeitskraft ist kontraktlich festgesetzt, obgleich er erst hinterher realisirt wird , wie der Miethpreis eines Hauses. Die Arbeitskraft ist verkauft, obgleich sie erst hinterher bezahlt wird. Für die reine Auffassung des Verhältnisses wird es daher nützlich sein, -einstweilen stets vorauszusetzen, dass der Besitzer der Arbeitskraft mit ihrem Verkauf jedesmal auch sogleich den kontraktlich stipulirten Preis «rhält. AVir kennen nun die Art und Weise der Bestimmung des Tausch- \yerths, der dem Besitzer dieser eigenthümlichen Waare, der Arbeits- kraft, vom Geldbesitzer gezahlt wird. Der G e b r a u c h s w e r t h , den letzterer seinerseits im Austausch erhält, zeigt sich erst im wirklichen Verbrauch, im Konsumtionsprozess der Arbeitskraft. Alle zu diesem Prozess nöthigen Dinge, wie Rohmaterial u. s. w., kauft der Geldbesitzer auf dem Waarenmarkt und zahlt sie zum vollen Preis. Der Konsumtionsprozess der Arbeitskraft ist zugleich der Pro- duktionsprozess von Waare und von Mehrwerth. Die Kon- made expressly for sale in this manner.") ,,In vielen englischen Agrikultur- distrikten [aber noch mehr in schottischen] wird der Arbeitslohn vierzehntägig und selbst monatlich gezahlt. Mit diesen langen Zahlungsfristen muss der Agrikultur- arbeiter seine Waaren auf Kredit kaufen ... Er hat höhere Preise zu zahlen und ist thatsächlich an die Boutique gebunden , die ihm pumpt. So kostet ihm z. B. zu Horningsham in Wilts, wo die Löhnung monatlich, dasselbe Mehl 2sh.4d. per etone, das er sonstwo mit 1 sh. 10 d. zahlt." (,,Sixth Report" on ,, Public Health" by ,,The Medical Officer of the Privy Council etc. 1864", p. 264.) ,,Die block printers von Paisley und Kilmarnock (Westschottland) er- zwangen 1853 durch einen Strike die Herabsetzung des Zahlungstermins von einem Monat auf 14 Tage." (,, Reports ofthe Inspectors of Factories for 31st Oct. 1853", p. 34.3 Als eine weitere artige Entwicklung des Kredits, den der Ar- beiter dem Kapitalisten giebt, kann man die Methode vieler englischer Kohlenberg- werksbesitzer betrachten , wonach der Arbeiter erst Ende des Monats bezahlt wird, und in der Zwischenzeit Vorschüsse vom Kapitalisten erhält, oft in Waaren, die er über ihrem Marktpreis zahlen muss (Trucksystem). ,,It is a common practice with the coal masters to pay once a month, and advance cash to their workmenattheend of each intermediate week. The cash is given in the shop (näm- lich dem tommy shop oder dem Meister selbst gehörigen Kramladen) ; the men take it on one side and lay it out on the other." (,,Childrens' Employ men Commission, HI. Report. Lond. 1864", p. 38, n. 192.) 140 1 sumtion der Arbeitskraft, gleich der Konsumtion jeder andern Waare, vollzieht sich ausserhalb des Markts oder der Cirkulations- sphäre. Diese geräuschvolle, auf der Oberfläche hausende und Aller Augen zugängliche Sphäre verlassen wir daher, zusammen mit Geldbe- sitzer und Besitzer der Arbeitskraft , um beiden nachzufolgen in die ver- borgne Stätte der Produktion, an deren Schwelle zu lesen steht : No admittance except on busin es s. Hier wird sich zeigen, nicht nur wie das Kapital producirt, sondern auch wie das Kapital selbst producirt wird. Das Geheimniss der PIus- raacherei muss sich endlich enthüllen. Die Sphäre der Cirkulation oder des Waarenaus- t a u s c h s , innerhalb deren Schranken Kauf und Verkauf der Arbeitskraft sich bewegt, war in der That ein wahres Eden der angebor nen Menschenrechte. Was allein hier herrscht, ist Freiheit, Gleich- heit, Eigenthum, und Ben th am. Freiheit! denn Käufer und Verkäufer einer Waare, z. B. der Arbeitskraft, sind nur durch ihren freien Willen bestimmt. Sie kontrahiren als freie , rechtlich ebenbür- tige Personen. Der Kontrakt ist das freie Produkt, worin sich ihre Willen einen gemeinsamen Rechtsausdruck geben. Gleichheit! Denn sie beziehen sich nur als Waare nbesitz er auf einander und tauschen Aequivalent für Aequivalent. Eigenthum! Denn jeder ver- fügt nur über das Seine. Bentham! Denn jedem von den beiden ist es nur um sich zu thun. Die einzige Macht , die sie zusammen und in ein Verhältniss bringt, ist die ihres Eigennutzes, ihres Sondervortheils, ihrer Privatinteressen. Und eben weil so jeder nur für sich und keiner für den andern kehrt, vollbringen alle, in Folge einer prästabi- lirten Harmonie der Dinge, oder unter den Anspielen einer all- pfiffigen Vorsehung, nur das Werk ihres wechselseitigen Vortheils, des Ge- meinnutzens, des Gesammtinteresses. Beim Scheiden von dieser Sphäre der einfachen Cirkulation oder des Waarenaustauschs , woraus der Freihändler vulgaris Anschauungen , Be- griffne und Massstab für sein ürtheil über die Gesellschaft des Kapitals und der Lohnarbeit entlehnt, verwandelt sich , so scheint es, schon in etwas die Physiognomie unserer dramatis personae. Der ehemalige Geldbe- sitzer schreitet voran als Kapitalist, der Arbeitskraft-Besitzer folgt ihm nach als sein Arbeiter; der Eine bedeutungsvoll schmunzelnd und ge- ■ 141 scbäftseifrig, der Andre scheu, widerstrebsam, wie Jemand, der seine eigne Haut zu Markt getragen und nun nichts andres zu erwarten liat als die • — Gerberei. Drittes Kapitel. Die Produktion des absoluten Mehrwerths. 1) A r b e i t s p r 0 z e s s u n d V e r w e r t h u n g s p r o z e s s. Der Gebrauch der Arbeitskraft ist die Arbeit selbst. Der Käu- fer der Arbeitskraft konsurairt sie, indem er ihren Verkäufer arbeiten lässt. Letztrer wird hierdurch a c t u sich bethätigeude Arbeitskraft , A r - beiter, was er früher nur potentia war. Um seine Arbeit in Waaren darzustellen, muss er sie vor allem in G e b r a u c h s w e r t h e n darstellen, Sachen, die zur Befriedigung von Bedürfnissen irgend einer Art dienen. Es ist also ein besondrer Gebrauchswert!! , ein bestimmter Artikel, den der Kapitalist vom Arbeiter anfertigen lässt. Die Produktion von Gebrauchswerthen, oder Gütern, ändert ihre allgemeine Na- tur nicht dadurch, dass sie für den Kapitalisten und unter seiner Kontrole vorgeht. Der Arbeitsprozess ist daher zunächst in seinen abstrak- ten Momenten, unabhängig von jeder bestimmten gesellschaft- lichen Form zu betrachten. Der Arbeitsprozess ist zunächst ein Prozess zwischen dem Menschen und der Natur , ein Prozess , worin er seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne That vermittelt, regelt und kontrolirt. Der Mensch tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblich- keit augehörigeu Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eignes Leben brauch- baren Form zu assimiliren. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur ausser ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigne Natur. Er entwickelt die in ihr schlummernden Potenzen und unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner eignen Botmässigkeit. Wir haben es hier nicht mit den ersten thierartig iustinktmässigeu Formen des Arbeitsprozesses zu 142 thun. Dem Zustand, worin der Arbeiter als Verkäufer seiner eignen Arbeits- kraft auf dem Waarenmarkt auftritt, ist in urzeitlichen Hintergrund der Zu- stand entrückt, worin der menschliche Arbeitsprozess seine erste instinktartige Form noch nicht abgestreift hatte. Wir unterstellen den Arbeitsprozess^ in einer Form, worin er dem Menschen ausschliesslich angehört. Eine Spinne verrichtet Operationen , die denen des Webers ähneln , und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vorn herein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf ge- baut hat , bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesse» kommt ein Resultat heraus , das beim Beginn desselben schon in der Vor- stellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war. Nicht dass er nur eine Formveränderung des Natürlichen bewirkt, verwirk- licht er im Natürlichen zugleich seinen Zweck, den er weiss, der die Art und Weise seines Thuns als Gesetz bestimmt und dem er seinen, Willen unterordnen muss. Und diese Unterordnung ist kein vereinzelter Akt. Ausser der Anstrengung der Organe, die arbeiten, ist der zweck- gemässe Wille, der sich als Aufmerksamkeit äussert, für die ganze Dauer des Arbeitsprozesses erheischt, und um so mehr, je weniger die Arbeit durch ihren eignen Inhalt und ihre Art und Weise der Ausfüh- rung den Arbeiter mit sich fortreisst, je weniger er sie daher als Spiel seiner eignen körperlichen und geistigen Kräfte geniesst. Die einfachen Momente des Arbeitsprozesses sind die zweck- mässige Thätigkeit oder die Arbeit selbst, ihr Gegen- stand und ihr Mittel. Die Erde (worunter ökonomisch auch das Wasser einbegriffen), wie sie den Menschen ursprünglich mit Proviant, fertigen Lebensmitteln ausrüstet'), findet sich ohne sein Zuthun als der allgemeine Gegen' stand der menschlichen Arbeit vor. Alle Dinge , welche die Arbeit nur von ihrem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Erdganzen loslöst, sindi 1) ,,The earth's spontaneous productions being in small quantity, and quite independent of man, appear as it were, to be furnished by nature, in the same way as a small sum is given to a young man, in order to put him in a way of industry, and of making bis fortune." (James Steuart: Principles of Polit. Econ. edit. Dublin 1770, v. I, p. 1 16.) / . 143 von Natur vorgefundne Arbeitsgegenstände. So der Fiscli, der von seinen» Lebenselement, dem Wasser, getrennt, gefangen wird, das Holz, das \m Urwald gefällt , das Erz , das aus seiner Ader losgebrochen wird, Ist der Arbeitsgegenstand dagegen selbst schon sozusagen durch frühere- Arbeit filtrirt , so nennen wir ihn Rohmaterial. Z. B. das bereit» losgebrochene Erz , das nun ausgewaschen wird. Alles Rohmaterial ist Arbeitsgegeustand , aber nicht jeder Arbeitsgegenstand ist Rohmaterial. Rohmaterial ist der Arbeitsgegenstand nur, sobald er bereits eine durch Arbeit vermittelte V^eränderung erfahren hat. Das Arbeitsmittel ist ein Ding oder ein Komplex von Dingen, die der Arbeiter zwischen sich und den Arbeitsgegenstand schiebt und die- ihm als Leiter seiner Thätigkeit auf diesen Gegenstand dienen. Er be- nutzt die mechanischen , physischen , chemischen Eigenschaften der Dinge,. um sie als Machtmittel auf andre Dinge, seinem Zweck gemäss, wirken zu lassen 2). Der Gegenstand , dessen sich der Arbeiter un- mittelbar bemächtigt — abgesehn von der Ergreifung fertiger Lebens- mittel, der Früchte z. B. , wobei seine eigenen Leibesorgane allein als- Arbeitsmittel dienen — ist nicht der Arbeitsgegenstand , sondern das Arbeitsmittel. So wird das Xatüriiche selbst zum Organ seiner Thätig- keit , ein Organ , das er seinen eigenen Leibesorganen hinzufügt , seine natürliche Gestalt verlängernd, trotz der Bibel. Wie die Erde seine ur- sprüngliche Proviantkammer, ist sie sein ursprüngliches Arsenal von Arbeitsmitteln. Sie liefert ihm z. B. den Stein, womit er wirft, reibt,, drückt, schneidet u. s. w. Die Erde selbst ist ein Arbeitsmittel, setzt jedoch zu ihrem Dienst als Arbeitsmittel in der Agrikultur wieder eine ganze Reihe andrer Arbeitsmittel und eine schon relativ hohe Entwicklung der Arbeitskraft voraus 3j. Sobald überhaupt der Arbeitsprozess nur -) ,, Die Vernunft ist eben so listig als mächtig. Die List besteht über- haiipt in der vermittelnden Thätigkeit, welche, indem sie die Objekte ihrer eigenen Natur gemäss aufeinander einwirken und sich an einander abarbeiten lässt, ohne sich unmittelbar in diesen Prozess einzumischen, gleichwohl nur ihren Zweck zur Ausführung bringt." (Hegel: En cyklopädie. Erster Theil: Die Logik. Berljn 1840, p. 382.) 3) In der sonst elenden Schrift : ..Theorie de l'Econ. Polit. Paris 1815", zählt Ganilh den Physiokraten gegenüber treffend die grosse Reihe von Arbeitsprozessen auf, welche Voraussetzungen der eigentlichen Agrikultur bilden. 144 «inigermassen entwickelt ist, bedarf er bereits bearbeiteter Arbeitsmittel. In den ältesten Menschenhöhlen finden wir Steinwerkzeuge und Steinwaffen. Neben bearbeitetem Stein und Holz spielt im Anfang der Menschenge- schichte das gezähmte, also selbst schon durch Arbeit veränderte, ge- züchtete Thier die Hauptrolle als Arbeitsmittel*). Der Gebrauch und die Schöpfung von Arbeitsmitteln, obgleich im Keim schon gewissen Thier- arten eigen, charakterisiren den spezifisch menschlichen Ar beits- prozess und Franklin definirt daher den Menschen als ,,a tool- making an i mal", ein Werkzeuge fabrizirendes Thier. Dieselbe Wichtigkeit, die der Bau von KnochenreHquien für die Erkenntniss der Organisation untergegangner Thiergeschlechter, haben Reliquien von Ar- beitsmitteln für die Beurtheilung untergegangner ökonomischer Ge- sellschaftsformationen. Nicht was gemacht wird, sondern wie, mit welchen Arbeitsmitteln gemacht wird , unterscheidet die ökonomischen Epochen^). Die Arbeitsmittel sind nicht nur der Gradmessei' der Ent- wicklung der menschlichen Arbeitskraft , sondern auch der Index der ge- sellschaftlichen Verhältnisse, unter denen gearbeitet wird. Unter den Arbeitsmitteln selbst bieten die mechanischen Arbeitsmittel, deren Gesammtheit man das Knochen- und M u s k e 1 s y s t e m der Produktion nennen kann , viel entscheidendere Charaktermerkmale einer gesellschaftlichen Produktionsepoche , als solche Arbeitsmittel , die nur zu Behältern des Arbeitsgegenstands dienen , und deren Gesammtheit ganz allgemein als das Gefässsj'stem der Produktion bezeichnet werden kann, wie z. B. Röhren, Fässer, Körbe, Krüge u. s. w. Erst in der chemischen Fabrikation spielen sie eine bedeutungsvolle Rolle. Im weiteren Sinn zählt der Arbeitsprozess unter seine Mittel ausser den Dingen , welche die Wirkung der Arbeit auf ihren Gegenstand ver- mitteln , und daher in einer oder der andern Weise als Leiter der Thätig- keit dienen, alle gegenständlichen Bedingungen, die überhaupt erheischt sind , damit der ganze Prozess vorgehe. Sie gehn nicht direkt in den Arbeitsprozess ein, aber der Arbeitsprozess kann ohne sie gar nicht ^) In den oben citirten ,, Reflexions" entwickelt Turgot gut die Wich- tigkeit des gezähmten Thiers für die Anfänge der Kultur. ■') Von allen Waaren sind eigentliche Luxus waaren die unbedeutendsten für die technologische Vergleichiing verschiednev Produktionsepochen. — X. 145 oder nur unvollkommen vorgehn. Das allgemeine Arbeitsmittel dieser Art ist wieder die E r d e selbst, denn sie giebt dem Arbeiter den locus s t a n d i und seinem Prozess den W i r k u n g s r a u m ( f i e 1 d o f e m - ployment). Durch die Arbeit schon vermittelte Arbeitsmittel dieser Art sind z. B. Arbeitsgebäude, Kanäle, Strassen u. s. w. Der A r b e i t s p r 0 z e s s ist also ein Prozess , worin die Thätigkeit des Menschen durch das Arbeitsmittel eine von vorn herein bezweckte Ver- änderung im Arbeitsgegenstand bewirkt. Dieser Prozess erlischt im Produkt. Sein Produkt ist ein G e b r a u c h s w e r t h , ein durch Form- veränderung menschlichen Bedürfnissen assimilirter Naturstoff. Durch den Prozess hat sich die Arbeit mit ihrem Gegenstand verbunden. Die Arbeit ist vergegenständlicht und der Gegenstand ist verarbeitet. Was auf Seiten des Arbeiters in der Form der Unruhe erschien, erscheint nun als ruhende Eigenschaft, in der Form des Seins, auf Seiten des Produkts. Er hat gesponnen und das Produkt ist ein Gespinust. Betrachtet man den ganzen Prozess vom Standpunkt seines Resultats, des Produkts, so erscheinen beide, Arbeitsmittel und Arbeits- gegenständ, als Produktionsmittel^) und die Arbeit selbst als produktive Ar beit^). Wenn ein Gebrauchswerth als Produkt aus dem Arbeitsprozess herauskommt, gehn andre Gebrauchswerthe , selbst Produkte früherer Arbeitsprozesse , als Produktion sm i 1 1 e I in den Prozess ein. Der- selbe Gebrauchswerth , der das Produkt eines Arbeitsprozesses , bildet das Produktionsmittel eines andern. Produkte sind daher nicht nur Resul- tat, sondern zugleich Bedingung des Arbeitsprozesses. Mit Ausnahme der extraktiven Industrie, die ihren Arbeits- gegenstand von Natur vorfindet, wie der Bergbau, die Jagd, der Fischfang u. s. w. , (der Ackerbau nur, soweit er in erster Instanz die jungfräuliche Erde selbst aufbricht), behandeln alle Industriezweige einen Gegen- stand, der Rohmaterial, d. h. bereits durch die Arbeit filtrirter •5) Es scheint paradox z. B. den Fisch, der noch nicht gefangen ist, ein Pro- duktionsmittel für den Fischfang zu nennen. Bisher ist aber noch nicht die Kunst erfunden, Fische in Gewässern zu fangen, in denen sie sich nicht vorfinden. ■^) Diese Bestimmung produktiver Arbeit, wie sie sich vom Stand- punkt des einfachen Arbeitsprozesses ergiebt, reicht keineswegs hin für den kapi- talistischen Produktionsprozess. I. * 10 146 ' Arbeitsgegenstand , selbst schon Produkt eines früheren Arbeitsprozesses ist. So z. B. der Samen in der Agrikultur. Thiere und Pflanzen , die man als Naturprodukte zu betrachten pflegt , sind nicht nur Produkte viel- leicht der Arbeit vom vorigen Jahr, sondern, in ihren jetzigen Formen, Produkte einer durch viele Generationen , unter menschlicher Kontrole, vermittelst menschlicher Arbeit, fortgesetzten Umwandlung. Was aber die Arbeitsmittel insbesondere betrifft , so zeigt ihre ungeheure Mehr- zahl dem oberflächlichsten Blick die Spur vergangner Arbeit. Das Rohmaterial kann die Hauptsubstanz eines Produkts bilden, oder nur als Hilfsstoff in seine Bildung eingehn. Der Hilfsstoff wird vom Arbeitsmittel konsumirt, wie Kohle von einer Dampfmaschine, Oel vom Rade, Heu von einem Zugpferd, oder dem Rohmaterial zu- gesetzt, um eine stoffliche Veränderung darin zu bewirken , wie Chlor zur ungebleichten Leinwand , Kohle zum Eisen , Farbe zur Wolle , oder er unterstützt die Verrichtung der Arbeit selbst, wie z.B. zur Beleuchtung und Heizung des Arbeitslokals verwandte Stoffe. Der Unterschied zwischen Hauptstoff und Hilfsstoff verschwimmt in der eigentlich chemischen Fabri- kation , weil keines der angewandten Rohmaterialien als die Substanz des Produkts wieder erscheint^). Da jedes Ding vielerlei Eigenschaften besitzt und daher verschiedner Nutzanwendung fähig ist , kann dasselbe Produkt das Rohmaterial sehr verschiedner Arbeitsprozesse bilden. Korn z. B. ist Rohmaterial für Müller, Stärkefabrikant, Destillateur, Viehzüchter u. s. w. Es wird Roh- material seiner eignen Produktion als Samen. So geht die Kohle als Produkt aus der Minenindustrie hervor und als Produktionsmittel in sie ein. Dasselbe Produkt mag in demselben Arbeitsprozess als Arbeitsmittel und Rohmaterial dienen. Bei der Viehmast z. B. , wo das Vieh , das be- arbeitete Rohmaterial, zugleich Mittel der Düngerbereitung ist. Ein Produkt kann in einer für die Konsumtion fertigen Form existiren und dennoch von neuem zum Rohmaterial eines andern Produkts werden , wie die Traube zum Rohmaterial des Weins. Oder der Arbeits- prozess entlässt sein Produkt in Formen , worin es nur als Rohmateinal 8) Storch unterscheidet das eigentliche Rohmaterial als ,,matiere" von den Hilfsstoffen als „materiaux" : Cherbuliez bezeichnet die Hilfsstoffe als ,,matieres instrumentales." . 147 ■ eines nachfolgenden Arbeitsprozesses benutzt werden kann. Rohmaterial in diesem Zustand heisst Halbfabrikat und hiesse besser Stufen- fabrikat, wie z. B. Baumwolle, P\\den, Garn u. s. w. Obgleich selbst schon Produkt, mag das ursprüngliche Rohmaterial eine ganze Staffel ver- schiedner Arbeitsprozesse zu durchlaufen haben , worin es in stets ver- änderter Gestalt stets von neuem als Rohmaterial funktionirt bis zum letzten Arbeitsprozess , der es als fertiges Lebensmittel oder fertiges Ar- beitsmittel von sicli abstösst. Man sieht: ob ein Gebrauchswertli als Rohmaterial, Arbeitsmittel oder Produkt erscheint, hängt ganz imd gar ab von seiner bestimmten Funktion im Arbeitsprozesse, von der Stelle , die er in ihm einnimmt , und mit dem Wechsel dieser Stelle wechseln jene Bestimmungen. Durch ihren Eintritt als Produktionsmittel in neue Arbeits- prozesse verlieren Produkte daher den Charakter des Produkts. Sie fuuktioniren nur noch als gegenständliche Faktoren der lebendigen Arbeit. Der Spinner bezieht sich auf die Spindel nur als Mittel, womit, und auf den Flachs nur als Gegenstand, den er spinnt. Allerdings kann man nicht spinnen ohne Spinnmaterial und Spindel. Das Vorhandensein dieser Pro- dukte ist daher vorausgesetzt beim Beginn des wirklichen Spinnprozesses. In diesem Prozess selbst aber ist es eben so gleichgültig, dass Flachs und Spindel Produkte vergangner Arbeit sind, wie es im wirklichen Ernährungsprozess gleichgültig ist, dass Brod das Produkt der vergangnen Arbeiten von Bauer, Müller, Bäcker u. s. w. Umgekehrt. Machen Produktionsmittel im Arbeitsprozess ihren Charakter als Produkte vergangner Arbeit geltend , so durch ihre Mängel. Ein Messer, das nicht schneidet, Garn, das beständig zerreisst u. s. w., erinnern lebhaft an Messei- schmied A und Garnwichser E. Im gelungenen Produkt ist die Ver- mittlung seiner Gebrauchseigenschaften durch vergangne Arbeit ausge- löscht. Eine Maschine, die nicht im Arbeitsprozess dient, ist nutzlos. Ausser- dem verfällt sie der zerstörenden Gewalt des natürlichen Stoffwechsels. Das Eisen verrostet , das Holz verfault. Garn , das nicht verwebt oder verstrickt wird , ist verdorbene Baumwolle. Die lebendige Arbeit muss diese Dinge ergreifen, sie von den Todten erwecken, sie aus nur möglichen in wirkliche und wirkende Gebrauchswerthe verwandeln. Vom Feuer der 10* 148 ■ Arbeit beleckt , als Leiber derselben angeeignet , zu ihren begriffe - und berufsmässigen Funktionen im Prozess begeistet, werden sie zwar auch verzehrt,, aber zweckvoll, als Bilduugselemente neuer Gebrauchswerthe. Wenn vorhandne Produkte nicht nur die Resultate, sondern auch die Existenzbedingungen des Arbeitsprozesses sind, ist andrerseits ihr Hineinwerfen in den Arbeitsprozess , also ihr Kontakt mit lebendiger Arbeit, das einzige Mittel um diese Produkte vergangner Arbeit als Gebrauchswerthe zu erhalten und zu verwirklichen. Der Arbeitsprozess resuitirt überhaupt nur in Ge- brauchswerth, so weit sein Produkt fähig, als Lebensmittel in die individuelle Konsumtion oder als Produktionsmittel in neuen Arbeitsprozess einzugehn. Im Arbeitsprozess werden seine stotFlichen Elemente, sein Gegenstand und sein Mittel , als Gebrauchswerthe verbraucht. Die Arbeit ver- speist sie. Der Arbeitsprozess ist also Konsumtions prozess. Es unterscheidet diese produktive Konsumtion von der indivi- duellen Konsumtion, dass letztere die Produkte als Lebensmittel deslebe ndigenlndividu ums, Jen esiealsLebensmittel der Arbeit, der sich betliätigenden Arbeitskraft, verzehrt. Das Produkt der indivi- duellen Konsumtion ist daher der Konsument selbst, das Resultat der produktiven Konsumtion ein von dem Konsumenten unterschiednes Produkt. Sofern Arbeitsmittel und x\rbeitsgegenstand selbst schon Produkte sind, Resultate vergangner Arbeitsprozesse, ist der Arbeitsprozess ein Pro- zess , worin Produkte verzehrt werden um Produkte zu schaffen oder worin Produkte als Produktionsmittel von Produkten dienen. Wie der Arbeitsprozess aber ursprünglich nur zwischen dem Menschen und der ohne sein Zuthun vorhandenen Erde vorgeht, dienen in ihm immer noch solche Produktionsmittel, die von Natur vorhanden , keine Verbindung von Naturstoff und menschlicher Arbeit darstellen. Der Arbeitsprozess, wie wir ihn in seinen einfachen und ab- strakten Momenten dargestellt haben, ist zweckmässige Thätigkeit zur Herstellung von Gebrauchswerthen, Aneignung des Natürlichen für mensch- liche Bedürfnisse, allgemeine Bedingung des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur, ewige Naturbedingung des menschlichen Lebens und daher 149 unabhängig von jeder Form dieses Lebens , vielmehr allen seinen Gesell- schaftsformen gleich geraeinsam. Wir hatten daher bei unsrer Darstellung nicht nöthig, den Arbeiter im Verhältniss zu andern Arbeitern darzustellen. Der Mensch und seine Arbeit auf der einen , die Natur und ihre Stofl'e auf der andern Seite, genügten. So wenig man dem Weizen ansclimeckt, wer ihn gebaut hat, so wenig sieht man diesem Prozess an, unter welchen Be- dingungen er vorgeht, ob unter der brutalen Peitsche des Sklavenaufsehers oder unter dem ängstlichen Auge des Kapitalisten, ob Cincinnatus ihn ver- riclitet in der Bestellung seiner paar jugera, oder der Wilde, der mit einem Stein eine Bestie erlegt 9). Kehren wir zu unserem Kapitalisten in spe zurück. Wir ver- liessen ihn, nachdem er auf dem Waarenmarkt alle zu einem Arbeitsprozess nothwendigen Faktoren gekauft hatte, die gegenständlichen Fak- toren in den Produktionsmitteln, den subjektiven Fak- tor in der Arbeitskraft. Die bestimmte Art dieser Produktions- mittel und dieser Arbeitskraft richtet sich nach der Art des Arbeitsprozesses, wofür sie bestimmt sind , ob Stiefel , Garn u. s. w. gemacht werden sollen. Unser Kapitalist setzt sich also daran , die von ihm gekaufte Waare , d i e Arbeitskraft, zu konsumiren, d. h. den Träger der Arbeitskraft, den Arbeiter die Produktionsmittel durch seine Arbeit konsumiren zu lassen. Die allgemeine Natur des Arbeitsprozesses ändert sich natürlich nicht dadurch , dass der Arbeiter ihn für den Kapitalisten , statt für sich selbst verrichtet. Aber auch die bestimmte Art und Weise wie Stiefel gemacht oder Garn gesponnen wird , kann sich zu- nächst nicht ändern durch die Dazwischenkunft des Kapitalisten. Er muss die Arbeitskraft zunächst nehmen, wie er sie auf dem Markt vorfindet, also auch ihre Arbeit , wie sie in einer Periode entsprang , wo es noch keine 9) Aus diesem höchst logischen Grund entdeckt wohl Oberst Torrens in dem Stein des Wilden — den Ursprung des Kapitals. ,,In dem ersten Stein, den der Yv'ilde auf die Bestie wirft, die er verfolgt, in dem ersten Stock, den er ergreift, um die Frucht niederzuziehn , die er nicht mit den Händen fassen kann, sehn wir die Aneignung eines Artikels zum Zweck der Erwerbung eines andern und entdecken so — den Ursprung des Kapitals." (R. Torrens: An Essay on the ProductionofWealth etc. p. 79.) Aus jenem ersten Stock ist wahrscheinlich auch zu erklären, warum stock im Englischen synonym mit Kapital ist. 150 Kapitalisten gab. Die Verwandlung der Produktionsweise selbst durch die Unterordnung der Arbeit unter das Kapital kann sich erst später ereignen und ist daher erst später zu betrachten. Der Arbeitsprozess , wie er als Konsumtionsprozess der Arbeitskraft durch den Kapitalisten vorgeht, zeigt nur zwei eigenthttmliche Phänomene. Der Arbeiter arbeitet unter der Kontrole des Kapita- listen, dem seine Arbeit gehört. Der Kapitalist passt auf, dass die Arbeit ordentlich verrichtet wird und dass die Pioduktionsmittel zweckge- mäss verwandt werden , also kein Rohmaterial vergeudet und das Arbeits- instrument geschont, d. h. nur so weit zerstört wird , als unzertrennlich ist von seinem Gebrauch in der Arbeit. Zweitens aber: das Produkt istEigenthum des Kapita- listen, nicht des unmittelbaren Produzenten, des Arbeiters. Der Kapi- talist zahlt z. B. den Tages wert h der Arbeitskraft. Ihr Ge- brauch, wie der jeder andern Waare, z. B. eines Pferdes, das er ftir einen Tag gemiethet, gehört ihm also für den Tag. Dem Käufer der Waare gehört der Gebrauch der Waare , und der Besitzer der Arbeitskraft giebt in der That nur den von ihm verkauften Gebrauchswerth, indem er seine Arbeit giebt. Von dem Augenbhcke, wo er in die Werkstätte des Ka- pitalisten trat, gehörte der Gebrauchswerth seiner Arbeitskraft, also ihr Gebrauch, die Arbeit, dem Kapitalisten. Der Kapitalist hat durch den Kauf der Arbeitskraft die Arbeit selbst als lebendigen Gäh- rungsstoff den todten von ihm gleichfalls besessenen Bildungseleraenten des Produkts einverleibt. Von seinem Standpunkt ist der Arbeits- prozess nur die Konsumtion der von ihm gekauften Waare Arbeits- kraft, die er Jedoch nur konsumiren kann, indem er ihr Produktions- mittel zusetzt. Der Arbeitsprozess ist ein Prozess zwischen Dingen, die der Kapitalist gekauft hat, zwischen ihm gehörigen Dingen. Das Produkt dieses Prozesses gehört ihm daher ganz eben so sehr als das Produkt des Gährungsprozesses in seinem Weinkeller lO). 10) ,,Die Produkte sind appropriirt , bevor sie in Kapital verwandelt werden; diese Verwandlung entzieht sie nicht jener Appropriation." (Cherbuliez: Riche ou Pauvre, edit. Paris 1841, p. 53 , 54.) ,, Indem der Proletarier 151 Das Produkt — das Eigenthum des Kapitalisten — ist ein Ge- brauchswerth, Garn, Stiefel u. s. w. Aber obgleich Stiefel z. B. ge- wissermassen die Basis des gesellschaftlichen Fortschritts bilden und unser Kapitalist ein entschiedener Fortschrittsmann ist , fabrizirt er die Stiefel nicht ihrer selbst wegen. Der Gebrauch swe rth ist überhaupt nicht das Ding „qu'on aime pour lui meme" in der Waarenpro- duktion. Gebrauchswerthe werden hier überhaupt nur produzirt, weil luid sofern sie materielles Substrat, Träger des Tausch- wert hs sind. Und unserem Kapitalisten handelt es sich um zweierlei. Erstens will er einen Gebrauchswert!! produziren , der einen Tausch- werth hat, einen zum Verkauf bestimmten Artikel , eine Waare. Und zweitens will er eine Waare produziren, deren Werth höher als die Werthsumme der zu ihrer Pi'oduktion erheischten Waa- re n, der Produktionsmittel und der Arbeitskraft, für die er sein gutes Geld auf dem Waarenmarkt v o r s c h o s s. Er will nicht nur einen G e - b r a u c h s w e r t h produziren , sondern eine Waare, nicht nur Ge- brauchs werth, sondern Tauschwerth, und nicht nur Werth, sondern auch Mehr wer th. In der That, da es sich hier um Waarenproduktion handelt, haben wir bisher otfeubar nur eine Seite des Prozesses betrachtet. Wie die Waare selbst Einheit von Gebrau chswerth und Tausch- werth, muss ihr Produktionsprozess Einheit von Arbeits- prozess und Werthbildungsprozess sein. seine Arbeit gegen ein bestimmtes Quantum Lebensmittel (approvisionneraent) -verkauft, verzichtet er vollständig auf jeden Antheil am Produkt. Die Appro- priation der Produkte bleibt dieselbe wie vorher ; sie ist in keiner Weise durch die erwähnte Konvention verändert. Das Produkt gehört ausschliesslich dem Kapi- talisten , der die Rohstoffe und das Approvisionnement geliefert hat. Es ist diess eine strenge Konsequenz des Gesetzes der Appropriation, dessen Fundamental- prinzip umgekehrt das ausschliessliche Eigenthumsrecht jedes Arbeiters an seinem Produkte war." (1. c. p. 58.) James Mill: Elements of Pol. Econ. etc. p. 75: ,,Wenn die Arbeiter für Arbeitslohn arbeiten, ist der Kapi- talist Eigenthümer nicht nur des Kapitals (meint hier die Produktionsmittel), sondern auch der Arbeit (of labour also). Wenn man das, was für Arbeitslohn gezahlt wird , wie diess gebräuchlich , in den Begriff Kapital einschliesst , ist es abgeschmackt von der Arbeit getrennt vom Kapital zu sprechen. Das Wort Kapital in diesem Sinn schliesst beides ein, Kapital und Arbeit." 152 Betrachten wir den Produktionsprozess also jetzt auch als Werthbildiingsprozess. Wir wissen, dass der Werth jeder Waare bestimmt ist durch das Quantum der in ihrem Gebrauchswerth materialisirten Arbeit, durch die zu ihrer Produktion gesellschaftlich not h wendige Arbeitszeit. Diess gilt auch für das Produkt, das sich unsrem Kapi- talisten als Resultat des Arbeitsprozesses ergab. Es ist also zunächst d i e in diesem Produkt vergegenständlichte Arbeit zu be- rechnen. Es sei z. B, Garn. Zur Herstellung des Garns war zuerst sein Rohmaterial nöthig, z. B. 10 Pfund Baumwolle. Was der Werth der Baumwolle, ist nicht erst zu untersuchen , denn der Kapitalist hat sie auf dem Markt zu ihrem Werth, z. B. zu 10 sh. gekauft. In dem Preise der Baumwolle ist die zu ihrer Produktion erheischte Arbeit schon als allgemeine gesellschaftliche Arbeit dargestellt. Wir wollen ferner annehmen , dass die in der Verar- beitung der Baumwolle verzehrte S p i n d e 1 m a s s e , die uns alle an- deren aufgewandten Arbeitsmittel repräsentirt , einen Werth von 2 sh. be- sitzt. Ist eine Goldmasse von 12 sh. das Produkt von 24 Arbeitsstunden oder zwei Arbeitstagen , so folgt zunächst , dass im Garn zwei Arbeitstage vergegenständlicht sind. Der Umstand , dass die Baumwolle ihre Form verändert hat und die aufgezehrte Spindelmasse ganz verschwunden ist, darf nicht beirren. Nach dem allgemeinen Werthgesetz sind z. B. 10 Ibs. Garn ein Aequivalent für 10 Ibs. Baumwolle und 1/4 Spindel, wenn der Werth von 40 Ibs. Garn = dem Werth von 40 Ibs. Baumwolle + dem Werth einer ganzen Spindel, d. h. wenn dieselbe Arbeitszeit erfordert ist um beide Seiten dieser Gleichung zu produziren. In diesem Fall stellt sich dieselbe Arbeits- zeit das einemal in dem Gebrauchswerth Garn, das andremal in den Ge- brauchswerthen Baumwolle und Spindel dar. Der Tauschwerth ist alsa gleichgültig dagegen , ob er in Garn , Spindel oder Baumwolle erscheint. Dass Spindel und Baumwolle , statt ruhig neben einander zu liegen , im Spinnprozesse eine Verbindung eingehn, welche die Form ihres Gebrauchs- werths verändert, sie in Garn verwandelt, berührt ihren Tausch- werth eben so wenig, als wenn sie durch einfachen Austausch gegen, ein Aequivalent von Garn umgesetzt worden wären. - — - 153 Die zur Produktion der Baumwolle erheischte Arbeitszeit ist Theil der zur Produktion des Garns , dessen Rohmaterial sie bildet , erheischten Arbeitszeit und deshalb im Garn enthalten. Ebenso verhält es sich mit der Arbeitszeit , die zur Produktion der Spindelmasse erheischt ist , ohne deren Verschleiss oder Konsum die Baumwolle nicht versponnen werden kann *^). So weit also der Werth des Garns , die zu seiner Herstellung er- heischte Arbeitszeit, in Betracht kommt , können die verschied- nen besondern, der Zeit und dem Raum nach getrennten Ar- beitsprozesse, die durchlaufen werden müssen , um die Baumwolle zu produziren , die vernutzte Spindelraasse zu produziren , endlich aus Baum- wolle und Spindel Garn zu machen , als verschiedne successive Phasen eines und desselben Arbeitsprozesses betrachtet werden. Alle im Garn enthaltne Arbeit ist vergangne A rbeit. Dass die zur Produktion seiner Bildungselemente erheischte Arbeitszeit früher ver- gangen war, im Plusquamperfectum steht, dagegen die zum Schlussprozess. dem Spinnen , unmittelbar verwandte Arbeit dem Präsens näher , im Per- fectum steht, ist ein durchaus gleichgültiger Umstand. Ist eine bestimmte Masse Arbeit, z. B. von 30 Arbeitstagen, zum Bau eines Hauses nöthig, so ändert es nichts am Gesamm tquantum der dem Hause einverleib- ten Arbeitszeit, dass der 30. Arbeitstag 29 Tage später in die Produktion einging als der erste Arbeitstag. Und so kann die im Arbeitsmaterial und Arbeitsmittel enthaltene Arbeitszeit ganz so betrachtet werden, als wäre sie nur in einem früheren Stadium des Spinnprozesses verausgabt worden als das zuletzt in der Form des Spinnens verausgabte Arbeits- quantum. Die Werthe der Produktionsmittel , der Baumwolle und der Spindel, ausgedrückt in dem Preise von 12 sh., bilden also Bestandtheile desGarn- w e r t h s , oder des Werths des Produkts. Nur müssen zwei Bedingungen erfüllt sein. Einmal müssen Baum- wolle und Spindel wirklich zur Produktion eines Gebrauchs werths gedient haben. Es muss in unserm Fall Garn aus ihnen geworden sein. ") ,,Not only the labour applied immediately to commodities affect their value, but the labour also which is bestowed on the implements , tools , and build- ings with which such labour is assisted." Ricardo 1. c. p. 16. 154 : Welcher Gebraiichswerth ihn trägt, ist dem Taiiscbwerth gleichgültig, aber ein Gebraiichswerth niuss ihn tragen. Zweitens ist voraus- gesetzt , dass nur die unter den gegebenen gesellschaftlichen Pro- duktionsbedingungen nothwendige Arbeitszeit verwandt worden ist. Wäre also nur 1 Pfund Baumwolle nöthig, um 1 Pfund Garn zu spinnen, so darf nur 1 Pfund Baumwolle verzehrt sein in der Bildung von 1 Pfund Garn. Ebenso verhält es sich mit der Spindel. Hätte der Kapi- talist die Phantasie mit goldenen , statt mit eisernen Spindeln spinnen zu lassen , so zählte im G a r n wert h dennoch nur die gesellschaftlich nothwendige Arbeitszeit, d.h. die zur Produktion der eisernen Spindelmasse nothwendige Arbeitszeit. Wir kennen jetzt den Werththeil, den die Produktionsmittel, Baumwolle und Spindel, im Garn wer th bilden. Er ist gleich 12 sh., oder die Materiatur von zwei Arbeitstagen. Es handelt sich also nun um den Werththeil, welchen die' Arbeit des Spinners selbst der Baum- wolle zusetzt. Wir haben diese Arbeit jetzt von einem ganz anderen Gesichtspunkte zu betrachten, als während des Arbeitsprozesses. Dort handelte es sich um die zweckmässige Thätigkeit , Baumwolle in Garn zu verwandeln. Je zweckmässiger die Arbeit, desto besser das Garn, alle andern Umstände als gleichbleibend vorausgesetzt. Die Arbeit des Spinners war spezifisch verschieden von andern produktiven Arbeiten , und diese Verschiedenheit offenbarte sich subjektiv und objektiv , im besondern Zweck des Spinnens, seiner besondern Operationsweise, der besondern Natur seiner Produktions- mittel, dem spezifischen Gebranchswerth seines Produkts. Baumwolle und Spindel dienen als Lebensmittel der S p i n n a r b e i t , aber man kann mit ihnen keine gezogenen Kanonen machen. Sofern die Arbeit des Spinners dagegen w e r t h b i 1 d e n d ist, d.h. Quelle von Tausch- ■werth, ist sie durchaus nicht verschieden von der Arbeit des Kanoneuboh- rers, oder, was uns hier näher liegt, von den Arbeiten, die in den Produk- tionsmitteln des Garns verwirklicht sind, den Arbeiten des Baum wollpflanzers und des Spindelmachers. Nur wegen dieser Identität können Baum- wollpflanzen, Spindelmachen und Spinnen blos quantitativ verschiedene Theile desselben Gesamratwerths , des Garn wer ths, bilden. Es handelt sich hier nicht mehr um die Qualität, die Beschaffenheit und den Inhalt der Arbeit, sondern nur noch um ihre Quantität. Diese 1 i 155 ■ ■ ist einfach zu zählen. Wir nehmen an, dass die Spinnarbeit einfache Arbeit, gesellschaftliche Durchschnittsarbeit ist. Man wird später sehn, dass die gegentheilige Annahme nichts an der Sache ändern würde. Während des Arbeitsprozesses setzt sich die Arbeit beständig aus der Form der Unruhe in die des Seins, aus der Form der Bewegung in die der Gegenständlichkeit um. Am Ende einer Stunde ist die Spinubewegung in einem gewissen Quantum Garn dargestellt, also ein bestimmtes Quan- tum Arbeit, eine Arbeitsstunde in der Baumwolle vergegen- ständlicht. Wir sagen Arbeitsstunde, denn die Spinnarbeit gilt hier nur, so weit sie Verausgabung von Arbeitskraft, nicht so weit sie die spezifische Arbeit des Spinnens ist. Es ist nun entscheidend wichtig, dass während der Dauer des Pro- zesses, d. h. der Verwandlung von Baumwolle in Garn, nur die gesell- schaftlich n 0 1 h w e n d i g e Arbeitszeit \'erzehrt wird. Müssen unter normalen, d. h. durchschnittlichen gesellschaftlichen Produk- tionsbedingungen, a Pfund Baumwolle während einer Arbeitsstunde in b Pfund Garn verwandelt sein , so gilt nur der Arbeitstag als Arbeitstag von 12 Stunden, der 12 X a Pfund Baumwolle in 12 X b Pfund Garn verwandelt. Denn nur die gesellschaftlich uothwendige Arbeitszeit zählt als w e r t h b i 1 d e n d. Rohmaterial und Produkt erscheinen hier in einem ganz ande- ren Licht als vom Standpunkt des eigentlichen Arbeitsprozesses. Das Rohmaterial gilt hier nur als Aufsauger eines bestimmten Quantums Arbeit. Durch diese Aufsaugung verwandelt es sich in der That in Garn, weil ihm Spinnarbeit zugesetzt wurde. Aber das Produkt, das Garn, ist jetzt nur Gradmesser der von der Baumwolle ein- gesaugten Arbeit. Wird in einer Stunde 1^1 3 Ibs. Baumwolle versponnen oder in 1^;^ Ibs. Garn verwandelt, so zeigen 10 Ibs. Garn 6 eingesaugte Arbeitsstunden an. Bestimmte und erfahrungsmässig festge- stellte QuantaProdukt stellen jetzt nichts dar als bestimmte Quanta Arbeit, bestimmte Masse festgeronnener Arbeitszeit. Sie sind nur noch Materiatur von einer Stunde, zwei Stunden, einem Tag gesell- schaftlich e r A r b e i t. Dass die Arbeit grade Spinnarbeit, ihr Material Baumwolle und ihr Pro- dukt Garn, wird hier eben so gleichgültig, als dass der Arbeitsgegen- stand selbst schon Produkt , also Rohmaterial ist. Wäre der Arbei- 156 ter, statt in der Spinnerei, in der Kohlengrube beschäftigt, so wäre der Arbeitsgegenstand, die Kohle, von Natur vorhanden. Dennoch stellte ein bestimmtes Quantum aus dem Bett losgebrochener Kohle, z. B. ein Cent- ner, ein bestimmtes Quantum aufgesaugter Arbeit dar. Beim Verkauf der Arbeitskraft ward unterstellt, dass ihr Ta- geswerth = 3 sh., und in den letztern 6 Arbeitsstunden verkörpert sind^ diess Arbeitsquantum also erheischt ist , um die Durchschnittssumme der täglichen Lebensmittel des Arbeiters zu produziren. Verwandelt unser Spinner nun während einer Arbeitsstunde 1^/3 Ibs. Baumwolle in l'^/s Ibs. Garn 12), so in 6 Stunden 10 Ibs. Baumwolle in 10 Ibs. Garn, Während der Dauer des Spinnprozesses saugt die Baumwolle also 6 Arbeitsstunden ein. Dieselbe Arbeitszeit stellt sich in einem Goldquantum von 3 sh. dar. Dei'' Baumwolle wurde also durch das Spinnen selbst ein Werth von 8 sh. zugesetzt. Sehn wir uns nun den Gesammt werth des Produkts, der 10 Ibs. Garn, an. In ihnen sind 2^1 2 Arbeitstage vergegenständlicht, 2 Tage enthalten in Baumwolle und Spindelmasse, ^^3 Tag Arbeit einge- saugt während des Spinnprozesses. Dieselbe Arbeitszeit stellt sich in einer Goldmasse von 15 sh. dar. Der dem Werth der 10 Ibs. Garn adä- quate Preis beträgt also 15 sh., der Preis eines Ib. Garn 1 sh. 6 d. Unser Kapitalist stutzt. Der Werth des Produkts ist gleich dem Werth des vorgeschossenen Kapitals. Der vorge- schossene Werth hat sich nicht ver werth et, keinen Mehr werth erzeugt, Geld sich also n i c h t in Kapital verwandelt. Der Preis der 10 Ibs. Garn ist 15sh. und 15sh. wurden verausgabt auf dem Waarenmarkt für die B i 1 d u n g s e l e ra e n t e des Produkts oder , was dasselbe, die Faktoren des Arbeitsprozesses, 10 sh. für Baumwolle, 2 sh. für die verzehrte Spindelmasse, und 3 sh. für Arbeitskraft. Der aufge- schwollene Werth des Garns hilft nichts , denn sein Werth ist nur die Summe der früher auf Baumwolle , Spindel und Arbeitskraft v e r - t h e i 1 1 e n Werthe, und aus einer solchen blossen Addition vor- handner Wer the kann nun und nimmermehr ein Mehr werth ent- springen 13). Diese Werthe sind jetzt alle auf ein Ding konzentrirt, aber I 12) Die Zahlen hier sind ganz willkührlich. 13) Diess ist der Fundamentalsatz, worauf die Lehre der Physiokraten von 157 so waren sie in der Geldsumme von 15 sli., bevor diese sich durch drei Waarenkäufe zersplitterte. An und für sich ist diess Resultat niclit befremdlich. Der Wertli eines Ib. Garri ist 1 sh. 6 d. und für 10 Ibs. Garn mtisste unser Kapitalist daher auf dem Waarenmarkt 15 sh. zahlen. Ob er sich sein Privathaus fertig auf dem Markt kauft, oder es selbst bauen lässt , keine dieser Ope- rationen wird das im Erwerb des Hauses ausgelegte Geld vermehren. Der Kapitalist, der in der Vulgiirökonomie Bescheid weiss, sagt viel- leicht , er habe sein Geld mit der Absicht vorgeschossen , mehr Geld daraus zu machen. Der Weg zur Hölle ist jedoch mit guten Ab- sichten gepflastert und er konnte eben so gut der Absicht sein , Geld zu machen, ohne zu produziren i^). Er droht. Man werde ihn nicht wieder ertappen. Künftig werde er die Waare fertig auf dem Markt kaufen, statt sie selbst zu fabriziren. Wenn aber alle seine Brüder Kapitalisten dessgleichen thun , wo soll er Waare auf dem Markt finden ? Und Geld kann er nicht essen. Er katechisirt. Man soll seine Abstinenz be- denken. Er koiinte seine 15 sh. verprassen. Statt dessen hat er sie produktiv konsumirt und Garn daraus gemacht. Aber dafür ist er ja im Besitz von Garn statt von Gewissensbissen. Er muss bei Leibe nicht in die Rolle des Schatzbildners zurückfallen , der uns zeigte, - was bei der Ascetik herauskommt. Ausserdem , wo nichts ist , hat der Kaiser sein Reclit verloren. Welches immer das Verdienst seiner Ent- sagung, es ist nichts da, um sie extra zu zahlen, da der Werth des Produkts, der aus dem Prozess herauskommt, nur gleich der Summe der der Unproduktivität aller nicht agrikolen Arbeit beruht und er ist unumstösslich für den Oekonomen — von Fach. ,,Cette fa^on d'imputer ä une seule chose la valeur de plusieurs autres (par exemple au lin la consommation du tisserand), d'appliquer , pour ainsi dire , couche sur couche, plusieurs valeurs sur une seule, fait que celle-ci grossit d'aiitant .... Le terme d'addition peint tres- bien la maniere dont se forme le prix des ouvrages de main d'oeuvre; ce prix n'est qu'un total de plusieurs valeurs consommees et additionnees ensemble ; or , additionner n'est pas mu Itiplier." (Mercier de la Riviere 1. c. p. 599.) "'J So z. B. entzog er 1844 — 47 Theil seines K^itals dem produktiven Ge- schäft, um es in Eisenbahnaktien zu verspekuliren. So, zur Zeit des amerikani- schen Bürgerkriegs, schloss er die Fabrik und warf den Fabrikarbeiter auf's Pflaster, ura auf der Liverpooler Baumwollbörse zu spielen. 158 hineingeworfenen Waarenwerthe. Er bernliige sich also dabei , dass Tu- gend der Tugend Lolin. Statt dessen wird er zudringUch. Das Garn ist ihm unnütz. Er hat es für den Verkauf produzirt. So verkaufe er es, oder, noch einfacher, produzire in Zukunft nur Dinge für seinen eignen Bedarf, ein Rezept, das ihm bereits sein Hausarzt Mac Culloch als probates Mittel gegen die Epidemie der Ueberproduktion verschrieben hat. Er stellt sich trutzig auf die Hinterbeine. Sollte der Arbeiter mit seinen eignen Gliedmassen in der blauen Luft Arbeitsgebilde schaflPen, Waaren produziren? Gab er ihm nicht den Stoff, womit und worin er allein seine Arbeit verleiblichen kann ? Da nun der grösste Theil der Ge- sellschaft aus solchen Habenichtsen besteht , hat er nicht der Gesellschaft durch seine Produktionsmittel , seine Baumwolle und seine Spindel , einen unermesslichen Dienst erwiesen, nicht dem Arbeiter selbst , den er oben- drein noch mit Lebensmitteln versah ? Und soll er den Dienst nicht be- rechnen ? Hat der Arbeiter ihm aber nicht den Gegendienst erwiesen, Baumwolle und Spindel in Garn zu verwandeln? Ausserdem handelt es sich hier nicht um Dienste'^). Ein Dienst ist nichts ^Is die nützliche Wirkung eines Gebrauchs wer ths, sei es der Waare , sei es der Ar- beit i^). Hier aber gilt's den Tausch wer th. Er zahlte dem Arbeiter den Werth von 3 sh. Der Arbeiter gab ihm ein exaktes Aequivalent •5) ,,Las du rhünieii , schnaücken und putzen .... Wer aber mehr oder besseres nimpt (als er giebt) , das ist Wucher, und heisst, nicht Dienst, son- dern Schaden gethan seinem Nehesten, als mit Stelen und rauben geschieht. Es ist nicht alles Dienst und wolgethan dem Nehesten, was man heisst, Dienst und wolgethan. Denn eine Ehebrecherin und Ehebrecher thun einander grossen Dienst und wolgefallen. Ein Reuter thut einem Mordbrenner grossen reuterdienst, das erimhilft't, aufit' der Strassen rauben, Land und Leute bevehden. Die Papisten thun den unsern grossen Dienst , das sie nicht alle ertrenken , verbrennen , ermor- den, im Gefengniss verfaulen lassen, soudern lassen doch etliche leben, und ver- jagen sie, oder nemen jenen was sie haben. Der TeufFel thut selber seinen Die- nern grossen, unermesslichen Dienst .... Summa, die Welt ist voll grosser, trefflicher, teglicher Dienst und wolthaten." (Martin Luther: An die Pfarherrn, wider den Wuclier zu predigen etc. Wittenberg 1540.) i**) Ich bemerke darüber in ,,Zur Kritik der Pol. Oek." p. 14 u. a.: ,, Man begreift, welchen ,, Dienst" die Kategorie ,, Dienst" (service) einer Sorte Oekonomen wie J. B. Say und F. Bastiat leisten muss." . 159 zurück in dem der Baumwolle zugesetzten Wertli von 3 sli., Werth für Wertli. Unser Freund, eben noch so kapitalübermüthig , nimmt plötzlich die anspruchslose Haltung seines eignen Arbeiters an. Hat er nicht selbst gearbeitet? nicht die Arbeit der Ueberwachung , der Oberaufsicht über den Spinner verrichtet ? Bildet diese seine Arbeit nicht auch VVerth ? Sein eigner overlooker und sein manager zucken die Achseln. Unterdess hat er aber bereits mit heitrem Lächeln seine alte Physiognomie wieder an- genommen. Er foppte uns mit der ganzen Litanei. Er giebt keinen Deut darum. Er überlässt diese und ähnliche faule Ausflüchte und hohle Flausen den dafür eigens bezahlten Professoren der politischen Oekonomie. Er selbst ist ein praktischer Mann, der zwar nicht immer bedenkt , was er ausserhalb des Geschäfts sagt , aber stets weiss , was er im Geschäft thut. Sehn wir näher zu. Der T a g e s w e r t h der A r b e i t s k r a f t be- trug 3 sh., weil in ihr selbst ein halber Arbeitstag vergegenständlicht ist, d. h. weil die täglich zur Produktion der Arbeitskraft nöthigen Lebens- mittel einen halben Arbeitstag kosten. Aber die vergangene Arbeit, die in der Arbeitskraft steckt, und die lebendige Arbeit , die sie leisten kann, ihre täglichen Erhaltungskosten und ihre tägliche Verausgabung, sind zwei ganz verschiedne Grössen. Die erstere bestimmt ihren Tauschwerth , die andere bildet ihren Gebrauchswerth. Dass ein halber Arbeitstag nöthig, um ihn während 24 Stunden am Leben zu erhalten, hindert den Arbeiter keineswegs einen ganzen Tag zu arbeiten. Der Werth der Arbeitskraft und ihre Verwerthung im Arbeitsprozess sind also zwei verschiedne Grössen. Diese Wer thd ifferenz hatte der Kapita- Hst im Auge , als er die Arbeitskraft kaufte. Ihre nützliche Eigenschaft, Garn oder Stiefel zu machen, war nur eine conditio sine qua , weil Arbeit in nützlicher Form verausgabt werden muss, um Werth zu bilden. Was aber entschied, war der spezifische Gebrauchswerth dieser W aar e, Quelle von Tauschwerth zu sein und von mehr Tauschwerth als sie selbst hat. Diess ist der spezifische Dienst, den der Kapitalist von ihr er- wartet. Und er verfährt dabei den ewigen Gesetzen des Waarenaus- tausches gemäss. In der That , der Verkäufer der Arbeitskraft , wie der Verkäufer jeder andern Waare , r e a 1 i s i r t ihren Tauschwerth und veräussert ihren Gebrauchswerth. Er kann den einen nicht erhalten, ohne den andern wegzugeben. Der Gebrauchswerth der Arbeits- kraft, die Arbeit selbst, gehört eben so wenig ihrem Verkäufer, wie der 160 Gebrauchswerth des verkauften Oels dem Oelhändler. Der Geldbesitzer hat den Tageswerth der Arbeitskraft gezahlt ; ihm gehört daher i h r Gebrauch während des Tages, die tagelange Arbeit, Der Umstand , dass die tägliche Erhaltung der Arbeitskraft nur einen halben Arbeitstag kostet, obgleich die Arbeitskraft einen ganzen Tag wirken, arbei- ten kann, dass daher der Werth , den ihr Gebrauch während eines Tags schafft, doppelt so gross ist als ihr eigner Tageswerth , ist ein besondres Glück für den Käufer, aber durchaus kein Unrecht gegen den Verkäufer. Unser Kapitalist hat den Casus vorgesehn. Der Arbeiter findet da- lier in der Werkstätte die nöthigen Produktionsmittel nicht nur für einen sechsstündigen, sondern für einen zwölfstündigen Arbeitsprozess. Saugten 10 Ibs. Baumwolle 6 Arbeitsstunden ein und verwandelten sich in 10 Ibs. Garn, so werden 20 Ibs. Baumwolle 12 Arbeitsstunden einsaugen und in 20 Ibs. Garn verwandelt. Betrachten wir das Produkt des verlänger- ten Arbeitsprozesses. In den 20 Ibs. Garn sind jetzt 5 Arbeits- tage vei'gegenständlicht , 4 in der verzehrten BaumwoU- und Spindel- masse , 1 von der Baumwolle eingesaugt während des Spinnprozesses. Der Goldausdruck von 5 Arbeitstagen ist aber 30 sh. oder 1 Pfd. St. 10 sh. Diess also der Preis der 20 Ibs. Garn. Das Pfund Garn kostet nach wie vor 1 sh. 6 d. Aber die Werthsumrae der in den Prozess geworfenen Waaren betrug 27 sh. Der Werth des Garns beträgt 30 sh. Der Werth des Produkts ist um ^'3 gewachsen über den zu seiner Produktion vor- geschossenen Werth. So haben sich 27 sh. in 30 sh. verwandelt. Sie haben einen Mehr werth von 3 sh. gesetzt. Das Kunststück ist end- lich gelungen. Geld ist in Kapital v e r w a n d e 1 1. Alle Bedingungen des Problems sind gelöst und die Gesetze des Waarenaustausches in keiner Weise verletzt. Aequivalent wurde gegen Aequivalent ausgetauscht. Der Kapitalist zahlte als Käufer jede Waare zu ihrem Wertli, Baumwolle , Spindelmasse, Arbeitskraft. Er that dann, was jeder andre Käufer von Waaren thut. Er konsumirte ihren Ge- brauchswerth. Der Kousumtionspr ozess der Arbeitskraft, der zugleich P r od uktionspr ozess der Waare, ergab ein Produkt von 20 Ibs. Garn mit einem Werth von 30 sh. Der Kapitalist kehrt nun zum Markt zurück und verkauft Waare , nachdem er Waare gekauft hat. Er verkauft das Pfund Garn zu 1 sh. 6 d., keinen Deut über oder unter seinem Werth. Und doch zieht er 3 sh. mehr aus der Cirkulation her- 161 aus als er ursprünglich in sie hineinwarf. Dieser ganze Verlauf, die Ver- wandlung seines Geldes in Kapital, geht in derCirkuIationsspliäre vor und geht nicht in ihr vor. Durch die Vermittlung der Cirkulation , weil bedingt durch den Kauf der Arbeitskraft auf dem Waarenmarkt. Nicht in der Cirkulation, denn diese leitet nur den Verwerthungs- prozess ein, der sich in der Produktioussphäre zuträgt. Und so ist j.tout pour le niieux dans le meilleur des mondes possibles." Indem der Kapitalist Geld in Waaren verwandelt, die als Stoffbilduer eines neuen Produkts oder als Faktoren des Arbeitsprozesses dienen , in- dem er ihrer todten Gegenständlichkeit lebendige Arbeitskraft einverleibt, verwandelt er Werth , vergangne, vergegenständlichte, todte Arbeit in Kapital, sich s e 1 b s t v e r w e r t h e n d en Werth , ein beseeltes Unge- heuer, das zu ,, arbeiten" beginnt, als hätf es Lieb' im Leibe. Vergleichen wir nun Werthbildungsprozess und V e r w e r - thungsprozess, so ist der Verwerthungsprozess nichts als ein über einen gewissen Punkt hinaus verlängerter Werthbildungsprozess. Dauert der letztre nur bis zu d e m P u n k t , wo der vom Kapital ge- zahlte Werth der Arbeitskraft durch ein neues Aequivaleut ersetzt ist, so ist er einfacher Werthbildungsprozess. Dauert der Werthbildungs- prozess über diesen Punkt hinaus , so wird er Verwerthungsprozess. Vergleichen wir ferner den Werth bildungsp rozess mit dem A r b e i t s p r 0 z e s s , so besteht der letztere in der wirklichen Arbeit, die Gebrau chs werth e produzirt. Die Bewegung wird hier quali- tativ betrachtet, in ihrer besondern Art und Weise, nach Zweck und In- halt. Derselbe Arbeitsprozess stellt sich im Werthbildungs- prozess nur von seiner quantitativen Seite dar. Es handelt sich nur noch um die Zeit, welche die Arbeit zu ihrer Operation braucht, oder um die Dauer, während deren die Arbeitskraft verausgabt wird. Hier gelten auch die Waaren, die in den Arbeitsprozess eingehn, nicht mehr als funktionell bestimmte, stoffliche Faktoren der zweckmässig wirkenden Ar- beitskraft. Sie zählen nur noch als bestimmte Quanta vergegenständ- lichter Arbeit. Ob in den Produktionsmitteln enthalten oder durch die Arbeitskraft zugesetzt, die Arbeit zählt nur noch nach ihrem Zeitmass. Sie beträgt so viel Stunden, Tage u. s. w. Sie zählt jedoch nur, soweit die zur Pi'oduktion des Gebrauchswerths verbrauchte Zeit gesellschaftlich not h wendig ist. Es umfasst I. 11 162 . diess Verschiednes. Die Arbeitskraft muss unter normalen Bedingungen funktioniren. Ist die Spinnmaschine das gesellschaftlich herrschende Arbeitsmittel für die Spinnerei , so darf dem Arbeiter nicht ein Spinnrad in die Hand gegeben werden. Statt Baumwolle von normaler Güte muss er nicht Schund erhalten , der jeden Augenblick reisst. In beiden Phallen würde er mehr als die gesellschaftlich nothwendige Arbeitszeit zur Produk- tion eines Pfundes Garn verbrauchen , diese überschüssige Zeit aber nicht Werth oder Geld bilden. Der normale Charakter der gegenständlichen Arbeitsfaktoren hängt jedoch nicht vom Arbeiter, sondern vom Kapitalisten ab. Fernere Bedingung ist der normale Charakter der Arbeits- kraft selbst. In dem Fach, worin sie verwandt wird, muss sie das herr- schende Durchschnittsmass von Geschick, Fertigkeit und Raschlieit besitzen. Aber unser Kapitalist kaufte auf dem Arbeitsmarkt Arbeitskraft von nor- maler Güte. Diese Kraft muss in dem gewöhnlichen Durchschnittsmass der Anstrengung, mit dem gesellschaftlich üblichen Grad von Inten- sivität verausgabt werden. Darüber wacht der Kapitalist eben so ängstlich , als dass keine Zeit ohne Arbeit vergeudet wird. Er hat die Arbeitskraft für bestimmte Zeitfrist gekauft. Er hält darauf das Seine zu haben. Er will nicht bestohlen sein. Endlich — und hierfür hat der- selbe Herr einen eignen code penal — darf kein zweckwidriger Consum von Rohmaterial und Arbeitsmitteln stattfinden , weil vergeudetes Material oder Arbeitsmittel überflüssig verausgabte Quanta vergegenständlichter Arbeit darstellen, also nicht zählen und nicht in das Produkt der Werthbil- dung eingehn ^'). ") Diess ist einer der Umstände, die auf Sklaverei gegründete Produktion vertheuern. Der Arbeiter soll sich hier, nach dem treffenden Ausdruck der Alten, nur als instrumentum vocale von dem Thier als inst rumentum semi- V o c a 1 e und dem todten Arbeitszeug als instrumentum mutum unterscheiden. Er selbst aber lässt Thier und Arbeitszeug fühlen , dass er nicht Ihresgleichen, sondern ein Mensch ist. Er verschafft sich das Selbstgefühl seines Unterschieds von ihnen , indem er sie misshandelt und con amore verwüstet. Es gilt daher als ökonomisches Princip in dieser Produktionsweise nur die rohesten , schwerfällig- sten , aber grade wegen ihrer unbehülflichen Plumpheit schwer zu ruinirenden Arbeitsinstrumente anzuwenden. Bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs fand man daher in den am Meerbusen von Mexiko liegenden Sklavenstaaten Pflüge altchine- sischer Konstruktion , die den Boden aufwühlen wie ein Schwein oder Maulwurf, über ihn nicht spalten und wenden. Vgl. J. C. Cairns: ,,TheSlave Power. 163 Man sieht: der früher aus der Analyse der Waare gewonnene Unterschied zwischen der Arbeit , soweit sie Gebrauchswerth , und der- selben Arbeit, soweit sie Tauschwertli schafft, hat sich jetzt als Unterschei- dung der verschiednen Seiten des Produktionsprozesses dargestellt. Als Einheit von Arbeits prozess und W e r t h b i 1 d u n g s - p r 0 z e s s ist der Produktionsprozess Produktionsprozess von Waaren : als Einheit von Arbeits prozess und Verwer- t h u n g s p r 0 z e s s ist er kapitalistischer Produktionspro- zess, kapitalistisclie Form der Waarenproduktion. Es wurde früher bemerkt, dass es für den Verwerthungsprozess durchaus gleichgültig , ob die vom Kapitalisten angeeignete Arbeit e i n - tu che, gesellschaftliche D u r c h s c h n i 1 1 s a r b e i t , oder k o m - plizirtere Arbeit, Arbeit von höherem spezifischem Ge- w i c h t ist. Die Arbeit , die als höhere , komplizirtere Arbeit gegenüber der gesellschaftlichen Durchschnittsarbeit gilt, ist die Aeusserung einer Arbeitskraft, worin höhere Bildungskosten eingehn , deren Produktion mehr Arbeitszeit kostet und die daher einen höheren Tauschwerth hat als die einfache Arbeitskraft. Ist der Werth dieser Kraft höher, so äussert sie sich aber auch in höherer Arbeit und vergegenständlicht sich London 1862'% p. 46 sqi[. In seinem ,,Sea Board Slave States" er- zählt 01ms t ed t u. A. : ,,I am here shewn tools that no man in his senses, with US, would allow a labourer, for whom hewaspaying wages, tobe eneumberedwitb ; and the excessive weight and clumsiness of which, I would judge, would make work at least ten per cent greater than with those ordinarily used with ns. And J am assured that, in the careless and elumsy way they must he used by theslaves, anything lighter or less rüde could not be furnished them with good economy, and that such tools as \ve constantly give our labourers , and find our profit in giving them, would not last out a day in a Virginia cornfield — much lighter and more free from stones though it be than ours. So , too , when I ask why mules are so uni- versally substituted for horses on the farm, the first reason given , and confessedly the most conclusive one , is that horses cannot bear the treatment that they always must get from the negroes ; horses are always soon foundered or crippledby them, while mules will bear cudgelling, or lose a meal or two now and then , and not be materially injured, and they do not take cold or get sick, if neglected or overwork- ed. But I do not need to go further than to the window of the room in which I am writing, to see at almost any time, treatment of cattle that would insure the immediate discharge of the driver by almost any farmer owning them in the North." 1 1 * 164 daher, in denselben Zeiträumen, iu verhältnissmässig h ö h e r e n W e r t li e n. Welches jedoch immer der Gradunterschied zwischen Spinnar- beit und Juwelierarbeit, die Portion Arbeit, wodurch der Juwelenarbeiter nur den Werth seiner eignen Arbeitskraft ersetzt , unterscheidet sicli quali- tativ in keiner Weise von der zusätzlichen Portion Arbeit, wodurch er Mehrwerth schafft. Nach wie vor kommt der Mehrwerth nur heraus durch einen quantitativen Ueberschuss von Arbeit, durch die ver- längerte Dauer desselben Arbeitsprozesses, in dem einen Fall Prozess der Garnproduktion, in dem andern Fall Prozess der Juwelen- produktion'*). •8) Der Unterschied zwischen höherer und einfacher, ,,skilied" und ,,unsliilled labour", beruht zum Theil auf blossen -Illusionen , oder wenigstens Unter- schieden , die längst aufgehört haben reell zu sein und nur noch in traditioneller Convention fortleben ; zum Theil auf der hilfsloseren Lage gewisser Schichten der Arbeiterklasse, die ihnen minder als andren erlaubt, den Werth ihrerArbeits- kra ft zu ertrotzen. Zufällige Umstände spielen dabei so grosse Rolle , dass die selben Arbeitsarten den Platz wechseln. Wo z. B. die physische Substanz der Arbeiterklasse abgeschwächt und relativ erschöpft ist, wie in allen Ländern ent- wickelter kapitalistischer Produktion , verkehren sich im Allgemeinen brutale Ar- beiten, die viel Muskelkraft erfordern, in höhere gegenüber viel feineren Arbeiten, die auf die Stufe einfacher Arbeit herabsinken , wie z. B. die Arbeit eines brick- layer (Maurer) in England eine viel höhere Stufe einnimmt, als die eines Damast- wirkers. Auf der andern Seite figurirt die Arbeit eines fustian cutters (BaumwoU- sammtscheerers) , obgleich sie viel körperliche Anstrengung kostet und obendrein sehr ungesund ist, als ,, einfache" Arbeit. Uebrigens muss man sich nicht ein- bilden, dass die sogenannte ,,skilled labour" einen quantitativ bedeutenden Umfang in der Nationalarbeit einnimmt. Laing, vor kurzem noch Schatzkanzler von Indien, rechnet, dass in England (und Wales) die Existenz von 11 Millionen auf einfacher Arbeit beruht. Nach Abzug einer Million von Aristokraten und einer andern Million Paupers , Vagabunden, Verbrecher, Prostituirte u. s. w. von den 18 Millionen der Bevölkerungszahl , zur Zeit seiner Schrift , bleiben 4 Millionen Mittelklasse mit Einschluss kleinerer Rentner , Beamten, Schriftsteller, Künstler, Schulmeister u. s. w. Um diese 4 Millionen herauszubekommen , zählt er zum arbeitenden Theil der Mittelklasse, ausser Banquiers u. s. w., alle besser bezahlten ,,Fabrikar heiter" ! Auch die bricklayers fehlen nicht unter den ,,potenzirten Arbeitern." Bleiben ihm dann die besagten 11 Millionen." (S. Laing: National Distress etc. London 1844.) ,,The great class, who have nothing to give for food but ordinär y labour, are the great bulk of the people." (James Mill in Art. ,,Colony." Supple- ment of the Encyclop. Brit. 1831.) 1 165 Andrerseits muss in jedem Wertlibildungsprozess die höhere Arbeit stets auf gesellschaftliche Durchschnittsarbeit redncirt werden , z. B. ein Tag höherer Arbeit auf x Tage einfacher Arbeit'^). Man erspart also eine überflüssige Operation und vereinfacht die Analyse durch die Annahme, dass der vom Kapital verv^'andte Arbeiter einfache gesellschaftliche Durch- schnittsarbeit verrichtet. 2 ) C 0 n s t a n t e s Kapital und variables Kapital. Die verschiedenen Faktoren des Arbeitsprozesses nehmen verschied- nen Antheil an der Bildung des P r o d u k t e n - W e r t h s. Der Arbeiter setzt dem Arbeitsgegenstand neu en Tausch wert h zu durch Zusatz eines bestimmten Quantums von Arbeit, abge- sehn vom bestimmten Inhalt, Zweck und technologischen Charakter seiner Arbeit. Andrerseits finden wir die Werthe der verzehrten Produktions- mittel wieder als Bestn nd th eil e des Pr odu k ten- W ertli s, z. B. die Wertiie von Baumwolle und Spindel im Garnwerth. Der Werth der Produktionsmittel wird also erhalten durch seine Ueber tragung auf das Produkt. Diess Uebert ragen geschieht während der Verwand- lung der Produktionsmittel in Produkt, im Arbeitsprozess. Es ist ver- mittelt durch die Arbeit. Aber wie? Der Arbeiter arbeitet nicht doppelt in derselben Zeit, nicht ein- mal um der Baumwolle durch seine Arbeit einen Werth zuzusetzen, und das andremal um ihren alten Werth zu erhalten, oder, was dasselbe, um den Werth der Baumwolle , die er verarbeitet , und der Spindel , womit er arbeitet, auf das Produkt , das Garn, zu übertragen. Sondern durch blosses Zusetzen von neuem Werth erhält er den alten Werth. Da aber der Zusatz von neuem Werth zum Arbeitsgegenstand und die Erhal- tung der alten Werthe im Produkt zwei ganz verschiedue Resultate sind, die der Arbeiter in derselben Zeit hervorbringt, obgleich er nur einmal in derselben Zeit arbeitet, kann diese Doppelseitigkeit des Resultats offenbar nur aus der Doppelseitigkeit seiner Arbeit selbst erklärt werden. In demselben Zeitpunkt muss sie in '3) ,,Where reference is made to labour as a measure of value, it neccssarily iniplies labour ofone particular kind.... the proportion which the other kinds bear to it being easily ascertained." (,, Outlines of Polit. Economy. London 1832", p. 22, 23.) 166 einer Eigenschaft Wertli schaffen und in einer andern Eigenschaft Werth erhalten oder übertragen. Wie setztjeäer Arbeiter Arbeitszeit und daher Werth zu? Immer nur in der Form seiner eigenthümlich produktiven Arbeitsweise. Der Spinner setzt nur Arbeitszeit zu, indem er spinnt, der Weber, indem er webt, der Schmidt, indem er schmiedet. Durch die zweckbestimmte Form aber, worin sie Arbeit überhaupt zusetzen und daher Neuwertlt, durch das Spinneu, Weben, Schmieden werden die Produktionsmittel, Baumwolle und Spindel , Garn und Webstuhl , Eisen und Amboss , zu Bil- dungselementen eines Produkts , eines neuen Geh r a u c h s w e r t Ii s -^). Die alte Form ihres Gebrauchswerths vergeht, aber nur um in einer neuen Form von Gebrauchswerth aufzugehn. Bei Betrachtung des Werthbildungsprozesses ergab sich aber, dass so weit ein Gebrauchswerth zweckgemäss vernutzt wird zur Produktion eines neuen Gebraucliswertlis, die zur Herstellung des vernutzten Gebrauchswerths nothwendige Arbeits- zeit einen Theil dei' zur Herstellung des neuen Gebrauchswerths noth wen- digen Arbeitszeit bildet , also Arbeitszeit ist , die vom vernutzten Produk- tionsmittel auf das neue Produkt übertragen wird. Der Arbeiter erhält also die Werthe der vernutzteu Produktionsmittel oder überträgt sie als Werthbestandtheile auf das Produkt , nicht durch sein Zusetzen von Arbeit überhaupt, sondern durch den besondren nützlichen Charakter, durch die spezifi seh produktive Form dieser zu- sätzlichen Arbeit. Als solche zweckgemässe produktive Thätigkeit, Spin- nen, Weben, Schmieden , erweckt die Arbeit durch ihren blossen Kon- takt die Produktionsmittel von den Todten, begeistet sie zu Faktoren des Arbeitsprozesses und verbindet sich mit ihnen zu Produkten. Wäre die spezifische produktive Arbeit' des Arbeiters nicht Spin- nen, so würde er die Baumwolle nicht in Garn verwandeln , also auch die Werthe von Baumwolle und Spindel nicht auf das Garn übertragen. Wech- selt dagegen derselbe Arbeiter das Metier und wird Tischler , so wird er nach wie vor durch einen Arbeitstag seinem Material Werth zusetzen. Er setzt ihn also zu nicht durch seine Arbeit, soweit sie Spinn arbeit oder Tischlerarbeit, sondern so weit sie abstrakte, gesell- 20) ,,Labour gives a new creation for one extinguished. " (An Essay on the Polit. Econ. of Nations. London 1821, p. 13.) 167 s c li a f 1 1 i c h e Arbeit überhaupt, und er setzt eine bestimmte Wertli- grösse zu , nicht weil seine Arbeit einen besondern nützlichen Inhalt hat, sondern weil sie eine bestimmte Zeit dauert. In ihrer abstrakten allgemeinen Eigenschaft also, als Verausgabung menschlicher Arbeits- kraft, setzt die Arbeit des Spiimers den Werthen von Baumwolle und Spin- del Neuwerth zu, und in ihrer konkreten, besondern, nütz- lichen Eigenschaft als Spinnprozess , überträgt sie den Werth dieser Produktionsmittel auf das Produkt und erhält so ihren Werth im Pro- dukt. Daher die Doppelseitigkeit ihres Resultats in demselben Zeitpunkt. Durch das bloss quantitative Zusetzen von Arbeit wird neuer Werth zugesetzt, durch die Qualität der zugesetzten Ar- beit werden die alten Werthe der Produktionsmittel im Produkt erhalten. Diese doppelseitige Wirkung derselben Arbeit in Folge ihres doppelsei- tigen Charakters zeigt sich handgreiflich an verschiednen Erscheinungen. Nimm an , irgend eine Erfindung befähige den Spinner in 6 Stunden so viel Baumwolle zu verspinnen wie früher in 36 Stunden. Als zweck- mässig-nützliche, produktive Thätigkeit hat seine Arbeit ihre Kraft versechsfacht. Ihr Produkt ist ein sechsfaches, 36 statt 6 Ibs. Garn. Aber die 36 Pfund Baumwolle saugen jetzt nur so viel Arbeitszeit ein als früher 6 Pfund. Ein Sechstel weniger neuer Arbeit wird ihnen zugesetzt als mit der alten Methode, daher nur noch ein Sechstel des früheren Werths. Andrerseits existirt jetzt der sechsfache Werth von Baumwolle im Produkt, den 36 Pfund Garn. In den 6 Spinnstunden wird ein sechsmal grösserer Werth von Rohmaterial erhalten und auf das Produkt über- tragen, obgleich demselben Rohmaterial ein sechsmal kleinerer Neu- werth zugesetzt wird. Diess zeigt, wie die Eigenschaft, worin die Arbeit während desselben untheilbaren Prozesses Werthe erhält, wesent- lich unterschieden ist von der Eigenschaft, worin sie Werth schafft. Je mehr nothwendige Arbeitszeit während der Spinnoperation auf dasselbe Quantum Baumwolle geht , desto grösser der Neuwerth, der der Baumwolle zugesetzt wird, aber je mehr Pfunde Baumwolle in der- selben Arbeitszeit versponnen werden , desto grösser der alte Werth, der im Produkt erhalten wird. Nimm umgekehrt an , die Produktivität der Spinnarbeit bleibe un- verändert , der Spinner brauche also nach wie vor gleich viel Zeit , um ein 168 Pfund Baumwolle in Garn zu verwandeln. Aber der Tauschwertb der Baumwolle selbst wechsle, ein Pfund Baumwolle steige oder falle um das Sechsfache seines Preises. In beiden Fällen fährt der Spinner fort demselben Quantum Baumwolle dieselbe Arbeitszeit zuzu- setzen, also denselben Werth und in beiden Fällen produzirt er in gleicher Zeit gleich viel Garn. Dennoch ist der Werth , den er von der Baumwolle auf das Garn , das Produkt , überträgt , das einemal sechsmal kleiner, das andremal sechsmal grösser als zuvor. Ebenso wenn die Ar- beitsmittel sich vertheuern oder verwohlfeilen , aber stets denselben Dienst im Arbeitsprozess leisten. Bleiben die technologischen Bedingungen des Spinnprozesses unver- ändert und geht gleichfalls kein Werth Wechsel mit seinen Produk- tionsmitteln vor, so verbraucht der Spinner nach wie vor in gleichen Ar- beitszeiten gleiche Quanta Rohmaterial und Maschinerie von gleichbleiben- den Werthen. Der Werth, den er im Produkt erhält, steht dann in direktem Verhältniss zu dem Neuwerth, den er zusetzt. In zwei Wochen setzt er zweimal mehr Arbeit zu als in einer Woche, also zwei- mal mehr Werth , und zugleich vernutzt er zweimal mehr Material von zweimal mehr Werth, und verschleisst zweimal mehr Maschinerie von zwei- mal mehr Werth, erhält also im Produkt von zwei Wochen zweimal mehr Werth als im Produkt einer Woche. Unter gegebnen gleichbleibenden Produktionsbedingungen erhält der Arbeiter um so mehr Werth, je mehr Werth er zusetzt, aber er erhält nicht mehr Werth, weil er mehrWertb zusetzt, sondern weil er ihn unter gleichbleibenden und von seiner eignen Arbeit unabhängigen Bedingungen zusetzt. Allerdings kann in einem relativen, wenn auch nicht absoluten Sinn gesagt werden , dass der Arbeiter stets in derselben Propor- tion alte Werthe erhält, worin er Neuwerth zusetzt. Ob die Baum- wolle von 1 sh. auf 2 sh. steige oder auf 6 d. falle, er erhält in dem Produkt einer Stunde stets nur halb so viel Baumwollwerth , wie der auch wechsle, als in dem Produkt von zwei Stunden. Wechselt ferner die Produktivität seiner eignen Arbeit, sie steige oder falle , so wird er z. B. in einer Arbeitsstunde mehr oder weniger Baumwolle verspinnen al& früher, und dem entsprechend mehr oder weniger Baumwollwerth im Produkt einer Arbeitsstunde erhalten. Mit alle dem wird er in 169 zwei Arbeitsstunden zweimal mehr Werth erhalten als in einer Arbeits- stunde. Werth, von seiner nur symbolischen Darstellung im VVerth- zeichen abgesehn, e x i s t i r t nur in einem Gebrauchs werth, einem Ding. (Der Mensch selbst, als blosses Dasein von Arbeitskraft betrachtet, ist ein Naturgegenstand, ein Ding, wenn auch lebendiges, selbstbewusstes Ding, und die Arbeit selbst ist dingliche Aeusserung dieser Kraft.) Geht daher der Gebrauchswerth verlören , so geht auch der Tauschwerth verloren. Die Produktionsmittel verlieren mit ihrem Gebrauchswerth nicht zugleich ihren Tauschwerth, weil sie durch den Ai beitsprozess die ursprüng- liche Gestalt ihres Gebrauchswerths in der That nur verlieren , um im Pro- dukt die Gestalt eines andern Gebrauchswerths zu gewinnen. So wichtig es aber für den Tauschwerth ist in irgend einem Gebrauchswerth zu existi- ren , so gleichgültig ist es für ihn , in welchem er existirt , wie die Meta- morphose der Waare zeigt. Es folgt hieraus , dass im Arbeitsprozess Werth vom Produktionsmittel auf das Produkt nur übergeht , so wejt das Produktionsmittel mit seinem selbstständigen Gebrauchswerth auch seinen Tauschwerth verliert. Es giebt nur den Werth an das Produkt ab, den es als Produktionsmittel verliert. Die gegenständlichen Fak- toren des Arbeitsprozesses verhalten sich aber in dieser Hinsicht verschieden. Die Kohle , womit die Maschine geheizt wird , verschwindet spurlos, ebenso der Talg, womit man die Axe des Rades schmiert u. e. w. Farben und andre Hilfsstotte verschwinden , zeigen sich aber in den Eigenschaften des Produkts. Das Rohmaterial bildet die Substanz des Produkts, hat aber seine Form verändert. Rohmaterial und Hilfsstoffe verlieren also die selbstständige Gestalt, womit sie in den Arbeitsprozess als Gebrauchs- werthe eintraten. Anders mit den eigentlichen Arbeitsmitteln. Ein Instrument, eine Maschine, ein Fabrikgebäude, ein Gefäss u. s. w. dienen im Arbeitsprozess nur, so lange sie ihre ursprüngliche Gestalt bewah- ren und morgen wieder in eben derselben Form in den Arbeitsprozess ein- gehn, wie gestern. Wie sie während ihres Lebens, des Arbeitsprozesses, ihre selbstständige Gestalt dem Produkt gegenüber bewahren, so auch nach ihrem Tode. Die Leichen von Maschinen , Werkzeugen , Arbeitsgebäuden u. s. w. existiren immer noch selbstständig getrennt von den Produkten, die sie bilden halfen. Betrachten wir nun die ganze Periode, während 170 deren ein solches Arbeitsmittel dient, von dem Tag seines Eintritts in die Werkstätte bis zum Tage seiner Verbannung in die Rumpelkammer , so ist während dieser Periode sein Gebrauchswerth von der Arbeit vollständig verzehrt worden, und sein Tauschwerth daher vollständig auf das Produkt übergegangen. Hat eine Spinnmaschine z. B. in 10 Jahren ausgelebt, so ist während des zehnjährigen Arbeitsprozesses ihr Gesammtwerth auf das zehnjährige Produkt tibergegangen. Die Lebensperiode eines Arbeitsmit- tels umfängt also eine grössere oder kleinere Anzahl stets von neueui mit ihm wiederholter Arbeitsprozesse. Und es geht dem Arbeitsmittel wie dem Menschen. Jeder Mensch stirbt täglich um 24 Stunden ab. Man sieht aber keinem Menschen genau an , wie viel Tage er bereits verstorben ist. Diess verhindert Lebensveisicherungsgesellschaften jedoch nicht , aus dem Durchschnittsleben der Menschen sehr sichre, und was noch viel mehr ist, sehr profitliche Schlüsse zu ziehn. So mit dem Arbeitsmittel. Man weiss aus der Erfahi'ung , wie lang ein Arbeitsmittel , z. B. eine Maschine von gewisser Art, durchschnittlich vorhält. Gesetzt sein Gebrauchswerth im Arbeitsprozess daure nur 6 Tage. So verliert es im Durchschnitt jeden Arbeitstag '/c seines Gebrauchswerths und giebt daher V/j, seines Tauschwerths an das tägliche Produkt ab. In dieser Art wird der V e r - Schlei SS a 1 1er Arbeitsmittel berechnet, also z. B. ihr täglicher Verlust an Gebi'auchsvverth , und die ihm entsprechende tägliche Abgabe von Tauschwerth au das Produkt. Es zeigt sich hier schlagend , dass ein Produktionsmittel nie mehr Werth an das Produkt abgiebt , als es selbst im Arbeitsprozess durch Ver- nichtung seines eignen Gebrauchswerths verliert. Hätte es keinen Tausch- werth zu verlieren, d. h. wäre es nicht selbst Produkt menschlicher Arbeit, so würde es keinen Tauschwerth an das Produkt abgeben. Es diente als Bildner von Gebrauchswerth, ohne als Bildner von Tauschwerth zu dienen. Diess ist daher der Fall mit allen Produktionsmitteln , die von Natur, ohne menschliches Zuthun, vorhanden sind, mit Erde, Wind, Wasser, dem Eisen in der Erzader, dem Holzendes Urwaldes u. s. w. Ein andres interessantes Phänomen tritt uns hier entgegen. Eine Maschine sei z. B. 1000 Pfd. St. werth und schleisse sich in 1000 Tagen ab. In diesem Falle geht täglich i/']ooo ^es Werths der Maschine von ihr selbst auf ihr tägliches Produkt über, aber, obgleich mit abnehmender Lebenskraft , wirkt die Maschine stets ganz im Arbeitsprozess. Es zeigt 171 sich liier also , dass ein Faktor des Arbeitsprozesses, ein Pro- duktionsmittel , ganz in den A i- b e i t s p r o z e s s , aber n u r st ü c k - weis in den V e r w e r t h u n g s p r o z e s s eingeht. Der Unterschied von Arbeitsprozess nnd Ver\verthnngsi)rozess reflektirt sich hier an den gegenständlichen Faktoren, indem dasselbe Produktionsmittel als Element des Aibeitsprozesses ganz und als Element der Wert hbil düng nur stück weis in demselben Produktionsprozess zählt 21). Andrerseits kann umgekehrt ein Produktionsmittel ganz in den Ver- werthungsprozess eingehn , obgleich nur stückweis in den Arbeitsprozess. Nimm an, beim Verspinnen der Baumwolle fielen täglich auf 115 Pfund 15 Pfunde ab, die kein Garn, sondern nur devil's dust bilden. Dennoch, wenn dieser Abfall von 15" o normal, von der Durclischnitts-Verarbeituug "-') Es handelt sich hier nicht um Repa ra tur ar b ei ten der Arbeits- mittel, Maschinen, Baulichkeiten u. s. w. Eine Maschine, die reparirt wird, fiinktioniit nicht als Arbeitsmittel, sondern als Ar bei tsma t erial. Es wild nicht mit ihr gearbeitet, sondern sie selbst wird bearbeitet, um ihren Ge- brauchswerth zu flicken. Solche Reparaturarbeiten kann man für unsern Zweck immer eingeschlossen denken in die zur Produktion des Arbeitsmittels erheischte Arbeit. Im Text handelt es sich um den Verschleiss, den kein Doktor kuriren kann und der allmählig den Tod herbeiführt, um ,,thatkind of wear which cannot be repaired from time to time, and which, in the case of a knife , would ultimately reduce it to a State in which the cutler would say of it, it is not worth a new blade." Man hat im Text gesehn, dass eine Maschine z. B. ganz in jeden einzelnen Arbeitsprozess, aber nur stückweise in den gleichzeitigen Ver- werthungsprozess eingeht. Danach zu beurtheilen die folgende Begrift'sverwechs- lung: ,.Mr. Ricardo speaks of the portion of the labonr of the engineer in making stocking machines" als z. B. enthalten in dem Werth von ein paar Strümpfen. ,,Yet the total labour that produced each single pair of stockings . . . includes the whole labour of the engineer, not a portion ; for one machine niakes mariy pairs, and none of those pairs could have been done without any part of the machine." (0 bservations on certain verbal disputes in Pol. E c o n. , particularly relating to Value, and to demand and supfly. London 1821, p. 54.) Der Verfasser, ein un- gemein selbstgefälliger ,,wiseacre", hat mit seiner Konfu.sion und daher seiner Po- lemik nur so weit Recht, als weder Ricardo noch irgend ein andrer Oekonom, vor oder nach ihm, die beiden Seiten der Arbeit genau geschieden, daher noch weniger ihre verschiedne Wirkung auf die Werthbildung analvsirt hat. 172 _ i der Baumwolle unzertrennlidi ist , geht der Werth der 1 5 Ibs. Baumwolle, die kein Element des Garns , ganz eben so sehr in seinen Werth ein , wie der Werth der 100 Ibs., die seine Substanz bilden. Der Gebrauchswerth von 15 Ibs. Baumwolle muss verstauben, um 100 Ibs. Garn zu machen. Der Untergang dieser Baumwolle ist also eine Produktionsbedingung des Garns. Eben desswegen giebt sie ihren Tauschwerth an das Garn ab. Diess gilt von allen Exk r erneuten des Arbeitsprozesses, in dem Grad wenigstens, worin diese Exkremente nicht wieder neue Pro- duktionsmittel und daher neue selbstständige Gebrauchswerthe bilden. So sieht man in den grossen .Maschinenfabriken zu Manchester Berge von Eisen- abfällen , durch cyklopische Maschinen gleich Hobelspähnen abgeschält, am Abend auf grossen Wagen aus der Fabrik in die Eisengiesserei wandern, um den andern Tag wieder als massives Eisen aus der Eisengiesserei in die Fabrik zurückzuwandern. Nur soweit Produktionsmittel während des Arbeitsprozesses Tausch- werth in der Gestalt ihrer alten Gebrauchswerthe verlieren, übertra- gen sie Tauschwerth auf die neue Gestalt des Produkts. Das Maxi- mum des Wert li v erl ustes , den sie im Arbeitsprozess erleiden kön- nen, ist aber beschränkt durch ihre ur sprüngl i ch e W erth- grösse, womit sie in den Arbeitsprozess eintreten, oder durch die zu ihrer eignen Produktion erheischte Arbeitszeit. Produktionsmittel können dem Produkt daher nie mehr Werth zusetzen, als sie unabhängig vom Arbeitsprozess, dem sie dienen, besitzen. Wie nützlieh ein Arbeitsmaterial , eine Maschine, ein Pro- duktionsmittel, wenn es 150 Pfd. St., sage 500 Arbeitstage, kostet, setzt es dem Gesammtprodukt , zu dessen Bildung es dient, nie mehr als 150 Pfd. St. zu. Sein Werth ist bestimmt nicht durch den Arbeitspro- zess, worin es als Produktionsmittel eingeht, sondern durch den Arbeits- prozess, woraus es als Produkt herauskommt. In dem Arbeitsprozess dient es nur als Gebrauchs werth , als Ding mit nützlichen Eigenschaften, und gäbe daher keinen Tauschwerth an das Produkt ab, hätte es nicht Tauschwerth besessen vor seinem Eintritt in den Prozess22). 22) Man begreift daher die Abgeschmacktheit des faden J, B. Say, der den Mehrwerth (Zins , Profit , Rente) aus den ,, Services productives" 173 . Indem die produktive Arbeit l'rüdiiktioiisniittel in Bildungseleraente eines neuen Produkts verwandelt, gelit mit deren Tauschwerth eine Seelen- wanderung vor. Er geht aus dem verzehrten Leib in den neu gestalteten Leib über. Aber diese Seelenwanderung ereignet sich gleichsam hinter dem Rücken der wirklichen Arbeit. Der Arbeiter kann neue Arbeit nicht zusetzen, also nicht neuen Werth schaffen, o h n e alte Werthe zu erhalten, denn er muss die Arbeit immer in bestimmter nützliclier Form zusetzen, und er kaini sie nicht in nützlicher Form zusetzen, ohne Produkte zu Produktionsmitteln eines neuen Produkts zu machen , und da- durch ihren Werth auf das neue Produkt zu übertragen. Es ist also eine Natur gäbe der sich betltätigenden Arbeitskraft, der lebendigen Arbeit, Werth zu erhalten, indem sie Werth zusetzt, eine Natur- gabe, die dem Arbeiter nichts kostet, aber dem Kapitalisten viel ein- bringt, die Erhaltung des vorhandnen Kapital wert hs^^^). ableiten will , welche die Produktionsmittel , Erde, Instrumente, Leder u. s. w. durch ihre Ge brauchs werthe im Arbeitsprozesse leisten. Herr Wilhelm Koscher, der es nicht leicht lässt, artige apologetische Einfälle schwarz auf weiss zu registriren , ruft aus : ,,Sehr richtig bemerkt J. B. Say, Traite, t. I. eh. 4: ,,der durch eine Oelraühle nach Abzug aller Kosten hervorge- brachte Werth sei doch etwas Neues, von der Arbeit, wodurch die Oelmühle selbst geschaffen worden, wesentlich verschiedenes.'- (1. c. p. 82 Note.)* Sehr richtig! Das von der Oelmühle hervorgebrachte ,,Oel" ist etwas sehr Ver- sc'hiednes von der Arbeit, welche der Bau der Mühle kostet. Und unter ,,Werth" versteht Herr Röscher solches Zeug wie ,,Oel", da ,,Oel" Werth hat, ,,in der Natur" aber sich Steinöl vorfindet, wenn auch relativ nicht ,,sehr viel", worauf wohl seine andre Bemerkung abzielt: ,, Tausch werthe bringt sie (die Natur!) fast gar nicht hervor." Es' geht der Roscher'schen Natur mit dem Tauschwerth, wie der thörichten Jungfrau mit dem Kind, das nur ,,ganz klein war." Derselbe ,, Gelehrte-' (,,savant serieux") bemerkt noch bei oben er- wähnter Gelegenheit: ,,Die Schule Ricardo 's pflegt auch das Kapital unter den Begriff Arbeit zu subsumiren als ,, aufgesparte Arbeit." Diess ist ungeschickt (!), weil (!) ja (!) der Kapital besitzer (!) doch (!) mehr (!) gethan hat als die blosse (?!) Hervorbringung (??) und (??) Erhaltung desselben (wessel- bigen?): eben (?!?) die Enthaltung vom eignen Genüsse, wofür er z. B. (!!!) Zinsen verlangt." (I.e.) Wie ,,gesch i ck t" ! diese ,, anatomisch-phy- siologische Methode" der politischen Oekonomie, die aus blossem ,, Ver- langen" ja doch eben ,, Werth" entwickelt. -2=) ,,0f all the Instruments of the farmer's trade, thelabourofman... 13 that on which he is most to rely for the re-payment of his capital. . 174 So lange das Geschäft flott geht , ist der Kapitalist zu sehr in die Plns- maeherei vertieft, um diese Gratisgabe der Arbeit zu sehn. Gewaltsame Unterbrechungen des Arbeitsprozesses, Krisen, machen sie ihm empfind- lich bemerksam 23). Was überhaupt im Arbeitsprozess an den Produktionsmitteln verzehrt wird, ist ihr Gebrauchswert!! . dessen Konsumtion durch die Arbeit Pro- dukte bildet. Ihr Tauschwerth wird in der That nicht konsumirt^*), kann also auch nicht reproduzirt werden. Er wird erhalten, aber nicht weil eine Operation mit ihm selbst im Arbeitsprozess vorgeht, sondern weil der Gebrauchswerth , worin er ursprünglich existirt , zwar verschwindet, aber nur in einem anderen Gebrauchswerth verschwindet. Der Tauschwerth der Produktionsmittel erscheint daher wieder im Werth des Produkts, aber er wird, genau gesprochen, nicht rejiro- duzirt. Was produzirt wird , ist der neue Gebrauchswerth, worin (Jet alte Tauschwerth wieder e r s c h e i n t ^■''). The other two — the working stock of the cattle, and the . . . carts, ploughs, spades, and so forth, without a given portion of the first, are nothing at all." (Edmund Burke: Thoughts and Details on Scarcity, origi- nally presented to the R. Hon. W. Pitt in the M o n t h o f No- vember 1795, edit. London 1800", p. 10. -3^ In der Times vom 26. Nov. 1862 jammert ein Fabrikant, de.ssen Spinnerei 800 Arbeiter beschäftigt, und wöchentlich im Durchschnitt 1. 50 Ballen ostindischer oder ungefähr 130 Ballen amerikanischer Baumwolle verzehrt, dem Publikum die jährlichen Stillstandskosten seiner Fabrik vor. Er schlägt sie auf 6000 Pfd. St. an. Unter diesen Unkosten befinden sich viele Posten, die uns hier nichts angehn , wie Grundrente, Steuern, Versicherungsprämien, Salaire für jährlich engagirte Arbeiter , nianager, Buchhalter, Ingenieur u. s. w. Dann aber berechnet er für 150 Pfd. St. Kohlen, um dieFabrik von Zeit zu Zeit zu wärmen und die Dampfmaschine gelegentlich in Gang zu setzen, ausserdem Salaire für Arbeiter, die durch gelegentliche Arbeit die Maschinerie ,, flüssig" erhalten. End- lich 1200 Pfd. St. für Verschlechterung der Maschinerie, da ,,the weather and the natural principle of decay do not suspend their Operations because the steam- engineceases to revolve." Er bemerkt ausdrücklich, diese Summe von 1200 Pfd. St. sei so gering angeschlagen , weil sich die Maschinerie bereits in sehr abgenutztem Zustand befinde. 2^) ,,Productive Consumption: where the consumption of a commo- dity is a part of the process of production ... In these instances there is no consumption of value." S. P. Newman 1. c. p. 296. 25) In einem nordamerikanischen Kompendium, das vielleicht 20 Auflagen er- 1 75 — Anders mit dem subjektiven Faktor des Arbeitsprozesses , der sich bethätigenden Arbeitskraft. Während die Arbeit durch ihre zweck- mässige Form den Werth der Produktionsmittel auf das Produkt über- trägt und erhält , bildet jedes Moment ihrer Bewegung zusätzlichen Werth, Neu werth. Gesetzt der Produktionsprozess breche ab beim Punkt, wo der Arbeiter ein Aequivalent für den Werth seiner eignen Arbeitskraft produzirt, durch sechsstündige Ar- beit z. B. einen Werth von 3 sh. zugesetzt hat. Dieser Werth bildet den Ueberschuss des Produktenwerthes über seine dem Werth der Produktionsmittel geschuldeten Bestandtheile. Es ist der einzige Originalwerth, der innerhalb dieses Prozesses entstand, der einzige W er ththeil des Produkts, der durch den Prozess selbst produzirt ist. Allerdings ersetzt er nur das vom Kapitalisten beim Kauf der Arbeitskraft vorgeschossene, vom Arbeiter selbst in Lebens- mitteln verausgabte Geld. Mit Bezug auf die verausgabten 3 sh. erscheint der Neu werth von 3 sh. nur als Reproduktion. Aber er ist wirk- lich reproduzirt, nicht nur scheinbar, wie der Werth der Pro- duktionsmittel. Der Ersatz eines Werths durch den andern ist hier vermittelt durch neue W e r t h s c h ö p f u n g. Wir wissen jedoch bereits, dass der Arbeitsprozess über den Punkt hinaus fortdauert, wo ein blosses Aequivalent für den Werth der lebt hat, liest man : ,,It matters not in what form capital reappears." Nach einer redseligen Aufzählung aller möglichen Produktionsingredienzen , deren Werth im Produkt wieder erscheint, heisst's schliesslich: ,,The various kinds of food, clothing, and sheltcr, necessary for the existence and comfort of the human being, are also changed. They are consumed from time to time , and their value re- appears, in that new vigou r imparted to his body and mind , forming fresh capital, to be employed again in the work of production." (F. Weyland 1. c. p. 31, 32.) Von allen andern Wunderlichkeiten abgesehn , ist es z. B. nicht der Preis des Brodes , der in der erneuten Kraft wieder erscheint, sondern seine blutbildenden Substanzen. Was dagegen als Werth der Kraft wiedererscheint, sind nicht die Lebensmittel, sondern ihr Werth. Dieselben Lebensmittel, wenn sie nur die Hälfte kosten , produziren ganz eben so viel Muskel . Knochen u. s. w. , kurz dieselbe Kraft, aber nicht Kraft vom selben Werth. Diess Umsetzen von ,, Werth" in ,, Kraft" und die ganze pharisäische Unbestimmtheit verstecken den allerdings vergeblichen Versuch aus blossem Wieder erscheinen vorgeschossener Werth e einen Mehr werth herauszudrechseln. 176 Arbeitskraft reproduzirt und dem Arbeitsgegenstand zugesetzt wäre. Statt der 6 Stunden, die hierzu genügten , währt der Prozess z. B. 12 Stunden. Dnrcli die Bethätigung der Arbeitskraft wird also nicht nur ihr eigner Werth reproduzirt , sondern ein überschüssiger Werth produzirt. Dieser M e h r wert h bildet den U e b e r s c h u s s des P r o d u k t e n w e r t h e s über den Werth der verzehrten Produktbildner, d.h. der Pro- duktionsmittel und der Arbeitskraft. Indem wir die verschiedenen Rollen dargestellt, welche die verschie- denen Faktoren des Arbeitsprozesses in der Bildung des Produkten- w e r t h s spielen , haben wir in der That die F u n k t i o n e n d e r v e r - schiedenenBestandtheile des Kapitals in seinem eignen V er werth ungsprozess charakterisirt. Der Ueberschuss des Ge- samratwerths des Produkts über die Werthsumme seiner Bildungselemente ist der Ueberscliuss des verwertheten Kapitals über den ur- sprünglich vorgeschossenen Kapitalwert h. Produktions- mittel auf der einen Seite, Arbeitskraft auf der andern , sind nur die ver- schiednen Existenzformen, die der ursprüngliche Kapitalwerth bei Abstrei- fung seiner Geldforra und seiner Verwandlung in die Faktoren des Arbeits- prozesses annahm. Der Theil des Kapitals also , der sich in Produktionsmittel, d. h. in Rohmaterial, Hilfsstofite und Arbeitsmittel umsetzt, verän- dert seine VV e r t h g r ö s s e nicht im Produktionsprozesse. Ich nenne ihn daher konstanten Kapitaltheil, oder kürzer : kon- stantes Kapital. Der in Arbeitskraft umgesetzte Theil des Kapitals verändert dagegen seinen Werth im Produktionsprozesse. Er reproduzirt sein eignes Aequivalent und einen Ueberschuss darüber , M e h r w e r t h , der selbst wechseln , grösser oder kleiner sein kann. Aus einer konstanten Grösse verwandelt sich dieser Theil des Kapitals fortwährend in eine variable. Ich nenne ihn daher variablen Kapitaltheil, oder kür- zer: variables Kapital.- Dieselben Kapitalbestan dt heile, die sich vom Standpunkt des Arbeitsprozesses als objektive und subjektive Faktoren, als Produktionsmittel und Arbeitskraft unter- scheiden, unterscheiden sich vom Standpunkt des Verwerthungs- prozesses als konstantes Kapital und variables Kapital. Der Begriff des konstanten Kapitals schliesst eine W e r t h r e v o - 177 1 11 1 i 0 u seiner Restandtheile in keiner Weise aus. Nimm an , das Pfund Baumwolle koste heute 6 d. und steige morgen , in Folge eines Ausfalls der Baumwollerndte, auf 1 sli. Die alte Baumwolle , die fortführt verar- beitet zu werden, ist zum Wcrth von 6 d. gekauft, aber sie fügt dem Pro- dukt jetzt einen Werththeil von 1 sh. zu. Und die bereits versponnene, vielleicht schon als Garn auf dem Markt cirkulirende Baumwolle, fügt dem Produkt ebenfalls das Doppelte ihres ursprünglichen Werthes zu. Man sieht jedoch, dass diese Werth wech sei unabhjtngig sind von der Ver- werthung der Baumwolle im Spinn prozess selbst. Wäre die alte Baumwolle noch gar nicht in den Arbeitsprozess eingegangen , so könnte sie jetzt zu 1 sh. statt zu 6 d. wieder verkauft werden. Um- gekehrt: .Te weniger Arbeitsprozesse sie noch durchlaufen hat, desto sichrer ist diess Resultat. Es ist daher Gesetz der Spekulation bei solchen Werthrevolutionen auf das Rohmaterial in seiner mindest verarbei- teten Form zu spekuliren, also elier auf Garn als auf Gewebe und eher auf die Baumwolle selbst als auf das Garn. Die Werthänderung ent- springt hier in dem Prozesse, der Baumwolle produzirt , nicht in dem Pro- zesse, worin sie als Produktionsmittel und daher als konstantes Kapi- tal funktionirt. Der Werth einer Waare ist zwai- bestimmt durch das Quantum der in ihr enthaltenen Arbeit , aber diess Quantum ist gesell- schaftlich bestimmt. Hat sich die gesellschaftlich zu ihrer Produktion erheischte Arbeitszeit verändert — und dasselbe Quantum Baum- wolle z. B. stellt in ungünstigen Erndten grösseres Quantum Arbeit dar, als' in günstigen — so findet eine Rückwirkung auf die alte Waare statt , die immer nur als einzelnes Exemplar ihrer Gattung gilt 26), deren Werth stets durch gesellschaftlich n o t h w e n d i g e , also auch stets unter gegenwärtigen gesellschaftlichen Be- dingungen nothwendige Arbeit gemessen wird. Wie der Werth des Rohmaterials, mag der Werth bereits im Pro- duktionsprozess dienender Arbeitsmittel, der Maschinerie u. s. w., wechseln, also auch der Werththeil, den sie dem Produkt abgeben. Wird z. B. in Folge einer neuen Erfindung Maschinerie derselben Art mit %'er- minderter Ausgabe von Arbeit reproduzirt, so e n t w e r t h e t die alte Maschi- 26) ,,Toutes les productions d'un ineme genre ne forment proprement qu'une masse , dont le prix se determine en general et sans egard aux circonstances paiticulieres." (Le Trosne 1. c. p. 893.) I. 12 ^ 178 nerie mehr oder minder und überträgt daher auch verbältnissmässig weniger Werth auf das Produkt. Aber auch hier entspringt der Werthwechsel ausserhalb des Produktionsprozesses , worin die Maschine als Produk- tionsmittel funktionirt. In diesem Prozess giebt sie nie mehr Werth ab als sie unabhängig von diesem Prozess besitzt. Wie ein Wechsel im Werthe der Produktionsmittel, ob auch rück- wirkend nach ihrem bereits erfolgten Eintritt in den Prozess , ihren Cha- rakter als konstantes Kapital nicht verändert , ebenso wenig berührt ein Wechsel im Verhältnisse von konstantem und variab- lem Kapital ihren begrifflichen Unterschied. Die technologischen Be- dingungen des Arbeitsprozesses mögen z. B. so umgestaltet werden , dass wo früher 10 Arbeiter mit 10 Werkzeugen von geringem Werth eine ver- bältnissmässig kleine Masse von Rohmaterial verarbeiteten, jetzt 1 Arbei- ter mit einer theuren Maschine das hundertfache Rohmaterial verarbeitet. In diesem Falle wäre das konstante Kapital, d. h. die Werthmasse der angewandten Produktionsmittel, sehr gewachsen, und der variable Theil des Kapitals, der in Arbeitskraft vorgeschossene, sehr gefallen. Dieser Wechsel ändert jedoch nur das Grössenverhältniss zwischen konstantem und variablem Kapital, oder die Proportion, worin dasGe- sammtkapital in konstante und variable Bestandtheile zerfällt , be- rührt dagegen nicht den Unterschied von konstant und variabel. 3) Die Rate des M ehrwert hs. Der M e h r w e r t h , den das vorgeschossene Kapital C im Produk- tionsprozess erzeugt hat , oder die V e r w e r t h u n g des vorgeschossenen Kapitalwerths C stellt sich zunächst dar als Ueberschuss des Werths des Produkts über die Werth summe seiner Pro- duktionselemente. Das Kapital C zerfällt in zwei Theile , eine Geldsumme c , die für Produktionsmittel , und eine andere Geldsumme v , die für Arbeitskraft verausgabt wird ; c stellt den in konstantes, v den in vari- ables Kapital verwandelten Werththeil vor. Ursprünglich ist also C = c + V, z. B. das vorgeschossene Kapital von 500 Pfd. St. = C V 410 Pfd. St. -f 90 Pfd. St. Am Ende des Prozesses kommt ein Produkt '- 179 heraus , dessen Werth = c -)- v -j- m , wo in der Mehrwerth , z. B. c ^ -N^ V ni . ' ^ ^ ^^ 410 I. -|- 90 1. -|- 90 1. Das ursprüngliche Kapital Chat sich inC'ver- wandelt, aus 500 Pfd. 8t. in 590 Pfd.St. Die Differenz zwischen beiden ist = m, einem Mehrwerth von 90. Da der Werth der Produkti ons- e 1 e m e n t e gleich dem Werth des vorgeschossenen Kapitals, so ist es in der That eine Tautologie, dass der Ueberschnss des Produkten- werths über den Werth seiner Produktionselemente gleich der Verwerthung des vorgeschossenen Kapitals oder gleich dem produzirten Mehrwerth. Indess erfordert diese Tautologie eine nähere Bestimmung. Der mit dem Produktenwerth verglichene Werth seiner Produktionselemente ist der Werth der in seiner Bildung aufgezehrten Produktionselemente. Nun haben wir aber gesehn, dass ein Tlieil des angewandten konstan- t e n Kapitals , der aus Arbeitsmitteln bestehende , seinen Werth nur bruchweis an das Produkt abgiebt, während eine andere Portion desselben in seiner alten Existenzform fortdauert. Da der letztere Theil keine Rolle im W e r t h b i 1 d u n g s p r o z e s s spielt , a b s t r a h i r e n wir hier ganz und gar von ihm. Sein Hineinziehn in die Rechnung würde nichts ändern. Nimm an, c = 410 1. bestehe aus Rohmaterial zu 312 1., Hilfsstoffen zu 44 1. und im Prozess verschleissender Maschinerie von 54 1., der Werth der wirklich angewandten Maschinerie betrage aber 1054 1. Als vorgeschossen zur Erzeugung des Produkten- wertiis berechnen wir nur den Werth von 54 1., den die Maschinerie durch ihre Funktion verliert und daher an das- Produkt abgiebt. Rechneten wir die 1000 Pfd. St. mit, die in ihrer alten Form fortexistireu als Dampf- maschine u. s. w., so müssten wir sie auf beiden Seiten mitrechnen , auf Seite des vorgeschossenen Werths und auf Seite des Produktenwerths 26")^ und erhielten so resp. 1500 Pfd. St. und 1590 Pfd. St. Die Differenz oder der Mehrwerth wäre nach wie vor 90 Pfd. St. Unter dem zur Wert h Produktion vorgeschossenen konstanten Kapital verstehn wir -'■"') ,,If we leckon the value of the tixed capital employed as a part of'the advances , we niust reckon the remaining value of such capital at the end of the }ear as a part of the annual retunis." (Malthus: ,,Princ. of Pol. Econ. 2nd. ed London 1836", p. 269.) 180 daher, wo das Gegentheil nicht aus dem Zusammenhang erhellt , stets nur den Werth der in der Pro.duktion verzehrten Produktionsmittel. Diess vorausgesetzt , kehren wir zurück zur Foimel C = o -|- v, die sich in C = c -[- v -[- m und eben dadurch C in C' verwandelt. Man weiss, dass der Werth des konstanten Kapitals im Produkt nur wieder erscheint. Das im Prozess wirklich neu erzeugte Wert li p r o - dukt ist also verschieden von dem aus dem Prozess erhaltenen Produkten- werth,dahernicht, wieesaufden ersten Blick sclieint, c -)- v -|- m oder 410 1. -^ 90 1. -f 90, sondern v -f m oder 90 1. -[- 90 I., nicht .i9('l., sondern 180 1. Wäre c, das konstante Kapital, = 0, in anderen Wor- ten, gäbe es Industriezweige , worin der Kapitalist keine produzirten Pro- duktionsmittel, weder Rohmaterial , noch Hilfsstoffe, noch Arbeitsinstru- mente, sondern nur von Natur vorhandne Stoffe und Arbeitskraft an- zuwenden hätte, so wäre kein konstanter Werththeil auf das Produkt zu übertragen. Dieses Element des Produktenwerths , in unsrem Beispiel 410 Pfd. St., fiele fort, aber das Werthprodukt von 180 Pfd. St., welches 90 Pfd. St. Mehrwerth enthält, bliebe ganz ebenso gross als ob c die grösste Werthsumme darstellte. Wir hätten 0 = o -(- v = v, und C, das ver- werthete Kapital, = v -j- m, C — C nach wie vor = m. Wäre um- gekehrt m = o, in anderen Worten, hätte die Arbeitskraft, deren Werth im variablen Kapital vorgeschossen wird, nui- ein Aequivalent produzirt, so C = c -|- V undC (derProduktenwerth) = c -|- v -|- o, daher C = C'. Das vorgeschossene Kapital hätte sich nicht verwerthet. Wir wissen in der That bereits, dass der Mehrwerth blos Folge der Werth Veränderung ist, die mit v, dem in Arbeitskraft umgesetz- ten Kapitaltheil vorgeht , dass also v -|- m = v -[- /\ v (v plus I n - crement von v) ist. Aber die wirkliche Werth Veränderung uud das Verhältniss, worin sich der Werth ändert , werden dadurch Verdunkelt, dass in Folge des Wachsens seines variir enden Be- st a n d t h e il s auch das vorgeschossene Gesammtkapital wächst. Es war 500 und es ist am Ende des Prozesses 590. Die reine Analyse des Prozesses erheischt also von dem Theil des Produkten- 181 werths, worin nur konstanter Kapitalwerth wieder erscheint , ganz zu ab- straliiren, also das {konstante Kapital c = o zu setzen, und damit ein Ge- setz der Mathematik anzuwenden , wo sie mit variablen und konstanten Grössen operirt , und die konstante Grcisse nur dui'ch Addition oder Sub- traktion mit der variablen verbunden ist -'). Eine andre Schwierigkeit entspringt aus der ursprünglichen Form des variablen Kapitals. So im obigen Beispiel ist C = 410 1. konstantes Kapital -|- 90 1. variables Kapital -f- 90 1. Mehrwert!). Neun- zig Pfd, St. sind aber eine gegebne, also konstante Grösse und es scheint daher ungereimt sie als variable Grösse zu behandeln. Aber 90 1. oder 901. variables Kapital ist hierin der That nur ein Symbol für den Pro- z e s s , d e n d i e s e r W e r t h d u r c h 1 ä u t' t. Der im A )ikaut' der Ar- beitskraft vorgeschossene Kapitaltheil ist besti m m t es Quantum vergegenständlichter Arbeit, also konstante W e r t h g r ö s s e , wie der Werth der gekauften Arbeitskraft. Im Produktionsprozess selbst aber tritt an die Stelle der vorgeschossenen 90 Pfd. St. die sich bethäti- gende Arbeitskraft, an die Stelle todter lebendige Arbeit , an die Stelle einer ruhenden eine fliessende Grösse , an die Stelle einer konstanten eine variable. Das Resultat ist die Reproduktion von v plus Increment von v. Vom Standpunkt der kapitalistischen Produktion ist dieser ganze Verlauf Se 1 bst be wegu n g des in Arbeitskraft umgesetzten , ursprünglich kon- stanten Werths. Ihm wird der Prozess und sein Resultat zu gut ge- schrieben. Erscheint die Formel 90 1. variables Kapital oder sich verwerthender Werth daher widerspruchsvoll , so diückt sie nur einen der kapitalistischen Produktion immanenten Widerspruch aus. Die Gleichsetzung des konstanten Kapitals mit o befremdet auf den ersten Blick. Indess vollzieht man sie beständig im Alltagsleben. Will Jemand z. 13. Englands Gewinn an der Baumwollindustrie berechnen , so zieht er vor allem den an die Vereinigten Staaten, Indien, Aegypten u. s. w. ^') ,,Constant quantities connected to variable by the Operations of Addition or Substraction disappear by the process of differentiation." (J. Hind: ,,Diffe- rential Calculus. C ambrid ge 1831" p. 126.) In der That, die Grössen- veränderung einer konstanten Grösse ist Nichts. Daher das Gesetz dos DifTerentialkaliiuls : Differential einer konstanten Grösse ^ 0. 182 - — gezahlten Baumwoll p r e i s ab; d. Ii. er setzt im Produktenwerth nur wie- dererscheinenden Kapitalwerth = n. Allerdings hat das Verhältniss des Mehrwerths, nicht nur zum Kapi- taltheil, woraus er unmittelbar entspringt und dessen Werthverände- r u n g er darstellt , sondern auch zum vorgeschossenen Gesammtkapi- tal seine grosse ökonomische Bedeutung. Wir behandeln diess Verhält- niss daher ausführlich im dritten Buch. Um einen Theil des Kapitals durch Seinen Umsatz in Arbeitskraft zu verwerthen, muss ein andrer Theil des Kapitals in Produktionsmittel verwandelt werden. Damit das variable Kapital funktionire, muss konstantes Kapital in entsprechenden Propor- tionen, je nach dem bestimmten technologischen Charakter des Arbeits- prozesses, vorgeschossen werden. Der Umstand jedoch , dass man zu einem chemischen Prozess Retorten und andre Gefässe braucht, verhindert nicht bei der Analyse von der Retorte selbst zu abstrahiren. Sofern Werth- schöpfung und Werthveränderung für sich selbst, d. h. rein betrachtet wer- den, liefern die Produktionsmittel, diese stofflichen Gestalten des konstanten Kapitals, nur den Stoff, worin sich die flüssige, werthbildende Kraft fixiren kann. Die Natur dieses Stoffes ist daher auch gleichgültig, ob Baumwolle oder Eisen. Auch der Werth dieses Stoffes ist gleichgültig. Er muss nur in hinreichender Masse vorhanden sein , um das w^ährend des Produktions- prozesses zu verausgabende Arbeitsquantum einsaugen zu können. Diese Masse gegeben, mag ihr Werth steigen, oder fallen, oder sie mag werthlos sein, wie Erde und Meer, der Prozess der Werthschöpfung und Werthver- änderung wird nicht davon berührt. Wir setzen also zunächst den konstanten Kapitaltheil gleich Null. Das vorgeschossene Kapital reduzirt sich daher von c -(- v auf v, und der Produktenwerth c -|- v -j- m auf das Werthprodukt v-f-m. Gegeben das Werthprodukt =180 Pfd. St., worin sich die während der ganzen Dauer des Produktionsprozesses fliessende Arbeit darstellt , so haben wir den Werth des variablen Kapitals = 90 Pfd. St. abzuziehu, um den Mehrwerth = 90 Pfd. St. zu erhalten. Die Zahl 90 Pfd.St. = m drückt hier die absolute Grösse des produzirten Mehrwerths aus. Seine propo rtionelle Grösse aber, also das Verhältniss, worin das va- riable Kapital sich verwerthet hat, ist offenbar bestimmt durch das Ver- hältniss d e s M e h r w e r t h s zum variablen Kapital, oder ist 183 ausgedrückt iu -. Im obigen Beispiel also in ^^ ^^ = 100*/o. Diese V verhältnissmässige Verwerthung des variablen Kapitals , oder die verhält- iiissmässige Grösse des Mehrwerths , nenne ich Rate des Mehr- werths28). Wir haben gesehn, dass der Arbeiter während eines Abschnitts des Arbeitsprozesses nur den Werth seiner Arbeitskraft produ- zirt, d. h. den Werth seiner nothwendigen Lebensmittel. Da er in einem auf gesellschaftlicher Theiluug der Arbeit beruhenden Zustand pro- duzirt. produzirt er seine Lebensmittel nicht direkt, sondern, in Form einer besondern Waare, des Garns z. B., einen Werth gleich dem Werth seiner Lebensmittel, oder dem Geld , womit er sie kauft. Der Theil seines Arbeitstags, den er hierzu verbraucht, ist grösser oder kleiner, je nach dem Werth seiner durchschnittlichen täglichen Lebensmittel, also der zu ihrer Produktion erheischten durchschnittli- chen täglichen Arbeitszeit. Stellt die Werthgrösse dieser täglichen Lebens- mittel im Durchschnitt 6 vergegenständlichte Arbeitsstunden dar, so muss der Arbeiter im Durchschnitt täglich 6 Stunden arbeiten, um sie zu produ- ziren. Arbeitete er nicht für den Kapitalisten , sondern als unabhängiger Produzent , so müsste er , unter sonst gleichbleibenden Umständen , nach wie vor im Durchschnitt denselben aliquoten Theil des Tags Arbeiten, um den Werth seiner Arbeitskraft zu produziren , und dadurch die zu seiner eignen Erhaltung oder beständigen Reproduktion nöthigen Lebensmittel zu gewinnen. Da er aber in dem Theil des Ar- beitstags, worin er den Tageswerth der Arbeitskraft, sage 3 sh., produ- zirt, nur ein A e q u i v a 1 e n t für ihren vom Kapitalisten bereits gezahlten Werth produzirt, also durch den neu geschaffnen W^erth nur den vorge- schossenen variablen K a p i t a 1 w e r t h ersetzt, erscheint diese Pro- duktion von Werth als blosse Reproduktion. Den Theil des Arbeits- tags also, worin diese Reproduktion vorgeht, nenne ich uoth wendige Arbeitszeit, die während derselben verausgabte Arbeit not h wen. 2») In derselben Weise, wie der Engländer ,,rate of profit" , ,,rate of inte- rest" u. s. w. braucht. Man wird aus Buch III sehen, dass die Profitrate leicht zu begreifen , sobald man die Gesetze des Mehrwerths kennt. Auf dem um- gekehrten Weg begreift man ni Tun, ni l'autre. 184 d i g e Arbeit -^). Nothwendig für den Arbeiter , weil unabhängig von der gesellschaftliclien Form seiner Arbeit, Nothwendig für das Kapital und seine Welt, weil das beständige Dasein des Arbeiters ihre Basis. Die zweite Periode des Arbeitsprozesses , die der Arbeiter über die Grenzen der nothwendigen Arbeit hinausschanzt , kostet ihm zwar Arbeit, Verausgabung von Arbeitskraft, bildet aber keinen Werth für ihn. Sie bildet Mehr werth, der den Kapitahsten mit allem Reiz einer Schöpfung aus Nichts anlacht. Diesen Theil des Arbeitstags nenne ich Surplus- arbeitszeit, und die in ihr verausgabte Arbeit: Mehrarbeit (surplus labour). So entscheidend es für die Erkenntniss des W e r t h s überhaupt, ihn als blosse G e r i n n u n g v o n Arbeitszeit, als bloss vergegenständ- lichte-Arbeit, so entscheidend für die Erkenntniss des Mehrwerths, ihn als blosse Gerinnung von Surplnsarbeitszeit, als bloss vergegenständlichte Mehrarbeit zu begreifen. Nur die Form, worin diese Mehrarbeit dem unmittelbaren Produzenten , dem Arbeiter, ab- gepresst wird, unterscheidet die ökonomischen Gesellschaftsformationen, z. B. die Gesellschaft der Sklaverei von der (1er Lohnarbeit 30). Da der Werth des variablen Kapitals = Werth der von ihm gekauf- -9) Wir haben bisher in dieser Schrift das Wort ,,nothwendige Arbeits- zeit" angewandt für die zur Produktion einer Waare überhaupt gesellschaftlieh nothwendige Arbeitszeit. Wir brauchen es von jetzt ab auch für die zur Produk- tion der spezifis chen Waare Arbeitskraft nothwendige Arbeitszeit. Der Gebrauch derselben termini technici in verschiednem Sinn ist misslich , aber in keiner Wissenschaft ganz zu vermeiden. Man vergleiche z. B. die höheren und niederen Theile der Mathematik. 30) Mit wahrhaft Gottsched 'seh er Genialität entdeckt Herr Wilhelm Thucydides Rofecher, dass wenn die Bildung von Mehr werth oder Mehrprodukt, und die damit verbundene Accumulation, heurigen Tags der ,, Sparsamkeit" des Kapitalisten geschuldet, der dafür ,,z. B. Zins verlangt", dagegen ,, auf den niedrigsten Kulturstufen .... die Schwächeren von den Stär- keren zur Sparsamkeit gezwungen werden." (1. c. p. 78.) Zur Ersparung von Arbeit? oder nicht vorhandner überschüssiger Produkte? Neben, wirklicher Ignoranz ist es apologetische Scheu vor gewissenhafter Analyse des Werths und Mehrwerths, und etwa verfänglich-polizeiwidrigem Resultat, die einen Röscher undCons. zwingt, die mehr oder minder plausiblenRe ch tf erti gu ngs- gründe des Kapitalisten für seine Aneignung vorhandner Mehrwerthe zum Entstehungsgrund des Mehrwerths selbst zu stempeln. 185 teil Arbeitskraft , da der Werth dieser Arbeitskraft den nothwendigeii Theil des Arbeitstags bestimmt, der Mehrwertii seinerseits aber bestimmt ist durch den überschüssigen Theil des Arbeitstags, so folgt: Der Mehr- wert h v e r h ä 1 1 s i c h z u m v a r i a b I e n K a p i t a 1 , wie d i e M c h r - arbeit zur noth wand igen , oder die Rate des Mehrwerths m Mehrarbeit „ . , t-. — =r^— ; ,; , , . . Beide rroportionen stellen dasselbe Verhält- V xsothwendige Arbeit niss in verschiedner Form dar, das einemal in der Form vergegenständ- lichter, das andrenial in der Form flüssiger Arbeit. Die Rate des Mehrwerths ist daher der exakte Ausdruck für den Exploitationsgrad der Arbeitskraft durch das Ka- pital oder des Arbeiters durch den Kapitalisten. Nach unsrer Annahme war der Werth des Produkts = 410 1. -f- 901. m + 90, das vorgeschossene Kapital = 500 1. Da der Mehrwerth 90 und das vorgeschossene Kapital 500, würde man nach der gewöhnlichen Art der Berechnung herausbekommen , dass die Rate des Mehrwerths (die man mit der Profitrate verwechselt) = IS'^/o, eine Verhältuisszahl , deren Niedrigkeit Herrn C a r e y und andre Harmoniker rühren möchte. In der That aber ist die Rate des Mehrwerths nicht = - oder , sondern = ~ , (; c -}- v V 90 90 also nicht -—-, sondern ^ = 100*^ a» raehr als das Fünffache des 500' 90 ° scheinbaren Exploitationsgrads. Obgleich wir nun im gegebnen Fall die absolute Grösse des Arbeitstags nicht kennen, auch nicht» die Periode des Arbeitsprozesses (Tag, Wuche u. s. w.) , endlich nicht die Anzahl der Arbeiter, die das variable Kapital von 90 1. gleichzeitig in Bewegung setzt, zeigt uns die Rate des Mehrwerths -- durch ihre Konver- v ..... . Mehrarbeit t tt . , • i • ^ tibilität in — , ^; . , .- genau das Verhältniss der zwei Bestand- Nothwendige Arbeit theile des Arbeitstags zu einander. Es ist 100** o- Also arbeitete der Arbeiter die eine Hälfte des Tags für sich und die andre für den Ka- pitalisten. 186 Die Methode zur Berechnung der Rate des Mehrwerths ist also kurz- gefasst diese : Wir nehmen den ganzen P r o d u k t e n w e r t h und setzen den darin nur wiedererscheinenden con stauten Kapitalwerth gleich Null. Die übrigbleibende Werthsiunme ist das einzige im Bildungs- prozess der Waare wirklicli erzeugte Werthprodukt. Ist der Mehrwerth gegeben, so ziehn wir ihn von diesem VVerthprodukt ab , um das vaiiable Kapital zu finden. Umgekelirt, wenn letzteres gegeben und wir den Mehrwerth suchen. Sind beide gegeben, so ist nur noch die Schlussopera- tion zu verrichten, das Verhältniss des Mehrwerths zum variablen Kapital, -, zu berechnen. V So einfach die Methode, scheint es doch passend, den Leser in die ihr zu Grunde liegende und ihm ungewohnte Anschauungsweise durch einige Beispiele einzuexerciren. Zunächst ein Beispiel aus der Spinnindustrie. Die Data gehören dem Jahre 1860. Fih- unsren Zweck gleichgültige Umstände sind unter- drückt. Eine Fabrik konsumirte wöchentlich 1 1,500 Ibs. Baumwolle, wovon 1500 Abfall. Zu 7 d. das Pfund Baumwolle, beträgt das Roh- material daher 336 Pfd. St. Sie setzte 10000 Spindeln in Bewegung, zu 1 Pfd. St. per Spindel = 10000 Pfd. St., wovon der jährliche Verschleiss. zu 121/oVo, 1250 Pfd. St., für die Woche also 24 Pfd. St.: der wöchent- liche Verschleiss der Dampfmaschine 20 Pfd. St.; die wöchentliche Aus- gabe für Hilfsstoffe, Kohle, Gel u. s. w. 40 Pfd. St. Der wöchentliche Arbeitslohn betrug 70 Pfd. St. und der Verkaufspreis des Ib. Garn l'/josh., also der 10000 Ibs. Garn wöchentlich 550 Pfd. St. Der constante Werththeil des Kapitals beträgt also 420 Pfd. St. Wir setzen ihn = 0, tda er in der wöchentlichen Werthbilduug nicht mitspielt. Das wirkliche w ö c h e n 1 1 i c h e W e r t h p r 0 d u k t , das übrig bleibt, also =130 Pfd. St. Wir ziehn davon das an die Arbeiter gezahlte variable Kapital von 70 Pfd. St. ab, bleibt Mehrwerth von 60 Pfd. St. Die Rate des Mehrwerths, — , — , also ungefähr 860/ „. Diese Prozentzahl drückt den Exploitationsgrad der Arbeitskraft oder den V^erwerthungsgrad des variablen Kapitals aus. Nehmen wir an, dass 10 Stunden in jener Fabrik im täglichen Durchschnitt gearbeitet ward , so betrug die nothwendige Arbeit ungefähr 5^/]3, und die Mehrarbeit 4^/13 Stunden. 187 Jacob giebt für das Jahr 1815, bei Annahme eines Weizenpreises von 80 sh. per Qiiarter, und eines Durchschnitlsertrags von 22 Busheis l)er aere, so dass der aere 1 1 Pfd. St. einbringt , folgende durch vorherige Kompensation verschiedner Posten sehr mangelhafte, aber für unsern Zweck genügende Recliiuuig. W erth p ro d u k t i o n jter aere. i?amen (Weizen) 1 Pfd. St. 9 sh. ' Zehnten, Rates, Taxes 1 Pfd. St. 1 sh. Dünger 2 Pfd. St. 10 sh. | Rente 1 Pfd. St. 8 sh. Arbeitslohn 3 Pfd. St. 10 sh. ! Pächter'« Profit u. Zins 1 Pfd. St. 2 sh. Siininia: 7 Pfd. St. 9 sh. Summa: 3 Pfd. St. 11 sh. Der Meli r wert h, stets unter der Voraussetzung, dass Preis des Produkts = seinem Werth , wird hier unter die verschiedenen Rubriken Profit, Zins, Zehnten u. s. w. vertheilt. Diese Rubriken sind hier gleich- gültig. Wir addiren sie zusammen und erhalten einen Mehrvverth von 3 1. 11 sh. Die 3 1. 19 sh. für- Samen und Dünger setzen wir als Constanten Kapitaltheil gleich Null. Bleibt vorgeschossenes va- riables Kapital von 3 '. 10 sh., an dessen Stelle ein Aequivalent von 3 1. 10 sh. -\- 3 1. 11 sh. produzirt worden ist. Also beträgt m 3 1. 11 sh. . ^^ , mehr als lOO^/o. Der Arbeiter verwendet mehr als v 3 1. 10 sh. ' die Hälfte seines Arbeitstags zur Produktion eines Mehrwerths , den ver- schiedne Personen auf verschiedne Vorwände hin unter sich vertheilen ^i). Der Mehrwert h stellt sich dar in einem Mehrprodukt (sur- plusproduce). Wir nahmen vorJier an, dass der zwölfstündige Arbeitstag des Spin- ners aus 6 Stunden noth wendiger Arbeit und 6 Stunden Mehr- arbeit besteht, 20 Ibs. Baumwolle in 20Ibs. Garn verwandelt, und ihnen einen Werth von 6 sh. zusetzt, dass ferner 1 Ib. Baumwolle 1 sh. und die während des ganzen Prozesses verzehrten Arbeitsmittel 4 sh. kosten , also Werth des Gesammtprodukts 30 sh, und der eines Ib. Garn 1 sh. 6 d. Jedes Pfund Garn stellt denselben Gebrauchswerth dar. Jedes ist ^') Die gegebnen Rechnungen gelten nur als Illustration. Es wird nämlich unterstellt, dass die Preise = den Werthen. Man wird in Buch III sehn, dass diese Gleichsetzung, selbst für die D u rchs ch nitts preis e , sich nicht in dieser einfachen Weise macht 188 das Produkt der Verbindung desselben Roliraaterials Baumwolle mit der- selben produktiven Arbeit, Spinnen, vermittelt durch dieselben Arbeits- mittel. Auch der Wer th jedes einzelnen Pfundes Garn zeigt dieselbe Zusammensetzung, 1 sli. für Baumwolle, 2^/5 d. für verbrauchte Arbeitsmittel, 1* - d., worin nothwendige Arbeit, und 1*'5 d., worin Mehr- arbeit verleiblicht ist. Vereinzelt für sich oder als aliquote Theile des Gesammtprodukts betrachtet, bestimmte Qiianta Garn bleiben stets Gebilde derselben produktiven Arbeit, des Spinnen?. Unter einem andern Gesichts- punkt verändert sich dagegen die Stellung des T h e i 1 p r od u k t s ganz und gar, je nachdem es selbststandig oder im Zusammenhang mit dem Ge- sanuntprodukt , als T h e i 1 p r 0 d u k t oder als P r 0 d u k 1 1 h e i 1 betracli- tet wird. Ein Pfund Garn kostet 1 sh. 6 d., und, wir sehn vom Abfall ab, das in ihm versponnene Ib. Baumwolle 1 sh., also -1^ seines Werths. Also sind 2/3 Ib. Garn = 1 Ib. Baumwolle und 13' 3 Ibs. Garn = 20 Ibs. Baumwolle. In den 13' 3 Ibs. Garn stecken zwar nur 13' 3 Ibs. Baum- wolle zum VVerth von 13';3 sh., aber ihr zusätzlicher Werth-von 6^/3 sh. bildet ein Aequivalent für die in den überschüssigen 6- 3 Ibs. Garn ver- sponnene Baumwolle. Die loVa Ibs. Garn stellen also alle im Ge- sammtprodukt von 20 Ibs. Garn versponnene Baumwolle vor , das Rohmaterial des Gesammtprodukts, aber auch weiter nichts. Es ist als ob den andern 6^ 3 Ibs. Garn die Wolle ausgerupft und alle Wolle des Gesammtprodukts in 13' 3 Ibs. Garn zusammengepresst wäre. Dagegen sind die in den 13' 3 Ibs. Garn enthaltene Spinnarbeit, und der Werth- theil, den die verbrauchten Arbeitsmittel zusetzen, aus ihnen selbst ent- iernt und auf den neben ihnen liegenden Produkttheil von 6^/3 Ibs. Garn übertragen. In derselben Weise kann ein Theil dieser übrigbleibenden 6-/3 Ibs. Garn — nämlich 2-/3 Ibs. — wieder als blosse Darstellung der im Gesammtprodukt v e r n ü t z t e n Arbeitsmittel zum Werth von 4 sh. gefasst werden. Acht Zehntel des Gesammtprodukts, oder 16 Ibs. Garn , obgleich leiblich , als G eb ra u chs w ert h betrachtet, als Garn, eben so sehr Gebilde der Spinnarbeit als die restirenden -/,(, des Produkts, 4 Ibs. Garn, enthalten daher in diesem Zusammenhang keine Spinnarbeit, keine während des Spinnprozesses selbst eingesaugte Arbeit. Es ist als ob sie sich ohne Spinnen in Garn verwandelt und als wäre ihre Garngestalt — l«y reiner Lug und Trug. In der Tliat. wenn der Kapitalist sie verkauft zu 24 sh. und damit seine Produktionsmittel zurückkauft, zeigt sicli, dass die IG Ibs. Garn nur verkleidete Baumwolle, Spindel, Kohle u. s. w. sind. Die übrigbleibenden 4 ll)s. Garn enthalten jetzt ihrerseits kein Atom von Kohmaterial und Arbeitsmittel. Was davon in ihnen steckte, ward bereits ausgeweidet und den ersten 16 Ibs. Garn einverleibt. Die 4 Ibs. Garn enthalten daher kein Atom der in der Produktion von Baumwolle , Maschi- nerie, Kohle u. s. w. verausgabten Arbeit. Ihr Werth von 6 sh. ist reine Materiatur der vom Spinner selbst verausgabten 12 Arbeitsstunden. Die im Produkt von 20 Ibs. Garn verkörperte Spinnarbeit ist jetzt konzentrirt auf 4 Ibs. Garn , auf ' 5 des Produkts. Es ist als ob der Spinner diess Gespinnst von 4 Ibs. in der Luft gewirket oder in Baumwolle und mit Spindeln, die, ohne Zuthat menschlicher Arbeit, von Natur vorhanden, dem Produkt keinen Werth zusetzen. Von diesen 4 Ibs. Garn endlieh verkörpert eine Hälfte bloss noth wendige Arbeit von G Stunden, die andere — die letzten 2 Ibs. Garn — bloss Mehrarbeit. Nur dieser Jetzte Theil des Gesammtprodukts bildet das Mehrprodukt. Das Gesammtprodukt von 20 Ibs. Garn kann also folgendermassen zerfällt werden: Gesammtprodukt von 20 1 b s . Garn, werth .30 sh . Oonstantes Kapital von 24 sh. 13» 3 Ibs. Garn (= Rohmaterial) + 2-/3 Ibs. Garn (= Arbeitsmitteln) 20 Ibs. Baumwolle zu 20 sh. -f. Spindel, Kohle u s. w. zu 4 sh, Materiatur von 40 Arbeitsstunden + 8 Arbeitsstunden Materiatur von 48 vor dem Spinnprozess vergangnen Arbeitsstunden, = 24 sh. Variables Kapital von 3 sh. Mehrprodukt. 2 Ibs. Garn. 2 Ibs. Garn. Werth der Arbeitskraft von 3 sh. Mebrwerth von 3 sh. ■6 Stunden nothwendiger Arbeit des 6 Stunden Mehrarbeit des Spinners. Spinners. Materiatur von 12 im Spinnprozess verausgabten Arbeitsstunden, = 6 sh. Von dem Gesammtprodukt von 20 Ibs. Garn vertreten 16 Ibs. oder* .-, nur oonstantes Kapital, dagegen bloss '5 oder 4 Ibs. die im Spinnprozess selbst verausgabte Arbeit. Und dennoch bilden die 20 Ibs. Garn das Pro- dukt der zwölfstündigen Spinnarbeit. Hier erscheint wieder der Unter- schied von Arbeitsprozess und Verwerthungsprozess. Es wiederholt sich das bereits Bekannte, dass der W^erth des Produkts des Arbeitstags, 190 d. h. der P r o d u k t e n w e r t h , grösser ist als das tägliche W e r t h p r o - d ukt. So ist der Werth der täglich prodiizirten 20 Ibs. Garn == 30 sh.^ aber ihr während des Tags produzirter Werththeil nur =^ 6 sh. Die ebei» gegebne Darstellung unterscheidet sich von der früheren dadurch , dass die funktionell oder begrifflich unterschiednen Bestand - t h e i 1 e des P r o d u k t e n w e r t h s in p r o p o r t i o ii e 1 1 e n T h e i 1 e i> des Produkts selbst ausgedrückt werden. Diese Z e r f ä 1 1 u n g des Produkts — des Resultats des- Produktionsprozesses — in ein Quantum Produkt, das nur die in den Produktionsmitteln enthaltene Arbeit , ein andres Quantum , das nur die im Produktionsprozess zugesetzte n o t h w e n d i g e A r b e i t t, und ein letztes Quantum Produkt, das nur die im selben Prozess zuge- setzte Mehrarbeit darstellt, ist eben so einfach als wichtig, wie ihre spätere Anwendung auf verwickelte und noch ungelöste Probleme zei- gen wird. Wir betrachteten eben das Gesammtprodukt als fertiges Resultat dea zwölfstündigen Arbeitstags. Wir können es aber auch in seinem Entste- hungsprozess begleiten, und dennoch die Theilprodukte als funktionell unterschiedne Produktentheile darstellen. Der Spinner produzirt in 12 Stunden 20 Ibs. Garn, daher in einer Stunde l^/g und in 8 Stunden 13' 3 Ibs., also ein Theilprodukt vom Ge- sa m m t w e r t h d e r B a u m w 0 1 1 e , die wälirend des ganzen Arbeitstags versponnen wird. In derselben Art und Weise ist das Theilprodukt der folgenden Stunde und 36 Minuten = 2-'^ Ibs. Garn und stellt daher den Werth der während der 12 Arbeitsstunden vernutzten Produktions- mittel dar. Ebenso produzirt der Spinner in der folgenden Stunde und 12 Minuten 2 Ibs. Garn = 3 sh., ein Produktenwerth gleich dem ganzen Werthprodukt , das er in 6 Stunden n 0 1 h w e n d i g e r Arbeit schafft. Endlich produzirt er in den letzten ^'\ Stunden ebenfalls 2 Ibs. Garn, deren Werth gleich dem durch seine halbtägige Mehrarbeit erzeugten Mehr werth. Diese Art Berechnung dient dem englischen Fabrikanten zum Hausgebrauch und er wird z. B. sagen , dass er in den ersten 8 Stunden oder 2/3 des Arbeitstags seine Baumwolle herausschlägt u. s. w. Man sieht, die Formel ist richtig, in der That die erste Formel, übersetzt aus dem Raum , wo die Theile des Produkts fertig neben ein- ander liegen, in die Zeit, wo sie auf einander folgen. Die Formel kann — 191 aber auch von sehr barbarischen Vorstelhuigen begleitet sein , namentlich in Köpfen, die eben so praktisch im Verwerthungsprozess interessirt sind, als sie ein Interesse haben , ihn theoretisch misszuverstehen. So kann sich eingebildet werden , dass unser Spinner z. B. in den ersten 8 Stunden seines Arbeitstags den Wert h der Baumwolle, in der folgenden Stunde und 36 Minuten den VVerth der verzehrten Arbeitsmittel, in der folgenden Stunde und 12 Minuten den VVerth des Arbeitslohns produzirt oder er- setzt, und nur die vielberührate „letzte Stunde" dem Fabrikanten zur Produktion von Mehrwerth widmet. Dem Spinner wird so das dop- pelte Wunder aufgebürdet, Baumwolle, Spindel, Dampfmaschine, Kohle, Oel u, s. w. in demselben Augenblick zu produziren, wo er mit ihnen spinnt, und aus Einem Arbeitstag von gegebnem Intensivitätsgrad fünf solcher Tage zu machen. In unserm Fall nämlich erforder-^ die Produk- tion des Rohmaterials und der Arbeitsmittel 4 zwölfstündige Arbeitstage und ihre Verwandlung in Garn einen andern zwölfstündigen Arbeitstag. Dass die Raubgier solche Wunder glaubt und nie den doktrinären Sykophanten misst, der sie beweist, zeige folgendes Beispiel. An einem schönen Morgen des Jahres 1836 wurde der wegen seiner ökonomischen Wissenschaft und seines ,, schönen Styls" berufene Nassau W. Senior, gewissermassen der Cl a u r e n unter den englischen Oekono- men, von Oxford nach Manchester citirt, um statt in Oxford politische Oekonomie zu lehren, sie in Manchester zu lernen. Die Fabrikanten er- kiesten ihn zum Preisfechter gegen den neulich erlassenen Factory Act und die darüber noch hinausstrebende Zehnstundenagitation. Mit gewohntem praktischen Scharfsinn hatten sie erkannt, dass der Herr Pro- fessor ,,wanted a good deal of finishing". Sie verschrieben ihn daher nach Manchester. Der Herr Professor seinerseits hat die zu Manchester von den Fabrikanten erhaltene Lektion stylisirt in dem Pamphlet: „Let- ters on the Factory Act, as it affects the cotton manu- facture. London 1837." Hier kann man u. a. folgendes Erbau- liche lesen : „Unter dem gegenwärtigen Gesetz kann keine Fabrik , die Personen unter 18 Jahren beschäftigt, länger als ll'g^'^tunden täglich arbeiten, d. h. 12 Stunden während der ersten 5 Tage und 9 Stunden am Sonnabend. Die folgende Analyse (!) zeigt nun, dass in einer sol- chen Fabrik der ganze Reingewinn von der letzten Stunde 192 abgeleitet ist. Ein Fabrikant legt 100,000 Pfd. St. aus - 80,000 Pfd. St. in Fabrikgebäude und Maschinen , 20,000 in Rohmaterial und Arbeits- lohn. Das jährliche Einkommen der Fabrik, vorausgesetzt das Kapital schlage jährlich einmal um, und der Bruttogewinn betrage 15^0, muss sich auf Waaren zum Werth von 115,000 Pfd. St. belaufen . , . Von diesen 115,000 Pfd. St. produzirt jede der 2 3 halben Ar- beitsstunden täglich ^/i,5 oder ^j^z- Von diesen ^a/^g Arbeitsstunden, die das Ganze der 115,000 Pfd. St. bilden (constitutingthewhole 115,000 Pd. St.), ersetzen 20-03, ^- !>• 100,000 von den 115,000, nur das Ka- pital; \. 23 oder 5000 Pfd. St. von den 15,000 Brutto-Gewinu (!) ersetzen die A b nutz u n g der Fabrik und Maschinerie. Die übrigblei- benden 2^23, die beiden letzten halben Stunden jeden Tags produziren den Reingewinn von 10 ^'q. Wenn daher bei gleichbleibenden Preisen die Fabrik 13 Stunden statt 11^/^ arbeiten dürfte, so würde, mit einer Zulage von ungefähr 2600 Pfd. St. zum cirkulirenden Kapital, der Reingewinn mehr als verdoppelt werden. Andrerseits wenn die Arbeits- stunden täglich um 1 Stunde reducirt würden, würde der Reingewinn verschwinden, wenn um IV2 Stunden, auch der Bruttogewinnes)!" Und das nennt der Herr Professor eine ,,Analyse!" Glaubte er den Fabrikantenjammer, dass die Arbeiter die b e s t e Z e i t des Tags in der Produktion, daher der Reproduktion oder dem Ersatz des Werths von Baulichkeiten, Maschinen , Baumwolle , Kohle u. s. w. vergeuden , so war jede Analyse überflüssig. Er hatte einfach zu antworten : Meine Herren! Wenn Ihr 10 Stunden arbeiten lasst statt ll'/o, wird, unter 32) Senior 1. c. p. 12, 13. Wir gehn auf die für iinsern Zweck gleich- gültigen Curiosa nicht ein, z. B. die Behauptung, dass die Fabrikanten den Ersatz der verschlissenen Maschinerie u. s. \v. , also eines Kap i talb es tand th eils , zum Gewinn, Brutto oder Netto , schmutzig oder rein , rechnen. Auch nicht auf die Richtigkeit oder Falschheit der Zahlenangaben. Dass sie nicht mehr werth sind als die sogenannte ,,Analyse", bewies Leonhard Homer in: ,,A Letter to Mr. Senior etc. Lond. 1837." Leonhard Horner, einer der Factory Inquiry Commissioners von 1833, und Fabrikinspektor, in der That Fahr ikcen s 0 r , bis 1859, hat unsterbliche Verdienste um die englische Ar- beiterklasse gewonnen. Ausser mit den erbitterten Fabrikanten führte er einen lebenslangen Kampf mit den Ministern, für die es ungleich wichtiger war, ,,die Stimmen" der Fabrikherrn im Unterhaus als die Arbeitsstunden der ,, Hände" in der Fabrik zu zillilen. 193 sonst gleiclibleibenden Umständen , der tägliche Verzehr von Baumwolle, Mascliinei-ie n. s. w. um l^'o Stunden abnehmen. Ihr gewinnt also grade so viel als Ihr verliert. Eure Arbeiter werden in Zukunft l'/^ Stunden weniger für Reproduktion oder Ersatz des vorgeschossenen Kapitalwerths vergeuden. Glaubte er ihnen nicht aufs Wort, sondern hielt als Sachver- ständiger eine Analyse für nütliig, so musste er vor allem, in einer Frage, die sich ausschliesslich um das Verhältniss des Reingewinns zur Gnisse dos Arbeitstags dreht, die Herren Fabrikanten ersuchen, Maschinerie und Fabrikgebäude, Rohmaterial und Arbeit nicht kunterbunt durcheinander zu wirren , sondern gefälligst das in Fabrikgebäude , Mascliinerie , Roli- material u. s, w. enthaltene constante Kapital auf die eine, das in Arbeitslohn vorgeschossen e Kapital auf die andere Seite zu stellen. Ergab sich dann etwa, dass nach der Fabrikantenrechnung der Arbeiter in ^/.^^ des Arbeitstags, oder in einer Stunde, den Arbeitslohn reproduzirt oder ersetzt, so hatte der Analytiker fortzufahren : Nach Eurer Angabe produzirt der Arbeiter in der vorletzten Stunde seinen Arbeitslohn und in der letzten Euren Mehrwerth oder den Rein- gewinn. Da er in gleichen Zeiträumen gleiche Werthe produzirt, hat das Produkt der vorletzten Stunde denselben Werth wie das der letzten. Er produzirt ferner nur Werth, so weit er Arbeit verausgabt, und das Quan- tum seiner Arbeit ist gemessen durch seine Arbeitszeit. Diese be- trägt uAch Eurer Angabe 11^-2 Stunden per Tag. Einen Theil dieser 11 '/2 Stunden verbraucht er zur Produktion oder zum Ersatz seines Arbeitslohns, den andern zur Produktion Eures Reingewinns. Weiter thut er nichts während des Arbeitstags. Da aber, nach Angabe, sein Lohn und_ der von ihm gelieferte Mehrwerth gleich grosse Werthe sind , pro- duzirt er offenbar seinen Arbeitslohn in 5^/4 Stunden und Euren Rein- gewinn in andern 5^/^ Stunden. Da ferner der W^erth des zwei- stündigen Garn Produkts gleich der Werthsumme seines Arbeits- lohns plus Eures Reingewinns ist, muss dieser Garn werth durch 11' o Arbeitsstunden gemessen sein , das Produkt der vorletzten Stunde durch r)3'j Arbeitsstunden, das der letzten ditto. Wir kommen jetzt zu einem häklichen Punkt. Also aufgepasst ! Die vorletzte Arbeitsstunde ist eine gewöhnliche Arbeitsstunde wie die erste. Ni plus , ni moins. Wie kann der Spinner daher in Einer Arbeitsstunde einen Garn werth produ- ziren, der 5 3;^ Arbeitsstunden darstellt? Er verrichtet in der That I. 13 194 kein solches Wunder. Was er in Einer Arbeitsstunde an Gebrauchs- werth produzirt, ist ein bestimmtes Quantum Garn. Dei* Werth dieses Garns ist gemessen durch ö^/^ Arbeitsstunden, wovon 4^/4 ohne sein Zuthun in den stündlich verzehrten Produktionsmitteln, Baumwolle , Maschinerie u. s. w. stecken , '^/^ oder eine Stunde von ihm selbst zugesetzt ist. Da also sein Arbeitslohn in 5^j^ Stunden produzirt wird und in dem G a r n p r 0 d u k t Einer S p i n n s t u n d e ebenfalls 5 ^/4 Stunden stecken , ist es durchaus keine Hexerei , dass das Wert h p r 0 - duktseiner 5^/^ Spiunstunden gleich dem Produkten - werth Einer Spinnstunde. Ihr seid aber durchaus auf dem Holz- weg, wenn Ihr meint, er verliere ein einziges Zeitatom seines Arbeitstags mit der Reproduktion oder dem ,,Ersatz" der Werthe von Baumwolle, Maschinerie u. s. w. Dadurch dass seine Arbeit aus Baumwolle und Spin- del Garn macht, dadurch dass er spinnt, geht der Werth von Baum- wolle und Spindel von selbst auf das Garn über. Es ist diess der Qualität seiner Arbeit geschuldet, nicht ihrer Quantität. Allerdings wird er in einer Stunde mehr BaumwoUwerth u. s. w. auf Garn übertragen als in 1/2 Stunde, aber nur weil er in 1 Stunde mehr Baumwolle verspinnt als in 1/2. Ihr begreift also : Euer Ausdruck , der Arbeiter produzirt in der vorletzten Stunde den Werth seines Arbeitslohns und in der letz- ten den Reingewinn, heisst weiter nichts , als dass in dem Garnpro- dukt von zw ei Stunden seines Arbeitstags, ob sie vorn oder hinten stehen, 11^/2 Arbeitsstunden verkörpert sind, grade so viel Stun- den als sein ganzer Arbeitstag zählt. Und der Ausdruck , dass er in den ersten 53/4 Stunden seinen Arbeitslohn und in den letzten 5 '74 Stunden Euren Reingewinn produzirt, heisst wieder nichts, als dass Ihr die ersten 53/4 Stunden zahlt und die letzten- 5^/4 Stunden nicht zahlt. Ich spreche von Zahlung der Arbeit, statt der Arbeits- kraft, um Euren slang zu reden. Vergleicht Ihr Herren nun das Verhält- niss der Arbeitszeit, die Ihr zahlt, zur Arbeitszeit , die Ihr nicht zahlt , so werdet Ihr finden , dass es halber Tag zu halbem Tag ist, also lOO^/o, was allerdings ein artiger Prozentsatz. Es unterliegt auch nicht dem ge- ringsten Zweifel, dass wenn Ihr Eure ,, Hände" statt ll*/2 Stunden 13 schanzen lasst, und, was Euch so ähnlich sieht, wie ein Ei dem andern, die überschüssigen l^/a Stunden zur blossen Mehrarbeit schlagt, letztere von 53/4 Stunden auf 7V4 Stunden wachsen wird, die Rate des Mehr- 195 w e r t h s daher von lOQf'o auf 1262/23 o/q. Dagegnn seid Ihr gar zu tolle Saiiguinikor, wenn Ihr hofft , sie werde durch den Zusatz von 1^2 Stunden von 100 auf 200" 0 ""^^ S^^' auf inelir als 200**/o steigen, d. h. sich „mein- als verdoppeln". Andrerseits — des Menschen Herz ist ein wunderlich Ding, namentlich wenn der Mensch sein Herz im Beutel trägt, - — seid Ihr gar zu verrückte Pessimisten, wenn Ihr fürchtet, mit der Re- duktion des Arbeitstags von 11^2 auf IOY2 Stunden werde Euer ganzer Reingewinn in die Brüche gehn. Bei Leibe nicht. Alle andern Umstände als gleichbleibend vorausgesetzt, wird die Mehrarbeit von 53/^ auf 43/^ Stunden fallen , was immer noch eine ganz erkleckliche Rate des Mehr- werths giebt, nämlich 821^/23 %. Die verhängnissvolle ,,letzte Stunde" aber, von der Ihr mehr gefabelt habt als die Chiliasten vom Weltuntergang, ist ,,all bosh". Ihr Verlust wird weder Euch den ,,Rein- gewiun" noch den von Euch verarbeiteten Kindern beiderlei Geschlechts die,, Seelenreinheit" kosten 32'). Wenn einmal Euer,,letzt es Stünd- 32a) Wenn Senior bewies, dass an ,,der letzten Arbeitsstunde" der Reingewinn der Fabrikanten, die Existenz der englischen Baumwollindustrie, Englands Wcltmarktgrüsse hing, bewies dahinwiederum Dr. Andrew Ure in den Kauf, dass wenn man Fabrikkinder und junge Personen unter 18 Jahren, statt sie volle 12 Stunden in der warmen und reinen Moralluft der Fabrikstube ab- zuschanzen, ,,eine Stunde" früher in die gemüthskalte und frivole Aussenwelt Ver- stösse, Müssiggang und Laster sie um ihr Seelenheil prellen müssten. Seit 1848 wer- den die Fabrikinspektoren nicht müde, in ihren halbjährigen ,, Reports" dieFabri- kanten mit ,,der letzten", ,,der verhängnissvollen Stunde" zu necken. So sagt Herr Howell, in seinem Fabrikbericht vom 31. Mai 1855: ,,Wäre die folgende scharfsinnige Berechnung (er citirt Senior) richtig, so hätte jede Baum- wollfabrik im Ver. Königreich seit 1850 mit Verlust gearbeitet." (Reports of the Insp. of Fact. f or th e half y ear ending 30th April 1855" p. 19, 20.) Als im Jahr 1848 die Zehnstundenbill durchs Parlament ging, octroyirten die Fabrikanten einigen Normalarbeitern in den ländlichen Flachsspinnereien , die zwischen den Grafschaften Dorset und Somerset zerstreut liegen , eine Gegenpeti- tion, worin es u. A. heisst : ,,Eure Bittsteller, Eltern, glauben, dass eine zusätz- liche Mussestunde weiter keinen Erfolg haben kann , als ihre Kinder zu demorali- siren, denn Müssiggang ist allen Lasters Anfang." Der Fabrikbericht vom 31. Oktober 1848 bemerkt hierzu: ,,Die Atmosphäre der Flachsspinnereien, worin die Kinder dieser tugendhaft - zärtlichen Eltern arbeiten , ist geschwängert mit so unzähligen Staub- und Faserpartikeln des Rohmaterials, dass es ausserordentlich unangenehm ist, auch nur 10 Minuten in den Spinnstuben zuzubringen, denn ihr könnt das nicht olinc die peinlichste Empfindung, indem Auge, Ohr, Nasenlöcher 13* 196 lein" wirklich schlägt, denkt an den Professor von Oxford. Und nun: In einer bessern Welt wünsch' ich mir mehr von Eurem werthen Umgang. Adio^O' • • Das Signal der von Senior 1836 entdeckten „letzten Stunde" ward am 15. April 1848, polemisch gegen das Zehnstunden- gesetz, von James Wilson, einem der ökonomischen Hauptmandarine, im „London Economist" von neuem geblasen. und Mund sich sofort füllen mit Flachsstaubwolken , vor denen kein Entrinnen ist. Die Arbeit selbst erheischt , wegen der Fieberhast der Maschinerie, rastlosen Auf- wand von Geschick und Bewegung , unter der Kontrole nie ermüdender Aufmerk- samkeit, und es scheint etwas hart, Eltern den Ausdruck ,,Faullenzerei" auf ihre eigenen Kinder anwenden zu lassen, die, nach Abzug der Essenszeit , 10 volle Stunden an solche Beschäftigung, in einer solchen Atmosphäre, geschmiedet sind . . . Diese Kinder arbeiten länger als die Ackerknechte in den Nachbardörfern. . . Solch liebloses Gekohl über ,,Müssiggang und Laster" muss als der reinste cant und die schamloseste Heuchelei gebrandmarkt werden . . . Der Theil des Publi- kums, der vor ungefähr zwölf Jahren auffuhr über die Zuversicht , womit man öffentlich und ganz ernsthaft proklamirte, unter derSanction hoher Autorität, dass der ganze ,,Rei ngewinn" des Fabrikanten aus ,,der letzten Stunde" Arbeit fliesse , und die Reduktion des Arbeitstags um eine Stunde den Reingewinn vernichten müsse; dieserTheil des Publikums, sagen wir, wird kaum seinen Augen trauen, wenn er nun findet, dass die Original -Entdeckung über die Tugenden der ,, letzten Stunde" seitdem soweit verbessert worden ist ,, Moral" und ,, Profit" gleichmässig einzuschliessen ; so dass wenn die Dauer der Kinderarbeit auf volle 10 Stunden reducirt würde, ihre Moral zugleich mit dem Nettogewinn ihrer Anwender flöten ginge, beide abhängig von dieser letzten, dieser fatalen Stunde." (,,Repts of Insp. of Fact. for 31st Oct. 1848", p. 101.) Derselbe Fabrikbericht giebt dann Proben von der ,, Moral" und ,, Tugend" dieser Herrn Fabrikanten , von den Schlichen , Pfiffen , Lockungen , Drohmitteln , Fälschungen u. s. \v. , die sie anwandten, um dergleichen Petitionen von wenigen ganz verwahr- losten Arbeitern unterzeichnen zu machen, um sie dann als Petitionen eines ganzen Industriezweigs, ganzer Grafschaften, dem Parlament aufzubinden. — Höchst cha- rakteristisch bleibt es für den heutigen Stand der ökonomischen sogenannten ,,Wiss en s c h aft" , dass weder Senior selbst, der später zu seiner Ehre energisch für die Fabrikgesetzgebung auftrat, noch seine ursprünglichen und späteren Widersacher, die Trugschlüsse der ,, Originalentdeckung" aufzulösen wussten. Sie appellirten an die thatsächlichc Erfahrung. Das why und wherefore blieb Mysterium. 33) Indess hatte der Herr Professor doch etwas bei seinem Manchester Ausflug profitirt! Li den ,, Letters on the Factory Act" hängt der ganze Rein- gewinn, ,, Profit" und ,,Zins" und sogar ,something more' an einer unbezahlten Arbeitsstunde des Arbeiters! Ein Jahr zuvor, in seinen 197 Wie die Rate d es Meli r wert hs bestimmt ist diircli das Verliält- iiiss des Mehrwei'tlis, uiclit zur Gesammtsim)me des vorgescliossenen Kapi- tals , sondern zu seinem in Arbeitskraft ausgelegten , variablen Bestand- tlieil, so ist die Höhe des Mehrprodukts bestimmt, nicht durch sein Verhältniss zum Rest des Gesammtprodukts, sondern ausschliesslich zum Produkttheil, worin sich die nothwendige Arbeit darstellt. Wie die Produktion von Mehrwerth der bestimmende Zweck der kapitalistischen Produktion, so misst nicht die absolute Masse des Produkts, sondern allein die des Mehrprodukts, den llühegrad des Reichthums 3*). Die Summe der noth wendigen Arbeit und der Mehr- arbeit, der Zeit , worin der Arbeiter nur den Werth seiner Arbeitskraft reproduzirt, und der Zeit, worin er Mehrwerth produzirt, bestimmt die ab- solute Grösse seiner Arbeitszeit — den Arbeitstag (work- ing day). zum Gemeinbesten Oxfortlcr Studenten und gebildeter Philister verl'assten ,,Out- lines üfPolitical Economy" hatte er noch gegenüber Ri cardo 's Werth- bestimmung durch die Arbeitszeit ,, entdeckt", dass der Profit aus der Arbeit des Kapitalisten und der Zins aus seiner Ascetik, seiner ,,Absti- nenz", herstamme. Die Flause selbst war alt, aber das Wort ,, Abstinenz" neu. Herr Röscher hat es richtig durch ,,E nthaltung" verdeutscht. Seine minder mit Latein beschlagenen Compatrioten , Wirthe , Schulzen und andre Michels, haben es in ,, Entsagung" vermöncht. 3*) ,,Fiir ein Individuum mit einem Kapital von 20,000 Pfd. St., dessen Pro- fite 2000 Pfd. St. jährlich botragen, wäre es ein durchaus gleichgültig Ding, ob sein Kapital 100 oder 1000 Arbeiter beschäftigt, ob die produzirten Waaren sich zu 10,000 oder 20,000 Pfd. St. verkaufen, immer vorausgesetzt, dass seine Profite in allen Fällen nicht unter 2000 Pfd. St. fallen. Ist das reale Interesse einer Nation nicht dasselbe? Vorausgesetzt ihr reales Nettoeinkommen, ihre Renten und Profite bleiben dieselben, so ist es nicht von der geringsten Wichtigkeit, ob die Nation aus 10 oder 12 Millionen Einwohnern besteht." (Ric. 1. c. p. 416.) Lange vor Ricardo sagte der Fanatiker des Mehrprodukts , ArthurYoung, ein übrigens schwatzschweifiger, kritikloser Schriftsteller, dessen Ruf in umgekehrtem Verhältniss zu seinem Verdienst steht, u. A. : ,,Von welchem Nutzen würde in einem modernen Königreich eine ganze Provinz sein , deren Boden in altrömischcr Manier, von kleinen , unabhängigen Bauern, meinetwegen noch so gut bebaut wurde? Von welchem Zwecke, ausser dem einzigen, Menschen zu erzeugen (,,the raere purpose of breeding men"), was an und für sich gar keinen Zweck hat" (,,is a most ^useless purpose"). Arthur Young: ,,Political Arith- metic etc. London 1774", p. 47. 198 4) D e r A r b e i t s t a g. Wir gingen von der Voraussetzung aus, dass die Arbeitskraft zu ilirera Werthe gekauft und verkauft wird. Ihr Wertli, wie der jeder andern Waare, wird bestimmt durch die zu ihrer Produktion nötliige Ar- beitszeit. Erheischt also die Durchschnittssumme der täglichen Lebens- mittel des Arbeiters zu ihrer Produktion 6 Stunden täglich , so muss er im Durchschnitt 6 Stunden per Tag arbeiten, um seine Arbeitskraft täglich zu produziren oder den in ihrem Verkauf erhaltenen Werth zu repro- duziren. Der not h wendige Theil seines Arbeitstages beträgt dann 6 Stunden, und ist daher, unter sonst gleichbleibenden Umständen, eine gegebene Grösse. Aber damit ist die Grösse des Arbeits- tags selbst noch nicht gegeben. Nehmen wir an, die Linie a b stelle die Dauer oder Länge der noth wendigen Arbeitszeit vor, sage 6 Stunden. Je nachdem die Arbeit über a b um 1 , 3 oder 6 Stunden u. s. w. verlängert wird , er- halten wir die 3 verschiedenen Linien: Arbeitstagl Arbeitstag II a b — c, a b c, Arbeitstag III und a b c, die drei verschiedne Arbeitstage von 7, 9 und 12 Stunden vorstellen. Die Verlängerungslinie b c stellt die Länge der Surplusarbeitszeit vor. Da der Arbeitstag = a b + b c oder a c ist, variirt er mit der variablen Grösse b c. Da uns a b gegeben ist, kann das Verhältniss von b c zu a b stets gemessen werden. Es beträgt in Arbeitstag I '/g, iu Arbeitstag II 3/6, und in Arbeitstag III 6/^ von a b. Da ferner die Proportion Surplusarbeitszeit rr— ; ~ r7~v r- die Rate des Mehrwerths bestimmt, ist letztere Nothwendige Arbeitszeit gegeben durch jenes Verhältniss. Sie beträgt in den drei verschiedenen Arbeitstagen respektive lö^/g, 50 und IOOO/q. Umgekehrt wih'de die Rate des Mehrwerths allein uns nicht die Grösse des Arbeits- tags geben. Wäre sie z. B. gleich lOOo/o, so könnte der Arbeitstag 8, 10, 12stiindig u. s. w. sein. Sie würde anzeigen, dass die zwei Be- standtheile des Arbeitstags , nothwendige Arbeit und Mehrarbeit , gleich gross sind, aber nicht wie gross jeder dieser Theile. Der Arbeitstag ist also keine constaute, sondern eine variable 199 Grösse. Einer seiner Theile ist zwar bestimmt durch die zur bestän- digen Reproduktion des Arbeiters selbst erheischte Arbeitszeit , aber seine Gesamratgrösse wechselt mit der Länge oder Dauer der Mehrarbeit. Der Arbeitstag ist daher bestimmbar, aber an und für sich unbestimmt'''^). Obgleich nun der Arbeitstag keine feste, sondei-n eine fliessende Grösse ist, kann er andrerseits nur innerhalb gewisser Schranken vari- iren. Seine M i n i m a I s c h r a n k e ist jedoch unbestimmbar. Allerdings, setzen wir die Verlängerungslinie b c , oder die Mehrarbeit, = 0 , so er- halten wir eine Minimalschranke , den Theil des Tages nämlich , den der Arbeiter noth wendig zu seiner Selbst erhaltung arbeiten muss. Auf Grund- lage der kapitalistischen Produktionsweise kann die nothwendige Arbeit aber immer nur. einen Theil seines Arbeitstages bilden, der Arbeitstag sich also nie auf diess Minimum verkürzen. Dagegen besitzt der Arbeitstag eine M a x i m a 1 s c h r a n k e. Er kann über eine gewisse Grenze hinaus nicht verlängert werden. Diese Maximalschranke ist doppelt bestimmt. Einmal durch die physische Schranke der Arbeitskraft. Ein Mensch kann während des natürlichen Tags von 24 Stunden nur ein be- stimmtes Quantum Lebenskraft verausgaben und das Mass dieser Kraft- verausgabung bildet ein Mass für seine physisch mögliche Arbeitszeit. So kann ein Pferd Tag aus , Tag ein ," nur 8 Stunden arbeiten. Während eines Theils des Tags muss die Kraft ruhen , schlafen , während eines an- dern Theils hat der Mensch andere physische Bedürfnisse zu befriedigen, sich zu nähren, reinigen, kleiden u. s, w. Ausser dieser rein physi- schen Schranke stösst die Verlängerung des Arbeitstags auf mora- lische Schranken. Der Arbeiter braucht Zeit zur Befriedigung gei- stiger und sozialer Bedürfnisse , deren Umfang und Zahl durch den allge- meinen Kulturzustand bestimmt sind. Die Variation des Arbeitstags be- wegt sich daher innerhalb absoluter physischer und mehr oder minder relativer sozialer Schranken. Beide Schranken sind aber sehr elastischer Natur und erlauben den grössten Spielraum. So finden wir Arbeitstage von 8, 10, 12, 14, 16, 18 und mehr Stunden, also von der verschie- densten Länge. 35) ,,A daj's labour is vague , it may be long or short." ,, An Essay on Trade and Commerce, containingObservations on Taxation etc. London 1770", p. 73. 200 Der Kapitalist hat die Arbeitskraft zu ihrem Tageswerth gekauft. Ihm gehört ihr Gebrauchswerth während eines Arbeitstags. Er hat also das Recht erlangt , den Arbeiter während eines Tags für sich arbei- ten zu lassen. Aber was ist ein Arbeitstag 3^)? Jedenfalls weni- ger als ein natürlicher Lebenstag. Um wie viel? Der Kapitalist hat seine eigne Ansicht über diess ultima Thule , die n o t h w e n d i g e Schranke des Arbeitstags. Als Kapitalist ist er nur personifizirtes Kapital. Seine Seele ist die Kapitalseele. Das Kapital hat aber einen einzigen Lebenstrieb, den Trieb, sich zu verwerthen , Mehrwerth zu schaf- fen, mit seinem Consta uten Theil , den Produktionsmitteln, die grösst- mögliche Masse Mehrarbeit einzusaugen 37), Das Kapital ist verstorbene Arbeit, die sich nur vampyrmässig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und um so mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt. Die Zeit, wäh- rend deren der Arbeiter arbeitet, ist die Zeit, während deren der Kapita- list die von ihm gekaufte Arbeitskraft con sumirt ^s). Consumirt der Arbeiter seine disponible Zeit für sich selbst , so bestiehlt er den Kapita- listen 39). Der Kapitalist beruft sich also auf das Gesetz desWaaren- a u s t a u s c h s. Er , wie jeder andre Käufer , sucht den grösstuiöglichen Nutzen aus dem Gebrauchswerth seiner Waare herauszuschlagen. Plötz- s") Diese Frage ist unendlich wichtiger als die berühmte Frage Sir Robert Peel's an die Eirminghamer Handelskammer: ,,What is a pound?", eine Frage , die nur gestellt werden konnte , weil Peel über die Natur des Geldes eben so unklar war als die ,,little Shilling men" von Birmingham. 3^) ,,Es ist die Aufgabe des Kapitalisten mit dem verausgabten Kapi- tal die gr ö SS tmögli che Summe Ar b ei t herauszuschlagen." (,,D'obtenirdu capital dcpense la plus forte somme de travail possible.") J. G. Cour c el 1 e-S ene ui 1 : ,,Traitc theorique et pratique des entrc- prises industrielles. 2eme edit. Paris 1857", p. 63. 3**) ,,An Hour's Labour lost in a day is a prodigiuus injury to a commercial State." ,,There is a very great consumption of luxuriös among the labouring poor of this kingdom ; j^articularly among the manufacturing populace : by which they also consume their time, the most fatal ofconsump- t i o n s. " A n E s s a y o n T r a d e a n d C o ra m e r c e etc. p. 47 u. 153. 39) ,,Si le man'ouvrier libre prend un instant de repos, l'economie sordide qui le suit des yeux avec inquietude, pretend qu'il la vole." N. Linguet: „Theo- rie des Lois Civiles etc. London 1767", t. II, p. 466.) 201 licli aber erhebt sich die Stimme dos Arbeiters , die im Sturm und Di*ang des Produktionsprozesses verstummt war : Die Waare, die ich dir verkauft liabe, unterscheidet sich von dem andern Waarenpöbel dadurch, dass ihr Gebrauch Wert h schafft und grösseren Werth als sie selbst kostet. Diess war der Grund , wanim du sie kauftest. Was auf deiner Seite als Verwerthung von Kapital erscheint, ist auf meiner Seite überschüssige Verausgabung von Arbeitskraft. Du und ich kennen auf dem Marktplatz nur ein Gesetz , das des Waarenaus- tauschs. Und der Consnm der Waare gehört nicht dem Verkäufer, der sie veräussert, sondern dem Käufer, der sie erwiibt. Dir gehört daher der Ge- brauch meiner täglichen Arbeitskraft. Aber vermittelst ihres täglichen Verkaufspreises muss ich sie täglich reproduziren und daher von neuem ver- kaufen können. Abgesehen von dem natürlichen Verschleiss durch Alter u. s. w. , muss ich fähig sein , morgen mit demselben Normalzustand von Kraft , Gesundheit und Frische zu arbeiten , wie heute. Du predigst mir beständig das Evangelium der ,, Sparsamkeit" und ,, Enthaltung". Nun gut! Ich will wie ein vernünftiger, sparsamer Wirth mein ein- ziges Vermögen , die Arbeitskraft , haushalten und mich jeder tollen Verschwendung derselben enthalten. Ich will täglich nur so viel von ihr flüssig machen, in Bewegung, in Arbeit umsetzen, als sich mit ihrer Normaldauer und gesunden Entwicklung verträgt. Durch massloses Ver- längern des Arbeitstages kannst du in Einem Tage ein grösseres Quantum meiner Arbeitskraft flüssig machen , als ich in drei Tagen ersetzen kann. Was du so an Arbeit gewinnst, verliere ich an Arbeitssubstanz. Die Be- nutz u n g meiner Arbeitskraft und die Beraub u n g derselben sind ganz verscliiedne Dinge. Wenn die Durchschnittsperiode, die ein Durchschnitts- arbeiter bei vernünftigem Arbeitsmass leben kann, 30 Jahre beträgt, ist der Werth meiner Arbeitskraft, den du mir einen Tag in den andern zahlst, T -' 77?r oder Vi 0950 i^ires Gesammtwerths. Consumirst du sie aber bbo X oU in 10 Jahren, so zahlst du mir nur ^3550 oder nur V3 ihres Werths täg- lich und bestiehlst mich daher täglich um 2/g des Werths meiner Waare. Du zahlst mir eintägige Arbeitskraft, wo du dreitägige verbrauchst. Das ist wider unsern Vertrag und das Gesetz des Waarenaustauschs. Ich ver- lange also einen Arbeitstag von normaler Länge und ich verlange ihn ohne Appell an dein Herz , denn in Geldsachen hört die Gemütlilichkeit 202 auf. Du magst ein Musterbürger sein , vielleicht Mitglied de? Vereins zur Abschaffung der Thierquälerei und obendrein im Gerucli der Fleiligkeit stehen, aber dem Ding, das du mir gegenüber repräsentirst, schlägt kein Herz in seiuer Brust. Was darin zu pochen scheint , ist mein eigner Herzschlag. Ich verlange den N o r m a 1 a r b e i t s t a g , weil ich den Werth meiner Waare verlange, wie jeder andre Verkäufer ^**^. Man sieht : von ganz elastischen Schranken abgesehn, ergiebt sich aus der Natur des Waarenaustauschs selbst keine Grenze des Arbeitstags, also keine Grenze der Mehrarbeit. Der Kapitalist behauptet daher nur sein Recht als Käufer, wenn er den Arbeitstag so lange als möglich und wo möglich aus Einem Arbeitstag zwei zu machen sucht. Andrerseits schliesst die spezifische Natur der verkauften Waare eine Schranke ihres Consums durch den Käufer ein , und der Arbeiter behauptet daher nur sein Recht als Verkäufer, wenn er den Arbeitstag auf eine bestimmte Normalgrösse beschränken will. Es findet hier also eine Antinomie statt, Recht wider Recht, beide gleichmässig durch das Gesetz des Waarenaustauschs besiegelt. Zwischen gleichen Rechten entscheidet die G e w a 1 1. Und so stellt sich in der Geschichte der kapitalistischen Produktion die Normirung des Arbeitstags als K a m p f u m d i e S c h r a n k e n d e s A r b e i t s t a g s d a r — ein Kampf zwischen dem Gesammtkapitalisten, d. h. der Klasse der Kapi- talisten, und dem Gesammtarbeiter, oder der Arbeiterklasse. Das Kapital, wie bereits bemerkt, hat die Mehrarbeit nicht er- funden. Ueberall, wo ein Theil der Gesellschaft das Monopol der Produk- tionsmittel besitzt, muss der Arbeiter, frei oder unfrei, der zu seiner Selbst- erhaltung nothwendigen Arbeitszeit überschüssige Arbeitszeit zusetzen, um die Lebensmittel für die Eigner der Produktionsmittel zu produziren *')5 ob dieser Eigenthümer nun ein atheniensischer xaXog Kayad-og, ein etruskischer Theokrat, civis romanus, normannischer Baron^ amerikanischer Sklavenhalter , walachischer Bojar , moderner Landlord oder Kapitalist 'lO) Während des grossen Strike der London builders, 1860 — 61 , zur Reduk- tion des Arbeitstags auf 9 Stunden, veröffentlichte ihr Comite eine Erklärung, die halb und halb auf das Plaidoyer unsres Arbeiters hinausläuft. Die Erklärung spielt nicht ohne Ironie darauf an, dass derProfitwüthigste der ,,building masters" — ein gewisser Sir M. Feto — im ,, Geruch der Heiligkeit" stehe. *') ,,Those who labour .... in reality feed both the pensioners called t he r i ch , and thcmsel vcs." (Edmund Bu rke 1. c. p. 2.) 203 ist*2^. Indess ist klar, dass wenn in einer ökonomisclien Gesellschafts- formation nicht der T a u s cli w e r t h , sondern der G e b r a u c h s w e r t h des l^rodukts vorwiegt , die Mehrarbeit durch einen engeren oder weiteren Kreis von Bedürfnissen beschränkt , aber kein schrankenloses Be- diirfniss nach Mehrarbeit durch den Charakter der Pro- duktion selbst gegeben ist. Wo wir im Alterthurae scheinbare Ab- weichungen von diesem Gesetz finden, bilden sie in der That seinen direk- testen Beweis. Am entsetzlichsten z. B. zeigt sich hier die üeberarbeit, wo der Tanschwerth in seiner selbstständigen Gestalt als Geld produzirt wird, in der Produktion von Gold und Silber. Gewaltsames zu Tod arbei- ten ist hier die offizielle Form der üeberarbeit. Man lese nur den Diodo- rus Siculus ^'^). Wenn jedoch Völker, bei denen sich die Produktion noch in den niedrigeren P"'ormen der Sklavenarbeit, Frohnarbeit u. s. w. bewegt, mitten in einem durch die kapitalistische Produktionsweis_e beherrschten Weltmarkt stehn , der den Verkauf ihrer Produkte ins Ausland zum vor- wiegenden Interesse entwickelt, wird den barbarischen Greueln der Skla- verei , Leibeigenschaft u. s. w.' der civilisirte Greuel der üeberarbeit auf- gepfropft. Daher bewahrte die Negerarbeit in den südlichen Staaten der amerikanischen Union einen gemässigt patriarchalischen Charakter, so lange die Produktion hauptsächlich auf den unmittelbaren 'Selbstbedarf ge- richtet war. In ^ dem Masse aber wie der Export der Baumwolle das Lebensinteresse jener Staaten wurde, wurde die üeberarbeitung des Negers, hier und da die Consumtion seines Lebens in sieben Arbeitsjahren, Faktor eines berechneten und berechnenden Systems. Es galt nicht mehr eine ^-) Sehr naiv bemerkt Ni cbu hr in seiner ,,Rümi sehen Geschichte": „Man kann sich nicht verhehlen, dass Werke wie die etruskischen , die in ihren Trümmern erstaunen, in kleinen (!) Staaten Frohnherrn und Knechte vor- aussetzen." Viel tiefer sagte Sismondi, dass ,, Brüsseler Spitzen" Lohnherrn und Lohndiener voraussetzen. ^^) ,, Man kann diese Unglücklichen (in den Goldbergwerken zwischen Acgypten, Aethiopien und Arabien), die nicht einmal ihren Körper reinlich halten, noch ihre Blosse decken künnen , nicht ansehen, ohne ihr jammervolles Schick- sal zu beklagen. Denn da findet keine Nachsicht und keine Schonung statt für Kranke, für Gebrechliche, für Greise, für die weibliche Schwachheit. Alle müssen, durch Schläge gezwungen , fortarbeiten , bis der Tod ihren Qualen und ihrer Noth ein Ende macht." Diod. Sic. Historische Bibliothek, Buch 3, c. 13. 204 gewisse Masse nützlicher Produkte aus ihm gewinnen. Es galt nun der Produktion des Mehrwerths selbst. Aehnlich mit der Frohnarbeit, z. B, in den Donaufürstenthümern. Die Vergleichung des Heisshungers nach Mehrarbeit in den Donau- fürstenthümern mit demselben Heisshunger in englischen Fabriken bietet ein besondres Interesse , weil die Mehrarbeit in der F r o li n a r b e i t eine selbstständige, sinnlich wahrnehmbare Form besitzt. Gesetzt der Arbeitstag zähle 6 Stunden nothwendiger Arbeit und 6 Stunden Mehrarbeit, So liefert der freie Arbeiter dem Kapitalisten wöchent- Uch 6X6, oder 36 Stunden Mehrarbeit. Es ist dasselbe, als ob er 3 Tage in der Woche für sich und 3 Tage in der Woche umsonst für den Kapitalisten arbeite. Aberdiess ist nicht sichtbar. Mehrarbeit und noth- wendige Arbeit verschwimmen in einander. Ich kann daher dasselbe Ver- hältniss z. B. auch so ausdrücken, dass der Arbeiter in jeder Minute 30 Sekunden für sich und 30 für den Kapitalisten arbeitet u. s. w. Anders mit der Frohnarbeit. Die nothwendige Arbeit, die der walachische Bauer z. B. zu seiner Selbsterlialtung veriichtet, ist räumlich getrennt von seiner Mehrarbeit für den Bojaren. Die eine verrichtet er auf seinem eignen Felde , die andre auf dem herrschaftlichen Gut. Beide Theile der Arbeitszeit existiren daher s e 1 b s t s t ä n d i g neben einander. Die Mehr- arbeit ist als F r 0 h n a r b e i t genau abgeschieden von der nothwendigen Arbeit. An dem quantitativen Verhältniss von Mehrarbeit und noth- wendiger Arbeit ändert diese verschiedne Erscheinungsform offenbar nichts. Drei Tage Mehrarbeit in der Woche bleiben drei Tage Arbeit , die kein Aequivalent für den Arbeiter selbst bildet, ob sie Frohnarbeit heisse oder Lohnarbeit. Bei dem Kapitalisten jedoch erscheint der Heisshunger nach Mehrarbeit im Drang zu m a s s 1 o s e r V e r 1 ä n g e r u n g d e s A r b e i t s- tags, bei dem Bojaren einfacher in unmittelbarer Jagd auf Frohntage**). Die Frohnarbeit war in den Donaufürstenthümern verknüpft mit Na- turalrenten und sonstigem Zubehör von Leibeigenschaft, bildete aber den entscheidenden Tribut an die herrschende Klasse. Wo dicss der Fall, entsprang die Frohnarbeit selten aus der Leibeigenschaft, sondern die Leibeigenschaft meist umgekehrt aus der Frohnarbeit. So in den rumäni- '*) Das Nachfolgende bezieht sich auf die Zustande der rumänischen Provin- zen, wie sie sich vor der Umwälzung seit dem Krimkrieg gestaltet hatten. 205 seilen Provinzen. Ihre in-sprüngliche Produktionsweise war ;uif Gemein- eigentlium gegründet, alier nicht auf Gemeineigentluim in slavischer oder gar indischer Form. Ein Theil der Ländereien wurde als freies Privat- eigenthurn von den Mitgliedern der Gemeinde selbstständig bewirthschaftet, ein anderer Theil — der ager publicus — gemeinsam von ihnen bestellt. Die Produkte dieser gemeinsamen Arbeit dienten theils als Reservefonds gegen Missernten imd andere Zufälle , theils als Staatsschatz zur Deckung für die Kosten von Krieg , Religion und andere Gemeindeausgaben. Im Laufe der Zeit usurpirten kriegerische und kirchliche Würdenträger mit dem Geraeineigenthum die Leistungen für dasselbe. Die Arbeit der freien Bauern auf ihrem Gemeindeland verwandelte sich in Frohnarbeit für die Diebe des Gemeindelandes. Damit entwickelten sich zugleich Leibeigenschafts-Verhältnisse , jedoch nur thatsächlich , nicht gesetzlich, bis das weltbefreiende Russland uuter dem Vorwand , die Leibeigenschaft abzuschaffen, sie zum Gesetz erhob. Der Kodex d e r F r o h n a r b e i t , den der russische General Kisseleff 1831 proklamirte, war natürlich von den Bojaren selbst diktirt. Russland eroberte so mit einem Schlag diese Magnaten der Donaufürstenthümer und den Beifallsklatsch des libe- ralen Cretinismus von ganz Europa. Nach dem ,,R e g 1 e m e n t o r g a n i q u e", so heisst jeuer Kodex der Frohnarbeit, schuldet jeder walachische Bauer , ausser einer Masse detail- lirter Naturalabgaben, dem s. g. Grundeigenthümer 1) 12 Arbeitstage überhaupt, 2) einen Tag Feldarbeit und 3) einen Tag Holzfuhre. Summa Summarum 14 Tage im Jahre. Mit tiefer Einsicht in die politische Oeko- nomie wird jedoch der Arbeitstag nicht in seinem ordinären Sinn genom- men , sondern der zur Herstellung eines täglichen Durchschnittsprodukts n 0 1 h w e n d i g e Arbeitstag, aber das tägliche Durchschnittsprodukt ist pfiffiger Weise so bestimmt, dass kein Cyklope in 24 Stunden damit fertig würde. In den dürren Worten echt russischer Ironie erklärt daher das ,, Reglement" selbst, unter 12 Arbeitstagen sei das Produkt einer Hand- arbeit von 36 Tagen zu verstehn , unter einem Tag Feldarbeit drei Tage, und unter einem Tag Holzfuhr ebenfalls das Dreifache. Summa: 42Frohn- tage. Es kommt aber hinzu die s. g. J o b a g i e , Dienstleistungen , die dem Grundherrn für ausserordentliche Produktionsbedürfnisse gebühren. Eine bestimmtes jährliches Quantum der Mannschaft, je nach der Anzahl der Doifbevölkerung, ist zur .Jobagie verfehmt. Diese zusätzliche Frohn- 206 arbeit wird für jeden walachischen Bauer auf 14 Tage geschätzt. So beträgt die vorgescliriebene Frohnarbeit 56 Arbeitstage jährlich. Das Ackerbaujahr zählt aber in der Walachei wegen des schlechten Klima's nur 210 Tage, wovon 40 für Sonn- und Feiertage, 30 durchschnittlich für Unwetter, zusammen 70 Tage ausfallen. Bleiben 140 Arbeitstage. 