ARISTOTELES GRUNDLEGUNG EINER GESCHICHTE SEINER ENTWICKLUNG VON WERNER JAEGER BERLIN WEIDMANNSGHE BUCHHANDLUNG 1923 H FAP NOY ENEPrEIA ZQH Arist. Metapb. ß Vorwort Die Art des vorliegenden Buches, das zugleich Gesamtbild und Untersuchung ist, erfordert ein kurzes Geleitwoii. Es will nicht eine systematische Darstellung, sondern eine Analyse geben, die von den Schriften des Aristoteles ausgeht und in ihnen die verschütteten Spuren seines inneren Werdegangs verfolgt. Der biographische Rahmen soll nur das Auseinander- treten der bisher ungeschiedenen Schriftenmasse in drei Entwick- lungsperioden sinnfällig machen. Das Bild, das auf diese Weise gewonnen wird, bleibt bei der Knappheit des Materials allerdings fragmentarisch. Es läßt aber in seinen Umrissen eine wesenthch klarere Gesamtansicht der geistigen Gestalt des Aristoteles und der treibenden Kräfte seines Denkens hervortreten. Sie kommt zunächst der philosophischen Problemgeschichte und Prinzipien- forschung zu gute. Die Absicht des Verfassers ist es jedoch nicht, einen Beitrag zur systematischen Philosophie zu geben, sondern das Stück Geschichte des griechischen Geistes zu erhellen, das der Name des Aristoteles bezeichnet. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen habe ich seit 1916 in Kiel und Berhn in Universitätsvorlesungen wiederholt vorgetragen, auch die schriftliche Form stand mit Ausnahme des Schlusses im wesentlichen fest. Die seither erschienene Literatur, die für Aristoteles selbst ohnehin nicht viel ausgibt, habe ich nur soweit berücksichtigt, als ich Neues aus ihr gelernt habe oder wider- sprechen muß. Man wird selbst Ergebnisse älterer Forschung vergeblich suchen, soweit sie bloß belanglose Meinungs- oder Darstellungsänderungen betrafen: mit Entwicklung hat das alles nichts zu tun. Noch weniger kam eine Analyse aller Schriften des Aristoteles als Selbstzweck und eine durchgeführte mikro- skopische Untersuchung aller ihrer Schichten in Betracht, wo es sich einzig darum handelte, an deutlichen Beispielen das geistige Phänomen seiner Entwicklung als solches in seiner sachlichen Bedeutung zu erläutern. Zum Schluß spreche ich der Verlagshandlung, die in mutiger Zuversicht das Risiko der Veröffentlichung dieses Buches trotz der Ungunst der Zeiten in vollem Umfang übernommen hat, meinen tiefsten D£ink aus. Berlin, Ostern 1923 W. J. Inhalt Seite Das l'rol)Iem l I. Die Akademiezeit Die Akademie beim Eintritt des Aristoteles 9 Die Juf^endwerke 23 Eudemos 37 Der Protrcptikos ■ 53 II. Wcindeijahre Aristoteles in Assos und Makedouien 105 Die Priigrammschrift ÜeqI (piÄoaocplag 125 Die Urmetaphysik 170 Die Entwicklung der Metaphysik 200 Die ürethik 237 Die ürpolitik 271 Entstehung der spekulativen Physik und Kosmologie 308 III. Meisterzeit Aristoteles in Athen . . .^ . . . . 331 Die Organisation der Forschung 346 Die Umbildung der Lehre vom ersten Beweger 366 Die geschichtliche Stellung des Aristoteles 393 Register 435 ARISTOTELES Das Problem. Aristoteles ist der erste Denker, der zugleich mit seiner Philo- sophieseine geschichtliche Selbstauffassung begründet und damit eine neue, innerlich komplizierte, verantwortlichere Form des philo- sophischen Bewußtseins geschaffen hat. Der Schöpfer des geistes- geschichthchen Entwicklungsgedankens faßt auch die eigene Leistung als das pragmatische Ergebnis einer rein auf dem Gesetz der Sache beruhenden Entwicklung auf, ja er läßt in seiner Dar- stellung überall die eignen Gedanken als die unmittelbare Frucht der Kritik seiner Vorgänger, besonders Piatons und seiner Schule erscheinen. Es war philosophisch und aristotelisch gedacht, wenn man ihm darin gefolgt ist und ihn historisch aus eben jenen Voraussetzungen zu begreifen gesucht hat, aus denen er sich selbst konstruiert. Den Philologen, der gewohnt ist, die Selbstbeurteilung einer PersönUchkeit nicht als völlig objektive Quelle zu benutzen und ihr nicht seine Maßstäbe zu entnehmen, kann es nicht wundern, daß alle diese Versuche nicht zu einer lebensvollen Einsicht in die philosophische Eigenart des Aristoteles geführt haben, zumal wenn man ihn gar an seinem Verständnis für seine Vorgänger zu messen begann: als ob je ein Philosoph seine Vorgänger in diesem Sinne zu verstehen vermöchte. Kann es doch nur einen positiven Maßstab für die individuelle Schöpfung des A»istoteles geben, nicht wie er Piaton kritisiert, sondern wie er selbst platonisiert (denn das bedeutet ihm philosophieren). Warum er die Wissenschaft in diese bestimmte Richtung gelenkt hat, wird nicht aus der Vor- geschichte, sondern erst aus seiner eignen philosophischen Ent- wicklung klar, ebenso wie er selbst Piatons Stellung in der Geschichte des griechischen Denkens nicht einfach von den Vor- gängern herleitet, sondern als das Produkt der Begegnung seiner schöpferischen Originalität mit jenen geschichtlichen Ein- flüssen erklärt. Soll bei der Betrachtung geistigen Werdens das Schöpferische und Eigengesetzliche in den großen Individuen nicht zu kurz kommen, so bedarf die geschichtliche Gesamtbe- J aeger: Aristoteles. 1 Das Pmlilem w«'<,'uii<; der l^rj^iiiizuiifj; (liircli die organische Entwicklung der Persiitdichkeit. Aristoteles seihst weist den engen Zusammenhang von Entwicklung und Form nach: 'geprägte Form, die lehend sich entwickelt', ist der (irundgedanke seiner Philosophie. Das Ziel ist für ihn, die Form und die Entelechie aus den Stadien ihres Wachstums zu erkennen. Nur so kommt das Gesetzliche einer geistigen 'Struktur' zu unmittelbarer Anschaulichkeit, wie wiederum Aristoteles am Anfang seiner Vorlesung über die Vorstufen des staatlichen Lebens bereits ausspricht: 'Wie überall, wird sich auch hier die rechte Einsicht erst ergeben, wenn man die Dinge sich von ihren Ursprüngen her entwickeln sieht.' Es gehört zu den fast unbegreiflichen Paradoxien, an denen die Geschichte der menschlichen Erkenntnis reich ist, daß man das Prinzip der organischen Entwicklung bis heute nicht auf seinen Urheber angewandt hat, wenn man von einzelnen verdienst- lichen, aber ganz partiellen und daher unwirksam gebliebenen Äußerungen absieht. Man darf ohne Übertreibung sagen, daß in einer Zeit, wo über Piatons Werdegang eine ganze Literatur zusammen- geschrieben ist, von der Entwicklung des Aristoteles kaum jemand redet und jedenfalls fast niemand etwas weiß. Dies beharrliche Vorübergehen an einem der brennendsten Probleme der antiken Geistesgeschichte hat schließlich so suggestiv gewirkt, daß man in der Nichtanwendung der entwicklungsgeschichtlichen Betrachtung auf Aristoteles eine Art von Symbol für seinen geistigen Unter- schied von Piaton erblickte : während die Entwicklungsgeschichte Piatons die Menschen allmähhch blind zu machen droht für den konstruktiven Trieb, der eine der Grundkräfte seines Denkens ausmacht und ihn von allen vorplatonischen Philosophen unter- scheidet, hat man sich umgekehrt gewöhnt, die Frage nach der Chronologie und Entwicklung der aristotelischen Lehre und ihrer Quellen fast für ein Zeichen philosophischer Verständnislosigkeit zu halten. Denn die Monade, die zeitlos den Keim zu allem Einzelnen in sich trägt, sei eben das System. Der Hauptgrund, weshalb bisher der Versuch einer Entwick- lungsgeschichte des Aristoteles unterblieben ist, war mit einem Wort die scholastische Auffassung seiner Philosophie als eines starren Begriffsschematismus, dessen dialektischen Apparat die Ausleger virtuos beherrschten, ohne doch immer von den bewe- genden Kräften aristotelischer Forschungsweise, von dem eigen- Entwicklungsgeschichte und Schulexegese artigen Zusammenspiel bohrender, abstrakter Apodiktik und an- schaulichen, organischen Formensinns noch eine selbsterlebte Vorstellung zu haben. Der Spiritualismus des Aristoteles ist mit Anschauung und Realität gesättigt, seine peinliche Beweisstrenge ist nur die heilsame Fessel, die die blutvolle Lebendigkeit des 4. Jahr- hunderts sich selbsterzieherisch angelegt hat. Die Wurzel des Mißverstehens lag schon in der Loslösung der im engeren Sinne philosophischen Teile der aristotelischen Lehre, der Logik und Metaphysik, von der empirischen Wirklichkeitsforschung, die sich im Peripatos seit der dritten Generation vollzog. So groß dann später das Verdienst der von Andronikos (1. Jahrh. v. Chr.) aus- gehenden Kommentatorenschule auch ist, der wir vor allem die Rettung der Lehrschriften verdanken, und so überlegen ihr buch- stabentreuer Traditionahsmus an Strenge der philosophischen Auffassung den erbärmlichen Nachfolgern des Theophrast und Straton war, eine Erneuerung des ursprünglichen Geistes brachte auch diese Bewegung zurück zu Aristoteles nicht. Es fehlte ihr der Nährboden einer stetig fortschreitenden Natur- und Geisteswissenschaft und daher jene fruchtbare Wechselwirkung von Erfahrung und Begriffsbildung, aus der die spekulativen Ideen des Aristoteles ihre Geschmeidigkeit und biegsame Kraft sogen. Seither ist die Kontinuität des Aristotelesverständnisses niemals mehr abgerissen, an die Kommentatorentradition schließt sich der morgenländische, an ihn der abendländische Aristotelismus lückenlos an. Die Eigenart beider, deren erzieherische Wirkung auf ihre Zeit im übrigen gar nicht überschätzt werden kann, ist dieselbe reinbegriffliche Scholastik, die schon der Antike den Weg zu einem lebendigen Aristotelesverständnis versperrt hatte. Man war nicht imstande seine Philosophie als das Produkt seines besonderen Genies mit der geschichtlich gegebenen Problemlage seiner Zeit zu begreifen, und hielt sich deshalb nur an die geprägte Form, ohne zu ahnen, wie sie sich lebend entwickelt hatte. Mittlerweile war, ausschließlich durch die Schuld des Traditiona- lismus, der Verlust einer Hauptquelle für die Entwicklung des Aristoteles, der Dialoge und Briefe eingetreten. Dadurch war auch der Zugang zu seiner menschlichen Persönlichkeit verschüttet. So kam es, daß die neuerwachende Liebe zum Altertum, die der Humanismus brachte, für Aristoteles keinen Wandel schuf, zumal da er als Fürst der mittelalterlichen Scholastik galt, die Luther und 1* Das Problem die llumKiiislen gleich sehr verachteten. Von allen großen Menschen der antiken Philosophie und Literatur hat Aristoteles allein keine Renaissance erlebt. Jeder war sich zwar bewußt, daß er eine Großmacht sei, eine der Grundlagen der modernen Welt, aber er blieb ein Stück Tradition, schon deshalb, weil man ihn auch nach den Tagen des Humanismus und der Reformation immer noch viel zu sehr inhaltlich nötig hatte. Melanchthon und die Jesuiten haben beide ihre Theologie auf der Metaphysik aufgebaut, Macchiavelli aus der Politik, die französischen Kritiker und Dichter aus der Poetik ihre Regeln abstrahiert. Aus der Logik haben alle Philosophen weit über Kant hinaus geschöpft, aus der Ethik Moralisten und Juristen. Die Philologen hinderte weniger ein zu starkes stoffliches Interesse, zur inneren Form seines Denkens vorzudringen, als der enge und äußerliche Formbegriff der antiken Kunstprosa, den die Humanisten wieder aufgebracht hatten. Sie haben zwar die erlialtenen Schriften des Aristoteles scharfsinnig studiert und ihren Text festzustellen gesucht, aber das neue Stilgefühl nahm ästhetischen Anstoß an dem unfertigen Zustand, in dem sie über- liefert sind. Man legte den Maßstab literarischer Schreibart an sie an, gegen deren Normen sie beständig verstoßen und der ihnen gänzlich fremd ist. Man verglich den 'Stil' der Lehrschriften naiv mit Piatons Dialogen und begeisterte sich an deren wunderbarer Kunst, während man die aristotelischen Abhandlungen gewaltsam durch allerlei rationalistische Eingriffe, durch Unechterklärung störender Partien und Umstellung ganzer Bücher oder einzelner Sätze zu lesbaren Handbüchern umzugestalten suchte. Diese Art der Kritik entsprang der Verkennung der für den Geist der aristotelischen Philosophie so bezeichnenden provisorischen Form, von der jedes geschichtliche Verständnis ausgehen muß. Auch bei Piaton ist zwar die Wichtigkeit des Formproblems für die Erkenntnis seines eigentümlichen Geistes lange und immer wieder verkannt worden; besonders die Fachphilosophie und die Literatur- philologie sind stets geneigt, die Form als etwas Literarisches zu betrachten, das für Piaton sachlich keine Bedeutung habe, obgleich er mit ihr ganz allein in der Geschichte der Philosophie dasteht. Aber die meisten wissen jetzt doch, daß die Forment- wicklung ein Hauptschlüssel der philosophischen Erkenntnis Piatons ist, während man sich bei Aristoteles dem Inhalt um so Entwicklung und Formproblem ausschließlicher hingeben möchte, als er 'überhaupt keine Form' hat. Streifen wir den engen literarischen Formbegi-iff der hellenistischen Rhetorik ab, dem wir beinahe den Verlust der Lehrschriften des Aristoteles zu verdanken gehabt hätten, wie er auch den Unter- gang der stoischen und epikureischen Werke verschuldet hat, so stellt sich die entwicklungsgeschichtliche Frage von selbst ein. Denn es ist gar nicht möglich, den charakteristischen Zustand des aristotelischen Nachlasses zu erklären ohne die Annahme, daß er die Spuren verschiedener Phasen des Werdens an sich trägt. Die Analyse der Lehrschriften führt von sich aus zu dieser Auffassung, und die Reste der verlorenen literarischen Schriften des Aristoteles bestätigen sie. Es wird deshalb eine erste und unabweisliche Aufgabe dieses Buches sein, an Hand der Reste der verlorenen Werke und durch die Analyse der wichtigsten Lehrschriften zuerst einmal zu zeigen, daß eine Entwicklung ihnen zugrunde liegt, wie denn die vorHegende Arbeit aus der Interpretation der Lehrschriften und Fragmente anläßlich der Herausgabe der Metaphysik entstanden ist. Die philologische Kritik tritt jedoch unmittelbar in den Dienst philo- sophischer Fragestellung, weil es sich nicht nur um die Erklärung des äußeren Zustandes der Schriften als solchen handelt, sondern darum, wie sich in ihm die treibende Kraft des aristotelischen Denkens offenbart. Erster Teil Die Akademiezeit Erstes Kapitel. Die Akademie beim Eintritt des Aristoteles. Aristoteles schrieb nach dem glaubwürdigen Zeugnis der Biographie an König Philipp von Makedonien, er sei zwanzig Jahre bei Piaton gebheben. Da er der Akademie bis zum Tode Piatons (348/7) angehört hat, ist er also im Jahre 368/7 einge- treten. Damals stand er im jugendlichen Alter von etwa 1 7 Jahren *). Als er die Schule verließ, näherte er sich bereits den Vierzigern. Über diese unbestrittenen Tatsachen hat man sich viel zu wenig: gewundert. Man findet sicher keinen zweiten Fall in der Geschichte der großen Denker, vielleicht sogar überhaupt kein Beispiel in der Entwicklungsgeschichte selbständiger Schöpfernaturen, daß ein Mensch von vergleichbar tiefer Originalität der Begabung so anhaltend unter dem Einfluß eines völlig anders gearteten, über- ragenden Genies gestanden hat und ganz in seinem Schatten aufgewachsen ist. Nun gibt es kaum einen untrüglicheren Maß- stab für die innere Empfänghchkeit, aber auch für die Sicherheit und Stärke des schöpferischen Vermögens als das Verhältnis zu einem großen Meister, das die Kräfte bindet und dadurch ent- bindet, und zu einer durch ihn wirkenden objektiven Geistesmacht, der der Jünger die Liebe seiner Jugend und die erste Hingabe weiht, bis er an ihr zu sich selbst heranreift und sich von ihr scheidet. Dies ist das Thema der inneren Entwicklung des Aristoteles. Dem Erlebnis der Welt Piatons und dem an ihr vollzogenen Durchbruch zu sich selbst verdankt er die wunderbar gesteigerte Bogenspannung des Intellektes , deren elastische Schnellkraft sein Denken trotz der spezifischen Verschiedenheit zwischen seiner begrenzten und Piatons unbegrenzter Genialität zu einer fortgeschritteneren Stufe macht, von der herabzusteigen von nun an so viel heißt wie: das Rad der Ananke rückwärts drehen. ^) Den Brie! erwähnt Vita Marciana p. 427,18 Rose (Ps. Ammon. p. 438,13 Transl. lat. p. 443,12). Die Angabe der 17 Jahre stammt nicht aus derselben Quelle, war aber schon bei den alexandrinischen Biographen mit der Notiz aus dem Briefe kombiniert vgl. Dionys, Halic. ad Amm. 5 (728 R.). ^0 Die Akademie beim Eintritt des Aristoteles Man darf das philosophische VerhiUtnis des Aristoteles zu IMaton nicht so auffassen, wie man es bis auf den heutigen Tag immer wieder getan hat, als den verstandesmäßigen Anschluß an gewisse Lehrmeinungen des Meisters und den Bruch mit gewissen anderen Stücken seines Dogmas, wie man sich das Ver- hiiltnis eines heutigen Schulphilosophen zu Kant vorstellen mag. Allerdings hat gerade die Einsicht in die Unvergleichlichkeit der Natur Piatons und seines bildnerischen Philosophierens Zweifel an dem Verständnis des Aristoteles für sein Vorbild wachgerufen. Gerade an dem, was in Piaton Gestaltung, Schaunis, Mythos ist, soll Aristoteles vorbeigegangen sein. Seine Kritik scheint Piaton kaum zu treffen, da sie diese wesenhaften Seiten an ihm gar nicht berührt. In ihrer Abstraktheit scheint sie eine fietdßaatg eig äXko yevog. Aber wie kurzsichtig, ja schülerhaft ist ein solcher Vorwurf! Aristoteles verrät an mehr als einer Stelle, daß er sich eben dieses Wesens platonischer Geistesart klar bewußt gewesen ist, ehe er an die Kritik ging. W^ie könnte es anders sein bei dem Manne, in dem wir den Urheber der Psychologie und ihrer Anwendung auf geistige und künstlerische Phänomene verehren. Gerade er war es, der für das Dichterische, für den Propheten in Piaton, den die Neueren erst entdeckt zu haben glauben, als erster kurze, treffende Worte geprägt hat. Das künstlerische Wesen des platonischen Dialogs hat er richtiger als die meisten Modernen definiert. Nie hat er geglaubt, mit seiner Kritik der logischen und ontologischen Schwierigkeiten in Piatons Lehre deren geschichtliche Bedeutung und absoluten Gehalt zu er- schöpfen. Alles dies versteht sich von selbst und braucht nicht mit seinen eigenen Worten beglaubigt zu werden für den der weiß, daß Aristoteles sich ursprünglich der platonischen Gedanken- welt gar nicht mit kühler kritischer Intelligenz genähert hat, sondern daß die Wucht ihres ungeheuren menschlichen Gesamt- eindrucks ihn für lange Jahre ganz in ihren Bann genommen hat. Aber etwas anderes ist es, eine so komplizierte, aus den mannigfachsten geistigen Kräften zusammengesetzte, in ihrer individuellen Erscheinungsform durchaus einzigartige Welt, wie die Piatons es ist, in ihrer Art zu verstehen, ein anderes, sie als Ganzes nachbilden und fortpflanzen zu wollen. An diesem Punkt scheiden sich die Wege des fruchtbaren und des unfruchtbaren Piatonismus. Unfruchtbar ist die ästhetisierende und verlogene Art des Verhältnisses zu Piaton 11 Nachäff ung der platonischen Geisteseinheit, der wortreiche Kult ihrer Lieblingssymbole und -ausdrücke, fruchtbar ist die Arbeit an den Problemen, die Piaton selbst als das Höchste anerkennt. Und sie führt notwendig über ihn hinaus. Fruchtbar ist es auch, sich mit Aristoteles durch die Anschauung des Gegensatzes moderner Wissenschaft zu Piatons unwiederbringlicher seelischer Ganzheit sich der, wenn auch noch so notwendigen, Einseitigkeit unseres Denkens bewußt zu werden. Aristoteles hat zu verschiedenen Zeiten diesem Problem gegenüber eine verschiedene Stellung ein- genommen. Nach anfänglichen Versuchen naiver Nachbildung und Fortsetzung des platonischen Typus folgt eine Periode, wo er zwischen dem bleibenden Wesen des platonischen Erbes und dessen zeitbedingter oder individuell unwiederholbarer Formulierung unterscheiden gelernt hat, die er nun abzustreifen sucht, während er das Wesen treu zu bewahren bemüht ist. Die Philosophie Piatons wird ihm jetzt aus einer fertigen Form zur vXtj für etwas Neues, Höheres. Die Auseinandersetzung mit dem, was er von Piaton mit ganzer Seele empfangen hat, zieht sich durch seine ganze Lebensarbeit hin, ist der Leitfaden seiner Selbstentwicklung. Sie läßt einen Eillmählich fortschreitenden Prozeß erkennen, durch dessen verschiedene Stadien wir die Entschälung seines eigenen Wesenskerns deutlich verfolgen können. Noch die letzten Schöpfungen tragen irgendwie die Spur und den Abdruck pla- tonischen Geistes an sich, aber in schwächerem Grade als die aus früherer Zeit. Der aristotelische Entwicklungsbegriff ist auf ihn selbst anwendbar: die neue Form, die werden will, setzt sich gegen den Widerstand einer 'Materie" von noch so großer Eigenbedeutung schließlich doch siegreich durch. Sie wächst und gestaltet jene von innen her schließlich nach ihrem Gesetze um, indem sie ihr die eigene Gestalt aufzwingt. Wie sich die Tragödie 'aus dem Dithyrambus' entwickelt, indem sie ihn mancherlei Abwandlungsformen durchlaufen läßt, bis sie schließlich ihre eigenste Natur erlangt (saxe ^fjv lavTtig (pvoiv), so hat sich Aristoteles an und aus der platonischen Philosophie zu sich selbst gebildet. Die Geschichte seiner Entwicklung stellt mit ihren sicher be- stimmbaren Dokumenten geradezu eine Skala des gradweisen Fortschritts in dieser Richtung dar, wenn er auch an manchen Punkten über Kompromisse nicht hinauskam. An solchen Punkten haben seine Schüler ihn vielfach später besser verstanden als er 1 2 Die Akademie beim Eintritt des Aristoteles sich selbst, d. h. sie haben das Platonische herauskorrigiert und nur das rein Aristotelische zu bewahren gesucht. Aber das spe- zifisch Aristotelische ist eben nur der halbe Aristoteles. Die Schüler haben das nicht begriffen, er selbst ist sich dessen stets bewußt geblieben. Die Akademie, in die Aristoteles 367 eintrat, war nicht mehr die der Zeit des Symposion, um dessen Tafel Piaton einst im Über- schwang des Enthusiasmus die Häupter der Künste und Wissen- schaften und die Vertreter der hellenischen Jugend versammelt denken durfte, um aus dem Munde der Seherin das große Myste- rium von der Geburt des Geistes aus dem Eros zu vernehmen. Das Wesen der Philosophie Piatons deckte sich schon seit langem nicht mehr mit dem Symbol, das sie sich in den Werken der Frühzeit geschaffen hatte, der zentralen Philosophengestalt des Sokrates, Ihr Inhalt und ihre Methode überschritten weit den sokratischen Problemkreis. Was Sokrates dem Piaton und der frühplatonischen Schule gewesen war, erfuhr Aristoteles nur noch aus der Lektüre, nicht aus der lebendigen Gegenwart des sokra- tischen Geistes in der Akademie der 60er Jahre. Phaidon und Gorgias, Politeia und Symposion ragten als die nun schon klas- sischen Zeugen einer abgeschlossenen Lebensphase des Meisters hoch über der geschäftigen Wirklichkeit des Schulgetriebes wie stille Götter. Wen sie etwa aus der Ferne herbeigelockt hatten, Piatons persönliche Gegenwart zu genießen, der fand sich sicher überrascht, daß man im Schoß der Philosophenschule nicht Mysterien feierte. Von jenen Werken ging w^eitausstrahlend eine umbildende Kraft, ein neuer Ernst aus. Ihn fand Aristoteles auch in der Akademie. Aber die klassischen Lehren Piatons von den Ideen, von Einheit und Vielheit, von Lust und Unlust, vom Staat, von der Seele und der Tugend, waren für die Diskussionen der Schüler keineswegs unantastbare Heiligtümer, sondern wurden unaufhörlich in scharfer Unterscheidung der Begriffe und peinlicher Untersuchung ihrer logischen Tragfähigkeit geprüft, verteidigt und umgemodelt. Das Entscheidende war, daß auch die Schüler an dieser gemeinsamen Denkarbeit Anteil hatten. Die Gestalten und Mjihen der Dialoge waren und blieben Piatons eigenste, unwieder- holbare Schöpfung, dagegen die Begriffsdiskussion ward, neben dem religiösen Zug der Akademie, das eigentlich schulebildende Prinzip, denn nur diese beiden Elemente in Piatons Geist w^aren Piatons Entwicklung um 367 13 übertragbar. Je mehr Schüler er anzog, desto größer wurde ihr Übergewicht über die künstlerische Seite seiner Natur. Die Unter- drückung des Dichters durch den Dialektiker in Piaton war zwar an sich in der Mischung dieser entgegengesetzten Kräfte be- gründet, aber vor allem die Schule zog ihn unwiderstehlich in diese Richtung. Für Aristoteles' Geistesrichtung ist es entscheidend geworden, daß sich gerade um die Zeit seines Eintritts diese folgenschwere Veränderung, die Ausbildung der spätplatonischen Dialektik, an- zubahnen begann. Dank den Fortschritten der neueren Piaton- forschung können wir diesen Vorgang an den großen Methoden- dialogen, die Piaton während dieser Jahre schrieb, dem Theaitetos, Sophistes, Pohtikos, Parmenides und Philebos noch mit chrono- logischer Genauigkeit verfolgen. Der führende Dialog dieser Gruppe, der Theaitetos, ist kurz nach dem Tode (369) des be- rühmten Mathematikers, dessen Gedächtnis er ehrt, geschrieben *). Er ist für den Geist der Akademie zur Zeit, wo Aristoteles ein trat, um so charakteristischer, als in ihm und den folgenden Ge- sprächen (Sophist, Politikos) die stiUe Arbeit der Schule, die hinter den Werken der klassischen Periode fast völlig ver- schwunden war, die ganze Schriftstellerei Piatons in ihren Dienst zu zwingen beginnt und darin ein Bild ihres Treibens hinterlassen hat, an dem kein wichtiger Zug fehlt. Es ist für das Ver- ständnis des Aristoteles und seines Verhältnisses zu Piaton wesent- lich, daß man nicht von der verschwommenen Gesamtvorstellung Tlaton' ausgeht, sondern an ihre Stelle den scharf umgrenzten Begriff der abstrakten, auf das Methodische gerichteten letzten Periode Piatons seit 369 setzt. Damit war dem Aristoteles eine ^) Für die äußeren Zeitindizien vgl. die durchschlagenden Gründe von Eva Sachs, De Theaeteto Atheniensi mathematico (Diss. Berol. 1914) p. 18 ff. Die Hauptevidenz wohnt natürlich der stilistischen und philosophischen Analyse inne, die beide die äußeren Anzeichen später Entstehung bestätigen. Den Sophistes, der das Problem des Theaitetos im positiven Sinne weiterführt und wie der dazu gehörige Politikos auch dessen szenische Umrahmung beibehält, wird heute niemand mehr als 'elementaren' Dialog an den Anfang der Ent- wicklung Piatons setzen, wie noch Zeller es tat. Die grundlegenden Forschungen Campbeils haben erst später in Deutschland Einlaß gefunden, sind aber dann durch die neueren Untersuchungen allseitig gestützt worden. Entscheidend ist die Entwicklungsgeschichte der platonischen Dialektik, die seither hinzutrat, vgl. vor allem J. Stenzels Studien zur Entwicklung der platonischen Dialektik (Breslau 1917), dem ich nicht wenig verdanke. J.J. Die Akademie beim Eintritt des Aristoteles eindeuti<;e l\iclituii^ ^'evviesen und seiner speziellen Veranlagung ein l'\"l(i fruciilharer eigner Arbeit eröffnet. Die Haltung des reinen Forschers, die den Aristoteles von der Lebensnahe der Sokratik und dem Keforrngeist des frühen l'laton unterscheidet, und das Abstrakte seines Denkens, das ihn in Gegensatz zu dem künstlerisch gestaltenden früheren Piaton bringt, sind keine Züge, die nur ihm persönlich eigen waren. Es ist die allgemeine Haltung der Akademie zu der Zeit, wo er ihr angehört hat. Der Theaitetos ist die Apotheose dieses unsokratischen Philosophentypus der späten Zeit Piatons. In der Schilderung des Philosophen, welche die Episode des Dialogs dem Sokrates in den Mund legt, sieht der Philosoph nicht diesem selbst, wie er in der Apologie sich wahrheitsgetreu charakterisiert hatte, sondern dem Typus des weltfremden Mathematikers ähnlich, dessen Züge das neue Theoretikerideal sichtlich m\t bestimmt haben. Nicht um das, was am Himmel und unter der Erde ist, sondern nur um den Menschen hatte Sokrates sich gekümmert. Der Theaitetos nennt im Gegenteil die philosophische Seele yecofiexQovaa und daiQovofiovoa *). Was nahe ist, erscheint ihr gleichgültig, sie verachtet das praktische Tun und Treiben, also gerade das Leben derjenigen Menschen, unter denen Sokrates seine Hörer am liebsten gesucht hatte, und schweift in erhabenen Fernen, wie feierlich aus Pindar zitiert wird. Im Theaitetos wird auch schon mit deutlichen Worten auf das Kommen des Parmenides hingewiesen, der ziemlich sicher noch vor der Fortsetzung des Theaitetos, dem Sophistes und Politikos, geschrieben ist, also vielleicht schon zu der Zeit, wo Aristoteles in die Schule eintrat, fertig war, keinesfalls aber wesentlich später fällt. Es ist nicht wahrscheinlich, daß Aristoteles sogleich in so jugendlichem Alter eine grundstürzende Initiative in dem neuen Kreise ergriffen habe, wie diejenigen sie ihm zu- trauen, die die Einwände dieses Dialogs gegen die Ideenlehre auf ihn zurückführen. Der Dialog ist ein Beleg dafür, wie weit die Akademie schon vor Aristoteles in der Kritik der ontologischen und abstrakten Zwittereigenschaften der Ideen gekommen war; eine Scheidung beider konnte auf die Dauer nicht ausbleiben. Piaton selbst glaubte zwar der Schwierigkeiten Herr werden zu können, aber er hat ') Theaet. 173E— 174A. Charakter der Altersphilosophie Piatons 15 die peinliche logische und ontologische Untersuchung der Ideen, wie sie hier und später geübt wird, prinzipiell als berechtigt aner- kannt und dadurch selbst die folgende Entwicklung angebahnt. A.n den Phaidon oder den Staat und ihre Ideenlehre könnte man schwerlich die aristotelische Spekulation anknüpfen. Die Verbindung Piatons mit bedeutenden Mathematikern seiner Zeit, wie mit Theaitetos und Theodoros, den gegensätz- lichen Repräsentanten der jungen, philosophisch interessierten Generation und der Alten, die große Könner in ihrem Fach sind, aber von Philosophie nichts wissen wollen, hat nicht ohne Grund gerade in einem Werk, das um jene Zeit erschien, ihre Spur hinterlassen. Um 367 ist auch Eudoxos von Kyzikos mit seiner Schule nach Athen gekommen, um in Gemeinschaft mit Piaton Qnd seinen Schülern Probleme zu besprechen, die beide Parteien bewegten'). Das war ein aufsehenerregendes Ereignis, fortan sehen wir beständig Mitglieder jener Mathematiker- und Astro- nomenschule wie Hehkon, Athenaios u. a. in Zusammenhang mit der Akademie stehen. Im Staate bereits beobachten wir die Wirkung der neuen Entdeckung der Stereometrie durch Theätet. Seit dem Zusammensein mit Eudoxos nimmt das Interesse für die neuen Versuche der kyzikenischen Schule, die irregulären Bewegungen der Planeten durch einfache mathematische Voraus- setzungen zu erklären, im Denken Piatons und seiner Anhänger einen beherrschenden Raum ein. Aber auch andere Anstöße gingen von Eudoxos aus: der geographische und kulturgeschicht- liche Horizont dehnte sich ungeheuer aus. Eudoxos brachte genauere Kunde von Asien und Ägypten mit und berichtete aus mehrjähriger Autopsie über den Erkenntnisstand der dortigen Himmelskunde. Auch für die ethischen Fragen war man ihm zu Dank verpfhchtet: die später für die aristotehsche Ethik so ent- scheidende Frage nach Wesen und Bedeutung der Lust und Unlust führte in den späteren Jahren Piatons noch einmal zu einer großen innerakademischen Verhandlung, an der sich Xenokrates, *) Die Vermutung Tannerys , Histoire de rastronomie p. 296 A. 4, wird bestätigt durch die Aristotelesvita p. 429,1 (Rose), nach der Aristoteles unter Eudoxos in die Akademie eintrat. Irgend ein Exzerptor hat also die Zeitan- gabe falsch verstanden und Eudoxos für einen Archonten gehalten. In der Quelle war nur das zeitliche Zusammentreffen des Eintritts mit der Anwesenheit des Eudoxos hervorgehoben. Vgl. nach dem Vorgang F. Jacobys jetzt E. Sachs, a. 0. p. 17 A. 2. j^ Die Akademie beim Eintritt des Aristoteles Sj)eu.sipi)Os und Aristoteles durch Schriften neQl fiöovfjg, Piaton selbst durch den JMiilebos beteiligte. Aristoteles, der den Eudoxos gleich zu Anfang seines Aufenthalts in der Akademie kennen lernte, schildert seinen persönlichen Eindruck noch lange nachher mit echter Wärme, wo er des von ihm ausgegangenen Anstoßes gedenkt. Auch gegen die Ideenlehre hat Eudoxos disputiert und einen Vorschlag zur Umbildung der Ideen gemacht'). Überhaupt begann die platonische Schule immer mehr fremde, darunter die verschiedensten Geister anzuziehen. Die Reisen Piatons hatten ihn in enge Fühlung mit den Pythagoreern des Archytas- kreises in Tarent gebracht, deren Einfluß sich bis nach SiziHen erstreckte. In Sizilien blühte damals die Ärzteschule des Philistion, die auch nach auswärts wirkte und zu der man z. B. einen Schriftsteller und Arzt wie Diokles von Karystos auf Euböa geistig rechnen muß. Piaton muß in Beziehung zu Philistion gestanden haben. Der Verfasser des zweiten sogenannten plato- nischen Briefs scheint Kenntnis von seinem Verkehr mit ihm und wahrscheinlich sogar von einer Einladung Philistions nach Athen gehabt zu haben. Jedenfalls verbirgt sich hinter dem ungenannten laxQÖg ^laeMg änb yäc,, von dessen gelangweilter An- wesenheit bei den begrifflichen Haarspaltereien der Akademiker ein zeitgenössischer Komiker spricht, eine wirkliche Persönlichkeit aus der Schule Philistions, wo nicht er selbst'^. Diese Geschichte mag übrigens zeigen, daß Piaton zwar Unterhaltungen mit Gelehrten aller Fächer pflog, aber das Ergebnis oft nur darin bestand, die unüberbrückbare Kluft zwischen der jonisch-sizilischen Wissen- schaft und dem, was Piaton unter W^issenschaft verstand, aufzu- decken. Der Umfang, in dem der Timaios die Ergebnisse der neusten Medizin, Mathematik und Astronomie verwendet, darf nicht *) Aristoteles über Eudoxos als Charakter und über seine Lustlehre Eth. Nie. K 2, über seinen Vorschlag zur Umgestaltung der Ideenlehre Metaph. A 9, 991a 17 und ausführlicher im zweiten Buch IleQl ISecöv (frg. 189 R.), dessen Gegengründe Alexander zu der Metaphysikstelle erhalten hat. Eudoxos will die Methexis als Immanenz der Ideen in den Dingen auffassen, was Aristoteles heftig bekämpft. Daß sie damals das umstrittenste Problem war, lehren ja auch die späteren Dialoge Piatons. 2) Epikrates frg. 287 (Kock). Vgl. dazu M. Wellmann, Fragmente der sikelischen Ärzte (Berl. 1901) p. 68 und meinen Aufsatz Das Pneuma im Lykeion (Hermes Bd. 48) p. 51 A. 3. Verhältnis zu den positiven Wissenschaften 17 darüber täuschen, wie souverän Piaton mit dem Stoff umgeht, aus dem er seine Weltschöpfungsgeschichte dichtet. Immerhin ist in der Schule des späteren Piaton ein sehr reiches Material durchgedacht und -gesprochen worden, und ein Aristoteles konnte in dieser Umgebung die Bedeutung der realen Einzelheiten wohl selbständig schätzen lernen, die für seine Forschungsweise später so wesentlich wurden. Aber man sollte nicht von einer Organisation der Wissenschaften in der Akademie reden, wie es jetzt allgemein geschieht *). Die modernen Akademien und die Universitäten können sich nicht auf Piaton berufen, dem der Gedanke einer systematischen Einheit aller Wissenschaften völlig fern lag, noch ferner seine praktische Durchführung in einer enzyklopädischen Schulorganisation der Fächer zum Zweck der Lehre und Forschung. Die Wissenschaften der Medizin, Mathe- matik, Astronomie, Erdkunde und Völkerkunde, die großen Kom- plexe der Altertumskunde und Geschichte, der rhetorischen und dialektischen Künste, um nur die bekannten Hauptrepräsentanten griechischer Forschung zu nennen, sind jede für sich erwachsen, trotz gelegentlicher Personalunion, und führten damals noch unge- stört ein autonomes Leben. Der Gedanke, seine Mathematik mit der von manchen Sophisten betriebenen Erforschung der griechi- schen Archäologie oder Kulturgeschichte zu einem universalen System der Wissenschaften zusammengefaßt zu sehen, hätte einen Theodoros oder Theätet sehr merkwürdig angemutet. Auch die Mediziner stehen ganz für sich. Eine abnorme Erscheinung ist Demokrit und später Eudoxos, der den Typus des Aristoteles zum Teil vorwegnimmt. Er war ein Wunder an Vielseitigkeit und verband Mathematik und Astronomie mit Länder- und Völker- kunde, mit medizinischen und philosophischen Studien. Selbst war er produktiv auf den vier ersten Gebieten. Piatons ausschließliches Bemühen war auf das 'Seiende' ge- richtet. Will man ihn in die Tradition des griechischen Denkens ein- reihen, so gehört er unter die Vertreter der o^a/a-Spekulation, der er durch die Ideenlehre eine neue Wendung gab, ja die er eigentlich über- haupt erst wieder zum Leben erweckte. Von der Ideenlehre aus kommt er an die Vielheit, die empirische Welt, zunächst gar ') Seit dem berühmt gewordenen Aufsatz H. üseners, Preuß. Jahrbücher Bd. 53 (1884), abgedruckt in Vorträge und Aufsätze p. 69. Jaeger: Aristoteles. 2 \f^ Die Akademie beim Eintritt des Aristoteles nicht heran, da nur die Einheit, das Übersinnliche, gesucht wird. Die Kichlung seines Forsehens geht von der Erscheinungs- welt fort nach 'üben'. Kein durch die Notwendigkeiten der Begriffs- spekulation kommt er zur Ausbildung der Einteilungsmethode, die bei Aristoteles später für die empirische Bewältigung des Tier- und Pflanzenreiches wie der geistigen Welt so enorme Bedeutung erhalten hat. Aber für Piaton handelt es sich noch nicht um die Systematisierung der Einzelwesen, die für ihn unter- halb der Sphäre des Eidos liegen und schlechthin ärcEiqov sind, also unerkennbar. Piatons Begriff des Individuums {dxoiiov) ist der des untersten, nicht weiter teilbaren Eidos, das die Grenze der platonischen Wissenschaft wie des platonischen Wirklich- keitsbegriffs nach der Seite der Erscheinungswelt hin bezeichnet. Die vielen Einteilungen der Pflanzen und anderer Dinge, von denen der Komiker Epikrates redet und . die der Außenwelt als das Charakteristische und Allerseltsamste an der Tätigkeit der Akademiker erschienen (auch Speusippos' großes Werk 'Ähnlich- keiten' hatte scheinbar nur sie zum Gegenstand) wurden nicht aus Interesse an den Objekten selbst, sondern der Erkenntnis der Begriffsverhältnisse zuliebe betrieben, wie denn damals auch allerlei Bücher mit dem Titel 'Einteilungen' in der Akademie entstanden sind. Man hatte bei der Einteilung der Pflanzen ebensowenig eine positive Pflanzenlehre im Auge wie Piaton im Sophistes die wirklichen Sophisten historisch erforschen will *). Der Weg von diesen Einteilungen des Seienden zum Plane einer einheithchen Wissenschaft, die in so viele Teilwissenschaften zer- fällt, als es Teile der Wirklichkeit (öV) gibt, ist zwar nicht mehr *) Epikrates spricht in dem oben angeführten Fragment nicht von der sachlichen Beschäftigung der Platoniker mit botanischen Gegenständen ; worüber er sich lustig macht, ist der Einteilungsdrang, der die Begriffsverhältnisse für wichtiger hält als die Dinge selbst; tieqI yuQ (pvaecis ä^oQi^öfievoi 6iexiÄoaocplas iazlv öaameQ al oiaCai. 2* 20 Die Akademie beim Eintritt des Aristoteles mathematischen Studien fehlte ihm Neigung und Anlage, soweit es sich nicht um das Elementare handelt. Für die Gebiete der organischen Natur, auf denen die eigentliche Genialität des Aristoteles lag, mangelte ihm umgekehrt in der Akademie die Anregung. So folgenreich die Berührung des jungen Aristoteles mit der strengen, methodischen Denkweise der verschiedenen Wissen- schaften auf die Dauer für sein Philosophieren geworden ist, so sehr sie seiner Art verwandt gewesen sein muß, stärker als alle diese Eindrücke erfaßte ihn Piatons Persönlichkeit, dessen von innen schauender und bildender Geist hoch über jene fruchtbaren Ebenen ragte. Die Beschäftigung mit ihm erfüllte ihn fortan ganz. Es liegt uns fem, an diesem Ort die Wirkungen der Persön- lichkeit Piatons auf die Zeitgenossen zu erörtern oder seine Stellung in der Geschichte der Wissenschaft auf eine kurze Formel zu bringen. Um die letztere Frage mußte sich für einen so veranlagten Geist wie Aristoteles die ganze innere Auseinander- setzung bewegen. Man hat Piaton im Gefühl seines Abstandes von der gesamten damaligen und heutigen Wissenschaft einen Mystiker genannt und ihn dadurch aus der Entwicklung der eigentlichen Problemgeschichte herausgerissen. Wäre diese ein- fache Lösung des Rätsels richtig, so verstände man kaum, wes- halb er so tief in die Geschicke der Wissenschaft eingegriffen hat. Die Elemente, aus denen Piatons Werk erwachsen ist, gehören allerdings anderen Sphären an als der jonischen laxogia oder dem aufgeklärten Vernunfträsonnement der Sophisten, welche, so fremd sich beide w^aren, damals als die Formen der Wissen- schaft galten. Das erste jener Elemente, die g)QÖvi]aig des Sokrates, war nur äußerlich dem Rationalismus der Sophisten ähnlich, innerlich wurzelte sie in dem von griechischer Wissenschaft und Philosophie bis dahin unentdeckten Bereich des absoluten sittlichen Normbewußtseins. Sie erforderte einen neuen, über- empirischen Begriff der inneren Anschauung. Indem Piaton die sokratische cpQÖvtjaig auf ein übersinnliches Sein als Objekt bezog und dieses als 'Gestalt' faßte, führte er zwei weitere Elemente in die sokratische Gedankenwelt ein, die der damaligen Wissenschaft fremd waren. Das eine war das Eidos, das Ergebnis einer langen künstlerischen und visuellen Entwicklung des griechischen Geistes, das andere w^ar die längst abgetane begriff- Wissenschaft und Wesen der Akademie 21 liehe oi5ffta- Spekulation, der er durch das Problem des Einen und Vielen neue Nahrung und durch die Konzeption der Ideen einen lebensvoll anschaulichen Inhalt gab. Nehmen wir dazu als vierte Macht den Dualismus des orphischen Seelenmythos, dem Piaton nach seiner ganzen Lebensstimmung zuneigte und der in dem Nährboden des neuen, übersinnlichen Seinsbegriffs kräftige Wurzeln schlug, getränkt von Piatons mythenbildender Phantasie, so ist es nicht schwer, sich vorzustellen, daß Piaton auf den wissenschaftlichen Normalmenschen seiner Zeit wirken mußte wie ein Mischprodukt aus Poet, Tugendlehrer, Kritiker und Prophet, woran auch die Strenge, mit der er sich in die Fesseln einer neuen Methode einschnürte, zunächst nichts änderte. Wenn freilich daneben Naturen wie Theätet, Eudoxos und Aristoteles um die Sonne Piaton kreisten, also die genialsten Bahnbrecher wissenschaftlicher Forschung, die das 4. Jahrhundert hervor- gebracht hat, so ist schon damit die Wohlweisheit gerichtet, die mit einer unzureichenden Vorstellung von der Kompliziertheit der Wege des Geistes den schöpferischsten Revolutionär des philosophischen Denkens aus der Geschichte der Wissenschaft streichen möchte, weil er nicht bloß neue Tatsachen und Ergebnisse vorgelegt, sondern völlig neue Dimensionen entdeckt hat. Einem Aristoteles konnte es so wenig wie einem Eudoxos verborgen bleiben, daß in Piatons philosophischem Werk die Entdeckung dunkler seelischer Weltteile , in die kein sehendes Auge objektiv erkennend eingedrungen war, sich mit spezifisch wissenschaftlichen Enthüllungen und mythenbildenden Bestand- teilen verschmolzen. Die Notwendigkeit dieser Verschmelzung lag keineswegs nur in subjektiver Neigung des Schöpfers, sondern sie war eine geschichtlich bedingte Gestaltung, deren Momente Aristoteles später mit gleich tiefem pragmatischem wie persön- lichem Verständnis aufgezeigt hat. Aber zunächst gab er sich dem unteilbaren Ganzen dieser unvergleichlichen Welt, wie die Reste seiner ersten Schriften zeigen, mit ungeteilter Seele hin, und gerade die nichtwissenschaftlichen Elemente in Piatons Philo- sophie, das Metaphysische und das Religiöse, haben am tiefsten und dauernd ihre Spur in sein Inneres eingegraben. Diese Ein- drücke müssen in ihm einer besonders gesteigerten Empfänglich- keit begegnet sein. Seine spätere Problematik erwuchs größten- teils aus dem inneren Widerstreit mit seiner methodisch-wissen- 22 Die Akademie beim Eintritt des Aristoteles schaftlichen Anlage, in den sie ihn versetzten, und ihre Stärke zeigt sich am schönsten darin, daß er sie niemals geopfert hat, während er wissenschaftlich überall über Piaton hinausging. Einen Führer zum neuen Leben hat der Jüngling in Piaton gesucht und gefunden, genau so wie jener einfache korinthische Landmann, den er in seinem Dialog Nerinthos von der Lektüre des platonischen Gorgias überwältigt die Hand vom Pfluge nehmen läßt, um zu dem Meister zu ziehen und ihm nachzufolgen. Piaton hat im siebten Brief erklärt, wie die Nachfolge des Guten mit der Erkenntnis des Guten zusammenhänge. Die Er- kenntnis, von der Sokrates sagte, sie mache den Menschen gut, ist verschieden von dem, was sonst in der Wissenschaft Erkennt- nis genannt wird. Sie ist ein schöpferisches Wissen und nur der Seele zugänglich, die dem zu Erkennenden, dem Guten Gerechten und Schönen, wesensverwandt ist. Nichts leugnet noch der alte Piaton leidenschaftlicher als den Satz, daß die Seele das Gerechte erkennen könne, ohne gerecht zu sein'). Dies, nicht die Organisation der Wissenschaften, war der Sinn der Gründung der platonischen Akademie. Er ist es bis zuletzt geblieben, wie der Brief aus Piatons Alter beweist: das Ziel ist das Zusammenleben (av^fjv) der Erlesenen, die fähig sind, nach- dem ihre Seele im Guten erwachsen ist, durch ihre höhere geistige Anlage jener 'zum Schluß aufleuchtenden Erkenntnis teilhaftig zu werden, von der Piaton sagt, ihm scheine die Beschäftigung damit kein Gut für die Masse der Menschen, sondern nur für die Wenigen, die bei geringer Anleitung sie selbständig zu finden vermöchten *). ») Plat. ep. VII 344a. "') Plat. ep. VH 341 C—E. Zweites Kapitel. Die Jugendwerke. Aristoteles hat eine Reihe von dialogischen Werken ge- schrieben, um deren Reste man sich leider zu wenig kümmert. Nicht nur, weil man es überhaupt lieber den Philologen über- läßt, sich mit dem Studium von Fragmenten zu quälen, sondern aus der von jeher feststehenden peripatetischen Schulüberzeugung, der eigentliche Aristoteles sei der der Lehrschriften. Auch für das richtige Verständnis der Lehrschriften und ihrer Stellung ist freihch aus den Resten der verlorenen Dialoge viel zu lernen. Es wäre schon eine höchst bedeutende Erkenntnis, wenn wir daraus nichts weiter über das Verhältnis beider Arten von Schriften feststellen könnten, als daß die nach Piatons Vorbild geschriebenen Dialoge fast alle in die Frühzeit des Aristoteles fallen, daß er sich in seiner späteren Periode mithin von lite- rarischer Tätigkeit so gut wie ganz abgewandt hat. Denn die sogenannten Lehrschriften sind nichts als das schriftliche Substrat seiner sehr ausgedehnten Lehr- und Vorlesungstätigkeit. Aus- nahmen gibt es auch von dieser Regel. 'Alexandros oder Über Kolonisation' muß dem Titel nach ein Dialog sein, der in die Zeit fällt, wo die asiatische Rassenpolitik des Königs, welche Aristoteles nicht mitmachte, ihm ein öffentliches Abrücken von Alexander vor der griechisch lesenden Welt erwünscht erscheinen ließ. Also dieser Nachzügler hatte einen besonderen publizistischen Anlaß. Dasselbe gilt mutatis miäandis von dem Sammelwerk der 158 Verfassungen, das, wie der Staat der Athener gezeigt hat, von vornherein für das Publikum bestimmt und in lebendigem klarem Stil geschrieben war. Trotz dieser Ausnahmen bleibt der Satz bestehen, daß Aristoteles im Lauf seiner Entwicklung seine Ansicht über das Bedür-fnis der Wissenschaft nach literarischer Repräsentation und über das Verhältnis der literarischen zur eigentlich produktiven Gedankenarbeit in entscheidender Weise verändert hat. 24 nie Jufjcndwerke In l'laton ist der Gestaltun«i^strieb ursprünglich das Primäre. Er schreibt nicht um der inlialtlichen Darstellung einer Lehre willen, ihn reizt es, den })hilosophischen Menschen in dem dramatisch fruchtbaren Moment des Suchens und Findens, der Aporie und des Konflikts sichtbar zu machen. Nicht in einem bloß intellektuellen Manöver, sondern im Kampf mit allen Gewalten: der Pseudo Wissenschaft, der politischen Macht, der Gesellschaft, des eigenen Herzens, mit denen der Geist der Philosophie Piatons notwendig zusammenstoßen mußte. Philosophie ist, wie Piaton sie ursprünglich versteht, nicht ein Feld theoretischer Entdeckungen, sondern Neubildung aller grundlegenden Lebens- elemente. Man denke z. B. an das Duell zwischen dem Sokrates des 'Gorgias' und Kallikles, dem Vertreter der egoistisch-macht- politischen Staats- und Gesellschaftsauffassung oder an die para- doxe Philosophenschilderung des Theätet. Diese Dialoge haben mit den lehrhaften Gesprächen des Giordano Bruno, Hume oder Schopenhauer nur den Namen gemein. Piaton schreibt die Tragödie des Philosophen. Niemals gibt er bloß theoretische Meinungs- verschiedenheiten in stilistischer Maske, wie es die Nachahmer tun. In der Entwicklung der Form Piatons ist die Gruppe von Dialogen, die durch den dem Eintritt des Aristoteles in die Akademie gleichzeitigen Theätet eingeleitet wird, durch eine Kluft von den früheren getrennt, wie sie inhaltlich eine Ver- schiebung des Schwergewichts seiner Philosophie nach der Seite des Methodischen und analytisch Abstrakten ankündigt'). Das harmonische Gleichgewicht des künstlerischen und des philo- sophischen Elements ist in diesen späteren Werken zugunsten des wissenschaftlichen Inhalts gestört. Im Theätet steigen zuerst Disharmonien auf, feineren Ohren deutlich vernehmbar. Sie ent- springen weniger dem mangelnden äußeren Gleichmaß der formalen Durchbildung als aus dem Triumph des abstrakten Interesses an der Methode über den dramatischen Trieb, aus der folgerichtigen *) Das Formproblem bei Platon hat zuerst J. Stenzel in seinem Vortrag Literarische Form und philosophischer Gehalt des platonischen Dialogs, ver- öffentlicht in Jahresber. d. Schlesischen Gesellschaft für vaterl. Kultur 1916, wieder abgedruckt in Studien zur Entwicklungsgeschichte der platonischen Dialektik usw. (Breslau 1917) p. 128 ff. zur philosophischen Entwicklung Piatons in tiefere ursächliche Beziehung gesetzt, für die Spätdialoge vgl. das Kapitel Die neue Dialogform und die neue Methode p. 45 ff. Piatons Dialogform seit dem Theaetet 25 Durchführung eines Themas, das eingleisig in einer Ebene ver- läuft. Wer auch im Methodischen und in abstrakter Gedanken- entwicklung Peripetie und Schürzung des Knotens zu empfinden weiß, wird zwar auch hier den Dramatiker in Piaton wieder- finden. Aber bei aller Zuspitzung des logischen Aufbaus ist es verdächtig, daß der Theätet gerade den modernen Philosophen meist als das 'wissenschaftliche Hauptwerk' Piatons erschienen ist. Er kommt in der Tat einer kritisierenden Lehrschrift sehr nalie; es ist auch kein Zufall , daß Piaton gerade in der Einleitung zum Theätet über seine bisherige dialogische Kompositionsweise das Wort nimmt, um Vereinfachungen anzukündigen, die ihren Grund in dem Streben haben, der wissenschaftlichen Klarheit und Direktheit des Ausdrucks mehr zu ihrem Recht zu verhelfen'). Im Sophistes und Politikos wird die Schwierigkeit, in die die Dialogform Piaton jetzt versetzt, noch deutlicher sichtbar. Die Anwendung der schrittweise vom Allgemeinen zum Besonderen abwärtssteigenden Methode der Einteilung auf einen bestimmten Begriff ist an sich so undramatisch und monoton, daß der Haupt- gesprächsführer am Anfang des Sophistes seinen Mitunterredner vor die Wahl stellen muß, entweder ihn nicht allzu oft zu unter- brechen oder lieber einen zusammenhängenden Vortrag anzu- hören"). Damit ist die mäeutische Gesprächsform des Sokrates offen preisgegeben und eingestanden, daß der Dialog für Piaton jetzt zur bloßen Stilisierung, zum unorganischen Ornament herab- gesunken ist. Timaios und Philebos machen keine Ausnahme von dieser Regel. Es ist nur ein durchsichtiger stilistischer Schleier, der über einen rein lehrhaften Inhalt geworfen ist, was 1) Theaet. 143 B. Die äußere Form des Sokratesdialogs ist im Theaitetos noch festgehalten und von der Mäeutik wird mehrfach ausdrücklich geredet. Aber gerade die stark betonte Reflexion über das Wesen und die Grenzen des sokratischen Verfahrens zeigt, daß Piaton sich der alten Form bewußt nur noch für die elenktische Vorbereitung seiner Frage nach der Definition des Wissens bedient. Stenzel hat mit Recht auf den engen Zusammenhang des Theaetet mit dem Sophistes verwiesen, wo die Probleme erst ihre Lösung finden. Und dort ist die mäeutische Form fallen gelassen. Vgl. Sokrates' Schlußworte im Theaetet 210 C xoaomov ya.Q fiövov /) ifirj Te'xvr] dvvavat, nMov 6' oiSiv. ^) Soph. 217D. Es soll zwar noch ^nog TtQog inog gesprochen werden, vorausgesetzt daß der Mitunterredner immer ja sagtj^ allein das hat nichts mehr zu tun mit dem mäeutischen Gespräch naiä nevatv nal änöttgtaiv, wo der Frager mit der eignen Ansicht zurückhält und nur den Gefratgten zum Reden bringt. Oß Die JuK<'ndwerke sich dein Leser hier äußerlich als Dialog darstellt. Der Timaios schöpft seine gewaltige Wirkung aus ganz anderen Quellen als aus der I^ewegtlieit des Gesprächsverlaufs, und der Philebos ist ohne iMiilie in eine einheitlich methodisch angelegte Abhandlung zu transponieren, die schon der aristotelischen Ethik nahe steht. In den Gesetzen verschwindet auch die letzte Spur dramatischen Scheins. Auf Ethopoiie wird bewußt verzichtet, das Ganze ist ein Vortrag in feierlichem Verkündigungston, den nicht Sokrates, sondern Piaton selbst hält, der Fremdling aus Athen '). Nachdem die Figur des Sokrates schon seit dem Sophistes auf Nebenrollen beschränkt worden war, wird er in den Gesetzen folgerichtig ganz fallen gelassen. Im Philebos taucht er zuletzt noch einmal auf. Hier sind Fragen erörtert, die der wirkliche Sokrates schon aufgeworfen hatte, sie werden freilich in anderem Sinne behandelt. Piaton löst sie mit neuen methodischen Denkmitteln, von denen Sokrates noch nichts ahnte. Die Scheidung des historischen Sokrates und des eigenen Philosophierens ist in dieser letzten Periode vollständig durchgeführt. Auch sie ist ein Symptom dafür, daß das Wissenschaftliche und der allgemeine Zug zum Lehrhaft - Logischen in Piaton zum Durchbrach drängt. Die Methode der Klassifikation und Abstraktion, die späteste Frucht der Ideenlehre, das was Piaton in den späteren Schriften Dia- lektik im spezifischen Sinne nennt, hat den aus der sokratischen Elenktik erwachsenen Kampfdialog von innen her umgestaltet, ihn psychologisch leer gemacht und ihn bis an die Grenze der Abhandlung herangeführt. Eine W^eiterbildung war auf diesem W^ege nicht möglich. Das Absterben der großen Kunst des klassischen platonischen Gesprächsdramas war nur eine Frage der Zeit, seine W^urzel war nicht mehr lebendig. An diesem Punkt setzte der junge Aristoteles ein"). *) Der Verfasser der Epinomis beurteilt das sachlich richtig, wenn er 980 D den Athener die beiden anderen Gesprächsteilnehmer an eine berühmte Stelle der Gesetze mit den aus aller szenischen Illusion herausfallenden Worten er- innern läßt: wenn ihr euch noch erinnert, denn ihr habt euch ja wohl Notizen {v 7t ofivr'ifiaza) gemacht. Eier ist man plötzlich mitten im Kolleg. -) Bisher ist kein Versuch gemacht worden, den Dialog des Aristoteles an die Formentwicklung Piatons anzuknüpfen. R. Hirzel, Der Dialog p.275, kommt gar nicht zur Stellung dieser Frage, weil er mit einem Durchschnittsbild des platonischen Dialogs operiert und daher den aristotelischen Typus nur im Übergänge zum aristotelischen Dialog 27 Alle Akademiker haben Dialoge geschrieben, keiner so zahl- reiche und bedeutende wie Aristoteles. Die Tatsache an sich ist bedeutsam für das Verhältnis der neuen Generation zu Piaton. Alle haben sich des Dialogs als einer gegebenen Form bedient, ohne sich über die Grenzen der Möglichkeit solcher Nacheiferung Skrupel zu machen. Daß Piatons Dialog auf seiner klassischen Höhe etwas schlechthin Un wiederholbares , ein aus dem nie wiederkehrenden Zusammenwirken persönlicher Gestaltungskraft, sachlicher Not- wendigkeit und individuellen Erlebnisses entsprossenes Gewächs ist, war ihnen noch nicht klar, zumal da den Griechen alles ein- mal 'Gefundene" zur Nachahmung lockte. Für die Schüler war der Dialog nun einmal die Form, in der esoterische Philosophie gestaltetes Leben wurde, und eben danach verlangte jeder, die Wirkung, die vom Meister auf ihn selbst ausging, in solchen Symbolen verdichtet zu sehen. Je mehr freilich die Einsicht sich Bahn brach, daß Piaton in der innigen Verflechtung von Persön- Hchkeit, Leben und Wirken eine unteilbare Größe war, die sich als Ganzes nicht unmittelbar übertragen läßt, ohne zur Scholastik zu erstarren oder zur Literatur zu verflachen, um so bewußter suchte man grundsätzlich neue Formen für das, was sich als wissenschaftlich übertragbar von ihm loslösen ließ. Diese Ver- suche knüpften dann aber mit Recht nicht an die Dialoge an, sondern an die mündliche Lehrtätigkeit. Für die innere Nähe des jungen Aristoteles zu Piaton wie für seinen Mangel an Distanz ist es charakteristisch, daß er sich nicht sogleich diesem Wege zuwandte, sondern zunächst den Dialog fortbildete. Das spezifisch platonische Wesen lebte für ihn offenbar im Dialoge stärker, objektiver als in irgend einer anderen Form. Aus den erhaltenen Trümmern seiner Gespräche, den Imitationen der Späteren, von denen besonders Cicero lebendig an ihn anknüpft, und den Berichten des Altertums schließen wir, daß Aiistoteles der Schöpfer einer neuen Art des hterarischen Gesprächs war, des wissenschaftlichen Diskussionsdialogs. In richtiger Erkenntnis wurde der Scheinexistenz des mäeutischen Frage- und Antwort- spiels ein Ende gemacht, da es seinen echten organischen Sinn verloren hatte, seitdem sich nur noch 'lange Reden' dahinter Gegensatz dazu sieht. Die beiden Arten entspringen für ihn einfach der ver- schiedenen Geistesart der beiden Verfasser, ohne daß die sachlichen Faktoren zu ihrem Recht kommen. 28 Die Jufjendwerke verbargen. Willirend aber Ijeim alten Piaton alles dahin trieb, an Stelle des Gesprächs den do;2:matischen Einzelvortrag zu setzen, ließ Aristoteles Hede gegen Rede halten, wie es der Wirklichkeit des wissenschaftlichen Lebens in der späteren Akademie entsprach. Einer der Unterredner mußte die Leitung übernehmen, stellte das Thema auf und faßte am Schluß den Gewinn zusammen. Freilich waren der Personencharakteristik damit enge Grenzen gesteckt. Die Kunst der Komposition der Reden wurde von der Rhetorik übernommen und nach den Forderungen des platonischen Phaidros fortgebildet. Wirksamer als die Ethopoiie der Personen war jetzt das Ethos des Gesamtdialogs, der an einheithch suggestiver Stimmung gewiß eher gewann als verlor, dafür aber die künstlerische Objektivität einbüßte. Es war deshalb nur folo-erichtig, wenn Aristoteles schließlich selbst in seinen Dialogen das Gespräch leitete. Durch die Umgestaltung wurde der Dialog zwar nicht in seiner sokratischen Urbedeutung wiederhergestellt — in dieser Form war er unwiederbringlich dahin — aber es war ihm wie in seinen Anfängen ein neuer sachlicher Sinn gegeben, ent- sprechend dem Wandel der Gespräche, in denen er von Anfang an seine Wurzel hatte. Die Schlag -auf- Schlag- Dramatik der eristischen Kämpfe, die Palästra der Xöyoi, war langen theoretischen Auseinandersetzungen und Beweisen gewichen, die sich in den festen Bahnen der Methode bewegten. Man mag diesen W^andel beklagen, aber er lag in der Notwendigkeit der Sache. Auch Piaton hatte diese Notwendigkeit anerkannt, als er sich vom mäeutischen Gespräch und der Personencharakteristik abwandte. Aristoteles hat nicht den Verfall des Dialogs herbeigeführt, wie die Literaturgeschichte festgestellt zu haben glaubt, weil sie die bewegenden inneren Kräfte nicht sieht, sondern er vollzog nur den unaufhaltsamen Übergang zu einer anderen Stufe. Der Diskussionsdialog ist nur Ausdruck der Tatsache, daß das Wissen- schaftliche in Piaton seine Form zum Schlüsse gesprengt und sich dienstbar gemacht hat. Es handelt sich nicht um ein bloß ästhetisches Phänomen, sondern um einen Prozeß des philo- sophischen Geistes, der sich von innen her seine Form schafft. Man pflegt die gelegentlichen Äußerungen der Späteren über den Unterschied des aristotelischen Dialogs auf alle seine Dialoge zu beziehen, aber das ist schon den Titeln nach unmöglich. Formen des aristotelischen Dialogs 29 Eudemos oder Über die Seele und Gryllos oder Über die Rhetorik muß dem Typus des früheren platonischen Dialogs wie Phaidon und Gorgias noch nahegestanden haben. Unter den Bruchstücken des Eudemos findet sich eins, das die sokratische Frage- und Antworttechnik noch aufweist '). Ob Aristoteles auch in solchen Gesprächen als Gesprächsleiter aufgetreten ist, muß man be- zweifeln. Die zwei- und dreibändigen Dialoge Politikos und Über die Philosophie, von denen uns bezeugt ist^), daß Aristoteles selbst darin das Wort führte, standen offenbar dem Typus der Lehrschrift nahe, waren also völlig verschieden. Piatons Beispiel sollte Warnung genug sein, dem Aristoteles eine starre, ein für allemal feststehende Form zuzuschreiben. Die Entwicklung seiner Dialogschriftstellerei weist alle Zwischenstufen auf zwischen dem mäeutischen Fragegespräch und der reinen Lehrabhandlung. Sie läuft seiner philosophischen Entwicklung parallel oder, richtiger gesagt, ist ihr organischer Ausdruck. Ein deutliches Vorbildverhältnis zwischen bestimmten aristo- *) Arlst. frg. 44 Rose (ich zitiere nach der Teubnerausgabe, in der die Fragmentzahlen von der älteren Akademieausgabe abweichen). Doch ist es kein mäeutisches Fragen und Antworten, sondern der zu Belehrende stellt Zwischenfragen, der andere erteilt zusammenhängende Belehrungen. Das Ge- spräch wird von einem Dritten referiert, wie bei dem früheren Piaton, Aristo- teles macht also von der Regel, die Piaton im Anfang des Theaitetos gibt, keine Anwendung. *) Aristoteles als Wortführer frg. 8—9 und frg. 78 Rose. Letztere Stelle (Cic. ep. ad Quintum fr. III 5, 1) scheint sich nicht nur auf den Politikos (de prae- stante viro) sondern auch auf die Bücher üe^l dcKaioavvrjg (de republica vgl. folg. Anm.) zu beziehen, die Cicero sicher kannte. Die Bemühungen, den 'Widerspruch' in Ciceros Berichten über den mos Aristotelius fortzuräumen, erweisen sich als gegenstandslos, wenn man die Stellen unvoreingenommen be- trachtet: ad Att. XIII19, 4 nennt er aristotelisch die Sitte, daß der Verfasser selbst das Gespräch leitet, ad fam. I 9, 23 bezeichnet er den Dialogstil der Bücher De oratore als aristotelisch, obgleich Cicero dort nicht das Wort führt. Beides mit Recht. Aristoteles hatte nicht in allen Dialogen den principatiis selbst gehabt, im Gryllos und Eudemos trat er sicherlich überhaupt nicht auf. Aristo- telisch ist die Form abwechselnder langer Vorträge, aristotelisch ist die Sitte» jedem Buche eines Gesprächs ein besonderes Proömium zu geben, aristotelisch ist auch das Auftreten in eigner Person. Aber nirgendwo steht geschrieben, daß ein Dialog unaristotelisch sei, wenn er nicht alle drei Eigentümlichkeiten vereinigt aufweise. Man darf die Zeugnisse nicht pressen, um einen Einheits- typus zu konstruieren. Genau so steht es mit der Nachricht, Aristoteles habe 'in den Dialogen' die Ideenlehre bestritten. ^0 Die Jugendwerke telischen Dialogen und platonischen ist besonders inhaltlich noch öfter nachweisbar. So knüpft der Eudemos an den Phaidon, der Gryllos an den Gorgias, die Bücher Über die Gerechtigkeit an den Staat an'). Sophistes und Politikos sind natürlich ebenso wie das Symposion und der Menexenos durch Piatons gleich- namige Gespräche bedingt. Im Protreptikos , der kein Dialog war, ist der Einfluß des platonischen Protreptikos im Euthydem zu spüren, bis zu wörtlichen Anklängen. Vielleicht trat Piaton in den Dialogen redend auf. Die stärkste Abhängigkeit zeigt sich auch im Stil. Zwar scheint Aristoteles bald zu eigener Sprache durchzudringen, einem Stil, der nichts will als rein und klar sein, wie er natürlich aus einem reinen Forschergeiste quillt"). Aber im Eudemos z. B. wurden Mythen erzählt, auch sonst fehlte es nicht an lebhafteren Reizen: Gleichnisse, zum Teil in An- lehnung an bekannte platonische Vorbilder, fanden sich zahlreich und waren im späteren Altertum berühmt. Die Sprache in dem Gleichnis von den unterirdischen Menschen, die ans Licht empor- steigen und den Kosmos schauen, ist von fortreißender Kraft. Im Midasmythos des Eudemos klingt der apokalyptische Stil der Moiren Worte aus dem letzten Buch des Staates wieder. Cicero rühmt das golden Strömende an der Prosa der aristotelischen Dialoge, rhetorische Künstelei findet man nirgend. Im Denken präzise und klar, im Ethos hoch und vibrierend, haben diese Werke auf die feinsten Menschen des späteren Altertums gew^irkt. Für ihre geistige Spannweite spricht es, daß der Schuster Philiskos und der Kyniker Krates in der Werkstatt den Pro- ^) Dies ist sowohl aus der Reihe einander entsprechender Werke wie aus der gemeinsamen Benutzung des Dialogs mit Piatons Staat in Ciceros Büchern De republica sicher zu schließen. Auch im Staat des Piaton ist ja die Ge- rechtigkeit die Frage, aus der die Staatsphilosophie erwächst. Er muß schon damals den Titel IIeqI öiKaioavvrjg nebenher geführt haben, was für die Ent- stehung" der Untertitel der platonischen Dialoge wichtig ist. -) Von den Bedingungen des guten Stils, welche die frühere Rhetorik auf- gestellt hatte, anerkennt die aristotelische Stillehre nur die Klarheit {F 1404 bi^ 1414 a 19, Poet. 1458 »18 vgl. J. Stroux, De Theophrasti virtutibus dicendi [Lips. 1912] p. 30). In ihr sei alles andere enthalten. Von diesem nicht so sehr auf die rhetorische Praxis wie auf die Schaffung eines reinen, wissenschaftlich ge- bildeten Stils abzielenden Ideal kam aber schon Theophrast und dann die ganze spätere Rhetorik wieder ab. Sie gingen mit dem Zeitgeschmack, für Aristo- teles ist die Wissenschaft eine Macht, die auch die Sprache nicht unverändert lassen kann. Piaton nicht nur formales Vorbild 31 treptikos zusammen lesen, Zenon und Ghrysippos, Kleanthes, Poseidonios, Cicero und Philon religionsphilosophisch stark von diesen Jugendwerken ergriffen sind, Augustin, der den Pro- treptikos durch Vermittlung des ciceronischen Hortensius kennen lernt, durch ihn zur Religion und zum Christentum geführt wird^). Die Neuplatoniker leben in A'ristoteles' Dialogen wie in denen Piatons und in der Consolatio des Boethius klingt das letzte Echo früharistotehscher religiöser Empfindung im Mittel- alter fort. Als Kunstwerke hat das Altertum bei aller Hoch- schätzung Aristoteles' Dialoge nicht mit Piaton in einem Atem genannt. In der religiösen Bewegung des Hellenismus aber haben sie fast mehr bedeutet als Piatons durchaus unerbauhche, unnahbar objektive Kunst. Aber wie stand Aristoteles philosophisch in jenen Werken zu Piaton? Es wäre merkwürdig, wenn der Einfluß des Vor- bildes sich bloß auf das Thema, auf Einzelheiten des Stils und des Inhalts erstreckt hätte, während im übrigen, wie später, ein ablehnender Standpunkt gegen Piaton eingenommen wäre. Sym- posion, Menexenos, Sophistes, Politikos — sind sie wirklich zu dem Zweck verfaßt, Piatons gleich betitelte Dialoge zu über- trumpfen und ihnen ein Exempel gegenüberzustellen, wie man die darin behandelten Fragen hätte behandeln sollen? Hat sich der Jünger mit eigensinniger, pedantischer Beharrlichkeit an die Fersen des Meisters geheftet, um seine Arbeiten eine nach der andern kritisch zu zerfasern? Ehe man ihm eine solche Ver- irrung des Geschmacks und des Takts zutraute, hätte man die andere Möglichkeit ernsthafter erwägen müssen, daß es ihm auch philosophisch um die Nachfolge Piatons und um nichts anderes in jenen Werken zu tun war. Über dem Verständnis der Dialoge waltet schon seit dem Wiederaufkommen der Lehrschriften durch Andronikos in der suUanischen Zeit ein seltsames Mißgeschick. Damals noch hoch gerühmt und viel gelesen, traten sie bald mehr zurück, seitdem 1) Der Protreptikos in der Schusterwerkstatt hg. 50 Rose. Augustinus' Bekehrung durch den Hortensius Confess. III 4, 7 ille vero liber mutavit affectum meum et ad te ipsum, domine, mutavit preces meas et vota ac desideria mea fecit alia. viluit mihi repente omnis vana spes et immortalitatem sapientiae concupiscebam aestu cordis incredibUi et surgere coeperam, ut ad te redirem (vgl. auch VIII 7, 17). qo Die Jagendwerke die gelehrten I^eripatetiker an die exakte Interpretation der allzu lange vernachlässigten Lehrschriften gingen und Kommentare auf Kommentare dazu schrieben. Die Neuplatoniker werteten die Dialüge z. T. als Urkunden eines unverfälschten Piatonismus, im Gegensatz zu den Lehrschriften, während ein Exeget streng peri- patetischer Richtung wie der scharfsinnige Alexander von Aphro- disias, der sie noch größtenteils gelesen haben muß, ratlos vor ihnen steht. Das Verhältnis zwischen Dialogen und Lehrschriften hat er, der in philologisch-kritischer Hinsicht freilich naiver war, als man es zu seiner Zeit zu sein brauchte, sich so erklärt, daß nur die Lehrschriften Aristoteles' wahre Meinung enthielten, die Dialoge aber die falschen Ansichten anderer (!) wiedergäben'). Widersprüche zwischen beiden Gattungen sind damals also an- erkannt gewesen. Die vergebliche Bemühung der späteren Peri- patetiker, sich diesen rätselhaften Tatbestand zu erklären, spricht auch aus der berüchtigten Überlieferung über den Unterschied der exoterischen und esoterischen Schriften. Man suchte natürlich in den Lehrschriften nach einer Äußerung des Aristoteles über die Dialoge und fand sie in der mehrfach vorkommenden Bezeichnung i^oitEQixol Xoyoi, die sich an einigen Stellen ungezwungen auf die literarisch veröffentHchten Dialoge beziehen ließ. Diesen exo- terischen, für die Außenwelt bestimmten löyoi stellte man nun die Lehrschriften als esoterische Geheimlehre gegenüber, obwohl sich bei Aristoteles keine Spur einer solchen Ausdrucksweise oder Auffassung findet. Der Inhalt der Dialoge verhielt sich zu den Lehrschriften anscheinend also wie die dö^a zur dh]&Eia. Aristo- teles mußte sie z. T. geradezu in bewußter Abweichung von der Wahrheit geschrieben haben, weil er die Menge der Wahrheit nicht für fähig hielt. Selbst die Schwierigkeiten der schulmäßigen Terminologie in den Lehrschriften, die den Späteren viel Kopf- zerbrechen machte, beutete man für diese mysteriöse Deutung aus und fälschte einen Brief des Aristoteles an Alexander, worin >) Elias in Arist. categ. p. 24 b 33 d Sk 'AÄeiavögog äÄÄtjv öiatpogäv Xiyei tG)v äy.QoafiaTiKcJv tiqo? tu öiaÄoytKa, Sri iv fihv Totg dxQoafiaTiKoig rä öoKovvxa aitä Xiyei Kai zä äÄij&f}, iv 6k zolg StaÄoyinoTs td äÄ^otg öoKovvra TU i{^evdij. Trotz der naiven Ausdrucksweise gibt der Kommentator Alexanders Meinung im Kern sicher richtig wieder. Widersprüche zwischen beiden Arten von Schriften kennt schon Cicero de fin. V 5, 12. Man schob sie damals auf die literarische Form der populären Schriftstellerei. Widersprüche zwischen Dialogen und Lehrschriften 33 die Dunkelheit der Termini als beabsichtigte Düpierung der Nichteingeweihten hingestellt wurde. Die neuere Kritik, ungläubig gegen diese Mystifikation, deren später Ursprung aus dem Geist des Neupythagoreertums nicht verborgen bleiben konnte'), hat sich von dem Vorurteil gegen- über den Dialogen trotzdem nicht befreit^). Freilich hatte sie es schwerer als die Alten, da sie nur noch Bruchstücke in Händen hielt. So verHeß man sich, statt diesen wenigen, aber wertvollen Resten Glauben zu schenken, Heber auf die 'Zeugnisse', vor allem auf zwei aus gleicher Quelle stammende Aussprüche bei Plutarch und Proklos, die von der Kritik sprechen, welche Aristoteles in der Ethik, Physik und Metaphysik 'und durch seine exoterischen Dialoge' an Piatons Ideenlehre geübt habe '). Hier fand man die unumstößHche Gewißheit, daß Aristoteles auch in den Dialogen bereits auf dem gleichen Boden stand wie in den kritischen Schriften. Man mußte jetzt entweder Aristoteles' 'Abfall' von Piaton hoch in seine akademische Zeit hinauf verlegen oder die Dialoge herabrücken. Für erstere Ansicht fand man ebenfalls bald ein 'Zeugnis' bei Diogenes Laertios, Aristoteles sei schon zu Piatons Lebzeiten abgefallen und Piaton habe damals gesagt: 1) Die Erneuerung des Studiums der Lehrschriften durch Andronikos, durch die das Verhältnis der bisher fast ausschließlich gelesenen Exoterika zu diesen unerschlossenen Quellen der 'reinen' aristotelischen Lehre erst zum Problem wurde, fiel in die Blütezeit des Neupythagoreismus, der seinem eigenen Wesen iremäß bei allen früheren Denkern nach einer besonderen Geheimlehre suchte. Diese Kategorien wurden nun auf Aristoteles' Schriften angewandt. ") Erst in allerneuster Zeit sind zwei Arbeiten hervorgetreten, die den platonischen Gehalt der Dialoge anerkennen: Ad. Dyroff, Über Aristoteles' Ent- wicklung (in Festgabe für Georg v. Hertling, Freiburg 1913) stellt kurz zahl- reiche platonische Anklänge aus den Fragmenten zusammen, mehr unter syste- matischem Gesichtspunkt und ohne näheres Eingehen auf die einzelnen Werke, was in diesem Rahmen auch nicht möglich war. Mir ist der Beitrag erst be- kannt geworden, nachdem diese Untersuchungen niedergeschrieben waren, und hat mich in meiner Ansicht bestärkt, doch bedarf es jetzt genauer Interpretation, wie Dyroffs Ansicht über ÜeqI 'd-0Qäg Kai iv z^ fieza zu (pvaiKu TzoÄÄtp TcÄiov äze Tze^l zCJv d.QXä)v jiQayf4,az£v6{*£vog y.al Kazazelvoiv fianQ&g aazrjyoQCag zCüv löeiöv iv zocg TzQcbzoig, iv zolg fiiaoig, iv zoig zeÄevzaioig zfig uQay^azeCug iKelvrjg %al iv zolg öiuÄöyoig aacpiazaza KeKQayiog fti^ övvaa&az zi^ ööyfiazi zovzqi avf-inad-Elv, kuv zig aizdv oirjzai öiä q)iÄoveiKtav ävz iXiyeiv. Plut. adv. Colot. 14 (1115B) raj ye i*riv Ideag, jzegl &v iyxaÄei r^ IlÄd- TbiVL, navzay^ov kivojv ö 'A^iazoziÄr^g nal 7zdaav i7zdyci)v &7ioQiav aiizalg iv 3* ;^f; Die Jnpendwerke in oiner bestimmten Schilf t (aller Wahrscheinlichkeit nach war es der Dialog /IfqI (pdoaoffiag, in dem Aristoteles auch sonst, wie bezeugt ist, die platonische Metaphysik bestritten hat), auf die sich die Angabe der beiden Berichte gründet. Ihre Verall- gemeinerung für alle Dialoge ist nicht gestattet, sondern es folgt daraus nur, was wir ohnedies wußten, daß es unter den Dialogen einen oder den andern gegeben hat, wo Aristoteles in Gegensatz zu Piaton trat. Diese Tatsache berechtigt uns keinesfalls, pla- tonische Gedanken, welche wir in anderen Dialogen finden, fort- zuinterpretieren. Wir haben vielmehr eine Entwicklung inner- halb der Dialoge auch in philosophischer Hinsicht anzuerkennen, genau so wie sich uns dies hinsichtlich ihrer Form als notwendig erwies. Die Interpretation muß dies im einzelnen begründen, wobei sich die Fragen, die wir stellen, den erhaltenen Resten anschmiegen müssen und nicht ins Allgemeine gehen können. Auszugehen ist von den chronologisch und philosophisch festesten Punkten, die sich aus den Fragmenten gewinnen lassen. Auch für die frühe Entstehung der Dialoge läßt sich nur durch die Einzelinterpretation der genauere Nachweis führen. totg 'if^iKols i}7iofiv^fiaaiv, iv zoTg (/terd rd (fvamd, iv TOig) q)vaiKoTs, 6iä t&v i^oi t£qi-äG)v ö laÄöycov, cpiÄoveinÖTeQov ivioig e'öo^ev ^ cpiÄo- aoq>d)T£Qov iy, , , . zwv öoyfidicov zovtcov, (bg ngo^ifi-evog rriv HÄditovog vtieqsC- neiv q)i?.oao(piav. Die alte Quelle, der beide folgen und die der jüngere, Proklos, am genausten wiedergibt, zählte alle Stellen der aristotelischen Werke, wo die Ideenlehre bekämpft war, einzeln auf; so werden drei Stellen der Meta- physik genannt, Buch A, Z und iJfJV, Anal. post. A 22, 83 a 33 wird wie Eth. Nie. .4 4 mit wörtlichem Anklang angeführt, ebenso die gesperrt gedruckte Stelle (aus IleQl q)iÄoaoq>Cag), die einzige, die der Verfasser der offenbar sehr sorg- Tältigen und vollständigen Zusammenstellung in den Dialogen hat ausfindig machen können. Der Katalog ist also ein direkter Beweis, daß diese Polemik in den Dialogen ganz vereinzelt dastand. Drittes Kapitel. Eudemos. Die Zeit des Dialogs Eudemos, der nach dem Freunde des Aristoteles, dem Kyprier Eudemos benannt ist, wird durch die Motivation des Gesprächs bestimmt, die wir aus einem Bericht des Cicero vom Traum des Eudemos unschwer rekonstruieren^). Auf einer Reise durch Thessalien war dieser aus seiner Heimat vertriebene Schüler Piatons schwer erkrankt. Die Ärzte in Pherai, wo er daniederlag, hatten ihn aufgegeben. Da erschien ihm ein Jünghng von schönem Angesicht im Traum und verhieß ihm, er werde in kurzer Zeit genesen, wenige Tage darauf werde der Tyrann Alexander von Pherai umkommen, Eudemos aber werde nach Verlauf von fünf Jahren in seine Heimat zurück- kehren, Aristoteles erzählte, offenbar in der Einleitung, wie die erste und zweite Verheißung alsbald eintrafen: Eudemos wurde gesund und der Tyrann wurde kurz darauf von den Brüdern seiner Gattin ermordet (359). Um so brennender war nun die Hoffnung des Verbannten, nach fünf Jahren auch die dritte Ver- heißung erfüllt zu sehen und nach Kypros zurückzukehren. In die Zw^ischenzeit fällt die Anwesenheit des aus Syrakus verbannten Dion in Athen. Er warb mit Unterstützung der Akademie eine Freischar entschlossener Männer, die bereit waren ihr Leben an die Befreiung der Vaterstadt des Dion zu setzen. Auch manche der jungen Philosophen, unter ihnen Eudemos, schlössen sich dem Unternehmen aus Begeisterung für Piatons politische Ideale an, die Dion jetzt verwirklichen sollte. Aber Eudemos fand in den Kämpfen vor Syrakus den Tod, gerade fünf Jahre nach jenem Traum (354). Diese unerwartete Erfüllung des Gesichts wurde in der Akademie so gedeutet, daß der Gott die Rückkehr in die ewige Heimat der Seele, nicht in die irdische voraus- gesagt habe. Aristoteles berichtete im Eingang des Dialogs, durch den «r das Gedächtnis des geliebten Freundes verewigte und sich in ») Arist. frg. 37 R. (Cic. de div. I 25, 53) oj^ Elldemos seinem Sclimerz zu trösten suchte, die Geschichte von dem Traum des Kudemos, um zu zeigen, wie die Gottheit selbst die Wahrheit ) Arist. frg. 41 R. Fortbildung der Anamnesislehre. Ideenlehre 51 rechtigt wären, diese Vorstellungsweise, die wir im Menon und Phaidon als Fundamentaldogma antreffen, bei dem Schüler für eine bloße Metapher zu halten. Im Augenblick, wo er den spezifisch-logischen Charakter des reinen Denkens klar erfaßte, und die Erinnerung als psychophysische Erscheinung erkannte, hat er dem Nus die Fähigkeit der Anamnesis abgesprochen und Präexistenz und Unsterblichkeit fallen lassen. Aber der Zeit- punkt, wo sich der realistische platonische Mjrthos für ihn in die // beiden Bestandteile Poesie und Begriff zersetzen sollte, war im // Eudemos noch nicht gekommen. Im geschlossenen Ring der platonischen Gedankenkette des Eudemos, die die Schicksale der Seele zusammenschließt, fehlt nur noch das letzte Glied, die Ideen. Eine nüchterne und un- voreingenommene Kritik wird nicht bezweifeln, daß es unkonsequent wäre, aus Proklos' Bericht, den er als authentische aristotehsche Lehre bezeichnet, gerade dasjenige Glied der Begriffskette heraus- zubrechen oder als Zutat des Berichterstatters zu erklären, das der ganzen Darlegung erst logischen Zusammenhang und Sinn gibt. Das sind die Ideen. Nichts anderes als die Ideen des Phaidon steckt hinter den exeT d^Edfiaxa. Von der Terminologie abgesehen, die rein platonisch ist, könnte Aristoteles auf Grund seiner späteren Psychologie und Erkenntnistheorie niemals so sprechen. Und wenn die Ideen durch Proklos' Zitat nicht aus- drücklich für den Eudemos gesichert würden, so müßte die An- nahme der Präexistenz- und Wiedererinnerungslehre als solche schon genügen, um die Ideenlehre zu fordern. Man kann die Ideen bejahen oder leugnen, sagt Piaton im Phaidon, aber man // kann nicht die Lehre von der Anamnesis und Präexistenz von der Ideenlehre trennen. Sie steht und fällt mit den Ideen und die Notwendigkeit beider Annahmen ist ein und dieselbe^). Als Aristoteles später die Ideenlehre preisgab, fiel für ihn zugleich auch die Anamnesis notwendig dahin. Dies also ist das Verhältnis zu Piaton, in dem Aristoteles nach wenigstens dreizehnjähriger Schülerschaft ums Jahr 354/3 ge- standen hat. Seine platonische Periode reicht bis nahe an den ^) Plat. Phaidon 76 D. Bernays' Hauptbeweis, daß die Ideenlehre nicht /■ der Weltanschauung des Eudemos zugrunde liegen könne, ist (a. 0. 25) wieder das Zeugnis des Proklos und Plutarch, Aristoteles habe auch in den Dialogen die Ideen bekämpft (vgl. dagegen oben S. 33). 4* 52 Eudemos Tod des Meisters heran. So weit frülie Arbeiten für das Wesen eines Menschen etwas ausgeben, kann man aus dem Eudemos sehr wohl typische Züge des Aristoteles ersclüießen. Charakteristisch ist für ihn, daß er auf technisch -logischem und methodischem Gebiet schon zu einer Zeit Meister ist, wo er in metaphysischer Hinsicht noch ganz von Piaton abhängt. Diese Abhängigkeit wurzelt offenbar in Tiefen des irrationalen religiösen und persön- lichen Gefühls. Die Korrekturen am platonischen Vorbild, die vorgenommen werden, sind vorsichtig und konservativ. Er ver- suclit sogar, Piaton auf dessen eigensten Pfaden zu folgen, ins Reich des Seelenmythos. Hier wurzelt Piatons stärkste, die welt- anschauungbildende Kraft. Bei Aristoteles zeigt sie sich schon hier nicht so originell und entwickelt wie die im engeren Sinne wissenschaftliche Genialität, so groß sein inneres Bedürfnis da- nach auch ist. Viertes Kapitel. Der Protreptikos. 1. Form und Tendenz. Nächst dem Eudemos ist der Protreptikos seinem Erhaltungs- zustande und auch seiner wirklichen Bedeutung nach das für uns wichtigste Werk aus der Zeit vor Piatons Tode. Es bedarf frei- lich erst des Beweises, daß er in diese Zeit fällt, denn bisher ist kaum der Schatten eines solchen erbracht worden. Selbst die Frage nach der literarischen Gestalt der Schrift, die bis vor kurzem im Vordergrunde gestanden hat, ist noch nicht völlig geklärt, geschweige daß der Versuch gemacht worden wäre, ihren philosophischen Gehalt zu heben. Unter den Frühschriften des Aristoteles nimmt der Protrep- tikos eine Ausnahmestellung ein. Er ist an Themison, einen Fürsten von Cypern, gerichtet. Obwohl wir von dem Adressaten und seinen Lebensumständen nichts Näheres wissen, können wir uns von der Existenz dieser kleinen aufgeklärten Despoten des beginnenden Hellenismus ganz wohl eine Vorstellung machen. Durch das Enkomion des Isokrates auf Euagoras und sein Send- schreiben an Nikokles kennen wir diese beiden ebenfalls kypri- schen Fürsten, Vater und Sohn. Die Rede an Nikokles ist ein Protreptikos, der dem jungen Herrn die besten Grundsätze für eine kluge und gerechte Regierung vorschreibt. So wetteifern im 4. Jahrh. die Schulen, die Aufmerksamkeit der weltlichen Großen auf sich zu lenken und dadurch Einfluß auf die Pohtik zu erringen. Ob Aristoteles' Bekanntschaft mit Themison durch seinen Freund, den Kyprier Eudemos, vermittelt war, wissen wir nicht. Zweifellos haben wir die Mission, die er mit seinem Sendschreiben erfüllt, in die damals weitverzweigte politische Tätigkeit der Akademie einzuordnen. Im Proömium war Themison angeredet. Wenn es dort hieß, er sei durch Reichtum und Ansehen wie wenige zum Philoso- phieren bestimmt, so ist das im Munde des Aristoteles keineswegs 64 Der Protreptikos eine Phrase der Schmeichelei, wie es auf den ersten Blick scheint '). Wir müssen uns daran erinnern, daß nach Piatons Ansiclit nur Pliilosophen, die politisch zur Herrschaft gelangen, oder Könige, die sich ernstlich der Philosophie ergeben, Aussicht liaben, das Höchste im Staat zu leisten und der leidenden Menschheit zu helfen. Auch Piaton hält also Reichtum und Macht als Werkzeuge der Idee für unentbehrlich'^. Themison soll die Staatslehre der Akademie verwirklichen helfen. Mit diesem Zweck hängt die Form der Schrift eng zusammen. Es rächt sich auch hier, daß man beide Fragen voneinander meist getrennt hat. Der Ursprung der Protreptikosform Hegt in der neuen Erziehungsmethode der Sophisten. Er ist keine Gattung, die die Sokratik aus sich erzeugt hat, die dialogische Einklei- dung, die man vielfach für die exoterischen Schriften des Ari- stoteles als das Natürliche ansah, ist mit ihr keineswegs not- wendig gegeben*). Cicero hat, als er die Gedanken des aristote- Uschen Protreptikos im Hortensius dialogisierte, es für nötig ge- halten, diese Umformung des Werkes auch im Titel zum Aus- druck zu bringen. Auch die Form der erhaltenen Protreptiken. die freilich erst aus der Kaiserzeit stammen, läßt uns schließen, daß der Protreptikos eine Werberede war, ähnlich wie die in Form und Geist an ihn anknüpfende Gattung der hellenistischen Bekehrungspredigt, die in die christliche Kirche übergegangen ist. Mehrfach mögen protreptische Gedanken in Dialogform umgesetzt worden sein, w'ie im Pinax des sogenannten Kebes. Von dem Protreptikos des Antisthenes ist es freilich nicht sicher, aber be- kanntlich hat Piaton es im Euthydemos mit sokratischen Argu- menten so gemacht. Dort gibt Sokrates den Sophisten, die sich an der Unterhaltung beteiligen, Proben einer protreptischen Unter- 1) Arist. frg. 50 R. -) Dem Gedanken nach ist es durchaus platonisch, wenn der Verfasser des zweiten platonischen Briefs 310 E das folgendermaßen formuliert: nscpvKe avvii- vai eis raiiTÖv q)Q6vr}alg ze Kai övvafiis fteydÄrj y.al xavt äÄÄTjÄa dei SidJTiEc Kai ^'tjtel Kai avyyiyvsvac. •'') In den erhaltenen Katalogen der Werke des Aristoteles sowohl bei Dio- genes wie bei Hesychios und Ptolemaios steht der Protreptikos unter den am Kopf der Listen zusammengestellten exoterischen Schriften, womit aber über seine Form nichts gesagt ist, da exoterisch nicht notwendig nur die dialogischen Schriften zu sein brauchten. Zu dieser Gruppe zählt er auch dann, wenn er die Form einer Rede bezw. eines Sendbriefs hatte. Stilgattung und Vorbild 55 redung mit einem Schüler in der ihm eigentümhchen Form von Frage und Antwort, wie er öfter mit sophistischen Kunstformen launig spielt. An dieses klassische Muster platonischer Protreptik hat Aristoteles sogar ausdrücklich angeknüpft, aber ausschließ- lich in den Gedanken. In der Form folgte er diesmal nicht Piatons Spuren, sondern dem Vorbild des Isokrates. Ist schon die Form des persönlichen Sendschreibens sichtlich von ihm entlehnt, so gehört die Paränese zum festen Bestand des isokrateischen Erziehungssystems. Die Anrede an eine be- stimmte Person ist ein an sich sehr altes Stilmittel in jeder Art von Mahnsprüchen und Lehrreden. In der Zeit, wo die Sprache des Verses noch das gegebene Mittel der geistigen Wirkung auf Menschen war, können wir die Anrede an einen Einzelnen von Hesiods Mahnreden an Perses bis zum empedokleischen Lehr- gedicht und zu den Kyrnossprüchen des Theognis herab ver- folgen, die noch zur Zeit des Sokrates und der Sophisten in der Schule der sittlichen Unterweisung der Knaben dienten. An die -Stelle dieser altmodischen Spruchpoesie setzt die Sophistik eine neue Prosaform, welche erfolgreich den Wettbewerb mit dem Altererbten aufnimmt*). Der Fürstenspiegel, den Isokrates im Nikokles aufstellt, ist das sophistische Gegenstück zum Ritter- spiegel des Theognis. Beide sind einer Gattung. Doch der Protreptikos des Aristoteles ist mehr als ein philosophischer Fürstenspiegel. Er verkündigt das neue Ideal des reinen philo- sophischen Lebens, das Piaton auch vom Mann der Tat fordert. Denn platonisch und nicht im Sinne des späteren Aristoteles ist der Zug, daß er eine Werberede für den ßiog d^sojQrjtixög an einen praktischen Politiker richtet. Er hat ihn dem fürstlichen Freunde im übrigen nicht wie man meistens sagt 'gewidmet' — die Widmung von Dialogen oder Abhandlungen ist eine litera- rische Sitte hellenistischer Höflichkeit, nirgendwo kennt die bessere Zeit diesen papiernen Brauch — sondern ihm ist die Anrede noch der lebendige Ausdruck des Ethos eindringlicher erzieherischer Ermahnung. Sie ist ein organisches Glied des protreptischen Stils als solchen. ^) Die Entwicklung der protreptischen Prosaform aus der Spruchpoesie der hno&^Kat hat P. Wendland, Anaximenes von Lampsakos (Berl. 1905) 81 ff. richtig gezeichnet vgl. Isoer. ad Nicocl. 3 56 Der Protreptikos Auch andere Spuren weisen auf Nachbildung der isokratei- schen Paränese liin. Die eigenartige Form, die allem was von Aristoteles herrührt das Gepräge gibt, die Vorherrschaft der apo- diktisch-syllogistischen Gedankengliederung, mußte zwar auch im Protreptikos und gerade hier leichte und geistreiche Triumphe feiern. Muß man philosophieren? hieß die Frage, die alle Werbe- reden für das philosophische Studium beherrschte. Aristoteles antwortete schlagfertig: entweder muß man philosophieren oder man muß nicht philosophieren. Muß man philosophieren, so muß man eben philosophieren. Muß man nicht philosophieren, so be- darf es (zur Begründung dieses Standpunktes) ebenfalls des Philo- sophierens. Also muß man in jedem Falle philosophieren *). So haben die meisten erhaltenen Stücke syllogistische Form. Aber durch diesen dialektischen Schleier scheinen oft die Gedanken älterer Paränese hindurch. In einem größeren Bruchstück, das sich bis in die Anthologien der Byzantiner gerettet hat und dessen ursprünghche, unverkürzte Form sich neuerdings in einem Papyrus aus Oxyrhynchos wiedergefunden hat, beobachtet man dies Wechselspiel alten Gedankenguts und neuer, eindrucksvoller Begründungsform besonders deutlich'^. 'Man soll überzeugt sein, daß das Glück des Menschen nicht in der Menge des Besitzes besteht, sondern in der rechten Verfassung seines Innern. Denn auch den Körper preist man nicht glücklich, weil er mit Kleidern glänzend geschmückt ist, sondern weil er gesund und in guter Verfassung ist, auch wenn es ihm an dem genannten Schmuck fehlt. In gleicher Weise soll man auch die Seele nur w-enn sie sittlich gebildet ist, und nur den Menschen, der dieses ist, glück- lich nennen, nicht aber einen Menschen, der mit äußeren Gütern glänzend geschmückt, aber selbst nichts wert ist. Man hält ja auch ein schlechtes Pferd, das ein goldenes Gebiß und kostbares Geschirr hat, darum nicht für wertvoll, sondern lobt mehr ein solches von vollkommener Verfassung'. Oder: 'Wie jemand, der seinen Sklaven geistig und moralisch nachstände, eine verächt- liche Figur wäre, so muß man auch diejenigen für unglückliche Menschen halten, deren Besitz mehr wert ist als ihre Person . . . Übersättigung gebiert Frevel, sagt das Sprüchwort. Und Un- >) Frg. 61R. 2) Feg. 57 R. vgl. Pap. Oxyrh. Bd. lY 83 ff. Verhältnis zum Stil und Bildungsideal des Isokrates 57 bildung, gepaart mit Macht und Besitz, erzeugt Torheit.' Diese Gedanken finden sich auch in nicht platonischer Lebensweisheit, doch die apodiktische Form der Entwicklung ist neu. Auch das mehrfache 'man muß überzeugt sein' ist ein Stilmittel der sophisti- schen Paränese. 'Sei überzeugt' beginnt Isokrates an Nikokles und der Verfasser des Protreptikos an Demonikos seine Sprüche nicht weniger als fünfzehn Mal. Die philosophische Analyse wird zeigen, wie außer dem unerschöpfhchen Schatz altgriechischer Spruchweisheit auch die platonische Ethik und Metaphysik von Aristoteles wirkungsvoll umgeformt wird. Der werbende Gehalt des Gorgias und Phaidon verschmilzt mit der gleichmäßig fort- schreitenden Prosaform des isokrateischen Protreptikos. Diese Sj'nthese ist die Frucht der Bemühung des jungen Platonikers, die technische Rhetorik als Lehrfach in der Akademie heimisch zu machen und zu einer wissenschafthchen Disziplin umzugestalten. So gewinnt der Protreptikos die Bedeutung einer Werbe- schrift für die platonische Schule und für ihr Lebens- und Bildungsziel. Die Kreise des Isokrates, der bisher die formale Geistesschulung durch Stil- und Redeübung mit der Unterweisung in den Grundsätzen der Moral und praktischen Staatskunst ver- bunden hatte, sahen sich einer neuen öffentlichen Konkurrenz gegenüber. Der Protreptikos bewies durch die Tat die Eben- bürtigkeit der Akademie auf rhetorischem Gebiet. Aber er mußte auch inhaltlich den Isokrateern als ein offener Angriff auf das Bildungsziel ihrer Schule erscheinen. Die polemischen Seiten- blicke des Isokrates auf das platonische Ideal ehier Erziehung der Jugend durch reine Philosophie, seine auf die Psychologie des Durchschnittsphilisters berechnete Anpreisung des banalen Nützlichkeitsstandpunkts in der Erziehung hatten allerdings eine Antwort der Akademie längst herausgefordert. Aristoteles wider- legte im Protreptikos den trivialen Satz, daß der Wert der Wissenschaft nach ihrem Nutzen für das praktische Leben zu be- messen sei. Aber überzeugender noch als durch die Schärfe seiner Syllogismen überwand er die Banausen durch den in jeder Zeile aufs neue erbrachten Beweis seiner geistigen Überlegenheit. Er zeigte, daß weder ein guter Sprachstil noch eine gesunde Lebens- gestaltung noch eine fruchtbare Staatskunst — die Ziele, zu denen Isokrates die Menschen zu führen vorgab — möglich sind ohne Festigkeit der letzten Grundlagen menschlicher Überzeugung. 68 Der Protreptikos Ivs scluMiil. (laß die Schule des Isokrates die Antwort nicht .schuldi^^ l)liel) und der Zufall der Überlieferung sie uns unter den Heden des Isokrates erhalten hat. Es ist die anonyme Mahnrede an Denionikos, das Machwerk eines subalternen Kopfes, zwischen deren Zeilen der reine Konkurrenzneid hervorschielt. Der Ver- fasser gibt sich durch das geistige Arsenal, dem er seine Waffen entnimmt, als Schüler des Isokrates zu erkennen — wesentlich später kann die Rede ihrer Topik und Anlage nach nicht ent- standen sein — und sie ist uns wohl nur deshalb erhalten, weil sie im Auftrag der Schule geschrieben ist. In der Einleitung'; entdeckt der Verfasser seine Absichten wie folgt. 'Die Leute, die an ihre Freunde die protreptischen Reden schreiben, versuchen sich zwar an einer edlen Aufgabe, allein sie handeln nicht von dem eigentlich wichtigsten Gebiet der Philosophie. Wer die Jugend statt zu bloß logischer Schulung des Geistes') dazu an- leitet, ihren Charakter zu bilden, bringt seinen Zuhörern weit größeren Nutzen. Jene erziehen sie lediglich zum formalen Denken, diese bilden ihre sittliche Gesinnung.' Welcher andere, von philosophischer Seite an einen Freund gerichtete, bewußt theoretische und zum Studium der Dialektik auffordernde Pro- treptikos läßt sich denken, der so berühmt geworden war, daß er dem isokrateischen Kreise gefährlich zu werden anfing, wenn nicht der des Aristoteles? Auf ihn paßt vor allem, was der Isokrateer über die weit- und lebensfremde Richtung des gegne- rischen Erziehungszieles sagt. Er war der erste philosophische Protreptikos und nach unserer Kenntnis der einzige, der grund- sätzlich die Streitfrage auf warf, ob man wirklich den Menschen nur für das 'Leben' erziehen solle und der kleinbürgerlichen Welt des Isokrates die kühne Forderung des ßiog d-£(0Qr]Tr/.ög entgegen- 1) [Isoer.] ad Demon. 3 2) Der Begriff der q>i?.oaoq>ia ist beim Verfasser der isokrateische, der mehr unserer allgemeinen Bildung nahekommt. Die Seivövi^g iv toTs A,ÖYoti; ond die äay.i]ats darin, die er verwirft, ist wie schon Wendland mit Recht be- merkt nicht die des Rhetors; er streitet nicht gegen einen nQoxQe7iTiv.bs nQÖg ^rjTOQix>,v, sondern gegen die logisch-dialektische Philosophie, vgl. Isoer. Hei. 2 wo diese Dinge ebenfalls als neQieQyia iv toig Änyoig bezeichnet werden. Die Antidosis-Rede faßt (258 ff.) Dialektik, Geometrie und Astronomie als den für die Gegner charakteristischen Bildungsgang zusammen und nennt sie, wie der Ver- fasser der Demonikos-Rede, zwar ganz nützlich zur geistigen Disziplinierung (265) doch nicht brauchbar zu großen Taten und Ideen. Gegenwirkung der isokrateischen Schule 59 stellte. Aber wir brauchen uns nicht mit allgemeinen Gründen zu begnügen, da die Abhängigkeit des Produkts von Aristoteles noch handgreifhcher festzustellen ist ^). ad Demon. 19 [iri xaxöy.vEi Ar. frg. 52 (p. 62, 7 R.) ov dij fiazgäv öööv 7ioQ£VEa&ai TiQÖg öel cpsvysiv (pü^ooocpiav, sijieq Tovg öiödoxEiv Ti xQrjöifiov Enay- eoxIv fj fikv (piXooo(pia xad^änsQ ysXAofiEvovg' aiaxQov yäq Tovg oiößE^a y.zfjaig te y,ai XQV^''£ ^^' fiEV i^JTÖQOvg xrjhzavTa nEläyij (piag, fj öe oocpia tmv fiEyiazwv diajlEQÜV EVE'Aa TOV TZÄElü) 7101 fj- dyad^OJV' OVÖE ÖeI XQ^lßdT(DV flEV oai vijv 'bnd.QXOvoav ovoiav, tovg eve'au tiXeIv sq)^ "HQaaXEOvg Ofi}- ÖE vEOiTEQOvg fir^ÖE tag aatä yrjv lag y.al noXldv.ig xlvövveveiv, öiä noQEiag vTiofiEVEiv etil Tq> ßsZ- ös (pQÖvfjoiv fir]Ö£V novEiv fir^öh t'kd xaxaaxfjGai xi]v avxdv öid- 6anavd2>. fj firjv dvöganoöcoÖEg voiav. yE xov ^f^v, d?.?.ä fiij xov ^tjv ev cf. § 19 init. ijyov xöv dxov- ylixEod^ai, xal xalg xojv tioXKüi' ofidxcov nolXd noXXibv Eivai avxbv dHoX^ov&Eiv öö^aig, d?Mi XQ^ßdxojv y.QEixxo)' xä fihv yäq fii] xovg noXX.ovg d^iovv xalg xaxEcog dnoX^EinEi, xä öe ndvxa ai>xov. xal xä [ihv XQVf^^'''^ ^V' xov XQ^^^'^ TiaQa^iEVEi. aocpia xeTv, xüv öe yaXwv fir]Ö£ßiav yäQ fiövov xGiV yxrjfidxov d&d- ETcifiiXEiav noiEia&ai xö naqd- vaxov. nav. Die Übereinstimmung zwischen beiden Stellen kann nicht zufällig sein, denn während bei Aristoteles das Bild von den geldhungrigen Seefahrern, die keine Gefahr scheuen, zu dem Gegensatze sehr gut paßt, den Menschen, die für die Pflege der höheren Güter {EnifiEXEia x(bv ya?Mv) Opfer bringen sollen, hat der Isokrateer es nur lose eingefügt, wie eben ein Rhetor stili- stische Lesefrüchte sammelt und wieder verwertet. Aber er hat nichts Rechtes damit anfangen können, seine Antithese wirkt ^) P. Wen dl and a. 0. 92S. hat in seiner vortrefflichen Behandlung der De- monicea auch auf ihre Beziehungen zu dem aristotelischen Protreptikos hin- gewiesen und unter anderem die im Text ausgeschriehene Parallele aufgezeigt. Daß sich die Demonicea wesentlich gegen den Protreptikos richtet und geradezu in der Absicht geschrieben worden ist, seinem Ideal ein anderes Ziel entgegen- zustellen, scheint mir die unabweisliche (von Wendland nicht gezogene) Konse- quenz dieser Beobachtungen. Es ist ja nicht nötig, daß das Echo zeitlich un- mittelbar dem Erscheinen des aristotelischen Werkes folgte, aber der Verfasser hat zweifellos noch zu Lebzeiten des Aristoteles geschrieben. Die Wirkung des Protreptikos nahm während der nächsten hundert Jahre dauernd zu (vgl. frg. 50 R.) und macht eine solche Auseinandersetzung durchaus verständlich. f,0 Der Protrcptikos ^ezwun^en und frosii^: er stellt dem von Aristoteles entlehnten liilde der nieerhefalirendon Händler die ungefährlichen Landreisen des Studenten gegenübei-, der nach Athen zur Hochschule fährt. Seine überraschende Ermahnung, 'viele Vorlesungen' seien mehr wert als 'vieles Geld', ist nicht einmal ganz unoriginell, denn in der Schule des Isokrates war das Kolleggeld teuer. 2. Fortleben und Rekonstruktion des Protrcptikos. J. Bernays' feinhöriges Buch über die Dialoge des Aristoteles hatte den Spürsinn der Philologen auf die Werke der Neuplato- niker gelenkt, deren Vorliebe für diese Schriften er an einigen i3eispielen zeigte. Es war ein schöner Erfolg, als 1869 der Engländer Ingram Bywater große Stücke des aristotelischen Protreptikos in dem gleichbetitelten Buche des Jamblichos nachwies, wo sie unter zahlreichen Exzerpten aus Piatons Dialogen verschüttet liegen'). Das Verhängnis wollte, daß Bernays seine Forschungen zu jener Zeit bereits abgeschlossen und sich mit seinem Ergebnis, der Leugnung einer platonischen Periode des Aristoteles, den Weg zum Verständnis der neuen Funde verbaut hatte. Auch der Ent- decker selbst, Bywater, stand ganz unter dem Eindruck der Ber- naysschen Beweisführung. Die Freude über den Fund trieb ihn zu rascher Veröffentlichung, ohne den Versuch einer sorgfältigen Abgrenzung der neuen Fragmente oder der Sicherung des Ge- wonnenen zu machen. Jamblich s Protreptikos ist ein philosophisches Lesebuch für Anfänger, zusammengestellt aus den Werken der Philosophen, deren Lehre den nachporphyrianischen Neuplatonikern als echt pythagoreisch galt. Dazu gehören außer ihnen selbst und den meist gefälschten Schriften der älteren, von ihnen zitierten Py- thagoreer vor allem Piaton und der frühe Aristoteles, die als echte Esoteriker angesehen wurden. Die Heiligkeit ihrer Schriften ist ein Beispiel derselben ungeheuren Macht der buchmäßigen Lehrtradition, die wir auch im gleichzeitigen Christentum und Judentum und dann im Islam antreffen. Aus lose verbundenen Stücken platonischer Dialoge, meist bekannten Stellen, ist ein bunter Teppich zusammengewoben. Dürftige Überleitungen in ») Journal of Philology Bd. 1155 ff. Die Reste des Protreptikos bei Jamblichos 61 stereotypen Wendungen lassen die Nähte überall auf den ersten Blick erkennen. Die dialogischen Stellen aus Piaton sind in fortlaufende Prosa umgeschrieben, wobei arge Ungenauigkeiten unterlaufen. Trotzdem Piaton und Aristoteles nicht ausdrücklich zitiert werden, ist von einem Täuschungsversuche keine Rede, da jeder Schüler die Piaton- und Aristoteles-Stellen kannte. Immerhin ist das Machwerk ein trauriger Beleg für den rettungs- losen Niedergang der literarischen Kultur und wissenschaftlichen Selbständigkeit jener Zeiten. Die Auszüge des aristotelischen Protreptikos, den Jamblichos schon als Vorbild der literarischen Gattung berücksichtigt, verdankt er eigener Lektüre. Die welt- flüchtige rehgiöse Stimmung des Buches lockte die Neuplatoniker an; sie sahen in ihm einen Beleg für den angeblichen Piatonismus des Aristoteles oder wenigstens ein Mittel zum Ausgleich der Gegensätze zwischen Piaton und der peripatetischen Lehre. Man kann geradezu von einer Renaissance des Protreptikos durch die Neuplatoniker sprechen, da fast jeder von ihnen diese Lektüre verrät ^). Wir kommen jetzt dazu, den Umfang der Auszüge bei Jamblich zu bestimmen, eine Arbeit, die nach Bj^water und Hirzel Hartlich versucht hat'). Der Hauptteil des jambhchischen Buches (cap. V— XIX) besteht aus Exzerpten platonischer Dia- loge. In der Mitte (cap. VI— XII) wird diese Reihe unterbrochen durch Auszüge aus Aristoteles. Sie stammen sämtlich aus einer verlorenen Schrift, in der schon der Entdecker Bywater richtig den Protreptikos erkannt hat. Die Identifikation selbst war nicht schwierig, da sich Stücke aus diesen Kapiteln ganz oder fast wörtHch bei Cicero, Augustin, Proklos und Boethius entweder unter dem Namen des Aristoteles angeführt finden, oder an aus- gesprochen protreptischen Stellen und in Schriften, für die die Benutzung des aristotehschen Protreptikos erweislich feststand. Hirzel und Hartlich haben unter dem Eindruck der in den Ex- zerpten herrschenden Unordnung behauptet, daß Jamblich außer dem Protreptikos noch andere Schriften des Aristoteles benutzt ^) Ein weiteres Beispiel werde ich demnächst in anderem Zusammenhang nachweisen. -} Hirzel, Hermes Bd. X 83 ff. De exhortationum a Graecis Romanisque scriptarum historia et indole disseruit Paulus Hartlich (Leipz. Studien Bd. XI H. 2 Lpz. 1889) 24nf. ^;i) Der Protreptikos haben müsse, ein Beweis dafür ist jedoch nicht erbracht worden. Außer IMafon und Aristoteles ist in cap. V noch ein Autor be- nutzt, «/a) des Lebens. Diese veranschaulichte Methodik hat ihr Vorbild im Gygesring der platonischen Politeia, der dazu ^) An zwei berühmten Stellen, wo er die Göttlichkeit und Seligkeit der reinen S-eoigla des Philosophen preist, mahnt Aristoteles die Menschen sieb nicht zu scheuen Unsterbliches und Göttliches zu sinnen (im Gegensatz zu dem alten hellenischen Mahnspruch), Metaph. ^2, 982 b28, Eth. Nie. JT 7, 1177 b 31. Sowohl der Eingang der Metaphysik wie die angeführte Partie des Schlußbuchs der Ethik schöpfen notorisch (vgl. S. 74 Anm. 1) eine Reihe von Gedanken und bezeichnenden Formulierungen aus dem Protreptikos, und protreptisch ist auch die aristotelische ümkehrung der alten Paränese im höchsten Maße. Nun schreibt der Verfasser des Protreptikos an Demonikos, der wie oben gezeigt wurde den aristotelischen an mehreren Stellen polemisch verwertet, § 32 äd^dvata ftiv eo)Qia als Endziel des Menschen d. i. als die Vollendung des menschlichen Wesens be- zeichnet. Denn auf die Frage, wozu wir geboren seien, hat er geantwortet: 'Um das Himmelsgebäude zu betrachten.' Auch Anaxagoras hat sich in gleichem Sinn geäußert. Das Anaxagoras-Apophthegma findet sich wieder in der Eu- demischen Ethik, und zwar so wörtlich, daß es entweder dorther zu Jamblich gekommen sein muß oder Jamblich uns die Vorlage der Endemischen Ethik erhalten hat. Dies letztere ist, wie sich später durch Analyse des ganzen Gedankengangs der Ethik zeigen *) J. Bernays, Ges. Abb. 1 23 hielt den Satz, die Kunst sei eine Nach- ahmung der Natur, für heraklitisch, weil der Verfasser JleQl xöa/nov 5,396 l»7ff. das Werden der cpvaig als harmonische Vereinigung von Gegensätzen erklärt und dies durch das Beispiel der Künste beweist, die nichts als eine Nachahmung der Natur seien. Aber das in diesem Zusammenhang vom Autor JIcqI nöaftov zitierte Heraklitwort av[i(p£Q6nevov öiaipcQÖfievov, avväöov öcäöov zeigt von einer solchen Anschauung nichts, sie ist, soweit es sich um den Rückschluß von der T^x'^V *u^ ^^'^ cpvaig als das Urbild der Nachahmung handelt, peripatetisch und hat nichts mit dem Ephesier zu schaffen. Eine ähnliche, aber verschieden- artige Lehre findet sich bei Demokrit (frg. 154), der die Menschen Schüler der Tiere nennt: der Spinne im Weben und Stopfen, der Schwalbe im Bauen und der Singvögel im Gesang (vgl. zum letzteren Lucr. V 1379, der auch die Koch- kunst V. 1102 und das Säen und Pfropfen v. 1361 aus Naturnachahmung herleitet, was sicherlich von Demokritos auf dem Wege über Epikur zu ihm gelangt ist). Um etwas völlig Neues handelt es sich bei Aristoteles. Bei ihm wird der Satz, daß die Kunst eine Nachahmung der Natur sei, auf den teleologischen Charakter alles menschlichen Schaffens bezogen und in der teleologischen Naturauffassung verankert. Die Kunst als Nachahmung der Natur 77 wird, in der Tat der Fall. Auch hier ist in der Endemischen Ethik der Protreptikos wiedergegeben, und damit ist dieser als Ursprung nicht nur des Apophthegmas des Anaxagoras, sondern des ganzen Beweises, zu dem es gehört, gesichert. Dazu kommt noch eine indirekte Bestätigung. Die Lehre von der Kunst als Nachahmung der Natur findet ihre weitere Ausbildung in der Theorie des Poseidonios von der Entstehung der Kultur, die uns Seneca im 90. Brief im Umriß erkennen läßt. Er hat zur Verbreitung der aristoteHschen Lehre vom stufenweisen Aufstieg der Künste im späteren Altertum viel bei- getragen: von den lebensnotwendigen zu denen des Genusses und von da zur reinen d'scoQia. Es ist mit gutem Grund ver- mutet worden, daß diese Anschauung des Poseidonios im Protrep- tikos vorgetragen wurde ^). Ist diese Hypothese richtig, so hat er auch in diesem Punkte an die Lehre des aristotelischen Pro- treptikos angeknüpft. Auf die besondere Nuance, die er in die Lehre des Aristoteles hineinlegt, kommt hier nichts an, wichtiger ist es, daß die Zurückführung der Lehre von den Kulturfort- schritten als Erfindungen der Philosophie auf Poseidonios' Pro- treptikos durch das aristotelische Vorbild eine wesentHche Stütze erhält. Mit dem Nachweis, daß auch der Rest der Aristoteles-Exzerpte bei Jamblich (cap. X — XII) aus dem Protreptikos geschöpft ist, kann ich mich kürzer fassen, cap. X geht aus von dem vorhin als aus dem Protreptikos stammend erwiesenen Satz, daß die texvf] eine Nachahmung der q)vaig sei. So erfordert auch die Wissenschaft des Politikers eine philosophische Grundlegung, denn sie bedarf noch mehr als etwa die des Arztes des Ausgehens von der (pvoig imjeigentlichen Sinne des Wortes, dem wahren Sein. Nur diese Erkenntnis kann ihm Einsicht verschaffen in die letzten Normen (öqoi), nach denen sein Handeln sich zu richten hat. Die Politik kann eine exakte xixvr] nur dann werden, wenn sie ganz Philosophie wird. Diese Stelle über das Exaktheitsideal der reinen Wissenschaft ist, wie oben (S. 71) gezeigt, neben andern Teilen des Protreptikos in der Einleitung des I. Buchs der Meta- physik wiedergegeben. Die platonisierende Fassung des Gedankens *) Vgl. Gerhäußer, Der Protreptikos des Poseidonios, Diss. Heidelb. (Münch. 