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Entweder nam- Uch ist die biblische Einleitong zu betrachten als ein Glied in dem Ge> sammtorganismus der Wissenschaften, d. h. als ein besonderer Abschnitt aos der allgemeinen literaturgeschichte (Geschichte der hebrSischen Nationalliteratur, Geschichte der christlichenliteratordes apostolischen Zeitalters), oder aber sie wird aufgefasst als Glied des Organismus der theologischen Wissenschaften , sie wird in eine bestimmte Beziehung za den andem theologischen Disciplinen gesetzt. Ich war durch meine dogmengeschichtliche Arbeit »Eanon und Tradition « veranlasst, die Sache zunachst von der letzteren Seite aufzu* fassen, und bin heute noch der Ansicht, dass im Ganzen einer theolo- giKhen Encyklopadie nur der Begriff des Eanonischen es ist, durch dessen Anwendung als Maassstab gerade diese, sonst doch iaunerhin aemlich wiUkurlich erscheinenden , Grenzbestimmungen gewonnen werden konnen, innerhalb welcher die sogenannte biblische Einleitung herkommlicher Weise das Gebiet ihrer Arbeit findet. Unter diesem Ge» Digitized by VjOOQ IC yin Vorwort. sichtspnnkte fasste ich daher die Disciplin in der oben erwRhnten Ab- handlong in's Auge. Auch Riehm erkennt an, dass eine solche Betrachtungsweiae neben der aDderen ihre Berechtigaiig babe; nnr glaube icb mit dem srichtigen Gefuhl«, von dem in dieser Beziebung meine friiheren Auf- Btellungen allerdings eingegeben gewesen sein sollen , mich nicbt gans zufrieden geben zu konnen^ da die Sache vielmebr dem Gebiete des klaren Bewusstseins angebdrt Icb meinestheils babe von dem Cbarak- ter der Tbeologie als einer Wissenscbaft bis zur Stunde keine andere Ansicbt zu gewinnen vermocbt, als die Scbleiermacber'scbe^ wor- nacb eine Eeibe von Disciplinen^ die der Sacbe nacb in das Gebiet der Gescbicbte^ der Pbilosopbie und der Pbilologie geboren , von dem bios praktiscben Gesicbtspunkte der Kircbenleitung aus in eixje, jeder dieser Disciplinen an sicb fremde. Association versetzt wurde. Ganz dasselbe rein praktiscbe Interesse^ welcbes solcber Gestalt als zusammenbaltende Klammer fur die sonst mannigfacb divergirenden Bescb&ftigungen der D tbeologiscben Facultata im AUgemeinen dient, kommt meines Bedun- kens nur aucb im einzelnen Falle wieder zum Vorscbein, wenn, wie bier, ein, auf bistoriscbemWege zu erklarender, dogmatiscber Begriff es ist, welcber die verscbiedenartigen Stoffe der bibliscben Einleitungs- wissenscbaft zu einer einbeitliclien Disciplin verbunden bat (vgl. aucb S. 9 f. 13 f. der Hupfeld'scben Abbandlung). Gerade so lange nam- licb eine »Kircbea besteben wird, so lange wird aucb jene eigentbum* licbe Association verscbiedenartiger Facber in einer » tbeologiscben a Wissenscbaft besteben, und so lange wird binwiederum aucb in jeder einzelnen Disciplin dieses allgemeine Verbaltniss gleicbsam im Minia- turbilde sicb abspiegeln. Mir scbeinen daber diese Gegensatze alle ge- nau aneinanderzubangen : ein bestimmtes kircblicbes Lebensgebiet einerseits, allgemeine Ausgleicbung des religiosen und sittlicben Factors in dem menscbbeitlicben Gesellscbaftsleben andererseits ; femer tbeo- logiscbe Wissenscbaft einerseits, eine Reibe von gescbicbtlicben, pbilo- logiscben, pbilosopbiscben (wissenscbaftlicb organisirte Pbanomenolo- gie des religiosen Geistes) Disciplinen andererseits; endlicb aucb bibli- scbe Einleitungsdisciplin, durcb den Begriff des Eanoniscben ausser- licb abgegrenzt, einerseits, Literaturgescbicbte des Volkes Israel oder des Urcbristentbums andererseits. Sobald aber der Zusammenbang die- ser Gegensatze klar erkannt wird, ist der gegenwartige Krieg zwiscben den beiden Auffassungsweisen unserer Disciplin beendigt, und wie icb selbst, wenn man mir die sacblicbe Berecbtigung meiner Begrundung Digitized by VjOOQ IC Vorwort. IX der Disciplin zogibt^ es schon geschehen lasse^ dass das zu Gebot Btebende Material mit der Zeit unter einen mehr absoluten Gesich^ punkt gebracht wird^ kraft dessen es als natorwuchsiger Zweig am groesen Baome der allgemeinen literarhistorischen Wissenschaften er- sckeint : so mrd, wenn die Gegensatze sick in der Tkat yerkalten soil- ten^ wie gezeigt wtirde^ z. B. Biekm^ wiewokl er S. 393 Dem ganz bei- stimint, was Hupfeld gegen meine Auffassung sagt^ vielleickt dock gerade dieser letzteren eine weiter gekende Berecktigung zuzugesteken geneigt sein^ tind es wird unser Streit kinter neu aufgegacgeiien^ weiter reickenden Gesicktspunkten zurtLcktreten. Denn die Definition der bibliscken Einleitung dakin stellen, dass diese zur oliterargesckicktli- cken Ckarakteristik der Bibel als der Beurkundung der gottlicken Of- fenbamng« wird^ wie Biekm tkut (S. 394)^ indem er sogar die Anf- nakme eines nenen Stoffes in unsere Disciplin bestimmt fordert^ nam^ lick eben des sNackweises des Verkaltnisses ^ in welckem die einzelnen Sckriften^ und sie alle zusammengenommen^ zu der Offenbarung 8teken« : das keisst dock wokl die ganzeSacke am entsckiedensten unter einen bestimmt tkeologiscken Gesicktspunkt stellen^ wie auck Haver- nick^ der meiiies Wissens zuerst (£inl. I^ S. 3) etwas Derartiges be- kanptet kat, keinen Anstand nimmt, anzuerkennen , dass Dogmatik die Basis der Einleitung sei. Dock glaube ick meinerseits an die weitere Moglickkeit^ das ganze Gebiet als tkeologiscke Domane zu cultiviren, auck wenn man von solcker »Aufnakme des neuen Stoffes « Umgang nimmt. Denn die Einleitung kat mit einem dogmatiscken Capitel weder zu beginnen^ nock zu sckliessen; damit gebe ick gem zu^ was Hup- feld S. 26 ff. gegen meine frukern Aufstellungen geltend gemackt kat. Nickt nur die Eintkeilung der allgemeinen Einleitung kann principiel- ler disponirt werden^ als dort Von mir gesckeken ist^ sondern es muss sammt allem »Eibaulicken« namentlick auck alle und jede dogmatiscke Bespreckung aus der Disciplin ausgescklossen werden. Nur darin allein bestekt die tkeologiscke Etiquette^ die an der bibliscken Einleitungs- wissensckaft kaftet^ dass derselbe dogmatiscke Begriff Veranlassung zu ikrer Entstekung gegeben kat^ der andererseits wieder in erster Linie durck den Befund ikrer Besultate betroffen werden wird. Dass das^ un- sere Disciplin aufreckt erkaltende, Interesse gerade auf diese Auswakl urckristlicker Sckriften^ wie sie zwiscken dem ersten und letzten Buck- staben des N. T. stekt^ sick concentrirt kat^ das ist nun einmal sckleck- terdings nickt okne Herbeiziekung des Begriffs der Kanonicitat begreif- lick zu macken. Damit aber^ dass die dogmatiscke Tendenz beacktet Digitized by VjOOQ IC X Vorwort. wird« die aus dtm grossea Umfkng altkirchliclier Literator gerade nur dieBe, spater ak kanonisch gekennzeichnete^ Fartie herausgreift, ist Ja noch lange nicht die Einleitung lur »Magd der Dogmalik« gemacht worden , und scliwerlich darf man als dcr meinigen entgegenstebende Thesis die andere hinstellen : die Einleitung musae vieltnehr der Dog* jnatik »in die Hande arbeiten « (Biehm^ S. 395), da ja gerade ein Bolcher Auadruck es ist, in dejn adibst die Baur'sche Auffasaung der Sache mit der Kiehtn'schen sich susammenfindet, wofem der LeUtere namlich nichts einzuwenden findei gc^n die Baur'sche Formel: »Die Frage, lun welche es sich handelt, ist nicht die dogmatische^ wie viel wir ge- winnen oder verlieren, je nachdem das Urtheil fiber den Ursprung und die Verfiasser dieser Bucher so oder anders lautet, sondern nur die rein geschichtlichej mit welchem Recht bei der ursprfinglichen Fixirung des Kanons die 2u ihr gehorenden Bucher als apostolische in ihr aufge- nommen worden sinda (Theol. Jahrbucher^ 1851^ S. 307). Nachdem soFriede zwischen den beiden^ an sich moglichen. Be* trachtungsweisen der Sache hergestellt ist, bedarf es nur eines Winkes, um verstehen zu lernen^ wesshalb in der Kegel alttestamentliche Theo- logen es sind^ welche die Einleitung kurzweg als Literaturgeschichte, neutestamentliche hingegen^ welche sie als Kritik der kanonischen Bdoher auffassen. Die hebraische Lit^^tur fallt eben mit der alttesta- mentlich kanonischen unmittelbar zusammen^ wahrend Entsprechendes von der Literatur des apostolischen Zeitalters in ihrem Verhftltniss zu der Auswahl, die im neutestamentlichen Kanon steht, bekanntlich nicht gesagt werden darf. Im N. T. kann jedenfalls nur der herkommliche B^riff des Kanonischen eine einigermassen deutliche Demarcationslinie Ziehen helfen und unsere Isagogik abhalten, Dimensionen anzunehmen, die das Maass einer gesonderten DiscifAin nach alien Seiten uberragen. Aber selbst im A. T. macht sich Aehnliches geltend, und nur praktische Grunde konnen auch nach Riehm (S. 392) dazu fuhren, die Apokry- phen, die Fseudepigraphen, ja den Philo und Josephus auszuschliessen. So lange ich daher fiber Einleitung in das Neue Testament zu lesen haben werde> wird es mir schwerlich je rathsam erscheinen, von einem andern, als von dem gekennzeichneten Begriflfe der Disciplin auszu- gehen. Denn so gewiss die entgegenstehende Definition eine leichtere Handhabe darbietet, um unsern Stoflf in d^i Gesammtorganismus aller Wissenschaften einzureihen^ so habe ich doch andererseits — und darin steht es mit meinen Herren Opponenten gerade ebenso — zunachst die Einleitung als ein theologisches Collegium zu behandeln und in dersel- Digitized by VjOOQ IC VorwoTt. XI ben denjemgen UmCang von Stoff zn verarbeiton, dessen man herkomm- licher Weise in dieten Stund^i glaabt Herr werden zu konnen. So sicher ich, um nur Weniges bervorzuheben^ meiner Definition zufolge ver- fahie, wenn ich auf eine Darstellung der spatern^ kritisch niebt mebr bedeuUamen^ Uebersetzungen und auch auf eine ausfubrliche Gescbicbte der Ausl^ung Verzicht leiste^ so viele Bedenken wtlrde mir dieses Ver- Baumniss erregen unter ZugrundeleguDg der andern. Endlicb muss icb wiederbolen^ dass mir die Zeit noch lange nicbt gekommen zu sein Bcheintj wo alle neutestamentlicben Schriften mit einer gewissen Sicher* belt rangirt^ und ihnen die Stellen , die sie im gescbicbtlicben Process eingenommen haben^ endgultig angeiviesen werden kdnnen. Es soUte mir lieb sein , wenn in dieser Beziehung auch durch vorliegenden Bei- trag zur speciellen Einleitung ein entschiedener Schritt vorwarts ge- sdiehen ware. Was nun diese meine Arbeit uber die Synoptiker betrifft, so bin ich mir vielfacher UnvoUkommenheiten derselben wohl bewusst. Die Besulute yertragen namentlich eine noch viel scbarfere Ausbildung nach der Seite der sogenannten niederen Kritik^ indem gerade der Text des maassgebenden (zweiten) Evangeliums auch in den Lachmann'- scben und Tischendorfschen Ausgaben noch hier und da bedeuten- deren Schwankungen ausgesetzt ist^ bei deren Beseitigung auch die ge- sicherten Erkenntnisse uber das AbhaDgigkeitsverhaitniss der Evange- lien mehr als einmal den Ausschlag geben kdnnen. Wenn diese Seite an der Sache hier weniger in Betracht gezogen wurde^ so ist doch auf Lesearten in alien den Fallen Bedacht genommen worden^ wo von dem Ansfall der Textkritik auch die Besultate der historischen Kritik we- sentlicb beruhrt werden mussen. Solcher Falle gibt es aber nicht gerade viele^ und namentlich unter unseren Yoraussetzungen konnten selbst die^ von den parallelen Texten am weitesten abweichenden , Varianten, die Hitzig im d Johannes Marcus a S. 17 ff. vorgeschlagen hat^ sammt- lich im zweiten Evangelium ursprunglich gestanden haben , ohne dass dadurch die hier aufgestellten Thesen uber das Verhaltniss des Marcus zu den beiden Seitenreferenten irgendwelche Modification erlitte. Wenn derselbe Kritiker^ um den Wortlaut des altesten Evangeliums zu bestim- men^ auch zur Conjectur greift^ so war fur unseren Zweck^ auch ohne diesen Weg zu betreten , fast Alles zu erreichen. Dagegen kOnnen wir uns selbst die ktlhne, den Sinn wesentlich umgestaltende, Vermuthung, WOTnach Hi tzig Mr. 9^ 12 anona^iatocvai liest (vgl. sMonatsschrift des wissenschaftlichen Vereins in Zurich^* J 856, S. 64) aneignen, ohne dass Digitized by VjOOQ IC XII Vorwort. wir -von dem S. 88 uber diese Stelle Gesagten etwas zuruckzunehmen hatten. Vielmehr gewinnt die Rede Jesu^ wie sie dort aus Matthaus and Marcus zusammengestellt wurde^ so erst eine noch abgerundetere und durchsichtigere Gestalt, und ihre Ursprunglichkeit ist urn so mehr er- wiesen. Die Abschreiber aber und der erste Evangelist haben aus Miss- verstand des hebndscfaen Ausdrucks (Subject mit Particip als Vorder- satz) diesen mannigfach' gedreht und gewendet, ohne etwas Klares und Verst&ndliches an seine Stelle zu bringen. Mit Berucksichtigung der angedeuteten Conjectur namlich wurde Jesus geradezu sagen: nWenn, wie ihr meint, Elias zuerst Alles restauriren soil, mit welchem Fug und Recht konnte dann vom Messias geschrieben stehen ,\ dass er leiden musse ? Elias aber ist allerdings schon gekommen (Dies die Antwort auf die Frage Mr. 9, 11), nur ist er, weit entfernt, Alles zu restauriren, viel- mehr verkannt und getodtet worden : auch darin aber ist er gerade der Vorlaufer des Messias, der gleichfalls erst sterben muss (Dies die Ant- wort auf die Frage Mr. 9, 1 0), wie ja auch von ihm geschrieben steht. « Es bleibt mir jetzt nur noch tlbrig, verschiedener literarischer Er- scheinungen Erwahnung zu thun, die in dem vorliegenden Werke, des- sen Druck schon im Februar 1862 begonnen wurde, nicht mehr Beruck- sichtigung finden konnten. Dahin gehort vor AUem eine Kundgebung Hilgenf eld's, der mein S. 43 ausgesprochenes Lob, auch hier der Letzte auf dem Platze geblieben zu sein , durch seine neueste Entgeg- nung gerechtfertigt hat, die in der Schrift »Der Kanon und die Kritik des Neuen Testaments, a 1863, S. 210. 213 zu lesenist. Die Antwort auf seine Einwurfe ist im vorliegenden Buche selbst an mehr als einer Stelle gegeben. Zu den S. 41 verzeichneten Anhangern der Marcushy- pothese ware zu meiner Freude ausser dem mir zu spat bekannt gewor' denen Schriftchen von C. Ferd. Ranke'(De libris historicis Novi Te- stamenti, 1855) auch Herr Pfarrer C. Wittichen zu z^hlen, der in seinen »Bemerkungen uber die Tendenz und den Lehrgehalt der synop- tischen Reden Jesu« (JahrbUcher fur deutscheTheologie, 1862, S. 3l4ff.) mancherlei ziemlich kuhne Grifie gewagt hat, deren Beurtheilung ich mir noch-vorbehalte, da sie nicht unmittelbar in die hier vorliegende Aufgabe, die Bahn fur eine historische Forschung mit den Mitteln der Kritik, zu ofihen, einschlagen. Ausserdem hat soeben der Gymnasial- lehrer Hermann Jacoby in Landsberg a. d. W. Dvier Beitrage zum Verstandniss der Reden des Herm im Evangelium des Lucas a (Nord- hausen, 1863) veroffentUcht. Auch hier durfte sich Manches modifici- ren lessen in Folge der allseitiger in's Auge zu fassenden Stellung des Digitized by VjOOQ IC Vorwort. Xin Lucas zu den andem Synoptikern. Dass die Gleichnisse dieses Evange- liaten sich weniger im Gebiet des naturlichen , als des geschichtlichen Lebens bewegen , ist richtig. . Daraus aber zu entnebmen^ dass d Lucas nicht der stille, sinnige Geist ist, der in die wunderbaren, geheimniss- YoUen Vorgange des Naturlebens sich versenkt, a dass vielmehr nder scharf beobachtende Blick des Historikers, der praktischeVerstanda etc. SOS seinen Gleichnissen rede — das heisst viel zu vorscbnell verfahreurf AUes erkl&rt sich vielmehr einfach aus dem S. 140 f. uber des Lucas Verhaltniss zur Eedesammlung und S. 458 ff. uber den Gesichtskreis des in der Bedesammlung Sprechenden Bemerkten. Dieser Letztere ist eben Beides, der nSeelenforschera und der » Gemuthskundige, a wie auch der » sinnige Naturforscher, « welche Auszeichnungen Jacoby (S. 22) auf Lucas und Matth&us vertheilt. In der Abhandlung tlber die Bergpredigt ist der Verfasser zu Anfang noch auf der richtigen Fahrte, in- dem er in der Form des Lucas Spuren socialer Kampfe entdeckt, wahrend Matthaus sich ganz auf das Innenleben zuruckzieht (S. 1 2). Anstatt aber davon Veranlassung zu nehmen, in der kurzen Bede des Lucas eine grdssere Ursprunglichkeit zu vermuthen, lasst er sich durch die Be- ziehungen der matthaischen Bede auf judische Verhaltnisse verleiten, die offenbare Composition far das Geschichtliche zu halten (S. 19). Das S. 174 f. 481 f. dieses Werkes Gesagte diene gegen derartige Verirrun- gen einer, beim Einzelnen stehen bleibenden und in willkurlichen Ex- perimenten sich verfangenden, Untersuchung zur Abhulfe. Erfreulich war es, dass auch R^ville in seiner von der Haager GreseUschaft zur Vertheidigung des Christenthums gekronten Schrift (ifetudes critiques sur T^vangile selon St. Matthieu, 1862) sich denS. 250 verzeicbneten Vertheidigern der » Bedesammlung a angeschlossen hat. Auch er halt das erste kanonische Evangelium fur eine Combination die- ser Quelle mit dem ersten Marcus. Seine Hypothese leidet aber wesent- lich an dem TTebelstand, zu ausschliesslich auf der Untersuchung jenes einen^ ersten Evangeliums erbaut zu sein und das Verhaltniss der uber Marcus hinausgehenden Bedestoffe des Matthaus zu den gleichen Par- tien des Lucas zu wenig in Betracht gezogen zu haben. Es passt auf sie genau das S. 128 ff. gegen To bier u. A. Bemerkte. Je weniger aber Hilgenfeld mit dieser Arbeit zufrieden ist (Kanon und Kritik^ S. 213 ff.)^ desto zuversichtlicher stutzt er sich auf eine gleichzeitige literarische Erscheinung^ die sich den S. 250 f. genannten Gegnem der •Spruchsammlunga anschliesst^ auf Anger's Batio^ qua loci Veteris Testamenti in evangelio Matthaei laudantur> quid valeat ad illustran- Digitized by VjOOQ IC xrv Vorwort. dom huju8 evangelii originem^ quaeritur^ 1861 und 1862. »Jeder kann nun sehen — raft er au» — yrie es mit der Marcus-Hy- pothese^ in welcher sich der Widerspruch gegen die neuere Kritik hanptsachlich vereinigt hat, wirklioh be- stellt ist. « — Ich meinerseits nehme mir die Freiheit, dieses Wort, seines ironischen Sinnes entkleidet, an die Spitze der nachf zweifelhaften Werth besitzenden, Uebung des Scharfsinns, kein weiterer Gewinn da«" yonzutragen wftre. Und doch rind wir tiberzeugt, dass nur auf dem hiet beecbrittenen Wege es mdglich sein wird , uber die gescbiobtlkhen An^ fange des Christen thams eine Auseinandet^etzung berbeizufuhren , die nicbt mehr so unvermeidlich, wie dies seit dem Straw ss'schen Werk gewohnUch der Fall war, gleich beim ersten Schritt auf Discussionen tllgemeineren Inbalts und auf ein Grebiet fubren muss, das der Ver- standigung uber den gescbichtlichen Gegenstand als solcben fast un- mbersteiglicbe Schwierigkeiten entgegenstellt. Fur uns nlimlich handelt es sich bier einfacb um die Frage, ob es dermalen nocb mdglich sei, die geschicbtliche Gestalt Bessen, kvX den das Cbristenthum nicbt bios seinen Namen und Bestand zuruck- iukrt, sondem dessen Person es aucb zum Mittelpunkt seiner eigen*- tkumlichen religidsen Weltanschauung gemacht hat, in einer Weise nacbzuzeichnen , die alien gerechten Anspr^ehen der fort^eschrittenen historisch-kritischen Wissenschaften genugt; ob es mdglich sein werde. Das, was der Stifter unserer Religion an sich war, also das Schte und naturgetreue Bild seines Wesens, herauszustellen unter Anwendung der allein legUimen Mittel einer gewissenhaften, bistorischen Kritik -* oder ob wir ein fur allemal auf die Erreichung eines derardgen Zieles zu ver- nchten haben. Diese Frage ist es, deren Beantwortung heuteutage mehr als je eine unausweichliche Vorarbeit bildet for jeden Versuch, eine aufrichtige und ehrliche Verstandigung auf religidsem Gebiet zu vermitteln. Fur die grosse Menge freilich ist die Frage schon beantwortet. Xhut ja aof der ein en Seite die harmlose Erbaulichkeit immer noch, als ware nichts geschehen, und fkhrt fort, das schon fertige, v maoht hab^iu Dazu komint^ dass Strauss selbst sich in jener 5ffent- ]kh/en Bede auf die wTubinger Schule« berufen hat, der^i eindringende kritiscbe Thatigkeit mehr als genug geleistet habe, um die Voraussetsim- gen seines oLebensJesua so rechtfertigen^ Endlich hat ein Aufsatz inSy- bel's »historischer Zeitschrifta ' es untetnommen^ die Besultate dieser^ gar Yielen bisher nur dem Namen nach b^Lannten, Tubinger Schnle gleiehfalls fur weitere^ nicht theologische Kreise zug&nglich zu machen. Es darf nun in diesein Augenblicke die gedachte Schule wohl als abgeschlosaen betrachtet werden. Zwar hat die, unter Hilgenfeld's Leitung erscheinende, ))Zeitschiift fur wissenschaftliche Theologiec Bchon seit mehreren Jahren nicht bk>s das Erbe der eingegangenen »Theologischen Jahrb6cher« ange^eten^ sondern dasselbe seither auch 1) Grenzboten, 1860, 8. 393. — 2) Ygl. meine Bemerkungen in Schenkera vAngemeiner kirchlicher Zeitsehriftft, 1861, 8. 65 ff. — 3} 1660, 3, 8. 00—173: iiDie INlbiiiger historisohe 8ohuiaf • Digitized by VjOOQ IC Blttleitung. ^ in beaclitendwertlieir Weise vermehrt. Doch abef ist der Charaktcr dte- •er neaen Utiternelmmtig, wie schon das Verzeichniss der Mitarbeiter undmanclie Einzelleistung zeigt, ein von dem frtiheren Standpunkte abweichender^ wenigstens ein allseitigerer. TJeberdies ist am 2. De- cember I860 das Haupt der oTubinger Schulea, de^bernhmte Professor von Banr nach einem, fur die Wissenschaft ungemein bedeutungs- vollen, Leben mit Tod abgegangen, so dass die zweite Auflage seines Baches uber adas Christenthmn der drei ersten Jafarhunderte a, die zweite • Aaflage seiner Broschure uber i>die Tubinger Schule« und sein Aufsats fiber den T>Menschensohn«* den Abschluss seiner fiberaus vielseitigen Thatigkeit darstellen. Strauss stellt das Verhaltniss seiner Leistungen zu denen seines grossen Lehrers bekanntlich so dar, dass er* in denWerken desLetz^ teren in Shnlicher "Weise die wissenschaftliche Weiterfahrung und »Ueberwindung« seines oLebens Jesu« erblickt, wiezuvor Feuerbach in Bezug auf die Strauss 'scbe Glaubenslehre »das T^pfchen auf das I gesetzt hatte «. "Wenn Strauss vor ffinf und zwanzig Jahren den gesammten Inhalt des Lebens Jesu glaubte auf die sagenbildende Hian- tasie der urchristlicben Gemeinde zutdekftlhren zu k5nnen> so habe seither — das ist sein Gedanke — BaUt fer^wiesen, dass diese, vielleioht etwas ibertriebene, Zumuthung, die man an die poetischeZeugungskraft einer grOsseren Gemeinschaft stellte^ gar nicbt erhoben zu werden braache, indem man die evangelischen Quellenschriften in noch viel entsprechenderer Weise aus der absichtlichen literai'iidchen Thatigkeit gewisser urchristlidhen Parteien zu erklSren vermoge, welche die Ge- schichte in Dienst nahmen. Sonach beliefe sich denn der Fortschritt, der zwischen Strauss und Baur statt hat^ so ziemlich auf das Maass desjenigen allgemeinen geistigen Bildungszuwachses, der etwa in der Geschichte der Liteiatur zwischen der Fabel^ als einer Anfiingsstufe^ and dem Roman ^ als einer voUendeteren dichterischen Gestalt, in der Mitte liegt. Wir unsererseits sind nun allerdings nicht der Meinung^ dass ein solcher » Fortschritt*, angewandt auf die evangelische Geschichte, ge- eignet w&re, der im Allgemeinen noch herrschenden Bathlosigkeit zu tteaem. Fur den unbefangenen geschichtlichen Blick stellt sich je linger, jc mehr die geschraubte Absichtlichkeit, die von Tfibinger Seite 5fter8 aach in der beiiaufigsten Notiz erkannt werden soUte, unter den- selben Gresichtspunkt, wie die eintonigen, von Strauss beglaubigten, Orakel jener m&hrchenspinnenden, sagenhaften Sibylle, die den leben* digst gefarbten , individuellsten Erinnerungen, welche sich von einer 1) ZtUsehiift for wiMenaehaftUche Theologie, 1860, S. 274 ft. I* Digitized by CjOOQIC 4 EixikitiuDg* uxxerfindbaren Persdnlicbkeit erbalten hatte,n« ywxpftaxtig das Blut auB den Adern zieht^ iim dann die ausgeaogeueu verbleichten Schattenbilder Stuck fur Stuck in das Todtenreicb dee abstracten Gedankevs zu ver- weisen. Nichtsdestoweniger scblagen wir den Theil Wahrbeit, der auch im Irrtbiun verborgen zu sein pflegt^ binsicbtlicfa der sogenannten ttXabinger Kritika docb unvergleichlicb boher an^ ak bezuglich der Strauss'schen Mytben^ die fast uberall, wo sie Baum finden konoen * oder mussen^ bereits vorher von Scbleiermacber^ De Wette u. A. in mebr oder weniger zutreffender Weise nacbgewiesen waren. Dage- gen bat die Tubinger Kritik in Bezug auf die dogmatiscbe Eigentbum- licbkeit der Evangelien Resultate angebabnt^ die z. B. bezuglicb dee Mattbaus und Lucas nur einer Abstreifung des aUzu Doctrinaren und Tendenziosen bedurften^ um zu ricbtigeren Erkenntnissen in Bezug auf die Entstebung dieser Werke Veranlassung zu geben, Nocb mebr soUte jetzt, wo die Akten des langen Streites fast gescblossen sind, aner kannt werden, dass aucb derBUck fOr das Gescbicbtlicbe amLeben und ail der Fersonlicbkeit Jesu in der Tubinger Scbule sicb mebr und mebr ge cbarft und zuletzt zu Wabrnebmungen gefubrt bat^ die fur deu bedeutungsvollsten Funkt in der bistoriscben Tbeologie yon der gross- ten Wicbtigkeit sind ^ zumal da dieselben auf Strauss'scbem Stand- punkte rein unmOglicb waren* Aucb der Anonymus der Sybel'scben Zeitscbrift weist nacb^ dass Strauss freilicb nur zvl sageu gewusst babe, was die bistoriscbe Person Jesu nicbt gewesenist^ dass aber, was sie wirklicb gewesen sein muss, erst auf Grundlagc der Baur'- scben Resultate erkannt werden konne. SoUen wir aber den Grund nambaft macben, der beiStrauas wirksam war, ibm eine wirklicbe Er- kenntniss der » urcbristlicben Tbatsache « als Tbatsache zu verscbliessen, w^rend seine Tubinger Freimde zu einer, obne alle Frage geschicbts massigeren, Beurtbeilung der Sacbe fortscbreiten konnten, so liegt der* selbe nabe genug. Es war zuerst der nsacbsiscbe Anonymusa, der gegen alle, ihm voraufigegangenen Bearbeitungen des Lebens Jesu den Vorwurf erbob» dass sie es untemebmen wollten, eine Kritik der evangeliscben Grescbicbte zu geben , ebe sie eine Kritik der evangeliscben Quellen unternommen und es darin zu einigermaassen baltbaren Resultaten ge- bracbt batten,* Seither ist es eine gemeine B«de geworden, die das besagte Urtbeil in erster Linie auf das Bucb von Strauss angewandt bat; und er selbst bat in seinem genannten Frogramm dieser B«de eigentlicb Becbt gegeben. Mit der Ab^cbt, den wesentlicben Ms^gel 1) Die Evangelien, ihr QeiBt, ihre V erf aaser and ihr Verhflltniss zu einftnder, 8. 3 ff. Digitized by VjOOQ IC Elnleitung'. 5 eines solcheii Unterbauear zu ergSnzen, machteii slch dann Baur, KSst- lin, Ritschl u. A. an die XJntersuchung jener Quellen; und siehe da, vermdge einer schrittweise sicli vollzielieiiden Annaherung an deut- lichere. Vorstellnngen von der Entstehung unserer Evangelien stellte sich aach immer unabweisbarer das Bewusstsein da von ein , dass schoi um ihrer, in immer fruhere Zeiten aufgeruckten , Entstehung, noch mehr um der noch so individuell und lebensgetreu gczeichneten Umrisse wiDeD, in denen sich die Ereignisse selbst spiegeln,- diese Evangelien keineswegs als ein phantastisches Echo von sagenhaften Geisterstim- men, sondem als schriftliche Auspragungen einerXJeberlieferung darstel- len, die zu einem keineswegs geringen Theil dem Munde solcher Man- ner entstammte, die mit gutem Bewusstsein und bei gesundem Verstande zeugten, was sie gehort, und redeten, was sie gesehen batten. So war es moglicb, dass von Tubinger Seite ein Buch ausging, das, wie das K6stlin*8che zum Theil ganz treffliche Beobachtungen bietet in Be- riehung auf das schriftstellerische Verhaltniss, in welchem die einzelnen Evangelisten zu einander stehen ; dass ferner, von seiner ursprunglichen nahem Verwandtschaft mit Baur weiter abtretend, Ritschl einen ganz entschiedenen Schritt vorwarts that; und dass endlich E wald in seinen polemischen Auseinandersetzungen mit Baur auf Besultate ge- fahrt wurde, die, ihrem wesentlichen Gehalte nach, von der neueren Forschung nicht mehr ignorirt werden durften. Die wegwerfende Art, wie die Ewald*schen Arbeiten von Strauss behandelt werden, Kefert einen neuen Beweis, wie sehr ihm, als er nach jahrzehntelangem Pausiren sich mit diesem Theil biblischer Forschungen wieder bekannt zu machen anfing, doch sehr Wesentliches entgangen ist. Er nimmt namlich ausschliessUch diejenige Seite der Ewald'schen Leistungen in Anspruch, die unmittelbar ftlr die Wissenschaft vom »Leben Jesua in Betracht kommen. Da war es nun freilich leicht, sich der eigenen, wasserklaren Vemeinung gegenuber der oft sdhillemden und weniger handgreiflichen Gestalt, in welcher bei Ewald die Bejahung auftritt, zu ruhmen. Eine unbefangenere Prflfung der Sache hatte zeigen mus- sen, dass die St&rke der Ewald'schen Aufstellungen , dass der fur Strauss empfindlichste Theil E wald'scher Resultate die Kritik nicht sowohl der evangelischen Geschichte, als vielmehr der evangeli- schen Quell en betrifft. Hat es auch nur mit einem Zehn theil diescr Besultate seine Richtigkeit, so kann man immer noch darOber streiten, ob sich die evangelische Geschichte ausgenommen habe, wie Ewald meinte: Eines aber ist d&nn unwidersprechlich bewiesen, dass sie namlich sich nicht so konne ausgenommen haben, wie Strauss ein for alleaial glaubt erwieaen zu haben. Ja, wir sind es weiter der Wahr- heit schuldig, zu bekennen, dass in dem kleinen Bachlein, welches Digitized by VjOOQ IC f Einleitung* schon Yor zwolf Jahren £ w a 1 d uber die ersten drei £ vangeliea heraoB- gegeben hat, sich genug der brauchbarsten, ofters mit feiueter Beobachr tungpgabe der Wirklichkeit abgelaqsGhten , Bemerkungen uber die ge- jichichtlicbe Gestalt des Wirkens Jesu finden, wahrend das sLeben Jeaot yon Strauss ein uberreiches Feld von wehgeschicbtUch gewordenen und in ihren Folgen nicbt minder klar erkennbaren Wirkungen mit einem truben, dichten Nebel uberzogen bat in einer WeisOf wie diea auf keinem anderen Gebiete der geschichtlichen Wissenschaften wieder vorgekommen ist. Wurde darum unser Urtheil uber die Erfolge des Strauss'schen Bucbes innerhalb der letzten funf und zwanzig Jahre neben dasjenige gestellt werden soUen, das der Verfasser in eigener Sache ausgesprochen hat 9 so wurde es wesentlich anders lauten. £s wurde sich in Kurze etwa so gestalten. Durch die Ejritik der Gesofaichte, die Strauss gegeben hat, musste zunachst das BedOrfniss einer Vorarbeit erweckt werden, die von Strauss als voUbracht vorausgesetzt worden war, ohne dass die Aufgabe bis auf den heutigen Tag wirklich vollzi^ gen worden ware. Allerdings aber haben die Leistungen der Tubinger Schule und derjenigen Gelehrten, die sich naher oder entfemter an sie anschlossen oder in wiasenschaftlichen Gr^ensatz zu ihr traten , heuti- gen Tags die Fragestellung in einer Weise erleichtert, die uns hoffen lasst, dass noch zu unseren Lebzeiten eine allgemeinere Uebereinstim*- mung in der Losung der Frage zu erreiohen sein werde. Die Haupi- sache aber ist, dass diese QueUenforschung, zu der man aus Anlass des Lebens Jesu zuruckging, mehr und mehr solche Resultate ans Tages- licht brachte, die von den Voraussetzungen, auf denen das oLeben Jesuc ruhte, aurs Bedeutendste abweichen, ja ihnen widersprechcn. Dass dies selbst in Bezug auf diejenigen Ergebnisse der Fall ist, bei denen zuletzt Baur ankam, wird noch im Verlauf unserer Untersuchungen erhellen (§, 29.). Hat er doch auf Veranlassung der XJhlhorn'schen Angriflfe sogar das Verhaltniss, in welchem der Apostel Faulus zu Christus selbst stand, auf eine Formel zuruckgefubrt, gegen die im All- gemeinen nichts einzuwenden ist ; * denn dass sich die Urapostel zu- nachst an die historische Form, an die nationale Seite des Selbstbewusst- seins Jesu anschlossen, wahrend Paulus mit uberraschender Energie das allgemeine, das religios-sittUche Moment desselben geltend machte, ist unbestreitbar. Schon Kostlin hatte darauf aufmerksam gemachi, wie gerade jene Elemente sudpalastinensischer Ueberlieferung, mit de- nen Lucas die synoptische Grundschrift erganzte, es sind, duiich welche 1) DieTabinger Schule, S« SO C ChriilMiUraiii der drel ecsten Jahthoiideite. 2. AuBg. 1860, S. 47 ft ^ Digitized by VjOOQ IC SinktUmg. 7 »die Uenrorbildiiiig der patiHnieoiwn Lehre warn dem urBpraDglioheD CSnristenthiim leichtcf begteiflioh wird«.^ Ebmto sieht Baurin der Lelue doB Faohia den energitcheren Ausdmck des sweiten der^ die PeMcm JesQ cxHistitairenden , Elemente, yoUsogen unter bcstjimnter Ankndpffinig an die eigenen Selbstbezeugongen Christi. Dast er dieses WedMelverUUtniss nidit innig \md bestimmt genug erkannte, cbiraii iat SDAeist seine unrichtige VorBtellnng vom paulinischen Lehrbegriff, die Verkennong der waluren Mittelb^riffe desselben Schuld; nicht mindeif aach sein hartnackig fes^pehaltenes Vornrtheil ftLr die Griesback'sohe Anaicht von dem synoptischen Quellenverhaltniss. So ist es z. B. in der erwfiknten Abhandlang uber den >Meiischenfiohn« ledigUch seine ungerechte Eingenommenheit gegen Marcus^ die ihn zn gans falschen Unterslellungen fiihrt. Aach in diesem Theile, wie fast auf alien an- dem Punkten der neutestamentlichen Eritik ¥rird man dafaer Baur den Bnhm, Anregnng gegeben zu haben^ ebensoiwenig streitig machen kOn^* iien» als es andererseits Zeit ist^ die ^sAsse Gewohnheit des Scm- pd&ngSQ^ der sioh Banr and Hilgenfeld nie ganz entzidien konn** ten, binter einer nuchtemen, dem allznscblaoen Spursinn der Tendenz^ kritik entsagenden, Betrachtnng des Einzelnen verschwinden zu lassen. Dass diese Zeit, wo man, nnbeirrt durch die Einseidgkeiten der Mdeier, aus dem, von der Tobinger Sohole tuchtig umgeackerten, Saat- fdd der neutestamentlicken Kritik geniessbare Fruclite zu ziehen ver- mag, im Anbruch ist, hat das kurzlich erschienene Schriftchen eines, von Baur ausgegangenen , Tbeologen bewiesen, worin in der That Ghmndzuge sowohl, wie feinere linien behufs einer acht geschichtlichen Darstellung des Chrii^nsbildes in so richer Fulle gegeben sind, dass wir diese 44 Seiten unbedingt zum Dankenswerthesten rechnen mfisscn, was nns in Betreff des Lebens Jesu die Arbeit des ganzen Zeitalters ^« gebracht hat. sDie menschliche Entwicklung Jesu Christi« — nnter diesem Titel veroffentlioht Frofesscnr Keim eine akademische Antrittsrede, die dem himmelsturmenden Hoohfluge des frommen christo^ hgischen Schwindels allerdings mehr, als ein blosses ironisches Kopf- schntt^ , die ihm die ganze Macht und Klarheit der unmittelbar em- pfindbaren Wirklichkeit entgegensetzt. »Ich kenne keinen hfihem Namen, der mein ganzes Bewusstsein fnllt, als den Namen Jesu Christi, des Weltheilandes, und ich glaube im Interesse der FrOmmigkeit selbst za schreiben, indem ich ehrlich, oflfen, uuerschrocken mich an der Auf- gabe betheilige, das Leben Jesu herausgewiokelt aus alien Binden und Tochem der Ungeschicfatlichkeiten , Halbheiten und Verwicklungen, welche uns demnachst bis in's Jahr 2000 selbst im Centrum des Christen- 1) Die synoptischen EvangieHen, 8, 399. Digitized by VjOOQ IC 8 Eiplotttiit. ^uins jfidUi cor gtnxea Waiuthmi JcooimeiL kfeen^ in tc&ner reinfeu uaA datin gcwiss majest&tisch atifeintehenden Geschichtlichkeit zu ent-^ hiUlen. c ' DamU hat Keim eine Uebeixeiigang ausgesprochen, die aieh seit deiL letzten Jahrzehnteu und gerade in Folge der mimer Mhlbar^f werdenden Willfcarlichkeiten der Tubing^r Kritik alien Vemunftigeli IB atei^ptndeiiL Maasse aufgedrungen hat, dass esn&mlieh eine gesiehert^ Anschauung des Lebens Jesa nicht gibt, so langpe man nioht die Quel* len riohtig zn haadbaben, 8o lange man nicht ihr gegenseitiges Verhalt^ niss im Ganzen wie im Einzelnen sich stets wieder zu vergegenwartigeii iwrsteht. . Bekanntlich.tritt einem dahin gehenden Streben gleich TOn vom- herein die grosse Schwiorigkeit entgegen, dass die ersten und einzigen Quellen, die za Gebete stehen, selbst sich unter einander aoszuschlies^ sen scheinen — wie denn gerade die Tubinger Theologie Ailes gethan hat 9 um uns zwisohen dem vierten Evangelium und den Synoptikem hdchstens die Wahl , nirgends aber die Mogliehkeit einer Verbindttiig beider t&brig zu laseen. Wir sind nun allerdings der MdinuDg., dsuis b»* Bonders Weizsacker, der Nachfolger Baur's^ durch seine Arbeiten in den » Jahrbflchern fur deutsche Theologies sich.das Yerdienst erwor* ben hat, gezeigt zu habeD, dass sich jenes Dilemma auch noch von einer gimz andern Seite her umgehen lasst, als dies da vermicht wird, wo man nur sehlechtweg die Synoptiker in den Johannes ubertragt. Keim. nan thetlt diesen Standpunkt nicht ; er steht ganz nur zu den Elteren Evan* gdiien* Und allerdiDgs wird man ihm unbe&ng^ier Weise zugeben mussen, dass die.Spuren der ringenden Entwicklung, des durchsehnei^ denden sittlichen Kampfes in dem. rohigen Erinnerungsbild des yietf ten , thecdogisirenden Evangelioms fast ganz au^geloscht fiind ; auf djor Obei^ache dieser Gewasser scheint keine Welle sich zu regen. Aber dass in iWirklichkeit doch auch hier dne allmalig anschwellende Fla- thungfltatt gehabt hat, das geht nicht bios aus Stellen, wie 5, 20 her- Yor, wo i der im Selbstbewusstsein des Sohnes statthabende Beflex de^ gOttlichen Thaten ak ein sich entwickelnder^ folglich auch die » Einheil ^seines Thons mit Gotta als eine sich immer fort kraftigende und stei* gemde,^ dargestellt ist^ sondern das bekennt auch der Verfasser selbst eben dadureh, dass er von einem Hohepunkte weiss^ in dem das ganze Sein und Wesen Jesu in so unaufloslicher Weise zusammengefasst ereehien., dass allerdings auch die firuhere Darstellung mannigfach da*> durch bsdingti8t(Joh. 13 1 — 3). 1st das yierteEvai%elium auch von vorn- herein naeh dem Grundgedanken angelegt^ fki and Steov i§i]ld'Sif, so 1) Die menschliche Entwicklung Jesu, S. 5. — 2) Gegeu Hilgenfeld's Ein- rede: Zeitsohrift far wissenschaftliche Theologie, 18<^, ^. 33*. Digitized by VjOOQ IC Binleitung. 9 hatte doch Hilgenfeld nicht verkennen soUen, dass Job. 13, 1—3 den Culminationspunkt des Wissens um diesen Ausgang darstellen will. So ist 68 ja auch Eigenschaft der Synoptiker, dass sie nur nunge- Buchty fast wider Willen und unbewusst in fluchtigen und versteck- ten Zagen die fortschreitenden £i^tfaltung«n des Junglings und des Mannes bringen. a* Docb mOcbten wir diese unsere Gegenbetnerkung keiuesw^^s so vexstanden wissen y als lage es i^ lateresse der Wisfien- scbaft^ nur kurzer Hand synopdscbe und jobanneiscbe Stellen zusam- menzuwerfen und eine Lebensgescbicbte Jesu daraus zu construiren. Viebnebr muss erst sowobl das synoptiscbe^ wie das jobanneiscbe Cbristusbild UM sich gezeicbnet werden^ so dass jedes nur aus eigenen Mitteln lebt. Erst dann kann von einer frucbtbringenden Vergleicbung beider die Rede sein. Wir nun nebmen in vorliegender Arbeit die bescbriebene Aufgabe an dem einen der beiden Endpunkte ^uf; wir untemebmen es, die synoptiscben Evangelieu so zu bearbeiten , dass sicb dcbliesslicb auf die Frage, inwieferh sie ak Qnellen fQr ein aufzustellendes synoptiscbes Cbristusbild gelten kOnnen^ eine vollkommen gesicberte und nacb alien Seiten gerecbtfertigte Antwort ergeben muss. Wir seb^n also voUstan- dig ab von dem vierten Evangclium ; wo wir im Verlauf unserer Er5r- terungen an dasselbe erinnem , da wird dies niemals in der Weise g6- Bcbeben , als ob wir etwa aus einem solcben Seitenblick irgend welcbeh Scbluss zu zieben gedacbten ; bocbstens werden wir in der Lage sein^ Mer und da Anbaltspunkte zu notiren filir eine kunftige Bearbeitung des jobanneiscben Evangeliums nacb gleicben Grundsatzen. Ebenso bestimmt werden wir alle Folgerungen vermeiden, die etwa erst ander- weitig zu beweisende Aufstellungen uber das Verbaltniss anderer neu- tettamentlicber Scbriften, wie z. B. der Apokalypse^ zu unsern Evan- gelien voraussetzen. Nur die stillscbweigeiid gescbebene Anerken- nung^ dass das dritte Evangelium und die Apostelgescbicbte von dem- selben Verfasser berrubren, bedarf wobl keiner Entscbuldigung. Fur uns fallt also vollst&ndig binweg die Scbwierigkeit, so ver- tchiedene Licbtbilder , wie die Gestalt Cbristi im synoptiscben und im jobanneiscben Spiegel reflectirt, zum Zweck einer Art von stereoskopi- scbem Seben arrangiren zu mussen; wir baben es bios mit dem einen dieser Bilder zu tbun , das aber bekanntlicb selbst wieder dreifacb ge- zeicbnet ist iti Figuren, der^n Umrisse bald vSllig sicb decken, bald aber aucb eine aufiallige tingefugigkeit zeigen. Die Ursacbe dieser Er- scheinungen erklaren, beisst die synoptiscbe Frage losen. 1) Keim, S. 11. Digitized by VjOOQ IC Erstes Capitel. Das Problem und seine geschichtliche Entwickelnng. $, 1 VenrairftMkaftUchM VeihUtebi 4er SyM^aker. ' Die an rathselhaften und bis auf den Tag unerledigten Antgahen 80 reicbe neutestamentliche Kritik bietet^ gleicb in Betreff der drei ereten Scbriften des Kanons der wissenschaftlichen Forschung einen gordiscben Knoten zur Lo$ung dar, welcher ebenso sehr durcb die bocbst eigenthumlichen Verwandtschaftsverhaltnisse, die zwiscben jenen Bucbern obwalten^ als durcb die nicbtsdestoweniger oft am unerwartetsten Orte eintretenden Differenzen geschlungen wild. Was nun jenes erste Moment betrifft^ so verdanken ibm die drei ersten Evangelien scbon ibren gemeinsamen Namen* Eben um der inneren und ausseren Yerwandtscbaft willen stellte man sie ubersicbtlicb zu- sammen und nannte sie Synoptiker, welcben Namen die tbeologi* scbe Babulistik neuerdings freilicb als das nqiZzov ipevdog der rational!* stiscben Betracbtung unserer Evangelien geacbtet bat. ' Die Yer- wandtscbaft besteht nun I. In der Anordnung des Ganzen. Der Stoff zerfallt namlich bei alien Dreien gleicbmassig in gewisse Hauptniassen. 1) Yorgeschicbte. Wabrend Marcus Geburt und Kindbeit Jesu ubergebt, bericbten die beiden ersten Capitel des Mattbaus und Lucas in ganz differenter Weise daruber. Aber die Uebereinstimmung besteht darin, dass wenigstens yon Zweien uberbaupt eine derartige Gescbicbte gegeben wird, 2) Antritt des inessianiscben Amtes, Bei alien Dreien folgen Be- ricbte uber Taufe und Yersucbung (Mt. 3, 1—4, H. Mr. 1, 1— 13, Lc. 3, 1—4, 13). 3) Oeffentlicbe Lebrtbatigkeit Jesu in Galilaa. Bei alien Dreien wird dieselbe in parallelen Abscbnitten ausfubrlicb erzablt (Mt. 4, 12— 18, 35. Mr. 1, 14—9, 50, Lc. 4, 14—9, 50). 1) D© Wette (Einleitung, II, §. 79, 80. 6. Ausg. S. 144 flf.), Credner (Ein- leitung, S. 160 ff.}. — 2) Hengstenberg: Das EvangeUum des h. Johaooes, I, 1861, S. 303. Digitized by VjOOQ IC Dm FiroUm. 11 4) Beise nach Jerusalem. Hier weicht blot Lucas ab, der, nachdem er 9^ 51 den Begina der Beiae eniUt hat, einen ganxen Abtohnitt voU nun grdasten Tbeil eigenthumlichen Stoffea gibt (9, 51-^18, 14). Im Uebrigen aber sind Mu id, 1*^20, 84* Mr. U, L~52. Lc 18, 1ft-- 19, 28 parallel. 5) Einsug in Jenualem und Wirksamkeit datdbxt, in parallelen Abschnitten (Mt. 21^25. Mr. 11*--13. Lc. 19, 29-^21, aS). 6) Leiden, Tod und Anferetehung. Hier finden sick, besondert den letzteren Punkt ankngend, groaae Difierenaen in Mt. 2^«*-^28. Mr. 14— 1&. Lc. 22—24. Aber audi darin etinunen diete Beriohterstatter flberein, daas m ihren Getcbichtsstoff nioht in forUanfender Beda entwickeln, sondem in einer BeShe eincelner kleiner ErzaUungen, die durch eigene Anfange und beaondere SchluMformdn sioh in ciner Weise isoliren, ak vaien eie erst von unseren Schriftstellem mosaikartig zueammengestellt wor- den. £s lasst sich nun eine ziemliohe Anzabl solcher kleiner Sectionen nntertcheiden , die, von geringen Differenzen abgesehen, bei alien Dreien sioh yocfinden ^. Diese auffallende TJebereinstunmuDg in der Totalanlage uh4 in der Hauptmasse des Stoffes ist aber keineswegs etwa ala durch die Geschichte selbst und durch die wirkliche Folge von Begebenheiten vorgezeichnet anzusehen. Denn die vdrkiich vorhandene Zusaminenstiinmung unserer Evangelien erstreckt sich zu weit in's Spe« cieile, und die ihren Umfang bestimmende Verbindung des Stoffes be* raht au sichtlich auf besonderer Wahl, ala dass wir zu ihrer Erklarung blo8 auf das Objective der Geschiohte verwiesen sein kdnnten '« Wenn Jesu Lehrthatigkeit ohne Zweifel etwas ortlich und zeitlich Getheiltes war, woher kommt es, dass die Synoptiker alle denselben Bahmen dafor mitbringen? wenn er zweifelsohne ungezahlte Beden gehalten hat, warum beschrinken sioh alle Synoptiker fast auf dieselbe Auswahl? wenn Jesus so viele Kranke geheilt hat, warum theilen alle Drei nor die gleichen Beispiele mit? wenn er Aber Chorazin und Bethsaida ein Wehe ruft, warum berichten Mt 11 , 21 — 24 und Lc. 10, 13—15 swar beide das Wort, keiner aber £ie Thaten, die das Wehe verdienen? Offenbar beruhen diese Thatsachen auf schriftstellerischer Anordnung, aaf der Abhftngigkeit der Synoptiker von einem sohon geformten Erzftk* Iungstypu8^ 1) Wilke (Ureyangelist) In seiner enten Tafel (S. 4-8) zlihlt 57 loloher Ab- •cbnitte, Credner (Eiideitung, S. 161 f.) sogar 65. Derselbe fohrt (S. 163 £) nooh 23 ParaUelstellen zwischen Mt. u. Mx., 39 zwischen Mt. u. liC., 18 swischen Mr. u« Lc auf. — 2) Wilke, S. 11. — 3) Man braucht — wofem man das vierte Evanr geliom fftr authentisch hfilt — nur noch seine Relation mit der synoptischen zu yer- gleichen, to rexmisst man nicht bios jene auffallenden Wunder yon Kana and Betha- Digitized by VjOOQ IC It EHteOtpM. II. Im wOinlich ub«feiiutiiiuaeii46ii DctaaL 1) Einzelne Bcrichle sind bei alien Dreian gans in derselben Wd«e verknupfti' so die Abschnitte von Taofe-^ Verauchung und Rdckkcfcr nach Galilia, vom Seestnrm und den Gradarenem^ vom Gichtbruck^ gen und Zollner Matthaus, vom Aehrenausraufen und verdorrter H^nd^ von Herodea' Urtheil und der Speisung der 5000^ von Fetmsbekennt^ niss und der Leidensweiasagung^ von Blinden zu Jericho und JesQ ELlflug in Jerusalem Noch mehr Abschnitte verhaltea aich wenig> stetis bei z wei Evangeliaten gleich in £eBog auf die Akoluthie. 2) Einzelne Thatsachen werden in einer bis aura Wort aich ep- streokesiden Uebereinstammung von alien Dreien^ faaufiger nooh von Zweien geschildert; z. B. die Speisungsgeschibhte Mt. 14^ 19^ 20 sss Mn 6, 41. 42 » Lc. 9, 16. 17 ; die Verklarangsgeschichte Mt. 17, 5 »» Mr. 9, 7 = Lc. 9, 35. Ein classisches Beispiel von Uebereinvtininxung ganzer Abschnitte liefert die Erzahlung vom Gichtbrudiigen Mt. 9, 1—8 =r Mr. 2, 1—12 =« Lc. 5, 17—26. 3) Ebenso sind einzelne Eedeabschnitte bei alien Dreien , hftufiger noch bei Zweien buchstablich gleich referirt, was im griechischen Aus- dmck um so mehr befremdet, da Jesus aramaisch sprach. So z. B. die eschaiologischen Weissagungen Mt. 24 b Mr.- 13 ss Lc. 21, wo nicht Uos die afiectvoUen Stellen sogar wortlich ^ich lauten , sondern auch in unbedeutenderen Nebenpartien fast ganz dieselbe Bestimmtheit und Ausfuhrlichkeit der Bede anzutreffen ist. 4) Es werden Wendungen und Ausdrueke von alien Dreien ge* braudit> die sonst selten sind. So das anaq^ vom Brautigam Mt. 9^ 15 ^ Mr. 2/ 20 =fi Lc. 5, 35 — das Bild y^inavxai dm^mov Mt. 16> 28 =» Mr. 9, ls«Lc. 9, 27— das ungewdhnliche Wort ivmiSltag Mt- 19, 23 = Mr. 10, 23 = Lc. 18, 24 — das Diminutiv dtlop Mt* 26, 51 SB Mr. 14, 47 as Lc. 22, 51 — die anstossige Form dq>ifi9VTai Mt. 9, 2. 5 3= Mr. 2, 5. 9 =« Lc. 5, 20. 23 — das verdoppelte Augment ou€£xav€Otadt} Mt. 12, 13 «= Mr. 3, 5 as Lc. 6, 10 — die vioi toS yvfigxovog Mt. 9,15 » Mr. 2, 19 s: Lc. 5, 34 — der Gebrauch von ^rifiiovo&ai Mt. 16, 26 « Mr. 8, 36 « Lc. 5, 25. — Woher nur Mt. 21, 12 ss Mr. 14, 61 as Lc. 23, 9 dft€x^iva%o, wihrend sonst immer das.Passiv steht? Woher das si da fiij (ye), womit alle EvangeUsten Mt. 9, 17 = Mr. 2, 21 = Lc. 5, 37 das Verbot, neuen Wein in alte Schlauche zu fassen, fortfuhren ? nien, sondern es stellt sicli auch die Lehrthfttigkeit Jesu in Galilfta als durch Oftere Reisen nach Jerusalem und eine daran rich schliessende judftische Wirksamkeit unter- brochen dar. tJm so mehr wtlrde die Verkntlpfung der Berichte , der Umfang , die Auswahl des Stoffes bei den Synoptikem nicht durch die hiatorischen Data 8elb8t, sondern durch die schriitstellerische Vennittlung, auf die sie gewiesen waren, hedingt erscheinen. Digitized by VjOOQ IC DttaProbtan. IS 5) Es warden dieielfacii Verba mit denselben Ffapcnttonen tbV- buodeD. S09 um Beispiele ta erwabnen, wo je Zwei zasanuiieiirgeheii) Mt. 7, 5 sx Luc. 6« 42: xm tiS^e duL^lhfm^. Mt. 15, 9 :» Mr. 7, 6 ani%ei an ifiov^Mjc 6, 41 «b Lo. 9, 16 %cd TcavixXaae. ^) Es kommen glekhe Citate vor, die ubai^einstiininend sowohl vom hebraischen Texte/abveiohen^ als aach mil den LXX nicht wotilioh atinunen. So Teffomnm^eig kvqiov *sbv d-sdv aov Mt. 4^ 10 sss Luc 4, 8> wihrend LXXDeut. 6^ 13 q>op^9ijarj = en-^n haben. Vgh anch Jea. 40; 3—5: Mr. 1, 3 ^ Mt. 3, 3 =» Lc. 3, 4. — Jes. 29, 13: Mt. 15, 8*9. = Mr. 7, 6- 7. 7) IHe alien Dr^ien geinemsainen Citate sind aus den LXX, die dem Mt. eigenen ansrdem Urtext. Vgl. §.17. Daraua gekt hervor, dass an eine aolcbe Entatelmngsweise der Synoptiker, womaoh jeder unabhangig geschrieben hatte, nicht mebr gedacht werden kann : Vielmehr hat die Kritik zu erklaren, welche ge- genseitige Beziehnngen unter ihnen atatt gehabt haben mussen, um dieses auffallende Verwandtachaftsverhaltniss erkl&rlich erscheinen zu lasaen. Ist nun aber die UebereinatimmuDg in der Anlage des Granzen^ wie im einzelnen Bericht schwer zu erklaren, so macht doch noch mehr Sdivderigkdten der Umstand, dass, oft in denselben Stellen, die aut' eine gegenseiUge Beruhrung und Wechselwirkung der einzelnen Evan* gelien schliessen lassen, sich wieder auffallende Verschiedenheiten dair* bieten , welche haufig sich bis zu scheinbaren oder wirklichen Wider* spruchen steigem. So erzahlt Lucas beispielshalber von Erscheimxngen des Auferstandenen hlos in Judaa, Matdiaus bios in GaHlaa. Oeflers b^nnen stuch die Synoptiker, als wollten sie eine und dieselbe Ge- ftchichte ubereinstiminend erzahlen, sie harmoniren wdrtlieh durck lan<* gcare Fartien und aneinander hangende Ferioden des Textes^ beson^rs in Darstellung der Hauptpointen des Berichts; dami aber gehen siis pldlzlich auseinander, um alsbald wieder zusammenzutrefien bis aufs Wort. So z« B. in der Geschichte vom Hauptmann in Kapernaum Mt. 8', 5— 13 m Lc. 7, 1-*10. Oder aber es besitzt Einer Bestandr tfaeile, die dem Anderen geradezu ganz abgehen. So kommt, wasMarcw Ton Beden mitlheilt, ittit Matthaus und Lucas verglibhen, einer ziem* lich durftigen Auswahl gleich. Andererseits weiss besonders Lucas vcm einer ganzen Seihe wichtiger Beden, als da sind die Gleichuisse vom verlorenen Sohn, vom barmherzigen Samariter und andere, von wel* chen die beiden erstan Evangelisten keine Kunde verrathen. M4t^ thaus aber bietet Bedest^cke von gleichartigem Inhalt in grossem Zu- sammenhange gruppenweise dar, wie in Cp. 5 — 7. 13. 18. 23—25. Oef- ters weicht dabei Lucas, der diese Beden zertheilt an verschiedenen Digitized by VjOOQ IC t4 BraleiChpMI. Punkten aemt B^rkbti anbringi^ ia Aiigabe der empiriseken Veran- InMmgem sa eimzeltten Redestucken yon Mattbtiu bedeutend ab (ygi* §. 10). Gar nicht selten aber finden achEerichte, welche nicht bios schwer, sondem aberhaupt gar nicht feusammen id Einklang gebraoht werden konnon^ wio z. B. die Bernfung Ats Petros entweder eo, wie Biattb&us und Marcus, oder bo, wie Lucas ne faat^ vorgefttellt werden mag, anf keine Weise aber beide Erzfthlungen sutammenEubringen sind* Dazu kommen noch die yiderlei Schwierigkeiten^ die sick aus der sogenannten Akoluthie ergeben, insofem der dne fiobriftsteller die ge* meinsame Aufeinanderfolge bald gegen den abweichenden dritten fest- h<, bald ale aufgibi an einem Orte, wo wieder die beiden andem znsam- menstimmen. So wirft Matthaus, wie es scheint, den von Mr. I5 40 -^S^ 1 2 und Lc. 5 9 12 — 6, 19 in ubereinstimmender Akolutbie ersahlten Stoff auseinander, um ihn ganz anders zu vertheilen. Dieses VerhaltniBS gilt es nun aufzubellen ; d. h. es handelt sick um die Frage : woker Uebereinsdmmung und Abwttickung, beides in so auffallend kokem Grade? Es gab eine Zeit, wo man im Hinblick auf die wirr sick durck-^ kreuzenden F&den zaklloeer Erklftrungsyersncke an der MdgHckkeit einer leickten und ungezwungenen Losung des Ratksels kfttte rerzwei- feln mogen. Joackim Ckristian Gass sckrieb im J. 1807 bez&glick unseres Problems an Sckleiermacker: »Diese Untersucknngen Aber den Ursprung unserer Evangelien gefallen mir, ob ick glelck zweifle, dais man damit viel weit^r als zu einer docta ignorantia kom-^ men werde. «^ Aber auck diese letztere wilre ja^ wofem unwider^ leglick constatirt^ sckon als G^ewinn anzuseken« Abweickungen und Uebereinstimmungen zwisehen den Sjnop^ tikem — sie bilden also die Pr&missen unserer UnteiBUckung und das zu untersuckende Factum zug^ck. »Das wird geiragt: was setxt das Textverkaltnifls, wie es vorkanden ist, sei es auck durck nock M vide Lftuterungsprocesse kindurckgegangen -^ was setzt es, wie es vor* liegt, nack kritiscken und exegetiscken Ergebnissen als Bedingung voraus? Kann dies nickt ausgemackt werden, so ist die ganzelJnter* suckung vergeblick; aber auck dies, dass sie rergeblick sei, isl erst dann ein Resultat, wenn alle erforderEcken Anstrengangen versucbc cdnd. «^ Billig beginnen wir darum mit einer Vergegenw&rtigung der ver* sckiedenen Versucbe, die, om das synoptisdio Verwandtsckaftsverktit>- Hiss aufzukeUen, untcmommen worden sind mat der Zuversickt, es werde dem combtnirenden Verstande mogliok sein , in dem Yorliegea^- 1) Brlefwechael, S. 20. — J) ^Vfilke, 8. 21. /Google Digitized by ^ Oefohidrt« d«i Ploblems. ^5 jm Veifaalten der Synoptiker zu einander eine bestunint^ TBi^l, efai dorchgef&hrtes Geseti zu eatdecken. Wir werden dabei zugleich den Vortbeil erreicfaeiii nnserii eigenen Standpunkt ak das von selbst sick eigebendeZlesultat einet nunmehr^ wie wir glauben^ abgelaufenen histo- rucben Procetses tu erweisen. Denn mit Weiss ^ erstreben auch wir in der Hauptsaohe keinen andem Buhm^ als den, die reife Frucht aUes Dessen gepfluckt zu haben^ was l&ngst von verschiedenen Seiten her an- g^udint und durch eine fast schon unubersehbare Menge der grfindlich- gten EinaelforBcbungen verarbeitet ist. %. 8. flescUckte to hrtUeiM.' 1) Das kirckliche Alterthum^ unter dem Einflusse der alexandrinisch- judiscben Inspirationsidee st^iend^ musste die sachUche und wOrtlicbe Uebereinstimmung ganz in der Ordnung finden; bios die Differenzen fielen anf, kamen bereits im Osterstreite zur Sprache und gaben den Kir- chenlehrem zu mannigfachen Betrachtungen Veranlassung^'als deren Ab- schluss wohl Angus tin's Evangdienharmonie betracktet werden darf. Hier wurde Matthius durchaus zu Grunde gelegt, Marcus aber war^ wie jedodi ledigUdi aus seinem Inbaite gescblossen wurde, Mattbaeum sub- ■ecutus tanquam pedissequus; im Ganzen freiHch befolge Jeder suum quendam narrandi ordinem ; ut quisque meminerat et ut cuique cordi eni vel brevius, vel prolixius eandem tamen explicare sententiatn, ita eoB expUcasse manifestum est. ^ Trotz der streng dogmatiscken AufTas* sung begegnet una demnach schon bier das Minimum aller von der Or* tbodozie zu macbenden Zugestandnisse : dass die EvangeUsten odt Be» siehung aufeinander schrieben, sich der Gescbicbten iA>er nicht immer auf dieselbe Weise erinnerten , und so durch Einflusse von rein subjeo- tiver Natur der parallele Lauf der drei linien ibrer Ersablung dfters gealort werde. Waren so die dogmatiscbe und ein Anfang von bistoriscber A»^ fiassung in Erklarung des sonderbaren Ratbsels zum Theil auch noch wabrend des Mittelalters unvermittelt nebeneinander bergegangen, so bedienten sich die protestantiscben x> Harmonistiker «, wie sie seit Andreas Osiander genannt wurden (vgl. §. 27) , vollst&ndig blot der ersteren. Die wortliche Uebereinstimmung macbte^ als aus der sug- 1) Stadien und Kntiken, 1S6I, S. 94. — 3) Vgl. Baar (KritiBche Untenuchan- gaa aber die kanoniflchen Eyangelien, 1847, S. 1 — 76), Hilgenfeld (Die Evange* Uen Bach ihrer Bntgtehung und geschiohtliehen Bedeutung, 1854> S. 1 — 42. — Zeit- •chzift far wiasenM^haftUcheTheologie, 1S61, S. 1—71. 137—204.)— 3) Epiphanius (haer. 51, 6), Chryfostomuf (horn. I in Mtth. §. 2. 3), — 4) De eonsensu erso- gelistamm, 1, 2. 4, 12« Digitized by VjOOQ IC i^ £nita» Ccfitel. g^tid veriloifim e[vklarhajj,.Ni^miindeiii Bed^nken^'DieDiffisteiic^vf abdr Aollten auf eUi. bios quaiuitatives MaAss zuruckgefohst warden. AUe /Solche Versuche abet bild^A, als nooh in' kmner W^Me auf QuelkoknA iik eingeheBd, im Vermin .mit eiiugen andem Studien, m>ranter er«- wahnt werden mag, das^ Cartstadt den Marcos fur ein compendium Matthaei* hielt, hochstens die Vorgeschichte de< hier einschlagigea Literatur. Einen weitere^ Fortschritt und zugleich den Uebergang z\x den jetzt noch in Betracht kommenden Ansicbten darf man in dem Gedan- ken Storrs* finden, dieMethode der Harmonistik zu bestimmen nach der Ordnungy in weloher die Evangelien geschrieben seien. Bisber hatte man sicb in dieser Beziebung ganz unbefangen an die Prioritat des Matfchaus gebalten ; man liess aberbaupt die Evangelist^! gerade in der- selben Ordnung scbreiben, in der sie auch im Elanon stehen. ^ Dieae? Dogma wurde zuerst M^ankend gemacht von Koppe ^, spater audi von J« D. Micbaelis aufgegeben. ^ Storr endlicb machte geradezu deii Marcus zum Verfasser des Petrusevangelinms und damit zum ersten Evangelisten ; ibn sollte Lucas vor Augen geKabt haben, wahrend Mat- thaus^ der Sadaordnung folgend, unabfaangig schrieb. Seine Hypotbese war aber das erste Glied in einer langen Beib^ ' von Versudien^ von denen nun, um fur das VerbUiniss der drei Evan* gdien zu einander die adaquateste Form el zu finden, das ganze Gebi^t der.Moglicbkeit ausgemessen wurde; und zwar wares > nachdem man sicb einmal von der Prioritat des Mattbaus emancipirt batte, ausser Mar* cud aucb Lucas , mit dem man es versucbte. Dies tbaten Busching* und Evanson^ so, daas MarcuB, Vogel^ so, dass Mattbaus als der letste in der Beibe erschien. IJd)rigens spracbeh sicb aucb spater nocb Bodiger* undScbneckenburger^^ fur den Vorgang des Lucas aus. 2) M6glicber Weise ist es ja aber aucb weder.Mattb&us, nocb Mar* cus, nocb Lucas, der je den beiden andern zu Grunde li^gt, sondem «ei^eisen alle Drei auf ein verloreaa gegangienes Urevangelium zuruck. 1) Credner: Zur Oeschichte des Kanons, S. 29! ff. — 2) TJeber den 2weck det evEngtlificheit G/Mohkskte und der Biiefe JohaanU, 178G, S. 274 — 295. De fontibitt Avangeliorum Matthai et Luoae, 1794 in V el thus en's comm^ntt. the^Q. HI, S. 140/1^ — 3) So Grotlus, Mill, Wetstein, Bengel, Town«on : Abhandlungen aber die Tier Evangelien (Discourses on the four Gospeb), aus dem Engliscben von Seni- le r, 1783, I, S. 275. II, 8. 1 ff. — 4) Marcus non epitomator Matthaei, 1782. In der syUoge commentationnm tiieoQ. von Pott und Rupert i, I, S. 35--^9. — 5) Einlei- tung in die Schriften des neuen Bundes,- 4. Ausg. 1788, tl, §. 144. •- 6) Harmonil>lem8. 21 geleistet, nnd der Eichhom'sclie Weg wurde mehr und melir verlassen^^ ^tdem auch Hug sich gegen jeden aramaischenUrmatthaus^ gegen jede aramaische Urschnft, gegen jedea Urevangelium uberliaupt atvsgespro- dien batte. ^ «£s ist^ wie wenn er der Eichhorn'schen Hypotbesenr koknbeit gegenuber mit aller Kuhe und Sicherheit^ selbst mit einer ge- wissen Kalte, den Beweis auf sich nehmen woUte, dass es trotz aller entgegengesetzter Behauptun^n auf alien Hauptpunkten der neutesta- mentlicben Kritik auch ferner bei der hergebrachten Meinung sein v5l- Ugea Verbleiben babe, a* Demnach stebt Hug in dem Punkte auf Seite Eicbborn's gegen Griesbacb^ dass er die EvaDgelisten ganz in der- aelben Ordnung sobreiben lasst^ in welcber sie im Kanon steben. ^ So jnacbt er, obne ein Zeicben von Verl^enbeit oder Anstrengung zu ver- ratben^ unser Problem nacb alien Dimension en glatt: jeder Spatere bat eben den FrOberen benutzt und zugleicb kritisirt. Mattbaus scbrieb griecbiscb ; denn er woUte aucb nocb nacb der bevorstebenden Aufl5« gang des judiscben Staates verstanden werden ; und diese Spracbe war damals die am weitesten yerbreitete. Alle Facta sollen dann weiter dafur sprecben^ dass Marcus bios den Mattbaus vor Augen gebabt baben konnte ; er arbeitete denselben aber nacb der Zeitfolge urn unter Beifu- gen yon kritiscben Notamina. Lucas endlicb ergHnzte beide nacb einer neuen Revision der Quellen. Das Eigentbumlicbe^ das Hug in jedem Evangelium bemerkt, siebt er dann als Zweck des betreffenden Scbrift- stucks an. Sonacb verfolgte Mattbaus einen dogmatiscben Zweck, nam- Kcb den Juden die Messianitat Jesu zu beweisen. Kein bistoriscb ver- fuhr Marcos, der Mebreres, was Mattbaus scbon erzaUt batte , ausliess, vonst aber nacb den von Fetrus eingezogenen Nacbricbten mancben Vorkommnissen eine andere Stellung anwies; insbesondere will Hug die Bescbeidenbeit dieses apostoliscben Gew&brsmannes darin erkennen, dass Marcus AUes auslasst, was zur Auszeicbnung des Fetrus beitragcn konnte. Lucas endlicb benutzt beide Vorganger, bait sicb ubrigens in der Anordnung an Marcus und tragt das Granze in gracisirender Diction vor. Alle Drei aber wetteifern miteinander an bistoriscber Genauigkeit and Zuverl&ssigkeit, corrigiren sicb daber gegenseitig rucksicbtslos , so dass wir^ wo Differenzen eintreten , eben einfacb immer dem spatesten Bericbterstatter zu glauben baben. »Wo ist nun uberall — ruft Hug aus * — eine Gescbicbte, wie diese, durcb so unbefangene Anstrengung und durcb so viele aufeinander kommende Correcturen wetteifemder Schriftsteller in Ansebung des reinen Strebens nacb Wabrbeit* so ver- 1} Emlmtang in die Schriften des Neuen Testamentes, n, 1808 (von una oitirt), 8. 51 ff. 93 ff. 105 ff. 130 ff. 164 ff. — 4. Ausg. 1847. — 2) Baur: llieol. Jahrb., 1851, S. 71. — 8) TJnmittelbarer Vorgfinger Hogs war Seiler: De tempore et ordine^ quo trim erangelia scripta aint 1805, 1806. — 4) II, S. 166. Digitized by VjOOQ IC 22 EntesOftpiteL sicherty wie diese aus unsereu Untersuohungen hdrvQrgefa[t?c — Boi di«^ 0er Sicherheit seines apologetiadbien Standpunktes ist es ihm freilich ent* gangen, dass er, vermoge der kritisclien^ corrigirenden Stelluog, die er jeden Evangelisten im Verhaltnisse zu aeinen Vorgangern einnehmen lassty jenen rein ausserlichen und quantitativen Gesichtspnnkt^ unter welchem selbst Eichhorn noch die EvangelienbUdong aufiEsMste^ bo> reits durchbrochen und damit einer qualitativen Auffaasnng, wie me nachher von der Tendenzkritik geubt wurde^ vorgearbeitet bat. 4) Von einem ganz anderen Ausgangspunkte aus feoste die Fiage in's Auge Schleiermacher.^ £r gebt zunachst wieder auf den Stand- punkt Eichhorn's zuriick, aber so, dass er, daihmdieAnnabmeeineB einheitlichen Ursprungs der Evangelienbildung k^esw^ nothwendig erscbeint^ jenes eine Eichborn'sche Urevangelium verviel<igt. Scbon Clericus batte auf eine Mebrheit scbriftlicber Quellen binge- wiesen und die Synoptiker aus verwandten Quellen fliessen lassen. * Aebnlicbe Voraussetzungen finden sicb in den scbon erwabnten Scbrif- ten von Semler, J. D. Micbaelis und Koppe; Tomamlicb aber ist Paulus ' als unmittelbarer Vorlaufer Schleiermacber^s zu betrach- ten, wenn aucb seine Manier wenig Anklang fand , womacb zun&chat Maria 9 Jobannes u. A. uber Ereignisse einzelner Tage scbon frube Be> ricbte aufgesetzt batten^ aus welcben Tagebucbem dann Denkscbiiften (aTto^vrjfiovevfiava), und aus diesen endlicb die Evangelien bervorge- gangen waren. ^ An die Stelle der Denkscbriften treten nun bei Scbleiermacber die sogenannten Diegesen: ausfobrlicbere Atif* zeicbnungen uber einzelne Begebenbeiten. Dieselben yerdanken ibre Entstebung nicbt sowobl, wie das Urevangelium, dem Bedurfnisse der Lebrenden, als vielmehr dem natOrlicben Verlangen der Glaubigen. Und zwar waren es die Cbristen ausserbalb Falastina's, die auf solche Weise merkwurdige Begebenbeiten aufzeicbneten. Um ein Gutes 8p&- ter, als die Paulus'scben Denkwurdigkeiten, ware daber eine ganae 1) Kritischer Yersuch tlber die Schriften des Lucas, 1817. (Werke, I, 2, S. 1— 220.) Vgl. seine Einleitung in's Neue Testament (Werke, I» 8, S. 217 ff.) — 2) Hist. eccl. II prim. saec. 1716, S. 429. — 3) Der ttbngens in seiner Introductio , 1799, 8. 250 noch an eine Art Ton Hebrfter-Urevangelium, spater an die Gieseler'scheHy- pothese geglaubt und damit seine Theorie in Yerbindung gesetzt hat. Wir yerweisen. auf seinen Aufsatz in der Haller AUgemeinen Literaturzeitung, 1815, Nr. 105, S. 11 ff., auf sein Conseryatorium, I, 1822, S. 124 f. , auf sein Exegetisches Handbuch Ober die drei ersten Evangelien, 1830, S. 1 1 ff. 27 ff. Zugleich huldigt Paulus der 'Dieorie Toa der Originalitat des Matth&us und Lucas gegenaber Mardus. Vgl. besonders Consenra- torium, S. 37 ff. 75 ff. 95 ff. 152 ff. — Exegetisches Handbuch, I, S. 37. — 4) Neu- bildtmgen dieser Theorie bei F r. F i s c h e r (Einleitung in die Bogmatik, 1 828, 8. 1 22 ff.)^ der den Lucas, sowie das Hebrflereyangelium aus den Lc. 1, 1 — 4 erwfthnten Diegesen. ableitete, und bei Lang e: Leben Jesu, I, 8. 215 f. Digitized by VjOOQ IC Gesohiolrte det PtoUemi . 23 Beihie toklier Di^^esen eiit;$tandeii> die dann nach und nach au grOsse- ren literaiischen Werken verknupft warden* Die gwwmmephangslose Mannigfaltigkeit des Stoflfes sei das Erste, Ursprungliche^ die Einheit der eyangeliBchen Geschichte erst das Sp&tere, Gemachte. Nur unter dieser Voraosaetzung glaubt Schleiermacher die Gestalt unserer Synoptiker erklaren zu kdnneu; denn der wiederkehrende Wechsel von gemeinschafdichen und eigenthumlichen Geschichtstheilen deute eben auf eine Mehrheit gemeinschaftlicher Quellen. Man musse aber^ anstatt alle drei Evangelien nur zu vergleichen, vielmekr jedes einzelne fur aich durchgehen und in ihm nach den Begeln und Genchtspunkten fbrschen^ yerrndge deren die Verknupfung der Begebenheiten zu Stande komme. * So stellen «ick ihm die Synoptiker dar als Aggregate einzel- ner Erzahlungen und Quellen, kleinerer Aufsatze und mundHcher Trar ditionen, als BearbeitUDgen, entstanden im nachapostolischen Zeitalter, ohne gemeinsame Direction, obne chronologische Gewissheit Und zwar — 80 fubrte Schleiermacber in seiner Einleitung,' zunachst im An- achlusse an De Wette die Sache weiter aus — beruhe Lucas ganz nur auf Diegesen, Marcus aber sei am meisten apokryphisch und beruhe auf einer fur uns ganz undurchsichtig gewordenen Bearbeitung des papia- nischen Urmarcus, Matthaus aber sei eine ahnliche Bearbeitung der von Fapias ervahnten Bedesammlung des Apostels. In diesen Ansichten uber die beiden letzteren Evangelien ist immerhin insofem ein Fort- schritt wahrzunehmen, als hier an die Stelle rhapsodischer Diegesen be- reits grossere Grundschriften, wie die loyia des Matthaus und das pa- pianische Original des Marcus, gesetzt werden. ' Unmittelbar nach Schleiermacher's nVersucha trat Gieseler ebenfalls mit einem solchen hervor in der Absicht, das Verwandtschafts- verhaltniss der Synoptiker au&uhellen. *" Unter energischer Einsprache gegen Eichhorn, dessen Annahme eines vorkanonischen Anfangs der Evangelienbildung er ubrigens festhalt, fuhrt er aus, dieser kenne nur den Weg schriftlichen Verkehrs. Es lasse sich aber ein anderer Weg, der Alles besser erklare, historisch rechtfertigen, der der mundlichen Tradition. Vorgearbeitet hatte in dieser Beziehung bereits Ecker- mann,^ der einen gleichf&rmigen mundlichen Vortrag der Apostel voraossetzte, womit er zuerst ein kleines schriftliches Urevangelium verband, wahrend er spater die Tradition erst in dem aramaischen Mat- thaus sich fixiren liess. Eben dahin neigten auch im Anhang zur Schrift 1) Verroch. S. 16 (12). — 2) Werke, I, 8, S. 244 ff. 305 ff. — 3) Vgl. Ueber die ZengniMe des Papiaw: Stud. u. Krit. 1832, S. 736 ff. (Werke, I, 2, 8. 363—392). — 4) Hietocisoh-kritiioher Veniicli Uber die Entstehuxig und die frtlbetten Schicksale der sohnlUicken BTsngelien, 1818. — 5) Theologische Beitrflge, 1796, V, 2. S. 148. -^ ErklSrung sUer donklen Stellen dee Neuen Testamentet, I, 1806, S. Xlf. Digitized by VjOOQ IC 24 Entet CapitoL Dvon Gottes Sohna Herder* and Kaiser^' abgesehen von der Anlei- tang allgemeinerer Art^ welche dutch die historisch-kritischen Unter- suchungen von Wolf and Niebuhreu derartigen Constractionen ge- geben waren. Gieseler erinnerte zun^hst daran^ dass nur durck Nothwendigkeit die Apoetel tlberhaupt bewogen werden konnten, die Feder zu ergreifen. Sonst aber mochte mdndliche Tradition alien an* ftnglicben Bedurfnissen genugen. Eine stereotype Diegese der evange- lischen Geschichte aber stellte sich ein im Gefolge der Nothwendigkeit der Bildung apostolischer GehoUen and Evangelieten, and nicht minder masste durch die Anforderang, dieselbe Geschichte den Bekehrten so oft zu erzahlen , die Uniformitat^ sowohl was Inhalt, als Form betrifft, sich steigem. Es entstand die mtlndliche Norm von selbst, indem das Gedachtniss den Stoff stereotypisirte, wie es bei Menschen ohne ge. lehrte Bildung uberhaupt zu geschehen pflegt. Im gegebenen Fall aber trat der gleichmftssige Gebrauch des Alten Testamentes noch unter- stutzend ein. Dieser feststehende Typus. bildete dann die naturliche Grundlage der schriftlichen Aufzeichnungen. Sobald namlich bei den Zuhorern dasVerlangen nach. naQadoatg kyYQag>og sich einstellte^haben unsere im engeren Sinne so genannten Evangelisten den gang und gibe gewordenen Stoff fixirt mit der aus der Natur der Sache sich ergeben- den Freiheit, jeder in eigenthamlicher Weise, obwohl im Ganzen und auch in vielen Einzelheiten mit voUer Uebereinstimmung. Die Lage der Dinge brachte es aber mit sich, dass schon in der lebendigen Evan* gelientradition eine zwiefache Grundgestalt hervortreten musste, je nachdem die Objecte der Belehrung verschiedene waren. Es erkl&ren sich die Differenzen der Synoptiker somit aus den Modificationen, welche die Tradition selbst vermdge der verschiedenen Bichtungen des Urchri- stenthums schon erlitten hatte; so stellt Matthaus den judenchristlichen^ Lucas mehr den heidenchristlichen Typus dar. Naturlich liessen schon bei der mundlichen Verkundigung die einzelnen referirenden Apostel auch besondere Reminiscenzen einfliessen. Die Abweichungen in der Reihenfolge der Begebenheiten ergaben sich von selbst bei der Freiheit, die der mundliche Evangelientypus lassen musste. Da ubrigens die Auf* zeichnung Frivatsache war, kann auch die verschiedene Auswahl des vorhandenen Beichthums von Stoff nicht befremden. Zusammentreffen im Ausdruck, Abweichungen in Synonymen, eigenthumliche Hinzu- fugung von Nebenumstftnden, Umstellungen, Alles schien jetzt erklart. Schwierigkeiten machte nxir die Sprache. Die chaldaische Zunge 1) Von der Hegel der Zusammenstiinmung unserer Erangelien, 1797. (Sammtlicbe Werke, zur Theologie, XII, S. 1—55.) — Ala die ursprflngUchste Form der schriftli- chen Fixirung erscheint hier Marcus. — 2) Biblische Theologie, I, S. 224 ff. Digitized by VjOOQ IC Oeschiolite de« FVoblemi. S5 der mancQichen Tradition soil sioh bts ins 2. Jahrhundert arhalten habeti imd dann mit grdsster Vorsidit in's Griecfaische aberselzt worden sein. IXe Griechen , wie tie aberhaupt sdircibBeKger waren, fingen nun an, die Tradition darch den Buchstaben zn fessdn, wobei es sick von sdbvt TeiBt^^ dass die ersten Versuche nnr eehr unvoUkommen auB&Uen konnten. So ist es gekommen^ daM die Sprache bei alien Evangelisten, selbet bei Lucas, der es sontt besser gekonnt hat, ein hebraisir^ides Griechisch ist. 5) Im Ganzen war daznmai Hug mit seiner Benutzungshypothete dorchgedrangen, nur woUte man nicht gelten lassen, dass die Evange- listen gerade in der Ordnung, wie sie im Kanon stehen, sich gegensei- tig benutzt und kritisirt batten; uberdies fublte man das Gewicht der Gieseler'schen Ghrunde^ und strebte nach Vermittlungen. Diesen eklektischen Standpunkt nehmen, besonders auf Griesbach and Gie- seler fossend, schon Schwarz,^ Schott* und Neudecker,* in- sonderbeit aberDeWette und Credner ein. Der Erstere hat in seiner ersten Aullage ^ zwischen Matthans und Lucas eine gemeinsame mund- liche Quelle statuirt; die ganze Anlage ist aber bei Matthaus und Lucas 80 tlbereinstimmend, dass man entweder den Matth§us, oder einen ge- meinsam berucksichtigten Quellenschriftsteller als ihren Urheber be- trachten muss. Jedenfalls aber soil der Einfluss , den Matthftus auf Lu- cas, und aach auf Marcus gehabt, kein unmittelbarer, sondem ein durch Erinnerung vermittelter gewesen sein. So kam es, dass Marcus, wie- wohl er den Matthaus und Lucas kannte , doch die Beden yergeesen bat Ueberhaupt spiel t Marcus beiDeWette immer die untergeord- netste RoUe. Vergleichen wir voUends die letzten Ausgaben,* so er- sdieint er geradezu als Epitomator der beiden Andem. Aber auch sonst istDe Wette spater von manchen fruheren Behauptungen zuruckge- kommen; namentlich hat jetzt nicht bios Marcus, sondem auch Lucas den Matthaus unmittelbar vor Augen gehabt,^ und sind dafur einige aadere Mittelglieder zwischen eingetreten, mit deren Annahme De Wette aller Zuhulfenahme von Parteitendenzen ihre Berechtigui^ ent- rissen zu haben glaubt. Lnmerhin aber erklaren sich bei ihm die Ueber« einstimmungen leichter, als die Differenaen. Eine andere Gestalt von Weiterbildung der Benutzungshypothese 1) Sartorius (Drei Abhsndlungen aber wichtige Gegenst&nde der Theologie, 1830, 8.50fll), Rettig (Ephemerides exegetioo-theologicae, 1—3, 1824). — 2)U]iter- ra^ungen aber das Verwandtoehaftsverhftltniss der synoptischen Erangelien, 1844, 8. 27 ff. — 3) iBagoge, 1830, S. 33 ff. 55 ff. — 4) Lehrbuch der Einleitung , 1840, 8. 142 ff. 167 ff. — 5) Bimleitiing, II, 1826, S. 145 ff. — 6) Wir ciCireii im Folgenden diesecbtte, TonMefsner a. Lanemann 1860 heraoigegebene, Aaflage, 8. 168 ff. — 7) A. a. O. 8.191. Digitized by VjOOQ IC 25 SntetCi^pAteL bietet Credner, der^ nadidemschoai Knobel gegen die Griesbacli- ache Hjpothese aufgetreten war, *■ diesdbe voUig aufgab- ^ Nachdem er AU8 inneren Grunden die NichtapostoHcitat des Matthaas erwiesen (wie denn ubediaupt nur das dritte Evangelium als authentisch anerkannt wird), sucht Credner zuerst aus der Nachricbt des Pajoas zu bewei- sen, dass die hebraischen sogenannten X6yia des Apostds Matthaas die Grundschiift des kanonischen Matthaus saen. Dieser Letztere sei her- Yorgegangen aus der durch einen Falastinenser veranstalteten Zosain- menstellung des achten Marcus und der Xoytot. Gleich dieser Quelle sind auch die von Fapias erwabnten Notizen des Marcus nach und nach veiioren gegangen, seitdem sie in ihrer jetzigen Ueberarbeitung als zweites Evangelium erschienen waren. Lucas endlich besass in den X6- yia, in Matthaus, in Marcus und anderen Di^;esen die reichsten Quel- len, schrieb ubrigens nicht bios ab, sondem beherrschte seinen Stoff sdbststandig. Credner's Hypothese kann um so mehr als combinirende Zusammenstellung aller Insherigen Versuche angesehen werden, ak eac auch Gieseler gerecht zu werden strebte, indem er als unterstes Fun* dament der Evangelienbildung eine Art von mundlichem Urevangelium annahm , das aber farblos war und bald Gefahr lief, in Sage uberzu- gehen. Desshalb sah man sich bald 2u schriftstellerisch^ Tfaatigkeit veranlasst, und so fanden nach der ZerstOrung Jerusalems unsere Sjm- optiker ihre Entstehung. Bemerkenswerih insonderheit ist, dass Cred- ner, wie er niemals eine Benutaung des Matthaus durch Marcus ge- lehrt hatte, den Letztern immer entschiedener als Urevangelisten au£ro- fassen vermochte. ^ Einen ahnlichen, in einfacher Weise combinirenden, Standpunkt nimmt Lachmann ein,^ der gleichfalls von mundlicher Tradition aus- ging, welche dann gruppenweise zu Papier gebracht worden sei. So entstanden funf Corpuscula evangelischer Erzahlungen, deren erstes im Taufer, das zweite im messianischen Auftreten Jesu, das dritte in der gali- l&ischen Lehrthatigkeit, das vierte in seinem spateren Wirken, das leizte in seiner Reise zum Tod seinen Mittelpunkt fieind. Diese (Dorpuscula wurden alsdann verbunden zu einer Evangelienschrift, mit der zunachst Marcus stimmt. Matthaus aber ist eine Combination dieser Tradition mit der Bedesammlung des Apostels Matthaus. Nach so vielen Yersuchen schien nun zwar die Unmdglichkeit, das erste Evangelium auf apostolischen Ursprung zuruckzufuhren, einleuch- t^id gemacht (siehe die Literatur in §. 20), sonst aber bios die Unsicher- 1) D« «Tangelii Mard origine, 1831. — 2) Einleitung in das Neue Testamenty 1836, S. 57 ff., besondeiB S. 196 ff. — 3) Das Neue Testament nacli Zweck, Ur^rung und Inhalt, 1843, II, 8. 242. — 4) De ordine nanationam in evangeliis synopticis: Studien tmd Kritiken, 1835, S. 570 ff. Digitized by VjOOQ IC GkMK^btohle dot Pireblema. 27 heat mid Haltangdosigkeit des gimBeii kritischen SlandpuBktes^ den man eumalun, offenbar gewi(»den sa sein. Willkiirliche Fictionen, vage VorsteUuDgen^ abetracte Theorien, schwindelhafte Hypothesen waren in Masse su Tage getreCen ; aber nach einem sioheren Besnltate sah man sich y^rgeUich urn. 6) Bine neue Epoche beginnt ahne alle Frage mit dem Auftreten TonD.F. Strauss. Nach Lessing's Vorgang^ hatteschon Schleier- macher mit aller Bestimmtbeit den synoptisehen Anfangs- undSchlusa- punkt der Gescbichtc Jesu Mr mythiscben Charakters eiklart. Es geboxt nickt hierber^ auszufubren, wiedanueiners^tsDe Wette eine solcheBe- tzacbtongsweise der Lebensscbicksale Jesu nocb weiter aosgedehnt, H a s e andererseits in mancben Punkten die Menscbkeit Jesu auf das gewobn- lidie Maass reducirt batte. Strauss selbst spricbt im Hinblicke auf diese seine Vorganger von einer List der Vernunft , die den Arbeitem die Aussicbt auf das ganae Gebiet ibres Tbuns benimmt, damit diesel- ben desto unerscbrockener am Tbeile arbeiten und so ibr gemeinsames Wark um so nacbbaltiger fdrdern mdcbten. ^ Er sdbst sqllte nun den Ueberblick geben uber das ganee G^iet der kritiscben Tbatigkeit. Zwar sor synoptiscben Frage selbst stebt sein Werk ' nur in mittelbarer Be- aehung. Sein Raiaonnement lautet eigentlicb bios : ist der Inbalt aus der Luft gegriffen, so sind aucb die Scbriften weder von Augenzeugen^ nock von genau Unterricbteten » und es verliert das kritiscbe Interesse an den Scbriften von vomberein seinen vomebmsten Ankaltspunkt. Nor sebr in zweiter Linie bescbaftigt sicb daber die my tbologiscbe Xbeo- kgie mit unserem Problem , bleibt aber im Ganzen im Geleise der, auf die mytbisc^e Fassung direct binweisenden, Traditionsbypotbese, nur dass sie die Ueberlieferung lebendiger, concreter, dem Geiste der alter- tbumlicben Anscbauungsweise angemessener auffasste. Die ursprung- lichere Form dieser Tradition fand Strauss im Mattbaus, Lucas dage- gen gebe eine pauliniscbe Farbung, und Marcus sei ein Auszug, was Griesbacb »zur Evidenz erboben. « ^ Bei diesem Schema hatte es dann vorlaufig.sein Bewenden auch auf Seiten derjenigen Kritik» die naoh- traglicb einen wiBsenscbaftlichenUnterbau au der, als mangelbaft erkann- ten^^ Gescbicbtsanscbauung des oLebens Jesua zu liefem untemahm. J) Voa LesBing's »I>np]ik« (177S) sagt W^itse (Erangelische Gesduchte, 8.64) Xf dasf sie dem Strauss'sohen Werk jedes Verdienst der Originalit&t genommen Ube. ^ 2) ChanktMisttken und Kritiken, 1844, S. 285. — 3) Leben Jesu, 1835 , I, & 11—76. 677 C — 4. Auag. I, 1840 (Ton uns citirt), S. 61 ff. 597 ff. 702 ff. — 4) Le- ben /era, I, 8. 67. — 5) Vgl. Hilgenf eld (Zeitsckrift fOr wiesenschaftlicbe Theo- logie, 1861, 8. 145) Uber Strauss: »Ueber die Entstehnng der ETangelien hat er nicht ttnr aielrte Ntues, sondem niokt eiiuual etwas Bestimmtes Toigetragen , da er sich aiit Ausnahme derBehauptung eixier doppelten Abkingigkeit des Marcus von Matthtus und Digitized by VjOOQ IC e$ BritMCiqilteL Denn daM eben iia«h dieser Scite hin d^g^ g apologetische Literatur mit dieser^ ihr gestellten^ Aufgabe all- zu leicht genommen. Der einzig legitime Modus der Erwiederung h&tte darin bestanden^ die vorausgesetzte agyptische Finstemiss vorl&ufig ein- zurHumen, aber nun vermittelst des Tastsinnes sich von der nicht hin- weg zu disputirenden Bealitat der evangelischen Quellen , zun&chst der synoptischen, zu uberzeugen , ihre Beschaffenheit und ihr gegenseitiges Verhaltniss genau zu untersuchen und dann zu fragen : welcherlei ge- schichtllche Vorgange setzt das Entstandensein solcher Schriften mk solchem Itihalt als ihre Veranlassung voraus? Aber gerade in dieser Hinsicht stehen auch die bedeutendsten Gegenarbeiten um keine Stufe hoher^ als das ^Leben Jesu.a Bei Neander' bleibt die Frage nach den Quellen voUig im Hintergrund ; nur bei Tholuck, der eine schlagende Folemik gegen die Griesbach'sche Hypothese liefert^ tritt sie mehr hervor. So vielen Scharfsinn aber auch Wieseler* auf die chronologi- sche Seite seiner Arbeit verwendet hat, und so treffenden Witz Ebrard* oft im Einzelnen gegen die Mythentheologie aufzubieten weiss, so gilt doch von Ersterem gerade so gut, was Bleek von Letzterem sagt, seine Aufstellungen uber die Entstehung der Sjmoptiker seien i)durchaus un- befriedigend, ohne Zweifel die schwachste Partie des Werks. « • Nicht beeser sieht es aus mit den apologetischen Bemuhungen von Harless^ und Anderen. Bios Weisse hat, von ganz anderen Interessen aus- gehend, auf den oben bezeichneten entscheidenden Punkt sowohl im Lucas , ledigUch auf die Unsicherheit der kirchlichen Ueberlieferung beschrfinkt und im AUgemeinen auf den Ursprung der Evangelien aus mttndlicher Ueberlieferimg hin-. gedeutet hat.« — 1) Leben Jesu, I, 8. 108. — 2) Das Leben Jesu Christi in seinem geschichtliohen Zusammenhang und seiner gesobiclitlichenEntwicklung, 1837, 4.AQig. 1845 (im Folgenden citirt), S. 10 ff. — 3) Glaubwtirdigkeit der ey&ngeUschen G«- wMhicbte, S. 248 ff. — 4) Chronologische Synopse der Tier Evangelien, 1843. -> 5) Wls- senachaftliche Kritik der evangelischen Oesdliidite, 1842, 2. Ausg. 1850. — 6) Beittige suj Evangelien -Kritik 1846, vgl. besonders die bedSchtigo, aber soharfe KiitUL Ebrard's S. 1—91. — 7) Lucubrationes evangelia canonica spectantee, 1841. Digitized by VjOOQ IC Geschidkto d«8 l^blems. SO AllgeBneineii^ aL» auch insbesoiMLere auf i£e primife Bedentung, die hier- iir der synoptbohen Fnige zukommt, em anerkennenswerthes Oewicht gekgt.