56 Das Verhältniss der Frohnarbeit zur nothwendigen Arbeit , - , oder 84 66^/3 Vo? drückt eine viel kleinere Rate des Mehrwerths aus als die, wekhe die Arbeit des englischen Agrikultur- oder Fabrikarbeiters regu- lirt. Diess ist jedoch nur die gesetzlich vorgeschriebene Frohnarbeit. Und in noch ,, liberalerem" (Seist als die englische Fabrikgesetzgebung hat das ,, Reglement organique" seine eigne Umgehung zu erleichtern gewusst. Nachdem es aus 12 Tagen 54 gemacht, wird das nominelle Tagwerk jedes der 54 Frohntage wieder so bestimmt, dass eineZubusse auf die folgenden Tage fallen muss. In einem Tag z. B. soll eine Landstrecke ausgegätet werden , die zu dieser Operation , namentlich auf den Maispflanzuugen, doppelt so viel Zeit erheischt. Das gesetzliche Tagwerk für einzelne Agrikulturarbeiten ist so auslegbar, dass der Tag im Monat Mai anfängt und im Monat Oktober aufhört. Für die M 0 1 d a u sind die Bestimmun- gen noch härter. ,,Die zwölf Frohntage des Reglement organique", rief ein siegtrunkener Bojar, „belaufen sich auf 365 Tage im Jahr!" 4^) War das Reglement organique der Donaufürstenthümer ein positiver Ausdruck des Heisshungers nach Mehrarbeit, den jeder Paragraph legalisirt, so sind die englischen F a c 1 0 r y A c t s nega- tive Ausdrücke desselben Heisshungers. Diese Gesetze treten dem Drang des Kapitals nach massloser Aussauguug der Arbeitskraft durch gewaltsame Beschränkung des Arbeitstags von Staats- wegen entgegen, und zwar von Seiten eines Staats, den Kapitalist und Landlord beherrschen. Von einer täglich bedrohlicher anschwellenden Ar- beiterbewegung abgesehn , diktirte dieselbe Nothwendigkeit die Beschrän- kung der Fabrikarbeit, welche den Guano auf die englischen Felder aus- goss. Dieselbe blinde Raubgier, die in dem einen Fall die Erde erschöpft, hatte in dem andern die Lebenskraft der Nation an der Wurzel ergriffen. *s) Weitere Details findet man in: ,,E. Refjnanlt: Mistoire ]ioli- t i q u e et s n c i n i e des P r i n c i j) a n t e s I) a n u 1 1 i c n n c s . Paris IS 5 5 . " 207 Periodische Epidemieen sprachen hier eben so deutlich als das abneh- mende S 0 1 d a t e n ra a s s in Deutschland und Frankreich *•'). Der jetzt regulirende Facto ry Act von 1850 erlaubt fih- den durchschnittlichen Wochentag 10 Stunden, nämlich für die ersten 5 Wochen-, tage 1 2 Stunden , von 6 Uhr Morgens bis 0 Uhr Abends , wovon aber V/g Stunde für Frühstück und eine Stunde für Mittagsessen gesetzlich ab- gehn, also lO^/o Arbeitsstunden bleiben, und 8 Stunden für den Samstag, von G Uhr Morgens bis 2 Uhr Nachmittags , wovon Y2 Stunde für Früh- stück abgeht. Bleiben (30 Arbeitsstunden, lO'/a f"r f^iß ersten 5 Wochen- tage, 7^/2 für den letzten Wochentag *''). Es sind eigne Wächter des Gesetzes bestellt , die dem Ministerium des Innern direkt untergeordneten Fabrikinspektoren, deren Berichte halbjährig von Parlamentswe- gen veröffentlicht werden. Sie liefern also eine fortlaufende und offizielle Statistik über den Kapitalistenheisshunger nach Mehrarbeit. Hören wir einen Augenblick die Fabrikinspektoren ^^). ■^o) ,,Im Allgemeinen spricht innerhalb gewisser Grenzen für das Gedeihen organischer Wesen das Ueberschreiten des Mittelmasses ihrer Art. Für den Menschen verkleinert sich sein Körpermass , wenn sein Gedeihen beeinträchtigt ist, sei es durch physische oder sociale Verhältnisse. In allen europäischen Län- dern, wo Konscription besteht, hat seit Einführung derselben das mittlere Körper- mass der erwachsenen Männer und im Ganzen ihre Tauglichkeit zum Kriegsdienst abgenommen. Vor der Revolution (1789) war das Maximum für den Infanterist in Frankreich 165 Centimeter ; 1818 (Gesetz vom 10. März) 157, nach dem Gesetz vom 21. März 1832, 156 Centimeter; durchschnittlich in Frankreich wegen mangelnder Grösse und Gebrechen über die Hälfte ausgemustert. Das Militair- mass war in Sachsen 1780: 178 Centimeter, jetzt 155. In Preussen ist es 157. Nach Angabe in der Bayrischen Zeitung vom 9. Mai 1862 von Dr. Meyer, stellt sich nach einem 9jährigen Durchschnitt heraus, dass in Preussen von 1000 Kon- scribirten 716 untauglich zum Militairdienst , 317 wegen Mindermass und 399 wegen Gebrechen .... Berlin konnte 1858 sein Kontingent an Ersatz-Mann- schaft nicht stellen, es fehlten 156 Mann." (J. v. Liebig: ,,Die Chemie in ihrer Anwendung auf Agrikultur und Physiologie. 1862. 7te Auflage." Bandl, p. 117, 118.) ■'■) Die Geschichte des Fabrikakts von 1850 folgt im Verlauf dieses Kapitels. ^8) Auf die Periode vom Beginn der grossen Industrie in England bis 1845 gehe ich nur hier und da eiu , und verweise den Leser darüber auf : ,,Die Lage der arbeitenden Klasse in England. VonFriedrich Engels. Leipzig 1845." Wie tief En g eis den G ci s tdcr kapit.alistischenPro- 208 „Der betrügerische Fabrikant beginnt äie Arbeit eine Viertelstunde, mancliaial früher, manchmal spater, vor 6 Uhr Morgens , und schliesst sie eine Viertelstunde, manchmal früher, manchmal später, nach 6 Uhr Nach- mittags. Er nimmt 5 Minuten weg vom Anfang und Ende der nominell für das Frühstück anberaumten halben Stunde , und knappt 1 0 Minuten ab zu Anfang und Ende der für Mittagsessen anberaumten Stunde. Samstag arbeitet er eine Viertelstunde, manchmal mehr, manchmal weniger, nach 2 Uhr Nachmittags. So beträgt sein Gewinn : Vor 6 Uhr Morgens . Nach 6 Uhr Nachmittags Für Frühstückszeit Beim Mittagsessen" . 15 Minuten. 15 Minuten. 10 Minuten. 20 Minuten. 60 Minuten. An Samstagen. Vor 6 Uhr Morgens . . 15 Minuten. Für Frühstück . . . 10 Minuten. Nach zwei Uhr Nachmittags 15 Minuten. Oder 5 Stunden 40 Minuten wöchentlich, was mit 50 Arbeitswochen multiplicirt , nach Abzug von 2 Wochen für Feiertage oder gelegentliche Unterbrechungen, 2 7 Arbeitstage giebt ^^)." Summa in 5 Tapfen: 300 Minuten. Wöchentlicher G e s a m m t g e ■ winn: 340 Minuten. duktionsweise begriff, zeigen die Facto ry Reports, Reports on Mines U.S.W., die seit 1845 erschienen sind, und wie bewunderungswürdig er die Zustände im Detail malte, zeigt der oberflächlichste Vergleich seiner Schriftmitden 18 bis 20 Jahre später verüfFentlichten officiellen Reports der ,,Children's Employment Commi ssi 0 n." (1863 — 67.) Diese handeln nämlich von Industriezweigen, worin die Fabrikgesetzgebung bis 1862 noch nicht eingeführt war, zum Theil noch nicht eingeführt ist. Hier wurde also den von Engels geschilderten Zuständen mehr oder minder grosse Aenderung nicht von aussen aufgeherrscht. Meine Bei- spiele entlehne ich hauptsächlich der Freihandelsperiode nach 1848, jener paradisi- schcn Zeit, wovon eben so grossmäulige als wissenschaftlich verwahrloste Frei- handelshausirbursehen den Deutschen so fabelhaft viel vorfauchen. — Uebrigens figurirt England hier nur im Vordergrund, weil es die kapitalistische Produktion klassisch repräsentirt und allein eine officicll fortlaufende Statistik der behandelten Gegenstände besitzt. ''^) ,,Sugges ti on s etc. by Mr. L. Homer, Inspector of Factories", im: ,,Factory Reg u 1 ati on 's A ct. Ordered by thcFIouse of Com- mons to be printed 9. Aug. 1859", p. 4, 5. 209 „Wird der Arbeitstag tJigiieli 5 Minuten über die Normaldauer ver- längert, so giebt das 2 '/o Produktionstage im Jahr. 5*')" ,,Eine zusätz- liche Stunde täglich, dadurch gewonnen, dass bald hier ein Stückchen Zeit erhascht wird , bald dort ein anderes Stückchen , macht aus den 1 2 Mona- ten des Jahrs 13" 5')- Krisen, worin die Produktion unterbrochen und nur ,, kurze Zeit", nur während einiger Tage in der Woche, gearbeitet wird, ändern natürlich nichts an dem Trieb nach Verlängerung des Arbeitstags. Je weniger GescJiäfte gemacht werden , desto grösser soll der Gewinn auf das geraachte Geschäft sein. Je weniger Zeit gearbeitet werden kann, desto mehr Surplusarbeits- zeit soll gearbeitet werden. So berichten die Fabrikinspektoren über die Periode der Krise von 1857 — 1858: „Man mag es für eine Inkonsequenz halten, dass irgendwelche Ueber- arbeit zu einer Zeit stattfinde , wo der Handel so schlecht geht , aber sein schlechter Zustand spornt rücksichtslose Leute zu Ueberschreitungen ; sie sichern sich so einen Extraprofit . . ." ,,Znr selben Zeit", sagt Leon- h a r d Ho r n e r , ,,wo 122 Fabriken in meinem Distrikt ganz aufgegeben sind, 143 still stehn und alle andern kurze Zeit arbeiten, wird die Ueber- arbeit über die gesetzlich bestimmte Zeit fortgesetzt ^2j<'_ „Obgleich", sagt Herr Howell, ,,in den meisten Fabriken des schlechten Geschäfts- stands wegen nur halbe Zeit gearbeitet wird , erhalte ich nach wie vor dieselbe Anzahl von Klagen, dass eine halbe Stunde oder ^ ,^ Stun- den täglich den Aibeitern weggeschnappt (snatched) werden durch Ein- griffe in die ihnen gesetzlich gesicherten Fristen für Mahlzeit und Erho- Dasselbe Phänomen wiederholt sich auf kleinerer Stufenleiter wäh- rend der furchtbaren Baumwollkrise von 1861 bis 1865 3^). •"■") „Reports of t li c Insp. of Fact. for tlie half yeav endeil 1856", p. ;u. •'') „Reports etc. .'?0th April 1858", p. 9. •"'-) „Reports etc." 1. c. p. 43. •"'•') „Reports etc." 1. c. p. 25. •"'■') „R eports.etc. for half year en d ing 30th April 1861." SiehAp- pendixN. 2; „Reports etc. SlstOctob. 1862", p. 7, 52, 5.3. Die Ueber- schrcitunojen werden wieder zahlreicher mit dem letzten Halbjahr 18C3. Vgl. „Reports etc. ending 31st Oct. 1863", p. 7. I. 14 210 ,,Es wird , zuweilen vorgeschützt, wenn wir Arbeiter während der Speisestunden oder sonst zu ungesetzlicher Zeit am Werk ertappen , dass sie die Fabrik durchaus nicht verlassen wollen, und dass es des Zwangs bedarf, um ihre Arbeit (Reinigen der Maschinen u. s. w.) zu unterbrechen , namentlich Samstag Nachmittags. Aber wenn die ,, Hände" nach Stillsetzung derMascliinerie in der Fabrik bleiben, geschieht es nur, weil ihnen zwischen 6 Uhr Morgens und 6 Uhr Abends, in den ge- setzlich bestimmten Arbeitsstunden, keine Frist zur Verrichtung solcher Geschäfte gestattet worden ist'^^)". ,,Der durch Ueberarbeit über die gesetzliche Zeit zu machende Extra- profit scheint für viele Fabrikanten eine zu grosse Versuchung, um ihr widerstehen zu können. Sie rechnen auf die Chance nicht ausgefunden zu werden und berechnen , dass selbst im Fall der Entdeckung die Gering- fügigkeit der Geldstrafen und Gerichtskosten ihnen immer noch eine Ge- wi n n b i I a n z sichert ^^')". ,,Wo die zusätzliche Zeit durch M u 1 1 i p 1 i - •'S) ,, Reports etc. 31st Oet. 1860", p. 23. Mit welchem Fanatismus, nach gerichtlichen Aussagen der Fabrikanten , ihre Fabrikhände sich jeder Unter- brechung der Fabrikarbeit widersetzen , zeige folgendes Kuriosum : Anfang Juni 1836 gingen den Magistrates von Dewsbury (Yorkshire) Dcnunciationen zu, wo- nach die Eigner von 8 grossen Fabriken in der Nähe von Batley den Fabrikakt ver- letzt hätten. Ein Theil dieser Herren war angeklagt, .5 Knaben zwischen 12 und 15 Jahren von 6 Uhr Morgen des Freitags bis 4 Uhr Nachmittag des folgenden Samstags abgearbeitet zu haben , ohne irgend eine Erholung zu gestatten , ausser i'iir Mahlzeiten und Eine Stunde Schlaf um Mitternacht. Und diese Kinder hatten die rastlose, SOstündige Arbeit zu verrichten indem ,,shoddy-hole", wie die Höhle heisst , worin Wollenlumpen aufgerissen werden und wo ein Liift- meer von Staub, Abfallen u. s. w. selljst den erwachsenen Arbeiter zwingt, den Mund beständig mit Schnupftüchern zu verbinden, zum Schutz seiner Lungen ! Die Herren Angeklagten versicherten an Eidesstatt — als Quäker .waren sie zu scru- pul(3s religiöse Männer einen Eid zu leisten, — sie hätten in ihrer grossen Barm- herzigkeit den elenden Kindern 4 Stunden Schlaf erlaubt , aber die Starrköpfe von Kindern wollten durchaus nicht zu Bett gehn ! Die Herrn Quäker wurden zu 20 Pfd. St. Geldbusse verurtheilt. Dryden ahnte diese Quäker: ,,Fox füll fraught in seeming sanctity, Tbat feared an oath, but like the devil would lie, That look'd like Lent, and had the holy leer, And durst not sin! before he said his prayer!" 56) ,,Rep. etc. 31. Oct. 1856" p. 34. J 211 kation kleiner Diebstähle (,,a rnult iplication of sraall tliefts") im Laufe des Tages gewonnen wird, stehn den Inspektoren fast unüberwindliche Seliwierigkeiten der Beweisfülnung im Weg-'")". Diese „kleinen D i e b s t ä h 1 c" des Kapitals an der Mahlz e i t und Erholungs- zeit der Arbeiter bezeichnen die Fabrikinspektoren auch als „petty pilfer- ings of raiuutes", Mausereien von Minuteu ■''^), ,,snatching a few niiuntes", Wegschnappen von Minuten ^^), oder wie die Arbeiter es technisch heissen, „nibblingand cribbling at meal times''*')". Man sieht, in dieser Atmosphäre ist die Bildung des M e lir - werths durch die Mehrarbeit kein Geheimniss. „Wenn Sie mir erlauben," sagte mir ein sehr respektabler Fabrikherr, ,, täglich nur 10 Minuten Ueberzeit arbeiten zu lassen, stecken Sie jährlich 1000 Pfd. St. in meine Tasche**')". ,,Zeitatorae sind die Elemente des Ge winns^^y. Nichts ist in dieser Hinsicht charakteristischer als die Bezeichnung der Arbeiter, die volle Zeit arbeiten, durch „füll tiraes" und die der Kin- der unter 13 Jahren, die nur (> Stunden arbeiten dürfen, als ,,half- times63)". Der Arbeiter ist hier nichts mehr als personifieirte Arbeits- zeit. Alle individuellen Unterschiede lösen sich auf in die von ,,VoIl- zeitler" und ,,Halbz eitler". Den Trieb nach Verlängerung des A r b ej t s t a g s , den Wehr- wolfsheisshnnger für Mehrarbeit, bcobacliteten wir bisher auf einem Gebiet, wo masslose Ausschreitungen , nicht übergipfelt , so sagt ein bürgerlicher englischer Oekonom, von den Grausamkeiten der Spanier gegen die Roth- häute Amerika's ^*) , das Kapital endlich an die Kette gesetzlicher 5') 1. c. p. 35. ^t*) 1. c, p. 48. s'J) 1. C. 60) 1. c. <■■') 1. c. p. 48. ''-) ,,Momeii t s are the el enien ts ofprofit." ,,Rep. o f th e In sp. etc. 30th April 1860", p. 50. •"•3) Der Ausdruck hat offizielles Bürgerrecht , wie in der Fabrik . so in den Fabrikberichten. '■*) ,,The cupidity of mill owners, whose crnelties in pnrsuits of gain , have hardly bcen excceded i)y those perpetrated by the Spaniards on the conque.st of 14* 212 Regulation gelegt haben. Werfen wir jetzt den Blick auf einige Produk- tionszweige, wo die Aussaugung der Arbeitskraft entweder noch heute fessel- frei ist oder es gestern noch war. „Herr Broughton, ein County Magistrate, erklärte als Präsident eines Meetings, abgehalten in der Stadthalle von Nottingham, am 1 4. Januar 18 60, dass in dem mit der Spitzen fabrikation beschäftigten Theile der städtischen Bevölkerung ein der übrigen civilisirten Welt un- bekannter Grad von Leid und Entbehrung vorherrscht .... Um 2 , 3, 4 Uhr des Morgens werden Kinder von 9 — 10 Jahren ihren schmutzigen Betten entrissen und gezwungen, für die nackte Subsistenz bis 10, 11, 12 Uhr Nachts zu arbeiten, während ihre Glieder wegschwinden , ihre Gestalt zusammenschrumpft, ihre Gesichtszüge abstumpfen und ihr menschliches Wesen ganz und gar in einem steinähnlichen Torpor erstarrt, dessen blos- ser Anblick schauderhaft ist. Wir sind nicht überrascht, dass Herr Mal- 1 e t und andere Fabrikanten auftraten , um Protest gegen jede Dis- kussion einzulegen .... Das System, wie der Rev. Mr. Montagu V a I p u es beschrieb, ist ein System unbeschränkter Sklaverei, Sklaverei in socialer, physischer, moralischer und intellektueller Beziehung. . . . Was soll man denken von einer Stadt, die ein öffentliches Meeting ab- liält , um zu p e t i t i 0 n i r e n , dass die Arbeitszeit für Männer täglich auf 18 Stunden beschränkt werden solle! . . . . Wir deklamiren gegen die virginischen und karolinischen Pflanzer. Ist jedocli ihr Negermarkt, mit allen Schrecken der Peitsche und dem Schacher in Menschenfleisch , abscheulicher als diese langsame Menschenabschlach- tung, die vor sich geht, damit Schleier und Kragen zum V o r t h e i 1 von Kapitalisten f a b r i z i r t werden^'')?" Die Töpferei (Pottery) von Staffor dshire hat während der letzten 22 Jahre den Gegenstand drei parlamentarischer Untersuchungen America, in tlie pursuit of golil. ' ' J o h n W a d c : ,,IT i s t o r y o f t ii e M i d d 1 e and Woiking Classes. 3d cd. Lond. 1835," p. 114. Der theoretische Tiieil dieses Buchs, eine Art Grnndriss der jiolitischen Oekonomie, enthält für seine Zeit einiges Originelle , z. B. über Handelskrisen. -Der historische Theil leidet an schamlosem Plagiarismus aus Sir M. Plden's: ,,Histor3' of the Poor. London 1799." •'•■') London Daily Telegraph vom 14. Januar 1860. 213 gebildet. Die Resultate sind niedergelegt im Bericht des Herrn Scriven von 1811 jin die „Cliildren's Employment Commissioners'', im Bericlit des Ür. Greenhow von 1860, veröffentlicht auf Befehl des ärztlichen Beamten des Privy Council (Public Health, 3d Re- port, I, 102 — 113), endlich im Bericht des Herrn Longe von 1863, in „First Report of the Children's Employment Comrais- sion" vom 13. Juni 1863. Für meine Aufgabe genügt ein kurzer Auszug aus den Zeugenaussagen der verarbeiteten Kinder, in den Bericliten von 1860 und 1863. Von den Kindern mag man auf die Erwachsenen schliessen, na- mentlich Mädchen und Frauen , und zwar in einem Industriezweig , neben dem Baumwollspinnerei u. d. g. als ein sehr angenehmes und gesundes Geschäft erscheint •'^j. Wilhelm Wood, neunjährig, ,,war 7 Jahre 10 Monate alt, als er zu arbeiten begann." Er ,,ran moulds" (trug die fertig geformte Waare in die Trockenstube , um nachher die leere Form zurückzubringen) von Anfang an. Er kommt jeden Tag in der Woche um 6 Uhr Morgens und hört auf ungefähr 9 Uhr Abends. ,,Ich arbeite bis 9 Uhr Abends jeden Tag in der Woche. So z. B. während der letzten 7 — 8 Wochen." Also fünfzehnstündige Arbeit für ein siebenjähriges Kind! J. Murray, ein zwölfjähriger Knabe, sagt aus: ,,I run moulds and turn jigger (drehe das Rad). Ich komme um 6 Uhr, manchmal um 4 Uhr Morgens. Ich habe während der ganzen letzten Nacht bis diesen Morgen 8 Uhr gearbei- tet. Ich war nicht im Bett seit der letzten Nacht. Ausser mir arbeiteten 8 oder 9 andre Knaben die letzte Nacht durch. Alle ausser Einem sind diesen Morgen wieder gekommen. Ich bekomme wöchentlich 3 sh. 6 d. ( 1 Thaler 5 Groschen). Ich bekomme nicht mehr, wenn ich die g a n z e N a c h t d u i- c h a r b e i t e. Ich habe in der letzten Woche zwei Nächte durchgearbeitet." Fernyhough, ein zehnjähriger Knabe : ,,Ich habe nicht immer eine ganze Stunde für das Mittagsessen ; oft nur eine halbe Stunde ; jeden Donnerstag, Freitag und Samstag ^^)." Dr. Greenhow erklärt die Lebenszeit in den Töpferdistrikten von Stoke-upon-Trent und Wo Istanton für ausserordentlich kurz. 6«) Vgl. Engels ,,Lage etc." p. 249 — 51. ") ,,Children's Employment Commission. First Report etc. 1863", Appendix p. 16, 19, 18. 214 Obgleich im Distriict Stoke nur 30.6%, und inWolstanton nur 30.4^/o der männlichen Bevölkerung über 20 Jahre in den Tüpfereien bescli<äftigt sind, fällt im ersten Distrikt m e h r a 1 s d i e H ä 1 f t e der Todesfälle an Rrustkvankheiten unter Männern über 20 Jahren, und im letzteren Distrikt ungefähr ^/^ , auf Töpfer. Dr. Boothroyd, praktischer Arzt zu Han- ley, sagt aus: ,,Jede successive Generation der Töpfer ist zv/erghafter und schwächer als die vorhergehende." Ebenso ein anderer Arzt , Herr McBean: ,, Seit ich vor 25 Jahren meine Praxis unter den Töpfern be- gann, hat sich die auffallende Entartung dieser Klasse fortschreitend in Abnahme von Gestalt und Gewicht gezeigt." Diese Aussagen sind dem Bericht des Dr. Greenhow von 18 6 0 entnommen 6^). Aus dem Bericht der Kommissäre von 18 6 3 Folgendes : Dr. J. T. Arledge, Oberarzt des North StafFordshire Krankenhauses, sagt : ,,Als eine Klasse repräsentiren die Töpfer, Männer und Frauen . . . eine entartete Bevölkerung, physisch und moralisch. Sie sind in der Regel verzwergt, schlecht gebaut , - und oft an der Brust verwachsen. Sie altern vorzeitig und sind kurzlebig; phlegmatisch und blutlos, verrathen sie die Schwäche ihrer Konstitution durch hartnäckige Anfälle von Dyspepsie , Leber- und Nierenstörungen und Rheumatismus. Vor allem aber sind sie Brustkrank- heiten unterworfen, der Pneumonie^ Phthisis, Bronchitis und dem Asthma. Eine Form des letztern ist ihnen eigenthümlich und bekannt unter dem Namen des Töpfer- Asthma oder der Töpfer-Schwindsucht. Skrophulose, die Mandeln , Knochen oder andre Körpertheile angreift , ist eine Krank- heit von mehr als zwei Dritttheilen der Töpfer . . . Dass die Entartung (Degenerescence) der Bevölkerung dieses Distrikts nicht noch viel grösser ist, verdankt sie ausschliesshch der Rekrutirung aus den umliegenden Landdistrikten und den Zwischenheirathen mit gesundern Racen." Herr Charles Pearson, vor kurzem noch House Surgeon derselben Kran- kenanstalt, schreibt in einem Briefe an den Kommissär Longe u. a. : ,,lch kann nur aus persönlicher Beobachtung , nicht statistisch sprechen , aber ich stehe nicht an zu versichern , dass meine Empörung wieder und wieder aufkochte bei dem Anblick dieser armen Kinder, deren Gesundheit geopfert wurde, um der Habgier ihrer Eltern und Arbeitsgeber zu fröhuen." Er zählt die Ursachen der Töpferkrankheiten auf und schliesst sie culminirend 1^) ,, Public Health. 3cl Rep or t etc.", p. 102, 104,105. 215 ab mit „Long Hours" („langen Arbeitsstunden"). Der Kommissions- bericlit liofft, dass „eine Manufaktur von so hervorragender Stellung in den Augen der Welt nicht lange mehr den Makel tragen wird, dass ihr grosser Erfolg begleitet ist von physischer Entartung, vielverzweigten körperlichen Leiden , und frühem Tode der Arbeiterbevölkerung , durch deren Arbeit und Geschick so grosse Resultate erzielt worden sindt'^)*'. Was von den Töpfereien in England, gilt von denen in Schottland '^"). Die Manufaktur von Schwefelhölzern datirt von 183 3, von der Pviitdeckung, den Phosphor auf die Zündruthe selbst anzubringen. Seit 1845 hat sie sich rasch in England entwickelt und von den dicht- bevölkertsten Theilen Londons namentlich auch nach Manchester, Bir- mingham, Liverpool, Bristol, Norwich, Newcastle, Glasgow verbreitet, mit ihr die Mundsperre, die ein Wiener Arzt schon 1845 als eigenthiimliche Krankheit der Schwefelholzraacher entdeckte. Die Hälfte der Arbeiter sind Kinder unter 13 und junge Personen unter 18 Jahren. Die Manu- faktur ist wegen ihrer Ungesundheit und Widerwärtigkeit so verrufen, dass nur der verkommenste Theil der Arbeiterklasse, halbverhungerte Wittwen u. s. w., Kinder für sie hergiebt, ,, zerlumpte, halb verhungerte, ganz verwahrloste und unerzogne Kinder'^')." Von den Zeugen, die Kommissär White (1863) verhörte, waren 270 unter 18 J., 40 unter 10 J., 10 nur 8 und 5 nm' 6 Jahre alt. Wechsel des Arbeitstags von 12 auf 14 und 15 Stunden, Nachtarbeit, unregelmässige Mahlzeiten, meist in den Arbeitsräumen selbst, die vom Phosphor verpestet sind^'). Dante würde in dieser Manufaktur seine grausamsten Höllenphantasien übertrof- fen finden. In der Tapetenfabrik werden die gröberen Sorten mit Maschinen, die feineren mit der Hand (block printing) gedruckt. Die lebhaftesten Ge- schäftsmonate fallen zwischen Anfang Oktober und Ende April. Wäh- rend dieser Periode dauert diese Arbeit häufig und fast ohne Unter- brechung von 6 Uhr Vormittags bis 10 Uhr Abends und tiefer in die Nacht. '^9) ,,Children's Eniploym. Commission. 1863", p. 24, 22 u. XI. ■0) 1. c. p. XLVII. '») 1. c. p. LIV. 216 J. Leach sagt aus: „Letzten Winter (1862) blieben von 19 Mäd- chen 6 weg in Folge durch Ueberarbeitung zugezogener Krankheiten. Um sie wach zu halten, rauss ich sie anschreien." W. Duffy: „Die Kinder konnten oft vor Müdigkeit die Augen nicht aufhalten , in der That, wir selbst können es oft kaum." J. Lightbourne: „Ich bin 13 Jahre alt . . . Wir arbeiteten letzten WMnter bis 9 Uhr Abends und den Winter vorher bis 10 Uhr. Ich pflegte letzten Winter fast jeden Abend vom Schmerz wunder Füsse zu schreien." G. Apsden: „Diesen meinen Jungen pflegte ich , als er 7 Jahre alt war , auf meinem Rücken hin und her über den Schnee zu tragen, und er pflegte 16 Stunden zu arbeiten! . . . Ich habe oft niedergekniet, um ihn zu füttern, während er an der M a s c h i n e s t a n d , d e n n er durfte sie nicht verlassen, oder stillsetzen." Smith, der geschäftsführende Associe einer Manchester- Fabrik: ,,Wir (er meint seine ,, Hände," die für ^,uns" arbeiten) arbeiten ohne Unterbrechung für Mahlzeiten, so dass die Tagesarbeit von 10*/2 Stunden um 4\/^ Uhr Nachmittags fertig ist, und alles Spätere ist Ueber- zeit^^j. (Ob dieser Herr Smith wohl keine Mahlzeit während 10 '/'.2 Stunden zu sich nimmt?) Wir (derselbe Smith) hören selten auf vor Q Uhr Abends (er meint mit der Konsumtion ,, unserer" Arbeitskraftsmaschi- nen) , so dass wir (iterum Crispinus) in der That das ganze Jahr durch Ueberzeit arbeiten . . . Die Kinder und Erwachsenen (152 Kinder und junge Personen unter 18 Jahren und 140 Erwachsene) haben gleich- mässig während der letzten 18 Monate im Durchschnitt allermin- destens 7 Tage und 5 Stunden in der Woche gearbeitet , oder 78^2 Stunden wöchentlich. Für die 6 Wochen endend am 2. Mai dieses Jahres (1863) war der Durchschnitt höher — 8 Tage oder 84 Stun- den in der Woche!" Doch fügt derselbe Herr Smith, der dem plu- '2) Diess ist nicht in unsrem Sinn der S u rpl us arb ei tsz ei t zu nehmen. Diese Herrn betrachten die I0V2 stündige Arbeit als Normalarbeitstag, der also auch die normale Mehrarbeit einschliesst. Dann beginnt , ,d i c Ueberzeit," die etwas besser bezahlt wird. Man wird bei einer spätem Gelegenheit sehn, dass die Verwendung der Arbeitskraft während des sogenannten N o r ni a 1 1 a g e s unter dem Werthe bezahlt wird, so dass die ,, Ueberzeit" ein blosser Kapitalistenpfift' ist, um mehr,, Mehrarbeit" auszupressen, was es übrigens selbst dann bleibt, wenn die während des ,, Normaltages" verwandte Arbeitskraft wirklich voll bezahlt wird. 217 ralis majestatis so sehr ergeben ist, scliiminzelnd hinzu : „Maschinenarbeit ist leicht." Und so sagen die Anwender des Block Printing : „Handar- beit ist gesunder als Maschinenarbeit." Im Ganzen erklären sich die Herrn Fabrikanten mit Entrüstung gegen den Vorschlag, „die Maschi- nen wenigstens während der Mahlzeiten still zu setze n". ,,Ein Gesetz," sagt Herr Otley, der manager einer Tapetenfabrik in Borough, das ,, Arbeitsstunden von 6 Uhr Morgens bis 9 Uhr Abends er- laubte, würde uns (!) sehr wohl zusagen, aber die Stunden des Factory Act von 6 Uhr Morgens bis 6 Uhr Abends passen u n s (I) nicht . . . Unsere Maschine wird während des Mittagessens (welche Gross- muth !) still gesetzt. Das Stillsetzen verursacht keinen nennenswerthen Verlust an Papier und Farbe. ,,Aber," fügt er sympathetisch hinzu, ,,ichkann verstehn, dass der damit verbundene Verlust nicht geliebt wird." Der Kommissionsbericht meint naiv, die Furcht einiger „leitender Firmen" Zeit, d. h. Aneignungszeit fremder Arbeitszeit, und dadurch ,, Profit zu verlieren," sei kein ,, hinreichender Grund," um Kinder unter 13 und junge Personen unter 18 Jahren während 12 — 16 Stunden ihr Mittagsmahl ,, verlieren zu lassen", oder es ihnen zuzusetzen, wie man der Dampfmaschine Kohle und Wasser, der Wolle Seife, dem Rad Oel u. s. w. zusetzt, — während des Produktionsprozesses selbst, als blossen H i 1 f s s t o f f d e s A r b e i t s m i 1 1 e 1 s ^3)_ Kein Industriezweig in England — (wir sehn von dem erst neuer- dings sieh hahnbrechenden Maschinenbrod ab) — ■ hat so alterthümliche, ja, wie man aus den Dichtern der römischen Kaiserzeit ersehn kann , vor- christliche Produktionsweise bis heute beibehalten, als die Bäckerei. Aber das Kapital, wie früher bemerkt, ist zunächst gleichgültig gegen den technologischen Charakter des Arbeitsprozesses, dessen es sich be- mächtigt. Es nimmt ihn zunächst, wie es ihn vorfindet. Die unglaubliche Brodverfälsclmng , namentlich in London , wurde zuerst enthüllt durch das Comite des Unterhauses ,,über die Verfäl- sch ung von Nahrungsmitteln" (1855 — 56) und Di-. HassalFs Schrift : ,,A d u 1 1 e r a t i o n s d e t e c t e d ^'»)". Die Folge dieser P^nthül- lungeu w-ar das Gesetz vom 6. August 1860: ,,for preventing the adulte- "3) 1. c. Appendix p. 123, 124, 125, 140 u. LIV. "*) Alaun, fein gerieben , oder mit Salz gemischt, ist ein normaler Handels- artikel, der den bezeichnenden Namen ,,bakcr's stuff" führt. 218 ration of articles of food and drink," ein wirkungsloses Gesetz, da es natürlich die höchste Delikatesse gegen jeden free-trader beobachtet , der sich vornimmt durch Kauf und Verkauf gefälschter Waaren „to turn an honest penny7'5)." Das Comite selbst formulirte mehr oder minder naiv seine Ueberzeuguug , dass Freihandel wesentlich den Handel mit gefälsch- ten, oder wie der Engländer es witzig nennt, ,,sopliisticirten Stoffen" be- deute. In der That, diese Art ,,Sophistik" versteht es besser als Protagoras schwarz aus weiss und weiss aus schwarz zu machen , und besser als die Eleaten den blossen Schein alles Realen ad oculos zu demonstriren '^'^). Jedenfalls hatte das Comite die Augen des Publikums auf sein ,, täg- liches Brod" und damit auf die Bäckerei gelenkt. Gleichzeitig er- scholl in öfteutlichen Meetings und Petitionen an das Parlament der Schrei der Londoner Bäckergesellen über Ueberarbeitung u. s. w. Der Schrei wurde so dringend, dass Herr H. S. Tremenheere, auch Mitglied der mehrerwähnten Kommission von 1863, zum königlichen Untersuchungs- kommissär bestallt wurde. Sein Bericht ^'^) , sammt Zeugenaussagen, regte das Publikum auf, nicht sein Herz, sondern seinen Magen. Der bibelfeste P]ngländer wusste zwar, dass der Mensch, wenn nicht durch ■'S) Russ ist bekanntlich eine sehr energische Form des Kohlenstoffs und bildet ein Düngmittel , das kapitalistische Schornsteinfeger lin englische Pächter verkaufen. Es ereignete sich nun 1862 einProzess, worin der britische ,,Juryman" entscheiden sollte, ob Russ , welchem ohne Wissen des Käufers GC/n Staub und Sand beigemischt sind, ,, wirklicher" Russ im ,,commerciellen" Sinn oder ,, ge- fälschter" Russ im ,, gesetzlichen" Sinn sei. Die ,,amis du commerce" entschie- den, es sei ,, wirklicher" commercieller Russ, und wiesen den klagenden Pächter ab, der noch obendrein die Prozesskosten zu zahlen hatte. 'f') Der französische Chemiker Chevallier, in einer Abhandlung über die ,,sophistications" der Waaren, zählt unter 600 und einigen Artikeln, die er Revue passiren lässt, für viele derselben 10, 20, 30 verschiedne Methoden der Fälschung auf. Er fügt hinzu, er kenne nicht alle Methoden und erwähne nicht alle, die er kenne. Für den Zucker giebt er 6 Fälschungsarten, 9 für das Olivenöl, 10 für die Butter, 12 für das Salz, 19 für die Milch, 20 für das Brod, 23 für den Brannt- wein, 24 für Mehl, 28 für Chokolade, 30 für Wein, 32 für Kaffee etc. '") ,,Report etc. relating to theGrievances complained ofby the Journeymen Bakers etc. London 1862" und ,,Second Report etc. London 1863." 219 Gnaden wall I Kapitalist oder Landlord oder Sinekurist, dazAi be- rufen ist , sein Brod im Schweisse seines Angesichts zu essen , aber er wusste nicht, dass er in seinem Brode täglich ein gewisses Quantum Mens eben seh weiss essen muss, getränkt mit Eiterbeulenauslee- rung, Spinnweb, schwarzen Käfer -Leichnamen und fauler deutscher Hefe, abgesehn von Alaun, Sandstein und sonstigen angenehmen mineralischen Ingredienzen. Ohne alle Rücksicht auf Seine Heiligkeit, den ,,Free- trade", wurde daher die anhero ,, freie" Bäckerei der Aufsicht von Staats- inspektoren unterworfen (Ende der Parlamentssitzung 1863) und durch denselben Parlamentsakt die Arbeitszeit von 9 Uhr Abends bis 5 Uhr Mor- gens für Bäckergesellen unter 18 Jahren verboten. Die letztere Klausel spricht Bände über die Ueberarbeitung in diesem uns so altvaterisch an- heimelnden Geschäftszweig. ,,Die Arbeit eines Londoner Bäckergesellen beginnt in der Regel um 1 1 Uhr Nachts. Zu dieser Stunde macht er den Teig, ein sehr müh- samer Prozess, der 1/2 bis V4 Stunden währt, je nach der Grösse des Ge- bäcks und seiner Feinheit. Er legt sich dann nieder auf das Kneetbrett, das zugleich als Deckel des Trogs dient, worin der Teig gemacht wird, und schläft ein paar Stunden mit einem Mehlsack unter dem Kopf und einem andern Mehlsack auf dem Leib. Dann beginnt eine rasche und un- unterbrochene Arbeit von 4 Stunden , Werfeji, Wägen , Formen , in den Ofen schieben, aus dem Ofen holen u. s. w. des Teiges. Die Temperatur eines Backhauses beträgt von 7b bis 90 Grad und in den kleinen Back- häusern eher mehr als weniger. Wenn das Geschäft Brod, Wecken u. s. w. zu machen vollbracht ist , beginnt die Vertheilung des Brods ; und ein be- trächtlicher Theil derTaglöhner, nachdem er die beschriebene harte Nacht- arbeit vollbracht, trägt während des Tags das Brod in Körben, oder schiebt es in Karren, von Haus zu Haus und operirt dazwischen auch manch- mal im Backhaus. Je nach der Jahreszeit und dem Umfang des Geschäfts endet die Arbeit zwischen 1 und 6 Uhr Nachmittags , während ein andrer Theil der Gesellen bis spät um Mitternacht im Backhaus beschäftigt jsf^^)". ,, Während der Londoner Saison beginnen die Gesellen der Bäcker zu ,, vollen" Brodpreisen im Westend regelmässig um 1 1 Uhr Nachts , und sind mit dem Brodbacken , unterbrochen durch einen oder zwei oft sehr '") 1. c. First Report etc. p. XL. 220 kurze Zwischenräume , bis 8 Ubr des uächsteii Morgens beschäftigt. Sie werden dann bis 4, 5, 6 , ja 7 Uhr zur Brodherumträgerei vernutzt oder manchmal mit Biscuitbacken im Backhaus. Nach vollbrachtem Werk ge- niessen sie einen Schlaf von G , oft nur von 5 und 4 Stunden. Freitags beginnt die Arbeit stets früher, sage Abends 1 0 Uhr und dauert ohne Unter- lass, sei es in der Zubereitung , sei es in der Colportirung des Brods , bis den folgenden Samstag Abend 8 Uhr, aber meist bis 4 oder 5 Uhr in Sonn- tag Nacht hinein. Auch in den vornehmen Bäckereien, die das Brod zum ,, vollen Preise" verkaufen, muss wieder 4 — 5 Stunden am Sonntag vorbe- reitende Arbeit für den nächsten Tag verrichtet werden . . . Die Bäcker- gesellen der „underselling masters" (die das Brod unter dem vollen Preise verkaufen), und diese betragen, wie früher bemerkt, über ^j/^ der Londoner Bäcker, haben noch längere Arbeitsstunden, aber ihre Arbeit ist fast ganz auf das Backhaus beschränkt , da ihre Meister, die Lieferung an kleine Kramläden ausgenommen, nur in der eignen Boutique verkaufen. Gegen ,,Ende" der Woche, d. h. am Donnerstag beginnt hier die Arbeit um 10 Uhr in der Nacht und dauert bis tief in Sonntag Nacht hinein '^)." Von den ,, underselling masters" begreift selbst der bürgerliche Standpunkt : ,,die unbezahlte Arbeit der Gesellen (the unpaid la- büur of the men) bildet die Grundlage ihrer Konkurrenz" ^^). Und der ,,full pri- ced baker" denunzirt seine „underselHng" Konkurrenten der Untersuchungs- kommission als Diebe fremder Arbeit und Fälscher. ,,Sie reussiren nur durch den Betrug des Publikums und dadurch dass sie 18 Stunden aus ihren Gesellen für einen Lohn von 12 Stunden herausschlagen*')." Die Brodfälschung und die Bildung einer Bäckerklasse, die das Brod unter dem vollen Preise verkauft, entwickelten sich in England seit An- fang des 18. Jahrhunderts, sobald der Zunftcharakter des Gewerbs verfiel und der Kapitalist in der Gestalt von Müller oder Mehlfaktor hinter '») .1. c. 11. LXXI. t*o) George Read: ,,The History of Baking. London 1848," p. 16. 81) Report (First) etc. Evidenec. Aussage des ,, lull priced baker" Cheeseman p, 108. Dass der Lohn für 12 Stunden den vielleicht nur 6stündigen Werth der Arbeitskraft ausdrückt, und 6 Stunden daher ,, unbezahlt" sind von den 12, ahnt der ,,full priced" Mr. Cheeseman schwerlich. I 221 den nominellen Bäckermeister trat ^-). Damit war die Grundlage zur kapitalistischen Produktion, zur masslosen Verlängerung des Arbeitstages und Nachtarbeit gelegt, obgleich letztere selbst in London erst 1824 ernst- haft Fuss fasste ^'). Man wird nach dem Vorhergehenden verstehn , dass der Kommis- sionsbericht die Bäckergesellen zu den kurzlebigen Arbeitern zählt, die, nachdem sie der unter allen Theilen der Arbeiterklasse normalen Kinder- decimation glücklieh entwischt sind , selten das 42. Lebensjahr erreichen. Nichts desto weniger ist das Bäckergewerb stets mit Kandidaten über- füllt. Die Zufuhrquellen dieser ,, Arbeitskräfte" für London sind Schott- land, die westlichen Agrikulturdistrikte Englands und — Deutsch- land. In den Jahren 1858 — 1860 organisirten die Bäckergesellen in Ir- land auf ihre eigenen Kosten grosse Meetings zur Agitation gegen die Nachtarbeit und das Arbeiten an Sonntagen. Das Publikum , z. B. auf dem Maimeeting zu Dublin, 1860, ergriff, der zündenden Natur des Irlän- ders gemäss , überall lebhaft Partei für sie. Ausschliessliche Tagesarbeit wurde durch diese Bewegung in der That erfolgreich durchgesetzt zu Wexford, Kilkenny, Clonmel, Waterford u. s. w. ,,Zu Limerick, wo die Qualen der Lohngesellen bekanntermassen alles Mass überstiegen , schei- terte die Bewegimg an der Opposition der Bäckermeister , namentlich der Bäcker-Müller. Das Beispiel Limerick's führte zum Rückschritt in Ennis und Tipperar}'. Zu Cork , wo der öffentliche Unwille sich in der lebhaf- testen Form kundgab, vereitelten die Meister die Bewegung durch den Gebrauch ihrer Maclit die Gesellen an die Luft zu setzen. Zu Dublin lei- steten die Meister den entschiedensten Widerstand und zwangen durch Ver- folgung der Gesellen , die an der Spitze der Agitation standen , den Rest *2) George Read 1. c. Ende des 17. und Anfangs des 18. Jahrhunderts wurden die in alle müglichen Gewerbe sich eindrangenden Factors (Agenten) noch oflicicll als „Public Nuisances" denuncirt. So erliess z. B. die Grand Jury, bei der vierteljährigen Friedensrichtersitzung in der Grafschaft Somerset, ein ,,present- ment" an das Unterhaus, worin es u. a. heisst: ,,that these factors of Elackwell Hall are a Publick Nuisance and Prejudice to the Clothing Trade, and oiight to be jint down as a Nuisance." (,,TheCase of our K nglishWool etc. Lon- don 168.5", p. C, 7.) »3) Fir.st Report etc. ji. VIIT. 222 zum Nachgeben, zur Fügung in die Nacht- und S o n n t a g s a r b e i t ^*)," Die Kommission der in Irland bis an die Zähne gewaffneten englischen Regierung remonstrirt leichenbitterlich gegen die unerbittlichen Bäckermei- ster von Dublin, Limerick, Cork u. s. w. : ,,Das Comitt^ glaubt, dass die Ar- beitsstunden durch Naturgesetze beschränkt sind, die nicht ungestraft verletzt werden. Indem die Meister durch die Drohung sie fortzujagen, ihre Arbeiter zur Verletzung ihrer religiösen Ueberzeugung , zum Unge- horsam gegen das Landesgesetz und die Verachtung der öffentlichen Mei- nung zwingen ," (diess letztere bezieht sich alles auf die Sonntagsarbeit), ,, setzen sie böses Blut zwischen Kapital und Arbeit und geben ein Bei- spiel, gefährlich für Religion , Moralität und öffentliche Ordnung . . . Das Comite glaubt, dass die Verlängerung des Arbeitstags über 12 Stunden ein usurpatorischer Eingriff in das häusliche und Privatleben des Arbeiters ist und so zu unheilvollen moralischen Resultaten führt , durch Einmischung in die Häuslichkeit eines Mannes und die Erfüllung seiner F a m i 1 i e n p f 1 i c h t e n als Sohn, Bruder, Gatte und Vater. Arbeit über 12 Stunden hat die Tendenz die Gesundheit des Ar- beiters zu untergrajben, führt zu v o r z e i t i g e r A 1 1 e r u n g und f r ü h e m Tod und daher zum Unglück der Arbeiterfamilien , die der Vorsorge und der Stütze des Familienhaupts grade im nothwendigsten Augenblick be- raubt werden" (,,are deprived") ^S). Wir waren eben in Irland. Auf der andern Seite des Kanals, in Schottland, denuncirt der Ackerbauarbeiter, der Mann des Pfluges, seine 13 — 14stündige Arbeit, im rauhsten Klima , mit vierstün- diger Zusatzarbeit für den Sonntag , (in diesem Lande der Sabbat-Hei- ligen !) ^^), während vor einerLondoner Grand Jury gleichzeitig drei Eisen- bahnarbeiter stehn , ein Personencondukteur, ein Lokomotiveuführer und ein Signalgeber. Ein grosses Eisenbahnunglück hat Hunderte von Passa- 8') ,,Report of Committee on the Baking Trade iniroland for 1861." »'") 1. c. >*''') Oef fen tli dies Meeting der Agr i kul tu rarb ei ter in Lass- wade , bei Glasgow, vom 5. Jan. 1866. (Sieh ,,Wo r k m an's A d vo ca t e" vom 13. Jan. 1866.) Die Bildung, seit Ende 186,5, einer Trade's Union unter den Agrikulturarbeitern, zunächst in Scliottland, ist ein historisches Ereigniss. 223 gieren in die andere Welt expedirt. Die Nachlässigkeit der Eisen- balniarbeiter ist die Ursache des Unglücks. Sie erklären vor den Ge- schworenen einstimmig, vor 10 bis 12 Jahren habe ihre Arbeit nur 8 -Sf linden täglich gedauert. Während der letzten 5— 6 Jahre habe man sie auf 14, 18 und 20 Stunden aufgeschraubt und bei besonders lebhaftem Zu- di-ang der Reiselustigen, wie in den Perioden der Excursion-trains , wJlhre sie oft ununterbrochen 40 — r)0 Stunden. Sie seien gewöhnliche Men- schen und keine Cyklopeu, Auf einem gegebnen Punkt versage ihre Ar- beitskraft. Torpor ergreife sie. Ihr Hirn höre auf zu denken und ihr Auge zu sehn. Der ganz und gar ,.respectable British Juryman" antwortet durch ein Verdikt, das sie wegen ,,manslaughter" (Todtschlag) vor die nächsten Assisen schickt, und in einem milden Anhang den frommen Wunsch äussert, die Herren Kapitalmagnaten der Eisenbahn möchten doch in Zukunft verschwenderischer im Ankauf der nöthigen Anzahl von ,, Ar- beitskräften" und ,, enthaltsamer " oder ,,ent sagender" oder „sparsamer" in der Aussaugung der bezahlten Arbeitskraft sein s'^) ! Aus dem buntscheckigen Haufen der Arbeiter von allen Professionen, Altern, Geschlechtern, die eifriger auf uns andrängen als die Seelen der Erschlagenen auf den Odysseus , und denen man , ohne die Blaubücher unter ihren Armen , auf den ersten Blick die Ueberarbeit ansieht , greifen wir noch zwei Figuren heraus , deren frappanter Kontrast beweist , dass vor dem Kapital alle Menschen gleich sind , — eine Putzmacherin und einen Grobschmidt. In den letzten Wochen von Juni 1863 brachten alle Londoner Tagesblätter einen Paragraph mit dem ,,sensational" Aushängeschild : ,.Death from simple Overwork" (Tod von einfacher Ueber- arbeit). Es handelte sich um den Tod der Putzmacherin Mary Anne Walkley, zwanzigjährig, beschäftigt in einer sehr respektablen Hofputz- manufaktur, exploitirt von einer Dame mit dem gemüthlichen Namen 87) ,,Reynold's Paper" vom 20. Jan. 1866. Woche für Woche bringt dasselbe Wochenblatt gleich darauf, unter den ,,sen.sational leadings : ,,Fcarfui and fatal accidents" ,,Appalling tragedies" u. s. w., eine ganze Liste neuer Eisen- bahnkatastrophen. Darauf antwortet ein Arbeiter von der North Staftordlinie : ,, Jedermann kennt die Folgen, wenn die Aufmerksamkeit von Lokomotivenführer und Heizer einen Augenblick erlahmt. Und wie ist es anders möglich bei mass- 224 Elise. Die alte oft erzählte Gesclnclite ward nun neuentdeckt ^S) , dass diese Mädchen durclischnittlich Iß^'^ »Stunden, wäln-end der Saison aber oft 30 Stunden ununterbrochen arbeiten , indem ihre versagende „Arbeits- kraft" durch gelegentliche Zufuhr von Sherry, Portwein oder Kaffee flüssig erhalten wird. Und es war grade die Höhe der Saison. Es galt die Prachtkleider edler Ladies für den Hnldigungsball bei der frisch importir- ten Prinzessin von Wales im Umsehn fertig zu zaubern. Maiy Anne Walkley hatte 2ß' 2 Stunden ohne Unterlass gearbeitet zusammen mit 60 andern Mädchen, je 30 in einem Zimmer, das kaum ^3 der nöthigen Kubikzoll Luft gewährte, während sie Nachts zwei zu zwei E i n Bett theil- ten in einem der Sticklöcher , worin E i n Schlafzimmer durch verschiedne Bretterwände abgepfercht ist ^^J. Und diess war eine der besseren Putz- loser Verlängerung der Arbeit, im rauhsten Wetter, ohne Pause und Erholung? Nehmt als ein Beispiel, wie es täglich vorkommt, folgenden Fall. Letzten Montag begann ein Heizer sehr früh Morgens sein Tageswerk. Er endete es naclv 14 Stunden, 50 Minuten. Bevor er auch nur die Zeit hatte, seinen Thee zu nehmen, wurde er von neuem an die Arbeit gerufen. Er hatte also 29 Stunden, 1.^) Mi- nuten ununterbrochen durchzuschanzen. Der Rest seines Wochen werks wurde aufgemacht wie folgt: Mittwoch, 15 Samden ; Donnerstag 15 Stunden, 35 Mi- nuten ; Freitag 14'/2 Stunden ; Sonnabend 14 Stunden, 10 Minuten; zusammen für die Woche 88 Stunden, 40 Minuten. Und nun denkt euch sein Erstaunen, als er nur Zahlung für 6 Arbeitstage erhielt. Der Mann war ein Neuling und fragte, was man unter einem Tagewerk verstehe. Antwort: 13 Stunden, also 78 Stunden per Woche. Aber wie mit der Zahlung für die überschüssigen 10 Stunden, 40 Minuten? Nach langem Hader erhielt er eine Vergütimg von 10 d. (noch nicht 10 Silbergroschen)." 1. c. Nr. vom 4. Februar, 1866. 8») Vgl. F. Engels 1. c. p. 253, 254. 8») Dr. Letheby, beim Board of Health funktionirender Arzt, er- klärte damals: ,,Das Minimum für jeden Erwaehsnen in einem Schlafzimmer sollte 300 Kubikfuss und in einem Wohnzimmer 500 Kubikfuss Luft sein." Dr. Richardson, Oberarzt eines Londoner Hospitals: ,,Nätherinnen aller Art, Putzmacherinnen, Kleidermacherinnen und gewöhnliche Näherinnen , leiden an dreifachem Elend — Ueberarbeit, Luftmangel und Mangel an Nahrung oder Mangel an Verdauung. Im Ganzen passt diese Art Arbeit für Weiber, besser unter allen Umständen als für Männer. Aber das Unheil des Geschäfts ist, dass es, namentlich in der Hauptstadt, von einigen 26 Kapitalisten monopolisirt wird , die durch Machtmittel ,' welche dem Kapital entspringen , (that spring from capital) (> e k o n o m i e aus der Arbeit hcranszwingen , (force economy out of labour ; er meint, Ausl.agcn ükonomisiren durch Verschwendung der Arbeitskraft). Diese ^— 225 — niachercieu Londons. Mary Anne Walkley erkiaukto am Fn;ita). „Kein raeiischlidies Gemüth," heisstes, ,,kann die Arbeitmasse, die nach den Zeugenaussagen durcli Knaben von 9 bis 12 Jahren verriclitet wird , überdenken, ohne unwider- stehlich zum Scldusse zu kommen , dass dieser Machtmissbraueli der Eltern und Arbeitgeber nicht länger erlaubt werden darf^*")." ,,Die Methode Knaben überhaupt Mb wechselnd T;>g und Nacht arbei- ten zu hissen, führt, sowohl während des Geschäftsdrangs als während des gewöhnlichen Verlaufs der Dinge , zu schmählicher Verlängerung des Arbeitstags. Diese Verlängerung ist in vielen Fällen nicht nur grau- sam, sondern g r a d e z u unglaublich. Es kann nicht fehlen, dass aus einer oder der andern Ursache ein Ablösungsknabe hier und da weg- bleibt. Einer oder mehrere der anwesenden Knaben, die ihren Arbeitstag bereits vollbracht, müssen dann den Ausfall gut machen. Diess System ist so allgemein bekannt , dass der manager eines Walzwerks , auf meine Frage, wie die Stelle der abwesenden Ersatzknaben ausgefüllt würde, ant- wortete: Ich weiss wohl, dass Sie das eben so gut wissen als ich, und er nahm keinen Austand die Thatsache zu gestehn ^^j." ,,In einem Walzwerke, wo der nominelle Arbeitstag für den einzelnen Arbeiter ll^o Stunden war, arbeitete ein Junge 4 Nächte jede Woche bis mindestens 8^/2 Uhr Abends des nächsten Tags und diess während der 6 Monate, wo er engagirt war." ,,Ein Andrer arbeitete im Alter von 9 Jahren manchmal drei z wöl fs tu n di ge Ablösungs ter m ine nach einander, und im Alter von 1 0 Jahren, zwei Tage und zwei Nächte nach einander." ,,Ein Dritter , jetzt 10 Jahre , arbeitete von Morgens 6 Uhr bis 12 Uhr in die Nacht während drei Nächten und bis 9 Uhr Abends während der andren Nächte." ,,Ein Vierter, jetzt 1-3 .Jahre, arbeitete von 6 Uhr Nachmittags bis den andern Tag 12 Uhr Mit- tags, w ährend einer ganzen Woche , und manchmal drei Ablösungstermine nach einander, von Montag Morgen bis Dienstag Nacht." „Ein Fünfter, jetzt 12 Jahre, arbeitete in einer Eisengiesserei zu Stavely von 6 Uhr Morgens bis 12 Uhr Nachts während 14 Tagen , ist unfähig es länger zu thun." ,, George Allinsworth, neunjährig: „Ich kam hierhin 95) 1. c. 57, p. XII. 9«) 1. c. (4th Rep. 1865) 58, p. XII. 9-') 1. c. 230 letzten Freitag. Nächsten Tag hatten wir um 3 Uhr Morgens anzufangen. Ich blieb daher die ganze Nacht hier. Wohne 5 Meilen von hier. Schlief auf der Flur mit einem Schurzfell unter mir und einer kleinen Jacke über mir. Die zwei andern Tage war ich hier um 6 Uhr Morgens. Ja ! diess ist ein h eis s er Platz! Bevor ich herkam, arbeitete ich ebenfalls während eines ganzen Jahres in einem Hochofen. Es war ein sehr grosses Werk , auf dem Lande. Begann auch Samstag Morgens um 3 Uhr, aber ich konnte wenigstens nach Hause schlafen gehn, weil es nah war. An andern Tagen fing ich 6 Uhr Morgens an und endete 6 oder 7 Uhr Abends u. s. w. »S}." ^^) 1. c. p. XIII. Die Bildungsstufe dieser ,, Arbeitskräfte" muss natürlich so sein , wie sie in folgenden Dialogen mit einem der Untersuchungskommissdre erscheint! ,,J e r e mi as Hay n es , 12 Jahre alt: . . Viermal vier ist acht, aber vier Vierer (4 fours) sind 16 . . . Ein König ist ihm der alles Geld und Gold hat. (A king is him that has all the money and gold.) Wir haben einen König, man sagt, er ist eine Königin, sie nennen sie Prinzessin Alexandra. Man sagt, sie heirathete der Königin Sohn. Eine Prinzessin ist ein Mann." \Vm. Turner, zwölfjährig: ,,Lebe nicht in England. Denke, es giebt solch ein Land , wusste nichts davon zuvor." John Morris, I4jährig: ,, Habe sagen hören, dass Gott die Welt gemacht und dass alles Volk ersoff, ausser einem; habe gehört, dass einer ein kleiner Vogel war." William Smith, fünfzehnjährig: ,,Gott machte den Mann ; der Mann machte das Weib." Edward Tay lo r, fünfzehnjährig : ,, Weiss nichts von London." He nry Ma tt h evvm an , siebzehnjährig: ,,Geh' manchmal in die Kirche . . . Ein Name, worüber sie predigten, war ein gewisser Jesus Christ, aber ich kann keine andren Namen nennen, und ich kann auch nichts über ihn sagen. Er wurde nicht gemordet, sondern starb wie andre Leute. Er war nicht so wie andre Leute in gewisser Art, weil er religiös war in gewisser Art, und andere ist es nicht." (He was not the same as other people in some ways, becausehewas religious in some ways, and others is n't." (1. c. 74, p. XV.) ,,Der Teufel ist eine gute Person. Ich weiss nicht, wo erlebt. Christus war ein schlechter Kerl." (,,The devil is a good person. I don't know where he lives. " ,, Christ was a wicked man.") ,, Diess Mädchen (10 Jahre) buchstabirt God Dog und kannte den Namen der Königin nicht." (,,Ch. Empl. Co mm. V. Rep. 1866, p. 55, n. 278.) Dasselbe System, das in den erwähnten Metallmanufakturen, herrscht in den Glas- und Papierfabriken. In den Papierfabriken, wo das Papier mit Maschinen gemacht wird, ist Nachtarbeit die Regel für alle Prozesse ausser dem der Lumpensortirung. In einigen Fällen wird die Nacht- arbeit, vermittelst Ablösungen , unaufhörlich die ganze Woche durch fortgesetzt, gewöhnlich von Sonntag Nacht bis 12 Uhr Nacht des folgenden Samstags. Die Mannschaft, die sich an der Tagesreihe befindet, arbeitet 5 Tage von 12 und einen 231 Lusst uns null hören, wie das Kapital selbst diess Vierundzwanzig- 8tiiiulensysteni autVasst. Die Uehcrtreibungen des Systems, seinen Missbraiicli zur ,, grausamen und unglaublielicn" Verliuigerung des Arbeitstags, über- geht OS natürlich mit Stillscliwcigen. Es spricht nur vuu dem System in seiner ,, n o r m a 1 e n " Form. ,,Üie Herren N a y 1 o r u n d V i c k e r s , Stahlfabrikauten, die zwischen 600 und 700 Personen anwenden, und tiarunter nur lO^/o unter 18 Jah- ren, und liiervon wieder nur 20 Knal>en zum Nachtpersonal, äussern sich wie folgt : ,,Die Knaben leiden durchaus nicht von der Hitze. Die Tem- peratur ist wahrscheinlich 80" bis 00'* In den Hammer- und Walzwerken arbeiten die H ä n d e Tag und Nacht ablösungsweise , a b e r dahingegen ist auch alles andre Werk Tagwerk , von 6 Uhr Morgens bis 6 Uhr Abends. In der Schmiede wird von 12 Uhr bis 12 Uhr gearbeitet. Einige Hände arbeiten fortwährend des Naclits ohne W e c li s e 1 z w i s c h e n T a g - u n d N a c h t z e i t . . . . Wir finden nicht, dass Tag- oder Nachtarbeit irgend einen Unterschied in der Gesundheit (der Herren Naylor und Vickers?) macht, und wahrscheinlich schla- von 18 Stunden , und die der Nachtreitie 5 Nächte von 12 Stunden und eine von 6 Stunden, in jeder Woche. In andern Füllen arbeitet jede Reihe 24 Stunden , die eine naeli der andern, an Wechseltagen. Eine Reihe arbeitet 6 Stunden am Mon- tag, und 18 am Samstag, um 24 Stunden vollzumachen. In andern Fällen ist ein Zwischensystem eingeführt, worin alle an der Papiermacher- Maschinerie Ange- steliten jeden Tag in der Woche 15 — 16 Stunden arbeiten. Diess System , sagt Untersuchungskommissär Lord, scheint alle Uebel der Zwölfstunden- und der Vierundzwanzigstunden-Ablüsung zu vereinigen. Kinder unter 13 Jahren, junge Personen unter 18 und AVeibcr arbeiten unter diesem Nachtsystem. Manchmal, in dem Zwülfstundensystem , mussten sie, wegen Ausbleiben der Ablöser, die doppelte Reihe von 24 Stunden arbeiten. Zeugenaussagen beweisen, dass Knaben und Mädchen s ehr oft Ueber zeit tu'beitcn, die sich nicht selten zu 24, ja 30 Stunden uuunterbrochner Arbeit ausdehnt. In dem ,,kontinuirlichcn und unveränderlichen" Prozess der Glasirräume findet man Mädchen von 12 Jahren, die den ganzen Monat durch täglich 14 Stunden arbeiten, ,,ohne irgend eine regel- mässige Erholung oder Unterbrechung ausser zwei , höchstens drei halbstündigen Ausfällen für Mahlzeiten." In einigen Fabriken, wo man die reguläre Nacht- arbeit ganz aufgegeben, wird entsetzlich viel Ueberzeit gearbeitet -und ,, diess häutig in den schmutzigsten , heissesten und monotonsten Prozessen. " (,,C h i 1 d r c n ' s Employment Commission. Report IV, 18B3,-' p. XXXVIII und XXXIX.) 232 fen Leute hesser, wenn sie dieselbe Ruheperiode gen-essen, als wenn sie wechselt .... Ungefähr zwanzig Knaben unter 18 Jahren arbeiten ujit der Nachtmannschaft .... Wirkönntens nieht recht thun (not well do) ohne die Nachtarbeit von Jungen unter 18 Jahren. Unser Einwurf ist — die Vermehrung der Produktionskosten . . . . Geschickte Hände und Häupter von Departements sind schwer zu haben, aber Jungens kriegt man so viel man will .... Natürlich , Anbetrachts der geringen Proportion von Jungen , die wir verwenden , wären Beschränkungen der Nachtarbeit von wenig Wichtigkeit oder Interesse für uns 99)." „Hei'i" J • E 1 1 i s , von der Firma der Herren John Brown et Co., Stahl- und Eisenwerke, die 30Ü0 Männer und Jinigen anwenden, und zwar für Theil der schweren Stahl- und Eisenarbeit ,,Tag und Nacht, in Ablö- sungen", erklärt, dass in den schweren Stahlwerken einer oder zwei Jungen auf zwei Männer kommen. Ihr Geschäft zählt 500 Jungen initer 18 Jahren und davon ungefähr i 3, oder 170, unter 1 3 Jahren. Mit Bezug auf die vorgeschlagne Gesetzänderung meint Herr Ellis : ,,Ich glaube nicht, dass es sehr tadelhaft (very objectionable) wäre, keine Person unter 18 Jahren über 12 Stunden aus den^24 arbeiten zu lassen. Aber ich glaube nicht , dass man irgend eine Linie ziehen kann für die Entbehr- lichkeit von Jungen üb er 12 Jahren für die Nachtarbeit. Wir würden sogar eher ein Gesetz annehmen, keine Jiuigen unter 13 Jahren oder s e 1 b s t s 0 hoch wie 14 Jahre, überliaupt zu verwenden, als ein Ver- bot die Jungen, die wir einmal haben, während der Nacht zu brauchen. Die Jungen, die in der Tagesreihe, müssen wechsel weis auch in der Nachtreihe arbeiten , weil die Männer niclit unaufhörlich Nachtarbeit verrichten kön- nen; es würde ihre Gesundheit ruiniren. Wir glauben jedoch, dass Nacht- arbeit, wenn die Woche dafür wechselt, keinen Schaden thut. (Die Her- ren Naylor und Vickers glaubten, übereinstimmend mit dem Besten ihres Geschäfts, umgekehrt, dass statt der fortwährenden, grade die perio- disch wechselnde Nachtarbeit möglicher Weise Schaden anrichten kann.) Wir finden die Leute, die die alternirende Naclitarbeit verrichten, grade so gesund als die, die nur am Tage arbeiten . . . . Unsere Einwürfe gegen die Nichtanwendung von Jungen unter 18 Jahren zur Nachtarbeit 3) Fourth Report etc. 1865, 79, p. XVI. — 233 würden gemacht werden von wegen Vermehrung der Auslage , aber diess ist auch der einzige Grund. (Wie cynisch naiv!) Wir ghiuben, dass diese Vermehrung grösser wäre, als das Geschäft (thc trade) mit schuldiger Itücksicht auf seine erfolgreiche Ausführung billiger Weise tragen köiaite. (As the trade witli dueregard to etc. could fairly bear! Welche brei- luäulige Phraseologie !) Arbeit ist hier rar, und könnte unzureichend wer- den unter einer solchen Regulation" (d. h. EUis, Brown et Co. könnten in die fatale Verlegenheit kommen den Werth der Arbeitskraft voll zahlen zu müssen) ^'^"j. Die ,,Cyklops Stahl- und Eisenwerke" der Herren Ca mmell et Co. werden auf derselben grossen Stufeuleiter ausgeführt , wie die des besag- ten John Brown et Co. Der geschäftsführende Direktor hatte dem Regie- rungskoramissär White seine Zeugenaussage schriftlich eingehändigt , fand CS aber später passend, das zur Revision ihm wieder zurückgestellte Manu- script zu unterschlagen. Jedoch Herr White hat ein nachhaltiges Gedächt- niss. Er erinnert sich ganz genau, dass für diese Herrn Cyklopen das Verbot der Nachtarbeit von Kindern und jungen Personen „ein Ding der Unmöglichkeit; es wäre dasselbe, als setzte man ihre Werke still", und dennoch zählt ihr Geschäft wenig mehr als ti^/o Jungen unter 18 und nur 1 o/o unter 13 Jahren »oi) ! Ueber denselben Gegenstand erklärt Herr E. F. Sander son, von der Firma Sanderson, Bros, et Co., Stahl- Walz- und Schmiedewerke, in Attercliffe: ,, Grosse Schwierigkeiten würden entspringen aus dem Verbot Jungen unter 18 Jahren des Nachts arbeiten zu lassen, die Hauptschwie- rigkeit aus der Vermehrung der Kosten, welche ein Ersatz der Knaben- arbeit durch Männerarbeit nothwendig nach sich zöge. Wie viel das betragen würde, kann ich nicht sagen, aber wahrscheinlich wäre es nicht so viel, dass der Fabrikant den Stahlpreis erhöhen könnte, und folglich fiele der Verlust auf ihn , da die Männer (welch querköpfig Volk!) na- türlich weigern würden, ihn zu tragen." Herr Sanderson weiss nicht, wie viel er den Kindern zahlt, aber ,, vielleicht beträgt es 4 bis 5 sh. per Kopf die Woche . . . Die Knabenarbeit ist von einer Art, wofür im All- gemeinen (,,general!y ," natürlich nicht immer ,, im Besondern") die '0") 1. c. 80. '0') 1. c. 82. 234 Kraft der J u n g e n s grade ausreicht, und folglich würde kein Gewinn a u s d e r g r ö s s e r n K r a f t der Männer f 1 i e s s e n , um den Verlust zu k o m p e n s i r e n , oder doch nur in den wenigen Fäl- len, wo das Metall sehr schwer ist. Die Männer würden es auch minder lieben keine Knaben unter sich zu haben , da Männer minder gehorsam sind. Ausserdem müssen die Jungen jung anfangen, um das Geschäft zu lernen. Die Beschränkung der Jungen auf blosse Tagesarbeit würde die- sen Zweck nicht erfüllen." Und warum nicht? Warum können Jungen ihr Handwerk nicht bei Tag lernen? Deinen Grund? ,,Weil dadurch die Männer, die in Wcchselwochen bald den Tag , bald die Nacht arbeiten, von den Jungen ihrer Reihe während derselben Zeit getrennt , halb den Profit verlieren würden, den sie aus ihnen herausschlagen. Die Anleitung, die sie den Jungen geben, wird nämlich als Theil des Arbeitslohnes dieser Jungen berechnet und befähigt die Männer daher die Jungenarbeit wohl- feiler zu bekommen. Jeder Mann würde seinen halben Profit verlieren. (In andern Worten, die Herren Sanderson müssten einen Theil des Arbeits- lohnes der erwachsenen Männer aus eigner Tasche, statt mit der Nachtarbeit der Jungen zahlen. Der Profit der Herren Sanderson würde bei dieser Gelegenheit etwas fallen und d i e s s ist d e r S a n d e r s o n ' s c h e gute Grund, warum Jungen ihr Handwerk nicht b e i T a g lernen können '^2),) Ausserdem würde diess reguläre Nachtarbeit auf die Männer werfen , die nun von den Jungen abgelöst werden , und sie würden das nicht aushalten. Kurz und gut , die Schwierigkeiten wären so gross, dass sie wahrscheinlich zur gänzlichen Unterdrückung der Nachtarbeit führen würden." ,, Was die Produktion von Stahl selbst angeht," sagt E. F. Sanderson, ,, würde es nicht den geringsten Unterschied machen, aber!" Aber die Herreu Sanderson haben mehr zu thun als Stahl zu machen. Die Stahlmacherei Ist blosser Vorwaud der Plusmacherei. Die Schmelzöfen, Walzwerke u.s. w., die Baulichkeiten, die Maschinerie , das Eisen , die Kohle u. s. w. haben mehr zu thun als sich 10-) ,,In iinseier letiexionsreichcn und raisonniiendeu Zeit muss es Einer noch nicht weit gebnicht haben , der nicht für Alles , auch das Schlechteste und Ver- kehrteste, einen guten Grund anzugeben weiss. Alles, was in der Welt ver- dorben worden ist, das ist aus guten Gründen verdorben worden." (Hegel 1. c. p. 249.) 235 in ytulil zu verwandeln. Sie sind da, um Mehrarbeit einzusaugen und saugen natürlich mehr davon in 'Zi Stunden als in 12 Stunden ein. Sie geben in der That von Gottes und liechtswegen den Sandersous eine An- weisung auf die Arbeitszeit einer gewissen Anzahl von Händen für volle 24 Stunden des Tags, und verlieren ihren Kapitalcharakter, sind daher reiner Verlust für die Sandersons, sobald ihre Funktion der Arbeitseinsaugung unterbrochen wird. ,,Aber dann wäre da der Ver- lust so viel kostspieliger Maschinerie , welche die halbe Zeit brach läge, und für eine solche Produktenmasse , wie w i r fähig sind , sie bei dem gegenwärtigen System zu leisten, müssten wir Räumlichkeiten und Maschinenwerke verdoppeln, was die Auslage verdoppeln würde." Aber warum sollen grade diese Sandersons ein Privilegium der Arbeitsausbeutung vor den andern Kapitalisten geuiessen , die nur bei Tag arbeiten lassen dürfen und deren Baulichkeiten, Maschinerie, Rohmaterial daher bei Nacht ,, brach" liegen? ,,Es ist wahr", antwortet E. P. Sand er so n im Namen aller Sandersons, ,,es ist wahr, dass dieser Verlust von brachliegender Maschinerie alle Manufakturen trifft , worin nur bei Tag gearbeitet wird. Abeu der Gebrauch der Schmelzöfen würde in unserem Fall einen Extra- verlust verursiichen. Hält man sie im Gang, so wird Brennmaterial ver- wüstet, (statt dass jetzt das Lebensmaterial der Arbeiter verwüstet wird) und hält man sie nicht im Gang, so setzt das Zeitverlust im Wiederan- legen des Feuers und zur Gewinnung des nöthigen Hitzegrads (während der Verlust, selbst Achtjähriger, an Schlafzeit Gewinn von Arbeitszeit für die Saudersonsippe) und die Oefen selbst würden vom Temperaturwechsel leiden" (während doch dieselbigen Oefen nichts leiden vom Tag- und Nachtwechsel der Arbeit) i03j. '03) 1. c. p. 85. Auf ähnliches zartes Bedenken der Herrn Glasfabri- kantcu, dass ,,r egelmässi g c Mahlzeiten" der Kinder ,, unmöglich" sind, weil dadurch ein bestimmtes ,, Quantum Hitze", das die Oefen aus- strahlen, ,, reiner Verlust" für sie wäre oder ,, verwüstet" würde, antwortet Untersuchungskommissär White, durchaus nicht gerührt, gleich üre, Senior etc., und ihren schmalen deutschen Nachkläffern , wie Röscher etc., von der ,,Enthaltsamkeit ," ,, Entsagung" und ,, Sparsamkeit" der Kapitalisten in Veraus- gabung ihres Geldes, und ihrer Timur-Tanierlanschen ,, Verschwendung" von Leben andrer Menschen, wie folgt : ,, Ein gewisses Quant um Hitze mag über das jetzige Mass hinaus verwüstet werden, in Folge von Sicherung 23G — ,,W as ist eiuArbeitstag?" Wie gross ist die Zeit, während deren das Kapital die Arbeitskraft, deren Tageswerth es zahlt , konsnmiren darf? Wie weit kann der Arbeitstag verlängert werden über die zur Repro- duktion der Arbeitskraft selbst nothwendige Arbeitszeit? Auf diese Fragen, man hat es gesehn, antwortet das Kapital: der Arbeitstag zählt täg- lich volle 24 Stunden nach Abzug der wenigen Ruhestunden, ohne welche die Arbeitskraft ihren erneuerten Dienst absolut versagt. Es ver- steht sich zunächst von selbst, dass der Arbeiter seinen ganzen Lebenstag durch nichts ist ausser Arbeitskraft, dass daher alle seine dis- ponible Zeit von Natur und Rechtswegen Arbeitszeit ist , also der S e 1 b s t V e r w e r t h u n g des Kapitals angehört. Zeit zu menschlicher Bildung, zu geistiger Entwicklung , zur Erfüllung sozialer Funktionen , zu re^gulärer Mahlzeiten, aber selbst in Geldwerth ist es nichts verglichen mit der Verwüstung von Lebenskraft f^the waste of aninial power"), die jetzt dem Königreich daraus erwächst, dass in den Glashütten beschäftigte und im Wachsthum begriffene Kinder keine Ruhezeit finden , ihre Speisen bequem ein- zunehmen und zu verdauen." (1. c. p. XLV.) Und das im ,, Fortschrittsjahr" 1865! Abgesehn von der Kraftausgabe im Heben und Tragen, marschirt ein solches Kind in den Hütten , die Flaschen und Flintglas machen , während der kontinuirlichen Verrichtung seiner Arbeit, 15 bis 2U (englische) Meilen in 6 Stunden! Und die Arbeit dauert oft 14 bis 15 Stunden! In vielen dieser Glas- hütten herrscht, wie in den Spinnereien von Moskau, das System sechsstündi- ger Ablösungen. ,, Während der Arbeitszeit der Woche sind sechs Stunden die äusserste ununterbrochne Rastperiode, und davon geht ab die Zeit zur und von der Fabrik zu gehn , Waschen , Kleiden , Speisen , was alles Zeit kostet. So bleibt in der That nur die kürzeste Ruhezeit. Keine Zeit für Spiel und frische Luft , ausser auf Kosten des Schlafes , so unentbehrlich für Kinder , die in solch heisser Atmosphäre solch anstrengendes Werk verrichten .... Selbst der kurze Schlaf ist dadurch unterbrochen, dass das Kind sich selbst wecken muss bei Nacht, oder bei Tag vom Aussenlärm geweckt wird." Herr White giebt Fälle, wo ein Junge 36 Stunden nach einander arbeitete; andere, wo Knaben von 12 Jahren bis zwei Uhr Nachts schanzen und dann in der Hütte schlafen bis 5 Uhr Morgens (3 Stunden!), um das Tagewerk von neuem zu beginnen! ,,Die Masse Arbeit," sagen die Redakteure des allgemeinen Beri.chts, Tremenheere und Tufnell, ,,die Knaben, Mädchen und Weiber im Lauf ihres täglichen oder nächtlichen Ar- beitsbanns (,,spell of labour") verrichten, ist fabelhaft." (1. c. XLHI und XLIV.) Unterdess wankt vielleicht, eines Abends späte, das ,, entsagungs- volle" Glaskapital, Portweinduslig, aus dem Klub nach Haus, idiotisch vor sich hersuinmeud : ,,Britons never, never shall be slaves!" • _ 237 ' geselligeüi V'eikelir, zum freien Spiel der pliysisoheu und geistigen Leibes- kräfte, Selbst die Feierzeit des Sonntags — und wilre es im Laude der Sabbathheiligeu '"^) — reiner Firlefanz! Aber in seinem masslos blin- den Trieb , seinem Wehrwolfs-Heisshunger naeli Mehrarbeit überrennt das Kapital nicht n u r d i e moralischen, s o n d e r n a u c h d i e r e i n - physischen Maximalschranken des Arbeitstags. Es usur- pirt die Zeit für Wachsthum , Entwicklung luid gesunde Erhaltung des Körpers. Es raubt die Zeit , erheischt zum V^erzehr von freier Luft und Sonnenlicht. Es knickert ab an der Mahlzeit und einverleibt sie, wo mög- lich, dem Produktionsprozess selbst, so dass dem Arbeiter als blossem Pro- duktionsmittel, Speisen zugesetzt werden , wie dem Dampfkessel Kohle und der Maschinerie Talg oder Oel. Den gesunden Schlaf zur Sammlung, Erneurung und Erfrischung der Lebenskraft reduzirt es auf so viel Stun- den dumpfen Torpor als die Wiederbelebung eines absolut erschöpften Organismus unentbelirlich maelit. Statt dass die normale Erhaltung der Arbeitskraft hier die Schranke des Arbeitstags, bestimmt umgekehrt die grösste täglich mögliche Verausgabung der Arbeitskraft, wie krankhaft gewaltsam und peinlich auch immer , die Schranke für die Rastzeit des Arbeiters. Das Kapital fragt nicht nach der L eb en sd aue r d er Ar- beitskraft. Was es interessirt, ist einzig und allein das Maximum von Arbeitskraft , das in einem Arbeitstag flüssig gemacht werden kann. '"*) In England z. B. wird immer nocli hier und da auf dem Lande ein Arbeiter zu Gefängnissstrafe verurtheilt wegen Entheiligung des Sahbaths durch Arbeit auf dem Gärtchen vor seinem Hause. Derselbe Arbeiter wird wegen Kontraktbruches be- straft, bleibt er des Sonntags, sei es selbst aus religiösen Mucken, vom Metall-, Papier- oder Glaswerk weg. Das orthodoxe Parlament hat kein Ohr für Sabbath- entheiligung, wenn sie im ,,Verwerthungsprozess" des Kapitals vorgeht. In einer Denkschrift (A u gus t 1863) der Londoner journeymen fishmongers and poulterers, worin die Abschaffung der S o n n tags a r b ei t verlangt wird, heisst es, dass ihre Arbeit während der ersten 6 Wochentage durchschnittlich 15 Stunden täglich dauert und am Sonntag 8 — 10 Stunden. Man entnimmt zu- gleich aus dieser Denkschrift, dass es namentlich die kitzliche Gourmandise der aristokratischen M u c k e r von Exeter Hall ist , die diese „Sonntagsarbeit' ' erniuthigt. Diese ,, Heiligen", so eifrig ,,iu cute curanda", bewähren ihrChristen- tliiMii durch die Ergebung, womit sie die Ueberarbeit, die Entlielirungen und den Hunger dritter Personen ertragen... Obsequiuin vcntris istis (den Arbeitern) perniciosius est.'' 238 Es erreicht diess Ziel durch Verkürzung der Dauer der Arbeits- kraft, wie ein habgieriger Landwirth gesteigerten Bodenertrag durch^ B e r a u b u n g der Bodenfruchtbarkeit erreicht. Die kapitalistische Produktion , die wesentlich Produktion von Mehr- werth, Einsaugung von Mehrarbeit ist, produzirt also mit der Verlängerung des Arbeitstags nicht nur die V e r k ü m m e r u n g der menschlichen Arbeits- kraft, die sie ihrer normalen moralischen und physischen Entwicklungs- und Bethätigungsbedingungen beraubt. Sie p r o d u z i i- 1 d i e v o r z e i - tige Erschöpfung undAbtödtungder Arbeitskraft selb st ^^s^. Sie verlängert die Produktionszeit des Arbeiters während eines gege- benen Termins durch Verkürzung seiner Lebenszeit. ' DerWerth der Arbeitskraft schliesst aber den Werth der Waaren ein, welche zur Reproduktion des Arbeiters oder zur Fortpflan- zung der Arbeiterklasse erheischt sind. Wenn also die naturwidrige Ver- längerung des Arbeitstags, die das Kapital in seinem masslosen Trieb nach Selbstverwerthung nothwendig anstrebt , die Lebensperiode der einzelnen Arbeiter und damit die Dauer ihrer Arbeitskraft verkürzt, wird rascherer Ersatz der Verschlissenen uöthig, also das Eingehn grösserer Verschleiss- kosten in die Reproduktion der Arbeitskraft, ganz wie der täglich zu repro- duzirende Werththeil einer Maschine um so grösser ist, in je kürzerer Zeit sie verschleisst. Das Kapital scheint daher durch sein eignes Interesse auf einen Normal-Arbeitstag hingewiesen. Der Sklavenhalter kauft seinen Arbeiter, wie er sein Pferd kauft. Mit dem Sklaven verliert er ein Kapital , das durch neue Auslage auf dem Sklavenmarkt ersetzt werden muss. Aber ,,die Reisfelder von Georgien und die Sümpfe des Mississippi mögen fatalistisch zerstörend auf die menschliche Constitution wirken ; dennoch ist diese Verwüstung von menschlichem Leben nicht so gross , dass sie nicht gut gemacht werden könnte aus den strotzenden Gehegen von Virginien und Kentucky. Oeko- nomische Rücksichten, die eine Art Sicherheit für die menschliche Behand- lung des Sklaven bieten könnten, sofern sie das Interesse des Herrn mit der Erhaltung des Sklaven identihzireu, verwandeln sich , nach Einführung des '°'0 5?We have given in nur previous reports the Statements of several cx- periencedmanufaeturers to the ett'ect that over-liours .... certainly tentl prema- t urely to ex h au s t the working p o wer of the nien. " ]. c. fi4, p. Xlll. 239 Sklavenhantlels , umgekehrt in Gründe der extremsten Zngiunderichtung des Sklaven , denn sobald sein Platz einnial durcli Zufuhr aus fremden Negergehegen ausgefüllt werden kann, wird die Dauer seines Lebens minder w i c li t i g als dessen Produktivität, so lange es dauert. Es ist daher eine Maxime der Sklavenwirthschaft in Län- dern der Sklaveneinfuhr, dass die wirksamste Oekonomie darin besteht, die grösstmöglichste Masse Leistung in möglichst kurzer Zeit dem Menschen- vieh (human chattle) auszupressen. Es ist in tropischer Kultur, wo die jährlichen Profite oft dem Gesammtkapital der Pflanzungen gleich sind, dass Negerleben am rücksichtslosesten geopfert wird. Es ist die Agri- kultur Westindiens, seit Jahrhunderten die Wiege fabelhaften Reichthums, die Millionen der afrikanischen Race verschlungen hat. Es ist heut zu Tage in Cuba , dessen Revenuen nach Millionen zählen , und dessen Pflan- zer Fürsten sind, wo wir bei der Sklavenklasse , ausser der gröbsten Nah- rung, der erschöpfendsten und unal)lässigsten Plackerei, einen grossen Theil durch die langsame Tortur von U e b e r a r b e i t u n d M a n g e 1 a n Schlaf u n d E r h o 1 u n g jährlich direkt zerstört sehn" '"*'}. Mutato nomine de te fabula narratur! Lies statt Sklavenhandel Arbeitsmarkt, statt Kentucky und Virginien Irland und die Agrikulturdi- strikte von England, Schottland und Wales, statt Afrika Deutschland ! Wir hörten, wie die Ueberarbeit mit den Bäckern in London aufräumt, und den- noch ist der Londoner Arbeitsmarkt stets überfüllt mit deutschen und anderen Todeskandidaten für die Bäckerei. Die Töpferei, wie wir sahen, ist einer der kurzlebigsten Industriezweige. Fehlt es desswegen an Töpfern ? J o s i a li W e d g w o o d , der Erfinder der modernen Töpferei, von Haus selbst ein gewöhnlicher Arbeiter, erklärte 1785 vor dem Hause der Gemeinen , dass die ganze Manufaktur 15 bis 20,000 Personen be- schäftige i"7j. i^ jj^iji- 1861 betrug die Bevölkerung allein der städti- schen Sitze dieser Industrie in Grossbritanien 101,302. ,,Die Baumwoll- industrie zählt 90 Jahre . . . . lu drei Generationen der englischen Race hat sie neun Generationen von Baumwollarbeitern verspeist losy . Aller- '0«) Cairns 1. c. ]>. 110, 111. 'f") Joliu Ward: ,,Hi.sioi y ol' the Borou«,'!! o f S t o k c- ii p o n ■ Tient. Loniloii 184.3", p. 4-2. '""; Ferrand's Kode im ,,Hüusc of C'uuiiiioiis" vom 27. April 1863. diugs, iu einzelnen Epochen fieberhaften Aufschwungs zeigte der Arbeits- raarkt bedenkliche Lücken. So z. B. 1834. Aber die Herin Fabrikanten schlugen nun den Poor Law Commissioners vor die „üebervülkerung" der Ackerbaudistrikte nach dem Norden zu schicken , mit der Erklärung, dass die Fabrikanten sie a b s o r b i r e n und k o n s u m i r e n würden '*^^). Diess waren ihre eigensten Worte. „Agenten wurden zu Manchester bestallt mit Einwilligung der Poor Law Commissioners. Agri- kulturarbeiterlisten wurden ausgefertigt und diesen Agenten Übermacht. Die Fabrikanten liefen iu die Bureaus, und nachdem sie, was ihnen passte, ausgewählt, wurden die Familien vom Süden Englands verschickt. Diese Menschenpackete wurden geliefert mit Etiquetten gleich so viel Güter- ballen, auf Kanal und Lastwagen, — einige strolchten zu Fusse nach und viele irrten verloren und halbverhungert In den Manufakturdistrikten um- her. Diess entwickelte sich zu einem wahren Handelszweig. Das Haus der Gemeinen wird es kaum glauben. Dieser regelmässige Handel , die- ser Schacher in Menschenfleisch, dauerte fort, und diese Leute wm-den ge- kauft und verkauft von den Manchester Agenten au die Manchester Fabri- kanten , ganz so regelmässig wie Neger an die Baumwollpflanzer der süd- lichen Staaten .... Das Jahr 1 8 6 0 bezeichnet das Zenith der Baum- wollindustrie. Es fehlte wieder an Händen. Die Fabrikanten wandten sich wieder an die Fleischagenten und diese durchstöberten die Dünen von Dorset, die Hügel von Devon und die Ebenen von Wilts , aber die Ueber- völkerung war bereits verspeist. Der „Bury Guardian" jammerte, dass 10,000 zusätzliche Hände nach Abschluss des englisch-französischen Handelsvertrags absorbirt werden könnten und bald an 30 oder 40,000 mehr nötliig sein würden. Nachdem die Agenten und Subagenten des Fleischhandels die Agrikulturdistrikte 1860 ziemlich resultatlos durchge- fegt, wandte sich eine Fabrikautendeputatiou an Herrn Vi 1 Hers, den Präsidenten des Poor Law Board, um wieder wie früher Zufuhr der Armen- und Waisenkinder aus den Workhouses erlaubt zu erhalten ^i^)." lotf) ,,That the manufacturers would absorb it and use it up. Those würe the verv wor-ls iised by the cotton mamifacturers. " 1. e. "") 1. e. Villiers, trotz bestem Willen , war „gesetzlich'' in der Lage das Fabrikantenanliegen abschlagen zu miissen. Die Herrn erreichten jedoch ihre Zwecke durch die Willlährigkeit der lokalen Armenverwaitungen. HerrA. Red- grave, Fabrikinspektor, versichert, dasß diessmal das System, wonach die Waisen 241 Was die Erfalirung dem Kapitalisten im Allg'emeiiien zeigt, ist eine beständige Uebervölkerung , d. h. Uebervölkernng im Verliältuiss und Pauper's Kinder „gesetzlich" iils up]) ve ii t i ces (Lehrlinge) gelten, ,.ni(!ht begleitet war von den alten Missständen" — (über diese,, Missstände" vgl. Engels 1. c.) — , obgleich allerdings in einem Fall ,, Missbrauch mit dem System getrieben worden ist, in Bezug auf eine Anzahl Mädchen und jnngc Weiber, die von den Agrikulturdistrikten Schottlands nach Lancashire und Chesliire gebracht wurden." In diesem ,, System" schliesst der Fabrikant einen Kontrakt mit den Behörden der Armenhäuser für bestimmte Perioden. Er nährt, kleidet und logirt die Kinder und gicbt ihnen einen kleinen Zuscliuss in Geld. Sonderbar klingt folgende Bemer- kung des Herrn Redgrave, namentlich wenn man bedenkt, dass selbst unter den l'rosperitätsjahren der englischen Baum Wollindustrie das Jahr 1860 einzig da- steht und die Arbeitslöhne ausserdem hoch standen, weil die ausserordentliche Arbeitsnachfrage auf Entvölkerung in Irland stiess, auf beispiellose Aus- wanderung von englischen und schottischen Agrikulturdistrikten nach Austra- lien und Amerika, auf positive Abnahme der Bevölkerung in einigen englischen Agrikulturdistrikten in Folge theils glücklich erzielten Bruchs der Lebenskraft, theils des früheren Abschöpfcns der disponiblen Bevölkerung durch die Händler in Menschenfleisch. Und trotz alledem sagt Herr Redgrave: „Diese Art Arbeit (der Armenhauskinder) wird jedoch nur gesucht, wenn keine andere gefunden werden kann, denn es ist th eure Arbeit (high-priced labour). Der gewöhnliche Arbeitslohn für einen Jungen von 13 Jahren ist ungefähr 4 sh. wöchentlich ; aber 50 oder 100 solcher Jungen logiren, kleiden, nähren, mit ärzt- licher Hilfsleistung und passender Oberaufsicht versehn, und ihnen obendrein eine kleine Zubusse in Geld gehen, ist unthubar für 4 sh. per Kopf wöchentlich." (,,Rep. ofthelnsp. ofFactories for 30th April 1860" p. 2 7.) Herr Red- grave vergisst zu sagen, wie der Arbeiter selbst diess alles seinen Jungen für ihre 4 sh. Arbeitslohn leisten kann, wenn es der Fabrikant nicht kann für 50 oder 100 Jungen, die gemeinsam logirt, beköstigt und beaufsichtigt w^erden. Zur Ab- wehr falscher Schlussfolgerungen aus dem Text muss ich hier noch bemerken, dass die englische Baum Wollindustrie, seit ihrer Unterwerfung unter den Factory Act von 1850 mit seiner Reglung der Arbeitszeit u. s. w. , als die eng- lische Musterindustrie betrachtet werden muss. Der englische Baumwoll- arbeiter steht in jeder Hinsicht höher als sein kontinentaler Schicksalsgenosse. ,,Der preussische Fabrikarbeiter arbeitet mindestens 10 Stunden mehr per Woche als sein englischer Rivale, und wenn er an seinem eignen Webstuhl zu Hause beschäftigt wird, fällt selbst diese Schranke seiner zusätzlichen Arbeitsstunden weg." (,,Rej). of Insp. of Fact. 31st Oct. 1855" p. 103.) Der obenerwähnte Fabrikinspektor Redgrave reiste nach der Industrieausstellung von 1851 auf dem Kontinent, spe- ziell in Frankreich und Preussen, um die dortigen Fabrikzustände zu untersuchen. Er sagt von dem i)reussischen Fabrikarbeiter: ,,Er erliält einen Lohn ausreichend I. 16 242 zum juigenblickllelien Verwertlunigsbedürfiiiss des Kapitals , obgleich sie aus verkümnierteii, selmell liiulebendeii, sich rasch verdräugenden , so zu sageu uureif gepflückten MenschengiMicrationeii ihren Strom bildet"'). Allerdings zeigt die Erfahrung dem verständigen Beobachter auf der an- dern Seite, wie rasch und tief die kapitalistische Produktion, die, geschicht- lich gesprochen, kaum von gestern datirt , die Volkskraft an der Lebens- wurzel ergriffen hat, wie die Degeneration der industriollen Bevölkerung nur durch beständige Absorption naturwüchsiger Lebenselemente vom Lande verlangsamt wird, und wie selbst die ländlichen Arbeiter, trotz freier Luft und des uutei' ihnen so allmächtig waltenden principle of na- tural selection , das nur die kräftigsten Individuen aufkommen lässt, schon abzuleben beginnen"'-). Das Kapital, das so ,,gute Gründe" hat, die Leiden der es umgebenden Arbeitergeneration zu läugnen, wird in seiner praktischen Bewegung durch die Aussicht auf zukünftige Verfaulung der Meuschheit und schliesslich doch unaufhaltsame Entvölkerung so weuig und so viel bestimmt als durch den möglichen Fall der Erde in die Sonne. In jeder Aktienschwindelei weiss jeder, dass das Unwetter einmal einschlagen muss, aber jedei' hofft, dass es das Haupt seines Nächsten trifft, nachdem zur Verschattung eiiit'aclier Kost und der wenigen Comt'orts, woran er gewöhnt und womit er zufrieden ist ... . Er lebt schlechter und arbeitet härter als sein eng- lischer Rivale. " (,,Rei). of Ins]), of Fact. .31st Oct. 1853" p. 8.5.) '") ,,Die l'eberarbeiteten sterben mit befremdlicher Kaschheit ; aber die Plätze derer , die untergehn , sind sofort wieder ausgefüllt , und ein häufiger Wechsel der Personen bringt keine Aenderiing auf der Bühne hervor." ,,England and America. London 18.3,3", t. I, 55. (Verfasser K. G. Wak e- field.) "'■2) Siehe: ,, Public Health. Sixth Report of the Medical Officer of the Privy Council. 1863." Veröff'entlicht London, 1864. Dieser Report handelt namentlich von den Agrikulturarbeitern. ,,Man hat die GrafschaftSutherlaud als eine sehr verbesserte Grafschaft dargestellt, aber eine neuerliche Untersuchung hat entdeckt , dass hier , in Distrikten einst so berühmt wegen schöner Männer und tapferer Soldaten , die Einwohner degencrirt sind zu einer mageren und verkümmerten Rac^e. In den gesundesten Lagen , auf Hügel- abhängeu im Angesicht des Meers, sind die Gesichter ihrer Kinder so dünn und blass, wie sie nur in der faulen Atmosphäre einer Londoner Winkelgasse sein können." (Thornton 1. c. p. 74, 75.) Sie gleichen in der That den 30,000 ,,gallant Highlamlers," die Glasgow in seinen wynds und closes mit Prostituirten und Dieben zusannnenbettet. 243 — er selbst den Goldregen aufgefangen und in Sichcrlu^it ^ebraclil Iiat. Apres m 0 i 1 e d e 1 u g e ! ist der Wahlnif jedes Kapitalisten und jeder Ka- pitalistennation. Das Kapital ist daher rücksiclitslos gegen Gesundlieil und Lebensdauer des Ai'beiters , w o e s n i c b t d u r cli d i e 0 e s e 1 1 s c h a f t zur R ü e k s i c h t g e z w u n g e n \v i r d " ■''). Der Klage über physiselie und geistige Verkiiinnierung, vorzeitigen Tod, Tortur der Uebcrarbeit. ant- wortet es: Sollte diese Qual uns quälen , da sie unsre Lust (den Profit) vermehrt? loi Grossen und Ganzen hängt diess aber aueh nicht vom guten oder bösen Willen des einzelnen Kapitalisten ab. Die freie Kon- kurrenz macht die immanenten Gesetze der kapitali- stischen Produktion dem einzelnen Kapitalisten gegenüber als ä u s s e r 1 i c h e s Z w a n g s g e s e t z geltend " ^ ). Die Festsetzung eines normalen Arbeitstags ist das Resultat eines vielh nn d er tj äh ri gen Kampfes zwischen Kapitalist und Arbeiter. Doch zeigt die Geschichte dieses Kampfes zwei entgegengesetzte Strömungen. Man vergleiche z. B. die englische Fabrikgesetzgebung unserer Zeit mit den englischen Arbeitsstatuten vom 14. "^) ,, Obgleich die Gesumihcit der Bevölkerung ein so wichtiges Element des nationalen Kapitals ist, fürchten wir gestehn zu müssen, dass die Kapitalisten durclians nicht bei der Hand sind , diesen Schatz zu erljalten und werth zu achten. Die Rücksicht auf die Gesundheit der Arbeiter wurde den Fabrikanten aulge- zwungen." (,, Times", October 1861.) ,,Die Männer des West Kiding wurden die Tuchmacher der Menschheit , die Gesundheit des Arbeitervolks wurde ge- opfert, und in ein paar Generationen wilre die Ra9e degenerirt, aber eine Reaktion trat ein. Die Stunden der Kinderarbeit wurden beschränkt u. s. w." (,, Report of the Registrar General for October 1861.") '") Wir finden daher z. ß. , dass Anfang 1863 26 Firmen, welche ausge- dehnte Töpfereien in Staftordshire l)esitzen , darunter auch J. Wedgwood und Söhne, in ei ner Denkschrift , , u m g e w a 1 1 s a m e E i n m i s c h u u g des Staats" p c t i t i o n i re n. Die ,, Konkurrenz mit andern Kapitalisten" erlaube ihnen keine ,,f r e i w i 1 1 i g e" Beschränkung der Arbeitszeit der Kiiidei- u. s. w. ,,So sehr wir daher die oben erwähnten Uebel beklagen, würde es unmöglich sein, sie durch irgend eine Art U e berei n k u n f t unter den Fabrikanten zu verhin- dern .... In Anbetracht aller dieser Punkte, sind wir zur üeberzeugung gelaugt, dass ein Zwaugsgesetz nöthig ist." Children's E ni p. Comm. Rep. I, 1863, p. 322. lö* - — 244 bistiefin die Mitte des 18. J;diiliiiiideits ''•''•). Wülireud dasniodenieFabrik- gepetz den Arbeitstag gewaltsam a 1) k ü r z t , suclie» ihn Jene Statute gewalt- sam zu verlängern. Allerdings ersdieinen die Ansprüche des Ka- pitals im Etiibryoznstand, wo es erst wird, also noch nicht durch blosse Ge- walt der ökonomischen Verhältnisse, sondern auch durch Hilfe der Staats- macht sein f]insaugungsrec,ht eines genügenden Quantums Mehrarbeit sichert, ganz und gar bescheiden, vergleicht man sie mit den Konzessionen, die es in seinem Mannesalter knurrend und widerstrebig machen mnss. ]"jS kostet Jahrhunderte , bis der ,, freie" Arbeiter, in Folge entwickelter kapitalistischer Produktionsweise, sich freiwillig dazu verstellet, d.h. gesellschaftlich gezwungen ist, für den Preis seiner gewohnheits- niässigen Lebensmittel seine ganze aktive Lebenszeit, ja seine Arbeitsfähigkeit selbst, seine Erstgeburt für ein Gericht Linsen zu ver- kaufen. Es ist daher natürlich, dass d i e Ver 1 an gerun g des Ar- beitstags, die das Kapital von Mitte des 14. bis Ende des 17. Jahr- hunderls staatsgewaltig den volljährigen Arbeitern a u f z u - d r i n g e n sucht , ungefähr mit der 8 c h r a n k e der Arbeitszeit zu- sammenfallt, die in der zweiten Hälfte des 1 9. Jahrhunderts der Verwand- lung von Kinderblut in Kapital hier und da von Staatswegen gezogen wird. Was heute, z. B. im Staate Massachussetts, bis jüngst dem freisten Staate der nordanierikanischen Republik , als Staatsschranke der Arbeit von Kindern unter 12 Jahren proklarairt ist, war in England noch Mitte des 17. Jahrhunderts der normale Arbeitstag vollblütiger Handwerker, robuster Ackerkuechte und riesenhafter Grobschmidte '*^). "•"') Diese Arbeiterstatute , die man gleichzeitig auch in Frankreich, den Nietleihunlen u. s w. tintlet, wurden in England erst 1813 formell aufgehoben, nai'lidem sie längst von den Produktionsverhältnissen beseitigt waren. '"■) ,,Nochild under the age of 12 ycars shall beemployed in anv maim- faeturing establishment m ore th an 10 h o n rs i n o ii e d ay. " ,,G en er a 1 S t a- tutes of Massachussetts. ü;J, eh. 12. (Die Ordonnanzen sind erlassen von 1836 — 1858.) ,,Labour perfornied during a period of 10 hours on any day in all cotton , woollen , silk , paper, glass , and flax factories , or in manufactories of iron and brass , shall be considered a legal day's labour. And be it enacted, that hereafter no minor engaged in any factory shall be holden or required to work more than 10 huurs in any day, or 00 hours in any week ; and that hereafter no minor sliall lic adniitled as a worker under tlie age of 10 years in any factory 245 Das erste „Statute o f L :ibo u rers" (23 EdiuutUII. lo lOj faud seinen unmittelbaren Vorwand (nicht seine llisaclie, denn die Gesetz- gebung dieser Art dauert Jahrhunderte fort olmedcn Vorwand) in der grossen Pest, welche die Bevölkerung deziniirte, so dass, wie ein Tory Schriftsteller sagt, ,,die Schwierigkeit Arbeiter zu ra i sonab 1 e n Preisen (d. h. zu Preisen, die ihren Anwendern ein raisoiiables Quantum Mehrarbeit Hessen) an die Arbeit zu setzen, in der That unerträglich wurde 'i^)". Raisonable Arbeitslöhne wurden daher zwangsgesetzlich diktirt, ebenso wie die Grenze des Arbeitstags. Der letztere Punkt, der uns hier allein interessirt , ist wiederholt in dem Statut von 14 96 (unter Heniy VIII). Der Arbeitstag für alle Handwerker (artificers) und Ac ker bauarbei ter vom MiJrz bis September sollte damals, was jedoch nie durchgesetzt wurde, dauern von 5 Uhr Morgens bis zwischen 7 und 8 Uhr Abends, aber die Stunden für Mahlzeiten betragen 1 Stunde für Frühstück, l'/^ Stunden für Mittagsessen, und '/o Stunde für Vieruhrenbrod , also grade doppelt so viel als nach dem jetzt gültigen Fabrikakt"**), im Winter sollte ge- within this State." ,,S täte of New Jers cy. Anact to 1 i m i t t li e li o u rs ü f 1 a b o ur etc., 61 und 2. (Gesetz vom 11. JNIärz 18.55.) ,,No niiiior wlio lias attained the age of 12 years , and is undcr the age oi' 15 yeai.s, .shall be eiu- pluyed inany manufacturing establishment more than 11 hoiirs in any one day, nor before 5 o'elock in the morning, norafter 7 '/-i in the e v e n i n g. " ,,Revised Statut es of the State of Rhode I.s landete, eh. 39, §. 2.'3, Ist July 1857." "■) ,,Sophi.snis ofFree Trade. 7th edit. Lond. 1850", p. 205. Derselbe Tory giebt übrigens zu : ,, Parlamentsakte , die die Arbeitslöhne gegen die Arbeiter zu Gunsten der Arbeitsanwender regulirten, währten für die lange Periode von 464 Jahren. Die Bevölkerung wuchs. Diese Gesetze wurden nun überflüssig und lastig." (1. c. p. 206.) "**) J. Wade bemerkt mit Recht in Bezug auf diess Statut : ,,Aus dem Statut von 14 96 geht hervor, dass die Nahrung als Aequivalent für ','3 des Einkommens eines Handwerkers und '^j^ des Einkommens eines Agrikulturarbeiters galt , und (Hess zeigt eine grössere Stufe von Unabhängigkeit unter den Arbeitern an als jetzt vorherrscht, wo die Nahrung der Arbeiter in Agrikultur und Manufaktur ein viel höheres Verhältniss zu ihren Löhnen bildet." (J. Wade 1. c. p. 24, 25 u. 577.) Die Meinung als sei diese Differenz etwa der Differenz im Preisvcrhältniss zwischen Nahrungsmitteln und Kleidungsstücken , jetzt und damals , geschuldet, widerlegt der oberflächlichste Blick auf : ,,Chronicon l'retiosum etc. By Bishup Fletwood. Istedit. London 17()7. 2ndedit. London 1745." 246 arbeitet werden von 5 Uhr Morgens bis* zum Dunkeln, mit denselben Unter- breclmiigen. Ein Statut der Elisabeth von 1562 für a 1 1 e Arbei- ter, ,, gedungen für Lohn per Tag oder Woche" , liisst die Länge des Ar- beitstags unberührt, sucht aber die Zwischenräume zu beschränken auf 2\'^ Stunden für den Sommer und 2 für den Winter. Das Mittagsessen soll nur eine Stunde dauern und ,,der Nachmittagsschlaf von 1/2 Stunde" nur zwischen Mitte Mai und Mitte August erlaubt sein. Für jede Stunde Abwesenheit soll 1 d. (etwa 10 Pfennige) vom Lohn abgehen. In der Praxis jedoch war das YeVhältniss den Arbeitern viel günstiger als im Statut('nl)uch. Der Vater der politischen Oekonomie und gewissermassen der Erfinder der Statistik, William Petty, sagt in einer Schrift, die er im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts verölfentlichte :,,, Arbeiter (labou- ring men , eigentlich damals Ackerbauarbeiter) arbeiten 1 0 Stunden täglich und nehmen wöchentlich 20 Mahlzeiten ein, nämlich an Arbeits- tagen täglich drei mid nn Sonntagen zwei ; woraus man klärlich sieht, dass, wenn sie an Freitag Abenden fasten wollten und in a nd er th alb Stun- de n zu Mittag speisen wollten , während sie jetzt zu dieser Mahlzeit zwei Stunden brauchen, von 1 1 bis 1 Uhr Morgens, wenn sie also ^/2o nielir arbeiteten und ' 20 W6"ig"^i' '^czchrten , das Zehntel der oben erwähnten Steuer aufbringbar wäre ^ i^)". Hatte Dr. Andrew U r e nicht Recht, die Zwölfstundenbill von 1833 als Rückgang in die Zeiten der Fin- sterniss zu verschreien ? Allerdings gelten die in den Statuten und von Petty erwähnten Bestimmungen auch für ,,app r en ti ces" (Lehrlinge). Wie es aber noch Ende des 17. Jahrhunderts mit der Kinderarbeit stand , ersieht man aus folgender Klage : ,, Unsere Jugend , hier in Eng- land, treibt gar nichts bis zu der Zeit wo sie Lehrlinge werden , und dann brauchen sie natürlich lange Zeit — sieben Jahre — um sich zu vollkom- menen Handwerkern zu bilden". Deutschland wird dagegen gerühmt, weil dort die Kinder von der Wiege auf wenigstens zu ,,ein bischen Beschäf- tigung erzogen werden" '-<*). "9) ,,W. Petty: Political Anatomy of Ireland. 1672. e d i t. 1691", p. 10. '-") ,,A Di-scussion on the Necessity of Encouraging Mecha- nick Indiistry. London 1689", ji. 13. Macaulay, der die englische Geschichte im Whig- und Bourgcoisinteresse zurech tgefulischt hat, deklamirt wie 247 Noch während des giössten Theils des 1 8. Jahrh u n d er ts , bis zur Epoche der grossen Industrie, war e.s dem Kapital in England nicjit gehmgen , durch Zahlung des wöchentlichen Werths der Arbeitskraft sich der ganzen Wochenarbeit des Arbeiters, mit Ausnahme je- de c h des A g r i k u 1 1 u r a r b e i t e r s , zu bemächtigen. Der Umstand, dass sie eine ganze Woche mit dem Lohn von 4 Tagen leben konnten, schien den Arbeitern kein hinreichender Grund, auch die andren zwei Tage für den Kapitalisten zu arbeiten. Eine »Seite der englischen Oekonomen denuncirte im Dienst des Kapitals diesen Eigensinn aufs Wüthendste, eine andre Seite vertheidigte die Arbeiter. Hören wir z. F.. die Polemik zwi- schen Postlethwaite, dessen Handels -Diktionnair damals denselben Ruf geuoss wie heut zu Tage ähnliche Schriften von Mac Cnlloch und Mae folgt: ,, Die Praxis , Kinder vorzeitig an die Arbeit zu setzen, herrschte im 17. Jahrhundert in einem für den damaligen Zustand der Industrie fast unglanblichen Grad vor. Zu Norwich , dem Hauptsitz der Wollenindustrie, wurde ein Kind von 6 Jahren für arbeitsfähig gehalten. Verschiedene Suhriftsteller jener Zeit, und darunter manche, die als ausserordentlich wohlgesinnt betrachtet wurden, erwähnen mit ,, Exaltation" (Entzücken) die Thatsache , dass in dieser Stadt allein Knaben und Mädchen einen Reichthum schaffen , der über ihren eignen Untcihalt hinaus 12,000 Pfd. St. in einem Jahr betrug. Je genauer wir die Geschichte der Ver- gangenheit untersuchen , desto mehr Grund finden wir die Ansicht derer zu ver- werfen, die unser Zeitalter für fruchtbar an neuen socialen Uebeln iialten. Das was neu ist, ist die Intelligenz, die die Üebel entdeckt, und die Humanität, die sie heilt." (,,History of England", v. I, p. 419.) Macuuiay hätte weiter berichten können , dass ,, ausserordentlich wohlgesinnte" amis du commerce im 17. Jahrhundertmit ,,Exultatiün" erzählen, wie in einem Armenhaus in Holland ein Kind von 4 Jahren besciiäftigt wurde, und dass diess Beispiel der ,, vertue mise en pratique" in allen Schriften von Humanitairen ä la Macaulaj' Muster passirt bis zur Zeit A. Smith's. Es ist richtig, dass mit dem Aufkommen der Manufaktur im Unterschied zum Handwerk sich Spuren der Kinderexploi- tation zeigen. DieTendenz des Kapitals ist unverkennbar, aber die Thatsachen selbst stehn noch so vereinzelt , wie die Erscheinung zweiköjjHger Kinder. Sie w-urden daher ,,mit Exultation", als besonders merkwürdig und bewundernswertli, von ahnungsvollen ,,aniis du commerce" für Mit- und Nachwelt aufgezeich- net und zur Nachahmung empfohlen. Derselbe schottische Sykupbant und Schön- redner Macaulay sagt: ,,man höre heute nur von Rückschritt und sehe nur Eort- schritt". Was für Augen und namentlich was für Ohren I 248 Gregor, und dem früher citirten Verfasser des ,, Essay on Trade and Commerce "^2*). Po.stlethwaite sagt u. u.: „Ich kann diese wenigen Bemerkun- gen nicht absch Hessen, oluie Notiz zu nehmen von der trivialen Redens- art in dem Munde zu vieler, dass wenn der Arbeiter (industrious poor) in 5 Tilgen genug erhalten kann um zu leben , er nicht volle 6 Tage ar- beiten will. Daher schlicssen sie auf die Nothwendigkeit , selbst die nothwendigen Lebensmittel durch Steuern oder irgend welche andre Mittel zu vcrtheuern , um den Handwerker und Manufekturarbeiter zu unausge- setzter sechs tägig er Arbeit in der Woche zu zwingen. Ich muss um die Erlaubniss bitten , andrer Meinung zu sein als diese grossen Politiker, welche für d i e beständige Sklaverei der A r b e i t e r b e v ö 1 k e - r u n g dieses Königreichs (,,the perpetual slavery of the working people") die Lanze einlegen ; sie vergessen das Sprichwort ,,all work and no play" (nur Arbeit, und kein Spiel, macht dumm). Brüsten sich die Engländer nicht mit der Genialität und Gewandtheit ihrer Handwerker und Manufakturarbeiter , die bisher den britischen Waaren allgemeinen Kredit und Ruf verschafft haben? Welchem Umstand war diess geschuldet? Wa!irsch(Mnlich keinem andern als der Art und Weise, wie unser Arbeits- volk , eigenlaunig , «ich zu zerstreuen weiss. Wären sie gezwungen das ganze Jahr durchzuarbeiten , alle sechs Tage in der W o c h e j in steter Wiederholung desselben Werkes, würde das nicht ihre Genialität ab- stumpfen , und sie dumm-träg statt munter und gewandt machen ; und '-') Unter den Anklägern der Arbeiter ist der grimmigste der im Text er- wähnte anonyme Verfasser von: ,,An Essay on Trade and Commerce, c o n t aini n g O b s er vati o n s on Taxati on etc. London 1770". Schon Crüher in seiner Schrift : ,,C on s i d e ra t i o n s on Taxes. London 1765.' Auch Polonius Arthur Young, der unsägliche statistische Schwätzer , folgt in derselben Linie. Unter den Vertheidigern der Arbeiter stehn oben an: Jacob Vanderlintin: ,,Müneyans\vers all things. London 1734", Rev. N a t h a n i e i F o r s t e r , D . D . in : , , A n E n tj u i r y i u t o the C a u s e s o f the Pres en t Pri ce of Pr o vi s i 0 n s. London 1766", Dr. Pr i cc , und nament- lich auch Pos tl e t h w ai t e, sowohl in einem Supplement zu seinem ,,Uni- versal Dictionary of Trade and Commerce" als in: ,,Great Bri- tain's Commercial Interest explained and improvcd. 2nd edit. London 17.55". Die Thatsachen selbst findet man bei vielen andern gleichzei- tigen Schriftstellern konstatirt, u. a. bei Jos iah Tucker. 249 würden unsere Arbeiter in Folge solch er ewigen Sklaverei ihren Ruf nicht verlieren statt erhalten ? Welche Art Kunstgeschick könnten wir erwarten von solch hart g e p 1 a c k t e n T h i e r e n ? (hard driven ani- nials) .... Viele von ihnen verrichten soviel Arbeit in 4 Tagen als ein Franzose in 5 oder 6. Aber wenn Engländer ewige Schanzarboiter sein sollen, so steht zu fürchten , dass sie noch unter die Franzosen entarten (degenerate) werden. Wenn unsei- Volk wegen seiner Tapferkeit im Krieg berühmt ist, sngen wir nicht, dass diess einerseits dem guten eng- lischen Roastbeef und Pudding in seinem Leibe, andrerseits nicht minder unsrem konstitutionellen Geiste der Freiheit geschuldet ist? Und warum sollte die grössere Genialität, Energie und Gewandtheit unserer Handwer- ker und Manufakturarheiter nicht der Freiheit geschuldet sein , womit sie sich in ihrer eignen Art und Weise zerstreuen? Ich hoffe, sie werden 11 i e w e d c r diese P r i v i 1 e g i e n v e r 1 i e r e n , n o c h d a s g u t e L e - ben, woraus ihre Arbeitstüchtigkeit und ihr Muth gleichmässig her- stammen"! »22) Darauf antwortet der Verfasser des ,,Essay ou Trade and C om- ni eree " : ,,Wenu es für eine göttliche Einrichtung gilt, den siebenten Tag der Woche zu feiern, so schliesst diess ein , dass die andern Wochentage der Arbeit (er meint dem Kapital, wie man gleich sehn wird) angehö- ren, und es kann nicht grausam gescholten weiden, diess Gebot Gottes zu erzwingen Dass die Menschheit im Allgemeinen von Natur zur Bequemlichkeit und Trägheit neigt , davon machen wir die fatale Erfah- rung im Retragen unsres Manufakturpöbels, der d u r c h s c h n i 1 1 1 i c h nicht über 4 Tage die W o c li e a r b e i t e t , ausser im Fall einer Theurung der Lebensmittel .... Gesetzt ein Bushel Weizen repräsentire alle Lebensmittel des Arbeiters, koste 5 sh., und der Arbeiter verdiene einen Shilling täglich durch seine Arbeit. Dann braucht er bloss 5 Tage in der Woche zu arbeiten ; nur 4 , wenn der Bushel 4 sh. beträgt .... Da aber der Arbeitslohn in diesem Königreich viel höher steht , verglichen mit dem Preise der Lebensmittel , so besitzt der Manufakturarbeiter, der 1 Tage arbeitet, einen Cieldübeischuss , womit er während des Rests der NV'oche müssig lebt .... Ich hoffe, icli habe genug gesagt, um klar zu '--) P o s 1 1 e t h w a i t e 1. c. , , F i r s t P r e 1 i ni i n a r y D i s c o u r s e" , p. 14, 250 machen, dass m äs siges Arbeiten von 6 Tagen in der Woche keine Sklaverei ist. Unsere A gri kultur a rbei t er thim diess und, allem Anschein nach , sind sie die Glücklichsten unter den Arbeitern (labouring poor)i23)^ ^ber die Holländer thun es in den Manufak- turen und scheinen ein sehr glückliches Volk. Die Franzosen thun es, so weit nicht die vielen Feiertage dazwischen kommen ''^^) .... Aber unser Manufakturpöbel hat sich die fixe Idee in den Kopf gesetzt, dass sie als Engländer durch das Recht der Geburt das Privilegium be- sitzen, freierund unabhängiger zu sein als die Arbeiter in irgend einem andern Lande von Europa. Nun , diese Idee , so weit sie auf die Tapferkeit unserer Soldaten einwirkt, mag von einigem Nutzen sein; aber je weniger die Manufakturarbeiter davon haben , desto besser für sie selbst und den Staat. Arbeiter sollten sich nie für unabhängig von ihren Vorgesetzten (,,independent of their superiors") halten .... Es ist ausserordentlich gefährlich , mobs in einem kommerziellen Staat wie dem unsrigen zu encouragiren , wo vielleicht 7 Thcile von den 8 der Gesamrat- bevölkeruug Leute mit wenig oder keinem Eigenthum sind i-^) Die Kur wird nicht vollständig sein, bis unsre industriellen Armen s i c h b e s c h e i d e n , 6 T a g e f ü r d i e s e 1 b e S u ra ra e z u arbeiten, die sie nun in 4 Tagen verdienen "i'-J^). Zu diesem Zwecke , wie zur ,, Ausrottung der FauUenzerei, Ausschweifung und romantischen Frei- heitsduselei", ditto ,, zur Minderung der Armentaxe, Förderung des Gei- stes der Industrie und Herabdrückung des Arbeitspreises in den Manufakturen", schlägt unser treuer Eckart des Kapitals das '23) ,,An Essay etc." Er seihst erzählt p. 96, worin schon 1770 ,,das Glück" der englischen A grik u 1 1 u r a rb ei t e r bestand. ,,Ihre Arbeitskräfte (,, their working powers") sind stets auf das Aeiissersto angespannt (,,on the Stretch"); sie können nicht schlechter leben als sie thun (, ,they cannot live cheaper than they do"), noch härter arbeiten" (,,nor work harder"). i'-i) Der Protestantismus spielt schon durch seine Verwandlung fast aller traditionellen Feiertage in Werktage eine wichtige Kolle in der Genesis des Kapitals. '-•"') ,,An Essay etc."p. 15 — .5 7 passim. 12") 1. c. p. 69. Jacob Va n derlint erkliirte schon 17.'54, das Gchcimniss der Kapitalistenklage über die FauUenzerei des Arbeitcrvolks sei einfach , dass sie für denselben Lohn 6 statt 4 Arbeitstage beanspruchten. 251 probate Mittel vor , solche Arbeiter , die der (ifFentliclien Woliltliätigkeit anlieinifallen , in einem Wort, pnnpers, einzusperren in ein ,,ideales A r b e i t s h a n s" (an ideal W o r k li o u s e). „Ein solches Haus muss zu einem Hause des Schreckens (House of Terror) gemacht werden '2'''). In diesem ,,Ha use des S ch reck ens", diesem „Ideal von einem Workli ou se", soll gearbeitet werden 14 Stunden täglich mit EinbegriflP jedoch der passenden Mahlzeiten , so dass volle 12 Ar- beitsstunden übrig bleiben" ^^8^. Z w ö 1 f A r b e i t s s t u n d e n täglich im ,, W o r k h a u s - 1 d e a 1", im Hause des Schreckens von 17 70! Drei und sechzig Jahre später, 1833, als das englische Parlament in vier Fabrikzweigen den Arbeitstag für Kinder von 1 3 bis 1 8 Jahren aufz wölfvolle Arbeits- stunden herabsetzte, schien der jüngste Tag der englischen In- dustrie angebrochen ! 18 5 2, als L. Bonaparte bürgerlich Fuss zu fassen suchte durch Rütteln am gesetzlichen Arbeitstag, schrie das französische Arbeitervolk aus einem Munde : ,,Das Gesetz , das den Arbeitstag a u f 1 2 Stunden verkürzt, ist das einzige Gut , das uns \on der Gesetzgebung der Republik blieb" '■2^) ! In Zürich ist die Arbeit von Kindern über 1 0 Jahren auf 1 2 Stunden beschränkt; im A a r g a u wurde 1862 die Arbeit von Kindern zwischen 13 und 16 Jahren von '2') 1. c. p. 260: „Such ideal workhouse miist be niade an ,.Hoiise of Teiror", and not an asylum for the poor, where they are to he ])lentifully fcd, warmly and decently clothed, and where they do bat little work." •28) ,,ln this ideal workhouse the poor shall work 14hours in a day, allowing proper time for nieals , in such manner that there shall remain 12 hours of neat labour. " (1. c.) ,,I)ie Franzosen", sagt er, ,, lachen über unsre enthusiastischen Ideen von Freiheit." (1. c. p. 78.) '-9) ,,They especially objected to work beyond the 12 hours per day, because the law which fixed those hours is the only good which remains to them of the legislation of the Republic." (Rep. oflnsp. of Fact. 31. Octob. 1856, p. 80.) Das französische Zwölfstundengesetz vom .5. September 1850, eine ver- bürgerlichte Ausgabe des Dekrets der provisorischen Regierung vom 2. März 1848, erstreckt sich auf alle Ateliers ohne Unterschied. Vor diesem Gesetz war der Arbeitstag in Frankreich unbeschränkt. Er währte in den Fabriken 14, 1.5 und mehr Stunden. Siehe „Des classes ouvrieres en France, pen- dant l'annee 1848. Par M. Blanqui." Herr Blanqui , der Oekonom, nicht der Revolutionär , war von Rcgierungswegen mit der Enquete über die Ar- beiterzustände betraut. 252 121/2 auf 1 2 Stunden reducirt, in Oest reich 18 60 für Kin- der zwischen 14 und IG Jahren ditto auf 12 Stunden '^o). Welch ein „Fortschritt seit 17 7 0" würde Mac au lay „mit Exultation" ;uif jauchzen ! Das „Haus des Schreckens" für Paupers, wovon die Kapital- seele 1770 noch träumte, eihob sich wenige Jahre später als riesiges „A r b e i t s h a u s" für die Manufakturarbeiter selbst. Es hiess F a b r i k. Und diessmal erblasste das Ideal vor der Wirklichkeit. Nachdem das Kapital Jahrhunderte gebraucht, um den Arbeits- tag bis zu seinen n o r m a 1 e n M a x i m a I g r e n z c n und dann über diese hinaus, bis zu den Grenzen des natürlichen Tags von 12 Stunden zu verlängern ^^i), erfolgte nun , seit dei- Geburt der gros- sen Industrie im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts, eine lawinenartig gewaltsame und masslose Ueberstürzung. Jede Schranke von Sitte und '30) Lobenswerth wären die Verordnungen der Herrn v. d. Hey dt und Man- teuffel voml8. August 1853 und 12. August 1854, wenn sie — ausgeführt würden. Belgien bewährt sich auch mit Bezug auf die Regulation des Arbeitstags als bürgerlicher Musterstaat. Lord Howard de Weiden, englischer Bevoll- mächtigter in Brüssel, berichtet dem Foreign Office d. d. 12. Mai 1862: ,,Der Minister Rogier erklärte mir, dass weder ein allgemeines Gesetz noch Lokalregu- lationen die Kinderarbeit irgendwie beschränken; dass die Regierung sich während der letzten 3 Jahre in jeder Sitzung mit dem Gedanken trug, den Kammern ein Gesetz über den Gegenstand vorzulegen , dass sie aber stets ein unüberwindliches Hinderniss fand an der eifersüchtigen Angst gegen irgend welche Gesetzgebung im Widerspruch mit dem Prinzip vollkommener Freiheit der Arbeit " ! "') ,,Es ist sicher sehr bedauerlich, dass irgend eine Klasse von Personen 12 Stunden täglich sich abplacken muss. Rechnet man die Mahlzeiten zu und die Zeit um zu und von der W^erkstatt zu gehn , so beträgt diess in der That 14 von den 24 Tagesstunden . . . Abgesehn von der Gesundheit, wird Niemand, ich hoffe, anstehn zuzugeben, dass vom moralischen Gesichtspunkt eine so gänzliche Ab- sorption der Zeit der arbeitenden Klassen, ohne Unterlass, vom frühen Alter von 13 Jahren, und in den ,, freien'- Industriezweigen selbst von viel früherem Alter an, ausserordentlich schädlich und ein furchtliares Uebel ist. Im Interesse der öffent- lichen Moral, für dieAufzichung einer tüchtigen Bevölkerung, und um der grossen Masse des Volks einen vernünftigen Lebensgenuss zu verschallen, muss darauf ge- drungen werden , dass in allen Geschäftszweigen ein Theil jedes Arbeitstags reser- virt werde für Erholung und Müsse." (Leonhard Homer in: ,,Insp. of Fact. Reports. 31stDec. 1841.") 253 Natur, Alter iiiul Geschlecht, Tag und Nacht, wurde zcitrümniort. Selbst die Begritte von Tag und Nacht, bäuerlich einfach in den alten Statuten, verschwaiumen so sehr, dass ein englisciier Richter noch 1800 wahrhaft tahnudistischen Scharfsinn aufbieten rnusste , um ,,iu-theilskräftig" zu er- klären, was Tag und Nacht sei ^3-). Das Kapital feierte seine Orgien. Sobald die vom Produktionslärm übertölpelte Arbeiterklasse wieder « einigermassen zur Besinnung kam, begann ihr Widerstand, zunächst im Geburtsland der grossen Industrie, in England. Während drei Dec(;nnien jedoch blieben die von ihr ertrotzten Konzessionen rein nominell. Das Parlament erliess 5 Arbeits-Akte von 1802 bis 1833, war aber so schlau keinen Pfennig für ihre zwangsmässige Ausführung, das nöthige Beamten- personal u. s. w. zu votiren^33)_ gj^ blieben ein todter Buchstabe. ,,Die Thatsache ist, dass vordemAkt von 1833 Kinder und junge Per- sonen abgearbeitet wurden (,,were worked") die ganze Nacht, den ganzen Tag, oder beide ad libitum" '3^). Erst s e i l d e m F a b r i k a k t V o n 18 3 3 — umfassend Baumwoll-, Wolle-, Flachs- und Seidenfabriken — datirt für die moderne Industrie ein N 0 r m a 1 a r b e i t s t a g. Nichts charakterisirt den Geist des Kapi- tals besser als die Geschichte der englischen Fabrikgesetzgebung v'on 1833 bis 18G4I Das Gesetz von 1833 erklärt, „der gewöhnliche Fabrik- "'•i) Siehe ,,Judgment of Mr. J. H. Otwey, Belfast, Hilary Sessions, 1860." '3-*) Sehr charakteristisch ist es für das Regime Louis Philippc's , des roi bourgeois, dass das einzige unter ihm erlassene Fabriiigesetz vom 22. März 1841 niemals durchgeführt worden ist. Und diess Gesetz betrifft nur Kinder- arbeit. Es setzt 8 Stunden für Kinder zwischen 8 und 12, 12 Stunden für Kinder zwischen 12 nnd 16 Jahren u. s. w. fest, mit vielen Ausnahmen, welche die Nacht- arbeit selbst für Achtjährige erlauben. Ueberwachung und Erzwingung des Gesetzes blieben in einem Lande, wo jede Maus polizeilich administrirt wird , dem guten Willender ,,amis du commerce" überlassen. Erst seit 18.53 ist das Gesetz in einem einzigen Departement, dem Departement du Nord, durch Anstellung eines bezahl- ten Regierungsinspektors, -wirklich durciigefülirt worden. Nicht minder charakte- ristisch für die Entwicklung der französischen Gesellschaft überhaujit ist es. dass Louis Philii)pe's Gesetz bis zui Revolutidu von 1848 einzig dastaud in iler alles uuispiiiuenden französischen Gesetziabrik I '3') ,,Rep. of Insp. of Fact. 30tli April 1860", p. b\. _ 254 r- Arbeitstag soile-beginnen um halb 6 Uhr Morgens und enden halb 9 Uhr Abends, und innerhalb dieser Schranken, einer Periode von 15 Stunden, solle es gesetzlich sein junge Personen (d. h. Personen zwi- schen 13 und 18 Jahren) zu irgend einer Zelt des Tages anzuwen- den, immer vorausgesetzt, dass keine individuelle junge Person mehr als 12 Stunden innerhalb Eines Tags arbeite, mit Ausnahme gewisser speziell vorgesehner F'älle". Die 6. Sektion des Akts bestimmt, ,,dass im Laufe jedes Tags jeder solchen Person von beschränk- ter Arbeitszeit mindestens 1 '/g Stunden für Mahlzeiten eingeräumt werden sollen". Die Anwendung von Kindern un ter 9 Jah ren , mit später zu erwähnender Ausnahme, ward verboten, die Arbeit der Kinder von 9 bis 1 3 Jahren auf 8 Stunden täglich beschränkt. Nacht- arbeit, d. h. nach diesem Gesetz, Arbeit zwischen halb 9 Uhr Abends und halb 6 Uhr Morgens, ward verboten für alle Personen zwischen 9 und 18 Jahren. Die Gesetzgeber waren so weit entfernt, die F r e i h e i t d e s K a p i - t a 1 s in Aussaugung der erwachsenen Arbeitskraft , oder , wie sie es nann- ten, ,,die Freiheit der Arbeit" antasten zu wollen, dass sie ein eignes System ausheckten , um solcher haarsträubenden Konsequenz des Fabrikakts vorzubeugen. ,,Das grosse Uebel des Fabriksystems, wie es gegenwärtig einge- richtet ist", heisst es im ersten Bericht des Centralraths der Kommission vom 25. Juni 1833, „besteht darin, dass es die Nothwendigkeit schaflil, die Kinderaibeit zur äussersten Länge des Arbeitstags der Erwachsenen aus- zudehnen. Das einzige Heilmittel für diess Uebel, ohne Beschrän- kung der Arbeit der Erwachsenen, woraus ein Uebel ent- spring en würde grösser als das, dem vorgebeugt werden soll, scheint der Plan doppelte Reihen von Kindern zu verwenden". Unter dem Namen Relaissystem (,, System ofRelays"; Relay heisst im Englisclien wie im Französischen : das Wechseln der Postpferde auf verschiedenen Stationen) wurde daher dieser ,, Plan" ausgeführt, so dass z. B. von halb 6 Uhr Morgens bis halb zwei Uhr Nachmittags eine Reihe von Kindern zwischen 9 und 13 Jahren, von halb* zwei Uhr Nachmittags bis halb 9 Uhr Abend eine andre Reihe vorgespannt wird u. s. w. Zur Belohnung dafür , dass die Herrn Fabrikanten alle während der letzten 22 Jahre erlassnen Gesetze über Kinder.irbeit aufs frechste ignorirt , 255 hatten, ward ilnicn jetzt aber auch die Pille vergoldet. Das, Parlament bestimmte, dass nach dem 1. März 1834 kein Kind unter 1 1 Jah- ren, nachdem I.März 183.5 kein Kind unter 12 Jahren, und nach dem 1. März 183r) kein Kind unter 13 .laliren über 8 Stunden in einer Fabi'ik arbeiten solle ! Dieser für das ,, Kapital" so schnnnngsvolle „Liberalismus" war um so anerkenneuswerther als Dr. Farre , Sir A. Car- lisle, Sir H. Brodie, Sir C Bell, Mr. Guthrie u. s. w., kurz die bedeutend- sten physicians und surgeons London's in iinen Zeugenaussagen vor dem Unterhaus erklärt hatten , dass p e r i c u 1 u m i n m o r a I Dr. Fari'e drückte sich noch etwas gröber dahin aus : ,, Gesetzgebung ist gleich noth- wendig für die P r ä v en t i o n d es Tod s in jeder Form, worin er vorzeitig angetlian werden kann, und sicher d i eser (der Fabrikmodus) muss als eine der grausamsten Methode n ihn anzuthun betrachtet werden i3"»)". Dasselbe ,,reformirte" Parlament, das aus Zartsinn für die Herrn Fabrikanten Kinder unter 13 Jahren noch Jahre lang in die Hölle 72stündiger Fabrikai'beit per Woche festbannte, verbot dagegen in dem Eman ci pa ti onsa kt , der auch die Freiheit tropfenweise eingab, von vorn herein den Pflanzern irgend einen Negersklaven länger als 4 5 Stunden per Woche abzuarbeiten ! Aber keineswegs gesühnt , eröffnete das Kapital jetzt eine mehrjäh- rige und geräuschvolle Agitation. Sie drehte sich hauptsächlich um das Alter der Kategorien, die unter dem N a m e n Kinder auf 8stün- dige Arbeit beschränkt und einem gewissen Schulzwang unterworfen wor- den waren. Nach der kapitalistischen Anthropologie hörte das Kindes- alter im 10., oder, wenn es hoch ging, im 11. Jahre auf. Je näher der Termin der vollen Ausführung des Fabrikakts, das verhängnissvolle Jahr 183G rückte, um so wilder raste der Fabrikantenraob. Es gelang ihm in derThat, die Regierung so weit einzuschüchtern, dass diese 183.5 den Termin des Kindesalters von 13 auf 12 Jahre herabzusetzen vorschlug. Indess wuchs die pressure from without drohend an. Der Muth versagte dem Unterhause. Es verweigerte Dreizehnjährige länger als 8 Stimdci) täglich unter das Juggernautrad des Kapitals zu werfen und der '•■'■"') ,, Legislation is equaily necessary for the prevention of' «leath , in any iorm in wliieh it i'an be preniaturely infliited, and certainly this must be viewed as a niost cruel ni u d e of iiiHictinii- it " 256 Akt von 1833 trat in volle Wirkung. Er blieb unverändert bis Juni 1844. Wührend des Decenniums , woi-in er eist theilweise , dann ganz die Fabrikarbeit regulirte , strotzen die officiellen Berichte der Fabrikinspek- toren von Klagen über die Unmöglichkeit seiner Ausführung. Da das Gesetz von 1833 es nämlich den Herrn vom Kapital freistellte in der fünfzehustündigen Periode von halb 6 Uhr Morgens bis halb 9 Uhr Abends jede „junge Person" und , jedes Kind" zu irgend beliebiger Zeit die zwölf-, respektive 8stündige Arbeit beginnen , unterbrechen, enden zu las- sen, und ebenso den verschiednen Personen verschiedne Stunden der Mahl Zeiten anzuweisen , fanden die Herrn bald ein neues ,, Re- laissystem" aus, wonach die Arbeitspferde nicht nach bestimmter Zeit Stationen wechselten , sondern an wechselnden Stationen stets wieder von neuem vorgespannt wurden. Wir verweilen nicht weiter bei der Schön- heit dieses S3'stems, da wir später darauf zurückkommen müssen. So viel ist aber auf den ersten Blick klar, dass es den ganzen Fabrikakt, nicht nur seinem Geist, sondern auch seinem Buchstaben nach aufhob. Wie sollten die Fabrikinspektoren, bei dieser komplizirten Buchführung über jedes ein- zelne Kind und jede junge Person, die gesetzlich bestimmte Arbeitszeit und die Gewährung der gesetzlichen Mahlzeiten erzwingen ? In einem grossen Theil der Fabriken blühte der alte brutale Unfug bald wieder ungestraft auf. In einer Zusammenkunft mit dem Minister des Innern (1844) wiesen die Fabrikinspektoren die Unmöglichkeit aller Kontrole unter dem neu- ausgeheckten Relaissystem nach ^^^). Unterdess hatten sich aber die Um- stände sehr geändert. Die Fabrikarbeiter, namentlich seit 1838, hatten die Z e h n s t u n d e n b i 1 1 zu ihrem ökonomischen , wie die Charter zu ihrem politischen Wahlruf gemacht. Ein Theil der Fabrikanten selbst, der den Fabrikbetrieb dem Akt von 1833 gemäss geregelt hatte, überwarf das Parlament mit Denkschriften über die unsittliche ,, Konkurrenz" der „falschen Brüder", denen grössere Frechheit oder glücklichere Lokalum- stände den Gesetzesbruch erlaubten. Zudem , wie sehr immerhin der ein- zelne Fabrikant der alten Raubgier den Zügel frei schicssen lassen mochte, die "Woitfiilircr und politischen Leiter der Fabrikantenklasse geboten eine veränderte Haltung und veränderte Sprache gegenüber den Arbeitei'n. Sie ^'■i'') ,,Uep. oflusp. ui Fiict. 31. October 1849", p. 6. 257 liatteii den Feklzii,!;- zur A b s c li a ff'ii n g der Korngesetze oröfiiiet und bedurften der Hilfe der Arbeiter zum Siege ! Sie verspraciien daher nicht nur Verdopplung des Laibes Brod , sondern Annalime der Zehn- stundenbill unter dem tausendjährigen Reich des Free Trade i-'^). Sie durften also um so weniger eine Massregel bekämpfen, die nur den Akt von 1 gewisser E s k r i g g e , Baumwollspinner von der F"'irma Kershaw , Leese et Co. , hatte dem Fabrikinspektor seines Distrikts das Schema eines für seine Fabrik bestimmten Relaissystems vorgelegt. Abschlägig beschiedeUr verhielt er sich zunächst passiv. Wenige Monate später stand ein Indi- viduum Namens Robinson, ebenfalls Baumwollspinner, und wenn nicht der Freitag , so jedenfalls der Verwandte des Eskrigge, vor den Borough Jus- tices zu Stockport, wegen Einführung des identischen, von Eskrigge ausgeheckten Relaisplans. Es sassen 4 Richter, darunter 3 Baumwollspin- ner, an ihrer Spitze derselbe unvermeidliche Eskrigge. Eskrigge sprach den Robinson frei , und erklärte nun, was dem Robinson recht, sei dem F>skrigge billig. Auf seine eigne rechtskräftige Entscheidung gestützt. 'S6) 1. c. p. 140. 157) Diese ..county magistrates'' , die ,,great unpaid" wie W. Cobbett sie nennt, sind eine Art unbezahlter Friedensrichter, aus den Honoratioren der Graf- schaften gebildet. Sie bilden in der That die Patrimonialgerichte der herrschenden Klassen. 266 führte er sofort das System in seiner eignen Fabrik ein '^S). Allerdings war schon die Zusammensetzung dieser Gerichte offne Verletzung des Ge- setzes 1^9). ,, Diese Art gerichtlicher Farcen" , ruft Inspektor Howell aus, ., schreien nach einem Heilmittel .... entweder passt das Gesetz diesen Urtheilssprüchen an oder lasst es verwalten durch ein minder fehlbares Tribunal , das seine Entscheidungen dem Gesetz anpasst .... In allen solchen Fällen, wie sehnt man sich nach einem bezahlten Richter" ^^^) ! Die Kronjuristen erklärten die Fabrikanten -Interpretation des Akts von 1844 für abgeschmackt, aber die Gesellschaftsretter Hessen sich nicht beirren. „Nachdem ich", berichtet Leonhard Horner, ,, durch 10 Verfol- gungen in 7 verschiednen Gerichtsbezirken versucht habe das Gesetz zu erzwingen und nur in einem Fall von den Magistraten unterstützt wurde, halte ich weitere Verfolgung wegen Umgehung des Gesetzes für nutzlos. Der Theil des Akts , der verfasst wurde , um Uniformität in den Arbeits- stunden zu schaffen , existirt nicht mehr in Lancashire. Auch besitze ich mit meinen Unteragenten durchaus kein Mittel uns zu versichern, dass Fabri- ken, wo das sog. Relaissystem herrscht, junge Personen und Frauenzimmer nicht über 10 Stunden beschäftigen .... Ende April 1849 arbeiten schon 118 Fabriken in meinem Distrikt nach dieser Methode und ihre Anzahl nimmt in der letzten Zeit reissend zu. Im Allgemeinen arbeiten sie jetzt 13^2 Stunden, von 6 Uhr Morgens bis halb 8 Uhr Abends; in ^'inigen Fällen 15 Stunden , von halb 6 Uhr Morgens bis halb 9 Uhr Abends" '*''). Schon December 1848 besass Leonhard Horner eine Liste von 6;'» Fabrikanten und 29 Fabrikaufsehei-n , die einstimmig erklärten, kein System der Oberaufsicht könne unter diesem Relaissystem die exten- sivste Ueberarbeit verhindern '6^). Bald wurden dieselben Kinder uud 'S**) ,, Reports etc. for 30th A])ril 1849", p. 21, 22. Vgl. ähnlidie Beispiele ibid. p. 4, .5. i'>9) Durch l und 2 Wm. IV. c. 24, s. 10, bekannt als Sir John Hobhouse's Factory Act, wird verboten, dass irgend ein Besitzer einer Baumwollspinnerei oder Weberei, oder Vater, Sohn und Bruder eines solchen Besitzers in Fragen, die den Factory Act betreffen, als Friedensrichter funktioniren. 'CO) 1. c. "■•1) ,, Reports etc. for 30th Apriri849", p. f>. '62) .,Rep. etc. for 31 st Oct. 1849", p. 6. 267 jimgeu Personen aus der Spinnstube in die Webstube u. s. w,, bald, wäh- rend 15 Stunden, aus einer Fabrik in die andre geschoben (sliifted) '♦>•'). Wie ein System kontroliren, ,, welches das Wort Ablösung raissbraucht, uin die H ä n d e in endloser Mannichfaltigkeit wie Karten durcheinander zu mischen und die Stunden der Arbeit und der Rast für die verschiednen Individuen täglich so zu verschieben , dass ein und dasselbe vollständige Assortiment von Händen niemals an demselben Platz zur selben Zeit zu- sammenarbeitet" '6*) ! Aber ganz abgesehn von wirklicher Ueberarbeitung, war diess sog. Relaissyst-em eine Ausgeburt der Kapitalphantasie, wie sieFou- rierin seinen genialsten Skizzen der ,,courtes seances" nie übertrofteu ]iat, nur dass die Attraktion der Arbeit verwandelt war in die Attraktion des Kapitals. Man sehe sich jene Fabrikantenschemas an , welche die nute Presse pries als Muster von dem , ,,was ein vernünftiger Grad von Sorgfalt und Methode ausrichten kann" (,,what a reasonable degree of ( are and method can accomplish"). Das Arbeiterpersonal wurde manch- mal in 12 bis 14 Kategorien vertheilt, die selbst wieder ihre Bestand- theile beständig wechselten. Während der fünfzehnstündigen Periode des Fabriktags zog das Kapital den Arbeiter jetzt für 30 Minuten , jetzt füi- eine Stunde an. und stiess ihn dann wieder ab, um ihn von neuem in die Fabrik zu ziehn und aus der Fabrik zu stosseu , ihn hin und her hetzend in zerstreuten Zeitfetzen , ohne je den Halt auf ihn zu verlieren , bis die zehnstündige Arbeit vollgemacht. Wie auf der Bühne hatten dieselben Personen abwechselnd in den verschiednen Scenen der verschiednen Akte ^aufzutreten. Aber wie ein Schauspieler während der ganzen Dauer des Dramas der Bühne gehört, so gehörten die Arbeiter jetzt während 15 Stun- den der Fabrik, nicht eingerechnet die Zeit, um von und zu ihr zu gehn. Die Stunden der Rast verwandelten sich so in Stunden erzwungenen Müssig- gangs , welche den jungen Arbeiter in die Kneipe und die junge Arbei- terin in das Bordell trieben. Bei jedem neuen Einfall, den der Kapi- talist täglich ausheckte, um seine Maschinei'ie ohne Vermehrung des Arbeiterpersonals 12 oder 15 Stunden im Gang zu halten, hatte der Arbeiter bald in diesem Stück Zeitabfall, bald in jenem seine Mahlzeit ein- 'C3) ,,Rep. etc. for 30 th April 1849". p. 21. •OS) ..Rep. etc. 1. Üec. 1848", p. 95. 268 ■ znschlucken. Zur Zeit der Zehnstiindenagltation schrien die Fabrikanten, das Arbeiterpack petitionire, in der Erwartung, zwölfstündigen Arbeitslohn für zehnstündige Arbeit zu erhalten. Sie hatten jetzt die Medaille umge- kehrt. Sie zahlten lOstündigen Arbeitslohn für zwölf- und fünfzehnstün- dige Verfügung über die Arbeitskräfte "'^^) ! Diess war des Pudels Kern, diess die Fabiikantenausgabe des Zehnstundengesetzes ! Es waren die- selben salbungsvollen, ^lenschenliebe triefenden Freihändler, die den Ar- beitern 10 volle Jahre, während der Anticornlaw-Agitation , auf Heller und Pfennig vorgerechnet, dass bei freier Korneinfnhr eine zehnstündige Arbeit, mit den Mitteln der englischen Industrie, vollständig genüge, um die Kapitalisten zu bereichern i^ß). Die zweijährige Kapitalrevolte wurde endlich gekrönt durch den Ur- theilsspruch eines der vier höchsten Gerichtshöfe von England, des Court ofExchequer, der in einem vor ihn gebrachten Fall am 8, Februar 1850 entschied, dass die Fabrikanten zwar wider den Siiui des Akts von 1844 handelten, dieser Akt selbst aber gewisse Worte enthalte , die ihn sinnlos machten. ,,Mit dieser Entscheidung war das Zehnstundengesetz abgeschafft"'^^). Eine Masse Fabrikanten , die bisher noch das Relais- system für junge Personen und Arbeiterinnen gescheut, griffen nun mit beiden Händen zu '^^). Mit diesem scheinbar definitiven Sieg des Kapitals trat aber sofort ein Umschlag ein. Die Arbeiter hatten bisher passiven, obgleich unbeug- samen und täglich erneuten Widerstand geleistet. Sie protestirten jetzt 'G-"^) Siehe ,,Reports etc. f or 30 th April 1849", p. 6 und die weitläutige Auseinandersetzung des ,,shifting System" durch die Fabrikinspektoren Howell und Saunders in ,, Reports etc. for 31 st Oct. 1848." Siehe auch die Petition der Geistlichkeit von Ashton und Nachbarschaft, Frühling 1849, an die Königin, gegen das ,,shift System." 160) Vgl. z. B. ,,The Factory Question and the Ten H o ur s B i 1 1. By R. H. Greg. 1837." "■■'') F. Engels: ,,üie englische Zeh n stun den bill" (in der von mir herausgegebenen : ,,Neuen Rh. Zeitung. Politisch- ökonomische Revue. Aprilheft 1850", p. 13). Derselbe ,, hohe" Gerichtshof entdeckte ebenfalls während des amerikanischen Bürgerkriegs eine Wortschraube, die das Gesetz gegen Ausrüstung von Piratenschiffen in's direkte Gegentheil verkehrt. 8) ,,Rep. etc. for 30th April 1850." 168> ^ 269 in laut drolit'iulcii Meetings in Lancasliire und Yorksliirc. Das angebliche Zelnistnnilengesetz i^oi also blosser Humbug, parlanieiitarisclie l'i'ellerei, und habe nie existirt ! Die Fabrikinspektoreu warnten dringend die Re- gierung, der Klassenantagonismus sei zu einer unglnublichen Höhe ge- spannt. Ein Theil der Fabrikanten selbst murrte: ,,dnreh die wider- sprechenden Entseheidungeu der Magistrate herrsche ein ganz abnormaler und auarchisdier Zustand. Ein andres Gesetz gelte in Yorkshire , ein andres in Lancasliire, ein andres Gesetz in einer Pfarrei vouLaucashire, ein andres in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft. Der Fabrikant in grossen Städten könne das Gesetz umgehn , der in Landflecken finde niclit das Döthige Personal für d:is Kelaissystem und noch minder zur Verschiebung der Arbeiter aus einer Fabrik in die andre u. s. \v.'' Und gleiche Ex- ploitation der Arbeitsk-raft ist das erste Menschenrecht des Kapitals. Unter diesen Umständen kam es zu einem K o m p r (j in i s s z w i - sehen Fabrikanten und Arbeitern, der in dem neuen zusätz- lichen Fabrikakt vom 5. August 18 50 parlamentarisch versiegelt ist. Für ,,Junge Personen und Frauenzimmer" wuide der Arbeitstag in den ersten 5 Wochentagen von lU auf 10^ 2 'Stunden erhöht, für den -Samstag auf l^o Stunden beschränkt. Die Arbeit muss in der Periode von G Uhr Morgens bis G Uhr Abends vorgehn '•'^), mit 1' oStün- digen Pausen für Mahlzeiten, die gleichzeitig und gemäss den iJestim- mungen von 184 4 einzuräumen sind u. s. w. Damit war dem Kelais- system ein für allemal ein Ende gemacht ^7"). Für die Kinderarbeit blieb das Gesetz von 1844 iu Kraft. Eine Fabrikantenkategorie sicherte sich diessmal, wie früher, beson- dere Seigneurialrechte auf Proletarierkinder. Es waren diess die Sei- denfabrikanten. Im Jahr 1833 hatten sie droliend geheult, „wenn mau i h n e n d i e F r e i h e i t raube, K i n d e r j e d e n Alters täglich '••'■*) Im Winter kann die Periode zwischen 7 Ubr Morgens und 7 ülir Abends an die Stelle treten. ''•^j ,.The present law (of 1850) was a compromise wherehy the eniployed burrendered the benefit of the Ten Hours' Act for the advantageofone uniform period for the commenceuieut and termination ofthe labour of those whose labour is restricted." (,, Reports etc. for 30th April 1852", p. 14.) 270 10 Stunden abzurackern, setze man ilne Fabriken still" (if the liberty ofworking children ofany age for 10 hours a day wa& taken away, it wouid stop their works). Es sei ihnen unmöglich , eine hinreichende Anzahl von Kindern über 13 Jahren zu kaufen. Sie erpressten das gewünschte Privilegium, Der Vorwand stellte sich bei späterer Untersuchung als baare Lüge heraus i'^*) , was sie jedoch nicht verhinderte , während eines Decenniums aus dem Blut kleiner Kinder , die zur Verrichtung ihrer Arbeit auf Stühle gestellt werden mussten, täglich 10 Stunden Seide zn spinnen ''^2). Der Akt von 1844 „beraubte" sie zwar der „Freiheit", Kinder unter 1 1 Jahren länger als 6^/3 Stun- den, sicherte ihnen dagegen das Privilegium, Kinder zwischen II und 13 Jahren 10 Stunden täglich zu verarbeiten, und kassirte den für andere Fabrikkinder vorgeschriebenen S c h u 1 z w a n g. Diessmal der Vorwand: ,,Die Delikatesse des Gewebes erheische eine Fin- ge r z a r t h e i t , die nur durch frühen Eintritt in die Fabrik zu sichern" ^'^^). Der delikaten Finger wegen wurden die Kinder ganz geschlachtet, wie Hornvieh in Südrussland wegen Haut und Talg. Endlich, 1850, wurde das 1844 eingeräumte Privilegium auf die Departements der Seidenzwir- nerei und Seidenhaspelei beschränkt, hier aber, zum Schadenersatz de» seiner ,, Freiheit" beraubten Kapitals, die Arbeitszeit für Kinder von 11 bis 13 Jahren von 10 auf l0*/2 Stunden erhöht. Vorwand: ,,Die Arbeit sei leichter in Seidenfabriken als in den andern Fabriken und in keiner Weise so nachtheilig für die Gesundheit"''^*). Off i ziell e ärztliche Untersuchung bewies hinterher , dass umgekehrt ,,die durchschnittliche Sterblichkeitsrate in den Seidendistrikten ausnahmsweise hoch und imter dem weiblichen Theil der Bevölkerung selbst höher ist als in den Baumwolldistrikten von Lancashire" '^^j. Trotz des halbjährlich wieder- '■") ,, Reports etc. for 30th Sept. 1844", p. 13. '") ]. c. "3) ,,The delicate texture of the fabric in which they were employed requir- ing a lightness of touch , only to be acquired by their early intröduction to these factories." (1. c. p. 20.) 1^*) ,,Reports etc. forSlstOct. ISei'Sp. 26. i'5) 1. c. p. 27. Im Allgemeinen hat sich die dem Fabrikgesetz unterworfene Arbeiterbevölkerung physisch sehr verbessert. Alle ärztlichen Zeugnisse stimmen darin überein und eigne persönliche Anschauung zu verschiednen Perioden hat 271 holten Protests der Fabrikinspektoren , dauert der Unfug bis zur Stunde- fort 176). Das Gesetz von 1850 verwandelte nur fiir , .junge Personen und Frauenzimmer" die fünfzehnstündige Periode von halb 6 Uhr Morgens bis halb 9 Uhr Abends in die zwölfstündige Periode von 6 Uhr Morgens bis ('. Uhr Abends. Also nicht für Kinder, die immer noch eine halbe Stunde vor Beginn uud 2'/2 Stunden nach Schluss dieser Periode ver- werthbar blieben, wenn auch die Gesammtdauer ihrer Arbeit GV'a Stunden nicht überschreiten durfte. Während der Diskussion des Gesetzes wurde dem Parlament von den Fabrikinspektoren eine Statistik über die infamen Missbräuche jener Anomalie unterbreitet. Jedoch umsonst. Im Hinter- grund lauerte die Absicht, den Arbeitstag der erwachsnen Arbeiter mit mich davon überzeugt. Dennoch , und abgesehn von der ungeheuren Sterblich- keitsrate der Kinder in den ersten Lebensjahren, zeigen die ot'ficiellen Berichte des Dr. Greenhow den ungünstigen Gesundheitsstand der Fabrikdistrikte , verglichen mit ,, Agrikulturdistrikten von normaler Gesundheit". Zum Beweis u. a. folgende Tabelle aus seinem Bericht von 1861 : s^S 1 a o Si S ■i § _ M ,- ^.if^g s sr S ■'S ÜO n 3 . ■^ S S S .§ iS S J3 ja N a ^ H 0 ä| 3 a-s S lf|i •2 i^!§ o £ 'S S m cS — ■^ 2 S o 'S u a C o ;C 3 'S s ii a 3 a; CS CS o 2 2 fiH a 3 Ph . . 14.9 598 Wigan 644 18.0 Baumwolle 42.6 708 Blackburn 734 34.9 ditto 37.3 547 Halifax 564 20.4 Worsted 41.9 611 Bradford 603 30.0 ditto 31.0 691 Macclesfield 804 26,0 Seide 14.9 588 Leek 705 17.2, ditto 36.6 721 Stoke-upon-Trent 665 19.3 Erdenwaare 30.4 726 Woolstanton Acht gesunde Agri- 727 13.9 ditto 305 kulturdistrikte 340 ''«) Man weiss, wie widerstrebend die englischen jjlfreihändler" dem Schutz- /.oll für Seidenmanufaktur entsagten. Statt des Schutzes gegen französische Ein- fuhr dient nun die Schutzlosigkeit englischer Fabrikkinder. ^^ 272 -- — Beihilfe der Kinder in Prosperitiltsjaliren wieder auf 15 Stunden zu ächraubeu. Die Erfahrung der folgenden 3 Jahre zeigte, dass solcher Versuch am Widerstand der erwachsuen männlichen Arbeiter sclieitern müsse 1'^). Der Akt von 1850 wurde daher 18 53 endlich ergänzt durch das Verbot, „Kinder des Morgens vor und des Abends nach den jungen Personen und Frauenzimmein zu verwenden''. Von nun an regelte, mit wenigen Ausnahmen, der Fabrikakt von 1850 in den ihm unterworfe- nen Industriezweigen den Arbeitstag aller Arbeiter ^''^). Seit dem Er- lass des ersten Fabrikakts war jetzt ein halbes Jahrhundert ver- •flosseu 179). Ueber ihre ursprüngliche Sphäre griff die Fabrikgesetzgebung zuerst hinaus durch den ,P r i n t w o r k ' s Act' (Gesetz über Kattundrucke- reieu u. s. w.) von 1845. Die Unlust, womit das Kapital diese neue ,, Extravaganz" zuliess, spricht aus jeder Zeile des Acts! Er beschränkt den Arbeitstag für Kinder von 8 — 13 Jahren und für Frauenzimmer auf 1 6 Stunden zwischen 6 Uhr Morgens und 10 Uhr Abends, ohne irgend ■eine gesetzliche Pause für Mahlzeiten. Er erlaubt männliche Arbeiter 17') „Reports etc. f o r 30 th A p ri 1 1853", p. 31. 178-) Während der Zenithjahre der englischen Baumwollindustrie, 1859 und 1860, versuchten einige Fabrikanten durch die Lockangel hoher Arbeitslöhne für Extrazeit die erwachsenen männlichen Spinner u. s. w. zur Verlängeruug des Arbeitstags zu bestimmen. Die Hand-Mule Spinners und Self-Actor Minders machten dem Experiment ein Ende durch eine Denkschrift an ihre Anwender, ■worin es u. a. heisst : ,,Grad herausgesprochen, unser Leben ist uns zur Last, und so lange wir fast 2 Tage die Woche (20 Stunden) länger an die Fabrik ge- kettet sind als die anderen Arbeiter, fühlen wir uns gleich Heloten im Lande und werfen uns selbst vor, ein System zu verewigen, das uns selbst und unsre Kachkommen physisch und moralisch beschädigt .... Daher geben wir hiermit respektvolle Notiz, dass wir von Neujahrstag an keine Minute mehr als 60 Stunden wöchentlich, von 6 Ühr zu 6 Uhr, mit Abzug der gesetzlichen Pausen von l'/.^ Stunden, arbeiten werden.'' (,,I\eports etc. for SOth April 1860", p. 30.) '■'S) Ueber die Mittel, die die Fassung dieses Gesetzes für seinen Bruch ge- wähi^t, cf. den Parliamentary Keturn : ,, Facto ry Regulations Acts" (6. August 1859) und darin Leonhard Horner's ,,Sugges tions for Amend- ing the Facto ry Acts to e nable thelnspectors topre ventillegal Workiug, now become very prevaient." tibor 13 Jalii-e Tag und Nacht liindurcli beliebig abziiaibeiteii '*"|). Er ibt ein i)arlaiiiciitaiisclier Aboit "*' ). Ueiinoch hatte das Prinzip gesiegt mit seinem Sieg in den grossen Industriezweigen, welche das eigenste Geschöpf der modernen IVoduktions- weise. Ihre wundervolle Entwicklung von 1853 — 1860, Hand in Hand mit der physischen und moralischen Wiedergeburt der Fabrikarbeiter, schlug das blödeste Auge. Die Fabrikanten selbst, denen die gesetzliche (Schranke und Regel des Arbeitstags durch halbhundertjährigen Bürger- krieg Schritt für Schritt abgetrotzt, wiesen prahlend auf den Koivtrast mit den noch ,, freien" Exploitationsgebieten hin i^"^). Die Pharisäer der ,, politischen Oekonomie" proklamirten nun die Einsicht in die Noth- wendigkeit eines gesetzlich geregelten Arbeitstags als charakteristische Neuerrungenschaft ihrer ,, Wissenschaft" '^•^). Man versteht leicht, dass nachdem sich die Fabrikmagnaten in das Unvermeidliche gefügt und mit ihm ausgesöhnt, die Widerstandskraft des Kapitals graduell abschwächte, während zugleich die Angriffskraft der Arbeiterklasse wuchs mit der Zahl ihrer Verbündeten in den nicht unmittelbar interessirten Gesellschafts- schichten. Daher vergleichungsweis i-ascher Forlschritt seit 1860. Die Färbereien und Bleich(;reien i^'^) wurden 1860, die Spitzenfabri- '•■^ü) ,, Kinder vuri 8 Jahren und diiiber sind in der Tliat von 6 L'lir Morgens bis 9 Uhr Abends während des letzten Hallgahrs (1857) in meinem Distrikt abge rackert worden." (,, Reports etc. for 31. 0 e t. 1857", p. 30.) '**') ,,The Printwork's Act is admitted to be a failiire, hoth with ref'erence to its educational and proteetive provisions." (,, Reports etc. for 31.0ct. 1862", p. 52.) "*-) So z. B. E. Potter in Brief an Times vom 24. März 1863. Die Times erinnert ihn an die Fabrikantenrevolte gegen das Zehnstundengesetz. '**^) So u. a. Herr W. Newmarch, Mitarbeiter an und Herausgeber von Tooke's: ,,History of Prices". Ist es wissenschaftlicher Fort- schritt, der ötfentlichen Meinung feige Concessionen zu machen? '***) Der 1860 erlassene Akt über Bleichereien und Färbereien bestimmt, dass der Arbeitstag am 1. August 1861 vorläufig auf 12, am 1. August 1862 definitiv auf 10 Stunden, d. h. IOV2 für Werkeltage und 7 ',2 für Samstage herabgesetzt werde. Als nun das böse Jahr 1862 anbrach, wiederholte sich die alte Farce. Die Herrn Fabrikanten petitionirten das Parlament, nur noch für ein einziges Jahr länger die zwölfstündigu Beschäftigung von jungen Personen und Frauenzimmern zu dulden .... ..Beim gegenwärtigen Zustand des Geschäfts (zur Zeit der Baum- wollnoth) sei es ein grosser Vortheil für die Arbeiter, wenn man ihnen erlaube I. IS . 274 ken iukI Stnimpfwirkercien 1861 dem Fabrikakt von 1850 unterworfen. In Folge des ersten Bericlits der ,,K o ra ra i ssion über die Be- schäftigung d er Ki n der" (18G3) theüten dasselbe Schicksal die Ttlanufaktur al 1er E r den waar en (nicht nur Töpfereien) , der Schwe- felhölzer, Zündhütchen , Patronen , Tapetenfabrik , Baumwollsammt-Schee-* rerei (fustian cutting) und zahlreiche Prozesse , die unter dem Ausdruck ,,finishing" (letzte Appretur) ziisammengefasst-sind. Im Jahre 1863 wur- den die ,,Bleicherei in offener Luft"'^'^) und die Bäckerei 12 Stunden täglich zu arbeiten und so viel Arbeitslohn als müglich herauszu- schlagen ... Es war bereits gelungen, eine Bill in diesem Sinn ins Unterhaus zu bringen. Sie fiel vor der Agitation der Arbeiter in den Bleichereien Schottlands." (,,Repor ts etc. for 31. 0 ct. 1862", p. 14, 15.) Sogeschlagen von den Arbeitern selbst, in deren Nameu es zu sprechen vorgab, entdeckte das Kapital nun, mit Hilfe juristischer Brillen , dass der Akt von 1860, gleich allen Parlamentsakten zum ,, Schutz der Arbeit", in sinnverwirrten Wortschraubungen abgefasst , einen Vor- wand gebe, die ,,calenderers" und ,, finishers" von seiner Wirkung auszu- schliessen. Die englische Jurisdiktion, stets getreuer Knecht des Kapitals, sanktionirte durch den Hof der ,, Common Pleas" die Kabulisterei. ,,Es hat grosse Unzufriedenheit unter den Arbeitern erregt und ist sehr bedauerlich , dass die klare Absicht derGesetzgebung auf Vorwand einer mangelhaf.en Wortdefinition vereitelt wird." (1. c. j). 18.) '*5) ])ie ..Bleicher in ofi'ner Luft" hatten sich dem Gesetz von 1860 über ,, Bleicherei" durch die Lüge entzogen, dass sie keine Weiber des Nachts ver- arbeiteten. Die Lüge wurde von den Fabrikinspektoren aufgedeckt, zugleich aber das Parlament durch Arbeiterpetitionen seiner wiesenduftigkühlen Vorstellungen von ,, Bleicherei in offner Luft" beraubt. In dieser Luftbleicherei werden Trocken- zimmer von 90 bis 100 Grad Fahrenheit angewandt, T\orin hauptsächlich Mädchen arl)eiten. ,,Cooling" (Abkühlung) ist i]cr technische Ausdruck für ihr gelegent- liches Entrinnen aus dem Trockenzimmer in die freie Lvift. ,, Fünfzehn Mädchen in den Trockenzimmern. Hitze von 80 zu 90" für Leinwand, von 100" und mehr für Cambrics. Zwölf Mädchen bügeln und legen auf (die Canibrics etc.) in einem kleinen Zimmer von ungefähr 10 Quadratfuss , in der Mitte ein enggeschlossener C^fen. Die Mädchen stehn rund um den Ofen herum , der eine schreckliche Gluth ausstrahlt und die Cambrics rasch für die Bügelerinneu trocknet. Die Stunden- zahl für diese Hände ist unbeschränkt. Wenn geschäftig, arbeiten sie bis 9 oder 12 Uhr Nachts viele Tage hintereinander." (Reports etc. for 31 st Oct. 1862", p. .56.) Ein Arzt erklärt: ,,Für die Abkühlung sind keine besondren Stunden erlaubt , aber wenn die Temperatur zu unerträglich wird , oder die Hände der Arbeiterinnen sich vom Schweiss beschmutzen , ist ihnen gestattet, ein paar 275 unter eigne Akte gestellt, wovon der erste u. a. die Arbeit von Kindern, jungen Peisonen und Weibern zur Nachtzeit (von 8 Uhr Abends bis 6 Uhr Morgens) und der zweite die Anwendung von Bäckergesellen unter 18 Jah- ren zwischen 9 Uhr Abends und 5 Uhr Morgens verbietet. Auf die spä- teren Vorschläge der erwähnten Kommission , welche, mit Ausnahme des Ackerbaus, dcrJMinen und des Transportwesens, alle wichtigern englischen Industriezweige der „Freiheit" zu berauben drohen, kommen wir zurück. Der Leser erinnert sich , dass die Produktion von M e h r w e r t h oder die Extrakt ion-von Meli rarbeit den spezifischen Inhalt und Zweck der kapitalistischen Produktion bildet, abgesehn von einer jeden aus der Unterordnung der Arbeit unter das Kapital etwa ent- springenden U m g e s t a 1 1 u n g d e r P r 0 d u k t i 0 n s w e i s e selbst. Er erinnert sich, dass auf dem bisher entwickelten Standpunkt nur der selbst- ständige und daher gesetzlich m ü n d i g e A r b e i t e r als Waaren- Alinuten fortzugehn . . . Meine Erfahrung in der Behandlung der Kranklieiten -dieser Arbeiterinnen zwingt mich zu konstatiren , dass ihr Gesundheits- zustand tief unter dem der Baumwollarb eiterinnen steht (und (las Kapital hatte sie in seinen Bittschriften an das Parlament als Rembrandisch übergesund gemalt!). Ihre auffallendsten Krankheiten sind Phthisis , Bron- chitis , Uterinkrankheiten , Hysterie in der scheusslichsten Form und Rheumatis- mus. Alle diese entspringen, wie ich glaube, direkt oder indirekt, aus der über- hitzten Luft ihrer Arbeitszimmer und dem Mangel genügender comfortabler Klei- dung, imi sie beiniNachhausegehn während der Wintermonate vor der kaltfeuchten Atmosphäre zu schützen," 1. c. p. 56, .57. Die Fabrikinspektoren bemerken über das den jovialen ,, Bleichern in offner Luft" nachträglich abgetrotzte Gesetz Von 1863: ,, Dieser Akt hat nicht nur verfehlt den Arbeitern den Schutz zu ge- währen, den er zu gewähren scheint .... er ist so formulirt, dass der Schutz erst eintritt, sobald man Kinder und Frauenzimmer nach 8 Uhr Abends an der Arbeit ertappt, und selbst dann ist die vorgeschriebene Beweismethode so verklausulirt, dass Bestrafung kaum erfolgen kann." (1. c. p. 52.) ,,Als ein Akt mit humanen und auf Erziehung gerichteten Zwecken ist er ganz und gar verfehlt. Man wird i< doch kaum human nennen, Weibern und Kindern zu erlauben, oder, was auf dasselbe hinauskommt, sie zu zwingen, 14 Stunden täglich, mit oder ohne Mahlzeiten , wie es sich ti-effen mag, und vielleicht noch längere Stumlen zuarbeiten, ohne Sehranke mit Bezug auf das Alter , ohne Unterschied des Geschlechts, und ohne Rücksicht auf die gesellschaftlichen Gewohnheiten der Familien der Nachbarschaft, worin die Bleichwerke liegen." (,, Reports etc. for 30 th April 1863", p. 40.) 18* 276 Verkäufer mit dem Kapitalisten kontraliirt. ^Yelln in unsrer liistorischen Skizze also eineiseits die m 0 d e r n e Industrie eine Hauptrolle spielt andrerseits die A r b e i t p li y s i s c li u n d i- e c h 1 1 i c li U n ra ü n d i i? e so galt uns die eine nur als besondre Sphäre, die andre nur als besonders seldagendes Beispiel der Arbeitsaussaugung. Ohne jedoch der spätem Entwicklung vorzugreifen , folgt aus dem blossen Zusammenhang der gc- scliichtlichen Thatsachen : Erstens: In den diuch Wasser, Dampf und Maschinerie zunächst revoIutionirt<'n Industrien, in diesen ersten Schöpfungen der modernen Pro- duktionsweise, den Baumwolle-, Wolle-, Flachs-, S(;ide-.Spinnereien und Webereien w ird der Trieb des Kapitals nach mass - und rücksichtslos^-i- Verlängerung des Arbeitstags zuerst befriedigt. Die vei-änderte materielle Produktionsweise und die ihr entsprechi nd veränderten socialen Verhältnisse der Produzenten ^**'5j schaffen erst die masslose Ausschi eitung und rufen dann im Gegensatz die gesellschaftliche Kontrole hervor, welche den Arbeitstag mit seinen Pausen gesetzlich beschränkt, regulirt und uni- formirt. Diese Kontrole erscheint daher während der ersten Hälfte des 1 0. Jahrhunderts bloss als A u s n a h m s g e s e t z g e b u n g ^^''). Sobald sie dasüi'gebiet der neuen Produktionsweise erobert hatte, fand sich, dass unter dess nicht nur viele andre Produktionszweige in das eigentliche Fa- hr i k r e g i m e eingetreten , sondern dass M a n u f a k t u r e n mit mehr oder minder verjährter Betriebsweise, wie Töpfereien, Glasereien u. s. w., dass altmodische Handwerke, wie die Bäckerei, und endlicli selbst die zerstreute s. g. Hausarbeit, wie Nägelmacherei u. s. w. ^^s), seit lange der kapitalistischen Exploitation eben so sehr verfallen waren als >^^) ,,The conduct of each of these classes fcapitalists aiul Avorkmen) has been the result of the relative Situation in whicli they have been placed." (,, Reports etc. for 31 st Oct. 1848", p. 112.) '^■') ,,The employments placed under restriction were connected with the manufacture of textile fabrics by the aid of steaim or water power. There werc two conditions to which an employment must be subjectto cause itto be inspected, viz. the use of steam or water power, and the manufacture of certain specified fibres." {,, Reports etc. for 31. October 1804", p. 8.) '****) Ueber den Zustand dieser sogenannten häuslichen Industrie äusserst reichhaltiges Material in den letzten Berichten der , ,C h i 1 d v e n ' s E m p 1 o y ni e n t C omrai ssi o n". 277 die Fabrik. Die Gesetzgebung ward dalier gezwungen , iln-en Ausnalims- cliarakter allmälilig abznstieifen, oder, wo sie röniiscli kasuistisch verfährt, wie in England, irgend ein Haus, worin man arbeitet, nach Belieben für eine Fabrik (factory) zu erkliiren i^^). Zweitens: Die Geschichte der Reglung des Arbeitstags in einigen Produktionsweisen , in andern der noch fortdauernde Kampf um diese Reghuig, beweisen handgreiflich ,dass der vereinzelte Arbeiter, der Arbeiter als ,, freier" Verkäufer seiner Arbeitskraft, auf gewisser Reife- stufe der kapitalistischen Produktion , widerstandslos unterliegt. Die Schöpfung eines Normal-Arbeitstags ist daher das Produkt eines langwie- rigen, mehr oder minder versteckten Bürgerkriegs zwischen der Kapita- listenklasse und der Arbeiterklasse. Wie der Kampf erötithet wird im Fmkreis der modernen Industrie, so spielt er zuerst in ihrem Heimaths- land , E n gland '5"'). Die englischen Fabrikarbeiter waren die Preis- fechter nicht nur der englischen , sondern der modernen Arbeiterklasse überhaupt, wie auch ihre Theoretiker der Theorie des Kapitals zuerst den Fehdehandschuh hinwarfen '91 j. Der Fabrikphilosoph Ure denunzirt es 's^) ,,The Acts of last Session (1864) . . . embrace a diversity of oeciipations the ciistoms in which ditit'er greatly, and the use of mechanical power to givi; motion to machinery is no longer one of the elements necessary, as fornierly , to constitute in legal plirase a Factory." (,,Re p or t s etc. f o r 31. O c t. 1864", p. 8.) ''J") Belgien, das Paradies des kontinentalen Liberalismus, zeigt auch keine Spur dieser Bewegung. Selbst in seinen Kohlengruben und M e t a 1 1 m i n e n werden Arbeiter beider Geschlechter und von jeder Altersstufe mit vollkummener ..Freiheit" für jede Zeitdauer und Zeitperiode konsumirt. Auf je 1000 darin beschäftigte Personen kommen 733 Männer, 88 Weiber, 135 Jungen und 44 Mädchen unter 16 Jahren; in den Hochöfen u. s. \v. auf je 1000 668 Männer, 149 Weiber, 98 Jungen und 8ö Mädchen unter 16 Jahren. Kömmt nun noch hinzu niedriger Arbeitslohn für enorme Ausbeutung reifer und unreifer Arbeitskräfte, im Tagesdurchschnitt 2 sh. 8 d. für Männer, 1 sh. 8 d. für Weiber, 1 sh. 2'/2 d. lür Jungen. Dafür hat Belgien aber auch 1863, verglichen mit 1850, Quantum und Werth seiner Ausfuhr von Kohlen, Eisen u. s. w. ziemlich verdoppelt. ''") AlsRobert Owen kurz nach dem ersten Decennium dieses Jahrhunderts die Nothwendigkeit einer Beschränkung des Arbeitstags nicht nur theoretisch ver- trat, sondern den Zehnstandentag wirklich in seine Fabrik zu New- Lanark ein- führte, ward das als kommunistische Utopie verlacht, ganz so wie seine ,, Ver- bindung von produktiver Arbeit mit Erziehung der Kinder", ganz wie die von ihm 278 daher als unaiislöschlielie Schmach der englischen Arbeiterklasse , dass sie „die Sklaverei der F a b r i k a k t e'' auf ihre Fahne schrieb gegenüber dem Kapital, das männlich für ,,vollk ommene Freiheit der Ar- beit" stritt '92). Frankreich hinkt langsam hinter England her. Es bedarf der Februarrevolution zur Geburt des Zwölfstundengesetzes ^^3)^ das viel mangelhafter ist als sein englisches Original. Trotzdem macht die französische revolutionäre Methode auch ihre eigenthümlichen Vorzüge geltend. Mit einem Schlag diktirt sie allen Ateliers und Fabriken ohne Unterschied dieselbe Schranke des Arbeitstags, wahrend die englische Gesetzgebung bald an Siesem Punkt, bald an jenem , dem Druck der Verhältnisse widerwillig weicht und auf dem besten Weg ist , einen neuen juristischen Rattenkönig auszubrüten ^^^). Andrerseits proklamirt ins Leben gerufenen Cooperationsgeschäfte der Arbeiter. Heutzutage ist die erste Utopie Fabrikgesetz , die zweite figurirt als officielle Phrase- in allen ,,Fac- tory Acts" und die dritte dient sogar schon zum Deckmantel reaktionärer Schwindeleien. ''^-) Ure fzs. Uebers. ,,Ph i I o s o p Jii e des Manu fac t ur es. Paris 1836," t. II, p. 39, 40, 67, 77 etc. 133) In dem Compte Rendu des ,,In tern ati on al en Statistischen K 0 ngress es z u Paris , 1855", heisst es u. a. : ,, Das französische Gesetz, das die Dauer der täglichen Arbeit in Fabriken und Werkstätten auf 12 Stunden be- schränkt, begrenzt diese Arbeit nicht innerhalb bestimmter fixer Stunden (Zeitperioden) , indem nur für die Kinderarbeit die Periode zwischen 5 Uhr Vor- mittags und 9 Uhr Abends vorgeschrieben ist. Daher bedient sich ein Theil der Fabrikanten des Rechts , welches ihnen diess verhängnissvolle Schweigen giebt, imi Tag aus Tag ein, vielleicht mit Ausnahme der Sonntage, ohne Unter- l)rechung arbeiten zu lassen. Sie wenden dazu zwei verschiedne Arbeiterreihen an, von denen keine mehr als 12 Stunden in der Werkstätte zubringt, aber das Werk des Etablissements dauert Tag und Nacht. Das Gesetz ist befriedigt, aber ist es die Humanität ebenfalls?" Ausser dem ,, zerstörenden Einfluss der Nacht- arbeit auf den menschlichen Organismus", wird auch ,,der fatale Einfluss der nächtlichen Association beider Geschlechter in denselben trüb erleuchteten Werk- stätten" betont. '''^) ,,Z. B. in meinem Distrikt , in denselben Fabrikbaulichkeiten , ist der- selbe Fabrikant Bleicher und Färber unter dem ,, Bleicherei- und Färberei Akt", Drucker unter dem ,,Print Works Act" und finisher unter dem ,, Fabrikakt" .... (Report of Mr. Redgrave in ,,Rep o rt setc. for 31 st Oct. 1861", p. 20.) Nach Aufzählung der verschiednen Bestimmungen dieser Akte und der daher fol- 279 das fiunzüsische Gesetz prinzipiell, was in Eiiglaud nur iui Namen von Kindern, Unmündigen und Frauenzimmern erkämpft und erst neuerdings als allgemeines Keelit beanspruelit wird '9'). In den Vereinigten Staaten von Nordamerika blieb jede selbstständige Arbeiterbewegung gelähmt , so lange die Sklaverei einen Theil der Republik verunstaltete. Die Arbeit in weisser Haut kann sich dort nicht emaneipiren , wo sie in schwarzer Haut gebrandmarkt wird. Aber aus dem Tod der Sklaverei entspross sofort ein neu verjüngtes Leben. Die erste Frucht des Bürgerkriegs war die Achtstunden- agitation, mit den Siebenmeilenstiefeln der Lokomotive vom atlanti- schen bis zum stillen Ocean ausschreitend, von Neuengland bis nach Kali- fornien. Der allgemeine Arbeiterkougress zu Baltimore (16. August 1866) eiklärt: ,,Das erste und grosse Erheischniss der Gegen- wart, um die Arbeit dieses Landes von der kapitalistischen Sklaverei zu befieiou, ist der Erlass eines Gesetzes, wodurch 8 Stunden den Normal-Arbeitstag in allen Staaten der amerikanischen Union bilden sollen. Wir sind entschlossen alle unsre Macht aufzubieten , bis diess glorreiche Resultat erreicht ist" '9*"). Gleichzeitig (Anfang September f,'onden Komplikation, sagt Herr Redgiave : ,,Man sieht, wie schwer es sein rauss die Vollziehung dieser 3 Parlanientsakte zu sichern , wenn der Fahrikeigner das Gesetz zu unigelm beliebt." Was aber den Herrn Juristen dadurch gesichert ist, sind Prozesse. '^•') So getrauen sich endlich die Fabrikinspektoren zu sagen: ,, These ob- jections (des Kapitals gegen legale Beschränkung der Arbeitszeit) must succumb before the broad principle of the rights of labour . . . there is a time when the nnister's right in his workman's labour ceases and his time becomes his own , even if there was no exhaustion in the qucstion." (, ,Reports etc. for31. Oct, 1862", p. 54.) 13") ,,Wir, die Arbeiter von Dunkirk, erklären, dass die unter dem jetzigen System erheischte Länge der Arbeitszeit zu gross ist und dem Arbeiter keine Zeit für Erholung und Entwickelnng lässt, ihn vielmehr auf einen Zustand der Knechtschaft herabdrückt, der wenig besser als die Sklaverei ist (,,a condition of servitude but little better than slavery"). Desshalb beschlossen, dass 8 Stunden für einen Arbeitstag genügen und legal als genügend anerkannt M-erden müssen ; dass wir zu unsrem Beistand die Presse anrufen , den gewaltigen Hebel . . . und alle, die diesen Beistand versagen, als Feinde der Arbeitsreform und Arbeiterrechte betrachten." (Besohl üss e d er A rb e iter zu D u nkirk, Staat New-York, I86ü.) 280 1 '"^ G 6 ) bescliloss der ,,I ii t e r n a t i o n a 1 e A r b e i t e r k o n g* r e s s" zu (Jenf auf Vorschlag der Londoner Centralbeliörde : ,,Wir erklären die Be- schränkung des Arbeitstags für eine vorläuiige Bedingung , ohne welche alle andern Bestrebnngen nach Emancipation scheitern müssen . . . Wir schlagen 8 A r b e i t s s t n n d e n als legale Schranke des Ar- beitstags vor". So besiegelt die auf beiden Seiten des atlantischen Meers instinktiv ans den Produktionsverhältnissen selbst erwachsne Arbeiterbewegung den Ausspruch des englischen Fabrikinspektors R. J. Saunders: ,, Weitere Sciiritte zur Refoi-m der Gesellschaft sind niemals mit irgend einer Aus- sicht auf Erfolg durchzuführen, wenn nicht zuvor der Arbeitstag beschränkt und seine vorgeschriebene Schranke strikt erzwungen wird" ''^'^). Man muss gestehn, dass unser Arbeiter anders aus dem Produktions- prozess herauskömmt als er in ihn eintrat. Auf dem Markt trat er als Be- sitzer der Waare „Arbeitskraft" andern Waarenbesitzern gegenüber, Waai-enbesitzer dem Waarenbesitzer. Der Kontrakt, wodurch er dem Kapitalisten seine Arbeitskraft verkaufte, schien durch den freien Willen von Verkäufer und Käufer vereinbartes Produkt. Nach geschlossnem Handel wird entdeckt, dass er ,.kein fr e i er A gen t" war, dass die Zeit, wofür es ihm freisteht seine Arbeitskraft zu verkaufen, die Zeit ist, wofür er gez w un gen ist sie zu verkaufen '^^) , dass in der That sein Sauger nicht loslässt, ,,so lange noch ein Muskel, eine Sehne, ein Tropfen Bluts auszubeuten" ^^^). Zum „Schutze" gegen die Schlange ihrer Qualen müssen die Arbeiter ihre Köpfe zusammenrotten und als Klasse ein '3") „Reports etc. for 31. Oct. 1848" , p. 112. '^^) ,, These proceedings (die Manöver des Kapitals z. B. 1848 — 50) have- afit'orded, moreover, incontrovertible proofofthe fallacy oftlie asser- tion so often advanced, that operatives need no protection, hut may be considered as free agents in the disposal of the oniy property they possess, the labour of their hands , and the sweat of their brows." (,, Reports etc. for 30. April 1850", p. 45). ,,Free Labonr, if so it may be termed, even in a free country , requires the strong arm of the law to protect it." (,,Repo r ts etc. for 31. Oct. 18f)4", p. 34.) ,,To permit,. w h i c h i s t a n t a m o n n t t o c o m p e 11 i n g . . . . to werk 14 honrs a day witb or without meals etc." (,,Repo r t s etc. f o r 30. Ap ri 1 1863", p. 40.) 199) Friedrich Engels 1. c. p. 5. 281 f^taatsgesetz erzwingen, ein übermächtiges g e s e 1 1 s c li ;i f 1 1 i c h e s H i n - d e ]• n i s s , das sie selbst verhindert, durch freiwillige n Kontrakt mit d em Kapita 1 sich und ihre Generation in Tod und Sklaverei zu verkaufen -f'"). An die Stelle des prunkvollen Katalogs der ,,unver- iiusserlichen Menschenrechte" tritt die bescheidne Magna Charta eines gesetzlich beschränkten Arbeitstags, die ,, endlich klar macht, wann die Zeit, die der Arbeiter verkauft, eudet, und wann die ihm selbst gehörige Zeit beginnt" ^"i ). Quantum mutatus ab illo I 5) Rate und Masse des Mehrwerths. Wie bisher, wird in diesem Paragraph der Werth der Arbeits- kraft, also der zur Reproduktion oder Erhaltung der Arbeitskraft noth- w e n d i g e T h e i 1 des Arbeitstags, als gegebne, c o n s t a n t e Cr r ö s s e unterstellt. Diess also vorausgesetzt, ist mit der Rate zugleich die Masse des M e h r w e r t h s gegeben, die der einzelne Arbeiter dem Kapitalisten in bestimmter Zeitperiode liefert. Beträgt z.B. die nothwendige Arbeit täglich 1") Stunden, ausgedrückt in einem Goldcpiantum von 3 sh. = 1 Thaler, so ist 1 Tlialer der Tages werth einer Arbeitskraft, oder der im Ankauf -."") Die Zehnstundenbill hat in den ihr unterworfenen Industriezweigen ,,die Arbeiter vor g ä n z 1 i c h e r D e g e n e r a t i o n gerettet und ihren physischen Zustand beschützt." (,, Reports etc. for 31. Oct. 18.t9", p. 47 — 52.) ,,Das Kapital (in den Fabriiien) kann niemals die Maschinerie in Bewegung halten über eine begrenzte Zeitperiode ohne die beschäftigten Arbeiter an ihrer Gesundheit und ihrer Moral zu beschädigen ; und sie sind nicht in einer Lage, sich selbst zu schützen." 1. c. p. 8. -*") ,,A still greater boon is, the distinction atleastmade clear between t h e \v V) r k e r ' s o \v n t i m e a n d h i s m a s t e r ' s. The worker knows now \v h e n that which he sells is ended, and when bis own begins, and, by liusscssing a sure foreknowledge of this , is enabled to pre-arrange his own niinutes tor his own purposes." (1. c. p. .t2.) ,,By making them masters of their own time.. they (die Fabrikgesetze) have given them a uioral cnergy which is dirccting them to tlieeventual posse.ssion of political power." (I.e. p. 47.) Mit verhaltner Ironie, und in sehr vorsichtigen Ausdrücken, deuten die Fabrikinspektoren an, dass das jetzige Zehnstundengesetz auch den Kapitalisten einigermassen von seiner naturwüchsigen Brutalität als blosser Verkörperung des Kapitals befreit nnd ihm Zeit zu einiger ,. Bildung" gegeben habe. Vorher ,,the master had no time for anything biit money: the servant had no time for anything but labour." 1. c. p. 48. 282 einer Arbeitskraft vorgeschossene Kapitalwerth. Ist ferner die Rate des Mehrwertlis lOO^/o, so producirt diess variable Kapital von 1 Tlialer eine Masse Mehrwerth von 1 Tlialer, oder der Arbeiter liefert täglich eine Masse Mehrarbeit von 6 Stunden. Das variable Kap ital ist aber der Geldausdruck für den Ge- sa m m t w e r t h a 1 1 e r A r b e i t s k r ä f t e , die der Kapitalist gleichzeitig in einem bestimmten Produktionsprozess verwendet. Ist der Tageswertli einer Arbeitskraft 1 Thaler, so ist also ein Kapital von lOO^halern vor- zuscliiL'Ssen um 100, und von n Thalern , um n Arbeitskräfte täglich zu exploitiren. Der W e r t h des v o r geschossenen variablen Ka- pitals ist also gleich dem D u r c h s c h n i 1 1 s vv e r t h einer Arbeits- kraft multiplicirt mit der Anzahl der verwandten Arbeitskräfte. Bei gegebnem W e r t h der Arbeitskraft wechselt also W e r t h u m f a n g oder Grösse d es variablen Kapitals mit der Masse der ange- eigneten Arbeitskräfte oder der Anzahl der gleichzeitig beschäftigten Arbeiter. Produzirt ein variables Kapital von 1 Thaler, derTageswerth einei- Arbeitskraft, einen täglichen Mehrwerth von 1 Thaler, so ein variables Kapital von 100 Thalern einen täglichen Mehrwerth von 100, und eins von n Thalern einen täglichen Mehrwerth von 1 Thaler X n. Die Mass e des p r 0 d u c i r t e n M e h r wert h s ist also gleich dem Mehrwerth , den der Arbeitstag des einzelnen Arbeiters liefert , multiplicirt mit der Anzahl der angewandten Arbeiter. Da aber ferner die MasseMehrwerth, die der einzelne Arbeiter producirt, bei gegebenem Werth der x\rbeitskraft, durch die Rate des Mehrwerths bestinnut ist, so folgt, unter derselben \'or- aussetzung: Die Masse des von einem gegebnen variablen Kapital p r o d u c i r t e n Mehrwerths ist gleich der Grösse d e s V 0 r g e s c h 0 s s e n e n variablen Kapitals m u 1 1 i p 1 i c i r t m i t eler Rate des Mehr werth s oder ist bestimmt durch das zusammen- gesetzte Verhältniss zwischen der Anzahl der gleichzeitig ex- ploitirten Arbeitskräfte und dem Exploitationsgrad der e i n z e 1 n e n A r b e i t s k !• a f t. In der Produktion e i n e r b e s t i m m t e n MasseMehrwerth kann daher die Abnahme des einen Faktors durch Zunahme des andern ersetzt werden. Wird das variable Kapital vermindert und gleichzeitig in de m selben Verhältniss die Rate des Mehrweiths 283 «rhöht, so bleibt die AI a s s e des p r o d u c i r t e n M e li r w e r t li s u u - verändert. Muss unter den früheren Annahmen der Kapitalist 100 Tha- ler vorschiessen, um 100 Arbeiter täglich zu exploitiren, und beträgt die Rate des Mehrwerths 50%, so wirft diess variable Kapital von 100 einen Mehrwerth von 50 ab, oder von 100 X 3 Arbeitsstunden. Wird die Rate des Mehrwerths verdoppelt , oder der -Arbeitstag statt von 6 zu 9, von 6 zu 12 Stunden verlängert, so wirft das um die Hälfte verminderte variable Kapital von 50 Thalern ebenfalls einen Mehrwerth von öOTlialern ab oder von 50 X 6 Arbeitsstunden. Verminderung des variablen Kapi- tals ist also ausgleichbar durch proportioneile Erhöhung im Exploitatious- grad der Arbeitskraft oder Abnahme in der Anzahl der beschäftigten Ar- beiter durch proportioneile Verlängerung des Arbeitstags. Innerhalb ge- wisser Grenzen wird die vom Kapital erpressbare Zufuhr der Arbeit also unabhängig von der A r b e i t e r z u f u h r 202^, Umgekehrt lässt A b - nähme in der Rate des Mehrwerths die Masse-des produ- c irten Mehr werths unverändert, wenn proportiouell die Grösse des variablen Kapitals oder die Anzahl der beschäftigten Arbeiter wächst. Indess hat der Ersatz von Arbeiteranzahl oder Grösse des variablen Kapitals durch gesteigerte Rate des Mehrwerths oder Verlängerung de:^ Arbeitstags unüberspringbare absolute Schranken. Welches immer der Werth der Arbeitskraft sei, ob daher die zur Erhaltung des Arbei- ters noth wendige Arbeitszeit 2 oder 10 Stunden betrage, der Ge- sammtwerth, den ein Arbeiter, Tag aus Tag ein, produciren kann, ist immer kleiner als der Werth, worin sich 24 Arbeitsstunden vergegen- ständlichen, kleiner als 12 sh. oder 4 Tlialer, wenn diess der Geldausdruck der 24 vergegenständlichten Arbeitsstunden. Unter unsrer früheren An- nahme, wonach täglich 6 Arbeitsstunden erheischt, um die Arbeitskraft selbst zu reproduciren oder den in ihrem Ankauf vorgeschossenen Kapital- werth zu ersetzen, producirt ein variables Kapital von 500 Thalern, das täglich 500 Arbeiter zur Mehrwerthsrate von 100*> 0 oder mit zwölfstün- digem Arbeitstag verwendet, täglich einen Mehrwerth von 500 Thalern 202\ Diess EJemeiUargesetz scheint den Herren von der Vulgärükonomie un- bekannt, die, umgekehrte Archimedes , in der Bestimmung der Marktpreise der Arbeit durch Nachfrage und Zufuhr den Punkt gefunden zu haben glauben , nicht um die Welt aus den Angeln zu heben, sondern um sie stillzusetzen. 