1912) 18 ff :t^ Der Protreptikos hei .laMiblicli ist in der Metapliysik absichtlich entfärbt, aber ge- rade sie paßt für den Protreptikos, wie die philosophische Inter- pretation der Bruchstücke (8,92) im einzelnen zeigen wird. Daß diese l'arlie nicht etwa ihrer platonischen Färbung wegen dem neu- platonischen Exzerptor zugeschrieben werden darf, ist auch von ilirzel und Diels anerkannt. Die Gedanken sind dazu zu originell. Besonders geeignet für die Schrift an einen praktischen Politiker ist der Hinweis, daß die Politik nur auf wissenschaftlicher Grund- lage betrieben und als normative Disziplin aufgefaßt aus ihrer gegenwärtigen Unfruchtbarkeit und Haltlosigkeit befreit werden könne. Dieser Gedankengang gipfelt in dem Nachweis ihres letztlich theoretischen Charakters. Nicht die bloße Analogie der Erfahrung, sondern die theoretische Erkenntnis der höchsten Normen allein ist die Grundlage einer schöpferischen Politik. Die Polemik gegen die bloßen Empiriker, welche nichts höheres kennen als die sog. Musterverfassungen (euvof.iiai) von Sparta und Kreta — damit scheint Isokrates und die sophistische Staats- lehre gemeint zu sein — ist auch hier das Leitmotiv. Sie läßt uns erkennen, daß die kritische Auseinandersetzung über die drei Idealverfassungen (Sparta, Kreta, Karthago), welche jetzt das II. Buch der aristotelischen Politik füllt, sachlich bereits in die aka- demische Periode zurückreicht. Das hochinteressante Bruchstück früharistotelischer Politik, das wir hier gewinnen und das trotz seiner platonischen Voraussetzungen doch wegen seines über- wiegend methodischen Interesses kein anderer Platoniker so ge- schrieben haben könnte, beweist, daß der Protreptikos unmittel- bar auf die politischen Ziele der Akademie Bezug nahm. Es war oberflächlich, aus dem 'politischen' Inhalt schließen zu wollen, daß das X. Kapitel aus einer rein politischen Schrift des Aristoteles stammen müsse. Nicht der Inhalt, sondern der Ge- sichtspunkt, unter den er gestellt ist, gibt die Entscheidung. Und gerade durch diesen Gesichtspunkt — die Betonung des theo- retischen Charakters der normativen Politik — ordnet sich das Fragment dem Lobpreise der reinen d-eojQia im Protreptikos ein. Das XL Kapitel handelt von dem Verhältnis der (pQÖvriaig zur Lust. Man fand das Kapitel nicht für einen Protreptikos passend, weil dieser xvTiog sich in späteren Protreptiken nicht findet. Aber diese Methode ist an sich unrichtig. Was in einen Protreptikos der platonischen Schule gehörte, kann nicht Auch Jamblich c. X— XII sind Protreptikosauszüge 79 aus den Gemeinplätzen späterer Protreptiken der Kaiserzeit mecha- nisch abgeleitet werden. Diese in der Literaturforschung nur zu schwunghaft angewandte Methode führt gegenüber einer indi- viduellen, aus dem Zwang der Sache hervorgehenden organischen Form wie der der platonischen oder aristotelischen Schriftstellerei nirgendwo zum Ziele. Daß in einen Protreptikos, der die pla- tonische Erkenntnis ((pQÖvtjoig) als die wahre Seligkeit nachweisen will, die in der Akademie herkömmliche Auseinandersetzung über das Verhältnis von (pQÖv7]aig und f}öovri gehört, ist eigent- lich selbstverständlich, da die These auf anderem Wege gar nicht zu beweisen ist. Ein lustloses Glück vermochte sich Aristoteles nicht vorzustellen, es bedurfte also der Untersuchung, welche Art von Lust die cpQÖvijoic, zu geben vermag. Dieses Problem, das schon im Staate ') und dann im Philebos ausführlich behandelt worden war, ließ sich bei der Begründung eines Lebensideals des reinen Schauens nicht ausschalten. Auch die Nikomachische Ethik hat im X. Buch, wo der d-£0}Qt]tixög ßiog als die wahre Eudämonie nachgewiesen wird, das Verhältnis der vollendeten Tätigkeit zur Lust und besonders die reine Lustempfindung, die das Erkennen begleitet, untersucht. Wir haben vorhin erwiesen, daß dieser Teil des X. Buches vom Protreptikos, mit dem er im Thema übereinstimmt, z. T. inhaltlich abhängig ist. Die Lust der d-£0)Qia gehörte also unbedingt zum Gegenstande des Protrep- tikos. Endlich wird auch durch den Nachweis der Benutzung des Protreptikos in der Endemischen Ethik der Beweis für die Unentbehrlichkeit des Abschnittes über die Lust erbracht werden. In der Ethik wie im Protreptikos werden (pQÖvt]oig, fjöovi], aQETi) als die drei möglichen Arten der Eudämonie nebeneinander ge- stellt. Der Nachweis des Protreptikos gipfelt darin, daß das Leben des reinen Schauens die Forderungen jedes dieser drei Ideale am vollkommensten befriedige. Das Schauen des Protrep- tikos bedeutet nicht nur den Gipfel der philosophischen Er- kenntnis, sondern auch die Vollendung der sittlichen Entwick- lung des Menschen und die reine Seligkeit ununterbrochener geistiger Freude. Es ist unmöglich, aus diesem Gedankenbau ein Glied herauszulösen, ohne ihn im ganzen zu zerstören. Da- mit ist auch der erste Teil des zwölften Kapitels als Auszug aus dem aristotelischen Werk erwiesen. ') Plat. Resp. VI 506 B gO Der Protreptikos Gewiß ist es nicht zu kühn, wenn man sich den Protreptikos wie die späteren Stücke gleicher Gattung in der Schilderung der vita heata gipfelnd vorstellt. In diesem Aufbau liegt eine sach- liche und stilistische Notwendigkeit, die dem Schluß vom Späteren und Abgeleiteten auf das Frühere und Primäre seine Gefährlich- keit nimmt. Und was gäbe man darum, diesen Epilog zu lesen, wo Aristoteles zur Höhe seiner letzten Gewißheiten emporschritt. Aber wenn man die jetzt bei Jamblich folgenden Schlußworte (S. 60, 7 — 61,4) für Aristoteles hat ausgeben wollen, so ist der Wunsch stärker gewesen als die kritische Überlegung *). Schwung- voll mögen die Sätze sein, selbst enthusiastisch, aber es ist nicht der gebändigte Schwung des Aristoteles, der sich niemals des strengen Rhythmus apodiktischen Gedankenfortschritts begibt, weil die Strenge ihm höher steht als der höchste Enthusiasmus, von dem doch viele seiner Beweise fühlbar überquellen. Die meisten Einzelzüge bei Jamblich könnten zwar an sich gut aus dem Protreptikos genommen sein und sind es vielleicht: die Widernatur unsrer irdisch-leiblichen Existenz, die Kärglichkeit all unsres Erkennens und Wissens, der Gegensatz unsrer jetzigen unsicheren Daseinsstätte zu jenem Ort, von wo wir stammen und wohin wir streben, das Mißverhältnis der Arbeit, die wir auf die Erringung des zum äußeren Leben Nötigsten verwenden müssen, und der für das allein Wertvolle, Ewige aufgewandten Mühe. Aber die lockere assoziative Verbindung dieser Vorstellungen zum erbaulichen Hinweis nach droben, die Gedankenflucht, die man an ihnen spürt, die priesterliche Salbung, womit feierliche Piaton- worte eingestreut werden, und einzelne deutlich neuplatonische Wendungen wie der 'himmlische Pfad' und das 'Reich der Götter,' schließlich die geschwätzige Breite gegen Schluß, die das Ende nicht finden kann, verraten die jamblichische Übermalung. Dann folgen Exzerpte aus Piaton. 3. Die Philosophie des Protreptikos. Der Protreptikos behandelt kein einzelnes Problem, seine über die Grenzen der fachlichen Philosophie hinausreichende Be- deutung liegt vielmehr in der Allgemeinheit der Lebensfrage, die er auf wirft: der Fragre nach dem Sinn und Daseinsrecht der ') Hartlich a. 0. 254ff. Wissenschaft und Leben gl Philosophie und ihrer Stellung im Ganzen des Menschenlebens^). Nicht als ob die platonische Philosophie die Menschen zum ersten Mal vor diese Frage gestellt hätte, die in der Legende um Thaies, Anaxagoras, Pythagoras und Demokrit beharrlich wiederkehrt. Aber jede Wiederkehr des echtwissenschaftlichen Menschentypus läßt sie in neuer Auseinandersetzung mit der Umwelt leiden- schafthch wieder aufleben, denn in seiner entschiedensten Form bleibt der d^sojQi^TiHÖg ßiog ein Postulat des geborenen Forscher- tums, das nur immer wieder erlebt, aber wohl niemals vor dem gemeinen Menschenverstand gerechtfertigt werden kann. Es gehört dazu ein starker Überschwang des Glaubens an die Kraft der Erkenntnis, den der sie findet höher zu heben, als Menschen sonst zu gelangen vergönnt ist. Aus diesem Überschwang, dem nichts fremder ist als der intellektuelle Hochmut der Zunftgelehrten^ ist die Schrift des Aristoteles geschi'ieben ; das Erlebnis, von dem sie Zeugnis ablegt, ist nicht irgend welches Allerweltsgelehrten- idyll, sondern die Seligpreisung dessen, der mit Piatons Augen die Welt zu sehen gelernt hat. So wird sie zu einer Verkündigung des platonischen Lebens und des Weges zu ihm, der platonischen Philosophie. Für uns hat sie den Vorzug, das Bekenntnis aus Aristoteles' eigenem Munde zu sein, nach welchem wir suchen. Es ist kein Zufall, daß gerade einer der jüngeren Akademiker- generation die Rechtfertigung des wissenschaftlichen Lebens- ideals vor der Außenwelt unternimmt. Diese Generation hat den alten Konflikt von Forschung und Praxis mit erneuter Heftigkeit erfahren. Piaton selbst verleugnet niemals, auch in seinen theoretischsten Perioden nicht, daß er bei Sokrates in die Schule ^) In der Auffassung der Philosophie des Protreptikos muß ich mich außer gegen J. Bernays' harmonisierende Auslegung gegen H. Diels Arch. f. Gesch. d. Philos. 1 493 wenden, der damals in den Fragmenten die sichtbaren Spuren platonischer Denkweise in bloße Ornamente platonischer Stilistik abzuschwächen suchte. Das Richtige hatte, wenn auch sehr zaghaft, R. Hirzel Hermes X 98 vermutet, er wagte aber nicht dem herrschenden Vorurteil folgerichtig entgegen- zudenken und wurde von Diels zum Schweigen verwiesen. Die spätere Wand- lung der Dielsschen Ansicht in Bezug auf die Entwicklung des Aristoteles zeigt sich deutlich Zeitschr. f. vergl. Sprachforsch. Bd. XLVII 201 A. 4, wo er auf Grand der Ergebnisse meiner Entstehungsgeschichte der Metaphysik eine pla- tonische Periode des Aristoteles anerkannt hat. Doch die exoterischen Schriften führen z. T. in noch frühere Zeit und bilden auch inhaltlich die Vorstufe zu dem kritisch revidierten Platonisraus der ältesten Schichten unserer Lehrschriften, J a eger: Aristoteles. 6 g2 Der Protreptikos gegangen ist, der vom Gewissen und von der Not des Lebens getrieben seine peinlichen Fragen an die Mitmenschen richtete. Piatons Philosophie wurzelt in den gleichen Nöten der Zeit und des praktischen Lebens, nur ihr Gipfel, die Erkenntnis der Ideen, ragt in die Region der reinen theoretischen Wissenschaft hinauf. Aus der sokratischen Forderung des Tugendwissens wird nun der Primat des schöpferischen Intellekts, der das reine Sein erschaut und danach das Leben umgestaltet. Jedem anderen Leben wird das Recht auf dieses Wort bestritten. Nicht darum handelt es sich, den unentwegt Praktischen zu beweisen, daß auch die theoretische 'Begabung' eine gewisse Daseinsberechtigung habe und mit unterlaufen dürfe, weil sie niemand wehe tut, sondern um den kühnen Glauben, daß ein seines Namens würdiges Leben nur in der Erkenntnis der höchsten Wahrheit begründet werden könne. An dieser Forderung hält Piaton auch da noch fest, wo er sich ausschließlich der Forschung zugewandt hat und nicht mehr reformatorisch in die Wirklichkeit eingreift. Die junge Generation jedoch, die ausschließlich in dieser Lebensferne auf- wächst, muß sich die Frage nach dem Wert des d-ecoQrjTixög ßiog von neuem stellen. Sie muß ihn wesentlich im Innern, im reinen Glück der d^ecoQia und in der Vereinigung des Geistes mit dem Ewigen suchen. Das ursprünglich so reformfreudige platonische Ideal erhält so eine Wendung ins Kontemplativ-Religiöse. Der Begriff, der die Einheit von Lebensführung und theore- tischem Erkennen bezeichnet, durch die allein dies überschwäng- liche Wissenschaftsideal zu rechtfertigen ist, ist die (pq6vr]0Lq. Er steht im Mittelpunkt der Schrift, die sich um die Möglichkeit, um den Gegenstand, den Nutzen, das Wachstum, das Glück dieser Erkenntnisart dreht. Man kann sie erklären als ein schöpferisches Erkennen des reinen Guten durch innere An- schauung der Seele und gleichzeitig als ein Erkennen des reinen Seins, mithin als Ableitung des werthaften Tuns und des wahren Erkennens aus der gleichen seelischen Grundkraft. Dieser Be- griff, eine der ideae innatae der griechischen Seele, hat eine lange Entwicklung durchgemacht, keine Zeit aber hat ihn seiner Erfüllung näher gebracht als die von Sokrates bis Aristoteles. Seine Bedeutung im Protreptikos ist rein platonisch. Seit langem zerspalten in einen ökonomisch-praktischen und einen moralisch- religiösen Kernkomplex, wird er eben dadurch zum Kristallisations- Entwicklung der Q6vrjaig im System der dianoetischen Grundkräfte der Seele ist in der Ethik (Buch VI) ein breiter Raum gewidmet. Die Polemik blickt allenthalben zwischen den Zeilen durch. Aristoteles führt die cpQÖvijaig auf den gewöhn- lichen Sprachgebrauch d. h. auf die vorplatonische Bedeutungs- stufe zurück. Er nimmt ihr jede theoretische Bedeutung und gi-enzt ihren Geltungsbereich scharf gegen den der aoq)[a und g4 Der Protreptikos des focg ab '). Im allgemeinen Sprachgebrauch ist sie ein prak- tisches Vermögen, das ebenso auf die wohlberechnete Wahr- nehmung des persönlichen Vorteils wie auf die Wahl des sittlich Ersprießlichen bedacht ist. Dies ist die spätere Terminologie des Aristoteles; wenn er jetzt auch den Tieren (pQÜvrjaig zugesteht, so hat er sich damit am weitesten vom Standpunkt seiner früheren Periode entfernt"). In ethischem Zusammenhang ist sie eine habituelle Beschaffenheit des Geistes, die mit der praktischen Über- legung alles dessen zu tun hat, was das Wohl und Wehe des Menschen °) betrifft (egig JiQaxTixrj). Er schärft jetzt ein, daß sie kein Denken, sondern ein Reflektieien ist, daß sie es nicht mit dem Allgemeinen, sondern mit den unwiederholbaren Einzelheiten des Lebens zu tun hat, daß sie also nicht das Wertvollste und Höchste im Universum zum Gegenstand hat und überhaupt keine Wissenschaft ist*). Alles dies bedeutet den offenen Widerruf der platonischen Ansichten des Protreptikos. und während er dort die Metaphysik umschreibt als t/)s loiavxric, d^r^^eiag (pQÖvi]Gig otav Ol T£ TiEQi \iva^ayÖQav xai UaQfieviö'ip eiaip/rjoavTo, stellt er hier ausdrückUch fest, man nenne Leute wie Anaxagoras und Thaies aoq>öi und nicht (pQÖvifioi, weil sie sich gerade auf den eignen Nutzen nicht verstanden, sondern die ewigen Gesetze des Alls erforscht hätten ^). Hinter diesem Wandel der Terminologie verbirgt sich der W^andel der metaphysischen und ethischen Grundanschauung des Aristoteles. Für Sokrates bedeutete g)QÖvi]aig das sitthche Ver- nunftvermögen, in Anlehnung an den gemeinen Sprachgebrauch, den die Nikomachische Ethik wieder in seine Rechte einsetzt. Indem Piaton die Natur dieser sittlichen Einsicht genauer anal}-- sierte und sie aus der x^ecjQia der ewigen Normen, letzten Endes des äyad^ov ableitete, verwandelte er sie zwar in ein wissen- schaftliches Erkennen als objektiv gedachter Gegenstände; doch er hatte ein Recht, für dieses theoretische Weissen den Namen (pQÖvr]oig beizubehalten, insofern die Erkenntnis des wahren Seins eben eine Erkenntnis der reinen Normen war, im Hinblick auf ') Eth. Nie. Z5S., der Sprachgebrauch wird betont 1140 a25, 29, b8, 10, 11. 1141 »25, 27, bö *) Eth. Nie. ZI, 1141 a27 ") Eth. Nie. Z 5, 1140 b20, ^4 *) Eth. Nie. Z 8, 1141 b9, 14. 1141 a21, 33ff. 1142 a24 *) Frg. 52 (p. Ö9,3R.) Eth. Nie. ZI, 1141 ^d—ö Wandel des q>Q6yijaig-BegriSs bei Aristoteles 85 die man leben sollte. In der Schau der Ideen fällt Sein und Wert, Wissen und Handeln zusammen. Mit dem Preisgeben der Ideenlehre verliert die Dialektik ihre für Piatön wesentliche un- mittelbare Bedeutung für das menschliche Leben, denn Sein und Wert fallen jetzt auseinander. Metaphysik und Ethik scheiden sich weit schärfer als bisher '). Piatons durchgängige Begründung des sittlichen Tuns auf die Seinserkenntnis erscheint von hier aus rückschauend gesehen 'intellektualistisch'. Aristoteles macht zwischen beiden einen Strich. Er entdeckt die psychologischen Wurzeln des sittlichen Handelns und Werfens im ^d-og, dessen Untersuchung jetzt in den Vordergrund des seither sog. ethischen Denkens rückt und die transzendente (pQÖvijatg verdrängt. Es vollzieht sich die folgenreiche Scheidung der theoretischen und praktischen Vernunft, die in der (pQÖvrjaig noch ungeschieden mit- einander eins waren. Aus dieser Perspektive der Entwicklung ergibt sich mit Not- wendigkeit, daß Aristoteles im Protreptikos noch auf dem Boden einer anderen Metaphj^sik stehen muß. Ist der Bruch mit der einseitig theoretischen Begründung des sittlichen Lebens und mit dem Primat der platonischen (pQovTjmg, den die Nikomachische Ethik vollzieht, eine Folge der Preisgabe der Ideenlehre, so muß der Protreptikos, der noch ganz unter der Herrschaft des q)QÖvijoig- Begriffes im alten Sinne steht, noch in der platonischen, ethischen Metaphysik, der Einheit von Sein und Wert wurzeln. In der Tat ist alles Wesentliche dort platonisch, nicht nur im Sprach- gebrauch, sondern auch in der Sache. Nirgendwo sonst billigt Aristoteles die akademische Einteilung der Philosophie in Dialektik, Physik und Ethik, die er nur in der Topik gelegentlich streift, einem Buche, das vermutlich seinen frühe'sten Anfängen an- 1) Dies gilt mit Bezug auf alle spezifisch menschlichen Werte, aber nicht hinsichtlich des absoluten Wertes oder Gutes. Im Gottesbegriff koinzidieren auch für Aristoteles — hieriu bleibt er zeitlebens Platoniker — Sein und Wert im absoluten Sinne des Wortes: das höchste Sein ist zugleich das höchste Gut. An diesem von der menschlichen Sphäre entferntesten Punkt ragt also noch die Metaphysik in die Ethik, die Ethik in die Metaphysik hinein. Aber die Per- spektive ist völlig verschoben, nur in weiter Ferne taucht der ruhende Pol am Horizont des Daseins auf, letzte Richtung weisend. Der Zusammenhang dieser Metaphysik mit der einzelnen n^äitg ist zu locker, um für sie die Be- zeichnung (fQövijais noch zu rechtfertigen. SQ Der Protreptikos gehört ' ). Von der psychologisch ausgebauten Tugendlehre der Ethik, der ersten wirklichen Philnomenologie der Moral, findet man noch keine Sj)iir, statt ihrer stößt man auf die konstruktive Lehre Piatons von den vier Tugenden'). Entscheidend ist aber, was der Protreptikos über die Methode der Ethik und Politik sagt. Die Gegner der Philosophie, die dort auftreten, nennen die Ethik, als wäre das etwas Selbstverständliches, im Sinne Piatons eine Wissenschaft vom Ungerechten und Gerechten, vom Schlechten und Guten, ähnlich wie die Geometrie und die übrigen ihr ver- wandten Wissenschaften*). Aristoteles lenkt damit die Aufmerk- samkeit auf einen Punkt, der offenbar den stärksten Anstoß er- regt hatte, die Auffassung der Ethik als einer exakten Wissen- schaft. An einer anderen Stelle bezeichnet er die Politik, die von der Ethik nicht getrennt werden darf, als eine Wissenschaft, die nach absoluten Normen (öqoi) forscht. Er stellt die philo- sophische Politik den texvai gegenüber, die nur ein abgeleitetes Wissen haben. Zu ihnen rechnet er auch die übliche empirische Politik, die nur nach den Analogien der Erfahrung urteile und deshalb niemals ein schöpferisches Handeln erzeugen könne.. Die philosophische Politik hat 'das Exakte an sich' zum Objekt. Sie ist eine rein theoretische Wissenschaft*). Dies mathematische Exaktheitsideal widerstreitet allem, was Aristoteles in seiner Ethik und Politik über den methodischen Charakter beider Wissenschaften lehrt. Er bekämpft in der Niko- machischen Ethik ausdrücklich die Forderung einer Exaktheit der ^) In frg. 52 (p. 60, 17R.) werden bei dem Nachweis, daß wir wirkliches Wissen gewinnen können, deutlich geschieden 1) iniatrjftr) negl lüv Sinaltov xal iü)v avfKfEQÖvTcov 2) Tiegl (pvoecog 3) negl ir^g äÄÄrjg dÄrj&eias. Es fehlt dem Aristoteles noch ein Ausdruck für die erste Philosophie vgl. 59, 1— 4R., wo ihr Begriff ebenfalls neben der Wissenschaft vom Gerechten und Ungerechten und der Wissenschaft von der Natur umständlich umschrieben wird. Die plato- nische Bezeichnung Dialektik ist ihm jedenfalls nicht charakteristisch genug, da sie die Ontologie nicht von der Ethik und Politik unterscheidet, sie enthält auch in sich keinerlei Hindeutung auf ein Objekt und wird deshalb von Aristoteles auf die objektlose formale Logik beschränkt. Der Dreiteilung entspricht der Beweis 1) neQi oiaiag p. 60. 21— 6i, IR. 2) neQl rpvyjjS ö.Q£Tä>v p. 61,2— 8R. '^) neQl (fvaeoig p. 61,8— 17R. Top. vi 14. 105 l> 20 ff. unterscheidet Aristoteles TiQOTdaeig f]&iiial, g>vacy.ai, Xoyiv.ai (auch hier ist nicht 6i,aXey.xiY.ai gesagt vgl. Xenokr. frg. 1 Heinze). ') Die vier platonischen Tugenden frg. 52 (p. 62, IR.), frg. 58 (p. 68,6—9) »j Frg. 52 (p. 58,23) *) Jambl. Protr. p. 55,1 und 55. 6 ff. (Pistelli) Entwicklang der Methode der Ethik 87 Methode, die mit der Natur des Gegenstandes nicht vereinbar sei. In dieser Hinsicht stellt er die Ethik und PoUtik eher der Rhetorik als der Mathematik gleich^). Sie kann immer nur typische Allgemeinheit erreichen, ihre Schlüsse gelten nicht aus- nahmlos, höchstens in der Regel. Je allgemeiner, desto inhalt- loser und unwirksamer, lautet das Urteil der späteren Ethik über das methodische Ideal, das Aristoteles noch im Protreptikos ver- tritt'^). Überhaupt ist fast jedes Wort in polemischer Neben- absicht geschrieben, das in der Nikomachischen Ethik hierüber gesagt wird. Wir müssen sie erst einmal mit diesem Bewußt- sein lesen lernen. Im Protreptikos hieß es, der philosophische Politiker unterscheide sich vom Politiker gewöhnlichen Schlages durch die Exaktheit seiner Normerkenntnis, denn er sei ein Be- trachter der Dinge an sich, der sich nicht mit den bunten Ab- bildern der empirischen Wirklichkeit zufrieden gebe. An diese Stelle klingt eine Ausführung der Nikomachischen Ethik mit Ab- sicht fast wörtlich an, wo diese Ansicht in ihr genaues Gegenteil verkehrt wird. Man müsse unterscheiden zwischen der Art, wie der Geometer und wie der Zimmermann (d. h. der Empiriker) eine Gerade messe. Der erstere sei ein Betrachter der Wahrheit an sich, der letztere frage nur soweit nach der Natur der Geraden, als er es für seine praktischen Zwecke nötig habe. Und mit ihm, nicht mit dem Geometer^ vergleicht Aristoteles die ethisch-politische Wissenschaft! Das platonische Methodenideal einer Ethik tnore geometrico wird hier scharf zurückgewiesen, während es im Pro- treptikos noch unbestritten herrscht"). Ebenso polemisiert Aristo- teles an den Stellen der Ethik gegen seine frühere platonische Anschauung, wo er betont, wieviel wichtiger die praktische Er- fahrung für den Politiker und selbst für den Hörer ethischer Vorlesungen sei als theoretische Bildung*). Aus späterer Zeit ') Eth. Nie. A 1, 1094 b 11—27; A 13, 1102 »23 2) Eth. Nie. Bl, 1107 »29 ') Eth. Nie. A 7, 1098 ^2& fiefivfjad-ai 6k Kai tuiv nQoeiQrjfidvojv ^Qi] Kai lijv &Kplßeiuv f*i] 6fioio)g iv ÜKaaiv iTii^rjveiv, dÄÄ' iv iKdavoig Kaiä Tyv bnoKeif^^vTjv ßÄi]v Kai inl Toaovtov, iq)' 5aov oIkbIov tf/ fiex)^66(p. xal yuQ tiKt(ov Kai ye(0f4,€[Qr]g öiatpsQÖvtwg dTii^rjTovai tijv 6q&i]v. 3 f^hv yuQ i(p' 6aov XQ'rioifiri TiQÖg id i'Qyov, 3 dt li iativ ^ nolöv zi. d'earijg yccQ rciÄTj&ovg. töv aiiTov örj T(iÖ7iov y.al iv loXg äÄÄoig noiijTeov, önag fii] zä ndQEQya zu>v i^ycov TtÄelio yivr]tai vgl. Jambl. Protr. p, 55, 1 — 14. ■*) Eth. Nie. KIO, 1181 ai u 10. ^13, 1102 aigff. f^3 Der Protreptikos stammt aucli die Äußerung: für einen König sei philosophieren nicht nötig, sondern eher liinderh'ch, er solle aber wahrhaft pliil()soj)hisclien Hatgehern sein Ohr leihen. Sie rührt wahr- scheinlich aus einer Denkschrift an Alexander her und scheint sich auf eine bestimmte Situation zu beziehen, die man in die Zeit des Asienzuges setzen wird'). Zwischen diesem Rat und dem Schreiben an Themison, das ihn zum theoretischen Ideen- politiker machen will, liegt eine Wandlung der Grundlagen des aristotelischen Denkens. Das Ideal einer geometrischen Ethik war nur auf dem Boden der späteren Ideenlehre denkbar. Wissenschaft ist für Piaton Messen. Unter einer exakten Wissenschaft versteht er eine solche, die die Dinge an einem absoluten, schlechtliin bestimmten Maße mißt. Das Unbegrenzte {äjteiQov), die Vielheit der Sinnen weit, ist daher niemals Gegenstand einer reinen Wissenschaft. Der Philebos zeigt, wie der alte Piaton die Ethik durch das Prinzip der Grenze (neQag) und des Maßes {(iexqov) zum Gegenstande einer exakten Wissenschaft nach mathematischem Vorbild zu machen strebt. Der Gedanke des Messens kehrt dort überall wieder, er ist das Kennzeichen des mathematischen Stadiums der Ideenlehre. Weil alles Gute meßbar und begrenzt, alles Schlechte unmeßbar und unbegrenzt ist, sowohl im Kosmos wie in der Seele, ist die Politik und Ethik des späten Piaton im eigentlichen Sinne eine theoretische Wissenschaft vom Maße und von der Norm. Im zweiten Buch des verlorenen Politikos schrieb Aristo- teles: Das Gute ist das allerexakteste Maß**). Diesen Satz führt der Platoniker S3U'ian gegen ihn selbst ins Feld. Er will damit beweisen, daß Aristoteles zu anderen Zeiten größeres Verständnis für die platonische Lehre gehabt hätte. Nichts anderes meint Aristoteles im Protreptikos mit der Exaktheitsforderung und der Bezeichnung der Politik als reiner Normwissenschaft. Es ist die Philosophie des Philebos, der an die erste Stelle der GütertafeP) das Maß ifiexQov) setzt, an die zweite das irgendwie am i\Iaß Meßbare {ovfiiiETQov), an die dritte die es erkennende Vernunft ») Frg. 647 R. ") Frg. 79 R. Die von Rose nicht mitausgeschriebenen Worte Syrians sind wichtig, weil sie zeigen, daß der Widerspruch dieses Satzes mit der späteren Lehre des Aristoteles von ihm deutlich empfunden wurde. «n Phil. 66 A. Die früharistotelische Ethik more geometrico 89 {(pQovriaig). Die Idee des Guten war in der Politeia der Grund des Seins und der Erkennbarkeit fiir die gesamte reale Welt. Sie ist dies nach dem Philebos und nach Aristoteles' Politikos dadurch, daß sie das höchste, allgemeine Metron und die reine Einheit ist, durch welche die Welt der Ideen begrenzt und 'symmetrisch', mithin seiend, gut und erkennbar ist. Alles Unbegrenzte ist vor ihr ausgeschlossen. Es bleibe hier außer Betracht, wie weit Piatons spätere Auffassung der Ideen als Zahlen an dieser Lehre Teil hat. Aristoteles erwähnt sie im Protreptikos mehrfach. Seine spätere Ethik, welche keine allgemeingültigen Normen anerkennt, auch kein Messen zuläßt außer dem individu- ellen, lebendigen Maßstab, der in der autonomen sittlichen Persön- lichkeit liegt, und deren g)QÖvi]Gig es nicht mit dem Allgemeinen (y.ad-öP.ov), sondern mit dem Einzelnen (xad-^ exaaiov) zu tun hat, ist das bewußte Gegenteil der im Protreptikos und Pohtikos ver- tretenen Anechauung '). Der Satz: das Gute ist das allerexakteste Maß, sagt genau dasselbe wie der Ausspruch des alten Piaton in den Gesetzen: Gott ist das ^laß aller Dinge, der in zuge- spitzter Wendung gegen den Satz des Protagoras, der Menscli sei das Maß aller Dinge, die absolute Norm auf den Thron der ^) Eth. Nie. P 6, 1113 '^29 ö anovöaiog yäg iKaata »givsi ÖQ&aig y.al iv iy.daioig T&ÄrjS-ks airct) (paCvezai . . . y.al SiucpeQsi nÄETaiov Tacog 6 anovöaiog T(Jj TÖ dÄrjd^eg iv iy.daTotg ÖQäv, u>GneQ y.avojv y.al ^ietqov aitüiv &v. A 14, 1128^31 6 Sij x'^Q^^^S ''•«^ iXev&iQiog ovzojg S^ei, olov vö^tog äv iavT(7j. K ö, 1176*18 aal k'aiiv iy.äaiov fiszQov ■>] ä^erij y.al 6 dyad-ög /) TO lOVTog, y.al i)doval elev äv al tovti^) cpaivö^ievai 'äüI f^öea olg obzog y^atQEt. Diese wundervollen Sätze beweisen im übrigen aufs neue, wenn man sie im Lichte der Äußerungen des Protreptikos betrachtet, daß die ethische Forschung des Aristoteles ursprünglich ganz von dem platonischen Problem der Meßbarkeit und des Maßstabes der sittlichen Phänomene beherrscht war, nur daß er später die allgemeinen Normen verwirft und keinen anderen Maßstab anerkennt als das im erkenntnistheoretischen Sinn freilich durchaus nicht 'exakte' autonome Gewissen der sittlich durchgebildeten Persönlichkeit {ö anovöaiog). Er weist damit jeden an sich selbst und gibt der unerschöpflichen Mannigfaltigkeit indivi- dueller Bedingtheiten des sittlichen Tuns Kaum, ohne doch an der Unverbrüch- lichkeit der inneren Norm zu rütteln. Auch der berühmte Begriff der dgezt] als richtiger Mitte zwischen hneQßoÄr'i und ^ÄÄeiipig wird in Gestalt des Problems der Messung von Kontinua entwickelt {B5, 1103 »26) und hat seinen metho- dischen Sinn in dieser Fragestellung, was gänzlich verkannt zu werden pflegt, weil niemand den problemgeschichtlichen Zusammenhang beachtet, aus dem sie bei Aristoteles erwächst. 90 Der Protreptikos Welt setzt'). Denn dieser platonische Gott ist das Gute an sich, die reine Monas, das Maß der Maße. Hier wird die Politik und Kthik zur Theologie, sie steht an der Spitze der theoretischen IMiilosophie, Sein und Sollen sind, im absoluten Sinne, identisch, das menschliche Tun geschieht im unmittelbaren Hinblick auf den höchsten Wert und Sinn der Welt. Die Nikomachische VAh\]i bestreitet*) folgerichtig auch diese führende Stellung der l'olitik, die sowenig die höchste Weisheit sein könne, wie die Ziele des Menschenlebens an das ewige Gut heranreichen, das nur der Weise in der Anschauung der Gottheit erblickt. Die Forderung des Philebos, die Philosophie zur exakten, mathe- matischen Wissenschaft zu erheben*), wirkt nicht nur in der Ethik und Politik des Protreptikos nach. Sie hegt auch der Beschreibung des Verhältnisses der empirischen und der reinen Wissenschaft zu- grunde. Wie das Exaktheitsideal und der Maßbegriff, ist auch das Problem der Abgrenzung der reinen und angewandten Wissenschaf- ten aus der Mathematik in die spätplatonische Lehre gekommen. Wenn im Protreptikos die Gegner^) der reinen Philosophie und W^issenschaft die Paare zusammenstellen: Geometrie und Geodäsie, Harmonielehre und Musik, Astronomie und nautische Himmels- und Wetterkunde, um zu beweisen, daß die Theorie zur prak- tischen Betätigung in einem Fache geradezu hinderlich sei, weil sie den Studierenden von der Übung fernhalte und oft sogar die Sicherheit des natürlichen Instinkts lähme, so möchte man wissen, was Aristoteles dagegen vorbrachte. Leider ist seine Antwort auf diese Kritik verloren. Das Prinzip, die empirischen und die reinen Wissenschaften als Paare zusammenzustellen, haben natür- lich nicht die Gegner erfunden, sondern es wird zuerst von Piaton angewandt. Im Philebos ') wird eine Arithmetik der Philo- sophen von der Arithmetik der Menge unterschieden; je nach- dem sie mit gleichen oder ungleichen Einheiten operiert, ist sie in höherem oder geringerem Grade Wissenschaft. So gibt es auch eine zweifache Logistik und Metretik, ja bei vielen xexvai be- ) Plat. Leg. IV 716 C ö Sij d^edg ^fiTv nävtcov ygrifidriov [tixQov äv e'irj ^dXiaxa, xal noÄv fiäAÄov ij nov zic, &s (paaiv, äv&QWTiog. «) Eth. Nie. Z 7, 1141 a 20 ff. ') Die Exaktheit {änQißeta) als Maßstab des wissenschaftlichen Charakters einer Disziplin Phil. 56ß-C, 57 C— E. 58 C, 59 A, 59 D usw. *) Frg. 52 (p. 59, 18 ff. R.) '>) Phil. 56 D Das Exaktheitsideal 9i steht eine solche Zwillingsbrüderschaft *), auch ohne daß sie sich im Namen unterscheiden. Unter ihnen ragen die, mit denen sich die wahrhaften Philosophen beschäftigen, unvergleichlich durch Exaktheit und Wahrheit hinsichtlich des Maßes und der Zahl über die anderen hervor. Die Antwort des Aristoteles an die Empiriker wird ähnlich gelautet haben wie die Piatons im Philebos: es kommt nicht darauf an, mit welcher Techne am meisten zu machen ist und welche den größten Nutzen gewährt, sondern welche die größte Genauigkeit, Deutlichkeit und Wahrheit im Auge hat. 'Ein wenig wirklich reines Weiß ist weißer, schöner und wahrer als eine noch so große Menge gemischtes Weiß'. Der Liebhaber reiner Farben wird es also unbedingt vorziehen ^). Dieses Ideal der Exaktheit des Wissens auf Kosten seiner Nutz- barkeit, das dem mathematischen Künstlergeist der spätplatonischen Ideenlehre entspringt, ist die Überzeugung auch des Protreptikos. Ohne dieses künstlerische Gefühl für das Methodische ist Aristo- teles nicht denkbar. Doch auch substantiell findet sich die Ideenlehre im Protrep- tikos^) mit deutlichen Worten ausgesprochen. Wie in den Hand- werkskünsten die Menschen der Natur 'ihre besten Werkzeuge nachgebildet haben, an denen man die Geradheit oder Glätte der sinnlich wahrnehmbaren Gegenstände mißt und prüft, so gibt es nach Aristoteles auch für den Politiker bestimmte Normen (ÖQoi), die er von der eigenthchen Wirklichkeit und der Wahr- heit {dnö tfjg (pvOEOig avxiig xal T'^g dXr^d-eiag) empfängt und nach denen er beurteilt, was gerecht, ehrenhaft, gut und heilsam ist. Wie nun dort jene der Natur abgelauschten Werkzeuge die ausgezeichnetsten sind, ^ so ist auch das Gesetz das beste, das am meisten der Natur gemäß ist. Dies kann man aber nicht hervor- bringen, ohne durch Philosophie das Sein selbst und die Wahr- heit erkannt zu haben. Die Werkzeuge der übrigen Künste und ihre genauesten Berechnungen hat man nicht unmittelbar aus den obersten Prinzipien (ovx dn avxüv xüv nQOJXiov), son- dern aus zweiter, dritter und soundsovielter Quelle abgeleitet, ihre Regeln gewinnt man aus bloßer Erfahrung. Nur der Philo- ') Phil. 57 D, zu vergleichen ist auch Epin. 990 A, wo der mathematische Astronom dem Empiriker urd Wetterkundigen gegenübergestellt wird. ^) Phil. .03 A «) Jamhl. Protr. p. 54, 22 ff. besonders 55, 1 u. 55, 7ff. (fehlt bei Rose). c)2 Der Protreptikos sopli richtet seine Nachalimun^ {fdfujaig) unmittelbar auf das Kxakfe selbst (dn avxüv rüv äy.Qißiov). Denn er ist ein Schauer (x^eaiiig) der Dinge selbst (avxü), nicht der Ab])ilder (/iiifit'ifiaxa). Sprache und pliilosophischer Gehalt der Stelle sind rein pla- tonisch. Dies ist bereits zu einer Zeit aufgefallen, wo man den Gedanken einer platonischen Periode des Aristoteles noch nicht zu fassen vermochte'). Solange man die Stelle isoliert betrach- tete, konnte man vielleicht glauben sie erklärt zu haben, wenn man stilistische Nachahmung Piatons annahm, hinter der sich die eigne Ansicht des Schülers zurückhaltend und vorsichtig verberge. Aber nur aus dem organischen Zusammenhang mit der Philosophie des Protreptikos kann man den Sinn dieser Worte wirklich verstehen, und der fordert notwendig als theoretische Grundlage der im vorigen entwickelten Wertlehre die dualistische Metaph3'sik der Ideen. Die nqCjxa der aristotelischen Metaphysik und Analytik sind etwas anderes als die, von denen hier die Rede ist. Auch in der Metaphysik*) heilet es allerdings, der Philosoph erkenne die höchsten Prinzipien, das am meisten All- gemeine (jiQctJTa). Wir haben gezeigt, daß sich die Formulierung der ersten beiden Metaphysikkapitel an den Protreptikos durch- gehends eng anlehnt. Um so wichtiger ist es, daß Aristoteles dort das platonische aviä tu nqibxa absichtlich vermeidet und avjd streicht, also gerade das Wort, das dem Ausdruck xä nQd>xa im Protreptikos den spezifisch platonisch-terminologischen Sinn gibt. Aber dieser kann schon darum nicht das abstrakte Allgemeine bezeichnen, weil die Allgemeinbegriffe im aristotelischen Sinn keinen Gegensatz bilden zu den Abbildern (fii/itj/^iaxa), ebenfalls einem spezifisch platonischen Terminus, der nur im Zusammen- hang der platonischen Lehre von den Ideen als Urbildern {naqa- öelyfiaxa) und der Teilnahme der Sinnendinge an ihnen sinnvoll anwendbar ist. Die Abbilder in der verblaßten Bedeutung ^) R. Hirzel, Hermes X 99, der die Forderung der Philosophie für den Herr- scher und Staatsmann in dem vorliegenden Bruchstück mit Recht der plato- nischen Forderung verglichen hat, daß die Könige philosophieren sollen oder nur Philosophen Könige sein dürfen. Wenn I/irzel das X. Kapitel des Jarablich nicht dem Protreptikos, sondern einer anderen, rein politischen Jugendschrift des Aristoteles zuweisen wollte, so war das, wie früher schon gezeigt wurde, ein Fehlgriff. ^) Metaph. A 2, 982a 25 Metaphysische Voraussetzungon der exakten Ethik 93 'Sinnendinge' zu fassen, ist bei einem so scharfdenkenden Stilisten und Logiker wie Aristoteles einfach unmöglich*). Aber diesen verzweifelten Versuch, einen Ausweg aus den Widersprüchen zu finden, in die sich jede aristotelisierende Aus- legung der Stelle notwendig verwickelt, schneidet auch die ter- minologische Gleichsetzung jener platonischen Ausdrücke mit der Bezeichnung 'die Natur an sich und die Wahrheit' (t) (pvoic, aixi} xal f) äXtjd^eia) ab. An den aristotelischen Begriff der Natur ist hier nicht zu denken. Weder wäre bei ihr der Zusatz avTfj ge- rechtfertigt, noch ist sie die Quelle absoluter, exakter politischer und sittlicher Normen, wie es hier von ihr heißt ^), noch endlich ließe sich von dem Philosophen, der die aristotelische Natur er- forscht, sagen, daß er das 'Ursprüngliche selbst' erforsche, während die übrigen, ebenfalls aus der sichtbaren Natur ihre Werkzeuge und Regeln gewinnenden Künste es nur mit Abbildern zweiter, dritter und soundsovielter Hand zu tun hätten. Denn wenn beide die Natur im gleichen Sinne zum Gegenstand der Nachahmung hätten, weiche Sonderstellung käme dann dem Philosophen ihr ') Der Ausdruck soll den höheren Seinswert des Urbilds hervorheben, kann also von dem Moment an nicht mehr gebraucht werden, wo die Ideen nur noch td fidÄiara y.a&öXov, aber keine oiala mehr sind. Noch viel weniger kann man die aus Materie und Form bestehenden Einzeldinge der sichtbaren Natur im Sinne des Aristoteles Abbilder der in ihnen wirkenden Entelechien oder Formen nennen. Voraussetzung der Abbilder ist die platonische Transzendenz, der xca- Qiafiög von Urbild und Abbild. Ausschlaggebend ist, daß Aristoteles auch später in der Kritik der Ideen diese häufig mit platonischem terminiis technicus als uitd schlechthin und ohne Zusatz bezeichnet wie hier (Jambl. 55, 13 Pistelli) : aixüv ydq iaii&eaTijg, äÄÄ' oi> /.itf*rjf,idT(Dv. Das Pronomen ist hier nicht rück- weisend, sondern steht absolut. Dies ist sprachlich dadurch möglich, daß es stets nur in Antithese zu den korrespondierenden sinnlichen Erscheinungen oder Ab- bildern so gebraucht wird vgl. Metaph. 991 »5 i^ni t' aiifis Kai ifis ^ivög (seil. övdöog), ^30 od fiövov nTjv aiad-tjTwv . . . äÄAä aal uvtcüv, '^ 22 uij i^ aixüv, dXX iz i(bv ivaQld'jAOjv, ^30 fteia^v icov Sevgo i' eatai xat aiiuiv, 997 ^14 nag' aitäg xal tag aia&t^tdg, ^ 24 fi£va§v aiicüv te nal tcüv (p&aQUüv. Man hat diesen eigentümlichen platonischen Gebrauch offenbar nicht erkannt. '^) Die Bezeichnung einer Politik, die nicht schöpferisch im Hinblick auf die ewige Norm, sondern nach irdischen Vorbildern und nach geschriebenen Verfassungen und Gesetzen handelt, als einer ^tifirioig oder /^ifAt^fiara zfjg äÄij- ^elag stammt aus Piatons Politikos 297 C und 3UüCff., wo sie mehrfach begeg- net, ebenso der Vergleich des wahren Staatsmanns mit dem Steuermann vgl. 297 E. Das Problem selbst rührt ebenfalls dorther. 308 C heißt die platonische Idealpolitik */ naru (pvaiv dÄi]d^wg ovaa f/fiiv noÄiTimj. 94 Per Protreptikos gegenüber vor den anderen zexvai zu? Doch eben dieser Ge- gensatz der Philosophie, die das Ansich der Dinge schaut, und der Künste, die nur Abbilder von Abbildern nachahmen, führt uns weiter'). Er stammt aus der Ideenlehre im zehnten Buche der Politeia. Das tertium comparationis liegt darin, daß beide ihr Vorbild in einem objektiv Wirklichen außerhalb ihrer selbst haben, von dem sie das Gesetz der Sache gewissermaßen ablesen: für die technischen Künste ist das die sinnlich wahrnehmbare Natur, für den Philosophen aber 'die Natur selbst', die man nur im reinen Denken erfaßt, das wahre Sein, das er dann mit anderer Wendung als aiitä %ä nqüia bezeichnet*). Diese können also unmöglicli das höchste Allgemeine bedeuten, da der spätere Aristoteles ja dem Allgemeinen die gegenständliche ReaHtät abspricht. Gerade sie aber wird den jiQüxa durch die Bezeichnung 'die Natur selbst' beigelegt. Es ist unmöglich daraus einen anderen Schluß zu ziehen, als daß an dieser Stelle das am meisten Allgemeine und Logischexakte noch mit dem wesenhaft Wirklichen identisch ist, und das trifft nur bei der platonischen Idee zu. Nur von ihr konnte man sagen, sie sei die Natur an sich und das Göttliche, das unwandelbar Feste, Beharrende und Ewige, im'Hinbhk auf welches der philosophische Politiker lebt und vor dem er vor Anker geht wie ein guter Steuermann'). Wenn im Protreptikos die Ideen vor allem als die Grundpfeiler der Erkenntnistheorie, als der exakte Gegenstand eines reinen Wissens erscheinen, und daneben als ethische Normen, so ist das die Richtung der Entwicklung des späteren Piaton, der Aristoteles sich anschließt. Sie führt zur stärkeren Betonung des Metho- dischen und zur Zurückdrängung, wenn auch nicht zur Leugnung des Seinscharakters der Idee. Gerade der Beweis für die reale Existenz der Ideen wird jetzt wesentlich auf die Forderungen und Voraussetzungen des begrifflichen Erkennens gestützt. Wenn die sinnlichen Erscheinungen die einzigen realen Gegenstände wären, so wäre das begriffliche Denken, das allein exakt ist, ohne realen Gegenstand und also für den Griechen jener Zeit >) Plat. Resp. X 599 A 600 E 602 C 603 A 605 B *) Plat. Parra. 132 D rd . . . sXöri xavia (JöaneQ napaSelyfiata iatdvat Sv zf; (pvaei. Die Gleichsetzung von cpvaig, öv, &Ai^&eta ist platonisch. ■') Jambl. Protr. 55, 21 ff. (PietelU) Die reinen Normen und das reine Wissen 95 kein Wissen. Der Exaktheitscharakter des reinen Wissens wird dadurch zum eigentlichen Angelpunkt des spätplatonischen Denkens. Die Idee ist der für das exakte Denken zu erschließende reine Gegenstand. Diesen Hauptbeweis der Akademie hat Aristoteles in der verlorenen Schrift üeq! lösöjv überliefert, aus der Alexander von Aphrodisias ihn erhalten hat*). Hieraus erklärt es sich, daß der Protreptikos die Ideen 'das Exakte an sich' nennt. Aber auch der Terminus, der in dem akademischen Beweis vorkam, findet sich hier") wieder: das schlechthin Bestimmte {tu d)QiofiEva). Während für Aristoteles später die Möglichkeit einer wissen- schaftlichen Erkenntnis des Übersinnlichen zur schwersten aller Fragen wird, weil nach der Leugnung der platonischen Ideen nicht einzusehen ist, wie man durch die allgemeinen Begriffe das Wesen der Dinge begreifen kann, führt der Protreptikos den Beweis für die Möglichkeit einer Wissenschaft, die das Gerechte und Gute, die Natur und die 'übrige Wahrheit' (d.h. das öVrwg öv) erkennt, mit bemerkens- werter Schlüssigkeit und sichtlich auf Grund ganz andrer Vorausset- zungen. Für den Verfasser fällt das dem Sein nach Erste mit dem im höchsten Grade Erkennbaren und dieses, welches zugleich als das schlechthin Bestimmte, Gesetzhche und Geordnete bezeichnet wird, mit dem Guten und der Ursache zusammen"). So gewiß sich nun Ausdrücke wie jiqoxeqov' q)voet und tiqöteqov nqbg fjfiäg und TiQcbra in der Bedeutung 'oberste Gründe' auch sonst in der aristotelischen Philosophie finden, ist doch kein Zweifel, daß sie ursprünglich aus den platonischen Beweisen für die Ideen stammen, auf die sie in hervorragendem Maße passen und für die sie pri- mär erfunden sein müssen. Eindeutig sind sie nur, angewandt auf ein transzendentes Sein im Sinne Piatons, doppeldeutig werden sie, wenn man sie auf das immanente Wesen bezieht. Aus diesem Grunde wird ihre Bedeutung bei Aristoteles durchweg differenziert und verlangt Zusätze {q)vaet, ngög t)fiäg). In der Absolutheit, wie sie im Protreptikos angewandt werden, sind sie nur unter der Voraus- setzung zulässig, daß in dem höchsten Erkennbaren wie bei den Ideen zugleich Wahrheit, Sein und Wert zusammenfällt. Nur wenn die Ideen unter den nQÖxsQa und dem dya&ov verstanden ») Frg. 187 R. *) Frg. 52 (p. 60, 21 R.) vgl. He^l löeüv frg. 1S7 (p. 149, 22R. ») Frg. 52 (p. 60, 17ff. R.) (\f^ Der Protreptikos sind, wird die Verquickung von Ethik und Ontologie erklärlich» die auch in diesem Beweise stattfindet. Den Ausschlag gibt die Lehre des Protreptikos von den Ele- menten {otoixela) des Seienden, die in der i\Ietaph}sik ausführ- lich bestritten wird *). Aristoteles schreibt in der ersteren Schrift : Das Frühere ist in höjierem Grade Ursache als das Spätere, denn hebt man jenes auf, so wird zugleich dasjenige, was sein Sein {Ti}v ovoiav) aus jenem herleitet, mit aufgehoben, mit den Zahlen die Linien, mit den Linien die Flächen, mit den Flächen die Körper. Dagegen die Metaph3\sik spricht den mathematischen Ge- genständen, Zahl, Punkt, Linie, Fläche, Körper, jedes Sein ab, sie berichtet aber, daß dies die Ansicht der Platoniker sei. Dort heißt es: Sein (ovoia) nennt man auch das, mit dessen Aufhebung zugleich das Ganze aufgehoben wird, wie mit der Fläche der Körper nach Ansicht einiger aufgehoben wird und mit der Linie die Fläche. Sie halten auch weiterhin die Zahl für ein Sein dieser Art. Die ältesten Teile der Metaphysik richten ihre Kritik des Piatonismus wesentlich gegen diese letzte Form der Ideen- lehre, die entweder den Ideen die mathematischen Objekte als Sein an die Seite stellte oder die Ideen geradezu als Zahlen er- klärte. Aristoteles nennt diese Lehre dort einen Zöyog Xiav fia- /Mxög. Um so wichtiger ist es, daß er die angegriffene Lehre früher selbst vertreten hat. Sie steht und fällt mit der Lehre von der transzendenten Existenz der Ideen und mathematischen Objekte und mit dem platonischen Seinsbegriff. Aristoteles läßt durchblicken, daß über die Elemente des Seienden in der Akademie gestritten wird : Ob Feuer oder Luft (d. h. die Elemente der Naturphilosophen) oder die Zahl oder ge- wisse andere Naturen {(pvaeig, die Ideen) Prinzip und Ursache alles übrigen sind, jedenfalls ist es unmöglich etwas anderes zu er- kennen, bevor man die Prinzipien erkannt hat^). Auch Platou hat in seinen späteren Dialogen ähnliche Andeutungen gemacht, ohne den Schleier zu lüften. Im Philebos spricht er offen bei der Erwähnung der Ideenlehre von der sie betreffenden noV.tj üTiovö)) und iiExä öiaiQeoeoyg u^Kpioßfiitjoic,^). An diesen Erörte- rungen hat Aristoteles lebhaften Anteil genommen. Um so be- merkenswerter ist im Protreptikos die Unterordnung jeder Sonder- ') Frg. 52 (60, 26R,) vgl, Metaph. AS. 1017 i)18, iY3, 1090 b5 "■) Frg. 52 (61, 13R) -) Phil. 15 A vgl. Parm. 130Bff. Persönliche Stellung zur Akademie meinung unter die herrschende Lehre der Akademie. Daraus geht zweierlei sicher hen'or: Aristoteles hat die Ideenlehre auch in dieser frühen Zeit nicht als starres Dogma vertreten, sondern als Anhänger, der im vollen Bewußtsein der mit ihr verbundenen Schwierigkeiten von ihr redet. Sie können ihm aber noch nicht derart grundstürzend erschienen sein, daß er sich imstande fühlte, die Lehre Piatons schlechthin zu widerlegen, wie er es in der Schrift Über die Philosophie und in der Metaphysik bald nach 348 getan hat. So ward man vielleicht sagen dürfen : wie in den späteren Dialogen Piatons, entschleiert auch im Protreptikos die literarische Selbstdarstellung der Akademie nicht ganz den wahren Stand der gleichzeitigen esoterischen Erörterung in der Schule. An den späteren Werken des Meisters wie an den frühen des Aristo- teles interessiert bezeichnenderweise oft am meisten gerade was sie nicht aussprechen. Umso w^ertvoller ist neben der Verkörperung des Geistes der Akademie in Piatons eignen Schriften das Bekenntnis des Vertreters der jüngeren Generation. Wir erfahren doch, was ihm an der Arbeit der Akademie das Wesentliche ist. Man fühlt sich unmittelbar in den Kreis der platonischen Forschergemeinde versetzt, wo er begeistert von dem Fortsclmtt (emöooic) der Philosophie auf der Bahn der exakten Wissenschaft redet, der sich in kurzer Zeit vollzogen habe. Man hat in der Akademie das Gefühl, im vollen Strom der Entwicklung zu schwimmen, neben der die Altwasser der übrigen xixvcci stillzustehen scheinen. Aristoteles spricht vom Laufschritt dieser Bewegung und glaubt an die nahe bevorstehende Vollendung der Wissen- schaft. Solche Zuversicht entspringt dem berechtigten Bewußt- sein der Schöpf erki-aft und des unerhörtesten Vorwärtskommens, von dem diese Generation erfüllt ist. Aus dem Glück eines so erhöhten Daseins, nicht aus papiernen Beweisen erwächst ihr der Glaube an die beseligende Kraft, die echtem Forschertum inne- wohnt, und wenn je, so ist dieser Glaube damals Wahrheit ge- wesen. Dem Außenstehenden mag es als saure Arbeit erscheinen, aber wer sie gekostet hat, ruft Aristoteles aus, kann sich nie- mals an ihr ersättigen'). Es ist die einzige Form menschlicher Tätigkeit, die an keine Zeit und keinen Ort, an keinerlei Werk- 1) Frg. 52 (62, 20 R.) Jaeger: Aristoteles. 9R Der Protreptikos zeug gebunden ist. Sie bedarf nicht der Ermutigung durch äu- ßeren Lohn. Wer sie ergreift, der wird von ihr ergriffen, er kennt nichts Schöneres mehr als 'sich heran setzen' (ngoaeögela). In diesem Forscherkreise ist das aristotehsche Lebensideal, der ^eo)- QTjTixdg ßiog geboren, nicht in der buntbewegten Palästra des Lysis und Charmides, sondern in der xaZvßt] im abgeschiedenen Garten der Akademie. Seine" Stille ist das wirkliche Urbild der Inseln der Seligen im Protreptikos, des Traumlandes philosophischer "Welt- entrücktheit ^). Nicht Sokrates heißt das Vorbild dieses neuen Philosophentums, sondern Pythagoras, Anaxagoras, Parmenides werden im Protreptikos als die Archegeten genannt. Bei dieser wichtigen Wandlung müssen wir noch etwas ver- weilen. In der Akademie scheint damals das Problem des platonischen und des geschichtlichen Sokrates zuerst aufgeworfen worden zu sein, weil man sich des Abstandes vom sokratischen Typus mehr und mehr bewußt wurde. NatürHch hat man dem geschichtlichen Sokrates bei diesem ersten Versuch, seinen Anteil von dem Piatons zu scheiden, zunächst fast alles abgesprochen, was ihm in Piatons Dialogen an philosophischen Erkenntnissen beigelegt wird. Später folgte dann eine Gegenwirkung gegen diesen Radikalismus, und Aristoteles gelangte zu dem Ergebnis: Zweierlei ist es, was man der Ge- rechtigkeit wegen dem Sokrates lassen muß, die Induktionen und die allgemeinen Begriffsbestimmungen^). Die theoretische Philo- sophie des Protreptikos hat mit Sokrates jedenfalls keine Gemein- schaft. Aristoteles bezeichnet die Metaphysik, die noch nicht den >) Frg.:o8 (68, 3; 69, IR.) Das literarische Vorbild ist Plat. Gorg. 526 C Resp. VII 540B, die Platoniker bezogen diese Stellen auf das Dasein in der Akademie. Auch Epin. 992B hat die Vorstellung übernommen. -) Metaph. ilf 4, 1078 ^21. Diese vorsichtige Formulierung scheint mir auch den geschichtlichen Tatsachen noch immer am meisten gerecht zu werden. H. Maier, Sokrates (Tüb. 1913) 77 ff. hat zwar mit Recht dem Sokrates jede logische Theorie des Allgemeinbegriffs und der Induktion abgesprochen, denn man hat lange genug auf Grund der Aristotelesstelle Sokrates als den ersten Logiker angesehen. Doch der Wortlaut des Aristoteles gibt zu einer solchen Auffassung keinen Anlaß, er beschreibt nur die faktisch von Sokrates aus- geführten logischen Operationen. Er betrachtet ihn aber von seinem Stand- punkt aus und will gar nicht ein 'Sokratesbild' geben, sondern sucht wie bei Demokrit und den Pythagoreern nach den ersten, primitiven Ansätzen logischer Methodenbildung (vgl. 1078 b20). Das Sokratesproblem. Das neue Pythagorasideal 99 Namen jiQÖixiq q)Uoaocpia erhalten hat, dort als 'Spekulation von dem Typus, den Anaxagoras und Parmenides eingeführt haben'. Als Ahnherr der platonischen Philosophie wird Pythagoras betrachtet *). Noch im ersten Metaphysikbuch heißt es ja, die Lehre Piatons sei im wesentlichen pythagoreischer Herkunft, wenn sie auch 'manches Eigene' hinzugefügt habe'*). Diese Ansicht, die wohl mancher mit Verwunderung gelesen hat, ist nicht der Absicht entsprungen, Piaton zu verkleinern, sondern es ist die offizielle Lehre der Akademie, zu der Aristoteles sich noch rechnete, als er diese Worte ums Jahr 348/7 schrieb. Der platonische So- krates war eine Schöpfung des künstlerischen Gestaltungstriebes gewesen, der Pythagoraskult der Akademie, eines der merkwür- digsten Beispiele religiöser Autosuggestion, war eine Spiegelung der Akademie und ihrer Zahlenmetaphysik in der halb mythi- schen Persönlichkeit des Pythagoras, den man als den Stifter des ßiog &Ea)Qt]%i}{6g pries und auf den man bald auch die An- schauungen der eignen Zeit und Schule frei übertrug. An der Pythagorasgeschichte des Protreptikos, so unbedeu- tend sie ist, sehen wir den Prozeß dieser Sagenbildung, die für die Überlieferung der griechischen Philosophiegeschichte verhäng- nisvoll werden sollte, noch mit eignen Augen. Pythagoras wird gefragt, was das Ziel des Menschenlebens sei. Er antwortet: Das Weltall, (die Gestirne, den Mond und die Sonne) zu betrach- ten"). Auf eine weitere Frage bezeichnet er sich selbst als einen solchen Betrachtenden (d'scoQÖg). Stellen wir neben diese Ge- schichte die klassische Erzählung aus Ciceros Tusculanen vom Ursprünge des Wortes Philosoph, die von einem Mitschüler des Aristoteles, Herakleides Pontikos stammt*). Der Gefragte ist auch hier Pythagoras, der sich Philosoph nennt und zur Erklärung des neuen Namens folgende Geschichte erzählt. Er vergleicht das Leben mit dem großen Fest in Olympia, wo alle Welt in buntem Gewimmel zusammenströmt. Die einen kommen hin, um auf dem Jahrmarkt zu handeln und sich zu vergnügen, die zweiten wollen im Agon den Kranz erringen, die dritten sind nur Zuschauer des Getriebes. Dies sind die Philosophen, deren es nur wenige gibt. In den beiden ersten Arten der Menschen erkennt man, ') Jambl. Protr. 51, 8; 11. frg. 52 (59, 4R.) -) Metaph. A6, 987a 30 ^) Jambl. Protr. 51, 8. Der Anaxagorasausspruch 51,13 ist Variante *) Cic. Tusc. V 3, 8 7* jOO I^er Protreptikos wenn man vom I'rotreptikos herkommt, die Vertreter des ß(og dnoXavoiixös und uQay.tixög, der iiöovt] und der dQExi]. Der Phi- loso})h lebt nur der i^EcoQia, der reinen q)QÖvijaig. So ansprechend die Geschichte khngt, ist sie doch weder einheithch noch original. Herakleides, der eifrigste Pythagoreer unter den Piatonikern, ist sichtlich vom Protreptikos angeregt. Er verlegt die Unterschei- dung der drei ßioL in die ferne Vergangenheit zurück. Der Keim der Geschichte liegt in dem sich von selbst aufdrängenden Doppel- sinne des Wortes &£(j)Qia. Der Vergleich der philosophischen Schau des Seins mit der heiligen Festschau von Olympia findet sich bereits im Protreptikos, sie steht dort in der Nähe der Ge- schichte von der Befragung des Pythagoras '). Diese beiden Ele- mente hat Herakleides zu einer kleinen Novelle verbunden und ausgeschmückt. Der Vergleich, den Aristoteles nur als Stilmittel anwendet, wird jetzt weiter ausgestaltet zum Glöichnis der drei ßioi (denn nicht alle, die nach Olympia fahren, sind ^sojqoi) und das Gleichnis wird dem Pythagoras selbst zugeschrieben, avxög i(pa. In Wahrheit setzt die Geschichte die Grundbegriffe der spätplatonischen Ethik und Metaphj^sik voraus. Endlich ist der Protreptikos als Ausdruck des ethischen Lebensgefühls und der religiösen Gesinnung des frühen Aristoteles zu würdigen. Er tritt hier ergänzend neben den Eudemos, denn er zeigt, wie sich vom Standpunkt des Jenseitsglaubens, den Ari- stoteles dort begründet hatte, die Stellung zum Diesseits von Grund auf ändert. In beiden Schriften ist Aristoteles von dem gleichen Pessimismus gegenüber der irdischen Welt und den zeitlichen Gütern und Interessen erfüllt. Er heißt uns aus eignem Ent- schlüsse das Leben wegwerfen, um ein höheres und reineres Gut dagegen einzutauschen. Ist der Eudemos mit seiner ünsterblich- keits- und Seelenlehre überwiegend spekulativ, so versetzt der Protreptikos uns in eine mehr persönliche Atmosphäre. Von Piatons Vorbild und Lehre geht seine Überzeugung aus, daß es höhere, unvergängliche Werte und eine wahrere Welt gibt, zu denen die echte Wissenschaft führt. Für ein solches Gut gibt er alle Scheingüter, Macht, Besitz und Schönheit hin'). Nie sind wegwerfendere Worte über den Unwert alles Irdischen gebraucht worden. Von wolkenloser Heiterkeit, Harmonie und Schönheitsfreude, diesem Ästhetentraum des 18. Jahrhunderts, *) Jambl. Protr. 53, 19 Die Entdeckung der unsichtbaren Welt 101 finden wir hier nichts als den tiefsten Überdruß daran. Er entr sprach wohl auch vollgriechischem Wesen nie. Wenn es Augen- blicke gab, wo das Artistentum in Leben und Kunst zu siegen schien, wie im 4. Jahrhundert, folgte bald die Besinnung. 'Kraft, Schönheit und Statur sind nur ein Gelächter, ohne allen Wert'. Die Schönheit des Leibes in ihrer hohen Strenge war längst ent- göttert, als diese Worte geschrieben wurden, und die Kunst, die sie zu deuten berufen war, lebte vom ästhetischen Scheine des leeren Formkultus. Aristoteles trifft die sterbhche Stelle seiner Zeit, wo er im Protreptikos Hand an ihr Idol legt, an den schönen Alkibiades, in dessen blendend genisiler Pose sie sich selbstgefällig wiedererkannte. Wer 'mit Lynkeusaugen' in das Innere dieses hochbewunderten Leibes bhcken könnte, dem würde sich ein Bild des Ekels und der Häßlichkeit darbieten^). Es ist der Lynkeusblick eines anderen Lebensgefühls, der die stoffhche Scheidewand der Dinge, die den Menschen sichtbar umgeben, durchdringt und hinter dieser Kulisse des Scheins die neue Welt des bisher Unsichtbaren entdeckt, die Welt Piatons. Die Vollendung aller Unvollendbarkeiten des Menschenlebens liegt für diese Anschauung im Transzendenten. Das Leben wird zum Tod der Seele, der Tod wird Durchbruch zu höherem Leben. An den Phaidon lehnt sich wörtHch der Ausspruch an, daß das Leben des wahren Philosophen eine stete Übung im Sterben sein müsse '^. Für ihn liegt darin nichts Schweres, denn die Fesse- lung der Seele an den Körper ist ihm ein widernatüriicher Zu- stand voll unsagbarer Leiden der Seele"). Das Gleichnis von den etruskischen Seeräubern malte diese Anschauung in grau- sigen Farben aus. Die Räuber banden ihre Gefangenen, um sie zu quälen, lebendigen Leibes an Leichen, Angesicht gegen An- gesicht. In dieser gewaltsamen Verkettung des Lebens mit der 1) Frg. 59 (70, IIR. vgl. 70, 7 ff J 2) Vgl. Diels Arch. f. Gesch. d. Philos. I 479. 3) Im Schlußabschnitt der Protreptikosauszüge, der von Jamblich über- arbeitet ist (vgl. ob. p. 80), finden sich Gedanken des Protreptikos mit Neuplato- nischem vermischt, unverkennbar echt scheint mir Jambl. 60, 10 dÄÄ' ivzav&a ^liv Siu zd nuQU (pvaiv Tacos slvat, (?) zö yivos ^f*üjv %aÄe7cbv zö ^tavd'dvEiv zi ■/.ul OHonetv iazt nal fiöÄig (äv) ala&dvotzo (?) Siä zr}v äq>vtav v.al zi]v naQo, (pvaiv ^oi^v, äv 6e nozs SvvTj&öJfiev aw^^vat ndÄiv 5d'ev iÄrjAi'&afiev (Eudemos!), S'^Äov (bg t'iöiov xal ^äov aizo Tioir'jaofAev Tiurzeg. Das doppelte na^ä (pvaiv zeigt, daß die Vorlage auch hier ungeschickt gekürzt worden ist. JQ2 ^^'^ Protreptikos Verwesung ließen sie ihre Opfer allmählicli. dahinschmachten '). Das Gleichnis des jungen Aristoteles vertieft sich in die Schmerzen der dualistischen Existenz des Menschen, die Piaton und die Or- ])hiker vor ihm gefühlt hatten, mit einer nervösen Leidenschaft- lichkeit, die trotz einer deutlich fühlbaren jugendlichen Über- steigerung ins Krasse und Selbstquälerische die Spuren echter eigner Erfahrung trägt. Es ist ein schlechthin unerträgHcher, blasphemischer Gedanke, in diesen platonischen Symbolen nur stilisierte Maske zu sehen, hinter der sich eine in Wahrheit be- hagliche und spielerische Natur verbirgt. Wir müssen eben um- lernen. Es gab eine Zeit, wo Aristoteles diese Gedankenwelt als ein unabtrennbares Teil des eignen Ich empfunden hat. Mit immer neuen Wendungen und Bildern schärft er sie ein. Er nimmt seine Worte gern aus dem Sprachschatz der Mysterien, weil er die dualistischen Hemmungen nur religiös verstehen und über- winden kann. Das ganze Menschenleben ist, wie die alten Ge- heimlehren flüstern, Buße zur Lösung von schwerer Schuld, die die Seele in einem fi'üheren Dasein auf sich geladen hat. In den übersinnlichen Prozeß der Rückkehr der Seele wird auch die sittliche Forderung verflochten. Damit ist der Moral ihre unabhängige Geltung und ihr selbständiger Wert entzogen. So weit Aristoteles auch davon entfernt bleibt, das tätige sittliche Leben in einem einzigen Tiefblick mystischen Schauens aufzu- lösen, so wenig sein Weg durch die Ekstase führt, ordnet er doch unbedingt die Welt des W^ollens und Handelns dem Schauen des ewigen Gutes unter. Der Philosoph soll sich von der Zerstreuung des tätigen Le- bens möglichst fern halten. Der Protreptikos warnt davor, sich in sterbhche Dinge zu tief einzumischen und sich in die Irrwege der Menschen zu verlieren. All das erschwert nur die Hinkehr zu Gott. Das einzige Trachten soll sein, einst friedlich zu ver- löschen und aus dieser strengen Kerkerhaft in unsere Heimat zu- rückzukehren. Entweder gut es, zur Wahrheit zu wandern und ihr sich zu weihen, oder Heber das Leben wegzuwerfen. Denn alles andere ist nur ein Geschwätz und ganz eitel"). ') Frg. 60 R. *) Frg. 61 (72. 20 R.). Cicero setzte diese und ähnliche Gedanken, die er dem Protreptikos entlehnte, ans Ende des Hortensius. und am Schluß werden sie auch im Original gestanden haben. Zweiter Teil Wanderjahre Erstes Kapitel. Aristoteles in Assos und Makedonien. Piatons Tod und die fast gleichzeitige Zerstörung Stagiras durch die brennenden und sengenden Truppen Philipps von Make- donien im Krieg gegen die Handelsstädte der Ghalkidike (348/7) beraubten den Aristoteles mit einem jähen Schlage des alten Elternhauses und der zweiten Heimat: denn das war ihm Piatons Nähe geworden. Keine noch so selbständige Wendung seiner geistigen Entwicklung hatte ihn von Piaton zu trennen vermocht, solange dieser lebte. Doch das Band, das ihn an die Mitschüler knüpfte, löste sich bald, nachdem jener die Augen für immer ge- schlossen hatte. Unmittelbar darauf, noch in demselben Jahre, verließ Aristoteles Athen und den Kreis der Freunde, die Stätte zwanzigjähriger hingebender Arbeitsgemeinschaft und höchster Erlebnisse, um nach Kleinasien zu gehen ^). Der innere Grund für diesen entscheidungsschweren Schritt, der vielleicht schon vor Piatons Tod für ihn feststand, ist nicht überhefert. Das hat zu wilden Kombinationen Anlaß gegeben, und da Aristoteles in seinen Schriften an platonischen Lehren vielfach scharfe Kritik übt, so wurde es nicht schwer, Gläubige für die Vermutung zu finden, Aristoteles sei von Piaton abgefallen und sein Weggang aus Athen sei der Ausdruck dieses Bruchs gewesen. Man suchte nach persönlichen Gründen in dem Charakter des Aristoteles. Seine moquante Art, die übrigens stets der größten Ehrerbietung weicht, wo er von Piaton redet, fiel schonungsbedürftigen Geistern auf die Nerven, besonders unlieb aber war er als Charakter den- jenigen Genossen, die seine alle überragende Intellektualität und unerbittliche logische Sauberkeit für das Merkmal eines zer- setzenden Geistes hielten. Schon Aristoteles selbst wehrt sich ver- schiedentlich gegen die persönliche Auslegung sachlich berech- tigter Kritik, die man ihm verdacht hatte. Späterer Schulklatsch ^) Apollodor bei Diog. V 9 (vgl. V 3, wo die Chronologie beillos verwirrt ist)^ Dionys. Hai. ep. ad Amm. 5. ^OP) Aristoteles in Assns und Makedonien '/rillt ihn offen der Gehässigkeit und des Undanks. Der zähe Xebel siltliclier Verdächtigung lagerte schon im späteren Alter- tum über den Motiven seines Weggangs, und noch jetzt ist ihre ausdruckliche Zerstreuung, obgleich wir gegen die Standesmoral der Zünfte skeptischer geworden sind, nicht überflüssig, zumal da die Gründe seines Schrittes noch immer der Klärung harren *). Ein kluger und gebildeter Gelehrter der Kaiserzeit, Aristokles von Messana, hat die sittliche Kraft gehabt, die Schleier der Legende zu zerreißen und hartnäckiger Kompilatoreniiberlieferung dadurch ein Ende zu bereiten, daß er auf die primären Quellen zurückgriff. ^r wies die ganze Jämmerlichkeit der Gründe nach, auf die sich das Schulgerede stützte, und wir danken dem Zu- fall, der uns aus seiner kritischen Untersuchung gerade das Stück aufbewahrt hat, wo er nach siegreicher Zerstörung des fadenscheinigen Lügengewebes nachweist, daß die Gerüchte über einen Abfall des Aristoteles von Piaton auf eine kläglich miß- deutete Stelle des Aristotelesschülers Aristoxenos von Tarent zu- rückgehen'"'). Aristokles wird es aller Wahrscheinlichkeit nach auch gewesen sein, der nach Beseitigung des apokrj^phen Schwindels das kostbare persönliche Dokument wieder ans Licht zog, das uns besser als alle Mutmaßungen fremder Gehässigkeit über die innere Stellung des Aristoteles zu seinem Meister belehrt, die Altarelegie, die dem Eudemos gewidmet ist"). Hätte man sich stets gegen- wärtig gehalten, das dies seltene Kleinod nur dem Urkundlich- keitsstreben kritischer Biographik seine Wiederentdeckung ver- dankt, also der Tatsache, daß in dem Gedichte ein offenkundiges Selbstbekenntnis des Aristoteles über sein Verhältnis zu Piaton und eine Stellungnahme zu den gehässigen Kritikern dieses Ver- hältnisses vorliegen mußte, so wäre wohl niemals die psycho- ^) Schon Aristoteles selbst wehrt sich gegen Vorwürfe aus dem Kreis der Schüler Piatons Eth. Nie. A 4, 1096 ail_l6 und frg. 8 Rose. Die Überlieferung über den Schulklatsch untersuchte kritisch Ad. Stahr, Aristotelia (Halle 1830) Bd. I 46 ff., der sein Material aus Franciscus Patritius, Discussiones peripateticae (Basel 1581) nimmt: ihn, den Renaissanceplatoniker, machte der Haß blind, er war kindlich gläubig gegen jede noch so törichte Beschuldigung des Aristoteles. ") Aristokles bei Euseb. praep. ev. XV 2. 3. ") So 0. Immisch, Philologus Bd. LXV 11 mit Wahrscheinlichkeit, nachdem schon Stahr a. 0. I Gl die Angaben der Ammoniusvita über Aristoteles' Ver- hältnis zu Piaton auf Grund wörtlicher Anklänge an das bei Eusebios erhaltene Bruchstück des Aristokles auf diesen zurückgeführt hatte. Verhältnis zu Piaton nach dessen Tod 107 logisch unwahrscheinliche und in sich widerspruchsvolle Behaup- tung aufgestellt worden, daß Aristoteles in dem Fragment von So- krates, den er nie in seinem Leben gesehen hat, so begeistert Zeugnis ablege'). Die gelehrte Untersuchung über das Verhält- nis des Aristoteles zu Piaton, der die späteren Neuplatoniker das Gedicht entnahmen, zitierte die Verse nur gerade so weit, als sie auf dies Problem ein unmittelbares Licht warfen. Es ist also klar, daß in der Elegie unter dem Manne, den selbst zu loben die Schlechten kein Recht haben, kein anderer als Piaton zu verstehen ist und daß die 'Schlechten', für deren Lob den Aristo- teles der Meister zu schade dünkt, nicht irgend welche misera plebs, sondern eben die falschen Bewunderer sind, die den Pia- ton gegen die sachhche Kritik des Aristoteles glaubten schützen zu müssen "'). Die Verse mögen nun noch einmal im Wortlaut hier folgen. iZ&o)v ö' ig aXsivbv KezQOjiirjg ödneöov E'öaeßiog oefivijg 0Uii]g IdqvoaTO ßojßöv dvÖQÖg öv O'bd' aivelv toIoi xaxolai d^sfiig, dg (AÖvog ^ nQ&xog d^vtjxöv xaTeÖEi^Ev Evaqyüg oiy.eico xe ßloi xal fiEd^ödoiai Xöyov, d)g äyad-ög xe xal Evdaifiojv äfia yivExai dvirjQ. ov vvv d' i'axi JiaßElv ovöevl xavxa noxL Wir wissen nicht, wer der Stifter des Altars gewesen ist, von dem in dritter Person gesprochen wird, auch die Angabe, das Gedicht sei an Eudemos gerichtet gewesen, hilft uns nicht weiter, da wir nicht mehr feststellen können, welcher der beiden Eudemos, der Kyprier oder der Rhodier, gemeint war. Ganz un- zulässig ist es, was die spätesten neuplatonischen Trübungen der Aristotelesvita von der Inschrift des Altars mitzuteilen wissen, zum Ausgangspunkt der Deutung zu machen: nach ihnen wäre ») J. Bernays, Ges. Abhandl. Bd. I 143 ff. Dagegen mit Recht Wilamo- witz, Aristoteles und Athen Bd. II 413 und neuerdings Immisch a. 0. 2) Nur so empfängt die temperamentvolle Abschüttelung jener Unberufenen einen konkreten Sinn. Eine leere rhetorische Hyperbel kommt für Aristo- teles' Sprache nicht in Betracht, und an den Kyniker Diogenes zu denken, weil er ebenfalls die Autarkie der äQerri gelehrt habe, liegt doch allzu fern. Außer- dem konnte sich dieser doch höchstens auf Sokrates berufen, aber nicht auf einen ihm so fernstehenden Theoretiker wie Piaton (gegen Gomperz, Griech. Denker Bd. II 539 und Immisch a. 0. 21). lOm Aristoteles in Assos und Makedonien Aristoteles der Stifter gewesen. Glücklicherweise können wir an den verschiedenen Brechungen der biographischen Schultradi- tidii, die uns erhalten sind, die fortschreitende Legendenbildung noch so deutlich verfolgen, daß wir das allmähliche Zusammenwachsen dieser angeblichen Altarinschrift etappenweise beobachten'). Doch mag die äußere Situation, die Aristoteles schildert, nicht völlig klar sein, um so klarer ist die innere, und auf sie kommt es an. Der erste Vers spricht von einem Manne, wohl einem Jünger Piatons, der nach Athen gekommen ist und da einen Altar gegründet hat. Daß er einen Altar, des Piaton stiftete, diesem also göttliche Ehren erwies, vermag ich nicht zuzugeben. Die zu ßojfiög gehörenden Genetive (piUrig und dvdqog mögen uns auf den ersten Blick verwirren, für einen Griechen war es wohl außer Frage, daß zu verstehen sei: er stiftete einen Altar der hochehrwürdigen Philia, zu Ehren der Freundschaft des Mannes, den die Schlechten nicht einmal loben dürfen"). Durch das Beiwort aefiv^ ist es allem Zweifel entrückt, daß Philia die Göttin war, auf deren Namen der Altar gestiftet wurde. Ebenso gewiß freilich macht es der zweite Genetiv, daß dieser Altar der Freund- schaft nicht irgend einer rationalistischen Allegorie, einem Ab- straktum ohne Blut und Leben, sondern dem Manne heilig sein sollte, in dessen Person und Wirken die Göttin sich den Jüngern ^) Immisch a. 0. 12 hält diese Altarinschrift für echt, obwohl in der Vita Marciana der fingierte Hexameter ßcoftdv 'ÄQiaTOTe'Ärjs lÖQvaazo zövöe ÜÄdTcovog noch richtig für sich angeführt ist (p. 432 Rose) und es dann weitergeht: y.ai äÄÄaxov TieQl aitov (ptjaiv ävÖQog Sv ov6' alveiv zoiai nay.oiai &i^iig. Diesen Pentameter der Elegie stückte dann der flüchtige Kompilator der sog. Vita des Ammonius (p. 439 Rose) leichtsinnig mit dem Hexameter zusammen; er hielt üvöqös für Apposition zu IIÄdt(ovog und die beiden getrennt überlieferten Verse für die Teile eines Distichons. Undenkbar ist der umgekehrte Vorgang, daß der Verfasser der Vita Marciana das Distichon, wenn es ihm als Ganzes überbefert war, in zwei Verse zerriß und schrieb, daß der Pentameter irgendwo anders stände. Ursprünglich wird das ganze Elegiefragment angeführt gewesen sein, da die Herkunft der Angabe aus Aristokles deutüch ist (vgl. p. 106 Anm. 3). ■^) Wilamowitz a. 0. 413 ff. verbindet lÖQvoaro ßo^iidv dvÖQÖg (seil. IlÄu- loivog) und faßt aefivfjg cpiÄirjg als begründenden Genetiv oder auch, was ihm aber weniger gut scheint, als axn^ia 'Itovixöv. In der einfachen Prosasprache, die für die elegische Dichtform seit Buenos und Kritias' Tagen sich festgesetzt hatte, wäre beides etwas gesucht. Immisch, der dies fühlte, aber den Altar Piatons retten wollte, änderte in eiaeßiwv aefivrjv cpiÄitjv, was einfach un- möglich ist. Die Altarelegie auf Piaton 109 hilfreich offenbart hatte ^). Eine VergöttHchung der menschlichen Person Hegt außerhalb der Grenzen des für platonische Religiosität Möglichen, und das Beispiel der Apotheose des Alexander, Ly- sander oder Epikur verfängt hier nicht. Nur das Ideenhafte hat vollen Anteil am Göttlichen'). Ein Beispiel für dieses spezifisch platonische religiöse Empfinden gibt der aristotelische Hymnus auf Hermias (S. 118). Auch er richtet sich weder an die mensch- liche Person des Gestorbenen noch personifiziert er den abstrakten Begriff der Tugend. Er faßt sie als die göttliche Gestalt (zwei- mal sagt er (.lOQfpij) der um den höchsten Kampfpreis des Daseins ringenden Mannestugend, wie sie in Hermias' Leben und Sterben ihm und den Freunden Ereignis geworden ist, also als ''ÄQEjä 'Eq/iIov. Besungen wird die unsterbliche, niemals den Menschen sichtbare Göttin, aber besungen zur Ehre des letzten sichtbaren Trä- gers, den sie auf Erden gefunden hat. So stand auf dem Altar nur das eine Wort 0iPJag, aber Aristoteles, der hier im Stil des frommen E^t]yriT7)g eines geweihten Kultgegenstandes die In- schrift interpretiert, deutet sie richtig auf die 0iß.ia UMiüivog. Die Hinzufügung eines zweiten Namens, weil zur Freundschaft zwei gehören, vermissen wir nicht, denn wer war der Einzelne im Bunde der (pi?.oi — so nannten sich die Akademiker — der diese Stellung für sich beanspruchen sollte? Ihnen allen war Piatons Freundschaft heilig als die Kraft, die ihre Gemeinschaft im Innersten zusammenhielt. Die Prädikationen, die in den Schlußversen hymnenartig Piaton gewidmet werden, stehen mit der Weihung in engem Zusammenhang. Der wahre Freund ist — das war der Grund- gedanke der platonischen Lehre von der Freundschaft wie des *) IleQl (piXCag schreiben in der Akademie Aristoteles, Xenokrates, Speusippos und Philippos von Opus, es entsteht um den alten Piaton herum eine ganze Literatur darüber. Zwar werden noch d-eaeig iQ(DJiv,ai herkömmHcher Weise erörtert, aber der Eros ist für diesen Kreis nicht mehr das einigende Sym- bol. Ins Metaphysische projiziert, lebt er bei Aristoteles fort in dem amor dei, der die Welt bewegt: y.ivel üg i^cöfterov. Das Neutrum ist bezeichnend für den Umschwung. -) Die Vorstellung des Gottes Piaton, dem Wilamowitz a. 0. II 413 ff. den Altar geweiht sein läßt, ist zwar enthusiastisch empfunden, doch dem Fühlen der frommen und strengen Männer des platonischen Kreises fremd. Aristoteles gibt Piaton unter den O'vrjToi (v. 4) gewiß eine Ausnahmestellung, aber er bleibt ihm doch stets der sterbliche Führer zum göttlichen Ziel. IjO Aristoteles in Assos und Makedonien Zusammenlehens in der Akademie — nur der Gute in seiner Voll- endung. Die letzten Verse preisen Piaton daher als den Sterb- lichen, der diese überschwängliche Idee verwirklicht habe. Denn er war es, der als einziger oder doch als erster gezeigt hat, daß der Mensch gegenüber jedem Schicksal frei und seines Lebens Meister ist, wenn er gut ist. Er hat es nicht nur theoretisch gelehrt, sondern es den Freunden durch die Tat vor- gelebt. Das wird keiner je wieder vermögen — so will Aristo- teles schreiben, um die Folgerung aus dem schroffen 'er allein von allen Sterblichen' zu ziehen, aber wer kann die Zukunft wissen und sagen, was Menschen möglich ist? Darum schränkt er wie fiövog im Vorhergehenden nachträglich durch ^ TiQöJxog, so das oÖTioxe des letzten Verses durch vvv ein: wenigstens der Gegenwart ist es unmöglich, es ihm je darin gleich zu tun'). In dem Gegensatz der gegenwärtigen Generation zu dem über menschliches Maß hinaus ragenden Führer liegt die tragische Resignation, die das Erinnerungsgedicht aus einem bloßen hoch- gestimmten Lob zum menschlich ergreifenden Bekenntnis werden läßt. Die Ethik des Aristoteles leugnet bekanntlich Piatons Satz, ^) An dem Schlußvers hängt das Verständnis des ganzen Gedichtes. In- haltlich ist er ohne Anstoß. Es ist den Erklärern entgangen, daß oix i'azi. Äaßetv in den Lehrschriften des Aristoteles feststehender Ausdruck ist für die Uner- reichbarkeit des Ideals: Pol. ^ 1332 b 2:3 sagt er von einem politischen Ideal inei 6i tovt' od (hcSiov ÄaßeTv, F 1286 ^7 alQetöitEQOv äv el'rj . . . äQcaTOüQaica ßaaiÄeCag, . . . äv fj Aaßeiv nZeCovg öfiolovg (in der Wirklichkeit antreffen bezw. in die Wirklichkeit umsetzen). Der sprachliche Anstoß an dem Nebeneinander von ou noze und vvv, den man genommen hat. entspringt der Knappheit, die die beiden möglichen Ausdrucksweisen 'niemals oder doch jetzt nicht' und 'keinem der Jetzigen mehr' {oiöevl zwv ye vvv) in eins zusammendrängt. Aristoteles schreibt seine eigene Sprache, sie läßt sich nicht reglementieren. Alles kommt ihm auf Genauigkeit der intellektuellen Nuance an, die er beabsichtigt, nicht auf Glätte der Diktion, wie auch das scharf differenzierende >} tiqcotos (v. 4) mehr ins Kolleg paßt als in eine Elegie. Das Ziel ist durch den Meister gewiesen — dies ist der Sinn des Schlusses — aber wir Gegenwartsmenschen können so hoch nicht fliegen. Das Gedicht ist also nach Piatons Tod verfaßt und an den Rhodier Eudemos gerichtet. Für die späteste Periode des Aristoteles ist es jedoch zu unmittelbar empfunden. Es scheint aus starker Wallung und innerem Zwiespalt geboren. Ist. was ich glaube, Eudemos wie Theophrast schon in Assos Schüler des Aristoteles gewesen, so kann die Elegie bald nach dem Tode Piatons ge- dichtet sein aus dem impulsiven Trieb seines Herzens, seine innere Stellung zum Meister gerade im Augenblick, wo er sachlich sich von ihm trennte, durch ein stark persönliches Bekenntnis festzulegen. Bekenntnis zu dem verewigten Meister 1 1 1 daß des Menschen Glück nur von der sittlichen Kraft seiner Seele abhänge '). Sie verwahrt sich dagegen, daß jeder Schwätzer dieses erhabene Wort nachspreche. Aber für Piaton, der es aus- sprach, war es volle Wahrheit. Wo bleibt der Nächste, der ihm auf steiler Bahn zu folgen vermag? Das Unzulängliche Hier wirds Ereignis, Das Unerreichbare, Hier ists getan. Trotzdem war der Fortgang von Athen der Ausdruck einer inneren Krisis im Leben des Aristoteles. Es bleibt die Tatsache bestehen, daß er nicht wieder in die Mutterschule zurückgekehrt ist. Diese Abkehr hängt wohl mit der Frage der Nachfolge Piatons zusammen, die auf lange hinaus den Geist der Akademie bestimmen mußte und deren Lösung in keinem Falle den Beifall des Aristoteles finden konnte. Die Wahl, sei es des Meisters selbst oder sei es der Genossen, fiel auf den Neffen Piatons Speusippos. Er war semes Alters wegen nicht zu umgehen, mochte auch die Überlegenheit des Aristoteles für alle Einsichtigen feststehen. Die Entscheidung gaben vielleicht äußerliche Umstände wie die Schwie- rigkeit des Übergangs der Akademie an einen Metöken, über die man sich später freilich weggesetzt hat. Das Eigentum an dem Grund und Boden blieb durch die Wahl des Speusippos der Fa- miUe Piatons gewahrt. Ob außer solchen Gründen der äußeren Zweckmäßigkeit auch persönliche Abneigungen im Spiel waren, läßt sich nicht mehr sagen. Es ist an sich fast selbstverständ- lich. Aber eins kann man als sicher aussprechen: es war nicht die Kritik des Aristoteles an den Grundanschauungen Piatons, die ihn als Nachfolger in der Leitung der platonischen Akademie ausschloß. Speusippos selbst hatte schon zu Piatons Lebzeiten die Ideenlehre für unhaltbar erklärt und auch auf die Annahme von Idealzahlen im Sinne des alten Piaton verzichtet. Auch in an- deren fundamentalen Stücken wich er von Piaton ab. Und daß Aristoteles nicht geächtet, sondern hoch geachtet von seiner Schule Athen verließ, beweist uns die Person seines Begleiters Xenokrates, des unter allen Jüngern Piatons gegen Neuerungen der Lehre bedenklichsten Mannes, aber dabei einer grundehrlichen ^) Mit Recht hervorgehoben von Immisch a. 0. 17 Aristi>t>'lt'8 in Assos und Makedonien Natur. Der Abschied des Aristoteles und Xenokrates war eine Sezession '). Sie gingen nach Kleinasien in der Überzeugung, (lali Speusippos der Erbe nicht des Geistes, sondern lediglich des Amtes sei, und nun zogen sie hinaus, um dem Geiste, der hei- nintlos geworden war, eine neue Stätte zu bauen. Der Ort ihrer Wirksamkeit wurde für die nächsten Jahre Assos an der Küste der Troas, wo sie sich mit zwei anderen Piatonikern, Erastos und Koriskos aus Skepsis am Ida, zu gemeinsamer Arbeit zu- sammenschlössen. Die Bedeutung dieses Aufenthalts ist bisher verkannt worden. Im V^I. platonischen Brief, dessen Echtheit nach Brinckmanns '^) schlagender Beweisführung feststeht, wendet sich Piaton an zwei frühere Schüler in Kleinasien, Erastos und Koriskos und an ihren Freund Hermias, den Herrn von Atarneus. Er ermahnt die beiden Philosophen, die zwar durch und durch sittliche Naturen, aber ohne Welterfahrung seien, sich den Schutz des Hermias zu sichern, wogegen dieser auf den Wert ihrer zuverlässigen und charaktervollen Freundschaft hingewiesen wird. Auf die seltsame Verbindung der beiden platonischen Genossen mit dem Stadtfürsteu von Atarneus fällt Licht durch eine Inschrift, die zuerst Boeckh veröffentlicht hat"). Hier schließen Hermias und Genossen (Egfiiag y.cd ol haiQoi steht fünf Mal formelhaft in der Urkunde) einen Bündnisvertrag mit der Stadtgemeinde Er3'thrai. Nach dem neugefundenen Kommentar des Didymos zu Demo- sthenes' Philippiken ist kein Zweifel, daß die Genossen, die mit Hermias zusammen als öffentlich-rechtliche Kontrahenten in dem Vertrage auftreten, keine anderen sind als die beiden Philosophen aus dem benachbarten Skepsis, wie schon der Brief Piatons es erwarten ließ. ') Strabo XIII 57 (p. 610). 2) Rhein. Mus. N. F. LXVI (1911) 226 ff. In der Auffassung der äußeren Vorgänge um Hermias begegnen wir uns fast durchweg (vgl. meine Entsteh- ungsgeschichte der Metaphysik des Aristoteles [1912] 34 ff.) was um so wert- voller für mich ist, als der Ausgangspunkt Brinckmanns ein anderer war und wir unabhängig von einander an dem gleichen Punkt zusammengetroffen sind. Mein Buch ist zwar erst 1912 erschienen, lag aber zur Zeit der Veröffentlichung der Brinckmannschen Miszelle bereits als Dissertation der Berliner Philoso- phischen Fakultät vor. ^) Boeckh, Hermias von Atarneus in Abb. d. Berl. Akad. 1853 Eist. phil. Kl 1335. rKl. Schriften V 189), die Inschrift Dittenberger, Sylloge P p. 307. Bedeutnng der Übersiedlung nach Assos 113 Hermias war ein Mann von einfacher Herkunft. Daß er Eunuch gewesen ist, kann nicht bestritten werden, auch die Angabe, daß er in früheren Jahren am Geschäftstisch als ßankgehülfe den Leuten das Geld gewechselt habe, wie Theopomp berichtet, der ihn möglichst gehässig darstellt, wird wohl auf Wahrheit beruhen '). Er hatte zuerst einige Bergdörfer in der Gegend des Ida in seinen Privatbesitz gebracht^, sich nachher auch bei der persischen Regierung die äußere Anerkennung verschafft und wohl gegen Erlegung einer genügenden Summe den Titel eines Fürsten bei- legen dürfen. Seine Residenz lag in Atarneus. Das von ihm be- herrschte Gebiet erreichte durch seinen stetig wachsenden poli- tischen Einfluß einen erstaunlichen Umfang. Er muß schließlich sogar ein größeres Söldnerkontingent aufgestellt haben, da er widerstrebende Orte durch militärische Streifzüge zum Gehorsam anhielt und später eine Belagerung durch den persischen Sa- trapen aushalten konnte. Mit Erastos und Koriskos, die längere Zeit in der Akademie gelebt hatten und dann in ihre Vaterstadt Skepsis heimgekehrt waren, hat sich Hermias ursprünglich sicher nicht aus theore- tischer Begeisterung für die platonische Philosophie in Verbindung gesetzt. Sie müssen in dem kleinen Ort, der auf seine beiden gelehrten Söhne stolz war, eine Rolle gespielt haben. Daß klei- nere Griechenstädte sich von berühmt gewordenen Mitbürgern Gesetze schreiben ließen, war nicht ungewöhnlich, wie der Fall des Mathematikers Eudoxos zeigt, der in seiner Vaterstadt Knidos, wohin er erst als großer Gelehrter zurückkehrte, hoch geehrt ward. Es wurde ihm ein Ehrendekret beschlossen und er wurde beauftragt, der Stadt neue Gesetze zu schreiben*). Erastos und Koriskos haben sicherlich allerlei politische Reformgedanken, die sie aus der Akademie mitbrachten, in Skepsis zu verwirklichen ^) Sicher war er Grieche, sonst könnte ihn Aristoteles nicht in dem Hym- nus als Träger echt hellenischer Arete-Überlieferung den Barbaren gegenüber- stellen, die ihn hinterlistig getötet haben (vgl. das Epigramm frg. 674 R.)' Wenn Theopomp in dem Brief an Philipp (Didym. in Demosth. col. 5, 24 Diels-Schub.) sagt: aal ßÜQßaQog ^Iv Sjv [lezä zdiv HÄUTcovstcov rpiÄoao(pEl, öovÄog öt yevö- fievog äörjcpdyoig ^evyeaiv iv talg navrjyvQEOiv dycovi^ezai, so ist mindestens ersteres der rhetorischen Antithese wegen erlogen oder es geht auf sein Eu- nuchen tum. 2) Didym. in Demosth. col. 5, 27 D.-Sch. •■>) Diog. L. VIII 88. Jaeger: Aristoteles. 8 I y Aristoteles in Assos und Makedonien versurlif, iilmliili wie andere Piatonschüler an anderen Orten, die einen als fürstliche Räte oder als Diktatoren, andere als Kommu- nisten und 'Pyrannenmörder. Piaton muß wohl bei aller Aner- k«Minunf5 der idealen Gesinnung der beiden Genossen ihren Dok- trinarismus gefürchtet haben und sucht daher Freundschaft zwischen ihnen und ihrem 'Nachbarn' Hermias zu stiften. Der erhaltene Brief ist die feierliche Urkunde dieses seltsamen Bundes zwischen Realpolitik und theoretischen Erneuerungsplänen. Piaton dessen Geist über dieser Stiftung schwebt, ermahnt die drei, von denen Her- mias ihm persönlich nicht bekannt ist ') und als ganz unphilosophischer Mann der Praxis erscheint, den Brief gemeinsam zu lesen, so oft sie zusammen kämen, und sich im übrigen im Falle von Meinungs- verschiedenheiten an die Akademie in Athen als die gegebene Schiedsrichterin zu wenden. Der Reformversuch erscheint also als Ausfluß eines philosophisch-politischen Systems, das offenbar überall in Griechenland durchgeführt werden soll, wo sich Gelegen- heit bietet, und in dem die Akademie die Führung behalten will. Natürlich haben die Philosophen von Hermias, als sie diese Oligarchie der Weisen errichteten, verlangt, daß er Geo- metrie und Dialektik studiere"), wie einst Piaton von Dionysios, wie sein Schüler Euphraios von König Perdikkas von Makedonien und Aristoteles von Themison von Kypros. Und auch Hermias hat, wie diese bildungshungrigen Menschen eines aufgeklärten und geschäftigen, aber innerlich schwankenden Jahrhunderts, mit wachsendem Eifer seinen Geist durch Wissenschaft genährt und sein Leben, was mehr sagt, auf sittliche Grundsätze gestellt, die ihm von Theopomp in den Jahren seines ersten Emporsteigens vielleicht nicht ganz ohne Recht abgesprochen werden. Die widersprechenden Urteile des Ghiers, der ihn für völlig skrupellos erklärt, und der Platoniker, deren aufrichtige Bew^underung für ihn Aristoteles und Kallisthenes spiegeln ''), lassen auf eine un- 1) Vgl. Plat. epist. VI 322 E, wogegen Strabon XIII 57 (p. 610) den Hermias fälschlich zum Philosophen und früheren Schüler Piatons macht, um seine Ver- bindung mit der Akademie zu erklären, ünbegreiflicherweise hat man auf diesen Widerspruch hin früher den Brief Piatons für unecht gehalten, wo doch Stra- bons Bericht auch sonst voll von üngenauigkeiten ist (Brinckmann a. 0. 228). «) Plat. epist. VI 322 D ^) Vgl. die Gegenüberstellung der freundlichen und feindlichen Urteile bei Didym col. 4, 60ff., der Theopomps Buch XLVI der Philippischen Geschichten und Verhältnis der Platoniker zu Hermias 115 gewöhnliche Natur, eine Mischung von natürlicher Intelligenz, unternehmender Tatkraft und Schwung des Willens, aber auch auf einen Menschen voll unausgeglichener Widersprüche schließen. Jedenfalls haben ihm die Skepsier nicht nur für sein Seelenheil genützt, er ehrte sie, wie wir jetzt aus Didymos erfahren, durch die Schenkung der Stadt Assos, weil sie ihn politisch richtig beraten hatten. Auf ihren Rat hatte er seine Tyrannis frei- willig m eine mildere Verfassungsform' verwandelt. Dieser Schritt, der ihm Sympathien bei der äolischen Küstenbevölkerung erwarb, hatte zur Folge, daß die Territorien vom Idagebirge bis zur Küste von Assos hinunter freiwillig zu ihm übertraten. In der milderen Verfassungsform erkennen wir den Gedanken Piatons und Dions wieder, durch Annahme der verfassungsmässigen Regierungs- form die Tyrannis in Syrakus zu befestigen und dann die Stadt- staaten Siziliens unter ihrer straffen monarchischen Führung außen- politisch zu einigen. In Kleinasien ist im kleinen politisch wirk- lich gelungen'), wozu es in Sizilien nicht gekommen war. Die Reformen des Erastos und Koriskos müssen vor Piatons Tod fallen, da Aristoteles 347 zu ihnen schon nach Assos, nicht nach Skepsis, reist. Die Schenkung des Hermias war also da- mals vollendete Tatsache. Ausdrücklich wird von Didymos über- Hefert, was man früher nicht wußte, daß Hermias die Pliilosophen gehört und länger mit ihnen zusammen gelebt habe. Tatsäch- hch könnte Piaton im VI. Briefe nicht von so streng wissenschaft- Brief an Philipp, Kallisthenes' Enkomion auf Hermias, Aristoteles' Gedichte auf ihn, Hermipps Aristotelesbiographie und Anaximenes' Buch VI der Philippi- schen Geschichten nacheinander exzerpiert. ») Didym. col. 5, 52 D.-Sch. Am Anfang habe ich probeweise einige Er- gänzungen hinzugefügt. nal i]lg [Tr}v 7i]eQii' i- azQat/jYlTjas, q>iÄovs 6' iTvoiriaaro Koqiokov] xal "E- Qaatov Kai 'A^iaTOTlsÄTjv Kai SsvoKQdzrjv]' did Kai ndvz[eg ov\xoi, nagä ['Egfiia di^yov ] date- Qov ..[.... ]i]y.o[vaev aitwv ]. idcoy.ev aiT[oig d]coQeä[; .] . . [ iniT7i6]eg 6h rrjv TVQav[vl6]a /*[eTE]aTrj[asv elg 7i(}ai,o\xiQav 5v- vaaxelav' 6id Kai 7ida[i^g Trjg avv]£[yy]vs dii^Q- §ev Suig 'Aaaov, dze [drj Kai vncQTjajd'elg Totg el- Qrifiivoig q>iAoaöq>oig ä[7i^veifi£v] Ti]v 'Aoaiiav nöÄtv, fidÄiaia 6' aiT[ojv &7iode§]dfi£vog 'Aqi- OTOTiArjv olKEiötara [6iäy.eiT0 7tQ]dg zovtov. 8* ) I c Aristoteles in Assos und Makedunien liehen Fra^'en sprechen wie von der Ideenlehre (322 D), wenn er nicht gewußt hätte, daß alle drei Empfänger an ihr interessiert waren. Der Ausdruck des Didymos nötigt, nicht nur an gele- gentliciie philosophische Gespräche zu denken, sondern an wirk- liche Vorlesungen. An ihnen war Aristoteles scheinbar hervor- ragentl beteiligt, denn Hermias fühlte sich besonders ihm ver- pflichtet und es war ja auch natürlich, daß ihm die Führung in diesem Kreise zufiel. Eine Tochterniederlassung der athenischen Akademie war es, was in Assos damals sich bildete. Hier wurde der Grund zur Schule des Aristoteles gelegt. Nur hier kann Kallisthenes den Unterricht seines Oheims genossen haben, da er ihn nicht mehr in Athen gehört hat. Wir müssen für ihn ohnedies persönliche Bekanntschaft mit Hermias annehmen, da er ein Enkomion auf ihn geschrieben hat. Der Sohn des Koriskos Neleus war nachmals einer der eifrigsten und bedeutendsten Aristotehker, und Theophrast kam aus dem be- nachbarten Eresos auf Lesbos. Denn wahrscheinlich ist Aristo- teles, als er Assos nach dreijährigem Aufenthalt verließ, eben durch Theophrast veranlaßt worden, sich Mytilene auf Lesbos als Wohnort auszusuchen*). Durch Theophrast hat sich später *) Daß Theophrast mit Aristoteles schon in Makedonien zusammen war, beweist seine persönliche Kenntnis von Stagira und das Gut, das er dort besaß (Diog. L. V52 Eist, plant. III 11, 1; IV 16, 3). Es muß zu längerem Aufenthalt erworben worden sein, ein solcher aber kommt nur für die Zeit vor der Schul- gründung in Athen (335) in Betracht, wo Aristoteles mit dem engeren Kreise, der ihn nach Makedonien begleitet hatte, oft längere Zeit vom Hofe entfernt lebte, namentlich in den letzten Jahren vor der Thronbesteigung Alexanders, als dieser bereits an Staatsgeschäften teilnahm. Dann rührt die. Bekanntschaft Theophrasts mit Aristoteles notwendig schon aus dessen kleinasiatischer Periode her und er hat seinen Lehrer von dort nach Makedonien begleitet.,' Unmöglich ist es zwar nicht, daß Theophrast sogar noch den Piaton gehört und dann die Schwenkung des Aristoteles mitgemacht hat (Diog. L. V36), also zusammen mit ihm Athen verließ, doch ist dies nicht sehr wahrscheinlich. Theophrast starb Ol. 123; nimmt man sogleich das erste Jahr der Olympiade (288) als Todesdatum an und läßt ihn 348 7 zwanzigjährig zu Aristoteles nach Assos kommen, so er- hält man schon ein Alter von 80 Jahren, das sich je nachdem noch um vier Jahre erhöht. Eine längere Schülerzeit bei Piaton kommt also kaum in Betracht. Viel natürlicher scheint es, daß die Lehrtätigkeit des Aristoteles und der übrigen Akademiker in Assos Theophrast aus dem benachbarten Lesbos herüberlockte. Auch seine Freundschaft mit Kallisthenes, dem er nach dessen Tode eine Schrift KaÄAiaOi'vr^g ?} negl nev&ovg widmete (Diog. L.V 44), stammt aus der Zeit vor der SchulgründuDg in Athen, da dieser 334 mit Alexander nach Asien ging und nicht wieder zurückkehrte. Die Schale von Assos 1 1 ' bekanntlich die Bibliothek des Aristoteles und sein handschrift- licher Nachlaß an Neleus vererbt, der sie seinen Verwandten in Skepsis hinterlassen hat. Durch die enge philosophische Schul- verbindung des Aristoteles mit den Freunden in Skepsis und Assos verHert endlich auch die oft bezweifelte Geschichte von der Wiederauffindung seines Nachlasses in dem Keller des Hauses der Nachkommen des Neleus zu Skepsis alles Romanhafte *). Und die häufige Nennung des Koriskos als Schulbeispiel in aristo- ieHschen Vorlesungen geht, wie jetzt klar ist, auf eine Zeit zu- rück, wo der Freund wirklich in Assos vor ihm auf der Bank des Hörsals saß. Die Erlebnisse dieses Aufenthalts in Kleinasien sind in jeder Hinsicht entscheidend für Aristoteles' weiteres Leben gewesen. Hermias gab ihm seine Adoptivtochter und Nichte Pythias zur GemahHn. Von dieser Ehe, aus der eine Tochter gleichen Namens wie die Mutter hervorging, wissen wir nichts näheres. Noch im Testament bestimmt Aristoteles, die Gebeine seiner vor ihm gestorbenen Gattin sollten, wie es ihr letzter Wille gewesen sei, neben ihm beigesetzt werden. Romanhaft ist auch hier Strabons Bericht ausgemalt. Er erzählt sensationell von einer Flucht des Aristoteles mit der Tochter des Tyrannen, die er nach der Ge- fangennahme des Hermias setzt. Der Didymosfund hat unsere Kenntnis auch hier berichtigt und erweitert. Aristoteles ging nach dreijähriger Wirksamkeit in Assos nach Mytilene auf Les- bos. Dort lehrte er bis 343/2, dann folgte er dem Ruf an den Hof König Philipps von Makedonien als Erzieher des Prinzen^). Kurz nach dem Antritt dieser neuen Tätigkeit erreichte ihn die Nachricht von dem furchtbaren Schicksal des Hermias, der von Mentor, dem Feldherrn des Perserkönigs, in Atarneus ein- geschlossen und vergeblich belagert, arglistig zu einer Besprechung gelockt und nach Susa geschleppt wurde, wo er auf der Folter ^) Strabo XIII 54 (p. 608) -) Vgl. meine Entstehungsgeschichte der Metaphysik des Aristoteles p. 35, das Falsche z. B. bei A. Gercke in Realenzykl. d. klass. Alt. II 1014, der den Sturz des Hermias als Anlaß der 'Flucht* des Aristoteles betrachtet und deshalb schon -345 setzt, weil es feststeht, daß Aristoteles nur drei Jahre (348—345) in Assos geblieben ist. Didymos hat gezeigt, daß er Assos zu Lebzeiten des Hermias verlassen hat, der erst um 341 gestürzt worden ist. Der von einigen (auch öercke a. 0.) vermutete kurze Zwischenaufenthalt des Aristoteles in Athen, wo er im Lykeion gelehrt hätte, beruht auf einer waghalsigen Mißdeutung von Isoer. XU 18. ^ ^ f^ Aristoteles in Aßsos und Makedonien über seine geheimen Pläne mit König Philipp befragt und nach standhaftem Schweigen ans Kreuz geschlagen wurde. Auf der Folter ließ der König ihn befragen, welche letzte Gnade er sich erbitte. Er antwortete: 'Meldet meinen Freunden und Genossen [ngög tovg (pUovg te xai HaiQovg), daß ich nichts der Philosophie Unwürdiges noch Haltungsloses getan habe'. Dies war der letzte Gruß, den man Aristoteles und den Philosophen zu Assos über- brachte'). Die Erschütterung des Aristoteles über den Tod des Freundes und die Anhänglichkeit an ihn sprechen noch aus dem Kenotaph in Delphi, für das er selbst das Weihepigramm ver- faßt hat, und aus dem schönen Hymnus auf Hermias. Während in Athen die nationale Partei, Demosth^nes an der Spitze, den Toten herabzog, die öffentliche Meinung über ihn in Griechen- land zweideutig war und die Stimmung gegen Philipp und seine Parteigänger im ganzen Land den höchsten Grad der Spannung erreichte, sandte Aristoteles in leidenschaftlicher Parteinahme das Gedicht in die Welt, in dem er sich zu dem Getöteten bekannte. 