^ Sein Werk bewies allerdings zom ersten mal die Moglich* keit'einer^ den hochsten Forderungen der historischen Wiseenschaft entspreehenden ^ Darstellung der Lebensgeschichte Jeen^ su deren Herstellung er sich eiaes trefenden kritischen Aper9u'8 alt Handhabe bediente. ^ Aof dieee WdLse ist bei ihm allerdings der kritiflcbe Appa- rnt far die Darstellung noch nicht von der letzteren selbst gesondert; er kat aber nach beiden angedeuteten Seiten nicht bios in jenem Baohe, sondem auch in der siebenten Kede »uber die Zukunft der evangeli- schen Kirche^ « wo er eine vollstandige Selbstdarstellung des synopti- schen Christus zu geben untemimmt^ ^ sowie in einigen spateren Nach* trigen^ so Eingehendes geleistet^ dass es ihm zu der neuerdings eriio- benen Klage^ man habe reohter^ wie linker Seits den yon ihm einge- aetzten Hebel ignorirt^ keineswegs an Grund fehlt. ^ Uebrigens findet er in Schleiermacher's Aufstellungen uber Matthaus^ in denen Lt ohm an n's uber Marcus die Frftmissen zu jeder zukunftigen Schluss- folgenmg ; Matthaus erscheint ihm daher als Zusammenarbeitung der Bedeaammlung des Apostels und des ursprunglichen Marcus^ von dem BBser kanonischer Marcus eine defecte Gestalt darstellt^ — so wenig- stent in den Nachtxagen. ® Man kann sagen^ dass Weisse die Marcusfaypothese eigentlich aea entdeckt und zum erstenmal wissenschafttich begrundet hat. Ist tein Werk auch bei der seither unendlich fortgeschrittenen mikroskopi- schen Detailuntersuchung heutzutage zurdckgetreten^ so muss doch immer noch jede emste^ auf die Besultate der Vorganger gestdtzte und Bach soliden Angelpunkten fur die geschichtliche Auffassung des Le- bent Jesu ringende Untersuchung mindestens von ihm ab ihren Aus* gangspunkt nehmen^ da dasselbe in letzterer Beziehung trotz seiner etwas sdiwerfalligen Sprache ohne Yergleich mehr geleistet hat^ als hundert jctzt verschoUene glatt geschriebene Antistrausse, die nur das eine In* teresse ihrer Urheber bekunden^ auf eine mdglichst compendiarische and bequeme Weise uber alle Schwierigkeiten hinauszukommen*. In- dessen Terschlang fruher das Interesse an der Geschichte noch alles Andere, und eben in dieser Beziehung sverwarf Weisse zu Vieles in 1) Die evangeliBChe C^chiclite, kritiflch und philosophisch behandelt, 1839. Vgl. bewnden I, S. 29 — 83.— 2) Erangeli^she Geschichte, I, 8. IV. — 3) Reden t^ber die Zukunft der erangelischen Kirohe, 2. Ausg. 1S49, S. 214 ff. — Philosophi- •^e Dogmatik, I, 8. 149 ff. — 4) IMe Evangelienfrage in ihrem gegenwftrtigen Sta- dlwii, 1S56. — 5) Protestantische Kirchenzeitung , 1860, Nr. 62. — 6) ETangelien- fiage, 8. l55-i-165. In der Evangelischen Geschichte (I, 8. 54} glaubt er noch an die l^i^rOngliehkeit des Jetiigen Marcos. Digitized by VjOOQ IC 30: EnrtM CftpiC«l. den Evangdxen als mgeflchiclitlieh, ak ^buM sein Gregenaatz gegewL Strauss gr6s8erett Erfolg hatte erreichen kdnnen. ^ Nickt miBder gilt das Letztgesagte von dem gkichzettigen Werke Gfrdrer's, das immer- biii ittterassante Anhaltspunkte fur die BeurtheihiBg des gescliiohtlicheii oder sagmhaffcen Inliaiti der Evangelien in Meitge bietet, dagegen aber in seiner Zurechtlegung der Synoptiker (Locus soil zuerst gesdirieb^i haben auf Grund der reladv besten Quellen^ spater und unsicherer Mat* thflus^ Marcus schreibt beide aus ^) aUzn oberflacklich gearbeitet ist, als dass es von Einfluss batte sein kdnnen. Dagegen bahnte einen weiteren entschiedenen Fortschritt ebenfEdls zu ganz gleicher 2ieit Wilke an, indem er der nebelhaften Unbestinuntheit eines mytbenbildenden Zeit- bewusstseins gegenuber die sichere und folgenreiche Thatsacbe der Eigenthumlichkeit der einzelnen Synoptiker betonte. Sein Buch war, obne alle Beziehung zu der von Strauss angeregten Streitfrage^ aus zebnjahrigen muhevoUen Studien entstanden und grundet durchaus auf der Beobachtung, dass die Eyangelisten nicht bios in dem gedachtniss- massigen, sondem auck in dem reflexionsm&ssigen Antheil ihrer Berichte meist bis auf Zuialligkeiten des Ausdrocks ubereinstimmen/ wahr^id die am meisten in's Auge £allenden Abweichungen des Einen vom Andem nicbt auf Tradition , sondern auf scbriftstellerische Reflexion zuruck* gefabrt werden mussen. * Indem so Wilke — allem hochfahrigen Construiren direct entgeg^i tretend — eine Menge muhsamer Einzel- forschungen zusammenstellte^ hat er wieder auf das schwierige Bechen- exempel aufmerksam gemacht, welches zuerst zu losen ist, ehe die be* lidbie Frage vhistorisch oder mythischcc mit Erfolg behandelt werden kann. dEs werden Missgriffe in der Ex^ese dieser Schriften und in der Bdiandlung ihres Textes kaum zu vermeiden sein^ so lange ihr ge* netisches Verhaltniss zu einaader unaufgeklart bleibt^ oder daruber £ftl- sche Bestimmungen adoptirt werden. Die sogenannte Einleitung in's Neoe Testament erweckt schon an ihrer Stim Misstrauen gegen sich, wenn sie uber den Ursprung der Evangelien nichts Grtlndliches si^en kann , oder, sobald sie den Mund ofinet, um uber die ersten Schriften zu reden, mit Voraussetzungen anfangt, denen sogar vorhandene Data widersprechen. «" Um so mehr wurde das Buch freilich von der hoch- muihigen Negation und der nicht minder hochmUthigen Position igno- rirt. Begegneten sich doch diese beiden Bichtungen in derselben aprio- risirenden Sicherheit, womit man den mtlhevollsten Theil der Unter- 1) Hilgenfeld: a. a. O. S. M. — 2) Ge^hichte des Urchristenthumft, II (Die heilige Sage), 1S3S. 1 , S. 82. 2, S. 81 ff. 123 fL 249. — 3) Der UreyangeUat, odor exegetUch kritiaehe XJntersuchung Uber das YerwaDdtadiafUyefhftltnisa der drei eor- sten Eyangelien. 1838, 8. 30. — 4) S. 99. •* 5) Ureyangeliat, 8. 19. Digitized by VjOOQ IC G«8ohiohte des Pioblems. 31 snchong als bereits abgemadit ansah. Die Scharfe des Wilke'schen Baches ist gleichermaassen gegen beiderlei Verkehrtheiten gerichtet. So lange ede noch taaben Ohr'en pre£geii^ verdienen diese seine Worte unausgesetste Wiederholang : bEs muss Jedem, der sich f&r Wahrheit aafirichtig interessirt, wehe tliim, ein Verh<niss, auf desseu Durdifor- Khang eine wichtige Entscheidnng beruht, yerkehrt zu sehen^ oder be- merken zu mussen, dass das Wahre verborgen bleibt darom, weil man. Das, was wirklicb vorhanden ist, nicht sehen will. Siefat man aber, wie eine Sache, die allseitig ohne angestrengtes Studinm nicht erkannt wer- denkann, ganz ohne alles Bestreben, sie wirklich zu erkennen, nur nach der Oberflache beortheilt wird, und dass da, wo man sich anstellt, Besnltate von Untersttchungen zu geben, wie vom Dreifusse herab, Atis- ^mche, die sich auf gar keine Untersuchung ghinden, mit der Znyer- ncht, ak ob nichts wahrer und gewisser sei, als eben Das, was sie offen- bar Falsches enthalten, den Wissbegierigen geboten werden : dann fuhlt man die R^^gen eines geheimen Unwillens, und es wird der stUla Wnnsch zar Sehnsucht, dass die Wahrheit an den Tag gebradit, und der Irrthiun verdrangt werde. « ' So hat diese Schrift das Verdienst, den Wegweiser fur die For* schtmg richtig gestellt und die Lange und Schwierigkeit der Beise fuhl- bar gemacht zu haben. Insonderheit wendet sich Wilke g^n die, urn ihrer Incommensurabilitat willen weit verbreitete Traditionshypothese,^ die er zwar zuerst noch scbarfsinniger, als dies bereits geschehen war, ni b^runden sucht,* aber nur um zu zeigen, dass vor ihr selbst das anti- qairte UrevangeUum noch manche Vorzuge besessen babe. *' Nicht min* der schlagend ist die Widerlegung der Diegesentheorie.^ Hiemach -— 80 ichliesst Wilke weiter — kann im G^ensatz gegen die beiden eben sorackgewiesenen Hypothesen das Verhaltniss der synoptischen Evan- gelien nur in der Annahme eines, in ihrem eigenen Umkreis zu suchen- den, Urevangelinms seine Erklarung finden; dann aber li^ es schon von vomherein am n&chsten, als diesen Inbegriff des Gemeinsamen das nreite Evangelium aufzufiEtssen , dessen ganzer Inhalt mit Ausnahme weniger Verse in 'Matth&us und Lucas ubergegangen ist. So gelangt Wilke auf entsetzlioh,weitl&ufigem Wege zu einem Resultate, fur de»- 9G1 Bichtigkeit er in alle Ewigkeit Brief und Siegel g^reben zu haben glaabt, dass namlich Marcus die gemeinschaftliche Wurzel und Grund- lage des synoptischen Textes sei. ® Die Mangel seines Verfahrens be- nihen in der zu einseitig formalistischen und quantitativen Betrach- tongsweise des Verfassers einerseits, in den ebenfalls gar nicht seltnen I) 8. 12. — J) 8. 26 ff. 156 ff. 656. — 3) 8. 36 C - 4) 8. 156 if. — 6) 8. 560fl: W7 f. - 6) 8. 26-161. 478 f. 684. Digitized by VjOOQ IC 33 ErHea C^kiteL WillkorUehkeiten in Bezug auf EliminatiQDi^ undTextkridk ttberfaaupt anderersdts^ ^ wahrend der ^ ^oH Seiten der Tubinger Schule erhobexie Vorwurf , die Wilke'sche Arbeit baue ihre Besultate bios auf die logi* sclien Verhaltnisse der einzelnen Texte, statt auf den dogmatiBchen Cha- rakter der Evangelien und ihre gesckichUicben Verhaltnisse im Ganzen und Gro6aeii> ' ihr ftlr einen andem theologiM)hen Standpunkt eben so gut zum Lob gereichen konnte. 7) Aber schon Wilke, obschon er im Allgemeinen aein Besultat ganz unabhangig von dem Urtheil uber den Inhalt stellt, hatte doch so- wohl die schriftstellerische Selbststandigkeit der einzelnen Synoptiker behauptet, als auch insonderheit die Differenzen derselben dadurch zu erkl&ren gesucht, dass er sie in den Bereich des Bevussten und Absicht- lichen verlegte ; sie zeugen ihm also von Reflexion^ von Tendenz der Schriftsteller, Ja sogar das Urevangelium selbst war fur ihn weniger durch geschichtlichen Zusammenhang^ als durch vorausgesetzte allge- meine Satze bedingt, zu denen der Evangelist nach alttestamentlichen Typen Beispiele erfindet. ' Ebenso verwandelten sich die Mythen, die bei Strauss ganz den Charakter des Unbewussten tragen^ bei Weiss e vielfach in die Froducte bewusster Symbolik und AUegorie. Ja schon Hug, indem er die froheren Evangelien einer bewussten Correctur durch die spateren unterworfen werden liess, schon Gieseler^ indem er dem paulinischen Charakter des Lucas das Wort redete^ batten der sogenannten Tendenzkritik vorgearbeitet. Efae diese nun in ihrer das- sischen Tubinger Gestalt auftrat^ sollten indess einige exorbitante Aus- laufer die aussersten ^ moglichen und unmoglichen , Consequenzen der ganzen Richtung darthun. So wollte der i> sachsische Anonymus « nachweisen^ dass die Evangelisten nichts weniger^ als jene nschlicht^i Fischerseelena seien^ wozu die gutherzige Faselei sie gemacht^ sondem i^kein ^nzig Wortchen in ihren Schriften, auch nicht das unschein- barste^ ohne die bewussteste Absicht und einen ganz speciellen Sinn gewahlt« seL ^ Er zog daher besonders gegen Lucas in's Feld, welcher Bach paulinischem Farteiinteresse die Tradition entstellt habe. Densel- ben paulinischen Einfluss statuirte ein preussischer Anonymus sogar mit Bezug auf Matthaus. ^ Bruno Bauer aber that^ was sich Strauss am Schlusse seiner Einleitung ausdrucklich verbeten hatte, er maohte aus ]) AVeisse: Berliner Jabrbftcher far wissensohafUiche Kritik, 183S, S. 613 ff. Schwegler: Theologische Jahrbtlcher, 1843, S, 208 ff. — 2) Schwegler: A. a. 0. 8. 212 ff. 225 f. 231. Hilgenfeld: Zeitscbiift fOr wissenscbaftUcbe Theologie, l^^Ol, S. 158. — 3) S. 670 f. 684. -— 4) Die Evangelien, ibr Geist, ihre Verfasscr und ihr Yerhftltniss su einander, 1845. S. 28.— Zweite unverftnderte Aufl., 1852. — 5) Mel- cher: ^toe fiot nov attSt oder das Abbftngigkeitsverbflltniiw der vier kanoniscbenByan- gelien, 1847. Digitized by VjOOQ IC Oeschiekte des Problems. 33 dem Nicht-Wissen, i^s gescheheu sei, ein Wissen, dass Nichts ge- schehen sei. * Ihm erscheint daher das »Leben Jesua seines Vorgangers als ein Bach vollendeter NuUitat^ die Tubinger Kritik als Apologetik. Fur ihn giebt es kein allgemeines mythenschaffendes Bewusstsein , son- dem nur einzelne Individuen erfinden Mythen ; das Selbstbewtisstsein des schdpferischen Urevangelisten hat Alles producirt yermoge des^ in ihm sich vollziebenden, dialektischen Processes des religidsen Geistes. Dieser schdpferische Urevangelist ist — nach dieser Seite beruft sich Bluer ausdrucklich auf Wilke, dessen Besultate er sich aneignet — kein Anderer^ als Marcus > der aus dem d urchrisdichen Selbstbewusst- seine die evangelische Geschichte selbst erf unden und Anlass zur ganzen Bewegung des Christenthums gegeben hat mit einem, in die Welt ge- schleuderten, Buche^ welches die plastische Darstellung der Revolution g^en die gesetzliche Welt enthielt. Unsere Evangelien aber sind theils, wie Marcus^ glacklichere, theils^ wie Matthaus und Lucas, verungluckte Variationen jenes Urberichtes. So ungunstig derartige Ueberstarzungen auf die Marcushypothese loruckwirken mochten^ so fand dieselbe doch gerade in jener Zeit wei- tere besonnene Vertretung von Seiten Sommer's* und Hitzig's^ der eine Beihe von schlagenden Einzelbeobachtungen beifugte. ^ Selbst ein katholischer Theologe^ Sepp, legte den Marcus seiner geschichtlichen Darstellung zu Grunde, *' und Lange behauptete wenigstens seine Un- abhangigkeit von den andem Sjmoptikem.^ Aber das grosse Fahrwasser der Tendenzkritik hatte schon zuvor eine andere Bichtung genommen. Erst Baur will den »wahrhaft historischena Weg, die Differenzen der Synoptiker zu erklaren^ betreten haben. War bei Strauss noch die erste Frage die nach der objectiven Realitat des Erzahlten^ so ist bei ihm die erste Frage vielmehr : wie verhalt sich das Erzahlte im Bewusst- sein des erzahlenden Schriftstellers? was woUte und bezweckte der Ver- &S8er eines Evangeliums ? So vertiefte und erganzte Baur die mythi- BckeTheorie durch eine Quellenkritik , in der er alle frOheren Unter- sachongen mit durchschlagendem Erfolg zusammenzufassen schien , in- dem nun aus Allem, was ein Evangelium Specifisches, Individuelles^ icin Subjectives hatte^ sein eigenthumlicher Charakter erschlossen, und dieser Charakter wieder aus den dogmatischen Gegensatzen des Urchri- stenthums erklart werden sollte. Er uberliess indessen seinen Schulem 1) Kritik der OTangeliichen Geschichte der Synoptiker, 1841, 1S42. Obwohl von Zeller (Theol. Jahrbdcher, 1843, S. 35 ff.), Schwegler (Ebendaselbst, S. 241 ff.), Btnr (Eyaiigelieii, S. 63 ff.) hart angelassen, gab er seine Ansichten noch einmal her- «»: Kritik der Evangelien und Geschichte ihres Ursprungs, 1850—1852.-- 2)8ynop- twcbelWeln, 1842. — 3) Ueber Johannes Marcns, 1843, S. 37—62. — 4) Das Leben Clwisti, 1846. 2. Ausg. 1855. — 5) Leben Jesu, I, 8. 223. — Holtimuia. 3 Digitized by VjOOQ IC 34 Brstes Capitel. auf diesem Theil des grossartigen , dorch ihn cuhivirten, Arbeitsfeldes die Initiative. Schwegler erdffnete die Erklarungen der Tubinger Schule mil der Behauptung, dasVerwandtschafteverhaltniss der synoptischen Evan- gelien werde wohl nie v6llig aufziihellen sein ; wenn aber einiges Licht in die verwickelte Frage gebracht werden konne^ sci dies jedenfalls nur zu erreichen vermoge einer Zusammenstellung der synoptischen Evan* gelien mit jenen Verhaltnissen und Controversen, in welchen sich die ^Iteste christliche Kirche uberhaupt bewegte.* In engsterBeziehung auf diese Verhaltnisse stehe nun aber die tJeberlieferung von einem petrini- schen Einfluss auf die Abfassung des zweiten^ von einem paulinischen auf die des dritten Evangeliums ; bei nilherer Betrachtung erweise sich freilich Marcus vielmehr als Epitomator^ und der wahre Reprasentant des Judenchristenthums sei Matthaus, ein Buch, das mit dem Hebraer- evangelium in nachste Verwandtschaft gebracht wurde. * Sonach sind die Evangelien Tendenzschriften , aus der Ansammlung und verschie- denartigen Farbung bruchstuckartiger Ueberlieferungen entstanden. * In dieser Richtung hatte demnach Schwegler^ der schon 1846 seine Resultate zusammenfassen konnte, * beinahe auf alien Punkten Baur vorgearbeitet. Auch Baur betrachtete in seinem, hier einschlagigen , Haupt- werke* den Matthaus als den ursprunglichsten Evangelisten , seine Schrift als die relativ glaubwurdigste Darstellung der Greschichte Jesu, insofern sie noch viele achte Reden, wie z. B. c. 5 — 7. 13 enthalte und in solchen Theilen auf apostolischen Quellen beruhe. So sehr aber die- ses E vangelium sich demnach dazu eignete , Grundlage der ubrigen zu werden^ so durfen wir doch nicht vergessen^ dass es in seiner jetzigen Gestalt selbst schon durch ein Medium hindurchgegangen ist , das wir nicht mehr zu durchschauen im Stande sind. Es gehort namlich zu den Grundvoraussetzungen der Tubinger Aufstellungen eine Traditionshypo- these, welche den evangelischen Geschichtsstoflf als ein, jedweder will- kurlichen Gestaltung fahiges, Product der TJeberlieferung auffasst; die hauptsachlichste Aufgabe dieser Kritik besteht daher darin , aus den Eigenthumlichkeiten der einzelnen schriftlichen Fixirungen der Tradi- tionen nach den Parteigegensatzen zu forschen, auf die sie zuruckzu- fuhren sein mochten. So war also das alteste, aramftisch geschriebene^ Werk jenes apostolische evayyiXiov xad-^ e^Qaiovg, welches vollkommen die Anschauungen des Ebionitismus darbot und unter dem Namen des 1) TheologUche Jahrbttcher, 1843, S. 235 f. — 2) A. a. O. 8. 233. 236 ff. — 3) A. a. O. S. 265. — 4) Nachapostolischea Zeitalter, I, S. 197—259. 455 — 481. n, S. 39—73. — 5) Kritische Untersuchungen tLber die kanonisclien Evangelien, 1847. Digitized by VjOOQ IC Oescbidite des Problems. 35 Mattbfius oder des Petrus cursirte. Aus diesem Originalwerke gingen dann andere Recensionen hervor^ namentlich auch unser griechischer Matthaus , welcher als freie Bearbeitung des, seines streng judenchristli- chen Charakters entkleideten , Hebraerevasgeliums gel ten muss^ daher der kanonische Matthaus sowohl judaistische, als universale Elem^nte entli<^ 60 dass er^ weil das Judaistische mit dem Nationalen uberhaupt zusammeniallt^ als keine Tendenzschrift im strengen Sinne des Wortes gelten darf. Ein, vom kanonischen Lucas zu unterscheidender^ Urlucas folgte als zweites Werk ; derselbe erscheint auch hier, wie beim vsachsischen Anonymustf,* als einerein paulinische Tendenzschrift. Auf Grundlage dieses Urlucas und des kanonischen Matthaus entstand nun aber zu- nachst unser Marcus^ ein im Interesse der Neutralitat geschriebener, die beiderseitigen Spitzen abbrechender oder umgehender, Auszug. Doch schreibt Marcus nicht geradezu ab; er giebt oft mehr, hat aber keine neuen Qaellen, keine »eigenen Mittela, sondem spinnt bios einzelne Ztlge weiter aus in meist rationeller "Weise. * Erst jetzt entstand unser kanonischer Lucas ^ dessen sehr verschie- denartige Elemente auf Grund des marcionitischen Lucas geschieden sein wollen ; die bisher schon als paulinisch erkannten Zuge des Eyan- geliums werden daher in den Urlucas verlegt, wahrend die mehr judai- sirenden Stellen einem unionistisch gesinnten Redactor zur Last fallen.' 8) Diese Tendenzkritik hielt es im Allgemeinen mit der, damals cben in Misscredit kommen wollenden, Griesbach'schen Hypothese,* im richtigen Gefuhl, dass eine Anerkennung irgend welcher Selbst- standigkeit des Marcus ihr todtlich sein werde. * In ihren eigenthumli- chen Aufstellungen fand diese Kritik aber fast bios innerhalb der Tu- binger Schule Beifall, ward, ohne einer recht umfassenden Theilnahme rich zu erfreuen, in den » Theologischen Jahrbuchernot verhandelt, von den Apologeten aber verworfen, ohne in ihrer Beweisfuhrung wirklich erschuttert zu werden. Diesem letzt angedeuteten muhelosen Greschafte lagen namentlich ob einerseits Thiersch, der zuerst mit der Giese- ler'8chenMundlichkeit,'dann mitEingehen in die Marcushypothese, die er als* festen "Wall zur Vertheidigung der geschichtlichen Wahrheit des Evangeliums preist, womit er aber dennoch die Echtheit des griechi- schen Matthaus vereinigen zu konnen glaubt,'^ die uberall einsinken- 1) 8. 571 ff. 574 ff. 620 f. — 2) S. 548 ff. — 3) S. 428 ff. 502 ff. — 4) Sch weg- ler: Theologische Jahrbacher, 1843» S. 203 ff. Nachapottolisches Zeitalter,!, S. 457ff. Banr: Erangelien, S. 548 ff. Marcusevangelium , S. 110 ff. Theologische Jahrba- cher 1853, 8. 54 ff. — 5) Vgl. Weisse: Erangelienfrage , 8. 73. — 6) Versuch enr Wiederhentellung des historischen 8tandpunkte8 ftLr die Kritik des Neuen Testamen- tes, 1845, S. 119 ff. — 7} Kirche im apostolischen Zeitalter, 1852, 8. 100—104. 3* Digitized by VjOOQ IC 36 Entes Ci^teL den Trummer der traditionellen Vorstellung stutzen woUte ; andrerseits Hengstenberg, der in charakteristisclier Weise den, oben gekenn- seichneten, Standpunkt Hugs aufs Neue einnahm. ^ Ein wei teres Stadium in der Behandlung unserer Frage b^nnt 1849 mit £ wald. ^ £r bat die Forscbung zuerst wieder aus einer Sackgasse herausgefubrt 5 in welcbe sie sicb vermoge der Tendenzkritik verirrt batte , batte sie sogar nocb rascber und allsei tiger in andere Geleise fu- gen konnen, wenn er so mancbe tucbtige Vor- und Mitarbeit wie z. B. Wilke's Bucb' batte beacbten woUen. Die Tubinger Kritik batte, in- dem sie das Ratbsel der Evangelienbildung dureb dogmatiscbe Analyse zu Idsen strebte, die eigentlicb kritiscbe Seite an der Sacbe fast ganzlich vernacblassigt. Von Spracbvergleicbung und alien jenen , auf das Ge- biet des Formellen fallenden , Untersucbungen und Beobacbtungen, die jeder, aus sacblicben Grunden entnommenen, Entscbeidung vorangeben mussen, batte die Tubinger Kritik, yon dem einzigen Zeller abge- sehen, fast vdllig Umgang genommen ; uberall war es nur die Tendenz, der man nacbspurte , bis in das barmloseste Detail der unscbeinbarsten Nacbricbt berein. Dies war es, was der, gegen seine frubem CoUegen von Tubingen leidenscbaftlicb eingenommene , Ewald als »niedrige Gesinnungo, als »viebiscbe "Wildbeita der »trQbseligen Tubinger Scbule« bezeicbnete, der gegen dberzutreten er sicb gedrungen fublte. Dabei bat er das gute Bewusstsein, keine unuberwindlicben Scbwierigkeiten zu finden. ©Nicbts ist verbullt, was nicbt aufgedeckt, nocb verborgen, was nicbt offenbar wurde« — mit dieser, jedocb scbon vom nsacbsiscben Anonymusa vorweggenommenen, Losung gebt er an die Arbeit. Bei ei- ner scbon so vielfacb ventilirten Frage verstand es sicb freilicb von selbst, dass aucb Ewald nur tbeilweise einen neuen Weg einscblagen konnte. Obwobl er daber seine Vorganger ignorirt, bescbreibt er docb die An- fange der bistoriscben Literatur abnlicb , wie Scbleiermacber. Er gebt von der Tradition und ibren Tragern , den B/eiseevangelisten, aus, weist auf das entstebende Bedurfniss bin, tbeure Erinnerungen zu fixi- ren, die einzelnen Erzablungen aber zu verbinden. So kam es zu einer gruppenweisen Aufzeicbnung von Hauptpunkten, z. B. der Leidensge- Bcbicbte. Endlicb versucbte man, diesen ganzen Erzablungsstoff in grosseren Zusammenbang zu bringen. Einen solcben Erstlingsversucb stellte die erste erkennbare Quelle Ew aid's dar. Dieselbe war ur- 1) Eyangelische Kirchenzeitung , 1858, S. 627 ff. Das £T«ngelium des heiligen Johannes, I, S. 93. — 2) i»Ur8prung und Wesen der Evangeliena in den JahrbQchern I, S. 113—154. n, S. 180- 224. HI, S. 140—146. — Die drei enten Evangelien abersetat und erklftrt, 1850 (erklilrt durch neunfachen Bruek das Quellenverhftltniss ad oculos). — Geschichte Christus, 1855 (von uns citirt), S. IX, 103 ff. 2. Aufl. 1857, S. XI, 125 ff. — 3) Vgl. GOttinger Anzeigen, 1861, S. 1938. Digitized by VjOOQ IC Greschiohte des ProblemB. 37 SfHrnsglich hebraisch vom Evangelisten Fhilippus gesdirieben — eine Darstellung der merkwurdigsten Ereignisse und Seden^ der » hochsten Spitzen«^ mn die sich der tlbrige Erzahlungsstoff gleichsam an- schwemmte — immer noch eine verhaltnissmassig kurze Schrift ohne lange Keden, ohne Vorgeschichte. Dagegen traten die Momente der Taufe und der Verklamng besonders in dieser Erzahlung hervor. Die Schrift wurde viel gebraucht, von Lucas in der Einschaltung benutzt, von Marcus fast ganz aufgenommen. Indessenbildete sich gleichzeitig auch eine Sammlung von Spruchen Jesu, die aber von vornherein gruppirt und planvoll angereiht wurden, vie dies jetzt noch aus der Bergrede, aus den Gleichnissen u. s. w. her- vorgeht. Dieses denkwurdige und vollendete Werk, dasEwald sehr ausfuhrlich beschreibt^ enthielt die Ausspruche Christi fast vollstandig mitkurzen, erzahlenden Einleitungen. Verfasser war der Apostel Mat- thaus^ der es hebraisch geschrieben hat. Aber schon Fapias kannte meh- rere griechische Bearbeitungen da von. Jedoch ist es nur eine dieser TJebersetzungen, die von alien Synoptikem, am voUstandigsten jedoch von MattMus (3. 5—7. 10—13. 23 — 25), gebraucht wurde. Auf Grund beider Schriften, ohne dass dieselben ubrigens vollstanr dig aufgenommen worden waren , entstand dann drittens unser zweites kanonisches Evangelium, in dessen gerechterer Beurtheilung Ewald wieder den Faden der Forschung dort anknupfte, wo er von den Tubin- gem abgerissen worden war. Nach seiner Weise erkennt Ewald darin •frischeLebendigkeitundmalerischeAusfohrlichkeit, « »Schmelz der fri- schen Blumea und »volles, reinesLeben der Stoffe. « Marcus, der zu- gleich aus dem mundlichen Berichte des Fetrus Manches aufnahm , hat dieses erste EvangeUum in Rom verfasst. Aber unser jetziger Marcus ist nicht mehr ganz der ursprungliche, sondem theils (z. B. 1, 2. 16, 9 — 20) interpolirt, theils abgekurzt. Ja — nach spaterer Modification — ware Marcus sogar erst in einer dritten Gestalt, die er nach Erscheinen des Matthaus erhielt, in den Kanon gekommen. * Da indessen diese Schrift, wie auch die erste Quelle, doch nur aus- serliche Daten zusammenreihte,. mussten jetzt auch die »H6hen der Ge- 8chichte« zur Darstellung kommen, es mussten die der inneren Herrlich- keit Christi entsprechenden Momente fixirt werden. Dazu bot zwar auch Marcus Ans&tze, wenn er z. B. die Verklarung erzahlt und den VorhaDg im Tempel zerreissen lisst. Aber eine ganze Beihe von Hohebildem, die himmlische Fortbewegung der Geschichte darstellend, hat sich zwar spater am vollkommensten im vierten Evangelium zusammengefunden ; doch unterscheidet Ewald schon eine fruhere vierte Quelle als ein sol- 1) Geschichte ChristuB, S. IX f. Digitized by VjOOQ IC 38 Ezst68 Cfl^teL ches Buch der hdher^i GeBchichte^ worin z. B. die Geachichte der Ver- suchung und des Todes Jesu ausfdhrlicher erzahlt^ Jerusalem ^ ay la noXigQSx, 4^ 5. 27^ 53) genannt wird u. 8. f. Besonders Matthaua imd Lucas benutzten diese Quelle. Auf der funften Stufe erscheint dann unser Ma'tthaus^ der alle yier Quellen^ besonders die zweite, nebst einer Vorgeschichte, verarbeitete in wesendich auf das Sammeln gerichteter Tendenz. Verfasser ist ein Judenchrist^ der fur Juden und Judenchristen schrieb. Nun finden sich aber audi Spuren von wirklich poetischer Ge- schichtsschreibung (wie z. B. das Loblied der Maria). Ewald nimmt daher nocb drei Quellen an y um die Eigentliumlichkeiten des Lucas zu erklaren. Das ]>sechste, nachweisbare Bucha soil sich ubrigens durch Lieblichkeit und Zartheit der Bede^ das siebente durch abgerissene^ schweriallige Diction auszeichnen^ wahrend gewisse Beste in ein achtes, aramaisch geschriebenes , verwiesen werden. Als Abschluss des synoptischen » Schriftthumsa erscheint nun neun- -tens Lucas, ein grosses Sammelwerk, dessen Grundlage die genannten Quellen mit Ausnahme des Matthaus bildet ; seine Eigenthumlichkeiten erklaren sich aus den letztgenannten Buchem vollkommen. 9) Es folgt eine Beihe von Auseinandersetzungen, aus welchen neue Mittelgestaltungen hervorgingen. Dabei drehte sich die Haupt- frage immer entschiedener um Marcus. Die Combinationen von Baur fanden innerhalb der Schule selbst Widerspruch. Hilgenfeld stellte den zweiten Evangelisten jetzt wieder in die Mitte zwischen Matthaus und Lucas, that seine Unabhangigkeit von Lucas klar dar und ver- suchte, in die innere Oekonomie des MajFcus tiefer, als bisher geschehen war, einzudringen. * In einem fanfjahrigen Streit mit Baur hat er seine Position im Ganzen siegreich behauptet und zugleich die, von den Tubingern statuirten, Gegensatze gemildert. War doch schon dies ein Schritt naher zur Moglichkeit einer concreteren Auffassung der evange- lischen Geschichte, dass H il g e n f e 1 d's Methode, — die er im Gegensatz zu Baur's Tendenzkritik die literarhistorische nennt — nicht sowohl in dem Spatesten, dem vierten Evangelium, als vielmehr in dem Aeltesten und Ursprunglichsten ihren Ausgangspunkt findet und von da aus hauptsachlich zwei Fositionen vertheidigt. Einmal soil der apostolische Kern des ersten Evangeliuins , eine streng judenchristliche Schrift, die in unserem Matthaus eine universalistische Bearbeitung erlitt, den An- 1) Das Marcusevangelium, 1850. ~ Kritische Unteisuchungen fiber die Eyaage- lien JustinB, 1850. — TheologUche Jahrbtlcher, 1852, S. 102 — 132. 259 — 293. — Die Evangelien nach ihrer Entstehung und geschicbtlichen Bedeutung, 1854. — Das Urcbristenthum, 1855, S. 14 S, — Theologiscbe Jabrbacher, 1857, S. 417 ff. — Zeit- scbrift ftUr wiflsenscbaftlicbe Tbeologie, 1861, S. 178 ff. Digitized by VjOOQ IC Oescliichte de« Pxoblems. 39 fang aller EvangdienbilduBg beseichnen, und sweitens soil der stetige Fortschritt der evaBgeUschen GescbichtschreibuBg wesentlich an der Stellang des Marcus vor Lucas hangen^ so dass in dem milden Fetrinis- mus des Marcus eine Versetzung des ersten kanonischen Evangeliums mit Traditionen der rdmischen Kirche^ im Lucas aber eine Bearbeitung aller fruberen .Quellen im entscbieden paulinischen Sinne vorliege. So sebr nun der Verfasser bemuht ist^ dieses Verfabren als ein von der Tubingcr Kritik genau zu unterscbeidendes darzustellen, und so sicber anzuerkennen ist, dass Hilgenfeld hinsicbtlicb des zweiten Evange- liums^ das er wenigstens nicbt mebr aus Lucas erklart, und des dritten, dem er keinen marcionitiscben Lucas vorangeben lasst, einen Fortscbritt ober Baur angebabnt bat, so vollkommen eins ist docb seine Metbode mit der Baur'scben binsicbtlicb des ersten Evangeliums, dessen Ent- ttebungsweise er nicbt etwa aus eingebender Vergleicbung mit dem Text des Marcus und Lucas, sondern kurzer Hand aus den verscbiedenen dogmatiscben Standpunkten zu bestimmen sucbt, die er in demselben wabmimmt. Baur begriff daber nicbt, wo das Recbt einer solcben, imPrincip docb ubereinslimmenden, Abweicbung von seinen Aufstellungen liegen soUe und protestirte gegen jede Vermittlung, indem er die Griesbacb'- sche Hypothese nur desto fester bielt, * wabrend nunmebr Ritscbl — aucb uber Hilgenfeld binausgebend und im Widersprucb mit den Antecedenzien seiner eigener Forscbung^ — in einer epocbemacbenden Abbandlung den Marcus geradezu fur die Quelle des Mattbaus er- klarte.* Hatte scbon Hilgenfeld das literariscbe Verbaltniss an der Sacbe wieder mehr betont, so ging nun der gerecbteste und eingebendste Ver* mittlungsversucb von Karl Beinbold Kostlin aus, einem Scbuler Baur's und billigen Beurtbeiler Ew aid's. Ricbtig fublt er, dass eine Beurtbeilung bios nacb der doctrinellen Tendenz ebenso einseitig sei, als auf anderer Seite die rein literariscbe Untersucbung. Indem er daber auf dem Weg^ angestrengter Detailuntersucbung eine kunstvoUe und com- plicirte Combination des qualitativen und des quantitativen Maassstabes berzustellen strebt, gelangt er zu Resultaten, die ebenfalls in der Mitte lie- gen zwiscben den bisber aufgetretenen Gegensatzen.* Wie E w a 1 d nimmt er eine grosse Anzabl von Quellenscbriften und Mittelgliedem an, unter 1) Dfts MarcnseTangelium, 1851. — Theol. JahrbtLcber, 1853, S. 54 if. — Zeitschrift fill wiMenBchaftliohe Theologie, 1859, S. 373 ff. ~ Christenthuin der drei ersten Jabr- bnnderte, 1S60, S. 24 f. — Tabinger Sobale, S. 51. — 2) Vgl. das »ETangelium Mar- doiis»« S. 174. — 3) »Ueber den gegen wflrtigen Stand der Kritik der synoptisohen BTangdienw in d«n Tbeologiscben JabrbtLcbem, 1851 , S. 480—538. — 4) Urtprung QBd Composition der synoptiscben Eyangelien, 1853, S. 2—5. Digitized by VjOOQ IC 40 Erstes Capitol. denen besonders der (papianische) Urmarcus hervorragte. Aus einer Verschmelzung desselben mit der mundliclieii Tradition und der Bede- sammlung des Matth&us resaltirte dann unser Matthaus. W&hrend da- her die Bedesammlung noch dem Standpunkt des Urchristenthoms an- gehort, stellte Urmarcus einen halben (petrinischcn) Uniyersalismus dar, Matthaus endlich ist ganz correct katholisch. Auf Gmndlage des Urmarcus entstand zunachst das Fetrusevangelium ; und^ alle genannt^n Quellen benutzend , wurde Lucas in Kleinasien componirt. Unser ka- nonischer Marcus dagegen erscheint im Allgemeinen^ ganz wie bei Baur^ als Epitomator des Matthaus und Lucas, nur dass er zugleich als selbststandige Umarbeitung des Urmarcus auftritt. So vereinigt Kost- lin alle drei mOglichen Stellungen des Marcus , indem er einen Urmar- cus postulirt, alien Synoptikem vorangehend, ein Fetrusevangelium, das den Uebergang von Matth&us zu Lucas bildet und einen Epitomator in Griesbach'scher Weise. Der einfache Grund dieser uberkunstli- chen Construction ist aber der, dass ihm die Griesbach-Baur'sche Ansicht a priori feststeht, wahrend er a posteriori bemerkt, dass sie nicht uberall ausreicht. * Wenn sonach Kostlin in seinem Vermittlungsversuch manchmal naher zu Ewald ruckt, als zu Baur, so hat seinerseits Guericke gegen die, auch von Kostlin noch im Uebermaass bewerkstelligte^ Einschiebung von so zahlreichen Mittelgliedern, Protest eingelegt. • Hdchstens zur Erklarung des Gemeinsamen zwischen Matthaus und Lucas ist nach Beuss eine solche Quelle anzunehmen; im Uebrigen sieht er in unserem Marcus die nicht sehr tief gehende Umarbeituny einer alteren Schrift des Marcus unter Benutzung anderer Quellen. Auf Grundlage der Spruchsammlung aber und wahrscheinlich unseres Mar* cus entstand dann der kanonische Matthaus. ^ Noch einfacher glaubt Meyer, frilher ein Anhanger Gries bach's, der aber seit 1853 zu Ewald halt, * das Quellen verhaltniss bestimmen zu konnen, indem er — was Beuss leugnet* — geradezu den Mat- thaus von Lucas benutzt werden lasst; dagegen setze Marcus die Spruchsammlung voraus und sei selbst wieder die Grundlage fur den 1) S. 334 f. — 2) Gesammtgeschichte des Neuen Testamentes , 2. Ausg. 1S54» S. 240 f. — 3) Geschichte der heil. Schriften des Neuen Testamentes, 3. Ausg. 1S60, S. 174 ff. 189 flf. — NouveUe revue de Th6ologie, II, S. 15—72. Hlermit sind zu ver- gleichen die Bemerkungen von Scherer tLber die Synoptiker in derselben Zeitschrift III, S. 306 — 321. 371—383. IV, 8. 36 — 60. 65—77. 339—349. — 4) Meyer w«r frtlher Anhftnger der Oriesbach'schen Hypothese, ging aber in der dritten (1853) und vierten (1858, von uns citirten) Auflage seines Commentars zu Mattbftus, so wie in der dritten (1855) und vierten (1860, von uns citirt) zu Marcus und Lucas tLber. — 5) Geschicbte, S. 191. — Revue de Th^ologie, X, S. 65 ff. XI, S. 165 ff. XY, p. 1 ff.. Digitized by VjOOQ IC Geschichte des Problems* 41 griechischen Mattfaaus und f&r Lucas ^ so jedoch dass Matthaus, der durch allm&lige Erweiterung der Xoyia entstand^ bios der Form nach abhangig von Marcus sein soll^ w&hrend der von ihm gelieferte Stoff an sich auch nrsprunglicher^ ak der des Marcus, sein kann. ^ Mehr oder minder in dasselbe Fahrwasser der Marcushypothese lenkten die neuesten Bearbeiter der synoptischen Frage ein : Tobler , der den Matthaus aus Marcus und der Spruchsammlung zusammengeaf- beitet sein lasst, den Lucas aber als spateres Sammelwerk betrachtet;^ Plitty der sich an RitschTs Untersuchungen anschliesst;' und na- mendicb Weiss, der jedoch zwischen Matthaus und Marcus ein wech- aelseitiges Abhangigkeitsverhaltniss , oder vielmehr eine gemeinsame Quelle Beider, neben der Matthaus aber doch noch den Marcus brauchte, annehmen zu mussen glaubt. ^ Nachweis dieses Verhaltnisses vermit- tdst einer genauen Analyse der parallelen Abschnitte ist daher Haupt* inhalt seiner fleissigen Arbeit. Auch Bunsen's ^Bibelwerka sieht in Marcus den einfachsten Typus der altesten Ueberlieferung, dem Mat- thaus, als Vertreter der ersten Gemeindeanschauungen, in der Ordnung des Kanons den Bang ablief. ^ Als mehr oder weniger ausserhalb dieses Zusammenhangs von ge- genseitigen Hulfsleistungen zur Erreichung gemeinsamer Resultate stehend, mussen noch einige Erscheinungen Erwahnung finden, von denen etliche als Nachtriebe der Tendenzkritik auftreten. Doch gilt dies nicht von einem Aufsatz Kalch renter's, der jedes schrift- stellerisch vermittelte Abhangigkeitsverhaltniss uberhaupt leugnet und dieEinheit in die christliche Erinnerung verlegt, wie die alte Ortho- doxie , als deren anachronistisches Echo der Aufsatz gelten kann, sie in den erinnemden Geist verlegt hatte. ® Dagegen macht Volkmar jetzt den Marcus wieder zum Urevangelisten. ^ Als man an der aposto- lischen Hoffnung auf die baldige Farusie anfing, irre zu werden, schrieb Marcus, um die Blicke von der Zukunft in die Vergangenheit zu wen- den, das » urchristliche Epos von der ersten Farusie « in paxdinischem Geist. Jetzt erhob das Judenchristenthum aber aufs Neue sein Haupt and machte sich uber das paulinische Evangelium hinaus wieder Luft. Zwar der i>Sohn Gottesc war durch Marcus durchgesetzt, aber man identificirte diesen theologischen Begri£f mit dem des Messias. So in 1) Zu Matthflus, 1S58, S. 12 f. 32 ff. 36 f. — 2) Die Evangelienfrage , zur Feier des 25jahrigen Bestebens der UniyersiUt Zurich, 1858, S. 18. 26 ff. — 3) De compo- atione erangeliorum synopticonimy 1860. — 4) »Zur Entstehungsgeschichte der synop- tbehen Eyangelien« in denStadien undKritlken, 1861, S. 29—100. 646 — 713. •— 5) I, S. XL ff. — 6) »Das Ureyangelianiff, JahrbUcher fta deutsche Theologie, 1861, S. 507 — 62t. — 7) Die Religion Jesu, 1857, S. 195 ff. 291 ff. 347 ff. Die geschichtstreae Tbeologie und ibre Gegner, 1858, S. 14 ff. Digitized by VjOOQ IC 42 Entes C«pitoL judaistischem Interesse der^ den Marcus uberarbeitendei urBprunglicloe Matthaus. In Folge einer hiardurch hervorgeru£^en neuen Kraftan- strengung des Paulinismus entstand^ als Antwort auf den MatthauB^ unser Lucas^ der aber seiner Extravaganzen wegen wenig Gluck machte und daher von freisinnigen Judenchristen in unserem kanonischen Evangelium Matthaus verarbeitet wurde. Damit war aber die rechte Mitte gefunden , und wir befinden uns auf der grossen Heerstrasse der katholischen Kirche. So meintVolkmar die Baur'schen Besultate so grundlick ver- arbeitet zu haben, dass alien Spateren nur noch die Nachlese ubrig bleibt. * Uebrigens hat dann , bauend auf seine WillkOrlichkeiten, Schulze eine Evangelientafel herausgegeben^ die auch desshalb nicht ganz unbrauchbar geworden ist^ weil sie zugleich unter dem Einflusae des Wilke'schen Buches steht. * Uebrigens tritt der Volkmar'schen Kuhnheit und Willkurlich- keit ziemlich ebenburtig zur Seite die sogenannte Verfalschungsbypo- these des neuesten Anonymus, der unter dem Namen nChristianusc schreibt. Nach ihm hat Matthaus eine hebraische Schrift in dreifacher Form hinterlassen. Das Erste waren die Xoyia (Jac. 5, 12. 2Ptr. 1^ 17)^ das Zweite die sogenannte nitrische Handschrift^ deren Text sp&ter mit dem der Kirche ausgeglichen wurde, das Dritte die griechische Quelle des Fapias. Diese Worte Christi sind aber im zweiten Jahrhundert Ton der rdmischen Kirche systematisch verf&lscht worden. So entstand zuletzt erst nach Justin unser Matthaus , nachdem zuvor schon die Urschrift Terloren gegangen war. Marcus schrieb die noch von Justin als Petnis- evangelium benutzten , anofivripiovsv^axa %wv anootoXcDVj die alteste erzahlende Schrift, welche von Marcion umgewandelt und durch spatere Einschaltungen aus Lucas zu unserem Marcus ausgestaltet wurde. Erst nach Marcion entstand unser , von der rdmischen Kirche verfalschter^ kanonischer Lucas. ^ Hilgenfeld hat sowohl das Ungeheuerliche in der Volkmar*- schen Hypothese nachgewiesen^ ^ als auch gegen Christianus mit Becht bemerkt, dass ein solcherEinfluss der fruhesten rdmischen Kirche auf die Bildung des Kanons in's Reich des Fabelhaften gehore. ^ 1) Geschichtstreue ITieologie, S. 68. 73 f. — 2) Evangelientafel als eine tlbersicht- liche DarsteUung der synoptischen Evangelien in ibrenLYerwandtschaftflTerhfiltnisse zu einander, 1861. — 3} Der Ursprung der Erangelien nach den neuesten Forschungen for das Yolk bearbeitet, 1860 (Abdruck aus der zweiten Auflage vom »ETangelium des Beichsa), S. 7 ff. 11. 19. 22. 29 ff. 37. 39 ff. 42. 51 f. — 4) Theologische JabrbUcher, 1857, S. 386 ff. 421 ff. — Zeitscbrift ftLr wissenscbaftlicbe Theologie, 1859» 8. 252 fL 1861» S. 183 ff. — 5) Literariscbes Centralblatt, 1860» Nr. 41, S. 639 ff. — Zeitsohiift ftLr wissenscbaftlicbe Theologie, 1861, S. 197 ff. ' Digitized by VjOOQ IC Geechichte des Problems. 43 So ist unter den competenten Grossen bis jetzt Hilgenf eld ohne Frage der Letzte auf dem Flatze gebUeben ; er hat seine alien Ansichten unermudlich, wie gegen Weisse,* Meyer,* Tobler,' Weiss,* so auch gegen einige kurze Bemerkungen des Verfassers vorliegender Schrift* vertheidigt;* freilich nicht ohne eine gespitzte Bemerkung bezuglich des Wagnisses, dass ein »erst 1858 auf den akademischen Lehrstuhl Gestiegenera sich Einwendungen gegen das eigene, in jahre- langen Verhandlungen mit Baur, Ritschl, Volkmar u. A. heran- gereifte, Urtheil erlaube. Ich besitze das Zutranen zu meinetn Gegner, er werde aus vorliegender Arbeit Veranlassung nehmen, inir wenigstens das Recbt einer Berufung auf selbststandige Studien nicht mehr streitig zu machen. '^ 1) Theologiflche Jabibacher, 1857, S. 381 flf. — 2) A. a. O. S. 382 ff. — 3) Zeit- schrift ftLr wissenschaftliche Theologie, 1859, S. 252 ff. 1861, S. 193 ff. — 4) A. a. O. 1861, S. 195 ff. 1862, S. 10 f. — 5) Schenkel's AUgemeine kirchliche Zeitschrift, 1861, S. 395 ff. 493 ff. — 6) Zeitschrift fflr wissenschaftliche Theologie, 1861, S. 196. 1S62, S. 5 — 8. 33. 40. — 7) £s kdnnte auffallen, dass wir mit Atisnahme von Hug keines kathoUschen Beltrags zur LOsung unserer Frage eingehendere Erwilhnung ge- tban haben. In der That ist es keine erfireuliche Wahmehmung, zu bemerken, wie wenig den katholischen Theologen der erforderliche Eifer uiid die Lust zu derartigen Untersuchungen zu Gebote zu stehen pflegen. Selbst Adalbert Maier, dessen exe- getische Leistungen auf anderem Gebiete der Verfasser gem anerkannt hat , bringt in seiner »Einleitung in die Schriften des Neuen Testamentescc (1852, S. 29 ff.) eine so dllrftige, zuletst auf G r i e s b a c h's Hjpothese sitzen bleibende, ErOrterung, wie man bei hennetischer Absperrung gegen die schftrfere Zugluft der protestantischen Kritik nur erwarten kann. Freilich Ifisst sich diese Ansicht immer noch hOren gegentlber Be i th- in ay r's Behauptung, unter den ^erschiedenen Hypothesen, die zur Erklfirung des synoptischen Verhaltnisses aufgestellt worden , gebe die von Augustin aufgestellte das meiste Licht (Einleitung in die kanonischen Bdcher des neuen Bundes, 1852, 8. 346). Als ganz unanstflndig und tactlos aber sind zu bezeichnen die Manieren des Breslauer Professors Friedlieb, der in seiner »Geschichte des Lebens Jeeu ChristiK 1855, S. V den protestantischen Bearbeitem der evangelischen Quellen yorwirft, dass no Bstatt Torhandene geschichtliche und andere Schwierigkeiten in dem Leben Jesu gewissenhaft zu l5sen, oder wenn sie dies nicht vermochten, ihrenKrflf- ten mehr entsprechende Arbeiten zu suchen, sich darin gefielen, Schwie- rigkeiten aUer Art zu hftufen etc.« Es fehlte in der That nur noch, dass man zu der totalen wissenschaftlichen Impotenz, yon welcher das genannte Buch Zeugniss ablegt, derartige windbeuteligeVerachtungsphrasen hinzuftlgte tlber Leistungen, derenMaasse nun gar nicht abersehen kann : so musste der widrige Eindruck aufs Hdchste gestei- gert werden, den jeder anst&ndige Mensch immer wieder aufs Neue empfindet , wo er neht, dass ein schimpfHches Kokettiren mit wissenschaftlicher Methode und Form siofa. et im Ernst einfallen lassen darf , mit dem entschlossenen Streben nach ganzer und roller Wahrheit zu rivalisiren. Digitized by VjOOQ IC 44 Erstes Capitel. S. 4 lie he«tige Cestelt 4m Fr^Ueiu. Es ist iin gegenwftrtigen Moment der Entwicklung nicht mehr nothigy die aufgefiihrten Erkl^ungsversuche der Beihe nach, jeden einzelnen mit gleicher Ausfuhrlichkeit, zu behandeln ^ da sie sich theil- weise bereits unter einander selber zerrieben haben. Ein guter Theil dee erwahnten kritischen Materials gilt heutzutage anerkanntermaassen als ausgebrannte Schlacke, an der das Feuer der Kritik sein Werk defini- tiv gethan hat. Indem wir daher vor Allem die brennenden Fragen von den bereits verloschten zu scheiden uns bemuhen^ bringen wir zugleich die Masse der einzelnen Hypothesen in Reihe und Glied ; wir stellen allgemeine Kategorien auf ^ um fur das Einzelne forthin desto umfas- sendere Gesichtspunkte zu gewinnen. Schon Eichhorn hat das Dilemma aufgestellt: entweder haben sich die Drei unter einander gebraucht, oder sie hangen von einer ge- meinschaftlichen Quelle ab ; * d. h. entweder ist die Verwandtschaft eine unmittelbare^ begrundet durch den Gebrauch, den ein Evangelist von den Schriften des^ resp. der andem machte^ oder sie ist eine mittel- bare, begrundet durch den Gebrauch einer, vielleicht auch mehrerer gemeinsamer Quellen. Als Tertium liesse sich dann eine Combination beider Moglichkeiten denken , wie solche ja auch in der That versucht worden ist. I. Wir beginnen mit der Untersuchung des vorausgesetzten U r- evangeliums, und zwar zunachst des schriftlichen . Rein unmOglich ist nun jedenfalls die erste Hypothese Eich- horn's; denn unsere Evangelien konnen keine Uebersetzungen sein. Uebersetzungen werden an der Gezwungenheit der Diction und an Sprachfehlern erkannt; beide Elriterien lassen aber keine Anwendung auf die Synoptiker zu. Am wenigsten konnen unsere Evangelien als von einander unabhangige Uebersetzungen gelten; diesbeweisen die gemeinsamen schwierigen Ausdrucke. Welch ein wunderbarer Zufall ware es z. B., dass die hebraischen Aoriste mit derselben griechischen Zeitform von alien Dreien wiedergegeben werden ! oder dass dieselben Prapositionen, dieselben seltenem Flectionen an bestimmten Stellen von alien Dreien in Anwendung gebracht sind ! Wie auffallend , dass das hebraische "inJa in gleicher Weise Mt. 6,11 und Lc. 11,3 mit dem befremdlichen Worte iniovaios ubersetzt wurde ! Nicht minder lassen sich auch die ubereinstimmenden Citate nur erklaren auf Grund eines gemeinsamen Textes. 1) Einleitong, I, S. 155. Digitized by VjOOQ IC Qestalt des Ftohfems. 45 Eine Umarbeitung dieser Hypothese war daher schlechterdings ge- boten. Eichhorn liess somit den Matthaus zuerst aramaisch scbreiben nod dann mit Hulfe des griechischen Urevangeliums seine Schrift in's Griechische ubersetzen. Aehnlich bernhen aucb die anderen Evangelien zuletzt auf gemeinsamen Uebersetzungen. So angeseben bat die Hypotbese vom sobriftlicben Urevangelium einen unverganglicben Wabrbeitskern, indem sie auf an sicb ganz ricb- tigen Beobacbtungen berubt. Denn Eicbborn gebt yon den Stucken tu8^ in denen alle Drei sicb treffen. Solcbe stellenweise Uebereinsdm- mung kann aber nicbt bios daber rubren y dass die Verfasser durcb per- sonlicbe Gegenwart oder durcb mundlicbe Ueberlieferung eine gleicb nmfassende Kenntniss von den Begebenbeiten gebabt batten. Vielmebr wenn sonst Gescbicbtscbreiber als Zeugen oder Beferenten derselben Tkatsacben aufbreten^ pflegt jeder nacb seinem individuellen Cbarakter^ von seinem eigentbdmlicben Gesicbtspunkte aus , mit seiner Auswabl, wit seinen Worten zu erzablen. Hingegen findet sicb in den Evange- lien eine derartige Uebereinstimmung in Beziebung auf Form und In- halt, namentlicb aucb in der Anreibung ganzer Folgen von Begeben- beiten, dass dieselbe sicb nur unter Voraussetzung des gemeinsamen Gebraucbs scbriftlicber Denkmaler erklaren lasst. ^ So gewiss aber die Harmonie der Synoptiker von der Art ist, dass sie gemeinsame literariscbe Quellen erfordert, so werden docb die Di£ferenzen bei Eicbborn zu kunstlicb erklart durcb Einscbiebung einer langen Beibe von Mittelgliedern, deren Existenz zur volligen XlDmoglicbkeit wird, wenn sie alle in einen so kurzen Zeitraum verlegt werden soUen, wie Eicbborn in Abbangigkeit von der kircblicben Tradition uber die Entstebung unserer Evangelien verlangt. Aber aucb abgeseben da von , fragt man docb wobl : wenn die Verfasser dieser Mit^ telglieder die Urscbrift variirten, warum konnten es nicbt gleicb unsere Synoptiker selbst tbun? warum soUen Mattbaus, Marcus, Lucas von ibren Quellen nur unter der Bedingung abweicben durfen , dass scbon zuvor ein Urmattbaus, ein Urmarcus, ein Urlucas Dasselbe getban haben? Von Eicbborn datirt eben jenes, aucb nocb lange nacbber bemerkbare Streben, die Verwandtscbaftsverbaltnisse auf eine, dieWill- kurlicbkeit und Selbststandigkeit der einzelnen Evangelisten so viel wie moglicb ausscbliessende, Weise zu erklaren, als ob die Willkur oder Selbstst&ndigkeit weniger Willkur oder Selbststandigkeit sei und in dem Maasse begreiflicber werde, als wir sie auf Becbnung von unbekannten, statt bekannten, Grossen bringen. Diese, den Fortscbritt derEvangelien- bildong nacb rein quantitativem Maassstabe bemessende, Metbode fubrte 1) Einleitiiiig, I, S. 154 f. Digitized by VjOOQ IC 46 Entes Capitel. ztdetzt di^n^ die Verfasser unserer Evangelien in ein ganz mechanisches Verh^tniss zu ihren Quellen zu setzen und sie mit kleinlicherPedanterie zuWerk gehen zu lassen. Mit Recht erklart Schl e i er ma cher, er konne sich nicht denken sunsere guten Evaiigelisten yon 4, b, 6 aufgeschlage- nen RoUen und Bachem, in verscliiedenenZungen noch dazu, umgeben, abwechselnd aus einem in's andere schauend und zusammenschreibend, c ganz nach Art »einer deutsclien Bucherfabrik des XVIIL oder XIX. Jahrhunderts. « ^ Dazu kommt dann noch die complicirte Kunsdichkeit^ womit jene Mittelglieder in's Leben gerufen und in Beihe und Glied gestellt werden. Hier gerade wird eine Menge historiscber Facta vor- ausgesetzty fur die sich keine Zeugnisse auffuhren lassen. Der wirkli- chen Entstehung unserer Evangelien wurde auf diese Weise ein so rei- cher Literaturapparat vorangegangen sein, wie wir — auch abgesehen von dem Mangel bestimmter Zeugnisse — ihn schon von vomherein in die unechriftstellerische Zeit von circa 70 n. Chr, nicht hineinver- legen konnen. Die Hypothese fuhrt also einen willkurlichen Bau mit willkurlichen Materialien in eine willkurliche Hohe. Was nicht will- kurlich daran ist^ Das ist bios das Fundament der Beobachtung. Ausserdem haben die bedeutendsten Gegner der Eichhorn* Marsh-Gratz-Bertholdt'schen Hypothesen (also namentlich Hug^ Gieseler, Schleiermacher, De Wette, Wilke) mit Recht geltend gemacht, dass die Vorstellung eines derartigen schriftlichen Ur- evangeliums in sich selbst unhaltbar sei. Schheidet man namlich aus den Synoptikem die gleichartigen Elemente heraus, so erhalt man ein ziemlich mageres Gerippe, worin z. B. die Auferstehung fast so gut, wie gar nicht, beruhrt ware. Mit einem solchen Schema aber hat die urchristliche Geschichtsschreibung allerdings nicht anfangen konnen. Ja es lasst sich dies Experiment gar nicht wirklich anstellen. Es ist, wie ein Vorblick auf unsere Tafel in §. 5 zeigen mag, unmoglich, bios aus dem Context aller Drei das ihnen Gemeinsame herauszuschneiden und zu einem in sich zusammenh&ngenden Ganzen zu verbinden. Femer soil der Zweck einer solchen Aufzeichnung in der Mission gelegen haben; nach Bertholdt war das Formular sogar von den Apo- stein selbst aufgesetzt worden, als i>Normalbuch des Apostelvereins, a »ganz der Analogic des Alterthums gemass; denn auch andere Conso- ciationen (im Alterthum) , die sich dem offentlichen Unterrichte wid- meten, batten ihre Societatsschriften. «' Diese Schrift sollte dann den Missionaren zugleich zur Beglaubigung dienen. Aber hierfdr kam es doch jedenfalls nicht an auf ein solches breviaiium vitae Jesu Christi. Nach Act. 15, 27 ff. hat man nicht Schriftstucke den Sendboten sur 1) Versucb, S. 6 (5). — 2) Einleitung, HI, S. 1206. Digitized by VjOOQ IC Gestalt det Problems. 47 Beglaubigang mitgegeben , sondem \ielinehr Sendboten zur Beglaubi- gung von Schriftotucken. Uebrigens war auch die fraheste Predigt in erster Linie dogmatisches^ nicbt historischen Inhalts. Von minderer Bedeutung war ee , wenn man die Hjpothese anch aos dam Neaen Testament selbst glaubte widerlegen zu kdnnen. Das ganzliche Stillschweigen desselben und des ganzen christlichen Alter* thnms liesse sich auch sonst nocb erklaren. Freilich ist es Tauschung, wenn Bertholdt bei Paulas 1 Kor. 11, 23—25. 1 Thess. 4, 3 und in den OTtoiimjiJiovev^taxa des Justin Spuren des XJrevangeliums finden will;* aber, wenigstens unter den oben angegebenen historischen Vor- aussetzungen, liessen sich in der Apostelgeschichte Andeutungen davon erwarten. Dass dag^^en Luc. 1, 1*— 4 kein Urevangelium erwahne, dass nach 1 Thess. 2, 13. Bom. 10, 14— 18 die alteste evangelische Verkun- digiing eine mundliche gewesen sei, dass Papias davon schweige u. s. f. sind doch nur Argumente , die hochstens in Verbindung mit anderen einiges Gewicht erlangen kdnnten. — Uebrigens ftUt unter die Kategorie des schriftUchen Urevange- liums auch die Summe schriftlicher AufsHtze — Memorabilien oder Die- gesen genannt — die man als gemeinsame Grundlage der Synoptiker hat aufstellen woUen. Doch hat selbst Schleiermacher, der gewand- teste Vertreter dieses Standpunktes, seine Theorie nur in Beziehusg auf Lucas durchgefuhrt, ohne ihr eine deutliche Beziehung auf das Ver- wandtschaftsverhaltniss im Granzen zu geben. Wahrend sich daher bei Eichhorndie Harmonic, nicht aber die Differenz der Synoptiker er- klart, so tritt bei Schleiermacher nur die Ursache der Differenzen, nicht aber der, in Anordnung und Abtheilung des Ganzen sich offen- barenden, Uebereinstimmung zu Tage, wie denn auch, was er in seiner »Einleitunga fiber das Verwandtschaftsverhaltniss der Synoptiker sagt, in keiner Weise etwas Genugendes enthftlt. * Abgesehen aber von dem §. 19, Nr. 6 zu erweisenden einheitlichen Sprachgebrauch des ganzen Evangeliums, lasst sich nichts beweisen aus jenen Formeln, an denen Schleiermacher die Grenzscheide zwi- schen zwei kleinen, aneinandergereihten Quellen entdecken woUte. Er hielt sich dabei besonders an solche Stellen, wo Lucas sich von speciel- len Thatsachen zu allgemeinen Notizen wendet, und verfuhr nach dem Kanon, dass eine fortlaufende Erzahlung vom Einzelnen nicht in's 1) A. a. e. 8. 1208 ff. — 2) Vgl. gegen Schleiermacher: Allgemeine Li- texatnneitung, 1817, Nr. 283. — Planck: Observationes de Lucae evangelio, 1819. — Boediger: Symbolae ad N. T. evangeUa, 1827. — Wilke, 8. 476 flf. 517 1L 561 ft — Strauss: Charakteristiken, S. 45 ff. — Kitschl: Erangelium Marmona, 8. 211 ff. — Bleek, Einleitoiig, U, S. 240. Digitized by VjOOQ IC 48 Bxstes Capitel. AUgemeine uberspringen werde , ausser wenn rie zugleicli den Gregen- stand ganz verlasse. So oft daher einc vorangehendeErzahlungmiteiner allgemeinen Schlussformel beendigt wird^ folgert Schleiermacher, dass nun im Folgenden ein anderer Erzahler anhebe^ als derjenige war^ der die Schlussformel geschrieben.* » AUein dieser verliess ja dort wirk- lich den Gegenstand, nainlich im engeren Sinne diese bestimmte 6e- Bchichte eines einzelnen Wunders z. B.^ urn hierauf ^ innerhalb dessel- ben Gregenstandes im weiteren Sinne ^ zu anderen Einzelbeiten ^ z. B. Wundergeschichten^ tlberzugehen. t^ So folgt z. B. nach der Heilung des Damonischen in Elapernaum die Schlussformel 4^ 37 xai i^enoQSvevo ijxog Tceqi avxov Big nav%a Tonov t^g TteQixfiiQOv, Aber es folgt nan die Greschichte von der Schwiegermutter des Fetrus, die sich ganz anerkann- termaassen unmittelbar an das Vorhergehende anscbliesst und mit diesem dieselbe allgemeine Situation (erstes Auftreten in Kapemaum) gemein hat^ als selbststandige Quellenschrift betracbtet aber mehr als Duodez- -format voraussetzt. Daher wird Schleiermacher selbst zuweilen seiner Theorie untreu, wenn er z. B. die Schlussformel 8, 15 nur fur eine partielle erklart^ weil im Folgenden Ruckweisungen auf das in jener Formel Abgeschlossene sich finden. ' Der Grundsatz lasst sich also im concreten Fall nicht durchfuhren , und ist auch an und fur sich nicht haltbar. Denn, auch wo der Gegenstand wirklich ein anderer wird^ lasst Dies keineswegs darauf schliessen^ dass zwei Aufsatze ver* schiedener Verfasser zusammengestellt worden sind. d Hier kdnnte eben so gut derselbe Schriftsteller einen Abschnitt in jener Weise schliessen und nun auf etwas Anderes ubergehen. a^ Von derselben mehr als zwei- felhaften Beschafienheit sind die Schleiermacher'schen Kriterien fast durchweg. Beispielshalber meint er, Lucas 20 und 21 musse ur- sprunglich eine isolirte Aufzeichnung gebildet haben, weil erst 22, 2 das Osterfest erwahnt werde, was schon 20, 1 hatte geschehen mussen, wenn Alles in ein em Zusammenhang geschrieben worden ware.^ »Aber dort (20, 1) war ja das Fest noch nicht so nahe, als hier (22, 1), und die Nahe desselben, sofem sie eine Gelegenheitsursache far Judas ward, konnte dort noch nicht erwahnt werden, und eben Dies, dass der Er- zahler diese Erwahnung noch aufschob, giebt den Beweis, dass er der postulirte Fragmentist nicht, sondern der Schreiber eines Fvangeliums war, der seinen Bericht fortzusetzen im Sinne hatte. Wie kcnnte man auch die beiden Capitel Lucas 20 und 21 fur eine isolirte Aufzeichnung halten, da sie ja aller Zeitbestimmung ermangeln (denn dass sie in die T^ge vor dem Fascha gehoren, erfehrt man erst Lucas 22, 1), und der 1) Verench, 8. 21 (16). — 2) Strauss: A. a. O. 8. 45. — 3) Versuch, S. 123 (90). — 4) Strauss, S. 46. — 5) S. 251 (183). Digitized by VjOOQ IC Gestalt des Problems. 49 An&ng 20^ 1 iv ^i^ vwv fjfABQuiv ganz sichtbar auf ein VorhergegaDge- nes xuruckweist ? « ^ Dagegen hat Schleierinacher da kein Auge fur Fugen und Einschnitte gehabt, wo sie wirklich sind. So dberbruckt er den Ueber- gang von 8, 3 zu 8, 4 mit der Fiction , als soUten die Gleichnisse vom gaten Land und die Geschichte Ton den Verwandten Jesu zur Verberr- Kchung der 8, !3 genannten Frauen dienen,^ wahrend in Wahrheit an dieser Stelle eine Einschaltung abschliesst, und Lucas wieder zur Haupterzfthlung zurucklenkt. Dass nun freilich schon diese Quelle ehien sum Theil fragmentarischen Charakter tragi > Bruchstuck an Brachstuck anreiht mit ganz ahnlichen Anfangs- und Schlussformeln^ wie Schleiermacher sie im Lucas wahmimmt : in diesem Uinstand liaben wir die eigentliche Veranlassung zur Entstehung der Diegesen- kritik und zugleich den Grund ihres Scheins von Wahrheit, so weit ein Bolcher ihr zukommt, zu erkennen. Wahrend aber, wie wir sehen werden, in seiner zusammenhangenden Hauptquelle jene Bemerkxm- gen mehr zur Verknupfung der einzelnen Abschnitte, als zu ihrer ge- genseitigen Abstossung dienen , indem sie die AUmahligkeit des erreg- ten Aufsehens und der entstehenden Feindschaft notiren, verlieren sie, ihres naturlichen Fortschritts beraubt, bei Lucas viel von ihrer Bedeu- tang;' und Schleiermacher, der dies fuhlt, will ihnen erst wieder erne solche verleihen. Dies gelingt ihm aber nur vermdge eines seltsam verwdhnten Scharfsinnes, der z. B. aus einer, von Lucas bios anticipir- ten (§. 13, Nr. 6), Schlussformel uber das Geschick des Taufers 3, 18—20 Folgerungen zu ziehen weiss, durch welche das Vorangehende aogar urn die Ehre gebracht wird, Aufsatz eines Christen zu sein. *■ Wir wenden uns von den Hypothesen, die eine einheitliche, oder eine multiplicirte, inimerhin aber schriftliche Unterlage postuliren, m der Theorie vom mundlichen Urevangelium , die sich bis auf Guericke,* Ebrard* und Thiersch' herab vielen Beifalls zu er- freuen gehabt hat. Den conservativen Theologen musste sie sich natur- Uch um so mehr empfehlen, als die kirchliche Tradition, womach alle Synoptiker selbststandig geschrieben hatten, nur in dieser letzten Zu* flnchtsstatte sich geborgen fuhlen konnte, und als die Differenzen auf diesem W^e einen moglichst unschuldigen Schein gewinnen. Man vorde sich i^amlich daran zu erinnem haben , dass doch in jene mund- hche Ueberlieferung niemals eine solche mechanische Uebereinstim- 1) Wilke, 8. 564. — 2) S. 116 (85). — 3) Weisse: EvangeliBche Geschichte, I. 8. 69 f. — 4) Verauch, 8. 59 (44). — 5) EinleUung, 2. Ausg., S. 257 flf. — 6) Wi»- MDichamiche Kritik, §. 139. — 2. AuBg. §. 137. — 7) Venuch sur Hentellung, 8. 137 ff. Hohnnmn. 4 Digitized by VjOOQ IC 50 Bntat Capita mxmg und AbgescUossenheit in Bedbehang aaf die Fonn gebr&cht -wet- den konnte, dass nicht dabei individuelle Variationen ihren Baum ge- habt hattcn. * Nichtsdestoweniger ist die Hypothese au&ttgeben. Es'kommt ikr swar das Verdienst zm, den Geist des Alterthums insofera richtag erfasal ZQ haben^ als daa lebendige Wort uberall das Elrste, die Schrift das So- cund&re war, als daher auch der Inhalt unserer Evangelien lange Zeit bios traditionsweiBe fortgepflanzt worden war, ehe er schriftlich fixirt wurde. In keiner Weise aber kann sich diese mnncUiche Tradition gleich ursprtLnglick zu alien drei Synoptikem yerhalten haben. Dies fing man besonders seit Wilke^ an zu marken, so dass znletzt Giese- ler selbst seine Hypothese angesehen haben soil,' wie suTorEich- horn die seinige, als er in der Vorrede zur zweiten Auflage adaMS ersten Bandes auf das Urevangeliumwie a«f einen schdnen Traum zu- ruckblickte. Vor AUem kann jene nuindliche Tradition nidit in der Weise als eine stereotype angesehen werden, wie Gieseler annehmea zu dUrfen meinte. Denn nicht bios widerstrebt der hierzu nothige Mo- chanismus des Auswendig* und Einlernens dem lebendigen Geiste der iqpostolischen Zeit, sondern es widersprechen auch bestimaite Data, die darauf hinweisen, dass die Tradition keineswegs bios conserratiT, son- dern auch productiv war. Schon der Umstand, dass sich die versebie* dene Zeit, in der die Synoptiker schrieben, an gewissen Modificationen der eschatologischen Bestimmungen erkennen lasst (§. 26), zeigt, dass die mundlicfa« Tradition in einem lebendigen Flusse begriffen war, ebe sie, um nicht den authentischen Charakter zu verlieren, an%ezeichnet wurde. Wie nothwendig und zeitgemasa diese sckriftliche Iladrung be^ reits war, zeigen eben die verschiedenartigen Bildungen, in die auwei- len schon zur Zeit unserer dr^ Evangelien die allgemeine synoptiscfae Tradition auseinandergegang^i war. *■ Und denaoch sind die Yersdiie- denheiten unserer Synopdker nur zum kleinsten Theil aus diesen , im Einzelnen bereits divergirenden, Bichtungen der ursprunglicheneinheit* Hchen Tradition zu erklaren, sondern meistens sind es Differenzen, nicht wie sie zwischen yerschieden gearteten Traditionen, sondern wie sie zwischen verschieden gearteten Schriftstellern yorkommen^ welche ihren Stoff als etwas bis zu einem gewissen Grade ModifteaUee betrachten. ^ So ware auch unter Voranssetzung einer r^utirten 1W> 1) Vgl. als ein spreohendes Beispiel fdr diesen orthodoxen Instinct die von Bur- gher herausgegebene j»Chronologie und Harmonie der vier Eyangelien* von Kraf£t» 1848, 8. a2 f. — 2) Vgl. S. 26—161. — 3) Bleek : Beitr«ge, S. 68. — 4) Nehmen wir dae vierte Bvangelium als authentisohen Berieht an , so inrd die Hypothese toI^ lends zur UnmOgUchkeit. Vgl. Meyer: 2a MatthSns, S. 27 f. — 5) Wilko, 8. 90 -108. Digitized by VjOOQ IC OesteU des Probitms. 5| ditioaswd«e die tolal v^irsckiedene MotiviruBg deiselben Beden bei Matth&uB und Lucas unbegreiflich ^ die verschiedenen Exemplare fur eb and dieselbe £rzahlang unerklarbar. Man sehe darauf Un nor laanche der -wicktigaten EeUdoaen, z. B. die Geschichte yom Leiden und Auferstehen dea Herm an. ' Was liingegai in unseren Evangelien ach ala der mundlichen Tradition offenbar entnommen darstellt, daa lind einzelne Zuge> wie vom Schacher am Kreuz^ die aber gerade der Gieseler'schen Hypotbese zufolge^ weil nnr von einem der Evange- listen hereingeschoben , aus dem Zusammenbang des gemeinsamen Ty- jm aosgeschlossen werden mussen. ^ Indetsen mochten am Ende die Differenzen noch leichter aaf diesem Wage zu erklaren sein, als die Uebereinsdmrnung. ' Wie diese Letztere VU ia's Minntidse des Ausdrucks hinein , z. B. bis anf die^ Mr. 3> 5 ss Mt. 12, 13 s8 Lac. 6^ tO sich findende, doppelt augmentirte Form insHOtw^d^, sich erstrecken konne^ wird niemals deutlicb zu machen Km. Bleek verweist beispielshalber auch auf folgende Farallele : *' Mt. 12, 27. 28 xai el M Lc. 11, 19. 20. sj di ijfta iv Be9l^€^vl hcfidlXw ja dcufiiviaj ol viol vficSv h vivi hfial" lovoiy; dia %ovxo avxol Tiqixal saoweu vfiuv H vfiiSv n^ai iaowai ei 3i h nvtifAOXL &40V iyd H dcmviXt^ ^oov hfiallfa Tcr dcti^oviu^ S^a 6q>du09v ig>* ijiSg fj fiaciXela tov &£0v. Unm6glich konnte sich der complicirte Satz in so streotypen Aus- drucken, in so fixirter Wortfolge fortgepflanzt haben, dass zwei Schrift- steller ihn unabhangig von einander und buchstablich tlbereinstimmend (bisauf die bewusste Abweichung: daxtvXq)) h&tten niederschreiben konnen. Andere schl^ende Beispiele fuhrt DeWettean^ aus denen jedenfalls dieses hervorgeht, dass die Synoptiker, selbst wenn sie im Aherthmn vergKchen und interpolirt worden wftren, dock nur auf Gnmd gemeinsamer schriftlicher Quellen zu erklaren sind. Endlich ist schon von Hug* und Weiss e ^ treffend darauf hinge- wiesen worden , wie der Lehrvortrag der Apostel niemals von der Art war, dass Geschichtsbtlcher daraus entstehen konnten. Besonders schla- gend ist in dieser Beziehung Weisse's Alimentation aus den neute- stamentHchen Briefen.^ Aber selbst die sogenannten Evangelisten haben Itch schwerUch je ndt Erz^hlung einer Art von Biographie Jesu be- . J) Nahreres bei Wilke, S. 43—87. — 2) Wilke, 8. 87-91. — 3) Wilke, S. 159. — Baur: theologUche Jahrb. 1851 » S. 33. — 4) Beitrige, S. 69 f. Bialeitung, U, 8. 259. — 5) BinleitQiig^ H, S. 147. — 6) EiAleitung, U, S. 102. — 7) Evuigeli- •ehe Q«Mbichte, I, 8. 20 ff. — 8) A. a. O. 8. 22 ff. Evangelienfrage, S. 136 ff. 4* Digitized by VjOOQ IC 52 Exstea Capitel. sch&ftigt. Wahrscheinlich gaben sie nur summarische Zusammenfaseuxi- gen von Jesu erlosender Thatigkeit in der Art von Act. 10, 37 — 42. Was sie der Welt verktlndigten, das war das Factum seiner wunderba* ren Erscheiniing, seines einzigartigen Selbstbewusstseins^ seiner Verherr- lichung im Tod; nicht aber waren es einzelne Wanderungen, Tageser- eignisse, Gelegenheitsreden. * Bios vom Apostel Petrus berichtet die alt^ kirchliche Tradition, er babe den Bomern historischen Bericht uber die evangeliscbe Gescbichte erstattet, aber von ihm heisst es ausdrucklich : ov fiivTOi ra^et (§. 1 5). Directe Zeugnisse stehen also dieser Hypothese nicht zur Seite. Vielmehr liefert der einzige Evangelist, der von seinen Quellen wirklich redet, Lc. 1, 1 — 4 ein directes Gegengewicbt, indem er schriftstellerischer Vorarbeiten Erwahnung thut. * — Die gemeinsame Anlage ist es daher, die immer eine Hauptinstanz gegen die unmittelbare Zuruckfuhrung aller drei Synoptiker auf eine mundliche Quelle bilden wird, ganz davon abgesehen, dass diese mund- liche Quelle ja aramaisch floss, und nicht griechisch, und dass der Mo* dus des Uebergangs aus der aramaischen Tradition in eine, ebenso stereo- typen Charakter tragende griechische. Form niemals vorstellbar ge- macht werden kann. * Nachdem wir aber so die Unhaltbarkeit der Hypothese in der con- creten Gestalt, in welcher sie Existenz und Namen gewonnen hat, dar- gethan, muss um so entschiedener die allgemeine Wahrheit, die ihr zu Grunde liegt, betont werden.* Beides steht fest, sowohl dass der gesammte Inhalt unserer Evangelien zuerst nur mundlich fortgepflanzt worden ist, als auch das Andere, dass einzelne Bruchstucke unserer Synoptiker unmittelbar dieser Quelle entstammen. So werden wir denn an diesem Orte unserer Untersuchungen es wenigstens als an sich moglich hinstel- len durfen , wenn zunachst das ganze zweite Evangelium sich als auf mundlicher Tradition ruhend herausstellen soUte, wenn aber auch eine Beihe von Eigenthumlichkeiten des Matthaus auf der einen, des Lucas ' auf der andem Seite aus derselben Quelle erklart werden, die selbst da- inals noch frisch floss, als ihr Hauptinhalt bereits schriftlich fixirt wor- den war. Wenn selbst Hegesipp, dem kanonische und apokryphi- sche Evangelien in grosserer Auswahl vorlagen, noch auf die ^lovdaix^ ayQag>OQ TtaQcidoaiQ zuruckgehen mochte, so wird Dasselbe noch sicherer in der Competenz unseres ersten und unseres dritten Evangelisten ge- legen haben. Es gilt daher heutzutage als anerkannt, dass die mundliche Ueberlieferung als unterste Grundlage der ganzen Evangelienliterator zu betrachten ist;^ daher denn auch die in den Synoptikem vorlie- l)Wilke, 8. 151ff. — 2) Wilke, S. 108 ff. — 3) Wilke, S. 143 flf. — 4) Vgl. hierftLr besondeis Weisse: Evangelieafrage , S. 132 — 141. — 5) Bunsen: Bibelwerk, I, S. XXXTX, XX. Digitized by VjOOQ IC Gestalt des ProblemB. 53 gende Geschichtserzahlung noch voUkommen deutlich den Charakter eines Aggregate einzelner besonders denkwurdiger Ereignisse und Reden tragt, nicht aber den einer Btreng und continuirlich fortschreitenden^ d. h. einer eigentlich biographischen Darstellung. »Alle synopti- schen Evangelien, selbst das dritte nicht ausgeschlossen^ sind streng ge- nommen nichts^ als schriftliche Fixirangen einer Ueberlieferung^ die eine Zeit lang bios in der Form mundlicher Erzahlung sich fortgepflanzt hatte, nur mit der naheren Bestimmung^ dass sie schon nicht mehr der ursprttnglichste Ausdruck derselben sind, sondem ihre Darstellung be- reits durch eine ihnen vorangegangene erstmalige schriftliche Gestal- tung des traditionellen Stoffes vermittelt ist. a* n. Die Benutzungshypothese bietet eine andere Mdglich- keit zur Erklarung des Bathsels dar. War ein selbststandiger Ursprung der Synoptiker aus dem, alien Dreien unmittelbar zu Grunde liegenden, schriftlichen oder mund- lichen, Urevangelium ausgeschlossen , so schien wenigstens ein gesi* chertes Resultat ^us so vielen Kampfen gewonnen zu sein : dieSynop- tikerkonnen nicht unabhangig von einander entstanden sein. Das fohrt aber direct zurack auf die sogenannte Benutzungs- hypothese, insofern diese zunachst dahin verstanden wird, dass Einer den Andem, und der Dritte entweder alle Beide oder doch Einen von Beiden zu Grunde gelegt haben soUte. Wie dieser Erklarungsversuch eigentlich noch naher liegt, als das Urevangelium, so ist er — wie wir saiien — auch in der That der alteste und der jungste zugleich. Neuerdings ist er bekanntlich besonders Von Hug wieder aufge- nommen worden. Hug halt sich an jene S. 44 erwahnte Alternative Eichhorn's und fragt, warum der erste jener beiden in abstracto mog- lichen Wege in concrete unraOglich sein soUe.* Eichhorn glaubte von Abschnitt zu Abschnitt darthun zu kOnnen , dass keiner der Drei den Anderen in den gemeinschaftlichen Stellen durchweg vor Augen ge- habt haben konne urn der Abweichungen in den Beden und um der Widerspruche in der Chronologic willen. Aber — sagt Hug — wider- sprechen sich nicht auch Polybius und Livius geradezu? Und doch hat der Letztere den Ersteren gekannt, er citirt ihn sogar. Daraus geht hervor, dass ein Schriftsteller, der einen andem vor sich hat, darum in keiner Weise veranlasst oder gen5thigt ist, in alien Stucken Dasselbe zu erzahlen. Sonst wurde er ja besser ganz schweigen. Also ist an sich die Mdglichkeit einer gegenseitigen Benutzung zuzugeben. Hier fragt es sich nun zunachst um die Ordnung, in der die ein- selnen Evangelisten einander abgelost haben sollen. Im Allgemeinen 1) KOstlin, S. 387. -- 2) Einleitung, n, 8. 54 ff. Digitized by VjOOQ IC 54 ExBtetCi^ilrt. faielt man sich bier m die Reihenfolge des Rations ; so ergiebt sich ndt- hin ak erster der sechs mogHchen Falle folgender : 1) Matth&os I J So combinirten Grotius, Mill^ Wet- Marcus } * stein^ Bengely Bolten, Townson, Benzenberg, Seiler. Am Geschicktesten aber ist diese Hypotfaese Tertreten worden dorch H ug. Neuerdiogs suchen sie noch ortbodoace Theologen^ wie Hengstenberg und^ in Verbindung mit der Gie-* seler'schen, auch Ebrard, von anderer Seite Hilgenfeld in halten. Dass die genannte Hjpothese am meisten Ansproch hat, die kirch* liche genannt zu werden, erklart sich auch aus dem Umstandei daes man den Matthaus fur ein apostolisches Werk hielt und von der Vor- aussetzung ausging, einem Apostel musse eo ipso die FrioritSt zn- kommen. Nun war aber auch noch eine andere Reihenfolge des Kanons in der alten Kirche gebrauchlich. Man ordnete namlich die beiden evange- listischen Apostel zusammen nnd liess den Marcus erst am Ende folgen, wie derselbe ja auch nach Bleek nicht bios von Matthaus und Lucas, ^sondem auch von Johannes abhangig sein s(dl. * In der That wurde auch in der alten Kirche, einer vereinzelten Nachricht zufolge, die Ent- stehung des Marcus hinter die des Matthaus und Lucas gestellt. * For die Synoptiker ergiebt sich dann folgende Reihenfolge : 2) Matthaus / ^ Dies die sogenannte Griesbach'sche Lucas I ' Hypothese, die schon von Owen und St roth vorbereitet, dann vonGriesbach viel scharfer ausgebildet worden ist, als die Hug^sche. Ihr fielen nicht bios viele Zeit^enossen to, sondern sie ist auch durch Ammon, Saunier, Theile, Sieffert, Fritzsche, Gfrorer, Kern, De Wette, Bleek, Delitzsch, Neudecker, Schwarz, besonders aber von Baur, Schwegler und Kostlin, auch dem » sachsischen Anonymus a vertreten. Frci- lich vergisst Baur, dass Griesbach's Argumentation nicht so ohne Weiteres fur ihn brauchbar ist, indem ja der kanonische Lucas nach Baur junger ist, als Marcus. Nach Griesbach's Ausfuhrung kann aber Marcus nur ein Auszug aus dem jetzigen Text des Matthaus und des Lucas sein. Als die bedeutendsten Gegner dieser Combination sind Eichhorn, Bertholdt, Hug, Wilke, Ritschl, Weiss aufge- treten (§. 9). 3) Marcus i ^ Diese Combination wurde zuerst von I fjucas Matthaus ) ' Storr aufgestellt und hat grossen Beifall gefunden bei Ritschl, Thiersch, Meyer u. A. Indessen wurde 1) Einleitung, II, S. 2S9. — 2) Eusebius: K. G. 6, 14. Digitized by VjOOQ IC Oestsiat des PioUems. 55 msdken Zeit «aok Wider»prttch erkeben von De Wette^ Bmnr and Hilgenfeld. J ! Matthaus. So Wilke, Bruno Bauer, Volkmar. •a* 1 - I Marcus. So Buschinir, Evanson, Gfrorer. Matthaus ) o» » ^^ I Matthaus. So einst Vogel. In Anbetracht der aahllosen ausgedehnten Analysen, welchen die Synoptiker ausgesetst hat , um aus jeder einzelnen Trias von Faral- klstellen womoglich ein Urtheil uber die AbhangigkeitsyerhaltiiiBse der Schriften uberhaupt abzuleiten, durfen wir uns woU einmal eine, weeent- lich im Interesse der Kurze getro£fene, Behandlung der Sache erhtuben, bei der wir, kahllosen Wiederholungen aus dem Wege gehend, jede einzelne Beobachtung immer auch nur an ein em Orte unserer ganzen Untersuchung, dort namlich, wo sie eben am besten am Pktse ist, an- bringen zu konnen gedenken. Wir begnugen uns daher an diesem Orte, nur mit allgemeinen Grunden unsereBerechtigung, weder im Matthaus, nodi im Lucas, mit etwas eingehendern unser gutes Becht, auch im Marcus nicht den Urevangelisten zu erblicken, auseinanderzusetaen , indem wir es nicht fur nothig halten, ein gutes Theil von Material, das spater doch wieder unterden Kategorien der §§. 5. 7, 8—10. 12—14. 16—20. 26. 27. 29 zusammengesteUt werden muss, in der in sich ordnungslosen Folge abdrucken zu lasaen, wie dasselbe einem Solchen, der zum erstennud selbststandig.und auf eigene Hand diesen Weg geht, sich darbietet. Dem Sachverstandigen, der vielleicht schon hier nach Details verkngt, wer- den die»e Vorweisungen genugen , um sich in jedem einzelnen Falle noch genauer zu orientiren. Am wenigsten hat sich seit Wiederaufnahme der ganzen synopti- schen Frage die Hypothese von der Prioritat des Lucas irgend welcher Anerkennung zu erfreuen gehabt. Sie ruht auf dem, durch Beza ein- gefuhrten, Irrthum, dase Lucas in seinem Prolog seine Voigang^ tadle (§. 14). Weil man nun den Apostel Matthaus nicht getadelt wissen woUte, griff man zu der Ausflucht, den Lucas zum ersten Evangelisten zu machen. Andererseits ist es freilich sehr verkehrt, mit Hug aus dem rnxftpieJiaV'^rpLtig Lc. 1> 3 zu schliesBen, dass Lucas apostolische Schrif- ten benutzt, dass mithin Apostel, wie Matthaus, vor ihm Evangelien geschrieben haben mussen; * aber auch abgesehen von dem Prolog, in welchem er sich selbst eine secundare Stellung zuschreibt, und von der 1} Einleitang, II, S. 101. Digitized by VjOOQ IC 56 Erftes Oapitel. zu conBtatirenden spatem AbfiisstingsweiBe des EyangeHums — ist dem ursprunglichen Stoffe allzu deutlich eine paulinische Eichtung eingear- beitet (§. 25)^ und ruht die ganze Composition zu nachweisbar auf frem- dem Grande (§§. 7. 13), als dass von einer Originalitat des Lucas noch sollte die Rede sein konnen. Vornebmlich kommen bier in Betracbt die sogenannten Einscbaltungen^ welche ganz deutlicb den Zusammenbang des Marcus und Mattbaus unterbrecben (§. 10). Je weniger sicb daber Lucas als Original empfieblt, desto mebr ka- men Mattbaus und Marcus als Urevangelisten in Aufnabme : der Erstere mebr in fruberer, der Letztere mebr in neuerer Zeit. Aber aucb die Mattbaus-Hypotbese ist beutzutage als uberwunden zu betracbten. Dean abgeseben davon^ dass yon einer apostoliscben Abfassung des ersten Eyangeliums nicbt mebr die Rede sein kann (§. 20), lasst sicb dieses letztere aucb scbon darum nicbt als das Original der andern betracbten^ weil yielmebr Marcus sicb als Trager eines gescblosseneren und ur- sprunglicberen Zusammenbanges der synoptiscben Tradition erweist (§§. 27. 29), da bei ibm allein die Reibenfolge der einzelnen Momente eine sacbgemasse ist , und aus ibm allein die Abweicbungen der beiden anderen sicb erklaren (§. 1). Gerade das erste Evangelium weist die Spuren der Quellenyerarbeitung nocb in sicb selbst so sicber auf, wie das dritte. Von yornberein scbon ist es scbwer denkbar, dass aus erstmaliger scbriftlicber Aufzeicbnung der Tradition ein so ubersicbtlicb angeleg- tes und wobl geordnetes Werk babe entsteben konnen. Kdstlin bat gegen eine solcbe Annabme nocb insonderbeit eine Reibe von Stellen geltend gemacbt, die allerdings auf Incongruenzen zwiscben einem, dem Mattbaus yorliegenden, sproden Material und seiner eigenen Anord- nung scbUessen lassen ; ^ wir konnen dieselben erst an einem spateren Orte besprecben, weisen aber bier einstweilen yor auf die in §§. 7 und 10 yerzeicbneten Beobacbtungen binsicbtlicb der offenbaren Fugen, die im ersten Evangelium in Folge des sprOden Verbaltens seiner scbriftli- cben Quellen zu einander entstanden sind. Heutzutage argumentiren wir nur ex concesso^ wenn wir von dem secundaren Cbarakter des ersten Evangeliums ausgeben. Aucb die Tu- binger Kritik ist darin mit uns einverstanden; und nur Dieses fragt sicb nocb, wo die ersten Bestandtbeile dieser Composition liegen, und ob gerad ibr die Frioritat zukomme gegenuber Marcus und Lucas. Hilgenfeld, der neueste und bartnackigste Vertbeidiger der Ori- ginalitat des Mattbaus gegenuber den andern Synoptikem, ziebt sich regelmassig auf den, angeblicb von ibm nacbgewiesenen, Unterschied der ursprunglicbsten Bestandtbeile des Mattbaus und der spater binzu* ]} Evangeiien, S. 98 f. Digitized by VjOOQ IC Gettalt des ProMems. 57 gekommenen zuruck/ giebt also die Hauptsache, worauf es una hier an- kommt^ zu : dass namlich unser Matthaus jedenfalls als eine Composi- tion aufzu£5issen ist. Jenen Unterschied will er nun erstens nachweisen an den Fngen und Nathen^ die in unserem Matthaus anzutreffen seien ; 80 auch wir^ nur dass wir zeigen werden^ wie diese Fugen und Nathen im einzelnen Fall immer nur der eigenthumlichen Anordnung ange* horen, in welcher der Stoff des Marcus und Lucas bei Matthaus erscheint (§§. 7. 12)^ so dass schon desshalb keiner der beiden Letzteren von Mat- thaas abhangig sein kann. Zweitens aber beruft sich Hilgenfeld auf die verschiedenartige Tendenz der Bestandtheile des jetzigen Matthaus^ glaubt sich daher berechtigt^ Stucke^ die von der Verstocktheit der Juden und von der Bekehrung der Heiden handeln, wie Mt. 8, 11. 12. 12, 21, 20, 1—16. 21, 33—44. 22, 1—14, 24, 14. 28, 19 ohne Weiteres dem Bearbeiter zuzuschieben , wie andererseits die Thatsache, dass Stucke von der letzteren Art sich auch bei Marcus finden, z.B. 12, 1 — 12, ihm genugt, diesen Evangelisten von dem fertigen Matthaus abhangig er- scheinen zu lassen. ^ Uns nun scheint diese Methode der Tendenzkritik, ?on dem erst auf kritischem Wege zu Erweisenden, den urchristlichen Parteiverhaltnissen, seinen Ausgangspunkt bei der kritischen Operation selbst zu nehmen , ein illegitimes Verfahren. Wir beginnen vielmehr mit rein kritischen Untersuchungen uber das sprachliche und logische Verhaltniss der Textabschnitte , um iinser Urtheil uber den Tendenz- charakter unserer Evangelien am Schlusse unserer Untersuchung (§§. 23—25) als ein rechtmassig gewonnenes Resultat erscheinen zu lassen. Hier constatiren wir einstweilen bios die Thatsache, dass unser Matthaus auch seinem letzten Vertheidiger als mixtum compositum er- scheint. Es lag daher nahe , die Grundlage der ubereinstimmenden Fartien bei Matthaus und Lucas im Marcus zu suchen. Schon S torr und Her- der batten daran gedacht. Dann begegneten sich, ziemlich unabhaDgig von einander, Lachmann, Hitzig, Sommer, Beuss zu gegensei- tiger Ueberraschung auf diesem Wege. Insonderheit hat, was allgemeine Grunde fur Selbststandigkeit und Prioritat der Relation, wie sie im zweiten Evangelium vorliegt, an- langt, Weisse mit fast erschopfender Grundlichkeit geredet,' so dass auch Wilke's Leistungen nur Dasselbe, was Weisse aus der Anlage des Ganzen erweist, aus Vergleichung der einzelnen Perikopen aufs Keue bestatigen, ja auch Ew aid's beruhmte Schilderung^ nur Ergan- 1) ETangelien, S. 116 f. — Theologische JahrbtLcher, 1857, S. 404 f. — Zelt- •chnft for wissenschaftliche Theologie, 1861, S. 194. — 2) Theologische JahrbUcher, 1S57, S. 417. — 3) Erangelische Oeschichte, I, S. 56 ff. Evangelienfrage, S. 144 f. — 4) Jahrbttcher, II, S. 204. Digitized by VjOOQ IC OhpML sendee Ueten kMinton. Dms niekts 4esto weniger zwimhen Wei««e vMkd £ wal wiewohl sie seinem sonstigen Charakter nidbt immer widerstreben. Mt 3; 16 (dvstpx^^ctv oi ovgavat) a Lc. 3, 21 {avBip%dijvai %ov ovQovdv) gegen Mr. 1, 10 aldev axtC^o^ivovq tovq ovQavovg. Mt B, 24 = Lc. 8, 25 TCQoaeld'SvTeg gegen Mr. 4, 38. Mt. 89 27 =: Lc. 8; 25 id-avfiaaaVf von Mr. 4^ 41 ausgelassen. Mt. 9; 2 s Lc. 5; 18 xat idov gegen Mr. 2, 3 xal iqx^^^^^* Mt. 9, 2 s Lc. 5; 18 im xXivriQ gegen Mr. 2, 3^ der auslasst. Mt. 9, 2 « Lc. 5, 20 xal idtiv gegen Mr. 2, 5 Idwv di (?). Mt. 9, 7 sss Lc. 5, 25 ani'lQ'Bv elg Toy olxov avvav gegen Mr. 2, 12 ^I9w harvLoy Ttdyrtoy. Mt. 9, 16 = Lc. 5, 36 ovdetg impdllei. gegen Mr. 2, 21 im- Mt. 9, 17 ar Lc. 5, 37 ei di ntj ye gegen Mr. 2, 22 al di fzij. Mt. 9; 20 aa Lc. 8, 44 xqctansdoy gegen Mr. 5^ 27^ der es ausl§68t Mt. 9, 20 SB Lc. 8, 44 nqoaaX^ovaa OTtiad-ey gegen Mr. 5, 27 ^A- &waa iv T(p o^A^ omad'ey. Mt 10; 2 ss Lc. 6, 14 Simon, Andreas, zwei Brader, Jakobus gegen Mr. 3, 16. 