284 oder 6 X -iOO Arbeitsstunden. Ein Kapital von 100 Thalern, das 100 Arbeiter täglich verwendet zurMehrwerthsrate von äOO*^' of**^^'' i^^'t ISstün- 'Ugem Arbeitstag, producirt nnr eine Melir w ert li smasse von 200 Tha- lern oder 18 X 100 Arbeitsstunden. Und sein gesammtes Werthpro- dukt, Aequivalent des vorgeschossenen Kapitals plus Mehrwerth, kann Tag aus Tag em, niemals die Summe von 400 Thalern oder 24 X 100 A rbeitsstunden erreichen . Die absolute S c h r a n^k e des durch- sch n i tt 1 i chen Ar bei tstags , der von Natur immer kleiner ist als 24 Stunden , bildet eine absolute S c h r a n k e f ü r d e u Ersatz von variablem Kapital durch gesteigerte Rate des M e h r - werths oder von exploitirter A r b ei teranzahl durch er- höhten Exploitationsgrad der Arbeitskraft. Diess hand- greifliche Gesetz ist wichtig zur Erklärung vieler Erscheinungen , entsprin- gend aus der später zu entwickelnden Tendenz des Kapitals , die von ihm beschäftigte Arbeiteranzahl oder seinen variablen in Arbeitskraft umgesetz- ten Bestandtheil auf die Minimalschranke zu reduciren , jm Wider- spruch zu seiner andern Tendenz , die möglichst grosse Mass er von Mehrwerth zu produciren. Umgekehrt. Nimmt die Masse der ver- wandten Arbeitskräfte zu , oder die Grösse des variablen Kapitals, aber langsamer als die Rate des Mehrwerths abnimmt, so sinkt die Masse des producirten Mehrwerths. Ein drittes Gesetz ergiebt sich aus der Bestimmung der Masse des ji r 0 d u c i r t e n Mehrwerths durch die zwei Faktoren, Rate des Mehrwerths und Grösse des vorgeschossenen variablen Kapitals. Die Rate des Mehrwerths oder den Exploitationsgrad der Arbeitskraft, und den Werth der Arbeitskraft oder die Grösse der noth wendigen Arbeits- zeit gegeben, ist es selbstverständlich, dass je grösser das variable Kapital, desto grösser die Masse d e s p r o d u c i i' t e n Werths und Mehrwerths. Ist die Grenze des Arbeitstags gegeben, ebenso die Grenze seines n o t h w e n d i g e n B e s t a n d t h e i 1 s , so hängt die Masse von Werth und Mehrwerth, die ein einzelner Kapitalist produ- cirt, offenbar ausschliesslich ab von der Masse A rb ei t, die er in Be- wegung setzt. Diese aber hängt, unter den gegebnen Annahmen, ab von der Masse Arbeitskraft oder der A r b e i t e r a n z a h 1 , die er exploitirt , und diese Anzahl ihrerseits ist bestin)mt durch die Grösse des von ihm vorgeschossenen variablen Kapitals. Bei gegebner 285 — 1{ a t e d e s M e h r v. e r t li s und g e g e b n e m W c r t li der Arbeits- kiaft verhalteil sich also die Massen des producirteii M e h r w e r t li s d i r e k t \v i e d i c (i r ü s s v n der v o r g e s c li o s s e n e n variable ii K a p i t a 1 e. Nun weiss man aber, dass der Kapitalist sein Kapi- tal in zwei Tlieile tlieilt. Einen Theil legt er aus in Produktionsmitteln. Diess ist der e o n s t a n t e Tlieil seines Kapitals. Den andern Theil setzt er um in lebendige Arbeitskraft. Dieser Theil bildet sein variables Kapital. Aul* Basis derselben Produktionsweise findet in verseil ied neu Pr oduktionssphären veisehiedne Theilung des Kapitals in constan- tei) und variablen Bestaudtheil statt. Innerhalb d e r se 1 b en P r o d iik - tionssphäre wechselt diess \'erl)ältniss mit wechselnder teehnolu- gisclier Grundlage und gesellschaftlieher Kombination des Produktions- prozesses. Wie aber ein gegebnes Kapital immer zerfalle in coii- stanten und variablen Bestandtheil , ob der letztere sieh zum ersteren ver- halte wie 1:2, 1 : 10, oder 1 :x, das eben aufgestellte Gesetz wird nicht davon berührt, da, früherer Analyse gemäss, der Werth des Constanten Kapitals im Produktenwerth zwar wiedererscheint , aber nicht in das neu- gebildete Werthprodukt eingeht. Um 1000 Spinner zu verwenden, sind natürlich mehr Rohmaterialien, Spindeln u. s. w. erheischt, als um 100 zu verwenden. Der AVerth dieser zuzusetzenden Pio Uiktiousmittel aber mag steigen, fallen, unverändert bleiben , gross oder klein sein , er bleibt ohne irgend einen Einfluss auf den V er werth ungsproz ess der sie bewe- genden Arbeitskräfte. Das oben konstatirte Gesetz nimmt also die allge- meinere Form an: Die von verschiedenen Kapitalien pro- d u c i r t e n Massen von W e r t h u n d M e h r werth verhalten s i c h , b e i g e g e b n e m W e r t h n n d g 1 e i c h g r o s s e m E x p 1 o i t a - tionsgrad der Arbeit sk raft, direkt wie die Grössen der variablen Bestau d th eile dieser Kapitale, d. h. ihrer in lebendige A r b e i t s k r a f t u ui g e s e t z t e n B e s t a n d t h e i 1 e. Diess Gesetz widerspricht offenbar aller auf den Augenschein gegründeten Erfahrung. Jedermann weiss, dass ein Baumwollspiuner, der, die Prozenttheile des augewandten Gesaramtkapitals berechnet, relativ viel constantes und wenig variables Kapital anwendet, desswegen kei- nen kleineren Gewinn oder Melirwerth erbeutet als ein Bäcker, der relativ viel variables und wenig constantes Kapital in Bewegung setzt. Zur Lösung dieses schuinbareu Widerspruchs bedarf es noch vieler Mittelglieder, 286 vvie es vom Standpunkt der elementaren Algebra vieler Mittelglieder bedarf,. 0 um zu verstelm , dass ^ eine wirkliclie Grösse darstellen kann. Obgleich sie das Gesetz nie formulirt hat, hängt die klassisch(; Oekononiie instinktiv daran fest, weil es eine nothwendige Konsequenz des Werth- gpsetzes überhaupt ist. Sie sucht es durch gewaltsame Abstraktion vor den Widersprüchen der Erscheinung zu retten. iMan wird später 203j. sehn, wie die R i c a r d o ' s c h e Schule an diesem Stein des Anstosses ge- ftolpert ist. Die Vulgärökonomie, die ,, wirklich auch nichts gelernt hat", pocht hier, wie überall auf den Schein gegen das Gesetz der Erscheinung. Sie glaubt im Gegensatz zu Spinoza, dass „die Unwissenheit ein hin- reichender Grund ist". Die Arbeit , die das Gesammtkapital einer Gesellschaft täglich in Be- wegung setzt, kann als ein einziger Arbeitstag betrachtet werden. Ist z. B. die Zahl der Arbeiter eine Million und beträgt der Durchschnitts- Arbeitstag eines Arbeiters 10 Stunden, so besteht der gesellschaft- liche Arbeitstag aus 10 Millionen Stunden. Bei gegebner Länge dieses Arbeitstags, seien seine Grenzen physisch oder social gezogen, kann die Masse des M e h r w e r t h s nur vermehrt werden durch Vermehrung der Arbeiteranzahl, d. li. der A r b e i terbe völke r ung. Das Wachs- thum der Bevölkerung bildet hier die mathematische Grenze für Produk- tion des Mehrwerths durcli das gesellschaftliche Gesammtkapital. Umge- kehrt. Bei gegebner Grösse der Bevölkerung wird diese Grenze gebildet durch die mögliche Verlängerung des A r b e i t s t a g s ^^4 ), Man wird im folgenden Kapital sehn , dass diess Gesetz nur für die bisher behandelte Form des Mehrwerths gilt. Aus der bisherigen Betrachtung der Produktion des Mehrwerths er- giebt sich, dass nicht jede beliebige Geld- oder Werthsumme in Kapital verwandelt werden kann , sondern zu dieser Verwandlung vielmehr ein be- 203) Näheres darüber im ,, Vierten Bncli". -0') ,,Thelabour, tliat is the economic time ofsociety, is a given portion , say ten honrs a day of a million of ijeople or ten millions hours .... Capital has its boundary of increase. The boundary may , at any given period, he attained in the actiial extent of economic time employed." (,,An I'^ssay ou the Political Economy of Nations. London 1821", p. 48, 49.) 287 stimmtes M i n i m 11 m von Geld oder Tausflnverth in der Hand des ein- zelnen Geld- oder Waarenbesitzers vorausgesetzt ist. Das Minimum von va'r iabl em K api ta 1 ist der Kostenpreis einer einzelnen Arbeits- kraft, die das ganze Jahr durch , Tag aus Tag ein , zur Gewinnung von ^lehrwertli vei'nutzt wird. Wäre dieser Arbeiter im Besitz seiner eignen Produktionsmittel, und begnügte er sich als Arbeiter zu leben, so genügte ihm die zur Reproduktion seiner Lebensmittel nothwendige Arbeitszeit, sage von 8 Stunden täglich. Er bedürfte also auch nur Produktions- mittel für 8 Arbeitsstunden. Der Kapitalist dagegen, der ihn ausser die- sen 8 Stunden sage 4 Stunden Mehrarbeit verrichten iässt , bedarf einer zusätzlichen Geldsumme zur Beschaffung der zusätzlichen Produktions- luittel. Unter unserer Annalmie jedoch müsste er schon zwei Arbeiter anwenden, um von dem täglich angeeigneten Mehrwerth wie ein Arbeiter leben, d. h. die nothwendigen Bedürfnisse befriedigen zu können. In die- sem Fall wäre blosser Lebensunterhalt der Zweck seiner Produktion, nicht Vermehrung des Reichthums, und das letztre ist unterstellt bei der kajjita- listischen Produktion. Damit er nur doppelt so gut lebe wie em gewöhn- licher Arbeiter, und die Hälfte des producirten Mehrwerths in Kapital zn- rückverwandle , müsste er zugleich mit der Arbeiterzahl das Minimum des vorgeschossenen Kapitals um das Achtfache steigern. Allerdings kann (r selbst, gleich seinem Arbeiter, unmittelbar Hand im Produktionsprozesse anlegen, aber ist dann auch nur ein Mittelding zwischen Kapitalist und Arbeiter, ein ,, kl einer Meister". Ein gewisser Höhegrad der kapi- talistischen Produktion bedingt, däss der Kapitalist die ganze Zeit, während deren er als Kapitalist, d.h. als personiticirtes Kapital funktionirt , zur Aneignung und daher Kontrole fremder Arbeit, und zum Verkauf der Pro- dukte dieser Arbeit verwenden könne "^^^j. Die Verwandlung des Hand- -"'■') ,,The tanner cannot rely on his own labour ; and if he does, I will main- tain that he is a loser by it. His employiuent should be, a general attention to the whole : his thrasher must be watched , or he will soon lose his wages in com not thrashed out ; his mowers, reap'ers etc . must be looked after ; he must con- stantly go round his fences ; he must see there is no neglect ; which would be the case if he wns contined to any one spot " ,,An Enquiry into the Connec- t i 0 n b e t w e e n the P r i c e o f P r o v i s i o n s , and t h e S i z e o f F a r m s etc. By a Farmer. London 1773", p. 12. Diese Schrift ist sehr interessant. 288 Averksuieisters in den Kapitalisten suciite die zünftige Industrie des Mittel- alter« dadurch gewaltsam zu verhindern, da'ss sie die Arbeiteranzahl, die ein einzelner Meister beschäftigen durfte, auf ein sehr geringes M a x i ni u m be- schränkte. Der Geld- oder Waarenbesitzer verwandelt sich erst wirklich in einen Kapitalisten , wo die für die Produktion vorgeschossene Minimal- sunime weit über dem mittelaltrigen Maximum steht. Hier, wie in der Naturwissenschaft, bewährt sich die Richtigkeit des von Hegel in seiner Logik entdeckten Gesetzes, dass bloss quantitative Veränderungen unfeinem gewissen Punkt in quali tat i veUnterschiede umschlagen '^O'^"). Das Minimum der W e r t h s u m m e , worüber der einzelne Geld- oder Waaienbesitzer verfügen muss, um sich in einen Kapitalisten zu ent- puppen, wechselt auf verschiedenen Entwicklungsstufen der kapitalistischen Produktion und ist , bei gegebner Entwicklungsstufe , verschieden in ver- schiedenen Produktionssphären , je nach ihren besondern technologischen Bedingungen. Gewisse Produktionssphären erheischen schon in den An- fängen der kapitalistischen Produktion ein Minimum von Kapital, das sich noch nicht in der Hand einzelner Individuen vorfindet. Diess veranlasst theils Staatssubsidien an solche Private, wäe in Frankreich zur Zeit Colberts und wie in manchen deutschen Staaten bis in unsre Epoche hinein, theils die Bildung von Gesellschaften mit gesetzlichem Monopol für den Betrieb gewisser Industrie- und Handelszweige ^o^), — die Vorläufer der modernen Aktiengesellschaften. Mau kann darin die Genesis dos ,,capitalist farmer" oder ,,inerchant 1 armer", wie er ausdrücklich genannt wird, studiren und seiner Selbstverherr- lichung gegenüber dem ,,small farmer", dem es wesentlich um die Subsistenz zu thun ist, zuhören. ,,Die Kapitalistenklasse wird zuerst theilweise und schliesslich ganz und gar entbunden von der Nothwendigkeit der Handarbeit." (,,Text- book of Lectures on the Polit. EconomyofNations. BythelJev. Mr. Richard Jones. Hertford 1852." Lecture III.) 205''^ Die in der modernen Chemie angewandte, von Laiirent und Ger- hardt angebahnte, von Prof. Würtz zu Paris zuerst wissenschaftlich entwickelte Mol e ku 1 ar t he o r i e beruht auf keinem anderen Gesetze. 2"ß) ,,Die Gesellschaft Monoi)olia" nennt Martin Luther derartige In- stitute. 289 Wir halten uns nicht beim Detail der Veränderuiigen auf, die das Verhältniss von Kapitalist und Lohnarbeiter ira Verlaufe des Produktions- prozesses erfuhr, also auch nicht bei den weiteren Fortbestimmungeu des Kapitals selbst. Nur wenige Hauptpunkte seien hier betont. Innerhalb des Produktionsprozesses entwickelte sich d a s Kapital zum Kommando über die Arbeit, d. h. über die sich betlnitigende Arbeitskraft oder den Arbeiter selbst. Das p e r s o n i f i c i r t e Kapital, der Kapitalist, passt auf, dass der Aibeiter sein Werk oi-dentlich und mit dem gehörigen Grad von Intensivitat verrichte. D a s K a p i t a 1 entwickelte sich ferner zu einem Z w a n g s v e r h ä 1 1 - niss, welches die Arbeiterklasse zwingt mehr Arbeit zu verrichten als der enge Umkreis ihrer eignen Lebensbedürfnisse vorschrieb. Und als Pro- duzent fremder Arbeitsamkeit, als Auspumper von Mehrarbeit und Exploi- teur von Arbeitskraft, übergipfelt es an Energie , Masslosigkeit und Wirk- samkeit alle früheren auf direkter Zwangsarbeit beruhenden Pro- duktionssysteme. Das Kapital ordnet sich zunächst die Arbeit unter mit den gegebenen technologischen Bedingungen , worin es sie historisch vorfindet. Es ver- ändert daher nicht unmittelbar die Produktionsweise. Die Produktion von Mehrwerth in der bisher betrachteten Form, durch einfache Verlängerung des Arbeitstags, erschien daher von jedem Wechsel der Produktionsweise selbst unabhängig. Sie war in der altmodischen Bäckerei nicht minder wirksam als in - der modernen Baumwollspinnerei. Betrachteten wir den Produk- tionsprozess daher bloss unter dem Gesichtspunkt des Arbeitsprozesses, so verhielt sich der Arbeiter zu den Produktionsmitteln nicht als Kapital, sondern als blossem Mittel und Material seiner zweckmässigen produktiven Thätigkeit. In einer Gerberei z.B-. behandelt er die Felle als seinen blossen Arbeitsgegenstand. Es ist nicht der Kapitalist, dem er das Fell gerbt. Anders , sobald wir den Produktiousprozess unter dem Gesichtspunkt des Verwerthungsprozesses betrachteten. Die Produktionsmittel ver- wandelten sich sofort in Mittel zur Einsaugung fremder Arbeit. Es ist nicht mehr der Arbeiter, der die Produktionsmittel anwendet, son- dern es sind die Produktions mittel, die den Arbeiter an- wenden. Statt von ihm als stoffliche Elemente seiner produktiven Thä- tigkeit verzehrt zu werden , verzehren sie ihn als Ferment ihres eignen Lebensprozesses, und der Lebensprozess des Kapitals besteht nur in seiner I. 19 290 Bewegung- als sich selbst ver w ort li en d er Wertli. Sclimelzöfciit und Arbeitsgebäude, die des Nachts ruhn und keine lebendige Arbeit ein- saugen, sind ,, reiner Verlust" (,, a mere loss") für den Kapitalisten. Da- rum konstiluiren Schmelzöfen und Arbeitsgebände einen ,, Anspruch auf die Nachtarbeit" der Arbeitskräfte. Die blosse Verwandlung des Geldes in gegenständliche Faktoren des Produktionsprozesses , in Produktions- mittel, verwandelt letzlre in Rechtstitel und Zwangstitel auf fremde Arbeit und Mehrarbeit. Wie diese der kapitalislisclien I^-odnktion eigenthümliche und sie charakterisirende Verkehrung, ja Verrückung des Verhältnisses von todter und lebendiger Arbeit , von Werth und wertli- schöpferischer Kraft, sich im Bewusstsein der Kapitalistenköpfe abspie- gelt, zeige schliesslich noch ein Beispiel. Während der englischen Fabri- kantenrevolte von 1848 — 50 schrieb ,,der Chef der Leinen- und Baum- wollspinnerei zu Paisley , einer der ältesten und respektabelsten Firmen von Westschottland , der Herrn Carlile, Söhne und Co. , deren Kompagnie seit 1752 besteht und Generation nach Generation von derselben Familie geführt wird", — dieser äusserst inteUigeute Gentleman also schrieb in die ,, Glasgow Daily Mail" vom 25. April 1849 einen Brief 207) unter dem Titel : ,, d a s R e 1 a i s s y s t em ", worin u. a. folgende grotesk naive Stelle unterläuft: ,,La3st uns nun die Uebel betrachten, die aus einer Reduktion der Arbeitszeit von 12 auf 10 Stunden fliessen .... Sie ,, belaufen" sich auf die allerernsthafteste Beschädigung der Aussichten und des Eigen- thums des Fabrikanten. Arbeitete er (d. h. seine ,, Hände") 12 Stunden und wird er auf 10 beschränkt, dann schrumpfen je 12 Maschinen oder Spindeln seines Etablissements auf 10 zusammen, („then every 12 ma- chines or spindles, in Ins establishment, shrink to 10"), und wollte er seine Fabrik verkaufen, so würden sie nur als 10 gewerthschätzt werden, so dass so ein sechster Theil vom Werth einer jeden Fabrik im ganzen Lande abgezogen würde" -^^). 20") ,,Reports of Insp. of Fact. for 30 th April 1849", p. 59. '-'*'*') 1. c. p. 60. Fabrikinspektor Stuart, selbst Schotte, und im Gegensatz zu den englischen Fabrikinspektoren , ganz in kapitalistischer Denkart befangen, bemerkt ausdrücklich , dieser Brief, den er seinem Bericht einverleibt, ,,sei die alier- nützlichste Mittheilung, die irgend einer der Fabrikanten , welche das Relaissj-stem anweriden, gemacht, und ganz besonders darauf berechnet, die Vorurtheile und Skrupel gegen jenes System zu beseitigen." — 291 Diesem eibaiigestammten Kapitalhirn von Westschottland ver- schwimmt fler Werth der Produktionsmittel, Spindeln u. s. w. , so sehr mit ihrer K a p i t a 1 e i g e n s c h a f t , sich selbst zu verwerthen , oder täg- lich ein bestimmtes Quantum frenader Gratisarbeit einzuschlucken , dass der Chef des Hauses Carlile und Co. in der That wähnt, beim Verkauf seiner Fabrik werde ihm nicht nur der Werth der Spindeln gezahlt, sondern obendrein iiire Verwerthung, nicht nur die Arbeit, die in ihnen steckt und zur Produktion von Spindeln derselben Art nöthig ist, sondern auch die Mehr- arbeit,die sie täglich aus den braven Westschotten von Paisley auspumpen, und eben desshalb, meint er, schrumpfe mit der Kontraktion des Arbeits- tags um zwei Stunden der Verkaufspreis von je 12 Spinnmaschinen auf den von je 10 zusammen ! Viertes Kapitel. Die Produktion des relativen Mehrwerths. 1) B e g r i f f d e s r e 1 a t i V e n Mehrwerths. Der Theil des Arbeitstags, der bloss ein Aequivalent für den vom Kiipital gezahlten Werth der Arbeitskraft produzirt, galt uns bisher • als c onstan te Grösse, was er in der That ist unter gegebnen Pro- duktionsbedingungen , auf einer vorhandnen ökonomischen Entwicklungs- stufe der Gesellschaft, lieber diese seine n o t h w e n d i g e Arbeitszeit hinaus konnte der Arbeiter 2, 3, 4, 6 u. s. w. Stunden arbeiten. Von der Grösse dieser Verlängerung hingen Rate des Mehr- werths und G rosse des Arbeitstags ab. War die nothwendige Arbeitszeit qonstant, so dagegen der Gesammtarbeitstag variabel. Unter- stelle jetzt einen Arbeitstag, dessen Grösse und dessen T h e i 1 u n g in nothwendige Arbeit und Mehrarbeit gegeben sind. Die Linie a c a b — c stelle z. B. einen zwölfstündigen Arbeitstag vor, das Stück a b 10 Stunden nothwendige Arbeit, das Stück b c 2 Stunden Mehrarbeit. Wie kann nun die Produktion von Mehrwerth vergrössert, d. li. die Mehrarbeit verlängert werden , ohne jede weitere Verlängerung oder u n a b h ä n g i g von jeder weiteren Verlängerung von a c ? 19* 292 Trotz gegebner Grenzen des Arbeitstags a c scheint b c verlängerbar, wenn nicht durch Ausdehnung über seinen Endpunkt c , der zugleich der Endpunkt des Arbeitstags a c ist , so durch Verschiebung seines Anfangs- punkts b in entgegengesetzter Richtung nach a liin. >;imm an, b' b a b'— b — c sei gleich der Hälfte von b c oder gleich einer Arbeitsstunde. Wird nun in dem zwölfstiindigen Arbeitstag a c der Punkt b nach b' verrückt, so dehnt sich b c aus zu b' c, die Mehrarbeit wächst um die Hälfte, von 2 auf 3 Stunden, obgleich der Arbeitstag nach wie vor nur 12 Stunden zählt. Diese Ausdehnung der Mehrarbeit von b c auf b' c, von 2 auf 3 Stunden , ist aber offenbar unmöglich ohne gleichzeitige Zusammenziehung der nothwendigen Arbeit von a b auf a b'. von 10 auf 9 Stunden . Der V e r 1 ä n g e r u n g de r M e h r- arbeit entspräche die V e r.k ü r z u n g der not h w endigen Arbeit, oder ein Theil der Arbeitszeit, die der Arbeiter bisher in der That für sich selbst verbraucht, verwandelt sich in Arbeitszeit für den Kapitalisten. Was verändert,, wäre nicht die Länge des Arbeitstags, sondern seine T h e i 1 u n g in nothwendige Arbeit und Mehrai-beit. Andrerseits ist die Grösse der Mehrarbeit offenbar selbst ge- geben mit gegebner Grösse des Arbeitstags und gegebnem Werth der Arbeitskraft. Der Werth der Arbeitskraft, d. h. die zu ihrer Produktion erheischte y\rbeitszeit, bestimmt die zur Reproduktion ihres Werths nothwendige Arbeitszeit. Stellt sich eine Arbeitsstunde in einem Goklquantum von einem halben Shilling oder 6 d. dar, und beträgt der , Tageswerth der Arbeitskraft .5 sh., so muss der Arbeiter täglich 10 Stun- den arbeiten, um den ihm vom Kapital gezahlten Tageswerth seiner Arbeits- kraft zu ersetzen oder ein Aequivalent für den Werth seiner nothwendigen täglichen Lebensmittel zu produziren. Mit dem Werth dieser Lebensmittel ist der Werth seiner Arbeitskraft i), mit dem Werth seiner Arbeitskraft ist ') Der Werth des tät^lichen Durchschnittslohns ist bestimmt durch das, was der Arbeiter braucht ,,so as to live, labour, and generate. " (William Petty: ,,Pol i tical Anat o my of Ireland" 1672, p. 64.) ,,The Price of Laboui- is always constituted of the price of necessaries." Der Arbeiter erhält nicht den entsprechenden Lohn ,,\vhenever .... the labouring man's wages will not, suitably to his low rank and Station, as a labouring man, support such a family as is often the lot of many of them to have." (J. V ander lint 1. c. p. 19.) ,,Le simple ouvrier, qui n'a que ses bras et son Industrie, n'a rien qu'autant qu'il 293 die Grösse seiner n o t li \ve ii d i gen Arbeitszeit gegeben. Die Grösse der Melirarbeit aber wird erlialten durch Subtraktion der n 0 t h w e n d i g e n Arbeitszeit v o rn G e s a m ra t a r b e i t s t a g. Zi^'hii Stunden subtraliirt von zwölf lassen zwei, und es ist nicht abzusehn, wie die Mehrarbeit unter den gegebnen Bedingungen über zwei Stunden hinaus verlängert werden kann. Allerdings mag der Kapitalist statt 5 sh. dem Arbeiter nur 4 sh. G d. oder noch weniger zahlen. Zur Reproduktion dieses Werths von 4 sh. 6 d. würden 9 Arbeitsstunden genügen, von dem zwölfstündigen Arbeitstag daher 3 statt 2 Stunden der Meln-arbeit anheim- fallen und der Mehrwerth selbst von 1 sh. auf 1 sh. 6 d. steigen. Diess Resultat wäre jedoch nur erzielt d u r c h Herab d r ü c k u n g des L o h n s des Arbeiters unter den Werth seiner Arbeitskraft. Mit den 4 sh. 6 d., die er in 9 Stunden producirt, verfügt er über Vio weniger Lebensmittel als vorher und so findet nur eine verkümmerte Reproduk- tion seiner Arbeitskraft statt. Die Mehrarbeit würde hier nur verlängert durch üeberschreitung ihrer normalen Grenzen, ihre Domäne nur ausge- dehnt durch usnipatorischen Abbruch von der Domäne der uothwendigen Arbeitszeit. Trotz der wichtigen Rolle, welche diese Methode in der wirk- lichen Bewegung des Arbeitslohnes spielt, ist sie hier ausgeschlossen durch die Voraussetzung, dass dieWaaren, also auch die Arbeitskraft, zu ihrem vollen Werth gekauft und verkauft werden. Diess einmal unterstellt, kann die zur Produktion der Arbeitskraft oder zur Reproduktion ihres Werths n oth - wendige Arbeitszeit nicht abnehmen . weil der Lohn des Arbeiters unter den \Verth seiner Arbeitskraft, sbn !( ru nur weil dieser Werth selbst sinkt. Bei gegebner Länge des Arbeitstags muss die Verlänge- rung der Mehrarbeit aus der Verkürzung der nothwendigen Arbeitszeit ent- sitringen , nicht umgekehrt die Verkürzung der nothwendigen Arbeitszeit aus der Verlängerung der Mehrarbeit. In unsrem Beispiel muss der Werth der Arbeitskraft wiikiich um 'jo sinken, damit die nothwendige piirvicnt a vendre ä d'auties sa licine . . . En tont uenre de travail il doit arriver et il arrive en eft'et, qiie le saiaiie de l'ouvrier se liorne a ce qui lui est necessaire pour lui prociirer la subsistance." (Turgot: ,, Reflexions sur la For- mation et la Distribution des Richesses" (1766). Oeuvres ed. Daire, t. I, \). 10.) ,,The jjrice of the necessiivies of life is , in fact , the cost of produfini? labour." (Maithus: „Inquiiy into etc. Rent." Lond. 1815, p. 48 Note.) 294 Arbeitszeit nni * |o abnehme, von 10 auf 9 Stunden, und daher die Mehrarbeit sich von 2 auf 3 Stunden verlängere. Eine solche Senkung des Werths der Arbeitskraft um i/|o bedingt aber ihrerseits, dass dieselbe Masse Lebensmittel, die früher in 10, jetzt in 9 Stunden producirt wird. Diess ist jedoch unmöglich ohne eine Erhöhung der Pr odaktivkraft der Arbeit. Mit gegebnen Mitteln kann ein Schuster z. B. ein Paar Stiefel in einem Ar- beitstag von 12 Stunden machen. Soll er in derselben Zeit zwei Paar Stiefel machen, so muss sich die Produktivkraft seiner Arbeit verdoppeln, und sie kann sich nicht verdoppeln ohne eine Aenderung in seinen Ar- beitsmitteln oder seiner Arbeitsmethode oder beiden zugleich. Es muss dalier eine Revolution in den P r o d u k t i o ii s b e d i n g u n g e n seiner Arbeit, d. h. in seiner Produktionsweise und daher im Arbeitsprozess selbst eintreten. Unter E r h ö h u n g d e r P r o d u k t i v k r a f t d e r A r - b e i t verstehn wir hier überhaupt eine Veränderung im Arbeits- prozess, wodurch die zur Produktion einer Waare gesellschaftlich er- heischte Arbeitszeit verkürzt wird, ein kleineres Quantum Arbeit also die Kraft erwirbt ein grösseres Quantum Gebrauchswerth zu produciren 2). Während also bei der Produktion des Mehrwertlis in der bisher betrach- teten Form die Produktionsweise als gegeben unterstellt war , ge- nügt es für die Produktion von Mehrwerth durch Verwandlung noth- wendiger Arbeit in Mehrarbeit keineswegs , dass das Kapital sich des Ar- beitsprozesses in seiner historisch überlieferten oder vorhandenen Gestalt bemächtigt und nur seine Dauer verlängert. Es muss die tech- nologischen und gesellschaftlichen Bedingungen des Arbeitsprozesses, also die Produktionsweise selbst umwälzen, um die P r o d u k t i v k r a f t der Arbeit zu erhöhn , durch die Erhöhung der Produktivkraft der Ar- beit den W er th der Arbeitskraft zu senken und so den zur Repi'o- duktion dieses Werths nothwendigen Theil des Arbeitstages zu ver- kürzen. 2) ,,Quando si pert'ezionano le arti , che no e altero che la scoperta di iiuove vie , onde si possa compiere una manufattura con meno gente o (che e lo stesso) in minor tempo di prima." Galiani 1. c. p. 159. ,,L'economie sur los frais de produetion ne peut etre autre chose que reconomie sur la quan- tite de travail employe pour prodnire. " S i s m o n d i : E t u d e s etc. t. I, p. 22.) — 295 Durcli Verlängerung- des Arbeitstags producirten Melirwerth nenne ich absoluten M e h r w e r t h ; den Mehrwerth dagegen , der aus Verkürzung der nothwendigen Arbeitszeit und entsprecliender Ver- änderung im Gr (is sen ver 1) ä 1 1 n i SS der beiden Bestandtheile des Ar- beitstags entspringt, — relativen Mehr w e r t h. Um den W e r t h der Arbeitskraft zu senken, niuss die Steige- rung der P r 0 d u k t i V k r a f t Industriezweige ergreifen , deren Pro- dukte den AVerth der Arbeitskraft bestimmen , also entweder dem Umkreis der gewobnheitstuässigeu Lebensmittel angehören oder sie ersetzen können. DerWerth einer AVaare ist aber nicht nur bestimmt durch das Quantum der Arbeit, welche ihr die letzte Form giebt , sondern ebensowohl durch die in ihren Produktionsmitteln enthaltene Arbeitsmasse. Z. B. der Werth eines Stiefels nicht nur durch die Schusterarbeit , sondern auch durch den Werth von Leder, Pech, Draht u. s. w^ Steigerung der Produktivkraft und entsprechende V' e r w o h 1 f e i 1 e r u n g de r W a a r e n in den Industrien, welche die stofflichen Elemente des con stauten Kapitals, die Arbeits- mittel und das Arbeitsmaterial, zur Erzeugung der nothwendigen Lebens- mittel liefern, senken also ebenfalls den Werth der Arbeitskraft. In Pro- duktionszweigen dagegen, die weder nothwendige Lebensmittel liefern, noch Produktionsmittel zu ihrer Herstellung, lässt die erhöhte Produktivkraft den Werth der Arbeitskraft unberührt. Die verwohlfeilerte Waare senkt natürlich den Werth der Arbeits- kraft nur pro tanto, d. h. nur im V^erhältniss , worin sie in die Repro- duktion der Arbeitskraft eingeht. Hemden z. B. sind ein nothwendiges Lebensmittel , aber nur eins von vielen. Ihre Verwohlfeileruug vermin- dert nur die Ausgabe des Arbeiters für Hemden. Die Gesammtsumme der nothwendigen Lebensmittel besteht zwar nur aus einzelnen Waaren, lauter Produkten besondrer Industrien , und der W^erth jeder besondern Waaie bildet immer nur einen aliquoten Theil vom Werth der Arbeitskraft. Die Gesamratabnahune dieses Werths , und daher der zu seiner Reproduk- tion nothwendigen Arbeitszeit, ist jedoch gleich der Summe der Verkür- zungen der nothwendigen Arbeitszeit in allen jenen besondren Produktions- zweigen. Wir behandeln diess allgemeine Resultat hier so , als wäre es unmittelbares Resultat und unmittelbarer Zweck in jedem einzelnen Fall, obgleich die Sache anders erscheint. Wenn ein einzel- 296 iier Kapitalist durch Steigerung der Produktivkraft der Arbeit z. B. Hem- den verwohlfeilert , schwebt ihm keineswegs nothwendig der Zweck vor, den Werth der Arbeitskraft und daher die nothwendige Arbeits- zeit pro tanto zu senken , aber nur soweit er schliesslich zu diesem Re- sultat beiträgt, trägt er bei zur Erhöhung der allgemeinen Rate des Mehrwerths 3). Die allgemeinen und nothwendigen Tendenzen des Kapitals sind zu unterscheiden von ihren E r s c h e i n u n g s f o r m e n. Die Darstellung der Art und Weise, wie die immanenten Ge- setze der kapitalistischen Produktion in der äussern Bewe- gung der Kapitale erscheinen, sich als Zwangsgesetze der Kon- kurrenz geltend machen, und daher als treib endeMotive dem indivi- duellen Kapitalisten zum Bewusstsein kommen, fällt ausserhalb der Schranken dieser Schrift. Wissenschaftliche Analyse der Konkurrenz ist überhaupt nur möglich , sobald die innere Natur des Kapitals begriffen Ist. Ganz wie die scheinbare Bewegung der Himmelskörper nur dem verständ- lich, der ihre wirkliche, aber sinnlich nicht wahrnehmbare Bewegung- kennt. Dennoch ist zum Verständniss der Produktion des relativen Mehi*- werths, und bloss auf Grundlage der bereits gewonnenen Resultate, Folgendes zu bemerken. Stellt sich eine Arbeitsstunde in einem Goldquantum von 6 d. oder '/2sh. dar, so wird in zwölfstündigem Arbeitstag ein Werth von 6 sh. pro- ducirt. Gesetzt mit der gegebnen Produktivkraft der Arbeit würden 12 Stück Waaren in diesen 1 2 Arbeitsstunden verfertigt. Der Werth der in jedem Stück vernutzten Produktionsmittel, Rohmaterial u. s. w., sei 6 d. Unter diesen Umständen kostet die einzelne Waare 1 sh. , nämlich 6 d. für den Werth der Produktionsmittel, 6 d. für den in ihrer Verarbeitung neu zugesetzten Werth. Es gelinge nun einem Kapitahsten die Produktivkraft der Arbeit zu verdoppeln und daher 24 Stück dieser Waarenart statt 12 in dem zwölf- stündigen Arbeitstag zu produciren. Bei unverändertem Werth der Produk- tionsmittel sinkt der Werth der einzelnen Waare jetzt auf 9 d., nämlich 6 d. 3) ,,Wenn der Fabrik.ant durch Verbesserung der Maschinerie seine Produkte verdoppelt .... gewinnt er (schHesslich) bloss, sofern er dadurch befähigt wird, den Arbeiter wohlfeiler zu kleiden u. s. w. und so ein kleinerer Theil des Gesammt- ertrags auf den Arbeiter fällt." (Ramsay 1. c. p. 168.) 297 für den Werth der Produktionsmittel , 3 d. für den durch die letzte Arbeit neu zugesetzten Werth. Trotz der verdoppelten Produktivkraft sehaÖ't der Arbeitstag- nach wie vor nur einen Neuwerth von 6sh. Aber dieser Werth vertheiit sich auf doppelt so viel Produkte. Auf jedes einzelne Produkt fällt daher nur noch V24 dieses Gesaiumtwerths statt früher i/,2 , 3 d. statt 6 d., oder, was dasselbe ist, den Produktionsmitteln wird bei ihrer Verwandlung in Produkt, jedes Stück berechnet, jetzt nur noch eine halbe statt wie früher eine ganze Arbeitsstunde zugesetzt. Der individuelle Wert h dieser Waare steht nun unter ihrem gesellschaftlichen Werth, d. h. sie kostet weniger Arbeitszeit als der grosse Haufen der- selben Artikel , producirt unter den gesellschaftliclien Durchschnittsbe- dingungen. Das Stück kostet im Durchschnitt 1 sh. oder stellt 2 Stunden gesellschaftliclier Arbeit dar ; mit der veränderten Produktionsweise kostet es nur 9 d. oder enthält nur 1 '2 Arbeitsstunden. Der wirkliche Werth einer Waare ist aber nicht durch ihren individuellen, sondern durch ihren gesell seh aftl i eh en Werth bestimmt, d. h. nicht durch die Ar- beitszeit, die sie im einzelnen Fall dem Produzenten thatsächlich kostet, sondern durch die gesellschaftlich zu ihrer Produktion erheischte Arbeitszeit. Verkauft also der Kapitalist, der die neue Methode anwendet, seine Waare zu ihrem gesellschaftlichen Werth von 1 sh., so verkauft er sie 3 d. über ihrem individuellen Werth und realisirt so einen Extra-Mehrwerth von 3 d. Andrerseits stellt sich aber der zwölfstündige Arbeitstag jetzt für ihn in 24 Stück Waare dar statt früher in 12. Um also das Produkt eines Arbeitstags zu verkaufen, bedarf er doppelten Absatzes oder eines zwei- fach grösseren Markts. Unter sonst gleichbleibenden Umständen erobern seine Waaren nur grösseren Marktraum durch Kontraktion ihrer Preise. Er wird sie daher über ihrem individuellen, aber unter ihrem gesell- schaftlichen Werth verkaufen, sage zu 10 d. das Stück. So schlägt er au jedem einzelnen Stück immernoch einen Extra-Mehrwerth von 1 d. her- aus. Diese Steigerung des Mehrwerths findet für ihn statt, ob oder ob nicht seine Waare dem Umkreis der nothwendigen Lebensmittel angehöit und daher bestimmend in den allgemeinen Werth der Arbeitskraft eingeht. Vom letztren Umstand abgesehn, existirt also für jeden einzelnen Kapila- listen das Motiv die Waare durch erhöhte Produktivkraft der Arbeit zu verwohlfeileru. Indess entspringt selbst in diesem Fall die gesteigerte Produktion von 298 Mehrwertli aus der Verkürzung der notliwendigen Arbeitszeit und ent- sprechender Verlängerung der Mehrarbeit 3''). Die nothwendige Arbeitszeit betrug 10 Stunden oder der Tageswertli der Arbeitskraft 5 sh., die Mehr- arbeit 2 Stunden, der täglich producirte Mehrwerth daher Ish. Unser Kapi- talist producirt aber jetzt 24 Stück, die er zu 10 d. per Stück oder zusammen zu 20 sh. verkauft. Da der Werth der Produktionsmittel gleich 12 sh., ersetzen 142/g Stück Waare nur das vorgeschossene constante Kapital. Der zwöifstündige Arbeitstag stellt sich in den übrigbleibenden O^/g Stück dar. Da der Preis der Arbeitskraft = 5 sh. , stellt sicli im Produkt von 6 Stück die noiliwendige Arbeitszeit dar und in S^/s Stück die Mehrarbeit. Die nothwendige Arbeitszeit beträgt jetzt weniger als ^j^ , die Melirarbeit mehr als V3 des Arbeitstags, wählend unter den gesellschaftlichen Durch- schnittsbedingungen die nothwendige Arbeit ^j^- und die Mehrarbeit nur '/ß des Arbeitstags einnimmt. Dasselbe Resultat erhält man so: Der Produkte n w e r t h des zwölfstündigen Arbeitstags ist 20 sh. Davon gehören 1 2 sh. dem nur wieder erseheinenden Wertli der Produktions- mittel. Bleiben also 8 sh. als Geldausdruck des Werths, worin sich der Arbeitstag darstellt. Dieser Geldausdruck ist höher als der Geldausdruck der gesellschaftlichen Durchschnittsarbeit von derselben Sorte, wovon sich 12 Stunden nur in 6 sh. ausdrücken. Die Arbeit von ausnahms- w eiser Produktivkraft wirkt als potenzirte Arbeit oder schatft in gleichen Zeiträumen höhere Werthe als die gesellschaftliche Durchschnitts- ^rbeit derselben Art. Aber unser Kapitalist zahlt nach wie vor nur 5 sh. für den Tageswerth der Arbeitskraft. Der Arbeiter bedarf dalier statt früher 10, jetzt weniger als 8 Stunden zur Reproduktion dieses Werths. Seine Mehrarbeit wächst daher von 2 Stunden auf mehr als 4 , der von ihm producirte Mehrwerth von 1 sh. auf 3 sh. 6 d. Der Kapitalist, der die verbesserte Produktionsweise anwendet , eignet sich daher einen grös- seren Theil des Arbeitstags für Mehrarbeit an , als die übrigen Kapita- •») ,,A man's profit does not depend upon his command of the produce of otlier men's labour, but upon his command of lab cur itself. If he ca"n seil his goods at a higher price , while his workmen's wages rcmain unaltcred , he is clearly benefited . . . A smaller proportion of what he produces is sufficient to put that labour into motion , and a larger proportion consequently remains for himself." (,,0u tl i n es of Poli t. Ec o n." Lond. 1832. p. 49, 50.) 299 listen in demselben Geschäft. Er thut im Einzelnen, was das Kapital bei der Produktion des relativen Melirwertlis im Grossen und Ganzen thut. Andrerseits aber verschwindet jener Extra-Mehrwerth , sobald die neue Produktionsweise sich verallgemeinert und damit die Differenz zwischen dem individuellen W e r t h der wohlfeiler producii ten Waaren und ihrem gesellschaftlichen Werth verschwindet. Dasselbe Gesetz der Werthbestimmnng durch die Arbeitszeit, das dem Kapitalisten mit der neuen Methode in der Form fühlbar wird , dass er seine Waare u n t e r ilireni gesellschaftlichen Werth veikaufen muss, treibt seine Mitbewerber als Zwangsgesetz der Konkurrenz zur Einführung der neuen Produk- tionsweise^). Die a llgeniei ne Rate des Mehrwerths wird also durch den ganzen Prozess schliesslich nur berührt , wenn die Erhöhung der Produktivkraft der Arbeit Produktionszweige ergriffen, also Waaren verwohlfeilert hat , die in den Kreis der nothwendigen Lebensmittel ein- gehn, daher Elemente des Werths der Arbeitskraft bilden. Der W e r t h d e r W a a r e n steht in umgekehrtem Verhält- ji i s s zur P r 0 d u k t i V k r a f t der Arbeit. Ebenso , weil durch Waarenwerthe bestimmt , der Werth der Arbeitskraft. Dagegen steht der relative M e h r w e r t h in d i r e k t e m V e r h ä 1 1 n i s s zur Produktivkraft der Arbeit. Er steigt mit steigender und fällt mit fallender Produktivkiaft. Ein gesellschaftlicher Durchschnittsarbeitstag von 12 Stunden, Geldwerth als gleichbleibend voi-ausgesetzt , producirt stets das- selbe Werthprodukt von 6 sh., wie diese Werthsumme sich immer vertheile zwischen Aequivalent für den Werth der Arbeitskraft und Mehrwerth, Fällt aber in Folge gesteigerter Produktivkraft der Werth der täglichen Lebensmittel und daher der Tageswerth der Arbeitskraft von 5 sh. auf 3 sh., so wächst der Mehrwerth von 1 sh. auf 3 sh. Um den Werth der Arbeitskraft zu reprodiiciren, waren 10 und sind jetzt nur noch 6 Ar- ^) ,,If iny neighlionr by doing much with little labour, can seil cheap, 1 must contrive to seil as cheap as he. So that every art, trade, or engine, doing vvork with labour of fewer hands , and consequently cheaper, begets in others a kind of necessity and emulatioii , either of using tlie same art, trade, or engine, or of in- vcnting something like it , that every man may be upon the Square , that no man niay be able to undersell his neighbour." (,,TheAdvantages ofthe Käst- ln d i n Trade r n F. n gl a n d. L o n d. 1 720". p. f>7.) 300 beitsstunden nötliig. Vier Arbeitsstunden sind frei geworden und können der Domäne der Mehrarbeit anuexirt werden. Es ist daher der imma- nente Trieb und die beständige Tendenz des Kapitals die Produktivkraft der Arbeit zu steigern, um die Waare und durcli die Ver wohlfeil e- rung der Waare den Arbeiter selbst zu ver wohlfeilem^). Der absolute Werth der Waare ist dem Kapitalisten, der sie prodncirt, an und für sich gleichgültig. Ihn interessirt nur der in ihr steckende und im Verkauf realisirbare Mehrwerth. Realisirung von Mehr- werth schliesst von selbst Ersatz des vorgeschossenen Werths ein. Da nun der relative Melirwerth in direktem Verhältniss zur Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit wächst , während der Werth der Waaren in um- gekehrtem Verhältniss zur selben Entwicklung fällt, da also derselbe iden- tische Prozess die Waaren verwohlfeilert und den in ihnen enthaltenen Mehrwerth steigert, löst sich das Räthsel, dass der Kapitalist , dem es nur um die Produktion von Tauschwerth zu thun ist, den Tauschwerth der Waa- ren beständig zu senken strebt, ein Widerspruch, womit einer der Gründer der politischen Oekonomie, Dr. Q, uesnay, seine Gegner quälte und wor- auf sie ihm die Antwort schuldig blieben. ,,Ihr gebt zu", sagt Quesnay, ,,dass je mehr man, ohne Nachtheil für die Produktion , Kosten oder kost- spielige Arbeiten in der Fabrikation industrieller Produkte ersparen kann, desto vortheilhafter diese Ersparung , weil sie den J*reis des Machwerks vermindert. Und trotzdem glaubt ihr, dass die Produktion des Reich- ^) ,,In whatever proportion the expences of a labourer are diminished, in the same proportion will his wages be diminished , if the restraints upon industry are at the same time taken off." (,,Considerations concerning taking off the Bounty on Corn exported etc. Lond. 1752", p. 7.) ,,The interest of trade requires , that corn and all provisions should be as cheap as possible ; for whatever makes them dear , must make labour dear also ... in all countries , where industry is not restrained , the price of provisions must affeet the Price of Labour. This will always be diminished when the necessaries of life grow cheaper. " (1. e. p. 3.) ,, Wages are decreased in the same proportion as the powers ofproduction increase. Machinery , it is true, cheapens the necessaries of life , but it klso cheapens the labourer too." (,,A PrizeEssay on the comparative merits of Competition and Co- operation. Lond. 1834", p. 27.) 301 Ihums, der aus den Arheitnii der Industriellen rcsultirt, in der ^"ornlehrong des Tausch wertlis ihres Machwerks besteht" ß). 0 e k 0 n 0 ni i e d e r A r b e i t dui-ch Entwicklung' der Produktivkraft der Arbeit ") bezweckt in der kapitalistischen Produktion also durchaus nicht Verkürzung' d e s A r b e i t s t a g s. Sie bezweckt nur Verkürzung di-r für Pro- duktion eines bestimmten Waarenquantums nothwendigen Arbeits- zeit. Dass der Arbeiter bei gesteigerter Produktivkraft seiner Arbeit in einer Stunde z. B. 10 mal mehrWaare als früher producirt, also für jedes Stück Waare 10 mal weniger Arbeitszeit braucht, verhindert durchaus nicht, ihn nach Avie vor 12 Stunden arbeiten und in den 12 Stunden 1200 statt früher 120 Stück produeiren zu lassen. Ja sein Arbeitstag mag gleichzeitig verlängert werden, so dass er jetzt in 14 Stunden 1400 Stück producirt u. s. w. Man kann daher bei Oekonomen vom Sclilag eines Mac Cul- loch, Ure, Senior und tutti quanti auf einer Seite lesen , dass der Arbeiter dem Kapital für die Entwicklung der Produktivkräfte Dank schuldet, weil sie die nothwendige Arbeitszeit verkürzt, und auf der nächsten Seite, dass er diesen Dank beweisen muss, indem er statt 10 künftig 15 Stunden arbeitet. Die Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit , innerhalb der kapitalistischen Produktion, bezweckt denTheil des Arbeitstags, den der Arbeiter für sich selbst arbeiten muss, zu verkürzen, um grade dadurch den andern T h e i 1 des Arbeitstags, den er ") ,,Ils conviennent qae plus on peut, sans prejuclicc , epargnercle frais ou de travaux dispendieux dans la fabrication des ouvragcs des artisans, plus cette epargne est profitable par la dimiuution des prix de ces ouvrages. Cependant ils croient que la production de richesse qui resulte des travaux des artisans consiste dans l'augmentation de la valeur venale-de leurs ouvrages." (Quesnay: ,,Dia- 1 ogu es SU r le Commerce et s u r 1 es Tra vaux d es A rtisans" , p. 188, 189.) ') ,,Ces speculateurs si economes du travail des ouvriers qu'il faudrait qu'ils payassent." (J. N. Bidault: ,,Du Monopole qui s'etablit dans les arts industrielles et le commerce. Paris 1828", p. 13.) ,,Tbe employer will be always on the Stretch to economise time andlabour." (Dugald Stewart: Wo rks ed. by Sir W. Ham i Iton. Edinburgh, v. III, 1855, ,,Lectures on Polit. Econ.", p. 318.) ,,Tlieir (the capitalists') interest is that the productive powers of the labourers thcy employ should be the greatest possible. On promoting that power their attention is fixed and almost exclusively fixed." (R.Jones I.e. Lecturelll.) 302 . für den Kapitalisten umsonst arbeiten kann, zu verlän- gern. Wie weit diess Resultat auch ohne Verwohlfeilerung der VVaaren erreichbar, wird sich zeigen in den b e s o n d e r n P r o d u k t i o n s m e t h o - den des relativen Mehrwerths, zu deren Betrachtung wir jetzt übergeh n. 2) Cooperation. Die kapitalistische Produktion, wie wir sahen, beginnt in der Thaterst, wo dasselbe individuelle Kapital eine grössere Anzahl Arbeiter gleichzeitig beschäftigt, der Arbeitsprozess also seinen Umfang erweitert und Produkt auf grösserer quantitativer Stufenleiter liefert. Nsr wo die Arbeiter- auzalil hinreicht, damit die von ihr producirte Masse von Mehrwerth den Arbeitsanwender selbst von der Arbeit entbinde , wird der letztere vollbür- tiger Kapitalist. Das Wirken einer grössern Arbeiteranzahl zur selben Zeit, in demselben Ftaum (oder, wenn man will, auf demselben Arbeitsfeld), zur Produktion derselben Waarensorte, unter dem Kommando desselben Kapita- listen, bildet daher historisch und begrifflich den Ausgangspunkt der kapit ali st i sehen Produktion. Mit Bezug auf die Produktions- weise selbst unterscheidet sich z. B. die Manufaktur in ihren An- fängen kaum anders von der zünftigen Flandwerksindustrie als durch die grössere Zahl der gleichzeitig von demselben Kapital beschäftigten Arbei- ter. Die Werkstatt des Zunftmeisters ist nur erweitert. Der Unterschied ist also zunächst bloss quantitativ. Man sah, dass die Masse des M e h r w e r t h s , welclie ein gegebnes Kapital produ- cirt, gleich dem Mehrwerth, den der einzelne Arbeiter liefert, multiplicirt mit der Anzahl der gleichzeitig beschäftigten Arbeitei'. Diese Anzahl ändert an und für sich nichts au der Rate des Mehrwerths oder dem Ex- ploitationsgrad der Arbeitskraft. Was aber die Produktion von W a a r e n - w e r t h überhaupt betrifft, so scheint für sie selbst jede qualitative Ver- änderung des Arbeitsprozesses gleichgültig. Es folgt diess aus der Natur des Tausch werths , der nichts ist als ein bestimmtes Quantum vergegen- ständlichter Arbeit. Vergegenständlicht sich ein zwölfstündiger Arbeits- tag in 6 sh. , so 1200 solcher Arbeitstage in 6 sh. X 1200. In dem einen Fall haben sich 12 X 1200, in dem andern 12 Arbeitsstunden den Produkten einverleibt. In der W erthproduktion zählen Viele immer nur als viele Einzelne. Für die Werthproduktion macht es also keinen 808 q u a l i t H t i V e n LTnterschied, ob 1200 Arbeiter vereinzelt oder ob sie unter dem Konnnando desselben Kapitals vereint produciren. Indess findet doeh innerhalb gewisser Grenzen eiiu; Modifikation statt. Die im Wertli vergegenständlichte Arbeit ist Arbeit von gesellschaft- licher Diirchsehnittsqualifät nnd so ist der Werth der Arbeitskraft der Werth durchschnittlicher Arbeitskraft. Eine Durchschnittsgrösse existirt aber imuKn- nur als Durchschnitt vieler verschiedner Grössenindividiien der- selben Art. In jedem Industriezweig weicht der individuelle Arbeiter, Peter oder Paul, mehr oder minder vom Durchschnittsarbeiter ab. Diese' individuellen Abweichungen oder was man mathematisch ,,Irrthiimer" nennt, kompensiren sich und verschwinden, sobald man eine grössere An- zahl Arbeiter zusammennimmt. Der berühmte Sophist und Sykophant Edmund Burke will aus seinen praktischen Ei fahrungen als Pächter sogar wissen, dass schon ,,für ein so geringes Peloton" wie 5 Acker- knechte aller individuelle Unterschied der Arbeit verschwindet, also die ersten besten im Mannesalter befindlichen fünf englischen Ackerknechte zusammengenommen in derselben Zeit grad so viel Arbeit verriditen als beliebige andre fünf englische Ackerknechte ^). Die von ihm angegebne Zahl ist hier gleichgültig, aber es ist klar, dass der Gesammtarbeitstag einer grössern Anzahl gleichzeitig beschäftigter Arbeiter an und für sich ein Tag gesellschaftlicher D u r c h s c h n i 1 1 s a r b e i t ist. Der Arbeitstag des Einzelnen sei z. B. zwolfstündig. So bildet der Arbeitstag von 12 gleichzeitig beschäftigten Arbeitern einen Gesammtarbeitstag von 144 Stunden, und obgleich die Arbeit eines Jeden des Dutzend mehr oder minder von der gesellschaftlichen Durchschnittsarbeit abweichen, der Ein- zelne daher etwas mehr oder weniger Zeit zu derselben Verrichtung brau- chen mag, besitzt der Arbeitstag jedes Einzelnen als ein Zwölftel des Ge- *) ,,Ünquestionably, there is a great deal of difterence between tlie value of one man's labour and that of another, from strength , dexterity and honest appli- cation. But I am quite sure , from my best Observation , that any given five mcn will in their total, afford a Proportion of hibour equal to any other five ■vvithin the periods of life I have stated ; that is , that among such five men there will be one possessing all the qualifications of a good workman , one bad , and the other three middling, and approximating to the first and the last. So that in so small a platoon as that of even five, yon will find the füll complement of all that five men can carn." (E. Burke 1. c. p. 16.) cf. Que'telet üljer das Durch- schnitt s i n d i v i d u n ni. 304 sammtarbeitstags von 1 44 Stunden die gesellschaftliclie Durchschnittsqualität. Für den Kapitalisten aber, der ein Dutzend beschäftigt, existirt der Arbeitstag als Gesammtarbeitstag des Dutzend. Der Arbeitstag jedes Einzelnen existirt als aliquoter Theil des Gesammtarbeitstags , ganz unabhängig davon , ob die Zwölf einander in die Hand arbeiten oder ob der ganze Zusammenhang ihrer Arbeiten nur darin besteht, dass sie für denselben Kapitalisten ar- beiten. Werden dagegen von den 12 Arbeitern je zwei von einem klei- nen Meister beschäftigt, so wird es zufällig, ob jeder einzelne Meister die- selbe Werthmasse producirt und daher die aligemeine Rate des Mehrwerths realisirt. Es fänden individuelle Abweichungen statt. Verbrauchte ein Arbeiter bedeutend mehr Zeit in der Produktion einer Waare als gesell- schaftlich erheischt ist, wiche die für ihn individuell nothwendige Arbeits- zeit bedeutend ab von der gesellschaftlich nothwendigen oder der Durch- schnitts-Arbeitszeit, so gälte seine Arbeit nicht als Durchschnittsarbeit, seine Arbeitskraft nicht als durchschnittliche Arbeitskraft. Sie verkaufte sich gar nicht oder nur unter dem Durehschnittswerth der Arbeitskraft. Ein bestimmtes Minimum der Arbeitsfertigkeit ist also vorausgesetzt, und wir werden später sehn, dass die kapitalistische Produktion Mittel findet, diess Minimum zu messen. Nichts desto weniger weicht das Minimum vom Durchschnitt ab , obgleich auf der andern Seite der Durehschnittswerth der Arbeitskraft gezahlt werden muss. Von den sechs Kleinmeistern würde der eine daher mehr , der andre weniger als die allgemeine Rate des Mehrwerths herausschlagen. Die Ungleichheiten würden sich für die Gesellschaft kompensiren , aber nicht für den einzelnen Meister. Das Ge- setz der Verwerthung überhaupt realisirt sich also für den einzelnen Produzenten erst vollständig, sobald er als Kapitalist producirt , viele Ar- beiter gleichzeitig anwendet, also von vorn herein gesellschaftliche D u r c h s c h n i 1 1 s a r b e i t in Bewegung setzt ^) . Auch bei gleichbleibender Arbeitsweise bewirkt die gleich- 9) Herr Professor Röscher will entdeckt haben, dass eine Nähmamsell, die ■während zwei Tagen von der Frau Professorin beschäftigt wird, mehr Arbeit liefert, als zwei Nähraamsellen , welche die Frau Professorin am selben Tage beschäftigt. Der Herr Professor stelle seine Beobachtungen über den kapitalistischen Produk- tionsprozess nicht in der Kinderstube an , und nicht unter Umständen , worin die Hauptperson fehlt, der Kapitalist. 305 zeitige Aiiweirduiig einer gröt-seren Arlieileraiizalil eine Revolution in den gegenständlichen Bedingungen des Arbeitsprozesses. Die Bauliclikeiten, worin die Vielen arbeiten , die Lager für Rohmaterial, lialbfertige Waaren n. s. \v., die Gefösse, Instrumente, Apparate u. s. w., die von vielen gleichzeitig oder abwechselnd gebraucht werden könneo, kurz ein T h e i 1 d e r P r o d u k t i o n s m i 1 1 e 1 wird jetzt g e ni e i n s a m im A r b e i t s p r 0 z e s s konsumiit. Einerseits wird der Tausch w e r t h von Waaren , also auch von Pi'oduktionsmitteln , durcliaus nicht erliöht ydurclj irgend welclie erhöhte Ausbeutung ihres G ebr aiichs werth s. Andrerseils wächst zwar der Massstab der gemeinsam gebrauchten Pro- duktionsmittel. Ein Zimmer, worin 20 Weber mit ihren 20 Webstühlen arbeiten, muss weiter gestreckt sein als das Zimmer eines unabhängigen Webers n)it zwei Gesellen. Aber die Produktion einer Werkstatt für 20 Personen kostet weniger Arbeit als die von 1 0 Werkstätten für je zwei Per- sonen, und so wächst überhaupt der Werth massenweise koncentrirter und gemeinsaiiier Produktionsmittel nicht verhältnissmässig mit ihrem Umfang und ihrem Nutzetfekt. Gemeinsam vernutzte Produktionsmittel geben geringeren Werthbestandtheil an das einzelne Produkt ab, theils weil der Gesammtwerth , den sie abgeben, sich gleichzeitig auf eine giössere Produktenmasse vertheilt, theils weil sie in Folge ihres vergrösserten Ura- fangs zwar mit absolut grösserem, aber, im Verhältniss zu ihrem Wir- kungskreis, mit relativ kleinerem Werth als vereinzelte Produktionsmittel in den Produktionsprozess eintreten. Damit sinkt ein Werthbestand- theil, welcher constantes Kapital ersetzt, also, proportionell zur Grösse dieses Bestandtheils, auch der Gesaunntwerth der Waare. Die Wirkung ist die- selbe, als hätte sich die Pioduktivkiaft der Aibeit vermehrt in solchen Industriezweigen, die Produktionsmittel liefern. Diese Oekonomie in der Anwendung der Produktionsmittel entspringt nur aus ihrem gemeinsamen Konsum im A r b e i t s p r o z e s s Vieler. Und sie erhalten diesen Charakter als B e d i n g u n g e n g e s e 1 1 s c h a f 1 1 i - eher Arbeit oder gesellschaftliche Bedingungen der Ar- beit im Unterschied von den zersplitterten und relativ theureren Pro- duktionsbedingungen vereinzelter selbstständiger Arbeiter oder Kleinmei- ster, selbst wenn die Vielen nur räumlich zusammen , nicht mit einander arbeiten. Ein Theil der Arbeitsmittel erwirbt diesen g e s e 1 1 s c h a f t- lichen Cliarakter, bevor ihn der Arbeitsprozess selbst erwirbt. I. 20 306 Die 0 e k 0 n o m i e der P r o d u k t i o n s ni i 1 1 e 1 ist liberliaiipt von doppeltem Gesichtspunkt zu betracliten. Das einenial, so weit sie Waa- ren verweh Ifei lert und dadurch den W(-rth der Arbeitskraft senkt. Das andremal , ? o weit sie das V e r h <ä 1 1 n i s s des M e h r w e r t h s z u m vor g eschossu en Gesamm tkapi tal , d. h. zur W ert hsun) ni e seiner Constanten und variablen Bestandtheile, verändert. Der letztere Punkt wird erst im dritten Buch dieses Werks erörtert, wohin wir des Zu- sammenhangs wegen auch nuinclies sclum hierher gehörige verweisen. Einerseits gebietet der Gang der Analyse diese Zerreissung des Gegenstands.^ Andrerseits entspricht sie dem Geist der kapitalistisciien Produktion. Da nämlich die Arbeitsbedingungen hier dem Ai'beiter selbstständig gegenüber- treten , erscheint auch ilire Oekonomie als eine besondere Operation, die ihn niclits angeht und daher getrennt ist von den Methodeu , wodurch die Produktivität der vom Kapital konsumirten Arbeitskraft erhöht wird. Die Form der A r Ij e i t Vieler, die in demselben Produk- tionsprozess oder in verschiedenen , aber zusammenhängen de n Pro- duktionsprozessen, planmässig neben und mit einander arbeiten, heisst Cooperation ***). Wie die Angrifliskraft einer Kavalerieschwadron oder die Wideistands- kraft eines Infanterieregiments wesentlich verschieden ist von der Summe der vereinzelten Angriffs- und Widerstandskräfte, welche jeder Kavalerist und Infanterist für sich entwickeln könnte, so die median i sehe Kr aftsn m m e vereinzelter Arbeiter von der mechanischen Kraftpotenz, die sich entwickelt, wenn viele Hände gleichzeitig in derselben ungeth eilten Operation zusammenwirken, z. B. wenn es gilt eine Last zu heben, eine Kurbel zu drehn oder einen Widerstand aus dem Weg zu räumen "). Die Wirkung der kombinirten Arbeit könnte hier von der vereinzelten gar nn\ii oder nur in viel längeren Zeiträumen oder nur auf einem Zwergmassstab liervoi'gebracht werden. Es handelt sich hier nicht '0) .,Concoiir.s de forces." (l)estutt de Tracy 1. c. p. 78.) ") ,,Tbere aie nimierous Operations of so simple a kind as not to admit a division into parts , whicli cannot be peiformed without the Cooperation of many pairs of hands. For instance the iifting of a largc tree on a wain . . . every thing in short, which cannot he done unless a great many pairs of hands help each other in the same nndivided employment, and at the same time. " (E. G. Wake- f i e 1 d : ', , A V i c w o f t h e A r t o f C o i o n i z a t i o n. L o n d. 1 849 " , )>, 168.) 307 uur um Erliöliung der individuellen Produktivkral't durch die Cooperation, sondern um die Schöpfung einer Produktivkraft, die an und ftir sieh Mas- senkraft ist 'i"). Abgesehn von der neuen inechanisolien Kraftpotenz, die aus der Ver- schmelzung vieler Kräfte in eine Gesammtkraft entspringt, erzeugt bei den meisten produktiven Arbeiten der blosse gesellschaftliche Kontakt einen Wetteifer und eine eigne Erregung der Lebensgei- ster (aniuial spirit), welche die individuelle Leistungsfähigkeit der Ein- zelnen erhöhen, so dass ein Dutzend Personen zusammen in einem gleich- zeitigen Arbeitstag von 144 Stunden ein viel grösseres Gesammtprodukt liefern als zwölf vereinzelte Arbeiter, von denen jeder 12 Stunden, oder als ein Arbeiter, der 12 Tage nach einander arbeitet '■^). Diess rührt daher, dass der Mensch von Natur, wenn nicht, wie Aristoteles meint, ein politi- sches '^j, jedenfalls ein gesellschaftliches Thier ist. • Obgleich Viele Dasselbe oder Gleichartiges gleichzeitig mit einander verrichten, kann die individuelle Arbeit eines Jeden dennoch als Theii der Gesammtarbeit v e r s c h i e d n e Phasen des Arbeitspro- zesses selbst darstellen, die der Arbeitsgegenstand, in Folge der Coo- "') ,,As one man cannot, aiul 10 men raiist strain , to lift a tun of weight, yet one hundred men can do it only by the strength of a finger of eaeh of them. " (John Bell eis: ,,Pro ])os als for raising a colledge of industry. Lond. 16'.)6", p. 21.) '-) j.There is also" (wenn dieselbe Arbeiterzahl von einem Pächter auf 300 , statt von 10 Pächtern auf je 30 acres angewandt wird) ,,an advantage in the Proportion of servauts , which will not easily be understood but by practical men ; for it is natural to say, as 1 is to 4, so are 3: 12; but this will not hold good in practice ; for in harvest-time and many other Operations which require that kind of despatch, bythe throwing many hands together, the werk is better, and more expeditiously done : f. i. , in harvest , 2 drivers, 2 loaders , 2 pitchers, 2 rakers, and the rest at the rick , or in the barn , will despatch double the work, that the samc number of hands would do , if divided into diflerent gaugs , on difterent farnis. '' (,,An Enquiry into the Connection between the p r e s e n t p r i c e o f p r o v i s i o n s and the s i z c o f f a r m s. B y a F a rra e r. Lond. 1773", p. 7, 8 ) '3) Aristoteles' Definition ist eigentlich die, dass der Mensch von Natur Stadt- bürger. Sie ist ebenso charakteristisch für das klassische Alterthum, als Franklin's Definition, dass der Mensch von Natur lostrurnentenmacher, für das Yankecthum. 20* 308 peration, rascher durchläuft. Z. B., wenn Maurer eine Reihe von Händen bilden, um Bausteine vom Fuss eines Ge.stells bis zu seiner Spitze zu be- fördern, tliut jeder von ihnen dasselbe, aber dennoch bilden die einzelnen Verrichtungen continnirliclie Tlieile einer GesanimtveiTichtung, besondre Phasen, die jeder Baustein im Arbeitsprozess durchlaufen nuiss, und wo- durch ihn etwa die 24 Hände des Gesanimtarbeiters rascher befördern, als die zwei Hände jedes einzelnen Arbeiters , der das Gerüst auf- und ab- stiege^*). Der Arbeitsgegenstand durchläuft denselben Raum i n k ürz er er Z ei t. Andrerseits findet Kombination der Arbeit statt, wenn ein Bau z. B. von verschiednen Seiten gleichzeitig ange- griffen wird, obgleich die Cooperirenden Dasselbe oder Gleicharti- ges thun. Der kombinirte Arbeitstag von 144 Stunden, der den Arbeits- gegenstand viel sei ti g im Raum angreift , weil der kombinirte Arbeiter oder G esani mtaibeit er vorn und hinten Augen und Hände hat und in gewissem Grad Allgegenwart besitzt, fördert das Gesammtprodukt rascher als 12 zwölfstündige Arbeitstage mehr oder minder vereinzelter Arbeiter, die ihr Werk einseitiger angreifen müssen. In derselben Z e i t r e i f e n V e r s c h i e d n e R a u m t h e i 1 e des Produkts. Wir betonten hier, dass die Vielen , die einander ergänzen. Das- selbe oder Gleichartiges thun , weil diese e i u f a c h e Form der Cooperation, wie man später sehn wird, auch in üirer ausgebildetsten Gestalt eine grosse Rolle spielt. Ist der Arbeitsprozess komplicirt, so erlaubt die blosse Masse der Zusammenaibeitenden die verschiede- nen Operationen unter verschiedne Hände zu vertheilen, daher gleich- zeitig zu verliebten, und dadurch die zur Herstellung des Gesammtpro- dukts nöthige Arbeitszeit zu verkürzen ^•''). ") ,,0n doit encore remarquer que cette divisiou partielle du travail peut se faire qiiand meine les oiwriers sont occupes d'uiie meine besogne. Des ma^ons par exemple, occupes de faire passer de malus en mains des briques a un e'chafaudage superieur, fönt tous la meme besogne, et pourtant il existe parmi eux une espece de division de travail, qui consiste en ce que chacun d'eux fait jjasser la brique par un espace donne, et que tous ensemble la fönt parvenir beaucoup plus prompte- ment a l'endroit niarque qu'ils ne feraient si chacun d'eux i>ortait sa brique sepa- rement jusqu'ii l'echafaudage superieur." (F. Skarbek: ,, Theorie des richesses sociales. 2 e ni e ed. Paris 1840," t. I, p. 97, 98.) •5) ,,Est-il question d'exccuter un travail complique? plusieurs choses doivent 309 In vielen Produktionsspliüren giebt es kri tisch e Momente, d. h. durch die Natur des Arbeitsprozesses selbst bestimmte Zeitepochen, wäh- rend deren bestimmte Arbeitsresultate erzielt werden müssen. Soll z. B. eine Heerde Schafe geschoren oder eine Mori^enanzahl Kornland gemäht und geherbstet werden, so hängt Quantität und Qualität des Produkts da- von ab, dass die Operation zu einer gewissen Zeit begonnen und zu einer gewissen Zeit beendet wird. Der Zeitraum, den der Arbeitsprozess einnehmen darf, ist hier vorgeschrieben, wie etwa beim Häringsfang. Der Einzelne kann aus einem Tag nur einen Arbeitstag herausschnei- den, sage von 12 Stunden, aber die Cooperation von 100 z. B. erwei- tert einen z wöl fs tu n digen Tag zu einem Arbeitstag von 1200 Stunden. Die Kürze der Arbeitsfrist wird kompensirt durcli die Grösse der Arbeitsmasse, die im entscheidenden Augenblick auf das Produktionsfeld geworfen wird. Die rechtzeitige Wirkung hängt liier ab von der gleichzeitigen Anwendung vieler kombinirten Ar- beitstage, der Umfang des Nutzeffekts von der Arbeiteranzahl, die jedoch stets kleiner bleibt als die Anzahl der Arbeiier, die vereinzelt in demselben Zeitraum denselben Wirkungsraum ausfüllen würden ^^). Es ist der Mangel dieser Cooperation, wodurch im Westen der Vereinigten Staaten eine Masse Korn , uiul in den Theilen Ostindiens , wo enghsche Herrschaft das alte Gemeinwesen zerstört hat, eine Masse Baumwolle jähr- lich verwüstet wird '''j. L'tre fait simultanement. L'un eii lait iine pendaut (jue l'autre en fait iine autre, et tous contribuent a l'ettet qu'un seul homme n'aurait pu produiie. L'un rame pendant qiie l'autve tient le gouveinail , et qu'un troisienie jette le tilet ou har- ponne la poison, et la jieche a un succes itnpossible sansce concours." (Destutt de Tr aey 1. c.) "•) ,,The doing of it (der Arbeit in der Agrikultur) at the cri ti cal j un c- ture. is of so nuich the greater consequence." (Aninquiry into theCon- nection l)et\veen6hepresent prioe etc., p. 9.) ,,In der Agrikultur giebt es keinen wichtigeren Faktor , als den Faktor der Zeit." (Liebig: ,,Ueber Theorie und Praxis in der L a n d w i r t h s c h a f t, 1856", p. 23. ) '") ,,The next evil is one which one would scarcely expect to find in a coun- try which exports more labour than any other in the world , with the exception pcrhaps ofChinaand England — the impossibility of procuring a sufficient number of hands to clean the cotton. The consequence of this is that large quantities of ihe crop are left unpicked , whilc another portion is gathered from the ground, -^ — 3,10 Auf der einen Seite erweitert die Cooperation die Ua um Sphäre der Arbeit und wird daher für gewisse Arbeitsprozesse schon durch die räumliche Continuität des Arbeitsgegenstandes erheischt, wie bei Trocken- legung von Land, Eindämmung, Bewässerung, Kanal-, Strassen-, Eisen- bahnbauten u. s. w. Andrerseits erlaubt sie , verhältnissmässig zur Stu- fenleiter der Produktion , räumliche Kontraktion des P r 0 d u k - ti onsgeb i e ts. Diese Beschränkung der Ranmsphäre der Avlteit bei gleichzeitiger Ausdehnung ihrer \Viikungssphäre , wodni'ch eine Masse fal- scher Kosten (faux fiais) erspart werden, entspringt aus der Konglome- ration der Arbeiter, dem Zusammenrücken verschiediier Arbeitsprozesse, und der Koncentration der Produktionsmittel ^S). Verglichen mit einer gleich grossen Summe vereinzelter indivi(hiel!er Arbeitstage, producirt der kombinirte Arbeitstag grössere Massen von Ge- brauchswerth und vermindert daher die zur Produktion eines bestimmten Nutzeffekts nöthige Arbeitszeit. Ob er im gegebenen Fall diese gestei- gerte Produktivkraft erhält, weil er die mechanische Kraftpotenz der Arbeit erhöht, oder ihre räumliche Wirkungssphäre ausdehnt, oder das räum- liche Produktionsfeid im Verhältniss zur Stufenleiter der Produktion kon- trahirt, oder im kriiischen Moment viel Arbeit in wenig ZiMt flüssig macht, oder den Wetteifer der Einzelnen erregt und ihre Lebensgeister spannt, oder den gleichartigen Verrichtungen Vieler den Stempel der Konti- nuität und Vielseitigkeit aufdrückt, oder verschiedene Operationen gleichzeitig verrichtet, oder die Produktionsmittel durch ihren gemein- schaftlichen Gebi'auch ökonomisirt, oder der individuellen Arbeit den Cha- when it has fallen, and is of course discoloured and partially votted , so tliat for want of labour at the proper season the cultivator is actually forced to submit to the loss of a large part of that erop for which England is so anxiously looking." (Bengal Hurcnru. B i - M 0 n t h ) y 0 v e r 1 a n d Summary of News. 22nd Jnly 1861.) •*) ,,In the progress of culture all, and perhaps more than all the capital and labour which onee loosely occupied 500 acres , are now concentrated for the more coniplete tillage of 100." Obgleich ,,relatively to the amount of capital and labour employed, spaceis concentrated, itisan enlarged sphere of production, as compared to the sphere of production formerly occupied or workcd upon by one Single, independent agent of production." (U. Jones: ..On Rent. Lond. 1831", p. 191, 199.) 311 rakter gesellscliaftliclier Durclischnittsarbeit verleiht, unter allen Umstäii- «len ist die sp ezi fisch e Pro du kt i vkraft des kombinirten Arbeits- tags gesellschaftliche P r o d u k t i v k r a f t der Arbeit oder Pro - ■du kti vkraft gesellschaftlicher Arbeit. Sie entspringt aus der Cooperation selbst. Im planraässigen Zusammenwirken mit Andern streift der Arbeiter seine individuellen Schranken ab und entwickelt sein Gattungsvermögen ^^). Wenn Arbeiter iiberliaupt nicht inimittelbar zusammenwirken können, ohne zusammen zu sein , ihre Konglomeration auf bestimmtem Raum daher üedingung ihrer Cooperation ist, können Lohnarbeiter nicht coope- r i r e n , ohne dass dasselbe Kapital, derselbe Kapitalist sie gleichzeitig anwendet, also ihre Arbeitskräfte gleichzeitig kauft. Der Ge- sammtwerth dieser Arbeitskräfte, oder die Lolmsumrae der Arbeiter für den Tag, die Woche u. s. w., muss daher in der Tasche des Kapitalisten vereint sein, bevor die Arbeitskräfte selbst im Produktions- prozess vereint werden. Zahlung von 300 Arbeitern auf einmal, auch nur für einen Tag, bedingt mehr Kapitalauslage als Zahlung weniger Arbeiter Woche für Woche während des ganzen Jahrs. Die Anzahl der cooperirenden Arbeiter, oder die Stufenleiter der Cooperation, hängt also zunächst ab von <1or Grösse des Kapitals, das der einzelne Kapitalist im Ankauf von Arbeits- kraft auslegen kann, d. h. von dem Umfang, worin je ein Kapi- talist über die Lebensmittel vieler Arbeiter verfügt. Und wie mit dem variablen, verhält es sich mit dem c o n s t a n - ten Kapital. Die Auslage für Rohmaterial z, B. ist 30 mal grösser für s wird in keiner Wt^ise dadurch verändert, dass der Kapitalist 100 Arbeitskräfte statt einer kauft oder mit 100 von einander unab- liängijien Arbeitern Kontrakte scliliesst statt mit einem einzelnen. Er kann die 1 00 Arbeiter anwenden ohne sie cooperiren zu lassen. Der Kapitalist zahlt daher den Wertli der 100 selbstständigeu Arbeitskräfte, aber er zalilt nicht die kombinirle Arbeitskraft der Hundert. Als unab- hängige Personen sind die Arbeiter Vereinzelte, die in ein Verhält- niss zu demselben Kapital . aber nicht zu einander treten. Ihre C!ooi)era- tion beginnt erst im Arbeitsprozess , aber im Arbeitsprozess haben sie be- reits aufgehört sich selbst zu gehören. Mit dem Eintritt in denselben sind sie dem Kapital einverleibt. Als Cooperirende , als Glieder eines werk- thäligen Organisnnis , sind sie selbst nur eine besondre Existenzweise des Kaj-itals. Die Produktivkraft, die der Arbeiter als gesellschaft- licher Arbeiter entwickelt, ist daher P r o d u k t i v k r a f t des Kapi- tals. Die gesel Isch aft li c li e Pi-odu k ti vk raft der Arbeit ent- wickelt sich unentgeldlich, sobald die Arbeiter unter bestimmte Bedingungen gestellt sind, und das Kapital stellt sie unter diese Bedingungen. Weil die gesellschaftliche i^ r o d u k t i v k r a f t d e r A r b e i t dem Kapi- tal nichts kostet , weil sie andrerseits nicht von dem Arbeiter entwickelt wird, bevor seine Arbeit selbst den^Kapital gehört, erscheint sie als Pro- duktivkraft , die das Kapital von N a t u r besitzt, als seine i m m a n e n t e I'roduktivkraft. Kolossal zeigt sich die Wirkung der einfachen Cooperation in den Riesenwerken der alten Asiaten, Aegypter, Etrusker u. s. w. ,,Es ge- sdiah in vergangnen Zeiten , dass diese asiatischen Staaten nach Bestrei- tung ihrer Civil- und Militairausgaben , sich im Besitz eines Ueberschusses von Lebensmitteln befanden, die sie für Werke der Pracht und des Nutzens verausgaben konnten. Ihr Kommando über die Hände und Arm.e fast der überhaupt, dass sie trotz aller scheiiil)arcn Freigeisterei mit ihren Wurzeln tief in katholischer Erde steckt. Die Methode encyklupädischer Zusammenfassung gab dem A. Comte den Umlauf in Frankreich. Verglichen mit Hegel's „Encyklo- pädie" , die ungefähr 1 '2 Decennien früher erschien, ist die Comte'sche Kern bination eine Schülerarbeit von bloss lokaler Bedeutung. — olC) ganzen nicht ackerbauenden Bevölkerung:;' und die aiisschliessliciie Ver- fügung des Monarchen und der Priesterschaft über Jenen üeberschuss boten ihnen die Mittel zur Erricfitung jener mächtigen Monumente , womit sie das Land erfüllten ... In der Bewegung der kolossalen Statuen und der enormen Massen, deren Transport Staunen erregt, wurde fast nur mensch- liche Arbeit verschwenderisch angewandt. Die Zahl der Arbeiter und die Ko n c en tr a t i o n ihrer Mühen genügte. So sehn wir mächtige Korallenriffe aus den Tiefen des Oceans zu Inseln anschwellen und festes Land bilden, obgleich jeder individuelle Ablagerer (depositary) winzig, schwach und verächtlich ist. Die nicht ackerbauenden Arbeiter einer asiatischen Monarchie haben ausser ihren individuellen körperlichen Bemühungen wenig zum Werk zu bringen , aber ihre Zahl ist ihre Kraft, und die Macht der Direktion über diese Massen gab jenen Riesenwerken den Ursprung. Es war die Koncentration der Revenuen , wovon die Ar- beiter leben, in eine Hand oder wenige Hände, welche solche Unternehmungen möglich machte" -^). Diese Macht asiatischer und ägyptischer Könige oder etruskischer Theokraten u. s. w. Ist in der modernen Gesellschaft auf den Kapitalisten übergegangen , ob er nun als vereinzelter Kapitalist auftritt, oder, wie bei Aktiengesellschaften, als kombinirter Kapitalist. Die Cooperation im Arbeitspiozess , wie wir sie in den Kulturan- fängen der Menschheit, bei Jägervölkern ^^") oder etwa in der Agrikultur indischer Gemeinwesen vorherrschend tinden , beruht einerseits auf dem G e m e i n e i g e n t h u m an den f^ r o d u k t i o n s b e d i n g u n gen, an- drerseits darauf, dass das einzelne Individuum sich von der Nabelschnur des Stammes oder des Gemeinwesens noch ebensowenig losgerissen hat, wie das Bienenindividuuin vom Bienenstock. Beides unterscheidet sie von der kapitalistischen Cooperation. Die sporadische Anwendung der Cooperation auf grossem Massstab in der antiken Welt , dem Mittelalter und den modernen Kolonien, beruht auf unmittelbaren Herrschafts- und Knechtschafts- Verhältnissen , zumeist auf der Sklaverei. Die kapita- 23) R. Jones: Textbook ofLeetures etc., p. 7 7, 78. Die .-vltassy- rischen , ägyptischen u. s. w. Sammlungen in London' und andern europäischen Hauptstädten machen uns zu Augenzeugen jener cooperativen Arbeitsprozesse. 23 3) Linguet in seiner ,,Theorie des Lois civiles" hat vielleicht nicht Unrecht, wenn er die Jagd für die erste Form der Cooperation, und Menschenjagd (Krieg) für eine der ersten Formen der Jagd erklärt. 317 listische Form setzt dagegen von vornherein den freien Lohnarbeiter vor- aus, der seine Arbeitskraft dem Kapital verkauft. Historiscli jedocli ent- wickelt sie sich im Gegensatz zur Bauernwirthschaft und zum unab- hängigen Handwerksbetrieb, ob dieser zünftige Form besitze oderniolit^*), Ihnen gegenüber erscheint die kapitalistische Cooperation nicht als eine besondre historische Form der Cooperation, sondern die Cooperation selbst als eine dem kapitalistischen Produk- tion sprozess ei gen th um li che und ihn spezifisch unter- scheid e n d e h i s t o r i s cli e F o r ni. Wie die durch die Cooperation entwickelte gesellschaftliche P r 0 d u k t i v k r a f t d e r A r b e i t als P r o d u k t i v k r a f t d e s K a p i - tals erscheint, so die C oop era ti on selbst als eine spezifische Form des kapitali sti scli en Produktionsprozesses im Gegensatz zum Produktionsprozess vereinzelter unabhängiger Arbeiter oder auch Kleinmeister. Es ist die erste Aenderung, welche der wirk- liche Arbeitsprozess durch seine Subsumtion unter das Kapital erfahrt. Diese Aenderung geht naturwüchsig vor sich. Ihre Voraus- setzung, gleichzeitige Beschäftigung einer grösseren Anzahl von Lohnarbei- tern in demselben Arbeitsprozess, bildetden Ausgangspunkt der kapitalisti- schen Produktion. Dieser fällt mit dem Dasein des Kapitals selbst zusam- men. Wenn sich die kapitalistische Produktionsweise daher einerseits als historische Noth wendig keit für die Verwandlung des Arbeitsprozesses in einen gesellschaftlichen Prozess darstellt, so andrerseits diese gesellschaft- liche Form des Arbeitsprozesses als eine vom Kapital angewandte Me- thode , um ihn durch Steigerung seiner Produktivkraft profitlicher aus- zubeuten. In ihrer bisher betrachteten einfachen Gestalt fällt die Cooperation zusammen mit der Produktion auf grösserer Stufenleiter, bildet aber keine feste, charakteristische Form einer besondern Ent- wicklungs e p o c h e der kapitalistischen Produktionsweise. Höchstens er- -'') Die kleine Bauernwirthschaft und der unabhängige Handwerksbetrieb, die beide theils die Basis der feudalen Produktionsweise bilden, theils nach deren Auflösung neben dem kapitalistischen Betrieb erscheinen, bilden zugleich die ökonomische Grundlage der klassischen Gemeinwesen zu ihrer besten Zeit , nach- dem sich das ursprünglich orientalische Gemeineigentlium aufgelöst, und bevor sich die Sklaverei der Produktion ernsthaft bemächtiii;t hat. 818 scheint sie annäliernd so in den noch handwerksmässigen Anfangen der Manufaktur^') und in jener Art grosser Agrikultur, welche der Manufaktur- periode entspriclit, und sich wesentlich nur durch die Masse der gleich- zeitig angewandten Arbeiter und den Umfang der koncentrirten Produk- tionsmittel von der Bauernwirthschaft unterscheidet. Die einfache Coope- ration ist stets noch vorherrschende Form solcher Produktionszweige, worin das Kapital auf grosser Stufenleiter operirt, ohne dass Theilung der Arbeit oder Maschinerie eine bedeutende Rolle spielte. Die Cooperation bleibt die Grundform der kapitalistischen Produktionsweise, obgleich ihre einfache Gestalt selbst als be- sondere Form neben ihren weiter entwickelten Formen erscheint. 3) Theilung der Arbeit und Man u f a k t u r. Die auf Theilung der Arbeit beruhende Cooperation schafft sich ihre klassisclie Gestalt in der Manufaktur. Als charakteristische Form des kapitalistischen Produktionsprozesses herrscht sie vor während der eigent- lichen M a n u f a k t u r p e r i o d e , die , rauh angeschlagen , von Mitte des 16. Jahrhunderts bis zum letzten Dritttheil des achtzehnten währt. Die M a n u f a k t u r entspringt auf doppelte Weise. Entweder werden Arbeiter von verschiedenartigen, selbstständi- gen Handwerken, durch deren Hände ein Produkt bis zu seiner letzten Reife laufen muss, in eine Werkstatt unter dem Kommando desselben Kapitalisten vereinigt. Z.B. eine Kutsche war das Gesammtprodukt der Arbeiten einer grossen Anzahl unabhängiger Handwerker, wie Stellmacher, Sattler, Schnei- der, Schlosser, Gürtler, Drechsler, Posamentirer , Glaser , Maler , Lackirer, Vergolder u. s. w. In der Kutschenmanufaktur wurden alle diese ver- schiednen Handwerker in einem Arbeitshaus vereinigt, um einander gleich- zeitig in die Hand zu arbeiten. Man kann eine Kutsche zwar nicht vergolden, bevor sie gemacht ist. Werden aber viele Kutschen gleichzeitig gemacht, so kann ein Theil beständig vergoldet werden, während ein andrer Theil eine frühere Phase des Produktionsprozesses durchläuft. Soweit stehn wir 25) ,,Whether the united skill , industry and emulation of many together on the same work be not the way to advance it? And whether it had been otheiwise possible for England , to have carried on her Woollen Manufacture to so great a perfection?" (Berkeley: ,,The Querist." Lond. 1750, p. 521.) — 319 nocli :uif dem l')oden der eiiifaelion Cooperation , die ilir Material an Men- schen und Dingen vor fi nd et. Indess tritt sehr bald eine wesentliche Verändeiiing ein. Der Schneider, Sclilosser, Gürtler u. s. w. , der nur im Kut>scli(iiüia.':hen beschäftigt ist, verliert nach und nach mit der Gewohn- heit auch die Fähigkeit, sein altes Handwerk in seiner ganzen Ausdchnung'^ zu betreiben. Andrerseits erhält sein vereinseitigtes Thun jetzt die zweck- mässigste Form tur die verengte Wirkungssphäre. Ursprünglich erschien die Kutschenmanufaktur als eine Kombination selbstständiger Handwerke. Sie wird allmälig Theilnng der Ku t sehen pr o- duktion in ihre verschiednen Sonderoperationen, wovon jede einzelne zur ausschliesslichen P'unktion eines Arbeiters krystallisirt und deren Gesanmitheit vom Verein dieser T he i 1 ai'b ei t er ver- richtet wird. Ei)enso entstand die Tnehmanufciktnr, und eine ganze Reihe andrer Manufakturen, aus der Kombination v e r s ch i e d n er Hand- werke untei- dem Konunando desselben Kapitals-''). Die Manufaktur entspringt aber auch auf entgegengesetztem Wege. Es werden viele Handwerker , die Dasselbe oder Gleich- artiges thun, z. B. Papier oder Typen oder Nadeln machen , von d e m - selben Kapital gleichzeitig in derselben Werkstatt beschäf- tigt. Es ist diess Cooperation in der einfachsten Form. Jeder dieser Handwerker (vielleicht mit einem oder zwei Gesellen) macht die ganze Waare und vollbringt also die verschiednen zu iln-er Herstellnng erheisch- ten Operationen der Reihe nach. Er arbeitet in seiner alten handwerks- mässigen Weise fort. Indess veranlassen bald äussere Umstände die Kon- -'•) Um ein inelir moflenies Beispiel dieser Bildungsavt der Manufaktur anzu- t'iiliieii , folgendes Citat : Die Seidenspinnerei und Weberei von Lyon und Niines ,,est toutc patriarcale ; eile emploie beaucoup de fenimes et d'enfants , mais sans les epuiser ni les corrompre; eile les laisse dans leurs belies vallees de la Drome, du Var , de l'Isere , de Vaucluse, i)Our v elever des vers et divider leurs cocons ; janiäis eile n'entrc dans une ve'ritable fabriiiue. Pour etre aussi bien observe . . . le principe de la division du travail , s'v revet d'un caractere special. II y a bien des divideuses , des moulineurs , des teinturieurs , des eucolleurs , piiis des tisse- rands ; mais ils ne sont pas reunis dans un meme etablissement, ne dependcnt pas d'un meme maitre ; tous ils sont independants. " (A. Blanqui: ,,Cours d'E CO n. Industrielle. Re cu ei 1 1 i par A. B 1 a i s e. Pa ris (I83S — 39)", p. 44 — 80 passim.) Seit Blanqui diess schrieb, sind die verschiednen unab- han<:igen Arbeiter zum Tlicil in Fabriken vereini^rt worden. 320 centration der Arbeiter in demselben Raum und die Gleichzeitigkeit ihrer Arbeiten anders zu vernutzen. Es soll z. B. ein grösseres Quantum fer- tiger Waare in einer bestimmten Zeitfrist geliefert werden. Die Arbeit wird daher v e r t h e i 1 1. Statt die verschiedenen Operationen von dem- selben Handwerker in einer zeitlichen Reihefolge verrichten zu lassen, werden sie von einander losgelöst, isolirt, räumlich neben einander gestellt, jede derselben einem andern Handwerker zugewiesen und alle zusammen von den Cooperirenden gleichzeitig ftusgefühi't. Diese zufällige Verth ei- lung wiederholt sich, zeigt ihre eigenthiimlichen Vortheile, und verknö- chert nach und nach zur systematischen T h e i 1 u n g d e r A r b e i t. Aus dem individuellen Produkt eines selbstständigen Handwerkers, der vielerlei thut, verwandelt sich die Waare in das g eselisch aftl i che Produkt eines Vereins von Handwei-kern, von denen jeder fortwährend nur eine und dieselbe Theiloperalion verrichtet. Dieselben Operationen , die in einander flössen als snccessive Verrichtungen des deutschen zünftigen Papieruiachers, verselbstständigten sich in der holländischen Papiermanufak- tur zu nebeneinander laufenden Theiloperationen vieler cooperirenden Ar- beiter. Der zünftige Nadler von Nürnberg bildet das Grundelement der eng- lischen Nadelmanufaktur. Während aber jener eine Nadler eine Reihe von vielleicht 20 Operationen nach einander durchlief, verrichteten hier bald 20 Nadler neben einander, jeder nur eine der 20 Operationen, die in Folge von Erfahrungen nocli viel weiter gespaltet, isolirt, und zu ausschliesslichen Funktionen einzelner Arbeiter verselbstständigt wurden. Die Ursprungsweise der Manuftiktur, ihre Herausbildung aus dem Handwerk, ist also zwieschlächtig. Einerseits geht sie von der Kom- bination verschiedenartiger, selbstständiger Handwerke aus, die bis zu dem Punkt v e r u n s e 1 b s t s t ä n d i g t und vereinseitigt werden, wo sie nur noch einander ergänzende Theiloperationen im Produktions- prozess einer und derselben Waare bilden. Andrerseits geht sie von der Cooperation g 1 e i c h a i- 1 i g e r Handwerker aus, zersetzt dasselbe individuelle Handwerk in seine verschiednen besonderli Operationen , und isolirt und verselbstständigt diese bis zu dem Punkt , wo jede der- selben zur ausschliesslichen Funktion eines besondern Arbeiters wird. Einer- seits führt daher die Mannfaktur Theilung der Arbeit in einen Produk- tionsprozess ein oder entwickelt sie weiter, andrerseits kombinirt sie früher geschiedene Handwerke. Welches aber immer ihr besondrer Ausgangs- — 321 punkt , ihre Scliliissgestalt ist dieselbe — e i » Pr o d uk t i onsmecha- n i s m u s , dessen Organe Menschen sind. Zum richtigen Verständniss der Theilung der Arbeit in der Manufak- tur ist es wesentlich folgende Punkte festzuhalten : Zunächst fallt die Analyse des Produktionsprozesses in seine b e s o n d e r n Phasen hier ganz und gar zusammen mit der Zersetzung einer li a n d w e r k s m ä s s i g e n T h ä t i g k e i t in ihre verschiedenen T h e i 1 0 p e r a t i 0 n e n. Zusammengesetzt oder einfach , die Verrichtung bleibt h and werk smässig und daher abhängig von Kraft, Geschick, Schnelle, Sicherheit des Einzelarbeiters in Handhabung seines Instruments. Das Handwerk bleibt die Basis. Diese enge technologische Basis schliesst wirklich wissenschaftliche Analyse des Produktionsprozesses aus, da jeder Theilprozess , den das Produkt untergeht, als handwerksmässige Theilarbeit ausführbar sein muss. Eben weil das handwerksmässige Ge- schick so die Grundlage des Produktionsprozesses bleibt , wird jeder Ar- beiter ausschliesslich einer Theilfunktion angeeignet und seine Arbeits- kraft in das lebenslängliche Organ dieser Theilfunktion verwandelt. End- lich ist diese Theilung der Arbeit eine besondere Art der Coopera- tion, und manche ihrer Vortheile entspringen aus dem allgemeinen Wesen, nicht aus dieser besonderen Form der Cooperation. Gehn wir nun näher auf das f^inzelne ein, so ist zunächst klar , dass ein Arbeiter, der lebenslang eine und dieselbe einfache Operation verrichtet, seinen ganzen Körper in ihr automatisch einseitiges Organ verwandelt und daher weniger Zeit dazu verbraucht als der Handwerker, der eine ganze Reihe von Operationen abwechselnd ausführt. Der kombinirte Ge- sammtarbeiter, der den lebendigen Mechanismus der Manufaktur bildet, besteht aber aus lauter solchen einseitigen Theilarbeitern. Im Ver- gleich zum selbstständigen Handwerk wird daher mehr in weniger Zeit producirt oder die Produktivkraft der Arbeit gesteigert '^^j. Auch vervoll- kommnet sich die Methode der Theilarbeit, nachdem sie zur ausschliess- lichen Funktion einer Person verselbstständigt ist. Die stete Wieder- 27) ,,The more any manufactiire of much variety shall be distributcd and assigned to dift'eient artists , the same must ueeds be better done and with greater expedition , with less loss of time and labour. " (,,The Ady an tages ofthe East In dia Trade. Lond. 1720", p. 71.) I. 21 322 liolung desselben beschränkten Tliuns und die Koncentralion der Aufmerk- samkeit auf diess Beschränkte lehren erfahiuiigsmässig den bezweckten Nutzeffekt mit geringstem Krafiaufwand erreichen. Da aber immer ver- schiedne Arbeitergenerationen gleichzeitig zusammenleben und in densel- ben Manufakturen zusammenwirken, befestigen, häufen und übertragen sich bald die so gewonneneu technischen Kunstgriffe'-^). Die Manu-^ faktur producirt in der That die Virtuosität des Detailarbciters , indem sie die naturwüchsige Sonderung der Gewerbe, die sie in der Gesellschaft vor- fand, im Innern der Werkstatt reproducirt und systematisch zum Extrem treibt. Andrei'seifs entspricht ihre \'erwaml!uug der Theilarbeit in den Lebensberuf eines Menschen dem Trieb früherer Gesellschaften, die Ge- werbe erblich zu machen, sie in Kasten zu versteinern, oder, wo be- stimmte historische Bedingungen dem Kastenwesen widersprechende Varia- bilität des Individuums erzeugen , die Arbeitssonderung wenigstens in Zünfte zu verknöcliern. Die Entstehung dieser Kasten und Zünfte folgt demselben Naturgesetz, das die Sonderung von Pflanzen und Thieren in Arten und Unterarten regelt , nur dass auf einem gewissen Entwicklungsgrad die Erblichkeit der Kasten oder die Ausschliesslichkeit der Zünfte als ge- sellschaftliches Gesetz dekretirt wird 29^. ,,Die Musline von Dakka sind an Feinheit , die Kattune und andre Zeuge von Koromandel an Pracht und Dauerhaftigkeit der Farben , niemals übertreffen worden. Und dennoch werden sie producirt ohne Kapital , Maschinerie, Theilung der Arbeit, oder irgend eins der andern Mittel, die der Fabrikation in -^) ,,Easy labour is transmitted skill." (Th. Hodgskin 1. c. p. 125.) ■^9) ,,Auch die Kiinste sind ... in Aegjpten zu dem gehürigen Gi'ad von Vollkommenheit gediehu. Denn in diesem Lande allein dürfen die Handwerker durchaus nicht in die Geschäfte einer andern Biirgerklasse eingreifen , sondern bloss den nach dem Gesetz ihrem Stamme erblich ziigehürij;en Beruf treiben . . . Bei andern Völkern findet man, dass die Gewerbsleute ihre Aufmerksamkeit auf zu viele Gegenstände vertheilen . . . Bald versuchen sie es mit dem Landbau, bald lassen sie sich in Handelsgeschäfte ein , bald befassen sie -sich mit zwei oder drei Künsten zugleich. In Freistaaten laufen sie meist in die Volksversammlungen . . . In Ae^ypten dagegen verfällt jeder Handwerker in schwere Strafen, wenn er sich in Staatsgeschäfte mischt, oder mehrere Künste zugleich treibt. So kann nichts ihren Berufsfleiss stören . . . Zudem, wie sie von ihren Vorfahren viele Regeln haben, sind sie eifrig darauf bedacht, noch neue Vortheile aufzufinden." (Dio- d o r u s S i c u 1 u s : H i s t o r i s c h e B i b 1 i o t h e k 1. I, c. 74.) 323 Europa so viele Vortheile bieten. Der Weber ist ein vereinzeltes Indivi- diinm , der das Gewebe auf Bestellung; eines Kunden verfertigt und mit einein W(;bstulil von der einfachsten Konstruktion , uianehnial nur beste- hend aus hölzernen Stangen , die roh zusaniiiiengefügt sind. Er besitzt selbst keinen Appaiat zum Aufziehn der Kette , der Webstuhl muss daher in seiner ganzen Länge ausgestreckt bleiben und wird so unförmlich und weit, dass er keinen Raum findet in der Hütte des Producenten , der seine Arbeit dalier in freier Luft verrichten muss , wo sie durch jede Wetter- änderung unterbrochen wird" ^o). Es ist nur das von Generation auf Generation geliäufte und von Vater auf Sohn vererbte Sondergeschick, das dem Hindu wi(; der Spinne diese Virtuosität verleiht. Und dennoch verrichtet ein solcher indischer Weber sehr komplicirte Arbeit, verglichen mit der Mehrzahl der Manufakturaibeiter. Ein Handwerker, der die verschiedenen Theilprozesse in der Pro- duktion eines Machwerks nach einander ausführt, muss bald den Platz, bald die Instrumente wechseln. Der Uebergang von einer Operation zur andern unterbricht den Fluss seiner Arbeit und bildet gewissermassen Poren in seinem Arbeitstag. Diese Poren verdichten, sobald er den ganzen Tag ein und dieselbe Operation koiitinuirhch verrichtet oder sie verschwinden in dem Ma^se, wie der Wechsel seiner Operationen abnimmt. Die gesteigerte Produktivität ist hier entweder der zunehmenden Ausgabe ^'On Arbeitskrai't in einem gegebneu Zeitraum geschuldet, also wach- sender 1 n t e n s i v i t ä t der Arbeit, oder einer Abnahme des u n p 1' o d u k t i V e n Verzehrs von A r b e i t s k r a f t. Der Ueberschuss von Kraftaufwand nämlich, den jeder Uebergang aus der Ruhe in die Be- wegung erheischt , kompensirt sich bei längerer Fortdauer der einmal er- reichten Normalgeschwindigkeit. Andrerseits zerstört die Kontinuität gleichförmiger Arbeit die Spann- und Schwungkraft der Lebensgeister, die im Wechsel der Thätigkeit selbst ihre Erholung und ihren Reiz finden. Die Produktivität der Arbeit hängt niclit nur von der Virtuosität des Arbeiters ab, sondern auch von der Vollkommenheit seiner Wer k- 3") ,,Historieal and d esc riptive Account ufBrit. Indiaetc.by HughMurray, Jam es Wi Is on etc." Edinburgh 1832, v. II, p. 449. Der indische Webstuhl ist hochschäftig, d. h. die Kette ist vertikal aufgespannt. 21* 324 zeuge. Werl) Z. B. einseitige Muskelentwicklung, Knochenverkrümmung u. s. w. ^■') Sehr richtig antwortet Herr Wm. Marschall, der general managereiner Glasmanufaktur, auf die Frage des Untersuchungskommissärs, wie die Arbeitsam- keit unter den beschäftigten Jungen aufrecht erhalten werde : ,,They cannot well neglect their work ; when they once begin , thcy must goon; they are just the same as partsofa machine." (,,Child. Empl. Comm. Fourth Report" 1865, p. 247.) 334 lang annexirt, sü werden eben so sehr die verschiedneu Arbeitsver- richtungen jeuer Hierarchie der natürhclien und erworbneu Geschicklich- keiten angepasst ^S). Jeder Produktionsprozess bedingt indess ge- wisse einfache Hanthierungen, deren jeder Mensch, wie er geht und steht, fähig ist. Auch sie werden jetzt von ihrem flüssigen Zusammenhang mit den inhaltvolleren Momenten der Thätigkeit losgelöst und zu ausschliess- lichen Funktionen verknöchert. Die Manufaktur erzeugt daher in jedem Handwerk, das sie ei-greift, e'.ne Klasse sogenannter ungeschickter Arbeiter, die der Handwerksbetrieb streng ausschloss. Wenn sie die durchaus vereinseitigte Spezialität auf Kosten des ganzen Arbeitsvermögens zur Virtuosität entwickelt, beginnt sie auch schon den Mangel aller Ent- wicklung zu einer Spezialität zu machen. Neben die hierarchische Ab- stufung tr;tt die einfache Scheidung der Arbeiter in geschickte und ungeschickte. Für letztere fallen die Erlernungskosl<^u gauz weg, für erstere sinken sie, im Vergleich zuu» Handwerker, in Folge vereinfachter Funktion. lu beiden Fällen sinkt der VVerth der Arbeitskraft^^). Aus- nahme findet statt , soweit die Zersetzung des Arbeitsprozesses neue zu- sammenfassende Funktionen erzeugt, die im Handwerksbetrieb gar nicht oder nicht in demselben Umfang vorkamen. Die relative Eutwerthung der Arbeitskraft, die aus dem Wegfall oder der Verminderung der Erlernuiigskosteu entspringt, schliesst unmittelbar höhere Verwer- thung des Kapitals ein, denn alles, was die zur Reproduktion der *^) Dr. üre in seiner Apotheose der grossen Industrie fühlt die eigeu- thümlichen Charaktere der Manufaktur schärfer heraus als frühere Oekonomen, die nicht sein polemisches Interesse hatten, und selbst als seine Zeitgenossen, z. B. Babbage, der ihm zwar durchaus überlegen ist als gelehrter Mathematiker und Mechaniker, aber dennoch die grosse Industrie eigentlich nur vom Standpunkt der Manufaktur auffasst. Ure bemerkt: ,,Die Aneignung der Arbeiter an jede Sonderoperation bildet das Wesen der Vertheilung der Arbeiten." Andrer- seits bezeichnet er diese Vertheilung als ,, Anpassung der Arbeiten audio verschiednen individuellen Fähigkeiten" nnd charakterisirl endlich das ganze Manufaktursystem als ,,ein System von Gradationen nach dem Rang der Geschick- lichkeit", als ,,eine Theilung der Arbeit nach den verschiednen Graden des Ge- schicks" u. s. w. üre 1. c. t. I, p. 28 — 35 passim. 'ä) ,,Un ouvrier, en se perfectionnant par la pratique sur un seul et meme point, devient . . . nioins coüteux." (1. c. p. 28.) 335 Arbeitskraft nothwenciige Zeit verkürzt, veiliiiigert die Doniaine der Mehr- arbeit. Wir betrachteten erst dfii Ursprung der Manufaktur aus der Coope- ration , dann ihre einfachen Kiemente , den Theihirbeiter und sein Werk- zeug, endlieh ihren Gesanuntniechanismus. Wir berüiiren jetzt kurz das Verhältniss zwischen der manufakturmässigenTheiking der Arbeit und der gesel Ischa ftlichen Theihing der Arbeit, welche die allgemeine (irundlage aller Waaienproduktion bildet. Hält man nur die Arbeit selbst im Auge, so kann man die Trennung der gesellschaftlichen Produktion in ihre grossen Gattungen, wie Agrikultur, Industrie u. s. w., als Th eilung der Arbeit im All- gemeinen, die Sonderung dieser Produktionsgattungen in Arten und Unterarten als T h e i 1 u n g der Arbeit im B e s o n d e r n , und die Theilung der Arbeit innerhalb einer Werkstatt als Theilung der Ar- beit im Einzelnen bezeichnen ^^j. Die Theilung der Arbeit innerlialb der Gesellschaft, und die entsprechende Beschränkung der Individuen auf besondre Berufs- sphären, entwickelt sich, wie die Theilung der Arbeit innerhalb der Manu- faktur, von entgegengesetzten Ausgangspunkten. Innerhalb einer Familie, weiter entwickelt eines Stammes , entspringt eine naturwüchsige Theilung der Arbeit aus den Geschlechts- und Altersverschiedenheiten, also auf rein physiologischer Grundlage, die mit der Ausdehnung des Ge- meinwesens, der Zunahme der Bevölkerung, und namentlich dem Konflikt zwischen versehiednen Stämmen und der Unterjochung eines Stamms durch 50) ,,Die Theilung- der Arbeit gelit von der Trennung der verscliiedenartigsten l'rofessionen fort bis zu jener Theilung, wo mehrere Arbeiter sich in die Anferti- gung eines und desselben Produkts theilen , wie in der Manufaktur." (Storch:- ,,Co u rs d 'Eco n. Pol." Pariser Ausgabe , t. T, p. 173) ,,Nous rencontrons che/, les peuples parvenus a un cenain dcgve de civilisation trois gcnres de divi- sions d'industrie : lapremiere, que nous nommons gener al e , amene la dis- tinction des producteurs en agricultcurs , manufacturiers et commerfjans , eile se rapporte aux trois principales branches d'industrie nationale ; la seconde, qu'on pourrait appeler speciale, est la division de chaque genre d'industrie en especes .... latroisieme division d'industrie, celle enfin qu'on devrait (juaiitier de division de la besogne ou de travail proprement dit , est celle qui s'e'tablit dans les arts et les metiers separes . . . qui s'etablit dans la plupart des maiiufac- Turcs et des atcliers ■' (Skarbek 1. c. p. 84, 86.) 336 den andern ihr Material ausweitet. Andrerseits , wie ich früher bemerkt, entspringt der Produkte n a u s t a u s c h an den Punkten, wo verschiedne Fa- milien, Stämme, Gemeinwesen in Kontakt kommen , denn nicht Privatper- sonen, sondern Famihen, Stämme u. s. w. treten sich in den Anfängen der Kultur selbstständig gegenüber. Verschiedne Gemeinwesen finden ver- schiedne Produktionsmittel und verschiedne Lebensmittel in ihrer Natur- umgebung vor. Ihre Produktionsweise , Lebensw eise und Produkte sind daher verschieden. Es ist diese naturwüchsige Verschiedenheit, die bei dem Kontakt der Gemeinwesen den Austausch der wechselseitigen Produkte und daher die allmälige Verwandlung dieser Produkte in Waaren hervorruft. Der Austausch schafft niclit den Unterschied der Produktionssphären, sondern bezieht die unterschiednen auf einander und verwandelt sie so in mehr oder minder von einander abhängige Zweige einer gesellschaft- lichen Gesammtproduktion. Hier entsteht die gesellschaftliche Theilung der Arbeit durch den Austausch ursprünglich verschiedner, aber gegeneinander selbstständiger Produktionssphären. Dort, wo die phy- siologischeTheilungderArbeit den Ausgangspunkt bildet, lösen sich die besondern Organe eines unmittelbar zusammengehörigen Ganzen von einander ab , zersetzen sich , zu welchem Zersetzungsprozess der Waareu- austausch mit fremden Gemeinwesen den Hauptanstoss giebt, und verselbst- ständigen sich bis zu dem Punkt, wo der Zusammenhang der verschiednen Arbeiten durch den Austausch der Produkte als Waaren vermittelt wird. Es ist in dem einen Fall Vernnselbstständigung der früher Selbstständigen, in dem andern Verselbstständigung der früher Unselbststäudigen. Die Grundlage aller entwickelten und durch Waarenaustausch ver- mittelten Theilung der Arbeit ist die Scheidung von Stadt und Land-^^). Man kann sagen, dass die ganze ökonomische Geschichte der Gesellschaft sich in der Bewegung dieses Gegensatzes resümirt , auf den wir jedoch hier nicht weiter eingehn. •^') SirJamesSteuart hat diesen Punkt am besten behandelt. Wie wenig sein Werk, welches zehn Jahre vor dem ,,Wealth of Nations" erschien , heüt zu Tage bekannt ist, sieht man u. a. daraus, dass die Bewunderer des Malthus nicht einmal wissen, dass dieser in der ersten Ausgabe seiner Schrift über die ,, Popu- lation", vom rein deklamatorischen Theil abgesehn, neben den Pfaffen Wallace und Townsend fast nur den Steuart abschreibt 337 Wie für die Tlieiliiug der Arbeit inuei'hall) der Manuf'aktar eine ge- wisse Anzahl gleicliz. 118—20. Eine gute Zu- 343 arbeit regelt, wirkt hier mit der iinverbriicliliclien Autorität eines Natur- gesetzes, während jeder besondre Handwerker, wie Schmidt u. s. w., nach überlieferter Art, aber selbstständig, und ohne Anerkennung irgend einer Autorität in seiner Werkstatt, alle zu seinem Fach gehörigen Operationen verrichtet. Der einfache produktive Organismus dieser selbstgenügenden Gemeinwesen , die sich beständig in derselben Form reproduciren , und, wenn zufällig zerstört , an demselben Ort , mit demselben Namen , wieder aufbauen ^1), liefert den Schlüssel zum Geheimniss der unveränder- lich k e i t asiatiselier Gesellschaften, so auffallend kontrastirt durch die beständige Auflösung und Neubildung asiatischer Staaten und rast- losen Dynastenwechsel. Die Struktur der ökonomischen Grundelemente ) Schon vor ihm wurden, wenn auch sehr unvollkommene, Maschinen zum Vorspinnen angewandt, wahrscheinlich zuerst in Italien. Eine kritische Ge- schichte der Technologie würde überhaupt nachweisen , wie wenig irgend eine Erfindung dts 18. Jahrhunderts einem einzelnen Individuum gehört. Bisher existirt kein solches Werk. Darwin hat das Interesse auf die Geschichte der natürlichen Technologie gelenkt, d. h. auf die Bildung der Pflanzen- und Thier- organe als Produktionsinstrumente für das Leben der Pflanzen und Thiere. Ver- dient die Bildungsgeschichte der produktiven Organe des Gesellschaftsmenschen, der materiellen Basis jeder besondern Gesellschaltsorganisation, nicht gleiche Auf- merksamkeit? Und wäre sie nicht leichter zu liefern, da, wie Vico sagt, die Menschengeschichte sich dadurch von der Natuigeschichte unterscheidet, dass wir die eine gemacht und die andere nicht gemacht haben? Die Technologie enthüllt das aktive Verhalten des Menschen zur Natur, den unmittelbaren Produktionspro- zess seines Lebens, damit auch seiner gesellschaftlichen Lebensverhältnisse und der ihnen entquellenden geistigen Vorstellungen. Selbst alle Religionsgeschichte, die von dieser materiellen Basis abstrahirt, ist — unkritisch. Es ist in der That viel leichter durch Analyse den irdischen Kern der religiösen Nebelbildungen zu finden, als umgekehrt aus den jedesmaligen wirklichen Lebensverhältnissen ihre verhim- melten Formen zu entwickeln. Die letztere ist die einzig materialistische und daher wissenschaftliche Methode. Die Mängel des abstrakt naturwissenschaftlichen Materialismus, der den geschichtlichen Prozess ausschliesst, ersieht man schon aus den abstrakten und ideologischen Vorstellungen seiner Wortführer, so bald sie sich über ihre Specialität hinauswagen. 358 Theile des Mechanismus sind nur vorhanden , um der Werkzeugmaschine die Bewegung mitzutheilen, wodurch sie den Arbeitsgegenstand anpackt und zweckgemäss verändert. Dieser Theil der Maschinerie, die Werk- zeug maschi n e ist es, wovon die industrielle Revohition im 18. Jahr- hundert ausgeht. Sie bildet noch jeden Tag von neuem den Ausgangs- punkt , so oft Handwerksbetrieb oder Manufakturbetrieb in Maschinenbe- trieb übergeht. Sehn wir uns nun die Werkzeugmaschine oder eigentliche Arbeitsmaschine näher an , so erscheinen im Grossen und Ganzen, wenn auch oft in sehr modificirter Form, die Apparate und Werkzeuge wieder , womit der Handwerker oder Manufakturarbeiter arbeitet , aber statt als Werkzeuge des Menschen jetzt als Werkzeuge eines Mechanismus oder als mechanische Werkzeuge. Entweder ist die ganze Maschine nur eine mehr oder minder veränderte mechanische Ausgabe des alten Hand- werksinstruments , wie bei dem mechanischen Webstuhl ^^) , oder die am Gerüst der Arbeitsraaschine angebrachten thätigen Organe sind alte Be- kannte, wie Spindeln bei der Spinnmaschine , Nadeln beim Strumpfwirker- stuhl, Sägeblätter bei der Sägemaschine, Messer bei der Zerhackmaschine u. s. w. Der Unterschied dieser Werkzeuge von dem eigentlichen Körper der Arbeitsmaschine erstreckt sich bis auf ihre Geburt. Sie wer- den nämlich immer noch grossentheils handwerksmässig oder manufaktur- mässig producirt und später erst an den maschinenmässig producirten Körper der Arbeitsmaschine befestigt ^^ ), Die Werkzeugmaschine ist also ein Mechanismus, der, nach Mittheilung der entsprechenden Bewe- gung, mit seinen Werkzeugen dieselben Operationen verrichtet, welche früher der Arbeiter mit ähnlichen Werkzeugen verrichtete. Ob die Triebkraft nun vom Menschen ausgeht oder selbst wieder von einer Maschine, ändert am Wesen der Sache nichts. Nach Uebertiagung des eigentlichen Weik- ^0) Namentlich in der ursprünglichen Form des mechanisclien Wehstuhls er- kennt man den alten Webstuhl auf den ersten Blick wieder. Wesentlich verändert erscheint er in seiner modernen Form. ^•) Erst seit ungefähr 15 Jahren wird ein stets wachsender Theil der Werk- zeuge der Arbeitsmaschinen maschinenmässig in England fabricirt, obgleich nicht von denselben Fabrikanten, welche die Maschinen selbst machen. Maschinen zur Fabrikation solcher mechanischen Werkzeuge sind z. B. die automatic bobbin-making engine , caid-setting engine, Maschinen zum Machen der Weberlitzen , Maschinen zum Schmieden von male und throstle Spindeln. 359 Zeugs vom Menschen auf einen Mechanismus, tritt eine Maschine an die SteUe eines blossen Werkzeugs. Der Unterschied springt sofort ins Auge , auch wenn der Mensch selbst noch der erste Motor bleibt. Die Anzahl von Arbeitsinstrumenten, womit er gleichzeitig wirken kann, ist durch die Anzahl seiner natürlichen Pioduktionsinstrumente, sei- ner eignen körperlichen Orgaue, beschränkt. Man versuchte in Deutsch- land erst einen Spinner zwei Spinnräder treten , ihn also gleichzeitig mit zwei Händen und zwei Füssen arbeiten zu lassen. Diess war zu an- strengend. Später erfand man ein Tret-Spinnrad mit zwei Spindeln , aber die Spinnvirtuosen , die zwei Fäden gleichzeitig spinnen konnten , w aren fast so selten als zweiköpfige Menschen. Die Jenny spinnt dagegen von vorn herein mit 12 — 18 Spindeln, der Strumpfwirkerstuhl strickt mit viel lOOO Nadeln auf einmal u. s. w. Die Anzahl der Werkzeuge, womit dieselbe Werkzeugmaschine gleichzeitig spielt , ist von vorn herein eman- ■cipirt von der organischen Schranke , wodurch das Handwerkszeug eines Arbeiters beengt wird. An vielem Handwerkszeug besitzt der Unterschied zwischen dem Menschen als blosser Triebkraft und als Arbeiter mit dem eigentlichen Opera- teur eine sinnlich besonderte Existenz. Z.B. beim Spinnrad wirkt derFuss nur als Triebkraft, während die Hand, die an der Spindel arbeitet, zupft und dreht, die eigentliche Spinnoperatiou verrichtet. Grade diesen letzten Theil des Handwerksinstruments ergreift die industrielle Revolution zuerst und überlässt dem Menschen , neben der neuen Arbeit die Maschine mit seinem Auge zu überwachen und ihre Irrthümer mit seiner Hand zu verbessern , zunächst noch die rein mechanische Rolle der Triebkraft. AVerkzeuge dagegen, auf die der Mensch von vorn herein nur als einfache Triebkraft wirkt, wie z. B. beim Drehn der Kurbel einer Mühle ^-), bei Pumpen, beim Auf- und Abbewegeu der Arme eines Blasnalgs, beim Stossen eines Mörsers u. s. w. , rufen zwar zuerst die Anwendung von Thieren, Wasser, Wind^^-j ^ig Bewegungskräften hervor. Sie recken sich, 92) Moses von Aegypten sagt : ,,Du sollst dem Ochsen , der drischt, nicht das Maul verbinden." Die christlich germanischen Philanthropen legten dagegen dem Leibeignen, den sie als Triebkraft zum Mahlen verwandten, eine grosse höl- zerne Scheibe um den Hals, damit er kein Mehl mit der Hand zum Mund bringen könne. 33) Theils Mangel an lebendigem Wassergefall, theils Kampf gegen sonstigen Wasserübertluss zwangen die Holländer zur Anwendung des Winds als Triebkraft. 360 theilweise inneihalb , sporadisch schon lange vor der Manufakturperiode^ zu Maschinen, aber sie revolutioniren die Produktionsweise nicht, üass sie selbst in ihrer handwerksmässigen Form bereits Maschinen sind , zeigt sich in der Periode der grossen Industrie, Die Pumpen z. B. , womit die Holländer 1836 — 37 den See von Harlem auspumpten, waren nach dem Princip gewöhnlicher Pumpen konstruirt, nur dass cyklopische Dampf- noaschinen statt der Menschenhände ihre Kolben trieben. Der gewöhn- liche und sehr unvollkommene Blasbalg des Grobschmidts wird noch zu- weilen in England durch blosse Verbindung seines Arms mit einer Dampf- maschine in eine mechanische Luftpumpe verwandelt. Die Dampfmaschine selbst, wie sie Ende des 17. Jahrhunderts, während der Manufakturperiode, erfunden ward und bis zum Anfang der 80er Jahre des 18. Jahrhundert» fortexistirte*^*), rief keine industrielle Revolution hervor. Es war viel- mehr umgekehrt die Schöpfung der Werkzeugmaschinen, welche die revo- lutionirte Dampfmaschine nothwendig und darum möglich machte. Sobald der Mensch, statt mit dem Werkzeug auf den Arbeitsgegenstand, nur noch als Triebkraft auf eine Werkzeugmaschine wirkt, wird die Verkleidung der Triebkraft in menschliche Muskel zufällig und kann Wind, Wasser, Dampf u. s. w. an die Stelle treten. Diess schliesst natürlich nicht aus, dass solcher Wechsel oft grosse technische Aenderungen des ursprünglich für menschliche Triebkraft allein konstruirten Mechanismus bedingt. Heut- zutage werden alle Maschinen , die sich erst Bahn brechen müssen , wie Nähmaschinen, Brodbereitungsmaschinen u. s. w., wenn sie den kleinen Mass- stab nicht von vorn herein durch ihre Bestimmung ausschliessen, fürmensfh- liche und rein mechanische Triebkraft zugleich konstruirt. Üie Windmifiile selbst erhielten sie aus Deutschland, wo diese Erfindung einen artigen Kampf zwischen Adel , Pfaffen und Kaiser hervorrief , wem denn von den drei der Wind ,, gehöre". Luft macht eigen , hiess es in Deutschland , wahrend der Wind Holland frei machte. Was er hier eigen machte, war nicht den Hollän- der, sondern den Grund und Boden für den Holländer. Noch 1836 wurden 12,000 Windmühlen von 6000 Pferdekraft in Holland verwandt, um zwei Dritt- theile des Lands vor Rückverwandlung in Morast zu schützen. 9'*) Sie wurde zwar schon sehr verbessert durch Watt's ex-ste, sogenannte einfach wirkende Dampfmaschine, blieb aber in dieser Form blosse Hebemaschine für Wasser und Salzsoole. Man kann nicht einmal sagen, d;tss die Dampfmaschine in dieser ersten Form wissenschaftlich bedeutenden Anstoss gab. 361 Die Maschine, wovon die industrielle Revolution ausgeht , ersetzt den Arbeiter, der ein einzehies Werkzeug handhabt, durch einen Mechanismus, der mit einer Masse derselben oder gleichartiger Werkzeuge auf einmal operirt, und von einer einzigen Triebkraft, welches immer ihre Form, be- wegt wird ^^), Hier haben wir die Maschine, aber erst als einfaches Element der raaschinenniässigen Produktion. Die Erweiterung des Umfangs der Arbeitsmaschine und der Zahl ihrer gleichzeitig operirenden Werkzeuge bedingt einen massenhafteren P>e- wegungsmechanismus, und dieser Mechanismus, zur Ueberwältigung seines eignen Widerstands, eine mächtigere Triebkraft als die menschliche, ab- gesehn davon , dass der Mensch ein sehr unvollkommenes Produktionsin- strument gleichförmiger und kontinuirlicher Bewegung ist. Vorausgesetzt, dass er nur noch als einfache Triebkraft wirkt, also an die Stelle seines Werkzeugs eine Werkzeugmaschine' getreten ist, können Naturkräfte ihn jetzt auch als Triebkraft ersetzen. Von allen aus der Manufakturperiode überlieferten grossen Bewegungskräften war die Pferdekraft die schlech- teste, theils weil ein Pferd seinen eignen Kopf hat, tlieils wegen seiner Kostspieligkeit und des beschränkten Umfangs, worin es in F'abriken allein anwendbar ist^''). Dennoch wurde das Pferd häufig während der Kinder- ä^) ,, Die Vereinigung aller dieser einfachen Instrumente, durch einen einzigen Motor in Bewegung gesetzt, bildet eine Maschine." (Babbage 1. c.) 96) John C. M 0^-10 n verlas Januar 1861 in der Society o) Arts einen Aufsatz über ,,(üe in der Agrikultur angewandten Kräfte". Es hcij^st darin u. a. : ,,Jede Verbesserung, welche die Gleichförmigkeit des Grund und Bodens fördert, macht die Dampfmaschine zur Erzeugung rein mechanischer Kraft anwendbarer . . . Pferdekraft wird ^erheischt , wo krumme Hecken und andere Hindernisse gleichförmige Aktion verhindern. Diese Hindernisse schwinden täglich mehr. In Operationen , die mehr Ausübung des Willens und weniger wirkliche Kraft erfor- dern , ist die durch den menschlichen Geist von Minute zu Minute gelenkte Kraft, also Menschenkraft, allein anwendbar." Herr Morton reducirt dann Dampfkraft, Pferdekraft und Menschenkraft auf die bei Dampfmaschinen gewöhnliche Mass- einheit, nämlich die Kraft 33,000 Pfund in der Minute um einen Fuss zu heben oder zu ziehen, und berechnet die Kost einer Dampfpferdekraft bei der Dampf- maschine auf 3 d. , und beim Pferde auf S'/o d. per Stunde. Ferner kann das Pferd, bei voller Erhaltung seiner Gesundheit, nur 8 Stunden täglich angewandt werden. Durch Dampfkraft können mindestens 3 von je 7 Pferden auf bebautem Land während des ganzen Jahrs erspart werden, zu einem Kostenpreis, nicht grösser als dem der entlassenen Pferde während der 3 oder 4 Monate, wo sie 362 zeit der grossen Industrie angewandt , wie , ausser dem Jammer gleichzei- tiger Agronomen , schon der bis heute überlieferte Ausdruck der mecha- nischen Kraft in Pferdekraft bezeugt. Der Wind war zu unstät und unkon- Irolirbar, und die Anwendung der Wasserkraft überwog ausserdem in Eng- land, dem Geburtsland der grossen Industrie, schon wälirend der Manufak- turperiode. Man hatte bereits im 17. Jahrhundert versucht, zwei Läufer und also auch zwei Mahlgänge mit einem Wasserrad in Bewegung zu setzen. Der geschwollne Umfang des Transuiissionsmechanismus gerieth aber jetzt in Konflikt mit der nun unzureichenden Wasserkraft und diess ist einer der Umstände, der zur genaueren Untersuchung der Friktionsge- setze trieb. Ebenso führte das ungleichförmige Wirken der Bewegungs- kraft bei Mühlen, die durch Stossen und Ziehen mit Schwengeln in Bewe- gung gesetzt wurden, auf die Theoiie und Anwendung des Schwung- rads^'^), das später eine so wichtige Rolle in der grossen Industrie spielt. In dieser Art entwickelte die Manufakturperiode die ersten wissenschaft- lichen und technologischen Elemente der grossen Industrie. Ark- wright's Tiirostlespinnerei wurde von vorn herein mit Wasser getrieben. Indess war auch der Gebrauch der Wasserkraft als herrschender Trieb- kraft mit erschwerenden Umständen verbunden. Sie konnte nicht beliebig erhöht und ihrem Mangel nicht abgeholfen werden , sie versagte zuweilen und war vor allem rein lokaler Natur ^"l. Erst mit Watt 's zweiter, s. g. d 0 p p e 1 1 wirkender Dampfmaschine war ein erster Motor gefunden, der seine Bewegungskraft selbst aus der Verspeisung vou Koh- len und Wasser erzeugt, dessen Kraftpotenz ganz unter menschlicher Kon- trole steht, der mobil und ein Mittel der Lokomotiou , städtisch, und nicht gleich dem Wasserrad ländlich , die Koncentration der Produktion in Städten erlaubt, statt sie wie das Wasserrad über das Land zu zer- allein wirklich veinutzt werden. In den Agrikulturoperationen, worin die Dampf- kraft angewandt werden kann , verbessert sie endlich , verglichen mit der Pferde- kraft, die Qualität des Machwerks. Um das Werk der Dampfmaschine zu ver- richten, müssten 6C Arbeiter per Stunde zu 15 sh., und um das der Pferde zu ver- richten, 32 Mann zu 8 sh. per Stunde angewandt werden. 97) Fdulhebr 162.5, De Cous 1688. 98) Die moderne Erfindung der Turbinen befreit die industrielle Ausbeu- tunur der Wasserkraft von vielen früheren Schranken. obo streuen ^^), universell in seiner teclmologisclien Anwendung, in seiner Resi- denz verhältnissmässig wenig durch lokale Umstände bedingt. Das grosse Oenie Watt's zeigte sich in der Specifikation des Patents , das er April 1784 nnlnn, und worin seine Dampfmaschine niclit als eine Erfindung zu besondern Zwecken, sondern als a 1 1 g e m e i n e r A g e n t der grossen Industrie gescliildert wird. Er deutet hier Anwendungen an , wovon manche , wie z. B. der Dampfhammer , mehr als ein halbes Jahrhundert später erst eingeführt wurden. Jedoch bezweifelte er die Anwendbarkeit der Dampfmaschine auf Seeschifffahrt. Seine Nachfolger, Boulton und Watt, stellten 1851 die kolossalste Dampfmaschine fürOcean steamers auf der Londoner Industrieausstellung aus. Nachdem erst die Werkzeuge aus Werkzeugen des menschlichen Orga- nismus in Werkzeuge eines mechanischen Apparats, der Werkzeugmaschine, verwandelt, erhielt nun auch die Bewegungsmaschine eine selbstständige, von den Schlanken menschlicher Kraft völlig emancipirte Form. Damit sinkt die einzelne Werkzeugmaschine, die wir bisher betrachtet, zu einem blossen E 1 e ni e n t der maschinenmässigen Produktion herab. Eine Bewegungs- niaschine konnte jetzt viele Arbeitsmaschinen gleichzeitig treiben. Mit der Anzahl der gleichzeitig bewegten Arbeitsmaschinen wächst die Bewe- gungsmaschine und dehnt sich der Transmissionsmechanisraus zu einem veitläufigen Apparat aus. "^ Es ist nun zweierlei zu unterscheiden, Cooperation vieler gleichartiger Maschinen und Maschinensystem. In dem einen Fall wird das ganze Machwerk von derselben Arbeitsmaschine verrichtet. Sie führt alle die verschiedenen Operationen '^^) ,,In the carly days of textile manufactures , the localitj- of the factory de- jicnded lipon the existence of a stream having a sufficient fall to turn a water wheel ; and, although the establishment of the water-mills was the commencement of the breaking up of the domestic system of ni anu f ac ture , yet the mills necessarily situated upon streams , and frequently at cousiderable distances the one froin the other, fornied part of a rural rather than an urban system; and it was not until the introdiiction of the steam- power as a Substitute for the stream , that factories were congregated in towns and localities where the coal and water required for the production of steam were Ibund in sufficient quantities. The steam- engine is the parent of maniifacturing towns." (A. Redgrave in ,, Reports of the Insp. ofFact. 30. April 1860". p. 36.) 364 aus, welche ein Handwerker mit seinem Werkzeng, z. R. der Weber mit seinem Webstuhl verrichtete , oder welche Handwerker mit verschiednen Werkzeugen, sei es selbstständig oder als Glieder einer Manufaktur, der Reihe nach ausführten *oo), 5^, r, ]^^ (\^j- modernen Manufaktur von Enve- loppes faltete ein Arbeiter das Papier mit dem Falzbein , ein andrer legte den Gummi auf, ein dritter schlug die Klappe um , auf welche die Devise aufgedrückt wird , ein vierter bossirte die Devise u. s. w. und bei jeder dieser Theiloperationen musste jede einzelne Enveloppe die Hände wech- seln. Eine einzige Envelopperaaschine verrichtet alle diese Operationen auf einen Schlag und macht 3000 und mehr Enveloppen in einer Stunde. Eine auf der liOndoner Industrieausstellung von 1862 ausgestellte ameri- kanische Maschine zur Bereitung von Papiertnten schneidet das Papier, kleistert, faltet und vollendet 300 Stück per Minute. Der innerhalb der Manufaktur getheilte und in einer Reihenfolge ausgeführte Gesammtprozess wird hier von ei n er Arbeitsraaschine vollbracht, die durch Kombination verschiedner Werkzeuge wirkt. Ob nun eine solche Arbeitsmaschine nur mechanische Wiedergeburt eines koraplicirteren Handwerkszeugs sei, oder Kombination verschiedenartiger manufakturmässig partikularisirter ein- facher Instrumente, in der Fabrik, der neuen Form der auf Maschi- nenbetrieb gegründeten Werkstatt, erscheint jedesmal die ein- fache Cooperation wieder, zunächst, wir sehn hier vom Arbeiter ab , als räumliche K 0 n g 1 0 m e r a t i 0 n gleichartiger und gleichzeitig zusammenwirkender A r b e i t s m a s c h i n e n. So wird eine Webfabrik durch das Nebeneinander vieler mechanischen Webstühle und eine Nähfabrik durch das Nebeneinander vieler Nähmaschinen in demselben Arbeitsgebäude gebildet. Aber es exi- stirt hier eine technologische Einheit, indem die vielen 100) Vom Standpunkt der nianufakturmässigen Theilung war Weben keine einfache, sondern vielmehr eine komplicirte handwerksmässige Arbeit, und so ist der mechanische Webstuhl eine Maschine, die sehr Mannigfaltiges verrichtet. Es ist überhaupt eine falsche Vorstellung, dass die moderne Maschinerie sich ur- sprünglich solcher Operationen bemächtigt, welche die manufakturmässige Thei- lung der Arbeit vereinfacht hatte. Spinnen und Weben wurden während der Mannfakturperiode in neue Arten gesondert und ihre Werkzeuge verbessert und variirt, aber der Arbeitsprozess selbst, in keiner Weise getheilt , blieb handwerks- mässig. Es ist nicht die Arbeit , sondern das Arbeitsmittel , wovon die Maschine ausgeht. 3()5 gleichartigen Aibeitsinaschinen gleichzeitig und gleichniässig ihren Impuls empfangen vom Herzschlag des gemeinsamen ersten Motors , auf sie über- tragen durch den Transmissionsmechanisaius, der ihnen auch theilweis ge- meinsam ist, indem sich nur besondere Ausläufe davou für jede einzelne Werkzeugmaschine verästeln. Ganz wie viele Werkzeuge die Organe eiuer Arbeitsmaschine, bilden viele Arbeitsmaschinen jetzt nur noch viele gleichartige Organe desselben Bewegungsmechanismus. Ein eigentliches Maschinensystem tritt aber erst an die Stelle der einzelnen selbststäudigen Maschine, wo der Arbeits- gegenstand eine zusammenhängende Reihe verschiedner Stufenprozesse, ausgeführt von einer Kette verschiedenartiger, aber mit einander kombinirter Werkzeugsmaschinen, durchläuft. Hier erscheint die der Ma- nufaktur eigenthümliche Cooperation durch Theilung der Arbeit wieder, aber jetzt als Kombination von T h e i 1 a r b e i t s m a s c h i n e n. Die specifischen Werkzeuge der verschiednen Theilarbeiter , in der Wollmanu- faktur z. B. von VVoUschläger , Wollkämmer, Wollscheerer, Wollspinner u. s. w., verwandeln sich jetzt in die Werkzeuge spezificirter Arbeits- maschinen , von denen jede ein besondres Organ für eine besondre Funk- tion im Sj^stem des kombinirten W^erkzeugsraeehanismus bildet. Die Manufaktur selbst liefert dem Maschinensystem in den Zweigen , worin es zuerst eingeführt wird , im Grossen und Ganzen die naturwüchsige Grundlage der Theilung und daher der Organisation des Produktionspro- zesses *"^J. Indess tritt sofort ein wesentlicher Unterschied ein. Bei der 101) Vor der Epoche der grossen Industrie war die WoIImanufaktur die herr- schende Manufaktur Englands. In ihr wurden daher während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die meisten Experimente gemacht. Der Baumwolle, deren mechanische Verarbeitung minder mühvolle Vorbereitungen erfordert als die Schafwolle , kamen die an der lets^tern gemachten Erfahrungen zu gut , wie später umgekehrt die mechanische Wollindustrie sich auf Grundlage der mechanischen Baumwollspinnerei und -Weberei entwickelt. Einzelne Elemente der Wollmanu- faktur sind erst seit den letzten Decennien dem Fabriksystem einverleibt worden, z. B. das Wollkämmen. ,,The application of power to the process of combing wool . . . extensively in Operation since the introduction of the ,, combing machine", especially Lister's .... undoubtedly had the effect of throwing a very large number of men out of work. Wool was fornierly combed by band , most frequently in the cottage of the comber. It is now very generally combed in the factory , and handlabour is superseded , except in some particular kinds of work, 366 - — Manufaktur muss jeder besondre Tbeilprozess von Arbeitern , einzehi oder in Gruppen, mit ibrera Handwerkszeug ausfübrbar sein. Wird der Arbei- ter dem Prozess angeeignet, soistaberaucb vorher der Prozess dem Arbeiter angepasst. Diess s u b j e k t i v e Princip der Theihmg fällt weg für die masclii- nenartige Produktion. Der Gesatiimtprozess wird hier objektiv, an und für sich betrachtet, in seine konstituirenden Phasen aiialysirt, und das Pro- blem jeden Tbeilprozess auszuführen und die verschiednen Theilprozesse zu verbinden , durch technische Anwendung der Mechanik , Cliemie u. s. w. gelöst ^*'2), wobei natürlich nach wie vor die theoretische Konception durch gehäufte praktische Erfahrung auf grossei' Stufenleiter vervollkomnmet werden muss. Jede Tlieilmaschine liefert der zunächst folgenden ihr Roh- material, und da sie alle gleichzeitig wirken , befindet sich das Produkt eben so fortwälu-end auf den verschiednen Stufen seines Bildungsprozesses, wie im Uebergang aus einer Produktionsphase in die andre. Wie in der Manufaktur die unmittelbare Cooperation der Thi^ilarbeiter bestinmite V e r h ä 1 1 n i s s z a h 1 e n zwischen den besondern Arbeitergruppen schafft, so in dem gegliederten Maschinensystem die beständige Beschäftigung der Theilmaschinen durch einander ein bestimmtes Verhältniss zwischen ihrer Anzahl, ihrem Umfang und ihrer Geschwindigkeit. Die kombinirte Arbeitsmaschine, jetzt ein gegliedertes System von verschiedenartigen einzelnen Arbeitsmaschinen und von Gruppe n derselben, ist um so voll- kommner, je kontinuirlicher ihr Gesammtprozess, d. h. mit je weniger Unterbrechung das Robmaterial von seiner ersten Phase zu feiner letzten über- geht, je mehr also der Mechanismus selbst, statt der Menschenhand, es von einer Produktionsphase in die andre fördei't. Wenn daher in der Manu- faktur die Isolirung der Sonderprozesse ein durch die Theilung der Arbeit selbst gegebnes Princip ist, so in der entwickelten Fabrik die Kontinuität der Sonderprozesse. in which hand-combed wool is still preferved. Many of the liandcombers found employment in the factories , but the produce of the handcomber bears so small a Proportion to that of the macliine , that the employment of a very large nuuibei of combers has passed away." (,,Rep. of Insp. of Fact. for 31 st Oct. 1856", p. 16.) '02j ,,Le principe du Systeme automatique est donc ... de remplacer la division du travail paimi les artisans par Tanalyse du procede dans ses prineipes constituans." (Ure 1. c. t. I, p. 30.) 8(57 Ein System der Maschinerie , beruhe es nun auf blosser Cooperation gl eichartiger Arbeitsniaschinen , wie in der Weberei , oder auf einer Kombination verschiedenartiger, wie in der Spinnerei, bildet an und für sich (M n e n grossen Automaten, sobald es von einem sich selbst bewegenden ersten Motor getrieben wird. Indess kann das ganze System z. B. von der Dampfmaschine getrieben werden, obgleich einzelne Werkzeug- maschinen entweder für gewisse Bewegungen noch den Arbeiter brauchen, wie die zum Einfahren der Mule nötliige Bewegung vor der Einführung der selfacting mule und immer noch bei Feinspinnerei , oder indem be- stimmte Theile der Maschine zur Verrichtung ihres Werks gleich einem Werkzeug vom Arbeiter gelenkt werden müssen , wie beim Maschinenbau vor der Verwandlung des slide rest (ein Drehapparat) in einen selfactor. Sobald die Arbeitsmaschine alle zur Bearbeitung des Rohstoffs nöthigen Bewegungen ohne menschliche Beihilfe verrichtet und nur noch mensch- licher Nachhilfe bedarf, haben wir ein automatisches System der Maschinerie, das indess bestandiger Ausarbeitung im Detail fähig ist, wie z. B. ein Apparat, der die Spinnmaschine von selbst still setzt, sobald ein einzelner Faden reibst, und der selfacting stop, der den verbesserten Dampfwebstuhl still setzt, sobald der Spule des Weberschitfs der Ein- schlagsfaden ausgeht , ganz moderne Erfindungen sind. Als ein Beispiel sowohl der Kontinuität der Produktion als der Durchführung des automa- tischen Princips kann die moderne Papierfabrik gelten. An der Papier- produktion kann überhaupt der Unterschied verschiedner Produktions- weisen, auf Basis verschiedner Produktionsmittel , wie der Zusammenhang der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse mit dieser Produktionsweise, im Einzelnen vortheilhaft studirt werden , da uns die ältere deutsche Papiermacherei Muster der handwerksmässigen Produktion, Holland im 17. und Frankreich im 18. Jahrhundert Muster der eigentlichen Manufak- tur, und das moderne England Muster der automatischen Fabrikation in diesem Zweig liefern , ausserdem in China und Indien noch zwei ver- schiedne uraltasiatische F"'ormen derselben Industrie existiren. Als gegliedertes System automatischer Arbeitsmaschinen, die ihre Be- wegung durch Transmissionsmaschinerie von einem centralen Automa- ten empfangen, besitzt der Maschinenbetrieb seine entwickeltste Gestalt. An die Stelle der einzelnen Maschine tritt hier ein mechanisches Ungeheuer, dessen Leib ganze Fabrikgebäude füllt, und dessen dämonische Kraft, erst 368 versteckt durcli die fast feierlich gemessne Bewegung seiner Riesenglieder, im fieberliaft tollen Wirbeltanz seiner zahllosen eigentlichen Ärbeits- organe ausbricht. Es gab Mules, Dampfmaschinen u. s. w. , bevor es Arbeiter gab, deren ausschliessliches Geschäft es war, Dampfmaschinen, Mules u. s. w. zu machen , ganz wie der Mensch Kleider trug , bevor es Schneider gab. Die Erfindungen von Vauconson, Arkwright, Watt u. s. w. waren jedoch nur ausführbar, weil jene Erfinder ein von der Manufakturperiode fertig ge- liefertes und beträchtliches Quantum geschickter mechanischer Arbeiter vorfanden. Ein Theil dieser Arbeiter bestand aus selbstständigen Hand- werkern verschiedner Profession, ein andrer Theil war in Manufakturen ver- einigt, worin, wie früher erwähnt, die Theilung der Arbeit mit besondrer Strenge durchgeführt. Mit der Zunahme der Erfindungen und der wach- senden Nachfrage nach den neu erfundnen Maschinen entwickelte sich mehr und mehr einerseits die Sonderung der Maschinenfabrikation in man- nichfaltige selbstständige Zweige , andrerseits die Theilung der Arbeit im Innern der maschinenbauenden Manufakturen. Wir erblicken hier also die Manufaktur als unmittelbare technologische Grundlage der gros- sen Industrie. Jene producirte die Maschinerie, womit diese, in den Produktionssphären , die sie zunächst ergriff, den handwerks- und manu- fakturmässigen Betrieb aufhob. Der Maschinenbetrieb erhob sich also naturwüchsig auf einer ihm uuangemessnen materiellen Grundlage. Auf einem gewissen Entwicklungsgrad musste er diese erst fertig vorgefundne und dann in ihrer alten Form weiter ausgearbeitete Grundlage selbst revolutioniren und sich eine seiner eignen Produktions- weise entsprechende neue Basis schaffen. W^ie die einzelne Maschine zwergmässig bleibt, so lange sie nur durch Menschen bewegt wird, wie das Maschinensystem sich nicht frei entwickeln konnte, bevor an die Stelle der vorgefundnen Triebkräfte, Thier, Wind und selbst Wasser, die Dampfmaschine trat, ebenso war die grosse Industrie in ihrer ganzen Ent- wicklung gelähmt, solange ihr charakteristisches Produktionsmittel , die Maschine selbst , seine Existenz persönlicher Kraft und persönlichem Ge- schick verdankte, also abhing von der Muskelentwicklung, der Schärfe des Blicks, und der Virtuosität der Hand , womit der Theilarbeiter in der Ma- nufaktur und der Handwerker ausserhalb derselben ihr Zwerginstrument führten. Abgesehu von der Vertheurung der Maschinen in Folge ihrer 369 Ursprungsweise — und dieser Umstand beherrscht das Kapital als be- wusstes Motiv — blieb so die Ausdehnung der bereits maschinenmässig betriebenen Industrie und das Kindringen der Maschinerie in neue Produk- tionszweige rein bedingt durch das Wachsthum einer Arbeiterkategorie, die wegen der halbkünstlerischen Natur ihres Geschäfts nur allmäli^ und nicht sprungweis vermehrt werden konnte. Aber auf einer gewissen Entwick- lungsstufe gerieth die grosse Industrie auch technologisch in Wider- streit mit ihrer handwerks- und manufakturmässigen Unterlage. Die Aus- reckung des Umfangs der Bewegungsmaschinen , des Transmissionsmecha- uismus imd der Werkzeugmaschinen, die grössere Komplikation, Mannich- faltigkeit und erforderte Regelmässigkeit ihrer Bestandtheile, im Masse wie die Werkzeugmaschine sich von dem handwerksmässigen Model, das ihren Bau ursprünglich beherrscht, losriss, und eine freie , nur durch ihre mecha- nische Aufgabe bestimmte Gestalt erhielt ^^^), die Ausbildung des automa- tischen jSystems und die stets unvermeidlichere Anwendung von schwer zu bewältigendem Material , z. B. Eisen statt Holz — die Lösung aller dieser naturwüchsig entspringenden Aufgaben stiess überall auf die persönlichen Schranken, die auch das in der Manufaktur kombinirte Arbeiterpersonal nur dem Grad , nicht dem Wesen nach durchbricht. Maschinen z. B. wie die moderne Druckerpresse, der moderne Dampfwebstuhl und die moderne Kardirmaschine konnten nicht von der Manufaktur geliefert werden. Die Umwälzung der Produktionsweise in einer Sphäre der Industrie bedingt ihre Umwälzung in der andern. Es gilt diess zunächst für solche Industriezweige, welche, trotz der Isolation durch die gesellschaft- liche Theilung der Arbeit, so dass jeder derselben eine selbststäudige 103^ Der mechanische Webstuhl in seiner ersten Form besteht hauptsächlich aus Holz, der verbesserte, moderne aus Eisen. Wie sehr im Anfang die alte Form des Produktionsmittels seine neue Form beherrscht, zeigt u. a. die oberflächlichste Vergleichung des modernen Dampfwebstuhls mit dem alten , der modernen Blas- instrumente inEisengiessereien mit der ersten unbehilflichen mechanischen Wieder- geburt des gewöhnlichen Blasbalgs, und vielleicht schlagender als alles andre eine vor der Erfindung der jetzigen Lokomotiven versuchte Lokomotive, die in der That zwei Füsse hatte, welche sie abwechselnd wie ein Pferd aufhob. Erst nach weiterer Entwicklung der Mechanik und gehäufter praktischer Erfahrung wird die Form gänzlich durch das mechanische Princip bestimmt und daher gänzlich emancipirt von der überlieferten Kürperform des Werkzeugs, das sich zur Maschine entpuppt. I. 24 370 Waare producirt, sich dennoch als Phasen eines Gesammtprozesses ver- schlingen. So machte die Maschinenspinnerei Maschinenweberei nöthig- und beide zusammen die mechanisch-chemische Revolution der Bleicherei, Druckerei und Färberei , wie andrerseits die Revolution in der Baumwoll- spinnerei etie Erfindung des gin zur Trennung der Baumwollfaser vom Samen hervorrief, womit erst die Baum wollproduktion auf dem nun erheisch- ten grossen Massstab möghch ward ^^4), d\q Revolution in der Pro- duktionsweise der Industrie und Agrikultur ernöthigte namentlich aber auch eine Revolution in den allgemeinen Bedingungen des gesell- schaftlichen Produktionsprozesses, d. h. den Kommunikations- und Transportmitteln. Wie die Kommunikations- und Transportmittel einer Gesellschaft, deren P i v 6 1 , um mich eines Ausdrucks P o u r i e r ' s zu bedienen, die kleine Agrikultur mit ihrer häuslichen Nebenindustrie und da& städtische Handwerk waren, den Produktionsbedürfnissen der Manufaktur- periode mit ihrer erweiterten Theilung der gesellschaftlichen Arbeit , ihrer Koncentration von Arbeitsmitteln und Arbeitern , und ihren Kolonialmärk- ten durchaus nicht genügen konnten , daher auch in der That umgewälzt wurden, so verwandelten sich die von der Manufakturperiode überlieferten Transport- und Kommunikationsmittel bald in unerträgliche Hemmschuhe für die grosse Industrie mit ihrer fieberhaften Geschwindigkeit der Produk- tion , ihrer massenhaften Stufenleiter , ihrem beständigen Werfen von Ka- pital- und Arbeitermassen aus einer Produktionssphäre in die andre, und ihren neugeschaffenen weltmarktlichen Zusammenhängen. Neben einem ganz umgewälzten Segelschiffbau , wurde das Kommunikations- und Transportwesen daher allmälig durch ein System von Flussdampfschitfen, Eisenbahnen, oceanischen Dampfschiffen und Telegraphen der Produktions- weise der grossen Industrie angeeignet. Die furchtbaren Eisenmassen aber, die jetzt zu schmieden , zu schweissen, zu schneiden , zu bohren und zu formen waren , erforderten ihrerseits cyklopische Maschinen , deren Schöpfung der manufakturmässige Maschinenbau versagte. '0^) Des Yankee Eli Whitney cottongin war bis zur neusten Zeit im wesentliclien weniger verändert worden , als irgend eine andre Maschine des 18. Jahrhunderts. Erst in den letzten Decennien hat ein andrer Amerikaner , Herr 1 Emery von Albany, New- York, Whitney's Maschine durch eine ebenso einfache als | wirksame Verbesserung antiquirt. 371 Die grosse Industrie musste sich also ihres charakteristischen Prodnk- tionsmittels , der Maschine selbst bemächtigen , um Maschinen durch Maschinen zu produciren. So erst schuf sie sich eine adäquate technologische Unterlage und stellte sich auf ihre eignen Füsse. Mit dem wachsenden Maschinenbetrieb in den ersten Decennien des 19. Jahrhunderts bemächtigte sich die Maschinerie in der That allmälig der Fabri- kation der Werkzeugmaschinen, während erst in den letztverflosse- iien Decennien ungeheurer Eisenbahnbau und oceanische Dampfschifffahrt die in derKoustruktion von ersten Motoren augewandten cyklo- pischen Maschinen ins Leben riefen. Die wesentlichste Produktionsbedingung für die Fabrikation von Maschinen durch Maschinen war eine jeder Kraftpotenz fähige imd doch zugleich ganz kontrolirbare Bewegungsmaschine. Sie existirte bereits in der Dampfmaschine. Aber es galt zugleich die für die einzelnen Ma- schiuentheileuöthigen streng geometrischen Formen wie Linie, Ebene, Kreis, Cylinder, Kegel und Kugel maschinenmässig zu produciren. Diess Pro- blem löste Henry Maudsley im ersten Decennium des 19. Jahrhun- derts durch die Erfindung des slide-rest, der bald automatisch ge- macht und in modificirter Form von der Drechselbank , wofür er zuerst bestimmt war, auf andre Konstruktionsmaschinen übertragen wurde. Diese mechanische Vorrichtung ersetzt nicht irgend ein besondres Werk- zeug, sondern die menschliche Hand selbst, die eine bestimmte Form hervorbringt durch Vorhalten , Anpassen und Richtung der Schärfe von Schneideinstrumenten u. s. w. gegen oder über das Arbeitsmaterial , z. B. Eisen. So gelang es die geometrischen Formen der einzelnen Maschinen- theile ,,mit einem Grad von Leichtigkeit, Genauigkeit und Raschheit zu produciren, den keine gehäufte Erfahrung der Hand des geschicktesten Arbeiters verleihen konnte" i^^). Betrachten wir nun in der zumMaschinenbau angewandtenMa- schinerie den Theil derselben, der die eigentliche Werkzeugmaschine '05) ,,The Iiidustry of Nations. Lond. 1855," Part II, p. 239. Es heisst eben daselbst: ,, Simple and outwardly unimportant as this appendage to lathes may appear, it is not, \ve believe, averring too much to State, that its in- fluence in improving and extending the use of machinery has been as great as that prodiiced by AVatt's improvements of the steam-engine itself. Its introduction went 24* 372 bildet, so erscheint das liandwerksmässige lostrument wieder, aber in cyklopischem Umfang. Der Operateur der Bohrmaschine z. B. ist ein ungelieurer Bohrer, der durch eine Dampfiuaschine getrieben wird und ohne den umgekehrt die Cylinder grosser Dampfmaschinen und hydrau- lischer Pressen nicht producirt werden könnten. Die mechanische Drechsel- bank ist die cyklopische Wiedergeburt der gewöhnlichen Fussdrechselbank, die Hobelmaschine ein eiserner Zimmermann, der mit denselben Werkzeugen in Eisen arbeitet, womit der Zinmiermann in Holz ; das Werkzeug, welches in den Londoner Schiffswerften das Furnirwerk schneidet , ist ein riesen- artiges Rasirmesser , das Werkzeug der Scheermaschine , welche Eisen schneidet, wie die Schneiderscheere^Tuch, eine Monsterscheere, und der Dampfhammer operirt mit einem gewöhnlichen Hammerkopf, aber von solchem Gewicht, dass Thor selbst ihn nicht schwingen könnte ^^^). Einer dieser Dampfhämmer z.B., die eine Erfindung von Nasrayth sind, wiegt über 6 Tonnen und stürzt mit einem perpendikulären Fall von 7 Fuss auf einen Amboss von 86 Tonnen Gewicht. Er pulverisirt spielend einen Granitblock , und ist nicht minder fähig einen Nagel in weiches Holz mit einer Aufeinanderfolge leiser Schläge einzutreiben '*'''). Das Arbeitsmittel erhält in der Maschinerie eine materielle Existenz- weise , welche Ersetzung der Menschenkraft durch Naturkräfte und erfah- rungsraässiger Routine durch bewusste Anwendung der Naturwissenschaft bedingt. In der Manufaktur ist die Gliederung des gesellschaftlichen Ar- beitsprozesses rein subjektiv, Kombination von Theilarbeitern ; im Maschinensystem schafft die grosse Industrie einen ganz objektiven Produktionsorganismus, den der Arbeiter als fertige materielle Produktions- bedingung vorfin d et. Inder einfachen Cooperation und selbst in der durch Theilung der Arbeit spezificirten erscheint die Verdrängung des ver- einzelten Arbeiters durch den vergesellsch afteten immer noch mehr oder minder zufällig. Die Maschinerie , mit einigen später zu er- at once to perfect all machinery, to cheaijen it, and to stimulate invention and improvement. " 1"«) Eine dieser Maschinen in London znm Schmieden von paddle-wheel shafts führt den Namen ,,Thor". Sie schmiedet einen Schaft von le'/a Tonnen Gewicht mit derselben Leichtigkeit, wie der Schmied ein Hufeisen. 'O'') Die in Holz arbeitenden Maschinen , die auch auf kleinem Massstab an- gewandt werden können, sind meist ame rikani s ch e Erfindung. 373 wähnenden Ausnahmen, funktionirt nur in der Hand unmittelbar vergesell- schafteter oder gemeinsamer Arbeit. Der cooperative Charakter des Arbeitsprozesses wird jetzt also durch die Natur des Arbeitsmit- tels selbst diktirte technologisclie Noth wendigkeit. Man sah , dass die aus der Cooperation und der Theilung der Arbeit entspringenden Produktivkräfte dem Kapital nichts kosten. Sie sind Na- turkräfte der gesellschaftlichen Arbeit. Naturkräfte, wie Dampf, Wasser u. s. w., die zu produktiven Prozessen angeeignet werden, kosten ebenfalls nichts. Wie aber der Mensch eine Lunge zum Athmen braucht, braucht er ein ,.Gebild von Menschenhand," um Naturkräfte produk- tiv zu konsumiren. Ein Wasserrad ist nöthig, um die Bevvegungskraft des Wassers, eine Dampfmaschine, um dieElasticität des Dampfs auszubeuten. Wie mit den Naturkräften, verhält es sich mit der Wissenschaft. Einmal entdeckt, kostet das Gesetz über die Abweichung der Magnetnadel im Wirkungskreise eines elektrischen Stroms oder über Erzeugung von Magne- tismus im Eisen, um das ein elektrischer Strom kreist, keinen Deut^os). Aber zur Ausbeutung dieser Gesetze für Telegraphie u. s. w. bedarf es eines sehr kostspieligen und weitläufigen Apparats. Durch die Maschine wird, wie wir sahen, das Werkzeug nicht verdrängt. Aus einem Zwerg- Werkzeug des menschlichen Organismus reckt es sich in Um- fang und Zaid zum Werkzeug eines vom Menschen geschaflFenen Mechanis- mus. Statt mit dem Handwerkszeug , lässt das Kapital den Arbeiter jetzt mit einer Maschine arbeiten , die ihre Werkzeuge selbst führt. Wenn es daher auf den ersten Blick klar ist, dass die grosse Industrie durch Einver- leibung ungeheurer Naturkräfte und der Naturwissenschaft in den Produk- tiousprozess die Produktivität der Arbeit ausserordentlich steigern muss, ist es keineswegs eben so klar, dass diese gesteigerte Produktivkraft nicht durch vermehrte Arbeitsausgabe auf der andern Seite erkauft wird. Gleich jedem 108) Die Wissenschaft kostet dem Kapitalisten überhaupt ,, Nichts", was ihn durchaus nicht hindert, sie zu exploitiren. Die ,, fremde" Wissenschaft wird dem Kapital einverleibt, wie die fremde Arbeit. ,, Kapitalistische" Aneignung und ,, persönliche" Aneignung, sei es von Wissenschaft, sei es von materiellem Reich- thum, sind aber ganz und gar disparate Dinge. Dr. Ure selbst bejammert die grobe Unbekanntschaft seiner lieben , Maschinenexploitirenden Fabrikanten mit der Mechanik und Liebig weiss von der haarsträubenden Unwissenheit der eng- lischen chemi.schen Fal)rikanten in der Chemie zu erzählen. 374 andern Bestandtheil des c o n s t a n t e'n Kapitals, schafft die Maschinerie keinen Werth, giebt aber ihren eignen Werth an das Produkt ab , zu des- sen Erzeugung sie dient. Soweit sie Wertli hat und daher Werth auf das Produkt überträgt , bildet sie einen Werthbestandtheil desselben. Statt es zu V e r w 0 h 1 f e ii e r n , v e r t h e u e r t sie es im Verhältniss zu ihrem eignen Werth. Und es ist handgreiflich , dass Maschine und systematisch entwickelte Maschinerie, das charakteristische Arbeitsmittel der grossen Industrie, unverhältnissmässig an Werth schwillt, verglichen mit den Ar- beitsmitteln des Handwerks- und Manufakturbetriebs. Es ist nun zunächst zu bemerken , dass die Maschinerie stets ganz in den Arbeitsprozess und immer nur theilweis in den Ver- wert liungsp r ozess eingeht. Sie setzt dem Produkt nie mehr Werth zu als sie im Durchschnitt durch ihre tägliche Abnutzung verliert. Es findet also grosse Differenz statt zwischen dem Maschinenwerth und dem Werththeil der Maschine , der im täglichen Produkt derselben wiederer- scheint. Es findet eine grosse Differenz statt zwischen der Maschine als werthbildendem und als p r o d u k t b i 1 d e n d e m Element. Je grösser die Periode , während welcher dieselbe Maschinerie wiederholt in demselben Arbeitsprozess dient , desto grösser jene Differenz. Allerdings haben wir gesehn , dass jedes eigentliche Arbeitsmittel oder Produk- tionsinstrument immer ganz in den Arbeitsprozess und stets nur stückweis, im Verhältniss zu seinem täglichen Durchschnittsverschleiss, in den Verwer- thungsprozess eingeht. Diese Differenz jedoch zwischen der Benutzung und der Abnutzung des Arbeitsmittels, zwischen dem Dienst, den es in der W^aarenproduktion leistet, und der Vertheurung der Waare, die es durch Uebertragen seines Werths auf dieselbe hervorbringt , ist viel grösser bei der Maschinerie als bei dem Werkzeug, weil sie, aus dauerhafterem Ma- terial gebaut, eine längere Lebensperiode besitzt , weil ihre Anwendung im Arbeitsprozess, durch streng wissenschaftliche Gesetze geregelt, grössere Oekonomie in der Verausgabung ihrer Bestandtheile und ihrer Konsum- tionsmittel ermöglicht, und endlich, weil ihr Produktionsfeld unverhält- nissmässig grösser ist als das des Werkzeugs. Ziehn wir von beiden, von Maschinerie und Werkzeug , ihre tägliche Durchschnittskost ab , oder den Werthbestandtheil, den sie durch täglichen Durchschnittsverschleiss und den Konsum von Hilfsstoffen, wie Oel, Kohlen u. s. w. dem Produkt zusetzen, so wirken sie umsonst, ganz wie ohne Zuthun menschlicher 375 Arbeit vorhandne Naturkräfte. Um so grösser der produktive Wirkungs- umfang der Maschinerie als der des Werkzeugs, um so grösser ist der Um- fang ihres uneut geldlichen Dienstes verglichen mit dem des Werk- zeugs. Erst in der grossen Industrie lernt der Mensch das Produkt seiner vergangnen , bereits vergegenständlichten Arbeit auf grossem Massstab gleich einer Naturkraft umsonst wirken zu lassen 'o»). Es ergab sich bei Betrachtung der Cooperation und Manufaktur, dass gewisse allgemeine Produktionsbedingungen, wie Baulichkeiten u. s. w., im Vergleich mit den zersplitterten Produktionsbedingungen vereinzelter Ar- beiter durch den gemeinsamen Konsum Ökonom isirt werden, daher das Produkt weniger vertheuern. Bei der Maschinerie wird nicht nur der Körper einer Arbeitsmaschine von ihren vielen Werkzeugen, sondern die- selbe Bewegungsmaschine nebst einem Theil des Transmissionsmechanis- mus von vielen Arbeitsmaschinen gemeinsam verbraucht. Gegeben die Differenz zwischen dem Werth der Maschinerie und dem von ihr auf das Tagesprodukt übertragenen Werththeil , hängt der Grad, worin dieser Werththeil das Produkt vertheuert, zunächst vom Umfang 43 es Produkts ab, gleichsam von seiner Oberfläche. Herr Baynes aus Blackburn schätzt in einer 1858 veröffentlichten Vorlesung, dass ,,jede reale mechanische Pferdekraft 4 50 selfacting Mulespindeln nebst Vorgeschirr treibt oder 200 Throstlespindeln oder 15 Webstühle für 40 inch cloth nebst den Vorrichtungen zum Aufziehn der Kette, Schlichten u. s. w." Es ist im ersten Fall das Tagesprodukt von 450 Mulespin- deln, im zweiten von 200 Throstlespindeln, im dritten von 15 mecha- nischen Webstühlen , worüber sich die täglichen Kosten einer Dampf- 'ö**) Ricardo fasst diese, übrigens von ihm ebensowenig wie der allgemeine Unterschied zwischen Arbeitsprozess und Verwerthungsprozess entwickelte Wir- kung der Maschinen manchmal so vorzugsweise ins Auge, dass er gelegentlich den Werthbestandtheil vergisst, den Maschinen an das Produkt abgeben, und sie ganz und gar mit den Naturkräften zusammenwirft. So z. B. ,,Adam Smith nowhere undervaliies the Services which the natural agents and machinery perform for us, but he very justly distinguishes the nature of the value which they add tocoramo- dities .... as they perform their work gra t uit o us ly , the assistance which they aftbrd us, adds nothing to value in exchange." (Ric. 1. c. p. 336, 337.) Ricardo's Bemerkung ist natürlich richtig gegen J. B. Say, der sich vorfaselt, die Maschinen leisteten den ,, Dienst" Werth zu schaffen , der einen Theil des Profits der Kapitalisten bilde. 376 pferdekraft und der Verschleiss der von ihr in Bewegung gesetzten Ma- schinerie vertheilen , so dass hierdurch auf eine Unze Garn oder eine Elle Geweb nur ein winziger Werththeil übertragen wird. Ebenso im obigen Beispiel mit dem Dampfhammer. Da sich sein täglicher Verschleiss^ Kohlenkonsum u. s. w. vertheilen auf die furchtbaren Eisenmassen, die er täglich hämmert, hängt sich jedem Centner Eisen nur ein geringer Werth- theil an , der sehr gross wäre , sollte das cyklopische Instrument kleine Nägel eintreiben. Den Wirkungskreis der Arbeitsmaschine , also die Anzahl ihrer Werkzeuge, oder, wo es sich um Kraft handelt, deren Umfang gegeben,^ wird die Produktenmasse von der Geschwindigkeit abhängen , womit sie operirt, also z. B. von der Geschwindigkeit, womit sich die Spindel dreht, oder der Anzahl Schläge, die der Hammer in einer Minute austheilt. Manche jener kolossalen Hämmer" geben 70 Schläge, Ryder's Schmiede- patentmaschiiie, die Dampfhämmer in kleineren Dimensionen zum Schmie- den von Spindeln anwendet, 700 Schläge in einer Minute. Die Proportion gegeben , worin die Maschinerie Werth auf das Pro- dukt überträgt, hängt die Grösse dieses Werththeils von ihrer eignen Werthgrösse ab i'^). Je weniger Arbeit sie selbst enthält, desto weniger Werth setzt sie dem Produkt zu. Je weniger Werth bildend, desto produktiver ist sie und desto mehr nähert sich ihr Dienst dem der Naturkräfte. Die Produktion der Maschinerie durch Ma- schinerie verringert aber ihren Werth, verhältnissmässig zu ihrer Ausdehnung und Wirkung. Eine vergleichende Analyse der Preise handwerks- oder manufaktur- mässig producirter Waaren und der Preise derselben Waaren als Maschi- "0) Der in kapitalistischen Vorstellungen befangene Leser vermisst hier natür- lich den ,, Zins " , den die Maschine, pro rata ihres Kapitalwerthes, dem Produkt zusetzt. Es ist jedoch leicht einzusehn , dass die Maschine, da sie so wenig als irgend ein andrer Bestandtheil des constanten Kapitals Neu werth erzeugt, keinen solchen unter dem Namen ,,Zin8" zusetzen kann. Es ist ferner klar, dass hier, wo es sich um die Produktion desMehrwerths handelt, kein Th eil desselben unter dem Namen ,,Zins" a priori vorausgesetzt werden kann. Die kapitalistische Rechnungsweise, die prima facie abgeschmackt und den Ge- setzen der Werthbildung widersprechend scheint, rindet im dritten Buch dieser Schrift ihre Erklärung. 377 uenprodukt ergiebt im Allgemeinen das Resultat, dass beim Maschinenpro- diikt der dem Arbeitsmittel geschuldete Werthbestandtheil rela- tiv wächst, aber absolut abnimmt. Das heisst , seine absolute Grosse nimmt ab , aber seine Grösse im Verhältniss zum Gesammtwerth des Produkts, z. B. eines Pfundes Garn, nimmt zui^')- Es ist klar, dass blosses Deplacement der Arbeit stattfindet , also die Gesammtsumme der zur Produktion einer Waare erheischten Arbeit nicht vermindert oder die Produktivkraft der Arbeit nicht vermehrt wird , wenn die Produktion einer Maschine so viel Arbeit kostet als ihre Anwendung erspart. Die Differenz jedoch zwischen der Arbeit , die sie kostet , und der Arbeit, die sie erspart , oder der Grad ihrer Produktivität hängt offen- bar nicht ab von der Differenz zwischen ihrem eigenen Werth und dem Werth des von ihr ersetzten Werkzeugs. Die Differenz dauert so lauge "') Dieser von der Maschine zugesetzte Werthbestandtheil fällt absolut und relativ, wo sie Pferde verdrängt, überhaupt Arbeitsthiere, die nur als Eewcgungs- kraft, nicht als Stoft'wechselmaschincn benutzt werden. Nebenbei bemerkt, Des- cartes mit seiner Definition derThiere als blosser Maschinen sieht mit den Augen der Manufakturperiode im Unterschied zum Mittelalter, dem das Thier als Ge- hilfe des Menschen galt, wie später wieder dem Herrn v. Haller in seiner ,, Restauration der Staatswissenschaften". Dass Descartes ebenso wie Baco eine veränderte Gestalt der Produktion und praktische Beherrschung der Natur durch den Menschen als Resultat der veränderten Denkmethode betrachtete , zeigt sein ,, Discours dela Methode", wo es u. a. heisst: ,,il est possible (durch die von ihm in die Philosophie eingeführte Methode) de parvenir ;i des connaissances fort utiles ä la vie , et qu'au lieu de cette philosophie speculative qu'on enseigne dans les ecoles, on en peut trouver une pratique, par laquelle, connaissant la force et les actions du feu , de l'eau, de l'air, des astres , et de tous les autres corps qui nousenvironnent, aussidistinctement que nous connaissons les divers metiersdenos artisans, nous les pourrions employer en meme fa9on a tous les usages auxquels ils sont propres , et ainsi nous rendre comme maitres et possesseurs de la n a t ure", und so ,,contribuer au perfectionnement de la vie humaine." In der Vorrede zu Sir Dudley North's ,, Discourses upon Trade" (1691) heisst es, die Methode des Descartes, auf die politische Oekonomie ange- wandt, habe sie von alten Mährchen und abergläubigen Vorstellungen über Geld, Handel u. s. w. zu befreien angefangen. Im Durchschnitt schliessen sich jedoch die englischen Oekonomen der früheren Zeit an Baco und Hobbes als ihre Philo- sophen an , wäjirend Locke später der ,, Philosoph" der politischen Oekonomie xuT s^o/>]y für England, Frankreich und Italien ward. 378 als die Arbeitskost der Mascliine und daher der von ihr dem Produkt zu- gesetzte Werththeil kleiner bleiben als der Werth , den der Arbeiter mit seinem Werkzeug dem Arbeitsgegenstand zusetzen würde. Die Produk- tivität der Maschine misst sich daher an dem Grad, worin sie menschliche Arbeitskraft ersetzt. Nach Herrn Baynes kom- men auf 450 Mulespindeln nebst Vormascbinerie , die von einer Dampf- pferdekraft getrieben werden, 2 i/o Arbeiter ^12) ^^(j werden mit jeder self- acting mule spindle bei zehnstündigem Arbeitstag 13 Unzen Garn(Durch- schnittsnumer) , also wöchentlich 365^/g Ibs. Garn von 2^/2 Arbeitern gesponnen. Bei ihrer Verwandlung in Garn absorbiren ungefähr 366 Pfund Baumwolle (wir sehn der V^ereinfachung halber vom Abfall ab) also nur 1.50 Arbeitsstunden oder 15 zehnstündige Arbeitstage, während mit dem Spinnrad, wenn der Handspinner 13 Unzen Garn in 60 Stunden lie- fert, dasselbe Quantum Baumwolle 2700 Arbeitstage von 10 Stunden oder 27,000 Arbeitsstunden absorbiren würde i'^). 'VN^'o die alte Metliode des blockprinting oder der Handkattundruckerei durch Maschinendruck ver- drängt ist, druckt eine einzige Maschine mit dem Beistand eines Mannes oder Jungen so viel vierfarbigen Kattun in einer Stunde als früher 200 Männer 11*). Bevor Eli Whitney 1793 den cottongin erfand, kostete die Trennung eines Pfundes Baumwolle vom Samen einen Durchschnittsar- beitstag. In Folge seiner Erfindung konnten täglich 100 Ibs. Baumwolle von einer Negerin gewonnen werden und die Wirksamkeit des gin ward "-) Nach einem Jahresbericht der Handelskammer zu Essen (October 1863) produzirte 1862 die Krupp'sche Gussstahlfabrik mittelst 161 Schmelz-, Glüh- und Ceraentöfen, 32 Dampfmaschinen (im Jahr 1800 war das ungefähr die Gesammt- zahl der in Manchester angewandten Dampfmaschinen) und 14 Dampfhäm- mern, welche zusammen 1236 Pferdekraft repräsentiren , 49 Schmiedeessen, 203 Werkzeugmaschinen und circa 2400 Arbeitern 13 Millionen Pfund Gussstahl. Hier noch nicht 2 Arbeiter auf 1 Pferdekraft. "3) Babbage berechnet, dass in Java im Spinnprozess 1 17 % der Baum- wolle auf ihren ursprünglichen Werth zugesetzt wird, ein Werthzusatz, der fast nur aus der Spinnarbeit entspringt. Zur selben Zeit (1832) betrug in England der Ge- sammtwerth, den Maschinerie und Arbeit der Baumwolle bei der Feinspinnerei zu- setzten, ungefähr 33 "/o ''*"f den Werth des Rohmaterials. (,,0n the Economy of Machinery", p. 214.) "*) Beim Maschinendruck ausserdem Farbe erspart. 379 seit seiner ersten Einführung noch bedeutend erhöht. Die Bauniwollfaser, früher zu 50 cents per Pfnud produeirt, wird später mit grösserem Profit, d. h. mit Einschhiss von mehr unbezahlter Arbeit, zu 10 cents verkauft. In Indien wird zur Trennung der Faser vom Samen ein halbmaschinen- artiges Instrument, die Churka, angewandt, womit ein Mann und eine Frau 28 Ibs. täglich reinigen können. Mit der von Dr. Forbes vor einigen Jahren erfundenen Churka produciren i Mann und 1 Junge täglich 250 Ibs. ; wo Ochsen, Dampf oder Wasser als Triebkräfte gebraucht werden, sind nur wenige Jungen und Mädchen als feeders (Handlanger des Materials für die Maschine) erheischt. Sechszehn dieser Maschinen , mit Ochsen getrieben, verrichten täglich das frühere Durchschnitts-Tagewerk von 750 Leuten ^•^). Wie bereits erwähnt, verrichtet die Dampfmaschine, beim Dampf- pflug z. B., in einer Stunde zu 3 d. oder ' 4 sh. so viel Werk als 66 Men- schen zu 15 sh. per Stunde. Ich komme auf diess Beispiel zurück gegen eine falsche Vorstellung. Die 15 sh. sind nämlich keineswegs der Ausdruck der w-ährend einer Stunde von den 66 Menschen zuge- fügten Arbeit. War das Verhältniss von Mehrarbeit zu nothwendiger Arbeit 100 ^'o, so producirten diese 66 Arbeiter per Stunde einen Werth von 30 sh., obgleich sich nur 33 Stunden in einem Aequivalent für sie selbst, d. h. im Arbeitslohn von 15 sh. darstellen. Gesetzt also, eine Ma- schine koste eben so viel als z. B. der Jahreslohn von 150 durcli sie ver- drängten Arbeitern, sage 3000 Pfd. St., so sind 3000 Pfd.St. keineswegs der Geldausdruck der Gesammtarbeit, welche die 150 Arbeiter lieferten und dem Arbeitsgegenstand zusetzten, sondern nur des Theils ihrer Jah- resarbeit, der sich in einem Aequivalent für sie selbst, vulgo Arbeits- lohn, darstellte. Ist dagegen der Werth der Maschine 3000 Pfd. St., so sind diese 3000 Pfd. St. der Geldausdruck aller zu ihrer Produktion verausgabten Arbeit , in welchem Verhältniss immer diese Arbeit Arbeits- lohn für den Arbeiter undMebrwerth für den Kapitalisten bilde. Kostet die Maschine also ebensoviel als die von ihr ersetzte Arbeitskraft, so ist die 113) Vgl. Paper read bvDr. Watson, Rej) orter on Products to the Governmentof India, before the Society ofArts, 17. April 1860. 380 in ihr selbst vergegenständlichte Arbeit stets viel kleiner als die von ihr ersetzte lebendige Arbeit ^i^). Ausschliesslich als Mittel zur Verwohlfeilerung des Produkts betrachtet, ist die G r e n z e für den Gebrauch der Maschinerie darin gegeben, dass ihre eigne Produktion weniger Arbeit kostet als ihre Anwendung Ar- beit ersetzt. Für das Kapital jedoch drückt sich diese Grenze enger aus. Da es nicht die angewandte Arbeit zahlt , sondern den Werth der angewandten Arbeitskraft , wird ihm der Maschinengebrauch begrenzt durch die D i f f e r e n z z w i s c h e n dem M a s c h i n e n w e r t h und dem Werth der von ihr ersetzten Arbeitskraft. Da die Theilung des Arbeitstags in nothwendige Arbeit und Mehrarbeit, oder , populär aus- gedrückt, in bezahlte Arbeit und unbezahlte Arbeit , sowohl in verschie- denen Ländern als in demselben Lande zu verschiedenen Perioden oder in verschiedenen Geschäftszweigen während derselben Periode sehr verschie- den sein kann , da ferner der wirkliche Lohn des Arbeiters bald unter den Werth seiner Arbeitskraft sinkt , bald über ihn steigt, kann die Diffe- renz zwischen dem Preise der Maschinerie und dem Preise der von ihr zu ersetzenden Arbeitskraft sehr variiren, wenn auch die Differenz zwischen dem zur Pro- duktion der Maschine nöthigen Arbeitsquantum und dem Gesa mmtquantum der von ihr ersetzten Arbeit die- selbe bleibt. Es ist aber nur die* erste Differenz, welche die Kost der Waare für den Kapitalisten selbst bestimmt und ihn durch die Zwangsgesetze der Konkurrenz beeinfliisst. Es werden daher heute Ma- schinen in England erfunden , die nur in Nordamerika angewandt werden, wie Deutschland im 16. und 17. Jahrhundert Maschinen erfand, die nur Holland anwandte, und wie manche französische Erfindung des 18. Jahr- hunderts nur in England ausgebeutet ward. Die Maschine selbst produ- cirt in älter entwickelten Ländern durch ihre Anwendung auf einige Ge- schäftszweige in anderen Zweigen solchen Arbeitsüberfluss (redundancy of labour, sagt Ricardo), dass hier der Fall des Arbeitslohns unter den Werth der Arbeitskraft den Gebrauch der Maschinerie verhindert und ihn vom Standpunkt des Kapitals , dessen Gewinn ohnehin aus der Ver- '»6) ,,The mute agents (die Maschinen) are always tbe procUice of much less labour than that which they displaee, even when they are of the same money value." (Ricardo 1. e. p. 40.) 381 minderung nicht der angewandten, sondern der beza h Iten Arbeit entspringt, überflüssig, oft unmöglich macht. In einigen Zweigen der eughschen Wol 1 man ufaktur ist während der letzten Jahre die Kinder- arbeit sehr vermindert, liier und da fast verdrängt worden. Warum ? Der Fabril^akt ernöthigte eine doppelte Kinderreihe, von denen je eine 6, die andere 4 Stunden, oder jede nur 5 Stunden arbeitet. Die Aoltern wollten aber die lialf-times (Halbzeitler) nicht wohlfeiler verkaufen als früher die full-times (Vollzeitler). Daher Ersetzung der half-times durch Maschinerie'!"). Voi- clem Verbot der Arbeit von Weibern und Kindern (unter 10 Jahren) in Minen, fand das Kapital die Methode, nackte Weiber und Mädchen, oft mit Männern zusammengebunden, in Kohlen- und an- dern Minen zu vernutzen , so übereinstimmend mit seinem Moralkodex und namentlich auch seinem Hauptbuch, dass erst nach dem Verbot Maschinerie sie für einige Funkt^ionen ersetzte. Die Yankees, haben Maschinen zum Steinklopfen erfunden. Die Engländer wenden sie nicht an, weil der „Elende" ( ,, w r e t c h " ist Kunstausdruck der englischen politischen Oekonomie für den Agrikulturarbeiter), der diese Arbeit verrichtet, einen so geringen Theil seiner A.-rbeit bezahlt erhält , dass Maschinerie die Pro- duktion für den Kapitalisten vertheuern würde ^i**). In England werden gelegentlich statt der Pferde immer noch Weiber zum Ziehn u. s. w. bei den Kanalbauten verwandt ^i^), weil die zur Produktion von Pferden und Maschinen , erheischte Arbeit ein mathematisch ge- "") ,,Employeis of labour would not iinnecessarily retain two sets of children under thiiteen ... In fact one class of manufacturers, the Spinners of woollen yarn , now rarely employ children under thirteen years of ages , i. e. half-tiines. They have introduced improved and new machinery of various kinds , which alto- gether supersedes tlie employment of children (d. h. unter 13 J.); f. i. : I will mention one process as an illustration of this diminution in the numberof children, •wherein , by the addition of an apparatus , called a piecing machine, to existing machines , the work of six or four half-times , according to the peculiarity of each machine, can be perfornied by one young person (über 13 J.) . . . the lialf-time System" stimulirte ,,the invcntion of the piecing machine." (Reports of Insp. ofFact. for 31. Oct. 1858.) 1'*) ,, Machinery . . . can frequently not be employed until labour (er meint wages) rises." (Ricardo 1. c. p. 479.) "9) Sieh; ,, Report of the Social Science Congress at Edin- burgh. October 1863." 