'AQExä 7ioXvfio%d^e yevei ßQOxsiq), d-fjQafia yAXXiotov ßio), oäg TiEQi, TiaQd-ive, [lOQCpäg y,al d-avelv ^rikoxbg iv 'EZZäöi not^og xal növovg r^vai fiaXEQobg äxdfiavTag- Tolov ini (pQEva ßäXkeig naqnbv ioad^ävaxov %Qvaov %£ XQElaaa) xai yovEOiv fia?.axavyrjtoiö d-" vnvov. oov (5' k'vEx ovx Aiög 'HQaxAstjg Arjöag te xovqoi Tiökk' ävixkaoav ^qyoig auv äyQEvovTEg dvvafiiv aolc ÖE nö&oig 'Axt^Evg Atag z' Alöa dofiov f]Z^ov aäg d' k'vEXEV cpUiov piOQCpäg xai AxaqvEog EViQOcpog üeMov xVQ^^^^ avyäg' zolyaq dolöifiog Egyoig d^ävaröv te [ilv ai>ö^aovai Movaai, Mvafioovvag d^vyaxQEg, Aiög ^Eviov aißag av^ovaai (piXiag xe yiqag ßEßaiov. Das Gedicht ist in seinem unersetzlichen Wert für die Er- kenntnis der philosophischen Entwicklung des Aristoteles noch ») Didym. col. 6, 15 Der Hymnus auf Hermias 119 nicht gewürdigt, sondern meist nur als menschliches Dokument betrachtet worden. Es zeigt, wie nach der inzwischen vollzogenen kritischen Zersetzung der platonischen Idee exaktes Denken und rehgiöses Gefühl in ihm verschiedene Wege gehen. Wissen- schaftlich existiert die Idee für Aristoteles als Realität nicht mehr, als er diese Verse schreibt, aber in seinem Herzen lebt sie weiter als religiöses Symbol, als Ideal. Wie er Piatons Werke als Poesie versteht, wie er die Idee und die Teilnahme der Sinnen- welt an ihrem Sein in der Metaphysik als dichterisches Bild er- klärt, das die schauende Phantasie sich schafft, so erscheint sie ihm im Gedichte wieder, verklärt als die jungfräuliche Gestalt, um .die zu sterben auch jetzt noch in Hellas köstlich ist. Die Worte 'in Hellas' dürfen wir nicht überhören. Auch KaUisthenes stellt, in seinem gleichzeitigen Enkomion auf Hermias, im Bilde seines tapferen Sterbens die griechische Areta dem Charakter der Barbaren (ö lajv ßagßdQcov rgÖTiog) kontrastierend gegenüber*), und in dem Weihepigramm des Aristoteles in Delphi bricht Verachtung und Haß gegen die 'Meder' durch, die Hermias nicht im offenen Kampfe besiegt haben, sondern heimtückisch ihr Wort brachen und ihn grausam ermordeten. Wenn anderseits Hermias in einer Linie mit Herakles und den Dioskuren, Achilleus und Aias genannt wird, so ist das nicht panegyrische Stilisierung. Die Absicht des Aristoteles ist nicht, seinen Freund mit der pathetischen Rüstung des homerischen Helden zu zieren. Alles hellenische Helden- tum, von dem naiven Homers bis zu dem sitthchen des Philo- sophen, erscheint ihm als der Ausfluß ein und derselben Lebens- gesinnung, die des Lebens Höhen nur erklimmt, wo sie es über- windet. In dieser platonischen Areta, sei es die kriegerische Mannesehre oder schweigende Standhaftigkeit im Schmerz, findet er die Seele der griechischen Kraft, den Heroismus. Mit diesem Gedanken hat er das Herz des trotzigen Alexander erfüllt, der sich inmitten seines aufgeklärten Jahrhunderts lange als Achilleus gefühlt und als Achilleus gekämpft hat. Unter dem gleichen Ge- gensatz stellt der bildende Künstler den Entscheidungskampf der Hellenen und Asiaten auf dem Alexandersarkophag dar — im Antlitz der Orientalen die tiefen Spuren physischen und seelischen ») Didyra. col. 6, 10—13 120 Aristoteles in Assos und Makedonien Leidens, in den Griechengestalten die ungebrochene seelisch- körperliche Urkraft der Heroen. Die perserfeindliche Stimmung des Aristoteles und seiner Um- gebung war damals allgemein die des makedonischen Hofs. Wir wissen jetzt sicher aus der durch das Zeugnis des Didymos re- habilitierten IV. Philippika des Demosthenes, daß Philipp bereits um 342/1 ernstlich mit dem Plan umging, den Nationalkrieg gegen den persischen Erbfeind vorzubereiten, zu dem die pan- hellenische Propaganda des isokrateischen Kreises seit langem trieb. Ohne diesen Krieg gab es keine Legitimierung der auf bloße Gewalt gegründeten Herrschaft des makedonischen Königs über die freien hellenischen Städte. Durch seine Geheimagenten wußte Demosthenes, daß Hermias mit Philipp Abmachungen ge- troffen hatte, die ihn Persien gegenüber schwer belasteten. Diese militärische Konvention machte die Bahn frei für einen make- donischen Angriffskrieg gegen Persien. Hermias wußte als vor- ausblickender Politiker, weshalb er sich so zeitig seine mühsam errungene Stellung im nordwestlichen Kleinasien durch Phihpp garantieren heß. Er hielt das Vordringen der makedonischen Mihtärmacht gegen das Perserreich für unabwendbar und suchte seine Selbständigkeit zu retten, indem er Philipp den asiatischen Brückenkopf auslieferte und ihm in der Aiolis eine starke Ope- rationsbasis sicherte. Durch wen die Perser von diesen Plänen Kunde erhielten, wissen wir nicht; jedenfalls triumphiert Demo- sthenes nach der Gefangennahme des Hermias durch den per- sischen Feldherrn, daß der Perserkönig durch die Folterbank Ge- ständnisse von Hermias erpressen werde, die das Komplott Philipps grell beleuchten und Persien für das lange vergeblich von Demo- sthenes erstrebte Bündnis mit Athen reif machen würden^). Es erscheint ausgeschlossen, daß Aristoteles von den hoch- politischen Abmachungen seines Freundes und Schwiegervaters mit Philipp, an dessen Hof er weilte, nichts gewußt hat. 342 siedelte er nach Pella über, 341 folgte der Sturz des Hermias. Ob die Geheimverträge erst während dieses Jahres geschlossen worden sind oder schon vorlagen, als Aristoteles nach Make- •) Demosth. or. X 31 vgl. die Schollen z, St.. deren Beziehung der geheim- niavollen Andeutungen der vierten Philippika auf Hermias durch den Kommentar des Didymos bestätigt worden ist. Aristoteles' politische Mission in Makedonien 121 donien ging, wissen wir nicht, doch es ist wahrscheinHch, daß sie nicht lange verborgen gebHeben sind, also nicht sehr lange vor der Katastrophe geschlossen wurden. Auf alle Fälle ist Aristo- teles im Einverständnis mit Hermias und nicht ohne eine Sendung politischer Art nach Pella gegangen. Die herrschende Vulgata stellt es so dar, als habe sich König Philipp in der Welt nach einem Erzieher für seinen bedeutenden Sohn umgesehen und sich des- halb an den größten Philosophen seines Zeitalters gewandt. Aber als Aristoteles in Assos und Mytilene Vorträge hielt, war er noch nicht das geistige Haupt Griechenlands, und Alexander war noch keine historische Gestalt. Die alten Beziehungen, die Aristoteles durch die Tätigkeit seines Vaters Nikomachos als Leibarzt des Königs Amyntas zum makedonischen Hofe hatte, können ebensowenig der Grund zu seiner Wahl gewesen sein, denn seither waren vier Jahrzehnte verflossen. Alles weist auf Hermias' Beziehung zu Philipp als den realen Anlaß zu der weltgeschichtlich sym- boHschen Verbindung des Denkers mit dem großen Könige hin. Bloß Hofmeister zu spielen war nicht Sache dieses männhchen Charakters, und für eine Rolle wie die Piatons am Hofe des Dio- nysios oder die des Aristoteles selbst gegenüber seinem fürstlichen Freunde in Atarneus waren die Aussichten in Makedonien von Anfang an gering. Da ist es von Bedeutung, daß die Analyse der ai'istotehschen Politik uns den allmählichen Übergang seines politischen Denkens aus der Sphäre des ethischen Radikalismus und der platonischen Idealstaatsspekulation zur Realpolitik zeigt und es wahrscheinlich macht, daß sich dieser Umschwung we- sentHch unter dem Einfluß des erfahrenen Staatsmannes Hermias vollzogen hat. Aristoteles hat Alexander nicht das platonisch gedachte Idealbild des Kleinstadtstaates vorgehalten, das die äl- testen Stücke seiner Politik bewahren und das für die formell autonom gebliebenen Griechenstädte auch später seine Bedeutung behielt, als er zu Athen politische Vorlesungen hielt. Er war sich bewußt — und daß er diese Aufgabe übernahm, charak- terisiert ihn deutlicher als alle politischen Theorien — den Erben der griechischen Vormacht, des zur Zeit mächtigsten Königreichs in Europa, auf die Bahnen seiner Gedanken zu lenken und zu- gleich als diplomatisches Bindeglied zwischen Philipp und Her- mias zu wirken. Durch Hermias' Tod nahm dann alles eine un- erwartete Wendung, doch die perserfeindUche Richtung der da- jOO Aristoteles in Assos und Makedonien durch gesprengten Koalition wurde jetzt für ihn zur Geftihlssache, ui)(l in (heser Luft ist Alexander aufgewachsen. Es war dem Aristoteles ein Glaubenssatz, daß Hellas die Welt beherrschen könnte, wenn es staatlich geeinigt wäre. Er erkannte als Philosoph die kulturelle Hegemonie des Griechentums, das sich unter den Völkei'n der Umwelt mit erstaunlicher Ausdeh- nungskraft durchsetzte, wohin es auch vordringen mochte. Dem geistig geschlossenen Typus des städtischen Hellenen war kein Volk innerlich gewachsen, wirtschaftlich und militärisch siegte er schon durch seine technische Überlegenheit und persönliche Selb- ständigkeit. Die Widerstände anderseits, die die traditionelle Ge- bundenheit des politischen Lebens im autonomen Stadtstaat jeder organischen Einigung der Griechen von innen her entgegensetzte, vermochte der geborene Chalkidier nicht mit dem historischen Freiheitspathos des attischen Demokraten zu empfinden. Als Sohn einer am makedonischen Hof lebenden Familie fiel es ihm leicht, sich mit dem Gedanken der Einigung Griechenlands unter makedonischer Führung zu befreunden. Die Antinomie der bäuerlich-patriarchalischen Königsherrschaft und der städtisch- demokratischen Freiheit, die in einem solchen labilen Staats- gebilde dauernd hätte fortleben und an seiner inneren Entzwei- ung arbeiten müssen, konnte nur die überragende Persönlichkeit eines wirklichen Königs überwinden, in dessen Gestalt das Grie- chentum sich selbst verkörpert sehen konnte. Aristoteles wußte, daß ein solcher Mann ein Geschenk der Götter ist. Er war nicht Anhänger des monarchischen Prinzips um jeden Preis, wie denn dem griechischen Denken, wenigstens des 4. Jahrb., für den Wert der Legitimität einer festen Erbfolge überhaupt das juristische Empfinden mangelt. Je weniger aber der Monarch als legitimes Rechtssubjekt in unserem Sinne begriffen wurde, um so leichter beugte sich der Grieche auch des aufgeklärtesten Zeitalters vor der angeborenen königlichen Überlegenheit des natürlichen In- dividuums, das als Retter im Chaos erschien und einer in ihren Formen überalterten politischen Welt das Gesetz der unerbitt- lichen geschichtlichen Ananke vorschrieb. Diesen geborenen König suchte Aristoteles in Alexander, und es ist sein Werk, wenn der junge Monarch sich zwar immer realpohtisch auf seine kompakte makedonische Hausmacht, sein Heraklidentum und seine Stellung als Heerfürst stützte, aber seine Aristoteles und Alexander 123 geschichtliche Mission zeitweihg aufrichtig als Sache des Hellenen- tums empfunden hat. Der ungeheure Unterschied zwischen ihm und Philipp zeigt sich am deutlichsten in ihrer Stellung zu den Griechen. Philipp wußte, wie auch die Berufung des Aristoteles beweist, griechische Zivilisation klug zu nutzen. Ohne griechische Technik und Kriegswissenschaft, Diplomatie und Rhetorik ver- mochte er sich einen modern regierten Staat nicht vorzustellen. Aber im Innern blieb er doch der verschlagene Barbar. Seine genialische Kraft ließ das nur krasser, beleidigender her- vortreten. Alexander war zwar von Natur der echte Sproß dieses wilden Stammes und niemals haben die griechischen Zeitgenossen seine dämonische Unberechenbarkeit, seine tolle Genußsucht und die später sich mehrenden Ausbrüche von Brutalität und Grau- samkeit neben seinen großen Eigenschaften verstehen können, weil sie ihn wegen seiner hohen Bildung irrtümlich an griechischem Maße messen zu dürfen glaubten. Aber der erstaunliche Grad persönlicher und geschichtlicher Reflektiertheit in Alexander läßt die Wirkung des Aristoteles auf ihn deutlich erkennen. Seine Lieblingsidee, als zweiter Achüleus nach Asien zu ziehen, zeigt charakteristisch die eigentümliche Mischung in ihm und die Klar- heit, mit der er sich ihrer bewußt war. Grieche ist er in seiner literarischen und ethischen Bildung und in dem Streben nach dgexi^, nach einer harmonischen Form höherer Individualität, aber es lebt in dem trotzigen Achilleusgefühl doch auch der roman- tisch leidenschaftliche Gegensatz, in dem er sich zu der über- klugen Kultur und Staatskunst des 4. Jahrh. empfindet und wohl auch etwas vom Bewußtsein des ritterlichen Halbbarbaren, das es ihm unmöglich macht, im aufgeklärten Griechentum aufzu- gehen. Von Forschern und Geschichtsschreibern umgeben zieht er nach Asien, in Ilion sucht er das Grab des Achilleus auf und preist ihn glücklich, daß er Homer als Herold seiner Taten ge- funden habe. Von diesem Jüngling konnte Aristoteles erwarten, er werde die Griechen zur Einheit führen und ihre Weltherr- schaft im Osten über den Trümmern des persischen Reiches auf- richten, denn beide Gedanken hingen für ihn untrennbar miteinander zusammen. Die Gedankengemeinschaft der beiden Männer war offenbar sehr eng, nicht nur solange Aristoteles in Makedonien lebte, sondern noch weit über die Zeit des beginnenden Perser- kriegs hinaus. Erst als die heroisch -iliadische Landschaft ihren \ 2\ Aristoteles in Assos und Makedonien Hori/.ont (lurch Alexanders Asienzug ins Unermeßliche erweiterte, hat der junj^'e König die Achilleusgebärde mit anderen, orien- falisclien Hollen vertauscht, und seine griechische Mission trat iliiii /uidik hinter dem neuen Ziel der Vülkerversühnung und des Hassenausgleichs, das Aristoteles heftig bekämpft hat. Aber dies Ende ihrer inneren Bezieliungen darf keinen Schatten auf die Zeit werfen, wo Alexander als Thronerbe des makedonischen Staates in der Schule des Aristoteles den Grund seines politischen Denkens legte und dieser enge Freundschaft mit Antipatros schloß, die in gewisser Weise an die Stelle des Freundschaftsbundes mit Hermias trat und über den Tod des Philosophen hinaus dauerte. Nach Philipps Tod erfüllte Alexander den Lieblingswunsch seines Lehrers und ließ seinen Heimatsort Stagira, den Philipps Truppen im Krieg mit der Chalkidike verwüstet hatten, wieder aufbauen. Auch Theophrasts Vaterstadt Eresos auf Lesbos wurde verschont, als die Makedonen die Insel einnahmen. Kallisthenes begleitete Alexander als Geschichtschreiber nach Asien. Zweites Kapitel. Die Programmschrift riepi iXoao Die Pro^rrammschrift Ucq! rf>i^.oao(plag solcher. Ks wilre auch ein unfaßbarer Widerspruch, daß er bis zu IMatons Tode bei ilim ausliielt, um unmittelbar darauf die Treue der (iefolgschaft zu brechen. Doch seine Entwicklung nimmt mehr und mehr den extensiven Zug an, der Piatons Per- sönlichkeit und Wirken .stets bestimmt hatte. Er streut an ver- schiedenen Orten den Samen der Philosophie aus und gründet Schulen. Elr greift in die Organisation staatlicher Zustände ein, wie es Piaton getan hatte, und gewinnt Einfluß an den Höfen der mächtigsten Fürsten seiner Zeit. Zum erstenmal hören wir von l)edeutenden Köpfen unter seinen Schülern. Es ist a priori wahrscheinlich, daß er damals zuerst auch als Kritiker Piatons vor die große Öffentlichkeit getreten ist, wo er die platonische Philosophie unter eigener Verantwortung und nach eigener Auffassung vorzutragen hatte. Von hier aus muß es gelingen, tiefer in das geheimnisvolle Dunkel dieser entschei- denden Jahre, in denen er zur ersten umfassenden Formulierung seines eigenen Standpunkts übergeht, einzudringen. Zwischen der ersten, dogmatisch-platonischen Periode seines geistigen Werde- gangs und der letzten, vollendeten Form seines Denkens in den Meisterjahren steigt eine Übergangszeit auf und nimmt in zahl- reichen Einzelheiten festumrissene Gestalt an, eine Zeit der Los- lösung, der Kritik und des Umbaus, die man bisher nicht geahnt hat und die von der endgültigen Form der aristotelischen Philo- sophie noch deutlich verschieden ist, wenn sie deren Entelechie auch bereits in allen w^esentlichen Zügen enthüllt. Die Unter- suchung dieses Zusammenhangs wird uns nicht nur den Nutzen gewähren, das allmähhche Wachstum der Prinzipien des Aristo- teles zu beobachten. Erst wenn man sieht, was er im Lauf der Zeit stärker herausarbeitet, was er zurückdrängt und was neu hinzufügt, erkennt man klar die entscheidenden Kräfte, welche am Werke sind, eine neue Weltanschauung in ihm zu formen. An die Spitze dieser Entwicklung stelle ich den Dialog üeq! (fdoaocpiag. Im allgemeinen ordnet man ihn in die Reihe der früheren Schriften dieser Gattung ein '), doch die Philosophie des ') Bernays und Heitz sehen keinen Unterschied zwischen ihm und den anderen exoterischen Schriften, weil sie voraussetzen, daß Aristoteles in allen Piaton angegriffen habe. Dyroff a. 0. 82 verallgemeinert umgekehrt seine richtige Ansicht, daß die Dialoge und der Protreptikos großenteils platonischen Inhalt gehabt haben, und nimmt dasselb« für die Bücher IIsqI (piÄoao(pCag an. Übergang zur öffentlichen Kritik Piatons 127 Dialogs ist offensichtlich ein Erzeugnis des Übergangs. Die zahl- reichen, z. T. umfänglicheren Bruchstücke machen den Versuch der Wiederherstellung aussichtsvoller als bei irgend einem der verlorenen Werke. Wir werden auch diesmal in Einzelheiten der Interpretation eingehen müssen, um aus der wenig ver- standenen Überlieferung das Charakteristische herauszuholen. Durch Stil, Tendenz und Inhalt tritt das Werk an einen Platz, der ihm eine selbständige Stellung in der Entwicklung des Philo- sophen sichert. Der Dialog wird ausdrücklich wegen seiner Polemik gegen die Lehre von den Idealzahlen angeführt, und zwar ist er die einzige literarische Schrift, deren antiplatonischer Inhalt uns wirklich bezeugt ist. Die Kritik scheint im Zusammenhang einer allgemeinen Widerlegung der Ideenlehre gestanden zu haben, denn es handelt sich nicht um Speusipps Verselbständigung der mathematischen Zahlen als für sich seiender Wesenheiten, sondern um die spätere Form der Ideenlehre, die von Piaton selbst ausgegangen war und die Ideen als Zahlen deutete. 'Wenn die Ideen eine andere, nicht mit der mathematischen identische Art der Zahl sind, so dürften wir keinen rechten Begi'iff von einer solchen haben. Denn wer, wenigstens von den meisten unter uns, kann sich unter einer anderen Zahl etwas denken?' Diese Worte hat Syrian aus dem zweiten Buch des Dialogs erhalten '). Der Redende ist Aristoteles selbst, der in persönlicher, halb beteuernder, halb moquanter Form seine Aporie gegenüber der platonischen Lehre ausspricht. Aus derselben inneren Haltung entsprungen scheint mir ein zweites Bruchstück einer Kritik der Ideenlehre, dessen Zugehörig- keit zwar nicht ausdrücklich überliefert, aber mehr als wahr- scheinlich ist. Es ist die Stelle, die Proklos und Plutarch aus gemeinsamer Quelle als Beweis dafür anführen, daß Aristoteles nicht nur in den Lehrschriften, sondern auch in den Dialogen den Piaton bekämpft habe^). Da für keinen Dialog außer IleQi cpikooocplac, eine Kritik Piatons durch die Überlieferung feststeht, die ohne Titelangabe erhaltene Kritik aber mit dem namentlich aus diesem Dialog zitierten Bruchstück in der inneren Situation überraschend zusammenstimmt, so wäre es gesucht, wollte man nicht beide dem gleichen Werk zuteilen, das schon durch seinen *) Frg. 9 R. ") Frg. 8 R. vgl. oben p. 35 j Of^ Die I'rojframmschrift UeQi (piZoaocpiag für einen Dialos: ungewöhnlich programmatischen Titel eine große Auseinandersetzung über die grundlegenden Fragen der Philo- sophie ankündigt. Der genaue Wortlaut, der Äußerung, die gleichfalls Aristoteles selbst im Gespräche tat, ist nicht erhalten, doch bewahren beide Quellen die eindrucksvolle Wendung: er könne der Ideenlehre nicht folgen, wenn man auch glaube, daß er aus bloßer Rechthaberei dagegen spreche. Noch deutlicher als das andere Fragment beleuchtet diese Beteurung die wirklichkeits- treue Situation, in der Aristoteles sich in dem hartnäckigen Meinungskampf des Dialogs dargestellt hatte. Es geht um Biegen oder Brechen. Er appelliert schließlich an die Achtung, die der Forscher jeder ehrlichen und begründeten Überzeugung schuldig ist. Er verteidigt sich energisch gegen übelwollende persönliche Mißdeutung seines abweichenden Standpunkts, an der es in der Akademie nicht fehlen konnte. Sie war offenbar ein Hauptgrund für ihn, mit seiner Kritik an die Öffentlichkeit zu treten, nach- dem sie sicherlich lange nur im engen Kreise der Platoniker Gegenstand der Erörterung war. In dem Augenblick, wo er vor aller Welt erklärte: ich kann nicht anders als meinen Wider- spruch aufrecht halten, lag ihm an der Wiedergewinnung jener ablehnenden Gruppe seiner früheren Freunde nicht mehr viel, er legte jetzt seine Rechtfertigung dem öffentlichen Urteil vor'). Auch in der Form nahm der Dialog dem Titel und den Frag- menten nach eine Sonderstellung ein. Daß Aristoteles selbst in seinen Gesprächen als Leiter der Unterredung auftrat, berichtet Cicero, wo er sich auf ihn als Vorbild seiner eigenen Dialog- technik beruft. Aber es wurde schon gezeigt, daß diese Anlage nur in wenigen Dialogen nachweisbar und wahrscheinlich ist, außer in den Büchern vom Staatsmann eben nur in IIeqI (piXo- aocpiag'^). Hier aber hängt es wohl mit dem programmatischen und ganz persönlichen Charakter der Auseinandersetzung zusammen, wenn er selbst so stark hervortritt. Der Titel läßt eine mehr systematische Abhandlung vermuten und die Reste ') Die Stelle verdankt ihre Erhaltung ihrer einzigartigen Bedeutung für die Entwicklung des kritischen Verhältnisses des Aristoteles zu Piaton. Sie war ein Unicum. Es ist eine Methode, die sich selbst richtet, wenn man eine so individuelle, nnwiederholbare Situation auf alle Dialoge verallgemeinernd überträgt , =) Vgl. p. 29. Programmatischer Charakter, terminus post quem 1 29 bestätigen das. Ein Verteidiger der platonischen Philosophie trat dem Aristoteles sicher in längerem Referat entgegen. Auf einen lehrmäßigen Aufbau läßt ferner der Bericht Ciceros schHeßen, Aristoteles habe vor jedes Buch seiner mehrbändigen Dialoge ein Proömium gesetzt. Der Inhalt der einzelnen Bücher war also wohl wie bei Ciceros Dialogen einheitlich und in sich abge- schlossen^). So steht das Werk formell und philosophisch in der Mitte zwischen den platonisierenden Jugendwerken und den Lehr- schriften, denen es sich innerlich nähert. Den Weg zur Datierung weist das Verhältnis der Kritik der Ideenlehre zu derjenigen im ersten Buch der Metaphysik. LEs gehört zu den wenigen festen Punkten, die die Lehrschriften einer chronologischen Untersuchung darbieten, daß Aristoteles kurz nach Piatons Tode in genialem Wurfe den Versuch im- provisiert hat, aus der gärenden Masse der innerakademischen Diskussion über die Ideenlehre gewisse Hauptergebnisse zu- sammenzufassen und die Grundlinien seiner neuen Philo- sophie, eines gereinigten Piatonismus, herauszuarbeiten. Das Er- gebnis war der frühe Entwurf, dessen Einleitung wir im ersten Buch der Metaphysik lesen''). Undenkbar ist es, daß Aristoteles schon vor dieser esoterischen Erörterung mit der Kritik in UeqI (piXoöocpiac, literarisch an die Öffentlichkeit getreten wäre. Dies war nicht der erste, sondern der letzte SchrittT] Er wird es im Interesse der Akademie bis zuletzt möglichst vermieden haben, die inneren Meinungsverschiedenheiten seiner Schule über logisch- metaphysische Fragen, über die nur wenige zu urteilen imstande waren, vor aller Welt zu verhandeln, und die erhaltenen Äußerungen bestätigen, daß er nur gezwungen zu dieser Abwehr schritt. Danach fällt der Dialog in dieselbe Zeit wie die Ideenkritik im ersten Metaphysikbuch oder wenig später, jedenfalls nach Piatons Tod. Er tritt nicht nur mit negativer Kritik, sondern gleich- ') Cic. ep. ad Att. IV 16, 2 quoniam in singulis libris utor prooemiis, ut Aristo- teles in eis quos iiojzeQinovs vocat. Die Proömien müssen also mit dem folgenden nicht innerlich verbunden gewesen sein, wie es Proklos in Parmen. tom. I p. 659 (Cousin) von den Dialogen des Theophrast und Herakleides Pontikos berichtet. Sie waren nach dem aristotelischen Vorbild geschrieben. Im Eudemos entwickelt sich das Gespräch noch organisch aus der Rahmenerzählung des Proömiums wie bei Piaton. -) Vgl. meine Studien zur Entstehungsgeschichte der Metaphysik des Aristo- teles (Berlin 1912) p. 28 fi., besonders p. 33. ^^ J aeger: Aristoteles. ^^-^'^ 9 j;{() Dil' Programmschrift JleQl q>iAoaooTg y^äftfiaii yvw&c aaviöv. Wiederkehr aller Wahrheiten. Das Orientproblem 133 hier ist sie durch die Periodentheorie vertieft zu einem Wieder- aufleben der delphischen Weisheit. Apollinismus und Sokratik sind die beiden Brennpunkte im ethischen Entwicklungsgang des griechischen Volkes. Denselben Sinn muß die Untersuchung des Entstehungsalters der orphischen Religion gehabt haben. An der Geschichtlichkeit des Orpheus hat Aristoteles nicht gezweifelt, er betont den späten Ursprung der literarischen Kodifikation nur, um an Stelle eines versgewandten Orakelschmieds der Peisistratiden- zeit wieder einen echten Propheten der griechischen Frühzeit erstehen zu lassen. An der späten Entstehung der Orphika war für ihn kein Zweifel möglich, dem hohen Alter der rehgiösen Lehre dagegen stand kein Hindernis entgegen. Den Anlaß für die Behandlung der Frage nach ihrer Entstehungszeit gab sicher- Hch ihre Wiederkehr in dem vergeistigten Jenseitsglauben und der mythischen Seelenlehre Piatons. Ein weiteres Beispiel dieser Methode läßt sich aus folgendem Bruchstück zurückgewinnen. Plinius berichtet in der Natur- geschichte (30, 3) : 'Eudoxos, der die Lehre der Magier unter den philosophischen Sekten für die herrlichste und heilsamste gehalten wissen wollte, hat überhefert, der genannte Zarathustra habe 6000 Jahre vor Piatons Tode gelebt. So berichtet auch Aristo- teles'. Es ist bekannt, daß Eudoxos, der Astronom und Freund Piatons, sich für die Wissenschaft des Orients und Ägyptens während seines dortigen Aufenthalts interessiert hat. Er brachte die Kunde, die er von den Vertretern dieser den Griechen noch ziemlich verschlossenen Welt empfangen hatte, mit nach Hellas. Die Akademie war damals geradezu der Brennpunkt einer orientalisierenden Strömung, die als Vorzeichen des Alexander- zugs und der ihm folgenden Annäherung zwischen hellenischem und asiatischem Geist von hoher, lange nicht genug gewürdigter Bedeutung ist. Die Kanäle, durch die die Einflüsse des Orients eingedrungen sind, kennen wir nur zum kleinen Teil. Zufällig sehen wir aus dem Schülerverzeichnis der Akademie, von dem sich ein Stück auf einem herkulanensischen Papyrus erhalten hat, daß ein Ghaldäer der platonischen Schule als ordentliches Mit- ghed angehörte*). Das war im letzten Jahrzehnt Piatons, wie ■es scheint; in dieselbe Zeit weisen andere Spuren orientalischen 1) Index Acad. Herculan. col. II 1 p. 13 (Mekler) j;^^ Die ProKrammschrift JIiqI (piÄoaoqüts Einflusses wie die Parallele der platonischen vier Tugenden mit der Kthik Zaratliustras im I. Alkibiades und die Astraltheologie, die l'latons Schüler und Sekretär Philippos von Opus im Nach- trag zu den (besetzen als höchste ao(pia vorträgt. Er beruft sich für die neuen religiösen Anschauungen, die er pathetisch 'den (iriechen' verkündigt, offen auf orientahsche Quellen '). Gewiß rühren diese Strömungen aus der Zeit her, wo Eudoxos in der Akademie anwesend war, wie denn leider das Material nicht reicht, den ungeheuren Einfluß dieses Mannes auf die Platoniker in vollem Umfang zu würdigen. Die orientalischen Neigungen hängen teils mit der Bewunderung der chaldäischen und 'syrischen' Astronomie und ihrer uralten empirischen Kenntnis des Sternen- himmels zusammen, der die Akademie die Berechnung der Um- laufperioden und die Kenntnis der sieben Planeten entnahm, die bei Philippos von Opus zum ersten Mal in Europa auftaucht, teils mit der Vorliebe für den parsischen religiösen Duahsmus, in dem man eine Stütze für die duahstische Metaphysik des alten Piaton fand. Die böse Weltseele in den Gesetzen, die die Wider- sacherin der guten Seele ist, ist ein Tribut an Zarathustra, zu dem Piaton durch die letzte, mathematisierende Phase der Ideen- lehre und den durch sie scharf zugespitzten Dualismus geführt wurde'). Seither herrschte für Zarathustra und die Lehre der ^lagier in der Akademie starkes Interesse. Piatons Schüler Hermodoros beschäftigte sich in seiner Schrift UeqI fiad^7]fidio}v mit der Astralreligion und leitete den Namen Zoroaster etymo- logisch aus ihr her, indem er ihn als Sternanbeter (daTQod-m7]£) erklärte *). Aus diesen Anregungen stammte Aristoteles' Interesse für die Magier im Dialog IIsq! (piXooocpiag. Auch in der chrono- logischen Ansetzung des Zarathustra waren ihm andere Aka- demiker vorangegangen. So hatte Hermodor ihn 5000 Jahre vor ») Epin. 986 E 987 B 987 D— 988 A [Plat.] Alcib. I 121 E— 122 A. ') Leg. X 896 E AQ. Wv^tiv Srj diomovaav xal ivoiKovaav iv äjiaaiv tolg näviTj mvovuevois fieJv oi> xal z6v oiQavdv ävdyxrj dioiy.ecv (pdvai; KA. Ti lit'jv; AO. Miav J) nÄeiovg; nÄeCovg' iyu) vnkg a(p(pv ä7ionQi.vov^af dvoiv ftäv yi Ttov IXaiTov f4T]ökv ii-&ä>ftev, r^j ze eiegydTtdog nal ifjg rävavzia övvafidvrjg iieQyd^ea&ai. ') Hermodoros üegl fiax^rj^dnov, von Sotion in der Diadoche benutzt, bei Diog. L. I 2 und 8 vgl. Schol. [Plat.] Alcib. I 122 A Vergleich des platonischen und persischen Dualismus 135 dem Falle Trojas angesetzt. Die Forschungen dieses Platonikers waren es, auf die sich noch der alexandrinische Gelehrte Sotion in seiner Geschichte der Philosophenschulen für diese Fragen hauptsächlich stützte. Neben Hermodor erwähnte er den Ansatz des Xanthos, wonach Zarathustra 6000 Jahre vor dem Xerxes- zug gelebt hätte '). Der von Plinius mitgeteilte Ansatz des Aristo- teles und Eudoxos unterscheidet sich von den übrigen über- Heferten Datierungen durch die seltsame Epoche. Neben den Berechnungen nach Jahren vor dem Xerxeszug (später dem Alexanderzug) oder dem Falle Trojas sieht man es der Bezeich- nung '6000 Jahre vor Piatons Tode' deutlich an, daß sie nicht chronologischer Zählweise, sondern dem Wunsch entspringt, eine innere Beziehung zwischen Zarathustra und Piaton als zwei gleich- artigen geschichthchen Erscheinungen herzustellen. Was dem Vergleich und besonders dem Interesse an der nach Jahrtausenden zählenden Zwischenzeit, die beide trennt, zugrunde liegt, ist augenscheinlich die in IIsqI q)doao(piag vorgetragene Anschauung von der Naturnotwendigkeit und periodischen Wiederkehr aller menschlichen Wahrheiten. Nun spricht Aristoteles in einem für das erste Buch des Dialoges bezeugten Fragment von der Lehre der Magier, dem iranischen Dualismus: nach ihrer Anschauung gebe es zwei Prinzipien, einen guten und einen bösen Dämon, Ormuzd und Ahriman, die er den griechischen Gottheiten Zeus und Hades gleichsetzt, dem Gott des Himmelslichtes und dem der chthonischen Finsternis. Schon Plutarch hat den chaldäischen und magischen Dualismus mit Piatons Lehre von der guten und bösen Weltseele verglichen und es liegt nahe, daß für Aristoteles in dem Fragment, wo er Zarathustra mit Piaton in Parallele setzt, ebenfalls dieser Gesichtspunkt bestimmend war*). Zur Gewißheit wird diese Vermutung durch die einzige Stelle, wo er sonst noch die Magier erwähnt. Sie steht in einem der ältesten Stücke der Metaphysik, dessen Entstehung wir, aus anderen Gründen, in dieselbe Zeit wie die Schrift Über Philosophie setzen müssen. Auch dort ist vom platonischen Dualismus die Rede, und Aristo- teles führt als älteste Vorstufen dieser Weltanschauung Phere- kydes auf griechischem und die Magier auf asiatischem Boden 1) Diog. L. I 2 «) Arist. frg. 6R. Plut. Is. et Osir. 370 E \ ;{>; Die Progranimsrlirift TT/qI fjiß.oaorfüug an'). Die Zaratliustrabegeisterung der Akademie war ein Rausch, ilhnlicli der philosophischen Wiederentdeckung der indischen IMiilosophie durcli Schopenhauer: es steigerte das geschichtliche Selbstgefühl der Schule, daß der Prophet des Orients Piatons Lehre vom Guten als dem göttlichen Prinzip aller Dinge schon vor Jahrtausenden der östlichen Menschheit offenbart hatte. Diese Erklärung wird durch die Zahl 6000 bestätigt. Durch Theopomp wissen wir, daß die Generation des Aristoteles und Eudoxos, der vielleicht auch Theopomps Quelle ist, von der großen Weltperiode der iranischen Religion und von dem weltgeschicht- lichen Drama des Kampfes zwischen Ormuzd und Ahriman Kenntnis erhalten hatte"). Abwechselnd {dvä ixegog) herrschen Ormuzd und Ahriman je 3000 Jahre, weitere 3000 Jahre liegen sie mit- einander im Kampfe und suchen gegenseitig, was sie geschaffen haben, zu zerstören und einander Abbruch zu tun. Aber schließ- lich bleibt der gute Geist Sieger und herrscht dann über das Erdreich eine Zeitlang unangefochten. Also ist die Zahl von 6000 Jahren d. i. zwei dreitausendjährigen Akten des himmlischen Gesamtdramas mit Absicht gewählt, und es ist kein Zufall, daß der nach Jahren vor Piaton berechnete Ansatz durch 3000 teilbar ist. Mit Piaton ist ein neuer Äon angebrochen. Zarathustra steht auf der Scheide zweier W^eltalter, Piaton genau in der Mitte der 12 000 jährigen Weltperiode. Für die Einordnung des von Plinius überlieferten Frag- mentes in das erste Buch IIeqI (piXoao(plag spricht vor allem, daß man es erst ganz versteht, wenn man es in diesem Gedanken- zusammenhang betrachtet. Da aber Val. Rose es — ohne er- kennbaren Grund — unter die Überreste des unechten Mayixög gestellt hat, so möge der Schatten des Verdachtes, der da- durch auf seine Zuverlässigkeit fallen könnte, noch ausdrücklich beseitigt werden"). Plinius nimmt die Nachricht nicht aus dem ^) Metaph. N 4, 1091 bs *) Theopomp hg. 72 Mueller vgl. Jackson, The date of Zoroaster Journ. of the American Orient. Soc. XVII (1896) 3, F. Cumont, Textes et monum. de Mithra I 310 A. 6, neuerdings Gisinger, Erdbeschreibung des Eudoxos (Lpz. 1907). Weil sich in 6000 Jahren die Schöpfung des guten Gottes vollendet, identifizieren die christlichen Kirchenväter und Geschichtsphilosophen diese Weltperiode mit dem Sechstagewerk des mosaischen Schöpfungsberichts. ') Arist. frg. 34 vgl. V. Rose, Arist. Pseudepigr. 50. Vermutlich hat Rose das Bruchstück dem Magikos zugeteilt, weil dieser bei Diog. L. I 1 und I 8 als Piaton und Zarathustra 137 Werk des Apion Über die Magier, wie Rose ganz grundlos ver- mutet, sondern aus dem gleichnamigen gelehrten Werk des Kaliimacheers Hermippos, den er eine Zeile weiter in unverkenn- barer Weise als Quelle zitiert und dessen urkundliche Belesenheit Plinius mit umso mehr Berechtigung naiv anstaunt, als er selbst sie vermissen läßt. Nicht Plinius, sondern Hermippos hat den Eudoxos und Aristoteles aufgeschlagen, wie auch der Vergleich mit dem Magierfragment des ersten Buchs (frg. 6) IIeqI g)i?.OGoq)iag bestätigt. Auch dieses stammt von Hermippos, und auch hier hat er Eudoxos und Aristoteles als seine Quellen angegeben. Wir stellen beide Auszüge zusammen. Phn. n. h. 30, 3. Diog- Laert. I Prooem. 8. Sine dubio illic orta in Per- ^AQiatOTiXi]^ ö' iv jigcbico side a Zoroastre, ut inter aucto- res convenit. sed unus hie fuerit an postea et alius, non satis 71 EQi (piXoaocpiac, y.ai tcqs- aßvTSQOvc slvai xajv Aiyvmioiv xai ovo y.ax' avxovg (sc. rovg constat. Eudoxus, qui inter Mdyovg) sivai dgxdg, dyad-öv öai- sapientiae sectas clarissimam utilissimamque eam intellegi voluit, Zoroastrem hunc sex mili- bus annorum ante Piatonis mortem fuisse prodidit. sie et Aristoteles. Hermippus, qui de tota ea arte diligentissime scripsit et viciens centum milia versuum a Zoroastre condita indicibus quoque voluminum eius positis explanavit, praecepto- rem . . . tradidit Agonacen, ip- sum vero quinque milibus annorum ante Troianum bellum fuisse. fiova y.al xaxöv öaifiova * y.al T(p fiei> övofia Eivai Zevg y,al ^ÜQO^idaörjg, Tcp ök 'Äiörjg yai 'ÄQSifidviog. (fijöi ÖE xovTO aal "^'Egi-iinnog ev tc^ tiqcjtcp tieqI Mdyuv zai Evöo^og iv ifj TiEQiööoj xal @EÖjiOfiJiog EV rfl öyööii ToJv ^iXiTcniy.iüv. aristotelisch zitiert wird, in unmittelbarer Nähe des Magier-Zitats aus UeQl (piÄoao(pias. Aber genaue Quellenuntersuchung zeigt, daß die Schriften nicht beide von ein und demselben Gewährsmann des Diogenes als aristotelisch angeführt worden waren: den unechten MlaytKÖg hatte Sotion neben Hermodor als Haupt- quelle herangezogen, denn alle drei werden sowohl ü)iog. 1 1 — 2 als auch I 7 — 8 zusammen zitiert (der Auszug reicht bis g)'t]al 6i tovxo y.al ö 'E^iiööcogog) ; da- gegen stammen die Nachrichten aus Aristoteles* UeQl q)iAoao(pias und Eudoxos von Hermippos, wie oben gezeigt ist. jQO Die ProKrammschrift UcqI (piÄorjorpius Heniiippus hat augenscheinlich für die Magier beidemal die- selben (Juellen herangezogen, die Ihglodog des Eudoxos und den Diak)g IhQt (pdooocpiag. Er wird an beiden Stellen diese Bücher genau zitiert haben. Diogenes hat das vollständige Zitat erhalten; IMinius nennt, wie er es oft tut, nur die Quellenautoren, nicht die Huchtitel. Gerade zu den chronologischen Erörterungen des ersten Buches Tlegl (pdoaocpiag, das auch sonst von den Magiern handelte, und zu der Wiederkehrtheorie paßt das Bruchstück vor- trefflich. Es ist also zukünftig unter die Fragmente des Dialogs aufzunehmen. Die welthistorische Parallele Piatons und Zara- thustras macht nicht den Eindruck, als wäre sie zu Lebzeiten Piatons aufgestellt worden. Sie stand sicher noch nicht in der Erdbeschreibung des Eudoxos, der lange vor Piaton gestorben ist. Eudoxos gebührt nur die Priorität hinsichtlich des chrono- logischen Ansatzes des Zarathustra 'vor 6000 Jahren' und erst Aristoteles hat im Zusammenhang seiner Lehre von der perio- dischen Wiederkehr aller menschlichen Erkenntnisse den Ansatz des Eudoxos speziell auf die W^iederkehr des Dualismus bezogen und Piaton dadurch eine Folie gegeben, wie sie seiner hohen Verehrung entsprach. Der Dialog, in dem er seinen Meister so in das Licht der Jahrtausende rückte, ist ohne Zweifel erst nach dessen Tode verfaßt '). Die Lehre von der in gewissen Intervallen wiederkehrenden Wahrheit setzt voraus, daß die Menschen nicht imstande sind, nachdem sie einmal erkannt ist, sie dauernd festzuhalten. Da- mit war nicht gemeint, daß die Menschheit sich niemals lange auf derselben Höhe behauptet und deshalb auch längst erkannter Wahrheiten immer wieder verlustig geht, sondern die Lehre wurde mit der Annahme einer periodischen Zerstörung der Überheferung und der gesamten Zivilisation durch gewaltsame Naturereignisse *) Stammen die Worte des Plinius 'sex milibus annorum ante Piatonis mortem' nicht aus der Mittelquelle Hermippos — die Angaben ante mortem . . , bedeuten in der technischen Chronologie, worauf Ed. Fraenkel mich mit Recht hinweist, mitunter dasselbe wie einfaches ante aliquem — sondern aus dessen Vorlage, so können sie überhaupt nur von Aristoteles sein, da Eudoxos vor Piaton starb (ihn mit Gisinger a. 0. 5 A. 1 auf Grund der Pliniusstelle nach Piaton sterben zu lassen, ist nicht möglich). Aber daß ein solcher Vergleich überhaupt erst nach Piatons Tode gezogen werden konnte, scheint mir schon aus rein inneren Gründen gewiß, und das gleiche gilt von der Stellung des gesamten Dialogs zu Piaton und seiner Philosophie, Katastrophentheorie und Geistesgeschichte 139 begründet, sie war nichts anderes als die Anwendung der plato- nischen Katastrophenlehre auf die Geschichte der Philosophie. Schon Bywater hat mit einleuchtenden Gründen nachzuweisen gesucht, daß die Katastrophentheorie in dem Dialoge des Aristo- teles vorkam*). Der Timaios nimmt an, daß alle ältere Über- lieferung bei den Griechen durch Naturereignisse eingreifender Art vernichtet sei. Als Niederschlag solcher Katastrophen in der Erinnerung der Menschheit wird z. B. der Phaethonmythos, der Sintflutmythos usw. gedeutet. Auch in den Gesetzen wird diese Methode der Mythendeutung auf die älteste Kulturgeschichte an- gewandt, ebenso wie Aristoteles in der Metaphysik die Götter- mythen als Rudimente einer alten, in der Überlieferung ver- dunkelten Vorstufe seiner Sphärenbewegertheorie interpretiert*). Die rationalistische Methode dieser Mythenbehandlung ist gewiß nicht Piatons phantasievollem Geist entsprungen, sie trägt die Signatur jonischer Wissenschaft und wird wie vermutlich auch die Katastrophentheorie selbst von Eudoxos herrühren. Aristoteles hat in freier Weise mit dieser Methode geschaltet, z. B. wird in der Meteorologie aus mythischer Überlieferung auf die vorgeschicht- Hche Existenz der von ihm selbst eben erst begründeten Äther- hypothese geschlossen*). Die Anschauung von der Wiederkehr aller geistigen Dinge ist dagegen sicher nicht eudoxisch ; sie zeigt aber um so klarer die Wirkung der modernen Naturwissenschaft auf das kulturgeschichtliche Denken, auf die Bewertung des Mythos und auf die Auffassung vom Wesen des menschlichen Geistes, der wie die Natur ihre Kräfte, immer von neuem aus sich hervor- treibt, was in ihm verborgen ruht. *) Bywater Journ. of Philology VII 65 weist Stücke von Philoponos in Nicom. arithm. dem Dialog UeqI cpiÄoaocplag zu. Die Kataklysmentheorie wird dort mit der Entwicklung der Wissenschaft in Beziehung gebracht, ein Zug, den Aristoteles von Piaton übernahm und ausbaute. Aber die von Bywater ana- lysierte Theorie ist in dieser Form stoisch, besonders der Gedanke der Ent- wicklung der Künste und des dadurch bewirkten beständigen Bedeutungswandels der aoq>ia vgl. mein Buch Nemesios von Emesa, Quellenforschungen zur Ge- schichte des älteren Neuplatonismus und zu Poseidonios (Berl. 1914) p. 1245. Gerhäußer, Der Protreptikos des Poseidonios (Diss. Heidelberg 1912) p. 16 ff. 'ä) Plat. Tim. 22 A— C, Kritias 109 D ff., Leg. lU 677 A, Ar. Metaph. A 8, 1074 b 1—13 ') Meteor. ^3, 339 b20ff., de caelo ^3, 270 bi6fi., de anim. mot. 3, 699 »27, Pol. HIO, 1329 b25 ]4f) Die Programmschrift IleQl (piA.oao(piag Erschien im ersten Buch Piaton als ein allem kleinlichen \Vi(iersi)ruch entrückter säkularer Geist, in dem die Bewegung der bisherigen Philosophie ihren Höhepunkt erreicht hatte, so rUckte auf diesem Hintergrund die Kritik der folgenden Bücher erst in die angemessene Perspektive. Auf die Zersetzung der Ideenlehre im zweiten Buch folgte im dritten dann das eigene Weltbild des Aristoteles. Es war eine Kosmologie und Theologie, die gleichfalls unter beständiger Auseinandersetzung mit Piaton vorgetragen wurde, gerade weil sie sich auf Schritt und Tritt eng an ihn anlehnte. Über den Inhalt des Buches im allge- meinen unterrichtet der Epikureer in Giceros de natura deorum. Aristoteles nahm hier im Wesentlichen die spätplatonische Astral- theologie wieder auf. In ihr fand er den Punkt, wo das meta- physische Denken nach dem Zusammenbruch der Ideenlehre an- zuknüpfen habe. Bei Piaton stand hinter dem siderischen Mj^thos seiner Spätzeit die übersinnliche Welt der Ideen, deren Abbild der sichtbare Kosmos war. Aristoteles zieht sich ganz auf die kosmo- logische Seite dieser Doppelwelt zurück, ebenso wie es ein anderer Schüler Piatons, Philippos von Opus, in der Epinomis wenn auch in anderer Weise tut. Er wird dadurch zum eigent- lichen Schöpfer der kosmischen Religion der hellenistischen Philosophie, die sich vom Volksglauben gelöst hat und nur noch in der himmlichen Gestirnwelt die Gegenstände ihrer Verehrung sucht. Die Fäden, die die aristotelische Sternreligion mit der Akademie, anderseits die stoische Theologie mit dem frühen Aristoteles verbinden, sind bisher nicht bloßgelegt, insbesondere ist die Bedeutung des Aristoteles in diesem Zusammenhang nicht klar erkannt worden, weil man . zu ausschheßlich von den dem Hellenismus noch durchweg fremden Lehrschriften ausging. Nach dem kritischen Bericht bei Cicero, der aus einer auch von Philodem benutzten epikureischen Quelle stammt, hätte Aristoteles im dritten Buch IJegl (piAoao(piag bald den Geist, bald die Welt, bald den Äther, bald einen andern für Gott erklärt, den er der Welt überordnete und der ihre Bewegung durch eine Art rückläufiger Drehung (replkaüone qiiadam) lenkte i)- Der Kritiker konstruiert grobe Widersprüche zwischen diesen Aussagen, indem er den Maßstab des epikureischen Schuldogmas anlegt. ') Arist. frg. 26 R. (Cic. n. d. I 13, 33) Ausbau der spätplatonischen Astraltheologie im III. Buch 141 Mag diese Beurteilnng oberflächlich sein, der Bericht als solcher ist nicht anzuzweifeln. Der Gott, der der Welt übergeordnet genannt wird, ist der transzendente unbewegte Beweger, der durch die Vollkommenheit seines reinen Gedankens als Zweck- ursache die Welt lenkt. Dies ist die Urzelle der aristotelischen Metaphysik. Daneben bezeichnete Aristoteles den Äther als gött- lich oder göttlicheren Körper, wie in den Lehrschriften; als Gott kam er keinesfalls vor*). Die Göttlichkeit des Äthers paßt schein- bar nicht zu einem strengen transzendenten Monotheismus, aber unter dem unbewegten Beweger standen die Sterngötter, deren Stoff ätherisch ist. Ein bloßer Scheinwiderspruch ist es ferner, wenn Aristoteles einmal die Welt, dann wieder den Äther als Gott bezeichnet haben soll, erst das Ganze, dann den Teil. Unter Welt ist nicht, wie der Epikureer es tut, der hellenistische Begriff des lebenerfüllten, alle Wesen mit einbegreifenden Kosmos, sondern der Himmel zu verstehen, die bloße Kugelperipherie. Diesen Sprachgebrauch erweist auch die Epinomis als altakademisch. Sie stellt es frei, ob man den höchsten Gott, den Himmel Uranos, Olympos oder Kosmos nennen wolle, an einer anderen Stelle heißt es, daß er am ehesten die Bezeichnung Kosmos verdiene ^). Aber nicht nur terminologisch stand Aristoteles in dem Dialog auf spätplatonischem Boden. Die Übereinstimmung zwischen der Theologie des aristotelischen Werkes und der Epinomis ist in den Grundzügen nahezu vollständig. Es fällt auf, daß der nach Angriffspunkten spähende Epikureer die 55 Sphärengötter der späteren Metaphysik mit keinem Wort erwähnt. Diese kosmo- logische Anschauung hat Aristoteles in dem Dialog offenbar über- haupt noch nicht vertreten. Die Bestätigung gibt ein Bericht Pseudo-Philons in der Schrift über die Ewigkeit der Welt, Aristoteles habe den Philosophen, die die Welt für geworden oder vergänglich erklärten, furcht- 1) Er wird von Cicero, wie gewöhnlich, mit caeli ardor umschrieben. Seine Bezeichnung als göttlich beweist ebenfalls, daß die aristotelische Hypothese vom Äther gemeint ist (vgl. Cic. n. d. I 14, 37 ardorem, qui aether nominetur, was Piasberg zu der Stelle anmerkt). Aristoteles hat die Hypothese vom Äther als fünften Körper also noch in der Akademie aufgestellt, wo sie ziemlich allge- mein durchdrang, wenn auch mit mancherlei Abstrichen und Modifikationen. Der Öffentlichkeit wird sie in IleQl (piÄoao(pias zum ersten Mal bekannt ge- geben. 2) Epin. 977 A— B, 987 B \ .jo Die Prnprrammschrift TTcqI rpiJ.oaofpla; baren Atheismus (öewfjv dO^EÖTrjta) vorgeworfen, daß sie einen so L^roßen sichtbaren Gott (tooovtov ögatöv d^EÖv) für nichts Hi)heres hielten als ein mit Händen gemachtes Werk. Er selbst nannte den Kosmos ein Pantheon, das Sonne, Mond, Wandel- und Fixsterne umfasse und verspottete die Gegner: bisher habe er nur ij;efUrchtet, sein Haus könnte einmal vom Sturm, durch Abnutzung oder infolge leichtfertiger Bauart einstürzen, aber jetzt sei zu besorgen, die ganze Welt werde eines Tages zu- sammenstürzen durch die Hypothesen jener Gelehrten, die sie schon durch bloße Worte abbrächen'). Die Tonart kennen wir: sie ist, wo Aristoteles sich gegen die Lehre der Physiker vom Weltuntergang wendet, von bissiger Schärfe, wesentlich gedämpfter und respektvoller in der Zuiück- weisung der Weltschöpfung des platonischen Timaios, die unter dem mit Händen gefertigten Werk zu verstehen ist. Es ist der gleiche persönliche Ton, den wir in der Kritik der Ideenlehre im zweiten Buche ITegl (piXoao(plac, fanden. Auch im dritten Buch, sagt der ciceronische Bericht, habe Aristoteles seine Kosmologie in ständiger Polemik gegen Piaton vorgetragen. Das muß sich in erster Linie auf die Lehre von der Ewigkeit der Welt beziehen, denn mit ihr weicht er am stärksten von Piaton ab*). Und da die Stelle keiner der erhaltenen Lehrschriften, sondern ihrem Stile nach zweifellos einem Dialog entnommen ist, so kann kein zweiter als der Über die Philosophie als Quelle für sie in Frage kommen. Er war das verlorene, im Altertum vielgelesene Werk, in dem die beiden nach antiker Ansicht für Aristoteles charakte- ristischsten philosophischen Anschauungen ausgesprochen waren, die Annahme des Äthers als Himmelselement und die Behauptung der Unzerstörbarkeit und Ungewordenheit des Kosmos. Die Doxographen pflegen beides ganz richtig als Spezialität neben und mit der platonischen Kosmologie anzuführen. Denn trotz des Widerspruchs in Einzelfragen ist die Lehre des Dialogs, soweit es sich um Aristoteles' positive Anschauungen M Arist. frg. 18 R. (Ps. Philo de aet. mundi 3, 10 p. 53 Cohn-Reiter) *) Arist. frg. 26 R. (Cic. n. d. I 13, 33) Aristotelesque in tertio de philoso- phia libro multa turbat a magistro suo Piatone dissentiens . . . Manutius' Ein- schub von nort vor dissentiens, den Rose nach Lambins Vorgang aufnimmt, ist sachlich unhaltbar und von Vahlen auch stilistisch als unmöglich erwiesen (vgl. Piasberg in der großen Ausgabe p. 218). Entstehung der kosmischen Religion des Hellenismus 143 handelt, noch vöUig platonisch, vor allem die Verquickung der Theologie mit der Astronomie. Aus Piatons Gesetzen stammt es, wenn die Anhänger ketzerischer astronomischer Ansichten als Atheisten bezichtigt werden; ist doch durch Piaton diese früher atheistischste Wissenschaft geradezu zur Theologie geworden, wie es in den Gesetzen heißt'). Zu dem ciceronischen Bericht paßt es, daß auch hier das Wort Kosmos in der Bedeutung Himmel angewandt ist. Denn was ist die Lehre von dem Sonne, Mond und Gestirne 'in sich fassenden' Kosmos anderes als eine Spiegelung des Weltbildes im Timaios (30 D): Tn der Absicht, den Himmel dem schönsten und vollkommensten unter allen Noumena ähnlich zu machen, schuf Gott ein einziges sichtbares Lebewesen, das alle ihm von Natur verwandten Lebewesen in sich umfasse.' Bei Aristoteles ist freilich der Himmel nicht mehr das sichtbare Abbild der höchsten Idee, die alle anderen Ideen, den ganzen intelligibeln Kosmos in sich enthält. Die Ideenwelt ist gefallen, mit ihr der Demiurg, der im Hinblick auf sie die sichtbare Welt schuf. Zu umso höherer metaphysisch-religiöser Würde steigt nun das Abbild, der Kosmos selbst als die sicht- bare Einheit der Welt und die himmlische Gestirnregion empor, die einzigen der Erfahrung gegebenen Bürgen der platonischen Forderung, daß es etwas Ewiges und Dauerhaftes im Fluß des Werdens geben müsse. Auch der Ausdruck 'sichtbarer Gott' ist platonisch, und wenn auch der Vergleich des Himmels mit einem Pantheon, das alle Einzelgötter in sich faßt, dem Wort nach nicht aristotelisch, sondern philonisch sein dürfte, aristotehsch ist der Gedanke, der sich auch in der Epinomis in der Bezeichnung des Himmels als Olymp wiederfindet*). Das Weltgefühl, das im Kos- mos das Göttliche ahnt — darin ist dies Wort ein Symbol des entscheidenden Wandels in der Geschichte der griechischen Reli- gion — tritt an die Stelle des alten Olymps. Die Sterne sind die vernünftigen, beseelten Wesen, die ihn in göttlicher Wandellosigkeit und Schönheit bewohnen. Es ist die Theogonie des Hellenismus und des Spätaltertums, an deren Ursprüngen Piaton steht. ») Leg. 821 D 822 B— C 898 C 899 A, der Bund von Astronomie und Atheis- mus wird aufgehoben 967 Äff. ') Der Himmel als Olymp Epin. 977 B, die Gestirne als äyd^uaia darin Epin. 984 A. < »» Die Programmschrift Jlepl (piXoao(piag Die spätere aristotelische Metaphysik hat bekanntlich das Prinzip des unbewegten Bewegers aus seiner Isolierung heraus- genommen und jeder der Sphären, durch die das Bild der Vor- und Rückschritte wie der Stillstände im Lauf der Himmelsköi-per entsteht, einen besonderen transzendenten Beweger gegeben. Von dieser Anschauung findet sich in unserem Dialog keine Spur. Der unbewegte Beweger schwebt über allen anderen Göttern, körperlos und von der Welt geschieden als reine Form, In ihr ist die Einheit der Welt verankert. Die Gestirne und der Himmel aber sind Wesen, denen Seelen innewohnen und die spontan ihrem inneren, bewußten Gesetze folgen. Die Annahme immanenter Sternseelen schließt die andere Erklärungsweise aus. In der Akademie gab es seit langem Erörterungen über die Ur- sachen der Gestirnbewegung. In den Gesetzen erwähnt Piaton drei Hypothesen, die zulässig seien, ohne daß er sich bestimmt für die eine oder die andere entscheidet. Und zwar sollen sie ohne Unterschied für alle himmlischen Körper gelten. Entweder muß man sich die Gestirne als Leiber vorstellen, denen wie uns Seelen innewohnen — ist doch für Piaton die Seele das Prinzip der spontanen Eigenbewegung — oder die Seele wohnt nicht in dem Gestirnleib, sondern verschafft sich von außen her einen feurigen bezw. luftförmigen Körper und stößt mit ihm den Ge- stirnkörper vorwärts, oder endlich die Seele ist gänzlich körper- los und lenkt die Bewegung des Gestirns 'durch irgendwelche anderen, über die Maßen wunderbaren Kräfte'^). Die Annahme der immanenten Sternseele wird die Piatons sein, sie entspricht am besten der beseelenden Kraft und plastischen Einfachheit seines Denkens wie auch seiner Lehre von der Seele als Prinzip aller Bewegung. Die zweite bezeichnet er als Annahme einiger {köyoc, Tivcjv), wohl astronomischer Kreise; man denkt an die Sphären des Eudoxos, wenn auch schwerHch dieser selbst schon Sphärenseelen anerkannte. Die körperlose Seele der dritten Hypothese ist offenbar ein transzendentes Eidos, das das Gestirn als Zielursache bewegt, wie das Geliebte den Liebenden. Es ist das Prinzip des unbewegten Bewegers: die wunderbaren Kräfte, von denen Piaton spricht, denkt man sich ähnlich der Sehnsucht der Sinnendinge nach der Idee und der aristotelischen ÖQS^ig. •) Plat. Leg. X898E Neue Hypothesen über die Gestirnbewegung 145 Für uns wird es wahrscheinlich stets eine unlösbare Frage bleiben, ob Aristoteles selbst oder ein anderer Akademiker als erster den Gedanken des unbewegten Bewegers gefaßt und auf das Problem der Gestirnbewegung angewandt hat. Der Anteil der Einzelnen ist bei der Gemeinsamkeit ihres Forschens nicht mehr genau zu scheiden. Dem Geiste nach ist es ein platonischer Gedanke d. h. ein solcher, der aus platonischer Vorstellungswelt entsprungen ist und nicht für sich entstehen konnte, gleichviel wer so geistreich war, ihn zuerst zu denken. Aristoteles wandte ihn nur für das oberste Prinzip an, das schlechthin unbewegt der Welt gegenübersteht, während die Gestirne und der Himmel von Seelen bewegt werden. Dies folgt nicht nur aus der philo- nischen Stelle, sondern vor allem aus den bei Cicero erhaltenen aristotehschen Beweisen, die jetzt zu prüfen sein werden. Nach Piaton sollte jede der drei Hypothesen für sämtliche himmlischen Bewegungen ohne Unterschied gelten. Vielleicht ist die Kom- bination der ersten mit der dritten bei Aristoteles ein Fingerzeig, daß er beide von anderen übernimmt. Cicero führt im zweiten Buch der Schrift über die Götter neben Gottesbeweisen des Kleanthes, Chrysippos und Xenophon mehrere von Aristoteles an, die er offenbar nicht eigner Lektüre verdankt, sondern einer fertigen Sammlung entnimmt *). In vielen der Beweise wird immer wieder von neuem gesagt, was bereits bewiesen war. Indessen auch die Quelle selbst überheferte nicht alles aus erster Hand, so wenig wie dies etwa von der inhaltlich in vieler Hinsicht entsprechenden Sammlung von Gottesbeweisen bei Sextus gilt"). Der Bericht des Cicero ist also kritisch aufzu- nehmen, doch im Kern ist er authentisch. Beides läßt sich gleich am ersten Beweis zeigen: Da in allen Elementen lebende Wesen ihren Ursprung haben, einige auf der Erde, andere im Wasser, andere in der Luft, ist es nach Aristoteles absurd, in dem zur Erzeugung von Lebewesen durch seine Feinheit und kräftige Bewegung geeignetsten Element (dem Äther) keine Lebewesen anzunehmen. Nun existieren in der Ätherregion die Gestirne. Also sind sie vermutlich Lebewesen von scharfem Verstand und raschester Bewegung. *) Cic. n. d. II 15, 42—44 (teilweise von Rose abgedruckt als frg. 23—24) 2) Sext. Emp. adv. phys. I 49 (401, 26) J a e g e r : Aristoteles. 10 |4ß Die Programmschrift Ileel ipiÄoaocpcas Man hat den Beweis mit Recht für den Dialog JleQl (pdo- ao(piag in Anspruch genommen, aber in dieser Form wäre er un- möglich. Wir sahen, daß Aristoteles dort bereits den Äther als fünften Stoff lehrte. Die Vierelementenlehre des bei Cicero er- haltenen Beweises stammt nicht etwa aus der Zeit vor Einführung des fünften Stoffes, so daß sie einem früheren Werk zugewiesen werden müßte. Sie ist eine Anpassung des aristotelischen Be- weises an die stoische Elementenlehre, die ein Kompromiß zwischen der herkömmlichen und der aristotelischen Ansicht darstellt, in- dem sie Feuer und Äther als ein Element betrachtet. Nur eins hat der stoische Gewährsmann Ciceros treu bewahrt, den for- malen Charakter des Analogieschlusses. Aristoteles ging aus von der ausnahmslosen Geltung des Satzes, daß in jedem Elemente Lebewesen existieren, für die uns durch Erfahrung zugänglichen Elemente. Er schloß daraus auf das nicht unmittelbar der wissen- schaftlichen Kontrolle zugängHche Ätherelement und auf die Wesen, die in ihm existieren. Also mußte der Beweis ursprünglich dem Sinne nach so lauten: da in allen Elementen nachweislich Lebewesen vorkommen, im Erdelement die einen, andere im Wasser, andere in der Luft, noch andere im Feuer, so gibt es sicherUch auch im Äther lebende Wesen; die Sterne, die wir dort wahrnehmen, müssen also Lebewesen sein. Der Beweis knüpft an den Timaios (39 E) an, der die vier Elemente mit gleich vielen Arten göttlicher Wesen bevölkert. Die Epinomis trägt dem inzwischen erschienenen Dialog des Aristoteles und der Ather- hypothese Rechnung, indem sie statt der vier Elementargötter- klassen des Timaios fünf annimmt. Sie zeigt aber schon durch die Anordnung der Elemente, daß sie nicht einfach dem Aristo- teles folgen, sondern konservativ dessen Hypothese in den Ti- maios einfügen will. Bei Aristoteles ist der Äther das im Welt- räume höchste Element, dann folgen Feuer, Luft, Wasser, Erde. Bei Philippos behält das Feuer seine Stellung als oberstes Element, es folgen Äther und Luft, dann Wasser und Erde, es ist also nichts an Piatons Lehre geändert, als daß statt der Luft, deren höchste und reinste Schicht bereits bei Piaton ') Äther heißt, zwei getrennte Elemente gesetzt werden*). Während so die Epinomis ») Phaed. 109 B Tim. 58 D *) Epin. 984D5. zeigt die Anordnung der liinf Elemente im Weltraum, 981 C nennt den Äther aristotelisch nifAmov acjfia, aber hier ist er nur das als Fortbildung der platonischen Sternseelenlehre 147 äußerlich die Ätherhypothese sich assimiliert hat, ist sie dem eigentlich Wesentlichen des aristotelischen Gedankens absichtlich aus dem Weg gegangen. Bei Aristoteles bezieht sich der Beweis nicht wie bei Piaton auf mythisch erdachte göttliche oder dä- monische Wesen, sondern er ist als strenger Erfahrungsbeweis gedacht, setzt also voraus, daß Aristoteles seine Feuertiere em- pirisch nachweisen zu können glaubte. Noch in der Tiergeschichte interessiert er sich für Insekten, die angeblich durchs Feuer fhegen, ohne sich zu versehren, und spricht von der Beobachtung solcher Wesen, die auf Cypern gemacht worden sei^). Aber es ist eine Stelle aus Apuleius hierherzuziehen, die in der Fragment- sammlung fehlt und die ausdrücklich die Lehre von der Existenz der ^(^a nvqiyova auf Aristoteles zurückführt. Ein näheres Ein- gehen lohnt sich zwar nicht der mirakulösen Feuerbewohner wegen, wohl aber um des geistesgeschichtlichen Zusammenhangs willen, den sie uns verfolgen lassen. In der Schrift über das Daimonion des Sokrates schließt Apuleius scheinbar ähnlich wie Aristoteles, in Wahrheit aber mit ganz verändertem Beweisziel und anderen Prämissen: da es in dem Erdelement und im Wasser lebende Wesen gibt, desgleichen im Feuer (wie Aristoteles lehrt) Wesen, die in diesem Element geboren werden und sich ständig darin aufhalten, endlich auch im Äther, nämlich die Sterne — deren Beseeltheit mittlerweile so sehr zum Dogma geworden war, daß man sie wie eine erfahr- bare Tatsache behandeln zu dürfen glaubte — so müssen sich auch im Luftreiche lebende Wesen, wenngleich unsichtbar, auf- halten; dies sind die Luftgeister"). Ai-istotelisch ist an der Fassung nichts als die Feuertiere, wie Apuleius richtig seiner Quelle nach- schreibt. Denn daß er den Schluß nicht selbst umgemodelt. fünftes und letztes hinzugetretene, nicht derjenige Körper im Raum, der von der Erde am fernsten ist. Daß in UeqI cpiÄoaoq>cas der Äther ni^mov acjfia oder nefiTtirj oiaia hieß, folgt aus der allgemeinen Verbreitung dieser Bezeich- nung für das spezifisch aristotelische Element bei den Doxographen, die durch- weg aus dieser Quelle schöpfen. Die Lehrschriften sagen ngGtiov awfia. Die Epinomis ist die erste von Hegt (piÄoaoq)iag abhängige Schrift, die den Ausdruck ni/^jiTov aäifia gebraucht. Auch sonst wandelt der Verfasser vielfach auf dieser Spur. Da die Gesetze von Isokrates or. V 12 im Jahr 346 erwähnt werden, so muß der Dialog des Aristoteles noch 348/7 erschienen sein. ') Arist. bist. an. E 19, 552 b 10 , 2) Apul. de deo Socr. VIII 137 (p. 15,12 Thomas) 10* 1 IQ Dio Programmschrift IleQl (piXoao(pCas sondern einer Quelle entlehnt hat, lehrt Philon an mehreren Stellen, wo sich derselbe Schluß mit der gleichen Zuspitzung auf den Nachweis der Luftdämonen (Engel) findet. Philon bemerkt ebenfalls in Parenthese von den Feuertieren, sie fänden sich in Makedonien, d. h. er vermeidet es, seinen Lesern die heidnische Quelle zu nennen und setzt für Aristoteles dessen Heimat ein*). Aus der Übereinstimmung dieser zeitlich voneinander weit ent- fernten Autoren ergibt sich, daß der echte Beweis des Aristoteles von einem vorchristlichen, vor Philon liegenden stoischen Philo- sophen aus einem kosmotheologischen in ein dämonologisches Argument verwandelt worden ist. Völlig durcheinander geworfen ist beides in der parallelen Fassung bei Sextus, die ganz un- brauchbar ist'). Ohne näher zu untersuchen, wem die Um- formung zuzuschreiben ist, kann man sich mit der Tatsache be- gnügen, auf die es für den bei Cicero überheferten aristotelischen Beweis einzig ankommt: es fehlten in ihm ursprünglich nicht die Feuertiere und damit die fünf Elemente, erst der stoische Ver- mittler hat sie nachträglich gestrichen''). >) Philon de gig. 2, 7—8 de plantat. 3, 12 de somn. I 22, 135, an der letzteren Stelle läßt er die Feuertiere fort. Sie sind in der umgewandelten Gestalt des Arguments bei Philon-Apuleius wirklich nur noch störend. «) Sext. Emp. adv. phys. I 8G (410,26). Hier wird sowohl bewiesen, daß in der Luft Dämonen leben, als auch daß die Sterne beseelte Wesen sind, der aristo- telische und der dämonologische Beweis sind kontaminiert. ä) Die Quelle des Philon und Apuleius verrät sich auf den ersten Blick. Bei der Umsetzung des aristotelischen Schlusses in einen Beweis für die Existenz der Luftgeister, die sie vorgenommen hat, folgte sie Epin. 984 D ff., wo die Existenz der Sterngeister gleichfalls vorausgesetzt wird, während die der Luftwesen erst bewiesen wird. Bei Aristoteles dagegen müssen die Luftwesen empirisch bekannte fwa sein, da sonst sein Analogieschluß zusammenbricht. Es waren vermutlich die Vögel. Da paßt es nun sehr gut, daß der Autor des Apuleius gerade diese Annahme ausführlich bestreitet. Die Vögel sind ihm mit Recht terrestre animal; außerdem bewohnen sie nur den unteren Teil des Luftreichs, was er mit Angaben über mathematische Messungen des Olymp be- weist (die Zahl der Stadien ist leider in den Handschriften ausgefallen), den kein Vogel überfliege, während die Atmosphäre weit über ihn hinaus ab hu- millrmis bmae anfractibus usque ad summiim Olynipi verticem sich aus- dehne. Diese könne doch nicht gänzlich der Bewohner entbehren. Ferner rechnet die Quelle, um statt der fünf Elemente des Aristoteles die vier stoischen heraus- zubekommen, die Feuertiere und die Gestirne beide als Feuerbewohner, nur trennt sie den Äther, wenn auch nicht als besonderes Element, so doch als reinste obere Feuerschicht ab. Die barocke Verschmelzung der Dämonenspekulation Die Feuertiere. Hellenistische Nachwirkungen 149 In jedem Fall stammen die Feuertiere und der ganze Beweis aus einem Dialog; es ist unmöglich, die Apuleiusstelle auf die durchs Feuer fhegenden Insekten der Tiergeschichte zu deuten, wie es die Erklärer des Apuleius tun, denn das wesentliche und für den Beweis in UeqI (pUoaoq)iag zu fordernde, daß die Tiere im Feuer geboren sind und sich stets darin aufhalten, steht nur bei Apuleius und Philen, nicht in der Tiergeschichte. Es ist ein Zitat aus jener Schrift des Aristoteles, die von den hellenistischen Philosophen und Doxographen am stärkten benutzt wurde. Es läßt sich aber auch noch zeigen, wie die ursprüngliche Form des Arguments in der Literatur über die Ewigkeit der Welt nachwirkt, die durch die Schrift IJeqI g)iAoao(piag hervorgerufen Avurde. Es ist auf Schritt und Tritt zu verfolgen, wie diese Literatur ihre Waffen der Rüstkammer des aristotehschen Dialogs entnimmt. Wir nannten in diesem Zusammenhang bereits die unter Philons Namen überlieferte Schrift von der Ewigkeit der Welt, die neben dem aristotelischen Vorbild auch noch andere gute peripatetische Autoren wie Theophrast und Kritolaos heran- zieht. Seit dem Erscheinen des aristotelischen Buches war die Stoa mit ihrer Lehre von der Weltzerstörung und Palingenesie hervorgetreten, und die Ansicht des Peripatos bedurfte der Ver- teidigung gegen die stoischen Gegengründe. Die Fassung der ohne Namensnennung verwerteten aristotelischen Argumente ist unter dem Einfluß dieser Tendenz des Verfassers, der um die Wende der christlichen Ära lebt und der damals modernen Richtung des Ausgleichs zwischen Piaton und Aristoteles huldigt, vielfach verändert und man kann lange nicht alles für Aristoteles in Anspruch nehmen, was unter die Fragmente aufgenommen ist. mit anschaulicher Beobachtung und exakt naturwissenschaftlichem Denken ent- spricht dem Bilde, das ich mir von Poseidonios mache, auf den als Quelle des Apuleius schon A. Rathke, De Apulei quem scripsit de deo Socratis libello (Berl. Diss. 1911) p. 32 geschlossen hat. Doch dieser hat nicht erkannt, daß Poseidonios in seinem Argument Aristoteles' Ile^l (pLÄoaocplag benutzt und mit der Epinomis kombiniert hat. Reinhardts schönes Buch über Poseidonios (München 1921) ist mir gegenüber der religiös-mythischen Seite des Poseidonios viel zu skeptisch, wie er ihm auch die Feuertiere mit Unrecht abspricht. Der Einfluß der alten Akademie und des frühen Aristoteles auf Poseidonios und überhaupt auf die Stoa wird heute unterschätzt. Daß Doxogr. 432, 4 dem Piaton und Aristo- teles nur vier Arten von Lebewesen zugeschrieben werden, ist eine der häufigen Verwirrungen dieser Schulbuchweisheit (vgl. Diels Proleg. 64). ^f^O I^Jß Programmschrift llepl tpiXoaotptas Hose hat aber wie bei Apuleius-Philon die Feuertiere, so in unserer Schrift einen Beweis übersehen, der zwar nicht selbst aristoteHsch, aber in würtliclier Anlehnung an das 'zoogonische' Argument — um mit der Epinomis zu reden — formuliert ist. Während nach unserer Hypothese bei Aristoteles durch Analogieschluß aus den in den bekannten Elementen lebenden Wesen die Beseeltheit der im Äther kreisenden Gestirne geschlossen wurde, setzt Ps. Philon sie als bewiesen voraus und bildet den Beweis zu einer Argu- mentation gegen die Vergänglichkeit der Welt um: wenn alle lebenden Wesen, die sich in den Regionen der verschiedenen Elemente aufhalten, einmal untergehen sollen, die auf der Erde, im Wasser, in der Luft und im Feuer {nvqlyova), so müßten nach Analogie {y.ax' dvaloyiav) auch der Himmel, die Sonne, der Mond und alle Gestirne (die Lebewesen im Äther) dem Unter- gang geweiht sein. Das aber widerstreitet ihrer Gottheit, welche mit ihrer Ewigkeit steht und fällt*). Die Verquickung zweier klassischer Beweisgründe aus IIeqI (pü.ooocpiag liegt zu Tage. Der Scliluß aus der Gottheit des Himmels auf seine Ewig- keit ist mechanisch übertragen auf alle Himmelskörper, die mit wörtlicher Nachbildung der Stelle, wo Aristoteles den Himmel 6 ToaovTog ÖQatög dsög nannte, ö xooomoc, aiod-r^tojv d^eüv sii- öaifio)v TÖ nälai vofiiad^Eig OTQaxög heißen^). Damit verquickt ist (ohne daß die Logik dadurch besser würde, die überhaupt nicht die starke Seite des Verfassers ist) der zoogonische Schluß : wenn alle Lebewesen in den bekannten vier Elementen vergehen, müssen auch die im Äther analog vergehen — ein inhaltloses Geschwätz und eine bare Selbstverständlichkeit, die man nur be- greift, wenn man den Verfasser bei der Arbeit sieht, aus den berühmten Argumenten seines Vorbüdes etwas scheinbar Neues, Originelles zusammenzuschmieden. Uns leistet er immerhin den Dienst, für den durch die Kritik der Cicerostelle zurückgew^onnenen Beweis des Aristoteles die Feuertiere, die Fünfzahl der Elemente und den Analogieschluß zu beglaubigen, umsomehr als die Sclirift Ps. Philons in anderen, offenbar aus stoischer Quelle stammenden Beweisen nur vier Elemente kennt ''). Es war nicht möglich das Echte unter der vielfach über- malten Überlieferung zu erkennen, ohne auf die geschichtlichen *) Ps. PhUon de aet. mundi 14,45 (C. R.) *) Arist. frg. 18 (33, 4 R.) ») Ps. Phüon de aet. mundi 11,29 Beweise für die Beseeltheit der Gestirne 151 Nachwirkungen des Dialogs einzugehen. Bei den folgenden Be- weisen für die Göttlichkeit der Gestirne, die Cicero anführt und die scheinbar in engerem Zusammenhang mit dem vorigen stehen, ist die Frage der Scheidung des Echten von späterer Zutat oder Umbiegung erst neuerdings aufgeworfen und vermutet worden, daß nur der letzte Beweis (§ 44), der freilich ausdrücklich als solcher bezeugt ist, aristotehsch sei*). Die ihn einführenden Worte nee vero Aristoteles non laudandiis est in eo, qnod . . . deuten streng genommen darauf, daß das Vorhergehende dazu gehört, aber zur Not kann man sie als Rückweis auf den ersten, eben- falls ausdrückhch dem Aristoteles zugeschriebenen Beweis deuten, dann gehört das dazwischen stehende einem anderen Verfasser und ist nur wegen seiner Verwandtschaft mit den aristotelischen Argumenten hergesetzt worden. Man glaubt darin die posidoni- anische Wärmetheorie zu erkennen, und nach dem vom ersten Beweis Gesagten ist stoische Übermalung gewiß nicht ausge- schlossen. Aber die einzelnen Beweise bauen sich so absichtsvoll stufenweise aufeinander auf, daß man sie ohne Not nicht aus- einanderreißen soll. Der Gang des Gedankens ist folgender. Zuerst wird gezeigt, daß der Äther nicht als einziges Ele- ment ohne Lebewesen sein könne, daß also die Sterne, die sich in ihm befinden, Lebewesen sein müssen und zwar, der Fein- heit und Bewegtheit des Äthers entsprechend, Lebewesen von höchster Intelligenz und Geschwindigkeit. Führt man nämlich das Verhältnis der Elemente zur Qualität der in ihnen lebenden Wesen noch weiter durch, so besteht zwischen der geistigen Be- schaffenheit der Gestirne und den vitalen Qualitäten des Äthers ein ähnliches Verhältnis wie zwischen der Intelligenz und dem Temperament der Erdbewohner und den klimatischen und Er- nährungsverhältnissen ihres Wohnorts. Bewohner von Land- schaften mit reiner und dünner Luft sind intelligenter und denken schneller und schärfer als solche von Gegenden mit schwerer, dichter Atmosphäre, dasselbe gilt sogar hinsichtlich der Wirkungen leichter und schwerer Nahrung auf den menschlichen Geist. Die Gestirne müssen also von höchster Intelhgenz sein, weil sie in der Region des Äthers, des feinteiligsten von allen Elementen, leben und sich von den Ausdünstungen der Erde und des Meeres ') K. Reinhardt, Poseidonios 228 ff. 152 Die Programmschrift Hegl tpiXoaoiplas nfthren, die durch den weiten Zwischenraum aufs äußerste ver- dünnt sind. Für die Richtigkeit dieser erschlossenen Tatsachen spricht als äußere Erfahrungsinstanz die unverbrüchliche Ordnung und Regelmäßigkeit der Gestirnbewegung. Von Natur kann sie nicht sein, denn Natur verfährt nicht wie bewußte Vernunft, aus Zufall ist sie nicht erklärbar, denn Planmäßigkeit und Konstanz schließt den Zufall mit seinem Ohngefähr und unberechenbaren Wechsel aus. Sie muß also bewußtem Plan und innerem An- trieb entspringen. Im letzten Beweis steigert sich dieser Ge- dankengang zu dem Nachweis, daß wie die Ordnung und Kon- stanz Plan und Vernunft, so die Kreisförmigkeit der Umlauf- bahnen den freien Willen handelnder Wesen voraussetze, da die Körper sich von Natur nur in gerader Linie nach unten oder oben bewegen und eine Einwirkung überlegener äußerer Gewalt nicht in Betracht komme. Als aristotelisch ist ausdrücklich der Satz des ersten Be- weises bezeugt, es sei absurd, daß in allen übrigen Elementen Lebewesen vorkommen, nicht aber im Äther, dem zur Erzeu- gung animahschen Lebens geeignetsten Element. Das Le- benspneuma ist nach Aristoteles dem Ätherelement der Gestirne analog, das die Lebens wärme in reinster Form enthält *). Der Vitalismus der angeblich stoischen Wärmelehre des Beweises hat seinen Ursprung in der aristotelischen Pneumalehre, die den ge- schichtlichen Keim der stoischen Ansicht enthält. Die Hypothese der Bewegung der Gestirne durch Seelen wird hier sorgfältig bis in die äußersten Konsequenzen durchdacht, und gerade an der Art, wie der Urheber des Beweises mit der halb mythischen Anschauung der platonischen Sternseele Ernst macht und die Kategorien der Psj^chologie, Zoologie und Physik energisch auf sie anwendet, erkennt man den jungen Aristoteles. Er ist pie- tätvoll und dogmatisch befangen genug, an der Realität jener Vorstellung nicht zu rütteln, aber je ernster er sie nimmt, je mehr er sie scharfsinnig preßt, umso schneller wird er von ihr loskommen. Die Lehre vom Einfluß des Klimas und der Nahrung auf Geist und Körper der Menschen ist platonisch und erinnert wörtlich an eine Stelle der Gesetze. Auch die Epinomis bringt die stoffliche Beschaffenheit der Erdgeschöpfe mit der Ungeord- ') Arist. de gen. an. £3, 736 b 29 Realisierung des Mythischen in Piaton. 'Stoisches* 153 netheit und Unvernunft ihrer Bewegung, den ätherischen Stoff der Gestirne mit ihrer körperlichen Schönheit und geistigen Voll- kommenheit in ursächlichen Zusammenhang, wobei sie entweder Aristoteles' eben erschienenem Werk folgt oder gemeinsame aka- demische Ansicht wiederspiegelt *). In UeqI (pUoaocpiag wird die Analogie näher durchgeführt die reinste Atmosphäre umgibt die Gestirne und ihre Nahrung sind die feinen Ausdünstungen der Erde und des Meeres, eine physikalische Lehre, die schon alt war und die Aristoteles später aufgegeben hat. Hier hat er sie noch als Stütze seiner Vor- stellung von den himmHschen Lebewesen und ihrem physio- logischen Lebensprozeß verwertet. Von hier hat Kleanthes sie mit der ganzen früharistotelischen Theologie übernommen und sie in der Stoa heimisch gemacht^). Auch der Beweis der Beseeltheit der Gestirne aus der Regel- mäßigkeit und Ordnung ihrer Bewegungen findet sich in der Epinomis, etwas wortreicher aber weniger dialektisch zugespitzt, und zwar wie bei Aristoteles im unmittelbaren Anschluß an die Zoogonie. Wir müssen aus dieser bisher nicht beachteten Parallele den Schluß ziehen, daß Philippos und Aristoteles beide die gel- tende akademische Lehre vortragen '^). Die aristotelische Fassung ist direkt durch Piaton angeregt. In den Gesetzen') liest man am Anfang des Beweises für die Beseeltheit der Sterne: Etliche sagen wohl, aller Dinge Werden jetzt, einst und in Zukunft geschehe entweder durch Natur oder durch bewußtes Hervorbringen oder 1) Plat. Leg. V 747 D Epin. 981 E '^) Meteor. 5 2,354b 33f!. wendet er sich gegen die physikalische Theorie, die Sonne nähre sich von den Ausdünstungen des Meeres. Sie muß recht alt ge- wesen sein, da einige Physiker ihr zufolge die Sonnenwende naiv als ein Wechseln des „Futterplatzes" erklärten. Dem Aristoteles lag die Ansicht nicht so fern, mochte er auch die anthropomorphe Erklärung der xQonal belächeln, da sich nach ihm das Warme vom Feuchten nährt (z. B. Metaph. y13, 983 b23). Wenn er ihren Vertretern vorwirft, sie hätten nicht nur für die Sonne, sondern ebenso für die Gestirne sorgen sollen (355 a'19), so ist das eben die Konsequenz, die er selbst in UeQl (piÄoaocpCas einst gezogen hatte. Von dort hat Kleanthes (Cic. n. d. II 15, 40 frg. 504 Arnim) die Anschauung übernommen, doch hat er auch die Erklärung der Sonnenwende sich angeeignet (n. d. III 14, 37 frg. 501 Arnim). Die stoische Physik bietet mehrfach, eerglichen mit der von Aristoteles erreichten Stufe, Beispiele eines solchen Atavismus : Verschmelzung früharistotelischer Kosmo- theologie mit voraristotelischer Physik. ') Epin. 982 Äff. *) Plat. Leg. X 888 E ff. 4K^^ Die Programmßchrift Ilegl tpiÄoaofpCas Zufall. Die Kiemente und die aus ihnen hervorgegangenen Dinge, Erde, Sonne, Mond und Sterne, seien sämtlich von Natur und durch Zufall, und nichts von ihnen sei durch bewußtes Hervor- bringen, denn sie seien ganz und gar ohne Seele. Die Physiker, die Flaton bekämpft, verstehen unter Natur dasselbe, was in dem aristotelischen Beweise darunter gemeint ist, der sie, von der- selben Dreiteilung ausgehend, mit ihren eigenen Waffen schlägt: ein geist- und seelenloses stoffliches Aggregat. Piaton stellt um- gekehrt die Seele als Prinzip des Werdens voran und fordert daher einen neuen Naturbegriff'). Es gibt aber bei Aristoteles unzählige Stellen, wo der einmal üblich gewordene niedere Na- turbegriff ungescheut verwandt wird, wie gleich in dem nächsten Beweis die Tendenz des Feuers und der Luft nach oben, die der Erde und des Wassers nach unten eine Bewegung von Natur genannt wird. Die Dreiteilung alles Werdens in natürliches, zu- fälliges und absichtlich hervorgebrachtes findet sich auch im Pro- treptikos des Aristoteles. Die Methode selbst, durch Ausschluß aller übrigen Möglichkeiten eine bestimmte als zutreffend zu er- weisen, hängt mit der spätplatonischen Einteilungsdialektik zu- sammen und ist für Aristoteles charakteristisch. Sie ist auch in dem letzten Beweise angewandt, der zu dem vorangehenden eine feinere Nuance hinzufügt und ausdrücklich als aristotelisch bezeugt ist. Alle Bewegung ist entweder von Natur oder durch Gewalt oder durch freien Willen. Die Bewe- gung der Körper geht, soweit sie von Natur ist, immer gerad- linig nach oben oder unten, aber nicht im Kreise wie die der Himmelskörper. Auch durch äußere Gewalt ist die kreisförmige Bewegung nicht zu erklären, denn welche Gewalt ist größer als die jener gewaltigen Körper? Es bleibt für sie also nur die Be- wegung durch freien Willen übrig. Auch diese Folgerung hat ihre Parallele in der Epinomis, wo von einer vollkommensten Willensüberlegung (dgioTt] ßovXevaig) der Gestirnseelen die Rede ist*). In ihr ist die Unwandelbarkeit der Ananke verankert, die die Umläufe der Gestirne lenkt. Ihre Vollkommenheit besteht in der mathematischen Idealform der kreisförmigen Umlaufbahn, die der Gestirngeist denkt und zugleich wnll. Er kann aber nie- mals sein Wollen ändern, weil jede wahre Vollkommenheit die ') Plat. Leg. X 892 C, 891 C -) Epin. 982 C Gesetz und freier Wille in der Gestimbewegung 155 Tendenz zur Verschlechterung ausschließt. Der Gestirnwille ist das denknotwendige Substrat des Gesetzes, das der Geist des Gestirns dem Stoffe aufzwingt'). Eine Überlegung, die zum Zweck des Handelns angestellt wird, setzt den freien Willen vor- aus. Insofern ergänzt der Begriff der vollkommensten Über- legung in der Epinomis sich genau mit dem aristotehschen der Freiwilhgkeit: sie sind zusammengehörige Glieder ein und des- selben Gedankengebäudes ^. Die Lehre von der Freiwilligkeit der Sternbewegungen, die den Anschauungen des späteren Aristo- teles so offen widerspricht, hat die Leugner seiner Entwicklung zu den verzweifeltsten Vermutungen und Kunstgriffen veran- laßt, alles soll nur das tollste Mißverständnis der Quelle durch Cicero sein''). Es lohnt nicht, diese Abenteuerlichkeiten im ein- zelnen zu bekämpfen, denn soviel dürfte aus der Analyse der Stern Seelentheorie deutlich geworden sein: man müßte diese Zwischenstufe der Entwicklung des Philosophen mit ihren ein- zelnen Zügen fast a priori rekonstruieren, wenn sie uns nicht so unanfechtbar überhefert wären. Nun tun wir aber durch den letzten Beweis noch einen tiefen Einblick in die Genesis der aristotehschen Himmelsphysik, der Lehre vom Äther. Daß der Äther in dem Dialoge bereits ») Epin. 982 B . *) Freiwillig ist die Stembewegung, insofern sie auf bewußtem Wollen (nQoaiQeais) beruht, dieses setzt aber nach Eth. Nie. Po die Überlegung voraus, es ist ßovAevTiarj ÖQe^ig. Eth. Pö, 1112 »21 bestreitet Aristoteles ausdrücklich, daß es eine ßovÄevatg Tie^l twv äiSiojv geben könne, lehnt also seine frühere Lehre vom Gestirnwillen ab. Nur der Ausdruck nQdzzeiv von den Bewegungen der Himmelskörper erinnert in der späteren Periode noch an die einstige An- schauung. Mit der früharistotelischen Lehre vom wissenden Willen der Gestirne darf man nicht die Anschauung verwechseln, daß Gott, die höchste Zweckursache, die Welt vermöge einer Sqs^ls bewegt, die alle Dinge zu ihm hinstreben läßt (vgl. Zeller, Phil. d. Griech. Bd. U 2» 375 A. 3). Diese Ansicht des Aristoteles be- deutet weder, daß die Materie ein selbständig wirkendes Prinzip sei, das nach der Form strebe, noch setzt sie eine Beseelung aller Dinge einschließlich der unorganischen Welt voraus. Nach Aristoteles strebt jedes Ding, sein tQyov voll- kommen zu leisten {ö,no5i.56vai). Hierin besteht sein kuäöv. Und durch dieses hängt es wieder mit allen anderen Dingen zusammen (vgl. Metaph. il 10 ndvta . . . avvTezaxTac neos). In ihrem Zusammenwirken bilden sie die rd^tj der Welt, deren v^Äog Gott, das höchste Vollkommene, ist. Jedes Ding strebt also nach Gott, insofern es sein eigenes zeA-og realisiert. *) Bemays, Die Dialoge des Aristoteles 104 j r^(\ Die Programmechrift JIcqI qiiÄoaorpi'ag vorausgesetzt wird, ist oben bewiesen worden. Man könnte sonst fast daran zweifehl, wenn Aristoteles nur die gerade BeAvegung der scliweren Körper nach unten und die der leichten Stoffe nach oben 'natürlich' nennt, die kreisförmige siderische Be- wegung dagegen nicht aus der stofflichen Beschaffenheit, sondern aus dem freien Willensentschluß der Gestirne herleitet. Umge- kehrt lehrt er in der Schrift vom Himmel, daß es fünf Stoffe gebe und jedem dieser Stoffe eine bestimmte Art von Bewegung von Natur entspreche, der Erde und dem Wasser die nach unten, der Luft und dem Feuer die nach oben, dem Äther die kreis- förmige'). Er nennt ihn geradezu den kreisläufigen Körper, rechnet also diese Beschaffenheit zum Wesen des Äthers. Auch hier ist es eine verzweifelte Methode der Leugner seiner Ent- wicklung, die Darstellung in IleQl g)i2oao(pia£ einfach in ein poetisches Spiel aufzulösen "). Dazu ist doch von Aristoteles zu viel Scharfsinn und Ernst auf die Beweise verwendet worden, und man sieht scheinbar nicht ein, daß die beiden Ansichten sich gegenseitig ausschließen. Die Ableitung der Kreisbewegung aus der stofflichen Natur des Äthers zeigt die Absicht, alle Bewe- gungserscheinungen aus den natürlichen Gesetzen des Stoffs restlos zu erklären. Dies wird nur möglich um den Preis einer 1) Arist. de caelo A2—3 -) Wenn Bernays a. 0. 104 sich nicht vorzustellen vermochte, Aristoteles könne in dem Dialoge IleQi q)iÄoao(pias den Grundgedanken seiner Kosmologie (gemeint ist wohl die Ableitung alles Geschehens aus 'natürlichen' Ursachen) so gänzlich verleugnet und sich so rückhaltlos "der volkstümlich anthropomorphi- sierenden Vergötterung der Himmelslichter' angeschlossen haben, so ist ein solches Fehlurteil nur zu einer Zeit erklärlich, wo man sich um Piatons Gesetze und die Epinomis nicht genug kümmerte und Zellers Äthetese der Gesetze noch nach- wirkte. Mit dem naiven Volksglauben an Helios und Selene hat Piatons Ge- stirnbeseelung nichts zu tun. Die Ableitung der Kreisbewegung der Gestirne und des Himmels aus einer nicht stofflichen Ursache war für einen Platoniker doch das Nächstliegende, da Platou sich den vovs als eine kreisförmige Bewegung dachte und die neue Entdeckung der mathematischen Regelmäßigkeit und Ein- fachheit in den Kreisläufen der Himmelskörper die Annahme nahelegte, daß ein mathematischer Verstand sie bewege, vgl. Plat. Tim. 34 A, 37 0 u. ö. Nach dem Timaios teilen sich vovg und dvdyKr] in die Schöpfung des Kosmos (47 E). Aristoteles bekämpft de an. A 3, 406 ^26 ff. eingehend die Ansicht von der konti- nuierlichen Kreisbewegung des vovg- Die Preisgabe dieser platonischen Lehre und die Wandlung der psychologischen Auffassung der pör^ais mußte den Sturz der Lehre von den immanenten Gestirnseelen nach sich ziehen. Entwicklung der aristotelischen Himmelsphysik 157 doppelten Physik, einer irdischen und einer kosmischen. Die letztere kennt nicht die irdischen Gravitationsgesetze. Erst die moderne Physik hat diese doppelte Buchführung wieder abge- schafft. Sie war aber wissenschaftlich doch ein Fortschritt gegenüber dem Versuch des früheren Aristoteles und der Akademie, die Frage nach dem Verhältnis des mathematischen Gestirn- gesetzes — die Epinomis spricht tatsächlich von einer gesetz- gebenden Funktion^) des Gestirnwillens — zum trägen Stoff durch Hineintragung psychophysischer Analogien im anthropomorphen Sinne zu lösen. Wir erkennen jetzt, daß der Äther ursprüng- lich nicht zu dem Zweck angenommen worden sein kann, die Himmelsbewegung aus der Natur des Stoffs der Gestirnkörper zu er- klären, sondern aus anderen Überlegungen entsprungen ist. Er war als Hypothese schon vorhanden, ehe er mit der Eigenschaft der Kreisläufigkeit ausgestattet wurde. Den Anstoß zu der Hypothese gaben offenbar die exakten modernen Berechnungen der eu- doxischen Schule und des Philippos von Opus über die Größe und Entfernung der Sonne, des Mondes und der übrigen Himmels- körper. Die alte physikalische Anschauung, der obere Weltraum und die Gestirne beständen ganz aus Feuer, ließ sich jetzt nicht mehr halten, denn bei der Kleinheit der Erde und der unend- lichen Ausdehnung des Weltraums wäre das Verhältnis der Ele- mente durch die Masse des Feuers gestört, ja alle anderen Ele- mente von ihm verzehrt worden. Die neuen Entdeckungen hätten also die Lehre von der Verwandlung der Elemente inein- ander umgestürzt und damit eine der Grundlagen der damaligen Kosmologie zerstört '). Später hat Aristoteles dann auf der Äther- hypothese eine kosmische Ph3^sik ohne Sternseelen und mythische Zutaten aufgebaut. Im ersten Buch vom Himmel, das mit der neuen Ätherlehre wirkungsvoll beginnt, finden wir jetzt die spätere Ansicht ausführlich entwickelt, es dürfte aber nicht zu kühn sein, wenn man behauptet, daß die Vorlesung von Aristoteles später über- arbeitet worden ist und ihrem Grundstock nach in die Periode gehört, wo die Ätherhypothese noch neu war. Dazu stimmt es auch, daß der Inhalt sich fast nur um die spätplatonische Kos- mologie dreht und sich mit ihr auseinandersetzt, teilweise sogar ^) Epin. 982 B &Qyovoa äkX^ oin d^yofte'vrj vof*odetec (seil. ^ V^Z^? dvdyKT] vovv Kenirjfi^vrjg). "•) Arist. meteor. ^3, 339 b 2 ff., besonders 340 a Iff. ^58 Die Prograramschrift Ilegl q>iÄoao(ptag noch ganz theologisch gefärbt ist und größere Partien dem dritten Buch JleQi (piAoaocpiag wörtlich entnimm-t. Die Lehre von den Gestirngöttern und von der Göttlichkeit des Kosmos d. h. des Himmels, die in dem aristotelischen Dialog erst ihre volle Durchbildung erhalten hat, ist wie die platonische Kosmologie der dauernde Ausdruck der großen geistigen Erregung, in die die philosophische Welt des 4. Jahrhunderts durch die Entdeckungen der neueren Astronomie versetzt wurde. Die Hypo- these der Kreisförmigkeit und vollkommenen Gesetzmäßigkeit der Umläufe der Planeten und der periodischen Wiederkehr der ursprünglichen Gesamtkonstellation in dem großen Weltjahr') rückte den Grundgedanken Piatons, den der Herrschaft des Geistes und der Ordnung über die materiellen Erscheinungen der Sinnenwelt, in das überraschendste Licht und eröffnete frucht- bare Beziehungen zwischen Philosophie und Tatsachenforschung. Der erste großartige Versuch, die 'Herrschaft der Vernunft' über den Stoff zu erklären, ist die Sternseelenlehre, die über das Er- klärungsbedürfnis der Naturwissenschaft zwar weit hinausgeht, aber dem Weltanschauungstrieb durch ihren Seelenmythos un- geahnte Quellen erschließt. Es ist klar, daß für Piaton an dieser Anschauung das mythisch -spiritualistische Element von über- wiegender Bedeutung war, während sie dem jungen Aristoteles mehr deshalb zusagte, weil die Spekulation, deren unlösbaren Fragen der menschliche Geist doch nicht dauernd aus dem Wege gehen kann, sich hier auf feste, wenngleich nicht eindeutige Erfahrungs- tatsachen stützen konnte. So ist beider Anschauung inhaltlich gleich, aber aus den streng gefügten Argumentationen des Aristo- teles weht ein neuer wissenschaftlicher Geist, für den auch der an Gefühlswerten überquellendste Mythos nur Stoff ist für metho- dische Untersuchung und der sich vor allem in seiner geradezu unersättlichen Lust am Beweisen offenbart. Liest man dieselben Dinge in der Darstellung der Epinomis, die in mystisch erbaulichem Genüsse des Religiösen und Geheimnisvollen an der völlig dog- matisch hingenommenen platonischen Himmelslehre schwelgt, so *) Arist. frg. 25, wo vom 'großen Jahr' geredet wird, ist freilich kaum mit Recht von Rose unter die Bruchstücke des Dialogs üegl (pLÄoaocpCas eingereiht worden, da Tac. dial. 16, lOff. seine Erwähnung im Hortensius des Cicero he- zeugt. Dieser entnahm sie vermutlich seiner Hauptquelle, dem aristotelischen Protreptikos. Für uns ist die Zugehörigkeitsfrage in diesem Fall ohne Belang. Eudoxische Astronomie und philosophisches Weltbild 159 spürt man es noch deutlicher, daß es nur die Wahl zwischen scholastischer oder wissenschaftHch - kritischer Realisierung des platonischen Mythos gab. Piaton selbst hat sich so verstanden und den Schülern das Recht gegeben, diesen realistischen Maßstab an ihn anzulegen, wenn er seinen Mythos als Hypo- these neben anderen gleich mögHchen einführte *). Aber welcher große Denker hat sich selbst richtig verstanden? Absolut verständnislos ist auch der alte Streit, ob Aristoteles den Piaton verstanden habe. Er ringt mit ihm, scheinbar auf gleichem Boden stehend, um die bessere Erkenntnis, aber er überwindet ihn nicht, indem er ihn widerlegt, sondern indem er allem Pla- tonischen, das er berührt, den Stempel seines Wesens aufdrückt. Das gilt auch von dem zweiten Hauptstück des Dialogs, der Religionsphilosophie. Denn Aristoteles war in jenem Werk nicht nur der Schöpfer der hellenistischen Theologie*^, sondern auch der Urheber einer verstehenden und doch zugleich objektiven Be- trachtung des religiösen Innenlebens, für die das Altertum noch keinen Namen und keine selbständige Disziplin neben der Meta- physik hatte. Sie hat sich erst in neuerer Zeit unter dem Namen Religionsphilosophie selbständig gemacht. Auch diese geistes- geschichtlich unermeßhch wichtige Seite des frühen Aristoteles 1) Plat. Leg. X 898 E 2) Was sich bei ihm unter diesem Namen als selbständige Disziplin heraus- bildet, wächst zwar inhaltlich aus dem Weltbild des späteren Piaton hervor. Aber in der Gründung einer Sonderdisziplin spricht sich eine gespannte Kon- zentration des Gemütes auf das Problem des Gottesbegriffs aus, die etwas voll- kommen Neues bedeutet und die für die hellenistische Philosophie Epoche macht. Auf der aristotelischen baut die stoische Theologie weiter. Sie hat zwar in ihrem monistischen Streben den transzendenten Gott des Aristoteles aufgegeben, aber die inhaltliche Übereinstimmung ist nicht das Entscheidende für die Ab- schätzung seiner Nachwirkung; entscheidend ist die ganze innere Haltung der neuen Zeit gegenüber dem theologischen Problem und die Stellung, die ihm im Mittelpunkt der gesamten Philosophie eingeräumt wird. Erst um die Wende der christlichen Zeitrechnung kommt die aristotelische Theologie mit ihrer schroffen Scheidung des höchsten Gottes von den Gestirngüttern inhaltlich zu voller Wirkung. Diese Zeit verlangte nach einem deus exsuperantissimust der in erhabener Ferne, hoch über dem Lauf dor Sterne thronend, unsichtbar die Welt lenkt. Aristoteles begann jetzt stark auf den Piatonismus zurückzuwirken und verband sich teils mit orientalischem Gottesglaubcn, teils mit der sog. negativen Theologie, in der das Gotteserlebnis des hellenistischen Ostens, des christlichen wie des heidnischen, gipfelt. IPQ Die Prof^rammschrift IleQl (piXoaorpCag lud man l)i.s heute übersehen oder vernachlässigt, vielleicht weil es das konventionelle Bild gestört hätte, das man sich von dem reinen Begriffsmetaphysiker und Intellektualisten gemacht hatte, wenn es sich gezeigt hätte, daß hinter der dialektischen Arbeit des Verstandes als innere Triebkraft eine lebendige Religion steht, die alle Poren des logischen Organismus seiner Philosophie atmend durchdringt. Die Geschichte der Religionsphilosophie, im modernen Sinne dieses Wortes, muß von den Sophisten und ihren ersten großen Anläufen ausgehen, Wesen und Ursprung der Religion psychologisch zu erklären. Allein der Rationalismus vermag doch stets nur eine kleine Strecke weit auf diesem Wege vorzudringen, es fehlt ihm für die Erscheinungen des religiösen Lebens das verwandte Organ. In ihr klassisches Zeitalter tritt die Religions- philosophie erst mit dem jungen Aristoteles und der spätplato- nischen Akademie. Hier waren die beiden wesentlichen Bedin- gungen für eine zugleich psychologisch nacherlebende und religiös produktive Religionsbetrachtung gegeben: gesteigerter theo- retischer Sinn für alle Phänomene des Geistes begegnete der aus Piatons mythenbildender und symbolischer Gestaltungskraft er- wachsenen, frische religiöse Quellen erschließenden Andacht einer Gemeinde, die ein das gesamte Leben umwertendes, neues Ge- fühl durchdrang. Es ist eine Tatsache, mag die herrschende Philosophiegeschichte sie auch ignorieren, daß aus diesem Kreise fast der ganze Gedankenbestand der späteren und heutigen Religionsphilosophie hervorgegangen ist. Vor allem handelt es sich um die theoretische Begründung und um die natürlichen Quellen der inneren Gewißheit hinsicht- lich der rehgiösen Gegenstände, um die Realität des Göttlichen. Für das naive religiöse Bewußtsein ist das überhaupt kein Problem. Es wird zum Problem erst durch die Auflösung des Volksglaubens und durch die besondere Einstellung der Wissenschaft zur Vor- stellungswelt der Religion. Nun beginnt das Zeitalter der Gottes- beweise. Denn nachdem der Siegesrausch der Kritik über ihr rationalistisches Zerstörungswerk rasch verflogen ist, sucht das heimatlos gewordene, doch unausrottbare religiöse Gefühl Stütze und Halt bei seinem Sieger. Die xenophontischen Gottesbeweise sind aus diesem rationalistischen Bedürfnis geboren. Für Piaton in seiner Blütezeit gab es eine religionsphilosophische, objektiv theoretische Haltung gegenüber der Gottesfi-age zunächst nicht. Entstehung der Religionsphilosophie. Gottesbeweis 161 Er war selbst ein Schöpfer neuer Welten, die nur in frommer Schau betreten wurden. Die Idee des Guten gab nicht nur dem Staat des Piaton ein ewiges Ziel, sondern sie wurde für ihn auch zum Symbol eines neuen Gottesgefühls. Sie war selbst Religion. Mit der platonischen Philosophie ist die Religion in das Stadium der Spekulation, die Wissenschaft in das der religiösen Ideen- schöpfung getreten. Erst beim späten Piaton finden wir die Reflexion über die Wurzeln des Glaubens und über seine Vereinbarkeit mit der Wissenschaft der Natur. Die Priorität der Seele vor dem Körper, des Geistes und der gesetzlichen Ordnung vor dem bhnden Stoff sind die beherrschenden Gedanken in Piatons Alterstheologie. Der mechanisch-kausale Naturbegriff der jonischen Physik weicht einer Auffassung, die alles aus seelischen Kräften ableitet und für die wieder 'alles voll von Göttern' ist*). Erst bei dem jungen Aristoteles tritt der eigentliche Gottes- beweis auf. Er zuerst begründete im dritten Buch IIeqI cpilo- üocpiag das Dasein eines höchsten Wesens durch Beweise in streng syllogistischer Form und gab damit dem Problem jenen apodik- tisch zugespitzten Ausdruck, der den Scharfsinn der religiösen Denker aller späteren Jahrhunderte zu immer neuen Versuchen angestachelt hat, das Erlebnis des Überschwenglichen auch dem Auge des Verstandes sichtbar zu machen. 'Man kann behaupten, daß es in jeglichem Bereiche, wo es eine Stufenreihe, ein Höher oder Niedriger bezüglich der Vollkommenheit gibt, not- wendig auch ein schlechthin Vollkommenstes gibt. Da es nun unter dem, was ist, eine solche Abstufung von Dingen höherer und geringerer Vollkommenheit gibt, so gibt es auch ein aller- vollkommenstes Seiendes, und dies dürfte das Göttliche sein'"). Wir stoßen hier auf die Wurzel des ontologischen Beweises, der aber, der aristotelischen Physik gemäß, mit dem teleologischen verbunden ist. In jeder Reihe vergleichbarer Gegenstände von graduell verschiedenem Wert gibt es ein Vollkommenstes, ein Maximum, auch dort, wo es sich nicht um bloß gedachte Stufen- folgen, sondern um die Vollkommenheitsstufeu des Seienden handelt. In der Natur, die für Aristoteles von innen wirkende Form und bildende Zweckkraft ist, ist alles Stufung, Beziehung >) Plat. Leg. X 899 B, Epin. 991 D *) Frg. 16 R. Bei den großen Scholastikern kehrt der Beweis wieder als argumentum ex gradibus. J aeger: Aristoteles. ll jf>o l)'w Proprammschrift JTcqc (ptÄoao(piag jedes Niederen auf ein Höheres, Herrschendes. Diese teleologische Ordnung ist für ihn ein empirisch erweisliches Naturgesetz. Es gibt daher im Weich des Seienden d. h. der realen Formen der Natur ein Vollkommenstes, das naturgemäß auch reale Form sein muß und als höchste Zweckursache Prinzip alles anderen Seins ist. In diesem Sinn ist der Schlußsatz zu verstehen, daß das vollkommenste Sein mit dem Göttlichen identisch sein dürfte. Innerhalb der aristotelischen Auffassung der Natur als streng ab- gestuften Formenreichs behält der Schluß seine Gültigkeit und hält sich von dem Fehler frei, das Sein des vollkommensten Wesens wie die Späteren als in dem Begriffe der Vollkommen- heit schon enthaltenes Prädikat zu fassen, das man ohne Hülfe der Erfahrung rein analytisch aus diesem Begriff gewinnen könne. Die Form aller realen Formen muß selbst notwendig real sein. Indem Aristoteles sie mit dem Göttlichen gleichsetzt, beweist er natürlich nicht die Realität der populären Gottesvorstellung, sondern deutet diese wie alles Menschliche dem Wandel unter- worfene Größe neu aus dem Geist der teleologischen Welterklärung. Neben diesem Beweis werden auch die aus den Lehrschriften bekannten Beweise aus der Ewigkeit der Bewegung und aus der Notwendigkeit, einen Abschluß in der Reihe der Ursachen zu setzen, um dem Fortgang der Kette ins Unendliche zu entgehen, in dem Dialoge nicht gefehlt haben. Es war der erste grandiose Versuch, das Gottesproblem auf der Grundlage eines festen Systems der Naturerklärung und mit dialektisch stringenten Schlüssen wissenschaftlich zu bewältigen. Die Aufgabe war dem Aristoteles gestellt, aber nur der größte logische Architekt aller Zeiten durfte wagen, den ganzen Ertrag seines unermeßlichen Ringens in diese paar einfach klingenden Sätze zu bannen. Nur ist es nicht erlaubt, sie aus dem Zusammenhang der aristotelischen Physik herauszulösen und für sich zu betrachten. Sie sind der notwendige Abschluß eines bis ins Detail durchgebildeten eido- logischen Natursystems und geben uns die Gewißheit, daß die Physik im Prinzip vollendet war, als Aristoteles den Dialog ver- faßte. Sie ist also noch auf dem Boden der Akademie entstanden. Aber Aristoteles ging in seinem Werk auch den psycho- logischen Quellen des Gottesglaubens nach, nicht aus kühler wissenschaftlicher Neugier, sondern um andere nacherleben zu lassen, was er selbst erlebt hatte. Er war sich also klar bewußt, Der Gottesbeweis. Religion als Erlebnis 163 daß auch die genialste Logik niemals an die unwiderstehliche Kraft der inneren Überzeugung heranreicht, die dem dämonischen Ahnen der Seele entspringt'). Kein antiker Mensch hat über die ge- fühlsmäßige, erlebnishafte Seite alles religiösen Lebens schönere und tiefere Worte gesprochen als Aristoteles in jenen Jahren, wo das religiöse Problem noch im Mittelpunkt seines Denkens stand. Von dem Gefühl der Ehrfurcht vor dem, was höher ist als der Mensch, sprach er im Dialog IleQl q)iZoao(plag, wo er sich anschickte, von der Gottheit der Gestirne zu reden. Er erkannte die innere Sammlung als das Wesen aller rehgiösen Andacht*^). Wie wir in einen Tempel nur mit gesammelten Gefühlen zu treten wagen, so, fordert er, sollen wir auch den Tempel des Kosmos andächtig betreten, wenn wir die Gestirne und ihre Natur untersuchen. Die Worte sollten wohl vorbereiten auf die An- klage der Gottlosigkeit, die er dann gegen die Leugner der Göttlichkeit und Unzerstörbarkeit des Himmels und der Gestirne richtete ^). Am Schluß der Schrift vom Gebet hieß es : Gott ist Geist, wenn er nicht etwas Höheres ist als der Geist. Was soll der Sinn einer Abhandlung über das Gebet gewesen sein, wenn nicht der Nachweis, daß es eines Philosophen nicht unwürdig sei, betend der Gottheit zu nahen, wenn man beherzige, dgiß Gott Geist oder höher als alle Vernunft ist und daß nur im Geiste ein SterbHcher an seine Sphäre rührt*). Weder Kant noch 1) Auch de caelo 51,284 b3 spricht er von dem Zusammenwirken wissen- schaftlicher Spekulation und innerer, auf dem unmittelbaren Gefühl beruhender Gottesahnung {[laweia ticqI töv &e6v), hält beides also deutlich auseinander. Piaton war vermutlich der erste, der den Begriff des inneren (lavxeiea&uL, den schon die Dichter von der Voraussicht äußerer Geschehnisse gebrauchten, in philosophischem Sinne umgeprägt hat, als ein Ahnen nicht des Zukünftigen, sondern verborgener, tieferer Zusammenhänge. Erst Aristoteles schließlich wendet ihn auf das Problem von Wissen und Glauben an, und macht aus Wissen und Ahnen zwei einander kommensurable, zusammenwirkende Arten des religiösen Bewußtseins. ^) Frg. 14 R. ») Vgl. oben p. 142 *) Arist. frg. 49 R. Die starke Hervorhebung der Transzendenz Gottes am Schluß einer Schrift Über das Gebet muß logischerweise die Anwendung dieser Erkenntnis auf das Problem: wie soll man beten? zum Ziel gehabt haben. Die Anbetung im Geist und in der Wahrheit ist eine auf dem Boden der plato- nischen Gemeinschaft erwachsene Forderung, durch die der philosophische Geist Attikas dem Menschen des 4. Jahrh. die Religion wiedergegeben hat. Daß das Johannesevangelium (4, 24) ihr einen veränderten Gehalt gab, indem es anstelle des vovs das nvEVfia setzte (sicher ohne literarische Kenntnis des Aristoteles), ändert nichts an der geistesgeschichtlichen Bedeutsamkeit dieses Faktums. 11* j p^Y nie Prngrammschrift TTcqI (piXoaotplas Schleiorniacher Imbeii die Grenzlinien zwischen Wissen und (ilauben, Verstand und Gefühl schärfer gezogen als der Urheber der spekulativen Gottesbeweise in dem klassischen Ausspruch: Wer die Weihen empfängt, soll nichts mit dem Verstand be- «Teifen (fiad^eiv), sondern innerlich etwas erleben (nad-elv), und so in einen bestimmten Zustand des Inneren versetzt werden, voraus- gesetzt, daß es dieses Zustands überhaupt fähig ist'). Nicht zu- fällig knüpft die Formulierung dieser bahnbrechenden Erkenntnis an die Mysterienreligion an. In der Kultreligion der alten Götter fehlte es an jenem persönlichen Verhältnis des Frommen zur Gottheit, das die Mysterien schon durch ihre Exklusivität in den Vordergrund rückten und das durch die Grade der Weihen und den Unterschied der Inbrunst, mit der die einzelnen Gläubigen sie empfingen, genährt wurde. Auf diesem seelischen Faktor aber, nicht auf der 'geistigen Bedeutung' ihres Inhalts beruhte das leidenschaftliche Interesse, das alle religiös lebendigen Kreise schon seit dem Ende des 5. Jahrb. den Mysterien entgegen- brachten. Wie häufig geben Sprache und Symbolik der Mysterien dem Ausdruck der neuen Religiosität bei Piaton und in den aristotelischen Jugendwerken erst Farbe und Gestalt. Die an den Mysterien gewonnene Einsicht, daß Religion für den Philo- sophen nur als persönhche Andacht und Elu^furcht, als Erlebnis einer besonderen, dafür empfänglichen Natur, als geistiger Ver- kehr der Seele mit Gott möglich sei, bezeichnet geradezu die Ära der Herrschaft eines neuen religiösen Geistes. Die Wirkung dieser Gedanken auf den Hellenismus und die sich bildende Geistesreligion ist unabschätzbar. Aus zwei Quellen leitet Aristoteles die subjektive Gottes- gewißheit her: aus dem Erlebnis der dämonischen Macht der Seele, die in den Augenblicken, wo sie sich vom Körperlichen freimacht, im Schlaf oder beim Nahen des Todes, ihre 'eigent- liche Natur' annimmt und hellseherisch die Zukunft durchdringt, und aus dem Anblick des gestirnten Himmels "). Diese Ableitung ist nicht historisch zu verstehen, sie bezieht sich nicht auf die Menschen der Urzeit, sondern faßt prägnant die beiden großen Wunder zusammen, die kein Verstand der Verständigen erklärt, den unauflösbaren Rest im Exempel des physikalischen Rationalis- ») Frg. 15 R. 2) Frg. 10 R. Persönliche Form und Wurzeln des neuen Glaubens 165 mus. In der Akademie hatte man der Mantik und dem irrationalen, dunkleren Teil des Seelenlebens immer ein erhöhtes Interesse entgegengebracht, dort war auch der Ursprung des überschweng- lichen, religiösen Kosmoserlebnisses. Es war nichts anderes als das religiöse Weltgefühl des platonischen Kreises, was Aristo- teles hier auf eine Formel brachte. Aber auch diese lehnt sich an Piatons Vorbild an. Er leitet in den Gesetzen den Gottes- glauben aus den selben zwei Quellen her, aus dem immer neu strömenden Sein {divaog ovaia) des seehschen Innenlebens und aus dem Anblick der ewigen Ordnung der Gestirne*). Es gibt keine Formel, die den religiösen Gehalt des Piatonismus in seiner zeitlosen Wahrheit, frei von allen wandelbaren dogmatischen Bestandteilen, treffender ausdrückte. Immer wieder in der Ge- schichte des Geistes taucht sie auf als Symbol für die letzte, unangreifbare Position des Geistes gegenüber der hoffnungslosen Gewalt der Materie und des Zufalls. Man erinnert sich der Worte Kants am Beschluß der Kritik der praktischen Vernunft: Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt, der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir. Die Umgestaltung des ersten Grundes, des ewig strömenden Seins der Seele, wie es bei Piaton heißt, in das moralische Gesetz, ist für den Unterschied des platonischen und kantischen Geistes charakteristisch, wenn auch der Ursprung dieser Änderung auf stoischen Einfluß zurück- zuführen ist. Kant spricht es zwar nicht aus, aber man spürt es deutUch bei seinen Worten, daß die 'Bewunderung und Ehr- furcht' religiöser Natur sind und ursprünglich geradezu als Quellen des Glaubens an die Existenz und das Walten der Gottheit an- geführt waren. Auch bei Aristoteles findet sich das zweite Argument un- verändert, anstelle der Wunder des Seelenlebens schlechthin setzt er die hellseherischen Kräfte, die in der Seele schlummern und die nur erwachen, wenn sie sich vom Leibe befreit. Diese Auf- fassung der Seele ist platonisch. Auch die realistische Anerkennung okkulter Phänomene, die der Wissenschaft unzugänglich sind, widerspricht der Ansicht des späteren Aristoteles, der sich in der ») Plat. Leg. XII 966 D ^ gf> Die ProKraminschrift ÜbqI q>iÄ0(joq)ta5 Schrift über die Träume ausführlich dagegen wendet'). Will man das etwa auch alles nur als ein Zugeständnis an den Dialog- stil deuten? Es ist die gleiche Stellung zur Mantik wie im Eudemos. Nichts zeigt deutlicher, wie tief Aristoteles im Spiri- tualismus wurzelt, als daß er auch nach der Preisgabe der Ideen- lehre noch eine Zeit lang den Seelenbegriff Piatons und mit ihm ohne Zweifel die Unsterblichkeitslehre festhält. Auch Poseidonios las sie aus den Worten unserer Stelle heraus*). Die beiden Quellen des Gottesglaubens übernahm die Stoa ebenfalls aus dem Dialog; indem Klean thes sie mit den Hypothesen des Prodikos und Demokrit über den Ursprung der Gottesverehrung auf eine *) Arist. üeQc r^g y.ad^'dnvov f^avTinfis c. 1, 462 '^20 leugnet gottgesandte Wahrträume vgl. 463 bl2, dagegen Plat. Tim. 71 A— E und Epin. 985 C stehen mit ITegl (piÄo(To (63) cum ergo est somno sevocatus (fTjaiv, iv Z(fi vnvovv -/.air lavztiv ^ ' " , ^ . ' ^ < Vi , 1 animus a societate et a contagione cor- yivijzai ij tpvyri, zoze zi]v loiov anoÄa- ° „ . , , , , poris, tum meminit praeteritorum, prae- ßovaa wvavv nQOfiUvzevezac ze Kai ^ ' ^ ' ^ . , , r s ■ sentia cernit, futura providet. . . . itaque TiQoayoQEVei za fiEÄAovTa. zoiavzrj de > t- -i , , , ~ -ja' ' appropinquante morte multo est divi- eazi xal iv z(p y.aza zov iravazov y^iüQi- m t: i ^ o - ' 1. ij: ' ~ nior. (64) divinare autem morientes geairai zo)v acofiazcov. anooexezai yovv ^ ' , . nr\ \ ~ illo etiam exemplo confirmat Posi- v.ai, zov noifjztiv UfirjQov ojg zovzo ^ , < ' j. donius, quod adfert . . . ex quo et illud TtaQazTjQtjaavza nenoiijKe yag zov fiiv ' ^ ^ TT. 0 ji ~ j. ~ Q. est . . . etHomericiHectoris. quimoriens JlazQonÄov iv ztp avaiQEtairai, nQoayo- ^ ) -.. "TT ;> ' propinquam Achilli mortem denuntiat. QEVOvza neQi z^g liy.zoQog avaiQEOEiog, *" f "i zdv d' 'Exzoga Jiegl zfjg 'A)riÄÄE'(üg zeÄevz^g. Die aristotelischen Worte ngo^aviEVEzai ze xoi TtQoayoQEvsi zä fisÄAovza hat Poseidonios in seine Definition der Mantik aufgenommen: praesensio et prae- dictio futuri. Er hat die Zahl der Beispiele aus seiner sofort kenntlichen, reichen Belesenheit vermehrt. Auch der Traum des Eudemos ist darunter (53), Piaton, die Pythagoreer, Herakleides Pontikos sind, wie zu erwarten, besonders berücksichtigt (46. 60—62). Auch hier ist Poseidonios stark durch den jüngeren Aristoteles bestimmt. Nachwirkung in stoischer Mantik und Theologie 167 Stufe stellt, beweist er, daß er sie fälschlich im historischen Sinne verstanden hat *). Den großen Einfluß der Schrift auf den Hellenismus zeigt auch die in allen stoischen Theologien mittelbar wiederkehrende berühmte Stelle, die Cicero überliefert und die sicher dem Gottes- beweis des dritten Buchs IIsqI (piZoaocpiag angehört"). Sie mag um der suggestiven Kraft willen, womit sie das überwältigende Erlebnis der Göttlichkeit des Kosmos vergegenwärtigt, hier folgen. 