17 : Simon, Jalobus — Andreas. Mt 10, 9 as Lc. 9, 3 fifjdi aQyvQiay gegen Mr. 6, 9 jU^ xahidy* Mt. 10, 11 s Lc. 9, 4 aeg })y ay gegen Mr. 6, 10 oftav ay alg. Mt. 10, 14 as Lc. 9, 5 i§€(ixof^^oi and ^g TtoXawg ixelytig gegen Mr. 6, 1 1 hmo^avd^iavoi ktcaid'av. Mt 12, 1 s Lc. 6, 1 ia^Uiy gegen Mr. 2, 23. Mt 12, 47 a Lc. 8, 20 ha%ri%aat gegen Mr. 3, 32, wo es ausfWt Mt. 12, 48 as Lc. 8, 21 6 d^ afto%Qi9a\g eljta g^en Mr. 3, 33 %al ofrexfldt) avToig oder xal anoyLQi9alg liye&. Mt 13, 11 ss Lc. 8, 10 i:a (LtvatijQia gegen Mr. 4, 11 «r^ fivovfiQioy. Mt. 14, 14 s Lc. 9, 11 Heilungen, von Marcus 6, 34 ausgelassen. 1) Anmerkungen, n, 8. 242. Digitized by VjOOQ IC 92 SmtMCapiieL Mt 16, 21 — Lc. 9, 22 ir Tj v^^ ^ftf iyaf^^ytii gegea Mr, 8, Mt. 16, 26 ss Lc. 9, 25 H yaq uitfekAw^ ca*&f(iMsog gegea Mr. 8, S6 %i yof iiq>HUfHt oder flu9)«il62 ca^^^mnop. Mt 17, 17 =3 Lc. 9, 41 astanifi&eig di f ^hj^cvg dftw w ysima ant^arog wxl i$60%Qatifiivrj g^;ea Mr. 9, 19 6 <}^ itfaKQ^elg liyei cS y9V€a am^tog. Mt. 17, 22 9 Lc. 9, 44 /K^^t ftaqaildo^^at fgegea Mr. 9, 31 Mt. 19, 22 » Lc. 18, 23 axma»$ g^goi Mr. 16, 22 oviTyiiaa^ Mt 20, 39 » Lc. 18, 37 isC Ton nttgayur oder na^gj^em^av die BedLe gegen Mr. 10, 47. Mt. 21, 3 as Lc. 19, 31 iQ€iv€ gegen Mr. 11,3 cl/rcrra. Mt. 22, 19 =3 Lc. 20, 24 {ini)3€liceri pM. gq;en Mr. 12, 15 q>i' Mt. 22, 27 = Lc. 20, 32 vewB^op (di Ttdvfwr) g^en Mr. 12, 22 eaxoftmf nirtiov. Mt. 22, 45 or Lc. 20, 44 nahi avw xv^iov gegen Mr. 12, 37 XiysL aimv xvftiov. Mt. 24, 2 a Lc. 21, 6 S$ ov 7iaTaXvd^9ieTa€ gegen Mr. 13, 2 8^ ov pi} navahf-d^. Mt. 26, 16 = Lc. 22, 6 i^i^ei ev%aiqlav gegen Mr. 14, 11 ^ijv^ nCg amalijwg. Mt. 26, 75 ax Lc. 22, 62 i§el»ah^ e^(o gegen Mr. 14, 72 htifialciin Mt 27, 54 ss Lc. 23, 47 6 hmovva^xog gegen Mr. 15, 39 6 xay- tKfiup. Mt 27, 59 an Lc. 23, 53 hfWvX^ gegen Mr. 15, 46 h%ihias¥. Mt. 28, 6 ss Lc. 24, 6 ov% eativ w6e, VY^9^ S^gen Mr. 16, 6, dw beide Ausdracke iwuitellt Diese Stellen konnten noch vermehrt werden, wenn wir — boi dem bekannten sckwankend^i Charakter des Mareustextes, ^ velcher gemaai aeinexa koheren Alter au^h anerkanntermaaaen viel verdorbener kt, ab der Text der andern Syneptiker — nack den textkritiBchen Grundsatzen Derer verfahren wurden> die mm Tl^ die aofEBdlendsteii^ von alien Farallelen abweichenden, Lesarten fur die achten halten, a^ a. Bi mit Hitxig nach der St Graller Handacknft Marcua 10, 9 jfUiQi^a&'(a oder 8, 37 vt yctf inalXaypux t^g tf^X^g ovTcraf lesen wollten. * 5) Mattkans and Lucas vereinigen aick d£ter8 an denselben Stellen 1} Be Wette : ExegetiBches Handbuch, I» 2, S. 3. — 2) Johannes ICaicus, S. 17 -29. — Volkmar: Religion Jesu, 8. 247. Digitized by VjOOQ IC Gestalt dM PzoUems. ^ der Sdaticm im AusscfahiflBe eiaadber Formeln und SSktze, mit welchen der historische Vortrag des Marcus unterwebt iat. So sehr nun a priori 8chon die Wahrscheiiilichkett zugestanden werden muss^ dass zwei Be- arbeiter desselben Textes auch unabhangig von einander zuweilen die- sdbe Formel (z. B. 10, 2^ TteQifiXetfHifisvog) , dieselbe Notiz (z. B. 10, 49 mti fwvav0i tov tvg>l6p Uyar§eg av%^' d'oqaei ayei^e, gmvei aa)^ daaselbe Gresprach (z. B. 9, 21 — 24) anslasaen konnten, so blieben aus dem Verzeichnisse dieser Eigenthnmlichkeiten ^ dock nock eine Beiha Ton Stellen tlbrig, die so offenbar Zusatze zum gemeinschaftlichen Texte iind^ dass die Vertheidiger der Ursprunglichk^t sick hier den sie^reir cken Bemerkungen der Tubinger Schole gegent&ber nur mit Annabme VDiL Interpolationen und Einsehiebseln oder mit dem Machtgebot : » Man kflse da«8e Worte weg ! m^ hel&n konnen. Namentlicb kann sick der sebarfsinnigste Verfeckter des Urtextes^ Wilke, gegeJi solcke Wakmekmungen nur sckutzen, indem er die ge* gen Marcus geiicktelen Parallelen yon Mattkaus und Lucas durck An- nahme einer Abkangigkeit des Ersten Tom Zweiten erklart. ' Aber alle seine beigebrackten Beweise^ mit Ausnakme der Beden des Taufers, sind bergenommen aus solcken Stellen, wo sowokl bei Mattkaus, als bei Lu- cas gar nickt mekr von der mit Marcus irgendwie zu identificirenden QneUe die Bede sein kann, wo vieknekr Lucas in den Zusammenkang der trstejx aus einer zweiten Quelle, die auck dem Mattkaus zu Ge- bote gestanden kaben muss, einsckaUet; wie Wilke selbet einaiel]^: >Bei Diesem (Lucas) ist es ein Al^sondertes fur sick, das Namlioke, das bei Mattkaus ebensowokl, ak es von der Hand eines compiHrenden Sebriftstellers einem andem Sto£fe beigemisckt ist, durck seine Natux sick als ein Besonderes aus den Misckungen sckeidetu^ Die Erdrterung dieser Stellen gekort also in unsere Untersuckungen uber das Vorkan- densein einer, von Marcus unabkangigen, zweiten Qudle (§. 10)« Die Bsden des Taufors anlangend, die allenHngs bei alien Dreien aus der- sdttien Quelle stammen, mag vorlaufig an Wi Ike's Bemerkung erinnert werdon, dass die Textbearbeitungen des Mattkaus und Lucas entweder den Text des Marcus, voder einen frukeren Text, den Marcus reiser, ak jene aoegedruckt kat, voraussetzt. «° Wenn aber gewOknlick rei> Bttr, so stebt nickts im Wege, dass Marcus in Fallen diese Grrund- •dbrift auck unvollstandiger giebt. W ilke ware sickerlick zu noek viri treffenderen Besuhaten gelangt, wenn er das Gefukl festgekaltem bilte, welckes ikn, da er eben an einem Hauptabecknitt seines Werkes ttigekommen ist, besckleickt: dass namlick sein Besultat nock zwi- I) Vgl. ein solches bei Wilke, S. 323. 552 C — 2) Wilke, S. 463. — 3) 8. 460 flf. - 4) S. 461. — 5) S. 417. Digitized by VjOOQ IC 04 Bfstes Capitol. 8chen den beiden Mdglichkeiten schwankt^ dass entwe- der Matthaus nnd Lucas aus Marcus^ oder alle Drei aus einer gemeinschaftlichen^ ausser Marcus gelegenen. Quelle geschopft habeu mussen. ^ So hat sich die Benutzuugshypothese nach keiner der an nch o£fen- stehenden Richtungen als gangbar erwiesen. Bei jeder Combination stellen sich Schwierigkeiten heraus, die nicht in der Bechnung aufgehen woUen. Ware Dies aber auch nicht der Fall^ so unterii^ die genannte Hypothese noch an sich selbst bedeutenden Bedenken. ^ Man erwSge die wenig schreibende Zeit, die der christlichen Schriftstellerei ungun- stigen Verhaltnisse^ die Kargheit im Schreiben^ die auch bei Jedem un- serer Evangelisten bemerklich ist^ und man wird es befremdlich finden^ wie solche Schriftsteller sich zur Ausarbeitung eines ncuen Budies ent- schliessen mochten^ wenn dieses doch in seiner Hauptmasse nur cine Ueberarbeitung schon vorhandener Schriften war^ und es viel naher ge- legen hatte , den Vorganger mit Supplementen zu versehen, anstatt ihn ab- und auszuschreiben. — Und wie ware dieses Ab- und Ausschrei- ben beschaffen gewesen ! Woher dann die Differenzen im Einzelnen und in der Stellung und Beihenfolge ganzer Erzahlungeir? warum er- setftt der Nachfolger deutlichere Erz&hlungen seines Vorgangers mit un- genaueren? warum schreibt er bald wortlich ab^ urn alsbald unmotivirt wieder abzuweichen? woher besonders die Auslassungen ? warum fehlen wichtige Stacke aus Matthaus und Lucas ^ etliche selbst aus Marcus bei je den beiden Andem (§§. 8. 1 1)? So entspricht sowohl die Art, wie die Bearbeitung des Einen durch den Andem vor sich gegangen sein musste^ wenig dem schriftstellerischen Charakter unserer Autoren, als auch bleibt, man mag sie ordnen, wie man will, immer noch gar Man- ches ubrig, was der spatere ubergangen hatte, ohne dass man dnen zu- reichenden Grund daftlr auffinden konnte. — III. Combinationshypothesen haben daher gegenwartig in alien Richtungen der Evangelienkritik Eingang gefunden. Wie man sieht, kann von einem Gegensatze der beiden abgehandelten Hypo- thesen gar nicht mehr geredet werden. Denn es besteht ja die Theorie vom schriftlichen Urevangelium fast bios noch in der Form, dass man entweder den Marcus oder eine Grundschrift desselben , aus- serdem aber auch hochstens, wo man noch an Griesbach hangt, die Urschrift des Matthaus zum Urevangelisten macht, mithin in der Form des Uebergangs zur Benutzuugshypothese. So stellt auch Bleek, der das Urevangelium zur Grundlage des Matth&us und Lucas macht, nur eine Combination zwischen den Standpunkten von Eichhorn und von 1} S. 466. — 2} Gieseler, S. 35 ff. Digitized by VjOOQ IC Griesback dat. Ebenso wird auch die Hypothese vottimundliclieti UreTangelium von keinem ins Gewicht Mlenden Forscher mehr in ihrer ursprangUchea Form vertreten^ seitdem De Wette nnd Cred- ner sie mit d^ Benutcangshypothese combinirt und so auf das rich- tige Maass von Wahrheit zorucfcgefuhrt haben. Wie nahe auf solchem Wege aber auch diese Ricktung den andem gekommen ist, oeigt insbe- flondere Credner^ der schliesslich ganz auf die Seite Derer getreten iet, die dem Marcus die Frioritat zusprecken. Aehnlich steht es aber endlich auch mit der Benutzungshypo^ these. Meyer^ ihr neuester Vertreter^ sagt: oDie Ansicht^ nach wel- cher ein Evangelist den andem bentttzt hat^ wobei aber die evangelische Tradition, wie sie langst vor der schriftlichen Aufzeichnung lebendig war (Lc. 1, 2), sowie alte, vor uneeren Evangelien ver&sste, schriftliche Documente (Lc. 1 , 1) wesentlich mit in Rechnung kommen, ist allein geeignet, das sjmoptische VerhAltniss naturlich und geschichtsgemftss zu begreifen. « ^ Das heisst tber nichts Anderes, als die Benutzungshypo- these zwar festhalteuj aber sie doch mit den ubrigen alien combiniren. Beachtet man ferner, dass auch Meyet nunmehr entschieden dem Mar- cus die Friorit&t gibt> so scheint auch die positive Seite des Besultates aller bisherigenUntersuchungen ziemlich auf der Hand zu liegen; ausser alien Zweifel gesetzt ist jedenfalls die negative Seite : dass nimlidi mit dem alten Gewirre sich durchkreuzender Hypothesen aufgeraumt> unl dass mit dem Titd der Urevangeliums-^ Benutzungs- oder Traditions- tbeorie kein jetzt noch moglicher Standpunkt genau bezeichnet ist. Es kftme daher darauf an, unler den Combinationen, wie sie seit Neu decker u. A. an der Tagesordnung sind, zu w&hlen. Hier werden wir nun von vornherein Credner und De Wett« darin Becht geben, dass eine miindliche Tradition jedenfiedls alien schxiftstellerischen Versuchen vorangegangen sein muss. Nur wird man das erste Auftieten der Letzteren nicht erst auf circa 70 herabsetzen dur- fen. Der Umstand, dass allerdings unsere Synoptiker um diese Zeit ent* standen sind (§. 26), dass sie aber bereits auf gemeinsamen Qudlen ruhen, nOthigt uns, einen fruheren Beginn der schriftstellerischen Th&- tigkeit anzunehmen. Aber auch unter den Combinationen wird eine gewisse Sorte als nicht zum Ziel fiihrend auszuscheiden sein. Die meisten Combinations- versuche sind namlich durch Verbindung der Griesbach*schen Hypo- these mit der Gieseler'schen entstanden. So der von De Wette, dessen Kritik sich auch in ihrem weiteren Fortgang in einem ungluck- seligen Schwanken befindet und in der That Nichts erklart. Er hielt zu 1) Zu MatthAus, S. 25. Holtsmuin. 5 Digitized by VjOOQIC 66 EntesCipit^L gehr den bios historiBchen Zweck fest, der.nan einmal keineswegs allein bestunmender Leiter der evangelisohen Geschichtsschreibung geweeen ist. »Man erfahrt nicht recht^ welches der ursprungliche Gehalt der Evangelien oder die Grundlage des Berichtes sein soUe, ob die rnund- licbe UeberlieferuDg, dass bei deren Wiedergabe und Ausdruck schrift- licbe Aufsatze als Nebensubsidien benutzt worden waren ^ oder ob der schriftlicbe Entwurf ^ dass zu dessen VervoUstandigung der Stoff aus mundlichen Nachrichten entlebnt^ und also die Sage erst eine Neben- quelle ware, a^ nMattbaus und Lucas^ angeblich die originellen Evan- gelisten^ soUen, weil sie Gleiches hier in gleicher, dort in verschiedener OrdnuDgy und Ungleiehes neben Gleicbheiten haben^ bald durch die Sage^ bald durch den Gebrauch schrifUicher Aufsatze mit einander in Zusammenhang gekommen sein. Jedenfalls wurde hieruber bestimmter geurtheilt werden konnen, und die Ansicht wurde vielleicht total ge- andert^ wenn zuvor bestimmt wurde, was am Matthaus zur Urform der Schrift gehore^ und was das, davon zu trennende, Sp&tere sei.«' Mit einem Wort : weder Matthaus, noch Lucas vertragt eine Beurtheilung, die von der Voraussetzung der Originalitat des einen oder des andern Schriftwerkes ausgeht, insonderheit aber ist die Griesbach'sche Hy- pothese haltungslos (§. 9). Das einzige positive Resultat, das sich uns bisher ergeben hat^ ist Dies, dass die Verwandtschaftsverhaltnisse der Synoptiker auf eine ge- meinsame Grundschrift zuruckweisen. Ob sie ausserdem auch noch ge- genseitig sich benutzt haben, ob ausser der noch fliessenden mundlichen Tradition noch andere schriftliche Quellen , und welche, angenommen werden mussen , kann erst spater entschieden werden. In jener obersten Behauptung aber bestarkt uns die Wahmehmung, dass beinahe alle neue- ren Forscher hier zustimmen. Fast durchgangig legt man eine Schrift xu Grunde, die man entweder als ein ausfuhrliches, aus bloser Combi- nation des dreifach gemeinsamen Inhaltes noch nicht zu gewinnendes, XJrevangelium fasst, oder aber geradezu Urmarcus nennt; so erklart man dann unseren Matthftus als Combination dieser Quelle mit einer neuen ; wie endlich auch Lucas, abgesehen von seinen ganz eigenthum- lichen Bestandtheilen, auf den, auch im Matthftus immanenten, Urmar- cus oder geradezu auf den Matthaus selbst zurackgefohrt wird. Um nun aber diese erste Quellenschrift, auf die wir jedenfalls gewiesen sind, nicht in einem prftjudicirlichen Lichte erscheinen zu lassen , wer- den wir im Folgenden nicht sowohl von einem Urmatthaus oder Urmar- cus, als von einer Grundschrift (A) reden. Ihre Gestalt, so weit sich Dies thun lasst, zu ermitteln, wird nun unsere nachste Aufgabe sein. 1) Wilke, S. 167. - 2) Wilke, S. 16S. Digitized by VjOOQ IC Oestalt des Problems. Q1 Wir werden zeigen^ dass in der That, nnter Voraussctznng einer sol- chen , jetzt ohne alien Vergleich dem Marcos am nachsten stehenden. Quelle das verwandtschafdiche Verbal tniss, in welchem alle Drei zxx einander stehen, mit nirgends abbrechender Evidenz zu erweisen ist. Die Hauptkriterien, womach wir bei XJnterscheidung des Gemeinsamen und des Besondem verfahren , haben wir in den §§. uber die Compo- sition des Matth&us (12) und Lucas (13), uber Doubletten (16), Ci- tate (17) und Sprachgebrauch (19), und nicht minder auch uber die yersclnedenen Modificationen der evangelischen Geschichte bei den einzelnen Synoptikem (27) zusammengestellt. Nachdem daher unsere Methode schon jetzt als die Consequenz des Historischen von einer Seite her befestigt ist, steht es dem Leser frei, bei vorliegender Unter- suchang seinen Ausgang vom zweiten, dritten, vierten oder funften Ca- pitel zu nehmen ; er wird sich stets yon andem Gesichtspunkten aus mit zwingender Nothwendigkeit auf dasselbe Resultat gewiesen sehen. Nur das erbitten wir uns zum Voraus, man moge ein definitives Urtheil nicht fallen, ehe man diejenige Methode, der man vorzugsweise gefolgt ist, mit den Resultaten der andem verglichen und sich alsdann die Frage vorgelegt habe, ob es aus dem ftlnffach geschlungenen Netze tlberhaupt noch einen anderen, unsere wesentlichen Kesultate zerreissenden, Aus- weg geben k5nne. Zweites Capitel. Composition des Marcus — Quelle A (Urmarcus). $. 5. AifstelliBg der ttielle A. 1) Mr. 1, 1-6. Mt. 3, 1—6. Lc. 3, 1—6, DerTaufer. Hier- mit, und nicht mit einer Vorgeschichte , beginnt die Grundschrift. * Schwerlich lasst sich aber der wortliche Anfang von A noch herstellen, da gleich die kurzer Hand erfolgende Bezeichnung Jesu als vlog '9£0v auf die, Mr. 6, 3 sicher zu erkennende. Hand des Bearbeiters fuhrt. Aul jeden Fall aber ist das Citat 2 von Marcus hereingebracht (§. 17), dage- gen das andere Citat 3 von Jedem der erweiternden Evangelisten bios anders gestellt, von Lucas uberdies, um gleich recht grundlich zu Werk zu gehen, aus LXX erganzt Anstatt Mt. 2 stand aber in A %riqvaGiav 1) Wilke, S. 641— 647. 5* Digitized by VjOOQ IC 68 Zweitee CapiteL fiaTtzufpia fituxvBlecg alg a^&fiv ifiKQtiwv Mr. 4 «» Lc. 3 ; ' daas aber auch Marcus bereils hier eu verkurzen beginnt, K%t die vou ihm aus- gelaesene nB^i%fafog vov ^lo^ddvov Mt. 5 sx Juc. 3. 2) Mr. I, 7. 8. Mt. 3, 7 — 12. Lc. 3, 7—9. 16. 17. Zeugniss des Taufers tlber Jesus. Auf jeden Fall m A stand Mr. 1^ 7. 8 cs Mt. 3 ^ 1 1 » Lc. 3^ 1 6 5 wahrscheinlich aber die ganse Busspredigt. Marcos bat gemass dem aUgemeinen Charakter seines Evangeliums, womacb er fur Beden geringeres Interesse SEeigt, bios den Schluss aof- genommen, der da8 Verbaltniss des Vorlaufers sum Messias in pragnan- ter Weise darstellt. ^ Dabei wollte er das iyw fiofttl^w iv vSavi zoemt auch nocb auslassen^ nacbtraglicb aber setzte er es als um des G^en- satzes willen unentbehrlicb bei^ jedoch mit Auslassung des hf.^ Na- tOrlich fiel dann auch das nat ftvQij als bei Auslassung von Mt. 3, 10. 12 zu abrupt 9 hinweg^ wodurch schliesslich der drohende Lihalt der Bede ganz verschwand, und nur die Vergleicbung des zum Wohlthnn Machtigeren mit dem minder Macbtigen ubrig blieb. *' — Das wi^g soil von Marcus eingeau'beitet sein;*^ aber die beiden Andem konnen es ebenso gut ubergangen baben. 3) Mr. 1, 9—11. Mt. 3, 13. 16. 17. Lc. 3, 21. 22. Taufe Jesu. Li A bat Jesus das Gesicbt und wird im Mom^it der Taufe nv^vfux^o- q>6Qogj was dann die spateren Vorgeschichten um circa 30 Jahre vorruck- ten.® Nur Seitenblicke auf das vierte Evangelium konnen die TJr- sprunglichkeit des Bericbtes im Marcus verkennen lehren. ^ Uebrigens kommen die oiqavoi axi^of^evov vielleicbt auf Becbnung des Marcus, der schon an ein ausserlicbes Fhanomen dachte. ® 4) Mr. 1, 12. 13. Mt. 4, 1 — 11. Lc. 4, 1—13. Versuchung Jesu. Nacb Vieler Urtheil besassen wir in Marcus eine nocb unent- wickelte^ in den Spateren eine ausgebildetere Gestalt der Sage." In die- sem Falle batten also Mattb&us und Lucas Bereicberungen von A g^^ ben. Unbefangener Weise muss jedoch zugestanden werden, dass die Bede des Teufels si vlog el rov d-eov zurucksieht auf das unmittelbar vorhergegangene av el & vlog (lov. Das kategorische Wort Gottes soil 1} Es mag der Ausdruck immerhin einem txtLbenden KinfliiB8» henrorgebracht duTch die Vergleicbung der cbristlicben Taufe, entstammt sein; aber Marcus hat ihn keinenfalls erfimden, -wie Weiss (S. 61} meint. — 2} Ewald (EvangeUen, S. 157), KOstlin (Evangelien, S. 330), Bleek (Synopsis, I, S. 165), Weisse (Evangelienfrage, S. 164 f.). — 3) Weiss, 8. 61. — 4) Wilke, S. 102. — 5) Wilke(S. 180), Gfr6rer (Urchristentbum, H, 2, S. 127), Weiss (S. 61). — 6) Strauss (Leben Jesu, I, S. 423), Scbwegler (Nacbapostoliscbes Zeitalter, I, S. 250f.), Ewald (Evangelien, S. 171), Hilgenfeld (Evangelien, S. 56 f). — 7) Qegen Bleek: Einleitung, II, 8. 246 f. — 8) Bleek: Synopsis, I, S.177. Dock vgl. Weisse: Evangeliscbe Gescbicbte, I, S. 474. — 9) Eichhorn, Wilke, Weisse, Meyer, Ewald: Evangelien, S. 161 ff. Digitized by VjOOQ IC AufBtellung der Quelle A. g9 darch ehie hypothetische Verwandelang anf das Gebiet des Fraglichen heruberversetzt werden, wie Gen. 3, 2. »An dieTaufweihe desMessias, an seine Erklarung zum Gottessohne schUesst sich die Versuchung als Bewfthmng dieser^ vom Teufel wohl erkannten, Gottessohnschaft un- mittelbar an. a^ Dagegen konnte^ wer die Versuchungsgeschichte zum erstenmal erzihlte, sie fuglich nicht so erzahlen, wie Marcus Dies that^^ da nicht in dem abstracten Factum der Versuchung, sondem in der Ausmalung eoncreter Situationen das frische Product der Sagenbildung 2U erkennen ist. Nur gegenuber dem Teufel , der weichen muss, und gegenuber dem vorausgehenden Fasten haben auch die zum Dienst her- zutretenden Engel ihre contextmassige Beaiehung, ' wahrend die be- trefEende Notiz bei Mavcus ofFenbar abgerissen und unvermittelt er- scheint und ihr Dvsein bios dem epitomatorischen Ver&hren verdankt, das rasch zum letzlen Satze des abzukurzenden Abschnittes hineilt. ^ Der Anfeng cter Perikope lautete aber, wie aus den Parallelstellen er* hellt : nai €V'9vg t^ Ttvsv^a avTb¥ ix^XXet eig t^v i^ftov xal ^v iy vjj ifflfitp '^fiigetg taeeefdnorfa nsiQa^dfiepeg vnd tov diafi6Xov xal ovx Mtpayev 0vdip — eine Bedeweise, die, was UmstftndUchkeit, Sprachge- branch (doppelte Vemeinung, Zeitbestimmung, Wdrter) betriflft, voU- koiBmen charakteristisch fur A ist, wahrend die abglattenden Wendun- gen der erweiternden Evangelien hier deutlich ihre Abhangigkeit zur Schau tragen. '^ Ebenso aber bleibt das Verhaltniss auch im ganzen Fort- gang, wie unwiderleglich die Citate aus LXX beweisen, die dem Grund- text entq)rechen wurden, wofem Matthaus das Stuck nach der Tradi^ tioB frei gebildet und in den Zusammenhang von A eingefugt, Lucas aber den Matthaus benutsrt hatte (§. 17). In der That sehen wir den Mar- cos hier, wie immer, i>dem am meisten betretenen Weg der Geschichte nachgehen und das gar zu Auffallende, Abnorme, Abenteuerliche und damm auch Vereinzelte und Zusammenhangslose auf der Seite liegen lassen, a* wes^lb auch Weisse sich genothigt sah, im Text des Mar- cus hier wieder Lucken anzunehmen, ^ wie andererseits Wilke darin Bchlaue Interpolationen aus Lucas entdeckt. ® An die Stelle des Ver- kehrs mit dem Bdsen tritt aber bei Marcus das apokryphische Element }) Hilgenfeld: SvangeHen, 8. 59. — 2) Schwegler (Naohttpostolisebes Zei«aHer» I, &. 451 ff.), R«q»8 (Noar^e reyue, II, S. 49). — 3} Weisse (Evange- tfenlWige. S. 199}» Weies (8* ^t t), Hengstenberg (Evangel. Eirchenseitung, 18^, a. 639). — 4) Bleek: Elnleitung, H, S. 247 f. Synopsis, I, S. 202. — §) Weisse: EvangeMenfrage, 8. f63. — 6) Baur: MarcuserangeUam, 8.139. KOst- li& afUflrS ilcli (8. 922) rwor gegen diese iUisioht, so aber, dass er die Ersflhlnng des Kattliivs fSf sitte SinscbalSuig aus mtlndlicber Tradition halt (8. 73), weleher Behanp- Uukg Hilgemfeld (BraiigeHen, 8. 59) mit Recht entgegengetveten ist. — 7) Evan- gelianfrage, 8. 163. — 8) Urerangelist, 8. 664 f. Digitized by VjOOQ IC 70 Zweites Capitol. ^v ficra tiSv difjQUaVf das, ware es in A gestanden, von Matthaufi und Lucas wohl nicht tlbersehen worden ware. * 5) Mr. 1, 14. 15. Mt. 4, 12. 17. Lc. 4, 14. 15. Jeeu Euckkehr nach Galilaa. Dieselbe wird mit dem Schicksal des Taufers in Za- saminenhang gebracht , der am untem Jordan gefangen genommen wor- den war ; aber bios Matthaus verknupft beide Ereignisse pragmatisch. A geht tlber zur Angabe des Tbemas der Predigt, mit welcher von nun an Jesus in Galilaa in die Oeffentlichkeit trat. * Ich habe fruher die An- sicht ausgesprocben , dass die Mt. 4, 13 = Lc. A, 31 erbaltene Notiz, wornacb Jesus Nazareth verlassen habe, um seinen Wohnsitz nach ELa- pemaum zu verlegen, nach Mr. 1, 15 ausgelassen worden sei. ' Eben diese Erwahnung hatte dann Lucas benutzt, um sein Programm 4, 1 6 — 30 vorher einzuschieben. Allein wenn Lucas die Angabe Mt. 1 3 von einer beabsichtigten formlichen Uebersiedelung gekannt hatte, so wurde er die von ihm so sehr hervorgehobene Bedeutsamkeit der Verwerfung Jesu in seiner Vaterstadt durch dieselbe noch erhoht haben, was Lc 4^ 31 jedoch nicht geschieht. ^ In A aber ist es mehr zufallig, dass Jesus, indem er zuerst am galilaischen See hinwandelt, nach Elapernaum ge- rath (Mr. 1 , 21), weil daselbst die am Seeufer berufenen Fischer wohn- ten. Also nur in Folge seiner Bekanntschaft mit Petrus hat Jesus seine Wohnstatte daselbst aufgeschlagen. * 6) Mr. 1, 16—20. Mt. 4, 1.8—22 (Lc. 5, 1—11). Dievieralte- stenApostel. Marcus hat den anschaulicheren Bericht mit genauer Zeichnung der Situation. Das naqdyiav Ttaqa %rjv &dhxaaav %ijg FaXi* Xalag weist auf 14 zuruck. Das ^eza %wv fii^wfwv ist ebenfalls kein Zusatz — etwa um zu erklaren, wie der Vater ohne Lnpietat verlassen werden konnte* — sondem gehort zur Detailmalerei , so gut wie dfxfpi" ^dklovteg 16 und das — auch von Mt. 21 aufgenommene — Netze- flicken. Wahrend daher Simon und Andreas die ihnen eigen gehorigen Netze (avTiSv 18) verlassen, verlassen Jakobus und Johannes — nicht das Schi£f, wie Mt. 22 verstanden hat — sondem ihren Vater mit seinen 1) Dass die ganze Sage nach Analogic von Qen. 3 gebildet ist, und dass dem Ver- sucher die Schlange entsprioht, wnrde von Baur (Evangelien, S. 540) und Hilgen- feld (Evangelien, S. 126) mitRecht hervorgehoben. Es ist daher nicht unwahischein- lich, wie dieselben Kritiker annehmen , dass auch das fiita tmv d^Qtrnv des Marcus aus dieser paradiesischen Wendung und Vergleichung mit dem ersten Adam entspron- gen ist. Doch war damit sohon Gfrdrer (Urchristenthum, II, 2 ,8. 127) yorausge- gangen. Unseres Erachtens aber wtLrde in diesem FaUe yon der, in A angedeuteten, Schlange (s Siafiolog) die Ideenassooiation, die auf die Thiere fdhrte, ausgegangen sein. — 2)Weisse: Eyangelische Geschichte, I, S. 316. — 3) So hen k el's »Ange- meine kirchUohe Zeitachrift»« 186J, S. 499. — 4) Weiss (S. 79), Ewald (Eyange- Uen, S. 194). — 5) Wilke, S. 573. — 6) De Wette undBleek: Synopsis* I, S. 213. Digitized by VjOOQ IC Aufstelluog der Quelle A. 71 Genossen^ deren Arbeit in dem Schi£f sie getheilt batten.* Da also nicbt gesagt ist^ dass das Scbiff selbet ibnen gebdrte, ist aucb aus der beilau- figen, Yon Mattbaus als uberflussig ausgelassenen^^ Notiz fieza twv fiia&unwv nicbt mitEwald berauszulesen ^ dass sie ein so scbwung- kaftes Gescbaft mit Besignation verlassen batten. ' 7) Mr. 1, 21— 28. Lc. 4, 31 — 37. Heilung des Damoni- scben in Kapernaum. Von Mattbaus ausgelassen, weil ibm A Mr. b, 1 — 20 ein sprecbenderesBeispiel von Damonenbeilungen scbien/ — Unser und das nacbfolgende Stack bericbten nun von den Vorgangen an einem einzigen Sabbat , der als Eroffnungstag fur das Wirken Jesu gelten kann. Bicbtig baben daber Ewald ^ und Meyer ^ bemerkt^ dass mit Mr. 21 die bisberige skizzenbafte Arbeit einer grosseren Ausfubr- licbkeit Platz macbt. Dies ist aucb der Grund, wessbalb Beuss 1 — 20 fur eine spater vorgesetzte Einleitung balten konnte. ^ Unbegreiflicber dagegen bleibt, wie Baur die Stelle Mr. 27 s Lc. 35 als ein scblagen- des Beispiel fur die Abbangigkeit des Marcus^ der bier einen verwirr- ten Nacbklang aus Lucas biete^ auffubren und gegen Hilgenfeld's dringlicbe Vorstellungen^ taub bleiben konnte. ^ Man braucbt aber zur Zurecbtl^ung der Sacbe aucb nicbt seine Zuflucbt zu Varianten und Textanderungen zu nebmen^ *^ da nur das Stc vor xar i^ovaiav sicber mitLachmann, Tiscbendorf und Meyer zu streicben ist. Alas also ti iiniv tovto ; didapj ycaiv^ xar i^ovalav , was keineswegs dabin als Missverstandniss misszuversteben ist, als ob Jesus^ wiewobl er eben ein Wunder getban, docb ob seiner didaxij gepriesen werde. Denn die didaxTj y(,a% i^ovaiav blickt offenbar auf 22 zuruck und so beziebt sicb der ganze Satz 27 erstens auf Jesu Lebre, zweitens auf seine Heikmg, also auf beide Seiten der jetzt eben vorUegenden Wirksamkeit. '' Will man aber aucb dies nicbt zugeben, so bleibt immer nocb ubrig, anzu- nehmen , dass die Wunder bei Marcus als die augenialligste Beglaubi- gung der reinen Lebre auftreten und daber in das innigste Verbaltniss zur TuxiPT didaxq Jesu geset zt werden . Wie Hilgenfeld diese Anscbau- ung von der Wunderbeglaubigung fur die alter tbumlicbere balt^*^ so ist andererseits der doppelsinnige Ausdruck %ig 6 koyog ovtog ganz augen- scbeinlicb der spatere. *' Denn eben urn der scbeinbaren Scbwierigkeit 1) WeiBs, S. 652. — 2) Wilke, S. 575 f. — 3) EvangeUen, 8.192. — 4) Weiss, S. 44. — 5) EYangelien, S. 194. — 6) Zu Marcos und Lucas, 8. 21. — 7) GMcfaiohte der h. Sohriften, S. ] 72. 174. 230. Nouyelle reyue, II, 8.48 ff. —Dagegen Scherer: NouveUe revue, HI, 8. 306 ff. — 8) Evangelien, 8. 128.— 9) Marcusevan- geUum, S. 7 ff. Theol. Jahrbtlcher, 1853, 8. 68 ff. — 10) Gegen Ewald (EvangeUen, 8. 195), Bitschl (Theol. Jahrbttcher, 1851, 8. 525 f.). — 11) De Wette, Meyer: Zn Marcus undLucas, 8. 23. — 12) EyangeUen, 8. 127 f.!— 13) Hilgenfeld: A. a. O. 8. 169. Digitized by VjOOQ IC 72 ZweitM CapitoL ies Attsdrufiks wilkn laast Lucas die dufax? ^cuw^ nat iSov^iiMP ana, zumal da er auch 32 die Sache selbat schoa mitgetheilt hat, wie auch in dem liyog 36 der B^ri£, aaf den es aiikam, bereits za liegen schien.* Bettatigt wird dieee Auffastung achlieaslich noch durch die Wakmeb- mung, dass Lucas uberhaupi dem Ausdruck didax^ aus dem Wege gekt umd ika Uos 3^ aus A bat. 8) Mr. 1, 29—34. Mt. 8, 14—17. Lc. 4, 38—41. Heilungen im Hause det Petrus. Der ScUuss ist Mr. 34 verkurst, Lc. 41 er- weitert. Was man zu Giinsten der Griesb^ch'schen Ujpothese aus unserer Stdle hat ableiten wollen,' wird sich §. 9 erledigen. SoUte wkklich ein Nacherzahler dem Simon auch den Namen des Andreas zu- gelfigt haben, oder hab^i nicht vielmehr die Nachersahler den Andreas aosgelassen, da im Folgendeu nur Simon in Betracht kooMnt?* 9) Mr. \y 35—39. Lc. 4. 42 — 44. Reisepredigt in Galilaa. Eines der sprechendsten Stucke fur die Urspranglichkeit der Relatioa des Marcus. Das Erzahlte findet unmittelbar nach dem vorangegange- nen Sabbat statt. Jesus zieht sich in eine abgelegene Gegend auruck, Petrus holt ihn zurack, man will ihn in Kapernaum halten, er aber er- klitft, sein Beruf fuhre ihn nach alien St&dten Galilaas — dies Allee ist bei Matthaus und Lucas verwischt. 10) Mr. I, 40 — 45. Mt. 8, 2 — 4. Lc. 5, 12 — 16. Heilung eines Aussatzigen in einer galilaischen Stadt. Seltsamer Weise will man in dem so individuellen Geprage 41 — 44 noch Spuren i^terer Ueberarbeitung entdecken. ^ Nach dieeem ersten offentlichen Hervortreten, das schon Aufsehen genug erregt hat^ zieht sich Jesus wieder zaruck. 11) Mr. 2, 1—12. Mt. 9, 1—8. Lc. 5, 17—26. Heilung eines Paralytisehen. Wenn irgendwo so trftgt hier die malerische Dar- stetttsmg des Marcus ^ Geprage factischer Wahrheit.'^ Jesus ist Abri- gens jetzt zum zweitenmal in Kapernaum , und^ da man b^xtrchtet, es werde seine Anwesenheit wieder nicht lange dauem, wendet man alls Eile an^ sie zu benutzen — was beiMatt^Eus, der die Sache sp&ter steUt^ wegfallt. * Uebrigens soil »das SWei&fle: Bvangelische Gstddebtt, I, 8r8t.— S)llleek: BbOeituQg, n, 8. a44f. — 3> WeiM, S. S54. — 4)^W6i«e , 8. 62. 65frf4 — 5^ WsUse: \ gelitche Geschichte, I, 8. 479 f. — 6) Wilke, S. 608. — 7) Wilke, S. 612. Digitized by VjOOQ IC AofstsUuBg der QottUe A. 73 Aber ^av prjOT&ioysg^ gibi keineswegs eime tarchftologische Notiz,«^ sondem deutet an, daas damals diese Junger eben am den Verlust ihret Meisters tranerton (vgl. 19 and Job. 3, 29). Deeshalb ist die Urspmng- licbkeit you xai ol 0afiaaioi nicht in Abrede za stellen, da auch sie ge- nde einen Fasttag begehen konnten; urn von der Moglichkeit au schweigen, dass Marcus aus der Frage, darhi der Pharisaer Erwahnung g^achieht, das Subject erganzt Die Antwort Jesu ist nicht etwa an OMsn unbestimmten Frager,' sondem wirklich an die Johannesjunger gericbtet> ' wie auch Mattkaus diese allein nennt. 13) Mr. 2, 23—28. Mt. 12, 1—8. Lc. 6, 1—5. Aehrenausrau- i^n am Sabbat. Uier kat Marcus den ursprunglicken Bericht, dem Toiblge die Junger nicht um zu essen, sondem urn Weg zu bahnen^ Aehren ausraufen und daher getadelt werden dafur, dass sle das an Sbch adhon Unerlaubte am Sabbat thun. ^ Jesu Antwort ist daher eine dop- peUe. Er erinnert zuerst an einen mustergultigen Frommen, der ia «iaem and^^en Nothfall, da ihn hungerte, sich uber das gesetalick Un* tilaabte hinv^;setste, indem er die Scbaubrode ass. Daher das so nahe liegende, auch von den Exegeten lange Zeit uber stets i^a producijrte^ MiiBsverstandniss des Matthaus und Lucas > als hatten auch die Junger duck Essen Anstoss erregt. Zweitens beweist Jesus , dass der Sabbat )mi keinen Unterschied mache. Dabei hat Marcus allein die Basis der Argumentation 27 beibehalten und schliesst daraus 28 mit Sate, wie A aoch soast (Mr. 10, 8 s Mt. 19, 6) thut. Die Schlossweise war ubri- gens dem A^stel Faulus wohl bekannt aus sachlichen Grunden^ wird datusr 1 Kor« 11 > 9 auf einen anderen Fall angewandt. Dass Matlhaus nad Lueas die aufiall^ade Sentenz ubergehen^ berechtigt nicht > in ihr mit Baur ^ eine rationelle Erklarung des Epatomatcnrs zu findenu Seine Diheve Begrondung kierfur^ dass Jesus sich unm^lich dffentUck auf leiae Messianitat berufen konBte> ja dass man den Ausdruek & vlog jqS- Asov ent Back seinem Tode als j^okbedeutend mit Messias betxaoktet Ittbe, wesskalb das ganze Dictum als commentirende Glosse geken miisse ^ — kangt eng zusammen sowohl mit seiner falscken Erklarung jenes Danieliscken Ausdrueks, ak auek mit seiner verkekrten Auffas- lung des, zwischen Matthaus und Marcus statthabenden, Abhangigkeits- verhaltnisses (§. 9). Nur das ia;e xqalav iaxe 25 sckeint von Marcus ein- gearbcitet, ^ Mt. 5. 6 vielleicht (§. 12, N«. 34) ausgelassen worden zu sein. 1) GegenDe Wette ^ Marons imd Lttew, 1646, 8. n7), Fritische (MarcoB^ S. 62 f.). — 2) Oegen Weisse: BrvngeHsdle G«8ofaiehte» I, S. 482. — 3) Ewald (Drei ETtageUen, S.201), Meyer (ZuMatthfius, S.221}, Bleek (SynopsU, I, 8.390). — 4) Die richtige Auslegnng bei Hey er : Zu Marcug and Lucas, S. 35 ff. — 5) Zeit- ttteill tta mmmmohtiQi/^ The^ogie, t8(M^ & 290. — 6} A. a. O.. S. 287 ff. — *) Wilke, 8. 190, der abrigena ialsfh. 8. 464 aueh Yew 27 tHa Qkm bSU. Digitized by VjOOQ IC 74 Zweitet Capitel. 14) Mr. 3, 1—6. Mt. 12, 9—14. Lc. 6, 6—11. Heilung der verdorrten Hand. Wird von Lucas auf eineu andem, von Mat- thaus auf denselben Sabbat verlegt, wie das Aehrenausraufen. Marcus hat hier wieder am individuellsten (vgL 5) ersahlt; an ihn h< sich Lucas ^ wahrend Matthaus aus anderen Quellen einschaltet. Jesos scheint ubrigens hier wieder in Kapemaum zu sein. ^ 15) Mr. 3, 7—12. Mt. 12, 15. 16. Lc. 6, 17—19. Summari- scher Bericht uber die Krankenheilungen, als Einleitung zur Bergpredigt. Diese Stelle, die bei Marcus allein in gesunder Natur- frische zu Tage tritt, zeigt, wie die Anderen Notizen von A bios gele- gentlich benutzen. Denn schon die Akoluthie burgt dafur, dass die Stelle des Matthaus als Parallelstelle anzusehen ist; einzelneZuge waren aber schon bei der ersten summarischen Schilderung Mt. 4, 24. 25 benutzt worden. — Wie allgemein ubrigene das Aufsehen war, welchee Jesus nach und nach erregt hatte, beweist die Nachricht, dass auch aus Judaa und Peraa ihm Viele nachfolgten, was nur in der Stellung bei Matthaus 4, 25 ubertrieben erscheinen wurde, weil dort allerdings »bei dem ersten Auftreten Jesua' statthabend. 16) Mr. 3, 13—19. Mt. 10, 2—4. Lc. 6, 12—16. Erwahlung derZwolf, im Anfang von Marcus abgekurzt. Die Stellung des Kata- logs bei Matthaus erklart sich aus Anticipation der Bergpredigt. Uebri- gens zahlt Marcus auf in Berucksichtigung theils des Alters der Junger- schaft, theils der Beinamenschaft ; Matthaus dagegen, der die Erwahlung unmittelbar mit der Aussendung verknupft, legt nach Maassgabe von A Mr. 6, 7 ein Interesse fur paarweise Auffuhrung,' Lucas ein solches fur Synonymitat an den Tag. Damach wurde die Stellung in A veran- dert. Matthaus und Lucas haben am Anfang die Bruderpaare zusam* mengestellt, wahrend Marcus die Vertrauten zuerst nannte. Im Allge* meinen Uegt den drei Katalogen aber die Rangordnung zu Grunde, ver- moge deren Petrus als primus inter pares voran , Judas Ischarioth als Verrather zuletzt steht. Marcus. Matthaus. Lucas. Petrus. Andreas. Jakobus I. und Johannes. Andreas. Philippus und Bartholpm&us. 1) Ewald: Dr«i Erangelien, S. 203.— 2} Hilgenfeld: B^Mg^liMi, 8. 61. 3) Weisse: ErangelisoheOesohiohte, 1, S. 401. Digitized by VjOOQ IC Aufstellung der Quelle A. 75 Matthaas und Thomas. Jakobus II. Thaddaus = Lebbaus. Simon. Judas Jacob! (vgl. Job. 14, 22.) Judas Ischarioth. 17) Lc. 6, 20 — 49. Bergpredigt, von Mt. 5—7 uberarbeitet. Dass die Rede bei Matthaus in ihrem Grundkeme identisch ist mit der des Lucas hatte man schon im Hinblick auf Anfang und Schluss beider Predigten niemals bezweifeln soUen. Uebrigens findet sich mit Aus- nahme weniger Satzcben der gesammte Inhalt von Lucas im Matthaus wieder; es liegt mithin klar zu Tage die Selbigkeit des Stoflfe.* Wir haben also nur zu beweisen, dass diese Rede auch in A , und zwar hier, gestanden haben muss. Wie anders soUte es aber zugegangen sein, dass die erweitemden Evangelisten bei ihrer sonst durchgehenden Abweichung in der Bestim- mung der Stellen, velchen sie den in Marcus fehlenden Apophtegmen anweisen, gerade hier, in der Art und Weise der Einfuhrung jener Aus- spruche, welche den ihnen gemeinsamen Grundstamm der Bergpredigt ausmachen , in so auffallender Weise harmoniren ? Daruber kann kein Zweifel sein, dass Matthaus sowohl, als Lucas diejenigen Bestandtheile, wdche ihren beiderseitigen Reden gemeinsam sind, schon bei einem schriftstellerischen Vorganger gefunden haben mussen, und zwar bei einem Vorganger, der nicht bios Redestucke zusammengereiht hat, son- dern der Thatsachen erzahlte , wie Jesu Hingang auf den Berg, seine Anrede an die Apostel und besonders die Akoluthie der Geschichte vom fiauptmann von Kapemaum beweist, die bei Lucas unmittelbar auf die Bergrede folgt, bei Matthaus bios durch das nachgetragene Fragment aus Mr. 1, 40 — 44 davon getrennt ist — eine Uebeseinstimmung in der An- ordnung, wie wir solche sonsj nur bei den Stucken antreffen, welche die anderen Evangelisten mit Marcus gemein haben.' Sehr nichtssagend sind daher die Grunde, mit denen Wilke die Existenz der Bergpredigt im Urevangelium bestritt; • und seine Anstrengungen, ihre Herkunft nicht aus Marcus, sondem aus Lucas abzuleiten, ^ kommen auf unserem Standpunkte, wo der Marcus Wi Ike's s A, und im betreffenden Fall A s Lucas ist, von vomherein nicht mehr in Betracht. Dagegen hat stierst Ewald mit scharfsinnig entwickelten Grunden auf die Wahr- scheinlichkeit hingewiesen^ dass hinter den Worten Mr. 3, 19 xal 1) BUek: Synopsis, I, S. 220 f. — 2) Weitse: BrangeliMhe Oe^ihichte, I, 8. 73. ETaagelienfrage, 8. 167. — 3) Ureyangelist, 8. 584. — 4} 8. 685 ff. Digitized by VjOOQ IC 76 Zweites Capitel. I^XOirat eig olxov eine bcdeutende Lucke ist , die nur durch die Berg- predigt und die Gescbichte vom Hauptmann in Kapernaum auszufullen ist* — ein Zweifel, von dessen objectiver Berechtigung man um so sicherer uberzeugt sein darf, als Ewald den ursprunglichen Ort der Bergrede gar nicht, wie wir^ in A, sondern in einer vorausgesetzten anderen Quelle , der Bedesammlung, suchte. Seinem Bedenken ist su- nachst Weisse beigetreten und hat es sogar auf eine ganze Beihe yon Erzablungen ausgedeknt , die bei Lucas auf die Bergpredigt folgen. * Audi Toble r stimmt bei.' Am instructivsten aber sind fur unsere Sacke die, im Wesentlichen auch durch Baur* bestatigten, Erorterungen Bitschl's uber die Bergpredigt. ^ Denn obwohl er diese Bede nicht im das Urevangelium verlegt, sondern sich zunachst an die Belatioa des Matthaus halt, iuhlt er doch ganz richtig heraus , dass die Predigt ana- schliesslich an die Junger Jesu gehalten sein muss® und kast cb unent- schieden, wie die leitenden Gedanken des Matthaus -Textes uber die Verhaltnisse Jesu zum Gesetz motivirt sein mochten. In der That losen sich die Schwierigkeiten, welche die Bergrede (vgl. 5, 11 , \%) im G^ gensatz zu den gesetzesfreien Ausspruchen des Marcus ^ ja auch zu dem weiteren Verlauf der Bede selbst macht, voUig nur, wexm man den Cha- rakter dieser ganzen Bede als einer Compilation im Sinne des ersten Evangelisten erkannt hat (§• 12, 10). Wie aber im lungekehrten. Fall Lucas der ursprunglichen, so reichen Bergrede mit aller anatomi- schen Kunst seines ftrztlichen Berufs t ihren eigentlichen Kern aui^^ schnittenc haben sollte — hat weder Baur,' noch sonst Jemand be* greiflich zu machen yerstandeiu Wohl aber hat Ewald mit richtigem Takt die geschicktlidK Stel- lung der ursprunglichen Bergrede im Zusammenhang des Marcus nacb- gewiesen.^ Vgl. hieruber §. 29. Die Form, in. weh^er diese > an die Junger gerichtete, die festen Grundzuge des Gottesreichs im Zusam- menhang vortragende, Bede in A enthalten war, ist aber fblgende: 1) Lc. 20 — 26, vier Makarismen mit genau entqprechendem Wehe. £s geht nicht an, diese Verse als spatere Auspragung zu fassen, * da aie vielmehr dem Vorgang des alttestamentlichen Gesetzgebera Deuter. 27, 1 1 ff. entsprechen. ^^ Ueberhaupt ist nicht abzusehen, wesshalb Lucas ]) ErangeHen^ S. 20» f. — 3} Brangelieafrage, 8. 159. 161 f. Anders nocb in der •StangBftuoktii Geiduduto^c I, S. 85« II ^ 8. 27 ft — 3) ETangelieafragev a 14. •- 4) Caurktenthma der dMi ertten Jahrhufiderte, 8. 26 f. — 5} AltkithelUcbe Kkek% 1857» 8. 35 f. -^ 6) So KtlhnOl, Ebrard, Wieseler, Bleek (Synopsis^ I» 8. 224. 227), Hilgenfeld (EvangeUen, 8. 61 f.), Weiss (8. 71). — 7) EvangeUeii» 8. 461. — 8) EvangeUen, 8. 205. 207. — 9) Qegen Meyer (Zu Marcos und Lucas, a 3291), HilgfnffU(BTaiigeKeB, 8.173). - 1^ Ofvftret : ¥fclkristen^um, U, 2, 8. 146. Digitized by VjOOQ IC Aufsl^lttng der Qa«lle A. 77 die leickere Form des Matthottty wenn er tie yor&nd^ verkfurat^ noch weiiiger, westhalb er die vier Antitheaen hinzugefugt liaben soUte; denn » der ebionitische Gfeiet kt dem PauUner Lticas firemdartig, a ^ wih^ rend et im Geist des ersten Evangeliunn liegt^ die uberiieferten Maka- lismen auf die Siebenzahl su Inringen. ^ Weil aber bei Luoas nicht bios Bpecielle Beaehungen auf Scenen caterer Verfolgung vorkommen^ ' sondem der Sprachgebrauck auch 2um Theii speciell lacaniech ist (ifi- nifuthoumij auQT^Vj xazu tavta Ttoislv), ist eine tbeilweise sprachlicbe BearbeitxtBg der Qiielle anzunehm^i. — 2) Lc. 27—42 : Leidenswillig- keit und Feindediebe, das Erste im Cbristentham. Nur zwei Verse atanden bier aicbt in A, namlich Lc. 39 = Mt. 15, 14; Lc. 40 » lit. 10, 24. 25, Dwelehe er offenbar an einer andem Stelle fand, die ihm nor ihres InhaUes wegen kier am passendsten zu stehen schienenc^ — daher auck die plotzlicke Unterbreckung des Zi^sammenkangs mit JLftetf di nal Ttetqa^i^i^v avtotg. — 3) Lc. 43 — 49. Scklossgleickiiisse von Tersckiedenen Baumen und versckiedenem Hausbau. Hier kat Lu- eaa bockstens etwas zosammengeaogen ; 45 aber ist ursprunglick (§. Id, Nr. 38). * Nack demDargelegten durfte das Urtkeil Baur's, wornack die Berg- rede des Lucas nack einstimmigem Urtkeil der Exegeten an Zusam^ Bienkangslosigkdt leidet/ auf ziemlick untei^eordneten Wertk zu redu** ciren sein. Vidmekr ist gerade der Ckarakter dieser Bede im Gegensatze ZK der de Mattk&us der der enggescklossenen Einkeit des Gedankens (§. 29). Wie aber auck Meyer der Bede des Lucas einen fragmentan* aeken and unyollstandigen Ckarakter zusckreiben kann, ' verstekt man nm so w^iiger, als er selbst es ist, der die ursprunglicke Ideenassocia- tion an den wenigen Steilen, wo man zweifelbaft sein konnte (Lc. 6, 27. 31. 43. 46), ricktig nackgewiesen kat. 18) Lc. 7, I— 10. Mt 8, 1. 5—10. 13. Heilung des Soknes des HauptmannsTonKapernaum. Der mittlere Ausdruck ^ra!^ (yon Mattkaas yerstanden » vlog, vgl. 17, 15. 18) wurde von Lucas hUch ausgd^ s diMilog. ^ Nur Lucas 7 ist naig unvennerkt steken geblieben , was deutlick genug die Abkangigkeit beweist. ^ Die Sorge des Herm um einen dovkog wurde nickt bios yoraussetzen, dass der- 1) Meyer: Zu Marcos und Lucas, 1860, 8. 330. — 2) Fftr die Siebenzahl Tgl. Ewald (A. a. O. 8. 210), KOstlin, (S. 50), Meyer (Zu MatthAus, 1858, 8. 129). — 3) Ewald: a. a. O. 8. 211. ^ 4) Ewald: Drei EvangeUen, S. 223. So auch OfrOrer (Urchristentbum, 11, 2, S. 147 £.), Bleek (Synopsis, I, S. 823) , Weisse (ETangelienfirage, S. 158). — 5) Gegen Weisse: Evangelienfrage, S. 158. — 6) Eran- gttMn, S. 462.— 7) ZuMatthftus, S. 191. — 8) So Strauss, Baumgarten- Crntius, Neander: Leben Jesu, S. 407. — 9) Der nsftohsische Anonym us* (8. 56), Baur (Erangelien, S. 478). - Digitized by VjOOQ IC 78 ZweitM Capitol. Belbe der ^nzige Knecht des HauptmaniiB gewesen^^ sondem axich, dass dieser ein besonderes Interesse an ihm gehabt, was daher Lucas erganzt (svxi^og hat unter den Synoptikem bios Lucas 7^ 2 und 14, 8). Die andere Differenz, dass nach Matthaus der Hauptmann Jesu entge- genlauft, wahrend er nach Lucas zuerst Aelteste, dann Freunde schickt, konnte zwar auch so erklart werden woUen, dass Matthaos, wie sonst auch, die Greschichtserzahlung yerkurzt und vereinfacht habe ; ^ in der That aber hat Lucas hier verandert (§. 13, Nr. 25).* Dass aber eine Quelle beiden vorlag, erhellt aus den fast wortlich tibereinstimmenden Beden des Hauptmanns (Mt. 9 =b Lc. 8) und Jesu (Mt. 10 sa Lc. 9). Dass diese Quelle A war, geht, wie aus dem Sprachcharakter, * so aus der Akoluthie im Verhaltnisse zur Sergpredigt, auch wohl aus der aus- gepragten Verwandtschaft mit der Geschichte von der Kanan&enn^ her- Yor. Dass Marcus , wo er A wieder aufnimmt, ausser der Bergpredigt auch noch Anderes ubergangen habe, zeigt das, den W^ vom Berg bis Tor dasHaus ignorirende %ai cQxoy^^'' ^h olxov 3, 19, »und so gut, wie die ganze Bergrede ausgelassen ist, kann auch noch dieses erste Glied eines neuen Erzahlungsstuckes ausgelassen sein. «^ 19) Mr. 3, 20—30. Mt. 9, 32—34. 12, 22—32. Lc, 11, 14—23. Jesu Rede wider die pharis^ische Anklage. Jesus wird von seinen Verwandten (oi naq^ avzovy wozu vgl. die Commentare und Folyb. 23, 1 , 6) fur wahnsinnig, von den Gegnem fur besessen erklart. Noch ehe er sein Haus betritt, erfolgt die, von Marcus ebenfalls noch ausgelassene, wunderbare HeOung des Stununen. Dann erst nimmt Mar- cus den, durch Auslassung der Bergrede unterbrochenen, Zusammen- hang von A wieder auf. Schon der ganze Charakter von Mt 12 , wo eine zusammenhangende Beihe fruherer Stucke nachgeholt wird, bc- weist, dass das Wunder in A erzahlt war. Dagegen haben Matthaus und Lucas ausgelassen, was Marcus allein mittheilt, die anstdssige Notiz 3, 20. 21. Gegen Marcus, der mit der Heilung auch Dieses weglassen musste, berichten Beide wieder Mt 9, 33 = Mt 12, 23 a= Lc. 1 1, 14 vom gunstigen Eindruck auf das Yolk. Alle Drei aber treffen zusammen in der Wiedergabe von A, wo der ganz entgegengesetzte Eindruck, den Jesu Verhalten auf die Pharisaer machte , berichtet wird. Gegen ihre Schmahung richtet sich die Rede Jesu 23 — 30sMt. 25— 32a=Lc. 17—23. 1) So onwahncheinlich genug Meyer: Zu Matthftas, S. 201 . — 2) So N e a n d e r (8.406 f.), Krabbe (S. 280), Lange (L. J. II, 2, 8. 646 ff.), Ewald (Diei Evange- lien, S. 225), Meyer (Zu Mattbftus, S. 200). — 3) So Strauss, DeWette, B. Bauer, Bleek: Synopsis, I, S. 347 f. — 4) Ewald: Drei Evangelien , S. 225. Was Meyer (Zu Marcus und Lucas, S. 44) dagegen anfohrt, bedeutet gar nichts, da ParallelsteUen unser Urtheil nur bekrftftigen. — 5)Weisse! Erangelienfirage, S. 161. — 6) Ewald : Drei Evangelien, S. 225. Digitized by VjOOQ IC AufsteUang der Quelle A. 79 Zaerst aber musete die veranlassende Situation Mr. 22. 2S modificirt verden, weil das wirkliche Motiv^ das Wunder^ ausgelassen war. Das »Wi8«en der Gedanken« Mt. 25 = Lc. 17 war also das Ursprungli- cliere. Die Bede selbst hat Marcus im Ganzen in der Form von A. Wir haben hier also zuerst (24. 25) zwei Beispiele bestimmt aus^nan- dergehalten und in conformer Weise durchgef iihrt , dann 26 ihre An- wendung. Hierauf aber hat Marcus ausgelassen Mt. 27. 28. = Lc. 19* 20, wesshalb dann das Folgende bei ihm etwas abrupt steht. * Dagegen stimmt 27 wieder mit Mt. 29; ausgelassen ist wieder Lc. 23 = Mt. 30 und die, schon um des Tivevfia axa^ctQxov und um des ganzen damono- logischen Zusammenhangs willen hierher gehorige,* Rede Lc. 24 — 26= Mt. 12, 43 — 45, die dann ihrerseits wieder vorbereitet auf das Wort yon der Lasterung des Geistes Mr. 28. 29. Uebrigens sind diese Worte in A nicht^ wie bei Mt. 31. 32 und Lc. 12, 10 in den Gegensatz ge^ stellt zu den Reden wider des Menschen Sohn, sondem uberhaupt zu allerhand Versundigungen ; woraus aber nicht sofort eine ^innigere Verbindnng des Gottesgeistes mit der Person Jesu« zu schliessen ist,* son- dem vgl. §. 1 3, Nr. 90. Dass Marcus die ganze Rede mannigfach verkurzt und zur Verstandigung die Bemerkung 30 hinzugefugt hat,* liegt gans in der Manier der Bearbeitung, die A in Marcus uberhaupt erfahrt. 20) Mr. 3, 31—35. Mt. 12, 46—50. Lc. 8, 19-21. Jesus und seine Verwandten. Auf diesen Abschnitt wiesen schon die Verse 3, 20. 21 hin, was Ebrard vergeblich leugnet. * Den nur bei Marcus klaren Geschichtspragmatismus hat Lucas ubrigens gftnzlich alterirt. 21) Mr. 4, 1—34. Mt. 13, 1—15. 18—23. 31—34. Lc. 8, 4—18. 13, 18 — 21. Die Gleichnisse. Vom Schiffe aus redet Jesus zum Volke das Gleichniss vom verschiedenen Ackerland 1 — 9. Nirgends geben sich die Seitenberichte auffallender als abglattende Paraphrasen der harten Wortstellung in A kund. " Wer Mr. 8. 20 = Mt. 8. 23 die Stofenfolge der Fruchtbarkeitsgrade in ursprunglicher Form hat, lasst rich schwer mehr entscheiden ; nur ist zuzugeben , dass Marcus im De« tail hier gleichfaUs frei zu Werke geht. ^ Nach Vortrag des Gleichnisses fleht sich Jesus zuruck und gibt Erlauterungen uber seine parabolische Lehrmethode 10 — 12 = Mt. 10—15 = Lc. 9. 10. Das Object der 1) Bleek: Synopsis, I» S. 490. Vgl. auch Weisse: Evangelienfrage , S. 162 ge- gen sich selbst (Evangelische Geschiehte, 11, S. 75) and Wilke (S. 453 f.), dem zu^ folge die Bemerkang Mr. 30 beweisen soil, dass er Mt. 27. 2SasLc. 19. 20 nicht gelesen liabenkdnne. — 2) GfrOrer: Urchristenthum, II, 1, S. 240. — 3) Gegen Kdstlin ' (8. 318),Hilgenfeld (Evangelien, S. 132). — 4) Weiss, S. 64. — 6) Wissen- •ehaftUche Kritik, Ausg. 2. S. 359 ff. Sonderbarer Weise will auch Weisse (Evange- lienfinge, 8. 162) die Verse 20. 21 vor 31 rttcken. — 6) Weisse : Evangelische Ge- •chichte, I, S. 488. — 7) Weiss, S. 63. Digitized by VjOOQ IC go Zw«itM CapHel. IVage der Junger betiiffi. nach Matthias den Grundy warum Jesus tlber- haupt in Gleicbnissen rede, nach Marcus und Lucae aber (wo auch ein grosserer Jungerkreis vorausgesetzt ist) den Sinn des eben vorgetrage- nen Oleichnisses. Bleek entsdieidet sich fur Matthaus, besonders weil Dieser allein die Stelle Jes. 6, ^ voUstandig nach LXX gebe, Marcus aber dieses ausfuhrliche Citat vor Augen gehabt haben musse. ^ So rich- tig diese Grunde dargelegt sind, 6o beweisen sie doch fur uns nur, dass Mt. 14. 15 in A gestanden, yon Marcus und Lucas aber, als nach A Mr. 12. Mt. 13. Lc. 10 uberflussig, w^^gelassen wurden, und wir war- den mit Neander^ und Weiss^ urtheilen mttssen, dass bei Matth&n^ die Form der Frage nach dem Anfang der Antwort Jesu gestaltet ist, wozu noch ein weiteres, spater §. 27 zu beleuchtendes, Motiv hinzukam. Ebenso verhalt es sich mit der Antwort Jesu, die nach Marcus und Lu- cas so ausgefallen ist, dass Jesus eine besondere Qualification der Junger far Empfangniss der Deutung, mithin auch sein Eingehen auf ihre Bitte als gerechtfertigt statuirt, wahrend freilich dem Volke gegenuber er tlber die parabolische Form nicht hinauskomme, damit sie bei solchem scheinbaren Besitze den Jesaianischen Spruch von ihrem bios scheinbaren Annehmen des Wortes zur Erfullnng brachten. Mat^ thaus nun schwacht der gewohnlichen Exegese zufolge jene auffallende Fointe des Jesaianischen Citates so weit ab, dass das Nichtsehen des Volkes nicht als Erfolg, sondem als Veranlassung des parabolischen Lehrvortrags erscheint. Ware diese Erkl&rung richtig,^ so fande offenbar die prophetische Stelle eine nur ganz gelegentliche Unterkunft im Zusammenhang; sie wurde ganz fehlen , wenn sie nun einmal in A nicht an der Stelle ge- standen hatte ; dort aber deutete sie, wie sonst uberall im N. T., auf die gottliche Teleologie des Unglaubens hin. Aber auch bei der schnur'- stracks entgegengesetzten Erklarungsweise Wi Ike's £ndet hier ein Zu« sammenhang von Missverst&ndnissen der Grundschrift statt ^ Auf jeden F^U erscheinen dieParabeln selbst im Zusammenhang des Matthaus k^* neswegs durchw^ als das Verstandlichere, Leichtere, vielmehr bricht uberall wieder die Anschauungsweise von A hervor, wo die Nothwen- digkeit einer Auslegung der Parabel dargestellt wird. Nur so verstdt sich auch bei Matthaus die Einschaltung von 16. 17. Denn »wie konnte man auch die Junger daruber selig gepriesen denken vor dem Volke, dass ihrer Unkenntniss in Betreff Dessen , was um der grosseren Leich- tigkeit willen fur das Verstandniss des Volkes passend schien, abgehol- fen wardtf?® Uebrigens ist aus oi I'^w Mr. 11 nicht mit "Wilke zu 1) Synopsis, I, S. 512. 517. — 2) Leben Jesu, S. 166. — 3) S. 50. — 4) Vgl. dagegen Baur: Marcoseyangelium, S. 30 ff. — 5) Ureyangelist, S.206. 352 f. 602. — 6) Wilke, S. 205. Digitized by VjOOQ IC Aufstellang der Quelle A. . gl schHessen, dn^sxarafiidvceg vom Schiff zu verstehen sei. * Ueber oi ubqI avTov aber vgl. §. 12, Nr. 41. Jedenfalls ist Jesus in seinem Hause und betritt erst 4, 36 wieder das Schiff. — Es folgt nun 13 — 20 die privatim geschehende Auslegung der Parabel; und hierauf 21—25 eine Mahnung an die Jungcr , ihre Fahigkeit zum Verstehen beim Anhoren von Para- beln auch zu gebrauchen. Weiss sieht in den letztaufgefuhrten Versen ein Werk schriftetellerischer Composition und Reflexion. * Aber Mat- thaus (§. 12, Nr. 41) und Lucas (§. 13, Nr. 30) beweisen, dass das Stuck in A stand, abgesehen davon, dass die Ermahnung, nachdem eben gesagt war, wie die Junger die Parabel nicht verstanden, ganz am Platze ist, so gut wie 8, 17 — 21.* Eingefugt von Marcus konnte nach dem Paralleltexte des Lucas bios 24 das iv ^ ^ihgip fiBTQelte jneTQrjS^joerai vfiiv xat nQOUTsd-ijaBtai vfulv sein, welches Marcus bei dieser passenden Gelegenheit aus der ausgelassenen Bergpredigt Lc. 6, 88 = Mt. 7, 2 eingefdgt hatte. Aber ebenso wahrscheinlich haben Matthaus und Lucas auch hier ausgelassen, was Jeder schon vorher hatte. *" Hierauf folgt 26 — 29 ein zweites Gleichniss (von der wachsenden Saat), das von den Andern aus Grunden (§. 8) ausgelassen wurde; end- Kch ein drittes 30 — 32 vom Senfkom. A stellte also an dieser Stelle drei, demselbenNaturgebiet entnommene, Gleichnisse zusammen, welche das Heich Gottes als ein werdendes darstellen soil ten, wess- halb denn auch die Verbindung des Gleichnisses vom Sauerteig mit dem vom Senfkom einer andern Quelle angehoren muss. — Ein Schluss folgt 33. 34, der keineswegs Auslassungen des Marcus aus A anzudeu- ten braucht.* Wohl aber weist der Schluss darauf hin, dass 26 — 32 wieder als vor dem Volke gesprochen zu denken ist, und es mag leicht das TOtg o^^oig Mt. 34 ursprunglicher sein, als das avTolgMr, 33 — wie ja derartige leichte Modificationen von A bei Mr. vorkommen.® Vollkommen verfehlt ist es aber, wenn BaurMr. 33 aus Lucas den Zweck aufgenommen wissen will , durch Parabeln sich dem Volke ver- standlich zu machen, als Gegengewicht zu dem 11. 12 aus Mt. angeb- lich aufgenommenen Zweck, durch Parabeln zu verhullen.^ Denn gerade den letztgenannten Zweck deutet Lucas 8, 10 viel scharfer, Matthaus jedenfalls nur zweideutig an, und zu Mr. 33 gibt es gar keine Parallele im Lucas. * — Der ganze Abschnitt aber vertritt in A allerdings die SteDe eines Probestucks der, mit Bucksicht auf die Junger zu ihrer Einubong damals von Jesu gehaltenen, Lehrvortrage, ohne dass man 1) 8.206.603. — 2) 8.65. Vgl. auch Bleek: Synopsis, II, 8. 118f. — 3) W like, 8. 337 f. 376, wo die Ursprdnglichkeit des Marcus zur Evidenz gebracht irt. — 4} Weisse: Evangelische Geschichte, I, 8. 492. — 5) Gegen Ewald (Drei Eyangelien, 8. 236), KOstlin (8. 31 1). — 6) Weiss, 8. 63. — 7) Marcusevange- Hum. 8. 32 f. — S) Weiss, 8. 690. Digitized by VjOOQ IC 92 Zweitea CapiteL desshalb irgend welche Ursache batte> es fur die Beigrede des Urevan- geliums zu halten. ^ 22) Mr. 4, 35 — 41. Mt. 8, 18. 23-27, Lc. 8, 22—25. Jesus im Sturm schlafend. Nur Mr. 35 tritt das Unvorbereitete, das diese Ueberfahrt charakterisirt, hervor, nur hier knupft die Er^ahlung auch an eine Scene an,* die am Seeufer vorgeht. * Man sieht also nicht, wo bei Marcus die Spuren eiiier secundaren Darstellung zu Tag liegen soUen.' 23) Mr. 5, l~20. Mt. 8, 28 — 33. Lc. 8, 26—39. Der Gada- rcnischc Besessene. Am ursprunglichsten bei Mr., am kurzesten bei Matthaus. Das nal Ifiariov ovx iyedidvaxero Lc. 27 ist keineswegs, wie Ewald meint, * Marcus 3 ausgefallen, sondem vgl. §. 13, Nr. 33. 24) Mr. 5, 21—43, Mt. 9, 18—26. Lc. 8, 40—56. Vom Toch- terlein des Jairus und der Blutflussigen. Marcus hat nur wenig (vgl. das ausgelassene nqaanedovy die Fldtenspieler Mt. 23 und vielleicht* den Schluss Lc. 56), Lucas mehr verkurzt, ist jedoch im Vergleich mit Matthaus noch ausfuhrlich. Wenn dieser die Jairusge- schichte so offenbar und gewaltsam zusammenzieht , h£ltte man um so weniger seinen Bericht uber die Blutflussige fur ursprunglicher halten soUen." Aus dem Zustande tiefer Krankheit, in dem das Kind beim Weggang des Vaters sich befand, machen Matthaus und Lucas, Jeder mit selbststandigen Ausdrucken, den vollendeten Tod. 25) Mr. 6, 1—6. Mt. 13, 53—58. Jesus in Nazareth. Lucas hat 4, 16 — 30 eine ausfuhrlichere Gestalt der Ueberlieferung. Uebri- gens hatte A, wie aus der Uebereinstimmung der abhangigen Stellen Mt. 13, 55 = Lc. 4, 22 hervorgeht, wohl die Frage : m% ovtoq iauv 6 thcTWVf 6 viog ^Iworiq>; welch letztere Bezeichnung der dogmatische Standpunkt des Marcus in den Mariensohn,^ nicht aber (was vielmehr Matthaus thut) in den Zimmermannssohn verwandelte.® Dage^en nah- inen beide Seitenreferenten Anstoss an dem, bei Marcus ursprflngli- chen, * TexTioVj als welcher daher bei Matthaus nicht sowohl Jesus selbst, als sein Vater erscheint. 26) Mr. 6, 7—13. Mt. 10, I. 9-11. 14.-Lc. 9, 1—6. Aussen- dung der Zwolf. Dabei hat Mr. zunachst, wie die Uebereinstimmung Mt. 10, 1 =s Lc. 9, 1. 2 zeigt, hinter 7 einige Worte ausgelassen, welche den Zweck der Sendung enthielten. Das el ^^ ^d^dov fidvov 8 wurde kei- neswegs von den beiden anderen Synoptikern in fiijdi ^fidovg oder f^s/TA 1) Wilke, S. 103 f. 379. 583. — 2) Weisse: EvangelUche GescbUhte, I, S. 494. — 3) Gegen Weiss, 8. 63. — 4) Evangolieii, S. 241. — 5) Ewald: Etui- gelien, S. 242 f. — 6) Gegen Strauss (Leben Jesu, II, S. 88), Meyer (Zu Marcus und Lucas, S. 68), Weiss (S. 59 f.). — 7) B leek: Einleitung, U, S.250. — S) Ge- gen Hilgenfeld: Evangelien, S. 135. — 9) Reuse: NouveUt revue, II, S. 19, Digitized by VjOOQ IC AufflteUung der Quelle A. S3 (jo^dov verwandelt^ was auf »eiiigedrungene Uebertreibunga zuruck- zufuhren ware^ : sondern das Verbot des Stocktragens ist acht und mit BeziehuDg auf Schutzmittel gegen etwaige Angri£fe gesprochen , wurde aber von Marcus^ der wahrscheinlich ^afidovg las, in angegebener Weise gemildert^ indem er zugleich den Stock anders, namlich als eine bei Fusswanderungen gewohnliche Stutze auffasste. * Auch das die Con- struction storende dXXa vnodedefihovg aavddXia sieht ganz aus, wie eine absichtliche Correctur ' — wenn nicht vielinehr in A der Sandalen gar keine Erwahnung geschah. * — Uebrigens beschrankt sich die Rede auf drei Punkte: 1) was die Junger thun soUen, lehren und Kranke heilen, 2) wie sie sich tragen soUen, 3) wie in den Hausern verhalten. Zweck und Art der Reise ist es also, was dem ursprunglichen und kei- neswegs unvoUstandigen Bericht von A seine Einheit gibt. ' 27) Marcus 6, 14 — 16. Mt. 14, 1. 2. Lc. 9, 7—9. Gedanken des Herodes uber Jesus. Die Ursprunglichkeit des Berichtes bei Marcus ist nicht bios an der Umstandlichkeit und Ungefeiltheit dessel- ben zu erkennen , sondern auch an dem pragmatischen Moment, das in dem oft missverstandenen xal ijnovaev liegt, was sich bios auf die vor- herberichtete Thatigkeit der Zwolf beziehen kann ; g>av€Qdv yaq iyevaTO TO ovofia avTOv heisst also : es blieb nicht verborgen, dass diese, allent- halben erscheinenden , Jangerpaare Jesu angehorten. Die zweimalige Aeusserung des Herodes beruht keineswegs auf gedankenloser Wicder- holung von Mt. 14, I und Lc. 9, 7—9 bei Marcus; wir brauchen auch nicht unsere Zuflucht zu der Lesart eleyoy zu nehmen nach B und D ;^ sondern das zweitemal bezieht sich die Aeusserung des Herodes entweder auf die Meinungen Anderer, oder A wollte bei Gelegenheit einer zwei- ten Aeusserung die nahere Veranlassung mitberichten. Hier zeigt sich ubrigers auch ganz deutlich, dass Lucas weder von Matthaus (vgl. Lc. 8 ssMr. 15), noch von Marcus abhangig sein kann (vgl. das Mt. 1 und Lc. 7 stehen gebliebene t^fQdQXV^)' 28) Mr. 6, 17—29. Mt. 14, 3—12. Tod des Taufers Johan- nes, nachtraglich beigebracht auf Veranlassung der Aeusserung des Herodes, die im Vorigen berichtet war. Es soil dadurch erklart werden, wie Herodes Jesum fur den auferstandenen Johannes habe haltcn konnen. ^ 29) Mr. 6, 30—44. Mt. 14, 13—21. Lc- 9, 10—17. Speisung der.Fanftausend. Nachdem A den , mit Aussendung der Zwolf ge- gebenen, naturlichen Ruhepunkt zu einer Einschaltung , die das Ge- 1} Meyer: Zu Marcus und Lucas, S.77. — 2) Bleek: Synopsis, I, S.423f.- 3) Bleek: Synopsis, I, S.424. — Baur: Marcusevangelium, S. 48. — 4) Hitzig.- Joh. Marcos, S. 54. — 5) Wilke, S. 331. — 6) So Fritzsche, Lachmann, Ritschl, Ewald: Evangelien, S. 258. — 7) Wilke, S. 5b5. 6* Digitized by VjOOQ IC g4 Zweites Capitel. Schick des Taufers betraf, passend benutzt hatte\ folgt nun die Be- schreibung der Ruckkehr. In hervorspringendem Gegensatz zu Mat- thaus ist bier schon die Art, wie A die Geschichte motivirt, individuell und treffend. Jesu Junger kehren natnlich von ihrer Mission zuruck, und Jesus will ihnen — da wieder die Volksinassen hinderlich sind — Rube gOnnen, fubrt sic daher von Kapemaum uber den See in die Wuste ; die Volksniassen aber laufen um den See berum , kommen vor Jesu an, so dass er schon bei seinem Austritt a us dem Schiff sie vorfin- det, was selbst Lucas 9, 1 1 nicht mehr deutlich genug ausdruckt. * Daran scbliesst sich alsbald die Speisungsgeschicbte an. Weder ist alsoMc. 34 eine Einschaltung (siehe vielmehr §. 12, 30. 45), noch 35 Sga ttoXXtj aus luQu nagrjXd^ev und cbenso uigag /coXXfjg aus otplag yevofiivtjg'iit. 14, 15 entstanden, noch Mr. 37 — 40 eine Paraphrase. Der Scbluss 44 ist nicht von Marcus hinzugefugt, sondern von Mt. 14, 21. (15, 38.) mit einem ihin eigenthurnlichen Zusatz abgeschrieben. ' 30) Mr. 6, 45 — 52. Mt. 14, 22 — 27. 32. 33. Jesu Wandeln auf dem Meer. Er hatte seine jQnger vorangeschickt, um sich allein desto unbemerkter dem Volk entziehen zu konnen. 31) Mr. 6, 53—56. Mt. 14, 34—36. Wunder im Lande Ge- nezareth. Jesus scbliessst nun seine Junger wieder enger um sich und durchreist mit ihnen die n5rdlichsten Gegenden. 32) Mr. 7, 1—23. Mt. 15, 1— II. 15 — 20. Vom Handewa- schen. Eine Scene im Lande Genezareth. Wilke halt Mr. 2 — 4 und daaxal naqo^oia TOiavva noXXa 7ioi€iT€ 13 fur Einschiebsel. * Aber ob die letztere Phrase zweimal (8 und 1 3) oder nur einmal, an einer der beiden Stellen, stand, ist eine Frage der Textkritik. Allerdings aber haben wir in dem tovt eativ aviTrToig 2, sowie in dem Satze 3. 4 sach- liche Erorterungen , in 21. 22 vielleicht auch eine Erweitcrung des Sundenregisters von Seiten des Marcus anzuerkennen. Wie sich aber Mr. 6. 7 als Auszug aus Mt. 8. 9 und Mr. 18 — 23 als Paraphrase dar- fttellen soUc,* ist absolut nicht einzusehen ; da vielmehr in dieser ganzen Partie offenbar Matthaus umgestellt und geandert hat. • Dagegen ist sehr treffend bei Marcus der Gedanke in seine zwei Glieder gespalten, deren jedes mit dem spottlichen xaXuig bcginnt. HOchstens hat hier Marcus das dn^i^v Mt. 1 6 in ovTiog verwandelt. ^ 33) Mr. 7, 24—30. Mt. 15, 21—28. Das kananaische Weib. Jesus rcist aus dem Lande Genezareth* in die Gegend, welche dieGfenze zwischen Phonicien und Galilaa bildete (fisd^oQiay wodurch der Sinn 1) Weiss, S. 40 f. — 2) Ewald: Evangelien, S. 260. — 3) Gegen Weiss, S. 62. — 4) UregangeUst, S. 673 f. — 5) Weiss, S. 64. — 6) Wilke, S, 577. - 7) Ewald, Evangelien, S. 265. — 8) So Kahndl, Fritzsche, De Wette, Meyer; Zu Matth&us, S. 302. 30^. Digitized by VjOOQ IC Aufstellung dei Quelle A. 85 der andern Lesart OQia nicht ausgeschlossen ist). So gibt Marcus am Anfang und am Ende der Erzahlung den geschichtlichen Hintergrund treu nach A, dagegen aber mildert or 27 das Wort Jesu durch die vor- angeschickte Bemerkung, dassdie Kinder wenigstens zuerst Sattigung finden soUen, * — welchen Ausdruck K e i m geradezu doctrinar nennt^ ^ wahrend Volkmar darin ein Zeichen der Urspriinglichkeit sucht. * Ferner lasst Marcus das Gesprach Mt. 23—25 ganz aus* und motiviit mit dia tovtov tov Xoyov 29 die letzte Resolution Jesu. ^ 34) Mr. 7, 31 — 37. Heilung des Taubstummen. Aus dem Gebiet von Tyrus ist Jesus nordlich weitergereist und uber Sidon in das Ostjordanland gekommen/ wo er im halbheidoischen Lande dieses eigenthumliche Wunder vollbringt. Dass die Stelle urspruuglich ist und schon dem Matthaus vorgelegen hat, ist von Wilke'^und Kostlin® erwiesen worden. Matthaus hat diesen Abschnitt, sowie den andern Mr. 8, 22 — 26 weggelassen, weil sie beide bios Beispiele der Heil- wirksamkeit Jesu sind, dergleichen der erste Evangelist in dem fruhem Abschnitt vgl. 8 und 9 bereits genug gesammelt hatte. ® 35) Mr. 8, I— 10. Mt. 15, 32 — 39. Speisung der Viertau- send. Zum mindesten muss zugestanden werden, dass die Referate uber beide Speisungen in noch hoherem Grade, als die Facta ahulich waren, sich ahnlich gestaltet haben.*® Wahrscheinlicher aber wurde das- selbe Factum so mannigfach wiedcrerzahlt^ dass schon der Concipient von A zwei abweichende Gestalten des Berichts aufnehmen konnte. ** Er bringt daher den zweiten Bericht hier, wo Jesus wieder einmal in der Nahe des Sees und zwar am Ostlichen Ufer (7 , 31) weilt, gelegent- lich unter^ aber nicht ohne den sonst tadellosen Zusammenhang in die- ser ganzen Fartie seiner Darstellung zu storen. Denn einmal sieht man 8, I gerade so wenig ein, woher das viele Volk kommen soil, als 6, 32. 33 die Anwesenheit desselben wohl motivirt ist. Wohl aber schliesst sich 8, 1 1 ff. genau an die letzten Verse des siebenten Capitels. Denn weil Jesus von dem Volke wegen der effectvollen Heilung des Taub- stummen so hoch gepriesen wird (7, 37), kommen diePharisaer, um das Vermdgen des Gepriesenen noch weiter zu versuchen und so die Be- wnnderang des Yolks wo mdglich herabzustimmen. Jetzt erst fallt auch 1) MeyoT (Zu Marcus und Lucas, S. 95), Weiss (8. 62), Hilgenfeld (Evan- Selien, 8.137), Baur (MarcuseTangelium, S. 56.) — 2) Mensohliobe Entwioklung Jesu, 8. 40. — 3) Geschichtstreue Theologie, S. 38. — 4) Bwald: Evangelieii, 8. 266. — 5) Weiss, S. 62. — 6) Welche Reise Wilke, S. 578, ganz willkdilich beseitigt. - 7) Urorangelist, S. 680 f. — 8) Evangelien, S. 346 — 9) Weiss, 8. 45. — 10) Meyer: Zu Matthftus, 8.312. — 11) Schleiermacher, SchuU, Kern, Credner, Hase, De Wette, Neander, Ewald, Hilgenfeld: ETtngelien, 8. 88. Digitized by VjOOQ IC 36 Zweites Capitel. die Ungehorigkeit hinweg, da«8 Jesus, der 7, 31 im Gebiet der Dekapo- lis weilt, zweimal hinter einander auf das westliche Ufer ubersetzt, namlich zuerst Mr. 8, 10 = Mt. 1 5, 39, dann Mr. 8, 1 3. 22 = Mt. 1 6, 5. Denn das Bethsaida Mr. 8, 22 ist eben das allein im Neuen Testament vorkommende westliche (aber Lc. 9, 10 vgl. §.18, Nr. 37). Daher denn auch die Junger sich gewarnt glauben , in dem Gebiet des Hero- des, das sie in Bethsaida betreten soil ten, Brod zu kaufen. Eben darum aber, weil mit Dalmanutha (dem heutigen Damon*) und Bethsaida zweimal westliche Punkte als Ziel der Ueberfahrt genannt waren , sah sich auch MatthSus zu einer geographischen Correctur bewogen : er an- dert den Namen Dalmanutha um in Magadan ; denn so, nicht Magdala, ist mit Lachmann und Tischendorf zu lesen. Um dieser Schwie- rigkeiten willen, die er nicht zurechtzulegen vermochte, hat Wilke unseren ganzen Abschnitt fur einen sp&teren Zusatz aus Matthaus er- klart* 36) Mr. 8, 11 — 13. Mt. 16, 1—4. Zeichen der Zeit. Jeden- falls hat hier Mt. erweitert. 37) Mr. 8, 14—21. Mt. 16, 5—12. Warnung vor dem Sauer- teig der Pharisaer. Jesus fahrt wieder uber und redet noch im Schiff ,aus dem Unmuthe seines Herzeris gegen die Pharisaer heraus, Worte, die von den Jungem total missverstanden werden. Das KSmige von A bei Marcus, wo die ^v^rj auch nicht wie bei Mt 12 die Lehre, sondern nur den Charakter der Pharisaer und des Herodes bedeuten kann. ' Um der eingesetzten zweiten Speisung willen, hat der Verfasser von A den Vers 20 gebildet, wiewohl die Frage ov fiVfj^ovevete sich nur auf weiter in der Vergangenheit Zuruckliegendes beziehen kann.* Wie bewusst der Verfasser verfahrt in seiner Berucksichtigung zweier Spei- sungsgeschichten , zeigen besonders die unterscheidenden AusdrOcke k6^ivoc und anvQlSsg; der Verfasser hat also beide Abschnitte zuvor nachgelesen, ehe er dem unsrigen diese Grestalt gab. 38) Mr. 8, 22—26. Der Blinde von Bethsaida. Dass die Stelle ursprunglich ist und schon dem Matthaus vorgelegen haben muss, hat Wilke erwiesen.* Genau analog alien andem Fallen (1, 40. 5, 23. 28. 6, 56. 7, 32. 9, 18) geben auch hier 22 die Personen, die Holfe begehren, das Verfahren an , wie Jesus helfen soil. * 39) Mr. 8, 27—9, 1. Mt. 16, 13 — 28. Lc. 9, 18 — 27. Jesus wird von Petrus als Messias anerkannt. A findet sich bei Marcus und Lucas , bei Letzterem etwas verkurzt, wahrend bei Marcus 1) RoWnson: Palftstina, III, S.514. — 2) UreTangeliat, S. 567 f. — 3) Bleek: Synopsis, II, S. 43. — 4);Wilke, 8. 568. — 5) UreTangeliet, S.682. — 6) Wilke, 8. 669. — Digitized by VjOOQ IC Aufstellung der Quelle A. 87 nur Jeremia^ dessen Nennung bios far Juden verstandlich war, weg- fiel, ' wofem man nicht einen Zusatz des Matthaus annekmen will, ^ der allein auch Bonst (2, 17. 27, 9) den.Jeremias nennt. » Hat sich den JClngem nun die Einsicht in sein wahres Wesen als des Messias aufgeschlossen, so enthullt ihnen Jesus femer das diese Mes- sianitat von dem judischen Messiasbilde wesentlich Unterscheidende, sein zukunftiges Leiden, a' Um jeder falschen Auffassung der Messiani- tat im Sinne der herkommlichen theokratischen Selbstsucht entgegenzu- treten, musste aber auch noch ein Anderes geschehen; es musste die- selbe Aussicht, wie fur ihn selbst, mit aller Bestimmtheit auch erofiuet werden ftlr alle seine Nachfolger. Gegen De Wette, der in dem oxJi'Og Mr. 34 eine Erweiterung der navtsg (namlich inadTjrai Mt. 24) Lc. 23 findct,*vgl. §. 13, Nr. 38. Ferner wollte man aus Mr. 38 den epitomatorischen Charakter des Marcos erweisen, der mit Mt. 16, 27 die fruhere S telle Mt. 10, 33 =s Lc. 12, 9 combinirt habe, worin ihm dann Lc. 9, 26 gefolgt sei. * Aber die beiden Stellen der Seitenreferenten weichen unter sich weiter von einander ab, als jede einzelne von Marcus ; ® insonderheit hat Matthaus, wie oft, so auch 16, 27, den Ausdruck von A verallgenicinert, well er das Dictum bereits 10, 33 aus anderer Quelle hatte. Freilich soil Marcus auch aus Mt. 12, 39. 16, 4 die yevea fnoixctlig aufgenommen haben; allein eben diesen Ausdruck hat Matthaus hier in Folge der angedeute- ten Operation verwischt und Lucas geht ihm auch da aus dem Wege, woerihn sonst antrifft, vgl. Mt. 12, 39 = Lc. 11, 29. Uebrigens ist wohl zu beachten die Verschiedenheit der in einer ganz anderen Quelle ▼orkommenden Form yerea TtovrjQa xai (noixaXlg Mt. 12, 39. 16, 4 und der unsrigen yevsa fnoixallg xat afxaQTiolog A Mr. 8 , 38. Dass Marcus in diescm Abschnitt hier und da eigene Formeln dencn aus A substituirt, wurde schon S. 62 anerkannt; aber geradc das von Weiss aufgefuhrte^ awasv 35 gehort nicht hierher, da auch Lucas es hat, und nur Mt. 25 evQ'^aei setzt. 40) Mr. 9, 2—13. Mt. 17, 1 — 13. Lc. 9, 28—36. Verklarung. Der Bericht des Marcus ist vielfach ^ aufs Ungerechteste beurtheilt wor- den. Denn mag die Vergleichung mit dem Walker 3 als Zusatz betrach- tet werden kOnnen, immerhin ist ebenso moglich, dass den beiden An- dern das Gleichniss zu weit hergeholt schien ; ® die Bcmerkung 1 0 ist l)Ewald: EyangeUen, S. 271. ^ 2) So Wilke (S. 306 f.), Weiss (S. 51). — 3) Hilgenfeld: Erangelien, 8. 89. — 4) Zu Marcus und Lucas, 1S46, S. 209. — o)Hilgenfeld(TUeol. Jahrb. 1857, 8. 406 f.), Weiss (S. 64 f.). — 6)Wei88e: Erangclienfrage, 8. 147 f. — 7) S. 64. — 8) Baur, Meyer, Weiss, 8. 62. — 9) Ewald: Evaiigelieii, 8. 275. Digitized by VjOOQ IC gg Zweite^ Capitel. kein Zusatz iin Interesse der Verstandnissschwache der Jungar, sondem ganz im Charakter von A gehalten (§. 27); ebensowenig versucht Mar- cus das ubereilte Wort dee Petrus zii entschuldigen durch die widersin- nige Begrundung init nv yccQ ^det %i anoxQi^g 6 (Lc. 33 jujy eldag 8 Xiyei) und Anticipation von Mt. 17, 6 (vgl. vielmehr §.12, Nr. 55). Die Worte wollen bios besagen, dass Petrus aus Consternation nicht wusste, was er eben gesprochen hatte. — Dass das Gesprach beim Herabsteigen vom Berg wegen innerer Schwierigkeiten von Matthaus abgekurzt wor- den ist, hat schon Hitzig bewiesen. * Aber man darf nicht ubersehen, dass auch Marcus abgekurzt hat, wie denn von dem Doppelanstand der Jttnger, der sich auf Todtenerstehung und Eliaserscheinung bezog, glei- cherweise dann auch von der Doppelantwort Jesu, Marcus auf die er- stere , Matthaus auf die letztere Seite den Accent legt. * Mit Recht hat daher Ewald die ursprungliche Gestalt der Antwort in einer Combina- tion von Matthaus und Marcus gesucht. ^ Jesus sagt namlich : Mr. 1 2, Mt. 11 ^HXiag il&tbv nQoitov djrona&iardvei ndvra* ical naig yiygan:^ rat int tov viov tov avd^Qcinov iVa noXXa nd&y xal i^ovdsptjd^ ; Mr. 1 3 a. Mt. 1 2 a Xiyio de vfiuv oti ^Hliag ijdr] fjl&€v , xat ovk i/ii^ yvwaav avxbv aXXa i/ioirjaav ev av%(^ Saa ij^iXrjaav, Mr. 13 b. Mt. 12 b ovzwg xat o vlog tov dv&qionov [niXXet ndaxsiv vn avtwvy xa&djg yiyqamat en^ avtov. Dies die , aus dem Schicksal des Vorlaufers aof das eigene argumentirende, Antwort Jesu auf die Frage nachElias' Wie- derkunft, wozu die Junger durch die Erwahnung der Todtenerstehung oder vielmehr durch die damit verbunden erachtete Errichtung des messianischen Reiches^ veranlasst waren. 41) Mr. 9, 14 — 29. Mt. 17, 14 — 21, Lc. 9, 37—42. Heilung des epileptischen Knaben. Marcus gibt A in voller Ausfuhrlich- keit und Sachgemassheit ; namentlich hat er allein das Gesprach 21 — 24. Dass die Nebenrelationen das nvevfia aXalov xat x(0(p6v nicht aufneh- men, liegt an der Unverstandlichkeit dieser Bezeichnung, da der Elranke doch schreit, und Jesus ihn anspricht. Vgl. daher fur den »tauben und stummen Damon a die Erklarung Hitzig's. * 42) Mr. 9, 30—32. Mt. 17, 22. 23. Lc. 9, 43—45. Zweite Vor- herverkundigung des Todes Jesu. Bei Lucas motivirt durch den Erfolg, der die Junger siegestrunken machen woUte; Dagegen tritt bei Marcus das wahre Motiv zur Wiederholung der Erklarung hervor, weil die Junger sich wundern , warum Jesus diesmal das Incognito in Galilaa beobachten will.* 1) Job. Marcus, S. 47—51. - 2) Hilgenfeld: Evangelien, S. 90 f. 139 f. — 3) Evangelien, S. 275. Geschichte Christus, S. 340. — 4) WeiBse: Evangellenfrage, 8. 234. — 5) Joh. Marcus, S. 52. — 6) Wilke, S, 218. Digitized by VjOOQ IC Aufstelluog der Quelle A. g9 43) Mr. 9, 33—37. Mt. 18, 1 — 5. Lc. 9, 46 — 48. Rangstreit der Junger. Marcus und Lucas haben die Quelle A, deren Sinn ent- weder darauf hinauslauft: oschon wer ein solches Kind, daruin dass es in euerem Kreise steht, aufniinmt , nimmt mich auf : ihr habt also alle eine hohe Wurde ! « * oder aber der Verfasser hat , indem er von nun an bis zu Ende des Capitels bios anreiht, gar keinen Zu^ammenhang zwischen 35 und 36 gedacht. * Das Letztere ist wahrscheinlicher ; dann hat aber auch schon Marcus den Beginn eines neuen Abschnittes 36 et- was verwischt. 44) Mr. 9, 38—41. Lc. 9, 49. 50. Der fremde Wundertha- ter. Ein Stuck, [dessen Aechtheit Wilke zu leugnen beliebt. * Es ist vielmehr die Antwort Jesu von Lucas sehr abbreviert, und auch der Scbluss 4 1 ist nichts weniger, als eine zusammenhangslose Reminiscenz ausMt. 10, 42. * Vgl. §. 12, Nr. 30. 58. 45) Mr. 9, 42—50. Mt. 18, 6—9 (10). 15. 21. 22. Lc. 17, 1—4. Warnung vor Aergerniss. Schon ain Anfang hat Marcus ver- kurzt, indem er das starke Wort Mt. 7 =z Lc. 1 ausliess ; am Schlusse aber hat er, ausser vielleicht Mt. 10, jeden falls noch einige Beden aus- gekssen, die sich darauf bezogen , welche Waffen dem Junger, der, an- statt Aergerniss zu geben, selbst geargert wird, zu Gebote stehen ; nam- lich Lucas 3, wovon Mt. 15 der Anfang steht, und Lc. 4, was unmittel- bar hinter A Mt. 15 seine Stellung hatte**, da die Frage des Petrus Mt. 21 nur so motivirt erscheint. Jesus hat gcsagt: selbst wenn sieben- mal ein Bruder gegen dich fehlt, soUst du ihm vergeben. Die Junger fragen nun, ob es damit genug sei. ® 46) Mr. 10, 1. Mt. 19, 12. Reise Jesu nach Jerusalem. Als Zid seiner Reise werden die Sqia %^g ^lovdaiag Ttat niqav tov ^loqdavov bezeichnet, d. h. die Grenzgegenden von Judaa und Peraa ; wenn nicht doch die Lesart dia tov niqav den Vorzug verdient, wornach Jesus jen- seits des Jordans sich Judaa genahrt hatte. Mag auch Weiss darin Becht haben, dass 10, 1 keine directe Tendenz nach Jerusalem angedeu- tet ist,^ so nahert er sich doch von nyi an der Hauptstadt sichtlich (10, 32). 47) Mr. 10, 2—12. Mt. 19, 3—12. Von der Ehescheidung. Durch das fehlende %axa naaav ah Lav des Mt. 19, 3 ist der Frage kei- I) Wilke, S. 104. 219. — 2) Weisse: Evangeliscbe Geschichte, I, S. 75 f. — 3) 8. 636 fL — 4) Vgl. vielmehr Meyer: Zu Marcus und Lucas, S. 124. — &) Ewald (ETmngelien, S. 301). Kastlin (Evangclien, S. 60). — 6) So richtig die Unschieibung des HebTftereyangeliums beiHieronymus: Contra Felagium, 3,2: Si peccaTerit, inquit, frater tuus in verbo et satis tibi fecerit, septies in die suscipe eum. Dixit illi Simon, discipulus ejus: septies in die! Respondit Dominus et dixit ei: etiaai, ego dice tibi, usque septuagies septies. — 7) S. 670. Digitized by VjOOQ IC 90 Zweites Capitel. neswegs ihre versuchliche Pointe genommen. * Auch hat Marcus die Momente des Gesprachs in richtiger Folge; nainentlich passt 9 als Schluss der Rede viel besser, als in der Ordnung des Mt. 19, 6.* Die Worte, die Jesus zuletzt privatim (10 ist nicht Einschaltung) vor dea Jungern spricht, hat Marcus theils erweitert 12 durch selbststandige Anwendung des Grundsatzes auch auf den weiblichen TheU im In- teresse heidnischer Leser, ' theils verkurzt durch Auslassung von Mt. \ 9, 10 — 12, was anstossig scheinen konnte,* in der That aber erst die Krone des Ganzen ist. ^ 48) Mr. 10, 13—16. Mt. 19, 13—15. Lc. 18, 15—17. Segnen der Kinder. Dieselben wurden ihm wie zum Abschicd aus befreun- deten Hausern gebracht. * Marcus folgt fast ganz der Quelle A, die ubrigens 13 das missverstandliche avtotg (vgl. Mt. 13 = Lc. 15) bot, wofiir entweder Marcus, oder ein spaterer Abschreiber (vgl. Tovg yqaiMr (nateig 9, 16) das Glossem voig nqoaq>iQOvaiv setzte. 49) Mr. 10, 17 — 31. Mt. 19, 16 -30. Lc. 18,18—30. Vom reichen J ungling. Hier ist Marcus durchweg concreter und eigenthumlicher, als die Andern ; keineswegs aber ist Marcus 2 1 ?y aoi vateqei verkunst aus Mt. 20 f:£ €Tt va%€Q(pj'^ vielmehr ist die letztere Frage aus A gebil- det und macht fur den Gang des Ganzen keinen Unterschied. ® Eine Milderung des Marcus gegenuber A Mt. 19, 23 = Lc. 18, 24 li^ Mr. 24 in zovg 7t€7toi&6tag vor. • 50) Mr. 10, 32—34. Mt. 20, 17 — 19. Lc. 18, 31 — 34. Vorher- verkundigung des Leidens. Auf dem Weg nach Jerusalem spricht Jesus, der als Fiihrer entschlossen voraneilt (vgl. das eigenthom- liche Geprage von A Mr. 10, 32), von seinen Leiden in noch bestimm- terer Weise als zuvor. Doch ist das anomavovaiv bei Marcus und Lu- cas ursprunglicher, als das atavQwaai des Matthilus. 51) Mr. 10, 35 — 45. Mt. 20, 20 — 28. Ehrgeiz der Sohne des Ze bed aus. Die Bittende war nicht, wie Mt. 20 sagt, die Mut- ter, was Marcus, weil die Antwort Jesu nur an die Junger gerichtet ist, weggelassen haben musste, *" wahrend er doch sonst ursprunglicher ist (vgl. 38 und 42); Marcus lasst sich uberhaupt auf derartigen Umbildun- gen nie betreffen. Dazu kommt, dass die Antwort Jesu und der gegen die Bruder gerichtete Unwille der Junger selbst bei Matthaus die Alte- 1) Qegen Meyer (Zu Marcus und Lucas, S. 134) schon Wilke (S. 5St)), unter den Neuem aber besonders Harless: Die Ehescheidungsfrage, 1861, S. 30. — 2) Wilke, S. 580. — 3) Baur (Zeitschrift fflr wissenschaftHche Theologie, 1850, S. 374 ff.), Bleek (Synopsis, I, S. 270 f.), Harless (S. 25 f.). — 4) Hilgenfcld: Evangelien, S. 141. 149. — 5) Ewald: Evangelien, 8. 306. — 6) Ewald: Evange- lien, S. 306. — 7) So Paulus: Commentar, II, S. 829. — 8) Wilke, S. 226 f. — 9) Hilgenfeld: Evangelien, S. 141. 149. — 10) Meyer: Zu Mattb&tts, S. 379 f. Digitized by VjOOQ IC Aufstellung der Quelle A. 91 radon desselben nicht anerkennen ; wie denn der Uebergaiig der Er- zahlang, falls Matth^us das Ursprdngliche hatte , auch etwa so gelautet haben wurde : du weisst nicht, was du bittest, und hingewendet zu ihren Sohnen, sprach er u. s. w. * 52) Mr. 10, 46—52. Mt. 20, 29—34. Lc. 18, 35—43. Heilung des Bart i ma us. Der Name stand vielleicht in A, wenn diese Quelle nicht einfach Tvq>X6g zig hatte;* jeden falls aber ruhrt das vorausge- schickte 6 vifg Tifnalov von Marcus her und hat seinen Grund in der Bekanntheit des Timaus. ^ 53) Mr. 11, 1—11. Mt. 21, 1-11. Lc. 19, 28—38. Einzug in Jerusalem. A besonders bei Marcus und Lucas, die ubrigens nur von dnem nwXoQy nicht gerade von einem Eselsfallen reden. * Abends zieht sich Jesus nach Bethanien zuruck Mr. 1 1 . 54) Mr. 11, 12—14. Mt. 21, 18. 