382 gebnes Quantum , die zur Erhaltung von Weibern der Surpluspopulation dagegen unter aller Berechnung steht. Man findet daher nirgendwo scham- losere Verschwendung von Menschenkraft für Lumpereien als grade in England, dem Land der Maschinen. Den Ausgangspunkt der grossen Industrie bildet , wie gezeigt , die Revolution des Arbeitsmittels, und das umgewälzte Arbeitsmittel erhält seine meist entwickelte Gestalt im gegliederten Maschinensystem der Fabrik. Bevor wir zusehn , wie diesem objektiven Organismus Menschenmaterial einverleibt wird , betrachten wir einige allgemeine Rückwirkungen jener Revolution auf den Arbeiter selbst. Sofern die Maschinerie Muskelkraft entbehrlich macht , wird sie zum Mittel Arbeiter ohne Muskelkraft oder von unreifer Körperent- wicklung, aber grösserer Geschmeidigkeit der Glieder anzuwenden, Weiber- und Kinderarbeit war daher das er§te Wort der kapi- talistischen Anwendung der Maschinerie! Diess gewaltige Ersatz- mittel von Arbeit und Arbeitern verwandelte sich damit sofort in ein Mittel die Zahl der Lohnarbeiter zu vermehren durch Einrollirung aller Mitglieder der Arbeiterfamilie , ohne Unterschied von Geschlecht und Alter, unter die unmittelbare Botmässigkeit des Kapitals. Die Zwangs- arbeit für den Kapitahsten usurpirte nicht nur die Stelle des Kinderspiels, sondern auch der freien Arbeit im häuslichen Kreis , innerhalb sittlicher Schranke, für die Familie selbst i-^**). Der Werth der Arbeitskraft war bestimmt nicht nur durch 1-0) Dr. Edward Smith wurde während der den amerikanischen Bürger- krieg begleitenden Baumwollkrise von der englischen Regierung nach Lancashire, Cheshire u. s. w. geschickt, zur Berichterstattung über den Gesundheitszustand der Baumwollarbeiter. Er berichtet u. a. : Hygienisch habe die Krise, abgesehn von der Verbannung der Arbeiter aus der Fabrikatmosphäre, vielerlei andre Vortheile. Die Arbeiterfrauen fänden jetzt die nöthige Müsse, ihren Kindern die Brust zu reichen , statt sie mit Godfrey's Cordial zu vergiften. Sie hätten die Zeit ge- wonnen, kochen zu lernen. Unglücklicher Weise fiel diese Kochkunst in einen Augenblick, wo sie nichts zu essen hatten. Aber man sieht, wie das Kapital die für die Konsumtion nöthige Familienarbeit usurpirt hat zu seiner Selbstverwerthung. Ebenso wurde die Krise benutzt , um in eignen Schulen die Töchter der Arbeiter nähen zu lehren. Eine amerikanische Revolution und eine Weltkrise erheischt, damit die Arbeitermädchen, die für die ganze Welt spinnen, nähen lernen I die zur Erlmltung des individuellen erwaolisnen Arbeiters , sondern durch- die zur Erlmltung der Arbeitsfaiuilie nötliige Arbeitszeit. Indem die Maschinerie alle Glieder der Arbeiterfamilie auf den Arbeitsniarkt wirft, vertheilt sie den Wertb der Arbeitskraft des Mannes über seine ganze Fa- milie. Sie e n t w e r t h e t daher seine Arbeitskraft. Der Ankauf der in 4 Arbeitskräfte z. B. parcellirten Familie kostet vielleicht mehr als früher der Ankauf der Arbeitskraft des Familienhaupts , aber dafür treten 4 Ar- beitstage an die Stelle von Einem , und ihr Preis fällt im Verhältniss zum Ueberschuss der Mehrarbeit der Vier über die Mehrarbeit des Einen. Vier müssen nun nicht nur Arbeit , sondern Mehrarbeit für das Kapital liefern, damit eine Familie lebe. So erweitert die Maschinerie von vorn herein mit dem menschlichen Exploitationsmaterial, dem eigensten Ausbeutungsfeld des Kapitals ^^i) , zugleich den E x p 1 o i t a t i o n s g r a d. Sie revolutionirt eben so von Grund aus die formelle Vermittlung des Kapitalverhältnisses, den Kontrakt zwischen Arbeiter und Kapitalist. Auf Grundlage des VVaarenaustausches war -es erste Voraussetzung, dass sich Kapitalist und Arbeiter als freie Personen, als unabhängige Waa- renbesitzer, der eine Besitzer von Geld luid Produktionsmitteln , der andre Besitzer von Arbeitskraft, gegenübertraten. Aber jetzt kauft das Kapital Unmündige oder Halbmündige. Der Arbeiter verkaufte früher seine eigne '^') ,,The munerical incveascyof labourers has been great, through the grow- ing Substitution of female for male , and above all of childish- for adult , labour. Threc girls of 13 , at wages from of 6 sh. to 8 sh. a week, have replaced the one man of matm-e age , of wages varying from 18 sh. to 45 sh." (Th. de Quin- cey: ,,The Logic of Politic. Econ. Lond. 1845", Note zu p. 147.) Da gewisse Funktionen der Familie, z. B. Warten und Säugen der Kinder u. s. w., nicht ganz unterdrückt werden können, müssen die vom Kapital konfiscirten Fa- milienmülter mehr oder minder Stellvertreter dingen. Die Arbeiten , welche der Familienkonsum erheischt, wie Nähen, Flicken u. s. w. , müssen durch Kauf fer- tiger Waaren ersetzt werden. Der verminderten Ausgabe von häuslicher Arbeit ent- spricht also vermehrte Geldausgabe. Die Produktionskosten der Arbeiterfamilie wachsen daher und balanciren die Mehreinnahme. Es kommt hinzu, dass Oeko- n o m i e und Zweckmässigkeit in Vernutzung und Bereitung der Lebensmittel unmöglich werden. Ueber diese von der officiellen politischen Oekonomie ver- heimlichten Thatsachcn findet man reichliches Material in den ,, Reports" der Fabrikinspektoren , der ,,Children's Employment Commission" und namentlich auch des ,,B o ar d of Hea 1 1 h". 384 Arbeitskraft , worüber er als formell freie Person verfügte. Er verkauft jetzt Weib und Kind. Er wird Sklavenhändler ^^2). d\q Nachfrage nach Kinderarbeit gleicht oft auch in der Form der Nachfrage nach Neger- sklaven, wie man sie in amerikanischen Zeitungsinseraten zu lesen gewohnt war. „Meine Aufmerksamkeit", sagt z. B. ein englischer Fabrikinspektor, „wurde gelenkt auf eine Annonce in dem Lokalblatt einer der bedeutend- stea Manufakturstädte meines Distrikts, wovon Folgendes die Kopie: Ge- braucht 12 bis 20 Jungen, nicht jünger als was für 13 Jahre p a s s i r e n kann. Lohn 4 sh. per Woche. Anzufragen etc." ^^^) Der unterstrichne Passus bezieht sich darauf, dass nach dem Factory Act Kinder unter 13 Jahren nur 6 Stunden arbeiten dürfen. Ein amt- lich qualificirter Arzt (certifying surgeon) muss das Alter bescheinigen. Der Fabrikant verlangt also Jungen , die so a u s s e h n , als ob sie schon dreizehnjährig. Die manchmal sprungweise Abnahme in der Anzahl der von Fabrikanten beschäftigten Kinder unter 13 Jahren, überraschend in der englischen Statistik der letzten 20 Jahre, war, nach Aussage der Fabrikinspektoren selbst, grossentheils das Werk von certifying sur- geons , welche das Kindesalter der Exploitationslust der Kapitalisten und dem Schacherbedürfniss der Eltern gemäss verschoben. In dem berüch- tigten Londoner Distrikt von Bethnal Green wird jeden Montag und Dien- '22) Im Kontrast zur grossen Thatsache, dass die Beschränkung der Weiber- und Kinderarbeit in' den englischen Fabriken von den erwachsnen männlichen Ar- beitern dem Kapital aberobert wurde, findet man noch in den jüngsten Berichten der ,,Children's Employment Commission" wahrhaft empörende und durchaus sklavenhändlerische Züge der Arbeitereltern mit Bezug auf den Kinder- schacher. Der kapitalistische Pharisäer aber, wie man aus denselben ,, Reports" sehn kann, denuncirt diese von ihm selbst geschaffene, verewigte und exploitirte Bestialität, die er sonst ,,Freiheit der Arbeit" tauft. ,, Infant labour has been calledinto aid ... eventowork fortheirown dailybread, Withoutstrength to endure such disproportionate toil, without Instruction to guide their future life , they have beenthrown into a Situation physically and morally polluted. The Jewish historian has remarked upon the overthrow of Jerusalem by Titus , that is was no wonder it should have been destroyed , with such a signal destruction , when an inhuman mother sacrificed her own offspring to satisfy the cravings of absolute hunger." ,, Public Economy Con centrat e d. Carlisle 1833", p. 56. 123) A. Redgrave in ,,Reports of Insp. of Fact. for 31. Oct. 1858", p. 40, 41. 385 stag Morgen offner Markt gehalten, worin Kinrler beiderlei Geschlechts vom 9. Jahre an sich selbst an die Londoner Seidenmannfakturen vermiethen. „Die gewöhnlichen Bedingungen sind 1 sh. 8 d. die Woche (die den Eltern gehören) und 2 d. für mich selbst nebst Thee." Die .Kontrakte gelten nur für die Woche. Die Scenen und die Sprache wäh- rend der Dauer dieses Markts sind wahrhaft empörend •-*). Es kömmt immer noch in England vor , dass Weiber „Jungen vom Workhouse neh- men und sie jedem beliebigen Käufer für 2 sh. 6 d. wöchentlich ver- miethen" ^25). Trotz der Gesetzgebung werden immer noch mindestens 2000 Jungen in Grossbritannien als lebendige Schornsteinfegmaschinen (ob- gleich Maschinen zu ihrem Ersatz existiren) von ihren eigenen Eltern ver- kauft *26). j)ie von der Maschinerie bewirkte Revolution im Rechts- verhält n i s s zwischen Käufer und Verkäufer der Arbeitskraft, so dass die i:,nize Transaktion selbst den Schein eines Kontrakts zwischen freien Personen verliert, bot dem englischen Parlament später den juristischen E n t s c h u 1 d i g u n g s g r 11 n d für Staatseinmischung in das Fabrikwesen. So oft das Fabrikgesetz die Kinderarbeit in bisher unangefochtnen Indu- striezweigen auf 6 Stunden beschränkt , ertönt stets neu der Fabrikanten- jammer: ein Theil der Eltern entziehe die Kinder nun der gemassregelteu Industrie, um sie in solche zu verkaufen, wo noch ,, Freiheit der Ar- beit" herrscht , d. h. wo Kinder unter 13 Jahren gezwungen wer- den wie Erwachsene zu arbeiten , also auch theurer loszuschlagen sind. Da aber das Kapital von Natur ein le voller ist, d. h. in allen Produk- tioussphären Gleichheit der Exploitationsbedingungen der Arbeit als sein angebornes Menschenrecht verlangt, wird die legale Beschränkung der Kinderarbeit in einem Industriezweig Ursache ihrer Beschränkung in dem andern. Bereits früher wurde der physische Verderb der Kinder und jungen Personen angedeutet, wie der Arbeiterweiber, welche die Maschi- nerie erst direkt, in den auf ihrer Grundlage aufscbiessenden Fabriken, •-*) ,,Ch il d re u's Empl o ym en t Co m mis si on. V. Report. Lon- don 1866", p. 81, n. 31. »25) ,,Child. Employm. Comm. III. Report. Lond. 1864", p. 53, n. 15. '2'^) 1. c. V. Report, p. XXII, n. 137. I. 25 386 und ilann indirekt in allen übrigen Industriezweigen der Ex- ploitation des Kapitals unterwirft. Hier verweilen wir daher nur bei einem Punkt, der ungeheuren Sterblichkeit von Arbeiterkindern in ihren ersten Lebensjahren. In England giebt es 16 Regi- strations-Distrikte , wo im jährlichen Durchschnitt auf 100,000 lebende Kinder unter einem Jahr nur 9000 Todesfälle (in einem Distrikt nm* 7,047) kommen, in 24 Distrikten über 10,000, aber unter 11,000, in 39 Distrikten über 11,000, aber unter 12,000, in 48 Distrikten über 12,000, aber unter 13,000, in 22 Distrikten über 20,000, in 25 Distrik- ten über 21,000, in 17 über 22,000, in 11 über 23,000, in Hoc, Wol- verhampton, Ashton-under-Lyne und Preston über 24,000, in Notting- ham, Stockport und Bradford über 25,000, in Wisbeach 26,000, und in Manchester 26,125 ^27)_ wie eine officielle ärztliche Untersuchung im Jahre 18 6 1 nachwies, sind, von Lokalumständen abgeselin , die hohen Sterblichkeitsraten vorzugsweise der a u s s e r h ä u s 1 i c h e n Beschäf- tigung der Mütter geschuldet und der daher entspringenden Vernach- lässigung und Misshandlung der Kinder, u. a. unpassender Nahrung, Mangel an Nahrung, Fütterung mit Opiaten u. s. w., dazu die unnatürliche Entfrem- dung der Mütter gegen ihre Kinder, im Gefolge davon absichtliche Aushunge- rung und Vergiftung ^28^, In solchen Agrikulturdistrikten, ,,wo ein Minimum weiblicher Beschäftigung existirt , ist dagegen die Sterblichkeitsrate am niedrigsten" ^29)_ Die Untersuchungskommission von 1861 ergab jedoch das unerwartete Resultat, dass in einigen an der Nordsee gelegnen rein ackerbauenden Distrikten die Sterblichkeitsiate von Kindern unter einem Jahr fast die der verrufensten Fabrikdistrikte erreicht. Dr. Julian Hunt er wurde daher vom ,, Board of Health" beauftragt, diess Phäno- men an Ort und Stelle zu erforschen. Sein Bericht ist dem .,VI. Report 127) ,,Sixth Report" des ,, Board of Health. Lond. 1864", p. 34. •2«) ,Jt (the inquiry of 1861) .... showed, moreover, that while , with the described circumstances , infants perish under the neglect and mismanagement which tlieir mothers' oecupations imply, the mothers become to a grievous extent denaturalized towards their ofJ't^prin'g — commonly not troubling themselves much at the death, and even sometiines . . . taking direct measures to ensure it." (1. c.) 12'.') 1. c. p. 454. 387 of the Board of Ilealtli" einverleibt '^o). Man hatte bisher vermnthet, Malaria und andre niedrig gelegnen und sumpfigen Landstrichen eigentliüm»- liehe Krankheiten decimirten die Kinder. Die Untersuchung ergab das grade Gegenthcil, nämlich, ,,dass dieselbe Ursach e, welche die Ma- laria vertrieb, nämlich die Verwandlung des Bodens aus Morast im Winter und dürftiger Weide im Sommer in fruchtbares Kornland, die ausserordent- liche Tüdesrate der Säuglinge schuf" ^3'). Die 70 ärztlichen Praktiker, die Dr. Hunter in jenen Distrikten verhörte, waren ,,wvinderbar einstim- mig" über diesen Punkt. Mit der Revolution der Bodenkultur wurde nämlich das industrielle System eingeführt. ,,Verheirathete Weiber, die in Banden mit Mädchen und Jungen zusammenarbeiten , werden dem Pächter von einem Manne, welcher der ,,Gangmeister" heisst und die Banden im Ganzen miethet, für eine bestimmte Summe zur Verfügung ge- stellt. Diese Banden wandern oft viele Meilen von ihren Dörfern weg, man tritft sie Morgens und Abends auf den Landstrassen , die Weiber be- kleidet mit kurzen Unterröcken und entsprechenden Röcken und Stiefeln und manchmal Hosen, sehr kräftig und gesund von Aussehn , aber verdor- ben durch gewohnheitsmässige Liederlichkeit und rücksichtslos gegen die unheilvollen Folgen , welche ihre Vorliebe für diese thätige und unab- hängige Lebensart nui' ihre Sprösslinge wälzt, die zu Haus verküm- mern" * '2j, ^iie PhäDomene der Fabrikdistrikte reproduciren sich hier, in noch höherem Grad versteckter Kiudermord und Behandlung der Kin- der mit Opiaten '3:»). ,, Meine Kenntniss der von ihr erzeugten Uebel", sagt Dr. Simon, der ärztliche Beamte des englischen Privy Council '^°) 1. c. p. 454 — 463. ,, Report by Dr. Henry Julian Hunter on the excessive mortality of infants in some rural districts of England." "1) 1. c. p. 35 u. p. 455, 456. '32) 1. c. p. 456. 133) Wie in den englischen Fabrikdistrikten, so dehnt sich auch in den Agri- kulturdistrikten der Opiumkonsum unter den erwachsnen Arbeitern und Arbeiterinnen täglich aus. ,,To push the sale of opiate . . . is the great aim of some enterprising wholesale merchants. By druggists it is considered the lead- ing article." (1. c. p. 459.) Säuglinge, die Opiate empfingen, ,, verrumpelten in kleine alte Männchen oder verschrumpften zu kleinen Afl'en." (I. c. p. 460.) Man sieht, wie Indien und China sich an England rächen. 25 * I 388 — - und Redacteur en chef der Berichte des „Board of Health", ,,rauss den tiefen Abscheu entschuldigen, womit ich jede umfassende indu- strielle Beschäftigung erwachsner Weiber betrachte" '^*). ,,Es wird", ruft t'abrikinspektor R. Baker in einem ofticiellen Bericht aus, ,,es wird in der That ein Glück für die Manufakturdistrikte Englands sein , wenn jeder verheiratheten Frau, die Familie hat, verboten wird in irgend einer Fabrik zu arbeiten" ^3^). Die aus der kapitalistischen Exploitation der Weiber- und Kinder- arbeit entspringende moralische V e r k ü ra ra e r u n g ist von F. E n - g eis in seiner ,,Lage der arbeitenden Klassen Englands" und von andern Schriftstellern so erschöpfend dargestellt worden , dass ich hier nur daran erinnere. Die intellektuelle Verödung aber, künstlich producirt durch die V^erv/andlung unreifer Menschen in blosse Maschinen zum Fabrikat von Mehrwerth , und sehr zu unterscheiden von jener natur- wüchsigen Unwissenheit, welche den Geist in Brache legt ohne Verderb seiner Entwicklungsfähigkeit, seiner natürlichen Frucht- barkeit selbst, zwang endlich sogar das englische Parlament in allen dem Fabrikgesetz unterworfenen Industrien den Elementarunterricht zur g e s e t z 1 i c h e n B e d i n g u n g füi" den ,, produktiven" \'erbrauch von Kin- dern unter 14 Jahren zu machen. Der Geist der kapitalistischen Pro- duktion leuchtet hell aus der liederlichen Redaktion der s. g. Erzie- hungsklauseln der Fabrikakte, aus dem Mangel administrativer Ma- schinerie, wodurch dieser Zvvangsunterricht grossentheils wieder illusoiisch wird, aus der Fabrikantenopposition selbst gegen diess ünterrichtsgesetz und ihren praktischen Kniffen und Schlichen zu seiner Umgehung. ,,Die Gesetzgebung allein ist zu tadeln , weil sie ein Truggesetz (delusive law) erlassen hat, das unter dem Schein für die Erziehung der Kinder zu sor- gen , keine einzige Bestimmung enthält , wodurch dieser vorgeschützte Zweck gesichert werden kann. Es bestimmt nichts, ausser dass die Kinder für eine bestimmte Stundenzahl (3 Stunden) per Tag innerhalb der vier Wände eines Platzes, Schule benamst, eingeschlossen werden sollen, und dass der Anwender des Khides hierüber wöchentlich ein Certifikat von einer Person '»0 1- c. p. 37. 1^5) J.Reports oflnsp. of Fact. f o r 31 s t 0 c t. 1862" . p. 59. Dieser Fabrikinspektor war früher Arzt. 389 erhalten niuss , die sich als Scliullehrer oder Schullehrerin mit ihrem Namen unterzeichnet" ^^^). Vor dem Erlass des amendirten Fabrikakts von 1844 waren Schulbesuchscertifikate nicht selten, die von Schulmeister oder Schulmeisterin mit einem Kreuz unterzeichnet wurden, da letztre selbst nicht schreiben konnten. ,,Beim Besuch, den ich einer solchen Certifikate aus- stellenden Schule abstattete , war ich so betroffen von der Unwissenheit des Schulmeisters, dass ich zu ihm sagte : 'Bitte , mein Herr , können Sie lesen?' Seine Antwort war: 'Ih jeh, Ebbes (summat)'. Zu seiner Recht- fertigung fügte er hinzu : 'Jedenfalls stehe ich vor meinen Schülern'. Wäh- rend der Vorbereitmig des Akts von 1844 denuncirten die Pabrikinspektoren den schmählichen Zustand der Plätze , Schulen benamst , deren Certifikate sie als zu Gesetz vollgültig zulassen miissten. Alles was sie durchsetzten, war, dass seit 1844 die Zahlen im Schuicertifikat in der Handschrift des Schulmeisters ausgefüllt, ditto sein Vor- und Zuname von ihm selbst unter- schrieben sein müssen" i37j, Sij- John Kincaid, Fabrikinspektor für Schottland , erzählt von ähnlichen amtlichen Erfahrungen. „Die erste Schule , die wir besuchten , wurde von einer Mrs. Ann Külin gehalten. Auf meine Aufforderung, ihren Namen zu buchstabiren , machte sie gleich einen Schnitzer, indem sie mit dem Buchstaben C begann , aber sich sofort korrigirend sagte, ihr Name fange mit K an. Bei Ansicht ihrer Unter- schrift in den Schulcertifikatbüchern bemerkte ich jedoch, dass sie ihn ver- schiedenartig buchstabirte , während die Handschrift keinen Zweifel über ihre Lehrunfähigkeit liess. Auch gab sie selbst zu , sie könne das Regi- ster nicht führen ... In einer zweiten Schule fand ich das Schulzimmer 15 Fuss lang und 10 Fuss breit und zählte in diesem Raum 75 Kinder, die etwas unverständliches lierquiekten" 1-^8). „Es sind jedoch nicht nur solche Jammerhöhleu, worin die Kinder Schulcertifikate, aber keinen Unterriclit erhalten, denn in vielen Schulen , wo der Lehrer kompetent ist, scheitern seine Bemühungen fast ganz an dem sinnverwirrenden Knäuel 136) Leonhard Horner in ,,Reports o f In sp. o f Fac t. for 30th June 1857", p. 17. 13'') id. in ,, Reports of Insp. of Fact. for 31st Oct. 1855", p. 18, 19. '38) Sir John Kincaid in ,,Keports of Insp. of Fact. for 31st Oct. 1858", p. 31, 32. 390 von Kindern aller Alter , aufwärts von Dreijährigen. Sein Auskommen, elend im besten Fall, hängt ganz von der Zahl der Pence ab, empfangen von der grössten Anzahl Kinder, die es möglich ist in ein Zimmer zu stopfen. Dazu kommt spärliche Schulmöblirung , Mangel an Büchern und andrem Lehrmaterial, und die niederschlagende Wirkung einer benauten und ekelhaften Luft auf die armen Kinder selbst. Ich war in vielen sol- chen Schulen, wo ich ganze Reihen Kinder sah , die absolut nichts thaten ; und diess wird als Schulbesuch bescheinigt, und solche Kinder figuriren in der officiellen Statistik als erzogen (educated)" i''^). In Schottland suchen die Fabrikanten dem Schulbesuch unterworfne Kinder möglichst auszu- schliessen. ,, Diess genügt , um die grosse M i s s g u n s t der Fabri- kanten gegen die E r z i e h u n g s k 1 a u s e 1 n zu beweisen" ' *<'). Grotesk-entsetzlich erscheint diess in den Kattun- u. s. w. Drucke- reien, die durch ein eignes Fabrikgesetz geregelt sind. Nach den Be- stimmungen des Gesetzes „muss jedes Kind , bevor es in einer solchen Druckerei beschäftigt wird. Schule besucht haben für mindestens oO Tage und nicht weniger als 150 Stunden während der 6 Monate, die dem ersten Tag seiner Beschäftigung unmittelbar vorliergehn. Während der Fort- dauer seiner Beschäftigung in der Druckerei muss es Schule besuchen ebenfalls für eine Periode von 30 Tagen und 150 Stunden während jeder Wechselperiode von 6 Monaten . . . Der Schulbesuch muss zwischen 8 Uhr Morgens und 6 Uhr Nachmittags stattfinden. Kein Besuch von weniger als 2*/2 oder mehr als 5 Stunden an demselben Tag soll als Theil der 150 Stunden gezählt werden. Unter gewöhnlichen Umständen besu- chen die Kinder die Schule Vormittags und Nachmittags für 30 Tage, 5 Stunden per Tag, und nach Ablauf der 30 Tage, wcuu die statuten- mässige Gesammtsumme von 150 Stunden erreicht ist, wenn sie, in ihrer eignen Sprache zu reden , ihr Buch abgemacht haben , kehren sie zur Druckerei zurück , wo sie wiedei- 6 Monate bleiben , bis ein andrer Ab- schlagstermin des Schulbesuchs fällig wird , und dann bleiben sie wieder in der Schule, bis das Buch wieder abgemacht ist ... . Sehr viele Jungen, welche die Schule während der vorschriftsmässigen 150 Stunden besucht, '39j Leonhard Horner in ,, Reports etc. for 31 st Oct. 1S56", p. 17, 18. «'0) id. I. c. p. 66. 391 sind bei ihrer Rückkehr aus dem sechsnionatlichen Aufentlialt in der Druckerei grade so weit wie im Anfang ... Sie haben natürlich alles wie- der verloren , was sie durch den früheren Schulbesuch gewonnen hatten. In andern Kattundruckereien wird der Schulbesuch ganz und gar abhängig gemacht von den Geschäftsbedürfnissen der Fabrik. Die erforderliche Stundenzahl wird vollgemacht während jeder sechsmonatlichen Periode durch Abschlagszahlungen von 3 bis 5Stundenaufeinmal,dievielleichtüber 6 Mo- nate zerstreut sind. Z. ß. an einem Tage wird die Schule besucht von 8 bis 1 1 Uhr Morgens, au einem andern Tag von 1 bis 4 Uhr Nachmit- tags, und nachdem das Kind dann wieder für eine Reihe Tage weggeblie- ben, kömrat es plötzlich wieder von 3 bis 6 Uhr Nachmittags ; dann er- scheint es vielleicht für 3 oder 4 Tage hinter einander, oder für eine Woche, verschwindet dann wieder für 3 Wochen oder einen ganzen Monat und kehrt zurück an einigen Abfallstagen für einige Sparstunden , wenn seine Anwender seiner zufällig nicht bedürfen ; und so wird das Kiud so zu sa- gen hin und her gepuft't (buflt'eted) von der Schule in die P"'abnk , von der Fabrik in die Schule,' bis die Summe der 150 Stunden abgezählt ist"^*i). Durch den überwiegenden Zusatz von Kindern und Weibern zum kom- binirten Arbeitspersonal bricht die Maschinerie endlich den Widerstand, den der männliche Arbeiter in der Manufaktur der Despotie des Kapitals noch entgegensetzte '^-). Wenn die Maschinerie das gewaltigste Mittel ist, die Produktivität der '*') A. Red g rave in „Reports of Ins p. of Fact. for 30 th June 1857", p. 41, 42. In den englischen Industriezweigen, wo der eigentliche Fabrik- akt (nicht der zuletzt im Text angeführte Print Works' Act) seit längerer Zeit herrscht, sind die Hindernissegegen die Erziehungsklauseln in den letzten Jahren einigermassen überwältigt worden. In den nicht dem Fabrikgesetz unterworfenen Industrien herrschen noch sehr die Ansichtendes Glasfabrikanten J. Geddes, der den Untersuchungskommissär White dahin belehrt: ,,So viel ich sehn kann, ist das grössere Quantum Erziehung, welches ein Theil der Arbeiterklasse seit den letzten Jahren genoss, vom Uebel. Es ist gefährlich, indem es sie zu unabhängig macht." (,,Child ren's Empl. Commission. IV. Report. London 1865", p. 253.) '^■-) ,,IIerr E. , ein Fabrikant, unterrichtete mich, dass er ausschliesslich Weiber bei seinen mechanischen Webstühlen beschäftigt ; er gebe verheirathe- ten Weibern den Vorzug, besonders solchen mit Familie zu Hause, die von ihnen für den Unterhalt abhängen : sie sind viel aufmerksamer und gelehrisrer als unver- 392 Arbeit zu steigern, d. h, die zur Produktion einer Waare nöthige Arbeits- zeit zu verkürzen, wird sie als Träger des Kapitals, zunächst in den unmittelbar von ihr ergriffenen Industrien , zum gewaltigsten Mittel den Arbeitstag über jede naturgemässe Schranke hinaus zu verlän- gern. Sie schafft einerseits neue Bedingungen, welche das Kapital befähigen, dieser seiner beständigen Tendenz die Zügel frei schiessen zu lassen, andrerseits neue Motive zur Wetzung seines Heiss- hungers nach fremder Arbeit. Zunächst verselbstständigt sich in der Maschinerie die Bewegung und Werkthätigkeit des A r b e i t s m i 1 1 e 1 s gegenüber dem Arbeiter. Es wird an und für sich ein industrielles Perpetuum mobile, das ununterbrochen fortproduciren würde, stiesse es niclit auf gewisse Naturschranken in seinen menschlichen Gehilfen, ihre Körperschwäche und ihren Eigenwillen. Als Kapital, und als solches' besitzt der Automat im Kapitalisten ßewusst- sein und Willen, ist es daher mit dem Trieb begeistet, die widerstrebende,, aber elastische menschliche Naturschranke auf den Minimalwiderstand ein- zuzwängen ^^^j. Dieser ist ohnehin vermindert durch die scheinbare Leich- tigkeit der Arbeit an der Maschine und das füg- und biegsamere Weiber - und Kinderelement i**). Die Produktivität der Maschinerie steht, wie wir sahen, in umgekehr-' heirathete, und zur äussersten Anstrengung ihrer Kräfte gezwungen, um die noth- wendigen Lebensmittel beizuschafFen. So werden die Tugenden , die eigenthüm- lichen Tugenden des weiblichen Charakters zu seinepi Schaden verkehrt, — so wird alles Sittliche und Zarte ihrer Natur zum Mittel ihrer Sklaverei und ihres Leidens gemacht." (,,Ten Hours' Fac t o ry Bi 1 1. The Speech ofLord Ashley. Lo n d. 1844", p. 20.) 1^3) ,,Since the general introduction of expensive machinery, human nature has been forced far beyond its average strength." (Robert Owen: ,, Ob- servation son the effects ofthe manufacturing System. 2nd ed. Lond. 1817.") 1«) Die Engländer, die gern die erste empirische Erscheinungsform einer Sache als ihren Grund betrachten, geben oft den grossen herodischen Kinderraub,^ den das Kapital in den Anfängen des Fabriksystems an den Armen- und Waisen- häusern verübte und wodurch es sich ein ganz willenloses Menschenmaterial einverleibte, als Grund der langen Arbeitszeit in den Fabriken an. So z. B. Fiel den, selbst englischer Fabrikant: ,,It is evident that the long hours of work were brought about by the circumstance of so great a number of destitute children being supplied from ditferent parts ofthe country , that the masters were indepen- 393 tem Verhältniss zur Grösse des von ihr auf das Machwerk übertragenen Werthbestandtheils. Je länger die t'eriode , worin sie fiuiktionirt , desto grösser die Produktenmasse , worüber sich der von ihr zugesetzte Werth vertheilt, und desto kleiner der Werththeil, den sie der einzelnen Waare zu- fügt. Die aktive Lebensperiode der Maschinerie ist aber offenbar bestimmt durch die Länge des Arbeitstags oder die Dauer des täglichen Ar- beitsprozesses, multiplicirt mit der Anzahl Tage, worin er sich wie- derholt. Der Maschinenverschleiss entspricht keineswegs exakt mathematisch ihrer Benutzungszeit. Und selbst diess vorausgesetzt, umfasst eine Ma- schine, die während 7^2 Jahren täglich IG Stunden dient, eine ebenso grosse Produktionsperiode uud setzt dem Gesammtprodukt nicht mehr Werth zu als dieselbe Maschine , die während 15 Jahren nur 8 Stunden täglich dient. Im erstem Fall aber wäre der Maschinenwerth doppelt so rasch reproducij't als im letztern und der Kapitalist hätte vermittelst der- selben in 71/2 Jahren so viel Mehrarbeit eiugeschluckt als sonst in 15. Der materielle Verschleiss der Maschine ist doppelt. Der eine ent- springt aus ihrem Gebrauch , wie Geldstücke durch Cirkulation verschleis- sen, der andre aus ihrem Nichtgebrauch , wie ein unthätig Schwert in der Scheide verrostet. Es ist diess ihr Verzehr durch die Elemente, Der Verschleiss erster Art steht mehr oder minder in direktem 'Verhältniss, der letztere, zu gewissem Grad, in umgekehrtem Verhältniss zu ihi-em Gebrauch i*'5). Neben dem materiellen unterliegt die Maschine aber auch einem sa zu sagen moralischen Verschl ei ss. Sie verliert Tauschwerth im dent of the hands , and that, having once established the custom by means of the miserable materials they had procured in this way, they could impose it on tlieir neighbonrs with the greater facility." (J. Fielden: ,,The Cnrse of the Fac tory System. Lond. 1836. '■) Mit Bezug auf Weiberarbeit sagt Fabrik- inspektor Saunders im Fabrikbericht von 1844: ,, Unter den Arbeiterinnen giebt es Frauen , die hinter einander für viele Wochen , mit Ausfall nur weniger Tage, von 6 Uhr Morgens bis 12 Uhr Nachts beschäftigt werden, mit weniger als 2 Stun- den für Mahlzeiten , so dass ihnen für 5 Tage in der Woche von den 24 Tages- stunden nur 6 bleiben, um von und nach Haus zu gehn und im Bett auszuruhn." '■'5) ,,Le domage que cause l'inaction des machines ä des pieces de metal mobiles et delicates. " (Ure 1. c. t. II, p. 8.) 394 — Masse, worin entweder Maschinen derselben Konstruktion wohlfeiler reprodu- cirt werden können oder bessere Maschinen konknri'ireud neben sie treten '*6). In beiden Fällen ist ihr Werth, so jung und lebenskräftig sfe sonst noch sein mag , nicht mehr bestimmt durch die thatsächlich in ihr selbst vergegen- ständlichte, sondern durch die zu ihrer eignen Reproduktion oder zur Repro- duktion der besseren Maschine nothwendige Arbeitszeit. Sie ist daher mehr oder minder entwerthet. Je kürzer die Periode, worin ihr Gesammt- werth reproducirt wird , desto gei-inger die Gefahr des moralischen Ver- schleisses, und je länger dei- Arbeitstag, um so kürzer jene Periode. Bei der eisten Einführung der Maschinerie in irgend einen Produktions- zweig folgen Schlag auf Schlag neue Methoden zu ihrer wohlfeileren Re- produktion 1*^), und Verbesserungen , die nicht nur einzelne Theile oder Apparate, sondern ihre ganze Konstruktion ergreifen. In ihrer ersten Lebensperiode wirkt daiier diess besondre Motiv zur Verlängerung des Arbeitstags am akutesten i"*^). Unter sonst gleichbleibenden Umständen und bei gegebnem Arbeitstag erheischt Exploitation verdoppelter A rb ei teranza hl ebensowohl Ver- dopplung des in Maschinerie und Rnulichkeiten ausgelegten Theils des coiistanten Kapitals als des in Rohmaterial, Hilfsstoffen u. s. w. ausgelegten. Mit verlängertem Arbeitstag dehnt sich die Stufenleiter der Pro- duktion, während der in Maschinerie und Baulichkeiten ausgelegte Kapi- i^i^) Der schon früher erwähnte ,, Manchester Spinner" (Times, 26. Nov. 1862) zälilt nnter den Kosten der Maschinerie anf : ,,It (nämlich die ,,allowance for deterioration of machinery") is also intended to cover the loss which is con- stantly arising fnmi the superseding of machines before they are worn out by others of a new and better construction. " '*■') ,,Man schätzt im Grossen, dass eine einzige Maschine nach einem neuen Model zu konstruiren f ü n fm al so viel kostet, als die Rekonstruktion derselben Maschine nach demselben Model." (Babbage 1. c. p. 349.) '*^) „Seit einigen Jahren sind so bedeutende und zahlreiche Verbesserungen in der Tüllfabrikation gemacht worden , dass eine gut erhaltene Maschine zum ur- sprünglichen Kostenpreis von 1200 Pfd. St. einige Jahre später zu 60 Pfd. St. verkauft wurde .... Die Verbesserungen folgten sich mit solcher Geschwindig- keit, dass Maschinen unvollendet in der Hand ihrer Bauer blieben, weil sie durch glücklichere Erfindungen bereits veraltet waren." In dieser Sturm- und Drang- periode dehnten daher die Tülltabrikanten bald die ursprüngliche Arbeitszeit von 8 Stunden mit doppelter Mannschaft auf 24 Stunden aus. (1. c. p. 377, 378 u. 279.) 395 taltlieil nnverändfM't bleibt '^'^). Nicht nurderMehrwerth wächst daher, son- dern die zur Erbeutung desselben notliwendigen Auslagen nehmen ab. Zwar findet diess auch sonst mehr oder minder bei aller V'erlängerung des Ar- beitstags statt, fällt aber hier entscheidender ins Gewicht, weil der in Arbeits- mittel verwandelte Kai)italtheil überhaupt mehr ins Gewicht fällt '"''l). Die Entwicklung des Maschinenbetriebs bindet nämlich einen stets wachsenden Bestandtheil des Kapitals in eine Form , worin es einerseits fortwährend verwerthbar ist, andrerseits Gebrauchswert!! und Tanschwerth ver- liert, sobald sein Kontakt mit der lebendigen Arbeit unterbrochen wird. ,,AYcnn'\ belehrte Herr Ashworth, ein englischer Baumwollmagnat, den Professor Nassau W. Senior , ,,wenn ein Ackersmann seinen Spaten niederlegt, macht er für diese Periode ein Kapital von 18 d. nutzlos. Wenn einer von unsern Leuten (d. h. den Fabrikarbeitern) die Fabrik ver- lässt, macht er ein Kapital nutzlos, das 1 0 0 0 0 0 Pf d. St. gekostet hat" i^i). Man denke nur I Ein Kapital, das 100000 Pfd. St. ge- kostet hat, auch nur für einen Augenblick ,,nutzlos" zu machen! Es ist in derTliat himmelschreiend, dass einer unsrer Leute überhaupt jemals die Fabrik verlässt I Der wachsende ümfimg der Maschinerie macht , wie der von Ashworth belehrte Senior einsieht, eine stets wachsende Verlän- gerung des Arbeitstags ,, w ü n s c h e n s w e r t h " ^^-). '^ä) ,,It is seif- evident , that, ainid the ebbings and flowings of the market, and the alternate expansions and contraetions of demand , occasions will con- stantly reciir , in which the nianufacturer niav employ additional floating capital withont enijjloying additional tixed capital . . . if additional quantities of raw material can he worked up without incuiring an additional expence for buildings and machineiy. " (R. T ü r r e n s : ,,0 u Wag es an d C o m b i n a t i o n. Lond. 1834", p. 63.) '•"0) Der im Text erwähnte Umstand ist nur der Vollständigkeit wegen er- ■wähnt, da ich erst im dritten Buch die Profitrate, d. h. das Verhältniss des Mehrwerths zum vorgeschossenen Gesammtkapital, behandle. '51) ,,When a labonrer" , said Mr. Ashworth, ,,lays down his spade, he renders uscless , for that period , a capital worth 18 d. When one of our people leaves the mill , he renders useless a capital that has cost 100,000 Pd. St. (Senior: ,,Letterson the Factor y Act. Lond. 1837", p. 13, 14.) '5'-) ,,The great proportion of ti.\ed to circulating capital . . . makes long hours of work desirable.'" Mit dem wachsenden Umfang der Maschinerie u. s. w. ,,tlie motives to long hours of work will become greater, as the only means by which a largo proj^ortion of tixed capital can be made profitable." (1. c. - — 396 Die Maschine producirt r e 1 a t i v e n M e h r \v e r t h , nicht nnr indem sie die Arbeitskraft direkt e n t vv e r t h e t und dieselbe indirekt durch Verwohl- feilerung der in ihre Reproduktion eingehenden Waaren verwohlfeilert, sondern auch, indem sie bei ihrer ersten sporadischen Einführung die vom Maschinenbesitzer verwandte Arbeit in p o t e n z i r t e Arbeit verwandelt, den gesellschaftlichen Werth des Maschinenprodukts über seinen individuellen Werth erhöht und den Kapitalisten so befähigt mit geringerem Werththeil des Tagesprodukts den Tageswerth der Arbeitskraft zu ersetzen. Wäh- rend dieser Uebergangsperiode, worin der Maschinenbetrieb eine Art Mo- nopol bleibt , sind daher die Gewinne ausserordentlich und der Kapitalist sucht ,, diese erste Zeit der jungen Liebe" gründlichst auszubeuten durch möglichste Verlängerung des Arbeitstags. Die Grösse des Ge- winns wetzt den Heisshunger nach mehr Gewinn. Mit der Verallgemeinerung der Maschinerie im selben Produktions- zweigsinkt der gesellschaftliche Werth des Maschinenprodukts auf seinen in- dividuellen Werth und macht sich das Gesetz geltend, dass derMehrwerth njcht aus den Arbeitskräften entspringt, welche der Kapitalist durch die Maschine ersetzt hat, sondern umgekehrt aus den Arbeitskräften, welche er an ihr beschäftigt. Der Mehrwerth entspringt nur aus dem variab- len Theil des Kapitals, und wir sahen, dass die Masse des Mehrwerths durch zwei Faktoren bestimmt-ist, die Rate des Mehr- w e r t h s und die A n z a h 1 d e r gleichzeitig b e s c h ä f t i g t e n A r - b e i t e r. Bei gegebner Länge des Arbeitstags wird die Rate des Mehr- werths bestimmt durch das Verhältniss, worin der Arbeitstag in nothwen- dige Arbeit und Mehrarbeit zerfällt. Die Anzahl der gleichzeitig beschäf- tigten Arbeiter hängt ihrerseits ab von dem Verhältniss des variablen Ka- pitaltheils zum constanten. Es ist nun klar, dass wie er immer durch Steigerung der Produktivkraft der Arbeit die Mehrarbeit auf Kosten der p. 11 — 1.3.) ,,Es giebt verschiedne Auslagen bei einer Fabrik , welche constant bleiben, ob die Fabrik mehr oder weniger Zeit arbeite, z. B. Rente für die Bau- lichkeiten, lokale und allgemeine Steuern, Feuerversicherung, Arbeitslohn für ver- schiedne permanente Arbeiter, Verschlechterung der Maschinerie nebst vcrschied- nen andren Lasten, deren Proportion zum Profit im selben Verhältniss wächst, wie der Umfang der Produktion zunimmt." (,,Ke)torts of the Insp. of Fact. for 31 st Oct. 1862", p. 19.) 397 11 oth wendigen Arbeit ausdehne, der Maschinenbetricl) diess Resultat nur hervorbringt, indem er die Anzahl der von einem gegebnen Kapital beschilftigten Arbeiter vermindert. Er verwandelt einen Theil des Kapitals, der früher vari ab e 1 war, d. h. sich in lebendige Arbeitskraft umsetzte , in Maschinerie , also in constantes Kapital , das keinen Mehr- werth producirt. Es ist unmöglich z. B. aus zwei Arbeitern so viel Mehr- werth auszupressen als aus 24. Wenn jeder der 24 Arbeiter auf 12 Stunden nur eine Stunde Mehrarbeit liefert, liefern sie zusammen 2 4 Stun- den Mehrarbeit, während die G e s a m m t a r b e i t der zwei Arbeiter nur ^4 Stunden beträgt. Es liegt also in der Anwendung der Maschine- rie zur Produktion von Mehrwerth ein immanenter Widerspruch, indem sie von den beiden Faktoren des Mehrwerths, den ein Kapital von gegebner Grösse liefert, den einen Faktor , die Rate des Mehrwerths, nur dadurch vergrössert, dass sie den andern Faktor, die Arbeiterzahl, verkleinert. Dieser immanente Widerspruch tritt hervor, sobald mit der Vei'allgeraeinerung der Maschinerie in eineni, Industriezweig der Werth der niaschinenmässig producirten Waare zum regelnden gesellschaftlichen Werth aller Waaren derselben Art wird, und es ist dieser Widerspruch, der wiederum das Kapital, ohne dass- es sich dessen bewusst wäre ^^'^), zur ge- waltsamsten Verlängerung des Arbeitstags treibt, um die Ab- nahme in der verhältnissmässigen Anzahl der exploitirten Arbeiter durch Zunahme nicht nur der relativen, sondern auch der absoluten Mehrarbeit zu k o m p e n s i r e n. Wenn also die kapitalistische Anwendung der Maschinerie einerseits neue mächtige Motive zur masslosen Verlängerung des Arbeitstags schafft und die Arbeitsweise selbst wie den Charakter des gesell- schaftlichen Arbeitskörpers in einer Art umwälzt, die den Wider- st and gegen diese Tendenz bricht, producirt sie andrerseits, theils durch Ein- roUirung dem Kapital früher unzugänglicher Schichten der Arbeiterklasse, theils durch Freisetzung der von der Maschine verdrängten Arbeiter, eine i53j Warum dieser immanente Widerspruch dem einzelnen Kapitalisten und daher auch der in seinen Anschauungen befangenen politischen Oekonomie nicht zum Bewusstsein kommt, wird man aus den ersten Kapiteln des dritten Buchs ersehn. # 398 überflüssi ge A rbeiterpopulation '^^), die sich das Gesetz vom Kapital diktiren lassen muss. Daher das merkwürdige Pliänoraen in der Geschichte der modernen Industrie, dass die Maschine alle sittlichen und natih'lichen Schranken des Arbeitstags über den Haufen wirft. Daher das ökonomische Paradoxon, dass das gewaltigste Mittel zur Verkür- zung der Arbeitszeit iu das unfehlbarste, Mittel umschlägt alle Lebenszeit des Arbeiters und seiner Familie in disponible Ar- beitszeit für die Verwe§^hung des Kapitals zu verw^andeln. ,,Wenn", träumte Aristoteles, der grösste Denker des Alterthums, ,, wenn jedes Werkzeug auf Geheiss , oder auch vorausahnend , das ihm zukommende Werk verrichten könnte , wie des Dädalus Kunstwerke sich von selbst be- wegten, oder die Dreifüsse des Hephästos aus eignem Antrieb an die heilige Arbeit gingen, wenn so die Weber schiffe von selbst webten, so bedürfte es weder für den Werkmeister der Gehilfen, noch für die Herrn der Sklaven" 1 •"'•''). Und Antiparos, ein griechischer Dichter aus der Zeit des Cicero, begrüsste die Erfindung der Wassermühle zum Mah- len des Getreides, diese Elementarform aller produktiven Maschinerie, als Befreierin der Sklavinnen und Herstellerin des goldnen Zeitalters! ^^ö) „Die Heiden , ja die Heiden I" Sie begriffen , wie der gescheidte Bastiat entdeckt hat , und schon vor ihm der noch klügere Mac Culloch , nichts 154) Es ist eins der grossen Verdienste Ricardo' s, die Maschinerie nicht nur als Produktionsmittel von Waaren, sondern auch von ,, redundant population" begriffen zu haben. '55) F. Biese: ,,Die Philosophie des Aristoteles." Zweiter Band. Berl. 1842, p. 408. 156) Ich gebe hier die Stolbergsche üebersetzung des Gedichts , weil es ganz so wie die früheren Citate über Theilung der Arbeit den Gegensatz der antiken Anschauung zur modernen charakterisirt. ,, Schonet der mahlenden Hand, o Müllerinnen, und schlafet Sanft ! es verkünde der Hahn euch den Morgen umsonst! Däo hat die Arbeit der Mädchen den Nymphen befohlen, Und itzt hüpfen sie leicht über die Räder dahin, Dass die erschütterten Achsen mit ihren Speichen sich wälzen, Und im Kreise die Last drehen des wälzenden Steins. Lasst uns leben das Leben der Väter, nnd lasst uns der Gaben Arbeitslos uns freuen, welche die Göttin uns schenkt." (,, Gedichte aus dem Griechischen übersetzt von Christian Graf zu Stolberg. Hamburg 1782.") 399 von politischer Oekonomie und Cliristent um. Sie begriffen u. a. nicht, dass die Maschine das probateste Mittel zur Verlängeriuig des Arbeitstags ist. Sie entschuldigten etwa die Sklaverei des Einen als Mittel zur vollen menschlichen Entwicklung des Andern. Aber Sklaverei der Massen pre- digen, um einige rohe oder halbgebildete Parvenüs zu ,, eminent Spinners", ,, extensive sausage makers"und ,,influentialslioeblack dealers" zu machen, dazu fehlte ihnen das specifisch christliche Organ. Die masslose Verlängerung des Arbeitstags, welche die Ma- schinerie in der Hand des Kapitals producirt, führt, wie wir sahen, später eine Reaktion der in ihrer Lebenswurzel bedrohten Gesellschaft herbei, und damit einen gesetzlich beschränkten Normal-Arbeitstag. Auf Grundlage des letztern entwickelt sich ein Phänomen , das uns schon früher begegnete, zu entsclieidender Wichtigkeit — nämlich die Inten- s i f i k a t i 0 n d e r A r b e i t. Bei der Analyse des absoluten Mehrwerths handelte es sich zunächst um die extensive Grösse der Arbeit, wäh- rend der Grad ihrer Intensivität als gegeben vorausgesetzt war. Wir ha- ben jetzt den Umschlag dieser extensiven in eine intensive oder Grad g rosse zu betrachten. Es ist selbstverständlich , dass mit dem Fortschritt des Maschinen- wesens und der gehäuften Erfahrung einer eignen Klasse von Maschinen- arbeitern die Geschwindigkeit und damit die Intensivität der Arbeit natur- wüchsig zunehmen. So geht in England während eines halben Jahr- hunderts die Verlängerung des Arbeitstags Hand in Hand mit der wachsenden Intensivität der Fabrikarbeit. Indess begreift man. dass bei einer Arbeit, wo es sich nicht um vorübergehende Paroxys- men handelt , sondern um Tag aus , Tag ein wiederholte , regelmässige Gleichförmigkeit, ein Knotenpunkt eintreten muss, wo Ausdehnung des Arbeitstags und Intensivität der Arbeit einander ausschliessen , so dass die Verlängerung des Arbeitstags nur mit schwächerem Intensivitätsgrad der Arbeit und umgekehrt ein erhöhte)- Intensivitätsgrad nur mit Verkürzung des Arbeitstags verträglich bleibt. Sobald die allmälig anschwellende Em- pörung der Arbeiterklasse den Staat zwang , die Arbeitszeit gewaltsam zu verkürzen und zunächst der eigentlichen Fabrik einen Normal-Arbeitstag zu diktiren, von diesem Augenblick also, wo gesteigerte Produktion von Mehr- werth durch Verlängerung des Arbeitstags ein fiir allemal abge- schnitten war, warf sich das Kapital mit aller Macht und vollem Bewusst- 400 sein auf die Produktion von relativem Mehr wer th durch beschleu- nigte Entwicklung des Maschinensystems. Gleichzeitig tritt eine Aende- rung in dem Charakter des relativen Mehrwerths ein. Im Allgemeinen besteht die Produktionsmethode des relativen Mehrwerths darin , durch gesteigerte Produktivkraft der Arbeit den Arbeiter zu befähigen mit der- selben Arbeitsausgabe in derselben Zeit mehr zu produciren. Dieselbe Arbeitszeit setzt nach wie vor dem Gesammtprodukt denselben Werth zu, obgleich dieser unveränderte Tauschwerth sich jetzt in mehr Gebrauchswerthen darstellt und daher der Werth der ein- zelnen VVaare sinkt. Anders jedoch , sobald die gewaltsame Verkür- zung des Arbeitstags mit dem ungeheuren Anstoss, den sie der Entwicklung der Produktivkraft und der Oekonomisirung der P r 0 d u k t i 0 n s b e d i n g u n g e n giebt , zugleich vergrösserte Arbei tsausg abe in derselben Zeit , erhöhte Anspannung der A r b e i t s k r a f t , dichtere Ausfüllung der Poren der Arbeitszeit, d. h. Konden- sation der Arbeit dem Arbeiter zu einem Grad aufzwingt, der nur inner- halb des verkürzten Arbeitstags erreichbar ist. Diese Zusam- menpressung einer grösseren Masse Arbeit in eine gegebene Zeitperiode zählt jetzt als was sie ist, als grösseres A r b e i t s q u a n t u m. Neben das Mass der Arbeitszeit als ,, ausgedehnter Grösse" tritt jetzt das Mass ihres V e r d i c h t u n g s g r a d s i-^''). Die intensivere Stunde des zehnstün- digen Arbeitstags enthält jetzt so viel oder mehr Arbeit, d. h. veraus- gabte Arbeitskraft als die porösere Stunde des zwölfttündigen Arbeits- tags. Ihr Produkt hat daher so viel oder mehr Werth als das der poröseren 11/5 Stunden. Abgesehn von der P^rhöhung des relativen Mehrwerths durch die gesteigerte Produktivkraft der Arbeit, liefern jetzt z. B. 8^3 Stunden Mehrarbeit auf 6^/3 -Stunden nothwendiger Arbeit dem Kapitali- sten dieselbe Werthmasse wie vorher 4 Stunden Mehrarbeit auf 8 Stun- den nothwendiger Arbeit. 157) Es finden natürlich überhaupt Unterschiede in der Intensivitdt der Arbei- ten verschiedner Produktionszweige statt. Diese kompensiren sich, wie schon A. Smith gezeigt hat, zumTheil durch jeder Arbeitsart eigne Nebenum- stände. Einwirkung auf die Arbeitszeit alsWe rthmass findet aber auch hier nur statt, soweit intensive und extens ive Grösse sich als entgegengesetzte und einander ausschliessende Ausdrücke desselben Arbeitsquantums darstellen. 401 p]s fragt sich nun, wie wird die Arbeit i n t ensi fi c i rt? Die erste Wirkung des verkürzten Arbeitstags beruht auf dem sclbstverständHchen Gesetz , dass die Wirkungsfähigkeit der Arbeits- kraft im umgekehrten Verhältniss zu ihrer Wirkungszeit stellt. Es wird dalier, innerhalb gewisser Grenzen, am Grad der Kraftäusserung gewonnen , was an ihrer Dauer verloren geht. Dass der Arbeiter aber aucli wirklich mehr Arbeitskraft flüssig macht, dafür sorgt das Kapital durch die Methode der Zahlung ' '^ ). In M a n u f a k t u r e n , der Töpferei z.B., wo die Maschinerie keine oder unbedeutende Rolle spielt, hat die Einführung des Fabrikge- setzes schlagend bewiesen, dass blosse Verkürzung des Arbeitstags die Regelmässigkeit, Gleichförmigkeit, Ordnung, Kontinuität und Energie der Arbeit wundervoll erhöht '^^). Diese Wirkung schien jedoch zweifelhaft in der eigen tliche n Fabrik , weil die Abhängigkeit des Arbeiters von der kontinuirlichen und gleichförmigen Bewegung der Maschine hier längst die strengste Disciplin geschaffen hatte. Als daher 1844 die Herabsetzung des Arbeitstags unter 1 2 Stunden verhandelt ward, erklärten die Fabi'ikanten fast einstimmig, ,,i]ire Aufseher passten in den verschiednen Arbeitsräumen auf. dass die Hände keine Zeit verlören" , ,, der Grad der Wachsamkeit und 'Aufmerksamkeit auf Seiten der Arbeiter („tlie extent ofvigilance and atten- tion on the part of the workraen") sei kaum steigerungsfähig", und alle anderen Umstände , wie Gang der Maschinerie u. s. w. als gleichblei- bend vorausgesetzt, ,,sei es daher Unsinn in wohlgeführten Fabriken von der gesteigerten Aufmerksamkeit u. s. w. der Arbeiter irgend ein erkleck- liches Resultat zu erwarten" '•^o). Diese Behanptimg ward durch Ex- perimente widerlegt. Herr R. G a r d n e r liess in seinen zwei grossen Fabriken zu Preston vom 20. April 1844 an statt 12 nur noch 11 Stunden per Tag arbeiten. Nach ungefähr Jahresfrist ergab sich das Resultat, dass „dasselbe Quantum Produkt zur selben Kost erhalten ward , und -^ämmtliche Arbeiter in 1 1 Stunden eben so viel Arbeitslohn verdienten, 'S'*) Namentlich duroh den Stücklohn , eine Form . die im n-ichstcn Kapitel entwickelt wird. '■'•«) Sieh ,, Reports oflnsp. of Fact. forSlstOct. 1865." 160) ,, Reports of Insp. of Fact. for 1844 and th e quarte r en ding 30 th April 1845". p 20. 21. i. 26 402 wie früher in 12"^^'). Ich übergehe hier die Experimente in den Spinn- nnd Kardirräiimen , weil sie mit Zunahme in der Geschwindigkeit der Ma- schinerie (um 2^/0) verbunden waren. In dem Webedepartement dagegen, wo zudem sehr verschiedene Sorten leichter, figurenhaltiger Phanta- sieartikel gewebt wurden, fand durchaus keine Aenderung in den objek- tiven Produktionsbedingungen statt. Das Resultat war: ,,Vom 6. Januar bis 20. April 1844, mit zwölfstündigera Arbeitstag, wöchentlicher Durch- schnittslohn jedes Arbeiters 10 sh. II/.2 d, , vom 20. April bis 29. Juni 1844, mit elfstündigem Arbeitstag, wöchentlicher Durchschnittslohn 10 sh.. 31/^^ d." ^*^'^). Es wurde hier in 11 Stunden mehr producirt als früher in 12 , ausschliesslich in Folge grösserer gleichmässiger Ausdauer der Arbei- ter und Oekonomie ihrer Zeit. Während sie denselben Lohn empfingen und 1 Stunde freie Zeit gewannen , erhielt der Kapitalist dieselbe Pro- duktenmasse und sparte Verausgabung von Kohle, Gas u. s. w. für eine Stunde. Aehnliche Experimente wurden mit gleichem Erfolg in den Fa- briken der Herren Horrocks und Jacson ausgeführt ^^^). Sobald die Verkürzung des Arbeitstags, welche zunächst die subjektive Bedingung der Kondensation der Arbeit schafft, nämlich die Fähigkeit des Arbeiters mehr Kraft in gegebner Zeit flüssig zu machen, zwangsgesetzlich wird, wandelt sich die Maschine in der Hand des Ka- pitals zum objektiven und systematisch angewandten Mit- tel mehr Arbeit in derselben Zeit zu erpressen. Es geschieht diess in doppelter Weise , durch die erhöhte Geschwindigkeit der Ma- s c h i n e n und den erweiterten Umfang der von demselben Arbeiter zu überwachenden Maschinerie oder seines Arbeitsfeldes. Verbesserte Konstruktion der Maschinerie ist theils nothwendig ziu- Ausübung des grösseren Drucks auf den Arbeiter, theils begleitet sie von selbst die Inten- ißi) 1. c. p. 19. Da der Stücklohn deiselhe blieb, hing die Höhe des Wochen- lohns vom Quantum des Produkts ab. 1G2) 1. c. p. 20. "■'3) 1. c. p. 21. Das moralische Element spielte bedeutende Rolle in den oben erwähnten Experimenten. ,,We", erklärten die Arbeiter dem Fabrikinspek- tor ,,we work with more spirit, we have the reward ever before us of getiing away sooner at night, and one active and cheerful spirit pervades the whole niill, from the youngest piecer to the oldest band , and we can greatiy help each other." (1. c.) 403 sifikatlon der Arbeit , weil die Schranke des Arbeitstags den Kapitalisten zu strengstem Hauslialt der Produktionskosten zwingt. Die Verbesserung der Dampfmascbine erhöht die Anzahl ihrer Kolbenschläge in einer Minute und erlaubt zugleich . durch grössere Oekonomie der Kraft , einen umfang- reicheren Mechanismus mit demselben Motor zu treiben , bei gleichbleiben- dem oder selbst fallendem Kohlenverzehr. Die Verbesserung des Trans- missionsmechanismus vermindert die Friktion und , was die moderne Maschinerie so augenfällig vor der älteren auszeichnet, reducirt Durch- messer und Gewicht der grossen und kleinen Wellenbäume auf ein stets fallendes Minimum. Die Verbesserungen der Arbeitsmaschinerie endlich vermindern bei erhöhter Geschwindigkeit und ausgedehnterer Wirkung ihren Umfang, wie beim modernen Dampfvvebstuhl, oder vergrösser n mit dem Rumpf Umfang und Zahl der von ihr geführten Werkzeuge, wie bei der Spinnmaschine, oder vermehren die Beweglichkeit dieser Werkzeuge durch unscheinbare Detailveränderung, wie durch solche bei der selfacting mule vor etwa 1 0 Jahren die Geschwindigkeit der Spindeln i;m I/5 gesteigert wurde. Die Verkürzung des Arbeitstags auf 12 Stunden datirt in Eng- land von 1832. Schon 1836 erklärte ein englischer Fabrikant: „Ver- ghchen mit früher ist die Arbeit,^ die in den Fabriken zu verrichten, sehr gewachsen, in Folge der grösseren Aufmerksamkeit und Thätigkeit, welche (He bedeutend vermehrte Geschwindigkeit der Maschinerie vom Arbeiter erheischt" '6'«), i^^ Jahr 1844 machte Lord A shley, jetzt Graf Shaftes- bury, folgende dokumentarisch belegte Aufstellungen im Hause der Gemeinen : ,,Die Arbeit der in den Fabrikprozessen Beschäftigten ist jetzt drei- mal so gross, als bei der Einführung solcher Operationen. Die Maschinerie hat zweifelsohne ein Werk verrichtet, welches die Sehnen und Muskeln von Millionen Menschen ersetzt, aber sie hat auch erstaunlich (prodigiously) die Arbeit der durch ihre furchtbare Bewegung beherrschten Menschen vermehrt. . . . Die Arbeit einem Paar Mnles während 12 Stunden auf- und abzufolgen , zum Spinnen von Garn No. 40, bedang im Jahre 1815 die Nothwendigkeit einer Reise von 8 Meilen. Im Jahre 1812 betrug die im Gefolge einiss Mulepaars, zum Spinnen derselben Nummer, während 12 Stunden zu durchreisende Distanz 20 Meilen und oft mehr. Im Jahre 1825 hatte der Spinner während 12 Stunden 820 Auszüge an jeder Mule '«■>) John Fiel den 1. c. p. 32. 26* -^04 -. zu m;ichen , was eine Gesanimtsumme von 1640 für 12 Stniiden ergab. Im Jjihre 1832 hatte der Spinner während seines zwölfstüudigen Arbeits- tags an jeder Mule 2,200 Anszüge zu machen, zusammen 4,400, im Jahre 1844 an jeder Mu!e 2,400, zusammen 4,800 ; und in einigen Fällen ist die erheischte Arbeitsmasse (amount of labour) nocli grösser. . . . Ich habe hier ein andres Dokument von 1842 in der Hand, worin nacligewiesen wird, dass die A r b e i t p r o g r e s s i v zunimmt, nicht nur, weil eine grössere Entf'ei'nung zu durchreisen ist, sondern weil die Quantität der producirten Waaren sich vermehrt, während die Hände proportionell abnehmen; und ferner, weil nun oft eine schlechtere Baumwolle gesponnen wird , die mehr Arbeit erfordert, . . . Im Kardirraum hat auch grosse Zunahtiie der Arbeit stattgefunden. Eine Person thut jetzt die Arbeit, die früher zwischen zwei vertheilt war. ... In der Weberei , worin eine grosse Anzahl Per- sonen, meist weiblichen Geschlechts beschäftigt ist, ist die Arbeit während der letzten Jahre um volle lOO/^ gewachsen, in Folge der vermehrten Geschwindigkeit der Maschinerie. Im Jahre 1838 war die Zahl der lianks , die wöchentlich gesponnen wurde, 18,000, im Jahre 1843 belief sie sich auf 21,000. Im Jahr 1819 war die Zahl der picks beim Dampf- webestuhl 60 per Minute, im Jahie 1842 betrug sie 140, was einen grossen Zuwachs von Arbeit anzeigt" i^^), Angesichts dieser merkwürdigen Intensivität, welche die Arbeit unter der Herrschaft des Zwölfstundengeset^es bereits 1844 erreicht hatte, schien damals die Erklärung der englischen P^abrikanten berechtigt: jeder weitere Fortschritt in dieser Richtung sei unmöglich, daher jede weitere Abnahme der Arbeitszeit identisch mit Abnahme der Produktion. Die scheinbare Richtigkeit ihres Raison nements wird am besten bewiesen durch folgende gleichzeitige Aeusserung ihres rastlosen Censors, des Fabrikinspektors L e 0 n h a r d H 0 r n e r : ,,Da die producirte Quantität hau})tPächlich geregelt wird durch die Geschwindigkeit der Maschinerie , muss es das Interesse des Fabrikanten sein, sie mit dem äussersten Geschwindigkeitsgrad zu treiben, der mit fol- genden Bedingungen vereinbar ist : Bewahrung der Maschinerie vor zu raschem Verderb , Erhaltung der Qualität/ des fabricirten Artikels , und Fähigkeit des Arbeiters der Bewegung zu folgen ohne grössere Anstren- 'Oj) Lord As hiev 1. c. ]>. 6 — 9 passini. 405 gung als er kontinuirlich leisten kanu. Es ereignet sich oft, dass der Fabri- kant in seiner Hast die Bewegung zu sein- beschleunigt. Brüche und schlechtes Machwerk wiegen dann die Geschwindigkeit mehr als auf und er ist gezwungen den Gang der Maschinerie zu massigen. Ich schloss daher, da ein aktiver und einsichtsvoller Fabrikant das sichre Maximum ausfindet , dass es unmöglich ist in 1 1 Stunden so viel zu produciren als in 12. Ich nahm ausserdem an, dass der per Stücklohn bezahlte Arbeiter sich aufs äusserste anstrengt , soweit er denselben Arbeitsgrad kontinuir- lich aushalten kann" '^•''). Homer schloss daher, trotz der Experimente von Gardner u. s. w. , dass eine weitere Herabsetzung des Ar- beitstags unter 12 Stunden die Quantität des Produkts v e r m i n d e r n müsse i^'^). Er selbst citirt 1 0 Jahre später sein Be- denken von 1845 zum Beweis, wie wenig er damals noch die Elastici- t ä t der Maschinerie und der menschlichen Arbeitskraft, die beide gleichmässig durch die zwangsweise Verkürzung des Ar- beitstags aufs Höchste gespannt werden, begriffen habe. Kommen wir nun zur Periode nach 1847, seit Einführung des Z eh 11 st un d e n gesetz es in die englischen Baumwoll-, Woll-, Seiden- und Flachsfabriken. ,,Die Geschwindigkeit der Spindeln ist auf Throstles um 500 , auf Mules um 1000 Drehungen in einer Minute gewachsen, d. h. die Geschwin- digkeit der Throstlespindel , die 1839 4500 Drehungen in einer Minute zählte, beträgt nun (1862) 5000, und die der Mulespindel, die 5000 zählte, beträgt jetzt 6000 in der Minute; diess beläuft sich im ersten Fall auf V 10 und im zweiten auf ^/^ zusätzlicher Geschwindigkeit" i68-)_ Jos. N a s m y t h , der berühmte Civilingenieur von Paticroft , bei Manchester, setzte 1852 in einem Brief an Leonhard Horner die von 1848 — 1852 gemachtön Verbesserungen in der Dampfmaschine auseinander. Nachdem er bemerkt , dass die Dampfpferdekraft , in der officiellen Fabrikstatislik fortwährend geschätzt nach ihrer Wirkung im Jahr 1828^^^), nur noch 'f'G) ,,Reports of Insp. of Fact. for 1845", y. 20. "••") 1. c. p. 22. »08) ,,Ueports of Insp. of Fact. for 31 st Oct. 18G2", p. 62. "■'9) Diess hat sich geändert mit dem ,,Parliamentary Return" von 1862. Hier tritt die wirkliche Dampfpferdekraft der modernen Dampfmaschinen und Wasserräder an die Stelle der nominellen. Auch sind die Dublirspindeln nicht 406 nominell Jst und nur als Index der wirklichen Kraft dienen kann, sagt er u. a. : ,,Es unterliegt keinem Zweifel, dass Dampfmaschinerie von dem- selben Gewicht , oft dieselben identischen Maschinen , an denen nur die modernen Verbesserungen angebracht sind, im Durchschnitt 5 O'^/o mehr Werk als früher verrichten, und dass in vielen Fällen diesell)en identischen Dampfmaschinen, die in den Tagen der besclnitnkten Geschwindigkeit von 220 Fuss per Minute 50 Pferdekraft lieferten, heute, mit vermindertem Kohlenkonsum über 100 liefern. . . . Die moderne Dampfmaschine von derselben norainrllen Pferdekraft wird mit viel grösserer Gewalt als früher getrieben, in Folge der Verbesserungen in ihrer Konstruktion, vernnndertem Umfang und Bau der Dampfkessel u. s. w. . . . Obgleich daher die- selbe Händezahl wie früher im Verhältniss zur nominellen Pferde- kraft beschäftigt wird, werden w e n i g e r H ä n d e v e r w a n d t im Ver- hältniss zur A r bei tsraaschinerie" i^**). Im Jahr 1850 ver- wandten die Fabriken des V^ereinigten Königreichs 1 34,217 nominelle Pferde- kraft zur Bewegung von 25,638,716 Spindeln und 301,495 Webstühlen. Im Jahr 1856 betrug die Zahl der Spindeln und Webstühle respective 33,503,580 und 369,205. Wäre die erheischte Pferdekraft dieselbe geblieben wie 1850, so waren 1856: 175,000 Pferdekraft nöthig. Sie betrug aber nach dem officiellen Ausweis nur 161,435 , also über 10,000 Pferdekraft weniger, als wenn man nach der Basis von 1850 rechnet i^i). ,,Die durch den letzten Return von 1856 (oftieielle Statistik) festgestellten Thatsachen sind , dass das Fabriksystera reissend rasch um sich greift, die Zahl der Hände im Verhältniss zur Maschinerie ab- genommen hat, die Dampfmaschine durch Oekonomie der Kraft und andre Methoden ein grösseres Maschinengewicht treibt, und ein vermehrtes Quantum Machwerk erzielt wird in Vo\ge verbesserter Arbeitsmaschinen, veränderter Methoden der Fabrikation , erhöhter Geschwindigkeit der Ma- mehr zusammengeworfen mit den eigentlichen Spinnspindeln (wie in den ,,Re- turns" von 1839, 1850 und 1856); feiner ist für die Wollfabriken die Zahl der ,,gigs" hinzugefügt, Scheidung eingeführt zwischen Jute- und Hanffabriken einer- seits, Fhichsfabriken andrerseits, endlich zum erstenmal die Strumpfwirkerei in den Bericht aufgenonmien. '"") ,,Re po rts of In s p. of Fact. f or 31 s t Oc t. 1856", p. 11. '"•) 1 c. p. U, 13. 407 schinerie und vieler andrer Ursachen" ■'^^j. ^^[)jg grossen in Maschinen jeder Art eingeführten Verbesserungen haben dei-en Produktivkraft sehr gesteigert. Ohne allen Zweifel gab die Verkürzung des Arbeits- tags... den Stachel zu diesen Verbesserungen. Letztere und die in- tensivere Anstrengung des Arbeiters bewirkten, dass wenig- stens eben so viel Machwerk in dem ( um zwei Stunden oder i/g) verkürzten Arbeitstag als früher während des längeren geliefert wird" '73). Wie die Bereicherung der Fabrikanten mit der intensiveren Ausbeu- tung der Arbeitskraft zunahm , beweist schon der eine Umstand , dass das durchschnittliche proportioneile VVachsthum der englischen Baumwollen- u. s. w.-Fabriken von 1838 bis 1850 320/0, von 1850 bis 1856 dagegen SQ^Iq jährlich betrug. So gross in den 8 Jahren 1848 bis 1856, unter der Herrschaft des 7.ehnstündigeu Arbeitstags, der Fortschritt der englischen Industrie, wurde er wieder weit überflügelt in der folgenden sechsjährigen Periode von 1856 bis 1862. In der Seidenfabrik z. B. 1856: Spindeln 1,093,799, 1862: 1,388,544; 1856 : Webstühle 9,260 und 1862 : 10,709. Da- gegen 1856: Arbeiteranzahl 56,131 und 1862: 52,429. Diess ergiebt Zunahme der Spindelzahl 26.2^; q und der W'ebstühle 15.6"'0 mit gleichzeitiger Abnahme der A rbei teran zahl um 70/jj. Im Jahre 18 50 wurden in der Worsted-Fabrik angewandt 875,830 Spin- deln, 18 5 6: 1,324,549 (Zunahme von 51.2» o) und 1862: 1,289,172 (Abnahme von 2.7" o)- Zählt man aber die Dublirspindeln ab, die in der Aufzählung für das Jahr 1856 figuriren, aber nicht für 1862, so blieb die Anzahl der Spindeln seit 1856 ziemlich stationär. Dagegen ward seit 1850 in vielen Fällen die Geschwindigkeit der Spindeln und W^ebstühle verdoppelt. Die ZahP der Dampfwebstühle in der Worsted-Fabrik 1850: 32,617, 1856: 38,956 und 1862: 43,048. Es waren dabei beschäftigt 18 5 0: 79,737 Personen, 1856: 87,794 und 1862: 86,063, aber davon Kinder unter 14 Jahren 1850: 9,956, 1856: 11,228 und 1862: 13,178. Trotz sehr vermehrter Anzahl '72) 1. c. p. 20. '"3) ,, Reports etc. for 31st Oct. 1858" , p. 9. 10. Vgl. ..Rep o r ts etc. for 30 th April 1860", p. 30 sqq. 408 der Webstühle, 1862 verglichen uiit 1856, nahm also die Geeammt- zalil der beschäftigten Arbeiter ab, die der exploitirten Kinder zu '7*). Am 2 7. A p r i 1 18 6 3 erklärte das Parlamentsglied F e r r a n d im Unterhause: ,,Arbeiterdelegirte von 16 Distrikten von Lancashire und Cheshire , in deren Auftrag ich spreche , haben mir mitgetheilt , dass die Arbeit in den Fabriken in Folge der Verbesserung in der Maschinerie beständig wachse. Statt dass früher eine Person mit Gehilfen zwei Webstühle bediente . bedient sie jetzt drei ohne Gehilfen und es ist gar nichts ungewöhnliches, dass eine Person ihrer vier bedient u. s. w. Zwölf Stunden Arbeit, wie aus den mitgetheilten Thatsachen her- vorgeht, werden jetzt in weniger als 10 Arbeitsstunden ge- p res st. Es ist daher selbstverständlich, in welchem ungeheuren Umfang^ die Mühen der Fabrikarbeiter sich seit den letzten Jahren vermehrt haben" *^^). Obgleich daher die Fabrikinspektoren die günstigen Resultate der Fabrikgesetze von 1844 und 1850 unermüdlich und mit vollem Recht lobpreisen, gestehen sie doch, dass die Verkürzung des Arbeitstags bereits eine die Gesundheit der Arbeiter, also die Arbeitskraft selbst zer- störende Kondensation der Arbeit hervorgerufen habe. ,,In den meisten BaumwoU-, Worsted- und Seidenfabriken scheint der erschöpfende Zustand von Aufregung, nöthig für die Arbeit an der Maschinerie, deren Bewegung- in den letzten Jahren so ausserordentlich beschleunigt worden ist , eine der Ursachen des Ueberschusses der Sterblichkeit an Lungenkrankheiten , den Dr. Greenhow in seinem jüngsten bewundernswerthen Bericht nachge- wiesen hat'' ^^ß). Es unterliegt nicht dem geringsten Zweifel , dass die Tendenz des Kapitals, sobald ihm Verlängerung des Arbeitstags ein für allemal durch das Gesetz abgeschnitten ist, sich uurch systematische Steige- rung des 1 n t e n s i V i t ä t s g r a d s der Arbeit gütlich zu thun und jede Ver- besserung der Maschinerie in ein Mittel zu grösserer Aussaugung der "*) ,,Reports of Insp. of Fact. for 31st Oct. 1862", p. 100 u. 130. i''"-') Mit dem modernea Dampfwebstuhl labricirt ein Weber jetzt in 60 Stunden per Woche auf 2 Stühlen 26 Stück einer gewissen Art von bestimmter Länge und Breite, wovon er auf dem alten Dampfwebstuhl nur 4 fabriciren konnte. Die Web- kosten eines solchen Stücks waren schon Anfang der 1850er Jahre von 2 sh. 9 d. auf S'/s d- gefallen. '"«) ,,Reports of Insp. of Fact, for 31 st Oct. 1861 ", p. 2."), 26. 409 Arbeitskraft zu verkehren, baklwietler zu einem Wendepunkt treiben muss, wo abermalige Abnahme der Arbeitsstunden unvermeidlitli wird "'''). Andrer- seits überflügelt der Sturmraarsch der englischen Industrie von 1848 bis zur Gegenwart, d. h. während der Periode des zehnstündigen Arbeitstags, noch weit mehr die Zeit von 1833 bis 1847, d. h. die Periode des z wöl fstündigen Arbeitstags, als letztre das halbe Jahrhundert seit Einführung des Fabriksystems, d. h. die Periode des unbeschränkten Arbeitstags '^^j. '■") Die Achtstundenagitation hat jetzt (186") inLancashire unter den Fabrik- arbeitern begonnen. '■'S) Folgende wenige Zahlen zeigen den Fortschritt der eigentlichen ,,Facto- ries" im U. Kingd. seit 1848: Export. Quantität. 1848. Export. Quantität. 1851. Export. Quantität. 1860. Export. Quantität. ' 1865. ■»■ ■■ ■- Baumwollfabrik . Baumwollgarn Nähg;trn Baum woUge webe 1. 1. y- 135,831,162 1,091,373,930 1. 143.966,106 1. 4,392,176 y. 1,543,161,789 1. 197,343,655 1. 6,297,554 y. 2,776,218,427 1. 103,751,455 I. 4,648,611 y. 2,015.237,851 Flachs- u. Hanffabrik. Garn Gewebe 1. y- 11,7-22,182 88,901,519 1. 18,841,326 y. 129,106,753 1. 31,210,612 y. 143,996,773 1. 36.777,334 y. 247,012,529 Seidenfabrik. Kettengarn, Zwist, Garn Gewebe 1. y- 466,825 1. 462,513 y. 1,181,455 1. 897,402 y. 1,307,293 1. 812. .'iSg y. 2,869,837 Wollfabrik. "Wollen- u. Worsted-Garn Gewebe Ctr y- 1. 14,670,880 y. 241,120,973 1. 27,533,968 y. 190,381,537 1. 31,669,267 y. 278,837,438 Export. Werth. 1848. Export. Werth. 1851. Export. Werth. 1860. Export. Werth. 1865. Baumwollfabrik. Baumwollgarn Baum wollge webe Flachs- u. Hanffabrik. Garn Gewebe Seidenfabrik. Kettengarn, Zwist, Garn Gewebe Wollfabrik. WoUeu- u. Worsted-Garn Gewebe Pfd. St. 5,927,831 16,753,369 493,449 2,802,789 77,789 776,97% 5,733,828 Pfd. St. 6,634,026 23,454.810 951,426 4,107,396 195,380 1,130,398 1,484,544 8,377,183 Pfd. St. 9,870,875 42,141,505 1,801,272 4,804,803 918,342 1.587,303 3,843,450 12,156,998 Pfd. st. 10,351,049 46,903,796 2,505,497 9,155.318 768,067 1,409,221 6,424,017 20,102,259 410 Wir betrachteten im Beginn dieses Kapitels den Leib der Fabrik, die Gliederung des Maschinensystems. Wir sahen dann , wie die Maschi- nerie das menschliche Exploitationsmaterial des Kapitals vermehrt durch Aneignung der Weiher- und Kinderarbeit, wie sie die ganze Lebenszeit des Arbeiters confiscirt durch masslose Ausdehnung des Arbeitstags , und wie ihr Fortschritt, der ein ungeheuer wachsendes Produkt in stets kürzerer Zeit zu liefern erlaubt, endlich zumMittel umschlägt in jedem Zeitmo- ment ni e h ]■ A ]• b e i t flüssig z u m a c h e n oder die Arbeitskraft stets intensiver auszubeuten. Wir wenden uns uunzuraFa- b r i k g a n z e n , und zwar in seiner ausgebildetsten Gestalt. Dr. Ure, der Pindar der automatischen Fabrik, beschreibt sie einer- seits als ,,C 00 per H t i 0 n verschiedener Klassen von Arbeitern, erwachs- nen und nicht erwachsnen, die mit Gewandtheit und Fleiss ein System produktiver Maschinerie überwachen, das ununterbrochen durch eine Cen- tralkraft (den ersten Motor) in Tliätigkeit gesetzt wird", andrerseits als .,einen ungeheuren Automaten, zusammengesetzt aus zahllosen mechanischen und selbstbewussten Organen , die im Einverständniss und ohne Fiiterbrechnng wirken , um einen und denselben Gegenstand zu pro- duciren, so dass alle dieseOrgane einer Bewegungskraft untergeord-» 11 et sind, die sich von selbst bewegt.'" Diese beiden Ausdrücke sind keineswegs identisch. In dem einen erscheint der kombinirte Gesammt- -arbeiter oder gesellschaftliche Arbeitskörper als übergreifendes Subjekt und der mechanische Automat als Objekt; in dem andern ist der Automat selbst das Subjekt und die Arbeiter sind seinen bewusstlosen Organen nur (Sieh die Blaubücher: ,,StatisticalAbstract for theU.Kingd." Nr. 8 und Nr. 13. Lond. 1861 und 1866.) In Lancashire vermehrten sich die Fabriken zwischen 1839 und 1850 nur um 40/0, zwiscl.en 18.50 und 1856 um 190/0, zwischen 1856 und 1862 um 330/o , wäh- rend in beiden elfjährigen Perioden die Zahl der beschäftigten Personen absolut zunahm, relativ fiel. Cf. Reports oflnsp. ofFact. forSlstOct. 1862, p. 63. In Lancashire herrscht die BaumwolUabrik vor. Welchen proportionellen Raum sie aber in der Fabrikation von Garn und Gewebe überhaupt einnimmt, sieht man daraus, dass auf sie allein von allen derartigen Fabriken in England, Wales, Schottland und Irland 45. 20/0 fallen, von allen Spindeln desU.Kingd. 83. 30/0, von allen Dampfwebstühlen 81. 40/0, von aller sie bewegenden Dampfpferdekraft 72.60/0 und von der Gesammtzuhl der beschäftigten Personen 58.20/o. (1. c. p. 62 . 63.) 411 als bewusste Organe beigeordnet und mit den mechanischen Organen der centralen Bewegiingskraft u n t e r g e o r d n e t. Der erstere Ausdruck gilt von jeder möglichen Anwendung der Maschinerie im Grossen , der andre charakterisirt ihre kapitalistische Anwendung und daher das moderne Fabriksystem. Cre lieht es daher auch die Ceutral- maschine, von der die Bewegung ausgeht, nicht nur als Automat, son- dern als Autokrat darzustellen. .,In diesen grossen Werkstätten ver- sammelt die wolilthätige Macht des Dampfes ihre Myriaden von üuter- than en um sich'' ^^^). Mit dem Arbeitswerkzeug geht auch die Virtuosität in seiner Führung vom Arbeiter auf die Maschine über. Die Leistungsfähigkeit des Werkzeugs ist emancipirt von den persönlichen Schranken menschlicher Arbeitskraft. Damit ist die technologische Grundlage aufgehoben, wo- 1- a u f d i e T h e i 1 u n g der Arbeit in d e r M a n u f a k t u r b e r u h t. An die Stelle der sie charakterisirenden Hierarchie der spezialisirteu Arbeiter tritt daher in der automatischen Fabrik die Tendenz de r G 1 e i c h m a c h u n g 0 d e r N i V e 1 1 i r u n g der Arbeiten, welche die Gehilfen der Maschinerie zu verrichten haben '^'*), au die Stelle der künst- lich erzeugten Unterschiede der Theilarbeiter treten vorwiegend die natür- lichen Unterschiede des Alters und Geschlechts. Soweit in der automatischen Fabrik dieTheilung der Arbeit Aviedererscheint , ist sie zunächst V e r t h e i 1 u n g von Arbeitern u n t e r d i e spezialisirteu Maschinen, und von Arbeitermassen, die jedoch keine kombinirten Gruppen bilden, unter die verschiedenen Depar- tements der Fabrik, wo sie an neben einander gereihten gleichartigen Werk- zeugmaschinen arbeiten, also nur einfache Cooperation luiter ihnen stattfindet. Die kombinirte Gruppe der Manufaktur ist ersetzt durch den Zusammenhang des Hauptarbeiters mit wenigen Gehilfen. Die wesent- liche Scheidung ist die von Arbeitern , die wirklich an den Werkzeugma- schinen beschäftigt sind (es kommen hiezu-einige Arbeiter zur Bewachung, resp. Fütterung der Bewegungsmaschine) und von blossen Hand- langern (fast ausschliesslich Kinder) dieser Maschinenarbeiter. Zu den Handlangern zählen mehr oder minder alle ,,feeders" (die den Ma- »79) Ure 1. c. t. I. p. 19, 20.- "*") 1. c. p. 31. Vgl. Karl Marx 1. c p. 140, 141. — 412 schioen bloss Arbeitsstoflf darreichen). JNeben diese Hauptklasseii tritt ein numerisch unbedeutendes Personal, das mit der Kontrole der gesamm- ten Maschinerie und ihrer beständigen Reparatur beschäftigt ist , wie In- genieure, Mechaniker, Schreiner u. s. w. Es ist eine höliere, tlieils wissen- schaftlich gebildete, theils handwerksmässige Arbeiterklasse, ausserhalb des Kreises der Fabrikarbeiter und ihnen nur aggregirt 1**^). Diese Thei- lung der Arbeit ist rein technologisch. Alle Arbeit an der Maschine erfordert frühzeitigen Einbruch des Ar- beiters , damit er seine eigne Bewegung der gleichförmig kontinuirlichen Bewegung eines Automaten anpassen lerne. Soweit die Gesammtmaschi- nerie selbst ein System verschiedenartiger, gleichzeitig wirkender und koüibinirter Maschinen bildet, erfordert die auf ihr beruhenile Coope- ration nicht minder Vertheilung besondrer Arbeiter unter die besou- derten Maschinen. Aber der Maschinenbetrieb hebt dieNothwendigkeitauf diese Vertheilung manufakturmässig zu befestigen durch fortwährende Aneignung derselben Arbeiter an dieselbe Funktion '^■^). Da die Ge- sammtbewegung der Fabrik nicht vom Arbeiter ausgeht , sondern von der Maschine, kann fortwährender Personenwechsel stattfinden ohne Unterbreciiung des Arbeitsprozesses. Den schlagendsten Beweis hierzu liefert das während der englischen Fabrikantenrevolte von 1848 — 50 ins Werk gesetzte Relaissystem. Die Geschwindigkeit endlich , womit die Arbeit an der Maschine im jugendlichen Alter erlernt wird , beseitigt •«•) Es ist charakteristisch für die Absicht des statistischen Betrugs, die auch sonst noch im Detail nachweisbar wäre, wenn die englische Fabrikgesetzgebung die zuletzt im Text erwähnten Arbeiter, ansdriieklich als N i c h t - Fab r ik ar b ei- ter von ihrem Wirkungskreis ausschliesst, andrerseits die vom Parlament ver- öffentlichten ,,Retinns" ebenso ausdrücklich nicht nur Ingenieure, Mechaniker u. s. w., sondern auch Fabrikdirigenten. Commis, Ausläufer, Lageraufseher, Ver- paeker u. s. w., kurz alle Leute, mit Ausschluss des Fabrikeigenthümers selbst, in die Kategorie der Fabrikarbeiter einschliesst. 182) Ure giebt diess zu. Er sagt, dass die Arbeiter ,,im Nothfall" nach dem Willen des Dirigenten von einer Maschine zur andern versetzt werden können und ruft triumphirend aus: ,. Dergleichen Wechsel steht im offnen Widerspruch mit der alten Routine, die die Arbeit theilt und dem einen Arbeiter die Aufgabe »«weist, den Kopf einer Stecknadel zu fa9onniren , dem andern ihre Spitze zu schleilen." Er hätte sich vielmehr fragen sollen, warum diese ,, alte Routine" in der auto- matischen Fabrik nur ,,im Nothfall" verlassen wird? 413 ebenso die Notliwehdigkeit , eine besondre Klasse Aibeiter ausschliesslich zu Mascliincnarbeitern zu machen ^^'^). Die Dienste der blossen Hand- langer aber sind in der Fabrik grossentheils durch Maschinen ersetzbar'^*), tlieils erlauben sie andrerseits wegen ihrer völligen Einfachheit raschen und beständigen Wechsel der mit dieser Plackerei belasteten Personen. Obgleich nun die Maschinerie das alte System der Tlieilung der Ar- beit technologisch über den Haufen wirft, schleppt es sich zunächst als Tradition der Manufaktur gewohnheitsmässig in der Fabrik fort, um dann systematisch vom Kapital als Exploitationsmittel der Arbeitskraft in noch ekelliafterer Form reproducirt und befestigt zu werden. Aus der lebens- langen Specialität ein Theilwerkzeug zu führen , wird die lebenslange Specialität einer Theilmaschine zu dienen. Die Maschinerie wird miss- braucht,um den Arbeiter selbst von Kindesbeinen in denTheil einer Theil- maschine zu verwandeln '^s). Kicht nur werden so die zu seiner e'gnen Reproduktion nöthigen Kosten bedeutend vermindert, sondern zugleich seine hilflose Abhängigkeit vom Fabrikganzeii, also vom Kapitalisten, voll- endet. Hier wie überall rauss man unteischeiden zwischen der grössern Produktivität, die der Entwicklung des gesellschaftlichen Prodnktions- 183) Wenn Noth an Mann ist, wie z. B. während des amerikanischen Bürger- kriegs, wird der Fabrikarbeiter ausnahmsweis vom Bourgeois zu den gröbsten Ar- beiten, wie Strassenhaiiu. s. w. verwandt. Dieenglischen ,,ateliers nationaux" des Jahres 1862 sq. für die beschäftigungslosen Baumwollarbeiter unterschieden sich dadurch von den französischen von 1848, dass in diesen der Arbeiter auf Kosten des Staats unproduktive Arbeiten , in jenen zum Vortheil des Bourgeois prf)duktive städtische Arbeiten und zwar wohlfeiler als die regelmässigen Ar- beiter, mit denen er so in Konkurrenz geworfen ward, zu verrichten hatte. ,,The phvsical appearance of the cotton operatives is unquestionably improved. This I attribute ... as to the men , to outdoor labour on public works." (Es handelt sich hier von den Preston-Fabrikarbeitern , die am ,,Preston Moor" be- schäftigtwurden.) ,,Rep. oflnsp. ofFact. Oct. 1865", p. .59.) *'8') Beisjiiel : Die verschiednen mechanischen Apparate , die zum Ersatz von Kinderarbeit seit dem Gesetz von 1844 in der Wollfabrik eingeführt wurden. So- bald die Kinder der Herrn Fabrikanten selbst ihre ,, Schule" als Handlanger der Fabrik durchzumachen haben, wird diess fast noch unangebaute Gebiet der Mecha- nik bald einen merkwürdigen Aufschwung nehmen. 185) Man würdigt dflher den fabelhaften Einfall Proudhon's, der die Maschinerie nicht als Synthese von Arbeitsmitteln, sondern als Synthese von Theil- arbeitcn für die Arbeiter selbst — ,,konstruirt". 414 Prozesses, und der grössern Produktivität, die seiner kapitnlistisclien Aus- beutung geschuldet ist. In Manufaktur und Handwerk bedient sicli der Arbeiter des Werk- zeugs, in der Fabrik dient er der Maschine. Dort geht von ihm die Be- wegung des Arbeitsmittels aus , dessen Bewegung er hier zu folgen hat. In der Manufaktur bilden die Arbeiter Glieder eines lebendigen Mechanis- mus. In der Fabrik existirt ein todter Mechanismus unabhängig von ihnen und sie werden ihm als lebendige Anhängsel einverleibt. ,,Der trübselige Schlendrian einer endlosen Arbeitsqual , worin derselbe mechanische Pro- zess immer wieder durchgemacht wird , gleicht der Arbeit des Sisyphus ; die Last der Arbeit, gleich dem Felsen , fällt immer wieder auf den abge- matteten Arbeiter zurück" ^^''). Während die Maschinenarbeit das Ner- vensystem aufs äusserste angreift, unterdrückt sie das vielseitige Spiel der Muskeln und konfiscirt alle freie körperliche und geistige Thätigkeit '8'). Selbst die Erleichterung der Arbeit wird zum Mittel der Tortur, indem die Maschine nicht den Arbeiter von der Arbeit befreit , sondern seine Arbeit vom Inhalt. Aller kapitalistischen Produktion , soweit sie nicht nur Ar- beitsprozess, sondern zugleich V e r w e r t h u n g s p r o z e s s des Ka- pitals , ist es gemeinsam , dass nicht der Arbeiter die Arbeitsbedingung, sondern umgekehrt die Arbeitsbedingung den Arbeiter anwendet, aber erst mit der Maschinerie erhält diese Verkehrung technologisch hand- greifliche Wirklichkeit. Durch seine Verwandlung in einen Auto- maten tritt das Arbeitsmittel während des Arbeitsprozesses selbst dem Arbeiter als Kapital gegenüber, als todte Arbeit, welche die lebendige Arbeitskraft beherrscht und aussaugt. Die Scheidung der geistigen Potenzen des Produktionsprozesses von der Handarbeit und die Ver- wandlung derselben in Mächte des Kapitals übei- die Arbeit vollendet sich , wie bereits früher angedeutet , in der auf Grundlage der 18B) F. En gels 1. c. p. 21 7. Selbst ein ganz ordinärer, optimistischer Frei- händler, Herr Molinari, bemerkt: ,,Un homme s'nse plus vite en surveillant, quinze heurs par joiir l'evolution uniforme d'un mecanisme, qu'en exercjant dans le meme espace de temps , sa force physique. Ce travail de siirveillance , qui servirait peut-etre d'utile gymnastique a l'intelligence, s'il n'etait pas tropprolonge, detruit ä la longue, par son exces , et rintelligence et le corps meme. " (G. de Molinari: ,,E tu d e s E e o n om i q u e s." Paris 1846.) 18') F. Engels 1. c. p. 216. 415 Maschinerie aufgebauten grossen Industrie. Das Detailgeschick des indi- viduellen, entleerten Maschinenarbeiters verschwindet als ein winzig Neben- ding vor der Wissenschaft , den ungeheiu-en Naturkräften und der gesell- schaftlichen Massenarbeit, die im Maschinensystem verkörpert sind und mit ihm die Macht ,,des Meisters" bilden. Dieser Meistei-, in dessen Hirn dieMasdiinerieund sein Monopol an derselben unzertrennlich verwachsen sind , ruft daher in Kollisionsfällen den ,, Händen" verächtlich zu : ,,Die Fabrikarbeiter sollten in heilsamer Erinnerung halten , dass ihre Arbeit in der That eine sehr niedrige Sorte geschickter Arbeit ist ; dass keine leich- ter aneigenbar und in Anbetracht ihrer Qualität besser belohnt ist, dass keine durch kurze Unterweisung des mindest Erftihrnen in so kurzer Zeit und in solchem üeberfluss zugeführt werden kann. Des Meisters Maschinerie spielt in der That eine viel wichtigere Rolle in dem Ge- schäft der Produktion als die Arbeit und das Geschick des Arbei- ters, die eine Erziehung von 6 Monaten lehren und jeder Bauernknecht lernen kann" *^*). Die technologische Unterordnung des Arbeiters unter den gleichför- migen Gang des Arbeitsmittels und die eigenthiimliche Zusammensetzung des Arbeitskörpers aus Individuen beider Geschlechter und aller Alters- stufen schafft eine kasernenmässige Disciplin , die sich zum vollständigen Fabrikregime ausbild'et und die schon früher erwähnte Arbeit d er Oberaufsicht, damit zugleich die Th eilung der Arbeiter in Haudarbeiter und Arbeitsaufseher , gemeine Industriesoldaten und In- dustrieunterofficiere, völlig entwickelt. ,,DieHauptschvvierigkeit in der auto- matischen Fabrik bestand in der nothwendigen Disciplin, um die Menschen '****) ,,The factory operatives should keep in wholesome remembrance the fact tliat theirs is really a low species of skiiied labour ; and that there is none wliich is niore easily acquired or of its quality more amply renuinerated, or which, by a sliort training of the least expert can be more quickly as well as abundantly acquired . . . . 'I' h e m a s t e r ' s m a c ]i i n e r y really p 1 a y s a f a r m o r e i m - portantjjart in the business of])roduction than the labour and theskill oft he operative, which six months' education can teach , and a common labourer can learn." (,,The Master Spinners' and Manufac- turers" Defence fund. Report of the Committee. Manchester 1854", p. 17.) Man wird später sehn, dass der ,, Master" aus einem andern Loch pfeift, sobald er Uiit Verlust seiner ,,1 ebe nd i ge n" Automaten bedroht ist. 416 iuif ihre nnregelmässigen Gewohnheiten in der Arbeit verzichten zu machen, lind sie zn i den ti fi ci r en na i t der unveränderlichen Regel- niässigkeit des grossen Automaten. Aber einen den Bedürf- nissen und der Geschwindigkeit des automatischen Systems entsprechen- den Disciplinarcodex zu erfinden und mit Erfolg auszuführen, war ein Unter- nehmen des Herkules würdig , das ist das edle Werk Arkwright's! Selbst heut zu Tage , wo das System in seiner ganzen Vollendung organi- sirt ist, ist es fast unmöglich unter den Arbeitern, die das Alter der Mannbarkeit zurückgelegt haben , nützliche Gehilfen für das automatische System zu finden" ^^^). Der Fabrikcodex, worin das Kapital seine Auto- kratie über seine Arbeiter, ohne die sonst vom Bürgerthum so beliebte Theiiung der Gewalten und das noch beliebtere Repräsentativsystem, pri- vatgesetzlich und eigenherrlich formulirt, ist nur die kapitalistische Karrikatur der gesellschaftlichen Reglung des Arbeits- prozesses, welche mit der Cooperation auf grosser Stufenleiter und der Anwendung gemeinsan:er Arbeitsmittel . wie namentlicli der Mascliinerie, nöthig wird. An die Stelle der Peitsche des Sklaventreibers tritt das Straf- buch des Aufsehers. Alle Strafen lösen sich natürlich auf in Geldstrafen und Lohnabzüge und der gesetzgeberische Scharfsinn der Fabrik- Lykurge macht ihnen die Verletzung ihrer Gesetze wo möglich noch einbringlicher als dei-en Befolgung '9"). 189) Ure 1. c. p. 22, 23. Wer Arkwright's Lebensgeschichte kennt, wird das Wort ,, edel •' diesem genialen Barbier nie an den Kopf werfen. Von allen grossen Erfindern des 18. Jahrhunderts war er unstreitig der grüsste Dieb frerrider Erfindungen und der gemeinste Kerl. ''"') ,,Die Sklaverei, in der die Bourgeoisie das Proletariat gefesselt hält, kommt nirgends deutlicher ans Tageslicht , als im ITabriksystem. Hier hört alle Freiheit rechtlich und faktisch auf. Der Arbeiter muss Morgens um halb 6 in der Fabrik sein; kommt er ein paar Minuten zu spät, so wird er gestraft, kommt er 10 Minuten zu spät, so wird er gar nicht hereingelassen, bis das Frühstück vorüber ist, und verliert einen Vierteltag am Lohn. Er muss auf Kommando essen, trinken und schlafeia . . . Die despotische Glocke ruft ihn vom Bette, ruft ihn vom Früh- stück und Mittagstisch. Und wie geht es nun gar erst in der Fabrik? Hier ist der Fabrikant absoluter Gesetzgeber. Er erlässt Fahrikrcgulationen , wie er Lust hat; er ändert und macht Zusätze zu seinem Codex, wie es ihm beliebt; und wenn er das tollste Zeug hineinsetzt, so sagen doch die Gerichte zum Arbeiter: Da ihr unter diesen Kontrakt euch freiwillig begeben habt, jetzt müsst ihr ihn auch be- 417 Wir deuten mir hin auf die niateiielleii Hedin^inigen. unter denen die Fabrikai'beit verriclitet wird. Alle Sinnesorgane werden gleielimässig folgen . . . Diese Arbeiter sind dazu verdammt, vom neunten Jahr bis zu ihrem Tod unter der geistigen und körperlichen Fuchtel zu leben." (F. Engels 1. c. \>. 217 sq.) Was ,,die Gerichte sagen", will ich an zwei Beispielen erläutern. Der eine Fall spielt in Sheffield, Ende 1866. Dort hatte sich ein Arbeiter für 2 Jahre in eine Metallfabrik verdingt. In Folge eines Zwistes mit dem Fabrikanten verliess er die Fabrik und erklärte unter keinen Umständen mehr für ihn arbeiten zu wollen. Wurde wegen Kontraktsbruch verklagt, zu zwei Monaten Geldbusse verurtheilt. (Bricht der Fabrikant den Kontrakt, so kann er nur civiliter verklagt werden und riskirt nur eine Geldbusse.) Nach Absitzen der zwei Monate stellt derselbe Fabrikant ihm Ladung zu , dem alten Kontrakt gemäss in die Fabrik zu- rückzukehren. Arbeiter erklärt, Nein. Den Kontraktsbruch habe er bereits ab- gebüsst. Falirikant verklagt von neuem, Gericht verurtheilt von neuem, obgleich Einer der Richter, Mr. Shee, diess ötFentlich als juristische Ungeheuerlichkeit denuncirt, wonach ein Mann sein ganzes Leben durch periodisch für dasselbe identische Vergehn , resp. Verbrechen, wieder und wieder bestraft werden könne. Diess Unheil wurde gefällt nicht von dem ,,Great Unpaid" , proviuzialen Dog- berries , sondern zu London , von einem der liöchsten Gerichtshöfe. — Der zweite Fall spielt in Wiltshi-re, Ende November 1863. Ungefähr 30 Dampfstuhl- •\veberinnen , in der Beschäftigung eines gewissen Harrupp, Tuchfabrikant von Leower's Miil, Westbury Leigh, machten einen strike, weil dieser selbe Harrupp die angenehme Gewohnheit hatte, ihnen für Verspätung am Morgen Lohnabzug zu machen, und zwar 6 d. für 2 Minuten, 1 sh. für 3 Minuten, und 1 sh. 6 d. für 10 Minuten. Diess macht, bei 9 sh. per Stunde, 4 Pfd. St. 10 sh. per Tag, wäh- rend ihr Durchschnittslohn im Jahr nie über 10 bis 12 sh. wöchentlich steigt. Harrupp hat ebenfalls einen Jungen bestallt, um die Fabrikstunde zu blasen, was er selbermanclimal vor 6 Morgens thut, und wenn die Hände nicht grade dasind, sobald er aufhört, werden die Thi)re geschlossen und die draussen in Geldbusse genommen; und da keine Uhr im Gebäude, sind die unglücklichen Hände in der Gewalt des von Harrupp inspirirten jugendlichen Zeitwächters. Die im ,, strike" begriffenen Hände, Familienmütter und Mädchen , erklärten, sie wollten wieder ans Werk gehn, wenn der Zeitwächter durch eine Uhr ersetzt, und ein rationellerer Straftarif eingeführt würde. Harrupp citirte 19 Weiber und Mädchen vor die Magistrate, wegen Kontraktsbruch. Sie wurden verurtheilt zu je 6 d. Strafe und 2 sh. 6 d. Kosten , unter lauter Entrüstung des Auditoriums. Harrupp wurde vom Gericht weg von einer zischenden Volksmasse begleitet, — Eine Lieblingsoperation der Fabrikanten ist, die Arbeiter durch Lohnabzüge für die Fehler des ihnen gelieferten Materials zu züchtigen. Diese Methode rief 1866 allgemeinen strike in den eng- lischen T öp f er dis trikten hervor. Die Berichte der ,,Ch. Employm. Commiss." (1863 — 1866) geben Fälle, wo der Arbeiter, statt Lohn zu erhalten, I. 27 418 verletzt durch die künstlich gesteigerte Temperatur, die mit Abfällen des Rohmaterials geschwängerte Atmosphäre, den betäubenden Lärm u. s. w.^' abgesehn von der Lebensgefahr unter dicht gehäufter Maschinerie , die n)it der Regelmässigkeit der Jahreszeiten ihre industriellen Schlachtbülletins producirt. Die Oekonomisirung der gesellschaftlicheu Produktionsmittel, erst im Fabriksystem treibhausaiässig gereift, wird in der Hand des Kapitals zugleich zum systematischen Raub an den Lebensbedingungen des Arbeiters während der Arbeit, wie an Raum, Luft, Licht und persönlichen Schutzmitteln wider die lebensgefährlichen oder gesundheitswidrigen Umstände des Produk- tionsprozesses, von Vorrichtungen zur Bequemlichkeit des Arbeiters gar nicht zusprechen '91). Nennt Fourier mit Unrecht die Fabriken ,,gemäs- durch seine Arbeit, und vermittelst des Strat'reglements , noch obendrein ,, Schuld- ner" seines erlauchten ,, Master" wird. Erbauliche Züge über den Lohnabzngs- Scharfsinn der Fabrikautokraten lieferte auch die jüngste Baumwollkrise. ,,Icli hatte selbst" , sagt Fabrikinspektor R. Baker, ,, vor kurzem gerichtliche Verfol- gung wider einen Baumwollfabrikanten einzuleiten, weil er in diesen schweren und qualvollen Zeitläuften 10 d. von einigen der von ihm beschäftigten ,, jungen" (mehr als dreizehnjährigen) Arbeiter abzog für das ärztliche Alterscertifikat, das ihm nur 6 d. kostet, und wofür das Gesetz nur einen Abzug von 3 d. , das Her- kommen gar keinen erlaubt . . . Ein andrer Fabrikant, um denselben Zweck ohne Konflikt mit dem Gesetz zu erreichen, belastet jedes der armen Kinder, die für ihn arbeiten , mit einem Shilling als Sportel für Erlernung der Kunst und des Myste- riums zu spinnen, sobald das ärztliche Zeugniss sie reif für diese Beschäftigung er- klärt. Es existiren also Unterströmungen , die man kennen muss , um solche ausserordentliche Phänomene , wie strikeszu Zeiten wie die gegenwärtige (es handelt sich um einen strike in der Fabrikzu Darwen, Juni 18G3, unter den Maschi- nenwebernj zu begreifen." Reports of Insp. of Fact. for 30th April 1863. (Die Fabrikberichte gehn immer weiter als ihr ofticielles Datum.) 19') Im Ersten Kapitel des Dritten Buchs werde ich berichten über einen jüngster Zeit ungehörigen Feldzng der englischen Fabrikanten gegen die Klauseln des Fabrikakts zum Schutz der Gliedmassen der ,, Hände" vor lebensgefährlicher Maschinerie. Hier genüge ein Citat aus einem ofticiellen Bericht des Fabrik- inspektor Leonhard Homer: ,,Ieh habe Fabrikanten mit unentschuldbarer Frivolität von einigen der Unglücksfälle sprechen hören, z. B. der Verlust eines Fingers sei eine Kleinigkeit. Das Leben und die Aussichten eines Arbeiters hängen so sehr von seinen Fingern ab, dass ein solcher Verlust ein ausseiest ernstes Ereig- niss für ihn ist. Wenn ich solch gedankenlos Geschwätz höre, stelle ich die Frage: Unterstellt, Sie brauchten einen zusätzlichen Arbeiter , und ihrer zwei meldeten 419 sigteBagnos" '92j? — Der Knmpf zwischen Kapitalist mid Lohnarbeiter be- ginnt mit dem Kapitalverhältniss selbst, Ertobtfort während der ganzen IVIanufak turperiode '9^). Erst seit der Einführung der Maschinerie bekämpft der Arbeiter das Arbeitsmittel selbst , die materielle E x i - s t e n z w e i s e des Kapitals. Er revoltirt gegen diese bestimmte Form des Produkt ion smittels als die materielle Grundlage der kapi- tal i s t i s c h e n P r o d u k t i o n s w e i s e. Ziemlieh ganz Europa erlebte während des 17. Jahrhunderts Ar- beiterrevolten gegen die s. g. B a n d m ü h I e (auch Schnurmühle oder Mühlenstuhl genannt), eine Maschine zum Weben von Bändern und Bor- ten '9^), Ende des ersten Dritttheils des 17. Jahrhunderts erlag eine sicli , beide in jeder andern Hinsicht gleich tüchtig, aber der Eine ohne Daumen oder Vortinger . welchen würden Sie wählen? Sie zögerten nie einen Augenblick für den Volltingrigen zu entscheiden. . . . Diese Herrn Fabrikanten haben falsche Vorurtheile gegen was sie pseudo- philanthropische Gesetzgebung nennen." („Reports of Insp. of Fact. for 31 st Oct. 1855.") Diese Herrn Fabrikanten sind „gescheidte Leut'" und schwärmten nicht umsonst für die Sklavenhalter-Rebellion ! '^2) In den Fabriken , die am längsten dem Fabrikakt, mit der Zwangsbe- schränkung der Arbeitszeil und seinen sonstigen Regulationen unterworfen sind, sind manche frühere Missstände verschwunden. Die Verbesserung der Maschinerie selbst erheischt auf einem gewissen Punkt eine ,, verbesserte Konstruktion der Fabrikgebäude", die den Arbeitern zu gut kommt, (cf. Reports etc. for .31 st Oct. 1863, p. 109.) '"3) Sieh u. a. : JohnHoughton: ,,Husbandryand Tradeimprov- ed. Lond. 1727", ,,Th e A d van tages of th e E ast In dia Trade 1720", John Bellers 1. c. ,,The masters and the men are unhappily in a perpetual war with each other. The invariable object of the former is to get their work done as cheap as possibly; and they do not fail to employ every artifice to this purpose, whilst the latter are equally attentive to every occasion of distressing their masters into a compliance with higher demands." ,,An Inquiry into the causes of the Present High Prices of Provisions." (Verf. Rev. Mr. Na- thaniel Forster, ganz auf Seite der Arbeiter.) '3') Die Bandmühle ward in Deutsehland erfunden. Der italienische Abbe Lancellotti In einer Schrift, die 1636 zu Venedig erschien, erzählt: ,, Anton Müller aus Danzig habe vor ungefähr 50 Jahren (L. schrieb 1579) eine sehr künst- liche Maschine in Danzig gesehn, die 4 — 6 Gewebe auf einmal verfertigte; weil der Stadtrath aber besorgt habe , diese Erfindung möchte eine Masse Arbeiter zu Bettlern machen . so habe er die Erfindung unterdrückt und den Erfinder heimlich 27 * 4-20 ' Windsägemühle, von einem Holländer in der Nähe Londons angelegt , vor Pöbelexressen. Noch Anlang des 18. Jalirhnnd* its überwanden durch Wassei' getriebne .Sagemaschinen in England nur miilisam den parlaraen- taiisch unterstützten Volkswiderstand. Als Everet 17 öS die erste vom Wasser getriebene Maschine zum WoUscheeren erbaut hatte , wurde sie V(m 100,000 ausser Arbeit gesetzten Menschen in Brand gesteckt. Gegen die scribbling niills und Kardirmaschinen Arkwriglit's petitionirten 50,000 Arbeiter, die bisher vom WoUkrafzen gelebt, beim Pai'lament. Die mas- senhafte Zerstörung von Maschinen in den englischen Manut'aktur- distrikten während der ersten lo Jalire des 19, Jahrhunderts, namentlich in Folge der Ausbeutung des Dampfwebstuhls , bot, unter dem Namen der L u d di t eu b e wegung, der Antijakobiuer -Regierung eines Sid- niouth , Castiereagh u, s, w, den Vorwand zu reaktionärsten Gewalt- schritten, Es bedarf Zeit uud Erfahrung, bevor der Arbeiter die Maschi- nerie von ihrer k a p i t a 1 i s t i s c h e n A n w e n d u n g unterscheiden und eisticken oder ersäufen lassen." In Leyden wurde dieselbe Maschine zuerst 1629 angewandt. Die Erneuten der Bortcnv.irker zwangen den Magistrat erst zu ihrem Verbot; durch verschiedne Verordnungen von 1623, 1639 u. s. w. von Seiten der Generalstaaten sollte ihr Gebranch beschränkt werden , endlich erlaubt, unter ge- wissen Bedingungen, durch Verordnung vom 1.5. December 1661. ,,In hac urbe", sagt Boxhorn (,,Inst. Pol, 1663") von der Einführung der Bandmiihle in Leyden, ,,ante hos viginti circiter annos instrumentum quidam invenerunt texto- linni, quo solus quis plus panni et facilius conficere poterat , quam p In res aequali tempore, Hinc turbae ortae et querulae textorum , tandemque usus hujus instrumenti a magistratu prohibitus est." Dieselbe Maschine ward 1676 in Köln verboten, während ihre Einführung in England gleichzeitige Arbeiterunruheu hervorrief. Durch kaiserliches Edikt vom 19. Februar 1685 wurde ihr Gebrauch in ganz Deutschland untersagt. In Hamburg wurde sie öffentlich auf Befehl des Magistrats verbraunt. Karl VI. erneuerte 9. Februar 1719 das Edikt von 1685 und Chursachsen erlaubte ihren öffentlichen Gebrauch erst 1765. Diese Maschine, die so viel Lärm in der Welt gemacht hat, war in der That Vorläufer der Spinn- und Webmaschinen, also der industriellen Revolution des 18. Jahrhunderts. Sie befähigte einen in der Weberei ganz unerfahrenen Jungen durch blosses Ab- und Zustossen einer Treibstange den ganzen Stuhl mit allen seinen Schützen in Be- wegung zu setzen und lieferte, in ihrer verbesserten Form , 40 — 50 Stück auf einmal. 421 (lalier seine Angriffe vom materiellen Produktionsmittel selbst anf dessen gesellschaftliche Exploitationsf'orm übertrugen lernt ^0^). Die Kämpfe um den Arbeitslohn innerhalb der Manufaktur setzen die Manufaktur voraus und sind keineswegs gegen ihre Existenz gerichtet. So weit die Bildung der Manufakturen bekämpft wird, geschieht es von den Zunftmeistern und privilegirten Städten, nicht von den Lohnarbeitern, Bei Schriftstellern der Manufakiurperiode wird die Theiluiig der Ar- beit daher vorherrschend als Mittel aufgefasst virtuell Arbeiter zu er- setzen, aber nicht wirklich Arbeiter zu verdrängen. Dieser Unterschied ist selbstverständlich. Sagt man z. !>., es würden lüO Millionen Mensoheu in England erheischt sein um mit dem alten Spinnrad die Baumwolle zu verspinnen, die jetzt von 500,000 mit der Maschine versponnen wird, so heisst das natürlich nicht, dass die Maschine den Platz dieser Millionen, die nie existirt haben, einnahm. Es heisst nur, dass viele Millionen Arbeiter erheischt wären, um die Spinn m aschin eri e zu ersetzen. Sagt man dagegen, dass der Dampfwebstuhl in England 800,000 Weber auf das Pflaster warf, so spricht man nicht von existirender Maschinerie, die durch eine bestinmite Arbeiterzahl ersetzt werden müsste, sondern von einer exi- stirenden Aibeiterzahl , die faktisch durch Maschinerie ersetzt oder ver- drängt M orden ist. Während dei- Manufakturperiode blieb der handwerks- mässige Betrieb, wenn auch zerlegt, die Grundlage. Die neuen Kolonialmärkte konnten durch die relativ schwache Anzahl der vom Mittelalter überliefer- ten städtischen Arbeiter nicht befriedigt werden und die eigentlichen Ma- nufakturen öffneten zugleich dem mit Auflösung der Feudalität von Grund und Boden verjagten Landvolke neue Produktionsgebiete. Damals trat also an der Theilung der Arbeit und der Cooperation in den Werkstätten mehr die positive Seite hervor, dass sie beschäftigte Arbeiter produktiver machen '■"'). Cooperation und Kombination der Arbeitsmittel in den Hän- '''•') In altmodisclien Manutnktureii wiederholt sich noch heut zuweilen die rohe Form der .Arbeiteremijüruiig gegen die Maschinciie. • iSo z. B. im Hie grind- ing zu Sheffield 1865. •^6) Sir James Steuart fasst auch die Wirkung der M.ischinerie noch ganz in diesem Sinn. ,,Je considere done les machines conimc des moyens d'augmenter (virtuellement) le nombre des gens industrieux qu'un n'est pas oblige' de nourrir . . . En quoi l'effet d'une machinc diff^re-t-il de celui de nouveaux habitants?" 422 den Weniger rufen, auf die Agrikultur angewandt , zwar grosse , plötzliche und gewaltsame Revolutionen der Produktionsweise und daher der Lebensbedingungen und Beschäftigungsmittel der Landbevölkerung her- vor, die zum Theil der Periode der grossen Industrie lang vorhergehn. Aber dieser Kampf spielt ursprünglich mehr zwischen grossen und kleinen Landeigenthümern als zwischen Kapital und Lohnarbeit ; andrerseits , so- weit Arbeiter durch Arbeitsmittel, Schafe , Pferde u. s. w. verdrängt wer- den, bilden unmittelbare Gewaltakte hier in erster Instanz die Voraus- setzung der industriellen Revolution. Erst werden die Arbeiter vom Grund und Boden verjagt, und dann kommen die Schafe. Der Landdieb- stahl auf grosser Stufenleiter , wie in England , schafft der grossen Agri- kultur erst ihr Auwendungsfeld. In ihren Anfängen hat diese Umwäl- zung der Agrikultur daher mehr den Sciiein einer politischen Re- volution. Als Maschine wird das Arbeitsmittel sofort zum K o n k u r r e n t e n des Arbeiters selbst 1^7^. j^Je Selbstverwerthung des Kapitals durch die Maschine steht im direkten Verhältniss zur Arbeiterzahl , deren Existenz- bedingungen sie vernichtet. Das ganze System der kapitalistischen Pro- duktion beruht darauf, dass der Aibeiter seine Arbeitskraft als Waare ver- kauft. Die Theilung der Arbeit vereinseitigt diese Arbeitskraft zum ganz partikularisirten Geschick ein Theilwerkzeug zu führen. Sobald die Füh- rung des Werkzeugs der Maschine anheimfällt, erlischt mit dem Gebrauchs- werth der Tauschwerth der Arbeitskraft. Der Arbeiter wird unverkäuf- lich, wie ausser Kurs gesetztes Papiergeld.- Der Theil der Arbeiterklasse, den (Fzs. Uebers. t. I, 1. I, eh. XIX.) Viel naiver Petty, der sagt, dass sie die ,,Pol ygami e" ersetze. Dieser Gesichtspunkt passt höchstens für einige Theiie der Ver. Staaten. Dagegen: ,,Machinery can seldom be used with success to abridge the labour of an individual ; more time would be lost in its construction than could be saved by its application. It is only really useful when it acts on great masses , when a single machine can assist the work of thousands. It is accordingly in the most populous countries , where there are most idle men, that it is most abundant . . . ^t is not called into use by a scareity ofmen, but b y the f a c i 1 i t y with w h i c h t h e y can b e b r o u g h t t o work in masses." (Piercy Ravenstone: Thoughts on the Fun ding System and its Effects. Lond. 1824, p. 4.5.) '9') ,,Machinery and Labour are in constant competition." (Ricardo 1. c. p. 479.) 423 die Maschinerie so in überflüssige, d. h. nicht länger zur Selbst- verwerthuug des Kapitals unmittelbar nothwendige Bevölke- rung verwandelt, geht einerseits unter in dem ungleichen Kampf des alten handwerksmässigen und manufakturmässigen Betriebs wider den maschinen- niässigen, übertluthet andrerseits alle leichter zugänglichin Industriezweige, überfüllt den Arbeitsmarkt und senkt daher den Preis der Arbeitskraft unter ihren Werth. Ein grosser Trost für die pauperisirten Arbeiter soll sein, dass ihre Leiden theils nur ,. zeitlich" (,,a temporär}' iuconvenience"J , theils dass die Maschinerie sich nur allmälig eines ganzen Produktionsfelds be- mächtigt , wodurch Umfang und Intensivität ihrer vernichtenden Wirkung gebrochen werde. Der eine Trost schlägt den andern. Wo die Maschine allmälig ein Produktionsfeld ergreift, producirt sie chronisches Eleiul in der mit ihr konkurrirenden Arbeiterschichte. Wo derUebergang rasch, wirkt sie massenhaft und akut. , Die Weltgeschichte bietet kein entsetzlicheres Schau- spiel als den allmäligen, über Decennien verschleppten, endlich 1838 besie- gelten Untergang der englischen Handbaumwollweber. Viele von ihnen star- ben am Hungertod, viele vegetirten lange mit ihren Familien auf 2' o d. t.iglich 1^^). Akut dagegen wirkte die englische Baumwollraaschinerie auf Ostindien, dessen Generalgouverneur 1834 — 35 konstatirte: ,,Das Elend •98) Die Konkurrenz zwischen H.indgeweb und Maschinengeweb wurde in England, vor der Einführung des Armengesetzes von 18.33, dadurch verlängert, dass man die tief unter das Minimum gefallenen Löhne durch Pfarreiunterstützung ergänzte. ,,The Rev. Mr. Turner was in 1827 rector of Wilmstone, in Che- .-hire, a manufacturing district. The questions of the Committee of Emigration, and Mr. Turner's answers show how the competition of human labour is maintained against machinery. Qu estion : ,Has not the use of the power-loom superseded the use of the hand-loom?' Ans wer: ,Undoubtedly ; it would have superseded them mach more than it has done , if the hand-loom weavers were not enabled to submit to a reduction of wages.' Question: ,But in submitting he has accepted wages which are insufficient to Support him, and looks to parochial contribution as the remainder of his Support?' Ans wer: ,Yes , and in fact the competition between the hand-loorn and the power-loom is maintened out of the poor-rates.' Thus degrading pauperism or expatriation , is the benefit which the industrious receive from the iutroduction of machinery, to be reduced from the respectable and in some degree independent mechanic, to the cringing wretch who lives on the debasing bread of charity. This ihey call a temporar y inconvenience." (,,A Prize Essay on the comparative merits of Competition and Cooperation. Lond. 1834", p. 29.) 424 findet kaum eine Parallele in der Geschichte des Handels. Die Kno- cli e n der B a u m w o 1 1 w e b e r bleichen die Ebenen von In- dien." Allerdings, sofern diese Weber das Zeitliche segneten, bereitete ihnen die Maschine nur „zeitliche Missstände". Uebrigens ist die ,,zeit- liche" Wirkung der Maschinerie permanent, indem sie beständig neue Produktionsgebiete ergreift. Die verselbstständigte und entfremdete Gestalt, welche die kapitalistische Produktionsweise überhaupt den Arbeitsbedin- gungen und dem Arbeitsprodukt gegenüber dem Arbeiter giebt , entwickelt sicli also mit der Maschinerie zum vollständigen Gegensatz ^^^). Daher mit ihr zum erstenmal die brutale Revolte des Arbeiters gegen das Arbeits- mittel. Das Arbeitsmittel erschlägt den Arbeiter. Dieser direkte Gegensatz erscheint allerdings am handgreiflichsten, so oft neu eingeführte Maschinerie konkurrirt mit überliefertem Handwerks- oder Manufaktuibetrieb. Aber innerhalb der grossen Industrie selbst wirkt fortwährende Verbesserung der Maschinerie und Entwicklung des automa- tischen Systems analog. ,,Der beständige Zweck verbesserter Maschinerie ist die Handarbeit zu vermindern oder einen Ring in der Produktionskette der Fabrik durch Substitution eiserner für menschliche Apparate zu voll- enden" 200). ,^Die Anwendung von Dampf- und Wasserkraft auf Maschi- nerie, die bisher mit der Hand bewegt wurde, ist das Ereigniss jeden Ta- ges . . . Die kleineren Verbesserungen in der Maschinerie, welche Oekonomie der Bewegungskraft , Verbesserung des Machwerks , verraehi-te Produktion in derselben Zeit oder Verdrängung eines Kindes , eines Frauenzimmers oder eines Mannes bezwecken , sind constant, und obgleich scheinbar 13^) , , The s a m e cause which ma y increase t h e r e v e n ii e o t' t h e c o u n - try (d. h. , wie Ricardo an derselben Stelle erläutert, tlie re venu es of land- lords and capitalists., deren Wealth , ökonomisch betrachtet , überhaupt = Wealth of the Nation) may at the same time r e n d e r t h e p o p u 1 a t i o n redun- dant and deteriorate thecondition of the labourer." (Ricardo 1. c. p. 469.) ,,Der beständige Zweck und die Tendenz jeder Vervollkommnung des Mechanismus ist in der That sich der Arbeit des Menschen ganz zu entschlagen oder ihren Preis zu vermindern durch Substitution von Weiber- und Kinder- arbeit für die der erwachsnen männlichen Arbeiter, oder roher Arbeiter für ge- schickte." (Ure 1. c. t. I, p. 35.) 200) ,,Reports of Insp. of Fact. 31. 0 c t. 1858", p. 43. 425 nicht von grossem Gewicht , habeu sie dennoch wichtige Resultate" "2'*')- „Ueberall, wo eine Operation viel Geschick und eine sichre Hand verlangt, entzieht man sie so schnell als möglich den Armen des zu geschicktea und oft zu Unregelmässigkeiten aller Art geneigten Arbeiters , um einen besondern Mechanismus damit zu betrauen, der so gut geregelt ist, dass ein Kind ihn überwachen kann"-""-). ,,Ini automatischen System wird das Talent des Arbeiters progressiv verdrängt" -*'^). ,,Die Verbesserung der Maschinerie erfordert nicht nur Verminderung in der Anzahl der beschäftigten erwachsnen Arbeiter zur Erzielung eines bestimm- ten Resultats, sondern sie substituirt eine Klasse von Individuen einer an- dern Klasse, eine minder geschickte einer geschickteren , Kinder den Er- wachsnen, Frauen den Männern. Alle diese Wechsel verursachen be- ständige Fluktuationen in d e r R a t e d e s A r b e i t s ! o h n s" ^oij. „Die Maschinerie w i r f t u n a u f h ö r 1 i c h E r w a c h s n e aus d e r F a - brik heraus" 20^). Die ausserordentliche Ela stiel tat des Ma- schinenwesens in Folge gehäufter praktischer Erfahrung , des schon vorhaudnen Umfaugs mechanischer Mittel, und des beständigen Fortschritts der Technologie, zeigte uns sein Sturmmarsch unter dem Druck eines ver- kürzten Arbeitstags. Aber wer hätte 18 60. im Zenithjahr der englischen Baumwollindustrie, die galoppirenden Verbesserungen der Maschinerie und die entsprechende Deplacirung von Handarbiit geahnt, welche die drei fol- genden Jahre unter dem Stachel des amerikanischen Bürger- kriegs hervorriefen? Von den offiziellen Anführungen der englischen Fabrik- inspektoren über diesen Punkt genügen hier ein paar Beispiele. Ein Manchester Fabrikant erklärt: ,, Statt 75 Kardirmaschinen brauchen wir jetzt nur 12, welche dieselbe Quantität von ebenso guter , wenn nicht besserer Qualität liefern . . . Die Ersparung an Arbeitslohn beträgt 10 Pfd. St. wöchent- lich, die an Baumwollabfall 10*^ (,." In einer Manchester Feinspinnerei 201) ,, Reports etc. 31. Oct. 1856", p. 1.5. -"'-) Ure 1. c. t. I, p. 29. ,,Der grosse Vortheil der im Ziegelbacken an- gewandten Maschinerie besteht darin, den Anwender ganz und gar von geschickten Arbeitern unabhängig zu machen." (,,Cb. Empl. Comm. V. Report. Lond, 1866", p. 180, n. 46.) 203) Ure 1. c. p. 30. 20i) 1. c. t. II, p. 67. 20-') 1. C. 42G wurde ,, vermittelst besclileunigter Bewegung und Einführung verschiedner self-acting Prozesse in einem Departement ^1^, in einem über i/., des Ar- beiterpersonals beseitigt , während die Kärammaschine an der Stelle der zweiten Kardirmaschine die Zahl der früher im Kardirraum beschäftigten Hände sehr vermindert liat.'' Eine andre Spinnfabrik schätzt ihre allge- meine Ersparung von „Händen" auf 10"/o. Die Herren Gilmore, Spinner zu Manchester , erklären : ,,Iu unsrem blowing Departement schätzen wir die in Folge neuer Maschinerie gemachte Ersparung an Hän- clen und Arbeitslohn auf ein volles Drittel ... in dem jack frame und draw- iiig frame room ungefähr ^ 3 weniger in Auslage und Händen ; im Spinn- raum ungefähr '/g weniger in Auslage. Aber das ist nicht alles; wenn unser Garn jetzt zum Weber geht , ist es so sehr verbessert durch die An- wendung der neuen Maschinerie , dass sie mehr und besseres Gewebe als mit dem alten Maschinengarn produciren" -^^). Fabrikinspektor A. Redgrave bemerkt hierzu : „Die Verminderung der Arbeiter bei gestei- gerter Pioduktion schreitet rasch vorwärts ; in den Wollfabriken begann kürzlich eine neue Reduktion der Hände , und sie dauert fort ; vor wenigen Tagen sagte mir ein Schulmeister, der bei Rochdale wohnt, die grosse Ab- nahme in den Mädchenschulen sei nicht nur dem Druck der Krise ge- schuldet, sondern auch den Aenderungen in der Maschinerie der Wollfabrik, in Folge deren eine Diirchschnittsreduktion von 70 Halbzeitlern statt- g<'fnnden"207). Die Maschinerie wirkt jedoch nicht nur als übermächtiger Konkur- rent, stets auf dem Sprung den Lohnarbeiter ,,über flüssig" zu machen. 2oß) ,, Reports of Insp. of Fact. 31 st Oct. 1863", p. 108 sqq. 2u") 1. c. p. 109. Die rasche Verbesserung der Maschinerie während der Baumwollkrise erlaubte den englischen Fabrikanten gleich nach Beendigung des amerikanischen Bürgerkriegs im Umsehn den Weltmarkt wieder zu überfüllen. Die Gewebe wurden schon während der letzten 6 Monate von 1866 fast unverkäuf- lich. Damit fing die Konsignation der Waaren nach China und Indieii an , was den ,,glut" natürlich noch intensiver machte. Anfang 1867 nahmen die Fabri- kanten zu ihrem gewöhnlichen Ausfluchtsmittel Zuflucht, Herabsetzung des Arbeits- lohns um 50/0. Die Arbeiter widersetzten sich und erklärten , theoretisch ganz richtig, das einzige Heilmittel sei, kurze Zeit, 4 Tage per Woche , zu arbeiten. Nach längerem Sträuben mussten die selbsternannten Industriekapitäne sich hierzu entschliesseü , an einigen Stellen mit, an andern ohne Lohnherabsetzung um 50/0. 427 Ah ihm feindliche Potenz wird sie laut und tendenziell vom Kapital proklamirt und gehandhabt. Sie wird das machtvollste Kriegs- mittel zur Niederschlagung der periodischen Arbeiteraufstände , strikes u. s. w. wider die Autokratie d e s K a p i t a 1 s '^^s^. Nach G a s k e 1 1 war gleich die Dampfmaschine ein Antagonist der ,, Menschenkraft", der den Kapitalisten befähigte die steigenden Ansprüche der Arbeiter nieder- zuschmettern, die das beginnende Fabriksystem zur Krise zu treiben droh- ten 2"^^). Man könnte eine ganze Geschichte der Erfindungen seit 1830 schreiben , die bloss als Kriegsmittel des Kapitals wider Arbeitereraeuten ins Leben traten. Wir erinnern vor allem an die selfacting mule , weil sie eine neue Epoche des automatischen Systems eröffnet ^lo). Ure sagt von einer Maschine zum Farbendruck in den Kattundruckereien : ,, Endlich suchten sich die Kapitalisten von dieser u n e r t r ä g 1 i c h e n S k 1 a v e r e i (nämlich den ihnen lästigen Kontraktsbedingungen der Arbeiter) zu be- fielen , indem sie die Hilfsquellen der Wissenschaft anriefen , und bald wa- ren sie reintegrirt in ihre legitimen Rechte, die des Kopfes über die andern Körpertheile." Er sagt von einer Erfindung zum Ketten- schlichten , deren unmittelbarer Anlass ein strike: ,,Die Horde der ünzu- friednen, die sich hinter den alten Linien der Theiluug der Arbeit unbesiegbar versclunizt wähnte, sah sich so in die Flanke genommen und ihre Vertheidi- gungsmittel vernichtet durch die moderne Taktik der Maschinisten. Sie mussten sich auf Gnade und Ungnade ergeben." Er sagt von der Erfindung der selfacting mule: ,,Sie Avar berufen die Ordnung unter den industriellen Klassen wieder herzustellen . . . Diese Erfindung bestä- tigt die V o n u n s b e r e i t s e n t w i c k e 1 1 e D o k t r i n , d a s s d a s K a - p i t a 1 , indem es die Wissenschaft in seinen Dienst p r e s s t , stets die rebellische Hand der Industrie zum Gehorsam -'*8) ..Das Verhältniss zwischen Meistern und Händen in den Flint- und Flaschenglas-ßlasereien ist ein chronischer strike." Daher der Aufschwung der Manufaktur des gepressten Glases , wo die Hauptoperationen durch Maschinerie iiusgeführt werden. Eine Firma bei Newcastle , die früher jährlich 350,000 ge- Iihisnes Flintglas producirte , producirt jetzt statt dessen 3,000,500 Pfund ge- presstes Glas. (,,Ch. Empl. Comm. IV. Rep. 1865", p. 262, 263.) 209) Gaskell: ,,The M a n ufa c tu ri n g Population of England. Lond. 1833", p. 3, 4. ■-•o) Einige sehr bedeutende Anwendungen von Maschinen zum Maschinenbau erfand Herr Fairbairn in Folge von strikes in seiner eignen Maschinenfabrik. 428 zwingt" -'O- Obgleich Ure'j; Solirift vor 30 Jahren erschien, also zur Zeit eines relativ noch schwach entwickelten Fabriksystems, bleibt sie der klassische A^u s d r n c k des F a b r i k g e i s t s , nicht nur wegen ihres 0 f f e n h e r z i g e n C y n i s tn ii s , sondern auch wegen der Naivetät, womit er die gedankenlosen Widerspräche des Kapitalhirns ausplaudert. Nach- dem er z. B. die ,, Doktrin" entwickelt, dass das Kapital mit Hilfe der von ihm in Sold genommenen Wissenschaft ..stets die rebellische Hand der In- dustrie zum Gehorsam zwingt", entrüstet er sich darüber, ,,dass man von gewisser Seite die mechanisch-physische Wissenschaft anklagt, sich dem Despotismus reicher Kapitalisten zu leihen imd zum Unterdrückungsmittel der armen Klassen herzugeben." Nachdem er weit und breit gepredigt, wie vortheilliaft rasche Entwicklung der Maschinerie den Arbeitern, warnt er sie, dass sie durch ihre Widersetzlichkeit, Strikes u. s. w., die Ent- wicklung der Maschinerie beschleunigen. ,, Derartige Re- volten", sagt er, ,, zeigen die menschliche Verblendung in ihrem verächt- lichsten Charakter, dem Charakter eines Menschen , der sich zu sei- nem ei g n en Flen ke r macht." Wenige Seiten vorher heisst es um- gekehrt: ,,Ohne die Kollisionen und heftigen Unterbrechungen, verursacht durch die irrigen Ansichten der Arbeiter , hätte sich das Fabrik- s 3^ s t e m n o c h v i e 1 ras c her e n t w i c k e 1 1 und viel nützlicher für alle interessirten Parteien." Dann ruft er wieder aus: ,,Zum Glück für die Bevölkerung der Fabrikstädte Grossbritaniens finden die Verbesserungen in der Mechanik nur allmälig statt." ..Mit Unrecht", sagt er, ,, klagt man die Maschinen an , dass sie den Arbeitslohn der Erwachsnen vermindern, indem sie einen Theil derselben deplaciren , wodurch ihre Anzahl das Be- dürfniss nach Arbeit übersteigt. Aber es findet vermehrte Anwendung der Kinderarbeit statt und der Gewinn der Erwachsnen ist dadurch um so beträchtlicher." Derselbe Trostspender vertheidigt andrerseits die Niedrig- keit der Kinderlöhne damit , dass ,,sie die Aeltern abhalten ihre Kinder zu früh in die Fabriken zu schicken." Sein ganzes Buch ist eine Apo- logie des unbeschränkten Arbeitstags und es erinnert seine liberale Seele an die dunkelsten Zeiten des Mittelalters, wenn die Gesetzgebung verbietet Kinder von 13 Jahren mehr als 12 Stunden per Tag abzurackern. Diess hält ihn nicht ab die Fabrikarbeiter zu einem Danksebet an die Vorsehung '-") Ure 1. c. t. II, p. 14 1, 142, 140 429 aufzufordern , die ilinen durcli die Mascliinerie „die Müsse verschafl't habe über ihre unsterblichen Interessen nachzudenken"-!-). Eine ganze Reihe bürgerliclier Oekonomen, wie James Mill, Mac Cul- loch. Torrens, Senior, J. St. Mill u. s. w., behauptet, dass alle Maschinerie, die Arbeiter verdrängt , stets gleichzeitig und nothwendig ein adäquates Kapital zur Beschäftigung derselben identischen Arbeiter freisetzt -'■'). Alan unterstelle, ein Kapitalist wende 100 Arbeiter an z. B. in einer Tapetenmanufaktnr, den Mann zu 30 Pfd. St. jährlich. Das von ihm jährlich ausgelegte variable Kapital beträgt also 3000 Pfd. St. Er entlasse 50 Arbeiter und beschäftige die übrigbleibenden 50 mit einer Maschinerie, die ihm 1500 Pfd. St. kostet. Der Vereinfachung halber wird von Baulichkeiten, Kolilen ii. s. w. abgesehn. Man nimmt ferner an, das jährlich verzehrte Rohmaterial koste nach wie vor 3000 Pfd. St. ^i^). Ist durch diese Metamorphose irgend ein Kapital „freigesetzt" ? In der alten Betriebsweise bestand die ausgelegte Gesammtsumme von 6000 Pfd. St. halb aus constantem und halb aus variablem Kapital. Sie besteht jetzt aus 4 500 Pfd. St. (3000 Pfd. St. für Rohmaterial und 1500 Pfd. St. für Maschinerie) constantem und 1500 Pfd. St. variablem Kapital. Statt der Hälfte bildet der variable oder in lebendige Arbeitskraft umge- setzte Kapitaltlieil nur noch J ^ des Gesammtkapitals. Statt der Frei- setzung findet hier Bindung von Kapital in einer Form statt, worin es aufhört sich gegen Arbeitskraft auszutauschen, d. h. Verwandlung von variablem in constantes Kapital. Das Kapital von 6000 Pfd. St. kann, unter sonst gleichbleibenden Umständen, jetzt niemals mehr als 50 Arbeiter beschäftigen. Mit jeder Verbesserung der Maschinerie beschäftigt es we- niger. Kostete die neu eingeführte Maschinerie weniger als die Summe der von ihr verdrängten Arbeitskraft und Arbeitswerkzeuge , also z. B. statt 1500 nur 1000 Pfd. St., so würde ein variables Kapital von 1000 Pfd. St. in constantes verwandelt oder gebunden, während ein Kapital von 500 Pfd. St. freigesetzt würde. Letzteres, denselben Jahreslohn uuter- 212) 1. c. und p. 68, 143, 5, 6". 2<3) Ricardo theilte urspriiaglich diese Ansicht, widerrief sie aber später ausdrücklich mit seiner charakteristischen wissenschaftlichen Unbefangenheit und Wahrheitsliebe. Sieh 1. c. eh. XXXI. ,,0n Machine ry". 211) Nb. , ich gebe die Illustration ganz in der Weise der obengenannten Oekonomen. 430 stellt, bildet einen BeschäftignngRfonds für ungefähr 16 Arbeiter, während 50 entlassen sind, ja für viel weniger als 16 Arbeiter, da die 500 Pfd.St. zu ihrer Verwandlung in Kapital wieder zum Theil in constantes Kapital verwandelt werden müssen, also aucli nur zum Theil in Arbeitskraft um- gesetzt werden können. In der That meinen jene Apologeten auch nicht diese Art Freisetzung von Kapital. Sie meinen die Lebensmittel der freigesetzten Arbeiter. Es kann nicht geläiignet werden, dass im obigen Fall z. B. die Maschinerie nicht nur 50 Arbeiter freisetzt und dadurch ,, disponibel" macht, sondern zugleich ihren Zusammenhang mit Lebensmitteln zum Werth von 1500 Pfd. St. aufhebt und so diese Lebensmittel ,, freisetzt". Die einfache und keineswegs neue Thatsache, dass die Maschinerie den Arbeiter von Lebensmitteln freisetzt, lautet also ökono- misch, dass die Maschinerie Lebensmittel für den Arbeiter freisetzt oder in Kapital zu seiner Anwendung verwandelt. Man sieht, es kommt alles auf die Ausdrucksweise an. Nominibus mollire licet mala. Die Lebensmittel zum Betrag von 1500 Pfd. St. standen den ent- lassnen Arbeitern niemals als Kapital gegenüber. Was ihnen als Ka- pital gegenüberstand, waren die jetzt in Maschinerie verwandel- ten 1500 Pfd. St. Näher betrachtet repräsentirten diese 1500 Pfd. St. nur einen Theil der vermittelst der entlassnen 50 Arbeiter jährlich produ- cirten Tapeten, die sie in Geldform statt in natura von ihrem Anwender zum Lohn erhielten. Mit den in 1500 Pfd. St. verwandelten Tapeten kauften sie Lebensmittel zu demselben Betrag, Diese existirteu für sie daher nicht als Kapital, sondern als Waaren, und sie selbst existirten für diese Waaren nicht als Lohnarbeiter, sondern als Käufer. Der Umstand, dass dieMa- schinerie sie von Kaufmitteln ,, freigesetzt" hat, verwandelt sie aus Käufern in Nicht-Käufer. Daher verminderteNachfragefür jene Waaren. Voilä tout. Wird diese verminderte Nachfrage nicht durch vermehrte Nachfrage von an- derer Seite kompensirt, so sinkt der Marktpreis der Waaren. Dauert diess längerund in grössrem Umfange, so erfolgt ein Deplacement der in der Pro- duktion jener Waaren beschäftigten Arbeiter. Ein Theil des Kapitals, das früher nothwendige Lebensmittel produeirte , wird in anderer Form reproducirt. Während des Falls der Marktpreise und des Deplacements von Kapital, werden auch die in der Produktion der nothwendigen Lebens- mittel beschäftigten Arbeiter von einem Theil ihres Lohns ,, freigesetzt". 431 Statt also zu beweisen , dass die Maschinerie durch die Freisetzung der Arbeiter von Lebensmitteln letztre gleichzeitig in Kapital zur Anwendung der erstem verwandelt, beweist der Herr Apologet mit dem probaten Ge- setz von Nachfrage und Zufuhr umgekehrt, dass die Maschinerie nicht nur in dem Produktionszweig, worin sie eingeführt , sondern auch in den Pro- duktionszweigen , worin sie nicht eingeführt wird , Arbeiter aufs Pflaster wirft. ... Ausser der guten Absicht der Vertuschung liegt jener abgeschmack- ten Kompensationstheorie zu Grunde , erstens , dass die Maschinerie früher gebundne Arbeitskraft freisetzt, und falls zuschüssiges Kapital nach Anlage dr an gt , ihm mit der disponiblen Arbeitskraft gleich- zeitig disponibel gemachte Lebensmittel zur Verfügung stellt. Aber die Maschinerie deplacirt nicht nur die zunächst ,, überzählig" gcnuachten, sondern zugleich den neuen Menschenstrom , der jedem Industriezweig sein Kontingent zum regelmässigen Ersatz und Wachsthum liefert. Diese Er- satzmannschaft wird neu vertheilt und in andern Arbeitszweigen absorbirt, während die ursprünglichen Opfer grossentheils in der Ue bergan g s- periode verkommen und verkümmern. Zudem ist ihre Arbeitskraft durch die Theilung der Arbeit so vereinseitigt, dass sie nur in wenigen und daher beständig überfüllten niedrigen Arbeitszweigen Zugang finden-'-^). Zweitens aber wird die unzweifelhafte Thatsache ausgesprochen, dass d i e Maschinerie an sich nicht verantwortlich ist für die „Freisetzung" der Arbeiter von Lebensmitteln. Sie verwohlfeilert und vermehrt das Produkt in dem Zweig, den sie ergreift, und lässt die in andern Industrie- zweigen producirte Lebensmittel-Masse zunächst unverändert. Nach wie vor ihrer Einführung besitzt die Geseilschaft also gleichviel oder mehr Lebensmittel für die deplacirten Arbeiter, ganz abgesehen von dem ■■^'^) Ein Ricai'dianer bemerkt hierüber gegen die Fadaisen J. B. Say's: ,,Bei entwickelter Theilung der Arbeit ist das Geschick der Arbeiter nur in dem besondern Zweig anwendbar , worin sie aufgebracht wurden; sie selbst sind eine Art von Maschinen. Es hilft daher absolut nichts papageimässig zu plai>pern, dass die Dinge eine Tendenz haben, ihr Niveau zu finden. Wir müssen um uns schauen und sehn , da>s sie für lange Zeit ihr Niveau nicht finden können; dass wenn sie es finden, das Niveau niedriger steht als beim Aus- gang des Prozesses. " (,,An Inquiry into those Principles respecting t h e N a t u r e o f D e m a n d etc. L o n d. 1 82 1 • • , p. 72. ) 432 ■enormen Theil des jährliclien Produkts , der von Nichtarbeitern vergeudet wird, und diess ist die Pointe der ökonomistischen Apologetik ! Die von der kapitalistischen Anwendung derMaschinerie untrennbaren Widersprüche und Antagonismen existiren nicht, weil sie nicht aus der Maschinerie selbst erwachsen, sondern aus ihrer kapi- talistischen Anwendungl Da also die Maschinerie an sich betrachtet die Arbeitszeit verkürzt, während sie kapitalistisch angewandt den Arbeits- tag verlängert, au sich die Arbeit erleichtert, kapitalistisch angewandt ihre Intensivität steigert, an .sich ein Sieg des Menschen über die Naturkraft ist, kapitalistisch angewandt den Menschen durch die Naturkraft unterjocht, an sich den Reichthum des Producenten vermehrt, kapitalistisch angewandt ihn verpaupert u. s. w., erklärt der bürgerUche Oekonom einfach, das An- s i c h b e t r a c h t e n der Maschinerie beweise haarscharf, dass alle jene handgreiflichen Widersprüche blosser Schein der gemeinen Wirklichkeit, aber an sich, also auch in der Theorie, gar nicht vorhanden sind. Er spart sich so alles weitere Kopfbrechen und bürdet seinem Gegner obendrein die Dummheit auf , nicht die kapitalistische Anwen- dung derMaschinerie zu bekämpfen, sondern die Maschinerie .selbst2i6). Da jedes Maschinenprodukt, z. B. eine Elle Maschinengeweb, wohl- feiler ist als das von ihm verdrängte gleichartige Handprodukt , folgt als absolutes Gesetz : Bleibt das G e s a m m t q u a n t u m des maschinen- mässig producirten Artikels gleich dem Gesam m tqu an t um des von ihm ersetzten handwerks- oder manufakturmässig producirten Artikels, s 0 v e r m i n d e r t sich d i e G e s a m m t s u m m e d e r a n g e w a n d t e u Arbeit. Die etwa zur Produktion der Arbeitsmittel selbst, der Maschi- nerie, Kohle u. s. w. , erheischte Arbeitszunahme muss kleiner sein 216) Ein Virtuose in diesem anmasslichen Cretinismus ist u. a. Mac Cul- loch. ,,Wenn es vortheiihaft ist", sagt er z. B. mit der affektirten Naivetät eines Kindes von 8 Jahren, ,,das Geschick des Arbeiters mehr und mehr zu entwickeln, so dass er fähig wird ein stets wachsendes Waarenquantum mit demselben oder geringerem Arbeitsquantum zu produciren, so muss es auch vortheiihaft sein, dass er sich solcher Maschinerie zu seinem Beistande bediene als ihn am wirksamsten in der Erreichung dieses Resultats unterstützt." (Mac Culloch: ,,Princ. of Pol. Econ. Lon d. 1830", p. 166.) 433 als die durch Anwendung der Maschineric bewirkte Arbei tsabnah m e. Das Maschinenprodukt wäre sonst eben so theuer oder tlieurcr als das Handprodukt. Statt aber gleich zu bleiben , wächst thatsächlich die Ge- saramtiriasse des von einer verminderten Ar heiter an zahl pro- ducirten Maschinenartikels weit über die Gesamratmasse des verdrängten Handvierksartikels. Gesetzt 400,000 Ellen Maschinengeweb würden von weniger Arbeitern producirt als 100,000 Ellen Handgeweb. In dem ver- vierfachten Produkt steckt viermal mehr Rohmaterial. Die Produktion des Rolmiaterials muss also vervierfticht werden. Was aber die verzehr- ten Arbeitsmittel , wie Baulichkeiten , Kohlen , Maschinen u. s. w. betrifft, so ändert sich die Grenze, innerhalb deren die zu ihrer Produktion er- heischte zusätzliche Arbeit wachsen kann , mit der Differenz zwischen der Masse des Maschinenprodukts und der Masse des von der- selben Arbeiterzahl herstellbaren Handprodukts. Mit der Ausdehnung des Maschinenbetriebs in einem -Industriezweig steigert sich also zunächst die Produktion in den andern Zweigen, die ihm seine Produktionsmittel liefern. Wie weit dadurch die beschäftigte Arbei- termasse wächst , hängt , Länge des Arbeitstags und Intensivität der Ar- beit gegeben, von der Zusammensetzung der verwandten Kapitale ab, d.h. vom Verhältniss ihrer constanten und variablen Bestandtheile. Diess Verhältniss seinerseits variirt sehr mit dem Umfang, worin die Maschinerie jene Gewerbe selbst schon ergriffen hat oder ergreift. Die Anzahl zu Kohlen- und Metallbergwerken verurtheilter Menschen schwoll ungeheuer mit dem Fortschritt des englischen Maschinenwesens, obgleich ihr Anwachs in den letzten Deceunien durch Gebrauch neuer Maschinerie für den Berg- bau verlangsamt wird 2i7). Eine neue Arbeiterart springt mit der Maschine ins Leben, ihr Produceut. Wir wissen bereits, dass der Maschinenbetrieb sich dieses Produktionszweigs selbst auf stets massenhafterer Stufenleiter be- 21') Nachdem Ccnsus von 1861 (Vol. II. Lond. 18G3) betrug die Zaiil der in den Kohlenbergwerken von England und Wales beschäftigten Arbeiter 24(;,C1.'3, wovon 73,540 unter und 173,007 über 20 Jahre. Zur ersten Rubrik gehören 835 fünf- bis zehnjährige, 30,701 zehn- bis fünfzehnjährige, 42,010 fünf- zehn- bis neunzehnjährige. Die Zahl der in Eisen-, Kujjfer-, Blei-, Zinn- und allen andern Mctallniinen Beschäftigten: 319,222. 1. 28 434 raächtigt^^^). Was ferner das Rolimaterial betrifft ^iS), so unterliegt es z. B. keinem Zweifel , dass der Sturmnuirsch der Baumwollspinnerei den Baumwollbau der Vereinigten Staaten und mit ihm nicht nur den afrika- nischen Sklavenhandel treibhausmässig förderte, sondern zugleich die Negerzucht zum Hauptgeschäft der sogenannten Border slaves states machte. Als 1790 der erste Sklavenceusus in den Vereinigten Staaten aufgenommen ward , betrug ihre Zaiil 697,000 , dagegen 1861 ungefähr vier Millionen. Andrerseits ist es nicht minder gewiss, dass das Auf- blühen der mechanischen Wollfabrik mit der progressiven Verwandlung von Ackerland in Schafweide die massenhafte Verjagung und ,,Ueber- zähligmachung" der Landarbeiter hervorrief. Irland untergeht noch in diesem Augenblick den Prozess, seine seit 20 Jahren beinahe um die Hälfte verkürzte Bevölkerung noch weiter auf das dem Bedürfniss seiner Landlords und der englischen Herrn Wollfabrikanten exakt entsprechende Mass zu reduciren. Ergreift die Maschinerie eine Vor- oder Zwischenstufe des Gesammt- cursus, den ein Arbeitsgegenstand bis zu seiner letzten Form zu durch- laufen hat , so vermehrt sich mit dem Arbeitsmaterial die Arbeitsnachfrage in den noch handwerks- oder manufakturmässig betriebnen Gewerken, welche das Maschineufabrikat weiter formen. Die Maschinenspinnerei z. B. lieferte das Garn so wohlfeil und so reichlich, dass die Handweber zu- nächst, ohne vermehrte Auslage, volle Zeit arbeiten konnten. So stieg ihr Einkommen --^). Daher Menschenzufluss in die Baumwollweberei , bis 218) In England und Wales 1861 in der Produktion von Maschinerie beschäf- tigt: 60,8o7 Personen, eingezählt die Fabrikanten, sammt ihren Commis u. s. w., ditto alle Agenten und Handelsleute in diesem Fach. Ausgeschlossen dagegen die Producenteu kleinerer Maschinen , wie Nähmaschinen u. s. w. , ebenso die Produ- centen der Werkzeuge für die Arbeitsmaschinen , wie Spindeln u. s. w. Zahl sämmtlicher Civilingenieure betrug 3329. 2'ä) Da Eisen einer der wichtigsten Rohstoffe, so sei hier bemerkt, dass 1861 in England und Wales 125,771 Eisengiesser , wovon 123,430 männlich, 2341 weib- lich. Von den erstem 30,810 unter und 92,620 über 20 Jahre. -'•^") ,,Eine Familie von 4 erwachsnen Personen (Baumwollwebern) mit zwei Kindern als vvindcrs gewann Ende des letzten und Anfang des gegenwärtigen Jahr- hunderts 4 Pfd. St. per Woche bei lOstündiger Tagesarbeit ; war die Arbeit sehr dringend , so konnten sie mehr verdienen . . . Früher hatten sie immer gelitten von mangelnder Garnzufuhr." (Gas kell 1. c. p. 25 — 27.) * 435 scliliesslich die von Jenny, Throstle und Mule in England z. B. ins Leben gerufenen 800,000 Baumwollweber wieder vom Danijjfwebstulil er- sclilagen wurden. So wäelist mit dem Ueberfluss der maschinenmässig pro- dutirten KleidungsstofFe die Zahl der Schneider, Kleidermacherinnen, Nähterinnen u. s. w,, bis die Nähmaschine erscheint. Entsprechend der steigenden Masse von Rohstoffen , Halbfabrikaten, Arbeitsinstrumenten u. s. w., die der Maschinenbetrieb mit relativ geringer Arbeiterzahl liefert, differenzirt sich die Bearbeitung dieser Rohstoffe und Halbfabrikate in zahllose Unterarten , also die Mannigfaltigkeit der gesellschaftlichen Produktionszweige. Der Maschinenbetrieb vermehrt die gesellschaftliche Theilung der Arbeit weit mehr als die Manufaktur, weil er die Produktivkraft der von ihm ergriffenen Gewerbe ungleich höher spannt. Das nächste Resultat der Maschinerie ist den Mehrwerth und zu- gleich die Produktenmasse , worin er sich darstellt , also mit der Substanz, wovon die Kapitalistenklasse sammt Anhang zehrt, diese Gesellschafts- schichten selbst zu vergrössern. Ihr wachsender Reichthum und die relativ beständig fallende Anzahl der zur Produktion der ersten Lebensmittel er- heischten Arbeiter, erzeugen mit neuem Lüxusbedürfniss zugleich neue Mittel seiner Befriedigung. Ein grösserer Theil des gesellschaftlichen Pro- dukts verwandelt sich in Surplusprodukt und ein grösserer Theil des Sur- plusprodukts wird in verfeinerten und vermannigfachten Formen repro- ducirt und verzehrt. In andern Worten: Die Luxusproduktion wächst -2*). Die Verfeinerung und Vermannigfachung der Produkte ent- springt ebenso aus den neuen weltmarktlichen Beziehungen , welche die grosse Industrie schafft. Es werden nicht nur mehr ausländische Genuss- mittel gegen das heimische Produkt ausgetauscht, sondern es geht auch eine grössere Masse fremder Rohstoffe, Ingredienzen, Halbfabrikate u. s. w. als Produktionsmittel in die heimische Industrie ein. Mit denselben welt- raarktlichen Beziehungen steigt die Arbeitsnachfrage in der Transport- industrie und spaltet sich letztere in zahlreiche neue Unterarten ''^'^). 2-*) F. Engels in ,,Lage u. s. w. " weist den jämmerlichen Zustand eines grossen Theils grade dieser Luxusarbeiter nacli. Masscnhalte neue Belege hierzu in den Berichten der ,,Child. Empl. Co mm." -") 18G1 in England und Wales 94,CC5 in der Handelsmarine beschäftigte Seeleute. 28* — 436 Die Vermehrmig von Prodnktions- untl Lebensmitteln durcli relativ ab- nehmende Ai'beiterzahl treibt zur Ausdehnung der Arbeit in Industrie- zweigen , deren Produkte , wie Kanäle , Waarendoeks , Tunnels , Brücken u. s. w. nur in fernerer Zukunft Früchte tragen. Es bilden sich , ent- weder direkt auf der Grundlage der Maschinerie, oder doch der ihr ent- sprechenden allgemeinen industriellen Umwälzung, ganz neue Produktions- zweige und dalier neue Arbeitsfelder. Ihr Raumantheil an der Gesammt- produktion ist jedoch selbst in den meist entwickelten Ländern keineswegs bedeutend. Die Anzahl der von ihnen beschäftigten Arbeiter steigt im direkten Verhältniss, worin die Nothwendigkeit rohster Handarbeit reproducirt wird. Als Hauptindustrieen dieser Art kann man gegenwärtig Gaswerke , Tele- graphie, Photographie, Dampfschift'fahrt und Eisenbahnwesen betrachten. Der Census von 1861 (für England und Wales) ergiebt in der Gasin- dustrie (Gaswerke, Produktion der mechanischen Apparate, Agenten der Gascompagnien u. s. w.) 15,211 Personen, Telegraph ie 2399, Photographie 2366, Dampfschiffdienst 3570 und Eisen- bahnen 70,599, worunter ungefähr 28,000 mehr oder minder perma- nent beschäftigte ,, ungeschickte" Erdarbeiter nebst dem ganzen admini- strativen und kommerciellen Personal. Also Gesammtzahl der Individuen in diesen fünf neuen Industrieen 94,145. Endlich erlaubt die ausserordentlich erhöhte Produktivkraft in den Sphären der grossen Industrie, begleitet, wie sie ist, von intensiv und extensiv gesteigerter Ausbeutiuig der Arbeitskraft in allen übrigen Produktions- sphären, einen stets grösseren Theil der Arbeiterklasse unproduktiv zu verwenden und so namentlich die alten H a u s s k 1 a v e n unter dem Namen der „dienenden Klasse", wie Bediente, Mägde, Lakaien u.s. w., stets massenhafter zu reproducireu. Nach dem Census von 1861 zählte die Gesammtbevölkerung von England und Wales 20,066,244 Personen, wo- von 9,776,259 männlich und 10,289,965 weiblich. Zieht man hiervon ab, was zu alt oder zu jung zur Arbeit, alle „unproduktiven" Weiber, jungen Personen und Kinder, dann die „ideologischen" Stände , wie Re- gierung, Pfotfen, Juristen, Militär u. s. w., ferner alle, deren ausschliess- liches Geschäft der Verzehr fremder Arbeit in der Form von Grundrente, Zins u. s. w., endlich Paupers, Vagabunden, Verbrecher u. s. w., so bleiben in rauher Zahl 8 Millionen beiderlei Geschlechts und der verschiedensten Altersstufen, mit Einschluss sämmtlicher irgendwie in der Produktion, dem 437 Handel , der Finanz u. s. w. fuuktionirenden Kapitalisten. Von diesen 8 Millionen koainien auf: Ac k c r l)ii u ;ir b 0 i t er (luit Einsi'liliiss der Hirten und bei Pilchterii wohnenden Ackerskneehtc nad Mägdo) 1,098,261 Personen. Alle in BaumwoU - , Woll-, Worsted-, Flachs-, Hanf-, Seide-, Jutefabriken und in der mecha- nischen StrumplVirkerei und Spitzenfabrika- tion Besehiiftigten 642,607 --3) ,, Alle in Kohlen- und Metallbergworken Beschäf- tigten 565,835 ,, In sännntlichca Metaihverken (Huehüfen , Walz- werke u. s. w.) und Metalhnanufakturen aller Art Beschäftigte 396,998 -'-■') ,, Dienende Klasse 1,208,648—5) ^^ Rechnen wir die in allen textilen Fabriken Beschäftigten zusammen mit dem Personal der Kohlen- und Metallbergwerke, so erhalten wir 1,208,442; rechnen wir sie zusammen mit dem Personal aller Metall- Werke und Manufakturen, so die Gesammtzahl 1,039,605, beidemal kleiner als die Zahl der modernen Haussklaven. Welch erhebendes Re- sultat der kapitalistisch exploitirten Maschinerie! Alle zurechnungsfähigen Repräsentanten der politischen Oekonomie geben zu, dass neue Einführung der Maschinerie pestartig wirkt auf die Arbei- ter in den überlieferten Handwerken und Manufakturen, womit sie zunächst konkurrirt. Fast alle beächzen die Sklaverei des Fabrikarbeiters. Und was ist der grosse Trumpf , den alle ausspielen? Dass die Maschinerie, nach der Tortur , wovon ihre Einführung und ihre Entwicklung begleitet sind , die Arbeitssklaven in letzter Instanz vermehrt, statt sie schliesslich zu vermindern! Ja, die politische Oekonomie jubelt sich aus in dem abscheulichen Theorem , abscheulich für jeden ,, Philan- throp", der an die ewige Naturnothwendigkeit der kapitalistischen Produk- tionsweise glaubt , dass selbst die bereits auf Maschinenbetrieb begründete Fabrik, nach bestimmter Periode des Wachsthuras, nach kürzerer oder --■■') Davon nur 177,596 männlichen Geschlechts über 13 Jahre. 2'-') Davon weiblichen Geschlechts 30,501. -'•^■"') Davon männlichen Geschlechts: 137,447. Ausgeschlossen von den 1,208,648 alles Personal, das nicht in Privathäusern dient. _ 438 längerer ,,Ueber gaugszeit", mehr Arbeiter abplackt als sie ursprnng- licli aufs Pflaster warf 226^; Zwar zeigte sich schon an einigen Beispielen , z. B. den englischen Worsted- und Seidenfabriken , dass auf einem gewisseii Entwicklungsgrad ausserordentliche Ausdehnung von Fabrikzweigen mit nicht nur rela- tiver, sondern absoluter Abnahme der angewandten Ar- bo i t e r a n z a h I verbunden sein kann. Im Jahr 1 8 6 0 , als ein Special- census aller Fabriken des Vereinigten Königreichs auf Befehl des Parla- ments aufgenommen ward, zählte die dem Fabrikinspektor R. Baker zugewiesne Abtheilung der Fabrikdistrikte von Lancashirc , Cheshire und Yorkshire 652 Fabriken; von diesen enthielten 570: Dampf Webstühle 85,622, Spindeln (mit Ausschluss der Dubhrspindeln) 6,819,146, Pferdekraft in Dampfmaschinen 27,439, in Wasserrädern 1390, be- schäftigte Personen 94,119. Im Jahr 186 5 dagegen enthielten die- selben Fabriken: Webstühle 95,163, Spindeln 7,025,031, Pferdekraft in Dampfmaschinen 28,925, in Wasserrädern 1445, be- schäftigte Personen 88,913. Von 1860 bis 1865 betrug also die Zu- 226) Ganilh betrachtet dagegen als Schluss- Resultat des Maschinenbetriebs absolut verminderte Anzahl der Arbeitssklaven , auf deren Kosten dann eine ver- mehrte Anzahl der ,,gens honnetes" zehrt und ihre bekannte ,,pertectibilite per- fectible" entwickelt. So wenig er die Bewegung der Produktion versteht , fühlt er wenigstens , dass die Maschinerie , wenn sie nur dazu dient, erstens durch ihre Einführung beschäftigte Arbeiter in Paupers zu verwandeln und zweitens durch ihreEntwicklung mehr Arbeitssklaven zu reproduciren, als sie erschlagen hat, eine sehr fatale Institution ist. Den Cretinismus seines eignen Standpunkts kann man nur in seinen eignen Worten ausdrücken: ,,Les classes condamnees a produire et a consommer diminuent, et les classes qui dirigentletravail, qui soulagent, consolent et eclairent toute la population, se multiplient ... et s ' a p p r o - prienttous les bienfaits qui resultent dela diminution des frais du travail, de l'abondance des productiöns et du bon marche des consommations. Dans cette direction , l'espece humaine s'eleve aux plus hautes conceptions du genie , penetre dans les profondeurs mysterieuses de la religion , etablit les p rincip es salu ta i r e s de 1 a m orale (die darin besteht de ,,s 'appr oprie r tous les bienfaits etc."), les lois tute'laires de la liberte (der liberte pour ,,les classes condamnees ä produire" ?) et du pouvoir, de l'obeissance et de la justice, du devoir et de l'humanite." Diess Kauderwelsch in: ,,Des Systemes d'Economie Politique etc. Par M. Ch. Ganilh". 2eme ed. Paris 1821, t. II, p. 224. cf. ib. p. 212. 439 11 ahme dieser Fabriken an Dampfwebstülilen ll^/o, :in Spindeln ö*^|^)■, an Danipfpferdekraft 5'Yo? wälirend gleiciizeitig die Zald der b(!BeIiäftigten Personen um 5,5"/,, abn all m --7). Zwischen 1852 und 18()2 fand be- träclitliclies Waclisthuni der englischen Wollfabrikation statt, wäh- rend die Zahl der angewandten Arbeiter beinahe stationär blieb. „Diess zeigt, in wie grossem Masse neu eingefiilirte Maschinerie die Arbeit vor- hergehender Perioden verdrängt hatte" ~~^). In empirisch gegebnen Fällen ist die Zunahme der bescliäftigten Fabrikarbeiter oft nur schein- bar, d. h. nicht der Ausdehnung der bereits auf Maschinenbetrieb be- ruhenden Fabrik geschuldet, sondern der allmäligen Annexation von Neben- zweigen. Z. B. ,,die Zunahme der mechanischen Webstühle und der durch sie beschäftigten Fabrikarbeiter von 1838 — 1858 war in der (britischen) Baumwollfabrik einfach der Ausdehnung dieses Geschäftszweigs geschuldet; in den andern Fabriken dagegen der Neuanwendung von Dampf kraft auf den Teppich-, Band-, Leinenwebstuhl u. s. w. , die vorher durch menschliche Muskelkraft ge- trieben wurden" -2^). Die Zunahme dieser Fabrikarbeiter war also nur der Ausdruck einer iVbnahme in der Gesammtzahl der beschäftigten Ar- beiter. Es wird hier endlich ganz davon abgesehen, dass überall, mit Ausnahme der Metallfabriken, jugendliche Arbeiter (unter 1 8 Jahren), Weiber und Kinder das weit vorwiegende Element des Fabrikpersonals bilden. Man begreift jedoch, trotz der vom Mascliinenbetrieb faktisch ver- drängten und virtuell ersetzten Arbeitermasse, wie mit seinem eignen W a c h s t h u m , ausgedrückt in vermehrter Anzahl von Fabriken dersel- ben Art oder den erweiterten Dimensionen vurhandner Fabriken , die Fa- brikarbeiter schliesslich zahlreicher sein können als die von ihnen ver- drängten Manufakturarbeiter oder Handwerker. Das wöchentlich ange- wandte Kapital von 500 Pfd. St. bestehe z. B. in der alten Betriebsweise aus "-^/g coustantem und ^^g variablem Bestaudtheil , d. h. 200 Pfd. St. seien in Produktionsmitteln ausgelegt, 300 Pfd. St. in Arbeitskraft, sage 2-'') ,, Reports oflnsp. ofFiict. 31 st Oct. 1865", p. 58 sq. Gleich- zeitig war aber auch schon die materielle Grundlage für Beschäftigung einer wach- senden Arbeiterzahl gegeben in 110 neuen Fabriken mit 11,625 Dampfweb- stühlen, 628,756 Spindeln, 2695 Dampf- und Wasscr-Pfcrdekraft. (1. c.) ^'-'*) ,, Reports etc. forSlstOct. 1862", p. 79. 2-'J) ,, Reports etc. forSlstOct. 1856", p. 16. 440 1 Pfd. St. per Albeiter. Mit dem Maschinenbetrieb verwandelt sicli die Zusammensetzung des Gesammtkapitals. Es zerfällt jetzt z. B. in Vs Constanten und 1/5 variablen Bestaudtheil, oder es werden nur noch 100 Pfd. St. in Arbeitskraft ausgelegt. Zwei Drittel der früher beschäftigten Arbeiter werden also entlassen. Dehnt sich dieser Fabrikbetrieb aus und wächst , bei sonst gleichbleibenden Produktionsbedingungen , das ange- wandte Gesammtkapital von 500 auf 1500, so werden jetzt 300 Arbeiter beschäftigt , so viele wie vor der industriellen Revolution. Wächst das angewandte Kapital weiter auf 2000, so werden 400 Arbeiter beschäf- tigt, also '/s mehr als mit der alten Betriebsweise. Absolut ist die an- gewandte Arbeiterzahl um 100 gestiegen, relativ, d. h. im Verhältnis« zum vorgescbossnen Gesammtkapital, ist sie um 800 gefallen, denn das Kapital von 2000 Pfd. St. hätte in der alten Betriebsweise 1200 statt 400 Arbeiter beschäftigt. Relative Abnahme der beschäftigten Ar- beiterzahl verträgt sich also mit ihrer absoluten Zunahme. Es wurde oben angenommen , dass mit dem Wachsthum des Gesammtkapitals seine Zusammensetzung constant bleibt, weil die Produktionsbedingungen. Man weiss aber bereits, dass mit jedem Fortschritt des Maschinenwesens der constante, aus Maschinerie , Rohmaterial u. s. w. bestehende Kapital- theil wächst, während der variable, in Arbeitskraft ausgelegte fällt, und man weiss zugleich, dass in keiner Betriebsweise die Verbesserung so con- stant, daher die Zusammensetzung des Gesammtkapitals so variabel ist. Dieser beständige Wechsel ist aber ebenso beständig unterbrochen durch Ruhepunkte und bloss quantitative Ausdehnung auf gegebner tech- nologischer Grundlage. Damit wächst die Anzahl der beschäftigten Ar- beiter. So betrug die Anzahl aller Arbeiter in den Baurawoll-, Woll-, Worsted-, Flachs- und Seidenfabriken des Vereinigten Königreichs 18 3 5 nur 354,684, während 18 6 1 allein die Zahl der Dampfweber (beiderlei Ge- schlechts und der verschiedensten Altersstufen vom 8. Jahr an) 230,654 betrug. Allerdings erscheint diess Wachsthum minder gross, wenn man erwägt, dass die britischen Handbaumwollweber mit den von ihnen selbst beschäftigten Familien 1838 noch 800,000 zählten ^^Oj ^ gaji2 abgesehn von den in Asien und auf dem europäischen Kontinent Deplacirten. 230) ,,Die Leiden der Handweber (von Baumwolle und mit Baumwolle ge- mischten StoÖ'en) waren Gegenstand der Untersuchung durch eine königi. Kom- 441 Im (Ich wenigen Boiii('rkiin5i,en, {li«3 über diesen Punkt noch zu maclien, berühren wir zum Theil rein thMtsäch 1 ich , so zu s.-igen exote- risch, Verhältnisse, wozu unsre theoretische Darstellung," selbst noch niclit geführt hat. So lange sich der JMaschineubetrieb in einem Industriezweig auf Kosten des überlieferten Handwerks oder der Manufaktur ausdehnt , sind seine Erfolge so sicher, wie etwa der Erfolg einer mit dem Zündnadelge- \Vehr bewafliieten Armee gegen eine Armee von Bogenschützen wäre. Diese erste Periode^, worin die Maschine erst ihren Wirkungskreis erobert, ist entscheidend wichtig wegen der ausserordentlichen Profite, die sie pro- duciren hilft. Diese bilden nicht nur an nnd für sich eine Quelle beschleu- nigter Akkumulation , sondern ziehn grossen Theil des beständig nenge- bildeten und nach neuer Anlage drängenden gesellschaftlichen Zusatzkapi- tals in die begünstigte Produktionssphäre. Die besondern Vortheile der ersten Sturm - und Drangperiode wiederholen sich beständig in den Pro- duktionszweigen, worin die Maschinerie neu eingeführt wird. Sobald aber das Fabrikwesen eine gewisse Breite des Daseins und bestimmten Reifegrad gewonnen hat, sobald namentlich seine eigne technologische Grundlage, die Maschinerie, selbst wieder durch Maschinen producirt wird, sobald Kohlen- und Eisengewinnung, wie die Verarbeitung der Metalle und das Transportwesen revolutionirt , überhaupt die der grossen Industrie entsprechenden allgemeinen Produktionsbedingungen hergestellt sind , er- wirbt diese Betriebsweise eine E 1 a s t i c i t ä t , eine plötzliche sprung- weise A u s d e h n u n g s f ä h i g k e i t , die nur an dem Rohmaterial und dein Absatzmarkt Schranken tiiidet. Die Maschinerie bewirkt einerseits direkte Vermehrung des Rohmaterials, wie z. B. der cotton gin die Baum- wollproduktion vermehrte -^ij. Andrerseits sind Wohlfeilheit des Maschi- nenprodukts und das umgewälzte Transport- und Kommunikationsvvesen Wallen zur Eroberung fremder Märkte. Durch den Ruin ihres handwerks- mission , aber obgleich ihr Klend anerkannt und bejammert wurde , überliess man die Verbesserung (!) ihrer Lage dem Zufall und dem Wechsel der Zeit, und mau darf horten, dass diese Leiden jetzt (20 Jahre später!) beinahe (nearly) ver- wischt sind, wozu die jetzige grosso Ausdehnung der üainpfwebstühlc aller Wahr- scheinlichkeit nach beigetragen hat." (1. c. p. 15.) -31) Andre Methoden , wodurch die Maschinerie auf die Produktion des Roh- materials einwirkt, werden im Dritten Buch erwähnt. 442 — massigen Produkts verwandelt der Maschinenbetrieb sie zwangsweise in Produktionsfelder seines Rohmaterials. So wurde Ostindien zur Produk- tion von Baumwolle, Wolle, Hanf, Jute, Indigo u. s. w. für Grossbritanien gezwungen 232). Die beständige ,,Ueberzähligmachung" der Arbeiterin den Ländern der grossen Industrie befördert treibhausmässige Auswande- rung und Kolonisation fremder Länder , die sich in Pflanzstätten für das Rohmaterial des Mutterlands verwandeln , wie Australien z. B. in eine Pflanzstätte von Wolle ^33). £§ wird eine neue , den Hauptsitzen des Ma- schinenbetriebs entsprechende internationale Theilung der Arbeit ge- schaffen , die einen Theil des Erdballs in vorzugsweis agrikoles Produk- tionsfeld für den andern als vorzugsweis industrielles Produktionsfeld umwandelt. Diese Revolution hängt zusammen mit Umwälzungen in der Agrikultur, die hier noch nicht weiter zu erörtern sind -34). 232) Baumwollausfuhr von Ostindien nach Grossbritanien. 184 6 Ibs. 34,540,143. ' 1 860 Ibs. 204,141,168. 1 865 Ibs. 445,947,600. W o 1 1 a u s f u h r von Ostindien nach Grossbritanien. 184 6 Ibs. 4,570,581. 1 8 60 Ibs. 20,214,173. 1863 Ibs. 20,679,111. 233) Wollaus fuhr vom Kap der guten Hoffnung nach Gross- britanien. 184 6 Ibs. 2,958,457. 18 60 Ibs. 16,574,345. 186 5 Ibs. 29,220,623. Wüll ausfuhr von Australien nach Grossbritanien. 184 6 Ibs. 21,789,346. 1860 Ibs. 59,166,616. 18 6 5 Ibs. 109,734,261. -3'|) Die ökonomische Entwicklung der Vereinigten Staaten ist selbst ein Produkt der europäischen, näher englischen grossen Industrie. In ihrer jetzigen Gestalt müssen sie stets noch als Kolonialland von Europa betrachtet werden. B a u m w 0 1 1 a u s f u h r der Vereinigten Staaten nach Grossbritanien in Ibs. 1846 401,949,393. 18 5 2 765,630,544. 1859 961,707,264. 1860 1,115,890,608. 443 Die iingelieiire , stossweisc Ausdelmbarkeit des Fabrikweseiis und seine Abhängigl^eit vuni Weltmarlxt erzeugen nojliwcndig fieberhafte Pro- duktion und darauf folgende Ueberfüllung der Märkte , mit deren Kontrak- tion Lälimung eintritt. Das Leben der Industrie verwandelt sich in eine Reihenfolge von Perioden mittlerer Lebendigkeit , Prosperität , Ueb(!rpro- duktion, Krise und Stagnation. Die Uusichcrhcit mid Unstätigkeit, denen der Maschiueubetrieb die Besciiäftigung und damit die Lebenslage des Ar- beiters unterwirft , werden normal mit diesem Periodenwechsel des indu- striellen Cyklus. Die Zeiten der Prosperität abgerechnet , rast zwischen den Kapitalisten heftigster Kampf um ihren individuellen Raumantheil am Markt. Dieser Antheil steht in direktem Verhältniss zur Wohlfeilheit des Produkts. Ausser der hierdurch erzeugten Rivalität im Gebrauch ver- besserter, Arbeiter ersetzender Maschinerie und neuer Produktionsmethodeu, tritt jedesmal ein Punkt ein , wo Verwohlfeilerung der Waare durch ge- Ausfuhr von Korn u. s. w. aus den Vereinigten Staaten nach G r o s s b r i t a n i e n (18 5 0 und 1862): Weizen cwts. 1850 16,202,31-2. 1862 41,033,503. Gerste cwts. 1850 3,669,653. 18 62 6,624,800. Hafer cwts. 1850 3,174,801. 18 62 4,426,994. Koggen cwts. 18 50 388,749. 18 62 7,108. Weizenmehl cwts. 18 50 3,819,440. 1862 7,207,113. Buchweizen cwts. 1850 1054. 1862 19,571. Mais cwts. 1850 5,473,161. 1862 11,694,818. Bere oder Bigg (bes. Gerstenart) cwts. 1850 2039. 18 62 7675. Erbsen cwts. 1850 811,620. 1862 1,024,722. Bohnen cwts. 1850 1,822,972. 18 62 2,037,137. Gcsammteinfuhr cwts.: 1850 34,365,801. 18 62 74,083,351. 444 waltsaraen Druck des Arbeitslolines uutci' den Werth der Arbeitskraft er- strebt wird -3''^). Wachsthum in der Anzahl der Fabrikarbeiter ist also bedingt durch Proportionen viel rascheres Wachsthum des in den Fabriken ange- legten Gesamuitkapitals. Dieser Prozess vollzieht sich aber nur inner- halb der Ebb- und Fluthperioden des industriellen Cyklus. Er wird zudem stets unterbrochen durch den technologischen Fortschritt , der Arbeiter bald virtuell ersetzt, bald faktisch verdrängt. Dieser qualitative Wech- sel im Maschinenbetrieb entfernt beständig Arbeiter aus der Fabrik oder verschliesst ihr Thor dem neuen Rekrutenstrom, während die bloss quanti- tative Ausdehnung der P^'abriken neben den Heiausgeworfenen frische 235) In einem Aufruf der von den Schuhfabrikanten zu Leicester durch einen „lock out" aufs Pflaster geworfenen Arbeiter an die ,, Trade Societies of England", Juli 1866, heisst es u. a. : ,,Seit etwa 2Ü Jahren wurde die Schuhmacherei in Leicester umgewälzt durch Einführung des Nietens statt des Nähens. Gute Löhne konnten damals verdient werden. Bald dehnte sich diess neue Geschäft sehr aus. Grosse Konkurrenz zeigte sich unter den verschiednen Firmen, welche den geschmackvollsten Artikel liefern könne. Kurz nachher jedoch entsprang eine schlechtere Art Konkurrenz , nämlich die, einander im Markt zu unterverkaufen (uudersell). Die schädlichen Folgen olfenbarten sich bald in Lohnherahsetzung, und so reissend schnell war der Fall im Preise der Arbeit, dass viele Firmen jetzt nur noch die Hälfte des ursprünglichen Lohns zahlen. Und dennoch , obgleich die Löhne tiefer und tiefer sinken , scheinen die ProHte mit jeder Aenderung des Arbeitstarifs zu wachsen." — Ungünstige Perioden der In- dustrie werden selbst von den Fabrikanten benutzt, um durch übertriebne Lohn- herabsetzung, d. h. direkten Diebstahl an den nothwendigsten Lebensmitteln des Arbeiters, ausserordentliche Profite zu machen. Ein Beispiel. Es handelt sich um die Krise in der Seidenweberei zu Coventry : ,, Aus Nach^\ eisen , die ich sowohl von Fabrikanten als Arbeitern erhielt, folgt zweifelsohne, dass die Löhne in einem grössern Umfang verkürzt wurden , als die Konkurrenz ausländischer Producenten oder andre Umstände ernöthigten. Die Majorität der Weber arbeitet zu einer Lohnherabsetzung von 30 bis 4U"/o. Ein Stück Band, wofür der Weber fünf Jahre früher 6 oder 7 sh. erhielt, bringt ihm jetzt nur 3 sh. 3 d. oder 3 sh. 6 d. ein; andere Arbeit, früher zu 4 sh. und 4 sh. 3 d. bezahlt, erhält jetzt nur 2 sh. oder 2 sh. 3 d. Die Lohnherabsetzung ist grösser als zum Stachel der Nachfrage er- heischt ist. InderThat, bei vielen Arten von Band war die Lohn- herabsetzung nicht einmal begleitet von irgend einer Herab- setzung im Preise des Artikels." (Bericht des Kommissärs F. D. Longe in ,,Ch. Empl. Comm. V. Rep. 1S66", p. 114, n. 1.) 445 Kontingente verschlingt. Die Arbeiter werden so fortwährend repellirt und attrahirt, hin- luid hergesclileudert, und diess bei beständigem Wechsel in Geschlecht, Alter und Geschick der Angeworbenen. Die Schicksale des Fabrikarbeiters werden am besten veranschaulicht durch raschen Ueberblick der Schicksale der englischen B a u m - \\- 0 1 1 i n d u s t r i e. Von 1770 bis 1815 Baurawollindustrie gedrückt oder stagnant 5 Jahre. Während dieser ersten 4r)jährigen Periode besassen die eng- lischen Fabrikanten das Monopol der Maschinerie und des Weltmarkts. 1 8 1 5 b i s 1 8 2 1 gedrückt , 1 8 2 2 u n d 1 8 2 3 prosperirend , 18 2 4 Aufhebung der Kombinationsgesetze, allgemeine grosse Ausdehnung der Fabriken, 18 2 5 Krise, 18 2 6 grosses Elend und Aufstände unter den Baurawollarbeitern, 18 2 7 leise Besserung , 18 2 8 grosser Anwachs von Darapfwebstühlen und Ausfuhr, 1 8 2 9 die Ausfuhr, besonders nach In- dien, übergipfelt alle früheren Jahre , 183 0 überfüllte Märkte , grosser Nothstand, 1 8 3 1 bis 1 8 3 3 fortdauernder Druck ; der Handel nach Ost- asien (Indien und China) wird dem Monopol der ostindischen Kompagnie entzogen. 18 3 4 grosses Wachsthum von Fabriken und Maschinerie, Mangelan Händen. Das neue Arme ngesetz befördert die Wande- rung der Landarbeiter in die Fabrikdistrikte. Fegung der ländlichen Grafschaften von Kindern. Weisser Sklavenhandel. 18 3 5 grosse Pros- perität. Gleichzeitige Todhungernng der Baumwollhandweber. 18 3 6 grosse Prosperität. 18 3 7 und 1838 gedrückter Zustand und Krise. 18 3 9 Wiederaufleben. 18 4 0 grosse Depression , Aufstände, E^inschrei- ten des Militärs. 18 41 und 1842 furchtbares Leiden der Fabrikarbeiter. 1842 schliessen die Fabrikanten die Hände von den Fabriken aus, um den Widerruf der Korngesetze zu erzwingen. Die Arbeiter strömen zu vielen Tau- senden nach Yorkshire , vom Militär zurückgetrieben , ihre Führer vor's Gericht zu Lancaster gestellt. 18 4 3 grosses Palend. 18 4 4 Wieder- aufleben. 18 4 5 gi'osse Prosperität. 18 4 6 erst fortdauernder Auf- schwung, dann Symptome der Reaktion. Widerruf der Kornge- setze. 1847 Krise. Allgemeine Herabsetzung der Löhne um 10 und mehr Procent zur Feier des ,,big loaf". 184 8 fortdauernder Druck. Manchester unter militärischem Schutz. 18 4 9 Wiederaufleben. 18 5 0 Prosperität. 18 5 1 fallende Waarenpreise , niedrige Löhne , häufige Strikes. 18 5 2 beginnende Verbesserung, Fortdauer der Strikes , Fabri- 446 kanten dröhn mit Import fremder Arbeiter. 18 5 3 steigende Ausfuhr. Achtmonatlicher Strike und grosses Elend zu Preston. 18 5 4 Prosperi- tät , üeberfüllung der Märkte. 18 5 5 Bericlite von Bankerotten strömen ein aus den Vereinigten Staaten, Kanada, ostasiatischen Märkten. 18 5 6 grosse Prosperität. 18 5 7 Krise. 18 5 8 Verbesserung. 18 5 9 grosse Prosperität, Zunahme der Fabriken. 18 6 0 Zenith der englischen Baum- wollindustrie. Indische , australische und andere Märkte so überführt, dass sie noch 1863 kaum den ganzen Quark absorbirt haben. Franzö- sischer Handelsvertrag. Enormes Wachsthura von Fabriken und Maschinerie. 18 6 1 Aufschwung dauert Zeitlang fort , Reaktion , ameri- kanischer Bürgerkrieg, Baumwollnoth. 1862 bis 63 vollständiger Zu- sammenbruch. Die Geschichte des cotton famine ist zu charakteristisch , um nicht einen Augenblick dabei zu verweilen. Aus den Andeutungen über die Zustände des Weltmarkts 1860 bis 61 ersieht man, dass die Baumwoll- noth den Fabrikanten gelegen kam und zum Theil vortheilhaft wai-, eine Thatsache anerkannt in Berichten der Manchester Handelskammer, im Par- lament von Palmerston und Derby proklamirt , durch die Ereignisse be- stätigt--^ß). Allerdings gab es 1861 unter den 2887 Baumwollfabriken des Vereinigten Königreichs viel kleine. Nach dem Bericht des Fabrik- inspektors A. Redgrave, dessen Verwaltungsbezirk von jenen 2887 Fabriken 2109 einschliesst , wendeten von letztern 392 oder 19 ^Jq nur unter 10 Dampf- Pferdekraft an, 345 oder 16«/^ 10 und unter 20, und 1372 20 und mejir Pferdekraft 237). Die Mehrzahl der kleinen Fabriken waren Webereien, während der Prosperitätsperiode seit 1858 errichtet, meist durch Spekulanten, wovon der eine das Garn , der andre die Maschi- nerie, der dritte die Baulichkeit lieferte, unter dem Betrieb ehemaliger over lookers oder andrer unbemittelter Leute. Diese kleinen Fabri- kanten gingen meist unter. Dasselbe Schicksal hätte ihnen die durch das Baumwollpech verhinderte Handelskrise bereitet. Obgleich sie Va *^6^' Fabrikantenzahl bildeten, absorbirten ihre Fabriken einen ungleich geringeren Theil des in der Baumwollindustrie angelegten Kapitals. Was den Um- fang der Lähmung betrifft, so standen nach den authentischen Schätzungen im Oktober 1862 60.3'Vo der Spindeln und 58<»/o der Webstühle still. 23U) Vgl. ,, Reports oflnsp. ofFact. foi SlstOct. 1862", p. 30. 2a-) 1. c. 1». 19. 447 Diess bezieht sich auf den ganzen Industriezweig und war natürlich sehr niodificirt in den einzehien Distrikten. Nur sehr wenige Fabriken arbei- teten volle Zeit (60 Stunden per Woche), die übi-igen mit Unterbrechungen. Selbst für die wenigen Arbeiter, die volle Zeit und zu dem gewohn- ten Stücklohn beschäftigt, schmälerte sich nothwendig der W o c h e n - lohn in Folge der Ersetzung besserer Baumwolle durch schlechtere , der South Sea Island durch ägyptische (in Feinspinnereien), amerikanischer und ägyptischer durch Surat (ostindisch) , und reiner Baumwolle durcli Mischungen von BaumwollabfjiU mit Surat. Die kürzere Fiber der Surat- baumwolle , ihre schmutzige Beschaftenheit , die grössere Brüchigkeit der Fäden, der Ersatz des Mehls durcli alle Art schwerer Ingredienzen beim Schlichten des Kettengarns u. s. w. verminderten die Geschwindigkeit der Maschinerie oder die Zahl der AV^ebstiihle, die ein Weber überwachen konnte, vermehrten die Arbeit mit den Irrthümern der Maschine und beschränkten mit der Produktenmasse den Stücklohn. Beim Gebrauch von Surat und mit voller Beschäftigung belief sich der Verlust des Arbeiters auf 20, 30 und mehr Procent. Die Mehrzahl der Fabrikanten setzte aber auch die Rate des Stücklohns um 5, T'/o und 1 0 Procent herab. Man begreift daher die Lage der nur 3, 3' o, 4 Tage wöchentlich oder nur 6 Stunden per Tag Beschäftigten. Nachdem schon eine rela- tive Verbesserung eingetreten war, 18 6 3, für Weber, Spinner u. s. w. Wochenlöhne von 3 sh. 4d., 3sh. 10 d., 4 sh. 6 d., 5 sh. 1 d. u. s.w. 23»), Selbst unter diesen qualvollen Zuständen stand der Erfindungs- geist des Fabrikanten in Lohnabzügen nicht still. Diese wurden zum Theil verhängt als Strafe für die seiner schlechten Baumwolle, unpas- senden Maschinerie u. s. w. geschuldeten Fehler des Machwerks. Wo der Fabrikant aber Eigenthümer der cottages der Arbeiter , vergütete er sich selbst fiir Hausrente durch Abzüge vom nominellen Arbeitslohn. Fabrik- inspektor R e d g r a v e erzählt von self-acting minders (sie über- wachen ein paar self-acting mules) , die ,,am Ende vi er zehntägi- ger voller Arbeit 8 sh. 11 d. verdienten und von dieser Summe wurde die Hausrente abgezogen , wovon der Fabrikant jedoch die Hälfte als Geschenk zurückgab, so dass die minders volle 6 sh. 11 d. nach Hause trugen. Der Wochenlohn der Weber rangirte von 2 sh. 6 d. auf- -•>") ,,I{cports of Insp. of Fact. for 31 st Oft. 18C.S", p. 41, 51. 