'Wenn es Menschen gäbe, die immer unter der Erde ge- wohnt hätten in guten, prächtigen Behausungen, die geschmückt wären mit Bildwerken und Gemälden und ausgestattet mit allem Überfluß derer, die man für glücklich hält ; diese Menschen wären jedoch niemals auf die Erde heraufgekommen und hätten nur durch Hörensagen vom Dasein einer höheren, göttlichen Macht vernommen, und sie kämen jetzt irgend einmal durch die geöff- neten Schlünde der Erde aus ihren verborgenen Winkeln heraus und herauf an die Orte, die wir bewohnen; wenn sie dann plötzlich die Erde und die Meere und den Himmel sähen und die Größe der Wolken und die Gewalt der Winde erkennten, und sie erblickten die Sonne und erkennten ihre Größe und Schönheit und ihre machtvolle Wirkung, daß sie den Tag hervor- bringt, wenn sie ihr Licht über den ganzen Himmel ausströmt, und sie sähen dann wieder, wenn Nacht die Lande umdunkelt, den ganzen Himmel mit Sternbildern mannigfach geziert und den Wechsel des bald wachsenden bald alternden Mondlichts und all dieser himmlischen Körper Aufgänge und Untergänge und ihre in alle Ewigkeit festen, unveränderlichen Bahnen : walu'haftig, bei diesem Anblick würden sie glauben, daß es Götter gibt und daß diese gewaltigen Werke von Göttern herrühren.' Das erste was auffällt ist die Anlehnung an das Höhlengleichnis des platonischen Staates. Wie jenes das Grunderlebnis der platonischen Philosophie, die Umwertung der sichtbaren Welt zur bloßen Schattenwelt und die den Philosophen von seinen Brüdern trennende, ihn einsam machende Schau des wahren Seins zu grandioser Anschaulichkeit bringt, so ist in das aristotelische ') Kleanthes bei Cic. n. d. II 5, 13 (frg. 528 Arn.) stellt vier Gründe der 'Entstehung' des Gottesglaubens auf, der erste und vierte stammt aus Aristoteles IleQl (ptXoaocpiag, die beiden mittleren von Demokrit und Prodikos. *) Frg. 12 R. j(^g Die ProKrammschrift IleQl cpiÄoaotplas Gleichnis ein neues Weltgefühl eingeströmt. Seine Menschen haben nicht in Höhlen gelebt, es sind verbildete, übersättigte moderne Kulturmenschen, die sich maulwurfgleich in der herz- und sonnenlosen Pracht vergraben, in der sie ihr zweifelhaftes Glück suchen. Er läßt sie eines Tages hinaufsteigen ans Licht und das Schauspiel erblicken, das er selbst sieht: das unermeß- liche Wunder der Wirklichkeit, des Kosmos Bewegung und gött- lichen Bau. Er lehrt sie nicht eine Überwelt schauen, sondern (las, was allen sichtbar ist und was doch keiner sieht. Aristo- teles ist sich bewußt, der erste Grieche zu sein, der die reale Welt mit Piatons Augen sieht. Ein Symbol dieser Auffassung seines geschichtlichen Berufs ist die absichtsvolle Umbildung des platonischen Gleichnisses. Was er an die Stelle der Ideenwelt zu setzen hat, ist die ins Religiöse gesteigerte, das Wunder der Formen und Ordnungen schauende Betrachtung des Kosmos, die bis zur Ahnung seines göttlichen Lenkers emporführt. DerEpinomis, die ähnlich entschieden das theologische Problem in die Mitte der Philosophie rückt, verdanken wir die Kenntnis des heftigen Widerstandes, auf den diese hohen Spekulationen bei den Griechen stießen. Die Erkenntnis der Gottheit, die Gnosis der Orientalen, ist nach griechischer Volksanschauung etwas dem Sterblichen ewig Verschlossenes und der Grübler, der nach der verbotenen Frucht greift, ist ein unseliger Mensch. Auch Aristoteles tadelt im Eingang der Metaphysik die tief- wurzelnde Abneigung des Hellenen gegen die Verstiegenlieit inEQiEQyia) allzu hoch fliegender Gedankenkühnheit. Mehrfach kämpft er gegen die altgriechische Weisheit, der Sterbliche solle sterblich gesinnt sein und fordert leidenschaftlich ein Leben im Ewigen ^). Möglich wurde die Theologie für Griechen überhaupt erst seit der Zeit, wo die Entdeckung der Himmelsgesetze zur Annahme der Sternseelen führte und sichere Erkenntnisse über die 'sichtbaren Götter' die Möglichkeit einer exakt astronomischen, ^) Epin. 988 A x66e 6h fttjöelg noie qjoßr^&ij twv 'EÄXr'ivüov, wg oi XQ>] ^SQ'- TU &£id 710XE Ttgayfiareiea^at, '&vrjTovg öviag, näv 6h zovT(fi 6iavoi^&fivai loivaviLov, 988 B das d-elov ist ävev (p&övov. Dieselben Gedanken Aristoteles Metaph. 982 b28ff. mit wörtlichem Anklang, vgl. auch Eth. Nie. iü 7, 1177 b31 oi XQV ^^ >*«ra zovg na^aivovvrag (z. B. Epicharm. frg. 20 Diels, Eur. Bacch. 395. 427 ff.) äv&QWTiiva (fQovelv äv&QcoTiov övxa oi6h S^vTjTa xbv d-vrjxövj äÄÄ' i(p' 6aov iv6ixexai äd'avaxl^eiv. Zentrale Stellung des theologischen Problems 169 auf Erfahrung gegründeten Theologie in greifbare Nähe rückten. Dazu kam dann orientalischer Einfluß, wie die Epinomis berichtet und andere Zeugnisse bestätigen. Das sokratische Erkenne dich selbst, der Inbegriff apoUinischer Weisheit, wurde jetzt in sein Gegenteil verwandelt. Der Peripatetiker Aristoxenos erzählte in seinem 'Leben des Sokrates', ein Inder sei in Athen mit Sokrates zusammengetroffen und habe ihn nach seiner Philosophie gefragt. Auf die Antwort: er suche das menschliche Leben zu begreifen, stellt der Inder ihm die Aussichtslosigkeit eines solchen Bemühens vor, denn der Mensch könne sich selbst nicht erkennen, so- lange er Gott nicht erkannt habe'). Das klingt apokryph, ist aber nur der legendäre Ausdruck der allgemeinen Anschauung der späteren Akademie, die die Epinomis in dem religiösen Reform- programm zusammenfaßt: die orientahsche Astrallehre und Theo- logie müsse künftig mit der hellenisch-delphischen Religion ver- schmolzen werden, um den religiösen Fortschritt des Griechen- tums herbeizuführen "). Der Weg dahin führt nach der Meinung des Verfassers, der schwerlich rein persönliche Velleitäten als Abschluß der platonischen Gesetze vorträgt, sondern die herr- schende Strömung der Akademie repräsentiert, durch die Mystik. *) Aristoxenos frg. 31 Mueller. Von der Anwesenheit des Inders in Athen berichtet auch das bei Diog. L. IJ 45 überlieferte Bruchstück des Aristoteles (frg. 32), das man, wenn es echt wäre, wohl nur dem I. Buche llegl q)iÄoao(piag zuweisen konnte. Rose hat es wohl mit Recht unter die Reste des unechten MaytKÖs gestellt, da der Inhalt für Aristoteles nicht paßt. Die nächsten Parallelen zu der in Wahrheit spätplatonischen Theologie des angeblichen Inders bieten der aristotelische Protreptikos (dessen Forderung der Gotteserkenntnis als Grundlage des menschlichen Handelns weiterlebt Eth. Eud. 6 3, 1249 bi3— 21) und der große Alkibiades, den P. Friedländer, Der große Alcibiades ein Weg zu Plato (Bonn 1921) neuerdings zu retten gesucht und der Frühzeit Piatons zu- gewiesen hat. Der Dialog gipfelt in der umständlich und ziemlich schulmäßig entwickelten These, daß die delphische Forderung rvcö&i asaviöv nur durch die Selbstanschauung des vovg im Spiegel der Gotteserkenntnis zu verwirklichen sei (Ale. 132 E — 133 C). Diese wird damit zum eigentlichen Brennpunkt aller ethischen, politischen und pädagogischen Probleme, die Piatons Schule von Sokrates ererbt hatte. Dieselbe Zurückführung aller ethischen Fragen, der siöai^ovCa und der äQezr], auf die Gotteserkenntnis vertritt auch die Epinomis. Der Alkibiades ist offenbar ein den genannten Schriften gleichzeitiger Versuch eines Piatonschülers, die Theologie auf die Probleme der platonischen Frühzeit anzuwenden und sie in einem dogmatisch festen Prinzip zu verankern: in der Mystik der spätplatonischen Nus-Lehre. *) Epin. 987D— 988A j yo Die Prograrnmachrift Ilegl q)iÄoao(piag Aristoteles teilt mit ihm und allen Akademikern von jeher die Anschauung, daß corjuitio dei nur denkbar ist, indem in ihr Gott sich selbst erkennt. Er schildert diesen Vorgang als etwas Über- schwengliches, das über menschliches Maß hinausgeht. Das Selbst ist der Geist in uns, der d^vgad^ev Eioiu)v und xb i^elov iv i]iiiv firenannt wird, durch ihn kommt die Erkenntnis Gottes in uns. Der Verfasser der Epinomis spricht geradezu von der Teilhabe des Einen Schauenden an dem Einen Geiste, während Aristoteles die Transzendenz Gottes doch stärker betont als seine Vereini- gung mit dem menschlichen Geist'). Doch es ist in jedem Fall ftir das Verständnis seiner geschichtlichen Nachwirkung unent- behrlich, daß er lange Jahre in dieser Atmosphäre geatmet hat und daß seine Metaphysik in ihr wurzelt, so weit sie sich auch in logischer Hinsicht über sie hinausentwickelt. Die Begründung der göttlichen Verehrung der Gestirne, die auf kein Land und keine Nation beschränkt sind, sondern über allen Völkern der Erde leuchten'), und des über ihnen thronenden transzendenten Himmelsgottes eröffnet das Zeitalter des religiösen und philo- sophischen Universalismus. Mit dieser letzten aufschäumenden Welle strömt die attische Kultur hinaus in das Völkermeer des Hellenismus. ') Metaph. A'2, 983 a5_ii identifiziert die Erkenntnis Gottes (gen. obi.) mit der Erkenntnis Gottes (gen. subi.); Einswerdung des menschlichen Geistes mit dem göttlichen Epin. 9t;6D. 2) Epin. 984 A Drittes Kapitel. Die Urmetaphysik, 1. Das Problem. Die Bedeutung des Dialogs Ilsgi tpü.ooocpia^ erschöpft sich nicht darin, daß die Zeit zwischen Akademie und Lykeion jetzt für uns zu leben beginnt. Er gibt uns zum ersten Mal einen festen Punkt für die Entwicklungsgeschichte der aristotelischen Weltanschauung und die geschichtlich richtige Blickeinstellung für die Analyse der metaphysischen Lehrschrift. Die Jugend- werke stehen noch auf einem ganz anderen Boden, wie aber verhält sich die Lehre des klassischen Dialogs, in dem der Bruch mit Piaton öffentlich vollzogen war, zur der traditionellen aristo- telischen Metaphysik? Wir dürfen natürlich nicht, was wir aus den Fragmenten erschließen, in die zwar auch fragmentarischen, aber doch unvergleichbar vollständigeren Texte der Lehrschrift hineindeuten, allein das wiedergewonnene Bild des verlorenen Werkes könnte wichtig werden, wenn die Analyse der Meta- physik von sich aus auf dieselben Spuren führt. Die Grundbegriffe der Metaphysik lagen zweifellos schon fest, als Aristoteles den Dialog schrieb. Wenn wir nichts anderes wüßten als daß der unbewegte Beweger darin gelehrt war, so wäre schon dadurch gewiß, daß die Begriffe der Materie und der Form, der Potenz und des Akts und der aristotelische Sub- stanzbegriff bereits feststanden. Auch die drei Untersuchungs- reihen, in denen der Dialog sich aufbaute, die historische, die ideenkritische und die spekulativ theologische, finden sich in der Metaphysik wieder, die erstere im ersten Buche, die zweite in den Schlußbüchern und durchgehends, die dritte in Buch A. Schwieriger ist die Frage zu beantworten, wie weit die Bücher, die die Lehre von der Substanz und von Potenz und Akt ent- wickeln, die sog. Hauptbücher der Metaphysik, in dem Dialog ein Gegenstück gehabt haben. Entweder hat Aristoteles diese Untersuchungen für dieVeröffentlichung zu schwer und zu esoterisch Afjo Die rrmetaphysik (■•efunden, könnte man denken, oder es sind durch Zufall keine Fraf^'mente dieses Teils erhalten. Auf keinen Fall dürften sie einen so hreiten Kaum eingenommen haben wie in der Meta- physik, wo sie, zumal wenn man die Einleitung (Ä—E) abrechnet, hei weitem alles andere überwiegen. Die Theologie war umge- kehrt weitaus gründlicher dargestellt als in dem Buche A, denn wir lernen aus den Berichten über sie vieles, was wir aus der Metaphysik allein nicht ahnen würden. Die Lehre von den Sternseelen versetzt uns vollends in eine ältere Phase der Ent- wicklung. Es spricht vieles dafür, daß die Verschiedenheit, wenn wir mehr von dem Dialog besäßen, sich eher als noch bedeu- tender herausstellen würde. Das würde scheinbar ein Beweis für die späte Abfassung der Metaphysik sein, die dann der letzten Periode zugewiesen werden müßte. Zu der bisherigen Anschau- uno- würde das durchaus passen, denn es ist schon seit der rö- mischen Kaiserzeit eine verbreitete Meinung, daß die Metaphysik ein unvollendet hinterlassenes Spätwerk sei. Das Bild ändert sich jedoch von Grund auf, wenn wir die Ergebnisse der Metaphysikanalyse heranziehen. Die Entstehungs- geschichte des Buches, das diesen Namen führt, wird jetzt be- deutungsvoll für die Entstehung der metaphj^sischen Spekulation selbst'). Es ist nicht erlaubt, die im corpus mctaphtjsicum ver- einigten Stücke als eine Einheit zu behandeln und eine aus den gänzlich heterogenen Bestandteilen abgezogene Durchschnittsansicht dem Vergleich zugrundezulegen. Die Analyse führt, wie ich' an an- derer Stelle bewiesen habe, aus inneren Gründen zu der An- nahme von Schichten verschiedenen Alters, und die Überheferung bestätigt, daß die vorliegende Sammlung, die den Namen Meta- physik führt, erst nach dem Tode des Philosophen redigiert worden ist. Die Untersuchungen erstreckten sich freilich bisher nur auf die Geschichte des Metaphysiktextes, soweit sie sich nach dem Tode des Aristoteles abgespielt hat, also auf die Buch- geschichte seines Nachlasses. Zweifellos war ihre Aufhellung der erste Schritt, der getan werden mußte. Aber nur für die Wirkungsgeschichte wurde sie unmittelbar wichtig, und die darauf verwandte ^lühe stand jedenfalls in keinem Verhältnis zu dem ') Vgl. meine Entstehungsgeschichte der Metaphysik des Aristoteles, Berlin 1912. Äußeres Zustandekommen des überlieferten Textes 173 Gewinn, den sie für die Erkenntnis des aristotelischen Denkens selbst und der Persönlichkeit des Philosophen brachte. Erst der Versuch, den Überlieferungszustand der Metaphysik aus der inneren Form ^) seines Denkens organisch zu verstehen, gab der kritischen Arbeit wieder Sinn und Bedeutung. Er führte aber sofort von der Frage der äußeren, literarischen Einheit der er- haltenen Schriftenmasse der Metaphysik zu dem Problem ihrer inneren, philosophischen Einheit und damit zur Chronologie und Entwicklungsanalyse. Die ersten Schritte auf diesem Wege habe ich in der 'Entstehungsgeschichte der Metaphysik' getan, ich war dort aber äußerlich noch zu sehr in der alten textphilologischen Fragestellung befangen (der Frage nach der Berechtigung der überlieferten Komposition und Bucheinteilung), um die eigenen Ergebnisse bis in ihre letzten sachlichen Konsequenzen zu ver- folgen. Die Frage der Chronologie, die an einem Punkte da- mals bereits zu einem festen Ergebnis geführt hat, muß jetzt wieder aufgenommen werden unter dem Gesichtspunkt der philo- sophischen Entwicklung des Aristoteles, wobei Wiederholungen im einzelnen unvermeidlich sein werden. Der Verlauf der Unter- suchung selbst muß sie rechtfertigen. Bevor wir in die chronologische Erörterung eintreten, möge noch einmal kurz festgestellt werden, was an der gegenwärtigen Anordnung den Herausgebern des aristotelischen Nachlasses zu- zuschreiben ist. Um diese werden wir uns füglich nicht mehr zu kümmern brauchen. Ich stütze mich dabei auf die Ergebnisse der früheren Untersuchung. Ganz fern lag den antiken Redaktoren der moderne philo- logische Gesichtspunkt, zeitlich Zusammengehöriges äußerlich zu- sammenzufassen, selbst auf Kosten des Eindrucks der sachlichen Totalität. Die Leute, die den Nachlaß betreuten, waren Philo- sophen. Sie hätten viel darum gegeben, aus den vorgefundenen kostbaren Blättern ein möglichst treues Gesamtbild vom beab- sichtigten Gedankenaufbau der ersten Philosophie erstehen zu lassen, wäre dieser Wunsch nicht durch die Unvollständigkeit und den disparaten Charakter des Materials durchkreuzt worden. Denn darüber ist kein Zweifel möglich: die Herausgeber selbst haben nicht geglaubt, mit der von ihnen getroffenen Ordnung *) Vgl. Entstehungsgeschichte d. Metaph. d. Ar. 150, 161 ^ «j^ Dift ürmetaphysik die vollslHiidiiJ^e Metaphysikvorlesung der Nachwelt zu überliefern. Sie sind sirli bewußt ji^ewesen, eine Notlösung zu schaffen, die so unbefriedigend war, wie sie nach Lage des Materials sein mußte. Der Nachtrag zum Einleitungsbuch, das sog. kleine ä, steht nur deshalb hinter dem großen A, weil man ihn sonst nicht unterbringen konnte. Es ist ein Rest einer Vorlesungsnachschrift des Pasikles, eines Neffen des Aristotelesschülers Eudemos von Rhodos '). AB V gehören zusammen, dagegen steht durch gute bibliothekarische Überlieferung fest, daß J noch in alexandrinischer Zeit als selbständige Schrift vorhanden war. E ist ein kurzes Stück, das zu dem Komplex Z H & überleitet. Dieser hängt zwar in sich zusammen, doch seine Zusammengehörigkeit mit den vorderen Büchern erscheint problematisch. Ganz für sich steht /, eine Abhandlung über das Seiende und das Eine, über- haupt hört von hier an jeder innere und äußere Zusammenhang auf. K enthält nur eine andere Fassung der Bücher B F E, am Schluß sind ihm irgendwelche Exzerpte aus der Physik angehängt, die an sich nicht weniger aristotelisch sind als irgend ein an- deres Stück dieser Manuskriptsammlung, aber ohne jeden Zu- sammenhang mit der Umgebung. Ahnlich ist in das Buch A ein Stück aus der Physik eingelegt. A ist ein Einzelvortrag, der einen Überblick des ganzen metaphysischen Systems gibt, in sich völlig abgeschlossen ist und keinerlei Spuren des Zusammenhangs mit dem übrigen zeigt. Die Schlußbücher M N stehen in keiner Beziehung zum Vorangehenden, v/as schon im Altertum be- merkt worden ist und in vielen Handschriften zur Umstellung vor KA geführt hat, ohne daß dadurch ein plausiblerer Zu- sammenhang hergestellt würde. Am meisten verwandt sind sie den beiden ersten Büchern. Zu welchen Zeiten und in welchem Zusammenhang dies Material im einzelnen entstanden und wie es zur Rekonstruktion der aristotelischen Philosophie zu verwerten ist, kann nur genaue Untersuchung lehren. In keinem Fall darf man mit der Voraus- *) Es ist eine Verwechslung, wenn Asklepios in seinem Kommentar zur Metaphysik (p. 4, 20 Ilayduck) diese ihm aus peripatetischer Schultradition zu- gekommene Nachricht auf das große A bezieht. Er hat sich offenbar verhört, seine Auslegung ist ja die Nachschrift einer Interpretationsvorlesung des Am- monios. Das Richtige gibt das Scholion des cod. Parisinus zum kleinen ä (vgl. Entstehungsgesch. d. Metaph. 114). Der Metaphysiktext Produkt einer inneren Entwicklung 175 Setzung seiner philosophischen Homogenität die Probleme zu- decken, die es auf Schritt und Tritt auch inhalthch stellt. Ab- zulehnen ist jeder Versuch, aus den erhaltenen Stücken nach- träglich ein literarisches Ganzes herzustellen, indem man Bücher umstellt oder heraussetzt. Aber nicht minder ist es zu ver- werfen, wenn man ihre philosophische Einheit auf Kosten der individuellen Eigenart der erhaltenen Einzelurkunden voreilig postuliert. Jede dieser Urkunden eines jahrzehntelang unablässig mit den gleichen Fragen ringenden Nachdenkens repräsentiert einen fruchtbaren Augenblick, eine Stufe der Entwicklung, ein Stadium der Lösung, einen Anlauf zu neuer FormuHerung. Zwar wird alles Einzelne getragen von der potentiellen Einheit der Gesamtidee, die in allen besonderen Äußerungen des Philosophen wirksam ist. Doch wer bei ihr stehen bleiben will, möge nicht sagen, er habe den aristotelischen Geist in seiner Aktualität ge- schaut. Aristoteles hat eine spröde, herbe Form, mit bequemer, genußvoller Einfühlung oder weitschauendem ÜberbHck kann man ihm nicht nahekommen. Selten bietet sich ein Ganzes dar, an dem das Auge sich ergötzen könnte. Nur im Einzelnen, Konkreten, durch Intensität und Vertiefung ist sein Wesen zu erfassen, 'fj yccQ vov ivegyeia ^(orj. 2. Ältester Entwurf der Ideenkritik und Einleitung in die Metaphysik. Die Pietät der Herausgeber hat die berühmte Kritik der pla- tonischen Ideenlehre in doppelter Fassung erhalten, im 9. Kapitel des Buches A und in Kapitel 4—5 des Buches M. Die beiden Fassungen, die nahezu buchstäblich übereinstimmen, können nicht für dieselbe Bearbeitung der Metaphysik bestimmt gewesen sein. Wenn die Fassung des Buchs M, die fest dem Ganzen der Be- weisführung eingefügt ist, an ihrer Stelle bleiben sollte, so konnte das nur in der Absicht geschehen, entweder ein anderes Ein- leitungsbuch voranzuschicken oder wenigstens die z. T. doppelt vorhandenen Kapitel am Schluß der jetzigen Einleitung (^8—10) zu streichen. Nun geht aus mehreren Zitaten ') der beiden ersten Bücher in Buch M hervor, daß letzteres auf sie irgendwie und >) M2, 1077 al (= B2, 997 b 12— 34), M9, 1086 a34 (= BH, 1003 »6), JVf9, 1086 b2 (= ^6, 987 bl), 3fl0, 1086 b 15 (= B4, 999 b24; 6, 1003 a6) ämp Die ürmetaphysik und -wo folgen sollte, also nur eine Streichung der kritischen Partie am Schluß des ersten Buchs beabsichtigt gewesen sein kann. Damit ist bewiesen, daß Aristoteles das Buch Ä bei einem späteren Neubau teilweise als Rohmaterial verwendet hat. Der erschlossene Altersunterschied bestätigt sich durch die wenigen Abweichungen im Wortlaut der beiden Fassungen. Ab- o-esehen von einem neuen Argument gegen die Ideen, das Aristo- teles in der späteren Fassung*) zusetzt, unterscheiden sie sich nur durch die systematische Tilgung der ersten Person des Plurals, womit Aristoteles durchgehends in der älteren Fassung die Vertreter der Ideenlehre bezeichnet. Dieser charakteristische Wir-Stil im ersten Buch beweist, daß dieses zu einer Zeit ge- schrieben worden ist, wo Aristoteles selbst noch als Platoniker und bisheriger Anhänger der Ideenlehre auftreten konnte"). Der Zeitunterschied zwischen den beiden Büchern muß also bedeu- tend gewesen sein, denn in Buch M ist die Loslösung des Aristo- teles von der platonischen Schulgemeinschaft eine vollendete Tat- sache. Auch sonst ist der Ton der Polemik gegen die Platoniker dort, im Gegensatz zu der rücksichtsvollen Behandlung im ersten Buch, oft herb oder geradezu verächtlich. Als Abfassungszeit der älteren Fassung kommt nur ein ganz bestimmter, unwiederholbarer Augenbhck im Leben des Aristoteles in Frage. Piaton selbst lebt nicht mehr: das geht aus dem mehr- mals wiederholten Imperfektum, worin von ihm gesprochen wird, eindeutig hervor'). Überhaupt macht die Kritik der Ideen nicht den Eindruck, als wäre es die erste Aussprache darüber, die Aristoteles in der Akademie herbeigeführt hat. Die Art, wie die platonischen Argumente für die Existenz 'abgetrennter' Ideen hier angeführt werden, meist nur in der Form abgekürzter, termino- logischer Bezeichnung, setzt den dauernden Umgang der Hörer- ») Mi, 1079 b3— 11 vgl. Entstehungsgesch. d. Metaph. 29—30 ^) Damit ist das Ergebnis unserer Untersuchung über die Philosophie des Eudemos und Protreptikos über jeden Zweifel hinausgehoben: Aristoteles hat bis zu dem Augenblick, wo er zuerst eine derartige Kritik gegen die Ideen richtete, diese Lehre selbst sich zu eigen gemacht. Die Stellen sind Entstehungs- gesch. p. 33 zusammengestellt. Auch außerhalb des in doppelter Fassung er- haltenen Stücks findet sich im ersten Buch die Wir-Form, wo immer von der Ideen- lehre die Rede ist, so ^49, 992 »11 zid^euev, 25 eldv.afiev und Äiyo^iEv, 27 cpafAsv, 28 Xiyo^ev, 31 (paftev. ») ^9, 992 a20 die^dxeto, 21 iKÜXei, 22 iiC&ei, Innere und äußere Situation 177 schalt mit diesen Fragen voraus. Aber selbst die Einwände, die gegen sie vorgebracht werden, nimmt Aristoteles als bekannt an. Es wäre für uns kaum möglich, sie zu verstehen oder die Be- weise für die Ideen, die er kritisiert, aus seinen Worten wieder- zugewinnen, hätte nicht der Kommentar des Alexander von Aphrodisias ihren Gedankengang aus der verlorenen aristotelischen Schrift IIeqI löeow überliefert'). Nur ganz formelhaft spricht er von dem Zöyog ix zibv £jiiatt]f.i6Jr, dem Aöyog aaxä t6 'iv ini noXX&v, vom xQiiog dvd'QOJTiog (also einem Gegenargument, das gar nicht von ihm selber herrührt, sondern von dem Sophisten Polyxenos^), und mit dem schon Piaton im Parmenides ringt), ferner von den UKQißEaxsQOi t(bv Xöyojv, die auch Ideen des Relativen annähmen, und von dem Xoyoc, y.axä tö voetv %i g)^aQEvxog ^). Voraussetzung der Ideenkritik in ihrer ursprünglichen Gestalt ist also ein Kreis platonischer Philosophen, vor dem Aristoteles nach dem Tode des Meisters noch einmal alle Einwände gegen dessen Lehre in schnellem Überblick zusammenfaßt, die im Lauf der Jahre die Akademie beschäftigt hatten, um daraus die Notwendigkeit einer vollständigen Erneuerung des Piatonismus auf kritischer Grund- lage zu folgern. Die verwaiste Schule steht an einem entschei- denden Wendepunkt ihrer Geschichte. Einen solchen Platoniker- kreis hat Aristoteles nach Piatons Tode außer in Athen, das er bald verließ, nur einmal in Assos um sich gehabt und dann niemals wieder. In Athen hat er schwerlich die innere Ruhe gefunden, vor der Abreise eine alle kritischen Einwände gegen Piatons Lehre und alles eigene Nachdenken über die meta- physischen Probleme zusammenfassende neue Vorlesung auszu- arbeiten. In Assos hatte er nicht nur die nötige Muße dazu, sondern ein Auditorium urteilsfähiger philosophischer Köpfe, dar- unter die bekanntesten Schüler Piatons, Männer, die entweder objektiv genug waren, die Gründe des Gegners anzuhören, wie Xenokrates, oder selbst von Zweifeln an der platonischen Lehre erfüllt waren, wie Erastos, Koriskos und der von ihnen gewonnene Hermias es gewesen zu sein scheinen. Hatte doch schon Piaton in seinem Brief an sie für nötig gehalten zu erklären, er müsse ') Frg. 187. 188. 189R. -) Nach dem Bericht des Phanias iv zC^ tzqös AiööoiQov (frg. 24 Mueller) bei Alex. Aphr. in Arist. metaph. p. 84, 16 Hayd. »jj 9, 990 a 12 ff. J a egc r: Aristoteles. ^^ 4 yo Die ürmetaphysik 'auch als alter Mann noch' an der Ideenlehre festhalten. Er setzt voraus, daß auch hei den Assiern Streitigkeiten wegen 'dieser schönen Weisheit' bestehen, vielleicht haben sie selbst bei ihm angefra^'t. Er ermahnt sie, sich ia jeglicher Schwierigkeit an die Akademie zu wenden; wenn Spaltungen drohten, wolle er sie beschwören '). Nach seinem Tode ließen die Assier die beiden Vertreter der konservativen und der kritischen Richtung in der Akademie kommen, und in diesem Kreise ist die älteste Fassung der Metaph3sik vorgetragen worden. Sie ist gleichzeitig mit dem Dialog UsqI q)Uoaog)iag. Dem ersten Buch merkt man es noch an, daß es eine in großem Zuge entworfene Improvisation ist. Schon bei der Unter- suchung des Protreptikos hat sich herausgestellt, daß die be- rühmten Eingangskapitel im wesenthchen an jene Jugendarbeit angelehnt sind"). Die Wissenschaftsgesinnung als solche, mit an- deren Worten, war die gleiche geblieben. Die daran ansclüießende Aitiologie, die Lehre von den vier Ursachen, entnimmt Aristo- teles wie die übrigen Grundbegriffe Form, Materie, Potenz und Akt der Physik und beruft sich ausdrücklich auf sie als die eigent- liche Grundlage. Neu ist die genetische Entwicklung der Ursachen- lehre aus der Geschichte der älteren Philosophie, als deren Ab- schluß und neuer Anfang Piaton erscheint. Durch die gleichfalls rasch zusammengeraffte Kritik der Ideen bahnt Aristoteles sich dann den Weg zu seiner eigenen Fragestellung im zweiten Buch, die ebenso durch die geschilderte innere Situation bedingt ist und erst auf diesem historischen Hintergrund voll verständlich wird. Dieses Ergebnis vervollständigt das Bild, das wir aus dem Dialog IleQi cpdoaocpiag von der Stellung des Aristoteles zu Piaton und der platonischen Schule gewinnen. Es bestätigt, daß die Veröffenthchung der Kritik erst der letzte Schritt auf einem ») Plat. epist. VI 322 D 'EgdaKp 8h xal Kopla-Aip nQog tfj twv elöwv aocplm {zf, KuAfi zavTj], (ffif.!,' iyüj, -/.uinsQ yeQcov o)v) nQoaösl (correxi, ngoaöstv codd) (Tocpias zr^s ^£^1 rovg novriQovg nal dSiTiovg (pvAanziKfig xai rivog ö,uvv- ziKfig övvdftewg. Die gesperrten Worte gehören zusammen, die Verbindung von cprjftl mit TiQoaöelv raubt dem concessiven Participium, das daz wischensteht, allen Sinn. Dann ist freilich nQoaSet zu verbessern. In ihrem echten Sinn wieder- hergestellt, wird die Äußerung für die innerakademischen Kämpfe um die Ideen- lehre während der letzten Lebenszeit Piatons und für dessen eigene Stellung- nahme hochbedeutsam. ') Vgl. p. 68 Die älteste Metaphysik verbesserter Piatonismus 179 langen Entwicklungswege war, dessen Anfänge sich im Dunkel der esoterischen Arbeitsgemeinschaft des akademischen Kreises verlieren. Die Sonderung der spezifisch aristotelischen Einwände von denen anderer Kritiker ist nicht mehr durchzuführen, denn was er in der Metaphysik gibt, ist offenbar eine Zusammen- stellung aller wesentlichen Gegengründe ohne Unterschied der Herkunft. Gleichzeitig mit dem offnen Angriff auf die akademische Schulleli^e versucht er durch die in Assos vorgetragene esoterische Vorlesung über Metaphysik die seiner kritischen Betrachtungs- weise zugänglicheren Genossen zu der Überzeugung zu führen, daß man den Wesenskern des platonischen Vermächtnisses nur retten könne, wenn man die Lehre vom xojQiafiög der Ideen und den Dualismus entschlossen preisgebe. Was er bietet, ist nach seiner eigenen Auffassung reiner Piatonismus und will nichts anderes sein. Es ist die Erfüllung dessen, was Piaton wissen- schaftlich gewollt, aber nicht erreicht hat. An dieser Selbst- einschätzung, die ihm erlaubte trotz radikaler Eingriffe in die platonische Lehre die Pietät zu wahren, fällt besonders der ver- antwortungsbewußte Wille zu organischer Weiterentwicklung auf. Die Genossen urteilten anders. Sie erkannten unter der kon- servativen Hülle den revolutionären Geist eines neuen Welt- begriffs und sahen Aristoteles nicht mehr als Platoniker an. Er selbst hatte noch nicht den nötigen Abstand von der eignen Ent- wicklung, dies als richtig zu erkennen. Erst in seiner spätesten Zeit steht er ganz frei und ohne Anlehnung da. Je nachdem man mehr die historischen Voraussetzungen seiner Philosophie oder die individuelle Form seines Sehens und Denkens ins Auge faßt, wird man die frühere oder die spätere Selbstbeurteilung für die wahrere halten. Man muß sich erinnern, wie schwer Piaton sich von der Identität mit Sokrates gelöst hat, um die jeden Originalitätsehrgeizes entbehrende, bescheidene Selbstauffassung des Aristoteles aus dem Irrationalen seines Schülerverhältnisses zu Piaton zu verstehen. Die nächste Frage ist die nach dem Umfang jener ältesten Fassung der Metaphysik und nach den zu ihr gehörigen Teilen. Zum ältesten Entwurf gehört außer der Ideeukritik, die sich durch ihren Wir-Stil am sichtbarsten der Übergangsperiode einordnet, zunächst das ganze erste Buch, dessen Einheitlichkeit unantastbar ist und das deshalb als Ganzes unter die für jenen Teil geltenden 12* 4QQ Die Urmetapbysik chronolo^'ischen Sclilußfoli^'erungen fällt. Wie es scheint, hat man sich schon im Altertum an der mehrfach wiederkehrenden Selbst- bezeichiiung des Aristoteles als Platoniker gestoßen. Alexander von Apin-odisias und Syrian berichten von der Athetese des Buches durch antike Gelehrte. Nach einer Notiz Alberts des Großen schrieb man es im Mittelalter z. T. dem Theophrast zu, und in den arabischen Übersetzungen fehlte es angeblich'). Beides erklärt sich aus antiker Gelehrtenüberlieferung, offenbar hatte irgend ein spätantiker Herausgeber wirklich das Buch auf Grund der Unechtheitserklärung fortgelassen. Aus der Bemerkung Alexanders zum zweiten Buch geht hervor, daß der Grund der Athetese eben in dem anstößigen 'Wir' des ersten Buches zu suchen ist. wodurch es scheinbar eine Sonderstellung gegenüber den anderen Büchern einnahm. Aristoteles schreibt (52, 997b3): In der Ein- leitung: ist gesact worden, daß wir die Ideen als Ursachen wie auch als an sich seiende Wesenheiten annehmen (Aeyo/iisv). Unter den mancherlei Schwierigkeiten der Lehre erregt besonders Anstoß unsere Annahme, es gebe neben den Himmelskörpern noch ge- wisse Wesenheiten, von denen behauptet wird, sie seien dieselben wie die Sinnendinge, nur daß jene ewig, diese vergänglich wären'. Alexander schließt aus dieser Stelle die Unhaltbarkeit der Un- echtheitserklärung des ersten Buches, weil dieses hier ausdrück- lich angeführt werde und auch das Ethos der Stelle mit dem des vorangehenden Buchs ganz übereinstimme; denn an beiden Orten behandle Aristoteles die Ideenlehre als eigne Lehre. Dieser Einwand gegen die Unechtheitskritik setzt voraus, daß das erste Buch eben auf jenes 'Ethos' hin verdächtigt worden war. Nie- mand verstand damals mehr, wie Aristoteles die Ideen als eigne Lehre bezeichnen konnte, auch Alexander kann es sich nur als Ethopoiie erklären'). Die Athetese stammt also aus den Kreisen ') Albertus Magn. I 525 b et hanc probationem ponit Theophrastus qui etiam primum librum qui incipit 'omnes homines scire desiderant' metaphysicae Aristotelis traditur addidisse; et ideo in Arabicis translationibus primus über non habetur. «) Alex. Aphr. in Ar. metaph. B2, 997 ^3 (p.l96, 19 Hayduck) fiiÄÄojv de Tz^ög airäs (seil, zag iSeag) Xiyeiv ttqojiop vnoficftvr^axei -fjfiäg önolag tiväg ky.eyov aiiüg ilvai, ävaniuTioiv etg zä el^rj^teva iv rq) nQüixifi. 8&ev y.al öti^ov iy. nXetövoiv i^ÖT} 8ti xüy.elvo 'ÄQiatoiiÄovg rä iazi, xai f'x zavzi^g ifjg n^ayf^azeiag. jtat yäg iv k^ ■fjd'ti dfiolcog ixet ze tzcqI aizcöv eiQTjy.e aal ivzav&a ifivrjfiö- vevaev' wj ydp ^zeqI olxeiag xfjg öö^rig zijg TieQi ideöiv oi^arjg zovg Xöyovg iv d,a- Peripatetische Verdächtigung des A. Auch B ist alt 181 der kaiserzeitlichen peripatetischen Schulorthodoxie, die alle Spuren einer Beziehung des Aristoteles zu Piaton vertilgte, weil die Ideenlehre eine Ketzerei war, an der der Meister keinen Teil gehabt haben durfte. Für uns ist diese Art der Kritik nur ein neuer Beweis, wie wenig auf die peripatetische Schultradition in Fragen der Entwicklungsgeschichte des Aristoteles zu geben ist. Diese Hauptquelle ist eben ein durch und durch tendenziöser Zeuge. Wie man die Dialoge, die laut gegen diese Entstellung der Wahrheit protestierten, zum Schweigen brachte, wurde oben gezeigt (S. 32). Doch die Stelle des zweiten Buchs, die Alexander gegen die Verdächtigung des ersten ins Feld führt, lehrt in der Tat, wie eng das zweite genetisch mit diesem zusammenhängt. Er hätte zu der aus dem Anfang des zweiten Buchs genommenen Stelle noch eine gleichartige am Schluß fügen können, die eben- falls bis heute noch nicht für die chronologische Untersuchung herangezogen worden ist, so unbegreiflich es auch scheint (56, 1002 b 12): 'Überhaupt kann man zweifeln, weshalb man noch eine andere Art der Realität neben den Sinnendingen und der mathematischen Zwischenwelt suchen soll, wie die von uns an- genommenen Ideen {olov ä Ti&e/iev sl'di]).^ Die beiden Stellen erlauben uns das ganze zweite Buch mit Sicherheit auf die ältere Fassung der Metaphysik zurückzuführen: es ist in einem Zuge mit dem ersten geschrieben. Auch hinsichtUch seines Problem- gehalts wird sich das später zeigen. 3. Älteste und jüngere Kritik der akademischen Zahlenlehre. Die Bücher M und N betrachtet man meist als eine Einheit, hauptsäclilich wohl wegen der Einheitlichkeit ihres Inhalts, der Kritik der akademischen Ideen- und Zahlenlehre. Im einleitenden -Kapitel (Mi) setzt Aristoteles den Zweck der Abhandlung aus- einander. Er wirft die Frage auf, ob es außer den Dingen der Erscheinungswelt noch ein anderes Sein gibt, das unbewegt und ewig ist. Zunächst sollen die Denker, die bisher ein solches Sein behauptet haben. Piaton und seine Schule besprochen werden. Aristoteles stellt ein festes Programm auf, nach welchem er vor- sehen will und das schon durch seinen methodischen Aufbau v (rein als solche) 1076 a32— 1078 ^O I iv ye TOfg aiod^qxolg elvai dövvaiov 1076 »33 — bH 0 Vgl. p. 176 1^ Die Urmetaphj'sik II naqä tu aloi}r]XU eIvui y(j)QiOTU äövvaiov 1076 bl2 — 1077 bll III () TQÖJiog tov elvai ö zoiv /iad^i]fiaTiy.(x>v löiög xig (fi noad usw.) 1077 b 12-78 b9 C Zweiter Teil: ueqI tCjv löecjv (rein als solche, ohne Bezug auf die Zahlen) 1078 b9— 1080 all 1 Historische Analyse der Entstehung der Ideenlehre 1078bl2-b32 IT Dialektische Widerlegung 1078 b 32-79 bn III Physikalische Widerlegung 1079 bi2— 80 all D Dritter Teil: jieqI uQid-fiwv ojg y.£xo)Qia/i,evrig ovaiac, 1080 a 12— 1085 b34: I Entwicklung aller möglichen Fälle 1080 ai2— b36 1. Drei Idealfälle sind denkbar 1080 ai8— bo a) ol ccQid-fiol davfißAr^TOi b) avfißZfiToi c) 01 fikv äavfißÄ7]^t, ol de ov(iß?.i]Toi 2. Jeder der drei Fälle hat Vertreter gefunden (außer den navTElGic, dov/nßXr^Toi) 1080 bß— b36 a) Piaton Idealzahl und mathematische Zahl b) Speusippos nur die mathematische Zahl c) Xenokrates (äV.og tig): ö eiötjiiy.ÖQ y.al ö fia^ri- fiaxiKÖg aQid-^ög ö avzög iari II Widerlegung dieser einzelnen tqöttoi 1080 b37— 1085 b34 1. Widerlegung Piatons 1080 b37— 83 al7 a) Erster Fall: näaai fiovdöeg avfißZr^xai eiai 1081 a5 — 17 b) Zweiter Fall: näoai dovfißhjxoi 1081 3i7— b35 c) Dritter Fall: al fiev iv ä?Mo öid(poQoi al ö' kv rtp ai)X(^ dQid-fi^ iwvdösg döidfpoQoi 1081 b35 — 1082 bl d) Jede Art von Unterschied der Monaden ist un- denkbar, damit fällt aber jede Möglichkeit, sie als Ideen zu setzen 1082 b2— 1083 al7 2. Widerlegung der übrigen Zahlenmetaphysiker 1083 a 20— 1085 b34. a) Unterscheidung dreier möglicher Fälle 1083 a27— bl8 a) Speusippos 1083a27— bl M letzter Gesamtangriff auf die Akademie 185 ß) Xenokrates (ö igkog iQÖnoq) 1083 bl— 8 y) Die Pythagoreer 1083 b 8— 18 b) Widerlegung dieser Lehren 1083 b 19— 1085 b34 E Schlußteil: 1085 b35— 1086 a20 I Der Widerspruch der Vertreter dieser Lehren macht sie verdächtig. II Die modernen Vertreter der Lehre bedeuten gegen- über Piaton keinen Fortschritt. III Die Unrichtigkeit ihrer Voraussetzungen ist der Grund ihres Scheiterns. Diese Gedankenentwicklung zeigt eine Strenge des Aufrisses, die wir bei Aristoteles nicht häufig treffen. Seine Vorlesungs- hefte sind zu sehr in ständiger Umarbeitung begriffen, um leicht zu abgerundeter Gestalt gelangen zu können. Dieses Buch aber ist mit sichtbarer Sorgfalt ausgefeilt und hat einen durchgehenden Plan. Es ist ein Ganzes mit äQ^rj, fiEOov und xeXoc,. Das Origi- nale liegt nicht so sehr im Einzelnen wie in der Gesamtidee. Aristoteles will alles, was er über die Frage der übersinnlichen Wesenheiten, der Ideen und Zahlen gedacht hat, noch einmal zu einer großen kritischen Abrechnung zusammenfassen. Er faßt den für sein Beweisgenie bezeichnenden Plan, nicht nur die zur Zeit in der Akademie herrschenden Ansichten anzugreifen, sondern alle überhaupt denkbaren Spezialfälle der akademischen nkdofiaxa sj^stematisch zu entwickeln und zu Aviderlegen. Die historisch zu Tage getretenen verschiedenen Spielarten der Ideen- und Zahlenlehre werden in diesen Rahmen eingeordnet und auf einige wenige Grundvoraussetzungen, zurückgeführt, die als falsch erwiesen werden. In der Einleitung und besonders gegen Ende ist die Schrift sorgfältig stilisiert, die nüchterne Sprache wird am Schluß fast etwas rhetorisch gefärbt. Der Schluß liegt übrigens nicht am Ende des Buches, sondern bereits M 9, 1086 a20. iMit den folgenden Worten beginnt, wie schon antike Erklärer er- kannt haben und wie ich nach Schweglers Vorgang früher ein- gehend gezeigt habe, eine neue Abhandlung'). Das zeigen be- sonders die vorangehenden Schlußsätze (M9, 1086 al5— 20), die ganz epilogartig gehalten sind. Wie Aristoteles Einzelvorträge mit Dichterworten zu schließen liebt, z. B. das Buch A der Meta- ^) Entstebungsgcscbiclite d. Motapb. d. Ar. 41 ff. .j;^^. Die Urmetaphysik physik ()(h r die si)äter in die Nikomachische Ethik aufgenommene Vorlesung IJegl (pikiac, (Buch 0—7), so macht hier ein Zitat aus Epicharin den Bescliiuß. Und ähnlich wie er sich am Schlüsse der ^ocpioTixol eXeyxoi von seinem Auditorium verabschiedet oder am Schluß eines Vortrags über den Idealstaat die Hörer, die noch Zweifel haben, auf eine andere Gelegenheit verweist'), riclilet er hier ein Schlußwort an das Publikum, worunter sich scheinbar auch Studenten von der Gegenseite befinden, die noch nicht in ihrem Glauben erschüttert sind. 'Weiteres Eingehen auf die Sache könnte doch nur denjenigen überzeugen, der schon überzeugt ist. An dem aber, der es immer noch nicht ist, ist doch' — hier bricht das Konzept ab. So originell übrigens der methodische Gedanke des Vortrags ist, der Stoff, den er verwendet, ist nicht neu. Was Aristoteles früher über dieses Problem aufgezeichnet hatte, scheint alles in. ihm verarbeitet zu sein. Denn es ist nicht wahrscheinhch, daß er nur die Ideenkritik des vierten und fünften Kapitels aus der älteren Fassung der Metaphysik herübergenommen hat; das ganze Buch ist rasch hingeworfen und trägt überall die Spuren ungleicher Arbeitsweise an sich. Es ist bezeichnend, daß tadellose Glätte des Stils sich nur in der Einleitung, im Schlußwort, in der aus- führlich entwickelten Disposition und in den Überleitungen findet, kurz an allen Stellen, welche zum Zweck der vorhegenden Zu- sammenfassung geschrieben sind, also jungen Ursprungs sein müssen. Der Stil der Ideenkritik, die aus dem älteren Entwurf stammt, fällt vollständig aus diesem Rahmen heraus und verrät schon dadurch ihren heterogenen Charakter. Ganz undenkbar ist es aber auch, daß die langen Reihen der mit monotonem etl aneinandergefügten Gegenargumente (DU 2b), die ich in der oben gegebenen Disposition deshalb nicht genauer zu gliedern versucht habe, für den Zweck der vorhegenden Abhandlung stihsiert sind. Sie scheinen unverändert aus einer älteren Aufzeichnung über- nommen zu sein. Einen deutlichen Beweis für diese Entstehungsweise des Buches erbringt das Stück, das ihm als Anhang angefügt ist {M9, 1086 a21 — 10 Schi.). Schon die alten Erklärer wollten es z. T. zum folgenden Buch ziehen, da sie richtig ein Proömium >) Pol. Hl, 1323 t)36 Entstehungsart des Buches M 187 in ihm erkannten*). Wenn sie freilich seine Vereinigung mit dem Buch N in so äußerlicher Weise durchführen wollten, so sind die Urheber der unserer handschriftlichen Überheferung zu- grunde hegenden Redaktion doch scharfsichtiger gewesen. Sie sahen, daß ein unmittelbarer Übergang nicht vorhanden ist, daher fügten sie, wie sie das auch in anderen ähnlichen Fällen getan haben, das isoliert erhaltene Proömium als losen Anhang zu M. Sie brachten dadurch die Meinung zum Ausdruck, daß dies Stück in naher Beziehung stehe zu dem Buche, dem sie es anfügten. In welcher, lehrt ein Vergleich mit dem Proömium il/ 1, mit dem es hier zusammengestellt werden möge. Proömium Mi, 1076 a 8 IIeqI pLEv ovv T'f]g %(bv ai- ad-i]T(Jüv ovoiag EiQTjxat xig EOTIV EV flEV xfl fied^ÖÖCp xfj T(bv (pvomibv tieqI zfjg vXrjg, VGTEQOV Ö£ TIEqI xijg Xax' EVEQ- ysiav. ETiEi d' i) axEtpig ioxl TiözEQov EOTi Tig TzuQU xäg aiad^Tjxäg oi)aiag dxivrjTog Proömium Md, 1086 a21 UeqI ÖE XÜV TlQcbxCüV äQ^öJV y.al xüiv 7iQ(bx(i)v aixioiv nai oxoi- XEicov öoa iiEv Xiyovoiv ol tieql fiöv7]g xfjg aiad-ijx'^g ovaiag dioQit,ovxEg,xä fiEv ev xoig tieqI (pvoEcog ELQTixaij xä ö' ovx EGxi xfjg fiEd'ööov xf]g vvv. öoa ÖE ol (pdoaovxEg Eivai naqu y.al d'töiog ^ ovx egxi, xal ei xäg aiod-i]xug EXEqag ovaiag, e'oxi, xig iaxi, tiqöjxov xä naqä ixöfiEVÖv iaxL d-EcoQfiöai xcjv xajv äklo)v ÄEyöfiEva d^EO)- EiQi]fi£vo)v. QTixEOV kuEi Ovv ZiyovGi xivEg xoiavxag ovo ö' eIgI öö^ai TiEQL xovxoiv. Eivai xäg iösag xal xovg dqid^- xd XE yuQ fiad^i]fiaxixä (paoiv ßovg, nal xä xovxoiv GxoixEia O'boiag Eivai xiVEg, oXov dqid-fiohg xüv övxoiv Eivat axoixEia nal dQX(^5) GXEjixEOV tceqI xovxcjv xi XsyovGi xal nüg XlyovGiv. ol [lEV ovv dQi&fiovg noi- ovvxEg (lövov y.al xovxovg /Äad^7]fiaxixovg, vgxeqov etcl- GXEnxEOL' xcüv öe xäg iöiag xai yqafifiag xai xa GvyyEvt] Tovxoig, xai Tidhv xäg iöiag. ETlEl ÖE ol flEV OVO XavXU yivT] 71 oiov Gl, xdg x' iöiag xai xovg fiad-7]fiaxixovg dQid-fiovg, ol ÖE fliav (pVGLV d/l(pOX8Q(x)V, EXE- QOi ÖE xiVEg xäg (lad^rjfia- ÄEyövxcov äfia x6v xe xqönov xixäg fiovov ovoiag Eivai (paGi, dsdaan äv xig xai xijv dnoQiai' GXEnxEOv nqibxov fibv ueqI xijv tieqI avxöjv. *) Syrian. comm. in Ar. metaph. p. 160, 6 Kroll 4Qfn Die ürmettiphysik nQoaxi'&iviuc, (pvoiv uXXriv avTolc, {olov nöiEQOV ideal ivyxdvovoiv ovoai 7} ov . . . ) ... enEira fierä xavxa x^C'? n^Ql fwv iÖEcov aviöjv unXoic, y.al öaov vu^ov xdQiv. Was die Worte des Proömiums MO in Aussicht stellen, ist nichts anderes, als was im vorangehenden Teil des Buches be- handelt ist. Daß die Zahlen als dQ%ai oder als axoixEia bezeichnet werden, ist akademische Terminologie, die sich seit dem Protrepti- kos bei Aristoteles nachweisen läßt. Es ist nicht so zu verstehen, als hätte er in M 1 — 9 die Zahlen als selbständige ovaiai behan- delt und wolle nun ihre Eignung als Prinzipien und Elemente alles Seins untersuchen'). Der Fortgang lehrt deutlich, daß in M 9 genau wie M 1 die abgesonderte Existenz (xo)Qiafi6s) der Ideen und Zahlen und der anderen mathematischen Größen wie Punkt, Linie, Fläche und Körper gemeint ist. Und nun lese man die folgenden Worte (Md, 1086 a26): 'Da nun einige Denker als solche Wesenheiten die Ideen und die Zahlen betrachten und deren Elemente für Elemente und Prinzipien des Seienden halten, so müssen wir hinsichthch derselben untersuchen erstens was sie lehren und zweitens die besondere Form, wie sie es lehren.' Das ist genau der Inhalt des Buches M. Unmöglich konnte Aristoteles so sprechen, wenn M vorherging, unmöglich, daß er hier von neuem anfinge über Ideen und Zahlen zu handeln, als hätte er über sie noch kein Wort gesagt. Weiter spricht er in Md von dem xQÖJiog und der änoQia der platonischen Lehre, welche man auseinander- halten müsse. Diese Unterscheidung beruht auf derselben Methode, *) Die antike Aiistotelesexegese erklärt den Unterschied beider Abhand- lungen so, daß ilf 1— 9, 108f) »20 die platonischen oiaiai als abgetrennte Wesen- heiten, ilf 9, 1086 a21 ff.— JV (Schluß) dieselben oiaCai als Prinzipien und Ele- mente des Seienden behandelt würden. Aber die zweite Untersuchung baut sich keineswegs und an keinem Punkte auf der vorangehenden auf und kennt sie überhaupt nicht. In Wahrheit behandelt Aristoteles in der zweiten Abhandlung beide Fragen zusammen, er kritisiert die platonischen übersinnlichen Wesen- heiten sowohl als abgetrennte oiaCai wie als otoixetci aal uQXctl it^v ovvojv. DalJ der Nachdruck hier mehr auf ihre Bedeutung als aioixela lüv ovtcov ge- legt wird als auf ihren Substanzcharakter, entspricht der Wandlung der aristo- telischen Metaphysik, wie sich im Lauf der Untersuchung zeigen wird. Altes und neues Proömium erhalten 189 Ansichten anderer Philosophen kritisch zu untersuchen, die in M 1 — 9 angewandt wird. Zuerst wird die Lehre selbst dargestellt, daran wird eine Kritik angeschlossen, die ihre Schwierigkeiten entwickelt. Die Übereinstimmungen gehen bis in die wörthchen Einzelheiten. So berufen sich beide Proömien für die Lehre von den wahr- nehmbaren Substanzen gleich anfangs auf die Physik. Beide bringen die Wendung, man müsse zuerst diejenigen Arten über- sinnlicher Wesenheiten betrachten, welche von anderen Denkern angenommen würden (xä nuQä xwv äZXcjv /.eyöfiEva ~ 8aa ös ol (päoKOvxEc, slvai xxZ., d-ecoQr^xiov ~ d-EcoQfjaai). So ist es der Sache wie dem Wortlaut nach klar, daß uns hier zwei Parallel- fassungen des Proömiums zu einer kritischen Abhandlung über die akademische Metaphysik erhalten sind. In welchem zeitlichen Verhältnis stehen nun die Fassungen zueinander? Man ist zunächst versucht anzunehmen, daß 3/9 nur eine andere sprachliche Form wäre, die Aristoteles nach- träglich verworfen hätte. Aber die Möglichkeit einer bloß stilistischen Variante scheidet aus, da die beiden Proömien trotz aller Übereinstimmung in einem entscheidenden Punkte auseinandergehen, in der Gruppierung des Stoffes, die sie der geplanten Schrift zugrunde legen wollen. In Jf 9 heißt es: 'Diejenigen Philosophen, welche die Zahlen und zwar die mathematischen Zahlen hypostasieren, sollen später be- handelt werden. Bei den Vertretern der Ideen aber kann man zugleich die Art {xQÖjiog) ihrer Lehre und die ihnen anhaftende Schwierigkeit (änoQia) untersuchen ^).' Das Proömium M 1 ist viel sorgsamer in der Disposition des gleichen Gegenstandes. Aristoteles zählt dort neben den Ideen und Zahlen auch die dazu gehörigen Unterarten auf und schickt diesen beiden die mathe- matischen Größen als solche voraus. Schon hier in der Ankün- digung macht sich dieselbe stufenweise vorsichtig aufbauende Methode fühlbar, die wir für das Buch als Ganzes nachgewiesen haben. Im Proömium Jf 9 ist die Untersuchung dagegen noch in einem roheren Entwicklungsstadium, es fehlt gerade an dieser bezeichnenden, feineren Differenzierung des Problems. Es ist also keine bloß stihstische Dublette, sondern die Ein- leitung zu einer älteren Kritik der akademischen Zahlenmetaph^sik, >) M9, 1086 a 29 ,ao Die ürmetaphysik die den Gegenstand nach einer noch wesentlich unentwickelteren Methode behandelt hatte '). Andere Stücke dieser älteren Schrift werden, wie bereits vermutet, ebenfalls als Rohmaterial in dem Neubau, dem jetzigen Buch M, verarbeitet worden sein, ohne daß wir sie noch auszusondern vermögen. Um die Entstehungszeit der älteren Fassung zu ermitteln, l)edarf es zunächst eines Umwegs, der die Interpretation einer dunkeln und bisher mißverstandenen Stelle nötig macht. Auch hier hat man den Anhalt, den sie einer genaueren Datierung bietet, so wenig wie bei den entscheidenden Stellen des ersten und zweiten Buchs erkannt. Aristoteles beginnt 3/10, 1086 b 14 die Widerlegung der Ideen mit einer Aporie, die er B G, 1003 a6 formuliert hatte, o öe aal TOlg Xeyovoi -rdg iöiag ^xei xivä änoqiav xai Tolg fii] Uyovoiv y.ai xax' (XQXccg iv xolg öiajioQrjfiaaiv IXix^V nQÖieqov, XeyoiiiEV vvv. (I) Ei fiEV yuQ Tig tii] ^rjOEi tag ovoiag Eivai x£X0)QiOfi£vag nal %bv TQÖjiov tovTOV (bg XiyExai %ä y.a^' E'Aaoxa x(bv övxoiv, dvaiQTjOEi TTjv ovolav, d)g ßovXöfisd-a UyEiv. (II) täv öe tig ^fj xäg ovaiag xo)Qicndg, ncog ^tjoei xä axoixEia xai xäg dqxäg avxü)v; (i) El fiEV yäq xad-' EKaaxov y.ai fiT] aad-öXov, xooam i'avai xä övxa, öoajiEQ xä oxoiyna, 'Aal oi)K imaxrjxä xä axoixEia .... (2) dXXä fiTjv El ys xad-öXov ai dqxal [^ xal al ix xovxoiv ovoiai xa^öXov], Eoxai ^i]-ovaia jiqöxeqov ovaiag- %b [aev yuQ xa&öXov odx ovoia, xö öe gxoixeIov xal f] dgxv xa^öXov, uqöxeqov öe xb axoixElov xal i] dQxt] o)v dQXV '^"^ axoixEiöv ioxiv. Aristoteles hat unmittelbar vor dieser Stelle (1086 »35— bl3) die Schwierigkeiten, die die Annahme der Ideen mit sich bringt, aus ihrer Entstehungsgeschichte erklärt. Die Hauptschwierigkeit ergibt sich daraus, daß man die Ideen zugleich als Allgemeines {xa^olov) faßt und dann wieder als für sich Seiendes und ge- wissermaßen wie eine neue Art von Einzeldingen {xoyv xad-'sxaaxov). Der Grund dieses eigentümlich schillernden Doppelcharakters war ') In meiner Entstehungsgesch. d. Metaph. 42S. habe ich Md, 1086 a21— 10 (Schluß) richtig als Buchnachtrag erkannt, den die Redaktoren der vollständigen Abhandlung M 1—9, 1086 a20 angehängt haben. Es ist mir jedoch merk- würdigerweise entgangen, daß es sich in Ml und iVf 9, 1086 a21S. um eine unzweifelhafte Dublette handelt, deren beide Fassungen in größerem zeitlichem Abstand voneinander entstanden sein müssen. Dadurch ändert sich die ganze Behandlung der Bücher M und N, wie das Folgende zeigen wird. Datierung der älteren Fassung • 191 der, daß Piaton den Dingen der Erscheinungswelt das Sein ab- sprach, weil er durch Heraklit zu der Ansicht gekommen war, alles Wahrnehmbare, sinnlich Einzelne sei in beständigem Fluß und ohne dauernden Bestand. Anderseits hatte sich aus den ethischen Untersuchungen des Sokrates indirekt die neue, wichtige Erkenntnis ergeben, daß es Wissenschaft nur vom Allgemeinen gibt. Sokrates hatte allerdings die Begriffe von den realen Gegenständen noch nicht abstrahiert und für getrennt erklärt. Piaton ging dann weiter und hypostasierte — nach Aristoteles' retrospektiver Auffassung — die Allgemeinbegriffe als die wahre ovöla. Daran schheßt sich die entscheidende Stelle an. Aristoteles entwickelt hier die Frage, ob die Prinzipien gewissermaßen einzel- dinglich oder ob sie allgemein sind. Diese Frage trifft mit ihren Schwierigkeiten sowohl die Vertreter der Ideen wie deren Leugner. Er sucht zu zeigen, daß beide Fälle scheinbar notwendig zu Absurditäten führen. Sind die Prinzipien ein Einzelsein, so sind sie nicht erkennbar, weil nur das Allgemeine erkennbar ist. Sind sie dagegen allgemein, so wäre die Nichtsubstanz früher als die Substanz, und man müßte die Substanzen, deren Prinzipien sie sind, aus dem Allgemeinen ableiten, was unmöglich ist. Denn das Allgemeine ist niemals Substanz. Dies sind die logischen Konsequenzen, fährt Aristoteles fort, wenn man die Ideen aus Elementen ableitet und neben den Dingen von gleicher Art eine transzendente Einheit annimmt wie die Ideen. Schon aus dieser Zusammenfassung folgt, daß er wesentlich die Ideenlehre im Auore hat und nicht so sehr, wie es nach den einleitenden Worten scheint, auch ihre Leugner. Er braucht sie nur beide, um die Frage in der Form des Dilemmas zu formuHeren. Das Dilemma, ob die Elemente und Prinzipien Einzeldinge oder Allgemeines seien, faßt er als Unterfall eines allgemeineren Dilemmas: wenn man die Substanzen {xäc, ovaiag) nicht als getrennt existierend setzt in der Art, wie wir dies von den Einzeldingen sagen, so hebt man damit das Sein (tIjv ovaiav) auf; setzt man sie dagegen als getrennt und für sich existierend, so ergibt sich die oben dargelegte Schwierigkeit, ob ihre Prinzipien Einzelnes oder All- gemeines sind. Der erste Teil des allgemeineren Dilemmas enthält scheinbar eine Tautologie, aber eben doch nur scheinbar. Der Plural xäc, |fj2 Die ürmetaphysik woias uud der Singular Tr]v ovaiav zeigen deutlich eine Ver- schiedenheit der Bedeutung an. Die Substanzen, die Aristoteles liier meint, können nicht die öfioAoyoviiievai ovolcu, die Sinnen- dinge sein. Sonst wäre der Zusatz sinnlos: xal xöv tqötiov tov- ioi< log P.iyETai tu y.ad-' t'xaoxa zoiv övxoiv. Die einzeldingUche Seinsweise der Sinnendinge dient nur als Analogie, um den Sinn des Fürsichseins der ovoica zu erläutern. So aber pflegt Ari- stoteles stets den Realitätscharakter der platonischen Idee zu be- schreiben. Es ist also kein Zweifel — auch Bonitz hat so ver- standen — daß hinter den ovoiai die Ideen stecken oder ein ihnen entsprechendes, übersinnHches Sein. Nimmt man solche für sich bestehenden Realitäten im Sinne Piatons und seiner Schule nicht an, so hebt man alle ovaia auf (Aristoteles gibt dies ein- mal zu); nimmt man aber irgend welches für sich Seiende (ovaiag XMQiOTdg) an, so folgen die genannten schwierigen Konsequenzen für die Ableitung ihrer Prinzipien. Die Worte wg ßovAöfied-a Zeyeiv haben wir bisher aus dem Spiel gelassen. Bonitz') übersetzt sie (und andere folgen ihm darin, wie meistens in schwierigeren Fällen), mit den Worten 'wie wir einmal sagen wollen'. Er gründet diese Übertragung auf die richtige Auffassung des ersten Gliedes der Alternative, daß Aristoteles hier etwas einräume, was in Wirklichkeit nicht seine Meinung sei. Dies ist die feste Form des aristotehschen Dilemma und gedanklich nicht weiter befremdlich. Aber trotzdem ist seine Übersetzung nicht haltbar. Den Gedanken 'wie wir einmal zugeben wollen' kann man griechisch nicht durch a)g ßovZö- fiE^a liyEiv ausdrücken. Auch Pseudalexander verstand die drei Worte offenbar nicht. Seine törichte und leichtfertige Para- phrase ^TiEQ oi) ßovXöfisd-a ist nur ein Zeichen völliger Ratlosig- keit. Sie macht aus den Worten nahezu das Gegenteil. In Un- gar die bessere Lesart zu sehen, hat schon Bonitz mit Recht ab- gelehnt. Es ist den Erklärern entgangen, daß in djg ßovAöfisd-a ein häufiger Sprachgebrauch steckt. Ä 9, 990 bl7 öZcog xe dvaiqovoiv ot TiEQi Td)v Eidojv löyoi ä (läAAov Elvai ßovAÖßEd-a [oi /JyovTEg Eiörj] xov idg iöiac, Eivai, sie heben dasjenige auf, dessen Exi- ') Aristoteles' Metaphysik übersetzt von Herrn. Bonitz (aus dem Nachlaß hrsg. V. Ed. Wellmann, Berl. 1890) p. 298. Datierung der älteren Fassung 193 stenz wir Platoniker in noch höherem Grade für wichtig halten als die der Ideen selbst, nämlich die Prinzipien der Ideen. Cod. Ab liest ßovXoviai und interpoliert ol Aiyovxeg eiöi] (letzteres übernimmt die byzantinische Mischrezension E) nach der Par- allelstelle M4f, 1079 a 14, wo es dem Zusammenhang nach unan- tastbar ist. Dagegen wird an der anderen Stelle gerade die erste Person des Plurals durch die Umgebung geschützt. Der Hauptgrund der Mißdeutung dieses ßovÄsad^ai an der von Bonitz verkannten Stelle lag in dem beigefügten Infinitiv Mysiv, der bei dieser Deu- tung anscheinend abundiert. Bloßes d)g ßovMfisd-a oder d)g Zeyo/iiEv hätte man schwerlich mißverstanden. Aber gerade die Verbin- dung ßovÄead-ai Aeysiv ist nicht selten als Ausdruck für das, was ein Philosoph unter seinen eigenen Begriffen 'versteht', so in Piatons Gesetzen X 892 G cpvmv ßovXovtai XiyEiv yiveaiv ri]v tisqI %ä nqüia., die Physiker verstehen unter Natur das Werden mit Bezug auf die elementaren Prinzipien. Bei Aristoteles hat man es seltsamerweise mehrfach verkannt. In der Metaphysik i\r 2, 1089 al9 spricht er über die Bedeutung des Nichtseienden im platonischen Sophistes: ßovhxai (ihv öl] TÖ xpEvöog aal Tamrjv Ti]v cpvaiv Äiyeiv (so die Handschriften, Bonitz schreibt Äeyei nach der Interpretation Pseudalexanders) TÖ ovx öv, i^ ov nal tov övTog no?.Xä %ä övxa. 'Piaton versteht unter dem Nichtseienden den Irrtum und alles, was zu ihm ge- hört.' ßovZsxai ÄeyEiv ist als die allein beglaubigte Lesart wieder in den Text zu setzen, aus dem auch W. Christ in seiner Ausgabe es nach dem Vorgang von Bonitz entfernt hat, leyei ist eine schlechte Konjektur des Pseudalexander, der es irrig mit xal tavtrjv 'ii]V (pvaiv verbindet. Genau so erklärt sich derselbe Sprachgebrauch iV"4, 1091 »30 exei ö' dnoQiav xal E{>jTOQi]oavu inixifii^aiv, nCbc, i%Ei jiQÖg %b dyad-bv xal xö xaXbv xä oxoi%Ela xal al CcQxar äuoqlav fiEV xavxr]V, noxEQOv e'gxi xi ixEivcov, olov ßov- XöfiE&a XlyEiv adxö xö dyad-öv xal xb äqioxov, ^ ov, dXX' ■öaxEQoyEvrj. 'Es ist nämlich die Frage, ob sich unter den Prinzipien des Sei- enden etwas von der Art findet wie dasjenige, was wir unter der Idee des Guten verstehen und unter dem höchsten Gut, oder ob dies vielmehr erst ein Produkt der Entwicklung ist und am Ende derselben steht.' Auch an dieser Stelle hat Christ Xiyeiv als unechten Zusatz verdächtigt, ohne den Sprachgebrauch zu durchschauen. Jaeger: Aristoteles. 1^ 4t>4. Die Unnetaphysik Weiulen wir diese Erkenntnis auf die Ausgangsstelle 1086 bi8— 19 an: f/ /lev yäq rig ^i] x>i]0£i täc, ovoiag elvai xexojqi- ouivag xal töv rgönov xomov wg kijExai tä xad^' ^y.aoxa tü)v öv- x(i)v, dvaiQ7]oei %t]v ovoiav, (hg ßovÄöfi£&a Xiyeiv (seil, avxriv). 'Wenn man die Existenz für sich seiender Wesenheiten nach Analogie der sinnlichen Einzeldinge bestreitet (wie dies Aristo- teles selbst tut), so hebt man die ovaia in dem Sinne, wie wir Platoniker sie verstehen, auf.' Damit ist auch der für Piatons Sprachgebrauch bezeichnende Singular xr]v ovoiav erst ganz er- klärt. Im ersten Ghed des Dilemmas zeigt Aristoteles die Schwie- rigkeit auf, die ihm als Platoniker durch die Leugnung der Ideen und ihrer 'Abgetrenntheit' erwächst, im zweiten Gliede folgen die Schwierigkeiten, die der These des %o)Qia^ög anhaften. Solange wir nicht klar sehen, daß die Bestreiter des xojQiofiög im ersten Gliede am platonischen Substanzbegriff gemessen werden, ver- stehen wir den Sinn des Dilemma überhaupt nicht. Jetzt wird klar, daß die Bestreiter der Ideen nicht die Vertreter der materialisti- schen Philosophie oder des gemeinen Menschenverstandes sind. Wie dürfte er sie mit einem fremden Begriff der ovoia wider- legen, den sie von vornherein sXs petitio prindpn ablehnen müßten? Nur für den, der auf platonischem Boden stand, war das Di- lemma logisch stringent. Aristoteles unterscheidet vielmehr zwei- erlei Akademiker an unsrer Stelle, ol Xiyovx^g %äg löeag und ol fii] Xiyovxsg. Bei Voraussetzung des platonischen Seinsbegriffs verstricken beide sich in Widersprüche. Die Folgerung liegt auf der Hand: nur eine neue Fassung des ot-cr/a-Begiüffs kann diese Widersprüche lösen. Es ist der Gedanke, daß das Seiende das Allgemeine im Einzelnen ist, der dem Aristoteles vorschwebt. Ihn auszusprechen, bietet die Problemform natürlich an dieser Stelle gar keinen Anlaß. Nur soviel deutet er bereits hier an, daß es mit der bloßen Preisgabe der Ideen nicht getan ist. Dieser Eingriff in die Grundlagen des Piatonismus scliließt die Ver- pflichtung in sich, die platonische Auffassung des Seins von Grund aus zu erneuern, die dem %o}Qioßög zugrunde liegt. Die Frage nach dem Alter des Proömiums ilf 9 — 10 ist dadurch gelöst. Es ist ein Teil der Urmetaphysik wie die beiden ersten f Bücher und gleichzeitig mit ihnen entstanden, also in der kritischen Zeit in Assos, wo Aristoteles als Tlatoniker unter Piatonikern die Ideenlehre bekämpfte. Wir sind deshalb nicht erstaunt, wenn Mit den Ideen fällt Piatons Begriff der oiaia J95 sich zwischen den beiden genannten Büchern und dem neugefun- denen Stück noch engere Beziehungen herausstellen. In den mitt- leren Büchern der Metaphysik finden sich Zitate der beiden ersten Bücher, besonders der Aporien des zweiten Buches auffallender- weise gar nicht. Ganz anders ist das Bild, wenn wir zu dem neugefundenen Stück der ursprünglich auf A und B folgenden Ausführung kommen. In ilf 9— 10 finden sich trotz der Kürze des Stückes mehr Rückverweise ') auf A und B als in den ganzen Büchern Z — A. Die nächste Frage ist: besitzen wir nur das Proömium dieses Teiles der ürmetaphysik oder sind noch Spuren seiner Aus- führung erhalten? Diese Frage führt uns zur Untersuchung des Buches i\r. Liegt der Ansicht jener antiken Kritiker vielleicht doch ein richtiger Gedanke zugrunde, welche ilf 9 — 10 von M i — 9 loslösten imd als Einleitung zum folgenden Buche betrachteten? Oben wurde gezeigt, daß ein glatter Übergang nicht vorhanden ist, also eine mechanische Lösung der Frage durch die üblichen Bucheinteilungskünste unmöglich ist. Aber es könnte dem Ex- periment dieser Tadler der überheferten Buchteilung ein Kern richtiger Beobachtung zugrundeliegen, auch wenn ihr Auskunfts- mittel gewaltsam und falsch war. Und so ist es in Wahrheit. Wie iVf 9 — 10 das alte Proömium enthält, welches durch das neue in if 1 ersetzt worden ist, so hat der glückliche Zufall der Er- haltung den Herausgebern des Nachlasses in Buch JV dasjenige Stück der Ürmetaphysik in die Hände gespielt, das Aristoteles bei der letzten Bearbeitung durch die sehr verfeinerte und ver- vollständigte Abhandlung M 1 — 9 hat ersetzen wollen. Auch diesmal möge uns zunächst wieder das äußere Kri- terium leiten, das uns bis hierher als sicherer Wegweiser gedient hat. Auch im Buche JV finden wir eine Anspielung darauf, daß Aristoteles, als er diese Vorträge skizzierte, sich noch als Mit- glied der Akademie fühlte. Die in diesem Zusammenhang bisher unbeachtete Stelle (iV4, 1091 a30— 33) steht in. der Kritik des Speusippos. ^%Ei (5' dnoQiav xai evnoQrjaavxi iniTifi^jaiv, nG)g exsi JiQÖg TÖ äya&öv xal t6 xaXöv %ä aioi^Eia xai al aQxctt' dnoQiav fjihv Tamrjv, jzöteqöv ioxi ii ^xeIvojv, olov ßovXöfiE&a XifEiv 1) Metaph. 3f9, 1086 »34 zitiert B6, 1003 »6; 3f 108(5 b2 bezieht sich auf ^6, 987 bl; JlflO, 1086 b 15 auf B4, 999 b24 und JB6, 1003 a6. 13* i(^f^ Die ürmetaphyBik (irrt) xo dyayh)r xat lö ÜQioxov, ^ od, dW vaxEQoyEvf]. Den Si)ra('hgebrau('h liaben wir oben erläutert. Wir müssen aus der Stelle also nur noch die gleiche Folgerung wie für M9— 10 auch fUr (las Alter des Buches N ziehen. Nicht allein der Aus- druck ist der eines Platonikers, auch die Tendenz stimmt genau zu der heiklen Situation in Assos. Wir Platoniker setzen an die Spitze der Philosophie und den Anfang der Welt das Gute an sich (ai>TÖ tö äyax>üv) oder höchste Gut (t6 uqioxov), sagt Aristo- teles, Speusippos dagegen betrachtet *) die Welt unter dem Ge- sichtspunkt einer Evolution des Guten und Vollkommenen, das in allmählichem Werden sich durchringt, bis es schließlich am Ende des Prozesses sich selbst verwirklicht (uaTEQoyEvig). Aristo- teles fühlt sich in dieser grundlegenden Frage der Weltanschau- ung als den echteren Platoniker, da er zwar nicht wie Piaton das Gute an sich, aber das ens perfectissimnm als Prinzip an den Anfang setzt und alle Bewegung von diesem ausgehen läßt. Aristoteles bleibt damit dem Grundprinzip des platonischen Denkens treu, während Speusippos es in sein Gegenteil umkehrt '^. W^er hört aus diesen Worten nicht die Selbstrechtfertigung heraus? Ist das Buch wirklich in Assos geschrieben, wie A, B und ilf9 — 10, so würde es schwer zu verstehen sein, wenn Aristo- teles den Xenokrates, der ihn dorthin begleitet hatte, mit der gleichen Schonungslosigkeit angriffe, wie dies später nach dem endgültigen Bruch mit der Akademie im Buche M (1—9) geschieht. Aristoteles greift zwar auch dort hauptsächlich den Speusippos an, aber Xenokrates wird am schlechtesten behandelt, sein zwitter- haftes Kompromiß erhält das wenig schmeichelhafte Prädikat ydQioxa ZsyEiai. Das schreibt Aristoteles im Lykeion, als Xeno- krates bereits Schulhaupt der Akademie ist und seine Anschau- ung größeren Einfluß auszuüben beginnt. In der älteren Fassung des Proömiums wird dagegen nur die Lehre des Speusippos neben den Ideen erwähnt, und dem entspricht die Ausführung ') Speusippos frg. 34 a ff. und 35 e (Lang). *) Auch in JIcqI (piAoaocpiag (vgl. p. 136) erscheint als das bleibende Wesen des Piatonismus die Anschauung vom Guten {äyad-öv, äQiazov) als beherrschendem Prinzip der Welt. Durch diese Zentrallehre tritt dort Piaton neben Zarathustra, an sie knüpft die neue aristotelische t}eoÄoyCa an, die das platonische äya&ov als oiaia zu halten sucht und seine transzendente Realität im teleologischen Aufbau der Natur verankert. Speusippos bekämpft, Xenokrates geschont 197 in Buch JV, die nur an einer Stelle kurz und schonend die An- sicht des Xenokrates streift^). Diese selbstverständliche Rücksicht- nahme auf den in Assos neben ihm wirkenden Gefährten be- stätigt unseren Ansatz in willkommener Weise. Wirklich erweist sich nun Buch N im Ganzen als die Aus- führung der in dem älteren Proömium gemachten Ankündigung. Md, 1086 a29 heißt es: 'Die Philosophen, die nur die Zahlen und zwar die mathematischen als real setzen. (d. h. Speusippos), sollen weiter unten behandelt werden'. Zunächst solle die Ideenlehre untersucht werden. Das geschieht im unmittelbaren Anschluß daran und ist mit MIO zu Ende. Die ersten Worte des folgenden Buchs: 'Soviel mag über diese Art des Seins gesagt sein' be- ziehen sich also auf die bis hierher behandelte platonische Lehre vom übersinnlichen Sein, da im Folgenden nur von den mathe- matischen Wesenheiten und ihrer Ableitung die Rede ist. Freilich ist die Erörterung der Ideen in Md — 10 etwas kurz, selbst wenn man berücksichtigt, daß die eigentliche Kritik der Ideenlehre in der ältesten Fassung der Metaphysik schon im ersten Buche vor- anging. Man vermißt auch einen Übergang und hat den Ein- druck, daß die erwähnten Anfangsworte des letzten Buches bloß ein redaktioneller Zusatz sind, um notdürftig einen äußeren An- schluß herzustellen. Wahrscheinlich hatte Aristoteles doch auch in der ältesten Kritik neben der Ideenlehre und der speusippischen Annahme der mathematischen ovaiai die Zwischenstufe, die Ideal- zahlenlehre des alten Piaton, berücksichtigt. Sie kann gut in der Lücke gestanden haben und ist vermutlich bei der späteren Um- arbeitung in das Buch M hineingearbeitet worden. Doch wie sich das auch verhält, an der Zugehörigkeit des Buches JV zu dem älteren Proömium ist kein Zweifel möglich, denn es enthält die dort als Hauptsache verheißene ausführliche Widerlegung des Speusippos. Wie schon in dem Proömium aller Nachdruck auf die Bedeutung der Ideen und Zahlen als Elemente und Prin- zipien {axor/Eicc aal dQxai) des Seins gelegt wird, so beeinflußt dieser Gesichtspunkt auch die Ausführung in Buch JV durchgehen ds'). 1) Metaph. N3, 10901)28, dagegen MS, 1083 i>2 (pavegöv 6' i% zovvoiv aal ölt, yieiQiaia Xiyezai ö TQÜog igönog (die Lehrform des Xenokrates). ') Vgl. oben p. 188. Das Buch 2V zeigt, daß Aristoteles unter den Elementen und Prinzipien des Seienden die Lehre vom Großen und Kleinen, der dÖQiaiog övag und vom 4"*' versteht, woraus Piaton die Ideen ableitete. Diese Lehre jfjQ Die ürmetaphysik Dies hän^ einmal historisch mit der Bedeutung der Frage der Elemente und Prinzipien der Idealzahlen für den älteren Piaton zusammen, anderseits entspricht es der Besonderheit des ersten und zweiten Buches, die die erste Philosophie stets als die Lehre von den höchsten Prinzipien und Gründen des Seienden defi- nieren. Es darf schon hier ausgesprochen werden, obgleich sich die volle Gewißheit dafür erst aus der Analyse der späteren Stücke ergeben wird, daß die Auffassung der Metaphysik als Aitiologie des Seienden und Prinzipienwissenschaft, die an die späteste Phase Piatons anknüpft, ein Merkmal der ältesten Form der Metaphysik ist, während in der jüngeren Ausgestaltung immer mehr das Interesse an dem Substanzproblem als solchen hervor- tritt. Auch in der Lehre vom übersinnhchen Sein zeigt die spätere Bearbeitung (Mi — 9) deutlich das Zurücktreten des Ge- sichtspunktes der Prinzipien hinter dem der oiiola selbst. Es leuchtet ein, daß der Kampf in der Ürmetaphysik haupt- sächlich gegen Speusipp ging. Er war jetzt der Führer der athenischen Schule und mit voller Wucht richteten sich die An- griffe des Aristoteles gegen die falsche Richtung, in der er das Heil suchte. Speusippos selbst war von der Notwendigkeit einer Fortbildung der platonischen Philosophie durchdrungen, aber er setzte nach der Ansicht des Aristoteles gerade an dem Punkt ein, wo die Ideenlehre fruchtbarer Entwicklung nicht fähig war: er gab den Formgedanken und die Beziehung zur sinnlichen Erscheinungswelt auf und behielt die unhaltbare Abtrennung des vertraten anch Speusippos und andere Akademiker in mannigfachen Abwand- longen, deren Feinheiten uns hier nicht kümmern mögen. Von dieser letzteren Form der platonischen Spekulation her steht es für den frühen Aristoteles fest, daß Metaphysik eine Wissenschaft von den Elementen und Prinzipien des Seienden ist. Da seine spätere Metaphysik, wenigstens soweit sie Substanzlehre ist, alles andere als eine Wissenschaft von den Elementen des Seins darstellt, konnte die traditionelle Definition nur solange von ihm beibehalten werden, als ausschließlich die Theologie ihm als Metaphysik galt. Sie ist zwar nicht Elementenlehre, aber Lehre vom Prinzip. Die Bezeichnung negl azof/eiMv paßt überhaupt nur auf eine mathematisierende Metaph5'sik, wie Piaton sie in seiner letzten Vorlesung Ile^l Täya&ov nach dem Bericht des Aristoteles vorgetragen hatte (Aristoxenos el. härm. II init.). Während also Buch N ganz platonisch sowohl nach der Realität wie nach den Elementen und Prinzipien des Über- sinnlichen fragt, begnügt Aristoteles sich später in M mit der Untersuchung des Realitätscharakters der von Piaton und seiner Schule behaupteten über- sinnlichen aiaiai. Zum Begriff der ältesten Metaphysik 199 Allgemeinen bei, nur daß er an Stelle der Idealzahlen des alten Piaton die Objekte der Mathematik selbst als die reine Realität setzte. Auch im ersten Buch wirft Aristoteles den Neueren d. i. dem Speusippos vor, die Mathematik sei bei ihnen an die Stelle der Philosophie getreten'). Und ist der Ton der Kritik später in M mehr kühl von oben herab, so wird er in der ältesten Fassung mehrmals leidenschaftlich und wie in ÜeqI cpiXoaocpiag bissig scharf, so wenn er über die platonische Lehre vom Großen und Kleinen ausruft: 'Die Elemente, das Große und das Kleine, schreien ja geradezu zum Himmel, wenn sie so hin und her ge- zerrt werden, denn sie sind nicht imstande die Zahl zu gebären'^). ^) Metaph. A9, 992 ^32 äÄÄä yiyove xä fiad'ijfv(jiy.T]g xal öevtiQag (piÄoaocpiag igyov t) ueqI läg ala&rjzäg ovaiag ^eojQia. Daß diese Worte späterer Zusatz des Aristoteles sind, beweist auch der mit ihnen untrennbar verbundene Hinweis des nächsten Satzes 1037 al7— 20 auf den Nachtrag B 6 über die Definition. Dieser Nachtrag und der Hinweis auf ihn ist, wie noch andere Veränderungen ähnlicher Art. ebenfalls erst an- läßlich des Einschubs der Bücher Z—6 in den Gesamtplan der späteren Meta- physik eingefügt worden. Ursprüngliche Selbständigkeit der Substanzbücher 207 deutung der Materie für den Wesensbegriff aufmerksam gemacht '). Es wundert uns daher nicht, daß der Formgedanke geradezu durch eine Analyse des Begriffs des Werdens entwickelt wird und seine grundlegende Wichtigkeit für die richtige Fassung dieses physikalischen Begriffs stark hervortritt^). Die Art, wie in Buch Z die verschiedenen Bedeutungen des Substanzbegriffs der Reihe nach erörtert werden, und der Ausgang der Untersuchung legen den Gedanken nahe, daß hier eine ursprüngHch selbständige Schrift über das Problem der Substanz vorliegt, dessen entschei- dende Bedeutung durch die Kritik der Ideenlehre ja schon in der ältesten Fassung der Metaphysik (S. 194) ans Licht getreten war. Es ist natürlich nicht zu bezweifeln, daß schon auf der frühsten Stufe der metaphysischen Spekulation des Aristoteles der neue Substanz- oder besser Seinsbegriff als solcher voraus- zusetzen ist. Aber er ist ebensosehr auf dem Boden der Physik und der Logik erwachsen'), und es ist gut vorstellbar, daß die älteste Metaphysik, die, wie wir in UeqX (pdooocpiac, erkannten, noch reine Theologie war, von dem Entelechie- und Aktbegriff eine geistreiche Anwendung auf das Gottesproblem machte, ohne daß die allgemeine Erörterung der Substanzfrage deshalb in sie hineingezogen oder gar zu ihrem Kernstück gemacht zu werden brauchte. Die Vermutung, daß die Abhandlung über die Substanz ur- sprüngHch nicht an ihrer jetzigen Stelle gestanden hat, bestätigt sich weiterhin durch eine Anzahl schwerwiegender äußerer Zeug- nisse*). Zunächst fehlt es an jeder Hindeutung auf Z—® in den >) Metaph. ZU, 1036^22 6ib aal tö nuvt" ävdyeiv ovrco jtat dfaiQstv zrjv v/Lt]v neQieQ-yov' ipta yuQ l'(J(og rööe iv zi^öe iaiCv . . . 2) Metaph. Z8, 1033 a24ff. ") Das physikalische Interesse am o^am-Problem tritt mehrfach in dem Buche hervor, daneben nehmen Metaphysik und Analytik an ihm stärksten Anteil (vgl. für letztere Z 12, 11%). In die Physik ragt die o^a/a-Spekulation hinein durch die Verknüpfung mit der Lehre vom Werden und von der Ver- änderung, in die Metaphysik durch den Begriff der immateriellen Form und das XoiQia^6g-Vio\A(im, in die Analytik durch das li t> elvai. und seinen Zusammen- hang mit der Definitionslehre, der Abstraktionstheorie und der Einteilung der Begriffe in yivri und et'di?. Man braucht sich nur diesen vielseitigen Charakter der Abhandlung klar zu machen, um zu begreifen, daß sie 'zwischen' den ge- nannten Disziplinen stand, bevor Aristoteles sie in die Metaphysik einbezog. *) Da es mir hier darauf ankommt, alle Beweismomente zusammenzufassen, so ist es wohl erlaubt, die sich aus den gegenseitigen Vor- und Rückverweisen OOR Die Entwicklung^ der Metaphysik alteren HUchern. Dan;i'u:"M wird in Jiuch / auf Z — B. zurück- verwiesen und zwar werden diese als 'die Untersuchungen über die Substanz' {ol TiEqi rfjg oioiac, Xoyoi) bezeichnet. Schon das deutet auf ihre relative Selbständigkeit hin. Ebenso zitiert Aristo- teles sie in 6^8, 104-9 b27 {Elgrixai o" iv zoio, jieqI xfjg ovaiag Xöyoig). Der Komplex Z II, der in sich geschlossen ist — H beginnt mit der Rekapitulation des Buches Z und gibt eine Reihe von Nach- trägen zu dieser Untersuchung — wird demnach sowohl von & wie von I als für sich stehend betrachtet. Wichtiger noch ist es, daß die Einleitung des Buches Z mehrfach als Anfang zitiert wird. So Z4, 1029 bl: inEi d' iv dQxfl öieiÄö/nEd^a Jiöaoig öqI^o- fiEv Ttjv ovoktv. Im allgemeinen wird, z. B. in den zur Urmeta- physik gehörigen Stücken B und ilf 9 — 10, mit den Worten kv UQXÜ der Anfang der gesamten Vorlesung bezeichnet, also Buch A. Ein Beispiel dafür, daß ein mitten in der Reihe stehendes Buch seinen eignen Anfang mit den Worten iv äQxü zitiert, bietet die Untersuchung über die Freundschaft in der Nikomachischen Ethik (Buch 0 — I), die zweifellos eine ursprünglich selbständige Abhandlung ist. Daß auch Z einmal der Anfang einer selbständig für sich stehenden Abhandlung war, ja daß es die erste Ab- handlung innerhalb einer ganzen Vorlesungsreihe war, lehrt das Zitat 0 1, 1045^31, welches ebenfalls mit den Worten iv lolg jiQCüToig Äöyoig nicht den Anfang von A oder von 6>, sondern den von Z zitiert. Das erste Buch dieser Reihe war danach Z, dem H folgte, daran wird sich wie jetzt 0 geschlossen haben. Ob auch / schon dazu gehörte oder ob dies Buch erst hinzu- gefügt ist, als Aristoteles die Bücher Z — (9 aus ihrer Isolierung herausnahm und in die Metaphysik einfügte, ist schwer zu ent- scheiden. Doch scheint es erst später hinzugefügt. 72, 1053 bl6 beruft sich Aristoteles auf Z \3 — 17 mit den Worten: eI d/; fir^ÖEV TÖJv xa&6Xov dvvuxbv ovoiav Eivai, y.adaTiEQ iv voTg jieql Gvoiag xai tieqI tov övxog EiQrßai Zöyoig. Hier werden Zi/zwar in den Metaphysikbüchern ergebenden Schlüsse nochmals kurz mitdarzustellen, auf die ich früher (Entstehungsgesch. d. Metaph. 90 ff. und 106) den Hauptnach- druck gelegt habe. Gerade das 4. Kapitel des I. Teils meines früheren Buches, 'Die zusammenhängenden Stücke', ist der Punkt, wo ich glaube die Analyse jetzt bis zur vollen Aufklärung der Absichten des Philosophen führen zu können, während ich hinsichtlich der Herauslösnng der für sich stehenden losen Stücke meinen früheren Ausführungen nichts Wesentliches hinzuzufügen habe. Erweiterung der Metaphysik zur allgemeinen Seinslehre 209 noch als selbständig empfunden, aber es geht nicht daraus hervor, daß sie am Anfang einer Reihe stehen, zu der auch / gehört, viehnehr spricht ein anderes Zitat dagegen, das sich auf Buch B beruft (72, 1053 ^9): 'Aaxä dh zriv ovoiav aal xijv cpvoiv ^rjTijTEOV 7ioxEQO)c, $%Ei, xad-dneQ ev TOtg öiaJiOQtjfiaaiv enrjZd-ofiEV, xt %b Sv ioTi . . . Hiernach umfaßte der ursprüngUch selbständige Komplex nur die Bücher Z H 0, während I hinzugefügt ist, als Aristoteles an der endgültigen Form der Metaphysik arbeitete. Daher nimmt es auf B als Einleitung Bezug. Prüfen wir jetzt die Verknüpfung des Buches Z mit dem vorhergehenden, so bestätigt sich auch von dieser Seite, daß Z als bereits fertige Schrift an seiner jetzigen Stelle eingeschoben worden ist. Die Bücher F und E erörtern, wie wir sahen, die vier ersten Probleme, die von dem Begriff der gesuchten Wissen- schaft handeln. Dieser Teil schließt ab mit Ei. Jetzt folgt etwas Neues: die Lehre von den mannigfaltigen Bedeutungen des Seienden (öv) und von der fundamentalsten unter ihnen, der Wesenheit (odaia). Es beginnt also der Hauptteil der Metaphysik. Aristoteles gibt zunächst eine Aufzählung aller in Betracht kom- menden Bedeutungen des Seienden im weitesten Sinn dieses Wortes. 'Da man vom Seienden schlechthin in mehrfacher Be- deutung spricht, von denen eine das Sein im Sinne des Akzi- dentiellen ist, eine andere das Sein im Sinne des Wahren und das Nichtsein in dem des Falschen, und neben diesen Bedeu- tungen ferner die Formen der Aussage stehen, z. B. als irgend etwas, als irgendwie beschaffenes, als irgendwie großes, als irgend wo und irgend wann und was es sonst an Bezeichnungen dieser Art gibt, endlich außer diesen allen das Potentielle und das Ak- tuelle: da also wie gesagt vom Seienden in so vielfacher Bedeu- tung gesprochen wird, so wollen wir zuerst vom Seienden im Sinne des Akzidens feststellen, daß es von ihm überhaupt keine Erkenntnis gibt'^). Aristoteles bespricht nun das Akzidens, im Anschluß daran das Sein im Sinne der Wahrheit bezw. Falsch- heit des Urteils. Dies kurze Stück reicht bis zum Schluß von E. Mit Z beginnt die Untersuchung des Seins im eigentlichen Sinne, also der Kategorien, besonders der ovala, des hauptsäch- lichen Gegenstandes der vorliegenden Wissenschaft. 1) Metaph. E2, 1026 a 33 Jaeger: Aristoteles. 14 (I Dio Entwirklunj^ fler Metaphysik SellsatncTweise fiini^l das neue Buch mit fast den gleichen Worten und derselben Aufzählung der Bedeutungen des Seienden an, die unniitfelbar vorhergeht: Tom Seienden spricht man in mehrfacher Bedeutung, wie wir früher — nun erwarten wir wenigstens einen Rückweis auf die vorangehende Aufzählung in E2, aber es folgt eine Überraschung — in der Schrift über die mannigfaltigen Bedeutungen der Begriffe unterschieden haben. Denn es bedeutet bald ein Etw^as und ein bestimmtes Dieses, bald ein irgendwie beschaffenes oder irgendwie großes oder ein be- liebiges anderes aus der Anzahl dieser Art von Kategorumena' '). Hier ist ganz klar: wäre E2 schon vorangegangen, als Aristoteles diesen Anfang des Substanzbuches niederschrieb, so hätte er sich entweder auf die dort ausführlich entwickelten ver- schiedenen Bedeutungen des Seienden berufen oder er hätte über- haupt keine neue Aufzählung gegeben, da jeder sie ja im Ge- dächtnis hatte. Ist aber Z eine unabhängig von den übrigen Meta- physikbüchern entstandene Untersuchung über die ovola, so ist gleich zu verstehen, warum zu Beginn einer solchen die Stellung der ovola innerhalb der Gesamtheit der möglichen Seüisaussagen zunächst an Hand der Kategorientafel kurz bestimmt werden mußte. Zu diesem Zw^eck berief Aristoteles sich auf die zweifellos öfter von ihm vorgetragenen Ausführungen IIeqI tojv no^./Mxcog ?.eyofi8vo)v, die damals noch nicht in die Metaphysikvorlesung aufgenommen waren, sondern als selbständige fied-oöog für sich standen. Es ist das sog. Buch A, das erst die Redaktoren an seine jetzige, unpassende Stelle gesetzt haben. Als bei der späteren Bearbeitung das Substanzbuch und die Abhandlung über Potenz und Akt an ihrer heutigen Stelle eingefügt wurden, hatte dies eine Änderung des gesamten Aufbaus der Metaphysik zur Folge ; Aristoteles tat diesen Schritt, um es richtiger zu sagen, zu dem Zweck, den Aufbau in bestimmter Weise zu ändern. Das Vor- bild des neuen Plans war die Methode, die im Substanzbuch Z H befolgt war, wo Aristoteles am Leitfaden der Bedeutungs- unterschiede der ovola {v^t], slöog, y.ad-öZov, %l fjv Elvai) vorging und so die historische und logische Schichtung seines Substanz- begriffs in stufenförmig aufgebauter Synthese vor Augen führte. Dies Verfahren wandte er bei der zweiten Bearbeitung der Meta- "■) Metaph. ZI, 1028 »10 Das neue Aufbauprinzip 211 physik auf den Begriff des Seienden (öv) in seiner allgemeinsten Bedeutung an und ordnete jetzt auch die ovala der Reihe der Bedeutungsunterschiede des öv (in diesem weiteren Sinne) ein. Vor die Lehre von der stofflosen, reinen Form setzte er als Vor- bau die Lehre von der Form im allgemeinen als der eigentlichen Realität und Substanz, vor diese wiederum setzte er als Vorhalle die Lehre von den mannigfaltigen Bedeutungen des öv, aus denen er sich die odala als die für die Metaphysik allein in Betracht kom- mende herausschälen heß. Dies geschieht in der Weise, daß vorher diejenigen Seinsbedeutungen besprochen werden, die kein exi- stentielles, selbständiges Sein bezeichnen, sondern nur zufällige Modifikationen am Sein oder Stellungen des Bewußtseins zum Sein ausdrücken. Dieser Teil {E2—4f) ist seiner bloß vorberei- tenden Bedeutung wegen sehr summarisch gehalten. Er stellt in der jetzigen Fassung der Metaphysik das Verbindungsstück zAvischen der älteren Einleitung (A—E 1) und dem neuen Haupt- teil {Z—@,IM) dar. Es ist füglich das zuletzt hinzugefügte Stück, in dem Aristoteles zum Hauptteil überleitend den Aufbau des Folgenden skizziert. Die Aufzählung der Seinsbedeutungen wird dadurch geradezu zum Aufriß der ganzen Komposition. Wir müssen jedoch verstehen lernen, daß diese Komposition das späte Endstadium des Entwicklungsprozesses ist, ein unvollendetes Provisorium zwar auch noch in dieser letzten Fassung, aber doch ein Provisorium, in dem man den Willen zur großen Synthese überall spürt. Die Nachträge, Einschübe und Verklammerungen, die hauptsächlich diesem letzten Stadium ihren Ursprung ver- danken, weisen eine einheitHche Tendenz auf, die der Urmetaphysik vohkommen fremd gewesen war: den Aufbau einer Lehre von den mannigfaltigen Bedeutungen des Seienden, einer Art ontologischer Phänomenologie, in der die ältere platonisierende Lehre von der transzendenten, stofflosen Form zwar noch als Spitze fortexistiert, ohne jedoch den Hauptraum des Interesses noch für sich in An- spruch zu nehmen. Hier möge ein Wort über das letzte Kapitel des Buches 0, über das ich früher bereits ausführlich gehandelt habe, seinen Platz finden'). Das Stück handelt vom do})pelten Walir- heitsbegriff, erstens von dem Wahr- und Falschsein, wie wir es ^) Entstehungsgesch. d, Metaph. 49 14^ 21') Die Entwicklung der Metaphysik gewühnlich meinen, wenn wir ein Urteil als wahr oder falsch bezeichnen, je nachdem das Prädikat mit dem richtigen Subjekt verknüpft wird oder nicht, und zweitens von der Wahrheit meta- ph3'sischer Seinsaussage, die nicht durch diskursives Denken zu- stande kommt und daher auch niemals im Sinne diskursiver Ur- teile wahr oder falsch ist. Die Wahrheit metaphysischer Sätze, die ein Sein aussagen, das nicht Gegenstand der Erfahrung ist, beruht nach Aristoteles auf einer besonderen, intuitiven Art der Erkenntnis, die der sinnlichen Wahrnehmung in sofern näher steht als dem diskursiven Denken, als sie eine Art von geistigem Sehen, ein bloßes d-iyslv xal q)ävat ist. Es ist der letzte Rest der platonischen Schau der Ideen, der sich in die aristotelische Metaph3'^sik hinübergerettet hat. Wie Aristoteles dazu kommt, das Problem hier zu erörtern, sagt er selbst £'4, wo er zeigt, daß das Sein in der gewöhnlichen Bedeutung des Walir- oder FaJschseins einer Aussage nicht zum Seinsproblem des Meta- physikers gehört. An dieser Stelle hat er nachträglich einen Hin- weis eingefügt, der sich als solchen schon durch die Zerstörung der Satzkonstruktion, die er zur Folge gehabt hat, zu erkennen gibt: es gebe außerdem noch eine zweite Art von Wahrheit, die intuitive Erkenntnis, auf der alles weltanschauliche Denken be- ruht ; sie solle später behandelt werden. Dies geschieht im Schluß- kapitel des Buches 0. Ich habe früher nach dem Vorgange Schweglers gezeigt, daß dieses Kapitel ein Nachtrag zu Buch 0 ist, und daß der Hinweis auf ihn in EA gleichzeitig mit der An- fügung des Kapitels 6> 10 eingeschaltet worden sein muß. Aristo- teles stellt die Erörterung über die intellektuelle Anschauung und die metaphysische Art der dXrj^Eia passend an den Schluß der Lehre vom Akt und an den Eingang der Lehre von der Realität des Übersinnlichen, die sich dort unmittelbar anschließen soll. Auch in diesem Nachtrag, der gleichfalls gelegentlich des Ein- schubs der Bücher Z—S gemacht worden sein muß, offenbart sich sehr deutlich das Streben, eine allmähliche Stufenfolge des Seins bis empor zur Lehre von der immateriellen Wesenheit her- zustellen und in das Ganze, das aus so disparaten Stücken zu- sammengebaut ist, einen einheitlichen Zug hineinzubringen. Das ist die Tendenz der letzten Bearbeitung. Es trifft sich glücklich, daß wir durch die Scheidung einer doppelten Fassung des Proömiums der Lehre vom Übersinnlichen, Lehre vom metaphysischen Wahrheitsbegriff eingebaut 213 der älteren in M9 und der jüngeren in M\, in der Lage sind, auf die Hypothese einer Urmetaphysik, die die Lehre von der materiellen, sinnhchen Form noch nicht enthielt, die Probe zu machen^). Ist diese Annahme richtig, dann muß die jüngere Fassung der Lehre vom Übersinnhchen die Substanzbücher mit ihrer ausführlichen Analyse des sinnlichen Seins und der imma- nenten Form (e'vvXov elöog) als vorhergegangen voraussetzen, die ältere dagegen muß unmittelbar auf das Problem des transzen- denten Seins losgehen, wie wir es nach dem älteren Plan in Buch B erwarten, und darf die Sinnenwelt {aio^rixrj odala) über- haupt nicht als Gegenstand der gesuchten Wissenschaft aner- kennen. Es ist notwendig, daraufhin die beiden Parallelfassungen noch einmal zu prüfen,, ich stelle sie zu diesem Zweck hier neben- einander. Spätere Fassung (Ml) Urfassung (ilf 9, 1086 a21) ITegl (lEV ovv rrig xöv al- IIeqI öe %(bv nqojtcov dgxöiv o^ipöiv ovoiag EiQr]zai xlc, iattv xal tcov jiqcjtcjv ahlojv xal axot- iv fiEv xfj ixEd-ööqt xfj x(x)v cpvm- ')(^Eitjiti ouoiu seilest die Rede ist. Daß sie als solche für die Meta- plivsik in Frage käme, liegt dem Aristoteles hier noch gänzlich fern. Die sinnliche Wirklichkeit gehört in die Physik, doii werden die verschiedenen Ansichten der Naturforscher behandelt, die nur die materielle Wirklichkeit kennen, ^^um übrigen Teil gehören die Ansichten dieser Materialisten nicht in die gegenwärtige Untersuchung. Sie sind nämlich in Buch A bereits kritisiert worden. Die W^orte rä ö' o^x eazi i^ fie^ööov tiig vvv auf die Bücher Z und H zu beziehen, ist unmöglich ; dort ist von den Ansichten der Denker, die nur die sinnlich wahrnehmbare Wirk- lichkeit anerkennen, mit keinem Wort die Rede. Es ist außer- dem nicht anzunehmen, daß Aristoteles sich so negativ aus- gedrückt hätte, wenn er in ZH& gerade vorher die sinnliche Realität ausführlich behandelt hätte. Die Anschauung, die dieser Fassung zugrundeliegt, ist vielmehr die einfache Alternative: entweder gibt es nur die sinnliche Wirklichkeit, dann gibt es keine Metaphysik, sondern die Physik tritt an die erste Stelle: oder es gibt etwas Übersinnliches, dann gibt es auch die Wissen- schaft von ihm, die Metaphysik. Daher wendet sich Aristoteles sofort den Ansichten der Philosophen zu, die die Realität dieses Über- sinnlichen verkündet haben, d. h. der platonischen Schule. Zwischen dieser Phase der Entwicklung, wo er das Problem noch einfach dualistisch ansieht, und der in der Fassung M 1 sich darstellenden Stufe liegt nun der Einschub der Bücher Z H &, die der aio&}]ji] ovala in weitgehendem Maße in die Meta- physik Einlaß gewährt, und die Erweiterung des Begiüffs der Metaphysik zur Wissenschaft von den mannigfaltigen Bedeutungen des Seienden. Zwar spricht Aristoteles auch jetzt noch in offen- sichtlicher Anlehnung des Ausdrucks an den Wortlaut der ältesten Fassung davon, daß die aiod^ijxrj ovola in der Physik bereits erörteit worden sei. Allein er macht den einschränkenden Zu- satz: eiQi]Tai ... tv fiev %fi ^ed-ööco ifj tibv (pvaixöjv tisqI T?]g v^i]g, vGT£Qov ÖE nsQi tTjc, y.ar^ kviqyeiav. Der Anteil der Physik, der er in der älteren Fassung das sinnlich wahrnehmbare Sein» einfach zugeschoben hatte, wird hier auf die Untersuchung der Materie beschränkt; das bedeutet, daß die Form und das aktuelle Sein {fj Kax" ivEQyeiccv ovaia) in der Hauptsache doch der vorliegenden Wissenschaft, der Metaph3sik zuzuweisen sind. Aristoteles streicht daher die Worte der älteren Fassung rd d' Konsequenzen des Einschubs der Substanzlehre 215 ovK £0X1 xfjg fisd-ööov T?)g vvv. Statt ihrer setzt er den Hinweis auf die neu aufgenommenen Untersuchungen der Bücher Z — @ ein, die ja eben die xar' Evegyeiav ovala der sinnKch wahrnehm- baren Dinge behandebi. Dieser Rückweis entspricht der in Z 11 , 1037 a lOff. eingeschalteten Vorausweisung auf die später in Buch M zu gebende Untersuchung der übersinnHchen Realität (vgl. S. 206). Beide Hinweise gehören der späteren Bearbeitung an und sollen das ursprüngUch nicht zueinander Gehörende fest verklammern. Damit ist zugleich bewiesen, was im übrigen kaum noch eines Beweises bedurfte, daß die Neubearbeitung der Abhandlung vom Übersinnhchen (3/1—9) für die durch den Einschub der Bücher Z — @ erweiterte, späteste Metaph3^sik entworfen worden ist, wie denn beide auch mit der Einfügung des Buches I in Zusammen- hang stehen. Aber hat denn Aristoteles die neuen Stücke einfach 'ein- geschoben', hat er die Lehre von der sinnlichen Substanz rein äußeriich auf eine Einleitung aufbauen können, die ursprünglich zu einer Lehre vom Übersinnhchen hin führte? Mußten nicht unlösbare Widersprüche die notwendige Folge sein? Und wenn man bis heute den Übergang von der Einleitung B F E zu dem "eingeschobenen" Teile glatt gefunden hat, welches ist das Prinzip, das dem Aristoteles die Verbindung der Metaphysik des Trans- szendenten mit der Lehre von den immanenten Entelechien er- möglicht hat? In Wahrheit gibt es ein solches Bindeglied zwischen beiden Stufen, das ist der Begriff des Seienden als solchen {bv fj öv), durch den Aristoteles den Gegenstand der Metaphysik in der Einleitung definiert. Im Begriffe des Seienden als solchen sahen wir bis jetzt den Keim, aus dem sich die mannigfaltigen Bedeutungen des Seienden wie eine Blüte entfalteten; dieser Be- griff umfaßt die reine evEQyeia des göttlichen Denkens ebenso wie die niedrigeren, dem Werden und Vergehen unterliegenden Formen der bewegten Natur. Wer das Sein als solches er- forscht, der braucht sich nicht auf das absolute Sein zu be- schränken, sondern zieht damit den Seinsgehalt aller Dinge, ja selbst der Abstraktionen des Verstandes in seinen Bereich. Das tut in Wirklichkeit die letzte Form der Metaphysik. Sie erschien daher als die einzig mögliche Verwirklichung dieses Begriffs. Wir erkennen jetzt, daß dies eine naheliegende Täuschung .war. Ja wir können aus der Metaphysik selbst beweisen, daß es ein Ojf^ Die Entwicklung der Metaphysik früheres Stadium der Entwicklung gegeben hat, wo Aristoteles aus dem Begriff des Seienden als solchen noch nicht diese Kon- sequenzen zog, wo er ihn noch nicht von der dialektischen Ent- faltung der mannigfaltigen Bedeutungen des Seienden verstand und als den Gegenstand der Metaphysik vielmehr eindeutig und ausschließlich das Unvergängliche und Ewige bezeichnete. Diesen Beweis liefert das bisher vielfach für unecht erklärte Stück K 1 — 8, dessen Echtheit durch unsere Ergebnisse geradezu glänzend gerechtfertigt wird. In meiner früheren Besprechung dieses unschätzbaren Doku- ments habe ich gezeigt, daß die winzigen Wörtchen, deren mehr- facher Gebrauch trotz des sonst ganz aristotelischen Stils eine fremde Hand verrät, die unwillkürlichen Zutaten eines Schülers sind, der dieses Heft nach der Vorlesung des Meisters nieder- schrieb. Als Quelle aristotelischer Lehre jedoch ist das Buch eine Urkunde von goldener Echtheit. Es gibt die drei Einleitungs- bticher B F E durchweg Punkt für Punkt, meistens mit denselben Worten, nur in einer wesentlich verkürzten Fassung wieder, die weder als Vorentwurf noch als bloßer Auszug der vollständigeren Fassung erklärt werden kann, sondern selbständig neben dieser steht. Es ist offenbar eine Nachschrift dieses Teils der Meta- physikvorlesung aus einem früheren Entwicklungsstadium, denn es unterscheidet sich von der vollständigeren Version trotz weit- gehender Übereinstimmung an manchen Punkten in charakteri- stischer Weise. Prüfen wir zunächst den Zusammenhang dieser älteren Ein- leitung mit dem Hauptteil, der uns hier am stärksten interessiert, so ist es klar, daß sie aus einer Periode stammt, wo der Einschub der Substanzbücher Z H & noch nicht stattgefunden hatte, sondern wo noch unmittelbar auf die Einleitung die Lehre vom Über- sinnlichen folgte. Wie zwischen dem Schluß der Einleitung {E 1) und dem Beginn des Hauptteils (Z 1) in der jüngeren Fassung der Metaphysik ein Verbindungsstück steht (E 2 — 4), so auch in der älteren Fassung (üT 8, 1064 b 15—1065 a 26). Aber das für dieses Verbindungsstück in der späteren Form Charakteristische fehlt hier: die Aufzählung der in den Büchern Z H & zu unter- suchenden Bedeutungen des Seienden, die den Plan dieser Bücher enthält. Zwar bespricht Aristoteles auch in dem Verbindungs- stück der älteren Fassung wie in E 2—4 die beiden Bedeutungen Die Echtheit der Dublette K bestätigt sich 217 des Seienden, die er vor Eintritt in die Hauptuntersuchung aus der Metaphysik ausscheidet: das akzidentielle Sein und das Wahr- und Falschsein der Urteilsverknüpfung, jenes, weil es kein An- sichsein bezeichnet, dieses, weil es nur ein Akt des Bewußtseins ist. Allein von der GHederung, die er in £"2 ankündigt und in der vorliegenden späteren Bearbeitung der Metaphysik durchführt, ist in der älteren Fassung noch mit keinem Wort die Rede. Man ist zunächst in Versuchung, dies aus der Kürze des Exzerpts zu erklären. Aber nachdem wir in iW"9, 1086 »21 ff. das Proömium des Hauptteils in ältester Fassung wiedergefunden haben, die eine Metaphysik ohne die Bücher ZHS voraussetzt, ist es nicht mehr möglich, an ein bloßes Spiel des Zufalls zu glauben. Auch die zweite sichere Spur späterer Überarbeitung, die £'2—4- auf- weisen, fehlt in der älteren Parallelfassung: der Hinweis auf die nachträghche Einschaltung der Untersuchung über den meta- physischen Wahrheitsbegriff (0 10), den wir £4, 1027 b28 lesen, fehlt naturgemäß an der Parallelstelle if 8, 1065 a24, da in der Urmetaphysik ein Buch 0 überhaupt noch nicht existierte. P. Natorp hat die Fassung Ki—S für unecht erklärt, weil sie einen Begiiff der Metaphysik vertrete, der sich in dem Haupt- teil der traditionellen Metaphysik nicht finde'). Er spricht ge- radezu von einem platonisierenden Verfasser und von einer un- aristotehschen Neigung dieser Schrift, die Materie und alles, was mit ihr zusammenhängt, von der Untersuchung auszuschheßen. Für ihn war diese Beobachtung unter den damaligen Voraus- setzungen ein schwerwiegender Verdachtsgrund. Für uns wird gerade diese Beobachtung zu einem schlagenden Beweis der Echtheit'). Hier haben wir diejenige immaterielle Auffassung 1) Archiv f. Gesch. d. Philos. Bd. I 178. Der Maßstab, den Natorp anlegt, ist der auch sonst übliche, d. h. der Begriff der Metaphysik, den wir in den bei der zweiten Bearbeitung eingefügten Büchern Z H 6 finden. *) In meiner Entstehungsgesch. d. Metaph. 63 ff. habe ich die Echtheit des Stückes K 1—8 gegen das Verwerfungsurteil Natorps eingehend verteidigt und bin zu dem Ergebnis gekommen, daß der philosophische Inhalt in allen Einzel- heiten des Aristoteles würdig ist. Die Spur einer nichtaristotelischen Hand, die sich in dem mehrfachen Gebrauch der Partikel ye firjv vielleicht verrät, beweist nichts gegen die Echtheit des Inhalts, da sie von dem nachschreibenden Schüler herrühren wird, der die vorliegende Ausarbeitung verfertigte. Ich muß meine Kritik Natorps jedoch insoweit zurücknehmen, als sie die von ihm gefundenen platonisierenden Spuren fortzudeuten bemüht war. Vom entwicklungsgeschicht- 9^j^ Die Entwicklung der Metaphysik der Metaplivsik, ilie Avir aus den Resten der Urmetaphysik als die ursprUiigliclie nachgewiesen haben. Es gibt keine sicherere J^-obe auf die Riclitigkeit unsres Exempels als die Wiederein- setzung dieser ältesten Fassung der Einleitungsbücher in ihre wahren Hechte. So springen, da wir im Entwicklungsprinzip endlich den passenden Schlüssel gefunden haben, selbst die ge- heimnisvollsfen Türen des verwunschenen Schlosses wiüig auf, nachdem man sie lange genug vergebens mit Gewalt aufzubrechen versucht hatte. Vergleichen wir K i — 8 Punkt für Punkt mit der späteren Fassung B FK, so erweist sich die Anpassung der älteren Einleitung an den neuen, auch das materielle Sein mitumfassenden Aufbau der Metaphysik als das durchgehende Motiv aller Änderungen, die Aristoteles in BFE vorgenommen hat. Schon in der For- mulierung des ersten Hauptproblems, des fünften der ganzen Reihe, das sich auf die Realität des Übersinnlichen bezieht, spricht sich dies Entgegenkommen gegen die materielle Welt aus. W^ir bemerkten früher, daß der altertümliche Emdruck des Problem- buchs auf seiner noch ganz platonischen Fragestellung beruht, aber wir sehen jetzt, daß K noch weit strenger und altertüm- licher hierin ist '). Geht schon B sogleich mit dem ersten Problem über die Grenzen der Erscheinungswelt hinaus, indem es fi'agt, ob es außer der sinnhchen noch eine übersinnliche Substanz gibt von der Art der Ideen, so ist die Fassung in K noch ex- klusiver. Aristoteles fragt hier, ob die gesuchte Wissenschaft von den sinnlichen Substanzen handle^ oder nicht, sondern von anderen ■). Hier ist jede Möglichkeit ausgeschlossen, daß die liehen Standpunkt betrachtet, bieten sie nicht den geringsten Anstoß mehr, sind vielmehr gerade das, was wir nach der bisherigen Analyse fordern müssen. ^) Ygl. p. 202. Die Altertümlichkeit des B hat sich also nur trotz der späteren Bearbeitung .erhalten. -) Metaph. B2. 'Ml a34 =: A'l, 1059 »39. Ich nahm früher an, dies Di- lemma solle andeuten, daß die Wahrheit in der Mitte liege: die Metaphysik solle die Wissenschaft des elöos sein, das sowohl die oiaia der sinnlichen Dingwelt als auch die übersinnliche Wirklichkeit umfasse, wo es ohne Materie existiert. Aber die im folgenden zu besprechenden Stellen schließen diese Auffassung doch aus (vgl. besonders K 2, 1060*7)^ und es ist zuzugeben, daß die exklusive Formulierung: entweder Wissenscliaft von der sinnlichen Welt oder vom Über- sinnlichen, eine für die Gesamtauffassung in K durchaus wesentliche ist. Hätte Natorp die von ihm beobachteten Lehrabweichungen in K durch die ganze Meta- Platonischer Begriff der Metaphysik in ÜT 219 sinnliche Substanz zur Metaphysik- gehört. Sinnliches und über- sinnliches Sein stehen sich vielmehr, wie wir dies auch in il/ 9 — 10 sahen, noch als einfaches dualistisches Entweder-Oder gegen- über^). Aus diesem Entweder-Oder wird in der Überarbeitung ein Nicht nur -Sondern auch, \yie es die späteste Form der Äletaphysik in dem Nach- und Übereinander der immanenten und der transzendenten Formen aufweist. Dasselbe entschiedene Entweder-Oder finden wir in K an der Stelle, wo sich Aristoteles über das Ziel der ontologischen Untersuchung ausspricht. 'Überhaupt ist es ein Problem, ol.< jenseits der sinnlichen Erscheinungswelt noch eine andere Art des Seins existiert oder nicht, sondern die sinnhchen Dinge das Wirkliche sind und die höchste- Wissenschaft sich mit ihnen* beschäftigen mxiß. Offenbar suchen wir eine andere Art des Seins, und ist es unsres Strebens Ziel, zu erforschen, ob es etwas abgetrennt für sich Seiendes gibt, das keinem der sinn- lichen. Dinge zukommt'"). Aristoteles versteht hier unter dem getrennt für sich Seienden {ywQio'ibv ;<«•&' eavto) nicht das kon- krete einzeldingliche Fürsichs^in der Erscheinungswelt, das ja auch öfter als 'getrennt' bezeichnet wird. Er wendet den Aus- druck hier im Sinne des jilatonischen xcDQiofiog der Ideen an. wie der Zusatz zeigt: es soll ein Fürsichsein gesucht werden, das keinem sinnlichen Dinge zukommt. (ßtjÖEvl Toyv aiod^i^xüv vndqxov). Mit diesem Zusatz schheßt Aristoteles ausdrückhch jeden Gedanken an die immanenten Formen {evvP.ov eiöog) aus. Er bezeichnet sie, soweit es sich um ihre Existenz handelt, im gleichen Zusammenhang einfach als vergänglich {(p^agtöv). Der Gegenstand der Metaphysik — das steht ihm als Platoniker a priori fest — muß, falls es diese Wissenschaft geben, soll, ein ewiges, wesenhaftes Sein, transzendent und für sich seiend {dtdioc, ovoia XO)Qiozi] y.al y.ax>' autviv) sein. Er sagt von ihr, daß sie der platonischen Idee, nicht den Sinnendingen analog zu denken sei. physik verfolgt, so hätte er, statt zur ünechtheitserklärung des Buches K zu ge- ^ langen, den chronologischen und inneren Zusammenhang der heiden untereinander verschiedenen Gruppen von Zeugnissen bemerken müssen, der sich nur durch die Annahme einer allmählichen Entwicklung des Aristoteles von Piaton weg befriedigend erklärt. ') Vgl. P. 214 "-) Metaph. K2, 1060 a 7— 13 2Q0 Die Entwicklung der Metaphysik Es muß irgend etwas dieser Art existieren, soll nicht alles, was gerade die gebildetsten Geister gedacht haben, eitel Schall und Rauch sein. Wie soll es ohne ein solches Sein irgend eine Ord- nung in der Welt geben? Denn die Ordnung setzt ein Ewiges, Transzendentes und Dauerndes voraus *). Diese Aussprüche unter- scheiden sich durch ihre Entschiedenheit erheblich von der späteren Fassung. Sie stehen dem Piatonismus noch ganz nahe, man fühlt aus ihnen eine leidenschaftliche Bejahung der Forderung einer übersinnlichen Welt heraus, die um so stärker wirkt, als sie un- mittelbar der Überzeugung von der Unhaltbarkejt der bisherigen Ideenmetaphysik entspringt *). Auf dieVoraussetzung eines ewigen, unveränderlichen Seins und auf die von ihm abhängenden ewigen Gesetze des Kosmos gründet sich nach K 1 — 8 nicht nur die Möglichkeit der 'gesuchten' Wissen- schaft, sondern überhaupt die Möglichkeit widerpruchfreien logischen Denkens und absoluter, dauernder Wahrlieiten. Denn die Sinnen- welt ist in beständigem Flusse, es gibt in ihr kein Fußfassen *). So wird der Satz des Widerspruchs wesentlich ontologisch begründet, *) Metaph. K 2, 1060*21 fiäXAov z' äv dgxv ^vQiiotiQa tavzrig (seil. r^5 i^Ärjg) Sö^eiev etvai x6 elSog Kai ij ^OQCptf zovio 6k (p&aQzov, a>a&' 5Äü)s oi'K iativ ätöiog oiala x^Qiati] Kai KaS'' avzTJv. Ö.XX' dzonov iome yaQ kuI ^rjzelzat axeöbv hnb zcöv xo-Qi£Ozdzoiv (bg o^ad zig äQXV ^^^ oiala zoiavzrj' natg yaQ iazai zd^ig fitj zivog Svzog äiSlov Kai y^oigiatov xal fiivovzog; vgl. auch K2, 1060 bl— 3. *) Vgl. die unmittelbar rorhergehende Ablehnung der platonischen Fassung des Übersinnlichen JT 2, 1060 al3— 18. Diese Stelle hat vielleicht von allen am unmittelbarsten das der aristotelischen Metaphysik zugrunde liegende, platonische Postulat des Transzendenten bewahrt. Sie zeigt ferner, daß für ihn die zdiig der Natur, die ihm ohne die Annahme eines transzendenten dyad-öv als höchsten Prinzips unerklärlich scheint, der Ausgangspunkt für die Wiederaufrichtung der Lehre 'vom Übersinnlichen geworden ist. *) Metaph. K6, 1063 »11. Ich habe Entstehungsgesch. d. Metaph. 82 gegen Natorp daran erinnert, daß es zu viel gesagt sei, wenn er dem Verfasser von K die Ansicht zuschreibt, im Irdischen, Vergänglichen gebe es überhaupt keine Wahrheit, ich bin aber wieder nach der anderen Seite zu weit gegangen, wenn ich jeden Unterschied von der sonstigen aristotelischen Begründung des Wahr- heitsbegriffs leugnete. Man muß einräumen, daß der Nachdruck an unserer Stelle auf die Ewigkeit des kosmischen Seins gelegt und auf sie vor allem die Möglichkeit dauernder Wahrheiten gegründet wird, während r 5, 1010 »Iff. um- gekehrt hauptsächlich die Möglichkeit betont wird, auch hinsichtlich der Sinnen- welt zu festen Sätzen zu gelangen ; erst in zweiter Linie folgt der Hinweis auf die dKiprjzog qivaig und den Kosmos (1010 »25). Buch K entstammt einem früheren Stadium 221 während Aristoteles in der späteren Fassung diese ontologischen Stellen zum größten Teil entfernt zu haben scheint. Denn was am Schlüsse des Buches P über den Zusammenhang zwischen der Ewig- keit und^Unbewegtheit des Seins und der Möglichkeit der Erkenntnis dauernder Wahi'heiten gesagt wird, fehlte z. T. in den antiken Handschriften. Wir haben hier offenbar einen Abschnitt vor uns, den Aristoteles bei der späteren Umarbeitung gestrichen hatte, den aber die Herausgeber unter seinen Papieren noch vorfanden und mitedierten. Jedenfalls zeigt auch er, daß die ursprüng- Hche Fassung des Buches F die metaphysischen Grundlagen des Satzes vom Widerspruch stärker betont hatte '). Sowolü die onto- logische Begründung des Satzes selbst wie die Hineinziehung dieser Grundprobleme der Logik in die Metaphysik war ein Stück platonischer Überlieferung. Eine Aporie, die ebenfalls nur aus der platonischen Überlieferung erwächst, ist die Frage, wo man die Materie des Mathematischen behandeln solle und ob dies Sache des ersten Philosophen sei"). Das geschieht in Buch N, dessen enger Zusammenhang mit K 1 — 8 eine neue Bestätigung für das Alter beider Stücke ist. Noch in Buch B ist, wie wir früher sahen, die Richtung der Aporien durch die Fragestellung und den Inhalt der platonischen Metaphysik bedingt. Die Überarbeitung dieses Teils war ziemlich äußerlich, sie hat daher den platonischen Grundcharakter nicht verwischen können. Abgesehen davon, daß sich sogar an zwei *) Metaph. P 8, 1012^22 bis Schluß des Buches fehlte nach Alex. comm. in Arist. metaph. p. 341, 30 (Hayduck) z. T. in den antiken Handschriften. '^) Metaph. Kl, 1059 ^15 — 21. Den Begriff der SAri twv fta&ri^aTiy.