19. Verfluchung des Fei- genbaums. Morgen des zweiten Tages; das 6 yaq xaiQog ova rfv ar- tMv nothigt nicht gerade zur Annahme eines, an sich ja wohl mog- lichen, Zusatzes. Je unerklarlicher es ist, desto erklarlicher seine Aoslassung bei Matthaus. ^ 55) Mr. 11, 15-19. Mt. 21, 12—17. Lc. 19, 45—48. Tempel- reinigung. Der Schluss des zweiten Tages Mr. 19 angedeutet. Da- gegen hat Marcus das ctvXl^eiv iv Br]&avi lium placirt. Ebenso anerkannt ist heutzutage, dass der Abschnitt voll- kotnmen synoptischen, am allerwenigsten johanneischen Charakter tragi* Daher kein otv, sondern di; OQd'QOQy imi.ievuv^ dvafioQTrjtog sind wenigstens keine johanneischen, und ol yqa^iiaxBlg und xatayiQiyeip bestimmt synoptische Ausdrucke. Hitzig, der die Perikope unter den Neueren am grundlichsten untersucht hat, kommt auf das Resultat, dass schon die Anschaulichkeit der Schilderung und das sprachliche Verhaltniss des Abschnittcs auf Marcus hinweisen. * AUerdings kommt xvtpag ausser 6. 8 nur Mr. 1, 7 vor, und gehort elg xad-elg 9 zumeigen- sten Sprachgebrauch des Mr. (14, 19). Den Vocativ aber hebraisirend durch den Nominativ mit dem Artikel auszudriicken 10, ist Sitte in Mr. 5, 8. 9, 25. 10, 47. 14, 36. 15, 18. 29. 34. Auch der ganze Sata 2 Kcct nag 6 laog iJqx^^ nqbg avtbv y.al xad^iaag ididaaxev avTOvg kehrt Mr. 2, 13 wieder xat nag 6 ('x^og ^'pX*^^ nQog avxbv xal idldaaxev av- TOvg und das fehlende xad^iaag steht 9, 35. Kleinere Abweichungen erklaren sich theils daraus , dass der Sprachgebrauch des Marcus doch nicht unmittelbar mit dem von A zusammenfallt (§. 19, 14), theils aus der, bekanntlich in dieser Perikope ganz beispiellosen , Textunsicher- heit. ^ 1} S. 64. — 2) Ewald: £yaiigelien, S. 320. — 3) Hitzig: Joh. Marcus, S. 57. 4} Johannes Marcus, S. 219. — 5) Hitzig, S. 220. Digitized by VjOOQ IC Aufirtellnng der Quelle A. d3 Das Stuck gehort nun aber offenbar in die Geschichte des Aufent- haltes Jesu in Jerusalem ; es versetzt uns in die letzten Tage des Herm^ in jene Festzeit, wo der Herr ofters auf den Oelberg hinausgeht und in den Tempel zuruckkehrt. Hitzig bestimmt daher seinen Platz zwischen Mr. 12, 17 und 18/ und allerdings reiht es sich ruckwarts an die ver- suchliche Pharisaerf rage , vorwarts an die Casuistik der Sadducaer hin- sichtlich des siebenfach verheiratheten Weibes, wobei gleichfalls des mosaischen Gesetzes gedacht wird, vortrefilich an ; das Hva avtov ccyQev- awai I6y(f ware somit Ueberschrift fur zwei aufeinanderfolgende Vor- felle, und an das xal iO-avfia^ov hi avxt^ Mr. 12, 17 reiht sich selbst dieNotiz Job. 7, 53 vortrefflich an. Auch die Aehnlichkcit von nai- (o^oiTfif av%6v %va extoai naTtjyoQeiv av%ov mit Mr. 12, 13 IVa ayQSv- Oiaaiv und 15 tl fie TCBiQa^ete zeigt, dass die beiden Abschnitte hinterein- ander weg geschrieben wurden, wie 5, 23 naQendXet avtov noXXa sich au8 5, 10 wiederholt hat. * In unscrer, wie in der vorhergehenden Peri- kope sind die Pharisaer als Widerpart auf der Scene. Wahrend sie aber zuerst sich die Herodianer als Bundesgenossen erlesen haben, wo es sich um eine rein politische Sache handelt, treten jetzt, wo das mosaische Gesetz in Frage stcht, die yqafiinatels zu ihnen; an die beiden Vor- gange mit den Pharisaern schliesst sich dann Mr. 12, 18—27 noch der mit den Sadducaem an. Wir nan wurden diesen, von Hitzig weiter ausgefuhrten , Grun- den ohne Weiteres beitreten, wenn nicht unser Stuck ein gleichfalls sehr ausgepragtes Verwandtschaftsverhaltniss zu einer Stelle des dritten Evangeliums, namlich Lc. 21, 37. 38 verriethe. Schon dass es im Al- terthum an den Schluss dieser Verse zuweilen angeheftet wurde, erklart sich aus der Identitat der ausseren StaflFage und wohl auch aus der Ver- wandtschaft des Sprachcharakters. Gemeinsam ist beiden Stellen das Ofog %wr ilaifovy darauf sich Jesus zum Uebernachten begibt; ferner kehrt er des Morgans von da zuruck zum Tempel. In unserer Stelle heisst es 2 naqeyivexo elg to leQOv xat ididaax€v\ Lc. 37 ^v diddaxtov i^ t(p i€Q(pj und vom Volke xat Ttag 6 Xaog ij^xfiro ttqcq avtov Job. 2, wofurLc. 38 hat xal nag 6 Xaog wq&qitev nqbg avtov; aber selbst das hier einzig abweichende WQd-Qi^ev konimt bci Lucas nic wieder vor und correspondirt nur dem oq&qov Job. 2. Nun hat Lc. 21, 37. 38 offenbar den Zweck, uber Jesu Lebens- weise wahrend der letzten Tage zu berichtcn , indem es die einzelnen Notizen, die A darbot, und die Lucas bisher consequent ubergangen hat, zosammenfasst ; er nimmt daher seinen Stoff zu beiden Versen aus A Mr. 11, 19 {i^iqxBa&ai) sas Mt. 21, 17 (avXil^eiv) und aus dem Anfange 1) A. a. O. S. 221 ff. - 2) Hitsig, S. 222. Digitized by VjOOQ IC 94 Zweitas C^itel. unserer Perikope. Lc. 21^ 37. 38 ist daber ein Beweis^ dass Job. 8^ 1.2, mithin die ganze Perikope > irgendwo in den Partien von A» die Lucas an jener Stelle schon hinter sich gelassen hat, gestanden haben muss; und dass in der That die Stellung, die Hit^ig der Perikope ge- geben bat, die ricbtige ist, erbellt nocb zum Ueberfluss aus der Art, wie Mt. 22, 23, nacbdem die Perikope ausgelassen war, den Faden von A wieder aufnimmt : h hiBLvjj %fj fj^iiffje. Diese Formel, sowie die ver- wandten iv Ixelvfj tfj utQijCf iv haalvif %^ xaiQ^ steben bei Mattbaus nocb siebenmal, nle aber bei ordnungsuoassigen Uebei'gangen, sondem stets nurdann, wenn Mattbaus entweder nacb Einscbaltungen, oder nach Auslassungen wieder den Zusammcnbang mit A berzustellen das Be- darfniss fublt (§. 19, 5). Der Abschnitt ist also weder aus Marcus, nocb aus Lucas ausge- fallen, sondem er ist von alien drei Synoptikern in gleicber Weise aus- gelassen worden aus deni auf der Hand liegenden Grunde, weil man an der Bebandlung, welche bier der Ebebruch von Seiten Jesu erfuhr, An- stoss nabm. Nacb Eusebius* baben dagegen die Ebioniten das Stuck in ibr Hebr^revangelium aufgenommen , aber offenbar erst, nacbdem sie die Erwabnung des Ehebrucbs ausgemerzt batten (rceQl yvvaixog Ini noXXaig af^iaQtiaig diafiXfjd'elarjg). * 61) Mr. 12, 18—27. Mt. 22, 23—33. Lc. 20, 27—38. Saddu- caerfrage. Von Mattbaus geglattet, von Lucas rhetorisch erweitert. 62) Mr. 12, 28 -34. Mt. 22, 34—40. Lc. 20, 39. 40. Frage nacb dem grossten Gebot. Allcin bei Marcus in ursprunglicher Gestalt, so dass selbst De Wette bier die Spur des Ueberarbeiters nicbt mebr verfolgen kann ; ' bei Lucas fast ganz ausgelassen, bei Mat- tbaus sebr verkurzt, so dass die Antwort gar nicbt weiter betracbtet und die, aucb nocb bei Lucas erbaltene, Scblussformel ausgelassen wird. 63) Mr. 12, 35 — 37. Mt. 22, 41—46. Lc. 20, 41—44. Frage uberPsalm 110. In A (Marcus und Lucas) ergreift Jesus die Initiative, wirft nocb zum Scbluss vor allem Volke die Frage nacb der Natur des Mcssias auf und beruhrt so eine tbeologiscbe Schwierigkeit, daruber die berufenen Schrifterklarer das Volk bisber im Dunkeln gelassen batten. A bat D Jesu Worte als ein von ibm aufgegebenes Batbsel unbefimgen und um dessen Losung unbekummert aufgenommen. a* 64) Mr. 12, 38-40. Lc. 20, 45—47. Rede gegen die Pha- risaer. Von Mattbaus in den Zusammcnbang der grossen Rede 23 > 6. 7. (14) gebracbt. Dass sie nicbt in dieser langeren Form in A steben konnte, beweist schon die genaue Uebereinstimmung von Marcus und 1) K.-G. 3, 39. - 2) Hitzig, 8.224. — 3) Einleitung, U, S. 195. — 4) Hitiig: Joh. Marcus, S. 133. Digitized by VjOOQ IC Aufstollujig der Quelle A. 95 Lucas — abgesehen von der inneren Einheit der Rede^ womach Jesus an den Pharisaem rngt 1) Ehrgeiz, 2) Habsucht^ 3) Scheinheiligkeit. 65) Mr. 12, 41—44. Lc. 21, 1 — 4. Wittwe am Gotteskasten. Bei Lucas verkilrzt; das kleine Bild fand nach der grossen Strafrede bd Matth&us keinen Platz mehr. ^ 66) Mr. 13, 1—37. Mt. 24, 1—25. 29—36. 42. Lc. 21, 5 — 36. Eschatologische Bede. Die Harten von A sind ain meisten noch bei Marcus zu erkennen; Matthaus und Lucas haben sie, Jeder in seiner Wcise, abgeglattet. ^ Die Veranlassung zu der Rede hat Mr. 1 — 4 am ursprunglichsten. ^ Die Sede selbst zeriallt in drei Momente : 1) die i(l%(ti wdlvwv werden einerseits beschrieben nach ihrem welthistorischen Charakter 5 — 9, andererseits nach ihrer Bedeutung fur die Entwicklung des Beichee Gottes (Zeit der Mission 9 — 13) ,• 2) die Zerstorung Jerusa- l^ns selbst mit dem, damit Eusammenfallenden, Culminationspunkte der Hltpigy 14 — 23. Hier hat Marcus im Interesse seiner Leser die Bezug- nahme auf Daniel^ (Mt. 24, 15, 'was aber auch Lucas gelesen hat, wie er 21, 22 tov nlrjo^^ai Ttdvra %a yeyqafx^eva andeutet") und in Folge dessen auch die bestimmte Bezeichnung des Tempelplatzes 14 ver- wischt* und das ^rjde aafifidzq} 18 vielleicht ausgelassen ; ^ 3) die Parosie 24 — 37. Hier ist Marcus durchaus ursprunglich, abgesehen von der unbestimmteren Ausdrucksweise 24. 67) Mr. 14, 1. 2. Mt. 26, 1—5. Lc. 22, 1. 2. Anschlag des Syoedriums. Ursprungliche Form bei Marcus und Lucas. 68) Mr. 14, 3—9. Mt. 26, 6—13. Salbung in Bethanien. Indessen hat Marcus vielleicht 7 xal otav d^iXi^a dvvaa&e avtoig ei noirjaai epexegisirt. ® Es erscheint aber diese Geschichte keineswegs als Episode, die ohne naheren Geschichtszusammenhang eingefuhrt wird,' auch nicht als Einschiebsel des Bearbeiters, *® sondern die Erzfth- lang nimmt diesen ihren Platz aus innem Grunden ein , weil damit der Uebergang gemacht werden sollte von dem Todesanschlag des Syne- driums zu dem ihm entgegenkommenden Verhalten des Verrathers Ju- das, in welchem angesichts dieses ihm hochst widerwartigen Auftrittes cine psychologische Krigis eintrat. 69) Mr. 14, 10. 11. Mt. 26, 14 — 16. Lc. 22, 3-6. Verrathdes Judas. l)Mejer: Zu Marcus und Lucas, S. 1G3. — 2) Weisse: Evangelienfrage, 8. 169. — 3) Vgl. Meyer (Zu Matthftus und Lucas, S. 1G7) gegen Bleek: Synop- sit. n, 8. 353. — 4) Ueber die Textgcstaltung vgL Wilke, S. 261. -- 5) KOst- lin, 8, 158. — 6) Bleek (Synopsis, II, 8. 369) gegen Meyer: Zu Marcus und Locas, 8. 169. — 7) Meyer (Zu Marcus und Lucas, 8. 169), Bleek (Synopsis, II, 8. 371). — 8) Meyer: Zu Marcus und Lucas, 8. 180 f. — 9) Meyer : Zu Matthftus, 8. 4S4. - 10) Hilgenfeld: Evangelien, S. 101. Digitized by VjOOQ IC 06 Zweites Capitel. 70) Mr. 14, 12—16. Mt. 26, 17—19. Lc. 22, 7—13. Vorberei- tungen zum Fassah. Wahrend Meyer im Ganzen den ursprung- lichen Bericht ftlschlich bei Matthaus findet, * kann er doch nicht um- hin, ein Kennzeichen der Originalitat in der Zweizahl Mr. 13 zu er- kennen. * Wie schon die Uebereinstiinmung mit Lucas beweist, stellt Marcus die Form von A, also die ursprungliche, • dar. Ebenso wenig ist eine andere Abweichung (die Stellung der Frage, Antwort und Sen- dung) auf "Rechnung des Marcus zu setzen. — Das Wunder des Wis- sens erklart sich ubrigens aus der, schon 6, 4 ausgesprochenen, An- schauung von dem prophetischen Charakter Jesu, vgl. 2 Kon. 6, 12. 71) Mr. 14, 17—21. Mt. 26, 20-25. Lc. 22, 14. 21—23. Be- zcichnung des Verrathers. Zuerst allgemeines Fragen unter den Jungem, dann Andeutung Jesu, dass es Einer aus seiner -nachsten Tischunigebung sei, und Wehe uber ihn. Von einer directen Bezeich- nung (Mt* 25) stand in A so wenig etwas, als von der Entfernung des Judas. Warum anders batten sonst alle drei Synoptiker das letztere Moment vergessen ? Dagegen Hess sich der erste Evangelist von dem Schein der Bestimmtheit in 6 iad-lwv^ 6 ifi^aTtTOfiavog (vgl. aber 1 4, 42)leiten.* 72) Mr. 14, 22 — 25. Mt. 26, 26—29. Lc. 22, 17—20. Abend- mahlsstiftung. Ueber die Parallele des Lucas siehe §. 13. Nr. 149. Den Bericht von A hat am ursprunglichsten Marcus, der namentlich in dem , vor die Einsetzungsworte gestellten , eTtiOv i^ ai%ov ndyreg sich noch unabhangig von der spateren liturgischen Sitte erweist. * Da in dem Bericht von A tovto noieita alg zyjv ifirjv avdfirrjaiv gans fehlt , so liegt nach dieser Quelle kein Grund vor fur Wiederholung des Actes. • 73) Mr. 14, 26-31. Mt. 26, 30-35. Lc. 22, 31-34. Verwar- nung der Junger und des Petrus. Bei Lucas liegt eine andere Relation zu Grunde. Matthaus und Lucas aber gebcn A, jedoch so, dass Marcus gegen Matthaus und Lucas eine spatere Auspragung det Wortes von der aXeatOQOtpiovla gibt , die sich gebildet hatte nach dein Zahlverhaltnisse der Verleugnung. ^ 74) Mr. 14, 32—42. Mt. 26, 36-46. Lc. 22, 39—46. Kampf in Gethsemane. Hier sind die Zuge von A vertheilt bei Matthaus und Marcus. Das Hysteron Protcron d^i^a 6 itavijQ Mr. 36 stand wohl . _, y 1) Zu Matthaus, S, 490. — 2) Zu Marcus und Lucas, S. 181. — 3) SchuU, Ewald, Schleiermachcr, Weisse: Evangelische Geschichte, I, S. 6i)]. — 4) Hitzig (Joh. Marcus, S. 60), Weisse (Evangelische Geschichte, I, S. 601 ff.). — 5) Meyer: Zu Marcus und Lucas, S. 1S2. Gegen Baur. — 6) Weisse: £t. Oe. Bchichte, I, S. 606 f. — 7) Meyer (Zu Matthftus, S. 502. Zu Marcus und Lucas, S. 1S3), Bleek (Synopsis, II, S. 422). Digitized by VjOOQ IC Aufst^ong der Quelle A. 97 schon in A. Am meisten differiren Mr. 39 — 40 und Mt. 42—44. Nach Ewald 8oll letztere Stelle urspruDglicher sein. ^ Aber sowohl einzelne Znge, wie ovx ^dsvaav tI afWTCQi&uaiv avrqund anexei 41 sprechen fttr die Originalitat des Marcus^ als auch hat Matthaus offenbar das nQoa-- rpi^ato tor avrov Xoyov slftciv, das A schon beim zweiten Gebetsact hat, an die dritte Stelle herabgeruckt, um so die Dreizahl der Gebets- acte ^eutlicher hervortreten zu lassen. 75) Mr. 14, 43—50. Mt. 26, 47—56. Lc. 22, 47—53. Jesu Ge- fangennahme. Die Ursprunglichkeit zeigt sich in den aufgeregten Worten des Jadas 45 und der kurzen Relation des Schwertschlags. Auch gab A keine Antwort Jesu auf den Judaskuss ; die spateren Evangeli- stengaben eine, aber eine differente. Ganz grundlos leugnet Wilke die Ursprunglichkeit der Notiz vom Gebrauch des Schwerts. * 76) Mr. 14, 51. 52. Der fliehende Jungling. Soil nach Wilke wieder interpolirt sein. ' Aber vgl. S. 108. 77) Mr. 14, 53 — 65. Mt. 26, 57 — 68. Lc. 22, 54. 55. 63—71. JesuVerhor. Der Name des Hohepriesters , in dessen Hause Jesus Yerurtheilt wird, war in A Mr. 14, 53 = Lc. 22, 54 nicht genannt. Dagegen verrath sich 58 in dem Gegensatz der Eradicate xBiqoTtoLrizog und axeiqoTColrjXog allerdings die eigenthumliche Reflexion des Marcus,^ wahrend die ursprungliche Form rasch wieder durchblickt Mr. 15, 29 ;* ebenso hat er das schwierige an Sqzl Mt. 64 = d/to tov vvv Lc. 69 weggelassen. Nicht minder ist 65 das einfache nQoq>T^T€vaov (Mt. 26, 68=bLc. 22 , 64 : vig ioTiv 6 Jtalaag ae) eine offenbare Verkurzung, da die beiden Andem nicht wOrtlich gleich erganzen konnten, wie Mey er' und W ei s 8 ^ meinen. 78) Mr. 14, 66—72. Mt. 26, 69—75. Lc. 22, 56—62. Verleug- nung des Petrus. Wahrend Lucas eine andere Tradition einmischt, finden sich die Zuge von A bei Matthaus und Marcus. Die erste Ver- leij^ung geschah im inneren Hofe auf Veranlassung einer Magd. Hier hat Marcus A ganz gegeben. Hierauf macht sich Petrus davon und will durch den TtvXwv (Mt. 71) in das nQoavXiov (Mr. 68), so dass die locale Differenz in dieser Beziehung eine geringe ist. Jetzt aber fugt Marcus allerdings einen ersten Hahnenschrei in den Zusammenhang von A ein. Die zweite Verleugnung — von Marcus getreu nach A berich- tet — hat statt, als dieselbe Magd (Mr. 69) das umstehende Gesinde von ihrcr Entdeckung benachrichtigt, was Petrus noch hort. Gleich darauf aber (jiera ^lxq6v Mr. 70. Mt. 73) gehen einige Knechte ihm nach und 1) Bvangolien, 8. 351, — 2) Urevangelist, S. 491 f. — 3) Urevangelist, S. 492. — 4) Meyer (Zu Marcus und Lucas, S. 186 f.), Ewald (Evangelien, S. 354). — 5) Meyer: Zu Marcus und Lucas, S. 196. — 6) Zu Marcus und Lucas , S. 188. — 7) 8. 55. Boltsuuoin. 7 Digitized by LjOOQ IC 98 Zwaites CiqpitoL. fuhren ihn mit seinem galilSischen Ditlekte (Mt. 73, was Marcus utn seiner r^Vmischen Leser willen weglasst) ad absurdum. Da pldtzlich(A las nicht hi dBvxiqov Mr. 72, sondem ev^iwg Mt. 74, vgl. naQOXQ^fia Lc. 60) kraht der Hahn. Marcus schiebt 72 noch einmal das dig ein. Uebrigens geschieht das Ganze schon gegen Morgen ; nur Lucas verlegt die Verleugnung in die Nacht. 79) Mr. 15, 1—5. Mt. 27, 1. 2. 11 — 14. Lc. 23, 1—5. Jesus wird vor Pilatus verklagt. Lucas weicht ab. 80) Mr. 15, 6—20. Mt. 27, 15—18. 20—23. 26—31. Lc. 23, 18 — 25. Verhandlungen vor Pilatus. Lucas weicht ab. 81) Mr. 15, 21—41. Mt. 27, 32—56. Lc. 23, 26—49. Kreuzi- gungundTod. Marcus hat A am reinsten, doch fugt er 2 1 die Vater- schaft des Simon, schwerlich (vgl. S. 107) 25 die Stunde der Kreuzigung ein. Von Worten des Gekreuzigten hat A (auch Marcus und Matthaus) bios das Eli Eli. Auch die Rede des Jesum trankenden Soldaten Sq>eT€ Mr. 36 ist ursprunglich und wurde erst von Matthaus, dem die Pointe des Hohns entgangen war, * in die leichtere Relation umgesetzt. Von Wundem bei Jesu Tod waren bios die.Rnstemiss und das Zerreissen des Vorhangs berichtet. 82) Mr. 15, 42—47. Mt. 27, 57—61. Lc. 23, 50—56. Begrab- niss. Dabei ist 44 die Erkundigung des Pilatus, ob der gekreuzigte Christus schon lang verschieden sei, allein von Marcus beibehalten. Seltsam nimmt sich die Notiz am Anfang aus 42 iTtst fjv n:aQaax€v^f S ioTiv nQoadpfiatov , welche Lc. 54 am Schlusse hat in der Form xat '^ftiQa f^v TtaQaaxevij' aa^^atov iniq>u)(rKav j und Matthaus bringt die Tragaoxcrij ebenfalls erst am Schluss 62 ry (Je ifiavQtov iJTig icnlv fierd TTjv TtaQoaxevT^v J welcher Ausdruck sich allerdings nur so erklart, dass Matthaus entweder eben in der Stellung, wie Lucas A wiedergibt, das Wort gelesen , oder in der Meinung gestanden haben muss, jenen Tag zuvor, etwa am Anfang des Abschnitts, wie Marcus thut, naQaaxevij genannt zu haben. 83) Mr. 16, 1—8. Mt. 28, 1. 5 — 8. Lc. 24, 1. 2. 9. 10. Die Frauen am Grabe. Am Abend des Sabbat kaufen sie Krauter und Salbe , Sonntags nach Tagesanbruch gehen sie gegen das Grab , finden es oflfen, erhalten von einem Engel Auftrag an die Junger, richten denselben aber nicht aus vor Furcht. Ursprunglich ist hier durchaus der Bericht des Marcus, der im Anschluss an 15, 40 Salome nennt, das An- kaufen der Specereien (gegen Lc. 23, 56) auf den Sabbatabend verlegt und die Bedenken der Frauen in die oratio directa fasst. Dem Marcus 1) Meyer: Zu Marcu8 und Lucas, S. 197. Digitized by VjOOQ IC AufstflUiing der Quelle A. 99 idbst k^nnte angehoren das itorende opatelXavrog %ov fjUov 2, ^ wenn es nicht als ein Hebraismus von A gelten darf. ^ 84) Mt. 28, 9. 10. 16—20. Der Auferstandene. Nur so kann der Schluss von A im Wesentlichen gelautet haben;' ihn im Einzelnen mit Genauigkeit wieder herzustellen , ist nicht mdglich. ^ Wahrschein- lich erzahlte A zuerst von einer Erscheinung Jesu, die den zaudernd dastehenden Weibem zu Theil ward. Diese bestellten die Junger nach Galilaa, und dort, auf dem Berge, wo er ihnen einst die Grundlage sei- nes Beiches mitgetheilt, seben sie den Verklarten; mit einem Summa- rium der Reden und Befeble desselben schloss die Quelle. $. 6. Aligemeiner Charakter der ersten lliene. Kann aucb die Beschaffenheit der Quelle A nicbt immer mit wort- Kcher Gewissheit angegeben werden (docb vgl. §. 19, 3), so wird doch im Verlauf unserer Untersuchungen die einheitliche Manier, der be- Btimmte Inbalt dieser Grundschrift immer deutlicher zu Tage treten; wir werden uns immer grundlicher davon uberzeugen, dass die aufge- stellte Beihe von Abschnitten als eine besondere, gemeinsame Quellen- schrift constituirend zu betrachten ist. Schon jetzt aber lehrt ein ver- gleichender Seitenblick auf die vorhandenen Evangelien, wie fast alle Abweicbungen des Matthaus und des Lucas von dem aufgestellten Plane in gewissen Bereicberungen ibren Grund haben, mit denen das kurzere Evangelium A ausgestattet wurde. * Ihre beiderseitigeAnlage ist namlichunterVoraussetzung von AvoU- kommen begreiflich. Nach Voraussendung der Vorgeschichte beginnen sie, wie Marcus, mit Johannes dem Taufer und folgen sodann der Ord- nung von A, bis bei Gelegenheit der offentlichen Thatigkeit in Gralilaa die Ordnung zuerst so unterbrochen wird, dass nur noch Marcus und Lucas am Faden der Grundschrift weiter erzahlen. Matthaus hat un- mittelbar nach der Berufung der altesten Apostel die Bergpredigt als Programm der offentlichen Lehrthatigkeit des Herrn anticipirt und bringt die Abschnitte von A nur nachtraglich und ohne Ordnung und VoUstandigkeit. Bald aber lenkt dann wieder Matthaus mehr und mehr in die Folge von A ein, wahrend dafur Lucas, durch die Anticipation des Auftritts in Nazareth veranlasst, auf kurze Zeit in ein fast ebenso ordnungsloses Aneinanderreihen von Thatsachen hineinger^th. So zeigt 1) Bleek: Synopsis, II, S. 497. — 2) Hitzig: Joh. Marcus, S. 99. — 3) Wilk e (Urevangelist, 8. 647), Ewald (Evangelien, S. 363), Volkmar (Religion Jesn, 8. 100 f.). — 4) Weisae : Evangelische Geschichte, U, 8. 359 f. — 3) Vgl. Wilke, S. 663. ?• Digitized by VjOOQ IC too Zweitet Ci^iteL sich gleich hier evident die grOssere Ursprunglichkeit der Ordnung des Marcus. Endlich treffen bei der Speisung der 5000 wieder alle Drei zu- sammen; aber alsbald laufen bios Matthaus und Marcos ganz harino- nisch nebeneinander her, w&hrend Lucas durcb eine Beihe von Tacte vollig pausirt, bis er bei Gelegenheit des Fetrusbekenntnisses wieder in den Zusammenhang von A eingeht> denselben bis zu £nde der galilai- schen Wirksamkeit festhalt, dann aber mit Beginn der grossen £in- schaltung 9, 5 1 vdllig fallen lasst. Erst von dem Abschnitie der Kin- dersegnung an wird auch Lucas wieder parallel und bleibt es, von ge- ringen Versetzungen und Auslassungen abgesehen. — Von alien diesen, bei Matthftus und Lucas wahrnehmbaren , offenbaren Unterbrechungen eines geschichtlichen Zusammenhangs hat nun Marcus nichts. Wir durf- ten also bei ihm , ohne ihn zur Quelle der ubrigen machen zu woUen, eine treue Befolgung des ursprunglichen Contextes voraussetzen und in diesen letzteren nicht bios die alien Dreien gemeinsamen Stucke verlegen, sondern auch die, welche bios Marcus hat, zumal wenn die Ursache der Auslassting bei den andem klar vor Augen liegt; zu diesen fugten wir ferner auch die wenigen, die sich bios bei Matthaus und Lucas in der Weise finden, dass zugleich Marcus offenbar ausgelassen oder abgekurzt haben muss. Namentlich wo Lucas und Matthaus buchstablich harmo- niren in einfacher Weiterfahrung des Zusammenhangs, ist Grund vor- handen, Auslassungen bei Marcus anzunehmen. Endlich gibt es wenige Notizen, die sich nur in voUiger Vereinzelung erhalten haben. Die be- deutendste liegt in Nr. 60 vor, welches Stuck sogar ausserhalb unserer synoptischen Evangelien seine Fortexistenz fristete. Eine gemeinsame Quelle nach den gegebenen Gesichtspunkten zu reconstruiren , berechtigte uns mithin vor AUem das klare Hervortreten der eingeschalteten Aggregate bei Lucas und der grOsseren Compositio- nen des Matthaus. Was namlich die beiden l&ngeren Einschaltungen des Lucas betrifft, so macht die erste derselben 7, 11 — 8, 3 eine Tren- nung zwischen der Geschichte vom Hauptmann und der Farabel vom Sftemann; die zweite 9, 51 — 18, 14 trennt die Erzahlungen vom frem- den Wunderthater und von der Einsegnung der Kinder. Beidemal er- kennt Matthaus, ubereinstimmend mit Marcus, diese Trennung nicht an ; was er aber Stofifliches mit Lucas gegen Marcus gemein hat, das er- scheint bei ihm in ganz anderer Ordnung , nicht sowohl eingeschaltet^ als »um die Zweige des gemeinschaftlichen Stammes herumgeflochten ;tt* und zwar wird aus einer Analyse der beiden grosseren Evangelien her- vorgehen, dass alle diese Unterbrechungen durch den ubereinstimmen- den Text, dessen Inhalt sie vermehren, schon vermOge der Art, wie er 1) Wilke, S. 12. Digitized by VjOOQ IC AUgemeiner Charakter der ersten Quelle. 101 xu diesem Behufe umgebogen und neu construirt wird, als ein Fremd- artigesy in den ursprUnglichen Organismus erst Hereingekommenes aus- geschieden werden. — Hier kommt es uns nur noch darauf an^ unsere erste Quelle^ die offenbar dem ehemaligen »Urevangelium« am nachsten kommt^ gegen Verwechslungen mit andern Urevangeliumshypothesen sicher zu stellen. Wir erinnem ziinachst an die Combination des Eichhorn'schen und Griesbach'schen Standpunktes bei Bleek, der sich, um das Verhalt- niss des Matthaas zu Lucas zu erklaren , zur Annahme eines Urevange- liums gen5thigt sieht, dessen Gestalt er^ so weit Dies noch thunlich ist^ zu beschreiben unternimmt. * Es ist namlich dem Scharfsinne Bleek's nicht entgangen^ dass sich. das dritte Evangelium keineswegs^ wie sonst dieAnhanger der Griesbach*8chen Hypothese gewohnlich thun, als auf Grundlage des ersten entstanden betrachten lasst; von Abschnitt zu Abschnitt weist er vielmehr richtig nach^ dass unseren beiden Evange- listen ein griechisch abgefasster Urbericht gemeinsam zu Grunde gele- gen haben muss. Dabei versucht er, die Beihenfolge aus Matth&us und Lucas herzustellen und gewinnt auf diesem Wege ein Gedankenbild, dem — von ganz wenigen , auf Missverstandnissen beruhenden , leicht zu Idsenden , Diflferenzen abgesehen — unser zweites Evangelium als Wirklichkeit vollkommen entspricht. Denn eine evangelische Schrift, inwelcher der Abschnitt Lc. 9, 51 — 18, 14 gar nicht vorkommt, in welchem die Erzahlung von der Aussendung der Apostel nach der Ge- schichte vom Jairus, diese hinwiederum nach der Stillung des Sturms und der Scene in Gadara folgt, in welcher der Speisung der 5000 die Meinungsausserung des Herodes vorhergeht und die Erzahlungen Lc. 9, 18—50 erst nachfolgen — Das ist eben unser leibhaftiger Marcus. Wo nicht, so ist ein literarisches Wunder geschehen. Es hat namlich Mar- cus zwar sein Urbild nicht gekannt, hat aber die vollig in Unordnung gerathenen Erzahlungen bios zufallig (durch ziemlich unmotivirte Hinuber- und Heruberschau) wieder gerade in ihre ursprungliche Ord- nung gebracht; er war z. B. namentlich auch soglucklich, ausLc.9, 51 — 18, 14 nichts aufzunehmen, so nahe es ihm auch gelegt gewesen ware, den reichen Abschnitt zu benutzen. — Hier, sollten wir denken, sei denn doch der Funkt erreicht, wo das Moglichste von Wahrschein- lichkeit for diejenige Ansicht spricht, die in Bezug auf das zweite Evangelium von uns vertreten wird. * Dagegen unterscheidet sich unsere erste Quelle von dem Urevange. Hum Blee k's ganz bestimmt darin, dass wir nur die wenigsten Stellen, 1} Einleittuig, II, S. 271. — 2) Vgl. meine Bemerkungen in SchenkeTs »AU- gemeiner kirchlicher Zeitschrift,« 1862, S. 91. Digitized by VjOOQ IC 102 Zweitei Capitel. die dem Matthaus and Lucas gegen Marcos gemeinsain sind, in jene Grundschrift verlegen. Es wird sich nftmlich spater zeigen (§. 10), dass die meisten dieser Partien in gar keinem Zusammenhang mit der £r- EaUung in A stehen , sondern deutlich als Einschaltungen zu erkennen sind. Somit werden wir also z. B. nicht, wie Bleek thut, * aus Stellen wie Mt. 11, 20 flf. =s Lc. 10, 13 ff. Mt. 23, 37—39 = Lc, 13, 34. 35 Folgerangen fur die Beschaffenheit dee Urevangeliums ziehen. Wird mithin unsere erste Quelle dem Umfange nach kleiner sein, als die von Bleek vorausgesetzte, so stellt sie doch andererseits einen ungleich ausfuhrlicheren Bericht dar gegenuber dem dUrftigen Schema Eichhorn's oder dem noch mangelhafteren Fhilippusevangelium Ewald*8. Diese Ausdehnung aber, wodurch allein die vorausgesetzte Quelle Halt und Zusammenhang in sich selbst gewinnt , erreichen wir, indem wir, im Gegensatz zu den Elteren Vertheidigern des Urevange- liums, in die erste schriftliche Fixirung der mundlichen Tradition nicht bios die ubereinstimmenden , sondern auch differirende Berichte, wie z. B. Nr. 18, verlegen, wofem nur Inhalt und Akoluthie es gebieten. So gewinnen wir dn Evangelium, langer als unser Marcus, aber von derselben Anordnung, wie dieser. Die Difierenzen im Detail sind dann aber auch nicht durch willkurlich eingeschobene Mittelglieder, Recen- sionen u. dgl. zu erklaren , sondern sie erwuchsen aus den schriftstelle- rischen Eigenthumlichkeiten und Tendenzen der Evangelisten selbst. Denn nur als Variationen einer Erzahlung k5nnen sie betrachtet wer- den, und es wird sich darum fur uns die weitere Aufgabe dahin stellen, cin Princip dieser Variationen fur jeden einzelnen Evangelisten zu finden. Wir erblicken also in A einen ersten zusammenhangenden Bericht der galilaischen Wirksamkeit Jesu ; nur die Katastrophe in Jerusalem und ihre unmittelbaren Antecedenzien konnte der Schriftsteller natur- lich nicht ubergehen. Diese Schrift muss vielfache Verbreitung gefun- den haben, da sie der nachfolgenden evangelischen Literatur einen constanten Typus verlieh. Ihre griechische Originalitat ist urn so mehr uber alien Zweifel erhaben, als die Kunste, womit einst Hal- feld,* Eichhorn,' Bertholdt* manche Differenzen auf Rechnung verschiedener Uebersetzungen zuruckftlhrten , jetzt verschollen sind. Schon die Wahmehmung, dass mit Ausnahme von Mr. 1 , 2=Mt. II, 10 =sLc. 7, 27, alle gemeinsamen Citate der Synoptiker den LXX folgen, ist entscheidend. * Eine heb raise he XJrschrift wurde nach dem S. 12 schon Gesagten uberhaupt nichts erklaren. I) Einleitung, II, S. 270. — 2) De origine quatuor evangeliorum, 1794, S.9— 39. — 3)Einleitung,I,S.167f. 198. 281 f. — 4) UI, S. 1176 ff. — 5) Bleek: Einleitung, n, S. 268 f. Digitized by VjOOQ IC Veigleichung der Texte als dreier Modificationen von A. 103 $• 7. TerglekhMg itt Texte ak ilreler ledificatieiei f ei A. Es ist anerkannt, dass trotz aller Abweichungen und Widersprilche rich ein Faden der Erzahlung durch alle drei Evangelien hindurch- zieht, und zwar kann dies nur der Faden von A sein; gerade in den Freiheiten, die sich Matthaus und Lucas bei den mannigfachen Verwick- lungen iind Verschlingungen dieses Fadens nehmen^ gibt sich die Kraft des Widerstandes zu erkennen, welche die Erzahlungsreihe von A, als eine in sich geschlossene Masse ^ einer voUigen Durcheinanderwerfung ihrer Bestandtheile entgegensetzt. Keiner der Synoptiker stellt A dar. Marcus hat wenigstens ausge- lassen ; Matthaus und Lucas haben auch modificirt^ umgestellt und an- derweitige Quellen hereingebracht. Dies musste die Storung des ge- meinsamen Zusammenhangs zur nothwendigen Folge haben. Zwar drin- gen diese Modificationen nicht in den eigentlichen Kern der Sache, aber sie sind doch so bedeutend, dass wir, ohne Marcus^ der sich allein ganz treu an den Grundfaden der Erzahlung halt, von dem wirklichen Gang der evangelischen Geschichte nicht mehr leicht eine Vorstellung ge- winnen konnten. Wir stellen das Verhaltniss Beider zu A dar. Matthaus folgt in der Darstellung des oflfentlichen Auftretens Jesu der Ordnung von A bis zur Bergrede. Aus der Voranstellung derselben einerseits, * aus der Bemuhung zu gruppiren andererseits erklaren sich alle Abweichungen seines Geschichtsfadens von A. Diese Confusion er- streckt sich aber fast ausschliesslich auf 4, 22—14, 14, wo der Zusam- menbang eIn ganz anderer ist, als in Marcus und Lucas, indem namlich Matthaus als zwiefache Explication von 4, 23 zuerst ein Muster der Lehrweise Jesu (cp. 5 — 7), sodann eine Auswahl seiner Wunderthaten (cp. 8. 9) gibt. * Was uber dieser Composition aus dem fruheren Theile von A verloren ging, das wird dann 10, 1 — 14, 14 nachgeholt. Ver- bunden bleiben aber — und schon Dies weist auf Abhangkeit des Mat- thaus — in dieser ersten Partie doch wenigstens die Abschnitte vom Aehrenraufen und der verdorrten Hand einerseits (12, 1—14), die Hei- lung des Paralytischen und die Berufung des Zdllners (9, 1 — 17) an- dererseits. Mt. 14, 15 aber kehrt Matthaus wieder zur gemeinsamen An- ordnung zuruck und hat aus A von jetzt an bios noch zwei Heilwunder Diese Umstellung hatte nun aber folgenden Einfluss auf die Ge- schichtsdarstellung. • Das Evangelium beginnt 4, 1 7 mit and tore rJQ^ato 6 'Irjaovg xij- 1) Zuent von Lachmann (Studien und Kritiken, 1835, S. 577 f.) aufgespOrt. — 2} Bleek: Synopsis, I, S. 206. ~ 3) Wilke, S. 618 ff. Digitized by VjOOQ IC d6 2weites Capitel. 70) Mr. 14, 12— 16. Mt. 26, 17—19. Lc. 22, 7—13. Vorberei- tungen zum Passah. Wahrend Meyer im Ganzen den nrsprung- lichen Bericht falschlich bei Matthaus findet, * kann er doch nicht uin- hin , ein Kennzeichen der Originalitat in der Zweizahl Mr. 1 3 zu er- kennen. * Wie schon die Uebereinstimmung mit Lucas beweist, stellt Marcus die Form von A, also die ursprungliche, * dar. Ebenso wenig ist eine andere Abweichung (die Stellung der Frage, Antwort und Sen- dung) auf "Rechnung des Marcus zu setzen. — Das Wunder des Wis- sens erklart sich ubrigens aus der, schon 6, 4 ausgesprochenen, An- schauung von dem prophetischen Charakter Jesu, vgl. 2 Kon. 6, 12. 71) Mr. 14, 17—21. Mt. 26, 20-25. Lc. 22, 14. 21—23. Be- zcichnung des Verrathers. Zuerst allgemeines Fragen unter den Jungem, dann Andeutung Jesu, dass es Einer aus seiner -nachsten l^schumgebung sei, und Wehe uber ihn. Von einer directen Bezeich- nung (Mt* 25) stand in A so wenig etwas, als von der Entfernung des Judas. Waruin anders batten sonst alle drei Synoptiker das letztere Moment vergessen ? Dagegen liess sich der erste Evangelist von dem Schein der Bestimmtheit in 6 ia&lwv^ 6 ifi^airTOfievog (Yg\. aber 14, 42)leiten.* 72) Mr. 14, 22 — 25. Mt. 26, 26—29. Lc. 22, 17—20. Abend- mahlsstiftung. Ueber die Parallele des Lucas siehe §. 13. Nr. 149. Den Bericht von A hat am ursprunglichsten Marcus, der namentlich in dem , vor die Einsetzungsworte gestellten , eTtiov i^ avtov ndrteg sich noch unabhangig von der spateren liturgischen Sitte erweist. * Da in dem Bericht von A tovto Ttoisivs elg t^v ifirjv avdftytjaiv gana fehlt, so liegt nach dieser Quelle kein Grund vor fur Wiederholung des Actes. • 73) Mr. 14, 26-31. Mt. 26, 30-35. Lc. 22, 31—34. Verwar- nung der Junger und des Petrus. Bei Lucas liegt eine andere Relation zu Grunde. Matthaus und Lucas aber geben A, jedoch so, dass Marcus gegen Matthaus und Lucas eine spatere Anspragung des Wortes von der alextOQOipujvla gibt , die sich gebildet hatte nach dem Zahlverhaltnisse der Verleugnung. ^ 74) Mr. 14, 32—42. Mt. 26, 36-46. Lc. 22, 39—46. Kampf in Gethsemane. Hier sind die Zuge von A vertheilt bei Matthaus und Marcus. Das Hysteron Proteron a^fid 6 naTrjQ Mr. 36 stand wohl 1) Zu Matthaus, S. 490. — 2) Zu Marcus und Lucas , S. 181. — 3) Schulf, £wald, Schleiermacher, Weisse: Evangelische Geschichte, I, S. 601. — 4) Hitzig (Joh. Marcus, S. 60), Weisse (Evangelische Geschichte, I, S. 601 ff.). — 5) Meyer: Zu Marcus und Lucas, S. 182. Gegen Baur. — 6) Weisse: Et. Ge- schichte, I, S. 006 f . — 7) Meyer (Zu Matthaus, S. 502. Zu Marcus und Lucas, S. 1S3), Bleek (Synopsis, U, S. 422). Digitized by VjOOQ IC AttfistellHiig der Quelle A. 97 Bcbon in A. Am meisten differiren Mr. 39 — 40 und Mt. 42—44. Nach Ewald soil letztere Stelle uisprunglicher sein. * Aber sowohl einzelne Zuge, wie avx ^dsiaav %l ajtoxqid-uaiv a^T(f und anexBi 41 sprechen ftlr die Originalitat des Marcus^ als auch hat Matthaus offenbar das TtQoa^ fjv^aro %dy avtov Xoyov elndv, das A schon beim zweiten Gebetsact hat^ an die dritte Stelle herabgeruckt, urn so die Dreizahl der Gebets- acte ^eutlicher bervortreten zu lassen. 75) Mr. 14, 43—50. Mt. 26, 47—56. Lc. 22, 47—53. Jesu Ge- fangennahme. Die Ursprunglichkeit zeigt sich in den aufgeregten Worten des Judas 45 und der kurzen Relation des Schwertschlags. Auch gab A keine Antwort Jesu auf den Judaskuss ; die spateren Evangeli- sten gaben eine, aber eine difierente. Grauz grundlos leugnet Wilke die Ursprunglichkeit der Notiz vom Gebrauch des Schwerts. * 76) Mr. 14, 51. 52. Der fliehende Jungling. Soil nach Wilke wieder interpolirt sein. ' Aber vgl. S. 108. 77) Mr. 14, 53 — 65. Mt. 26, 57 — 68. Lc. 22, 54. 55. 63—71. JesuVerhor. Der Name des Hohepriesters , in dessen Hause Jesus verurtheilt wird, war in A Mr. 14, 53 = Lc. 22, 54 nicht genannt. Dagegen verrath sich 58 in dem Gegensatz der Eradicate xuQonoirixog iind axBi^onolrixog ^exdingA die eigenthumlicheEeflexion des Marcus,* wahrend die ursprungliche Form rasch wieder durchblickt Mr. 15, 29 ;* ebenso hat er das schwierige an Sqti Mt. 64 = d/to xov vvv Lc. 69 weggelassen. Nicht minder ist 65 das einfache TtQogr^TsvGOv (Mt. 26, 68asLc. 22, 64 : tIq iaziv 6 Jtalaag ae) eine offenbare Verkurzung, da die beiden Andem nicht wOrtlich gleich erganzen konnten, wie Meyer* and Weiss ^ meinen. 78) Mr. 14, 66—72. Mt. 26, 69—75. Lc. 22, 56—62. Verleug- nnng des Petrus. Wahrend Lucas eine andere Tradition einmischt, finden sich die Zuge von A bei Matthaus und Marcus. Die erste Ver- leugnung geschah im inneren Hofe auf Veranlassung einer Magd. Hier hat Marcus A ganz gegeben. Hierauf macht sich Petrus davon und will durch den Ttvlciv (Mt. 71) in das nQoavliov (Mr. 68), so dass die locale Differenz in dieser Beziehung eine geringe ist. Jetzt aber fugt Marcus allerdings einen ersten Hahnenschrei in den Zusammenhang yon A ein. Die zweite Verleugnung — von Marcus getreu nach A berich- tet — hat statt, als dieselbe Magd (Mr. 69) das umstehende Gesinde von ihrer Entdeckung benachrichtigt, was Petrus noch hort. Gleich darauf aber (fisra ixixq6v Mr. 70. Mt. 73) gehen einige Knechte ihm nach und 1) Erangelien, S. 351. — 2) Urevangelist, S. 491 f. — 3) Urevangelist, S. 492. — 4) Meyer (Zu Marcos and Lucas, S. 1S6 f.}, Ewald (Evangelien, S. 354). — 5) Meyer: Zu Marcus und Lucas, S. 196. ^ 6) Zu Marcus und Lucas , S. 188. -* 7) 8. 56. HoltsaMiin. 7 Digitized by CjOOQIC 98 Zweitet CapiM. fuhren ihn mit seinem galil&isclien Dialekte (Mt. 73 ^ was Marcus unt seiner r(Vini8chen Leser willen wegl&s8t)ad absurdum. Dapldt2lich(Alas nicht ex, devtigov Mr. 72 , sondem ev&hog Mt. li, ygl. naQox^fnt Lc. 60) kraht der Hahn. Marcus schiebt 72 noch einmal das 61$ ein. Uebrigens geschieht das Ganze schon gegen Morgen ; nur Lucas verlegt die Verleugnung in die Nacht. 79) Mr. 15, 1—5. Mt. 27, 1. 2. 11 — 14. Lc. 23, 1—5. Jesus wird vor Pilatus verklagt. Lucas weicht ab. 80) Mr. 15, 6—20. Mt. 27, 15—18. 20—23. 26—31. Lc. 23, 18 — 25. Verhandlungen vor Pilatus. Lucas weicht ab. 81) Mr. 15, 21—41. Mt. 27, 32—56. Lc. 23, 26—49. Kreuzi- gungundTod. Marcus hat A am reinsten, doch fugt er 2 1 die Vater- schaft des Simon, schwerlich (vgl. S. 107) 25 die Stunde der Kreuzigung ein. Von Worten des Gekreuzigten hat A (auch Marcus und Matthaus) bios das Eli Eli. Auch die Rede des Jesum trankenden Soldaten aq>€vB Mr. 36 ist ursprunglich und wurde erst von Matthaus, dem die Pointe des Hohns entgangen war, * in die leichtere Relation umgesetzt. Von Wundem bei Jesu Tod waren bios die. Finstemiss und das Zerreissen des Vorhangs berichtet. 82) Mr. 15, 42—47. Mt. 27, 57—61. Lc. 23, 50—56. Begrab- niss. Dabei ist 44 die Erkundigung des Pilatus, ob der gekreuzigte Christus schon lang verschieden sei, allein von Marcus beibehalten. Seltsam nimmt sich die Notiz am Anfang aus 42 iTtet Ijv TtaQaaxevrjj S ioTiv TiQoadpfiaTOv , welche Lc. 54 am Schlusse hat in der Form xat rji-dqa r^v TtaQaaxevij* odfifiarov iTtiqxaaxev ^ und Matthaus bringt die 7iaqaa%evri ebenfalls erst am Schluss 62 t;^ de inavqiov ^rig ianiv fierd T^v TcaQaaxev^Vj welcher Ausdruck sich allerdings nur so erklart, dass Matthaus entweder eben in der Stellung, wie Lucas A wiedergibt, das Wort gelesen, oder in der Meinung gestanden haben muss, jenen Tag zuvor, etwa am Anfang des Abschnitts, wie Marcus thut, nciQaayievij genannt zu haben. 83) Mr. 16, 1—8. Mt. 28, 1. 5 — 8. Lc. 24, 1. 2. 9. 10. Die Frauen am Grabe. Am Abend des Sabbat kaufen sie Krauter und Salbe, Sonntags nach Tagesanbruch gehen sie gegen das Grab, finden es offen, erhalten von einem Engel Auftrag an die Junger, richten denselben aber nicht aus vor Furcht. Ursprunglich ist hier durchaus der Bericht des Marcus, der im Anschluss an 15, 40 Salome nennt, das An- kaufen der Specereien (gegen Lc. 23, 56) auf den Sabbatabend verlegt und die Bedenken der Frauen in die oratio directa fasst. Dem Marcus 1) Meyer: Zu Marcus und Lucas, S. 197. Digitized by VjOOQ IC Aufstallung der Quelle A. d9 •elbst konnte angehoren das itOrende otpazellavrog sov tjUov 2, ^ wexin es nicht als ein Hebraismus yon A gelten darf. ^ 84) Mt. 28, 9. 10. 16—20. Der Auferstandene. Nur so kann der Schluss von A im Wesentlichen gelautet haben ;' ihn im Einzelnen mit Genauigkeit wieder herzustellen , ist nicht moglich. ^ Wahrschein- lich erzahlte A zuerst von einer Erscheinung Jesu, die den zaudemd dastehenden "Weibem zu Theil ward. Diese bestellten die Junger nach Galilaa, und dort, auf dem Berge, wo er ilinen einst die Grundlage sei- nes Beiches mitgetheilt, sehen sie den Verklarten; mit einem Summa- rium der Eeden und Befehle desselben schloss die Quelle. $. 6. AUgeneiDer Charakter der ersten ItieDe. Kann auch die Beschaffenheit der Quelle A nicht immer mit w6rt- licher Gewissheit angegeben werden (doch vgl. §. 19, 3), so wird doch im Verlauf unserer Untersuchungen die einheitliche Manier, der be- Btimmte Inhalt dieser Grundschrift immer deutlicher zu Tage treten; wir werden uns immer grundlicher davon uberzeugen, dass die aufge- stellte Keihe von Abschnitten als eine besondere, gemeinsame Quellen- schrift constituirend zu betrachten ist. Schon jetzt aber lehrt ein ver- gleichender Seitenblick auf die vorhandenen Evangelien, wie fast alle Abweichungen des Matthaus und des Lucas von dem aufgestellten Plane in gewissen Bereicherungen ihren Grund haben, mit denen das kurzere Evangelium A ausgestattet wurde. * Ihre beiderseitigeAnlage ist namlichunterVoraussetzung von Avoll- kommen begreiflich. Nach Voraussendung der Vorgeschichte beginnen sie, wie Marcus, mit Johannes dem Taufer und folgen sodann der Ord- nung von A, bis bei Gelegenheit der offentlichen Thatigkeit in Galilaa die Ordnung zuerst so unterbrochen wird, dass nur noch Marcus und Lucas am Faden der Grundschrift weiter erzahlen. MatthSus hat un- mittelbar nach der Berufung der altesten Apostel die Bergpredigt als Programm der offentlichen Lehrthatigkeit des Herrn anticipirt und bringt die Abschnitte von A nur nachtraglich und ohne Ordnung und Vollstandigkeit. Bald aber lenkt dann wieder Matthaus mehr und mehr in die Folge von A ein, wahrend dafur Lucas, durch die Anticipation des Auftritts in Nazareth veranlasst, auf kurze Zeit in ein fast ebenso ordnungsloses Aneinanderreihen von Thatsachen hineinger^th. So zeigt 1) Bleek: Synopsis, II, S. 497. — 2) Hitzig: Joh. Marcus, S. 99. — 3) Wilk e (Urevangelist, S. 647), Ewald (Evangelien, S. 363), Volkmar (Religion Jesu, 8. 100 f.). — 4) Weisse : EvangeHsche GescMchte, U, S. 359 f. — 5) Vgl. Wilke, 8.663. T Digitized by VjOOQ IC 100 ZweitM CapiteL sich gleich hier evident die grCssere Ursprunglichkeit der Ordnung des Marcus. Endlich treffen bei der Speisung der 5000 wieder alle Drei zu- sammen; aber alsbald laufen bios Matthaus und Marcos ganz harmo- nisch nebeneinander her , wfthrend Lucas durch eine Reihe von Tacte voUig pausirt^ bis er bei Gelegenheit des Petrusbekenntnisses wieder in den Zusammenhang von A eingeht, denselben bis zu £nde der galilai- schen Wirksamkeit festhalt^ dann aber mit Beginn der grossen Ein- schaltung 9,51 voUig fallen lasst. Erst von dem Abschnitte der Kin- dersegnung an wird auch Lucas wieder parallel und bleibt es, von ge- ringen Versetzungen und Auslassungen abgesehen. — Von alien diesen^ bei Matthaus und Lucas wahmehmbaren , offenbaren Unterbrechungen eines geschichtlichen Zusammenhangs hat nun Marcus nichts. Wir durf- ten also bei ihm, ohne ihn zur Quelle der ubrigen machen zu wollen, eine treue Befolgung des ursprunglichen Contextes voraussetzen und in diesen letzteren nicht bios die alien Dreien gemeinsamen Stucke verlegen, sondem auch die, welche bios Marcus hat, zumal wenn die Ursache der Auslassung bei den andem klar vor Augen liegt; zu diesen fugten wir ferner auch die wenigen, die sich bios bei Matthaus und Lucas in der Weise finden, dass zugleich Marcus offenbar ausgelassen oder abgekurzt haben muss. Namentlich wo Lucas und Matthaus buchstablich harmo- niren in einfacher Weiterfuhrung des Zusammenhangs, ist Grund vor- handen, Auslassungen bei Marcus anzunehmen. Endlich gibt es wenige Notizen, die sich nur in voUiger Vereinzelung erhalten haben. Die be- deutendste liegt in Nr. 60 vor, welches Stuck sogar ausserhalb unserer synoptischen Evangelien seine Fortexistenz fristete. Eine gemeinsame Quelle nach den gegebenen Gesichtspunkten zu reconstruiren , berechtigte uns mithin vor Allem das klare Hervortreten der eingeschalteten Aggregate bei Lucas und der grOsseren Compositio- nen des Matthaus. Was namlich die beiden longeron Einschaltungen des Lucas betrifft, so macht die erste derselben 7, 11 — 8, 3 eine Tren- nung zwischen der Geschichte vom Hauptmann und der Parabel vom Sftemann; die zweite 9, 51 — 18, 14 trennt die Erzahlungen vom frem- den Wunderthater und von der Einsegnung der Kinder. Beidemal er- kennt Matthaus, ubereinstimmend mit Marcus, diese Trennung nicht an ; was er aber Stoffliches mit Lucas gegen Marcus gemein hat, das er- scheint bei ihm in ganz anderer Ordnung, nicht sowohl eingeschaltet, als »um die Zweige des gemeinschaftlichen Stammes herumgeflochten ;«* und zwar wird aus einer Analyse der beiden grosseren Evangelien her- vorgehen, dass alle diese Unterbrechungen durch den ubereinstimmen- den Text, dessen Inhalt sie vermehren, schon vermOge der Art, wie er l)Wilke, S. 12. Digitized by VjOOQ IC AUgemeiner Charakter der ersten Quelle. 101 zu diesem Behufe umgebogen and neu construirt wird^ als ein Fremd- artiges^ in den urspranglichen Organismus erst Hereingekommenes aus- gesckieden werden. — Hier kommt es uns nur noch darauf an^ unsere erste Quelle^ die offenbar dem ehemaligen i»Urevangelium« am nachsten kommt^ g^gen Verwechslungen mit andern Urevangeliumshypothesen sicher zu stellen. Wir erinnem zimachst an die Combination des Eichhorn'schen und Griesbach'schen Standpunktes bei Bleek^ der sich, um das Verhalt- niss des Matthaus zu Lucas zu erklaren , zur Annabme eines Urevange- Hums gendthigt sieht, dessen Gestalt er^ so weit Dies noch thunlich ist, zu beschreiben unternimmt. * Es ist namlich dem Scharfsinne B 1 e e k's nicht entgangen^ dass sich. das dritte Evangelium keineswegs^ wie sonst die Anhangcr der Griesbach^schen Hypothese gewohnlich thun, als auf Grundlage des ersten entstandeh betrachten lasst; von Abschnitt zu Abschnitt weist er vielmehr richtig nach, dass unseren beiden Evange- listen ein griechisch abgefasster Urbericht gemeinsam zu Grunde gele- gen haben muss. Dabei versucht er, die Beihenfolge aus Matthftus and Lucas herzustellen und gewinnt auf diesem Wege ein Gedankenbild^ dem — von ganz wenigen , auf Missverstandnissen beruhenden , leicht zu Idsenden^ Differenzen abgesehen — unser zweites Evangelium als Wirklichkeit vollkommen entspricht Denn eine evangelische Schrift, in welcher der Abschnitt Lc. 9, 51 — 18, 14 gar nicht vorkommt, in welchem die Erzahlung von der Aussendung der Apostel nach der Ge- Bchichte vom Jairus , diese hinwiederum nach der StiUung des Sturms and der Scene in Gadara folgt, in welcher der Speisung der 5000 die Meinungsausserung des Herodes vorhergeht und die Erzahlungen Lc. 9, 18 — 50 erst nachfolgen — Das ist eben unser leibhaftiger Marcus. Wo nicht, so ist ein literarisches Wunder geschehen. Es hat namlich Mar- cus zwar sein Urbild nicht gekannt, hat aber die v5llig in Unordnung gerathenen Erzahlungen bios zufallig (durch ziemlich unmotivirte Hinuber- und Heruberschau) wieder gerade in ihre ursprungliche Ord- nong gebracht ; er war z. B. namentlich auch so glucklich , aus Lc. 9, 51 — 18, 14 nichts aufzunehmen, so nahe es ihm auch gelegt gewesen ware, den reichen Abschnitt zu benutzen. — Hier, soUten wir denken, sei denn doch der Funkt erreicht, wo das Moglichste von Wahrschein- lichkeit fdr diejenige Ansicht spricht, die in Bezug auf das zweite Evangelium von uns vertreten wird. * Dagegen unterscheidet sich unsere erste Quelle von dem Urevange. Uom B lee k's ganz bestimmt darin, dass wir nur die wenigsten Stellen, 1} Einleitimg, II, S. 271. ~ 2) Vgl. meine Bemerkungen in SchenkeTs »A11- gemeiner kirohlicher Zeit8chrift,« 1862, S. 91. Digitized by VjOOQ IC 102 Zweitei Capitel. die dem Matthaus and Lucas gegen Marcos gemeinsain sind^ in jene Grundschrift verlegen. £s wirdsich n&mlich spater zeigen (§. 10), dass die meisten dieser Partien in gar keinein Zusammenhang mit der £r- B&hlung in A stehen , sondern deutlich als Einschaltungen zu erkennen sind. Somit werden wir also z. B. nicht, wie Bleek that, * aus Stellen wie Mt. 11, 20 ff. =s Lc. 10, 13 ff. Mt. 23, 37—39 = Lc. 13, 34. 35 Folgerangen fur die Besclia£fenheit dee Urevangeliums ziehen. Wird mithin unsere erste Quelle dem Umfange nach kleiner sein, als die von Bleek vorausgesetzte, so stellt sie doch andererseits einen ungleich ausfuhrlicheren Bericht dar gegenuber dem dUrftigen Schema Eichhorn's oder dem noch mangelhafteren Philippusevangelium Ew aid's. Diese Ausdehnung aber, wodurch allein die vorausgesetzte Quelle Halt und Zusammenhang in sich selbst gewinnt , erreichen wir, indem wir, im Gegensatz zu den alteren Vertheidigem des Urevange- Uums, in die erste schriftliche Fixirung der mundlichen Tradition nicht bios die ubereinstimmenden , sondern auch differirende Berichte, wie z. B. Nr. 18, verlegen, wofem nur Inhalt und Akoluthie es gebieten. So gewinnen wir em Evangelium , langer als unser Marcus, aber von derselben Anordnung, wie dieser. Die Difierenzen im Detail sind dann aber auch nicht durch willkurlich eingeschobene Mittelglieder, Recen- sionen u. dgl. zu erkUren , sondern sie erwuchsen aus den schriftstelle- rischen Eigenthumlichkeiten and Tendenzen der Evangelisten selbst. Denn nur als Variationen einer Erzahlung konnen sie betrachtet wer- den, und es wird sich darum fur uns die weitere Aufgabe dahin stellen, cin Princip dieser Variationen fur jeden einzelnen Evangelisten zu finden. Wir erblicken also in A einen ersten zusammenhangenden Bericht der galilaischen Wirksamkeit Jesu ; nur die Katastrophe in Jerusalem und ihre unmittelbaren Antecedenzien konnte der Schriftsteller natur- lich nicht ubergehen. Diese Schrift muss vielfache Verbreitung gefun- den haben, da sie der nachfolgenden evangelischen Literatur einen constanten Typus verlieh. Ihre griechische Originalitat ist um so mehr uber alien Zweifel erhaben, als die Kunste, womit einst Hal- feld,* Eichhorn,' Bertholdt* manche Differenzen auf Bechnung verschiedener Uebersetzungen zuruckftlhrten , jetzt verschollen sind. Schon die Wahmehmung, dass mit Ausnahme von Mr. 1, 2=Mt. II, 10 =Lc. 7, 27, alle gemeinsamen Citate der Synoptiker den LXX folgen, ist entscheidend. * Eine hebraische XJrschrift wurde nach dem S. 12 schon Gesagten uberhaupt nichts erklaren. 1) Einleitung, II, S. 270. — 2) De origine quatuor evangeliorum, 1794, S.9— 39. — 3)Emleitung,I,S. 167f. 198.281 f. — 4) UI, S. 1176 ff.— 5) Bleek: Einleitung, n, S. 268 f. Digitized by VjOOQ IC Vergleichung der Texte als dreier Modificfttionen von A. 103 $• 7. TerglekhMg itt Texte tb ilreier leiUAcatienei f ei A. £s ist anerkannt, dass trotz aller Abweichungen und Widersprache sich ein Faden der Erzahlung darch alle drei Evangelien hindurch- zieht, und zwar kann dies nur der Faden von A sein; gerade in den Freiheiten, die sich Matthaus und Lucas bei den mannigfachen Verwick- lungen und Verschlingungen dieses Fadens nehmen, gibt sich die Kraft des Widerstandes zu erkennen, welche die Erzahlungsreihe von A, als eine in sich geschlossene Masse ^ einer voUigen Durcheinanderwerfung ihrer Bestandtheile entgegensetzt. Keiner der Synoptiker stellt A dar. Marcus hat wenigstens ausge- lassen; Matthaus und Lucas haben auch modificirt^ umgestellt und an- derweitige Quellen hereingebracht. Dies musste die Storung des ge- meinsamen Zusammenhangs zur nothwendigen Folge haben. Zwar drin- gen diese Modificationen nicht in den eigentlichen Kern der Sache, aber sie sind doch so bedeutend^ dass wir^ ohne Marcus^ der sich allein ganz treu an den Grundfaden der Erzahlung halt, von dem wirklichen Gang der evangelischen Geschichte nicht mehr leicht eine Vorstellung ge- winnen konnten. Wir stellen das Verhaltniss Beider zu A dar. Matthaus folgt in der Darstellung des offentlichen Auftretens Jesu der Ordnung von A bis zur Bergrede. Aus der Voranstellung derselben einerseits, * aus der Bemuhang zu gruppiren andererseits erklaren sich alle Abweichungen seines Geschichtsfadens von A. Diese Confusion er- streckt sich aber fast ausschliesslich auf 4, 22—14, 14, wo der Zusam- menhang ein ganz anderer ist, als in Marcus und Lucas, indem namlich Matthaus als zwiefache Explication von 4, 23 zuerst ein Muster der Lehrweise Jesu (cp. 5 — 7), sodann eine Auswahl seiner Wunderthaten (cp. 8. 9) gibt. * Was uber dieser Composition aus dem fruheren Theile von A verloren ging, das wird dann 10, 1 — 14, 14 nachgeholt. Ver- bunden bleiben aber — und schon Dies weist auf Abhangkeit des Mat- thaus — in dieser ersten Partie doch wenigstens die Abschnitte vom Aehrenraufen und der verdorrten Hand einerseits (12, 1 — 14), die Hei- lung des Paralytischen und die Berufung des ZoUners (9, 1 — 17) an- dererseits. Mt. 14, 15 aber kehrt Matthaus wieder zur gemeinsamen An- ordnung zuruck und hat aus A von jetzt an bios noch zwei Heilwunder weggelassen. Diese Umstellung hatte nun aber folgenden Einfluss auf die Ge- echichtsdarstellung. ^ Das Evangelium beginnt 4, 1 7 mit and %6%b rJQ^ato 6 'Irjaovg at]- 1) Zuent von Lachmann (Studien und Kritiken, 1835, S. 577 f.) aufgespOrt. — 2) Bleek: SynopsU, I, S. 206. — 3) Wilke, S. 61S ff. Digitized by VjOOQ IC 104 Zweites Capital. QvaasiVy wie wenn es eine allmalig aus den ersten Anfangen sich ent- wickelnde Geschichte geben woUte. Jesus siedelt uber nach Kapemaum und beruft die vier ersten Junger. Gleich von hier ab nimmt aber die Darstellung eine Wendung in's Allgemeine : Jesus geht nicht mit dem berufenen Petrus in sein Haus^ sondern zieht in Galilaa umber. Als ob die speciellen Wunder, die A vor der Bergpredigt erzahlt, alle schon gescheben waren, stromt viel Volks zusammen, vor welchem dann der Herr die Bergpredigt halt , die als Continuum gar nicht historisch zu begreifen ist. Dann steigt er herab und tragt, wiewohl von der ganzen Masse umgeben, eineth Geheilten auf , keinen Menschen seine Heilung erfahren zu lassen. Hierauf erst nimmt Jesus seinen festen Wohnort im Haus des Petrus, um freilich gleich darauf zu sagen, des Menschen Sohn habe nicht, da er sein Haupt hinlege. Er verrichtet jetzt bald Wunder vor allem Volk, bald befiehlt er strenges Geheimniss — er schickt seine Junger aus mit einer Rede , die zum guten Theil nur auf die spatesten Yerhaltnisse seines Lebens passt, aber die Junger sind alsbald wieder bei ihm , als ware nichts geschehen ; er ruft Wehe uber Chorazin und Bethsaida, als stunde er bereits am Ende seiner Laufbahn, und doch wird erst nachher die Einrede erzahlt, womit die Pharisaer Jesu Wun- derthaten gleich von Anfang an unschadlich zu machen gedachten. Dann erst kommen die Versuche , die schon zuvor ganz fertigen und ausge- sandten Apostel im Verstandnisse einfacher Parabeln zu tlben. Dies ist die chronologische Ordnung, fur die man noch uberall da schwarmt, wo das Nichtverstehenwollen erste theologische Maxime geworden ist. Lucas hingegen ist an eigenthumlichen Momenten, was B.eden und was Thatsachen betrifft, noch reicher als Matthaus. Unter den Ersteren fallen besonders auf die vielen unschatzbaren Gleichnisse, sowie die mancherlei Erweiterungen paralleler Reden. Unter den Letzteren be- sonders die ganz eigenthumlichen Angaben von Veranlassungen zu Be- den, die Matthaus in grosseren Zusammenhang hineingearbeitet hat Ebenso tritt klar zu Tage, dass Lucas eine Zeit lang sich an A halt, diese Quelle aber zuerst durch die kleine, dann durch die grosse Einschal- tung unterbricht. Vorher fugt er bios genealogische und chronologische Notizen ein, nachher bereichert er besonders die Leidensgeschichte durch eine grosse Anzahl von Nachrichten, die ihm durch die mundliche Tra- dition zugekommen waren, so dass nur einzelne Satze, wie 22, 10 — 13. 23, 3. 44. 52 in vollstandiger Abhangigkeit von A geschrieben sind; ^ desshalb hat Reuss sogar erweisen wollen, das von Lucas be- nutzte Exemplar von A habe keine Leidensgeschichte enthalten* — 1) Reuse: Nouvelle revue, II, S. 55. — 2) A. a. O. S. 60 ff. Digitized by VjOOQ IC Vergleichung der Texte als dreier Modiflcationen yon A. 105 tine Behauptung^ die mit einer gleich zu erwahnenden und zu wider- legenden andem auf einer Linie steht. £s ist ferner zu bemerken , dass Lucas beidemal^ wo er A durch EinBchaltungen unterbricht^ nicht unmittelbar dort^ wo er stehen ge- blieben, den Faden wieder aufnimmt^ sondem zuerst die Verhandlun-> gen im Hause Jesu mit Denen, die ihn far besessen oder wahnsinnig halten, auslasst^ um sp&ter das Wesentliche davon nachzutragen ; bei Gelegenheit der grossen Einschaltung aber lasst er unmittelbar vorher die Wamung vor Aergemiss , unmittelbar nachher die Kede uber Ehe- scheidung (wegen 16^ 18) aus. Schliesslich gehort es zu seinen Eigenthumlichkeiten^ dass er ganze Abscfanitte von A mit anderen, eine belebtere oder inbaltreichere Dar- stellung enthaltenden^ Exemplaren vertauscht. Nur weil die Grunde, die schon S t o rr fur diese Wahmehmung aufstellte, * mit unglucklichen Hypothesen versetzt waren^ konnte Eichhorn Dies noch schroff leug- nen. * Jene eingeschalteten Exemplare sind, wie besonders geformt^ so aueh anders gestellt^ und treten in der Regel zwiscben solche Stucke ein, welche bei Matthaus und Marcus nebeneinander stehen.' So ver- halt es sich mit 4 , 16 — 30.5,1 — 11. 7,2—10.36—50. 10,25—37. 11, 14 — 28. 22, 24 — 30. Ebenso ist die Auslassung einiger Stucke zwi- scben der Speisungsgeschichte 9, 10 — 17 und dem Petrusbekenntniss 9, 18 — 27 bestimmt motivirt. ^ Hier namlich fallen aus A folgende Stucke weg : Nr. 30 — JesuWandeln auf dem Meer — schien uberflus- 8ig neben der andem Erzahlung vom Seesturm. Nr. 31 — Wunderim Lande Gtenezareth — wurde ubergangen , weil Lucas summarische Be- richte uberhaupt nicht liebt und mit fruheren Stellen in dieser Be- ziehung genug gethan zu haben glaubt. Nr. 32 — vom Handewaschen — soUte ersetzt werden durch die grdssere Strafrede gegen das eitle Satzungswesen 11,37 — 52. Nr. 33 — vom kananaischen Weib — mochte an sich bedenklich scheinen, konnte aber fuglich wegfallen, als gedeckt nach der einen Seite bin (insofem die Heidenannahme das tertium com- parationis bildet) durch 7, 2—10, nach der anderen (insofem der Anti- typus zu den Thaten des Elias tertium compartftionis) durch 7, 11 — 17. Nr. 34 — der Taubstumme — soil seine Parallele noch erhalten 11, 14. Nr. 35 — Speisung der Viertausend — bot neben der eben erzahlten Speisung der 5000 kein Interesse. Nr. 36 — Zeichen der Zeit — soil seme Parallele erhalten 11, 29—32. 12, 54—56. Nr. 37 — Wamung vor dem Sanerteig — kommt noch 12, 1. Nr. 38 — der Blinde in Bethsaida 1) Ueber den Zweck der eTangelischen Qeschichte und der Briefe des Jphannes, S. 275 it — 2) Einleitung in das N. T., I, S. 388—395. - 3) Wilke, S. 566 ff. 572. -4}Wilke,S. 569ff. 586. Digitized by VjOOQ IC 106 ZwaitesCaj^t^ — sdiien ubeiflussiges Vonpiel zum Blinden von Jeiiclio. Es ware& mithin auf der Hand liegende Ursachen der Sparsamkeit^ wdcke wax AuslassuDg dieser Ferikopenreihe fdhrten. * Mit dieser Beobachtung sind wir aber wieder uber eine ganie Beihe wUlkarHcher Hypothesen hinweggekommen , mil denen man dck nber die erklarten Thatsacken beruhigen woUte. Wir brauchen jetzt nicht mit Be us 8 dem Lucas eine Ausgabe von A oder Marcus zur Benutsong mitersulegen, worin Mr. 6,45 — 8, 26 fehlt;* wir brauchen noch viel we- niger mit Weisse den Umstand auf Bechnung der Fabrlassigkeit des Lucas zu schreiben;' wir brauchen am allerwenigsten mit Hug an einen Ausfall in den Handschriften des Lucas zu denken. ^ Die letztere Annahme wurde sich noch am ehesten empfeblen , indem man dem be- rdhrten Fall etwa noch einen andem an die Seite stellen und von Joh. 1, 53 — 8, 11 behaupten konnte, das Stuck sei hinten am Schlusse von Lc. 21 ausgefallen. Von alien Evangelisten erzahlt Lucas allein nichts von der Salbung in Bethanien. Auch diese Geschichte hatte aber zwi- schen 21, 36 und 22, 3 erzahlt werden mussen. £s konnte daher schei- nen, als ob auf Lc. 21, 36 unmittelbar Joh. 7, 53 — 8, 11 und ein lange- xer mit Lc. 21, 37. 38 schliessender Abschnitt gefolgt ware; so dass, da Lc. 21, 37. 38 sich sprachlich genau mit Joh. 8, 1. 2 beruhrt, hier so- wohl, wie in Lc. 9 (doppelte Speisung) ein Homoioteleuton Ursache der Auslassung gewesen ware. Naher besehen erklart sich aber, wie wir S. 93 zeigten, die Peri- rikope von der Ehebrecherin viel einfacher, und die Salbung in Betha- nien wurde ausgelassen wegen Lc. 7, 36 — 50. Die Hypothese, womach wir das dritte Evangelium nicht mehr in seiner integeren Gestalt be- sassen, zerfallt daher in sich selbst. Bei beiden Nebenreferenten geht ubrigens ofters die Klarheit ver- loren, womit in A der ganze Stoff ubersehen und beherrscht ist.^ Weder bei Matthaus, noch bei Marcus ist erhalten die Beziehung zwischen Mr. 3, 21, wo die Verwandten Jesu ausgehen, sich seiner zu bemachti- gen, und Mr. 3, 31 , wo sie in seinem Hause anlangen. Ebenso ist es Flan und zeugt von richtigem Tact, wenn zwischen das Aussenden und die Biickkehr der Apostel Mr. 6, 13. 30 eine, den leeren Baum ausful- lende Erzahlung, eingeschoben wird. Das Yat,04pvXcouov Mr. 12, 41 war wohl so angebracht, dass beim Ein- und Ausgehen der Tempelbe- sucher Jesu Weg daran voruberfuhrte ; gegenuber vom Gotteskasten, d. h. noch innerhalb des Tempelbezirks, beobachtet daher Jesus die i) Storr : Eyangeliache Qeschicbte des Johannes, S. 277. — 2) NouyeUe revue, H, S. 63. Geschichte, S. 174 f. — 3) Evangelische Geschichte, I, S. 88 f. — 4) Ein- leitung, II, S. 119. — 5) Hitzig (Joh. Marcus S. 124 f.), Weiss (S. 651 f.). Digitized by VjOOQ IC Vergleichung der Teste als dreier Hodifioationen yon A. 107 Gebef , um endlich 13 , 1 den Tempel gans su varlagBen^ weldi^ Zu- sammeBhang bei Lucas verloren gdbt. £in solcher festgeschlossener Znsammenhang der Erzafalang ist tlberhaupt nur dem Marcus eigen. So weist auch 3^ 6 vor auf 12^ 13, so 3, 9 auf 4, 1, so das /uerce Toh fAa&fj^ %(Sy^, 1 mf 3, 13, so 3, 14. 15 auf 6^ 7. 13, so 3, 32 iKOt&tjTO neql av- %dv oxlog auf 3, 34, so 11, 12—14 auf 11, 19—21, so 14, 1 auf 14, 10 —12, so 14, 8 auf 16, 1, so 14, 18 auf 14, 25, so 14, 27 auf 14, 50, so 14, 28 auf 16, 7, so 14, 30. 31 auf 14, 68. 72, so 14, 54 auf 14, 66, so 15, 11 auf 15, 13. 14, so 15, 20 auf 15, 24, so 15, 25 auf 15, 33 (Alat- thaas und Lucas geben nur das Letzte, was ihre Abhangigkeit beweist), 80 15, 27 auf 15, 32, so 15, 39 auf 15, 44 (welches Letztere Mattkaus nnd Lucas wieder auslassen, wodurch das Erstere haltungslos wird), so 15, 40. 41 auf 15, 47. 16, 1, so 15, 46 auf 16, 3. 4. Andererseits kom- men Ruckweisungen vor, wie 1 , 29 f^eva ^laxcifiov xal ^Iwdwav auf 1, 19, 20, wie 4, 36 aq>h%Bg th oxXov auf 4, 33 (vgl. S. 81), wie 6, I i^l&e> hc€i9ey auf 5, 38, so 6, 54 i§eXd'6ygwv ix %ov nloiov auf 6, 45 i^fjvai eis vo nXdlov; so weisen Verse, wie 3, 30. 9 , 50 auf den Aus- gangspunkt des Gesprachs, und weist das 29 xnal stehende naXiv im- mer auf etwas Entsprechendes zuruck, das vorherging. $. 8. Bas fweite Ef aBgellui nd A. Wir batten nunmehr das Eigenthumliche eines jeden Evange- listen fur sich zu betrachten. Dieses besteht nun theils in besonderer sprachlicher oder sachlicher Bearbeitung derselben Gescbichten (Varia- tionen von A), theils in selbststftndigen Seden, Parabeln, Erzahlungen. Am wenigsten findet sich solcher Stoff bei Marcus, dessen Text fast ▼ollstandig auch in Matth&us und Lucas enthalten ist. Eigentbumlich dem Marcus sind bios folgende Stucke : 1) 1, 1 — 3. DerEingang ist ohne Grund kritisch verdachtigt worden.* Aber 1, 1 ist Anfang von A, und uber 2. 3 vgl. §.17. 2) 4, 26—29. 13, 33—37. Zwei Parabeln. Fur die erstere hat Hatthaus 13, 24 — 30 eine ausgebildetere Form desselben Gleichnisses vorgezogen. Das andere Gleichniss vom Hausherm haben Mt. 24, 42 — 51 und Lc. 12, 39 — 46 gleichfalls in ausgebildeterer Gestalt. In beiden fallen wurde daher A von Matthaus aus Ursachen verlassen, und Lucas hat das erste Gleichniss, als zu unbedeutend, au^elassen. 3) 7, 32 — 37. 8, 22 — 26. Zwei Heilungsgeschichten, von den Andem ausgelassen , weil sie schon viel Aehnliches erzfthlt batten. Namentlich erinnert Mt. 12, 22 = Lc. 11, 14, obwohl nicht identisch, an die erste Geschichte; und die zweite fehlt bei Lucas, weil er die ganze Beise nach Casarea ausliess. Matthaus aber hat, wie aus der Ver- Digitized by VjOOQ IC 108 ZweHm GapiteL doppelung des Bartimaus hervorgeht (§. 16X die Greschichte gekannt Dagegen darf man nicht recurriren auf die 2 Blinden Mt. 9, 27 — 31^ weU in diesem Capiiel Mattbaos schwerlich Rucksicht auf eine so spate Stelle in A nehmen konnte. 4) 11, 18. 19. Notiz, zur Leidensgeschichte gehorig^ von den Andem leicht ubcrgangen. 5) 14, 51. 52. Geschichte vom Jungling, der sein Ge- wandverliert, von den Andern als unversUndlich und unbedeutend ubergangen. 6) 15, 44. 45. Verhandlungen des Joseph mit Pilatus, von den Andern ubergangen. 7) 16^ 9 — 11. Dieser Schluss ist kritisch mehr als zweifelbaft^ 12 — 20 offenbare Combination von Mattbaus und Lucas. Der Aufer- standene erscheint namlich bei Matthftus den Jungern wenigstens bios in Galilaa (28, 7. 10), bei Lucas hingegen bios in Judaa (24, 49). Bei Marcus 16, 7 lesen wir nun einen Befebl, nach Galilaa zu gehen; es musste daher in A eine Erscheinung Jesu in Galilaa und ein Schluss, wie etwa bei Matthaus, folgen (vgl. S. 99). Dagegen findet sich im weiteren Fortgange des Marcus bios ein Abschied in Judaa. Die Bela- tionen von Matthaus und Lucas sind also in ungenugender Weise ver- bunden. Ja es ist die ganze Stelle ein bloses Excerpt, Mr. 9 — 11 aus Job. 20, 1. 9—18; Mr. 12—14 aus Lc. 24, 13—43, und zwar so, dass Lc. 41 ungehorig bei Mr. 13 anticipirt erscheint;* Marcus 15 — 20 lauft ungefahr parallel mit Mt. 28, 19. 20. Lc. 24, 47—53. Act. 1, 9, Die Scenerie avcmei^ivoig aber ist aus Lc. 24, 42. 43 hereingekommen, das Schelten des Unglaubens aber aus einer Vermengung von Mt. 28, 17 (ol di idlaraaav). Lc. 24, 25. Job. 20, 27 zu erklaren. * Der Abschnitt feblt bekanntlich in den altesten Handschriften (be- sonders M und B) ganz; vielfache Scholien, so wie Eusebius, Gre- gor von Nyssa, Hieronymus bezeugen das Fehlen in alteren Handschriften ausdrucklich; Justin und der alexandrinisdhe Cle- mens kennen ihn nicht; die Philoxeniana hat einen ganz anderen kur- zeren Schluss (vgl. hierzu die kritischen Ausgaben). Dazu kommt die abrupte Weise, wie 9 sich an 8 anschliesst, die anschauungslose, durch« aus unklare Kurze, der compilatorische Charakter, die apokryphische Darstellimg des Ganzen. Keine der Eigenthumlichkeiten des Marcus begegnet uns hier (nicht ev&ifOQj naXtv u. s. f.), dagegen aber eine durchaus verschiedene Sprachfarbe. Zeller zahlt 26 Ausdrucke auf, die sonst im Marcus fehlen, ' z. B. noQevea&aif sonst im ganzen Evan- I) SchulthesB, De Wette, Fritzsche: Marcus, S. 725. — 2) Meyer: Zu Matthaus und Lucas, S. 208. — 3} Theologische Jabrbtlcher, 1843, S. 450. Digitized by VjOOQ IC Das sweite EraBgeUniii und A. 1 09 geliom yermieden^ steht 10 — 15 gleich dreimal hinter einander; ebenso ^eda^ai 11. 14. Die Junger sind ol fter avtov 10 u. s. f. Dagegen finden wir gleich 9 in TtQcrrij aafifiatov den Sprachgebrauch des Lucas^ worauf auch dieMagdalenerin (Lc. 8, 2), nev&ovai xal xXaLovav (Lc. 6^ 25), anursBiv (in den Evangelien nur Lc. 24, 11. 41), neqinarovvreg (Lc. 24, 1 7) und Andres hinweist. * Die Mehrzahl der neueren Ausle- ger, Kritiker nnd Isagogiker hat daher gegen die Aechtheit entschie- den;* wahrend die Vertheidiger entweder von dogmatisch-conservati- ven Interessen ' oder von der Eingenommenheit fur die Griesbach'- sdie Hypothese geleitet erscheinen, die allerdings im ganzen Evange- lium nicht so vielen Anhalt findet, wie in den 12 leUten Versen. ^ Eine llittelstellung nehmen ein : Kostlin, der die Perikope dem vermeint- lichen zweiten Bearbeiter zuschreibt,^ Wilke, der Interpolationen besonders 11 — 15 annimmt,^ und Ritschl, der dahin votirt: »Also mochte das Urtheil der Unachtheit die ganze Stelle nicht in gleichem Maasse, nicht mit gleichem Bechte tre£fen, wenn auch die letzten Verse ebenso wie die vorhergehenden Abweichungen vom Sprachgebrauch des Marcus darbieten. a^ Allerdings haben die letzten Verse 15 — 20 keine genaue Parallelen mehr bei Matthaus und Lucas, und kommt 19 vor bei Irenaus 3, 10, 6; im Evangelium des Nikodemus aber 15 — 18. Nun sind in dieses Evangelium die, noch vor Irenaus entstandenen, Acta Pilati verarbeitet; und Ritschl will beweisen, dass 15—18 sogar schon in diesem Werke gestanden habe. Aber vgl. dagegen Meyer. * Wie Dem auch sein m5ge, das zweite Evangelium hatte entweder von Anfang an keinen Schluss , oder er war fruh verloren gegangen. Die Handschrift, welche die herrschende wurde, hatte ihn jedenfalls einge- busst.* Wir begegnen mithin bei Marcus bios ungefehr 30 Versen, die bei den andem keine Parallelen haben. Aber auch diese sind, mit Aus- nahme von 1, 2, nicht von Marcus zugesetzt, sondem, bald als zu unbe- deatend, bald, weil Ersatz geboten wurde, von den Andem ausgelassen worden. Wir haben mithin nicht nOthig, fur Marcus irgend eine andere 1) Hitzig: Job. Marcus, S. 192 ff. Nach ihm (S. 191—204) hat daher geradezu Lucas den Schluss geschrieben. — 2) Bolten, Qriesbach, Bertholdt, Frits- ■ che, Gratz, Credner, Wieseler, D. Schulz, Neudecker, Lachmann (trots seiner Aosgabe ; ygl. Studien und Krit. 1 830, 8.843), Tischendorf, Ewald, Hitzig, Reuss, Weiss, Meyer: Zu Marcus und Lucas, S. 20]ff. — 3) R. Simon, Mill, Bengel, Storr, Hug, Feilmoser, Rinck,' KtLinOl, Guericke, OUhausen, Schwarz, E braid: Wissenschaftliche Kritik, 2. Ausg. S. 798 ff. — 4) Eichhorn, Saunier, Bleek, De Wette: Einleitung, II, S. 191 ff. — 5) BvangeUen, S. 377 ff. — 6) Urevangelist, S. 649-651. — 7) Theol. Jahrb. 1851, 8. 526 f. ~ 8) Zu Marcus und Lucas, S. 202. - 9) E w a 1 d : Jahrbacber, II, S. 207. Digitized by VjOOQ IC 110 2hrailM GapiteL schrifUiche Quelle vorauBsusetaen^ aosser A. Das Bathael aber, wie neben A eine so ahnliche> fast nur darch Verkurzungen differirende Schrifty wie Marcus, Entstehung finden konnte^ lost sich nur durch Annalime eines bestiiiunten Leserkr eises » far den A nur in bearbeiteter Gestalt geniessbar war, sowie durch das erganzende Verhaltniss, in wel- ches das geschichtliche Werk des Marcus zu einem andem, auf Bedein- halt Migelegten, treten soUte. Ueber Beides vgl. §. 24. Sonach reducirt sich die schriftstellerische Verarbeitung, die A durch Marcus erfiediren hat, 1) auf Verkurzungen der Beden, bemerklich da, wo die Texte des MattMus nnd Lucas CLbereinstimmend fortlaufen. In Erzahlungen dage- gen ubergeht Marcus nur unbedeutende IQeinigkeiten ; 2) auf eine bedeuteude Abkurzung im Anfang und eine grosse Lucke, veranlasst durch die Bergpredigt, mit der zugleich zwei Wun- der ausfallen ; 3) auf eine Anzahl von ganz kurzen , erlantemden Zusatzen und EinfSgungen, von denen wir im Folgenden zu handeln haben. Es finden sich namlich noch kleinere Zusatze, von denen man zweifeln kann, ob Marcus sie eingesetzt, oder Matthaus und Lucas sie ausgelassen haben. Dahin gehoren, abgesehen von solchen Stellen, die, wie 15, 28, als Literpolationen verdachtig, oder offenbare Erlauterun- gen nnd, im Interesse eines bestimmten Leserkreises bei Bearbeitung von A eingefugt (so 7, 2—4), namentUch folgende Stellen : 1, 7 Tixnfjag, — 1 , 13 ^y ^9%a twv dnrj^Uav^ — 1 , 20 /uwa %ujy fii^ a&anwVf — 1 , 33 ganz, — 2, 14 Nennung des Alphaus, — 2,16 ctv- tov iod-Lovxa fiwa ttSv vsXwvdiv xai afiaQtcoXdiVj — 2, 18 ^aav oi fia- dnrjxai ^Icoawov Ttal ol Oaqtaaioi vrjOTevovreegf — 2, 25 Ste juffaictv Sax^v, — 2, 26 iniUfiid^aQ d^xuQiiog, — 2, 27 ganz, — 3, 17 die BenennungJBoai'i;^^^, — 3, 26 dviarr) i(p hav%6v^ — 4, 3 axov^e, — 4, 7 xai xoQnbv ov% edwxSy — 4, 8 avafialvovra xai av^avofievovy — 4, 1 1 ol i%m, — 4, 19 xai ai neql %a koma iftidv(j.laiy — 5, \3 wg dicxi" lioiy — 5, 19 xat ijXhjaiv as, — 5, 23 Iva aw^, — 5, 34 xal la^i^ vyi^g anb Ttjg pidaTiydg aov^ — 6, 3 6 T^xrct^v, — 6, 13 ilal(p^ — 6, 37 dtiaofiev cevtotg q>ayaivj — 6, 48 i^d^sXe naQsld-elv avTOvg^ — 6, 50 ndvteg avTOv eldovy — 6, 52 ganz, — 8, 32 xai Tva^^rjalif tov koyov ikaXet^f — 8, 35 (vgl. 10, 29) xai tov evayyeliovy — 8, ZS iv t^ yevs^ tavvQ %ff ^ov%aXldi> xai a/iaQtwXtfy — 9, 12 xal nwg yiyqantai htt vor vlovvov dv&QWTtov %va nolXd Tta^jj xal i^ovderriS^y — 9, 49. 50 ganz, — 10, 19 |u^ dnoatSQijarjg, — 10, 32 xai ^v nqodymv avtovg 6 ^Itjaovg xat id'afijSovvto xai dxoXovSovvreg iq>ofiovvTO, — 10, 46 Bartimaus, der Sohn des limaus, — 11, 10 evXoyrjfiivr) fj iq%Ofiivri fiaoLXeia zoS Ttatqog fiiiiSv J avid J — 11,13 6 ydq xatqog ovx ^v avxtov, — 11,16 xai Digitized by VjOOQ IC Das f weite Erangtiimm und A. 1 1 1 cix ijgiuy tva v^ dieveyxjj ax9vog dut tov Uqov, — 12^ 14 doifiev tj fiij d£fi9Vj — 12, 27 nolv Tflavaod-ey — 13, 32 ovdi & vUg^ — 14, 20 sJg in %m dditaay — 14, 44 aTtayere daq)aXwgy — 14, 68 oiVa htiava^ai^ — 15, 21 die Charakterisining des Simon, — 15, 40 vgl. 16, 1 Salome^ — 1 5, 43 foX^rjaag. Ueber die meisten dieser kleinen Partien hat die Tafel in §. 5 sdion AoiBkanft gegeben. Allerdings mussen in manchen reine Zutbaten des Marcus anerkannt werden, entweder bios der Erkl&rung balber beige- setzt, wie z. B. die des vierten Capitels^ ^ oder aber es sind historische Notizen, anthendsche Ztige, ^ die Marcus aus der Ueberlieferung ge- schopft hatte, wie den Beinainen der Sdhne des Zebedaus 3, 17 , wahr- scheinKch auch den Namen ihrer Mutter J 5, 40. 16, 1 , des Alphaus 2, 14 und des Bartimaus 10, 46 (vgl. jedocb §. 5, Nr. 52). So ist auch 8U erklaren das auffallende Tiva yot 2lfi(ovay der doch gleich genau als Vater des Alexander und Bufiis charakterisirt wird 15, 21. Aber weil Dies bekannte Christen waren, setzt Marcus die Vaterschaft bei, doch ent, nachdem er das Ttvaaus Abereits abgeschrieben hat. Nur 1, 1 vlog tov^eov) und 13 (fievot rwv dnrjQltav) ist etwas von dogmatischer An* 8chauung zu versptkren. Zum mindesten ebenso oft aber haben Matthaus und Lucas ausge- lassen; so besonders Schwierigkeiten , wie den Abiathar 2, 26 und an- stOssig werdende'Dinge, wie den tdxrcov 6, 3 und das ovdi & viog 13, 32; so aber auch 1 , 20 die gedungenen Leute, die doch bei den zerris* aenen Netzen der drei Fischer am Platze sind, da der Hscher als sol« cher das Netzflicken noch nicht versteht; so 6, 13 (vgl. Jak. 5, 14),' 80 die Zahl 5, 13, so den individuellen Zug 11, 16, so 15, 43, wo das toXfiTjoag sich aus dem Entschlusse erklart, am Busttag in die Woh* nung eines Heiden zu treten. * Indem wir solche Notizen in A verle- gen, befolgen wir nur den Kanon Kostlin's* und Hilgenf eld's,* dass Zuge, die fur sich allein bedeutungslos sind, den Evangelisten be- rcits in einer schriftlichen Darstellung vorgelegen haben mussen. Vorschnell also erkl^ Wilke eine Beihe solcher, zu seiner TTieo- rie freilich nicht passender, Partien fur Glossen ; ® wie andererseits die Anh&nger der Griesbach'schen Theorie zu den seltsamsten Ziunu- thungen an die schriftstellerischen Grundsatze des Marcus greifen. NamentUch beurtheilt Baur^ solche Erscheinungen aufs ungerech- teste: AUerdings sei Marcus kein bloser Epitomator; er wisse sich mit 1) Weiss, S. 63. — 2) Bleek: Einleitung, II, S. 2S9. — 3) Hiteig: Joh. Marcui, 8. 44. — 4) S. 336 ff. — 5) Evangelien, S. 147. — 6) Urevangelist S. 463. 673. — 7) Kanonische Erangelien, S. 549 — 561. Marcuseyangeliiim , 8.41. 110. 151 f. Zeitachrift ftir wissenachaftliche Theologie, 1859, 8. 378 ff. Digitized by VjOOQ IC tl2 Zw«iteiCi^teL einer gewissen Freiheit zu bew^en, strebe nach Eigenthumlichkeit Aber freilich — da er uber keine selbststandigen Mittel und Ejrafte zu verfugen hat, so gerath es ihm schlecht genug. Er bringt es hoch- Btens zu Zusatzen , Motivirungen ^ Modificationen, frappanten Detailli- rungen und Pointen, zu neuen Namen und Situationen, oder zu Stel- len wie 9, 49. 50^ wo er, well er allzulang blo8 abgeschrieben hat^ i>noch einen um so energiscberen Anlauf zu einem selbststftndigen SchlCLss nehmen zu woUen scbeint; er gibt aber dadurch nur einen neuen Be- weis dafur, wie wenig er aus eigenen Mitteln zu leisten vermag. «* Blose rhetorische Ausschmuckung ist es auch, wenn er Personen redend ein- fuhrt(4, 39. 5, 8. 41), oder sonst dramatisirt (1 , 45. 5, 25 f. 8, 17— 20. 9, 21 — 27); dann aber liebt er es, namentlich gemutbliche Zuge beizufugen (1, 20. 41. 5, 29. 9, 36. 10, 14 ff. 17 ff. 32). Weiter gehend denkt er sich aber auch Nebenumstande zu den Geschichten der beiden Anderen, z. B. die, von keinem Walker zu erreichende, Weisse des Kleides Jesu (9, 3), die Ordnung der im Gras Gelagerten (6, 39), das vielfache Aus- und Eingehen Jesu (2, I. 3, 20. 7, 17. 24. 9, 28. 33), die eigenthOmlicben Missstande des Gedranges (2, 2. 3, 20)^ die Begleitung Jesu (1, 29). Besonders dehnt sich nach Baur die Er- findungskraft des Marcus auch auf Zahlenverhaltnisse aus. Er denkt sich, dass Jesus drei Stunden vor Mittag gekreuzigt worden sei^ weil er drei Stunden nach Mittag starb ; er denkt sich ferner, dass die Zahl der Trager des Gichtbruchigen, vier (2, 3), dass die der damonischen Schweine nach Analogic der romischen Legion zweitausend (5, 13)^ die der fur Speisung der Volksmenge nothigen Denare zweihundert (6, 37), die endlich der yorrathigen Brode gleich eins (8, 1 4) gewesen sei ; so denkt derselbe sich aber auch zu den Broden bei beiden Speisungen die Fische hinzu (6, 41. 8, 7) und substituirt der Volksmasse den Simon und seine Begleiter (1, 36), dem Namen Magdala den von Dalmanutha (8^ 10), der Elanaerin eine yvvtj hXXtivig ovQog>oivtaaa (7, 26). Ebenso be- urtheilt Baur das Kopfkissen (4, 38), die Pharisaer (2, 18), die Hero- dianer (3, 6. 8, 15), den Abiathar (2, 26), die Gefasse im Tempel (11, 16), den zweimaligen Hahnenschrei (14, 30. 72). Zuweilen erstreckt sich die Phantasie des Marcus auch auf Namen, als da sind Alphaus (2, 14), Bartimaus (10, 46), Alexander und Rufus (15, 21), oder auf pikanteZuge, wie 14, 50. In der Regel sei Marcus auf rationellem Wege zu derartigen Erweiterungen gekommen ; so spann er aus logi- gischer Analyse des Begtiffes viog tov av&qdnov den Ausspruch, der Sabbat sei um des Menschen willen da (2, 27); ebenso verhalt es sich mit 7, 15. 9, 39. 11, 13 (es war noch nicht die Zeit der Feigen). 14, 1) Marcuseyangelium, S. 79. Digitized by VjOOQ IC Die Griesbach'Bche Hypothese. j 1 3 58 (Futura und Gegensatz von x^^Q07ioit]Tog und axBiQonolrjftog), Die wenigen^ dem Marcus eigenthumlichen, Partien beruhen voUends nuy auf Specialisirung allgemeiner Berichte , Amplification karzerer Nach- richten^ Einflecbtung concreter Zuge, wodurch Marcus die Durf* tigkeit seines historiscben Materials zu verdecken sucbt. — Furwabr eine Art von Scbriftstellerei, so wunderlicb und seltsam, dass sie gera- dezu einzig in der Gescbicbte dasteben wurde. Docb das sind nicbt die letsten Injurien, die sicb Marcus gefjftllen lassen muss. Die ganze Griesbacb'scbeTbeorie, zu der wir nun scbliesslicb ubergeben, zwingt zu solcberlei Zumutbungen, $. 9. lie (IriesbadHsche Mjp^Aese. Es wird nunmebr moglicb sein, uns von der Grundlosigkeit der be- rtlhmten Hypotbese zu uberzeugen , die auf der einen Seite durcb D e Wette und Bleek viele Anbanger in den Eeiben der neueren Tbeo- logie gewonnen bat, andererseits die Unterlage bildet fur alle Baur'- scben Constructionen. Man beruft sicb fur die in Rede stebende An- fliebt auf folgende Beobacbtungen : 1) Die Verwandtscbaft zwiscben MattbSus und Lucas in Bezug auf Aiisdruck und Darstellung sei in der Begel geringer , als die zwiscben Marcus und Jedem der beiden Andem. Am glanzendsten erweise sicb Dies durcb solcbe Stellen, wo Marcus geradezu die Ausdrucksweise des Matlhaus und des Lucas zusammenfasse. Die bervorragendsten Beispiele d, 32 otplag yevo^evrjQj ote idvaev 6 ^Xiog. 1, 42 anfji^sv an ovtov fj Xdnga xal ixa^aQla^rj. 4 , 39 hcdTtaaev 6 avefiog xat iyivero yaXi^vt] fieyaXfj) sind naturlicb dieselben, die man gegneriscber Seits mit eben so viel Scbein zu gebraucben weiss, um zu zeigen, dass bier und da Mat- lhaus und Lucas sicb in die voUere Ausdrucksweise des Marcus gerade getheilt baben, was man ganz in der Ordnung finden wird^ sobald nur solche Spiele des Zufalls in erforderlicber Raritat vorkommen. Bei glei- cber Benutzung des Marcus durcb Mattbaus und Lucas werden Diese ja naturlicb nicbt immerDasselbe abscbreiben, und das eine oder andere mal kann das Gescbick aucb ibre Federn so leiten, dass der Eine die eine, der Andere die] andere Halfte des voUen Ausdrucks sicb aneignet, und sie rich also in den Vorratb des Marcus reinlicb getbeilt zu baben scbeinen. Wir konnen aber diese abstracte Moglicbkeit zur Evidenz steigem. Es soUalsoMr. 1, 32 durcb Zusammenscbau vonMt. 8, 16 dip lag di yevofiivfjg und Lc. 4, 40 HvovTog di toC ^llov entstanden sein. Aber warum bat denn Mr. 14, 17 nicbt aucb die Formeln diplag di yevofthrjg Mt. 26, 2 o und Ste iyiveto fj (Sqa Lc. 22, 14 in abnlicber Weise gemiscbt? Kann unsere Formel nicbt ebenso gut ursprtlnglicb sein, wie das gleicb fol- Digitized by VjOOQ IC jl4 ZiRrteites Cftpit^l . gende ft^tat h^wxtx Uav 1 , B5 , oder wie das ganz fthnliche XUzv nfj&it^ dyaTeiXavTog rov fjXiov 16, 2? Ist nicht 6V« edv & tjkiog dieselbe Zn- gabe, wie Mr. 14 , 12 ot€ eSvov to nm%a1 In der That wird eine spft- tere Betrachtung (§. 