448 wärts w.älirend der Schlusszeit von 1862" 239). ,,SelbvSt dann wurde die Hausmiethe von den Löhnen häufis; abgezogen, wenn die Hände nur kurze Zeit arbeiteten" -^*^). Kein Wunder, dass in einigen Theilen Lancashire's eine Art Hungerpest ausbrach ! Charakteristischer als alles diess aber war es, wie die R e v o 1 u t i o n i r u n g des Produktionsprozesses auf Kosten des Arbeiters vor sich ging. Es waren förmliche experimenta in corpore vili , wie die der Anatomen an Fröschen. „Obgleich ich," sagt Fabrikinspektor Redgrave, „die wirkliclien Einnahmen der Arbeiter in vielen Fabriken gegeben habe, muss man nicht schliessen , dass sie den- selben Betrag Woche für Woche beziehn. Die Arbeiter erliegen den grössten Fluktuationen wegen des beständige n E x p e r i m e n t a - 1 i s i r e n s (,, e x p e r i m e n t a 1 i z i n g ") der Fabrikanten . . . ihre Löhne steigen und fallen mit der Qualität des Baumwollgemischs ; bald nähern sie sich um 1 ö^Jq ihren früheren Eimiahmen , und die nächste oder zweit- folgende Woche fallen sie um 50 bis 60ö/o"-^1). Diese Experimente wurden nicht nur auf Kosten der Lebensmittel der Arbeiter gemacht. Mit allen ihren fünf Sinnen hatten sie zu büssen. ,,Die im Oeffnen der Baum- wollballen Beschäftigten unterrichten mich, dass der unerträgliche Gestank sie übel macht . . . Den in den Misch-, Scribbling- und Kardirräumen An- gewandten irritirt der freigesetzte Staub und Sclmuitz alle Kopföffnungen, erregt Husten und Schwierigkeit des Athmens . . . Wegen der Kürze der Fiber wird dem Garn beim Schlichten eine grosse Menge Stoff zugesetzt und zwar allerlei Substitute statt des früher gebrauchten Mehls. Daher Uebelkeit und Dispepsie der Weber. Bronchitis herrscht vor wegen des Staubs, ebenso Halsentzündung, ferner eine Hautkrankheit in Folge der Irri- tation der Plaut durch den im Surat enthaltenen Schmutz. " Andrerseits waren die Substitute für Mehl ein Fortunatnssäckel für die Herrn Fabrikanten durch Vermehrung des Garngewichts. Sie machten ,,15 Pfund Rohmate- rial, wenn verwebt, 20 Pfund wiegen" ^'^^). In dem Bericht der Fabrik- inspektoren vom 3 0. April 1864 liest man: ,,Die Industrie ver- werthet diese Hilfsquelle jetzt in wahrhaft unanständigem Mass. Ich weiss ■■^39) ,, Reports etc. .'51stOct. 1802", p. 41, 42. 2*") 1. c. p. .'jf. •-'") ]. c. ]). 50, 51. -'-) I. V. ]<. G2, 03. 449 von guter Autorität, dass achtpfündiges Geweb von 5*4 Pfund Baumwolle und 2^4 Pfund Schlichte geniacht wird. Ein andres 5i/4pfimdiges Geweb enthielt zwei Pfund Schlichte. Die.ss waren ordinäre Shirtings für den Esport. In andern Arteu wurden manchmal öO^'q Schlichte zugesetzt, so dass Fabrikanten sich rühmen können und sich auch wirklich rühmen , dass sie reich werden durch den Verkauf von Geweben für weniger Geld als das nominell in ihnen enthaltene Garn kostet" -^^). Die Arbeiter aber hatten nicht nur unter den Ex- perimenten der Fabrikanten in den Fabriken, und der Municipalitäten ausserhalb der Fabriken , nicht nur von Lohnherabsetzung und Arbeits- losigkeit, von Mangel und Almosen, von den Elogen der Lords und Unter- häusler zu leiden. ,, Unglückliche Frauenzimmer, beschäftigungslos in Folge der Baumwollnoth , wurden Auswürflinge der Gesellschaft und blie- ben es . . Die Zahl junger Prostituirten hat mehr zugenommen als seit den letzten 25 Jahren"-**). Man findet also in den ersten 45 Jahren der britischen Baumwoll- industrie, von 1770 — 1815, nur 5 Jahre der Krise und Stagnation, aber diess war die Periode ihres Weltmonopols. Die zweite 48jährige Periode von 1815 — 1863 zählt nur 20 Jahre des Wiederauflebens und der Pros- perität auf 28 Jahre des Drucks und der Stagnation. Von 1815 — 1830 beginnt die Konkurrenz mit dem kontinentalen Europa und den Vereinigten Staaten. Seit 1833 wird Ausdehnung der asiatischen Märkte erzwungen durch „Zerstörung der Menscheurace". Seit Widerruf der Korngesetze, von 1846 — 1863, auf 8 Jahre mittlerer Lebendigkeit und Prosperität 9 Jahre Druck und Stagnation. Die Lage der erwachsneu männlichen Baumwoll-Arbeiter, selbst während der Prosperitätszeit, zu beurtheilen aus der beigefügten Note 2*3). Man hat gesehn, wie die Maschinerie die auf dem Handwerk beruhende -^3) ,,Reports etc. 30 th April 1864", p. 27. -*'') Aus Brief des Chief Constable Harris von Bolton in ,, Reports of Insp. of Fact. 31 st Oct. 1865", p. 61, 62. "•'*) In einem Aufruf derBaumwollarbeiter, Frühling 1863, zur Bil- dung einer Emigrationsgescllschaft heisst es u.a.: ,, Dass einegrosseEmigration von Fabrikarbeitern jetzt absolut nothwendig ist, werden nur wenige läugnen. Dass aber ein beständiger Eraigrationsstrom zu allen Zeiten erheischt und es ohne denselben unmöglich ist, unsre Stellung unter gewöhnlichen Umständen I. 29 450 Cooperation und dieanfTheiliing der liandwerksmässigen Arbeit beruliende M a n u f a k t u r aufhebt. Ein Beispiel der ersten Art ist die M ä h m a s c h i n e , sie ersetzt die Cooperation von Mähern. Ein schlagendes Beispiel der zwei- ten Art ist die Maschine zur Fabrikation von Nähnadeln. Nach Adam Smith verfertigten zu seiner Zeit 1 0 Männer durch Theilung der Arbeit täglich über 48,000 Nähnadeln. Eine einzige Maschine liefert dagegen 145,000 in einem Arbeitstag von 11 Stunden. Eine Frau oder ein Mädchen überwacht im Durchschnitt 4 solche Maschinen und producirt daher mit der Maschinerie täglich an 600,000, in der Woche über 3,000,000 Nähnadeln "2*6). Sofern eine einzelne Arbeitsmaschine an die Stelle der Cooperation oder der Manufaktur tritt, kann sie selbst wieder zur Grundlage h an dw er ksraässi gen Betriebs werden. Indess bildet diese auf Maschinerie beruhende Reproduktion des Handwerksbetriebs nur den U eher gang zum Fabrikbetrieb, der in der Regel jedesmal eintritt, so- bald mechanische Triebkraft, Dampf oder Wasser, die menschlichen Muskeln in der Bewegimg der Maschine ersetzt. Sporadiscli und eben- zu behaupten, zeigen folgende Thatsachen : Im Jahr 1814 betrug der officielle Werth (der nur Index der Quantität) der exportirten Barxmwollgüter 17,665,378 Pfd. St., ihr wirklicher Marktwerth 20,070,824 Pfd. St. Im Jahr 1858 betrug der officielle Werth der exportirten Baumwollgüter 182,221,681 Pfd. St., ihr wirklicher Marktwerth nur 43,001,322 Pfd. St. , so dass die Verzehnfachung der Quantität wenig mehr als Verdopplung des Aequivalents bewirkte. Diess für das Land überhaupt und die Fabrikarbeiter im Besondern so ruinirende Resultat ward durch verschiedne cooperirende Ursachen producirt . . . Eine der hervorstechend- sten ist der beständigeUeberfluss von Arbeit, unentbehrlich für diesen Geschäfts- zweig, der, unter Strafe der Vernichtung, beständiger Expansion des Markts be- darf. Unsre Baumwollfabriken können stillgesetzt werden durch die periodische Stagnation des Handels, welche, unter gegenwärtiger Einrichtung, so unvermeid- lich ist, wie der Tod selbst. Aber desswegen steht der menschliche Erfindungs- geist nicht siill. Obgleich, niedrig angeschlagen, 6 Millionen diess Land während der letzten 25 Jahre verlassen haben, befindet sich dennoch in Folge fortwäh- render Deplacirung der Arbeit, um das Produkt zu verwohlfeilern , ein grosser Procentsatz der erwachsnenMänner selbst in den Zeiten höch- ster Prosperität ausser Stand, Beschäftigung irgend einer Art auf irgend welche Bedingungen in den Fabriken zu finden." (,, Reports of Insp. of Fact. 30th April 1863"; p. 51, 52.) Man wird in einem späteren Kapitel sehn, wie die Herrn Fabrikanten während der Baumwollkatastrophe die Emigration der Fabrikarbeiter auf alle Art, selbst von Staats wegen zu verhindern suchten. •■i*C) ,,Ch. Empl. Coram. IV. Report. 1864", p. 108, n. 447. 451 falls mir vorübergehend kann kleiner Betrieb sich verbinden mit mecha- nischer Triebkraft durch Miethe des Dampfs , wie in einigen jMauuüikturen Biruiingham's , durch Gebrauch kleiner kalorischer Maschinen , wie in ge- wissen Zweigen der Weberei u.s. w. -*^). In der Seidenweberei zu Coven- try entwickelte sich naturwüchsig das Experiment der ,,Cott age- Fa- briken". In der Mitte von Cottage-Reihen , quadratracässig gebaut, wurde ein s. g. Engine House errichtet für die Dampfmaschine und diese durch Schäfte mit den Webstühlen in den cottages verbunden. In allen Fällen war der Dampf gemiethet, z. B. zu 2'/2 sh. per Webstuhl. Diese Dampfrente war wöchentlich zahlbar, die Webstühle mochten laufen oder nicht. Jede cottage entliielt 2 — 6 Webstühle, den Arbeitern geliörig, oder auf Kredit gekauft , oder gemiethet. Der Kampf zwischen der Cottage-Fabrik und der Fabrik per se währte über 12 Jahre. Er liat ge- endet mit dem gänzlichen Ruin der 300 cottage factories -'»^). Wo die Natur des Prozesses nicht von vorn herein Produktion auf grosser Stufen- leiter bedang , durchliefen in der Regel die in den letzten Decennieu neu aufkommenden Industrieen, wie z. B. Enveloppe-, Stalilfedermachenu. s. w., erst den Handwerksbetrieb und dann den Manufakturbetrieb als kurzlebige üebergangsphasen zum Fabrikbetrieb. Diese Metamorphose bleibt dort am schwierigsten, wo die m a n u f a k t u r m ä s s i g e P r o d u k t i o n des Machwerks keine Stufenfolge von Entwicklungsprozessen, sondern eine Vielheit disparater Prozesse einschliesst. Diess bildete z. B, ein grosses Hinderuiss der Stahl- federfabrik. Jedoch wurde schon vor ungefähr anderthalb Decennien ein Automat erfunden , der 6 disparate Prozesse auf einen Schlag verrichtet. Das Handwerk lieferte die ersten 12 Dutzend Stahlfedern 1820 zu 7 Pfd. St. 4 sh. , die Manufaktur lieferte sie 1830 zu 8 sh. , und die Fabrik liefert sie heute dem Grosshandel zu 2 bis 6 d. -*^) 2'''') In den Vereinigten Staaten ist derartige Reproduiition des HandwerlvS auf technologischer Grundlage der Maschinerie häutig. Die Koncentration, bei dem un- vermeidlichen Uebergang in den Fabrikbetrieb, wird eben desswegen, im Vergleich zu Europa und selbst zu England, mit Siebenmeilenstiefeln marschiren. 248) Vgl. ,,ReportsofInsp. ofFact. SlstOct. 1865", p. 64. -•9) Herr Gillot errichtete zu Birmingham die erste Stahlfedermanufaktur auf grosser Stufenleiter. Sie lieferte schon 1851 über 180 Millionen Federn und verzehrte jährlich 120 Tonnen Stuhlblech. Birmingham, das diese Industrie im Vereinigten 29* 452 Mit der Entwicklung des Fabrikwesens und der sie begleitenden Umwäl- zung der Agrikultur dehnt sich nicht nur die Produktionsleiter in allen andern Industriezweigen aus , sondern verändert sich auch ihr Charakter. Das Princip des Maschinenbetriebs, den Produktionspro- zess in seine konstituirenden Phasen zu analysiren und die so gegebnen Probleme durch Anwendung der Mechanik , Chemie u. s. w, , kurz der Naturwissenschaften zu lösen , wird überall bestimmend. Maschinerie drängt sich daher bald für diesen, baldfürjenenTheilprozessin die Manu- fakturen. Die feste Krystallisation ihrer Gliederung, der alten Thei- lung der Arbeit entstammend , löst sich damit auf und macht fortwähren- dem Wechsel Platz. Abgesehn hiervon wird die Zusammensetzung des Gesammtarbeiters oder des korabinirten Arbeitspersonals von Grund aus umge- wälzt. Im Gegensatz zur Manufakturperiode gründet sich der PI an der Arbeitstheilung jetzt auf Anwendung der \Yeiberarbeit, der Arbeit von Kindern aller Altersstufen, ungeschickter Arbeiter, wo es immer thubar, kurz der ,,cheap labour", wohlfeilen Arbeit, wie der Engländer sie cha- rakteristisch nennt. Diess gilt nicht nur für alle a u f g r o s s e r S t u f e n - 1 e i t e r k o m b i n i r t e Produktion, ob sie Maschinerie anwende oder nicht , sondern auch für die s. g. Hausindustrie, ob ausgeübt in den Privatwobnungen der Arbeiter oder in kleinen Werkstätten. Diese s. g. moderne Hausindustrie hat mit der altmodischen , die unabhängiges städti- sches Handwerk, selbstständige Bauernwirthschaft und vor allem ein Haus der Arbeiterfamilie voraussetzt, nichts gemein als den Namen. Sie ist jetzt verwandelt in das auswärtige Departement d e ]• Fabrik, der M a n u f a k t u r oder d e s W a a r e n m a g a z i n s . Neben den Fabrikarbeitern, Manuftikturarbeitern und Handwerkern, die es in grossen Massen räumlich koncentrirt und direkt kommandirt, bewegt (las Kapital durch unsichtbare Fäden eine andre Armee in den grossen Städten und über das flache Land zerstreuter Hausarbeiter. Beispiel : die Heradenfabrik der Herrn Tillie zu Londonderry, Irland, die 1000 Fabrik- arbeiter und 9000 auf dem Land zerstreute Hausarbeiter beschäftigt ^^'^j. Die Exploitation wohlfeiler und unreifer Arbeitskräfte wird in der Königreich monopolisirt, produciit jetzt jährlich Miiliarden von Stahlfedern. Die '/fühl der beschäftigten Personen betrug nach dem Census von 1861 : 1428, dar- unter 1268 Arbeiterinnen, vom 5. Jahr an einrollirt. ■■'■'") ,.Ch. Empl. Comm. II. Rep. 1864", p. LXVIII, n. 415. 453 modernen Manufaktur schamloser als in der eigentlichen Fabrik, weil die hier existirende, technologische Grundlage, Ersatz der Muskelkraft durch Maschinen und Leichtigkeit der Arbeit, dort grossentheils wegfiillt, zugleich der weibliche oder noch unreife Körper den Einflüssen giftiger Substanzen u. s. w. aufs gewissenloseste preisgegeben wird. Sie wird in der s. g. Hausarbeit schamloser als in der Manufaktur, weil die Widerstandsfähigkeit der Arbeiter mit ihrer Zersplitterung abnimmt, eine ganze Reihe räuberischer Parasiten sich zwischen den eigentlichen Arbeitgeber und den Arbeiter drängt, die Hausarbeit überall mit Maschi- nen- oder wenigstens Manufakturbetrieb in demselben Produktionszweig kämpft, die Armuth den Arbeiter der nöthigsten Arbeitsbedingungen, Kaum, Licht, Ventilation u. s. w. beraubt, die Unregelmässigkeit der Be- schäftigung wächst, und endlich in diesen letzten Zufluchtsstätten der durch die grosse Industrie und Agrikultur ,, überzählig" Gemachten die Arbeiter- konkurrenz nothwendig ihr Maximum erreicht. Die durch den Maschinen- betrieb erst systematisch ausgebildete Oekonomisirung der Produk- tion s m i 1 1 e 1 , von vorn herein zugleich rücksichtsloseste Verschwen- dung der Arbeitskraft undRaub an den normalen Voraussetzun- g e n d e r A r b e i t s f u n k t i o n , kehrt jetzt diese ihre antagonistische und men- sihenmörderische Seite um so mehr heraus, je weniger in einem Industrie- zweig die g e s e 1 1 s c h a f 1 1 i c h e P r 0 d u k t i V k r a f t d e r A r b e i t und die technologische Grundlage kombinirter Arbeitsprozesse entwickelt sind. Ich will nun an einigen Beispielen die oben aufgestellten Sätze er- läutern. Der Leser kennt in der That schon massenhafte Belege aus dem Abschnitt über den Arbeitstag. Die Metallmanufakturen in Birming- liam und Umgegend wenden grossentheils für sehr schwere Arbeit 30,000 Kinder und junge Personen nebst 10,000 Weibern an. Man findet sie hier in den gesundheitswidrigen Gelbgiessereien , Knopffabriken , Glasur-, Galvanisirungs- und Lackirarbeiten 23i). Die Arbeitsexcesse für Erwachsne und Unerwachsne haben verschiedenen Londoner Z e i t u n g s - und B u c h - druckereien den rühmlichen Namen : „Das Schlachthaus" ge- sichert -''^). Dieselben Excesse, deren Schlachtopfer hier namentlich Weiber, 251) Und nun gar K i n d e r im F i 1 e - g r i n d i ii g z u S h e f fi e 1 d 1 •-5'ä) ,,Ch. Empl. Co mm. V. Rep. 1SG6'-, ji. .3, n. 34, p. 6, n. .5.5, 56, p. 7, n. 59, 60. 454 Mädchen und Kinder, in der Buchbinderei. Schwere Arbeit für ünerwachsne in den Seilereien , Nachtarbeit in Salzwerken , Lichter- und andren chemischen Fabriken ; mörderischer Verbrauch von Jungen in Seidenwebereien , die nicht mechanisch betrieben werden , zum Drehen der Webstühle 2'2). Eine der infamsten, schmutzigsten und schlecht bezahlte- sten Arbeiten, wozu mit Vorliebe junge Mädchen und Weiber verwandt werden, ist das Sortiren der Lumpen. Man weiss, dass Gross- britanien, abgesehn von seinen eignen unzähligen Lumpen, das Emporiura für den Lumpenhandel der ganzen Welt bildet. Sie strömen dahin von Japan, den entferntesten Staaten Südamerikas und den kanarischen Inseln. Ihre Hauptzufuhrquellen aber sind Deutsehland, Frankreich, Russland, Italien, Aegypten, Türkei, Belgien und Holland. Sie dienen zur Düngung, Fabri- kation von Flocken (für Bettzeug) , Shoddy, und als Rohmaterial *des Pa- piers. Die weiblichen Lumpensortii-er dienen als Mediums, um Pocken und andre ansteckende Seuchen , deren erste Opfer sie selbst sind , zu col- portiren 253), Als klassisches Beispiel für Uebefarbeit, schwere und un- passende Arbeit, und daher folgende Brutalisirung der von Kindesbeinen an konsumirten Arbeiter kann, neben der INIinen- und Kohlenproduktion, die Ziegel- oder B a c k s t e i n m a c h e r e i gelten , wozu in England nur noch sporadisch die neuerfundne Maschinerie angewandt wird. Zwi- schen Mai und September dauert die Arbeit von 5 ühr Morgens bis 8 ühr Abends, und, wo Trocknung in freier Luft stattfindet, oft von 4 Uhr Morgens bis 9 Uhr Abends. Der Arbeitstag von 5 Uhr Morgens bis 7 ühr Abends gilt für ,,reducirt", ,, massig". Kinder beiderlei Geschlechts werden vom 6. und selbst vom 4. Jahr an verwandt. Sie arbeiten die- selbe Stundenzahl, oft mehr als die Erwachsnen. Die Arbeit ist hart und die Sommerhitze steigert noch die Erschöpfung. In einer Ziegelei zu Mosley z. B. machte ein 24jähriges IMädchen 2000 Ziegel täglich, unter- stützt von zwei unerwachsnen Mädchen als Gehilfen, welche den Lehm trugen und die Ziegelsteine aufhäuften. Diese Mädchen schleppten täg- lich 10 Tonneu die schlüpfrigen Seiten der Ziegelgrube von einer Tiefe von -52) 1. c. p. 114, 115, n. 6 — 7. Der Kommissär bemerkt richtig, dass wenn sonst die Maschine den Menschen, hier der Junge verbatira die Maschine ersetzt. 253) Sieh Bericht über den Lurapenhandel und zahlreiche Belege : ,,Public Health. VIII. Report. London 1866." A ppendix, p. 196— '208. 455 30 Fuss herauf und über eine Entfernung von 210 Fuss. „Es ist un- möglich für ein Kind durch das Fegfeuer einer Ziegelei zu passiren ohne grosse moralische Degradation. . . . Die nichtswürdige Sprache , die sie vom zartesten Alter an zu hören bekommen, die unfläthigen, unanständigen nud schamlosen Gewohnheiten , unter denen sie unwissend und verwildert aufwachsen , machen sie für die spätere Lebenszeit gesetzlos , verworfen, liederlich, . . . Eine furchtbare Quelle der Demoralisation ist die Art der Wohnlichkeit. Jeder m o u 1 d e r (der eigentlich geschickte Arbeiter und Olief einer Arbeitergruppe) liefert seiner Bande von 7 Personen Logis und Tisch in seiner Hütte oder cottage. Ob zu seiner Familie gehörig oder nicht , Männer , Jungen , Mädchen schlafen in der Hütte. Diese besteht gewölinlich aus 2, nur ausnahmsweis aus 3 Zimmern , alle auf dem Erdge- sclioss, mit wenig Ventilation. Die Körper sind so erschöpft dui-ch die grosse Transpiration während des Tags , dass weder Gesundheitsregeln, Reinlichkeit noch Anstand irgendwie beobachtet werden. Viele dieser Hütten sind wahre Modelle von Unordnung , Schmutz und Staub. . . . Das grösste Uebel des Systems , welches junge Mädchen zu dieser Art Arbeit \erwendet, besteht darin , dass es sie in der Regel von Kindheit an für ihr ganzes späteres Leben an das verworfenste Gesindel festkettet. Sie wer- den rohe, bösmäulige Buben (,,rough, foul-mouthed boys") , bevor die Natur sie gelehrt hat, dass sie Weiber sind. Gekleidet in wenige schmutzige Lumpen , die Beine weit über das Knie entblösst, Haar und Gesicht mit Dreck beschmiert , lernen sie alle Gefühle der Bescheidenheit und der Scham mit Verachtung behandeln. Während der Essenszeit he- gen sie auf den Feldern ausgestreckt oder gucken den Jungen zu , die in einem benachbarten Kanal baden. Ist ihr schweres Tagwerk endlich voll- bracht , so ziehn sie bessere Kleider an und begleiten die Männer in Bier- kneipen."' Dass die grösste Versoffenheit von Kindesbeinen an in dieser ganzen Klasse herrscht, ist nur naturgemäss. ,,Das Schlimmste ist, dass die Ziegelmacher an sich selbst verzweifeln. Sie könnten, sagte einer der Besseren zum Kaplan von Southallfields, ebensowohl versuchen den Teufel zu erheben und zu bessern als einen Ziegler, mein Herr!" (,,You might as well try to raise and iraprove the devil as a brickie, Sir!") '2^^) ■"'■') ,,Child. Empl. Comm. V. Report. 1866", XVI, n. 86—97 und ]). 130, u. 39 — 71. V-rl. aucli ib. III. Rep. 1S64, p. 48, 56. 456 - — Ueberdie kapitalistische Oekon omisirnng der Arbeits- bedingungen in der modernen Manufaktur (worunter hier alle Werkstätten auf grosser Stufenleiter, ausser eigentlichen Fabriken, zu verstehn) findet man officielles und reichlichstes Material indem IV. (1861) und VI. (1864) „Public Health Report". Die Beschreibung der Workshops (Arbeitslokale) namentlich der Londoner Drucker und Schnei- der überbietet die ekelhaftesten Phantasieen unsrer Romanschreiber. Die Wirkung auf den Gesundheitszustand der Arbeiter ist selbstverständlich. Dr. Simon, der oberste ärztliche Beamte des Privy Council und officielle Herausgeber der ,, Public Health Reporfs", sagt u. a. : ,,In meinem vierten Bericht (1863) zeigte ich, wie es für die Arbeiter praktisch unmöglich ist darauf zu bestehen, was ihr erstes Gesund heits recht ist, das Recht, dass zu Vi'elchem Werk immer ihr Anwender sie versammelt, die Arbeit, so weit es von ihm abhängt , von allen vermeidbaren gesundheitswidrigen Umständen befreit sein soll- Ich wies nach, dass während die Arbeiter praktisch unfähig sind, sich selbst diese Gesundheitsjustiz zu verschaffen, sie keinen wirksamen Beistand von den bestallten Administratoren der Gesund- heitspolizei erlangen können. . . . Das Leben von Myriaden von Arbeitern und Arbeiterinnen wird jetzt nutzlos torturirt und verkürzt durch das end- lose physische Leiden , welches ihre blosse Beschäftigung erzeugt" -•^■^). Zur Illustration des Einflusses der Arbeitslokale auf den Gesundheitszustand giebt Dr. Simon folgende Sterblichkeitsliste : Personenzahl aUer Alters- stufen, in den resp. Induatrieen angewandt. Industrieen ver- glichen in Be- zug auf Gesund- heit. Sterblichkeitsrate auf 100,000 Männer in den resp. Industrieen zu den angegebenen Altersstufen. 958,265 Agrikultur in Eng- land und Wales 22,301 Manner ^ •, o , ■ , ,c^\nr^ T5- -u Lond. öchneider 12,379 \\eiber 13,803 Lond. Drucker 25. bis 35. J. 35. bis 45. J.i45. bis 55. J. 743 958 894 805 1262 1747 1145 2093 2367 256J 255) ,, Public Health". VI. Rep. Lond. 1864, p. 31. 256) 1. c. p. 30. Dr. Simon bemerkt, dass die Sterblichkeit der Londoner Schneider und Drucker vom 25. — 35. Jahr in der That viel grösser ist, weil ihre Londoner Anwender eine grosse Zahl junger Leute bis zum 30. Jahr hinauf vom Land als ,, Lehrlinge" und ,,improvers" (die sich in ihrem Handwerk ausbilden 457 Ich wende mich jetzt zur s. g. Hausarbeit. Um sich eine Yor- stellnng von dieser auf dem Hintergrund der grossen Industrie aufgebauten Exploitationssphäre des Kapitals und ihren Ungeheuerlich- keiten zu machen, betrachte man z. B. die scheinbar ganz idyllische, in einigen abgelegnen Dörfern Englands betriebne N ä g e 1 m a c h e r e i -^'^). Hier genügen einige Beispiele aus den noch gar nicht maschinenmässig betriebnen oder mit Maschinen- und Manufakturtrieb konkurrirendeu Zwei- gen der S p i t z e n f a b r i k und S t r o h f 1 e c h t e r e i. Von den 150,000 Personen, die in der englischen Spitzenproduktion beschäftigt, fallen ungefähr 10.000 unter die Botmässigkeit des Fabrik- akts von 1861. Die ungeheure Mehrzahl der übrig bleibenden 140,000 sind Weiber, junge Personen und Kinder beiderlei Geschlechts , obgleich das männliche Geschlecht nur schwach vertreten ist. Der Gesundheitszu- stand dieses ,, wohlfeilen" Exploitationsmalerials ergiebt sich aus folgender Aufstellung des Dr. Trueman, Arzt beim General Dispensary von Not- tingham. Von je 686 Patienten, Spitzen m ach er i n nen , meist zwischen dem 17. und 24. Jahr, waren schwindsüchtig: 1 8 .5 2 1 auf 45, 1 8 5 5 1 auf 18, 18 5 8 1 auf 15. 18 53 lauf 28, 18 56 lauf 15, . 185 9 lauf 9, 1854 lauf 17, 185 7 lauf 13, 1860 lauf 8, 18 6 1 1 auf 8 238). Dieser Fortschritt in der Rate der Sehwindsucht muss dem opti- mistischsten Fortschrittler und lügenfaucheudsten deutschen Freihandels- hansirbnrschen genügen. Der Fabrikakt von 1861 regelt das eigentliche Machen der Spitzen, soweit es durch Maschinerie geschieht, und diess ist die Regel in England. Die Zweige, die wir hier kurz berücksichtigen, und zwar nichts wollen) erhalten. Diese figuriren im Census als Londoner, sie schwellen ilie Kopfzahl, worauf die Londoner Sterblichkeitsrate berechnet wird, ohne rerhältniss- mässig zur Zahl der Londoner Todesfälle beizutragen. Grosser Theil von ihnen kehrt nämlich immer, und ganz besonders in schweren Krankheitsfällen, zumLaml zurück. (1. c.) 257) Es handelt sich hier um gehämmerte Nägel im Unterschied von den maschinenmässig fabricirten geschnittenen Nägeln. Siehe ,,Child. Enipl. Co mm. III. Report", p. XI , p. XIX , n. 12.5—130, p. 53 , n. 11 , p. 1 U, n. 487, p. 137, n. 674. ^5s) ,,Child. Empl. Comm. II. Report'-, p. XXII. n. 166. 458 soweit die Arbeiter in Manufakturen, Waarenhäusern u. s. w. koneentrirt, sondern nur sofern sie s. g. Haus arbeit er sind, zerfallen 1) in das finishing (letztes Zurechtmachen der maschinenmässig fabricirten Spitzen , eine Kategorie , die wieder zahlreiche Unterabtheilungen ein- schliesst) , 2 ) S p i t z e n k 1 ö p p e 1 n. Das L ace fi n i sh i ng wird als Hausnrbeit betrieben entweder in s. g. ,,Mistresses Hous es " oder von Weibern, einzeln oder mit ihren Kindern, in ihren Privat Wohnungen. Die Weiber, welche die ,, Mistresses Houses" halten, sind selbst arm. Das Arbeitslokal bildet Theil ihrer Privatwohnung, Sie erhalten Aufträge von Fabrikanten , Besitzern von Waarenmagazinen u. s. w. und wenden Weiber, Mädchen und junge Kin- der an , je nach dem Umfang ihrer Zimmer und der fluktuirenden Nach- frage des Geschäfts. Die Zahl der beschäftigten Arbeiterinnen wechselt von 20 zu 40 in einigen, von 10 zu 20 in andern dieser Lokale. Das durchschnittliche Minimalalter, worin Kinder beginnen, ist 6 Jahre, manche jedoch unter 5 Jahren. Die gewöhnliche Arbeitszeit währt von 8 Uhr Morgens bis 8 Uhr Abends, mit l'/g Stunden für Mahlzeiten, die unregel- mässig und oft in den stinkigen Arbeitslöchern selbst genommen werden. Bei gutem Geschäft Avährt die Arbeit oft von 8 Uhr (manchmal 6 Uhr) Morgens bis 10, 11 oder 12 Uhr Nachts. In englischen Kasernen be- trägt der vorschriftsmässige Raum für jeden Soldaten 500 — 600 Kubik- fiiss, in den Militärlazarethen 1200. In jenen Arbeitslöchern kommen 67 — 100 Kubikfuss auf jede Person. Gleichzeitig verzehrt Gaslicht den Sauerstoff der Luft. Um die Spitzen rein zu halten , müssen die Kinder oft die Schuhe ausziehn, auch im Winter, obgleich das Estrich aus Pflaster oder Ziegeln besteht. ,,Es ist nichts ungewöhnliches in Nottingham 14 bis 20 Kinder in einem kleinen Zimmer von vielleicht nicht mehr als 12 Quadratfuss zusammengepökelt zu finden, während 15 Stunden aus 24 be- schäftigt an einer Arbeit, an sich selbst erschöpfend durch Ueberdruss und Monotonie, zudem unter alk-n nur möglichen gesundheitszerstörenden Um- ständen ausgeübt . . . Selbst diejüngsten Kinder arbeiten mit einer gespann- ten Aufmerksamkeit und Geschwindigkeit, die erstaunlich sind, fast niemals ihren Fingern Ruhe oder langsamere Bewegung gönnend. Richtet man Fragen an sie, so erheben sie das Auge nicht von der Arbeit , aus Furcht einen Moment zu verlieren." Der ,, lange Stock" dient den ,,mls- tresses" als Anregungsmittel im Verhältniss, worin die Arbeitszeit ver- 459 längcrt wird. ,,Die Kinder ermüden allmälig und werden so rastlos wie Vögel gegen das Ende ihrer langen Gebiuidenlieit an eine Beschäftigung, eintönig, für die Augen angreifend , erschöpfend durch die Uniformität der Körperhaltung. Es ist wahres Sklavenwerk." (,,Their work like sla- very" -^^).) Wo Frauen mit ihren eigenen Kindern zu Hause, d. h. im modernen Sinn, in einem gemietheten Zimmer, häufig in einer Dachstube arbeiten, sind die Zustände wo möglich noch schlimmer. Diese Art Ar- beit wird 80 Meilen im Umkreis von Nottingham ausgegeben. Wenn das in den Waarenhäusern besdiäftigte Kind sie 9 oder 10 Uhr Abends verlässt, giebt man ihm oft noch ein Bündel mit auf den Weg, um es zu Haus fertig zu machen. Der kapitalistische Pharisäer, vertreten durch einen seiner Lohnknechte, thut das natürlich mit der salbungsvollen Phrase : ,das sei für Mutter' , weiss aber sehr wohl , dass das arme Kind aufsitzen und helfen muss^co^. Die Industrie des S p i t z e n k 1 ö p p e 1 n s wird hauptsächlich in zwei englischen Agrikulturdistrikten betrieben, dem Honiton Spitzen- di strikt, 20 bis 30 Meilen längs der Südküste von Devonshire , mit Einschluss weniger Plätze von Nord-Devon, und einem andern Distrikt, der grossen Theil der Grafschaften von Buckingham , Bedford , Northampton und die benachbarten Theile von Oxfordshire und Huntingdonshire um- fasst. Die cottages der Ackerbautaglöhner bilden durchschnittlich die Ar- beitslokale. Manche Manufakturherrn wenden über 3000 dieser Hausar- beiter an, liauptsächlich Kinder und junge Personen , ausschliesslich weib- lichen Geschlechts. Die beim Lace finishing beschriebenen Zustände wiederholen sich. Nur treten an die Stelle der ,,mistresses houses" die s. g. ,,lace schools" (Spitzenschulen), gehalten von armen Weibern in ihren Hütten. Vom 5. Jahr an , manchmal jünger, bis zum 12. oder 15. arbeiten die Kinder in diesen Schulen , während des ersten Jahres die Jüngsten, von 4 bis 8 Stunden , später von 6 Uhr Morgens bis 8 und 1 0 Uhr Abends. ,,Die Zimmer sind im allgemeinen gewöhnliche Wohnstuben kleiner cottages , der Kamin zugestopft zur Abwehr von Luftzug , die In- sassen manchmal auch im Winter nur von ihrer eignen animalischen Wärme geheizt. In andern Fällen sind diese s. g. Schulzimmer kleinen Vorraths- 250) ,,Child. Empl. Co mm. II. Report 1864", p. XIX. XX, XXI. 260) 1. c. p. XXI, XXVI. 4h 0 kammern ähnliche Räume , ohne Fenerplatz . . . Die Ueberfülhing dieser Löcher und die dadurch producirte Luftverpestung sind oft extrem. Dazu kömmt die schädliche Wirkung von Gerinnen, Kloaken, verwesenden Stoffen und anderem Unrath , gewöhnlich in den Zugängen zu kleineren cottages." Mit Bezug auf den Raum : ,,In einer Spitzenschule 18 Mädchen und Mei- sterin, 35 Kubikfuss für jede Person; in einer andern, wo unerträgliqher Gestank, 18 Personen, per Kopf 24 ^/o Kubikfuss. Man findet in dieser Industrie Kinder von 2 und 2\'2 Jahren verwandt"-*^'). Wo das Spitzenklöppeln in den ländlichen Grafschaften von Buckingham und Bedford aufhört, beginnt die Strohfl echter ei. Sie erstreckt sich über grossen Theil von Hertfordshire und die westlichen und nördlichen Theile von Essex. Es waren 1861 beschäftigt im Strohflechten und Stroh- hntmachen 40,043 Personen, 3815 davon männliclien Geschlechts aller Alteisstufen, die andern weiblichen Geschlechts, und zwar 14,913 unter 20 Jahren, davon an 7000 Kinder. An die Stelle der Spitzenschulen treten hier die ,,straw plait schools" (Strohflechtschulen). Die Kinder beginnen hier den Unterricht im Strohflechten gewöhnlich vom 4., manchmal zwischen dem 3. und 4. Jahr Erziehung erhalten sie natürlich keine. Die Kinder selbst nennen die Elementarschulen ,, n a t u r a 1 schools" (natürliche Schulen) im unterschied zu diesen Blutaussau- gungsanstalten, worin sie einfach an der Arbeit gehalten werden, uai das von iin-en halbverhungerten Müttern vorgeschriebne Machwerk, meist 30 Yards per Tag, zu verfertigen. Diese Mütter lassen sie dann oft noch zu Haus bis 10, 11, 12 Uhr Nachts arbeiten. Das Stroh schneidet ihnen Finger und Mund , durch den sie es beständig anfeuchten. Nach der von Dr. Ballard resumirten Gesammtansicht der medizinischen Beamten Londons bilden 300 Kubikfuss den Mini mal räum für jede Person in einem Schlaf- oder Arbeitszimmer. In den Stroliflechtscliulen ist der Raum aber noch spärlicher zugemessen als in den Spitzenschulen, ,,12- 3, 17, I8V2 und unter 22 Kubikfuss für jede Person." Die kleineren dieser Zahlen, sagt Kommissair White, ,,repräseMtiren weniger Raum als die Hälfte von dem , den ein Kind einnehmen würde , wenn verpackt in eine Schachtel von 3 Fuss nach allen Dimensionen." Diess der Lebensge- nuss der Kinder bis zum 12. oder 14. Jahr. Die elenden, verkommenen 2G1) 1. c. p. XXIX, XXX 461 Elteru sinnen nur darauf aus den Kindern so viel als möglich herauszu- schlagen. Aufgewachsen fragen die Kinder natürlich keinen Deut nach den Eltern und verlassen sie. „Es ist kein Wunder, dass Unwissenheit lind Laster überströmen in einer so aufgezüchteten Bevölkerung . . . Ihre Moral steht auf der niedrigsten Stufe .... Eine grosse Anzahl der Weiber hat illegitime Kinder und manche in so unreifem Alter , dass selbst die Vertrauten der Kriminalstatistik darüber erstarren" ^^-). Und das Hei- mathsland dieser Musterfamiüen ist , so sagt der sicher im Christenthuni kompetente Graf M o n t a 1 e m b e r t , Europa's christliches Musterland ! Der Arbeitslohn, in den eben behandelten Industriezweigen überhaupt jämmerlich (der ausnahmsweise M a x i m a 1 1 o Ji n der Kinder in den Strohfiechtschulen 3 sh.), wird noch tief unter seinen Nominalbetrag herab- gedrückt durch das namentlich in den Spitzendistrikten allgemein vorherr- schende T r u c k s y s t e m -^^) . Die V^erwoh Ifeilerung der Arbeitskraft durch blossen Älissbrauch weiblicher und unreifer Arbeitskräfte, blossen Raub aller nor- malen Arbeits- und Lebensbedingungen , und blosse Brutalität der Ueber- und Nachtarbeit, stösst zuletzt auf gewisse nicht weiter überschreitbare Na- turschranken , also auch die auf diesen Grundlagen beruhende Verwohl- feileruug der Waaren und kapitalistische Exploitation überhaupt. Sobald dieser Punkt endlich erreicht ist, und es dauert lange , schlägt die Stunde für Einführung der Maschinerie und die nun rasche Verwand- lung der zersplitterten Hausarbeit (oder auch Manufaktur) in Fabrik- betrieb. Das kolossalste Beispiel dieser Bewegung hefert die Produktion von ,, W e a r i n g A p p a r e 1 " (zum Anzug gehörige Artikel). Nach der Klas- sifikation der „Child. Empl. Comra." umfasst diese Industrie Strohhut- und Damenhutmacher , Kappenmacher, Schneider, milliners und dressma- kers26i), Hemdenmacher und Nätherinneu, Korsetten-, Handschuh-, Schuh- macher, nebst vielen kleineren Zweigen, wie Fabrikation von Kravatten, Hals- ■^''■') 1. c. p. XL, XLI. 263) ,, Child. Empl. Coram. I. Rep. 1863", p. J8.Ö. -6'') Millinery bezieht sich eigentlich nur auf den Kopfputz, doch auch Damenmäntel und Mantillen , während Dressmakers mit uiisern Putzmache- rinnen identisch sind. 462 bändern ii. s. w. Das in Englaud und Wales in diesen Indiistrieen be- schäftigte w e i b ii c h e Personal betrug 1861 : 586,298, wovon minde- stens 115,242 unter 20, 16,650 unter 15 Jahren. Zahl dieser Ar- beiterinnen im Vereinigten Königreich (1861): 750,334. Die Zahl der gleichzeitig in Hut-, Schuh-, Handschuhmacherei und Schneiderei beschäf- tigten männlichen Arbeiter in England und Wales: 437,969, wovon 14,964 unter 15 Jahren, 89,285 fünfzehn- bis zwanzigjährig, 333,117 über 20 Jahren. Es fehlen in dieser Angabe viele hierher gehörige kleinere Zweige. Nehmen wir aber die Zahlen, wie sie stehn , so ergiebt sich für England und Wales allein, nach dem Census-von 1861, eine Summe von 1,024,277 Personen, also luigefähr so viel wie Ackerbau und Viehzucht absorbiren. Man fängt an zu verstehn , wozu die Maschinerie so ungeheure Produktenmassen hervorzaubern und so ungeheure Arbeiter- raassen ,, f r e i s e t z e n " hilft. Die Produktion des ,,Wearing Apparel'' wird betrieben durch Ma- nufakturen, welche in ihrem Innern nur dieTheilung der Arbeit repro- ducirten , deren membra disjecta sie fertig vorfanden , durch kleinere FI a n d w e r k s m e i s t e r , die aber nicht wie früher für individuelle Kon- sumenten , sondern für Manufakturen und Waarenmagazine arbeiten , so dass oft ganze Städte und Landstriche solche Zweige wie Schusterei u. s. w. als Specialität ausüben, endlich im grössten Umfang durch s. g. Haus- arbeiter, welche das auswärtige Departement der Manufakturen, Waarenmagazine und selbst der kleineren Meister bilden ^os). Die Masse des ArbeitsstofFs , Rohstoffe, Halbfabrikate u. s. w. liefert die grosse In- dustrie , die Masse des wohlfeilen Menschenmaterials (taillable ä merci et misericorde) die durch grosse Industrie und Agrikultur ,, Freigesetzten", Die Manufakturen dieser Sphäre verdankten ihren Ursprung hauptsächlich dem Bedürfniss des Kapitalisten eine jeder Bewegung der Nachfrage ent- sprechende schlagfertige Armee unter der Hand zu haben ^66^, Diese 265) Die englische millinery und das dressmaking werden meist in den Bau- lichkeiten der Anwender, theils durch dort wohnhafte und engagirte Arbeiterinnen, theils durch auswärts wohnende Taglöhnerinnen betrieben. -CO) Kommissär White besuchte eine Manufaktur für Militärkleider, die 1000 bis 1200 Personen, fast alle weiblichen Geschlechts, beschäftigte, eineSchuhmanu- faktur mit 1300 Personen, wovon beinahe die Hälfte Kinder und junge Personen u. s. w. (,,Child. Empl. Comm. IL Rep.", p. XVII, n. 319.) 463 IManitfakturen Hessen jedoch neben sich den zerstreuten handwerksraässiiren und Hausbetrieb als breite Grundlage fortbestehn. Die grosse Produktion von Mehrwertli in diesen Arbeitszweigen, zugleich mit der progressiven Verwohlfeilerung ihrer Artikel , war und ist hauptsächlich geschuldet dorn iMininium des zu kümmerlicher Vegetation nothigen xVrbeitslohns, verbun- den mit dem Maximum menschenmöglicher Arbeitszeit. Es war eben die Wohlfeilheit des in Waare verwandelten Menschenschweisses und Menschen- bluts, welche den Absatzmarkt beständig erweiteite und täglich erweitert, . für England namentlich aucli den Kolonialmarkt , wo überdem englische Gewohnheit und Geschmack vorherrschen. Endlich trat ein Knotenpunkt ein. Die Grundlage der alten Methode, bloss brutale Ausbeutung des Ar- beitermaterials, mehr oder minder begleitet von systematisch entwickelter Arbeitstheilung, genügte dem wachsenden Markt und der noch rascher wachsenden Konkurrenz der Kapitalisten nicht länger. Die Stunde der Maschinerie schlug. Die entscheidend revolutionäre Maschine, welche die sämmtlichen zahllosen Zweige dieser Produktionssphäre , wie Putzmacherei , Schneiderei , Schusterei , Nätherei , Hutmacherei u. s. w. gleichmässig ergreift, ist die — N ä h m a s c h i n e. Ihre unmittelbare Wirkung auf die Arbeiter ist ungefähr die aller Maschinerie , welche in der Periode der grossen Industrie neue Geschäfts- zweige erobert. Kinder im unreifsten Alter werden entfernt. Der Lohn der ]\[aschinenarbeiter steigt verhältnissmässig zu dem der Haus ar- beit er, wovon viele zu ,,den Aermsten der Armen" („the poorest of the poor'') gehören. Der Lohn der besser gestellten Handwerker , mit dene» die Maschine konkurrirt, sinkt. Die neuen Maschinenarbeiter sind aus- schliesslich Mädchen und junge Frauen. Mit Hilfe der mechanischen Kraft vernichten sie das Monopol der männlichen Arbeit in schwererem Werk und verjagen aus leichterem Massen alter Weiber und unreifer Kinder. Die übermächtige Konkurrenz erschlägt die schwächsten Hand- arbeiter. Das gräuhche W^achsthum des Hungertods (death from starvatiou) in London während des letzten Decenniums läuft parallel mit der Ausdehnung der Maschinennäherei -^'^). Die neuen Arbeiterinnen 20") Ein Beispiel. Am 26. Februar 1864 enthält der wöchentliclie Sterblich- keitsbericht iles Registrar General 5 Fälle von Hungertod. Am selben Tag berichtet die Times einen neuen Fall von Hungertod. Sechs Opfer des Hunger- tods in einer Woche! \ 464 an der Nähmaschine , welche von ihnen mit Hand und Fnss oder mit der Hand allein, sitzend und stehend, je nach Schwere, Grösse und Specialität der Maschine, bewegt wird , verausgaben grosse Arbeitskraft. Ihre Be- schäftigung wird gesundheitswidrig durch die Dauer des Prozesses , ob- gleich er meist kürzer als im alten System, üeberall , wo die Nähma- schine , wie beim Schuh-, Korsett-, Hutraachen u. s. w., ohnehin enge und tiberfüllte Werkstätten heimsucht, vermehrt sie die gesundheitswidrigen Einflüsse. ,,Die Wirkung," sagt Kommissär Lord, ,,beim Eintritt in niedrig gestochne Arbeitslokale, wo 30 bis 40 Maschinenarbeiter zusam- menwirken, ist unerträglich .... Die Hitze, theilweis den Gasöfen zur Wärmung der Bügeleisen geschuldet, ist schrecklich .... Wenn selbst in solchen Lokalen s. g. massige Arbeitsstunden , d. h. von 8 Uhr Morgens bis 6 Uhr Abends, vorherrschen , fallen dennoch jeden Tag 3 oder 4 Per- sonen regelmässig in Ohnmacht" ^ß^). Die Umwälzung der gesellschaftlichen Betriebsweise, diess nothwendige Produkt der Umwandlung des Produktions- mittels, vollzieht sich in einem bunten Wirrwarr von Ueber gang s for- men. Sie wechseln mit dem Umfang, worin, und der Zeitlänge, während welcher die Nähmaschine den einen oder andern Industriezweig bereits er- griffen hat, mit der vorgefundnen Lage der Arbeiter, dem Uebergewicht des Manufaktur-, Handwerks- oder Hausbetriebs, dem Miethpreis der Arbeitslo- kale -^'9) u. s. w. In der Putzn>acherei z. B., wo die Arbeit meist schon organisirt war, hauptsächlich durch einfache Cooperation, bildet die Nähma- schine zunächst nur einen neuen Faktor des Manufakturbetriebs. In der Schneiderei, Hemdenmacherei, Schusterei u. s. w. durchkreuzen sich alle For- men. Hier eigentlicher Fabrikbetrieb. Dort erhalten Zwischenanwender das Rohmaterial vom Kapitalisten en chef und gruppiren in „Kammern" oder ,, Dachstuben" 10 bis 50 und mehr Lohnarbeiter um Nähmaschinen. 2C8) „Chilcl. Empl. Comm." IL Rep. 1864, p. LXVII, ,n. 406—9, p. 84, n. 124, p. LXXIII, n. 441, p. 66, n. 6, p. 84, n. 126, p. 78, n. 85, p. 76, n. 69, p. LXXII, n. 483. 269) ,,The rental of premises required for work rooms seeras tlie element which ultimately determines the point , and conseqnently it is in the metropolis, that the old System of giving work out to small employers and families has been longest retained, and earliest returned to." (1. c. p. 83, n. 123.) Die Schluss- phrase bezieht sich ausschliesslich auf Schusterei. — - 4(55 Endlich, wie bei aller Mascliinerie, die kein gegliedertes System bildet, nnd im Zwergformat anwendbar ist, benutzen Handwerker oder Hausarbeiter, mit eigner Familie oder Zuziehung weniger fremder Arbeiter, auch ihnen selbst gehörige Nähmaschinen -"<^). Thatsächlich überwiegt jetzt in Eng- land das System , dass der Kapitalist eine grössere Maschinenanzahl in seinen Baulichkeiten koncentrirt und dann das Maschinenprodukt zur wei- teren Verarbeitung unter die x4rmee der Hausarbeiter vertheilt 27i^. Dje Buntheit der Uebergangsformeu versteckt jedoch nicht die Tendenz zur Verwandlung in eigentlichen Fabrikbetrieb. Diese Tendenz wird genährt durch den Charakter der Nähmaschine selbst , deren mannigfaltige Anwendbarkeit zur Vereinigung früher getrennter Geschäftszweige in der- selben Baulichkeit und unter dem Kommando desselben Kapitals drängt ; durch den Umstand, dass vorläufiges Nadelwerk und eini'ge andere Operatio- nen am geeignetsten am Sitz der Maschine verrichtet werden; endlich durch die unvermeidlicheExpropriatiou der Handwerker und Hausarbei- ter, die mit eignen Maschinen produciren. DiessFatum hat sie zum Theil schon jetzt erreicht. Die stets wachsende Masse des in Nähmaschinen angelegten Kapitals 2'^-) spornt die Produktion und erzeugt Marktstockun- gen, welche das Signal zum Verkauf der Nähmaschinen durch die Haus- arbeiter läuten. Die Ueberprodüktion von solchen Maschinen selbst zwingt ihre absatzbedürftigen Producenten sie auf wöchentliche Miethe zu ver- leihn und schafft damit eine für die kleinen Maschineneigner tödtliche Kon- kurrenz ^^S). Stets noch fortdauernde Konstruktionswechsel und Verwohl- feilerung der Maschinen depreciiren eben so beständig ihre alten Exem- plare und lassen sie nur noch massenhaft, zu Spottpreisen gekauft, in der Hand grosser Kapitalisten, profitlich anwenden. Endlich giebt die Substitution der Dampfmaschine für den Menschen, hier wie in allen ähnlichen Umwälzungsprozessen, den Ausschlag. Die Anwendung der Dampfkraft stösst im Anfang auf rein technische Hindernisse, wie Schütteln der Maschinen, Schwierigkeit in der Beherrschung ihrer Geschwindigkeit, 2'0) In der Handschuhmacherei u. s. \v. , wo die Lage der Arbeiter von der der Paupers kaum unterscheidbar, kömmt diess nicht vor. 2'') 1. c. n. 122. -''-) In der für den Grossverkauf producirenden Stiefel- und Schuhmacherei von Leicester allein waren 1864 bereits 800 Nähmaschinen im Gebrauch. 273) 1. c. p. 84, n. 124. I. 30 466 raschen Verderb der leicliteren Maschinen o. s. w., lauter Hindernisse^ welche die Erfahrung bald überwinden lehrt -^*). Wenn einerseits die Koncentration vieler Arbeitsmaschinen in grösseren Manufakturen zur An- wendung der Danipfkraft treibt , beschleunigt andrerseits die Konkurrenz; des Dampfes mit Menschenmuskelu Koncentration von Arbeitern und Ar- beitsmaschinen in grossen Fabriken. So erlebt England gegenwärtig in der kolossalen Produktionssphäre des „Wearing Apparel", wie den mei- sten übrigen Gewerken , die Umwälzung der Manufaktur, des Handwerks und der Hausarbeit in F a b r i k b e t r i e b , naclidem alle jene Formen, unter dem Einfluss der grossen Industrie gänzlich verändert, zersetzt, ent- stellt, bereits längst alle Ungeheuerlichkeiten des Fabriksystems ohne seine positiven Entwicklungsmomente reproducirt und selbst übertrieben hatten 275j. Diese naturwüchsig vorgehende industrielle Revolution wird künsthch beschleunigt durch die Ausdehnung der Fabrikgesetze auf alle Indu- striezweige, worin Weiber, junge Personen und Kinder arbeiten. Die zwangs- raässige Regulation des Arbeitstags nach Länge , Pausen , Anfangs - und Endpunkt, das System der Ablösung für Kinder, der Ausschluss aller Kin- der unter einem gewissen Alter u. s. w. ernöthigen einerseits vermehrlfe Maschinerie 276j mi(] Ersatz von Muskeln durch Dampf als Trieb- -'^) So im Armee-Kleidungsdepot zu Pimlico, London, in dei- Hemdenfabrik von Tillie und Henderson zu Londonderry, in der Kleiderfabrik der Firma Tait, za Limerick, die an 1200 ,, Hände" vernutzt. -''^) ,,Tendency to factory system." (1. c. p. LXVH.) ,,The whole employment is at this time in a State oftransition, and is undergoing the same change as that effected in the lace trade, weaving etc." (1. c. n. 405). ,,A com- plete Revolution." (1. c. p. XLVI , n. 318.) Zur Zeit der ,,Child. EmpL Comm." von 1840 war die Strumpf Wirkerei noch Handarbeit. Seit 1846 wurde verschiedenartige Maschinerie eingeführt, jetzt durch Dampf getrieben. Die Oesammtzahl der in der englischen Strumpfwirkerei beschäftigten Personen beiderlei Geschlechts und aller Altersstufen vom 3. Jahr an betrug 1862 ungefähr 120,000 Personen. Davon, nach Parliamentary Return vom 11. Februar, 1862 doch nur 4063 unter der Botmässigkeit des Fabrikakts. 2"6) So z. B. in der Tüpferei berichtet die Firma Cochrane von der ,,Britain Pottery, Glasgow": ,,To keep up ourquantity, \ve have gone extensively into machines wrought by unskilled labour, and every day convinces us that we can produce a greater quantity than by the old method." (,, Reports of Insp, — — 407 kraft -'^). Andrerseits, um im Raum zu gewinnen, was in der Zeit verloren geht, findet Streckung der gemeinschaftlich vernutzten Produktionsmittel statt, der Oefen, Baulichkeiten u. s. w., also in einem Wort grössere Koncentration der Produktionsmittel und entsprechende grössere Konglomeration von Arbeitern. Der leidenschaftlich wiederholte Ilaupteinwand jeder mit dem Fabrikgesetz bedrohten Manufaktm* ist in derThat dieNothwendigkeit grösserer Kapital- auslage, um das Geschäft in seinem alten Umfang fortzuführen. Was aber die Zwisclienformen zwischen Manufaktur und Hausarbeit und letztre selbst betrifft, so versinkt ilir Boden mit der Schranke des Arbeitstags und der Kinderarbeit. Schrankenlose Ausbeutung wohlfeiler Arbeitskräfte bildet die einzige Grundlage ihrer Konkurrenzfähigkeit. Wesentliche Bedingung des Fabrikbetriebs , namentlich sobald er der Regulation des Arbeitstags unterliegt , ist normale Sicherheit des Re- sultats , d. h. Produktion eines bestimmten Quantums Waare oder eines bezweckten Nutzeifekts in gegebnem Zeitraum. Die gesetzlichen Pausen des regulirten Arbeitstags unterstellen ferner plötzlichen und periodischen Stillstand der Arbeit ohne Schaden für das im Produktionsprozess befind- liche Macliwerk. Diese Sicherheit des Resultats und ünterbrechungs- fähigkeit der Arbeit sind natürlich in rein mechanischen Gewerken leichter erzielbar als dort wo chemische und andere physische Prozesse eine Rolle spielen, wie z. B. in Töpferei, Bleicherei, Färberei , Bäckerei , den meisten Metallmanufakturen. Mit dem Schlendrian des unbeschränkten Arbeits- tags, der Nachtarbeit, und freier Meuschenvervvüstung, gilt jedes natur- wüchsige Hinderniss bald für eine ewige ,,N a t u r s c h r a n k e" der Pro- duktion. Kein Gift vertilgt Ungeziefer sichrer als das Fabi'ikgesetz solche ,, Naturschranken'". Niemand schrie lauter über ,, Unmöglichkeiten" als die Herren von der Töpferei. 18 64 wurde ihnen das Fabrikgesetz oktroyirt und alle Unmöglichkeiten waren schon 1 6 Monate später ver- schwunden. ,,Die" durch das Fabrikgesetz hervorgerufene ,, verbesserte Methode Schliff durch Druck statt durch Ausdünstung zu machen, die neue Konstruktion der Oefen zum Trocknen tler frischen Waare u. s. w. sind Ereignisse von grosser Wichtigkeit in der Kunst der Töpferei und bezeich- ofFact. 31. Oct. 1865", p. 13.) „Die Wirkung des Fabrikakts ist zu weiterer Einführung von Maschinerie zu treiben." (1. c. p. 13, 14.) 2'''') So nacli Einführung des Fal)rikakts in die Tüpferei grosse Zunahme der power jiggers statt der handmoved jiggers. 30* 468 neu einen Fortschritt derselben , wie ihn das letzte Jahrhundert niclit auf- weisen kann . . . Die Temperatur der Oefen ist beträchthch vermindert, bei beträchtliclier Abnahme im Kohlenkonsum und rascherer Wirkung auf die Waare" 278)_ Trotz aller Prophezeiung stieg nicht der Kostpreis des Erdenguts, wohl aber die Produktenmasse, so dass die Ausfuhr der 12 Monate von December 1864 bis December 1865 einen Werth- iiberschuss von 138,628 Pfd. St. über den Durchschnitt der drei vorigen Jahre ergab. In der Fabrikation von Schwefelhölzern galt es als Natur- gesetz, dass Jungen , selbst während der Herunterwürgung ihres Mittags- mahls, die Hölzer in eine warme Phosphorkomposition tunkten, deren gifti- ger Dampf ihnen in das Gesicht stieg. Mit der Nothwendigkeit Zeit zu Ökonomisiren, erzwang der Fabrikakt (1864) eine ,,dipping machine" ( Eiutauchungsmaschine) , deren Dämpfe den Arbeiter nicht erreichen kön- nen 279). So wird jetzt in den noch nicht dem Fabrikgesetz unterworfenen Zweigen der Spitzen manufaktur behauptet, die Mahlzeiten könnten nicht regelmässig sein , .wegen der verschiednen Zeitlängen, die verschiedne Spitzen- raaterialien zur Trocknung brauchen, und die von 3 Minuten auf eine Stunde und mehr variiren." Hierauf antworten die Kommissäre der ,,Children's Employment Comm.": ,,Die Umstände sind genau dieselben wie in der Tapetendruckerei. Einige der Hauptfabrikanten in diesem Zweig machteu lebhaft geltend , die Natur der verwandten Materialien und die Verschie- denartigkeit der Prozesse , die sie durchlaufen , erlaubten ohne grossen Verlust keine plötzliche Stillsetzung der Arbeit für Mahlzeiten. . . . Durch die 6. Klausel der 6. Sektion des Factory Act's Extension Act (1864) ward ihnen eine achtzehnmonatliche Frist vom Erlassungsdatum des Akts an eingeräumt, nach deren Ablauf sie sich den durch den Fabrik- akt specificirten Erfrischungspausen fügen müssten -^^). Kaum hatte das Gesetz parlamentarische Sanktion erhalten, als die Herren Fabrikanten auch entdeckten: ,,Die Missstände, die wir von der Einführung des Fabrik- gesetzes erwarteten , sind nicht eingetreten. Wir finden nicht , dass die 21S) 1. c. p. 96 und 127. 2'9) Die Einführung dieser und andrer Maschinerie in die Schvvefelholzfabrik hat in einem Departement derselben 230 junge Personen durch 32 Jungen und Mädchen von 14 bis 17 Jahren ersetzt. Diese Ersparung von Arbeitern wurde 1865 weiter geführt durch Anwendung der Dampfkraft. "0) „Child. Empl. Comm. II. Rep. 1864", p. IX, n. 50. 4(;;) — Produktion irgendwie gelähmt ist. In der Tliat, wir prodnciren mehr in derselben Zeif'^si). Man sielit, das englische Parlament, dem sicher Niemand Genialität vorwerfen wird , ist durch Erfahrung zur Einsicht ge- laugt, dass ein Zwangsgesetz alle s. g, Naturhindernisse der Pro- duktion gegen Beschränkung und Reglung des Arbeitstags einfach weg- diktiren kann. Bei Einführung des Pabrikakts in einen Industriezweig wird daher ein Termin von G bis 18 Monaten gestellt, innerhalb dessen es Sache der Fabrikanten ist die technischen Hindernisse wegzuräumen. Mirabeau's : ,,Impossible ! Ne me nommez Jamals cet imbecil de mot !" gilt namentlich für die moderne Technologie. Wenn aber das Fabrikgesetz so die zur Verwandlung des Manufakturbetriebs in Fabrikbetrieb nothwendi- gen materiellen Elemente treibhausmässig reift, beschleunigt es zugleich durch die Nothwendigkeit vergrösserter Kapitalauslage den Untergang der kleineren Meister und die Koncentration des Kapitals ^^-). Abgeselinvon den rein technischen und technisch beseitbaren Hindei-- nissen stösst die Regulation des Arbeitstags auf unregelmässige Gewohnheiten der Arbeiter selbst, namentlich wo Stücklohn vorherrscht und Verbumm- lung der Zeit in einem Tages- oder Wochenabschnitt durch nachträgliche Ueberarbeit oder Nachtarbeit aufgemacht werden kann, eine Methode, die den erwachsnen Arbeiter brutalisirt , seine unreifen und weiblichen Genos- sen ruinirt -^3)_ Obgleich diese Regellosigkeit in Verausgabung der Ar- 281) „Reports of Insp. of Fact. 31. Oct. 1865", p. 22. 2«2) ,,üie nöthigen Verbesserungen können in vielen alten Manufakturen nicht eingeführt werden, ohne Kapitalauslage über die Mittel vieler gegenwärtiger Besitzer . . . Eine vorübergehende Disorganisatiun begleitet nothwendig die Ein- führuns: der Fabrikakte. Der Umfang dieser Disorganisation steht in direktem Verhältniss zur Grösse der zu heilenden Missstände." (1. c. p. 96, 97.) 283) In den Hochöfen z. B. ,,work towards the end of the week is generally much increased in duration, in consequence of the habit of the men of idling on Monday and occasionally during a part or the whole of Tuesdays also." (,,Child. Empl. Comm. IV. Rep.", p. VI.) ,,The little masters generally have very irreguhir hours. Tliey lose 2 or 3 days, and then work all night to make it up . . . Tliey always employ their own children, if they have any." (1. c. p. VII.) ,,The want of regularity in Coming to work, encouraged by the possibility and practice of making up for this by working longer hours." (1. c. p. XVIII.) ,,Enormous loss of ti'ue in Biiiningham . . . idling part of the tiine, slaving the rest." (1 c. p.XI.) 470 beitskraft eine naturwüchsig rohe Reaktion gegen die Laugweile mono- toner Arbeitsplackerei ist, entspringt sie jedoch in ungleich höherem Grad aus der Anarchie der Produktion selbst, die ihrerseits wieder ungezügelte Exploitation der Arbeitskraft durch das Kapital voraussetzt. Neben die allgemeinen periodischen Wechselfälle des industriellen Cyklus und die besondern Marktschwankungen in jedem Produktionszweig, treten namentlich die s. g. Saison, beruhe sie nun auf Periodicität der Schiff- fahrt günstiger Jahreszeiten oder auf der Mode, und die Plötzlichkeit grosser und in kürzester Frist auszuführender Ordres. Die Gewohnheit der letz- tern dehnte sich mit Eisenbahnen und Telegraphie aus. ,,Die Ausdeh- nung des Eisenbahnsystems", sagt z. B. ein Londoner Fabrikant, ,, durch das ganze Land hat die Gewohnlieit kurzer Ordres sehr gefördert. Käufer kommen jetzt von Glasgow, Manchester und Edinburg einmal in 14 Tagen oder so zu den City-Waarenhäusern für den Grossverkauf, denen wir die Waaren liefern. Sie geben Ordres, die unmittelbar ausgeführt werden müssen, statt vom Lager zu kaufen , wie es Gewohnheit war. In früheren Jahren waren wir stets fähig während der schlaffen Zeit für die Nachfrage der nächsten Saison vorauszuarbeiten, aber jetzt kann Niemand vorher- sagen, was dann in Nachfrage sein wird"-^*). In den noch nicht dem Fabrikgesetz unterworfenen Fabriken und Manufakturen herrscht periodisch die furchtbarste Ueberarbeit während der s. g. Saison, stossweis in Folge plötzlicher Ordres. Im auswärtigen De- partement der Fabrik, der Manufaktur und des Waarenmagazins , in der Sphäre der Hausarbeit, ohnehin durchaus unregelmässig, für ihr Rohma- terial und ihre Ordres ganz abhängig von den Launen des Kapitalisten, den hier keine Rücksicht auf Verwerthung von Baulichkeiten , Maschinen u. s. w. bindet und der hier nichts riskirt als die Haut der Arbeiter selbst, wird so systematisch eine stets disponible, industrielle Reservearmee gross- gezüchtet, decimirt während eines Theils des Jahrs durch unmenschlich- sten Arbeitszwang, während des andern Theils verlumpt durch Arbeits- mangel. ,.Die Anwender", sagt die ,,Child. Empl. Comm.", ,,exploitiren 284) ,,Child. Empl. Comm. IV. Rep.", p. XXXII, XXXIII. ,,The extension of the railway system is said to have contributed greatly to this custom of giving sudden Orders , and the consequent hurry, neglect of meaUimes . and late hours of the work people." (1. c.) 471 <3ie gewohnlieitsmiissige Unregelmässigkeit der Hausarbeit , um sie in Zei- ten, wo Extrawerk nötliig, bis 11, 12, 2 Uhr N;i,olits, in der That, wie die stehende Phrase lautet, auf alle Stunden hinaufzuforciren, und diess in Lokalen, ,,wo der Gestank hinreicht, euch niederzuschmettern („the stench is cnough to knock you down"). Ihr gellt vielleicht bis an dieThüre und öffnet sie, aber schaudert zurück vor weiterem Vorgehn"285)_ ,, Es sind komische Käuze, unsre Anwender", sagt einer der verhörten Zeugen, ein Schuster , ,,sie glauben, es thue einem Jungen keinen Harm, wenn er während eines halben Jahrs todtgerackert und während der an- dern Flälfte fast gezwungen wird herumzuludern"-^^). Wie die technischen Hindernisse, so wurden und werden diese s. g. ,,Ge sc häftsge wo h nh ei ten" („usages which have grown with the growtli of trade") von interessirten Kapitalisten als ,, Naturschranken" der Produktion behauptet, ein Lieblingsschrei diess der Baumwolllords zur Zeit als das Fabrikgesetz sie zuerst bedrohte. Obgleich ihre Industrie mehr als jede andre auf dem Weltmarkt und daher der Schifffahrt beruht, strafte die Erfahrung sie Lügen. Seitdem wird jedes angebliche ,,Geschäftshin- derniss" von den englischen Fabrikinspektoren als hohle Flause behandelt-^'^). Die gründlich gewissenhaften Untersuchungen der „Child. Empl. Comm." beweisen in der That, dass in einigen Industrieen die bereits an- gewandte Arbeilsmasse nur gleichmässiger über das ganze Jahr vertheilt würde durch die Regulation des Arbeitstags ^^^), dass letztere der erste rationelle Zügel für die menschenraörderischen , inhaltslosen und an sich dem System der grossen Industrie unangemessnen Flatterlaunen der Mode2'<9), dass die Entwicklung der oeeanischen Schifffahrt und der 2«5) ,,Child. Empl Comm. II. Rep.", p. XXXV, n. 2.35 und 237. 280) 1. c. p. 127, 11. .56. 2") ,,With respect to the loss of trade by the non-completion of shipping ■Orders in time, I remember that this was the pet argument of the factory masters in 1832 and 1833. Nothing that can be advanced now on this subject could have the force that it had then , before steam had halved all distances and established new regulations for transit. It quite failed at that time of proof when put to the test, and again it will certainly fail should it have to be tried." (,,Reports of Insp. of Fact. 31 st Oet. 1862", p. .54, 55. 288) ,, Child. Empl. Comm. IV. Rep.", p. XVIII, n. 118. 280) John Belleis bemerkt schon 1699: ,,The uncertainty of fashions does in- creasenecessitousPoor. It has two greatmischiefsinit : Ist) Thcjourneymenaremi- 472 Kommunikationsmittel überhaupt den eigentlich technischen Grund der Saison-Arbeit aufgehoben hat ^QO) , dass alle andern angeblich uukontro- lirbaren Umstände weggeräumt werden durch weitere Baulichkeiten , zu- sätzliche Maschinerie, vermehrte Anzahl der gleichzeitig beschäftigten Ar- beiler 2^*') und von selbst folgenden Rückschlag auf das System des Grosshandels 29äj_ Jedoch versteht sich das Kapital, wie es wiederholt durch den Mund seiner Repräsentanten erklärt, zu solcher Umwälzung „nur unter dem Druck eines allgemeinen Parlaments- akts"-^^j^ (ler den Arbeitstag zwangsgesetzlich regulirt. Die Fabrikgesetzgebung, diese erste bewusste und plan- serable in winter tbr want of work , the mercers and master - weavers not daring to ]ay out their Stocks to keep the journeymen imployed before the spring comes and they know what the fashion will then be ; 2dly) In the spring the journeymen are not sufficient, but the master-weavers must draw in many practices , that they may supply the trade of the kingdom in a quarter or half a year, which robs the plow of hands, drains the country of labourers , and in a great part Stocks the city with beggars, and starves some in winter that are ashamed tobeg." (,, Essays about the Poor, Manufactures etc.", p. 9.) 230) ,,Child. Empl. Comm. V. Rep.", p. 171, n. 31. 2'Ji) So heisst es z. B. in den Zeugenaussagen von Bradforder Exporthändlern : ,, Unter diesen Umständen ist es klar, dass Jungen nicht länger als von 8 Uhr Morgens bis 7 oder 7V2 Uhr Abends in den Waarenhäusern beschäftigt zu werden brauchen. Es ist nur eine Frage von Extra- Auslage und Extra- Händen. Die Jungen brauchten nicht so spät in die Nacht hineinzuarbeiten, wären einige An- wender nicht so profithungrig; eine Extramaschine kostet nur 16 oder 18 Pfd. St. . . . Alle Schwierigkeiten entspringen aus ungenügenden Vorrichtungen und Raummangel." (1. c. p. 171, n. 35 und 38.) -^^) 1. c. Ein Londoner Fabrikant, der übrigens die zwangsweise Regulation des Arbeitstags als Schutzmittel der Arbeiter gegen die Fabrikanten und der Fabrikanten selbst gegen den Gross handel betrachtet, sagt aus; ,, Der Druck in unsrem Geschäft ist verursacht durch die Verschiffer , die z. B. Waare mit einem Segelschiff verschicken wollen , um für eine bestimmte Saison an Ort und Stelle zu sein ttnd zugleich die Frachtdifferenz zwischen Segelschiff und Dampfschiff einzustecken , oder von zwei Dampfschiffen das frühere wählen, um vor ihren Konkurrenten auf dem auswärtigen Markt zu erscheinen." (1. c. p. 8, n. 32.) 203) ,,This could be obviated" , sagt ein Fabrikant, ,,at the expense of an enlargement of the works under the Pressure of a General ActofPa r- liament." (1. c. p. X, n. 38.) 473 massige Rückwirkung der Gesellschaft auf die naturwüchsige Gestalt ihres Produktionsprozesses, ist, wie man gesehn, ebenso sehr ein nothwen- diges Produkt der grossen Industrie, als Baumwollgarn, Seltactors und der elektrische Telegraph. Bevor wir zu ihrer bevorstehenden Verallge- meinerung in England übergehn , sind noch einige nicht auf die Stun- denzahl des Arbeitstags bezügliche Klauseln des englischen Fabrikakts kurz zu erwähnen. Abgesehn von ihrer Redaktion, welche dem Kapitalisten ihre Um- gehung erleichtert , sind die G e s u n d h e i t s k 1 a u s e 1 n äusserst mager, in der That beschränkt auf Vorschriften für Weisswaschung und einige sonstige Reinlichkeitsmassregeln , Ventilation , und Schutz gegen gefähr- liche Maschinerie. Wir kommen im dritten Buch auf den fanatischen Kampf der Fabrikanten gegen die Klausel zurück , die ihnen eine geringe Ausgabe zum Schutz der Gliedinassen ihrer „Hände" aufoktroyirt. Hier bewährt sich wieder glänzend das Freihandelsdogma, dass in einer Gesell- schaft antagonistischer Interessen Jeder das Gemeinwohl durch Verfolgung seines Eigennutzes fördert. Ein Beispiel genügt. Man \\ eiss , dass sich während der letztverflossenen zwanzigjährigen Periode die Flachsindu- strie und mit ihr die scutching mills (Fabriken zum Schlagen und Brechen des Flachses) in Irland sehr vermehrt haben. Es gab dort 1864 an 1800 dieser mills. Periodisch im Herbst und Winter werden haupt- sächlich junge Personen und Weiber, die Sühne, Töchter und Frauen der benachbarten kleinen Pächter, lauter mit Mjischinerie ganz unbekannte Personen, von der Feldarbeit weggeholt, um die Walzwerke der scutch- ing mills mit Flachs zu füttern. Die Unfälle sind nach Umfang und Intensivität gänzlich beispiellos in der Geschichte der Maschinerie. Eine einzige scutching mill zu Kildinan (bei Cork) zählte von 1852 bis 1856 sechs Todesfälle und 60 schwere Verstümmelungen, welchen allen durch die einfachsten Anstalten, zur Kost von wenigen Schillingen, vorgebengt wer- den konnte. Dr. W. White, der certifying surgeon der Fabriken zu Downpatrick, erklärt in einem officiellen Bericht vom 15. December 1865 : ,,Die Unfälle in scutching mills sind furchtbarster Art. In vielen Fällen wird ein Viertheil des Körpers vom Rumpfe gerissen. Tod oder eine Zu- kunft elenden Unvermögens und Leidens sind gewöhnliche Folgen der Wunden. Die Zunahme der Fabriken in diesem Lande wird natürlich diese schauderhaften Resultate ausdehnen. Ich bin überzeugt, dass durch 474 geeignete S t a a t s ü b e r w a c h ii n g der scutching mills grosse Opfer von Leib und Leben zu vermeiden sind" ^94). Was könnte die kapitalistische Produktionsweise besser charakterisiren als die Nothwendigkeit , ihr durch Zwangsgesetz von Staatswegen die einfaclisten Reinlichkeits - und Gesund- lieitsvorrichtungen aufzuherrschen ? „Der Fabrikakt von 1864 hat in den Töpfereien über 200 Werkstätten geweisst und gereinigt, nach zwan- zigjähriger oder gänzlicher Enthaltung von jeder sol- chen Operation (diess ist die „Abstinenz" des Kapitals!), in Plätzen, wo 27,800 Arbeiter beschäftigfsind, und bisher, während übermäs- siger Tages-, oft Nacht- Arbeit, eine mephitische Atmosphäre einathmeten, welche eine sonst vergleichungsweis harmlose Beschäftigung mit Krank- heit .und Tod schwängerte. Der Akt hat die Ventilationsmittel sehr ver- mehrt" -^^). Zugleich zeigt dieser Zvveig des Fabrikakts schlagend , wie die kapitalistische Produktionsweise ihrem Wesen nach über einen gewissen Punkt hinaus jede rationelle Verbesserung ausschliesst. Es ward wiederholt bemerkt, dass die englischen Aerzte aus einem Munde öOOKubikfuss Luft- raum per Person für kaum genügendes Miniraum bei fortgesetzter Arbeit erklä- ren. Nun wohl! Wenn derFabrikakt indirekt durch alle seine Zwangsmass- regeln die Verwandlung kleinerer Werkstätten in Fabriken beschleunigt, daher indirekt in das Eigenthumsrecht der kleineren Kapitalisten eingreift und den grossen das Monopol sichert, so würde die gesetzliche Auf herr- schung des nöthigen Luftraums für jeden Arbeiter in der Werkstätte Tau- sende von kleinen Kapitalisten mit einem Schlag direkt expropriiren ! Sie würde die Wurzel der kapitalistischen Produktionsweise angreifen, d.h. die Selbstverwerthung des Kapitals, ob gross oder klein, durch ,, freien" An- kauf und Konsum der Arbeitskraft. Vor diesen 500 Kubikfiiss Luft geht daher der Fabrikgesetzgebung der Athem aus. Der ,, Board of Health", die industriellen üntersuchungskommissionen , die Fabrikinspektoren wie- derholen wieder und wieder die Nothwendigkeit der 500 Kubikfüsse und die Unmöglichkeit, sie dem Kapital aufzuoktroyiren. Sie erklären so in der Tliat Schwindsucht und andre Lungenkrankheiten der Arbeit für eine Lebensbedingung des Kapitals -^^). 29^) 1. c. p. XV, n. 72 sqq. •^35) ,,Reports oflnsp. of Fact. 31. 0 c t. 1865", p. 96. 29ßj Man hat erfahrungsmässig gefunden, dass ungefähr 25 Kubikzoll Luft bei jeder Athniung mittlerer Intensivität von einem gesunden Durchschnittsindi- 475 Armselig wie die Erz ielmngsk lau sein des Fabrikakts im Ganzen erscheinen, proklamirten sie den Elementarun terri cli t als Zwangs- bedingung der Arbeit -^'^). Ihr Erfolg bewies zuerst die Möglichkeit der Verbindung von Unterricht und Gymnastik 298) mjt Handarbeit, also auch von Handarbeit mit Unterricht und Gymnastik. Die Fabrikinspektoren entdeckten bald aus den Zeugenverhöi'en der Schulmeister, dass die Fa- brikkinder, obgleich sie nur halb so viel Unterricht geuiessen als die regelmässigen Tagesschüler, eben so viel und oft mehr lernen. ,,Die Sache ist einfach. Diejenigen, die sich nur einen halben Tag in der Schule aufhalten , sind stets frisch und fast immer fähig und willig Unter- richt zu empfangen. Das System halber Arbeit und halber Schule macht jede der beiden Beschäftigungen zur Ausruhung und Erholung von der andern und folglich viel angemessner für das Kind als die ununterbrochne Fortdauer einer von beiden. Ein Junge, der von Mor- gens früh in der Schule sitzt . und nun gar bei heissem Wetter , kann un- möglich mit einem andern wetteifern , der munter und aufgeweckt von seiner Arbeit kommt" 299). Weitere Belege findet man in Senior's viduum konsumirt wird , und ungefähr 20 Athmungen per Minute vorgehn. Der Lut'tkonsum eines Individuums in 24 Stunden ergäbe dauacii ungefähr 721», OOü Kubik/.oll oder 416 Kubikfüsse. Man weiss aber, dass die einmal eingeathmete Luft nicht mehr zu demselben Prozess djenen kann, bevor sie in der grossen Werk- stätte der Natur gereinigt wird. Nach den Experimenten von Valentin und Brunner scheint ein gesunder Mann ungefähr 1300 Kubikzoll Kohlensäure per Stunde aus- zuathmen ; diess ergäbe ungefähr 8 Unzen solider Kohle, von der Lunge in 24 Stunden abgeworfen. ,, Jeder Mann sollte wenigstens 800 Kubikfuss haben." (Hu.n1 ey ) 29T) Nach dem englischen Fabrikakt können die Eltern Kinder unter 14 Jahren nicht in die ,,kontrolirten" Fabriken schicken, ohne ihnen zugleich Ele- mentarunterricht ertheilen zu lassen. Der Fabrikant ist verantwortlich für die Be- folgung des Gesetzes. ,,Factory education is compulsory, and it is a condi- tionoflabour. " (,,ReportsofInsp. ofFact. 31. Oct. 1865", p. 111.) 2a8) Ueber die vortheilhaften Erfolge der Verbindung von Gymnastik (für Jungen auch militärischer Exercitien) mit Zwangsunterricht der Fabrikkinder und Armenschüler sieh die Rede von N. W. Senior im 7. jährlichen Kongress der ,, National Association for the Promotion of Social Science" in ,,Re port ofProceedings etc. L on d. 1863", p. 63, 64, ebenso den Bericht der Fabrikinspektoren für 31. Oct. 1865, p. 118, 119, 120, 126 sqq. 2!'9) ,, Reports of Insp. of Fact." 1. c. p. 118. Ein naiver Seiden- fabrikant erklärt den Untersuchungskommissären der ,,Child. Empl. Comm.": 470 Rede auf dem sociologisclien Kongress zu Ediiibnrg, 1863. Er zeigt liier auch u. a. nach , wie der einseitige , uiiprodulvtive und verlängerte Schul- tag der Kinder der höheren und mittleren Klassen die Arbeit der Lehrer nutzlos vermehrt, „während er Zeit, Gesundheit und Energie der Kinder nicht nur fruchtlos , sondern absolut schädlich verwüstet" ^^O). Aus dem Fabriksystem, wie man im Detail bei Robert Owen verfolgen kann , entspross der Keim der Erziehung der Zu k u n f t , welche für alle Kinder über einem gewissen Alter produktive Arbeit mit ü n t e r r i c h t u n d Gymnastik verbinden wird , nicht nur als eine Me- thode zur Steigerung der gesellschaftlichen Produktion , sondern als die einzige Methode zur Produktion vollseitig entwickelter Menschen. Man hat gesehn, dassdie grosse Industrie die manufakturmässigeThei- lung der Arbeit mit ihrer lebenslänglichen Aiinexation eines ganzen Menschen an eineDetniloperation technologisch aufhebt, während zugleich die kapi- talistische Form der g r o s s e n 1 n d u s t r i e jene Arbeitsthei lung noch monströser reproducirt, in der eigentlichen Fabrik durch Verwand- lung des Arbeiters in den selbstbewussten Zubehör einer Theilmaschine, überall sonst theils durch sporadischen Gebrauch der Maschinen und Ma- ,,Ich bin durchaus überzeugt, dass das walire Geheimniss der Produktion tüchtiger Arbeiter gefunden ist in der Vereinigung der Arbeit mit Unterricht von der Periode der Kindheit an. Natürlich muss die Arbeit weder zu anstrengend, noch widerlich und ungesund sein. Ich wünschte, meine eignen Kinder hätten Arbeit und Spiel zur Abwechslung von der Schule." (,,Child. Empl. Comm." V. Rep., p. 82, n. 36.) 300) Senior 1. c. p. 66. Wie die grosse Industrie, auf einem gewissen Höhe- grad, durch die Umwälzung der materiellen Produktionsweise und der gesellschaft- lichen Produktionsverhältnisse auch die Köpfe umwälzt, zeigt schlagend ein Ver- gleich zwischen der Rede des N. W. Senior von 1863 und seiner Philippika gegen das Fabrikgesetz von 1833, oder ein Vergleich der Ansichten des erwähnten Kon- gresses mit derThatsache, dass es in gewissen ländlichen Theileu Englands armen Eltern immernoch bei Strafe d es H ii n gertods verboten ist, ihre Kinder zu erziehen. So z. B. berichtet Herr Snell als gewöhnliche Praxis in Somnicrsetshire, dasjs wenn eine arme Person Pfarreihilfe anspricht, sie gezwungen wird, ilire Kinder aus der Schule zu nehmen. So erzählt Herr Wollaston, Pfarrer zu Feltham, von Fällen, wo alle Unterstützung gewissen Familien versaut wurde, ,,weil sie ihre Jungen zur Schule schickten"! 477 scliinenarbeit '^oi) ^ tlicils durcli Einfiilirung von Weiber-, Kinder- und un- geschickter Arbeit als neuer Grundlage der Arbeitstlieilnng, Der Wider- spruch zwisclien der nianufakturmässigen Theihing der Arbeit und dem Wesen der grossen Industrie macht sich gewaltsam geltend, pjr er- scheint u, a. in der furchtbaren Thatsache , dass ein grosser Theil der in den modernen Fabriken und Manufakturen beschäftigten Kmder, vom zar- testen Alter festgeschmiedet an die einfachsten Manipulationen , Jahrelang exploitirt wird , ohne Erlernung irgend einer Arbeit , die sie später auch nur in derselben Manufaktur oder Fabrik brauchbar machte. In den englischen Buchdruckereien z. B. fimd früher ein dem System der alten ]Manufiiktur und des Handwerks entsprechender Uebergang der Lehrlinge von leichteren zu inhaltsvolleren Arbeiten statt. Sie machten einen Leni- gang durch, bis sie fertige Drucker waren. Lesen und schreiben zu können war für alle ein Handwerkserforderniss. Alles das änderte sich mit der Druckmaschine. Sie verwendet zwei Sorten von Arbeitern , einen erwachsnen Arbeitei-, den Maschinenaufseher, und Maschinenjungen , meist von 11 bis 17 Jahren, deren Geschäft ausschliesslich darin besteht, einen Bogen Papier der Maschine zu unterbreiten oder ihr den gedruckten Bogen zu entziehen. Sie verrichten, in London namentlich, diese Plackerei 14, 15, 16 Stunden ununterbrochen während einiger Tage in der Woche und oft 36 Stunden nach einander mit nur zwei Stunden Rast für Mahlzeit und Schlaf ^<'-) ! Ein grosser Theil von ihnen kann nicht lesen und sie sind in der Regel ganz verwilderte, abnorme Geschöpfe. „Um sie zu ihrem 301J Wo handwerksmässige Maschinen, durch Menschenkraft getrieben, direkt oder indirekt mit entwickelter und daher mechanische Triebkraft voraussetzender Maschinerie konkurriren , geht eine grosse Umwandlung vor mit Bezug auf den Arbeiter, der die Maschine treibt. Ursprünglich ersetzte die Uampfmaschine diesen Arbeiter, jetzt soll er die Dampfmaschine ersetzen. Die Spannung und Veraus- gabung seiner Arbeitskraft wird daher monströs , und nun gar für Unerwachsne, die zu dieser Tortur vcrurtheilt sind ! So fand der Kommissär Longe in Coventry und Umgebung Jungen von 10 bis 15 Jahren zum Drehn der Bandstühle ^.erwandt, abgesehn von jüngeren Kindern , die Stühle von kleinerer Dimension zu drehn hatten. ,, Es ist ausserordentlich mühsame Arbeit. The boy isa meresub- stitute for s te am-p o w er." (,,Child. Empl. Comm. V. Rep. 1866", p. 114, n. 6.) Ueber die mörderischen Folgen ,, dieses Systems der Skla- verei", wie der officielle Bericht es nennt, 1. c. sq. 302) 1. c. p. 3, n. 24. 478 Werk zu befähigen, ist keine intellektuelle Ziehung irgend einer Art nöthig; sie haben wenig Gelegenheit für Geschick und noch weniger für Urtheil ; ihr Lohn, obgleich gewissermassen hoch für Jungen, wächst nicht verhält- niässig, wie sie selbst heranwachsen und die grosse Mehrzahl hat keine Aussicht auf den einträglicheren und verantwortlicheren Posten des Ma- schinenaufsehers, weil auf jede Maschine nur ein Aufseher und oft 4 Jungen kommen'' ■^<*3). Sobald sie zu alt für ihre kindische Arbeit werden , also wenigstens im 17. Jahr, entlasst man sie aus der Druckerei. Sie werden zu Rekruten des Verbrechens. Einige Versuche ihnen anderswo Beschäf- tigung zu verschaffen, scheiterten an ihrer Unwissenheit, Rohheit, körper- lichen und geistigen Verkommenheit. Was von der manufakturmässigen Theilung der Arbeit im Innern der Werkstatt, gilt von der Theilung der Arbeit im Innern der Gesellschaft. So lange Handwerk und Manufakturdie allgemeine Grund- lage der gesellschaftlichen Produktion bilden, ist die Subsumtion des Produ- centen unter einen ausschliesslichen Produktionszweig, die Zerreissung der ursprünglichen Mannigfaltigkeit seiner Beschäftigungen 304)^ ein noth wendiges Entwicklungsmoment, Auf jener Grundlage findet jeder besondre Produk- tionszweig empirisch die ihm entsprechende technologische Gestalt, vervoU- komnmet sie langsam und krystallisirt sie rasch, sobald ein gewisser Reifegrad erlangt ist. Was hier und da Wechsel hervorruft, ist ausser neuem Arbeits- stotf, den der Handel liefert, die allraälige Aenderung des Arbeitsinstru- ments. Die erfahrungsmässig entsprechende Form einmal gewonnen, ver- knöchert auch es, wie sein oft jahrtausendlanger Uebergang aus der Hand einer Generation in die der andern beweist. Es ist charakteristisch, dass bis ins. 303) 1. c. p. 7, n. .59, 60 30') ,,In einigen Theilen von Hochschottlaiul . . . erschienen viele Schaf- hirten und cotters mit Frau und Kind , nach dem Statistical Account, in Schuhen, die sie selbst gemacht aus Leder, das sie selbst gegerbt, in Kleidern, die keine Hand ausser ihrer eignen angetastet, deren Material sie selbst von den Schafen geschoren oder wofür sie den Flachs selbst gebaut hatten. In die Zu- bereitung der Kleider ging kaum irgend ein gekaufter Artikel ein , mit Ausnahme von Pfrieme , Nadel , Fingerhut und sehr wenigen Theilen des im Weben ange- wandten Eisenwerks. Die Farben wurden von den Weibern selbst von Bäumen, Gesträuchen und Kräutern gewonnen u. s. w." (Dugald Stewart 1. c. p. 327.) 479 18. Jahrhundert hinein die besondern Gewerke niysteries (mysteres) 3"^) hiessen , in deren Dunkel nur der empirisch und professionell Eingeweihte eindringen konnte. Die grosse Industrie zerriss den Schleier, der den Menschen ihren eignen gesellschaftlichen Produktionsprocess versteckte und die verschiednen naturwüchsig besonderten Produktionszweige gegen einander und sogar dem in jedem Zweig Eingeweihten zu Räthseln maclite. IhrPrincip,jedeuProduktionsprozessan undfür sich, und zunächst ohne alle Rücksicht auf die menschliche Hand, in seine constituirenden Elemente auf- zulösen, schuf die ganz moderne Wissenschaft der Technologie. Die bunt- scheckigen, scheinbar zusammenhangslosen und verknöcherten Gestalten des gesellschaftlichen Produktionsprozesses lösten sich auf in bewusst plan- mässige und je nach dem bezweckten Nutzeffekt systematisch besonderte Anwendungen der Naturwissenschaft. Die Technologie entdeckte ebenso die wenigen grossenGrundf ormen der Bewegung, worin alles pro- duktive Thun des menschlichen Körpers, ti'otz aller Mannigfaltigkeit der an- gewandten Instrumente, notliwendig vorgeht , ganz so wie die Mechanik durch die grösste Komplikation der Maschinerie sich über die beständige Wiederholung der einfachen mechanischen Potenzen nicht täuschen lässt. Die moderne Industrie betrachtet und behandelt die vorhandne Form eines Produktionsprozesses nie als definitiv. Ihre technologische Basis ist daher revolutionär, während die aller früheren Produktionsweisen wesentlich kon- servativ war ^^^). Durch Maschinen , chemische Prozesse und andre Me- 305) In dem berühmten ,,Livre des metiers" des Etienne Boileau wird unter andrem vorgeschrieben, dass ein Geselle bei seiner Aufnahme unter die Meister einen Eid leiste, ,, seine Brüder brüderlich zu lieben, sie zu stützen, jeder in seinem metier, d.h. nicht freiwillig die G e werksge h eimn i ss e zu verrathen, und sogar im Interesse der Gesammtheit nicht zur Empfehlung seiner eignen Waare den Käufer auf die Fehler des Machwerks von Andern aufmerk- sam zu machen." ••o'') ,,Die Bourgeoisie kann nicht existiren ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse , also sämmtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutioniren. Unveränderte ßeüjehajtung der alten Produktions- weise war dagegen die erste Existenzbedingung aller früheren industriellen Klassen. Die fortwährende Umwälzung der Produktion , die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnen die Bourgeoisepoche vor allen früheren aus. Alle festen , eingerosteten Verhält- nisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen 480 tlioden wälzt sie beständig mit der tecliniseheu Grundlage der materiellen Produktion die Funktionen der Arbeiter und die gesellschaftlichen Kombi- nationen des Arbeitsprozesses um. Sie revolntionirt damit ebenso bestän- dig die Theilung der Arbeit im Innern der Gesellschaft und schleudert un- aufhörlich Kapitalmassen und Arbeitermassen aus einem Produktionszweig in den andern. Die Natur der grossen Industrie bedingt daher Wechsel der Arbeit, F'luss der Funktion, allseitige Beweglichkeit des Arbeiters. Andrerseits reproducirt sie in ihrer kapitalistischen Form die alte Theilung der Arbeit mit ihren knöchernen Partikularitäten. Man hat gesehn, wie dieser absolute Widerspruch alle Ruhe, Festigkeit, Sicher- lieit der Lebenslage des Arbeiters aufhebt, ihm mit dem Arbeitsmittel bestän- dig das Lebensmittel aus der Hand zu schlagen ^^^j und mit seiner Theil- funktion ihn selbst überflüssig zu machen droht , wie dieser Widerspruch im ununterbrochnen Opferfest der Arbeiterklasse, masslosester Vergeudung der Arbeitskräfte und den Verheerungen gesellschaftlicher Anarchie sich austobt. Diess ist die negative Seite. Wenn aber der Wechsel der Arbeit sich jetzt nur als überwältigendes Naturgesetz und mit der blind zerstö- renden Wirkung eines Naturgesetzes durchsetzt , das überall auf Hinder- nisse stösst 30S), macht die grosse Industrie durch ihre Katastrophen selbst werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie vei'knöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellungen , ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehn." (F. Engels und Karl Marx: ,, Mani- fest d er K o mmu nis tis ch en Partei. L on d. 1848" , p. 5.) 30') ,,You take my life When you do take the means whereby I live. " (S L a k e s p e a r e.) 308) Ein französischer Arbeiter schreibt bei seiner Rückkehr von San-Fran- cisco : ,,Ich hätte nie geglaubt, dass ich fähig wäre alle die Gewerbe auszuüben, die ich in Californien betrieben habe. Ich war fest überzeugt, dass ich ausser zur Buchdruckerei zu nichts gut sei ... . Einmal in der Mitte dieser Welt von Aben- teurern, welche ihr Handwerk leichter wechseln als ihr Hemde, meiner Treu ! ich that wie die andern. Da das Geschäft der Minenarbeit sich nicht einträglich genug auswies , verliess ich es und zog in die Stadt , wo ich der Reihe nach Typo- graph , Dachdecker, Bleigiesser u. s. w. wurde. In Folge dieser Erfahrung, zu allen Arbeiten tauglich zu sein, fühle ich mich weniger als Molluske und mehr als Mensch." (A. Corbon: ,,De l'enseignement professionnel." 2e m e e'd. p. 50.) 481 €8 zur Frage von Leben oder Tod, den Wechsel der Arbeiten und dalier möglichste Vielseitigkeit des Arbeiters als allgemeines gesellschaftliches ■Gesetz der Produktion anzuerkennen, und die Verhältnisse seiner normalen Verwirklichung gemäss umzugestalten. Sie macht es zu einer Frage von Leben oder Tod, die Ungeheuerlichkeit einer elenden, für die wechselnden Exploitationsbedürfnisse des Kapitals in Reserve gehaltenen , disponiblen Arbeiterbevölkerung zu ersetzen durch die absolute Disponibilität des Men- schen für wechselnde Arbeitserfordernisse ; das Theilindividuum , welches blosser Träger einer gesellschaftlichen Detailfunktion ist , durch das total entwickelte Individuum, für welches die gesellschaftlichen Funktionen €ben so viele verschiedne Bethätigungsweisen sind. Ein auf Grundlage der grossen Industrie naturwüchsig entwickeltes Moment dieses Umwäl- zungsprozesses sind polytechnische und agronomische Schulen, ein anderes sind die „ecoles d'enseignement professionnel", worin die Kinder der Arbeiter einigen Unterricht in der Technologie und praktischen Handhabe der verschiednen Produktionsinstrumente erhalten. Wenn die Fabrikgesetzgebung als erste, dem Kapital nothdürftig abgerungene Kon- cession nur Elementarunterricht mit fabrikmässiger Arbeit verbindet, unter- liegt es keinem Zweifel, dass die unvermeidliche Eroberung der politischen Gewalt durch die Arbeiterklasse auch dem technologischen Unterricht, theoretisch und praktisch , seinen Platz in den Arbeiterschulen erobern wird. Es unterliegt ebenso wenig einem Zweifel, dass die kapitalisti- sche Form der Produktion und die ihr entsprechenden ökonomischen Arbeiterverhältnisse im diametralsten Widerspruch stehn mit solchen Um- wälzungsfermenten und ihrem Ziel, der Aufhebung der alten T h e i 1 u n g der Arbeit. Die Entwicklung der Widersprüche einer geschichtlichen Produktionsform ist jedoch der einzig geschichtliche Weg ihrer Auflösung und Neugestaltung. „Ne siitor ultra crepidam" !, diess nee plus ultra handwerksmässiger Weisheit , wurde zur furchtbaren Narr- heit von dem Moment, wo der Uhrmacher Watt die Dampfmaschine, der Barbier Arkwright den Ketteustuhl, der Juwelierarbeiter Fulton das Dampfschiff erfunden hatte ^osj. 309) John Bellcrs, ein wahres Phänomen in der Geschichte der politischen Oekonomie, begriff schon Ende des 17. Jahrhunderts mit vollster Klarheit die nothwendige Aufhebung der jetzigen Erziehung und Arbeitstheilung, welche Hypertrophie und Atrophie auf beiden Extremen der Gesellschaft , wenn auch in I. 31 482 Soweit die FabrikgesetzgebuDg die Arbeit in Fabriken, Mannfaktureit u. s. w. regnlirt, erscheint diess zunächst nur als Einmischung in die Ex- ploitationsrechte des Kapitals. Jede Regulation der s. g. H a u s a r - bei 1 310) stellt sich dagegen sofort als direkter Eingriff in die patria Potestas dar, d. h. raodern interpretirt, in die el t er li ch e Auto- rität, ein Schrift, wovor das zartfühlende englische Parlament lang zu- rückzubeben affektirte. Die Gewalt der Tliatsachcn zwang jedoch endlich anzuerkennen, dass die grosse Industrie mit der ökonomischen Grundlage des alten Familienwesens und der ihr entsprechenden Familienarbeit auch die alten FamiUenverhältnisse selbst auflöst. Das Recht der Kinder musste proklamirt werden. ,, Unglücklicher Weise", heisst es im Schluss- bericlit der ,,Child. EmpL. Couim." von 1866, ,, leuchtet aus der Gesammt- heit der Zeugenaussagen hervor, dass die Kinder beiderlei Geschlechts gegen Niemand so sehr des Schutzes bedürfen als gegen ihre Eltern." Das System der masslosen Exploitation der Kinderarbeit überhaupt und der Hausarbeit im Besondern wird dadurch ,, erhalten, dass die Eltern über ihre jungen und zarten Sprösslinge eine willkührliche und heillose Gewalt ohne Zügel oder Kontrole ausüben . . . Eltern dürfen nicht die absolute Macht be- sitzen, ihre Kinder zu reinen Maschinen zu macheu , um so und so viel wöchentlichen Lohn herauszuschlagen . . . Kinder und junge Personen haben ein Recht auf den Schutz der Legislatur wider den Missbrauch der elterlichen Gewalt, der ihre physische Kraft vorzeitig bricht und sie degra- dirt auf der Staffel moralischer und intellektueller Wesen" 3ii). Es ist entgegengesetzter Riclitung , erzeugen. Er sagt u. a. schün : ,,An idle learning being little better than the Learning of Itlleness ... Bodi ly Labou r , it's a primitive institution of God .... Labour being as proper for the bodies health,. as eating is for its living ; for what pains a man saves by Ease , he will find in Disease . . . Labour adds oyl to the lamp of life when thinking intianies it . . . A childish silly employ (diess ahnungsvoll gegen die Basedows und. ihre mo- dernen Nachstümper), leaves the children's minds silly." (,, Proposais for raisingaColledge oflndustry ofall usefulTradesandHusban- dry. Lond. 1696", p. 12, 14, 18.) 3'") Diese geht Übrigens grossentheils auch in kleineren Werkstätten vor, wie wir gesehn bei der Spitzenmanufaktur und Strohflechterei, und wie nament- lich auch an den Melallmanufakturen in Sheftield, Birmingham u. s. w. ausführ- licher gezeigt werden konnte. 3") *,Child. Empl. Comm. V. Rep.", p. XXV, n. 162 und II. Rep., p. XXXVin, n. 285, 289, p. XXXV, n. 191. . 483 jedoch niclit der Missbraiich der clterliclien Gewalt, der die direkte oder indirekte Exploitation unreifer Arbeitskräfte durch das Kapital schuf, son- dern es ist umgekehrt die kapitalistische Exploitationsweise, welche die elterliche Gewalt , durch Aufhebung der ihr entsprechenden ökonomischen Grundlage, zu einem Missbrauch gemacht hat. So furchtbar und ekelhaft nun die Auflösung des alten Familienwesens innerhalb des kapitalistischen Systems erscheint, so schafft nichtsdestoweniger die grosse Industrie mit der entscheidenden Rolle, die sie den Weibern , jungen Personen und Kin- dern beiderlei Geschlechts in gesellschaftlich organisirten Produktionspro- zessen jenseits der Sphäre des Hauswesens zuweist, die neue ökonomische Grundlage für eine höhere Form der Familie und des Verhältnisses beider Geschlechter. Es ist natürlich ebenso albern die christlich germanische Form der Familie für absolut zu halten als die altrömische Form , oder die altgriechische, oder die orientalische , die übrigens untereinander eine ge- schichtliche Entwicklungsreihe bilden. Ebenso leuchtet ein , dass die Zu- sammensetzung des koiubinirten Arbeitspersonals aus Individuen beiderlei Geschlechts und der verschiedensten Altersstufen, obgleich in ihrer naturwüch- sig brutalen, kapitalistischen Form, wo der Arbeiter für den Produktions- prozess, nicht der Produktionsprozess für den Arbeiter da ist , Pestquelle des Verderbs und der Sklaverei , unter entsprechenden Verhältnissen um- gekehrt zur Quelle humaner Entwicklung umschlagen muss^*^). Die Nothwendigkeit, das Fabrikgesetz aus einem Ausnahmsgesetz für Spinnereien und Webereien, diese ersten Gebilde des Maschinenbetriebs, in ein Gesetz aller gesellschaftlichen Produktion zu verallgemeinern , ent- springt , wie man sah , aus dem geschichtlichen Entwicklungsgang der grossen Industrie, auf deren Hintergrund die überlieferte Gestalt von Manu- faktur, Handwerk und Hausarbeit gänzlich umgewälzt wird, die Manufaktur beständig in die Fabrik , das Handwerk beständig in die Manufaktur um- schlägt , und endlich die Sphären des Handwerks und der Hausarbeit sich in relativ wunderbar kurzer Zeit zu Jammerhöhlen gestalten, wo die tollsten Ungeheuerlichkeiten der kapitalistischen Exploitation ihr freies Spiel trei- ben. Es sind zwei Umstände, welche zuletzt den Ausschlag geben, erstens die stets neu wiederholte Erfahrung , dass das Kapital , sobald es der 3'"-) ,,Factory labour niay be as pure and as excellent as domestic labour, and jicrhaps more so." (,, Reports of Insp. o f Fact. 31st Oet. 1865", p. 127.) 31* >4ö4 Staatskontrole imr auf einzelnen Punkten der gcscllscliaftlichen Peripherie anheimfällt, sich um so massloser auf den andern Puni^ten entschädigt 3' 3), zweitens der Schrei der Kapitalisten selbst nach G 1 e i c h li e i t der Kon- kurrenzbedingungen, d. h. gleichen Schranken der Ar- beitsexploitation 3i4j. Hören wir hierüber zwei Herzensstösse. Die Herrn W. Oooksley (Nagel-, Ketten- u. s. w. Fabrikanten zu Bristol) führ- ten die Fabrikregulation freiwillig in ihrem Geschäft ein. ,,Da das alte, unregelmässige System in den benachbarten Werken foitdauert , sind sie der Unbill ausgesetzt ihre Arheitsjungen zur Fortsetzung der Arbeit an- derswo nach 6 Uhr Abends verlockt (enticed) zu selm. ,Diess', sagen sie natürlich , ,ist eine Ungerechtigkeit gegen luis und ein Verlust , da e s einen T h e i I der Kraft der Jungen erschöpft, deren voller Vortheil uns gebührt • 3i^). Herr J.Simpson (Paper-Box Bag raaker, London) erklärt den Kommissären der „Child. Empl. CoQim.*': „Erwolle jede Petition für Einführung der Fabrikakte unterzeichnen. Wie es sei, fühle er sich stets rastlos des Nachts („he always feit restless at night") , nach Schluss seiner Werkstatt , bei dem Gedanken , dass andre länger arbeiten Hessen und ihm Aufträge vor der Nase wegschnappten" '^16). ,,Es wäre ein Unrecht," sagt die Child. Empl. Co m m. zusammenfassend, ,, gegen die grösseren Arbeitsanwender ihre Fabriken der Regulation zu unter- werfen, während in ihrem eignen Geschäftszweig der Kleinbetrieb keiner gesetzlichen Beschränkung der Arbeitszeit unterliegt. Zur Ungerechtigkeit ungleicher Konkurrenzbedinguugen in Bezug auf die Arbeitsstunden bei Ausnahme kleinerer Werkstätten , käme noch der andere Nachtheil für die grösseren Fabrikanten hinzu, dass ihre Zufuhr von jugendlicher und weib- licher Arbeit abgelenkt würde nach den vom Gesetz verschonten Werk- stätten. Endlich gäbe diessAnstoss zur Vermehrung der kleineren Werk- stätten, die fast ausnahmslos die mindest günstigen für Gesundheit , Kom- fort, Erziehung und allgemeine Verbesserung des Volks sind" 3i7). 313) 1. c. p. 27, 32. 3'^) Massenhafte Belege dazu in den ,,Rep. of Insp. of Fact." 315) „Child. Empl. Comm. V. Rep.", p. IX, n. 35. 3t'') 1. c. n. 28. 31") 1. c. n. 165 — 167. Vgl. über die Vuizüge des Gros5betriei)es verglichen mit dem Zwergbetrieb ,, Child. Empl. Comm. III. Rep.", \). 13, n. 144, p. 25, n. 121, p. 26, n. 125, p. 27, n. 140 u. s. vv. 485 In ihrem Schlusshericht schlägt die „Chiklren'sEmployment" Kommis- sion vor, über 1,400,000 Kinder, junge Personen und Weiber, wovon unge- fähr di.e Hälfte vom Kleinbetrieb und der Hausarbeit exploitirt wird , dem P'abrikakt zu unterwerfen 3'»). ,, Sollte," sagt sie, ,,das Parlament unsern Vorschlag in seinem ganzen Umfang annehmen, so ist es zweifellos, dass solche Gesetzgebung den wohlthätigsten Eiufluss ausüben würde, nicht nur auf die Jungen und Schwachen , mit denen sie sich zunächst beschäftigt, sondern auf die noch grössere Masse von erwachsnen Arbeitern , die direkt (die Weiber) und indirekt (die Männer) unter ihren Wirkungskreis fallen. Sie würde ihnen regelmässige und ermässigte Arbeitsstunden aufzwingen ; sie würde einen gesunderen und reinlicheren Zustand der Arbeitslokale her- beiführen ; sie würde den Vorrath physischer Kraft , wovon ihr eignes Wohlergehen und das des Landes so sehr abhängt, haushalten und häufen ; sie würde die aufsprossende Generation vor derUeberanstrengung in frühem Alter schützen , welche ihre Konstitution untergräbt und zu vorzeitigem Verfall führt; sie würde schUesslich, wenigstens bis zum 13. Jahr die Ge- legenheit des Elementarunterrichts bieten und damit der unglaublichen Un- wissenheit ein Ende machen, die so treu in den Kommissionsberichten ge- schildert ist und nur mit qualvollster Empfindung und dem tiefen Gefühl nationaler Erniedrigung betrachtet werden kann" 3i9). Das Toryministerium kündigte in der Thronrede vom 5. Februar 1867 an, dass es die Vorschläge der industriellen Untersuchungskommission in,, Bills" formulirt habe. Dazu bedurfte es eines neuen zwanzigjährigen Experimentura in corpore vili. 3'**) Die zu massregelnden Industriezweige sind: Spitzennianufaktur, Strumpf- wirkerei, Strohtiechten , Manufaktur von Wearing Apparel mit ihren zahlreichen Arten, künstliche Blumenmacherei , Schuh-, Hut- und Handschuhmacherei, Sciineiderei, alle Metallfabriken, von den Hochöfen bis zu Nadelfabriken u. s. w. , Papierfabrik, Glasmanufaktur, Tabaksnianufaktur, India-Rubber Werke , Litzen- fabrikation (für die Weberei) , Handteppich-Weberei, Regenschirm- und Parasol- manufaktur, Fabrikation von Spindeln und Spulen , Buchdruckerei, Buchbinderei, Schreibmatcrialienhandel (Stationery, dazu gehörig Verfertigung von Papier- schachteln, Karten, Papierfarben u. s. w.), Seilerei, Manufaktur von Gagatschmuck, Ziegeleien , Hand -Seidenmanufaktur, Coventry- Weberei , Salz-, Talglicht- und Cementirwerke, Zuckerraffinerie, Zwiebackmachen, verschiedne Holz- und andre vermischte Arbeiten. 31«) 1. c. p. XXV, n. 169. 486 Bereits im Jahr 1840 war eine parlamentarische Kommission zur Unter- suchung über Kinderarbeit ernannt worden. Ihr Bericlit von 1842 ent- rollte in den Worten N. W. Senior' s ,,das furchtbarste Gemälde von Habsucht, Selbstsucht und Grausamkeit der Kapitalisten und Eltern, von Elend, Degradation und Zerstörung der Kinder und jungen Personen, das jemals das Auge der Welt schlug . . . Man wähnt vielleicht, der Bericht beschreibe die Greuel eines vergangenen Zeitalters . . . Diese Greuel dauern fort, intensiver als jemals . . . Die 1842 denuncirten Missbräuche stehn heut zu Tage (Oktober 1863) in voller Blüthe . . . Der Bericht von 1842 wurde ohne weitere Notizuahme zu den Akten gelegt und da lag er zwanzig volle Jahre, während deren man den physisch, geistig und mora- lisch niedergetretenen Kindern erlaubte, die Eltern der jetzigen Generation zu werden" ^^°). Die jetzige Untersuchungskommission schlägt ebenfalls neue Reglung der Minen Industrie vor^^ij. Endlich brachte Professor 3-0^ Senior 1. c. p. 55 sqq. 321) Das letzte Blaubuch über die Minen : „Report from the Select CommitteeonMinestogetherwith etc. Evidence. 23. July 1866'', ist ein starker Folioband , enthält aber nur das Zeugenverhör. Der Bericht des vom Unterhaus aus seinem eignen Schoss ernannten Comite's selbst besteht aus 5, sage f ü n f Z e i 1 e n , des Inhalts, dass es nichts zu sagen weiss und noch ra ehr (!) Zeugen verhört werden müssen. In der Minenindustrie, wohlbemerkt, gehn die Interessen der Landlords und industriellen Kapitalisten Hand in Hand. Die Art der Zeugenexamination erinnert an die cross examinations vor den englischen Gerichten, wo der Advokat durch unverschämte, sinnverwirrende Kreuz- und Querfragen den Zeugen aus der Fassung zu bringen und ihm die Worte im Munde zu verdrehn sucht. Die Advokaten hier sind die parlamentarischen Examinatoren selbst; darunter Minen-Eigner und Exploiteurs, die Zeugen Minen- arbeiter, meist in Kohlenbergwerken. Die ganze Farce ist zu charakteristisch für den Geist des Kapitals, um hier nicht einige Auszüge zu geben. Vorher sei noch bemerkt, dass durch Gesetz Von 1842 die Arbeit des weiblichen Ge- schlechts und aller Kinder unter 10 Jahren in den Minen verboten wurde. Ein neuer Akt, ,,TheMines Inspecting Act" von 1860, schreibt ausser Minen- inspektion u. s. w. vor, dass Jungen zwischen 10 und 12 Jahren nicht beschäftigt werden sollen , wenn sie kein Schulccrtifikat haben oder während bestimmter Stundenzahl Schule besuchen. Das ganze Gesetz ist eine Nullität, schon wegen der lächerlich kleinen Anzahl der Inspektoren , der Nichtigkeit ihrer Vollmachten und andrer Umstände, die man im Verlauf sehn wird. Zur leicliteren Uebersiclit 487 Pawcett im Unterbaus (1867) ähnliche Resolutionen für die Agrikultur- arbeiter ein, das Kabinet übernahm jedoch die Initiative. igebe ich die Resultate der Untersuchung u. s. w. in Rubriken. Ich erinnere, dass Frage und obligate Antwort in den englischen Blne Books numerirt sind, und dass •die Zeugen, deren Aussagen hier citirt werden, Arbeiter in Kohlenbergwerken. 1) Beschäftigung der Jungen vom 10. Jahr an in den Minen. Die Arbeit, nebst obligatem Gang von und zu den Bergwerken, dauert in der Regel 14 bis l.'i Stunden, ausnahmsweise länger, von 3,4,5 Uhr Morgens bis 4 und 5 Uhr Abends. (n. 6, 452, 83.) Die erwachsnen Arbeiter arbeiten in zwei Gängen, jeder 8 Stunden, aber kein solcher Wechsel für die Jungen , um die Kosten zu sparen, (n. 80, 203, 204.) Die jungen Kinder hauptsächlich verwandt zum Oeftnen und Schliessen der Zugthüren in den verschiednen Abtheilungen des Bergwerks, die älteren zu schwerer Arbeit, Kohlentransport u. s. w. (n. 122, 739, 1747.) Die langen Arbeits-stunden unter der Erde dauern bis zum 18. oder 22. Jahr, wenn der Uebergang zur eigentlichen Minenarbeit stattfindet, (n. 161.) Die Kinder undjungen Personen werden heutzutag härter abge- placktals z nirgend eine r früheren Periode, (n. 1663—67.) Die Minen- arbeiter verlangen fast einstimmig einen Parlamentsakt zum Verbot der Minenar- -beit bis zum 14. Jahr. Und nun fragt Vi vi an Hussey (selbst Minenexploiteur) : ,, Hängt diess Verlangen nicht von der grössern oder geringern Armuth der Eltern ab? Wäre es nicht hart, wo der Vater todt, oder verstümmelt u. s. w., der Familie .diese Ressource zu entziehn ? Und es muss doch eine allgemeine Kegel herrschen. Wollt ihr in allen Fällen die Beschäftigung der Kinder bis zum 14. Jahr unter ■der Erde verbieten?" An tw ort: ,, In allep Fällen." (n. 107 — HO.) Hussey:' .,, Wenn die Arbeit vor 14 Jahren in den Minen verboten, würden die Eltern die Kinder nicht in Fabriken u. s. w. stecken? — In der Regel , nein." (n. 174.) Arbeiter: ,,Das Auf- und Zuschliessen der Thüren sieht leicht aus. Es ist ein sehr qualvolles Geschäft. Vom beständigen Zug abgesehn, ist der Junge gefangen gesetzt, ganz so gut wie in einer dunkeln Kerkerzelle." Bourgeois Hussey: ,,Kann der Junge nicht lesen während der Thürwacht, wenn er ein Licht hat? — Erstens müsste er sich die Kerzen kaufen. Aber ausserdem würde es ihm nicht .erlaubt werden. Er ist da , um auf sein Geschäft aufzupassen , er hat eine Pflicht J!U erfüllen. Ich habe nie einen Jungen in der Grube lesen sehn." (n. 141 — 60.) 2) Erziehung. Die Minenarbeiter verlangen Gesetz für Zwangsunter- richt der Kinder, wie in den Fabriken. Sie erklären die Klausel des Akts von 1860, wonach Erziehungscertifikat zur Verwendung von 10 — 12 Jahren erfordert, für rein illusorisch. Das ,, peinliche" Verhürverfahren der kapitalistischen In- .struktionsrichter wird hier wahrhaft drollig, (n. 115.) ,,Ist der Akt mehr nüthig gegen Anwender oder Eltern? — Gegen Beide." (n. 116.) ,,Mehr gegen den -einen als den andern? — Wie soll ich das beantworten?" (n. 137.) ,, Zeigen die Anwender irgend ein Verlangen, die Arbeitsstunden dem Schulunterricht anzu- 488 Wenn die Verallgemeinerung der Fabrikgesetzgebung als physisches und geistiges Schutzmittel der Arbeiterklasse unvermeidlich geworden ist, passen? — Niemals. '> (n. 211.) „Verbessern die Minenarheiter hinterher ihre Erziehung? — Sie verschlechtern sich im Allgemeinen ; sie nehmen böse Gewohn- heiten an ; sie verlegen sich auf Trunk und Spiel und dergleichen , und werden ganz und gar schiftbrüchig." (n. 109.) „Warum nicht die Kinder in Abend- schulen schicken? — In den meisten Kohlendistrikten existiren keine. Aber die Hauptsache ist, von der langen Ueberarbeit sind sie so erschöpft, dass ihnen die Augen vor Müdigkeit zufallen." ,,Also", schlicsst der Bourgeois, ,,lhr seid gegen Erziehung? — Bei Leibe nicht, aber u. s. w." (n. 443.) ,,Sind die Minenbe- sitzer u. s. w. nicht durch den Akt von 1860 gezwungen, Sehulcertifikate zu ver- langen, wenn die Kinder zwischen 10 und 12 Jahren? — Durch das Gesetz, ja,. aber die Anwender thun es nicht." (n. 444.) ,,Nach eurer Ansicht ist diese Gesetzklausel nicht allgemein ausgeführt? — Sie wird gar nicht ausge- führt." (n. 717.) ,,Sind die Minenarbeiter sehr interessirt an der Erziehungs- frage? — Die grosse Mehrzahl." (n. 718.) ,,Sind sie ängstlich für Erzwingung des Gesetzes? — Die grosse Mehrzahl." (n. 720.) ,, Warum denn erzwingen sie das Gesetz nicht? — Mancher Arbeiter wünscht einen Jungen ohne Schulcertifikat zu verweigern, aber er wird ein gezeichneter Mann (a marked man)." (n. 721.) ,, Gezeichnet durch wen? — Durch seinen Anwender. " (n. 722.) ,,Ihr glaubt doch nicht etwa , dass die Anwender einen Mann für Gehorsam gegen das Gesetz verfolgen würden? — Ich glaube, sie würden es thun." (n. 723.) ,, Warum verweigern die Arbeiter nicht solche Jungen anzuwenden? — Es ist nicht ihrer Wahl überlassen." (n. 1634.) ,,Ihr verlangt Parlamentsintervention? — Wenn irgend etwas Wirksames für die Erziehung der Kinder der Grubenarbeiter geschehn soll, so muss sie durch Parlamentsakt a wan gsmässig gemacht werden." (n. 1636.) ,,Soll das für die Kinder aller Arbeiter von Grossbritanien gelten oder nur für die Grubenarbeiter? — Ich bin hier, um im Namen der Grubenarbeiter zu sprechen." (n. 1638.) ,, Warum Grubenkinder von andern unterscheiden? — Weil sie eine Ausnahme von der Regel bilden." (n. 1639.) ,,In welcher Hin- sicht?— In physischer." (n. 1640.) ,, Warum sollte Erziehung für sie werth- voller sein, als für Knaben von andern Klassen? — Ich sage nicht, dass sie werth- voller für sie ist, aber wegen ihrer Ueberarbeitung in den Minen haben sie weniger Chancen für Erziehung in Tags- und Sonntagsschulen." (n. 1644.) ,, Nicht wahr, es ist unmöglich Fragen dieser Art absolut zu behandeln?" (n. 1646.) ,,Sind genug Schulen in den Distrikten? — Nein." (n. 1647.) ,,Wenn der Staat verlangte, dass jedes Kind zur Schule geschickt, wo sollen dann die Schulen für alle die Kinder herkommen? — Ich glaube, sobald es die Umstände gebieten, werden die Schulen von selbst entspringen. Die grosse Mehrzahl nicht nur der Kinder, sondern der erwachsnen Minenarbeiter kann weder schreiben, noch lesen." (n. 705, 726.) 489 verallgemeinert und beschleunigt sie andrerseits , wie bereits angedeutet^ die Verwandlung zerstreuter Arbeitsprozesse auf Zwergmassstab in kom- 3) Weiberarbeit. Arbeiterinnen werden zwar seit 1842 nicht mehr unter, wohl aber über der Erde zum Aufladen der Kuhlen u. s. w. , Schleppen der Kufen zu den Kanälen und Eisenbahnwagen, Sortiren der Kohlen u. s. w. ver- braucht. Ihre Anwendung hat sehr zugenommen in den letzten 3 bis 4 Jahren, (n. 1727.) Es sind meist Weiber, Töchter und Witwen von Grubenarbeitern, vom 12. bis zum 50. und 60. Jahre, (n. 645, 1779.) (n. 648.) ,,Was denken die Minenarbeiter von weiblicher Beschäftigung bei Bergwerken? — Sie verdammen sie allgemein. " (n. 649.) ,, Warum? — Sie betrachten es erniedrigend für das Geschlecht . . . Sie tragen Art von Mannskleidern. In vielen Fällen wird alle Scham unterdrückt. Manche Weiber rauchen. Die Arbeit ist so schmutzig, wie die in den Gruben selbst. Darunter sind viele verheirathete Frauen, die ihre häus- lichen Pflichten nicht erfüllen können." (n. 651 sqq.) (n. 709.) , .Können die Witwen ein so einträgliches Geschäft (8 — 10 sh. wöchentlich) anderswo finden? — Ich kann darüber nichts sagen." (n. 710.) ,,Und dennoch (Herz von Stein!) seid Ihr entschlossen, ihnen diesen Lebensunterhalt abzuschneiden? — Sicher."' (n. 1715.) ,, Woher diese Stimmung? — Wir, Minenarbeiter, haben zu viel Respekt für das schöne Geschlecht, um sie zurKohlengrube verdammt zu sehn . . . Diese Arbeit ist grossentheils sehr schwer. Viele dieser Mädchen heben 10 Tonnen per Tag." (n. 1732.) ,, Glaubt Ihr, dass die in den Bergwerken beschäftigten Arbeiterinnen unmoralischer sind als die in den Fabriken beschäftigten ? — Der Prozentsatz der Schlechten ist grösser als unter den Fabrikmädchen." (n. 1733.) ,,Aber Ihr seid auch mit dem Stand derMoralität in den Fabriken nicht zufrieden? — Nein." (n. 1734.) ,, Wollt Ihr denn auch die Weiberarbeit in den Fabriken verbieten? — Nein, ich will nicht." (n. 1735.) ,, Warum nicht? — Sie ist für das weibliche Geschlecht ehrenvoller und passender." (n. 1736.) ,, Dennoch ist sie schädlich für ihre Moralität, meint Ihr? — Nein, langp nicht so sehr wie die Arbeit in der Grube. Ich spreche übrigens nicht nur aus moralischen, sondern auch aus physischen und socialen Gründen. Die sociale Degradation der Mädchen ist jammervoll und extrem. Wenn diese Mädchen Frauen der Minenarbeiter werden, leiden die Männer tief unter dieser Degradation , und es treibt sie fort ' von Haus und in den Sotf." (n. 1737.) ,,Aber gälte nicht dasselbe für die in Eisenwerken beschäftigten Weiber? — Ich kann nicht für andre Geschäfts- zweige sprechen." (n. 1740.) ,,Aber welcher Unterschied ist denn zwischen den in Eisenwerken und Bergwerken beschäftigten Weibern? — Ich habe mich nicht mit dieser Frage beschäftigt." (n. 1741.) ,, Könnt Ihr einen Unterschied zwischen der einen und der andern Klasse entdecken? — Ich habe nichts darüber vergewissert, kenne aber durch Visite von Haus zh Haus den schmählichen Zustand der Dinge in unsrem Distrikt." (n. 1750.) ,, Hättet Ihr nicht grosse Lust Weiber- beschäftigung überall abzuschaffen, wo sie degradirend ist? — Ja . . . die besten 490 Vmirte Arbeitsprozesse auf grosser, gesellschaftlicher Stufenleiter, die Kon- ■centration des Kapitals und das Fabrikregime selbst. Sie zerstört alle Oefühle der Kinder müssen von mütterlicher Zucht herkommen." (n. 1751.) ,,Aber das passt ja auch auf agrikole Beschäftigung der Weiber? — Die dauert nur i;wei Saisons, bei uns arbeiten sie alle 4 Saisons durch, manchmal Tag und Nacht, nass bis auf die Haut, ihre Konstitution geschwächt, ihre Gesundheit gebrochen." ^n. 1753.) ,, Ihr habt die Frage (nämlich der Weiberbeschäftigung) nicht all- gemein studirt? — Ich habe um mich her geschaut , und kann so viel sagen, ■dass ich nirgendwo etwas der weiblichen Beschäftigung an den Kohlengruben Paralleles gefunden habe." ,,Es ist Mannsarbeit und Arbeit für starke Männer." ,,Die bessere Klasse der Minenarbeiter, die sich zu heben und zu humanisiren sucht, statt irgend Stütze an ihren Weibern zu finden, wird durch sie herunter- gezerrt." Nachdem die Bourgeois noch weiter in die Kreuz und Quere gefragt, kömmt endlich das Geheimniss ihres ,, Mitleidens" für Witwen, arme Familien «. s. w. heraus: ,,Der Kohleneigenthümer ernennt gewisse Gentlemen zur Ober- aufsicht und deren Politik ist es, um Beifall zu ernten, alles auf den möglichst ökonomischen Fuss zu setzen, und die beschäftigten Mädchen erhalten 1 bis 1 sh. •6 d. täglich, wo ein Mann 2 sh. 6 d. erlialten miisste." (n. 1816.) 4) To d te n s c hau- Ju ries. (n. 360.) ,,Mit Bezug auf die coroner's inquests in Euren Distrikten , sind die Arbeiter zufrieden mit dem Gerichtsver- fahren, wenn Unfälle vorkommen? — Nein, sie sind es nicht." (n. 361.) ,, Warum nicht? — Namentlich weil man Leute zu Juries macht, die absolut nichts von Minen wissen. Arbeiter werden nie zugezogen , ausser als Zeugen. Im Ganzen nimmt man Krämer aus der Nachbarschaft, welche unter dem Einfluss der Minen- besitzer, ihrer Kunden , stehn und nicht einmal die technischen Ausdrücke der Zeugen verstehn. Wir verlangen , dass Minenarbeiter einen Theil der Jury bilden. Im Durchschnitt steht der Urtheilsspruch im Widerspruch zu den Zeugen- aussagen." (n. 378 ) ., Sollen Juries nicht unparteiisch sein? — Ja." (n. 379.) ,, Würden die Arbeiter es sein? — Ich selie keine Motive, warum sie nicht unpar- teiisch sein sollten. Sie haben Sachkenntniss." (n. 380.) ,,Aber würden sie nicht die Tendenz haben, im Interesse der Arbeiter ungerecht harte Urtheile zu fällen? — Nein, ich glaube es nicht." 5) Falsches Mass und Gewicht u. s. w. Die Arbeiter verlangen wöchentliche, statt vierzehntägige Zahlung, Mass nach Gewicht , statt nach Kubik- raum der Kufen, Schutz gegen die Anwendung falschen Gewichts u. s. w. (n. 1071.) ,,Wenn die Kufen fraudulent vergrössert werden, so kann ein Mann ja die Mine verlassen nach 14tägiger Notiz? — Aber, wenn er zu einem andern Platz geht, findet er dasselbe." (n. 1072.) ,,Aber er kann den Platz doch ver- lassen, wo das Unrecht verübt wh-d? — Es ist allgemein herrschend." (n. 1073.) ,, Aber der Mann kann seinen jedesmaligen Platz nach 14tägiger Notiz verlassen? — Ja." Streusand drauf! 491 alterthiimlichen und Uebergangsformen , wohinter sich die Herrschaft des Kapitals noch theilweis verstecl) ,,Corn and Labour rarely march quite abreast ; but there is an obvious limit, beyond which they cannot be separated. With regard to the unusual exertions made by the labouring classes in periods of dearness , which p r o - duce the fall of wages noticed in the evi den c e (nämlich vor den Par- 515 Zunehmende Intensivität und Prod uk ti vki'aft der Arbeit mit gleichzeitiger Verkürzung des Arbeitstags. Gesteigerte Produktivkraft der Arbeit und ihre wachsende Intensivi- tät wirken nach einer Seite hin gleichförmig. Beide vermehren die Pro- duktenmasse in gegebnem Zeitraum. Beide verkürzen also den Tlieil des Arbeitstags, den der Arbeiter zur Produktion seiner Lebensmittel oder ihres Aequivalents braucht. Die absolute Grenze des Arbeitstags wird überhaupt gebildet durch diesen seinen noth wen digen , aber kontraktilen B e s t a n d t h e i 1. Schrumpfte darauf der ganze Arbeits- tag zusammen, so verschwände die Mehrarbeit, was unter dem Regime des Kapitals unmöglich. Die Beseitigung der kapitalistischen Produktionsform erlaubt den Arbeitstag durch die noth wendige Arbeit zu be- schränken. Jedoch würde die letztere mit ihrem Begriff, unter sonst gleich- bleibenden Umständen , auch ihren Raum ausdehnen. Einerseits weil die Lebensbedingungen des Arbeiters reicher und seine Lebensansprüche grösser. Andrerseits würde ein Theil der jetzigen Mehrarbeit zur noth- liamentary Committees of Inquii y 1814 — 15), they are most meritorious in tlie individuals, and certainly t'avour the growth of capital. But no man of humanity could wish to see them constant and unremitted. They are most admirable as a temporary relief; but if they were constantly in action, eff'ects of a similar kind would i-esult from them , as from the population of a country being pushed to the very extreme limits of its food.'- (Malthus: „Inquiry into the Nature and Progress of Rent. Lond. 1815", p. 48 Note.) Es macht Malthus alle Ehre , dass er die auch an andrer Stelle in seinem Pamphlet direkt ausgesprochne Verlängerung des Arbeitstags betont, während Ricardo imd Andre, im Angesicht der schreiendsten Thatsachen, an ihrer Schulansicht von der constanten Grösse des Arbeitstags dogmatisch festhielten, und sie in derThat allen ihren Untersuchungen- zu Grund legten. Aber die konservativen Interessen , deren Knecht Malthus war , hinderten ihn zu sehn, dass die masslose Verlängerung des Arbeitstags , zugleich mit ausserordentlicher Entwicklung der Maschinerie und der Exploitation der Weiber- und Kinderarbeit, einen grossen Theil der Arbeiterklasse ,, überzählig" machen mussten, namentlich sobald die Kriegsnachfrage und das englische Monopol des Weltmarkts aufhörten. Es war natürlich weit bequemer und den Interessen der herrschenden Klassen , die Malthus acht pfäffisch idolatrisirt, viel entsprechender, diese ,,Uebervölkerung" aus den ewigen Gesetzen der Natur, als aus den nur historischen Naturgesetzen der kapitalistischen Produktion zu erklären. 33* 516 wendigen Arbeit zählen, nämlicli die zur Eizielung eines gesellschaftlichen Reservefonds und Acoumulatiousfonds nöthige Arbeit. Je mehr die Produktivkraft der Arbeit wächst, um so mehr kann der Arbeitstag verkürzt werden , und je mehr der Arbeitstag verkürzt wird, desto mehr kann die Intensivität der Arbeit wachsen. Die Produk- tivkraft der Arbeit wächst, gesellschaftlich betrachtet, auch mit der Oekonomie derselben. Diese schliesst nicht nur die Oekonomisi- rung der Produktionsmittel ein , sondern die Vermeidung aller nutzlosen Arbeit. Während die kapitalistische Produktionsweise in jedem indivi- duellen Geschäft Oekonomie erzwingt, erzeugt ihr anarchisches System der Konkurrenz die massloseste Verschwendung der gesellschaftlichen Produktionsmittel und Arbeitskräfte, neben einer Unzahl jetzt unentbehrlicher, aber an und für sich überflüssiger Funktionen. Intensivität und Produktivkraft der Arbeit gegeben , ist der zur materiellen Produktion noth wendige Theil des gesell- schaftlichen Arbeitstags um so kürzer , der für freie , geistige und gesellschaftliche Bethätigung der Individuen eroberte Zeittheil also um so grösser, je gleichm ässi ger die Arbeit miter alle werkfähigen Glieder der Gesellschaft vertheilt ist, je weniger eine Gesellschaftsschichte die Naturnothwendigkeit der Arbeit von sich selbst ab- und einer andern Schichte zuwälzen kann. Die absolute Grenze für die Verkürzung des Arbeitstags ist nach dieser Seite hin die Allgemeinheit der Arbeit. In der kapitalistischen Gesellschaft wird freie Zeit für eine Klasse produ- cirt durch Verwandlung aller Lebenszeit der Massen in Arbeitszeit. 3) Verschiedne Formeln für die Rate desMehrwerths. Man hat gesehn , dass die Rate des M e h r w e r t h s sich dar- stellt in den Formeln : I) Mehrwerth /m\ Mehrwerth Mehrarbeit Variables Kapital \v/ Werth der Arbeitskraft Nothwendige Arbeit. Die zwei ersten Formeln stellen als Verhältniss von Werthen dar , was die dritte als Verhältniss der Zeiten , worin diese Wertlie producirt werden. Diese einander ersetzenden Formeln sind begrifflich streng. Man findet sie daher wohl der Sache nach , aber nicht bewusst ausgeai-beitet in der klassischen politischen Oekonomie. Hier begegnen wir dagegen den fol- genden abgeleiteten Formeln. 517 11) , Mehrarbeit Melirwerth Mehrprodukt Eine und die- Arbeitstag Werth des Produkts Gesamratprodukt. selbe Proportion ist hier abwechsehid ausgedrückt in der Form der Arbeits- zeiten , der Werthe, worin sie sich verkörpern , der Produkte , w orin diese Werthe existiren. Es wird natürlich unterstellt, dass unter Werth des Produkts nur das W e r t h p r o d u k t des Arbeitstags zu verstehn , der constante Tlieil des Produktenwcrths aber ausgeschlossen ist. In allen diesen Formeln ist der wirkliche Exploitations- grad der Arbeit oder die Rate des Mehrwerths falsch ausge- drückt. Der Arbeitstag sei 12 Stunden. Mit den andern Annahmen unsres früheren Beispiels stellt sieh in diesem Fall der wirkliche Exploitations- -,,,,.,., r^ . 6 Stunden Mehrarbeit grad der Ai'beit dar in den Proportionen : — ~ 6 Stunden nothwendige Arbeit Mehrwert)! von 3 sh. : IOOO/q. Nach den Formeln II) er- Variables Kapital von 3 sh. , , . . 6 Stunden Mehrarbeit Mehrwertfi von 3 sh. halten wir dagegen : = r- Arbeitstag von 12 Stunden Werthproduktvon 6sh. = 50o/o. Diese abgeleiteten Formeln drücken in der That die Proportion aus, worin der Arbeitstag oder sein W e r t h p r o d u k t sich zwischen Kapitalist und Arbeiter tlieilt. Gelten sie daher als unmittelbare Aus- drücke des Selbstverwerthungsgrades des Kapitals, so gilt das falsche Gesetz: die Mehrarbeit oder der Mehr werth kann nie 10 0**o erreichen*'^). Da die Mehrarbeit stets nur einen aliquoten Theil des Arbeitstags oder der Mehrwerth stets nur einen aliquoten Theil des Werthprodukts bilden kann, ist die Mehrarbeit nothwendiger Weise stets kleiner als der Arbeitstag oder der Mehrwerth stets kleiner als das Werthprodukt. Um sich zu verhalten wie — , müssten sie aber gleich ^ 100' ^ '■') So z. B. in : ,,D r i t te r B r i e f a n v. K i r c h man n v o n Ro d b e r t us. Widerlegung der Ricardo'schen Theorie von der Grundrente und Begründung einer neuen Ren ten t h eorie. Berlin 1851". Ich komme später auf diese Schrift zurück , die trotz ihrer falschen Theorie von der Grundrente das Wesen der kapitalistischen Produktion durchschaut. 518 sein. Damit die Mehrarbeit den ganzen Arbeitstag absorbire (es bandelt sich hier um den Durchschnittstag der Arbeitswoche , des Arbeitsjahrs u. s. w.) , müsste die nothwendige Arbeit auf Null sinken. Verschwindet aber die nothwendige Arbeit, so verschwindet auch die Mehrarbeit, da letztre nur eine Funktion der erstem. Die Proportion = Arbeitstag Mehrwerth , -,. ^ 100 , iTr — 7, TT kann also niemals die Grenze ~— erreichen und noch we- Werthprodukt 100 100 + s uiger auf --r — steigen. Wohl aber die Rate des Mehrwerths oder der wirkliche Exploitationsgrad der Arbeit. Nimm z. B. die Schätzung des Herrn L. de Lavergne, wonach der englische Ackerbauarbeiter nur ^/4 , der Kapitalist (Pächter) dagegen ^i\ des Produkts ^^) oder seines Werths erhält, wie die Beute sich immer zwischen Kapitalist und Grund- eigenthümer u. s. w. nachträglich weiter vertheile. Die Mehrarbeit des englischen Landarbeiters verhält sich danach zu seiner nothwendigen Arbeit = 3 : 1 , ein Prozentsatz der Exploitation von 300'^ o- Die Schulmethode, den Arbeitstag als constante Grösse zu be- handeln, wurde durch Anwendung der Formeln II) befestigt, weil man hier die Mehrarbeit stets mit einem Arbeitstag von gegebner Grösse vergleiclit. Ebenso , wenn die T h e i 1 u n g des W e r t h p r o d u k t s ausschliesshch ins Auge gefasst wird. Der Arbeitstag, der sich bereits in einem Werth- produkt vergegenständlicht hat, ist stets ein Arbeitstag von gegebnen Grenzen. Die Darstellung von Mehrwerth und Werth der Arbeitskraft als Bruchtheileu des Werthprodukts — eine Darstellungsweise, die übrigens aus der kapitalistischen Produktionsweise selbst erwächst und deren Be- deutung sich später erschliessen wird — versteckt den spezitischen Charakter des Kapitalverhältnisses, nämlich den Austausch des variablen Kapitals mit der lebendigen Arbeitskraft , und den entsprechenden Ausschluss des Arbeiters vom Produkt. An die Stelle tritt der 'ä) Der Theil des Produkts , der nur das ausgelegte constante Kapital ersetzt, ist bei dieser Reciinung selbstverständlich abgezogen. — Herr L. de Lavergne, blinder Bewunderer Englands , giobt eher zu niedriges als zu hohes Verhältniss. 519 falsche Schein eines Associationsverhältnisses , worin Arbeiter und Kapi- talist das Produlct nach dem Verhältniss seiner verschiednen Bildungs- faktoreu theilen^''). üebrigens sind die Formeln II stets in die Formeln I rückverwan- Mehrarbeit von 6 Stunden _ ,. . delbar. Haben wir z. B. y-,^— --——-—, so ist die not h- Arbeitstag von 1 2 stunden wendige Arbeitszeit = Arbeitstag von zwölf Stunden — Mehrarbeit von sechs Stunden, und so ergiebt sich: Mehrarbeit von 6 Stunden 100 Nothwendige Arbeit von 6 Stunden 100 Eine dritte Formel, die ich gelegentlich schon anticipirt habe, ist : III) Mehrwerth Mehrarbeit Unbezahlte Arbeit Werth der Arbeitskraft Nothwendige Arbeit Bezahlte Arbeit. Unbezahlte Arbeit Das Missverständniss, wozu die Formel — =.^ — z-r — r^r^-r^ verleiten Bezahlte Arbeit könnte, als zahle der Kapitalist die Arbeit und nicht die Arbeitskraft, fällt Unbezahlte Arbeit . nach der früher gegebnen Entwicklung fort. — ^ r-r — — ist nur , „ Mehrarbeit ^^ ^^ .. ,. ^ , ,^ p 0 p u 1 ä r e r Ausdruck für --— , r. ^v^r^ Der Kapitalist zahlt ^ '■ Nothwendige Arbeit. den Werth, resp. davon abweichenden Preis der Arbeitskraft, und erhält im Austausch die Verfügung über die lebendige Arbeitskraft selbst. Seine Nutzniessung dieser Arbeitskraft zerfällt in zwei Perioden. Während der_ einen Periode producirt der Arbeiter nur einen Werth = Werth seiner Arbeitskraft, also nur ein Aeqiiivalent. Für den vorgeschossnen Preis der Arbeitskraft erhält der Kapitalist so ein Produkt vom selben Preis. Es ist als ob er das Produkt fertig auf dem Markt gekauft hätte. In der Periode der Mehrarbeit dagegen bildet die Nutzniessung der Arbeitskraft Werth für •'•') Da alle entwickelten Formen des kapitalistischen Produktionsprozesses Formen der Cooperation sind, ist natürlich nichts leichter, als von ihrem spezi- fisch antagonistischen Charakter zu abstrahiren und sie so in freie Associations- formen umzufabeln , wie in des Grafen A. de Labor de: ,,De l'Esprit de l'Association dans tous les interets de la Communaute'. Paris 1818". Der Yankee H. Carey bringt diess Kunststück mit demselben Erfolg gelegentlich selbst an den VerhiUtnissen des Sklavensystems fertig. 520 den Kapitalisten , ohne ihm einen Werthersatz zu kosten 20). Er hat diese Flüssigmachung der Arbeitskraft umsonst. In diesem Sinn kann diese Mehrarbeit unbezahlte Arbeit heissen. Das Kapital ist also nicht nur Kommando über Arbeit, wie A.Smith sagt. Es ist wesentlich Koiiimando über unbezahlte Arbeit. Aller Mehrwerth , in welcher besondern Gestalt von Profit, Zins , Rente u. s. w. er sich später krystallisire , ist seiner Substanz nach Materiatur unbezahlter Arbeitszeit. Das Geheimniss von der Selbstverwerthung des Kapitals löst sich auf in seine Ver- fügung über ein bestimmtes Quantum unbezahlter frem- der Arbeit. 4) Werth, resp. Preis der Arbeitskraft in der ver- wandelten Form d ^ s Arbeitslohns. a) Die Form verwand hing. Auf der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft erscheint der Lohn des Arbeiters als Lohn der Arbeit, ein bestimmtes Quantum Geld, das für ein bestimmtes Quantum Arbeit gezahlt wird. Man spricht hier von einem Werth der Arbeit und nennt den Geldausdruck dieses Werths den not h wendigen oder natürlichen Preis der Ar- beit. Man spricht andrerseits von Marktpreisen der Arbeit,, d. h. über oder unter ihrem nothwendigen Preis oscillirenden Preisen. Aber was ist der Werth einer Waare? Die Vergegenständlichung der zu ihrer Produktion gesellschaftlich nothwendigen Arbeit. Und wo- durch messen wir die Grösse ihres Werths? Durch die Grösse der in ihr enthaltenen Arbeitszeit. Wodurch wäre also der Werth z. B. eines zwölfstündigen Arbeitstags bestimmt ? Durch die in einem Arbeits- tag von 1 2 Stunden enthaltenen 1 2 Arbeitsstunden , was eine abge- schmackte Tautologie ist^')- -0) Obgleich die Physiokraten das Geheimniss des Mehrwerths nicht durch- schauten, war ihnen doch so viel klar, dass er ,,une richesse independante et disponible, qu'il (der Besitzer davon) n'a point achetee et qu'il vend." (Tiirgot: ,,Reflexions sur la Formation et la Distribution des Rieh esses", p. 11.) -') ,,Mr. Ricardo, ingeniously enough , avoids a difficulty which , on a first view , threatens to encumber his doctrine, that value depends on the quantity of laboiir employed in productiou. If this principle is rigidly adhered to „ it t'ollows 521 Um als Waare auf dem Markt verkauft zu werden, müsste die Arbeit jedenfalls existiren, bevor sie verkauft wird. Könnte der Arbeiter ihr aber eine selbstständige Existenz geben , so würde er Waare verkaufen und nicht Arbeil '^^). Von diesen Widersprüchen abgeselin , würde ein direkter Austausch von Geld, d. h. vergegenständlichter Arbeit, mit lebendiger Arbeit entweder das Werthgesetz aufheben, welches sich grade erst auf Grundlage der kapitalistischen Produktion frei entwickelt, oder die kapitalistische Produktion selbst aufheben, welche grade auf der Lohnarbeit beruht. Der Arbeitstag von 12 Stunden stellt sich z. B. in einem Geldwerth von 6 sh. dar. Werden Aequivalente ausgetauscht, so erhält der Arbeiter für zwölfstündige Arbeit 6 sh. • Der Preis seiner Arbeit wäre gleich dem Preis seines Produkts. In diesem Fall producirte er keinen Mehrwert!) für den Käufer seiner Arbeit, die 6 sh. verwandelten sich nicht in Kapital, die Grundlage der kapitalistischen Produktion verschwände, aber grade auf dieser Grundlage verkauft er seine Arbeit und ist seine Arbeit wesentlich Lohnarbeit. Oder er erhält für 12 Stunden Arbeit weniger als 6 sh. , d. h. weniger als 12 Stunden Arbeit. Zwölf Stunden Arbeit tauschen sich aus gegen 10,6 u. s. w. Stunden Arbeit. Diese Gleichsetzung ungleicher Grössen hebt nicht nur die W erth bestim mung auf. Ein that t h e v a 1 ii e o f 1 a b o u r d e j) e n d s o 1 t li e q u a n t i t y o f 1 a 1) o u r e ni - ployed in prodiicing it — whicli is evidently absurd. By a dexterous turn, therefore, Mr. Ricardo makes the valiie of labour depend on the quantity of labonr required to produce wages , or, to give him the benefit of bis own ianguage , be maintains, that the value of labour is to be estimated by the quantity of hibour required to produce wages ; by which he means the quantity of labour required to prodiice tlie money or commodities given to the labourer. This is simihir to saying, that the value of cloth is estimated, not by tlie quantity of labour bestowed on its production , but by the quantity of labour bestowed on the production of the silver, for which the cloth is exchanged." (,,A Critical Dissertation on the Nature etc. o f V al ue" , p. 50, 51.) --) ,,lf you call labour a commodity, it is not like a commodity which is first produced in order to exchange, and then brought to market where it rnust exchange with other commodities according to the respective tjuantities of each which tliere may be at the market in the time ; labour is created at the moment it is brought to market ; nay, it is brought to market before it is created." (,,0 bs er vations on some verbal disputes etc.", p. 75, 76.) 522 solcher sich selbst aufhebender Widerspruch kann überhaupt nicht als Ge- setz auch nur ausgesproclien oder formulirt werden "^^j. Es nützt nichts den Austausch von mehr Arbeit gegen weniger Arbeit aus dem Form u n t e r s c h i e d der Arbeit herzuleiten , dass sie nämlich das einemal vergegenständlicht, das andremal 1 e b^e n d i g ist 2^). Diess ist um so abgeschmackter als derWerth einer Waare nicht durch das Quantum wirklich in ihr vergegenständlichter, sondern durch das Quantum der zu ihrer Reproduktion nothwendigen lebendigen Arbeit bestimmt wird. Eine Waare stelle z. B. 6 Arbeitsstunden dar. Werden Erfindungen gemacht, wodurch sie in 3 Stunden producirt werden kann, so sinkt der Werth auch der bereits producirten Waare um die Hälfte. Sie stellt jetzt 3 statt früher 6 Stunden nothwendige gesellschaftliche Arbeit dar. Es ist also das zu ihrer Produktion erheischte Quantum Arbeit, nicht deren g e g e n s t ä n d 1 i c h e Form, wodui-ch ihre W e r t h - grosse bestimmt wird. Was dem Geldbesitzer auf dem Waarenmarkt direkt gegenübertritt, ist in der Tliat nicht die Arbeit, sondern der Arbeiter. Was letztrer verkauft , ist seine Arbeitskraft. Sobald seine Arbeit wirk- lich beginnt, hat sie bereits aufgehört ihm zu gehören , kann also nicht mehr von ihm verkauft werden. Die Arbeit ist die Substanz und das im- manente Mass der Werthe, aber sie selbst hat keinen Werth -3). 23) ,,Treating- Labour as a commodity, and Capital, the prodnce of labouv, as another , tlien , if the values of those two commodities were regulated by equal quantilies of liibour , a given amount of labour would .... exchange for that quantity of capital which had been produced by the same amount of labour; anteeedent labour would . . . exchange for the same amount as present labour. But the value of labour, in relation to other commodities . . . is de- termined not by equal quantities of labour." (E. G. AVakefield in s. Edit. von A. Smith's ,,Wealth of Nations", v. I. Lond. 1836, p. 231 Note.) 2*) ,,I1 a fallu convenir (auch eine Ausgabe des ,,contrat social") que toutes les fois qu'il echangerait du travail fait contre du travail k faire, le der- nier (le capitaliste) aurait nne valeur superieure au prämier (le travailleur)." (Simonde(i. e. Sismondi): ,,DelaRichesseCommerciale. Geneve 1803", t. I, p. 37.) -5) ,, Labour, the exclusive Standard of value . . . the creator of all vvealth, n 0 CO m ni o d i ty." (Th. H 0 d gski n 1. c. p. 186.) 523 Im Ausdruck : W e r t h d cm- A r 1) e i t ist der Wcrtlibegriff nicht nur völlig ausgelöscht, sondern in sein Gegentheil verkehrt. Es ist ein ima- ginärer Ausdruck wie etwa W e r t li d e r E r d e. Diese imaginären Aus- drücke entspringen .jedoch aus den Produktionsverhältnissen selbst. Sie sind Kategorieen für E j'scheinun gsfor m en wesentlicher Werth- verhältn isse. Dass in der Erscheinung die Dinge sich oft verkehrt darstellen, ist ziemlich in allen Wissenschaften bekannt, ausser in der politischen Oekonomie-"'). Die klassische politische Oekonomie entlehnte dem Alltagsleben ohne weitere Kritik die Kategorie Pre i s d er A rbeit, um sich dann hinter- her zu fragen, wie wird dieser Preis bestimmt? Sie erkannte bald, dass der Wechsel im Verliältniss von Nachfrage und Zufuhr für den Preis der Arbeit, gleich dem jeder andern Waare, nichts erklärt ausser dem Wech- sel des Preises, die Oscillationen der Marktpreise unter oder über eine gewisse Grösse. Decken sich Nachfrage und Zufuhr, so hört , unter sonst gleichbleibenden Umständen , die Preisoscillation auf. Aber dann hören auch Nachfrage und Zufuhr auf irgend etwas zu erklären. Der Preis der '-'') Diese Ausdrücke dagegen für blosse licentia poetica zu erklären, zeigt nur <3ie Ohnmacht der Analyse. Ich bemerke daher gegen Proudhon's Phrase: ,,Le travail est dit valoir, non pas en tant que marchandise lui-meme, mais en viie des valeurs qu'on suppose renfermtes puissanciellement en lui : La valeur du travail est une expression figuree etc.": ,,Dans le travail mar- chandise, qui est d'une realite effrayante , il ne voit qu'une ellipse grammaticale. Donc loute la societe actuelle , fonde'e sur le travail marchandise , est desormais fondee sur uue licence poetiqne, sur une expression figuree. La societe veut-elle .,eliminer inus les inconvcnients" , qui la travaillent, eh bien ! qu'elle elimine les termes malsonnants , qu'elle change de langage , et pour cela eile n'a qu'ä s'ad- dresser Ii l'Academie pour lui demander une nouvelle edition de son dictionnaire." (K. Marx: ..Misere de la Philosophie", p. 34, 35.) Noch bequemer ist es natürlich , sich unter Werth gar nichts zu denken. Man kann dann ohne Umstände alles unter diese Kategorie subsumiren. So z. B. J. B. Say. Was ist ..valeur"? Antwort: , , C ' e s t qu'une c h o s e v a' u t" , und was ist ,,Prix''? Antwort: ,,La valeur d'une chose cxprimee en monnaie." Und warum hat ,.le travail de la terre . . . une valeur? Parce qu'on y met un jjrix." Also Werth ist was ein Ding werth ist, und die Erde hat einen ..Werth", weil man ihren Werth ,,in Geld ausdrückt". Diess ist jedenfalls eine sehr einfache Methode , sich über das why und wherefore der Dinge zu ver- ständigen. , X 524 Arbeit, wenn Nachfrage und Zufuhr sich decken, ist der vom Verhältniss der Nachfrage und Zufuhr unabhängig bestimmte Preis der Arbeit, ihr natür- licher Preis, der so als der eigentliclie Gegenstand der Analyse gefunden ward. Oder man nahm eine längere Periode der Osclllationen des Markt- preises, z. B. ein Jalir, und fand dann, dass sich ihr Auf und Ab aiis- gleiclit zu einer mittlem Durchschnittsgrösse , einer constanten Grösse. Sie musste natürlich anders bestimmt werden als die sich kompensirenden Abweichungen von ihr selbst. Dieser über die zufäüigen Marktpreise der Arbeit übergreifende und sie regiilirende Preis , noth wendige Preis (Physiokraten ) oder ,, natürliche Preis der Arbeit" (Adam Smith) kann , wie bei andern Waaren , nur ihr in Geld ausgedrückter Werth sein. In dieser Art glaubte die politische Oekonomie durch die zufälligen Preise der Arbeit zu ihrem Werth vorzudringen. Wie bei den andern Waaren wurde dieser Werth dann weiter durch die Produk- tionskosten bestimmt. Aber was sind die Produktionskosten — d('S Ar- beiters, d. h. die Kosten, um den Arbeiter selbst zu produciren oder zu reproduciren ? Diese Frage schob sieh der politischen Oekonomie be wu sstlos für die ursprüngliche unter, da sie mit den Produk- tionskosten der Arbeit als solcher sich im Kreise drehte und nicht vom Flecke kam. Was sie also Werth der Arbeit (value of la- bour) nennt, ist in der That der Wertli der Arbeitskraft, die in der Persönlichkeit des Arbeiters existirt, und von ihrer Funktion , der Ar- beit, ebenso verschieden ist, wie eine Maschine von ihren Operationen. Beschäftigt mit dem Unterschied zwischen den Marktpreisen der Arbeit und ihrem s. g. Werth , mit dem Verhältniss dieses Werths zur Profitrate, zu den vermittelst der Arbeit producirten Waarenwerthen u. s. w., ent- deckte man niemals, dass der Gang der Analyse nicht nur von den Markt- preisen der Arbeit zu ihrem Werth, sondern dahin geführt hatte, diesen Werth der Arbeit selbst wieder auizulösen in den Werth der Ar- beitskraft. Die Bewusstlosigkeit über diess Resultat ihrer eignen Analyse, die kritiklose Annahme der Kategorieen Werth der Arbeit, natürlicher Pr ei s der Arbeit u. s. w. als letzter adäquater Aus- drücke des behandelten Werthverhältnisses , verwickelte , wie man später sehn wird , die klassische politische Oekonomie in unauflösbare Wirren und Widersprüche, während sie der Vulgärökonomie eine sichre Operations- basis für ihre principiell nur dem Schein huldigende Flachheit bot. 525 Sehn wir luiu zmiäcbst , wie Werth und Preise der Arbeitskraft in ihrer v e r w a n d e 1 1 e n Form a 1 s A r b e i t s 1 o li n sieh darstellen . Man weiss , dass der Tageswerth der Arbeitslcraft bereclinet ist auf eine gewisse Lebensdauer des Arbeiters, welcher eine gewisse Länge des Arbeitstags entspricht. Nimm an , der gewohnheitsmässige Arbeitstag betrage 12 Stunden und der Tageswerth der Arbeitskraft 3 sh. , der Geldausdruck eines Werths, worin sich 6 Arbeitsstunden darstellen. Erhält der Arbeiter 3 sh. , so erhält er den Werth seiner während 12 Stunden fuuktionirenden Arbeitskraft. Wird nun dieser Tages- werth der Arbeitskraft als Werth d e r T a g e s a r b e i t aus- gedrückt, so ergiebt sich die Formel: Die zwölfstündige Arbeit hat einen Werth von 3 sh. Der W^erth der Arbeitskraft bestimmt so den Werth der Arbeit oder, in Geld ausgedrückt, ihren uoth wen- digen Preis. Weicht dagegen der Preis der Arbeitskraft von ihrem Werth ab, so ebenfalls der Preis der Arbeit von ihrem s. g. Werth. Da der Werth der Arbeit nur ein irrationeller Ausdruck für den Werth der Arbeitskraft, ergiebt sich von selbst, dass der Werth der Arbeit stets kleiner sein m u s s als ihr W e r t h p r o d u k t , denn der Kapitalist lässt die Arbeitskraft stets länger funktioniren als zur Reproduktion ihres eignen Werths nöthig ist. Im obigen Beispiel ist der Werth der während 12 Stunden funktionirenden Arbeitskraft 3 sh. , ein Werth, zu dessen Reproduktion sie 6 Stunden braucht. Ihr Werthprodukt ist dagegen 6 sh. , weil sie in der That während 12 Stunden fuuktionirt, und ihr Werthprodukt nicht von ihrem eignen Werthe, sondern von der Zeitdauer ihrer Funktion abhängt. Man erhält so das auf den ersten Blick abgeschmackte Resultat, dass Arbeit, die einen Werth von 6 sh. schafft, einen Werth von 3 sh. besitzt -7). Man sieht ferner, dass der Werth von 3 sh. , worin sich der bezahlte Theil des Arbeitstags, d. h. sechsstündige Arbeit darstellt, als Werth oder Preis des Gesammtarbeits- tags von 12 Stunden, darunter 6 unbezahlte Stunden, er- 2'') Vgl. „Zur Kritik der politischen Oekonomie", p. 40, wo ich ankündige, dass bei Betrachtung des Kapitals das Problem gelöst werden soll: ,,Wie führt Produktion auf Basis des durch blosse Arbeitszeit bestimmten Tausch- werths zum Resultat, dass der Tauschvverth der Arbeit kleiner ist als der Tausch- werth ihres Produkts?" 526 — scheint. Die Form des Arbeitslohnes löscht also jede Spur der Theilung des Arbeitstags in not h wendige Arbeit und Mehrarbeit, in bezahlte und unbezahlte Arbeit völ- lig a u s. Alle Arbeit erscheint als bezahlte Arbeit. Bei der F r o h n - arbeit unterscheiden sich rcäumlich und zeitlich , handgreiflich sinnlich, die Arbeit des Fröhners für sich selbst und die Zwangsarbeit für seinen Grundherrn. Bei der Sklavenarbeit erscheint selbst der Theil des Arbeitstags, worin der Sklave nur den Werth seiner eignen Lebensmittel ersetzt , den er in der That also für sich selbst arbeitet , als Arbeit für seinen Meister. Alle seine Arbeit erscheint als unbezahlte Arbeit -^). Bei der Lohnarbeit erscheint umgekehrt selbst die Mehrarbeit oder unbe- zahlte Arbeit als bezahlt. Dort verbirgt das Eigenfhurasverhältniss das Für sich selbst arbeiten des Sklaven, hier das Geldverhältniss das U m s 0 n s t a r b e i t e n des Lohnarbeiters. Man begreift also, von welcher entscheidenden Wichtigkeit die Form- Verwandlung von Werth und Preis der Arbeitskraft in Arbeitslohn oder in Werth und Preis der Arbeit selbst. Auf dieser Erscheinungs- form, die das wirkliche Verhältniss unsichtbar macht und grade sein Gegentheil zeigt , beruhn alle Rechtsvorstellungen des Arbeiters wie des Kapitalisten, alle Mystifikationen der kapitalistischen Produktionsweise, alle ihre Freiheitsillusionen , alle apologetischen Flausen der Vulgär- ökonomie. Braucht die Weltgeschichte viele Zeit, um hinter das Geheimniss des Arbeitslohns zu kommen , so ist dagegen nichts leichter zu ver- stehn als die Nothwendigkeit, die raisons d'etre dieser E r s c h e i n u n g s - f 0 r m. Der Austausch zwischen Kapital und Arbeit stellt sich der Wahrneh- mung zunächst ganz in derselben Art dar wie der Kauf und Verkauf aller andern Waaren. Der Käufer giebt eine gewisse Geldsumme, der Verkäu- 28) Der Morning Star, ein bis zur silliness naives Londoner Freiiiandels- organ, betheuerte während des amerikanischen Bürgerkriegs wieder und wieder mit aller menschenmöglichen moralischen Indignation , dass die Neger in den ,,Confederate States" ganz umsonst arbeiteten. Es hätte gefälligst die Tages- kost eines solchen Negers mit der des freien Arbeiters im East End von London z. B. vergleichen sollen. 527 fer einen von Geld verschiedenen Artikel. Das Rechtsbevviisstsein erkennt liier liöclistens einen stoffiiclien Unterschied, der sich in den rechtlich äqui- valenten Formeln : Do ut des, do iit tacias, facio nt des und facio ut facias, ausdrückt. Aller Kauf und Verkauf von Waaren ist ferner von der Illusion be- gleitet, dass das, was gezahlt wird, der Gebrauchs w er th der Waare ist, obgleich diese Illusion schon über die einfache Thatsache stolpert, dass die verschiedensten Artikel denselben Preis und derselbe Artikel, ohne dass sich sein Gebrauchswerth oder das Bedürfniss dafür ändert, wechselnde Preise hat. Da aber Tauschwerth und Gebrauchswerth an und für sich inkommensurable Grössen sind, so existirt von diesem Standpunkt keine grössere Irrationalität in dem Ausdruck ,,Werth der Arbeit", ,, Preis der Arbeit" als in dem Ausdruck ,,Werth der Baumwolle", ,, Preis der Baumwolle". Das Missverständniss ist bei Kauf und Verkauf der Arbeit noch unvermeidlicher als bei andern Waaren. Erstens, weil das Geld im Kauf der Arbeit als Zahlungsmittel funktionirt. Der Arbeiter wird gezahlt , nachdem er seine Arbeit geliefert hat. Begrifflich aber enthält die Funktion des Geldes als Zahlungsmittel,, dass es den Werth oder Preis des gelieferten Artikels nachträglich realisirt, also im gegebneu Fall den Werth oder Preis der gelieferten Arbeit. Zweitens: Der Gebrauchswerth, den der Arbeiter dem Kapitalisten liefert, ist in der That nicht seine Arbeitskraft, sondern ihre besondre Funktion, Arbeit von besondrem Inhalt, Schneiderarbeit, Schuster- arbeit, Spinnarbeit ii. s. w. Dass dieselbe Arbeit nach einer andern Seite hin allgemeines werthbildendes Element ist, eine Eigen- schaft , wodurch sie sich von allen andern Waaren untersclteidet , fällt ausserhalb des Bereichs des gewöhnlichen Bewusstseins. Stellen wir uns auf den Standpunkt des Arbeiters, der für zwölfstün- dige Arbeit z. B. das Werthprodukt sechsstündiger Arbeit erhält , sage .3 sh., so ist f ü r ihn in der That seine zwölfstündige Arbeit das Kaufmittel der 3 sh. Der Werth seiner Arbeitskraft mag variiren mit dem Werth seiner gewohnheitsmässigen Lebensmittel von 3 auf 4 sh. oder von 3 auf 2 sh., oder bei gleichbleibendem Werth seiner Arbeitskraft mag ihr Preis , in Folge wechselnden Verhältnisses von Nachfrage und Zufuhr, auf 4 sh. steigen oder auf 2 sh. fallen, ergiebtstetsl2 Ar- beitsstunden. Jeder Wechsel in der Grösse des Aequivalents, das er 528 -erhält, erscheint ihm daher nothwendig als Wechsel im Werth oder Preis dieser 12 Arbeitsstmiden. Dieser Umstand verleitete umgekehrt Adam Smith, der den Arbeitstag als eine coustante Grösse behandelt 29), zur Behauptung, der Werth der Arbeit sei constant, obgleich der Werth der Lebensmittel wechsle und derselbe Arbeitstag sich daher in mehr oder weniger Geld für den Arbeiter darstelle. Nehmen wir andrerseits den Kapitalisten , so will er zwar möglichst viel Arbeit für möglichst wenig Geld erhalten. Praktisch interessirt ihn daher nur die Differenz zwischen dem Preis der Arbeitskraft und dem Werth, den ihre Funktion schafft. Aber er sucht alle Waare möglichst wohlfeil zu kaufen und erklärt sich überall seinen Profit aus der einfachen Prellerei, dem Verkauf über dem Werth. Er kommt daher nicht zur Einsicht, dass wenn so ein Ding wie Werth der Arbeit wirklich existirte, und er diesen Werth wirklich zahlte , kein Kapital existiren, sein Geld sich nicht in Kapital verwandeln würde. Es kommt hinzu, dass die wirkliche Bewegung des Ar- beitslohns Phänomene zeigt, die zu beweisen scheinen, dass nicht der Werth der A rb eits kraft, sondern der Werth ihrer Funktion , der Arbeit selbst, bezahlt wird. Diese Phänomene können wir auf zwei grosse Klassen zurückführen. Erstens: Wechsel des Arbeitslohns mit wechselnder Länge des Arbeitstags. Man könnte eben so wohl scliliessen, dass nicht der Werth der Maschine, sondern der ihrer Operation bezahlt wird, weil es mehr kostet eine Maschine für eine Woche als für einen Tag zu dingen. Zweitens: Der individuelle Unterschied in den Arbeitslöhnen verschieduer Arbeiter, welche dieselbe Funktion verrichten. Diesen indi- viduellen Unterschied findet man, aber ohne Anlass zu Illusionen, wieder im System der Sklaverei , wo frank und frei, ohne Schnörkel , die Ar- beitskraft selbst verkauft wird. Nur fällt der Vortheil einer Ar- beitskraft , die über dem Durchschnitt , oder der Nachtheil einer Arbeits- kraft, die unter dem Durchschnitt steht, im Sklavensystem dem Sklaven- eigner zu, im Sj'stem der Lohnarbeit dem Arbeiter selbst , weil seine Ar- beitskraft in dem einen Fall von ihm selbst, in dem andern von einer dritten Person verkauft wird. 20) A. Smitli spielt nur zufällig auf die Variation des Arbeitstags an bei seiner Behandlung des Stücklohns. 529 Uebrigens gilt von der Erscheinungsform, ,,Wertli und Preis der Arbeit" oder „A r b e i ts 1 o h n", im Unterscliied zum wesentlichen Verhältniss, welches erscheint, dem Werth und Preis der Arbeitskraft, dasselbe, was von allen Erscheinungsformen und ihrem verborgnen Hintergrund. Die erstereu reproduciren sich unmittelbar, spontan, als gang und gäbe Denkformen, der andere muss durch die Wissenschaft erst entdeckt werden. Die klassische politische Oekonomie stösst annähernd auf den wahren Sachverhalt, ohne ihn jemals b e w u s s t zu f o r m u 1 i r e n. Sie kann das nicht , so lange sie in ihrer bürgerlichen Haut steckt. b) Die beiden Grundformen des Arbeitslohns: Zeit- lohn und Stücklohn. Der Arbeitslohn nimmt selbst wieder sehr mannigfaltige Formen an, ein Umstand, nicht erkennbar aus den ökonomischen Kom- pendien, die in ihrer brutalen Interessirtheit für den Stoff jeden Formunter- schied vernachlässigen. Eine Darstellung aller dieser Formen gehört je- doch in die specielle Lehre von der Lohnarbeit, also nicht indiess Werk. Da- gegen sind die zwei herrschenden Grundformen hier kurz zu entwickeln. Der Verkauf der Arbeitskraft findet , wie man sich erinnert , stets f ü r b e s t i m m t e Z e i t p e r i o d e statt. Die verwandelte Form , worin der Tageswerth, Wochen werth u. s. w. der Arbeitskraft unmittelbar er- scheint, ist daher die desZeitlohns, also Tageslohn, Wochenlohn u. s.w. Es ist nun zunächst zu bemerken, dass die im 2. Abschnitt dieses Kapitels dargestellten Gesetze über den Grössenwechsel von Preis der Arbeitskraft und Mehrwerth sich durch einfache Formveränderung in Ge- setze des Arbeitslohns verwandeln. Ebenso erscheint der Unterschied zwischen dem Tausch werth der Arbeitskraft und der Masse der Lebensmittel, worin sich dieser Werth umsetzt, jetzt als Unterschied von nominellem und reellem Arbeitslohn. Es wäre nutzlos in der Er- scheinungsform zu wiederholen, was in der wesentlichen Form bereits ent- wickelt. Wir beschränken uns daher auf wenige, den Zeitlohn charak- terisirende Punkte. Die Geldsumme 3'^), die der Arbeiter für seine Tagesarbeit, Wochenar- beit u. s. w. erhält, bildet den wirklichen Betrag seines nominellen oder dem Werth nach geschätzten Arbeitslohns. Es ist aber klar, dass 30) Der Geld werth selbst wird liier immer als constant vorausgesetzt. I. 34 530 je nach der Länge des Arbeitstags, also je inich der täglich von ihm gelie- ferten Quantität Arbeit, derselbe Tageslohn , Wochenlohn u. s. w. einen sehr verschiednen Preis der Arbeit d. h. sehr verschiedne Geld- summen für dasselbe Quantum Arbeit darstellen kann ^i). Man muss also bei dem Zeitlohn wieder unterscheiden zwischen dem Gesammt- betrag des Arbeitslohns, Taglohns, Wochenlohns u. s. w. und dem Preis der Arbeit. Wie nun den Preis der Arbeit finden , d.h. den G e 1 d w e r t h eines gegebnen Quantums Arbeit? Der durchschnittliche Preis der Arbeit ergiebt sich , indem man den durch- schnittlichen Tages werth der Arbeitskraft durch die Stundenzahl des durchschnittlichen Arbeitstags d i v i - dirt. Ist z. B. der Tageswerth der Arbeitskraft 3 sh., das Werthprodukt von 6 Arbeitsstunden, und ist der Arbeitstag zwölfstündig, so ist der Preis. 3 sh. einer Arbeitsstunde = ' = 3 d. Der so gefiindne Preis der Ar- beitsstunde dient als E i n h e i t s m a s s f ii r d e n Preis d e r Arbeit. Es folgt daher, dass der Taglohn, Wochenlohn u. s. w. derselbe bleiben kann, obgleich der P r e i s d e r A r b e i t f o r t w ä h r e n d sinkt.. War z. B. der gewohnheitsmässige Arbeitstag 10 Stunden und der Tages- werth der Arbeitskraft 3 sh., so betrug der Preis der Arbeitsstunde 3^/5 d.^. er sinkt auf 3 d. , sobald der Arbeitstag zu 12 Stunden, und auf 2^/5 d.,. sobald er zu 15 Stunden steigt. Tages- oder Wochenlohn bleiben trotz- dem unverändert. Umgekehrt kann der Taglohn oder Wochenlohn stei- gen, obgleich der Preis der Arbeit constant bleibt oder selbst sinkt. War z. B. der Arbeitstag zehnstündig und ist der Tageswerth der Arbeits- kraft 3 sh., so der Preis einer Arbeitsstunde 3"''/5 d. Arbeitet der Arbeiter in Folge zunehmender Beschäftigung und bei gleichbleibendem Preise der Arbeit 12 Stunden, so steigt sein Tageslohn nun auf 3 sh. 7^5 d. ohne Varia- tion im Preise der Arbeit. Dasselbe Resultat könnte herauskommen, wenn 31) ,,The price oflabour is the sum paid for a givenquantityof labour." (Sir Edward West: ,, Price ofCorn andWages ofLabour. Lond. 1826", p. 67.) DieserWest ist der Verfasser der in der Geschichte der politischen Oekonomie epochemachenden anonymen Schrift: ,, Essay on the Application ofCapitalto Land. By aFellow ofUniv. College of Oxford. Lond. 1815". 531 statt der extensiven Grösse der Arbeit ihre intensive Grösse zunähme ^^)i j Steigen des nominellen Tages- oder Wochenlohns mag daher begleitet sein von gleichbleibendem oder sinkendem Preis der Arbeit. Dasselbe gilt von der Einnahme der Arbeiterfamilie , sobald das vom Familienhaupt gelie- ferte Arbeitsquantum durch die Arbeit der Familienglieder vermehrt wird. Es giebt also von der Schmäleruug des nominellen Tages- oder Wochen- lohns unabhängige Methoden zur Herabsetzung des Preises der Ar- beit33). Als allgemeines Gesetz aber folgt: Ist die Quan ti tat der Tages-, W o c h e n a r b e i t u. s. w. gegeben, so hängt der Tages- oder W 0 c h e n 1 0 h n vom Preise der Arbeit ab, der selbst variirt, entweder mit dem Werth der Arbeitskraft oder den Abweichungen ihres Preises von ihrem Werthe. Ist dagegen der Preis der Arbeit gege- ben, so hängt der Tages- oder Wochen lohn von der Quan- tität der Tages- oder Wochen arbeit ab. Die Masseinheit des Zeitlohns, der Preis der Arbeitsstunde, ist der Quotient des Tageswerths der Arbeitskraft , dividirt durch die Stundenzahl des gewohnheitsmässigen Arbeitstags. Gesetzt letztrer betrage 12 Stunden, I 3-) ,,The wages of labour depeml lipon the price of labour and the quantity of labour performed . . . An increase in the wages of labour does not necessarily imply an enhancement of the price of labour. From fuUer employment, andgreater exertions , the wages of labour may be considerably increased, while the price of labour may eontinue the same. " (West 1. c. p. 67, 68 u. 112.) Die Haupt- frage: wie wird der ,, price of labour" bestimmt? fertigt West übrigens mit banalen Redensarten ab. 33) Diess fühlt der fanatischste Vertreter der industriellen Bourgeoisie des 18. Jahrhunderts, der oft von uns citirte Verfasser des ,, Essay on Trade and Commerce" richtig heraus, obgleich er die Sache konfus darstellt : ,,It is the quantity of labour and not the price of it (versteht darunter den nominellen Tages- oder Wochenlohn), that is determined by the price of provisions and other necessaries: reduce the price of necessaries very low, and of course you rediice the (juantity of labour in proportion . . . Master-manufacturers know, that there are various ways of rising and felling the price of labour, besides that of altering its nomin al am o unt." (1. c. p. 48 u. 61.) In seinen ,,Thr ee Lectures on the Rateof Wages. Lond. 1830", worin N. W. Senior West's Schrift benutzt, ohne sie anzuführen, sagt er u. a. : ,,The labourer is principally interested in the amount of wages" (p. 14). Also der Arbeiter ist hauptsächlich interessirt in dem, was er erhält, dem nominellen Betrag des Lohns, nicht in dem, was er giebt, der Quantität der Arbeit! 34* Doz der Tageswerth der Arbeitskraft 3 sh. , das Werthprodukt von 6 Arbeits- stunden. Der Preis der Arbeitsstunde ist unter diesen Umständen 3 d., ihr Werthprodukt 6 d. Wird der iVrbeiter nun weniger als 12 Stunden täglich (oder weniger als 6 Tage in der Woche) beschäftigt, z. B. nur 6 oder 8 Stunden , so erhält er , bei d i e s e ra Preise der Arbeit, nur 2 oder 11/2 sh. Taglohn 3*). Da er nach der Voraussetzung im Durchschnitt 6 Stunden täglich arbeiten muss, um nur einen dem Werth seiner Ar- beitskraft entsprechenden Taglolm zu produciren , da er nach derselben Voraussetzung von jeder Stunde nur '/g für sich selbst, 1/2 aber für den Kapitalisten ai'beitet, so ist es klar, dass er das W e r t h p r 0 d u k t v 0 n 6 Stund e n nicht lierausschlagen kann, wenn er weniger als 1 2 Stun- den beschäftigt wird. Sah man früher die zerstörenden Folgen der Ueberarbeit, so entdeckt man hier die Quellen der Leiden, die für den Ar- beiter aus seiner U n t e r b e s c h ä f t i g u n g entspringen. Wird der Stundenlohn in der Weise fixirt , dass der Kapitalist sich nicht zur Zahlung eines Tages- oder Wochenlohns verpflichtet, son- dern nur zur Zahlung der Arbeitsstunden , während deren es ihm beliebt, den Arbeiter zu beschäftigen , so kann er ihn unter der Zeit beschäf- tigen, die der Schätzung des Stundenlohns oder der Masseinheit für den Preis der Arbeit ursprünglich zu Grunde liegt. Da diese Masseinheit be- Tageswerth der Arbeitskraft stimmt ist durch die Proportion — — - — —■- — , Arbeitstag von gegebner Stundenzahl verliert sie natürlich allen Sinn, sobald der Arbeitstag aufhört, eine be- stimmte Stundenzahl zu zählen. Der Zusammenhang zwischen der bezahl- ten und unbezahlten Arbeitszeit ist aufgehoben. Der Kapitahst kann jetzt ein bestimmtes Quantum Mehrarbeit aus dem Arbeiter herausschlagen, ohne ihm die zu seiner Selbsterhaltung nothwendige Arbeitszeit einzuräumen. Er kann jede Regelmässigkeit der Beschäftigung vernichten und ganz nach 3^) Die Wirkung solcher anormalen Unterbeschäftigung ist durchaus ver- schieden von der einer allgemeinen zwangsgesetzlichen Reduktion des Arbeitstags. Erstere hat mit der absoluten Länge des Arbeitstags nichts zu schaffen und kann ebensowohl bei ISstündigem als bei 6stündigem Arbeitstag ein- treten. Der normale Preis der Arbeit ist im ersten Fall darauf berechnet , dass der Arbeiter 15 Stunden, im zweiten darauf, dass er 6 Stunden per Tag durch- schnittlich arbeitet. Die Wirkung bleibt daher dieselbe, wenn er in dem einen Fall nur 7'/2) 'II dem andern nur 3 Stunden beschäftigt wird. 538 Bequemlichkeit, Willkülir und augenblicklichem Interesse die ungeheuerste Ueberarbeit mit relativer oder gänzlicher Arbeitslosigkeit abwechseln lassen. Er kann, unter dem Vorwand, den „normalen Preis der Arbeit" zu zahlen, den Arbeitstag, ohne irgend entsprechende Kompensation für den Arbeiter, anormal verlängern. Daher der durchaus rationelle Aufstand (1860) der im Baufach beschäftigten Londoner Arbeiter gegen den Versuch der Kapi- talisten diesen Stundenlohn aufzuherrschen. Die gesetzliche Be- schränkung des Arbeitstags macht solchem Unfug ein Ende , ob- gleich natürlich nicht der aus Konkurrenz der Maschinerie, Wechsel in der Qualität der angewandten Arbeiter, partiellen und allgemeinen Krisen ent- springenden Unterbeschäftigung. Bei wachsendem Tages- oder Wocheulohn kann der Preis der Ar- beit nominell constant bleiben und dennoch unter sein normales Niveau sinken. Diess findet jedesmal statt , sobald mit constantem Preis der Ar- beit, resp. der Arbeitsstunde, der Arbeitstag über seine gewohnheitsmässige . _ „, . T ,. , Tages werth der Arbeitskraft Daner verlängert wird. Wenn in dem Bruch , , .^ Arbeitstag der Nenner wächst, wächst der Zähler noch rascher. Der Werth der Ar- beitskraft, weil ihr Verschleiss , wächst mit der Dauer ihrer Funktion, und in rascherer Proportion als das Increment ihrer Punktionsdauer. In vie- len Industriezweigen , wo Zeitlohn vorherrscht , ohne gesetzliche Schranken der Arbeitszeit, hat sich daher naturwüchsig die Gewohnheit herausgebildet, dass der Arbeitstag nur bis zu einem gewissen Punkt, z. B. bis zum Ablauf der zehnten Stunde, als normal gilt (,, normal working day", ,,theday's work", ,,the regulär hoiirsofwork"). Jenseits dieser Grenze bildet die Arbeitszeit Ueberzeit (overtime) und wird, die Stunde als Masseinheit genommen, besser bezahlt (extra pay) , obgleich oft in lächerlich kleiner Proportion ^j). Der normale Arbeitstag existirt hier als B r u c h t h e i 1 des wirklichen Arbeitstags und der letztere währt oft während des ganzen Jahres 3"') ,,Die Rate der Zahlung- für Ueberzeit (in der Spitzenmanufaktur) ist so klein, ' o d. u. s. w. per Stunde, dass sie in peinlichem Kontrast steht zur massen- iiaften Unbill , die sie der Gesundheit und Lebenskraft der Arbeiter anthut . . . Der so gewonnene kleine Ueberschuss muss ausserdem oft in Extra -Erfrischungs- mitteln wieder verausgabt werden." (,,Child. Empl. Comm." II. Rep., p. XVI, n. 117.) 534 länger als der erstere 3G). Das Wachsthum im Preis der Arbeit mit der Verlängenmg des Arbeitstags über eine gewisse Normalgrenze gestaltet sich in verschiedenen britischen Industriezweigen so, dass der niedrige Preis der Arbeit während der s. g. Normalzeit dem Arbeiter die besser bezahlte Ueberzeit aufzwingt, will er überhaupt einen genügenden Arbeits- lohn herausschlagen 37). Gesetzliche Beschränkung des Arbeitstagsmacht diesem Vergnügen ein Ende ^s). 3S) Z. B. in der Tapetendruckerei vor der neulichen Einführung des Fabrik- akts. ,, Wir arbeiten ohne Pause für Mahlzeiten, so dass das Tageswerk von 10'/2 Stunden um halb 5 Uhr Nachmittags beendet ist, und alles spätere ist Ueberzeit, die selten vor 6 Uhr Abends aufhört, so dass wir in der That das ganze Jahr durch Ueberzeit arbeiten." (Mr. Smith's E vi de nee in ,,Child. Empl. Comm." I. Rep., p. 125.) ^'') Z. B. in den schottischen Bleichereien. ,,In einigen Theilen Schottlands wurde diese Industrie (vor Einführung des Fabrikakts 1862) nach dem System der Ueberzeit betrieben, d. h. 10 Stunden galten als normaler Arbeitstag. Dafür erhielt der Mann 1. sh. 2 d. Hierzu kam aber täglich eine Ueberzeit von 3 oder 4 Stunden, wofür 3 d. per Stunde gezahlt wurde. Folge dieses Sj'stems : Ein Mann, der nur die Normalzeit arbeitete, konnte nur 8 sh. Wochenlohn verdienen. Ohne Ueberzeit reichte der Lohn nicht aus." (,,Reports of I n s p. of Fact. 30th April 1863", p. 10.) Die ,, Extrazahlung für Ueberzeit ist eine Ver- suchung, der die Arbeiter nicht widerstehen können " (,,Rep. of Insp. of Fact. 30th April 1848", p. .5.) Die Buchbinderei in der City von London verwendet sehr viele junge Mädchen vom 14. — 15. Jahr an, und zwar unter dem Lehrlingskontrakt , der bestimmte Arbeitsstunden vorschreibt. Nichtsdesto- weniger arbeiten sie in der Schlusswoche jeden Monats bis 10, II , 12 und 1 Uhr Nachts, zusammen mit den älteren Arbeitern, in seh r g emi seh t er Gesellscliaft. ,,Die Meister verbuchen (tempt) sie durch Extralohn und Geld für ein gutes Nachtessen", das sie in benachbarten Kneipen zu sich nehmen. Die grosse Lieder- lichkeit, so unter diesen ,,young immortals" producirt (,,Child. Empl. Comm. V. Rep.", p. 44, n. 191), findet ihre Kompensation darin , dass von ihnen unter anderm auch viele Bibeln und Erbauungsbücher gebunden werden. 38) Sieh ,, Reports of Insp. of Fact. 30th April 1863", 1. c. Mit ganz richtiger Kritik des Sachverhäitnisses erklärten die im Baufach beschäftigten Londoner Arbeiter während des grossen strike und lock out von 1860 den Stun- denlohn nur annehmen zu wollen unter zwei Bedingungen : 1) dass mit dem Preis der Arbeitsstunde ein Normalarbeitstag von resp. 9 und 10 Stunden fest- gesetzt werde und der Preis für die Stunde des zehntägigen Arbeitstags grösser sei als für die des neunstündigen ; 2) dass jede Stunde über den Normaltag hinaus als Ueberzeit verhältnissmässig höher bezahlt werde. 535 Es ist allgemein bekannte Thatsache, dass je länger der Arbeitstag in einem Industriezweig, um so niedriger der Arbeitslohn^'-*). Fabrikin- -spektor A. Redgrave illustrirt diess durch eine vergleichende Uebersicht der zwanzigjährigen Periode von 1839 — 1859, wonach der Arbeitslohn in den dem Zehnstundengesetz unterworfenen Fabriken stieg, während er in den Fabriken, wo 14 bis 15 Stunden täglich gearbeitet wird, fieH^). Zunächst folgt aus dem Gesetz: ,,bei gegebnem Preis der Ar- beit hängt der Tages- oder Wochenlohn von der Quantität der gelie- ferten Arbeit ab", dass je niedriger der Preis der Arbeit, desto grösser das Arbeitsquantum sein muss oder desto länger der Arbeitstag, damit der Arbeiter auch nur einen kümmerlichen Durchschnittslohn sichre. Die Niedrigkeit des Arbeitspreises wirkt hier als Sporn zur Verlängerung der Arbeitszeit*'). Umgekehrt aber producirt ihrerseits die Verlängerung der Arbeitszeit einen Fall im Arbeitspreise und damit im Tages- oder Wochenlohn. Die Bestimmung des Arbeitspreises durch Tageswerth der Arbeitskraft Arbeitstag von gegebner Stundenzahl ^rgiebt , dass blosse Verlängerung des Arbeitstags den Arbeitspreis senkt, wenn keine Kompensation eintritt. Aber dieselben Umstände, welche den Kapitalisten befähigen, den Arbeitstag auf die Dauer zu verlängern, be- fähigen ihn eist und zwingen ihn schliesslich, den Arbeitspreis auch nomi- nell zu senken , bis der Gesammtpreis der vermehrten Stundenzahl sinkt, also der Tages- oder Wochenlohu. Hinweis auf zwei Umstände genügt hier. Verrichtet ein Mann das Werk von II/2 oder 2 Männern, so wächst 30) ,,It is a very notable thing, too, that where long hours are the rule, small wages are also so." (,,Rep. of Insp. of Fact. 31st Oct. 1863", p. 9.) ,,The work which obtains the scanty pittance of food is for the most part ex- cessively prolonged." (,,Publi c Health , SixthRep. 1864", p. 15.) ■'*o) ,,Reports of Insp. of Fact. 30 th April 1860" , p. 31, 32. *i) Die Hand -Nägelmacher in England haben z. B. wegen des niedrigen Arbeitspreises 15 Stunden täglich zu arbeiten, um den kümmerlichsten Wochen- lohn herauszuschlagen. ,,Es sind viele, viele Stunden des Tags, und während aller der Zeit muss er hart schanzen um 11 d. oder 1 sh. herauszuschlagen, und davon gehn2i'2 bis 3 d. ab für Verschleiss der Werkzeuge , Feuerung, Eisenabfall." (,,Child. Em.pl. Comm. III. Rep.", p. 136, n. 671.) Die Weiber verdienen bei derselben Arbeitszeit nur einen Wochenlohn von 5 sh. (1. c. p. 137, n. 674.) 