üiv habe ich a. 0. 74 erläutert und gegen Natorp festgestellt, daß er der spät- platonischen Metaphysik angehört. Die Frage aber, weshalb sich dies Problem bloß in K und nicht in B findet, ist auch von mir dort nicht restlos beant- wortet worden. Die Behandlung des Problems findet sich, wie ich schon damals erkannte, N 2, 1088 b 14, diese Tatsache ist aber zugleich die beste Erklärung für das Fehlen der Aporie in B. N gehört wie K zur ürmetaphysik, es enthält also die Ausführung des dort gegebenen Versprechens. In der späteren Fassung [B, M 1—9) tritt die Frage nach den aioi%ela der übersinnlichen ovala, wie schon früher gezeigt wurde (vgl. p. 198), völlig zurück. Sie haftete and er spät- platonischen Lehre von der abgetrennten oioia der Zahlen usw., nach deren Überwindung Aristoteles diesen Komplex in seiner späteren Periode ganz aus- schied. ooo Difi Entwicklung der Metaphysik t:> Stellen das alte 'Wir' des früheren Platonikers ') erhalten hat, das er sonst in der neuen Bearbeitung überall getilgt hat, sind offenbar nur solche Stellen geändert bezw. abgemildert worden, welche den neuen Begriff der Metaphysik durch ihren Wortlaut geradezu ausschlössen. Auch die Zahl und Auswahl der Aporien wird im ganzen nicht angetastet, nur an einer Stelle schiebt Aristoteles ein neues Problem ein. Und dieser Einschub ist charakteristisch: er betrifft den Inhalt der eingeschobenen Bücher Z 11 &. Vor der letzten Aporie nämlich ist in der späteren Bearbeitung (B 6, 1002 ^SS) die Frage nach der ^laterie und die- jenige der Aktualität und Potentialität der Prinzipien aufgeworfen, und hier ist auch die sinnliche Wirklichkeit berücksichtigt. Da nun gerade diese Frage, wie Natorp bereits gesehen hat, in K 1—8 fehlt, so können wir nur einen Schluß aus diesem Tat- bestande ziehen: Aristoteles hat das neue Problem eingesclioben, als er die drei Einleitungsbücher für die Aufnahme der Lehre von der immanenten Form und von der Potentialität und Aktu- alität überarbeitete. In K dagegen wird der reine Seinsbegriff noch streng platonisch von aller Materie losgelöst und dem Für- sichseienden, Unbewegten und Transzendenten gleichgesetzt. -Während ferner in der letzten Bearbeitung die Kritik der Ideen aus ^ 9 in das neue Buch M übernommen wurde, setzt die ältere Fassung der Einleitung noch den ursprünglichen Zustand voraus, wo die Kritik noch im ersten Buche vorherging, denn sie ver- weist für die Widerlegung der Ideen auf das Vorangehende")! So ist auch für die di'ei Einleituugsbücher BFE die Tatsache der späteren Umgestaltung und der Einführung eines neuen Be- griffs der Metaphysik erwiesen und damit fast für die ganze Metaphysik die ältere und die letzte Fassung wiederentdeckt. Es läßt sich jedoch zeigen, daß auch die ältere Fassung der Einleitung (K 1 — 8) noch nicht die ursprüngliche Form der Meta- physik ist. Wir sahen, daß in K 1—8 die Metaphysik als Wissen- ') Vgl. p. 180. Die Tatsache, daß B zu dem für die spätere Metaphysik neubearbeiteten Teil der Einleitung gehört, während die Ideenkritik A 9 ganz verschwinden sollte, erklärt es zur Genüge, weshalb sich nur so wenige Spuren dieses 'Wir' in B erhalten haben. Sie sind nur versehentlich stehen geblieben. -) Metaph. Kl, 1059 b 3 setzt die Widerlegung der Ideen voraus, B 2, 997 b3 dagegen, die Parallelstelle der jüngeren Fassung, nur die in ^ 6 ent- haltene historische Erklärung der Idcenlehre, die auch nach der Übernahme der Ideenkritik aus A 9 nach M 4—5 im ersten Buch stehen blieb. Ziel der Umarbeitung dieser Einleitung 223 Schaft vom Unbewegten, Ewigen und Transzendenten bestimmt wird. Daneben findet sich die Definition als Wissenschaft vom Seienden als solchen {dv f] öv), aus der hier allerdings noch nicht, wie in der späteren Bearbeitung, eine Wissenschaft von den mannigfaltigen Bedeutungen des Seienden einschließlich des sinn- lichen Seins der bewegten Natur geworden ist. Immerhin liegt in der Vereinigung der beiden Begriffsbestimmungen in ii 1 —8 eine ernstliche Schwierigkeit, die auf der späteren Stufe in Buch E, das in seiner jetzigen, überarbeiteten Form die Wissenschaft von den mannigfachen Bedeutungen des Seienden einleiten soll, nur umso empfindlicher fühlbar wird. Da sich in dieser Hinsicht die ältere und die jüngere Fassung nicht unterscheiden, sondern nur hinsichtlich des Umfangs, welchen sie dem Begriffe des Seienden geben, so können wir im folgenden, ohne Fehler zu begehen, die ältere und die jüngere Fassung der Einleitung ge- meinsam zugrunde legen. El (= iiT 7) erklärt Aristoteles, was er unter einer Wissen- schaft vom Seienden als solchen versteht. Alle Wissenschaften erforschen gewisse, Ursachen und Prinzipien von Gegenständen. Als Beispiel führt er die Medizin und Gymnastik und von metho- disch höherstehenden die Mathematik an, d. h. die in der plato- nischen Wissenschafts- und Methodenlehre als Typen gebräuch- lichen. Alle diese Wissenschaften grenzen ein bestimmtes Gebiet der Wirklichkeit (öv xi) und eine bestimmte Art [yevoc, xi) der- selben methodisch ab und erforschen diesen geschlossenen Kom- plex von Tatsachen. Sie sprechen aber nicht von dem Sein ihrer Gegenstände, sondern dieses setzen sie entweder auf Grund sinn- licher Erfahrung voraus, wie die Naturwissenschaft und Medizin, oder sie gehen von bestimmten Definitionen aus, wie der Mathe- matiker von seinen Axiomen. Ihre Beweise, die sich nur durch den Grad der Exaktheit unterscheiden, haben immer nur die aus jenen Definitionen bezw. aus sinnlich evidenten Tatbeständen folgenden Eigenschaften und Funktionen zum Gegenstand. Der Metaphysiker dagegen fragt nach dem Sein, in wiefern es seiend ist. Er untersucht die Voraussetzungen jener Wissenschaften, über die sie Rechenschaft abzulegen nicht willens und nicht im- stande sind. Diese Ausführungen werden ergänzt durch den Anfang des Buches r {= K 3). Dort ist noch eingehender und klarer der 294 Die Entwicklung der Metaphysik (Charakter der ersten Philosophie als Allgemeinwissenschaft dem der Speziahvissenschaften und das Seiende als solches den Einzel- gebieten des Seins gegenübergestellt. Das Seiende wird hier nicht als ein von anderen Objekten gewissermaßen getrenntes und unterschiedenes Objekt gefaßt, sondern als der gemeinsame Beziehungspunkt für alle mit dem Realitätsproblem zusammen- liängenden Zustände, Eigenschaften und Begriffsverhältnisse. Wie der Mathematiker nach Aristoteles alle Dinge nur unter dem Gesichtspunkt des Quantitativen behandelt, so erforscht der Philosoph alles was dem Seienden als solchen eigentümlich ist, während z. B. der Physiker es nur als Bewegtes betrachtet. Vieles 'ist' nur, weil es Affektion, Zustand, Bewegung oder Ver- hältnis eines Seienden ist, also irgendwie sich von einem schlecht- hin Seienden herleitet. Die Zurückführung {ävayoiyi]) aller Affek- tionen (nd-&rf) des Seins auf ein einheithches Geraeinsames (sv xi xal Tioivdv) geschah in der platonischen Schule durch die Methode der Einteilung in der Form der Gegensätze (ivavTi(baeig), die auf gewisse allgemeinste oder 'erste' Seinsunterschiede zurückgeleitet wurden. Aristoteles setzt die spezielle Arbeit der Schule auf diesem Gebiete und ihre Literatur als bekannt voraus. Es ist der Gegensatz des Einen und der Vielheit, des Identischen und Verschiedenen, des Ahnlichen und Unähnlichen, den er damit um- schreibt, kurz der ganze Bereich der platonischen Dialektik, wie sie in den Untersuchungen über das Seiende und Eine (öv xal i'v) in Buch I vorhegt, oder auch eine Untersuchung wie die über die letzten Denkprinzipien, den Satz des Widerspruchs und des ausgeschlossenen Dritten, den er in Buch F behandelt. Diese Fragen hängen zwar mit der Substanzlehre des Aristoteles nur mittelbar zusammen, doch offenbar handelt es sich für ihn darum, eine Definition der Metaphysik zu finden, die auch der traditio- nellen Dialektik eine Unterkunft gewährt. Für Piaton wai' Dialektik unmittelbar Ontologie, für Aristoteles ist es eine mehr praktische und historische Frage, ob man den Komplex dieser Seinslogik nach wie vor in der ersten Philosophie unterbringen soll. Seine ursprüngliche Metaphysik ist Theologie, Lehre vom vollkommen- sten Seienden, die abstrakte Dialektik ist nach dem Wegfall der Ideen mit ihr schwer zu vereinigen. Dennoch hat er den Ver- such gemacht, sie durch die gemeinsame Beziehung auf das Seiende als solche {bv jj öv) zu verbinden. Ist Metaphysik Theologie oder Allgemeinwissenschaft? 225 Während in diesem Zusammenhang die höchste Philosophie als die Allgemeinwissenschaft erscheint, zeigt sich E 1 (= K 7), wo Aristoteles die Metaphysik, Physik und Mathematik durch ihr Objekt zu unterscheiden sucht, unmittelbar neben diesem ein anderes Bild. Aristoteles teilt hier die Wissenschaften in theo- retische, praktische und poietische ein. Die Physik ist eine theoretische Wissenschaft; sie erforscht das Sein, das sich be- wegen kann, berücksichtigt die begriffliche Wesenheit und Form also nur, insofern sie mit der Materie verbunden ist. Jedes Ab- sehen von der Materie wäre für den Physiker ein Fehler. Selbst die Psychologie muß so betrieben werden, soweit es sich um das Gebiet des Psychophysischen handelt. Auch die Mathematik ist eine theoretische Wissenschaft. Aristoteles stellt zwar in Frage, ob ihre Gegenstände ein unbewegtes und getrennt für sich existierendes Sein haben, wie die Akademie es lehrt, mit der er sich hier auseinandersetzt und von der er die Dreiteilung der theoretischen Philosophie und die Zwischenstellung der mathe- matischen Objekte zwischen Ontologie und Physik übernimmt; jedenfalls betrachtet die Mathematik ihre Gegenstände als un- bewegte und für sich seiende (f/ dxivrjxa xal fi ;^ y^oiQKJTa. 6' Xacüg, &ÄÄ' iig iv vAtj ' fj öi nQwzrj Kai 71£qI xojQiavä aal dycivrjTa. In die Handschriften ist die Konjektur eines Lesers einj^'edrungen, der xcoQiaiä ^^ transzendent faßte und sich sagte, daß das auf die evu/la eXöri der sichtbaren Welt nicht zutrifft. Aber xwQiatös heißt hier nur selbständig existierend. In diesem Sinne braucht Aristoteles es auch von Sinnendingen. Wenn nach dieser Definition die Metaphysik einen Gegen- stand hat, der sowohl real existierend wie unbewegt sein muß. so heißt das allerdings, daß er x(OQi,ai6s im Sinne von transzendent sein muß, da beide Eigen- schaften vereint nur das Übersinnliche aufweist. Jaeger: Aristoteles. lo ooß Die Entwicklung der Metaphysik unbewegten Beweger denkt, würde man aus dieser Definition ohne weiteres entnehmen. Er sagt es aber selbst im nächsten Satz, daß die Prinzipien, die er meint, die Ursachen der sicht- baren göttlichen Dinge (ahia xoig cpavegolg xöjv &eio)V) seien, und nennt die Metaphysik darum geradezu Theologie (d-EoP.oyixi^). Diese Bestimmung des Wesens der Metaphysik rein durch ihren Gegenstand, das unbewegte und transzendente Sein, macht sie nun aber zu einer besonderen Wissenschaft neben den andern. Während sie als allgemeine Wissenschaft vom Sein als solchen in scharfen Gegensatz zu den Wissenschaften gerückt wurde, die nur eine, bestimmte Art des Seienden {öv ti xai yivos Tt) er- forschen *), ist sie hier selbst nur die Erkenntnis der vorzüglichsten Art des Seienden (jteQi iö Tifiiojiaxov yivog). Ihr Objekt wird ein Sein dieser Art {xoiamri (pvoi^) genannt, es ist in einer be- stimmten Gattung des Wirklichen, in der kosmischen Region des Sichtbaren, aber Unvergänglichen zu suchen. Der Widerspruch ist unleugbar und schon Aristoteles selbst hat ihn bemerkt. Er hat in einer Anmerkung, die sichtlich aus dem Zusammenhang herausfällt und sich dadurch als nachträglichen Zusatz zu er- kennen gibt, zu dieser Stelle, die den Höhepunkt und Schluß der Einleitung bildet, folgendes notiert: 'Man kann im Zweifel sein, ob die erste Philosophie eine aUgemeine Wissenschaft ist oder sich auf eine bestimmte Gattung {tieqI yerog) und ein einziges, bestimmtes Sein {(pvoiv tivä ^iav) bezieht. Das ist doch etwas recht verschiedenes, wie z. B. in der Mathematik. Die Geometrie und die Astronomie hat es mit einer bestimmten Art zu tun, da- neben bezieht sich die allgemeine Mathematik auf alle Disziplinen gemeinsam. Wenn es nun kein anderes, transzendentes Sein jenseits der natürlichen Dinge gibt, dann wäre die Physik die erste Wissenschaft. Gibt es aber ein ^unbewegtes Sein, dann ist dieses 'früher' als die sinnliche Erscheinungswelt und die Meta- physik die erste. Und allgemein, eben weil die erste. Und es dürfte dann wohl auch Aufgabe dieser sein, das Seiende als ') Metaph. E 1, 1025 ^8 äß.Xä näaai aixai negl öv zi Kai yevog rt negiyguipd- fievai negl toviov nQayfiazevovzai, äXX oiyl tisqI ovzos anÄws ovo' fj ov vgl. dagegen 1026*19 über die Metaphysik als Wissenschaft vom Göttlichen: oi yctQ äöri^ov 5t i, et nov zd ■&£iov VTcaQ^ei, iv xfj zoiavztj (pvast ijiÜQxei, xai ZTjv zifiKüzdzrjv (seil, iniazijfitjv) öeZ tzcqI zb zifiicJzazov yevog elvai (seil. TteQl zd &eTov). Widerspruch im BegriS der Metaphysik 227 solches zu betrachten und seinen Begriff und die Eigenschaften, die ihm als Seiendem zukommen' *). Die Randglosse schafft den Widerspruch nicht fort, sie macht ihn im Gegenteil nur noch sichtbarer. In dem Versuch, beide Definitionen zu vereinigen, den er in dem* Zusatz macht, versteht er unter Allgemeinwissenschaft die Wissenschaft vom 'ersten' Gegenstand, der im umfassenderen Sinne Prinzip ist als die ihm nachfolgenden Seinsarten. Allein in F l und am Anfang des E hieß allgemein das, was überhaupt nicht auf ein bestimmtes Sein d. h. einen besonderen Teil des Seins sich bezieht. Daß nun aber die immateriellen Beweger, die die Sterne lenken, kein öv %i und keine q)VGic, xig fiia xov övzog seien, kann Aristo- teles nicht behaupten und er tut es auch nicht. Man könnte auf den Verdacht kommen, daß die änoQia mitsamt der Xvaig, die so sehr das Gepräge des Apercus an sich trägt, gar nicht von Aristo- teles selbst stamme, stände sie nicht auch in der Fassung KS und entspräche sie nicht der Tatsache des vorhandenen Wider- spruches. Also bleibt nichts übrig als einzuräumen, daß der Philosoph mit der Aporie nicht hat fertig werden können, daß sie ihm jedenfalls erst nachträglich gekommen ist, nachdem er die beiden Auffassungen schon miteinander verschmolzen hatte. Die beiden Ableitungen des Begriffs der Metaphysik sind zweifellos nicht aus ein und demselben geistigen Schöpfungsakt hervorgegangen. Zwei grundverschiedene Gedankengänge sind hier ineinandergeschoben. Man sieht sogleich, daß der theologisch- platonische der ursprünglichere und ältere ist, niclit nur aus ge- schichtlichen Erwägimgen, sondern auch weil er der bei weitem unentwickeltere und schematisch ere ist. Er entspringt der Ten- denz des Platonikers, die Reiche des Sinnlichen und des Über- sinnlichen scharf zu scheiden, während umgekehrt die Definition des hv fi öv alles Seiende zu einem großen, einheithchen Stufen- bau zusammenfaßt. Sie ist also — im Sinne der letzten und eigenartigsten Entwicklungsstufe des aristotehschen Denkens — die aristotelischere von beiden. Aristoteles hat ursprünglich streng die Richtung Piatons eingehalten, indem er, wie die Programmschrift IIeqI (pdoao(pia£ zeigt, als Gegenstand der höchsten Philosophie 1) El, 1026 a 23— 32. Schon Bonitz hat den Widerspruch in dieser Stelle in seinem Kommentar angemerkt. Eine Erklärung findet er nicht. 15* «3128 Die Entwicklung der Metaphysik die übersinnliche Welt beibehielt und nur an die Stelle der transzendenten Ideen den mit den platonischen Seinscharakteren des Unbewegten, Ewigen und Transzendenten ausgestatteten ersten Beweger setzte. Diese älteste Metaphysik war ausschließ- lich Wissenschaft von dem unbewegten, transzendenten Sein, Theologie, nicht Wissenschaft vom Seienden als solchen. Dies Ergebnis wird wiederum bestätigt durch die Abhandlung, die wir gewöhnlich schlechthin die Theologie nennen, das Buch A der Metaphysik. Schon Bonitz hat erkannt, daß sie zu den tibrigen Büchern in keiner Beziehung stehe, während man er- warten sollte, daß sie den Abschluß der Bücher A—& enthielte. Daß sie auf das Vorangehende keine Rücksicht nimmt, hat seinen Grund in der Selbständigkeit des Schriftchens. Es stellt, wie der Stil und die Auswahl der Gedanken zeigt, einen für eine bestimmte Gelegenheit niedergeschriebenen Einzelvortrag dar, der nicht nur den als Theologie bezeichneten Teil der Gesamtmeta- physik gibt, sondern etwas bei weitem Umfassenderes: ein voll- ständiges System der Metaphysik in nuce. Aristoteles gibt in gedrängter Skizze einen Überblick über seine ganze theoretische Philosophie, beginnend mit der Substanzlehre und abschheßend mit der Gotteslehre. Es ist offenbar nicht seine Absicht, schul- mäßige Untersuchungen vorzuführen, sondern die Hörer mitzu- reißen durch die geschlossene Wucht des großen Gesamtbildes. Mit treffsicheren Hammerschlägen meißelt er grandiose Sätze, die man auch heute noch beim Lesen unwillkürlich laut ausspricht, so abgerissen die für den mündlichen Vortrag gemachten Aufzeich- nungen auch sind. 'Das schöpferische Tun des denkenden Geistes ist Leben.' 'Auf ein Ziel hin i§t alles in der Welt gerichtet.' 'An diesem Prinzip hängt der Himmel und die Natur.' Entflam- mend ist die Wirkung des Schlusses, wo er die platonischen Dualisten mit dem Wort des Agamemnon anredet: ovn dcyad-bv noXvxoiQavit], eJg y.oiQavog eoto). Das Dokument ist einzig in seiner Art, weil der Philosoph hier wie sonst nirgendwo in den Lehrvorträgen mit kühnem Wurf das Ganze seines Weltbildes hinstellt, unbekümmert um alle Einzelfragen. Zugleich ist es eine unschätzbare Urkunde seiner Entwicklungsgeschichte, weil es zeitlich in die theologische Periode hinaufreicht, die wir er- schlossen haben. Es gibt eine Vorstellung, wie das Verhältnis der Lehre von den immanenten Formen zu der von dem trans- Älterer Begriff der Metaphysik in Buch A 229 szendenten Beweger war, ehe Aristoteles die erstere in die Meta- physik selbst aufnahm. Der Vortrag gliedert sich scharf in zwei ungleiche Teile. Der erste (c. 1—5) erörtert die Lehre von der sinnlichen Wirklichkeit und gewinnt durch ihre Analyse die Begriffe der Materie, der Form, der Potenz und des Akts. Der zweite (c. 6 — 10) setzt so- gleich mit dem spekulativen Gedanken des unbewegten Bewegers und mit der Behauptung einer übersinnlichen Wirklichkeit ein. Der erste Teil ist nicht, wie der folgende, Selbstzweck, sondern er ist nur um des zweiten willen da, dem er als Grundlage dient. Denn aus der bewegten Welt der Dinge, die als sich entwickelnde und in der Materie verwirklichende Formen begriffen werden, steigt Aristoteles auf zu dem unbewegten Ziel und Urquell ihrer Bewegung, der Form aller Formen, dem reinen Akt, der von allem Stofflichen freien, schöpferisch tätigen Formkraft. Bei diesem Gegenstand verweilt er daher auch fast doppelt so lange wie bei dem des ersten Teils. Auf den ersten Blick scheint der Aufbau derselbe wie in der späteren Metaphysikbearbeitung. Auch dort geht die Lehre von der Substanz und vom Akt der Theologie vorauf, und der erste Teil des A ist, dem Inhalt der Bücher ZH@ im wesentlichen parallel. Aber das Entscheidende ist, daß in Buch A der Begriff der Metaphysik auf den zweiten Teil be- schränkt ist und der erste nicht mit zu ihr gerechnet wird. Die Schlußworte') des ersten Teils lauten: 'Damit haben wir die Prinzipien der Sinnenwelt und ihre Anzahl . . . bestimmt.' Und der zweite Teil beginnt: 'Da wir im Anfang drei Arten des Seins unterschieden haben, zwei, die zur Physik gehören, und eine, die unbewegt ist, so müssen wir von der letzteren handeln. Wir behaupten: es muß ein ewiges, unbewegtes Sein (ovaia) geben.' Aristoteles bezeichnet die beiden Arten der sinnlichen Realität nicht, wie später^), als 'in gewisser Weise' zur Physik gehörig, sondern nennt sie schlechthin physikalisch. Anderseits erscheint das Unbewegte und Ewige als das Objekt der Metaphysik schlecht- hin, wie es in der älteren Fassung der Einleitung geschieht'). 1) Metaph. A 5, 1071^1 ') Metaph. ZU, 1037 »14 ijiel tqöuov xLva vTjg (pvaiKiis Kai devrdQug cpiÄoaoq)iag iQyov Ij tisqI rdp ala&rjzäg ovaiag d-EO)Q[a. *) Die Bestimmung der 'gesuchten Wissenschaft' durch die für ihren Gegen- stand nach dem Vorbilde der Ideen zu fordernden Eigenschaften des &Uiov_ 2;j() Die Entwickliiii«,' clcr Metaphysik Cienau wif ) Metaph. A 1, 1069 »30, a36 ♦) Eth. Nie. A 4, 1096 ai9S., besonders a24: das dya&öv in der Kategorie der oiala ist »eög. vovg vgl. Eth. Eud. A 8, 1217 ^30, Metaph. A 7, 1072 »34. Die Urmetaphysik war also die Wissenschaft vom reinen, vollkommenen Sein und vom höchsten Guten, nicht von allen Arten und Bedeutungen des Seins, wie die spätere Metaphysik. Aufbau der älteren Metaphysik in Buch A 231 im Sinne der platonischen Idee, das absolute Realität (ovaia) und absoluten Wert (dyad'öv) in sich vereinigt. Nach A bilden die dyad^d und die övra zwei aufsteigende, getrennte Reihen, die nach oben hin konvergieren. Sie schneiden sich an dem Punkte, in dem der höchste Wert {ctQiOTov) und das reinste Sein {ovaia) zusammenfallen. Dies ist der platonisierende Begriff des äqioxov (ehs perfectissimum), wie wir ihn schon in dem Gottesbeweis des Dialogs ITeqI (piXoaocplag entwickelt fanden. Die zweite, noch wichtigere Beobachtung betrifft die Stellung der Lehre von den immanenten Formen. Es wird erst aus Buch A klar, wie dieser vitale Teil der aristotelischen Philosophie, so- lange er noch zur Physik gehörte, mit der Theologie verknüpft war. Der Stufenaufbau von der sinnlichen zur reinen, übersinn- lichen Form, der sich später innerhalb des Rahmens der Meta- physik vollzieht, findet sich in A noch in der primitiven Form, daß die Metaphysik als Wissenschaft vom Unbewegten und Transzendenten einfach äußerlich auf die Physik, die Wissen- schaft vom Bewegten und Immanenten, aufgebaut wird. Die Physik liefert also der Metaphysik durch logische Bearbeitung der sinnlichen Erfahrungsgegenstände den Begriff der Form und der Entelechie, die sie von der Materie und der Potenz scheidet und deren Verhältnis zu den letzteren sie untersucht. Während sie selbst aber von dem Moment der Bewegung und Materie, die in der Erfahrung stets mit der Form zusammen gegeben sind, nie- mals abstrahieren kann, schwingt die Metaphysik, auf den Schultern der Physik stehend, sich zu dem Begriff einer höchsten, immateri- ellen Weltform auf, an der die Natur als Totalität 'hängt' und in der die Physik erst ihren Abschluß findet. Sie wird mit Be- zug auf diese ihre Funktion als Spitze des physikalischen Be- wegungssystems der erste Beweger genannt. Hier stoßen wir auf die früheste Konzeption der aristotelischen Theologie: die Lehre von dem Abschluß der Physik durch das transzendente ieXoc, aller sichtbaren Bewegung in der Welt, das die Phänomene der Natur 'rettet'. Liegt in der Lehrform des Buches il, die genau dem Ergeb- nisse unserer Analyse der übrigen Bücher entspricht, die innere Gewähr ihres älteren Ursprungs'), so bestätigt sich anderseits *) Über das später eingefügte 8. Kapitel des Buches A ist unten in einer besonderen Untersuchung gehandelt. 232 Die Entwicklunf^ der Metaphysik dieser Ansatz auch durch gewisse äußere Beziehungen der übrigen Bücher zu A. Während das Verhältnis • des A zu der vor- liegenden letzten Bearbeitung der Metaphysik ausschließlich negativ ist, zeigt sich nunmehr die engste Verwandtschaft mit den ihr zeitlich nahe stehenden Resten der Urmetaph3^sik, besonders mit dem Buche N. Die Beziehung ist Bonitz aus dem Grunde ent- gangen, weil er immer nur nach der Anknüpfung des A an die zusammenhängende Reihe der vorhergehenden Bücher suchte. Nun ist aber die vorhergehende Reihe und ihr Gesamtplan zeit- lich später als A, während das ihm äußerlich nachfolgende Buch N, wie wir zeigten, zum frühsten Bestände der Metaph^-sik zählt und im zeitlichen Sinne dem Buch A offenbar vorangeht. An sich liegt ja schon die Vermutung nicht allzu fern, daß der Philosoph bei einem bloß gelegentlichen Vortrag, der nur eine kurze Zusammenfassung seiner metaph3^sischen Gesamtansicht bieten sollte, sich auf sein Vorlesungsheft gestützt haben wird. Und tatsächlich hat er in A nicht viel mehr als einen Auszug der naturgemäß viel ausführlicheren esoterischen Vorlesung ge- geben, soweit die erhaltenen Reste der Urmetaphysik uns das zu prüfen erlauben. Zwar der eigentlich positive Teil der Philo- sophie des Übersinnlichen, die Gotteslehre, fehlt ja leider sowohl in der älteren Fassung wie in der späteren Bearbeitung, aber der ihm vorangehende kritische Teil, der sich gegen die Metaphysik der anderen Akademiker richtet, hat dem Aristoteles in seinem' Vortrag ausgiebig als Quelle gedient, und vermutlich verhielt sich der positive Teil der Theologie in A genau so zu der nicht mehr vorhandenen Theologie der Urmetaphysik: er ist nichts als ein Auszug daraus. Zunächst möge das Verhältnis des A zu N durch die Nebeneinanderstellung einiger voneinander abhängiger Stellen verdeutlicht werden. NA, 1092 a9 A7, 1072 b 30 ei ovv, y.ccl xo fiy xl^evul öaoi ök vnoZafißdvovaiv^ TÖ äya^öv iv xalg dQ/aig üjotisq oi IIvd-ayÖQEioi xai Sjiev- xal TÖ xi&Evai ovTog äövvazov, amnog, tb KdÄÄiaxov y.al dvikov öxc al uQxai oi>x ÖQd-oJg üqloxov firj iv dgxfi Eivai, änoöidovxai ... ovy. öq^ibg öid xö xal xüv (pvxoyv y.al d'vnoXu^ißdvIi ovo' ei xig xüv ^(pcjv xäf dqxdg aixia JiuQEixd^Ei xug xov ö/.ov fiEv Eirai, xö Ö£ yaXbv yal xe- Verhältnis des Buchs A zur Urtoetaphysik 233 dqxäc, xfj T(bv ^cpov aal q)v- Zsiov ev TÖlg ix tomov, ovk tibv, 6x1 i^ doQiGTCJv dre^cüv ÖQd^cjg oiovxai. tö yccQ anigfia öe aiel tä TeZsiöxsQa, öib y.al i^ etsqov iaxi jiqoteqo}v teAeicüv, ini TÖJv TiQOixoyv ovxcog e^eiv xai xö jiqcjxov ov ajiEQfia (prioiv, &axE [itjöh öv xi Eivai eoxiv, dXXu xb xeXeiov olov xö EV avza. eIgI yäq zal ev- jiqöxeqov ävd'QCOJiov äv xav&a xEÄEiai ai aQxal i^ &v (pairj xig Eivai xov OTiEQfia- xavxa' ävd-QOinog yäq äv- xog, oi) xbv ex xovxov yEvöfiEvov, d-Q(i}7iov yEvvg, zal ovz Saxi dXX^ exeqov i^ o5 xö ajiEQfia. xb GTlEQfia 71Q0JX0V. Daß die eine von beiden Stellen unter dem Einfluß der andern entstanden sein muß, lehrt der erste Augenschein. Ob- gleich A den Speusippos mit Namen nennt, N dagegen anonym gegen ihn polemisiert, kann es dennoch keinen Augenblick zweifel- haft sein, deiß N die ursprüngliche und vollständigere Fassung gibt. Sie ist wesentlich präziser. Es tritt in ihr klarer hervor, daß die uQxccl iiov ^cpcov xal (pvxCiv, von denen beide Berichte reden, nach Speusippos eine Analogie bilden sollen zu den dqxal xou öXov und daß es sich dabei nicht um einen strengen Schluß handelt, sondern um eine bloße Vergleichung (nagEixä^Eiv). Der Rückschluß von der aufsteigenden Entwicklung der organischen Lebewesen auf eine entsprechende Entwicklung des Weltganzen, erscheint dem Aristoteles als eine fiExdßaaig Eig äXXo ysvog. Der Bericht in A weist auf das methodisch Bedenkliche in diesem Schluß gar nicht hin, er sagt nur ganz flüchtig: öiä xb y.al xibv q)vx(bv xal xcov ^{ooiv xäg aQxäg xxX. Aber auch für die organischen Wesen trifft die Ansicht der Entwicklungstheoretiker nicht zu — dies sagt der Bericht im zweiten Teile — da nicht das Sperma das erste ist, sondern der wirkhche lebende Mensch, der dem Sperma vorangeht. Am Anfang steht somit die reine Aktualität, nicht die Potenz oder die Materie. Die gleiche Beeinflussung durch N finden wir am Schlüsse des Vortrags. JV3, 1090^18 AlO, 1075b37 hl ÖE ijii^rjxfjaEiEV äv xig ol dh Aiyovxsg xbv uQi&fibv fiij liav Ev%£Qi]g (bv ueqI /hev tiqüxov xbv fiad^}]^taxixbv xal xov dQi&fiov Jiavxbg xal xöv ovxcjgalEläXhp' ixofitvi]v ovoiav liad^r^iiaxixoyv xb firjÖEV avfi- xal dqxäg txdoi7]g ä?^Xag, etiei- ßdZÄEod-ai dllriloig xä nqö- aoöiojöri xljv xov navxbg 034 Die Entwicklung der Metaphysik leoa 7olg vötsqov ^i] övxoc, ovaiav Jioiovoiv {odöev yuQ yuQ rov äQid^fioü ovöev 7]ttov fj ktiqu xfj ixsQcc avpißdÄZe- tä fi€yii}r] tarai lolg lu fiadt]- xai ovoa f} fii] ovaa) xai ciQxäg fiaiiy.u fiövov dvai (pafievoig, no?.Xdg, xä öe övxa ov ßovXexai xal xovxcov [17] övxoiv fj fpvxi] uoÄixsvEa^ai xay.ojg. 'odx xai xä aäijxaxa xä alo&ipd. ovx dya&öv noXvxoiQaviri, elg xoi- ioixE ÖE 7) q)vaig iTiEiaoöicb- qavog.'' ÖTjg ovaa ix xcov cpaivofii- V(t)V ÜGTIEQ flOX&^Q^ TQa- yo)öia. Die ganze Schlußpartie des Buches A steht, wie hier deutlich zu Tage tritt, unter dem Eindruck der Polemik gegen Speusippos in JV 3. Aristoteles hat, als er diese Worte in seine Skizze schrieb, die ältere Spezialarbeit vor sich gehabt, zum mindesten stand sie lebhaft gegenwärtig vor seinem Geiste. Daß N und nicht die viel knappere Stelle in A das Original ist, unterliegt auch hier keinem Zweifel. JV ist klarer im Ausdruck, wenn es dort heißt: xä nQÖTEQa xolg voxiqoig ovöhv avfißdXÄExai, während A diese fast bildlichen Ausdrücke für die verschiedenen von Speusippos gelehrten Stufen des Seins folgendermaßen verundeutlicht: odÖEV yäg fj ixEQU xfj sxsQa avfißdX?.Exai ovoa i) fii] ovaa. Bekanntlich nahm Speusipp für jede Art der ovaia besondere, aber unter sie h nicht weiter zusammenhängende Prinzipien an: ein andres für die Zahlen, ein andres für die Größen, für die Seele usf. ^). Diese feineren Unterschiede treten auch in N deutlich hervor: die Zahlen könnten bei Speusipps Auffassung, obwohl sie das höchste Piinzip sind, völlig wegfallen, ohne deshalb die Existenz der Größen, die nach den Zahlen folgen, zu beeinträchtigen, und wiederum könnten die Größen fehlen, ohne an der Existenz des Bewußtseins oder der körperlich ausgedehnten Welt etwas zu ändern. Das nennt Aristoteles treffend eine Natur, die aus un- zusammenhängenden Szenen komponiert ist wie eine schlechte Tragödie. Die Weglassung der letzten Worte macht das Bild der 'Natur mit lockerer Szenenfolge' in A undeutlich bis zur Un- verständlichkeit. Statt dessen springt Aristoteles dort zu dem grandiosen Bild vom Monarchen und der jioXvxoiQavir] über, welches nicht minder schlagend die anarchische Strukturlosigkeit der ') Metaph. Z 2, 1028 b21 Die ürmetaphysik in A exzerpiert 235 speusippischen Prinzipienlehre wiedergibt. Gerade das Nicht- festhalten des begonnenen Bildes beweist, daß es nicht mehr anschaulich genug gefühlt ist, um ihm sein volles Recht zu geben. Er schöpft es eben als ein gegebenes, ihm geläufiges aus seiner Vorratskammer. Auch JV" 1 — 2 hat Aristoteles bei der Niederschrift von A be- nutzt. Das Stichwort für N 1 ist dasselbe wie für das Schluß- kapitel von A: Kampf gegen den platonischen Duahsmus der Prinzipien. Das weitere ergibt die Nebeneinanderstellung. Ni, 1087 a29 AlO, 1075 a25 TidvTsg ÖE 71010V Gl Tag 8aa öe ädvvaxa ovfißaivei dQx^g svavT lag ... sl öe fj äxojia xolg ä?.Z(üg Aiyovai Tfjg Tcbv ajiavTO)v ccqxVS f^V EVÖEX^ICii UQÖtEQOV XI ElVUl, dövvaxov äv eI't] x))v dq^riv e'xeqöv XL ovaav Eivai dQx^v, olov eI xig lEyoL xb Xevzov dQxijv Eivai ovx fl EXEQOV di/l' ^ Aevköv, Eivai fiEvxoi Jiad^" vjioxEifiEvov, xal EXEQOV XI bv ÄEVXÖV Eivai • t/.Elvo yäg uqoxeqov Eaxai. dXXä (ir]v yiyvEiai ndvxa e^ Evav- xLo)v ö)g vnoxEifiEvov xivög' dvdyni] äqa [idliöxa xolg ivav- xioig xovd-' vndQX^i^^- oi/et uqu ndvxa xuvavxia xad-' vtioxei/ie- vov xai odÖEV x^Q^^t^^^ . . . oi ÖE xb EXEQOV X(bV ^VaVXLOfV vXi]v noiovoiv, oi fikv \xo^ evi\ Tq) Caco xb äviaov, a>g xovio lijv xov nXfid'Ovg ovoav q)voiv, ol ÖE x(^ EVI xb nXTjd-og. JV4, 1091 b35 avfißaivEt öi] ndvxa xä övxa xal noTa ol x^Qi'^^^^^Q^g Xiyovxsg xal int noiojv iMxioxai dnoQiai, ÖEi f,ii] Xavd^dvELV. ndvxEg yaQ E^ Evavxiov noLovai ndvxa. oijxE ÖE xb ndvxa ovxe xb i^ Evavxioiv ÖQ^öig • odx' iv Öaoig xä Evavxia -öndQXEi, ncog ix xiov Evavxiiüv i'axai, ov Xlyovoiv dnad"^ yaQ xä ivavxla vn dXXi]- Äo)v fjfilv ÖE XvExai xovxo EvXoyoig x(p xq'ixov xi Eivai. ol ÖE xb k'xEQOv xd)v ivav- xioiv vXfjv noLOvaiv, üansQ ol xb äviaov x<^ lao) fi xcp kvl xä noXXd. A 10, 1075 a34 Sxi änavxa xov cpavXov /lEXEXEiv xov xaxov i'^o) tvbg fisd-i^Ei e'^ü) xov kvög- xb avxov xov ivög . . . (}^20) xavxd yäQ xaxbv avxb d-dxEQOv xe öi] avfißaivEi äxona, xal xb xäjv axoix^loyv. kvavxiov oxoixEiov . . . xb xaxbv ai)x6. 030 nie Entwicklung der Metaphysik Die Darstellung der abwegigen Konsequenzen des Dualismus, wie ihn die Akademiker vertraten, ist in A wirkungsvoll als Ab- schluß des Vortrags verwendet worden, sie dient als Folie für den strengen Monarchismus der aristotelischen Lehre vom sich selbst denkenden Geiste. Dieses Stück des Buches A ist ein Mosaik von lauter einzelnen Sätzen und Gedanken aus A^ 1 . Die viel differenzierteren Gedankengänge in JV erscheinen zwar in A ein wenig popularisiert und vereinfacht, aber es wird doch überall sichtbar das Hauptargument des Buches iV gegen die duahstische Prinzipienlehre: die kvavxia müssen selbst wieder an einem Dritten als Substrat haften, wie es die aristotelische Lehre von der Form und der Privation, welche zum Übergang ineinander der Materie benötigen, erfordert. Das terthan dahitur wn^d in A kurzweg be- hauptet, in N begründet. Für uns, ruft Aristoteles triumphierend aus, löst sich dies Problem ohne Schwierigkeit, denn es gibt ein Drittes: das ist nicht die Materie, die die Trägerin der entgegen- gesetzten Zustände ist, sondern der absolute Geist, die von der Materie freie, daher keinem Werden und keinem Gegensatz ver- haftete Form. Nicht der ^Materialismus ist die notwendige Folge der Leugnung des Dualismus, sondern die Alleinherrschaft des Geistes. Fünftes Kapitel. Die Urethik. Der Angelpunkt für das Verständnis der aristotelischen Ethik ist das Problem des Verhältnisses der Nikoraachischen und Eude- mischen Ethik. Denn die sog. große Ethik kann hier außer Betracht bleiben. Sie ist nur ein Auszug aus den beiden anderen Werken, ihr Verfasser war ein Peripatetiker, der aus den größeren Darstellungen ein kurzgefaßtes Handbuch für die Vorlesung her- stellen wollte. Von den beiden Hauptwerken hat praktisch stets die Nikomachische Ethik nahezu unumschränkt geherrscht, die Endemische trat gegen sie ganz in den Hintergrund. Nur an schwierigen Stellen zieht man sie von jeher aushülfsweise zur Erklärung heran. Dieser Zustand ist natürlich nicht unbegründet, denn die Nikomachische Ethik übertrifft durch Lückenlosigkeit des Aufbaus, durch Klarheit des Stils und Reife des Gedankens die andere Schrift bedeutend. Schon im Altertum kommentierte man nur die Nikomachische Ethik und beachtete die Endemische kaum, und leider liegt diese noch heute so gut wie brach. Allerdings hat die allerletzte Zeit einen erfreulichen Ansatz zum Besseren gebracht, aber es ist noch wenig davon zu merken, daß er zu wirken beginnt. Zu der natürlichen Ungleichheit der beiden Schriften kam im letzten halben Jahrhundert die Unechterklärung der Ende- mischen Ethik durch L. Spengel, den ausgezeichneten Aristoteliker und Wiedererwecker der antiken Rhetorik ^). Er stellte in seiner berühmten Abhandlung, die alsbald allgemein durchdrang und im wesentlichen noch heute herrscht, die These auf, daß die Ende- mische Ethik von dem Aristotelesschüler Eudemos von Rhodos nicht nur herausgegeben, sondern von ihm selbst verfaßt sei. W^enn auch die starken, durchgängigen Übereinstimmungen mit der Nikomachischen Ethik nur durch enge Anlehnung an die aristotelische Lehre und ihre schriftliche Formulierung in der 1) Abb. d. bayr. Akad. d. Wiss. Bd. III (1841) 534 0;-^g Die ürethik Xikomachischen Fassung zu erklären seien, so verrate doch die andere Schrift durch ihre nicht unwesentlichen Abweichungen die Individualität des Eudemos. Vieles schien in der Niko- niachisclien Ethik so viel besser und das ganze Werk so viel reicher und reifer, daß man sich nicht denken konnte, was den Aristoteles zur Abfassung einer so viel weniger glücklichen Replik hätte veranlassen sollen. Die Verschlechterung hatte also der Schüler verschuldet; vor allem aber fand man die theologische Begründung der Moral in der Endemischen Ethik nicht vereinbar mit dem Bild, das man sich von Aristoteles machte '). Tatsächlich liegen hier Unterschiede von der Nikomachischen Ethik vor, die der Erklärung bedürfen. Man glaubte sie mit der persönhchen Religiosität des Eudemos in Zusammenhang bringen zu müssen, von der man allerdings nichts anderes wußte, als daß er mut- . maßlich der Verfasser einer Geschichte der Theologie war, die sich neben seine Geschichte der Mathematik und Astronomie stellt und kaum als ein Ausdruck lebendiger persönlicher Religion zu werten ist*). Wesentlich auf Grund der Zuschreibung der Endemischen Ethik hat man sich die Vorstellung von dem 'frommen Eudemos' zurechtgemacht, die zu dem positivistischen Geist der nacharistotelischen Schule wenig passen will"). Die Endemische Ethik trägt jedenfalls in den beiden jetzt gangbaren deutschen Ausgaben von Fritzsche (1851) und Susemihl (1884) den Titel Eudeml Rhodil Ethica, auch die englischen, hochverdiensthchen Kommentare zur Nikomachischen Ethik von Grant, Stewart und Burnet sowie die deutsche Textausgabe von Apelt sehen die andere Ethik als ein Werk des Eudemos an. Die Überlieferung selbst bietet zu dieser Annahme keinen Grund. Zwar hat das Problem der drei Bücher, die der Eude- mischen mit der Nikomachischen Ethik gemeinsam sind, schon ») Zeller, Phil. d. Griech. Bd. II 2 » 874. A. Grant, The ethics of Aristotle Bd. I 23ff. -) Zeller a. 0. 870 A. 1. Wenn Eudemos in diesem Werk über die Kosmo- gonien des Orpheus, Homer, Hesiod, Akusilaos. Pherekydes und Epimenides, über zoroastrische und andere orientalische Theologien handelte, so erhielt er den Anstoß dazu durch das, was Aristoteles im I. Buch üeQi (piÄoaocpias darüber mitgeteilt hatte. ') Vgl. über den "frommen Eudemos' C.Piat, Aristoteles, autorisierte deutsche Ausgabe von Emil Prinz zu Oettingen-Spielberg (Berlin 1907) 394. Für einen Peripatetiker auffallend religiös findet ihn Gercke (in Einl. i. d. kl. Alt. IF 407). / Das Problem der doppelten Ethik 239 im Altertum die Hj^othese erzeugt, die drei Bücher stammten von Eudemos und seien aus seiner Ethik in die Nikomachische nachträglich übernommen worden, um eine dort vorhandene Lücke auszufüllen*). Aber die entgegengesetzte Ansicht war die ge- wöhnliche, denn in den Handschriften der Endemischen Ethik fehlen die drei Bücher bekannthch. .Dies war bereits in alexan- drinischer Zeit so, denn das Verzeichnis der in Alexandrien zur Zeit des Kallimachosschülers Hermippos bekannten und wohl auch vorhandenen Bücher des Aristoteles kennt nur eine Fünf- bücherethik, offenbar die Endemische Ethik ohne die drei aus der Nikomachischen später übernommenen Bücher ''). Zwei der überlieferten Hypothesen, die die doppelte Fassung der Ethik und ihre Titel erklären sollten, verraten schon durch ihre Unkenntnis ihren späten Ursprung. So Ciceros Ansicht, die Nikomachische Ethik könne sehr wohl von Nikomachos stammen, die freilich unausweichlich wäre, wenn die Eudemische von Eudemos her- rührte''). Sie ist aber eine bloße Kombination, wie seine faden- scheinige Begründung zeigt: warum sollte nicht der Sohn eines bedeutenden Vaters ausnahmsweise einmal ein tüchtiger Mann geworden sein? Gleich laienhaft und spät ist die Deutung der beiden Titel als Ethik an Nikomachos und Eudemos. Die Zeit des Aristoteles kennt keine Widmung von Lehrschriften, wie die Fälschung der Rhetorik an Alexander zeigt, die unter dem Namen des Aristoteles geht und der ein naiv-ungeschichtlicher Kopf in völliger Verkennung der literarischen Gepflogenheiten des 4. Jahrh. eine Vorrede nebst Widmung vorgesetzt hat. Abgesehen davon, daß in den beiden Ethiken eine Widmung ja gar nicht vorhanden ist und es sich überhaupt nicht um literarisch veröffentlichte Werke handelt, sondern um Vorlesungsschriften. 1) AspasJus comm. in Arist. eth. Nie. p. 151,24 und 161,9 Heylbut -) Das scheint mir die Anführung i^&iy.Ü>v aßyöe in der auf Hermipp zu- rückgehenden Diogenesliste zu beweisen, trotz neuerdings erhobenen Bedenken. Daß die Liste des Hesychios 10 Bücher anführt, ist kein Widerspruch, auch wenn beide Listen aus Hermipps Katalog hervorgegangen sind. Es handelt sich bei Hesych offenbar um die Nikomachische Ethik, sei es, daß diese schon bei Hermippos neben der Endemischen genannt war oder später statt der 5 Bücher 10 verbessert worden ist. Die Fünfzahl der Bücher in den Handschriften der Endemischen Ethik bestätigt die Angabe des Diogenes. ") Vgl. die Zeugnisse über diese und die folgende Hypothese in der Aus- gabe der Endemischen Ethik von Susemihl proU. XVIilff. und bei P. Von der Mühll, De Ar. eth. Eudem. auctoritate (Diss. Gott. 1909) 25 ff. 240 ^'^ Urethik Die allgemeine Ansicht des früheren Altertums scheint denn auch nur an eine doppelte Ausgabe unveröffentlichter aristotelischer Vorlesungsschriften durch Nikomachos und Eudemos zu denken. -Nichts steht der Annahme im Wege, daß Aristoteles verschiedene Fassungen der Vorlesung über Ethik hinterlassen hat, wie wir es bei der Metaphysik festgestellt haben. Von vornherein ist es auch hier wahrscheinlich, daß die nur fragmentarisch erhaltene Fassung die ältere von beiden ist. Die Entscheidung darüber muß sich in erster Linie aus der inneren Logik ergeben, womit sich die Endemische Ethik der problemgeschichtlichen Entwicklung einordnet. Den Anfang einer solchen Betrachtung hat die scharf- sinnige und vorsichtige Arbeit von E. Kapp gebracht, die weit- aus das Beste ist, was in den letzten Jahren über die Endemische Ethik und ihre philosophische Stellung geschrieben worden ist*). Durch erneute Vergleichung der Ethiken kommt sie zu dem Er- gebnis, die Endemische Ethik dem Aristoteles zurückzugeben und sie als die frühere anzusehen. Dasselbe Ergebnis hatte einige Jahre vorher P. Von der Mühll gewonnen, der von den der En- demischen Ethik eigentümlichen Beziehungen zur Politik und zu einigen anderen Schriften ausgingt). Ich selbst bin zu meinen Ergebnissen, die mit denen meiner beiden Vorgänger teils übereinstimmen teils über sie hinausgehen, auf einem anderen Wege gelangt, noch ohne von ihren Beob- 1) E. Kapp, Das Verhältnis der eudemischen zur nikomachischen Ethik (Diss. Freiburg 1912). *) Von der Mühll a. 0. Das Verdienst dieser sehr belesenen Arbeit liegt besonders in der energischen Verfolgung der schon von Bendixen (Philologus Bd. X [1856] 5755.) aufgezeigten Berührungen zwischen der Politik und der Eudemischen Ethik, die noch um weitere ähnliche Beobachtungen vermehrt werden. Wir kommen auf diese Frage in dem Kapitel über die Politik zurück, wo sie wichtig wird. Als Grundlage für die Untersuchung der Eudemischen Ethik möchte ich sie zunächst nicht benutzen, da diese Übereinstimmungen für sich allein vielleicht noch nicht zu einem vollen Beweis ausreichen, wenn es auch den Verteidigern der Verfasserschaft des Eudemos schwer fallen dürfte, die durch Von der Mühll nachgewiesene Arbeitsweise des Verfassers befriedigend zu erklären. Eine Anzahl philosophischer Ungenauigkeiten, die Von der Mühll der Eudemischen Ethik nachweisen will und mit der Annahme erklärt, das Ganze sei eine nicht sehr sorgfältige Nachschrift des Eudemos nach Vorträgen des Aristoteles, hat Kapp a. 0. 8 ff. durch scharfsinnige Interpretation aufge- klärt. Die Frage, ob Nachschrift des Eudemos oder aristotelische Urschrift, bleibt also zunächst offen. Der Protreptikos Ausgangspunkt der Untersuchung 241 achtungen etwas zu wissen. Ich werde ihn -vorlegen, weil ich sehe, daß ihre Anschauung von der frühen Entstehung und der Echtheit der Eudemischen Ethik nicht recht durchgedrungen ist, denn ich hoffe die Sache endgültig klarstellen zu können. Es war ein Nachteil der bisherigen Untersuchungen, daß sie nicht im Zusammenhang der Gesamtentwicklung des Aristoteles wurzelten. Vor allem ließ die Beschränkung des Vergleichs auf die beiden großen Ethiken Spielraum für mancherlei Einwände, da es der Untersuchung an einem zeitlich bestimmbaren festen Ausgangs- punkt fehlte. Ein solches unverrückbares Kriterium bietet sich uns in der früharistotelischen Ethik, die bisher nicht ernstlich in Betracht gezogen worden ist. Auf Grund der Fragmente des Protreptikos einschließhch des neu hinzugewonnenen Materials ist es möglich, ein Bild von der Entwicklung der aristotehschen Ethik in drei deutlich unterschiedenen Stadien zu zeichnen: der spätplatonischen Periode im Protreptikos, der reformplatonischen in der Eudemischen Ethik und der spätaristoteHschen in der Nikomachischen Ethik. Die Untersuchung spitzt sich für uns vor allem zu der Frage zu, welche von den beiden größeren Schriften als die unmittelbar aus der Problemlage des Protreptikos hervor- gewachsene Form der aristotelischen Ethik anzusehen ist und ob ein kontinuierlicher Fortschritt überhaupt nachgewiesen werden kann. 1. Problemgeschichtliches Verhältnis der Eudemischen Ethik zum Protreptikos. Die Nikomachische Ethik beginnt die Untersuchung der Frage nach dem Lebensziel des Menschen mit einer großhnigen Skizze des Systems der Zwecke. Sie weist dem Problem damit sogleich. seine Steile im Gesamtzusammenhang der aristoteli&chen Teleologie an und deutet auf den Weg hin, der im folgenden eingeschlagen wird. Viel weniger systematisch, aber lebhafter und persönlicher leitet die Endemische Ethik im Anfang des ersten Buches die gleiche Untersuchung ein. Am Propylaion des Tempels der Leto auf Delos, beginnt der Vortragende, stehen die Verse geschrieben: jidAAiaxov rö öixaiöxaxov^ äcootov ö' lyialveiv, ndvxoiv ijöiazov d' ov zig iQä %b xvxeXv. Dieser apodiktischen Äußerung volkstümlichen griechischen Lebensgefühls stellt er temperamentvoll seine These entgegen: J aeger: Aristoteles. 16 24.2 Die ürethik 'Wir aber wollen das dem Verfasser der Verse nicht zugeben. Denn das sittlich Höchste {xdXhaxov) und das größte Gut (ägioTov) ist die Eudämonie und sie ist auch die höchste Lust {fidioxov).^ Damit wird die Frage der Eudämonie an die Spitze der Ethik gesetzt. Mit ihr beschäftigt sich das ganze erste Buch. Ihre Verbindung mit der Ethik ist traditionell seit Sokrates und Piaton. Auch die Nikomachische Ethik behält diese Frage als Ausgangs- und Endpunkt bei. Sie ist aber viel moderner, wenn sie im ersten Kapitel vor die Erörterung des Eudämoniebegriffs ein Proömium setzt, das aus dem allgemeinen System der Zwecke den formalen Begriff eines denknotwendigen höchsten Zwecks ableitet, nach dem alle Menschen streben. Erst zu Beginn des folgenden Kapitels wird er der Eudämonie gleichgesetzt. Der zweite Punkt, den Aristoteles vor Eintritt in die Er- örterung über die Eudämonie in der Nikomachischen Ethik be- handelt, ist die Frage der Methode. Die Untersuchungen über den Protreptikos haben erwiesen, daß Aristoteles in der Niko- machischen Ethik auf einem methodischen Standpunkt angelangt ist, der dem seiner Frühzeit diametral entgegengesetzt ist. In scharfer Formulierung spricht er ihn sogleich im Proömium aus ^). Auch hierin zeigt die Endemische Ethik nicht die gleiche Ent- schiedenheit. Die Reflexion über die Besonderheit der ethischen Methode fehlt in ihr. Statt dessen äußert sich der Verfasser über den Unterschied philosophischer und nichtphilosophischer Betrachtung der ethisch-politischen Fragen, ein Punkt, der schon im Protreptikos eingehend untersucht war^). Dort wurde der ') Über den Gegensatz der Methode im Protreptikos und in der Niko- machischen Ethik vgl. p. 86ff. Die Bezeichnung des in der Nikomachischen Ethik vor den Anfang der Eudemischen Ethik (= Eth. Nie. A 2) vorgebauten Stückes als Proömium stammt von Aristoteles selbst: v.al tieqI ftsv dx^oaiov nal nojg änoöeKziov Kai xi nQozid-ifie&a, 7Teq>Qoificda'&(o zoaavTa. Dann nimmt -^er mit fast denselben Worten wie zu Beginn des 1. Kapitels den Gedanken des höchsten Ziels, nach dem alle streben, wieder auf und bestimmt es wie die Eudemische Ethik als die Eudämonie. In der Nikomachischen Ethik ist also mit voller Absicht die Betonung des methodischen Gegensatzes zu Piaton und der eignen früheren Art vor den Anfang der eigentlichen Untersuchung gestellt. -) Daß Eth. Eud. A 6 gegen die Akademie und Piaton gerichtet sei, ver- mutet schon Von der Mühll a. 0. 21, Kapp bezweifelt es. Die Wahrheit ist, daß Aristoteles hier di6 auf platonischem Boden stehenden methodischen Auslassungen seines eignen Protreptikos (Jambl. Protr. c. X) teils berichtigt, teils abweist, vgl. p. 86ff. Das Methodenideal des Protreptikos kritisiert 243 Empirie die rationale Erkenntnis der reinen Normen und die Dialektik als die allein philosophische Methode schroff gegenüber- gestellt. Die Endemische Ethik setzt dieser Ansicht nicht wie die Nikomachische die strikte Ablehnung der Forderung exakter geometrischer Behandlung entgegen, sie deckt vielmehr den Gegensatz zu, den die Nikomachische Fassung absichtlich scharf beleuchtet: man müsse zwar die Überzeugungskraft der Gründe aus logisch-allgemeinen Erwägungen (Xöyoi) schöpfen, sich aber dabei auf die Erfahrungstatsachen {(paivofiEvd) stützen und sich von ihnen leiten lassen. Außerdem sei es erforderHch, die philo- sophische Norm mit den herrschenden sittHchen Anschauungen der Menschen in Einklang zu bringen, indem man durch begriff- liche Bearbeitung den ihnen zugrunde liegenden Wahrheitsgehalt herausstelle. Hier ist an die Stelle der aus der -Seele selbst schöpfenden Ideenerkenntnis des Protreptikos die begriffhche Analyse der Erfahrung getreten, wenn auch betont wird, daß die Erfahrung an sich verworren ist und nur der Logos zur klaren Einsicht in die Gründe der Dinge führt. Der Gegensatz philosophisch und nichtphilosophisch fällt hier nicht mehr zu- sammen mit normativ-logischer und empirischer Betrachtung, sondern ist gleichbedeutend mit einer zweifachen Art von Empirie: einer niedrigen, die nur Tatsachen feststellt, und einer höheren, die nach den Gründen der Tatsachen fragt. Die Beeinflussung der Eudemischen Auslassung durch den Protreptikos zeigt sich ferner in der Stellungnahme zu der Forderung, der Politiker brauche theoretische Erkenntnis der ethischen Norm. Es klingt fast wie Verteidigung einer schon halb preisgegebenen Position, wenn die Endemische Ethik sagt, auch für den Politiker sei ein Wissen wie das oben beschriebene nicht überflüssig, da er Ein- blick in die Gründe der ethisch -politischen Tatsachen haben müsse. Anderseits wehrt sie sich gegen die Philosophen, die die vorliegende Disziplin mit weit hergeholten, abstrakten Erörterungen belasten (wo an die Ideen- und Idealzahlenlehre gedacht ist) und erklärt deren Umständlichkeit für Verkennung oder Wichtigtuerei {aXa^ovEia). Zwischen der Eudemischen Ethik und dem Pro- treptikos liegt eben die Preisgabe der Ideenlehre und die Los- trennung der Metaphysik von der Ethik. Das 8. Kapitel des ersten Buchs enthält die Widerlegung der Idee des Guten, die sich auch im ersten Buch der Nikomachischen Ethik findet. Aber 16* Qi 4 Die ürethik wilhrend dort die Ankündigung der methodischen Umwälzung, die die Folge dieses Schrittes war, mit aggressiver Schärfe vor- angestellt wird, sucht die Eudemische Ethik mehr zu zeigen, daß auch nach der Kritik der Ideen und der früheren Methode sehr wesentliche Stücke des Protreptikos in Geltung bleiben. Die Formulierung der Probleme des ersten Buchs der Ende- mischen Ethik zeigt sich denn auch bei näherem Zusehen durch- weg in auffallendem Maße vom Protreptikos und mittelbar von der, bei Piaton üblichen Denkform bestimmt. Es gehört schon für Piaton zu dem festen Bestand der Arete-Lehre und speziell zu der einleitenden Fragestellung, ob die 'Tugend' von Natur im Menschen vorhanden sei oder auf Übung, Erkenntnis, göttlicher. Gabe oder Zufall beruhe. Da nun die Frage nach Wesen und Wert der Tugend, wie wir sahen, derjenigen nach der wahren Glückseligkeit untergeordnet zu werden pflegte, so faßt die Eudemische Ethik beide Probleme am Anfang der Untersuchung über die Eudämonie zu der Frage zusammen : ob die Eudämonie durch Naturanlage oder durch Einsicht oder durch Übung usw. entstehe. Die Antwort ist uns schon aus dem Protreptikos ge- läufig: gleichviel, ob sie auf einer von diesen Ursachen oder mehreren oder auf ihnen allen beruht, sind sich die Menschen im wesentlichen darüber einig, daß sich die Eudämonie (die hier plötzlich dem ev ^f^v gleichgesetzt wird) auf drei Faktoren auf- baut, deren Bedeutung für das zu erreichende Ziel freilich ver- schieden beurteilt wird: (pQÖvrjGig, ccqeti], 'fjöovrj. Die Menschen erblicken das glückliche und vollkommene Leben teils in einem dieser drei Faktoren, teils in ihrer richtigen Mischung. So Piaton im Philebos in der Mischung von (pQÖv7]aig und fjöovrj, der aristo- telische Protreptikos in der Vereinigung aller drei Kräfte '). Von der Entscheidung dieser Frage hängt das Lebensziel {ay.ondg xov xaAöJg ^fjv) ab, das die Ethik aufzurichten habe. Die Frage nach der Eudämonie führt in jedem Fall auf diejenige nach dem besten Leben (jieqI ßiov xov y.Qaxiazov y.al t^oiTjg if^g dQiaTfjg). Von einem fiaxaQiojg ^fjv zu reden, sei vielleicht weniger zu empfehlen als vom £v xal naXwg ^fjv, da man an dem ersteren Ausdruck An- stoß nehmen könne. Auch diese Korrektur zeigt, daß die Eude- mische Ethik sich hier durchweg an den Protreptikos anlehnt, ') Plat. Phil. 22 A. Jambl. Protr. p. 41, 11 und 59, 26 Pist. Lehre vom Lebensziel aus dem Protreptikos entwickelt 245 der noch kühn vom Göttlichen (fiaxägiov) im Menschen redete und aufforderte, nur ihm zu leben ^). Auf den Protreptikos gründet sich auch das folgende vierte Kapitel, das den Vergleich der Lebensformen (ßioi) enthält. Aus den drei genannten Grundkräften, die die Quelle aller mensch- lichen Werte bilden, dem erkennenden Geist, dem sittlichen Charakter und der Lustempfindung, werden wie in dem Jugend- werk drei typische Lebensformen abgeleitet: das auf die Wissen- schaft gegründete Leben hat seine Wurzel in der q)Q6vi]aig, das tätige politische Leben in der dgezri, das Genußleben in der 7iöovi^^. Auch das Beispiel des Anaxagoras, der auf die Frage: wer ist der Glücklichste? erwiderte 'keiner von denen, die du dafür hältst, er würde dir im Gegenteil recht merkwürdig vor- kommen', stammt aus dem Protreptikos, wie es scheint. Denn daß Anaxagoras selbst nicht Reichtum oder Schönheit für das Glück des Menschen gehalten habe, sondern vielleicht ein ge- rechtes, reines und leidloses Leben, das teilhat an göttlicher Schau (xivög d^Ecoqiag xoivcjvovvza d-Eiag), entspricht genau zwei Stellen des Protreptikos, wo derselbe Philosoph die Schau des Weltalls als das wahre Ziel des Menschenlebens bezeichnete und vermöge des vovg dem sterbhchen Aon an der Gottheit Anteil gab ''). Bei der Ableitung der drei ßioi zeigt sich wieder wie bei den Äußerungen über die in der Ethik zu befolgende Methode, daß die Endemische Ethik der Gedankenform des Protreptikos näher steht als die Nikomachische. Diese kennt zwar ebenfalls mehrere ßioi, die sich gegenseitig den Preis der Eudämonie streitig machen, und nennt sie in demselben Zusammenhang*). Aber sie erwähnt sie nur flüchtig wie einen feststehenden Topos, während die andere Ethik gerade auf ihre systematische Ableitung aus den drei Begriffen q)Q6vi]aig, äQExfi, fidovr} großes Gewicht legt. Diese Ableitung zeigt, wo die Lehre von den drei ßioi ihren Ur- sprung hat: sie wächst aus der spätplatonischen Ethik hervor. ^) Die Unterscheidung des f^v und e^ {reZioig, äÄrjd'ws, kuäüjc) ^rjv wird im Protreptikos eingehend entwickelt bei Jambl. Protr. c. XI, vgl. besonders p. 46,25; 58, 1; 9; 60,9. Das fiay.d^iov und fiuKaglcos ^fjv Eth. Eud. ^11, 1214 a30; 3, 1215.» 10 vgl. Jambl. p. 48,9. -) Eth. Eud. il4, 1215 »26—1^6 3) Eth. Eud. A4, 1215 bß— 14 vgl. Jambl. Protr. p. 51, 11—15; 48, 13—18. •') Eth. Nie. A 2, 1095 ^17 246 Die Urethik Der I^hilobos heginrii mit der Frage nach dem höchsten mensch- lichen Ciiil und läßt die beiden ßioi der (pqivrjoic, und fjöovrj sich um diesen Han^ streiten'). Im Protreptikos ist die dgexr^ zu diesen beiden hinzugetreten, und das beste Leben besteht dort in der richtigen Mischung der drei. An diesem Punkte der Ent- wicklung setzt die Eudemische Ethik ein. Daß die Nikomachische Ethik zwar die ßioi beibehält, aber deren Ableitung aus der Dreiteilung (pqdvi^Gi^, äQerrj, f^öovrj be- seitigt, hat seinen tieferen Grund in der veränderten Stellung, die Aristoteles dort gegenüber der cpQÖvr^oic, einnimmt"). Wir können uns hierüber kurz fassen, da wir bereits anläßlich des Protreptikos den Gegensatz seines und des platonischen q)QÖv7](ng- Begriffs zu dem der Nikomachischen Ethik erörtert haben. In der Fassung dieses Begriffs kommt die verschiedene Antwort zum Ausdruck, die Piaton und Aristoteles auf die Frage nach der Be- gründung und dem letzten Maßstab der Sittlichkeit geben. Im Protreptikos hatte die cpQÖv')]oig noch den vollen platonischen Sinn des das ewige Sein und damit zugleich den höchsten Wert theoretisch erkennenden vovg. Der Philosoph allein lebt das Leben der (pQüvriGig. Die Nikomachische Ethik macht die richtige sitt- liche Einsicht nicht mehr von der Erkenntnis des Transzendenten abhängig, sie sucht nach einer /natürlichen' Begründung in dem praktischen Bewußtsein des Menschen und im sittlichen Ethos. Aristoteles . hat daher im L Buch der Nikomachischen Ethik die (pQÖvrjoig mitsamt der Dreiteilung des Protreptikos folgerichtig gestrichen. Die Eudemische Ethik hat sie nicht nur, wie gezeigt ') Plat. Phil. 20 E =) Eine Ableitung der drei ß!oi aus den drei äyad'd findet sich Eth. Nie. A2, 109.T bi4 nicht mehr. Vielmehr soll umgekehrt aus den ßioi erkannt werden, was die Menschen als dya^>öv ansehen. Das ist beim änoÄavaTiKde ßiog die ^öov-^, hem^noÄumds ßlog die zi^iij (nicht &qstii). Beim d'£0)QijTiy.ög ßiog ist Aristoteles ;in Verlegenheit, er kann nicht die (pQÖvrjaig nennen und verweist daher auf die spätere Ausführung (1096 »4): tqItos 6' iazlv d ■&Eü)Qr]Tix6s, ijiiQ Ol' r?;v iniaxexlnv iv rolg inointvotg jioii^aöfu&a. Dazu fügt er noch den xQi]- fiaiiaiijg ßiog, dessen Ziel nÄovzog ist, tilgt also absichtlich jede Spur der alten Dreiteilung. Die neuen ßioL sind einfach psj^chologisch dem Leben abgelauscht, die alten drei ßloi, hatten normative Bedeutung. Dasselbe Verfahren der Aus- lüschuDg beobachteten wir früher hinsichtlich der vier platonischen Tugenden des Protreptikos Eth. Nie. Ki, 1178 a24 (vgl. p. 74). Aufbau der Ethik erwächst aus dem Protreptikos 247 wurde, in dem früheren Sinne beibehalten, sondern entwickelt aus ihr Aufriß und Plan des ganzen ethischen Systems^). Sie kündigt diesen folgendermaßen an: jisqI d' aQexfjg xal (pQOvrja£0)g — beachtenswert ist die Reihenfolge, die der wirk- lichen Folge der Teile der Ethik entspricht — nqibxov d-£(t)Qiqa(Ofisv, irjv XE (pvoiv avxöjv knaxsQov xlg egxi nai nöxegov ^lÖQia xavxa xrlg dyad-r^g ^(ofjg egxiv, fj avxä fj al nqä^Eig al an avxajv. Von der fidovi) will der Verfasser später handeln^). Da die mittleren Bücher der Eudemischen Ethik nicht vorhanden sind, müssen wir die Ausführung der hier angekündigten Absicht an der Niko- machischen Ethik prüfen. Sie hat denselben Aufbau beibehalten, obwohl die cpQÖvTjaig in ihr eine wesentlich andere Rolle spielt, als sie in der Eudemischen Ethik ihr zugedacht war. Die Bücher B — E umfassen den ersten Teil, tieqI dQExfjg. Daran schließt sich in Z die Lehre von der Vernunft und der Erkenntnis, die die Endemische Ethik jteqI q)QovfjaEO)g überschreibt. In der Niko- machischen bedient Aristoteles sich nur noch der ebenfalls in der Eudemischen Ethik begegnenden Teilung in rjd-ixal und öiavorjxixal dqExai und setzt erstere gleich der Lehre nEql aQExfjg, letzere gleich jieqI cpQovi^aEcog. Die (pQÖrtjaig bildet aber selbst in der Nikomachischen Ethik noch den Hauptinhalt dieses Teils. Buch H handelt jieqI fjdovfjg, dazu kommt noch die Behandlung dieser Frage in K. Im Schlußteil des K vollzieht Aristoteles die Synthese der drei ßioi. Die dazwischenstehenden Bücher über die Freundschaft (@ 1) sind zwar auch in der Eudemischen Ethik schon vorhanden, aber sie können ursprünglich nicht hier gestanden haben, wie die begriffliche Struktur der Ethik beweist, die sie durchbrechen und erweitern"). Nur aus der Eudemischen Ethik ^) Daß derselbe Gegensatz, den wir (82 ff.) hinsichtlich der Bedeutung der cpgovrjaig zwischen Protreptikos und Nikomachischer Ethik nachwiesen, zwischen Eudemischer und Nikomachischer Ethik besteht, hat Greenwood, Aristotle Nicomachean Ethics Book VI (Cambridge 1909) bemerkt, an den Kapp a. 0. 48 anknüpft. 2) Eth. Eud. A5, 1216 »37 *) Das Zusammenwachsen der TigayfiareTai des Aristoteles aus einzelnen, in sich abgeschlossenen Untersuchungskomplexen {Äöyoi, f.il&o8oi usw.) habe ich in meiner Entstehungsgeschichte d. Metaph. löOff. nachgewiesen. Damit soll nicht etwa gesagt sein, daß nicht ein durchgehender Gedanke einen größeren Gesamtkomplex solcher Einzeluntersuchungen durchdringe und daß diese auch gedanklich nur locker aneinandergereiht seien. Jene Erkenntnis kommt vor 24« Die Urtthik köumii wir lun-li erkennen, wie der systematische Aufbau der aristolelischen Ethik aus der Dreiteilung im Protreptikos organisch hervorwitchst in drei gesonderten Problemstämmen. Die Krone, zu der sie zusammenwachsen, ist die Eudämonielehre des Schluß- buc'hs, die von den drei Stützen gemeinsam getragen wird. In der Nikomachischen Ethik ist auf die Ableitung dieses Aufbaus in dem einleitenden Buch verzichtet und seine Herkunft bleibt verschleiert. Auch dies ist ein Beweis für die größere ürsprüng- lichkeit der Endemischen Fassung. Ziehen wir nun für die Verfasserfrage die Folgerung: daß . Eudemos nach dem Tode des Meisters willkürlich zu einer Stufe der Entwicklung zurückgekehrt wäre, die dieser längst überwunden hatte, ersclieint zumal im engen Verband der Schulgemeinschaft ausgeschlossen. Die Annahme, Eudemos sei der Verfasser der nach ihm benannten Ethik, muß auf Grund der gewonnenen Einsicht in die schrittweise Entwicklung des ethischen Problems als unhaltbar angesehen werden. Es ist ein in der Geschichte der griechischen Philosophie mehrfach wiederkehrender Fall, dsiß man aus biographischen und persönlichen Motiven zu erklären versucht hat, was in der inneren Konsequenz der Sache selbst seinen Grund hat. Die Entwicklungsreihe: Philebos, Protreptikos, Endemische Ethik, Nikomachische Ethik, ist von unwiderleglicher geschichtlicher Logik. Es ist unmöglich, in ihr ein Glied mit dem andern zu vertauschen. Man konnte bisher über die Stellung der Eudemischen Ethik im Zweifel sein, aber da jetzt zwei Punkte der Bahn festliegen, die Aristoteles' Entwicklung durch- laufen hat, der Protreptikos und die Nikomachische Ethik, deren Echtheit niemand bezweifelt, ist es nicht mehr schwer zu er- kennen, daß die Eudemische Ethik nicht auf der Verlängerung dieser Linie liegt, sondern zwischen ihre Endpunkte fällt. Sie ist die Urethik, wenn es erlaubt ist, mit diesem Wort die älteste Form der selbständigen aristotelischen Ethik, also aus der Zeit nacli dem Bruch mit der platonischen Metaphysik zu bezeichnen. Die Urethik entspricht in der Entwicklung der Sittenlehre des Aristoteles morphologisch der Stufe, die in der Entwicklung seines allem dem Verständnis der Komposition der aristotelischen 'Werke' zugute und hilft uns, die Inkuhärenzen und scheinbaren Entgleisungen in ihnen aus der Arbeits- und Lehrweise des Philosophen begreifen. Mittelstellung der Eudemischen Ethik 249 metaphysischen Denkens die Urmetaphysik einnimmt. Mit dieser stimmt sie überein in der nicht zu verkennenden Absicht, nach der Zersetzung der platonischen Hauptlehre einen wissenschaft- lich haltbaren Ersatz zu schaffen, der zugleich auch dem reli- giösen Bedürfnis Genüge tat und in jeder Hinsicht an die Stelle der Ideenschau zu treten vermochte. Der Gegensatz gegen Piaton mußte zurücktreten hinter dem Ziel, eine neue Form des Piatonismus zu schaffen, die den Tatsachen der Erfahrung an- gepaßt, im übrigen aber so konservativ wie möglich war. Inhalt- lich hängt die Urethik mit der Urmetaphysik zusammen durch die ausschheßlich metaphysische Begründung der Sittlichkeit. Wie Aristoteles durch die Theologie während dieser Periode der Geburt seiner eignen Philosophie noch gewissermaßen leiblich mit Piatons Metaphysik zusammenhing, so mit der platonischen Ethik durch die theonome Moral, die der Begriff der cpQovijoic, dort bezeichnet. Die Endemische Ethik versteht unter (pqovijoic, wie Piaton und der Protreptikos die philosophische Geisteskraft, die in trans- szendenter Schau ') d^s höchsten wesenden Wertes, der Gottheit ansichtig wird und das Schauen zum Maßstab des Wollens und Handelns macht: sie ist noch gleichermaßen theoretische Erkennt- nis des übersinnlichen Seins und praktische sittliche Einsicht. Anaxagoras gilt ihr noch wie im Protreptikos als ein Vorbild dieser d-eoyqia tieqI xijv äZrj&eiav. Die g)oövt]aig ist noch das Lebenselement des Philosophen und des d^scoQrjTixög ßlog. Des- halb wird sie hier auch noch als y.vQia naaojv i7iio%r]ii(bv und 1) Über den Unterschied dieser ■d-eoiQia vom diskursiven, wissenschaftlichen Denken spricht Aristoteles Metaph. & 10. Es handelt sich nicht um Wahrheit im Sinne der empirischen Urteilsbildung, sondern um unmittelbare Anschauung, tastende Berührung {d-iyydveiv) des vorjiöv, das der Gegenstand dieser Erkennt- nis ist, vgl. den Protreptikos (Jambl. 58, 14), wo der cpQÖvifiog definiert ist als -d'ecjQcöv TÖ fidÄiova zaiv övzojv yvcjQifiov. Der Unterschied drückt sich auch darin aus, daß q)Q6vriais nach Eth. Eud. 0 1, 1246 b35 nicht ijiKjTtjfitj ist, die man zum Guten wie zum Schlechten anwenden kann, sondern eine dQei^ des vovs, die die gesamte ^^ig umwandelt und in einem yevog äÄÄo yvwaewg besteht, ä^erij zov vov ist sie auch im Protreptikos (Jambl. 41, 22 S.). Damit steht es nicht im Widerspruch, wenn sie dort (43, 5 ff.) doch in einer iniaziifiri besteht. Dies ist eben jene 'andere Art des Wissens'. Oj-,Q Die Urethik 7ifiiü)tdxr] iniaiiifit] betrachtet'), alles in deutlichem Gegensatz zur Nikomachischen Ethik. Sie ist der Transformator, der die Erkenntnis des ewigen Gutes in die sittliche Intention des Willens umsetzt und auf den Einzelfall des praktischen Handelns anwendet"). In der Niko- machischen Ethik ist sie schlechthin die l'^ig nQay.xixrj und kein Mensch handelt ohne sie. Die philosophische Gotteserkenntnis bildet dort keineswegs ihre innere Voraussetzung. "^Jene ist eine Quelle höherer Einsicht, die nur wenigen Sterbhchen erschlossen ist, ohne daß darum die praktische Vernunft auf den kleinen Kreis der Philosophen beschränkt wäre. AHstoteles versucht also die Tatsache der nichtphilosophischen Sittlichkeit aus dem auto- nomen sittlichen Bewußtsein und seiner inneren Norm zu ver- stehen. Erst zum Schluß fügt er den d-eo)Q7]Ti}tög ßiog diesem Bilde ein, ohne jedoch die ethische dgerri durchgehends von ihr abhängig zu machen *). In der Endemischen Fassung ist er von diesem Entgegenkommen gegen das, was Piaton bürgerliche Moral (örjfiooia äQExrj) nennt, weit entfernt. q)QÖvi]aig ist noch ganz exklusiv die Schau der göttlichen uqx^ und ohne sie ist sittliches Tun nicht möglich, nur daß als Objekt des Schauens an die Stelle der platonischen Ideen der transzendente Gott der Urmetaphysik getreten ist, der eine Metamorphose der Idee des Guten ist. Wie der unbewegte Beweger in der Metaphysik, so ist Gott auch in der Endemischen Ethik noch der Zentralgedanke: sittliches Tun ist für sie Streben zu Gott. Auch der Protreptikos kannte nur ein einziges Ziel des Lebens: die irdisch-sinnliche Welt lassen und aufbrechen zu Gott. 'Es gibt ein Prinzip, außerhalb dessen es kein weiteres Prinzip gibt' heißt es in der Urethik hinsichtlich *) cpQÖvriaig ist d^scogia tieqI zijv äÄ)]&£iav Eth. Eud. AA, 1215 l>2, Protr. bei Jambl. 42, 15—25, y.vQia naaüv iniatrj^üv Eth. Eud. 0 1, 1246 ^2, Jambl. 43,2—7. ■) Eth. Eud. 0 2, 1248 »29 i) yuQ äQerri tov vov ÖQyavov. ') Eth. Nie. K 7 wird das Leben der aocpia und des vov£ göttlich und übermenschlich genannt, K 8 wird diesem höchsten Ideal ö nazä rijv äAÄijv äQEitiv ßio% als zweiter Grad gegenübergestellt, der im eigentlichen Sinne mensch- lich ist. Von dieser nichtphilosophischen dper/J heißt es (^1178 al6): aw^^Ev^xai 61 -/.al >) (pQ6vr,ai,s r/; tov ij&ovs d^eifj y,al aüirj tfj (pQovrjOEi, eltieq al fiev zfjs (pQov>]aeo)g ägx"^ Kaiä zag ■ftd'indg elaiv dQezdg, zö 6" öq&ov zöJv f;&iy-ü)v nazä zTjv (pQÖvTjatv. Die ethische Tugend ruht also in sich selbst und hat ihr Glück in sich selbst. Sie hat auch ihre besondere Vernunft. Die theonome Sittlichkeit der Urethik . 251 der inneren Vorgänge in der Seele. 'Wie es im Universum Gott ist, der alles bewegt, so ist es auch in der Seele. Denn alles bewegt in gewisser Weise das Göttliclie in uns (der vovi^. Das Prinzip aber für die Vernunft ist nicht wieder Vernunft, sondern etwas, was höher ist als die Vernunft. Was könnte nun wohl höher sein als Wissen und Vernunft außer Gott?'*). Hier kehrt derselbe Gedanke wieder, den Aristoteles am Schlüsse seiner Schrift über das Gebet ausgesprochen hatte (S. 163). Die ernstliche Be- schäftigung der Endemischen Ethik mit dem Enthusiasmus, die hohe Bewertung der Mantik, der Tyche und des Instinktmäßigen, soweit es auf göttlicher Inspiration und nicht auf Naturanlage beruht^ kurz die Betonung des Irrationalen steht auf gleicher Stufe mit der Anschauung in IIeqI (piXooocplag, wo die irrationalen hellseherischen Kräfte der Seele als die eine der beiden Quellen, des Gottesglaubens bezeichnet werden. Die Inspiration stellt Aristoteles in der Endemischen Ethik höher als Vernunft und sittliche Einsicht, nicht weil sie irrational ist — aus dem Grunde hatte Piaton echt sokratisch den Logos höher gestellt als den Enthusiasmus — sondern weil sie von Got^ kommt. Der ratio- nalistischen Sittlichkeit geht das Unfehlbare ab, sie ist nur ein Erzeugnis nüchterner Reflexion, während die Treffsicherheit de& Inspirierten wie der Blitz ist: wie ein Blinder, der nicht mehr das sieht, was vor Augen ist, ein weit stärkeres Gedächtnis hat und innerlich alles klar vor sich sieht, so ist der Mann der gött- lichen Eingebung blind und doch treffsicherer als die Sehenden. Es ist für das Verständnis des Aristoteles in seinen mittleren Jahren von unvergleichlichem Wert, daß wir diese Schilderung des Melancholikers und Inspirierten von ihm besitzen, die voll ist eigenen Erlebnisses^). Wie in seiner Frühzeit drückt Aristoteles in der Endemischen Ethik die unmittelbare Bedeutung der Gotteserkenntnis für das sitthche Tun noch durch den platonischen Begriff der absoluten Norm aus "'). In der späteren Ethik tritt dieser ganz zurück, denn 1) Eth. Eud. 6 2, 1248 »23 ^) Enthusiasmus Eth. Eud. 0 2, 1248 a30ff. Mantik a35, 38, der Tyche ist. das ganze Kapitel & 2 gewidmet. Aristoteles unterscheidet eine physische und eine metaphysische eipjx^cc. Mit üe^l (piÄoaotpias fig. 10 berührt sich 1248 »39. ") Der platonische Begriff öqos = Norm, auch mit -Äavdjf verglichen oder umschrieben, wird im Protreptikos (Jambl. 54,22—56,2) eingehend entwickelt. Die Uretbik r die innere Treffsicherheit (evaxoxla) der sittlich durchgebildeten Persünlichkeit, die sicli 'selbst zum Gesetz wird, ist kein scharf ins Aii«?e zu fassendes punktuelles Ziel wie das höchste Gute, im Hinblick auf das die Endemische Ethik zu leben befiehlt. Die Bezeichnung des sittlich richtigen Lebens als Nachahmung (jui- fujaig, imitatio) absoluter Normen finden wir im Protreptikos. In der Nikomachischen Ethik findet sich die bekannte Definition, das sittliche Handeln sei eine richtige Mitte, die 'normiert' wird durch die Einsicht und wie der cpQÖvifiog sie bestimmen würde. Über sie ist viel gestritten worden, da sie ziemlich abstrakt ist und man nicht sogleich sieht, worauf sie zielt '). Am Ende der Endemischen Ethik finden wir nun eine längere Auseinander- setzung über die Norm, im Hinblick auf die der ojiovöalog das sittlich Richtige erkennt und wählt. Wir können aus dieser Stelle entnehmen, wie das Verhältnis der theoretischen und praktischen Vernunft von Aristoteles ursprünglich gedacht war und was er unter dem ÖQd-ög X6yog versteht. Auch der Arzt befolgt in seinem Handeln, heißt es dort, eine Norm, im Hinblick auf die er be- urteilt, was dem Körper gesund ist und was nicht. Man kann also sagen: gesund ist, was die medizinische Vernunft gebietet. Dies wäre freilich ebenso unbestimmt wie richtig. Der Begriff Er ist grundlegend für die methodische und metaphysische Einstellung der spät- platonischen wie der früharistotelischen Ethik. Auch Eth. Eud. £ 5, 1222 b?^ ^9, 1241 b36, 1243 ^29, 0 3, 1249 «21, bi, 19, 22, 24 findet sich dieser absolute Normbegriff. Nach Aufhebung der Ideen, die bis dahin der axoTiög alles norma- tiven Wertens und Strebens waren, übernimmt der GottesbegriS diese Rolle. Auf ihn bezieht sich die Mehrzahl der angeführten Stellen. In der Nikomachischen Ethik hat das Wort ÖQog durchweg eine andere Bedeutung, und der Gottesbegriff wird nicht in das Normproblem hineingezogen. ') Eth Nie. JS4. 1107 «l iaiiv äga 1) d^ert] i^ig TtQoaiQevixi^ iv j^ceaötrjTi ovaa r/; ngdg ^ftug (bQiG^isvTj Äöyo) y.al ihg äv 6 (pQÖvifiog ÖQi'aeis. Der Norm- gedanke taucht hier noch einmal auf. Die Formulierung ist der prägnanteste Ausdruck, den man für den Wardel in der Stellung des Aristoteles zum Norm- problem finden kann. Es gibt eben keine allgemeine Norm mehr für ihn. t^ig y.atä tov 6qx>öv Äöyoi' ist ein Bestandteil, der in der Definition der äQEvri bei allen Piatonikern vorkam (vgl. Z 13, 1144 b21). Das ist zwar richtig, aber alles andere als deutlich, sagt Aristoteles ZI, 1138 b25. Er hat deshalb Eth. Nie. Z den Anteil der cpQÖvriaig an der Tigoalgeaig näher bestimmt. Ihre Funktion be- steht hier nicht mehr in der Erkenntnis der allgemeinen Norm wie im Pro- treptikos, sondern in der Auffindung der richtigen Mittel zur Erreichung des vom sittlichen Willen bestimmten Zieles {zäÄog, ay.onög) vgl. Z 13, 1144 as, 20; 1145 »5. Die Entwicklung des Normproblems 253 der medizinischen Vernunft erhält einen Inhalt erst durch das objektive Prinzip, auf das er bezogen ist, die Gesundheit und ihr unveränderhches Gesetz. Die Medizin besteht also einerseits in der Erkenntnis der Gesundheit, anderseits in der Anwendung dieses Wissens auf den einzelnen Fall. Ebenso ist die sittliche Vernunft einesteils Erkenntnis eines objektiv seienden Wertes {d-£(i}Q7]TiyJv), andernteils Anwendung dieser Erkenntnis auf das menschliche Tun, sittHcher Imperativ (ijiixay.xixöv). Der absolute Wert aber oder das höchste Gute, das die Vernunft erkennt, ist Gott'). Er selbst ist nicht als Gesetzgeber und Befehlender, als Sollen oder Wille zu denken, sondern als in sich ruhendes höchstes Sein. Der Wille und das 'Befehlen' entsteht erst in der Ver- nunft ((pQÖvf]aig), indem sie sich der Anschauung dieses Seins hingibt. Deshalb ist die Wahl aller derjenigen Beschäftigungen und Handlungen und der Erwerb aller derjenigen Güter, die die Gotteserkenntnis befördern, höchste sittliche Pflicht; theoretische Philosophie ist der Weg zur sittlichen Bildung des Menschen. Sitthch schlecht und verwerflich dagegen ist alles, sei es Gut oder Tat, was den Menschen daran hindert, Gott zu dienen und ihn zu erkennen (xöv d^ebv ^sgaTiEveiv xal d-£0}Qsiv)"). Bekanntlich ist es noch heute eine gebräuchliche Definition der Rehgion: deum colere et cognoscere. Der Schluß der Endemischen Ethik ist die klassische Urkunde der theonomen Sittlichkeit im Sinne des späteren Piaton. Gott ist das Maß aller Dinge. Indem Aristoteles sie aus dem Zusammenbruch der Ideenlehre in die neue Ethik hinüber- rettet, ist er sich bewußt, den bleibenden Kern der platonischen Sitthchkeit zu bewahren : den Gedanken der absoluten Norm und ') Eth. Eud. 0 3, 1249 »21 bis Schluß. Auch hier polemisiert er gegen die ündeutlichkeit der akademischen Definition, die Norm sei Q6vrjai,g überhaupt noch undifferenziert und eine allgemeine i7ii(7i>'if.it]. 2) Eth. Eud. 0 3, 1249^20 or.i Die ürethik die metaphysische Transzendenz des Guten, der dem Platoniker zur Quelle eines neuen Gotteserlebnisses geworden war. Es war kein Irrtum, wenn man seit jeher Eudemos, den angeblichen Verfasser dieser Ethik, für einen frommen Mann gehalten hat. Mit dem Hilde, das man sich von Aristoteles machte, war das alles unvereinbar. Es ist die religiöse Inbrunst seines platonischen Jugendglaubens, die aus seiner ersten Vorlesung über Ethik weht. Neben dieser Ethik des reinen Gottesdienstes verblaßt die berühmte Schilderung des ßloc, d'EOjQTjxixög im X. Buch der Nikomachischen Ethik fast zu einem bloß objektiven Idealbild des der Wirklichkeitsforschung gewidmeten Gelehrtenlebens, das sich am Ende zur Intuition der höchsten Kraft aufschwingt, die die Sphären lenkt. W^ohl klingen auch in diesem Bude die früheren Töne wieder an, allein sie haben nicht mehr ganz ihre alte Kraft. Die Stärke der späteren Ethik liegt mehr in den Teilen, die die Analyse der positiven sittlichen Typen enthalten und in ihrer lebenssatten Humanität. Mit der d-eoQia dsov hängt ursprünghch die Theorie der Freundschaft eng zusammen, die sich in der Nikomachischen Ethik zu einer allgemein-soziologischen Lehre von den mannig- faltigen Formen der menschlichen Beziehungen erweitert. Diese reichgegliederte Phänomenologie des Gemeinschaftslebens würde uns kaum noch den engen Zusammenhang der aristotelischen Freundschaftsphilosophie mit Piatons Ideenlehre erkennen lassen, wenn wir nicht die ältere Ethik daneben hätten, die uns ein deutliches Bild der dem Aristoteles ursprünglich vorschwebenden Methode gibt. Die transzendente, allgemeine Idee des Guten ist hier durch idealisierende Typenbegriffe ersetzt, wie dies in der älteren aristotelischen Ethik und Politik allgemein geschieht. Diese Idealtypen sind erfahrungsimmanent, doch normativ, nicht bloß beschreibende. Durchschnittsvorstellungen, die von der Er- fahrungswirklichkeit abgezogen sind. Der wichtigste dieser normativen Typenbegriffe ist die jiQcbvr] (piXia, aus der in der E ddemischen Ethik alle Arten der Freundschaft 'abgeleitet' werden. Sie ist unmittelbar aus dem in Piatons Lysis entwickelten Be- griff des uQÖjzov (pUov hervorgegangen*). Aber während dieses ') Plat. Lys. 219C. Entwicklung des Ideals der TiQüivr] cpiÄCa Eth. Eud. H2, 6 tiqCjios fpi^'os H2, 1236 b28. Platonisierende Lehre von der 7iqü)T7] £fi£v '). Unmittelbar vorher heißt es in der Nikomachischen Ethik, es sei notwendig, nicht nur von den allgemeinen Prinzipien aus, sondern auch unter Verwertung der herrschenden Ansichten (dUä xai ix xG)v ?,Eyo^iEvo)v tieqX avtfig) über das Wesen der Eudämonie zur Klarheit zu kommen. End- lich findet sich auch in der Politik die gleiche Einteilung wieder: vofiioavxag o^v Ixavwg noXXä XsyEod^ai xai xcov ^v xoig 1) Eth. Nie. .4 8, 1098 bl2 Exoterische Äöyot in der Eudemischen Ethik zitiert 259 i^(üT£Qixolg Äöyoig tceqI xijc, äqiaxric, ^cjfjg xal vvv xQ^ot^^ov adiolg' o)g äÄrjd^cog yäq ngög ys filav öiaiQsaiv ovöelg dfi(piaßr]T^aeiEV äv d)g ov TQiöJv ovaojv (leqiöov, xcHv %e exiög xai xCjv ^v acofiari xal xd>v Ev %fi ipvxfi, ndvxa tavxa xxX. '). Auch hier wird die selbe Einteilung den exoterischen Aöyoi entlehnt, und zwar nicht nur die Einteilung als solche, sondern auch die an sie anknüpfende Untersuchung des besten Lebens. Spricht doch die Stelle der Politik ausdrücklich von den exoterischen Xöyoi tceqI dQiaxrig ^(orjg, deren Grundgedanken man in die vorliegende Erörterung auf- nehmen müsse. Zeller, der den Eudemos für den Verfasser der Ethik hielt, suchte die Berufung auf die exoterischen Äöyoi so zu erklären, daß Eudemos zwar lediglich die Stelle der Nikomachischen Ethik wiedergebe, wo es heißt, man müsse von den herrschenden Meinungen über die Eudämonie {ix x(bv X£yofA,epo)v tieqI avxiig) aus- gehen. Er habe diese vage Bezeichnung aber durch den Aus- druck xad^djTEQ öiaiQovfisd'a iv xolg E^oixEQixolg Xoyoig ersetzt, den er der Politikstelle nachgebildet habe '^). Wie Eudemos aber dazu kommen sollte, in der ersten Person {diaiQovfiEd^a) von einer Schrift des Aristoteles zu sprechen, bleibt bei dieser Auffassung unklar. Wir erkennen jetzt, was man damals nicht sehen konnte, daß eine Lösung der Frage der exoterischen Xöyoi unter der Voraussetzung, daß Eudemos der Verfasser der Eudemischen Ethik sei, überhaupt nicht möglich war. Denn entweder folgte man wie Bernays dem gesunden philologischen Instinkt und Stilgefühl und verstand unter jenen ?^öyoL wirkliche Schriften des Aristoteles: dann geriet man mit dem Zitat der exoterischen X6yot in der Eudemischen Ethik in unlösbaren Widerspruch *). Oder man ging von eben dieser Stelle des Eudem aus und konstruierte mit unbekümmerter Folgerichtigkeit eine möglichst nichtssagende Bedeutung von 'exoterisch', die weniger eine Erklärung als eine Ausflucht aus dem Dilemma war und sich über alle Forderungen 1) Pol. Hl, 1323 a21 2) Hermes Bd. XV 554 *) J. Bernays hat seltsamerweise, soviel ich sehe, gerade die Stelle Eth. Eud. B 1 nicht berücksichtigt, obgleich er alle Stellen des Aristoteles syste- matisch bespricht, wo die iiiuregiKol Äöyoi erwähnt werden. Von ihr aus war sein ganzes Gebäude nach damaligen Voraussetzungen umzustürzen. 17* Of^O Die ürethik phil()lu;,M.stlHT Interpretation gewaltsam hinwegsetzte'). Nach- dem (he Eudemische Etliik dem Aristoteles zurückgegeben ist, stellt der Bernaysschen Vermutung nichts mehr im Wege, daß die exoterischen Xöyoi bestimmte Schriften und zwar die lite- rarischen Werke des Aristoteles waren. Ihre Bestätigung empfängt sie durch das neue Material, ohne das sie eine bloße Hypothese bliebe, nur daß es sich im vorliegenden Fall nicht um einen Dialog handelt, wie Bernays annahm, sondern um den Protreptikos. Protr. 52, 12 Eth. Eud. B 1, 1218 b32 ioate lä likv äXXa (seil, xu ndvza örj xä uyad-ä i} ehxoc, kxiög) öei jigärxeiv ^'vexa xajv f) (^iv aöjfiaxi ^ iv) '^vxfj, aal iv aurip yiyvo^svoiv dyad-öjv, xovxoiv alQEXojxsQa xä iv xrj xomoiv de avxibv xä fiev iv x(p V^vxjj, Jia&djiSQ öiaigovfiEd'a oiofiaxt xibv iv tfjvxfj, xijv öe xal iv xolg i^cjxeqixoig Xö- dQETT]V xfjg q)QovrjaE(og ' xovzo yoig. ydq iaxiv dxQÖxaxov (folgt Defi- nition der dyad-d). Protr. 59, 26 ovxovv xrjv Evdaifioviav xi&e- a fixoi (pQÖvriaiv Elvai xai ^^^«'^^ ^"^ ^^^^~' ^^ ^' ^'^^« ^ xiva oo(piav ^ xi^v dqExfjv ^ xö ^«'^^^ ^^'^^S eivai öoxel uäaiv. fidXioxa xf^'Q^f^v ^ ndvxa xavxa (folgt nähere Ausführung). Protr. 41, 20 Eth. Eud. 1219 b 28 xfjg ÖE xpvxrjg xö fikv Xöyog ^^oxeIo&o) ovo fiEQij tpvxfjg xä iaxlv Ö71EQ xaxä cpvoiv äQxei xai '^^>'^^ liexixovxa ov xbv ai>xöv XQIVEI UEQl fl^OJV, xö ö' i'TlEXal ^^ '^^^^^^ flSXEXSlV XöyOV äfirpOi, TE xal jiicpvxEP äQxea^ai. ^^^^ ^^ '"^*' ^^ ^^i^dxxeiv ^ xö Öe x(p jiEid^Eod-ai xal dxoiJEiv jiEq)vxEvai. Die in der Endemischen Ethik fertig übernommenen und in eilfertiger Form miteinander verbundenen Gedankenbaustücke finden sich im Protreptikos nicht nur großenteils in wörtlich an- ') H. Diels. Über die exoterischeu Reden des Aristoteles, Ber. Berl. Akad. 1883 p. 477ff., über die Eudemosstelle 481. Seine Gründe scheinen allgemein durchgedrungen zu sein, was man nach Lage der Dinge begreifen kann/ Heute bleibt nichts übrig als einzugestehen, daß sein Weg ein Irrweg war. Aber umsonst war auch er nicht, weil er ehrlich war. Die Eudemische Ethik schöpft aus dem Protreptikos 261 klingender Prägung wieder, sondern, was wichtiger ist, in ihrem vollen organischen Zusammenhang. Protr. 41,22 näv de E'Ö didxEiTai xaxä xi]V oiy.eiav äQE%r}v %b yäq TETVxrixEvai tamrjg äyad-öv eoti. xai iiijv 5xav je e'x]] tu fiäXiota xal nvQiöixaxa aal xifiicjxaxa xrjv dqExrjv, xöxe ev öidxEixai ' xov ßE^xiovog äqa (pvoEi ßsA- xi(ov iaxlv fj naxä q)vmv ägExr}. ßEkxiov ÖE xb y.axä (pvöiv dqxi- xoyxEQOv aal iidXlov fjyEfioviaöv, ai, ueX romoiv xö ßiXTiaxov E'gyov ioiiv , dlov iaxQixov vysia xal xvßEQvijiov aont]Qia. ßsAxiov ÖE OVÖEV E'xOflEV ^EJEIV ^QyOV T?/S öiavoiag f) lov öiavoov- fiEvov T//S H>vx}ig f^fiMV dZt]- d-Eiag. dXi]d-Eia äga tö xvqiöj- rarov sQyov iozl tov fioqiov tö xvQxbv döiax(Jt)Qioxov, xal xö Evd-v xal xb XevxÖ7'. xaixoi xö Etjx^v ov Xevxöv, äXXu xaxä avfi- ßEß7]xög, xal ovx ovola [xov] avxov. dcpfiQrjxai de xai el xi äXXo iaxl fiigog ipvxtjg olov xö (pvxixov. dvd-QOJnivrjg yäg xpvxfi9 "fß EiQt]fiEva fiöQia (seil, xd Xoyov fiEvixovxa) löia. öiö. O'öÖ' ai dQExal al xov d^QETlXlXOV xal ÖQEXXIXOV äv&QOJ- nov. ÖEi y(iQ, Ei II ävx^Qionog, XoyiOfiöv EVEivai [xal] dgx^v xai 71 Qd^ IV ... xal üotieq 'fj EVE^ia ovyxEixai ix xojv xaxä fiÖQiov dQExüv, ovxoi xal 7) xfjg tf}vxt)g dqexr] fi xiXog (sc. avy- xEiiai). dQExfjg ö^eiötj ovo, fi fiev rid-ixf], fi ÖE öiavot]xix^. xovxov xijg tpvxrjg. In der Ethik sind die Gedanken mehrfach umgruppiert. Der logische Aufbau ist im Protreptikos lichtvoller und planmäßiger. Die Ethik hat als Überschuß die Beispiele, die induktiv {kx xijg inaycjyijg) den Zusammenhang von EQyov und aQExr; erläutern. Die eigentliche Anwendung auf die Seele, die im Protreptikos von ovxovv ipvxi] fiEv an in musterhaft klarer Form gezogen wird, deutet die Ethik nur mit den Worten an: ü)0xe xal tpvxfjs, die alles Nähere der mündlichen Ausführung überlassen. Es ist möglich, daß Jamblich die Beispiele in seiner Vorlage las und gestrichen hat, doch da es nur die abgedroschensten Schul- beispiele sind, so ist es wahrscheinlicher, daß Aristoteles sie in der literarischen Schrift überhaupt nicht anführte, sondern erst für die Vorlesung hinzugefügt hat. Ebenso steht es mit den Beispielen für die Uutrennbarkeit der Seelenteile (xolXov und xvQiöv) im zweiten Abschnitt. Hier zeigt sich im übrigen deut- lich die verschiedene Zielrichtung beider Schriften. Im Protrepti- kos war die theoretische Vernunfterkenntnis {(pqovrjoig} das alleinige Ziel des Menschenlebens. Der d-ECJQtjxixög ßiog schwebt hoch über allen übrigen Zielen und sondert sich schroff von ihnen Benutzung und Weiterbildung des Protreptikos 263 ab. Der Begriff der Seele, die dort als das Wesen des Menschen bezeichnet wird, ist die unteilbare Einheit der reinen Denkseele (im Sinne der spätplatonischen vovg-hehre), die das animalische und vegetabilische Dasein, aber auch Wollen und Begehren von sich abgestreift hat. In der ethischen Vorlesung dagegen heißt es, es komme nicht darauf an, ob die Seele eine Einheit sei oder aus Teilen bestehe, und wie gleichberechtigt tritt neben das Denken {^oyta/iög) jetzt das praktische Handeln (jigä^ig). Die Eudämonie ruht hier für Aristoteles auf dem Zusammenwirken und dem Gleichgewicht der rationalen und irrationalen Seelen- kräfte. Das ist mehr als bloße Rücksichtnahme auf das normale Leben und seine Forderungen, es ist ein neues Ideal, das die Schroffheiten des früheren rein intellektualistischen Standpunktes zu überwinden sucht (vgl. besonders 1219 1)39— 1220 »5). Des- halb mußte Aristoteles jetzt diejenige Partie des Protreptikos unterdrücken, wo die reine d'so)Qia als das allein wertvolle und wesentliche iQyov der menschlichen Seele hingestellt wurde (S. 42, 22—43, 25). Alle in der Ethik vorgenommenen Änderungen ergeben sich folgerichtig aus dieser Verschiebung des Grund- gedankens. Auch im ersten Buch bildet der Protreptikos den Grundstock der Ausführungen der Eudemischen Ethik. Von den ersten vier Kapiteln wurde dies bereits früher durch die Analyse des Gedankengangs bewiesen. Das sechste Kapitel handelt über die neue ethische Methode, und es wurde bereits gezeigt, daß es sich durchweg polemisch auf den Protreptikos bezieht (S. 242). Aber auch der größte Teil des fünften Kapitels stammt direkt aus dieser Schrift, wie folgende Gegenüberstellung zeigt. Es handelt sich um den Nachweis, daß das Leben nicht an sich das höchste der Güter ist, sondern erst die cpqövriaLc, ihm Wert verleiht. Protr. 45, 6 Eth. Eud. A 5 TiavTL drf[ovv\ tovtö ye nqödri- neql no^Xojv (iev ovv yial kov, (bg ovdelc, äv eXoixo ^i]v Itsqcov ov ^adiov xö XQivai xaXöjg, e%(s)vxi}v ixeyiairiv an ävd-QOiTioiV fiäXiaxa öe neql oh näm ^äaxov ovoiav xal övvafiiv, i^Eaxrjxtbg elvai öoxei xal Tiavxög dvd-Qcbjiov fiEVxoi xov (pQovelv xai fiaivö- xö yvöjvai, xi xcov iv xc^ l^fjv jiiEvog, ovo' et fieÄZoi xäg veavi- uIqexöv . . . noAXä ydg loxi xcoxärag fjöoväg öidysiv x^^dQOiv, xoiavxa xöjv dnoßaivövxoiv (bojiEQ Svioi XÖJV naqacpQO- dt' ä UQotEvxai xö ^fjv, olov LMii Die Urethik rnvvT(i)r dtdyot^aiv. ovxovp (i(pQoai''rrjv wg totxF fidP^iara TTfh'TFg (pevyovaiv. h'avxlov ök (fQoftjOig äqqoovvri, xüv d' ivav- il(oi' txdiEQov TÖ ^EV (pevxxöv (an lö öt aiQExöv. &onEQ ovv tÖ xdfiVEIV (pEVXXÖV, OVTOjg alQE- töv ijfilv %b vyialveiv. q)Q6prjaig ovv, ai7idZiv odösig äv "bnofiEivEiEv sif (pQovcbv. fVf ÖE noXXd xdv xe lirjÖEpiiav Ix^^'"^^^ fiöovijv ^ Xvnriv, xai xüv ix^^^^^ f^^'^ fjöovijv fiTj xaXi]v öe, xoiavx' iaxiv &ax£ xb ßi] Eivai xqeIxxov Eivai xov ^fjv. öXog ö" ei xig änavxa avvaydyai öou nQdrxovoi /HSV xai ndaxovaiv unavxEg, ExövxEg iiEvxoi (ii]ÖEV avxo)V öiä xb firiö' avxov %«()£^, xai nqoo- d-Eif] XQovov nXfid-og djiEqavxöv XI, ov fiäXXov EVEx' dv xig xovxov i'XoiTO ^i]v 'f) ^t] ^r^v. dXXu fdtjv ovÖE öiä xTjv x^g xQOCpijg fidvov fiöovrjv •?) xfjv xiöv dfpQoöiaioiV, d(paiQEx)-Eia(i)v xüv dXXcov fiöov(bv, äg xb yivojoxEiv f] ßX^EUEiv ^ TOJ»^ dXXcov xig a}a&t]a£(ov jioqi^ei xoig dv&Q(b- Jioig, ovo' äv Elg ngoxifirjOEiE xb t,fjv fii] navxEXoig (hv dvöqdnoöov. öijXov yäg öxi xcp xavxf^v noiovfiEvco xijv aiQEOiv OVÖEV äv ÖlEVEyXElE yEVEG&ai d-fjQiop f} ävd-Q(onov' . . . öfioioig ÖE oi)ÖE öiä XIJV xov xa^Ev- ÖEiv f]öovtjV xi yaQ öiacpEQEi xa&EvÖEiv dviysQxov vjivov dnb xijg jiQcbxTjg '^juigag fiEXQi i'fjg xEXEvxaiag ixcöv ägid^fibv yjXlcov •i) ÖJiooiüvovv, f) ^fjv övxa qwxöv, Freie und wörtliche Protreptikosbenutzung 265 Diese übereinstimmenden Gedankengänge sind nicht zufällig einander so ähnlich. Es ist nicht daran zu denken, daß Aristo- teles einfach an beiden Stellen eine ihm geläufige Ansicht un- bewußt ähnlich formuUert hätte. Allen Zweifel behebt das wenige Zeilen weiter folgende Protreptikoszitat : Protr. 51,11 Eth. Eud. ^5, 1216 all xal ""Ava^ayoqav öi (paoiv xbv /tiev ovv Ava^ayoqav eItieIv iQ(o%i]d-£vxa xivog äv (paolv dnoxQivaod^ai ngög xiva evExci eXoixo ysvsad^ai Tic, xal öianoQovvxa roiam' äxTa xal t,'fjv, dnoxQlvaod-ai JiQÖg xrjv öiEQcoxojvxa xlvog ivsx' äv xig EQ(bxr]Oiv , (x)g 'xov d-Eäoaodai eXolxo yEVEod-ai (.läXXov *} ixi] \xä ueqI] töv ovqavbv xal xä yEVEod-ai, 'xov' (pdvai '^Q-ECüQfioai jieqI avzöv, äoxqa xe xal OEXrjvrjv xbv o-öqavbv xal xijv jxeqI xbv xal i'iPuov, cüg x(bv äXXoiv yE öXov xööfiov xä^iv\ jidvxoiv ovÖEvbg d^icov övxoiv. Da mit diesem Repräsentanten des d^ECüQt]xixbg ßlog in der Eudemischen Ethik die Vertreter der beiden anderißn ßioi eng zusammenhängen und die Abhängigkeit vom Protreptikos gerade hier eine fast wörtliche ist, so darf man wohl auch das folgende bis 1216 a27 auf die Vorlage zurückführen. Hier wird Sardanapal als Vertreter des Genußlebens dem Anaxagoras gegenübergestellt, neben ihm Smindyrides der Sybarit xal xcov äXXu>v xivkg x&v t,(bvx(x)v xbv drcoXavoxixbv ßiov. Diese alle halten die Eudämonie und das sinnliche Vergnügen für ein und dasselbe. Daß auch die Vertreter des duoZavoxixbg ßiog, die die Endemische Ethik nur so kurz streift, und die des Tiohxtxbg ßiog, für den sie über- haupt keine Beispiele nennt, im Protreptikos vorkamen, wäre schon an sich wahrscheinlich. Der Gedanke paßt in seiner plastischen Kraft mehr zum Stil des literarischen Werkes als für die Vorlesung. Aristoteles bringt ihn in der Ethik gar nicht zu seiner vollen bildhaften Wirkung, sondern macht eine trockene Aufzählung daraus. Wir finden aber bei Cicero zweimal ') 1) Cic. Tusc. disp. V 35, 101; de fin. II 32, 10(1. Rose führt beide Stellen als mutmaßliche Auszüge des Dialogs Ile^l diKaioavvijg (frg. 90) an. Auch Bernays vermutete darin Reste eines aristotelischen Dialogs (a. 0. 84), er riet auf den Nerinthos, von dem wir nichts wissen. Die Stelle Eth. Eud. Ab, 1216 » 16 hat er nicht zum Vergleich herangezogen, wohl aber die aus ihr abgeleitete Eth. Nie. AS, 1095 bl9. Sie ist wie die meisten Spuren des Protreptikos in diesem späten Werk nur noch ein ganz ferner Nachhall. ono Die ürethik eine Aristotelesstelle zitiert, die den exakten Beweis für die Her- kunft auch dieses Stücks aus dem Protreptikos erbringt. Cicero weist die Lehensauffassung des Sardanapal zurück und führt dabei das Grahepigramin des Königs an, das er in lateinische Hexameter übersetzt. Wir geben die Verse lieber in der bei Strabon überlieferten' griechischen Form: TavT t'xo} öaa ^(payov xai kcpvßqioa aal fiE%' l'QCJTog TtQJiv ^na^ov, %ä öe noXXa. xal ölßia nävxa leXeimai. (licero sagt ausdrückhch, daß er sowohl die Grabschrift des Sardanapal wie die geistreiche Abfuhr der frivolen Lebensauf- fassung, die sich in ihr ausspricht, dem Aristoteles entnommen hat. Die Ähnlichkeit mit der Stelle der Eudemischen Ethik darf nicht dazu verführen, eine Benutzung der letzteren durch Cicero oder seinen Gewährsmann anzunehmen, da die beiden Hauptzüge dort fehlen. Sie finden sich in keiner Lehrschrift des Aristoteles, und da man in jenen Zeiten noch ausschließlich die literarischen Werke des Philosophen las, so liegt unzweifelhaft ein solches dem Zitat bei Cicero zugrunde. Seine Übereinstimmung mit der Eudemischen Ethik erklärt sich durch gemeinsame Benutzung des Protreptikos. Noch klarer wird dies durch die genauere Betrachtung der übrigen von Cicero erhaltenen Aristotelesworte: 'quid aliud, inquit Aristoteles, in bovis, non in regis sepulcro inscriberes?' Ob Aristo- teles wirklich gesagt hat, man hätte die Grabschrift Sardanapals mit dem gleichen Recht auch einem Rinde setzen können, ist nicht mehr festzustellen. Mir erscheint die leicht moquante Art des Philosophen darin zwar unverkennbar, doch klingt die Fassung etwas vergröbert. In der Eudemischen Ethik heißt es nun un- mittelbar vorher (1215 b35) über das Leben des reinen Sinnen- genusses: ein Leben der bloßen Genüsse des Gaumens und der Geschlechtslust, ohne die übrigen Arten reineren und höheren Vergnügens, könnte nur ein Sklave sich wünschen. 'Dem, der sich so entschiede, läge wohl auch nichts daran, ob er ein Mensch oder ein Tier wäre. Jedenfalls kann der bekannte Stier in Ägypten, den man doi't als Apis verehrt, sich in dieser Hinsicht mehr ausleben als alle Älonarchen.' Daß diese Worte aus dem Protreptikos herrühren, wird dadurch wahrscheinlich, daß die vorangehenden wie die folgenden Worte (1215 bi5— 34-, 1216 ^•^2—10 und 1216 all— 16) mehr oder minder w^örtlich dorther Durchgehende Benutzung der exoterischen Schriften 267 stammen. Die Vergleichung des Apisstieres mit den Monarchen wirkt in der Ethik etwas seltsam und ist kaum verständlich, da vorher nur gesagt war, ein solches Leben könne nur ein Sklave wählen. Aber Cicero zeigt, daß im Original der göttliche Stier der Ägypter verglichen war mit dem königlichen Lüstling Sarda- napal. Erst jetzt versteht man, was es heißen soll, der Apis habe in sinnlichen Genüssen mehr Freiheit als sämtliche Monarchen der Welt (1216 a2). Aristoteles hat den Protreptikos etwas sprunghaft exzerpiert. Damit ist der größte Teil des fünften Kapitels (bis 1216 a27, dem Gedankeninhalt nach bis a36) auf den Protreptikos zurückgeführt. Die Auszüge und Erweiterungen des Protreptikos reichen in der Eudemischen Ethik also viel weiter als dies durch aus- drückhches Zitat der exoterischen Schriften angedeutet ist. Es finden sich aber noch andere Stellen, wo zweifellos der Protrepti- kos benutzt ist, so vor allem in dem sog. Buch @, dessen Lehre von der d-ecoQia xai d^Eqansia &£ov aus jener von tiefer Religiosität . er- füllten frühen Schrift übernommen ist. Nach dem Protreptikos klingt auch 0 3, 1248 b27— 34 (vgl. frg. 57 R.). Schließhch sind noch einige merkwürdige Stellen zu erklären, um die man sich nicht genügend gekümmert hat. Zwei von ihnen stehen in dem 8. Kapitel des ersten Buchs. Aristoteles zeigt dort, daß die Idee des Guten nicht das gesuchte höchste Gut sein könne, er zieht also für die Ethik die Folgerungen aus der Widerlegung der Ideenlehre. Für die Widerlegung selbst beruft er sich auf eine veröffentlichte Schrift: ineuxenzat ök noZAolg neql avxou xQÖTioig xai SV Tolg e^coteQixolg Xöyoig zal iv Toig naxä (piXoao(piav '). Unter den xqötcoi der Kritik versteht er die Widerlegung der Ideen vom logischen, vom ontologischen und vom physikalischen Standpunkt aus, was in der Metaphysik deutlich geschieden wird. Die exoterische Widerlegung der Ideen, die nicht -etwa im Gegen- satz zu den yiaxä (piXoaocpiav Xöyoi "populär' bedeutet, wie man hat verstehen wollen, die vielmehr in der Metaphysik, w^o Aristoteles sich gleichfalls auf sie stützt, ausdrücklich als die eingehendste und umfassendste vorhandene Behandlung der Frage bezeichnet wird, ist die Kritik im II. Buche UeqI (pUoaocpiag, die gerade veröffent- 1) Eth. Eud. ^8, 1217 b 22 Dpg^ Die ürethik liclit war, als die Vorlesung über Ethik in Assos gehalten wurde'). Die xaxu (pdooocplav Uyoi sind die schulmäßigen Vorlesungen, insbesondere natürlich diejenige über Metaphysik, die gleichfalls eben damals entstanden war. Auch das zweite Zitat in dem- selben Kapitel bezieht sich auf den Dialog UeqI (piXoGorpiagi in xal TÖ iv t^ Xöyco ysyQafi/nevov ■ f) yuQ oi)Ö€fii^ xQ^^^^f^ov atxb tb tov dyad-ov elöog T/ ndaaig öiioioic,' hi ov nqaxTÖv xtX.^). Die folgenden, nur ganz kurz angedeuteten Argumente gegen die Idee des Guten gehören ebenfalls zu dem Auszuge aus dem Dialog. Was 'geschrieben steht', ist für andre zugänglich und kann in dem Äoyog nachgeschlagen werden. Es ist also eine literarisch veröffentlichte Schrift gemeint, deren Titel in dem Kreise, wo Aristoteles dies vortrug, nicht genannt zu werden brauchte, weil sie allen bekannt war. Das ist eine Bestätigung dessen, was wir schon aus der starken Heranziehung des Pro- treptikos schließen würden: daß Aristoteles in der Zeit seiner ersten Lehrtätigkeit sich beständig auf seine Dialoge und den ') In diese Zeit wird man die Endemische Ethik setzen müssen 1. wegen der sehr nahen Beziehungen zu den genannten Frübschriften, die später in der Nikomachischen Ethik nach Möglichkeit getilgt sind, 2. wegen der problem- geschichtlichen Parallelität mit der älteren theologischen Phase der Meta- physik, 3. wegen der lockeren Einarbeitung der gegen Piaton kritischen Partie ^6 — 8; die mit dem Protreptikos zusammenstimmenden Stücke sind scheinbar Reste einer noch in der Akademie entstandenen Vorlesung; 4. terminus 2^ost quem ist der in ^ 8 erwähnte Dialog Ile^l (piÄoorotplag 348/7 ; 5. der in der Nikomachischen Ethik absichtlich nicht mehr erwähnte bezw. gestrichene Assier Koriskos wird als Schulbeispiel Eth. Eud. B 1, 1220 al9 und H 6, 1240 ^25, an beiden Stellen mit offenkundigem Humor, angeführt. Seine Charakterisierung als d twv iv zfi äyog^ fieÄdwazog hat im Gedankenzusammenhang keine Not- wendigkeit. Sie ist nur aus dem Zusammenhang des gesprochenen Worts mit der Situation, in der es gesprochen wurde, zu erklären. *) Eth. Eud. -4 8, 1218*36. Dieses und das demnächst zu besprechende Zitat in Buch H hat Wilson und im Anschluß an ihn Susemihl athetiert. Die Zitierart erschien ungewöhnlich. Aber in der Menge der Anführungen der exo- terischen Schriften, die sich in dieser frühen Zeit finden und die ein syste- matisches Ineinandergreifen von Schriftstellerei und Lehrtätigkeit verraten, hat das nichts merkwürdiges an sich. Daneben beruft sich Aristoteles auf münd- liche Erörterungen der Akademie z. B. Eth. Eud. H6, 1240 »22 änd 6k tfjg nQÖg abtöv iieois ol Xomol zQÖnoi zov (piÄeiv öiioQiafiivoi, xad' odg iv loig Äöyoig ircianoTieiv eliL&aftev: eine Untersuchung an Hand der gebräuchlichen Definitionen, offenbar dialektischer Art, wird zitiert. Ell, 1244 »20 y.al ol iv totg Äöyoig 8qoi xfi^ (piXCag, Ineiuandergreifen von Schriftstellerei und Lehrtätigkeit 269 Protreptikos stützte und deren Kenntnis bei seinen Hörern vor- aussetzte. In Buch i? findet sich (1244^30) ein ähnhches Zitat &an£Q Ev TCO ^öyo) yeyqamai, und wenige Zeilen weiter (b34) öeI yäq ci,ua ovvd^Elvai ovo iv tco ^oyo), öri te xb ^f]v uIqetov, xal öxi tb dyad-öv . . . Die folgenden Worte sind verderbt. Die beiden Sätze Mn der Schrift', die man miteinander verbinden soll: daß das Leben an sich ein* zu bejahender Wert ist und daß das Gute an sich vom Willen bejaht wird, standen im Protreptikos. Dort hieß es, die Bejahung des Willens zum Leben sei zugleich eine Bejahung des Triebes nach Erkenntnis, denn Leben ') bedeute für den Menschen im Gegensatz zu den Tieren und Pflanzen Be- wußtsein und Erkennen {aia&ävEod-ai, yvoiQi^Eiv). Eben dies aber lesen wir einige Zeilen vorher in der Endemischen Ethik (l»23). Unmittelbar daran schließt sich das Zitat &ojieq ev toj Xoyc^ yi- ygamai. Auch dort ist der Text durch Ausfall eines Wortes korrupt, doch der Sinn ist klar: wenn einer das Experiment machen könnte und aus dem Menschen das Erkennen und das Bewußt- sein herausschnitte, und er hätte trotzdem noch Einblick in den Zustand dessen, was dann noch von ihm übrig bUebe, so würde dies nicht anders sein, als ob er in ein fremdes Wesen hinein- schaute und als lebe ein anderer statt seiner. Die Stelle ist im Protreptikos nicht erhalten, stand aber zweifellos darin, denn gerade die Methode des Herausschneidens, Wegnehmens, Iso- lierens, für die Aristoteles sich auf den Xoyog beruft, wird dort beständig angewandt"), und der Gedanke, daß die Erkenntnis und der Geist das eigentliche Selbst des Menschen sei, begründete dort die Aufforderung, nur diesem höheren Teil zu leben. Die philosophische Erörterung in der Schule zu Assos hat sich also zu der Zeit, wo die älteste Vorlesung über Ethik entstand, wesentlich um diese Schriften gedreht. Das alte Problem der exoterischen ?.6yoL hat damit seine endgültige Erledigung gefunden. Es ist nicht nur die Tatsache der Benutzung der literarischen Schriften des Aristoteles in seinen Vorlesungen erwiesen — dies hätte eigenthch nicht nötig sein sollen, da er selbst mehrfach deutlich von Benutzung (xQrja^ai) ») Jambl. Protr. p. .Vi, 22, dasselbe 44. 