19, 3) uns zeigen, dass alle diese Falle unter ein bestimmtes Capitel des originalen Sprachcharakters der Quelle A geli5- ren. Ja noch mehr ! Jener doppelte Ausdruck ist ein unTerwerflichw* Zeuge fur die tJrsprunglichkeit des Marcus , indem die allgemeine An- gabe oxpiag ysvofihtjg nothwendig naher bestimmt werden musste duixA UxB Mdv 6 ijliogj weil ja der Tag ein Sabbat war 1, 21', und daber erst nach Sonnenuntergang die Kranken zu Jesu gebracht werden dcurftem. Lucas, der die Geschichte in demselben Zusammenhang hat, hebt darom besonders dies Moment hervor, obwohl die Beminiscenz an den Greniti- vus absolutjis A Mr. 1 , 32 sich noch in der Form dvvovtog tov fjllov zeigt. Matthaus aber hat die Erzahlung ganz aus dem Zusammenhang gerissen und lasst die Notiz , deren Fragmatismus er nicht mehr ver- steht, als uberflussig aus. ' — Allein derselbe Vers Mr. 1 , 32 scheint um so deutlicher furGriesbachzu sprechen, da man nach Marcos cu Jesu brachte navrag tovg xaytdug ^xovtag xat tovg daifiovi^Ofiivav^ nach Lucas hingegen bios die Ersteren, nach Matth&us bios die Letzte- ren. Allein Lucas ver&hrt in der ganzen Stelle ordnend, indem er, was A Mr. 1 , 32 — 34 von Kranken und Damonischen zusammen ge- sagt war, in zwei Verse 4, 40 und 41 vertheilt, deren erster von den Kranken , der letzte von den Geistem handelt. Matthaus aber bat die Kranken zuletzt und besonders genannt, um sein Citat 8, 1 7 daraniian- gen zu kdnnen. — Was 1,42 betrifift, so gehort der doppelte Ausdruck, wie schon eine Vergleichung von 7, 35. 8, 25 lehrt, gleichfalls zu dem umstandlichen Charakter des Styls in A (§. 19, 3). In der Stelle Mr. 4, 39 aber findet sich das hcoftaaev 6 avsfiog in der Farallele des Matthaus gar nicht, sondern erst Mt. 14, 32, wo es aber Mr. 6, 51 wieder hat. Da also Marcus diesen Ausdruck zuerst gebraucht hat , so ist zu sdiliessen, dass er ihn auch das zweitemal selbststandig gebraucht haben, nnd der doppelte Ausdruck 4, 39 gerade zu erkl&ren sein wird, wie das unmit- telbar vorhergehende aitina 7tBo^rid^riaav^ wo Mt. 8, 27 dafur setzt id-aiJ^taaav^ Lc. 8, 25 aber q>ofif]d'iv%eg de id-av^iaaavl »Stande diese Formel im Marcus , sie wurde sogleich einen Beweis abgeben mussen^ dass Marcus die b^den Nebentexte zusammengemischt habe.«^ Mit viel mehr Schein kiuin daher Weiss diese Stelle nebst Lc. 9, 5. 11. 13 fiir seine Ansicht ▼erwenden^ womach Lucas den Marcus und Urmatthaus combinirt hattc.* 2) In der Darstellung des' Ganzen der evangelischen Geschichte and einselner Erzahlungen, in welchen die Zuge des Matthaus und Lucas zu einem Bilde zusammenfliessen^ gebe Marcus sich als Compi- lator kund. Wir baben nun in der aufgestellten Tafel ausdrucklich, odei indem wir auf Weisse, Ewald, Meyer u. A. verwiesen, den Be- weis geliefert, dass man jene Zuge> die Baur in so nachtheiliger Weise far BiarcQs ausl^^ mit grosserem Rechte als Belege fur das originale Geprige unmittelbarer Lebendigkeit und malerischer Anschaulichkeit der Darstellung des Marcus verwerthen kann. Die von Griesbacb'- sober Seite angefuhrten Beispiele sind grosstentheils aus dem unachten Schlusse genommen, andere beruhen auf Missverstftndnissen ; einige wenige Falle aber gibtes^ wie namentlich die Versuchungsgeschichte, wo wirklich die Darstellung des Marcus der des Matthaus und Lucas hange, sondern Lc. 13, 18 in einem Abschnitte, den Marcus yOllig abergangen haben ftoU. Mr. 2, 19. 20 soil jedesmal in der ersten Hftlfte des Verses dem Matthftus, in der sweiten dem Lucas folgen ; aUein gerade das i6t€ Iv ixiivrj t^ Vf^^Q(f » das V. 20 mit Luoas stimmt , ist eine Abundanz, far die wir bei Marcus zahlreiche Beispiele gefun- den baben. In 2, 11 soU das aol Xfyto fysiQf aus Lucas , das i^ov xrX. aus Matthaus sein ; aUein jenes aol Xfyo) fyfiQB hat Marcus abweichend von Matthllus und Lucas auch 5, 41, und das tyftgs aqov eben so eigenthtlmlich 2, 9. Je mehr wir aber die Art dieser Textmisohungen nfther betrachten , um so unbegreiflicher werden sie. In einem Zaflasunenhftnge, wo Marcus nach der Combinationshypothese ganz dem Lucas folgen •oil, wie' in der Heilung des Aussfitzigen und der Berufung des Levi, ist der Text ganz nach Matth&us gegeben, aus Lucas nur das mql xov xa&aQtafiov 1, 44, das bei Marcus M h&ufige (hier offenbar dem darjld-6V 2, 1 entsprechende) i^fjl&ty (2, 13) und der Name Leri (2, 14) herflbergenommen. An anderen Stellen folgt er wirklich dem Text des Lucas, wie er ihm in der Anordnung folgt, z. B. in der SabbatheUung und der Penkope Ton der Reise nach Gadara; trotzdem aber soU er nicht nur einzelne Zage, wie 3, 6. 5, 23. 28. dS, sondern ganz einzelne AusdrQcke wie das xaTrfyoQijatoaiv 3,2, (i^retvi 3, 5, ix twv fivrifiiCoiv 5, 2, itan^Qaaavxog 5, 21 aus MatthAus hertlbemeh- men. Und nun gar die Stellen, wo die beiden Texte aufs bunteste duroheinander ge- wUrfelt sind I So heisst es 1 , 34 xal id^egnnivoe (aus Matthaus, Lucas) noXXovg xa- «5c ^;jfOfT«ff (aus Matthftiis), noixilatg voaoig (aus Lucas) xal iaifiovia nolXd i^ifiaXe (ana Matthlua) xal owe fjifu (aus Lucas) und 2, 24 i^i (aus Matthftus) H (aus Lu- eas) noiovoi (aus Matthfius) roTg aafifiaaiv (aus Lucas), o ovx f^€0vi (aus Matthftus der SteUung nach). In der That, diese Textmischungen, die in ihrer spielenden Will- kOr und kleinlichen Silbenstecherei selbst das unerklftrlichste Rftthsel bilden, sind wenig geeignet, die Combinationshypothese zu empfehlen.«— 1) Wilke, S. 513. — 2) S. 80. Digitized by LjOOQIC 116 Zweites Capitel. gegenuber den Charakter des Epitomatorischen tr> damit ist aber nicht gesagt , dass der Verkurzer unsere beiden Evangelien vor Augen gehabt haben miisse, sondern diese Beobachtung beweist bios die Rich- tigkeit unserer obigen Behauptung, dass auch der heutige Marcus nicht als Original betrachtet werden durfe. — Niemals aber werden die Anhau- ger der Epitomatorhypothese es mit der sonst von ihnen angenommenen Abhangigkeit in der Darstellung vereinen konnen , dass Marcus swei- mal (3, 20. 21. 31 — 35. 11, 11 — 14. 20—26) anstatt zusammen-, viel- mehr auseinandergezogen haben musste , indem er sp&ter zu erzahlende Ereignisse durch vorgeschobene Notizen vorbereitet. 3) Die Reden Christi, die doch wohl am crsten aufgezeichnet wer- den sind , treten bei Marcus weit mehr zuruck , als bei Matthaus und Lucas. Allerdings liess Marcus bald langere Reden in A aus, bald kur«te er sie ab oder liess Zwischenmomente aus, wodurch die Rede undeutlich wurde. Insbesondere war ihm die Bergpredigt zu lang, und von 9, 42 an kann er nicht rasch genug das Ende des galilaischen Aufenthalts Jesu gewinnen. Man gebe daher nur ohne Weiteres auch Dies zu, dass Reden Jesu zuerst aufgeschrieben wurden, ja dass Redesammlungen schon vorhanden waren , als Marcus geschrieben wurde, und man wird dann es urn so begreiflicher finden mQssen, wenn der Bahnbrecher einer neuen Art evangelischer Literatur seine Aufgabe eben auf einem andc- ren Gebiete liegen findet (§. 24). 4) Die beiden Wunderheilungen, die Marcus allein hat, 7, 32 — 37. 8, 22—26 seien einander sehr verwandt, verschieden von den sonstigen synoptischen Erzahlungen, und nicht abzusehen, wesshalb sie von Mat- thaus und Lucas batten ausgelassen werden soUen. Aber gcradc das Eigenthumliche, was wohl auf Anwendung des Speichels hinauslauft, war mit ein Grund, wesshalb Matthaus und Lucas, denen es allzu be- fremdlich erschien , die Erzahlungen ausliessen. Vermoge welches Rai- sonnements soil aber ein Evangelist, dem diese beiden Geschichten in- teressant genug vorkommen , um sie beizufugen, die beiden, in seiner Quelle Mt. 9, 27 — 34 gegebenen Heilungsgeschichten ubergangen ha- ben? Und wie kam er dazu, jene beiden neuen Wunder zu erfinden? Die charakteristische Antwort des Doctrinarismus lautet: 7, 32 — 37 hat er in seiner Eigenschaft als Epitomator »die vielen Heilungen dee Mt. 15, 30. 31 zu einer einzigen zusammengezogen, a und 8, 22 — 26 will er, da die Junger nun eben anfangen sollen, verstandiger zu wer- den , i> den allmaligen Uebergang vom Nichtsehen zum Sehen zunachst an einem leiblich Blinden darstellen. a ^ — Dass aber , abgesehen von den beiden Abschnitten 7 , 32—37. 8, 22—26 sich fast der ganze Stoflf 1) Hilgenfeld: EvangeUen, S. 137 f. Digitized by Google Die Griesbach'sche Hypothege. ^"17 des Marcus ^uch in den beiden andcrcn Evangelien findet, ist eine Be- obachtuDg^ deren Beweiskraft, wo es sich uin die Wabl zwischen Grundschrift oder Auszug bandelt, sich voUkommen neutral verhalt. 5) Die ganze Composition des Marcus, der Cyklus der von ihm aufgenommenen Erzahlungen , wie ihre Reihenfolge und Verknupfung mit einander, soil sicb nur unter Zuruckgehen auf die beiden anderen Synoptiker erklaren ; und zwar folgt er bald dem einen , bald dem an- dem in der Anordnung des Granzen. Hauptaugenmerk aber ist fur die Anhanger Gries bach's, Schritt fur Schritt bestiminte Grunde anzu- geben , wesshalb der Evangelist im einzelnen Fall von Matthaus zu Lu- cas, und dann wieder von Lucas zu Matthaus ubergehe. * Marcus nam- lich , der die Geburtsgeschichten fur uberflussig halt und niit dem Tau- fer Johannes beginnt, soil zuerst (1, I — 20) dem Matthaus (3, 1 — 4, 22) gefolgt sein, bis er, nachdem er schon zuvor die Versuchungsgeschichte bedeutend verkurzt und abenteuerlich ausgeschmuckt hatte, an die Bei^redigt stiess, die ihn veranlasste, fur das Folgende (I, 21-— 3, 19) sich an Lucas (4, 31 — 6, 19) zu halten; als ihm aber auch dort wieder das unttbersteigliche Uindemiss der Bergpredigt in den Weg kam, machte er sich nachholend wieder heruber zu Matthaus (12, 22 — 13, 35), dem er auch eine geraume Zeit lang (3, 20 — 4, 34) folgt, bis er ihn in der Parabelrede verlasst und wieder im Abschnitte 4, 35 — 5, 43 mit Lucas (8, 22—56), im Abschnitte 6, 1—6 mit Matthaus (13, 54—58), im Abschnitte 6, 7 — 16 mit Lucas (9, 1 — 9) stimmt. Seit 6, 17 findet er es fur gut, sich anhaltender der Leitung des Matthaus (von 14, 3 an) zu tlberlassen, welchemVorsatze er auch mit Ausnahme von 12, 38 — 14, 23sLc. 20, 45 — 22, 2, wo er die grosse Strafrede Mt. 23 vermeidet, treu bleibt bis zum Schlusse, wo er die Auferstehungsgeschichte nach beiden Quellen erzahlt und den Widerspruch gedankenlos st^hen lasst. Dieser rein quantitativen Betrachtungsweise, vermoge deren man die Abhftngigkeit des Marcus bald von Matthaus, bald von Lucas »wie mit dem Finger « demonstriren zu konnen glaubte, stellt sich nun frei- Uch die Hauptschwierigkeit entgegen , dass der Theorie zum Trotz die Parallelstellen des Lucas wieder allenthalben ihren Einfluss geltend machen, wo Matthaus die Hegemonic hat, und dass umgekehrt auch Matthaus wieder unausgesetzt in die aus Lucas herabergenommene Dar- stellung ubergreift. Fast auf jeder Seite des Bleek'schen Buches lesen wir daher, dass Marcus doch zugleich auch die betreffenden Partien des anderen Referenten aufgeschlagen und mit benutzt babe. Wie muhsam musste es dem in die BuchroUe des Matthaus vertieften Marcus werden, in dem Abschnitt 6, 45 £f. plotzlich kleinere und grossere Zusatze aus I) VgL die Uebezsioht bei De Wette: Einleitung, II, S. 187 ff. Digitized by VjOOQ IC i i g Zweites Capitel. den betreflFenden Parallelen des Lucas^ wie Lc. 9, 26, 39. 42. 45. 48 — 50 aufzunehmen ! Wie kommt er andererseits dazu, mitten in dem Ab- schnitte Mr. 4, .35 — 6, 16, wo er demLucas folgt, die G^eschichte von Na- zarethausMt. 1 3, 54 - 58 einzuschalten? Warum lasster Lc. 5, 39 aus, wenn er dock in jenem Abscbnitt dem Lucas, und nicht dem Mattbaos, der es aucb auslasst, folgt? Warum ubergebt er Mt. 16, 17 — 19. 17, 7. 20. 24—27. 19, 28. 20, 1 — 16, wenn er docb in jenen Partien dem Mat- tbaus folgt und nicbt dem Lucas, der alle jene Stellen ausgelasaen bat? Solcbe Stellen, wo Marcus dem Einen von Beiden gerade nur gefolgt sein musste bis zu dem Punkte, wo derselbe uber die Farallele des An- dem binausgebt, zeugen scblagend wider Griesbacb. Man vergegen- wartige sicb das TJnnaturlicbe des Verfabrens, wenn Mr. 5, 12 gegen Lucas mit Mattbaus die oratio directa beibebalten, dagegen mit Rfick* sicbt auf Lucas das Wort dyikri ausgelassen batte; wenn er es 8, 28. 29 mit Jeremias und dem d^eog 6 ^wv ebenso gemacbt; wenn er 1 1, 27 zwar dem Mattbaus zu Gefallen aQxisQelg xai nQeafivregoi (nicbt avp Toig 7tQ€afivT^ig mit Lucas) gescbrieben, dagegen aber, um sicb mit Lucas wieder zu arrangiren , den uber Lucas binausgebenden Zusatz toS Xaov des Mattbaus ausgelassen batte; wenn er umgekebrt 4, 20 aus Lucas nur so viel (xat xagnoipoQOvaiv) aufgelesen batte, als fur den bier abwei- cbenden Mattbaus (Sg drj xaQ7toq>OQ€i) genug war, dagegen das ir vno* fiovfj des Lucas dem Mattbaus zum Opfer gebracbt u. s. w. Wo in aller Welt bat jemals Jemand so gescbrieben? Es ist unbegreiflicb, wie De Wette gerade im Detail seine kritiscbe Voraussetzung immer wieder auf s Neue bestatigt gefunden baben will. * Gerade eine aufmerksame* Detailbetracbtung fubrt, wie scbon Hitzig gegen De Wette bervor- bob, * von jener Hypotbese voUig ab. Gibt es docb Stellen, wo nur ein verlorenes Wort, das aber dann mit dem tendenziosesten Safbiement gebildet sein musste, als Nacbklang der einen Quelle in das zusammen- bangende Ecbo der anderen bineinklingt. So batte er 13, 34—36 aus dem mattbaiscben Gleicbniss vom anodrj^civ 25, 14 ff. nur den auodr^ lAogj aus der ersten Partie der Instructionsrede Mt. 10, 5 £f. bios das TtaQayyelXag aufgegriffen und daraus xai Ttaqi^yyeile gemacbt, um da- mit des Lucas xat elne 9, 3 zu ersetzen. ^ Dazu kommt nun aber die ganzlicbe WillkOrlicbkeit, womit man den Evangelisten von Mattbaus zu Lucas und von Lucas zu Mattbaus abergeben lasst. Einen Nacbweis dieser endlosen Uebel im Einzelnen lu geben, * ist uberflussig, sobald der Gegenbeweis gefiibrt ist, dass mit 1) Zu Matthaus, 1^57, S. 8 f. Zu Marcus und Lucas, 1S46, S. 3 f. — 2) Joh. Marcus, 8. 39. 44 f. — 3) Wilke, S. 442. — 4) Vgl. Weiss, S. 680 f. : »Warum geht demi Marcus von Matth&us 4 , 22 gerade zu Lucas 4, 31, und nldit za Lc. 4, 16 Digitized by VjOOQ IC Die Grieebach'sche Hypothese. 119 Zugrundeleguiig einer smdern Hypothese uber das Verhaltniss des Mar- cos zu Matthaus und Lucas die Composition aller drei Evangelisten in ongleicb frappanterer Weise in die Augen springt , indem namentlich Matthaus und Lucas da, wo Einer von ihnen an dem Textmaasse der Perikopen andert, das Ursprungliche wechselweise Einer gegen den An- deren festhalten, so dass Dieses ausserhalb ihrer Darstellungen gelegen haben muss. Diesen Nachweis aber, von Wilke im Ganzen schon tref- fend vorbereitet, * werden wir in §§. 12. 13 liefern und daselbst zugleich die einzehien Falle besprechen, an denen, wie an der Auslassung der Bergpredigt, die Griesbach'sche Hypothese besonders feste Anhalts- punkte glaubte gewonnen zu haben. Hier sei nur noch bemerkt, dass — auch diese ganze Methode, Bucher zu machen — zugegeben^ die Composition des Marcus erst noch tlber , zumal doch die Art , \rie die Verwerfung in Nazareth den Uebergang Chriati nach Kapemaum motivirt , unserem Alles so genau motivirenden Verfasser nur er- wtlBScht aein konnte } Etwa weil er Lc. 4, 32 Worte fand, die mit dem Abschlusse der Beigrede bei Matthius dbereinatimmten ? Aber wenn er einmal 1, 21 zu Lucaa tLbtr- gegangen war» warum nimmt er denn 1 , 22 diese Worte nicht aus Lc. -I, 32, sondem wSrtlich aus Mt. 7, 28. 29 auf } Und hatte er zu diescm Behuf einmal die Bergrede bei Matthftus tiberschlagen , was war dann noch fOr ein Grund, zu Lucas tlberzugehen } Wenn er femer dem Lucas bis 6, 10 gefolgt war, warum behielt er nicht bis 6, 20, wo die Bergrede begann, seine Anordnung bei, zumal sich ja die Geschichte yon der Ver- leumdong der Dimonenheilungen Chriiti, welche er nachher bringen woUte, viel pas- Moder an dieBrwahnung dieser Heilungen (Mr. 3, 11, 12, vgl. Xx;. 6, 18. 19) ange* schlossen h&tte , als an die Apostelwahl , und er dadurch auch gleich in die Ordnung des MatthAus eingelenkt w&re. Statt desscn nimmt er mit der Stelle Mr. 3, 7 — 12 eine Umstellung vor, die nur durch Matthftus motivirt sein kOnnte, wie denn auch der Text am Schlusse (3, 6. 7. 12, ygl. mit Mt. 12, 14 — 16) sichtlich mit diesem yerwandt ist, so dass er also eigentlich schon zu Matthftus tibergegangen ist , ehe er zur Bergrede kam, d. h. dass dieser Uebergaag nicht erst durch die Absicht, diese Bede zu vermei- den , motiyirt sein kann. — Qenau derselbe Fall kehrt bei der Parabelrede wieder. Wenn ihn erst der Wunsch, die folgenden Parabeln zu vermeiden, bewog, yon Mt. 13, 35 zu Lucas tlberzugehen, wie kommt es denn, dass er schon 4, II. 12. 21 — 25 aus Lucas aufgenommen hat ? TJnd umgekdirt, musste er denn zu Lucas abergehn, um die auf Mt. 13, 35 folgenden drei kleinen Parabeln zu yermeiden, da er doch die beiden Mt. 13, 21->3U. 33 autgelassen hat, ohne sich desshalb yon der Beihenfolge des Mat- th&ufi zu trennen ? Und wenn er endlich bei Mt. 23, 1 die eine Quelle yerlassen hat, um eine Iftngere Rede zu yermeiden, wie kommt es denn, dass er nach fdnf Versen zu dieser Quelle zurQckkehrt, um eine ebenso lange aufzunehmen? — Allein wenn schon hier die Hypothese nicht leistet, was sie leisten soil, so yerliert sie ja dadurch aUe Be- 4eutiiiig, daas sicb Mareus keineswegt in dieser Verfahrungsweise constant bleibt. Bei Mt. 18, 10 bricht er wirklich ?on einer sehr langen Rede ab, geht aber keineswegs su Lucas dber, obwohl er doch durch die Aufiiahme yon Lc. 9, 48—50 (Mr. 9, 37—39) deaseii Relation ganz wie bei zwei frflhem SteUen bereits in den Blick gefasst hatte. Umgekehrt bricht er bei Lc. 9 , 17, oder wenn man will, schon 8, 56 yon diesem ab, nackdem er ihm Isnge gefolgt, obwohl ihn kein Eintritt einer Iftngeren Rede dasa btW6f .« -^ i) 3eson4m 8. 389-396. Digitized by VjOOQ IC 112 Zwaitei Capitol. einer gewissen Freiheit zu bew^en^ strebe nach Eigentkumlichkeit. Aber freilich — da er uber keine eelbststandigen Mittel tiiid Kiafte zu Terfugen hat, so gerath es ihm schlecht genug. Er bringt es hoch- stens zu Zxisatzen , Motivirungen , Modificationen, frappanten Detailli- rungen und Pointen y zu neuen Namen und Situationen > oder zu Stel- len wie 9, 49. 50, wo er, weil er allzulang bios abgesehrieben hat, nnoch einen um so energischeren Anlauf zu einem selbststftndigen SchlAss nehmen zu woUen scheint; er gibt aber dadurch nur einen neuen Be- weis dafur, wie wenig er aus eigenen Mitteln zu leisten vermag. a* Blose rhetorische Ausschmuckung ist es auch, wenn er Fersonen redend ein- fuhrt(4, 39. 5, 8. 41), oder sonst dramatisirt ( 1 , 45. 5, 25 f. 8, 17— 20. 9, 21—27); dann aber liebt er es, namentlich gemuthliche Zuge beizufugen (I, 20. 41. 5, 29. 9, 36. 10, 14 ff. 17 ff. 32). Weiter gehend denkt er sich aber auch Nebenumstande zu den Geschichten der beiden Anderen, z. B. die, von keinem Walker zu erreichende, Weisse des Kleides Jesu (9, 3), die Ordnung der im Gras Gelagerten (6, 39), das vielfache Aus- und Eingehen Jesu (2, I. 3, 20. 7, 17. 24. 9, 28. 33), die eigentbOmlichen Missstande des Gedranges (2, 2. 3, 20), die Begleitung Jesu (1, 29). Besonders debnt sich nach Baur die Er- findungskraft des Marcus auch auf Zahlenverhaltnisse aus. Er denkt sich, dass Jesus drei Stunden vor Mittag gekreuzigt worden sei, weil er drei Stunden nach Mittag starb; er denkt sich femer, dass die Zahl der Trager des Gichtbruchigen, vier (2, 3), dass die der damonischen Schweine nach Analogic der romischen Legion zweitausend (5, 13), die der fur Speisung der Volksmenge nothigen Denare zweihundert (6, 37), die endlich der vorrathigen Brode gleich eins (8, 1 4) gewesen sei ; so denkt derselbe sich aber auch zu den Broden bei beiden Speisungen die Fische hinzu (6, 41. 8, 7) und substituirt der Volksmasse den Simon und seine. Begleiter (1, 36), dem Namen Magdala den von Dalmanutha (8, 10), der Elanaerin eine yvv^ kllrivlg avQoq>oiviaaa (7, 26). Ebenso be- urtheilt Baur das Kopfkissen (4, 38), die Pharisaer (2, 18), die Hero- dianer (3, 6. 8, 15), den Abiathar (2, 26), die Gefasse im Tempel (1 1, 16), den zweimaligen Hahnenschrei (14, 30. 72). Zuweilen erstreckt sich die Phantasie des Marcus auch auf Namen, als da sind Alphaus (2, 14), Bartimaus (10, 46), Alexander und Rufus (15, 21), oder auf pikante Zuge, wie 14, 50. In der Begel sei Marcus auf rationellem Wege zu derartigen Erweiterungen gekommen; so spann er aus logi- gischer Analyse des Bcgtiffes vlog %ov av&qdnov den Ausspruch, der Sabbat sei um des Menschen willen da (2, 27); ebenso verhalt es sich mit 7, 15. 9, 39. 11, 13(es war noch nicht die Zeit der Feigen). 14, 1) Marcuseyangelium, S. 79. Digitized by VjOOQ IC Die Griesbach'Bche Hypothese. j 1 3 58 (Futura und Gegensatz von x^^QOTiohjtog und axeiQonolrfsog), Die wenigen^ dem Marcus eigenthumlichen , Partien beruhen voUends nur auf Specialisirung allgemeiner Berichte , Amplification kflrzerer Nach- richten, Einflechtung concreter Zuge, wodurch Marcus die Durf* tigkeit seines historischen Materials zu verdecken sucht. — Furwahr eine Art von Schriftstellerei, so wunderlich und seltsam^ dass sie gera- dezu einzig in der Geschichte dastehen wurde. Doch das sind nicbt die letsten Injurien^ die sicb Marcus gef^llen lassen muss. Die ganze Griesbach'scheTbeorie, zu der wir nun scbliesslich ubergeben, zwingt zu 8 sobald nur seiche Spiele des Zufalls in erforderlicher Raritat vorkommen. Bei glei- cher Benutzung des Marcus durcb Mattbaus und Lucas werden Diese ja naturlicb nicbt immerDasselbe abscbreiben, und das eine oder andere mal kann das Geschick auch ibre Federn so leiten, dass der Eine die eine, der Andere die] andere Halfte des voUen Ausdrucks sicb aneignet, und sie sich also in den Vorrath des Marcus reinlicb getheilt zu haben scheinen. Wir konnen aber diese abstracte Moglicbkeit zur Evidenz steigem. Es 8oU also Mr. 1 , 32 durcb Zusammenschau von Mt. 8, 1 6 oxplag di yevo^ivtjg und Lc. 4, 40 dvvovtog di %ov fjUav entstanden sein. Aber warum hat denn Mr. 14, 17 nicbt auch dieFormeln diplag de yevo^ivrjg Mt. 26, 2o und St 6 iyheto tj wga Lc. 22, 14 in ahnlicber Weise gemischt? Kann unsere Formel nicbt ebenso gut ursprtlnglich sein, wie das gleich fol< HolUoMiin. ^ r^ 1 Digitized by VjOOQ IC jl4 ZiRrteites Ciqiitel . gende /r^o^t ¥ifyvxci Uav 1 , 85 , oder wie das ganz fthnliche Xlav fCQmt^ dyaTeilavtog rov fjXiov 16, 2? Ist nicht ore idv 6 tjkiog dieselbe Ztt- gabe, wie Mr. 14 , 12 St€ eSvov to nm%a1 In der That wird eine spft- tere Betrachtung (§. 19, 3) uns zeigen, dass alle diese F&lle unter ein bestimmtes Capitel des originalen Sprachcharakters der Quelle A gehl^- ren. Ja noch mehr ! Jener doppelte Ausdruck ist ein unTerwerflicher Zeuge fur die tJrsprunglichkeit des Marcus , indem die allgemeine An* gabe oipiag ysvofihrjg nothwendig naher bestimmt werden musste duixA oxB M6v 6 ijXiog, weil ja der Tag ein Sabbat war 1, 21', und daber errt nach Sonnenuntergang die Kranken zu Jesu gebracht werden dnrftem. Lucas, der die Geschichte in demselben Zusammenhang hat, hebt darum besonders dies Moment hervor, obwohl die Beminiscenz an den Geniti- vus absolut.us A Mr. 1 , 32 sich noch in der Form dvvovtog %ov ^llov zeigt. Matthaus aber hat die Erzahlung ganz aus dem Zusammenhang gerissen und lasst die Notiz, deren Pragmatismus er nicht mehr rer* steht, als uberflussig aus. ' — Allein derselbe Vers Mr. 1 , 32 scheittt um so deutlicher furGriesbachzu sprechen, da man nach Marcos cu Jesu brachte navrag Tovg xaytwg ex^vtag %at rovg dai^iovtJ^o^ivov^ nach Lucas hingegen bios die Ersteren, nach Matth&us bios die Letzie- ren. Allein Lucas verfkhrt in der ganzen Stelle ordnend, indem er, was A Mr. 1 , 32 — 34 von Kranken und Damonischen zusammen ge- sagt war, in zwei Verse 4, 40 und 41 vertheilt, deren erster von den Kranken , der letzte von den Geistem handelt. Matthaus aber hat die Kranken zuletzt und besonders genannt, um sein Citat 8, 1 7 daranhan- gen zu konnen. — Was 1 , 42 betrifift, so gehort der doppelte Ausdruck, ¥rie schon eine Vergleichung von 7, 35. 8, 25 lehrt, gleichfalls zu dem umstandlichen Charakter des Styls in A (§. 19, 3). In der Stelle Mr. 4, 39 aber findet sich das hcdrraaev S civs^og in der Parallele des Matthaus gar nicht, sondem erst Mt. 14, 32, wo es aber Mr. 6,51 wieder hat. Da also Marcus diesen Ausdruck zuerst gebraucht hat , so ist zu sdiliesaen, dass er ihn auch das zweitemal selbststandig gebraucht haben, nnd der doppelte Ausdruck 4, 39 gerade zu erklaren sein wird, wie das untnit- telbar vorhergehende aitina nBiplfxtoao, — r Ganz ebenso an sich nach zwei Seiten wendbar, bei genauerer Betrachtung aber fiir die Originali- tat des Marcus zeugend sind auch die ubrigen in Betracht kommendefi Falle;* und was sagen denn die Anhanger Griesbach's zu einer Stelle, 1) WeisB, S. 683. — 2) Vgl.Wilke, 8.446, besonders aber Weiss, S.6Sif.: »In der Parabelrede folgt Marcus dem Mattbftus, aber 4, 16 soil das oxav attova^OiV aus Lucas sein, obwohl es eine der dem Marcus eigenen Wiederholungen der in V. 15 ganz selbststandig eingeschalteten gleichen Worte ist. Eben so soil 4, 30 aus Lucas sein ; allein der dort sich findende tautologische Ausdruck ist gerade dem Marcus gani eigenthtlmlich, und die Psrallele bei Lucas findet sich gar nicht in jenem Zusammen- Digitized by VjOOQIC Die Griesbach'sche Hypothese. 1 1 5 wie Marcus 4, 41 xai ig)ofiij&riGaVy wo Mt, 8, 27 dafdr setzt i&av^iaoavj Lc. 8, 25 aber g>ofir]&h^€g di iS^av^iaaavl »Stande diese Formel im Marcus , sie wurde sogleich einen Beweis abgeben mussen, dass Marcas die beiden Nebentexte zusammengemischt habe.ci^ Mit viel mehr Schein luuin daher Weiss diese Stelle nebst Lc. 9, 5. 11. 13 fiir seine Ansicht verwenden^ wornach Lucas den Marcus und Urmatthaus combinirt hattc.* 2) In der Darstellung des' Ganzen der evangelischen Geschichte VBd einaelner Erzahlangen, in welchen die Zoge des Matthaus und Lucas zu einem Bilde zusammenfliessen^ gebc Marcus sick als Compi- lator kund. Wir baben nun in der aufgestellten Tafel ausdrucklich, odei indem wir auf Weisse, Ewald, Meyer u. A. verwiesen, den Be- weis geliefert, dass man jene Zuge, die Bau r in so nachtheiliger Weise far Marcus auslegt, mit grosserem Rechte als Belege fur das originale GeprSge unmittelbarer Lebendigkeit und malerischer Anschaulichkeit der Darstellung des Marcus verwerthen kann. Die von Griesbach'- tcber Seite angefuhrten Beispiele sind grosstentheils aus dem unachten Schlusse genommen, andere beruhen auf Missverstftndnissen ; einige wenige lalle aber gibt es, wie namentlich die Versuchungsgeschichte, wo wirklich die Darstellung des Marcus der des Matthaus und Lucas hange, sondern Lc. 13, 18 in einem Abschnitte, den Marcus vdllig abergangen haben •oU. Mr. 2, 19. 20 soil jedesmal in der ersten Hftlfte des Verses dem Matth&us, in der sweiten dem Lncas folgen ; aUein gerade das t6t( iy ixflvy Ty iifiiqq , das V. 20 mit Lucas stimmty ist eine Abundanz, ftlr die wir bei Marcus zahlreiche Beispiele gefun- den baben. In 2, 1 1 soil das aol Xiyto fyeiQS aus Lucas , das Aqov xrX. aus Matthftus sein ; allein jenes aol Xfyo} fyfiQi hat Marcus abweichend von Mattb&us und Lucas auch 5, 41, und das fyftge agov eben so eigenthOmlich 2, 9. Je mebr wir aber die Art diecer Textmisohungen nfther betrachten , um so unbegreiflicher werden sie. In einem Znsammenhange, wo Marcus nach der Combinationshypotbese ganz dem Lucas folgen soil, wie in der Heilung des Aussfttzigen und der Berufung des Levi, ist der Text ganz nach Matthftus gegeben, aus Lucas nur das jngX tov xn&aqiafiov \, 44, das bei Marcus BO hAufige (bier offenbar dem dafjX&iV 2, 1 entsprechende) Hfjl^ev (2, 13) und der Name Leri (2, 14) herUbergenommen. An anderen Stellen folgt er wirklich dem Text des Lucas y wie er ihm in der Anordnung folgt, z. B. in der Sabbatheilung und der Penkope Ton der Reise nach Gadara ; trotzdem aber soU er nicht nur einzelne Ztkge, wie 3, 6. 5, 23. 28. 38, sondern ganz einzelne AusdrQcke wie das xttTfjyogiiataaiv 3, 2, f^itHvi 3, 5, ^x tdty ^vij^ficDv b, 2, ^lanegaaavtog 5, 21 aus Matthftus hertlbemeh- men. Und nun gar die Stellen, wo die beiden Texte aufs bunteste durcheinander ge- warfelt sind ! So heisst es 1 , 34 xal id^fgnnfvae (aus Matthftus, Lucas) noXXovg xa- jraS^ fy^"^^^ (*u" Mattbftus), TioixiXaig voaotq (aus Lucas) xal daifiovia noXXct i^ifiaXe (aus Matthftus) xal ovx TJffU (aus Lucas) und 2, 24 M^ (aus Matthftus) H (aus Lu- eas) notovai (aus Matthftus) tots aafifiaatv (aus Lucas), o ovx fftati (aus Mattbftus der SteUung nach). In der That, diese Textmischungen, die in ihrer spielenden Will- ktlr und kleinlichen Silbenstecherei selbst das unerklftrlicbste Rfttbsel bilden, sind wenig geeignet, die Combinationshypothese zu empfehlen.c — 1) Wilke, S. 513. — 2) S. 80. Digitized by CjOOQIC 1 1 g Zweites Ci^itel. gegenuber den Charakter des Epitomatorischen tr> damit ist aber nicht gesagt , dass der Verkiirzer unsere beiden Evangelien vor Augen gehabt haben musse, sondern diese Beobachtung beweist bios die Bich- tigkeit unserer obigen Behauptung, dass auch der heuiige Marcus nicht als Original betrachtet werden durfe. — Niemals aber werden die Anhan- ger der Epitomatorhypothese es mit der sonst von ihnen angenommeneB Abhangigkeit in der Darstellung vereinen konnen , dass Marcus «wei- mal(3, 20. 21. 31 — 35. 11, 11—14. 20—26) anstatt zusammen-^ viel- mehr auseinandergezogen haben musste , indem er spater zu erzahlende Ereignisse durch vorgeschobene Notizen vorbereitet. 3) Die Reden Christi, die doch wohl am ersten aufgezeichnet wor- den sind, treten bei Marcus weit mehr zuruck, als bei Matthaus und Lucas. Allerdings liess Marcus bald langere Reden in A aus, bald kurzte er sie ab oder liess Zwischenmomente aus, wodurch die Rede undeutlich wurde. Insbesondere war ihm die Bergpredigt zu lang, und von 9, 42 an kann er nicht rasch genug das Ende des galilaischen Aufenthalts Jesu gewinnen. Man gebe daher nur ohne Weiteres auch Dies zu , dass Reden Jesu zuerst aufgeschrieben wurden, ja dass Redesammlungen schon vorhanden waren , als Marcus geschrieben wurde, und man wird dann es um so begreiflicher finden mtlssen, wenn der Bahnbrecher einer neuen Art evangelischer Literatur seine Aufgabe eben auf einem ande- ren Gebiete liegen findet (§. 24). 4) Die beiden Wunderheilungen, die Marcus allein hat, 7, 32 — 37. 8, 22—26 seien einander sehr verwandt, verschieden von den sonstigen sjmoptischen Erzahlungen, und nicht abzusehen, wesshalb sie von Mat- thaus und Lucas hatten ausgelassen werden sollen. Aber geradc das Eigenthumliche, was wohl auf Anwendung des Speichels hinauslauft, war mit ein Grund, wesshalb Matthaus und Lucas, denen es allzu be- fremdlich erschien, die Erzahlungen ausliessen. Vermoge welches Bai- sonnements soil aber ein Evangelist, dem diese beiden Geschichten in- teressant genug vorkommen , um sie beizufugen, die beiden, in seiner Quelle Mt. 9, 27 — 34 gegebenen Heilungsgeschichten ubergangen ha- ben? Und wie kam er dazu, jene beiden neuen Wunder zu erfinden? Die charakteristische Antwort des Doctrinarismus lautet: 7, 32 — 37 hat er in seiner Eigenschaft als Epitomator »die vielen Heilungen des Mt. 15, 30. 31 zu einer einzigen zusammengezogen, « und 8, 22 — 26 will er, da die Junger nun eben anfangen sollen, verstandiger zu wer- den , D den allmaligen Uebergang vom Nichtsehen zum Sehen zunachst an einem leiblich Blinden darstellen. a^ — Dass aber, abgesehen von den beiden Abschnitten 7 , 32—37. 8, 22—26 sich fast der ganze Stoff 1) Hilgenfeld: Evangelien, S. 137 f. Digitized by VjOOQ IC Die Griesbach'sche Hypothese. WJ de8 Marcus ituch in den beiden anderen Evangelien findet, ist eine Be- obachtung, deren Beweiskraft, wo as sich uin die Wahl zwischen Grundschrift oder Auszug handelt, sich vollkommen neutral verhalt. 5) Die ganze Composition des Marcus, der Cyklus der von ihm aafgenommenen Erzahlungen , wie ihre Reihenfolge und Verknupfung mil einander, soil sich nur unter Zuruckgehen auf die beiden anderen Synoptiker erklaren ; und zwar folgt er bald dem einen , bald dem an- dem in der Anordnung des Ganzen. Hauptaugenmerk aber ist fur die Anhanger GriesbacVs, Schritt fur Schritt bestiminte Grunde anzu- geben , wesshalb der Evangelist im einzelnen Fall von Matthaus zu Lu- cas, und dann wieder von Lucas zu Matthaus ubergehe. * Marcus nam- lich , der die Geburtsgeschichten fur uberfliissig halt und rait dem Tau- fer Johannes beginnt, soil zuerst (I, 1 — 20) dem Matthaus (3, 1 — 4, 22) gefolgt sein, bis er, nachdem er schon zuvor die Versuchungsgeschichte bedeutend verkurzt und abenteuerlich ausgeschmuckt hatte, an die Bergpredigt stiess, die ihn veranlasste, fur das Folgende (I, 21—3, 19) rich an Lucas (4, 31 — 6, 19) zu halten; als ihm aber auch dort wieder das untlbersteigliche Hindemiss der Bergpredigt in den Weg kam, machte er sich nachholend wieder heruber zu Matthaus (12, 22 — 13, 35), dem er auch eine geraume Zeit lang (3, 20 — 4, 34) folgt, bis er ihn in der Parabelrede verlasst und wieder im Abschnitte 4, 35 — 5, 43 mit Lucas (8, 22 — 56), im Abschnitte 6, I — 6 mit Matthaus (13, 54—58), im Abschnitte 6, 7 — 16 mit Lucas (9, I — 9) stimmt. Seit 6, 17 findet er es fur gut, sich anhaltender der Leitung des Matthaus (von 14, 3 an) su aberlassen, welchemVorsatze erauch mitAusnahme von 12, 38 — 14, 23sLc. 20, 45 — 22, 2, wo er die grosse Strafrede Mt 23 vermeidet, trea bleibt bis zum Schlusse , wo er die Auferstehungsgeschichte nach beiden Quellen erzahlt und den Widerspruch gedankenlos stehen lasst. Dieser rein quantitativen Betrachtungsweise, vermoge deren man die Abh^ngigkeit des Marcus bald von Matthaus , bald von Lucas i> wie mit dem Finger « demonstriren zu konnen glaubte , stellt sich nun frei- lich die Hauptschwierigkeit entgegen , dass der Theorie zum Trotz die Parallelstellen des Lucas wieder allenthalben ihren Einfluss geltend machen, wo Matthaus die Hegemonic hat, und dass umgekehrt auch Matthaus wieder unausgesetzt in die aus Lucas herabergenommene Dar- stellung ubergreift. Fast auf jeder Seite des Bleek'schen Buches lesen wir daher, dass Marcus doch zugleich auch die betreffenden Fartien des anderen Beferenten aufgeschlagen und mit benutzt habe. Wie muhsam masste es dem in die Buchrolle des Matthaus vertieften Marcus werden, in dem Abschnitt 6, 45 ff. plotzlich kleinere und grossere Zusatze aus I) Vgl. die Uebexsidit bei De Wette: Einleitung, II, 8. 187 ff. Digitized by VjOOQ IC llg Zweites Capitel. den betreffenden Parallelen des Lucas, wie Lc. 9, 26. 39. 42. 45. 48 — 50 aufzunehmen ! Wie komint er andererseits dazu, mitten in dem Ab- schnitte Mr. 4, .35 — 6, 16, wo er dem Lucas folgt, die G^eschichte von Na- zarethausMt. 1 3, 54 - 58 einzusckalten? Warum lasster Lc. 5, 39 aus, wenn er doch in jenem Abschnitt dem Lucas, und nicht dem Matthaos, der es auch auslasst, folgt? Warum ubergeht er Mt. 16, 17 — 19. 17, 7. 20. 24—27. 19, 28. 20, 1 — 16, wenn er doch in jenen Fartien dem Mat- thaus folgt und nicht dem Lucas, der alle jene Stellen ausgelassen hat? Solche Stellen, wo Marcus dem Einen von Beiden gerade nur gefo^ sein musste bis zu dem Funkte, wo derselbe uber die Farallele des An- dem hinausgeht, zeugen schlagend wider Griesbach. Man vei^gen- wartige sich das Unnaturliche des Verfahrens, wenn Mr. 5, 12 gegen Lucas mit Matthaus die oratio directa beibehalten, dagegen mit R&ck- sicht auf Lucas das Wort dyiXr] ausgelassen hatte; wenn er es 8, 28. 29 mit Jeremias und dem ^edg S ^f3v ebenso gemacht; wenn er 1 1, 27 zwar dem Matthaus zu Gefallen aQxie^elg %ai n^BO^%sqoi (nicht ow %6iq TtQMfivtiqoLg mit Lucas) geschrieben, dagegen aber, um sich mit Lucas wieder zu arrangiren , den uber Lucas hinausgehenden Zusatz %oS Xaov des Matthaus ausgelassen hatte; wenn er umgekehrt 4, 20 aus Lucas nur so viel (xai iiaQrtog>OQOvaiv) aufgelesen hatte, als fur den hier abwei- chenden Matthaus (dg dfj xaQTtoipoqel) genug war^ dagegen das ir vn(h fiovjj des Lucas dem Matthaus zum Opfer gebracht u. s. w. Wo in aller Welt hat jemals Jemand so geschrieben? Es ist unbegreiflich, wie De Wette gerade im Detail seine kritische Voraussetzung immer wieder auf 8 Neue bestatigt gefunden haben will. * Gerade eine aufmerksame' Detailbetrachtung fuhrt, wie schon Hitzig gegen De Wette hervor- hob, * von jener Hypothese vollig ab. Gibt es doch Stellen, wo nur ein verlorenes Wort, das aber dann mit dem tendenziosesten Baffinement gebildet sein musste, als Nachklang der einen Quelle in das zusammen- hangende Echo der anderen hineinklingt. So hatte er 13, 34—36 aua dem matthaischen Gleichniss vom aTcodrjfKSv 25, 14 flf. nur den dnodt]- ^ogy aus der ersten Fartie der Instructionsrede Mt. 10, 5 ff. bloe das TtaqayyuXag aufgegriffen und daraus xai naqtjyyuXB gemacht, um da- mit des Lucas -nat bIub 9, 3 zu ersetzen. ^ Dazu kommt nun aber die ganzliche WillkOrlichkeit, womit man den Evangelisten von Matthaus zu Lucas und von Lucas zu Matthaus abergehen lasst. Einen Nachweis dieser endlosen Uebel im Einzelnen lu geben, ^ ist uberflussig, sobald der Gegenbeweis gefiihrt ist, dass mit 1) Zu Matth&u8, 1^57, S. 8 f. Zu Marcus und Lucas, 1846, S. 3 f. — 2) Joh. Marcus, S. 39. 44 f. — 3) Wilke, S. 442. — 4) Vgl. Weiss, S. 680 f. : »Waram geht denn Marcus von Matth&xis 4 , 22 gerade su Lucas 4, 31, und nicht lu Lc. 4, 16 Digitized by VjOOQ IC Die Griesbach'sche Hypothese. 119 Zugrundel^ung einer a>ndern Hypothese uber das Verhaltniss des Mar- cus zu Matthaus t^id Lucas die Composition aller drei Evangelisten in oBgleich frappanterer Weise in die Augen springt, indem namentlich Matthaus und Lucas da, wo Einer von ihnen an dem Textmaasse der Perikopen andert, das Ursprungliche wechselweise Einer gegen den An- deren festhalten* so dass Dieses ausserhalb ihrer Darstellungen gelegen haben muss. Diesen Nachweis aber, von Wilke im Ganzen schon tref- fend vorbereitet, ' werden wir in §§. 12. 1 3 liefem und daselbst zugleich die einzeL:ien Falle bespreohen , an denen , wie an der Auslassung der Bergpredigt, die Griesbach'sche Hypothese besonders feste Anhalts- punkte glaubte gewonnen zu haben. Hier sei nur noch bemerkt, dass — auch diese ganze Methode, Bucher zu machen — zugegeben^ die Composition des Marcus erst noch abcr , zumal doch die Art , wie die Verwerfung in Nazareth den Uebergang Christi nach Kapemaum motivirt , iinserem Alles so genau motivirenden Verfasser nur er- wOnsebt sein konnte ? Etwa weil er Le. 4, 32 Worte fand, die mit dem Abacblusse der Befgrede bei Matthius abereinstimmten ? Aber wenn er einmal 1, 21 zu Lucas aber- gegSBgen war, warum nimmt er denn 1 , 22 diese Worte nicht aus Lc. 4, 32, sondem wOrtlidi aus Mt. 7, 28. 29 auf ? Und hatte er zu diescm Behuf einmal die Bergrede bei HattbAus aberschlagen , was war dann noch fdr ein Orund» zu Lucas tlberzugehen } Wenn er femer dem Lucas bis 6, 10 gefolgt war, warum behielt er nicht bis 6, 20, wo die Bergrede begann, seine Anordnung bei, zumal sich ja die Geschichte yon der Ver- lenmdong der Dimonenheiliuigen Gbristi, welche er nachher bringen woUte, viel paa- ■endtr ma die Erwihnung dieser Heilungen (Mr. 3, 11, 12, ygl. Lc. 6, 18. 19) ange* schlosaen b&tte, als an die Apostelwahl, und er dadurch auch gleich in die Ordnung des Matth&us eingelenkt wftre. Statt dessen nimmt er mit der Stelle Mr. 3, 7 — 12 eine Umstellung Yor, die nur durch Matthaus motiyirt sein kdnnte, wie denn auch der Text am Schlosse (3, 6. 7. 12, rgl. mit Mt. 12, 14 — 16) sichtlich mit diesem yerwandt ist, so dass er also eigentlich schon zu Matthftus Hbergegangen ist , ehe er zur Bergrede kam, d. h. dass diasei Uebergaag nloht erst durch die Absicht , diese Rede zu yermei- den , motiyirt sein kann. — Qenau derselbe Fall kehrt bei der Parabelrede wieder. Wenn ihn erst der Wunsch, die folgenden Parabeln zu vermeiden, bewog, yon Mt. 1 3, 35 zu Lucas tlberzugehen, wie kommt es denn, dass er schon 4, 11. 12. 21 — 25 aus Lucas aufgenommen hat ? Und umgek^rt, musste er denn zu Lucas Qbergehn, um die anf Mt. 1 3, 35 folgenden drei kleinen Parabeln zu yermeiden, da er doch die beiden Mt. 13, 24—30. 33 ausgelagsen hat, ohne sich desshalb yon der Keihenfolge des Mat- thAus zu trennen ? Und wenn er endlich bei Mt. 23, 1 die eine Quelle yerlassen hat, um eine l&ngere Rede zu yermeiden, wie kommt es denn, dass er nach fOnf Versen zu dtcser Quelle zurackkehrt, um eine ebenso lange aufzunehmen ? — Allein wenn schon hier die Hypothese nicht leistet, was sie leisten soil, so yerliert sie ja dadurch alle Be- deutitng, daae sich Marous keineswegs in dieser Verfahrungsweise constant bleibt. Bei Mt. IS, 10 bnch^ er wirkUch yon einer sehr langen Rede ab, geht aber keineswegs su Lucas dber, obwohl er doch durch die Aufhahme yon Lc. 9, 48—50 (Mr. 9, 37—39) dessen Relation ganz wie bei zwei frdhem Stellen bereits in den Blick gefasst hatte. Umgekehrt bricht er bei Lc. 9, 17 , oder wenn man will, schon 8, 56 yon diesem ab, nackdem m ihm Unge gefolgt, obwohl ihn kein Eintritt einer Iftngeren Rede daiu b«W9f.< -* 4) 3eson4er8 S. 3$9-396. Digitized by VjOOQ IC 120 Zweites Capitel. nicht erklart ist, da zugleich auch Dieses erklart werden mosste^ wie es kommt^ dass Marcus^ wahrend er einen und denselben Evangelisten ab- schreibt^ denselben bald von hinten^ bald von vorne bearbeitet, und z. B. in der eschatologischen Rede bis Mt. 24, 9 vorgeschritten, gleich- sam als ware ihm die Rede bei Matthaus noch nicht gross genug, zurOck- blattert bis Matthaus 10, 17 — 22, umjetzt nachtraglich auch Dieses wie- der hereinzuschreiben. Es musste ferner sich uberhaupt ein Princip nachweisen lassen , wornach Marcus mit einem der beiden Nebenrefe- renten zum Unterschied vom andern erweitert oder verkurzt hatte. Aber schon Wilke hat klar gezeigt, dass Dies nicht geht, und Niemand mOge doch fernerhin es nachsprechen , dass Marcus ein Epitomator sei, ohne zuvor jene Erorterung gelesen und widerlegt zu haben. * Wie sollte sich denn Marcus auch zu Matthaus gestellt haben? was hatte er aus der Bergrede, aus der antipharisaischen Predigt u. s. w. fur Miniatur- kunstwerke herausgemeisselt ! Und wie zu Lucas? aus dem reichen ge- schichtlichen Material, das Dieser vor Matthaus voraus hat, hatte Mar- cus bios die Stellen 1, 23—28. 35—39. 3, 13-16. 4, 21—25. 6, 12. 13, 30. 31. 9, 38—40. 12, 41 — 44 zu Wege gebracht! Und wie oft lasst sich die Ursprunglichkeit des Matthaus oder Lucas gegenuber dem Mar- cus nur in der Weise durchfuhren, dass man den angeblichen Epitoma- tor die deutliche Erzahlung seines Vorgangers verdunkeln, oder ihn derselben geradezu widersprechen l^sst I Kurz man darf nur einmal der Hypothese ins Einzelne ein Paar Schritt weit folgen, so wird man W il- k e's Urtheil gerechtfertigt finden : » Marcus ware nicht Abbreviator, auch nicht Epitomator, nicht Excerptor, sondern Castrator der Neben- texte, oder wie sollte man den Verstummler der geborgten Satze und den Menger des Verstummelten sonst nennen?a^ Trefferid hat Lachmann gegenuber solchen Hypothesen erkl&rt, es werde dadurch unser zweiter Evangelist gemacht zum ineptissimus desultor, qui nunc taedio, modo cupiditate, tum negligentia, denique vecordi studio, inter evangelia Matthaei et Lucae incertus fertur atque oberrat ' Dabei hat Marcus entweder einen blossen Auszug aus Mat- thaus und Lucas geben woUen, oder aber er wollte sie erganzen. In bei- den Fallen begreift man nicht, warum er aberhaupt geschrieben hat. Namentlich erscheint er auch bei der letztern Voraussetzung allzu durf- tig und mangelhaft, als dass man ihm seine Schriftstellerei verzeihen konnte. Ware nftmlich jene Unselbststandigkeit, wodurch Marcus bri Baur geradezu zu einem »uberflussigen Zweig in der Evangelienbil^ dungtf wird, ^ schon an sich schimpflich fur den sstummelfingerigena^ 1) S. 385—389. — 2) Ureyangelist , S. 443. -> 3) Studien und KriUken , 1835, 8. 577, Praef. ad N. T. od. maj. II. S. 16. — 4) BvangeUen, S. 27. - 5) In den Philo- Digitized by VjOOQ IC Die Griesbach'sche Hypothese. 121 Eweiten Evangelisten^ so warde das, ihm von Baur eingeraumte, eigen- thumliche Maass von freier Production nur zur Vollendung dieses £in- dracks dienen. Sogar, wenn man meint, er habe es einmal zu einer selbstst&ndigen Bildung gebracht, wie ihm Manche das ol e^ca 4, 11 hoch anrechnen , so weiss De Wette hinterher zu versichern, dass er diese Stelle bios aus 1 Kor. 5, 1 2 gebildet habe. ' Dieser schimpflichen Seite des postulirten Verhaltnisses wurde aber — uod Das ist geradezu wunderbar -— auch wieder eine sehr glanzende entsprecben. Wenn namlich von uns theils S. 99 f. 103 f. schon bewiesen ist, theils im Folgenden noch weiter bewiesen werden wird, dass die chronologische und pragmatische Confusion, die bei Matthaus und Lucas herrscht; sich pldtzlich aufbellt, sobald man die Folge der Erzfthlungen im Marcus zu Grunde legt, so darf man doch fragen : wie hatte ein Epi- tomator aus Quellen, von denen jede in ihrer Weise abweicht von der richtigen Folge, eine so wohl zusammenhangende, in sich fortschrei- tende Erzahlung compiliren konnen? So muss selbst Bleek annehmen, dass z. B. in der Perikope Mr. 10, 46—52. Mt. 20, 29—34. Lc. 18, 35—43 eine dem Matthaus und Lucas gemeinsame Grundschrift die Er- zahlung in der Form hatte , die dann zuf allig bei ihrem gemeinsamen Epitomator Marcus wieder reproducirt wurde, indem Dieser richtig mit Lucas gegen Matthaus von einem Blinden spricht, denselben aber auch richtig mit Matthaus gegen Lucas hinter Jericho geheilt werden lasst ^ — Wahrlich ein gluckliches Spiel des Zufalls, dass Einer die Feder ergreift, mit dem Vorsatze, einen principlosen Mischmasch zu Wege zu bringen, ihm aber dieses Vorhaben unter der Hand so trefflich gelingt, dass das Ganze das richtige Bild gibt ! Summa: nicht die Rich- tigkeit der Griesbach'schen Hypothese, sondern ihre Unrichtig- keit lasst sich zur Evidenz bringen. ^ Sollte mithin kein Unbefangener mehr leugnen woUen, dass die Griesbach'sche Hypothese trotz ihres blendenden Scheins in der That gar nichts erklart, so muss man es doch auch fur eine halbe Arbeit an- sehen, wenn schon Hug zwar mit Fug und Recht erkannte, dass, falls beide Evangelien dem Marcus vorgelegen haben soUten, seine Arbeit eine geradezu uberflussige gewesen ware, wenn aber Dies ihm keineswegs so scheint im andern Fall, dass Marcus namlich bios einen von Beiden benutzt hatte. *" Und zwar bietet nach Hug bios Lucas einen ■ophuinena Orig^nis (ed. Miller, S. 252) heisst er o xoXofio^axrvXoe^ was Baur Cnieol. JTfthrb. 1853, 6. 93) und Volkmar (Theol. J^rb. 1854, S. 117) flugs auf sei- Den schrifUtellenscbon Cbarakter bezielien , wilbrend das Prftdicat nur eigentUcb ge- meint sein kann (Ewald: JahrbQcher, VH, S. 197. Meyer: Zu Mattbftus, 1&58, 8. 38). — 1) Einleitung, II, S. 1S5. — 2) Synopsis, II, S. 2S5. - 3) Tholuck: OUabwftrdigkeit der erangelischen Gescbicbte, S. 249. — 4) Einleitung, II, S. 126 ff* Digitized by VjOOQ IC 122 Zweites Capitel. solchen Beichthum von Begebenheiten^ dass Marcus, im Falle ibm du dritte Evangelium zu Gebote geetanden hfttte, gerade das Wic)Ltig9ta mit Vorsatz ausgelassen haben wurde. In der That genugt schon der Hinweis auf Lc. 9, 51 — 18, 14, urn dies Urtheil nach der letztem Seite bin zu rechtfertigen. So wurde Hug der Vorganger fur die spateren Constructionen der Tubinger Schule, insofern n&inlicb scbon Baur den Versuch macbte, die Benutzung des Lucas als bios subsidiaren Charak- ters darzustellen, ^ Hilgenfeld aber geradezu die Unabhangigkeit des Marcus behauptet, wahrend er andererseits freilich , wenigstens in dem halben Irrthum der Griesbach'schen Hypothese stecken blei- bend, die Uebereinstimmung sowohl, als die Differenzen zwischen Matthaus und Marcus nur unter der Voraujssetzung der Abhangigkeit des Letzteren von Ersterem erklaren zu konnen glaubt, ^ Diese Ansicht steht zu unserem BesultatQ in einem doppelten Ge- gensatze. Einmal insofern sie dieAbweichungen der beiden erstenEvan- gelien unter sicb durchweg unter Zugrundelegung des Matthaus aufsu- hellen untemimmt. Hiergegen berufen wir uns auf die, in §. 12 su ge- bende, Analyse des ersten Evangeliums ; eine Vergleichung mit der zweiten Tafel §, 5 wird Schritt fur Schritt lehren , dass das Motiv der Abweichung fast immer auf Seiten des Matthaus liegt, so dass die weni- gen Ausnahmen nur zugleich die Falle bezeichnen, wo A und Marcus diflferiren. Andererseits glaubt Hilgenfeld unseren Lucas, abgesehen von sonstiger unriohtiger Quellenbestimmung , theilweise aus uns^em Marcus erklaren zu konnen, was jedoch nur far die allerdings groese Mehrzahl von Fallen Geltung haben kann, wo A und Marcus harmoni- ren; wo aber Marcus von A abweicht, da ist, wie unsere dritte Tafdi §.13 darthun wird, Lucas von A, nicht mehr von Marcus abhangig. Hier begnugen wir uns, nach dem Vorgange von Weiss' auf einige Schwierigkeiten hinzuweisen, welche die Composition des Marcus selbst, wie sie vorliegt, der in Kede stehenden H}rpothese entgeg^n- setzt, sein Verhaltniss zu Matthaus, beziehungsweise auch zu Lucas an- langend. Nach dem Vorgange des Matthaus soil Marcus den Anfang der ga- lilaischen Wirksamkeit mit seiner Niederlassung in Kapemaum be- zeichnen. Aber warum hat er, nachdem er 1, 9 Nazareth als die Hei- math Jesu genannt, diese Uebersiedelung nicht auch ausdrucklich, wie Mt. 4, 1 3 geschieht, notirt, sondern vielmehr den Schein hervorgeru- fen , als ob Jesus nur durch die Gelegenheitsursache, dass seine erstbe- rufenen Junger ausKapernaum waren, dorthin gefi^rt worden sei? Und wie kam es, dass Lucas, wiewohl er in diesem ganzen Abschnitt dem Mar- 1) Marctueyangelium, S. 137. t49. — 2) ErangeUen, 8. 123 £ — 3) B. 608 f« Digitized by VjOOQ IC Die Griesbach'sche Hypothese. ] 23 0118 fblgt^ doch^ angeblich durch Mt. 4^13 veranlasst, eben falls ein Weilen in Nazareth der Niederlassung in Kapernaum vorangehen lasst? Hier li^ noch die ursprnngliche Darstellung, derzufolge Jesus es einer gotUichen Weisung uberlasst, den Mittelpunkt seines Wirk ens zu bestim- men, kkr bei Marcus zu Tage, und die Darstellung des Matthaus, und noch mehr die des Lucas beruhen auf spaterer Beflexion. Hierauf hatte dann Marcus weiter, bios weil es in seinem Plane lag, den ersten Ein- druck Jesu als einen durchaus gunstigen darzustellen^ die ganze Berg- predigt mit Ausnahme der Schlussworte Mt. 7 , 28. 29 ausgelassen und an ihre Stelle ein, im Matthftus nicbt berichtetes, Kraftzeichen gesetzt, die Heilung des Damonischen in der Synagoge. Diese That umfasse bei Marcos gewissermaassen die drei Heilwunder Mt. 8, 1 — 16 ; doch wer- den, weil Jesus einmal in Kapernaum ist, der Vaterstadt des Petrus, die Heilung der Schwiegermutter und die abendlichen Wunder aus Mt. 8, 14 — 17 noch namhaft gemacht; so dass jetzt allerdings durch einen selt- samen Zufall das dtp lag di yevoiAivrjg Mr. 1, 32 nach dem 1, 21 voraus- gegangenen %oig adlifiaaiv trefflich motivirt erscheint. Besser lasst man doch wohl das trefflich Motivirte auch das Ursprungliche sein , und er- klart das weniger Motivirte als XJmstellungsversuch. Im Weiteren erlaubt sich der in Rede stehenden Hypothese zufolge Marcus noch grossere Freiheiten ; namentlich soil er an die Stelle der Beise nach Gadara, welche einen ungunstigen Erfolg hat^ die andere Beise 1, 35. 45 setzen, nur um den £indruck> den Jesus macht^ recht zu betonen. Allein wesshalb bedurfte er dazu einer Beise ^ da die aus Mt. 8^ 1—4 nun doch noch nachgeholte Heilung des Aussatzigen ^ an welche sich jene Bemerkung uber den gunstigen Eindruck seiner Vcr- kundigung 1^ 45 anschliesst^ durchaus nicht naher mit einer solchen zu- sammenhftngt? Es ist daher eine unndthige Verlangerung der Ge- achichte^ wenn Jesus Mr. 2, 1 wieder nach Kapernaum zuruckkehren mu8s^ damit der abgebrochene Faden des Matthans mit Mt. 9, 1 — 17 wieder aufgenommen werden k5nne, aber freilich nur um durch Her- beisiehung von Mt. 12, 1 — 14 gleichsam verdoppelt zu werden, was Hilgenfeld aus dem Interesse ableitet, ein Bild von der Opposition gegen Christus auszufuhren. Dies setzt voraus, dass Matthaus einmal drei ahnliche Erz&hlungen 9, 1 — 17, und zwar, wie 9, 14 zeigt, ohne Be- wnsstsein uber ihren sachlichen Zusammenhang, und dann wieder zwei ahnliche 12, 1 — 14 zusammenstellt; wahrend doch die umgekehrte An- nahme, dass die Zusammenreihung aller funf, die offenbar eine treff- Uche Steigerung bilden, das Ursprungliche gewesen sei, und der erste Evangelist diesen Zusammenhang zerstort habe, ungleich wahrschein- licher ist. Warum nun aber gerade bei Mt. 12, 14 der zweite Evange- list das Bedurfniss fuhlt, wieder die Lichtseite in dem Zustromen des Digitized by VjOOQ IC 124 Zweites Capitel. Volkes und der Apostelernennung hervortreten zu laasen^ und woher er sich dazu gerade der Einleitung der Bergpredigt, der weit zurucklie- genden Stelle Mt. 4^ 24. 25, bedient, lasst sick gar nicht absehen. 6e- wiss ist auch der Wegfall von Mt. \2, 22. 23 dadurck nicbt genugeBd erklart, dass bei Marcus eben Damonenkeilungen erzaklt waren, daja dazwiscben die Apostelernennung stand. Im Weiteren soil er die St^cke Mt. 12, 24 — 37 und 46—50 zuerst so verbunden baben, dass beide Auf- tritte einen Zusammenkang bilden — wir kaben S. 78 geseken, welck einen ungesuckten, trefFlicken. Ganz ebenso mogen wir uns auck be* liebige Vorstellungen daraber macken, wie Marcus dazu kam, die bei Mt. 8 und 9 ubergangenen Stucke von der Reise nack Gadara und die Auferweckung des Magdleins nackzukolen ; aber dass sick dieselben nun so trefilick an einander fugen , wiewokl dock jedes an einem anderen Orte und aus einem anderen Grunde ubergangen war : Das ware wieder eine von jenen seltsamen Glucksfugungen , deren Walten in dieser Geburtsgesckickte unseres zweiten Evangeliums auf Sckritt und Tritt uns begegnet. Freilick ist das Wirken dieser Sckicksalsmackte zuweilen durckkreuzt worden von einem ebenso seltsamen Unstern, der cs z. B. versckuldet kaben muss, dass nack Mt. 9, 18—26 die beiden Gesckick- ten Mt. 9, 27 — 34 ubergangen wurden, wiewokl die letztere ein eben so treffendes Zeugniss von der Jesu begegnenden Unempfanglickkeit ist, wie die Marcus 4, 35 — 5, 43 aufgenommenen. Aber auck die erstere soil ja nackker Mr. 8, 22 — 26 nackgebildet sein : warum also nickt kier, zumal sick Mt. 9, 30 so leickt in einem dem Zusammenkange des Mar- cus entspreckenden Sinne auffSassen liess? Am sckwacksten ist aber die folgende Anticipation der Verwerfung Jesu in Nazaretk motivirt. Zu- nackst muss auck kier der beabsicktigte Contrast kelfen. Wie die Apo- stelernennung der Opposition der Pkarisaer vorkerging, so folgt bier der Verwerfung in Nazaretk, in welcke die Unempfanglickkeit des Volks auslauft, die Apostelaussendung — das andere Stuck von Mt. 10.* Aber um die Analogic treffend zu macken, katte ja dasLickt dem Sckat- ten auck diesmal vorangeken mtlssen. In der Aussendungsrede selbst gibt Marcus wakrsckeinlick kluger Weise nur Mt. 10, 5 — 15 wieder, da er merkt, dass sick^das Folgende auf eine spatere Zeit beziekt, mitkin auf 13, 9 — 13 aufzusparen ist. Seltsam ist voUends, dass auck Lucas diese feine Beobacktung gemackt kaben muss, da er zweimal Gelegenkeit ge- kabt katte, an Mt. 10, 16 — 23 zu strauckeln, in beiden Instructdonsre- den aber der Gefakr glucklick entging. Wie man nun sick vergeblick nack einem vemunftigen Grunde umsiekt, wesskalb Marcus zwiscken Mt. 13, 58 und 14, 1 diese Bede 1) ^rcusevangelium, S. 44 ff. Digitized by Google Die Griesbach'sohe Hypothese. 12S an die Apo9tel aus Mt. 10 eingeschoben haben soUte, so ist auch der von Hilgenfeld angefuhrte, Jesus habe wegen des Unglaubens der Nazarethaner^ unter denen er seine Wirksamkeit concentriren wollte, in die umliegenden Flecken ziehen und durch die Aussendung der Apo- stel den einzelnen Empfanglichen im Volk Gelegenheit zur Busse ge- ben tnussen,^ eigentlich gar keiner. Denn die Absicht, Nazareth zur Centralstatte zu machen , ist mit nichts angedeutet, ware aucb nacb den Erfahrungen^ die Jesus zuvor mit dem intiinsten Cirkel machte, den er in Nazareth hatte, unbegreiflich genug; und wenn er keine Flecken durch- wandeln koimte, ohne das Bedurfniss zu empfinden ^ Junger voranzu- schicken oder auszusenden^ so hatte er auch schon 1 y 38. 39 die beiden Bruderpaare zu diesem Zwecke aufbieten mussen. Dazu kommt noch, dass in der That unerklarlich ist, wie sich hier Lucas zu seinen beiden Vorevangelisten gestellt haben soUte. Derselbe soil sich namlich in der Stelle Lc. 8, 22 — 9, 50 trcu an den Gang des Marcus halten, eiuige Auslassungen abgerechnet, die Mr. 6, I — 6. 45—8, 26 betreffen. Ist die erste Auslassung wegen Lc. 4, 16- -30 begreiflich, so ist die zweite schon desshalb auffalliger, weil er einer ganzen Beihe von Erzahlungen, die in seinen beiden Quellen in gleicher Weise enthalten waren , einen doppelten Widerstand entgegengesetzt haben musste aus dem melancho- lischen Grunde , dass ihm das Seewandeln, das Gesprach uber das Han- dewaschen , die Erzahlung von der Kananaerin und die Zeichenforde- rang »mehr oder weniger gleichgultiga gcwesen seien, nachdem er sich einmal resignirt hatte , die zweite Speisungsgeschichte zu abergehen. * Was aber die Hauptsache ist, Lucas soil also in einer Fartie, darinnen er ganz dem Marcus folgt, eine Auslassung eintreten lassen, der bei Matthaus die Stelle 14, 22—16, 4 entsprechen wurde. Wie kommt es nun aber, dass Lucas aus dieser letztgenannten Fartie des Matthaus doch verschiedene Sentenzen ausbricht und gelegentlich verwerthet, nftmlich nach Hilgenf eld's eigenem Zugestandniss Mt. 15, 14 == Lc. 6, 39 und Mt. 16, 6 = Lc. 12, 1, wozu wir noch Mt. 16, 3. 4 = Lc. 12, 54 — 56 stellen? Seltsam, dass Dies lauter Stellen sind, welche bei Mat^ th&us offenbar den Charakter von Einschaltungen tragen. SoUen wir denken, Lucas habe gleichsam die parallelen Abschnitte Mr. 6, 45 — 8^ 26 = Mt. 14, 22 — 16, 4 wie geometrische Figuren uber einandergelegt und die Faar Verse, in denen Matthaus von Marcus nicht gedeckt wird, als verwendbaren StoflFerachtet, das Uebrige aber als fur ihn un- antastbar? Und diese seltsame Frocedur mit Matthaus soUte er vomeh- men in einem Zusammenhang, in dem er sonst ganz dem Marcus folgt? Sicherlich vereinigt sich hier AUes, lun uns auf eine andere Losung des I) A. a. O. S. 135 f. -2) Evangelien, S. 179. Digitized by VjOOQ IC 1 26 Drlttes CA{>itel. B&thselfi hinzuweisen — n&mlick auf die ganz eiafache Annahme , dass ausser A eine zweite Quelle existirt habe fur Matthaus und Lucas, aue welcher sich das Beiden gemeinsainey von Beideii aber in ganz verschie- dener Weise mit dem Faden von A verknupfte. Material ^klaren Itot Wir gehen daher zunachst dazu dber , das Daeein dieser Quelle zu con- statiren. Drittes Capitel. Oompositioii des Matth&us und Lucas. — Quelle A (Urmattli&us). %. n. lie iwelte laapfquelle. I. Nachweis der Existenz. Auch abgesehen von ihrer ge- meinsamen Abhangigkeit von A , kOnnen Matthaus und Lucas nicht als zwei selbstst&ndige Schrifteteller angesehen werden. Sie haben auch ^ber die Stucke, die Beide aus A entlehnten, hinaus noch manche £r- zfthlungs-, ganz besonders aber Redestucke mit einander gemein. Und zwar sehen wir hierbei ganz ab von den wenigen Abschnitten, die wir, wiewohl sie bei Marcus fehlen, doch in den Zusammenhang von A ver- legen mussten. Solche Sttlcke tragen auch bei Matthaus nicht den Cha- rakter von Einschaltungen, sondem den der fortlaufenden Rede. Wohl aber hat Matthaus die erste Quelle durch eine Reihe von didaktischen Stellen unterbrochen , die sich beim ersten Seitenblick auf Marcus als- bald als das eigenste Eigenthum, als Grund aller, vom Baurisse der Quelle A abweichenden , architektonischen Verbal tnisse des Matthaus herausstellen ; uber Herkunftsverhaltnisse und Beziehungen dieser Par- tien zu ahnlichen, aber ganz anders motivirten und disponirten, Frag- menten des Lucas haben wir nunmehr Aufschluss zu geben. Dass wir es hier erstens mit einem in sich ebenso einheitlichen, als von A deutlich zu unterscheidenden, Stoflf zu thun haben, liegt klar zu Tage , sobald man auf dem Wege einer einfachen Subtraction , in welcher Matthaus und A als die oberen Posten erscheinen , einen Rest gewonnen hat, dessen Hauptmassen sich im ersten Evangelium fast ganz auf funf bis sechs Punkten abgelagert haben, wahrend derselbe Stoff bei Lucas ebenfalls mit den Stucken, zwischen die er eingeschaltet ist, keinc chronologische Ordnung bildet, vielmehr fast ganz in die lange Pause hineiniUUt, die der sonst deutlich durchklingenden Stimme von A zwi- schen Lc. 9, 51 und 18, 14 auferlegt ist. — Eine zweite, ebenso unwi- Digitized by VjOOQ IC Die sweite Hanptquelle. 1 27 derspreohlicbe^ Beobachtung lasst aber die durchg&ngige Verschieden- heit in den MischungsTerhaltnissen dieeer^ dem Matthaas und Luca6 fiber A hinaus gemeinsainen y Stucke erkennen. Abgesehen von weni- gen^ auch bei Matth&us selbststandig vorkommenden ^ Stucken^ meist Parabeln , bei denen dann aber wieder die doppelte Redaction Schwie- rigkeiten macht, sind namlich die uber A hinausgehenden Kedestucke, die Lucas isolirt aufnimmt und neben einander hinstellt^ bei Matthaus mrist eingeschaltet; so dass sie von dem Zusammenhang von A^ den sie unterbrechen^ doch sichtlich getragen warden. Matthaus hat diese Aub- tprucfae meist derjenigen historiscben Veranlassungen^ die ihnen Lucas voranschickt, entkleidet^ um nicht besondere Perikopen daraus machen va mussen> so dass sie die Perikopen von A nicht sowohl kurzen und idwchneiden ^ als vielmehr ausfuUen und erweitern, * oft in der Weise, dass die fremden Elemente mit den Satzen aus A geradezu vermischt erscheinen. Dadurch aber wird man von selbst auf die Vermuthung ge- fuhrt — die sich heutzutage fast allerseits zur Gewissheit erhoben hat — es mdchte Matthfius es weniger darauf abgesehen haben, die Ausspruche mit Angabe ihrer besonderen Veranlassungen und in chronologischer Fdge mitzutheilen , als vielmehr das Gleichartige und Verwandte zu^ aammenzustellen. ^ Sioherlich ist es bei so bestellten Verhaltnissen das Nachstliegende, eine zweite, fur Matthaus und Lucas gemeinsame^ aber von Beiden in ganz verschiedener Weise behandelte, Quelle anzunehmen. Unsere Un- tersuchung wird auf alien Punkten die Richtigkeit dieses Griflfes besta- gen. Hier sei nur daran erinnert, dass ja auch die meisten neueren Kri* tiker neben den Urmarcus oder UrmatthSus eine derartige Quelle unter dem Namen der i>Spruchsammlunga oder oBedesammlunga hintreten lassen. Die dringende Nothwcndigkeit dieser Annahme liegt schon nach dem bisher Gesagten zu Tage. Die Thatsache solcher^ bis auf den Aus- druck ubereinstimmender Redetheile^ wie die Antwort Jesu an Johannes Mt. 11, 4 — GasLc. 7, 22. 23 ist, konnte hochstens fur Den ohne Zuhul- fenahme einer weiteren Quelle erklarbar sein, der, abgesehen von der voraoszusetzenden Genauigkeit der mundlichen Ueberlieferung^ auch zu- gleich von der Voraussetzung ausginge, dass der Reichthum der Reden Jesu in irgend einem Sinne durch unsere Evangelien erschopft sei, dass mithin in der Begrenztheit des ursprunglichsten Stoffes es seinen Grund babe, wenn auch Matthaus und Lucas^ wo sie uber A hinausgehen, doch grossentheils wieder zusammenstimmen. • Die letztere Voraussetzung ist aber schon durch die S. 11 aufgestellten allgemeinen Grundsatze zur 1) Wilke, 8. 663. — 2) Bleek: Einleitung, II, S. 262, — 3) Weisse: Evan- gelische Oescbichte, I, S. S5. Digitized by VjOOQ IC 128 Drittes Capitel. Unmdglichkeit geworden. Sie ist ohnedies rein dogmatiscber Nature wiewohl sie selbst auf dogmatischein Boden nicht erreicht^ was sie will.* Die erstere aber lallt mit der Traditionshypothese. Was S. 51 in dieser Biobtung uber die Stellen aus A gesagt war^ bat vollkommen gleiche GeltuDg aucb in Bezug auf die weiteren gemeinsamen Partien. Sollte es denn zufallig so geworden sein, dass Mt. 1 1, 11 =Lc. 7 , 28 der auf* fallige Ausdruck ey yewritotg yvvamwv steht^ dass in den parallelen Stellen Mt. 11 , 25. 26=Lc. 10, 21 ndteQ zweimal vorkommti einmal articulirt, das anderemal unarticulirt, dass ganze Satze ubereinstimmen, wie Mt. 24, 50. 51=Lc. 12, 46: ^^ei 6 kvqioq %ov dovlov ekbvvov h fjfiiqif 7] ov TtQoadox^ xai iv ijiq^f rj ov yivtiaxei xal dixotofii^aei avtiv xai TO fiiQog av%ov (iBva tcjv — Lc. aniaziav^ Mt. vuohqltwv — ^- aw — ? Wir werden unter den dbereinstimmenden Stellen des Matthaus und Lucas keine einzige finden, die uns nothigte, den Grund der Diffe- renzen in der Hanuonie, etwa auf verscbiedene Becensionen dieser zweiten Quelle, auf verscbiedene Uebersetzungen., oder gar auf bios mundliche Ueberlieferung zuruckzuscbieben. * Vielmebr verbleiben wir bei der ganz einfacben Annabme einer weiteren, dem Mattbaus und Lucas gemeinsamen, griecbiscben Quelle, die wir vorbebaltlicb des Er- weises ibres naberen Cbarakters im Folgenden mit dem Zeicben A (ko- yid) andeuten wollen. Urn den Inbalt dieser zweiten Quelle zu bestimmen , gebt man ge- wobnlicb, wie nocb Tobler tbut, * von jenen grossen Stucken des Mat- tbaus aus, die als Bergpredigt 5—7, als Instructionsrede 10, als Rede uber das Verbaltniss des Evangeliums zu den Zeitgenossen 11, als Gleicbnisssammlung 13, als Fragmente uber Gemeindepflicbten 18, als Pbilippika wider die Pbarisaer 23, als eschatologiscbe Rede 24. 25 den Zusammenbang von A auseinandersprengen. Wie bewusst Matthaus jedenfalls verfabrt in der Hereinscbiebung dieser Stucke, das zeigt er selbst durcb den Scblussstricb , den er nacb voUbrachter Arbeit macbt mit der nur 7, 28. 11, 1. 13, 53. 19, 1. 26, 1 vorkommenden Formel xal iyivero ote iriXeaev 6 ^Irjaovg tovQ Xoyovg %ov%ovg^ worauf er mit irgend einer Wendung gewohnlicb den Faden von A gerade da wieder aufnimmt, wo er ibn, um die Bede zu bilden, batte fjdlen lassen. Ver- setzen wir jene langen Beden des Mattbaus obne Wei teres in die zweitc Quelle, so wurden in derselben also einzelne, bei bedeutenden Anlassen gebaltene, Beden gleicbsam die Achsen bilden, um welcbe sicb die wei- ter binzutretenden Stoffe drehen.* Jede dieser Bedegruppen ware so 1) Kanon und Tradition, S. 116ff. — 2) GegenEwald (Evangelien, S. 157 u. a. O.), K58tlin (Evangelien, S. 64 f.). — 3) S. 17. - 4) Ewald: Jahrbtlcher, U, S. 199. Digitized by VjOOQ IC Die zweite Hauptquelle. 129 gebildet> dass eine wirkliche Bede den Grundstock derselben bildete. So setzten sich an die Bergpredigt noch eine Reihe von AusBpruchen Jesn an von allgemein ethischem Inhalt ; so warden in die Instructions- rede an die Zwdlf anch noch Stucke aufgenommen aus den Abschieds- reden und aus anderen Ansprachen Jesu an die Apostel ; so fugten sich die yerschiedenen Anklagen gegen die Fharisaer zu einer grossen An- griflisrede^ und die bei verscldedenen Grelegenheiten gesprochenen pro- idietLschen Stucke zu einer grossen eschatologischen Bede zusammen. Man wurde ferner auch die Gleichnisse Mt. 13^ und die in A nicht Torfindlichen Beden aus Mt. 18 und 19 der Quelle A zuschreiben. Wie daher dieser Ansicht zufolge die zweite Quelle nicht sowohl Spruche^ als Beden enthielt^ ^ so kam es auch dem Verfasser des ersten Evange- lioms daraaf an^ den Bedestoff dieser zweiten Quelle vollstandig und in grossem Zusammenhang seinem Werk einzuverleiben. Er vertheilte daher die einzelnen Fartien der Bedesammlung so^ dass er dieselben an passenden Stellen von A einfugte, sie an die geeignetsten Zeitpunkte im Leben Jesu versetzte. So ware die grosse Bedegruppe, die sich auf die allgemeinen ethischen Grundlagen des Gottesreichs bezog, schon von Yomherein in den allgemeinen Grang der historischen Bergpredigt ein- ge£A88t gewesen. Matthaus ersetzte daher so die Stelle A Lc. 6^ 20 — 49. Wahrend nun aber die Quelle A selbst nur einzelne Gruppen zusam- menstellte, ohne eine Zeitangabe zu beabsichtigen oder ihre Hauptbe- standtheile als Fragmente einer evangelischen Historic hinzusteUen, wa- ren jene Hauptgruppen^ sobald sie in ein Evangelium eingefugt waren> auch in einen historischen Zusammenhang^ aber, wie sich von selbst Tersteht^ nicht in den far alle einzelnen Bestandtheile der Bede gleich richtigen^ eingetreten. Wahrend also in A grundsatzlich ein specieller historiscl^jsr Zusammenhang fehlte^ und bios gleichartige Xoyia ohne hi- itorisches Motiv in grOsserem Zusanmienhang angereiht waren^ hatte Matthaos , indem er diese Abschnitte von A mitten in eine Geschichte hineinsteUte, einen sachlichen Zusammenhang zum Theil auf Kosten des historischen hergestellt. Das Letztere zu leugnen^ hatte jedenfalls nor Der ein Becht, der es uber sich nehmen woUte, zu beweisen, dass die grossen Beden des Matthftus geradezu Originale sind und in der- selben Form und Ausdehnung von Jesu wirklich gehalten. Gegenaber dieser unmoglichen Annahme vgl. den Nachweis des Gegentheils in §. 12, Nr. 10—17. 30—33. 41. 60. 62. 82. 83. Aber^ so oder anders gewendet, ist diese ganze Vorstellung von der Spruchsammlung eine unhaltbare. Ein so durchaus unbegreifliches Ding, ohne Handhabe und Unterlage, wie eine aus Mt. 5 — 7. 10. 11. l)K68tliii, S, 57C64. Holtimann. 9 Digitized by VjOOQ IC 130 Drittet Capitel. 13. IS. 23—25 bestehende Schrift sein wurde> konnte man nur so Iftngo ale ein Originalwerk betrachten , aU man sich in bewusster oder unbe- wusster Abhangigkeit sowohl yon der traditionellen Frioritat unsen, fur apostolisch geltenden, Matthaus^ als anch von irgendwelchen, 2U Grunsten des Mattbaus vorgefiEissten^ Ansicbten uber das Verbaltnias der Quelle ^ zu unserem ersten Evangelium befand. Zugleicb spielt bier wieder herein jene, S.45 cbarakterisirtey einseitig quantitative Auf- fassung, als kdnnten unsere Evangelien bocbstens Aggregate schon fer- tiger Stoffe^ nicht aber wirklicbe schriftstelleriscbe Bildungen sein. Wir werden dagegen im Folgenden den Satz durcbfubren, dass mit ungleich mebr Sicherbeit die Gestalt, in welober die betre£fenden Stellen bei Lu- cas erscbeinen^ zum Au^ngspunkt fur die Erforscbung der zweiten Quelle zu wZQilen sei. Scbon von vomberein dunkt uns, als dorften kurze Sentenzen, Kemsprucbe, Gnomen wobl nocb fruber aufgescbrie- ben worden sein^ als lange Reden , deren scbriftlicbe Fixirung scbon viel Nacbdenken erfordert; und es dunkt uns weiter, als bezeicbne das Abgerissene und Abspringende in Stellen ^ wie Lc. 12, lA 6 di eln&f avjfpy dann 15 elne de nqog avtovgf dann 16 elne di Ttotqoi^oWpf nqog aitovg^ dann 22 sine di ngog tovg f^a^r/rag avroVf einen primitiveren literariecben Zustand^ als die langgezogenen, yon der Zablensymbolik beberrscbten^ Beden des Mattbaus. Was ist an sicb wabrscheinlicher : dass Lucas die grossen Bauten mutbwilUg zerscblagen und die Trum- mer nacb alien yier Winden auseinandergesprengt, oder dass Mat- tbaas jene Mauern aus den Steinbaufen des Lucas erbaut babe? Scbon Strauss bat dieses Verbaltniss ins Auge gefasst und dabin erklart^ i^dass die kornigen Beden Jesu durcb die Fluth der mundlicben Ueber- lieferung zwar nicbt aufgelost werden konnten^ wobl aber nicbt selten aus ihrem naturlichen Zusammenbange losgerissen^ von ibrem ursprung- licben Lager weggescbwemmt und als GeroUe an Orten abgesetzt wor- den sind; wobin sie eigentlicb nicbt gebdrten! Und dabei finden wir zwiscben den drei ersten Evangelisten den Unterscbied, dass Mattbaus, einem gescbickten Sammler abnlicb^ den Stucken zwar bei Weitem nicbt immer den ursprflnglicben Zusammenbang wiederzugeben ver- mocbty docb aber meist das Verwandte sinnig zusammenzureiben ge- wusst bat^ wabrend bei den beiden andem mancbe kleine Stucke da, wo gerade der Zufall sie abgesetzt batte^ Uegen geblieben sind, wobei dann insbesondere Lucas in einigen Fallen sicb bemubt bat^ sie kunst- licb zu fassen^ was aber den naturlicben Zusammenbang nicbt ersetzen konnte. «* — Die wenigen Falle, auf welcbe Strauss binsicbtlich dee Lucas bindeutet; werden wir in der Tbat nacbweisen. Im Granzen aber 1} Leben Jesu, I, S. 614. Digitized by VjOOQIC Die iweite Havptquelle. 13 f gehen wir von der Thatsache aus , dass eine grosse Menge von Bruch- ttucken und Redetheilen, die Matthaus in seine grossen Compositionen yerwoben hai^ bei Lucas abgerissen vorkonunen in einer Gestalt, wie ae dem noch ordnnngslos umherliegenden Rohstoff viel eher, als einem bereits wieder in Buinen zerfallenen, ehemaligen Organismus zu yerglei- chen ist Bei Lncas erscheinen die fraglichen Kedetheile noch viel mehr in ihren elementaren Lagerungsverhaltnissen ; bei Matthaus treffen wir dieselben Steine, die Lucas eben nur aus der Erde gebrochen hat, schon in architektonischer Structur an. Nur Dies fragt sich noch^ ob Jener, der die Vorarbeit leistete, Lucas, jene Bausteine wirklich ganz nur ge- kssen hat, wie sie waren, oder ob nicht schon bei ihm die ersten Spuren einer bearbeitenden Hand anzutreffen sind. Bekanntlich gibt es Falle, wo Lucas zu einer Bede, die Matthaus nur im Zusammenhang einer grOssem Predigt gibt, eine specielle Ver- aniassung hat. Das Gebet des Herm z. B., bei Matthaus der Bergrede cinverleibt, wird Lc. 11,1 besonders motivirt: xat iyiveto h T(p elvai avxdvivtonifi tivl nqoaBv%6^evov ^ wg inavaaTO^ eini Tig %iZv fjia^- Tci/y avTOv vtQog av%6v • xvQie dida^ov rjjuag TtQoaevxead'ai, xad'tog xai ^lioawfjg idlda^e %ovg fia&tjrag ovtov. Schleiermacher zweifelt nicht, »auch dies Gebet sei in die Bergrede eingeschoben worden von Einem, der die blose Formel besass, ohne die Nachricht, wo und wann sie zuerst mitgetheilt worden. Die hier angegebene Veranlassung ist aber sehr naturlich, und daher auch wohl unsere kurzere Eedaction des Gebets selbst fur die ursprungliche zu halten. « ^ In seiner Nachfolge kat dann auch Sieffert die Behauptung gewagt, Lucas gebe uber- kaupt, im Gegensatze zu dem gruppirenden Matthaus, immer die be- »timmte historische Veranlassung. * Den Genannten direct entgegentre- tend wollten Strauss,' DeWette,* Weisse," Ritschl,* Baur,'' Soberer® u. A. dem Lucas so wenig grOssere Ursprunglichkeit zuge- ateken, dass ihnen vielmehr in den meisten der in Betracht kommenden Partien die Ordnung des Matthaus viel sachgemasser vorkommt. Stel- len, wie die eben angefuhrte Einleitung zur Mittheilung des Musterge- bets, werden auf dieser Seite fur von Lucas erfundene Ueberschriften erklart, rein aus Reflexion auf den folgenden Bedeinhalt entstanden. — An sich liesse es sich leicht vorstellen , dass die Bedefragmente in ^ <^er8 so vdllig abgerissen aufeinander folgten, dass bereits Lucas sich veranlasst sah, dieselben einigermaassen zu arrangiren und zu motivi- 1) Versuch, S. 173 (126}. — 2) Urepnmg des enten kanonischen Evangeliums, 8. 78. — 3) Charakteristiken und Kritiken, 1S44, S. 253 ff. - 4) Einleitung, H, 8. 176. — 5) Evangelische Geschiehte, I, S. 86 f. — 6) Evangelium Marcions, 8. 227 ff. — 7) EvangeUen, S. 474. — 8) NouveUe reme, IV, 8. 345—349. 9* Digitized by LjOOQ IC 132 Drittot CapiteL ren. Wir werden sehen^ dass Lucas auch in der BearbeituBg yon A zu- weilen selbststandige Scenerien liefert^ wie 6^ 17. 21 , 5; warum sollte er sich diese Freiheit^ die bei der Einreihung bloser Bedefragmente aus ji viel besser angebracht war> gerade bier versagt haben? Ist es doch nur so zu erklaren^ wenn Lucas es fur nothig findet, die Beziehun* gen der Parabeln, die er gibt, den Lesem von vomherein deutlich zu machen, wie 14^ 7. 15^ 1. 2. Zuweilen gibt Lucas auch zu seinen Para- beln eine Moral an, die bei genauerer Besichtigung gar nicht als die richtige und wahre Pointe der Vergleichung gelten kann, wie z. B. das Gleicbniss 18, 1 — 8 sich selbst charakterisirt (vgl. Vers 8) als die Nabe der Parusie illustrirend, wahrend Lucas, einer spater zu beschrriben- den Liebhaberei folgend, es (vgl. Vers 1) nur ganz allgemein auf die Nothwendigkeit und den Nutzen des Gebetes bezieht; ein anderes Gleicbniss 19, 11 — 27 deutet er geradezu gegen die Nahe der Parusie (vgl. Vers 11), obwohl dasselbe mit dem Zeitpunkt der Parusie gar nicbts zu tbun bat. Selbst der Eiugang des Gleicbnisses 18, 9 ^nt di xat TtQog Tivag Tovg nertoi^drag i(p kavzolg, o%i eiai dlxaioi xal i^ov* d-evovvrag zovg Xoinovg^ Ttjv naQa^oXfjv Tavttjv ist nur aus dem folgen- den Bild des Pharisaers gewonnen und an sich viel zu unbestimmt, urn in der Tradition wurzeln zu kdnnen. — Diese, zun&chst an den Gleich- nissen gemachte Wahrnehmung, bestatigt sich nun aber auch an audern Stellen , wo Lucas mit seiner speciellen Einleitung uns so rathlos lasst, wie Matthaus. Das Wort dyioviJ^ea^e eiaeX^^eiv dia Tijg CTevijg dvgag Lc. 13, 24 ist wenigstens durch die Bemerkung Lc. 13, 22. 23, Jesus sei nach Jerusalem gereist, wobei ihn Einer gefragt babe, ei bXiyoi ol ato^ofievoij nicht besser motivirt, als Mt. 7, 13, wo es als Epilog der Bergpredigt an ein ganz fremdes Bedestuck angeschlossen wird. Hier wie dort nimmt sich der Zusammenhang steif und gemacht aus. Um von der Geschichte vom contracten Weibe auf die Gleichnisse vom Senf> kom und Sauerteig uberzuleiten, setzt Lucas zwischen beide Abschnitte die jedenfalls selbstgemachte Bemerkung 13, 17 xai %av%a liyorrog avtov KatrjaxvvovTO navteg ol dmKei^evoi avT(fi yuxt Tt&g 6 ox^og ^ai- Qev iTii nSaiv zoig ivdd^oig toig ytvo^ivoig vit avtov, was auf die fol- gende Bede uber die Expansionskraft des Reiches Jesu vorbereiten soil. Lucas greift zu solchen Auskunftsmitteln , ohne seinen Zweck, das Granze glatt zu machen und ein Stuck gefugig an das andere zu reihen, zu erreichen, da ihn von ganz freien Bildungen der Phantasie, wie sie allein helfen konnten , sein Respect vor dem Objectiven der mitzuthei- lenden Geschichte abhalt. So erweist sich als eine, aller concreten Mo- tivirung entbehrende, Bitte der Junger die zum Zweck der Einfugung des Ganzen gemachte Formel 17, 5 xat slnav oi drtoCToXoi. T(p xvQitf TtQoa&eg ^fiiv nlotiv. So stehtLc. 17, 11 diijQx^to diet (jUoov Safia- Digitized by VjOOQ IC Die sweite Hauptquelle. I33 Qslag Tuxt FaXi^Xalagy die ausserst unklare Formel, nur, um zu erklaren^ wie ein sainaritanischer Aussatziger mit judischen zusammentreffen konnte. Nach demselben Maassstabe ist 17, 20 das iQtDTrjd-etg vnb tcSv 0aQiGai(ov zu bairtheilen^ und kann avvenoQevovto de avT(p ox^oi, nol^ }joi xai (nqatpeig cine TCQog avtovg 14, 25 nur eine Projection der fol- genden Bede sein, die mit eX tig Iqx^^^ nqog fie beginnt, welche Worte dchauf etwas, wie ein noqevsad'aiy zu beziehen schienen. ^ Nicht an- den verhftlt es sich aber auch mit 1 1, 29 taiv de ox^fov iTta&QOitp^evwVy mit der Gastmahlsscenerie 11, 37. 38 und 14, 1 ; nicbt anders auch mit den Zwiechenfragen der Zuhorer , wodurch die Ueberg&nge der Rede hergestellt werden sollen, wie 11, 45. 12, 41. 14, 15. 17, 5. 37, oder mitdem ekaye di und ahnlichen Notizen, wodurch nur die Aufnahme does neuen Gedankens angedeutet wird. Dies Alles sind in gleicher Weise Formeln , » die zwar so aussehen , als enthielten sie etwas That- sachliches, aber dennoch keinen historischen Gehalt haben, sondern als etwas behandelt werden, das sich von selbst versteht. a ^ Da sonach die historischen Einleitungen im Lucas zum mindesten verdachtig sind, scheinen wir direct auf eine Ansicht von der Beschaf- fenheit der Quelle -^ gewiesen, welche unserer ganzen Hypothese ge« fihrlich werden kOnnte. Nachdem schon Wilke sich gegen dieselbe nur gesperrt hatle, weil solche Xoyia noch mehr als blose loyia hatten sein mOssen, ' bemerkte in neuerer Zeit besonders Hilgenfeld, der unermudliche Bekampfer aller und jeder Spruchsammlungstheorien, Folgendes : Beden ohne Geschichtshintergrund lassen sich gar nicht denken ; selbst die langeren Beden des Matthaus konnen nicht ausge- schieden werden. * Aber auch wir halten es ja mit ihm fur eine ganz irreleitende Ansicht, als hatte die Bedesammlung etwa Mt. 5 — 7. 10. IJ. 13. 18. 23 — 25 umfasst, da alle diese Abschnitte sich vielmehr als Combinationen von A und ^ darstellen ; und dass die in Bede stehende Art, Ausspruche Jesu ohne Geschichte zu uberliefem, an sich etwas sehr UnvoUkommenes ist, woUen wir gar nicht bestreiten. Darum wis- aen wir auch bis auf den heutigen Tag noch nicht, worauf sich die Kla- gen uber Bethsaida und Chorazin, die Beden von den geopferten Gali- Iftem, vom Thurm zu Siloah beziehen; und wenn Josephus nicht ware,* so wurden wir auch Lc. 19, 12—14 nicht verstehen. Im Uebri- gensehen sichKostlin* undMeyer^ zu der Concession genothigt, den Beden auch geschichtliche Beigaben, einleitende historische No- tizen, soweit solche zum Verstandnisse des Gesprochenen nothwen- l)Rit8chl: Eyangelium Marcions, S. 228. — 2) Gfr6rer: Urchriatenthum, n, 1, 8. 242. — 3) Urevangelist, S. 691. — 4) EvangeUen, S. 1J3. — 5) Ant. 17, 11, 1. — 6) 8. 57 ff. — 7) ZvL Matthaus, 8. 12. Digitized by VjOOQ IC 134 Drittes Capitel dig erschienen, beigefugt sein zu lassen. Das ware an sich recht wtAi mOglich ; nur muss die Annahme sich wirklich auf die nothwendigsten Talle beschranken. Bios wenn im Granzen die Fragmente anf einander folgten^ fast wie die Aphorismen dee Hippokrates, konnten sie yon Mat- thftus und Lucas in so verschiedene Geechichtsrahmen gebracht werden. £s ist zwar sehr rich tig, dass zu ihrem wirklichen Verstandnisse eiiie genauere Keuntniss der Situation, der sie entstammten, s^r forderlich ware. Das konnte aber nicht hindem, dass in der ersten Zeit eine grosse Anzahl von Ausspruchen auch ohne Angabe ihrer Veranlassung gesam- melt wurden; * es sind die von Gfrorer so genannten vschwebenden Ausspruchea Jesu, die keinen festenOrt in der evangelischen Geschichte haben, sondern im Matthaus auf einem andern Punkt ihrer Wanderong erscheinen, als im Lucas. * Selbst solche Ausspruche, die, wfc die Ver- gleichung der Junger mit Licht und Salz, uns jetzt ohne Angabe des angeredeten Subjects haltungslos erscheinen, namentlich auch fast alle Parabeln gehorten ursprunglich in diese Classe der schwebenden Aus- spruche. Erst die, bei wachsender Entfemung vom Factum ebenfalls wachsende Schwierigkeit des Verstehens fuhrte theils zur Entstehung von Commentaren iiber ^ (vgl. §. 1 5), theils, — und Dies schon fruher — zu, selbststandig neben -^ hintretenden , Werken, welche sich die Behandlung der historischen Seite des Wirkens Jesu zur Aufgabe mach- ten (vgl. §. 