536 die Zufuhr der Arbeit , wenn auch die Zufuhr der auf dem Markt befind- lichen Arbeitskräfte constant bleibt. Die so unter den Arbeitern erzeugte Konkurrenz befähigt den Kapitalisten den Preis der Arbeit herabzudrücken, während der fallende Preis der Arbeit ihn umgekehrt befähigt, die Arbeits- zeit noch weiter heraufzuschrauben ^2), Bald jedoch wird diese Verfügung über anormale, d. li. das gesellschaftliche Durchschnittsniveau über- fliessende Quanta unbezahlter Arbeit zum Konkurrenzmit- tel unter den Kapitalisten selbst. Ein Theil des Waa ren- preis es bestellt aus dem Preis der Arbeit. Der nicht gezahlte Theil des Arbeitspreises braucht nicht im Waarenpreis zu rechnen. Er kann dem Waarenkäufer geschenkt werden. Diess ist der erste Schritt, wozu die Konkurrenz treibt. Der zweite Schritt, wozu sie zwingt, ist we- nigstens einen Theil des durch die Verlängerung des Arbeitstags erzeug- ten anormalen M e h r w e r t h s ebenfjills aus dem Verkaufspreis der Waare zu eliminiren. In dieser Weise bildet sich erst sporadisch und fixirt sich nach und nach ein anormal niedriger Verkaufspreis der Waare , der von nun an zur Constanten Grundlage kümmerlichen Arbeits- lohns bei übermässiger Arbeitszeit wird , wie er ursprünglich das Produkt dieser Umstände war. Wir deuten diese Bewegung bloss an, da die Ana- lyse der Konkurrenz nicht hierhin gehört. Doch mag für einen Augen- blick der Kapitalist selbst sprechen. „In Birmingham ist so grosse Konkurrenz unter den Meistern , dass mancher von uns gezwungen ist als Arbeitsanwender zu thun, was er sich schämen würde sonst zu thun ; und dennoch wird nicht mehr Geld gemacht (and yet no moremoney is made), sondern das Publikum allein hat den Vortheil davon" *3). Man erinnert sich der zwei Sorten Londoner Bäcker, wovon die eine Brod zum vollen Preise (the „fullpriced" bakers), die andre es u n t e r seinem normalen ''2) Wenn ein Fabrikarbeiter z. B. verweigerte, die hergebrachte lange Stun- denzahl zu arbeiten, ,,he would very shortly be replaeed by somebody who would work any length of time and thus be thrown out of eniployment." (,, Reports^ oflnsp. of Fact. 31. 0 ct. 1848." Evidencep. 39, n. 58.) ,,If one man performs the work of two . . . the rate of profits will generally be raised ... in consequence of the additional supply of labour having diininished its price."" (Senior 1. c. p. 14.) *3) ,,Child. Empl. Comm." III. Rep. E vid e n ce p. 66, n. 22. 537 ^ Preise verkauft (,,tlie uuclerpriced" , ,,tlic undersellers"). Die „fuUpri- ced" deiuinciren ilire Konkurrenten vor der parlamentarischen Unter- suchungskommission : ,,Sie existireu nur, indem sie erstens das PubHkum betrügen (durch Fälschung der Waare) und zweitens 18 Arbeitsstunden aus ihren Leuten für den Lohn zwölfstündiger Arbeit herausschinden. . . . Die unbezahlte Arbeit (the unpaid labour) der Arbeiter ist das Mittel, wodurch der Konkurrenzkampf geführt wird. . . . Die Kon- kurrenz unter den Bäckermeistern ist die Ursache der Schwierigkeit in Beseitigung der Nachtarbeit. Ein Unterverkäufer, der sein Brod unter dem mit dem Mehlpreis wechselnden Kostpreis verkauft, hält sich sciiadlos, indem er mehr Arbeit aus seinen Leuten herausschlägt. Wenn ich nur 12 Stunden Arbeit aus meinen Leuten herausschlage, mein Nachbar da- gegen 18 oder 20, muss er mich im Verkaufspreis schlagen. Könnten die Arbeiter auf Zahlung für U ober zeit bestehn, so wäre es mit diesem Manöver bald zu Ende. . . . Eine grosse Anzahl der von den Unterver- käufern Beschäftigten sind Fremde, Jungen und Andre, die fiist mit jedem Arbeitslohn , den sie kriegen können , vorlieb zu nehmen gezwungen sind'"'*). Diese Jeremiade ist auch desswegen interessant, weil sie zeigt, wie nur der Schein der Produktionsverhältnisse sich im Kapi- talistenhirn widerspiegelt. Der Kapitalist weiss nicht, d;iss auch der normale Preis der Arbeit ein bestinmites Quantum unbezahlter Arbeit einschliesst und eben diese unbezahlte Arbeit die normale Quelle seines Gewinns ist. Die Kategorie der Mehrarbeitszeit existirt überhaupt nicht für ihn , denn sie ist eingeschlossen im normalen Arbeitstag , den er im Taglohn zuzahlen glaubt. Wohl aber existirt für ihn die Ueber- zeit, die Verlängerung des Arbeitstags über die dem gewohnten Preis der Arbeit entsprechende Schranke. Seinem unterverkaufenden Konkurrenten gegenüber besteht er sogar auf Extrazahlung (extra pay) **) ,,Report etc. relative to the Grievances complained ofby the journeymen bakers. Lond. 1862", p. LII und ib. Evidence, p. 479, 359, 27. Indess lassen auch die fullpriced, wie früher erwähnt, und wie ihr Wortführer Bennett selbst zugesteht , ihre Leute ,, Arbeit beginnen um 11 Uhr Abends oder früher und verlängern sie oft .bis 7 Uhr des folgenden Abends." (1. c. p. 27.) • 538 für diese Ueberzeit. Er weiss wieder nicht, dass diese Extrazahlung eben- sowohl unbezahlte Arbeit einschliesst , wie der Preis der gewöhn- lichen Arbeitsstunde. Z. B. der Preis einer Stunde des zwölfstündigen Arbeitstags ist 3 d., das Werthprodukt von V2 Arbeitsstunde, während der Preis der überzeitigen Arbeitsstunde 4 d. , das Wertliprodukt von ^j^ Arbeitsstunde. Im ersten Fall eignet sich der Kapitalist von einer Ar- beitsstunde die Hälfte, im andern ^j^ ohne Zahlung an. Der S t ü c k 1 0 h n ist nichts als e i n e verwandelte Form des Zeitlohns, wie der Zeitlohn die verwandelte Form des Werthes oder Preises der Arbeitskraft. Beim Stücklohn sieht es auf den ersten Blick aus , als ob der vom Arbeiter verkaufte G ebrauchs werth nicht die Funktion seiner Ar- beitskraft sei, lebendige Arbeit , sondern bereits im Produkt vergegenständlichte Arbeit, und als ob der Preis dieser Arbeit nicht wie beim Zeitlohn durch die Bruchzahl Tageswertli der Arbeitskraft Arbeitstag von gegebner Stundenzahl' sondern durch die Leistungsfähigkeit des Prodncenten be- stimmt werde *ä). Zunächst müsste die Zuversicht, die an diesen Schein glaubt, bereits stark erschüttert werden durch die Thatsache, dass beide Formen des Arbeitslohns zur selben Zeit in denselben Geschäftszweigen neben einander bestehen. Z. B. ,,Die Setzer von London arbeiten in der Regel nach Stücklohn , während Zeitlohn bei ihnen die Ausnahme bildet. Umgekehrt "äs) ,,The System of piece-work illustrates an epoch in the history of the working man ; it is half-way between the position of the mere day-hibourer , de- pentling upon the will of the capitalist and the cooperative artizan , who in the not distant future promises to combine the artizan and the capitalist inhis own person. Piece-vvorkers are in fact their own masters , even whilst working npon the capital of the employer." (John Watts: ,, Trade Societies and Strikes, Machinery and Co-operative Societies. Manchester 1865", p. 52, 53.) Ich citire diess Schriftchen, weil es eine wahre Gosse aller längst verfaulten, apologetischen Geraeinplätze. Derselbe Herr Watts machte früher in Owenismus und publicirte 1842 ein andres Schriftchen: ,,Facts and Fictions of Poli- tical Economy", worin er u. a. Property für Kobbery erklärt. Es ist schon lange her. 539 bei den Setzern in den Provinzen, wo der Zeitlohn die Regel und der Stücklohn die Ausnahme. Die Schiffsziraraerleute im Hafen von London werden nach Stücklohn bezahlt , in allen andern englischen Häfen nach Zeitlohn" ^*'). In denselben Londoner Sattlerwerkstätten wird oft für die- selbe Arbeit den Franzosen Stücklohn und den Engländern Zeitlohn ge- zahlt. In den eigentlichen Fabriken, wo Stücklohn allgemein vorherrscht, entziehn sich einzelne Arbeitsfunktionen aus technischen Gründen dieser Messung und Averden daher nach Zeitlohn gezahlt *7). An und für sich ist es jedoch klar, dass dieForm ve r schieden hei t in der Auszahlung des Arbeitslohns an seinem Wesen nichts ändert, obgleich die eine Form der Entwicklung der kapitalistischen Produktion günstiger sein mag als die andre. r3er gewöhnliche Arbeitstag betrage 12 Stunden, wovon 6 bezahlt, 6 unbezahlt. Sein Werthprodukt sei 6 sh. , das einer Arbeitsstunde da- her 6 d. Es stelle sich erfahrungsmässig heraus , dass ein Arbeiter , der mit dem Durchschnittsgrad von Intensivität und Geschick arbeitet, in der That also nur die gesellschaftlich noth wendige Arbeits- ze'\t zur Produktion eines Artikels verwendet, 24 Stücke, ob diskret, oder messbare Theile eines kontinuirlichen Machwerks , in 1 2 Stunden liefert. So ist der Werth dieser 24 Stücke, nach Abzug des in ihnen ent- haltenen Constanten Kapitaltheils, 6 sh. und der Werth des einzelnen Stücks 3 d. Der Arbeiter erhält per Stück l'/o d. und verdient so in ^^) T. J. Dunning: ,,Trade's Unions and Strikes. Lond. 1860", p. 22. ^^) Wie das gleichzeitige Nebeneinander dieser zwei Formen des Arbeitslohns Fabrikantenprellereien begünstigt: ,,A factory employs 400 people , the half of which woi'k by the piece, and have ä direct interest in working longer hours. The other 200 are paid by the day, work equally long with the others, and get no more nioney for their overtime . . . The work of these 200 people for half an hour a day is equal to one person's work for 50 houi's, or s/g of one persons labour in a week, and is a positive gain to the employer." (,, Reports oflnsp. ofFact. 31st October 1860", p. 9.) ,,Overworking, to a very considerable extent, still prevails ; and, in most instances , with that security against detection and punishnient which the law itself affords. I have in many former reports shown . . . the injury to all the workpeople who are not employed on piece-work, but receive w e e k I y w a g e s. " L e o n h a r d H o r n e r in , , R e p o r t s oflnsp. o f Fact. 30th April 1859", p. 8, 9. 540 12 Stunden 3 sh. Wie es beim Zeitlohn gleichgültig ist, ob man annimmt, dass der Arbeiter 6 Stunden für sich und 6 für den Kapitalisten , oder von jeder Stunde die eine Hälfte für sich und die andre für den Kapitalisten arbeitet, so auch hier , ob man sagt , jedes einzelne Stück sei halb bezahlt und halb unbezahlt, oder der Preis von 12 Stücken ersetze nur den Werth der Arbeitskraft, während in den 12 andern sich der Mehrwerth ver- körpere. Die Form des Stücklohns ist ebenso irrationell als die des Zeit- lohns. Während z. B. zwei Stück Waare, nach Abzug des Werths der in ihnen aufgezehrten Produktionsmittel , als Produkt einer Arbeitsstunde ^1 d. werth sind, erhält der Arbeiter für sie einen Preis von 3 d. Der Stücklohn drückt unmittelbar in der That kein W erth ver häl t- niss aus. Es handelt sich nicht darum den Werth des Stücks durch die in ihm verkörperte Arbeitszeit zu messen , sondern umgekehrt die vom Arbeiter verausgabte Arbeit durch die Zahl der von ihm producirten Stücke. Beim Zeitlohn misst sicli die Arbeit an ihrer unmittelbaren Zeit- dauer , beim Stücklohn am Produktenquantum , worin Arbeit während be- stimmter Zeitdauer verdichtet ^8). Der Preis der Arbeitszeit selbst ist schliesslich bestimmt durch die Gleichung : Werth d e r T a g e s a r b e i t = Tages werth der Arbeitskraft. Der Stücklohn ist also nur eine modificirte Form des Zeitlohns. , Betrachten wir nun etwas näher die charakteristischen Eigenthüm- lichkeiten des Stücklohns. Die Qualität der Arbeit ist hier durch das Werk selbst kon- trolirt , das die durchschnittliche Güte besitzen muss , soll der Stückpreis voll bezahlt werden. Der Stücklohn wird nach dieser Seite hin zu frucht- barster Quelle von Lohnabzügen und kapitalistischer Prellerei. Er bietet dem Kapitalisten ein ganz bestimmtes Mass für die Inten- sivität der Arbeit. Nur Arbeitszeit , die sich in einem vorher be- stimmten und erfahrungsraässig festgesetzten Waarenquantum verkörpert, gilt als gesellschaftlich n o t h w e n d i g e Arbeitszeit und wird •*^) ,,Le salaire peilt se mesurer de deux manieies : ou sur la duree du tra- vail , ou sur son produit. " (,, Abrege Elementaii-e des prineipes de l'Econ. Pol. Paris 1796", p. 32.) Verfasser dieser anonymen Schrift: G. Garnier. 541 als solche bezahlt. In den grösseren Schneiderwerkstätten Londons heisst daher ein gewisses Stück Arbeit, z. B. eine Weste u. s. w., Stunde, halbe Stunde u. s. w., die Stunde zu 6 d. Aus der Praxis ist bekannt, wie viel das Durchschnittsprodukt einer Stunde. Bei neuen Moden , Reparaturen u. s. w. entsteht Sti-eit zwischen Anwender und Arbeiter, ob ein bestimmtes Arbeitsstück = einer Stunde u. s. w. , bis auch hier die Erfahrung ent- scheidet. Aehnlich in den Londoner Möbelschreinereien u. s. w. Besitzt der Arbeiter nicht die durchschnittliche Leistungsfähigkeit , kann er daher ein bestimmtes Minimum von Tagwerk nicht liefern, so entlässt man ihn 49). Da Qualität und Intensivität der Arbeit hier durch die Form des Arbeitslohns selbst kontrolirt werden , macht sie grossen Theil der Ar- beitsaufsicht überflüssig. Sie bildet daher sowohl die Grundlage der früher geschilderten modernen Hausarbeit als eines hierarchisch gegliederten Systems der Exploitation und Unterdrückung. Das letztere be- sitzt zwei Grundformen. Der Stücklohn erleichtert einerseits das Zwischen- schieben von Parasiten zwischen Kapitalist und Lohnarbeiter, Unterver- p :i c h t u n g der Arbeit (subletting of labour). Der Gewinn der Zwi- schenpersoueu fliesst ausschliesslich aus der Differenz zwischen dem Arbeitspreis, den der Kapitalist zahlt, und dem Theil dieses Preises, den sie dem Arbeiter wirklich zukommen lassen 2*^). Diess System heisst in England charakteristisch das ,,Sweating System" (Ausschweissungs- system). Andrerseits erlaubt der Stücklohn dem Kapitalisten mit dem Hauptarbeiter — in der Manufaktur mit dem Chef einer Gruppe, in den Mi- nen mit dem Ausbrecher der Kohle u. s. w., in der Fabrik mit dem eigentlichen Maschinenarbeiter — einen Kontrakt für so viel per Stück zu schliessen, *9) ,,Le fileur re90it un certain poids de coton prepare pour lequel il doit rendre, dans un espace de temps donne, une quantite voulue de fil ou coton file, et il est paye ä raison de tant par livre d'ouvrage rendu, Si le produit peche en qualite, la faute retombe sur hii ; s'il y a moins que la quantite fixee par le mini- mum, dans un temps donne, on le conge'die et on le remplace par un ouvrier plus habile." (Ure 1. c. t. II, p. 61.) 50) ,,It is when work passes through several hands , each of wliich is to take its share of profits , while only the last does the work , that the pay which reaches the workwoman is miserably disproportioned." (,,Child. Empl. Comm." II. Rep., p. LXX, n. 424.) — 542 ein Preis, wofür der Hauptarbeiter selbst die Anwerbung und Zahlung seiner Hilfsarbeiter übernimmt. Die Exploitation der Arbeiter durch das Kapital verwirklicht sich liier vermittelst der Exploitation des Arbeiters durch den Arbeiter 5'). Den Stücklohn gegeben, ist es natürlich das persönliche Interesse des Arbeiters, seine Arbeitskraft möglichst intensiv anzuspannen, was dem Kapitalisten eine Erhöhung des Normalgrads der Intensivität erleichtert^^"). Es ist ebenso das persönliche Interesse des Arbeiters, den Arbeitstag zu verlängern, weil damit sein Tages- oder Wochen- lohn steigt ^2). Es tritt damit die beim Zeitlohn bereits geschilderte Re- 5') Selbst der apologetische Watts bemerkt: ,,lt would be a great improve- ment to the System of piece-work, if all the men employed on a Job were partners in the contract , eaeh according to his abilities, instead of one man being interested in overworking his fell^ows for his own benefit." (1. c. p. 53.) üeber die Gemeinheiten dieses Systems vgl. ,,Child. Empl. Comm." Rep. III, p. 66, n. 22, p. 11, n. 124, p. XI, n. 13, 53, 59 u. s. w. 5ia) Diesem naturwüchsigen Resultat wird oft künstlich unter die Arme ge- griffen. Z. B. im Engineering Trade von London gilt es als herkömmlicher trick, ,,dass der Kapitalist als Chef einer Arbeiteranzahl einen Mann von über- legner physischer Kraft und Geschwindigkeit auswählt. Er zahlt ihm vierteljährlich oder in andern Terminen einen Zuschusslohn unter der Uebereinkunft , alles mög- liche aufzubieten, um seine Mitarbeiter, die nur den gewöhnlichen Lohn er- halten, zur äussersten Nacheiferung anzustacheln . . . Ohne weiteren Kommentar erklärt diess die Kapitalistenklage über,, Lähmung derThätigkeit oder überlegener Geschicklichkeit und Arbeitskraft (,,stinting the action, superior skill and work- ing power") durch dieTrade'sUnions." (D unn in g 1. c. p. 22, 23.) Da der Ver- fasser selbst Arbeiter und Sekretär einer Trade's Union , könnte diess für Ueber- treibung gelten. Aber man sehe z. B. die ,,highly respectable" agronomische Cyclopädie von J. Ch. Morton, Art. ,,Labourer", wo diese Methode den Pächtern als probat empfohlen wird. 5'^) ,,A11 those who are paid by piece-work . . . proiit by the transgression of the legal limits of work. This Observation as to the willingness to work over- time, is especially applicable to the women employed as weavers and reelers." (,,Rep. of Insp. of Fact. 30th April 1858", p. 9.) ,, Diess Stücklohn- system, so vortheilhaft für den Kapitalisten... strebt direkt den jungen Töpfer zu grosser Ueberarbeit zu ermuntern , während der 4 oder 5 Jahre, worin er per Stück, aber zu niedrigem Preis, bezahlt wird. Es ist diess eine der grossen Ursachen , denen die physische Degeneration der Töpfer zuzuschreiben ist." (,,Child. Empl. Comm." I. Rep., p. XIII.) 543 aktion ein, abgesehn davon, dass die Verlängerung des Arbeitstags, selbst bei constant bleibendem Stücklohn , an und für sich eine Senkung im Preise der Arbeit einschliesst. Beim Zeitlohn herrscht mit wenigen Ausnahmen gleicher Arbeits- lohn für dieselben Funktionen , während beim Stücklohn der Preis der Arbeitszeit zwar durch ein bestimmtes Produktquantum gemessen ist , der Tages- oder Wochenlohn dagegen wechselt mit der individuellen Ver- schiedenheit der Arbeiter, wovon der Eine nur das Minimum des Produkts in einer gegebnen Zeit liefert, der Andre den Durchschnitt, der Dritte mehr als den Durchschnitt. In Bezug auf die wirkliche Einnahme treten hier also grosse Differenzen ein je nach dem verschiednen Geschick, Kraft, Energie, Ausdauer u. s. w. der individuellen Arbeiter s:^). Diess ändert natürlich nichts an dem allgemeinen Verhältniss zwischen Kapital und Lohnarbeit. Erstens gleichen sich diese individuellen Unterschiede für das Gesammtatelier aus, so dass es in einer bestimmten Arbeitszeit das Durch- schnittsprodukt liefert und der gezahlte Gesammtlohn der Durchschnitts- lohn des Geschäftszweigs sein wird. Zweitens bleibt die Proportion zwi- schen Arbeitslohn und Mehrwerth unverändert, da dem individuellen Lohn des einzelnen Arbeiters die von ihm individuell gelieferte Masse von Mehr- werth entspricht. Aber der grössere Spielraum , den der Stücklohn der Individualität bietet , strebt einerseits dahin die Individualität und damit Freiheitsgefühl , Selbstständigkeit und Selbstkontrole der Arbeiter zu ent- wickeln, andrerseits i h r e K o n k u r r e n z unter und g e g e n e i n a n - d e r. Er hat daher eine Tendenz mit der Erhebung individueller Arbeits- löhne über das Durchschnittsniveau diess Niveau selbst zu senken. Wo aber bestimmter Stücklohn sich seit lange traditionell befestigt hatte und seine Herabsetzung daher besondre Schwierigkeiten bot, flüchteten die Meister a u s n a h m s w e i s auch zu seiner gewaltsamen Verwandlung in Zeitlohn. Hiergegen z. B. 1860 grosser Strike unter den Bandwebern von 53) ,,Where the work in any trade is paid for by the piece at so much per Job . . . wag es may very materiaüy differ in amount ... Biit in work by the day there is generally an uniform rate . . . recognized by both employer and cmployed as the Standard of wages for the general run of workmen in the trade." (Dünn in g 1. c. p. 17.) 544 Coventry 2*). Der Stticklolin ist endlich eine Hauptstütze des früher ge- schilderten Stundensystems ^3). Aus der bisherigen Darstellung ergiebt sich , dass der Stücklohn die der kapitalistischen Produktionsweise entsprechendste Form des Arbeits- lohns ist. Obgleich keineswegs neu, — er figurirt neben dem Zeitlohn officiell u. a. in den französischen und englischen Arbeiterstatuten des vier- zehnten Jahrhunderts — gewinnt er doch erst grösseren Spielraum während der eigentlichen ManutVikturperiode. In der Sturm- und Drangperiode der grossen Industrie, namentlich von 1797 bis 1815, dient er als Hebel zur Verlängerung der Arbeitszeit und Herabsetzung des Arbeitslohns. Sehr wichtiges Material für die Bewegung des Arbeitslohns während jener Pe- riode findet man in den Blaubüchern: ,,Report and Evidence from 54) ,,Die Arbeit der Handwerksgesellen regelt sich nach dem Tag oder nach dem Stück (a la journee ou a la piece) . . . Die Meister wissen ungefähr, wie viel Werk die Arbeiter täglich in jedem metier verrichten können und zahlen sie daher oft im Verhältniss zum Werk , das sie verrichten ; so arbeiten diese Gesellen so viel sie können, in ihrem eignen Interesse, ohne weitere Beaufsichtigung. " (Can- tillon: ,,Essai sur la Nature du Commerce en General." Am st. Ed. 1756, p. 185 u. 202.) Cantillon , aus dem Quesnay , Sir James Steuart und A. Smith reichlich geschöpft haben , stellt hier also schon den Stücklohn als bloss modificirte Form des Zeitlohns dar. Die französische Ausgabe Oantillon's kündigt sich auf dem Titel als üebersetzung aus dem Englischen an, aber die englische Ausgabe : ,,TheAnalysisof Trade, Commerce etc. by Philip Can- tillon, lateoftheCity ofLondon, Merchant", ist nicht nur späteren Datums (von 1759), sondern erweist sich durch ihren Inhalt als eine spätere Be- arbeitung. So z. B. findet sich in der französischen Ausgabe Hume noch nicht erwähnt, während umgekehrt in der englischen Petty kaum mehr figurirt. Die englische Ausgabe ist theoretisch unbedeutender , enthält aber allerlei spezifisch auf englischen Handel, Bullionhandel u. s. w. Bezügliches, was im französischen Text fehlt. Die Worte im Titel der englischen Ausgabe, wonach die Schrift ,,Taken chiefly from the Manuscrijjt of a very ingenious Gentleman deceased , and adapted etc.", scheinen daher mehr als blosse, damals sehr übliche, Fiktion. ^5) ,,Combien de fois n'avons nous pas vu , dans certains ateliers, embaucher beaucoup plus d'ouvriers que ne le demandait le travail ä mettre enmain? Souvent, dans la prevision d'un travail aleatoire , quelquefois meme imaginaire , on admet des ouvriers : comme on les paie aux pieces, on se dit qu'on court aucun risque , parce que toutes les pertes de temps seront ä la Charge des in- occupes." (H. Gregoir: ,,Les Typographes devant le Tribunal Co r r cc tio n nel de Bruxelles." Bruxelles 1865, p. 9.) • 545 t h e s e 1 e c t C/ o m m i 1 1 e e o n P e t i t i o n s r e s p e c t i n g t li e Com Laws" (PailjHiicntssession 1813 — 1 4) und : „Reports from the Lords' C o m ni i 1 1 e e , o ii the State o f G r o w t Ii , C o nun e r c e , a n d C 0 n s u in p t i 0 n o f G r a i n , and a 1 1 L a \v s r e I a t i n g t h e r e - to". (Session 1814 — 15.) Man findet liier den dokumentarischen Nachweis liir die fortwährende Senkung des Arbeitspreises seit dem Be- ginn des Antijakobinerkriegs. In der Weberei z. B. war der Stücklolin so gefallen, dass trotz des sehr verlängerten Arbeitstags der Taglohn jetzt niedriger stand als vorher. ,,Die reale Einnahme des Webers ist sehr viel weniger als früher : seine Superiorität über den gewöhnlichen Arbeiter, die erst sehr gross war, ist fast ganz verschwunden. In der That, der Unterschied in den Löhnen geschickter und gewöhnlicher Arbeit ist jetzt viel unbedeutender als während irgend einer früheren Periode" 3''')' Wie wenig die mit dem Stücklohn gesteigerte Intensivität und Ausdehnung der Arbeit dem ländlichen Proletariat fruchteten, zeige folgende einer Partei- schrift für Landlords und Pächter entlehnte Stelle: „Bei weitem der grössere Theil der Agrikulturoperationen ist durch Leute ver- richtet, die für den Tag odei' auf S t ü c k werk gedungen werden. Ihr Wochenlohn beträgt ungefähr 12 sh. ; und obgleich man voraussetzen mag, dass ein Mann bei Stücklohn, unter dem grösseren Arbeitssporn, 1 sh. oder vielleicht 2 sh. mehr verdient als beim Wochenlohn, so findet man dennoch, bei Schätzung seiner Gesammteinnahme, dass sein Verlust an Be- schäftigung im Lauf des Jahrs diesen Zuschuss aufwiegt. . . . Man wird ferner im Allgemeinen finden , dass die Löhne dieser Männer ein gewisses Ver- hältniss zum Preis der nothwendigen Lebensmittel haben ; so dass e i n M a n n m i t z w e i K i n d e r n fähig ist s e i u e F a m i 1 i e o h n e Z u - flucht zur Pfarreiunterstützung zu erhalten"^'). Mal- thus bemerkte damals mit Bezug auf die vom Parlament veröffentlichten Thatsachen: „Ich gestehe, ich sehe mit Missvergnügen die grosse Ausdehnung der Praxis des Stücklohns. Wirklich harte 58) ,,Remarks on the Commercial Po Hey of Great B ritain. London 1815", p. 48. *■') ,,A Defenee of the Landowners and Farmers of Great Britain. Lond. 1814", p. 4, 5. I. 35 546 ■ Arbeit wälirenrl 12 oder 14 Stunden des Tags , für irgend längere Zeit- perioden, ist zu viel für ein menscliliches Wesen" ^*). In den dem Fabrikgesetz unterworfenen Werkstätton wird Stücklohn allgemeine Regel, weil das Kapital dort den Arbeitstag nur noch intensiv ausweiten kann •^^). Mit der wechselnden Produktivität der Arbeit stellt dasselbe Pro- duktenquantum wechselnde Arbeitszeit dar. Also wechselt auch der Stücklohn, da er Preisausdruck einer bestimmten Arbeitszeit. In unsrem obigen Beispiel wurden in 12 Stunden 24 Stück producirt, während das Werthprodukt der 1 2 Stunden 6 sh. war, der Tageswerth der Arbeits- kraft 3 sh. , der Preis der Arbeitsstunde 3 d. und der Lohn für ein Stück 11/2 d. In einem Stück war ^/a Arbeitsstunde eingesaugt. Liefert der- selbe Arbeitstag nun etwa in Folge verdoppelter Produktivität der Arbeit 48 Stück statt 24, und bleiben alle andern Umstände unverändert, so sinkt der Stücklohn von ly., d. auf ^/^ d. oder 3 Fartliing, da jedes Stück jetzt nur noch '/^ statt ^/o Aibeitsstunde darstellt. 24 X l''o d. = 3 sh.. und ebenso 48 X ^4 d. = 3 sh. In andern Worten : Der Stücklohn wird in demselben Verhältniss heruntergesetzt, worin die Zahl der wahrend derselben Zeit producirten Stücke wächst ^^) , also die auf dasselbe Stück 58) Malthus 1. c. •''3) ,, Die Arbeiter auf Stücklohn bilden wahrscheinlich ''j^ aller Arbeiter in den Fabriken." („Reports of Insp. o f Fact. for 30th April 1858", p. 9.) 60) ,,0n se rend un compte exact de la l'orce productive de son metier (du fileur), et l'on diniintie la retribulion du travail a, mesure que la force productive auginente . . . sans cependant que cette angmentation soit proportionnee a l'aug- mentation de la force." (Ure 1. c. p. 61.) Letztere apologetische Wendung hebt Ure selbst wieder auf. Bei einer Verlängerung der mule Jenny z. B. ,,quelque surcroit de travail provient de rallungenient.' .(1. c. II, p. 34.) Die Arbeit nimmt also nicht in demselben Masse ab, worin ihre Produktivität wächst. Ferner: ,,Ce surcroit augmentera la force productive d'un cinquieme. Dans ce cas on baisera le prix du fileur ; mais comme on ne le reduira pas d'un cinquieme le perfectionnement augmentera son gain dans le meme nombre d'heures donne", aber ,,il y a une certaine modification a faire . . . C'est que le fileur a des frais additionnels a deduire sur les 6 d. , attendu qu'il faut qu'il augmente le nombre de ses aides non-adultes" , begleitet von einem ,,deplacem ent d'une partie des adultes" (1. c. p. 66, 67), was keineswegs Tendenz zur Steigerung des Arbeitslohns hat. 547 • verwandte Arbeitszeit abnimmt. Dieser Wechsel des Stücklohns, soweit rein nominell, ruft beständige Kämpfe zwischen Kapitalist und Arbeiter hervor. Entweder, weil der Kapitalist den Vorwand benutzt , um wirklich den Preis der Arbeit herabzusetzen. Oder weil die gesteigerte Produktiv- kraft der Arbeit von gesteigerter 1 n t e n s i v i t ä t derselben begleitet ist. Oder, weil der Arbeiter den Schein des Stücklohns , als ob ihm sein Produkt gezahlt werde und nicht seine Arbeitskraft , ernst nimmt und sich daher gegen eine Lohnlierabsetzung sträubt, welcher die Herabsetzung im Verkaufspreis derWaare nicht entspricht. ,, Die Arbeiter überwachen sorg- fältig den Preis des Rohmaterials und den Preis der fabricirten Güter und sind so fähig die Profite ihrer Meister genau zu veranschlagen" ^' ). Sol- chen Anspruch fertigt das Kapital mit Recht als groben Irrthum über die Natur der Lohnarbeit ab ^-j. Es zetert über diese Anmassung Steuern auf den Fortschritt der Industrie zu legen und erklärt rundweg , dass die Produktivität der Arbeit den Arbeiter überhaupt nichts angeht ß^). Im zweiten Abschnitt dieses Kapitels beschäftigten uns die mannig- fachen Kombinationen, welche ein Wechsel in der absoluten oder relativen (d. h. mit dem Mehrwerth verglichenen) Werthgrösse der Arbeitskraft her- vorbringen kann , während andrerseits wieder das Quantum von Lebens- mitteln , worin der Preis der Arbeitskraft realisirt wird , von dem "') H. Fawcett: ,,The Economic Position of the British La- bourer". Cam b ri d ge and Lou d on 1865, p. 178. (•-) Im Londoner Standard vom 26. October 1861 findet mau Bericht über einen Piozess der Firma John Bright et Co. vor den Rochdale Magistrates ,,to prosecute for intimidation the agents of the Carpet Weavers Trades' Union. Bright's partners had introduced new muchinery which would turn out 240 yards of carpet in the time and with the labour (!)previously required to produce 160 yards. The vvorkmeu had no claim whatever to share in the profils made by the investment of their employer's capital in mechanical improvements. Accord- ingly, Mssrs. Bright proposed to lower the rate of pay from 1^/2 d. per yard to 1 d. , leaving the earnings of the men exactly the same as before for the same labour. But there was a nominal reduction, of which the operatives, it is asserted, had not fair warniug before band." ''3) ,, Trades Unions in ihrer Sucht den Arbeitslohn aufrecht zu halten, suchen andern Profit verbesserter Maschinerie Theil zu nehmen! (Quelle horreuri) ... sie verlangen höheren Lohn, weil die Arbeit verkürzt ist . . . in anderen Worten, sie streben eine Steuer auf industrielle Verbesserungen zu legen." (,,0" Com- bination of Trades. NewEdit. L o n d. 1834", p. 42.) 35* -548 Wechsel dieses Preises unabhängige *'*) oder verschiedne Bewegungen durch- laufen konnte. Wie bereits bemerkt, vei'wandeln sich durch einfache Ueber- setzung des Werths, resp. Preises der Arbeitskraft in die exoteri- scheForm des Ar b e i tsloh n s alle jene Gesetze in Gesetze der Bewe- gung des Arbeitslohns. Was innerhalb dieser Bewegung als wechselnde Kombination, kann für verschiedne Länder als gleichzeitige Ver- schiedenheit nationaler Arbeitslöhne erscheinen. Beim Ver- gleich nationaler Arbeitslöhne sind also alle den Grössen Wechsel des Werths der Arbeitskraft bestiuiniende Momente zu erwägen, Preis und Umfang der natürlichen und historisch entwickelten ersten Lebensbedürfnisse, Erzie- hungskosten des Arbeiters, Rolle der Weiber,- und Kinderarbeit, Produk- tivität der Arbeit, ihre extensive und intensive Grösse. Selbst die ober- flächlichste Vergleichung erlieischt, zunächst den Durchschnitts-Taglohn für dieselben Gewerbe in verschiedncn Ländern auf gleich grosse Arbeitstage zu reduciren. Nach solcher Ausgleichung der Taglöhne , niuss der Zeit- lohn wieder in Stücklohn übersetzt werden, da nur der letztere ein Grad- messer .sowohl für die Produktivität als die intensive Grösse 'der Arbeit. Es wird sich dann meist finden , dass der niedrigere Taglohn bei einer Nation einen höheren Arbeitspreis und der höhere Taglohn bei einer an- dern Nation einen niedrigeren Arbeitspreis ausdrückt, ganz wie die Be- wegung des Taglohns überhaupt die Möglichkeit dieser Kombination zeigte ^3). *"*) ,,It is not accurate to say that wages (handelt sich hier von ihrem Preise) are increased , because they purchase more of a cheaper article." (David Buchanan in seiner Ausgabe von A Smith's ,,Wealth etc." 1814, v. I, p. 4 17 Note.) 65) James Anderson bemerkt in Polemiiv gegen A. Smith: ,,It deserves likewise to be remarked, that although the apparent price of labour is nsually lower in poor countries , where the produce of the seil, and grain in general , is cheap ; yet it is in fact for the most part really higher than in other countries. For it is not the wages tliat is given to the labourer per day that constitutes the real price of labour, although it is its apparent price. The real price is that which a certaiu quantity of work performed actually costs the employer ; aad considered in this light, labour is in almost all cases cheaper in rieh coun- tries than in thosethatare poor er, although the price of grain, and other provisions , is usually much lower in the last than in the first ... Labour estimated by the day, is much lower in Scotland than in England . . . 549 Auf dem Weltmarkt zählt viiclit mir der intensivere nationale Ar- beitstag als Arbeitstag von grösserer Stundenzahl, als extensiv grösserer Ar- beitstag, sondern der produktivere nationale Arbeitstag zählt als intensi- ver, so oft die produktivere Nation nicht durch die Konkurrenz gezwungen wird den Verkaufspreis der Waare auf ihren Werth zu senken. Der in- tensivere und produktivere nationale Arbeitstag stellt sich also im Ganzen auf dem Weltmarkt in höherem Gel dausdruck dar als der minder in- tensive oder produktive nationale Arbeitstag. Was von dem Arbeitstag, gilt von jedem seiner aliquoten Theile. Der absolute Geldpreis der Arbeit kann also bei einer Nation höher stehn als bei der andern, obgleich der relative Arbeitslohn, d. h. der Arbeitslohn verglichen mit dem vom Arbeiter producirten Melirwerth, oder seinem ganzen Werth- produkt, oder dem Preis der Nahrungsmittel, niedriger steht ^ß). In ,, Versuch über die Rate des Arbeitslohns" ^'^), einer seiner frühsten ökonomischen Schriften, sucht H. Carey nachzuweisen, da>s die ver- schiednen nationalen Arbeitslöhne sich direkt verhalten wie die Pnjduk- tivitätsgrade der nationalen Arbeitstage, um aus diesem internationalen Verliältniss den Schluss zu zichn , dass der Arbeitslohn überhaupt steigt und fällt wie die Produktivität der Arbeit. Unsre ganze Analyse der Pro- duktion des Mehrwerths beweist die Abgeschmacktheit dieser Schlussfolge- rung, hätte Carey selbst seine Prämisse bewiesen, statt seiner Gewohn- heit gemäss unkritisch und oberflächlich zusammengerafftes statistisches Material kunterbunt durch einander zuwürfein. Das Beste ist, dass er nicht behauptet, die Sache verhalte sich wirklich so, wie sie sich der Theorie nach verhalten sollte. DieStaatseinmischung hat nämlich das naturgemässe ökonomische Verhältniss verfälscht. Man muss Labour by the piece is generally cheaper in England." (James Ander- son: ,,Observations on the means ofexciting a spirit of National Indus try etc. Edinb. 1777", p. 350, 351.) "f") ,,Mr. Cowell , qui a fait iine analyse tres soignee de la filature , cherche a prouver, dans un rapport supplenientaire (,, Supplement to the Report on Manu- factures"), que les salaires en Angleterre, sont v i rtu el 1 e m en t infe'rieurs pour le capitalirite, (juoique pour l'ouvrier ils soient peut-etre plus eleves qiie sur le con- tinent europe'en. " (Ure 1. c. t. II, p. 58.) 6') ,,Essayon the Rate ofWages.- with anExamination ofthe Causes «f the Differences in the Conditions of the Labouring Population t h r ough o ut the World. Pli i 1 ad el ph ia 1835." 550 daher die uationaleu Arbeitslöhne so berechnen, als ob der Theil derselben, der dem Staat in der Form von Steuern zufällt, dem Arbeiter selbst zufiele. Sollte Herr Carey nicht weiter darüber nachdenken , ob diese ,, Staats- kosten" nicht auch ,,naturgeraässe" Früchte der kapitalistischen Entwick- lung sind? Das Raisonneraent ist ganz des Mannes würdig, der die kapita- listischen Produktionsverhältnisse erst für ewige Natur- und Vernunftge- setze erklärte, deren frei harmonisches Spiel nur durch die S"taatsein- mischung gestört werde, um hinterher zu entdecken, dass Englands dia- bolischer Einfluss auf den Weltmarkt , ein Einfluss , der , wie es scheint, nicht den Naturgesetzen der kapitalistischen Produktion entspringt , d i e Staatseinmischuug uöthig macht, nämlich den Schutz jener Natur- und Vernuuftgesetze durch den Staat, alias das Protektioussystem. Er ent- deckte ferner, dass die Theoreme Ricardo's u. s. w., worin existirende gesell- schaftliche Gegensätze und Widersprüche formulirt sind, nicht das ideale Pro- dukt der wirklichen ökonomischen Bewegung, sondern dass umgekehrt die wirklichen Gegensätze der kapitalistischen Produktion in England und anderswo das Resultat der Ricardo'schen u. s. w. Theorie sind ! Er ent- deckte schliesslich, dass es in letzter Instanz der Handel ist, der die ein- gebornen Schönheiten und Harmonieen der kapitalistischen Produktions- weise vernichtet. Noch einen Schritt weiter , und er entdeckt vielleicht, dass der einzige Missstand an der kapitalistischen Produktion das Kapi- tal selbst ist. Nur ein Mann von so entsetzlicher Kritiklosigkeit und sol- cher Gelehrsamkeit de faux aloi verdiente, trotz seiner protektionistischen Ketzerei , die G e h e i m q u e 1 1 e der harmonischeu Weisheit eines Bastiat und aller andern freihändlerischen Optimisten der Gegenwart zu werden ^^). 88) Ich werde im Vierten Buch die Seichtigkeit seiner Wissenschaft näher nachweisen. 551 Sechstes Kapitel. Der Accumulationsprozess des Kapitals. Man hat gesehn , wie das Kapital in der Form der Waare Mehr- Av e r t h p r o d u ci r t. Nur durch den Verkaufder Waare wird der in ihr steckende Mehrwerth zusammen mit dem in ihrer Produktion vorge- schossenen Kapital werth r e a 1 i s i r t. Der Accumulationsprozess des Kapitals unterstellt daher seinen C i r k u 1 a t i o n s p r o z e s s. Die Betrachtung des letzteren bleibt aber dem folgenden Buch vorbehalten. Die realen Bedingungen der Reproduktion, d. h. der kontinuir- lichen Prod uktion , erscheinen theils erst innerhalb der C i r k u 1 a - t i 0 n , theils könuen sie erst nach der Analyse des Cirkulationsprozesses behandelt werden. Das ist jedoch nicht alles. Der Kapitalist, der den Mehrwerth pro- ducirt, d. h. unbezahlte Arbeit unmittelbar aus den Arbeitern auspumpt und in Waaren fixirt, ist zwar der erste Aneigner, aber keineswegs der letzte Eigeuthümer dieses Mehrwerths. Er hat ihn hinterher zu t h e i 1 e n mit Kapitalisten, die andre Funktionen im Grossen und Ganzen der gesell- schaftiiehen Produktion voUziehn, mit dem Grundeigenthümer u. s. w. DerMehrwerth spaltet sich daher in verschiedneTheile. Seine Bruchstücke fallen verschiednen Kategorieen von Personen zu und krys tallisiren zu verschiednen , gegen einander selbstständigen Formen, wie Profit, Zins, Handelsgewinn , Grundrente u. s. w. Diese verwandelten Formen des Mehrwerths können erst im dritten Buch behandelt werden. Wir unterstellen hier also einerseits , dass der Kapitalist , der die Waare producirt, sie zu ihrem Werth verkauft, ohne bei seiner Rückkehr zum Waaren markt weiter zu verweilen , weder bei den neuen Formen , die dem Kapital anschiessen in der Cirkulationssphäre , noch den darin ein- gehüllten konkreten Bedingungen der Reproduktion. Andrerseits gilt uns der kapitalistische Producent als Eigenthümer des ganzen Mehrwerths oder, wenn man will , als Repräsentant aller seiner Theilnehmer an der Beute. Wir betrachten also zunächst die Accumulation abstrakt, d.h. als blosses Moment des unmittelbaren Produktionsprozesses. 552 So weit übrigens Accumiilation stattfindet , gelingt dem Kapitalisten der Verkauf der producirten Waare und die Rüekverwandlung des aus ibr gelösten Geldes in Kapital. Ferner : Der Bruch des Mehrwertlis in ver- schiedne Stücke ändert nichts an seiner Natur, noch an den nothwendigen Bedingungen , worin er zum Element der Accumulation wird. Welche Proportion des Mehrwerths der kapitalistische Producent immer für sich selbst festhalte oder an andere abtrete , er eignet ihn stets in erster Hand an. Was also bei nnsrer Darstellung der Accumulation unterstellt wird, ist bei ihrem wirklichen Vorgang unterstellt; Andrerseits verdunkeln die Zerspaltung des Mehrwerths und die vermittelnde Bewegung der Circulation die einfache Grundform des Accumulatiousprozesses. Seine reine Analyse erheischt daher vorläufiges Wegsehn von allen Phänomenen, welche das innere Spiel seines Mechanismus verstecken. Der Fortgang der Darstellung führt später durch seine eigne Dialektik zu jenen konkre- teren Formen. 1) Die kapitalistische Accumulation. a) E i n f a c h e R e p r 0 d u k t i 0 n. Welches immer die gesellschaftliche Form des Produktionsprozesses, er muss kontinuirlich sein oder periodisch stets von neuem dieselben Sta- dien durchlaufen. So wenig eine Gesellscbaft aufhören kann zu konsu- miren, so wenig kann sie aufhören zu produciren. In seinem stetigen Zu-^ sammenhang und dem beständigen Fluss seiner Ei'neuerung betrachtet, ist. jeder gesellschaftliche Produktionsprozess daher zugleich Reproduk- tionsprozess. Die Bedingungen der Produktion sind zugleich die Bedingungen der Re- produktion. Keine Gesellschaft kann fortwährend produciren, d. h. repro- duciren, ohne fortwährend einen Theil ihrer Produkte in Produktionsmittel oder Elemente der Neuproduktion rückzuverwandeln. Unter sonst gleich- bleib nden Umständen kann sie ihren Reichthum nur auf derselben Stufen- leiter reproduciren oder erhalten , indem sie die während des Jahrs z. B. verbrauchten Produktionsmittel , d. h. Arbeitsmittel , Rohmateriale und Hilfsstoffe, in natura durch ein gleiches Quantum neuer Exemplare ersetzt, welches von der jährlichen Produktenmasse abgeschieden und von neuem dem Produktionsprozess anheimgegeben wird. Ein bestimmtes Quantum des jährlichen Produkts gehört also der Produktion. Von Haus aus für 553 die produktive Konsumtion bestimmt, existirt es grossentheils in Natural- fornien, die von selbst die individuelle Konsumtion ausseldiessen. Hat die Produktion kapitaiistiselie Form, so die Reproduktion. Wie in der kapitalistischen Produktionsweise der Arbeitsprozess nur als ein Mittel für den Verwerthungsprozess erscheint, so die Reproduktion nur als ein Mittel den vorgeschossnen Wertli als Kapital zu reproducireu , d. h. als sich erhaltenden und verwerthenden Werth. Die ökonomische Charak- termaske des Kapitalisten hängt nur dadurch an einem Menschen fest, dass sein Geld fortwährend als Kapital fnnktionirt. Hat z. B. die vorgeschossne Geldsumme von 100 Ffd. St. sich dieses Jahr in Kapital verwandelt und einen Mehrwert!) von 20 VtW. St. producirt, so muss sie das nächste Jahr u. s. f. dieselbe Operation wiederholen. Als periodi- sches Increment des Ka pita 1 werth s, oder periodische Frucht iks prozessirenden Kapitals, erhält der Mehrwerth die Form einer ans dem K a p i t a 1 e n t s p r i n g e n d e 11 R e V e n u e ' ). Dient diese Revenue dem Kapitalisten nur als Konsumtionsfonds oder wird sie ebenso periodisch von ihm verzehrt wie gewonnen, so findet, unter sonst gleichbleibenden Umständen, einfache Reproduktion statt. Obgleich letztere nun blosse Wiederholung des Produktions- prozesses a u f d e r s e 1 b e n Stufenleiter, drückt die blosse Wieder- holung oder Kontinuität dem Prozesse gewisse neue Charaktere auf oder löst vielmehr die Scheincliaraktere seines nur vereinzelten Vorgangs auf. Der Produktionsprozess wird eingeleitet mit dem Kauf der Arbeits- kraft für eine bestimmte Zeit und diese Einleitung erneuert sich beständig, sobald der Verkaufstermin der Arbeit fällig und damit eine bestimmte Pro- duktionsperiode, W^oche, Monat u. s. w, abgelaufen ist. Gezahlt wird der Arbeiter aber erst, nachdem seine Arbeitskraft gewirkt und sowohl ihren eignen Werth , als den Mehrwerth , in Waaren realisirt hat. Er hat ') ,,Die Reichen, welche die Produkte der Arbeit Andrer verzehren , erhalten sie nur durch Austauschakte (Waarenkiiufe). Sie sind daher einer beständigen Erschüijfunj;- ihrer Fonds ausgesetzt . . . Aber in der gesellschaftlichen Ordnung hat der Reichthum die Kraft erhalten, sich durch fr em d e Arbeit zu repro- ducireu . . . . Der Reichthum , wie die Arbeit, und durch die Arbeit/ liefert eine jährliche Frucht, welche jedes Jahr vernichtet werden kann, ohne dass der Reiche ärmer wird. Die Frucht ist die Revenue, die aus dem Kapital ent- springt." (Sismondi: ,,Nouv. Princ. d'Econ. Pol." t. I, p. 82.) ' ■ 554 also wie den Mehrwerth , deu wir einstweilen nur als Konsumtionsfonds des Kapitalisten betiacliten, so den Fonds seiner eignen Zahlung, das va- riable Kapital, producirt , bevor es ihm in der Form des Arbeitslohns zurückfliesst , und er wird nur so lang beschäftigt als er ihn beständig reproducirt. Daher die im vorigen Kapitel erwähnte Formel der Oekono- men, die das Salair als Autheil am Produkt selbst darstellt-). Es ist ein Theil des vom Arbeiter selbst beständig reproducirten Produkts, das ihm in der Form des Arbeitslohns beständig zurückfliesst. Der Kapitalist zahlt ihm den Waarenwerth allerdings in Geld. Diess Geld ist aber nur die verwandelte Form des Arbeitsprodukts oder vielmehr eines Theils des Arbeitsprodukts. Während der Arbeiter einen Theil der Produktions- mittel in Produkt verwandelt, rückvervvandelt sich ein Theil seines frühereu Produkts in Geld. Es ist seine Arbeit von voriger Woche oder vom letz- ten halben Jahr, womit seine Arbeit von heute oder vom nächsten halbtn Jahr gezalilt wird. Die Illusion, welche die Geldform erzeugt, verschwin- det sofort, sobald statt des einzelnen Kapitalisten und des einzelnen Ar- beiters Kapitalistenklasse und Arbeiterklasse betrachtet werden. Die Kapitalistenklasse giebt der Arbeiterklasse beständig in Geldform Anwei- sungen auf einen Theil des von der letztern producirten und von der erstem angeeigneten Produkts. Diese Anweisungen giebt der Arbeiter der Kapi- talistenklasse ebenso beständig zurück und entzieht ihm damit den ihm selbst zufallenden Theil seines eignen Produkts. Die Waarenform des Produkts und die Geldform der Waare verkleiden die Transaktion. Das variable Kapital ist also nur eine besondre histo- rische Erscheinungsform des Fonds von Lebensmitteln oder des Arbeitsfonds, den der Arbeiter zu seiner Selbsterhallung und Repro- duktion bedarf, und den er in allen Systemen der gesellschaftlichen Produktion stets selbst produciren und reproduciren muss. Der Arbeits- fonds fliesst ihm nur beständig in Form von Zahlungsmitteln sei- jier Arbeit zu, weil sein eignes Produkt sich beständig in der Form des 2) ,,Wages as well as profits are to be considered cach of them as leally a portion of tlie finished product. " (Ranisay 1. c. p. 142.) ,,l)er An theil an dem Produkt, der dem Arbeiter unter der Form des Sa- lair s zukömmt. " (J.Mill: ,, Elements etc. üebers. von Parissot, Paris 1823", p. 34.) 555 ' Kapitals von ihm entfernt. Aber diese Erscheinungsform des Arbeitsfonds ändert nichts daran, dass dem Arbeiter seine eigne \' e r g e g e n s t ä 11 d 1 i c h t e A r b e i t vom Kapitalisten vorgeschossen wird 3). Nehmen wir einen Frohnbaner. Er arbeitet mit seinen eignen Produklionsmitteln auf seinem eignen Acker z. B. 3 Tage in der Woche. Die 3 andern Wochentage verrichtet er Frohnarbeit auf dem herrschaft- lichen Gut. Er reproducirt seinen eignen Arbeitsfonds beständig und die- ser nimmt ihm gegenüber nie die Form von einem Dritten für seine Arbeit vorgeschossener Zahlungsmittel an. Im Ersatz nimmt auch niemals seine unbezahlte -Z wa n gsarbeit die Form freiwilliger und bezahlter Arbeit an. Wenn morgen der Gutsherr den Acker, das Zugvieh, die Samen, kurz die Produktions- mittel des Frolmbnuern sich selbst aneignet, so hat dieser von nun an seine Arbeitskraft an den Fiohnherrn zu verkaufen. Unter sonst gleichbleiben- den Umständen wird er nach wie vor 6 Tage in der Woche arbeiten, 3 Tage für sich selbst, 3 für den Ex-Frohnherrn , der jetzt in einen Lohn- herrn verwandelt ist. Er wird nach wie vor die Produktionsmittel als Produktionsmittel vernützen und ihren Werth auf das Produkt übertragen. Nach wie vor wird ein bestimmter Theil des Produkts in die Reproduk- tion eingehn. Wie aber die Frohnarbeit die Form der Lohn- arbeit, nimmt der vom Frohnbaner nach -wie vor producirte und repro- ducirte Arbei tsf on ds die Form eines ihm vom Ex-Frohn- herrn vorgeschossenen Kapitals an. Der bürgerliche Oeko- nom, dessen beschränktes Hirn die Erscheinungsform von dem was darin erscheint nicht trennen kann, schliesst die Augen vor der Thatsache , dass selbst noch lieutzutag der Arbeitsfonds nur ausnahmsweis auf dem Erdrund in der F o r m v o n K a p i t a 1 e r s c h e i n t *). 3) ,,Whea capital is employed in advancing to the workmen Ins wages, it adds nothing to the funds for the maintenance of labour. " (Cazenove in Note zu seiner ed. von Malthus's: ,,Defiuitions in Polit. Econ. Lon- don 1853", p. 22.) ^) ,,Die Subsistenzniittel der Arbeiter werden noch nicht auf einem Viertel der Erle den Arbeitern durch Kapitalisten vorgeschossen." (Richard Jones: ,, Textbook of Lcctures on the Polit. Econoiny of Nations." Hertford 1852. p. 16.) 556 Allerdings verliert das variable Kapital nur den Sinn eines ans dem eignen Fonds des Kapitalisten vorgeschossenen Werthes, sobald wir den kapitalistischen Produktionsprozess im beständigen Fluss seiner Erneue- rung betrachten. Aber er muss doch irgendwo und irgendwann anfangen. Vonunsrem bisherigen Standpunkt ist es daher wahrscheinlich, dass der Kapitalist irgend einmal durch irgend eine, von unbezahlter fremder Arbeit unabhängige, u r s p r ü n g 1 i c h e A c c u m u 1 a t i o n Geldbesitzer ward, und daher den Markt als Käufer von Arbeitskraft beschreiten konnte. Indess bewirkt die blosse Kontinuität des kapitalistischen Produktionsprozesses, oder die einfache Reproduktion, noch andre sonderbare Wechsel , die nicht nur den variablen Kapitaltiieil , sondern das Gesa m m tk api tal er- greifen. Beträgt der mit einem Kapital von 1000 Pfd. St. periodisch, z. R. jährlich, erzeugte Mehrwerth ^00 Pfd. St. und wird dieser Mehrwerth jährlich verzehrt, so ist klar, dass nach fünfjähriger Wiederholung dessel- ben Prozesses die Summe des verzehrten Mehrwerths = 5 X 200 ist oder gleich dem ursprünglich vorgeschossenen Kapital- werth von 1000 Pfd. St. Würde der jährliche Mehrwerth nur theil- weis verzehrt, z. B. nur zur Hälfte , so ergäbe sich dasselbe Resultat nach zehnjähriger Wiederholung des Produktionsprozesses, denn 10 X 100 = 1 000. Allgemein : D e r v o r g e s c h o s s e n e K a p i t a 1 w e r t h , d i v i - d i r t durch den jährlich v e r z e h i- 1 e n Mehrwerth, ergiebt die J a h r e s a n z a h 1 , oder die Anzahl von Reproduktionsperioden, nach deren Ablauf der ursprünglich vorgeschossene K a p i - t a 1 w e r t h vom Kapitalisten aufgezehrt und daher v e r s c h w u n d e n ist. Die Vorstellung des Kapitalisten , dass er das Produkt der fremden unbezahlten Arbeit, den Mehrwerth, verzehrt und den ursprünglichen Kapitalwerth erhält, ändert absolut nichts an der Thatsache, dass nach Abtluss einer gewissen Jahreszahl der von ihm geeignete Kapitalwerth gleich der Summe des während derselben Jalireszahl ohne Aequivalent an- geeigneten Mehrwerths, und die von ihm verzehrte Werthsumme gleich dem ursprünglichen Kapitalwerth ist. Kein Werthatom seines alten Kapitals existirt fort. Ganz abgesehn von aller Accu- .mulation verwandelt also die blosse Kontinuität des Produktionspro- zesses, oder die einfache Reproduktion, nach kürzerer oder längerer Pe- riode, jedes Kapital nothwendig in a c c u m u 1 i r t e s Kapital oder 557 k a p i t a 1 i s i r t e n M e h r w 0 r t li. ^\ ar es selbst bei seinem Eintritt in den Prodiiktionsprozoss peisünlicli erarbeitetes Eigentliuni seines Anwen- ders, iViilier odei- später wird es ohne A e q u i v a 1 e n t angeeigneter W e r t li oder Material u r , ob in Geldform oder anders, unbezahlter fremder A rbei t. Die ursprüngliche Voraussetzung für die Verwandlung von Geld in Kapital waren nicht nur Waarenproduktion und Waarencirkulation. Auf dem Waarenmarkt uuissten Besitzer von Werth oder Geld und Besitzer der werthsoliaffenden Substanz , Besitzer von Produktions- und Lebensmitteln unestjindiges Wieder- ersclieinen auf dem Arbeitsmarkt. Der römische Sklave war durch Ketten, der Lohnarbeiter ist durch unsichtbare Fäden an seinen Eigenthümer ge- bunden. Der Schein seiner Unabhängigkeit wird durch den bestän- digen Wechsel der individuellen Lohnherrn und die fictio juris des Kon- trakts aufrecht erhalten. Früher machte das Kapital , wo es ihm nöthig schien , sein Eigen- thumsrecht auf den freien Arbeiter durch Zwangsgesetz gel- tend. So war z. B. die Emigration der Maschinenarbeiter in England bis 1815 bei schwerer Strafe verboten. Die Reproduktion der Arbeiterklasse schliesst zugleich die Ueberliefe- rung und Häufung des Geschicks von einer Generation zur andern ein ^-). Wie sehr der Kapitalist das Dasein einer solchen geschickten Arbeiterklasse unter die ihm a n g e h ö r i g e n P r o d u k t i o n s b e d i n g u n g e n zählt, sie in der That als die reale Existenz seines variablen Kapitals ansieht, zeigt sich, sobald eine Krise deren Verlust androht. In Folge des ameri- kanischen Bürgerkriegs und der ihn begleitenden Baumwollnoth wurde be- kanntlich die Mehrzahl der Baumwollarbeiter in Lancashire u. s. w aufs Pflaster geworfen. Aus dem Schoss der Arbeiterklasse selbst, wie andrer Gesellschaftsschichten, schrie mau nach Staatsunterstützung oder frei- williger Nationalkollekte, um die Emigration der ,,Ueberflüssigen" in eng- lische Kolonien oder die Vereinigten Staaten zu ermöglichen. Damals veröffentlichte die Times (24. März 1863) einen Brief von Edmund P 0 1 1 e r , früher Präsident der Manchester Handelskammer. Sein Brief ward mit Recht im Unterhaus als .,das Manifest der Fabrikan- ten" bezeichnet 13). Wir geben hier einige charakteristische Stellen, '2) ,,Das einzige Ding, wovon man sagen kann, dass es aufgespeichert und vorher präparirt ist, ist das Geschick des Arbeiters . . . Die Accnmulation und Aufspeicherung geschickter Arbeit, diese wichtigste Operation wird, was die grosse Masse der Arbeiter betrifft, ohne irgend welches Kapital vollbracht." (Hodgskin: ,,Labour Defended etc. ", p. 13.) '3) ,,That letter might be looked upon as themanifesto of themanufacturers." (Ferrand: Motion über den cotton famine, Sitzung des H. o. C. vom 27. April 1863.) I. 36 562 worin der Eigenthiimstitel des Kapitals auf die Arbeits- kraft unverblümt ausgesprochen wird. „Den Baumwollarbeitern mag gesagt werden , dass ihre Zufuhr zu gross ist. ... sie müsse vielleicht um ein Drittheil reducirt werden , und dann würde eine gesunde Nachfrage für die übrigen zwei Drittheile ein- treten. . . . Die öffentliche Meinung dringt auf Em igr ation. ... Der Meister (d. h. der Baunnvollfabrikant) kann nicht willig seine Arbeitszu- fuhr entfernt sehn ; er mag denken, dass das ebenso ungerecht als unrich- tig ist. . . . Wenn die Emigration aus öffentlichen Fonds unterstützt wird, hat er ein Recht Gehör zu verlangen und vielleicht zu protestiren." Selbiger Pot- ter setzt dann weiter aus einander, wie nützlich die Baumwollindustrie, wie ,,sie unzweifelhaft die Uebervölkermig aus Wand und den englischen Agri- kulturdistrikten wegdraiuirt hat", wie ungeheuer ihr Umfang, wie sie im Jahr 1860 ^/i3 des ganzen englischen Exporthandels lieferte, wie sie nach wenigen Jahren sich wieder ausdehnen werde durch Erweiterung des Markts , besonders Indiens , und durch Erzwingung hinreichender ,,Baum- •wollzufuhr, zu 6 d. das Pfund". Er fährt dann fort: ,,Zeit — eins, zwei, drei Jahre vielleicht — wird die nöthige Quantität produciren .... Ich möchte dann die Frage stellen, ist diese Industrie werth sie festzuhalten, ist es der M ü h e w e r t h d i e M a s c h i n e r i e (nämlich die lebendigen Arbeitsmaschinen ) i n 0 r d n u n g zu halten, und i s t e s n i c h t d i e g r ö s s t e N a r r h e i t , d a r a n z u d e n k e n , s i e a u f z u g e b e n ! Ich glaube so. Ich will zugeben, dass die Arbeiter nicht Ei gen - thum sind (,,I allow that theworkers are not a property"), nicht das Eigen th um Lancashire's und der Meister; aber sie sind die Stärke beider ; sie sind die geistige und geschulte Kraft , die in einer Ge- neration nicht ersetzt werden kann ; die andere Maschinerie dagegen, woran sie arbeiten (,,the mere machinery which they work") , könnte zum grossen Theil mit Vortheil ersetzt und verbessert werden in zwölf Monaten 1*). Ermuntert oder erlaubt (!) die Emi- 14) Man erinnert sich , dass dasselbe Kapital aus einem andern Loch pfeift unter gewöhnlichen Umständen, wenn es gilt, den Arbeitslohn herabzusetzen. Dann erklären ,, die Meister" uns einem Munde (sieh Viertes Kapitel, Note 188): ,, Fabrikarbeiter sollten in heilsamer Erinnerung halten , dass ihre Arbeit in der That eine sehr niedrige Sorte geschickter Arbeit ist; dass keine leichter aneigenbar und in Anbetracht ihrer Qualität besser belohnt ist, dass keine durch 5(53 gration der Arbeitskraft und was wird aus dem Kapitalisten? (,,Encourage or allow the working power to emigrate, and wliat of tlie capitalist?" Dieser llerzensstoss erinnert an HofmarseluvU Kalb.) . . . Nimm den Rabm der Arbeiter weg , und das fixe Kapital wird in hohem Grad entwerthet und das cirkulirende Kapital wird sich nicht dem Kampf mit schmaler Zufuhr einer niedrigeren Sorte von Arbeit aussetzen. . . . Man sagt uns, die Arbeiter selbst wünschen die Emigration. Es ist sehr natürlicli , dass sie das thun. . . . Reducire, komprimire das Baumwollgeschäft durch Wegnahme seiner Arbeitskraft (by taking away its working power) , durch Verminderung ihrer Lolniveraus- gabung sage um 1/3 oder öMilHonen, und was wird dann aus der nächsten Klasse über ihnen , den Kleinkrämern ? Was aus den Grundrenten , was aus der Miethe der coftages? . . . was aus dem kleinen Pächter, dem besseren Hausbesitzer und dem Grundeigeuthümer? Und sagt nun, ob irgend ein Plan für alle Klassen des Landes selbstmörderischer sein kann als dieser, dieNation zu schwächen durch den Export ihrer besten Fabrikarbeiter und die Entwerthung eines Theils ihres produktiv- sten Kapitals und Reichthums?" „Ich rathe zu einer Anleihe von 5 bis 6 Millionen , über 2 oder 8 Jahre vertheilt , administrirt durch Spezial- komuiissäre, beigeordnet den Armenverwaltungen in den Baumwolldistrik- ten , unter speziellen gesetzlichen Regulationen , mit gewisser Zwangs- arbeit, um die moralische Valuta der Almosenempfänger aufrecht zu erhalten. . . . Kann es irgend etwas Schlimmeres geben für Grün deigen thümer oder Meister (,,can anything be worse for lande wners or masters") als ihre besten Arbeiter aufzugeben und die übrigbleibenden zu demoralisiren und zu verstimmen durch eine ausgedehnte entleerende Emigration und Entleerung von Werth und Kapital in einer ganzen Provinz?" kurze Unterweisung des mindest Erfahrenen in so kurzer Zeit und in solchem Ueberfluss zugeführt werden kann. Des Meisters Maschinerie (die, wie wir jetzt hören, in 12 Monaten mit Vortheil und verbessert ersetzt werden kann) spielt in der That eine viel wichtigere Rolle in dem Geschäft der Produktion als d i e A r b e i t und d a s G e s c h i c k des Arbeiters (die jetzt in 30 Jahren nicht ersetzbar sind) , die eine Erziehung von 6 Monaten lehren und jeder Bauernknecht lernen kann." 36* 564 Potter, das auserwählte Organ derBaiimwolIfalirikanteii, iintersolieidt-t doppelte „Maschinerie", deren jede dem Knpitalisten gehört, und wovon die eine in seiner Fabrik steht, die andre des Naclits und Sonntags auswärtig in cottages haust. Die eine ist todt, die andre lebendig. Die todte Maschinerie verschlechtert und entwerthet sich nicht nur jeden Tag, sondern von ihrer existirenden Masse ist ein grosser Theil durch den beständigen technologischen Fortschritt beständig so sehrantiqnirt, dass sie vortheilhaft und in wenigen Monaten durch neuere Maschinerie ersetzbar. Die lebendige Maschinerie verbessert sich umgekehrt, je länger sie währt, je mehr sie das Geschick von Generationen in sich aufhäuft. Die Times antwortete dem Fabrikmagnaten n. a, : ,,Herr E. Potter ist so impressionirt mit der ausserordentlichen und absoluten Wichtigkeit der Baumwollmeister , dass er, um diese Klasse zu erhalten und ihr Metier zu verewigen, eine halbe Million der Arbeiter- klasse wider ihren Willen in ein grosses moralisches W o r k h o u s e ein- sperren will. Ist diese Industrie werth sie festzuhalten ? fragt Herr Pot- ter. Sicher, durch alle ehrbaren Mittel ! antworten wir. Ist es der Mühe werth die Maschinerie in Ordnung zu halten ? fragt wieder Herr Potter. Hier stutzen wir. Unter der M a s cli i u e r i e versteht Herr Potter die menschliche Maschinerie, denn er betheuert, dass er sie nicht als absolutes E i g e n t h u m zu behandeln vorhat. Wir müssen gestehu , wir halten es nicht ,der Mühe werth' oder selbst für möglich, die menschliche Maschinerie in Ordnung zu halten, d. h. einzusperren und einzuölen bis ihrer bedurft wird, Menschliche Maschinerie hat die Eigenschaft während der Unthätigkeit zu verrosten , ihr mögt noch soviel dran ölen oder reiben. Zudem ist menschliche Maschinerie, wie der Augenschein uns eben lehrt , im Stand von eignen Stücken den Dampf an- zulassen und zu platzen oder einen Veitstanz in unsren grossen Städten zu tollen. Es mag, wie Herr Potter sagt, längere Zeit zur Repro- duktion der Arbeiter erheischt sein, aber mit Älaschinisten und Geld zur Hand werden wir stets betriebsame, harte, industrielle Män- ner finden , um daraus mehr Fabrikmeister zu fabriciren als wir je verbrauchen können. . . . Herr Potter plaudert von einer Wiederbelebung der Industrie in 1, 2, 3 Jahren und verlangt von uns die Emigration der Arbeitskraft nicht zu ermuntern oder nicht zu erlauben! Er sagt, es sei natürlich, dass die Arbeiter zu eraigriren wün- 5<)D seilen, aber er meint, dass die Nation diese halbe Million Arbeiter mit den 700,ÜÜ0,die an ihnen hängen, ihrem Verlangen zum Trotz in die Baumwolldistrikte einsperren luid, eine nothwendige Konsequenz, ihr Miss- vergnügen durch Gewalt niederschlagen und sie selbst durch Almosen fristen muss, alles das auf die Chance hin, dass die Haumwollmcister ihrer an einem beliebigen Tag wieder bedürfen mögen. . . . Die Zeit ist gekommen , wo die grosse öftentliche Meinung dieser Eilande etwas thun muss, um , diese Arbeitskraft' vor denen zu retten, die sie behan- deln wollen, wie sie Kohle, Eisen und Baumwolle behandeln." (,,to save this 'working power' from those wlio would deal with it as they deal with iron, egal and cotton,") ^^) Der Ti nies- Artikel war nur ein jeu d'esprit. Die ,, grosse öifent- liclie Meinung" war in der That der Meinung des Herrn Potter, dass die Fabrikarbeiter Mobiliarzubehör der Fabriken. Ihre Emigration wurde verhindert '6). Man sperrte sie in das ,, moralische Workhouse" der Baum- wolldistrikte, und sie bilden nach wie vor ,,die Stärke (the strenglh) der Baiunwollmeister von Luncashire." Der kapitalistische Produktionsprozess reproducirt also durch seinen eignen Vorgang d i e Scheidung zwischen Arbeitskraft und Arbeitsbe- dingungen. Er reproducirt und verewigt damit die Exploitationsbe- dingnngen des Arbeiters. Er zwingt beständig den Arbeiter zum Verkauf seiner Arbeitskraft, um zu leben, und befähigt beständig den Kapitalisten zu ihrem Kauf, um sich zu bereichernd'^). Es ist nicht melir der Zufall, welcher Kapitalist und Arbeiter als Käufer und Verkäufer auf dem Waaren- is) Times, 24. March 1863. "') Das Parlament votirte keinen Farthing für Emigration , sondern nur Ge- setze, welche die Municipalitäten befähigten, die Arbeiter zwischen Leben und Sterben zu halten oder sie zu exploitiren , ohne Zahlung von Normallöhnen. Als dagegen drei Jahre später die Rinderseuche ausbrach , durchbrach das Parlament wild sogar alle parlamentarische Etiquette und votirte im Umsehn Millionen zur Schadloshaltung der Millionäre von Landlords , deren Pachter sich ohnehin durch Steigerung der Fleiüchpreise schadlos hielten. Das bestiale Gebrüll der Grund- eigenthünier bei Eröffnung des Parlaments von 1S66 bewies, dass man nichtHindu zu sein braucht, um die Kuh Sabala anzubeten, noch Jupiter, um sich in einen Ochsen zu verwandeln. '') ,,L'ouvrier demandait de la subsistance pour vivre, le chef demandait du travail pour gagner." (Sismondi 1. c. p. 91.) 566 markt gegenüberstellt. Es ist die Zwickmühle des Prozesses selbst , die den Einen stets als Verkäufer seiner Arbeitskraft auf den Waarenmarkt zurückschleudert und sein eignes Produkt stets in das Kaufmittel des An- dern verwandelt. In der That gehört der Arbeiter dem Kapital , bevor er sich dem Kapitalisten verkauft. Seine ökonomische Hörigkeit ^^) ist zu- gleich vermittelt und zugleich versteckt durch die periodische Erneurung seines Selbstverkaufs, den Wechsel seiner individuellen Lohnherrn und die Oscillation im Marktpreise der Arbeit i^). Der kapitalistische Produktionsprozess, im Zusammenhang betrachtet, oder als Reproduktionsprozess , producirt also nicht nur Waare , nicht nur Mehrwerth , er producirt und reproducirt das Kapitalverhältniss selbst , auf der einen Seite den Kapitalisten, auf der andern den Lohnarbeiter-^). 1**) Eine bäuerlich plumpe Form dieser Hörigkeit existirt in der Grafschaft Dur h am. Es ist diess eine der wenigen Grafschaften, worin die Verhältnisse dem Pächter nicht unbestrittenen Eigenthumstitel auf die Ackerbautaglöhner sichern. Die Bergwerksindustrie erlaubt letzteren eine Wahl. Der Pächter, im Gegensatz zur Regel, übernimmt hier daher nur Pacht von Ländereien, worauf sich cottages für die Arbeiter befinden. Der Miethpreis der cottage bildet Theil des Arbeits- lohns. Diese cottages heissen ,,hind's houses". Sie werden den Arbeitern unter gewissen Feudalverpflichtungen vermiethet, unter einem Vertrag, der ,,bondage" (Hörigkeit) heisst und den Arbeiter z. B. bindet, für die Zeit, während deren er anderswo beschäftigt ist, seine Tochter u. s. w. zu stellen. Der Arbeiter selbst heisst bondsman, Höriger. Diess Verhältniss zeigt auch die individuelle K 0 n s u m t i o n des Arbeiters als Konsumtion für das Kapital oder pro- duktive Konsumtion von einer ganz neuen Seite. ,,Es ist merkwürdig zu beobachten , wie selbst der Koth dieses bondsman zu den Sportein an seinen kal- kulirenden Gebieter zählt .... Der Pächter erlaubt in der ganzen Nachbarschaft keinen Abtritt ausser seinem eignen und duldet in dieser Beziehung keinen Ab- schlag von seinen Suzerainrechten." (,, Public Health. VII. Rep. 1865", p. 188.) 19) Man erinnert sich, dass bei der Arbeit der Kinder u. s. w. selbst die For- malität des Selbstverkaufs verschwindet. -") ,,Das Kapital setzt die Lohnarbeit, die Lohnarbeit setzt das Kapital vor- aus. Sie bedingen sich wechselseitig, sie bringen sich wechselseitig hervor. Ein Arbeiter in einer Baumwollfabrik, producirt er nur Baumwollstoffe? Nein, er p r o d u c i r t K a p i t a 1. Er producirt Werthe , die von neuem dazu dienen , seine Arbeit zu kommandiren , und vermittelst derselben neue Werthe zu schaffen." (Karl Marx: ,, Lohnarbeit und Kapital" in N. Rh. Z. Nr. 266, 567 b) Verwandlung von M e li r w e r t li in Kapital. Früher hatten wir zu betrachten, wie der Mehrwertli aus dera Kapital, jetzt w ie das Kapital aus dem Mehi'werth entspringt. - A n w e n d u n g von M e h r w e r t h als Kapital oder R ü c k v e r w a n d 1 u n g von M e h r w e r t h in K a p i t a 1 heisst A c c u ra u 1 a t i o n des K a p i t a 1 s 2'). Ein Kapital betrage 10,000 Pfd. St., sein variabler Bestandtheil 2000 Pfd. St. Bei einer Rate des Mehrwerths von 100« o producirt es in einer gewissen Periode, jährlich z. B. , einen Mehrwerth von 2000 Pfd. St. Werden diese 2000 Pfd. St. wieder als Kapital vorgeschossen, so wächst das ursprüngliche Kapital von 10,000 auf 12,000 Pfd.St. oder es hat a c c u in u 1 i r t. Es ist zunächst gleichgiltig', ob das Zuschusskapital zum alten geschlagen oder selbstständig verwerthet wird. Eine Werthsumme von 2000 Pfd. St. ist eine Werthsumme von 2000 Pfd. St. Man riecht und sieht diesem Geld nicht an, dass es Mehrwerth ist. Der Cliarakter eines Werths als Mebrw^erth zeigt, wie er zu seinem Eigner kam, ändert aber nichts an der Natur des Werths oder des Geldes. Die Verwandlung der zuschüssigen 2000 Pfd. St. in Kapital gebt also in derselben Weise vor, wie die Verwandlung der ur- sprünglichen 10,000 Pfd. St. ». Die Bedingungen der Metamorphose blei- ben dieselben. Ein Theil der 2000 Pfd. St. muss in constantes, der andre in variables Kapital verwandelt werden, der eine in die objektiven Faktoren des Arbeitsprozesses , Arbeitsmaterial und Arbeitsmittel . der andre in seinen subjektiven Faktor, Arbeitskraft. Der Kapitalist muss also diese Elemente auf dem Waarenmarkt vorfinden. Sosteilt sich der Vor- gang dar vom Standpunkt des individuellen Kapitalisten, der die Geld- summe von 10,000 Pfd.St. in einen Waarenwerth von 12,000 Pfd. St. ver- wandelt, diesen Waarenwerth in Geld zum Belauf von 12,000 Pfd. St. rück- Tcrwandelt, und nun neben dem ursprünglichen Werth von 10,000 Pfd. St. 7. April 1849.) Die unter diesem Titel in der N. Rh. Z. veröffentlichten Artikel sind Bruchstücke der Vorlesungen, die ich über jenes Thema 1847 im deutschen Arbeiterverein zu Brüssel hielt und deren Druck durch die Februar- revolution unterbrochen wurde. -') ,,Accumulation of Capital: the employment of a portion of reve- nue as capital." (Malthus: .,D efini ti o ns etc." ed. Cazenove p. 11.) ,,Conversion of revenue into Capital." (Malthus: ,.Princ. of Pol. Econ. 2nded. Lond. 1836", p. 319.) 568 auch den zuschüssigeu Werth von 20Ü0Pfd. St. als sein Kapital funktio- niren lässt. Betrachten wir aber die 10,000 Pfd. St. als das gesell- schaftliche Kapital oder alsdasGesammtkapital der Ka- pita liste nklasse, und die 2000 Pfd.St. als ihren während des Jahrs z. B. producirten Mehrwerth ! Der Mehrwerth ist verkörpert in einem zuschüssigen Produkt oder Mehrprodukt. Ein Theil dieses Mehrpro- dukts geht in den Konsumtionsfonds der Kapitalisten ein oder wird von ihnen als Revenue verzehrt. Abgesehn von diesem Theil, ebenso vom internationalen Handel , der inländische durch ausländische Waarensorteu ersetzt, besteht das M e h r p r o d u k t , in seiner N a t u r a 1 f o r m , nur aus Produktionsmitteln, Rohstoffen, Hilfsstoffen, Arbeitsmitteln, und aus noth wendigen Lebensmitteln, also aus den stoffl ichen Elementen des Constanten und variablen Kapitals. Diese finden sich also nicht zufällig auf dem Markt vor, sondern sind bereits vorhandne Existenzweisen des producirten Mehrwerths selbst. Was aber die er- heischte zuschiissige Arbeit angeht, so können bis zu einem gewissen Grad die bereits funktionirenden Arbeitskräfte voller beschäftigt, extensiv odtr intensiv höher angespannt werden. Andrerseits hat der kapitalistische Produktionsprozess mit den sachlichen Elementen des zuschüssigen Kapi- tals auch bereits zuschüssige Arbeitskräfte geliefert. Da nämlich die Ar- beiterklasse aus dem Prozess herauskömmt, wie sie in ihn eintrat , müssen verschiedne Altersklassen ihrer Kinder, deren Existenz der Durchschnitts- lohn sichert, beständig neben sie auf den Arbeitsmarkt treten. Konkret betrachtet ist die Accumulation also kapitalistischer Reproduk- tionsprozess auf erweiterter Stufenleiter. Den in Zuschusskapital verwandelten Mehrwerth von 2000 Pfd. St^ wollen wir Surpluskapital Nr. I nennen. Der Vereinfachung wegen vorausgesetzt, seine Theilung in constanten und variablen Bestandtheil bleibe dieselbe wie beim ursprünghchen Kapital, ebenso die Rate des Mehr- werths von lOOo.Q, und wir kennen die Methode, worin diess Kapital von 2000 Pfd. St. einen Mehrwerth von 400 Pfd. St producirt. Dieser Mehr- werth werde wieder in Kapital verwandelt. So erhalten wir S u r p 1 u s - kapital Nr. H von 400 Pfd. St. u. s. w. Was hat sich nun geändert? Die 10,000 Pfd. St., die sich ur- sprünglich in Kapital verwandelten, waren das Eigenthum ihres Besitzers. Er warf sie auf den Waaren- und Arbeitsmarkt. Wo hat er sie her ? Wir 569 wissen es nicht. Das Gesetz des Waarenaustaiisches , wonach sich im Durchschnitt Aeqiüvalente austauschen und jeder nur mit Waare Waare kauft, begünstigt die Annahme, dass die 10,000 Pfd. St. nur die Geld- form seiner eignen Produkte und daher seiner eignen Arbeit sind , oder der Arbeit von Personen , als deren rechtmässiger Stellvertreter er fimk- tionirt. Den Entstehungsprozess des Surpluskapitals Nr. I kennen wir dagegen ganz genau. Es ist nur die v e r w a n d e 1 1 e Form von M e h r w e r t h , also von Mehrarbeit, unbezahlter fremder Arbeit. Es ist kein Werth- at o m d a r i n , wofür sein Besitzer e i n A e q n i v a I e n t gezahlt hätte. Allerdings kauft der Kapitalist, wie vorher mit einem Theil des ursprünglichen, so jetzt mit einem Theil des Surplus-Kopitals von neuem Arbeitskraft, woraus er von neuem Mehrarbeit pumpt und daher von neuem Mehrwerth producirt. Aber er kauft den Arbeiter jetzt mit dessen eignem, ihm v o r h e r o h n e Aequivalent weggenommenen Produkt oder Produktenwerth, ganz wie er ihn mit Produktionsmitteln beschäftigt , die in natura oder deren Werth ohne Aequivalent weggenommenes Produkt des Arbeiters sind. Es ändert durchaus nichts an der Sache, ob die- selben individuellen Arbeiter, die das Surpluskapital producirt haben , auch damit beschäftigt werden, oder ob mit der in Geld verwandelten unbezahl- ten Arbeit des Arbeiters A der Arbeiter B geworben wird. Diess ändert nur die Erschein ung, ohne sie zu verschönern. Da das Verhältniss des individuellen Kapitalisten und des individuellen Arbeiters das von ein- ander unabhängiger VVaarenbesitzer ist , von denen der eine Arbeitskraft kauft, der andre verkauft, ist ihr Zusammenhang zufällig. Der Kapi- talist verw-andelt vielleicht das Surpluskapital in eine Maschine, die den Producenten des Smpluskapitals aufs Pflaster wirft luid durch ein paar Kinder ersetzt. In dem Surpluskapital Nr. I sind alle Bestandtheile Produkt unbezahlter fremder Arbeit, kapitalisirter Mehrwerth. Es verschwindet der Schein der ersten Darstellung des Produktionsprozesses oder des ersten Akts der Kapitalbikiung, als ob der Kapitalist irgend welche VVerthe aus seinem eignen Fonds in die Cirkulation würfe. Erst entführt die unsichtbare Magie des Prozesses das Mehiprodukt des Arbeiters von seinem Pol zum Gegenpol des Kapitalisten. Dann verwandelt der Kapitalist diesen Reich- thum, der für ihn eine Schöpfung aus Nichts ist , in Kapital , in ein Mittel 570 zur Anwendung, Beherrschung und Exploitation zuschüssiger Arbeits- kraft 22). Im kapitalistischen Prodnktionsprozess wird ursprünglich nur eine dem Geldbesitzer, wir wissen nicht auf welche Titel hin , gehörige Wert h summe in Kapital und daher Quelle von Mehrwerth ver- wandelt. Es geht eine Veränderung mit dieser Werthsumme vor, aber sie selbst ist nicht das Resultat des Prozesses , sondern vielmehr seine von ihm unabhängige Voraussetzung. Im einfachen Repro- duktionsprozess, oder dem kontinuirlichen Prodnktionsprozess, ist es ein Theil vom Produkt des Arbeiters , der ihm stets von neuem als varia- bles Kapital gegenübertritt , aber sein Produkt nimmt stets von neuem diese Form an, weil er ursprünglich seine Arbeitskraft für das Geld des Kapitalisten verkaufte. Endlich verwandelt sich im Verlauf der Reproduktion aller vom Kapitalisten vorgeschossene Kapi- talwerth in kapi tali sirten Mehrwerth, aber diese Verwandlung selbst unterstellt, dass der Fonds ursprünglich aus seinen eignen Mitteln herstammt. A nders im A c c u m u 1 a t i o ii s p r o z e s s oder dem Repro- duktionsprozes.s auf erweiterter Stufenleiter. Das Geld, oder stofflich aus- gedrückt, die Produktions- und Lebensmittel, die Substanz des neuen Kapitals, ist selbst das Produkt des Prozesses , der fremde unbezahlte Ar- beit auspumpt. D a s K a p i t a 1 li a t K a p i t a 1 p r o d u c i r t. Eine dem Kapitalisten gehörige Werthsumme von 10,000 Pfd. St. war die Voraussetzung für Bildung des S u r p I u s k a p i t a 1 s Nr. I von 2000 Pfd. St. Die Voraussetzung des S u r p 1 u s k a p i - tals Nr. II von 400 Pfd. St. ist nichts anders als die Existenz des Surpluskapitals Nr. I. Eigentlium an vergangner unbezahlter Arbeit erscheint jetzt als die einzige Bedingung für gegenwärtige An- eignung unbezahlter lebendiger Arbeit in stets wachsendem Umfang. Insofern der Mehrwerth, woraus Surpluskapital Nr. I besteht, das Re- sultat des Ankaufs der Arbeitskraft durch einen Theil des Originalkapitals war, ein Kauf, der den Gesetzen des Waarenaustausches entsprach, und, juristisch beti-achtet, nichts voraussetzt als freie Verfügung , auf Seiten des Arbeiters über seine eignen Fähigkeiten, auf Seiten des Geld- oderWaaren- 22_) ,,Die Arbeit schafft das Kapital, bevor das Kapital die Arbeit anwendet." (,,Labonr creates capital, betöre capital employs labour.") E. G. Wakefield: ,, England and America. Lond. 1833", v. II, p. 110. 571 besitzers über ihm gehörige Werthe; sofern Surpluskapital Nr. II u. s. w. bloss Resultat von Surpluskapifal Nr. I, also Konsequenz jenes ersten Ver- hältnisses ; sofern jede einzelne Transaktion fortwährend dem Gesetz des Waarenaustausches entspricht , der Kapitalist stets die Arbeitskraft kauft, der Arbeiter sie stets verkauft, und wir wollen annehmen selbst zu ihrem wirklichen Werth, schlägt offenbar das a u f W a a r e n p r o d u k t i o n und \V a a r e n c i r k u 1 a t i 0 n beruhende Gesetz der Aneignung oder Gesetz des Privateigenthums durch s ei n e eigne, innere, unvermeidliche Dialektik in sein direktes Gegen t heil um -3). Der Austausch von Aequivalenten , der als die ursprüngliche Operation erschien, hat sich so gedreht, dass nur zum Schein ausge- tauscht wird, indem erstens der gegen Arbeitskraft ausgetauschte Kapital- theil selbst nur ein Theil des ohne Aequivalent angeeigneten f r e m d e n A r b e i t s ]) r 0 d u k t e s i s t, und zweitens von seinem Producenten, ^). Also spart, spart, d. h. rückverwandelt möglichst grossen Theil des Mehr- werths oder Mehrprodukts in Kapital I Accumulation um der Accumula- tion , Produktion um der Produktion willen , in dieser Formel spraclr die klassische Oekonomie den historischen Beruf der Bourgeoisperiode aus. Sie täuschte sich keinen Augenblick über die Geburtswehn des Reich- thums 3'^) , aber was nützt der Jammer über liistorische Noth wendigkeit? Wenn der klassischen Oekonomie der Proletarier nur als Maschine zur Produktion von Mehrwerth , gilt ihr aber auch der Kapitalist nur als Ma- schine zur Verwandlung dieses Mehrwerths in Mehrkapital. Sie nimmt seine historische Funktion in bitterm Ernst. Um seinen Busen vor dem unheilvollen Konflikt zwischen Genusstrieb und Bereicherungstrieb zu feien, 35) Ur. Aikin: ,,D es cri jj tio n of the Country trom 30 to 40 miles rou n d Manches ter. Lond. 1795", p. 182 sqq. 30) A. Smith 1. c. b. III, ch III. s'') Selbst J. B. Say sagt: ,,Les epargnes des richos se fönt aiix depens des pauvres." ,,Der römische Proletarier lebte fast ganz auf Kosten der Ge- sellschaft .... Man könnte fast sagen, dass die moderne Gesellschaft auf Kosten der Proletarier lebt, von dem Theil , den sie auf Belohnung der Arbeit ihnen ent- zieht." (Sismondi: ,,E tu d e s etc. " t. I, p. 24.) 581 vertheidigte Malt hu s, im Anfang der zwanziger Jnlire dieses Jahrhun- derts , eine Theilung der Arbeit , welche dem wirklich in der Produktion begriffenen Kapitalisten das Geschäft der Aecumulation , den andern Theil- nehmern am Mehrwerth , der Landaristokratie, Staats-, Kirchenpfriindnern u. s. w. das Geschäft der Verschwendung zuweist. Es ist von der höch- sten Wiclitigkeit, sagt er, ,,die Leidenschaft für Ausgabe und die Leiden- schaft für Aecumulation (,,tlie passion for expenditure and the passion for aecumulation") getrennt zu halten" ^S). Die Herrn Kapitalisten, seit lange in Lebe- und Weltmänner verwandelt, schrieen auf. Was , rief einer ihrer Wortführer, ein Ricardianer, Herr Malthus predigt hohe Grundrenten, hohe Steuern u. s. w. , um dem Industriellen einen fortwährenden Stachel durch unproduktive Konsumenten aufzudrücken I Allerdings Produktion , Pro- duktion auf stets erweiterter Stufenleiter, lautet das Schibolefh, aber ,, Pro- duktion wird durch einen solchen Prozess weit mehr gehemmt als geför- dert. Auch ist es nicht ganz billig (nor is it quite fair) eine Anzahl Personen so im Müssiggang zu erhalten, nur um andre zu kneipen, aus deren Charakter man schliessen darf, (,,who are likely, from their characters") , dass wenn ihr sie zu funktioniren zwingen könnt, sie mit Erfolg funktioniren" ■^^). So unbillig er es findet den industriellen Kapi- talisten zur Aecumulation zu stacheln , indem man ihm das Fett von der Suppe wegschöpft , so nothwendig dünkt ihm den Arbeiter möglichst auf den Minimallohn zu beschränken , ,,um ihn arbeitsam zu erhalten". Auch verheimlicht er keinen Augenblick, dass Aneignung unbezahlter Arbeit das Geheimniss der Plusmacherei ist. ,, Vermehrte Nachfrage von Seite der Arbeiter meint durchaus nichts als ihre Geneigtheit weniger von ihrem eignen Produkt für sich selbst zu nehmen und einen grössren Theil davon ihren Anwendern zu überlassen; und wenn man sagt, dass diess, durch Verminderung der Konsumtion (auf Seiten der Arbeiter) glut (Marktüberfüllung, Ueberproduktion) erzeugt, so kann ich nur ant- worten, dass glut synonym mit hohem Profit ist" ^'^ ). Der gelehrte Zank , wie die dem Arbeiter ausgepumpte Beute för- 38) Malthus 1. c. p. 319, 320. 39) ,,An Inqiiiry into those principles respecting tlieNature of Demancl etc.", p. 67. ^0) 1. c. p. 50. 582 derlichst für die Accumulation zu vertheilen sei zwischen industriellem Kapi- talist und müssigem Grundeigenthümer u. s. w., verstummte vor der Juli- revolution. Kurz nachher läutete das städtische Proletariat die Sturm- glocke zu Lyon und liess das Landproletariat den rothen Hahn in England fliegen. Diesseits des Kanals grassirte der Owenismus, jenseits St. Simo- nismus und Fourierismus. Die Stunde der Vulgärökonomie hatte ge- schlagen. Grade ein Jahr, bevor Nassau W.Senior zu Manchester ausfand, dass der Profit (incl. Zins) des Kapitals das Produkt der un- bezahlten ,,1 e t z t e n z w ö 1 f t e n Arbeitsstunde" ist, hatte er der Welt eine andere Entdeckung angekündigt. „Ich", sagte er feierlich, ,,ich ersetze das Wort Kapital, als Produktionsinstrument betrachtet, durch das WortAbstinenz (Enthaltung)" *•). Ein unübertroffenes Muster diess von den ,, Entdeckungen" der Vulgärökonomie ! Sie ersetzt eine ökonomische Kategorie durch eine sykophantische Phrase. Voilä tout. ,,Wenn der Wilde", docirt Senior, ,, Bogen fabricirt, so übt er eine Industrie aus, aber er p ]• a k t i c i r t nicht die Absti- nenz." Diess erklärt uns, wie und warum in früheren Gesellschaftszu- ständen ,,ohne die Abstinenz" des Kapitalisten Arbeitsmittel fabricirt wurden. ,, Je mehr die Gesellschaft fortschreitet, um so mehr Abstinenz erfordert sie" ^2) ^ nämlich von denen , welche die Industrie ausüben , sich die fremde Industrie und ihr Produkt anzueignen. Alle Bedingun- gen des Arbeitsprozesses verwandeln sich von nun in ebenso viele Abstinenzpraktiken des Kapitalisten. Dass Korn nicht nur gegessen , sondern auch ausgesät wird, Abstinenz des Kapitalisten I Dass der Wein die Zeit erhält auszu- *•) Senior: ,,Principes fondamentaux del'Econ. Pol." trad. Arrivabene. Paris 1836, p. 308. Diess war den Anhängern der alten klassischen Schule doch etwas zu toll. ,,Herr Senior schiebt dem Ausdruck Arbeit und Kapital den Ausdruck Arbeit und Abstinenz unter . . . Abstinenz ist eine blosse Negation. Es ist nicht die Abstinenz, sondern der Gebrauch des produktiv verwandten Kapitals, welcher die Quelle des Profits bildet." (John C a z e n 0 V e 1. c. p. 1 30 Note.) Herr John St. M i 1 1 excerpirt dagegen auf der einen Seite Ricardo's Profittheorie und annexirt auf der andern Senior's ,,remune- ration of abstinence. " So fremd ihm der Hegel'sche ,, Widerspruch", die Spring- quelle aller Dialektik, so heimisch ist er in platten Widersprüchen. ^2) Senior 1. c. p. 342. 583 gähren , Abstinenz des Kapitalisten ! '^^) Der Kapitalist beraubt seinen eignen Adam, wenn er die ,, Produktionsinstrumente dem Arbeiter leiht" (!), alias sie durch Einverleibung der Arbeitskraft als Kapi- tal verwerthet , statt Dampfmaschinen , Baumwolle, Eisenbahnen, Dünger, Zugpferde u. s. f. aufzuessen oder , wie der Vuigärökonoui sich das kindlich vorstellt, ,, ihren Werth" in Luxus- und andren Konsum- tionsmitteln zu verprassen ^^). Wie die Kapitalisten klasse das anstellen soll, ist ein von der Vulgärökonomie bisher hartnäckig bewahrtes Geheimniss. Genug, die Welt lebt nur noch von der Selbstkasteiung dieses modernen Büssers des Wischuu , des Kapitalisten. Nicht nur die Accumulation, die einfache ,, Erhaltung eines Kapitals erheischt beständige Kraftanstrengung, um der Versuchung zu widerstehn , es aufzuessen" ^^). Die einfache Humanität gebeut also offenbar den Kapitalisten von Martyr- thum und Versuchung zu erlösen , in derselben W^eise wie der georgische Sklavenhalter jüngst durch Abschaffung der Sklaverei von dem schmerz- lichen Dilemma erlöst ward , ob das dem Negersklaven ausgepeitschte Mehrprodukt ganz in Champagner zu verjubeln oder auch theilweis in mehr Neger und mehr Land rückzuverwandeln. Li den verschiedensten ökonomischeu Gesellschaftsformationen findet nicht nur einfache Reproduktion, sondern, obgleich auf verschieduem Mass- stab, Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter statt. Es wird progressiv mehr producirt und mehr konsumirt, also auch mehr Pro- dukt in Produktionsmittel verwandelt. Dieser Prozess erscheint aber *'-^) ,,No one . . . will sow his wheat , f. i., and allow it to remain a twelve- nioiUh in the ground, or leave his wine in a cellar for jears , instead of consiiming ihese things or their equivalent at once — — unless he expects to acquire ad- ditional value etc." (Scrope: ,,Poli t. E con." edit. voa A. Po tter, New-York 1841, p. 133, 134.) ^^) ,,La privation que s'impose le cap italiste, en pretant (dieser Euphemismus gebraucht , um nach probater vulgärükonomischer Manier den vom industriellen Kapitalisten exploitirten Lohnarbeiter mit dem industriellen Kapitalisten selbst zu identificiren, welcher vom Geld verleihenden Ka- pitalisten pumpt !) ses Instruments de production au travailleur au lieu d'en consacrer la valeura son propre usage , en la tr an sfo r mant en objets d'utilite ou d'agrement. " (G. de Molinari 1. c. p. 49.) *5) ,,La conservation d'un capital exige . . . un eflFort constant pour resister älatemptationdeleconsommer." (Courceuil-Senellesl. c. p.57.) 584 nicht als Accumulation von Kapital und daher auch nicht als Funktion des Kapitalisten, so lange dem Arbeiter seine Produk- tionsmittel , daher auch sein Produkt und seine Lebensmittel , noch nicht in der Form von Kapital gegenübersteh n *6), Der vor eini- gen Jahren verstorbene Richard Jones, Nachfolger von Malthus auf dem Lehrstuhl der politischen Oekonomie zu Herford, erörtert diess gut an zwei grossen Thatsacheu. Da der zahlreichste Theil des indischen Volks selbstwirthschaftende Bauern , existirt ihr Produkt , ihre Arbeits- und Lebensmittel, auch nie ,,in der Form (,,in theshape") einesFonds, der aus fremder Revenue erspart wird (,,saved from revenue") und daher einen vorläufigenProzessderAccumulation („a previou& process of accumulation") durchlaufen hat"*7). Andrerseits werden die nicht-agrikolen Arbeiter in den Provinzen, wo die englische Herrschaft das alte System am wenigsten aufgelöst hat , direkt von den Grossen beschäftigt^ denen eine Portion des ländlichen Mehrprodukts als Tribut oder Grund- rente zufliesst. Ein Tlieil dieses Produkts wird in Naturalform von den Grossen verzehrt, ein andrer Theil für sie von den Arbeitern in Luxus- und sonstige Konsumtionsmittel verwandelt, während der Rest den Lohn der Arbeiter bildet, die Eigenthümer ihrer Arbeitsinstrumente sind. Pro- duktion und Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter gehn hier ihren Gang ohne alle Dazwischenkunft jenes wunderhchen Heiligen , jenes Rit- ters von der traurigen Gestalt, des ,,e n t s a g e n d e n" Kapitalisten.^ Wir betrachteten bisher die Masse desMehrwerths als ge- gebne Grösse. In diesem Fall bestimmte seine p r o p o r t i o n e 1 1 e Th eilung in Revenue und Surpluskapital den Umfang der Accumulation. Aber letztere wechselt unabhängig von jener Theilung mit dem Wechsel in der Grösse des Mehrwerths selbst. '*6) ,,The particular classes of income which yield the most abundantly to the progress of national capital , change at difFerent stages of their progress, and are therefore entirely different in nations occupying difterent positions in that progress . . . Profit . . . unimportant source of accumulation , compared with wages and rents , in the earlier stages of society . . . When a considerable advance in the powers of national industry has actually taken place, profits rise into comparative importance as a source of accumulation." (Richard Jones: ,, Textbook. etc.", p. 16, 21.) ") 1. c. p. 36 sq. 585 Die Uinstände , welche die Grösse des Mehrwerths regeln, sind in den Ka- piteln über seine Produktion ausfülirlicli entwickelt worden. Sie reguliren, unter sonst gleichbleibenden Verhältnissen , die Bewegung der Accumula- tion. Wir kehren hier nur so weit zu ihnen zurück, als sie mit Bezug auf die Accumulation neue Gesichtspunkte bieten. Man erinnert sich, welche Rolle der Exploitationsgrad der Arbeit in der Produktion des Mehrwerths spielt. Die politische Oeko- nomie würdigt diese Rolle so sehr, dass sie gelegentlich die Beschleunigung der Accumulation durch erhöhte Produktivkraft der Arbeit mit ihrer Beschleunigung durch erhöhte Exploitation des Arbei- ters identificirt *^). In den Abschnitten über die Produktion des Mehr- wertlis ward beständig unterstellt, dass der Arbeitslohn wenigstens gleich dem W e r t h d e r A r b e i t s k r a f t ist. Es ward fei'ner gezeigt, dass der Ar- beitslohn, sei es seinem Werth nach, sei es nach der Masse von Lebensmitteln, die er repräsentirt, bei wa chsendera Exploitationsgrad des Arbeiters wachsen kann. In der praktischen Bewegung des Kapitals jedoch wird auch Mehrwerth producirt durch gewaltsame Herabsetzung des Ar- beitslohns unter den Werth der Arbeitskraft. Faktisch wird so ein Theil des nothwendigen Konsumtionsfonds des Arbeiters in einen Accumulationsfonds von Kapital ver- w a n d e 1 1. ,, Arbeitslöhne", sagt J. St. Mill , ,, haben keine Produktivkraft ; sie sind der Preis einer Produktivkraft. Arbeitslöhne tragen nicht, neben der Arbeit selbst , zur Waarenproduktion bei , sowenig als der Preis der Ma- schinerie neben der Maschinerie selbst. K ö n n t e A r b e i t ohne Kauf '•*) ,, Ricardo sagt : ,In verschiecinen Stadien der Gesellschaft ist die Accii- mrilation des Kapitals oder der Mittel Arbeit anzuwenden (sc. zu exploitiren) mehr oder weniger rasch und muss in allen Fällen von den Produktivkräften der Arbeit abhängen. Die Produktivkräfte der Arbeit sind im Allgemeinen am grössten , wo Ueberfluss von fruchtbarem Boden existirt. ' Bedeuten in dieser Sentenz die Produktivkräfte der Arbeit die Kleinheit des aliquoten Theils jeden Produkts, der denen zufällt, deren Handarbeit es produ- cirt, so ist der Satz tautologisch , weil der übrig bleibende Theil der Fonds ist, woraus, wenn es seinem Eigner beliebt (,,if the owner pleases"), Ka[)ital accumulirt werden kann. Aber diess ist meistens nicht der Fall, wo das Land am fruchtbarsten ist." (,,Observations on certain verbal dis- pu t es etc.", p. 74, 75.) 586 — gehabt werden, so wären Arbeitslöhne überflüssig" *9). Wenn aber die Arbeiter von der Luft leben könnten , so wären sie auch u m keinen Preis zu kaufen. Ihr N i c h t s k o s t e n ist also eine Grenze im mathematischen Sinn , stets unerreichbar , obgleich stets anuäher- bar. Es ist die beständige Tendenz des Kapitals sie auf diesen nihilistischen Standpunkt herabzudrücken. Ein oft von mir citir- ter Schriftsteller des 18. Jahrhunderts, der Verfasser des ,,Essay on Trade and Commerce", verräth nur das innerste Seelenge- heimniss des englischen Kapitals, wenn er es für die historische Lebensaufgabe Englands erklärt , den englischen Arbeitslohn auf das französische und holländische Niveau herabzudrücken ^O). Er sagt u. a. naiv: ,,Wenn aber unsre Armen (Kunstausdruck für Arbeiter) luxuriös leben wollen . . . niuss ihre Arbeit natürlich t heuer sein. . . . Man betrachte nur di-e haarsträubende Masse von Ueb er- flüssig k e i t e n (,,heap of superfluities") , die unsre Manufakturarbeiter verzehren , als da sind Branntwein , Gin , Thee , Zucker , fremde Früchte, starkes Bier, gedruckte Leinwand, Schnupf- und Rauchtabak u. s. w."3i). Er citirt die Schrift eines Fabrikanten von Northamptonshire, der mit him- melwärts schielendem Blick jammert : ,, A r b e i t ist ein ganzes Drit- theil wohlfeiler in Frankreich als in England: deiui die franzö- sischen Armen arbeiten hart und fahren hart an Nahrung und Kleidung und ihr Hauptkonsura sind Brod , Früchte, Kräuter, Wurzeln und getrock- neter Fisch ; denn sie essen sehr selten Fleisch , und wenn der Weizen theuer ist, sehr wenig Brod"^'-). ,,Wozu," fährt der Essay man fort, *9) J. St. M i 11 : „Essays o n s o iii e u n s e 1 1 1 e d Q u e s t i o n s o f P o 1 i t. Economy. Lond. 1844", p. 90. 50) ,,An Essay on Trade and Commei-ce. Lond. 1770", p. 44. Aehnlich brachte die Times vom Deeember 1866 und Januar 1867 Herzenser- giessuni;en englischer Minenbesitzer , worin der glückliche Zustand der belgi- schen Minenarbeiter geschildert ward, die nicht mehr verlangten und nicht mehr erhielten , als strikt nöthig, um für ihre ,,masters" zu leben. Die belgischen Ar- beiter dulden viel , aber als Musterarbeiter in der Times zu figuriren ! Anfang Februar 1867 antwortete der mit Pulver und Blei unterdrückte Strike der belgischen Minenarbeiter (bei Marchienne) . 51) 1. c. p. 46. ^-) Der Fabrikant von Northamptonshire begeht eine im Herzensdrang ent- schuldbare pia fraus. Er vergleicht angeblich das Leben englischer und französi- 587 ,,wozii noch kömmt, dass ihr Geträuk aus Wasser besteht oder ähn- lichen schwachen Likören, so dass sie in der That erstaunlich wenig Geld ausgeben. . . . Ein derartiger Zustand der Dinge ist sicher- lich schwer herbeizuführen, aber er ist nicht unerreiclibar, wie seine Existenz sowohl in Frankreich als Holland schlagend beweist" ^3). Zwei Jahrzehnte später verfolgte ein amerikanischer Humbug , der baronisirte Yankee Benjamin Thomson (alias Graf Rumford), dieselbe Philan- thropielinie mit grossem Wohlgefallen vor Gott und den Menschen. Seine „Essays" sind ein Kochbucli mit Recepten aller Art um Surrogate an die Stelle der theuren Normalspeisen des Arbeiters zu setzen. Ein be- sonders gelungenes Recept dieses wunderlichen ,, Philosophen" ist folgen- des: „Fünf Pfund Gerste, fünf Pfimd Mais, für 3 d. Häringe, 1 d. Salz, 1 d. Essig, 2 d. Pfeffer und Kräuter — Summa von 203/^ d. giebt eine Suppe für 64 Menschen , ja mit den Durchschnittspreisen von Korn kann clie Kost auf I/4 d. per Kopf (noch nicht 3 Pfennige) herabgedrückt werden" ^*). Mit dem Fortschritt der kapitalistischen Produktion hat die W a a r e n f ä 1 s c h u n g Thomson's Ideale überflüssig gemacht ^•^) . scher M a n u f a k t u r a r b e i t e r , schildert aber, wie er später in seiner Verdadde- rung selbst gesteht, mit den eben citirten Worten französische Agrikultur- arbeiter! 53) 1. c. p. "0. 5') Benjamin Thomson: , , E s s a y s , p o 1 i t i c a 1 , e c o n o m i c a 1 , and philosophical etc. 3 vol. Lond. 1796 — 1802." In seinem ,,The State of the Poor, or an History ofthe Labouring Classes in England etc." empfiehlt Sir M. F. Eden die Rumford'sche Bettelsuppe bestens den Vorstehern von Workhouses und mahnt die englischen Arbeiter vorwurfsvoll, dass ,,es bei den Schotten viele Familien giebt, die, statt von Weizen, Roggen und Fleisch, Monate lang von Hafergrütze und Gerstenmehl, nur mit Salz und Wasser gemischt, leben und das obendrein noch sehr komfortabel" (,, and that very comfortably too"). (1. c. v. I, b. II, eh. II.) Aehnliche ,, Fingerzeige" im 19. Jahrhundert. ,,Die englischen Ackerbauarbeiter" , heisst es z. B. , ,, wollen keine Mischungen niederer Kornarten essen. In Schottland, wo die Erziehung hesser ist, ist diess Vorurtheil wahrscheinlich unbekannt." (,,Charles H. Parry M. D. : ,,The Question of the Necessity of the existing Cornlaws considered. Lond. 1816", p. 69.) Derselbe Parry klagt jedoch, dass der englische Arbeiter jetzt (1815) sehr heruntergekommen sei , ver- glichen mit Eden's Zeit (1797). 55) Aus den Berichten der letzten parlamentarischen Untersuchungskommission über Fälschung, von Lebensmitteln sieht man, dass selbst die Fälschung der Arz- Ende des 18. und während der ersten Decennien des 19, Jahrhunderts erzwangen die englischen Pächter und Landlords das absolute Minimal- salair, indem sie den Ackerbautaglöhnern weniger als das Minimum in der Form des Arbeitslohns , den Rest aber in der Form von Pfarreiunter- stützung auszahlten. Ein Beispiel der Possenreisserei , womit die eng- lischen Dogberries in ihrer „legalen" Festsetzung des Lohntarifs ver- fuhren: ,,Als die Squires die Arbeitslöhne für Speenhamland 1795 fest- setzten , hatten sie zu Mittag gespeist , dachten aber offenbar , dass die Arbeiter nicht desgleichen nöthig hätten. . . . Sie entschieden, der Wochen- lohn solle 3 sh. per Mann sein , wenn das Laib Brod von 8 Pfund 1 1 Unzen auf 1 sh. stünde, und er solle regelmässig wachsen, bis das Laib I sh. 5 d. koste. Sobald es über diesen Preis stiege, sollte der Lohn pro- portioneil abnehmen, bis der Preis des Laibes 2 sh. erreicht hätte; und dann solltt die Nahrung des Mannes i/-, weniger als vorher sein''^^). Vor dem Untersnchungscomite des House of Lords, 1814, wird ein ge- wisser A. Bennett, grosser Pächter, Magistrat, Arraenhausverwalter und Lohnregulator, gefragt; ,,Wird irgend eine Proportion zwischen dem Wertb der Tagesarbeit und der Pfnrreiunterstützung der Arbeiter beobachtet?" Antwort: „Ja. Das wöchentliche Einkommen jeder Familie wird über ihren Nominallohn hinaus vollgemacht bis zum Gallonlaib Brod (8 Pfd, II Unzen) und 3 d. per Kopf. . . . Wir unterstellen das Gallonlaib hin- reichend für die Erhaltung jeder Person in der Familie während der Woche; und die 3 d. sind für Kleider; und wenn es der Pfairei beliebt^ die Kleider selbst zu stellen , werden die 3 d. abgezogen. Diese Praxis herrscht nicht nur im ganzen Westen von Wiltshire, sondern, wie ich glaube, im ganzen Land"^'^). So, ruft ein Burgeoisschriftsteller jener Zeit, ,, haben die Pächter Jahre lang eine respektable Klasse ihrer Lands- leute degradirt, indem sie dieselben zwangen zum Workhouse ihre Zu- neistofFe in England nicht Ausnahme, sondern Regel bildet. Z. B. dieExamination von 34 Proben von Opium, gekauft in eben so viel verschiednen Londoner Apo- theken, ergab, dass 31 verfälscht waren mit Mohnkapsel , Weizenmehl, Gummi- schleim, Thon, Sand u. s. w. Viele enthielten kein Atom Morphin. 56) G. B. N e w n h a m (barrister at law) : ,,A Review oftheEvidence before the Committees of the two Houses of Parliament onthe Cornlaws. Lond. 1815", p. 20 Note. ") 1. c. 589 flucht zu nelimen . . . Der Pächter hat seine eign en Gewinne ver- mehr t , intlem er selbst die A c c u ni u 1 a t i o n des u n e n t b e h r - liclisten K o n s u ni t i o n si'un d s auf Seite der Arbeiter ver- hinderte"-'*'). Welche Rolle heutzutag der direkte Raub am noth- weudigen Konsumtionsfonds des Arbeiters in der Bildung des Mehrvverths und daher des Ac cu m ulati onsfonds des Kapitals spielt, hat beispiehveis die s. g. Hausarbeit gezeigt. Weitere Thatsachen im Ver- lauf dieses Kapitels. Die Elasticität der Arbeitskraft oder ihre Fähigkeit grösserer inten- siver oder extensiver Spannung bildet , innerhalb gewisser Grenzen , eine vom gegebnen Umfang der bereits funktionirenden und producirten Pi-oduk- tionsmittel , oder der stofflichen Elemente des con stauten Kapitals, unabhängige Quelle der Schöpfung zusätzlichen Reichthums und daher des Accumulationsfonds. In der extraktiven Industrie, der Minenindustrie z. B. , ist der Arbeitsgegeustand von Natur vorhan- den. Die notliwendigen Arbeitsmittel selbst also gegeben, — und die ex- traktive Industrie liefert grossentheils selbst wieder das Rohmaterial dieser Arbeitsinstrumente, Metalle, Holz u. s. w. , und die Hilfsmittel, wie Kohle, — ist das Produkt keineswegs durcli den Umfang dieser Arbeitsmittel beschränkt. Sie werden durch die grössere Ver- ausgabung der Arbeitskraft nur rascher vernutzt , also nur ihre Reproduk- tionsperiode abgekürzt. Die Pr odukten masse selbst, wie Kohle, Eisen , wächst dagegen , unter sonst gleichbleibenden Umständen , im Ver- hältuiss zu der auf den Naturgegenstand verausgabten Arbeit. Wie am ersten Tag der Produktion gehn hier die ursprünglichen Produktbildner, daher auch die Bildner der stofl'lichen Elemente des Kapitals , Mensch und Natur, zusammen. In der eigentlichen Agrikultur spielen zwar Samen und Dünger dieselbe Rolle, wie das Rohmaterial in der Manufaktur, und man kann nicht mehr Land besäen , ohne vorher mehr Samen zu haben. Aber diess Rohmaterial und die Arbeitsinstrumente gegeben , ist bekannt, welche wunderthätige Wirkung selbst die rein mechanische Bearbeitung 5S) Ch. IL Parry I. c. p. 78. Die Herrn Landlords ihrerseits ,,indemni- ficirten" sich nicht nur für den Antijakobinerkrieg , den sie im Namen Englands führten, sondern bereicherten sich enorm. ,,Ihre Renten verdoppelten, verdrei- fachten, vervierfachten und, in Ausnahmsfüllen, versechsfachten sich in 18 Jahren." (1. c. p. 100, 101.) 590 des Bodens, deren Intensivität von der Spannung der Arbeitskraft abhängt, auf die Massenhaftigkeit des Produkts ausübt. Es ist wieder direkte Wir- kung des Menschen auf den Naturgegenstand, welche zur unmittelbaren Quelle des Reichthums wird. Extraktive Industrie und Agrikultur liefern andrer- seits der Manufaktur das Rohmaterial und die Hilfsstoffe, also die stofflichen Elemente, welche hier jeder grösseren Arbeitsaiisgabe vorausgesetzt sind, während die eigentlichen Arbeitsmittel auch in dieser SjJiäre durch exten- sivere oder intensivere Spannung der Arbeitskraft nur ihre Reproduktions- periode verkürzen. Indem das Kapital sich also die beiden Urbildner des Reichthums , Arbeitskraft und Erde , einverleibt , erwirbt es in ihnen von seinem eignen stofflichen Umfang unabhängige und dehnbare Faktoren der Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter und daher der A c c u m u 1 a t i o n. Abgesehn vom Exploitationsgrad der Arbeit wird die Pro- duktion des Mehrwerths , also die A c c u m u 1 a t i o n des Kapitals, deren Bildungseleraent der Mehrwerth , wesentlich bestimmt durch die P r o d u k t i V k r a f t der Arbeit. Mit der Produktivkraft der Arbeit wächst die P r o d u k t e n m a s s e , worin sich ein bestimmter Werth , also auch Mehrwerth von gegebner Grösse darstellt. Bei gleichbleibender und selbst bei fallender Rate des Mehrwerths, sofern sie nur langsamer fällt als die Produktivkraft der Arbeit steigt, wächst die Masse des Mehrprodukts. Bei gleichbleibender Theilung desselben in Revenue und Surpluskapital kann daher die Konsumtion des Kapitalisten wachsen ohne Abnahme des Accumulationsfonds. Die propor- tioneile Grösse des Accumulationsfonds kann selbst auf Kosten des Kon- sumtionsfonds wachsen , während die Verwohlfeilerung der Waaren dem Kapitalisten ebenso viele oder mehr Genussniittel als vorher zur Verfügung stellt. Aber mit der wachsenden Produktivität der Arbeit geht , wie man gesehn, die Verwohlfeilerung des Arbeiters, also wachsende Rate des Mehr- werths , Hand in Hand , selbst wenn der reelle Arbeitslohn steigt. Er steigt nie verhältnissmässig mit der Produktivität der Arbeit. Derselbe variable Kapitalwerth setzt also mehr Arbeitskraft und daher mehr Arbeit in Bewegung. Derselbe constante Kapitalwerth stellt sich in mehr Produktionsmitteln, d. h. mehr Arbeitsmitteln, Arbeitsmaterial und Hilfsstoffen dar, liefert also sowohl mehr Produktbildner als Werthbildner, oder Arbeitseinsauger. Bei gleichbleibendem und selbst abnehmendem 591 W e r t h des Snrpliiskapitals findet daher besclilounigte Accunmlaf ion statt. Nicht nur erweitert sich die Stufenleiter der Reproduktion stoft'lich , son- dern die Produktion des Mehrwerths wächst schneller als der Werth des Surpluskapitals. Die Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit reagirt auch auf das 0 r i g i n a 1 k a p i t a 1 oder das bereits imProduktionspro- z e s s befindliche Kapital. Ein Theil des funktionirenden constan- ten Kapitals besteht aus Arbeitsmitteln , wie Maschinerie u. s. w. , die nur in längeren Perioden konsumirt und daher reproducirt oder durch neue Exemplare derselben Art ersetzt werden. Aber ein Theil dieser Arbeits- mittel stirbt Jedes Jahr ab, oder erreicht das Endziel seiner produktiven Funk- tion. Er befindet sich daher jedes Jahr im Stadium seiner periodischen Repro- duktion oder seines Ersatzes durch neue Exemplare derselben Art. Hat die Produktivkraft der Arbeit sich in der Geburtsstätte dieser Arbeitsmittel erweitert, und sie entwickelt sich fortwährend mit dem ununterbrochenen Fluss der Wissenschaft und der Technologie , so tritt wirkungsvollere und,'" ihren Leistungsumfang betrachtet, wohlfeilere Maschine , Werkzeug, Ap- parat u. s. w. au die Stelle der alten. Das alte Kapital wird in einer produktiveren Form reproducirt, abgesehn von der fort- währenden Detailveränderung an den vorhandnen Arbeitsmitteln. Der andere Theil des constanten Kapitals, Rohmaterial und Hilfsstoffe, wird fortwährend innerhalb des Jahrs , der der Agrikultur entstammende meist jährlich reproducirt. Jede Einführung bessrer Methoden u. s. w. wirkt hier also fast gleichzeitig auf Zuschusskapital und bereits in Funktion begriffenes Kapital. Jeder Fortschritt der Chemie vermannigfacht nicht nur die Nutzanwendungen desselben Materials und dehnt daher mit dem W^achsthura des Kapitals seine Anlagesphären aus. Er lehrt zugleich die Excremente des Produktions- und Konsumtionsprozesses in den Kreislauf des Reproduktionsprozet^ses zurückschleudern , schafft also ohne vorherige Kapitalauslage neuen Kapitalstoff. Gleich vermehrter Ausbeutung des Naturreichthums durch bloss höhere Spannung der Arbeitskraft, bildet die Wissenschaft eine von der gegebnen Grösse des funktionirenden Kapitals unabhängigePotenz seinerExpansion. Sie reagirt zugleich auf den in sein Erneurungsstadium eingetretenen Theil des Originalkapitals. In seine neue Form einverleibt es gratis den hinter dem Kücken seiner alten Form vollzosrenen gesellschaftlichen Fortschritt. Allerdings ist diese 592 Eutwickliuig der Produktivkraft zugleich begleitet vou theilweiser Depre- ciatiou funktionirender Kapitale. Soweit diese Depreciation sich durch die Konkurrenz akut fühlbar macht, füllt die Hauptwucht auf den Arbeiter, in dessen gesteigerter Exploitation der Kapitalist Schadenersatz sucht. Es zeigte sich bei Analyse des relativen Mehrwerths, wie die Ent- wicklung der gesellschaftlichen Produktivkraft der Arbeit eine stets wach- sende Masse des von derselben Arbeitskraft in Bewegung gesetzten con- stanten Kapitals bedingt. Mit dem Reichthura oder der Fülle und Wirk- samkeit der in Maschinerie u. s. w. vergegenständlichten Arbeit, wovon der Arbeiter als bereits producirter Bedingung des Produktionsprozesses aus- geht, wächst die Masse des alten Kapital werths, der durch blossen Zusatz neuer Arbeit , also neue Werthproduktion , erhalten und in diesem Sinn reproducirt wird. Man vergleiche z. B. einen eng- lischen Spinner mit einem indischen. Man unterstelle der Vereinfachung halber gleiche Extension und Intensivität des englischen und indischen Ar- beitstags. Der englische Spinner verwandelt in einem Tag viel hundert- mal grössere Massen von Baumwolle , Spinninstrumenten u. s. w. in Garn. Er erhält also auch vielhundertmal grösseren Kapitahverth in seinem Pro- dukt. Wäre selbst das Werthprodukt seiner Tagesarbeit, d. h. der durch dieselbe den Produktionsmitteln neu zugesetzte Werth, nur gleich dem des Indiers, dennoch resultirt seine Tagesarbeit nicht nur in grösserem P r 0 d u k t e n q u a n t u m , sondern in unendlich grösserem Produkten- w e r t h , altem Werth , den er auf das neue Produkt überträgt , und der von neuem als Kapital funktioniren kann. ,,1782", belehrtunsF. Engels, ,,lag die ganze Wollerndte der vorhergehenden drei Jahre (in England) aus Mangel an Arbeitern noch unverarbeitet da, und hätte liegen bleiben müssen, wenn nicht die neu erfundue Maschinerie zu Hilfe gekommen wäre und sie ver- sponnen hätte" 5^). Die in der Form von Maschinerie vergegenständlichte Arbeit stampfte natürlich unmittelbar keinen Menschen aus dem Boden, aber sie erlaubte einer geringen Arbeiteranzahl durch Zusatz von relativ wenig lebendiger Arbeit nicht nur die Wolle produktiv zu konsumiren , und ihr Neuwerth zuzusetzen , sondern in der Form von Garn u. s. w. ihren alten Werth zu erhalten. Sie lieferte damit zugleich Mittel undSporu 59) F. Engels: ,,Lage der arbeitenden Klasse in England", p. 20. 593 zur erweiterten Reproduktion von Wolle. Es ist die Naturgabe der leben- digen Arbeit alten Werth zu erhalten , während sie Neuwerth schafft. Mit dem Wachsthum von Wirksamkeit, Umfang und Werth ihrer Produk- tionsmittel, also mit der die Entwicklung ihrer Produktivkraft begleitenden A c c u ra u 1 a t i 0 n erhält und verewigt die Arbeit daher in stets neuer Form einen stets schwellenden Kapitalwerth "*'). Diese Naturkraft der 'i*') Die klassische Oekonomie hat wegen mangelhafter Analyse des Arbcits- und Vervvertliungsprozesses diess wichtige Moment der Reproduktion nie ordentlich begrift'en, wie man z. B. bei Ricardo sehn kann. Er sagt z. B.: Welches immer der Wechsel der Produktivkraft, ,,Eine Million Menschen producirt in den Fabri- ken stets denselben We rth." Diess richtig, wenn Extension und Intensivgrad ihrer Arbeit gegeben. Es verhindert aber nicht, und Ricardo übersieht diess in gewissen Schlussfolgerungen, dasseine Million Menschen sehr verschiedne Massen von Pro- duktionsmitteln, bei verschiedner Produktivkraft ihrer Arbeit, in Produkt verwan- delt, daher sehr verschiedne Werthmassen in ihrem Produkt erhält, die von ihr gelieferten Pr o d ukt en werth e also sehr verschieden sind. Ricardo hat, neben- bei bemerkt, an jenem Beispiel umsonst versnclit, dem J. B. Say den Unterschied zwischen Gebrauchswerth (den er hier wealtli nennt , stofflichen Reichthum) und Tauschwerth klar zu machen. Say antwortet: ,, Quant ä la difficulte qu'eleve Mr. Ricardo en disant que, par des procedes mieux extendus , un ihillion de per- sonnes peuvent i^roduire deux fois , trois fois autant de richesses , sans produire plus de valeurs , cette difficulte n'est pas une lorsque l'on considere , ainsi qu'onledoit, la production comme un echange dans lesquels on donne les Services productifs de son travail , de sa terre , et de ses capitaux, pour obtenir des prod uits. C'est par le moyen de ses Services productifs que nous acquerons tous les produits qui sont au monde. Or . . . nous sommes d'autant plus riches, nos Services productifs ont d'autant plus de valeur, qu'ils obtiei]nent dans l'echange appele production, une plus grande quantite de choses utiles." (J. B. Say: ,,L e ttr es a M. M al t h us. Paris 1820", p. 168, 169.) Die ,, difficulte" — sie existirt für ihn, nicht für Ricardo — die Say erklären soll, ist die : Warum vermehrt sich nicht der Werth der Gebrauchswerthe , wenn ihre Quantität in Folge gesteigerter Produktivkraft der Arbeit wächst? Antwort: Die Schwierigkeit wird dadurch gelöst , dass man den Gebrauchswerth ge- fälligst Tauschwerth nennt. Tauschwerth ist ein Ding, das one way or another mit Austausch zusammenhängt. Man nenne also die Produktion einen ,, Austausch" von Arbeit und Produktionsmitteln gegen das Produkt, und es ist klar wie Wasser, dass man um so mehr Tauschwerth erhält, je mehr Gebrauchswerth einem die Produktion liefert. In andern Worten : Je mehr Ge- brauchswerthe, z. B. Strümpfe, ein Arbeitstag dem Strumpffabrikanten liefert, desto reicher ist er an Strümpfen. Plötzlich fällt Say jedoch ein , dass ,, mit der I. 38 594 Arbeit erscheint als S e 1 b s t e r h a 1 1 u ii g s iv r a f t des K a p i t a 1 s , dem sie einverleibt ist , ganz wie ihre gesellschaft liehen Produktivkräfte als seine Eigenschaften und wie die beständige Aneignung der Mehi-arbelt durch den Kapitalisten als beständige S e 1 b s t v e r w e r t liu n g des Ka- pitals. Alle Kräfte der Arbeit projektireu sich als Kräfte des Kapitals, wie alle Werthformen der VVaare als Formen des Geldes. unter sonst gleichbleibenden üm>tänden ist die Grösse des produ- cirten Mehrwerths und daher die Accumiihition endlich bestimmt 'durch di& Grösse des vorgeschossenen Kapitals. Mit dem Gesammtka- pital wächst auch sein variabler Bestandtheil , wenn auch nicht in demsel- ben Verhältniss. Auf je grösserer Stufenleiter der individuelle Kapitalist producirt, desto grösser die Arheiteranzahl , die er gleichzeitig exploitirt, oder die Masse der imbezahlten Arbeit, die er aneignet**'). Je mehr grossem Quantität" der Strümpfe ihr ,, Preis" (der luitürlich nichts mit demTaiisch- werth zu thun hat) fällt, , , parce que la concurrence les (les produeteurs) o b 1 i g e ä d o n n e r 1 e s p r u d u i t s p o u r c c (j u ' i 1 s 1 e u r c o ü t e n t. " Aber wo denn kommt der Profit her, wenn der Kapitalist dieWaaren zu dem Preis ver- kauft, den sie i hm kosten? Doch nevermind. Say erklärt, dass in Folge der gesteiger- ten Produktivitätjeder iin Ersatz für dasselbe Aequivalent jetzt zwei statt früher ein paar Strümpfe u. s. w. erhält. Das Resultat, wobei er anlangt, istgrade der Satz Ricarr do's, den er widerlegen wollte. Nach dieser gewaltigen Denkanstrengung apostrophirt er Malthus tri umphirend mit den Worten : ,, Teile est, monsieur, la doctrine bien 11 ee sans laquelle il est impossible, je le declare, d'expliquer les plus grandes difficultes de l'economie politique et notamment, comment il se peut qu'une nation soit plus riebe lorsque ses produits diminuent de valeur, quoique la richesse soit de la valeur. " (1. c. p. 170.) Ein englischer Oekonora bemerkt über ähnliche Kunststücke in Say's ,,Lettres" : ,, Diese affektirten Manieren zu schwatzen (,,those aft'ected ways of talking") bilden im Ganzen das, was Herr Say seine Doktrin zu nennen beliebt und die er dem Malthus ans Herz legt zu Hertford zu lehren , wie das schon ,dans plusieurs parties de l'Europe' geschehe. Er sagt: ,,Si vous trouvez une physionomie de paradoxe ä toutes ces propo- sitions, voyez les choses qu'elles expriment, et j'ose croire qu'elles vous parai- tront fort simples et fort raisonnables." Zweifelsohne, und zugleich werden sie in Folge desselben Prozesses alles andre, nur nicht original oder wichtig erscheinen," (,,An Inquiry into those Principles respecting the Natur e of Demand etc.", p. 116, 110.) 61) Man wird im Dritten Buch sehn, dass die durchschnittliche Pro- fitrate verschiedner Produktionssphären nichtafficirt wird von der jeder derselben 595 also (Ins individuelle Kapital wächst , desto grösser der Fonds, der sich in Koiisuintioiisfoiids und Accuniuhitionsfonds spaltet. Der Kapita- list kann daher huttei' leben und zugleich mein- ,, entsagen". Mit dem Wacbstlium des Kapitals wächst die Differenz z w i - sehe n a n g e w a n d t e m und k o n s u ni i r t e m K a p i t a 1. In andern Worten : Es wächst die Werth - und Stoffmasse der Arbeitsmittel , wie IJaulichkeiten, Maschinerie, Drainirungsröhren , Arbeitsvieh, Apparate jeder Art , die stets ihrem ganzen Umfang nach , während längerer oder kürzerer Periode, in beständig wiederholten Produktionsprozessen, funktio- niren, oder zur Erzielung bestininiter iSutzeffekte dienen, während sie nur alhnälig verschleissen , daher ihren Werth nur stückweis verlieren, also auch nur stückweis auf das Produkt übertragen. Im Verhältniss, worin diese Arbeitsmittel als Produktbildner dienen, ohne dem Produkt Werth zuzusetzen, also ganz angewandt, aber nur tlieilweis konsumirt wer- den, leisten sie, wie früher erwähnt, denselben Gratisdienst wie Natur- kräfte, Wasser, Dampf, Luft, Elektricität u.s. w. Dieser Gratisdienst der vergangnen Arbeit, wenn ergriffen und beseelt von der lebendigen Ar- beit, a c c u m u 1 i r t mit der wachsenden Stufenleiter der Accumulation. Da die vergangne Arbeit sich stets in Kapital verkleidet, d.h. das Passivum der Arbeit von A. B, C u. s. w. im Aktivum desNichtarbeiters X figurirt, sind Bürger und politische Oekonomen voll des Lobes für die Ver- dienste der vergangnen Arbeit, welche nach dem schottischen Genie Mac Culloch sogar einen eignen Sold beziehn muss ^2). Das stets wach- sende Gewiclit der unter der Form von Produktionsmitteln im lebendigen Arbeitsprozess mitwirkenden vergangnen Arbeit wird also ihrer dem Ar- beiter selbst, dessen vergangne und unbezahlte Arbeit sie ist, entfrem- deten Gestalt, ihrer Kapita Igestalt vindicirt. Die praktischen Agenten der kapitalistischen Produktion und ihre ideologischen Zungen- drescher sind ebenso unfähig das Produktionsmittel von seiner an- tagonistischen gesellschaftlichen Charaktennaske , die ihm heutzutag an- eigenthümlichen Theilung des Kapitals in constantes und variables Element , und zugleich dass diess Phänomen nur scheinbar den über die Natur und l'roduktion des Mehrwerths entwickelten Gesetzen widerspricht. '■-) Mac Culloch löste das Patent auf ,,wages of past labour'', lange bevor Senior das Patent auf die ,,\vages of abstinence". 38* 596 klebt, getrennt zu denken, als ein Sklavenlialter den Arbeiter selbst von seinem Charakter als Sklave. Man hat im Verlauf dieses Abschnitts gesehn, dass das Kapital keine fixe Grösse ist , sondern ein elastischer und mit der Theilung des Mehr- werths in Revenue und Surpluskapital beständig fluktuirender Theil des gesellschaftlichen Reichtliums. Man hat ferner gesehn , dass selbst die Grösse des funktionirenden Kapitals gegeben, die ihm einverleibte Arbeits- kraft, Wissenschaft und Krde (worunter ökonomisch alle ohne Zuthat des Menschen von Natur vorhandneu A r b e i t s g e g e n s t ä n d e zu verstehn sind) elastische Potenzen desselben bilden, die ihm innerhalb gewisser Gren- zen einen von seiner eignen Grösse unabhängigen Spielraum gestatten. Es wurde dabei von allen Verhältnissen des Cirkulationspro- zesses abgesehn, die sehr verschiedne Wirkungsgrade derselbenKapital- masse verursachen. Es wurde, da wir dieSchranken der kapitalistischen Pro- duktion voraussetzen, also eine rein naturwüchsige Gestalt des gesellschaft- lichen Produktionsprozesses, abgesehn von jeder mit den vorhandnen Pro- duktionsmitteln und Arbeitskräften unmittelbar und planmässig bewirk- baren rationelleren Kombination. Die klassische Oekonomie liebte es von jeher das gesellschaftliche Kapital als eine fixe Grösse von fixem Wir- kungsgrad aufzufassen. Aber das Vorurtheil ward erst zum Dogma be- festigt durch den Urphilister J e r e m i a s B e n t h a m , diess nüchtei'n pe- dantische , schwatzlederue Orakel des geraeinen Bürgerverstandes des 19. Jahrhunderts^'^). Beiitham ist unter den Philosophen, was Martin Tupper unter den Dichtern. Beide waren nur in England fabricirbar ^'^). o^) Vgl. u. a. : J. Bentliam: ,,Theorie des Peines et des Re- compenses, trad. Et. Duinont. Seme e'd." Paris 1826, t. II, 1. IV, eh. II. ^^) Jeremias Bentliam ist ein rein englisches Phänomen. Selbst nnsern Philosophen Christian Wolf nicht ausgenommen, hat zu keiner Zeit und in keinem Land der hausbackenste Gemeinplatz sich jemals so selbstgefällig breit gemacht. Das Nützlich keitsprincip war keine Erfindung Bentham's. Er reproducirte nur geistlos, was Helvetius und andre Franzosen des 18. Jahrhunderts geistreich gesagt hatten. Wenn man z. B. wissen will, was ist einem Hunde nütz- lich?, so muss man die Hundenatur ergründen. Diese Natur selbst ist nicht aus dem ,,Nützlichkeitsprincip" zu konstruiren. Auf den Menschen angewandt, wenn man alle menschliche That, Bewegung, Verhaltnisse u. s. w. nach dem Nützlich- 597 Mit seinem Dogma werden die gewöhnlichsten Erscheinungen des Produk- tionsprozesses , wie z. B. dessen plölzliche Expansionen und Kontrak- tionen, ja die Accunuilation, völlig unbegreifbar^S). Das Dogma wurde sowohl von Bentham selbst als von Malthus, James Mill, Mac Culloch u. s. w. zu apologetischen Zwecken vernutzt , namentlich um einen Tb eil des Kapitals, das variable oder in Arbeitskraft umsetzbare Kapital als eine fi xe Grösse darzustellen. Die stoffliche Existenz des variablen Kapitals , d. h. die Masse der Lebensmittel , die es für den Arbeiter repräsentirt , oder der s. g. Arbeitsfonds, wurde in einen durch Naturketten abgeringten und unüberschreitbaren Sondertheil des gesellschaftlichen Reichthums verfabelt. Um den Theil des gesellschaft- lichen Reichthums , der als c o n s t a n t e s Kapital oder , stofflich ausge- drückt, als Produktionsmittel fiuiktioniren soll, in Bewegung zu setzen, ist eine bestimmte Masse lebendiger Arbeit erheischt. Diese ist keitsprincip beurtheilen will , handelt es sich eist um die menschliche Natur im Allgemeinen und dann um die in jeder Epoche historisch modificirte Menschen- natur. Bentham macht kein Federlesens. Mit der naivsten Trockenheit unter- stellt er den modernen SpiessbÜTger, speciell den englischen Spiessbürger, als den Nor malmen sehen. Was diesem Kauz von Normalmensch und seiner Welt nützlich, ist an und für sich nützlich. An diesem Massstab beurtheilt er dann Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Z. B. die christliche Religion ist , »nütz- lich", weil sie dieselben Missethaten religiös verpönt, die der Strafcodex juristisch verdammt. Kunstkritik ist ,, schädlich" , weil sie ehrbare Leute in ihrem Genuss an Martin Tupper stört u. s. w. Mit solchem Schund hat der brave Mann, dessen Devise: ,,nulla dies sine linea" , Berge von Büchern gefüllt. Wenn ich die Courage meines Freundes H. Heine hätte, würde ich Herrn Jeremias ein Genie in der bürgerlichen Dummheit nennen. 65) ,, Politische Oekonomen sind zu geneigt, eine bestimmte Quantität von Kapital und eine bestimmte Anzahl Arbeiter als Produktionsinstrumente von gleich- förmiger Kraft und als mit einer gewissen gleichförmigen Intensivität wirkend zu liehantleln .... Diejenigen, die behaupten, dass Waaren die einzigen Agenten der Produktion sind, beweisen, dass die Produktion überhaupt nicht erweitert werden kann, denn zu einer solchen Erweiterung müssfen Lebensmittel, Rohmate- rialien und Werkzeuge vorher vermehrt werden, was in der That darauf hinaus kömmt, dass kein Wachsthum der Produktion ohne ihr vorheriges Wachsthum stattfinden kann, oder, in andern Wortep , dass jedes Wachsthum unmöglich ist." (S. Bailey: ,,Money and its Vi cissi tud es" , p. 26 u. 70.) Bailey kritisirt das Dogma hauptsächlich vom Standpunkt des Cirkulationspro- z e s s es. 598 technologiseh gegebeu. Aber weder ist die Anzahl der Arbeiter gegebeu, erheischt um diese Arbeitsmasse flüssig zu machen , denn das wechselt mit dem Exploitationsgrad der individuellen Arbeitskraft, noch der Preis dieser Arbeitskraft, sondern nur seine zudem sehr elastische Minimalschranke. Die Thatsachen , die dem Dogma zu Grund liegen , sind die. Einerseits hat der Arbeiter nicht mitzusprechen bei der Theiliing des gesell- schaftlichen Reichthums in Geunssmittel der Nichtarbeiter und in Produk- tionsmittel. Andrerseits kann er nur in günstigen Ausnahmsfällen den s. g. „ A r b e i t s f 0 n d s " auf Kosten der „Revenue" des Reichen erwei- tern*^^). Zu welch abgeschmackter Tautologie es führt , die kapita- listische Schranke des Arbeitsfon ds in seine gesell- schaftliche Naturschranke umzudichten , zeige u.a. Professor F a w c e 1 1 : ,,Das c i r k u 1 i r e n d e K a p i t a 1 ^''^) eines Landes," sagt er, ,,ist sein Arbeitsfonds, um daher den durchschnittlichen Geldlohn , den jeder Arbeiter erhält , zu bereclnien , haben wir nur' einfach diess Kapital durch die Anzahl der Arbeiterbevölkeruug zu dividiren^'ß**). D. h. also, erst rechnen wir die wirklich gezahlten individuellen Arbeitslöhne in eine Summe zusammen, dann behaupten wir, dass diese Addition die Werth- summe des von Gott und Natur oktroyirten ,, Arbeitsfonds" bildet. End- "•'•) J. St. Mill sagt in seinen ,,Prin ci ples of P o 1 i t. Economy": ,,Das Produkt der Arbeit wird heutzutag vertheilt im umgekelirten V er- hält niss zur Arbeit — der grösste Theil an die , die niemals arbeiten , der nächst grüsste an die, deren Arbeit fast nur nominell ist, und so, auf absteigender Skala, schrumpft die Belohnung zusammen , im Masse wie die Arbeit härter und unangenehmer wird, bis die ermüdendste und erschöpfendste körperliche Arbeit nicht mit Sicherheit auch nur auf Gewinnung der Lebensnothwendigkeiten rechnen kann." Zur Vermeidung von Missverständniss bemerke ich, dass, wenn Männer wie J. St. Mill, Fawcett u. s. w. wegen des Widerspruchs ihrer altökonomischen Dogmen und ihrer modernen Tendenzen zu rügen sind, es durchaus unrecht wäre, sie mit dem Tross der vulgärökonomiseheu Apologeten zusammenzuwerfen. ß') H. Fawcett, Prof. of Polit. Econ. at Cambridge: ,',The Economic Position of the British Labourer. Lond. 1865", p. 120. •'S) Ich erinnere hier den Leser, dass die Kategorieen : variables und constantes Kapital von mir zuerst gebraucht werden. Die politische Oeko- nomie seit A. Smith wirft die darin enthaltenen Bestimmungen mit den aus dem Cirkulationsprozess entspringenden Formunterschieden von fixem und cirkul i ren dem Kapital kunterbunt zusammen. Das Nähere darüber inr Zweiten Buch, zweites Kapitel. 599 — lieh dividiren wir die so erlialtne Summe durch die Kopfzahl der Arbeiter, um hinwiederum zu entdecken , wie viel jedem Arbeiter individuell im Durchschnitt zufallen kann. Eine ungemein pfiffige Procedur diess. Sie verhindert Herrn Fawcett nicht im selben Athemzug zusagen: „Der in England jährlich accumulirte Gesammtreichthum wird in zwei Theile ge- theilt. Ein Theil wird in England zur Erhaltung unsrer eignen Industrie verwandt. Ein andrer Theil wird in andere Länder exporlirt . . . Der in unsrer Industrie angewandte Theil bildet keine bedeutende Portion d e s j ä h r 1 i c h in diesem Land a c c u m u 1 i r t e u Reich- thums"*'^). Der grössere Theil des jährlich zuwachsenden Mehrpro- dukts, dem englischen Arbeiter ohne Aequivalent entwandt, wird also niclit in England , sondern in fremden Ländern verkapitalisirt. Aber mit dem so exportirten Surpluskapital wird ja auch ein Theil des von Gott und Bentiiam erfunduen „Arbeitsfonds" exportirf^**), c) Das allgemeine Gesetz der kapitalistischen A c c u - uuilation. Wachsthum des Kapitals schliesst Wachsthum seines vari- ablen oder in Arbeitskraft umgesetzten Bestandtheils ein. Ein Theil des in Surpluskapital verwandelten Mehrwerths muss stets rückverwandelt werden in variables Kapital oder zuschüssigen Arbeitsfonds. Unterstellen wir, dass, nebst sonst gleichbleibenden Umständen, die technologische Zusammensetzung des Kapitals unverändert bleibt, d. h. eine bestimmte Masse von Produk- tionsmitteln oder constantem Kapital stets von gleich viel lebendiger Arbeit in Bewegung gesetzt wird , so wächst die Nachfrage nach Arbeit und der Subsistenzfonds der Arbeiter verhältnissmässig mit dem Kapital und um so rascher, je rascher das Kapital wächst. Da der Mehrwerth ein jährliches Produkt des Kapitals ist, da er dem Originalkapital jährlich ein Increment zusetzt, da diess Increment selbst jährlich wächst mit dem jährlich zuneh- O'J) FaMcett 1. c. p. 123, 122. "0) Man könnte saften , dass nicht nur Kapital , sondern auch Arbeiter, in Form der Emigration, jährlich aus England exportirt werden. Im Text ist jedoch gar nicht die Rede vom Peculium der Auswanderer , die zum grossen Theil keine Arbeiter sind. Die Pächterssöhne liefern grosse Portion. Das jährlich zur Ver- zinsung ins Ausland versandte englische Surpluskapital steht in ungleich grösserem Verhältniss zur jährlichen Accumulation als die jährliche Auswanderung zum jährliclien Zuwachs der Bevölkerung. 600 menden Umfang des bereits in Funktion begriffenen Kapitals, und da endlich, unter besonderem Sporn des Bereicherungstriebs, wie z. B, Oeffnung neuer Märkte, neuer Sphären der Kapitalanlage in Folge neu entwickelter gesell- schaftlicher Bedürfnisse u. s. w. , die Stufenleiter der Accumulation plötzlich ausdehnbar ist durch bloss veränderte Theilung des Mehr- werths oder Mehrprodukts in Kapital und Revenue, so treten hier Knotenpunkte ein, wo das Wachsthum der Arbeitskraft oder der Arbeiter- anzahl überflügelt wird von den Accumulationsbedürfnissen des Kapitals, und daher der Preis der Arbeit steigt. Klage hierüber ertönt in England wäh- rend der ganzen ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts. Die mehr oder minder günstigen Umstände , worunter sich die Lohnarbeiter repro- duciren und vermehren , ändern jedoch nichts an dem Verhältniss selbst. Wie die einfache Reproduktion fortwährend das Kapitalver- hältniss selbst reproducirt, Kapitalisten auf der einen Seite, Lohn^ arbeiter auf der andern, so reproducirt die Reproduktion auf er- weiterter Stufenleiter oder die Accumulation das K a p i - t a 1 V e r h ä 1 1 n i s s auf erweiterter Stufenleiter, mehr Kapita- listen oder grössere Kapitalisten auf diesem Pol , mehr Lohnarbeiter auf jenem. Man sah früher bereits: Die Reproduktion der Arbeitskraft, die sich dem Kapital unaufhörlich als Verwerthungsmittel einverleiben muss^ nicht von ihm loskommen kann, und deren Hörigkeit zum Kapital nur ver- steckt wird durch den Wechsel der individuellen Kapitalisten, woran sie sich verkauft, bildet in der That ein Moment der Reproduktion des Kapi- tals selbst. Accumulation des Kapitals ist also Vermeh- rung des Proletariats'^^). ■'i) Karl Marx 1. c. ,,A egalite d'oppression des masses , plus un pajs a de proletaires et plus il est riche." (Colins: ,,L'E con omi e Politique. Source des Revolutions et des Utopies pretendues Socialistes. Paris 1857", t. III, p. 331.) Unter ,, Proletarier" ist ökonomisch nichts zu ver- stelin als der Lohnarbeiter , der ,, Kapital" producirt und verwerthet und aufs Pflaster geworfen wird, sobald er für die Verwerthungsbedürfnisse des ,,Mon- sieur Kapital", wie Dr. Pecqueur diese Person nennt, überflüssig ist. ,,Der kränkliche Proletarier des Urwalds" ist ein schönes Roscher'- sches Phantom. Der Urwäldler ist Eigenthümer des Urwalds , und behandelt den Urwald , ganz so ungenirt wie der Orang Utang , als sein Eigenthum. Er ist also nicht Proletarier. Diess wäre nur der Fall , wenn der Urwald ihn , statt er den 601 Die klassische Oekonomie begriff diesen Satz so wohl, dass A. Smith, Ricardo u. s. w. , wie früher erwähnt , die Accumulation sogar fälschlich identificiren mit Konsum des ganzen kapitalisirten Theils des Mehrpro- dukts durch produktive Arbeiter, oder mit seiner Verwandlung in zuschüs- sige Lohnarbeiter. Schon 1696 sagt John Bellers: ,,Wenn Jemand 100,000 Acres hätte und eben so viele Pfunde Geld und eben so viel Vieh, was wäre der reiche Mann ohne den Arbeiter ausser selbst ein Arbeiter? Und wie die Arbeiter Leute reich machen, so desto mehr Arbeiter, desto mehr Reiche . . . Die Arbeit des Armen ist die Mine des Reichen" '^'^). So B e r t r a n d d e M a n d e v i 1 1 e im Anfang des 18. Jahrhunderts: „Wo das Eigenthum hinreichend geschützt ist, wäre es leichter ohne Geld zu leben als ohne Arme, denn wer würde die Arbeit thun? . . . Wie die Arbeiter vor Aushungerung zu bewahren sind, so sollten sie nichts erhalten, was der Ersparung werth ist. Wenn hier und da Einer aus der untersten Klasse durch ungewöhnlichen Fleiss und Bauchkneipen sich über die Lage erhebt, worin er aufgebracht war, somuss ihn keiner daran hindern : ja es ist unläugbar der weiseste Plan für jede Privatperson, für jede Privatfamilie in der Gesellschaft frugal zu sein, aber es ist das Interesse aller reichen Nationen, dass der grösste Theil der Armen nie unthätig sei und sie dennoch stets verausgaben , was sie einnehmen . . . Diejenigen, die ihr Leben durch ihre tägliche Arbeit gewinnen, haben nichts, was sie anstachelt dienstlich zu sein ausser ihren Bedürfnissen, welche es Klugheit ist zu lindern, aber Narrheit wäre zu kuriren. Das einzige Ding, das den arbeitenden Mann fleissig machen kann, ist ein massiger Arbeitslohn. Ein zu geringer macht ihn je nach seinem Temperament kleinmüthig oder verzweifelt, ein zu grosser insolent und faul . . . Aus dem bisher Entwickelten folgt, dass in einer freien Nation, wo Sklaven nicht erlaubt sind , der sichersteReich- thum aus einer Menge arbeitsamer Armen besteht. Aus- Urwald exploitirte. Was seinen Gesundheitszustand betrifft, steht der wohl den Vergleich aus nicht nur mit dem des modernen Proletariers , sondern auch dem der syphilitischen und skrophulösen ,, Ehrbarkeit". Doch versteht Herr Wil- helm Röscher unter Urwald wahrscheinlich die stammverwandte Liineburger Heide. ■2) ,,As the Labourers make men rieh, so the more Labonrers , there will be the more rieh men . . . the Labour of the Poor being the Mines of the Rieh." (John Bellers 1. c. p. 2.) 602 serdeiii dass sie die nie versagende Zufuhrquelle für Flotte und Armee, gäbe es ohne sie keinen Genuss und wäre das Produkt keines Landes verwerth- bar. Um die Gesellschaft (die natürlich aus den Nichtarbeitern be- steht) glücklich und das Volk selbst in kümmerlichen Zuständen zu- frieden zu machen , ist es n ö t h i g , dass die grosse Majorität s 0 w 0 h 1 u n w i s s e n d a 1 s arm bleib t. Kenntniss erweitert und ver- vielfacht unsere Wünsche, und je weniger ein Mann wünscht , desto leich- ter können seine Nothwendigkeiten befriedigt werden" ''^j. Was Mande- ville, ein ehrlicher Mann und heller Kopf, noch nicht begreift, ist, dass der INIechanismus des Acoumulationsprozesses selbst mit dem Kapital die Masse der ,,a rbei tsam en Armen" vermehrt, d. h. der Lohnarbeiter, die ihre Arbeitskraft in wachsende Verwerthungskraft des wachsenden Kapitals verwandeln und eben dadurch ihr A b h ä n g i g k e i t s v e r h ä 1 1 - niss von ilirem eignen, im Kapitalisten personificirten Produkt verewigen müssen. Mit Bezug auf diess Abhängigkeitsverhältniss bemerkt Sir F. M. Eden in seiner ,,Lage der Armen, oder Geschichte der arbeiten- den Klasse Englands": „Unsere Zone erfordert Arbeit zur Befriedigung der Bedürfnisse, und dessh al b muss wenigstens ein Theil der Ge- sellschaft u u e r m ü d e t arbeiten . . . Einige , die nicht arbeiten, haben dennoch die Produkte des Fleisses zu ihrer Verfügung. Das ver- danken diese Eigenthümer aber nur der C i v i 1 i s a t i o n und Ordnung, sie sind reine Kreatur der C i v i 1 i n s t i t n t i o n e n '^* ). Denn diese haben es anerkannt, dass ni an die Früchte der A r b e i t a u c h an- ders als durch Arbeit sich aneignen kann. Die Leute von 73) ß. de Man de vi 11 e: ..T h e Fa b 1 e o f t h e B e e s. 5thed. Lond. 1728". Hemarks, p. 212, 213, 328.) ,, Massiges Leben und beständige Arbeit sind für den Armen der Weg zum materiellen Glücke (worunter er möglichst langen Arbeitstag und mögliclist wenig Lebensmittel versteht) und zum Bei ch- thnm für den Staat (^nämlich Grundeigenthümer , Kapitalisten und ihre poli- tischen Würdeträger und Agenten)." (,,An Essay on Trade and Com- merce. Lond. 1770", p. .54.) "'') Eden hätte fragen sollen, wessen Kreatur sind denn ,,die Civilinstitu- tionen"? Vom Standpunkt der juristischen Illusion betrachtet er nicht das Gesetz als Produkt der materiellen Produktionsverhältnisse, sondern umgekehrt die Produktionsverhältnisse als Produkt des Gesetzes. L i n g u e t warf M o n t e s - quieu's illusorischen ,,Esprit des Lois" mit dem einen Wort über den Haufen: .,L'esprit des lois, c'est la propriete. " 603 unabliängigem Veraiöi^en verdanken ihr Vermögen fast ganz der Ar- beit Andrer, niclit ihrer eignen F'ähigkeit, die durchaus nicht besser ist als die der Andern ; es ist nicht der Besitz von Land und Geld, sondern das Kommando über Arbeit (,,the command of la- boiir") , das die Reichen von den Armen unterscheidet . . . Was dem Armen zusagt, ist nicht eine verworfene oder servile Lage, sondern ein bequemes und liberales Abhängigkei tsverhäl t n iss (,,a State of easy and liberal dependance"), und für die Leute von Eigenthum hinreichender Einfluss und Autorität über die, die für sie arbeiten . . . Ein solches Abhängigkeitsverhältniss ist, wie jeder Kenner der mensch- lichen Natur weiss, n o t h w e n d i g für den Komfort der Arbeiter selbst"''^). Sir F. M. Eden, beiläufig bemerkt , ist d e r e i n z i g e S eil ü 1 e r A d um S m i t h ' s , der während des achtzehnten Jahrhunderts etwas Bedeutendes geleistet hat^^). '3) Eden 1. c. v. ], 1. I, cli. I und Preface. ''^) Sollte der Leser an Malthus erinnern, dessen ,,Essay on Popu- 1 iition" 1798 erschien , so erinnere ich , dass diese Schrift in ihrer ersten Form (und die späteren Ausgaben stopften nur Material in das alte Schema und fügten neues, aber nicht von Malthus entdecktes, sondern nur annexirtes zu) nichts iils ein schülerhaft oberflächliches und pfäffisch verdeklaniirtes Plagiat aus Sir James Steuart, Townsend, Franklin, Wallace u. s. w. ist und nicht einen einzigen selbstgedachten Satz enthält. Nebenbei bemerkt. Obgleich Malthus Pfaffe der englischen Hochkirehe, hatte er das Mönchsgelübde des Cöli- bats abrgelegt. Diess ist nämlich eine der Bedingungen der fellowship der prote- staritischen Universität zu Cambridge. „Socios collegiorum maritos esse n o n p c 1- m i 1 1 i m u s . sed s t a t i m p o s t q u a m cj n i s u x o r e m d u x e r i t , s o c i u s c o 1 1 e g i i d e s i n a t e s s e. " (, ,R e p o r t s o f C a m b r i d g e U n i v e r - .sity C ommi SS io n", p. 172.) Dieser Umstand unterscheidet Malthus vortheil- haft von den andern protestantischen Pfaffen , die das katholische Gebot des Priestercölibats von sich selbst abgeschüttelt und das ,,Seid fruchtbar und mehret euch" in solchem Mass als ihre specitisch biblische Mission vindicirt haben, dass sie Überali in wahrhaft unanständigem Grad zur Vermehrung der Bevölkerung bei- tragen, ^\ährend sie gleichzeitig denArbeitern das ,,Püpulationsprincip" predigen. Es ist charakteristisch, dass der ökonomisch travcstirte S ü n d e n f a 1 1 , der Adams- apfel, der ,, urgent appetite" , ,,the checks which tend to blunt the shafts of Cupid", wie Pfaft' Townsend munter sagt, dass dieser kitzliche Punkt von den Herrn von der p r o t es tan tis c li en Theologie oder vielmehr Kirche monopoli- sirt ward und wird. Mit Ausnahme des venetianischen Mönches Ortes, eines originellen und geistreichen Schriftstellers . sind die meisten Populationslehrer 604 Unter den bisher unterstellten , den Arbeitern günstigsten Accumula- tionsbedingungen kleidet sicli ihr Abhängigkeitsverhältniss vom protestantische Pfaffen. So Brückner: „Theorie du Systeme animal. Leyde 1767, worin die ganze moderne Bevölkerungstheorie erschöpft ist und wozu der vorübergehende Zank zwischen Quesnay und seinem Schüler, Mirabeau pere, über dasselbe Thema Ideen lieferte , dann Pfatfe Wallace, Pfaffe Townsend, Pfaffe Mal thus und sein Schüler, der Erzpfaff Th. C hal- mers, von kleineren pfäffischen Skribenten in this line gar nicht zu reden. Ur- sprünglich ward die politische Oekonomie betrieben von Philosophen, wie Hobbes, Locke, Hume, Geschäfts- und Staatsleuten, wie Thomas Morus , Temple. Sully, de Witt, North, Law, Vanderlint, Cantillon, Franklin, und theoretisch namentlich,, und mit dem grössten Erfolg, von Medizinern wie Petty, Barbon, Mandeville, Quesnay. Noch Mitte des 18. Jahrhunderts entschuldigt sich Rev. Mr. Tucker,. ein bedeutender Oekonom für seine Zeit, dass er sich mit dem Mammon beschäf- tigt. Später, und zwar mit dem ,,Bevölkerungsprincip" schlug die Stunde der protestantischen Pfaffen. Als ob er diese Geschäftsverpfuschung geahnt, sagt Petty, der die Population als Basis desReichthums behandelt, und, gleich Ad am vSmith, abgesagter Pfaffenfeind: ,,Die Religion blüht am besten, wenn die Priester am meisten kasteit werden , wie das Gesetz am besten, wo die Advokaten verhungern." Er räth daher den protestantischen Pfaffen , wenn sie einmal dem Apostel Paulus nicht folgen und sich nicht durch das Cölibat ,,mortificiren" wollen, ,,doch ja nicht mehr Pfaffen zu hecken (,,not to breed more Churchmen") als die vorhandenen Pfründen (benefices) absorbiren können ; d. h. wenn es nur 12,000 Pfründen in England und Wales giebt , ist es unweis 24,000 Pfaffen zu hecken (,,it will not be safe to breed 24,000 ministers"), denn die 12,000 Unver- sorgten werden stets einen Lebensunterhalt zu gewinnen suchen , und wie könnten sie das leichter thun , als indem sie unter das Volk gehn und es überreden , die 12,000 Pfründner vergifteten die Seelen, und hungerten selbige Seelen aus, und zeigten ihnen den Holzweg zum Himmel ?" (Petty : ,, A Treat i s e on Taxes and C on tr i b u ti o n s. Lond. 1667", p. .57.) Adam Smith's Stellung zum protestantischen Pfaffenthum seiner Zeit ist durch folgendes charakterisirt. In: ,, ALetter to A. Smith, L. L. D. On tlieLife, Death and Phi- losophyofhisFriend David Hume. By One of the People called Christians. 4th ed. Oxford 1784", kanzelt D r. Home, hochkirchlicher Bischof von Novwich, den A.Smith ab, weil er in einem öffentlichen Sendschreiben an Herrn Strahan , seinen ,, Freund David (sc. Hume) einbalsamire" , weil er dem Publikum erzählte, wie ,,Hume auf seinem Sterbebett sich mit Lufian und Whist amüsirte", und sogar die Frechheit hatte zu schreiben: ,,Icii habe Hume stets, so- wohl während seines Lebens wie nach seinem Tode so nahe dem Ideal eines voll- kommen weisen und tugendhaften Mannes betrachtet, als die Schwäche der mensch- lichen Natur erlaubt." Der Bischof ruft entrüstet: ,,Ist es recht von Ihnen, (iOf) Kapital in erträgiiclie oder, wie Eden sagt , „bequeme und liberale For- men". Statt intensiver zu werden mit dem Wachsthum des Kapitals, wird es nur extensiver, d. li. die Exploitations- und Herrschaftsspliäre des Kapi- tals delmt sich nur aus mit seiner eignen Dimension uud der Anzahl seiner Lohnarbeiter. Von ihrem eignen anschwellenden uud schwellend in Surpluskapital verwandelten Mehrprodukt strömt ihnen ein reichlicherer Theil in der Form von Zahlungsmitteln zurück, sodass sie den Kreis ihrer Genüsse erweitern, ihren Konsumtionsfonds von Kleidern, Möbeln u. s. w. besser aus- statten und kleine Reservefonds von Geld bilden können. So wenig aber bessere Kleidung, Nahrung, Behandlung und ein grösseres Peculium dasAbhäugig- keitsverhältniss und die Exploitation des Sklaven aufheben , so wenig die des Lohnarbeiters. Steigender Preis der Arbeit in Folge der Accumula- tion des Kapitals besagt in der That nur, dass der Umfang uud die Wucht der goldnen Kette , die der Lohnarbeiter sich selbst bereits geschmiedet hat , ihre losere Spannung erlauben. In den Kontroversen über diesen Gegenstand hat man meist die Hauptsache übersehn, nämlich die differentia mein Herr, uns als vollkommen weis und tugendhaft den Charakter und Lebens- wandel eines Menschen z.u schildern, der von einer unheilbaren Antipathie besessen war wider alles, was Religion heisst, und der jeden Nerv anspannte, um so viel an ihm selbst ihren Namen aus dem Gedächtniss der Menseben zu löschen?" (1. c. p. 8.) ,,Aber lasst euch nicht entmuthigen . Liebhaber der Wahrheit, der Atheismus ist kurzlebig." (p. 17.) Adam Smith ,, hat die grässliche Ruchlosig- keit (,,the atrocious wickedness") den Atheismus durch das Land zu propagan- diren (nämlich durch seine ,,Theory of moral sentiments") . . . Wir kennen Eure Schliche, Herr Doktor! Ihr meint's gut, rechnet aber diessmal ohne den Wirth. Ihr wollt uns durch das Beispiel von David Hume, Esq. , weismachen, dass Atheismus der einzige Schnaps (,,cordial") für ein niedergeschlagnes Gemiith und das einzige Gegengift wider Todesfurcht ist . . . Lacht nur über Babylon in Ruinen und beglückwünscht nur den verhärteten Bösewicht Pharao!" (1. c. p. 21, 22.) Ein orthodoxer Kopf unter A. Smith's Kollegienbesuchern schreibt nach dessen Tod: ,, Smith's Freundschaft für Hume verhinderte ihn ein Christ zu sein . . . Er glaubte Hume alles aufs Wort. Wenn Hume ihm gesagt, der Mond sei ein grüner Käs, er hätt's geglaubt. Er glaubte ihm daher auch, dass es keinen Gott und keine Mirakel gebe ... In seinen politischen Frincipien streifte er an Republikanismus." (,,TheBee." By Jam es An derson. 18 vis. Edinb. 1791 — 93.) Pfaff Th. Chalmers hat A. Smith in Verdacht, dass er aus reiner Malice die Kategorie der ,, unproduktiven Arbeiter" eigens für die protestantischen Pfaften erfand, trotz ihrer gesegneten Arbeit im Weinberg des Herrn. ö()() specifica der kapitalistischen Produktion. Aibeitskraft wird hier gekauft, nicht um durch ihren Dienst oder ihr Produkt die persönlichen Bedürf- nisse des Käufers zu befriedigen. Sein Zweck ist Verwert hung seines Kapitals, Produktion von Waaren , die mehr Arbeit enthalten als er zahlt, also einen Wer thth eil enthalten, der ihm nichts kostet und den- noch durch den Waarenverkauf realisirt wird. Produktion von Mehrwerth oder Plusmacherei ist das absolute Gesetz dieser Produktionsweise. Nur soweit sie die Produktionsmittel als Kapital erhält, ihren eignen Werth als Kapital reproducirt und in unbezahlter Arbeit eine Quelle von Surplus- kapital liefert , ist die Arbeitskraft verkaufbar. Die Bedingungen ihres Ver- kaufs, ob mehr oder minder günstig für den Arbeiter, schliessen also die Nothwendigkeit ihres steten Wiederverkaufsund die stets erweiterte Repro- duktion des Reichthums als Kapital ein. Der Arbeitslohn, wie man gesehn, bedingt seiner Natur nach, stets Lieferung eines bestimmten Quan- tums unbezahlter Arbeit auf Seiten des Arbeiters. Ganz abgesehn vom Stei- gen des Arbeitslohns mit sinkendem Preis der Arbeit u. s. w., besagt seineZunahme im besten Fall nur quantitative Abnahme der unbezahlten Arbeit, die der Arbeiter leisten muss. Diese Abnahme kann nie bis zu einem Punkt fortgehn, wo sie den kapitalistischen Charakter des Produktionsprozesse^ ernsthaft gefährden würde und die Reproduktion seiner eignen Bedingungen, auf der einen Seite der Produktions- und Lebensmittel als Kapital, auf der andern der Arbeitskraft als Waare , auf dem einen Pol des Kapitalisten , auf dem andern des Lohnarbeiters. Abge- sehn von gewaltsamen Konflikten über die Rate des Arbeitslohns , und Adam Smith hat bereits gezeigt, dass im Grossen und Ganzen in solchem Konflikt der Meister stets Meister bleibt , unterstellt ein aus Accnmulation des Kapitals entspringendes Steigen des Arbeitspreises folgende Alter- native. Entweder der steigende oder gestiegne Preis der Arbeit ist be- gleitet von gleich grossem oder grösserem absoluten Wachsthum der Accu- mulation. Man weiss, dass selbst unter sonst gleichbleibenden Umstän- den, wie Produktivgrad der Arbeit u. s. w., mit der wachsenden Grösse des vorgeschossenen Kapitals sein absoluter Zuwachs gleichförmig bleiben oder selbst beschleunigt werden kann, obgleich die Rate der Accnmulation abnimmt, wie man Kapitel III, Abschnitt 5 sah, dass die Masse desMehrwerths trotz dessen abnehmender Rate mit Vermehrung der gleichzeitig exploitirten Arbeiterzahl gleichbleiben und GOT selbst wachsen kann. In diesem Fall ist es blosse Tautologie zu sagen, dass der venuinderte Exploitationsgrad der Arbeitskraft die Ausdehnung der Kapitalherrsehalt nicht beeinträchtigt. Oder, das ist die andre Seite der Alternative , die Accuiiiulation erschlafft in Folge des steigenden Arbeitspreises, weil der Stachel grossen Gewinns abstumpft. Die Accuüiulation nimmt ab. Aber mit ihrer Abnahme verschwindet die Ur- sache ihrer Abnahme , nämlich die Disproportion zwischen Kapital und txploitabler Arbeitskraft. Der Arbeitspreis sinkt also wieder zu einem den Verwerthuugsbedürfnissen des Kapitals entsprechen- den Niveau. Es folgt daher keineswegs, dass der Arbeitslohn auf sein Minimalniveau fällt , oder auch nur auf das Niveau , worauf er vor der Preiserhöhung der Arbeit stand. Der Mechanismus des kapitalisti- schen Produktionsprozesses beseitigt selbst die Hindernisse, die er vorüber- gehend schafft. Man sieht: Im ersten Fall ist es keine Abnahme im absoluten oder proportioneilen Wachsthum der Arbeitskraft oder Arbeits- bevölkerung, welche das Kapital überschüssig, sondern umgekehrt die Zunahme des Kapitals , welche die exploitable Arbeitskraft unzureichend macht. Im zweiten Fall ist es keine Zunahme im absoluten oder propor- tiouellen Wachsthum der Arbeitskraft oder der Arheiterbevölkerung, welche das Kapital unzureichend , sondern umgekehrt die Abnahme des Kapitals, welche die exploitable Arbeitskraft, oder vielmehr ihren Preis, überschüssig macht. Es sind diese absoluten Bewegungen in der Accumula- tion des Kapitals, welche sich als relative Bewegungen in der Masse der exploitablen Arbeitskraft wiederspiegeln und daher der eignen Bewegung der letztern geschuldet scheinen. So drückt sich in der Krisenphase des industriellen Cyklus der allgemeine Fall der Waa- renpreise als Steigen des relativenGeldwerths, und in der Pros- peritätsphase das allgemeine Steigen der Waarenpreise als Fall des rela- tiven Geldwert hs aus. Die s. g. Gurr ency- Schule schliesst daher, dass das einemal zu wenig, das andremal zuviel Geld cirkulirt. Ihre Ignoranz und völlige Verkennung der Thatsachen '■^) finden würdige Parallele in den Oekonomen , welche jene Phänomene der Accumulation dahin deuten, dass das einemal zu wenig und das andremal zu viel Lohn- ■") Vgl. Karl Marx: ,,Zur Kritik d er po li ti seh en Oekonomie", p. 165 sqq. 608 arbeiter existiren. Das so in ein Naturgesetz mystificirte Gesetz der kapi- talistischen Accnmulation drückt in der That nur aus, dass ihre Natur jede solche Abnahme im Exploitationsgrad der Arbeit oder jede solche Steigerung des Arbeitspi-eises ausschliesst, welche die stetige Reproduktion des Kapitalverhältnisses und seine Reproduktion auf stets erweiterter Stufenleiter ernsthaft gefährden könnte. Es kann nicht anders sein in einer Produktionsweise , worin der Arbeiter für die Verwerthungsbe- dürfnisse vorhandner Werthe , statt umgekehrt der gegenständliche Reich- thum für die Entwicklungsbedürfnisse des Arbeiters da ist. Wie der Mensch in der Religion vom Machwerk seines eignen Kopfes, so wird er in der kapitalistischen Produktion vom Machwerk seiner eignen Hand be- herrscht. Das bisher Entwickelte gilt unter der Voraussetzung, dass im Fort- gang der Accumulation das Verhältniss zwischen der Masse der Produktionsmittel und der Masse der sie bewegen- den Arbeitskraft gleichbleibt, also die Nachfrage nach Arbeit mit dem W a c h s t h u m des K a'p i t a 1 s v e r h ä 1 1 n i s s ra ä s s i g wächst. Diese Voraussetzung figurirt in Adam Smith 's Analyse der Accumulation als selbstverständliches Axiom. In gewissem Grad bleibt sie immer richtig, denn wie auch die technologischen Bedingungen des Pro- duktionsprozesses umgewälzt werden mögen, während kürzerer oder längerer Zeitfrist findet bald in dieser, bald in jener Produktions- sphäre Accumulation des Kapitals oder Erweiterung der Produktionsleiter auf der einmal gegebnen technologischen Basis statt. Inner- hai b dieser Schranken wächst also die Nachfrage nach Arbeit mit der Accumulation. Aber die vorhandne Basis wird selbst fortwährend umge- wälzt. Im Fortgang der Accumulation geht eine grosse Revolution vor im Verhältniss von Masse der Produktionsmittel und Masse der sie bewegenden Arbeitskraft. Diese Revolution spiegelt sich wieder in der wechselnden Zusammensetzung des Kapitalwerths aus constantem und variablem Bestandtheil, oder im wechseln- den Verhältniss seiner in Produktionsmittel und Arbeitskraft umgesetzten Werth thei le. Ich nenne diese Zusammensetzung die organische Zusammensetzung des Kapitals. Abgesehn vom Produktivgrad der Arbeit, soweit er ausschliesslich durch den Naturreichthura, wie Fruchtbarkeit des Bodens u. s. w., bedingt 609 ist, oder durch das Geschick nnabliängiger und isolii-t arbeitender Produ- centen, das sich jedoch melir qualitativ in der Güte des Machwerks als quantitativ in seiner Masse bewährt, drückt sich der ge seil seh aft- liehe P r 0 d u k t i \- g r a d d (! r Arbeit aus im relativen Grössen- umfang der Produktionsmittel, welche ein Arbeiter, während gegebner Zeit, mit derselben Anspannung von Arbeitskraft, in Produkt verwandelt. Die Masse der Produktionsmittel, womit er funktionirt, wächst mit der Pioduktivität seiner Arbeit. Diese Produktionsmittel spie- len dabei eine doppelte KoUe. Das Wachsthura der einen ist Folge, das der andern Bedingung der wachsenden Produktivität der Arbeit. Z. B. mit der manufakturmässigen Theilung der Arbeit und der Anwen- dung von Maschinerie wird in derselben Zeit mehr Rohmaterial verarbeitet, tritt also grössere Masse von Rohmaterial und Hilfsstoffen in den Arbeits- prozess ein. Das ist Folge der wachsenden Produktivität der Arbeit. Andrerseits ist die Masse der angewandten Maschinerie , Arbeitsviehs , mi- neralischen Düngers, Drainirungsröhren u. s. w. Bedingung der wach- senden Produktivität der Arbeit. Ebenso die Masse der in Baulichkeiten, Riesenöfen , Transportmitteln u. s. w. koncentrirten Produktionsmittel, welche trotz erweitertem Umfang in Folge ihres gemeinsamen Verbrauchs weniger Werth an jeden aliquoten Theil des Gesammtprodukts abgeben oder ökonomi- schere Verwendung erlauben als die in Diminutivformat zersplitterten Arbeits- mittel derselben Art. Ob aber Bedingung oder Folge, der wachsende Grössenumfang der Produktionsmittel im Vergleich zu der ihnen einverleib- ten Arbeitskraft drückt die wachsende Produktivität der Arbeit aus. Die Zu nähme der letzteren erscheint also in der Abnahme der Arbeits- masse verhältnissmässig zu der von ihr bewegten Masse von Produktionsmitteln, oder in der Grösseuabnahme des subjektiven Fak- tors des Arbeitsprozesses verglichen mit seinen objektiven Faktoren. Das Wachsthum in der. Masse der Produktionsmittel, ver- glichen mit der Masse der sie belebenden Arbeitskraft, spiegelt sich wieder in der Zunahme des c o n s t a n t e n B e s t a n d t h e i 1 s d e s K a p i t a 1 w e r t h s a u f K 0 s t e n s e i n e s v a r i a b 1 e n Bestand- t h e i 1 s. Es werden z. B. von einem Kapital, prozentweis berechnet ursprüng- lich je 50 Pfd. St. in Produktionsmitteln und je 50 Pfd. St. in Arbeitskraft, später, mit der Entwicklung des Produktivgrads der Arbeit, je 80 Pfd. St. in Produktionsmitteln und je 20 Pfd. St. in Arbeitskraft ausgelegt u. s. w. Wir I 610 sagen „spiegelt sich wieder", weil die Abnahme des variablen Kapitaltheils gegenüber dem constanten , oder die v e r ä n d e r t e Z u s a m m e n s e t z u n g- des Kapitalwerths, nur annähernd den Wechsel in der Zusara- mensetzung seiner stofflichenBestandtheile anzeigt. Wennz. B. heute der in der Spinnerei angelegte Kapital werth zu '^/g constant und "g vari- abel ist, während er Anfang des 18. Jahrhunderts i/o constant und i/., variabel war, so ist dagegen die Masse von Rohstoff, Arbeitsmitteln u. s. w., die ein bestimmtes Quantum Spinnarbeit heute produktiv I'Lonsumirt, viel hundertmal grösser als im Anfang des 18. Jahrhunderts. Der Grund ist einfach der, dass mit der wachsenden Pi'oduktivität der Arbeit nicht nur der Umfang der von ihr vernutzten Produktionsmittel steigt, sondern deren Wei-th, verglichen mit ihrem Umfang, fällt. Ihr Werth steigt also absolut, aber niclitpropor- tiouell%mit ihrem Umfang. Das Wachsthum der Differenz zwischen constantem und variablem Kapitaltheil ist daher viel kleiner als das der Differenz zwischen der Masse der Produktionsmittel, worin dascon- stante, und der Masse Arbeitskraft, worin das variable Kapital umgesetzt wird. Die erstere Differenz nimmt zu mit der letzteren , aber in viel geringerem Grad. Es giebt andre Umstände, welche das Verhältniss zwischen Werth der Produktionsmittel und Werth der sie bewegenden Arbeits- kraft von dem t e c h n o 1 o g i s c h e n V e r h ä 1 1 n i s s i h r e r M a s s en abweichew machen. Diese modificirenden Umstände können wir er.st im Dritten Bucli betrachten. Die Rücksichtnahme darauf ist hier aber auch überflüssig, da die Abnahme des variablen Kapitaltheils gegen den constanten im Grossen und Ganzen , wenn auch nur andeutungsweise , die Zunahme der von derselben Masse Arbeitskraft in Bewegung gesetzten oder produktiv konsumirten Masse von Produktionsmitteln ausdrückt. Im vierten Kapitel wurde gezeigt, wie die Entwicklung der gesell- schaftlichen Produktivkraft der Arbeit Cooperation auf grosser Stufenleiter voraussetzt , wie nur unter dieser Voraussetzung Theilung und Kombina- tion der Arbeit organisirt , Produktionsmittel durch massenhafte Koncen- tration ökonomisirt , schon stofflich nur gemeinsam anwendbare Arbeits- mittel, z. B. System der Maschinerie u. s. w., ins Leben gerufen, unge- heure Naturkräfte in den Dienst der Produktion gepresst und die Ver- wandlung des Produktionsprozesses in technologische Anwendung der Wis- senschaft vollzogen werden können. A u f G r u n d 1 a g e der W a a r e n - prod uk t i 0 n , wo die Produktionsmittel Eigenthum von Privatpersonen 611 sind, wo der Handarbeiter daher entweder isolirt und selbstsfändig VVaaren prodiicirt oder seine Arbeitskraft als Waare verl Theils, und vice versa, wird Bereiclieruiigsinittel dos einzelnen Kapitalisten ^^) und beschleunigt zugleich die Produktion der i n d u s t r i e 1 - 1 e n R e s e r V e a r m e e a u f e i n e in dem Fortschritt d e r g e s e 1 1 - schaftlichen Accumulation entsprechendenMassstab. Wie wichtig diess Moment in der Bildung der relativen Surpluspopulation, beweist z.B. England, Seine technischen Älittel zur , , Ersparung" von Arbeit sind ko- lossal. Dennoch, würde morgen allgemein die Arbeit auf ein rationelles Mass beschränkt, und für die verschiednen Schichten der Arbeiterklasse wie- der entsprechend nach Alter und Geschlecht abgestuft, so wäre die vorhandne Arbeiterpopulation absolut unzureichend zur P^ortführung der nationalen Produktion auf ihrer jetzigen Stufenleiter. Die grosse Mehrheit der jetzt „unproduktiven" Arbeiter müsste in ,, produktive" verwandelt werden. 83) Selbst während der Baiimwollnoth von 1863 findet man in einem Pam- ]ihlet der Baumwollspinner von Blaci^burn heftige Denunciation gegen die Uebei*- arheit , die kraft des Fabrikgesetzes natürlich nur erwachsiie männliche Arbeiter traf. ,,Tlie adult operatives at this mill liave been asked to work from 12 to 1.3 liours per day , while there are hundreds who are conipelled to be idle who wouhl \sillingly work partial time , in order to maintain their families and save their brethren from a prämature grave tiirough being overworked. " ,,Wir", heisst es weiter, ,, möchten fragen, ob diese Praxis Ueberzeit zu arbeiten irgend wie erträg- liche Verhältnisse zwischen Meistern und , Dienern' möglich macht? Die Opfer der Üeberarbeit fühlen die Unbill eben so sehr als die dadurch zu erzwungnem Müssiggang Verdammten (condemned to forced idleness). In diesem l^istrikt reicht das zu verrichtende AVerk hin, um alle theilweis zu beschäftigen, würde die Arbeit billig vertlieilt. Wir verlangen nur ein Eecht, indem wir die Äieister auffordern , allgemein nur kurze Zeit zu arbeiten , wenigstens so lange der jetzige Stand der Dinge währt, statt einen Tlicil zu überarbeiten, während der andre durch Arbeitsmangel gezwungen wird, von der Wohlthätigkeit seine Existenz zuh-isten." (,, Reports oflnsp. of Fact. Sl.Oct. 1863", p. 8.) — Die Vrirkung einer relativen Surpluspopulation auf die beschäftigten Arbeiter begreift der Verfasser des ,,E s s ay o n Trade and Commerce" mit seinem gewohnten unfehlbaren Bourgeoisinstinkt. ,,Eine andre Ursache der Faulenzerei (idleness) in diesem Königreich ist der Mangel einer hinreichenden Anzahl arbei- tender Hände. So oft durch irgend eine ungewöhnliche Nachfrage für Fabri- kate die Arbeitsmasse ungenügend wird , fühlen die Arbeiter ihre eigne Wichtig- keit und wollen sie ihren Meistern ebenfalls fühlbar machen; es ist erstaunlich; aber so depravirt ist die Gesinnung dieser Kerle, dass in solchen Fällen Gruppen von Arbeitern sich kombinirt haben , um ihre Meister dadurch in Verlegenheit zu setzen, dass sie einen ganzen Tag durch faulenzten." (,, Essay etc.", p. 27, 28.) Die Kerle verlangten nämlich I/olinerhöhung. 024 Itn Grossen und Ganzen sind die a 1 1 g e in e i u e n Bewegungen des Ar- beitslohns ausschliesslich regulirt durch die Expansion und Kontraktion der industriellen Reservearmee, welche dem Periodenwechsel des industriellen Cyklus entsprechen. Sie sind also nicht bestimmt durch die Bewegung der absoluten Anzahl der Arbeiterbevöl- kerung, sondern durch das wechselnde Verhältniss, worin die Arbei- terklasse in aktive Armee und Reservearmee zerfällt, durch die Zunahme und Abnahme des relativen ümfangs der Surpluspopulation, durch den Grad, wor- in sie bald absorbirt, bald wieder freigesetzt wird. Für die moderne Industrie mit ihrem zehnjährigen Cyklus und seinem regelmässigen Periodenwechsel, der ausserdem im Fortgang der Accumulation durch stets rascher auf ein- ander folgende unregelmässige Oscillationen durchkreuzt wird, wäre es in der That ein schönes Gesetz, welches die Nachfrage und Zufuhr von Arbeit nicht durch dieExpansion undKontraktion desKapitals, also nach sei- nen jedesmaligen Verwerthungsbedürfnissen regelte, so dass der Arbeitsmarkt bald relativ untervoll erscheint, weil das Kapital sich expandirt, bald wieder übervoll, weil es sich kontrahirt, sondern umgekehrt die Bewegung des Kapitals von der absoluten Bewegung der Populationsmenge abhängig machte. Diess jedoch ist das ökonomische Dogma. Nach demselben steigt in Folge der Kapitalaccumulation der Arbeitslohn. Der erhöhte Arbeitslohn spornt zur rascheren Vermerirung der Arbeiterbevölkerung und diese dauei't fort, bis der Arbeitsmarkt überfüllt, also das Kapital relativ zur Arbeiterzufuhr unzureichend geworden ist. Der Arbeitslohn sinkt, und nun die Kehrseite der Medaille. Durch den fallenden Arbeitslohn wird die Arbeiterbevölkeruug nach und nach deciniirt, so dass ihr gegenüber das Kapital wieder überschüssig wird, oder auch , wie Andre es erklären, der fallende Arbeitslohn und die entsprechende erhöhte Exploitation ^es Arbeiters beschleunigt wieder die Accumulation , während gleichzeitig der niedere Lohn das Wachsthum der Arbeiterklasse in Schach hält. So tritt wieder das Verhältniss ein , worin die Arbeitszufuhr niedriger als die Ar- beitsnachfrage, der Lohn steigt u. s. w. Eine schöne Bewegungsmethode diess für die entwickelte kapitalistische Produktion ! Bevor in Folge der Lohnerhöhung irgend ein positives Wachsthum der wirklich arbeitsfähigen Bevölkerung eintreten könnte, wäre die Frist aber und abermal abgelaufen, worin der industrielle Feldzug geführt , die Schlacht geschlagen und ent- schieden sein muss. 625 Zwischen 184'J und 1859 trat, zugleich mit falleudeu Getreidepreisen, eine praktisch betrachtet nur nominelle Lohnerhöhung- in den englischen Agrikulturdistrikten ein , z. B. in VYiltshire stieg der Wochenlohn von 7 auf 8 sh. , in Dorsetshire von 7 oder 8 auf 9 sh. u. s. w. Es war diess Folge des ü b e r g e w ö h n 1 i c h e n Abflusses der agrikolen Surpluspopu- lation . verursacht durch Kriegsnachfrage , massenhafte Ausdehnung der Eisenbahnbauten, Fabriken, Bergwerke u. s. w. Je niedriger der Arbeitslohn, desto höher drückt sich jedes noch so unbedeutende Steigen desselben in Proceutzahleu aus. Ist der Wochenlohn z. B. 20 sh. und steigt er auf 22, so um 10^ o ; ist er dagegen nur 7 sh. und steigt auf 9, so um 28* 7%, was sehr erklecklich klingt. Jedenfalls heulten die Pächter und schwatzte sogar der „London Economist" ganz ernsthaft von ,,a general and substantial advance" ***) mit Bezug auf diese Hungerlöhne. Was thaten nun die Pächter ? Warteten sie , bis die Landarbeiter sich in Folge dieser brillanten Zahlung so vermehrt hatten, dass ihr Lohn wieder fal- len musste, wie die Sache sich im dogmatisch ökonomischen Hirn zuträgt? Sie führten mehr Maschinerie ein, und im Umsehn waren die Arbeiter wieder ,, überzählig" in einem selbst den Pächtern genügenden Verhältniss. Es war jetzt „mehr Kapital" in der Agrikultur augelegt als vorher und in einer produktiveren Form. Damit fiel die Nachfrage nach Arbeit nicht nur relativ, sondern absolut. Jene ökonomische Fiktion verwechselt die Gesetze , welche die all- gemeine Bewegung des Arbeitslohns oder das Verhältniss zwi- schen Arbeiterklasse und gesellschaftlichem Gesammtkapital regeln, mit den Gesetzen , welche die Arbeiterbevölkerung unter die beson- dern Prodnktionssp hären vert heilen. Wenn z. B. in Folge günstiger Konjunktur die Accumulation in einer bestimmten Produktionssphäre besonder? lebhaft, die Profite hier grösser als die Durchschnittsprofite , Zu- schusskapital dahin drängt, so steigt natürlich Arbeitsuachfrage und Arbeits- lohn. Der höhere Arbeitslohn zieht einen grösseren Theil der Arbeiterbevölke- rung in die begünstigte Sphäre, bis sie mit Arbeitskraft gesättigt ist, und der Lohn auf die Dauer wieder auf sein früheres Durchschnittsniveau oder unter dasselbe fällt , falls der Zudraug zu gross war. Hier sieht der politische Oekonom „wo und wie" , mit Zunahme des Lohns eine absolute Zunahme ^) Economist, Jan. 21. 