11 2j Jambl. Protr. p. 44, 11; 5,8; 18; 25; 53,3, vgl. Eth. Eud. ^ 5, 1215 b32; H 12, 1245 al4;ö3, 1248 a :^9, 40; ^2 .,-,, Die Urethik dieser h'>yoi spriclit — sondern die benutzten Schriften selbst sind an Hand des neuen Materials nachgewiesen und die philo- sophische Erklärung des merkwürdigen Faktums ist gefunden. Ks liitngt mit der Entwicklung des Philosophen zusammen. In der ersten Zeit nach dem Bruch mit Piatons Lehre, als ein voU- stUndiger Neubau in den Hauptdisziplinen nötig wurde, nahm Aristoteles aus seinen früheren Schriften was er noch brauchen konnte, und baute das Neue in das Alte hinein. So steht z. B. die aus IIeqI (pdoao(plug genommene Kritik der Ideenlehre am Schluß des 1. Buchs der älteren Ethik mitten zwischen alten, aus dem Protreptikos entlehnten Stücken noch ziemlich isoliert. In der Nikomachischen Ethik ist ein neuer Aufbau gegeben, der nun natürlich von vornherein von der veränderten Voraussetzung ausgeht. Wie der Protreptikos auch in die älteste Metaphysik hineinragt, wurde früher gezeigt. Es mochte dem Aristoteles in Assos noch so scheinen, als wäre der Abstand von der platonischen Anschauung nicht so groß und als ließe sich überall an das Alte anknüpfen. Später erschienen ihm die neuen Gedanken folgen- schwerer. Sie führten ihn immer weiter von dem Alten fort. Seine platonisierenden Frühschriften versanken jetzt gänzlich hinter ihm. Doch auch die ersten Anfänge der eignen kritischen Philosophie und der beginnenden Loslösung von Piaton hat er nachmals augenscheinlich verworfen, weil sie ihm noch zu sehr von den Voraussetzungen seiner dogmatischen Periode abhängig waren. So erklärt sich der fragmentarische Erhaltungszustand der ältesten Ethik und Metaphysik '). ') Hierher gehört noch ein Wort über die drei der Eudemischen und Niko- machischen Ethik gemeinsamen Bücher. Zur Eudemischen Ethik kann Eth. Nie. Z nicht gehören wegen seiner Auffassung der cpgdvt^ais, die wesentlich jünger ist als Eth. Eud. A und 0 und gegen diese polemisiert. Nun ist anzu- nehmen, daß die drei Bücher später zusammen in die Eudemische Ethik ge- kommen sind, also aus der Nikomachischen Edition herrühren. Damit ist aber noch nicht bewiesen, daß diese ein Ganzes aus einem Guß ist. Das Neben- einander der Untersuchung negl i]öovTjg in H und K bleibt ein Problem. H ist wohl etwas älter als die Ausführungen in K und setzt einen anderen Schluß voraus. Sechstes Kapitel. Die Urpolitik. Von der politischen Entwicklung des Aristoteles würden wir ein von den akademischen Anfängen seines Werdens bis in sein spätes Alter hinabreichendes Bild besitzen, wenn wir noch die Schriften hätten, von denen das Altertum wußte. Mit dem an Piatons gleichnamiges Werk anknüpfenden Politikos in zwei Büchern und den vier 'umfangreichen' Büchern JJeqI öixaioavvtjg beginnt die Reihe '). Würden wir aus diesen Schriften die Ver- bindung der aristotelischen Politik mit Piaton genauer erkennen, so führt die ebenfalls verlorene Denkschrift in Dialogform 'Alexander oder Über Kolonisation' in die Spätzeit, wo sein königlicher Schüler in Asien Reiche zerschlug und gründete und der alternde Philosoph aus der Ferne mit besorgtem BHck dem schwindelnden Fluge seiner Tyche folgte. Was uns vor allem zu erfahren ver- langt: welche Wirkung die große weltgeschichtliche Szenen- verwandlung auf das politische Denken des Aristoteles hatte, ist uns durch diesen Verlust verborgen gebheben'*). Die Schrift über das Königtum, deren Echtheit anzuzweifeln wir kein Material und gegenüber dem Zeugnis des alexandrinischen Katalogs der Schriften des Ai'istoteles auch kein Recht haben, muß der Zeit angehören, wo er den Sohn Philipps auf sein hohes Amt vor- 1) Cic. de rep. III 8, 12 ■^) Ein Streiflicht fällt auf seine Anschauungen über das Problem des Ver- hältnisses von Griechen und Asiaten, das für die Kolonisationsmethoden ent- scheidend sein mußte, durch das Brieffragment, wo er dem Alexander rät, den Griechen als »//f^wv, den Barbaren, wie sie es gewohnt waren, als absoluter Selbstherrscher gegenüberzutreten, die einen wie Freunde und Gleichstehende, die anderen wie 'Tiere oder Pflanzen' zu behandeln (frg. 658 R.) Wie heftig sich das menschliche Empfinden des kosmopolitischen Hellenismus gegen diese Auffassung gewehrt hat, die, obwohl typisch griechisch, bei Aristoteles sicher das Ergebnis nüchterner realpolitischer Erwägung war, zeigt die Ablehnung des Eratosthenes und Plutarch. Den Versuch, das Fragment der Schrift JleQl ßaaiÄeias zuzuteilen (Heitz, Die verlorenen Schriften des Aristoteles 206) halte ich für wenig glücklich. Oyo Die Urpolitik bereitete, sie bildete vielmehr äußerlich wohl den Abschluß dieser Periode. Wir werden nicht einen Augenblick zweifeln, daß der Philosoph, der in der 'Politik' so ernst mit dem Problem der Monarchie ringt, dort versucht hat, dem historischen Königs- gedanken einen neuen, sittlichen und geistigen Inhalt zu geben'). Das alles sind Verluste, die wir für die Zeitgeschichte und die Persönlichkeit des Denkers beklagen, während der Untergang des Monumentalwerkes peripatetischer Gelehrtenarbeit, der Samm- lung der 158 Staatsverfassungen, der Kenntnis der griechischen Geschichte und Kultur eine unheilbare Wunde geschlagen hat. Die glückliche Wiederauffindung des ersten Buches dieses Sammelwerkes, des von Aristoteles selbst als eine Art Kanon für das Gesamt werk bearbeiteten Staats der Athener, hat wenigstens soviel mit Sicherheit ergeben, daß dieses Unternehmen erst in der Meisterzeit des letzten Jahrzehnts von Aristoteles organisiert worden ist. Nichts ist bezeichnender für den Gang der Ent- wicklung des Philosophen, als daß er die Materialfülle dieses Riesenwerkes erst aufgetürmt hat, nachdem die S3'stematischen Grundbegriffe seines politischen Denkens längst festgelegt waren, dem sie doch der Idee nach als Stoff vorausgehen sollte. Durch die beiden zeitlich äußersten Punkte, die Bücher über die Ge- rechtigkeit und über das Wesen des Politikers am Anfang und die Stoffschichtung der Politiensammlung am Ende, ist die Linie der Entwicklung ihrer Richtung nach sicher festgelegt. Unser Interesse wendet sich vor allem den Anfängen, der inneren Ablösung von Piaton zu. Die Hauptquelle unserer Erkenntnis bleibt naturgemäß die Analyse der erhaltenen acht Bücher der Politik, doch sie hat nur dann Aussicht auf Erfolg, ^) Sie wild ein beim Regierungsantritt an Alexander gerichtetes Send- schreiben nach Art des Protreptikos und des isokrateischen Nikokles, also mehr allgemeiner, ethischer Natur gewesen sein. An einen König, der auf dem Gipfel der Macht und des Erfolges steht, schickt man nicht philosophische Ratschläge, wie er das Herrscheramt auffassen soll. Dazu paßt, was Cic. ep. ad Att. XII 40, 2 und XIII 28,2 von einem symbuleutischeu Brief sagt, den Aristoteles auf Auf- forderung Alexanders verfaßt habe und der sich u. a. mit der Frage nach dem wahren Ruhm beschäftigte. Das Sendschreiben über das Königtum unterrichtete die Griechen über die ethisch-politischen Grundsätze, nach denen Alexander unterwiesen worden war; wenn er selbst seinen Lehrer darum bat, sie in einem ovftßovÄevTiKÖs öffentlich niederzulegen, so erklärte der junge Fürst dadurch deutlich, in diesem Geiste regieren zu wollen. Platonischer Ausgangspunkt: Problem des äyad'öv 273 wenn man auch hier, wie in der Ethik und Metaphysik die er- haltenen Reste der Frühschriften als Kriterium nimmt, um daran den Grad der stetig wachsenden Entfernung von seinem Aus- gangspunkte zu messen. Die wiedergewonnenen Bruchstücke des Protreptikos liefern auch für diese Frage einiges wertvolle Material, das uns über den unersetzlichen Verlust der beiden politischen Hauptwerke der Frühzeit einigermaßen hinweghilft. Piatons Ziel war es, aus der Politik eine Wissenschaft zu machen, indem er sie, in untrennbarer Einheit mit der Lehre von der dQE%fi des Einzelnen, auf die Erkenntnis der Idee des Guten gründete. Der 'Staat' baut sich auf der Untersuchung der Ge- rechtigkeit auf. Dies war das Vorbild der aristotelischen Bücher UeqI öiycaioavvrjc, die wiederum Cicero in der Schrift de re publica als sein Vorbild nennt. Daß auch Aristoteles das dyad-öp, das er in der Urethik bereits nicht mehr als den eigentlichen Gegen- stand aller ethisch-politischen Wissenschaft anerkennt, in der frühesten Zeit als das Kernstück der Staatswissenschaft ange- sehen hat, wie es im Mittelpunkte der platonischen Politeia steht, beweist das wichtige Fragment aus dem IL Buche des Politikos, worin er das Gute als das exakteste aller Maße bezeichnet. Dies setzt die spätplatonische Ideenlehre voraus, die, wie früher ge- zeigt wurde, in der Ethik und Politik vor allem dem Exaktheits- problem und dem Normproblem nachging und den Begriff des Maßes und des Messens in den Vordergrund stellte^). Das be- stätigt der Protreptikos, der in auffallender Weise die Exaktheit der politischen Wissenschaft hervorhebt und sie als ein neues theoretisches Wissen der Politik der praktischen Staatsmänner entgegensetzt. Ihr Zweck ist nicht, einen bestimmten, gegebenen Staat durch allerlei Mittel, die der Erfahrung abgelauscht werden, zu behandeln. Diese Methode — die einzige, die der Aristoteles des IV. und V. Buches der Politik für die gewöhnliche Praxis überhaupt gelten läßt") — wird im Protreptikos mit ausdrück- ') Vgl. p. 88—89 -) Pol. A 1, 1288 1j 21— 1289 »7 wird die übliche Idealstaatstheorie getadelt, weil sie sich nur mit der Konstruktion eines Staates beschäftige, der nach absoluten Normen erdacht sei, nicht aber mit der für die politische Wirklich- keit meist dringenderen Frage, wie einem gegebenen Staate, der nicht der idealen Norm entspricht, sendern vielleicht ganz minderwertig und faul ist, ge- holfen werden könne. Das ist zwar nicht ohne Aufstellung einer Norm, noch Jaeger: Aristoteles. lö L'Tt Dil- ürpolitik liehen Worten verworfen. 'Wie (lerjenige kein guter Baumeister jsl. der kein Hiclitmaß (xavo)v) und auch sonst kein derartiges Werkzeug gehraucht, sondern seine ]5auweise bloß von anderen Hau werken ai)sieht, so ist auch der vielleicht kein guter und vollkommener Gesetzgeber, der, wenn er Städten Gesetze gibt oder staatsmännisch handelt, nachahmend auf andere menschliche Handlungen oder Verfassungen wie die der Spartaner oder Kreter oder irgend welcher andern, als Vorbild blickt. Denn das Abbild eines Nichtidealen {/nij y.aZöv) kann nicht ideal (y.aP.öv) sein, und das eines Gegenstandes, der nicht von göttlicher und ])leibender Art ist, nicht unsterblich und bleibend').' Nur der reine Philosoph, der sich grundsätzlich von der Empirie frei macht und auf das Gesetz der Natur und des Seins als höchstes Vorbild schaut, der wie ein guter Steuermann nur auf dem Grunde des Elwigen und Dauernden Anker wirft, kann dauer- hafte Gesetze geben und nur sein Handeln ist richtig und normaP). Der Begriff der Natur, der hier mehrfach gebraucht ist, wird durch seine Umschreibungen von dem späteren aristotelischen f/"?'afg-Begriff klar genug unterschieden. Es ist das Seiende und zugleich Seinsollende der platonischen Metaphysik, das er be- zeichnet. Seine besondere Färbung erhält er durcli die Betonung seines Vorbildcharakters. Die banausischen xs^vai bilden ihren •/MVMV — dies Beispiel ist symbolisch gemeint — der Natur nach. Ebenso nimmt auch die exakteste tex^rj, die philosophische Politik, ihren Kanon von der Natur selbst ((pvaig avTrj), dem Sein der Ideen. Sie ist eine Kanonik der Werte, und hat es ausschließlich mit den absoluten Normen (ÖQoi) zu tun. Das Verhältnis dieser theoretischen zur praktischen Politik wird durch den geistreichen Vergleich des Auges charakterisiert, das selbst nicht handelt und nichts hervorbringt, sondern nur die sicht- weniger aber ohne reiche Erfahrung und die Kenntnis analoger Verhältnisse der Wirklichkeit möglich, wie die Bücher A — Z der Politik zeigen. '; Jambl. Protr. p. 55. 7—23. Es ist interessant, daß die sophistische Staatstheorie, die die eivouia bei den Spartanern oder Kretern verwirklicht fand, im Protreptikos deshalb abgelehnt wird, weil sie der empirischen Wirklich- keit zu nahe steht bezw. ihr die Maßstäbe entnimmt, Pol. A 1, 1288^41 da- gegen aus dem entgegengesetzten Grunde, weil sie zu schematisch vorgeht und alles normalisiert, anstatt sich ganz dem gegebenen wirklichen Einzelfall anzu- passen. *) Jambl. Protr. p. 55, 24 Der Idealstaat die von Piaton überkommene Form 275 baren Dinge unterscheidet und deutlich ma.-j; Die Urpolitik einander, woiiiit sich eine Kasuistik der Krankheiten des Staates iitid ihrer liehandlung verbindet {A — Z). Das vorangehende Buch (i') i)estiiimit die elementaren Voraussetzungen der Pohtik, indem es den Begiüff der nöXig und des no?dxric, entwickelt und die verschiedenen Verfassungsarten aus der Verschiedenheit der Ver- I eilung der staatsbürgerlichen Rechte in den einzelnen Staaten herleitet. Wir geben den Inhalt hier nur in groben Strichen wieder, um die großen Linien des Aufbaus möglichst klar hervor- treten zu lassen. Aristoteles schickt dieser Grundlegung in Buch B. einen kritischen Überblick über die Systeme der früheren Staat.stheoretiker voraus. Diesem geht wieder im ersten Buch eine elementarere Einleitung vorauf, welche die Grundformen der Herrschaft {uqx^) mehr im soziologischen und ökonomischen Sinne erörtert, also genetisch von den einfachsten Bestandteilen des staatlichen Lebens ausgeht. Der Zusammenschluß dieser Bücher zu einem Ganzen ver- rät eine durchgehende innere Logik. Alles bewegt sich scheinbar in methodisch angelegtem Gedankenfortschritt dem krönenden Ziele zu, der idealen Norm eines Staates, der allen Wünschen gerecht wird. Nun ist aber die Kritik seit Jahrhunderten, so- lange man sich überhaupt mit der Politik wissenschaftlich befaßt hat, bei tieferem Eindringen immer wieder auf innere Schwierig- keiten gestoßen, die es unwahrscheinlich, ja unmöglich machen, daß die vorliegende Form der Politik von vornherein nach einem einheitlichen Plan entworfen und in einem einzigen geistigen Schöpfungsakt entstanden ist. Man hat dabei bisher hauptsächlich von den Schwierigkeiten der schriftstellerischen Komposition ge- sprochen. Aber wir dürfen hier nicht literarische Maßstäbe an- legen, und in W'ahrheit sind die kompositioneilen Fragen denn auch tiefer begründet: die philologische Aporie berührt die Methode und die philosophische Struktur selbst. W^ir w^ollen daher hier nicht in die Einzelanalyse eingehen und zunächst dem Aristoteles nicht Buch für Buch folgen, um uns dann, wie es so oft geschehen ist, ganz äußerhch in Umstellungs- und Buch- ordnungsfragen zu verlieren. Es ist nötig, zuerst das eigentüm- liche philosophische Janusantlitz der Politik im Ganzen zu be- trachten, das die Idealisten wie eine platonische Utopie und die Realisten wie" nüchterne Erfahrungswissenschaft anblickt und das doch offenbar beides in einem ist. Der zweifache Charakter der aristotelischen Politik 277 Der aristotelische Idealstaat hält an Kühnheit der schöpferischen Phantasie und gesetzgeberischer Größe des Gedankens den Ver- gleich mit Piatons Staat und selbst mit den Gesetzen nicht ent- fernt aus. Man sagt mit Recht, Piaton stimme in den Gesetzen seinen Staat herab, um ihn der Wirklichkeit anzunähern, und Aristoteles mindere ihn noch weiter herab. Er folgt darin der von Piaton im Alter beschrittenen Bahn, noch mehr aber seiner eignen inneren Richtung, die irgendwie nach Versöhnung von Idee und Wirklichkeit strebt. Er spricht es selbst aus, man dürfe zwar günstige Bedingungen nach Wunsch für einen fingierten Idealstaat voraussetzen, aber doch nicht das Unmög- liche'). Der utopische Teil der aristotelischen Politik ist nicht deren eigentliche Stärke, mag das xeXoc, des Idealstaats äußerlich auch das Prinzip ihres Aufbaus bilden. Im höchsten Grade original und für Aristoteles charakteristisch ist es dagegen, wie er den von Piaton überkommenen Idealstaatsgedanken in seiner Politik mit einer tragfähigen Erfahrungsgrundlage unterbaut, die sich dem Ziel einer empirischen Staatenkunde nähert und deren Methode in genialer Weise ausbildet. Das Entscheidende ist für Aristoteles, daß er beide Formen der Politik miteinander ver- schmilzt und die Bücher jy@, die den Idealstaat enthalten, an die Bücher A — Z anschließt, die die Lehre vom wirklichen, historischen Staat oder vielmehr von den mannigfaltigen Er- scheinungsweisen, Krankheiten und Heilungsmethoden des wirk- lichen Staats entwickeln. Das Prinzip dieses Aufbaus spricht er selbst deutlich am Schluß der Nikomachischen Ethik aus, wo er die Politik an die Ethik anknüpft, um beide zu einer einzigen, das Individuelle und das Soziale umfassenden Wissenschaft vom Menschen (?) tieqI tu ävd-QCjjiiva cpUoaocpia) zu vereinigen. 'Zu- nächst wollen wir festzustellen suchen, was im Einzelnen unsre Vorgänger Richtiges gesagt haben, dann auf der Grundlage unserer Politiensanmilung (ix xajv ovvi]yf4,Evo)v tioXiieiiov) untersuchen,, was zur Erhaltung der Staaten führt und was sie ruiniert, so- wohl im allgemeinen wie für die einzelnen Staatsformen im be- sonderen, sowie die Ursachen dafür, daß die einen gut, die andern schlecht regiert sind. Denn wenn wir dies behandelt haben, werden wir vielleicht auch eher erkennen können, wie der beste ') Pol. S6, 1265 al7 (gelegentlich der Kritik der platonischen Staats- utopien), ir4, 1325 b38 k)F»Q Die Ürpolitik Staat Ijescluiffen sein muß, welcher Ordnung jeder Staat bedarf und welche Gesetze und Einrichtungen er gebraucht').' Dieses Programm bedeutet offenbar einen Wendepunkt in der Entwicklung der aristotelischen Politik. Der Philosoph sagt darin mit deutlichen Worten der, wie wir sahen, früher auch von ihm selbst befolgten rein konstruktiven Methode ab und stellt sich auf den Boden nüchterner Tatsachenforschung. Er spricht hier selbst aus, was man vor lauter Deutlichkeit nicht recht verstanden hat: bisher habe ich es anders gemacht, ich habe den Idealstaat logisch konstruiert, ohne die Erfahrungs- tatsachen ausreichend zu kennen. Jetzt habe ich das große Material der gesammelten nohxeTai zur Verfügung und werde es benutzen, um dem Idealstaat eine positive Grundlage zu geben"). Er schreibt dies am Schluß der spätesten Bearbeitung der Ethik, die dem letzten Jahrzehnt angehört. Auch die Politien- sammlung ist erst damals entstanden. Es ist die Zeit, in der er seiner früheren theologischen Metaphysik den breiten Unterbau einer allgemeinen Seinslehre gab, und wo auch in der Ethik das psychologisch - beobachtende, realistische Element die Oberhand über die spekulative Behandlungsart gewann. Überraschend ist 1) Eth. Nie. KIO, 1181 ^13 bis Schluß «) Man muß stets im Auge behalten, daß die in den Lehrschriften bezw. deren vorliegender Bearbeitung überlieferten Formulierungen des aristotelischen Standpunkts nur aus dem lebendigen Ganzen einer niemals stillstehenden geistigen Entwicklung zu verstehen sind. Sie haben dadurch vielfach etwas Relatives^ das nur für denjenigen voll verständlich wird, der die übrigen Momente dieses Prozesses überblickt. Wie zahlreiche Stellen der Ethik und Metaphysik nur als Auseinandersetzungen des Philosophen mit sich selbst zu begreifen sind, in denen er über sich selbst fortschreitet, so deutet auch der Schluß der Ethik: ^ecoQTjd'dvTdjt' yctQ tovtwv xä% äv fiäÄÄov avvlöoi^iev nal noia noXitela äqloiri auf die frühere Stufe seines Denkens, die von einem solchen langwierigen Umweg über die sorgfältigste Empirie noch nichts wußte. Daß der Ausdruck iy. zcjv avvrjyftf'vcov noÄtieitüv d-eco^iiaai tä nola 0(i>^ei nai cpd-ei^ei rag nöÄeig sich auf die Sammlung der 158 Politien bezieht — awaycoyi^ ist ein bei Aristo- teles in diesem Sinne gebräuchlicher Terminus, zu vergleichen ist die awaycoyii xeyvüv — ist schon früher gelegentlich vermutet und mehrfach, zuletzt von Heitz, Die verloreneu Schriften des Aristoteles 231 ff., mit unfruchtbarem Scharf- sinn bestritten worden. Solange man den Athenerstaat noch nicht hatte, der in die letzte Periode des Aristoteles fällt, und die Nikomachische Ethik noch nicht als späteste Auflage seiner Ethik erkannt war, konnte man freilich aus jenen Worten keinerlei entwicklungsgeschichtliche Folgerungen ziehen. Zeit und Absicht der letzten Umarbeitung der Politik 279 es vielleicht für manchen, daß diese Entwiclvlung sich erst so spät vollzogen hat. Wir hatten uns Aristoteles von Anfang an auf diesem Wege gedacht. Aber die Tatsache der allmählichen Entwicklung steht durch den Gegensatz der Äußerung am Schluß der Nikomachischen Ethik zu den methodischen Prinzipien des Protreptikos und Politikos vollkommen fest, und die zeitlichen Indizien sind eindeutig. Die Bemerkung über den Einschub des neuen, empirischen Teils vor der Lehre vom besten Staat bezieht sich auf die Bücher A — Z, deren Inhalt Aristoteles deuthch um- schreibt. Daß sie aus dem Material der Politiensammlung ge- schöpft sind, hat man längst unabhängig von der Stelle der Ethik, aus ihrer abweichenden wissenschaftlichen Haltung und ihrem un- erschöpflichen Reichtum an historischen Beispielen geschlossen*). Es ist der einzige Teil der Politik, in dem jüngere geschichtliche Ereignisse erwähnt werden. Die Anspielung auf die Ermordung König Philipps (336) bestätigt, daß A—Z erst in der zweiten athenischen Periode geschrieben sind "). Daß bei dieser Gelegen- heit die ganze Politik erneuert wurde, wird nicht ausgesprochen und ist auch an sich unwahrscheinlich. Wir müssen also unter- suchen, wie weit sich alte und jüngere Schichten noch scheiden lassen, wobei wir von den Ergebnissen der Buchordnungsfrage ausgehen können^). ») Vgl. W. L. Newraan, The Politics of Aristotle vol. I (Oxford 1887) p. 491. Wilamowitz, Aristoteles und Athen Bd. I 359. ^) Pol. E 10, 1311 b 2. Die Ermordung wird nicht als jüngst geschehen und überhaupt nicht des Ereignisses selbst wegen erwähnt, sondern in einer Reihe mit ähnlichen Attentaten, die als Beispiele für Fürstenmord aus Piache {TifKOQi'ag X"Q''^) angeführt werden. Die Stelle ist also vielleicht viel später geschrieben. Zeller. Phil. d. Griech. II 2** 154 A. 4 schließt aus ihr auf die späte Abfassung der ganzen Politik, aber die Frage ist eben, wie weit die aus ihr zu ziehende chronologische Folgerung ausgedehnt werden darf. Nur die Politik- bücher A — Z, die Aristoteles am Schlüsse der Ethik als auf der Politiensammlung beruhend bezeichnet und die auch selbst den einheitlichen Stempel dieser Her- kunft an der Stirn tragen, sind sicher dem letzten athenischen Aufenthalt zu- zuweisen. Sie sind gleichzeitig mit der Ausarbeitung der Nikomachischen Ethik. Daß das übrige früher entstanden ist, wird die weitere Untersuchung positiv erweisen. Eine Ausnahme bildet nur das I. Buch. ') Der erste, der die Vermutung ausgesprochen hat, daß in der Politik Schichten verschiedenen Alters übereinander gelagert sind, ist Wilamowitz, Aristoteles und Athen Bd. I 856flf., dessen historischer Scharfblick überhaupt zum ersten Male den Menschen und Politiker Aristoteles in die Entwicklung des 4. Jahrh. hineingestellt hat. .jj^O Die ürpolitik Seit die italienischen Humanisten der Renaissance sich mit (ItT Politik besrliilfti^'fen, hat die Kritik die Uberheferte Buch- (irdnurif^ anf,'efochten und durch mehr oder weniger gewaltsame L^mstcllun^jfen das 'Echte' wieder herzustellen versucht. Im IM. Jalirli. sind diese Hypothesen sogar in die Ausgaben ein- gedrungen. Die beiden Schlußbücher // 0 wurden hinter das dritte Buch gestellt, die Bücher A—Z an den Schluß. Innerhalb der letzteren Gruppe mußten das fünfte und sechste Buch z. T. wieder ihre Plätze vertauschen. Gegen die 'Umstellerei' hat in neuerer Zeit Wilamowitz drastisch Einspruch erhoben, und gewiß ist ein so mechanisches Mittel nicht geeignet, 'Ordnung' in die Überlieferung zu bringen. Unsere nächste Aufgabe muß es bleiben, den gegebenen Zustand in seiner Notwendigkeit ge- schichtlich zu verstehen. Dazu freilich können uns die von der Kritik beobachteten Tatsachen wesentlich helfen. Die Bücher B und r bilden nicht die Einleitung zu einer allgemeinen Staats- lehre, sondern, wie aus der Problemstellung, der Methode und einzelnen ausdrücklichen Äußerungen in diesen Büchern deutlich hervorgeht, zu einem Idealstaat nach Piatons Vorbild '). Wenn man die beiden den Idealstaat enthaltenden letzten Bücher un- mittelbar an diese Einleitung anschließen wollte, so konnte man sich darauf berufen, daß die Bücher B T und H 0 durch eine Anzahl gegenseitiger Verweisungen fest zusammen gehalten werden, während sie die dazwischen stehenden Bücher A—Z nicht erwähnen. Der Zusammenhang mit diesen ist ganz locker^). *) Von B ist es ohne weiteres klar, daß es die geschichtlich-kritische Ein- leitung zu einer Lehre vom Idealstaat bildet und nicht zu einer Staatslehre schlechthin. F setzt scheinbar mit allgemeineren Fragen ein, mit dem Begriff des .-loÄltrjg und der TioÄuela überhaupt und einer Systematisierung der mög- lichen Staatsverfassungen, der guten wie der schlechten. Aber schon dieses normierende Einteilungsprinzip beweist, daß Aristoteles auf den besten Staat hinauswill, dieser wird deshalb überall schon berücksichtigt, z. B. PS, 1276 aSOff. (vgl. H4:, 1325 »'39). dann F A, wo untersucht wird, ob die ägezi] des Bürgers und des Menschen dieselbe ist oder nicht (z. B. 1276 1*37, 1277 a2, »5)^ in der Untersuchung über die politischen Rechte der ßdvavaoi Fb, 1278 »8, »17. in der P'eststellung des richtigen volkserzieherischen Staatsbegriffs und der Bekämpfung des 'Manchesterstaats' r9, 1280 bö. 31. 89. 128I a2, ferner FVi. 12S4 ai, b25: ri4, 1284 ^^i^■ 1.5, 1286 a8, 15; 18, 1288 a33 bis Schluß. ') Verweisungen in F auf IZ" 0 vgl. vorige Anm., umgekehrt weist Hi. 1325 b34 auf TG-S zurück, 7/14. 1333 »3 verweist mit den Worten Ka^äneQ iv xols nQwiois e'iQrjai Äöyots auf F 6, vgl. besonders 1278 b 32 ff. Auch auf Redaktionelle Spuren der Umarbeitung 281 Dem aufmerksamen Leser konnte es nicht entgehen, daß sie den Aufbau des besten Staats geradezu störend unterbrechen. Wenn am Schluß der Nikomachischen Ethik gesagt wird, sie sollten die Grundlage des Idealstaats bilden, so ist dieser Aufbau über die bloße Absicht nicht hinausgelangt, denn die Bücher A-Z tragen zur Vorbereitung und Fundierung des Idealstaats in Wirk- lichkeit nichts oder nur indirekt bei. Entscheidend war, daß sich am Schluß des Buches F in den Handschriften der Anfangs- satz des H in wenig verändertem Wortlaut findet. Am Anfang des H ist er dem Beginn einer selbständigen Abhandlung ent- sprechend stilisiert, am Ende des T hat er eine Form, die un- mittelbar an den letzten Gedanken dieses Buches anschließt. Die aristotelischen Schriften kennen mehrere Beispiele solcher technischen Merkzeichen, die den äußeren Zusammenhang zwischen den Buchrollen herstellten. Damit war die Tatsache, daß H einst an r anschloß, dem Bereich des Hypothetischen entrückt: sie war ausdrücklich überhefert. Nimmt man an, die Worte am Schluß der Nikomachischen Ethik, die den Grundriß der Politik entwickeln, stammten nicht von Aristoteles selbst — diese Annahme hat man tatsächhch be- fürwortet — sondern von dem Redaktor, sei es Nikomachos oder Theophrast, so wäre dieser es gewesen, der die echte aristotelische Reihenfolge der Politikbücher durch den Einschub von A—Z unterbrach. Stammt aber der Grundriß von Aristoteles, was mir die einzig zulässige Erklärung zu sein scheint, so hat dieser selbst die Bücher A—Z eingeschoben, und die Worte am Schlüsse des Buches F sind ein Rudiment des ursprünglichen Zustandes. In jedem der beiden Fälle ist die Folge von H0 nach BF als das Ursprüngliche erwiesen, nur haben wir, wenn Aristoteles selbst den Einschub vorgenommen hat, kein Recht, diesen Schritt wieder rückgängig zu machen. Es ist dann nicht eine richtige und eine falsche Buchstellung, sondern eine frühere und eine spätere zu unterscheiden. Die Aporie ist aus der Entwicklung © weist H16, 1335 b4 voraus. Umso auffälliger ist das Fehlen einer Bezug- nahme auf A—Z in H0 und P, zumal es in A—Z umgekehrt nicht an Hin- weisen auf r und H fehlt. Diese sind jedoch nicht der Art, daß sie die Zwischenstellung von A—Z zwischen F und H 6 fordern, die durch die Zitate und den Zusammenhang zwischen P und HO geradezu ausgeschlossen zu werden schien. Qj^., Die Urpolitik des Aristoteles erwachsen und statt mit Gewalt Ordnung zu schaffen, sollten wii' der Überlieferung dafür dankbar sein, daß sie uns noch einen iMnblick in das Werden seiner Gedanken vergönnt. Allerdings ist dies nur dadurch möglich, daß die letzte ?:rweiterung nicht organisch aus der älteren Politik hervorwächst und die Veinähung nur ganz provisorisch durchgeführt ist. Überblicken wir das bisherige Ergebnis, so haben wir zu- nächst die ursi)rüngliche Idealstaatspolitik, die in ihrer Zielsetzung direkt an Piaton anknüpft. Sie beginnt m Buch B mit einem geschichtlichen Rückblick auf die früheren Idealstaatstheoretiker einschließlich Piatons und mit der Kritik ihrer Utopien. Dieses Buch bildete anscheinend ursprünglich den Anfang, wie der geschichtliche Teil der Metaphysik, des Dialogs IleQl (pdoaocpiag und der Bücher von der Seele. Es war aber nur als Einleitung einer Idealstaatspolitik zu brauchen; daher mußte ihm später eine allgemeinere Einleitung vorangestellt werden, als der Ideal- staatsentwurf zu einer allgemeinen Staatslehre ausgebaut wurde'). Buch r geht zur Aufstellung der Grundbegriffe des Staates über. Den Hauptinhalt bildet die Ableitung der sechs paradigmatischen Staatsverfassungen je aus dem verschiedenen Maße des Anteils, den sie den Bürgern an der Herrschaft gewähren. Das Streben nach absoluten Normen und Maßstäben ist auch hier charakteristisch. Es zeigt sich vor allem in der Unterscheidung der richtigen und entarteten Verfassungen. Die Haltung des Buches ist ebenso begrifflich-theoretisch wie die der Bücher H @, die die eigentliche Skizze des besten Staates enthalten und auf die es mehrfach hinweist. Auf H@ selbst kommen wir noch zurück. Diesem spekulativen Entwurf steht der empirische Teil A—Z gegenüber. In diesen Büchern ist von dem platonischen Geist der Konstruktionen und Idealentwürfe nichts mehr zu spüren. Aller- dings nimmt Aristoteles am Anfang des Buches A ausdrücklich auf das Alte Bezug, wenn er erklärt, nächst dem Ziel der Ideal- konstruktion sei es eine nicht minder wichtige Auf gäbe es Politikers, zu untersuchen, was für einen bestimmten Staat unter gegebenen Verhältnissen nützlich oder schädlich sei. Die Auf- stellung eines absoluten Ideals und die Bestimmung der unter gegebenen Bedingungen bestmöglichen Politik falle einer und ') Vgl. zur Begründung dieses späten Ansatzes des Buches A p. 285 Normative und empirische Schicht der Politik 283 derselben Wissenschaft zu. Die Ausführungen über diesen Punkt beweisen, daß Aristoteles in der Vereinigung der platonischen Utopik mit dieser rein empirischen Betrachtung eine gewisse Schwierigkeit gefunden hat, über die er freilich wegkommen zu können glaubte. Er half sich mit dem Hinweis auf die Analogie einer doppelten Medizin und Gymnastik, einer, die sich mit der reinen Norm befaßt, und einer zweiten, die diese Erkenntnis auf den gegebenen Fall anwendet. Aber man kann kaum über- hören, daß die Polemik gegen die bloße Idealkonstruktion wie ein Unterton überall in der Einleitung des empirischen Teils mitklingt, und daß Aristoteles auf seine Neuerung nicht wenig stolz war. War doch mit der schroffen Betonung des unerreich- baren Ideals der zerklüfteten und zerrütteten griechischen Wirk- lichkeit nicht zu helfen. Vor allem aber bildet der Idealstaat in den empirischen Untersuchungen des neueingeschobenen Teils gar nicht die Norm, nach der bestimmt wird, was unter gegebenen Verhältnissen erreichbar und wünschenswert ist, sondern der Maßstab ist hier ein biologisch-immanenter. Er wird durch liebevolle Versenkung in die Ivlannigfaltigkeit der möglichen Formen des Staates, nicht im Hinblick auf ein starres, einheitliches Idealziel gewonnen. Aristoteles wird deshalb nicht müde zu betonen, daß es nicht nur eine einzige Demokratie, Oligarchie usw'. gibt, sondern sehr verschiedene Spielarten. Und während im Buch F Demokratie und Oligarchie schlechterdings als normwidrig und degeneriert betrachtet werden, sind sie in A dieienigen beiden Typen, auf die sich fast alle Verfassungen der Wirklichkeit praktisch zurück- führen lassen, wenn Aristoteles auch an den beiden schematischen Wertkategorien seines älteren Entwurfs, öqd-ii noXixEia und naQ- axßaoig, festhält. Entscheidend für das Verständnis der Bücher A — Z ist nicht dieses Festhalten am Alten, sondern die neue Methode. Sie hätte aus der Idealstaatsspekulation niemals ge- wonnen werden können. Dort herrschte logischer Einteilungs- schematismus, hier waltet biologischer Formensinn. Bezeichnend dafür ist der bis ins Einzelne gehende methodische Vergleich der Formenlehre des Staats mit der Morphologie der Tiere, den Aristoteles an die Spitze der neuen Abhandlung stellt'). Die ') Pol. A 4, 1290 ''2") ff)(yneQ odv el ^4>ov noorjQOVfie&a Xaßetv sl'Sr], nQiüTov äi> änoÖKOQf^ofiev o/reQ dvayKaiov jtuv iyeii' ^ijiov, ulov k'vid te tiöv atax)"rjTi]Qiü)v om.j. Die ürpolitik IJeeinflussuiii,^ diT von l'laton ererbten, konstruktiven Denkweise liurcli die .Methode der beobachtenden Naturwissenschaft, be- sonders der Biologie und Morphologie, deren allseitige Entfaltung der späteren Periode des Aristoteles angehört, ist hier mit Pländen /u greifen. Ks handelt sich dabei nicht um die bloße Kontrolle des begrifflichen Konstruierens durch die Erfahrung, die von An- fang an in der Richtung des aristotelischen Denkens lag. Der Kiickgang auf die Erfahrung war schon in dem alten Idealstaats- entwurf das Mittel, wodurch Aristoteles die platonische Spekulation stutzte oder zu Fall brachte. In den späten Büchern hat sich infolge voraussetzungsloser Beobachtung der Erfahrungswelt eine ganz anders geartete Betrachtungsweise gebildet, die von den Einzelerscheinungen ausgeht und ihr inneres Gesetz be- lauscht, wie mau die charakteristischen Regungen und Bewegungen eines lebenden Wesens beobachtet. Die Lehre von den Krank- heiten der Staaten und ihrer Heilung ist nach dem Muster der ärztlichen Pathologie und Therapie entworfen. Man kann kaum einen größeren Gegensatz zur platonischen und ursprünglichen aristotelischen Politik der absoluten Norm denken als diese Auf- fassung, für die kein Staat so hoffnungslos zerrüttet ist, daß nicht wenigstens der Versuch der Sanierung gewagt werden müßte. Radikalkuren würden ihn mit Sicherheit in Kürze zu- grunde richten, den Maßstab für das, was er noch an Heilkräften aufbringen kann, darf man lediglich aus ihm selbst und seinem Zustand entnehmen. y.al rd Trjg TQOCpfjg iq-yaoziKov nal öeyiiiKÖv, olov azöf^a xal KoiAlav, tzqö; 6e TovToig, olg Kivelvai /lopioig ixaaiov aizcov et Srj zoaavia el'rj fiövov, zovtojv (5' elev 6ia(poad'' ozav Är^'7iv, rovtcov ndvzeg ol ivSexö/^evoi avvövaofiol noiTJaovacv el'drj ^ Iti. Iijx/litik ^'t'I)i()clicm' Komposition des ersten Buches ist also die Folge der Anpassunf^' an den älteren Entwurf. Auch das SchlußstUck, das den Cbergaii^' zu der anderen Fragestellung der älteren Ideal- staatspolitik herstellen soll, verrät diesen Anpassungszwang durch seine merkwürdige Gewundenheit — man hat es aus diesem Grunde sogar dem Aristoteles absprechen wollen — , ohne daß es ihm gelingt, den überraschenden Gedankensprung, den man beim ersten Satz des zweiten J3uchs empfindet, zu verschleiern. Eine Bestätigung dieser Ergebnisse ist auch das Zitier- .system, dessen Aristoteles sich in der Politik bedient. Es liegen eben zwei Schichten von z. T. widersprechenden Zitaten über- einander. Zunächst betrachtet man sie naturgemäß nebeneinander und sucht sie unter sich in Einklang zu bringen. Dann spielt man sie gegeneinander aus und erklärt die eine Hälfte für inter- poliert. Allein eine Lösung des Knotens findet sich nur, w-enn man entwicklungsgeschichtlich vorgeht und die Zitate, die dem alten Idealstaatsentwurfe angehört haben müssen (weil sie nur Problem ist dort nicht die Rede, und es ist ein schlechter Trost, sich auszu- denken, das Vermißte könne im Schlußteil des letzten Buchs gestanden haben, der nicht vorhanden ist. Es ist doch mißlich, im Hinblick auf einen Teil, der vielleicht niemals existiert hat, die Überlieferung zu ändern. Der Ausdruck iv Totg ttsqI zag TioPuttiag ist an sich mehrdeutig. A 2, 1289 »26 bezeichnet er die Aufstellung des Schemas der sechs Politien im III. Buch. J5 1, 1260 ^29 versteht Aristoteles unter der Untersuchung der a?.kai nokaelai, im Gegensatz zum eignen Idealstaat, die von anderen Theoretikern aufgestellten Utopien, die er im Buch B kritisiert; auch am Schluß des B faßt er diese Untersuchung unter dem Namen r« ueQl zug zio?.neiug (1274 b26) zusammen. Nun ist das Familienproblem in der Kritik der Weiber- und Kindergemeinschaft des platonischen Staates B 3—4 ausführlich behandelt, wenn dort die Ansicht des Aristoteles auch mehr indirekt, durch den Widerspruch gegen das ihm verkehrt Erscheinende, entwickelt wird. Aber gerade das steht Ja in der Vorankündigung A 18, 1260 ''10: über die äQExfi des Mannes und der Frau, der Kinder und der Eltern und über ihre ö{*iXla, zi z6 y.aÄiog y.al fiy y.aÄcig iazi. y.al .TÖij Sei zd fiiv ei 6id)neiv zd 6k y.uKöjg q>evyeiv, iv tolg tzbqI zag noXizeiag dvayy.aiov iTie-P.d-etv. Hier Stellt er eine Behandlung der Frage in Form einer Kritik des Verkehrten in Aussicht: hätte er sie in derselben Form zu geben beabsichtigt wie die Erörterung des Sklavenproblems, so wäre kein Grund aus- zudenken, weshalb er sie nicht sogleich an diese anschließen sollte. Aber wie der barsche Übergang zum Buche B beweist, das ohne Vorbereitung die Auf- stellung einer ÜQiattj aoXizeia als Ziel der Politik bezeichnet, während bisher nur vom Staate schlechthin die Ftcde war, ist ^1 vor eine ältere, schon vor- handene Abhandlung vorgeschoben, worin die Frage schon erörtert war. Bestätigung der Entwicklung durch das Zitiersystem 287 diesen voraussetzen), von den späteren Verweisungen scheidet, die das jetzige Ganze der Politik zur Voraussetzung haben. Un- mittelbar beweisend sind naturgemäß nur diejenigen Verweisungen, die dem jetzigen Zustande der Politik widersprechen, während diejenigen, die ihn voraussetzen, der letzten Bearbeitung ange- hören können und daher nichts Eindeutiges aussagen. Teilt man die Zitate so in zwei Gruppen, so ist das, was die dem jetzigen Zustande der Politik widersprechenden aussagen, die ursprüng- liche Zusammengehörigkeit und Selbständigkeit derjenigen Bücher, die den Idealstaat enthalten (B TH @). Buch T ist einmal der Anfang der eigentlichen Abhandlung gewesen, da B nur negativen Inhalt hatte. Deshalb wird es mehrfach mit den Worten Iv xolc, jiQ(bzois ?,6yoig zitiert. Selbst das Buch A, das der späteren Be- arbeitung angehört, zitiert das dritte noch in dieser Form, der Einschub von A—Z ist also offenbar erfolgt, bevor das erste Buch vor das Ganze gesetzt wurde'). Ehe es vorhanden war, berief Aristoteles sich für diejenigen Fragen, die er jetzt im ersten Buch behandelt, also für die Sklavenfrage und die Lehre von den drei Grundformen der Herrschaft innerhalb der einzelnen oixia {ÖEonomri, ya^uxi], jiaxQW^) einfach auf seine exoterischen Dialoge, die darüber ausführHch sprachen. So jP 6, 1278^30: dMä firjv YMi xfjc, dQxfjg ye tov£ Xsyo/nivovg tqojiovc, Qcidiov öieZslv aal ya.Q ev toIc, e^cjxEQiy.olg Aöyoig öioQi^öfisd-a tisqI amojv noXMxig. Nun folgt die Einteilung genau so, wie sie schon im ersten Buche steht: in die drei Herrschaftsverhältnisse von Herr und Sklave, Mann und Weib, Vater und Kind. Daß Aristoteles sich für sie trotzdem auf die Dialoge beruft, hat nur dann nichts Auffallendes, wenn Buch T einer Bearbeitung angehört, in welcher Ä noch nicht vorhanden war. In der letzten Bearbeitung faßte er den Plan, diese Lücke auszufüllen und die Frage in einem einleitenden Buch ausführlich zu erörtern. Jetzt wurde an der zitierten Stelle natürlich ein Hinweis nötig, daß im ersten Buch darüber ') Buch r oder Anfang von F mit iv zoig ngwiotg Äöyois zitiert F 18, 1288 «37 (=- r 4), HU, 1333 a3 ( - F 6), A 2, 1289 a26 ( F 6), A 7, 1293 b2 (^ J'4— 5), A 10, 1295 a4 ( F 14—17). Dem jetzigen Zustand widerspricht es auch, wenn Susemihl Recht hat, daß AS, 1290 al das ecgr^zai iv zoig negl rriv äQLOTOKQazlav sich auf ^8—9 beziehe; doch ist die Beziehung auf 1^4 nicht ganz von der Hand zu weisen. Newman, The Politics of Aristotle vol. IV löö denkt an F 12, 1283 «Uff. Vgl. nächste Anm. t)j;^tj Die Urpnlitilc .sclum {^eliaiulfll sei. Kr nimmt sich neben dem stehengebliebenen ülteren Hinweis auf die Dialoge recht widerspruchsvoll aus'). Feinen zweiten Hilckweis auf Buch A trug Aristoteles im Buche H an einer Stelle nach, wo er das Verhältnis von Herr und Sklave berührte*"). Auch das früher besprochene merkwürdige Verhältnis der Zitate in den Büchern BTHO zu denen in AEZ klärt sich befriedigend auf, wenn man es genetisch betrachtet"). Daß die Bücher des Idealstaatsentwurfs B F und H (i durch ein Netz von gegenseitigen Verweisungen miteinander verknüpft sind, während sie die dazwischen stehenden Bücher A — Z nicht zitieren, hat seinen Grund in der früheren Entstehung und in dem ein- heitlichen Ursprung der ersteren. Es wird anderseits verständlich, weslialb umgekehrt in dem jüngsten empirischen Teil, besonders in J, häufiger auf das Alte Bezug genommen wird. Versuchen wir jetzt die Entstellungszeit des Idealstaats- entwurfs gegen die der späteren Bücher und der Pobtiensammlung genauer abzugrenzen. Wie in der Ethik und Metaphysik gehen wir wieder vom Verhältnis des Idealstaats-Teiles zu den frühen Schriften des Aristoteles aus — denn nur in diesem älteren Teile ist bezeichnenderweise von einem solchen Verhältnisse die Rede, während die späteren Bücher A—Z nicht die leiseste Spur eines Zusammenhangs mit den dialogischen Werken zeigen. Freilich ist es um das uns zur Verfügung stehende Vergleichsmatevial schlecht bestellt. Der Protreptikos, das einzige Werk, an das wir uns halten können, gibt nur für die Punkte etwas aus, wo sich die Politik unmittelbar auf die Ethik stützt. An rein Poli- tischem enthalten die vorhandenen Beste wenig. Dieser Schaden *) Pol. P6, 1278 i* 17. Wäre dieser Hinweis auf Buch Ä und damit dieses Buch selbst von Anfang an dagewesen, so wäre nicht zu verstehen, weshalb unmittel- bar darauf vermittels eines Zitates aus den i^biieQiy.ol Xöyoi das über die ctQ%Tig tUri in Buch .1 Gesagte noch einmal entwickelt werden mußte. Das Beispiel der übrigen Zitate aus den exoterischen Schriften macht es klar, daß diese Partie ein Auszug aus einem Dialoge ist, den Aristoteles aushülfs weise heran- zieht, das setzt aber voraus, daß Buch A damals noch nicht vorherging. ') Pol. 7/ 3, 1825 ä 30 SiojQiaiai 8h nepl avzöJv ly.avcbg iv rotg nQMioig Xoyoig. Hier wie P (i, 1278 ^^ 18 bezeichnet iv zois tiqmtois ^öyoig nicht wie gewöhnlich in der Politik Buch r, sondern Ä d. h. den Zustand, der durch die späteste Bearbeitung erst geschaffen wurde. Beide Hinweise sind erst bei dieser Gelegenheit hinzugefügt. Zitate, die nicht von Aristoteles' Hand herrühren, kann ich dagegen auch in der Politik nicht anerkennen. ') Vgl. p. 280 Bntstehungszeit des Idealstaatsentwurfs 289 wird dadurch einigermaßen aufgewogen, daß der innere Zusammen- hang der Politik mit der Ethik in der früheren Periode offenbar weit enger war als später, wo Aristoteles der Form nach die Einheit beider Disziphnen zwar noch wahrt und sie systematisch sogar zu einer großartigen äußeren Totalität aufbaut, wo aber die Loslösung der Individualethik unter der Oberfläche dieser überkommenen platonischen Syzj^gie praktisch so gut wie voll- zogen und die spätere hellenistische Selbständigkeit der Ethik bereits angebahnt ist. Wir beginnen mit dem Anfang des Buches H, das den Grund zum Idealstaate legt. Er ist darin ganz platonisch, daß er das Ziel des Staates mit dem ethischen Ziel des Individuums identisch setzt. Denn dies bedeutet der Satz, von dem die Untersuchung ausgeht: der beste Staat ist derjenige, der den Staatsbürgern das beste Leben (alQEtdjxatog, aQiatog ßiog) gewährt. Damit ordnet Aristoteles keineswegs im liberalen Sinne den Staat der Wolilfahrt der Individuen unter, sondern er leitet wie Piaton die Wertkategorien für den Staat und seine Beurteilung aus den für die Seele des einzelnen Menschen geltenden ethischen Normen ab. Das 'beste Leben' des Staats und des Einzelnen ist ein und dasselbe, das heißt für ihn nicht: wenn alle gut zu essen haben und sich behaghch füllten, geht es auch dem Staate gut, sondern der geistige und sittliche Wert des Staates wird gegründet auf denjenigen seiner Bürger. Seine letzte Quelle ist die wertende Seele des Individuums. Ihr höchster ethischer Gedanke hin- wiederum ist der Staat, auf den hin der Mensch von Natur ver- anlagt ist. Die Ableitung des besten Staates aus den ethischen Normen vollzieht sich bei Piaton innerhalb einer und derselben Wissen- schaft, bei Aristoteles ist die Differenzierung der Politik und der Ethik schon so weit fortgeschritten, daß er sich an diesem Punkte mit einem äußerlichen Hinweis auf die grundlegende Bedeutung des ethischen Theorems vom uQiaxog ßiog helfen muß. Die ganze Art der ethischen Fragestellung (rig ßiog UQiavog) ist nun schon an sich ein Zeichen für das Alter dieses Staatsentwurfes, denn obgleich sie auch in der späteren Ethik noch nachwirkt, ist sie dort bloßer herkömmlicher Rahmen, in dem sich die Ethoslehre mit realistischer Psychologie entfaltet, dagegen bildet sie im Philebos und Protreptikos und noch in der Urethik den Mittel- Jaeger: Aristoteles. 19 o<)() Die ürpolitik i)unkt der ganzen Weriproblematik. Also wundert es uns nicht, fi-fonlert aber nunmehr ernsteste sachhche, nicht nur wie bisher literarische Beachtung, wenn Aristoteles sich bei der Gründung des Idealstaats für die Frage des besten Lebens auf seine exoterischen Schriften beruft. Er spricht unmißverständlich von einer bestimmten Schrift jceqI äQiGTfjg ^(otjg, also dem Protreptikos, den er zugrundelegt'). Daß Bernays, der das Selbstzitat an dieser Stelle zuerst als solches erkannt liat, auf den uns gänzlich unbekannten Dialog Nerinthos riet"), ist zwar unbegreifhch, aber es ist ein bleibendes Verdienst, daß er auf den veränderten, gehobenen Stil des folgenden Kapitels aufmerksam gemacht hat '). Kr schloß aus der Ungewöhnlichkeit dieser Sprache in den Lehr- schriften und aus ihrem Zusammentreffen mit dem Zitat der exoterischen Zöyoi auf eine weitgehende, bis in die Einzelheiten der stilistischen Prägung sich erstreckende Wiedergabe eines aristotelischen Dialogs an dieser Stelle. Diels rückte später das stilistische Problem in einen allgemeineren Zusammenhang und er- klärte die auffällige Hebung des Stilniveaus an vielen Stellen der Lehrschriften als diatribenartige Versuche der subjektiven Einwirkung auf das Gemüt des Zuhörers, ohne an Entlehnungen aus den Dialogen zu glauben*). Über die Tatsache mannigfacher Anknüpfung der Lehrschriften an die exoterischen Schriften ist nun nach dem bisher Gesagten kein Wort mehr zu verlieren. Auch die Einleitung des Buches H der Politik beruht auf exo- ') Pol.iTl, 1323*21 ^) Bernays, Die Dialoge des Aristoteles 89 ^■) Bernays a. 0. 77 *) H. Diels, Rec. von Georg Kaibels Stil und Text der. 'A&rivalav noXixEia des Aristoteles in Gott. gel. Anz. 1894, und Zn Aristoteles' Protreptikos und Ciceros Hortensius in Arch. f. Gesch. d. Philos. Bd. I 478. In meiner Entstehungs- geschichte d. Metaph. 137 habe ich mich Diels angeschlossen und erkläre es auch heute für unmöglich, dem Aristoteles eine Benutzung seiner Dialoge zuzu- schreiben, bei der er wie ein später Kompilator in ungewollte stilistische Hörig- keit von seiner Vorlage geriet. Wo der Stil sich ändert, da liegt jedesmal auch die Absicht einer besonderen Wirkung zugrunde. Wenn ich aber früher aus diesem Grunde mit Diels die Annahme von Entlehnungen aus exoterischen Schriften überhaupt entbehren zu können glaubte, so muß dieser Schluß jetzt natürlich fallen gelassen werden. Die Behandlung des Eingangs des VU. Politik- buchs durch Vahlen, Ber. Wiener Akad. d. Wiss. Bd. LXXII 5ff., die durch feine sprachliche Beobachtungen ausgezeichnet ist, hat das durch Bernays aufge- worfene Problem der Herkunft des Gedankengehalts dieses Kapitels nicht ge- fördert. Verhältnis des Idealstaatsentwm-fs zum Protreptikos 291 terischer Vorlage. Aber der gehobene Stil' dieses Stücks ist dennoch zweifellos nicht aus bloß unwillkürlichem Durchschlagen des Originals zu erklären, denn er ist in der Einleitung des Idealstaats durchaus am Platz und findet sich auch sonst an ähnlichen Stellen, ohne daß Entlehnung aus Dialogen anzu- nehmen ist'). An der vorliegenden Stelle trifft eben beides, Entlehnung und Stiländerung, zusammen: Aristoteles schöpft nicht nur die Gedanken aus seiner exoterischen Vorlage, sondern er trifft mit dieser auch in der Absicht zusammen, diese Ge- danken protreptisch wirksam zu machen durch eine bestimmte stilistische Form. Aus dem Protreptikos übernimmt er zunächst — wie am Anfang des zweiten Buchs der Endemischen Ethik — die Ein- teilung aller Güter in äußerliche, körperliche und seehsche. Die Eudämonie ist durch den Besitz aller drei Arten von Gütern bedingt, doch es kommt dem Philosophen naturgemäß nicht so sehr darauf an, die Notwendigkeit der äußeren oder der körper- lichen zu zeigen, als die der sittlichen und geistigen Güter. 'Niemand kann einen Menschen glückhch nennen, der keine Spur von Tapferkeit, Besonnenheit, Gerechtigkeit und von Erkenntnis {(pQÖvrjGig) besitzt, sondern der jede FHege fürchtet, die vorüber- fliegt, dem das Gemeinste nicht zu gemein ist, wenn er ein Ge- lüsten des Gaumens oder der Kehle damit zu befriedigen hofft, und der um ein paar elende Pfennige seine besten Freunde ins Verderben stürzt, ebensowenig aber auch den, dessen Geist un- entwickelt ist wie der eines Kindes oder umnachtet wie der eines Wahnsinnigen.' Die vier platonischen Tugenden, darunter die im Sinne des späten Piaton anstelle der aoq)ia gesetzte q^QÖprjaig, beweisen allein schon das Alter dieser Stelle. Im Protreptikos fanden wir dieselbe Vierzahl'). Wieviel Wert auf sie gelegt wird, zeigen die vier Beispiele, von denen das für den Wert der (pQÖvrioic, auch in unseren Bruchstücken des Protreptikos noch nachweisbar ist. 'Kein Mensch möchte leben, selbst im Besitz des größten Vermögens und der größten Macht, die es seit Menschengedenken gab, wenn er der vernünftigen Besinnung >) So z. B. in dem I. Buch IleQl ^(itojv ftoQiwv, das die Einleitung einer größeren Reihe von Vorlesungen über die Tiere bildet und sehr ins Allgemeine geht. 2) Frg. 52 (p. 82, 2— 4R.), frg. 58 (p. 68, 6— 9R.) vgl. Pol. If 1, 1323 b33— 36; 15, 1334 a 22 19* of)) Tlie Urpolitik beraubt uiul von Wahnsinn umnachtet sein sollte, und dürfte er aufli ein lieben voU der stärksten Sinnengenüsse führen', und weiter unten heißt es: 'Wenn einer auch alles besäße, aber sein Geist wäre nicht in Ordnung und krank, so wäre das Leben nicht wünschenswert. Denn auch die anderen Güter nützen dann nichts. Deshalb halten alle Menschen im Vergleich mit dem Bewußtsein der Sinne und der Fähigkeit, dies eine, das geistige Leben, zu genießen, alles andere für nichts, und aus diesem Grunde würde es kein Mensch ertragen, sein Leben lang trunken oder im Zustand eines Kindes zu sein^).' Docli das werden alle zugeben, fährt die PoUtik fort, ver- schiedener Ansicht ist man nur über das Maß, d. h. über die b'rage, von welcher Art von Gütern man mehr gebrauche. Von der dQETfi halten die Menschen schon einen noch so kleinen Teil für ausreichend, an Reichtum aber, an Geld, j\lacht und Ruhm erstreben sie ein Übermaß (e/g äneiQov t,i^xovoi Ti]v v7isQßo?.i^v). Doch gleich viel ob die Eudämonie in der Lust oder in der sittlichen Tüchtigkeit oder in beiden bestehe — dies war ja die Fragestellung des Philebos und Protreptikos ^) — kommt sie eher denen zu, die im höchsten Maße mit den Gaben des Geistes ge- schmückt sind, aber nur mäßigen Besitz an äußeren Gütern haben, als jenen, die mehr äußere Besitztümer haben, als sie ge- brauchen können, die aber in geistiger Hinsicht benachteiligt sind. Diese Worte geben charakteristische Gedanken und Wen- dungen des Protreptikos wieder. Der li^v öiävoiav y.sy.oofitjfiivog xax^' vjieQßo?.i]v ist das Gegenbild zu dem Äa/.mQu ia&rjzi y.exo- ou)]fj,Evog des Protreptikos, dessen Seele y.axc^g öiüy.eiTai"). Von dieser inneren öidd-eaig spricht Aristoteles in der Politik wenige Zeilen weiter. Der Höchstgrad (ägiazi] öidd-eaig) eines jeden Gutes, das Menschen zuteil werden kann, ist hinsichtlich seines relativen Wertvorzugs vor dem Höchstgi-ade anderer Güter ab- hängig von der Wertdifferenz dieser Güter selbst untereinander*). 0 Frg. 55 (p. 65. 4—7 und 65. 15— 21R.) «) Jambl. Protr. p. 41. 12: 59,27 Pist. ") Pol. Hl, 1323a36ff. vgl. frg. 57. An beiden Stellen ist die Methode, den Anteil der iy.ide yoqriyla und der inneren öid&eais der Seele an der Eudä- monie zu bestimmen, ein und dieselbe. ') Zur Vorliebe für diese formallogische Art der Schlußbildung im Pro- treptikos vgl. Jambl. Protr. p. 43, 28; 44, 21. Beide Beispiele beziehen sich eben- falls auf das algeiöv und fiäÄ^.ov algeiöv. Benutzung des Protreptikos 293 Dasselbe spricht der Protreptikos einfacher aus: für den, dessen seelische öidd^eoig schlecht ist, ist weder Reichtum noch Kraft Qoch Schönheit ein Gut; sondern je mehr diese xad^" fjnsQßolriv vorhanden sind, um so schwerer schädigen sie den, der sie be- sitzt, wenn sie nicht mit cpQÖvt]aig verbunden sind (frg. 57 Schluß). Die äußeren Güter müssen ein nsgag haben, weil sie Mittel sind und jedes Mittel zu etwas nütze ist ; als Selbstzweck gepflegt, schlägt das Mittel zum Schaden dessen aus, der sich zu seinem Sklaven macht, oder es wird doch mindestens unnütz. Die Steigerung der inneren Güter dagegen ist um so nützlicher, je größer sie wird, wenn man hier überhaupt vom %QriGi(.iov sprechen soll und nicht nur vom y.aXöv^). Auch hier ist der Protreptikos die Quelle. Dort heißt es: 'Überhaupt ist das ständige Suchen nach dem Nutzeffekt für jede Art des Wissens ein Zeichen, daß man nicht ahnt, welcher Abstand von Haus aus zwischen den Gütern im eigentlichen Sinn des Wortes und den bloßen Mitteln ist. Zwischen ihnen besteht nämlich ein sehr großer Unterschied. Dinge, die man um eines anderen willen begehrt, ohne die man nicht leben kann, sollte man nur Mittel {drayuaXa) und Be- dingungen (ovvaltia) nennen. Güter im wahren Sinne (d. h. Werte) dagegen nur, was man seiner selbst wegen schätzt, auch wo kein Nutzen dabei ist. Denn es ist nicht einfach immer nur eines um des anderen willen wünschenswert (aiQETÖv) und dies andere wieder um eines anderen willen und so fort bis ins Unendliche {eig änsiQov), sondern es gibt ein Halt irgendwo {toxa%al nov vgl. Pol. 1323 b7 T« (lev yäq EUTÖg E'xei neQag)." Überhaupt soll man nicht immer fragen iL xQ'ijoiiiov und xi odv fjßiv öcpsÄog, denn es gibt ein Ideales (xaXöv xdyad-öv), das höher steht als der schnöde Nutzen ^. Jeder hat soviel Anteil an der Eudämonie, wie er Teil hat dgex^g nal (pQovf^OEcog — die Formel der Endemischen Ethik — des hat er Gott selbst zum Zeugen, der Evöalfiiov Y.al fiaxuQiog ist nicht durch das, was er hat, sondern durch das, was er ist (öi avxöv avxög xai ry :n:oiög xig Eivai xr]v (pvaiv). Diese Art der Argumentation gehört der Zeit nicht lange nach der Loslösung von Piaton an, wo das Theologische noch herrscht und wo es auch Ethik und Politik noch durch- 1) Pol. Hl, 1323 b7— 12 2) Frg. 58 (p. 68, 19 R.). Hinter Ääyousv sind bei Rose p. 69, 1 drei Zeilen durch Versehen des Druckers ausgefallen vgl. Jamhl. Protr. p. 52, 28 ff. .„,. Die ürpolitik strahl f. Später vermeidet Aristoteles solche Einmischung des Metaphysischen. Daß auch sie dem Protreptikos nachgebildet ist, beweist das bei Cicero erhaltene Bruchstück über die vita beala auf den Inseln der Seligen: una igitur essemus beati (seil, si nubis in beatorum insulis immortale aevum degere liceret) cognitione naturae et scientia, qua sola etiam deorum est vita laudanda '). Auch hier wird von dem Grund der Seligkeit Gottes auf die wahre menschliche Glückseligkeit geschlossen. Sowohl dieser Schluß wie die im Folgenden entwickelte Scheidung der Eudiimonie und Eutychie gehören zu den Problemen, die die Frühschriften und die älteste Ethik mit der Nikomachischen Ethik gemeinsam haben. Aber die ganze Art, in der sie hier auftreten, ist die der älteren Periode"). Das erste Kapitel des Buches //, das offenbar dem Umfang nach mit der ersten Vorlesung zusammenfällt, schließt mit den Worten: 'Als Einleitung möge dies genügen. Es ist weder mög- lich, diese Sache nicht zu berühren, noch kann dabei auf alle sich daran knüpfenden Fragen eingegangen werden. Denn das ist Sache einer anderen Vorlesung {ExsQag oxoh^ig).^ Wer etwa noch nicht befriedigt ist, wird dann ausdrücklich auf eine neue Erörterung der Frage vertröstet. Aristoteles erwartet in dem platonischen Kreise, aus dessen Mitte diese Vorträge erwachsen sind, Widerspruch gegen die Gleichsetzung der svöaifiovia des Staates mit der des Individuums. In dem platonischen Philosophen- staat aufzugehen und seinen Zielen zu dienen, mochte einem Philosophen freihch nicht schwer fallen, aber Aristoteles denkt sich seinen neuen Idealstaat nicht von platonischen Königen regiert. Wo er im ersten Kapitel von der Identität des besten Lebens für den Staat und den einzelnen Bürger spricht, kennt er als mögliche Arten des ßlog bezeichnenderweise nur noch zwei: ein Maximum an Lust oder ein Leben ethischer und praktischer Tüchtigkeit. Von dem Leben der reinen Vernunft {(pQÖvrioic,) spricht er nicht*). Die Antwort eines Platonikers mußte darauf lauten: Dann bleibt dem Philosophen nichts übrig als sich aus dem politischen Leben ganz zurückzuziehen. Dies folgte notwendig aus der Ansicht, die Aristoteles selbst im Pro- treptikos vertreten hatte. Dort bestimmte nur die Philosophie ») Prg. 58 (p. 68, lOR.) -) Vgl. Eth. Eud. ö 2 ») Pol. Ä"l, 1323 bi Auseinandersetzung mit dem Protreptikos 295 die höchste politische Norm, sie war die Gesetzgeberin im Staate. Wo blieb in dem der Wirklichkeit genäherten Staatsideal noch Platz für den d-ecüQr^xLxög ßiog des philosophischen Individuums? Hier wird die Antinomie zwischen Staat und Einzelmensch zum ersten Male zum wissenschafthchen Problem, allerdings noch in einem ganz beschränkten Sinne, denn nur das philosophische Ich, das Ich der (pQÖvijaig, hat gegenüber dem Staat gegebenenfalls höhere Interessen zu vertreten. Für einen gewöhnlichen Bürger, der nur das Produkt des herrschenden Staatsethos ist, gibt es im antiken Staat kein solches Problem. Er geht als Glied im Staatskörper auf. Aber vom idealen Staate fordert Aristoteles, daß Staats- gemeinschaft und Individuum in keinem Falle unversöhnlich aus- einanderklaffende Lebensziele haben dürfen. Es ist ein Schau- spiel von mehr als zeitgeschichtlichem und persönlichem Interesse, wenn wir den Verfasser des Protreptikos in den beiden nächsten Kapiteln der Politik den nach der Preisgabe des platonischen Philosophenstaates unvermeidlichen Kampf zwischen seinem philosophischen und seinem staatsbürgerlich-sozialen Gewissen ausfechten sehen. Wie die Antinomie von Glauben und Wissen in der Metaphysik, von Ethos und spekulativem Geist in der Ethik, so ist die Antinomie von Staat und Individuum (= Kultur- wert) erst auf dem Boden des aristotelischen, gebrochenen Piatonismus theoretisch möghch. Piatons Staatsm}i;hos vermochte mit seiner romantischen Ureinheit der wirkenden Kräfte das antinomische Auseinanderstreben dieser sich immer mehr sondern- den Faktoren in der Wirklichkeit nicht mehr aufzuhalten. Aristo- teles sucht sie in einer höheren Einheit von neuem zu versöhnen. Die konsequenten Verfechter des d-E(OQi]Tixög ßlog hatten als die letzte Folgerung aus Piatons Ideal wohl schon längst die Flucht aus dem wirklichen Staat und das Metökenleben {^Evixög ßlog) erkannt '), denn wo existierte der philosophisch temperierte Staat, in den ihr Ideal sich einordnen konnte? Aller wirkliche Staat, so schien es ihnen, war ja doch Gewalt und nichts als Gewalt, Tyrannis und Unfreiheit. Daher hieß die Losung: nicht handeln, nicht herrschen, nicht sich mitschuldig machen an dem despo- tischen Greuel des machthungrigen, selbstsüchtigen politischen 1) Pol. H2. 1324 al4g. 096 Die ürpolitik Treibens. Ihnen stehen nach Aristoteles diejenigen gegenüber, die nur kräftiges Handeln und Herrschen für eines Mannes würdig jialten. Es gibt Staaten, deren ganze Gesetzgebung und Ver- fassung nur dies zum Ziele hat, die Züchtung eines stolzen, hen'ischen und kriegerischen Geistes in seinen Bürgern. Soweit die Staatsverfassungen nicht geistlose Zufallsprodukte sind, wie die meisten, haben sie nach Aristoteles ausnahmslos diese Prägung^). Er konstruiert nun sein neues Ideal als Mitte zwischen diesen beiden radikalen Extremen. Den schrankenlosen Individuahsraus der konsequenten Platoniker, die der Teilnahme an einem des- potischen Staate die absolute Freiheit des Einzelnen vorziehen und weder regieren noch regiert werden wollen, hält er zwar für sittlich besser als das Machtideal des modernen Staates, aber Herrschaft ist nicht notwendig Despotie, und eine große Zahl von Menschen ist zur Abhängigkeit einfach geboren. Ungerecht- fertigt ist auch die Verwerfung des Handelns und das Lob des Nichthandeins. Unvergleichlich griechisch sagt Aristoteles, die- jenigen hätten sicherHch nicht Unrecht, die der Ansicht seien, das sd nqdxiEiv könne nicht gut im ängwAxelv bestehen. Über diese Gewißheit bedarf es für griechisches Lebensgefühl keiner Diskussion. Es ist klar, daß Aristoteles das philosophische Lebens- ideal mit diesem Staats- und Gemeinschaftsziel nur dadurch ver- einigen kann, daß er auch das d^EOiQEiv des Philosophen als eine Art schöpferischen 'Handelns' hinstellt. Auch hierin bricht er neue Bahn, schafft neue Verbindung zwischen Wissenschaft und Leben, nachdem die platonische, mythische Synthese zerfallen ist. Das Handeln des schöpferischen Geistes heißt: bauen. Die einsame Höhe des Protreptikos hat Aristoteles verlassen. Er steht im wirkenden Leben als der Baumeister der Gedanken (6 xalg öiavoiaic, uQXLttAxoiv) und baut seinen Staat so, daß dieses geistige Tun als Spitze aller menschlichen und gemeinschaftfördernden Tätigkeit in ihm zur Anerkennung und Wirkung gelange"). So hält Aristoteles sein Jugendideal, mit der klarer erkannten Wirk- lichkeit kämpfend, aufrecht. Daß die Auseinandersetzung mit den ethisch - politischen Grundgedanken des Protreptikos und seiner Lehre von dem besten Leben so im Vordergrunde des alten Idealstaatsentwurfs steht, wie wir dies in der Urethik auf Schritt ') Beschreibung der beiden Typen Pol. -H2, 1324 »353. «) Pol. B"3, besonders 1325 biöff. Eudemische, nicht Nikomachische Ethik benutzt 297 und Tritt gefunden haben, ist nicht nur ein Beweis seiner frühen Entstehung, sondern gestattet ihn überhaupt erst problemgeschicht- lich richtig einzuordnen. Die Ui^poHtik steht eben auf gleicher Stufe der Entwicklung wie die Urethik und Urmetaphysik ^). Damit erledigen sich zugleich m einem neuen Sinne die zahlreichen Stellen, wo der alte Idealstaatsentwurf auf die Ethik Rücksicht nimmt. Man hat sie meist auf die Nikomachische Ethik bezogen, auch wo an sich die Eudemische benutzt sein kann. Seltsam blieb dabei aber, daß einige Hauptstellen nur auf die Eudemische Ethik paßten, die doch von Eudemos stammen sollte^). Da die Ethik an diesen Stellen (wie auch sonst meistens) nicht ausdrücklich zitiert, sondern stillschweigend benutzt wird, so mußte hier umgekehrt Eudemos die Politik vor Augen gehabt haben. Nachdem die Verfasserschaft des Eudemos widerlegt und das Alter der nach ihm benannten Ethik erwiesen ist, hellt sich auch diese Beziehung auf. Ist das Alter des Idealstaatsentwurfs schon durch sein nahes Verhältnis zum Protreptikos auf die 40 er Jahre des 4. Jahrh. festgelegt, so ist es ja selbstverständlich, ^) Die Abhängigkeit des Buches H vom Protreptikos erstreckt sich keines- wegs bloß auf die hier analysierten drei ersten Kapitel, so ist z. B. in Kapitel 15 der Protreptikos wieder als Vorlage deutlich zu spüren. Erinnert schon die Aufzählung der vier platonischen ägetaC dort daran (1334 »22 ff.), daß dieser ganze Staatsentwurf aus recht früher Zeit stammt, so entlehnt Aristoteles den Topos über die Notwendigkeit der Philosophie und der sittlichen agszai auf den Inseln der Seligen direkt jener Schrift (frg. 58). Eben daher rührt die Invektive gegen die Unfähigkeit zur %Qfiais der uya&d (frg. 55), die sich diesem Topos unmittelbar anschließt. Aus dem Protreptikos (Jambl. Protr. p. 51, 18 — 52, 2) stammt auch der Schluß des Kapitels über das Verhältnis von Körper und Seele und die Teile der Seele. Hll, 1337 ^2 ndaa yuq xiyvri v.al naiöeCa xb TiQoaÄelnov ßovÄexav xr^g tpvaecog ävanÄriQovv ist wörtliche Wiedergabe aus Jambl. Protr. p. 50, 1 — 2; iZ 9, 1329*15 i) 6h (pQ6v)]aig iv nQsaßvzsQOLg iaxlv aus p. 51, 24ff. ebendort. 2) Bendixen Philologus Bd. XI (1856) 575 ff. machte zuerst gegen Spengels Zuweisung der Endemischen Ethik an Eudemos auf eine Anzahl von Stellen aufmerksam, wo die Politik sich auffallend mit der Eudemischeu Ethik berührt. Er wagte aber nicht recht daraus den Schluß zu ziehen, daß Spengels Athetese unhaltbar sei. Von der Mühll in seiner schon früher zitierten Göttinger Disser- tation (1909) p. 19 stellte die Bendixenschen Beobachtungen neuerdings zur Er- örterung, ohne im einzelnen ihre Untersuchung wieder aufzunehmen. Nachdem der aristotelische Ursprung der Endemischen Ethik anderweitig von uns hin- länglich festgelegt und ihre Entstehung in die Periode der kritischen Abkehr von Piaton gesetzt ist, fordert Bendixens Material erneute Stellungnahme. ii^g Die Urpolitik (laß 111 ilmi nur die üiethik benutzt sein kann. Im 18, Kapitel des liuclies H ist z. B. eine längere Ausführung über das rechte Verhältnis von Zweck und Mittel aus ihr wiedergegeben*). Die Nikomachische Ethik kommt hier als Quelle zugestandenermaßen nicht in Betracht. Es ist aber auch nicht gestattet, diese rein ethischen Sätze, die in der Endemischen Ethik in ihrem ur- sprünglichen Gedankenzusammenhange stehen, während sie in der Politik nur im Vorübergehen ad hoc herangezogen werden, auf die Politik als primäre Quelle zurückzuführen. Ebenso wenig kann Aristoteles den gleichen Gedankengang an zwei vonein- ander unabhängigen Stellen zufällig oder gedächtnismäßig mit den gleichen Worten formuliert haben. Diese Erklärung ist da- durch ausgeschlossen, daß sich noch eine Anzahl ähnlicher Über- einstimmungen mit der Endemischen Ethik findet, die mit ihren z. T. ganz charakteristischen Einzelheiten alle die gleiche Tat- sache erweisen: daß Aristoteles bei der Niederschrift des ältesten Teiles der Politik die Endemische Ethik vor Augen gehabt und an zahlreichen Stellen zitiert hat. Ein schlagender Beweis für die Richtigkeit dieser Auffassung ist es, daß diese merkwürdigen Entlehnungen auf die ältesten Bücher der Politik d. h. die zum Idealstaat gehörenden Teile entfallen*). Wie die spätere Be- arbeitung der Politik und die Nikomachische Ethik, so sind Ur- politik und Urethik in engem Zusammenhang miteinander ent- standen. ■) Pol. Hl?,, 1331 b26 vgl. Etil. Ead. £11, 1227 bl9. An der Tatsache der Entlehnung der Politikstelle aus der Ethik an sich kann kein Zweifel sein, da außerdem in dem vorliegenden Kapitel noch zweimal mit ausdrücklichen Worten auf die ii^iKol Äöyoi zurückgegriffen wird (1332 »8,21). -) Dies ist im Zusammenhang unsrer Untersuchung der entscheidende Punkt, auf den bisher überhaupt noch niemand sein Augenmerk gerichtet hat. Bis jetzt hat man die Berührungen zwischen Politik und Endemischer Ethik nur für die Frage der Echtheit des letzteren Werkes verwendet, die durch sie allerdings nicht eindeutig entschieden werden kann. Neben den auffallenden Entlehnungen aus der Endemischen Ethik im B und H, auch im r der Politik findet sich Pol. ^9, 1257 aö, also in einem jüngeren Teil, die gleiche Unterscheidung einer doppelten Bedeutung des Begriffs der xen^^^S wie Eth. Eud. FS, 1231 b38; ebenso kehren an zwei Stellen des jüngeren Buches .E sprüchwörtliche Gnomen wieder, die sich auch in der Urethik finden (Bendixen a. 0. 580). Aber diese schwachen Anklänge sind ihrer Natur nach nicht eigentlich beweisend und können mit den Entlehnungen im B, F uad H der Politik nicht auf ein und dieselbe Stufe gestellt werden. Es sind teils Reminiszenzen, teils wie die Doppel- bedeutung der X9^1oi9 Dinge, die sich notwendig 'yiederholen müssen. Eudemische, nicht Nikomachische Ethik benutzt 299 Die Urethik ist in demselben 13. Kapitel noch mehrfach be- nutzt: die Stelle 1332 ag ist zu allgemein, um bestimmte Schlüsse zu ziehen^), dagegen kann sich a2iff. nur auf die Urethik, nicht auf die Nikomachische beziehen, da der Wortlaut die zugrunde- liegende Stelle der ersteren genau wiedergibt, während eine Ent- sprechung in der Nikomachischen Fassung fehlt. Die Stelle, weiche von den Herausgebern aus dieser mitaufgeführt wii'd, paßt nicht '^). Daß die Eudemische Ethik gemeint ist, beweist so- wolil das Zitat 1334 a40ff., wo die überaus charakteristische Geschichte von der spartanischen Auffassung der aQExi) aus der Eudemischen Ethik 1248 b37ff. angefühi't ist, Avie dasjenige in Buch £ 1271 b4ff., das auf dieselbe SteUe geht. Die Unter- scheidung der Endemischen Ethik zwischen der unechten, sparta- nischen und der echten äQExfi mußte für Aristoteles, als er die Grundlagen zu seinem Musterstaat legte, besondere Bedeutung gewinnen. Sie hängt aber mit der Stelle 1332 a21ff. so un- trennbar zusammen, daß damit bewiesen ist, daß an allen drei Stellen dieselbe Ausführung der Eudemischen Ethik gemeint ist. 1332 a21 heißt es: nal yäq romo öiojQioxai xaxä xovg vi^ixovg Zöyovg, ÖTi xoiovTÖg egtiv b ajiovöaiog, ^ öiä Tt]v dQExi}V äyad^ä EGxi xä anZoJg dyad-d '^ Eth. Eud. 1248 ^26 dyad-ög fisv ovv iaxtv (^ xä cpvoEi dyad-d iaxiv dyad-d. Dann folgt die nähere Begiiin- dung. Auf sie stützt sich Aristoteles in der Pohtikstelle. Auch im dritten Buch der Politik 1278 b20ff. findet sich ein Zitat aus der Urethik. Neben diesen Abhängigkeiten der alten Bücher der Politik von der Endemischen Ethik findet sich keine einzige nachweisbare Spur einer Abhängigkeit von der Nikomachischen Ethik. Von ganz anderer Seite erlaubt ein anderer Teil des alten Tdealstaatsentwurfs dessen Entstehungszeit näher zu bestimmen, 1) Es handelt sich um die Definition der Eudämonie. für die Aristoteles sich auf die Ethik beruft. Sie könnte an sich auch aus Eth. Nie. A 6, 1098 a 16 ent- nommen sein, aber die anderen Beispiele schließen die Nikomachische Fassung auch hier aus. Einen Fingerzeig gibt die Betonung der iviQyeia y.al XQfiai,g äQCTijs leXela; diese Form finden wir Eth. Eud. jB 1, 1219 ^2 mit der Bestimmung der sidaifiovia verbunden. In der älteren Politik ist sie die stehende Definition vgl. Ha 1328a 38. 2) Die wörtliche Anlehnung an Eth. Eud. 0 3. 1248 b26 ist sofort klar, Eth. Nie. PG. 1113al5ff. ist keine völlig schlagende Parallele. ■j(,(, Die Urpolitik (las IUk'Ii //'), tlas die Kritik der früheren griechischen Staats- iitopistcn enthält und dessen besonderer Reiz in der Kritik Piatons lie^'t, bei weitem der ausführlichsten, die wir von Aristoteles imben. Außer den eigentlichen Utopien bespricht Aristoteles die von den griechischen Staatstheoretikern des 4. Jahrh. als Muster- verfassungen {€vvo,uovfi£vat jiohxElai) gepriesenen Staaten Spai-ta .und Kreta, wozu noch Karthago tritt. In der jetzigen Form sind diese Kapitel nicht lange nach 345 niedergeschrieben, da der Übergang des phokischen Bandenführers Phalaikos nach Kreta als jüngst geschehen erwähnt wird'^). Aber dem Kern nach sind sie älter, denn der Protreptikos lehnt die Anerkennung Kretas, Spartas 'oder anderer dieser Art' als mustergültiger Ge- setzgebungen bereits in der gleichen Weise ab. Sie sind dort mit den dvd-Qcjnivai TioAixslai gemeint, aus deren Nachbildung immer nur wieder Menschenwerk, doch niemals etwas Göttliches und Dauerndes hervorgehen könne*). Auch der Tatsachenstoff, den Aristoteles verwertet, ist schwerlich erst in Assos und Mytilene gesammelt, sondern schon zu der Zeit beigebracht worden, wo Piaton an den Gesetzen schrieb und die spartanischen und kretischen Staatseinrichtungen in der Akademie mit Vorliebe besprochen wurden. Das neue Wissen über Kreta tritt bald nach dem Erscheinen der Historien des Ephoros gleichzeitig im ^) Buch B ist als Ganzes alten Ursprungs, nur das vielbehandelte Schluß- kapitel dürfte auch in chronologischer Hinsicht eine Ausnahmestellung ein- nehmen. Aristoteles gibt hier einen Katalog der vof-iod-iiaL und bestimmt im Anschluß daran das Utov in dem Gesetzgebungswerk bezw. Staatsentwurfe eines jeden von ihnen. Der Zusammenhang des Stücks mit dem vorangehenden Buch ist von jeher als locker erkannt worden. Wenn man es als ursprünglich für diese Stelle bestimmt erklären will, so ist nicht ersichtlich, weshalb aufs neue von Piaton und Phaleas gehandelt wird. Wilamowitz Aristoteles und Athen Bd. I 64 ff. athetiert deshalb die Sätze 1274b9_i5. Der Katalog der Gesetzgeber ist aber offenbar selbständig entstanden und, wie ich Entstehungsgesch. d. Metaph. 45 gezeigt habe, ein Buchnachtrag. Die Tendenz der Sammlung aller erreichbaren Einzelfälle und die Methode der «'(Jta-Forschung lassen vermuten, daß er aus der Spätzeit des Aristoteles stammt, wo in der Naturgeschichte ähnliche Methoden angewandt wurden. Welche Bedeutung die i'Jta-Forschung für die Wissenschaft des Hellenismus erlangt hat, z. B. in der Ethnographie, ist bekannt. ^) Pol. B 10, 1272 b20, wo nöÄsixos ieviKÖg trotz Newman a. 0. vol. II 360 den Söldnerkrieg bedeutet, nicht den auswärtigen Krieg (so schon Fülleborn. Oncken). Die letztere Bedeutung ist späteres Griechisch. ') Jambl. Protr. p. 55, 17 Entstehung in Assos bald nach Erscheinen der 'Gesetze' 301 Buche B der Politik und in dem pseudoplatonischen Dialog Minos auf, der nicht lange nach Piatons Tod entstanden sein dürfte'). Den Gewährsmann für die karthagische Verfassung kennen wir nicht, aber auch sie hat Aristoteles jedenfalls schon lange vor der Pohtiensammlung studiert. Maßgebend war bei dieser Arbeit der Normgedanke, es kam ihm wie im Protreptikos auch hier darauf an, zu beweisen, daß der beste Staat in Wirklichkeit nirgendwo anzutreffen sei. Der in der späteren Ethik zurück- tretende Begriff des ÖQog, den wü^ in der Urethik noch wirksam fanden, ist nirgendwo so folgerichtig angewandt wie in der Idealstaatspolitik, die auch dadurch zeitlich in die Nähe der Endemischen Ethik rückt"). Die Kritik des platonischen Staates, die für die Erkenntnis des Gegensatzes der aristotelischen Natur zu Piaton deshalb so wichtig ist, weil sie sich nicht in den Fonneln abstrakter Er- kenntnistheorie verkappt, ist wolil wie die Hauptteile des Ideal- staatsentwurfs l3ereits fertig gewesen, als die Gesetze während *) Die alte Kontroverse über die Abhängigkeit des Aristoteles von Ephoros oder umgekehrt hinsichtlich der Überlieferung über Kreta kann nicht mit voller Sicherheit entschieden werden. Benutzung der kretischen Politie des Aristo- teles durch Ephoros ist natürlich ausgeschlossen durch die viel spätere Ab- fassungszeit der Politiensammlung. denn Ephoros' Werk lag dem Kallisthenes bereits vor, der 334 mit Alexander nach Asien ging (vgl. Wilamowitz. Aristo- teles und Athen Bd. I 305). An sich steht der Benutzung des Ephoros durch Aristoteles auch in der Kritik der kretischen Zustände Pol. B 10 in der zweiten Hälfte der 40er Jahre zeitlich und sachlich nichts im Wege, da dem Aristoteles damals die eigentliche Einzelforschung im Stil seiner letzten Periode noch fern lag. Immerhin spricht er jff 14. 1333 ^ 18 schon von Thibrons Schrift über den sparta- nischen Staat und von ziuv uÄÄcov iaaazos tvjv yQacpövToiv tieqI no^.aeCas ai'TÖn', lokale Quellen sind also auch für Kreta nicht ausgeschlossen. Die Art der methodischen Schlüsse stimmt freilich bei Ephoros und Aristoteles hinsichtlich Kretas so überein und ist so modern, daß man lieber an einen Historiker wie Ephoros als ihren Urheber denkt. -■■ Hier nur wenige Beispiele dafür. An vielen Stellen schwankt der Sinn des Wortes o^og zwischen notwendiger Wesensbestimmung (Wesensnorm;» und Normziel. Aus Buch II, dem eigentlichen Idealstaatsplan, notierte ich mir 2, 1324 b4; 4, 1326 »35— 36; 1326b23, 32; 1327 a«; 7, 1327bl9; 13, 1331 b 36 {ÖQog direkt synonym mit ar.oTiög, z^Äog): 15, 1334^12; auch der anonög kehrt mehrfach wieder: 2, 1324 a34: 13. 1331b27,Bl; 14, 1333 b3, 13. Aber auch die Bücher B, F und 0 machen öfter Gebrauch von diesem Begriff der Norm, der in Bonitz Ind. Arist. s. v. 8Qog unter den Bedeutungen des Wortes nicht zu seinem Recht gekommen ist; vgl. 56, 1265 a32; 7, 1267 a29: 9, 1271 a35; F 9, 1280 a7; 13, 1283 b28: 0 7, 1342 b33 (vgl. a. 6, 1341 bl5). ..^y^ !>!<• rrpnlitik (It's Aufenthalts in Assos erschienen. Vollendet wurde der Ent- wurf eist unter dem unmittelbaren Eindruck des Werkes, der iihenill /.u spüren ist. Die eigentliche Kritik der Gesetze scheint freilich ziemlich rasch gemacht zu sein, sie enthält, wie bekannt ist, allerlei Ungenauigkeiten, die auf hastige Lektüre schließen lassen. Auch von den Gesetzen fand man in seinem Nachlasse reichliche Auszüge wie von der Politeia; sie sind zweifellos zu kritischem Zweck hergestellt. Zu einer erschöpfenden Gesamt- wiirdigung der Gesetze fehlte dem Aristoteles jetzt die Geduld, er stand ihnen eher mit etwas vorgefaßter Meinung gegenüber und glaubte selbst schon weiter zu sein, als daß er sie hätte in lluhe hören sollen. Er war sich bewußt, trotz vieler Über- einstimmungen im einzelnen ein anderes Prinzip zu befolgen. Um so öfter zwang ihn die kraftvoll realistische Anschauung in den Gesetzen zu einzelnen, freilich meist kritischen Seitenblicken. Auch die jetzt von Piaton vorgeschlagene Bevölkerungszahl (z6 vvv FiQiiatvov 7cPS]x^og), heißt es z. B., darüber darf man sich nicht täuschen, würde eines Territoriums bedürfen wie Babylonien oder sonst ein Land von kolossaler Ausdehnung, das imstande wäre, 5000 Nichtstuer zu ernähren, wozu noch eine weitere, viel- mal so große Menge von Weibern und Bedienung kommen würde'). Das Gesamturteil lautet: es ist wie alles was Piaton sagt, geistreich, revolutionär und die Probleme aufwühlend, ob aber richtig, das ist eine andere Frage. Ein bezeichnender p]inwand gegen Piatons Staatsentwürfe ist die fehlende Rücksicht auf die außenpolitische Situation. Piaton baut seinen Staat im luftleeren Raum, die brutalen Widerstände der politischen Wirklichkeit denkt er weg oder, was schlimmer wäre, er denkt nicht an sie. Es ist gewiß klug und real gedacht, wenn Piaton sagt, der Gesetzgeber müsse stets zwei Dinge im Auge behalten, Land und Menschen. Aber avo bleiben die Nach- barländer? Aus dem Vorhandensein der Nachbarn und der Un- möglichkeit einer ungestörten isolierten Tdealexistenz, die nicht nur für das Individuum im Staate besteht, sondern ebenso für den Staat in der Staatengemeinschaft, folgt die Notwendigkeit militärischer Rüstung, die sich nicht nur nach den Verhältnissen im eignen Lande, sondern auch nach der Beschaffenheit der ') Pol. £«, 1265 a 13 Kealpolitischer Einfluß des Hermias 303 fremden Länder richten muß'). Der Staat soll allen anderen Mächten die Lust dazu nehmen, ihn anzugreifen, nicht nur, wie Piaton fordert, im Fall der Invasion dem Feinde tapfer entgegen- treten. Mit Piaton lehnt Aristoteles die Verherrlichung der Macht und Herrschaft als des letzten Staatszweckes auf das schärfste ab, er verwirft die ausschließliche Abrichtung des Volkes auf den Krieg und die einseitige Einstellung des Staatsgeistes auf diese eine Art der Kraftentfaltung. Aber für Aristoteles charakteristischer ist, was er Neues hinzufügt. Die Rücksicht auf die Außenpolitik reißt den Staat in das Machtgetriebe der sich stoßenden Völkerinteressen hinein und gibt ihm leicht eine andere Richtung als die aus seiner ethischen Zielsetzung folgende. Es ist klar, daß nicht theoretische Überlegungen den Platoniker zu dieser Wandlung geführt haben, sondern eigene Berührung mit der wirklichen Außenpolitik. Die Sturmreden des Demosthenes, die vor seinem Fortgang von Athen begannen, haben auf einen Geist wie Aristoteles kaum in dieser Richtung wirken können. Dagegen mußte der dauernde Umgang mit einem Realpolitiker wie Hermias von Atarneus seinem politischen Denken neue Impulse geben, wie er umgekehrt den Hermias von der Not- wendigkeit ethischer Ziele in der Pohtik überzeugt hat. In Assos und kurz danach ist der aristotelische Idealstaatsentwurf vollendet worden. Kein griechischer Staat jener Zeit war in höherem Maße von den yEixvLMviEc, xonoi abhängig als der des Hermias: sein labiles Gleichgewicht zwischen Philipps mächtig um sich greifendem Militärstaat auf der europäischen Seite des HeUesponts und dem auf seine Oberhoheit eifersüchtigen Perserreich auf dem asiatischen Ufer forderte ein stets wachsames Auge und Ohr. Es ist auf- fallend, wie sich der unplatonische Gedanke der Notwendigkeit der Rüstung durch den ganzen Entwurf hindurchzieht und mit ihm die Furcht vor dei- Nachbarschaft mächtiger Gegner"). An einer interessanten Stelle bekämpft Aristoteles die eigentümhch spartanische Idee Piatons, die Städte sollten nicht befestigt sein "). Er erklärt das angesichts der modernen Belagerungstechnik und der Erfindungskunst der neuen Artillerie für ein altmodisches ') Pol. 5 6. 1265al8ff. ^) Pol. Bl, 1267 al9; -B9, 1269*40; Hll. 1330»' 32 •■') Pol. Hll, 1330b 32 bis Schluß des Kapitels ..-VI nie llrpolitik Normteil, das dort seine Berechtigung haben mochte, wo man e.s rings nur mit schwächeren Feinden zu tun hatte wie im alten Sparta, aber nicht gegenüber Gegnern von erdrückender Übermacht. Das paßt auf die Lage des Hermias, der ja Atameus stark befestigt hatte und später von den Persern w^irklich ohne Krfolg belagert worden ist. Nun wird an eine Belagerung von Atarneus ausdrücklich erinnert an der andern oben genannten Stelle'). Hier ist Hermias offenbar selbst die Quelle gewesen. Nachdem an dem Staatsentwurf des Phaleas wie bei Piaton die mangelnde Rücksicht auf die Notwendigkeiten einer kräftigen Außenpolitik und militärischer Rüstung beanstandet ist, fordert Aristoteles auch für die innere Politik, für die sich die Idealstaats- theoretiker leider meist zu ausschließlich interessieren, das be- ständige Hand in Hand Gehen mit der auswärtigen Leitung. Vor allem muß die Anhäufung eines Besitzes vermieden werden, der durch seine Größe mächtigere Feinde zu Angriffen reizt und von den Besitzenden nicht verteidigt werden kann. Die richtige Norm in dieser Hinsicht hat nach Aristoteles Eubulos von Atar- neus, der Vorgänger des Hermias, aufgestellt, der früher Bankier gewesen war. Er lehrte, daß es sich für den Gegner nicht lohnen dürfe wegen des Plus, das man besitze, einen Krieg anzufangen. Als Autophradates, der persische Satrap, ihn in Atarneus be- lagern wollte, forderte Eubulos ihn auf, einen Kostenanschlag der Belagerung unter Berücksichtigung der für sie anzusetzenden Zeit aufzustellen. Er erklärte sich bereit, Atarneus zu verlassen, wenn er ihm nichts weiter als diese Unkosten zahle, und führte ihm so zu Bewußtsein, daß die Kostspieligkeit in keinem Ver- hältnis zur Höhe des Objekts gestanden hätte. Autophradates rechnete nach und ließ wirklich von der Belagerung ab. So spiegelt sich die Lokalatmosphäre von Atarneus im alten Idealstaatsentwurfe, So humorvoll konnte Aristoteles freilich nur darüber schreiben, bevor die zweite Belagerung von Atarneus durch denselben furchtbaren Gegner die scherzhafte Erinnerung an die Kniffe des alten Schlaukopfs Eubulos, bei dem Hermias in die Lehre gegangen war, verdunkelt und durch den Tod des Hermias in sein perscinliches Geschick und in das seiner P^amilie zerstörend eingegriffen hatte. Wir glauben hier noch seine Ge- spräche mit Hermias zu hören, der den aller Wirklichkeit offnen >) Pol. B 7. 1267 a 19—37 Realpolitischer Einfluß des Hermias 305 Blick des Platonikers von den Idealen auf die Tatsachen hin- lenkte. Zu den Bestrebungen des Hermias, der seine Tyrannis auf den Rat der Philosophen von Assos freiwilhg in eine ge- mäßigtere Verfassung umwandelte, stimmt die Hochschätzung des aristotelischen Idealentwurfs für diese Staatsform, ebenso die ab- sichtliche Beschränkung auf eine Stadt von nicht zu großem Umfang und Territorium. Zum Schluß noch ein Wort zur Charakteristik der aristo- telischen Idealstaatsmethode. Die Grundlage des Idealstaats, die Buch r enthält, ist das berühmte Sechsverfassungssystem, die Einteilung der möglichen Verfassungsarten in drei richtige und drei entartete Verfassungen (jiaQexßdoEig). Diese normative Be- trachtungsweise übernimmt Aristoteles aus den politischen Werken seiner akademischen Periode. Auf sie beruft er sich ausdrück- lich an der Stelle, wo er das Sechsverfassungssystem entwickelt. Die Kapitel 6 und 7 des dritten Buchs sind im wesentlichen nur ein Auszug daraus. Hier sehen wir besonders deutlich noch den Gang der jEntwicklung. Piaton hatte in den spätesten Teilen des 'Staates' die Typen der Verfassung charakterisiert, was dann weiterhin im Politikos zur Ableitung eines systematisch-begriff- lichen Schemas der richtigen und normwidrigen Staatsformen führte. Der methodische und architektonische Zug in Aristo- teles ließ ihn gerade hier anknüpfen. Dazu kam, daß er das Erscheinen des Politikos in den empfänglichsten Jahren als Mit- glied der Akademie miterlebt hatte. Seine Auseinandersetzung mit Piatons Staatslehre dreht sich deshalb hauptsächlich um dies Werk, doch scheint er von Anfang an das wirtschaftliche und gesellschaftliche Moment der verschiedenen Staatsformen stärker betont zu haben als die formalen Einteilungsmerkmale. Der Einfluß der ableitenden und begrifflich konstruierenden Methode des Pohtikos zeigt sich vor allem darin, daß Aristoteles den Ideal- staat nicht einfach gleichsam aus dem Boden aufwachsen läßt wie Piaton im Staat und in den Gesetzen, sondern ihn aus einer vollständigen Wertsystematik der Verfassungen herausspinnt. Er bringt in die Frage des besten Staates dadurch die ihm wesens- notwendige apodiktische Strenge, soweit die Materie sie zuläßt. Überall drängt er auf präzise Begriffe '). Sein Idealstaatsbau ist *) In dieser Eidologie der Verfassungen ist jede Verfassung ein fester Be- griff, der Gedanke der späteren Bücher der Politik, daß es mehrere sehr ver- Jaeger: Aristoteles. -O .,,,,. Die. HrpolitiK- lo^'isclK's CierU.st, Denkkonstruktion, straffe ZurUckführung des Staates auf die grundlegenden Begriffe und Elemente. Die an- schaulich-realistisclie Einzelausführung, die den Gesetzen das Bewegte und Kraftvolle gibt, interessiert ihn wenig. Man ver- gh'icii'e die Behandlung eines so wiclitigen Punktes wie Land und Leute im siel)ten Buch, wo fast nur eine nackte Aufzählung der verschiedenen notwendigen Forderungen gegeben wird, oder den skizzenhaften Abschnitt über die Grundbedingungen (wv oi'x ävev) der Existenz des Staates'). Aus dem souveränen gesetz- geberischen Staatskünstlertum Piatons wird bei Aristoteles mit prinzipienhafter Folgerichtigkeit eine wissenschaftliche Deduktion, die nur in dem einen Punkt ganz platonisch bleibt, daß das Ziel die Erkenntnis der unbedingten Staatsnorm ist. Die begriffliche Konstruktion wird im bestätigenden Hinblick auf die Erfahrung entworfen, ist aber doch von der empirischen Arbeitsweise der späteren Bücher, die die bloße Morphologie des wirklichen Staats enthalten, grundverschieden. Sie ist nicht nur in dem Sinne früher als jene, wie das Ganze vor dem Teil, das tUog vor dem Wege ist, sondern sie bildet problemgeschichtlich und biographisch ein früheres, unausgeprägteres Stadium der aristotelischen Staatslehre, dessen Eigenart und Verdienst außer in vielen berühmten Einzelsätzen hauptsächlich in der bewußten Methode der Ableitung liegt. Die größte schöpferische Kraft des Aristoteles, den konkreten Formensinn und die Fähigkeit im wechselvoll Lebendigen das bewegte Eidos zu sehen, finden wir erst in seiner letzten Periode im fruchtbaren Ringen mit dem un- begrenzten Stoff der Einzelerscheinungen voll ausgebildet. Aber da war die umfassende Form und der Rahmen seiner Politik längst fertig, und das Neue mußte sich ihm einfügen, wenn es ihn auch fast zersprengte. Kein Wunder, daß die Nachwelt sich schiedenwertige Arten der Oligarchie und Demokratie geben könne, je nach der BeschaRenheit und Kombination der verschiedenen Teile des Staates, liegt hier noch gänzlich fern. Aus diesem Grunde ist es nicht wahrscheinlich, daß die Entwicklung der mannigfachen Formen des Königtums in dem Schlußteil des Buches r dem alten F d. h. dem Idealstaatsentwurfe der 40er Jahre angehört, zumal darauf auch in A Rücksicht genommen wird. Eine genauere Analyse hätte zu bestimmen, wie Aristoteles sich bei dem Einbau der Bücher A — Z später den Übergang von F zu A gedacht hat und wieweit der Schluß des J dabei überarbeitet worden ist. 'j Pol. H 4, 1326 a.5 und ff 8, 1328 b 2 ff. Charakteristik der politischen Methode des Aristoteles 307 an die Synthese nicht gebunden fühlte, sondern je nach der eigenen Stelhmg von dem ihr Zusagenden Gebrauch machte. Und dennoch ist es keine wahre Würdigung des von Aristoteles Geleisteten, wenn der Empiriker seinem politischen oder ethischen Gedankenbau nichts als die Fülle des Erfahrungsstoffs entnimmt, wie es so häufig geschieht, oder wenn anderseits der Normativist ihn als Ausprägung zweiten Ranges für den platonischen Ideal- staatstypus in Anspruch nehmen zu dürfen glaubt. Das Große, Neue und Umfassende des Aristoteles liegt in der Verbindung des normativen Denkens, das ihn zur Aufstellung eines neuen, der Wirklichkeit sich anpassenden Staatsideals führt, mit der Kraft seines die Mannigfaltigkeit des politisch Wirklichen be- wältigenden und organisierenden Formensinns; während dieser den Drang zur absoluten Norm vor der Erstarrung bewahrt und tausend Wege der Hilfe und Formen der politischen Existenz weist, schützt ihn der strenge Zielgedanke vor dem Relativismus, zu dem die gleichmäßige verstehende Hingabe an alles, was ist, so leicht verführt. In beider Hinsicht und der Vereinigung beider Richtungen ist Aristoteles zum Vorbild der künftigen modernen Geisteswissenschaft und Philosophie berufen. 20* Siebentes Kapitel. Entstehung der spekulativen Physik und Kosmologie. Die naturwissenschaftlichen Arbeiten des Aristoteles machen es uns erheblich schwerer als die im engeren Sinne philosophischen, der Entwicklung seiner Anschauungen auf den Grund zu kommen. Es ist ein Übel, dem wohl auch eingehendste Untersuchung der Komposition dieser Schriften und Vergleichung sämtlicher Einzel- heiten nicht wird abhelfen können, daß wir von einer Entwick- lung seines naturwissenschaftlichen Denkens im einzelnen nur wenig auszusagen imstande sind, obgleich wir mit aller Gewiß- heit aussprechen können, daß er bei der Intensität seiner Forschung gerade auf diesem Gebiet vielleicht die erstaunhchsten Fort- schritte gemacht hat und daß er gerade hier noch weit mehr als auf den anderen Gebieten aus seiner Entwicklung verstanden werden müßte, wenn wir ihn in seinem Eigensten begreifen wollen. Es kann keine Rede davon sein, daß es sich dabei doch immer nur um Erkenntnisse relativ belangloser Einzelheiten, um die allmähliche Vermehrung des ungeheueren Erfahrungsstoffs, auf dem seine Forschung fußte, und um die Abfassungszeit der zufälligen Form der Niederschrift seiner Vorträge handeln könne, die uns gerade erhalten ist. Auf wichtige physikalische Unter- scheidungslehren des Dialogs üeqI cpdooofpiac, und der Schrift Über den Himmel haben wir bereits aufmerksam gemacht (S. 155). Hier zeigte sich uns ein allmähliches Sichfreimachen von den Voraus- setzungen mythischer Naturerklärung, die im griechischen Geiste stets mächtig geblieben ist und die durch die Sternseelentheorie Piatons einen neuen Impuls erhalten hatte. Dieses Ringen genauer an zahlreichen Beispielen zu beobachten, wäre auch für die Ge- schichte des Philosophen Aristoteles sicherlich von höchstem Interesse: die immanente Richtung seines Denkens würde dadurch deutlich zu Tage treten. Schon der Wechsel in der Beschäftigung mit den verschiedenen Gebieten der Natur würde uns eine Kurve erblicken lassen, die, dessen dürfen wir bei einem Geiste wie "Wert der Zitate für die Chronologie 309 dem des Aristoteles im voraus versichert sein, alles andere sein würde als eine Verbindung zufälliger Einzelpunkte seiner Bio- graphie. Leider haben wir diese Einsicht zur Zeit noch nicht erreicht, wir beschränken uns hier daher auf das, was sich uns auf unserem bisherigen Wege erschlossen hat. Zu warnen ist zunächst vor dem immer wieder unternommenen Versuch, auf Grund der Vor- und Rückverweisungen in den naturwissenschafthchen Werken ihre Zeitfolge zu bestimmen. Diese Zitate haben nur dann den Wert eines chronologischen Kriteriums, wenn sie sich untereinander oder wenn sie dem vor- Hegenden Gesamtplan eines Werkes widersprechen und wenn diese Widersprüche ergänzend zu anderen, sachhchen Beob- achtungen hinzutreten. In den physikalischen Schriften findet sich nun ein festgeschlossenes System von Verweisen, auf dem noch Ed. Zeller seine Hypothese über die Reihenfolge der Ab- fassung aufbauen zu können glaubte '). Danach wird die Physik in der Analytik in Aussicht gestellt, sie war also noch nicht fertig, als diese niedergeschrieben wurde, während sie in der Metaphysik und Ethik sowie in den meisten übrigen natur- wissenschaftlichen Schriften angeführt oder vorausgesetzt wird, woraus gefolgert wird, daß sie zwischen der Analytik einerseits und der Metaphysik, Ethik usw. anderseits abgefaßt worden sei, was auch daraus seine Bestätigung erhalte, daß sie selbst keines von diesen letzteren Werken anführt oder voraussetzt. Die Reihenfolge der Entstehung wäre danach: Physik, Über den Himmel, Über Entstehen und Vergehen, Meteorologie. Diese Folge bestätigt angebhch auch die Meteorologie, die die Schriften in derselben Folge als vorangegangen aufzählt "). Von den weiter- gehenden Schlüssen betreffs der Tiergeschichte, der Schrift Über die Seele und der sonstigen Schriften über die organische Natur können wir zunächst absehen. Es hegt hier eines jener einge- wurzelten Mißverständnisse vor, deren unausrottbarem Einflüsse es zu verdanken ist, daß man meist von vornherein auf die genauere Untersuchung der Zeitfolge verzichten zu können glaubte. Was man so gewinnt, ist bestenfalls die von Aristo- *) Zeller, Phil. d. Griech. Bd. II 2'' 158 vgl. L. Spengel, Über die Reihenfolge der naturwissenschaftlichen Schriften des Aristoteles, Abh. d. Münch. Akad. Bd. V 150 ff. '-) Meteor. AI, 338 »20 .:jj,) Kntatohun)^ der spekulativen Physik und Kosmologie teles seihst am Schluß seiner schriftstellerischen Tätigkeit be- al)sichtit,Mt' j)il(lagogische und sachliche Folge, niemals jedoch ein Kinhiick in seine Entwicklung oder auch nur in die sukzessive Abfassung der einzelnen Schriften. So wenig aus einer Er- wähnung der Ethik in der Politik oder der Politik in der Ethik oder der Ethik in der Metaph3'sik jedesmal auf die Priorität der angeführten Schrift oder ihres Inhalts geschlossen werden darf, wenn man nicht die Art der Benutzung und die Form des Zitats genau untersucht und die Möglichkeit in Betracht zieht, daß eine frühere oder spätere Fassung als die uns erhaltene zitiert wird, so wenig ist auf die durch die physikalischen Schriften hindurch- gehende Zitatenreihe ein chronologisches Gebäude zu stützen. Die angeblich chronologische Ordnung ist nichts anderes als der — vielleicht durchaus nicht ursprüngliche — Gesamtplan, in dessen Rahmen Aristoteles am Ende seines Forschens die Masse der Einzeluntersuchungen nachträglich hineingezwungen hat. Sie stimmt ja auch mit der handschriftlich am besten beglaubigten Reihenfolge der Schriften überein'). Daß diese eine sachhche, nicht eine zeitliche ist, hat wohl noch niemand bezweifelt. Vor dieser nahe liegenden Vertauschung des genetischen und des systematischen tiqöteqov wie auch vor der Gleichsetzung des Zeitpunkts der schriftlichen Festlegung eines Gedankens mit seiner Entstehung im Geiste des Philosophen muß man sich hüten. Dies alles sich vor Augen zu halten, wäre früher von bloß theoretischem Wert gewesen, da die Abfassungszeit der Meta- physik, Ethik usw. selbst unbekannt war und alle Schriften, die wir besitzen, sich nach der bisher üblichen Ansicht in der letzten Periode zusammendrängten. Das ist nach den Untersuchungen der vorhergehenden Kapitel anders geworden. Es ist darum wichtig, von jenem Verfahren abzurücken, das nur deshalb solange keinen Widerspruch gefunden hat, weil es praktisch überhaupt nicht anwendbar war. Anderseits sind die Zitate der physi- kalischen Schriften in den übrigen Werken deshalb nicht ganz zu entbehren, weil es bei der Art des Stoffs an zeitgeschicht- ') Über die näheren Einzelheiten des Vorlesungsplans, soweit er die an die Meteorologie anschließenden Schriften zur Anthropologie und organischen Natur betrifft, vgl. meinen Aufsatz Das Pneuma im Lykeion Hermes Bd. XLVIII 38. Über die Folge der einzelnen Schriften in den Handschriften vgl. Arist. de an. raot. et de an. ine. p. VIII Jaeger. Die Physik älter als die ältesten Teile der Metaphysik 311 liehen Andeutungen ganz oder fast ganz fehlt und die Entwick- lung der Methode nicht so scharfe Einschnitte zeigt, wie etwa in der Ethik und Metaphysik der Bruch mit der Lehre Piatons es ist. Wir müssen die Zeugnisse deshalb, wo wu- sie gebrauchen, vorerst genau untersuchen. Unter sämtlichen Zitaten, welche sich auf die Phj-sik beziehen, besitzt nur eine Gruppe wirklich chronologische Bedeutung, die Anführungen in den ältesten Teilen der Metaphysik. Wir wiesen nach, daß Buch A der Metaphysik kurz nach Piatons Tode niedergeschrieben wurde, zu einer Zeit, wo Aristoteles noch Platoniker war. Dieses Buch beruft sich für die teleologische Lehre von den vier Prinzipien, die Aristoteles der Metaphysik zugrunde legt, statt weiterer Beweise für die Vollständigkeit dieser Einteilung auf die Ausführungen der Physik. Es ist nicht ein einzelnes Zitat, das aus seinem Zusammenhang leicht wegzu- denken ist und später zugesetzt sein könnte, sondern eine ganze Anzahl von Stellen, an denen Aristoteles immer wieder auf die Tatsache zurückkommt, daß die geschichtliche Übersicht über die Lehren der früheren Denker sich durchgehends als eine geschicht- liche Bestätigung der in der Physik aufgestellten vier dQxai er- weise *). Das ganze erste Buch der Metaphysik beruht auf dieser Voraussetzung und fiele in sich zusammen, stände nicht die Ätiologie der Physik hinter jeder seiner Zeilen. Damit ist un- widerleglich erwiesen, daß nicht nur das zweite Buch der Physik, welches diese Prinzipienlehre entwickelt, sondern eine voll- ständige Reihe von Untersuchungen, die unter dem Gattungs- begriff (pvoiy.ä zusammengefaßt wurden, bereits um 3i7 bestanden hat. Dies bestätigt ferner außer den Einzelzeugnissen der Metaphysik") vor allem sie selbst als Ganzes, da sie ihrer ganzen philosophischen Konzeption nach die Physik voraussetzt und aus ihr hervorwächst. Zwei Grundlagen der aristotelischen ersten Philosophie gehören der Physik au, und zwar die wichtigsten von allen: die Unterscheidung von Stoff und Form und die Lehre 1) Metaph. ^3, 983a33; 7,988^21; biß; 8, 989a24; 10,993*11 ^) Unter den Berufungen der Metaphysik auf die Physik sind am wichtigsten für unsere Frage natürlich die in den nachweisbar ältesten Schichten enthaltenen, also am Anfang der älteren Untersuchung über die Realität des Übersinnlichen (Af 9, 1086 »23) und die Zugrundelegung des physikalischen Begriffskumplexes im Ganzen in Buch A 1—5. .ji.) Hilfst* ImiiK der spekulativen PLysik und Kosmologie von der F^ewc^ung. Aus diesen beiden Voraussetzungen leitet Aristoteles die Notwendigkeit des ersten Bewegenden her, und auch 2 über Philipps Tod durcheinander geworfen. Ich er- wähne das nur, weil es an der autoritativen Stelle, wo es steht, geeignet ist, zahlreiche Leser irre zu führen. An sich ist es ja richtig, daß die jetzige Redaktion der Physik erst der letzten Periode angehört, aber die von Gercke namhaft gemachten Gründe beweisen das nicht (auch die Abfassung nach der Analytik kann für so späte Entstehung der Physik gar nichts beweisen) und ferner ist diese redaktionelle Tatsache für die philosophische Entwicklung des Aristoteles völlig belanglos. ') Eudemos hatte es in seiner Physikparaphrase übergangen (vgl. die Vorbemerkung zu Buch H im Kommentar des Simplicius Bd. II 1036 Diels), es gehörte also nicht zu dem "Physik" betitelten Komplex, der von Aristoteles selbst zusammengestellt und seinen Schülern hinterlassen worden war, was natürlich nicht beweist, daß die Schrift im Peripatos überhaupt nicht bekannt war. Sie ist wie gewisse ursprünglich für sich überlieferte Metaphysikbücher als wichtiges geschichtliches Dokument aufbewahrt woiden, das aber neben den 'großen und zusammenfassenden Theoremen' des Schlußbuchs der Physik — so drückt sich Simplicius nus — praktisch kaum Bedeutung hatte. Erst der pietät- volle Sammel- und Vollständigkeitstrieb der andronikischen Generation scheint es der Physik einverleibt zu haben. Die beiden Fassungen, in denen es er- halten ist, hat schon Simplicius miteinander verglichen, ohne nennenswerte in- Die älteren Bestandteile der Physik 313 einer Zeit entstanden ist, wo Aristoteles die Ideenlehre noch nicht einfach als abgetan behandelte, ist mehr als wahrscheinlich'). Wie die Metaphysik und Ethik, ist auch die Physik aus wenig- stens zwei Teilen zusammengewachsen, wovon jeder wieder aus haltliche Unterschiede darin entdecken zu können. Er hebt aber mit Recht hervor, daß die Beweise des H für das tcq&tov kivovv auf einer weniger hohen Stufe stehen als die in Buch 0, und dies wird wohl der Grund gewesen sein, weshalb Aristoteles es durch letzteres ersetzt hat. Vgl E. Hoffmann, De Aristo- telis Physicorum libri septimi origine et auctoritate (Berl. Diss. 1905). ^) Die Stelle Phys. iI4, 249 b 19—26 ist allerdings schwierig und bedarf der Interpretation. Seit Simplicius hat niemand sie zu deuten versucht, wenn man von Prantls Übersetzung (Leipzig 1854) p. 367 absieht, der den Gedanken- gang nicht verstanden hat. Aristoteles zeigt im 4. Kapitel die Inkommensura- bilität der verschiedenen Arten der Bewegung, z. B. der qualitativen Veränderung {&ÄÄol(üaig) und der Ortsbewegung {(poQo). Der Begriff der Gleichgeschwindig- keit {6^oTa%is) ist nur auf gleichartige kommensurable Bewegungen anwendbar. Vergleichbar sind z. B. qualitative Bewegungen untereinander oder quantitative Bewegungen untereinander. Im ersten Fall spricht man von einer öfioiÖTrjg oder ävofioioTTjg der qualitativen Veränderungen, im zweiten von einer laözrjg oder ävcaözijs der quantitativen Bewegungen. Die ävtaöztjg entsteht durch das (ielt,ov ij MÄaxTov der miteinander verglichenen quantitativen Bewegungen, die avof4oi6zrig durch das fiäÄÄov ^ fizzov zweier verglichener qualitativer Ver- änderungen. Eine weitere Art der Bewegung ist diejenige, welche die oiala und nicht bloß die Qualität oder Quantität betrifft: die yiveaig bezw. tpd'OQd. Man kann zwei yeveaeig hinsichtlich der Gleichgeschwindigkeit miteinander nur vergleichen, wenn es sich um zwei dfioeiSi], z. B. Menschen, handelt. Aber es fehlt der Sprache eine Kategorie, die prägnant die Art des Unterschieds zweier yeveaeig bezeichnete, Aristoteles entschuldigt sich deshalb, wenn er nur farblos und allgemein von der izsQÖzi^g derselben spricht und auch kein gegensätzliches Begriffspaar nennen kann, das wie fiäA,Äov aal ■^zzov bei Qualitätsveränderungen oder wie (lel^ov aal e'Äazzov bei Ortsbewegungen deutlich machte, daß es sich weder um intensive noch um extensive Unterschiede hier handelt, sondern um etwas davon Verschiedenes. Nun folgt die für die Datierung wichtige Be- merkung: wenn die oiaia, um deren yeveaig es sich handelt, eine Zahl ist (wie die Akademie und Piaton annahmen), so ist der Bewegungsunterschied in der yivECfig zweier oialat, aufzufassen als die arithmetische Differenz zweier gleichartiger Zahlen hinsichtlich des nÄiov ^ iÄazzov. Aber eine ge- meinsame Bezeichnung für den Bewegungsunterschied gibt es nicht. Der Schluß- satz ist verderbt, sein Sinn ist offenbar, daß es auch keine dem ^äAÄov xal ^zzov und dem ftei^ov xal äÄazzov entsprechende Bezeichnung der beiden mit- einander verglichenen yeviaeig gebe. Daß die oialai, deren Entstehung mit- einander verglichen wird, gleichartig {dfioeidrjg) sein müssen, folgt aus der Be- weisführung des ganzen 4. Kapitels, aber welchen Sinn hat diese Forderung bei den Zahlen? Wir mübsen uns erinnern, daß eine Hauptschwierigkeit der Ideal- zahlentheorie nach Metaph. Ml, 1080ti37ff. in der Frage lag, ob die Monaden, .^^ ^ Kntst.lHii!',' der spekulativen Phj'sik und Kosmologie mehreren ;\l)liainlluns tieqI acofidtav aiiüiv fiövov v.al f*ovd6cov zd^iv fihv iyßvzoiv, &ipv'/o)v 8h 7idf*7iav, öiavoov^ied^a' öeI ö' (hg fier- exyj zig kuI elöoc, i[ioi, iazcv Tj ivSij^eiai nXelo) yevia&aL rä xnö'' inaara. eXie yuQ k'ariv eXöii, y.a&ÜTieQ q>aal tiveg, ävdyy.r] zovio avfißaiveiv, ehe y.al ;^w()tffröi' firjd'lv rtüv ToiovzcDV, od&iv fjtzov. inl ndvtoiv yuQ o5z(og ÖQä>[*,ev, 5ao)v ij oiaCa iv ■SXfi iazlv, nXeioi v.aX äneiQa övza zä öfioeiöij. *) De caelo ^9,279*17. Ich habe im Folgenden nach dem Vorbild von J. Bernays den griechischen und deutschen Text nebeneinander gestellt. :iis Rntstohnn^ der speknlativen Physik und Kosmologie noiei yt}Qd oiö' foilv ov- dfvdg ovöifiia fieiaßo^ii tcop i'.^kQ rfjv i^iotäzo) TEiayfiEvoji' ffOQc'w, uX?S dvaXXoiißxa xai unai}i'l ifjv äQtaxrjv i'xovra '^(o^v xai Ttjv ctvTaQxeaTärrjv öiaiEp^sl ibv ujiavia alojafcc -accI yuQ lovio rovvofia d-eicoq ecpd^eyxiai jittQu tCi)v ÜQyaioiv. tö yäg tiXoc, jö JiEQitxop TOP n'jg ty.