24). Andererseits muss zugestanden werden und ist im Grunde schon von Gfrorer zugestanden worden,' dass in einzelnen Fallen bereits in ^ kleine historische Einleitungen und Verbindungen sich fanden ; nam- lich uberall da , wo der Verfasser von ui sonst auf die Mittheilung des betreflFenden AusspruchesgeradezuhatteVerzicht leisten mussen. Natur- lich, dass solche Nothigungen besonders im Anfang seines Werkes ofters wiederkehren mussten , wie die, aus Lucas reconstruirbaren, Eingangs- partien von ^ bestatigen. Es kame nur darauf an, Stellen zu finden, auf deren Grund sich die Einleitungen des Lucas von den kurzen Vorbemer- kungen in-^noch unterscheiden lassen. DabeiistjedochmitVorsicht zu verfahren. So soil durch die allgemein gehaltene Einleitung 15, 1. 2 die Anreihung von drei Parabeln erklart werden, die Jesus schwerlich so Stack fur Stack neben einander hingelegt hat, Doch konnte man zwischen beiden Versen einen Unterschied statuiren. Es charakterisirt sich 15, 1 Tjcav di eyyl^ovTBS avtip navreq ol Teldivai xai oi ctfiofTwXol schon um der Uebertreibung und Unbestimmtheit willen als Eigenthum des Lu- cas und konnte hervorgerufen erscheinen durch das Folgende xai di«- 1) Reus 8, Nouvelle reyue, II, S. 46. — 2) Urchristenthum , II, 1, S. 164. — 3) A. a. O. S. 245. Digitized by VjOOQ IC Die zweite Hauptquelle. 135 ydyyv^av oi OoQMaioi nal oi yQafAfiaTslg liyor$$g oTt ovTog a^aq^ ttaiovg TtifOodixeTai nat avvea^Ut avtoig. Aber auch diese Forinel «Und nicht in der Quelle; sie ist nach 5, 30 gebildet und hier vorange- schickt; well die folgendeu Parabeln denselben Gedanken entbalten, womit Jesas sonst jenen Vorwurf zuruckweist (vgl. 5, 32). * Dagegen erweist sich fur unseren Zweck brauchbar die Stelle 10, 25, wozu frei* Uch Schleierinacher bemerkt: »Die Frage des vofiixdg schickt sich sehr gut auf eine Beise. o^ Zu seiner Note macht aber Gfr5rer die wei- tere Anmerkung: »Kann man arger in den Tag hinein schwatzen?«' In der That weist das dveavtj so deutlich, als mdglich, auf eine andere Scenerie hin, und Lucas hatte, wofern ihm die Schwierigkeit aufgefal- len ware , den Vorgang nothwendig in eine Synagoge verlegen mussen. Hier ubersah also die motivirende Kunst des Lucas eine Gelegen- heit, sich zu bethatigen. Die Stelle mag uns daher als Wegweiser die- nen , um uns eine Vorstellung von der knappen Urgestalt der ausfiihr- licheren Einleitungen zu geben , die wir im Lucas antreffen. Eine an- dere Stelle von dieser Art ist Mt. 11, 2—4 « Lc. 7, 18—22. OflFenbar urar in -/i die Rede Jesu, die mit noq^d-ivz^g dnayyalXare ^liaavvu 2x movetB xal fiijnete anfangt, nur kurz motivirt mit d^IfoiwrjgTtifiXf^ag dia %Qy f4a&fjt4Sv avrov elrtep' at €l6 iQxo^Bvog tj^sQoy ftQoadoxwfisv. Dies erweitert Matthaus so, dass er auch die Frage des Taufers durch den aus Mt. 4, 12 erschlossenen Zusatz movaag h %ip dBafiXoXg nokXoig ixaqiaato fiXdneiv. * Wahrend demnach hier die historischen Notizen in ^ sich schon bis 2U einer eigentlichen Angabe der Veranlassung erweitert hatten, was z. B. auchLc. 13, 1 der Fall ist, so beschranken sie sich am anderen Orte, z. B. Matthaus 11, 25 sb Lc. 10, 21 nur auf ganz allgemeine Andeu- tungen hinsichtlich der Identitat der Zeit, und der 10, 25 bezuglich des Ortes vorfindliche Wegeweiser war schon dem Lucas unleserlich gewor- den. Wie man sieht, ist mit solchen, ganz kurz und allgemein gehalte- nen, geschichtlichen Angaben , die nur wenigen Fragmenten beigesetzt waren, die im AUgemeinen unchronologische und auch nur im weitesten 1) Ritschl: Eyangelium Marcions, 8.227. — 2) Versuch, S. 170(125). — 3) Ur- christenthum, n, 1, S. 237. — 4) Schleiermacher (Vewuch, 8. 109), Bleek (SynopsU, I, S. 443). — 5) Schleiermacher: VerBuch, S. 106 (78). Digitized by VjOOQ IC 136 Brittes CH>it«l. Sinn des Wortes sacUiche Anordnung dieeer loyia ohne Sohwierigkeit zu vereinigen. ^ Die Einleitungen des Lucas aber erklaren sich jetzt alft Versuche^ die wenigen^ nur kurz gezogenen Andeutungslinien in ^ moglichst zu erweitern und sie zu , ganz direct auf einen bestimmten Funkt imLeben Jesu deutenden, Anzeigem zu machen. Wie sich Lucas Derartiges erlauben konnte^ wird erst recht anschaulich gemacht, wenn sich diese seine Manier als der Quelle abgelernt und als im Interesse der Quelle selbst angenommen erwiesen hat. Wo Ueberschriften stan- den^ da hat sie Lucas immer g^eben, wohl auch erweitert. Wo keine waren, da hat er solche ofters ausfindig gemacht^ wozu ihn seine Ge- wohnheit, mit Zueammenhang, Vermittlung und Pragmatismus zu er- zahlen^ treiben mochte, wahrend ihm die Paar FaUe, wo er solche Ein- leitungen in ^ schon vorfand, unmittelbare Anleitung gaben. Nach diesem Kanon wird dann wohl auch 1 1, 1 die Einleitung in das Muster- gebet, von deren Betrachtung wir ausgegangen sind, zu beurtheilen sein. Dasselbe ist bei Matthaus sicher eingearbeitet; wahrend andererseits die Unbestimmtheit des iv %67t(f zivi wieder recht deutlich an die Manier des Lucas erinnert. Zu weit aber geht die Opposition gegen Schleier- macher^ wenn sie in dem ganzen Verse blose Fiction des Lucas er- blickt und meint^ Jesus werde viel eher aus eigenem Andachtstrieb ein- mal im Kreise der Junger so gebetet, als das Gebet auf ihre Auffor- derung ihnen vorgesprochen haben. Sicherlich horten die Junger den Herrn oftmals beten. Dass sie aber gerade diese kurze Form sich ge- merkt haben, dazu musste Veranlassung geboten sein, wie auch die Be- stimmtheit der Aufforderung »Lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jtlnger lehrtea sich durchaus unterscheidet von dem Charakter> der allein von Lucas gebildeten, ihrem ganzen Inhalt nach bios aus dem jeweils folgenden Stuck entnommenen , Einleitungen und Ueber- schrifiten. Wir betrachten demnach als die hauptsachlichsteUrsache, wesshalh die bisherigen Versuche, das synoptische Verwandtschaftsverh<niss aufzuhellen, nie vollkommen gelingen konnten, denUmstand, dass diese zweite Quelle entweder verleugnet, oder doch wenigstens falsch be- stimmt worden ist. Vor Allem liegt der Hauptschaden der Wilke'- schen Untersuchung darin, dass sie sich gegen die Duplicitat derUaupt^ quellen , die behufs der Erklarung des synoptischen Verwandtschafts- verhaltnisses nicht zu umgehen ist, verschlossen und dafur lieber eine Abhangigkeit desMatthaus von Lucas statuirt hat.^ Besondersan einer Stelle* geht ubrigens hervor, wie nahe Wilke's geubter Tastsinn ihn 1) KOstlin, S. 58. — 2) Vgl. Weisse: Evangelienfrage, S. 83. — 3) Urevan- gelist, S. 175. Digitized by VjOOQ IC Die zweite Hauptquelle. 137 der zu entdeckenden Thatsache gebracht hat: » Was beiliufig die angeb- lichen Xoyia de» Papias anlangt^ so ist wohl das Wahrscheinlichste^ dass sie, als ein fur sich Bestehendes angenommen^ nicht unter den^ in un- •ere Betrachtungssphare ^ einfallenden^ Reden zu suchen sind^ sondem vielleicht anderswo ausser derselben. a^ Hat man sich aber von dem Vorhandensein der Quelle ^ auch uberzeugt; so darf man sich ja keinem vorschnellen Construiren hinge- ben, um korzer Hand die Verschiedenheit des Matthaus von Lucas dar- aus zu erklaren. In dieser Beziehung ist auf das Verschiedenartigste ge- fehlt worden. Das Verhaltniss von ^ zu Matthaus ist namentlich falsch bestimmt, wenn man mit Meyer' undKostlin, der eine Beschrei- bong dieser Quelle nach rein subjectivem Maassstab gibt, * voraussetzt^ dass unser Matthaus jedenfalls eine Erweiterung von ui sein mtlsse. Im Grc^ntheil ist im Matthaus der Aufriss des Ganzen, so gut wie bei Mar- cos und Lucas^ aus A, und bios das im Verglei6h mit Marcus sich erge- bende, Plus von Bedestoff muss auf Hechnung der Benutzung von ^ gebracht werden. Uebrigens hat zu diesem ganzen Irrthum Ewald Ver- anlassung gegeben> der in ui eine Quelle fur alle drei Synoptiker sieht. Dies fjihrt ihn naturlich in die schwierigsten Lagen imd verdeckt ihm die rettende Aussicht in's Freie auf Schritt und Tritt seiner Wanderung. Ea beruht also beispielsweise ganz einfach auf schriftstellerischer Com- position, wenn Matthaus die Wiederholung scheuend^ die Rede Jesu an die Zwdlf> wie er sie in A vorfand^ mit der Bede an die Siebzig, wie sie^Lc. 10; 3 — 12 hat^ verschmolz. Hier muss nun Ewald anneh- men, dass Marcus aus einer Spruchsammlung, deren Beichthum wir aus den Stellen des Lucas bemessen konnen y nur die durftigen Sentenzen Mr. 6; 8 — 11 excerpirt; und dass Lucas zuerst dieses Excerpt, dannaber noch einmal auch die Originalstelle, wiewohl nach einer andem Be- daction ausgeschrieben habe. ^ Dass aber die grosse Bede des Matthaus in^gestanden habe, hat Ewald bios aus dem elg f^iaqtvQiov ai%oXg Mr. 6, 11 geschlossen, das zwar Matthaus 10,14 fehlt, dafur aber 18 nachgetragen wird. ^ Wie klar liegt dagegen der Sachverhalt vor, wenn Lc. 9, 3 — 5, wie der ganze Zusammenhang beweist, aus A, dagegen der Abschnitt Lc. 10, 2—12, dessen Parallelstellen bei Matthaus sich 1) D. h. bei Wilke die nerste Tafel,n bei uns A. — 2) D. h, bei Wilke auf der nweiten Tafel,« welche die dem Matthaus und Lucas gemeinsamen Stacke umfasst. YgL die »Neutestamentliche Rhetorikn, S. 443 (dem Geist nach seien diese Stflcke rer- •chieden yon den alien Dreien gemeinsamen) imd S. 436 (die letzterw&hnten Stacke berichten GeschichtUches , die dem Mattbftus und Lucas gemeinsamen seien »didakti- ieher Katur und so gefasst , dass in ihnen die Beiiehung auf den Lehrsweck das Vor- bemchende ist«). — 3) Zu HatthAus, S. 12 ff. ^ 4) S. 57—69. — 5) EyangeUen, 8. 247. - 6) A. a. O. S. 249. Digitized by VjOOQ IC 133 DriUes C^>iteL auch dort als eingeschaltet erweisen^ aas aner zweiten^ bios dem Mat- thaus und Lucas gemeinsamen 5 Quelle stammt! Ewald gerath in die besprochenen Schwierigkeiten, weil er der zweiten Quelle A eine ahn- liche Stellung einraumt, wie wir in Bezug auf A gethan haben — n&m- lich Unterlage fur alle drei Synoptiker 2U sein. Dieses Verfaliren ist aber durch die Sachlage keinenfalls geboten oder gerechtfertigt, da ja — wie gezeigt — die Abschnitte, welche Matthaus und Lucas mit Marcus gemein haben y durchaus nur eine einzige gemeinsame Unterlage erfor- dem. Marcus aber^ der sich nach unserer Auffassung so einfach erklart, muss bei Ewald eine ausserst kunstliche Mischung darstellen, inso- fern 1, 9 — 20. 9, 2—13. 30—32. 10, 1—31. 11, 1—21. 12, 13—37 aus dem altesten Evangelium, unserer Quelle A, dagegen 1 , 4 — 8. 3, 23—29. 4, 3—32. 6, 7—11. 8, 27—9, 1. 33—50. 10, 33—45. 11, 27 —12, 12. 12, 38 — 40. 13, 1 — 14, 2 aus ^ stammen soUte. Auf diese Art, die Prioritat des Marcus zu behaupten, ist allerdings die Kritik anwendbar, welcbe Baur^ und Hilgenfeld' an der Ewald'schen Construction geUbt haben. Dagegen widerstreitet es ebenfalls alien Grundsatzen einer vorsich- tigen Kritik, wenn man mit Schleiermacher' und Reuss^ die Quelle Ay die sicherlich mit Marcus nichts zu thun hat, auch ausser alle Beziehung zu Lucas setzen will. A ware sonst — meint Reuss — zerrissen worden — aber Matthaus kann ja ebenso wohl componirt haben; ferner sagt Reuss, der Text von A wSre verandert worden — aber gar nicht mehr, als der von A auch ; endlich A ware verstummelt worden — aber hier kommt Alles an auf Erklarung der von Reuss an- gefuhrten Beispiele, und daran wird es in keinem einzigen Fall bei uns fehlen. Seltsam aber ist, dass bei der so haufigen wdrtlichen Ueberein- stimmung ganzer Satze, die in den hier in Betracht kommenden zahlrei* chen Stellen nicht minder auffallend ist, als in den Copien von A, Reuss doch diesmal zur Erklarung nur ^die Sicherheit der Tradition, e nicht ein schriftstellerisches Abhangigkeitsverhaltniss aufbieten will. Eine andere Mischung von Wahrheit und Irrthum stellt endlich der Versuch von Weiss dar, welcher den Matthaus erklaren will als Zusammenarbeitung von Marcus und einer ursprunglichem, auch dem Marcus zu Grunde gelegenen. Quelle. Unglucklicher Weise wird nun aber diese gemeinschaftliche Quelle des Matthaus und Marcus so con- struirt, dass sie zugleich die Stelle unserer zweiten Quelle des Mat* thaus , also die Stelle von A einnehmen , und auch die Uebereinstim- mung des Matthaus mit Lucas ermitteln muss. * Marcus hatte nunmehr 1) Marcusemngelium, S. 161 ff. — 2) Evangelien, S. 33 ff. — 3) Werke, I, 2, 8. 383. — 4) Revue de Th6ologie, XV, S. 13 ff. NouveUe rerue, n, S. 43 f. Ge- schichte der h. Schriften, S. 191 f. — 5) S. 80 ff. Digitized by VjOOQ IC Die zweite Hauptquelle. 139 dbo wieder die schdne Bergrede Mt. 5—7 au%elost, um einselne Trum- mer dayon gdegentlich einzuBchiebeii ; die Instructionsrede hatte er fipater, als Matdiaus, gestellt, aus der antipharisaischen Bede blose Be- miniscensen beigebracht. Dies AUes gereicht nicht einmal zum Vor- theil der Reden des Matthaui, da Weiss selbst Unwiederum auch den compilatorischen Charakter von Mt. 5 — 7. 11. 13. 18. 23—25 aner- kannt hat. * Da hdrt dann freilich fast alle sichere Messbarkeit des er- sten Evangeliums am zweiten auf, und das dritte stellt ein voUends principloses Schwanken im Ausdmck zwischen der Matthausquelle und Marcus dar. ' Wie aber nach dieser Hypothese die^ aus einer besonne- nen Vergleichung des Marcus mit Lucas und Matthaus deutlich erkenn- baren, Umrisse der ersten Quelle wieder gftnzlich verwischt wer- den, so kann auch die zweite Quelle bei Weiss absolut auf keine ir- gendwie vorstellbare Gestalt zuruckgefuhrt werden. Was sollte denn das fur eine i>Bedesammlunga sein^ in welcher die Geschichten von den Aussatxigen Mt. 8, 1 — 4, von der Blindenheilung Mt. 9, 27 — 31 , vom kananaischen Weibe Mt. 15, 21 — 28 doch wenigstens in derjenigen Ausfuhrlichkeit gestanden haben mussten, die schlechterdings erforder- lichist, um die abgerissenen Beden, die in diesem Berichte vorkom- men, in ihren Beziehungen auffassen zu konnen! Und was fur ein Verfahren des Marcus , der z. B. die Beden Mt. 9 , 5. 6 vorfindet und dazu den Bahmen Mr. 2, 3 — 12 fertigt,' oder der auf ahnlichem Wege seine Geschichte Mr. 3, 1—6 zu Wege bringt!* Welch gequalte Un- terscheidungen, wo es sich darum handelt, in Stellen, wie Mt. 8, 28 — 34. 9, 18—26. 17, 14 — 21 die beiden Quellen zu unterscheiden, aus denen solche, so leicht aus Marcus erklarbare, Beferate zusammenge- schweisst und dabei merkwurdiger Weise immer um ein Bedeutendes kurzer geworden sein soUen.^ Welch ein Schicksal von Mt. 5, 31. 32, welche Stelle zuerst in A gestanden haben, dann von Mr. 10, 1 — 12 in ein Gesprach verwandelt worden sein soil, bis Matthaus beide Formen neben einander gesetzt habe!* Kein Wunder, dass zuletzt Weiss selbst auf die Moglichkeit verzichtet, die Composition durchsichtig und die Grrenze zwischen den Stellen, wo Marcus aus A geschopft und wo er telbststandig geschrieben hat, nachweisbar machen zu konnen. Auch diese Ldsung des Problems theilt, so viel treflFende Einzelbeobachtun- gen sie mit sich fohrt, doch wieder mit so manchen andem das Schicksal, einen Weg versucht zu haben, von dem sich herausstellt, dass er nur ins Dickicht willkurlicher Ausktlnfte und Hiilfsmittel fuhrt, eine durch- scUagende Bichtung aber nicht gewinnen kann. 1) 8. 72 ff. — 2) 8. 81-86. — 3) S. 89. 656. — 4) S. 657. - 5) S. 657 f. — 6) 8. 661. Digitized by VjOOQ IC 140 Brittes Capitol. Hauptsache ist und bleibt aUo^ unsere sweite Quelle, als von Mat* thaus und Lucas benutzt, vollkommen selbstBtandig neben A hinsustel- len und jedes Abhangigkeitoverhaltniss zwischen diesen Quellen selbst abzuweisen. Wo nicht, so wurde die ganze Ellarheit der Einsicht, die wir in das so einfache Quellenverhaltniss der Synoptiker gewinnen kon- nen, alsbald wieder getrubt werden. II. Aufstellung der zweiten Quelle. Nachdem wir die all- gemeine Manier der Quelle A bestimmt, gehen ynx zur Untersuchung ihres Umfangs und Inhaltes uber. Es ist zuvorderst die Frage> ob der Stoff von A von einem der beiden Evangelisten vollstftndig aufgenom- men worden sei, so dass wir also berechtigt waren, Alles, was der an- dere noch daruber hinaus in A nicht Enthaltenes hat, auch ausserhalb von A zu suchen. Die Freiheit der Auswahl, womit Beide in Bezug auf A verfahren, lasst uns zum Yoraus eine vemeinende Antwort er- warten. Wir konnen Dies aber auch mit einzelnen Beispielen besdmmt erweisen. Von Matthaus ausgelassen ist in der Farallelstelle Mt. 18, 11 — 14 = Lc. 15, 3 — 7 jedenfalls die Pointe Lc. 7, vielleicht auch der ganze Fortgang bei Lucas. Von Lucas dagegen ist ausgelassen Mt. 21, 28 — 30, weil es ihm nach Lc. 15, 11 — 32 uberflussig schien. ^ Die be- ruhmten Worte Mt. 11, 28—30 schliessen offenbar die Bede Mt. 11, 25—27 as Lc. 10, 21. 22 ab, fehlen aber bei Lucas. Konnte er diese Stelle ubergehen, bei wie vielen ahnlichen mochte Aehnliches der Fall sein ! * In der That zeigt §.11, Tafel 1, dass Lucas die zweite Quelle so wenig ganz aufgenommen hat, als die erste ; wenn gleich der Inhalt von Ay in dessen Mittheilung Matthaus uber Lucas hinausgeht, lange nicht so bedeutend ist, wie der, in welchem Lucas allein referirt. Sehr Vie- les namlich, was Matthaus allein hat, und was eine oberflachliche Betrach- tung auf A zuruckfuhren wurde, erweist sich, genauer besehen, als schrift^tellerisches Eigenthum des Matthaus. So standen z. B. nicht in A folgende dem Matthaus eigenthOmliche Stucke 16, 17 — 19. .17, 24 — 27. 18, 15 — 20.' Dagegen geht Lucas in Mittheilungen aus A uber Matthaus hinaus, besonders in der Partie zwischen 14, 1 und 18, 14^ von der Weiss zwar ubertreibend sagt, dass sich jede Spur von ihr bei Matthaus verloren habe ; ^ immerhin aber sind es nur einzelne Anklange und herubergenommene Fointen, welche zeigen, dass Matthaus diese Abschnitte kannte. Hatte er den ganzen Inhalt von A aufnehmen wol- len, so warden seine Bedestucke nicht mehr so symmetrisch und klar angelegt sein, sie wurden unregelmassig construirt, in die Lange und Breite gezogen und an einzelnen Stellen v5llig uberschwellend und uber- 1) Weisae: Eyangelische Oeschichte, II, S. 109. — 2) Weisse: A.a.O.,S.74. 3) Weisse: A. a. O. I, S. 86. — 4) S. 702. Digitized by VjOOQ IC Die zweite Hauptquelle. 141 bauschig aussehen muBsen. Dass Lucas die zweite Quelle fast ganz, Matthaus nur^ soweit sie assimilbar war fur ihn , aufgenommen^ steht also nur im besten Einklang mit der ohnehin feststehenden Thatsaclie^ dass sich Matthaus zu Lucas verhalt^ wie ein e^benmassiges Kunstwerk zu einem beliebig zu dehuenden Sammelwerk. Hat es mit dem Gesagten seine Bichtigkeity so wurde die Quelle A von Lucas in einer Weise benutzt, die uns uber ihre ursprungliche Ge- stalt am ebesten Aufschluss geben kann. Dass namlich bei ihm diese Stucke vielfach in ihrer ursprUnglichen Anreihung verblieben sind^ er- sieht man selbst aus Schwierigkeiten, wie der Erwahnung des xAi/myg 12y 39> die sich auf 12, 33 zuruckbezieht, wahrend bei Matthaus beide Stellen weit auseinander zu liegen kommen 6, 19. 20. 24, 43. An kei- ner andem Stelle der Evangelien kommt aber der %Kkrt%riq wieder vor. Wir werden daher wohl auch uberhaupt berechtigt sein, das Vorherr- schen der parabolischen Lehrform und die Gruppirung der Bedestucke Lc. 14, 1 — IS, 14 aufBechnung von ^ zu setzen. Es ist somit die grosse Einschaltung des Lucas, in der sich die Hauptmassen des, in der zweiten Quelle enUialtenen, Stoffes erhalten hat, freilich nicht mehr ganz in ursprunglicher Ordnung, sondern so, dass die einzelnen Theile etwas ubereinander geschtlttet vorkommen, und die ursprtlngliche Folge nur noch im Grosseu und Ganzen zu erkennen ist. Indem wir so bei Beschreibung der Quelle A uns in erster Linie immer an Lucas halten werden, unterscheiden wir uns auf das Bestimmteste von den bisheri- gen Versuchen, die ))Bedesammlunga wieder herzustellen. Dieselben konnten einfach desshalb nicht gelingen, weil sie von der Vorstellung ausgingen, dass diese zweite Quelle wenn irgendwo, so bei Matthaus, gleichsam in natura zu sehen sein musse, wodurch naturUch von vom- herein jeder Weg versperrt war, auf dem man sich das Verhaltniss der Bestandtheile A Matthaus zu den anderen A Lucas hatte erklaren kon- nen. Keiner von den vielen, hierdurch yeranlassten , Irrthumem hat aber folgenreicher auf die Beurtheilung der Quelle A eingewirkt, als die Yoraussetzung, dass in derselben schlechterdings die Bergpredigt anzu- treffen sein musse. Vielmehr sind Mt. 5 — 7 gerade diejenigen Stellen aus A^ welche in den Zusammenhang der historischen Bergpredigt erst eingearbeitet wurden ; sie bilden darum allerdings die Hauptmasse der matthaischen Bergrede, eben darum aber nicht der wirklichen. Wir ge- winnen somit fur die Bergpredigt des Matthaus ganz dasselbe Verhalt- niss, wie fur das Gleichnisscapitel 13, welches nichts anderes ist, als eine Erweiterung und Bereicherung von A Mr. 4, 1 — 20; wie for die Instructionsrede A Mr. 6, 7 — 11 == Lc. 9, 1 — 6, die Mt. 10 mit aus- fuhrlichen Mittheilungen aus A verschmolzen erscheint; wie fur die Offensivrede Mt. 13, die aus einer Combination von A mit A Mr. 12, Digitized by VjOOQ IC 142 Drittes CapUel. 3S — 40 entspmngen ist; wie fur die eBcliatologische Bede Mt. 24. 2b, welche einem weitlaufigen Ueberbau des einfachen Denkmals Mr. 18 gleicht.^ Es ist wesenUich ein Verdienst V olkmar's^ die genetischen Verh<nisse der grossen Beden im Matthaos im Gegensatze gegen seine Tubinger Lehrer richtig erkannt nnd die nRed^elegenheitena in A^ woran Matthaos mit seinen Coinpositionen anknupft, nachgewiesen zu haben. ' Wenn wir nun daran gehen, diese zweite Quelle^ soweit es thun- lich ist^ nach den angegebenen Grunds&tzen zu reconstruiren , so mus- sen wir zum Voraus bemerken^ dass hier der Natur der Sache nach ein so hoher Grad von Evidenz nicht zu erzielen ist, wie Solches der Fall war hinsichtlich der ersten Quelle. Konnten wir, ohne die Grenzen des der wiseenscfaafdichen Combination Erreichbaren zu tlberschreiten , schon bezuglich des Verhaltnisses unserer Synoptiker zu A in manchen Fallen eine diplomatische Genauigkeit der Angaben nicht versprechen, so wird sich Dies bei Herstellung der zweiten Quelle in gesteigertem Maasse wiederholen. Und zwar gilt das Gresagte zum Theil vom Stoff als sol- chem — dieser kann namlich in den Fartien, wo entweder nur Matthaus, oder nur Lucas die Quelle reproducirt, mit bios relativer Sicherheit nachgewiesen werden — zum Theil von der Aufeinanderfolge der ein- zelnen Theile dieses Stoffes, deren ursprungliche Beschaffenheit gleich- falls zuweilen in annahemd richtiger Weise angegeben werden kann. Wir geben im Folgenden diejenige Anordnung, die uns, die Stelle des Lucas mit sich selbst und mit denen des Matthaus verglichen , als die in sich geschlossenste und wahrscheinlichste erscheint und mit dem Bau des ersten und des dritten EvangeHums am besten harmonirt. Um den Anfang dieser zweiten Quelle zu bestimmen , gilt es vor AUem , die fruher von Weisse, • jetzt von Ewald * verfochtene An- sicht zu prflfen, wornach schon die, bei Marcus fehlende, Bede des T&ufers Mt. 3, 7 — 12. Lc. 3, 7 — 17 einen Abschnitt derselben gebildet hatte. Aber mit Becht hat Weisse selbst seine fruhere Aufstellung zu- ruckgenommen , weil man ja auf diese Art aus ui eine evangelische Erzahlung von ganz ahnlichem Geprage, wie unsere kanonischen Evan- gelien, machen und den einheitlichen Charakter der zweiten Quelle^ wornach sie nur authentische Worte Jesu enthalten solle, preisgeben musste. " Dennoch lag dem Irrthume eine richtige Ahnung zu Grunde. Denn das erste grdssere Stuck, das Lucas nicht bios, sondem — abgese- hen von einigen, durch den Inhalt von A nothwendig gewordenen Einfu- 1) Weisse: Evangelienfrage , S. 158. 160. — 2) Religion Jesu, S. 353 if. — 3) Evangelische Geschichte, 11, S. 7 ff. — 4) Jahrbflcher, n, S. 198 f. — 5) Evange- Uenfrage, S. 156. 164. Digitized by VjOOQ IC Die sweite Hauptquelle. 143 gongen — aoch Matthaos aus A beibringt> betrifft in der That den Taufer. Wie namlich A mit dem Auftreten des Taufers^ so begann A sachgemass mit einem^ auf diese stehende a(jxri zov evayy^liov bezug- lichen, Aussproch Jesu uber Bedeutung und Werth dee Johannes Lc. 7, IS— 35 3B Mt 11, 2—11. 16--19. Da aber diese Beden durch die Ge* sandtschaft des Taufers motivirt werden mussten, haben wir gleich hier eine historische Einleitung, die Lucas nach Gewohnheit vergrOssert. Vgl. hieraber das S. 135 Gesagte^ womitsich Weiss e's Zwei£el erledi- gen. * Als in yi selbst von bios einleitender Bedeutung, hat das Stuck auch bei Lucas, der sonst diese Quelle erst in der grossen Eiiischaltung recht unmittelbar benutzt, eine fruhere und selbststandige Stellung in der kleinen Einschaltung gefunden. Matthaus aber fugt, mit Ausnahme der, entweder von Lucas eingefugten, oder von Matthaus erst spater 21, 31. 32 verarbeiteten. Verse Lc. 7, 29. 30, dieses erste Stuck der awei- ten Quelle ein, sobald er nur von jedem der Mt. 11, 5 erwahnten Wunderwerke Jesu ein Muster gegeben hat. Auf diese Weise hat er die Antwort Jesu so wohl vorbereitet, dass Hilgenfeld, der Sachordnung seines ersten Evangeliums gewohnt, an jede Darstellung von der Sen- dung des Taufers a priori dieselbe Anforderung stellen zu mussen meinte. ^ — Aber wie steht es mit den, unerklart im Best gelassenen Versen Mt. 21, 31. 32 = Lc. 7, 29. 30? Es kann diese Frage ak dn instractives Beispiel gelten fur die Art und Weise, mit der soldie Schwierigkeiten behandelt sein woUen. Bei Lucas , wie bei Matthaus wird die Bede Jesu uber den Taufer ubereinstimmend fortgefuhrt bis auf den Punkt, wo der Kleinste im Himmelreich fdr dem Taufer uber- l^en erklart wird Lc. 28 »= Mt. 1 1. VoUig different ist, was sich bei Matthaus und was bei Lucas an diesen Ausspruch anschliesst. Die Dif- ferenz dauert aber nur ein Faar Verse , und alsbald fahren beide Evan- gelisten ganz gleichmassig fort mit der Bede : TtVt 6f4,oi(oa(o Trjv yevsav tavtfpf Lc. 31 =s Mt. 16. Von vomherein ist nun sicherlich nicht an- zanehmen, dass beide Evangelisten vermdge eines seltsamen Zufalls ihre Quelle an derselben Stelle mit einer Einschaltung versehen haben soUten, wie ja auch, wenn wir die diflFerirende Partie auswerfen, gar kein Zu- sammenhang in der Bede Jesu mehr vorhanden ist. Um so schwieriger ist die Frage, wer die ursprungliche Verbindung beibehalten hat, wer nicht. Vieles scheint fur Lucas zu sprechen. Namentlich kOnnte man versucht sein, das idixam&t] am Schlusse der Bede Lc. 35 a Mt. 19 aus dem idi%aUaaav Lc. 29 zu erklaren und die Worte Jesu ubers dies 6eschlecht« als durch Lc. 29. 30 motivirt zu betrachten. Dann hatte 1) Eyaagelienfrage, S. 156. 158. Vgl. aber S. 213 die Kache des Irrthums. — 2) ETtngeUen, S. 113. Digitized by VjOOQ IC 144 Driteet Capitel. Matthaus diese Worte hier ausgelasaen^ um sie 21 ^ 31. 82 zu ver- werthen. Wie nun aber eine derardge vorblickende Auslassung viel mAt in der Art des Lucas ^ als des Matthaus ist, so stehen auch die fraglichen Worte bei Matthaus in einem enggeschlossmien Zusammen- hang, bei Lucas dagegen wollte sich einer ganzen Beihe von Auslegem das Gefuhl einer eintretenden Fuge aufdrangen^ so dass man zum min- desten an eine^ die Bede Jesu unterbrechende, Geschiclitsbemerkung des Lucas ^ oder an ein spateres Einscbiebsel ^ denken zu mussen glaubte. Denn auch der Zusammenhang mit dem Folgenden ist mehr scheinbarer^ als wirklicher Natur^ da die Klage uber die^ den Johannes verachtenden, Zeitgenossen Lc. 31 — 35 zu der Behauptung , dass nag 6 laog dem Johannes zugefallen sei 29^ und nur die Pharisaer eine Aus- nahme gemacht hatten^ sich absolut heterogen verh<. Daher hat selbet £wald| der Lc. 29. 30 fur einen integrirenden Bestandtheil von A halt^ doch zu der Ausflucht gegriffen, jene Verse ursprunglich nicht hinter Lc. 28, sondern hinter Lc. 27 stehen zu lassen. ' Es li^ daher nahe^ mit andem Auslegem^ unsere Verse als eine Einschaltung und Bearbeitung von Mt. 21, 31. 32 zu betrachten. Dann entsteht aber die weitere Schwierigkeit, dass Mt. 11, 12 — 15 das ursprungliche Binde- glied zwischen Mt. 11, 11 » Lc. 7, 28 und Mt. 11, 16 = Lc. 7, 31 sein mdsste. Mit Becht macht dagegen Bleek^ geltend, dass schon Mt. 12 die Partikel di nicht am Platze ist, da man nach dem logischen Verhaltnisse dieses Verses zum vorhergehenden eher ydg erwartet ha- ben wurde, indem 12 als Grundlage dafur betrachtet werden kann, wesshalb Johannes auch dem Geringsten im Beiche Gottes nachsteht* Auf der andem Seite erscheint wieder das yag 13 zur Anknupfung an 12 sehr unpassend, und auch 14 ist nicht der passende Schluss des gan- zen Ausspruchs, der, wenn vfii auf 11 sehen, weniger die Lobpreisung des Taufers, als die Hervorhebung des Vorzugs des Gottesreichs be- zweckt. Nun hat aber die ganze Stelle eine Parallele Lc. 16, 16, wo sich die Gedanken Mt. 12. 13 wirklich in umgekehrter Ordnung fin- den. Stellen wir nun auch bei Matthftus die Verse 13. 14 vor 12, so erscheinen selbst die Bindepartikeln hochst angemessen, und wir haben in der ganzen Stelle einen Beweis fur Mt. 1 1 , dass der Geringste im Beich Gottes aber Johannes stehe. Denn der Taufer selbst gehort in das Beich Derer, die nur geweissagt haben (13); wenngleich er als un- mittelbarster Herold des Verheissenen alle seine Vorganger uberragt 1) Paulas, Bornemann, Schleiermacher, Lachmann, Bleek, Hil- genfeld, KOstlin: S. 143 f. — 2) Gfr5rer: Geschichte des Urchmtenthuzns, n, 1, S. 168 ff. — 3) Evangelien, S. 253 f. — 4) De Wette, der »8&chsische Anonym us, « Weisse: Evangelische Geschichte, II, S. 109. -— 5) Synopsis, I, S. 454. Digitized by VjOOQ IC Die zweite Hauptqaelle. 145 (14). Jetzt aber (12) ist das geweissagte Reich selbst angebrochen^ wird mit Macht erstrebt von Vielen, unter denen der Geringste es weiter bringt, als alle Propheten. Somit losen sich alle Schwierigkeiten, wenn wir dieStelle Mt. 11, 12—15 = Lc. 16, 16 zwar an dem Platze su* Chen, wo Matthau8 sie hat, aber in einer andem, durch dieParallelstelle de8 Lucas indicirten, Ordnung. Daran kann uns auch nicht irre machen, wenn N can der diese Verse in eine spatere Zeit, da der T&ufer schon vom Schauplatz abgetreten ist, versetzen will, * da ja das bei Lucas nicht yorfindlicbe i'wg aQvt dem Matthans angehoren kann , der dabei seine spatere Zeit und deren Verhaltnisse vor Augen hatte. ^ Ueberdies wird rich §. 19, 4 zeigen, dass schon das Wort aQVi auf einen selbststandigen Zusatz des ersten Evangelisten weist. Somit haben wir in Lc. 7, 29. 30 eine Einschaltung anzuerkennen. die ganz aus demselben Motiv wie die Stelle Lc. 3, 18 — 20 geflossen ist Wie dort Lucas an eine fruhere Stelle von A gleich anhangt, was dieselbe Quelle noch spater von dem Taufer berichtet, so thut er hier mit ^; er schiebt in die Partie, wo des Taufers zuerst Erwahnung ge* schieht, gleich noch eine zweite, sp&ter stehende, Stelle ein, die den Erfolg seines Auftretens kennzeichnet; und zwar thut er Dies in sehr freier Weise, indem er aus dem schwierigen Ausdruck ^I9tp yaq ^Iw* inriQ h 6d(fi 3ixaioavvf)g Mt. 21 , 32 mit Vorblick auf das idLxauth^fj Lc 7, 35 und mit Zuhulfenahme des paulinischen Sprachgebrauchs die Formel idcxaloHjav tov d-edv 29 bildet. Bei Gelegenheit dieser Ein- achaltung geht ihm aber Mt. 11, 12 — 15 verloren, da sich Mt. 11, 13 unmOglich an Lc. 7, 30 anknupfen lasst. £r holt daher erst 16, 16 in sehr hastiger Weise das hier Uebergangene nach. Auf die , so hergestellte, Einleitung der Spruchsammlung uber das Verhaltniss Jesu zum Tftufer folgten sehr sachgemass Reden Jesu an Beine Jonger, und zwar zuerst an Solche, die es werden wollten, wie Lc. 9, 57—60 (= Mt 8, 14—22). 61. 62. An diese, die Art und Weise der ersten Ankntlpfung veranschaulichenden, Gesprache schloss sich dann die, an die gewonnenen Junger gerichtete, Aussendungsrede an. Sehr sprechend ftlr das Verhaltniss von Azxx A sind namlich die bei- den Instructionsreden, die Lucas 9, 3 — 5. 10, 2 — 12 aufgenommen hat Dieselben sind sachlich eben so verwandt, ja identisch, als in Be- nehung auf die Form unabhangigvon einander gebildet. Es leidet kei- nes Zweifel, dass sowohl in A, als in ^ diese Bede den denkwurdigen Moment bezeichnen sollte, da Jesus seine 12 Junger zum erstenmal aus- sukdte. Granz sachgemass verfahrt daher Matthaus, der beide Quellen comtanirti]ndaufdie8emWegeaus^4lieStellen 9, 37. 38. 10, 5—13. 1) Leben Jesu, S. 336 f. — 2) B leek: Synopsis, I» S. 455. HottiBMim. 1 0 Digitized by VjOOQ IC 146 Drittet Capitol. 15. 16 gewinnt. Lucas hingegen hat aus A zuerst 9^ 2 — 6 abgesclirie- ben , findet aber dann in A eine ahnliche Eede. Auslassen koxmte er sie nicht, well der weitere Fortgang Lc. 10^ 17 — 24 mit dieser Anssen- dung zu unlosbar srasammenhing und an sich zu bedeutend war^ um ubergangen zu werden. Er gibt daher zu A Lc. 9^ 2 — 6 auch die Pa- railele A Lc. 10^ 2 — 12. "Weil aber die 12 Junger zum zweitenmal nicht mehr ausgesandt werden konnen mit denselben Auftr&gen, nimmt a: Ton der Notiz, womach das Folgende an die Junger geredet sein sc^ Veranlassung, sich nach einem weitem Jungerkreise umzusehen. Die Beden Jesu, welched bei Gelegenheit der Absendung und der Ruck- kehr der Zwdlf zusammenstellt^ werden daher hier auf eine Aussendung Ton 70 Jungern ubertragen, deren Zahl sich auf ganz natdrlichem W^;e in der judenchristlichen Tradition gebildet hatte (§. 25). Somit ist aber auch gar keine Veranlassung, mit E wald ^ fur die kurze Erw&hnung dieser 70 bei Lc. 10^ 1. 17 eine besondere Quelle vorauszusetzen , son- dem Lucas gibt auch hier wiedei:, wie so oft^ einem Fragment Ton A eine, aus bloser 'Wahrscheinlichkeitsrechnung herTorgegangene, £r- weiterung der ursprunglichen Ueberschrift. Uebrigens b^rann die Aussendungsrede in A mit der Erklarung uber Ernte und Schnitter Lc. 2 = Mt. 9, 37. 38. Hierauf kam die Sendung der Schafe mitten unter die Wolfe Lc. 3 = Mt 10, 16. Die zweite Halfte des Verses hat Lucas ausgelassen, weil er auch das unmittelbar daran sich schliessende, erkl&rende Wort Mt. 10, 5. 6 aus, auf der Hand liegenden, Grdnden ausliess. Mag auch der Ausdruck ngo^ata dTtoiAaXora oXkov ^Icfcnjk Mt. 10, 6 =s 15, 24 Tielleicht dem ersten ETangelisten angehoren, die ganze Stelle Mt. 10, 5. 6 kann schon um der fortlaufenden Parallele Mr. 6, 7. 8 zs Lc. 9, 1 — 3 nicht aus A sein, wohl aber aus A, welche Quelle Mt. 10, 5-— 13. 15. 16 so benutzt wird, dass zuerst die ziemlich am Anfang stehende, Adresse referirt, dann die jeweils mit A parallden Stellen excerpirt, und endlich das Schluss- und das Anfangswort neben finander gestellt werden. £s ist namlich im Weiteren A herzuateUen ausLc. 4—8 ss Mt. 10, 9—13. Lc. 9 sr Mt. 10, 7. 8 (wo MatthauB im zweiten Vers Tollstandiger ist). Lc. 10. 11 s Mt. 10, 14. Lc. 12 as Mt. 10, 15. Die Aussendungsrede in^ leitete uber zu einem Wdieruf ^ber die StSdte, denen Jesus bisher persdnlich> aber Tergeblich das ETangdiom gepredigt hatteLc. 13—15 » Mt. 11, 21—24 (wo Matth&us in den bei- den letzten Versen Tollstandiger ist), und zu der ermuthigendenVersiche- mngLc. 16s=Mt.lO, 40. Unmittelbar an diese Beden schloss sich an der Abschnitt Lc. 10, 17—20, welcher die Bikkkehr der Auagesandten und 1) Evangelien, S. 284. Digitized by VjOOQ IC Die rweite Hanptquelle. 147 dtts, bei dieser Gelegenbeit im HinbHck auf die Anftnge seines Reiches gesprochene^ trimnphirende Wort Jesu Lc. 10, 21 — 24 (darinnen auoh 22 einen Rnckweis auf 18) enthalt. Auch Matthaus hat diese Rede, aber ohne Zusammenhang und Verbindung, und an zwei verschiedenen Orten, namlich zuerst Lc. 21. 22 = Mt. 11, 25 — 27, welche Stelle ans* Kef in den Ausruf Mt. 1 1, 28 — 30, den Lucas ausliess, weil er an dem xaneiv6g ^ und wohl aucb als gesetzesireier Pauliner an dem ^vy6g und fogtiov Anstoss nehmen konnte. Indem so das , an Alle gesprochene Wort dsvte ttqSq (jlb Ttavteq in der Mitte auefiel, kam in den Text des Lucas die Ungehorigkeit , dass zwei nach einander berichtete Reden Jesu, namlich 22 und 23. 24, als an andere Subjecte gerich'tet eingefahrt werden, und diese Subjecte doch beidemal dieselben sind, namlich die ftct9irfval — ein Uebelstand, den Lucas nicht besser macht, wenn er das Jfweitemal noch ein xar Idlav einfugt. Uebrigens hat MatthSus die iweite Halfte der Rede, namlich Lc. 23. 24 erst 13, 16. 17 angebracht Endlich schloss der Apostelabsohnitt in A mit der Erzahlung vom Rangstreit der Junger Lc. 22, 24—30 =* Mt. 19, 28. Dass die Stelle eine Sachparallele ist zu A Mr. 10, 35—45. Mt. 20, 20—28 hat auf der cmen Seite Matthaus erkannt, der das, zur Antwort auf die zudringliche Bitte der Zwei alien Aposteln gegebene, Verheissungswort Lc. 22, 30 glanbt der Erz^lung vom Rangstreit selbst vorausschicken zu mussen, am so das Object der Bitte erkl^lich erscheinen zu lassen ; auf der an- dem ist dies Vernfiltniss aber auch dem Lucas nicht entgangen, wie er damit beweist, dass er die ParallelsteUe aus A auslasst, weil er Torhat, unsere Partie von A bei der Darstellung des letzten Mahles zu verwen- den, wozu ihm die Reden vom avcmelfdevog Lc. 22 , 27 , vielleicht auch sonst eine Kunde, dass etwas Derartiges beim letzten Mahl vorgekom- men, Veranlassung boten. Uebrigens schloss sich in A das Ttaytb ditxtU ^Hai vfilv iia9(og dii&etd piotb Ttazi^Q ^ov ^oiXeiav Lc. 22, 29 vor- trefflich an die, diesem Abschnitt so nahe vorangegangenen , Worte ftdna fiov naQedo&ri vno tov natgog fiov Mt. 11, 27 = Lc. 10, 22. — Als charakteristisch muss noch hervorgehoben werden, dass Lucas im ersten Theil der Rede Jesu 25. 26 sich zum Theil an die Form der Pa- lallele in A hfilt, aber nur zum Theil, wie die abweichenden Ausdrucke fvtqyiwai 25 und vetorsgog 26 beweisen, womit sich ubrigens schon die Quelle -vielleicht an spatere Verhaltnisse in der christlichen Gemeinde (vgl. Act. 5, 6. 10) anschliesst. Matthaus aber hat 19, 28 die ganze Stelle Lc. 22, 28=30 so verarbeitet, dass Lc. 28 in vfieig ol axoXov^i^aavrig fiOi^ Lc. 29 und 90 (a) in ^ rjf naliyyevealtf , 8vav xad-lof] 6 vl6g xov ii^Qionov hti d'qdvov dd^g avzov und Lc. 30 (b) in xa&laea&e xal l)KOstlin,S. 127. Digitized by VjOOQ IC 1 48 Drittes Capitol. vfieig ini iwd&na d-QOvovQ^ nqlvovceg tag dwdeaa gwlagtov^Ioifca^l wie- der zum Vorscheiii kommt. — Nachdem also Lucas diesen Absdmitt vor der Hand ausgelassen , nimmt er die Quelle wieder an einer Stelle auf^ deren sachlichen Zusammenhang mit dem ihr vorangehenden wir na- ttlrlicli nicht mehr mit Sicherheit bestimmen konnen. Zunachst liefert er 10, 25 — 37 eine Perikope, die er offenbar aus zwei ursprunglich ohne inneren Zusammenhang in ^ neben einander stehenden Abschnitten eombinirt hat. £b folgte namlich nun Lc. 25—28 die Erzahlung vom vofiixdgj die schon jxm ihrer Berucksichtigung bei Mt. 22, 35 willen in ^ gestanden hat Auch das folgende Gleichniss vom Samariter Lc. 3^ — 35 ist ganz im Cnarakter der ubrigen Parabeln aus ^ gehalten und fugte sich in dieser Quelle nur vermoge einer ausseren Ideenassociation — gleichsam ad vocem nXrjoiov — an. Obwohl es an sich nichts weni- ger, als eine illustnrte Definition des Begrififes nXtjoiov ist, hat dodi Lucas durch die Verse 29. 36. 37 eine solche daraus machen woUen, wie die erkunstelte Gesprachswendung, mit der das Gleichniss an den Torigen Auftritt angehangt wird, und die nichts weniger, als achte oder naturliche Pointe, mittelst deren es wieder in die ganze Scene einge- rahmt wird, beweisen.* — Noch einmal anknupfend an den Taufer erscheint hierauf 11,1 eine kurze Ueberschrift, die Veranlassung zur Mittheilung des Mustergebets 2 — 4 = Mt. 6, 9 — 13 wird, woran sich einige andere Beden Jesu uber dasGebetLc. 11, 5 — 8. 9 — 13 = Mt. 7, 7 — 11 anreihen. Lucas hat dieselben 5 mit xal elTcev nqbg aitovg ar- rangirt. — Von dem Verhaltnisse Jesu gegenuber seinen Jttngem geht so- fort A uber zu der pharisaischen Opposition, deren , dem Wunderwir- ken Jesu entgegengestellte. These h %(fi aQ%ov%i %£v daifioviwv htfidJi-' let Ta daifxSvia wiederum eine historische Einleitung erforderte. Das betreffende, jedenfalls sehr kurze Stuck aus ^ findet sich nirgends mehr rein, da es auch Lc. 11, 14 ff. nur mit der ausfuhrlicheren Parallele aus A Mt^ 9, 32 — 34. 12, 22 — 32 verschmolzen yorkommt. Dass aber in ^ Notiz genommen war von der Jesu zugemutheten Belzebulgenossen- schaft, geht namentlich aus der Akoluthie her vor, die sowohl bei Mat- thaus, als bei Lucas unmittelbar an die so motivirte Apologie Jesu das Stuck vom Zeichen des Jonas folgen lasst. Wo nicht, so musste man an- nehmen, dass Matthaus und Lucas hier ihre Geschichtserzahlungen aus der einen , ihre Beden aus der andem Quelle aufs Gerathewohl combi* nirt hatten und in diesem Versuch, namentlich auch was die Anreihung der Spruche vom Zeichen des Jonas betrifft, voUstandig zusammenge- troffen seien. Mit Becht lasst daher auch Ewald diese beiden Stiicke 1) We Use (ETangelische G^eschichte, 11, S. 147 f.), KOttlin (Brangelien, 8. 275), Scherer (Nouvelle revue, IV, 8. 344 f.). Digitized by VjOOQ IC Die zweite Hauptquelle. 149 in A 8chon ursprunglich neben einander stehen. * Die Verwicklung stammt aber daher^ dass jedes von beiden Stucken auch in A eine Pa- rallele hat^ nur dass sie dort weiter von einander getrennt vorkommen. Es ist Dies die Rede gegen die Belzebulgenossenschaft, deren eigen- thumliche Zubehor noch Mt. 12 ^ 36. 37 und Lc. 11, 27. 28 erhalten ist, als Parallele zu Mr. 3, 20 — 30; und die Verantwortung wegen des geforderten Zeichens Lc. 11, 16. 29—32 = Mt. 12, 38—42, als Paral- lele zu Mr. 8, 11 — 13. Zu beiden Reden hatte nun aber nach A ein Wunder, verrichtet das erstemal an einem stummen Damonischen (vgl. S. 78), das zweitemal an einem Taubstummen (vgl. S. 85), Veranlassung gegeben. Nehmen wir an, dass auch in A zwei kurze Notizen (deren eine vielleicht, anstatt von einein Stummen, von einem Blinden redete) die beiden Beden motivirte, so erklart sich durch die Kreuzung z weier differenter und aus zwei Quellen mitgetheilter Erzahlungen leicht der XJmstand, dass der Geheilte Mt. 9, 32 =s Lc. 11, 14 damonisch und stomm, Mt. 12, 22 aber stumm und blind, Mr. 7, 32 endlich taubstumm ist Es ist Dies Folge der Combination von A 1) Mt. 9, 32 = Lc. 11, 14, 2) Mr. 7, 32 und von A 1) Mt. 12, 22, 2) Lc. 11, 14. 16. Uebri- gens erkennt man daran, dass Lucas beide Vorfalle nicbt einfach hin- tereinander erzahlt, sondem sowohl die beiden bistorischen Notizen, die in A vorangingen, in den Vers Lc. 11, 14 mitaufgenommen denkt, als anch die Forderung des Zeichens gleich vom Anfang der zweiten Ge- schichte an den Anfang der ersten stellt Lc. 11 , 16, wieder die schon einmal beobachtete Tendenz des Lucas , zwischen den un verbundenen Fragmenten von A einen Zusammenhang herzustellen. Freilich fallt dieser Versuch diesmal so aus, dass schon Strauss an der Darstellung des Lucas befremdlich finden konnte, wie Jesus , nachdem er in einer gewaltigen Rede gegen das Bedeutendere, die Beschuldigung wegen des Belzebul, gesprochen, und sogar nach der Lc. 11, 27. 28 berich- teten Unterbrechung, die ihn zu ganz anderartigen Betrachtungen ver- anhisst hatte, ' wieder auf das Unbedeutendere , die langst vorher ge- sehehene Zeichenforderung, soUte zuruckgegriffen haben.' — Ganz sachgemass schliesst sich ubrigens diesen beiden antipharisaischen Stucken — da die von Mt. 5, 14. 15. 6, 22. 23 zerstuckt wiedergege- bene Rede vomLichtLc. 11, 33 — 36 jedenfalls auf Anticipation be* ruht (vgl. §.13, Nr. 88. 109) — ein drittes an, die gewaltige Droh- 1) ETangelien, S. 226. — 2) Vgl. Ritschl: Erangelium Marcion's, S. 252 : »In- dem Jesut > ungeacbtet er hierdurch su ganz anderen Gtedanken angeregt wird, den- noch attf die weit surUokliegende Forderung eines Zeichens zurtLckkommt , ersoheint darin deutlich die faat aystematuche Anordnung des Schriftatellersy welcher zwei The- mata ToranateUt and dieselben nach einander behandeln lftMt.« — 3) Leben Jeau, I^ 8. 714. Digitized by VjOOQ IC 150 Drittet Capital. rede gegen die Fhariafter 11, 37 — 54. Allein Ton hier ab kann man im- mer deutlicher merken^ wie Lucas die mangelnde Untersoheiduiig der Veranlasaung, bei welcher die in^nur durch Sachordnung verbundenen, Ausspruche gesprochen warden, durch eigenen Fleiss zu ersetzen sucht. Mit Unrecht erblickt man zwar in 1 1, 37—54 gewohnlich einen Beweis^ daas Lucas ein Stuck der grossen antipharisaischenSchlussrede des Mat- thaus, namlichMt. 23, 4 (= Lc. 46). 13 (= Lc. 52). 23. 24 (= Lc. 42, aber den letzteren Vers hat Lucas ausgelassen). 25. 26 (as Lc. 39—41). 27. 28 (s= Lc. 44). 29—36 (= Lc. 47 — 51), aus diesem ursprunglichen Context losgeldst und, weil Lc. 39 der Topfe und Sohusseln Erwahnung geschieht, nach seiner Ansicht passend, in Wahrheit freilich sehr un- passend, als bei einem Grastmahl gesprochen dau'gestellt habe. Wie diese Ansicht auf unhaltbaren Yoraussetzungen uber die mattMischen Com- positionen beruht, so wurde sie auch immer nur den Anfang der Bede 39 — 42 erklaren. Nein, die Bede selbst stand in dieser Abgrenzung hier in A^ aber die Scenerie ruhrt allerdings von Lucas her und ist um der im Anfang erwahnten Essgeschirre willen gewahlt,^ wobei man sich an die, im Hinblick auf Lc. 14, 7 — 11 getroffene, ebenfalls nicht uber alien Austand erhabene, ahnliche Scenerie 14, 1, sowie an 7, 36 erin- nem muss, wie es uberhaupt merkwurdig scheint, dass diese Bubrik — Worte Jesu, an pharisaischer Tafel gesprochen — nur bei Lucas, und bei Diesem so oft, sich findet Ausserdem hat 1 1 , 45 ganz den Anscheiny zur Unterscheidung der drei vorangegangenen , den Pharisaem gelten- den, und der drei folgenden, auf die Schriftgelehrten zielenden, Wehe- rufe eingesetzt worden zu sein ;^ » so wie Lucas iiberall in den langeren Be- den gem einige Buheplatze bezeichnet uud zu dem Zwecke solche kleine Bemerkungen (iber den Fortgang und Wechsel der Beden einschaltet.t' — Nicht minder schwierig ist gleich das Folgende 12, 1 — 12, was Baur nur als Compilation aus Matthaus begreiflich finden will. * Nicht Mos finden sich 2—9 Parallelen zu der Instructionsrede Mt. 10, 26 — 33, sondem auch unvermittelt hingestellte Ausspruche, die sowohl Mat- thftus anders stellt aus ^ (10 a Mt. 12, 32), als auch Marcus bei ganz anderen, und wie es scheint passenderen Grelegenheiten, mittheilt, wie 1) Strauss (Leben Jesu, I, S. 653 ff.), GfrOrer (Urchristenthum, n, 1, S. 243ff.), Ritschl (Evangelium Marcion's, S. 229). De Wette (Zu Marcus und Lucas, 1846, S. 88 : )»Als Veranlassung der folgenden Reden ftlhrt Lucas die Verwun- derung der Pharisfter, dass Jems sich nicht yor dem Essen gewaschen , an. Aber offen- bar Bind de an diesem Orte und zu dieser Zeit unschicklich und verlatzen die Pflicb- ten der Gastfreundschaft. Daher ist es wahrscheinlich, dass Lucas oder sein GewSlu»- mann, im Gefahle, die ZusammensteUung Mt. 23 sei unhistorisoh, diese Reden an ein pharia&isches Gastmahl verlegte). — 2) Gfrdrer: Urchnstenthum, II, 8. 246. — 3) Ewald: Evangelien, S. 288. - 4) Evangelien, S. 475. Digitized by VjOOQ IC Die sweite Hauptquelle. 151 namentlich das Wort Tt^ooix^e kavtotg and vijg t;vfifjs '^&v OaQiaalwv nachliC. 12, 1 beim Ausgang aus dem pharisaischen Hause, wo man gegessen hatte, nach Mr. 8^ 15 dagegen bei der Ueberfahrt uber das ga- lilaische Meer gesprochen wurde. Das Seltsamste dabei ist aber die See- nerie^ womack die Pharisaer Jesu mit verfanglichen Fragen zusetzen, Jesus aber das Haus verlasst (11, ^3. 54), indessen (iv olg 12,1) ^My- riaden(!) Volksa aussen sich sammeln, aus deren Mitte dann 12, 13 Eber eine Frage thut. £in dem Schriftsteller bewusster Zusammenhang exisdrt also. Aber dass mitten in dieser , sich stossenden und tretenden {wots Tuxvanatelv dlli^Xavg) , Menge Jesus eine Sede an die Junger halte, wie sie eher in der Ab3chiedsstunde begreiflich ist, dass er dabei dem wenigen Zusammenhangenden, was er beibringt, nock etliche ab- gerissene Apopkthegmata beigefOgt haben soil, ist auf den ersten Anblick schwer denkbar. ^ Zwar wird die weitere Untersuchung zeigen , dass Bwischen 1 und 2, sowie auck 2—9 ein gewisser Zusammenbang statt- findet (§. 13. Nr. 90); auck mag 1 — 3 ganz passend als vor einer grossen Volksmenge gesprocken gedackt werden, da Jesus die zagkaften Junger eben kierzu ermaknt, sick vor der Oeffentlickkeit nickt zu sckeuen. Selbst Weisse, der zuerst die ganze Sentenzenreike in versckiedene Nommem abtkeilte, ^ kat daker sekliesslick anerkennen mussen, dass diese Satse sckon in ^ so yerbunden waren. ' Wir geben daker Kdst- lin Becktj wenn er die Verbindung 1 1, 53 — 12, 1 f ur zu bestimmt er- klart, als dass sie bios von dem Evangelisten kerrukren sollte; ^ aber so- wokl kier , wie 11, Zl iv i^(p laX^aai av%6v ist sckwerlick mekr zu er- mitteln, wie weit Lucas die kleinen Einleitungen der Quelle yerlangert hat. Nur der allgemeine Zweck aUer, in diesem Zusammenkang vor- liegenden, Zus&tze Iftsst sick angeben. Es ist nftmlick die Art, wie die ganze Bede 1 — 12 an die Scenerie 1 geknupft, und diese wieder durck 11^ 53. 54 motivirt wird, wakrend 11, 53. 54 auf 11, 37. 38, und diese Stelle eben&Us wieder auf das unmittelbar Vorkergekende zuruck- siekt, kaumanders zubegreifen, denn als Product Jes, fur Anreikung und gemeinsame Einrakmung eines moglickst umfassenden Materials besorgten, Sckriftstellers. Der kistoiiscke Hintergrund ist ein mekr scheinbarer, als wirklicher; und Dies beruht darauf, dass der Quelle we- nigstens ein grosierer Zusammenhang, wie ihn Lucas liebt, ganz abging. An das ^fj fiSQifivSte Lc. 12, 1 1 schloss sich dann in ^ ganz sach- gemass ein anderes fiij fieqifAPSfS Lc. 12, 22 an, yorbereitet durch Lc. 12, 13 — 21. Sicher ist jedenfalls, dass der ganze Abschnitt Lc. 12# 1) Rittohl: Eyangeliom Marcion's, S. 257. — 2} EvangeliBche Getohichte, II 8. 64 iL — 3) Erangelienfiiige, S. 148. — 4) Evangelien, S. 273 f. Digitized by VjOOQ IC 152 Drittes Ci^iteL 22—13, 9, wie er dasteht, aus A stammt. Zuerst 12, 22 — 31 (= Mt. 6, 19 — 21. 25—33) die Rede gegen das Trachten nach gegenwartigen Gu- tern, dann, durch das {lii (po^ov 32 eng an das pLtj fteteioQl^ead-s 29 an- geschlossen, die zuversicbtliche Verheissung des » Endgutes, « * auf des- sen Gewinn man sich rustet durch Entsagen auf aussere Guter (33. 34) und durch Wachsamkeit. Dies fuhrt auf die Gleichnissrede 35 — 40 (vgl. 39. 40 =: Mt. 24, 43. 44) Die eingeschaltete Frage desPetrus 41 (xvQie TiQog ^piSg t^v TtaQapolijv ravtrjv Xiyeig tj xat nQog navxag) ver- dankt zwar ihre Form dem Lucas, so gut wie die ganz ahnlich gebildete Rede 11, 45. Wenn daher Bleek mit Recht in der gemeinsamen Quelle die Spruche sich folgen lasst ohne Unterbrechung,* wie auch die Rede Jesu eigentlich ohne alle Berucksichtigung der Frage fortl2luft,' so ist dpch zu- zugeben , dass die Einschaltung von Lucas sehr geschickt angebracht wurde, da in der That alles Folgende 42—48 (vgl. 42— 46 saMt. 24, 45 — 51) eine Beziehung auf die Erfordernisse zulasst, die an einen Knecht zu stellen sind, der eine so ausgezeichnete Stellung einnehmen will, wie Fetrus unter seinen Mitjungern.^ Die Veranlassung der Einschaltung 41 liegt aber, was bisher ubersehen war, in A Mr. 13, 37, wo Jesus nach einer ahnlichen Parabel vom Knechte sagt: 8 de vfuv Xiyta n&oiv Xiyu)' yQfjyoQeizB — welche Stelle Lucas hier verwendet, dafur aber in der Parallele 21, 36 ubergeht. Ziemlich eng an das so Berichtete schliesst sich das Vorgefuhl an, das Jesus jetzt schon empfindet von den Prufungen, die uber alle Treuen ergehen werdcn 12, 49. 50. 51 — 53= Mt. 10, 34—36. Mit diesem hellen Blick in die Zukunft contrastirt freilich urn so greller das UnvermOgen der Zeitgenossen, das, was wirk- lich an der Zeit ist (Lc. 12, 54 — 57, mit Ausnahme des letzten VerscB von Mt. 16, 2. 3 bearbeitet), vor Allem die Nothwendigkeit, mit Gott sich zu versohnen (58. 59 =s Mt. 5, 25. 26), zu erkennen. Die al^ris- sene Manier der Quelle brachte es mit sich, dass die Pharisaer, die in den letzten Ausspruchen ofienbar besonders genannt sind, jnicht aus- drucklich als die ^geredeten genannt sind, ^ und auch Lucas hat dieo- mal versaumt, eine derartige erg^nzende und orientirende Notiz einzu- flechten. — ©Am wenigsten aber mdgen die Heuchler sich damit trosten und zugleich tauschen, dass sie meinen, sie seien nicht so schuldig, wie Andere, die vor ihnen durch irgend ein dunkles Verhangniss fielenc — indem wir diesen, von E wald richtig erkannten, * Zusammenhang zwi- 1) Ewald: Eyangelien , 6. 290. — 2) SjnopBiB, 11, S. 189. Vgl. GfrOrer: Urchrutenthum, n, 1, S. 251. — 3) Kdstlin, S. 152 f. — 4) Meyer: Zu Mucus und Lucas, S. 417. — 5)Kitschl: Eyangellum Marcion's, S. 258. — 6) Evangelieii, S. 292. Vgl. Kdstlin, S. 273: »Der grosse Abschnitt 1 1 , 14—12, 59 ist mit der Perikope 13, 1—5 durch ein iv att^ r^ xoiq^ bo bestimmt yerknQpft, dass wir an- nehmen mtLssen, diese Yerbindung sei dem Lucas bereits yorgelegen.« Digitized by VjOOQ IC Die zweite HauptqueUe. 1 53 schen 12, 54 — 59 und 13, 1 — 5 aufnehmen, verlegen wir auch das letz- tere Stack nicht mit Ewald in A, wo es gar keinen Platz hat, sondem wir sehen darin wieder einen Beweis , dass auch in JL zuweilen, wo es schlechthin Noth that, historische Notizen vorkamen, wie denn Lucas die Nachricht 13, 1, von deren Specialitaten er wahrscheinlich so wenig wusste , als wir , nicht selbst erfunden haben kann. ^ An das Trdvreg kkjctvtwg anokelo&e endlich reiht sich 6 — 9 die Parabel an, welche die ganze alte Gemeinde einem unfruchtbaren Feigenbaum vergleicht, dem nor noch kurze Frist bis zum ganzlichen Abhauen 'vergonnt ist. Mit leicht erkennbarer Ideenassociation treten diesem Gleichnisse zwei an- dere, gleichfalls dem Fflanzenreich entnommene, Bilder unmittelbar zur SeiteLc. 13, 18—21 = Mt. 13, 31—33. Denn, was dazwischen steht Lc. 13, 10 — 17, ist von Lucas aus einer anderen Quelle gebildet und hier eingesetzt, ohne Zweifel nur, weil die drei Jahre Tochter Abraham a noch genesen ist, erinnerten, und er diese Ge- schichte uberhaupt nicht ubergehen wollte. Einen treffenderen Be- weis aber fur dieRichtigkeit der ganzen Construction konnten wir nicht finden, als den, dass das nachstfolgende Stuck 13, 24 — 30 (vgl. Lc. 24 — 27 =:Mt. 7, 13. 22. 23. Lc. 28. 29=Mt.8, 11. 12 Lc. 30=Mt.20, 16), das Lucas wieder auf seine Art in Scene setzt 22. 23, ^ in seinem gan- len Gedankeninhalt auf die Beden von der Wachsamkeit, auf die BU- der vom wartenden Knecht , uberhaupt auf Lc. 12, 35 ff., sowie auf den, seitLc. 12, 54 gleichfalls in's Auge gefassten Gegensatz zuriickgreift und so diesem ganzen, grossten Bedecyklus von ^ zum Abschluss verhilft. Ein neuer Abschnitt in^beginnt mit Lc. 13, 31 — 35 (34. 35=s Mt. 23, 37 — 39). Hier erscheint Jesus ziemlich am Schiusse seiner gali- liischen Wirksamkeit stehend. Mit einem der fragenden Fharisaer geht namlich Jesus nach^Hause (Lc. 14, 1) auf dessen Einladung, die aber binterlistig gemeint war (14, 2). Der nun folgende Auftritt stand jeden- fallsin^, vgl. Lc. 3. 5==:Mt. 12, 10 — 12. Lucas aber nimmt jetzt aus der Scenerie 14, 1 Veranlassung, um weitere Redeabschnitte, die auch in ^ folgten, anzureihen; dieselben hatte er schon 14, 1 durch (payelv aqtov vorbereitet und damit als Tischreden charakterisirt ; und zwar hat er sie so vertheilt, dass er die erste Partie 8 — 1 \ an die, in ihrem Thun nach den folgenden Beden charakterisirten, Grftste, die zweite 12 — 14 an den Gastwirth gerichtet sein l&sst; die dritte aber Mt. 22, 1 — 14, die Lc. 14, 16 — 24 in fireilich sehr veranderter Gestalt auftritt, wird wieder besonders motivirt durch eine herausfordemde Zwischenbemerkung 15, 1} Kdstlin, S. 230 f. — 2) Ewald: Eyangelien, S. 293. Digitized by VjOOQ IC 154 Brittes CiqpiUL die in A vielleioht indicirt^ jedenfaUs aber ganz in der Art des Lucas gehalten ist. So ist also au8 einer Beihe von Fragmenten^ die in Ay wo- fem sie sicli schon dort aneinander anschlossen , diese ihre Zusammen- ordnung nnr einer ganz allgemeinen Ideenassociation verdanken, unter der Redaction des Lucas eine langgesponnene lischunterhaltung am Sabbat geworden. Wie lose die ganze Anknupfung ist, ersieht man be- sonders an 12, wodurch eine Bede, die nach 7 bios als Gleichniss zu verstehen ist, in eine buchstablick gemeinte Tafelordnung verwandelt wird. Auch die Erwahnung der sHochzeita 8 weist offenbar auf etwas Anderes bin, als auf das einfache Grastmahl, Welches 1 erwahnt war. ^ Auf den , sonst von den Auslegem hervorgehobenen, Anstand von we- gen der Hdflichkeit wollen wir bier, so wenig als Lc. 11, 37. 38 Ge- wicht legen. Auf die Parabel von den zum Tkeil sich entschuldigenden^ zum Theil offen widersetzlicben Gasten folgt in A das Stuck Lc. 14, 25 — 33, handelnd vok der erforderlichen inneren Qualification zum Jun- ger Jesu. Davon sind Mt. 10, 37. 38 bios die Verse 26. 27 aufgenom- men. Damit waren eng verbunden die beiden zusammengehOrigen Spruche vom Salz und vom Licht, beide mit Bezug auf die Junger ge- sprochen; jeder dieser Spruche trug eine wamende Beifugung nach sich : wenn aber das Salz dumm wird , wenn nun das Licht Finstemiss wird *- was dann?^ Lucas hat 14, 34. 35 bios das vom Salz, well 11, 34 — 36 das andere anticipirt vrar*. Matthflus aber hat 5, 13—15 beide Worte, wiewohl stark alterirt, doch noch in der richtigen Folge be- halten. Wir sind hiermit in denjenigen Segionen von^ angelangt, wo sowohl der Faden , den wir an Lucas fur Bestimmung der Beihenfolge dieser Abschnitte haben, immer dunner und uuzuverlassiger wird, als auch in dieser zweiten Quelle selbst mehr und mehr nur noch das Be- streben, eine gewisse Sachordnung inne zu halten, als die Ausfuhrung dieses Strebens nachweisbar ist. Wenn Belehrung der Junger uber ihr kdnftiges Geschick und Opposition Jesu wider den pharisaischen Juda- ismus zwei Hauptgesichtspunkte waren, um die sich der zuletzt gege- bene Stoff ansetzte, so gehoren hierher auch Stellen, wie einerseits Mt. 10, 23—25, wovon Lc. 6, 40 nur den mittleren Vers beibehalten hat, und andererseits Mt. 15, 13. 14, wovon Lc. 6, 39 nur die letste Halfte hat, femer Mt. 5, 18 = Lc. 16, 17, Mt. 5, 32 =s Lc. 16, 18, sowie auch Lc. 5, 39, welchen vereinzelten Spruch l^atth&us ganz uber- geht, wahrend ihn Lc. schon 36 durch %ai tfp ftalaiip ov avfiq^ionjaei to and tov xaivov vorbereitet. £s wird nun uberhaupt schwieriger, die Verarbeitung des Lucas vom Original nach Form und Ausdehnong der 1) Ewald: Evangelien, S. 295. -- 2} Ewald: Eyangelien , S. 212. Digitized by VjOOQ IC Die sweite Hauptqaelle. j 55 fblgenden StOcke zu trennen. Dass nach Lc. 14, 25 die ganze nun fol- gende Beihe von Spruchen geredet worden sein soil, ^s Jesus viele Nachfolger auf seiner Reise bemerkte, ist eine kurze Ankntlpfung, die nur wieder dem bei Lucas mehifach wahrgenommenen horror vacui ent- stammt ist. Ebenso lose ist 15, 1-— 3 die, aus dem Folgenden ganz von selbst sich ergebende, gar nichts Neues bietende, Einleitung zu den drei Gleichnissen vom Verlorenen. Die beiden ersten hangen nicht bios dem Sinne , sondem auch der Farbe der Bede nach so unverkennbar zosaminen, dass sie Beide auch um des Gebrauchs, der Mt. 18, 12 — 14 davon gemacht ist, in ^ gestanden haben mdssen. * Gehort aber Sach- ordnung uberhaupt zu dem Charakter von A, so wurde nichts im Wege stehen, das dritte Glmchniss auf dieselbe ursprunglichste Quelle zuruck- zufobren, wenn nicht die Thatsache, dass Mt. 21, 28—30 jedenfalls in A stand, es wahrscheinlich erscheinen liesse, dass wir in Lc. 15, 11 — 82 eine andere und ausgefuhrte Gestalt der dort gesetzten Anlage vor ons haben. Einmal in der Erzahlung von Gleichnissen begriffen, geht der Ver- fasser der Bedesammlung zu dem Bilde vom ungerechten Haushalter fiber 16, 1—12,* von dem Mt. 6, 24 nur der Schluss Lc. 16, 13 aufge- nommen ist. Hier, sich anschliessend an das iv ikaxiotifi niavop slvai 16, 10 — 12, war wohl auch der ursprungliche Ort fur das, jedenfalls aus ^stammende, Gleichniss Lc. 19, 11—27 = Mt. 25, 14—30, wodurch jener Gedanke commentirt wird. Endlich aber scheint der Faden einer tdanmfarigen Vertheilung und sachlichen Ordnung vollig abzureissen, uid Lucas, der bisher stets einen gewissen Pragmatismus darzustellen bemuht war, nur 16, 14 noch einen missluDgenen Versuch zu machen, das nun folgende Stuck, das mit dem Geize gar nichts zu thun hat, mit dem vorhergehenden dadurch zusammenzubinden, dass er es, als auf die OaQiaaloi ffiXaqyvQOi v7taQ%ov%Bg gemunzt betrachtet^ — aus keinem andem Grund, als weil 15 wirklich an die Pharisfter adressirt, und 14 Yon Geiz und Beichthum die Bede ist. Wir mussten demnach anneh- men, dass im Folgenden die rein aphoristischen Partien von^beginnen, und so folgen sich denn auch Lc. 16, 16—18 die dicta fdrmlich ag- glomeratmassig. Namentlich ist zwischen 17 und 18 keine andere Co- pula vorhanden , als die allgemein logische des Fortschritts vom genus lur species. Kostlin, der in diesen paar Versen einen geschlossenen Gedankengang erkennen will, braucht doch zwei ganze Seiten, um alle l)£wald: A. a. O. S. 297. — 2)Kd8tlin, S.219: »£8 ist sehr unwahncheinlich, dus oin SchriftsteUer, der so wohl abgemndete und fliessende Reden, wie des Paulus in Athen und Milet verfasat hat, das Gleichniss vom ungerechten Haushalter nebst sei- nen schwierigen und , was den Zusammenhang betri£ft , so undurchsichtigen Zusfttzen selbtt gebUdet.K — 3) GfrOrer: Urchristonthum, II, 1, S. 273. Digitized by VjOOQ IC 156 Drittes Capitel. die Mittelglieder aufzufuhren, deren er behufs emer ertraglichen Ideen- association bedarf. ^ Mit Becht hat vielmehr Strauss hier von einem bios lexikalischen Zusammenhang ad vocem vo/iog gesprochen.* — Aber wir durfen nur auf das S. 144 f. uber die Parallele zu Lc. 16, 16 Entwickelte zuruckseben^ urn zu bemerken^ dass nicht der Zusammen- hang von A es ist, dessen Strom hier voUig in Sand verlauft; viebnehr beeilt sich Lucas^ der jetzt eben daran ist, die zweite Quelle wieder zu- zuschlagen, alle bedeutenderen Stellen der Redesammlung, die er atiB irgend welchen Grunden bisher ubergangen hatte, nachzutragen, und so werden wir wohl ein Recht gehabt haben, nicht bios S. 145, Lc. 16, 16 = Mt. 11, 12. 13, sondem auch Lc. 16, 17 = Mt. 5, 18 und Lc. 16, 18 = Mt. 5, 32 als an fruheren SteUen von ud gelegentlich vorgekom- men und hier von Lucas in bedeutend verkurzter Gestalt nachgetragen zu betrachten. — Dann macht zwar das Intermezzo Lc. 16, 16 — 18 immerhih dem fleissigen Sammler mehr Ehre, als dem gewandten Schriftsteller ; um so naher schliesst sich aber in -^ selbst Lc. 16, 19 — 31 an Lc. 16, 15, als an die Ueberschrift der Parabel an; um so ge- schlossener ist auch, wenn wir von da auf 16, 1 — 13 zuruckblicken, die, in lauter Gedanken uber irdischen Reichthum sich fortbewegende, Ideenassociation dieser ganzen Partie von ^, und um so berechtigter erscheint Lucas mit seiner Adresse an die OaQiaaiot q>i,ldQyvfOt vndq-' Xovteg 16, 14. Durch die Abschweifung 16 — 18 war ubrigens Lucas alsbald an einem Punkte angekommen, wo der Weg eines planm&ssigen Fortschritts voUig auszugehen schien ; er blickt daher noch einmal auf den letzten sicheren Ort zuruck, auf welchen ihn ein erkennbarer Prag- matismus der Quelle gefuhrt hatte, auf 16, 13. 14. Indem er nun die Stellung von 15 — 18 gleichsam preisgibt, fugt er jetzt das Gleichniss vom reichen Mann 19—31 an, welches er eigentlich gleich nach 14 hatte bringen soUen. So gut namlich, als die ausgefuhrten Gleichnisse Lc. 14, 16-24 = Mt. 22, 1—14 und Lc. 19, 11—27 =r Mt. 25, 14 — 30, kann auch dieses, an ^ Lc. 12, 16—21 erinnemde, Bild ursprOng- lich in dieser parabelreichen Quelle zuerst aufgezeichnet gewesen sein. Der Faden von ui aber ist und bleibt nunmehr fur Lucas verloren. Schon 17, 1 — 4 versucht Lucas geradezu wieder einen Ruckweg zu A. Nachtraglich bringt er zwar noch mehrere Stellen aus ui an, die aber unter sich so wenig zusammenhangen, als Lucas ihnen einen Zusam- menhang zu geben vermag, namlich Lc. 17, 5. 6 (= Mt 17, 20). — 7 — 10. 20—37 (vgl. zu 23. 24 Mt. 24, 26. 27; zu 26. 27 Mt. 24, 37—39; zu 33 Mt. 10, 39; zu 34. 35 Mt. 24, 40. 41). 18, 1—8 (welches Gleichniss um so gewisser aus ^ ist, als Lucas, der manchmal, und gerade 1) EvangeUen, S. 149 f. 271 f. — 2) Leben Jesu, I, S. 607. Digitized by VjOOQ IC Die zweite Hanptquelle. 157 WO er rich freiei: bewegt (19, 11 Act. 1, 7), gegen ein zu frohes Erwar- ten der Parasie spricht, diese Parabel unmoglich componirt haben kann*). 18, 9 — 14 (wovon nur der Schlussvers bei Mt. 23, 12 8icher- halten hat). i>Beide hier stehende Farabeln werden von Lucas mit kur- xen Einleitungen verseheo , die tlber die Zeit und Situation derselben gar nichts anzugeben wissen, sondern sicb bios auf ihren didaktischen Zweck beziehen und ganz das Ansehen haben, als sollten hier, ehe mit Vers 15 die mit den ubrigen Evangelien Hand in Hand gehende Ge- schichtserzahlung wieder beginnt, diese zwei Stucke noch an einem Orte, wo sie letztere nicht unterbrechen, nachgetragen werden. « ^ Dass aber Lucas, nachdem er schon 17, 1 — 4 A wieder aufgenommen hat, noch einmal zu A zuruckkehrt, kann nicht befremden, da ihm noch ei- niger Stoff auffallen konnte, der schlechterdings vor A Mr. 10, 1 seine SteUe finden musste. Kommt es doch auch sogar nach Lc. 18, 14 noch xweimal vor, dass Lucas auf ^ zuruckgreift, zuerst Lc. 19, 11 — 27 ss Mt 25, 14—30, dann aber Lc. 22, 24—30, welche Stelle schon S. 147 f. erklart ist. Der Uebergang von ^ zu A ist also im Lucas ein allmali- ger, und die Spruchsammlung verlief in ihren letzten Partien in eine Sammlung von Gleichnissen , von welchen einige — wie schon gezeigt — bei Matthaus und Lucas zugleich Aufnahme gefunden haben. Eben desshalb mogen aber auch solche Parabeln, die nur bei Matth&us stehen, wieMt 18, 23 — 35. 20, 1 — 16. 25, 1 — 13, femer Mt. 13, 24— 30, die ausgefuhrtere Parallele zu A Mr. 4, 26 — 29, und das ur- spruDglich daneben gestandene* Gleichniss Mt. 13, 47 — 50, ja auch Mt. 13, 44— 46 in dieser Quelle ihre Stelle gehabt haben, und Mt. 13, 52 ware zugleich der i)assendste Schluss fur das ganze "Work, da ja die, auch von Ewald in A verlegte, * Stelle schon wegen der Eigenthum- lichkeit, mit welcher Jesus hier, wie 23, 34 von Schriftgelehrten des Gottesreiches redet, aus A sein muss. ^ $. 11. (aelleM ies lattkais oi Lacas. Aber auch, nachdem wir das Gemeinsame aller drei Synoptiker auf A, das der beiden Seitenreferenten auf -^ zuruckgefuhrt haben, bleibt noch eine ziemlichc Reihe von Abschnitten im Matthaus und Lucas zu- ruck, die eben nur dem einen betreffenden Evangelium angehoren und zur Nachfrage nach etwaigen weiteren Quellen neben A und A Veran- lassung geben. Wir geben zunacbst zwei Tafelu uber die, nach Abzug 1) Kdstlin, 8.219. — 2) KOstlin, S. 270 f. — 3) Ewald: EyangelMn* 8. 234. — 4) BvuigeUen, S. 236 f. ~ 5) KOstlin, 8. 58. Digitized by Google 158 Drlttet Capitei. des Gemeinsamen von Dreien oder Zweien noch im Best bleibenden, Partien. I. Eigenthumlichkeiten des Matthaus. 1) Die Geburtsgeschichte der beiden ersten Capitel. 2) 3 9 14. 15 die anfangliche Weigerung des Johannes ^ Jesnm 2a taufen. 3) 4, 14—16. Citat des Matthaus zu der Nachricht A Mr. 1 , 21 vom Wohnsitzc Jesu in Kapernaum. 4) Aus der Bergpredigt sind ohne Parallelen die Stellen 5, (14.) 16. 17. 19—24. 27. 28. (31.) 33—38. 6, 1—8. 16—18. 34. 7, 6. 15. 21. 5) 8, 17. Das Citat zu Jesu Krankenheilungen. 6) 9, 27— 31. Heilung zweier Blinden. 7) In der Instructionsrede fehlen Parallelen zu 10^ 5. 6. 8 (b). 23. 25. Davon kommt aber 5. 6. 8 (b). 23. 25 auf Rechnung von A (S. 145 f.). 8) 11, 28 — 30. Aufruf an die Muhseligen. Aus Ay von Lucas.aus- gelassen (S. 147). 9) 12, 5 — 7. Die den Sabbat nicht brechenden Tempeldiencr. Aus A (S. 73). 10) 12, 17—21. Alttestamentliches Citat. 11) 12, 33. 36. 37. Von der Verantwortung fur das Wort. Aus A (S. 149). 12) In der Parabelrede stehen eigenthumlich die Verse 13, 24 — 30. 36—52: Einige Gleichnisse und das alttestamentliche Citat 35. Aus^ sind die Verse 24—30. 44—50. 52 (S. 157). 13) 14, 28—32. Petrus wandelt auf dem Meer. 14) 15, 12. 13. Die auszurottenden Pflanzen. Ist aus ^ (S. 154). 15) 16, 17 — 19. Petrus erhalt die Schlussel des Himmelreichs. 16) 17, 24—27. Der Stater im Munde des Fisches. 17) 18, 15—20. Kirchenzucht. 18) 18, 23 — 35. Gleichniss vom unbarmherzigen Schuldherm. Viel- leicht aus A (S. 157). 19) 19, 11. 12. Von den Ehelosen. Aus A (S. 90). 20) 20, 1 — 16. Parabel von den Arbeitern im Weinberg. Vielleicht aus^(S. 157). 21) 21, 4. 5. Alttestamentliches Citat. 22) 21, 14—16. Kinder im Tcmpel. 23) 21 , 28—32. Parabel vom gehorsamen und vom ungehorsamen Sohn. 1st aus ^(S. 155). 24) 22, 1—14. Parabel vom koniglichen Gastmahl. Aus A (8. 153> Digitized by VjOOQ IC Quellen det MatthAus und Luoai. i 59 25) Au8 der Hauptrede gegen die Pharis&er sind ohne Farallelen 23^ 2. 3. 5. 8 — 12. 15 — 22. 24. Nur der letzte Vers ist richer aus A (S. 150). 26) In der eschatologischen Bede sind ohne Farallelen nur wenige eingeschobene Worte in Cap. 24^ ausserdem der Vers 24^ 1 2^ vor Allem aber das ganze Gleichniss von den 10 Jungfranen 25 ^ 1 — 13 und die Beschreibung des jungsten Gerichtes 25, 31 — 46. Das Gleichniss 15, 14 — 30 ist jedenfalls aus ^ bearbeitet (S. 155); das andere 25, 1 — 13 vielleicht ebenfalls (S. 157). 27) 26, 1. 2. Leidensveissagung. Kommt nur zum Theil auf Rech- nung von A Mr. 14, 1 as Lc. 22, 1. 2. 28) 26, 52 — 54. Jesus verbietet den Gebrauch des Schwertes. 29) 27, 3—10. Ende des Judas. 30) 27, 19. Die Frau des Filatus. 31) 27, 24. Das Handewaschen. 32) 27, 51—54. Erdbeben. 33) 27, 62—66. 28. 2—4. Die Wache am Grabe. 34) 28, 9. 10. Die Weiber am Grabe. Ungewiss, wie weit aus A (S. 99). 35) 28, 11—15. Bestechung der Huter. 36) 28, 16—20. Der Auferstandene in Galilaa. Wahrscheinlich bil- dele dieser Abschnitt den Schluss von A. (S. 99). II. Eigenthumlichkeiten des Lucas. 1) Eine, von Matthaus differirende, Vorgeschichte in den beiden ersten Capiteln. 2) 3, 1. 2. Chronologische Studie des Lucas. 3) 3, 10 — 14. Erweiterung der B^de des Taufers. 4) 3, 23—38. Geschlechtsregister. 5) 4, 16 — 30. Auftreten Jesu in Nazareth. 6) 5, 1 — 11. Berufung von 4 Aposteln auf einmal. 7) 7, 11 — 17. Der Jungling zu Nain. 8) 7, 36—50. Die grosse Sttnderin. 9) 8, 1 — 3. Jesu Beisebegleitung. 10) 9, 51 — 56. Beise durch Samarien. 11) 9, 61. 62. Ein Competent um das Himmekeich. Aus^ (S. 145). 12) 10, 1. 17—20. Aussendung und Ruckkehr der 70 Janger. We- nigstens 17—20 aus ^ (S. 146 f.). 13) 10, 25—37. Gleichniss vom barmherzigen Samariter. Aus-^ (S. 148). 14) 10^38 — 42. Maria und Martha. 15) 11, 5—8. Gleichniss vom anhaltcnden Gebet. Aus ^ (S. 148). Digitized by VjOOQ IC 1 60 Drittes CapiteL 16) 11, 27. 28. Preis der Mutter Jesu. Aus ^ (S. 149). 17) 12, 13—21. Der Erbstreit. Aus ^ (S. 151 f.). 18) 12, 32. 33 (a). Die kleine Heerde. Aus A (S. 152). 19) 12, 35—38. Eschatologische Keden. Aus ui (S. 152). 20) 12, 41. Frage des Petrus. 21) 12, 47. 48. Der Knecht, der doppelte Streiche leiden muss. Aus A (S. 152). 22) 12, 49. 50. Feuer und Taufe. Aus i/i (S. 152). 23) 13, 1—5. Die hingerichteten Galilaer. Aus ui (S. 152 f.). 24) 13, 6—9. Gleichniss vom Feigenbaum. Aus -ri (S. 153). 25) 13, 10 — 17. Heilung des contracten Weibes. 26) 13,22. Reise nach Jerasalem. 27) 13, 31 — 33. Versuch derPharisfter, Jesum ausGralilaa zu locken. Aus^(S. 153). 28) 14, 1 — 15. Gastmahl der Pharisaer und Heilung eines Was- sersuchtigen. Der Hauptsache nach aus A (S. 153). 29) 14, 16 — 24. Gleichniss von den geladenen Gasten. Der Haupt- sache nach aus A (S. 153 f.). 30) 14, 28 — 33. Gleichnisse vom Thurmbauen und Kriegfuhren. 1st, wie das Vorhergehende und Nachfolgende, aus A (S. 154). 31) 15, 8 — 10. Gleichniss vom verlorenen Groschen. Aus A (S. 155). 32) 15, 11 — 32. Gleichniss vom verlorenen Sohn. Entweder selbst in A, oder andere Gestalt eines Gleichnisses in A (S. 155). 33) 16, 1 — 12. Gleichniss vom ungerechten Haushalter. Aus A (S. 155). 34) 16, 14. 15. Gregen Stolz und Geiz der Pharisaer. Aus A (S. 155 f.). 35) 16, 19 — 31. Vom reichen Mann und armen Lazarus. Aus A (S. 156). 36) 17, 7—10. Wamung vor Lohnsucht Aus-ri(S. 156). ' 37) 17, 11 — 19. Der dankbare Samariter. 38) 17, 20—23. Vom Reiche Gottes. Aus^i (S. 156). 39) Aus der eschatologischen Bede 17, 23 — 37 sind ohne Parallele die Verse 25. 28. 29. 32, Aus A (S. 156). 40) 18, 1 — 8. Gleichniss vom ungerechten Richter. Au8-^(S. 156). 41) 18, 9 — 14. Gleichniss voin Pharisaer und ZoUner. Aus ^ (S. 157). 42) 19, 1—10. ZakchauB. 43) 19, 11 — 27. Gleichniss yon den anvertrauten Pfunden. Aus A (S. 155). 44) 19, 39 — 44. Jesus weint vor Jerusalem. Digitized by VjOOQ IC QueUen das Matth&QS und Lucaa. 161 45) 22, 24 — 30. Ein neuer Bangstreit. Der Sache nach auB ^ (S. 147 f.). 46) 22, 31. 32. Verwarnung des Petrus. 47) 22, 35—38. Die Jiinger soUen Schwerter kaufen. 48) 23, 2—5. Verhandlungen vor Pilatus. 49) 23, 6—12. Sendung ztt Herodes. 50) 23, 13—16. Prozess vor Pilatus. 51) 23, 27—31. Rede an die Weinenden. 52) 23, 34. Furbitte. 53) 23, 39—43. Gesprach mit dem Schacher. 54) 23, 46. Das letzte Wort. 55) 24, 9 — 12. Die Frauen und die Junger. 56) 24, 13—49. Der Auferstandene. 57) 24, 50—53. Die Himmelfahrt. Die aufgezahlten Abschnitte vertragen, so weit sie nicht A oder A angehdren , keine Beurtheilung a priori. Aber aus der inneren Ana- lyse beider Evangelien, wie sie §. 12 und §. 13 folgt, sowie aus den Un- tersuchungen uber den Sprachgebrauch §. 19 lasst sich das Besultat an- ticipiren, dass sowohl bei Matthaus, als bei Lucas die weitaus grOsst^ Masse des aus A und^ nicht abzuleitendenStoffes auch auf keine weite- ren schriftlichen QueUen zuruckzufuhren, sondem als schriftstellerisches Product der beiden Evangelisten zu betrachten ist. Nur dadurch, dass wir ein nicht unbetrachtliches Quantum des Inhalts beider Evangelien auch als wirkliches Eigenthum des Matthaus und Lucas, als durch ihre Feder zom erstenmal schriftlich gewordenen Stoff anerkennen, entgehen wir ja aach jenem gerechten Bedenken, das sich an die ersten Urevan- geliumshypothesen knupfte : warum schreibt Einer uberhaupt, wenn er nur a b schreibt? In der That sind von den aufgezahlten Abschnitten des Matthaus so zu beurtheilen fast die ganze Vorgeschichte und die Nummern 2. 6. 13. 16. 22. 28 — 33. 35,^ von denen des Lucas die Nnmmem 3. 5 — 10. 14. 25. 37. 42. 44. 46—57. Bestimmte Spuren kleinerer schriftlicher QueUen lassen sich besonders in den beiden Ge- nealogien nachweisen ; eine QueUe von eigenthumUch kirchUcher Far- bung bei Matthaus fur die Nummern 15 und 17. Auf Bechnung der schriftsteUerischen Manier kommt bei Lucas Nr. 2. 20, bei Matthaus Nr. 3. 5. 10. 21. 27. UnaufgeheUt wird bleiben, woher bei Matthaus der Stoff geflossen, der den wesentlichen Inhalt der Bergpredigt Nr. 4 und zum TheU auch 1) Vgl. for die letzten Partien daa flbereinfltiminende Urtheil yon KOatlin (8.84) und Hilgenfeld (Evangelien » 8. 105). Digitized by CjOOQ IC 162 Drittes Capitel. der antipharisSischen Bede Nr. 25 bildet. Auf diesen beiden Punkten ist das erste Evangelium eigentlich allein original. Schon Bun sen fand, dass Mt. 23, 2 — 4 sich an den Ton und die Bichtung der Berg- predigt anschliesst, namlich eben an die, ausser A zu liegen kommende, Substanz derselben ; ^ es mag daher leicht ein and dieselbe Quelle an beiden Stellen verarbeitet worden sein. Ebenso macht bei Lucas der Inhalt der grossen Einschaltung Scbwierigkeit und wird niemals in alien Einzelnbeiten quellenmassig vertheilt werden konnen. Wahrend aber wahrscheinlich die zweifelhaf- ten Stucke aus derselben Quelle sind , wie die ganze Umgebung, d. h. aus Ay lasst sich Dies in Bezug auf einzelne Abschnitte aus Cap. 10 (Nr. 14) und Cap. 13 (Nr. 25. 26) schwerlich annehmen; sie mussen da- her zum Eigenthuin des Lucas gerechnet werden. Unseren Besultaten zufolge verhalt es sich daher mit den synop- tischen Geschichtsquellen folgendermaassen : I. Schriftliche Quellen : 1) Allen drei Evangelien liegt gemeinsam zu Grunde und liefert den Hauptstoff die Quelle A. Verhaltnissmassig am ausfuhrlichsten ist sie benutzt von Marcus, am wenigsten von Lucas. 2) Die Bedesammlung Ay die in der gleichen griechischen Form von Matthaus und Lucas gebraucht wurde, von Diesem jedoch noch mehr, als von Jenem. 3) Eine unbestimmte , jedoch auf keinen Fall bedeutende, Ansahl kleinerer schrifdicher Aufzeichnungen. Am deutlichsten lassen sick unterscheiden die Genealogien. Man versuchte frUhzeitig einen genea- logischen Nachweis fur die Befahigung Jesu , als Davidssohn aufzutre- ten; in diesen Versuchen ging man auf Joseph zuruck, weil dieselben ebionitischen XJrsprungs waren. Ausserdem ist eine andere Quelle er- kennbarer Weise verarbeitet in Mt. 5 und 23, eine weitere in der Vor- geschichte des Lucas. Auch in die grosse Einschaltung des Lucas mag Manches aus einem kleinen schriftlichen Aufsatze gedrungen sein , und liessen sich in dieser Beziehung z. B. die beiden Geschichten Lc. 13, 10 — 17. 19, 1 — 10 zusammenordnen, da die Abrahamstochter 1 3, 16 und. der Abrahamssohn 19, 9 schwerlich der Conception des Lucas ent^ stammten.^ II. Die mundliche Quelle der Ueberlieferung , die bereits in sehr differenter Gestalt anzutreffen war, als unsere Synoptiker sich damacli umsahen. Ihr sind entnommen alle anekdotenartige Einfugungen, die Matthaus und Lucas in den Zusammenhang der ersten Quelle herein* 1) Bibelwerk, I» 4 , S. 75. — 2) KOstlin (Eyangelien, S. 228 f.), Hilgenf eld (Eyangelien, S. 207). Digitized by VjOOQ IC Quellen des Matthftus und Lucas. 163 flchieben ; tmd zwar nicht bios kleine Dicta Jesu , sondem auch ganze Geschichten^ wie die vom Stater bei Matthaus, von der Sendung zu Herodes bei Lucas. Diese Quellen vertheilen sich folgendermaassen auf die einzelnen Synoptiker : 1) Marcus erldart sich vollstandig unter Zugrundelegung von nur einer Quelle^ namlich von A (vgl. S. 107 ff.). 2) Matthaus legt A zu Grunde^ schaltet aus der Tradition und be- sonderen kirchlichen Stromungen derselben bald einzelne Notizen^ bald Sedetheile und Geschichten ein, vomehmlich aber unterbricht er den Zusammenhang von A durch kleinere Einschaltungen und grdssere Compositionen aus ui. Doch ist gerade die erste und gr5sste dieser Coin- positionen, die Bergpredigt^ nicht bios aus A und A zu erklaren, son- dem fordert noch die Zuhulfenahme einer kleineren y unbestimmbaren Quelle^ wie namentlich das Mt. 5 Gesagte zum Theil ein geschlossenes Ganzes gebildet haben mochte^ das aber jedenfalls einen viel kleineren Raum einnahm , als jetzt seine^ mit Steinen aus A und A vermischten Trummer. ^ Die Behauptung Kitschl's, es lasse sich die griechische Originalitat der sammtlichen Quellen des Matthaus nicht halten , ^ ist darauf zu reduciren, dass die hebraische Ursprache sich nur von der Genealogie nachweisen lasst. 3) Lucas^ dessen Grundstamm f ruber Ritschl als bios der Tradi- tion entsprossen darzustellen versuchte,' setzt am sichersten schriftliche Quellen voraus. Es fragt sich aber sehr: welche? Dass Lucas unser er- stes kanonisches Evangelium gekannt habe^ ist schon von Ritschl/ Reuss,* Ewald,* zuletzt noch von Plitt^ und Weiss® mit Ent- schiedenheit in Abrede gestellt worden. Wer Lucas 2^ 39 schreiben konnte, in dessen Horizont war die Vorgeschichte des Matthaus schwer- lich gelegen. Wer ein Greschlechtsregister kannte, demzufolge Jesus aus der kdniglichen Linie Davids stammte, der wird schwerlich geglaubt haben, etwas Besseres zu leisten, wenn er eine Seitenlinie beschrieb. Nirgends in der Composition des Lucas wird sich uns die Nothwendig- keit eines Seitenblickes auf Matthaus erweisen ; und schon diese Wahr- nehmung genugt vollkommen. Alle Stellen , die Lucas mit Matthaus uber A hinaus gemein hat, stammen aus A und erklaren sich in der That auch nur so, da man, wofem Matthaus zu Grunde gelegen hatte, annehmen musste, dass Lucas den schon geschlossenen Zusammenhang der matthaischen Kunstwerke fast muthwillig durchbrochen hatte, wie ]) Weiaae: Eyangeligche Geschichte, II, S. 39. — 2) Theologisohe Jahrbdcher, 1861, S. 538. — 3) Eyangelium Maroion's, S. 276, — 4) A. a. O. S. 273 ff . — 5) Ge- •cluchte, S. 191. — 6) Jahrbdcher , n, S. 221. — 7) De oyangeliorum compositione, 8. 6. 12. — 8) 8. 78 ff. Digitized by VjOOQ IC 164 Drittes Capitel. ihm denn auch De Wette einen derartigen Zerstorungstrieb formlich beilegt. * Unnaturlich im hochsten Grad ware es gewesen, wenn Lucas forinlich darauf ausgegangen sein sollte , die schon verbundenen Rede- cyklen in ihre Elemente aufzuloeen, sie in einzelne Spruchfragmente zu zerreissen und dann diesen besondere Veranlassungen anzudichten. Was Kostlin zur Beseitigung des weiteren Anstosses, dass Lucas ganz unmotivirt vielen brauchbaren Stoff aus Matthaus weggelassen haben musste, beigebracht hat,* erklart die Sachlage nicht rund und bundig, wie uberhaupt die ganze Partie des Kostlin'schen Buches, die das Verbal tniss des Lucas zu Matthaus bespricht, zu den qualendsten, in endlose Willkur sich verlierenden Experimenten der Tendenzkritik gehort. Wir fragen noch: warum hat Lucas die Geschichte vom Stater Mt. 17, 24 — 27 ubergangen? warum bleibt Lucas bei Marcus stehen in Erzahlungen, wo Matthaus 12, 5—7. 33—37. 16, 17—19. 27. 18, 3. 4. 19, 28. 21, 28—30 Ausfuhrlicheres bietet? warum erzahlt er dagegen mit Marcus ausfuhrlicher als Matthaus die Geschichten vom Gadarener, vom Jairus, von der Kindersegnung, vom Blinden zu Jericho? warum erzahlt er die Parabel von den Talenten nicht so einfach, wie Mt. 25, 14 — 30? — Alle diese Beobachtungen haben schon De Wette veran- lasst, wenigstens eine ktlrzere Redaction des Matth&us als Quelle des Lucas anzunehmen;' noch weiter geht Meyer, der sich mit der Behauptung hilft , dass Lucas in seinem Verhaltnisse zu unserem kano- nischen Matthaus mit kritischer Selbststandigkeit zu Werke gegangen sei, dass er den Matthaus uberhaupt nur stellenweise herbeiziehe und oberflachlich benutze. * Aber in Wahrheit ist Dies bios eine Ausflucht, zu der Meyer genothigt ist, weil er sich das Verhaltniss der zweiten Quelle zu Lucas micht klar gemacht hat, daher auch nicht im Stande ist, den Grund der Uebereinstimmung zwischen MatthS.us und Lucas zu begreifen. Der lange Streit der Kritiker, ob Matthaus von Lucas, oder Lucas von Matthaus abhangig gewesen ist, ist also auf unserem Standpunkte einfach dahin zu entscheiden, dass weder das Eine, noch das Andere auch nur moglich, geschweige denn wahrscheinlich ist Die paralle- len Darstellungen des Matthaus und Lucas sind, soweit sie gegen einan- der eine verschiedene Gestalt von A bilden , die Producte zweier von einander unabhangiger Verfasser. Dies zu beweisen wird die Analyse beider Evangelien (§§. 