1860. :. f 40 626 von Arbeitern , iinil mit der absoluten Zunalmie der Arbeiter eine Abnahme des Lohns, aber er sieht in der That nur die lokale Oscillation des Arbeitsmarkts einer besondern Produktionssphäre, er sielit nur Phä- nomene der V e r t h e i 1 u n g d e r A r b e i t e r b e v ö 1 k e r u n g in die verschiednen Anlagesphären des Kapitals , je nach seinen wechselnden Bedürfnissen. Die industrielle Reservearmee oder relative Surpluspopulation drückt während der Perioden der Stagnation und mittleren Prosperität auf die aktive Arbeiterarmee und hält ihre Ansprüche während der Periode der Ueberpro- duktion und des Paroxysmus im Zaum. D i e r e 1 a t i v e S u r p 1 u s p o p u 1 a - t i 0 n ist also d e r H i n t e r g r u n d , w o r a u f d a s G e s e t z d e r N a ch - frage undZufuhr von Arbeit sich bewegt. Sie zwängt denSpiel- raum dieses Gesetzes in die der Exploitationsgier und Herrsch- sucht desKapitals absolut zusagendenSchranken ein. Es ist hier der Ort auf eine der Grossthaten der ökonomischen Apologetik zurückzukom- men. Man erinnert sich, dass wenn durch Einführung neuer oder Ausdehnung alter Maschinerie ein Stück variables Kapital in constantes verwandelt wird, der ökonomische Apologet diese Operation, welche Kapital ,, bindet" und eben dadurch Arbeiter ,, freisetzt", umgekehrt so deutet, das sie Kapital für den Arbeiter freisetzt. Erst jetzt kann man die Unverschämtheit des Apologeten vollständig würdigen. Was freigesetzt wird, sind nicht nur die unmittelbar durch die Maschine verdrängten Arbeiter, sondern ebenso ihre Ersatzmann- schaft und das, bei gev.'ohnter Ausdehnung des Geschäfts auf seiner alten Basis, regelmässig absorbirte Zuschusskontingent. Es ist nicht altes Kapital für Arbeiter freigesetzt, aber es sind Arbeiter für etwa ,,z u s c h ü s s i g e s" Ka- pital freigesetzt. D. h. also, der Mechanismus der kapitalistischen Produk- tion sorgt dafür, dass der absoluteZuwachs vonKapital von keiner entsprechenden Steigerung der allgemeinen Arbeitsnachfrage begleitet ist. Und diess nennt der Apologet eine Kompensation für das Elend, die Leiden und den möglichen Untergang der deplacirten Arbeiter wäh- rend der Uebergangsperiode, welche sie in die industrielle Reservearmee bannt ! Die Nachfrage nach Arbeit ist nicht identisch mit Wachsthum des Kapitals, die Zufuhr der Arbeiter nicht mit dem Wachsthum der Arbeiter- klasse , so dass zwei von einander unabhängige Potenzen auf einander einwirkten. Les des sont pipes. Das Kapital agirt auf beiden Seiten zugleich. Wenn seine Accumulation einerseits die Nachfrhge nach Arbeit % 6-21 vermehrt, verraelirt sie andrerseits die Zufuhr von Arbeitern durch derea „Freisetzung'', während zugleich der Druck der Unbeschäftigten die Be- sciiäftigten zur Flüssigiuaeliung von mehr Arbeit zwingt, also in gewissem Grad die Arbeitszufuhr von der Zufuhr von Arbeitern unabhän- gig macht. Die Bewegung des Gesetzes der Nachfrage und Zu- fuhr von Arbeit auf dieser Basis vol lendet die Despotie desKa- pitals. Sobald daher die Arbeiter hinter das Geheimniss kommen, wie es zu- geht, dass im selben Mass, wie sie mehr arbeiten, mehr fremden Reiehthum produciren,und die Produktivkraft ihrer Arbeit wächst, sogar ihre Funktion als Verwerthungsraittel des Kapitals immer prekärer für sie wird ; sobald sie ent- decken, dass der Intensivitätsgrad der Konkurrenz unter ihnen selbst ganz und gar von dem Druck der relativen Surpluspopulation abhängt; sobald sie daher durch Trade'sUnionsu. s.w. eine planuiässige Zusaramenwirkung zwischen den Beschäftigten und Unbeschäftigten zu organisiren suchen, um die ruini- rendcn Folgen jenes Naturgesetzes der kapitalistischen Produk- tion auf ihre Klassezu brechen oder zu schwächen, zetert das Kapital, und sein Sj'kophant, der politische Oekonom, über Verletzung des „ewigen" und so zu sagen „heiligen" Gesetzes der Nachfrage und Zufuhr. Jeder Zusammenhalt zwischen den Beschäftigten und Unbeschäftigten stört nämlich das ,, reine" Spiel jenes Gesetzes. Sobald andrerseits, in denKolon ieen z.B„ widrige Umstände d i e S c h ö p f u n g der industriellen Reservearmee, und mit ihr die absolute Abhän gigkeit der Arbeiterklasse von der Ka- pitalistenklasse, verhindern, rebellirt das Kapital, sammt seinem gemein- plätzlichen Sanclio Pansa, gegen das „heilige" Gesetz der Nachfrage und Zu- fuhr,undsucht ihm durch Zwangsmittel unterdieArme zu greifen. Die relative Surpluspopulation existirt in allen möglichen Schattirungen. Jeder Arbeiter gehört dazu während der Zeit, wo er halb oder gar nicht be- schäftigt ist. Ohne hier auf Details einzugehn, genügen einige allgemeine Andeutungen. Abgesehu von den periodischen Formverschiedenheiten der Surpluspopulation in dem P h a s e n w e c li s e 1 des industriellen C y k 1 u s , wo sie bald akut in den Krisen erscheint , bald chronisch in der Periode der Stagnation , besitzt sie fortwährend drei Formen , die flüssige, die latente und die s t a g n a n t e. Man hat gesehn , wie die Fabrikarbeiter bald repellirt , bald in grösserem Umfang wieder attrahirt werden, so dass im Grossen und Ganzen die Zahl der beschäftigten Arbeiter zunimmt, wenn auch in stets abnehmendem 40* — — 628 Verhältniss zur- Produktionsleiter. Die Surpluspopulation existirt hier in fliessenderForm. Wir machen nur auf zwei Umstände aufmerksam. So- wohl in den eigentlichen Fabriken, wie in allen grossen Werkstätten, wo- rin die Maschinerie als Faktor eingeht oder auch nur die moderne Thei- lung der Arbeit durchgeführt ist , werden männliche Arbeiter bis zur Zu- rücklegung des Jugendalters in Massen verbraucht, wovon später nur sehr geringe Proportion in demselben Zweig verwendbar bleibt, daher beständig grosse Anzahl herausgeworfen wird, Sie bilden ein Element der fliessen- deu Surpluspopulation, das mit dem Umfang der Industrie wächst. Ein Theil davon emigrirt und reist in der Thal nur dem emigrirenden Kapital nach. Eine der Folgen ist , dass die weibliche Bevölkerung rascher wächst als die männliche, teste England. Der Widerspruch , dass der natürliche Zu- wachs der Arbeiterbevölkerung den Accumulationsbedürfnissen des Kapitals nicht genügt, und andrerseits zu gross für seine Absorption ist, ist ein Widerspruch seiner Bewegung selbst. Es braucht grössere Massen davon im früheren Alter , weniger im männlichen. Der Widerspruch ist nicht grösser als der andre , dass während Arbeiter zu vielen Tausenden auf dem Pflaster liegen, weil die Theilung der Arbeit sie an einen be- stimmten Geschäftszweig kettet, gleichzeitig über Mangel an Händen geklagt wird 8^). Bei dem raschen Konsum der Arbeitskraft durch das Kapi- tal ist der Arbeiter von mittlerem Alter meist schon überlebt. Er fällt in die Reihen der Surpluspopulation oder rückt von einer höhern Staffel auf eine niedrigere, während das Kapital seinen Platz durch frischere Arbeitskraft er- setzt. Das absolute Wachsthum der Arbeiterklasse erheischt so eine Form, welche ihre Zahl schwellt, obgleich ihre Elemente sich rasch abnutzen. Es ist daher r a s c h e A b 1 ö s u n g d e r A r b e it e r g en oratio nen nöthig. (Dasselbe Gesetz gilt nicht für die übrigen Klassen der Bevölkerung.) Diess wird erreicht durch frühe Ehen, nothwendige Folge der Verhältnisse, worin die Arbeiter der grossen Industrie leben, und durch die Prämie, welche die Exploitation der Arbeiterkinder auf ihre Produktion setzt. 85) Während im letzten Halbjahr von 1866 80—90,000 Arbeiter in London ausser Arbeit geworfen wurden, heisst es im Fabrikbericht über dasselbe Halbjahr: ,,It does not appear absolutely true to say that demand will ahvays produce supply just at the moment when it is needed. It has not done it with labour , for much machinery has been idle last year for want of hands." (,,Keports of Insp. of Fact. for 31. 0 ct. 1866", Lond. 1867, p. 81.) (;99 Sobald sich ilie kapitalistische Produktion der A grikiiitur oder im Grad, worin sie sich derselben bemächtigt hat, nimmt mit der Accuraula- t i 0 n des hier f u n k t i o n i r e n d e n Kapitals die Nachfrage fti r die ländliche Ar heiter bevölkerung absolut ab, ohne dass ihre Repulsion, wie in der nicht agrikolen Industrie, durch grössere Attraktion ergänzt wäre. Ein Theil der Landbevölkerung befindet sich daher fortwährend im Ue b e r g a n g z u r M e t a m o r p h o s e in städtische o d e r M a n u - f a k t u r b e V ö 1 k e r u n g. (Manufektur hier im Sinn aller nicht-agrikolen In- dustrie ^'').) Diese Quelle der relativen Surpluspopulation f Hess t also beständig. Aber ihr beständiger Fluss setzt aufdem Lande selbst eine fortwährend 1 a t e n t e Surpluspopulatiou voraus, deren Umfang nur sichtbar wird , sobald sich die Abzugskanäle ausnahmsweise weit öffnen. Der Landarbeiter wird daher auf das Minimum des Salairs herabgedrückt und steht mit einem Fuss stets im Sumpf des Pauperismus, Die stagnante Surpluspopulation bildet einen Theil der aktiven Arbeiterarmee, aber mit durchaus unregelmässiger Beschäftigung , so dass das Kapital hier stets eine ausserordentliche Masse latenter Arbeitskraft zur Verfügung hat. Ihre Lebenslage sinkt unter das durchschnittliche Normalniveau der arbeitenden Klasse und grade diess macht sie zur breiten Grundlage eigner Exploitationszweige des Kapitals. Maximum der Arbeitszeit und Minimum des Salairs charakterisireii sie. Wir haben unter der Rubrik der Hausarbeit ihre Hauptgestalt bereits kennen gelernt. Sie rekrutirt sich fortwährend aus den Ueberzähligen der grossen Industrie und Agri- kultur, und namentlich auch in untergehenden Industriezweigen , wo der Handwerksbetlieb dem Manufakturbetrieb , letztrer dem Maschinenbetrieb erliegt. Ihr ümtang dehnt sich , wie mit Umfang und Energie der Aecu- ^''•) ,,781 Städte sind aufgezühlt im Ceiisus von 1861 für England und Wales, mit 10,960,998 Einwohnern, während die Dörfer und Landkirchspiele nur 9,105,226 zählen ... Im Jahr 1851 tigurirten 580 Städte im Census , deren Be- völkerung ungefähr gleich der Bevölkerung der sie umgebenden Landdistrikte war. Während aber in den letzteren die Bevölkerung während der folgenden 10 Jahre nur um eine halbe Million wuchs, wuchs sie in den 580 Städten um 1,554,067. Der Bevölkerungszuwachs in den Landkirchspielen ist 6.5" ,„ in den Städten 17.3° 0- Der Unterschied in der Rate des Wachsthums ist der Wanderung vom Land in d i e S t a d t geschuldet. Drei Viertel des Gesammtwachsthums der Bevölkerung gehört den Städten." (,, Census etc.", v. IH, p. 11, 12.) 630 mulation die „Ueberzähligmachiing" fortschreitet. Aber sie bildet zu- gleich eiu sicli selbst reproducirendes und verewigendes Element der Ar- beiterklasse , das verhältnissmässig grösseren Antheil am Gesammtwachs- thum derselben nimmt als die übrigen Elemente. In der That steht nicht nur die Masse der Geburten undTodesfälle, sondern die absoluteGrösse derFamilien in umgekehrtem Verhält- uiss z urHöhe desArbeitslohns, also zur Masse der Lebens- mittel, worüber die verschiednen Arbeiterkategorieeu verfü- gen.DiessGesetz der kapitalistischenGesellschaft klänge unsinnig unter Wilden, oder selbst civilisirten Kolonisten. Es erinnert an die massenhafte Reproduktion individuell schwacher und vielgehetzter Thierarten®'^). Der tiefste Niederschlag der relativen Surpluspopulation endlich bil- det die Sphäre desPauperismus. Sie besteht — wir sehn hier ab von Vagabunden, Verbrechern, Prostituirten, kurz dem eigentlichen Lumpen- proletariat — aus drei Kategorieen: erstens, Arbeitsfähige. Man braucht die Statistik des englischen Pauperismus nur oberfiächlich an- zusehn und man findet , dass seine Masse mit jeder Krise schwillt und mit jeder Wiederbelebung des Geschäfts abnimmt. Zweitens: Waisen- und Pauperkinder. Sie sind Kandidaten der industriellen Reservearmee und werden in Zeiten grosser Prosperität, wie 1860 z. B., rasch und mas- senhaft in die aktive Arbeiterarmee einrollirt. Drittens: Verkommene, Verlumpte, Arbeitsunfähige. Es sind namentlich Arbeiter, die an ihrer durch die Theilung der Arbeit verursachten Unbeweglichkeit untergehn, solche, die über das Normalalter eines Arbeiters hinausleben, endlich die Opfer der Industrie , deren Zahl mit gefährlicher Maschinerie , Bergwerks- bau, chemischen Fabriken u. s. w. wächst. Verstümmelte, Verkrankte, Wittwen u. s. w. Der Pauperismus bildet das Invalidenhaus der aktiven ^■) ,,Poverty seems favourable to generation." (A. Smith.) Diess ist sogar eine besonders weise Einrichtung Gottes nach dem galanten und geistreichen Abbe Galiani: ,,Iddio fa che gli uomini che esercitano mestieri diprimautilitanascono abbondanemente." (Galiani 1. c. p. 78.) ,,Misery, up to the extreme point of famine and pestilence , instead of checking, tends to increase popula- tion." (S. L aing: ,, National D istress. 1844" , p. 69.) Nachdem Laing diess statistisch illustrirt, fährt er fort: ,, Befände sich alle Welt in bequemen Um- stünden, so wäre die Welt bald entvölkert." (,.If the people were all in easy circumstances, the workl wouUl soon be depopulated.") G31 Arbeiterarmee und das todte Gewicht der industriellen Reservearmee. Seine Produktion ist eingeschlossen in der Produktion der Surpluspopulation, seine Nothwendigkeit in ihrer Nothwendigkeit, mit ihr bildet er eine Ex- istenzbedingung der kapitalistischen Produktion und Entwicklung desReich- thums. Er gehört zu den faux frais der kapitalistischen Produktion, die das Kapital jedoch grossentheils von sich selbst ab auf die Schultern der Arbeiterklasse und der kleinen Mittelklasse zu wälzen weiss. Je grösser der gesellschaftlicheReichthum, das funktionirende Ka pital, Umfang und Energie seines Wachsthums, also auch die absolute Grösse der Arbeiterbevölkerung und die Produktivkraft ihrer Arbeit, desto grösser die relative Surpluspopulation oder industrielle Reserve- armee. Die disponible Arbeitskraft wird durch dieselben Ursa- chen entwickelt, wie die E x p a n s i v k r a f t d e s K a p i t a 1 s. Die verhält- nissmässige Grösse der industriellen Reservearmee wächst also mit den Poten- zen desReichthums. Je grösser aber diese Reservearmee im Verhältniss zur aktiven Arbeiterarmee, desto massenhafter die k o n s o 1 i d i r t e Surpluspopu- lation oder die Arbeiterschichten, deren Elend im umgekehrten Verhältniss zu ihrer Arbeitsqual steht. Je grösser endlich die Lazarusschichte der Arbeiterklasse und die industrielle Reservearmee, desto grösser der offi- cielle Pauperismus. Diess ist d a s absolute, a 1 1 g e m e i n e G e s e t z der kapitalistischen A c c u m u 1 a t i o n. Es wird gleich allen all- gemeinen Gesetzen in seiner Verwirklichung durch mannigfache JUmstäude mudificirt, deren Analyse nicht hierher gehört. Man begreift die Narrheit der ökonomischen Weisheit, die den Arbeitern predigt, ihre Zahl den Verwerthungsbedürfnissen des Kapitals anzupassen. Der Mechanismus der kapitalistischen Produktion und Ac- cumulation passt sie beständig diesen Verwerthungsbedürfnissen an. Erstes Wort dieser Anpassung ist die Schöpfung einer relativen Surpluspopulation oder industriellen Reservearmee , letztes Wort das Elend stets wachsender ^Schichten der aktiven Arbeiterarmee und das todte Gewicht des Pauperismus. Das Gesetz , dass die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktiv- kraft der Arbeit die Masse der zu verausgabenden Arbeitskraft im Verhält- niss zur Wirkung und Masse ihrer Produktionsmittel progressiv senkt, drückt sich auf kapitalistischer Grundlage, wo nicht der Arbeiter die Arbeitsmittel, sondern die Arbeitsmittel den Arbeiter anwenden , darin aus, dass je höher d i e P r o d u k t i v k r a f t d e r A r b e i t , d e s t o gros- 632 s e r der Druck der Arbeiter auf i h r e B e s ch ä f t i g u n g s m i 1 1 e I und desto prekärer die Existenzbedingung des Lohnarbeiters , Verkauf seiner Arbeitskraft zur Vermehrung des fremden Reichthums oder Selbstverwerthung des Kapitals. Rascheres Wachst hum der Pro- duktionsmittel und d e r P r 0 d u k t i V k r a f t d e r A r b e i t als der p r 0 d u k t i V e n B e V ö 1 k e r u n g d r ü c k t s i c h kapitalistisch um- gekehrt darin aus, dass dieArbeiterbevölkerung stets rascher wächst als das Verwerthungsbedürfniss des Kapitals. Es zeigte sich im vierten Kapitel bei Analyse der Produktion des relativen Mehrwerths , dass alle Methoden zur Steigerung der gesellschaft- lichen Produktivkraft der Arbeit in der k a p i t a 1 i s t i s c h e n F o r m sich auf Kosten des individuellen Arbeiters entwickeln , dass alle Mittel zur Berei- cherung der Produktion in Beherrschungs - und Exploitationsmittel des Producenten umschlagen , dass sie den Arbeiter in einen Theilmenschen verstümmeln, ihn zum Anhängsel der Maschine entwürdigen, mit der Qual der Arbeit ihren Inhalt vernichten, ihm die geistigen Potenzen des Arbeits- prozesses entfremden, im selben Masse, worin derselbe sich die Wissen- schaft als selbstständige Potenz einverleibt , die Bedingungen , innerhalb deren er arbeitet, beständig anormaler machen, ihn während des Arbeits- prozesses der kleinlichst gehässigen Despotie unterwerfen, seine Lebens- zeit in Arbeitszeit verwandeln , .sein Weib und Kind unter das Juggeruaut- rad des Kapitals schleudern. Aber alle Methoden zur Produktion des Mehr- werths sind zugleich Methoden der Accumulation und jede Ausdehnung der Ac- cumulation wird umgekehrt Mittel zur Entwicklung jener Methoden. Es folgt daher, dass im Masse wie Kapital accumulirt, die Lage des Arbeiters, wel- ches immer seine Zahlung, sich verschlechtert. Das Gesetz endlich, welches die r e 1 a t i v e S u r p I u s p o p u 1 a t i o n oder industrielle Re- servearmee stets mit Umfang und Energie der Accumu- lation in Gleichgewicht hält, schmiedet den Arbeiter fester an das Kapital als den Prometheus die Keile des Hephästos an den Felsen. Es bedingt eine der Accumulation von Kapital entsprechende Ac- cumulation von Elend. Die Accumulation von Reichthum auf dem einen Pol ist also zugleich Accumulation von Elend , Arbeitsqual , Skla- verei, Unwissenheit, Brutalisirung und moralischer Degradation auf dem Gegenpol, d.h. auf Seite der Klasse, die ihr eignes Produkt als Kapital producirt. 033 Dieser antagonistische Charakter der kapitalisti- schen A c c u m n 1 a t i 0 n 88) ist in verschiedenen Formen von politischen Oekonomen ausgesprochen , obgleich sie zum Theil zwar analoge , aber dennoch wesentlich verschiedene Erscheinungen vorkapitalistischer Produktionsweisen damit zusammenwerfen. Der venetianische Mönch Ortes, einer der grossen ökonomischen Schriftsteller des 18. Jahrhunderts, fasst den Antagonismus der kapi- talistischen Produktion als allgemeines Naturgesetz des gesellschaftli chenReich thum s. ,, Das ökonomisch Gute und ökono- misch Böse halten sich in einer Nation stets das Gleichgewicht (,,il bene ed il male ecouomico in una nazione sempre all' istessa misura"), die Fülle der Güter für Einige ist immer gleich dem Mangel derselben für Andre (,,la copia dei beni in alcuni sempre equale allamancanza di esse in altri"). Grosser Reichthum in Einigen ist stets begleitet von absoluter Beraubung des Nothwendigen in viel mehr andern" 89). Der Reichthum einer Nation entspricht ihrer Bevölkerung und ihr Elend entspricht ihrem Reichthum. Die Arbeitsamkeit in Einigen erzwingt den Müssiggang in Andern. Die Armen und Müssigen sind eine nothwendige Frucht der Reichen und Thätigen u. s. w. In ganz grober Weise verherrlichte ungefähr 10 Jahre nach Ortes der hochkirchliche protestantische Pfaffe Town - send die Armuth als nothwendige Bedingung des Reichtliums. ,, Ge- setzlich er Zwang zur Arbeit ist verbunden mit zu viel INIühe, Gewaltsamkeit und Geräusch, während der Hunger nicht nur ein friedhcher, schweigsamer, unaufhörlicher Druck, sondern als natürlicli- •^s) ,,De jour en jour il devient donc plus clair que les rapports de production dans lesquels se meiit la bonrgeoisie n'ont pas un caractere un , un caractere simple, mais un caractere de duplicitc; que dans les memes rapports dans lesquels se produit la richesse , la misere se produit aussi ; que dans les memes rapports dans lesquels il y a developpement des forces productives, il y a une force produc- tive de repression ; que ces rapports ne produiscnt la richesse bourgeoise, c'est a dire la richesse de la classe bourgeoise, qu'en aneantissant continuellement la richesse des membres integrants de cette classe et en produisant un Proletariat toujours croissant. " (Karl Marx: ,,M is ere d e la Phi loso ph i e", p. 116.) 89) G. Ortes: ,,DellaEconomiaNazionale, libri sei 1777", l)ei Custodi, Parte Moderna. t. XXI, p. 6 , 9 , 22 , 25 etc. Ortes sagt 1. c. p. 32: ,,In luoco di progettar sistimi inutili per la felicith de' popoli , mi limiterö a investigare la ragione della loro infelicitä." (334 stes Motiv zur Industrie und Arbeit die machtvollste Anstrengung hervor- ruft." Alles kömmt also darauf an, den Hunger unter der Arbeiterklasse permanent zu machen, und dafür sorgt, nach Towusend, das Bevölkeruugs- princip , das besonders unter den Armen thätig ist. „Es seheint e i n Naturgesetz, dass die Armen zu einem gewissen Grad leichtsinnig (improvident) sind (nämlich so leichtsinnig auf die Welt zu kommen ohne goldne Löffel im Mund), so dass stets welche da sind (,,that there al- ways may be some") zur Erfüllung der servilsten , schmutzigsten und ge- meinsten Funktionen des Gemeinwesens. Der Fonds von menschlichem Glück (,,the fonds of human happiness") wird dadurch sehr vermehrt, die Delikateren f,,the more delicate") sind von der Plackerei befreit und kön- nen höherem Beruf u. s. w. ungestört nachgehn . . . Das Armengesetz hat die Tendenz, die Harmonie und Schönheit, die Syqimetrie und Ordnung die- ses Systems, welches Gott und die Natur in der Welt errichtet haben, zu zerstören" ''O^. ,.Der Fortschritt des gesellschaft- lichen Reichthums", sagt Storch, ,, erzeugt jene nützliche Klasse der Gesellschaft . . . weiche die langweiligsten, gemeinsten und ekelhaftesten Beschäftigungen ausübt, in einem Wort alles, was das Leben unangenehmes und knechtendes hat, auf ihre Schultern nimmt und eben dadurch den andern Klassen die Zeit, die Heiterkeit des Geistes und die konventionelle (c'est bon ! ) Ohara k t e r w ü r d e ver- schafft etc." 9^3. Storch fragt sich , welches denn eigentlich der Vorzug 'JO) ,,A Dissertation 011 the Poor Laws. Bv a Well wis her of Mankind. (T li e Rev. Mr. J. Townsend.) 1786", republished Lond. 1817, p. 15. Dieser ,, delikate" Pfaffe, dessen eben angeführte Schrift , nebst seiner Reise durch Spanien, Malthus oft Seiten lang abschreibt, entlehnte den grössten Theil seiner Doktrin aus Sir J. Steuart, den er jedoch verdreht. Z. B. wenn Steuart sagt : ,,Hier, in der Sklaverei , existirte eine gewaltsame Methode die Menschheit arbeitsam [für die Nichtarbeiter] zu machen . . . Die Menschen wurden damals zur Arbeit [d. h. zur Gratisarbeit für Andere] gezwungen, weil sie Sklaven von andern waren; die Menschen sind jetzt zur Arbeit [d. h. zur Gratisarbeit für Nichtarbeiter] gezwungen, weil sie die Sklaven ihrer eignen Bedürfnisse sind", so schliesst er desswegen nicht, wie der fette Pfründner, dass — die Lohnarbeiter stets am Hungertuch nagen sollen. Er will umgekehrt ihre Bedürfnisse vermehren und die wachsende Zahl ihrer Bedürfnisse zugleich zum Sporn ihrer Arbeit für ,,die Delikateren" machen. 9») Storch 1. c. t. III, p. 223. 035 dieser kapitalistischen Civilisation mit ihrem Elend und ihrer Degradation der Massen vor der Barbarei? Er findet nur eine Antwort — die Sicher- heit! „Durch den Fortschritt der Industrie und Wissenschaft," sagt Sismoudi, ,,kann jeder Arbeiter jeden Tag viel mehr produciren als er zu seinem Konsum braucht. Aber zu gleicher Zeit, während seine Arbeit den Reichthum producirt, würde der Reichthum, wäre er berufen ihn selbst zu konsuniiren, ihn wenig geeignet zur Arbeit machen" ^-). ,,Die armen Nationen." sagt Destutt de Tracy, ,,sind die, wo das Volk gut dran ist, und die reichen Nationen sind die, wo es gewöhnlich arm ist" '^■^). Keine Periode der modernen Gesellschaft ist so günstig für das Stu- dium der kapitalistischen Accumulation als die Periode der letztver- flossenen 20 Jahre. Es ist als ob sie den Fortunatussäckel gefunden hätte. Von allen Ländern aber bietet England wieder das klassische Bei- spiel, weil es den ersten Rang auf dem Weltmarkt behauptet, die kapita- listische Produktionsweise hier allein völlig entwickelt ist , und endlich die Einführung des tausendjährigen Reichs des Freihandels seit 1846 der Vulgärökonoraie den letzten Schlupfwinkel abgeschnitten hat. Der tita- nische Fortschritt der Produktion , so dass die letzte Hälfte der zwanzig- jährigen Periode die erste wieder weit überflügelt, ward bereits im vierten Kapitel hinreichend angedeutet. Obgleich das absolute Wachsthum der englischen Bevölkerung im letzten halben Jahrhundert sehr gross war, fiel das v e r h ä 1 1 n i s s m ä s - sige Wachsthum oder die Rate des Zuwachses fortwäh- rend, wie folgende dem officiellen Census entlehnte Tabelle zeigt: Jährlicher p r o c e n t m ä s s i g e r Zuwachs der B e v ö 1 k e r u n g v ci n England und ^^' a 1 e s i u D e c i m a 1 z a h 1 e n. 1811 — 1821 1.533 1821 — 1831 1.446 1831—1841 1.326 1841 — 1851 1.216 1851 — 1861 1.141. ^-) Sismondi 1. c. t. I, p. 85. 93) Destutt de Tracy 1. c. p. 231: ,,Les nations pauvres , c'est la oü le peuple est h son aise: et !es nations riches, c'est la oii il est ordinairement pauvre." (336 Betrachten wir nun andrerseits das Wachsthum des Reichthnms. Den sichersten Anhaltspunkt bietet hier die Bewegung der derEinliommen- steuer unterworfenen Profite, Grundrenten u. s. w. Der Zuwachs der steuer- pflichtigen Profite (Pächter und einige andre Rubriken nicht eingeschlos- sen) betrug für Grossbritanien von 1853 — 1864 50. 470/o (oder 4. 5 8 o/o im jährlichen Durchschnitt) ^-i) , der der Bevölkerung während der- selben Periode ungefähr 1 20/o, Die Zunahme der besteuerbaren Ren- ten von Land (Häuser, Eisenbahnen, Minen, Fischereien u. s. w. einge- schlossen) betrug von 1853—1864 380/o, oder S^/igO/^ jäiu-lich, woran fol- gende Rubriken den stärksten Antheil nahmen : Uebe r seh ussdes jähr liehen Ein- korn mens von 1864 über 185 3. Von Häusern: 38.600/o ,, Steinbrüchen: 84.760/o „ Minen: 68.850/o „ Eisenhütten: 39.920/o „ Fischereien: 57.370/o „ Gaswerken: 12 6. 02 o/o ;, Eisenbahnen: 83.290/o Vergleicht man je vier Jahre der Periode voll 1853 — 1864, so wächst der Zunahmegrad der Einkoramen fortwährend. Er ist z. B. für die aus Profit stammenden von 1853 — 1857 jährlich 1.730/o, 1857— 1861 jährlich 2.740/o, und 9.30O „ jährlich für 1861 — 1864. Die Gesammtsumme der der Einkommensteuer unterworfenen Einkommen des Vereinigten Königreichs betrug 1856: 307,068,898 Pfd. St., 1859 : 328,127,416 Pfd.St., 1862: 351,745,241 Pfd. St., 1863: 359,142.897 Pfd. St., 1864: 362,462,279 Pfd. St., 1865: 385,530,020 Pfd. St. 96). Z una h m e p e r 3.500/0 7.700/0 6.26O/0 3.630/,, 5.210/0 11-450/0 7.570/o9 Ja hr '*'') .,Tenth Report of the C om mi ss i on ers of H. M. ' s In 1 and Revenue. Lond. 1866", p. 38. 35) 1. c. 9^') Diese Zahlen sind hinreichend für die Vergleichung , aber, absolut be- trachtet, falsch, da vielleicht 100 Millionen Pfd. St. Einkommen jahrlich ,, ver- schwiegen" werden. Die Klage der Commissioners of the Inland Revenue über systematischen Betrug, namentlich von kommercieller und industrieller Seite, wiederholt sich in jedem ihrer Berichte. So heisst es z. B. : ,,Eine Aktiengesell- schaft gab ihre besteuerbaren Profite auf 6000 Pfd. St. an, der Taxator veran- 637 Die A c c u nui 1 a t i 0 n cl e s K a p i t a 1 s war zugleich von seiner K o n - c e n t r a t i 0 n begleitet. Obgleich keine officielle Agrikulturstatistik für Eng- hmd (wohl aber für Irland) existirt, wurde sie von 1 0 Grafschaften freiwillig geliefert. Sie ergab hier das Resultat, dass von 1851 bis 1861 die Pachten unter 100 Acres von 31,583 auf 26,567 vermindert, also 5,016 mit grösseren Pachten zusammengeschlagen waren ^^). Von 1815 bis 1825 fiel kein Mobiliarvermögen über 1 M i 11 i o n Pfd. St. unter die Erb- schaftssteuer, von 1825 bis 1855 dagegen 8, von 1856 bis Juni 1859, d.h. in 4'/2 J^lii'e"? 4 98). j);^ Koncentration wird man jedoch am besten ersehn aus einer kurzen Analyse der Einkommensteuer für Rubrik D (Profite mit Ausschluss von Pächtern u. s. w.) in den Jahren 1864 und 1865. Ich bemerke vorher, dass Einkommen aus dieser Quelle bis zu 60 Pfd. St. hinab Income Taxe zahlen. Diese steuerpflichtigen Ein- kommen betrugen in England, Wales und Schottland 1864: 95,844,222 Pfd. St. und 1865: 105,435,579 Pfd. St. ^o), die Zahl der Be- steuerten 1864 : 308,416 Personen auf eine Gesammtbevölkeruug von 23,891,009, 1865 : 332,431 Personen auf Gesammtbevölkeruug von 24,127,003. Ueber die Vertheilung dieser Einkommen in beiden Jahren folgende Tabelle: Jahr endend 5. April 1864. Jahr endend 5. April 1865. Einkommen von Profit Personen Einkommen von Profit Personen Gesammtein- kommen : Pfd. St. 95,844,222 308,416 Pfd. St. 105,435,738 332,431 Davon : Pfd. St. 57,028,289 23,334 Pfd. St. 64,554,297 24,265 Davon : Pfd. St. 36,415,225 3619 Pfd. St. 42,535,576 4021 Davon ; Pfd. St. 22,809,781 832 Pfd. St. 27,555,313 973 Davon : Pfd. St. 8,744,762 91 Pfd. St. 11,077,238 107 schlagte sie zu 88,000 Pfd. St. , und für diese Summe ward schliesslich die Steuer gezahlt. Eine andre Kompagnie gab 190,000 Pfd. St. an, sie ward gezwungen zu gestehn, dass der wirkliche Betrag 250,000 Pfd. St." (1. c. p. 42.) 8') Census etc. 1. c. p. 29. Bright's Behauptung, dass 150 Landiords die Hälfte des englischen und 12 die Hälfte des schottischen Bodens eignen, ist nicht widerlegt worden. 'Js) ,,Fourth Report etc. of Inland Revenue. Lond. 1860", p. 17. 89) Es sind diess die Reineinkommen, also nach gewissen gesetzlich gültigen Abzügen. '' (io8 Es wurden im Vereinigten Königreich 185 5 producirt 61,453,079 Tonnen Kohlen zum Werth von 16,113,267 Pfd. St., 18 64: 92,787,873 Tonneu zum Werth von 23,197,968 Pfd. St., 18 55: 3,218,154 Tonnen Roheisen zum Werth von 8,045,385 Pfd. St., 18 64: 4,767,951 Tonnen zum Werth. von 11,919,877 Pfd. St. 18 5 4 betrug die Länge der im Vereinigten Königreich eröffneten Eisen- bahnen 8054 Meilen, mit aufgezahltem Kapital von 286,068,794 Pfd. St., 18 64 die Meilenlänge 12,789 mit aufgezahltem Kapital von 425,719,613 Pfd. St. 18 5 4 betrug Gesammtexport und Import des Vereinigten Königreichs 268,210,145 Pfd.St., 1865: 489,923,285. Folgende Tabelle zeigt die Bewegung des Exports : 1846 58,842,377 Pfd. St. 1849 63,596,052 „ „ 1856 115,826,948 „ „ 1860 135,842,817 „ „ 1865 165,862,402 „ „ 1866 ungefähr 190,000,000 „ „ 'oo). Man begreift, nach diesen wenigen Angaben, den Triumphschrei des Generalregistrators des brit. Volks: ,, Rasch wie die Bevölkerung anwuchs, hat sie nicht Schritt gehalten mit dem Fortschritt der Industrie und des Reichthums" *oi). Wenden wir uns jetzt zu den unmittelbaren Agenten dieser Industrie oder den Producenten dieses Reich- thums, zur Arbeiterklasse. ,,Es ist einer der melancholischsten Charak- terzüge im socialen Zustand des Landes", sagt Gladstone, ,,dass mit einer Abnahme in der Konsumtionsmacht des Volks und einer Zunahme in den Entbehrungen und dem Elend der arbeitenden Klasse, gleichzeitig eine beständige Accumulation von Reichthum in den höheren Klassen und ein beständiger Anwachs von Kapital stattfinden" ^ '^2^. Der berühmte Miui- 100) In diesem Augenblick, März 1867, ist der indisch- chinesische Markt durch die Konsignationen der britischen Baumwollfabrikanten schon wieder völlig überführt. Lohnherabsetzung um 50/0 begann unter den Baumwollarbeitern 1866, jetzt in Folge ähnlicher Operation Strike von 20,000 Mann in Preston. 10 •) Census etc. 1. c. p. 11. 102) Gladstone im Hause der Gemeinen , 14. Febr. 1843: ,,It is one of the most melancholy features in the social State of the country , that while there was a decrease in the consuming power of the people, and an increase in the pri- ()3y ster erklärte dicss dem Hanse der Gemeinen am 14. Februar 1843. Am IG. April 1863, zwanzig' Jahre später, in der Rede, worin er sein Budget vorlegt: ,,Von 1842 bis 1852 wuchs das besteuerbare Einkoramen dieses Landes um 6^*, o • • • In den 8 Jahren von 1853 bis 1861 wuchs es, wenn wir von der Basis von 1853 ausgehn, um 20^ q. Die Thatsache ist so erstaunlich, dass sie beinahe unglaublich ist . . . Diese berauschende V e r m e h r u n g von R e i c h t h u m und Macht ist ganz und gar auf die Klassen des p] i g e n t h u ms b e s c h r ä n k t , aber . . . aber , sie muss von indirektem Vortheil für die Arbeiterbevölkeruug sein, weil sie die Artikel der allgemeinen Konsumtion ver woh If eifert — während die Reichen reicher , sind die Armen jedenfalls weniger arm ge- worden. Dass die Extreme der Armuth sich verändert haben, wage ich nicht zu sagen" ^^s^. Welch lahmer Antiklimax ! Weim die Arbeiterklasse „arm" geblieben ist, nur ,, weniger arm" im Ver- hältniss, worin sie eine ,, berauschende Vermehrung von Reichthum und Macht" für die Klasse des Eigenthuras producirte , so ist sie relativ gleich arm geblieben. Wenn die Extreme der Armuth sich nicht vermin- dert haben , haben sie sich vermehrt, weil die Extreme des Reichthums. Was die Ver wo hlf eiler ung der Lebensmittel betrifft, so zeigt die officielle Statistik, z. B. die Angaben des London 0 r p h a n A s y 1 u m , eine Vertheurung von 2 0'^Iq für den Durchschnitt der drei Jahre von 1860 — 1862, verglicheh mit 1851 — 1853. In den folgenden 3 Jahren 1863 — 1865 progressive Vertheurung von Fleisch, Butter, Milch, Zucker, vations and distress of tlie labouring class and operatives , tliere was at the same time a constant accumulation of weaitii in the upper classes and a constant in- crease of capital." 103) ,,From 1842 to 1852 the taxable inconie of the country increased hy 6 per cent ... In the 8 years from 1853 to 1861 , it had increased l'rona the basis taken in 1853, 20 per cent! The fact is so astonishing as to be almost incredible . . . This intoxicating augmentation of wealth and power is entireiy confined to classes of property, but must be of indirect bencfit to the labouring popnhition, because it cheapens the commodities of general consiimption — while the rieh have been growing richer the poor have been growing less poor I at any rate , whether the extremes of poverty are less, I do not presume to say. " Gladstone im H. 0. C. 16. April 1863. G40 Salz , Kohlen und einer Masse andrer nothwendiger Lebensmittel ^^^). Gladstone's folgende Budgetrede, vom 7. April 1864, ist ein piudarischer Dithyrambus auf den Fortschritt der Plusmacherei und das durch ,,Ar- muth" gemässigte Glück des Volks. Er spricht von Massen ,,am Rand des Pauperismus", von den Geschäftszweigen, „worin der Lohn nicht gestiegen", und fasst schliesslich das Glück der Arbeiterklasse zusammen in den Worten: ,,das menschliche Leben ist in neun Fällen von 10 ein blosser Kampf um die Existenz" i05^_ Professor Fawcett, nicht wie Gladstone durch officielle Rücksicht gebunden , erklärt rund heraus : ,,Ich läugue natürlich nicht , dass der Geldlohn mit dieser Vermehrung des Ka- pitals (in den letzten Decennien) gestiegen ist, aber dieser scheinbare Vor- theil geht in grossem Umfang wieder verloren , weil viele Lebensuothwen- digkeiten beständig theurer werden (er glaubt , wegen Werthfall der edlen Metalle) . . . Die Reichen werden rasch reicher (,,the rieh grow rapidly richer") , während keine Zunahme im Komfort der arbeitenden Klassen wahrnehmbar ist . . . Die Arbeiter werden fast Sklaven der Krämer, deren Schuldner sie sind" '^^^). Der Leser hat in den Abschnitten über den ,, Arbeitstag" und die,, Ma- schinerie" die Bedingungen kennen gelernt, unter welchen de britische Arbeiterklasse während der letzten Decennien die ,, berauschende Ver- mehrung von Reichthum und Macht" für die Klassen des Eigenthums pro- 'o-i) Sieh die officiellen Angaben in dem Blaubuch: ,,Mis c eil aneous Statistics of the Un. Kingdom. Part VI. Lond. 1866", p. 260—273 p as s im. i°5) ,,Think of those who are on the border of that region (pauperism)", ,,wages ... in others not increased . . . human life is but , in nine cases out of ten, a struggle for existence." (Gladstone, H. o. C. 7. April 1864.) Die fortlaufenden, schreienden Widersprüche in Gladstone's Budgetreden von 1863 und 1864 charakterisirt ein englischer Schriftsteller durch folgendes Citat aus Moliere : ,,Voila l'homme en effet. II va du blanc au noir. II condamne au matin ses sentiraens du soir. Importun ä tout autre, u soi meme incommode, II change a tous momens d'esprit comme de mode." (.,The Theory of Exchanges etc. Lond. 1864", p. 135.) '06) H. Fawcett 1. c. p. 67, 82. Was die wachsende Abhängigkeit der Arbeiter von dem Kramer betrifft, so ist sie Folge der zunehmenden Schwankungen und Unterbrechungen ihrer Beschäftigung. 641 ducirt bat. Jedocli beschäftigte uns damals vorzugsweise der Arbeiter innerhalb des Produktionsprozesses selbst. Zur gründlichen Einsicht in das Gesetz der kapitalistischen Accuniulation ist es nüthig einen Augen- blick bei der Lage des Arbeiters ausserhalb jenes Prozesses, bei seinen Nahvungs- und Wohnungszuständen zu verweilen. Die Grenze dieses Buchs gebietet mir hier namentlich den schlechtbezahlten Theil der industriellen Arbeiter und den Agrikulturarbeiter ius Auge zu fassen, welche zusammen die Majorität der Arbeiterklasse bilden 'O"). Vorher noch ein Wort über den offici eilen Pauperismus, d. h. den Theil der Arbeiterklasse, der seine Existenzbedingung, Verkauf der Arbeitskraft , eingebüsst hat und von öffentlichem Almosen vegetirt. Die officielle Pauperliste zählte in England 'os) 1855: 851,369 Per- sonen, 18 56: 877,767, 18 65: 971,4.33. In Folge der Baumwoll- uoth schwoll sie in den Jahren 18 63 und 18 64 zu 1,079,382 und 1,014,978. Die Krise von 1866, die London am schwersten traf, schuf in diesem Sitz des Weltmarkts , einwohnerreicher als das Königreich Schott- land, für 18 6 6 einen Pauperzuwachs um 1 9.50/0, verglichen mit 18 6 5, und um 24.40 Ol verglichen mit 18 64, einen noch grössern Zu- wachs für die ersten Monate von 1867, verglichen mit 1866. Bei Analyse der Pauperstatistik sind zwei Punkte hervorzuheben. Einerseits spiegelt die Bewegung im Ab und Zu der Paupermasse die Perioden- Avechsel des industriellen Cyklus wieder. Andrerseits wird die offi- cielle Pauperstatistik ein mehr und mehr trüglicher Index des wirk- lichen Pauperismus im Grad, worin mit der Accumulation des Kapitals der Klassenkampf und daher das Selbstgefühl der Arbeiter sich entwickeln. Z. B. die Barbarei in der Behandlung der Paupers , worüber die englische Presse (T i m e s , P a 1 1 M a 11 G a z e 1 1 e u. s. w.) während der letzten zwei Jahre so laut schrie , ist alten Datums. F. Engels konstatirt 1844 ganz dieselben Greuel und ganz dasselbe vorübergehende, zur ,,Sen- 10') Es steht zu hoffen, dass F. Engels bald sein Werk über die Lage der englischen Arbeiterklasse mit der Periode seit 1844 bereichern, oder auch die Dar- stellung der letztern Periode in einem besondern zweiten Band herausgeben wird. 10*) In England ist immer Wales eingeschlossen, in Grossbritanien England, Wales und Schottland, im Vereinigten Königreich jene drei Länder und Irland. I. -tl 642 sationliteratur" gehörige Geschrei. Aber die furchtbare Zunahme (1e& Hungertods („deaths of starvation") in London, während des letzten De- cenniums , beweist unbedingt den zunehmenden Abscheu der Arbeiter vor der Sklaverei des W o r k b o u s e , dieser Strafanstalt des Elends. Wenden wir uns jetzt zu den schlechtbezahlten Schichten der indu- striellen Arbeiterklasse. Während der Baumwollnoth , 1862, wurde Dr. Smith vom Privy Council mit einer Untersuchung über den Nahrungsstand der verkümmernden Baumwollarbeiter in Lancashire und Cheshire beauftragt. Langjährige frühere Beobachtung hatte ihn zum Resultat geführt, dass ,,um Hungerkrankheiten (,,starvation diseases") zu vermeiden", die tägliche Nahrung eines Durchschnitts- Frauenzimraers mindestens 3,900 Gran Kohlenstoff mit 180 Gran Stick- stoff' enthalten müsse , die tägliche Nahrung eines Durchschnitts-Manne» mindestens 4,300 Gran Kohlenstoff mit 200 Gran Stickstoff, für die Frauenzimmer ungefähr so viel Nahrungsstoff als in zwei Pfund gutem Wei- zenbrod enthalten ist , für Männer Yg mehr , für den Wochendurchschnitt von weiblichen und männlichen Erwachsnen, mindestens 28,600 Gran Kohlenstoff luid 1330 Gran Stickstoif". Seine Berechnung ward in über- raschender Weise praktisch dadurch bestätigt , dass sie im Ganzen über- einstimmte mit der kümmerlichen Nahrungsmenge , worauf der Nothstand die Konsumtion der Baumwollarbeiter herabgedrückt hatte. Sie erhielten im Deceraber 1862: 29,211 Gran Kohlenstoff und 1295 Gran Stickstoff wöchentlich. Im Jahre 18 63 verordnete der Privy Council eine Untersuchung über den Nothstand des schlechtgenährtesten Theils der englischen Arbei- terklasse. Dr. Simon, der ärztliche Beamte des Privy Council , er- kieste zu dieser Arbeit den obenerwähnten Dr. Smith. Seine Unter- suchung erstreckt sich auf die Agrikultnrarbeiter einerseits, andrerseits auf Seidenweber , Nätherinnen , Lederhandschuhmacher , Strumpfwirker, Handschuhweber und Schuster. Die letzteren Kategorieen sind , mit Aus- nahme der Strumpfwirker, ausschliesslich städtisch. Es wurde zur Regel der Untersuchung gemacht, die gesundesten und relativ bestgestellten Familien in jeder Kategorie auszuwählen. Als allgemeines Resultat ergab sich, dass „nur in einer der unter- suchten Klassen der städtischen Arbeiter die Zufuhr von Stickstoff das absolute Minimalm ass, unter welchem Hungerkrankheiten eintreten. 643 ein wenig' überschritt , ilass in z w e i Klassen Mangel , und zwar in der einen sehr grosser Manux-l , sowohl an der Zufuhr von stickstoiT'- als kohlenstolflialtigcr Xahnuig stattfand , dass von den untersuchten Acker- baufaniilien mehr als ein Fünftheil weniger als die unentbehrliche Zufuhr von kohlenstotfhaltiger Nahrung erhielt , mehr als '3 weniger als die un- entbehrliche Zufuhr stickstoffhaltiger Nahrung, und dass in drei Grafschaf- ten (Berkshire, Oxfordshire und Soraersetshire) Mangel an dem Minimum der stickstoffhaltigen Nahrung durchschnittlich herrschte" ^'^^). Unter den Agrikultnrarbeitern waren die von England, dem reichsten Theile des Ver- einigten Königreichs, die schlechtest genährten'"^). Die Unternahrung fiel unter den Landarbeitern überhaupt hauptsächlich auf Frau und Kin- der, denn ,,der Mann muss essen, um sein Werk zu verrichten". Noch grösserer Mangel wüthete unter den untersuchten städtischen Arbeiter- kategorieen. ,,Sie sind so schleciit genährt, dass viele Fälle grausamer und gesundheitsruinirender Entbehrung (,, Entsagung" des Kapita- listen alles diess ! nämlich Entsagung auf Zahlung der zur blossen Vegetation seiner Hände unentbehrlichen Lebensmittel !) vorkommen müssen" "'). Folgende Tabelle zeigt das Verhältniss des Nahrungsstandes der oben erwähnten rein städtischen Arbeiterkategorieen zu dem von Dr. Smith angenommenen Minimalmass und zum Nahrungsmass der Baumwollarbeiter während der Zeit ihrer grösslen Noth : Beide Geschlechter. Kohlenstoff. Wochendurchschnitt an Wochendurchschnitt an Stickstoff. Fünf städtische Geschäftszweige 28,876 Gran 1 192 Gran Arbeitslose Lancashire Fabrikarbeiter 29,211 Gran 1 295 Gran Minimalquantum , vorgeschlagen für die Lancashire Arbeiter auf gleiche Zahl männlicher und weiblicher 28,600 Gran 1 330 Gran "2) Eine Hälfte, ^^ ^^3, der untersuchten industriellen Arbeiterkategorieen •0") ,, Public Health. Sixth Rep 0 r t etc. f or 1863." Lond. 1864, IK 13. "0) 1. c. p 17. •") 1. c. p. 13. "2) 1. c. Appendix, p. 232. 41* 644 — erhielt absolut kein Rier, 28o/,) keine Miloli. Der Wochendurchschnitt der flüssigen Nahrungsmittel in den Familien schwankte von 7 Unzen bei den Nätherinnen auf 24^/4 Unzen bei den Strumpfwirkern. Die Mehrzahl derer, die keine Milch erhielten, bestand aus den Nätherinnen ' von London. Die Quantität der wöchentlich kousumirten BrodstofFe wechselte von 7^/4 Pfund bei den Nätherinnen zu 11^/4 Pfund bei den Schustern und ergab einen Totaldurchschnitt von 9.9 Pfund wöchentlich auf den Er- wachsenen. Zucker (Syrup u. s. w.) wechselte von 4 Unzen wöchentlich für die Lederhandschuhmacher auf 1 1 Unzen für Strumpfwirker ; der Total- durchschnitt per Woche für alle Kategorieen , per Erwachsenen , 8 Unzen. Gesaramter Wochendurchschnitt von Butter (Fett u. s. w.) b Unzen per' Erwachsenen. Der Wochendurclischnitt von Fleisch (Speck u. s. w.) schwankte, per Erwachsenen, von 7^4 Unzen bei den Seidenwebern auf 1 8^/4 Unzen bei den Lederhandschuhmacliern ; Gesaramtdurchschnitt für die verschiedenen Kategorieen 13.6 Unzen. Die wöchentliche Kost für N a h r u n g p e r E r w a c h s e n e n ergab folgende allgemeine Durch- schnittszahlen : Seiden weber 2sh. 2Vod. , Nätherinnen 2 sh. 7 d. , Lederhandschuh mach er 2 sli. 9' o d. , Schuster 2 sh. 7^4 d. , Strumpfwirker 2 sh. 6^4 d. Für die Seidenweber von Macclesfield betrug der Wochendurclischnitt nur 1 sh. 8^/0 d. Die schlecht genährtesten Kategorieen waren die Nätherinnen, die Seidenweber und die Lederhandschuhmacher 'i-^). Dr. S i m 0 n sagt in seinem allgemeinen Gesundheitsbericht über diesen Nahrungszustand : ,,Dass die Fälle zahllos sind , worin Nah- rungsmangel Krankheiten erzeugt oder erschwert , wird Jeder bestä- tigen , der mit medizinischer Armenpraxis oder mit den Patienten der Spitäler , seien sie Insassen oder ausserhalb wohnend , vertraut ist ... Jedoch kommen hier vom sanitären Standpunkt noch andre, sehr entschei- dende Umstände hinzu . . . Man muss sich erinnern , dass Beraubung an Nahrungsmitteln nur sehr widerstrebsam ertiagen wird , und dass in der Regel grosse Dürftigkeit der Diät nur im Gefolge andrer, vorhergegangner Entbehrungen nachhinkt. Lange bevor der Nahrungsmangel hygienisch ins Gewicht fällt, lange bevor der Physiolog daran denkt, die Grane Stick- stoff und Kohlenstoff zu zählen , zwischen denen Leben und Hungertod >13) 1. c. p. 23-2, 233. 645 schwebt , wird der Haushalt von allem materiellen Komfort ganz und gar entblösst sein. Kleidung und Heizung werden noch dürftiger gewesen sein als die Speise. Kein hinreichender Schutz wider die Härte des Wet- ters ; Abknappung des Wohnraums zu einem Grad , der Krankheiten er- zeugt oder erschwert ; kaum eine Spur von Hausgeräth oder Möbeln ; die Reinlichkeit selbst wird kostspielig oder schwierig geworden sein. Werden noch aus Selbstachtung Versuche gemacht , sie aufrecht zu erhalten , so repriisentirt jeder solcher Versuch zuschüssige Hungerpein. Die Häus- lichkeit wird dort sein, wo Obdach am wohlfeilsten kaufbar; in Quartieren, wo die Gesundheitspolizei die geringste Frucht trägt, das jämmerlichste Gerinne, wenigster Verkehr , der meiste öifentliche Unrath , kümmerhchste oder schlechteste Wasserzufuhr, und, in Städten, grösster Mangel an Licht und Luft. Diess sind die Gesundheitsgefahren , denen die Armuth unver- meidlich ausgesetzt ist , wenn diese Armuth Nahrungsmangel einschliesst. Wenn die Summe dieser üebel von furchtbarer Grösse für das Leben ist, so ist der blosse Nahrungsmangel an sich selbst entsetzlich . . . Diess sind qualvolle Gedanken, namentlich wenn man sich erinnert, dass die Armuth, wovon es sich handelt , nicht die selbstverschuldete Armuth des Müssig- gangs ist. Es ist die Armuth von Arbeitern. Ja, mit Bezug auf die städtischen Arbeiter, ist die Arbeit, wodurch der knappe Bissen Nahrung erkauft wird , meist über alles Mass verlängert. Und dennoch kann man nur iu sehr bedingtem Sinn .sagen , dass diese Arbeit selbsterhaltend ist. . . . Auf sehr grossem Massstab kann der nominelle Selbsterhalt nur ein kürzerer oder längerer Umweg zum Pauperismus sein" ^i^). Das innere Band zwischen Hungerpein der fleissigsten Arbeiter- schichten und kapitalistischer Accumulation, nebst dem sie begleitenden groben oder raffinirten Ueberkousum der Reichen , diess Band , sage ich, sieht nur der Kenner der ökonomischen Gesetze. Anders mit dem Woh- nungszustan d. Jeder unbefangne Beobachter sieht, dass je mas- senhafter die Koncentration der Produktionsmittel, desto grösser die entsprechende. Agglomeration von Arbeitern auf geringem Raum, dass daher je rascher die kapitalistische Accumulation , desto elender der Wohnungszustand der Arbeiter. Jeder sieht, dass die das Wachsthum des Reichthums begleitenden Verbesserungen der Städte (improve- '>^) 1. c. p. 15. 646 ments) durch Niederreissung der scbleclitgebauten Viertel , Errichtung von Palästen für Banken , Waareuhäuser u. s. w. , Dehnung der Strassen für Geschäftsverkehr und Luxuskarossen , Einführung städtischer Eisenbahnen u. s. w. mit Verjagung der Armen in stets schlechtere und dichter gefüllte Schlupfwinkel verknüpft sind. Andrerseits weiss jeder , dass die Theuer- keit der Wohnungen im umgekehrten Verhältniss zu ihrer Güte steht und dass die Minen des Elends von Spekulanten mit mehr Piofit und weniger Kosten ausgebeutet werden als jemals die Minen von Potosi. Der antago- nistische Charakter der kapitalistischen Accumulation und daher der ka- pitalistischen Eigen thumsverhältnisse überhaupt ^i^) wird hier so handgreifbar , dass selbst die officiellen englischen Berichte über diesen Gegenstand voll heterodoxer Ausfälle auf das ,,Eigenthum und seine Rechte sind". DasUebel hielt solchen Schritt mit der Entwicklung der Industrie, der Accumulation des Kapitals, dem Wachsthum und der ,, Ver- schönerung" der Städte , dass die blosse Furcht vor ansteckenden Krank- heiten, welche auch der „Ehrbarkeit" nicht schonen, von 1847 bis 1864 nicht weniger als 10 gesundheitspolizeiliche Parlamentsakte ins Leben rief, und dass die erschreckte Bürgerschaft in einigen Städten wie Liver- pool, Glasgow u. s. w. durcli ihre Municipalitäten eingriff. Dennoch, ruft Dr. Simon in seinem Bericht von 1865: ,, Allgemein zu sprechen, sind die Uebelstände in England unkontrolirt." Auf Befehl des Privy Coun- cil fand 18 6 4 Untersuchung über die VVohnungsverhältnisse der Land- arbeiter, 18 6 5 über die der ärmeren Klassen in den Städten statt. Die meisterhaften Arbeiten des Dr. Julian Hunter findet man im sie- benten (1865) und achten (1866) Bericht über „Public Health". Auf die Landarbeiter komme ich später. Ueber den städtischen Wohnungs- zustand schicke ich eine allgemeine Bemerkung des Dr. Simon voraus : „Obgleich mein officieller Gesichtspunkt", sagt er, „ausschliesslich physisch ist, erlaubt die gewöhnlichste Humanität nicht die andre Seite dieses Uebels zu ignoriren. In seinem höheren Grad bedingt es fast noth- 115) ,, Nirgendwo sind so oiTen und so schamlos die Rechte der Person dem Recht des Eigenthums geopfert worden , als in den Wohnungsverhältnissen der ar- beitenden Klasse. Jede grosse Stadt ist eine Stätte des Menschenopfers, ein Altar, worauf Tauseade jährlich dem Moloch der Habsucht geschlachtet werden." (S. Laing 1. c. p. 150.) G47 wendig eine solche Negation aller Delikatesse , so schmutzige Konfusion Yon Körpern und körperlichen Verrichtungen , solche Biossstellung ge- schlechtlicher Nacktheit, die bestial, nicht menschlich sind. Diesen Ein- flüssen unterworfen zu sein ist eine Degradation, die sich vertieft, je länger sie fortwirkt. Für .die Kinder, die unter diesem Fluch geboren sind, ist er Taufe in Infamie (,,baptism into infamy"). Und über alles Mass hoffnungslos ist der Wunsch , dass unter solche Umstände gestellte Personen in andern Rücksichten nach jener Atmosphäre der Civiiisation aufstreben sollten , die ihr Wesen in physischer und moralischer Reinheit besitzt" 116). Den ersten Rang in überfüllten oder auch für menschliche Behausung absolut unmöglichen Wöhnlichkeiten nimmt London ein. ,,Z\vei Punkte", sagt Dr. Hunter, „sind sicher; erstens, dass es ungefähr 20 grosse Kolonieen in London giebt, jede ungefähr 10,000 Personen stark, deren elende Lage alles übersteigt, was jemals anderswo in England gesehn worden ist, und sie ist fast ganz das Resultat ihrer schlechten Hausaccom- modation ; und zweitens , dass der überfüllte und verfallene Zustand der Häuser dieser Kolonieen viel schlechter ist als 20 Jahre zu- A'or"ii'). ,,Es ist nicht zuviel zu sagen, dass das Leben in vielen Theilen von London und Newcastle infernal isfi*^). Auch der besser gestellteTheil der Arbeiterklasse, zusammt Kleinkrämern und andern Elementen der kleinen Mittelklasse, fällt in London mehr und mehr unter den Fluch dieser nichtswürdigen Behausungsver- hältnisse, im Masse, wie die „Verbesserungen" und mit ihnen die Niederreis- sung alter Strassen und Häuser fortschreiten, wie Fabriken und Menschenzu- strom in der Metropole wachsen, endlich die Hausraiethen mit der städtischen •Grundrente steigen. ,,DieHausmiethen sind so übermässig geworden, dass "6) ,, Public Health. Eight Report. Lond. 1866", p. 14, Note. "") 1. c. p. 89. Mit Bezug auf die Kinder in diesen Kolonieen sagt Dr. Hunter: ,, Wir wissen nicht, wie Kinder vor diesem Zeitalter dichter Agglo- meration der Armen aufgebracht wurden, und er wäre ein kühner Prophet, der vorhersagen wollte , welches Betragen zu erwarten von Kindern , die unter Zu- standen ohne Parallele in diesem Land jetzt ihre Erziehung für künftige Praxis als gefährliche Klassen durchmachen, indem sie die halbe Nacht aufsitzen mit Personen jeden Alters, trunken, obscön und zanksüchtig." (1. c. p. 56.) "8) 1. c. p. 62. 648 wenige Arbeiter mehr als ein Zimmer zahlen können" ^^^). Es giebt fast kein' Londoner Hanseigentbiim, das nicht mit einer Unzahl von ,,middleraen" be- lastet wäre. Der Preis des Bodens in London steht nämlich stets sehr hoch im Vergleich zu seinen jährlichen Einkünften , indem jeder Käufer darauf spekulirt früher oder später zu einem JuryPrice (durch Geschworne festgesetzte Taxe bei Expropriationen) wieder loszuschlagen oder durch Nähe irgend eines grossen Unternehmens ausserordentliche Wertherhöhung zu erschwindeln. Folge davon ist ein regelmässiger Handel im Ankauf von Miethkontrakten , die ihrem Verfall nahen. ,,Von den Gentlemen in diesem Geschäft kann man erwarten , dass sie handeln , wie sie handeln, so viel wie möglich aus den Hausbewohnern herausschlagen, und das Haus selbst in so schlechtem Zustand wie möglich ihren Nachfolgern über- lassen" i-^). Die Miethen sind wöchentlich und die Herren laufen kein Risico. In Folge der Eisenbahnbauten innerhalb der Stadt ,,sah man kürz- lich im Osten Londons eine Anzahl aus ihren alten Wohnungen verjagter Familien umherwandern eines Samstags Abends mit ihren wenigen welt- lichen Habseligkeiten auf dem Rücken, ohne irgend einen Haltplatz ausser dem Workhouse" ^21). Die Workhouses sind bereits überfüllt und die vom Parlament bereits bewilligten „improvements" sind erst im Beginn ihrer Ausführung. Werden die Arbeiter verjagt durch Zerstörung ihrer alten Häuser, so verlassen sie nicht ihr Kirchspiel, oder siedeln sich höchstens an seiner Grenze , im nächsten fest. ,,Sie suchen natürlich möglichst in der Nähe ihrer Arbeitslokale zu hausen. Folge, dass an die Stelle von zwei Zim- mern, eins die Familie aufnehmen muss. Selbst zu erhöhter M i e t h e wird die Wohnlichkeit schlechter als die schlechte , woraus man sie ver- jagt. Die Hälfte der Arbeiter im Strand braucht bereits zwei Meilen Reise zum Arbeitslokal." Dieser Strand, dessen Hauptstrasse auf den Frem- den einen imposanten Eindruck vom Reichthum Londons macht, kann al& Beispiel der Londoner Menschenverpackung dienen. In einer Pfarrei des- selben zählte der Gesundheitsbeamte 581 Personen auf den Acre, obgleich die Hälfte der Themse mit eingemessen war. Es versteht sich von selbst. »'9) ,, Report of the Officer of Health ofSt. Martin's in the Fields. 1865." 120J „Public Health. EightKeport. L o n d. 18G6", p. 93. 121) 1. c. p. 83. 649 dass jede gesuiidheitspolizeiliche Massregel, die, wie das bisher in London der Fall, durch Niederschleifen untauglicher Häuser die Arbeiter aus einem Viertel verjagt , nur dazu dient sie in ein andres desto dichter zusammen zu drängen. „Entweder", sagt Dr. Hunter, „muss die ganze Proce- dur als eine Abgeschmacktheit nothwendig zum Stillstand kommen , oder die öffentliche Sympathie (!) miiss erwachen für das. was man jetzt ohne Uebertreibung eine nationale Pflicht nennen kann, nämlich Obdach für Leute zu verschaffen, welche aus Mangel an Kapital sich selbst keins verschaffen können, obgleich sie durch periodische Zahlung die Ver- miether belohnen können" ^'^'^). Man bewundre die kapitalistische Justiz! Der Grundeigenthümer, Hauseigner, Geschäftsmann, wenn expropriirt durch ,,improvements" , wie Eisenbahnen, Neubau der Strassen u. s. w., erhält nicht nur v o 1 1 e E n t s c h ä d i g u n g. Er muss für seine erzwungne ,, Ent- sagung" von Gott und Rechtswegen obendrein noch durch einen erklecklichen Profit getröstet werden. Der Arbeiter wird mit Frau und Kind und Habe aufs Pflaster geworfen und — wenn er zu massenhaft nach Stadtvierteln drängt, wo die Municipalität auf Anstand hält , gesundheitspolizei- lich verfolgt! Ausser London gab es Anfang des 19. Jahrhunderts keine einzige Stadt in England, die 100,000 Einwohner zählte. Nur 5 zählten mehr als 50,000. Jetzt existiren 28 Städte mit mehr als 50,000 Einwohnern. „Das Resultat dieses Wechsels war nicht nur enormer Zuwachs der städti- schen Bevölkerung, sondern die alten dichtgepackten kleinen Städte sind nun Centra, die von allen Seiten umbaut sind , nirgendwo mit freiem Luft- zutritt. Da sie für die Reichen nicht länger angenehm sind, werden sie von ihnen für die amüsanteren Vorstädte verlassen. Die Nachfolger dieser Rei- chen beziehn die grösseren Häuser, eine Familie, oft noch mit Untermiethern, für jedes Zim mer. So ward eine Bevölkerung gedrängt in Häuser, nicht für sie bestimmt , und wofür sie durchaus unpassend , mit einer Um- gebung, die wahrhaft erniedrigend für die Erwachsnen und ruinirend für die Kinder ist" i^^). Je rascher das Kapital in einer industriellen oder com- merciellen Stadt accumulirt , um so rascher der Zustrom des exploitablen Menschenmaterials, um so elender die improvisirten Wohnlichkeiten der '22) 1. c. p. 89. '23) 1. c. p. 56. 650 Arbeiter. N e w c a s 1 1 e - u p o n - T y n e , als Ceutrum eines fortwährend ergiebigeren Kolilen- und Bergwerksbaudistrikts, beliauptet daher nach London die zweite Stelle in dem Wohnungs i n f e r n o. Nicht minder als 34,000 Menschen hausen dort in Einzelkammern. In Folge absoluter Gemeinscliädlichkeit sind kürzlich in Newcastle und Gateshead Häuser in bedeutender Anzahl von Polizei wegen zerstört worden. Der Bau der neuen Häuser geht sehr langsam voran, das Geschäft sehr rasch. Die Stadt war daher 1865 überfüUter als je zuvor. Kaum eine einzelne Kammer war zu vermiethen. Dr. Embleton vom Newcastle Fieberhospital sagt: „Ohne allen Zweifel liegt die Ursache der Fortdauer und Verbreitung des Typhus in der Uebei-liäufnng menschlicher Wesen und der Unreinlichkeit ihrer Wohnungen. Die Häuser, worin die Arbeiter häufig leben, liegen in abgeschlossnen Winkelgassen und -Höfen. Sie sind mit Bezug auf Licht, Luft, Raum und Reinlichkeit wahre Muster von Mangelhaftigkeit und Uu- gesundheit, eine Schmach für jedes civilisirte Land. Dort liegen Männer, AVeiber und Kinder des Nachts zusammengehudelt. Was die Männer an- geht, folgt die Nachtreihfe der Tagesreihe in ununterbrochenem Strom , so dass die Betten kaum Zeit zur Abkühlung finden. Die Häuser sind schlecht mit Wasser verseiin und schlechter mit Abtritten , unfläthig , un- ventilirt, pestilenzialisch" ^-*). Der Wochenpreis solcher Löcher steigt von 8 d. zu 3 sh. ,,Newcastle-upon-Tyne", sagt Dr. Hunter, ,, bietet das Beispiel eines der schönsten Stämme unsrer Landsleute , der durch die äussern Umstände von Behausung und Strasse oft in eine beinah wilde Degradation versunken ist" i-^). In Folge des Hin - und Herwogens von Kapital und Arbeit mag der Wohnungszustand einer industriellen Stadt heute erträglich sein , morgen ist er abominabel. Oder die städtische Aedilität mag endlich sich aufge- rafft haben zur Beseitigung der ärgsten Missstände. Morgen wandert ein Heuschreckenschwarm von verlumpten Irländern oder verkommenen englischen Agrikulturarbeitern ein. Man steckt sie weg in Keller und Speicher oder verwandelt das früher respektable Arbeiterhaus in ein Logis, worin das Personal so rasch wechselt wie die Einquartirung während des dreissigj ährigen Kriegs. Beispiel: Bradford. Dort war der Municipal- '24) 1. c. p. 149. >25) 1. C. p. 50. 651 Philister eben mit Stadtreform bescliäftigt. Zudem gab es daselbst 1861 noch 1751 unbewohnte Häuser. Aber nun das gute Geschäft, worüber der sanft liberale Herr Forster, der Negerfreund, jüngst so artig gekräht hat. Mit dem guten Geschäft natürlich Ueberfluthung von den Wellen der stets wogenden ,, Reservearmee" oder ,, relativen Surpluspopulation". Die scheuss- lichen Kellerwohnungen und Kammern, in der Note beschrieben ^^^) durch eine dem Dr. Hunter vom Agenten einer Assekuranzgesellschaft ausgefer- tigte Liste, waren meist von gutbezahlten Arbeitern bewohnt. Sie er- klärten, sie würden gern bessere Wohnungen zahlen, wenn sie zu haben wären. Unterdess verlumpen und verkranken sie mit Mann und Maus, während der sanftliberale Forster , M P. , Tliränen vergiesst über die Segnungen des Freihandels und die Profite der eminenten Bradforder Köpfe, die in Worsted machen. Im Bericht vom 5. September 18 6 5 erklärt Dr. Bell, einer der Armenärzte von Bradford, die furchtbare '-*>) Liste des Agenten einer Arbeiter-Assekuranzgesellschaft zu Bradford. Yulcanstreet. Nr. 122 1 Zimmer 16 Personen Liimlevstreet. Nr. 13 1 Zimmer 1 1 Personen Bowerstreet. Nr. 41 1 Zimmer 1 1 Personen Portlandstreet. Nr. 112 1 Zimmer 10 Personen Hardystreet. Nr. 17 1 Zimmer 1 0 Personen Northstreet. Nr. 18 1 Zimmer 16 Personen ditto Nr. 17 1 Zimmer 13 Pei-sonen Wymerstreet. Nr. 19 1 Zimmer 8 Erwachsne Jawettestreet. Nr. .56 1 Zimmer 12 Personen Georgestreet. Nr. 150 1 Zimmer 3 Familien Rifle-Conrt. Marygate. Nr. 11 1 Zimmer 1 1 Personen Marschallstret-t. Nr. 28 1 Zimmer 10 Personen ditto Nr. 49 3 Zimmer 3 Familien Georgestreet. Nr. 128 1 Zimmer 18 Personen ditto Nr. 130 1 Zimmer 16 Personen Edwardstreet. Nr. 4 1 Zimmer 17 Personen Yorkstreet. Nr. 34 1 Zimmer 2 Familien Salt Pinstreet. 2 Zimmer 26 Personen Keller. Regent Square. Acrestreet. Robert's Court. Nr. 33 Back Prattstreet , vernutzt Kupferschmiedewerkstatt Ebenezerstreet. Nr. 27 als 1 Keller 1 Keller 1 Keller 1 Keiler 1 Keller 8 Personen 7 Personen 7 Personen 7 Personen 6 Personen (1. c. p. 111 652 Sterblichkeit der Fieberkranken seines Bezirks ans ihren Wohnungsver- hältnissen: „In einem Keller von 1500 Kubikfuss wohnen 10 Perso- nen . . . Die Vincentstrasse, Green Air Place und the Leys bergen 223- Häuser mit 1450 Einwohnern, 435 Betten und 36 Abtritten . . . Die Betten, und darunter verstehe ich jede Rolle von schmutzigen Lumpen oder Handvoll von Hobelspänen, halten jedes per Durchschnitt 3.3 Personen^ manches 4 und 6 Personen. Viele schlafen ohne Bett auf nacktem Boden in ihren Kleidern, junge Männer und Weiber , verheirathet und unverhei- rathet, alles kunterbunt durch einander. Ist es nöthig hinzuzufügen, dass diese Hausungen meist dunkle, feuchte, schmutzige Stinkhöhlen sind, ganz und gar unpassend für menschliche Wohnung? Es sind die Centra, wovon Krankheit und Tod ausgehn und ihre Opfer auch unter den Gutgestellten (,,of good circumstances"') packen, welche diesen Pest- beulen erlaubt haben in unsrer Mitte zu eitern" '-^). Bristol behauptet den dritten Rang nach London im Wohnungs- elend. ,,Hier, in einer der reichsten Städte Europa's, grösster Uebeifluss an baarster Armuth (,, blank poverty") und häushcher Misere" ^'^^). Wir wenden uns nun zu einer W a n d e r v ö 1 k e r u n g , deren Quelle ländlich, deren Beschäftigung grossentheils industriell ist. Es ist die leichte Infanterie des Kapitals, je nach seinem Bedürfniss bald auf diesen; Punkt geworfen, bald auf jenen. Wenn nicht auf dem Marsch, ,,campirt"- sie. Die Wanderarbeit wird verbraucht für verschiedne Bau- und Draini- rungsoperationen , Backsteinmachen , Kalkbrennen , Eisenbahnen u. s. w. Eine wandelnde Säule der Pestilenz importirt sie in die Orte , in deren Nachbarschaft sie ihr Lager aufschlägt, Pocken, Typhus, Cholera, Schar- lachfieber u. s. w. '^^). In Unternehmen von bedeutender Kapitalauslage, wie Eisenbahnbau u. s. \v. , liefert meist der Unternehmer selbst seiner Armee Holzhütten oder dgl. , improvisirte Dörfer ohne alle Gesundheits- vorkehrung, jenseits der Kontrole der Lokalbehörden, sehr profitiich für den Herrn Contractor, der die Arbeiter doppelt ausbeutet , als Industrie- soldaten und als Miether. Je nachdem die Holzhütte 1, 2 (»der 3 Löcher enthält, hat ihr Insasse, Erdarbeiter u. s. w. , 1, 3, 4 sh. wöchentlich zu 12') 1. c. p. 1 14. 128) 1. c. p. 50. 129) „Public Health. S even th R ep or t. L on d. 1865", p. 18. 653 zahlen i'^^). Ein Beispiel geniige. lui September 1864, berichtet Dr. Simon, ging dem Minister des Innern, Sir George Grey, folgende Deiiunciation Seitens des \'o'rsteliers des Nnisance Rem oval Com- mittee der Pfarrei von Sevenoaks zu: ,, Pocken waren dieser Pfarrei fast ganz unbekannt bis etwa vor 12 Monaten. Kurz vor dieser Zeit wurden Ar- beiten für eine Eisenbahn von Lewisham nach Tunbridge erötfnet. Aus- serdem dass die Hauptarbeiten in der unmittelbaren Nachbarschaft dieser Stadt ausgeführt wurden, ward hier auch das Hauptdepot des ganzen Werks •errichtet. Grosse Personenzahl daher hier beschäftigt. Da es unmöglich war sie alle in Cottages unterzubringen, Hess der Contractor, 'Herr Jay, längst der Linie der Bahn auf verschiednen Punkten Hütten aufschlagen zur Behausung der Arbeiter. Diese Hütten besassen weder Ventilation noch Abzugsgerinne und waren ausserdem nothwendig überfüllt, weil jeder Miether andre Logirer aufnehmen musste , wie zahlreich immer seine eigne Familie, und obgleich jede Hütte nur zweizimmerig. Nach dem ärzt- lichen Bericht, den wir erhielten , war die Folge , dass diese armen Leute zur Nachtzeit alle Qualen der Erstickung zu erdulden hatten , zur Vermei- dung der pestilenzialischen Dünste von dem schmutzigen stehenden Wasser und den Abtritten dicht unter den Fenstern. Endlich wurden unsrem Comite Klagen eingehändigt von einem Arzte, der Gelegenheit hatte diese Hütten zu besuchen. Er sprach über den Zustand dieser s. g. Wohnlichkeiten in den bittersten Ausdrücken und befürchtete sehr ernst- hafte Folgen , falls nicht einige Gesundheitsvorkehrungen getroffen wür- den. Ungefähr vor einem Jahr verpflichtete sich p. p. Jay ein Haus ein- zurichten, wohin die von ihm beschäftigten Personen, beim Ausbruch an- steckender Krankheiten , sofort entfernt werden sollten. Er wiederholte diess Versprechen Ende letzten Juli's, that aber nie den geringsten Schritt zur Ausführung, obgleich seit diesem Datum verschiedne Fälle von Pocken imd in Folge davon zwei Todesfälle vorkamen. Am 9. September be- richtete mir Surgeon Kelson weitere Pockenfälle in denselben Hütten und beschrieb ihren Zustand als entsetzlich. Zu Ihrer (des Ministers) Infor- mation muss ich hinzufügen , dass unsre Pfarrei ein isolirtes Haus besitzt, das s. g. Pesthaus, wo die Pfarreigenossen, die von ansteckenden Krank- heiten leiden, verpflegt werden. Diess Haus ist jetzt seit Monaten fort- "J) 1. c. p. 165. 654 während mit Patienten überfüllt. In einer Familie starben fünf Kinder an Pocken und Fieber. Vom 1. April bis 1. September dieses Jahres kamen nicht weniger als 10 Todesfälle an Pocken vot", 4 in den besagten Hütten, den Pestquellen. Es ist unDiöglich die Zahl der Krankheitsfälle anzugeben, da die heimgesuchten Familien sie so geheim als möglich halten" i3i). Kohlen- und andre Bergwerksarbeiter gehören zu den best- bezahlten Kategorieen der britischen Arbeiterklasse. Zu welchem Preis sie ihren Lohn erkaufen, wurde an einer fiiiheren Stelle gezeigt '^^j. Ich werfe hier einen raschen Blick auf ihre Wohnlichkeitsverhältnisse. In der Regel errichtet der Exploiteur des Bergwerks, ob Eigenthümer oder Miether des- selben, eine Anzahl Cottages für seine Hände. Sie erhalten Cottages und Kohlen zur Feurung ,, umsonst", d. h. letztre bilden einen in natura ge- lieferten T h e i 1 des Lohns. Die nicht in dieser Art Unterbringbaren er- halten zum Ersatz 4 Pfd. St. per Jahr. Die Bergwerksdistrikte ziehn rasch eine grosse Bevölkerung an , zusammengesetzt aus der Minenbevöl- kerung selbst und den Handwerkern , Krämern u. s. w. , die sich um sie gruppiren. Wie überall, wo die Bevölkerung dicht, ist die Bodenrente hier hoch. Der Bergbauunternehmer sucht daher auf möglichst engem Bauplatz am Mund der Minen so viel Cottages aufzuwerfen als grade nöthig sind um seine Hände und ihre Familien zusammenzupacken. Werden neue Minen in der Nähe eröffnet oder alte wieder in Angriff genommen, se wächst das Gedränge. Bei der Konstruktion der Cottages waltet nur ein Gesichtspunkt, ,, Entsagung" des Kapitalisten auf alle nicht absolut unvermeidhche Ausgaben vonBaarem. „Die Wohnungen der Gruben- uud andrer Arbeiter , die mit den Bergwerken von Northumberlaud und *3i) 1. c. p. 18, Note. Der Armenpfleger der Chapel-en-le-Frith-Union be- richtet an den Registrar General: ,,Zu Doveholes hat man eine Anzahl kleiner Aushöhlungen in einem grossen Hügel von Kalkasche gemacht. Diese Höhlen dienen den Erd- und andern am Eisenbahnbau beschäftigten Arbeitern zur Woh- nung. Die Höhlen sind eng , feucht , ohne Abzug für ünreinigkeiten und ohne Abtritte. Sie entbehren aller Ventilationsmittel, mit Ausnahme eines Lochs durch die Wölbung, das zugleich als Schornstein dient. Die Pocken wüthen und haben schon verschiedne Todesfälle (unter den Troglodyten) verursacht." (1. c. n. 2.) '32) Die Ende des 4. Kapitels gegebne Note bezieht sich namentlich auf Ar- beiter in Kohlenbergwerken. Ueber den noch schlechteren Zustand in den Metall- minen vgl. den gewissenhaften Bericht der ,, Royal Commission" von 1864. 655 Durliam verknüpft sind," sagt Dr. Julian Hunter, „sind vielleicht im Durchsclinitt das Sclilechteste und Theuerste, was England auf grosser Stufenleiter in dieser Art bietet , mit Ausnahme jedoch ähnlicher Distrikte in Monniouthshire. Die extreme Schlechtigkeit liegt in der hohen Meu- schenzahl, die ein Zimmer füllen, in der Enge des Bauplatzes, worauf eine grosse Häusermasse geworfen wird , im Wassermangel und Abwesenheit von Abtritten, in der häufig angewandten Methode ein Haus über ein an- dres zu stellen oder sie in flats (so dass die verschiednen Cottages hori- zontal über einander liegende Stockwerke bilden) zu vertheilen . . . Der Unternehmer behandelt die ganze Kolonie, als ob sie nur campire, nicht residire" '33). ^ jn Ausführung meiner Instruktionen," sagt Dr. Stevens, ,,habe ich die meisten grossen Bergwerksdörfer der Durham Union be- sucht . . . Mit sehr wenigen Ausnahmen gilt von allen, dass jedes Mittel zur Sicherung der Gesnndheit der Einwohner vernachlässigt wird . . . Alle Grubenarbeiter sind an den Pächter („lessee") oder Eigenthümer des Berg- werks für 1 2 Monate gebunden („bound", Ausdruck, der wie bondage aus der Zeit der Leibeigenschaft stammt). Wenn sie ihrer Unzufriedenheit Luft machen oder in irgend einer Art den Aufseher (,,viewer") belästigen, so setzt er eine Marke oder ein Memorandum hinter ihre Namen in seinem Auf- sichtsbuch, und entlässt sie bei der jährlichen Neu-Bindung ... Es scheint mir; dass keinTheil des Trucksystems schlechter sein kann als das in diesen dichtbevölkerten Distrikten herrschende. Der Arbeiter ist gezwun- gen als Theil seines Lohns ein mit pestilenzialischen Einflüssen umgebnes Haus zu empfangen. Er kann sich nicht selbst helfen. Er ist in jeder Rücksicht ein Leibeigner (,,he is to all inten ts and pur- poses a serf-'). Es scheint fraglich, ob jemand sonst ihm helfen kann ausser seinem Eigenthümer und dieser Eigenthümer zieht vor allem sein Bilanzkonto zu Rath, und das ResiUtat ist ziemlich unfehlbar. Der Arbeiter erhält von dem Eigenthümer auch seine Zufuhr an Wasser. Es sei gut oder schlecht , es werde geliefert oder zurückgehalten , er muss dafür zahlen oder sich vielmehr einen Lohnabzug gefallen lassen" '3*). Im Konflikt mit der ,, öffentlichen Meinung" oder auch der Gesundheits- polizei genirt sich das Kapital durchaus nicht, die theils gefährlichen^ <33) 1. c. p. ISO, 182. 134) 1. c. p. 515, 517. 656 Iheils entwürdigenden Bedingungen, worin es Funktion und Häuslichkeit des Arbeiters bannt, damit zu ,, rechtfertigen", das sei nöthig, um ihn profitlicher auszubeuten. So, wenn es entsagt auf Vorrichtungen zura'Schutz gegen gefährliche Maschinerie in der Fabrik, auf Ventilations- und Sicherheitsmittel in den Minen u. s. w. So hier mit der Behausung der Minenarbeiter. ,,Als Entschuldigung", sagt Dr. Simon, der ärztliche BeamtedesPrivy Council, in seinem officiellen Bericht, ,, als Entschuldi- gung für die nichts w ü r d i g e Hauseinrichtung wird angeführt, dass Mi- nen gewöhnlich pachtweise exploitirt werden, dass die Dauer des Pachtkon- trakts (in Kohlenwerken meist2 IJahre) zu kurz ist, damit der Minen- pächter es der Mühe werth halte, gute Hausaccommodation für das Arbeits- volk und die Gewerbsleute u. s. w. zu liefern, welche die Unternehmung anzieht; hätte er selbst die Absicht, nach dieser Seite hin liberal zu verfahren , so würde sie vereitelt werden durch den Grundeigenthümer. Der habe nämlich die Tendenz , sofort exorbitante Zuschussrente zu ver- langen für das Privilegium , ein anständiges und komfortables Dorf auf der Grundoberfläche zu errichten zur Behausung der Bearbeiter des unter- irdischen Eigenthums. Dieser prohibitorische Preis , weim nicht direkte Prohibition, schrecke ebenfalls andre ab, welche sonst wohl bauen möch- ten . . . Ich will den Werth dieser Apologie nicht weiter untersuchen, auch nicht , auf wen denn in letzter Hand die zuschüssige Ausgabe für anständige Wohnlichkeit fallen würde , auf den Grundherrn , den Miuen- pächter, die Arbeiter oder das Publikum . . . Aber Angesichts solcher schmählichen Thatsachen , wie die beigefügten Berichte (des Dr. Hunter, Stevens u. s. w.) sie enthüllen, muss ein Heilmittel angewandt werden . . . Grundeigenthumstitel werden so gebraucht um ein grosses öffentliches Unrecht zu begehn. In seiner Eigenschaft als M i n e n e i g n e r ladet der Grundherr eine industrielle Kolonie zur Arbeit auf seiner Domaine ein, und macht dann, in seiner Eigenschaft als E i g e n t h ü m e r der G r u n d - Oberfläche, den von ihm versammelten Arbeitern unmöglich die zu ihrem Leben unentbehrliche, geeignete VVohnlichkeit zu finden. Der Minen- pächter (der kapitalistische Exploiteur) hat keinGeldinteresse dieser Theilung des Handels zu widerstehn, da er wohl weiss, dass wenn die letztern Ansprüche exorbitant sind, die Folgen nicht auf ihn fallen, und dass die Arbeiter, auf die sie fallen, zu unerzogen sind, um ihre G e s u n d h e i t s - 657 rechte zu kennen, dass weder obscönste Wnlinlichkcit noch faulstes Trinkwasser besondre Anlässe zu einem Strike liefern" '•'''''). Bevor icli zu den eigentlichen A g r i k n 1 1 u r a r b e i t e r n übergehe, soll an einem Beispiel noch gezeigt werden , w ie die Krisen selbst auf den bestbczahlten Tlieil der Arbeiterklasse, auf ihre Aristokratie, wirken. Mau erinnert sich : das Jahr 18 5 7 brachte eine der grossen Krisen, womit der industrielle Cyklus jedesmal abschlicsst. Der nächste Termin wurde 1 8 6 G fällig. Bereits diskontirt in den eigenl liehen Fabrikdistrikten durch die Baumvvollnoth, welche viel Kapital aus der gewohnten Aulagesphäre zu den grossen Centralsitzen des Geldmarkts jagte , nahm die Krise diess- mal einen vorwiegend finanziellen Charakter an. Ihr Ausbruch im Mai 1866 wurde signalisirt durch den Fall einer Londoner Riesenbank, dem der Zusam- mensturz zahlloser finanzieller Schwindelgesellschaften auf dem Fuss nach- folgte. Einer der grossen Londoner Geschäftszweige, welche die Kata- strophe traf, war der eiserne Schiffsbau. Die Magnaten dieses Fachs hatten während der Schwiudelzeit nicht nur masslos überproducirt , son- dern zudem enorme Lieferungskontrakte übernommen , auf die Spekulation hin, dass die Kreditquelle gleich reichlich fort fliessen werde. Jetzt trat eine furchtbare Reaktion ein, die auch in andern Londoner Industrien '^g^ bis zur Stunde, Ende März 1867, fortdauert. Zur Charakteristik der Lage der Arbeiter folgende Stelle aus dem ausführlichen Bericht eines '35) 1. c. \>. 16. '3«) ,, Massenhafte Verhungeruiig der Londoner Armen I (,, Wholesale starva- tion of the London Poorl") . . . Während der letzten Tage waren die Wälle Londons überklebt mit grossen Plakaten , die folgende merkwürdige Anzeige bringen: , Fette Ochsen, verhungernde Menschen ! Die fetten Ochsen haben ihre Glaspaläste verlassen , um die Reichen in ihren Luxusgemächern zu mästen , wäh- rend die verhungernden Menschen in ihren Jammerhohlen verderben und sterben.' Die Plakate mit dieser unheilkündenden Inschrift werden beständig erneuert. Kaum ist eine Partie ausgemerzt und überklebt, wenn sofort eine neue Partie an dem- selben oder einem gleich öffentlichen Platz wiederersciieint . . . Das erinnert an die omina, die das französische Volk auf die Ereignisse von ] 789 vorbereiteten . . . In diesem Augenblick , während englische Arbeiter mit Weib und Kind an Kälte und Hunger sterben , werden Millionen von englischem Geld , dein Produkt eng- lischer Arbeit , in russischen , spanischen, italienischen und andern fremden Au- leihen ungelegt." (,.Rey n old's Ne wsp a pe r , 20. Jan. 1867.) 42 658 — - Korrespondenten des Morning Star, welcher Anfang Januar 1867 die Hauptsitze des Leidens besuchte. ,,Ira Osten von London, den Distrik- ten von Poplar , Millwall, Greenwich , Deptford , Liniehouse und Canning Town befinden sich mindestens 15,000 Arbeiter samnit Familien in einem Zustand äusserster Noth, darunter über 3000 geschickte Mecha- niker. Ihre Reservefonds sind erschöpft in Folge sechs- oder achtmonat- licher Arbeitslosigkeit . . . Ich hatte grosse Mühe zum Thor des Work- house (von Poplar) vorzudringen , denn es war belagert von einem ausge- hungerten Haufen. Er wartete auf Brodbillets, aber die Zeit zur Ver- theilung war noch nicht gekommen. Der Hof bildet ein grosses Quadrat mit einem Pultdach , das rings um seine Mauern läuft. Dichte Schnee- haufen bedeckten die Pflastersteine in der Mitte des Hofes. Hier waren gewisse kleine Plätze mit Weidengeflecht abgeschlossen , gleich Schaf- hürden, worin die Männer bei besserem Wetter arbeiten. Am Tage meines Besuchs waren die Hürden so verschneit, dass Niemand in ihnen sitzen konnte. Die Männer waren jedoch unter dem Schutz der Dachvorsprünge mit Macadamisirung von Pflastersteinen beschäftigt. Jeder hatte einen dicken Pflasterstein zum Sitz und klopfte mit schwerem Hammer auf den frostbedeckten Granit, bis er 5 Bushel davon abgehauen hatte. Dann war sein Tagewerk verrichtet und erhielt er 3 d. (1 Silbergroschen, 8 Pfennige) und ein Billet für Brod. In einem andern Tlieil des Hofes stand ein rhachitisches kleines Holzhaus. Beim Oeffnen der Thüre fanden wir es gefüllt mit Männern , Schulter au Schulter gedrängt , um einander warm zu halten. Sie zupften Schiffstau und stritten mit einander, wer von ihnen mit einem Minimum von Nahrung am längsten arbeiten könne, denn Ausdauer war der point d'honneur. In diesem einen Workhouse allein erhielten 7000 Unterstützung, darunter viele Hunderte, die 6 oder 8 Monate zuvor die höchsten Löhne geschickter Arbeit in diesem Land verdienten. Ihre Zahl wäre doppelt so gross gewesen, gäbe es nicht so viele, welche nach Erschöpfung ihrer ganzen Geldreserve dennoch vor Zuflucht zur Pfiirrei zurückbeben , so lange sie noch irgend etwas zu versetzen haben . . . Das Workhouse verlassend , machte ich einen Gang durch die Strassen von meist einstöckigen Häusern , die in Poplar so zahlreich. Mein Führer war Mitglied des Comites für die Arbeitslosen. Das erste Haus , worin wir eintraten , war das eines Eisen- arbeiters, seit 27 Wochen ausser Beschäftigung. Ich fand den Mann mit 659 seiner ganzen Familie in einem Hinterzimraer sitzend. Das Zimmer war noch nicht ganz von Möbein entblosst und es war Feuer darin. Diess war nöthig, um die nackten Füsse der jungen Kinder vor Frost zu schützen, denn es war ein grimmig kalter Tag. Auf einem Teller gegen- über dem Feuer lag ein Quantum Werg, welches Frau und Kinder zupften in Erstattung des Brods vom Workhouse. Der Mann arbeitete in einem der oben beschriebenen Höfe für ein Brodbillet und 3 d. per Tag. Er kam jetzt nach Haus zum Mittagsessen, sehr liungrig, wie er ims mit einem bittern Lächeln sagte, und sein Miltagsessen bestand ans einigen Brodschnitten mit Schmalz und einer Tasse milchlosen Thees . . . Die nächste Thüre. an der wir anklopften, wurde geöffnet durch ein Frauen- zimmer mittleren Alters, die, ohne ein Wort zu sagen, uns in ein kleines Hinterziramer führte, wo ihre ganze Familie sass, schweigend, die Augen auf ein rasch ersterbendes Feuer geheftet. Solche Verödung, solche Hoff- nungslosigkeit hing um diese Leute und ihr kleines Zimmer, dass ich nicht wünsche je eine älinliche Scene wieder zu sehn. „Nichts haben sie ver- dient, mein Herr"', sagte die Frau, auf ihre Jungen 'zeigend , „nichts für 26 Wochen, und all unser Geld ist hingegangen, alles Geld, das ich und der Vater in den bessern Zeiten zurücklegten , in dem Wahn eine Reserve während schlechten Geschäfts zu sichern. Sehn Sie es*', schrie sie fast wild, in- dem sie ein Bankbuch hervorholte mit allen seinen regelmässigen Nachweisen über eingezahltes und rückerhaltnesGeld, so dass wir sehn konnten, wie das kleine Vermögen begonnen hatte mit dem ersten Deposit von .5 Shilling, wie es nach und nach zu 20 Pfd. St. aufwuchs, und dann wieder zusammen- schmolz , von Pfunden zu Shillingen , bis der letzte Eintrag das Buch so werthlos machte, wie ein blankes Stück Papier. Diese Familie erhielt ein nothdürftiges Mahl täglich vom Workhouse . . . Unsre folgende Visite war zur Frau eines Irländers , der an den Schiffswerften gearbeitet hatte. Wir fanden sie krank von Nahrungsmangel , in ihren Kleidern auf eine Matratze gestreckt , knapp bedeckt mit einem Stück Teppich , denn alles Bettzeug war im Pfandhaus. Die elenden Kinder w^arteten sie und sahen aus als bedürften sie umgekehrt der mütterlichen Pflege. Neunzehn Wochen erzwungnen Müssiggangs hatten sie so weit heruntergebracht, und während sie die Geschichte der bitteren Vergangenheit erzählte, stöhnte sie als ob alle Hoffnung auf eine bessere Zukunft verloren wäre . . . Beim Austritt aus dem Hause rannte ein junger Mann auf uns zu und GGO bat uns in sein Haus zu gehn und zu sehn , ob irgend etwas für ihn ge- schelin könne. Ein junges Weib, zwei liübsche Kinder, ein Kluster von Pfandzetteln und ein ganz kaliles Zimmer war alles , was er zu zeigen hatte" 137), IST) Da es grafle jetzt Mode unter den englischen Kapitalisten ist, Belgien als das Paradies des Arbeiters zu schildern, weil ,,die Freiheit der Arbeit" dort weder durch den Despotismus der Trade's Unions, noch durch Fabrikgesetze verkümmert sei, hier ein paar Worte über das ,, Glück" des nur durch Klerisei. Grundaristokratie, liberale Bourgeois und Bnreaukraten, aber bei Leibe nicht durch Trade's Unions und Fabrikgesetze gehänselten ,, freien" belgischen Arbeiters. Herr Ducpetiaux, eine gute Autorität, früher, ich weiss nicht ob noch, Gene- ralinspektor der belgischen Gefängnisse, sagt in seinen: ,,Budgets econo- miques des das s es ouvrieres en Belgique": ,, Im Durchschnitt zählt eine Arbeiterfamilie 4 Kinder, also mit Vater und Mutter 6 Personen. Von diesen 6 Personen können 4 nützlich beschäftigt werden , wenn Krankheit u. dgl. nicht dazwischen kömmt. Unter diesen Umständen sind folgendes die Hilfsquellen der Familie auf ihrem Maximalgrad: Der Vater 300 Tage zu 1 fc. 56 c. per Jahr 468 fcs. Die Mutter ,, ,, 0 fc. 89 c. ,, 267 fcs. Der älteste Junge ,, ,, 0 fc. 56 c. ,, 168 fcs. Die älteste Tochter ,, ,, 0 fc. 55 c. ,, 165 fcs. 1,068 fcs. Die J a h r e s a US ga b e der Familie und ihr Deficit würden sich erheben , falls der Arbeiter die Nahrung hätte : Des Seesoldaten, auf 1828 fcs. Deficit: 760 fcs. Des Soldaten, ,, 1473 fcs. ,, -105 fcs. Des Gefangnen, ,, 1112 fcs. ,, 44 fcs. In jener M u s t e r f a m i 1 i e haben wir alle möglichen Hilfsquellen vereinigt. Aber indem wir der Familienmutter ein Salair gaben, entzogen wir dem Haushalt ihre Leitung. Wer wird dem Inneren vorstehn , das Essen bereiten , Wäsche, Flicke- reien u. s. w. besorgen? Wie bringt es die grosse Mehrzahl der Arbeiter, welche die Waaren weder im Grossen kauft, noch im Halbgrossen , gleich der Gefängniss- verwaltung, wie bringt sie es fertig zu leben? Indem sie zu Nothbehelfen flüchtet, wovon der Arbeiter allein das Geheimniss hat, indem sie an ihrer täglichen Ration abknappt, wenig oder gar kein Fleisch isst, ebenso mitButter und Gew'ürzen, indem sie die Familie in eine oder zwei Kammern packt, wo Mädchen und Jungen zusammen- schlafen, oft auf demselben Strohsack, indem sie an der Kleidung ökonomisirt, an Wäsche und Reinigungsmitteln, den Sonntagsvergnügungen entsagt u. s. w. Einmal bei dieser letzten Grenze angelangt, wirft die geringste Erhöbung der Preise der Lebensmittel u. s. w. sie auf die Armenliste." In der That ist in diesem ..Paradies der Kapitalisten" die geringste Variation der Getreidepreise be- (i61 Der antagon isti seile Cliarakter der kapitalistischen Produktion nnd Accumulation bewährt sich nirgendwo brutaler als in dem Fortschritt des englischen Landbaus (V'^iehzucht eingeschlossen) und dem Rück- schritt dos englischen Landarbeiters. Bevor ich zu seiner gegen- wärtigen Lage übergehe, ein rascher Rückblick. Die moderne Agri- kultur datirt in England von der Mitte des 18. .Jahrhunderts, obgleich die Umwälzung der Grundeigentliumsverhältnisse , wovon die veränderte Pro- duktionsweise als Grundlage ausgeht, viel früheren Datums. Nehmen wir die Angaben Arthur Young's, eines genauen Be- obachters, obgleich elenden Denkers, über den Landarbeiter von 1 7 7 1 , so spielt letztrer eine sehr elende Rolle, verglichen mit seinem Vorgänger Ende des 1 4. Jahrhunderts, „wo er in Fülle leben und Reich th um accumuliren konnte'' ^^8)^ gar nicht zu sprechen vom 1 5. Jahrhun- dert, „dem golduen Zeitalter der englischen Arbeiter in Stadt und Land". Wir brauchen jedoch nicht so weit zurückzugehn. In einer sehr gehaltreichen Schrift von 17 7 7 liest man : ,,Der grosse Pächter hat sich beinahe erhoben zum Niveau des Gentleman , während der arme Land- arbeiter fast zu Boden gedrückt ist . . . Seine unglückliche Lage zeigt sich kliii' durch eine vergleichende Uebersicht seiner Verhältnisse von heute und von 40 Jahr früher . . . Grundeigenthümer und Pächter wirken Hand in Hand zur Unterdrückung des Arbeiters" ^^^). Es wird dann im gleitet von einer Vai-iation in Todesfällen und Verbrechen! (^Sieh ,,Manifest d er JSI.a atschapp i j : De VI ae min gen Vooruit! Brüssel 1860", p. 15, 1 6. )GanzBe]gien zählt 930,000 Familien, davon, nach officiel 1er Statistik: 90,000 Reiche (Wahler), 450,000 Personen ; 190, 000 Familien der kleinen Mittelklasse, in Stadt und Dorf, grosser Theil davon stets in's Proletariat fallend, 1 ,950,000 Personen. Endlich 450,000 Arbeiterfamilien mit 2,250,000 Personen, von welchen dieMus terf ami 1 ie n das durch Ducpetiaux geschilderte Glück geniessen. Unter den 450,000 Arbeiterfamilien über 200,000 aufderArmenliste! '•*«) James E. Th. Rogers (Prof. of Polit. Econ. in the Uni- versity of Oxford): ,,A History of Agriculture and Prices in England. Oxford 1866", v. I, p. 690. Diess fleissig gearbeitete Werk um- fasst in den bisher erschienenen zwei ersten Bänden nur noch die Periode von 1259 — 1400. Der zweite Band enthält bloss statistisches Material. Es ist die erste authentische ,,History of Prices", die wir für jene Zeit besitzen. '35*) ,,Reasons for the late Increase of the Poorlaws; or, a comparative view of the price of labe u ran d provisions. Lond. 1777", p. 5, 14 — 16. ß{y2 Detail nachgewiesen, dass der reelle Arbeitslohn auf dem Lande von 1737 bis 1777 um beinahe ^,'4 oder 2ö^'q gefallen ist. „Die moderne Politik", sagt Dr. Richard Pricc zur selben Zeit, ,, begünstigt die höheren Volksklassen ; die Folge wird sein , dass früher oder später das ganze Königreich nur aus Gentlemen und Bettlern , aus Grandees und Sklaven besteht" i^"). Dennoch ist die Lage des englischen Landarbeiters von 1770 1780^ sowohl was seine Nahrungs- und Wohnlichkeitszustände . als sein Selbst- gefühl . Belustigungen u. s. w. betrifft , ein später nie wieder erreichtes Ideal. In Pints Weizen ausgedrückt betrug sein Durchschnittslohn 1770—1771 90 Pints, zu Eden's Zeit (1797) nur noch 65, 1808 aber 60 i*'). Der Zustand der Landarbeiter Ende des A n t i j a k 0 b i n e r k r i e g s , während dessen sich Grundaristokratie , Pächtei- , Fabrikanten , Kaufleute, Banquiers, Börsenritter, Armeelieferanten u. s. w. so ausserordentlich be- reichert hatten, ist bereits früher angedeutet worden. Der nominelle Arbeitslohn stieg natürlich in Folge theils der Depreciation des Geldes theils eines von dieser Depreciation unabhängigen Steigens im Preis der noth- wendigsten Lebensmittel. Die wirkliche Bewegung des Arbeitslohns ist aber auf sehr einfache Art zu konstatiren , ohne Zuflucht zu hier unzu- lässigen Details. Das Armengesetz und seine Administration waren 1795 und 1814 dieselben. Man erinnert sich: diess Gesetz wurde auf dem Land in der Art gehandhabt, dass die Differenz zwischen dem dem Arbeiter gezahlten Arbeitslohn und der M i n i m a 1 s u m m e , die zu seiner blossen Vegetation erheischt ist , von der Pfarrei in der Form der Armenunterstützung ergänzt wurde. Das Verhältniss zwischen dem vom '^0) Dr. Richard Price: ,,0 bs erva ti ons on Reversi o nary Pay- ments." 6. ed. By W.Morgan. Lo n d. 1805 , v. II, p. 158, 159. Price bemerkt p. 159 : ,,The nominal price of day labour is at present no more than about four times , or at most five times higher than it was in the year 1514. Biit the price of corn is seven times, and of flesh-meat and raiment about fifteen times higher. So far , therefore , has the price of hibour been even from advancing in Proportion to the increase in the expences of Hving, thaj it does not appear that it bears now half tlie proportion to those expences that it did bear. " ''•') Barton 1. c. p. 26. ITür Ende des 18. Jahrhunderts vgl. Eden 1. c. ■ G63 Pächter gezahlten Arbeitslohn und dem von der Pfarrei gutge- machten Deficit dieses Arbeitslohns zeigt uns zweierlei, erstens die Senkung des Arbeitslohns unter sein Minimum, zweitens den Grad, worin der Landarbeiter aus Lohnarbeiter und Pauper zusammengesetzt war, oder den Grad, worin er in einen Leibeignen seiner Pfarrei verwan- delt ward. Wir nehmen eine Grafschaft, die das Durchsclinittsverhältniss in allen andern Grafschaften repräsentirt, 17 9 5 betrug der durch- schnittliche Wochenlohu in Northampton 7 sh. Gd., die jährliche Total - ausgäbe einer Familie von 6 Personen 36 Pfd. St. 12 sh. 5 d. , ihre Totaleinnahrae 29 Pfd. St. 18 sh. , das von der Pfarrei gutgemachte Deficit: 6 Pfd.St. 14 sh. 5 d. In derselben Grafschaft betrug 1814 der VVocheulohn 12 sh. 2 d. , die jährliche Totalausgabe einer Fa- milie von 5 Personen 54 Pfd. St. 18 sh. 4 d. , ihre Totaleinnahme 36 Pfd. St. 2 sh. , das von der Pfarrei gutgemachte Deficit: 18 Pfd. ■St. 6 sh. 4 d. i*"^). 17 95 betrug das Deficit weniger als ' j des Ar- beitslohns, 1814 mehr als die Hälfte. Dass unter diesen Umständen die geringen Komforts , die bei E d e n noch in der Cottage des Landarbei- ters figuriren , 1814 verschwunden waren , versteht sich von selbst i*3)^ Unter allen Thieren , die der Pächter hält, blieb von nun an der Arbeiter, das instrumentum vocale , das meist geplackte , schlechtest gefütterte und am brutalsten behandelte. Derselbe Zustand der Dinge dauerte ruhig fort, bis ,,die Swing Auf- stände 1830 uns (d.h. den herrschenden Klassen) beim Lichtflamraen der Koiiischober enthüllten, dass Elend und dunkle aufrührerische Unzufrieden- heit ebenso wild unter der Oberfläche des agrikolen als des industriellen Englands lodre" ^**). Sa dl er taufte damals im Unterhaus die Land- arbeiter ,, weisse Sklaven'' („white slaves"), ein Bischof hallte das Epithet im Oberhaus wieder. Der bedeutendste politische Oekonom jener Pe- riode, E. G. Wakefield, sagt: „der Landarbeiter Südenglands ist kein Sklave, er ist kein freier Mann, er ist ein Pauper" i*^). 1^2) Pariy 1. c. p. 86. «") id. p. 213. 1*^) S. Laing 1 c. p. 62. •■'^) England and America. Lond. 1833, v. I, p. 45. 664 Die Zeit unmittelbar vor der Aufhebung der Kornge- setze warf neues Licht auf die Lage der Landarbeiter. Einerseits lag es natürlich im Interesse der bürgerlichen Anticonilawagitatoren nachzu- weisen, wie wenig jene Schutzgesetze den wirklichen Kornproducen- ten beschützten. Andrerseits schäumte die industrielle Bourgeoisie auf von Ingrimm über die Denunciation der Fabrikzustände seitens der Grund- aristokraten , über die affektirte Sympathie dieser grundverdorbnen , herz- losen und vornehmen Müssiggänger mit den Leiden des Fabrikarbeiters,, und ihren „diplomatischen" Eifer für Fabrikgesetzgebung. Es ist eire altes englisches Sprichwort, dass wenn zwei Diebe sich in die Haare fallen,, immer etwas Nützliches geschieht. Und in der That , der geräuschvolle,, leidenschaftliche Zank zwischen den zwei Fraktionen der herrschenden^ Klasse , welche von beiden den Arbeiter am schamlosesten ausbeute und das meiste Produkt frem der A rbei t als Pri vat eigen th um des N i c h t a r b e i t e r s usurpire , dieser Zank wurde rechts und links Geburtshelfer der Wahrheit. Graf Sh a f t esbury , alias Lord Ashley, war Vorkämpfer im aristokratischen Fabrikphilanthropiefeldzug. Er bildet daher 1844 — 1845 ein Lieblingsthema in den Enthüllungen des Mor- ning Chronicle über die Zustände der Agrikulturarbeiter. Jenes Blatt , damals das bedeutendste liberale Organ , entsandte eigne Kommis- säre in die Agrikulturdistrikte, welche sich keineswegs mit allgemeiner Schilderung und Statistik begnügten , sondern die Namen sowohl der untersuchten Arbeiterfamilien als ihrer Landlords veröffentlichten. Die folgende Liste giebt Löhne , gezahlt auf drei Dörfern , in der Nachbarschaft von Blandford, Wimbourne und Poole. Die Dörfer sind Eigenthum des Mr. G. Bankes und des Grafen von Shaftesbury. Man wird bemerken, dass dieser Pabst der ,,low church" , diess Haupt der englischen Pietisten, und p. p. Bankes von den Hundelöhnen ihrer Arbeiter wieder einen bedeu- tenden Theil unter dem Vorwand von Hausrente einstecken. (Siehe nebenstehende Tabelle.) Der Widerruf der Korngesetze gab dem englischen Landbau einen ungeheuren Ruck. Drainirung auf der grössten Stufenleiter i*^) , neues System der Stallfütterung und des Anbaus der künstlichen Futterkräuter, Einführung mechanischer Düngapparate , neue Behandlung der Thonerde, gesteigerter Gebrauch mineralischer Düngmittel , Anwendung der Dampf- maschine und aller Art neuer Maschinerie u. s. w. , intensivere Kultur (i65 Erstes Dorf. .,■« H^ •S V - ö s i 5-« a «.2 Nn; :0.-SS a ^.S S-fe ö< 1 ^5 d ® 3 O TS c2 O -t. ^ a a — =6 " ^^ •" m d -/2d, ,d. Drittes Dorf. 6 7 sh. 5 7 sh. 2 5 sh. 1 sh. 1 sh. 7 sh. 2 d. 11 sh. 6 d. 5 sh. 6 d. 1 sh. 0 sh. 1 sh. 10 d. 8 sh. b sh. f) sh. .5 sh. 5 sh. 6 sh. 0 sh. 4 sh. o /2 öVäd. St/ad. 8 d. 1 sh. 1 sh. 1 sh. l sh. 1 sh. l sh. 1 sh. 0 sh. 0 sh. 0 sh. 1 sh. 1 sh. 2 sh. 2 sh. G d. S'/ad. 9 d. 9 d. 03/ i d. 1 '/o d. 03, 8',2 7 d. 11 d. 1 d. l'/ad. überhaupt charakterisiren diese Epoclie. Der Präsident der königlichen Gesellschaft für Agrikultur , HerrPusey, behauptet, dass die (relativen) Wirthschaftskosten durch die neu eingeführte Maschinerie beinahe nra die Hälfte verringert worden sind. Andrerseits ward der positive Boden- ertrag rasch erhöht. Grössere Kapitalauslage per Acre war Grundbe- dingung der neuen Methode, also auch beschleunigte Koncentration der Pachten 1^8^. Zugleich dehnte sich das Areal der Bebauung von 1846 bis 1865 um 464,119 Acres aus, nicht zu sprechen von den grossen Flächen '^6) London ,,Economi st". Jahrgang 184.5, p. 290. ''") Die Grundaristokratie schoss sich selbst zu diesem Zweck Fonds, natür- lich per Parlament, aus der Staatskasse vor, zu sehr niedrigem Zins, welchen die Pächter ihr doppelt zu erstatten haben. '■''') Die Abnahme der mittleren Pächter ersieht man namentlich aus den Rubriken des Census : ,, Pächters Sohn, Enkel, Bruder, Neffe, Tochter, Enkelin, Schwester, Nichte", kurz der vom Pächter beschäftigten Glieder seiner eignen Familie. Diese Rubriken zählten 18.'jl : 216, 851 Personen, 1861 nur 176,151. 66ß — der östlichen Grafschaften , welche ans Kaninchengeheg und armer Vieh- weide in üppige Kornfelder nmgezaubert wurden. Man weiss bereits, dass gleichzeitig die Gesammtzahl der in der Agrikultur betheiligten Personen abnahm. Was die eigentlichen Ackerbauer, bei- derlei Geschlechts und aller Altersstufen , betrifft , so sank ihre Zahl von 1,241,269 im Jahr 1851 auf 1,103,227 im Jahr 1861 '"9). Wenn der englische Generalregistrator daher mit Recht bemerkt: ,,üer Zuwachs von Pächtern und Landarbeitern seit 1801 steht in gar keinem Verhältniss zum Zuwachs des agrikolen Produkts'' i''") , so gilt diess Missverhältniss noch viel mehr von der letzten Periode, wo positive Abnahme der ländlichen A r b e i t e r b e v ö 1 k e r u n g Hand in Hand ging mit Aus- dehnung des bebauten Areals, intensiverer Kultur , unerhörter Accumula- tion des dem Boden einverleibten und des seiner Bearbeitung gewidmeten Kapitals , Steigerung des Bodenprodukts ohne Parallele in der Geschichte der englischen Agronomie , strotzenden Rentrollen der Grundeigenthümer und schwellendem Reichtlium dei' kapitalistischen Pächter. Nimmt man diess zusammen mit der ununterbrochen raschenErweiterung des städtischen Absatzmarkts und der Herrschaft des Freihandels , so war der Landar- beiter post tot discriraina rerum endlich in Verhältnisse gestellt , die ihn, s e c u n d u m a r t e m , gliickstoll machen mussten. Professor Rogers gelangt dagegen zum Resultat, dass der englische Landarbeiter heutigen Tags , gar nicht zu sprechen von seinem Vorgänger in der letzten Hälfte des 14. Jahrhundertsund im 15. Jahrhundert, sondern nur verglichen mit seinem Vorgänger aus der Periode 1770 — 1780, seine Lage ausserordentlich verschlechtert hat , dass ,, er wieder ein Leibeigner geworden ist" und zwar schlecht gefütterter und behauster Leibeigner '■"''). Dr. Julian H u n t e r , in seinem epochemachenden Bericht ü b e r d i e W o h n 1 i c h k e i t d e r L a n d a r b ei t e r', sagt : „Die Existeuzkost des bind (der Zeit der Leibeigenschaft angehöriger Name für den Landarbeiter) ist fixirt zu dem möglichst niedrigen Betrag, womit er leben kann . . . seine Zufuhr 159) Die Zahl der Schafhirten wuchs von 12,517 auf 25.559. 150) Census etc. 1. c. p. 36. 151) Rogers 1. c. p. 693. ,,The peasant has again becoine a serf. " 1. c. p. 10. Herr Rogers gehört zur liberalen Schule, ist persönlicher Freund von Cobden und Bright. also kein laudator temporis acti. G67 von Lohn und Obdach ist nicht berechnet auf den aus ihm herauszu- schlagenden Profit. Er ist der Nullpunkt in den Berechnungen des Päcli- ters" 1^2), ,, Seine Subsistenzmittel werden stets als eine fixe Quantität be- handelt"'S'*), ,,Was irgend eine weitere Reduktion seines Einkommens angeht, so kann er sagen : nihil habeo , nihil curo. Er hat keine Furcht für die Zukunft, weil er über nichts verfügt ausser dem, was zu seiner Existenz absolut unentbehrlich ist. Er hat den Gefrierpunkt erreicht, von dem die Berechnungen des Pächters als Datum ausgehn. Komme was wolle, er hat keinen Antheil an Glück oder Unglück" ^54). Im Jahr 1863 fand eine officielle Untersuchung über die Verpflegungs- und Beschäftigungszustäude der zu Transportation und öffentlicher Zwangs- arbeit verurtheilten Verbrecher statt. Die Resultate sind in zwei dickleibigen Blaubüchern niedergelegt. ,,Eine sorgfältige Vergleichung," heisst es unter anderem, ,, zwischen der Diät der Verbrecher in den Gefängnissen von England und der der Paupers in Workhouses und der freien Landarbeiter desselben Landes zeigt unstreitig, dass die erstem viel besser genährt sind als irgend eine der beiden andern Klassen" '^•^), während „die Arbeitsmasse, die von einem zu öffentlicher Zwangsarbeit Verurtheilten verlangt wird, ungefähr die Hälfte der vom gewöhnlichen Landarbeiter verrichteten be- trägt" ^^*^). Einige wenige charakteristische Zeugenaussagen : John Smith, Direktor des Gefängnisses von Edinburg, verhört. Nr. 5056 : ,,Die Diät in den englischen Gefängnissen ist viel besser als die der gewöhnlichen Landarbeiter." Nr. 5075: ,,Es ist Thatsache , dass die gewöhnlichen Agrikulturarbeiter Schottlands sehr selten irgend welches Fleisch erhal- •52) ..Public Health. Seventh Report. Loiid. 136r>", p. 242. ,,The cost of tlie hintl is fixed at the lowest possible aniount on which he can live . . . the supplies of wages or shelter are not eaiculated on the profit to be derived from him. He is a zero in farming caleulations." Es ist daher niciits ungewöhn- liches, dass entweder der Hausvermiether die Miethe für einen Arbeiter erhöht, so- bald er hört, dass er etwas mehr verdient, oder dass der Pächter den Lohn des Ar- beiters heruntersetzt, ,,weil seine Frau eine Beschäftigung gefunden hat." (l. c.) >53) 1. c. p. 13.5. '5S) 1. c. p. 134. '55) ,,HeportoftheCommissioners . . . relatingto Transpor- tation and Penal Servitude. Lond. 1863", v. I, n. 50. '5ß) 1. c. p. 77. ,, Memorandum by the Lord ChiefJustice." 668 ten." Nr. 3047: „Kennen Sie irgend einen Grund für die Notliwendig- keit, die Verbrecher viel besser (much better) zu nähren als gewöhnliche Landarbeiter? — Sicher nicht." Nr. 3048: „Halten Sie es für ange- messen weitere Experimente zu machen , \\m die Diät zu öffentlichen Zwangsarbeiten verurtheilter GefJmgenen der Diät freier Landarbeiter nahezu bringen ?'' '^^) „Der Landarbeiter," heisst es , „könnte sagen : Ich arbeite hart und habe nicht genug zu essen. Als ich im Gefängniss war, arbeitete ich nicht so hart und hatte Essen in Fülle , und darum ist es besser für mich im Gefängniss als im Freien zu sein" ^^^). Aus den dem ersten Band des Berichts angehängten Tabellen ist folgende verglei- chende Uebersicht zusammengestellt : Wöchentlicher Nahrun ^sbetrag. ^ ' a ■^ c — "^ fi ri Ol ■? " o w j- 3 £| •ä s ~ "« 'S " jj — xK 2 u c: S ^ rf jä -1 — o ** a 2 B a ._ cä M- >'^ 2k Verbrecher im Gefängniss von Unzen. Unzen. Unzen. Unzen. Portland 28.95 150.06 4.68 183.69 Matrose in der königl. Marine 29.63 152.91 4.52 187.06 Soldat 20.5.5 114.49 3.94 143.98 Kutsclieninacher (Arbeiter) 24.53 162.06 4.23 190.82 Setzer 21.24 100.83 3.12 125 19 Landarbeiter 17.73 118.06 3.29 139.08 Das allgemeine Resultat der ärztlichen Untersuchungskommission von 1863 über den Nnhrungszustand der schlechter genährten Volksklassen ist dem Leser bereits bekannt. Er erinnert sich , dass die Diät eines grossen Theils der Landarbeiterfamilien unter dem Minimalmass „zur Abwehr von Hungerkrankheiten" steht. Es ist diess namentlich der Fall in allen rein agrikolen Distrikten von Cornwall , Devon , Somerset , Dorset, Wilts, Stafford. Oxford, Berks und Herts. „Die Nahrung, die der Land- arbeiter er) i alt," sagt Dr. Simon, ,.ist grösser als das Diu-chschnitts- quantum anzeigt, da er selbst einen viel grösseren, für seine Arbeit unentbehr- '■'') 1. c. V. II. Evidence. 'S**) ). c V. I. Appendix p. 280 i^()9 liehen, Theil der Lebensmittel eiliält als seine iibi'if^en Familienglieder, in den ärmeren Distrikten fost ;dles Fleisch oder Speck. Das Quantum Nahrung, das der Frau zufällt, und ebenso den Kindern in ihrer Periode raschen Wachsthums, ist in vielen Füllen, und zwar in fast allen G r a f s c h a f t e n , mangelhaft, hauptsächlich an Stickstoff" ^^^). Die bei den Pächtern selbst wohnenden Knechte und Mägde werden reichlich genährt. Ihre Zahl fiel von 288,277 im Jahr 1851 auf 204,962 iai Jahr 1801. ,,Die Arbeit der Weiber auf freiem Feld," sagt Dr. Smith, ,,vou welchen sonstigen Nachtheilen auch immer begleitet, ist unter gegenwärtigen Umständen von grossem Vortheil für die Famihe, denn sie liefert derselben Mittel für Beschuhung, Kleidung, Zahlung der Hausrente, und befähigt sie so besser zu essen" ^^). Eins der merkwürdigsten Resultate dieser Untersuchung war, dass der Landar- beiter in England bei weitem schlechter genährt ist als in den andern Theilen des Vereinigten König-reichs (,,i8 considerably the worst fed"), wie die folgende Tabelle zeigt : Wöchentlicher Konsum von Kohle und Stickstoff durch den ländlichen Durch- schnittsarbeiter. England Wales Schottland Irland Kohle. Stickstoff. 40.673 Gran 1.594 Gran 48.354 Gran 2.031 Gran 48.980 Gran 2.348 Gran 43.366 Gran ! 2.439 Gran <5'J) ,, Public Health, öixth Report. 1863". Lond. 1864, p. 238, 249, 261, 262. '^•0) 1. c. p. 262. "'•) 1. c. p. 17. Der englische Landarbeiter erhält nur ',4 so viel Milch und nur '/.2 so viel Brodstoff als der irische. Den besseren Nahviingsstand der letzteren bemerkte schon A. Young, in seiner ,,Tour through Irelan d" Anfang dieses Jahrhunderts. Der Grund ist einfach der, dass der arme irische Pächter ungleich humaner ist als der reiche englische. Mit Bezug auf Wales gilt die Textangabe nicht für seinen Südwesten. ,,Alle dortigen Aerzte stimmen überein. dass die Zunahme der Sterblichkeitsrate von Tuberkulose, Skropheln n. s. w. an Intensivität wächst mit der Verschlechterung des phvsischen Zustande» der Bevölkerung, und alle schreiben diese Verschlechterung der Armuth zu. Der tägliche Unterhalt des Landarlteiters wird dort auf 5 d. veranschlagt, in vielen Distrikten zahlt der Pächter (selbst elend) weniger. Ein Bissen gesalznes Fleisch, getrockiet zur Härte von Mahagoni und katim werth des schwierigen Prozesses 670 „Jede Seite von Dr. Hunters Bericht", sagt Dr. Simon in seinem officiellen Gesundheitsbericht, ,,giebt Zeiigniss von der unzureichenden der Verdauung , oder Speck dient zur Würze einer grossen Quantitiit von Brühe, von Mehl und Lauch, .oder Haferschleim, und Tag nach Tag ist diess das Mittags- mahl des Landarbeiters . . . Der Fortschritt der Industrie hatte die Folge für ihn, in diesem harten und dumpfen Klima, das solide hausgesponnene Tuch durch wohl- feile Baumwollzeuge zu verdrängen und stärkere Getränke durch ,, nominellen" Thee . . . Nach langstündiger Aussetzung an Wind und Regen, kehrt der Acker- bauer zurück zu seiner Cottage, um niederzusitzen bei einem Feuer von Torf oder aus Lehm und Kohlenabfall zusammengesetzten Ballen , welche Wolken von Kohlen- und Schwefelsäure ausqualmen. Die Wände der Hütte bestehn aus Lehm und Steinen, das Estricht aus der nackten Erde, welche da war vor Erbauung der Hütte, das Dach ist eine Masse losen und aufgedunsenen Strohs. Jeder Spalt ist verstopft zur Erhaltung der Wärme, und in einer Atmosphäre von diabolischem Gestank, einen Schlammboden unter sich, oft mitseinen einzigen Kleidern trocknend auf seinem Leibe, nimmt er sein Abendbrod mit Weib und Kindern. Geburts- helfer, gezwungen einen Theil der Nacht in diesen Hütten zuzubringen, haben be- schrieben , wie ihre Füsse im Schlamm des Fussbodens versanken , und wie sie ge- zwungen waren, leichte Arbeit!, ein Loch durch die Wand zu bohren , um sich eine kleine Privatrespiration zu verschaffen. Zahlreiche Zeugen von verschiednem Rang bezeugen, dass der untergenährte (underfed) Bauer diesen und andren gesundheitswidrigen Einflüssen nächtlich ausgesetzt ist, und für das Resultat, ein geschwächtes und skrophulöses Volk , fehlt es wahrhaftig nicht an Beweisen . . . Die Mittheilungen der Pfarreibeamten von Carmarthenshire und Cardiganshire zeigen schlagend denselben Zustand der Dinge. Es kömmt hinzu eine noch grössere Pest, das Umsichgreifen des Idiotismus. Nun noch die klimatischen Ver- hältnisse. Heftige Südwestwinde durchblasen das ganze Land während 8 bis 9 Monaten im Jahr, in ihrem Gefolg Regen-Sturzbäche, die sieh hauptsächlich auf die westlichen Abhänge der Hügel entladen. Bäume sind selten, ausser in ge- deckten Plätzen; wo unbeschützt, werden sie ausser alle Form zerblasen. Die Hütten kriechen unter irgend eine Bergterrasse, oft auch in eine Schlucht oder einen Steinbruch, und nur die winzigsten Schafe und einheimisches Hornvieh können auf den Weiden leben . . . Die jungen Leute wandern nach dem östlichen Minen- distrikte von Glamorgan und Monmouth . . . Carmarthenshire ist die Pflanzschule der Minenbevölkerung und ihr Invalidenhaus . . . Die Bevölkerung erhält ihre Zahl nur mühsam. So in Cardiganshire: 1 8 5 1 186 1 Männlichen Geschlechts: 45,155 44,446 Weiblichen Geschlechts: 52,459 .^2,955 97,614 97,401." (Dr. Hunter's Report in ,, Public Health. S e v en t h Rep or t. 1864", Lond. 1865, p. 498 — 502 passim.) 671 Quantität und miserablen Qualität der W oh n 1 ich k ei t unsres Land- arbeiters. Und progressiv seit vielen Jahren hat sich sein Zustand in dieser Hinsieht verschlechtert. Es ist jetzt viel schwerer für ihn , Haus- raum zu finden, und, wenn gefunden, ist er seinen Bedürfnissen viel weni- ger entsprechend, als vielleicht seit Jahrhunderten der Fall war. Besonders innerhalb der letzten 3 0 oder 2 0 Jahre ist das Hebel in raschem Wachsthum begriffen , und die Wohnlichkeitsverhäitnisse des Laudmanns sind jetzt im höchsten Grad kläglich. Ausser soweit diejenigen, die seine Arbeit bereichert, es der Mühe werth halten ihn mit einer Art von mitleidiger Nachsicht zu behandeln , ist er ganz hilflos in der Sache. Ob er Behausung findet auf dem Land , wel- ches er bebaut , ob sie menschlich oder schweinisch ist , ob mit kleinem Garten, der den Druck der Armuth so sehr erleichtert, alles das hängt nicht von seiner Bereitheit oder Fähigkeit zur Zahlung einer angemessnen Miethe ab, sondern von dem Gebrauch, den Andre von ,dem Recht mit ihrem Eigenthum zu thun was sie wollen' zu machen belieben. Eine Pacht mag noch so gross sein , es existirt kein Gesetz , dass auf ihr eine bestimmte Anzahl von Arbeiterwohnungen, und nun gar anständigen, stehen muss ; noch behält das öesetz dem Arbeiter auch nur das kleinste Recht auf den Boden vor, für welchen seine Arbeit so nothwendig ist wie Regen und Sonnenschein . . . Ein notorischer Umstand wirft noch ein schweres Gewicht in die Wagschale gegen ihn ... , der Einfluss des Ar- mengesetzes mit seinen Bestimmungen über Niederlassung und Belastung zu&.Armentaxe'ß"2). Unter seinem Einfluss hat jede Pfarrei ein Geldinter- esse die Zahl ihrer r e s i d i r e n d e n Landarbeiter auf ein Mini- mum zu beschränken; denn, unglücklicher Weise, die Land- arbeit, statt sichre und permanente Unabhängigkeit des hartschanzenden Arbeitersund seiner Familie zu verbürgen, involvirt meist nur einen längern oder kürzern Um weg zu eventuellem Pauperismus, ein Pauperismus , der während des ganzen Wegs so nahe ist, dass jede Krankheit oder irgend ein vorübergehender Mangel an Beschäftigung unmit- telbar die Zuflucht zur Pfarreihilfe eruöthigt: und daher ist alle Resi- denz einer A c k e r b a u b e v ö 1 k e r u n g in einer Pfarrei augenschein- "'-) 1865 ist diess Gesetz etwas verbessert worden. Man wird bald durch die Erfahrung lernen, dass dergleichen Pfuscherei nichts hilft. — 672 — licli ein Zuschiiss zu ih ler A r m ensteuer ... Grosse Gruud- eigenthümer ^^3) haben nur zu beschliessen, dass keine Arbeiterwohuungen auf ihren Gütern stehn sollen, und sie befreien sich sofort von der Hälfte ihrer Verantwortlichkeit für die Armen. Wie weit die englische Konsti- tution und das Gesetz diese Art unbedingtes Grundeigenthura beabsichtig- ten, welches einen Landlord , der ,,mit seinem Eignen thut was er will", befähigt, die Bebauer des Bodens wie Fremde zu behandeln und sie von seinem Territorium zu verjagen, ist eine Frage , deren Diskussion nicht in meinen Bereich fällt . . . Diese Macht der Eviktion ist keine blosse Theorie. Sie wird praktisch auf der grössten Stufenleiter geltend ge- macht. Sie ist einer der Umstände, welche die Wohnlichkeitsverhältnisse des Landarbeiters beherrschen . . . Den Umfang des Uebels mag man aus dem letzten Census beurtheilen , wonach die Zerstörung von Häu- sern, trotz vermehrter lokaler Nachfrage für dieselben, während der letzten 10 Jahre, in 821 verschiednen Distrikten von Eng- land fortschritt, so dass, abgesehn von den Personen, die gezwungen wur- den N i c h t r e s i d i r e n d e (nämlich in dem Kirchspiel , worin sie arbei- ten) zu werden, 1861 verglichen mit 1851 eine um o^/^^ q grössere Be- völkerung in einen um 41/2" o kleineren Hausraum gedrängt wurde . . . Sobald der Entvölkerungsprozess sein Ziel erreicht hat, ist das Resultat, sagt Dr. Hunter, ein Schaudorf (show-village) , wo die Cottages auf wenige reducirt sind und wo niemand leben darf ausser Schafhirten, Gärtnern und Wildhütern, reguläre Bediente , welche die ihrer Klasse ge- wohnte gute Behandlung von der gnädigen Herrschaft erhalten '^*). Aber '63) Zum Verständniss des folgenden: CloseVillages (geschlossene Düifer) heissen die, deren Grnndeigenthümer ein oder ein paar grosse Landlords. Open Villages (offene Dörfer) die, deren Boden vielen kleineren Eigenthümern ge- hört. Es sind die letzteren Orte, wo Bauspekulanten Cottages und Logirhäuser errichten können. 16^)' Ein solches Schaudorf sieht sehr nett aus, aber es ist so unreal, wie die Dürfer, weiche Catharina II. auf der Reise nach der Krim sah. In der letzteren Zeit wird auch der Schafhirt häufig aus diesen show-villages verbannt. Z. B. bei Mai'ket Harboiuugh ist eine Schäferei von ungefähr 500 Acres , die nur die Arbeit eines Mannes erheischt. Zur Verminderung der langen Märsche über diese weiten Flächen , die schönen Weiden von Leicester und Northampton , pflegte der Hirt eine Cottage auf der Meierei zu erhalten. Jetzt giebt man ihm einen drei- zehnten Shilling für Logis, das er weitab in dem offenen Dorf suchen muss. 073 das Laod bedarf der Bebauung , und man wird finden , dass die darauf beschäftigten Arbeiter keine Haussassen des Grundeigenthümers sind, son- dern von einem offnen D orf herkommen , vielleiclit 3 Meilen weit ent- fernt, wo eine zahlreiche kleine Hauseigenthümerschaft sie aufnahm , nach Zerstörung ilirer Cottages in den geschlossnen Döifern. Wo die Dinge diesem Resultat zustreben, bezeugen die Cottages meist durch ihr elendes Aussehn das Schicksal, zu dem sie verdammt sind. Man findet sie auf den verschiednen Stufen natürliclien Verfalls. So lange das Obdach zu- sammenhält, wird dem Arbeiter erlaubt, Rente dafür zu zahlen, und er ist oft sehr froh diess thun zu dürfen , selbst wenn er den Preis einer guten Wohnung zu zahlen hat. Aber keine Reparatur, keine Ausbesserung, ausser die der pfenniglose Inhaber leisten kann. Wird es endlich zuletzt ganz unbewohnbar, so ist es nur eine zerstörte Cottage mehr und so viel künftige Armensteuer weniger. Während die grossen Eigenthtimer die Armentaxe so von sich abwälzen durch Entvölkerung des von ihnen kon- trotirten Grund und Bodens, nimmt das nächste Landstädtchen oder offne Ortschaft die hinausgeworfnen Arbeiter auf; die nächste, sage ich; aber diess ,, nächste" mag 3 oder 4 Meilen vom Pachthof entfernt sein, wo der Arbeiter sich täglich abzuplacken hat. So wird seinem Tages- w e r k , a 1 s 0 b e s g a r n i c h t s s e i , die N o t h w e n d i g k e i t eines täglichen M a ]■ s c h e s von 6 oder 8 Meilen zur Verdienung seines täglichen Brodes hinzugefügt. Alle von seiner Frau und seinen Kindern verrichtete Landarbeit geht jetzt unter denselben erschwerenden Umstän- den vor. Und diess ist nicht das ganze Uebel, welches ihm die Entfer- nung verursacht. In der offnen Ortschaft kaufen Bauspekulanten Boden- fetzen , welche sie so dicht wie möglich mit den wohlfeilsten aller mög- lichen Spelunken besäen. Und in diesen elenden Wohnlichkeiten , die sogar, wenn sie auf das oftne Land münden , die ungeheuerlichsten C h a r a k t e r z fl g e der schlechtesten S t a d t w o h n u n g e n theilen, hocken die Agrikulturarbeiter Englands ^^^) . . . Andrerseits muss man "'■'') ,,Die Hauser der Arbeiter (in den oft'enen Ortschaften, die natürlicli stets überfüllt sind) sind gewöhnlich in Reihen gebaut, mit dem Rücken auf der äusser- sten Kante des Bodenfetzens , den der Bauspekulant sein nennt. Sie sind daher ohne Zutritt von Licht und Luft, ausser von der Frontseite. " (Dr. Hunter's Report 1. c. p. 135.) Sehr oft ist der Bierwirth oder Krämer des Dorfs zugleich I. 43 674 sicli nur niclit einbilden, dass selbst der auf dem Grund und Boden, den er bebaut, behauste Arbeiter eine Wohnlichkeit findet, wie sie sein Leben produktiver Industrie verdient. Selbst auf den fürstlichsten Gütern ist seine Cottage oft von der allerjämmerlichsten Art. Es giebt Landlords , die einen Stall gut genug für ihre Arbeiter und deren Familien glauben , und die es dennoch nicht verschniähn aus ihrer Miethe so viel Baares als möglich herauszuschlagen '*'6). Es mag nur eine verfallende Hütte mit Hausverniiether. In diesem Fall findet der Landarbeiter in ihm einen zweiten Meister neben dem Pächter. Er muss zugleich sein Miether und Kunde sein. „Mit 10 sh. per Woche, minus einer jährlichen Rente von 4 Pfd. St., ist er verptlichtet, sein modicuni von Thee, Zucker, Mehl, Seife, Kerzen und Bier zu den dem Krämer beliebten Preisen zu kaufen." (1. c. p. 131.) Diese offenen Dorfschaften bilden in der That die ,,S tr af ko 1 onie en" des englischen Ack er baupr ole- tariats. Viele der Cottages sind reine Logirhäuser, wo alles vagabundirende Gesindel der Umgegend durehpassirt. Der Landmann und seine Familie, die oft wahrhaft wunderbar in den schmutzigsten Verhältnissen Tüchtigkeit und Reinheit des Charakters bewahrt hatten, gehn hier platterdings zum Teufel. Es ist natürlich Mode unter den vornehmen Shylocks über die Bauspekulanten und die kleinen Eigenthümer und die oftenen Orte iiharisäisch die Achsel zu zucken. Sie wis.sen sehr wohl , dass ihre ,, geschlossenen Dörfer" und ,, Schaudörfer" die Geburts- stätten der ,, oftenen Orte" sind und ohne dieselben nicht existiren könnten. ,,Ohne die kleinen Eigenthümer der offenen Orte müsste der grösste Theil der Landarbeiter unter den Bäumen der Güter schlafen, worauf sie arbeiten." '1. c. p. 13.5.) Das System der ,, offenen" und ,, geschlossenen" Dörfer herrscht in allen Midlands und im ganzen Osten Englands. "56) ,, Der Hausvermiether(der Pächter oder Landlord) bereichert sich direkt oder indirekt durch die Arbeit eines Mannes, dem er 10 sh. per Woche zahlt, und zwackt dann wieder von diesem armen Teufel 4 oder 5 Pfd. St. j äh rlich e Mieth e für Häuser ab, die keine 20 Pfd. St. auf offenem Markt werth sind, aber auf ihrem künstlichen Preis erhalten werden duich die Macht des Eigenthümers zu sagen: ,,Nimm mein Haus, oder pack' Dich und suche anderswo ein Unterkommen,, ohne Charaktercertitikat von mir" . . . Wünscht ein Mann sich zu verbessern und als Schienenleger zu einer Eisenbahn zu gehn oder einem Steinbruch , wieder ist dieselbe Macht bereit mit einem: ,, Arbeite für mich zu diesem niedrigen Arbeits- lolm , oder pack' Dich auf eine Woche Kündigung ; nimm Dein Schwein mit I^ir, wenn Du eins hast, und schau' zu, was Du aus den Kartofteln herausschlägst, die in Deinem Garten wachsen." Steht jedoch das Interesse nach der andern Seite, so zieht in solchen Fällen der Eigenthümer [resp. Pächter] manchmal eine er- höhte Hausmietiie vor als Strafe für die Desertion aus seinem Dienst. " (Dr. Hunter 1. c. p. 131.) 675 einer Schlafstube sein, ohne Feuerherd, ohne Abtritt, ohne offenbare Fenster, ohne Wasserzufuhr ausser dem Graben, olme Garten, der Arbeiter ist hilflos gegen die Unbill. Und unsere gesundheitspolizeilichen Gesetze („The Nuisances Renioval Acts") sind ein todter Buchstabe. Ihre Aus- führung ist ja grade den Eigenthümern anvertraut , welche solche Löcher vermiethen . . . Man muss sich durch ausnahmsweise lichtvollere Scenen nicht blenden lassen über das erdrückende Uebergewicht der Thatsachen, die ein Schandfleck der englischen Civilisation sind. Schauderhaft muss in der Tliat die Lage der Dinge sein, wenn, trotz der augenfälligen Unge- heuerlichkeit der gegenwärtigen Behausung , kompetente Beobachter ein- stimmig zu dem Schlussresultat gelangen , dass selbst die allgemeine Nichtswürdigkeit der Wohnungen noch ein unendlich minder drückendes Uebel ist als ihr bloss numerischer Mangel. Seit Jahren war die Ueber- stopfung der Wohnungen der Landarbeiter ein Gegenstand tiefen Kum- mers nicht nur für Personen, die auf Gesundheit, sondern für alle, die auf anständiges und moralisches Leben halten. Denn, wieder und wieder, in Phrasen so gleichförmig, dass sie stereotypirt zu sein scheinen, denunciren die Berichterstatter über die Verbreitung epidemischer Krankheiten in den Ruraldistrikten Haus-Ueberfttllung als einen Einfluss, der jeden V^ersuch, den Fortschritt einer einmal eingeführten Epidemie aufzuhalten, durchaus vereitelt. Und wieder und wieder ward nachgewiesen , dass den vielen gesundheitlichen Einflüssen des Landlebens zum Trotz die Agglomeration, welche das Umsichgreifen ansteckender Krankheiten so sehr beschleunigt, auch die Entstehung nicht ansteckender Krankheiten fördert. Und die Personen, welche diesen Zustand denuncirt haben , verschwiegen weiteres Unheil niclit. Selbst wo ihr ursprüngliches Thema nur die Gesundheits- pflege betraf, waren sie beinahe gezwungen auf die andern Seiten des Gegenstandes einzugehu. Indem sie nachwiesen , wie häufig es sich er- eignet, dass erwachsne Personen beiderlei Geschlechts, verheirathet und unverheirathet , zusammengehudelt („huddled") werden in engen Schlaf- stuben, mussten ihre Berichte die Ueberzeugung hervorrufen , dass unter den beschriebenen Umständen Scham- und Anstandsgefühl aufs gröbste verletzt und alle M o r a 1 i t ä t f a s t n o t h w e n d i g r u i n i r t w i r d '*'"). "''') ,,Jung verheirathete Paare sind kein erbauliches Studium für erwachsne Brüder und Schwestern in derselben Schlafstube ; und obgleich Beispiele nicht 43* . 676 . . . Z. B. im Appendix meines letzten Berichts erwähnt Dr. Ord , in sei- nem Bericht über den Fieberausbruch zu Wing in Buckingliamshire , wie fin junger Mann von Wingrave mit Fieber dorthin kam. In den ersten Tagen seiner Krankheit schlief er mit 9 andern Personen in einem Gemach zusammen. In zwei Wochen wurden verschiedne dieser Personen ange- griffen, im Verlauf weniger Wochen verfielen 5 von den 9 Personen dem Fieber und eine starb ! Gleichzeitig berichtete mir Dr. Harvey vom St. Geor- ge's Spital , der Wing während der Epidemiezeit in Angelegenheiten seiner l^rivatpraxis besuchte , in demselben Sinne: ,,Ein junges, fieberkrankes Frauenzimmer schlief Nachts in derselben Stube mit Vater, Mutter, ihrem Bastardkind, zwei jungen Männern, ihren Brüdern , und ihren zwei Schwe- stern, jede mit einem Bastard , in allem 1 0 Personen. Wenige Wochen vorher schliefen 13 Kinder in demselben Räume" ^6*). Dr. Hunt er untersuchte 5375 Landarbeiter-Cottages , nicht nur in den reinen Agrikulturdistrikten, sondern in allen Grafschaften Englands. Unter diesen 5375 hatten 2195 nur eine Schlafstube (oft zugleich Wohn- stube), 2930 nur 2 und 250 mehr als 2. Ich will für ein Dutzend Graf- schaften eine kurze Blüthenlese geben. 1) Bed f or dsh ire. Wrestlingworth: Schlafzimmer ungefähr 12 Fuss lang und 10 breit, obgleich viele kleiner sind. Die kleine einstöckige Hütte wird oft durch Bretter in zwei Schlafstuben getheilt, oft ein Bett in einer Küche 5 Fuss 6 Zoll hoch. Miethe 3 Pfd. St. Die Miether haben ihre eignen Abtritte zu bauen, der Hauseigenthümer liefert nur ein Loch. So oft einer legistrirt worden düiieu , liegen hinreicliende Data vor, um die Bemerkung zu rechtfertigen, dass grosses Leid und oft der Tod das Leos der weiblichen Theil- nehmer am Verbrechen der Blutschande ist." (Dr. Hunter 1. c. p. 137.) Ein ländlicher Polizeibeamter, der viele Jahre durch als Detcctiv in den schlechtesten Vierteln von London funktionirte, sagt von den Mädchen seines Dorfs aus: ,,Ihre grobe Immoralität im frühen Alter, ihre Frechheit und Schamlosigkeit habe ich niemals während meines Polizeilebens in den schlechtesten Theiien von London erreicht gesehn . . . Sie leben wie Schweine, grosse Jungen und Mädchen, Mütter und Väter, alles schläft zusammen in derselben Stube." (,,Child. Empl. Comm. Sixth Report. Lond. 1867", Appendix, p. 77, n. 155.) 168) Public Health. Seventh Report. Lond. 1865, p. 9 — 14; passim. (577 einen Abtritt b.int, wird letzterer von der ganzen Nachbarscliaft benutzt. Ein Hans Namens Ricliardson von unerreichbarer Schöne. Seine Mörtelwände bauschten aus wie ein Damenkleid beim Knix. Ein Giebelende war kon- vex, das andre konkav, und auf dem letztern stand unglücklicher Weise der Schornstein, ein krummes Rohr von Lehm und Holz gleich einem Elephantenrüssel. Ein langer Stock diente als Stütze , um den Fall des Schornsteins zu verhindern, Thtire und Fenster rautenförmig. Von 17 be- suchten Häusern nur 4 mit mehr als 1 Schlafzimmer und diese 4 über- stopft. Die einschläfrigen Cots bargen 3 Erwachsne mit 3 Kindern , ein verheirathetes Paar mit 6 Kindern u. s. w. Dunton : Hohe Haus-Renten, von 4 bis 5 Pfd. St., Wochenlohn der Männer 10 sh. Sie hoffen durch Strohflechten der Familie die Miethe herauszuschlagen. Je höher die Hansmiethe , desto grösser die Zahl , die sich zusammenthun muss , um sie zu zahlen. Sechs Erwachsne , die mit 4 Kindern in einer Schlafstube, zahlen dafür 3 Pfd. St. 10 sh. Das wohlfeilste Haus in Dunton, von der Aussenseite 15 Fuss lang, 10 breit, vermiethet für 3 Pfd. St. Nur eins von den 14 untersuchten Häusern hatte zwei Schlafstuben. Etwas vor dem Dorf ein Haus , von den Insas- sen bekothet vor seinen Aussenwänden , die untern 5 Zoll der Thüre ver- schwunden durch reinen Verfiiulungsprozess , einige Ziegelsteine von innen sinnreich des Abends beim Zusehliessen vorgeschoben und mit etwas Matte verhangen. Ein halbes Fenster , sammt Glas und Rahmen, war ganz den Weg allen Fleisches gegangen. Hier, ohne Möbel , hudelten 3 Erwachsne und 5 Kinder zusammen. Dunton ist nicht schlimmer als der Rest der Biggleswude Union. 2) Berkshire. Beenham: Juni 1864 lebte ein Mann , Frau, 4 Kinder in einem Cot (einstöckigen Cottage). Eine Tochter kam heim aus dem Dienst mit Scharlachfieber. Sie starb. Ein Kind erkrankte und starb. Die Mutter und ein Kind litten an Typhus , als Dr. Hunter gerufen wurde. Der Vater imd ein Kind schliefen auswärts , aber die Schwierigkeit Isolirung zu sichern , zeigte sich hier , denn im vollgepfropften Markt des elenden Dorfs lag das Leinen des fiebergeschlagnen Hauses , auf Wäsche wartend. — Die Miethe von H.'s Haus 1 sh. vk^öchentlich ; das eine Schlafzimmer für 1 Paar und 6 Kinder. Ein Haus vermiethet zu 8 d. (wöchentlich), 1 4 Fuss 6 Zoll lang, 7 Fuss breit, Küche 6 Fuss hoch ; das Schlafzimmer — (J78 ohne Fenster , Feuerplatz , Thüre , noch OefFuung , ausser nach dem Gang zu, kein Garten. Ein Mann lebte hier vor kurzein mit zwei erwachsnen Töchtern und einem aufwachsenden Sohn ; Vater und Sohn schliefen auf dem Bett, die Mädchen auf dem Hausgang. Jede hatte ein Kind, so lange die Familie hier lebte, aber eine ging zum Workhouse für ihre Entbindung und kelirte dann heim. 3) Buckinghamshire. 30 Cottages — auf 1000 Acres Land — enthalten hier ungefähr 130 — 140 Personen. Die Pfarrei von Bradenham umfasst 1000 Acres; sie hatte 18.51 36 Häuser und eine Bevölkerung von 84 Manns- und 54 Weibspersonen. Diese geschlechtliche Ungleichheit geheilt 1861 , wo sie 98 männlichen und 87 weiblichen Geschlechts zählte, Zuwachs in 10 Jah- ren von 14 Männern und 33 Weibern. Unterdess hatte die Häuserzahl um 1 abgenommen. W i n s 1 0 w : Grosser Theil davon neu gebaut in gutem Styl ; Nach- frage nach Häusern scheint bedeutend , weil sehr armselige Cots vermie- thet zu 1 sh. und 1 sh. 3 d. per Woche. W a t e r Eaton: Hier haben die Eigenthümer im Angesicht wach- sender Bevölkerung ungefähr 20**/o der existirenden Häuser zerstört. Ein armer Arbeiter, der ungefähr 4 Meilen zu seinem Werk zu gehn hatte, antwortete auf die Frage, ob er kein Cot näher finden könnte: ,,Nein, sie werden sich verdammt hüten , einen Mann mit meiner grossen Familie auf- zunehmen." T i n k e r ' s E n d , bei Winslow : Eine Schlafstube , worin 4 Er- wachsne und 4 Kinder, 1 1 Fuss lang , 9 Fuss breit , 6 Fuss 5 Zoll hoch am höchsten Punkt ; ein andres 1 1 Fuss 3 Zoll lang, 9 Fuss breit, 5 Fuss 10 Zoll hoch, beherbergte 6 Personen. Jede dieser FaraiUen hatte weni- ger Raum als nöthig für einen Galeerensträfling. Kein Haus hatte mehr als ein Schlafzimmer, keins eine Hinterthür , Wasser sehr selten , Wochen- miethe von 1 sh. 4 d. zu 2 sh. ^ In 16 untersuchten Häusern nur ein ein- ziger Mann, der 10 sh. wöchentlich verdiente. Das Luftreservoir, jeder Person in dem erwähnten Falle gegönnt, entspricht dem , das ihr zu gut käme, wenn des Nachts eingeschlossen in eine Schachtel von 4 Kubikfuss. Allerdings bieten die alten Hütten eine Masse naturwüchsiger Ventilation. 4) Cambridgeshire. Gamblingay gehört verschiednen Eigen thümern. Es enthält die (i79 lumpigsten Cots , die man irgendwo finden kann. Viel Sfrohflecliterei. Eine tödtliche Mattheit, eine hoffnungslose Ergebung in Schmutz beherrscht Gam- blingay. Die Vernachlässigung in seinem Centrum wird zur Tortur an den Ex- tremitäten, Nord und Süd, wo die Häuser stückweis abfaulen. Die abwesenden Landlords lassen dem armen Nest frei zur Ader. Die Miethen sind sehr hoch , 8 bis 9 Personen gepackt in ein einschläfriges Zimmer , in zwei Fällen 6 Erwachsne n)it je 1 und 2 Kindern in einer kleinen Schlafstube. 5) E s s e X : In dieser Grafschaft gehn in vielen Pfarreien Abnahme von Personen und Cottages Hand in Hand. In nicht weniger als 22 Pfarreien hat jedoch die Häuserzerstörung den Bevölkerungsan wachs nicht aufgehalten, oder nicht dieExpulsion bewirkt, welche unter dem Namen : „Wanderung nach den Städten'* überall vorgeht. In F i n g r i n g h o e , einer Pfarrei von 3443 Acres, standen 1851 145 Häuser, 1861 nur noch 110, aber das Volk wollte nicht fort luid brachte es fertig selbst unter dieser Be- handlung zuzunehmen. Zu Ramsden Crays bewohnten 1851 252 Personen Gl Häuser, aber 1861 waren 262 Personen in 49 Häuser ge- ). Daher findet man in den officiellen Dokumenten die widerspruchsvolle Klage derselben Orte über gleichzeitigen Arbeitsmangel und Arbeitsüberfluss registrirt. Der temporäre oder lokale Arbeitsmangel bewirkt keine Erhöhung des Arbeits- lohns , sondern Pressung von Weibern und Kindern in den Feldbau und Herabsteigen zu stets niedrigeren Altersstufen. Sobald die Weiber- und Kinderausbeutung grösseren Spielraum gewinnt, wird sie ihrerseits ein neues Mittel zur üeberzähligmachung des männlichen Landarbeiters und schsvachherziger Landlord über die von ihm geschafteue Einöde. ,,Est ist ein melancholisch Ding allein in seinem Land zu sein", sagte der Graf von Leicester, als man ihm zum Fertigbau von Holkham gratulirte ; ,,ich schaue um mich und sehe kein Haus ausser meinem eignen. Ich bin der Riese vom Riesenthurm und habe alle meine Nachbarn aufgegessen." 1^0) Aehnliche Bewegung seit den letzten Decennien in Frankreich, im Mass wie sich dort die kapitalistische Produktion der Agrikultur bemächtigt und die ,, überzählige" Landbevölkerung nach den Städten treibt. Ebenso hier ver- schlechterte Wohnlichkeits- und sonstige Verhältnisse an der Quelle der ,,Ueber- zähligen". Ueber das eigenthümliche ,, Proletariat foncier", welches das Parzel- lensystem ausgebrütet hat, sieh u. a. die früher citirte Schrift von Co Hins und: Karl Marx: ,,Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. New- York 1852", p. 56 sqq.) 1846 betrug die städtische Bevölkerung in Frankreich 24.42, die ländliche 75.58, 1861 die städtische 28.86, die ländliche 71.41. In den letzten 5 Jahren ist die Abnahme der ländlichen Procenttheile der Bevölkerung noch grösser. Schon 1846 sang Pierre Dupont in seinen ,,0 u vr iers" : ,,Mal vetus, loges dans les trous, Sous les combles, dans les decombres, Nüus vivons avec les hiboux Et les larrons, amis des ombres." 684 Niederhaltnng seines Lohns. Im Osten Englands blüht eine schöne Frucht dieses cercle vicieiix — das s. g. Gangsystem (Gang- oder Bandensystem), worauf ich hier kurz zurückkomme''^'). Das Gangsystem haust fast ausschliesslich in Lincolnshire, Hunting- donshire, Carabridgeshire, Norfolk, Suffolk und Nottinghamshire, sporadisch in den benachbarten Grafschaften von Northampton, Bedford und Rutland. Als Beispiel diene hier Lincolnshire. Ein grosser Theil dieser Graf- schaft ist neu , früherer Moor oder auch , wie in andern der genannten öst- lichen Grafschaften, der See erst abgewonnenes Land. Die Dampf- maschine hat für die Entwässerung Wunder gewirkt. Früherer Morast und Sandboden trägt jetzt ein üppiges Kornmeer und die höchsten Grund- renten. Dasselbe gilt von dem künstlich gewonnenen Alluvialiand, wie in der Insel von Axholme und den andren Pfarreien am Ufer des Trent. Im Mass wie die neuen Pachten entstanden , wurden nicht nur keine neuen Cottages gebaut, sondern alte niedergerissen, die Arbeitszufuhr aber ver- schatft aus den meilenweit entfernten offnen Dörfern längst den Land- strassen , die an Hügelrücken vorbeischlängeln. Dort hatte die Bevöl- kerung früher allein Schutz vor den langanhaltenden Winterüberschwem- mungen gefunden. Auf den Pachten von 400 bis 1000 Acres ansässige Arbeiter (sie heissen hier ,,confined labourers") dienen ausschliesslich zur permanenten schweren und mit Pferden verrichteten Landarbeit. Anf je 100 Acres (1 Acre = 1.584 prenssische Morgen) kommt im Durch- schnitt kaum eine Cottage. Ein Fenlandpächter z. B. sagt aus vor der Untersnchungskommission : ,, Meine Pacht erstreckt sich über 320 Acres, alles Kornland. Sie hat keine Cottage. Ein Arbeiter wohnt jetzt bei mii'. Ich habe vier Pferdemänner in der Umgegend logirend. Das leichte Werk, wozu zahlreiche Hände nöthig, wird durch Gänge vollbracht" ^'^^). Der Boden erheischt viel leichtes Feldwerk wie Ausjäten des Unkrauts, Behackung , gewisse Düngeroperationen , Auflesen der Steine u. s. w. Es wird verrichtet durch die Gänge oder organisirten Banden , deren Wohnsitz in den offenen Ortschaften. Der Gang besteht aus 10 bis 40 oder 50 Personen, nämlich Wei- ''!) Der ,, Sechste" und schliessliclie ,,Keport" der ,,Child. Empl. Co mm.", publicirt Ende März 1867, hehiindelt nur das agrikole Gangsystera. "2) ,,Child, Empl. Comni. VI. Report." Evidence, p. 173. 685 bern, jungen Personen beiderlei Geschlechts (13 — 18 Jahr), obgleich Jun- gen meist mit dem 13. Jahr ausscheiden, endlich Kindern beiderlei Geschlechts (6 — 13. Jahr). An der Spitze steht der Ganginaster (Gangmeister), immer ein gewöhnlither Landarbeiter, meist ein s. g. schlechter Kerl, Liederjahn, unstät , versoffen, aber mit einem ge- wissen Unternehmungsgeist und savoir faire. Er wirbt den Gang, der unter ihm arbeitet, nicht unter dem Pächter. Mit letztrem akkordirt er n)eist auf Stückwerk, und sein Einkommen , das im Durch- schnitt nicht sehr hoch über das eines gewöhnlichen Landarbeiters steigt '7*), hängt fast ganz ab vom Geschick, womit er in kürzester Zeit möglichst viel Arbeit aus seiner Bande flüssig zu machen weiss. Die Pächter haben entdeckt , dass Frauenzimmer nur unter männlicher Dikta- tur ordentlich arbeiten, dass aber Frauenzimmer und Kinder, wenn einmal im Zug, mit wahiem Ungestüm, was schon Fourier wusste, ihre Lebens- kraft verausgaben , wälirend der erwachsne männliche Arbeiter so heim- tückisch ist damit, soviel er kann, hauszuhalten. Der Gangmeister zieht von einem Gut zum andern und beschäftigt so seine Bande 6 — 8 Monate im Jahr. Er ist daher ein viel einträglicherer und sicherer Kunde für die Arbeiterfa- milien als der einzelne Pächter, welcher die Kinder nur gelegentlich beschäf- tigt. Dieser Umstand befestigt seinen Eiufluss so sehr in den offnen Ort- schaften, dass in vielen die Kinder nur durch seine Dazwischenkunft hab- bar sind. Das individuelle Verpumpen derselben, ausserhalb des Gangs, au die Pächter, bildet sein Nebengeschäft. Die ,, Schattenseiten" des Systems sind die Ueberarbeit der Kinder und jungen Personen, die ungeheuren Märsche, die sie täglich zu und von den 5, 6 und manchmal 7 Meilen entfernten Gütern zu machen haben, end- lich die Demoralisation des ,, Gangs". Obgleich der Gangmeister, der in einigen Gegenden ,,the driver" (Treiber) heisst, mit einem langen Stabe ausgerüstet ist , wendet er solchen jedoch nur selten an, und Klage über brutale Behandlung ist Ausnahme. Er ist ein demokratischer Kaiser oder eine Art Rattenfänger von Hameln. Er bedarf also der Popularität unter seinen Unterthanen und fesselt sie an sich durch das unter seinen Auspicien blühende Zigeunerthum. Rohe Ungebuudenheit, lustige Ausge- ''^) Einzelne Gangmeister jedoch haben sich zu Pächtern von 500 Acres oder Besitzern ganzer Häuserreihen heraufgearbeitet. 686 lassenheit und obscönste Frechheit leihen dem Gang Flügel. Meist zahlt der Gangmeister in einer Kneipe aus und kehrt dann wohl wankend, rechts und links gestützt auf ein stämmiges Frauenmensch , an der Spitze des Zugs heim , die Kinder und jungen Personen hinterher tollend , Spott- und ZotenHeder singend. Auf dem Rückweg ist das, was Fourier ,Phane- rogaraie' nennt, an der Tagesordnung. Die Schwängerung dreizehn- und vierzehnjähriger Mädchen durch ihre männlichen Altersgenossen ist häufig. Die offenen Dörfer , welche das Kontingent des Gangs stellen , werden Sodoms und Gomorrhas i^*) und liefern doppelt so viel unehliche Geburten als der Rest des Königreichs, Was in dieser Schule gezüchtete Mädchen, als verheirathete Frauen in der Moralität leisten , ward schon früher ange- deutet. Ihre Kinder, soweit sie selbe nicht durch Opium u. s. w. besei- tigen, sind geborne Rekruten des Gangs. Der Gang in seiner eben beschriebenen klassischen Form heisst öffentlicher, gemeiner oder Wandergang (public, common or tramping gang). Es giebt nämlich auch Privatgänge (private gangs). Sie sind zusammengesetzt wie der Gemeingang, zählen aber weniger Köpfe und arbeiten , statt unter dem Gangmeister, unter einem alten Bauern- knecht, den der Pächter nicht besser zu verwenden weiss. Der Zigeuner- humor verschwindet hier, aber nach allen Zeugenaussagen verschlechtern sich Zahlung und Behandlung der Kinder. Das Gangsystem , das sich seit den letzten Jahren beständig aus- dehnt ^'^^), existirt offenbar nicht dem Gangmeister zu lieb. Es existirt zur Bereicherung der grossen Pächter ^^6), resp. Landlords ^'^'^). Für den Päch- '") ,,Die Hälfte der Mädchen von Bidford ist ruiniit worden durch den Gang." 1. c. Appendix, p. 6, n. 32. •"*) „Das System hat sehr zugenommen in den letzten Jahren. In einigen Plätzen ist es erst seit kurzem eingeführt, in andern, wo es älter, werden mehr und jüngere Kinder in den Gang einrollirt." (1. c. p. 79, n. 174.) '■'ß) ,, Kleine Pächter wenden die Gangarbeit nicht an." ,,Sie wird nichtange- wandt auf armem Land, sondern auf Land, was 2 Pfd. St. bis 2 Pfd. St. 10 sh.. Rente per Acre bringt." (1. c. p. 17 u. 14.) "■') Einem dieser Herrn schmecken seine Renten so gut, dass er der Unter- suchungskommission entrüstet erklärt, der ganze Schrei sei nur dem Namen des Systems geschuldet. Wenn man es statt ,,Gang" dahingegen ,, jugendliche in- dustriell-agrikol - cooperative Selbsterhaltungsassociation" taufe, so wäre alles all right. 687 tcr giebt's keine sinnreichere Methode, sein Arbeiterperson:! I lief unter dem normalen Niveau zu lialten und dennoeh für alles Exfrawerl< stets dit; Extrahand bereit zu haben , mit möglichst wenig Geld möglichst viel Arbeit herauszuschlagen ''^j und den erwaehsnen miinnlichen Arbeiter ,, überzählig'' zu maelieu. Nach der frühem Auseinandersetzung versteht man, wenn einerseits die grösseie oder geringere Beschäftigungslosigkeit des Landmanns zugestanden , andrerseits zugleich das Gangsystem wegen Mangels an männlicher Arbeit und ihrer Wanderung nach den Städten für ,,noth wendig" erklärt wird •'^^). Das unkrautreine Feld und das Menschenunkraut von Lincolnshire u. s. w. sind Pol und Gegenpol der kaj)!talistischen Produktion "*'^'). >'*^) ..Gangarbeit ist wohlfeiler als andre Arbeit, das ist die Ursache, wajnm sie angewandt wird", sagt ein ehemaliger Gangmeister. (1. c. p. 17, n. 11.) ,,Das Gangsystem ist entschieden das wühlteilste für den Pächter und eben so ent- schieden das verderblichste für die Kinder", sagt ein Pächter. (1. c. p. 16, n. 4.) '"'J) ,, Zweifelsohne vieles jetzt von den Kindern in Gängen verrichtete AVerk wurde früher von Männern und Weibern verrichtet. Wo Weiber und Kinder an- gewandt werden, sind jetzt mehr Männer arbeitslos (,,more men are out of work") als früher." (1. c. p. 43, n. 202.) Dagegen u. a. : ,,Die Arbeitsfrage (labour ([uestion) in vielen Agrikulturdistrikten, besonders den kornproduciren- den , wird so ernsthaft in Folge der Auswanderung und der Leichtigkeit, wekhe die Eisenbahnen zur Entfernung nach den grossen Städten bieten , dass ich (das .,Ich" ist das des Landagenten eines grossen Herrn) die Kinderdienste für absolut unentbehrlich halte." (1. c. p. 80, n. 180.) The Labour Question (die Arbeitsfrage) bedeutet nämlich in den englischen Agriknlturdistrikten , im Unter- schied von der übrigen civilisirten Welt, the landlords' and farmers' Question (Landlords- und Pächterfrage), wie, trotz stets vermehrtem Abzug der Landleute, eine genügende ,, relative Uebervölkerung" auf dem Land und dadurch das , .Minimum des Arbeitslohns" für den Landarbeiter zu verewigen sei? '^0) Der früher von mir citirte ,, Public Health Report" , worin bei Gele^^en- heit der Kindersterblichkeit vorübergehend vom Gangsystem gehandelt wird , blieb der Presse nnd daher dem englischen Publikum unbekannt. Dagegen bot der neuliche Bericht der ,,Child. Empl. Comm." willkommenes ,,sensational" Pressfutter. Während die liberale Presse frug, wie doch die feinen Gentlemen und Ladies nnd Staatskirchpfründner , womit Lincolnshire schwärmt, ein solches System auf ihren Gütern . unter ihren Augen aufwachsen lassen konnten, Perso- nagen , die eigne ,, Missionen zur Sittenverbesserung der Südseewilden" nach den Antipoden entsenden, stellte die feinere Presse ausschliesslich Betrachtungen über die rohe Verdorbenheit d e r L a n d 1 e u t e an , die fähig sind , ihre Kinder in 688 Zum Scliluss dieses Absclinitfs müssen wir noch einen Augenblick nach Irland wandern. Zunächst die Thal Sachen, worauf es hier ankommt. Irlands Bevölkerung war 184 1 auf 8,222,664 Personen ange- wachsen, 18 5 1 auf 6,62,3,982 zusammengeschmolzen, 186 1 auf o,850,,309 ,18 6 6 auf ö'/g Mill. , ungefähr auf ihr Niveau von 18 0 1. Die Abnahme begann mit dem Hungerjahr 18 4 6, so dass Irland in weniger als 20 Jaliren mehr als ^/iq seiner Volksmenge verlor^*')- Seine Gesammtemigration von Mai 1851 bis Juli 1865 zählte 1,591,487 Per- sonen, die Emigration während der letzten 5 Jahre 1861 — 1865 mehr als eine halbe Million. Die Zahl der bewohnten Häuser verminderte sich von 1851 — 1861 um 52,990. Von 1851 — 1861 wuchs die Zahl der Pachthöfe von 15 — 30 Acres um 61,000, die der Pachthöfe über 30 Acres um 109,000, während die Gesammtzahl aller Pach- ten um 120,000 abnahm, eine Abnahme, die also ausschliesslich der Vernichtung von Pachten unter 15 Acres, alias ihrer K o n c e n - t r a t i 0 n geschuldet ist. solche Sklaverei zu verkaufen ! Unter den fluchwürdigen Umständen, worin. ,,die Delikatem" den Landniann gebannt, wäre es erklärlich , wenn er seine eigenen Kinder aufässe. Was wirklich wunderbar, ist die Charaktertüchtigkeit, die er grossentheils bewahrt hat. Die officiellen Berichterstatter beweisen , dass die Eltern selbst in den Gangdistrikten das Gangsjstem verabscheuen. ,,Man findet reichlichen Beweis in den von uns gesammelten Zeugenaussagen , dass die Eltern in vielen Fällen dankbar sein würden für ein Zwangsgesetz, welches sie be- fäliigen würde, den Versuchungen und dem Druck zu widerstehn , denen sie oft unterworfen sind. Bald treibt sie der Pfarreibeamte, bald der Anwender unter Androhung ihrer eignen Entlassung, die Kinder auf den Verdienst, statt in die Schule zu schicken . . . Alle verwüstete Zeit und Kraft, alles Leid, welches ausser- ordentliche und nutzlose Ermüdung für den Landmann und seine Familie produ- cirt, jeder Fall, worin die Eltern den moralischen Ruin ihres Kindes auf die Ueber- fiillung der Cottages oder die besudelnden Einflüsse des Gangsystems zurückleiten, staclielu in der Brust der arbeitenden Armen Gefühle auf, die man wohl verstehn wird , und die es unnothig ist zu detailliren. Sie haben ein Bewusstsein darüber, dass ihnen viel körperliche und geistige Qual angethan wird diircli Umstände, wofür sie in keiner Weise verantwortlich sind, welchen sie, hätte es in ihrer Macht gestanden, niemals ihre Zustimmung gegeben hätten, und wider welche anzu- kämpfen sie ohnmächtig sind." (1. c. p. XX, n. 82 und XXIIl, n. 96.) 181) Bevölkerung von Irland: 1801: 5,319,867 Peisonen , 1811: 6,084,996,1821: 6, 869,. 544, 1831 : 7,828,347,1841: 8,222,664. 689 Die Abnahme der Volksmenge war natürlich im Grossen und Ganzen von einer Abnahme der Produktenmasse begleitet. Für unsren Zweck genügt es, die 5 Jahre 1861 — 1865 zu betrachten, während deren über 1/2 Million emigrirte und die absolute V 0 1 k s z a h 1 um mehr als ^3 Million sank. Tabelle A. V i e h s t a n il . Jahr. Pferde. Gcsammtzahl. Abnahme. Hornvieh. Gesaninitzahl. Abnahme. Zunahme. 1860 1861 1862 1863 1864 1865 619,811 614,232 602,894 579,978 562,158 547,867 5,993 11,338 22,916 17,820 14,291 3,606,374 3,471,688 3,254,890 3,144,231 3,262,294 3,493,414 138,316 216,798 110,695 118,063 231,120 Schafe. Schweine. Jahr. Gesammt- zahl. Abnahme. Zunahme. Gesammt- zahl. Abnahme. Zunahme. 1860 3,542,080 1,271,072 1861 3,556,050 13,970 1,102,042 169,030 1862 3,456,132 99,918 1,154,324 52,282 1863 3,308,204 147,982 l,067,4r>8 86,866- 1864 3,366,941 58,737 1,058,480 8,978 1865 3,688,742 321,801 1,299.893 241,413 Pferde. Hornvieh. Schafe. Schweine. Absolute Abn.ihme 72,358. Absolute Abnahme 116,626. Absolute Zunahme 146,608. Absolute Zunahme 28,819. 182) Wenden wir uns jetzt zum Ackerbau , der die Lebensmittel für Vieh und Mensch liefert. In der folgenden Tabelle ist Ab- oder Zunahme für das Jahr 1861 auf das Jahr 1860 berechnet, kurz für jedes einzelne Jahr '^-) Das Ergebniss würde sich ungünstiger stellen, wenn wir weiter zurück- gingen. So Schafe 1865: 3,688,742, aber 1856: 3,694,294; Schweine 1865: 1.299,893, aber 1858 : 1,409,883. I. 44 690 mit Bezug' auf das unmittelbar vorhergehende. Die Kornfrucht um- fasst Weizen , Hafer , Gerste , Bere , Roggen , Bohnen und Erbsen , die Grünfrucht Kartoffeb, Turnips, Mangel- und Runkelrübe, Kohl, gelbe Rüben, Parsnips, Wicke u. s. w. Tabelle B. Zu- oder Abnahme fies zum Fruchthau und als Wiese (resp. Weide) benutzten Bodenareals in Acres. Alles zu Ackerbau Grasland und und Viehzucht Korufrucht. Grünfrucht. Kiee. Flachs. dienende Land. ^ 6 ffl 6 . . a a B a a a a •s ^ ^ CS •ä •ä ^ j? 's s ö c^ 00 n in XO o r- t^ o Oi w 05 ;o o (M in t^ < (M I-- r— Ol tc — <— • UD 00 00 CO 'T ■j; CO o in in — S •" -^ •S981 eraqEuqv pnn araqBnnz •?3iTipoJd o — — O CO 05 « CO Cl -* ■* CO — C5 •* in CO (M in ;o oo' I'I 00 in -^ — — cj — CO _ in CO "" O Ol ß (M CD ■* — — t, — O CO ^ i o -•O^ ^ = aJ o o :: s ;:) M Ä D CO •= bD „ -a S CS O "^ ^H 05 oo (M _ o C5 (M -^ o Tl (M CO CO ■^ tC «o l- r~ — — 00 »n t^ (M ;o CO !D ^ -*• ■* in CO _ CO Ol 00 0!J o C75 -M in ^- C»! c^ to •* 00 ^ 00 «~ CO R, 00 to in — — Ci o "3 »^ Ä © O) ö IlS 3 C3 K ßi " tc s __ ^ CS S ^ O ^ (U t> H S UJ •* S < 5 bJO C s « a> 00 s - S ?i 5j -S Q c Q o ^ :j ■? 44* G92 Von der Bewegung der Bevölkerung und Bodenproduktion Irlands gehn wir über zur Bewegung in der Börse seiner Landlords, grösseren Pächter und industriellen Kapitalisten. Sie reflektirt sich im Ab und Zu der der Einkommensteuer unterworfenen jährlichen Ein- kommen. Zum Verständniss der folgenden Tabelle bemerken wir, dass Ru- brik D (Profite mit Ausnahme der Pächterprofite) auch s. g. „profes- sionelle" Profite einbegreift, d. Ii. die Einkommen von Advokaten, Aerzten u. s. w. , die nicht besonders aufgezählten Rubriken C und E aber die Einnahmen von Beamten , Officieren , Staatssynekuristen , Staatsgläu- bigern u. s. w. Tabelle D. Der Einkommensteuer unterliegende Einkommen in Pfd. St. 1860 1861 1862 'l863 1864 1865 Rubrik A. Grundrente. 12,893,829 13,003,554 13,398,938 13,494,091 13,470,700 13,801,616 Rubrik B. Pächterprofite. 2,705,387 2,773,644 2,937,899 2,938,923 2,930,874 2,946,072 Rubrik D. Industrielle u. s. w. Profite. 4,891,652 4,836,203 4,858,800 4,846,497 4,546,147 4,850,199 Sämmtliche Rubri- ken A bis E. 22,962,8S5 22,998,394 23,597,574 23,658,631 23,230,298 23,980,340 '84;. Unter Rubrik D betrug die Zunahme des Einkommens im Jahres- durchschnitt von 1853 — 1864 nur 0.93, während sie in derselben Pe- riode in Grossbritanien 4.58 betrug. Die folgende Tabelle zeigt die V e r t h e i 1 u n g der Profite (mit Ausschluss der Pachte rprofite) für die Jahre 18 6 4 und 18 6 5: Siehe nebenstehende Tabelle E. England, ein Land entwickelter kapitalistischer Produktion und vor- zugsweis industriell , wäre verblutet an einem Volksaderlass , gleich dem iiischen. Aber Irland ist gegenwärtig nur ein durch einen breiten Was- sergraben abgezäunter Agrikulturdistrikt Englands , dem es Korn , Wolle, Vieh, industrielle und militärische Rekruten liefeit. Die Entvölkei'ung hat viel Land ausser Bebauung geworfen , das >8i) ,,Tenth Report oftheComroissioners of Inland Revenue. Lond. 1866." Riiliiik D. ()93 Tabelle £. Einkommen aus Profiten (über 60 Pfd. St.) in Irland. 1864 1865 Jährliche Gesammt- Pfd. St. Pfd. St. einnahme von : 4,363,610 vertheilt unter 17,467 Pers. 4,669,979 vertheilt unter 18,08) Pers. Jährliche Einkom- men unter 100 Pfd. St. 238,726 ,, 5015 „ 222,575 ,, 4703 ,, Von der jährliehen Gesammteinnahrae : 1,979,066 ,, 11,321 „ 2,028,471 ,, 12,184 ,, Rest der jährlichen Gesammteiunahme von : 3,150,818 ,, 1131 „ 2,418,933 ,, 1194 ,, l 1,083,906 ,, 910 ,, 1,097,937 ,, 1044 ,, 1,066,912 ,j 121 ,, 1,320,996 ,, 186 ,, Davon: / 430,535 ^, 105 ,, 584,458 j^ 122 ,, 646,377 ,j 26 ,, 736,448 ,j 28 ,, 1 262,610 " 3 ,, 274,528 " 3 ,, 185) Bodenprodukt sehr vermindert i^^), und selbst, trotz des erweiterten Areals der Viehzuclit, in einigen ihrer Zweige absolute Abnahme erzengt, in an- dern kaum nennenswerthen und durch beständige Rückschritte unterbroch- nen Fortschritt. Dennoch stiegen Grundrenten und Pachtprofite, obgleich letztere nicht so constant wie die erstem, fortwährend mit dem Fall der Volksmasse. Der Grund ist leicht verstandlich. Einerseits verwandelte sich mit der Zusammenwerfung der Pachten und der Verwandlung von Ackerland in Viehweide ein grösserer Theil des Gesammtprod ukts in Mehrprodukt. Die absolute Masse des Mehrprodukts wuchs , ob- gleich das Gesammtprodukt , wovon sie einen Bruchtheil bildet , absolut abnahm. Andrerseits stieg derGeldwerth dieses Mehrprodukts noch rascher als seine Masse, in Folge der seit den letzten 20 und ganz besonders seit den letzten 10 Jahren steigenden englischen Marktpreise für Fleisch, Wolle u. s. w. Zersplitterte Produktionsmittel , die den Prodncenten selbst a's Be- schäftigungs - und Subsistenzmittel dienen, ohne sich durch Einverleibung '>*-'^) Das jährliche Gesamniteinkomnien unter Rubrik D weicht hier von der vorigen Tabelle ab, wegen gewisser gesetzlich zulässiger Abzüge. 186) Wenn das Produkt auch verhältniss massig per Acre abnimmt vergesse man nicht, dass England seit 1 ' '2 Jahrhunderten den Boden von Irland exportirt hat, ohne seinen Bebauern auch nur die Mittel zum Ersatz der Bödenbestandtheile zu 95) ,,The riglit of the poor to share in the tithe , is established by the tenure of ancient Statutes." (Tuckettl. c. v. 11, p. 804, 805.) 196) William Cobbett: ,,A History of the Protestant Refor- matio n", §. 471 . '''■') Den protestantischen ,, Geist" ersieht man u. a. aus folgendem. Im Süden Englands steckten vcrschiedre Grundeigenthiimer und wohlhabende Pächter die Köpfe zusammen , und setzten über die richtige Interpretation des Armen- gesetzes der Elisabeth 10 Fxagen auf, welche sie einem berühmten Juristen jener Zeit, Sergeant Snigge (später Richter unter Jakob I.) , zum Gutachten vorlegten. ,, Neunte Frage: Einige der reichen Pächter der Pfarrei haben einen klugen Plan ausgeheckt, wodurch alle Wirre in Ausübung des Akts beseitigt werden kann. Sie schlagen den Bau eines Gefängnisses in der Pfarrei vor. Jedem Armen,, der sich nicht in vorbesagtes Gefängniss einsperren lassen will, soll die Unter- stützung versagt werden. Es soll dann der Nachbarschaft Notiz gegeben werden^ (la.ss wenn irgend eine Person geneigt, die Armen dieser Pfarrei zu pachten, sie versiegelte Vorschläge eingeben soll, an einem bestimmten Tag, zum niedrigsten Preis, wozu sie selbe uns abnehmen will. Die Urheber dieses Plans unter- stellen , dass es in den Nachbargrafschaften Personen giebt, die unwillig sind zu arbeiten, und ohne Vermögen oder Kredit, um eine Pacht oder ein Schiff zu er- werben, so dass sie ohne Arbeit leben könnten (,,so as to live wiihout labour"). Solche dürften geneigt sein , der Pfarrei sehr vortheilhafte Vorschläge zu machen. Sollten hier und da Arme unter des Kontraktors Obhut kaput 707 waren nicht ihre nachhaltigsten. Das Kircheneigenthum bildete das religiöse Bollwerk der alterthiimlichenGrundeigenthuius- verhältnisse. Mit seinem Fall waren sie nicht länger vertheidigbar^^^). Noch in den letzten Decennien des 17. Jahrhunderts war die Yeoraanry, eine unabhängige Bauernschaft, zahlreicher als die Klasse der Pächter. Sie hatte die Ilauptstärke Cromwell's gebildet und stand , selbst nach Ma- caulay's Geständniss, in vortheilhafteiu Gegensatz zu den versoffenen Mist- junkern und ihren Bedienten, den Landpfaffen, welche die herrschaftliche ,,Lieblingsraagd" unter die Haube bringen niussten. Noch waren selbst die ländlichen Lohnarbeiter Miteigenthümer am Gemeindeeigenthum. gehn, so wird die Sünde an seiner Thüreliegen, da die Pfarrei ihre Pflichten gegen selbige Arme erfüllt hätte. Wir fürchten jedoch, dass der gegen- wärtige Akt keine Klugheitsmassregel (,,prudential measure") dieser Art erlaubt; aber Sie müssen wissen, dass der Rest der freeholders dieser Grafschaft und der anliegenden sich uns anschliessen wird , um ihre Unterhausmitglieder zur Vorlage eines Gesetzes anzutreiben, welches Einsperrung und Zwangsarbeit der Armen ge- stattet, so dass jede Person , welche sich der Einsperrung widersetzt, zu keiner Unterstützung berechtigt sein soll. Diess, so hoft'en wir, wird Personen im Elend abhalten, Unterstützung zu bedürfen" (,,will prevent persons in distress from wanting relief"). (R. Blakey: ,,The History ofPoliticalLiterature from th e earl i es t ti mes. Lo n d. 1855", v. II, p. 83 sqq.) — In Schott- land fand die Abschaftung der Leibeigenschaft Jahi-hunderte später statt als in England. Noch 1698 erklärte Salhoun im schottischen Parlament: ,,Die Zahl der Bettler ist in Schottland auf nicht weniger als 200,000 geschätzt. Das einzige Hilfsmittel , welches ich, ein Republikaner von Prinzip, vorschlagen kann, ist den alten Zustand der Leibeigenschaft zu restauriren und aus allen denen Sklaven zu machen, die unfähig sind für ihre eigne Subsistenz zu sorgen." So Eden 1. c. b. I, eh. I: ,,Von der Freiheit der Ackerbauer datirt der Pauperismus . . . Manufakturen und Handel sind die wahren Aeltern unsrer nationalen Armen." Eden, wie jener schottische Repub- likaner von Prinzip, irrt nur darin, dass nicht die Aufhebung der Leibeigenschaft, sondern die Aufhebung des Eigenthunis des Ackerbauers an Grund und Boden ihn zum Proletarier, resp. Pauper machte. — Englands Armengesetzen entspricht in Frankreich, wo sich die Expropriation in anderer Weise vollzog, die Ordonnanz, von Moulins, 1571, und das Edikt von 1656. '98) Herr Rogers, obgleich Professor der politischen Oekonomie an der Uni' versität zu Oxford, dem Stammsitz protestantischer Orthodoxie, betont in seiner Vor- rede zur ,, History ofAgriculture" die Pauperisirung der Volksmasse durch die Reformation. 45* 708 1750 ungefähr war äieYeomanry verschwunden ^^9), und in den letzten De- cennien des 18. Jahrhunderts die letzte Spur vom Gemeindeeigenthum der Ackerbauer. Wir sehn hier ab von den rein ökonomischen Agen- t i e n der A g r i k u 1 1 ii r r e v o 1 u t i o n. Wir fragen nach ihren gewalt- samen Hebeln. Unter der Restauration der Stuarts setzten die Grundeigen- thümer eine Usurpation gesetzlich durch, die sich überall auf dem Kon- tinent auch ohne gesetzliche Weitläufigkeit vollzog. Sie hoben die Feudal- verfassung des Bodens auf, d. h. sie schüttelten seine Leistungspflich- ten an den Staat ab, ,, entschädigten" den Staat durch Steuern auf die Bauernschaft und übrige Volksmasse, vindicirten modernes Privateigenthum an Gütern, worauf sie nur Feudaltitel besassen, und oktroyirten schliesslich jene Niederlassungsgesetze (laws of settlement), die, mutatis mu- tandis, auf die englischen Ackerbauer wirkten, wie des Tartaren Boris Go dunof Edikt auf die russische Bauernschaft. Die ,,glorious Revolution" (glorreiche Revolution) brachte mit dem Oranier Wilhelm III. ^oo) ^[q grundeigenthümlichen und kapi- talistischen Plusmacher zur Herrschaft. Sie weihten die neue Aera ein, indem sie den bisher nur bescheiden betriebenen Diebstahl an den '99) ,, ALetter toSir T. C. Banbury, Brt. : „On theHighPrice of Provisions. By a Suffolk Gentleman." Ipswich, 1795, p. 4. Selbst der fanatische Vertheidiger des grossen Pachtwesens , der Verfasser der ,,Inquiry into the Connection of large farms etc. Lon-d. 1773", p, 133, sagt: ,,I most lament the loss of our yeomanry, that set of men, who really kept up the independence of this nation ; and sorry I am , to see their lands now in thehands ofmonopolizing lords, tenanted out to small farmers, who hold their leases on such conditions as to be little better than vassals ready to attend a summons on every mischievous oecasion." 200) Ueber die Privatmoral dieses bürgerlichen Helden u. a. : ,,The large grant of lands in Ireland to Lady Orkney , in 1695, is a public instance of the king's aß'ectiou, and the lady's influence . . . Lady Orkney's endeariug Offices, are supposcd to have been — foeda labiorum miuisteria." (lu der Sloane Manu Script Collection, auf dem britischen Museum, Nr. 4 224. Das Manuskript ist betitelt : ,,Tlie character and bebaviour of king Wil- liam, Sunderland etc. as represented in Original Letters to the Duke ofShrewsbury from Somers, Halifax, Oxford, Secretary Vernon etc." Es ist voller Kuriosa.) 709 Staatsdomänen auf kolossaler Stufenleiter ausübten. Diese Län- dereieu wurden verschenkt, zu Spottpreisen verkauft, oder auch durch direkte Usurpation an Privatgüter annexirt 201). Alles das geschah ohne die geringste Beobachtung gesetzlicher Etiquette. Das so fraudulent an- geeignete Staatsgut sammt dem Kirchenplunder, so weit er während der republikanischen Revolution nicht abhanden kam, bildet die Grundlage der heutigen fürstlichen Domänen der englischen Oligarchie -^^). Die bürger- lichen Kapitalisten begünstigten die Operation , u. a. um den Grund und Boden in einen reinen Handelsartikel zu verwandeln, um ihre Zufuhr vogel- freier Proletarier vom Land zu vermehren u. s. w. Sie handelten für ihr Inter- esse ganz so richtig als die schwedischen Stadtbürger, deren ökono- misches Bollwerk die Bauernschaft war , wesshalb sie Hand in Hand mit derselben die Könige in der gewaltsamen Resumption der Kronlän- dereien von der Oligarchie (seit 1604, später unter Karl X. und Karl XI.) unterstützten. Gemeindeeigen thnm war eine altgermanische Einrichtung, die unter der Decke der Feudalität fortlebte. Man hat geselin , wie die gewaltsame Usurpation desselben , meist begleitet von Verwandlung des Ackerlands in Viehweide, Ende des 15. Jahrhunderts beginnt und im 16. Jahrhundert fortdauert. Aber damals vollzog sich der Prozess als individuelle Gewaltthat, wogegen die Gesetzgebung 150 Jahre durch vergeblich ankämpft. Der Fortschritt des 18. Jahrh. offenbart sich darin, dass das Gesetz selbst jetzt zum Vehikel des Raubs am V^olksland wird, obgleich die grossen Pächter nebenbei auch iiire kleinen unabhängigen Privatmethoden anwenden ^os). Die parlamentarische Form ■■201) ,,Die illegale Veräusseriing der Krongüter , theils durch Verkauf und tJieils durch Schenkung, bildet ein skandalöses Kapitel in der englischen Ge- schichte . . . eine gigantische Prellerei der Nation (gigantic fraud on the nation)." (F. W. Newman: ,,Lectures on Political Econ. Lond. 1851", p. 129, 130.) 20'^) Man lese z. B. E. Burke's Pamphlet über das herzogliche Haus von Bedford, dessen Sprosse Lord John Russell, , ,the tomtit of liberalism' '. =^"3) ,,Die Pächter verbieten den Cottagers (Häuslern) irgend eine lebendige Kreatur ausser sich selbst zu erhalten, unter dem Vorwand, dass wenn sie Vieh oder Geflügel hielten, sie von den Scheunen Futter stehlen würden. Sie sagen auch, haltet die Cottagers arm , und ihr haltet sie fleissig. Die wirkliche That- 710 des Raubs ist die der ,,BiHs for Inclosures of Com m on s" (Bills für Einschluss der Geineindeländereien) , in andern Worten Dekrete , wo- durch die Landlords Volkseigenthum sich selbst als Privateigenthum schen- ken, Dekrete der Volksexpropriation. Sir F. M. Eden widerlegt sein pfiffiges Advokatenplaidoyer, worin er das Geraeindeeigenthum als Privat- eigenthum der an die Stelle der Feudalen getretenen Landlords darzustellen sucht, indem er selbst einen ,,a 1 1 g e m e i n e n P a r I a m e n t s a k t für die inclosure der Gemeindeländerei" verlangt, also zugiebt, dass ein Parla- ment a r i s c h e r S t a a t s s t r e i c h zu ihrer V e r w- a n d I u n g i n P r i vat - eigenthum nötliig ist, andrerseits aber von der Legislatui- ..Schaden- ersatz" für die expropriirten Armen fordert -o*). Während an die Stelle der unabhängigen Yeomen tenants-atwill traten , kleinere Pächter auf einjährige Kündigung , eine servile und von der Willkflhr der Landlords abhängige Rotte, half, neben dem Raub der Staatsdomänen , namentlich der systematisch betriebne Diebstahl des Ge- meindeeigenthums jene grossen Pachten anschwellen, die man im 18. Jahr- hundert Kapi tal -Pachten 203) oder Kaufmanns-Pachten^oe) nannte, und das Landvolk als Proletariat für die Industrie ,, freisetzen". Das 18. Jahrh. begriff jedoch noch nicht in demselben Mass wie das 19. die Identität zwischen Nation alreichthura und Volks- ar muth. Daher hef igste Polemik in der ökonomischen Literatur jener Zeit über die ,,i n c I o s u r e o f c o m m o n s". Ich gebe aus dem massen- haften Material, das mir vorliegt, einige wenige Stellen, weil dadurch leb- haft die Zustände veranschaulicht werden. ,,In vielen Pfarreien von Hertfordshire" , schreibt eine entrüstete Feder, ,,sind 24 Pachten von 50 bis 150 Acres auf 3 zusammenge- sache aber ist , dass die Päcliter so das ganze Recht an den Gemeinde- ländereien usurpiren." (,,A Political Enquiry into the Conse- quencesofenclosing Waste Lands. Lond. 1785", p. 75.) 204) Eden 1. c. Preface. 205) ,,Capital-farnis." (,,T wo Letters on the Fl our Trad e an d tho Dearness of Corn. By a Person in Business. Lond. 1767", p. 19, 20.) 20») ,,Merchant-fainis." (An Inquiry into the Present High Prices of Provisions. Lond. 1767, p. 11, Note. Diese gute Schrift, die anonym erschien, verfasst von dem Rev, Nathaniel Forster.) 