äoiov C(i)ijg xQÖvop, oh fi7]d^£P e'^o) xaru (fvaiv, alojv kxdoxov xixÄrjTai. xaxu xbv avzöp ös Xoyop xai %o xov navxbg o-öqupov xEXog xai xö xbv nävxa xQ^^ov xai lijv änEiQiav ueqiexov xiXog aiöjv ioxiv, djib xov dEi slvai EiXrjcpüig xi]v inoyvvfiiav, dd-dpaxog xai dslog. ud^EV xai xolg dXXoig i^ijQxtjxai, xolg fiEv dxqißlaxEQOv rolg d' d^iavqüg, xb Eivai xe xai ^r]v. xai yaQ xad-ujiEQ iv xolg iyxvxXloig (piXoaoq)ri- fiaoi jiEQi XU d^Ela noXXdxig nqoipaivExai xolg Xöyoig öxi xb ^eIov dfiExdßXr]xov dvayxalov Eivai näv, xb nQwxov xai dxQÖxa- xov [()] ovxog Exov fiagxvQsl ist, seiner Natur nach an keinem Orte noch läßt Zeit es altern, und nichts von dem, was der Ordnung jenseits des äußersten Umschwunges zugehört, kennt irgend keine Veränderung, son- dern unveränderbar und leidens- los führt jenes Reich das voll- kommenste und in sich selbst befriedigtste Dasein immerfort den ganzen Äon. Denn dieses Wort kommt wie göttliche Kunde aus dem Munde der Alten. Die endigende Grenze nämlich, die die Lebensdauer eines jeglichen Geschöpfs schließt, deren Über- schreitung nach der Ordnung der Natur nicht zulässig ist, heißt der Äon eines jeglichen Dinges. Aus demselben Grunde ist auch die Endgrenze des ganzen Weltraums und das, was die ganze Zeit und die Unend- lichkeit umschließt und endigt, ein Aon, der seinen Namen im eigentlichen Sinn des Wortes (dei = ewig, immer) trägt, ein unsterbhcher und göttlicher. An ihm hängt Sein und Leben aller Wesen, das der einen in genauerer Verbindung, das der anderen nur dunkel noch spür- bar. Denn wie es sich bereits in unseren veröffentlichten Lehren über die göttlichen Dinge vielfach bei den Beweisen gezeigt hat, daß alles Göttliche unveränderlich sein muß, so be- zeugt es den dortigen Aus- Der Dialog IIeqI cpiÄoaocpCas ist in lleQl ovgavov benutzt 319 TOfg ei,Q)]fi£voig. ovTS yaQ äkXo XQElitöv eariv öii yiivt)a£L {^üEivo yaQ äv el'fj d-£iÖT£QOv) ovt' s'xsi (pavXov oöd-ev, odi £VÖ££g xüv amou xaAciJv ovd'Evög ioTiv. aal änavoTov öij yJvr]Giv KivEiiai £'dXöyo}g • jidvTa yaQ navEiai -Aivov^iEva, oxav i'Ä&i] £ig cöv olxEiov XÖJIOV, xov öe xvxAo) oöjiiaTog ö aurög lörcog öd-£v i'iQ^ato aal £ig öv teXevto,. führungen durch seine tatsäch- liche Beschaffenheit das Erste und Höchste. Weder gibt es etwas anderes, noch stärkeres, was denHimmel bewegenkönnte, denn dann wäre ja dieses noch götthcher, noch hat es irgend einen ^Mangel oder Fehl an sich noch muß es auch nur eines einzigen Stückes all seiner Voll- kommenheit entbehren. Und so bewegt es sich denn mit Grund in nie ermattender Be- wegung. Denn alles hört auf sich zu bewegen, wenn es an den ihm bestimmten Ort ge- langt ist. Für die Kugel der Welt aber ist es derselbe Ort, wo ihre Bewegung anfängt und wo sie endigt. Gemeint sind hier mit den 'enkyklischen Philosophemen' die Bücher Über Philosophie. Sie sind der einzige Dialog, wo über die theologische Frage gehandelt und ihr Zusammenhang mit dem Problem der ewigen Kreisbewegung des Firmaments unter- sucht war. Die letzten Worte sind ein ziemlich wörtlicher Aus- zug aus der von Simplicius in seinem Kommentar zur Stelle im Wortlaut mitgeteilten Argumentation jenes Dialoges, den er aus- drücklich als die Quelle, auf die Aristoteles' Zitat sich beziehe, bezeichnet. Merkwürdigerweise hat Bernays, der die Simphcius- stelle schai-f sinnig behandelt'), sich nur an das Zitat geklammert, es entging ihm, daß die ganze oben mitgeteilte Partie, welche dem Zitat unmittelbar vorhergeht, sich durch ihren Stil als Wiedergabe eines Stückes literarischer Kunstprosa zu erkennen gibt, das gleichfalls aus dem Dialoge genommen ist. Auch der Anfang des 10. Kapitels, der gleich darauf folgt, macht nicht den Eindruck des Vorlesungsstils, wenn sich hier auch nur einzelne Spuren eines fremden Stils nachweisen lassen. Jeden - ') Bernays. Die verlorenen Dialoge des Aristoteles 110 •]Of) Rnt8tchlln^,' der spekulativen Physik und Kosmologie falls ist ii» der frUlien Zeit auch in den physikalischen Vor- U'.sunt^t'ii wie in den pohtischen, metaphysischen und ethischen mit (Kt freien Wiedergabe größerer Stücke aus den literarischen Schriften zu rechnen. Freilich war in den Dialogen von physi- kahschen Dingen selten die Rede. In dem dritten Buche Über Philosophie dagegen liatte Aristoteles (S. 141) von der Frage der Ewigkeit des Himmels gesprochen und gegen Piatons Ansicht gekämpft, der Himmel sei zwar unvergänglich, aber in der Zeit geworden. Wir dürfen also gerade in dem auf das Zitat folgenden Schluß des I. Buchs und am Anfang des U. Buchs vom Himmel engere Anlehnung an den Dialog vermuten, weil hier die gleiche Frage {tiöieqov dyEvi]Tog ^ yevfjxög xai äcpd-aQzog ^ (pd^aqxbg ö xüofiog) untersucht wird. Im wesentlichen ist diese Untersuchung wie die des Dialogs eine fortlaufende Polemik gegen Piatons Timaios, der auch ausdrücklich genannt wird^). Nun fällt der Anfang des IL Buchs so vollkommen aus dem Stil und aus der Methode der üblichen schulmäßigen Beweisführung heraus, daß keine andere Erklärung übrig bleibt, als daß Aristoteles auch hier Stücke des III. Buchs IIeq! (pikoaotpiag wiedergibt. Ein direkter Beweis läßt sich aus Mangel an Material nicht führen, doch nachdem die Sache als solche einwandfrei an zalüreichen Beispielen festgestellt ist und ein größerer Auszug aus diesem Buch kurz vorhergeht, kann an der Herkunft wohl kein Zweifel sein. "Oti fiev odv ovTE yiyovev ö Daß nun das Himmelsganze nag odgavög om ^vbiyExai (pd-a- weder entstanden ist noch ver- Qi]vai, y.a^dnEQ xivig cpaoiv gehen kann, wie einige be- ai)x6v, cUX' Eoxiv slg xal dtöiog, haupten, sondern einer und uQxiiv fiEv y.ai xeAevxijv ovx ewig ist, der keinen Anfang ^XOJV "^ov navxbg alojvog, e'xojv und kein Ende seines gesamten ÖE xai nEQiExojv Iv abxcp xbv Äons kennt, und der in sich ujtEiQOv XQ<^i'ov, i'x XE xdjv siQi]- faßt und umfaßt die unendliche (lEvoiv E^Eoii XaßEiv xijv nioxiv Zeit, das ist sowohl aus dem xrti diä xfjg öö^rjg xTjg nagä Gesagten mit überzeugender xu)v äX?Mg lEy6vxxiiv xai yevvdjv- Gewißheit zu entnehmen als x(oi> avTÖv El yccQ ovxcog fiEv auch aus der Vorstellung der- l'xetv EvÖEXExai. xaÜ-' öv öe jenigen, welche anderer Ansicht xQonov ixEivoi yEvia&ai Xiyovoiv sind und ihn auf andere Weise '^ De caelo A 10, 280 »28 vgl. 279 b32 Der Dialog HcqI (piXoao(plag ist in IleQl oögavov benutzt 321 odx kvdexExai, fiEydZ7]v äv i%oi aal TOVTO ^ojirjv eig nioxiv ueqI f^g dd-avaolag a-özov nal xrjg ■didiö%r]xog' öiötieq naXcog e'xei GVfiUEid-Etv eavTÖv Tovg aQxaiovg aal /ndZiaxa naxQiovg fj^cjv dXt]^elg elvai Zöyovg, wg ^axiv dd-dvaxöv %i y.at d^siov lüv ix6v%o)V fiEV ictvrjoiv, exovtcov ÖE xoiavxi]v &OXE /irjd^EV Eivai yiEQag avxfjg, dXXä fiäZAov xav- xrjv xöjv äXXcßv jiiqag' xö xe yäq JiEQag xibv jisQiExövxayv loxl, xal avxf] fi KvxXocpoQia TeXeiog o-öaa nEQiEXEi xäg dxE^Elg xal xäg Exovaag nigag xai navXav, avxi] ÖE ovösfiiav ovx' dQ%i]V ixovaa odxE xeXevxijv dXX^ änav- oxog ovoa xbv ütieiqov xQÖvov, x(üv d' äXXoiV xcbv fiEV aixia T^g aQX^g Twr de ÖEXOfievt] zijv navXav. xbv ö'ovqavbv xal xbv äv(o xonov ol fikv dQxaloi xolg x^Eoig djiEVEifiav wg övxa fiövov äd'dvaxov • ö ök vvv huqxvqeI loyog dg äcpd-aqxog xal dyEVT]- ■Tog, hl Ö'änad^rig udarjg d'vi]xfjg J a e ge r : Aristoteles. entstehen lassen. Schon die Tatsache, daß es sich so ver- halten kann , wie wir es meinen, während er nicht so geworden sein kann, wie jene es lehren, ist von ausschlaggebender Be- weiskraft hinsichtlich seiner Unsterblichkeit und Ewigkeit. Daher ist es ganz richtig, wenn man dem Glauben an die Wahrheit der uralten und ge- rade bei unseren Vätern herr- schenden Überheferung Einlaß gewährt, daß es etwas Unsterb- liches und GöttHches gibt in der Welt jener reinen Bewegung, die keine Grenze der Bewegung kennt, sondern eher selbst für alles übrige eine solche Grenze ist; denn eine Grenze ist stets ein Umfassendes, und diese voll- kommene Kreisbewegung um- faßt die unvollkommenen Be- wegungen in sich, welche eine Grenze und Rast kennen, während sie selbst weder An- fang noch Ende hat, sondern unaufhörlich dauert die grenzen- lose Zeit und für alle anderen Bewegungen teils Ursache ist ihres Anfangs, teils ihr Abklin- gen in sich auflöst. Den Him- mel und die obere Region er- kannten die Alten den Göttern zu, weil sie ihn allein für un- sterblich hielten. Unsere jetzige Rede aber bezeugt, daß er un- vergänglich und ungeworden, und frei ist vom Erleiden aller 21 H-JJ if stohnnpr dpr fspcknlativen Physik nnd Kosmologie dvaxFQFias iativ, 7iQÖg ök xomoig (hioroc. (ha ro fii](hfiiäg nQOGÖel- ai}ai ßiaing ävdy/.rig, i) v.a%i%£i xoyJivovoa (ptQEö'&ui ne(fvx6ia afnoi' äAAog. näv yuq tö roioöiov inlnovov, öoomeQ äv dt(hibre.QOV r/, xal dia&ioeoig xf/g (inimrjg äfioiQOV. öiötieq ovx£ xaiä TÖv TÖJP naXaidv /iv&ov vTioXrjnreov ix^iv , o'i (paaiv "AtP-aPTÖg tivog avT(^ tiqooöeI- od^ai ii]v oonriQiav ioixaoi yäq y.al lovtov ol ovaxrjaavxeg xöv köyov xrjv avxi]v s'xeiv ■bnokrixpiv xolg vaiEQOv (hg yuq tieqI ßägog ixovxoiv xai ystjQMV ändvxov Tctir ävo) ooifidtov {^Tieaxrjaav acxi^ jiivihxüg dväyxrjv e'f-iipvxov. ovxE örj xovzov xöv xqötiov vTio^rjJixEOV, OVXE öiä xrjv divrjoiv x^dxxovog xvyxdvovxa (pogäg (öia) xfjg oixEi'ag qoufig e'xi oi^t,EO^ai zooovxov XQÖvov, xad'd- TiEQ ^EfinEÖoxP^fig (pijoiv. dXlä fiijv ovS' {jjIÖ 'ipvyjig EijÄoyov dvayxat^ovorjg jueveip dtdiov • ovöh yciQ xfjg tfwxfjg olöv x'Eivai xi]v roiaüzrjv ^ojrjv äXvnov xai sterbliclien Anfechtung, außer- dem aber mühlos, weil er keines gewaltsamen Zwanges bedarf, der ihn in den Schranken einer seiner inneren Natur zuwider- laufenden Bewegung hielte. Denn dies alles ist um so müh- seliger, je ewiger es dauert, und unteilhaft der vollkommensten Verfassung. Daher muß man annehmen, daß es sich weder so verhält, wie der Mythos der Alten es sich vorstellt, welche erzählen, er brauche zu seiner Stütze einen Atlas. Auch die, welche diese Erklärung ersonnen haben, haben offenbar dieselbe Auffassung wie die Späteren; sie setzten voraus, daß alle Himmelskörper Schwere haben und von erdiger Substanz sind, und haben ihm deshalb in mythischer Weise eine beseelte Gegenkraft als Stütze gegeben. Weder also darf man es sich in dieser Weise vorstellen noch so, daß er, wenn er infolge des Wirbels in schnelleren Um- schwung komme, sich nur durch das eigene Gleichgewicht so- lange Zeit (schwebend) erhalte, wie Empedokles lehrt. Ebenso wenig aber darf man auch glauben, daß er auf Grund des Zwanges einer ihm innewohnen- den Seele (Weltseele) in alle Zeit beharren müsse. Ein sol- ches Leben kann auch für die Seele unmöglich ungetrübt und Der Dialog üegl cpiP.oaofpCag ist in UeqI otqavov benutzt 323 fLanaQiav. ävctynrj yäq y.al %riv selig sein." Denn notwendig y.tvrfOiv fiETci ßiac, odoav, emsQ muß die Bewegung, die ja unter y.ivEia&ai necpvxÖTog xov nqüiov Anwendung von Kraft statt- findet, wenn sie den ersten Körper (den Himmel) beständig in einer seiner Natur nicht ent- sprechenden Weise bewegte, mußelos und aller beschaulichen Erleichterung bar sein, wenn anders die Seele nicht einmal gleich der der sterblichen Wesen die durch den Schlummer statt- findende körperliche Ausspan- nung als Ruhepause hat, sondern sie muß das ewig unablässige Los eines Ixion tragen. W^enn es sich also mit dem ersten Umschwung so verhalten kann, wie wir es ausführten, so ist eine derartige Annahme nicht nur betreffs seiner eigenen Ewigkeit passender, sondern wir sind auch allein auf diese Weise imstande eine Erklärung aus- zusprechen, die sich im Ein- klang befindet mit der Gottes- ahnung, die wir in unserem Innern haben. Doch genug für jetzt von dieser Art der Betrachtungen. Es bedarf kaum des Einzelnachweises dafür, daß dieses Kapitel völlig aus dem Stil der wissenschaftlichen Prosa des Aristoteles herausfällt. Die Wahl hoher Worte, die sich sonst in diesen Niederungen nicht finden, eine merkbare feierliche Ge- hobenheit des Ausdrucks, der Reichtum an rhetorischen Kunst- *) Mit diesen Worten, die wieder zum gewöhulicheu Vorlesungston über- leiten, sagt Aristoteles selbst deutlich, daß das Vorhergegangene einem äÄXo yivog angehört, das streng genommen nicht zu der nüchtern naturwissenschaft- lichen Behandlungsart jjaßt, welche sonst in dieser Abhandlung herrscht. 21* GüJficcTog älkoic, yuvel avve%üic,^ ÜGvolov elvai y.ai Jiäarjg djirjA- ylayf.i£vrjv ^aorayvrjg si-KpQovog, EL JE firjÖ^ ÜGJIEQ %fl IpVXJj T^'U T6J2^ ■d'vr]T&i> ^cpcov EOtlv äväncw- aig 7] nEQi xbv vuvov yivof.iEVf] xov Oibßctxog ävEGig, d?S dvay- y.cciov ''I^lovög xivog f-ioloav xaxi- XEiv avxijv äiöiov xal äxqvxov. eI Öi] 'Aad-djlEQ EIJ10[IEV EVÖEXEXai. xov ElQ)]ßEVOV E%£IV XQOTIOV UEQl Tfjg jtQibxrjg (poqäg, ov /.wvov avTOv TiEQi xijg di'öiöxtjxog oüxcog ÖJioXaßEiv ififiEÄEOXEQOV, dZAä y.al xfj fiavxEicc xfj tieqI xov dsöv fiövog äv E^oifiEV ovxo}g öfio- ÄoyovfiEvcjg djio(palvEGifai GvpL- (pcbvovg Aöyovg. dXXä xcbv fiEV xoiovxcjv Aö- yo)v äXig e'gxo) xä vvv^). ;^o.^, Entstehung der epekulativen Physik und Kosmologie niittt'ln, zierlichen l'arisa, Chiasmen und Antithesen, kühne Bilder wie das der platonischen Weltseele, die wie ein Ixion auf das unablässig kreisende Kad des Himmels geflochten ist, klangvolle Wortpaare wie zag ixovaag Jiigag xai navZav, fioiQav xaxEXsiv dtöioi' xai äxQviov, elg nloxiv neqi xrjc, äd-avaaiag avxov xal rfjg didiöt7]Tog, äoxoZov xal ndorig dTnqXXay^Evr]v ^aoröjvrjg ^[icpQovog, äXvnov xal (laxaQiav, dgxaiovg xal fidZiaxa natQiovg fifiibv Xöyovg, Ininopov xal diax^eoEiog zrjg dgioTi^g äfioiQov, vor allem eine kunstvoll verschränkte Wortstellung, ähnlich der Prosa der späteren platonischen Dialoge, und sorgsame Meidung des Aufeinander- stoßens vokalischen Wortendes und -Anfangs geben dieser Sprache eine Stimmung und ein Maß von Haltung, wie es nur zu den Dialogen paßt. Es wird besonders am Schlüsse deutlich, daß diese physikalischen Gedanken in ihrem ursprünglichen Zusammen- hange mehr religiös -metaphysischen Zwecken dienten. Die 'Symphonie' der physikalischen Betrachtung der unvergänglichen Welt des Himmels und dessen, was Aristoteles unvergleichhch schön und platonisch die Gottesweissagung in unserm Innern nennt, hat sich uns ja gerade als die charakteristische Verbindung des dritten Buchs Über die Philosophie erwiesen. Auch die nur dialektische Art der Beweisführung, das Ausgehen von den ehr- würdigen Ansichten der Alten, von religiösen Überlieferungen und vom Wahrscheinlichen (eijAoyov) verrät die Quelle. Damit ist für die Abfassungszeit der uns vorliegenden Fassung der Bücher Vom Himmel ein terminus post quem festgelegt; sie sind nach dem Dialog Über die Philosophie, frühestens ein bis zwei Jahre nach Piatons Tode, ausgearbeitet. Sie sind aber wohl auch nicht sehr viel später entstanden. Denn der ganze Gesichts- kreis ist der der späten Akademie^). Die kosmischen Lehren der Pythagoreer, denen man in diesem Kreise so oft blindlings folgte, die Kugelgestalt des Himmels und der Erde, die Sphären- ') Die stark von Ile^l q>iÄoooq>iag abweichende Ätherlehre, die an sich den Dialog als terminus post quem bestätigt, da sie nur als Korrektur, nicht als Vorstufe der dort gegebenen Ansicht zu verstehen ist, könnte gegen eine allzu dichte Folge der Schrift Vom Himmel nach dem Dialoge zu sprechen scheinen. Aber stärkere Benutzung der exoterischen Schriften fanden wir nur in den der mittleren Periode angehörenden Lehrschriften, die jenen noch näher standen. Für die Schrift Vom Himmel muß man also Entstehung bezw. Aufzeichnung der ersten Niederschrift im Großen in der mittleren Periode und Neubearbeitung teilweise eingreifender Art in der Spätzeit des Aristoteles annehmen. Zusammenhang der Kosmologie mit Piaton 325 theorie, die Lehre von der Harmonie der Sphären, die Aristoteles ebenso bezweifelt, wie er ernstlich bemüht ist, die Art, wie die Sterne durch die Sphären bewegt werden können, sich physikalisch bis ins Einzelne vorstellig zu machen; die von Piaton aufge- worfenen Fragen der Gestalt der Sterne und ihrer Achsendrehung, die offenbar noch neue Kenntnis der astronomischen Kataloge der Babylonier und Ägypter, schließlich der weltgeschichtlich so folgenreich gewordene Streit über die Lage der Erde im Welt- raum und ihre Bewegung, in dem Aristoteles aus Mangel an durchschlagenden Beweisen für die Erdbewegung sich für die Kugelgestalt der Erde, aber gegen ihre Entfernung aus dem Weltmittelpunkt aussprach, gegen die die damals herrschende Ansicht vom Wesen der Gravitationserscheinungen zu sprechen schien; endlich die unteilbaren Linien des Xenokrates, die mathe- matische Korpuskeltheorie der platonischen Elementenlehre und das Problem der Schwere, mit dem die Akademiker vergebUch rangen: diese ganze reich entwickelte Welt physikaHscher Speku- lation ist nur aus ihrem Nährboden, der Akademie, geschichtlich zu verstehen in ihrer oft scheinbar systemlosen, bunten Zusammen- setzung aus lauter aneinandergereihten Einzelproblemen. Auf- gezeichnet sind die Gedanken in dieser Gestalt erst nach 347^ gefaßt sind sie schon in der akademischen Zeit des Philosophen, in der Erörterung mit Piaton und seinen Genossen *). *) Schwierig ist die zeitliche Bestimmung der Meteorologie. Die Bücher IltQl yeveaecog xal gid-ogäs, zu denen auch die beiden Bücher F und A der Schrift Vom Himmel zu rechnen sind, bewegen sich ausgesprochenermaßen in den selben spekulativen Bahnen wie die der Physik und Vom Himmel. Die Polemik dreht sich um Piatons Zurückführung der vier Elemente auf mathe- matische Figuren {inCjiEÖa) und um die Atomlehre Leukipps und Demokrits. Die Meteorologie geht tief in die Einzelforschung. Wenn auch die Einteilung in allgemeine und spezielle Naturlehre dem Gesamtplan der aristotelischen Schriften über die Natur als Prinzip zu Grunde liegt, dieser also beides neben- einander in sich vereinigt, so ist doch nach dem Beispiel der Politik u. a. kein Zweifel, daß das empirische Material erst später und allmählich zusammen- gekommen ist und auf die begriSliche Philosophie vielfach zurückgewirkt hat. Daher möchte man die Meteorologie nicht zu früh datieren; die Gründe Idelers Arist. Meteor. Bd. I p. IX für ihre Abfassung vor Alexanders Zug nach Asien sind nicht stichhaltig. Daß Aristoteles noch richtig mit Herodot das kaspische Meer für ein Binnenmeer hält, während die Expedition Alexanders zu der ialschen Ansicht gelangte, die dann bis in neuere Zeit geherrscht hat, das kaspische Meer stehe mit dem nördlichen Meer in Verbindung, will wenig be- •pf; Kntstchnnp dir sixknlativon Physik und Kosmologie Von einer iillgoineineu Würdigung der aristotelischen Natur- philosopliie muß liier abgesehen werden — sie wird im Schlußleil dieses Buches versucht werden — es mag genügen die Gnmd- tatsachen des Verlaufes ihrer Entwicklung als solche deutlich zu machen. Das Bild der frühen Entstehung der grundlegenden, weltanschaulichen und spekulativen Teile der aristotelischen Natur- lelire, der Physik und Kosmologie mit ihrem Annex, der Schrift vom Entstehen und Vergehen, wird ergänzt durch den allem Anschein nach erst späten Hinzutritt der Arbeiten über die Teile und die Entstehung der Tiere. Sie gehen von der genauen Einzelbeobachtung der Natur aus. Sie sind das Vollkommenste und Eigenartigste, was Aristoteles in naturwissenschaftlicher Hinsicht geschaffen hat. Im Gegensatz zu ihnen steht die Physik und Kosmologie, mit ihrer begrifflich-abstrakten Erörterung der allgemeinen Prinzipien der Natur und des Weltbildes im Großen, nicht nur ihrem Problembestande nach geschichtlich Piaton weit näher, sondern sie hält sich auch methodisch auf derselben Stufe vorsichtig kritischer Fortsetzung der akademischen Spekulation, die die mittlere Periode, die Zeit der aristotelischen Idealstaats- politik und der theologischen Ethik und Metaphysik kennzeichnet. Die fortlaufende Polemik gegen Einzelheiten der platonischen Naturlehre darf nicht darüber täuschen, daß diese Kritik gerade aus der größeren Nähe zu Piaton, nicht aus der Ferne von ihm entspringt. Der Fortfall der dem sichtbaren Kosmos bei Piaton als Paradeigma gegenüberstehenden unsichtbaren Welt der Ideen, die nüchterne Skepsis gegen manche Auswüchse unbeweisbarer kosmologischer Phantasie, zu denen der Hang zur pythagoreischen Philosophie manche Akademiker verführt hatte, überhaupt die sagen. Wird doch auch in der sicher späteren Tiergeschichte für die Be- schreibung ägyptischer Tiere nicht der Bericht von Augenzeugen, sondern Hekataios von Milet als Quelle benutzt [Diels Ilernies Bd. XXII, die Überein- stimmungen der Tiergeschichte mit Herodot bemerkte schon der große Cuvier, Histoire des sciences naturelles Bd. I (1841) p. 136, vgl. A. v. Humboldt, Kosmos Bd. II (1847) p. 427 Anm. 95]. Die Erwähnung des Tempelbraudes von Ephesos Meteor. PI, 371 »30 mit der Wendung vm> aweßatve (i. J.35G) gibt nur einen terminus post quem, da dieses vvv bekanntlich sehr vieldeutig ist und weiten Spielraum läßt. Dagegen paßt der Ausdruck iv ereaiv inhQ xa nevTt^y.ovta iVts iveTL'xofiev fiövov (von der Beobachtung des Mondregenbogens) r2, 372 a 29 schlecht zu einem jüngeren Manne, auch wenn wir die 1. Person nicht wörtlich nehmen. Zusammenhang der Kosmologie mit Piaton 327 Abneigung des Aristoteles gegen das bloß Spekulative, das an der Erfahrung keinen Halt hat, sind zwar die Züge, die am be- wußtesten von ihm herausgearbeitet werden. Aber es genügt, die aristotehsche Physik und den platonischen Timaios neben- einander auf dem Hintergrunde des demokriteischen, mechanischen Weltbildes oder der eudoxischen, rein im Mathematischen auf- gehenden Himmelslehre zu betrachten, um zu sehen, daß Aristo- teles ganz auf der von Piaton geschaffenen Grundlage steht und seine Schriften zur Physik und Kosmologie den Charakter der innerakademischen Verhandlung tragen. Dritter Teil Meisterzeit Erstes Kapitel. Aristoteles in Athen. Im Jahre 335/4 kehrte Aristoteles nach 13 jähriger Abwesen- heit nach Athen zurück, das er seit dem Tode seines Meisters nicht wiedergesehen hatte. Die Thronbesteigung Alexanders hatte seiner unmittelbaren Wirksamkeit am makedonischen Hof ein Ende bereitet. Gewiß hat der junge König ihm auch jetzt eine ehrenvolle Muße und die Mittel, deren er zur Forschung bedurfte, geboten und niemand wird glauben, daß er den Mann, der bis in die Zeit des asiatischen E^eldzuges dauernd sein politisches Gewissen schärfte und der ihn bisher staatsmännisch unterwiesen hatte, gerade jetzt geflissentlich aus seiner Umgebung entfernt habe, wo er erfahrenen Rates mehr denn je bedurfte*). Doch der Rh3'thmus ihres Daseins war zu verschieden geworden, seit- dem Alexander, um den bei jedem Wechsel des Inhabers von neuem wankenden Thron zu retten, von Kriegszug zu Kriegszug eilte und bald auf dem Balkan und an der Donau, bald in Griechen- land um seine Anerkennung kämpfte. Wir wissen nicht, ob Aristoteles bis zu seiner Rückkehr nach Athen am Hofe blieb oder ob er sich bereits seit längerer Frist wieder auf seine elter- liche Besitzung in Stagira zurückgezogen hatte, wie ein an sich sehr verdächtiges Brieffragment andeutet, dessen Stil mehr den frostigen Künsteleien der Rhetorenschule als der im Altertum als Muster persönlichen Briefstils gerühmten zwanglosen Schreib- weise des Aristoteles ähnlich sieht "), Für die Aufrechthaltung einer dauernden Beziehung zum Hofe spricht es auch, daß er 1) Über die Vermutung, daß die Schrift lle^l ßaaiÄsiag von Aristoteles gelegentlich derThronbesteigung Alexanders verfaßt worden sei, vgl. oben p.272 A 1 ") Frg. 669 R. iyo} ix fth' 'A&rjviTjv eig SvüysiQa )]A,t}ov öiä töv ßaaiÄea tbv {.leyav, iv. öh 2tuyeiQ(üv elg 'Ad-t'jvag diu tov %eiii(x)va zov fiiyai'. An sich ist es das Natürliche, daß Aristoteles seine Zeit mit Studien in Stagira ver- brachte, so oft er am Hofe nicht gebraucht wurde, vgl. oben p. 116 A. 1 über Theophrasts Aufenthalt in Stagira. Qo.) Aristoteles in Athen erst in (lein Jahre nach Athen kam, wo Alexander nach Klein- asion liinUhorf^iDf:^. L'nniitlelbar nach der Thronbesteigung Alexanders (336) waren die Nationalisten in Athen unter der Führung des seit (Ihaironeia politisch ausgeschalteten Demosthenes und seine P>eunde in ganz Griechenland aufgestanden. Die rasche Unter- drückung der 'Rebellion' durch Alexander schien Ruhe und Ge- horsam wiederhergestellt zu haben, als sich auf die Kunde, der König sei in den Kämpfen an der Donau gefallen, die National- partei von neuem erhob (335) und Autonomie und Freiheit ausrief). Wieder folgte rasch vollkommene Ernüchterung. Alexander stürmte Theben und machte es dem Erdboden gleich, für die übrigen Griechen ein warnendes Beispiel. Athen entging dem entehrenden Diktat, Demosthenes und sämtliche Führer der Nationalpartei auszuliefern, nur mit knapper Not. Sie verschwanden jetzt von der öffentlichen Bühne. Die makedonienfeindliche Stimmung erfuhr eine Entspannung. Alexander rückte ab, es war Oktober 335. Im Mai 334 schlug er, nach Kleinasien über- gesetzt, die persischen Satrapen am Granikos. Um diese Zeit kam Aristoteles nach Athen, jetzt als die Zierde des griechischen Geisteslebens, als der überragende Philosoph, Schriftsteller und Lehrer, als der Freund des mächtigsten Herr- schers, mit dessen sich rasch hebendem Weltruhm er auch im Ansehen ferner stehender Kreise stieg, die von seiner eigentlichen Bedeutung nichts wußten. Der Plan, an die Stätte seiner Werde- zeit zurückzukehren, mag in den letzten makedonischen Jahren gereift sein, wo er in der Zurückgezogenheit der Forschung ge- lebt hatte. Es war die Erinnerung an Piaton, die ihn in der Rück- kehr etwas mehr sehen ließ als nur eine äußere Bedingung aus- gebreiteteren Wirkens. Er trat jetzt die Nachfolge des Meisters auch öffen^Hch vor aller Welt an. Zwar die Akademie war ihm entfremdet. Dort war nach dem Tode des Speusippos (339/8) Xenokrates von den Schülern als Oberhaupt gewählt worden^). Ein Wiedereintritt unter dem geistig so verschieden gerichteten Früheren Gefährten kam für ihn nicht in Frage, mochte er auch *) Arr. 17, 2 iAecS^eQiav xe (xal aiTovoftCav) 7iQo'ia^6^svoi. naXatä nal *aZä dvöf*aia . . . *) Ind. Acad. Hercul. col. VI p. 38 (Mekler). Schulgrün düng unter makedonischem Schutz 333 bestrebt sein, das gute äußere Einvernehmen mit dem verehrungs- würdigen Manne zu wahren. Von einem Streit mit der Akademie hören wir denn auch nichts. Viele Hörer werden wohl an beiden Stellen die Vorlesungen besucht haben. Doch von jetzt an ver- liert die Akademie die Führung an die neue Schule, die Aristo- teles zunächst in den Wandelgängen der Ringschule des Lykeion, dann vermutlich auf einem nahe gelegenen Grundstück mit ge- eigneten Räumen draußen vor dem Tore des Diochares im Osten der Stadt eröffnete, einer Stätte, die schon seit Jahrzehnten ein Treffpunkt der Sophisten gewesen war. Solange Aristoteles in den Mauern Athens weilte, war die entthronte Königin der Städte noch einmal und zum letzten Mal der geistige Mittelpunkt der hellenistischen Welt, die Metropole der griechischen Wissenschaft. Nach seinem und Theophrasts Tode ist es damit zu Ende. Der Schwerpunkt liegt seither in Alexandrien. Aristoteles der Nicht- athener in Athen, der Hort des politischen Einflusses der Makedonier in der früheren Hauptstadt des attischen Reiches und zugleich der geistige Lehrer der Nation, dies ist das Symbol der neuen Zeit. Aristoteles gründete die neue Stätte der Wissenschaft unter dem Schutz seines mächtigen makedonischen Freundes Antipater, den Alexander als Reichsverweser und obersten Militärbefehls- haber in Makedonien und Griechenland zurückgelassen hatte. Der Verlust des Briefwechsels mit diesem bedeutenden Manne, der ihm nach dem Tod des Hermias persönlich scheinbar am nächsten gestanden hat, ist sehr zu beklagen. Da Antipater grundver- schiedenen Lebensverhältnissen entstammte und der Wissenschaft fern stand, muß die Freundschaft wohl auf einer tiefen Ver- wandtheit der Charaktere beruht haben. So erklärt es sich, daß diese Beziehung, die am Hofe PhiHpps angeknüpft worden war zu einer Zeit, wo Aristoteles in höchster Gnade beim Könige und bei Alexander stand, die Wechsel volle Gunst Alexanders über- dauert und sich als ein Lebensbund bewährt hat, der den Anti- pater seinem philosophischen Freunde noch über dessen Tod hinaus in Treue verband. Ihn setzt Aristoteles in seinem Testa- ment als Vollstrecker seines letzten Willens ein. Die kleinen Bruchstücke der Briefe, die erhalten sind, reden die Sprache rückhaltloser Vertrautheit. Wir schließen daraus auch auf das politische Einverständnis des Aristoteles und seines Kreises mit den makedonischen Absichten, denn Antipater hat die inner- '^u Aristoteles in Athen ««•rii'cliisclicii Frapreii in den Jahren 334 — 323 mit beinahe unum- srhritnkter Machtvollkommenheit geregelt. Die besontlers unter den Reichen viele Anhänger zählende makedonische Partei in Athen konnte sich eben jetzt ungestört hervorwagen. Die Zersetzung des Vertrauens innerhalb der lUlrgerschaft hatte einen furchtbaren Umfang angenommen. Es fiel den Nationalen zwar noch immer leicht, Demonstrationssiege wie den des Demosthenes über Aischines in der Rednerschlacht des Kranzprozesses zu erringen und die Masse dadurch zeitweise hinter sich zu bringen. Aber sie waren angesichts der make- donischen Lanzen machtlos, und die Gebildeten, an deren Teil- nahmlosigkeit das Werk des Demosthenes hauptsächlich gescheitert war, hatten sie nicht mehr für sich. Für die intellektuellen Kreise war es eine Errungenschaft, daß ihnen in der unmittelbar mit der makedonischen Regierung in Verbindung stehenden Schule des Aristoteles ein moralischer Stützpunkt erwuchs. Gegen die sittliche und geistige Höhe der neuen Männer, denen man als Nichtathenern weder Verrat noch Bestechung vorwerfen konnte^ kamen Volksredner wie Lykurg und Demosthenes nicht auf. Unmittelbar politische Absichten ließen sich ihnen nirgends nach- weisen, sie wirkten auf die Bildung einer neuen Gruppe mehr durch ihre stille Ablehnung des Nationalgedankens im demo- sthenischen Sinne als durch ein eigenes politisches Programm. Aristoteles hat es mit seinem feinen Taktgefühl stets ängstlich gemieden, die wunde Stelle des athenischen Selbstgefühls zu be- rühren oder gar ein scharfes Wort gegen den ihm zweifellos widerwältigen Demosthenes und seine Partei fallen zu lassen. Erst nach Jahren, in den beißenden Äußerungen des Theophrast und Demetrios von Phaleron über den Vortrag und Stil des Demosthenes als Volksredner, wagt sich das im intimen Kreise des Lykeion herrschende Urteil offen hervor. Natürlich war Aristoteles nicht so kurzsichtig, Demosthenes als den Schuldigen des Krieges von Chaironeia zu betrachten, wie Aischines und seine Anhänger es taten. Der einzige Ausspruch über ihn, den wir besitzen, lehnt diese Ansicht ab. Doch nichts wäre falscher als deshalb zu glauben, Aristoteles habe für die Geistesrichtung des Demosthenes irgend ein Verständnis gehabt. Der Kreis der Intellektuellen im Lykeion ist zwar durchaus nicht kosmopolitisch, aber er ist resigniert, und das umso mehr als er auf die ans Phan- Politische und üffentlichrechtliche Stellung der Schule 335 tastische grenzenden Neuschöpfungen Alexanders kein Vertrauen setzt und von Völkerverbrüderung und Verschmelzung mit dem Asiatentum nichts wissen will. Aristoteles steht am Krankenbett der griechischen Nation wie ein besorgter Arzt. Die Nationalisten um Demosthenes verstanden diese im Erkennen der bitteren Wahrheit wurzelnde Gesinnung nicht. Sie sahen in der Schule des Aristoteles ein makedonisches Spionage])ureau '). Von keiner Schule der Wissenschaft haben wir ein so um- fassendes Bild wie von der im Lykeion. Sind uns doch selbst die Vorlesungen, die an ihr gehalten wurden, in den Schriften des Aristoteles größtenteils erhalten. Das athenische Gesetz ver- bot dem Fremden den Erwerb von attischem Grund und Boden, wir finden jedoch später Theophrast im Besitz eines Grundstücks, eines großen Gartens, in dem ein Musenheiligtum nach dem Vor- bild der Akademie, ein Altar und mehrere Hallen lagen"). In der einen dieser Hallen sind die Erdkarten (yA/g jisqioöoi) auf Tafeln (nivccxEg) aufgestellt. Auch die übrigen Lehrmittel wie die Biblio- thek haben wir dort zu suchen. Eine Statue des Aristoteles nebst anderen Weiiigeschenken ist im Museion aufgestellt. Dies Grundstück hatte Demetrios von Phaleron, der Schüler Theophrasts, ihm dem Metöken als Eigentum (löiov) geschenkt, was ein Akt besonderer öffentlichrechtlicher Bedeutung gewesen sein muß, da es gesetzlich unzulässig war. Da die Schule schon unter Aristoteles über viel Lehrmaterial, besonders über eine Sammlung von Büchern verfügte, die nur in einem größeren Gebäude unter- zubringen war, so ist die Vermutung nicht abzuweisen, daß die später dem Theophrast gemachte Schenkung eben das An- wesen ist, auf dem schon Aristoteles gelehrt hatte. Demetrios wird es seiner Schule erhalten haben, weil die Erinnerung an den Stifter an diesem Stück Erde haftete. Doch muß die Stiftung auf den Namen Theophrasts gemacht worden sein, da er den 1) Dies war sicherlich die Ansicht des Demosthenes, der sie nur nicht laut aussprechen durfte, wie sein Neffe Demochares bei der Verteidigung des Psephisma des Sophokles (307/0), wodurch nach der Befreiung Athens durch Demetrios Poliorketcs die phüomakedonischen Philosophenschulen aufgehoben wurden (vgl. die Schmähungen gegen Aristoteles und seine Anhänger in den Bruchstücken der Rede des Demochares bei Baiter-Sauppe Or. Att. II 341 ff). ") Diog. V 39. Der Thiasos, den die Genossenschaft bildete, war also dem Musenkult gewidmet. M-jj; Aristoteles in Athen l'eripatus in seinem Testament der Schule mit der Formel ver- macht: 'IcJj üi)ergebe den Garten und den Peripatos mitsamt den am Uarten gelegenen Gebäuden denjenigen unserer einge- schriebenen Freunde, die jeweils in ihnen gemeinschaftlich dem Unterricht und der Wissenschaft obliegen wollen, da es nicht möglich ist, daß ein jeder dauernd dableibe, und zwar mit der Maßgabe, daß es nicht gestattet ist, irgend etwas davon zu ver- äußern oder sich anzueignen, sondern daß sie es wie ein gemein- sames Heiligtum besitzen und in kameradschaftlichem und freund- schaftlichem Verhalten gegeneinander benutzen sollen, wie es gehörig und gerecht ist *).' Die schönen Worte zeugen davon, daß in der Schule der Geist weiterlebte, den Aristoteles in sie gepflanzt hatte. Die Grundsätze des Zusammenlebens waren fest geregelt. Ein Symbol der Ge- meinschaft waren die geselligen Zusammenkünfte, die regelmäßig monatlich stattfanden, die Syssitien und Symposien. Unter dem Inventar werden im Testament des Straton später neben der Bibliothek Einrichtungsgegenstände für das Liebesmahl, Decken und Trinkgeschirre aufgeführt '^. Diese müssen sich im Lauf der Generationen immer mehr vervollständigt haben; unter der Leitung des Lykon kamen Klagen, daß die ärmeren Studenten sich an den Gastereien nicht mehr beteiligen könnten, weil zu- viel Luxus getrieben würde. Aristoteles selbst hat einen Trink- komment (vöfioi avuTioTiy.oi) und einen für die Liebesmahle {vöfioi ovoanixoi) verfaßt wie Xenokrates und Speusippos für die Akademie. Diese Bestimmungen spielten in den Philosophen- schulen eine nicht unerhebliche Rolle''). DasVorlesungswesen war fest geordnet. Die Tradition berichtet, daß Aristoteles morgens die schwereren, philosophischen Vor- lesungen hielt; nachmittags las er über Rhetorik und Dialektik vor einem weiteren Publikum. Neben dem Meister hielten die älteren Schüler wie Theophrast und Eudemos ihre Vorlesungen. Namen von Aristotelesschülern kennen wir verhältnismäßig wenige. Aber welcher Grieche, der über naturwissenschaftliche, rhetorische, literarische und kulturgeschichtliche Fragen schreibt, hieße in den nächsten hundert Jahren nicht Peripatetiker? So verschwenderisch ») Diog. V 52 ') Diog. V 62 *) Über die äußere Organisation der peripatetischen Schulgenossenschaft and ihre gewählten Beamten Ygl. Wilamowitz, Antigonos von Karystos 264. Aristoteles vor allem Lehrer, nicht Schriftsteller 337 auch die Grammatiker mit diesem Titel umgehen, man erkennt leicht, daß der geistige Einfluß der Schule sich bald über die ganze griechisch sprechende Welt erstreckte. ' Unter den be- kannten Peripatetikern finden wir kaum Namen vgn Athenern, ein großer Teil der Hörer muß von auswärts gekommen sein. Aus der platonischen Lebensgemeinschaft, dem av^)]v, wird im Lykeion die Universität im modernen Sinne, eine Organisation der Wissenschaften und der Studiengänge. Die Schüler, die noch immer den schönen platonischen Namen 'Freunde' führen, sind in einem beständigen Kommen und Gehen, da es, wie Theo- phrast etwas resigniert sagt, 'nicht möghch ist, daß jeder dauernd dableibe'. Aber das eine hat die neue Schule mit der Akademie gemeinsam, daß ihre innere Ordnung ebenso wie einst die Idee der platonischen Lebensgemeinschaft der ureigenen Natur und Geistesform ihres Schöpfers entsprungen ist. Die peripatetische Schulorganisation ist ein Abbild des aristotehschen Wesens, die Tat eines einzigen beherrschenden Hauptes, dessen Wille in den Gliedern lebendig ist. Man pflegt sich meistens nicht genügend klar zu machen, -daß Aristoteles keiner von den großen philosophischen Schrift- stellern ist, die ihr Werk in literarischer Gestalt der Nachwelt hinterlassen und die überhaupt erst zu leben beginnen, wenn sie sterben, weil das geschriebene Wort für sie wirkt. Die Reihe der literarischen Arbeiten, die Aristoteles im Stile Piatons in seinen früheren Jahren veröffentlicht hatte, ist mit dem Beginne der athenischen Schultätigkeit anscheinend im wesenthchen ab- geschlossen, jedenfalls gehören die bedeutenderen Dialoge in eine viel frühere Zeit, und es ist kaum anzunehmen, daß Aristoteles sich in diesen Jahren noch in mehr spielerischer Weise nebenher mit der Abfassung kleiner Gespräche beschäftigt habe. Er geht jetzt noch mehr als bisher in der Lehrtätigkeit auf. Die er- haltenen Lehrschriften sind das Substrat dieser lebendigen Wirk- samkeit unter seinen Schülern. Piaton lehrt im Phaidros die Unbrauchbarkeit des geschriebenen Worts zur Übermittlung wahrer wissenschaftlicher Erkenntnis. Nur zu lange hat man geglaubt, sich über diese für die Auffassung der Dialoge grund- legende Anschauung hinwegsetzen zu dürfen, bis man jetzt ein- zusehen anfängt, daß sie in dem tatsächlichen Verhältnis von schriftlicher Produktion und mündlicher Lehre in der platonischen Jaeg er: Aristoteles. 22 OM^ Aristoteles in Athen Akadfinie begründet war und jede Gesamtansicht der Dialoge, die sie nicht auf dem Hintergrunde jener umfassenden Lehr- tlitigkeit sieht, eine Verschiebung des Schwerpunkts bedeutet'). Bei Aristoteles hegt es wieder anders. Hier tritt aHmähhch ein gilnzliches Erlahmen des literarischen Schaffenstriebes ein, die Lehrtätigkeit absorbiert ihn ganz. Die ungeheure Summe dieses l^ebens steckt weder in den Lehrschriften noch in den Dialogen, sie ruht in der lebendigen Wirkung auf die Schüler, die nicht im platonischen Eros ihre Wurzel hat, sondern in dem Trieb, selbst zu erkennen und andere zu lehren. Losgelöst von ihrem Schöpfer und seinem Wort konnten die Lehrschriften nicht selb- ßiündig weiter wirken und haben nicht weitergewirkt. Selbst die peripatetische Schule hat nur solange in ihnen zu lesen ver- mocht, als die unmittelbaren Schüler des Aristoteles sie noch erklärten. Auf den frühen Hellenismus hat diese Unsumme des Wissens und Denkens einen verblüffend geringfügigen Einfluß gehabt. Erst im 1. Jahrh. v. Chr. grub man die Lehrschriften von neuem aus, aber auch damals verstanden die griechischen Philosophieprofessoren in Athen sie nicht*). Als dann die jahr- hundertelange mühselige Arbeit der Kommentatorenschule die gewaltigen Gedankenbauten wieder sichtbar gemacht hatte, die hier um ein Haar der Nachwelt auf ewig verloren gegangen wären, begann Aristoteles zum zweiten Male der Meister der Schule zu werden. Erst jetzt begriff man, daß man sich nicht an die Schriften des Philosophen halten dürfe, die der Glanz des literarischen Ruhmes krönte, sondern den wahren Aristoteles in seinen nichtveröffentlichten Lehrschriften bei der Arbeit sehen müsse, um von der Eigenart dieses gegen die Nachwelt so kargen, gegen seine eigne Umgebung so verschwenderischen Geistes einen letzten Schimmer aufzufangen. So ist Aristoteles ganz gegen seine Absicht zum Lehrer aller Völker geworden. Die weltgeschichtliche Sendung steht im schärfsten Gegensatz zu seinem persönlichen Wirken und Wollen, das von einer echt- griechischen, konzentrierten Gegenwärtigkeit war und im nahen Kreise die ganze Kraft zusammenfaßte. Ein Lehrertum wie das des Aristoteles hat die Welt nicht wiedergesehen. Den Griechen ') Vgl. meine Entstehungsgeschichte d. Metaph. d. Ar. 140 *) Cic. top. I 3 Sein Lehrertum. Spätere Beziehungen zu Alexander 339 vollends war es ganz neu, aber in der jetzt beginnenden Zeit der großen Philosophenschulen hat es Epoche gemacht. Stoiker, Epikureer, Akademiker, alle legen auf mündliche Lehrtätigkeit mehr Gewicht als auf literarische Selbstdarstellung. Die Beziehungen zu Alexander lassen sich nicht bis zuletzt verfolgen. Die Denkschrift Über Kolonisation mit dem Dialog- titel Alexandros ist der Beweis dafür, daß sie bis in die Zeit der Städtegründungen in Ägypten und Asien ununterbrochen ge- dauert haben. Nicht ohne Rückwirkung auf das Verhältnis zu Alexander konnte die Katastrophe des Kallisthenes bleiben, die in das Jahr 327 fiel *). Dieser Neffe des Aristoteles, der während des Aufenthaltes in Assos und dann auch in Pella sein Schüler und noch unmittelbar vor dem Übergang Alexanders nach Asien sein Gehilfe bei der Feststellung der delphischen Siegerliste ge- wesen war, hatte sich im Einverständnis mit dem Oheim dem Hauptquartier des Königs angeschlossen, sicherlich von Anfang an in der Absicht, seine Taten darzustellen. Die Verherrlichung Alexanders in dem ihm gewidmeten Werk verrät ebenso wie die Lobschrift auf Hermias nicht den echten Geschichtschreiber, sondern ein mehr persönliches Interesse an seinem Gegenstand, in den er sich mit philosophischer Eindringlichkeit hineingedacht zu haben scheint, ohne doch überall scharf die Wirklichkeit zu treffen. Kallisthenes war kein Menschenkenner. Er war ein Gelehrter von feiner literarischer Bildung, als Redner und be- sonders als schlagfertiger Improvisator nicht ohne Talent und ein Philosoph von scharfsinnigem Geist, doch nach Aristoteles' eignem Urteil ohne natürlichen Menschenverstand. Obwohl persönlicher Anhänger des Königs und in seinem Geschichtswerk stets dessen Verteidiger gegen die Opposition des altmakedonischen Adels, der die Politik Alexanders gegenüber den Asiaten mißbilligte, verstand er es trotzdem in der Frage der Proskynese aus un- zeitig zur Schau getragener Philosophenwürde sich in den un- glücklichen Verdacht der Verschwörung mit eben jener Opposition zu bringen und sich die Ungnade des Königs zuzuziehen. Seine Stellung am Hofe war wohl von jeher isoliert gewesen, da er weder der Partei des makedonischen Soldatenadels noch dem klatschsüchtigen Schwärm der griechischen Literaten des Haupt- «) Vgl. jetzt F. Jacoby Art. Kallisthenes, Realenz. d. klass. Alt. Bd. X 1674- 22* ,.|.. Aristoteles in Athen quartiers angehörte und sich ausschließlich auf die persönliche Gnade des Königs stützte. Als sie ihm entzogen wurde, fiel er den Intrigueu der anderen schutzlos zum Opfer. Daß die direkte Umgebung des Monarchen später an dem Untergang des Kallisthenes etwas zu verheimlichen gefunden hat, ist heute allem Zweifel entrückt. Die Schuldfrage war keineswegs auf normalem Rechts- wege geklärt und die Hinrichtung war einer jener selbstherrlichen Akte, die Alexander in dieser Zeit der höchsten Überspannung seiner geistigen und physischen Kräfte in vulkanischen Aus- brüchen schauerlicher Tobsucht auch gegen seine nächsten Freunde beging. Mag man über diese Untermenschlichkeiten auch den Schleier des Mitleids breiten, sie mußten das Bild des Königs dem Aristoteles verdunkeln und das Gefühl für ihn in seinem Herzen auslöschen. Er suchte sein inneres Gleichgewicht zu wahren durch Gerechtigkeit, schonungslose Gerechtigkeit auch sesrenüber den Schwächen des Neffen. Die Gemeinheit der Menschen konnte es sich im Altertum nicht anders denken, als daß der frühe Tod Alexanders durch das Gift herbeigeführt sei, das Aristoteles ihm habe reichen lassen. Das war nicht die Gesinnung eines Aristoteles. Doch in den Becher der könighchen Freundschaft war wirklich ein Tropfen vergiftender Bitterkeit gefallen. Die Existenz des Aristoteles in Athen hing freilich auch jetzt noch einzig an der Sache Alexanders. Als im Jahre 323 die Nachricht vom Tode Alexanders eintraf, da wollte es diesmal niemand glauben, als aber schließlich die unwiderlegliche Be- stätigung kam, gab es für die Nationalpartei kein Halten mehr. Der einzige Schutz der Makedonenfreunde war Antipatros ge- wesen, doch der hatte in letzter Zeit wie Aristoteles das Ver- trauen des Königs verloren und befand sich eben auf dem Marsch durch Kleinasien nach Babylon: er war ins Hoflager befohlen worden, um künftig unter den Augen des Königs zu sein. Aristo- teles entzog sich der plötzlichen Hochflut des Nationalhasses und den Angriffen der Demosthenespartei durch die Flucht nach Chalkis auf Euboia. Dort lag die elterliche Besitzung seiner verstorbenen Mutter, auf der er sich während der folgenden Monate bis zu seinem Tode aufhielt. Ein Magenleiden, an dem er krankte, setzte bald darauf seinem Leben im 63. Jahre ein Ende. Es scheint, daß er den Tod nahen fühlte, denn das er- Aristoteles' Flucht und Tod. Menschliche Umgebung 341 haltene Testament ist in Chalkis aufgesetzt'). Er hatte es noch erleben müssen, daß die Delphier ihm die auf Grund der Pythioniken- liste zuerkannten Ehrungen nach dem Tode seines königlichen Schutzers absprachen "). Auch die Wirren dieser Zeit vermochten das Gleichgewicht seiner Seele nicht dauernd zu erschüttern, so wenig gerade dieser Philosoph unempfindlich war gegen menschliches Schicksal. Noch ein Wort über sein menschliches Leben während dieser letzten Jahre. Sein Vormund Proxenos und seine Pflege- mutter waren seit langem tot. Ihres Sohnes Nikanor nahm Aristoteles sich väterlich an und adoptierte ihn. Nikanor stand als Offizier beim Hauptquartier Alexanders. Im Jahre 324 sandte der König ihn als Überbringer einer großen Botschaft nach Griechenland. Er war es, der auf dem Nationalfest in Olympia den versammelten Hellenen verkündigen mußte, daß Alexander göttliche Ehren für sich beanspruche. Dem Nikanor hatte Aristoteles testamentarisch die Hand seiner noch minderjährigen Tochter Pythias, eines Kindes der seit langem verstorbenen Pythias, zugedacht. Nach dem Tode seiner Gattin hatte Aristo- teles später eine gewisse Herpyllis in sein Haus genommen, von der er einen Sohn namens Nikomachos hatte. Im Testament gedenkt er ihrer aller mit treuer Fürsorge wie auch seiner Schüler, Es hat etwas Rührendes, den vertriebenen Mann sein Haus be- stellen zu sehen. Die Erinnerung an die Heimat Stagira und an das einsame Elternhaus in der Ferne, an die Gestalten der Pflegeeltern, an seinen einzigen Bruder Arimnestos, den er früh verloren hatte, an seine Mutter, die er nur vor Augen hatte, wie er sie als Kind gesehen, zieht durch seine Gedanken, Sein Wunsch ist, daß man seine sterblichen Überreste nicht trennen möge von den Gebeinen seiner Gattin Pythias, wie es auch ihr letzter Wille gewesen war. Die nüchternen sachlichen Anord- nungen dieser letzten Urkunde reden zwischen den Zeilen eine *) Es ist im Testamente nur von der Wahl eines Wohnsitzes für Herpyllis in Chalkis oder in Stagira die Rede, nicht in Athen (Diog. V 14), unsicher ist auch, wo man Aristoteles bestatten wird (V 16), was zweifellos anders gesagt wäre, wenn die Bestimmungen von Athen aus und in ruhigen Zeiten getroffen worden wären. '') Frg 6ß6 R. (Brief an Antipatros) Inig xijjv iv AeÄcpolg tprjtpiad^ivxütv f*oi xal ü)v ä(pj'jQrifA,av vvv oiJTcog i'^w, Tt]g eifil, (pi/.oiiivi}ÖTeQog yiyova. Mitten im geräusch- vollen Hause altert ein ganz für sich Lebender, ein Einsiedler, nach seinem eignen Ausdruck, ein in sich zurückgezogenes Ich, das sich in seinen heiteren Stunden einspinnt in die tiefsinnige Wunderwelt des Mythischen '). Die herbverschlossene Persönlich- keit, nach außen streng verborgen hinter den steirrenden Wällen des Wissens, taucht hier auf und lüftet den Schleier ihres Geheim- nisses. Auch hier wissen wir wie bei den meisten antiken Persönlich- keiten gerade so viel, um zu erkennen, daß wir von ihnen im Grunde nichts wissen können. Doch das sehen wir, daß dieses reiche Leben sich nicht erschöpft in all dem Wissen und Forschen. wie es oberflächlichem Blick scheinen möchte. Der ßiog dso)- grjxiy.ög wurzelt in einem zweiten, verborgenen, tiefpersönlichen Leben, aus dem jenes Ideal seine Kraft zieht. Das Bild von dem bloßen Sachmenschen Aristoteles ist die Umkehrung der Wahr- heit. Es ist gerade die Zeit, wo das Ich sich loszulösen beginnt aus der Fessel des objektiven Lebensinhalts, wo es bewußter als je fühlt, daß es sich in dem rein gegenständlichen Schaffen nicht genügen kann. Das Private im Leben zieht sich eben damals aus dem wirkenden Getriebe zurück in seine stillen Winkel und richtet sich zu Hause ein. Und das Private auch im Menschen erwacht und schließt ungebetenen Gästen die Türe zu. Die Form der höchsten Objektivität, in der Aristoteles nach außen ') Frg. 668 R. Das M3'thische steht nach Aristoteles in enger Beziehung zur Philosophie, ein Problem, das ihm von Piaton herkommt. Metaph. A2, 982 IJ 17 d ö' äuoQwv xal d'uvfiu^av ol'ezai äyvoetv • 5tb xal d q>iÄöftv&og av^aaiü}v. Es ist freilich etwas anderes, ob man auch im Mythentriebe schon philosophische Elemente anerkennt, oder ob der Philosoph am Ende seines langen Ringens mit den Problemen zur Freude an der halb verhüllten, mehr ahnungsvollen als logisch klaren Ausdrucksform des Mythos zurückkehrt, wie Aristoteles es in dem Brief- fragment tut. Wissenschaftliche Objektivität und persönliches Innenleben 343 stets in die Erscheinung tritt, ruht bereits auf bewußter Scheidung des Persönlichen vom sachlichen Tun. Nur noch kurze Zeit, und die mächtig erstarkende Subjektivität durchbricht den Damm und reißt alles Feste hinein in den Rhythmus ihrer inneren Bewegung. Das Bildnis des Philosophen, das die neuere Forschung als solches erkennt, zeigt einen sehr eigenartig gebauten Kopf *). Die künst- lerische Behandlung ist etwas konventionell vornehm, aber das Persönliche an dem Kopf ist trotzdem von sprechender Lebendig- keit Den Denker verrät das wie bei dem bekannten Euripides- kopf in spärlichen dünnen Strähnen über die mächtige Stirn herabhangende Haar. Aber bei solchen mehr typischen Zügen ist das Bemühen des Künstlers, das Individuelle zu erfassen, nicht stehen geblieben. Auffallend ist, seitlich betrachtet, der Gegen- satz des unter dem fest verschlossenen Mund vorspringenden Kinns mit seinem Ausdruck unbeugsamer Energie und des kritischen, auf einen festen Punkt außer ihm gerichteten Beobachterblicks, der von der Leidenschaft und Bewegung der unteren Gesichts- hälfte seltsam unabhängig in scharfer Horizontale verläuft. Die Intensität dieses eindringenden Sehens hat fast etwas beängsti- gendes. Der Eindruck hochgebildeter Geistigkeit des ganzen Antlitzes tritt vom ersten Augenblick an zurück hinter dem der straff gespannten ernsten Aufmerksamkeit, die alle Züge beherrscht. Alles ist geistige Disziplin. Nur um den moquanten Mund spielt ein Schatten des Leidens, der einzige Zug des Unwillkürlichen, den man in diesem Gesicht entdeckt. Als Abschluß möge hier das Testament des Aristoteles wieder- gegeben werden, das uns unmittelbar die menschhche Atmosphäre atmen läßt, in der er lebte ^). 'Möge alles sich zum Besten wenden, doch für alle Fälle treffe ich, Aristoteles, folgende letztwillige Bestimmung: Voll- strecker des Testaments soll für alles und durchgängig Antipater sein. Bis Nikanor das Erbe antritt, liegt die Fürsorge für die Kinder, für Herpyllis und den Nachlaß in den Händen des Aristomenes, Timarchos, Hipparchos, Dioteles und, falls er es wünscht und dazu in der Lage ist, des Theophrast. Wenn das Mädchen (die Tochter Pythias) heiratsfähig ist, soll man sie dem *) Vgl. Studniczka, Ein Bildnis des Aristoteles. Lpz. 1908, Dekanatsprogramm. -) Diog. V 11 ntä Aristoteles in Athen Nikaiior zur Krau geben. Sollte ihr etwas zustoßen (es möge ihm! wird ja nicht geschehen), bevor sie sich verheiratet oder nach iiirer Verheiratung, noch bevor Kinder vorhanden sind, so soll Nikanor das Kecht haben sowohl über den Jungen wie auch über alles andere zu verfügen und zu bestimmen so, wie es seiner und unser würdig ist. Nikanor soll sonst sowohl für das Mädchen wie für den Knaben Nikomachos sorgen, wie er es in ihrem Interesse für richtig hält, wie ein Vater und Bruder. Sollte vor- her jedoch dem Nikanor etwas zustoßen (was nicht geschehen möge), sei es bevor er das Mädchen zur Frau genommen hat oder nach der Heirat, aber bevor Kinder da sind, so sollen seine eignen Bestimmungen gelten, soweit solche vorhanden sind. Wenn dann Theophrast das Mädchen zu sich nehmen will, so sollen für diesen Fall dieselben Bestimmungen wie für Nikanor gelten. Andernfalls sollen die von mir oben benannten Vormünder im Einvernehmen mit Antipater die Angelegenheiten des Mädchens und des Jungen nach bestem Ermessen regeln. Die Vormünder und Nikanor sollen um meines Andenkens willen auch für Herpyllis sorgen, weil sie gut gegen mich gewesen ist, insbesondere für den Fall, daß sie einen Mann nehmen will, sollen sie dafür sorgen, daß sie keinem meiner Unwürdigen zur Frau gegeben wird. Sie sollen ihr zu dem, was ich ihr früher durch Schen- kung gegeben habe, noch ein Talent Silber aus meinem Nachlaß und drei Dienerinnen geben, wenn sie will, ferner das junge Mädchen, das sie jetzt bei sich hat, und als Bedienten den Pyrrhaios; dazu, falls sie in Chalkis wohnen bleiben will, das Fremdenlogis am Garten, wenn sie dagegen lieber in Stagira wohnt, mein elterliches Haus. Dasjenige der beiden Häuser, welches sie haben will, sollen die Vormünder so möblieren, wie es ihnen hübsch und der Herpylhs für ihre Ansprüche genügend erscheint. Nikanor soll auch für den kleinen Myrmex sorgen und darauf sehen, daß er unser würdig den Seinen zurückgegeben wird samt allem, was ihm gehört und was uns einst übergeben worden ist. Ambrakis soll frei sein, man soll ihr, wenn Pythias^ sich verheiratet, 500 Drachmen als Mitgift geben sowie das Mädchen, das sie zur Bedienung hat. Der Thale soll man außer dem Mädchen, das sie als Bedienung hat und das für sie gekauft worden ist. noch 1000 Drachmen und eine Dienerin geben. Dem Simon kaufe man außer dem ihm früher zum Kauf eines Sklaven Das Testament 345- geschenkten Gelde entweder noch einen Sklaven oder gebe ihm stattdessen einen Geldbetrag hinzu. Tychon sei frei, wenn sich meine Tochter verheiratet, desgleichen Philon, Olympios und sein Kindchen. Von den Leuten, die mich bedient haben, soll keiner verkauft werden, sondern sie sollen im Hause bleiben. Wenn sie in das erforderliche Alter kommen, soll man sie nach Ver- dienst freilassen. Man soll ferner dafür sorgen, daß die bei Gryllion in Arbeit gegebenen Porträtstatuen nach Fertigstellung als Weihgeschenke aufgestellt werden, die des Nikanor sowie die des Proxenos, die ich noch in Arbeit zu geben beabsichtigte, und die von Nikanors Mutter. Die des Arimnestos, die fertig ist,, soll man zum Andenken an ihn weihen, denn er ist kinderlos gestorben. Das Standbild meiner Mutter möge man als Weihgabe der Demeter in Nemea oder sonst irgendwo aufstellen. Wo man mich begräbt, dahin sollen auch Pythias' Gebeine überführt und sie sollen dort beigesetzt werden, wie sie es selbst angeordnet hat. Wenn Nikanor glücklich heimkehrt, so soll er zur Erfüllung des Gelübdes, welches ich für ihn getan habe, vier Ellen hohe Steinbilder zum Danke weihen Zeus dem Retter und Athena der Retterin, in Stagira.' Zweites Kapitel. Die Organisation der Forschung. Der zweite Aufenthalt des Aristoteles in Athen ist der Höhe- punkt seiner Entwicklung. Es ist die Zeit der Reife, in der seine Lehre abgeschlossen war und der Philosoph als Haupt einer großen Schule wirkte. Da man die Beziehung der erhaltenen Schriften zu seiner Lehrtätigkeit längst richtig erkannt hatte, anderseits von seiner Wirksamkeit als Lehrer nur für diese letzte Periode seines Lebens etwas bekannt war, so lag der Schluß nahe, daß die Lehrschriften sämtlich in dieser Zeit entstanden seien. Ihre Abfassung drängte sich dann zwar in dem kurzen Zeitraum von 13 Jahren zusammen, aber man trug kein Bedenken, auch diese Schwierigkeit in Kauf zu nehmen. Die geltende Ansicht läßt sich nicht kürzer formulieren als mit den Worten des in diesen Fragen noch immer als Autorität geltenden Ed. Zeller: 'Wenn ferner richtig ist, was sich uns über die Bestimmung unserer aristotelischen Werke für die Schule des Philosophen, über ihren Zusammenhang mit seinem Unterricht, über die Verweisungen späterer Schriften auf frühere ergeben hat, so können alle diese Werke nur in Athen, während Aristoteles' letzter Anwesenheit in dieser Stadt verfaßt sein')'. Die Unhaltbarkeit dieser Auffassung bedarf nach den Unter- suchungen über den Aufenthalt in Assos keines Wortes mehr, es ist uns dadurch aber zugleich möglich geworden, die besondere Stellung der letzten Periode des Aristoteles innerhalb der Gesamt- entwicklung klarer zu erfassen. Nachdem es gelungen ist, Geist ') Ed. Zeller, Phil. d. Griech. Bd. II 2» 155 vgl. J. Bernays, Dialoge d. Ar. 128 : 'Alle uns vorliegenden Werke fallen in die letzte Lebensperiode des Aristo- teles; und selbst wenn das Wenige, was über ihr gegenseitiges chronologisches Verhältnis ermittelt ist, einmal durch glückliche Entdeckungen vermehrt werden sollte, so ist doch durch die BeschaSenheit ihres Inhaltes jegliche Hoffnung ab- geschnitten, daß auch die vergleichsweise früheste Schrift in eine Zeit zurück- führen könnte, da Aristoteles noch an seinem System arbeitete; nur als ein bereits vollendetes tritt es uns überall entgegen; nirgends sehen wir den Bau- meister noch bauen.' Allgemeiner Charakter der letzten Periode 347 und Richtung seiner Arbeit während der mittleren Periode zu bestimmen, hebt sich die letzte Zeit in Athen von der vorher- gegangenen Phase sehr deutlich ab. Drängten sich kühne Spekulation und ausgebreitete Empirie nach der bisherigen An- schauung in der letzten Periode auf engem Raum zusammen, so treten sie jetzt zeitlich auseinander. Die Grundlagen der aristo- telischen Philosophie — in dem engen Sinne dieses Wortes, wie es ihre Darsteller durchweg auffassen, also mit Ausschluß der riesenhaften Forschertätigkeit auf naturwissenschafthchem und geisteswissenschaftHchem Gebiet — sind bereits in der mittleren Periode fertig. Der Philosoph Aristoteles wächst heran zuerst in der Nachfolge, dann in der Kritik Piatons. In der dritten Periode erscheint nun etwas gänzlich Neues und Eigenes. Er wendet sich der empirischen Einzelforschung zu, wo er durch die folgerichtige Durchführung seines Formgedankens zum Schöpfer eines neuen Typus der Wissenschaft wird. Wie sich diese neue Richtung zu der Philosophie der vorangehenden Periode verhält, wie weit sie deren Vollendung bedeutet und wie weit sie über sie hinauswächst, mag zunächst hier nicht gefragt werden; viel- mehr legen wir die Tatsache als solche fest, daß die zentralen philosophischen Disziplinen in dieser Zeit nur noch gewisse charakteristische Abänderungen im Geiste der neuen Richtung seiner Arbeit erfahren, während die eigentliche Produktion sich auf das weite Gebiet der Natur und Geschichte wirft. Dies be- stätigen vor allem die neueren Papyrus- und Inschriftenfunde, es ist nur noch nicht die notwendige Folgerung für die Entwicklung des Aristoteles aus ihnen gezogen worden. Eine im Jahre 1895 ausgegrabene Ehreninschrift enthält den Beschluß der Delphier, den Aristoteles und seinen Neffen Kallisthenes 'zu belobigen und bekränzen' zum Dank für die Feststellung einer vollständigen Liste der Sieger in den pythischen Spielen, die von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart reichte '). Dazu waren natürlich Archivforschungen größeren Umfangs erforderlich gewesen, die auch für die Kultur- und Literaturgeschichte bedeutsam werden mußten. Mit dieser Arbeit betritt Aristoteles, soweit wir sehen, einen neuen Boden. Sehr früh kann sie nicht fallen wegen der Beteiligung seines Neffen *) Dittenberger, Sylloge* p. 485 r^l^ Die Organisation der Forschung der in Assos und Pella sein Schüler war (S. 339); doch auch nicht nach 334, wo Kallisthenes mit Alexander nach Asien hinüber- p^ing. Es ist wahrscheinlich, daß die Archive der delphischen l'riester sich ihm, dem Historiker des heiligen Krieges, zugleich für seine Quellenstudien über die Kämpfe und Verhandlungen mit den Phokern öffneten, die nirgendwo sonst zu machen waren. Daß nun die ^AvayQatprj zCjv Ilvd^iovixcjv wirklich um 335/4, kurz vor Kallisthenes' Weggang nach Asien, gemacht worden sein muß, ergibt sich aus einer erhaltenen Steinmetzrechnung für das Aushauen einer Steinurkunde dieser Liste, die nach dem delphischen Archon Kaphis (331/0) datiert ist. Es handelt sich um eine langwierige Arbeit, nach neueren Berechnungen um einen Pinax von etwa 60000 Worten Umfang. Es kann kein anderer gewesen sein als der des Aristoteles und Kallisthenes, dessen Einmeißelung sich wahrscheinlich durch mehrere Jahre hinge- zogen hat '). Die Liste ist also gegen Ende des Aufenthalts in Makedonien oder am Anfang des athenischen Aufenthalts ent- standen. In die gleiche Zeit führen die großen antiquarischen Forschungen des Aristoteles über die Siege an den städtischen und lenäischen Dionysien und die Didaskalien, die Urkunden dramatischer Aufführungen in Athen, welche dann später für die alexandrinischen Literaturhistoriker das Gerüst der Chronologie für die Geschichte des klassischen Dramas bildeten und auf denen alles beruht, was wir heute noch über die Aufführungszeit der Stücke erfahren. Diese für die Geschichte der griechischen Literatur grundlegenden Forschungen sind zweifellos angeregt durch die philosophische Beschäftigung mit den Problemen der Poetik. Die Sammlung des gewaltigen Materials ist ihr gegen- über das Spätere, geht doch der verlorene Dialog des Aristoteles IleQi 7iotr]TT}vaiü)v zwischen 329/8 und 327/6 geschrieben (vgl. zuletzt Wilamowitz, Aristoteles und Athen Bd. I 211 A. 43). Auf die gänzlich verfehlten Versuche, die Schrift in die 50 er Jahre hinaufzudatieren, gehe ich nicht näher ein. Späte Entstehung der UoXuelai,, Ai%aidifiata, Nöfitfta 351 des Alexander Molossos nach Süditalien erwähnt, auf dem dieser seinen Tod fand. Der Tod wird von Aischines im Kranzprozesse als jüngst eingetretenes Ereignis erwähnt, er fällt mithin in den Ausgang der 30 er Jahre, wie man meist annimmt, ins Jahr 330'). Der wissenschaftliche Typus exakter Wirklichkeitsforschung, den die genannten Werke bezeichnen, ist in der damaligen griechischen Welt etwas schlechthin Neues und Bahnbrechendes. Auch Demo- krit ist nicht zu vergleichen. Aristoteles wird hier, wo er sich von der platonischen Art des Denkens freier bewegt, zum Arche- geten jener Reihe universaler Forscher, die mit der alexandrinischen Philologie des Kallimachos und Ai^starch anfängt und sich seit der Renaissance alle paar Jahrhunderte in einzelnen überragenden Gestalten des Scahgerschen Typus fortgesetzt hat. Sie alle über- trifft freilich Aristoteles bei weitem durch die Originalität seiner methodischen Idee, die ihn der Wissenschaft künftiger Jahr- tausende vordenken ließ, das auf die Emzelwirkhchkeit ange- wandte Prinzip der Form, und durch die Vielseitigkeit des Genies, das ihn befähigte, zugleich mit der Geschichte und Theorie der Kultur auch die entgegengesetzte Hemisphäre der Natur- wissenschaft zu umfassen. Als den Meister weniger der (piXoaocpia als der loxoqia im griechischen Sinn dieses Wortes, wonach es außer der Kunde von der menschlich-geschichthchen Welt auch die Einzelerkenntnis der Natur und des natürhchen Lebens bezeichnet, zeigt ihn auch die naturwissenschafthche Forschung jener letzten Periode. Wir fassen seit alters seine naturwissenschaftUchen Schriften als eine einheitliche Gattung zusammen und stellen die Tierkunde, die Schriften von den Teilen der Tiere und von der Zeugung der Tiere in dieselbe Reihe wie die Physik, die Schrift über den Himmel und die Lehre vom Werden und Vergehen. Von den Problemen wird man gewiß Bedenken tragen zu behaupten, daß sie früh wären, ist doch die vorhegende Sammlung mit der des Aristoteles überhaupt nicht identisch, sondern z. T. das Eigen- tum seiner Schüler, die die unmittelbaren Fortsetzer der im ') Vgl. Arist. frg. 614 R. Aesch. Ctes. 242. Der Zug Alexanders des Molossers wird in den AntaioJfxaza als geschichtliches Beispiel erwähnt und liegt ofienbar schon zurück. Die Nö/*i/*a mit ihrem ethnologischen, antiquarischen und mythologischen Interesse dürften derselben Forschungsperiode angehören. Sie sind das Gegenstück zu den IloÄiieiai.. -^ro Dil' Organisation der Forschung P('ri|)iil()s eröffneten Einzelforschung waren. Damit rücken aber aucli flie ecliten aristotelischen Probleme mit großer Wahr- sciu'inlic'likeit in die späte Zeit, wohin sie auch dem Stoffreichtum und der Vielseitigkeit ihrer Einzelinteressen nach gehören. Es ist .schon an sich durchaus einleuchtend, daß die Himmelsphysik_ in IhQt ovQavov und die spekulative Behandlung der Grund- begriffe der 'Physik' akademischen Ursprungs war, wie wir früher zeigten, während die Vertiefung in Einzelheiten, die großenteils schlechthin ohne Beziehung auf die Philosophie sind, in diese spekulative Periode nicht passt. Wir werden aber noch weiter gehen müssen. Auch die Tierkunde ist ihrer geistigen Struktur nach nicht von dem begrifflichen Typus der Physik, sondern sie steht auf der Stufe der Politiensammlung. Sie verhält sich als Stoffsammlung zu den sie verarbeitenden, die Gründe der Er- scheinungen erforschenden Schriften über die Teile und die Zeugung der Tiere genau so, wie die Politiensammlung zu den späten, empirischen Büchern der Politik. Sie liefert ihnen das Substrat. Von der Tiergeschichte gilt deshalb auch dasselbe wie von den Problemen: sie trägt die deutlichsten Spuren verschiedener Verfasser an sich, die letzten Bücher stammen von jüngeren ]\Iitgliedern der Schule, die als Fortsetzer, Vervollständiger und sogar als Berichtiger und Kritiker des Meisters auftreten. Es ist wahrscheinlich, daß auch diese Arbeit wie die an den Politien organisiert gewesen ist und von Anfang an auf mehrere Mit- arbeiter verteilt war. Welchen Anteil Aristoteles selbst an der Tiergeschichte gehabt hat, läßt sich kaum noch sicher entscheiden. Die Pflanzenkunde, die mit der Tierkunde engstens zusammen- gehört, übertrug er dem Theophrast, der sie selbständig durch- geführt hat. Es wird kaum zutreffen, daß die Tiergeschichte ohne die Forschungen des Alexanderzuges denkbar ist, wie man gelegentlich behauptet hat. Schon die Nachrichten über damals in Griechenland unbekannte Tiere wde die Elefanten und ihre Lebensweise setzen die Erfahrungen des indischen Feldzuges voraus, und an zahlreichen anderen Stellen ist uns der Einfluß dieser enormen Erweiterung des griechischen Wissens gewiß noch verborgen. Wie groß der Ertrag der asiatischen Feldzüge für die Botanik Theophrasts gewesen ist, hat Bretzls schönes, wenn auch nicht abschließendes Buch uns gelehrt'). So füliren ') M. Bretzl, Botanische Forschungen des Alexanderzuges. Lpz. 1903. Später Charakter der zoologischen und botanischen Forschung 353 alle Anzeichen auf eine späte Entstehung der zoologischen Werke des Philosophen. Es ist nicht erlaubt und ergibt ein gänzlich irreführendes Bild, wenn man diese ganze Organisation der Einzel- forschung in die Akademie zurückprojiziert. Die "Ofioia des Speusippos, die wesentlich über Pflanzen handelten, enthielten, wie früher gezeigt wurde, nicht botanische Forschung im Stil Theophrasts, sondern Material für die Methode der Einteilung der Gattungen und Arten, wie der späte Piaton sie im Sophistes und Politikos empfiehlt und wie man sie lediglich für die Klassifikations- logik, nicht aus Interesse am Einzelwesen und seinen Lebens- bedingungen in der Akademie trieb'). Der Schematismus dieser Methode wirkt in der Tiergeschichte und Pflanzengeschichte des Aristoteles und Theophrast deutlich nach, aber es ist nicht richtig, . in der Klassifikation der Pflanzen- und Tierwelt deren eigentliche Leistung zu sehen. Viel wichtiger als sie wurde es für die Ent- wicklung der Naturwissenschaft, daß hier zum ersten Male mit der Beschreibung und Beobachtung des Einzelwesens und seines ßiog voller Ernst gemacht wurde. Gerade darin hat Aristoteles und seine Schule neben manchen Mißgriffen, die in den Anfängen dieser Methode und bei der Mannigfaltigkeit und Verschieden- wertigkeit der Quellen, aus denen er schöpfen mußte, unver- *) Das erste Buch Über die Teile der Tiere, das eine allgemeine methodische Einleitung enthält, deren Bedeutung für die Forschungsziele der letzten Periode des Aristoteles noch zu würdigen sein wird, setzt sich ausführlich (c. 2—4) vom Standpunkt des späten Aristoteles mit jener akademischen Einteilungsmethode auseinander. Er tadelt das von Piaton im Sophistes und Politikos dargestellte, dann von seinen Schülern, besonders Speusippos, auf die Einzelarten der Natur angewandte Prinzip der Dichotomie sowohl in logischer Hinsicht scharf als auch wegen seiner Unbrauchbarkeit für eine wirkliche Zoologie, die die zusammen- gehörigen Tierarten nicht zerreißen wolle. Gewisse Äußerlichkeiten des akade- demischen Einteilungsverfahrens kritisiert er vom Standpunkt des Logikers zwar bereits in der frühen Topik Z 6, 144 b32, aber solcher Widerspruch war schon innerhalb des akademischen Kreises selbst aufgetaucht, wie er dort be- richtet. Ganz unabhängig davon und aus der Erfahrung seiner eigenen jahre- langen sachlichen Beschäftigung mit der wirklichen Tierwelt hervorgegangen ist dagegen die Kritik in De partibus animalium und an anderen Stellen der fwtxa. Sie ist das Ergebnis seiner eigenen Bemühungen um eine an der Sache gewonnene, neue Einteilung. Die Unfertigkeit dieses 'Systems', die öfter dazu geführt hat es zu leugnen, hängt mit seiner späten Stellung in der wissenschaft- lichen Entwicklung des Aristoteles zusammen. Vgl. Jürgen Bona Meyer, Aristo- teles' Tierkunde Ein Beitrag zur Geschichte der Zoologie, Physiologie und alten Philosophie, Berl. 1855, p. 53 und 70ff. Jaeger: Aristoteles. 23 or j. Die Organisation der Forschung meidlicli waren, Gewaltiges geleistet. Auch die Meteorologie wird im Ganzen ein Werk dieser Periode sein'). Ein besonders interessanter Fall eines Einzelproblems auf diesem Gebiet ist die Schrift über die Ursache der Nilschwelle, deren Echtheit jetzt nicht mehr bezweifelt werden kann. Aristoteles' Arbeitsweise in dieser Zeit empfängt hier eine fast aktuelle Beleuchtung, wenn er seinen Schulgenossen die Ergebniese der neuesten Beob- achtungen im oberen Niltale mitteilt und am Schluß der Dar- legung ausruft: 'Die Nilschwelle ist kein Problem mehr, denn es ist beobachtet worden, daß der Strom durch Regengüsse an- schwillt •)/ Mit den Forschungen über die organische Natur und die lebenden Wesen hängt engstens der Untersuchungskreis zusammen^ den Aristoteles in der Schrift über die Seele und der sich an sie anschließenden Gruppe anthropologischer und physiologischer Einzelarbeiten behandelt. Schon in der Zusammenfassung der Psychologie mit der Lehre von der Wahrnehmung und der Farben- theorie, von Erinnerung und Gedächtnis, vom Schlaf und Wachen, vom Träumen, von der Atmung, von der Bewegung der Lebe- wesen, von Lang- und Kurzlebigkeit, von Jugend und Alter, von Leben und Tod, verrät sich ein einheithch physiologischer Zug: die Psychologie ist der notwendige Ausgangspunkt dieser Untersuchungsreihe, insofern die Seele hier als das Prinzip des Lebens begriffen wird, das nun in allen seinen charakteristischen Äußerungen verfolgt wird. Diese Reihe von Schriften ist, wie allerlei Spuren andeuten, erst allmählich zu der gegenwärtigen Vollständigkeit gelangt"). In der vorliegenden Verbindung dieser mehr allgemeinen physiologischen Voruntersuchungen mit den ^(üiy.ä zu einem umfassenden Bilde der Welt des Organischen ') Vgl. p. 325 ') Für mich sind überzeugend die vorzüglichen Ausführungen von J. Partsch, Des Aristoteles Buch „Über das Steigen des Nil", Abb. d. sächs. Ges. d. Wiss, phil. bist. Kl. Bd. XXVII p 553, Lpz. 1910. Der im Text zitierte Schluß des Buches, dessen griechische Textform bei Photios erhalten ist (Partsch p. 574) oixiti fiQÖßÄTjftd iaxiv. iocp&rj ydp (paveQÜig Sti i^ vettbv aiJiei, ist für Aristo- teles charakteristisch vgl. Metaph. 1^6, 1045 a24 oixdic änogla ööieiev äv elvai »Ä ^Tjiovfievov u. a. ') Vgl. Brandis, Griechisch-römische Philosophie Bd. II b2 p. 1192 ff. und meinen Aufsatz Das Pneuma im Lykeion, Hermes Bd. XL VIII 42. Entwicklungsmäßige Schichtung der Seelenlehre 355 haben wir einen kunstvollen pädagogischen Aufbau vor uns, der in dieser Gestalt erst in der letzten Periode entstanden ist. Es ist die Frage, wieweit die Psychologie selbst an der allgemeinen Entwicklung Teil nimmt, die wir im vorigen geschildert haben, und ob sich Anhaltspunkte einer Chronologie für sie und die sog. Parva naturalia ergeben. Eigentümlich platonisch und wenig naturwissenschaftlich nimmt sich in diesem Zusammenhang das dritte Buch über die Seele aus, das die Lehre vom vovg enthält. Sie ist einer der ältesten und dauernden Bestandteile der aristotelischen Philosophie, eine Hauptwurzel der Metaphysik. Ihre Behandlung in der Psychologie ragt denn auch tief ins Metaphysische hinein. Um sie herum und an sie heran hat sich dann, so scheint es, die psychophysische Seelenlehre nachträglich angebaut, ohne daß die Kluft zwischen diesen beiden auf verschiedenem geistigem Grunde erwachsenen Teilen dadurch überbrückt worden wäre. Man könnte einwenden, daß dieser Doppelcharakter die ganze Philosophie des Aristoteles beherrsche und wohl von Anfang an in ihr gelegen habe. Aber dagegen spricht doch, daß die vovg-hehre ein traditioneller Bestandteil von Piaton her war, bei dem wir von einer Psychophysik keine oder nur schwache Ansätze finden, und daß auch in den ersten Schriften des Aristoteles, die wir genauer erkennen können, zwar eine ausgebildete Lehre vom vovg sich findet, die mit dem allgemein spekulativen Zug seiner ältesten platonisierenden Philosophie zusammenhängt, dagegen von einer empirischen Psychologie noch keine Spur zu entdecken ist. Die letztere ist ganz eine Schöpfung des Aristoteles selbst. So ist es z. B. sicher kein Zufall, daß die Ethik sich auf einer noch sehr primitiven Seelenlehre aufbaut, der Lehre von dem ver- nünftigen und dem vernunftlosen Seelenteil. Diese bereits im Protreptikos erscheinende altertümliche Ansicht ist einfach die platonische. Aristoteles hat sie auch später aus praktischen Gründen unangetastet gelassen, obgleich er inzwischen psycho- logisch viel weiter gekommen war und überhaupt keine filQt] tpvxfis anerkannte. In der Ethik ließ sich mit den alten Vorstellungen bequem operieren, ohne daß wesentHche Fehler entstanden, die das ethische Ergebnis beeinflussen konnten; die alte platonische Schematik war mit den Grundbegriffen seiner Ethik nun einmal zu fest verbunden. Er glaubt sich immerhin wegen dieser Ver- 23* ßr,p, Die Organisation der Forschung einfachunf? des Problems entschuldigen zu müssen '). Der Aufbau der Ktliik wäre wahrscheinlich anders ausgefallen, wäre bei ihrer Grundlegung die Psychologie des Aristoteles bereits auf der Ent- wicklungsstufe angelangt gewesen, auf der wir sie kennen lernen. Man kann diesen Kontrast der Entwicklungsstufen noch an be- stimmten Einzelheiten zeigen. Die Fortbildung der platonischen di>cifivT]aig-Lehre im Eudemos und der Glaube an die persönliche Unsterblichkeit, den wir dort und noch im Dialog UeqI (piXoao(piag, also noch am Beginn der mittleren Periode feststellen, sind mit der Psychophysik der uns überlieferten Schrift von der Seele nicht vereinbar. Sie setzen eine Kontinuität gerade des Teiles des menschlichen Bewußtseins nach dem Tode voraus, der nach der späteren Ansicht des Philosophen an den Körper gebunden ist"). Man kann ferner nicht verkennen, daß noch die Ethik der mittleren Periode mit ihrer theologischen Anschauung vom Hellsehen und von der Mantik auf der gleichen Stufe steht wie UeqI (piXooo(plac„ und daß die Schrift Über Traummantik, die zu der Reihe der an IIeqI tpvx^ig angehängten physiologischen Untersuchungen gehört, einen vollkommenen Bruch mit diesen platonisierenden Ansichten bedeutet. Die Denkweise ist hier ganz unethisch und rein naturwissenschaftlich; wichtiger als die Tatsache, daß Aristoteles die frühere Ansicht verwirft, ist hier die Methode, auf Grund deren er sie verwirft. Sogar tierpsycho- logische Überlegungen werden jetzt herbeigezogen, ein deuthches Zeichen für den veränderten Geist dieser völlig unmystischen neuen Betrachtungsweise*). Dieser herrscht nun aber durchweg ') In der Eudemischen Ethik legt Aristoteles noch ganz unbefangen die alte schematische Teilung der Seele in ovo fiiQti rpvxns ^a Äöyov fiETixovxa der Lehre von der &Qezrj zugrunde (jBI, 1219 ^28) wie im Protreptikos, dem er hier wörtlich folgt, vgl. oben p. 260. Dagegen hebt die entsprechende Stelle der späteren Bearbeitung (Eth Nie. AVi, 1102a23ff.) entschuldigend hervor, der Politiker und Praktiker, wenn er die Fragen der ä^ezri richtig beurteilen wolle, brauche ein Mindest- maß (nur ein solches!) psychologischen Wissens: t6 yaQ inl nÄelov i^axgißovv iQY'jiöiaieQov tacag iailv xüv 7iQöxeif*^v(ov. Zi-yeiai 8h tcbqX air^g xal iv roig i^wregiKoig Aöyotg äQxovvTwg ivia, Kai XQV^^^^v aiiotg. Nun folgt die an dieser Stelle herkömmliche Lehre von dem vernünftigen und dem vernunftlosen Seelenteil, aber mit einem kurzen Hinweis auf das Problematische des Begriffs der ftriQfi -ipvx^g. Dieser Terminus wird von Aristoteles daher im folgenden absichtlich gemieden. 2) Vgl. p. 49 ff. ') In jenem hochinteressanten Aufsatz versucht Aristoteles die Erscheinung des Wahrträumens auf psychophysiologischem Wege natürlich zu erklären. Er Psychophysik und voüj-Lehre 357 in den beiden ersten klassischen Büchern der Psychologie mit ihrer Theorie der sinnlichen Wahrnehmung und der mit ihr zu- sammenhängenden Auffassung der Seele als Entelechie des organischen Körpers. Aus der vovg-Lehre konnte diese niemals hervorgehen. Ebenso epochemachend sind die Forschungen der kleinen physiologischen Schriften. Es ist kein kühner Schluß, sondern einfach sachlich evident, daß sie auf gleich später Stufe der Entwicklung stehen wie die ihnen als Spezialstudie über jenes platonische Erbproblem eingefügte Schrift über die Traum- mantik ^). Dieser ganze Komplex von Forschungen gehört inner- lich, methodisch und weltanschaulich, wie zeitlich mit den großen Werken über die Teile und Zeugung der Lebewesen zusammen. Mag also die vorliegende Fassung des dritten Buches IJegl ^pvxfig und diejenige der anderen beiden Bücher und der Parva naturaha einheitlich und gleichzeitig sein, was ich nicht zu entscheiden wage, da es an Handhaben in dieser Hinsicht fehlt: dadurch wird die Tatsache nicht berührt, daß die Gedanken über den vovg älter, die methodische Idee und Durchführung der übrigen Teile jünger sind und einer anderen Entwicklungsschicht, ja einer anderen Denkdimension angehören^). leugnet zwar nicht, daß es Voraussicht des Zukünftigen im Traumzustand gebe, wohl aber leugnet er jetzt ihre Herkunft aus metaphysischen Regionen. Gegen den Glauben an gottgesandte Träume spricht es, daß weder Weise noch Gute solche Träume zu haben pflegen, sondern oft gerade sittlich minderwertige Menschen, die dafür physisch besonders disponiert sind, und daß auch die Tiere träumen (ein Seitenblick auf Tiergeschichte 4 10, 536 b 28). Er weist den Zu- sammenhang des Geträumten mit unterbewußten oder bewußten Wacheindrücken nach und geht den Gründen der Verzerrung der Bilder im Traum eingehend nach. Vgl. über Mantik in Ilegl ) Vgl. p. 144 ff. 2) Vgl. p. 232 *) Bonitz, Comm. in Ar. metaph. p. 25, vgl. oben p, 228. *) Vgl. p. 228 ff. *) So schon 0. Apelt. Berl. Phil. Wochenschr. 1912 Sp. 1590 in der Rez- meiner Entstehungsgesch. d. Metaph. Zeit der Beziehungen des Aristoteles zu Kallippos 367 der er von der athenischen Regierung berufen worden war'). Die neue Ära, die nach ihm benannt zu werden pflegt, fällt in das Jahr 330/29. Um diese Zeit muß Kallippos also länger in Athen tätig gewesen sein und hat natürlich die von Eudoxos herrührenden Beziehungen zu den dortigen Gelehrtenkreisen wieder aufgenommen. Dies folgt mit aller wünschenswerten Sicherheit schon aus der Art, wie Aristoteles A 8 von ihm spricht. In dieser Form konnte er über die Änderungen, welche Kal- lippos an dem Sphärensystem des Eudoxos vornahm, nur dann berichten, wenn er diese Fragen mit dem Astronomen selbst im Kreise der Schule erörtert hatte. Überhaupt haben erst diese Diskussionen, wie später deutlich werden wird, d. h. die un- mittelbaren Anregungen von astronomischer Seite dem Ari- stoteles zur Ausbildung der Lehre von den Sphärenbewegern den Anstoß gegeben. Die Form des Imperfekts, deren er sich be- dient, wo er von der kallippischen Änderung des eudoxischen Systems redet, läßt nur zwei Erklärungen zu: entweder deutet sie nur an, daß Aristoteles seine Kunde von diesen Hypothesen aus früheren mündlichen Verhandlungen mit Kallippos hat, oder es Hegt darin außerdem, daß Kallippos zur Zeit nicht mehr am Leben war. Da Aristoteles im gleichen Zusammenhang auch von Eudoxos im Imperfekt spricht, der bekannthch längst gestorben war und den Aristoteles ebenfalls persönlich gekannt hatte, so ist es das Wahrscheinlichste, daß beides auch von Kallippos gilf*). Um so tiefer rückt das 8. Kapitel zeitlich herab. Es kann *) Über die Zeit des Kallippos handelte kurz Boeckh, Vierjähr. Sonnen- kreise d. Alt. 155, der aber die Metaphysikstellen nicht verwertete. Über die Ära des Kallippos vgl. jetzt den Artikel bei Pauly-Wissowa s. v. Kallippische Periode, wo jedoch der Hauptartikel über Kallippos irrtümlich fehlt. Er verdient eine gesonderte Untersuchung, auch die Überreste seiner Lehre sind noch zu sammeln. '^) Metaph. a\ 8, 1073 b 17 EdSo^og ftlv oiv iiXLov v.al oeÄ^vtjs ixaiigov tijv (poQav iv xQialv ivi^sz^ elvai acpaCgaig . . . KdÄAutTios ök r^v f*iv &iaiv z&v aipaiQüiv zTjv aitijv izl&ezo Ei36^(p . . . zd öh TcÄ^&og zip ftiv tov Aidg xal zip zov Kqövov zd adzö iY.eiv(fi äneötdov, zip ök fjÄiip xal t^ aeÄrjvjj ovo ^pezo in nQoa&eziag elvai acpaipag, zu (paivö^evu ei fitÄÄei zi.<; äno(^ zovzo ök 710 ÄÄdxig izi&ei zag äzöfiovg ygafif^idg. Entscheidend für das Verständnis des Imperfekts ist hier das ausdrücklich hinzugefügte noÄÄdKig, das auch an der anderen Stelle 368 Die Umbildung der Lehre vom ersten Beweger nur in ilen letzten Aufenthalt des Aristoteles in Athen fallen, vermutlich nach 330'). Diese Feststellung ist für die Ent- wicklunf^ des Aristoteles äußerst wichtig. Denn entweder ist das Kapitel mit dem ganzen Buch A gleichzeitig entstanden, dann würde alles ins Wanken geraten, was wir über die Altertümlich- keit der Lehrform des Buches A ausgemacht haben (S. 230), oder unser Beweis einer gesonderten Lehrform der ältesten Meta- physik besteht auch für Buch A zu Recht, dann kann das 8. Kapitel kein ursprünglicher Bestandteil des Buches gewesen sein, sondern ist später an dieser Stelle eingefügt worden. So unwiderleglich nun die Lehre des A dem älteren Be- griff der Metaphysik entspricht, so gewiß ist es auf der anderen Seite für scharfblickende Augen schon seit den Tagen des Alter- tums gewesen, daß das 8. Kapitel kein organisches Glied seiner Umgebung, sondern ein Fremdkörper ist. Es bleibt jedoch der eigentliche Beweis noch zu erbringen, daß es sich so verhält, wie von jeher einzelne Kritiker vermutet haben. Während man dabei bisher vom astronomischen Inhalt des Stückes ausgegangen ist, beginnen wir mit dem Stil. hinsichtlich des Eudoxos und Kallippos zu ergänzen ist. Zu diesem Imperfekt als Tempus der mündlichen Schultradition vgl. z. B. IleQl difjovg III 5 (dazu Wilamowitz, Hermes Bd. XXXV p. 49 A. 2). Ähnlich die Erinnerungen aus der Akademie Metaph. Z 11, 1036 ^25 (an den jüngeren Sokrates) und Eth. Nie. K 2, 1172 ^9—20 (an Eudoxos). Was man über die Gründe der kallippischen Än- derungen an dem eudoxischen System im Altertum wußte, beruhte auf der durch Eudemos vermittelten mündlichen Tradition im Lykeion, vgl. Eudemos frg. 97 p. 142 Spengel. *) Kallippos war nach Simpl. in Aristot. de caelo p. 493, 5 (Heiberg) Mit- arbeiter des Aristoteles, nachdem er nach Athen gekommen war: KdA^mnog 6i d Kv^(.xTji>ds IIoÄefidQ^q) ava^oÄdaas zip Evöö^ov yv(OQlf*qi v.al ftet' ixeivov (BCil. Evdo^ov) etg 'Ad'^vag iX&oiv tip 'ÄQtatoTeÄei avyy.aTeßLco zä vttö xov Eidö^ov evQe&h'za ovv z^ 'AgiazozdAei, öiOQ&ovfievög ze Kai nQoaavaTiXriQcäv. Daß dies nicht mehr in die akademische Zeit fällt, sondern in die Zeit der Schulleitung des Aristoteles, folgt nicht nur aus der ausdrücklichen Trennung dieses Aufenthaltes des Kallippos von dem bekannten athenischen Aufenthalte des Eudoxos (3()7), sondern auch daraus, daß er ein Schüler Polemarchs, also ein Enkelschüler des Eudoxos genannt wird. Auch würde sonst nicht nur Aristoteles genannt werden als der, dessen Mitarbeiter er geworden sei, sondern eher Piaton. Alles dies weist auf die Zeit der kallippischen Reform hin. Die Nach- richt des Simplicius rührt aus gelehrter Überlieferung her (Eudemos' Geschichte der Astronomie, anscheinend durch Sosigenes als Mittelquelle benutzt, vgl. Simpl. a. Ü. p. 488, 19), da sie nicht nur aus der Metaphysikstelle erschlossen sein kann. Buch A ist frühen, A 8 jüngeren Ursprungs 369 Buch A ist (S. 228) das Konzept eines Vortrags, das über- haupt nicht für den Gebrauch anderer bestimmt gewesen ist. Es enthält nur Hauptpunkte, skizzenhaft zusammengestellt, stellen- weise bloß mit wiederholtem fiExä xavxa öti . . . aneinandergereiht, ohne daß die Sätze stilistisch bis ins einzelne ausgearbeitet sind '). Schwer zu enträtseln ist vor allem der erste, physikalische Teil, welcher den Unterbau für die Lehre vom ersten Beweger gibt. Aber auch der zweite Teil, der diese selbst enthält, ist nur wenig lesbarer, was bei der fundamentalen Wichtigkeit des Gegenstandes von jeher peinlich empfunden worden ist. Alles ist mündlicher Ausführung überlassen. Es ist nicht im mindesten zu fürchten, daß Aristoteles im Vortrag ein solches Griechisch gesprochen hätte, wie es mancher Leser, der nichts als diese Partien von ihm kennt, mit Schaudern der Ehrfurcht als echt aristotelische Kürze verehrt. Wie er wirklich sprach, zeigt Kapitel 8, das im Gegensatz zu den übrigen Teilen des Buches vollkommen aus- gearbeitet vorliegt. Es fällt dadurch sprachlich so auffallend aus seiner Umgebung heraus, daß wir nach einem Grunde für diese Erscheinung suchen müssen. Aristoteles handelt in diesem Kapitel über die Frage, ob es nur eine einzige Wesenheit wie den unbewegten Beweger gibt oder eine größere Anzahl von solchen, diese also eine Gattung darstellen. Er macht einige Bemerkungen über die Vorgeschichte des Problems, die Anzahl der äQxai mathematisch exakt zu be- stimmen. Dann stellt er die These auf, daß ebenso wie der Fix- sternhimmel einen unbewegten, ewigen Beweger zu seiner Be- wegung erfordere, auch für die übrigen, zusammengesetzten Be- wegungen am Himmel, welche die Planeten ausführen, je ein unbewegter Beweger erforderlich sei. Denn die Natur der Sterne sei ewig und setze zu ihrer Bewegung ein anderes Ewiges vor- aus, das gleichfalls wie die Gestirne ein selbständiges Sein be- sitzen müsse nach dem Satze, daß was der Substanz (ovaia) vor- aufgeht, auch nur wieder eine Substanz sein kann. Es müssen für jedes Gestirn soviele Beweger angenommen werden, wie es Bewegungen ausführt, d. h. da für jede Bewegung in dem System 1) Vgl. Metaph. A3, 1069 b35 und 1070 »5 und die Aneinanderreihung der Argumente mit izi, nai, äf*a di, d/noicjs S^ oder f) aaC besonders in den ersten Kapiteln, aber auch z.B. c. 9, 1074 b21, 25, 36, 38; 1075 »5, 7, und c. 10, 1075 a34; b 14, 16, 28, 34. J a e g e r Aristoteles. 24 g«Q Die ümbildunff der Lehre vom ersten Beweger des Eudoxo-s, dem Aristoteles sich angeschlossen hat, eine be- sondere Sphäre angenommen wird, so muß es genau so viele un- bewegte Beweger wie Sphären geben. Die Berechnung der Zahl der Sphären ist Sache der Astronomie und nicht der Metaphysik, was selbstverständlich nicht heißt, daß die Astronomie mit der Annahme der unbewegten Motoren selbst irgend etwas zu tun hat. Diese ist rein metaphysischen Ursprungs. Die Grenzen der Metaphysik werden aber doch von Aristoteles überschritten, wenn er — und das ist der Hauptzweck seiner Erörterung — in die Berechnungen der Astronomen eingreift und nachzuweisen sucht, daß weder das System desEudoxos noch dessen von Kallippos verbesserte Form zur Erklärung sämtlicher Arten der Planeten- bewegung ausreiche. Eudoxos hatte 26 Sphären herausgerechnet, bei Kallippos stieg die Zahl auf 33, Aristoteles vermehrte sie durch die Hypothese von den dvE?Äx'iovoai acpalgai auf 47 bezw. 55. Dieser Überblick über den Hauptinhalt des astronomischen Kapitels genügt wohl, um zu zeigen, daß es nicht nur dem Stil dei- Sprache, sondern auch dem 'Stil' der Methode nach mit seiner Umgebung nicht vereinbar ist. Die Theologie der .beiden vorangehenden Kapitel atmet einen völlig anderen Geist. Der unbewegte Beweger, von dem dort die Rede ist, bewegt als ein»- ziger den Himmel und durch ihn, das sich selbst Bewegende, als fieoov bewegt er die Welt der Dinge, deren Bewegung nur von außen her stammt '). Im 7. Kapitel wird die Beschaffenheit und das Wesen des höchsten Prinzips untersucht: es ist immaterieller Geist, reiner Akt, ungetrübtes, seliges Leben ohne alle Unter- brechung. Ihm wird eine ovaia zugeschrieben, welche ewig, un- bewegt und allem sinnlich Wahrnehmbaren transzendent ist. Es kann keine Größe und Ausdehnung haben, sondern ist unteilbare Einheit, leidenslos und unveränderlich. Auf Grund dieser Wesens- eigenschaften wird das höchste Prinzip als d^eö^ prädiziert. Denn unter dem Begriff Gott denken wir ein ewiges, lebendiges, voll- kommenstes Wesen. Dies trifft aber für Aristoteles alles auf den vovg zu. Denn er ist nicht nur das Vollkommenste und, Ewige, sondern 'die Tätigkeit des Geistes ist Leben'. Diese Ableitung des Absoluten ist zwar so knapp und so wenig erschöpfend, daß sich sofort eine Reihe von Fragen aufdrängt, die Aristoteles un- beantwortet läßt, aber die Gedankenführung strömt eine fort- ') Metaph. A 7, 1072 »24 vgl. Phys. 6 5, 256 bUff. Das Kapitel von den Sphärenbewegern später Einschab 371 reißende Kraft aus, die von religiöser Empfindung getragen wird. Unwiderstehlich drängt der Zug des Gedankens zu der Frage des 9. Kapitels weiter: was ist der Inhalt dieser Tätigkeit des vovg und welches Verhältnis waltet zwischen dem Inhalt seines Denkens und seiner Vollkommenheit? Denkt er nichts, so ruht er, ist also höchstens Potenz, aber nicht reine Tätigkeit; denkt er das an- dere, so denkt er etwas, was weniger vollkommen ist als er selbst, und mindert dadurch seine Vollkommenheit. So führt Aristoteles seine Hörer in einem Fluge zu der aus dem Begriffe des gött- lichen, d. h. vollkommensten Seins notwendig folgenden Be- stimmung: der Gedanke denkt sich selbst und genießt in diesem schöpferischen Akt ewig seine absolute Vollkommenheit. In diesen ununterbrochenen Gedankenfortschritt schiebt sich nun das 8. Kapitel ein und zerreißt ihn in zwei Hälften. Nimmt man es heraus, so passen Kapitel 7 und 9 unmittelbar zusammen. Nach der Lektüre von Kapitel 8 dagegen ist es unmöglich, die spekulative Gedankenreihe wieder aufzunehmen, die mit Kapitel 7 abgerissen ist. Aus aufwärtsstürmendem Gedankenfluge und pla- tonisch religiöser Spekulation fallen wir jählings herab auf den platten Boden spintisierender Ausrechnungen und spezialistischer Klügelei. Simplicius hatte Recht, wenn er erklärte, eine solche Erörterung passe viel eher in die Physik und Himmelskunde als in die Theologie '), denn sie verHert sich ganz in Nebendinge und zeigt weit mehr Interesse an der exakten Ermittlung der Sphären- zahl als sie Verständnis dafür beweist, daß die barocke Verviel- fältigung des nQoJTov xivouv, das Heer der 47 oder 55 Sphären- motoren, dem obersten Beweger in seiner göttlichen Stellung not- wendig Abbruch tut und die ganze &eoZoyia zu einer bloßen An- gelegenheit der Himmelsmechanik macht. So hat Simplicius die Erkläruijg dieses astronomischen Stückes in den Kommentar zu De caelo aufgenommen, und es ist von Sosigenes bis Ideler ein Lieblingsthema der Astronomen gewesen "). Wenn freilich Valentin Rose das ganze Buch A aus der Metaphysik in die Physik ver- weisen wollte, so hat er sich zu Unrecht außer auf das 8. Kapitel auf den gleichfalls physikalischen Charakter der fünf Kapitel des ersten Teils berufen'). Er hat übersehen, daß Aristoteles einer *) Simpl. in Aristot. de caelo p. 510, 31 ») Sosigenes bei Simpl. a. 0. p. 498, 2 ff. ') Val. Rose, De Aristotelis librorum ordinc et auctoritate p. 160. Rose 24* ..-., Die UmliildiiriK der Lehre vom ersten Beweger (jrumllu^'e für die Lehre vom ersten Beweger bedurfte, und daß ursprUn^'licli die ^eoXoyla unmittelbar und ganz äußerlich auf die Lehre von der physischen ovola aufgebaut wurde. Es bleibt also nur das astronomisciie Einschiebsel als Stein des Anstoßes, und elu' wir um seinetwillen das ganze Buch entfernen, liegt es doch nilhcr, das Kapitel selbst auf seine Hergehörigkeit zu prüfen. Weit richtiger verfuhr Lasson, der das ganze astronomische Stück aus dem Text in die Anmerkung versetzte und dadurch den Zu- sammenhang zwischen dem 7. und 9. Kapitel wieder herstellte '). Es ist in der Tat eine Zugabe, die nur von den Herausgebern des aristotelischen Nachlasses hergesetzt sein kann. Sachhch steht sie gewiß in engem Zusammenhang mit der Frage des nQwiov xivovv. Aber schon die alles Maß überschreitende Aus- führlichkeit, womit ein Nebenproblem in einem so ganz auf die großen Hauptlinien sich beschränkenden Einzelvortrag behandelt ist, läßt erkennen, daß diese Ausarbeitung für einen anderen, ausfuhrlicheren Zusammenhang geschrieben worden sein muß. Kommt so die Unterbrechung des Gedankenfortschritts, das Kriterium des Stils und der innere Widerspruch zwischen der späten Entstehung des astronomischen Teils und dem altertüni- Hchen Charakter des Buchs A zusammen, so ist es eine höchst wahrscheinliche Vermutung, daß der Einschub nicht von Aris- toteles selbst gemacht ist*). Es ist die gleiche Art, wie die Her- hält die anmittelbare Begründung der Theologie auf einen vorangehenden rein physikalischen Teil, die er richtig als etwas Charakteristisches erkennt, für das Produkt eines nachtheophrastischen Peripatetikers, der 'schon* den 'falschen' Be- griff der Metaphysik hatte, als Wissenschaft fierä lä q>vaiKd. Er hält die oiala- Metaphysik natürlich für die allein echte aristotelische Lehre. Er kehrt also die Dinge geradezu um; in Wirklichkeit liegt die Stufe der Entwicklung, die wir in Buch A haben, der o^a^a-Metaphysik voraus. ') Aristoteles' Metaphysik, ins Deutsche übertr. v. Ad. Lasson (Jena 1907) p. 17.")— 176. Wenn Lasson sich freilich daran genügen läßt, das Mittelstück des Kapitels 1073 b 8— 1074 »17, das die eigentliche Berechnung der Sphären- zahl enthält, auszuscheiden, dagegen Anfang und Schluß des Kapitels im Texte behält, so hat er den unlösbaren stilistischen und sachlichen Zusammenhang des Ganzen nicht durchschaut. Das Mittelstück zieht Anfang und Schluß mit sich. Lassons Hülfsmittel war im übrigen nur als Selbsthülfe gemeint, den text- geschichtlichen Grund der Störung des Zusammenhangs hat er nicht erkannt. ') Damit ist aber keineswegs die Unechtheit des Kapitels bewiesen, wie das seit langem einzelne Kritiker annehmen zu müssen glaubten, die die In- adäquatheit dieses Stückes erkannt hatten, z. B. J. L. Ideler (Sohn), Aristotelis Die Sphärenbeweger als Konsequenz des primutn movens 373 ausgeber auch sonst in der Metaphysik verfahren sind. Da Aris- toteles nun mit der Ausarbeitung der späteren Fassung der Meta- physik gerade bis an die Schwelle der Theologie gelangt ist, so haben wir in dem 8. Kapitel des A augenscheinlich ein Stück der Neubearbeitung dieses Schlußteils vor uns, das uns zeigt, wie wenig Aristoteles auch hier sich bei seiner ursprünglichen Ansicht beruhigt hat: noch bei der letzten Bearbeitung hat er die Lehre von den Sphärenbewegern neu aufgebaut. Die Theologie der älteren Entwicklungsstufe, die wir in IIeqI (piXoaocpiac, vorfanden, kannte noch nicht die Lehre von den Sphärenbewegern. Da der Äther dort noch nicht das sich 'von Natur' im Kreise bewegende Element ist, sondern die Sterne nur durch den Willen der Gestirnseelen bewegt werden, so muß man annehmen, daß Aristoteles damals noch einfach an die Beseelung der Himmelskörper selbst dachte, nicht aber für jeden von ihnen eine größere Anzahl von Bewegern, der Zahl ihrer Sphären ent- sprechend, für notwendig hielt (S. 144). Von der platonischen Vor- stellung war er damals nur insofern abgewichen, als er über dem nQO)xog ovQavög einen unbewegten Beweger annahm, der, selbst ewig, die ewige Weltbewegung hervorbrächte. Durch diese Lehre überwand er die Vorstellung von der Weltseele, die sich selbst bewegt und deren Bewegung wie die aller anderen sich selbst bewegenden Wesen, welche die Erfahrung uns kennen lehrt, ein- mal einen Anfang genommen hat. Aber in der Konsequenz der Lehre vom Himmelsbeweger lag es, da Aristoteles anscheinend von jeher') mit Eudoxos die Existenz von Sphären für die Irr- sterne annahm, auch für jeden dieser unterhalb des Himmels kreisenden Umschwünge {cpoQai) einen gesonderten Motor nach Meteorol. Bd. I 318 ff. [Nicht so Ideler (Vater), Über Eudoxos, Abh. Berl. Akad. 1830, bist. phil. Kl p. 49 ff.] *) Vgl. De caelo Bd. 12, besonders 293 »5—8. Hier spricht Aristoteles es ausdrücklich aus, daß die Himmelskörper beseelt sind — sie haben Ttgü^ig und ^üiTi 292*18—21 — aber die Beseelung kommt nicht den Sphären zu, sondern den Himmelskörpern selbst, die 'wir fälschlich für bloße Körper und un- beseelte Monaden im Raum halten', es ist also nicht von den Sphärenbewegern die Rede, sondern von der aus IleQl cpiÄoaoq){ag als früharistotelisch erwiesenen platonischen Lehre der Sternseelen. Daß der Grundstock der Bücher De caelo früh entstanden ist, wurde bereits nachgewiesen (vgl. oben p 315ff.). Auch die Anerkennung einer ngüiig und fa»»J der Gestirne hängt mit der platonischen Ansicht zusammen. .p I Die Umbildung der Lehre vom ersten Beweger Anal()"'ie des unbewegten Bewegers zu postulieren. Denn wenn BH nur den ol)ersten Beweger gab, so war zu erwarten, daß sich die Fixsfernsphäre und die übrigen Sphären alle in derselben Hiclitung bewegten. Diesen Einwand macht Theophrast, in dessen metiipliysischein Fragment die Fragen der Himmelsmechanik im Mittelpunkte stehen'). Es gab auch damals noch Aristoteliker, die an dem einen Beweger festhielten. Aus welchem Grund, lehrt wieder Theophrast, denn er fährt fort: 'Gibt es aber für jede Sphäre einen anderen Beweger, also eine Mehrzahl von Prin- zipien, so ist es absolut unklar, wie auf Grund ihres sogenannten vollkommensten Strebens {ÖQe^ig ägiazT]) die notwendige Sym- phonie herauskommen soll. Auch die Frage der Sphärenzahl ferner erfordert eine eindringendere ursächliche Begründung, da diejenige der Astronomen unbefriedigend ist." Dann zeigt er die in dem aristotelischen Begriff der ÖQe^ig und icpeaig liegende Schwierigkeit auf, da sie eine tfwx^ im eigentlichen Sinne voraus- setze, und übt Kritik an der Ausschließung der Erde aus dem Kräftesystem der kosmischen Bewegungen. Sei die Kreisbewegung das Vollkommenste, so sei es doch wunderbar, daß die Erde an ihr keinen Teil habe. Eine solche Annahme setze voraus, daß die Kraft des ersten Bewegers nicht bis zur Erde hinabreiche oder daß die Erde für diese Kraft unempfänghch sei. Auf jeden Fall erklärt Theophrast, der hier hart die moderne Auffassung streift, das Problem für eine transzendente Frage {olov vtieq- ßatüv Ti xal d^rjTi]xov). In A 8 haben wir den Versuch, die Konsequenz der Übertragung des unbewegten Bewegers auf sämtliche Sphären wirklich zu ziehen. Theophrasts Schrift ist ein Echo dieser neuen Lehre, deren Erörterung in die Alters- jahre des Aristoteles fällt. Er stimmt mit A 8 auch darin überein, daß er die Lehre vom ersten Beweger mehr als physikalische ') Theophr. Metaph. p. 810 Br. td ök fterä lavt' ijöt] Äöyov deltai TiJLelovog Ttegl trjg if^aewg, Tiola y.al zivcov, ineiSrj JtÄEloi tä xvxÄcKd, xal al q)OQal tQOJiov tivu i'TiEvavtiai, nal td ävTjvvTov Kai oi X"9^'^ äaie zö avfiqxovov af!tü)v elg ÖQt^iv iövzwv ztjv äQtaztjv oi&afiwg (paveQÖv. zö 6h xard zb nÄ^&og nüi» a(paiQwv zt]g alt lag fiel^ova ^tjzeZ Äöyov. oi yaQ 5 ye zwp äazgoÄöyoJV (seil. Aöyog Uavög iaziv). Es folgt die Kritik des Begriffs der {(peaig oder iQt^tg dfitaiT], den Aristoteles aus seiner platonischen Periode stets beibehalten hatte (vgl. p. 154 ff.), auch als er die Sternseelen aufgab. Theophrasts Kritik beider aristotelischer Hypothesen 375 Hypothese auffaßt, spiegelt aber noch deutlicher die Schwierig- keit, in die die Vervielfältigung des ersten Prinzips den Meta- physiker Aristoteles brachte. Aristoteles entschuldigt sich selbst A 8, daß er ein Gebiet betritt, wo nicht nur die eigentliche Philosophie, sondern auch die Ananke des Beweises aufhöre. Vom dvayxalov will er lieber nicht sprechen, sondern nur von einem EvXoyov *). Dieser Charakter der bloßen Wahrscheinlichkeit widerstreitet aber dem ursprüng- lichen Begriff der Metaphysik als einer Wissenschaft, die an Exaktheit die Physik weit übertrifft. Aristoteles macht diesen Widerspruch nur um so fühlbarer, wenn er sich damit entschuldigt, die Astronomie sei immerhin die der Philosophie verwandteste mathematische Disziplin ^). Wie weit sich die empirische Methode der Auslassung über die 55 Beweger von der der alten Meta- physik entfernt, sieht man besonders an der Bemerkung, man müsse die Nachprüfung dieser Behauptungen der Fachwissenschaft überlassen. Die ganze Ausführung dient daher nur dazu, eine Vorstellung von der Sache zu geben (ivvolag x^Q''^)- Diese Wendung nähert sie bedenklich der Fiktion. Denn der Ausdruck 'der Vorstellung halber' bedeutet nichts anderes, als wenn Aris- toteles von den Piatonikern sagt, sie nähmen die Entstehung der Zahlen nach ihrer eigenen Aussage nur tov d^ecogiiaai evexev an, also nicht als Urteil über irgend eine Realität. Vorausgesetzt also die Richtigkeit der Sphärentheorie und der ausgerechneten Anzahl der Sphären, will er zeigen, daß die Zahl der Prinzipien exakt bestimmbar und begrenzt sein müsse. Offenbar hat die Fachwissenschaft d. h. die Astronomie den Anstoß zu der Fort- bildung der Lehre vom nqüxov hivovv gegeben. Sie hat Aris- toteles darüber belehrt, daß die Hypothese einer einzigen ein- förmigen Urbewegung zu primitiv sei, um die Komplikation der ') Metaph. AS, 1074 al4 td fiiv oiv TtÄfjd^og tüv acpaiQcbv ^axii> zoaov- zov, &aTE Kul zag odalag Mal zag ä^x^S ^^5 dmvi^zovg Kai zag ala^^zäg ro- aavzag eüÄoyov hjzoÄaßelv. zb yaQ „ävayxaiov" dtpeia&oi zotg laxvQozigotg Äiyeiv. Vgl. auch 1074 a 24 zovzo 6i eiSÄoyov iv, zGiv (peQOfiiv(i)v vnoXaßelv. Über die Exaktheit der Wissenschaft vom Immateriellen vgl. ö3, 995 aiöff. *) Metaph. A 8, 1073 '^3 zb 6h nXfjd'og ijdtj zätv (pogütv ix z^g oUetozdztjg (piXoao(pCg. zwv fia^Tjfiazixiöv iniazi^fiöiv öet axojietv, i% zijg äazQOÄoyiag. Er begründet das damit, daß die Astronomie von einer wirklichen und dazu ewigen Realität handle, im Gegensatz zu den anderen mathematischen Disziplinen. Das klingt freilich recht schwach. gyg Die TTmbildung der Lehre vom ersten Beweger wirklichen llimmelsbewegungen zu erklären, und daß sich in den lioreclinungen der kallippischen Schule über die Zahl der Sphären eine Mügliclikeit biete, die Zahl der Prinzipien exakt zu be- stimmen. Indem Aristoteles den neuen Weg betrat, der seinem un- beugsamen Tatsachensinn Ehre macht, verwickelte er sich in unentrinnbare Widersprüche. Diese liegen so klar auf der Ober- fläche, daß jeder Versuch einer Abschwächung sich erübrigt. Im späteren Altertum, das auf die Erklärung der aristotelischen Philosophie viel Mühe und großen Scharfsinn verwandt hat, hat Plotin eine schlagende Kritik der Lehre gegeben, die die schon von Theophrast erhobenen Bedenken weiter ausführt *). Zunächst tadelt Plotin die Methode der bloßen Wahrscheinlichkeit (tö evXoyov), die Aristoteles zulassen müsse, weil er nicht zur Not- wendigkeit vordringen könne. Aber auch mit der Wahrschein- lichkeit stehe es schlecht. Denn wenn alle Sphären sich zu einem einheitlichen Weltsystem zusammenschließen sollen, so müßten die vielen sich selbst denkenden unbewegten Beweger vielmehr auf ein einziges Ziel, auf den ersten Beweger hinbhcken. Das Verhältnis der vielen Beweger zu dem ersten Beweger sei aber gänzlich unklar. Entweder müßten alle diese intelligibeln Wesen- heiten aus dem Ersten stammen, und wie die von ihnen be- wegten Sphären sich der äußersten Sphäre einfügten und von ihr beherrscht würden, so müßten auch die Beweger als vorjTcc in dem höchsten vovg enthalten sein, mithin eine intelligible Welt existieren wie bei Piaton. Oder es sei jeder der Motoren selb- ständiges Prinzip, dann herrsche unter den Prinzipien keine Ord- nung und kein Aufbau, und es sei nicht möglich, die Symphonie des Kosmos aus ihnen zu erklären. Ein weiteres Gegenargument Plotins lautet: wenn die Sphären- beweger alle körperlos sind, wie können es dann viele sein, da doch keine vAr] (als Prinzip der Individuation) ihnen anhaftet? Dieser Einwand ist aus den Voraussetzungen des Aristoteles selbst genommen und auch diesem bereits gekommen. Mitten in dem 8. Kapitel des A findet sich nämlich eine merkwürdige SteUe, die dem Gedankenzusammenhang nach nicht mit ihrer Umgebung zu vereinigen ist. Man braucht sie nur oberflächlich zu lesen, um zu sehen, daß sie notwendig alles aufhebt, was in A 8 über *) Plotin. Enn. V 1, 9 Einwände Plotins. Spuren aristotelischer Selbstkritik 377 die Vielheit der unbewegten Beweger ausgeführt wird (1074 * 31 ff.): ÖTi ÖE elg ovQavög, q)av£Q6v. ei yäq nXeiovg ovqavoi &oneQ äv- d-QOinoi, iaxai eiöei fiia fj tieqI ixaoTOv dqxri, äQid-fic^ öi ye noXXai. dXX' öaa ägid-ficp nolXd, vXr]v ex^i. slg yäq Xöyog xal ö avxög TioXlüv, oXov dv^Qwnov, ^oxgdrrjg öe slg. tö öe xi ijv Eivai odx ^x^i vZr]v TÖ jtqüjtov evteIexeiü ydg. iv äga xal Xöyqß xai äQi&^(o TÖ TiQutTOV xivovv dxivrjTOv öv y.al tö xivovfievov äqa ccIeI xai avvEx&g iv fiovov Elg äga ovqavög fiovog. Die Einzahl des Himmels wird hier auf indirektem Wege bewiesen. Gäbe es mehrere Himmel, so würde das Prinzip eines jeden von ihnen nur generell mit den Prinzipien der übrigen oi)Qavoi eins sein {eiöei fiia), während sie sich individuell {dgid^fico) von einander unterscheiden würden, wie z. ß. bei der Gattung Mensch, wo die einzelnen Menschen zwar eiöei übereinstimmen, der Zahl nach aber viele sind. Denn der Begriff Mensch kommt zwar allen Individuen dieser Gattung gemeinsam zu, Sokrates aber und andere Individuen bilden jeder wieder eine besondere reale Einheit. Denn so oft der Begriff Mensch sich als Eiöog mit der Materie verbindet, entsteht jedesmal ein anderes Individuum. Das erste Wesen (rö tI fjv Eivai tö uqötov), der oberste Beweger, der den Himmel lenkt, macht eine Ausnahme, er ist reine Entelechie und hat keine Materie. Damit ist gesagt, daß diese höchste Form keine Gattung ist, die in mehreren Exemplaren vorkommt. Es fehlt ihr die Berührung mit der Materie, dem Prinzip der Indi- viduation. In der höchsten aller 'Formen fällt die Einheit des elöog und die reale Einzahl zusammen. Also ist auch das von ihr Bewegte, der Himmel, nur einmal vorhanden. Zunächst ist klar, daß Plotins Argument gegen die Vielzahl der Sphärenbeweger nichts weiter als eine Anwendung des hier von Aristoteles aufgestellten Grundsatzes auf die Frage der Sphärengeister ist. Ist die Materie das Prinzip der Individuation, wie es Aristoteles hier und sonst lehrt, so können die Sphären- beweger entweder nicht immateriell sein, da sie eine Mehrheit von Exemplaren einer Gattung bilden, oder Aristoteles widerlegt sich selbst, wenn er an der Behauptung der Immaterialität fest- hält, denn diese schließt die individuelle Vielzahl aus. In beiden Fällen gerät er in Widerspruch mit Voraussetzungen seiner Philosophie. Die Form der Formen, der unbewegte Beweger, ist eben ursprünglich ein schlechthin einmaliges Wesen; es ist :t7s T)lc i:nibildun>< der Lehre vom ersten Beweger ruit .solch einzigartigen Eigenschaften behaftet, daß jede Verviel- fachung die Voraussetzungen seines Begriffes aufhebt. Dasselbe folgt aus Beweisen der Physik, wo Aristoteles die Einzahl des unbewegten Bewegers aus der Kontinuität und Einheit der Welt- bewegung schließt. Auch die Erklärer bekennen, daß sie mit der Aporie nicht fertig w^erden können*). Betrachten wir die Stelle nun aber sprachlich, so löst sie sich auf den ersten Blick aus ihrer Umgebung heraus. Mit den ersten Worten öti öe e.lg ovQavög, (pavEQÖv, setzt ein anderci- Stil ein, und mit dem letzten Wort des Einschubs elg ÜQa ovQuvog fiövog hört er wieder auf. Es ist derselbe Ab- kUrzungsstil, der in den übrigen Teilen des Buches il herrscht; er sticht von der tadellosen sprachlichen Ausführung des 8. Kapitels scharf ab. Als Einschub erweist sich die Stelle auch dadurch, daß sie den grammatischen Zusammenhang zerstört. In dem un- mittelbar folgenden Satz nagadedoTai öe naqä %üv äQxaioiv xai nafina^alcüP iv /nv&ov axi^ficiii xaTaZe^eififiiva xoig vaxeqov 5%i O^eoi T eiolr ovxoi xal nEQÜ^ei zb d-eiov irjv öXrjv (pvaiv ist der i^lural des Daß-Satzes öxi ^Eoix' eIoIv ovtoi ohne jede Beziehung*). Wer die 'diese' sind, erfährt man, wenn man zehn Zeilen zurück- geht, wo es hieß, daß das rsZog jedes Umschwungs je einer der am Himmel sich bewegenden göttlichen Körper sei. An die Worte ^eicov oMfidrcov schließt sich unmittelbar der Gedanke (1074 ''l) an. die Alten hätten daher mit Recht diese für Götter gehalten und geglaubt, das Göttliche sei etwas die ganze Natur Um- fassendes. Die dazwischen stehende Argumentation, die die Ein- zahl des Himmels aus der Immaterialität und Einzigkeit des ersten Bewegers folgert, ist ein späterer und zwar ein kritischer Nach- trag, da er impUcite den Gegenbeweis gegen die Annahme einer Mehrzahl von Bewegern enthält. Aristoteles hat ihn zu dieser ') Bonitz a. 0. p. 512, Schwegler, Die Metaphysik d. Aristot. Bd. IV p. 280. BoM a. 0. p. 161 betrachtet die Stelle als Zusatz eines Schülers, da Aristoteles äie Einzahl des Himmels De caelo ^ 9 auf physikalischem Wege beweise. Aber ebenda 8. 