12.13) hinreichen, wo man keinen Fall wird nach- I) Einleitung, II, S. 175. — »Vorliebe fflr das Abgerissene und UnzusammenhAii- gendea — ! — 2) Evangelien, S. 178 ff. — 3) Einleitung, II, S. 182. — 4) Zu Marco* und Lucas, S. 217 f. Digitized by VjOOQ IC Quellen des MatthiiuA und Lucas. 165 weisen k6nne]i , da der Eine in seiner Modification von A vom Ande- ren beeinflusst gewesen sein muss. Um z. £. den Zusammenhang des Textes fester zu binden, legt Matthaus die 9^ 14 erwahnte Frage bios den Johannesjungern in den Mund ; Lucas aber hat ganz dieselbe Ab- sicht in der Combination 5, 33, wo er aber, weniger rich tig als Mat- thaus, bios die Fharisaer als fragende Subjecte hinstellt. Jeder denkt also auf ein besonderes Mittel, die Fugen des Textes enger zu verbin- den. * Somit kann Annahme einer Abhangigkeit des Matthaus und Lu- cas von einer gemeinsamen Quelle allein das vorliegende Rathsel losen^ nicht aber die Abhangigkeit des Matthaus von Lucas , oder des Lucas von Matthaus. Wie sollten denn die matthaischen Relationen von der Berufang der altesten Apostel , von der Predigt in Nazareth, von der Salbung Jesu den ausgefuhrteren und farbenreicheren Gemalden des Lucas nachgemalt worden sein ? Oder wie sollte Lucas seine beiden Instructionsreden aus Mt. 10 gebildet haben? — Alles von Mt. 10, 15 an musste er weggelassen, dafur aber gleichsam zum Ersatz das Vorher- gehende verdoppelt haben ! Schlagt sich die Tubinger Kritik nicht da- durch schon selbst, dass sie durch den Pauliner Lucas die matthaischen Tttwxol %ip nvevfiatt in Arme uberhaupt verwandelt, also ebionitisirt werden lasst? BUtuptsache aber ist, dass weder Matthaus im Gegensatze zu Lucas, noch Lucas im Gegensatze zu Matthaus. sich als erstes originales, auf Grundlage von bios kleineren Quellen entstandenes , Sammelwerk gel- tend machen lasst. Jene Behauptung ist bekanntlich von der Tubinger Schulc vertreten, am eingehendsten von Kostlin, der die Perikopen des Matthftus als vorher gar nicht verbunden gewesen darstellt in einem Abschnitte,' der nicht geschrieben worden ware, wenn der Verfasser auch nur das Buch Wi Ike's vorher gelesen hatte. Andererseits hat Gfrorer es versucht, die Schleiermacher'sche Diegesenkritik hin- sichtlich des Lucas auf ein einfaches Maass zuruckzufuhrei^ indem er den Lucas aus grosseren Quellen , wie aus der Denkschrift uber den Taufer* entstanden sein lasst und z. B. in Lc. 4, 1 — 5, 11. 6, 12—7, 10 einen be8ondemAufsatz,*in5, 12 — (>, 11. 7, 11 — 50 einen zweiten,* in 8, 1—21. 9, I — 51 einen dritten • entdecken zu konnen glaubt. Beide Hjrpothesen aber verlieren sich, sowie sie im Einzelnen nachgewiesen werden sollen, in das Eeich der ganzlich uncontrolirbaren und unbe- rechenbaren Phantasie , wahrend die Entstehung der beiden Evangelien auf Grund der zwei, beiden gemeinsamen, Quellen mit einer bis in*s Ein- zelste ungesucht sich darbietenden Sicherheit darzuthun ist. I) Wilke, 8. 391. — 2) Erangelien, S. 74-85. - 3) Urchristenthum, 11, 1, 8. 103 ff. — 4) A. a. O. S. 120. 123. 130. 135 ff. 182. — 5) A. a. O. 8. 184. — 6) A. a. O. S. 195. 228. Digitized by VjOOQ IC \QQ Drittes Capital. 1st somit Matthaus auf keinen Fall zu den Quellen des Lucas m rechnen, so wird aber auch haldos Alles, was von Seiten der Tendenz- kritik uber Qaellen und Composition des Lucas vorgebracht wurde. Selbst wenn Matthaus dem Lucas vorgelegen h&tte^ so ware es immer noch undenkbar, wie jeder vermittelnde Uebergang zwischen beiden Evangelien fehlen , wie auf Grundlage des einen ein so ganz verschie- denes anderes rein auf dem Wege tendenzioser Bearbeitung entstehen konnte. Die spateren Schuler Baur's begegnen sich darum auch in dem Bemuhen, Zwischenglieder einzuschieben , wozu aber der, von Hilgenfeld* im Verein mit einer schwer bestimmbaren judenchrist- lichen QueUenschrift aufgebotene, Marcus am wenigsten ausreicht, da derselbe ja noch weniger Stoffliches bietet, als Matthaus selbst, und sein A milder Fetrinismusa so wenig, als der angebliche Ebionitismus des Matthaus, das reiche Material, das Lucas neu hinzubringt, erzeugt haben wird. Mit Recht ist Kostlin daher zur Annahme einer ganz neuen Quellenreihe bei Lucas fortgeschritten ^, und wenigstens auf diesem Funkte des in Bede stehenden kritischen Gebietes hat seine Forschung bleibende Fruchte getragen. Dass namlich unter den ganz eigenthtlmlichen Quellen des Lucas — seien es mundliche, seien es schriftliche — meist solche seien, denen wir das sudliche Falastina als Heimathsort anzuweisen haben, hat zuerst Kostlin ausgesprochen und in seiner Weise erwiesen.* Dahin gehoren Stellen, wie die Vorgeschichte mit ihrem judaischen Charakter, dahin gehdrt , sich anschliessend an die Nachricht des ersten Capitels uber den Taufer, die Erweiterung seiner Bede 3, 10 — 14, ferner das Ge- schlechtsregister 3, 23 — 38, die Erzahlungen von Maria und Martha 10, 38 — 42, von Zakchaus 19, I — 10, vor Allen aber die zahlreichen selbststandigen Belationen, womit Lucas den Gang der Leidensge- schichte unterbricht, nicht minder auch die Veranderungen , die er da- selbst in A anbringt. So erklart sich auch am einfachsten die ganz ab- weichende Darstellung der Auferstehungsgeschichte. Wahrscheinlich gehort hierher auch die Geschichte von derSunderin 7, 36 — 50, als eine andere Form der in A nach Bethanien verlegten Salbungsgeschichte ; and so mag auch der Jungling von Nain 7,11 — 17 seine Heimath nicht in dem galilaischen Ort dieses Namens, sondem in dem sudpalastinen- sischen Nain gehabt haben , das Josephus nennt, * wie denn auch. die Notiz 17 i^ld-ev b loyog ovtog kv olrj tfj ^lovdalif hew&st , dass dem Lucas das Factum vom judaischen Standpunkte aus erzahlt ward. * £& I) Evangelien, 8. 154. 208 f. 218. — 2) EvangeUen, S. 217—286. — 3) Bvan- geUen, S. 217 ff. 230 ff. - 4) B. J. 4, 9, 4. — 6) Kttstlin, S. 231 f. — Hilgen- feld (Evangelien, S. 174) erinnert dagegen an 5, 17. 6, 17, wo ebenfallB schon gans Digitized by VjOOQ IC Qnellen det Matthias und Lucas. ] 67 ist nun zwar voreilig^ mit Kostlin ^ sofort das Vorhandensein eines besondem Beiseberichts tlber den Zug Jesu durch Samaria^ Fer&a und Judaa zu statuiren , da die Sprache der einfachen Annahme durchaus nicht im Wege steht , dass der Yerfasser des dritten Evangeliums bei einem Aufenthalt in Jerusalem derlei^ uber A hinausgehende^ Notizen gesammelt, vielleicht auch vorlaufig aufgeschrieben und spater in sein Evangelium verwoben hat. Damit fallt dann auch die, ohnehin wieder an dem dunnsten Spinnengewebe willkurlicher Combinadonen lang bin- gazogene, Hypothese von einem besondem judaischen Evangelium/ das schliesslich geradezu mit dem , auf Grundlage des alteren Marcus ent- standen sein sollenden , Petrusevangelium identificirt wird, * womit so ziemlichalle, mit Sicherheit sich ergebenden , Anhaltspunkte fur eine nuchteme evangelische Quellenkritik uber den Haufen geworfen werden. Allein auch auf der entgegengesetzten Seite ist^ um die Quellen des Lucas nachzuweisen, viel Unbestimmtes und Haltungsloses vorgetragen worden. So hat unter den Gegnem der Tendenzkritik schon De Wette, der sonst in dem allgemeinen Schema der Evangelienliteratur mit Baur ubereinstimmt, ausgesprochen , dass sich Lucas als durchweg freie Bearbeitung des Matthaus auf keinen Fall betrachten lasse; er lasst ihn desshalb die grdsseren Stdcke^ die er vor Marcus voraus hat, aus einer schriftlichen Quelle schopfen. * Welch eine Quelle Dies aber war, und in welchem Yerhlltniss sie zu Matthllus steht, bleibt unbestimmt, Auf die Spitze aber hat den Gegensatz gegen die Tendenzkritik £ wald getrieben, der den Lucas als blosen Sammler aus sieben Quellenschiif- ten mit geringen eigenen Zuthaten sein ganzes Evangelium zusammen* schreiben lasst*^ auf dem Wege einer so rein ausserlichen Bearbeitung, dass dabei das wirklich von Lucas, und nicht aus irgend einer Quelle, Herruhrendeauf ein, von Hilgenfeld dargestelltes,® unglaublich arm- liches Minimum zusammenschrumpft. ^ Viel einfacher stellt sich das Quellenverhaltniss, wenn wir nnsere schon gewonnenen Resultate auf Lucas an wen den. Im Ganzen ntolich legt auch Lucas die Quelle A zu Ghrunde. Da aber diese Quelle einen bestimmten Zusammenhang hatte, so muss Lucas ihren Typus durch Einschalten und Auslassen geandert haben. Was nun die Einschaltun- gen betrifft, so sind ihre feinkomigen Bestandtheile besonders in die Leidensgeschichte eingesprengt, und der Bericht von A damach modi- JudAa yon Jesu Xotiz genommen haben soil. AUein an diesen Stellen ist yielmehr der galil&ische Standpunkt festgehalten , und nur gesagt , dass selbst aus so i^eiter Ferae Lcute hcrbeistrttmten. — 1) A. a. O. S. 236. — 2) Kdstlin, S. 254 ff. — 3) A. a, 0. 8. 264 ff. — 4) Einleitung, U, S. 182 f. — 5) Jahrbtlcher, H, 8. 219 ff. — 6) Eyan- geUen, 8. 35. — 7) Im Uebrigenygl. KOstlin, S. 247 ff. Digitized by VjOOQ IC ] Q% Drittes Capitel. ficirt^ ihre grcsseren Massen dagegen in zwei^ besonders aus^nnd jadii- 8chen TraditioTien gebildete, Abschnitte (vgl. S. 100) vertheilt. Dies zugleich die relative Wahrheit der alteren Ansicht, dass Lc. 9, 51—18, 14 auf einer eigenen Quelle, einer sogenannten Gnomologie, beruhe, * Auch der aussere Umfang der synoptischen Evangelien entspricht ganz dem Quantum der verarbeiteten Quellen. Reuss theilt den synop- tischen Text in 124 Sectionen,* davon 47 alien Dreien gemeinsam sind, 1 2 bei Matthaus und Marcus , 2 bei Matthaus und Lucas, 6 bei Marcus und Lucas, 2 bei Marcus allein, 17 bei Matthaus allein, 38 bei Lucas allein stehen. Der kurzeste Text, unser Marcus, hat 67 Sectionen; er ruht auf nur einer Quelle. Matthaus hat 78, weil er mit der ersten Quelle eine zweite combinirt. Lucas aber hat 93, ist somit in Rucksicht auf Mannigfaltigkeit des Stoffs der reichste : dafur benutzt er aber nicht bios die zweite Quelle in ausgedehnterem Maasse, als Matthaus, sondem fogt seiner Erzahlung auch mit einer auf Vollstandigkeit berechneten Gewissenhaftigkeit sammtliche grossen und kleinen Reliquien ein, deren er sich alsSammler sudpal&stinensischerTraditionen bemachtigen konnte. Am Schlusse dieser Ausfuhrungen angekommen, brauchen wir kaum zu bemerken, wie das ganze Resultat sich durch seine Einfachheit empfiehlt vor den endlosen Ketten, welche die Anhanger des alteren XJrevangeliums nicht minder, als auch neuerdings der zuweilen ebenso rein quantitativ zu Werke gehendeEwald und Andere geschmiedet haben aus einer Reihe von Schriften, die lediglich nur einem divinato- rischen Herumtasten im Dunkeln ihre rein subjective Existenz verdan- ken;* wie das schon von Kostlin ins Grebiet der Fabel verwiesene* vBuch der hoheren Geschichtev und etliche andere, auch von Kostlin fingirte, Quellen ganz unter das Gericht desoben (S. 46) von Schleier- maeher citirten Spruches fallen.* Wir fassen alle die divergirenden Behauptungen eines XJrevangeliums, eines Urmatth&us, Urmarcus, einer Spruchsammlung, einer Prioritat des Marcus vor Matthaus und Lucas u. s. f . in ein sehr einfaches Resultat zusammen , indem wir einen Ur- matthaus in der Gestalt von ^ dem Matthaus , einen Urmarcus in der Grestalt von A dem Marcus vorangehen lassen; alle weiteren Mittelglie* der aber sind uberflussig und wurden nur als unbekannte Doppelganger von schon bekannten Quellen und Evangelien erscheinen; sie sind das Product kritischer Doppelseherei und sonstiger Hallucinationen. • 1) Marsh, KtlhnSl, Eichhom, S. 600 f. — 2) Geschichte, 8. 163. — 3) Hilgenfeld: Erangelien, S. 33—36. — 4) Evangelien, S. 94. — 5) Hilgen> feld: EvangeUen, S. 35. 38. — ti) Wilke, S. 408—417. Digitized by VjOOQ IC Composition des MatthAus. \ 69 S- 12. C^M^tiM lies latlhias. Nach dem Verhaltniss^ das S. 99. 103 f. als zwischen A und Matthaus beetehend erwiesen wurde, kann von einem Plane des Matthaus eigentlich bios in Bezug auf Cap. 5 — 13 die Rede sein. Vorher gibt er die Vorge- schichte und die Einleitungspartien von A bis 4, 17. Erst jetztzeigen sich Spuren eigener Disposition. Diese besteht einfach in dem Vorsatze, zu- erst ein Muster von Jesu Lehrweise, dann eine Aufzahlung von moglichst charakteristiscben Thaten desselben zu geben. Er lasst daher den Herrn nur rasch seine ersten Junger berufen und so viel Volks nach sich ziehen, dass die Bergrede motivirt erscheint, drangt dann die sprechendsten der in A vor und nach der Bergrede erzahlten Wunderthaten im achten und neunten Capitel mit wenigen , durch die Quelle bedingten Unter- brechungen, zusammen^ * urn in einem neuen grossen Abschnitt Cap. 10 —13 den Gegensatz sich spannen zu lassen, der die letzte Katastrophe bedingt. Es folgt daher die Grundung des Reiches in der Instructions- rede Cap. 10, es folgen die Zweifel des Taufers und die Klagen des Herrn Cap. 11, es folgt die lasterliche Anklage der Pharisaer und Jesu Vertheidigung Cap. 12, und schliesslich Cap. 13 seine, die inneren Grunde der Feindschaft enthullenden, Gleichnissreden, sammt der Ver- werfung in der Vaterstadt. Damit ist aber die Sachordnung und Disposition vor der Hand zu Ende, wie in siegreicher Darstellung Reuss gezeigt hat.* Auch Weiss erkennt an : ))So klar und durchsichtig bisher die Anlage unse- res Evangeliums, so wenig lasst sich im folgenden Abschnitt dieselbe in ahnlicher Weise verfolgen. « ' Aber nicht etwa die wLehre vom Him- melreicha oder dergleichen Etwas folgt nun, denn Vom Himmelreich war ja gerade Cap. 13 ex professo schon die Rede, sondern Matthaus stellt nun, ohne ein abstractes Thema im Auge zu haben, die bisher im Reste gebliebenen Hauptmassen des Stoffes zusammen; er wendet rich zurack zu A, welcher Quelle er nun treulich und einfach folgt, bis der grosse Abschnitt, den die Reise Jesu nach Jerusalem auch in A bil- det, den Matthaus daran erinnert, in einer weiter ausgedehnten Compo- rition Cap. 18 die, ihm sonst noch zu Gebote stehenden, in friihere Zeit geh6rigen, Redestoffe, die er an einzelne Verse von A anhangt, zu- Kunmenzudrangen, wie er dann ahnlich Cap, 23 — 25 thut, wo er A ge- nide, wo diese Quelle den letzten Lebenstag Jesu zu beschreiben be- I) GfrOrer, Urchristenthum, II, 1, S. 195: »Von Matthftua 8, 1—9, 33 werden fO Wonder gleichsam in einem Athem erzfthit; voran finden noch kleine Unterbre- chungen statt, aber zn Bnde jagen sie sich im eigentUohen Sinne des Worts.* — 7) Nomrelle revue, n, 8. 38 f. — 3) S. 33. Digitized by VjOOQ IC 170 Drittet Capitel. ginnt, nochmals mit einer grossen Redebildung unterbricht. Auf diese Weise hat er von 21, 1 an das ihm vorliegende Material zu einer sich steigernden und abrundenden Scene verarbeitet. * Einen andem Beal- grund hat daher auch die Bunsen'sche Eintheilung nicht, die in dem galilaischen Wirken Jesu zwei Hauptmassen unterscheidet, deren zweite mit 14, 13 beginnen soil. ^ Aus dieser Angabe des Verhaltnisses des Matthaus zu seinen Quel- len geht hervor , dass von einem das Ganze umfassenden Schematismns bei Matthaus nur in sehr allgemeiner Weise die Rede sein kann. Der Schematismus lag in den Hauptperioden der Wirksamkeit Jesu, mithin auch in der Darstellung von A, schon gegeben vor. Nichtsdestoweniger hat die Realeintheilung , die im ersten Evangelium ohne Zweifel herrscht, vielfache Conjecturen und Dispositionen hervorgerufen. Am geistreichsten hat Delitzsch bekanntlich eine pentateuchische Anlage des Evangeliuins durchzufuhren unternommen, * ein Versuch, der jetxt keiner Widerlegung mehr bedarf. * » Wenn der Verfasser ein alter Rab- bine ware und etwa vor vier bis funf Jahrhunderten gelebt hatte, so wurde man solche Einfalle wenigstens als einen Witz des um die L6- sung gewisser Bathsel ringenden Geistes geschichtlich merkwurdig finden ; jetzt aber sind sie, den Thatsachen gegenuber, die wir kennen, und die bleiben , obwohl der Verfasser sich um sie nicht bekummert, reine Albernheiten. «* Noch unvertraglicher mit der Anlage des Mat- thaus ist es freilich, wenn die Orthodoxie (von Ben gel bis auf S tier) zeigen wollte, dass eine Sachordnung gar nicht bei Matthaus statthabe, sondern blose Zeitordnung, wie sogar Schneckenburger,' Kai- ser^ und De Wette® AUes im Matthaus an einen chronologischen Faden gereiht glaubten — was nur so viel Wahrheit hat, als Matthaus sich von A je langer, je weniger emancipiren kann. Ist doch auch Ols- 1) Weiss, S.42. — 2) Bibelwerk, I, 4, S. 5. 8. 14. —3) Neue Untersuchungea Hber Eatstehung und Anlage der kanoniscben Eyangelien, S. 59 ff. — Hiemach hitten wir laut Mt. 1, 1 eine Genesis 1, 1—2, 15, wo mit der Uebersiedlung nach Aegjp* ten richtig gescblossen wird ; Exodus, die von Kindermord, Auszug, yierzig Wcistenta- gen, Versucbung und Gesetzgebung auf dem Berge erzftblt 2 , 16 — 7, 29 ; Leriticns S, 1 — 9, 38 ist besonders an der Gescbicbte des Aussfttzigen 8, 3. 4 zu erkennen; Nu- meri b^nnen mit dem Apostelkatalog 10, 1 und reicben bis 18, 35; Deuteronomium endlicb 19, 1 — 28, 20 beginnt mit der Wirksamkeit n^Qav rov 'loQ^dvov und yerweist gleicb 19, 7 auf Deut. 24, 1. — 4) Vgl. Ltlcke: De eo, quod nimium artis acuiiiini»> que est in ea, quae nunc praecipue factitatur, sacrae scrip turae interpretatione, 1S53. — Baur: Theol. Jabrb. 1854, 8. 235 ff. — Weiss: Deutsche Zeitschrift fOr chiist- liche Wissenschaft. 1854, Kritiscbes Beiblatt , Nr. 3. 1866, Nr. 19,— 5) Ewald: Jahrbacber, UI, S. 270 f. — 6) Beitrftge zur Einleitung in's N. T. 1832, S. 25 ff. — 7) Ueber die synoptische ZusammeiiBtellung der kanoniscben Eyangelien, 1828, S. 38. — 8) Einleitung, U, S. 175. Digitized by VjOOQ IC Comporition des Matthias. 17 1 ban sen diesmal so verstandig gewesen , die vorwaltende Sachordnung imMatthaus zuzugeben.* Aber auch die zahllosen langgesponnenen Aus-^ einandersetzungen , womit die Tubinger Schnle in jeder, ana ihr her- vorgegangenen Schrift das erste Evangelium immer wieder auf s Neue^ a priori construiren woUte, durfen wir jetzt mit Fug und Recht iiber- gehen; wie denn z. B. Kostlin sich das Verstandniss der Anlage des ersten Evangeliums versperrt mit der, ganzlich fehlgeschossenen. Be- hanptung, ndass dem Verfasser fur seine Geschichtserzahlung noch keine, besonders in chronologischer Beziehung bereits klar und geord- net verarbeiteten Qaellen zu Gebote standen^a^ was er aus der unbestimm ten Zeitangabe schliesst, womit doch in der That Matthaus sich nur — einer ihm bereits vorliegenden Reihenfolge der Begebenheit gegenuber — aber Wasser zu halten sucht. Ihre treffendsten Wiederlegungen wer- den solche Willkurhandlungen finden durch die detaillirte Angabe des Qnellenyerhaltnisses und der Quellenbearbeitung, zu der wir jetzt uber- gehen. I. Personliche Vorgeschichte Jesu (1, 1 — 2, 23). 1) 1, 1 — 17. Gen ealogie, von Matthaus aufgefunden und, ver- sehen mit dem besonderen Titel fiifilog yeviaewQy an die Spitze gestellt. Der Abschnitt hat Eigenthumlichkeiten, wie ^Irjaovg Xqigtoq^ 6 JavXd ofiaailcvgy andererseits aber auch acht matthaischen Sprachgebrauch, wie ^Irjaavg 6 leyofievog XQiatdg. * Der Ausfall von vier Konigsnamen ist, falls er ursprunglich auf einem Versehen beruhen sollte, * von Mat- thaus nicht bemerkt, wahrscheinlicher aber von ihm selbst bewerkstel- ligt worden, * da die Vorliebe fur Zahlenverh^ltnisse (Dreizahl der Ver- Nichungen in derWuste und in Gethsemane; Siebenzahl beherrscht die Bergrede, das Vaterunser gegen Lucas, und das Gleichnisscapitel ; Zehn- zahl im Wunderabschnitt Cap. 8 und 9) zu den charakteristischen Ei- genheiten des Matthaus gehort. • Wenn endlich die Genealogie das davidische Geschlecht Jesu nur durch vaterliche Vermittlung darstellt, 80 kann sie um so weniger ursprunglich von Demselben herruhren, der gleich darauf die vaterlose Abstammung Jesu erzahlt. ^ Man hat daher auch die ausdrackliche Hervorhebung des alttestamentlichen Pragma- tismus, wie die Andeutung des uneigentlichen Vaterverhaltnisses Jo- sephs 16 , damit aber auch die ausdruckliche Betonung der Namen Tha- I) Bibliacher Commeatar, I, S. 22. — 2) Evangelien, 8. 71. - 3) Gersdorf, 8.38—61. — 4) Ewald (EraiigeUen, S. 169), Meyer (Zu Matthaus, 8. 45). — 5) Pritssche, Paulus, De Wette, Strauss: Leben Jesu, I, 8. 142. — 6)K6stliii, 8. 29f. — 7) 8trauss (Leben Jesu, I, 8. 187), 8chwegler (Nach- i^oitoliBchet Zeitalter, I, 8. 250 f.), Baur (EvaDgelien, 8. 583), Meyer (8. 40, 57), Hilgenf eld (Byaiigelien, 8. 46 f.). Digitized by VjOOQ IC 1 72 Drittes CapiteL mar^ Bahab, Batbseba, als typi Mariae, auf die bearbeitende Hand des Matthaus zuruckzufuhren. ^ — Uebrigens ist die Genealogie hebraiBchen UrsprungSy nennt daher die Namen uberwiegend nicht mit den griechi- schen Formen der LXX. 2) 1, 18 — 2, 23 Vorgeschichte, bestehend aus swei, von Matthans zuerst verbundenen*. Tradition en, I, 18— 25und2, 1 — 23. Daher in Sprachgebrauch ' und Citations weise (§. 17) so durchaus mat- thaisch, dass fruhere Versuche, die beiden ersten Capitel als nicht ur- sprungliche Bestandtheile des Evangeliums zu erweisen,^ schon aus phi- lologischen Grunden unstatthaft sind und als antiquirt gelten mussen. Da die Annahme, auch dieser Abschnitt habe bereits als eigenes Schrift- stuck dem Matthaus vorgelegen, *^ mit der beschriebenen Beschaffenheit desselben unvereinbar ist, da femer die Behauptung, Biatthaus habe, wenngleich unwiUkOrlich , die ganze Geschichte nach seinen dogmati- schen Gesichtspunkten selbst gestaltet, * mit dem durchaus poetischen, auf volksmftssigen Ursprung hinweisenden , Charakter der Erzahlong seltsam genug contrastirt : so bleibt nichts ubrig, als in unserem Ab- schnitte das erste Beispiel von selbststandiger schriftstellerischer Gic- staltung traditioneller Stoffe durch Matth&us zu erblicken.^ II. Messianische Vorgeschichte (3, 1 — 4, 25). 3) 3, 1—6. A, 1, Der Taufer, dessen Bedeutung, Auftreten und Aussehen Matthftus aus A mittheilt, so jedoch, dass er die Localitat als judische Wuste naher bezeichnet und die Notiz, der Taufer habe ^dnTiOfia fietavoiag gepredigt, frei umgestaltet in die Angabe des, von A Mr. 1,15 bios aus Jesu Munde berichteten, Inhaltes (xetavoeive - fjy- yixev yciQ fj fiaoiXsia tcjv ovQavcjv. In der That aber ist allerdings nicht denkbar , dass zwischen dem Thema der Predigten des Vorlaufers und des Messias kein Unterschied gewesen sein sollte. ® Dieser Uebergang, womit Matthaus die Vorgeschichte verlasst, um den Faden von A aufzu- nehmen (iv vaXg -^^iQaig ixeivaig) beweist zwar eine Fuge, ist aber selbst voUig unschuldiger Natur * und wahrscheinlich aus einem Vor- blick auf A Mr. 1 , 9 zu erklaren. *® 1) Aebnlich Strauss, Gfr6rer, Hilgenfeld: ETangelien, S. 47. — 2) Ewald (EvangeHen, S. 172), Kfistlin (8. 72 f. 75 f). Was hiergegen Hilgen- feld (Evangelien, S. AS f.) bemerkt, beweist hdchstens, dass Matthftus die Fnge r?ri- schen beiden Fragmenten etwas verwischt hat. — 3) Gersdorf (S. 38—145), Cred- ner (Einleitung, S. 6S), Wilke (Urevangelist, S. 644. NeutestamentUche Rhetorik, S. 448), Kdstlin (S. 36 f). — 4) Vgl. die Literatnr bei Be Wette : Einleitung, II, 8.180. — 5) Meyer: Zu MaUbfius, S.66. —6) Hilgenfeld: Evangelien, S.53. — 7) Ewald, Kdstlin, Bleek: Synopsis, I, S. 131. — 8) Ewald (Eyangelien, S. 155), Weisse (Eyangelische Geschichte, I, 8. 315). — 9) Vgl. Meyer, Bleek: Synopsis, 1, 8. 140 f. — 10) Vgl. Wilke, 8. 642 f. Was Weiss, 8. 37 hierObar be- Digitized by VjOOQ IC Composition des MatthEus. 1 73 4) 3, 7 — 12. Rede desTaufers. A, 2. Die hier unpassende/ aber dem Matthaos gelaufige. Combination der WagiaatoL xal 2addov' xaioL beweist die theilweise Ueberarbeitung. * Dass Matthaus 7 — 10 nicht, wie Wilke behauptet, ' vor Mr. I, 7. 8 = Mt. 3, 11. 12 herein- geschoben istj, zeigt schon das auf elg nvq ^aXXetai. 1 0 zurucksehende and wiederum auf TMt%a%avaei nvql dafiiarqf vorweisende iv uvevfiaii ayiif xcrl nvqi Auf Rechnung des Matthaus aber konunt die durch fiaataaai statt kvaai gegebene Differenz des BUdes. 5) -3, 13 — 17. A, 3. Taufe Je^u. Zwar etwas undeutlich, aber doch so wiedergegeben ^ dass eine nnbefangene Exegese nur in Jesu^ nicht in dem Taufer^ den Empfanger des Gesichts erkennen darf. ^ Da- gegcn, ist die Notiz von der anfanglichen Weigerung des Taufers 14. 15 aas einer^ mit der Geburtsgeschichte correspondirenden^ Tradition bei- gefflgt, wie gegenwartig fast allgemein anerkannt wird ^ und schon aus der matthaischen Diction hervorgeht (nq^ovj diaxwlveiv; dem Marcus fremde Ausdrucke , wie nXtiQiSaai naaav dixaioavvrjVy das nachgefugte, an sich schon nur bei Matthaus stehende, aQTc). 6) 4, 1—11. A, 4. Versuchung. Die Umstandlichkeit der Quelle wird anfangs vermieden. Die Bezeichnung Jerusalems als der ayla no- lig kommt hier so gut auf Rechnung des Matthaus^ als 27, 53. Kdst- lin'sZweifel an der Aechtheit unsers Stucks • hat Hilgenfeld'^ be- seitigt 7) 4, 12—17. A, 5. Anfang der Wirksamkeit in Gali- laa. Die Verlegung des Wohnorts nach Kapemaum wird im Gegensatze n A als etwas Beabsichtigtes hingestellt und benutzt, ^ um das Citat Jes. 8 > 23. 9, 1 in freier Reminiscenz einzuflechten. 8) 4, 18—22. A, 6. Berufung der vier altesten Apostel. Bis hierher geht Matthaus an der Hand von A, weil er, um die Berg- rede einzufuhren, wenigstens mit einigen Worten der Apostel Erwah- nung gethan haben musste. 9) 4, 23 — 25. A, 15. Summarischer Bericht uber Lehr- thatigkeit und Krankenheilungen, als Ueberschrift fur das nnachst folgende Bild von Jesu Lehr- und Wunderwirksamkeit^ ^ ins- besondere aber als Einleitung zur Bergpredigt. Dabei li^ A Mr. 3> merkt, ist dahin zu berichtigen , dass iv ixiCvaig ralg riuiQaig bei Matthtlus nur noch in ParalleUtellen (24, 19. 38 ?), dagegen bei Marcus viermal yorkommt. — 1) Nean- der (Leben Jetu, S. 78), Bleek (Synopsia, I, S. 147), Wilke (S.460).— 2) Ewald: Srangelien, S. 157. — 3) Urevangelist, S. 454 if. — 4) Vgl. Fritzsche, Hilgen- feld, Weisse: Erangelische Gescbichte, I, S. 472. — 5) Lacke, Hilgenfeld: Brangelien, S. 57 f. — 6) Erangelien, S. 73. — 7) Evangelien, S. 59. — 8) Hllgen- feld^ ErangeUen, S. 60. — 9) WeisB,(S. 32), Bleek (Einleitung, U, S. 275 f. Synopsis, I. S. 206). Digitized by VjOOQ IC 174 Drittes Capita 10—12 th^weise zu Grunde; im Granzen aber bat Matthaas fre^bil- det» wie der romische Gebrauch von Syrien, die fialcncla u. A. zeigt. ^ III. Die Bergpredigt als messianisches Programm. A, 17 (5, 1—7, 29). lO; 5, 1.2. Einleitung. Anstatt bios mit A Mr. 1, 22 zu sagen 7]v yoQ diddaxwv (bg i^ovaiav extav^ gibt Matthaus ein classisches Bei- 8piel von Jesu Lehrthatigkeit. ^ » £r will in einer Gesammtanscbaaung Alias zusammenfassen , was dazu dienen kann, eine ebenso bestimmte und bezeicbnende, als grossartige und inhaltsreiche Vorstellung von der messianischen Bestimmung Jesu, wie dieselbe von seinem Standpunkte a us gedacht werden muss, zu geben. a' Die historische Einfassung hie- fur und den allgeineinen Stoff findet er in A (vgl. S. 76 f.), welche Quelle er aber erweitert, indem er einzelne Aussprucbe aus andem Theilen von A anticipirt, eine noch viel grossere Anzahl aber aus -^ und anderen Quellen (vgl. S. 16 1 f.) einarbeitet, sei es gelegentlich unterbrin- gend, sei es nacb innerer Verwandtschaft anreihend.* So lasst sich der zuerst von Calvin (der richtig zugleich die Junger als Angeredete be- trachtet) ausgesprochene " Gedanke, wornach die Bergrede Mt 5 — 7 eine Composition aus vielerlei vereinzelt vorgefundenen Beden Jesu ist, in der That bis in's Einzelne nachweisen. Wie unhaltbar heutzutage die entgegenstehende Ansicht geworden ist, zeigt z. B. die verworrene Aus- einandersetzung Meyer's, der aber dennoch theils im AUgemeinen zu- geben muss, dass spater Gesprochenes absicktlich oder unabsicktlich mit eingewoben sei, theils insbesondere denjenigenStellen, in welchen Jesus als Messias auftritt, sp&tere Entstehung zu verleihen, sich gen6tkigt sieht. ^ Nur ist ihm entgangen, dass dieser messianische Charakter eben der ganzen Bergpredigt des Matthaus in ihrem Unterschiede zu der des Lucas anhaftet. Wie Mt. 4 , 23—25 der Inhalt der Lehre Jesu als das Evangelium vom Beich bezeichnet wird, so enthalt nun Mt. 5 — 7 nichU Anderes, als die Predigt von der Gerechtigkeit dieses Reiches, worin Jesus — im Gegensatz zu Moses — der Konig ist. Die Bergrede |hat namlich allerdings nihren Mittelpunkt in allem Demjenigen, was Mat- thaus Jesum in ihr uber sein affirmatives Verhaltniss zum Gresetx aussprechen lasst. a ^ Davon unzertrennlich ist aber die Erkenntmss, dass Matthaus die Bergrede nicht bios erweitert — was auch Baur an- erkennt — sondern aberdies, dass er ihr ein, von der historischen Berg- rede specifisch verschiedenes, Thema gegeben hat Nur in dieser, nicht 1) Kwald: Drei Evangelien , S. 209. — 2) Wilke, S. 627. — 3) Baur: EyangeUen, S. 456. — 4) B leek: SynopsiB, I, S. 222 If. — 5) Opera, ed. AmsteL VI, 8. 64. — 6) Zu Matthftus, S. 192. 194. — 7) Baur: EvangeUen, S. 466. 588. Digitized by VjOOQ IC Compotitioii des MatthftuB. 1 75 aber in der Gettalt von A, taugte die Bergrede als Programm zu demje- nigen Evangelium^ welches das Verhaltniss Jesu zum alien Bunde nach alien Seiten darzustellen unternimint. Aber nicht bios erweitert, auch versetzt bat Matthaus die Bergpredigt^ indem er sie aus dem spateren Zosammenhang von A an den Anfang des Auftretens Jesu vorruckte. Anch Baur bat diese Absicbt wobl bemerkt^ ndie Bergrede ganz in den Anfang der d£fentlicben Wirksamkeit Jesu zu stellen ; « wie uberhaupt von bedeutenderen Auslegem fast bios Meyer noch die Anticipation leugnet. ^ Daraus ging aber binsicbtlich des Auditoriums die weitere Schwierigkeit hervor, dass die Junger, den en die Rede in A gegolten hat, weil im Context des Matthaus noch gar nicht erwahnt, nicht die eigentlichen Zuhorer sein konnten, sondem vielmehr die unmittelbar vorangehenden oxloi Mt. 4, 25. 5, 1.7, 28 die Rede motiviren, als waren sie in Folge der wunderbaren Thaten , von denen doch Matthaus erst nach der Bergpredigt bestimmten Bericht thut, ^ Jesu auf den Berg gefolgt. Aber sowohl in diesem Berge selbst (Mr. 3, 13), als auch in der Art, wie 5, 2 doch noch die fta&rjrai hereinspielen, zeigen sich die Spuren der richtigen Situation, welche bei Matthaus durch das Bestre- ben, den Herm vor moglichst bedeutendem Auditorium sein Programm aufstellen zu lassen, um so naturlicher zurUcktritt, als ja Jesus uber- haupt erst vier Junger hat. Am besten hat Hilgenfeld das Wider- streben des Inhalts der Rede gegen ihre historische Einfassung ausein- andergesetzt. ' Dem Matthaus gehdrt also Disposition und Ideenassocia- tion an , Jesu dagegen die einzelnen Apophtegmata, die den Schematis- mus ausfullen. Man sollte doch endlich einsehen, dass gar nichts damit gewonnen ware, wenn wir auch den ganzen Inhalt von Mt. 5 — 7 als be- reits in irgend einer Quelle gegeben nachweisen kdnnten, da unsere Bede in diesem Falle, weil ja doch kein Ohrenzeuge im Stande gewesen ware, eine so lange Reihe von Sentenzen zu behalten, deren jede fur sich den Hdrer schon ganz in Anspruch nimmt, nur um so sicherer eine Composition, diesmal aber irgend eines Quellenschriftstellers, w&re. ^ 11) 5, 3 — 12. Die Makarismen. Hier beginnt ein kunstvoll gearbeitetes Redestuck, das Matthaus an die Stelle des Anfangs der Bergrede in A ruckte. Die vier Seligkeitsspruche wurden zunachst auf die bedeutsame Siebenzahl gebracht, ^ indem aus einer grdsseren Menge von uberlieferten Spruchen Jesu von der Art (vgl. Lc. 11, 28) eine pas- sende Gradation gebildet wurde, die in dem, aus A angefagten, lange- ren Sprache 10 — 12 nicht sowohl gipfelt, als vielmehr den Uebergang J) Zu ICatthAQf, 8. 191 f. — 2) Wilke, S. 618 f. — 3) ETangelien,. S. 61 . 65 f. —4) W#lftfte: ErangelifloheGeMhichte, 11,8.29. — 5) Ewald (ETang^en, 8.210), K6atlin(8. 60). Digitized by VjOOQ IC 176 DrittM Capital. von den abspringenden Schlagwortem zum gewOhnlichen Bedefloss fin- det. * Zugleich werden die speciell an die Junger gerichteten Satze in allge* meine Sentenzen verwandelt (aus v^evi(fa wird av%U)v) , und ihre sach- liche Einheit sehr verallgemeinert. ^ Mehr noch zeigt sich die bearbri- tende Hand dee MattMus in gewissen Zusatzen, ^ wozu nicht bios 6 ^y di^xatoavvrjv y 10 &ex£v dixaioavvtjgj sondern vor AUem 3 die Ex^;e8e der d'^is:' als n%(axoi %(^ Tcvevf^ari gehort, ^ wozu BitsckTs treffende und ausreichende Argumentation zu vergleichen ist. ^ Einen spateren Zusatz aber kann Hilgenfeld nur desshalb daraus machen^ weil er nun einmal bisher gegen die secundare Gestalt des Matthaus uber- haupt seine Augen verschlossen hat.* Wenn fruhere Zeugen das %^ ftvevfiatc nicht zu lesen scheinen, so beweist Dies nur^ dass die Fassung des Lucas filr die ursprunglichere zu halten ist. 12) 5, 13 — 16. Licht und Salz. Hier sind Stellen aus -^ und A mit eigenthumlichen Traditionen verschmolzen ; namUch^Lc. 11, 33. 14, 34. 35 (vgl. S. 149. 154); aberauch A botMr. 4, 21 = Lc,8, 16 wenigstens den leitenden Gedanken der Rede vom Licht, und das Wor^ vom Salz hat sich ebenfalls in A Mr. 9, 49. 50 erhalten. ^ 13) 5, 17—20. Principielle Stellung Jesu zum Gesetz. Aus A ist hier bios die, sachlich hergeborige, ErUarung uber die ewige Dauer des Gesetzes, wohl in freier Wendung(vgl. Lc. 16, 17), angebracht worden; im Uebrigen aber treten hier und im folgenden Abschnitt die Spuren jenes S. 163 erwahnten Tractates zu Tage, der sich mit der Stellung Jesu zum mosaischen Gesetz zu schaffen machte. 14) 5, 21 — 48. Sieben Beispiele wahrer Gesetzeserful- lung, aus Ky A und anderen Traditionen zusammengestellt : 21 — 26, Mord. Hier ist dem Hauptauspruch noch ein verwandter aus A Lc. 12, 58. 59 angehangt, aber nicht ohne dass dem naturlichen Sinn des allein bei Lucas angemessenen Wortes Gewalt geschieht. ® — 27 — 30, Ehe- bruch. Dem Schlagwort ist gleichfalls, und sehr passend, ein Fragment aus A Mr. 9, 43. 45. 47 = Mt. 18. 8. 9 beigefagt.* — 31. 32, Ehe- scheidung. Der Ausspruch ist entnommen aus A Mr. lO, 2 — 12 s Mt. 19, 3—9, ^^ bei Lc. 16, 18 bios gelegentlich an einen allgemeinen 1) Bleek: Synopsis, I, S.237. ~ 2) Bleek: Synopsis, I, S.228. — 3) Ewald (Evangelien, S. 211), KOstlin (S. 66), Bleek (Synopsis, I, S. 228 f.) —4) Bleek: Synopsis, I, S. 232. — 5) Evangellum Marcion's, S. 237 ff. — 6) Evangelien, S. 61 f. — 7) Nicht aber umgekehrt, wie Weiss (S. 65) meint. — 8) Pott, KnhnOl, Gratz, Neander (Leben Jesu, S.397. 566), Bleek (Synopsis, I, S.263).~ 9) Daas gleichwohl das Wort bei einer andern Qelegenheit gesprochen worden sei, s. Olshau- sen, Neander: Leben Jesu, S. 397. ~ 10) Deutlioher wie hier, kann die schxift- •tellerische Methode nicht wohl erkannt werden. Denn wenn Jesus hier bereits seine Ansicht tlber Ehescheidung ausgesprochen hfttte, ware der Streit hiertlber Mt. 10 Digitized by VjOOQ IC Composition des Matthftus. 1 77 Ausspruch uber das mosaische Gesetz angeknupft. Matthaus hingegen bat dem Worte, das ursprunglich in derselben absoluten Allgemeinheit geredet war^ wie alles Uebrige in diesem Zusammenbange^ die Clause! TtoQeKJog Xoyov Tto^velag hinzugefugt. * — 33 — 37, SchwOren. — 38 — 41, Vergeltungsrecht. Hier kehrt Matthaus bereits zu der Bergrede von A Lc. 6, 29 zuruck. — 42, vom Mein und Dein. Dass hier bei Matthaus Etwas ausgefallen ist {rixovaats on iqqridiri ov xliipsigj ano- dtiaeig di to If^ariov %(p mcDXff^ vgl. Exod. 20, 15. Deut. 24, 3 und iyw di liyw v(juv) geht aus Ewald's treffender Erorterung der Stelle her- vor. * Daran schloss Matthaus das Stuck A Lc. 6, 30 an. — 43—48, Feindesliebe, aus A Lc. 6, 27. 28. 32. 33. 35. 36 gebildet. Dabei ist alles vom Leihen Gesagte ausgelassen, wesshalbLc. 6, 34 gar keine Ver- tretung findet. 15) 6, 1—7, 12. Sieben rechte Tugendmittel,' gleichfalls aus A, ^ und der Tradition zusammengestellt : 6, I — 4: Abnosen. — 6, 5 — 15 : Gebet; dem Hauptausspruch wurde angefugt aus A Lc. 11, 1—4, jedoch auch hier die Funf- oder Sechszahl der Bitten durch eine Hinzufugung auf die Siebenzahl gebracht ; * und aus A Mr. 11,25, welche Bemerkung aus sachUchen GrQnden wegen 12 herbeigezogen ward. * — 6, 16— 18:* Fasten. — 6, 19 — 34: Unabhangigkeit von pecuniaren Sor- gen. Dieser Abschnitt ist zusammengesetzt* aus A Lc. 12, 33. 34 = Mt. 19—21, woran sich anschliesst Mt. 22. 23, aus ^ Lc. 11, 34-36 verkurzt und abgerundet; femer Mt. 24 aus ^ Lc. 16, 13 und Mt. 24 2 — 12 nicht denkbar. So Pott, Eichhorn, KdhnOl, OUhausen, Bleek, KGstlin, S. 47. Vgl. auch Harless: Die Ehescheidungsfrage, I860, S. 30 f. Aber Mt. 5, 31. 32 wird auch nur dann, wenn man sich der spftteren Tollstfindigeren Stelle Ht. 19, 3—9 erinnert, Terstftndlich, wie Jesus seine Ansicht als eine Auslegung Ton Deut. 24, 1 — 4 der falschen pharisaischen Ausbeutung der Stelle entgegensetsen kann. Vgl. Harless, S. 12: » Was man aus unserer SteUe (Mt. 5, 31. 32) nicht exmitteln kann , ist die Auskunft auf die Frage, wie sich denn das von Christus Ex- ponirte als Wille Gottes aus dem Gesetz ergebe.n »Wir wftren auf unsere eigenen Qedanken und Erklfirungen verwiesen, wenn nicht ein bei anderer Gelegenheit gespro- cfaenes und anderwftrts berichtetes (Mt. 19. Mr. JO) Wort Christi uns vollkommenen Aufschluss aber die Meinung des Herm gftbe.« Auch Paul us (1. Cor. 7, 10) kennt daher den Ausspruch Christi nicht in der Form der spftter componirten Bergpredigt, sondem in der urspranglichen von A. Vgl. Harless, a. a. O. S. 11. Auch das notiZ uvtiir fioix^vd^m und Anderes ist durchaus nur durch Mt. 19,9 yerstandlich. Vgl. Harless, S. 14. 37. — 1) Vgl. Bleek (Synopsis, I, S. 272), Weisse (Evange- liMhe Oeschichte, I, S. A62 f.), Weiss (S. 67), KOstlin(S. lOS), Ritschl (Alt- kJithoL Kirche, S. 44). — 2) Jahrbtlcher, I, S. 132. Drei Evangelien, 8.217. — Vgl. KOstlin, 8. 50. — 3)Ewald: Jahrbtlcher, I, S. 132 f. Eirangelien, 8. 218. — 4) Die Ursprfbiglichkeit bei Lucas anerkannt von Schleiermaoher, Sieffert, Olshauten, Neander, Bleek: Synopsis, I, 8. 299. — 5) Bleek: Synopsis, I, S.309. — 6) Neander, Bleek: Synopsis, I, 312. HohOMBO. 12 Digitized by VjOOQ IC 178 Drittes Capitel. — 33au8^Lc. 12, 22 — 31. Mt. 34 ist Zusatz, da der Abschnitt pas- sender mit Lc. 31 = Mt. 33 schlies8t\ — 7, 1 — 5: Kein Splitterrich- ten. Auch hier kehrt das funfte Glied wieder ztir Bergpredigt von A Lc. 6, 37. 38 (welcher Vers, ursprunglich von der Mildthatigkeit han- delnd, von Matthaus in einen andern Zusaminenhang gebracht wird) 41. 42 zuruck. — 7, 6 : Vorsicht in der Mittheilung^ ein Ausspruch, deesen erste Veranlassung leider nicht zu erkennen ist*. — 7, 7 — 11 : Anhaltendes Streben und Beten; aus A Lc. 11, 9 — 13. — 7, 12: All- gemeiner Schluss, aus dem fruheren Zusammenhang der Bergpredigt in A Lc. 6, 3 1 hierher gesetzt. * 16) 7, 13 — 27. Schluss der Bergrede, bestehend zuerst aus einer Anzahl von passend ausgelesenen paranetischen Stucken aus A Lc. 13, 24-27 = Mt. 13. 23 und der Bergpredigt von A Lc. 6, 43— 45 = Mt. 16 — 20, welche Stelle aber durch die Beziehung, die ihr Matthaus zu den falschen Propheten gibt, mannigfach modificirt er- scheint; namentlich ist Mt. 19. 20 Zusatz;^ A Lc. 6, 46 = Mt. 21; A Lc. 6, 47—49 =s Mt. 24—27 ; so dass die Selbststandigkeit am grOss- ten ist Mt. 13—15. 19—23, wo tlbrigens 22. 23 Bearbeitung von A Lc. 13, 25—27 ist.* 17) 7, 28. 29. Schlussformcl, von Matthaus gebildet aus A Mr. 1, 22 = Lc. 4, 32, wiewohl freilich nach einer so langen, gegen die Pharisaer gerichteten, Bede, weder eine besondere Bemerkung uber die Art^ wie er predigte, noch die Erklarung, dass er anders, als die Pharisaer predigte, recht am Platze ist. * IV. Bild von Jesu Wunderwirksamkeit (8, 1 — 9, 34). Zusammenstellung einer Beihe von Wunderthaten aus verschiede- nen Partien von A. ^ 18) 8, 1—4. A, 10. Heilung eines Aussatzigen. Den Er- folg der Sache hat Matthaus ganz weggelassen, und folgerichtig hatte er diese Methode des Auslassens auch auf das Verbot 4 ausdehnen sollen (§. 27). Wie das Folgende zeigt, sind die Verse 2 — 4 in den Zusammen- hang von A eingeschoben ; Matthaus will die Ruckkehr vom Berg nach der Stadt ausfuUen und setzt darum hierher das ohnehin ausgelassene Wunder vom Aussatzigen, dessen Scene er zugleich in*8 offene Feld ver- legt. Eine gewisse Willkuriichkeit, womit Matthaus diese Perikope hier 1) Bleek: Synopsis, 1,8.323. — 2) Bleek: Synopsis, I, 8. 326. - 3) Die aU- einige Angemessenheit dieser Stellung bei Luoas haben alio besonnenen Ausleger an- erkanntyon Maid onatus bis Evrald (Eyangelien, S. 218. 222} und Bleek (Sync^ sis, I, S. 330). — 4) Bleek: Synopsis, I, S. 334. 336. -- 5) Bleek: A. a.O. S.3)9. — G) Wilke, S.626. — 7) Baur i Evangelien, S. 592 f. Digitized by VjOOQ IC Composition des Matthaus. ] 79 eiuruckte, berechdgt aber noch lauge nicht zu der Verinutliung, dass er einer anderen Quelle, ale A^ gefolgt sei. ^ 19) 8, 5 — 13. A, 18. Heilung des Sohnes des Haupt- manns von Kapernaum, Eingeschoben sind bier It und 12 aus ebem Stucke von Ay * dessen Anfang Matthaus oben im Schlusse der Bergrede hatte (7, 13. 22. 23); vgl. Lc. 13, 28. 29. Schon um dieser Einschaltung willen kann nicht der ganze Abschnitt aus A sein. ^ 20) 8^ 14. 15. A, 8. Heilung der Schwiegermutter des Petrus. Hier beginnt bei Mattbaus, der nun Wunder erzahlen will^ die Nachlese aus A mit Mr. 1^ 29 — 31. Die Abbangigkeit ist evident. Am Anfang ist der Bericht zusatnmengezogen, so dass Jesus gleich beim Eintritt die Kranke sieht (vgl. dagegen Mr. 30. 31). Wahrend x^arij- oaq tffi xeiqog bei Marcus auf eine plastische Weise die Geberde aus- drucken soil (vgl. 5, 41 . 9, 27), fasst Matthaus es als Medium der Hei- lung, wie 8, 3, verwandelt es daher in ijxparo Ttjg x^^QOQ ccvTrjg, worauf das fieber auch augenblicklich weichen muss. Aus ijyai^ev avfrjv macht er ^yiQdT], was den Uebergang zur Bedienung bilden soil, welcher Gegen- dienst dann auch avT(p (fur avtoig) geleistet wird. ^ 21)8, 16. 17. A, 8. Krankenheilungen am Abend. Warum die Kranken erst Stpiag ysvof^ivtjg gebracht werden, ist nur aus Marcus (vgl. S. 1 14) zu ersehen. Dieser Fragmatismus schliesst jedenfalls fester, als der von Hilgenfeld vorgeschlagene, dass die Mahlzeit Mt. 8,15 bis Sonnenuntergang gewahrt babe. ^ Ebenso verhalt es sich mit der falschen Stellung von ndrceg und TtoXXoi (vgl. Mr. 1, 32. 33).® Uebri- gens verkurzt Matthaus die Stelle und setzt das Citat Jes. 53, 4 ein, nm dessetwillen er vorher die xanvSg exov%eg den Damonischen nachgestellt hatte. Die Abbreviatur am £nde war nothwendig, da Dasselbe, worauf Jesu Beise nach A Mr. 1, 35 — 39 = Lc. 4, 42—44 erst ausgehen soil, schon anticipirt ist vor der Bergpredigt. ' Ebendesshalb verlasst nun Auch Matthaus den Faden von A an dieser Stelle, um ihn dort wieder aufzunehmen, wo A Mr. 4, 35 die nachste Reise erz&hlt wird. ® 22) 8, 18—22. ZweiFetenten um das Himmelreich. Der Mangel aller Verbindung mit dem Vorigen, den KOstlin* und Hil- genfeld'** bemerken, ruhrt einfach daher, dass Matthaus, um das viele Hin- und Herziehen zu vermeiden und zu keiner, seine Disposition krenzenden , Weitschweifigkeit verleitet zu werden , die Abreise von Kapemaum A Mr. 1, 35, die er jetzt eigentlich erzahlen soUte, mit der 1) Gegen Weiss, S. 76. — 2) Plitt; De compositione, S. 14. — 3) Aehnlioh Weisse: EvangeUenfrage, S. 158. — 4) Weiss, S. 654. — 5) Zeitachrift fttr wis- ••nscbaftlicho Theologie, lb62, S. 9. — 6) Weiss. S. 37. — 7) Wilke, S. 607. — 8) Wilke, S. 62S. - 9) S. 78. — 10) EvangeUeu, S. 68. 12 ♦ Digitized by LjOOQ IC 180 Drittes Capitel. spateren 4, 35 zusammenwirft, * aber nur urn aus A Lc. 9, 57 — 60 ein Stuck einzuschieben, * das hierher nicht gehort, da Jesus sich dem Volke vielmehr entziehen will^ wie bei seiner Hast auch das Wort 21 ubel an- gebracht ist^ und seine Erklarung 20 erst fur eine spatere Situation passt. ' Warum Matthaus einen dritten, in A Lc. 9^ 61. 62 sich an- schliessenden^ Fall ausliess? Siehe §. 28. 23) 8, 23—27. A, 22. Jesus im Sturm schlafend. Den Be- richt von A setzt Matthaus in's Wunderbarere um^ indem er Jesum noch Uegend die StraiVorte an die Junger sprechen, dann erst aufstehen und das Meer stillen lasst — was Meyer nicht hatte misskennen sollen. ^ 24) 8^ 28—34. A^ 23. Die Gadarenischen Besessenen. Wir sehen hier ab von dem juax^crv, was, wenn es nicht auf einem alten Schreibefehler beruht, ^ als ein unrichtiges Surrogat fur hiii zu betrach- ten ist. Den einen Tobenden A Mr. 5, 2 = Lc. 8, 27 verdoppelt Mat- thaus grundsatzmassig (§. L6) und gibt die Sache nur compendiarisch und ohne den Schluss, denn dass naaa ri Tiokig Jesu entgegengekommen sei 34, ist bloser Reflex der Nachricht von A, wornach der Geheilte auf Jesu Geheiss xad^ okiqv nijv noliv (Lc. 8, 39) oder iv v^ J&((,an6lti (Mr. 5, 20) das Wunder verkundet hat.* Alle Verkurzungen haben ubrigens ihren Grund darin, dass die allzu individuellen, nur auf den Einen berechneten, Zuge im Matthaus wegfaUen massen. ^ Das nqb xai- (fov 29 fliesst aus einer Eigenthumlichkeit des Matthaus, der die Paru- sie als den Tag der Zerstdrung aller letzten Hofinungen der Damonen betrachtet. ® 25) 9, 1—8, A. 11. Heilung eines Paralytischen. Aus dem bisherigen Zusammenhang von A nimmt Matthaus bios noch den Anfang aai ififiag eig to nXoiov dieTtiQaoe (Mr. 5, 21) auf, greift dann aber auf eine frohere Stelle von A zuruck, um , wie er die beiden Aus- zuge A Mr. 1, 35. 4, 35 identificirt hatte, nun auch in einem Zuge zn erzahlen, was sich nach beiden Kuckkunften ereignet hatte, und so ein moglichst sprechendes Bild von Jesu Wirken in Eapemaum zu geben ; * er verfahrt auch hier bestandig abkurzend (z. B. die Manier des Hereinbringens, die Marcus nach Hilgenfeld erfunden haben soU*^), zum Theil aber auch zusetzend, wie in 8.** Die Schlussformel A Mr. 2, 12, man habe so etwas noch nie gesehen, wandelt Matthaus in eine, aus 6 gebildete, Doxologie um, weil der Ausdruck von A, nach 1) Volkmar: Religion Jesu, S. 373 f. — 2) Ewald (Evangelien , S. 23S), Plitt (De compositione, S. J4). — 3) Wilke, S. 620. — 4} Zu MatthftUB, 8. 208. — 5) Wilke, S. 614. — 6) Wilke, S. 613. — 7) Reuss: NouveUe reTue, II, S. 24. — 8) Ewald: Eyangelien, S. 241. — 9) Volkmar: Religion Jesu, S. 374. — 10) Evangelien, S. 129. — II) Ewald: Eyangelien, S. 199. Digitized by VjOOQ IC Composition des Matthaui. \%\ den fruher in Kapernaum schon geschehenen Wundem^ besonders nach Matthaos 8, 5 — 13^ im Matthaus unstatthaft ist. ^ 26) 9, 9—17. A, 12. Berufung des Matthaus und Gast- mahl. Matthaus hat wieder bedeutend verkurzt, dafur aber das Citat Ho8. 6, 6 eingefiXgt und an der Stelle des unbekannten Levi einen Na- men aus der Liste der Zwolf gesetzt — was jedenfalls viel denkbarer, als die umgekehrte Annahme Derer, die in Marcus den abhangigen Text erblicken.* Als Angeredete bezeichnet Matthaus 14 mit Becht die Johannes] unger, die auch Mr. 2^18 erwahnt werden^ da xai Eqxov%ai dort nicht heissen kann : man kam. ' Dieser Frage fugt Matthaus^ dem Sinne der Antwort nicht angemessen^ ein TtoXXd bei. * 27) 9, 18 — 26. A, 24. Das Tochterlein des Jairus und dieBlutfltlssige. Matthaus fasst jetzt den Faden von A^ indem er ihn an fruherer Stelle fallen lasst^ dort wieder auf » wo er 9, 1 verlassen war, erzahlt aber die, absichtlich auf den Schluss der Wunderberichte anfgesparte, Todtenerweckung ungenau und compendiarisch, wie schon aus dem eiael&aiv 18 vgl. 10, und aus dem aqti helevzTiaev hervor- geht Da hiemach das Kind schon anfangs gleich todt ist, wurde die weitere Sendung aus dem Hause des Jairus als uberflussig wegge- lassen. Andere Abbreviaturen sind durch den Umstand bedingt, dass Jesus hier von Haus zu Haus, nicht aber vom See her durch das Volks- gedrange, wie in A, den Weg macht. Weil aber die Verlangerung der onterw^ statthabenden Scene eben durch dieses, nicht erwahnte, Volk^^edrange, motivirt war, musste auch die Geschichte von der Blut- flussigen bedeutend verkurzt werden. Endlich tritt auch der eigen- thumliche Gresichtspunkt von A, womach Jesus mdglichst alles Auf- sehen vermeiden will, zuruck. " 28) 9, 27 — 31. Zwei Blinde. Am Ende eines Abschnittes an- gekommen, fugt Matthaus im Vorblicke auf 11,5 noch zwei, zur Vor- bereitung erforderliche, Wundergeschichten an. ^ Zuerst die von den beiden Blinden (vgl. 11, S tvq>kot ava^Xifcovocv), deren Herkunft •chwer zu bestimmen ist. Wilke,^ GfrOrer,® Bleek* und Weiss*^ vermuthen eine zweite Form der aus A stammenden Erzahlung Mt. 20, 29—34, wie auch beide Berichte sich auffallend bertthren, sonderlich in der Anrede an Jesus als vlog Javid^ was aber freilich an eine so fruhe Stelle des Lebens Jesu, wie hier bei Matthaus, nicht passt (§. 27), wah- rend in der spateren Epoche, der Mt. 20, 29 — 34 angehort, das Verbot Mt 31 nicht mehr begreiflich ist. Dieses kommt Mr. 8, 26 zum letz- 1) Wilke, 8.608. — 2)«Wilke, 8. 532 X — 3) Gegen Wilke (8.678). Weiige (Erangel. Geschichte, I, 8. 4S2). - 4) Weiss, 8. 49 f. — 5) Wilke, 8. 533 f. 609 f. — 6) Wilke, S. 629. — 7) UrevangeUst, 8.-683. — 8) Urchristen- thum, n, 2, 8. 21 f. — 9) 8ynopsiB, I, 8. 405. — 10) 8. 76 f. Digitized by VjOOQ IC 182 Drittes Capitel. tenmal vor^ und so hat KOstlin's Meinung^ unsere Erzahlung sei ans Mr. 8, 22 — 26 entstanden, * ebensoviel Wahrscheinlichkeit fur rich, vne die Wilke'sche. In Wahrheit ist unser Bericht, man mag ihn fassen, wie man will, hi8tx)risch unbegreiflich , da in die Zeit von Mr. 8, 22— 26 nicht der Davidssohn, in die Zeit von Mt. 20, 29 — 34 nicht das Ver- bot passen will : er ist also schriftstellerische Composition des Matthaus. 29) 9, 32—34. A, 19. Die Anklage der Pharisaer auf dftmonisches Bundniss. Da Mt. 12, 22 — 24 dieselbe Sache erzaUt wird, * verdankt unsere Partie ihre Existenz nur dem Vorblick auf 1 1 , 5 xw(pot dxovovacVy * zugleich wohl auch auf die unmittelbar folgende Instructionsrede , wo 10, 25 der Hausvater Beelzebul heisst. * Unter- brochen wurde sie daher, sobald diese Pointen angebracbt waren, als- bald , zumal da der weitere Fortgang viel besser in den Zusammenhang des folgenden, der Darstellung des Gegensatzes gewidmeten, Abschnitts passte. * V. Der Gegensatz (9, 35—13, 58). • 30) 9, 35—10, 42. A, 16, 26, 65. Instructionsrede an die Zwolf. Zu Beginn des neuen Abschnittes 9, 35 wird zun&chst 4 , 23 wiederholt und mit A Mr. 6, 6 combinirt; darauf folgt 9, 36, aus A Mr. 6, 34 gebildet; daran schliesst sich 9, 37. 38 aus ^ Lc. 10, 2.^ Von hier an ist die ganze Rede, wie schon Bleek* und Kern* rich- tig bemerkt haben, in der Weise des Matthaus zusammengearbeitet, theilweise aus der Rede A Mr. 6, 7 — 13 = Lc. 9, 1 — 6, theil weise aus der andem ^ Lc. 10, 1 — 12, theilweise aus den Abschieds- reden A Mr. 13, 9 — 13. Im Einzelnen ist Mt. 10, I aus A Mr. 6, 7 ss Lc. 9, 1 ; weil aber die Namen der Apostel noch gar nicht ge- nannt waren , was mit der Anticipation der Bergrede zusammenhangt, wird Mt. 10, 2—4 dieser Theil Geschichte aus A Mr. 3, 16 — 19 = Lc. 6, 14 — 16 in sehr abgeglfttteter Gestalt eingeschoben, und damit die Berufung der Apostel, die wir bisher fortdauern sahen, abgeschlossen. Mt. 10, 5. 6 ist ein, aus Grunden von Lucas, nicht aber von Marcus" ausgelassenes. Stuck aus ^; Mt. 10, 7. 8 ist ebenfalls aus ^ Lc. 10, 9 (eigenthumlich aber ist das doigeav ildpere dcoQsdv dote); Mt. 10, 9. 1) Evangelien, S. 109. — 2) Gfrdrer: Urohristenthum, H, 2, S. 21. 30. — — 3) Weisse; Evangeliache Geschichte, II, S. 75. - 4) Wilke (S. 629), Volk- mar (S. 381). ~ 5) Vgl. Neander (Leben Jesu, S. 411), Bleek (Synopsis, S.406), Weiss (S. 77). — 6) Vgl. tlber diesen Abschnitt und sein Thema Reuss (NouveUe reyue, II, S. 37) und Weiss (S. 33). — Wftre tlbrigens Matthftus nicht durch eine scbriftliche Quelle gebunden gewesen, so hatten in diesem Abschnitt auch die Streit- reden gegen die Pharisfter Cap. 15 und 19 ihren Platz gefunden. — 7) Vgl. auch Bleek: Synopsis, I, 8. 408. — 8) Synopsis, I, S. 408 ff. 426 f. — 9) Tabinger Zeit- schriftfttrTheologie, 1834, 8.63. — 10) Gegen Ewald (Evangelien, S. 247 f.), Bleek (Synopsis, I, S. 420). Digitized by VjOOQ IC Composition des Matth^us. \ g3 10 aus A Mr. 6, 8. 9 =s Lc. 9, 3, doch ist auch^ und zwar in minder ge- schickter Weise, • berucksichtigt ^ Lc. 10, 4. 7; Mt. 10, II — 13 ist zwar schon der Akoluthie wegen aus A Mr. 6, 10 = Lc. 9,4, aber aus ^ Lc. 10, 5. 6 vervoUstandigt ; auch hier finden sich im Gefolge der Ueberarbeitung einzelne Unkkrheiten, wie das xdxel 1 1, ohne dass ohila vorausgeht, und Anderes*''; Mt. 10, 14 ist aus A Mr. 6,11s Lc. 9, 5. Bis hierher also haben wir eine Versetzung der Instructions- rede in A durch die parallelen Stucke aus ^. Es wftre jetzt, um am Faden von A weiter zu erzahlen, bios noch die wirkiich erfolgte Aus- sendung (Mr. 6, 12. 13 = Lc. 9, 6) zu berichten gewesen. Statt dessen aber bildet Matthaus eine lange Rede, zunachst fortfuhrend im Zusam- menhange von ^ (Mt. 10, 15 = Lc. 10, 12. Mt. 10, 16 = Lc. 10, 3, bei Matthaus ausfuhrlicher). Jetzt ist Matthftus, indem er aus der Rede in ^ eine Nachlese halt, wieder an deren Anfangspunkt angelangt und sieht sich nach neuem Stoffe um. Von 10, 16 sind daher langere Stucke aus den Abschiedsreden hereinverwoben ; namlich 10, 17 — 22 aus A Mr. 13, 9. 11—13. Dann folgen Stucke aus ^, zunachst Mt. 10, 23— 25, wovon Lucas, dem der Eingang zu auffallend und mit A Mr. 13, 1 0 im Widerspruch erscheinen mochte, bios die Mitte aufgenommen und ihr eine Stelle in der Bergpredigt angewiescn hatte (6, 10); Mt. 10, 26 — 33 =s ^ Lc. 12, 2 — 9, doch so, dass 27 Jesu Wort, wodurch er den Jungern furchtlose Verd£fentlichung dessen empfiehlt, was sie bisher im Verborgenen geredet hatten, dahin gewandt wird, dass Jesus selbst bis- her im Verborgenen geredet hat, was zur Veroffentlichung durch die Junger bestimmt war. ' Auch die ftlnf Sperlinge zu zwei As werden zu zweien fur eines 29, und den Engeln Gottes ist 32. 33 das Angesicht Gottes substituirt. — Mt. 34 — 36 vereinfacht aus yt Lc. 12, 51—53. — Mt. 37. 38 gemildert nach -4 Lc. 14, 26. 27. — Mt. 10, 39 = -4 Lc. 17, 33. — Mt. 10, 40 lenkt wieder in freier Weise zuruck zu ^ Lc. 10, 16, was er mit A Mr. 9, 37 versetzt, und die Schlussworte Mt. 10, 41. 42 sind gebildet aus A Mr. 9, 41. Endlich aber gibt Mt. 1 1, 1 diesem langeren Abschnitte eine freie Schlussfonnel, um zur Sendung des Taufers uberzugehen. Wie sehr es ihm nur auf die Rede angekom- men war, sieht man daraus, dass er dann die wirkliche Aussendung auslasst. Die Junger sind 12,1 wieder bei Jesus, als ob nichts vorge- fallen ware. Nach A erwartet namlich Jesus die Junger zuruck, und sie kehren auch zuruck. Alles Dies ubergeht Matthaus, da gleich seine erste Bede Instructionen enthalt, die nicht bios die damaligen, sondern auch viel spatere und ganz veranderte Zeitverhaltnisse , vor Allem auch das I) Bleak: SynopsU, I, S. 424 f. - Wilke, S. 355 f . — 2) Wilke, 8. 357 f. 3} Wei 886 (Evangelische Geschichte, I, S. 64), Block (SynopsU, I, 8. 434). Digitized by VjOOQ IC 184 Drittes Capitel. offene Hervortreten Jesu mit seiner Messianitat, vorausdetzen. * Wie konnten sonst die "Worte hier Plata finden, dass die Junger (die in der That so bald zuruckkehrenden) vor Konige und Gerichtsstuhle ge- schleppt werden , dass sie von einer Stadt in die andere fliehen und doch die Stadte Israels nicht durchlaufen soUten^ bis des Menscben Sohn zuruckkehre? Auch Bleek,* Ewald' und Hilgenfeld* haben daher in dem zweiten Theil unserer Rede die bestimmtesten Spu- ren von Anticipationen entdeckt. 31) 11, 1 — 19. Gesandtschaft des Taufers. Zuerst beendet Mt. I seine Composition mit der gewohnlichen Formel und stellt durch die unklare Bemerkung f^etifiri xtX. eine. Art Zusammenhang mit dem folgenden Stuck her.* Dieses Stuck konnte wegen des Citates 10 = Lc. 7,27, welches mit dem Grundtext stimmt, nicht in A stehen , son- dem ist, wie schon der Gebrauch des vai 9 zeigt, aus ^ (vgl. S. 143). Die Rede Jesu ist abrigens Mt. 11, 7 = Lc. 7, 24 an das Volk ge- richtet. • 32) 11, 20 — 24. Klage tiber die galilaischen Stadte. Aus ^ Lc. 10, 13 — 15: der Schluss der Mt. 10 verarbeiteten Bede. Nur bei Lucas ist der Uebergang (vgl. 10, 12 und 13) ein naturlicher. ' Uebrigens zeigt schon das aus ^ Lc. 10, 12 herubergenommene liyfa vfiiv 22, das auch noch auf 24 Einfluss geubt hat, wie es sich mit der Verwandtschaft verhalt. 33) 11, 25—30. Jesu Stellung zum Vater und zu den Menschen. Hier liess Matthaus aus A die Stelle Lc. 10, 17—20 ans, weil dieselbe von der Ruckkehr der Junger handelte, die bei Matthaus gar nicht ausgesandt waren ; wodurch der Ausspruch nicht gehorig mo- tivirt erscheint. ® 34) 12, 1—8. A, 13. Aehrenausraufen am Sabbat. Die Veranlassung zu Jesu Worten ist in der S. 73 angegebenen Weise miss- verstanden worden. Eine weitere Schwierigkeit liegt in den Worten 5. 6, welche man, da sie bei Marcus und Lucas fehlen, zunachst als Einschaltung aus^betrachten, und sich in dieser Wahrnehmung durch eine andere, ahnliche Stelle in ui Mt. 12, 41. 42 = Lc. 11, 31. 32 be- starken lassen konnte. Sicher ist jedoch dieser Schluss keineswegs; denn wie den angegebenen Stellen zufolge hier nicht kiyw di vfilv Stl %ov U(fOv juei^oV iaziv wdsj sondern xal Idov nXuov tov Uqov tide zu er- warten ware, so gehort andererseits das ovx aviyviate und das tolg aafifia- 1) Wilke, S. 370.610.632. - 2) Synopsis, I, S. 429. - 3) EvangeUen, S. 249. - 4)ETangeHen, S. 73 f. 104. ^ 5) Hilgenfeld, S. 74. - 6) Gegen Weiss, S. 72 f.— 7) Vgl. Wilke, S. 697. - 8) So richtig Strauss, Ebrard, WiUe,S. 687. Digitized by VjOOQ IC Composition des HatthAus. |g5 aiv Bum Sprachcharakter von A. Entweder also haben wir hier eine, von Matthaus in der Manier von A gebildete Erweiterung, oder aber Marcus und Lucas haben die Worte geradezu ausgelassen. Das Letztere ist an sich tnoglich und wurde nur — was ohnehin feststeht — bewei- sen , dass zu Zeiten der Entstehung des zweiten und dritten Evange- liums der Tempelcultus nicht mehr bestand. ^ Dagegen scheint fur den andem Fall zu sprechen, dass der Fortgang, das Citat 7, jedenfalls auf die Einschaltung 9, 13 zuruckweist und auf die Rechnung des Matthaus gesetzt werden muss (§.17). Da namlich nach S. 73 Mat- thaus die Stelle Mr. 2^ 27 jedenfalls gelesen hat^ ist ihre Auslassung Tendenzen zuzuschreiben^ die dem Schreiber von Mt. 24 , 20 juijde aot^- ^(h(fi nahe genug lagen. Indem sich Matthaus nun nach einer anderen Brucke umsieht^ urn 8 mit 6 zu verknupfen , gerath er auf die Einschal- tung von Vers 7, der vom Tempel wieder auf den Menschen fuhren soil vermOge des Mittelgedankens, dass der Mensch mit seinen Bedurfnissen mehr Werth habe, als der Tempel und sein Cultus, die &vaia.^ Hatte dasj aus Hos. 6^ 6 entnommene. Argument ursprunglich im Text gestan- den , so wurde der ganze vorhergehende Apparat, weil auf ganz andere Zielpunkte abgelegt, tlberflussig, das nachfolgende Wort 8, das trotz des eingesetzten yuQ mit 7 in keiner logischen Verbindung steht, hal- tungalos werden. Obwohl daher die Sache nicht zu voUkommener Evi- denz gebracht werden kann, muss als wahrscheinlich betrachtet werden, dass jene zweiteSeite an der Antwort Jesu (vgl. S. 73) ebenfalls biblisch illustrirt war, nftmlich durch Mt. 5. 6, womit Jesus ebenso a minori ad majos schliesst, wie er 3. 4 a majori ad minus argumentirt hatte. ' Schon um dieses einfachen Verhaltnisses willen ware die dreifache Gradation Baur's zu verwerfen, abgesehen davon, dass er sie nur mit Hulfe des Verses 7 (eKaog noch hoher als Tempelcultus, wie dieser hoher, als Sab- bat) zu Wege bringt.* Nach jener, bei Marcus mit xai eleyev aijiotg angedeuteten, Auslassung wurde in A also Mr. 2, 27. 28 gefolgt sein ; Mr. 27 erklart die Handlungsweise der Priester und correspondirt mit Mt. 5 ; Mr. 28 zieht aus dem angegebenen Grund eine Folgerung auf die Competenz des Menschensohns, der alle religiosen Grundrechte des Menschen in sich zusammenfasst, und correspondirt also mit Mt. 6. Hat so Mt. 5. 6 vor Mr. 27 gestanden , so ist die Auslassung des letzteren Verses auch bei Lucas erklart, da dieser ohnehin einen Sprung macht. 35) 12,9 — 14. A, 14. Die verdorrte Hand. So oiBfenbar hier Matthaus von der Quelle A, in deren Zusammenhang er auch fortfUhrt, 1) Hilgenfeld: Evangelion, S. 130. — 2) Wilke, UreTangelist, S. 95 f. 350 f. — 3) Meyer: ZuMatthftus, S. 259. — 4) Zeitschrift ftLr wissenschaftUche Theologie, 1860, S. 286. Digitized by VjOOQ IC 186 Drittes Capitel. abhangig erscheint y so lassen sich doch auch die Spuren einer andern Quelle nachweisen, die Lc. 14, 1 — 6 wieder zum Vorschein komint und \aelleicht schon auf das avrcjv der Scenerie 9 Einfluss geubt hat.* Deut- Hcher tritt ^ hervor, wo Mt. 10 die Frage Jesu A Mr. 3, 4 sich in eine, durch den Ausdruck von A Mr. 3, 2 = Lc. 6, 7 motivirte, Frage der Pharisaer umbildet, deren Form, abgesehen von dem Plural toig adfi^a- aiv schon aus Lc. 14, 3 entnommen ist; dessgleichen stammen aus Lc. 14, 5 die Zusatze Mt. tl. 12, nur dass Matthaus an die Stelle der seltsamen Combination v\og rj fiovg das gewohnliche Thier der Parabel, das Schaf, setzt, welches also hier nicht ursprunglich seine Heimath hatte,* sondern nur in Folge der, auch von Meyer anerkannten ,' Er- weiterung steht, deren Substanz nur Lc. 14, 5 recht am Platze ist.* Damit erledigt sich auch die Auskunft, als sei dasselbe Bild in ver- schiedene mythische Bahmen gefasst worden. * Noch ist aufmerksam zu machen auf die, durch die Einschaltung verungluckte, Stellung des, aus A Mr. 3, 4 as Lc. 6, 9 (el e^eaiiv t(p oap§atifi dya^noitjaat) entnom- menen, "Wortes Mt. 12 Sate i%eoTvv toig adfifiaoLv Ttalwg noielv, In- dem Matthaus das dya^onoirjaai beibeh<, es aber auf den Spruch von den Thieren folgen lasst, entsteht das Unpassende, dass das Wohlthun entweder nicht mehr als ein auf Menschen Bezugliches erscheint > oder aber von jenen aus A gegebenen Beispielen so abgel6st wird, als wenn es etwas Andres, Hoheres, und jenes Wohlthun gegen Thiere noch kein wirkliches dyad'OitotrjaaL w&re. * 36) 12, 15—21. A, 15. Jesu stilles Wirken. Matthaus hatte , urn die Bergpredigt an die Spitze zu stellen , die Besteigung des Berges und AUes, worauf er jetzt in der Befolgung von A stosst, antici* pirt 5, 1 ; auch die Apostel batten schon 5, 2 den Herrn umstanden und waren bereits 10, 2 — 4 namentlich aufgefuhrt worden. Wiewohl er sich daher 15. 16 noch mit A Mr. 3, 7. 10. 12 beruhrt und bei der Gele- genheit aus den » Vielen a Mr. 1 0 wieder » Alle « macht 1 5 , so sieht er sich doch genSthigt, die Grundschrift hier zu verlassen, '^ und follt da- her seiner Gewohnheit gemass die zerrissene Stelle mit einem Citat, aus Jes. 42, 1 — 4, aus. 37) 12, 22 — 32. A, 19. Anklage der Pharisfter wider Jesum auf Besessenheit. Nach der nothwendig ge worden en Aus- lassung von A 16—18 (der Inhalt dieses Abschnitts war bei Matthaus schon dagewesen) fahrt Matthaus in Reproduction von ausgelassenen Stiicken aus A weiter fort,® indem er zuerst das Wunder erzahlt, za des- 1) Weiss, S. 77. — 2) Gegen Ewald: Evangelien, S.203. — 3) Zu Matthaus, S. 262. — 4) Bleek: Synopsis, I, S. 477. — 5) Strauss: Leben Jesu, II, S. ll«i. — 6) Wilke: UrevangeUst, S. 461. — 7) Wilke, S. 621 f. — 8) Weiss, S, 45. Digitized by VjOOQ IC Composition des Matthftus. ] §7 sen Darstellung er schon 9 , 32 — 34 einen Ansatz gemacht hatte. ^ Nur verandert er jetzt, im Bewusstsein^ schon Erzahltes zu wiederholen, den Text von A, indein er im Allgemeinen verkurzt, insonderheit aber aus dem x(0(p6g einen tvcplog xat 7Lioq)6g macht. Da die ganze Scene in ^ jedenfalls beruhrt war, uiochte der Tvq)l6g der Bertlcksichtigung dieser Quelle entstammt sein (S. 1 49). Indem ferner A Mr. 3, 2 1 una des du- biosen i^iartj willen ubergangen wird, setzt Matthaus dafur 23 eine Volksausserung, in welcher das, sonst bei Matthaas nie wieder vorkom- mende, i^iarapai sich geltend macht; auch der viog J avid zeigt, dass wir es mit einer Bildung des Matthaus zu thun haben. Zu A halt sich Matthaus auch noch im Fortgang, indem er das Wort vom iaxvqSg 29 in der Form von A Mr. 3, 27 gibt; auch das von der Lasterung des Geistes 31 stimmt noch mit A Mr. 3, 28. 29. Aber gleich der Zusatz Mt. 32 ist aus der gleichartigen Partie A Lc. 12, 10 entnommen. Viel- leicht verdeutlicht er auch 28 den da-KwXog tov x^eov (= £xod. 8, 9) zum Tcvevfua %ov d-BOv.^ 38) 12, 33—37. Von der verantwortlichen Bedeutsam- keit der Rede. Im Interesse seines Zusammenhangs hat hier Mat- thaus zunachst in einigen uberleitenden Versen die Bergpredigt wieder- holt (vgl. Lc. 6, 44. 45 mit Mt. 34b. 35). Die Pointe des Stucks liegt aber in den selbststandigen Versen 36. 37, die im Hinblick auf unseren Fall gesprochen sind. Sie stammen aus A und bildeten dort das einzig Eigenthumliche in der kurz berahrten "Scene mit den Pharisaern. — Auf diese Weise entsteht folgender Gedankengang im Matthaus : » Man meine nicht, es seien ja blose "Worte! Gerade die Worte enthalten die Gedanken des Menschen, steigen also aus dem tiefsten Grunde und wie aus der Wurzel des Menschen hervor : wie der Baum und der Stamm, 80 die Fruchte , so dass der Mensch gerade nach seinen Worten gerich- tet werden muss, a ' 39) 12, 38 — 45. Das Zeichen des Jonas. Da in -^ unmit- telbar nach der Scene mit den Pharisflern diese Partie folgte (S. 148), hat sie auch Matthaus, der sie als integrirenden Theil des ganzen Fac- turns betrachtete, hier angereiht. Dass diese Reden aus A sind, haben unabhangig von einander Weisse* und Ewald* erkannt. Schon um des messianischen Tones von 40 — 42 wurden sie in A hier nicht am Platze sein , dafur kehrt Matthaus wieder zu A zuruck , indem er die oben (vgl. Lc. 11, 24 — 26) ausgelassenen Verse 43 — 45 zum Schlusse I) Hilgenf eld: Evangelien, S. 79. — 2) Wilko (8.454), Bleek (Einleitung, n, 8. 259). — 3) Ewald: Evangelien, 8. 228. — 4) Evangelische Qeschichte, II, 8. 81 ff. ~ 5) Evangelien, 8. 226. Digitized by VjOOQ IC 188 Drittet Capitel. noch nachtr> und ein Schlasswort oSttog eatai nal %^ yeve^ vavtfj %^ novTjQ^ hinzusetzt. ' 40) 12, 46—50. A, 20. Jesu Yerwandte. Das l^oi 46 erklart sich nur au8 der, von Matthaus ausgelassenen , Stelle A Mr. 3, 20, wo Jesus im Hause ist. ^ 41) 13, 1—52. A, 21. Jesu Gleichnisse. Wie bei den Ma- karismen die Vierzahl, so hat Matthaus hier die Dreizahl auf die Sieben- zahl gebracht. 1) I — 9. Gleichniss vom Saemann. In der Einleitung ist 2 das Schiff nur aus A Mr. 3, 9. 4, 1 verstandlich, wie auch Mt. 8, 23 nur aus A Mr. 4, 36. An das geglattete Gleichniss schliesst Mt. 10 eine Frage der Jttnger an , die gleich von vornherein auf den Zweck des pa- rabolischen Lehrvortrags, statt, wie nach S. 80 in A der Fall war, auf den Sinn des betreffenden Gleichnisses gerichtet ist. Da nun aber bei dieser Wendung die Antwort A Mr. 4,11^ naQapoXaig to ndwa yiveroL nur idem per idem ware, wurde diese Formel in ov didotai verwandelt, entsprechend dem didotai in der ersten Halfte der Ant- wort. • Durch dieses didonai und ov didotai ist dann aber 12 die Anti- cipation von A Mr. 4, 24. 25 (dabei macht Matthaus aus nQoate^aevai A Mr. 4, 24 ein xol nsQioaevdrjoerai, was er 25, 29 noch einmal bringt) veranlasst, wodurch dann wieder die Verbindung von 13 mit dem Fruheren erschwert wird. * Zuvor aber musstc sowohl das iyivero xata jiiovag, als das tolg e^o) A Mr. 4, 1 1 wegbleiben, weil die Notiz von A, wornach Jesus sich vom Volke zuruckzieht, uberhaupt verwischt wer- den, das Volk vielmehr bis 36 auf der Scene bleiben soil — ein Beweis, dass Matthaus das ol Ttegl aizbv avv toig dcSdsna A Mr. 4, 10 nicht ge- lesen haben kann, da er es sonst fur seine Situation besser hatte brau- chen konnen, als das einfache fxad^Taly was nach Mt. 10 ss Lc. 8, 9 in A stand und allein in die S. 81 dargestellte Sachlage passt. Trotz der vor- genommenen Alteration gibt aber Matthaus in Abhangigkeit von A die Rede Jesu alsbald wieder (vgl. 11. 12. 24. 31. 33) in einer Form, dass man sich das Volk schwer als anwesend denken kann. • Im ferneren Fortgang verandert Matthaus das IVa Mr. 12. Lc. 10 in oti und reiht 16. 17 einige aus -<^ Lc. 10, 23. 24 zurechtgelegte Reden an,* worauf er dann mit der Uebergangsformel v^eig ovv oxovaaTe t^v naqafioJii^p 18 wieder in den Zusammenhang von A zurucklenkt ^ Ueber andere Umbiegungen , wodurch Matthaus die allein bei Marcus durchsichtige Form verwischt, vgl. Wilke.® Die weitere Rede Jesu A Mr. 4, 21 — 25 ubergeht Matthaus, da er den Hauptausspruch schon 12, das Andere 1) OegenBleek: Einleitung, n, S. 262. Synopsis, I, S. 503. — 2) Weiss, S. 39.— 3) Weiss, S. 50.*— 4) Bleek: Synopsis, I, S. 515. — 5) GfrOrer (Ur- christentbum, II, 2, S. 32ff.), Weiss (S.39).— 6) Synopsis, I, S.518. — 7) Wilke, S. 309. 317. — S) Urevangelist, S. 207. 420 f. Digitized by VjOOQ IC Composition des Matthftus. ] 89 sogar schon 5, 15. 7^2. 10, 26 anticipirt hatte. Ueberhaupt passte ihm diese Ermahnung hier nicht^ wo Jesus sich mit den Jongem ganz zu- frieden zeigt^ rie ja eben 16. 17 um ihrer Fahigkeiten willen selig ge- priesen hatte. ^ 2) 24 — 30. Gleichniss vom Unkraut auf dem Acker, von Matth&us an die Stelle der^ aus den gleichen Elementen gebilde- ten/ aber einfacheren^ Parabel A Mr. 4, 26—29 gesetzt, wie gleich die ihm eignende Uebergangsformel aXXrjv naqa^ol^v 7taQi9r]}(e (vgl. 1 3, 31. 33. 21, 33) zeigt.' Dass ubrigens die Parabel aus ui stammt, zeigt schon der av&Qfonog onelqagj der ix^Qog itv^Qionogj das ovxL; und dass sie einer viel spateren Zeit angehort, zeigt die messianiscbe Stellung, die nach 41 der Herr selbst darin einnimmt. ^ 3) 31. 32. Gleichniss vom Senfkom, aus A. 4) 33. Gleichniss vom Sauerteig. Beide waren schon in AJjC. 13, 18 — 21 so verbunden, wie denn Matthaus auch schon beim ersten die Form von A berucksichtigt (§. 13, Nr. 100). Daran schliesst sich, hochst charakteristisch, ein Finale 34, und 35 ein an die Stelle von xax* Id lav — navxa Mr. 4, 34 tretendes Citat aus Ps. 78, 2 an ; beide Verse gehoren eigentlich der Sache nach hinter das siebente Gleichniss, hier stehen sie aber hinter dem vierten, weil Mat- thaus von A Mr. 4, 33. 34 abhangig ist. Uebrigens erweist sich diese Abhangigkeit auch aus dem Inhalte der Schlussformel selbst. Denn wie kdnnte Matthaus zu der Bemerkung kommen, Jesus habe zum Volke bios in Farabeln geredet , da er dasselbe Volk schon zum Auditorium der Bergpredigt gemacht hat?* — Dagegen verlasst nun Matthaus den Faden von A ganzlich, indem er 36 — 43 zuerst eine Auslegung des Gleichnisses 24 — 30 folgen lasst, in der er seine eigenthtlmlichen Re- densarten und den fixirteren Lehrbegriff stark hervortreten lasst, die auch, mit 18 — 23 verglichen, zu nuchtem ist,* um nicht, der Form nach, als Eigenthum des Matthaus gelten zu mussen. Matthaus beab- sichtigte nach dem Muster von A, wo wenigstens das erste Gleichniss ausgelegt vrar, bei alien schwierigem Parabeln das Gleiche zu thun, vgl. unten zu 51. Aber nur hier fahrt er sein Vorhaben aus. — Eine Spur von A findet sich alsbald wieder in der Scenerie 36 aq>eig rovg oxi'OVQf weil in A Mr. 4, 35. 36 Jesus und die Junger, dfivteg tov S^Aoy, nunmehr uber den See fahren. Statt dessen lasst Matthaus Jesum jetzt in das 13, 1 erwahnte Haus gehen. 5) 44. Gleichniss vom Schatz im Acker. 6) 45. 46. Gleichniss von der Perle. 7) 47—50. Gleich- niss von dem Fischnetze. Diese Gleichnisse stammen wohl aus ^, wie 1) Wilke, S. 337. — 2) Bruno Bauer (Kritik der evangelischen Qeschichte der Synoptiker, II, S. 326 ff.), Hitzig (Joh. Marcus, 8. 60). - 3) Wilke, S. 135. ^ 4) Wilke, S. 632. — 5) Hilgenfeld (Evangelien, 8.82), Weiss (8. 45. 73). — 6) Ewald (E^angeUeD, S. 25 f. 236), Weisse (EvangeUenfrage, S. 243). Digitized by VjOOQ IC 190 DritteB C^itelf auch der Schlusseatz 52, den aber Matthaus mit 51 einfuhrt, welcber Vers seine Entstehung der WahrnehmuDg verdankt, dass eigentlich» wie bei fruheren , so auch bei den letztgegebenen Gleichnissen eine Ausle- gung am Platze ware> die sich Matthaus mit der Erklarung der Junger, sie hatten Alles verstanden, erspart. * Uebrigens erkennt auch Bleek in der Zusammenreihung wenigstens von 44 an den Componisten. ' 42) 13, 53 — 58. A, 25. Jesus in Nazareth. Schliesst passend den Abschuitt, in welchem das Hervortreten des Gregensatzes geschil- dert worden war. VI. Die Mitte der Wirksamkeit Jesu (14, 1 — 18, 35). 43) 14, •!. 2. A, 27. Gedanken des Herodes uber Jesus. Verkurzung von A (es sind die, im vorhergehenden Abschnitte theil- #ei8e schon ersetzten, Urtheile des Volkes ausgelassen ') und unbe- stimmte chronologische Anreihung iv ixeivtp % wie in den anderen Tex- ten; daher die, die Antwort auf den Mund legende, Frage : thog vlog ioTC ; — Auf das nwg dagegen wissen sie keine Antwort mehr. So kann nun Jesus ungehindert bei Matthaus zur grossen Strafrede ubergehen. * Eben falls im Interesse der Composition setzt Matthaus die Formel Mr. 12, 34 an den Schluss der Streitscenen 46.* 83) 23, 1—39. A, 63. Rede wider die Pharisaer. Compo- nirt aus folgenden Quellen: 1) A und zwar Mr. 12, 38 — 40 = Lc. 20, 45—47 (= Mt. 6. 7. 14). — 2) yi und zwar Lc. 11, 39—52 (= Mt. 4. 13. 23—36) und Lc. 13, 34. 35 (=» Mt. 37 — 39) und Lc. 18, 14 (= Mt. 12). — 3) die S. 162 erwahnte Quelle und wohl auch Tradition, Der Eingang 2 — 12 namentlich ist meist aus der letzterwahuten Quelle (2. 3. 8 — 10), aber auch aus^Lc. 1 1, 46. 18, 14 und A Mr. 38. 39, sowie aus Reininiscenzen an Mt. 6, I (vgl. 5) und 20, 26 (vgl. 11) frei ge- bildet, so aber, dass die Scheinheiligkeit hervortritt, und zugleich die Junger wegen 8 schon 1 ausdrucklich mit als Zuhorer genannt werden.* Schon die 13 = Lc. 11, 52 beginnende directe Anrede kundigt eine neue Quelle an. Es folgen namlich, unter Voraussetzung der Unacht- heit von 14, wieder sieben Wehe: 1) 13 aus ^ Lc. 11, 52 ; 2) 15 aus andern Quellen gebildet, wie auch 3) 16—22 (wobei der letzte Vers = 5,34); 4) 23. 24 aus u^Lc. 11, 42; 5) 25. 26 aus .// Lc. 11, 39— 41 ziemlich frei gebildet, namentlich gegkttet; 6) 27. 28 vollstfindiger aus ^ Lc. 1 1, 44; 7) 29—31, aus ^ Lc. 1 1, 47. 48 frei gebildet. * Hierauf folgt dann, indem Matthaus ganz im Zusammenhang von ^ bleibt, 32 — 36 der pathetische Epilog. Den Schluss bildet 37 — 39 eine andere Stelle aus yi Lc. 13, 34. 35, die aber in dem historischen Zusanunen- hang des Matthaus unerklarbar ist. — In der Form, wie sie hier vor- liegt, ist die Rede schon desshalb eine historische UnmOglichkeit, weil sie kein einheitliches Auditorium voraussetzt, indem die Grundlage A Mr. 12, 38-40 = Lc. 20, 45—47 an das Volk, eingearbeitete Stellen 8 — 10 dagegen an die Junger adressirt sind. Es zeigt sich daher hier wieder eine ahnliche Unklarheit, wie bei der Bergrede des Matthaus. * 84) 24, 1—25, 46. A, 66. Eschatologische Rede. Von den namhaftesten Stimmen^ ist der Compositions- Charakter dieser Stelle erkannt und nachgewiesen worden. Doch unterscheiden sich in die- ser Beziehung wieder beide Capitel. Dem ersteren liegt zu Grunde A Mr. 13, 1—37 =s Lc. 21, 5 — 36, verbunden mit den beiden Stellen aus L 1) Weiss, S. 42. — 2) Wilke (8. 246 f. 575. 652), Hitzig (Job. MarcuB, S. 124). - 3) Vnike, S. 365 f. — 4) Ewald: Jabrbtlcher, I, S. 133 ff. Evange- lien, S. 324 ff. — 5) Hilgenfeld: Evangelien, S. 99. — 6) Luther, Schleier^ macher, Neander, Hase, Weisse: Evangelische Qeschiohte, I, S. 5S8 ff. II, S. 121 ff. Evangelienfrage, 8. J67 ff. Digitized by VjOOQ IC Composition des MatthftuB. 201 A Lc. 12, 39—46 und 17, 22 — 37. * Im Einzelnen verhalt es sich mit Cap. 24 folgendermassen. Der Eingang 1 — 3 ist aus A Mr. 13, 1—4, jedoch insofem alterirt, als der cic; h. taiv /nadTjruiv Mr. 1 , sowie die vier mit Namen Genannten Mr. 3 ganz zurucktreten, und das veranlas- sende Benehmen der Junger in einer Weise modificirt wird, dass zwi- schen Mt. 23, 38 und 24, 1 eine Ideenassociation ermoglicht wird; auch fragen die Junger nicht bios nach derZeit der Zerstorung, sondern auch — w^en 23 , 39 — gleich nach der Parusie. * Der erste Absatz der Rede Jesu Mt. 4 — 8 ist dann getreu aus A berichtet ; wohingegen der zweite Mt. 9 — 17 urn denjenigen Inhalt verkurzt erscheint, den Mt. 10, 17—22 = Mr. 11 — 13 schon anticipirt hatte. * Eben darum gerath aber Matthftus hier in Unordnung, indem er zuerst, die zweierlei Verfolgun- gen in A (von Seiten der Nichtchristen Mr. 9 und der Christen Mr. 1 1 ) zusammenwerfend, * 9 (wo er tcSv i&vciv einsetzt) an den Anfang Mr. 9 unmittelbar das Knde Mr. 13 anreiht, dann aber 10 den wesentlichen Inhalt des ausgelassenen Stiicks Mr. 10 — 12 nachbringt und mit %ai TOT© GxavSaXiadTjaorvac einen Causalzusammenhang herstellen will; in- dem er femer 1 1 zur Ausfallung des immer noch mageren Bildes einen spateren Zug A Mr. 22 (hieraus und aus A Mr. 13, 6 = Mt. 24, 5 sind die noXXoi xfjevdoTtQoqnJTac geworden)*^ yorausnimmt, hierauf 12 ein ihm eigenthumliches Dictum gibt und mit 13. 14 (wo er r^g fiaailelag h Sly %^ ol%ov^ivjj einsetzt) wieder in den Zusammenhang von A Mr. 10. 13 zuruckkehrt. Dabei schaltet er 14 xat toxe fj^ei to ziXog ein, damit doch das tiXogy welches in A dem neuem Absatz unmittelbar vorhergeht, auch bei ihm nicht fehle. ® — Der dritte Absatz Mt. 15 — 25 ist wieder genau nach A, wovon vielmehr Marcus hiei: und da abweicht. Doch bleibt das firjde aa§§di:ov Mt. 20 zweifelhaft, da Marcus es ebenso gut auslassen, als Matthaus es zuftlgen konnte. Letzteres ist aber wahr- scheinlicher, weil der Zusatz im Geist des Matthaus liegt (§. 23) und dem Zusammenhang der Rede widerstrebt, womach man, weil zum Voraus erinnert, mit der Flucht nicht erst warten wird bis zu einem Sabbat. '^ Dann aber ist Mt 26—28 aus ^ Lc. 17, 13. 24. 37 (welch letzteren Ausspruchen zugleich mit der bei Lucas allein deutlichen Be- ziehung ® die passende Form der Antwort auf eine Frage abgestreift ist) eingeschoben als Abschluss des dritten Abschnittes und Vorbereitung zum vierten. Dieser Mt. 29 — 35 ist zum Theil poetisch amplificirt, na- mentlich durch Beibringung des Signals 30^ und der Fosaune 31. Ein 1} Ueber das Verli<mss des letzteren Abschnittes su Matth&us am besten Schleiermacher: Versuch, 8. 215 ff. 265 ff. — 2) Weiss, S. 51. — 3)Hit2ig: Job. Marcus, S. 58. — 4) Wilke, S. 422. — 5) Hitzig: Job. Marcus, S. 58. ~ 6) Wilke, S. 423. — 7) Wilke, S. 367. — 8) Bleek: Synopsis, U, 8. 374 f. - 9) Wilke, S. 330. Digitized by VjOOQ IC 202 Drittes Capitel. funfter Abschnitt 36 — 51 besteht aus sehr freier Combination der beiden Hauptquellen. Im Einzelnen ist Mt. 36 = Mr. 13, 32 mit Auslassung des ovdi 6 vlog. * Daran schliesBt sich als Coinmentar von ovdelg oldep A Mr. 13, 32 an Mt. 37 — 41 aus ^ Lc. 17, 26.* 27. 30. 31. 34. 35. Mt. 42 ist Zusammenfassung von Mr. 13, 33. 35. 37. Eigenthumlich ist freilich die Aufnahme des yQrjyoQeiTe ovv aus Mr. 13, 35 , wo es nur um des 34 vorangegangenen Yva yQtjyoQfj mit ayqvnvaixe 33 wechselt; Matthaus also, dem dieser Zusammenhang fremd ist, bezeugt mit dem yQtjyoQelTe ovv seine Abhangigkeit.^ DieMitte dieses Stilcks, das Gleich- niss Mr. 13, 34 — 36 hat Matthaus hier ausgelassen, weiler gleich Ersatz dafur gibt, indem er 43 — 51 die Stelle-^Lc. 12, 39 — 46 anfugt, jedoch unter Auslassung des storenden Verses Lc. 41. Daher bei Matthaus die zwietrachtigen Vorstellungen der eschatologischen Rede, wornach Christus sowohl oixodcaTtony? (25 , 14), als, von ihm di£ferenter, xii- Ttirjg (24, 43) ist. Angefugt ist wieder das matthaische ixei earai 6 xXavd-fidg xai 6 ^Qvy^wg xfjjv odovtiov. Uebrigens verrathen sich die mehrfachen Anhange hier und im Folgenden schon durch die Formel waneq 24, 37. 25, 14. — Einfacher ist dann die Composition von Mt. 25, wo Matthaus in Erinnerung an den Anfang der zuletzt benuts- ten Perikope A Lc. 12, 35 und zur Einscharfung von ^ly &j^ vfiSg xad-evdovTag A Mr. 13, 36, den Anfang 1—13 (der letzte Vers kehrt zu A Mr. 13, 32. 33 zuruck') und die dogmatisch abschliessende Zu- sammenfassung 31 — 46 (von der gilt, was von 13, 36 — 43*) bildet, wahrend er, veranlasst durch den anodTjfiog A Mr. 13, 34* und das k%(XG%(fi TO iqyov avtov ebendaselbst, • und mit Beibehaltung des Anan- tapodoton, ^ das Gleichniss von den Taleniten aus A Lc. 19, 11 — 27 herubemimmt, welches freilich nur in einen Zusammenhang passt, wo von Vergeltung nach Verdienst und Arbeit die Rede ist, aber nicht in einen solchen, wo von der Wiederkunft des Herm als einer zeitlich un- gewissen gehandelt wird. ® Dabei modificirt Matthaus die Parabel so, dass er, mit Hinweglassung der schon 22, 2 — 14 verbrauchten Zuge, die ursprungliche Beziehung auf Archelaus* vollig verwischt (daher ein Uebergeben a Her VTcaQxovta und kein nachtraglicher Protest der TtoXltai in Bom), wahrend das Gleichniss selbst mit seinem histori- schen Hintergrund zugleich auch die Zweiseitigkeit verliert und seinen einheitlichen idealen Inhalt in einem durchsichtigen Ebenmaasse der Form zur Darstellung bringt. Daher nicht mehr jeder Knecht gleich viel erhftlt, sondern eine Abstufung nach Maassgabe der dvya/aig ein- 1) Kastlin, S. 323. — 2) Hitzig: Joh. Marcus, S. 58. — 3) Hitzig: Mar- cus, S. 58 f. — 4) Weisse: Evangelische Geschichte, 11, S. 133 f. Evangelienfrage, S. 243. — 5) Wilke (S. 0S9), Hitzig (A. a. O. S. 59). - 6) Hitzig: Marcus, S. 59. - 7), B leek: Synopsis, U, S. 388. — 8) Schleiermacher, Wilko, S. 374. — 9) Vgl. Meyer: Zu Marcus und Lucas, S. 511. Digitized by VjOOQ IC CompoBition des Matthftus. 203 tritt, wogegen die Abstafung^ die sich bei Lucas hinsichtlich der 6e- lohnung wirklich findet^ verwischt, dafur aber der gleichen Seligkeit der beiden treuen Knechte als tragischer Contrast das Schicksal des tra- gen gegenubergestellt und gescharft wird. Diese Harmonic ist aber nicht das Ursprungliche, sondem ein Product der ordnenden Thatigkeit, des symmetrischen Sinnes unseres Evangelisten. * 85) 26, 1 — 5. A, 67. Anschlag des Synedriums. Die kurze, einfach geschichtlich gehaltene, Notiz von A ist hier zunachst init einer Schlussformel fur das Vorhergehende , dann mit ausfuhrlicheren Nach- richten uber Jesu Vorherwissen und die Localit^t des feindseligen An- schlags vermehrt worden. £s soil ein feierlicher Eingang zu der bedeut- samen Leidensgeschichte sein. ^ 86) 26, 6—13. A, 68. Salbung in Bethanien. Die Abhan- gigkeit dieses Berichtes von Marcus ist besonders von W ilke schlagend nachgewiesen worden.' Insonderheit will Mattbaus das Wort A Mr. 14, 8 deutlicher macben. 