711 schmolzen" "^o'^). „In Nortbaniptonshire und Lincolnshire hat der Ein- schluss der Geineindeliindereieu sehr vorgeherrscht und die meisten aus den enclosures entsprungenen neuen Lordschaften sind in Weideland ver- wandelt; in Folge davon haben viele Lordschaften jetzt nicht 50 Acres unter dem Pflug, wo früher 1500 gepflügt wurden . . . Ruinen früherer Wohnhäuser, Scheunen, Ställe u.s. w. sind die einzigen Spuren der früheren Einwohner. Hunderte von Häusern und Familien sind an manchen Plätzen zusammengeschrumpft auf 8 oder 10. Der Grundeigenthümer in den ■meisten Pfarreien, wo der Einschluss erst seit 15 oder 20 Jahren vor- ging, sind sehr wenige in Vergleich zu den Zahlen, von denen das Land im offnen Feldzustand bebaut wurde. Es ist nichts Ungewöhnliches, 4 oder 5 reiche Viehmäster grosse, jüngst eingeschlossene Lordschaften usurpiren zu sehn , die sich früher in der Hand von 20 — 30 Pächtern und vielen kleineren Eigenthümern und Insassen befanden. Alle diese sind mit ihren Familien aus ihrem Besitzthum herausgeworfen w'orden, nebst vielen andren Familien, die durch sie beschäftigt und er- halten wurden" ^osj, Eswarnicht nur brachliegendes, sondern oft, unter bestimmter Zahlung an die Gemeinde, oder gemeinschaftlich bebautes Land, das unter dem Vorwaud der ,,enclosure" vom angränzenden Landlord annexirt wurde. ,,Ich spreche hier vom Einschluss offner Felder und Läude- reien, die bereits bebaut sind. Selbst die Schriftsteller, welche dieinclosures vertheidigen, geben zu, dass sie in diesem Fall den Feldbau vermindern, die Preise der Lebensmittel erhöhen und Entvölkerung produciren . . . und selbst die inclosure wüster Ländereien, wie jetzt betrieben, raubt dem Armen einen Theil seiner Subsistenzmittel und schwellt Pachten auf, die bereits zu gross sind" ^oo). „Wenn", sagt Dr. Price, ,,das Land in die Hände einiger weniger grossen Pächter geräth , werden 207) Thomas Wright: ,,A short address to the Public on the Monopoly of large farms. 1778", p. 2, 3. 208) Rev. Mr. Addington: ,,Enquiry into the Reasons for or against enclosing open fields. Lond. 1772", p. 37 — 43 passim. 209) Dr. R. Price 1. c. v. II, p. 1.55. Man lese Forster, Addington, Kent, Price und James Anderson , und vergleiche das elende Sykophantengeschwätz Mac Culloch's in seinem Katalog: ,,The Literature of PoliticalEconomy. J.ond. 1845." 712 die kleinen Pächter (früher von ihm bezeichnet als ,,eine Menge kleiner Eigenthümer und Pächter, die sich selbst und Familien erhalten durch das Produkt des von ihnen bestellten Landes, durch Schafe, Geflügel, Schweine u, 8. w. , die sie auf das Gemeindeland schicken , so dass sie wenig Ge- legenheit zum Kauf von Subsistenzraitteln haben") verwandelt in Leute, die ihre Subsistenz durch Arbeit für Andre gewinnen müssen, und gezwungen sind, für alles, was sie brauchen, zu Markt zu gehn . . . Es wird vielleicht mehr Arbeit verrichtet, weil mehr Zwang^ dazu herrscht . . . Städte und Manufakturen werden wachsen, weil mehr Leute zu ihnen verjagt werden, welche Beschäftigung suchen , Diess ist der Weg, worin die Koncentration der Pachten naturgeraäss wirkt und worin sie , seit vielen Jahren, in diesem Königreich thatsächlich gewirkt hat" -'<>). Er fasst die Gesammtwirkung der inclosures so zu- sammen: ,,Ira Ganzen hat sich die Lage der niederen Volksklassen fast in ieder Hinsicht verschlechtert, die kleineren Grundbesitzer und Pächter sind herabgedrückt auf den Stand von Taglöhnern und Miethlingen ; und zur sel- ben Zeit ist der Lebensgewinn in diesem Zustand schwieriger ge- worden" 2"). In der That wirk'en Usurpation des Gemeindelands und die 2>0) 1. c. p. 147. 2'9 1. c. p. 159. Man erinnert sich an das alte Rom. ,,DieReichen hatten sich des grössten Theils der ungetheilten Ländereien bemächtigt. Sie vertrauten den Zeitumständen, dass sie ihnen nicht mehr abgenommen würden, und kauften daher die in ihrer Nähe gelegenen Stücke der Armen , zum Theil mit deren Willen , zum Theil nahmen sie ihnen mit Gewalt , so dass sie nur mehr weit ausgedehnte Do- mänen statt einzelner Felder bebauten. Sie gebrauchten dabei Sklaven zum Land- bau und zur Viehzucht , weil ihnen freie Leute weg von der Arbeit zum Kriegs- dienst genommen worden wären. Der Besitz von Sklaven brachte ihnen auch insofern grossen Gewinn , als sich diese wegen ihrer Befreiung vom Kriegsdienst ungefährdet vermehren konnten und eine Menge Kinder bekamen. So zogen die Mächtigen durchaus allen Keichthum an sich und die ganze Gegend wimmelte von Sklaven. Der Italer dagegen wurden immer weniger, aufgerieben wie sie waren durch Armutli, Abgaben und Kriegsdienst. Traten aber auch Zeiten des Friedens ein, so waren sie zu vollkommener Unthätigkeit verdammt , weil die Reichen im Besitze des Bodens waren , und statt freier Leute Sklaven zum Ackerbau ge- brauchten." (Appian: ,, Römische Geschichte" 1, 7.) Diese Stelle bezieht sich auf die Zeit vor den licinischen Gesetzen. Der Kriegsdienst, der den Ruin der römischen Plebejer so selir beschleunigte, war auch ein Hauptmittel, 713 sie begleitende Revolution der Agrikultur so akut auf die Ackerbauar- beiter, dass, nach E d e n selbst, zwischen 1765 und 1780 ihr Lohn anfing unter das Minimum zu fallen und durch officielle Annenunterstützung ergänzt zu werden. Ihr Arbeitslohn, sagt er, ,, genügte nicht mehr für die absoluten Lebensbedürfnisse." Hören wir noch einen Augenblick einen Vertheidiger der enclosures und Gegner des Dr. Price. „Es ist ein durchaus falscher Schluss , dass Entvölkerung vorhanden, weil man Leute nicht länger ihre Arbeit im offnen Feld V e r w ü s t e'n sieht. Sind ihrer jetzt weniger auf dem Land, so sind ihrer desto mehr in den Städten . . . Wenn nach Verwandlung kleiner Bauern in Leute , die für andere arbeiten müssen, mehr Arbeit flüssig gemacht wird, so i^t das ja ein Vortheil , den d i e Nation (wozu die Verwandelten natürlich nicht gehören) wünschen muss . . . Das Produkt wird grösser sein, wenn ihre kombinirte Arbeit auf einer Pacht angewandt wird : so wird Surplnsprodukt für die Manu- fakturen gebildet, und dadurch werden Manufakturen , eine der Minen die- ser Nation, im Verhältniss zum producirten Kornquantum vermehrt" 212). Die stoische Seelenruhe, womit der politische Oekonom frechste Schän- dung des „heiligen Rechts des Eigenthums" und gröbste Gewaltthat wider Per- sonen betrachtet, soweit sie erheischt sind, um^ie Grundlage der kapita- listischen Produktionsweise herzustellen, zeigt unsu.a. der über- demnochtorystisch gefärbte und „philanthropische" Sir F. M, Eden. Die ganze Reihe von Raubthaten, Greueln und Volkselend, welche die gewaltsame Volksexpropriation vom letzten Drittel des 15. bis zum Ende des 18. Jahrh. begleiten, treibt ihn nur zur „comfortablen" Schlussreflexion : ,,Die rich- tige (due) Proportion zwischen Acker- und Viehland musste hergestellt werden. Noch im ganzen 14. und grössten Theil des 15. Jahrh. kam 1 Acre Viehweide auf 2, 3, und selbst 4 Acres Ackerland. In der wodurch Rarl der Grosse die Verwandlung freier deutscher Bauern in Leibeigne treibhausmässig förderte. 212) ,,An Inquiry into the Connection between the present Pr i ces o f Pro vision etc.", p. 124, 129. Aehnlich, aber mit entgegengesetzter Tendenz: ,,Working men are driven from their cottages, and forced into the towns to seek for emphjyment; — but then a larger surplus is obtained, and thus Capital is augmented." (The Periis of the Nation. 2nd ed. Lond. 1843, p. XIV.) 714 Mitte des 16. Jahrhunderts verwandelte sich die Proportion in 3 Acres Viehland auf 2, später von 2 Acres Viehweide auf 1 Acre Ackerland, bis endlich d i e r i c h t i g e Proportion von 3 A c r e s V i e h 1 a n d auf 1 Acre Ackerland herauskam." Im 19. Jahrhundert verlor sich natürlich selbst die Erinnerung des Zusammenhangs zwischen Ackerbauer und Gemeindeeigenthum. Von späterer Zeit gar nicht zu reden , welchen Farthing Ersatz erhielt das Landvolk jemals für die 3,511,770 Acres Geraeinland, die ihm zwiscliea 18 0 1 und 18 3 1 geraubt und parlamentarisch den Laudiords von den Landlords geschenkt wurden ? Der letzte grosse Expr op ria tionsp r ozess der Ackerbauer von Grund und Boden endlich ist das s. g. ,, Clearing of Es tat es" (Lichten der Güter, in der That Wegfegung der Menschen von den- selben). Alle bisher betrachteten englischen Methoden kulminirten im ,, Lichten". Wie man bei der Schilderung des modernen Zustands im vori- gen Abschnitt sah, geht es jetzt , wo unabhängige Bauern nicht mehr weg- zufegen sind , bis zum ,, Lichten" der Cottages foit, so dass die Acker- bauarbeiter auf dem Boden, den sie bestellen, selbst nicht mehr den nöthigen Kaum zur eignen Behausung finden. Indess unterscheidet sich das eigent- liche ,, C 1 e a r i n g o f E s t a 1 1 s " durch den mehr systematischen Charak- ter, die Grösse der Stufenleiter, worauf die Operation auf einmal ausgeführt wird (in Schottland auf Arealen so gross, wie deutsche Fürstenthiimer), und durch die eigenthümliche Form des Grundeigenthuras, welches so gewaltsam in modernes Privateigenthnm verwandelt wird. Diess Eigenthum war E i g en- thum des Clans, der Chef oder,, grosse Mann" nur Titulareigenthümer als Repräsentant des Clans , wie die Königin von England Titulareigenthü- merin des englischen Grund und Bodens ist^'Sj. Diese Revolution, welche in Schottland nach der letzten Schilderhebung des Prätendenten begann, kann man in ihren ersten Phasen verfolgen bei Sir James Steuart ^i*) und 213) ,,A king of England might as well claim to drive his subjects into the tsea." (F. W. Newman 1, c. p. 132.) 2'*) Steuart sagt: ,,Die Rente dieser Länder (er überträgt irrthümlich diese ökonomische Kategorie auf den Tribut der taskmen an den Clanchef) ist durch- aus unbedeutend im Vergleich zu ihrem Umfang, aber, was die Personenzahl be- rifft, welche eine Pacht erhält, wird man vielleicht finden, dass ein Stück Boden 715 James Anderson 2'"'). In) 18. .Iiilirli. wurde zugieicli don vom Land verjag- ten Gaelen die Auswanderung verboten , um sie gewaltsam nach Glasgow und anderen Fabrikstädfen zu treiben 2t6). Als Beispiel der im 19.Jalirh. herrschenden Methode 2'^) genügen hier die ,,L i eh t ungen" der Gräfin von S n t h e r 1 a n d. Diese ökonomisch geschulte Person beschloss gleich bei ihrem Regierungsantritt eine ökonomische Radikalkur vorzunehmen und in", mit grossem Prunk in London empfing, um ihre Sympathie für die Negersklaven der amerikanischen Republik auszustellen — was sie, nebst ihren Mitaristokratinnen, wohlweise während des ßüi'gerkricgs unterliess, wo jedes ,, noble" englische Herz für die Sklavenhalter schlug — stellte ich in der New -York Tribüne die Verhältnisse der Sutherlan"dschen Sklaven dar. (Stellen weis ausgezogen von Carey in ,,The Slave Trade. London 1853", p. 202, 203.) Mein Artikel ward in einem schottischen Blatt abgedruckt und rief eine artige Polemik zwischen letzterem und den Sykophanten der Sutherlands hervor. 2'9) Interessantes über diesen Fischhandel findet man in Herrn David Urejuhart's ,,Portfolio. New Series." 717 vieh, fett wie Londoner Aldermen. Sehottland ist daher das letzte Asyl der „noblen Passion". ,,Iü den Hochlanden," sagt Somers, 1848, ,,sind die Waldungen sehr ausgedehnt worden. Hier auf der einen Seite von Gaick habt ihr den neuen Wald von Glenfeshie, und dort, auf der andern Seite, den neuen Wald von Ardverikie. In derselben Linie habt ihr den Bleak-Mount , eine ungeheure Wüste, neulich errichtet. Von Ost zu West, von der Nachbarschaft von Aberdeen bis zu den Klippen von Obon, habt ihr jetzt eine fortlaufende Waldliuie , während sich in andern Theilen der Hochlande die neuen Wälder von Loch Archaig, Glengarry, Glen- nioriston u. s. w. befinden . . . Die Verwandlung ihres Landes in Schaf- weide trieb die Gaelen auf unfruchtbareren Boden. Jetzt fängt Rothwild an das Schaf zu ersetzen und treibt jene in noch zermalmenderes Elend . . . Die Wildwalduugeu und das Volk können nicht neben einander existiren. Eins oder das andre uiuss jedenfalls den Platz räumen. Lasst die Jagden in Zahl und Umfang im nächsten Vierteljahrhundert wachsen wie im vergangenen, und ihr werdet keinen Gaelen mehr auf seiner heimischen I^rde finden. Diese Bewegung unter den Hochlands -Eigenthümern ist theils der Mode geschuldet, aristokratischem Kitzel, Jagdliebhaberei u. s. w., theils aber betreiben sie den Wildliandel ausschliesslich mit einem Auge aufden Profit. Denn es ist Thatsache, dass ein Stück Berg- end, in Jagduug augelegt, in vielen Fällen ungleich profitabler ist denn als Schaftrift . . . Der Liebhaber, der ein Jagdrevier sucht, beschränkt sein Angebot nur durch die Weite seiner Börse . . . Leiden sind über die Hochlande verhängt worden nicht minder grausam als die Politik norman- nischer Könige sie über Enghm 1 verhing. Rothwild hat freieren Spiel- raum erhalten , während die Menschen in engen und engeren Zirkel ge- hetzt wurden . . . Eine Freiheit des Volks nach der andern ward ihm geraubt . . . Und die Unterdrückung wächst noch täglich. Die Lichtung und Vertreibung des Volks werden von den Eigenthümern als festes Princip verfolgt, als eine agrikole Nothwendigkeit, ganz wie Bäume und Gesträuch in den Wildnissen Amerika's und Australiens weggefegt werden, und die Operation geht ihren ruhigen, gescliäftsmässigen Gang"220). 220) Robert S o in e r a : „Leiters f r o m t h e H i g h 1 a n d s ; o r , t h e Farn ine of 1847. Lond. 1848'', p. 12 — 28passini. Diese Briele erschienen ursinünj^lich in der Ti mes. Der Oekonom erklärte natürlich die Hungersnoth 718 Der Raub der Kirchengüter, die fraudulente Veränsserung der Staats- domänen, der Diebstahl des Gemeindeeigentbums, die usurpatorische und mit rücksichtslosem Terrorismus vollzogne Verwandlung von feudalem und Claneigenthum in modernes Privateigenthum , es waren ebenso viele idylli- sche Methoden der ursprünglichen Accumulation. Durch sie ward das Feld für die kapitalistische Agrikultur erobert , der Grund der Gaelen von 1847 aus ihrer — U e b e r v ö 1 k e r u n g. Jedenfalls „drückten ' ' sie auf ihre Nahrungsmittel. — Das „Clearing of Estates-', oder, wie es inDeutsch- land hiess, „Bauernlegen", machte sich hier besonders geltend nachdem dreissigjährigen Krieg und rief noch 1790 in Kursachsen Bauernaufstände hervor. Es herrschte namentlich in Ostdeutschland. In den meisten Provinzen Preussens sicherte erst Friedrich II. den Bauern Eigenthumsrecht. Nach der Eroberung Schlesiens zwang er die Grundherrn zur Wiederherstellung der Hütten , Scheunen u. s. w., zur Ausstattung der Bauerngüter mit Vieh und Geräth. Er brauchte Soldaten für seine Armee und Steuerpflichtige für seinen Staatsschatz. Welches ange- nehme Leben übrigens derBauer unter Friedrich's Finanzunvvesen und Regierungs- mischmasch von Despotismus, Bnreaukratie und Feudalismus führte, mag man aus folgender Stelle seines Bewunderers Mirabeau ersehn: ,,Le lin fait donc iine des grandes richesses du cultivateur dans le Nord de l'Allemagne. Mal- heureusement pour l'espece humaine, ce n'est qu'une resource contre la misere, et non un moyen de bien-etre. Les impots directs , les corvees , les servitudes de toutgenre, ecrasent le cultivateur allemand , qui paie encore des impots indirects dans tout ce qu'il achete ... et pour comble deruine, iln'osepasvendreses produc- tions oii et comme il le veut ; il n'ose pas acheter ce dont il a besoin aux mar- chands qui pourraient le lui livrer au meilleur prix. Toutes ces causes le rninent insensiblement , et il se trouverait hors d'etat de payer les impots directs a l'eche- ance sans la filerie ; eile lui oflfre une resource, en occupant uiilement sa femme, ses enfants, ses scrvants, ses valets, et lui-meme: mais qu'elle penible vie mcme aide'e de ce secours. En e'te, il travaille comme uu for9at au labourage et ii la recolte ; il se couche ä 9 heures et se leve a deux, pour suffire aux travaux ; en hiver il devrait reparer ses forces par un plus grand repos ; mais il manquera de grains pour le pain et les semailles, s'il se defait des denrees (ju'il faudrait vendre pour payer les impots. II faut donc filer pour supple'er ä ce vide . . . il faut y apporter la plus grande assiduite. Aussi le paysan se couche-t-il en hiver ii minuit, une heure, et se leve k cinq ou six ; ou bien il se couche ä neuf, et se leve a deux, et cela tous les Jours de sa vie, si ce n'est le dimanche. Ces exces de veille et de travail usent la nature humaine, et de lä vient qu' hommes et femmes vieillissent beaucoup plutot dans les campagnes que daus les villes." (Mirabeau 1. c. t. III, p. 212 sqq.) 719 lind Boden dem Kapital einverleibt, der städtischen Industrie die nöthige Zufuhr von vogelfreiem Proletariat geschaffen. Die durch Auflösung der feudalen Gefolgschaften und durch sloss- weise, gewaltsame Expropriation von Grund und Boden Verjagten, diess vogelfreie Proletariat konnte unmöglich eben so rasch von der auf- kommenden Manufaktur absorbirt werden als es auf die Welt gesetzt ward. Andrerseits konnten die plötzlich aus ihrer gewohnten Lebensbahn Herausgeschleuderten sich nicht ebenso plötzlich in dieDisciplin des neuen Zustandes finden. Sie verwandelten sich massenhaft in Bettler, Räuber, Va- gabunden, zuniTheil aus Neigung, in den meisten Fällen durch den Zwang der Umstände. Ende des 15. und während des ganzen 16. Jahrh. daher in ganz Westeuropa ei ueBlutgesetz gebung wider Vagabun- dage. Die Väter der jetzigen Arbeiterklasse wurden zunächst für die ihnen angethane Verwandlung in Vagabunden und Paupers gezüchtigt. Die Gesetzgebung behandelte sie als „fr e i w 11 1 i g e" V e r b r e c h e r und unter- stellte , dass es von ihrem guten Willen abhänge, in den nicht mehr ex i stiren den alten Verhältnissen fortzuarbeiten. In England begann jene Gesetzgebung unter Heinrich VII. Heinrich VIII., 1530: Alte und arbeitsunfähige Bettler erhal- ten eine Bettellicenz. Dagegen Auspeitschung und Einsperrung für hand- feste Vagabunden. Sie sollen an einen Karren hinten angebunden und gegeisselt werden, bis das Blut von ihrem Körper strömt , dann einen Eid schwören, zu ihrem Geburtsplatz , oder dorthin , wo sie die letzten drei Jahre gewohnt, zurückzukehren und ,,sich an die Arbeit zu setzen" (ta put himself to labour). Welche grausame Ironie! 27 Heinrich VIII. wird das vorige Statut wiederholt, aber durch neue Znsätze verschärft. Bei zweiter Ertappung auf Vagabundage soll die Auspeitschung wieder- holt und das halbe Ohr abgeschnitten, bei dritter Recidive aber der Be- troffene als schwerer Verbrecher und Feind des Gemeinwesens hingerichtet werden. Edward VI.: Ein Statut aus seinem ersten Regierungsjahr, 1547, verordnet, dass wenn Jemand zu arbeiten weigert , soll er als Sklave der Person zugeurtheilt werden, die ihn als Müssiggänger denuncirt hat. Der Meister soll seinen Sklaven mit Brod und Wasser nähren , schwachem Ge- tränk und solchen Fleischabfällen , die er passend dünkt. Er hat das Recht, ihn zu jeder auch nocli so eklen Arbeit durch Auspeitschung und 720 Aiikettung- zu treiben. Wenn sich der Sklave für 1 4 Tage entfernt , ist er zur Sklaverei auf Lebenszeit verurtheilt und soll auf Stirn oder Backen mit dem Buchstaben S gebrandmarkt, wenn er zum drittenmal fortläuft, als Staatsverräther hingerichtet werden. Der Meister kann ihn verkaufen, vermachen, als Sklaven ausdingeu, ganz wie anderes bewegliches Gut und Vieh. Unternehmen die Sklaven etwas gegen die Herrschaft, so sollen sie ebenfalls hingerichtet werden. Friedensrichter sollen auf Information den Kerls nachspüren. Findet sich, dass ein Herumstreicher drei Tage gelun- gert hat, so soll er nach seinem Geburtsort gebracht , mit rothglühendem Eisen auf die Brust mit dem Zeichen V gebrandmarkt , und dort in Ketten auf der Strasse oder zu sonstigen Diensten verwandt werden. Giebt der Vagabund einen falschen Geburtsort an , so soll er zur Strafe der lebens- längliche Sklave dieses Orts , der Einwohner oder Korporation sein und mit S gebrandmarkt werden. Alle Personen haben das Recht, den Vaga- bunden ihre Kinder wegzunehmen und als Lehrlinge , Juugen bis zum 24. Jahr, Mädchen bis zum 20. Jahr, zu halten. Laufen sie weg, so sol- len sie bis zu diesem Alter die Sklaven der Lehrmeister sein , die sie in Ketten legen , geissein u. s. w. können , wie sie wollen. Jeder Meister darf einen eisernen Ring um Hals, Arme oder Beine seines Sklaven legen, damit er ihn besser kennt und seiner sichrer ist^si). Der letzte Theil dieses Statuts sieht vor, dass gewisse Arme von dem Ort oder den Individuen beschäftigt werden sollen , die ihnen zu essen und zu trinken geben und Arbeit für sie finden wollen. Diese Sorte Pfarreisklaven hat sich bis tief ins 19. Jahrhundert in England erhalten unter dem Namen round smen (Umgeher). Elisabeth, 1572: Bettler ohne Licenz und über 1 4 Jahre alt sollen hart gepeitscht und am linken Ohrlappen gebrandmarkt werden, f alls si e kei ner f ür z wei Jah r e in Dienst nehmen will; im Wiederholungsfall, wenn über 18 Jahre alt, sollen sie — hingerichtet wer- den, falls sie Niemand für zwei Jahre in Dienst nehmen 22») Der Verfasser des ,, Essay on Trade etc. 1770" bemerkt: ,, unter der Regierung Edward's VI. scheinen sich die Engländer in der That n^'*- Ernst auf Encouragirung der Manufakturen und Beschäftigung der. zu haben. Diess ersehn wir aus einem merkwürdigen Sta alle Vagabunden gebrandniarkt werden sollen u. s. w. " 721 will, bei dritter Reeidive aber ohne Gnade als Staatsverräther hingerich- tet werden. Aehnliche Statute; 18 Elisabeth c. 13 und 1597. Jakob I.: Eine herurawandernde und bettelnde Person wird für einen Landstreicher und Vagabunden erklärt. Die Friedensrichter in den Petty Sessions sind bevollmächtigt, sie öffentlich auspeitschen zu lassen und bei erster Ertappung G Monate, bei zweiter 2 Jahre ins Gefängniss zu sperren. Während des Gefängnisses soll sie so oft und so viel gepeitscht werden, als die Friedensrichter für gut halten . . . Die unverbesserlichen und ge- fährlichen Landstreicher sollen auf der linken Schulter mit R gebrandmarkt und zur Zwangsarbeit gesetzt, und wenn man sie wieder auf dem Bettel ertappt, ohne Gnade und ohne geistlichen Beistand hingerichtet werden. Diese Anordnungen, gesetzgültig bis in die erste Zeit des 18. Jahrhun- derts, wurden erst aufgehoben durch 12 Anna 23. Aehnliche Gesetze in Frankreich, wo sich Mitte des 17. Jahrhunderts ein Vagabundenkönigreich (truands) zu Paris etablirt hatte. Noch in der ersten Zeit Ludwig'sXVL (Ordonnanz -vom 1^. Juli 1777) sollte jeder ge- siuid gebaute Mensch vom 16. bis 60. Jahr, wenn ohne Existenzmittel und Ausübung einer Profession, auf die Galeeren geschickt werden. Aehnlich das Statut Karl's V. für die Niederlande vom Oktober 1537, das erste Edikt der Staaten und Städte von Holland vom 19. März 1614 , das Pla- kat der Vereinigten Provinzen vom 25. Juni 1649 u. s. w. So wurde das von Grund und Boden gewaltsam expropriirte , ver- jagte und zum grossen Vagabunden gemachte Landvolk durch gro- tesk-terroristische Gesetze in eine dem System der Lohnarbeit nothwendige Disciplin hineingepeitscht , gebrandniarkt , gefoltert. Es ist nicht genug, dass die .Arbeitsbedingungen auf den einen Pol als Kapital treten und anf den andern Pol Menschen, welche nichts zu verkau- fen haben als ihre Arbeitskraft. Es genügt auch nicht sie zu zwingen, sich freiwillig zu verkaufen. Im Fortgang der kapitalistischen Produktion entwickelt sich eine Arbeiterklasse, die aus Erziehung, Tradition, Gewohn- heit die Anforderungen jener Produktionsweise als selbstverständliche Na- turgesetze anerkennt. Die Organisation des ausgebildeten kapitalisti- schen Produktionsprozesses bricht jeden Widerstand, die beständige Erzeu- gung einer relativen L'ebervölkerung hält das Gesetz der Zufuhr von und Nachfrage nach Arbeit, und daher den Arbeitslohn , in einem den Verwer- thungsbedürfnissen des Kapitals entsprechenden Gleise, der stumme Zwang 46 722 der ökonomischen Verhältnisse besiegelt die Herrschaft des Kapitalisten über den Arbeiter. Ansserökononiische , unmittelbare Gewalt wird daher nur ausnahmsweise angewandt. Für den gewöhnlichen Gang der Dinge kann der Arbeiter den „Naturgesetzen der Produktion" über- lassen werden , d. h. seiner aus den Produktionsbedingungen selbst ent- springenden, durch sie garantirten uiul verewigten Abhängigkeit vom Ka- pital. Anders während der historischen Genesis der kapitalistischen Pro- duktion. Die aufkommende Bourgeoisie braucht und verwendet die Sta atsgewal t, um den Ar bei ts 1 oh n zu ,,regu 1 i r en", d. h, in- neihalb der Plusmacherei zusagender Schranken zu zwängen, um den Ar- beitstag zu verlängern, und den Arbeiter selbst im normalen Abhän- gigkeit sgrad zu erhalten. Es ist diess ein wesentliches Moment der s. g. ursprünglichen A c c u m u 1 a t i o n. Die Klasse der Lohnarbeiter, die in der letzten Hälfte des 14. Jahrh. entstand , bildete damals und im folgenden Jahrhundert nur einen sehr ge- ringen Volksbestandtheil , der in seiner Stellung stark beschützt war durch die selbststäudige Bauernwirtlischaft auf dem Land und die Zunftorganisa- tion der städtischen Lidustrie. In Land und Stadt standen sich Meister und Arbeiter social nahe. Die Subsumtion der Arbeit unter das Kapital war nur formell, d. h. die Produktionsweise selbst besass noch keinen specifisch kapitalistischen Charakter. Das variable Element des Kapitals wog sehr vor über sein constantes. Die Nachfrage nach Lohnarbeit wuchs daher rasch mit jeder Accumulation des Kapitals, während die Zufuhr von Lohnarbeit nur langsam nachfolgte. Ein grosser Theil des nationalen Pro- dukts, später in Accumulationsfonds des Kapitals verwandelt^ ging damals noch in den Konsumtionsfonds des Arbeiter s ein. Die Gesetzgebung über die Lohnarbeit, von Haus aus auf Exploita- tion des Arbeiters gemünzt und ihm in ihrem Fortgang stets gleich feind- lich -^■2) , wird in England eröffnet durch das Statute o f L a b o u r e r s Ed ward's II L, 1349. Ihm entspricht in Frankreich die Ordonnanz von 1350, erlassen im Namen des Königs Jean. Die englische und die französische Gesetzgebung laufen parallel und sind dem Inhalt nach iden- 2'-i2) ,,Whenever the legislatui-e attempts to regulate tl: -''ifferen''' masters and their workmeu , its counsellors are ahvavs ; A. Smitl). „L'esprit des lois, c'est la iiropriete". sagt L ' 7l'o tisch. Soweit die Arbeitsstatiiten V e r 1 n ii g e r u n g dos Arbeitstags zu erzwingen suclien , komme ich uiclit auf sie zurück , da dieser Punkt frülier (III. Kapitel, 4. Abschnitt) erörtert. Das Statute ofLabourers wurde erlassen auf dringende Klage des Hauses der Gemeinen. „Früher", sagt naiv ein Tory, ,, verlangten die Armen so hohen Arbeitslohn, dass sie Industrie und Reichthum bedroh- ten. Jetzt ist ihr Lohn so niedrig, dass er ebenfalls Industrie und Reich- thum bedroht und vielleicht gefährlicher als damals" 223). Ein gesetz- licher Lohntarif ward festgesetzt für Stadt und Land , für Stückwerk und Tagwerk. Die ländlichen Arbeiter sollen sich aufs Jahr , die städtischen ,,auf offnem Markt" verdingen. Es wird bei Gefängnissstrafe untersagt, höheren als den statutarischen Lohn zu zahlen, aber der Empfang höheren Lohns wird stärker bestraft als seine Zahlung. So wird auch noch in Sect. 18 und 19 des Lehrlingsstatuts von Elisabeth zehntägige Gelang- nissstrafe über den verhängt, der höheren Lohn zahlt, dagegen einuud- zwanzigtägige Gefänsnissstrafe über den, der ihn nimmt. Das Statut von 1360 verschärft die Strafen und ermächtigt den Meister sogar, durch körperlichen Zwang Arbeit zum gesetzlichen Lohntarif zu erpressen. Alle Kombination, Verträge, Eide u. s. w., wodurch sich Maurer und Zim- merleute wechselseitig banden, werden für null und nichtig erklärt. A r b e i - terkoalition wird als schweres Verbrechen behandelt vom 14. Jahrhun- dert bis 1825, dem Jahr der Abschaffung der Antikoalitionsgesetze. Der Geist des Arbeiterstatuts von 1349 und seiner Nachgeburten leuchtet hell daraus hervor, dass zwar ein Maximum des Arbeitslohns von Staatswegen diktirt wird, aber bei Leibe kein Minimum. Im 16. Jahrhundert hatte sich , wie man weiss, die Lage der Arbei- ter sehr verschlechtert. Der Geldlohn stieg, aber nicht im Verhältniss zur Depreciation des Geldes und dem entsprechenden Steigen der Waaren- preise. Der Lohn fiel also in der That. Dennoch dauerten die Gesetze zum Behufseiner Herabdrückung fort zugleich mit dem Ohrenabschneiden und Brandmarken derjenigen, ,,die Niemand in Dienst nehmen wollte". Durch das Lehrlingsstatut 5 Elisabeth 3 wurden die Friedensrichter —3) ,,S op hi s m s o f Free Tra (1 e. By a B airi s t e r. Lnnd. 185Ü--, p. 206. Er setzt malitiös hinzu: „Die Gesetzgebung war stets bei der Hand fin- den Anwender einzuschreiten. Ist sie ohnmächtig für den Angewandten?" ■IG * 724 ermächtigt, gewisse Löhne festzusetzen und nach Jahreszeiten undWaaren- preisen zu modificiren. Jakob I. dehnte diese Arbeitsregulation auch auf Weber, Spinner und alle möglichen Arbeiterkategorieen aus --^), Georg II. die Gesetze gegen ArbeiterkoaUtion auf alle Manufakturen. In der eigent- liclien Manufakturperiode war die kapitalistische Produktionsweise hin- reichend erstarkt, um alle gesetzliche Regulation tes Arbeitslohns eben so unausführbar als überflüssig zu machen , aber mau liebte für den Nothfall das alte Arsenal offen zu halten. Noch 8 George IL verbot für Schnei- dergesellen in London und Umgegend mehr als 2 sh. TVq tl. Ta-lohn, ausser in Fällen allgemeiner Trauer, noch 13 Georgelll. c. 68 überwies die Reglung des Arbeitslohns der Seidenwirker den Friedensrichtern, noch 1796 bedurfte es zweier Urtheile der höheren Gerichtshöfe zur Entschei- dung, ob friedensrichterliclie Befehle über Arbeitslohn auch für Niclit- A g r i k u 1 1 u r a r b e i t e r gültig seien, noch 1799 bestätigte ein Parlamentsakt, dass der Lohn der Grubenarbeiter von Schottland durch ein Statut der Elisabeth und zwei schottische Akte von 1661 und 1671 reguHrt sei. Wie sehr unterdess die Verhältnisse revolutionii t waren , bewies ein im --') Aus einer Klausel des Statuts 2, Jakob I., c. 6 ersieht man, dass gewisse Tuchmacher sich herausnahmen, als Friedensrichter die Löhne in ihren eigenen Werkstätten zu uctroyiren. — In Deutschland waren namentlich nach dem dreissigj'dhrigen Krieg Statuten zur Niederhaltung des Arbeitsluhns häufig. ,,Sehr lästig war den Gutsherrn in dem menschenleeren Boden der Mangel an Dienst- boten und Arbeitern. Allen Dorfsassen wurde verboten, Kammern an ledige Männer und Frauen zu vermiethen , alle solche Inlieger sollten der Obrigkeit an- gezeigt und ins Gefangniss gesteckt werden, falls sie nicht Dienstboten werden wollten, auch wenn sie sich von andrer Thätigkeit erhielten , den Bauern um Taglohn säeten oder gar mit Geld und Getreide handelten. (Kaiserliche Privilegien u n d S a u c t i o n e s f ü r S c h 1 e s i e n I, 125.) Durch ein ganzes Jahrhundert wird in den Verordnungen der Landesherrn immer wieder bittere Klage geführt über d a s b o s h a f t e und m u t h w i 1 1 i g e G e s i n d e 1 , d a s s i c h in die harten Bedingungen nicht fügen , mit dem gesetzlichen Lohn nicht zufrieden sein will; dem einzelnen Gutsherrn wird verboten, mehr zu geben als die Landschaft in einer Taxe festgesetzt hat. Und doch sind die Be- dingungen des Dienstes nach dem Krieg zuweilen noch b e s s e r , al '^ie 100 Ja h r e später waren; noch erhielt das Gesinde 1G.52 in Schlesien zwei der Woche Fleisch , noch in unsrem Jahrhundert hat es eben dort Kreise o sie es nur dreimal im Jahr erhielten. Auch der Tagel o hn war ' »her ;,ls in den folgenden Jahrhunderten." (G. Freitag.) 725 englischen Unterhaus unerhörter Vorfall. Hier, wo man seit mehr als 400 Jahren ausschliesslich Gesetze fabricirt hatte über (Ins Maxi- mum, welches der Arbeitslohn platterdings nicht übersteigen dürfe, schlug W h i t b r e a d 1796 ein gesetzliches L o h n m i n i ni u m f ü r Agrikul- turarbeiter vor. . . Obgleich Pitt sich widersetzte, gab er zu, dass die „Lage der Armen grausam (cruel) sei". Endlich, 1 81.3, wurden die Gesetze über L 0 h n r e g u 1 a t i 0 n abgescliafft. Sie waren eine lächerliche Ano- malie , seitdem der Kapitalist durch seine Privatge setz gebung die Fabrik regulirte und durch die Armensteuer den Lohn des Landarbei- ters zum unentbehrlichen Miniraum ergänzen liess. Die Bestimmungen der Arbeiterstatute über Kontrakte zwischen Meister und Lohnarbeiter, über Terminkundigiing u. dergl., welche nur eine Civilklage gegen den kontraktbrüchigen Meister , aber Kriminalklage gegen den kontrakt- brüchigen Arbeiter erlauben, stehn bis zur Stunde in voller Blüthe. Die grausamen Gesetze gegen Koalition fielen 1825 vor der drohenden Haltung des Proletariats. Das Parlament gab sie nur widerwillig auf 225), dasselbe Parlament, welches Jahrhunderte durch mit der cynischsten Unver- schämtheit als p e r m a n e n t e K 0 a 1 i t i 0 n d e r K a p i t a 1 i s t e n gegen die Albeiter funktionirt hatte. Gleich im Beginn des Revolutionssturms wagte die französische Bour- geoisie das eben erst eroberte Associationsrecht den Arbeitern wieder zu f-ntziehn. Durch Dekret vom 14. Juni 1791 erklärte sie alle Arbeiter- koalition für ein ,, Attentat auf die Freiheit und die Er- klärung der Menschenrechte", stiafbar mit 500 Livres nebst einjähriger Entziehung der aktiven Bürgerrechte 226). Diess Gesetz, —5) Die letzten Reste des Koalitionsgesetzes wurden erst 1859 beseitigt. --'■') Artikel I dieses Gesetzes lautet: „L'aneantissement de toutes especes de Corpora tions du meme etat et profession etant l'une des bases fondamentales de la Constitution fran^aise , il est defendu de les rotablir de fait sous quelque pretexte et sous quelque forme que ce soit ". Artikel IV erklärt, dass wenn ,,des citoyens attaches aux memes professions , arts et me'tiers prenaient des deli- berations , faisaient entre eux des Conventions tendantes a refuser de conccrt ou ä n'aecorder qu' a un prix determine le secours de leur Industrie ou de lenrs travaux, les dites deliherations et Conventions . . . seront declarees inconstitution- n elles, attentatoires a la liberte et ä la declaration des droits de l'homme etc.", also Staatsverbrechen, -anz wie in den alten Arbeiterstatuten. (,,R e vol u t i o n s dePnris. Paris 1 791 •', t. III, p. 523.) 726 welches den Konkiirrenzkainpf zwischen Kapital iinci Arbeit staatspolizei- lich innerhalb der dem Kapital bequemen Schranken einzwängt, überlebte Revolutionen und Dynastiewechsel. Selbst die Schreckensregierung- Hess es unangetastet. Es ward erst ganz neulich aus dem Code Penal ge- strichen. Nichts charakteristischer als der Vorwand dieses bürgerlichen Staatsstreichs. „Obgleich", sagt Chapelier, der Berichterstatter, ,,es wünschenswerth , dass der Arbeitslohn hoher steige als er jetzt steht, damit der, der ihn empfängt, ausseihalb der absoluten Abhängig- keit sei, welche die Entbehrung der nolhwendigen Lebensmittel produ- cirt , und welche fast die Abhängigkeit der Sklaverei ist", dürfen dennoch die Arbeiter sich nicht über ihre Interessen verständigen, gemeinsam handeln und dadurch ihre ,, absolute Abhängigkeit, welche fast Sklaverei ist", massigen, weil sie eben dadurch ,,die Freiheit ihrer ci-devant maitres, der jetzigen Unternehmer", verletzen (die Frei- heit, die Arbeiter in der Sklaverei zu erhalten!), und weil eine Koali- tion gegen die Despotie der ehemaligen Meister der Cor- porationen — man rathe ! — eine Herstellung der durch die französische Konstitution abgeschafften C o r p o r a t i o n e n i s 1 1 ^-') Nachdem wir die gewaltsame Schöpfung vogelfreier Proletarier betrach- tet, die blutige Disciplin, welche sie in Lohnarbeiter verwandelt, die schmutzige Haupt- und Staatsaktion, die mit dem Exploitationsgrad der Arbeit die Ac- cumulation des Kapitals polizeilich steigert, fragt sich, wo kommen die Kapi- talisten ursprünglich her? Denn die Expropriation des Landvolks schafft u n m i 1 1 e 1 b a r nur grosse G r u n d e i g e n t h ü m e r. Was die Genesis des Pächters betrifl't, so können wir sie so zu sagen mit der Hand be- tappen , weil sie ein langsamer , über viele Jahrhunderte sich fortwälzen- der Prozess ist. Die Leibeignen selbst , woneben auch freie kleine Land- eigner, befanden sich in sehr verschiednen Besitzverhältnissen und wurden daher auch unter sehr verschiednen ökonomischen Bedingungen emancipirt. In England ist die erste Form des Pächters der selbst leibeigne Bailiff. Seine Stellung ist ähnlich der des altrömischen Villicus , nur in engerer Wirkungssphäre. Während der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts wird er ersetzt durch einen freien Pächter, den der Landlord mit Samen, Vieh und Ackerwerkzeug versieht. Seine Lage ist ni ^-^br versc --'') B u c li e z e t R 0 u X : , , H i s t o i r e P a r 1 a n. ■der des Bauern. Nur beutet er mehr Luliuarbeit aus. Er wird baki Metair, Halbpächter. Er stellt einen Theil des Ackerbaukapitals , der Landlord den andern. Beide theilen das Gesammtprodukt in kontraktlich be- stimmter Proportion. Diese Form veiscliwindet in England rasch , um iler des eigentlichen Pächters Platz zu machen , welcher sein eignes Ka- pital durch Anwendung von Lohnarbeitern verwerlhet und einen Theil des Surplusprodukts, in Geld oder in natura, dem Landlord als Grundreute zahlt. So lange, während des 15. Jahrhunderts, der unabhängige Bauer und der neben dem Lohndienst zugleich selbstwirthschaftende Ackerknecht sich selbst durch ihre Arbeit bereichern , bleiben die Umstände des Päch- ters und sein Produktionsfeld gleich mittelmässig. Die Agrikulturrevolu- tion im letzten Drittheil des 15. Jahrhunderts, die fast während des ganzen IG. Jahrhunderts (jedoch mit Ausnahme seiner letzten Decennien) fortwährt, bereichert ihn eben so rasch als sie das Landvolk verarmt -'^^}. Die Usurpation von Gemeindeweiden u. s. w. erlaubt ihm grosse Vermeh- lung seines Viehstands fast ohne Kosten , während ihm das Vieh reich- lichere Dünguugsmittel zur Bestellung des Bodens liefert. Im 16. Jahrb. kommt ein entscheidend wichtiges Moment hinzu. Damals waren die Pacht- koutrakte lang, oft für 99 Jahre laufend. Die kontinuirliche Depreciatiou der edlen Metalle und daher des Geldes trug dem Pächter goldne Früchte. Von allen andren , früher erörterten Umständen abgesehn, senkte sie den Arbeitslohn. Ein Bruchstück desselben wurde d e m P a c h t - ]) r 0 f i t a u n e X i r t. Das fortwährende Steigen der Preise von Korn, Wolle , Fleisch, kurz sämmtlicher Agrikulturprodukte, schwellte das Geld- kapital des Pächters ohne seinZuthun, während die Grundrente, die er zu zahlen hatte, im veralteten Geldwerth kontrahirt war. So berei- cherte er sich gleichzeitig auf Kosten seiner Lohnarbeiter und seines Land- lords. Kein Wunder also, wenn England Ende des 16. Jahrhunderts eine Klasse für die damaligen Verhältnisse reicher „Kapitalpächter" besass--^). ~s) ..Pächter", sagt H ar ris on in seiner ,,Description of England", , .denen es früher schwer ward 4 Pfd. St. Rente zu zahlen, zahlen jetzt 40, 50, 100 Pfd. St. und glauben doch ein schlechtq^ Geschäft gemacht zu haben, wenn sie nach Ablauf ihres Pachtkontrakts nicht 6 — 7 Jahre Rente zurücklegen." --'■>) In Frankreich wird der Regisse ur, der Verwalter und Eintreiber der Leistungen an den Feudalherrn während des früheren Mittelalters, bald ein 72ö Die stossweise und stets erneuerte Expropriation und Verjagung des Landvolks lieferte , wie mau sali , der städtischen Industrie wieder und wieder Massen ganz ausseriialb der Zunftverhältnisse stehender Proletarier, ein weiser Umstand, der den alten Anderson (nicht zu verwechseln mit James Anderson) in seiner Handelsgeschichte an direkte Intervention dei* Vorselumg glauben lässt. Wir müssen noch einen Augenblick bei diesem Element der u r s p r ü n g 1 i c h e n A c c u m u 1 a t i o n verweilen. Der Ver- dünnung des unabhängigen , selbstwirthschaftenden Landvolks entsprach nicht nur die Verdichtung des industriellen Proletariats, wie Geoffroy Saint-Hilaire die Verdichtung der Weltmaterie hier durch ihre Verdünnung dort erklärt '2' *'). Trotz der verminderten Zahl seiner Bebauer trug der Boden nach wie vor gleich viel oder mehr Produkt , weil die Revolution in den Grundeigentliumsverhältnissen von verbesserten Methoden der Kultur, grösserer Cooperation , Koncentration der Produktionsmittel u. s. w. be- gleitet war, und weil die lilndlichen Lohnarbeiter nicht nur intensiver ange- spannt wurden 231), sondern auch das Produktionsfeld, worauf sie für sieb homme d 'affaires, der sich durch Erpressung, Prellerei u. s. w. zum Kapi- talisten hinaufschwindelt. Diese Regisseurs waren manchmal selbst vornehme Herrn. Z. B. : ,,C'est li compte que messire Jacques de Thoraine, Chevalier chastelain sor Besan9on rent es seignenr tenant les comptes a Dijon pour mon- seigneur le duc et comte de Bourgoigne, des rentes appartenant a la dite chastel- lenie , depuis XXVe jour de de'ccmbre MCCCLIX jusqu'au XXVIIIe jour de de- cembre MCCCLX." (Alexis Monteil: „Histoire des Materiaux raanuscrits etc.", p. 244.) Wie in England, so waren in Frankreich die grossen Fcudalterritorien in unendlich viele kleine Wirthschaften getheilt, aber unter un- gleich ungünstigeren Bedingungen für das Landvolk. Während des 14. Jahrhun- derts kamen die Pachten, fermes oder terriers auf. Ihre Zahl wuchs bestän- dig , weit über 100,000. Sie zahlten eine vom 12. bis zum 5. Theil des Produkts wechselnde Grundrente in Geld oder in natura. Die terriers waren Lehn, Hinter- lehn u. s. w. (fiefs, arriere-fiefs), je nach Werth und Umfang der Domänen, wovon manche nur wenige arpents zählten. Alle diese terriers besassen Gerichtsbarkeit in irgend einem Grad, es gab vier Grade, über die Bodeninsassen. Man begreift den Druck des Landvolks unter allen diesen kleinen Tyrannen. Monteil sap-* dass es damals 160,000 Gerichte in Frankreich gab, wo heute 4000 Trib'- Vie- densgerichte eingeschlossen) genügen. 230) In seinen ,, Notions de Philosophie Naturell 23') Ein Punkt, den Sir James Stenart betont. 729 selbst arbeiteten, raehr und mehr zusammenschmolz. Mit dem freigesetzten Theil des Landvolks werden also auch seine früheren Nahrungsmit- tel freigesetzt. Sie verwandeln sich jetzt in stoffliches Element des variablen Kapitals. Der an die Luft gesetzte Bauer muss ihren Werth von seinem neuen Herrn , dem industriellen Kapitalisten , in der Form des Arbeitslohns erkaufen. Wie mit den Lebensmitteln , verhielt es sich mit dem heimischen agrikolen Rohmaterial der Industrie. Es ver- wandelte sich in ein Element des con stauten Kapitals. Man unter- stelle z. B. einen Theil der westphälischen Bauern , die zu Friedrich's IL Zeit alle Flachs, wenn auch keine Seide spannen, gewaltsam expropriirt und von Grund und Boden verjagt, den andern zurückbleibenden Theil aber in Taglöhner grosser Pächter verwandelt. Gleichzeitig erheben sich grosse Flachsspinnereien und Webereien , worin die ,, Freigesetzten" nun lohnarbeiten. Der Flachs sieht grad aus wie vorher. Keine Fiber an ihm ist verändert, aber eine neue sociale Seele ist ihm in den Leib ge- fahren. Er bildet jetzt einen Theil des constanten Kapitals der Manufakturherrn. Früher vertheilt unter eine Cnmasse kleiner Producen- ten, die ihn selbst bauten und in kleinen Portionen mit ihren Familien ver- spannen, ist er jetzt koucentrirt in der Hand eines Kapitalisten, der andre für sich spinnen und weben lässt. Die in der Flachsspinnerei verausgabte Extra- arbeit realisirte sich früher in Extraeinkommen zahlloser Bauernfamilien oder auch, zu Friedrich's H. Zeit, in Steuern pour le roi de Prusse. Sie realisirt sich jetzt im Profit weniger Kapitalisten. Die Spindeln und Webstühle , früher vertheilt über das flache Land , sind jetzt in wenigen grossen Ai'beitskasernen zusammengerückt, wie die Arbeiter, wie das Roh- material. Und Spindeln und Webstühle und Rohmaterial sind aus Mitteln unabhängiger Existenz für Spinner und Weber selbst verwandelt in Mi t- t e 1 sie zu k o m m a n d i r e n --^2) und ihnen unbezahlte Arbeit auszusaugen. Den grossen Manufakturen sieht man es nicht an , wie den grossen Pach- ten , dass sie aus vielen kleinen Produktionsstätten zusammenge- schlagen und durch die Expropriation vieler kleiner unabhängiger 232) ,,Je permettrai" , sagt der Kapitalist , ,,que vous ajez l'honneur de me servir, ä condition que vous me donnez le peu qui vous reste pour la peine que je prends de vous Commander." (J. J. Rousseau: ,, Discours sur l'Eco- n 0 m i e P o 1 i t i q u e. ") 730 Producenten gebildet sind. Jedoch lässt sich die unbefangne Anschauung iiicht beirren. Zur Zeit Mirabeau's , des Revolutionslüwen , hiessen die grossen Manufakturen noch manufactures reu nies, zusammenge- schlagene Werkstätten, wie wir von zusammengeschlageneu Äeckeru sprechen. „Man sieht nur", sagt Mirabeau, ,, die grossen Manufak- turen, wo Hunderte von Menschen unter einem Direktor arbeiten, iind die man gewöhnlich vereinigte Manufakturen (manufactures reunies) nennt. Diejenigen dagegen , wo eine sehr grosse Anzahl Arbei- ter zersplittert und jeder für seine eigne Rechnung arbeitet, werden kaum eines Blicks gewürdigt. Man stellt sie ganz in den Hintergrund. Diess ist ein sehr grosser Irrthum , denn sie allein bilden einen wirklich wich- tigen Bestandtheil des Voiksreichthums . . . Die vereinigte Fabrik (fabrique reunie) wird einen oder zwei Unternehmer wunderbar bereichern , aber die Arbeiter sind nur besser oder schlechter bezahlte Taglöhner und nehmen in Nichts am Wohlsein des Unternehmers Theil. In der getrennten Fabrik (fabrique separee) dagegen wird Niemand reich, aber eine Menge Arbeiter befindet sich im Wohlstand . . . Die Zahl der fleissigen und wirth- schaftlichen Arbeiter wird wachsen, weil sie in weiser Lebensart, in Thätig- keit ein Mittel erblicken, ihre Lage wesentlich zu verbessern, statt eine kleine Lohnerhöhung zu gewinnen , die niemals ein wichtiger Gegenstand für die Zukunft sein kann, sondern die Leute höchstens befähigt etwas besser von der Hand in den Mund zu leben. Die getrennten individuellen Manufak- turen, meist mit kleiner Landwirthschaft verbunden, sind die freien" -33). Die Expropriation und Verjagung eines Theils des Landvolks setzt mit den A r b e i t e !• n nicht nur ihre Lebensmittel und ihr Arbeitsma- terial für das i n dustrielle Kapital frei, sie schaflY den i n n e reu M a r k t 234). Der Pächter verkauft nun als W a a r e und massenhaft Lebens- 233j Mirabeau 1. c. t. III, p. 20 — 109 passim. Wenn Mirabeau die zer- splitterten Werkstätten auch für üiionomischer und produlitiver hält, als die ., ver- einigten", und in letzteren bloss künstliche Treibhauspflanzen unter der Pflege der Staatsregierungen sieht, erklärt sich das aus dem damaligen Zustand eir Trossen Theils der kontinentalen Manufakturen. 23^) ,,Twentj pounds of wool couverted unobtrusively into t' ■ "'S of a labourer's family by its own industry in the intervals of makes uo show ; but bring it to market, send it to the factory, t. 731 mittel uiidRoliuiHtcrial, die früher grossentlieils von ihren ländlichen Produ- centeu und Verai heitern als unmittelbare S u b s i s t e n z m i 1 1 e 1 verzehrt wurden. Die Manufakturen liefern ihm deuMarkt. Andrerseits koncen- trireu sich uiciitiuu- die vielen zerstreuten Kunden, die von den vielen kleinen Producenten ihre lokale Detailzufuhr bezogen, in einen grossen Markt für das industrielle Kapital; ein grosser Theil der früher auf dem Land selbst producirten Artikel wird in Manufakturartikel verwan- delt, und das Land selbst in einen Markt für ihren Verkauf. Hand in Hand mit der Expropriation und Losscheidung früher selbstwirthschaf- teuder Bauern von ihren Produktionsmitteln geht so die V e !• n i c li t u n g de r ländlichen N e b e n i n d u s t r i e , der S c h e i d u n g s p r o c e s s v o n M a n u f a k t u r u n d A g r i k u 1 1 u r. Jedoch bringt es die eigentliche Manu- fakturperiode zu keiner radikalen Umgestaltung. Man erinnert sich, dass sie sich der nationalen Produktion nur sehr stückweis bemächtigt und immerauf städtischem Handwerk und häuslich- ländlicher Nebenindustrie als breitem Hintergrund ruht. Wenn sie letztere untereiner Form, in besoudern Geschäftszweigen, auf gewissen Punkten vernichtet, ruft sie dieselbe auf an- dern wieder hervor , weil sie derselben zur Bearbeitung des Rohmaterials bis zu einem bestimmten Grad bedarf. Sie producirt daher eine neue Iv 1 a s s e kleiner L a n d 1 e u t e , welche die Bodenbestellung als Neben- zweig und die industrielle Arbeit zum Verkauf des Produkts an die Manu- faktur, direkt, oder auf dem Umweg des Kaufmanns, als Hauptgeschäft treiben. Diess ist ein Grund, wenn auch nicht der Hauptgrund, eines Phänomens, welches den Forscher der englischen Geschichte zunächst verwirrt. Vom letzten Drittheil des 15. Jahrhunderts an findet er fort- laufende , nur in gewissen Intervallen unterbrochne Klage über die zu- nelimende Kapitalwirthschaft auf dem Land und die progressive Vernich- tung der BauernschaTt. Andrerseits findet er sie stets wieder von neuem vor, wenn auch in verminderter Zahl und unter stets verschlechterter thence to the dealer, and vou will have great commercial Operations , and nominal capital engaged to the amount of twent}' times its value . . . The working class is thus emerced to support a wretched factory population , a parasitical shopkeeping class, and a fictitious commercial, mouetary and firancial System." (D a vid Urquhart 1. c. p. 120.) 732 Form ■23''). Der Hauptgrund ist: England ist vorzugsweise bald Koni- bauer , bald Viehzüchter , in Wechselperioden , und mit diesen Schwan- kungen , die bald nach mehr als halben Jahrhunderten zählen , bald nach wenigen Decennien, schwankt der Umfang des bäuerlichen Betriebs. Erst die grosse Industrie liefert der kapitalistischen Agri- kultur mit der Maschinerie die c o n s t a n t e Grundlage, e X p 1' 0 p r i i r t radikal die ungeheure Mehrzahl des Land- volks und vollendet die Sclieidung des Ackerbaus von der häuslich ländlichen Industrie, deren Wurzel sie a u s - reis st — Spinnerei und Weberei -3*'). Sie erobert daher auch erst dem industriellen Kapital den ganzen i n n e r e n M a r k t ^ ''^). 235) Ausnahme bildet hier CromweH's Zeit. So lange die Republik währte, erhob sich die englische Volksmasse in allen Schichten aus der Degradation, wozu sie unter den Tudors gesunken war. ^^f') ,,Aus den eigentlichen Manufakturen und der Zerstörung der 1 and liehen oder häuslichen Manufaktur geht, mit Einführung der Maschinerie, die grosse Wollindustrie hervor." (Tuckett 1. c. v. I, p. 144.) ,, Der Pflug, das Joch waren die Erfindung von Göttern und die Be- schäftigung von Heroen ; sind Webstuhl , Spindel und Spinnrad minder edler Ab- kunft? Ihr trennt das Spinnrad und den Pflug, die Spindel und das Joch , und eriialtet Fabriken uiul Armenhäuser, Kredit und Paniks, zwei feindliche Nationen, agrikole und kommercielle." (David Urquhart 1. c. p. 122.) Nun kömmt aber Carey, und klagt, sicher nicht mit Unrecht , England an, dass es jedes andre Land in ein blosses Agrikulturvolk zu verwandeln strebt, dessen Fabrikant England. Er behauptet, in dieser Art sei die Türkei ruinirt worden, weil ,,den Eignern und Bebauern des Bodens niemals gestattet war (von England) sich selbst zu kräftigen durch die natürliche Allianz zwischen dem Pflug und dem Webstuhl, dem Hammer und der Egge." (,,The Slave Trade", p. 12.5.) Nach ihm ist U r q u h a r t selbst einer der Hauptagenten des Ruins derTürkei, wo er im englischen Interesse Freihandelspropaganda gemacht habe. Das Beste ist, dass Carey, nebenbei grosser Russenknecht, durch das Protektionssystem jenen Scheidungs- prozess, den es beschleunigt, verhindern will. 23") Die philanthropischen englischen Oekonomen wie Mill , Rogiers , Godwin Smith, Faweett u. s. w. , und liberale Fabrikanten , wie John Bright und Kons., fragen, wie Gott den Kain nach seinem Bruder Abel, so den englischen Grund- aristokraten, wo sind unsre Tausende von Freeholders hingekommen? Aber wo seid ihr denn hergekommen? Aus der Vernichtung jener Freeholders Warum fragt ihr nicht weiter , wo sind die unabhängigen Weber , Spinner, Handwerker hinfrekommen? 733 Die Genesis dos industriellen '^^^) Kapitalisten ging nicht in derselben nllinäliliclieu Weise vor w'e die des Pächters. Zweifelsohne verwandelten siclnnauche kleine Zunftmeister und noch mehr selbstständige kleine Handwerker oder auch Lohnarbeiter in kleine Kapitalisten und durch idlmählieh ausgedehntere Exploitation von Lohnarbeit und entsprechende Accumulation in Kapitalisten saus phrasse. In der Kindlieitsperiode der kapitalistischen Produktion ging's vielfach zu wie in der Kindheitsperiode des mittelaltrigeu Städtewesens , wo die Frage , wer von den entlaufenen Leibeigenen soll Meister sein und wer Diener , gnjssentheiis durch das frühere oder spätere Datum ihrer Flucht entscliieden wurde. Indess ent- sprach der Schneekengaug dieser Methode in keiner Weise den Handelsbe- dürfnissen des neuen Weltmarkts, welchen die grossen Entdeckungen Ende des 15. Jahrh. geschaffen hatten. Aber das Mittelalter hatte zwei \ er schiedue Formen des Kapitals überliefert, die in den verschie- densten ökonomischen Gesellschaftsformationen reifen und, vor derAera der kapitalistischen Produktionsweise, als Kapital q u a n d ni e m e gelten — das Wucherkapital '-^^) und das K a u f m a n n s k a p i t a 1. Das durch Wucher und Handel gebildete G el d kapita 1 wurde durch die Feudal- verfassung auf dem Land, durch die Zunftverfassung in den Städten au 23«) Industriell hier im Gegensatz zu agrikol. Im , .kategorischen" Sinn ist der Pächter ein industrieller Kapitalist so gut wie der Fabrikant, -3'-*) „Gegenwärtig gehl aller iicichthum der Gesellschaft erst in die Hand des Kapitalisten ... er zahlt dem Grundeigenthiimer die Rente, dem Arbeiter den Lohn, dem Steuer- und Zehntenkollektor ihre Ansprüche, und behält einen giossen , in der That den grossten und täglich anwachsenden Theil des jährlichen Produkts der Arbeit für sieh selbst. Der Kapitalist kann jetzt als der Eigner des ganzen gesellschaftlichen Keichthums in e r s te r H a n d betrachtet werden, obgleich kein Gesetz ihm das Kecht auf diess Eigenthum übertragen hat . . . Dieser Wechsel im Eigenthum wurde durch denProzess des Wuchers bewirkt : und es i»r nicht wenig merkwürdig, dass die Gesetzgeber von ganz Europa diess durch Ge- setzewider den Wucher prävenireu wollten . . . Die Macht des Kapitalisten über allen Reichthum des Landes ist eine vollständige Revolution im Eigen th ums- rech t, und durch welches Gesetz, oder welche Reihe von Gesetzen wurde sie be- wirkt?*'(,,T he Na t Ural a n d Arti f ic i alRi gh t s ofPr o p ert y C o n tras t ed. LoRil. 1S32'-, p. 9e, 99. Verfasser der anonymen Schrift: Th. Hodgskin.) 734 seiner Verwandlung in industrielles Kapital behindert 2^^), Diese Schranken fielen mit der Auflösung der feudalen Gefolgschaften, mit der Expropriation und tlieilweisen Verjagung des Landvolks. Die neue Manu- fakturward in See-Exporthäfen errichtet oder auf Punkten des flachen Lan- des, ausserhalb der Kontrole des alten Städtewesens und seiner Zunftverfas- sung. In England daher erbitterter Kampf der i n c o r p o r a t e d t o w n a gegen diese neuen industriellen Pflanzschulen. Die Entdeckung der Gold- und Silberländer in Amerika, die Ausrot- tung, Versklavung, und Vergrabung der eingebornen Bevölkerung in die Bergwerke, die Eroberung und Ausplünderung von Ostindien, die Ver- wandlung von Afrika in ein Geheg zur Handelsjagd auf Schwarzhäute, bezeichnen die Morgenröthe der kapitalistischen Produktionsära. Diese idyllischen Prozesse sind Haupt momente der ursprünglichen Accu- m u 1 a t i 0 n . Auf dem Fuss folgt der Handelskrieg der europäischen Na- tionen. mit dem Erdrund als Schauplatz. Er beginnt mit dem Abfall der Niederlande von Spanien , nimmt Riesendimensionen au in Englands Anti- jakobinerkrieg, spielt noch fort in den Opiumkriegeu gegen China u. s. w. Diese Methoden der u r s p r ü u g 1 i c h e n A c c u m u 1 a t i o n vertheilen sich mehr oder minder, in zeitlicher Reihenfolge, namentlich auf Spanien, Portugal, Holland, Frankreich und England. In England Averden sie Ende des 17. Jahrh. systematisch zusammengefasst im Kolonialsystem, Staatsschuldensystem, modernen Steuersystem und P r o - tektionssystem. Diese Methoden beruhn zum Theil auf brutalster Gewalt, wie das Kolonialsystem. Alle aber benutzen die Staatsmacht, die koncentrirte und organisirte Gewalt der Gesellschaft, um den Verwand- lungsprozess der feudalen in die kapitalistische Produktionsweise treibhaus- mässig zu beschleunigen und die Uebergange abzukürzen. Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht. Sie ist selbst eine ökonomische Potenz. Von dem christlichen Kolonial System sagt ein Mann, der aus dem Christenthum eine Specialität macht, W. Howitt: ,,Die Barbareien und ruchlosen Greuelthaten der s. g. christlichen Racen , in jeder Region der 2.'i0) Sogar noch 1794 schickten die kleinen Tuchmacher ^' Deputation an das Parlament, zur Petition um ein Gesetz, das jedei. verbieten sollte, F ab r i k an t zu werden." (Dr. Aikin 1. c.) ioD Welt und gegen jedes Volk, das sie unterjochen konnten, finden keine- Parallele in irgend einer Aera der Weltgescliiclite , bei irgend einer Race, ob noch so wild, ungebildet, mitleidslos und schamlos" 24'). Die Ge- schichte der holländischen Kolonialwirthscliaft — und Holland war die kapitalistische Musteruation des ] 7. Jahrhunderts — ,, entrollt ein unüber- treffbares Gemälde von Verrath, Bestechung, Meuchelmord und Nieder- tracht" 24--2). Nichts charakteristischer als ihr System des Menschendieb- stahls in Celebes, um Sklaven für Java zu erhalten. Die Menschensteliler wurden zu diesem Zweck abgericlitet. Der Dieb , der Dolmetscher und der Verkäufer waren die Hauptagenten in diesem Handel, eingeborne Prin- zen die Hauptverkäufer. Die weggestohlne Jugend wurde in den Geheimge-^ fängnisseu von Celebes versteckt, bis reif zur Verschickung auf die Sklaven- schiffe. Ein officieller Bericlit sagt: „Diese eine Stadt von Makassarz. B. ist voll von geheimen Gefängnissen, eins schauderhafter als das andre, ge- pfropft mit Elenden, Opfern der Habsucht und T3'i'annei , in Ketten gefes- selt, ihren Familien gewaltsam entrissen." Um sich Malacca's zu ben)äch- tigen, bestachen die Holländer den portugiesischen Gouverneur. Er Hess sie 1641 in die Stadt ein. Sie eilten sofort zu seinem Hause und meuchel- mordetenihn, um aufdie Zahlung der Bestechungssumme von 21,875 Pfd. St. zu ,, entsagen". Wo sie die Füsse hinsetzten, folgte Verödung und Entvölkerung. Die Population einer Provinz von Java , Baniyuawng}v zählte 1750 über 80,000 Einwohner, 181 1 nur noch 8000. Das ist der d o u X CO m m e r c e ! Die englisch-ostindische Kompagnie erhielt bekanntlich, ausser der politischen Herrschaft in Ostindien , das exklusive Monopol des Theehandels, wie des chinesischen Handels überhaupt und des Gütertransports von und zu Europa. Aber die Küstenschifffahrt von Indien und zwischen 2^') William Howitt: ,,C ol o n iz a ti o n and Ch ris ti a n i ty. A Populär H i s t o r y o f t h e T r c a t m e n t o f t h e N a t i \ e s b y t h e E u r o- p e a n s i n a 1 1 th ei r c ol 0 ni es. Lond. 183S'', p. 9. Ueber die Behanclhing der Sklaven gute Compilation hei Charles C o in t e : ,,Traite de la Legis- lation." 3meed. B ru xel 1 e s 18.37. Man muss diess Zeug im Detail studiren, um zu sehn , wozu der Bourgeois sich selbst und den Arlieiter macht , wo er die Welt ungenirt nach seinem Bilde modeln kann. -'-) Thomas Staf fo rd Ra ffles, lateLieut. Gov. of that island (Jq va) and i ts depen de nci es. Lond. 1817. 736 den Iiiselu, wie der Handel im Innern Indiens wurden Monopol der liöliern Beamten der Kompagnie. Die Monopole von Salz , Opium , Betel und andern Waaren waren unerschöpfliclie Minen des Reichtluims. Die Beamten selbst setzten die Preise fest und sehindeten nach Belieben den unglück- lichen Hindu. Der Generalgouverneur nahm Theil an diesem Privathan- del. Seine Günstlinge erhielten Kontrakte unter Bedingungen, wodurch sie, klüger als die Alchymisten , aus Nichts Gold machten. Grosse Vermö- gen sprangen wie die Pilze an einem Tage auf, die ursprüngliche Accumulation ging von Statten ohne Vorschuss eines Schillings. Die gerichtliche Verfolgung des Warren Hastings wimmelt von solchen Bei- spielen. Hier ein Fall. Ein Opiumkontrakt wird einem gewissen Suliivau zugetheilt, obgleich er in öffentlichem Auftrag zu einem von den Opium- distrikten ganz entlegenen Theil Indiens reiste. SuUivan verkauft seinen Kontrakt für 40,000 Pfd. St. an einen gewissen Binn, Binn verkauft ihn seinerseits denselben Tag für 60,000 Pfd.St., und der schliessliche Käufer und Ausführer des Kontrakts erklärt , dass er hinterher noch einen unge- heuren Gewinn herausschlug. Nach einer dem Parlament vorgelegten Liste Hessen sich die Kompagnie und ihre Beamten von 1757 — 1766 von den Indiern 6 Millionen Pfd. St. schenken! Zwischen 1769 und 1770 fabricirten die Engländer eine Hungersnoth durch den Aufkauf von allem Reis und durch Weigerung des Wiederverkaufs ausser zu fabelhaften Preisen 2*3). Die Behandlung der Eingeborenen war natürlich am tollsten in den nur zum Exporthandel bestimmten Pflanzungen , wie Westiudien , und in den dem Raubmord preisgegebnen reichen und dichtbevölkerten Ländern, wie Mexico und Ostindien. Jedoch auch in den eigentlichen Kolonien verläug- uete sich der christliche Charakter der ursprünglichen A c c u m u 1 a - t i 0 n nicht. Jene nüchternen Virtuosen des Protestantismus, die Puritaner, setzten durch Beschlüsse ihrer Assembly 1703 eine Prämie von 40 Pfd. St. auf jedes indianische Scalp und jede gefangne Rothhaut, 1720 Prämie von 100 Pfd. St. auf jedes Scalp, 1744, nachdem Massachussets- Bay einen gewissen Tribus zum Rebellen erklärt hatte , folgende Preise : -*3) Im Jahr 1866 starben in der einzigen Provinz Orissa mehr Million Hindns am Hungertod. Die Hungersnoth währt Augenblick. Nichtsdestoweniger suchte man die indische Star ehern durch die Preise, wozu man den Verhungernden Lebens fiir mämiliches Scalp, 12 Jahre uud drüber, 100 Pfd. St. neuer Währung, für männliche Gefangene 105 Pfd. St., für gefangene Weiber uud Kinder 55 Pfd. St., f ü r S c a 1 p s V 0 n W e i b e r n u n d K i n d er n 5 0 P f d. S t. ! Einige Decennien später rächte sich das Koionialsystem an der unterdess aufrührisch gewordenen Naclikomuienschaft der frommen piigrim fathers. Unter englischem Antrieb und Sold wurden sie tomahawked. Das britische Parlament erklärte Bluthunde und Scalpiren für ,, Mittel , welche Gott und die Natur in seine Hand gegeben." Das Kolonialsystem reifte treibhausmässig Handel und Schitffahrt. Die ,, Gesellschaften Monopolia" (Luther) waren gewaltige Hebel der Ka- pital-Koucentration. Den aufschiessenden Manufakturen sicherte die Kolonie Absatzmarkt und eine durch das Marktmonopol potenziite Accumulation. Der ausserhalb Europa direkt erplünderte , herausgesklavte und herausge- mordete Schatz floss ins Mutterland zurück und verwandelte sich hier in Kapital. Holland, welches das Kolonialsystem zuerst völlig entwickelte, stand schon 1648 im Brennpunkt seiner Handelsgrösse. Es war ,,in fast ausschliesslichem Besitz des ostindischen Handels und des Verkehrs zwi- schen dem europäischen Südwesten und Nordosten. Seine Fischereien, Seewesen, Manufakturen übertrafen die eines jeden anderen Landes. Die Kapitalien der Republik waren vielleiclit bedeutender als die des übrigen Europa insgesammt." Jülich vergisst hinzuzusetzen: Hollands Volks- masse war schon 1648 mehr überarbeitet, verarmter und brutaler uiiter- diückt als die des übrigen Europa's insgesammt. Das Kolonialsystem warf mit einem Schub und Bautz alle alten Götzen über Haufen. Es pro- klarairte die Plusmacherei als letzten und einzigen Zweck der Menschheit. Es war die Geburtsstätte des modernen Staatsschulden- und Kre- ditsystems. Die auffallende Holle desStaatsschulden- und raodernenSteuer- systems bei der Verwandlung des gesellschaftlich en Rei ch- tliums in Kapital, der Expropriation selbstständiger Arbeiter, und der Herunterdrückung der Lohnarbeiter, hat manche Schriftsteller, wie W. Cob- bett, Doubleday u. s. w. verleitet dort' den Grund alles modernen Volkseleuds zu suchen. Mit den Staatsschulden entsprang zugleich ein internationales Kredit- wesen, welches oft die Quelle der u r s p r ü n g 1 i c li e n A c c u m u 1 a t i o n in einem bestimmten Land versteckt. Die Gemeinheiten des veuetianischen Raubsystems z. B. bilden eine verborgne Grundlage des Kapitalreiehthums I. 47 738 von Holland , ucm das verfallende Venedig grosse Geldsummen lieh- Elenso verhält es sich zwischen Holland und England. Schon im Anfang- des 18. Jahrhunderts sind die Manufakturen Hollands weit überflügelt und hat es aufgehört, herrschende Industrie- und Handelsnation zu sein. Eins seiner Hauptgeschäfte von 1701 -1776 wird daher das Ausleihn unge- heiu'er Kapitalien , speziell an seinen übermächtigen Konkurrenten Eng- land. Aehnliches gilt jetzt von England und den Vereinigten Staaten.. Manch Kapital, das heute in den Vereinigten Staaten ohne Geburtsschein aufiritt , ist erst gestern in f^ngland kapitalisirtes Kinderblut. Das Protektionssystem war ein K u n s t m i 1 1 e 1 F a b r i k a n t e n z u fabriciren, unabhängige Arbeiter zu expropriiren , die natioiia- len Produktions- und Lebensmittel zu kapitalisiren,denUeber- gangaus der alterthümlichen in die moderneProduktiousweise gewaltsam abzukürzen. Die europäischen Staaten rissen sich um das Patent dieser Erfindung, und einmal in den Dienst der Plusmacher eingetreten, brandschatzten sie zu jenem Behuf nicht nur das eigne Volk, indirekt durch Schutzzölle, direkt durch Exportprämien u. s. w. In den abhängigen Neleu- landen wurde alle Industrie gewaltsam ausgerodet, wie z.B. die irische Woll- manufaktur von England. Auf dem europäischen Kontinent ward nach Col- bert's Vorgang der Prozess noch sehr vereinfacht. Das ursprüngliche Kapital des Industriellen fliesst hier zum Theil direkt aus dem Staatsschatz. ,, Warum," ruft Mirabeau, „so weit die Ursache des Ma- nufakturglanzes Sachsens vor dem siebenjährigen Krieg suchen gehn ? 180 Millionen Staatsschulden" 2**) ! Kolonialsystem, Staatsschulden, Steuerwucht, Protektion, Handels- kriege u. s. w. , diese Sprösshnge der eigentlichen Manufakturperiode, schwellen riesenhaft während dei' Kinderperiode der grossen Industrie^ Die Geburt der letzteren wird gefeiert durch den grossen herodischenKin- d e r r a u b. So blasirt S i r F. M. E d e n ist über die Greuel der Expropria- tion des Landvolks von Grund und Boden seit dem letzten Drittel des 15. Jahrhunderts bis zu seiner Zeit, dem Ende des 18. Jahrhunderts; so selbstgeftillig er gratuürt zu diesem Prozess, ,,nothweudig" , 'ie kapi- 2*^) ,,Foiirquoi aller chercLer si loin la cause de Tecla' Saxe avant la guerre? Cent quatre-viiigt millions de dettes . raiiis!" Mirabeau 1. c. t. VI, p. 101. 739 talistisclie Agrikultur und „das wahre Verhältniss von Ackerland und Vieh- weide herzustellen", beweist er dagegen nicht dieselbe ökonomische Einsicht in dieNothwendigkeit desKinderraubs und der Kindersklaverei für die Verwandlung des Manufakturbetriebs in den Fabrikbetrieb und d i e Herstellung des wahren Verhältnisses vonKapital und Arbeits- kraft. Er sagt:,, Es mag vielleicht der Erwägung des Publikums werth sein, ob irgend eine Manufaktur, die zu ihrer erfolgreichen Ausführung Cottages und Workhouses von armen Kindern ausplündern muss, damit sie, truppweis sich ablösend, den grössten Theil der Nacht durch abgerackert und der Ruhe beraubt werden, eine Manufaktur, die ausserdem Haufen beiderlei Geschlechts, von verschiednen Altersstufen und Neigungen , so zusammenhudelt , dass die Ansteckung des Beispiels zu Verworfenheit und Liederlichkeit führen muss, ob solch eine Manufaktur die Summe des nationalen und indivi- duellen Glücks vermehren kann" -^^) ? ,,In Derbyshire , Nottinghamshire und besonders Lancashire," sagt Fi eklen, ,, wurde die jüngst erfundne Maschinerie angewandt in grossen Fabriken, dicht bei Strömen fähig das Wasserrad zu drehn. Tausende von Händen waren plötzlich erheischt an diesen Plätzen, fern von den Städten; und Lancashire namentlich, bis zu jener Zeit vergleichungsweis dünn bevölkert und unfruchtbar, bedurfte jetzt vor allem einer Population. Die kleinen und flinken Finger waren vor allen in Requisition. Sofort sprang die Gewohnheit auf, Lehrlinge (I) aus den verschiedenen Pfarrei- Workhouses vun London, Birmingham i nd bonstwo zu beziehn. Tausende dieser kleinen hilflosen Kreaturen wurden so nach dem Norden spedirt, vom 7. — 13. oder 14. Jahr. Es war die Gewohnheit für den Meister (d. h. den Kinderdieb), seine Lehrlinge zu kleiden , nähren und iogiren in einem Lehrliugsliaus nah bei der Fabrik. Aufseher wurden bestellt um ihre Arbeit zu überwachen. Es war das Li- teresse dieser Sklaventreiber die Kinder aufs Aeusserste abzuarbeiten, denn ihre Zahlung stand im Verhältniss zur Quantität Produkt, die aus dem Kind erpresst werden konnte. Grausamkeit war natürliche Folge .... Li vielen Fabrikdistrikten , besonders Lancashire's , wurden die herzzerreis- sendsten Torturen prakticirt an diesen liarmlosen und freundlosen Krea- turen, die den Fabrikherrn consignirt waren. Sie wurden zu Tod gehetzt durch Arbeitsexcesse ; sie wurden gepeitscht, gekettet und gefoltert uüt 2»s) Eden 1. c. b. II, eh. I. p. 421, 740 dem aiisgesucbtesteu Raffinement von Grausamkeit; sie wurden in vielen Fallen bis zu den Knochen ausgehungert , während die Peitsche sie an der Arbeit hielt. Ja in einigen Fällen wurden sie zum Selbstmord getrieben ! . . . Die schönen und romantischen Thäler von Derbyshire, Nottinghamshire und Lancashire, abgeschlossen vom öffentlichen Auge, wurden grause Ein- öden von Tortur und — oft von Mord I . . . Die Profite der Fabrikanten waren enorm. Das wetzte nur ihren Wehrwolfsheisshunger. Sie began- nen die Praxis der Nachtarbeit, d. h. nachdem sie eine Gruppe Hände durch das Tagwerk gelähmt, hatten sie eine andre Gruppe für das Nacht- werk zur Hand ; die Tagesgruppe wanderte in die Betten . welche die Nachtgruppe grade verlassen hatte und vice versa. Es ist Volksüberliefe- rung in Lancashire, dass die Betten nie abkühlten" ^'^^). Mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktion während der Manu- fakturperiode hatte die öffentliche Meinung von Europa den letzten Rest von Schamgefühl und Gewissen eingebüsst. Die Nationen renommirten cynisch mit jeder Infamie, die Mittel zu K api t al accumula ti ou. Man lese z. B. die naiven Handelsannalen des Biedermanns Anderson. Hier wird es als Triumph englischer Staatsweisheit ausposaunt, dass Eng- 2*6) John Fiel den 1. c. p. 5, 6. Ueber die ursprünglichen Infamien des Fabrikwesens vgl. Dr. Aikin (1795) I.e. p. 219 und Gisbourne: ,,Enquiry in to the duties ofmen. 1795", v. IL — Da die Dampfmaschine die Fabriken von den ländlichen Wasserfällen weg in die Mitte von Städten verpflanzte, fand der ,, entsagungslustige" Plusmacher das Kindermaterial nun zur Hand, ohne ge- waltsame Sklavenzufuhr aus den Workhouses. — Als Sir R. Peel (Vater des ,, Ministers der Plausibilität") seine Bill zum Schutz der Kinder 1815 einbrachte, erklärte F. Hörn er (lumen des Bullion-Comites und intimer Freund Ricardo's) im Unterhaus: ,,Es ist notorisch, dass mit den Effekten eines Banqueroutier's eine Bande, wenn er solchen terminus brauchen dürfe, von Fabrikkindein zur Auktion öffentlich, als Theil des Eigenthums, annoncirt und losgeschlagen wurde. VorzweiJahren (1813) kam ein abscheulicher Fall vor dieKing's Be-^^ch. Es handelte sich um eine Anzahl Knaben. Eine Pfarrei von London hatte sie einem Fabri- kanten Übermacht, der übertrug sie wieder auf einen andern. Sie wurden schliess- lich von einigen Menschenfreunden in einem Zustand absoluter Hun noth (absolute famine) entdeckt. Ein andrer, noch schrecklicherer F'.' seiner Kenntniss als Mitglied des parlamentarischen üntersuchv,, bracht worden. Vor nicht vielen Jahren schlössen eine Londoner . Fabrikant von Lancashire einen Vertrag, wodurch stipulirt wurde, •20 gesunde Kinder einen Idioten mit in den Kauf nehme." 741 land im Frieden von I'treclit den Spaniern durch den Asientovertrag das l'rivilegium abzwang, denNegerliandel, den es bisher nur zwischen Afrika und dem englischen Westindien betrieb, nun auch zwischen Afrika und dem spanischen Amerika betreiben zu dürfen, England erhielt das Reclit, das spanische Amerika bis 1743 jährlich mit 4800 Negern zu versorgen. Die.ss gewährte zugleich einen officiellen Deckmantel für den britischen Schmug- gel. Liverpool wuchs gross auf der Basis des Sklavenhandels. Er bildet seine Methode der ursprünglichen Accuraulation. Und bis lieutzutag blieb die Liverpooler ,, Ehrbarkeit" Pindar des Sklavenhandels, welcher — vgl. die citirte Schrift des Dr. Aikin von 1795 — „den commerciellen Unternehmungsgeist bis zur Leidenschaft steigere , famose Seeleute bilde, und enormes Geld einbringe." Liverpool beschäftigte 1 7 3 0 im Sklavenhandel 15 Schiffe, 1 7 5 1 : 53, 1 7 6 0 : 74, 1 7 7 0 : 96 und 179 2: 132. Während sie die Kindersklaverei in England einführte, gab die Baum- wüllindustrie zugleich den Austoss zur Verwandlung der früher mehr oder minder patriarchalischen Sklavenwirthschaft der Vereinigten Staaten in ein commercielles Esploitationssystem. Ueberhaupt bedurfte die verhüllte Sklaverei der Lohnarbeiter in Europa zum Piedestal die Sklaverei saus plirase in der neuen Welt ^^''). T a n t a e m o 1 i s e r a t , die , ,e w i g e n N a t u r g e s e t z e " der kapita- listischen Produktionsweise zu entbinden, denScheidungsprozess zwischen Ai - heitern und Arbeitsbedingungen zu voliziehn, auf dem einen Pol die gesell- schaftlichen Produktions- und Lebensmittel in Kapital zu verwandeln, ai;f dem Gegenpol die Volksmasse in L o h n a r b e i t e r , in freie ,, arbeiten de Arme" , diess Kunstprodukt der modernen Geschichte 2*^). Wenn -*■) 1790 kamen im englischen Westindien 10 Skhiven auf 1 Freien, im französischen 14 auf 1, im holländischen 23 auf 1. (Henry Brougham: , , A n I n (j u i r y i n t o t b e C o 1 o n i a 1 P o 1 i c y o f t h e European Powers. Edinb. 1803", v. II, p. 74.) 2*8) Der Ausdruck ,,labouriag poor" findet sieb in den englischen Ge- ? 1 vom Augenblick, wo die Klasse der Lohnarbeiter bemcrkenswerth wird. Der ,,labouring poor" steht im Gegensatz , einerseits zum .,idle poor", Bettler u. s. w., andrerseits zum Arbeiter, der noch kein gepflücktes Huhn, sondern Eigen- thümer seiner Arbeitsmittel ist. Aus dem Gesetz ging der Ausdruck ,,labouring poor" in die politische Oekonomie über, von Culpeper, J. Child u. s. w. bis A. Smith und Eden. Danach beurtheile man die bonne foi des ,,execrable poli- 742 das Geld, nach Aiigiei', ,,mit natürlichen BhUflecken auf t^hier Backe zur Welt kömmt" 2^9), so das Kapita! von Kopf bis Zeh, aus allen Poreu, blut- und schmutztriefend ^^Oj, Worauf kömmt die ursprüngliche A c c u m u 1 a t i o n des Ka- pitals, d.h. seine historische Genesis, hinaus? Soweit sie nicht un- mittelbare Verwandlung von Sklaven und Leibeigenen in Lohnarbeiter, also blosser F o r m w e c h s e 1 ist , bedeutet sie nur die Expropria- tion d e r u n m i 1 1 e 1 b a r e n P 1' 0 d u c e n t e n , d.h. d i e A u f 1 ö s u n g des a u f e i g n e r Arbeit beruhenden P r i v a t e i g e n t h u m s. Das Privateigentlium des Arbeiters an seinen Produktionsmitteln ist die Grund- lage des Kleinbetriebs, der Kleinbetrieb eine uothwendige Bedingung für die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktion und der freien Individuali- tät des Arbeiters selbst. Allerdings existirt diese Produktionsweise auch tical cantmongei"' Edmund Biirke, wenn er den Ausdruck ,,labouring poor" für ,,execrable politieal cant" erklärt. Dieser Sjkophant , der im Sold der eng- lisclien Oligarchie den Romantiker gegenüber der französischen Revolution spielte, ganz wie er beim Beginn der amerikanischen Wirren im Sold der nordamerikani- schen Kolonien gegenüber der englischen Oligarchie den Liberalen gespielt hatte, war durch und durch ordinärer Bourgeois: ,,Die Gesetze des Handels sind die Gesetze der Natur und folglich die Gesetze Gottes." (E. Burke 1. c. p. 31, 32.) Kein Wunder, dass er, den Gesetzen Gottes und der Natur getreu, stets sich selbst auf dem liesten Markt verkauft hat! Man findet in desRev.Mr. Tücke r' s Schrif- f.jn — Tucker war Pfafif und Tory, im übrigen aber anständiger Mann und tüch- tiger politischer Oekonom — sehr gute Charakteristik dieses Edmund Burke während seiner liberalen Zeit. Bei der infamen Charakterlosigkeit, die heutzutag herrscht und devotest an ,,die Gesetze des Handels" glaubt, ist es Pflicht wieder und wieder die Burkes zu brandmarken , die sich von ihren Nachfolgern nur durch eins unterscheiden — Talent! 2^9) Marie Au gier: ,,Du C red i t Pu bl i c." 250) ,, Kapital, sagt der Quarterly Review er, flieht Tumult und Streit und ist ängstlicher Natur. Das ist sehr wahr, aber doch nicht die ganze Wahrheit. Das Kapital hat einen horror vor Abwesenheit von Profit, oder sehr kleinem Profit, wie die Natur vor der Leere. Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Procent sicher, und man kann es überall anwenden ; 20 Procent, es wird lebhaft ; .50 Procent, positiv waghalsig; für 100 Procent stampft es alle menschlichen Ge- setze unter seinen Fuss ; 300 Procent, und es existirt kein Verbrechen, das es nicht riskirt, selbst auf Gefahr des Galgens. Wenn Tumult und Streit Profit tragen, wird es sie beide encouragiren. Beweis: Schmuggel und Sklavenhandel." (T. J. D un nin g 1. c. p. 36.) 74" innerlialb der Sklaverei , Ltibeigeiisclinft iiiitl anderer Abhängigkeitsver- liiiltuisse. Aber sie blüht nur, sclmellt nur ihre ganze Energie, erobert nur die adäquate klassische Form , wo der Arbeit(r freier Privat ei gen - t h ü m 6 r seiner von ihm selbst g e h a u d h a b t e n Arbeitsbe- dingungen ist, der Bauer des Ackers, den er bestellt, der Handwer- ker des Instruments, womit er als Virtuose spielt. Diese Produktionsweise unterstellt Z er Splitter u ng des Bodens und der übrigen Produktions- mittel. Mit der K o n c e n t r a t i o n der letztern scldiesst sie die Cooperation, Theüuug der Arbeit innerhalb derselben Produktionspi'ozesse , gesellschaft- liche Beherrschung und Reglung der Natur, Entwicklung ge seil seh aft- 1 icher Produktivkraft aus. Sie ist nur verträglich mit engen natur- wüchsigen Schranken der Produktion und der Gesellschaft. Auf einem gewissen Höhegrad bringt sie die materiellen Mittel ihrer eignen Vernich- tung zur Welt. Von diesem Augenblick regen sich Kräfte und Leiden- schaften im Gesellschaftsschoose, welche sich von ihr gefesselt fühlen. Sie muss vernichtet werden, sie wird vernichtet. Ihre Vernichtung, die Verwand- lung der individuellen und zersplitterten Produktions- mittel in gesellschaftlich concentrirte, daher des zwerg- liaften Eigenthums Vieler in das masseidiafte Eigenthum Weniger, daher die Expropriation der grossen V o 1 k s m a s s e von Grund u u d Boden und Lebensmitteln und Arbeitsinstrumenten, diese furchtbare und schwierige Expropriation der V o 1 k s m a s s e bildet die Vorgeschichte des Kapitals. Sie umfasst eine Reihe gewaltsamer Methoden , wovon wir nur die epochemachenden als Methoden d e r u r - s p r ü n g 1 i c h e n A c c u m u 1 a t i o n des Kapitals Revue passiren Hessen. Die Expropriation der unmittelbaren Producenten wird mit schonungslosestem Vandalismus und unter dem Trieb der infamsten, schmutzigsten, kleinlichst gehässigsten Leidenschaften vollbracht. Das selbst erarbeitete, sozusagen auf Verwachsung des isolirten , unab- hängigen Arbeitsindividuums mit seinen Arbeitsbedin- gungen beruhende P r i v a t e i g e n t h u m w^rd verdrängt durch das kapitalistische Pri vateigenthum, welches auf Exploitation fremder, aber formell freier Arbeit beruhtes»). Sobald dieser Um wand - 25') ,,Nous sommes tlans une condition tout-afait nouvelle de la societe . . . iious tendons a sepaier toute espece de proprie'te d'avec toute espece de travail." (Sismondi: ,,N o u ve a ux P rin cip es d e l'E c o u. Po li t. " t. II, p. 4-34.) 744 lungsprozess nach Tiefe und Umfang die alte Gesellschaft hinreichend zersetzt hat, sobald die Arbeiterin Proletarier, ihre A r bei tsbedingungen in Kapital verwandelt sind, sobald die kapitalistische Produktionsweise auf eignen Füssen steht , gewinnt die weitere Vergesellschaftung der Ar- beit und weitere Verwandlung der Erde und andrer Produktionsmittel in gesellschaftlich ausgebeutete, also gemeinschaftliche Produk- tionsmittel, daher die weitere E x p r o p r i at i o n d e r P r i v a t e i g e n - thüra er , eine neue Form. Was jetzt zu expropriiren ist, ist nicht länger der selbstwirthschaftende Arbeiter, sondern der viele Arbeiter ex- ploitirende Kapitalist. Diese Expropriation vollzieht sich durch das Spiel der immanenten Gesetze der kapitalistischen Pi-oduktion selbst, durch d i e K o n c e n t r a t i o n d e r K a p i t a 1 i e n. Je ein Ka- pitalist schlägt viele todt. Hand in Hand mit dieser Koncentration oder der E X p r o p r i a 1 1 0 n V i e 1 e r K a i) i t a 1 i s t e n durch Wenige ent- wickelt sich die cooperative Form des Arbeitsprozesses auf stets wachsen- der Stufenleiter, die bewusste technologische Anwendung der Wissenschaft, die planmässig gemeinsame Ausbeutung der Erde, die Verwandlung der Arbeitsmittel in nur gemeinsam verwendbare Arbeitsmittel, und die Oeko- nomisirung aller Produktionsmittel durch ihren Gebrauch als gemeinsame Produktionsmittel kombinirter , gesellschaftlicher Arbeit. Mit der bestän- dig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten , welche alle Vortheile dieses Umwandlungsprozesses usurpiren und mnnopolisiren , wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtung, der Degradation, der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellenden und durch den Mecha- nismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten , verein- ten und organisirten Arbeiterklasse. Das Ka pi tal m on op ol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufge- blüht ist. Die Koncentration der Produktionsmittel und die Vergesellschaf- tung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sic wird gesprengt. Die Stunde des k a p i t a 1 i s t i s ch e n P r i v a t e i g e n t h u m s schlägt. Die E x p r o - p r i a t e u r s w e r d e n e X p r 0 p r i i r t. j > Die kapitalistische Produktions- und Aneignungsweise, daher d^s k f^ p i • talistische Pri va t ei gen t hum , ist die erste N" individuellen, aufeigneArbeit gegründetenPi thums. Die Negation der kapitalistischen Produktion 745 sie selbsl, mit der Notliwendigkeit eines Naturprozesses , producirt. Es ist Negation derNegution. Diese stellt das individuelle Eigen- tbum wieder li er, aber auf Grundlage der Errungenschaft der kapi- talistischen Aera, der Cooperation f r e i e r A r b e i t e r und i h r e n> G e m e i n e i g e n t h u m an d e i- E r d e und den d n r c h d i e A i' b e i t selbst p r 0 d u c i r t e n Produktionsmitteln. Die Verwandlung des zersplitterten , auf eigner Arbeit der Indivi- duen beruhenden Privateigenthums in kapitalistisches ist natürlich ein ungleich mehr langwieiiger , harter und schwieriger Prozess als die Verwandlung des faktisch bereits auf gesellschaftlicher Exploitation der Produktionsmittel beruhenden kapitalistischen Privateigenthums in ge- sellschaftliches Eigenthura. Dort handelte es sich um die Expropriation der Volksraasse durch wenige Usurpatoren, hier handelt es sich um die Expropriation weniger Usurpatoren durch die Volksmasse ^'^'^). 3) Die moderne Koloni sationstheorie ^^3). Die politische Oekonomie sucht principiell die angenehmste Verwechs- lung aufrecht zu erhalten zwischen dem auf eigner Arbeit be- ruhenden P r i V a t e i g e n t h u m und dem diametral entgegenge- setzten , auf Vernichtung dieser Art Eigentluims beruhenden kapita- -5-) ,, Der Fortschritt der Industrie, dessen willenloser und widerstandloser Träger die Bourgeoisie ist, setzt an die Stelle der Isolirung der Arbeiter durch die Konkurrenz ihre revolutionäre Vereinigung durch die Association. Mit der Ent- wicklung der grossen Industrie wird also unter den Füssen der Bourgeoisie die Grundlage selbst weggezogen, worauf sie producirt und die Produkte sich aneignet. Sie producirt also vor allem ihre eignen Todtengräber. Ihr Untergang nnd der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich . . . Von allen Klassen , welche heutzutage der Bourgeoisie gegeuüberstehn , ist nur das Proletariat eine wirklich revolutionäre Klasse. Die übrigen Klassen verkommen und gehn unter mit der grossen Industrie, das Proletariat ist ihr eigenstes Produkt . . . Die Mittelstände, der kleine Industrielle, der kleine Kaufmann, der Handwerker, der Bauer, sie alle bekämpfen die Bourgeoisie, um ihre Existenz als Mittelstände vor dem Untergang zu sichern ... sie sind reaktionär, denn sie suchen das Rad der Geschiclite zu- rückzudrehn." (F. Engels und Karl Marx: ,, Manifest der kommu- nisti-jhenPartei. London 184 7'', p. 9, 11.) 253) Es handelt sich hier. von wirklichen Kolonien, jungfräulichem Boden , der durch freie Einwanderer kolonisirt wird. Die Vereinigten Staaten sind , ökonomisch gesprochen , immer noch Kolonialland Europa's. Uebrigens gehören auch die allen Pflanzungen hierher, wo die Aufheljung der Sklaverei die Verhältnisse gänzlich un)gewälzt hat. 746 listischen P riva t eigen tli u m. Im Westeu von Europa, dem Hei- niatlisland der politisclicn Oekonomie , ist der Prozess der ursprünglichen Accumulation vollbracht. Die kapitalistische Produktionsweise hat hier •entweder die ganze nationale Pioduktion direkt unterworfen, oder, wo die Verliältnisse minder entwickelt sind , kontrolirt sie indirekt die noch neben ihr fortexistirenden . verkommenden , der veralteten Produktionsweise an- gehörigen Gesellschaftsschichten. Auf diese fertige Welt des Kapitals wendet der politische Oekonom mit desto ängstliclierem Eifer und desto grösserer Salbung die Rechts- und Eigenthumsvorstellungen der vorkapita- listischen Welt an , je lauter die Tliatsachen seiner Ideologie ins Gesicht schreien. Anders in den Kol on i en. Die kapitalistische Produktions- und Aneignungsweise stösst hier überall auf das Hinderniss des selhst- erarbeiteteuEigenthums, des Producenten, der als Privateigenthümer seiner eignen Arbeitsbedingungen durch seine Arbeit sich selbst statt den Kapi- talisten bereichert. Der Widerspruch dieser zwei diametral entgegengesetzten P r o d u k t i o n s - und A n e i g n u n g s w e 1 - seu existirt hier praktisch. Wo der Kapitalist die Macht des Mutterlandes im Rücken hat, sucht er die au f eign er A rbeit be- ruh e n d e P r o d u k t i o n s - und A n e i g n u n g s w e i s e gewaltsam aus <1em Weg zu räumen. Dasselbe Interesse, welch(^s' den Sykophanten des Kapitals, den politischen Oekonomen, im Mutterland bestimmt, die kapi- talistische Produktionsweise theoretisch für ihr eignes Gegen- theil zu erklären, dasselbe Interesse treibt ilin hier ,,toraake a clear breast a s s i m . ) 755 b r i n g im g f r i s c li e r Arbeit nach den Kolonien sie h e r n" ^73). Der von Staatswegen oktroyirte Boden preis niuss natürlich „genügend" (sufficient prioe)sein, d. h. solioch, ,,dasser die Arbeiter verhindert, un- abhängige Bauern zu werden , bis andre da sind , um ihren Platz auf dem Lohnarbeitsmarkt einzunehmen" 274). Dieser genügende „Boden- preis" ist nichts als eine euphemistische Umschreibung des Lösegelds, welches der Arbeiter dem Kapitalisten zahlt für die Erlaubniss, sich vom Lohnarbeitsmarkt aufs Land zurückzuziehn. Erst mnsser dem Herin Kapi- talisten ..Kapital" produciren , damit der mehr Arbeiter exploi- tiren könne, und dann auf dem Arbeitsmarkt einen „Ersatzmann" stellen, den die Regierung auf seine Kosten seinem eliemaiigen Herrn Ka- pitalisten über die See spedirt. Es ist höchst charakteristisch , dass die englische Regierung diese von Herrn Wakefield eigens zum Gebrauch in Kolonialländern verschrie- bene Methode der ,, u r s p r ü n g 1 i c h e n A c c u m u 1 a t i o n " Jahre lang ausgeführt hat. Das Fiasko war natürlich ebenso schmählich als das des Peelschen Bankakts. Der Emigrationsstrom wurde nur von den englischen Kolonien nach den Vereinigten Staaten abgelenkt. Unterdess hat der Fort- schritt der kapitalistischen Produktion in Europa zusammen mit dem wacli- senden Regierungsdruck Wakefield's Recrpt überflüssig gemacht. Der ungeheure und continuirliche Menschenstrom, Jahr aus Jahr ein nach Ame- rika getrieben, lässt theils stagnirende Niederschläge im Osten der Vereinig- ten Staaten zurück, theils wirft die Emigrationswelle von Europa die Men- schen rascher auf den Arbeitsmarkt als die Emigrationswelle nach dem far West sie abspülen kann. Die kapitalistische Produktion gedeiht da- her in den Oststaaten , obgleich Lohntiefe und Abhängigkeit des Lohnar- beiters noch lange nicht auf das europäische Normalniveau gefallen sind. Die von Wakefield selbst so laut denuncirte , schamlose Verschleuderung des unbebauten Kolonialbodens an Aristokraten und Kapitalisten Seitens der englischen Regierung hat namentlich in A u str al ien ^^S)^ zusammen mit 2'3) Wakefiehi 1. c. v. II, p. 192. -'-') 1. c. p. 45. -■'•'■') Sobald Australien sein eigner Gesetzgeber wurde, erliess es natürlich den Ansiedlern günstige Gesetze, aber die englische einmal vollzogene Bodenver- schleudernng steht im Wege. ,,The first and main object at which the new 48* 756 dem Mensclienstrom , den die Diggings liiiiziclin , und der ]\onkui reiiz, welche der Import englischer Waaren selbst dein kleinsten II;ind\v(^rker macht, eine hinreichende ,, relative Arbeiterübervülkeruiig" erzeugt, so dass fast jedes PostdanipfscliitF die Hiobspost eines ,,glut of tlie Australian labour-market" bringt, und die Piostitntion dort stellenweis so üpp'g S^' deiht wie auf dem Haymarket von London. Jedoch beschäftigt uns hier nicht der Zustand der Kolonien. Was uns allein interessiit , ist das in der neuen Welt von der politischen Oeko- nomie der alten Welt entdeckte und laut proklamirte Geheimniss, dass die kapitalistische P r o d u k t i o n s - und A c c u ra u 1 a t i o n s w e i s e , also auch das kapitalistische P r i v a t e i g e n t h u m d i e V e r n i c h - tungdes auf eigner Arbeit beruhenden Privateigentliums, d. h. die E x p r o [) r i a t i o n des A r b e i t e i- s voraussetzt. Zum Schluss müssen wir nocli einen Augenblick den Faden wieder da aufnehmen, wo wir ihn beim Uebergang zur Betrach.tung der Accumu- lation fallen Hessen. Gesetzt der Kapitalist habe 5000 Pfd. St. vorge- schossen und im Produktionsprozess aufgezehrt, 4000 Pfd. St. in Produk- tionsmitteln, 1000 Pfd. St. in Arl)eitskraft , mit einem Exploitationsgrad der Arbeit von lOO*^' „• So beträgt der Werth des Produkts, von x Ton- nen Eisen z. B. 6000 Pfd. St. Verkauft der Kapitalist das Eisen zu seinem Wertli, so realisirt er einen Mehr werth von 1000 Pfd. S t., d. h. die im Eisenwerth materialisirte unbezahlte Arbeit. Aber das Eisen muss verkauft -werden. Das unmittelbare Resultat der kapitalisti- schen Produktion ist Waare, wenn aucli mit Mehrwerlh gescliwängerte Waare. Wir sind also zu unserm Ausgangspunkt, der Waare, zurückge- schleudert und mit ihr zur Sphäre der Cirkulation. AVas wir jedoch im folgenden Buch zu betrachten haben, ist nicht mehr die einfache Waa- !• e n c i r k u 1 a t i 0 n , sondern der C i r k u 1 a t i o n s p r o z e s s des Ka- pitals. (Liindact of 186-2) l;\w aims , is to give increasecl facilities for the settlement of the peoijle." (,,Tlie Land Law of Victoria by the Hon. G. Duffy ''Mi nister of Public Lands). L o n d. 1862.") 757 Nachtrag- zu den Noten des ersten Buchs. 'ö I) ad Kapitel III, n. SG. In einem der unterdrücktesten Agri- kulturdiötrikte Englands, in B u ckingh am shi r e haben die Lohnar- beiter, März 18G7, einen grossen Strike zur Erhöhung des NYochen- lohns von 9 — 10 auf 12 sh. gemacht. II) ad Kapitel III, n. 87. Durch einen Strike erzwangen die Heizer, Lokomotivenführer u. s. w. der Brighton Eisenbahn, Ende März 1867, die Beschränkung des Normalarbeitstags auf 10 Stunden, nebst an- deren Koncessionen. Dieselbe Bewegung hat in diesem Augenblicke (ß. April 1867) fast alle anderen englischen Eisenbahnen ergriffen. III) ad Kapitel IV, n. 175. Die Gesetze zum Schutz gegen ge- fährliche Maschinerie haben wohlthätig gewirkt. ,,Aber ... es existiren jetzt neue Quellen von Unglücksfällen , die vor 20 Jahren nicht existirt haben, nauientiich die vermehrte Geschwindigkeit der Maschinerie. Räder, Walzen, Spindeln und Webstühle werden jetzt mit vermehrter und stets noch wachsender Gewalt getrieben; die Finger müssen rascher und kühner den gebrochnen Faden anpacken , denn , wenn mit Zaudern oder Unvorsicht angelegt, sind sie geopfert . . . I^ine grosse Anzahl Unglücks- fälle wird verursacht durch den Eifer der Aibeiter ihr Werk rasch auszu- führen. Man muss sich erinnern , dass es für die Fabrikanten von der höchsten Wichtigkeit ist ihre Maschinerie ununterbrochen in Bewegung zu halten , d. h. Garn und Geweb zu produciren. Jeder Stillstand von einer Minute ist nicht nur ein Verlust an Triebkraft , sondern an Produktion. Die Arbeiter werden daher durch Arbeitsaufseher, interessirt in der Quanti- tät des Machwerks, dazu gehetzt, die Maschinerie in Bewegung zu halten; und es ist diess nicht minder wichtig für Arbeiter, die nach Gewicht oder Stück gezahlt werden. Obgleich es daher in den meisten Fabriken formell verboten ist , Maschinerie während ihrer Bewegung zu reinigen , ist diese Praxis allgemein. Diese Ursache allein hat während der letzten 6 Monate 90G Unglücksfälle producirt . . . Obgleich das Reinigungsgeschäft Tag aus Tag ein vorgeht, ist der Sonnabend jedoch meist der für gründliche 758 Reinigung der Mascliinerie festgesetzte Tag, und sie wird grossentheils verrichtet während der Bewegung der Maschinerie ... Es ist eine unbe- zahlte Operation, und die Arbeiter suchen daher so rasch als mögUch damit fertig zu werden. Daher ist die A n zahl der Unglücksfälle Freitags und ganz besonders Samstags viel grösser als au den übrigen Wochentagen. Freitags beträgt der Ueberschuss über die Darchsohnitts- zahl der ersten 4 Wochentage ungefähr 12*^/0, Sonnabends der Ueber- schuss von Unglücksfällen über den Durchschnitt der vorhergehenden 5 Tage 25*^/0, oder, wenn man in Rechnung zieht, dass der Fabriktag Sam- stags nur 71/2 Stunden, an den übrigen Wochentagen 10 1/2 Stunden zählt — schwillt der Ueberschuss über 650/0." (,, Reports of Insp. of Facto ries for etc. 31st October 1866. London 1867", p. 9, 15, 16, 17.) IV) ad Kapitel IV, n. 184. ,,Die self-acting mules sind vielleicht eine so gefährliche Maschinerie als irgend eine andere. Die meisten Un- glücksfälle begegnen kleinen Kindern und zwar in Folge ihres Kriechens unter den Mules, um den Boden zu fegen, während die Mules in Bewegung sind. Verschiedne ,,minders" (Arbeiter an der Mnle) wurden (von den Fabrikinspektoren) gerichtlich verfolgt und zo Geldstrafen verurtheilt wegen dieses Vergehns , aber ohne irgend welchen allgemeinen Vortheil. Wenn Maschinenmacher nur einen Selbstfeger erfinden wollten , durch dessen Gebrauch die Nothwendigkeit für diese kleinen Kinder unter die Maschinerie zu kriechen , wegfiele, so wäre das ein glücklicher Beitrag zu unseren Protektionsmassregeln." (,,R e p 0 r t s 0 f I n s p. 0 f F a c 1 0 r i e s for 31st October 18 6 6", p. 63.) V) ad Kapitel IV, n. 234. Auf Antrieb des Herrn G läd- st one verordnete das Haus der Gemeinen am 17. Februar 18 67 eine Statistik über alle von 1831 — 1866 in das Vereinigte Königreich eingeführte und ausgeführte Kornfrucht, Getreide und Mehl aller Art. Ich gebe nachstehend das zusammenfassende Resultat. Das Melil ist auf Quarters Korn reducirt. 759 5 oo C-l o 173 O Ol ' "" — Cl ifi 1 '-' ■<* t^ o M o 1 t— in r-* 5D o 00 i *l r^ «.M r- in 1 oT \ — o 1 1 ^- "t r^ T. «ö a> CO in CO KO o" o" oo" 00 cl 1 '"' in r- „ o CO r-l in CO Ol -* '71 Ol oo CI •* t^ Ol n in o Ol Ol Ol Tf tc 1^ o in Ol 1 00 00 o 00 in o 1 CO Ol -t 171 d 1 ■* CO o 'J 00 r— t^ Ol 5 oi c^^ l- 2 (M o Ol o Ol r~ IM -# I>1 in O- 00 00 r^ I^ Ol in o -- •^ " •- o* - c 1 ^ i o ü » 'S s :> I j ^ g •■2-. -2 5 r= ^- -^ C £ ^ > CO ^ c3 •" j, CJ (» D „ • . ü CQ = 'S 1, t2 3 -= -= P OcS o — o ^ »J 0) "^ S ai C- TJ ;-• _C 760 VI) ad Kapitel IV, n. 319. Der Factory Acts Exten- sion Act ging durch 12. August 1867. Er regulirt alle Metall- giessereien, -Schmieden und -Manufakturen, mit Einschluss der Maschi- nenfabriken , ferner Glas-, Papier-, Guttapercha-, Indiarubber -, Tabak- manufakturen , Buchdruckereien, Buchbindereien, endlich alle Werk- stätten, worin mehr als 5 0 P e r s o n e n beschäftigt sind. • — Der Hours ofLabour Regulation Act, passirt 17. August 1867, regulirt die kleineren Werkstätten und die s. g. Hausarbeit. VII) ad Kapitel V, n. 66. Der englische Fabrikinspektor Alexander Redgrave Aveist im vorletzten Fabrikbericht (nominell bis zum 31. Oktober 1866, in der That aber bis Sl.December 1866 gehend) durch vergleichende Statistik mit den Kontinentalstaaten nach , dass trotz, niedrigerem Lohn und viel längerer Arbeitszeit die kontinentale Arbeit, verhältnissmässig zum Produkt, theurer ist als die englische. ,,Ein eng- lischer Direktor (manager) in einer Baumwollfabrik in Oldenburg er- klärt, dass dort die Arbeitszeit von 5.30 Morgens bis 8 Uhr Abends, Sams- tage eingeschlossen, und dass die dortigen Arbeiter, wenn unter englischen Arbeitsaufsehern , während dieser Zeit fast so viel Produkt liefern wie Engländer in 10 Stunden, unter deutschen Arbeitsaufsehern aber noch viel weniger. Der Lohn stehe viel tiefer als in England , in vielen Fällen um oO^/o, aber die Zahl der Hände im Verhältniss zur Maschinerie sei viel grösser, in verschiedenen Departements im Verhältniss von 5 : 3." Herr Redgrave giebt sehr genaue Details über die russischen B a u m - w 0 llfabr ik en. Die Data sind ihm geliefert durch einen dort noch kürzlich beschäftigten englischen manager. Auf diesem russischen Boden, an allen Infamien so überfruchtbar, stehn auch die alten Greuel aus der Kindheitsperiode der englischen factories in vollster Blüthe. Die Dirigenten sind natürlich ¥j n g 1 ä n der, da der eingeborne russische Kapitalist zu dumm für das Fabrikgeschäft ist. Trotz aller Ueberarbeit, fortlaufender Tag- imd Nachtarbeit, und schmählichster Unterzahlung der Arbeiter, vegetirt das russische Fabrikat nur durch Pro- hibition des ausländischen. — Ich gebe schliesslich noch eine vergleid^ ide Uebersicht des Herrn Redgrave über die Durchschnitts-Spindelzai' brik und per Spinner in verschiedenen Ländern Europas. ' bemerkt selbst, dass er diese Zahlen vor einigen Ja h v hat, und dass seit der Zeit die Grösse der Fabriken und d\. 761 per Arbeiter in England gewachsen seien. Er unterstellt aber verhältniss- mässig gleich grossen Fortschritt in den aufgezälilten Kontinentaliändern, so dass die Zahlenangaben ihren komparativen Werth behalten hätten. D u r c h s c h n i 1 1 s a n z a h 1 V 0 n Spindeln p e r F a b r i k. In England Durchschnittszahl von Spindeln auf je eine Fabrik: 12,600. In der Schweiz - „ ,, ,, ,, ,, ,, ,, In Oestreich In Sachsen In Belgien In Frankreich In Preussen 8000. 7000. 4500. 4000. 1500. 1500. D u r c h s c h n i 1 1 s a n z a h 1 von Spindeln per Kopf. In Frankreich eine Person auf 14 Spindeln. In Russland In Preussen In Baiern In Oestreich In Belgien In Sachsen In den kleineren deutschen Staaten In der Schweiz In Grossbritanien 28 37 46 49 50 50 55 55 74 „Diese Vergleichung," sagt Herr Redgrave, „ist, ausser anderen Grün- den, besonders auch desswegen für Grossbritanien ungünstig, weil dort eine sehr grosse Zahl Fabriken existirt, worin die Maschinenweberei mit der Spinnerei verbunden ist, während die Rechnung keinen Kopf für die Webstühle abzieht. Die auswärtigen Fabriken sind dagegen meist blosse Spinnereien. Könnten wir genau Gleiches mit Gleichem vergleichen , so könnte ich viele Baumwollspinnereien in meinem Distrikt aufzählen , worin Mules mit 2200 Spindeln von einem einzigen Mann (minder) und zwei liandlangerinnen überwacht und täglich 220 Pfund Garn, 400 (englische) Meilen in Länge, fabricirt werden." (,, Reports of Insp. of Fact, SlötOct. 1866, p. 31 — 37 passim.) 7G2 VIII) ad Kapitel VI, d. 13 7. üeber die noch fortdauernden Nach wehen der K r i s e v o n 18 6 6 folgender Auszug aus einer ministe- riellen (tor3fstisehen) Zeitung. Man muss nicht vergessen, dass der 0 st t heil Londons, um den es sich hier handelt, nicht nur Sitz der im Text des Kapitels erwähnten eisernen Schiffsbauer, sondern auch einer stets unter dem Minimum bezahlten s. g. ,, Hausarb ei t " ist. ,,Ein entsetzHches Schauspiel entrollte sich gestern in einem Theil der Metro- pole. Obgleich die arbeitslosen Tausende des Ostendes mit schwarzen Trauerflaggen nicht in Masse i)iU-adirten , war der Mensclienstrom impo- sant genug. Erinnern wir uns, was diese Bevölkerung leidet. Sie stirbt vor Himgx'r. Das ist die einfache und furchtbare Thatsache. Es sind ihrer 40,000 .... In unserer Gegenwart, in einem Viertel dieser wundervollen Metropole , dicht neben der enormsten Accumulation von Reichthum, welche die Welt je sah, dicht dabei 40,000 hilflos verhungernd! Diese Tausende brechen jetzt ein in die andern Viertel; sie, in allen Zeiten halbverhungert, schreien uns ihr Weh ins Ohr, sie schreien es zum Himmel, sie erzählen uns von ihren elendgeschlagenen Wohnungen, dass es unmöglich für sie ist Arbeit zu finden und nutzlos zu betteln. Die lokalen Armensteuerpfliclitigen sind durch die Forderungen der Pfarreien selbst an den Rand des Pauperismus getrieben.'- Standard, 5. April, 1867. IX) Schlussnote zum ersten Abschnitt des VI. Kapi- tels. Die englischen Mnithusianer zeigen auf Frankreich als das „glück- liche" r^and, wo die Bevölkerung sich principiell ,, untervoll" halte. Sie sind natiii'Iich eben so unwissend über französische Zustände, wie die in Deutschland fauchenden Freihandelshausirburschen über englische Zu- stände. Aus der letzten officiellen enquete agricole kann man sehn, woran das französische ,, Prole tar i at foncier", und aus dem letzten Werk des Herrn Pierre V i n c a r d , woran das französische Industrie- proletariat ist. In den Zustand der französischen Volksmasse über- haupt gewälni der Bericht des Generals Allard über die beabsichtigte Armeereform eigne Lichtblicke. Von den jungen Franzosen , die das Alter zum Looseziehn bei der Konskription erreicht haben , sind nur 198,000 fähig im 21. Jahr zu heiratlien. Diese 198,000 Franzosen, denen es von Polizei wegen erlaubt ist eine Familie zu gründen, bestehn aus folgenden Elenienten : 12.000 Dispensirte, 20,000 Entlastete oder 7(io Remplacirte, uiul 166,000 Ausgenonimene. Von den letztern sind mehr als 100,000 ausgenommen wegen mangelnder Grösse und andern Schwä- clien , die sie mit keiner sonderlichen Specialität für die Ehe ausrüsten. Mehr als die Hälfte dieser jungen Leute zählt zur Kategorie der Verkrüp- pelten und Rhachitischeu, welche dieLacedämonier vom Taygetus gestürzt hätten. Die andre Hälfte besteht zu einem guten Viertel aus älteren Söh- nen von Wittwen , welchen ihre Familienverhältnisse die Ehe beinahe untersagen, zu einem andern Viertel aus Entlasteten , d. h. Mitgliedern der reichen Klassen, lieber diese Kategorie heisst es in der ,,Libertö", dem Organ Emil Girardin's, vom 18. März, 1867: ,,Die reiche Klasse ist die schlechteste mit Bezug auf die Reproduktion der Race. In der That, die Statistik beweist , dass die Aristokratien von selbst erlöschen, und dass nach Verlauf weniger Jahrhunderte die königlichen Racen selbst oft beim Kretinisnnis und erblicher Narrheit anlangen." Wenn auf dem Kontinent von Europa der Einfluss der kapitalistischen Produktion , welche die Men- schenrace unterwühlt durch Ueberarbeit, Theilung der Arbeit, Unterjochung unter die Maschine , Verkrüpplung des unreifen und weiblichen Körpers, schlechtes Leben u, s. w. , sich, wie bisher, Hand in Hand entwickelt mit der Konkurrenz in Grösse der nationalen Soldateska, Staatsschulden, Steuern, eleganter Kriegsführung u. s. w., möchte die vom Halbrussen und gan- zen Moskowiter Herzen (dieser Belletrist hat nebenbei bemerkt seine Entdeckungen über den ,, russischen" Kommunismus nicht in Russland ge- macht, sondern in dem Werke des preussischen Regierungsraths Haxt- liausen) so ernst prophezeite Verjüngung Europa's durch die Knute und obligate Infusion von Kalmückenblut schliesslich doch unvermeidlich werden. Anhang zu Kapitel I, 1. Die Werthform. Die Analyse der W a a r e hat gezeigt, dass sie ein Doppeltes ist, Gebrauchs- werth und Werth. Damit ein Ding daher Waarenform besitze, muss es Doppelform besitzen, die Form eines Gebrauchswerths und die Form des Werths. Die Form des G e b r a u c h s w e r t h s ist die Form des Waaren k ö r - pers selbst, Eisen, Leinwand u. s. w. , seine handgreiflich sinnliche Daseinsform. Es ist diess die N a t u r a I f o r m der Waare. Die W e r t li f o r m der Waare ist da- gegen ihre gesellschaftliche Form. Wie wird der Werth einer Waare nun ausgedrückt? Wie gewinnt er also eigne Erscheinungsform? Durch das V e r h ä 1 1 n i s s v e r s c h i e d n e r Waaren. Um die in solchem Verhältniss enthaltene Form richtig zu analy- siren , müssen wir von ihrer einfachsten, unentwickeltsten Gestalt ausgehn. Das einfachste Verhältniss einer Waare ist offenbar ihr Verhältniss zu einer einzigen, andren Waare, gleichgültig w e 1 c h e r. D a s Verhält- niss zweier Waaren liefert daher den einfachsten We r t h n u s d r u ck f ü r eine Waa r e. I. Einfache Werthform. 20 Ellen Leinwand = 1 Rock oder: 20 Ellen Leinwand sind 1 Rock werth. Das Geheininiss aller Werthform muss in dieser e i n f a c h e n Werthform stecken. Ihre Analyse bietet daher die eigentliche Schwierigkeit. §.1. Die bei den Pole des Werth aus drucks: Relative Werth- form und A e (1 u i V a 1 e n t f 0 r m. In dem einfachen Werthausdruck spielen die zwei Wi>jvrcnarten Leinwand und Rock offenbar z w ei v e r s c h i e d n e Rollen. Die l>einwand ist die Wapt" welche ihren Werth in einem von ihr verschiedenartigen Wa"' kör per, dem Rock , ausdrückt. Andrerseits dient die Waaren- das Material, w o r i n W e r t h a u s g e d r ü c k t w i r d. Di e ei n>, eine aktive, die andre eine passive Rolle, Von der Waare nun, wel 7(50 W e r t h in einer a n d r e n W a a r e ii u s d r ü c k t , sagen wir : I h r W e r t h ist als relativer W e r t h dargestellt, oder sie befindet sich in relativer W e r t h - form. Von der andern Waarc dagegen, hier demilock, die zum Material des We r t h aus d r u cks dient, sagen wir: Sie funktionirt als Aequiva- lent der ersten Waare, oder befindet sich in der A e qui val en t form. Ohne nun noch tiefer zu anal^'siren , sind von vorn herein folgende Punkte klar : a) Die U n z e r t r e n n 1 i c !i k e i t der beiden Formen. Relative Werthform und Aequivalentform sind zu einander gehörige , sich wechselseitig bedingende, unzertrennliche Momente d ess e 1 b en VV crtha us- d r ucks. b) D i e P o 1 a r i t ä t d e r b c i d e n F o r m e n. Andrerseits sind diese beiden Formen einander auss eh 1 i esse nd e oder «ntgegen gesetzte Extreme, d. h. Pole, desselben Werthausdrucks. Sie vertheilen sich stets auf die verschiedenen Waaren , die der Werthaus- druck auf einander bezieht. Ich kann z. B. den Werth der Leinwand nicht in Leinwand ausdrücken . 2Ü Ellen Leinwand^ 20 Ellen Leinwand ist kein Werthausdruck, sondern drückt nur ein bestimmtes Quantum des Ge- brauchsgegenstands Leinwand aus. Der Werth der Leinwand kann also nur i n an d r er Waare , d.h. nur r el a t i v ausgedrücktwerden. Die relative Werthform der Leinwand untei'stellt also, dass irgend eine andre Waare sich ihr gegenüber in d er A equivalen t f o rm befindet. Andrerseits, diese andre Waare, hier der Rock, die als Aequivalent der Leinwand figurirt, sich also in A e (j u i v a 1 e n t f o r m befindet, kann sieh nicht gleichzeitig in re 1 ati ve r W er thf or m befinden. Nicht sie drückt ihren Werth aus. Sie liefert nur dem W e r t h a u s d r u c k andrer Waare das Material. Allerdings schliesst der Ausdruck : 20 E 1 1 e n L e i n w a n d = 1 Rock oder : 20 Ellen Leinwand sind 1 Rock werth, auch die Rückbeziehung ein: 1 Rock = 20 E 1 1 e n Leinwand oder : 1 R o c k i s t 20 Ellen Leinwand werth. Aber so muss ich doch die Gleichung umkehren, um den Werth des Rocks relativ auszudrücken, und sobald ichdasthue, wird die Leinwand Aequivalent statt des Rockes. Dieselbe Waare kann also in demselben W er th ausdru ek nicht gleichzeitig in beiden Formen auftreten. Diese schliessen sich vielmehr polarisch aus. Denken wir uns Tauschhandel zwischen Leinwandproducent A und Rockpro- ducent B. Bevor sie Handels einig werden , sagt A: 20 Ellea Leinwand sind 2 Rücke werth (20 Ellen Leinwand = 2 Röcke), B dagegen: 1 Rock ist 22 Ellen Ii drücken, welche nur gleichzeitig ins Leben treten. Für A befindet sich: seine Leinwand, — denn für ihn geht die Initiative von seiner Waare aus — in relativer Werthform , die Waare des Andren, der Rock dagegen, in Aequivalentforni. Umgekehrt vom Standpunkt des B. Dieselbe Waare besitzt also niemals, auch nicht in diesem Fall, die beiden Formen gleichzeitig in demselben Werthausdr uck. c) R e 1 a t i v e r W e r t h u n d A e q n i v a 1 e n t sind nur Formen des Werths. Relativer Werth und Aequivaleut sind beide nur Formen des Waaren- werths. Ob eine Waare sich nun in der einen Form befindet oder in der po- larisch entgegengesetzten , hängt ausschliesslich von ihrer Stelleim Wcrth- ausdruck ab. Diess tritt schlagend hervor in der von uns hier zunächst be- trachteten einfachen Werthform. Dem Inhalt nach sind die beiden Ausdrücke : 1) 20Ellen Leinwand = 1 Rock oder : 20 E 1 1 e n L e i n w a n d sind 1 R o c k vv e r t h , 2) 1 R o c k = 20 E 1 1 e n L e i n w a n d oder : 1 R o c k i s t 20 E 1 1 e n Lein wan d werth , durchaus n i ch t vers chi e d en. Der Form nach sind sie nicht nur verschieden , sondern entgegengesetzt. In dem Ausdruck 1) wird der Werth der Leinwand relativ ausgedrückt. Sie befindet sich daher in d er relativen Werthform, während gleichzeitig der Werth des Rocks als Aecjuivalent ausgedrückt ist. Er befindet sich daher in der Aequivalent- form. Drehe ich nun den Ausdruck 1) um, so erhalte ich den Ausdruck 2). Die Waaren wechseln die Stellen, und sofort befindet sich der Rock in rela- tiver Werthform, die Leinwand dagegen in A equi val en t form. Weil sie die respektiven Stellen in demselben Werthausdruck ge- wechselt, haben sie die Werthform gewechselt. §. 2. Die relative AVerth fo rm. a) Gleich hei tsverhältniss. Da es die Leinwand ist, welche ihren Werth ausdrücken soll, geht von ihr die Initiative aus. Sie tritt in einVerhältniss zum Rock, d. h. zu irgendeiner andren, von ihr selbst vers chied en artigen Waare. Diess Verhältniss ist Verhältniss der Gleichsetzung. Die Basis des Aus- drucks: 20 Ellen Leinwand == iRock ist in der That: Leinwand = Rock, was in Worten ausgedrückt nur heisst: die Waarenart Rock ist gleicher Natur, gleicher Substanz mit der von ihr verschiedenen Waarenart Leinwand. Man übersieht das meist , weil die Aul'merksamkeit durch das quantitative Verhältniss absorbirt wir;i, d. h. durch die be stimmte Proportion, worin die eine Waarenart der andern gleichges'-' Man vergisst, dass die Grössen verschiedner Dinge erst o vergleichbar sind nach ihrer Reduktion auf dieselL Nur als Ausdrücke derselben Einheit sind sie g 1 e i c h n a n. kommensurable Grössen. In obigem Ausdruck verhält sie. 767 Leinwand zum Rock als Ihresgleichen, oder der Hock wird auf die Leinwand" bezogen als Ding von derselben Substanz, Wesensgleiches. Er w ird ihr also (j u a 1 i t a t i v gleichgesetzt. b) W e r t h v e r h ii 1 t n i s s. Der Rock ist nur dasselbe wie die Leinwand, soweit beide Werthe sind. Dass also die Leinwand sich zum Rock als ihresgleichen verhält, oder dass der Rock als Ding von derselben Substanz der Leinwand gleich- gesetzt wird, drückt aus, dass der Rock in diesem Verhältniss als Wcrth gilt. Er wird der Leinwand gleichgesetzt, sofern sie ebenfalls W e r t h ist. Das G 1 e i c h h e i t s v e r h ä 1 1 n i s s ist also Wert li \' c r Ii ä 1 1 n i s s , das Werthverhilltniss aber vor allem Ausdruck des Wertlis oder des Werthscins dei' Waare, welche ihren Wcrth ausdrückt. Als Ge- brau c h swe rt h oder Waarenkorper unterscheidet sich die Leinwand vom Rock. Ihr Wer th sein kommt dagegen zum Vorschein, drückt sich aus in einem V e r h ii 1 1 n is s , worin eine andre Waarenart, der Rock , ihi^ gleichgesetzt wird oder als i h r W e s e n s g 1 e i c h e s gilt. c) Qualitativer Gehalt der im W e r t h v e r h ä 1 1 n i s s enthaltenen relativen W e r t li f o r m. Werth ist der Rock nur, so weit er dingliclier Ausdruck der in seiner Produktion verausgabten menschlichen Arbeitskraft ist,, also Gallerte abstrakter menschlicher Arbeit — abstrakter Ar- beit, weil von dem bestimmten, nützlichen, konkreten Charakter der in ihm ent- haltenen Arbeit abstrahirt wird, menschlicher Arbeit, weil die Arbeit hier nur al s Verausgabung menschlicher Arbeitskraft überhaupt zählt. Die Leinwand kann sich also nicht zum Rock als einem Werth ding verhalten oder nicht auf den Rock als Werth bezogen werden, ohne auf ihn als einen Körper bezogen zu werden , dessen einziger Stoff aus menschlicher Arbeit besteht. Aber al s W er th ist die Leinwand Gallerte derselben menschlichen Arbeit. Innerhalb dieses Verhält- nisses repräsentirt also der Körper Rock die der Leinwand mit ihm ge- meinschaftliche Werthsubstanz, d. h. menschliche Arbeit. In- ner li a 1 1) dieses Verhältnisses gilt also der Rock nur als Gestalt von W e r t h , daher auch als W e r t h g e s t a 1 1 der Leinwand , als sinnliche Erscheinungsform des L e i n w a n d \v e r t h s. So wird, v e r m i 1 1 e 1 s t des Werth Verhältnisses, der Werth einer Waare im Geb ra u ch swer th einer andern Waare ausgedrückt, d. h. in einem andern, von ihm selbst verschiedenartigen Waarenkör])er. d; Quantitative Bestimmtheit der i m W e r t h v e r h ä 1 1 n i s s ent- haltenen relativen W e r t h f o r m . Die 20 Ellen Leinwand sind jedoch nicht nur Werth überhaupt, d. h. Gallerte menschlicher Arbeit, sondern sie sind Werth von bestimmter ( J r ö s s e , d . h . i n ihnen ist e i n b e s t i ni m t e s Q u a n t u m menschlicher Arbeit vergegenständlicht. Im Wcrth veihältuiss der Leinwand zum Rock 768 wild daher die Waarenart Rock nicht nur als Wert h kürp er überhaupt, d. h. als Verkörperung menschlicher Arbeit, der Leinwand qualitativ gleichge- setzt, sondern ein bestimmtes Quantum dieses Werthkörpers, 1 Rock, nicht 1 Dutzend u. s. w., soweit in l Rock grade so viel Werthsubstanz oder menschliche Arbeit steckt als in 20 E 1 1 e n Lein w and. e) D a s G a n z e d e r r e 1 a t i v e n W e r t h f o r m. Durch den relativen Werthausdruck erhält also erstens der Werth der Waare eine von ihrem eignen G eb rau chs werth unters chi ed ne Form. Die Gebrauchsform dieser Waare ist z. B. Leinwand. Ihre Wer th- f o r m besitzt sie dagegen in ihrem Gleichheitsverhältniss zum Rock. Durch diess Verhältniss der Gleichheit wird ein andrer sinnlich von ihr unter- schiedner Waarenkörper zum Spiegel ihres eignen Werthseius , zu ihrer eignen Werthgestalt. So gewinnt sie eine von ihrer Naturalform unterschie- dene, unabhängige und sei b sts tändige Wert hfo rm. Zweitens aber, als Werth von bestimmter Grösse, als bestimmte Werthgrösse , ist sie quantitativ gemessen durch das quantitativ bestimmte Verhältniss oder die Proportion, worin ihr der andre Waarenkörper gleichgesetzt ist. §.3. Die A e q u i val en tfor m. a) D i e F o r m d e r u n m i 1 1 e 1 b a r e n A u s t a u s c h b a r k e i t. Als Werthe sind alle Waaren gleich geltende, durch einander ersetzbare oder vertauschbare Ausdrücke derselben Einheit, der menschlichen Arbeit. Eine Waare ist daher überhaupt mit andrer V/aare aus- tauschbar, sofern sie eine Form besitzt, worin sie als Werth erscheint. Ein Waarenkörper ist un m i ttel b ar austauschbar mit andrer Waare, soweit seine u n m i 1 1 e 1 b a r e F o r m , d . h . seine eigne Körper- oder Naturalform andrer Waare gegenüber Werth vorstellt oder als Werthgestalt gilt. Diese Eigenschaft besitzt der Rock im We r t h v e r h ä 1 1 n i s s der Leinwand zu ihm. Der W e r t h der Lein wand wäre sonst nicht a u s d r ü c k b a r in d e m D i n g R o c k. Dass eine Waare also überhaupt A e q u i val e n t f o rm hat, heisst nur: durch ihren Platz im Werthausdruck gilt ihre eigne Naturalform als Werth- form für andre Waare oder besitzt sie die Form unmittelbarer Aus- tauschbarkeit mit andrer W a a r e. Sie braucht also nicht erst eine von ihrer u n m i ttell) ar en Naturalform u n te rs c hi ed n e Form anzu- nehmen, um andrer Waare als Werth zu erscheinen, als Werth zu gelten und a u f s i e a 1 s Werth z u w i r k e n. b) Quantitative Bestimmtheit ist nicht enthalten in der A e q u i V a 1 e n t f 0 r m. Dass ein Ding, welches die F o r m Rock hat, unmittelbar austausch- bar mit Leinwand, oder ein Ding, welches die Form Gold hat, unmittelbar austauschbar mit allen andreia Waaren ist, — diese Aequivalentf' eines Dings enthält durchaus keine quantitative Bestimmtb. entgegengesetzte irrige Ansicht entspringt aus folgenden Ursachen : Erstens: Die Waare Rock z. B. , welche zum Material für den 769 druck der Leinwand dient, ist innerhalb eines solchen Ausdrucks auch stets quantitativ bestimmt, wie 1 Rock, nicht 12 Röcke u. s.w. Aber warum? Weil die 20 Ellen Leinwand in ihrem relativen Werthausdriick nicht nur als Werth überhaupt ausgedrückt, sondern zugleich als b es t i ui m t es W erth - q u an t u m gemessen sind. Dass aber 1 Rock, nicht 12 Röcke, so viel Arbeit enthält als 20 Ellen Leinwand , dalier den 20 Ellen Leinwand gleichgesetzt wird, hat durchaus nichts zu scharten mit der charakteristischen Eigenschaft der Waarenart Rock unmittelbar austauschbar mit der Waarenart Lein- wand zu sein. Zweitens: Wenn 2Ü Ellen Leinwand als Werth von bestimmter Grösse in 1 Rock ausgedrückt sind, ist r ü c k b e z ü g 1 i c h auch die W er t h g r ö s s e von \ Rückin 20 Ellen Leinwand ausgedrückt, also ebenfalls q uan titativ gemessen, aber nur indirekt, durch Umkehrung des Ausdrucks, nicht soweit der Rock die Rolle des Aequivalcnts spielt, sondern vielmehr seinen eignen Werth relativ in der Leinwand darstellt. Drittens: Wir können die Formel : 20 Ellen Leinwand = 1 Rock oder: 20 Ellen Leinwand sind 1 Rock werth auch so ausdrücken; 20 Ellen Leinwand u n d 1 Rock sind Aequivalente oder beide sind gieich- g r OS se W er t h e. Hier drücken wir nicht den Werth irgend einer der beiden Waaren in dem Gebrauchs werth der andern aus. Keine der beiden Waareu wird daher in A eq u i v a 1 en t f o rm gesetzt. Aequivalent bedeutet hier nur Grössengleiches, nachdem beide Dinge vorher in unsrem Kopf stillschweigend auf die Abstraktion Werth reducirt worden sind. c) Die Eigenthümlichkeiten der Aequivalentform. «) Erste Eigen thümlichkeit der Aequivalentform: Ge- b r all chs werth wird zur Erscheinungsform seines Gegen theils, des Wertlis. Die N a t u r a 1 f o r m der Waare wird zur W e r t h f o r m. Aber, notabene, diess quid pro quo ereignet sich für eine Waare B (Rock oder Weizen oder Eisen u. s. w.) nur innerhalb des Wer t h verh ältnisses, worin eine beliebige andre Waare A (Leinwand etc.) zu ihr tritt, nur inner- halb dieser Beziehung. Für sich, isolirt betrachtet, ist z. B. der Rock nur nützliches Ding, Gebrauchswerth , ganz wie die Leinwand , seine Rockform daher nur Form von Gebrauchswerth oder Natural form einer bestimmten Waaren- art. Da aber keine Waare sich auf sich selbst als Aequivalent be- ziehn. also auch nicht ihre eigne Naturalhautzum Ausdruck ihres eignen Wert hs machen kann, muss sie sich auf andre Waare als Aequivalent bezieh n oder die Naturalhaut eines a n d r e n Waareiikörpers z u ihrer eignen Werth form machen. Diess veranschauliche uns das Beispieleines Masses , welches den Waarenkör- pernalsWaarenkörpern zukommt, d. h. als Gebrauchs wert hen. EinZucker- h u t , weil Körper, ist schwer, und hat daher Gewicht, aber man kann keinem Zuckerhut seine Schwere ansehn oder anfühlen. Wir nehmen nun verschiedne I. 49 770 = Stücke Ei s e n , deren Gewicht vorlier bestinuijt ist. Die K ü rp e r t o r ni des Eisens, fnrsich betrachtet, ist eben so wenig Erscheinungsform der Schwere als die des Zuckerhuts. Dennoch , um den Zuckerhut als Schwere oder Gewicht auszudrücken, setzen wir ihn in ein Ge wi ch tsver häl tn i ss zum Eisen. In diesem Verhältniss gilt das Eisen als ein Körijer, der nichts darstellt ausser Schwere oder Gewicht. Eisenquanta dienen daher zum Gewicht- mass des Zuckers und repräsentiren dem Zuckerkörper gegenüber blosse Schweregestalt, Erscheinungsform von Schwere. Diese Rolle spielt das Eisen nur innerhalb des Verhältnisses , worin der Zucker, oder irgend ein andrer Körper, dessen Gewicht gefunden werden soll, zu ihm tritt. Wären beide Dinge ni c h t seh wer , so könnten sie nicht in dies s V er h ill t n i s s treten und das Eine daher nicht zum Ausdruck der Schwere des Andren dienen. Werfen wir beide auf die Wagschale , so sehn wir in derThat, dass sie als S c h wer e d assel be und daher in bestimmter Proportion auch von demselben Gewicht sind. Wie hier der Eisenkörper dem Zuckerhut gegenüber nur Schwere, so vertritt in unsrem Werthausdruck der Rock- körper der Leinwand gegenüber nurWerth. ß) Zweite Eigenthümlichkeit der Aequivalentforin: Kon- krete Arbeit wird zur Erscheinungsform ihres G e g e n t h e i 1 s , ab- strakt menschlicher Arbeit. Der Rock gilt im Werthausdruck der Leinwand als W e r t b k ü r p e r , seine Körper- oder Naiuralform daher als Werthform, d. h. also als Verkör- perung unterschiedsloser menschlicher Arbeit, menschlicher Arbeit schlechthin. Die Arbeit aber, wodurch das nützliche Ding Rock gemacht wird und seine bestimmte Form erhält, ist nicht abstrakt menschliche Arbeit, menschliche Arbeit schlechthin, sondern eine b es ti mm te , nützliche, kon- krete Arbeitsart — Schneider arbeit. Die einfache relative Werthform erheischt, dass der Werth einer Waare , der Leinwand z. B. , nur in einer ein- zigen andern Waarenart ausgedrückt werde. Welches die andre Waarcnart ist, ist aber für die einfache Werihform durchaus gleichgültig. Statt in der Waarenart Rock, hätte der Leinwand w erth in der Waarenart Weizen, oder statt in der Waarenart Weizen, in der Waarenart Eisen u. s. w. ausgedrückt werden können. Ob aber Rock, Weizen oder Eisen, stets gälte das Aequivalent der Leinwand ihr als Werthkörper, daher als Verk örp eru ng men sch- lich er Ar b ei t schlechthin. Und stets bliebe die bestimmteKörperform des A equ i val en ts , ob Rock oder Weizen oder Eisen , nicht Verkörperung abstrakt m e n s c h li c h er A rb ei t, sondern einer bestimmten, kon- kreten, nützlichen Arbeitsart, sei es der Schneiderarbeit oder der Bauern- iirbeit oder der Minenarbeit. Die bestimmte, konkrete, nützliche Ar- l)eit, die den Waaren körper des Aequi val en t s producirt , muss also im Werthaus dru ck stets nothwendig als bestimmte Ve r w ir kl i chun gs- *orm oder Erscheinungsform menschlicher Arbeit schlechthin, d. h. abs trakt m enscli 1 i ch e r A rb ei t gelten. Der Rock z. B. kann nur 771 als W e r t h k ii r ]) e r , <1ii her a I .s V i' r k ü r p e r u n y- ni e n s c li 1 i e h e r A r - b ei t s c h 1 e c h t li i n gelten, soweit Schiioidcriirhcit als bestimmte Form gilt, worin mcnsfhlicheArbeitskrart verausgabt wird oder worin abstrakt mensch- liche Arbeit sich verwirklicht. Innerhalb des Werthverhältnisses und des darin einbegriffenen Wertliausdrucks gilt das abstrakt Allgemeine nicht als Eigenschaft des Konkreten, Sinnlich-Wirk- lichen, sondern umgekehrt das Sinnlich -Konkrete als blosse Erscheinungs- oder bestimmte Verwirklichungsform des Abstrakt-Allgemeinen. Die Schneiderar- b e i t, die z. B. in dem Aequivalent Rock steckt, besitzt, innerhalb des Wcrth- ausdrucks der Leinwand, nicht d i e al Igemei ne Ei gen seh al t , auch mensch- liche Ariieit zu sein. Umgekehrt. Menschliche Arbeit zu sein gilt als ihr Wesen, Schneiderarbeit zu sein nur als Erscheinungsform oder be- stimmte Verwi rk 1 i ch u n gs f orm dieses ihres Wesens. Dic-^s quid pro quo ist unvermeidlich, weil die in dem Arbeitsprodukte dargestellte Arbeit nur werthbildend ist, soweit sie unterschiedslose menschliche Arlieit ist , so dass die in dem Werth eines Produkts vergegenständlichte Arbeit sich durchaus nicht unterscheidet von der im Werth eines verschiedenartigen Produkts vergegenständlichten Arbeit. Diese Verkehrung, wodurch das Sinnlich-Konkrete nur als Erscheinungs- form des Abstrakt- Allgemeinen , nicht das Abstrakt- Allgemeine umgekehrt als Eigenschaft des Konkreten gilt, charakterisirt den Werthausdruck. Sie macht zu- gleich sein Verständniss schwierig. Sage ich : Römisches Recht und deutsches Recht sind beide Rechte, so ist das selbstverständlich. Sage ich dagegen : Das Recht, dieses Abstraktum, verwirklicht sich im römischen Recht und im deutschen Recht, diesen konkreten Rechten, so wird der Zusammenhang mystisch. y) Dritte Eigenthümlichkeit der Aequivalent form: Privat- arbeitwird zur Formihres Gegentheils, zu Arbeit in unmittel- bar gesellschaftlicher Form. A rb ei ts pr od ukte würden nicht zuWaaren, vären sie nicht Produkte unabhängig von einander betriebener, selbstständiger Privatarbeiten. Der ge- sellschaftliche Zusammenhang dieser Privatarbeiten existirt stofflich, soweit sie Glieder einer naturwüchsigen, gesellschaftlichen Thei- lung der Ar b ei t s in d , und daher durch ihre Produkte die verschieden- artigen Bedürfnisse befriedigen, aus deren Gesammth ei t das ebenfalls na- turwüchsige System der gesellschaftlichen Bedürfnisse besteht. Dieser stoffliche gesellschaftllcheZusammenhang der von einander unabhängig betriebenen Privatarbeiten wird aber nur vermittelt, verwirklicht sich da- her nur durch den Austausch ihrer Produkte. Das Produkt der Privatarbeit hat daher nur gesellschaftliche Form, soweit es W er th for m und daher die Form der Austauschbarkeit mit andren Arbeitsprodukten hat. Un- mittelbar gesellschaftliche Form h.nt es, soweit seine eigne Körper- o le.( aMir.iU'or n z u g le i c h die Form seiner Austauschbarkeit mit andrer Waare 49* 772 ist, oder a 11 (i ror W n a re ;i Is We rt h f 0 rm gilt. Diess findet jedocli , wie wir gesehn, nur diinn lür ein Arbeitsprodukt statt , \\k\iu es, durch das Wcrth Ver- hältnis s andrer W aar e zu i h m, sich in A ecj u i v al e n t f or m hetindet oder andrer Waare gegenüber die Kolle des Acquivalents spielt. Das A e q u i va 1 ent hat unmittelbar gesellschaftliche Form, so- lern es die F o r ni u n m i 1 1 e 1 b a r o r Austauschbarkeit mit a n d i e r Waare hat, und es hat diese Form unmittelbarer Austauschbarkeit, sofern es für andre Waare a I s W e r th kö rp er gilt, daher als Gleiches. Also gilt auch die in ihm enthaltene bestimmte nützliche Arbeit als Arbeit in unmittel- bar gesellschaftlicher Form, d. h. als Arbeit, welche die Form der Gleichheit mit der in andrer Waare enthaltenen Arbeit besitzt. Eine be- stimmte, konkrete Arbeit , wie S c h nei d erar b ei t, kann nur die Form der Gleichheit mit der in verschiedenartigen Waare, z. B. der Leinwand, ent- haltenen verschiedenartigen Arbeit besitzen, fioweitihre bestimmte Form als Ausdruck von Etwas gilt, was wirklich die Gleichheit der verschie- denartigen Arbeiten oder das Gleichein denselben bildet. Gleich sind sie aber nur, soweit sie m e n s c h 1 i c h e Arbeit überhaupt, abstrakt mensch- liche Arbeit sind, d. h. Verausgabung menschlicher Arbeitskraft. Weil also , wie bereits gezeigt , die i m A e qu i vale n t enthaltene bestimmte konkrete Arbeit als bestimmte Verwirklichungsform oder Er- scheinungsform abstrakt menschlicher Arbeit gilt, besitzt sie die Fo rm der G 1 ei c h h ei t mit fi ndrer Arbeit, und ist daher, obgleich Pri- vatarbeit, wie alle andre, Waaren producirende Arbeit , dennoch A rb e i t in unmittelbar gesellschaftlicher Form. Eben desshalb stellt sie sich dar in einem Produkt, das unmittelbar austauschbar mit andrer Waare ist. Die beiden zuletzt entwickelten Eigcnthümlichkeiten der Aequivalent- form werden noch fassbarer, wenn wir zu dem grossen Forscher zurückgehn, der die Wer t h fo rm , wieso viele Denkformen , Gesellschaftsformen und Naturfor- men zuerst analysirt hat , und meist glücklicher als seine modernen Nachfolger. Es ist diess Aristoteles. Zunächst spricht Aris to tel es klar aus , dass die Geldform der Waare nur d i e w e i t e r entwickelte Gestalt der einfachen W e r t h f o r m ist, il. h. des Ausdrucks des Werths einer Waare in irgend einer beliebigen andern Waare, denn er sagt : ,,5 Polster^ 1 Haus" {,,KXiiHa nim afii oly.ias") ,, unterscheidet sich nicht" von : ,,5 Polster = so und so viel Geld" {,,KXii'(a ithvxt avii. . . oaov cd nifit xMfni"). Er sieht ferner ein , dass das W e rt h verh äl tn iss , worin di' Werth- au s d ruck steckt, seinerseits bedingt, dass das Haus dem Polstc tiv gleichgesetzt wird, und dass diescsinnlich verschiednen Dingf W e s e 11 s g 1 e i c h h e i t nicht als kommensurable Grössen ^ 11 ■\ beziehbar waren. ,,Der Austausch-- , sagt er, ,,kann niclit sein ohne d.ie Gleiciiheit, die Gleichheit aber ni eh t ohne die Kommcnsurabilität" (,,oifr' laörrjs f.(rj ovar/s avfUfxtiQias")- Hier aber stutzt er und gicbt die weitere Analyse der Werthform auf. „Es ist aber in W^h r h ei t un m ö gl i ch {„rti ,uiv olf dh}6ti(^c ad'vfcdo^'") , dass so verschiedenartige Dinge kommensurabel", d. h. qualitativ gleich seien. Diese Gleicbsetzung kann nur etwas der wahren Natur der Dinge Fremdes sein, also nur ,,Nothbehelf für das praktische Be- dürfniss." Aristoteles sagt uns also selbst, woran seine weitere Analyse scheitert, näm- lich am Mangel des W erth begri ff s. Was ist das Gleiche, d. h. die ge- meinschaftliche Substanz , die das Haus für den Polster im Werthausdruck des l'olsters vorstellt? So etwas kann ,,in Wahrheit nicht exi stiren", sagt Aristoteles. Warum? Das Haus stellt dem Polster gegenüber ein Glei- ches vor, soweit es das in Beiden, dem Polster und dem Haus, wirklich Gleiche vorstellt. Und das ist — m e ns c h 1 i c h e A r b ei t. Dass aber in der Form der Waarcnwerthe alle Arbeiten als gleiche menschliche Arbeit und daher als gl e i ch gel t en d ausgedrückt sind, konnte Aristoteles nicht aus der Werthlorm der Waaren herauslesen, weil die gri ecli i seh e Gesellschaft auf der Sklavenarbeit beruhte, daher die Un- gleich h e i t d e r M e n s c h e n und i h r e r A r b e i t e n zur N a t u r b a s i s hatte. Das Geheimniss des Werthausdrucks , die Gleichheit und gleiche Gültig- keitaller Arbeiten, weil und insofern sie menschliche Arbeit über- haupt sind, kann nur entzitl'eit werden , sobald der Begriff der mensch- lich en Gl eich h ei t bereits die Festigkeit eines Volksvorurtbeils besitzt. Das ist aber erst möglich in einer Gescllsclj^ft, worin die Waarenform die allge- meine Form des Arbeitsprodukts ist . also auch das Verhältniss der Menschen zu einandei- als Waarenbesitzer das herrschende gesellschaftliche Verliältniss ist. Das Genie des Aristoteles glänzt grade darin, dass er im Wer t h au s d r uck der Waaren ein Gleich heitsverhältni.ss entdeckt. Nur die historische Schranke der Gesellschaft, worin er lebte, verhindert ihn herauszufinden, worin denn ,,in Wahrheit" diess G 1 ei ch h ei ts v er h äl tn i ss besteht. if) Vierte Ei ge n th üml i ch k ei t der Aequ i v al en tform : Der Fe- tischismus der Waarenform ist frappanter in der Aequivalent- form als in der relativen Werthform. Dass Arbeitsprodukte, solche nützlichen Dinge wie Rock, Leinwand, Weizen, Eisen n. s . w. , W e r t h e , bestimmte W e r t h g r ö s s e n un d überhauj)! Waaren sind, sind Eigenschaften , die ihnen natürlich nur in unsrem Ver- kehr zukommen, nicht von Natur, wie etwa die Eigenschaft schwer zu sein oder warm zu halten oder zu nähren. Aber innerhalb unsres Verkehrs verhalten sich diese Dinge als Waaren zu einander. Sie sind Werthe, sie sind mess- bar als Werthgrössen und ihre gemeinsame Wertheigenschaft setzt sie in ein Werthverhältniss zu einander. Dass nun z. B. 20 Ellen Leinwand = 1 Rock oder 20 Ellen Leinwand 1 Rock w erth sind, drückt nur aus. 774 d^ss 1) die verschiedenartigen zur Produktion dieser Dinge nüthigen Arbei- ten als menschliche Arbeit gleich gelten; 2) dass das in ihrer Produk- tion verausgabte Quant um Arbeit nach bestimmten gesellschaftlichen Gesetzen gemessen wird, und 3) dass Schneider und Weberin ein bestimmtes gesell- schaftliches Produktionsverhältniss treten. Es ist eine bestimmte gesellschaftliche Beziehung der Producenten, worin sie ihre ver- schiedenen nützlichen Arbeitsarten als menschliche Arbeit gleichsetzen. Es ist nicht minder eine bestimmte gesellschaftliche Beziehung der Producenten, worin sie die Grösse ilirer Arlieiten durch die Zeitdauer d e r V e r a u s g a b u n g menschlicher Arbeitskraft messen. Aber i n - nerhalb unsres Verkehrs erscheinen ihnen diese gesellschaft- lichen Charaktere ihrer eignen Arbeiten als gesellschaftliche Na- tu r e i g e n s c h a f t e n , als gegenständliche Bestimmungen der Arbeits- ]) r n d u k t e selbst, die Gleichheit dermenscbliclien Arbeiten als Wertheigen- schaft der Arbeitsprodukte, das Mass der Arbeit durch die gesellschaftlich nothwendige Arbeitszeit al sW e r th gr ös s e der Arbeitsprodukte, endlich die gesell- schaftliche Beziehung der Producenten durch ihre Arbeiten als W e r t h v e r h ä 1 1 n i s s oder gesellschaftliches Verhältniss dieser Dinge, der Arbeitsjjro- dukte. Eben desshalb e rs c h ei n e n ihnen die Arbeitsprodukte als Waaren, sinnlich iibeisinnliche oder gesellschaftliche Dinge. So stellt sich der Lichteindruck eines Dings auf den Sehnerv nicht als subjektiver Reiz des Seh- nervs selbst, sondern als gegens t an dli ch e Fo rm eines Dings ausserhalb des Auges dar. Aber beim Sehn wird wirklich Licht von einem Ding, dem äusseren Gegenstand, auf ein andres Ding, das Auge, geM'orfen. Es ist ein physisches Ver- hiiltniss zwisclien physischen Dingen. Dagegen hat die Waa renform und das Wert h V e rh alt n i s s der Arbeits])roriukte mit ihrer physischen Natur und den daraus entspringenden dinglichen Beziehungen absolut nichts zu schaffen. Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältniss der Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagoiische Form eines Verhältnisses V o n D i n ge n annimmt. Um daher eine Analogie zu finden , müssen wir in die Nebeliegion der religiösen Welt flüchten. Hier erscheinen die Pro- dukte des menschlichen Kopfes als mit eignem Leben begabte , unter ein- ander und mit den Menschen in Verhältniss stehende selbstständige Ge- st alten. So in der Waaren weit die Produkte der menschlichen Hand. Diess nenne ich den F e ti s c lii s m us , der sich an die Arbeitsprodukte anklebt, sol)ald sie als Waaren produtirt werden, der also von der Waaren- ]>rodiiktion unzertrennlicli ist. Dieser Fetischcharakter min tritt schlagender an der Ae q ui v a 1 eu tfo rm als an der relativen Wert h form hervor. Die relative Wc-thform einer Wanre ist vermittel t, nämlich durch i h r V e r b äl t n i s s '-er Waare. Durch diese Werthform ist der A\' e rt h der Waare als etv eignen sinnlichen Dasein durchaus U n t e r s ch i e d n es ausge. liegt darin zugleich, dass das Werthsciu eine dem Ding selbst frcnn. ( ( 0 Ziehung, sein Werthverhältnisszu einem andern Ding daher nur die E r- schoinungsform eines dahinter versteckten gesellschaftlichen Ver- hältnisses sein kann. Umgekehrt mit der A eq ui v al en t f o rm. Sie besteht grade darin, dass die Körper- oder Natu ralfor m einer Waare u nmi ttelbar als gesellschaftliche Form gilt, als Wert h form für andre Waare. Innerhalb unseres Verkehrs erscheint es also als gesellschaftliche N a tur e i gen s chaf t eines Dings, als eine ihm von Natur zukommende Eigen- schaft, A eq u i val en tf o r m zu b esi tzen , daher so wie es sinnlich da ist, un- mittelbar austauschbar mit andern Dingen zu sein. Weil aber inner- halb des Werthausdrucks der Waare A die Aequivalentform von Natur der W aar e B zukommt, scheint sie letztrer auch ausserhalb dieses Ver- hältnisses von Natur anzugehören. Daher z. B. das Eäthselhafte des Gol- des, das neben seinen andren Natureigenschaften, seiner Lichtfarbe, seinem spe- cifischen Gewicht, seiner Nicht- Oxydirbarkeit an der Luft u. s. w., auch die Aequivalentform von Natur zu besitzen scheint oder die gesellschaftliche Qualität mit allen andern Waaren unmittelbar austauschbar zu sein. §. 4. Sobald der Werth selbstständiger scheint, hat er die Form von T a u s c h w e r t h . Der Werthausdruck hat zwei Pole, relative Werthforni und Aequiva- lentform. Was zunächst die als Aequivalent i'unktionirende Waare betrifft, so gilt sie für andre Waare als Werthgestalt, Körper in unmittelbaraus- t a u s c h b a r e r Form — Tau seh werth. Die Waare aber, deren Werth rela- tiv ausgedrückt ist, besitzt die Form von Tausch werth, indem 1) ihr Werth - sein durch die Austauschbarkeit eines andern Waarenkörpers mit ihr offen- bart wird, 2) ihre Werth grosse ausgedrückt wird durch die Proportion, worin die andre Wanre mit ihr austauschbar ist. — Der Tau seh werth ist da her überhaupt d i e s e 1 b s t s t ä n d i g e E r s c h e i n u n g s f o r m des Waaren- A\- e r t h s . §. 5. Die ei n fa c he Wert h f o rm der Waare i s t di e ei nf a c h e Er- scheinungsform der in ihr enthaltenen Gegensätze von G e - b r a u c h s w e r t h und T a u s c h w c r t h . In dem We rthv e rh äl tn iss der Leinwand zum Rock gilt die Naturalfoini der Leinwand nur als Ges talt von Gebraue hs wer th, die Naturalform des Rocks nur als Werthform oder Gestalt von Tau Schwert h. Der in der Waare enthaltene innere Gegensatz von Gebrauchswerth und Werth wird also dar ges teilt durch einen äussern Gegensatz, d. h. das Verhält- nisszweier Waaren, wovon die eine unmittell)ar nur als Gebrauchswerth, die andere unmittelbar nur als Tauschwerth gilt, oder worin die beiden gegensätz- lichen Bestimmungen von Gebrauchswerth und Tauschwerth pol arisch unter die Waaren vertheilt sind. — Wenn ich sage: Als Waare ist die Leinwand Gel>rauchswerth und Tauschwerth, so ist das mein durch Analyse gewonnenes Urtheil über die Natur der Waare. Dagegen im Ausdruck : 20 Ellen Lein- wand ^ 1 Rock oder : 2 0 F. 1 1 e n L e i n w a n d s i n d 1 R u c k w e r t h . sagt die 776 Leinwand selbst, dass sie 1) Gebrau chswerth (Leinwand), 2) davon unter- schiedner Tauschwerth (Rock - Gleiches) und 3) Einheit dieser beiden Unterschiede, also W a a r e ist. §.6. Die einfache Wertliform der Waa-re ist die einfache Waarenforni des Arbeitsprodukts. Die Fo rm eines Gebrauchswerths bringt das Arbeitsprodukt in seiner Naturalform rnit auf die Welt. Es bedarf also nur noch der Werthform, damit es die Wa ar enf o r m besitze, d.h. damit es erscheine als Einheit der Gegensätze Gebrau chswerth und Tauschwerth. Die Entwicklung der Werthl'orm ist daher identisch mit der Entwicklung der Waarenform. §. 7. Verhältniss von Waarenform und Geldform. Setzt man an die Stelle von : 20 Ellen Leinwand = 1 Rock oder 2 0 Ellen Leinwand sind 1 Rock w ert h , die Form : 2 0 Ellen Leinwand = 2 Pfd. St. oder 2 0 Ellen Leinwand sind 2 Pfd. St. werth, so zeigt der erste Blick, dass die Geldform durchaus nichts ist als dieweiter entwickelte Gestalt der einfachen Werthform der Waare, also der einfachen Waarenform des Arbeitsprodukts. Wfeil die Geldform nur die entwickelte Waarenform, entspringt sie offenbar aus der e i n f a c h e n Waarenform. Sobald letztre daher begriffen ist, bleibt nur noch die Reihe der M e tarn o rph osen zu betrachten, welche die einfache Waarenform: 20 Ellen Leinwand = 1 Rock durchlaufen muss, um die Gestalt: 20 Ellen Leinwand ^2 Pfd. St. anzunehmen. §. 8. Einfache relative Werthform und Einzelne Aequiva- 1 en t fo rm. Der Werthausdruck im Rock giebt der Leinwand eine Werthform, wo- durch sie nur als Werth von sich selbst als Ge braue hswerth unter- schied en wird. Diese Form setzt sie auch nur in Ver h äl tni ss zum Rock, d. h. zu irgend einer einzelnen, von ihr selbst verschiedenen Waarenart. Aber als Werth ist sie das seilte wie alle andren Waaren. Ihre Werth- form muss daher auch eine Form sein, welche sie in ein Verhältniss qualita- tiver Gleichheit und quantitativer Proportionalität zu allen andren Waaren setzt. — Der einfachen relativen Werthform einer Waare ent- spricht die einzelne A equ i val en tf or m einer andren Waare. Oder die Waare, worin Werth ausgedrückt wird, funktionirt hier nur als einzelnes Aequivalen t. So besitzt der Rock, im relativen Werthausdruck der Leinwand, nur A eq u i V al cn tf o rm oder Form u n m i t tel b ar ei- Austauschbar- keit mit Bezug auf diese einzelne Waarenart Leinwand. §. 9. Ueb e r ga n g au s d er einfachen W ert h f o rm i n d i e e n t fa 1- te t e Werthform. Die einfache Werthform bedingt, dass der Werth einer Waare aber gleichgültig welcher. Waare von andrer Art ausgedrück also ebensowohl einfacher relativer Wert h a u s d rn c k (u.. , in wenn ihr Werth in Eisen oder in Weizen u. s. w. , als wenn er in der Waarenart Rock ausgedrückt wird. Je nüchdem sie also mit dieser oder jener andern Waarenart in ein Wer th verh äl tn i ss tritt, entstehn verschicdne ein- fache relative Werth aus drücke der Leinwand. Der Möglichkeit nach hat sie eben so viele verschied ne einfache Werthausdrücke als von ihr verschiedenartige Waaren existiren. In der That besteht also ihr vollständiger relativer Werthausdruck nicht in einem vereinzel- ten einfachen relativen Werduiusdruck, sundern in der Summe ihrer einfachen relativen Werthausdrücke. So erhalten wir: n. Totale oder entfaltete AVerthform. 20 Ellen Leinwand = 1 Rock oder = 10 Pfd. Thee oder = 40 Pfd. Kaffee oder = 1 Quarter Weizen oder = 2 Unzen Gold oder = '/.2 Tonne Eisen oder = u. s. w, §. 1. EndlosigkeitderKeihe. Diese Reihe einfacher relativer W e r t h a u s d r ü c k e ist ihrer Natur nach stets verlängerbar oder scbliesst nie ab. Denn es treten stets neue Waaren- arten auf, und jede neue Waarenart bildet das Material eines neuen Werthaus- drucks. §. 2. D i e en tf al te te r e 1 ati ve W e rt h f o r m. Der Werth einer Waare , der Leinwand z. B. , ist jetzt dargestellt in allen andren Elementen der W^aarenwelt. Jeder andre Waarenkörper wird zum Spiegel des Leinwand w e rth s. So erscheint dieser Werth selbst erst wahrhaft als Gallerte unterschiedsloser menschlicher Arbeit. Denn die den Leinwand wer th bildende Arbeit ist nun ausdrücklich als Arbeit dargestellt, der jede andre menschliche Arbeit, welche Naturalform sie immer be- sitze, und ob sie sich daher in Rock oder Weizen oder Eisen oder Gold u. s. w. vergegenständliche, gleichgilt. Durch ihre Wer th form steht die Leinwand daher jetzt auch in gesellschaftlichem Verhältniss nicht mehr zu nur einer einzelnen andren Waarenart . sondern zur W a a r e n w e 1 1. Als Waare ist sie Bürger dieser Welt. Zugleich liegt in der endlosen Reihe seiner Ausdrücke, dass der Waaren w er th gleichgültig ist gegen jede besondre Form des Ge- brauchs werth s, worin er erscheint. §.3. Die besondre Aequivalentfo rm. Jede Waare, Rock, Thee, Weizen, Eisen u. s. w. gilt im Werthausdruct Leinwand als Aequivalent und daher als W e r t h k ö r p e r. Die b e s ti ni ... . . Naturalform jeder dieser Waaren ist jetzt eine besondre Aequivalent- fo rm neben vielen andern. Ebenso gelten die mannigfaltigen in den ver- schiedenen Waarenkörpern enthaltenen bestimmten, konkreten, nütz- lichen Arbeitsarten jetzt als eben so viele besondre Verwirklichungs- oder Erscheinungsformen menschlicher Arbeit schlechthin. 778 §. 4. Mängel derentfaltetenodertotalenW er th form. Erstens ist der relative Werthausdruck der Leinwand unfertig, weil seine Darstellungsreihe nie abschliesst. Zweitens besteht er aus einer bunten Mosaik auseinanderfallender und verschiedenartiger Werthausdrücke. Wird end- lich, wie dioss geschehn muss , der relative WerthjederWaare in dieser entfalteten Form ausgedrückt, so ist die relative Werth form jeder Waare eine von der relativen Werthform jeder andren Waaren verschiedne endlose Reihe von Werthausdrücken. — Die Mängel der entfalteten relativen Werthform reflektiren sich in der ihr entsprechenden A eq u i v a 1 en t f or m. Da die Natu- ralform jeder einzelnen Waarenart hier eine besondre Aequivalentform neben unzähligen andren besondren Aequivalentformen ist, existiren überhaupt nur beschränkte Aequivalentformen, von denen jede die andre aus- seh liesst. Ebenso ist die in jedem besondern Waarenäquivalent enthaltene bestimmte, konkrete, nützliche Arbeitsart nur besondre, also nicht erschöpfende Erscheinungsform der menschlichen Arbeit. Diese besitzt ihre vollständige oder totale Erscheinungsform zwar in dem Ge- sammtumkreis jener besondren Erscheinungsformen. Aber so besitzt sie keine einheitliche Erscheinungsform. §. 5. Uebergangaus de r totalen Werth form indie allgemeine We rth fo rm. Die totale oder entfaltete relative Werthform besteht jedoch nur aus einer Summe einfacher relativer Werthausdrücke oder Gleichungen der ersten Form, wie : 20 E 1 1 e n L e i n w a n d = 1 Hock 20 Ellen Leinwand = 10 Pfd. Thee u. s. w. Jede dieser Gleichungen enthält aber rückbezüglich auch die identische Gleichung: lRock = 20 Ellen Leinwand 10 Pfd. Thee = 20 Ellen Leinwand u. s. w. In der Thiit: Tauscht der Besitzer der Leinwand seine Waare mit vielen andren Waaren aus und drückt daher d en Wer th sein er Wa ar e in einer Reihe von andren Waaren aus, so müssen nothwendig auch die vielen andren Waarenbesitzer ihre AVaaren mit Leinwand austauschen und daher die Wert he ihrer verschiedenen Waaren in derselben dritten Waare, der Leinwand, ausdrücken. — Kehren wir also die Reihe: 20 Ellen Leinwand ^ 1 Rock ode r = 10 Pfd. Thee o d er = u. s. w. um, d. h. drücken wir die an sich, implicite, schon in der Reihe enthaltene Rückbeziehung aus, so erhalten wir: 779 III. Allgemeine Wertliform. 1 Rock = 10 Pfd. Thee = 40 Pfd. Kaffee = 1 Qrtr. Weizen = ' ^ t^ , , r • j 20EllenLeiuwand, 2 Unzen Gold 1/2 Tonne Eisen = X Waare A = u. s. w. Waare = §. 1 . Veränderte Gestalt der relativen VV e r t h f o r m. Die lelative ^Yertlll'orm besitzt jetzt eine ganz veränderte Gestalt. Alle AVaaren drücken ihren Werth 1) einfach aus, nämlich in einem einzigen andren W a a r e n k ü r p e r , 3) einheitlich, d. h. in demselben andren Waarenkörper. Ihre Werthform ist einfach und gemeinschaftlieh , d. h. allge- mein. Allen verschiedenartigen Waarenkörpern gilt jetzt die Leinwand als ihre gemeinschaftliche und allgemeine Werthgestalt. Die Werthform einer Waare, d. h. der Ausdruck ihres Werths in Leinwand, unterscheidet sie jetzt nicht nur als Werth von ihrem eignen Dasein als Gebrauchsgegen- stand, d. h. von ihrer eignen Naturalform, sondern bezieht sie zu- gleich als Weith auf alle andren Waaren, auf alle Waaren als Ihres- gleichen. Sie besitzt daher in dieser Werthform allgemein gesellschaft- liche Form. Erst durch ihren allgemeinen Charakter entspricht die Werthform dem Wert h b e gri f f. Die Werthform musste eine Form sein, worin die Waaren als blosse (t a 11 c r t e 11 n t e r s c h i e d s 1 o s e r , gleichartiger, m e n s c ii 1 i c h e r Arbeit, d. h. als dingliche Ausdrücke derselben Arbeitssubstanz für eipander erscheinen. Diess ist jetzt erreicht. Denn sie alle sind ausge- drückt als iM a t e r i a t u r derselben Arbeit, der in der Leinwand enthaltenen Arbeit, oder als d i esei b e Mat eri a t ur der Arbeit, nämlich als Leinwand. So sind sie qualitativ gleichgesetzt. Zugleich sind sie quantitativ verglichen oder als bestimmte W e r t h g r ü s s e n für einander dargestellt. Z. B. 10 P f d. T h e e = 20 El len Lei n wan d , und 40 Pfd. Ka f f ee ^ 20 E 1 1 en Lein wa n d. Also: 10 Pfd. Thee = 40 Pfd. Kaffee. Oder in 1 Pfd. Kalfce steckt nur V, so viel Werthsubstanz, Arbeit, als in 1 Pfd. Thee. § . 2 . Veränderte Gestalt der A e q u i v a 1 e n t f o r m. Die 1) e s o n d e r c A e q u i v a I e n t f o r m ist jetzt fortentwickelt zur allge- meinen A e q u i V a 1 e n t f o r m. Oder die in Aequivalentform befindliche Waare ist jetzt — allgemeines Aequivalent. — ■ Indem die Naturalform des Waau&nkörpers Leinwand als Werth gesta 1 1 aller andren Waaren gilt, ist sie die F o r Tn ihrer G 1 e i c h c ii 1 1 i e k e i t oder unmittelbaren A u s t a ti s c h - 780 b a 1- k e i t mit a 1 1 e n E 1 e m e n t e n der W a a r e n w e 1 1. Ihre N a t u r a 1 f o r ra ist also zugleicli ihre allgemeine gesellschaftliche Form. Für alle andren Waaren , obgleich sie die Produkte der verschiedenartigsten Arbeiten sind, gilt die Leinwand al s E rs chei n n ngs f o r m der in ihnen selbst enthaltenen Arbeiten, daher als Verkörperung gleich- artiger, unterschiedsloser, menschlicher Arbeit. Die Weberei, diese b es o nd re konkrete Arbeitsart, gilt also jetzt , durch das Werthver- haltniss der \Vaarenwelt zur Leinwand , als allgemeine und unmittelbar erschüj)fende Verwirklichungsform abstrakt menschlicher Ar- beit, d. h. der Verausgabung menschlicher Arbeitskraft überhaupt. Die in der Leinwand entliahene Privatarbeit gilt eben desshalb auch als Arbeit, welche sich unmittelbar in allgemein gesellschaftlicher Form oder der Form der Gleichheit mit allen andren Arbeiten befindet. Wenn eine Waare also die allgemeine A e q ui v alen tfo rm besitzt oder al s al 1 gem ei n es Aequivalent funktionirt, gilt ihre Natural- oder K ö r p e r f o r ni als d i e s i c h t b a r e Inkarnation, die allgemeine ge- sellschaftliche V e r p u p p u n g aller menschlichen Arbeit. §. .3. G 1 0 i c h m ä s s i g e s E n t w i c k 1 u n g s v e r li ä 1 1 n i s s v o n r e 1 a t i v e r Werthform und Ae qui vale n t f orm. Dem Entwicklungsgrad der relativen Werthform entspricht der Entwicklungs- grad der Aequivalentform. Aber, und diess ist wohl zu merken , die Entwi ek- ln n g d e r A e q u i ^' a 1 e n t f o r m ist n n !■ A u s d r n c k u n d R e s u 1 1 a t der Ent- wicklung der relativen Wer th i'or in. Von der letzteren geht die Initiative aus. Die einfache r e 1 a t i v e W e r t h f o rni drückt den Werth einer Waare nur in einer einzigen andren Waaren art aus, gleichgültig in welcher. Die Waare erliält so nur Wertliform im Unterschied zu ihrer eignen Ge b ra uchs wer ths - oder Naturalform. Ihr Aequivalent erhält auch nur die einzelne Aequivalentform. Die entfaltete relative Werthform drückt den Werth einer Waare in allen andren Waaren aus. Letztre erhalten daher die Form vieler besondren Aequivalente oder besondre Aequi- valentform. Endlich giebt sich die Waarenwelt eine einheitliche,, allgemeine, relative Werthform, indem sie eine einzige Waaren- art von sich au s s c h 1 i es s t , worin alle andren Waaren ihren Werth ge- meinschaftlich ausdrücken. Dadurch wird die ausgeschlossene Waare allgemeines Aequivalent oder wird die Aequivalentform zur allgemei- ne . Aequivalentform. §. 4 . E n t w i c k 1 u n g il e r P 0 1 a r i t ii t v (j n r e 1 n t i V e r W e r t h f o r m und A e (] u i \- a 1 e n t f 0 r m. Der polarische Gegensatz, oder die nnzertreiinlicnc Zu^air.:jitiigeli','i!\,- keit und ebenso beständige Ausschliessung von relativer Werthform "iM>d Af^qni- valentform , so dass 1) eine Waare sich nicht in der ein.'i Form hofindv ohne dass andre Waare sich in der en tgegcn ges e tz ■ - ■■ ^^''>'-:y>. i.d .. 781 -— 2) dass süb;ilti eine Waiire siicli in der einen F'orm befindet, sie sicii nielit gleich- zeitig innerhalb dess^elben Werthausdrueks in der andren Form befinden kann, — dieser polarisehe Gegensatz beider Momente des Werthansdrueks ent- wickelt und ve rh arte t sich in demselben Masse, worin sich die Werth- form überhaupt entwickelt oder ausgebildet wird. In der Form I schliessen sich schon die beiden Formen aus , aber nur formell. Je nachdem dieselbe Gleichung vorwärts oder rückwärts gelesen wird, befindet sich jedes der beiden Waarenextreme, wie Leinwand und Rock, gleichmässig bald in der relativen Werthform, bald in der Aeqnivalentform. Es kostet hier noch Mühe, den polarischen Gegensatz festzuhalten. In der Form II kan n immer nur j e eine W a a r e n a r t i h r e n relativen Werth total entfalten oder besitzt sie selbst nur entfaltete relative Werthform, weil und sofern alle andren Waaren sich ihr gegenüber in der A e q u i v a 1 e n t f <) r m befinden. Inder Form III endlich besitzt die Waaren weit nur a 1 1 ge m ci n -ge- sellschaftliche relative Werthform, weil und sofern alle ihr angehörigen Waaren von der Aequivalentform oder der Form unmittelbarer Aus- tauschbarkeit ausgeschlossen sind. Umgekehrt ist die Waare , die sich in der allgemeinen Aecjuivalentform befindet oder als allgemeines Aequivalent figurirt , von der einheitlichen und daher allgemeinen relativen Werthform der Waaren weit ausgeschlossen. Sollte die Leinwand, d. h. irgend eine in allgemeiner Aequivalentform befindliche Waare, auch zugleich an der allgemeinen relativen Werthform theilnehmen, so müsste sieaufsich selbst als Aequivalent bezogen werden. Wir erhalten dann : 20 E 1 len L e i n wan d = 20 Ellen Leinwand, eine Tauto- logie, worin weder Werth , noch Werthgrösse ausgedrückt ist. Um den rela- tiven Werth des allgemeinen Aequivalents auszudrücken, müssen wir die Form III umkehren. Es besitzt keine mit den andren Waaren gemein- schaftliche relative Werthform , sondern sein Werth drückt sich relativ aus in der endlosen Reihe aller andren Waarenkörper. So erscheint jetzt die entfaltete r e 1 a t i ve Wer tli fo r m oder Form II als die speci- 1 i s c h e r e 1 a t i V e Werthform der Waare , welche die Rolle des allgemei- nen Aequivalents spielt. §. 5. Uebergang aus der allgemeinen Werthform zur Geld- f o rm. Die allgemeine Ae q ui valen tfor m ist eine Form desWerths über- haupt. Sie kann also jeder Waare zukommen, aber stets nur im Ausschluss von allen andren Waaren. Indess zeigt schon der blosse Form unter schied zwischen Form II und Form III etwas E i ge n t h n m 1 i ch es , was die Formen I und II nicht unterschei- det. Nämlich in der entfalteten Werth form (Form II) seh lies st eine Waare alle andren aus, um in ihnen den eignen Werth auszudrücken. Diese Au s.i c h 1 i es s u n g kaun ein rein subjektiver Prozess sein, z. B. ein 7f<2 Prozess des Leinwandhesitzers , der den Werth seiner eignen Waare in vielen andren Waaren schätzt. Dagegen befindet sich eine Waare nur in aligemeiner Aequivalentform (Form III) , weil und sofern sie selbst durch alle andren Waaren als Aequivalent ausgeschlossen wird. Die Ausschlies- sung ist hier ein von der ausgesclilossenen Waare unabhängiger, objektiver Prozess. In der historischen Entwicklung der Waarenform mag daher die allge- meine Aequivalentform bald dieser, baldjener Waare abwecliselnd zukommen. Aber eine Waare funktionirt nie wirklich als allgemeines Aequivalent, ausser sofern ihre Ausschliessung und daher ihre Aequivalentform das Resultat eines objekti- ven gesellschaftlichen Prozesses ist Die allgemeine Werthform ist die entwickelte Werthform und daher di e en twi ck el te Waarenform. Die stotl'lich ganz verschiedenen Arbeits- jirodukte können nicht fertige Waarenform besitzen und daher auch nicht im Austauschprozess als Waare funktioniren , ohne als dingliche Aus- drücke derselben gleichen menschlichen Arbeit dargestellt zu sein. Das heisst, um fertige Waarenform zu erhalten, müssen sie einheitliche, all- gemeine relative Werthform erhalten.^ Aber diese einheitliche relative Werthform können sie nur dadurch erwerben, dass sie eine bestimmte Waaren- art als allgemeines Aequivalent aus ihrer eignen Reihe ausschliessen. Und erst von dem Augenblicke, wo diese Ausschliessung sich endgültig auf eine sp eci fis che Waarenart be seh r an k t , Ijat die einheitliche relative Werthform objektive Festigkeit und allgemein gesellschaftliche Gültigkeit gewonnen. Die sp ecifis che Waarenart nun, mit deren Natural form die Aequiva- lentform gesellschaftlich verwächst, wird zur G e 1 d w aare oder funktionirt a Is G el d. Es wird ihre specifischgesellschaftliche Funktion, und da- her ihr gesellschaftlichesMonopol, die Rolle des allgemeinen Aequivalents innerhalb derWaarenweltzu spielen. Diesen bevorzugten Platz hat unter den Waaren, welche in Form 11 als besondre Aequivalente der Leinwand figuriren , und in Form III ihren relativen Werth gemeinsam in Leinwand ausdrücken, eine bestimmte Waare historisch erobert, das Gold. Setzen wir daher in Form III die Waare Gold an die Stelle der Waare Leinwand, so erhalten wiri IV. Geldforui. 20 Ellen Leinwand = 1 Rock = i 10 Pfd. Thee =1 40 Pfd. KaflFee =' ^ ^, ^ ,^ ; 2 Unzen Cüold. 1 Qrtv. Weizen ==/ '/a Tonne Eisen ^=i X Waare A = ] u. s. w. Waare = ' 783 §. l . V e r s c li i e cl e n h c i t des U c h e v « a n g- s der a 1 1 g c in e i n e n Werthfovm zur Geldform von den früheren E n t w i c k 1 u n gs- ü 1) e r g ii n g e n . Es finilen wesentliche V criind e ru n gen statt beim Uebergang von Form I zu Form II, von Form II zu Form III. Dagegen unterscheidet Form IV sich durch nichts von Form III, ausser diiss jetzt statt Leinwand Gold die allge- meine Aequivalentform besitzt. Gold bleibt in Form IV, was die Leinwand in Form III war — allgemeines Acquivalent. Der Fortschritt besteht nur darin , dass die Form unmittelbarer a 1 1 g e m e i n e r A u s t a u s c h b a r k e i t oder die allgemeine Aequivalentform jetzt durch gesellschaftliche Ge- wohnheit endgültig mit der specifischen Naturalform des Waaren- körpersGold verwachsen ist. Gold tritt den andren Waareii nur als Geld gegenüber, weil es ihnen bereits zuvor als Waare gegenüberstand. Gleich allen andren Waaren funktionirte es auch als Acquivalent, sei es als einzelnes Aequivalent in vereinzelten Austauschakten, sei es als bes o n d res A e qn i val ent neben an d re n Waaren- iiciuivalenten. Nach und nach funktionirte es in engeren oder weiteren Kreisen als allgemeines Aequivalent. Sobald es das Monopol dieser Stelle im Werthausdruck d e r Waaren we 1 1 erobert hat , wird es Gel d waar e, und erst von dem Augenblick , wo es bereits Gel dw aaregeworden ist, unter- scheidet sich Form IV^ von Form III , oder ist die allgemeine Werthform verwandelt in die Geldform §.2. Verwandlung der allgemeinen relativen Werthform in P r e i s f o r m . Der einfache relative Werthausdrnck einer Waare, z.B. der Leinwand, in der bereits als Geldwaare funktionirL-nden Waare, z. B. dem Gold, ist Preisform. Die Preisform der Leinwand daher: 20 Ellen Leinwand = 2 Unzen Gold, oder, wenn 2 Pfd. St. der Münzname von 2 Unzen Gold, 20 Ellen Leinwand = 2 Pfd. St. §.3- Die einfache Waaren form ist das Geheimniss der Geld- form. Man sieht, die eigentliche Geldform bietet an sich gar keine Schwierigkeit. Sobald einmal die allgemeine Aequivalentform durchschaut ist , macht es nicht das geringste Kopfbrechen zu begreifen , dass sich diese Aequivalentform an eine speci fische Waarenart wie Gold fest haftet, um so weniger als die allgemeine Aequivalentform von Natur di e ges e 1 Is eh aftliche Aus Schliessung einer bestimmten Waarenart durch alle andren Waaren bedingt. Es handelt sich nur noch darum, dass diese Ausschliessung objektiv gesell- schaftlich eKonsistenz und allgemeineGültigkeit gewinnt, daher weder abwechselnd verschiedne Waaren trifft, noch eine bloss lokale Tragweite in nur besondern Kreisen der Waarenwelt besitzt. Die Schwierigkeit im Bef^riff der Geldform beschränkt sich auf das Begreifen der allgemeinen Aequivalentform, 784 also der allgemeinen Werthform überhaupt, der Form III. Form III löst sich aber rückbezüglich auf in Form II, und das k o nstituir ende Element der Form II ist Form I: 20 Ellen Leinwand =1 Rock oder x W a a r e A = y Waare B. Weiss man nun, was Gebrauchswerth und Tauschwerth sind, so findet man, dass diese Form I die einfachste, unentwickeltste Manier ist, ein be- liebiges Arbeitsprodukt, wie die Leinwand z. B., als Waare dar^nstellen, d. h. als Einheit der Gegensätze Gebrauchswerth und Tauschwerth. Man findet dann zugleich leicht die Metamorphosenreihe, welche die einfache Waa renform: 20EllenLeinwand= 1 Rockdurchlaufen muss, um ihre fertige Gestalt : 20 Ellen Leinwand = 2 Pfd. St., d. h. die Geldform zu gewinnen. (Fortzufahren p. 35 im Text des Buchs.) Störende Druckfehler. S. 39 Z. 1 V. o. setze e i u vor unter. „ 49 „ 2 V. o. „ 7. u vor treten. „ 63 „ 6 V. u. wegzulassen : daraus entspringenden. „ 64 „ 17 V. u. K o m in a nach W e r t h ni a t e r i a t u r. „ 70 „ 19 V. o. P u n k t nach u ra. „ 79 „ 19 V. o. 1 Q uar te r Weizen statt 2 Quarters. „ 8J N o t e Z. 1 wegzulassen i n vor a na t i on. „ 103 Z. 13 V. o. setze von statt vom. „ 103 „ 4 V. u. setze 13 statt 1 2. „ 104 Note 90, Z. 5 v. o. lies: Gold und Silber. „ 124 Z. 13 V. u. lies : noch statt n ac h. „ 144 „ 3 V. o. nach Stein einzuschalten K u o c li e n. „ 160 „ 15 V. u. lies '/,, statt '/a. „ 276 „ 3 V. o. lies Unmündiger. „ 292 „ 4 V. o. f ehl t nach b'b : i u. „ 403 „ 4 V. u. lies 18 2 1 statt 18 12. „ 417 „ 15 V. u. nach was ist er wegzulassen. „ 634 „ 11 V. o. lies 8 statt 11. „ 554 „ 15 V. u. „entzieht i h r" statt „entzieht i h m". „ 611 „ 15 V. u. wegzulassen „ist". „ 619 „ 16 V. o. lies „waren" statt „war". _j, 620 „ 6 V. 0. lies „e ini ge" und „überflüssige". Feuerbach , Fr. Gedanken und Thatsachen. Ein Beitrag zur Ver- ständigung über die wichtigsten Bedingungen des Menschenwohles. 10 Sgr. Hargreaves, John W. H. Englands Handel im Jahre 1864 und 1865. 2 Bände ä 18 Sgr. Kapp, Fr. Geschichte der Sklaverei in den Vereinigten Staaten von Amerika. 1 Thlr. 20 Sgr. Lazarus, W. Ueber Mortalitätsverhältnisse und ihre Ursachen. 12 Sgr. Liebert, Dr. G. Milton. Studien zur Geschichte des englischen Geistes. 1 1,2 Thlr. — — Lud wig ühland. Eine Skizze. Zweite Auflage. 10 Sgr. Meyer, Dr. J. B. Die Idee der S e e 1 e n w a n d e r u n g. 10 Sgr. Mystagogos. Eine christliche Vorschule. Neue Folge. 1 Thlr. 7'/2Sgr. Nilsson, S. Die Ureinwohner des S c a n d i n a v i s c h e n Nor- dens. Ein Versuch in der co mparativen Ethnographie und ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte des Menschengeschlechts. Aus dem Schwedischen übersetzt von J. Mestorf. Mit 62 in den Text gedruckten Abbildungen und 5 lithographirten Tafeln. 2 Thlr. Proudhon , P. J. Die Gerechtigkeit in der Revolution und in der Kirche. Neue Principien praktischer Philosophie. Uebersetzt von L. Pfau. 2 Bände. 3 Thlr. 10 Sgr. Radenhausen, C. MSIS» Der Mensch und die Welt. 4 Bände. 143 Bogen gr. 8. 7 Rthlr. I n li a 1 1 der vier B ä n d e. Entstehung der Vorstellungen und Begriffe. Gott in der Geächichte. Der Mensch und die aussersinnliche Welt. Geist und Unsterblichkeit. Böse und Gut. Pflicht, Sünde, Gewissen. Lohn und Strafe. Erlösung. Christentlium. Wissenschaft und Religion. Gott und Unsterblich- keit. Liebe und Ehe. Das Leben im Verbände. Heranbildung der Menschheit. Heranbildung der Welt. Verhältnisse der Welt. Glück und Unglück. Alte nnd neue Welt. Schlussfolgerungen. Radenhausen , C. , Die Bibel wider den Glauben. Mit einer Karte, gr. 8. 18 Sgr. Scholl , C. Die Messiassagen des Morgenlandes nebst vergleichenden Auszügen aus seinen heiligen Büchern. 1 Thlr. 71/2 Sgl'- Staatsarchiv, das. Sammhmg der officiellen Actenstücke zur Geschichte der Gegenwart. In fortlaufenden monatlichen Heften herausge- geben von L. K. Aegidi und A. Kl au hold. 1861 — IS'^'^. Preis 5 Thlr. für den Jahrgang. Weigelt, G. Zur Geschichte der neueren Philosophie. 1 Thlr. 1.') *' Inhalt: Kant. — Fichte. —Jacobi. — Schopenhauer. — Schell — Hegel. — Feuerbach. Wiberg, C. F. Der Einfluss der klassischen Völker i den Norden durch den Kniiuelsverkehr. Aus dem Schwedisc von J. Mestorf. Mit einer Fundkarte. 1 Thlr. 6 Sgr. Boston Public Library Central Library, Gopley Square Division of Reference and Research Services The Date Due Card in the pocket indi- cates the date on or before which this book should be returned to the Library. Please do not remove cards from this pocket.