'J77 b9_iü sagt Aristoteles, man könne dasselbe auch aus der Meta- physik beweisen, und diesen Beweis würden wir in der Metaphysik vermissen, wäre er uns nicht an der genannten Stelle AS, 1074 »31— 39 erhalten. Er paßt aber nur in die ältere Metaphysik, die noch keine Sphärenbeweger kannte wie zu der Zeit, wo De caelo geschrieben wurde, nicht mehr zu der Lehre in Metaph. A 8. Zusätze von Schülern sind im Metaphysiktext nicht nachweisbar. •) Dies bemerkte bereits Val. Rose a. 0. p. 161. Auslieferung der Metaphysik an die Fachwissenschaft 379 Ausführung wohl als Einwand, den er sich selbst gemacht hat, notiert, und die Redaktoren haben ihn getreulich in den Text gesetzt. Die scharfsinnigsten Denker der Nachwelt aber haben sich die Köpfe zerbrochen, wie ein Aristoteles sich in solche Widersprüche verwickeln konnte. Der ursprüngliche Gedanke des unbewegten Bewegers war eine einheitliche, widerspruchlose Konzeption gewesen, ebenso war auch die spätere Übertragung dieses Prinzips auf die übrigen Sphären ein Entwurf von einem Guß. Aber er fügt sich dem alten System nicht ein. Nachträglich steigen dem Aristoteles aus den Voraussetzungen, die ursprünghch dem Gedanken des einen, unbewegten Bewegers zugrunde gelegen hatten, wieder Be- denken gegen die neue Fassung seiner Lehre auf. Wenn wir nun sehen, daß gerade dieser Teil der letzten Redakiion der Metaphysik, die Lehre von den immaterieUen Prinzipien, uns fehlt, daß wir statt seiner nur das Surrogat des alten Vortrags in Buch A und ein einzelnes Stück des neuen Entwurfs im 8. Kapitel haben, das noch deutlich zeigt, wie Aristoteles gerade in der letzten Periode seines Lebens mit diesen Problemen aufs neue ringt, ohne damit fertig zu werden, dann wird dieser Zu- stand unserer Überlieferung wohl nicht länger als eine bloße Tücke des geschichtlichen Zufalls erscheinen, sondern es ist augen- fällig, daß die wachsende Tendenz zu rein fachwissenschaftlicher Behandlung der philosophischen Probleme im Bunde mit den gärenden Ideen der neueren Kosmologie, die wir bei Theophrast erkannten, die Selbstsicherheit der noch halb platonischen Speku- lation der aristotelischen Theologie erschüttert und den Denker getrieben hat, sich immer fester an die empirische Wissenschaft zu klammern. Die Auslieferung der Metaphysik an die Spezial- forschung aber bedeutete den Beginn einer neuen Ära. Die Konsequenz nach der erfahrungsmäßigen Seite führte ihn zur Inkonsequenz gegenüber seinen spekulativen Grundlagen. Der Widerspruch in seinem Denken, den zu überwinden er nicht mehr die Kraft hatte, ist nur die Folge der tieferliegenden, unerbitt- üchen Logik seiner gesamten Entwicklung, und das muß uns mit ihm aussöhnen. Übrigens hat Aristoteles nach Ansicht der Astronomen bei der Berechnung der Sphärenzahl einen Rechen- fehler begangen, da er zwei Sphären zu wenig herausbekommt. Er bewegt sich hier auf einem ihm nicht so vertrauten Gebiet. S^i) r)ic I'mbildanf? der Lehre vom ersten Beweger Audi (lieser Irrtum inaclit es wahrscheinlich, daß das 8. Kapitel nur eine voriilufige Niedersclirift ist, die aus den Papieren des Aristoteles ans laicht getreten ist. Daß sie von Aristoteles selbst lierrührt, kann dagegen nicht bezweifelt werden. Von Theophrast stammt sie nicht, da er die rückläufigen Sphären nicht als dve- Xtxxovoai, sondern als dvtavatpeQovaai bezeichnete und nur ersterer Ausdruck sich in unserem Kapitel findet. Eudemos setzt die Existenz des Problems in seiner Geschichte der Astronomie als in peripatetischen Kreisen bekannt voraus*). Außerdem besitzen wir noch zwei Schriften, die einen Ein- blick in die fortschreitende Arbeit der aristotelischen Schule an dem Problem des ersten Bewegers erlauben. Die erste ist die Abhandlung Über die Bewegung der Tiere, deren Echtheit ich früher eingehend gezeigt habe, nachdem die gegen sie vor- gebrachten Zweifel längere Zeit das Feld behauptet hatten*). Insbesondere wird in ihr die Mechanik der animalischen Be- wegung untersucht. Jedes lebende Wesen gebraucht zur Orts- bewegung einen festen Stützpunkt, gegen den das Glied, das die Bewegung macht, sich stemmt. Bewegt sich nur ein Glied des Körpers, z. B. der Unterarm oder Unterschenkel, so kann dieser Stützpunkt innerhalb des Körpers liegen, er muß nur außerhalb des bewegten Gliedes sein, also im genannten Fall Ellbogen bezw. Kniegelenk. Bewegt sich dagegen der ganze Körper, so bedarf er eines außer ihm liegenden festen Punktes, um sich abzustoßen. Den Landtieren dient als Widerstand die Erde, sei es direkt oder indirekt, den Schwimmtieren das Wasser, den fliegenden Tieren die Luft. Im zweiten bis vierten Kapitel der Schrift untersucht Aristoteles dieselbe Frage hinsichtlich des Problems der Welt- bewegung. Er setzt sich hier mit einer Hypothese neueren Ur- sprungs auseinander, mit deren Urheber er in der Forderung eines unbewegten Prinzips einig ist, welches auf keinen Fall ein Teil des sich bewegenden Himmelsgewölbes oder innerhalb des Himmels sein könne '). Denn dann müßte der Himmel entweder ») Damit erledigt sich die Vermutung Roses a. 0. p. 161; äviavacpigovaai a(patQai vgl. Simpl. comm. in Aristot. de caelo p. 504,6 Heiberg. Den Rechen- fehler des Aristoteles bemerkt nach dem Vorgang des Astronomen Sosigenes Ps, Alex, in Ar. metaph. p. 705, 39—706, 15 Hayduck. Eudemos teilt die Gründe des Kallippos für die Vermehrung der Sphären mit frg. 97 p. 143 Sp. •) Das Pncuma im Lykeion, Hermes Bd XLVIII 31 ff.. *) De animalium motu c. 3, 699 a 17. Beachte den Unterschied, den Aris- Das primum movens als kosmologische 'Hypothese' 381 ganz still stehen oder zerreißen. Aristoteles widerspricht freilich der Ansicht desselben Gelehrten, der aus dieser Überlegung heraus die Pole der Weltachse mit einer gewissen Kraft ausgestattet habe, weil sie allein von allen denkbaren Punkten der uranischen Sphäre ruhen, sich also allein als ein fester Punkt der Art, wie wir ihn zur mechanischen Erklärung der Weltbewegung brauchen, zu eignen schienen. Aristoteles hält dem entgegen, daß kein mathematischer Punkt als solcher physikalische Realität oder Aus- dehnung besitze, noch viel weniger Träger einer Kraft sein könne. Außerdem könnten die beiden Punkte, wenn sie wirklich eine Kraft besäßen, niemals eine einzige, einheitliche Bewegung wie die des oÖQavög erzeugen; daß aber der Urheber der Hypothese zwei Pole angenommen habe, teilt er ausdrücklich mit. Die Frage hängt mit dem Problem zusammen, ob der Himmel zerstört werden könne '). Nähme man z. B. an, die Erde als Weltmittelpunkt sei der gesuchte Stützpunkt, so ergäbe sich abgesehen davon, daß dieser doch nicht im Inneren des bewegten Körpers d. h. also hier des Weltalls liegen dürfte, die weitere Schwierigkeit, wie die Erde durch die Energie der Lage, deren Quantum notwendig be- grenzt gedacht werden muß, der auf ihr aufruhenden Energie der Weltachse das Gegengewicht halten kann. Denn diese muß notwendig die der Erde übertreffen, sie müßte diese also aus ihrer Lage im Mittelpunkt des Universums verdrängen. Alle diese Schwierigkeiten löst die Hypothese einer außerhalb der Himmels- umdrehung existierenden unbewegten Bewegungsursache von der Art, wie sich Homer den Zeus gedacht hat, wenn er zu den Göttern spricht ((9 21—22. 20): dAii' ovx äv iQvaan i^ ovqavö&ev neöiovös Zfjv' vnaxov nävTOiv, oi)ö^ si fidÄa jioXXä -/idfioiTe ndvxEc, (5' l^dnxEod^e d^eoi näaal ts d-eaivai. Es ist für Aristoteles charakteristisch, wie er auch hier den Mythos für philosophische Fragen heranzieht. So leitet er nicht nur das eigene Prinzip hier und im A der Metaphj'sik aus dem toteles zwischen den Vertretern dieser Annahme und den Urhebern des Atlas- mythos macht. Es ist nicht beidemal dieselbe Ansicht, die er bekämpft, er zitiert vielmehr die mythische Form nur, um zu zeigen, daß jene moderne An- schauung auch schon ihren Vorläufer gehabt hat. ^) De animalium motu c. 4, besonders 699 b28ff. und dazu 3, 699 »31 ff. 2) Vgl. Metaph. AS, 1074bi_i4; 10, 1076 »4. Atlasmythos De anim. motu 3, 699 »27 ff., vgl. vorige Anm. ^^., ni) Aristoteles zitiert De animal. motu 4, 609 b36ff. die Verse S 21—22 und 20, Theophrast Metaph. p. 311, 11 Brandis zitiert 0 24 im gleichen Zu- sammenhang. *) Vgl. oben p. 314 *) Z. B. im Protreptikos (Jamblich. Protr. p. 39, 4 Pistelli) elve yciQ tcvq eh' äfiQ ehe &Qf&fiög ehe äÄÄai tivig cpvaeig alrlai, y.al jTQÜtat. röjv äÄXo)v. Mit den letzteren meint er die Ideen, üeschrieben sind diese Worte, während man in der Akademie noch um die Ideenlehre stritt. Vgl. ferner Metaph. A 9, 991 1>18 ^(^y Die ümbildnnjf der Lehre vom ersten Beweger sind meistens die in der Schule verhandelten Kontroversen. Die l'hysikstelle lehrt also mit Sicherheit, was wir bereits aus Theo- phrast feststellten: es gab Anhänger der Annahme eines einzigen Bewegun^'sprinzips im Peripatos auch noch, nachdem die Dis- kussion über die Planetenbeweger eingesetzt hatte. Auch im folgenden bestätigt sich dies. Hier zeigt es sich deutlich, daß es nicht Aristoteles selbst gewesen ist, der zur Erweiterung der früheren Lehre getrieben hat, sondern daß er sich mehr wider- willig den Argumenten anderer fügte. Betrachten wir zunächst den Zusammenhang (258 M 2 ff.). Wenn es auch gewisse unbewegt bewegende Prinzipien und sich selbst bewegende Wesen von nicht ewiger Dauer gibt, so ist dies für Aristoteles kein Beweis gegen die Notwendigkeit des ersten, absolut unbewegten und ewigen Bewegers. Denn es muß eine Bewegungsursache geben, die die Kontinuität des Werdens und Vergehens jener nichtewigen unbewegten Wesen wie über- haupt aller Veränderung bewirkt, und dieses Prinzip kann mit keinem einzelnen der erwähnten anderen Beweger identisch sein, sondern ist transzendent und umfaßt sie sämtlich. Die ent- scheidenden Worte mögen hier folgen (259 ^Sff.): dZyC ovökv ^ttov tan ti ö negiixEi^ y.al xoiho naq exaaxov, ö laxiv ahiov xov xä (lev elvai xä ök fii] y.al xi}g ovvexovc, fiexaßoÄfig' xal xovxo fiev xovxoig, xavxa öe xolg äXXoig aXxia xivrjaecog. duEQ ovv dtöiog i} xlvVfOig, dtöiov xai xö xivovv ^axai tiqcjxov, ei ev ei öe TiXelo), nXeloi XU dtöia. ev öe fiäXZov f) noXXu xai neneqao^eva ^ ÜTieiQa öei vofii^eiv. xwv avxcöv yccQ avfißaivövxojv del xä nenegaofieva /idXXov Xr]nxeov. Iv yäq xolg q)vaei öel xö nenega- onivov xai xö ßeXxiov, äv ivöexrixai, vndQxeiv fiäXXov. Ixavöv öe xal ei i'v, d tiqCjtov x(bv dxivi^xcjv dtöiov ov ^axai dqxi] xolg äXXoig xivfioeoig. (paveqbv öe xai ix xovöe, öxt ävdyxi] elvai xi iv xal dtöiov xö nqiöxov xivovv. In den gesperrten Worten kommt Aristoteles zurück auf die im ersten Satz des Kapitels offen ge- lassene Alternative eXxe ev (xö nqcjxov xivovv) eixe nXeioi. Aber er sagt nicht wie in il 8 der Metaphysik mit Bestimmtheit, man müsse das Prinzip auf alle einzelnen Sphären übertragen, sondern na\ aixodi'^Qüinos, ehe äQi&f^ög rig S,v etze (iri, 3f*oiS ^oxai Äöyog iv ägi^fiotg tivüv. Der parenthetische Einschub bezieht sich auf die zur Zeit der Nieder- schrift des A brennende Streitfrage, ob die Ideen Zahlen seien oder nicht. Beide- mal sind mündliche Diskussionen der Schule gemeint. Übergang zu einer Mehrzahl von Bewegern 385 zweifelnd fügt er hinzu: ei ev ei öe jiZsict), nXeio} xä dtöia. Die einzige Andeutung einer Entscheidungsmöglichkeit ist in der Be- merkung enthalten, es sei eher ein einziger Beweger als mehrere anzunehmen, und wenn mehrere, eher eine begrenzte als eine unbegrenzte Anzahl. Nach der teleologischen Naturauffassung des Philosophen und nach Piatons von Aristoteles geteilter Ansicht ist mathematische Bestimmtheit und Begrenzung die oberste An- forderung, die man an das höchste Sein und die Prinzipien stellen muß. Aber Aristoteles wagt nicht daraus mit Sicherheit zu schheßen, es könne nur ein einziges Prinzip dieser Art geben. Er sagt nur, die Annahme der Einzahl sei der einer Mehrzahl vorzuziehen, aber ob es nicht dennoch eine Mehrzahl von Be- wegern gibt, will er nicht entscheiden. Es klingt wie eine Selbst- vertröstung und verrät zugleich, zu welcher von beiden Ansichten er neigte, als er diese Worte schrieb, wenn er den Exkurs mit dem Satze schließt: es genügt aber auch schon, wenn es nur ein Prinzip gibt, welches als erstes der unbewegten Prinzipien, dadurch daß es ewig ist, Ursache der Bewegung für die übrigen (d. i. die Seelen der irdischen Lebewesen) ist. Die Ewigkeit wird hier zum Unterscheidungsmerkmal des ersten Bewegers, auf sie gründet sich sein Charakter als erster wie als Prinzip der übrigen. Wie Aristoteles sich für den Fall der Annahme einer größeren Zahl von Sphärenbew^egern deren Verhältnis zur Kreisbewegung des Fixsternhimmels gedacht hat, ist nicht leicht zu sagen. Alles, was sich darüber in diesem Kapitel angedeutet findet, klingt ziem- hch provisorisch. 259^1—20 war ausgeführt, weshalb man un- möglich mit Piaton, der übrigens nicht genannt ist, an die Spitze der Weltbewegung ein Sichselbstbewegendes nach Analogie der beseelten Wesen setzen könne, die Weltseele. Die Bewegung aller sich selbst bewegenden Lebewesen, welche die Erfahrung uns kennen lehrt, nimmt irgendwann einen Anfang, die Bewegung der Welt aber kann man sich nicht als in einem bestimmten Zeit- punkt beginnend vorstellen, da sie dann aus der bloßen Potenz zur Wirklichkeit übergegangen sein müßte, alles nur potentiell Seiende aber ebenso gut nicht sein könnte. Nimmt man also an, der Himmel sei ein solches Sichselbsbewegendes, wie Piaton wollte, so erfordert er doch ein absolut Unbewegtes außer ihm als be- wegendes Prinzip. Außerdem ist ein Sichselbstbewegendes stets akzidentiell bewegt, wenn es auch seiner Natur nach unbewegt 25 J a e g e r : Aristoteles. "" .^i^jn Die ümbilduniif der Lehre vom ersten Beweger ist, wie die Seele im Körper. Das höchste Prinzip darf aber nicht einmal akzidentiell bewegt werden. Nachträglich scheint dem Aristoteles der Einwand gekommen zu sein (259 '*28), daß dann auch die Beweger der Planeten- sphilren keine genaue Analogie zu dem ersten Beweger sein würden, weil sie zwar, insofern sie jeder seine Sphäre bewegen, unbewegt in sich beharren, insofern aber die Sphären von der Fix- sternsphäre aus ihrer Eigenbewegung abgelenkt und in die Bahn der Hiinmelsbewegung hineingerissen werden, die Sphärenbeweger ak- zidentiell mitbewegt d. li. von der Stelle gerückt werden müssen. Er konstruiert nun in einem flüchtig hingeworfenen Schlußsatz zwischen den irdischen Lebewesen, die obgleich unbewegt sich durch die Ortsveränderung des Körpers akzidentiell bewegen, und den himm- lischen Sphärenwesen den Unterschied, daß letztere sich nicht akzi- dentiell selbst bewegen, sondern von einem andern, dem Himmel, bewegt werden. Was dadurch hinsichtUch ihrer Unbewegtheit gewonnen wird, sieht man nicht ein, es ist wohl nur ein Versuch, überhaupt eine Artgrenze zwischen den irdischen und den ura- nischen Bewegern zu ziehen. Es wird dadurch aber anderseits die Kluft zwischen dem höchsten Beweger und den Planeten- bewegern nicht verringert, denn wenn die Planetenbeweger durch die Hineinziehung ihrer Sphären in die Bahn der Himmels- umdrehung xarä Gvfißeßrjxög vg)' kxEQov mitbewegt werden, so hat diese räumliche Vorstellung notwendig zur Voraussetzung, daß sie nicht wie der oberste außerweltliche Beweger transzendent ihrer Sphäre sind, sondern ihr als Seelen immanent sein müssen. Simplicius bekämpft ohne Angabe von Gründen diese Folgerung, die Alexander von Aphrodisias mit gutem Recht gezogen hatte '). Auf Grund der Physikstelle allein kann man jedenfalls zu keiner anderen Erklärung kommen. Die Sphärenseelen würden dann eine Zwischenstufe zwischen der ursprünglichen, noch ganz pla- tonischen Lehre von den Sternseelen im Dialoge UeqI tpikooocpiac, und den transzendenten Sphärenbewegern in Metaphysik A 8 sein. Obgleich nämlich auch in dem Metaphysikkapitel (dessen spätere Entstehung schon aus dem Grade der Bestimmtheit folgt, womit Aristoteles die neue Lehre dort vorträgt) die Sphärenbeweger niclit ausdrücklich x<^Qi-oid genannt werden, was um so mehr auf- ') Simpl. in Arist. phys. Bd. U p. 1261, 80—1262, 5 Diels Anpassung der neuen Lehre an die alte 387 fällt, als ihnen sonst die Eigenschaften des ersten Bewegers zu- erkannt werden, muß man doch annehmen, daß Aristoteles sie hier als abgetrennt existierend angesehen hat. Denn er sagt, sie gingen der ovoia der Sphären vorauf, und müßten deshalb selbst den Charakter der oiiaia haben*). Eine solche Ausdrucksweise paßt nicht auf das Verhältnis von Leib und Seele, da die Seele nach Aristoteles nicht eine ovaia jiqotequ rijg %ov acbfiarog ovolag ist. Es ist also klar, daß er sich mit der akzidentiellen Bewegung der Sphärenbeweger durch den Himmel auf die Dauer nicht hat zufrieden geben können und sich aus diesem Grunde entschlossen hat, auch die Beweger der Planeten für transzendent zu erklären. Die äußeren Widersprüche nach der einen Seite wurden dadurch beseitigt. Zugleich aber stürzte er in die Flut von Schwierig- keiten, die die neue Bestimmung des Verhältnisses der Planeten- beweger zum obersten vovg mit sich brachte und die schließhch den Grundgedanken seiner Theologie antasteten. Die Andeutungen des Physikkapitels hinsichtlich einer Mehr- zahl unbewegter Lenker der Gestirne sind im übrigen offenbar nur nachträgliche Zusätze. Aristoteles hat sie zugefügt, als die Erweiterung seiner Lehre vom unbewegten Beweger in der Schule diskutiert zu werden begann und noch nicht viel mehr als die bloße Möghchkeit bestand, sich für eine größere Zahl von Pla- netenbewegern zu entscheiden. Es handelt sich um drei Stellen dieser Art. Die erste ist 258 ^10. Hier ist es aus grammatischen Gründen geboten, die parenthetischen Worte eixe sv ehe jiZsio) als Zusatz zu betrachten. Wenn man sie für original hält, so beziehen sich die folgenden Worte: 'daß nun jedes von den Wesen, welche un- bewegt anderes bewegen, ewig sei, ist nicht notwendig, wenn es nur ein einziges dieser Art gibt', auf die Sternbeweger, auf die der Zusatz ehe ev ehe nXeioi hinweist. Allein dies ergibt keinen Sinn, wie schon Simplicius bemerkt hat, der stillschweigend als Subjekt die Seelen der irdischen Lebewesen (xpvxal töjv t,c^oiv) ') Metapb. A 8, 1073 »32 ö.vdyKij aal Tomoiv kvidaT^v iü>v cpogwv vti dxivt'jiov ze ■aiveiad'at v.ad-' aiiijv nal &c6lov oialag. ^ tb yuQ libv äatQcüv cpuaig dXöiog, oiaia Tig oiaa, xal zo mvovv dlöiov kuI tiqöteqov tov Kivovuivov, Kai tö ngö- tegov ovaiag oiaiav dvayxalov elvai. (paveQÖv tolvvv 6ii looaviug [i'] oCaiag uvuyKuiov elvai ttjv le cpvaiv d'iöiovg xai dniv»'ttovg Küx^^aviäg aal uvev ^eyi- &ovg, 6iä iriP elgrjfiivTjv alilav nQÖHQOv. 26* oQf^ Di«' rmbildiKif,' dor Lehre vom ersten Beweger unterschiebt. Daß nur sie mit den nichtewigen unbewegten Be- wef^^ern gemeint sein können, deren Existenz Aristoteles einräumt, geht nicht nur aus dem folgenden klar hervor *), sondern ist auch an sich notwendig, weil die Sternbeweger, falls sie überhaupt an- genommen werden sollen, wie die Sterne selbst unvergänglich sein müssen. Der Gegensatz zwischen dem einen ewigen und den vielen vergänglichen Bewegern, auf den es dem Philosophen ankommt, wird durch die Parenthese geradezu zerstört. Ferner passen die Worte auch schlecht in den Satz, dem sie eingefügt sind; ist es doch schwer auszudenken, wie man aus der Konti- nuität der Himmelsbewegung — und von ihr allein ist sowohl hier und im vorhergehenden wie im folgenden die Rede — auf das Vorhandensein eines unbewegten ewigen Bewegers schließen kann 'sei es eines sei es mehrerer'. Als Randbemerkung kann man dies allenfalls verstehen, im Text stört es die strenge Ge- dankenfolge. Nicht minder improvisiert ist die Hindeutung auf die Möglich- keit mehrerer Beweger an der zweiten Stelle 259 ^7—13. 'Wenn nun die Bewegung ewig ist, so muß auch das erste Bewegende ewig sein (wenn es eines ist, wenn aber mehrere existieren, so gibt es mehreres Ewige).' So wie die Worte lauten, sind sie merkwürdig tautologisch, denn es kann nur gemeint sein: wenn es aber mehrere Beweger gibt, dann existiert eben mehr als ein ewiges Prinzip. Hätte Aristoteles nur prinzipiell sagen wollen, daß jede kontinuierliche ewige Kreisbewegung, gleichviel ob die des Himmels oder die einer anderen Sphäre, einen unbewegten ewigen Beweger voraussetzt, ohne auf die Frage einzugehen, wie viele derartiger Kreisbewegungen und Beweger es gibt, so hätte ei- sich etwa folgendermaßen ausgedrückt: gibt es nun eine Mehr- zahl kontinuierlicher Kreisbewegungen, so gibt es auch für jede einen solchen Beweger. Aber eben gegen diese Konsequenz sträubt er sich hier noch, wie der Schluß des Einschubs beweist: es genügt aber auch wohl, wenn es nur einen Beweger gibt.' In A 8 der Metaphysik handelt es sich nur um die Ermittlung der Zahl der Sphären und damit der Beweger, während das Prin- *) Im folgenden bezeichnet Aristoteles sie öfters als 'sich selbst bewegende Wesen' (z. B. 258 «>24, 259 »1, 259 b2ff., bi7) und gebraucht diesen Ausdruck synonym mit dem term. techn. äxlvrjza fiiv -AivovvTa 6i. Ausdrücklich spricht er 259 ^2 von den iftxpv/a und dem f^Wv ydvog. Alle Hindeutungen auf das Neue sind Zusatz 389 zipielle feststeht: für jede Sphäre gibt es einen Beweger. Hier dagegen ist eben diese prinzipielle Frage noch zu lösen, ob man mit einem Beweger auskommen kann statt der vielen. Daher spricht Aristoteles absichtlich so wenig klar und bündig: gibt es die ewige Kontinuität der Bewegung, so gibt es notwendig auch einen ewigen Beweger, falls es nur einen gibt, gibt es aber mehrere Beweger, so auch mehreres Ewige, d. h. so müssen sie natürlich ebenfalls ewig sein .... Es genügt aber auch schon einer. Auch stilistisch macht die Stelle von ei ev an den Ein- druck des nachträglichen Zusatzes. Schließlich hätte Aristoteles wohl kaum so fortfahren können, wie er es tut, wenn die als Zu- satz verdächtigen Worte von jeher an ihrer jetzigen Stelle ge- standen hätten (259 *15): 'Es ist gezeigt worden, daß es immer Bewegung geben muß, wenn aber immer, muß sie kontinuierhch sein, denn das Immer ist kontinuierhch, das bloße Nacheinander ist nicht kontinuierhch. Ist die Bewegung aber kontinuierlich, so ist sie eine, eine einzige aber ist sie, wenn sie ausgeführt wird von einem Beweger und einem Bewegten'. Dies kann nur geschrieben sein, als Aristoteles bei seinem Schlüsse aus der Kon- tinuität der Bewegung auf den Beweger noch an die Welt- bewegung in ihrer Totalität gedacht hatte. Denn wenn nichts anderes damit gesagt sein soll als: so viele kontinuierliche Be- wegungen, soviele Beweger gibt es, so wäre die Zwischenfrage, ob es einen oder mehrere Beweger geben müsse, gegenstandslos, und es müßte einfach lauten: mithin ergibt sich eine der Anzahl der Sphären entsprechende Zahl von unbewegten Bewegern. Die dritte Stelle, die auf Zusatz beruht, ist 259 ^28— 31 am Schluß der Beweisreihe. Aristoteles' Absicht war es ursprünglich gewesen, den Gegensatz zwischen den Einzelseelen der irdischen Welt und dem Weltgeist möglichst groß zu machen. Die Vor- stellung des Weltgeistes war unleugbar aus der Analogie der be- seelten Lebewesen gewonnen worden. Um so mehr bedurfte seine überragende Ausnahmestellung der auszeichnenden Hervorhebung. Sie zeigt sich abgesehen von seinen geistigen Eigenschaften auch in seiner absoluten Unbewegtheit. Die Seelen der Lebewesen sind zwar auch an sich unbewegt, aber indem sie den Körper bewegen und dieser seinen Ort verändert, bewegen sie indirekt sich selbst. Dies gilt nicht von dem höchsten Beweger, welchen wir als Ursache der kontinuierlichen ewigen Bewegung des Alls 390 Die Umbildung der Lehre vom ersten Beweger annehmen niUssen: in seiner absoluten Transzendenz bleibt er sowohl an sich als auch im akzidentiellen Sinne unbewegt. Als Aristoteles nun die Sphärenseelen einführte, konnte er sie nicht in gleicher Weise von aller Bewegung ausnehmen wie den obersten Beweger, da sie, obschon an sich unbewegt, vom Himmel mit- samt ihrer Sphäre mitgerissen werden. Damit sie aber nicht auf die Stufe der irdischen 'Seelen' herabsänken, fügte Aristoteles den Zusatz 259 ''28—31 ein, der indessen, wie wir oben zeigten (S. 386), den Tatbestand nicht verschleiern kann, daß hier ein neues Prinzip eingeführt wird, das in den Gegensatz der sich selbst bewegenden irdischen Seelen und des absolut unbewegten Weltgeistes nicht paßt. Der Zusatz war im übrigen ebenso wie die beiden anderen nur hypothetisch gemeint; er sollte nur der Mög- lichkeit von Sphärenbewegern Rechnung tragen, weiter nichts. Die späteren Peripatetiker, die die Lehre von den Sphären- bewegern in ihrer endgültigen Gestalt aus A 8 der Metaphysik kannten, mußten die Zusätze in dem Physikkapitel im Sinne dieser Lehre auffassen. Sie mußten annehmen, daß Aristoteles auch hier auf demselben Standpunkt stehe, und die Lehre in dieses Kapitel hineininterpretieren. Im allgemeinen konnten sie sich dabei mit der Annahme helfen, Aristoteles habe hier nur das Prinzipielle des Verhältnisses von kontinuierlicher Kreisbewegung und unbewegtem Beweger darstellen wollen, ohne die Frage nach der besonderen Art und Anzahl der Sphärenbeweger auf- zuwerfen. Aber an einer Stelle mußten sie mit dieser Auffassung scheitern. Am Schlüsse der Beweiskette heißt es (259 ^20): 'auf Grund dieser Tatsachen kann man sich überzeugen, daß keines von den Wesen, die unbewegt anderes bewegen und sich dabei selber akzidentiell mitbewegen, Ursache einer kontinuierhchen Bewegung sein kann. W'enn also notwendig eine Kontinuität der Bewegung existiert, muß das erste Bewegende ein unbe- wegtes auch im akzidentiellen Sinne sein, wenn anders, wie gesagt, eine unaufhörliche und unsterbliche Bewegung in der Welt existieren soll.' Daß die richtige Lesart lautete elvai xi öei tö nqwxov xivovv dxivrixov xal xazä ov^ßeßrjxög, lehrt Simplicius, der in seiner Erklärung der Stelle diesen, uns nur in einer wenig beachteten Handschrift überlieferten Text zugrunde legt*). Un- ') Simpl. in phys. Bd. II p. 1260, 11 Diels vgl. den kritischen Apparat und Diels, Zur Textgeschichte der arist. Physik Ber. d. Berl. Ak. 1882. Nachträgliche Zusätze des Aristoteles und Eudemos 391 bewegt sowohl an sich als auch im akzidentiellen Sinne ist nur der höchste transzendente Beweger, nicht die Sphärenseelen, wie Aristoteles selbst in dem Zusatz 259 ^28 — 31 sagt. Also war nur von ihm die Rede, wie sollten die Interpreten mithin hier die Lehre von den Sphärenbewegern finden? Aber so weit waren sie von dem Gedanken entfernt, Aristoteles könne jemals anders gedacht haben, daß sie einfach die Stelle korrigierten und durch Einschub der Negation das genaue Gegenteil aus ihr machten. In allen besseren Handschriften ist die gefälschte Lesart xal <;'/4'^) y.axä ovfißsßi^xög eingedrungen, obwohl man sie nicht ein- mal sprachlich verstehen kann, und das Echte 258 ^15 seine ge- naue Entsprechung findet'). Glücklicherweise ist uns überliefert, wie sich die älteste Generation der Schüler des Aristoteles zu dem Rätsel verhalten hat, welches das Ph3'sikkapitel uns aufgibt. Eudemos hat die Physik in einer großen, wahrscheinlich für die Vorlesung be- stimmten Schrift von mehreren Büchern teils wörthch wieder- gegeben teils paraphrasiert. Dabei hat er an zweifelhaften Stellen öfter den Ausdruck genauer gefaßt, mitunter neue Argumente hinzugefügt oder sonst Ergänzungen vorgenommen, die keines- wegs als sein Eigentum gelten können. Er hat die Physik dabei vielfach nur dem Stande der Probleme angepaßt, wie er zur Zeit von Aristoteles' Tode gewesen war. Ganz klar ist das in unserem 1. 1 Fall. In der letzten Zeit vor dem Tode des Meisters war die Lehre von dem ersten Beweger zu der Lehre von den Sphären- > bewegern erweitert worden. Eudemos vermißte in dem Physik- kapitel die bestimmte Erklärung, daß es eine Mehrzahl unbe- wegter Beweger gibt. Der letzte der Beweise für die Existenz eines unbewegten Bewegers schloß vielmehr, wie wir sahen, den Gedanken an die Möglichkeit einer Vervielfältigung dieses Prinzips ^) Vgl. 258 bl3 8ti ö' ävayKatov elval zi id änivTjTov filv aiiö jidarjg iardg (so Simplicius richtig, Tijg inidg Kss.) ftsTaßoÄTjg kuI änÄwg xalnarä avfi- ßeßrjy.ög, mvrjiixdv 6' iieQov, SfjAov oi6s axonovacv. Diese Worte entsprechen denen am Schlüsse des ganzen Beweises 259 b 20— 2fc', beide rahmen die Reihe der Beweise ein und zeigen dadurch, daß es sich in diesem ganzen Kapitel nur um das höchste bewegende Prinzip handelt. — Die falsche Lesart ftri xard av(4.ßEßriy.6g findet sich 259 ^24 in allen Hss. außer in H, doch hat im cod. E (Parisinus) jemand das /*^ ausradiert, sei es weil er den Kommentar des Sim- plicius eingesehen oder aus eigener Überlegung gefunden hatte, daß die Beweis- logik seine Tilgung erfordert. .,<,., Dir I'mbildiiriK (Ur Lehre vom ersten Beweger schlrclitliin aus. Eiidemos scliob daher in seiner Paraphrase in die aristotelische Schhißfolgorunf,': 'wenn also notwendig kontinuierlich Hcwogung sein muß, so muß es den unbewegten ersten Beweger p'ben' die Worte ein 'für eine jede Kreisbewegung' d. h. für jede der Spiiilren '). Kr legte also den Worten des Aristoteles die Lehre uiittT, die dieser zuletzt als die richtige anerkannt hatte. Eudemos hatte ein Recht, sie für die authentische zu halten, und sah in den Worten der Physik eine der fortgeschrittensten Auffassung des Aristoteles nicht mehr entsprechende Formulierung. Er mußte natürlich erkennen, daß die feierlichen Töne von der 'unsterb- lichen und unermüdlichen Bewegung' an unserer Stelle es im Grunde unmöglich machen, an etwas anderes als an die Bewegung des Himmels und den Bewegergott zu denken: der Aufbau der Beweispyramide des ganzen letzten Buches der Physik gipfelt in dieser Idee. Diese wie viele andere Formulierungen der Phj-sik verraten eben, daß ihre Niederschrift aus einer früheren Periode stammt. Eudemos und seine Mitschüler haben das also noch ge- wußt, wenn sie ihre authentische Interpretation hinzufügten, aber das Bewußtsein, daß die erhaltenen Papiere des Aristoteles der Niederschlag einer Entwicklung sind, hat sich offenbar bald verloren. 0 Simpl. a. 0. Bd. II p. 1262, 16 Diels (Eudemos frg. 80. p. 105, 5 Spengel) 'ai ^u^' ctvzo xal y.aza avfißeßrjHÖg . . . Diese Inhalts- rekapitulation des 6. Kapitels des VIII. Physikbuches bezieht sich, was den Zusatz des Eudemos betrifft, auf die Textworte 259 b22— 24 coaz' eXneQ ävdyx7j awexöJS ilvai y.h-r,aiv, elvai ri öel zd (!) tcqwzov kivovv üKivrjzov {-auc aad-' avzö) y.al nazä avfißeßTjyiög. Wie Eudemos sich damit abfand, daß sich seine Ergänzung mit Aristoteles' eigner Erklärung in offenen Widerspruch setzt, wonach das d/.iv>,tov y.al xa&' avzö y.al xazu avftßeßi^Kog einzig dem obersten Beweger zukommt, den Sphären aber nicht, bleibt unklar. Die geschichtliche Stellung des Aristoteles. An dem Namen des Aristoteles haftet etwas von Unpersön- lichkeit und Zeitlosigkeit, von geistiger Weltherrschaft des ab- strakten Gedankens über weite geschichtliche Zeiträume und von scholastischem Götzentum. Um ihn ganz in die eigene Welt hineinzuziehen, hat das Mittelalter die individuellen Züge des Denkers ausgelöscht und ihn zum Repräsentanten der Philosophie schlechthin gemacht. Man kann die Größe einer solchen Stellung zu der Sache, die er vertritt, nicht leugnen; auch er selbst wollte " ja nur die Sache und nicht die Person, ewige Wahrheit und nicht geschichtliche Gelehrsamkeit. Aber jene Zeiten, wo er mit der Wahrheit selbst identisch war, sind vergangen. Die geschicht- liche Bedeutung des Aristoteles als geistiger Führer des Abend- landes ist gewiß nicht verringert dadurch, daß sich die Entwick- lung zu eigener philosophischer Erkenntnisleistung in der euro- päischen Kulturwelt in der Form eines fünfhundertjährigen Kampfes gegen ihn vollzogen hat. Aber vom modernen Standpunkte aus gesehen, ist er nur noch der Vertreter der Tradition, nicht ein Symbol unserer eigenen Problematik und des schöpferischen freien Fortschritts der Erkenntnis. Wir gelangen zu einem produktiven Verhältnis zu ihm erst auf dem Umweg über die geschichtliche Erkenntnis dessen, was er innerhalb der griechischen Kultur und Philosophie bedeutet hat, und der besonderen Aufgabe, die er in seinem Jahrhundert erfüllte. Jede geistige Größe, die zu ge- schichtlichem Nachleben kommt, erleidet dieses Schicksal. Sie muß sich erst von ihren geschichtlichen Wurzeln lösen und neu- tralisieren lassen, ehe sie gangbares Gut für die Nachwelt werden kann. Nur die Geschichte kann dann die weitere Frage beant- worten, wann der Punkt erreicht ist, wo diese 'lebendige' Nach- wirkung in ihr Gegenteil umschlägt, und wo nur der Rückgang von der Tradition auf die Quellen und auf den echten geschicht- lichen Sinn der Erscheinung sie vor dem geistigen Tode be- wahren kann. Noch heute freilich v/ird man sich nicht leicht darüber einigen, ob dieser Punkt für Aristoteles erreicht ist, da .j,,j Di,, j^.scliiclitlirlic Stelliin/,' des Aristoteles dir I'liiIoso|)liie der SclHjIastik als eine in sich abgeschlossene Welt unttM- uns fortlebt. Das vorhegende Buch ist jedenfalls aus einer gt'schichtliciien Stellungnahme zu Aristoteles erwachsen, was es jedoch nicht notwendig für die, die prinzipiell anders denken, unbrauchbar macht. Wird doch durch das vertiefte Ver- stehen der geschichtlichen Erscheinung des Aristoteles auch die besondere Art und die Tiefe seiner späteren Nachwirkung erst voll begreiflich. Die entwicklungsgeschichtlichen Ergebnisse dieses Buches sollen denn in einer abschließenden Betrachtung der Stellung des Aristoteles innerhalb der geistigen Bewegung seines Jahr- hunderts ihre Anwendung finden. Der innere Zusammenhang seiner philosophischen Form mit dem großen Problem, das Piaton dem wissenschaftlichen Bewußtsein des Griechentums aufgegeben halte, ist bisher hauptsächlich an der aristotelischen Kritik der Ideen- lehre und an der Entwicklung der einzelnen Begriffe anschaulich gemacht worden. Diese einzelbegriffliche Betrachtung ist die be- sondere Aufgabe, die der philosophischen Interpretation des Piaton und Aristoteles gestellt ist. Die philologische Entwicklungs- geschichte bedarf zwar auch der philosophischen Interpretation und fördert sie, aber sie findet nicht ihr letztes Ziel in der Problemgeschichte als solcher, sondern sieht in ihr nur die be- sondere Form, in der sich die geistige Gesamtbewegung der Nation auf philosophischem Gebiete darstellt. Es ist eine müßige Frage, wie weit die Philosophie dabei führend oder geführt war. Sie ist schwerlich zu entscheiden, selbst wenn man die gesamte Kultur einer Zeit zu ihrer Beantwortung herbeizöge, weil man dabei den bloßen Inhalt des Bewußtseins irrtümhch als das Wesentliche ansieht und die Bedeutung der philosophischen Formulierung verkennt. Wir versuchen im folgenden die or- ganische Bedeutung der aristotelischen Philosophie innerhalb der griechischen Kultur rein aus ihr selbst und ihrer geschichthchen Umwelt zu verstehen, wobei wir von dem stofflichen Inhalt ihrer einzelnen Disziplinen absehen und nur das geistesgeschichtliche Wesen der aristotelischen Problematik und ihrer Denkformen ins Auge fassen. a) Das analytische Denken. Die gewaltige Leistung der logischen Forschung des Ari- stoteles soll hier nur insoweit berührt werden, als sie für den ge- Analytisches Denken and Abstraktion 395 samten Geist seiner Philosophie kennzeichnend ist. Die ana- lytische Grundkraft seines Denkens hat sich in ihr den klassischen Ausdruck geschaffen. Sie war vorbereitet durch die in der Ideen- lehre enthaltenen Entdeckungen in der elementaren Logik und durch den erkenntnistheoretischen und methodischen Zug Piatons. Allein die Analytik und Kategorienlehre des Aristoteles ist doch aus einer anderen Wurzel entsprungen als aus dem stets anschauHch- gegenstäudlichen Denken Piatons. Die moderne Forschung hat zwar mit Erfolg nachzuweisen versucht, daß eine große Zahl logischer Sätze, die in unzweifelhaft frühen Arbeiten, z. B. in der Topik und Kategorienlehre (S. 45) sich finden, schon auf dem Boden der Akademie gewachsen und von Aristoteles einfach übernommen worden sind. Eine vergleichende elementarlogische Analyse der platonischen Gespräche würde, bis ins kleinste durchgeführt, dieses Ergebnis noch befestigen und erweitern, wie die Untersuchung des 'Eudemos' gezeigt hat. Aber erst bei Aristoteles treffen wir die eigentliche Abstraktion. Sie hat von seinem ganzen Denken Besitz ergriffen. Es ist hier nicht der Ort, die Entstehung des Abstrakten und sein allmähliches Freiwerden im griechischen Denken zu verfolgen und zu zeigen, wie es sich aus der Idee des Piaton immer deutlicher herausschält. Es rein für sich in seiner besondern Gesetzlichkeit zu erfassen, war dem Beobachter- blick des Aristoteles vorbehalten. Man kann in seiner unermüd- lichen Untersuchung der logischen Eigenschaften und Verhält- nisse der Begriffe aller Kategorien und der Formen und Voraus- setzungen des wissenschaftlichen Schließens den Forscher der späteren Jahre bereits erkennen, der den Umkreis der logischen Tatsachen vollständig zu umfassen strebt. Er baut die neue Dis- ziplin als eine rein formale Kunstlehre auf und spricht selbst aus, daß die Logik wie die Rhetorik ihm keine Lehre von Gegenständen und daher keine Wissenschaft {(pikoao(pla), sondern ein Können {dvvaiiig) und eine Technik ist. Er hält aus ihr die Frage nach der Entstehung des Begriffs und des Denkens in der Seele und damit die Psychologie fern und faßt das Logische nur als Werk- zeug des Erkennens, verknüpft aber eben deshalb die Lehre vom Syllogismus mit seiner Gegenstandstheorie zu einer selbständigen Wissenschaftslehre, deren Unterbau die Untersuchung der sog. Axiome bildet. Es' ist unberechtigt, deshalb von einer meta- physischen Logik zu sprechen. Das Band zwischen den Elementen ..^qj; Die geschichtliche Stellung des Aristoteles xi/'/os und nr, in ;,'ik in d»r voraristotelischen Philosophie — endgültig auf- gelöst hatte, mußte irgendwie neugeknlipft werden, und das ge- schah durch den IJegriff der Formursache, die zugleich Begriff und Sache, Erkenntnis- und Realgrund war. Dies ist durch den Realismus des Aristoteles geschichtlich bedingt und mag als Lösung nicht befriedigen, es ist aber von der Projektion des logischen Hegriffs, Urteils und Schlusses ins Seiende, wie sie Hegel lehrt, weit entfernt. Es ist notwendig, sich den ungeheuren Einfluß der ana- lytischen Denkweise auf die geistige Form der aristotelischen Philosophie klar zu machen, denn sie bestimmt jeden Schritt, den er tut. Alles ist in seinen Schriften vollkommenste, durchgefeilte logische Kunst, nicht rohes Draufgehen im Stil moderner Denker oder Gelehrter, die Beobachten und Schließen häufig vermischen und sehr arm an bewußten Nuancen der logischen Präzision sind. Weil wir für diese Kunst kein Organ und keine Zeit mehr haben und der feineren Kultur des Denkens im Sinne antiker Dialektik mehr oder minder bar sind, lassen die neueren Erklärer auch in ihren Kommentaren von ihr nicht allzuviel erkennen. Wir könnten in dieser Beziehung von den antiken Auslegern manches lernen, die — wenigstens soweit sie nicht dem Verfall angehören — jeden methodischen Schritt mit dem bewußten Interesse des Denk- künstlers verfolgen. Es steht eben nicht anders mit dem Denken als mit dem Sprechen des 4. Jahrb., das dem natürlichen Menschen unserer Zeit ebenfalls eine verschlossene Welt bleibt, aus der höchstens einmal der blasse Schimmer einer Ahnung in sein Be- wußtsein fällt. Man mag sich zu dieser bewußten technischen 'Kultur stellen wie man will, in ihr fassen wir ein Stück vom Wesen des 4. Jahrb., dem wir uns ja immer geistig am nächsten fühlen, weil die Namen Piaton und Aristoteles uns unmittelbar etwas sagen. Aber von da bis zum wirklichen Verstehen ist noch ein weiter Weg. Was die analytische Haltung des Denkens für die Behandlung der Probleme selbst bedeutet, kann man auf Schritt und Tritt be- obachten, etwa in der Ethik, wo es nach den ebenso fruchtbaren wie problematischen Gleichsetzungen und Begriffsvergewaltigungen der älteren Spekulation (etwa dgeTtj = imaxrjiiri) jetzt zum ersten Male zu einer wirklichen Zergliederung der sittlichen Motivbildung Die Intellektualisierung der platonischen Denkgebilde 397 und der Formen des sittlichen Tuns und Wollens kommt. Das ist keineswegs einfach 'Psychologisierung' der Ethik, sondern den Ausgangspunkt bildet jedesmal eine genaue logische Untersuchung über die Bedeutung der einzelnen Wörter und Begriffe und eine scharfe Abgrenzung ihres Anwendungsbereichs. Ein Beispiel geben etwa die Untersuchungen des VI. Buches der Nikomachischen Ethik über aoq)ia, cpQÖvijaig, vovg, Eniaxfifiri, texvi], avvEaig, evßovXia, ösivÖTrjg. Die psychologische Feinheit, womit hier das platonische Begriffsknäuel q)QÖvr^aig aufgelöst wird, bezeichnet einen der größten Fortschritte auf dem Wege von der bloßen Idee des Guten zu einer Willens- und Gesinnungsethik. Sie ist aber erst wach- gerufen durch die begriffliche Analytik, die sich zunächst eine von der Sprache ausgehende Bedeutungslehre schafft, an der dann nachfühlendes psychologisches Verstehen sich emporrankt. Das Beispiel zeigt zugleich klar, wie bei solcher Betrachtungs- weise die platonischen 'Begriffe' sich alsbald in ihre analytischen Bestandteile auflösen und dann unwiederbringlich dahin sind. Was umfaßte die (pQÖvrjaig bei Piaton alles, die Idee als Gegen- stand und das Schauen der Idee als Erkenntnisvorgang, die theoretische Wendung zur Erkenntnis des Guten und die praktische Erfüllung der Gesinnung und des Tuns mit diesem Schaunis, kurz den ganzen q)iX6oo(pog ßiog. Bei Aristoteles wird sie auf die dem Sprachgebrauch entsprechende Bedeutung zurückgeführt, sie wird zur 'sittlichen Einsicht' und bildet nun nur noch ein Element neben vielen anderen in der Analyse des sittlichen }]d-og. Das Denken des Aristoteles differenziert in gleicher Weise auch die platonische Seins- und Erkenntnislehre. Die Idee, die anschauhche intelligible Einheit des Mannigfaltigen, die gleich- zeitig sittliches Ideal, ästhetische Form, logischer Begriff und wesenhaftes Sein in noch ungeschiedener Einheit war, zersetzt sich in xad-öXov, ovata, /zoQcp^, xi fjv slvai, ÖQog und xelog, ohne daß einer dieser Begriffe ihr entfernt an Kapazität gleichkommt. Das aristotelische eldog ist die intellektualisierte idia und verhält sich zu ihr ebenso wie die aristotelische cpqövtiaig zur platonischen. Alle Dinge, die Piatons Geist berührt hat, haben etwas von plastischer Rundung, nichts aber widerstrebt so sehr wie sie dem analytischen Trieb des aristotelischen Denkens, welches sich zum platonischen verhalt- wie der anatomische Atlas zur plastischen Menschengestalt. Für den ästhetischen und religiösen Menschen ßC)g Dif (^esrhichtliche Stellung des Aristoteles rnaj^ das erschreckend sein. Jedenfalls ist es für Aristoteles charakteristisch. Die Durchfiiiirung dieses Prinzips wurde die Geburtsstunde der Wissenschaft im modernen Sinne. Man soll sich freilich be- wußt sein, daß die Erscheinung nicht nur diese esoterische Be- deutung hat, sondern ein Symptom der gesamten geistigen Ent- wicklung ist. Innerhalb der Geschichte des griechischen Denkens steht Aristoteles an einem entscheidenden Wendepunkt, Die welt- anschauliche Schöpferkraft der älteren Zeit beginnt nach der un- geheuren Leistung der platonischen Philosophie, in der mythen- bildende Urkraft mit der Genialität des logischen Verstandes sich in einem noch nicht dagewesenen Maße durchdringt, scheinbar zu erlahmen und dem Übergewicht der wissenschaftlich-begriff- lichen Betrachtungsweise zu unterliegen. Der Vollstrecker dieser geschichtlichen Entwicklungsnotwendigkeit ist Aristoteles, der Be- gründer der wissenschaftlichen Philosophie. Es ist für die Philo- sophie oder jedenfalls für die griechische Philosophie charak- teristisch, daß diese Tat nicht der Ausgangspunkt einer neuen fruchtbaren philosophischen Entwicklung geworden ist, sondern nur ein Höhe- und Durchgangspunkt war, der an den Namen des Aristoteles gebunden blieb. Die verstandesmäßige Kunstform seiner Analytik wurde von der hellenistischen Philosophie zwar übernommen, ja bis zur Scholastik weitergetrieben, aber der ana- lytische Geist des Aristoteles ging nicht auf sie über, sondern suchte seinen Nährboden in der positiven Wissenschaft. Die Be- gründung der wissenschaftlichen Philosophie wurde der unmittel- bare Anstoß zur endgültigen Trennung der Wissenschaft von der Philosophie, weil der Weltanschauungstrieb des Griechen die Xähe des wissenschaftlichen Geistes auf die Dauer nicht ertrug. Die eigentümliche Form, in der das analytische Denken der wissenschaftlichen Philosophie sich der W^irklichkeit wie der geistigen Überlieferung bemächtigte, war die Methode der Ein- teilung, des Schließens und der Dialektik. Die Hypothese spielte daneben eine untergeordnete Rolle und wurde durchgängig nur in Verbindung mit der Einteilung angewandt. Zu einer frucht- baren Verwendung dieses Denkmittels fehlten der hellenischen Wissenschaft noch die praktischen Voraussetzungen, vor allem das Experiment. Alles Einteilen hat neben dem unterscheidenden einen ordnenden Sinn, es grenzt die Umfange und Inhalte der Analytik und Systematik 399 Begriffe und die Anwendungsbereiche der Methoden ab und führt dadurch mittelbar zu einer begrifflichen Gesamtordnung der Dinge, die wir System nennen. Aristoteles gilt von jeher als der Systematiker y.az^ e^ox^jv, weil die Philosophie unter dem Einfluß seines Denkens sich in eine Reihe selbständiger Disziplinen ge- teilt hat, die durch gemeinsame Denkmotive zu einer Einheit zu- sammengehalten werden. Die ersten Ansätze zur Systematisierung der Philosophie in diesem Sinne liegen allerdings in der Akademie und in der Anschauung des späteren Piaton, der im Philebos die Physik bereits als öevtsqu (pikooocpia von der Ideenwissenschaft, der von Aristoteles später sog. tiqojti] q>Uooo(pla, unterscheidet. Daß auch die Ethik sich in der Akademie schon verselbständigte, beweist die bekannte Dreiteilung des Xenokrates: Logik, Physik, Ethik, die in der Philosophie des Hellenismus Epoche gemacht hat. Aber eben die Systeme der Stoiker und Epikureer zeigen deutlich, daß dem Aristoteles und Piaton zum S3^stematischen Typus die Hauptsache, nämlich die Geschlossenheit fehlt, und es ist kein Zufall, wenn ihnen auch der Kunstausdruck ovaTr]fia noch fremd ist, der den konstruktiven, auf Totalität angelegten Charakter und die der lebendigen Forschung fernstehende Selbst- genügsamkeit jener hellenistischen Weltbilder treffend bezeichnet. Die Seele des aristotelischen Denkens ist nicht das avvi- azdvcu, sondern das öiaigslv, und zwar als Werkzeug lebendiger Forschung, nicht als Konstruktionsprinzip. Deshalb bleibt sein 'System' nach jeder Richtung provisorisch und offen. Es ist keine Stelle aus Aristoteles beizubringen, die die Grenzen auch nur der Hauptdisziplinen eindeutig und abschließend festlegt, ja nicht einmal das wissen die Bewunderer der systematischen Gliederung der aristotelischen Philosophie zu sagen, in welche Teile sie zer- fällt. Die berühmte Gliederung in theoretische, praktische und poietische Philosophie und die der theoretischen in Theologie, Mathematik und Physik wird von Aristoteles nirgendwo ver- wirklicht und enthält nicht sein wirkliches System, sondern ist nur eine begriffliche Einteilung. Sie bedeutet auf der Stufe seiner Entwicklung, wo er diese Worte schrieb, nur einen geo- metrischen Ort für die führende Stellung der Metaphysik inner- halb der Philosophie. Die größten Schwierigkeiten setzten auch die einzelnen Disziplinen als solche dem Versuch einer durch- geführten Systematisierung von jeher entgegen, was aus der Ent- j,ii) Dil. j^psrhichtliche Stellung des Aristoteles 8t«'liiiiiKs^'oschioIite der Schriften des Aristoteles heute nur zu ver- ständlich ist. Zusammengewachsen aus der unermüdlichen Arbeit an einzelnen Teilproblem-Kreisen, bieten sie immer ein disparates liild. wenn man sie als systematischen Aufbau bis ins Einzelne prüft. Das ist in der Tiergeschichte nicht anders als in der Metaphysik oder Politik. Klntvviirfe einer systematischen Ordnung, oft erst wahrend der Arbeit des nachträglichen Zusammen- schweißens eingefügt, bleiben durchweg unausgeführt oder werden nur halb befolgt. Ein äußerer Systembau ist nicht der Urgedanke dieses Baumeisters gewesen und daher auch nicht zu 'rekon- struieren', so wenig wie sich die Lehrschriften aus ihren über- einander lagernden Schichten zu einem literarisch glatten Ganzen umbauen lassen. ' Sehen wir von diesem Sinne des Systems als dogmatisches Gehäuse ab, so bleibt nur jene ordnende und scheidende Kraft des Analytischen, die in einem freilich sehr verschiedenen Sinne systematisch wirkt. System bedeutet dann nicht die fassaden- hafte, nach außen sichtbare, dogmatisch starre Konstruktion einer Totalität des Wissens aus der Vielheit der Einzelerkenntnisse und Einzeldisziplinen '), sondern die innere Tiefenschichtung der grund- legenden Begriffe, die durch Aristoteles überhaupt zum ersten Male ans Licht gebracht worden ist. Wie er erst das Netz der Kategorien über die Wirklichkeit wirft, dann aus der Zahl der Aussagemöglichkeiten das selbständige xöös xi herausgreift, es als die ovola des philosophischen Denkens deutet und nun in den Schacht dieses Begriffs hinabsteigt, um nacheinander die Schichten Materie, Form, Wesensbegriff, Allgemeines, Potenz und Akt in ihm bloßzulegen, das ist allerdings ein systembildendes Denken. Das bloße zööe ti differenziert sich durch diese Anal3-se zu der die Materie bestimmenden Form, in der das begrifflich-allgemeine Denken das Wesen des Wirklichen erfaßt, das sich zu der Materie wie der Akt zur Potenz verhält. Dieselben Grundbegriffe ziehen sich wie unterirdische Formationsschichten durch mehrere Dis- ziplinen, der Begriff der Form z. B. ragt ebenso in die Psycho- •) Diesen hellenistischen Begriff des avcjTijuaviKÖv entwickelt Sext. Emp. adv. log. I p. 198, 3ff. auf Grund seiner — hauptsächlich stoischen — Vorlagen in schlagender Weise. Die Wahrheit wird hier als ein 'festes* wissenschaftliches System (ojg äp iniaty]tiTi y.a&£ai>,y.vta avatr^uarcy.i''i) vorgestellt und letzteres als ein ä^Qotofia ix TvÄeiövmv charakterisiert. Nicht konstruktives System, sondern innere Schichtung der Begriffe 401 logie und Logik und in alle Einzelwissenschaften hinein, wie er der Physik und Metaphysik d. h. der theoretischen Philosophie angehört. Die Lehre vom vovg zieht sich durch Metaphysik, Ethik, Psychologie und Analytik. Durch diese gemeinsamen Denkmotive werden die Disziplinen innerlich zusammengehalten. Aber die Einheit entsteht nicht durch gleichmacherische Behand- lung der Einzelfächer, sondern sie ist das Ursprünghche, aus dem die Mannigfaltigkeit erst hervorgegangen ist. Die platonische Idee war noch Ethik, Ontologie, Erkenntnislehre in einem. Sie löst sich durch die öiaigeois an mehrere Disziplinen auf, aber Aristoteles unterbaut diese wieder in platonischem Einheitsstreben mit einem der Idee entsprechenden gemeinsamen WirkUchkeits- und Erkenntnisbegriff, in dem die Vielheit wurzelhaft zusammen- hängt. Trotzdem behält jedes Teilgebiet den Charakter der Problem- forschung, die niemals in der äußeren Form der Abgeschlossen- heit und konstruktiven Sauberkeit ihre Befriedigung findet, sondern sich beständig verbessert, umwirft, was sie zuvor aufgerichtet hat, und neue Wege sucht. Wenn es eine Totalität gibt, nach der Aristoteles strebt, so ist es nicht die der fertigen Erkenntnis, sondern die Totalität der Probleme. Dies möge an unseren Ergeb- nissen über die Ethik anschaulich gemacht werden. Die Eudä- monie bestand nach platonischer Problemstellung entweder in der dQExi^ oder in der fjdovrj oder in der (pQÖvrjaig. Der Philebos zeigt, wie in der philosophischen Untersuchung bei Piaton etwa das Problem der fidovr} sich verselbständigte und einen eigenen Kreis bildete, den die Frage der (pQÖvrjaig, der ägex^ und E-bdai- fiovia nur tangential berührte. Ebenso stand es mit dem Problem- kreis der g)QÖvrjaig, der dq^xi], der (pikia, der evöaifiovia. Sie alle traten häufig und zwar stets als relativ selbständige Einzel- untersuchungen in der Akademie auf, wie die Titel der Schriften ihrer Mitglieder beweisen. Die Dialoge Piatons geben ein ge- treues Bild dieser verselbständigten Problemkreise. Aristoteles faßt alle zur Ethik gehörenden Problemkreise (rä 'fj&ixd) zur Ein- heit zusammen und kommt, ohne die Bewegungsfreiheit innerhalb der einzelnen Kreise einzuschränken, allmählich zu ihrer strafferen methodischen Einspannung in den Rahmen dieser ursprünglich nur lockeren Einheit. Die Vereinheitlichung ist aber nie so weit gediehen, daß etwa die Stellung des Problemkreises UeqI (pUiag Jaeger: Aristoteles. 26 ^y, Die ^j.srhirhtlirhc Rtcllnng des Aristoteles in Huch VIII und IX der Nikomachischen Ethik sich 'systematisch' recht fertigen ließe oder die doppelte Behandlung des Problems llrQi f;6oi'fjg in Buch VII und X anders als durch redaktionelle (irllnde zu erkliiren wäre. Wo wir, wie in der Metaphysik und IMiysik, etwas tiefer in die P^ntstehung der Schriften hinein- leuchten können, sehen wir ein gegen Ende des Prozesses zu- nehmendes Bestreben zu solchem zusammenfassenden Aufbau, der freilich nie fertig wird. Die Entwicklungsgeschichte legt erst deutlich die Wuizeln und den Sinn dessen bloß, was wir bei Aristoteles das 'System' nennen dürfen. Die hellenistischen Systeme knüpfen an den späten Aristoteles an, gehen aber dabei von dem äußeren Eindruck aus und machen zum Primären, was bei Aristoteles das Sekundäre war. Sie konstruieren dogmatisch aus gültigen Sätzen' ein festes Weltbild, und suchen in diesem sicheren Gehäuse Schutz vor den Stürmen des Lebens. b) Weltanschauung und Wissenschaft. In der Metaphysik laufen alle Fäden der Philosophie des Aristoteles zusammen, wie sie umgekehrt in alle anderen Dis- ziplinen übergreift. Sie ist der Ausdruck seiner letzten philo- sophischen Absichten und jede Beschäftigung mit einzelnen Teilen seiner Lehre, die nicht von diesem Zentralorgan ihren Ausgang nimmt, muß an der Hauptsache vorbeigehen. Es ist nicht leicht, zu einem richtigen Urteil über Wesen und Leistung der Meta- physik zu kommen, schon weil das Vorurteil des Namens hindernd im Wege steht. Die Periode der dogmatischen Nachwirkung der aristotelischen Philosophie hat mit der Zersetzung der Metaphysik als Wissenschaft geendet und damit die Schöpfung des Aristoteles zerstört. Man sieht ihn seither unwillkürlich als das Haupt des Dog- matismus und als den besiegten Antipoden Kants an und glaubt ihm zu dienen, wenn man die nichtmetaphysischen Teile seiner Philosophie bevorzugt und ihn in einem mehr positivistischen Lichte erscheinen läßt. Und doch ist Ai'istoteles auch in den Zeiten des überwiegenden Forschertums niemals Positivist ge- wesen. Die lebendige Bedeutung der Metaphysik kann nicht von dem Kritizismus der Neuzeit aus gewürdigt werden, sondern nur im Problemzusammenhang ihrer eigenen Zeit. Es ward sich dabei zeigen, daß sie in Wirklichkeit vielmehr in kritischer Ab- sicht begründet worden ist. Aristoteles' Ziel war die Katharsis Weltanschauung und Metaphysik 403 des philosophischen Bewußtseins von seinen mythischen und meta- phorischen Bestandteilen und die Herausarbeitung der streng wissenschaftlichen Grundlagen seiner in ihren Hauptzügen von Piaton überkommenen Weltanschauung. Es war mit anderen Worten ein methodisches Interesse, das zu dieser folgenreichen Neubildung geführt hat. Die Metaphysik geht hervor aus der inneren Spannung zwischen intellektuellem Gewissen und religiösem Weltanschauungs- trieb, die das Neue und Problematische in der philosophischen Persönlichkeit des Aristoteles ausmacht. In den älteren Welt- systemen der griechischen Physiker durchdringt das Mythische und Rationale sich noch in ungeschiedener Einheit. Es ist historisch betrachtet ein Mißbrauch, der durch seine Gangbarkeit nichts an Berechtigung gewinnt, diese Philosophien als meta- physische Systeme zu bezeichnen, weil sie in unserem Sinne metaphysische Bestandteile enthalten. In diesem Sinne wäre natürlich auch die Physik des Aristoteles metaphysisch zu nennen, obgleich gerade an ihrem Beispiel der geschichtliche Unsinn der anachronistischen Bezeichnung klar zu Tage tritt. Sie hätte bei den Vorsokratikern nur dann einen Sinn, wenn damit ausgedrückt werden sollte, daß die Begründung der Metaph3^sik als selb- ständiger Wissenschaft bei Aristoteles den Zweck gehabt habe, diese dogmatischen und mythischen Bestandteile in dem Welt- bilde seiner Vorgänger geradezu bewußt zum Mittelpunkt des philosophischen Denkens zu machen, nachdem sie bisher nur un- bewußt sich eingemischt hatten. In etwas berechtigterem Sinne gebrauchen wi^- den Ausdruck von Piatons Ideenwelt. Er be- zeichnet dann den Eintritt des Unsichtbaren und Intelligibeln in den Kreis des philosophischen Bewußtseins, insbesondere die gegenständliche Seite der Ideen als einer durch die Erfahrung nicht erfaßbaren, höheren Art des Seins. Damit verknüpft sich in der späteren Phase der Entwicklung Piatons das religiöse Problem der teleologischen Theologie, das der Ausgangspunkt der aristotelischen Metaphysik geworden ist. Aber auch diese Ver- wendung des modernen Begriffssinnes ist streng genommen un- geschichtlich — obwohl sie sich unwillkürlich immer wieder ein- stellt — und hindert das richtige Verständnis der eigentlichen Leistung des Aristoteles. Erst bei ihm entsteht die Metaphysik aus dem Widerstreit der religiösen und weltanschauliclien Ubec- 26* ^^^, Wir j^rsrhirlitlicli'- Stillunj,' des Aristoteles /..■u^'uni,'('n, die er Piaton verdankt, und des wissenschaftlichen analytischon Denkens. Dieser innere Zwiespalt ist Piaton noch fn'Mid. Kr entspringt aus dem Zusammenbruch der wissenschaft- lichen Form, in der Piaton die neue Realität des Übersinnlichen hcgründet hatte und in der sich einen Augenblick lang über- schwenglichstes Erlebnis des Unerfahrbaren mit exakter Wissen- schaft restlos zu decken schien. Aus der Auflösung dieser mythisch- logischen Anschauungseinheit trug Aristoteles gleichsam als de- pnsUuin ßdei die unerschütterliche Zuversicht heim, daß in dem platonischen Glauben seiner Jugend der tiefste Kern doch wahr sein mUsse. Die Metaphysik ist der grandiose Versuch, dieses die Grenzen menschlicher Erfahrung übersteigende Etwas für den kritischen Verstand zugänglich zu machen. Durch diese bisher verkannte, tiefe Problemgemeinschaft mit den Glaubens- philosophen des christlichen, jüdischen und islamischen Mittel- alters, nicht durch bloßen Überheferungszufall ist Aristoteles der geistige Führer der nachaugustinischen Jahrhunderte geworden, deren Innenwelt durch die Spannung von Glauben und Wissen weit über die Grenzen der hellenischen Seele hinaus geweitet war. Die Geschichte seiner Entwicklung zeigt, daß auch hinter seiner Metaphysik bereits das credo ut inteUuja»} steht. Die entwicklungsgeschichtliche Untersuchung läßt aber auch den methodischen Gedanken klarer erkennen, auf dem die neue Philosophie beruhte. Die herrschende Ansicht war bisher, das Wort Metaphysik verdanke nur der zufälligen Anordnung der Schriften des Aristoteles in einer Gesamtausgabe der hellenistischen Zeit — man dachte vor allem an Andronikos — seinen Ursprung. Der Ausdruck sei aber auch der Sache nach unaristotelisch. In Wahrheit gibt das wohl von einem vor Andronikos lebenden Peripatetiker gebildete Wort das Grundmotiv der 'ersten Philo- sophie' im ursprünglichen Sinne vollkommen treffend wieder. Während Piatons Blick von Anbeginn an auf die höchste Spitze der Ideenwelt gerichtet ist und alle Gewißheit für ihn unmittelbar in der Erkenntnis des Unsichtbaren, Intelligibeln wurzelt, baut sich die aristotelische Metaphysik auf der Grundlage der Physik auf, schlägt also die umgekehrte Richtung ein. Die oberste Monade, für Piaton die exakteste Norm und der denkgewisseste Gegenstand des Geistes, wird für Aristoteles das letzte und schwierigste der Probleme. Die Bezeichnung, die sich bei ihm Der methodische Gedanke der Metaphysik 405 am häufigsten für die neue Disziplin findet, heißt — was man meist übersieht — die 'gesuchte Wissenschaft*. Sie geht, im Gegen- satz zu allen übrigen Wissenschaften, nicht von einem gegebenen Gegenstande aus, sondern hebt mit der Frage nach der Existenz ihres Gegenstandes an. Sie hat also erst ihre Möglichkeit als Wissenschaft zu erweisen und erschöpft sich eigentlich ganz in dieser 'einleitenden' Frage. Es steht für Aristoteles von vornherein fest, daß die ge- suchte Wissenschaft nur möglich ist, wenn es entweder die Ideen oder ein ihnen entsprechendes 'abgetrenntes' intelligibles Sein o-ibt. Er bleibt also trotz seiner kritischen Wendung wie Piaton an die Vorstellung gebunden, daß jedes wirkliche Wissen einen außerhalb des Bewußtseins liegenden Gegenstand (egw ov xal %(x)Qia%6v) voraussetze, den es irgendwie berührt, abbildet oder in sich spiegelt. Dieser Realismus ist, wie gesagt, nichts spezifisch Aristotehsches, sondern allgemein griechisch. Über die unklare Vorstellung des Verhältnisses von Erkenntnis und Gegenstand, die sich in jenen bildlichen Ausdrücken kundgibt, ist das Denken des Altertums nicht hinausgelangt. Innerhalb der damit gegebenen geschichtlichen Schranken bezeichnet die Metaphysik des Ari- stoteles eine Problemlage gegenüber der platonischen Ontologik, die ziemlich genau derjenigen Kants gegenüber dem dogmatischen Rationalismus des 18. Jahrh. entspricht. Die Frage: ist die ge- suchte Wissenschaft möglich? hat bei ihm den gegenständlichen Sinn: gibt es das angeblich übersinnliche Sein? bei Kant dagegen hat sie den methodischen Sinn: gibt es die synthetischen Urteile a priori? ohne die man die herkömmliche Metaphysik nicht denken konnte. Daß der antike Kritizismus — sit venia verho — das realistische, der moderne das idealistische Vorzeichen hat, darf nicht hindern, die innere Ähnhchkeit der geschichtlichen Situation zu erkennen. Beide Denker bedeuten für die Entwicklung hier wie dort einen äußersten Punkt, haben also keine Nachfolge ge- funden, es sei denn nach langer Verkennung eine im Formalismus endigende Wiederbelebung. Die wirkliche lebendige Entwicklung setzt sich teils in sensualistischer, teils in rationalistischer oder mystischer Einseitigkeit über die wissenschaftliche Schärfe und Feinheit, die die Probleme hier wie dort gewonnen haben, hin- weg, indem sie Aristoteles bezw. Kant in metaphysischer Hinsicht überfliegt oder hinter sie zurückgeht. Aristoteles ist daher der w^,. Di,, pcsrhiditliclic .StcllnnR des Aristoteles einzi^,'e «,'rifclii.sclie Denker, mit dem Kant auf gleichem Fuße diskutieren und den er zu überwinden streben konnte. Im übrigen bftut sicli die Kantische Stellung ausschließlich auf dem Boden der transzendentalen Kritik des erkennenden Bewußtseins auf, der kritische Realismus des Aristoteles dagegen auf der Grund- lage seines physikalischen Systems und einer von den Gegen- stünden der Erfahrung ausgehenden kritischen Analysis des Seins- begriffes. Auf der Physik baut sich die Metaphysik zunächst auf, in- sofern sie nach der A])sicht des Aristoteles nichts anderes ist als der denknotwendige Abschluß des auf der Erfahrung beruhenden Systems der bewegten Natur. Die Physik hat vor allem die Be- wegung zu erklären. Es ist ein Haupteinwand des Aristoteles gegen die Ideenlehre, daß sie die Bewegung nicht erkläre. Es schwebt ihm dabei ein bestimmter Typus der Naturwissenschaft als klassisches Muster vor, die von Eudoxos begründete Art der Hypothesenbildung, die einen verwickelten Tatsachenkomplex durch Zurückführung auf einfachste Prinzipien — in diesem Falle auf die mathematische Konstruktion des gesamten Planeten- umlaufs in einfachen Kreisen — erklärte, ooj^eiv %ä (faiv6Jo$ hin deutet, liier, weil er über der allgemeinen bürgerlichen Moral und der Sphäre des praktischen Handelns und Wollens ein Leben im Schauen des Ewigen anerkennt, das nach der Schätzung des riiiliisophen unbedingt den Preis vor jenem verdient und iiucli in sittlicher Hinsicht eine höhere Stufe bedeutet. Aber in der Nikomaehischen Ethik macht Aristoteles die Moral des bürger- lichen Lebens nicht mehr von dieser Theologie abhängig. Beides sind getrennte Welten von verschiedenem Range. Die Stellung des ßlog i>£ioQT]iiy.ög am Ende der Ethik bedeutet jetzt nicht mehr, daß aller irdische Wandel theologisiert werden soll, sondern daß es über der praktisch-ethischen Welt noch eine höhere gibt. So baut Aristoteles die platonische Gedankenwelt seiner Jugend in die Wirklichkeit hinein und räumt ihr dort den höchsten Platz ein, die Stelle, von wo das Licht des Ewigen in die Welt ein- fällt. In dieser Verbindung der beiden ßioi hat man von jeher etwas Persönliches, auf dem Erlebnis des Philosophen Beruhendes empfunden. Sie hat weder die radikale Folgerichtigkeit Piatons, der nur den (pUuaocpog ßioc, lebenswert findet, noch die Kants, der mit dem Primat der theoretischen Vernunft endgültig bricht und den sittlichen Willen als das Höchste in der Welt verkündet. Aristoteles nähert sich in der Ethik wie in der Metaphysik Kant eine Strecke weit, aber es ist etwas in ihm, das ihn vor der letzten Konsequenz zurückweichen läßt. Wieder die Autarkie der reinen Erfahrungswissenschaft noch die Lebensgewißheit des bloßen sittlichen Pflichtwillens hat seinem Wirklichkeitssinn und seinem Lebensgefühl genügt. Die platonische Überwelt läßt ihn nicht los, und er ist sich bewußt, mit ihr ein neues Stück Wirk- lichkeit dem altgriechischen Weltbau eingefügt zu haben. So allein erklärt es sich, daß der aristotehsche vovg in dem theo- logischen Teile der Metaphysik und der Ethik einen fast mystischen Schimmer annimmt. Dieser Gipfel der d-ecogia ragt unmittelbar aus dem platonischen Geistesreich in die aristotelische Tatsachen- welt hinüber und gibt dieser Lebensansicht die eigentümliche moderne Doppelseitigkeit und Spannung. Auch in der Politik, die hier nur in Kürze berührt werden soll, ist die innere Formation dieselbe wie in der Ethik und Meta- physik. Der entwicklungsgeschichthche Hergang spiegelt sich in Die EthisieruDg des Staates 425 ihr sogar besonders deutlich. Das entscheidende geistesgeschicht- liche Problem der platonischen PoHtik hegt in der strengen, be- dingungslosen Unterordnung des Individuums unter den Staat, durch die Piaton die echte altgriechische Lebensform 'wiederher- steUt'. Sie war im 4. Jahrh. längst zersetzt durch das Übergewicht der wirtschaftlichen Kräfte und Interessen in Staat und Partei- leben und durch den geistigen Individualismus, der in dieser Zeit zum ersten Male als Massenerscheinung auftritt. Daß eine Ge- sundung des Staates nur möglich war, wenn der Individualismus in seiner rohesten Form, die schrankenlose Selbstsucht jedes Ein- zelnen, überwunden werden konnte, war wohl jedem Einsichtigen klar, aber es war schwer sie zu bannen, wenn der Staat selbst von diesem Geist beseelt war, ja ihn zum Prinzip des Handelns machte. Er hatte die Bürger im Verlauf der Raub- politik des ausgehenden 5. Jahrh. allmähhch in die neuen Denk- bahnen hineingezogen und fiel nun diesem zum Prinzip erhobenen egoistischen Denken, das Thukydides ergreifend schildert, selbst zum Opfer. Der alte Staat rrÄi seinen Gesetzen war für die Bürger zugleich der Inbegriff aller 'sitthchen" Normen gewesen. Nach den Gesetzen leben, hieß im alten Hellas das höchste ungeschriebene Gesetz, wie Piatons Dialog Kriton es noch einmal, ein letztes Mal mit Trauer ausspricht. In ihm zeigt sich der tragische Konflikt des 4. Jahrh. bereits zum bewußten Widersinn zugespitzt : nach den Gesetzen dieses Staates muß der gerechteste und reinste Mann des griechischen Volkes den Schierlingsbecher trinken. Der Tod des Sokrates führt den ganzen Staat, nicht nur die gegenwärtigen Machthaber ad ahsurdiim. Im Gorgias legt Piaton an den Staat des Perikles und seiner schwächeren Nachfolger den Maßstab des radikalen sittlichen Gesetzes und kommt zu einer bedingungslosen Verwerfung des geschichtlichen Staates. Wenn er dann in der Politeia das Leben des Indi- viduums doch völlig dem Staate ausliefert in einer für das natür- hche Empfinden seines Jahrhunderts unerträglichen, einseitigen Strenge, so nimmt er das Recht dazu aus dem veränderten Geist seines neuen Staates. Die Sonne, die in ihm scheint, ist die Idee des Guten, von ihr wird er bis in seine dunkelsten Winkel durchleuchtet. So ist die Unterordnung aller Einzelnen unter ihn, die Wiederumwandlung der losgelösten Individuen in wahre 'Bürger' doch nur ein anderer Ausdruck für die geistesgeschicht- 4rt^j Dir ^M'Bcliichtlichc SiellunK des Aristoteles lirlie Tat.saciif. iliiU sich das Sittliche von dem Politischen und von den i'öfioi des geschichtlichen Staates endgültig befreit hat und das selbständige Gewissen des Einzelnen hinfort auch in .staatlichen Fragen der höchste Gerichtshof ist. Konflikte dieser .\it hatte t's aiicii früher gegeben, das Neue ist, daß dieser Zu- staml in r»niianenz erklärt wird. Piatons Forderung des Philo- sophonstaates, die er bis zuletzt unverändert aufrecht gehalten hat. bedeutet die durchgeführte Ethisierung des Staates. Sie zeigt, daß die geistig ;iiii höchsten Stehenden das Schiff des wirkHchen Staates bereits verlassen hatten. Denn ein solcher Staat war in jener Zeit nicht lebensfähig, und vielleicht war er es nie. Aristoteles bewahrt (He äußere platonische Unterordnung der Ethik unter die Politik, aber auch bei ihm liegt die eigentliche Stärke in jener. Aus ihr leitet er die Norm des besten Staates ab und sclwipft er den Inhalt des 'besten Lebens'. Für seinen Wirklichkeitssinn ergeben sich aus diesem Ausgangspunkt jedoch unlösbare Schwierigkeiten, die gleich am Anfang des älteren Idealstaatsentwurfs zur erstmaligen deutlichen Formulierung des im Staate des Piaton verhüllten, tiefen Konfliktes führen. Ari- stoteles lebt auch in der Politik nicht von dem Ideal, sondern in der Spannung zwischen Idee und Erfahrungswelt. Aber das wirk- liche politische Leben seiner Zeit läßt ihn keine Lösung für diese Spannung finden. In der Metaphysik und Ethik hält er sich trotz seines immanenten Standpunktes den Zugang zu der pla- tonischen Welt offen, und er vermag das, weil er sie als wirkhch in sich trägt. In der Politik dagegen bleibt der 'beste Staat' eine bloße Utopie, die allzu deutlich zeigt, daß man' auf diesem Wege nur noch zum Erziehungsstaat kommen kann, oder richtiger zur Pädagogik. Aristoteles hat das Machtproblem daneben zwar klar formuliert. Es tritt als Fragezeichen hinter die platonische Staats- idee. Er erklärt auch, daß nicht alle 'Herrschaft' von Grund auf böse sei, aber es kommt nicht zu einer befriedigenden Lösung, und zweifellos war in jenem fortgeschrittenen Stadium der griechischen Gesamtkultur eine praktische Lösung überhaupt nicht möglich. Das Problem des Staates w^ar ein dix^ix^vov. Der Gipfel der theoretischen Bewußtheit des politischen Lebens fällt wie der Höhepunkt des bewußten, nervösen demosthenischen National- gefuhls in die Zeit, wo der Staat der griechischen Pohs von Abstand vom Staat, Gesellschaft, persönliche Freiheit 427 seiner Höhe herabgestiegen war. Er war eine Form, die sich ausgelebt hatte und die anderen noch, lebendigen Staats- gebilden von roherer Art anheimfiel. Der Idealstaatsentwurf des Aristoteles wendet sich sogleich der bezeichnenden Frage zu, ob nicht die Flucht aus dem Staat das einzig mögliche Ziel sei, und die Analyse der wirklichen Staatenwelt beginnt mit der Fest- stellung, daß dem Philosophen der Wirklichkeit gegenüber nichts übrig bleibe, als durch seine überlegene Erkenntnis der Lebens- bedingungen jedes einzelnen Staatswesens zur richtigen Behand- lung der Staatskrankheiten von Fall zu Fall beizutragen. Diese resignierte Stellung ist typisch für die geistigen Persönlichkeiten jener Zeit, selbst für die praktischen Staatsmänner, die ausnahms- los dem Staat mit einem gewissen Abstand gegenüberstehen und deren PoHtik immer eine Art Experiment bleibt. Bei Aristoteles ist dieser Abstand und das Bewußtsein von ihm am weitesten fortgeschritten, weil er selbst staatlos als objektiver Beobachter in einem großen Staate lebt, der mitten in seiner Krisis steht, und weil er die ungeheure Fülle der Formen und Möghchkeiten souverän überblickt. Die einzige wirksame Gemeinschaft, die die Griechen seiner Zeit noch streng verbindet, ist die bürgerliche Gesellschaft mit ihren festen Begriffen von Bildung, Haltung und Urbanität. Aristoteles rechnet sie nicht zu den politischen Kräften, sondern zählt sie bezeichnenderweise zum festen Bestand der sittlichen Struktur der Persönlichkeit. Er behandelt sie daher in der Ethik in der Form von besonderen 'Tugenden'. Wie die alte Moral durch die Gesetze des Staates, so empfängt die moderne ihren inneren und äußeren Halt durch die objektiven Formen der Gesellschaft. Einen abstrakten sittlichen Individualismus kennt Aristoteles nicht, ja selbst die Stoa mit ihrem Weltbürgertum und die Epikureer mit ihrer Freundschaftsidee halten sich von diesem Extrem fern. Aber die Tolitik' zeigt mit realistischer Kraßheit, daß die Gesellschaft selbst nur eine kleine Schar Bevorzugter ist, die in dem allgemeinen Kampf um Geld und Macht hin und her gedrängt wird und deren Existenz unsicher schwankt. Die Ethik des Hellenismus findet ihren Ruhepunkt schließlich in dem Ge- danken der inneren Freiheit, der bei Aristoteles nur gelegentlich anklingt. Durch sie wird die Unabhängigkeit des Individuums vom Staate und von der Gesellschaft endgültig besiegelt. Inner- halb der aristotelischen Ethik gibt es diese Autarkie nur für den, y,^ Die j^'cKcliichtlichc .Stellung? des Aristoteles iliT am ,iiog i>fO)()i}tix6g Anteil hat, und auch für ihn nur bedingt. Aber gerade in d<'r verstärkten Empfindung der Abhängigkeit des menschUchen Lebens von äußeren Umständen und von der xi'xri spricht sich die Sehnsucht nach innerer Freiheit und das (iefUhl von der sitthchcn Würde der Persönlichkeit aus, das für die ganze Zeit charakteristisch ist. (1) Dio riiilosophie als universale Wissenschaft. In seiner Philoso})hie ist Aristoteles der zur höchsten Kunst des nu'thodischen Denkens gesteigerte Ausdruck der weltanschau- lichen Problematik seiner Zeit. In seiner einzel wissenschaftlichen Forscherarbeit dagegen ist er mehr, hier wächst er weit über seine Umwelt hinaus. Man kann diese Seite seiner Leistung nur zu leicht in falschem Lichte sehen, wenn man die Maßstäbe moderner Wissenschaft und Tatsachenkenntnis an ihn anlegt, und dies ist immer wieder geschehen, so oft sich die Vertreter der einzelnen Wissenschaftszweige oder die Geschichtsschreiber der positiven Wissenschaften mit ihm beschäftigt haben. Viel- leicht ist es kein allzu unbescheidener Wunsch, wenn man die Hoffnung ausspricht, daß die Naivität aller solchen Vergleiche heute auch dem nicht durch geschichtliches Denken Geschulten klar ist, und wir der Verpflichtung überhoben sind, auf sie ein- zugehen. Wir können nicht nur die Frage der Richtigkeit der einzelnen Forschungsergebnisse des Aristoteles hier ausschalten, sondern auch auf eine genauere Darstellung seiner bahnbrechenden Leistung als Methodenschüpfer verzichten, da es uns nur darum zu tun ist, die Bedeutung seiner Einzelforschung als Symptom der philosophischen Entwicklung zu würdigen. Die Erweiterung der platonischen 'Philosophie' zur univer- salen Wissensciiaft war für Aristoteles ein notwendiger Übergang, der sich aus seiner hohen Bewertung der Erfahrung und aus der gi-undsätzlichen Anlehnung der Spekulation an die sinnliche Wirk- lichkeit ergab. Freilich war sie zeitlich ein allmählicher Prozeß, denn wenn Aristoteles auch von Anfang an eine gelehrte Natur war und unter den abstrakten Piatonikern als der große Leser erschien — dem Wesen nach ist die Anekdote, daß Piaton ihn so genannt habe, jedenfalls lichtig — , so ist doch die geistige Haltung der ersten, transzendenten Periode mit der späteren restlosen Hingabe an die unermeßliche Welt des Tatsäclilichen Der Übergang von der Philosophie zur Wissenschaft 429 nicht verträglich. Von der theoretischen Einsicht in die Not- wendigkeit, die Erfahrung in den Kreis des philosophischen Denkens einzubeziehen, und von der logischen Begründung eines der Er- scheinungswelt sich nähernden Seinsbegriffs bis zur Sammlung und Bearbeitung eines riesenhaften Tatsachenmaterials rein um seiner selbst willen ist es noch ein weiter Weg, und wo wir ge- naueren Einblick in die Entwicklung des Aristoteles haben, sehen wir noch deutlich, wie er Schritt für Schritt in der einmal ein- geschlagenen Richtung weiter gedrängt wird. Dafür hier nur ein Beispiel. Die berühmte Überschau der Entwicklung von Thaies bis Piaton im I. Metaphysikbuch ist in streng philosophischer Ab- sicht gegeben; sie dient der Ableitung der vier Prinzipien, die Aristoteles der Metaphysik zugrundelegt, und verfolgt nicht, wie man oft gemeint hat, einen geschichtlichen, sondern einen syste- matischen Zweck. Sie verhört die Tatsachen in gedrängter Kürze einseitig auf das hin, was Aristoteles aus ihnen herauslesen will. In der späteren Periode hat sich diese Betrachtung zu einer all- gemeinen Geschichte der Wissenschaften erweitert. Sie ist über den ursprünglichen S5'stematischen Zusammenhang weit hinaus- gewachsen und konstituiert sich jetzt als selbständige Wissen- schaft, die einzig von der Rücksicht auf den Stoff beherrscht wird. In dem Falle der Politiensammlung Hegt es anders: hier ist die Tatsachenforschung des großen Verfassungswerkes wenigstens ideell im Verbände der Politik verblieben, zu der, sie ja auch in engerem Verhältnis stand als die Geschichte der Wissenschaften zur Metaphysik. Aber auch in der Politik ist der Fortgang von bloßer gelehrter Belesenheit und grundsätzlicher Beachtung der Erfahrung zu der Aufarbeitung des gesamten Verfassungsmaterials ein gewaltiger Schritt, der über die Grenzen der eigentlichen Philosophie hinausführt. So kann man sich an jedem Einzelbeispiel davon überzeugen, daß bei aller inneren Folgerichtigkeit dieser Entwicklung mit ihr doch eine entscheidungsvolle Umlagerung des Schwergewichts nach der Seite der positiven Forschung vor sich gegangen ist. Der Begriffsphilosoph ist zum wissenschaftlichen Welterklärer universalen Stils geworden. Philosophie ist für ihn jetzt- der Name des ganzen Umkreises der Wissenschaften. Das Wort be- zeichnete, als es aufkam, zunächst jede Art des Studiums, des geistigen Interesses, im engeren Sinne des Suchens nach Wahi->- t.^Q Die Keachichtlicbe Stellung des Aristoteles heit un«l Kikenntnis. Seine feste terminologische Bedeutung enipfiii« es erst durch IMaton, der für seine Art des Erkennens ein Wort i)rau('hte, (his zugleich die Unerreichbarkeit des trans- zendenten P^rkenntniszieles und die Ewigkeit des Strebens nach ilini, den Schwebezustand zwischen ü^ad-ia und aorpia ausdrückte. Aber die festgefügte Einheit und gegenwärtige Totalität alles Wissens hatte es niemals bezeichnet. Ein solcher Gedanke war überhaupt noch in keines Menschen Hirn gekommen. Aristoteles hat ihn nicht in der Weise gefaßt, daß er die organisatorische Zusanuiienfassung aller vorhandenen Wissenschaften in einer Schule durch einen äußerlichen Systematisierungsversuch zu recht- fertigen strebte. Er war kein Enzyklopädist. Dies wird schon durch die Tatsache erwiesen, daß er die älteren selbständigen Kinzelwissenschaften wie Mathematik, Optik, Astronomie, Geo- graphie wohl der Idee nach, aber nicht tatsächlich in seine (pi?,o- ao(fiu aufgenommen hat. Nur die Medizin fand Eingang und eifrige Pflege, weil und soweit sie dem morphologischen Denken des Aristoteles ein fruchtbares Feld der Betätigung bot. Bei jenen Disziphnen war das nicht der Fall, und so wird an den Ausnahmen klar, wie die staunenswerte Totalität der aristoiehschen Wissenschaft aus dem Mittelpunkt seiner Philosophie, dem Form- gedanken selbst, organisch hervorgegangen ist. Er hat ihrem Machtbereich die Grenzen gezogen. Aus einem theoretischen Seinsbegriff wird die Form im Fortgang der Entwicklung des Aristoteles zu einem Werkzeug der angewandten Wissenschaft, zur morphologischen und phänomenologischen Betrachtung aller Dinge. Damit setzt er die Philosophie in Stand, sich der ge- samten Wirklichkeit wissenschaftlich zu bemächtigen. Sie übt jetzt eine Herrschaft über alle Provinzen der Erkenntnis, wie sie sie in solchem Umfange niemals wieder erlangt hat. Aber es muß immer wieder betont werden, daß diese Tatsache in der wissen- schaftsschöpferischen Kraft der Philosophie des Aristoteles be- gi'Undet ist, aus deren Schöße immer neue Wissenschaften wie die biologische, morphologische und physiologische Naturforschung und die biographische und morphologische Kulturwissenschaft ans Licht stiegen. Bloß von der Logik oder von der formalen Systematik aus läßt sich eine solche Stellung der Philosophie innerhalb der Wissenschaft nicht aufrechthalten, am aller- wenigsten durch eine von oben herab diktierte Weltanschauung. Wissenschaft als Kriterium and Grundlage der Philosophie 431 Das Verhältnis von Wissenschaft und Weltanschauung ist in der Philosophie des Aristoteles der problematische Punkt. Es ist ein doppelseitiges, insofern die Wissenschaft auf Prinzipien beruht, deren Begründung der Philosophie und nicht ihr selbst zufällt, anderseits die Philosophie sich auf der Grundlage der wissenschaftlichen Tatsachenerfahrung aufbaut. Mit dieser Auf- fassung von Denken und Erfahrung glaubt Aristoteles die Philo- sophie Piatons zu einer kritischen Wissenschaft zu machen. Denn wenn er auch zwischen Philosophie und Wissenschaft dem Worte nach nicht unterscheidet, so ist doch ein fester Begriff der Wissen- schaftlichkeit der Ausgangspunkt seiner Kritik aller früheren Philosophie. Auch innerhalb seiner eigenen Philosophie erkennt er dem einzelwissenschaftlichen Tatsachenwissen den Vorrang an Wissenschaftlichkeit zu, nicht wegen seiner größeren Exaktheit, die vielmehr dem begrifflichen Denken zukommt, sondern wegen seiner unumstößlichen Tatsächlichkeit: war doch das Problem der realen Existenz des Übersinnlichen die Quelle aller Unsicherheit auf diesem Gebiet. Die geistige Welt des Aristoteles ist von außen gesehen einheitlich, aber sie trägt den bewußten Zwiespalt jenes grundlegenden Gedankens von dem Auseinanderstreben der Philosophie und der Wissenschaft in sich, so sehr er bemüht ist, die Philosophie im engeren und höheren Sinne des Wortes als den notwendigen Abschluß der Wirklichkeitswissenschaft zu be- greifen und beide Sphären einander anzunähern. Die griechische Wissenschaft hatte von der Weltanschauung, als der bewegenden Kraft der Philosophie, von jeher entscheidende Antriebe empfangen, und beide hatten sich in ihrer Entwicklung gegenseitig gefördert. Aber auf dem Gipfel angelangt, fanden sie sich miteinander im Widerstreit. Aristoteles bringt sie von neuem in ein labiles Gleichgewicht. Dieser Augenblick bezeichnet den Höhepunkt der gemeinsamen Wegstrecke ihrer Entwicklung. In der nacharistotelischen Zeit hat sich weder die Philosophie noch die Wissenschaft auf dieser Höhe zu halten vermocht. Die Wissenschaft brauchte weiteren Spielraum, als die Philosophie ihr gewährte. Sie stellte durch ihre Ergebnisse vielfach die Me- thoden und Erklärungsprinzipien in Frage, die sie von ihr über- nommen hatte. Das Weltanschauungsbedürfnis der religionslosen Schicht der Gebildeten lockte anderseits die Philosophie von neuem zu kühnem spekulativem Fluge, und man muß zugeben, daß auch itjQ Die geschichtliche Stellung des Aristoteles sie nur dem Triebe der Selhsterlialtun^ folgte, wenn sie diese Sehnsuclif /u sfillpii suchte. Im Vergleich zu der kritischen lliillimg des Aristoteles erscheint die Stoa und der Epikureismus als Verfall der wissenschaftlichen Philosophie und als Dogmatismus. Man übernahm die logische Technik und bildete gewisse meta- physische Anschauungen inlialtlich weiter, indem man sie mit älteren primitiven Vorstellungen vermischte, oder man erneuerte die VDrsokratische Physik wie Epikur den Demokrit und baute auf dieser (Grundlage ein ethisches Lebensideal auf. Der Schwer- punkt liegt in der Metaphysik und F^thik, eigentliche Forschung wurde überhaupt nicht getrieben. Dieser praktischen Richtung schloß sich nach der dritten Generation auch der Peripatos an, obgleich er in dieser Hinsicht mit Stoikern und Epikureern nicht konkurrieren konnte: die Folge war der traurige Verfall der Schule seit Straton. Dieser große Forscher aber weist deutlich den Weg, den die von Aristoteles eingeleitete Bewegung unter den damaligen Verhältnissen allein nehmen konnte. Die peripatetische Forschung steht zu seiner Zeit bereits in Verbindung mit Alexandrien, wo für die Entwicklung der positiven Wissenschaften ein günstigerer Boden war als in Attika und wo der scharfe Wind der Wirklich- keit wehte. In der alexandrinischen Wissenschaft setzt sich die Spätzeit des Aristoteles geistig fort. Das Band zwischen Wissen- schaft und Philosophie wird endgültig zerschnitten: die technisch unendlich verfeinerte Forschungsweise der ptolemäischen Gelehrten entbehrt des ruhenden geistigen Mittelpunktes, den die aristofe- lische P'.inzelarbeit in der großen spiritualistischen Weltanschauung gehal)t hatte. Aber anderseits sind die bedeutendsten Ent- deckungen der antiken Wissenschaft dieser Trennung zu ver- danken, die für die Forschung eine notw^endige Befreiung be- deutete. Die Medizin und Naturwissenschaft wie die exakte Philologie gehen jetzt ihrer höchsten Blüte entgegen. Sie werden vertreten durch Gestalten wie Aristarch, Aristophanes, Hipparch, Eratosthenes, Archimedes. Vom Standpunkt aristotelischer Philo- sophie und Wissenschaft ist dies alles freilich nur halbierter Geist. Aber Weltanschauungstrieb und Wissenschaftsstrenge haben sich in der Antike nicht wieder zusammengefunden. In ihrer Ver- einigung liegt die späte Klassizität des Aristoteles, wenn auch der Welterklärer und Forscher in ihm bereits den Weltbild- gestalter überwiegt. Loslösung der Wissenschaft. Die aristotelische Objektivität 433 So hoch das Ideal des Aristoteles an sich war, bewunderns- werter noch ist seine Verwirklichung im Geiste eines einzigen Menschen. Sie ist und bleibt ein psychologisches Wunder, in das wir nicht tiefer eindringen können. Das Wort Universahtät kennzeichnet nur die staunenswerte Fähigkeit der Ausdehnung über sämtliche Reiche der Wirklichkeit und die ungeheure Kraft der Stoff auf nähme. Beides war nur einer technisch bewußten Periode erreichbar. Aber das weit Größere liegt in der geistigen Spannweite, die zugleich die Schau der übersinnlichen Wesen- heiten im reinen vovs, die Messerschärfe der begrifflichen Ver- standestätigkeit und die mikroskopische Genauigkeit der sinn- lichen Beobachtung umfaßt. Diese Erscheinung wird uns ver- ständlicher, wenn wir aus dem Verlauf der Entwicklung des Aristoteles erkennen, daß in ihr Originalität und Empfänglichkeit sich gegenseitig ausgleichen, aber auch so bleibt die hochgestei- gerte innere Erlebnisfähigkeit und Hinneigung zum Metaphysischen in dem seelischen Befund einer ausgesprochenen Entdecker- und Beobachternatur etwas Einzigartiges. Eine große Einheithchkeit durchzieht jedoch diese reichgeschichtete Innenwelt msofern, als alle diese Geistesformen in Aristoteles nur soweit zur Entfaltung kommen, wie sie ihm als Organe der objektiven Wirklichkeits- betrachtung dienen. Seinem vovs fehlt die weltumgestaltende Kraft des platonischen, seiner Begriffhchkeit die handfeste prak- tische Wucht des Dogmatismus, seiner Beobachtungsgabe die Wendung zur Technik, zum Erfinderischen: sie vereinigen sich in ihm zu einer einzigen Aufgabe, der Erkenntnis dessen, was ist. Sein ganzes Schöpfertum geht darin auf, immer neue Werk- zeuge in ihren Dienst zu stellen. Die Voraussetzung dieser völligen Hingabe an das Betrachten der Welt ist die in ihren letzten seelischen Untergründen uns nicht zugänghche Objektivität, in die alles getaucht ist, was von Aristoteles ausgegangen ist, und die er an die hellenistische Wissenschaft vererbt hat. Daß sie nicht mit Unpersönlichkeit zu verwechseln, sondern eine überpersönliche geistige Form ist, haben wir früher bemerkt. Sie ist gleich weit entfernt von der künstlerischen Gegenständlichkeit, in die die lebenumformende geistige Leidenschaft Piatons in seinen Werken sich kleidet, wie von der thukydideischen, die sich von dem Leiden eines furcht- baren geschichtlichen Schicksals freimacht, dadurch daß sie es J a ege r: Aristoteles. " ^j^j^ nie t'eschichtlichc Stellung des Aristoteles als nutwj'ruli^reii Ahlauf der Entwicklung betrachtet und in poli- ti.schps Krkennen umsetzt. In l)eiden Attikern ist das Streben zur ()l)jt)ktivitiit die Gegenwirkung einer in beherrschenden Wert- ideen sich konzentrierenden Innerliclikeit, die leidenschafthch am Lel)en teihiinimt. Man sollte bei ihnen besser von Obiektivation als nur von Objektivität sprechen. Bei Aristoteles ist sie etwas l'rimjlres und der Ausdruck einer großen Gelassenheit gegenüber Welt und Leben, die wir in Attika von Solon bis Epikur ver- geblich suchen. Eher finden wir sie bei Hekataios, Herodot, Anaxagoras, Eudoxos und Demokrit, so verschieden diese sonst unter sich sind. In ihnen ist etwas eigentümlich Kontemplatives und Untragisches. Aber Aristoteles hat auch den Welthorizont dos Joniers, von dessen befreiender innerer Weite keiner der tiefsinnigen Attiker etwas ahnt. Daneben hat das Zentrale des attischen Wesens wie auf Herodot auch auf Aristoteles tiefen Einfluß ausgeübt und gibt seiner weltumfassenden laxogla die prinzipienhafte Strenge und Einheitlichkeit. Durch sie ist er geworden, was keinem der jonischen Weltbeschauer gegeben war, der bezwingende Organisator der Wirklichkeit und der Wissen- schaft. Sachliches Verzeichnis Akademie, spätere 12B., noch keine Organisation der Wissenschaft 17, Dialektik 18, sittliche Lehensgemein- schaft 22, Geist der A. im Protrep- tikos 97 Alkibiadesideal 101 Analytisches Denken 394 Anamnesis 49 ä(ieTi'}, eine Symmetrie der Seele 41, die vier platonischen &q. 74, 86, 291, Ursprung der ^ccrdrT^ij- Lehre 42, De- finition der äQ. 252, Hymnus auf d. uQ. 109, hellenisches Prinzip 119, einer der drei ßiot 65, 79, 100, 244, der &£0)Qia untergeordnet 100, 102, 250 ff., Ursprung des Unterschieds der fld'iKlj u. öiavorjTiKi/ dQ. 247, dQ u. EQyov 67 As SOS, Aufenthalt der Platoniker 115, erste Schule des Ar. 116, 177 ff., 194, 196, 268, 303 ff. Astronomie s. Gestirne Ätherhypothese, erste Veröffent- lichung 141, theologische Anwendung 146ff., Motive u. Entwicklung bei Ar. 155, in d. Akademie 315, in d. Epi- nomis 146, tie^utitov oder tiqüiov acj^ia'? 147 Delphi, Ehrendekret Für Ar. 347, ihm wieder aberkannt 341 Entelechie 409ff. Erythrai, Vertrag mit Herraias 112 Erziehung, isokrateisches u. akade- misches Ideal der E. 57, E. zur Klein- arbeit 360, Erziehungsstaat 426 Ethik des frühen Ar. 86, Verh. z. Phi- lebos 88ff., Mittelstellung d. Eud. E. 241 ff., Änderung der Methode 243, Aufbau entwickelt aus d. Protrep- tikos 247, theonom, E. des früheren Ar. 250, Gesinnungsethik, Intellek- tualismus 423, Selbstliebe 256, Ethi- sierung d. Staats 425 Exaktheitsideal io Ethik u. Politik d. jung. Ar. 77, 88 ff., später ver- worfen 242 ff., in d. Metaphysik 363, 376ff. Feuertiere 146ff. Formbegriff 364, 407ff , 430 Gebet im Geiste 163 Geschichte, geschichtliche Selbstauf- fassung 1, G. d. Weisheit 130, ewige Wiederkehr 131, 138, G. d. Wissen- schaften 358, ihr systematischer Ur- sprung 429, Geschichtslosigkeit des Weltbilds 415 Gestirne, Hypothese über Bewegung d. G. 144, Beseelung 145ff., freier Wille 154, astronomischer Einfluß 1 58, SphärenbeAvegertheorie 369 ff., Meta- physik 11. Astronomie 379, Sphäreu- zahl 370 Güterlehre 56, 73, 85, 101, 242, 291 Humanismus 3 Ideen von Ar. vertreten 51, 91 ff., Ter- minologie 92, 177, erste Bekämpfung 126ff., L in Assos 116. 176, I. als Ideale 119, Erörterungen in d. Aka- demie 14, 96, nicht mehr aktuell 182 Inseln der Seligen 74. 98 Intellektualisierung 396ff. Lebensgefühl des jungen Ar. 100 Logik, früher Ursprung 39 ff., Kate- gorien früh 44 ff., Dialektik in den Dialogen 46, analytisches Denken 394, bei Sokrates 98, spätplatonische L. 13 ff., Abstraktheit, Analogieschluß 146, 150, 395 Mantik 166, 251, 356, ftavteia 'Ah- nung' 163 Medizin 359, 430 Metaphysik, ältere Umschreibung 99, im Eudemos 46, im Proteptikos 85, Ursprung des 'ersten Bewegers' 144, theologischer Charakter der ältesten ar. M. 197, 201 ff., zur Substauzlehre erweitert 209, Widersprüche 222 ff, Abneigung der älteren Griechen 73, 168, Sphärenbewegerlehre spät373ff., Kritik durch Theophrast u. Plotin 374 ff , Widersprüche 377. M. u. Hy- pothese 380. kritischer Charakter der ar. M. 403 ff. Methode 13, 24, 73, 86 ff., 186, 205, 242, 273, 278, 30:) ff., 326, 360 ff. fticQov (s. Norm) bei Piaton 41, /*. u. fieaÖTTj^ 42, Problem des Messens in d Ethik 88 .\M\ Verzeichnis zu Aristoteles' Schriften VBlcrien, Sprachanklänge 102, Er- ltl)nisrrliKi<>n 1()4 Mythus rationalistisch gedeutet 139, ;W1. mythisches Denken bei Piaton 4H. .')<». IfC HK), hei Ar. fiO, Mythen im Dialog 4«), (piAouvx>la des Philo- sophen H42 Neiiplatoniker Hl, f»ff. (s. Plotin, Porphyrios, Jamblichos. Proklos) N e u p V t h a g (I r e c r 33 Norm'begriff 77. 86, 94, 251 ff., 301, •JlTff. Okkulte Phänomene 165 Optimismus, metaphys. 46, 101, 420 Organisation der Wissenschaft 17, 346 ff.. 428 ff. Orient in der Akademie 133ff. Paränese, altgriechische umgeformt 56, 73, isokrateische P. 55 Persönlichkeit Piatons 20. 107. 111, des Ar. 341 ff., persönliches Erlebnis 10, 38, 97, 102, 118 (s. Religion) Peripatos. Gründung 332, politische Stellung 333, Schulbetrieb u. Geist 335 ff. Forschungsarbeit 346. Pro- gramm der Kleinforschung 361 ff., Er- örterung des Sphärenproblems 367, 374, 383, Entwicklung nach Ar. 432 Pessimismus 46, lOOff.. 420 Physik, früher Ursprung 311, begriff- licher Charakter 315. Kosmologie früh 157. 316 ff., platonischer Problenige- halt 324. Entwicklungsspuren 144 ff., 155, Bedeutung für die Theologie 143, 324. Benutzung von 27. cpiÄoaoflag in 77. oiQavoi) 317ff., Kausalmecha- nismus u. Teleologie 412, Naturbegriff 75, 93 ffQÖvr^aig 65 ff.. 78. Terminologie 84, Entwicklung d. yp. 82. 249 Politik des frühen Ar. 273, Schichten der Entwicklung 282ff., ethisches Staatsziel 289, 425 ff., realpolitische Einflüsse 302. Methode 305 Präexistenz 49ff. Psychologie 354 (s. Seele) Religion als Erlebnis 162 ff., Ursprung des Gottesglaubens 164, 'Gotteser- kenntnis' 168, Philosophie d. R. 1,59. Gottesbeweis 161, R. u. Metaphysik 403, Astralreligion 140ff. , religions- geschichtliche Wirkung der ar. Philo- sophie 159 Scholastik 2, 394. 404 Seele, Begriff der S. 38 ff., S. eine Sub- stanz 39, 43, ein slöog 43, Entwick- lung bei Ar. 43, Plotin gegen Ente- lechieseele 43 Stoa 153, 159, 166. 399 ff., 432 Systematik 398ff. x£%vri. Nachahmung der Natur 75, Doppelsinn 275, Politik, exakte r. 77 Teleologie 66, 75, 409ff. Theologie (s. Metaphysik, Religion. Gestirne), Ursprung d. hellenistischen Tb. 140ff.. 143, 158, 160. Gottes- erkeuntnis als Problem 168, Atheis- mus 142, Universalismus 170, Theo- nomie s. Ethik &eojQi}ziKbs ßios 62 ff., 81 ff., 97, 98, 419ff. Universalismus 170 Unsterblichkeit 3Sff. 166 We]tanschauung42. 52, 100,402,431 Weltbild des Ar. 414ff. Weltflucht 38, 101. 420 Weltgefühl 168. 414ff. Wissenschaft, neue 68ff.. 71. 90. Fortschritte der W. 97, Wissenschaft u. Weltanschauung 363. 402 ff.. 431, Geschichte d. W. 358, wissenschaft- liche Philosophie 398, 431 Verzeichnis zu Aristoteles' Schriften Altarelegie 107 Dialoge. Entwicklung der Form 24 ff., Wirkung im Altertum 30, platoni- scher Standpunkt 31. Verh. z. d. Lehr- srhriften ,32, Polemik gegen Piaton 35, esoterische y?o>ot 33, 257 ff. Didaskalien 348 iEthica Eudemia. Titel 239. Eudemos nicht Verfasser 248. 'Urethik' 248, Benutzung des Protreptikos 257 ff., Entstehungszeit 268, in der Urpolitik benutzt 297 Ethica Nicomachea, Spätwerk 83, 241 ff., 248, Komposition 247 Eudemos 37 Esoterische Schriften s. Dialoge Personenverzeichnis 437 Hymnus auf Hermias 118 Kategorien 45 MaycKÖg 136 Metaphysica, Textform 171, Produkt innerer Entwicklung 175, Urmeta- physik 175, Zeit 191, Einschub der mittleren Bücher 204, Buch K n. A alt 216, 228, A 8 später Einschub 368 ff. Meteorologica 325 Ntaai A tovvaiay.aC 349 Noftifia 350, 351 HcqI ^(t)Ci)v Ktv^aectig 380 UeqI t,(i>o)v fioQioyv 353 HbqI NeCÄov uvaßdaecüg 354 He^l oi>Qavov, frühe Entstehung 157, 315, II. (piÄoaoq)iag benutzt 317 IIsqI cpiÄoaog)cag Zeit u. Form 126, benutzt in der Eud. Ethik 267, in n. oiQUvov 317 Physica, früher Ursprung 311, Buch H 312, Bearbeitung von Buch B 6 : 383ff., Korrektur des Eudemos 391 UoÄLze la 'Ad-rivaCcov 350 P 0 1 i t i c a, Komposition,BuchumstelIung 275, Programm am Schluß d. Ethik 277, spätere Bearbeitung 278 ff., die Schichten 283, I. Buch 285, Zitate 286, Zeit der ürpolitik 288 ff., Pro- treptikos u. Eud. Ethik benutzt 289, 297 Politien. Zeit 349, in Politik IV— VI benutzt 277 Probleme 352 Protreptikos Form u. Vorbild 53ff., Auszüge des Jamblichos 60 ff. Pythionikenliste 347 I 1 Tiergeschichte 352 Personenverzeicbnis Alexander von Aphrodisias 32 Alexander d. Gr. 121. 339 Alexander von Pherai 37 Anaxagoras 76, 99, 265, 409 Andronikos 3, 404 Apuleius 147 ff. Aristokles von Messana 106 Aristoteles, philosophische Selbstauf- fassung 1, scholastische Auffassung 2, Form der Lehrschriften 4, Aka- demiezeit 9 ff., Verhältnis z. Piaton 10. 106, Verh. z. Eudoxos 15, Dialoge 23, 27, Platoniker in den Dialogen 31, Naturell 34, Maß der Abhängig- keit u. Freiheit gegenüber Piaton in Frühschriften 42 — 45, Eudemos 37— 52, Protreptikos 53 ff., Stilideal 30, Ethik des jüngeren Ar. 88, philoso- phisches u. religiöses Lebensgefühl des jüngeren Ar. 97, 100, Übersied- lung nach Assos 105, Altarelegie i07, Verbindung mit Hermias 112, Schule in Assos 116, Hymnus auf Hermias 118, Ar. in Mytilene UV, am Hof Philipps, seine politische Rolle in Pella 120, Ar. u. Alexander 121, Programmschrift Ilegl (pi?.oao(piag 125, erste öffentliche Kritik Piatons 127, theologische Richtung der Früh- zeit 140ff., Meisterzeit in Athen 331 ff., politische Stellung 334, die Schule 335 ff., ausschließlich Lehrer 337, spä- teres Verh. z. Alexander 339, mensch- liche Persönlichkeit u. Umgebung 341, Porträt 343, Testament 343, Pro- gramm der Tatsachenforschung 361 —363, geschichtl. Stellung 393 ff. Aristoxenos 106. 169 Augustinus 31, 404 Boethius 31, 65 Cicero 27, 29, 99. 140, 142ff., 265ff. u.ö. Demetrios von Phaleron 334 Demochares 335 Demokritos 76. 412 Demosthenes 120, 334 ff., 426 Didymos 112, 115 Diogenes Laertios 33, 137 Diokles von Karystos 16 Dion 37 Epikrates 16, 18 Epikuros 76, 399, 432 Erastos von Skepsis 112 ff, Eudemos von Cypern 37 Eudemos von Rhodos 238, 391 Eudoxos 15, 16, 133, 138, 139, 158, 367 ff., 406 Herakleitos 76 Herakleides Pontikos 99 Hermias 112 ff. Herraippos 137 Hermodoros 134, 135 VAS Porsonen Verzeichnis lamblichos »iOff. passim bokratcB 63, ööf!. KdIlippoH der Astronom 36(3 ff. Kallisthencs IIH, IIÜ KIcantiies I;')H. HIB Koriskos 112«.. 2(i8 Krates der Kyniker MO Lucretius 76 Neleus 116 Nikanor H41 llfQt xdafiov 76 I'Iiilippos von Makedonien 120ff., 123 IMiiIippos von Opus 146 ff, 154, 168 l'liilistion 16 l'hiion 141, 148f!. l'l.'iton. späte Dialoge 13, philoso- phische Pereiinlichkeit 20. Forment- wicklunp u. Philosophie 24, Verhält- nis des Ar. za PI. 10, 20, 27, 31ff , 107 ff.. 138. Nachfolger 111. Echtheit des VI. Briefs 1 12, öffentlich kritisiert erst in 77. (piÄoaocplug 127, als Pieli- gionsstifter Zarathustra gleichgesetzt 140, ünechtheit des gr. AlkibiadSs 160, und passim Piinius d. Ä. 133ff. Plotin 43, 376 Plutarchos 33, 51 Porphyrios 62 Poseidonios 77, 148, 151, 166 Proklos 33, 51, 64 Pythagoras 99 Seneca 77 Sextus Empiricus 145. 400 Sokrates 12, 14, 98, 416 ff. Speusippos 18 ötrabon 117 Themison von Cypern 53 ff. Themistios 48 Theophrastos 116, 874, 381 Theopompos 114, 136 Xenokrates 15, 112 Xenophon 75 Zarathustra 133 Druckversehen S. 320 Z. 11 von unten lies: sondern der Himmel Qedrnckt bei Hubert & Co. G. m. b. U. Göttingei'. \ SlNDINGSECT. JAN 15 1975 PLEASE DO NOT REMOVE CARDS OR SLIPS FROM THIS POCKET UNIVERSITY OF TORONTO LIBRARY B Jaeger, Werner V/ilhelm 4^5 Aristoteles