87) 26, 14 — 16. A, 69. Verrath des Judas. Doch bildet Mattbaus seiner Manier gemass die Frage 15^ und ziebt die, nacb Sach. 11; 12 gebildete. Tradition von den Silberlingen herbei, die dem Verrather aucb alsbald ubergeben (in A nur versprocben) werden. 88) 26, 17 — 19. A, 70. Vorbereitungen zum Passah. Kei- neswegs hat bier Mattbaus einen naturlichen Vorgang, den Marcus und Lucas ins Wunderbare erboben batten, * sondern Mattbaus bat einfacb zusammengezogen, ^ indem er den Umstand mit dem Wassertrager fur zu weitlaufig gebalten (daber TtQog tbv delva 18) und ubergangen bat,^ wodorcb freilicb der abgeblasste Bericbt des Mattbaus, demzufolge Alles scbon verabredet gewesen sein musste , selbst den Cbarakter der uber- flossigen Breite (z. B. ^leva tuiv ^a^rwv) erhalt® — was an sicb scbon gegen seine Ursprunglicbkeit zeugt. Es wird daber wobl aucb 8 xaiQog fwv iyyvg iati demselben Bearbeiter angeboren, der scbon 26, 2 das Wissen um die zweitagige Frist eingewoben bat. ^ 89) 26, 20 — 25. A, 71. Bezeicbnung des Verratbers. Mattbaus macbt zuerst 23 aus der Notiz A Mr. 14, 20, dass ein Tiscb- genosse der Verrather sein werde, ein besonderes Erkennungszeicben ^® und fugt 25 noch eine Nachricht bei, welche, w&re sie ursprdnglicb, von Marcus und Lucas nicht ubergangen worden ware. Ueber die Ge- scbichtlichkeit der Notiz bemerkt scbon Pa ulus: »Dass Judas jetzt. 1) Im AUgemeinen richtig W i I k e , S. 688. — 2) Weiss, S. 52 f. — 3) Ur- erangelium, S. 581 f. — 4) Wilke, S. 638. — 5) Gegen Meyer: Zu Matthfius, 8.490. Zu Marcus und Lucas, S. 181. — 6) Ewald: Evangelien, S. 315. — 7) Weiss, 8. 63.— 8)Wilke, S. 377 f. — 9) Gegen Hilgenfeld: Zeitschrift f^ wiBsenBchaftliche Theologie, 1862, S. 6. — 10) Weisi, 8. 53 f. Digitized by VjOOQ IC 204 Drittes Capitel. da Jesus eben sein Wehe uber den Verrather ausgesprochen hatte, erst nachgefragt haben wiirde, dazu kann ich ihm die Stirn nicht zu- trauen. a * 90) 26, 26—29. A, 72. Abendmahlsstiftung. Nach A, aber schon mit liturgischen (qxiyeie) und dogmatischen Weiterbildungen (elg aq>€aiv afiaQTiwv).^ Das tovtov 29 ist ursprunglich. ' Dagegen sind die Worte der Kelchuberreichung aus dem eniov i^ avTOv Tcdvreg A Mr. 14, 23 gebildet. 91) 26, 30 — 35. A, 73. Warnung der Junger, nament- lich des Petrus. Nach A, aber mit Zusatzen, wie wahrscheinlich hf ifiot iv Ty vvicvi tavtrj und Trjg 7toif.iv7jg 31, axavdaliadiljaofiiaL 33, oi fia^firai 35. 92) 26, 36—46. A, 74. Kampf in Gethsemane. Die Worte des Betenden sind abgerundeter, als in A, und in drei besondere, kunst- voUer gesteigerte, Acte vertheilt. * Einzelnes ist ausgelassen, die Tauto- logie A Mr. 14, 35. 36 beseitigt durch Zusammenziehung 39. 93) 26, 47 — 56. A, 75. Jesu Gefangennahme. A istinder Weise verandert, dass der Verrather 48 erst im Nahen das Zeichen gibt, ** die Begrussungsformel gebraucbt 49 , Jesus an ihn eine Antwort 50 und gegen den Schwerdtschlag des Petrus eine Rede richtet 52 — 54, und dass ferner 56 die Hinweisung Christi auf die Schrift (A Mr. 14, 49) in eine selbststandige Reflexion des Matthaus umgewandelt er- scheint. * 94) 26, 57—68. A, 77. JesuVerhOr. Nur dass Matthaus auf eigene Hand den Namen Kaiphas angibt 57, 65 das ifiXaaq>ijfir]a€v hin- zufugt und 67 das Verhtlllen des Hauptes auslasst, wodurch die Weis- sagungsscene undeutlich wird.^ Auch die feierliche Beschworungsformel 63, das av elnag 64 (vgl. 26, 25) und der Zusatz eig to nQdatonov 67 gehoren dem Matthaus an.^ 95) 26, 69 — 75. A, 78. Verleugnung des Petrus. Im Ganzen nach A, doch mit Ausmalungen (vgl. die Steigerung 70 ^- TtQoad'ev Ttawiov. 72 ^isra Sqxov) und mit dem Missverstandnisse, dass die Magd 7 1 um der veranderten Scene willen eine andere wird, als die 69 genannte. Auch das scheinbar dunkle i^ avtdSv A Mr. 1 4 , 69 wird durch Conformation der zweiten Frage Mt. 71 mit der ersten Mt. 69 umgangen. Der Mr. 70 fehlende Ausdruck der zweiten Verleugnung wird 72 aus der dritten anticipirt. * 1) Commentar, III, S. 573. Vgl. Ewald: Evangelien, S. 345. -— 2) Meyer: Zu Matthaus, S. 50 f. — 3) Meyer: A. a. O. S. 498. — 4) Weiss, S. 64. — 5) Meyer: Zu Matthftus, S.508. — 6) Bengel, Fritzsche, De Wette, Bauxn- garten-Cruiius, Bleek, Weiss, S. 51. — 7) Bleek: Synopsis, 11, S. 444. — 8) Weiss, 8. 54 f. — 9) Weiss, S. 55. Digitized by VjOOQ IC Composition des Matthftus. 205 96) 27, I. 2. Jesus wird zu Pilatus gefuhrt. Aus A; doch beschreibt Matthaus den Landpfleger naher nach Titel und Name und erklart das avfifiovXtov A Mr. 14, 1 vorschnell far ein Todesurtheil. 97) 27, 3—10. Tod des Judas. Von Matthaus aus der Tra- dition eingefugt. * Vielleicht die erste Form der mancherlei Sagenbil- dungen uber das Ende des Verrftthers. 98)27,11 — 14. A, 80. Klage vor Pilatus. Aus A. Dabei erganzt Mt. 12 das in A Mr. 15,4 nur vorausgesetzte Schweigen und muss daher 14 die zweite Erwahnung desselben durch Ttqbg ovdi )bv ^jfia steigem.* 99) 27, 15—31. A, 80. Verhandlungen vor Pilatus. Mat- thaus hat in den Zusammenhang von A hineingestellt die beiden Anek- doten vom Weibe des Pilatus 19^ und vom Handewaschen desselben 24. 25. Frei gebildet sind die disjunctiven Fragen 17. 21, danach A Pi- latus nur fragt : ihr wollt gewiss den Judenkonig losgegeben haben ? -^ und wider seine Erwartung den Namen Barrabas zu horen bekommt * Uebrigens beweist auch 18, dass der Grundtext von einer solchen Aus- wahl nichts weiss, da hier keineswegs der Grund angegeben wird, wess- halb Pilatus Jesum neben Barrabas zur Wahl ausgestellt hatte. Jesus Barrabas 18 aber verdankt seine zwei Namen viclleicht bios dem Joses Barnabas Act. 4 , 36, der dem Abschreiber im Kopfe war,* oder einer G^^nuberstellung des viog tov TcaTQOQy der Barrabas bios dem Namen nach war, und des wahren Gottessohnes Jesus. 100) 27, 32—44. A, 81. Kreuzigung. Mit Recht hat Strauss bemerkt^ dass Matthaus den vorliegenden Bericht 34 nach Ps. 69, 22 und 43 nach Ps. 22, 9 amplificirte. * Ausserdem bringt er eine gewisse Verwirrung in die Scene durch Einschiebung der Notiz 36 an die Stelle der scheinbar unpassenden Wiederholung A Mr. 15, 25 xal iaiavQiaaav (xvTOv, wodurch aber das Ungehorige entsteht, dass sich die Soldaten zum Wachehalten niedersetzen, ehe sie ihr Werk mit dem tltXog'iit 37' und wohl auch mit der Elreuzigung der Schacher Mt. 38 vollendet haben. ^ 101) 27, 45—56. A, 81. Tod. Doch hat Matthaus aus Missver- stand von A Mr. 1 5, 36 das aq)€Te des Trankenden in ag)€g verwandelt und den ubrigen Soldaten in den Mund gelegt. Dann aber sind aus spater Tradition mythische Zuge von Erdbeben , Grabem und Geistem eingesprengt (51—53).® Die Salome umschreibt Mt. 56 bios als die Mutter des Zebedaiden. I) Wilke (S. 638 f.), Bleek (Synopds, H, 8. 448). — 2) Weiss, S. 55. — 3) Wilke, 8. 639. — 4) Wilke (S. 285. 432 f.), Weiss (S. 56). - 5) Wilke, 8. 496. — 6) Leben Jesu, II, 8. 514. 625 f. — 7) Weiss, S. 56. — 8) Wilke, 8. 639 f. Digitized by VjOOQ IC 206 Drittes Capitel. 102) 27, 57 — 61. A, 82. Begrabniss. Verkurzt. NurMatthaus bezeichnet das Grab als dem Joseph gehorend ; auch nitnint er an dem ^ovX^vxrjg A Mr. 15, 43 (da doch der Rath Jesum verurtheilt hat) An- stoss und nennt den Joseph bios avd^Qwrtog rclovaiog, 103) 27, 62—66. Wache am Grabe. Aus spater Tradition ein- gesetzt samint alien spateren, darauf bezuglichen Stucken. * 104) 28, 1—8. A, 83. Die Frauen am Grabe. Nachdem Mt. 1 mit der abgekurzten Quelle A begonnen, schiebt er die Sage vom Erdbeben ein 2—4, kehrt wieder zu A zuruck 5 — 10, indem er die Rede des Engels paraphrasirt und den Schluss xad^wg eiTtev vfiXv Mr. 16,7, an dessen Beziehung auf A Mr. 14, 28 = Mt. 26, 32 er sich nicht er innert, vielmehr, um zugleich fur eine eigene Rede Jesu Raum zu ge- winnen, in idov emov vjluv umwandelt und 8 das ihm unverstandliche Benehmen der Weiber A Mr. 16, 8 zurechtlegt. Aber schon der Fort- gang (9. 10) spricht dafur, dass aus 8 eine sofortige wirkliche Meldung an die Junger nicht herauszulesen ist. Im ganzen Stuck sind Worte von A mit andem Ausdrucken versetzt und in einen neuen Zusammen- hang gebracht. * 105) 28, 9. 10. A, 84. Jesus erscheint den Frauen. Aus A (Jesus erscheint jetzt den Frauen , um ihnen ihre Zweifelsfurcht zu be- nehmen); auch ist die Sprache hier noch mehr, als in den folgenden Abschnitten, die von A. 106) 28, 11 — 15. Die Wache am Grabe wird bestochen. Fortsetzung des Stacks Nr. 103 mit einer Schlussangabe 15, welche die Entstehung der ganzen Sage erklart. 107) 28, 16 — 20. A, 84. Jesus erscheint den Jangern in Galilaa. Vielleicht Schluss in A, jedenfalls aber von Matthaus durchgangig assimilirt {jiaO^teveiv^ avvtiXaia xov alwvoQy xtjQBiv^ ht- reildfirjv) und auf spatere Gemeindeverfassung reflectirend, wie 16, 17 — 19. 18, 16—20.* $. 13. C«iip«8itki des Laeas. Schon das na&e^g Lc. 1 , 3 erweckt kein gutes Vorurtheil g^;en die, im Interesse der Orthodoxie hier und da aufgetauchte Behauptung, als finde die Realeintheilung, die man sonst dem Matthaus zuschreibt, bei Lucas statt. Vielmehr ist bei Lucas noch weniger, als bei Matthaus von einer voraus bedachten, uber das Ganze sich erstreckenden Dispo- sition nach gewissen abstracten Kategorien und Schematismen zu reden. Was in dieser Beziehung geltend gemacht werden kdnnte, 'beweist blos^ 1) Wilke, S. 640. — 2) Wilke, S. 640. — 3) Wilke, S. 648. Digitized by VjOOQ IC Composition des Lucas. 207 da68 Lucas des Stoffes in seinen einzelnen Theilen von vomherein Mei- ster war, d. h. dass er auf spater zu gebende Erzahlungen schon an fruhe- ren SteUen reflectirte, auf fruhere bei spatem Anlassen Rucksicht nahm (§. 19, 10). Sonst aber ist die Folge seiner Erzahlungen meist bios durch die Akoluthie in seinen Quellen bedingt, abgesehen von kleine- ren Umstellungen, die ibre Berucksichtigung schon §§. 7. 10 gefunden haben und §. 27 noch weiter zur Sprache kommen werden. Die bedeu- tendste dieser Umstellungen betrifFt die Anticipation der Scene in Na- zareth, wodurch in der That alle Abweichungen jener fruheren Partien von der Akoluthie der Quelle A erklart sind. Wie irrefuhrend daher hier im Ganzen die Tendenzkritik gewirkt hat, mag man beispielshalber aus der Entdeckung Kostlin's sehen, »dass der grosste Theil des di- daktischen Inhalts aus dem ersten Theil in den zweiten hinuberverlegt, und statt dessen die Wunderthatigkeit Jesu zur Hauptsache gemacht « sei. * Aber dass der erste Theil die Thaten Jesu vorzugsweise berichtet, ist einfache Folge der Benutzung yon A , und dass der zweite (die Ein- schaltung) vorwiegend didaktischen Inhalts ist^ erklart sich ebenso von selbst aus der Zugrundelegung von A, Wo aber A Reden enthalt, wie die Bergpredigt, da gibt sie auch Lucas im ersten Theil , und wo er A zu unterbrechen fur gut findet mit ihm eigenthiimlich angehdrigen Tra- ditionen^ wie die von Maria und Martha ist, da hindert ihn die Erinne- mng, dass er ja im zweiten, angeblich didaktischen^ Theil seines Werkes sich befinde , daran nicht im mindesten. Auch in Pli tt's Construction des dritten Evangeliums ist daher nur das Eine uber alien Zweifel er- haben, dass die grosse Einschaltung des Lucas einen Hauptabschnitt in seiner Geschichtserzahlung ausmacht. ^ In der That bildet 9, 51 den Scfaeidepunkt der beiden Hauptmassen im Lucas — einen Scheidepunkt, der aber in erster Linie bios durch den einfachen Umstand bedingt ist, dass jetzt der Moment gekommen ist, wo Lucas seine zweite Hauptquelle aufthun muss, wenn er sie uberhaupt zu Wort kommen lassen will. Dass schon Lc. 17, 1 — 4 wieder A zum Vorschein kommt, ist nur das unverfangliche Anzeicfaen, dass die zweite Quelle am Yersiegen ist (S. 156). Sonst aber tritt die erste Quelle in der Einschaltung nur noch 1 1, 17 — 28 zu Tage in dem Kampf mit den Pharisaem. Aber diese, der einfachen Quellenablagerung im Lucas widersprechende, Thatsache kOnnte una vielleicht dennoch auf eine verborgene Disposition hinzu- weisen scheinen. Es musste eine solche namlich etwa in der Ausfuhrung des Themas » Jesu Kampf mit den Pharisaem a bestanden haben; und in der That hat Ritschl fruher die aus den Anfangspartien von A (Mr. 3, 20 — 30) so weit nach hinten geruckte Scene als nothwendig 1) Erangelien, S. 191. — 2) De compodtione eyangeliorum, S. 17 ff. Digitized by VjOOQ IC 208 Drittes CapiteL far das Finale des zweiten Actes in dcr disponirten TragOdie in An- spruch genominen. ^ Es ist dies ohne Frage die geistvollste Organisation des Lucas gewesen ^ womach die Steigerung des Gegensatzes zwischen Jesu und den Pharisaem die Anordnung bedingt hatte. Zuerst trete Jesus ausser ailer Beruhrung mit den Pharisaem auf , oder doch wenig- stens nicht im Gegensatz zu ihnen (4, 16 — 6, 11). Dann fulire die all- malige Entwicklung seiner Wirksamkeit den Herrn allmalig bis zum Angriflf auf die Pharisaer (6, 12 — 11, 54). Im dritten Abschnitt befe- stige sich der Gegensatz von beiden Seiten, ohne aber in Kampf auszu- brechen (12, 1 — 19, 48). Der vierte (20. 2l) zeige den Kampf mit gleichen Waffen , der funfte (22 — 24) die Entscheidung. * Hiervon ist bios Dies richtig, dass Lucas diesen Gegensatz stets im Auge hat, ' worauf er aber auch durch den Charakter der Quelle A yon selbst geleitet wer- den musste (§. 29). Dass er aber jene Scene zuerst, da er ihr in A begegnet, ausgelassen hat, beruht auf der loblichen Voraussicht, ihre Pa- rallele spater in ji finden zu werden, also auf dem Project, beide Quel- len in diesem Berahrungspunkt zu combiniren — wie denn auch ge- schehen. Wahrend also die Auswahl im ersten und im zweiten Haupttheil des Evangeliums durch die beiden Quellen bedingt war, von denen A dem ersten, A dem zweiten Kreis von Erzahlungen zu Grunde liegt, muss andererseits anerkannt werden, dass eine bestimmte Absicht, eine> dem Geist des Lucas entstammte. Disposition zu erkennen ist in dem verschiedenartigen geographischen Terrain , auf welchem er die beiden Erzahlungsreihen sich abwickeln lasst. Offenbar namlich ist es die ent- schiedene Ansicht des Lucas, dass alles von 9, 51 ab Berichtete auaser- halb Galilaas vorgefallen sei. Nun war Lucas zwar auch hierzu zum Theil durch seine Quellen veranlasst , welche Jesum mehrfach (vgl. 9, 51—56. 17, 11 — 19) in Beruhrung mit Samaritem treten liessen. Da nun Lucas mit Recht A Mr. 10, 1 so verstand, als werde mit diesen Worten der Antritt der letzten Seise Jesu bezeichnet, so musste er hier einen Einschnitt anbringen, nicht bios um die samaritanischen Gre- schichten, sondem um die ganze zweite Hauptmasse, den bisher nidit verarbeiteten Stoff unterzubringen. Aber eine genauere Besichtigung dieses nReiseberichtscc^ zeigt alsbald, wie wenig Lucas sich um die ITebereinstimmung der verschiedenen Beisenotizen bekummert. £s kommtihm nur darauf an, den Eindruck hervorzubringen , dass Jesu galilaische Wirksamkeit geschlossen sei, und ein anderer Haupttheil 1) Evangelium Marcion's, S. 220 f. ~ 2) A. a. O. S. 222 f . — 3) Baur: Evan- gelien, S. 4S7. — 4) Der Name stammt von Schleiermacher: Venuch, S. 159 ft. (116 ff.) Digitized by VjOOQ IC Composition des Lucas, 209 ' seiner Thatigkeit in Samarien oder uberhaupt axisserhalb Galilaas seinen Boden gefunden habe. Mehrfach deutet er desshalb an , dass Jesus sich jetzt auf Reisen befindet (9 , 52. 57. 10, 1. 38. 11, 1. 14, 25) oder be- stimmter: auf einer Reise nach Jerusalem (9, 51. 53. 13, 22. 17, 11). Ueber die Specialitaten dieser Reise weiss er aber nichts, denn die Notiz 13, 22 ist ebenso aus 13, 31 — 34 abstrahirt, wie 17, 11 aus 17, 16. So scheint Jesus denn 13, 31—33 noch mit einem Fusse in Galilaa, 17, 1 1 zieht er auf der Grenze zwischen Galilaa und Samarien bin, 18, 35 naht er Jericho, 1 9, 29 kommt er in die Nahe von Bethanien. * Zieht man noch die oben schon dargelegte Zusammenhangslosigkeit mancher Redetheile dieses Abschnitts in Betracht, so wird man hier nicht bios mit Bleek eine angemessene Verarbeitung (vielleicht schon in der Quelle des Lucas) vermissen, ^ sondern Denen recht geben, die den Abschnitt als Granzes unchronologisch und unhistorisch finden und bios dadurch veranlasst, dass Lucas manchen evangelischen StofF vorgefunden habe , den er sonst nirgends einzureihen wusste. Die Form eines Rei- seberichtes aber ist allerdings nichts, als »der weite Rahmen, von welchem alles Folgende bis zur Ankunft Jesu in Jerusalem zusam- mengefasst werden soil, o * Es erleidet mithin keinen Zweifel : der Disposition des Lucas ge- raftss soil Jesus nicht bis unmittelbar vor seinem Leiden und Sterben in Galilaa verweilen, sondern die ganze eine Halfte seiner messianischen Wirksamkeit wird auf eine, von Galilaa sudwarts fahrende, Reise ver- legt; er will nicht bios, wie A, der Wirksamkeit Jesu den Charakter einer im Ganzen ruhigen Thatigkeit in einer, von der Mitte des Juden- thuras entfernten , Provinz geben , sondern vielmehr den eines aus die- ser Ruhe auch heraustretenden Losgehens auf jenen Mittelpunkt, wel- ches offensive Hingehen zugleich aber auch ein Vorbeigehen an Sama- riterstadten, eine Wirksamkeit in heidnischem Lande in sich schliesst. Kostlin hat mehr die erstere,^ Baur mehr die andere Seite der Sache betont. * Beider gemeinsamer Fehler ist, dass sie sofort von diesem ge- wonnenen Gesichtspunkte aus den Stoff der beiden Haupttheile, von denen der zweite sich des Namens der » Einschaltungo erfreut, a priori construiren wollen, was unmoglich ist, da die Quelle A, soweit sie vor 9, 51 verarbeitet war, schon genug antipharisaischen und antijudischen Stoff gebracht hatte (6, 39. 7, 28—35), wie andererseits A nach Lc. 9, 51 vielfach gerade solche Stellen bietet, in denen die Tubinger Schule selbst Spuren des judaistischen Charakters von Lucas auiHnden woUte, 1) Wo er aber, wenn Bestimmungen des vierten Eyangelimns beigezogen werden dUfften, flchonlO, 38— 42anzutreffen w&re. — 2) Weisse, Bruno Bauer, Reuss, DeWette, B 1 e e k : Einleitung, n, 8. 279. Synopsis, II, S. 140 f. - 3) Baur: Evangelien, S. 4^*3. — 4) Evangelien, 8. 1S7. — 5) Evangelien, 8. 485 ff. Holtxmano. 1 4 _^ . Digitized by VjOOQ IC 210 Drittes Ciqpitel. wie Cap. 16. Also nicht, urn den Herrn auch im Interesse desPaulusin • Sainarien wirken zu lassen, hat Lucas sein Evangelium um acht Capitel verraehrt und dicse Capitel etwa nach der paulinischen Trias Glaube, Liebe, Hoffnung disponirt, wie Volkmar die Sache schief an- sieht/ sondern weil er noch denStoff der acht Einschaltungscapitel ubrig hatte und anbringen niusste, hat er diesen Abschnitt, der uns den Herm schon ausserhalb Galilaas zeigt, gebildet. Lucas vertheilt daher seinen Stoff nur nach gewissen allgemeinen Gesichtspunkten : Wirken in Galilaa, Quelle A — Wirken ausserhalb Galilaas, Quelle A, Im Einzelnen ist er fast iminer von der Folge der Abschnitte in seinen Quellen abhangig. Bei minderer Gebundenheit am diese hatte es ihm auch nicht wohl begegnen konnen, dass die Hindeu- tung auf Jesu Tod in Jerusalem am Ende des ersten Haupttheils 9, 31 von dem Tod selbst durch eine so grosse Masse von dazwischentreten- dem Stoff getrennt wurde ; und nicht weniger unpassend ist y dass die Verklarung, statt den Hohepunkt der Selbstoffenbarung Jesu an seine Junger zu bilden , nun ohne alle epochemachende Bedeutung zwiscben den fruheren und den massenhaft nachfolgenden Belehrungen Jesu ubtf seine Messiaswurde und uber das Gottesreich in der Mitte steht. * Hatte Lucas, ohne die beiden Hauptfesseln seiner Darstellung zu beachten, nur mit den einzelnen Ringen derselben gespielt und dioselben in eine beliebige Sachordnung versetzt, so wurde er ohne Zweifel solchcrlei Inconcinnitaten zu vermeiden gewusst haben. Seit 18, 15 kehrt Lucas wieder in den Zusammenhang von A zu- ruck , um die Ereignisse auf der Reise und in Jerusalem zu erzahlen. In diesem letzten Abschnitte laufen die vier ersten Capitel offenbar pa- rallel mit A, nur von wenigen leicht erkennbaren Einschaltungen unter- brochen. In den drei letzten Capiteln des Evangeliums ist dag^en der ursprungliche Bericht so vielfach und durch so eigenthumliche Relatio- nen modificirt , dass man die Erzahlung des Lucas sogar schon in gam andere Abtheilungen zerlegen und aus anderen Quellen ableiten wolUe, als die Seitenberichte (S. 104). Dass aber auch hier der Leitfaden bei alien Dreien derselbe ist, hat schon Wilke erwiesen,' und wird in der nachfolgenden Tafel seine Bestatigung im Detail erhalten. I. Personliche Vorgeschichte des Taufers und Jesu (1, 1-2, 52>. 1) Wenn in A das Auftreten des Taufers noch als apx^ %ov evaf- yeklov gait, so strebte die spatere schriftstellerische Ausgestaltung der 1) Religion Jesu, S. 306. 326. -^ Vorher (Eyangelium Marcions, S. 213 f.) hatte er bereits auf Lc. 17 die Stelle 1 Cor. 13, 1 3 als Disposition angewandt. — 2} KAstlin* S. 190. — 3) Urevangelist, S. 540 ff. Digitized by VjOOQ IC Composition des Lucas. 211 erangeHschen Geschichte in iminer entfemtere Gebiete zuruck^ langte daher im Matthaos bei der Empfangniss and Geburt Jesu^ im Lucas endlich sogar bei den Entstehungsverhaltnissen des Vorlaufers an. So stellte also Lucas an die Spitze seines Evangeliuins die, seinem Pro- gramme (avio&sy) entsprecbende, Gestalt der Vorgeschichte, wie sie ihm in schriftlichen Aufsatzen vorlag, die jedenfalls ganz unabbangig von der Tradition des Matthaus entstanden , mit derselben daber auch nicht in Harraonie zu setzen sind. Dass in dieser Vorgescbichte sicb nicbt — wie Dies bei Blatthaus der Fall ist — eine bisber flussig gewesene Tra- dition zum erstenmal literariscb krystallisirt bat, dass vielmebr zum min- desten das erste Capitel auf scbriftlichen Unterlagen rubt : gebt nicht bios aus der knnstmassigen Form der Ljrik, ^ sondem auch aus der auf- fallend hebraisirenden Spracbe bervor; wie andererseits die Eigentbum- lichkeiten der Spracbe des Lucas,* ja selbst des Paulus* auch diese Vor- geschichte durcbdringen, so dass — auch um der jedenfalls von Lucas eingeruckten, ubrigens verfehlten cbronologiscben Notiz 2, 1 . 2 willen — an eine selbststandige Verarbeitung vorliegender Quellen nothwendig gedacht werden muss. * Eine Mebrzahl solcber Quellen scheint ubrigens schon um derSte]le 2, 4. 5,*^ noch mehr um der, XJnbekanntschaft mit der Geburtsgeschichte verratbenden, Aeusseruugen 2, 43. 48. 50 willen an- genommen werden zu mUssen.* Wenigstens theilweise waren — wie die hebraiscb-griecbische Pointe von I, 78 beweist^ — diese Quellen griecbisch geschrieben ,* andere, besonders im zweiten Capitel verarbei- teie , m5gen bis daher auch bios mundlich geflossen sein. Unter diesen Voraussetzungen fallen die Zweifel an der Aechtheit® oder Ursprung- lichkeit* der beiden Capitel von selbst. IL Messianische Vorgeschichte (3, 1-^4, 15). 2) 3, I — 6. A, I. Der Taufer. Lucas beginnt mit Aufwand aller ihm zu Gebote stehenden Mittel. A wird zu Grunde gelegt, das judisch Ascetische im ausseren Auftreten des Johannes allerdings mit Stillscbweigen ubergangen ,* einer solcben stummen Darstellung bedurfte Lucas nicht, da er die Reden so sebr erweitert; '• das Citat aber wird 1) Bwald (Evangelien, S. 17S. 181 ff.), Weisse (EyanRelienfrage, S. 179 f.) — 2}Qersdorf (S. 160-272), Wilke (S. 645 f.), Credner (Einleitung, S. 131 ff.). - 3) Die Erangelien, ihr Oeist, ihre Verfasser u. s. f. S. 218 ff. — 4) Ewald (Evan- geb'en, 8. 177 f.), Meyer (Zu Marcus und Lucas, S. 230). — 5} OfrOrer: Urchri- •tenthum, II, 1, S. 92. — 6) Auch Ewald (Bvangelien, S. 101) untertcheidet fOr 2, 41—51 eine besondere QueUe. — 7) Vgl. Bleek: Einleitung, II, S. 277 f. Synopsis, I, 8. 32. 65 f. — 8) 8iehe die literatur bei De Wette: Einleitung, II, 8. 180. — 9) Baur: MarcuserangeUum, 8. 219 f. — 10) Wilke (8. 588), Volkmar (Beligion Jeeu, 8. 313). Digitized by VjOOQ IC 212 Drittes Capitel. nicht bios umgestellt , sondern selbststandig aus LXX mitgetheilt > da der Pauliner Lucas die naaa oaq^ und das aaniJQiov %ov &€0v nicht dahiiitcn lassen woUte. ' An die Spitzc des Ganzen tritt eine genaue, sechsfache Bestiininung bietende, chronologische Notiz, durch welche zunachst die Umstellung des Periodenbaus von A veranlasat wird. 3) 3, 7 — 9. A, 2. Rede des Taufers. Genau aus A, nicht aus Matthaus. ^ 4) 3, 10 — 14. Die Standespredigt des Taufers stammt anerkannter Maassen* aus einer besonderen, wohl mundlichen. Quelle. Daher specifisch lucanische Ausdrucke, wie ofioiwg 7COielt'y nQciaaeiy (zumal in der betreffenden Bedeutung), avytog>ayielv. 5) 3, 15 — 17. A, 2. Zeugniss des Taufers von Christus. Hier ist die praguiatische Veranlassung 1 5 als Uebergang von Lucas ge- bildet, um auf den Text von A zuruckzukommen. * 6) 3, 18—20. A, 28. Ende des Taufers. Nach seiner Weise will Lucas den, von ihin am ausfuhrlichsten gegebenen Bericht uber den Taufer zu Ende fuhren und thut Dies in einer^ selbststandig gehil- deten , Einschaltung, worin zuerst 1 8 von der in A zu Tag liegenden Vorstellung von der fruhzeitigen Gefangenschaft des Taufers Umgang genommen^ und eine weitere Thatigkeit des Predigers angedeutet, ** so- dann 19. 20 seine Collision mit dem Tetrarchen in einer Weise moti- virt ¥drd, die fur den freien historischen Pragmatismus des dritten Evangeliums bezeichnend ist (xat neqi tiop^wv div inolrjoev novrj^div 6 ^H^ddrjg und TCQoai&tjuev xal %ov%o i/tt TtSatv). Auf diese Weise ge- winnt Lucas das Becht^ die, seinen Grundsatz, xad-e^rjg zu schreiben, storende Paren these A Mr. 6, 17—29 spater zu ubergehen. ® 7) 3, 21. 22. A, 3. Taufe Jesu, nachtraglich angeschlossen in sehr verkurzter Gestalt, was daniit zusammenhangt, dass die eigentliche Substanz der Taufgeschichte (vgl. S. 68) in einem, die Geburtsge- schichte enthaltcDden^ Evangelium uberhaupt keine Stelle mehr fand. ^ Das Wunder selbst wird voUig objectivirt, so dass das ganze VolkZeuge ist, wie auf den nBetendenw der Geist a(Ofiai:LK(p eXdu herabfahrt. * Doch behalt Lucas noch die Anrede av el b v\6g fiov bei. 8) 3, 23 — 38. Genealogie. Hier eingeschoben, weil vorher kein passender Platz war. So wie die von Matthaus aufgenommene , so geht auch die unsrige ursprunglich von ebionitischen Anschauungen aus,* 1) Die Byangelien, ihr Geist u. s. f. S. 234. — 2) Qegen KOstlin, 8. 142. -— 3} Weisse (£y. Geschichte, H, S. 5), Ewald (A. a. O. S. 157), KOstlin (8. 141), Hilgenfeld (A. a. O. 8. 161). — 4) Hilgenfeld: EvangeUen, 8. 161 f. — 5) Hilgenfeld: EvangeUen, S. 162. — 6) Volkmar: Keligion Jeeu, 8. 310. 3ia« — 7) Volkmar: A. a. O. S. 294. — 8) Die EvangeUen, ihr Geiat u. s. f. 8. 239 f. — 9) GfrOrer: Urchristenthum, II, 1, 8. 109: »Wer wird zum erstenmal sechaundaae- Digitized by VjOOQ IC Composition des Luc8B. 213 80 dass also das wg ivofii^eto 23 als Correctur des Lucas anzusehen ist, * wie das i^ ^g iyevvT^^rj Mt. 1, 16. Ein Zahlensystem Hegt ebcnfalls bei- dcn Genealogien zu Grunde, da die des Mt. = 6X7, die des Lc. = 11 X 7 ist. Die letztere ist jedenfalls die jungere, wail ausfuhrlicher und bereits von Salomos Konigsstamm , mit dem man es zuerst versuchen musste, abgehend. Controlirbar ist die eine so wenig, als die andere. 9) 4, 1 — 13. A, 4. Versuchung. Wahrend aber in der Quelle die Versuchungen klimaktisch geordnet erscheinen , sind sie hier nach topologischen Gesichtspunkten umgestellt, wie seit Schleiermacher* alle Ausleger anerkennen. Urn die Scene nicht zu oft zu changiren , hat Lucas den Tempel auf den Berg folgen lassen, wofur er von Wilke grundlos gepriesen wird. * Vielmehr ist auch gegen Schneckenbur- ger* die XJrsprunglichkeit der Form bei Matthaus zu behaupten. Uebri- gens halt sich Lucas insofem noch mehr, als Matthaus, an A, als er Jesum zuerst 40 Tage lang versucht werden lasst, um dann am Ende derselben erst noch die drei absonderlichen Proben des Matthaus zu be- stehen. Zuthaten sind, ausser einigen commentirenden Aenderungen, * die zauberhafte Simultananschauung iv ortyfi^ XQ^^^^ ""^ ^^^ Gross- sprecherei des Teufels. Auch das axQi xaigov ist keineswcgs ein Rest der ursprunglichen Erzahlungsform, ® sondem eine significante Notiz des Lucas, der einen Uebergang sucht von der sagenhaften Concentra- tion der Idee in drei unmittelbar sich folgen den Mom en ten zu dem ge- schichtlichen Verlauf , der das ganze Leben des Messias einnahm. In diesem realistischen Bestreben begriffen lasst er auch die dienenden Engel au8. 10) 4, 14. 15. A, 5. Ruckkehr nach Galilaa. Lucas be- handelt die Quelle A Mr. 1, 14. 15 frei, indem er den Inhalt der Pre- digt Jesu ubergeht. Ueberdies hat auf diese Stelle Einfluss geubt ein Forblick auf A Mr. 1, 21. 22, zu welch en Versen Lucas alsbald 4, 31. 32 zuruckkehrt, nachdem er sein Programm 4, 16—30 gebracht hat. Daraus gebt aber hervor, dass 4, 16 — 30 als Einschiebsel zu betrach- ten ist. benzig Gescblechtsfolgen mtlhsam zusammenstellen , bios um nachher zu sagen : all dies beruhe auf einem Irrthiuxf.* — Doch machte wenigstens der dberschlaue DsftchBi- • cheAnonymusir (S. 245 f.) diese billige Erwartung an seinemTheil zu Schanden. — I) Zeller: Apostelgeschichte, S. 436 f. — 2) Die von Schleiermacher, S. 55 f. (II f.) gegebene, LOsung ist jedenfalls viel einlench tender , als die bei dem sdchsi- schen Anonymus (S. 241) und bei Hilgenfeld (Evangelien, S. 166) vorfind- liche. — 3) XJrevangelist , S. 690. — 4) Erstes kanonisches Evangelium, S. 46 f. — 5) Die Evangelien, ihr Geist u. s. f. S. 235 ff. — 6) Gegen Ewald: Evangelien, S. 166. Digitized by VjOOQ IC 214 Drittet Capitel. m. Jesu Wirken bis zur Constituirung des Apostelkrei- 8e8(4, 16—7, 10). 11) 4, 16 — 30. A, 25. Jesu Auftreten in Nazareth. Die Identitat des Vorgangs mit A Mr. 6, 1—6 = Mt. 13, 53—58 ist sclioii von Schleiermacher,* Sieffert* und Strauss' zur Evidenz ge- bjracht, und Meyer hatte es billig Wieseler* uberlassen soUen, g^^n eine so allgemein anerkannte Thatsache fortwahrenden capricirten Wi- derspruch zu erheben. ^ Lucas hat also den Bericht aus A anticipirt; nicht aber war er dabei, wie Dies auf den ersten Anblick scheinen kdnnte, geleitet von dem Mt. 4, 13 mit den Worten xataliTtwy tijp Na- Semis' gegebenen, Motiv/ sondem schon der Zusatz ov rjv tsd^Qafi/iivog 4, 16 zeigt, dass Lucas, der ja in der Vorgeschichte Nazaredi so be- stimmt als den Wohnort der El tern Jesu hervorgehoben hatte, es fur das Naturlichste hielt, dass Jesus an seinem bisherigen Aufenthaltsorte auch zuerst aufgetreten sei. ^ Ganz unabhangig von Matthaus hat also Lucas von der Stelle A Mr. 1,21 Veranlassung genommen, eine, die- sen unerwarteten Erfolg motivirende. Anticipation vorzunehmen. Es bestimmte ihn aber sichtlich noch eine andere Erwagung, wenn er den Ausspruch Jesu Sti ovx eoTV TtQognjzrig atifiog si /i^ iv %^ TcazQidi onu- Tov in der Weise an die Spitze seines Evangeliums stellte, zumal in Verbindung mit weiteren Worten , in welchen mit Hinweisung auf den Vorzug, welchen Elias und Elisa den Heiden gegeben haben, die Zu- rucksetzung der Juden gegen die Heiden in Betreff des Evangeliums ausgesprochen ist. Offenbar betrachtet der Evangelist — wie Dies von der Tendenzkritik auf unwiderlegliche Weise geltend gemacht worden ist® — die natqi 8. Krankenheilungen am Abend des Sab bats. Auch hier beschreibt Lucas nach eigenem Ermessen ge- nauer und ubertreibend den Modus der Heilung (40 oaoi elx^v — e^l hcaatifi avtdfv) und den Inhalt des damonischen Geheuls (ii av el 6 vlog %ov &€0v — Anticipation von Mr. 3, 11. 12).* Vgl. uberhaupt das bestimmtere i/cttifiiSv ovti ua und tov XQiatoy avxbv elvai, 15) 4, 42 — 44. A, 9. Beisepredigt in Galilaa. Lucas hat verkurzt, verallgemeinert und undeutlich gemacht. An die Stelle des noch nicht zum Apostel berufenen Petrus und seiner Geiahrten sind 01 oxlot getreten. Auch das i^^X&ov A Mr. 1 , 38 hat er in dTtsoraXtpp verwandelt> indem er jenen Ausdruck^ der sich auf das Verlassen der Stadt Kapemaum bezieht, metaphysisch auffasste. ^ Das ayw/nsv eig vdg ixofiivag xwfAOTtdleig in A Mr. 1 , 38 musste naturlich verandert wer- den^ da Jesus noch keine standigen Begleiter hat. ^ 16) 5, 1— U. A, 6. Berufung des Petrus. Weil Lucas den Herm zuerst in Nazareth auftreten und von da nach Kapemaum ubersiedeln lassen woUte, um ihn erst von hier in die Umgegend «u I) Weiss, S. 653. - 2) Ewald: Evangelien, S. 194. - 3) Weiss, S. 655. — 4) Vgl. das unabhfingige Zusammentjeffen von Wilke (S. 546) und Ewald (Evange. Uen, S. 193). — 5) Weiss, S. 703. — 6) Wilke, S. 589. Digitized by VjOOQ IC Composition des Lucas. 217 fahren> benutzt er die Notiz A Mr. 1, 39 = Lc. 4, 44^ um ihn zunachst an die Ufer des Sees gelangen zu lassen, worauf Lucas zuerst den ausge- lassenen Abschnitt aus A Mr. 1, 16 — 20 nachbringt; Lucas gerath aber eben dadurch mit sich selbst in Widerspruch, da der Vers 8 solche Wundererfahrungen, wie sie Petrus nach 4, 38. 39 gemacht hatte, nicht als vorgangig annehmen lasst. Zugleicb setzt er auch an die Stelle der Nachricht von A eine spatere Ueberlieferung, die als vereinigtes Echo von Mr. 4, 1 und Job. 21, 6 — 22 und zugleicb als Fortbildung von Mr. 1, 17 = Mt. 4, 19 zu begreifen ist.^ Dazu ist der neben xai Ttdwag Tovg avv av%(^ 9 unmotivirt erscheinende Zug S/doi(og di xal Icntto^ov xal ^Iiodvvrjv vloifg Ze^sdaiov oirjoav xoivuvol r(p 2lfia)vv 10 lediglich Reminiscenz aus Mr. I, 19, und Lc. 11 aus Mr. 1, 20.* Eben darum, weil diese Erzahlung vollkommen auf Grund des alteren synop- tischen Berichtes erbaut ist, braucht man auch nicht mit Ewald' anzu- nehmen , dass sie dem Lucas auf schriftlichem Wege zugekommen sei; * ausserdem entscheiden eigenthumliche Ausdrttcke, wie inUeia&av (23, 23. Act. 27, 20), ifriazaTa (das nur bei Lucas Anrede an Jesum ist), avXXafipdvetv (Lieblingswort), anders. Bezeichnend ist die aus A Mr. 4, 1 = Mt. 13, 2 anticipirte Notiz, dass Jesus vom SchifFaus ge- lehrt habe, welchen Zug dann Lucas an der entsprechenden Stelle 8,4, um sich nicht zu Wiederholen, wegliess. 17J 5, 12 — 16. A, 10. Heilung des Aussatzigen. Lucas, der hier wieder in den unterbrochenen Zusammenhang zurucklenkt, hat im Ruckblick auf A Mr. 1, 38 (obwohl er selbst eine Erzahlung dazwi- schen geschoben hatte) die Scene in eineStadt verlegt, da AMr. 1, 43. 45 ein Haus voraussetzt. Schwierige Zoge glattet er aus oder abergeht sie ; namentlich aber bringt er 16 das Gebet Jesu bei, welches er 4, 42 aus- gelassen hatte; wie er es denn im Folgenden (6, 12. 9, 18. 28 f.) eben- falls in selbststandiger Weise hervorhebt. ** 18) 5, 17 — 26. A, 11. Heilung des Paralytischen. Lucas sagt nichts vonKapemaum, sondern verlegt 17 den Vorgang wahr- scheinlich auf einen der Reisetage 4, 43 , weil ihm scheint, dass Jesus von einer so nachdrucklich angekundigtea Reise nicht so rasch zuruck- gekehrt sein kdnne. * Auch die vo/nodiddanaXoi, deren er Erwahnung thut, gehoren ursprunglich nicht hierher. ^ Vgl. auch die bestimmteren Phrasen 1 7 ol fjoav iktjkvd-oTeg hi 7tdar]g xiofirjg t^g FaXiXaiag Tcal ^lov- ialag und dvvafiig xvqIov rpf eig to iSad'ai avvovgy 18 xai iCi^tovv av- 1) Ewald (Evangelien, S. 192. Geschichte Christus, 8. 261 f.), Meyer (Zu Marcus und Lucas, S. 314), Scherer (Nouvelle revue, III, S. 371 f.). — 2) Weiss, S. 766. — 3) Evangelien, S. 193. — 4) Hilgenfeld: Evangelien, S. 170. — 5) Ewald: Drei EvangeUen, S. 195. — 6) Weiss, S. 703 f. — 7) Ewald: A. a.O. 8. 197. Digitized by VjOOQ IC 118 Drittes Capitel. tov elifepeyMtv d'eivai hwmov cwtovy 19 dpafidvreg hti %6 iwfia diet %w neffafitov xad^xav avrovy 25 do^a^wv tov d'€6y, Schon 17 wird A Mr. 2, 6 anticipirt^ um auf Lc. 21 vorzubereiten (freilich wegen der Abhangig- keit von Mr. 2, 6 werden neben Pharisaem yQafifiatetg, nicht> wie 17, vofiodiiaaKalov genannt), ahnlich wie die Bemerkung uber die dvvafiig xvqIov auf 24 vorsieht. Das avTOvg erklart sich nur dadurch, dass dem Erzahler die noXXoL A Mr. 2, 2 vorscbwebten. Statt iv tatg naqdlaig avTiSv 8agt Lc. 21 Xiyovregj wozu freilich 22, nach A Mr. 2, 8 gebildet, nicht passt. 19) 5, 27 — 39. Berufung des Matthaus und Gastmahl. Lucas weiss, dass Matthaus Alles verlassen 28 und ein » grosses a Mahl veranstaltet hat 29, hat aber uberhaupt missverstandlich aus dem Hause Jesu das des Matthaus gemacht, und von den fia&t]vai*I(odvyov xai OaqLoaXov bios die Letzteren beibehalten, weniger gut, als Matthaus, der mit Kecht in den Ersteren die Angeredeten erkennt. * Wenn aber die Pharisaer 33 ol %iSv OaQtaatwv sagen, so erkennt man darin wieder die Abhangigkeit von A. Ausserdem lasst Lucas von den DMurrendene 30 gleich die Junger angeredet werden (diatl ead-iere), weil ihnen wel- ter unten der Vorwurf gemacht wird, dass sie nicht fasten* — wozu denn freilich Jesu Antwort nicht mehr genau passt. • Das xai dei^aeig ftoiovr- tav 33 ist um so mehr Zusatz des Lucas, als es uberhaupt zu seinen Lieblingsausdrucken gehort (vgl. 2, 37). Mancherlei Einfalle, zu de- nen die ubrigen unschuldigen Abweichungen des Lucas Veranlassung gegeben haben, sind der Rede nicht werth. * Die Stelle 36 (mit ileye di xat na^a^oXrjv eingeftthrt) verwandelt das Tuch in ein Kleid — eine, weiter nicht auszubeutende, * Fortbildung des ursprunglich einfacheren Gedankens. Namentlich aber ist darin auch aufgenommen das xcrl %f^ naXaifp ov av/Aqxovtjaeif was auf den, dem Lucas eigenthumlichen, wohl aus -ri.stammenden , Vers 39 vorweist. Ware dieser Vers in A gestan- den, so hatten ihn Matthaus und Marcus wohl auslassen kdnnen^ schwerlich aber hatten sie auch die Allusion in 36 ubergangen. ^ 20) 6, 1—5. A, 13. Aehrenausraufen. Lucas halt sich an A, wie 5 = Mr. 2, 28 beweist. Das xpt!i%ov%eg talg xeqaiv I ist Zusatz. 1) Gegen Schleiermacher, Neander, Bleek: Synopsis, I, S. 390. — 2) Wilke, S. 186 f. - 3) Wilke, S. 424. - 4) Vgl. dagegen Meyer: Zu Marcus und Lucas, S. 318 f. — 5) Gegen KOstlin, 8. 173 f. — 6) Wilke (S. 310. 375), Zeller (Apostelgeschichte, S. 14 f. 444). Weil 39 bios angeftlgt ist, konnten Weisse (ETangelische Qeschichte, U, S. 140) und Bleek (Synopsis, I, S. 396) den Vers st^ read finden, wfihrend ihn die Ttlbinger Schule geradezu zu einem anitgaostischen Zu« satz stempelte (Baur: Marcusevangelium, S. 202. Zeller: Apostelgeschichte, S. 15. Hilgenfeld: Evangelien Justins, S. 403. 469. Eyangelien, S. 171. Theol. Jahx^a- Cher, 1853, S. 200 f. 213 f.) Digitized by VjOOQ IC Composition des Lucas. 219 Auch sollen Lc. 2 wiederum die Junger angeredet werden. Der dev%€- fonQWTog 1 ist wahrscheinlich bios entstanden, well Lucas nach der ersten berichteten Beiae anfangen will^ die Sabbate zu zahlen. £r schrieby wie 6 ip hiffifif so hier ey nQW%(p , wozu mit Bezug auf 4, 31 eine geschaftigc Hand das devzi^fp schrieb. * Vielleicht auch bangt das Wort uberhaupt mil einem Missverstand des ip adfifiaai A Mr. 2, 23 zasammen. * Aus dem xai eleyev 5 kann man auf Auslassung von lit 12^ 5. 6 schliessen,' sicher jedenfalls auf Elimination von A Mr. 2, 21, durch welche Auslassung die Rede folgelos wird. *' 2J) 6, 6 — 11. A, 14. Heilung der verdorrten Hand. Lucas gibtsie als de^ia an^ wie er auch 8 das durchdringende Wissen Jesa and 1 1 den Zom der Erkannten bestimmter accentuirt. Freilich hat er zugleich der Bemerkung A Mr. 3, 6 = Mt. 12^ 14 durch sein hth^a^- aap opoiag 1 1 die Spitze abgebrochen. ^ 22) 6, 12—16. A, 16. Wahl der Apostel. Von Lucas vor den folgenden Abschnitt gestellt^ weil A Mr. 3, 7 schon die fiaSrjtal erwahnt werden, die Wahl der Zwolf aber erst Mr. 3, 12 berichtet wird. Uebrigens macht Lucas aus Missverstand des aramaischen Wortes aus dem Burger von Kana einen Zeloten. • Bestimmter nach seiner Weise hatte Lucas 12 die Beschaftigung Jesu wahrend der Nacht und am an- dem Morgen 1 3 sein Handanlegen ans Tagewerk gekennzeichnet. 23) 6, 17 — 19. A, 15. Summarischer Bericht uber die Krankenheilungen. Von Lucas hinter den vorigen Abschnitt ge- stellt^ um eine Veranlassung zur Bergpredigt abzugeben. Die hierdurch entstehenden Inconvenienzen machten auf Wilke den Eindruck, als ob die Bergpredigt uberhaupt erst von Lucas in den Zusammenhang muhselig hereingearbeitet ware. ^ AUein das Motiv zur Umstellung lag zunachst schon im vorhergehenden Abschnitte, und die mancherlei Freiheiten , die sich Lucas in unserer Perikope nimmt^ sind Folgen der getroffenen Umstellung. Uebrigens verliert er A niemals ganz aus den Augen.® Nur wurde in Folge dieser Umanderung die Bergpredigt bei Lucas eine Rede nicht an die Junger, sondern an die Volksmenge. Lu- cas betrachtet daher die Notiz uber die nachfolgende Menge als Vorbe- reitung auf die Bergpredigt und gibt 1 7 eine, fur so viel Volk passende, Localit&t an, wo Jesus stehend (nicht sitzend, wie Matthaus sich vor- stellt) die Sede halt. Wir haben daher in der Ebene des Lucas ledig- lich eine nothwendig erscheinende Scenerie zu erkennen, wie solche 1) Wilko, S. 591. — 2) Hitzig: Job. Marcus, S. 60 f. — 3) Bleek: Synop- «•, I, 8. 476. — 4) Hitzig: Job. Marcus, S. 55. — 5) Hilgenfeld : Evangelien, 8.172. — 6) Bleek: Synopsis, I, 8.417. - 7) Urevangelist, 8. 584 f. — 8) Ewald: Drei Erangelien, 8. 209. Digitized by VjOOQ IC 230 Drittes Capitol. Maasanahmen bei Lucas vorkommen. Verlorener Scharfsinn ist es ^ in dem xavafiag 1 7 gegenuber von dvifitj Mt. 5 , I eine Degradation der Bergpredigt des Matthaus durch Lucas zu erblicken. * 24) 6, 20—49. A, 17. Bergpredigt. Von der Quelle weicht Lu- cas bios ab durch Einsetzung der beiden^ hier am passendsten^ aber dock gezwungen genug, * untergebrachten , Sprttche 39. 40. — Der Scharf- sinn des nsachsischen Anonymus « hat gleichwohl entdeckt, dass Lucas durch Versetzung und Veranderung der Bergrede des Matthaus diese dzu einer beissenden Moralpredigt gegen Petrus verkehrt« hat. ' 25) 7, 1 — 10. A, 18. Der Hauptmann in Kapernaum. An die Stelle von A Mt. 8, 1. 5 — 10. 13 hat Lucas, ahnlich wie oben Nr. 1 1 und 1 6, eine ausgebildetere Tradition gesetzt, in welcher theils die Bescheidenheit des Hauptinanns mehr betont/ theils der ganze Vor- fall unter einen Gesichtspunkt gebracht worden ist, von dem aus es un- zulassig schien, dass Jesus in unmittelbare Beruhrung mit Heiden tritt. Die schriftstellerische Form ist dieser Tradition von Lucas gegeben ; sie beruhrt sich daher theils mit A Mr. 5, 35 = Lc. 8, 49, theils mit der Act. 10 enthaltenen Geschichte des Cornelius.* IV. Die wkleine Einschaltung a (7, 11—8, 3). 26) 7, 11 — 17. Der Jungling zu Nain. Von Lucas aus sp&- tern Quellen erzahlt, * aber nicht aus A, wie Weisse aus der hebraisi- renden Sprache und der einformigen Verbindungsweise nicht erweisen kann. ^ Die Geschichte ist hier erzahlt, weil gleich nachher 7, 22 der Herr sich auf Todtenerweckungen berufen soil. 27) 7, 18 — 35. Anfrage des Taufers Johannes. Das erste Stuck aus A, aber in sehr freier Bearbeitung (so der Zusatz 20. 21 ®) und mit Spuren spaterer Reflexion (28 nQOipi^fjg), Auch zeigt der Zu- satz navtmv 35, dass Lucas die tixvoL T^g aoq^lag unrichtig nicht auf Jesus und Johannes deutete. ® Uebrigens vgl. S. 143 ff. 28) 7, 36—50. Die Salbung Jesu durch die Sunderin* Von Lucas zur Bestatigung von 7, 34 hierhergestellt. *® Der Kern die- ser, dem Lucas aus spaterer, etwas wirrer. Tradition zugekommenen^ Geschichte ist historisch. Die Scenerie gehort dem Lucas an, und in der Form der Erzahlung hat zum mindesten eine Vermischung stattgefun- 1) Baur: Eyangelien, S.457. — 2} Bleek: Synopsis, II, S. 108. — 3) Die Eymn- gelien, ihrOeist u. s. f. S.20. — 4) Hilgenfeld: Evangelien, S. 174. — 5) Strauss (Leben Jesu, II, S. 101 ff.), Zellcr (Apostelgeschichte. S.429 f.) — 6) E wald: Ge- schichte Christus , S. 30 1 . — 7) Evangelienfrage, S. 161. Richtiger frdher : Erange- lische Geschichte, II, S. 141. — 8) Ewald (Evangelien, S. 252), Bleek (Synop- sis, I, 8. 443. 445). — 9) Hitaig: Joh. Marcus, S.55. — 10) Gfr6rer: Urchriston- thom, n, 1, S. 175. Digitized by VjOOQ IC Compositicm des Lucas. 221 den mil der Geschichte eincr spatertn Salbung , die in Bethanien vor- fiel. ^ Am wahrscheinlichsten aber beziehen sich beide Relationen auf dasselbe Factum* und ruhrt die Nachricht des Lucas von, dem Herrn und der Familie des Simon ferner stehenden, Augenzeugen her. ^ Un- sere Geschichte ist also weder als tendenziose Umbildung,* noch als allegorische Dichtung^ aufzufassen. Uebrigens ist der Simon 40 iden- tisch ttdtJSlfuov 6 X^TtQog A Mr. 14, 3. Dass Jesus ihn von seinem Aus- satze geheilt hat, war sowohl der Grund zur Einladung von Seiten Si- mon's, als des Gleichnisses 41. 42 von Seiten Jesu. 29) 8, 1 — 3. Galilaischer Reisebericht. Von Lucas aus der Tradition gebildet ; hierher gestellt um der Analogic mit dem vor- hergehenden Abschnitt willen. V. Jesu galilaische Wirksamkeit (8, 4 — 9, 50). 30) 8, 4 — 18. A, 21. Gleichniss vom Saemann. Etwas frei • nach A erzahlt, aber verkurzt, nur nicht aus den von W ilke mit zu viel Scharfsinn angegebenen Grunden.^ Wohl aber hat Lucas, der hier nachholt, nicht bios die Scene verandert® und die 5, 3 schon ange- brachte Situation von A Mr. 4, 1 weggelassen, sondern auch den gan- zen padagogischen Zusammenhang der Stelle (wovon jedoch noch eine Spur 18 filenere ovv nwq axot'cr^®) verwischt und sich anstatt an die parabolische Form, worauf es in A ankommt, bios an den praktischen Sinn und Gehalt der Parabeln gehalten. Daher fehlt jeder besondere TJebergang zur Erklarung der Parabel *®, und schliesst sich die Auffor- derung, das Licht scheinen zulassen, 16 — 18 unmittelbar an dieEr- wahnung des Fruchtbringens 15 an. Obwohl aber die Worte 16 — 18 unter einen andern Gesichtspunkt gestellt werden, als bei A Mr. 21 — 23, wo von der Anwendung des FassungsvermCgens die Rede ist," so tragen sie ihre Abhangigkeit von A Marcus doch deutlich genug zur Schau. Denn der schwierige Ausdruck von A ist offenbar 16 verein- facht und durch die Zusatze aipag und %va oi eiqTioqevofjLSvoL ^Xintooiv %b (pwg erlautert. Das vno %6v ^6diov A Mr. 21 wird verallgemeinert in xaXvTtvei avtov axBV€i.y und das structurwidrige elg (pavBqbv h%9ji 17 erkiart sich nur aus der Herubernahme des Schlusses A Mr. 4, 22. Das 8 doxel exeiv ist aber eine erleichternde , wiewohl nicht correcte, Um- schreibung des S exu A Mr. 25 , auf dem gerade das Acumen des Aus- 1) Wei see: Evangelische Geschichte, II, 8. 142 f. — 2) Ewald: Evangelien, 8. 342 f. Geschichte Christus, S, 377. — 3) Bleek: Synopsis, II, S. 111-117. — 4) Hilgenfeld: EvongeUen, 8. 175 f. — 5) Baur: Evangelien, 8. 501. ~ 6) Wilke, 8. 207 f. — 7) Ureyangelist, 8. 58J. 516. — S) Wilke, 8. 502. 595. — 9)Wilke, S. 379. — 10) Wilke, 8. 317.— 11) Wilke, 8. 103. Digitized by VjOOQ IC 222 DrittM Capitel. sprnches beruht. * Baur^ und Hilgenfeld* benutsen daher in ihrer Weise die Aenderung, um hier den Pauliner Lucas einen Vorwurf ge- gen den Dunkel (doxel) der Junger aussprechen zu lassen. 31) 8, 19 — 21. A, 20. Jesus und seine Verwandten. Aus A verkurzt. * Lucas hatte namlich die Erzahlung A Mr. 3, 20 — 30 aus- gelassen , well er das Wesentliche in ^ stehend wusste und aus dieser Quelle noch geben wollte. Dadurch war aber auch die in A folgende Erzahlung von den Verwandten Mr. 3, 31 — 35 unhaltbar geworden, und Lucas weiss nichts Besseres zu thun^ als sie in einen neuen Zusammen- hang zu bringen. " Anstatt dass namlich in A der Abschnitt von den Parabeln auf den von den Verwandten folgt, lasst Lucas umgekehrt 8, 19—21 auf 8, 4—18 folgen. Er trennt daher in Nr. 30 die Parabeln, indeni er , die spateren far einen passenderen Ort aufsparend y mit der ersten vom Wort Gottes die Erzahlung von den Verwandten verkndpft, daher auch d^iltj/ia tov d^eov in das, auf die Parabel zuruckweisende, loyov Tov d-eov 21 verwandelt. * Baur hat in diesem klar vorliegenden Verhaltnisse wieder arge Parteimanttver entdeckt. ^ 32) 8, 22-25. A, 22. Jesus im Sturm. Hier kehrt Lucas wieder in den Zusammenhang von A zuruck, nicht ohne malerische Freiheiten in der Beschreibung des Seesturms und seiner Stillung 24. 33) 8, 26 — 39. A, 23. Der Besessene von Gerasa. Im Ganzen ausfuhrlich nach A. Aber schon die jenseitige Lage wird 26 ausdrucklich bemerkt; die Notiz l^driov oinc iyedvaxevo 27 berakt auf einer Anticipation von A Mr. 5, 15, wie uberhaupt 27 — 29 der Zu- stand des Kranken angelegentlichst behandelt wird. Wie nach die- ser Seite der Arzt Lucas, so bethatigt sich der traditionelle Maler nicht bios in den Notizen 35 tcoqcc Tovg 7t6dag tov ^Iriaovj 37 Snar vo nl^9og Tijg neqix^QOv und oti q>6p(fi iieydXifi avvelxovrOf sondem auch in der Bitte der Damonen, die A Mr. 5, 1 0 nur die Wuste scheuen, bei Lucas 3 1 aber in die Holle fahren mussen. Sicher hat hier Lucas eine eigenthumliche und constante (vgl. A Lc. II, 24— 26sasMt. 12, 4S — 45) Vorstellung verkannt und den Ausdruck nach dem letzten Erfol^, da die Damonen schliesslich doch in die a^vaaog gerathen, umgestaltet^^ nicht aber hat Marcus eine urspranglich beabsichtigtelronie verwischt. * 34) 8, 40—56. A, 24. Von dem Tochterlein des Jairns und der Blutflussigen. Auch hier bleibt Lucas noch im Zusam- menhang von A, beweist sogar 5 1 seine Abhangigkeit von A Mr. 5, 1) Weiss, 8.705.— 2) Erangelien , 8.466. — 3) Evangelien, 8. 176 £. — 4) Wllke, 8. 378. — 5) Weiss, S. 699. — 6) Wilke, 8. 103 f. 199. 340. 380. — 7) Evangelien, 8. 467 f. ~< 8) Ewald: Evangelien, S. 241. — 9) Gegen Banr: Marcusevangelium, 8. 42. Digitized by VjOOQ IC CompoBition d^ft Lucas. 2(3 37. 40. Denn weit entfernt^ dass Marcus den Lucas hier missverstanden haben 8ollte> ^ hat vielmehr Lucas den Verlauf der Sache in A, womach der Eintritt ins llaus und der in die Todtenkammer nach Entfernung der Klageweiber unterschieden wird, derart vereinfacht, dass nur von einem Eintxeten die Rede ist^ wobei man freilich zunachst an das Haus denkty wahrend der spatere Zusammenhang auf die Todtenkammer veist. Daraos entstehen die weiteren Liconvenienzen^ dass die in die Kammer gelassenen Eltem anticipirt werden, und so der Schein entsteht, als ob Jesus der Mutter, die sich doch bisher gar nicht in seiner Begleitung befand, erst den Eintritt in's Haus gestattet habe, sowie dass von den Klageleuten erst gesprochen wird, als Jesus bereits in der Kammer steht.* Uebrigens hat Lc. 43 auch verkurzt, was A Mr. 5, 26 den Aerzten zur Unehre erzahlt wird, ' wie auch das wartende Yolk 40, die veinzigeo Tochter 42, der Pragmatismus 46. 47, die Gewissheit des Todes 53, die oWiederkehr des Geistes« 55 und vielleicht auch die leibliche Starkung der Erwecktcn 55 ihm angehoren. Bei dieser Be- schafienheit seiner Redaction ist es verschwendeter Scharfsinn , wenn Baur in dem unklaren nan; eg 54 einen malitiosen Seitenhieb auf die Urapostel finden woUte. * 35) 9, 1—6. A, 26. Aussendung der Zwolf. Aus A wOrt- lich abgeschrieben. Darauf reducirt sich Baur's Beobachtung: »Man sieht, es ist dem Evangelisten beinahe jedes Wort zu viel. a** 36) 9, 7 — 9. A, 27. Gedanken des Herodes uber Jesus. Lucas bleibt im Zusammenhang von A, verandert aber sehr frei, indem er dem ijyiovaev (Mr. 6, 14) durch to: yivofieva nana ein Object gibt und die Aeusserung des Herodes als eine unbestimmte hinstellt. Wah- rend in A fierodes Jesum fur den auferstandenen Johannes halt, lasst ihn Lucas bios mit Beziehung auf ein derartiges Uriheil sagen : Johan- nes ist enthauptct, der kann es also nicht sein; aber wer sonst? — was glatter, darum aber nicht urspranglicher ist. • Lucas schliesst, indem er mit der Bemerkung xai i^iJT€i Idelv avzov auf 23, 8 vorweist.'' Das Fol- gende in A lasst Lucas aus , weil es ihm eine Digression schien, und er 3, 19. 20 das Wesentliche schon beraerkt hatte. Es reisst daher hier der Faden von A an der Stelle Mr. 6, 16 ab, um erst A Mr. 6, 30, wo die Geschichte vom Taufer zu Ende erzahlt ist, wieder aufgenommen zu werden. I) Gegen Scbleiermacher: Versnch, S. J29. -- 2) Wilke, S. 534 £ — 3) Hitzig: Johannes Marcus, 8. 56. — 4} Evangelien, S. 458. MarcuBerangeliuiii, S. 3$. Theol. JalurbUcher » 1853, S. 73 f. Christenthom der drei ersten Jahrhun- dtrte, 1860, 8. 77. — Vgl. dagegen Hilgenfeld, EvangeUen, 8. 134 f. - 6) Eyan- gelien, 8. 435. — t>) Qegen be Wette, Bleek, Neander: Leben Jesu, 8.468. — 7) Wilke: UrerangeUat, 8. 679 f. Digitized by VjOOQ IC 224 Drittes Capitel. 37) 9, 10—17. A, 29. Speisung der Funftausend. Beth- saida 10 ist, wie auch Baur richtig fuhlt/ das westliche. Die Notiz ist einfach aus A Mr. 6, 45 herubergenommen, * auf keinen Fall aber ist an Bethsaida Julias zu denken^ ® da alle Spurcn der Seereise ja bei Lu- cas consequent yerwischt sind.^ Die Zahl 5000 hat Lucas 14 anticipando gleich an die Erwahnung der grossen Zahl angeknupft. '^ Das Gesprach Jesu mit den Jungern A Mr. 6, 37. 38 aber verkurzt, jedoch in anderer Weise , als Matthaus. 38) 9, 18—27 A, 39. Das Pestrus-Bekenntniss. Hier knupft Lucas , nachdem er mehrere Stucke ausgelassen hat , wieder an, so jedoch, dass er, um keine Lucke bemerklich zu inachen, die Scene aus dem ausgelassenen Stuck A Mr. 6, 46 = Mt. 14, 23 bestimmt Daher die ungeschickte und willkurliche Scenerie 18. Sonst hat Lucas hauptsachlich noch die Einrede des Petrus und die , ihm zu stark schei- nende , Ant wort Jesu weggelassen ; vielleicht fehlt das ganze Zwiege- sprach auch bios, weil es auf eine Wanderung hinweist, und eine solche eben bei Lucas wegfallt. • Jedenfalls weist der Ausdruck 23 eine di TtQog TvdvTag auf das Ausgelassene zuriick^ und ist nur aus Mr. 8, 34 erklarlich. ® 39) 9, 28 — 36. A, 40. Verklarung. Lucas will ein besserer Chronolog sein, gibt daher, die termini a quo und ad quern mitzahlend, acht Tage an. Die Rede aber den Taufer hat Lucas, weil sie fOr ihn so wenig, als fur Matthaus und Marcus, ganz durchsichtig, und weil der Lehrgehalt der S telle jedenfalls 7, 18 — 35 schon gegeben war, ^ wegge- lassen , die Vision selbst aber , ahnlich wie bei der Taufe , objectivirt (29 eldoQ %ov nqoadnov avtov iyeveto ttSQOv statt des einfachen fiere- fiOQfpcj&T]) und asthetisch amplificirt, *® so dass Petrus den Weggang der Erscheinungen verhindern will, als er dieselben in die Wolke sich zuruckziehen sieht u. s. f. Der angegebene Inhalt des Gesprachs 31 be- ruht auf Tradition. " Schliesslich verwandelt Lucas, weil er die Reden uber Elias auslassen will, das Gebot Jesu, Stillschweigen uber das Ge- sicht zu beobachten, in die Angabe, dass die Junger von selbst ge- schwiegen hatten: xal avToi iaiyrjaav^^ - was nach Baur den Jun- gern zum Nachtheil geschieht. ** Die Notiz, dass die Junger das deut- I) Marcusevangelium , S. 51. — 2) Ewald (Geschicbte Christus, S. 319), Weisse (Evangel. Geschichte, I, S. 506). — 3) Vgl. DeWette, Winer, Bleek: Synopsis, II, 8. 8 f. - 4) Wilke, S. 536. 596. 691. — 5) Wilke, S. 411.— 6) Wilke, 8. 586. — 7) Wilke, 8. 380. — S) Hilgenfeld (Marcusevangelium, S.61), Meyer (ZuMarcuB und Lucas, 8. 107 f.).— 9) Wilke, 8.587.— JO) Wilke, 8. 537 flf. ~ 11) Meyer: Zu Marcus und Lucas , 8. 36J. — 12) Wilke, S. 596 f. — 13) Marcusevangelium, 8. 6*5. VgL dagegen Kdstlin, 8. 200. Digitized by VjOOQ IC Con^osition dee Lucas. 235 liche Wort vom Todtenerstehen nicht verstanden batten, bleibt, als selbet unverstandlich, weg. * 40) 9, 37 — 42. A, 41. Heilung des epileptischen Kna- bec. Von Lucas besonders gegen das Ende sebr verkurzt. So blieb der Dialog A Mr. 9, 28. 29 = Mt. 17, 19—21 weg um der spater aufzu- nehmenden Perikope 17 , 5—10 willen.* Dagegen ist bei dem malen- den Lucas der Sohn wieder fiovoyevi^g 38 (wie S. 223 die Tocbter), und das Ttvevfia ^6yig anoxwqeX an avtov avvvQifiov avtoy 39. 41) 9, 43—45. A, 42. Zweite Vorberverkundigung des To des Jesu. Eng mit dem Vorberigen verknupft, um jede Spur des Aufentbalts bei Casarea zu verwiscben (vgl. Mr. 9, 30).* Auf diese Weise wamt bier Jesus die Junger vor dem Vertrauen auf die Huldi- gungen der Galilaer, und so bat Lucas aucb die Hindeutung auf die Auferstebung ausgelassen, da Jesu Bede mebr bemmende, als erbebende Eraft baben soil. * Eigentbumlicb ist Lc. 45a = 18, 34. 42) 9, 46 — 48, A, 43. Rangstreit der Junger. Sebr ver- kurzt au8 A und durcb den zuvor aus A Mr. 9, 35 entnommenen, ^ aber binter A Mr. 9, 36 geruckten, Zusatz 6 (dixQdteQog h nSaiv vfup vnaQ- Xinnfj avzog satai fiiyag unter einen, der Quelle A fremdartigen, iGe- sicbtspunkt gebracbt (als batte Jesus das Kind als Muster der Demutb outer die Junger gestellt).^ Die ganze Umstellung yon A ist daber, gleicb der anderen Manipulation Mt. 18, 1—5, dem Bestreben ent- stammt, einen Zusammenbang zwiscben A Mr. 9, 34 und 35 berzustel- len. ^ Beide Evangelisten, ja vielleicbt aucb scbon Marcus (vgl. S. 89) gingen also von der, an sicb naturlicben, Voraussetzung aus, dass, was Jesus mit dem Elinde vomiomit, einen Bezug auf den Sangstreit der Junger haben musse, woven docb, recbt beseben, in dem Worte Jesu A Mr. 9, 37 s= Lc. 9 , 48 a gar nicbts zu bemerken. 43) 9, 49. 50. A, 44. Der fremde Wundertbater. Ver- kurzt. VI. Die Agrosse Einscbaltungc (9, 51 — 18, 14). 44) 9, 51 — 56. Die Samariter verweigern die Auf- nabme. Dass 51 an die letzte Beise gedacbt ist, gebt sowobl aus t^g draXijtpetog f als aucb aus der Stelle von A, an der Lucas bier ange- kommen ist (Mr. 10, 1), unwidersprecblJcb bervor.® Hier beginnen die dem Lucas eigentbumlicben mundlicben Quellen reicblicber zu fliessen. 45) 9, 57 — 62. Drei Petenten abgewiesen. Aus ^, wie 1) Weisse: Evangelische Geschichte, TL, 8.311. — 2} Wilke, S. 597. — 3)Wilke, S. 597. 604 f. — 4) Wilke, S. 217.— 6) Gegen Volkmar (ReUgion Jetn» 8. 244) y der knrzer Hand Mr. 35 lu einer, weder von Matthiius, noch Ton Lueas gelesenen, Gloase snacht. — 6) ViTilke, 8. 332 f. 380 f.— 7) Weisse: Erangel. Ge- aohichte» I» S. 76. — 8) Gegen Wieieler: Chronologisohe Synopee, 8. 319 if. 15 Digitized by VjOOQ IC 226 Drittes Capitel. der Ausdruck ^e^og zeigt fur iilXog. Im Zusammenhang von A findet das Stuck schon darum keineStelle, well Matthaus 8, 18 — 22 es nnterbringt bei Gelegenheit einer Beise Jesu von Kapemaum nach Peraa , Lucas beim Aufbruch nach Jerusalem. Beidemal besteht das Band^ wodurch das schwebende Bild in einen fasten Eahmen gebracht wird, bios in der Ideenassociation von noqsvofjiiywv avTfZv (Lc. 57) oder dnel&eiv (Mt. 18) und dxolov^etv, • 46) 10, 1—16. Aussendung der 70 Junger. Vgl. S. 145 f. Lucas hat ubrigens theilweise verarbeitet und 9, vielleicht um kein Missverstandniss zu veranlassen, das dwQedv iXdfierSj diOQedv dors Mt. 10, 8 weggelassen, wie auch vor Lc. 16 im Interesse der Kurze Mt. 11, 23. 24 weggefallen ist. * Dagegen ist 16 hier an seinem Platze als Schluss der ganzen Instructionsrede. 47) 10, 17 — 20. Ruckkehr der 70 Junger. Aus u^, von Mat- thaus ausgelassen, * weil er die 70 uberhaupt nicht erwahnt hatte. Der Abschnitt gehort zu den wenigen Spuren und Ansatzen von Pragmatis- mus auch in ^; vgl. S. 146 f. 48) 10, 21 — 24. Jesu Stellung zu Gott und zu den Men- schen. Aus A, vgl. uber das Verhaltniss zu Mt. 1 1, 25 — 30. 13, 16. 17. S. 147. Nur bei Lucas versteht sich das tavta 21, was auf den In- halt des von den 70 gepredigten Evangeliums geht, wie auch nur bei Lucas das Sehen bei Jungem und bei Propheten dasselbe objective Sehen ist, wahrend im Zusammenhange des Matthaus es in Betreff der Junger auf die Anwendung des Sehvermogens (gegenuber dem Volke) bezogen werden muss. *' 49) 10, 25 — 37. Die Frage nach dem grossten Gebot und das Gleichniss vom barmherzigen Samariter. Zwei selbststandige Abschnitte, von Lucas unter einen Rahmen gebracht. Das erste Fragment 25—28 ist eine Parallele zu AMr. 12, 28— 34 ;* der yQafifiatevg in A ist hier ein vofxixogy seine Frage nach dem ewigen Leben eine Frage nach dem hochsten Gebot. Das Citat aus Deut. 6^5. Lev. 19, 18 ist 27 noch weniger, als A Mr. 12, 29—31, genau nach LXX gegeben. 50) 10, 38 — 42. Maria und Martha. Ein idyllisches Fami- liengemalde, * der jud^ischen Tradition entstammt. 51) 11, 1—4. Das Unser Vater. Aus ^, vgl. S. 131. 136. 148. Wir haben hier, wie die kurzere, so die ursprunglichere Gestalt. ^ Nur bei Bits chl's Textrecension hatte Lucas am Anfang geandert. ® 1) Gfr6rer: Urcfaxistenthum, II, 1, S. 231. — 2} Ewald: Evangelien, S. 254. — 3) Ewald: A. a. O. S. 255. — 4) Wilke, S. 354. — 5) Ewald: EvangeUen, S. 285. — 6) Hase: Leben Jesu, 4. Ausg. S. 167. — 7) Ewald: EyangeUen, 8. 286. — S) Evangelium Marcio&'s, S. 250. Digitized by VjOOQ IC Composition des Lucas. 227 52) 11, 5 — 8. Gleichniss vom anbaltenden Gebet. Vgl. S. 148. 159. 53) 11, 9 — 13. Ermunterung zum Gebet. Aus A^ von Matthaus 7, 7 — 11 in die Bergrede verwebt. * Fast wortlicb uberein- stimmend; aber gegen Mt. 11 hat Lc. 13 nvevfia aytov^ was nach Neander ursprttnglich ist. * 54) 11, 14 — 26. A, 19. Bede Jesu gegen die Anklage auf damonische Besessenheit. Der Hauptsache nach aus A. Da aber eine kurze Notiz von dem Auftritt in -^ jedenfalls zu finden war (S. 148 f.), mag die Berucksichtigung dieser zweiten Quelle auf die abweichende Textgestaltung des Lucas einen — iin Einzelnen nicht immer genau zu bestimmenden — Einfluss geubt haben. Jedenfalls hat Lucas dieses Stdck mit dem in yt folgenden zusammengedacht und die Veranlassung zu beiden Reden gleich in der Bemerkung 16 zusammen- gefasst,* wobei i^ oiqavov Reminiscenz aus A Mr. 8, 11 = Mt. 16, 1 ist. Femer ist das Wort vom iaxvQog 21. 22 anders gestaltet, als A Mr .3, 27 = Mt. 12, 29 : wahrend die letztere Quelle von der zu lei- stenden Bedingung spricht, falls der Starke soil uberwunden werden, redet Lucas von dem, was geschehen muss, wenn er uberwunden ist.* An 23 reiht sich naturgemftss, weil, wer nicht fur den Herm ist, die Ruckkehr seiner Feinde befordert,* 24 — 26 die Hede von dem Umher- reisen des unsaubem Geistes. Das Wort A Mr. 3, 28. 29 = Mt. 1 2, 31. 32 wird ausgelassen, weil Lucas zugleich nach A arbeitet, welche Quelle 68 hier nicht, wohl aber bald darauf Lc. 12, 10 hat. Unrichtig also auf jeden Fall Baur : ^Nur ist die von der Sunde gegen den hei- ligen Geist handelnde Stelle, die der paulinische Verfasser vielleicht mit der paulinischen Lehre von der Sundenvergebung nicht recht in Einklang zu bringen wusste, weggelassen.a* 55) 11, 27. 28. Preis der Mutter Jesu. Vgl. S. 149. 160. Das Stuck charakterisirt sich als eine Parallele zu Mr. 3, 31 — 35, da Jesus auch hier an die Stelle der glucklichen Mutter Andere setzt, die in Wahrheit glucklich seien.^ 56) 11, 29 — 32. Das Zeichen des Jonas. Aus A^ bei Mt. 12, 39 — 42. Wegen Voranstellung von 16 muss aber Lc. 29 die Antwort Jesu besonders einleiten. Lucas hat die nahere Bestimmung des Zeichens des Jonas, wohl weil sie sich von selbst verstand, wegge- 1) Si effort: Uraprung des ersten kanonischen Eyangeliums, S. 78. — 2} Leben Jesu, S. 356. — 3) Ewald (Evangelien, S. 226), KOstlin (Evangelien, 8. 145). — 4) Wilke, 8. 195 f. — 5) Wilke (8. 195), Ewald (EvangeUen, 8.229).— 6) Evan- gelien, S. 474 f. — 7) Wilke (S. 135), Bleek (Synopsia, II, 8. 163 f.). 15» Digitized by VjOOQ IC 2iS Dxittet Capital. lassen und zugleich die Verse 31. 32, die Mt. 41. 42 in umgekehrter Ordnung stelien, aus chronologischen Grunden invertirt. * 57) 11, 33—36. Rede vom Licht. Aus ^. Vgl. S. 149. 154. Matthaus hat dieses Fragment 5, 15. 6, 22. 23 in die Bergrede gest^t und ihm dadurch sowohl seinen ursprunglichen Zusammenhang , als auch seine Vollstandigkeit (vgl. Lc. 11, 35. 36) genommen. Aber auch bei Matthaus ist unser Abschnitt, wenn auch kein Dungeschicktes Ein- schiebsel aus der Bergrede, « wozu ihn Baur kurzhin macht, * so doch ein, nicht durch die Akoluthie von A gebotenes, sondem anticipir- tes. Fragment. )>Eine Anknupfung dieses Gedankens an die Rede von Jonas u. s. w. ist auf einfache und naturliche Weise nicht mOg- lich.a' '^ 58) 11, 37 — 54. Strafrede gegen die Pharisaer. Vgl. S. 149 f. Uebrigens ist nicht bios der Eingang lucanisch (37 fXa^'k^v dv€%lid-r] = 7, 36 elofX^wv xarexA/^) , sondem es sind auch einzelne Partien dieser Rede wie 42 (Mt. 23, 23. 24), 44 (Mt. 23, 27. 28) von Lucas stark verkurzt und zugleich dem Sinne nach umgebogen worden, offenbar urn der nichtjudischen Leser und fremdartigen Sitten willen. Endlich hat Lucas im Epilog der Rede zum Theil ausgelassen (Mt. 23, 32. 33). Nach spateren theologischen Gesichtspunkten alterirt soil nach Meyer* 49 jj aoq>ia zov d'eov elnev sein; doch weist das dta ^oiIto, welches Mt. 23, 34 nicht recht paest, auf eine andere Erklarung. '^ Das Original war jeden falls so gemeint und gewendet, dass Christus nicht unmittelbar in eigener Person sprechen sollte. • 59) 12, 1 — 12. Ermunterung der Junger zu freimu- thigem Zeugniss. Vgl. S. 150 f. Verschiedene Stucke aus A zusam- mengereiht. Zuerst 1 der Ausspruch vom Sauerteig der Pharisaer, Pa- rallele zu A Mr. 8, 15. Dann, vielleicht angereiht an die Warnung vor feiger VTtoTCQiaig^'^ und ganz entsprechend dem, vor allem Volk abgel^- ten, Zeugniss Jesu gegen den Pharisaismus,® der Ausspruch von der Oeffentlichkeit der christlichen Predigt 2 . 3, eine Parallele zu A Mr. 4,22; hierauf allgemeine Ermunterung zur Furchtlosigkeit 4 — 9. Sonach ware die Stelle 2-9 als zusammenhangendes Fragment zu betrachten. Weiter folgt das Wort 10 von der Lasterung des Geistes, nicht etwa eine nach- tragliche Beibringung des 1 1, 14—26 ausgelassenen Redeinhaltes ; denn in jenem Zusammenhang hat bios A das Wort von der Blasphemie; son- dem es soil gesagt werden, dass die Schmahung der die Apostel bei ihrer Thatigkeit leitenden und begeisternden gOttlichen Kraft eine un- 1) Bleek: Synopsis, I, S.502. — 2) Evangelien, S.475. — 3) Ritschl: Bran- gelium Marcion's, S. 85. — 4) Zu Marcus und Lucas, S. 404 f . — 5) Bleek: Synop- sis, n, S. 174 ff. — 6) Weisse: Evangelische Geschicbte, II» S. It9. — 7} Bleek: SynopsU, I, S. 434 f. — 8) Ewald: Eyangelien, S. 288. Digitized by VjOOQ IC Composition des Lucas. 2)9 sohnbare Sande sei; * wir haben also auch hier eine Parallele aus A zu zu A Mr. 3, 29. Aus Veranlassung der Erwahnung des heiligen Geistes wird dann 11.12 noch aus A eine troetreiche Ermahnung mitgetheilt, die abermals ihre Parallele in A Mr. 13^ 1 1 hat und gemischt mit dieser Parallele Mt. 10^ 19. 20 sich vorfindet. Dagegen lasst sich nicht mit Sicherheit ausmacben , ob die dritte Person b vibq tov dvd-Qwnov 8 ur- sprunglich in A gegeben und von Mt. 10, 32. 33 nur umgewandelt worden ist* oder ob Lucas in Reminiscenz an die Ausdrucksweise von A Mr. 8, 38 = Mt. 16, 27 = Lc. 9, 26 schreibt. 60) 12, 13—21. Der Erbstreit. Das Ganze ist aus A, wie auch der Anfang sehr die hebraisirende Quelle verrath, vgl. 15 neQia- aevu iioi. s= ■»1? nn. * Das folgende Gleichniss hat nicht erst Lucas ge- bildet und mit dem berichteten Ereigniss verbunden,* sondem es . stammt aus derselben Quelle, wie die ganz ahnlich gebildeten 11, 5—8. 16, 1—8. 19—31, d. h. aus^, vgl. S. 151 f. 160. 61) 12, 22 — 34. Gegen irdische Sorge. Aus A, vgl. S. 151 f. 160. Eigenthumlich und von Mt. 6, 19—21. 25—33 nicht aufgenommen ist Lc. 29 nai iifj (nerewQi^eod'ef femer Lc. 32 die kleine Heerde, sowie der Eingang zu 33 : TtiohjoaTe tck VTtaQXOvra vfiwv xai 66te iXerjfioavvrpf. 62) 12, 35—38. Ermahnungen, die sich auf die Paru- sie beziehen. Aus A, vgl. 152. 160. 63) 12, 39 — 53. Eschatologische Reden. Aus A, vgl. S. 152. 160. Fur die Ursprunglichkeit bei Lucas spricht auch, dass die 52 genannten Funf 53 aufgezahlt werden (was Mt. 10, 35 ver- wischt ist.) 64) 12, 54—59. Zeichen der Zeit. Aus udf,* vgl. S. 152. Hier ist 54 — 56 bei Mt. 16, 2. 3 verftndert und in neuen Zusammen- hang gebracht. Als das , was richtig zu beurtheilen gewesen ware, und worauf die Zeichen der Zeit hinwiesen, erscheint 58. 59 die Nothwen- digkeit, sich mit Gott zu versohnen, so lange es noch angeht; wenn nicht uberhaupt nur ein bloser Wortzusammenhang, durch die aussere Verwandtschaft der Begriflfe -aqiveiv und doxifid^etv hergestellt, statt hat,* in welchem Falle Lucas den Vers 57 gebildet hatte. — Uebrigens ist die Stelle 58. 59 von Mt. in die Bergpredigt 5, 25. 26 verflochten, und ihr eine Beziehung auf die Versdhnlichkeit mit menschlichen Wi- dersachem verliehen. ^ 1) Schleiermacher (S. 186), KCstlin (S. 145). — 2) Weisse: Evangelien- finge, 8. 149 f. — 3) Ewald: Evangelien, S.289. — 4) OegenEwald: Jahrbttcher, I, 8. 137 f. Evangelien, S.289. — 5) Ewald: Evangelien, S.268 f. 292. — 6) Gfr6- rer, Bitschl: Eyangelium Marcion's, S. 258.270. — 7) Bleek: Synopsis, U, 8. 194 f. Digitized by VjOOQ IC 2S0 Drittes Capltel. 65) 13^ 1-— 5. Die hingerichteten Galilaer. Au8u^> vgl. S. 152 f. 160. 66) 13, 6 — 9. Gleichniss vom Feigenbaum. Aus Ay vgl. S. 153. 160. 67) 13, 10 — 17. Heilung des contracten Weibes. Die Form der Einkleidung gehort jedenfalls dem Lucas (vgl. Vers 15 mit 14, 5 und Vers 17 mit 14, 6) an. Ueber die Quelle vgl. S. 162. 68) 13, 18 — 21. Gleichnisse vom Senfkorn und vom Sauerteig. Parallele zu Mt. 13, 31 — 33. Nicht zu verschiedenen Malen hat der Herr diese Gleichnisse gesprochen, ^ sondem Lucas f^Qgt in ganz unbestimmter Weise* ein, was er in A vorfand. • Zwar steht das Gleichniss vom Senfkorn auch in A, aber dort ist die Rede von der Natur des Korns, wie es das Kleinste ist, und wenn es gesaet wird, ein Baum wird; hier aber haben wir eine Erzahlung, wie ein gewisser Mensch ein gewisses Senfkorn saete, das ein Baum wurde. ^ Da nun Matthaus beideFormen hat, sowohl laxl und ylverai^ als Xafitav av^qta- noQf muss sein Gleichniss aus zweien Quellen herruhren, mithin das des Lucas aus nur einer, die aber nicht A sein kann. Vgl. S. 153. 69) 13, 22. Reise nach Jerusalem. Von Lucas zur Orien- tirung eingesetzt. 70) 13, 23—30. Wenige werden selig. Aus A, vgL S. 153. 71) 13,31 — 33. Versuch der Pharisaer, Jesum aus Gall- laa zu locken. Mit Rucksicht auch auf diese Stelle, die in u^ den Entschluss motivirt, bei dessen Ausfuhrung Lc. 9, 51 in seiner Befol- gung von A (vgl. Mr. 10, 1) angekommen war, hat Lucas die ganze^ aus A zu bildende, Einschaltung eben an diesen Ort des Lebens Jesu geruckt. Matthaus hat diesen Abschnitt schon urn seiner Unklarheit willen ausgelassen. Vgl. S. 153. 160. 72) 13, 34. 35. Jerusalem! Jerusalem! Aus A, von Mat- thaus in die Invective 23, 37—39 verwebt. Die letzten Worte Xey(o di vftiiVf nicht liyio yaq vfitvy wie Matthaus schreibt, wenden sich wieder an die galilaischen Fharisaer 31 , von denen Jesus hier einen langeren Abschied nimmt, indem er das Wiedersehen hinausschiebt bis zum nachsten Osterfeste (^log fj^Bi 8t€ einsTB evloyrj/Liivog), * Vgl. S. 153. 73) 14, 1 — 15. Gastmahl der Fharisaer und Heilung eines Wassersuchtigen. Aus -^; im Einzelnen ist deir Abschnitt 1) Meyer: Zu Marcus und Lucas, S. 428. — 2) Strauss: LebenXesu, I, S. 626. — 3) Weisse: Ev. Geschichte, I, S. 494. H, 8. 88 f. — 4) Wilke, S. 462. •> 5) So sohon Erasmus, E. Schmid, Paulus, Wieseler: Chronologiache Synopse, S. 321 ff. Digitized by VjOOQ IC Composition des Lucas. 231 jedoch nach S. 153 f. sehr verarbeitet^ wie auch der Sprachcharakter beweist; ijiixsLv 7 ist lucanisch und %ai aitol oi OaQiaaloi ^oav na- Qafi]QOv/Lievoi avv6v 1 ist nach Lc. 6^ 7 gebildet. 74) 14, 16—24. Gleichniss von den geladenen Gasten. Einfachere, aber darum nicht ursprunglichere. Form von Mt. 22, 1 — 14. Lucas hat die Farabel dem Zusammenhang angepasst, insofem einer- seits die schroffere Bezeichnung der Geladenen 2 1 nicht bios an die be- kannte Yorliebe des Lucas fur die ausserlich Unglucklichen , sondern auch an 14, 13. 14 erinnert, andererseits aber die Farabel (vgl. 24) so eingerichtet wird, dass sie dem Fhrasenmacher 15 zur Abfertigung dient.* Vgl. S. 153 f. 75) 14, 25 — 27. Von der Nachfolge Christi. Aus ^, vgl. S. 154. 76) 14, 28 — 33. Gleichnisse vom Thurmbauen und von der Kriegfuhrung. Aus -^, vgl. S. 154. 160. 77) 14, 34. 35. Vom Salz. Aus ^, vgl. S. 154. Parallele zu A Mr. 9, 50. 78) 15, 1 — 7. Gleichniss vom verlorenen Schaf. Aus -^, vgl. S. 155. Auch Bleek^ und Ewald* erkennen an, dass gegen- ubcr Mt. 18, 12 — 14 der Context des Lucas der naturgemasse, die Aus- malung der Farabel die anschaulichere sei, wahrend in der Composition des Matthaus der schone Farbenschmelz verloren gehen musste. 79) 15, 8 — 10. Gleichniss vom verlorenen Groschen. AuBu^, vgl. S. 155. 160. 80) 15, 11 — 32. Gleichniss vom verlorenen Sohn. Vgl. S. 155. 160. 81) 16, 1 — 12. Gleichniss vom ungerechten Haushal- ter. Aus ^, vgL S. 155. 160. Kostlin hat die sprachliche Verwandt- schaft dieses Gleichnisses mit dem 12, 16 — 21 stehenden erwiesen. ^ 82) 16,' 13. Niemand kann zweien Herren dienen. Von Mt. 6, 24 in die Bergpredigt gesetzt, in .^ vielleicht nur hierher gestellt wegen der vorangegangenen Bezeichnung des irdischen Mam- mon als eines alXotQiov. ^ Jedenfalls ist das Wort aber mehr noch im Zusammenhang mit dem Folgenden gedaoht 83) 16, 14. 15. Gegen Stolz und Geiz der Fharisaer. Auswri. Vgl. S. 155 f. 84) 16, 16 — 18. Vom Gesetz. Aus ^, vgl. S. 144 f. 156. Ohne Zusammenhang mit dem Vorigen ; ^ vielleicht nicht ohne Absicht- 1) We isse: Evangelische Oeschichte, U, S. 112. — 2) Synopsis, U, S. 88 f. 216. 3) Eyangelien, 8. 296 f. — 4) Evangelien, S. 274. — 5) Bleek: Synopsis, II, 231. — 6) QegenPaulns, Schleiermacher: S.205 ff. Digitized by VjOOQ IC 331 Dxittes CapitaL lichkeit kurz und klein geschlagen. ^ Worde die Leeart tcSv Idywr /uoa die ursprungliche sein^ ^ so Mtte Lucas hier eine ihm anstOssig lautende Stelle zurechtgelegt^ was mdglich ist^ da sckon das nag eig avt^v fiia^a- %ai 16 vgl. mit Mt. 11^ 12 einen Beweis liefert fur die FreUieit der Bedactiony die hier nicht bios — wiewohl richtig — den Ausdruck von A verkurzty sondem dabei auch dem passivischen Gebrauch von /9ia- ^6(j^ai einen medialen substituirt. 85) 16y 19—31. Vom reichen Mann und armen Laza- rus. Aus As vgl. 156. 160. 86) 17, I. 2. A, 45. Warnung vor Aergerniss. Aus Gran- den, welche S. 156 entwickelt wurden, macht Lucas hier Anstalten, die Einschaltung zu beschliessen und zu A zuruckzukehren, welche Quelle er eben an dem Punkt aufninunt, wo er die Einschaltung eroff- net hatte, namlich bei A Mr. 9, 42 rs Mt. 18, 6. Da aber das ^ Ero axavdallarj %uiv fiixQiSv tovtwv &a sich gegenuber dem dg av anavda- liorj ha t tung, n, 8. 283 f. Synopsis, II, S. 415). — 6) Wilke, 8. 415. — 6) Strauss: Leben Jesu, I, 8. 723 f. Digitized by VjOOQ IC Composition clee Lucas. 239 Lacas noch im Saale^ was sich bei Nr. 121 erklart. Dies hatte Lucas aus derselben eigenthumlichen Tradition , die ihm auch die gewiss ur- spruBglichen Worte Jesu 31. 32 und die abweichende Form der Ver- heissoDg des Fetrus 33 zugeftlhrt hatte. 121) 22, 35 — 38. Reden vom Schwerdt. Ganz eigenthum- liche, von Lucas aufgefundene, Erinnerung uber die letzte Nacht. Ohne Zweifel glaubt er damit zu erklaren, wie der, noch gegenwartig ge- dachte, erst beim allgemeinen Auibruch sich entfernende, Judas dazu gekommen ist, dem Herm mit Bewaffneten entgegenzugehen. 122) 22, 39—46. A, 74. Seelenkampf in Gethsemane. Nur sehr im Allgemeinen halt sich Lucas an A, indem er mit A Mr. H, 26beginnt, 27. 28 mit Rucksicht auf Act I, 12, A Mr. 29—31 dess- halb auslasst, weil er 22, 31 — 34 Aehnliches gehabt, A Mr. 32 — 42 so verarbeitet, dass er da von eine Stelle Mr. 13, 38 doppelt (40 und 46) be- benutzt. Die Mitnahme von nur drei Jungern, den schlaftrunkenen Zu- stand derselben und den dreifachen Act ubergeht er, bringt aber statt dessen 41. 43. 44 einzelne, den Grad der Betrabniss Jesu bestimmende Zttge, * eine Notiz uber die Entfemung von den Jungern u. A. bei, dessen Erkundigung er seinem Forschertrieb verdankt, und woven Et- liches, namentlich die Engelerscheinung, ^ unter TJmstanden auch die d^ofipoc aif^QTOg, ' der spaieren Sagenbildung angehdrt. Uebrigens wei- sen auf Abkurzung auch die Worte efi> aviov XaXovvtog hin, die in A ihren treffenden Sinn haben, wo es heisst : w&hrend Jesus noch die An- kunft des Verrathers prophezeite, kam er wirklich. * 123) 22, 47 — 53. A, 75. Jesu Gefangennahme. Mannig- fach modificirt, indem Lc. 52 auch dieHohenpriester — unrichtig^ — als anwesend gedacht sind, dann 48 eine, von Mt. 26, 50 abweichende, Ant- wort Jesu, dann 49 aus der Tradition eine Frage der Junger und 51 aus einer schon sagenhaften Gestaltung derselben die Heilung des Ohres, ® und endlich 53 ein anderer Schluss der Bede Jesu berichtet wird. Seine Abhftngigkeit von Quellen verrath Lucas durch die unpassende Aus- lassung von A Mr. 14, 44. 124) Lc. 22, 54 — 62. A, 78. Verleugnung des Fetrus. Er fangt mit A an, zu erzahlen, nennt den Hohepriester nicht, fur wel« chen er aber 3, 2 (Act 4, 6) nur den Hannas gehalten haben kann. ^ 1) Wilke (S. 587), E w a 1 d (EvangeUen, S. 351 f.) — 2) Gabler, Schleicr- macher, Strauss, Hase, Theile, Meyer: Zu Lucas, S. 549. — 3) Auf jeden Fall nftmUch, wenn die Stelle erklflrt wird, wie Meyer (Zu Marcus und Lucas, S. 550) thut. Wahirscheinlicb aber auch bei der andem Erklftrung; vgl. Bleek: Synopsis, II, 8.4.^0. — 4) Wilke, S.382. — 6) Wilke (S.605), Meyer (Zu Marcus und Lucas, 8. 552). — 6) Strauss (II, S. 46t), Meyer (Zu MatthAus, S. 510. Zu Marcus und Lucas, 8. 552). ^ 7) Wieseler (Synopse, S. 405), Meyer (Zu Marcus und Lucas, 8. 553). Digitized by VjOOQ IC 240 Brittes CapiteL Anstatt nun aber init A zur Schilderung der Grerichtescene yorsaschrei- ten, folgt Lucas einer^ die Ereignisse anders verknupfenden^ Tradition' und benutzt die Erwahnung des Fetrus in A Mr. 14^ 54^ um die ganze Geschichte von der Verleugnung gleich anzuschliessen. Diese erzablt er zwar nach A, indem er jedoch aus eigenen Mitteln Manches zofugt, namentlich lasst er den Fetrus der Magd nicht zum zweitenmal in den Wurf kommen^ sondern nennt als den Veranlasser der zweiten Verleug- nung einen Mann (58). Absichtlich andert er auch das fieta jacTi^ov in ein duxavaarjg tbcsl wqag fitag 59; es ist ihm anstossig^ dass Fetrus in A Jesuxn Tov avd-qfanov tovtov nennt > und er verwandelt Dies in die An- rede avd^Qune, * lasst auch den Herm selbst bei der Verleugnung an- wesend sein, was auf fehlerhafter Tradition beruht. • 125) Lc. 22, 63—71. A, 77. Jesu Verurtheilung. Als Lucas nach seiner Anticipation von Mr. 14, 66 — 72 wieder in den Zusammen- hang von A zurilckkehrt, verfahrt er so, dass er zuerst den unmittelbar Yor der anticipirten Stelle sich befindlichen Abschnitt von A Mr. 14, 65 s=B Lc. 63 — 65 frei wiedergibt, dann erst auf die noch restirende Partie A Mr. 14 , 55 — 64 zuruckkommt. Die Berichte sind also zwar identisch,^ aber nach Lucas macht sich jetzt die Sache so, dass wahrend der Nacht Fetrus im Hause des Hannas verleugnet, Jesus aber einstwei- len in Verwahrung gehalten und verspottet (63), erst gegen Morgen also (66) vor. das Synedrium gestellt wird. Dass der ganze Verlauf des Processes summarisch und mangelhaft erzahlt wird, liegt auf der Hand.^ Namentlich hat Lucas, einer unklaren Tradition folgend, das Material katechetisch verarbeitet (67. 68),® das Zeugenverhor und die incrimi- nirte Aussage Jesu, darinnen Lucas nichts von Jesu auf keinen Fall Gre- sagtes erblicken konnte, ^ ausgelassen, aus dem schwierigen Ausspmch Mr. 14, 62 besonders das oxpsad-e weggelassen 69 (vgl. Act. 7, 56)^ und eine Antwort auf die, aus jener dunkeln Rede 69 sich entwickelnden, Frage® als Schlussstein gesetzt 70. Dagegen ist es willktlrlich , mil Wilke zu sagen, das Verh6r von Bichtem, die bereits vorher mit dem Verdammungsurtheil fertig waren, habe keine ErwShnung ver- dient.*® 126) 23, 1—5. A, 80. Die Klage vor Filatus. Lucas be. stimmt 2 und 5 den Klagepunkt ausdrucklich und genau, wie er ebenso auch die Erklarung des Filatus fur Jesu Unschuld 4 erfahren hat. l)Bleek (Beitrfige, S. 39— 42. Synopsis, II, 8.438.447). — 2) Weiase: Et. Geschichte, I, S. 609. — 3} M e y e r : Zu Marcus und Lucas, S. 554. — 4) M e y er : Zu Marcus und Lucas, S. 554. — 5) Meyer: Zu Marcus und Lucas, 8. 554« — 6) Meyer: A. a. O. S. 555. — 7) Der vsrchsische Anonymus,« S. 34 f. 1S4 I. — 8) Zeller: Apostelgeschichte, 8. 427. — 9) Wilke, 8. 281 f. — 10) Uie^vMge- Ust, 8. 5S7. Digitized by VjOOQ IC Composition des Lucas. 241 1*27) 23, 6 — 12. Jesus vor Herodes. Eingeschoben aus der Tradition^ und dahin 9 auch das Stillschweigen Jesu vor Gericht A Blr. 15, 4. 5 = Mt. 27, 12—14 verpflanzt. 128) 23, 13—25. A, 80. Verhandlungen vor Pilatus. Im Eingang 13 — 16 hat Lucas eice eigenthumliche und genaue Tradition uber den Hergang, wobei nainentlich die veranderte Stellung und Be- deutuDg der Geisselung 16 (vgl. A Mr. 15, 15. Mt. 27, 26) zu beachten ist; von 18 folgt er'A, berichtet aber sehr summariach. Die Geisse- lung hat er ausgelassen, theils weil er Aehnliches in der Scene vor He- rodes berichtet hatte 11, theils weil er zweifeln mochte, ob nicht fruher (nach 1 6) der passende Ort hierfur gewesen ware. Vgl. die umstand- lichere Relation 23. 129) 23, 26—49. A, 81. Kreuzigung und Tod. In den Zu- sainmenhang von A stellt Lucas Reliquien aus der Tradition, als da sind die Anrede Jesu an die Weiber 27 — 31 , die — kritisch aber nicht voU- kommen gesicherte, vielleicht auch nach Analogic vonLc. 6, 28. Act. 3, 17. 7, 60 gebildete — Furbitte 34, das Gesprach mit dem Schacher 39 — 43 und das, vielleicht aus Ps. 31, 6 gebildete, letzte Wort 46. Anstatt der Notiz in A Mr. 15, 23, dass Jesus den angebotenen Bet^ubungstrank abgewiesen, hat Lucas, der um abzukurzen die Spottenden und Tranken- den combinirt, * 36 ein grausames Spiel, das die Soldaten mit dem Dur- stenden treiben. Nachdem Lucas das Zeugenverhor ausgelassen, ubergeht er hier consequent auch die darauf anspielenden Worte^^. 15, 29 = Mt. 27, 40. Ebenfalls eigenthumlich ist, dass sonst bios die Obersten spotten (i^€fivxTil]Qi^ov nach LXX Ps. 22, 8), das Volk aber stumm zu- sieht (35) und zuletzt unter Zeichen des Entsetzens sich entfernt (48), sowie dass ndvTeg ol yvwoTOi avT(p in der Nahe des Kreuzes gestanden hatten (49). Grundlage der ganzen Stelle ist also die, freilich mannig- fach umgestellte, Quelle A , die ubrigens gleich am Anfang bei der Er- wahnung der beiden hinausgefuhrten Missethater verandert ist. Jfa- mentlich ist der Titel Hber dem Kreuz zuerst ausgelassen, dann aber 38 nachgetragen worden, um zu erklaren, wie die Soldaten dazu kamen, Jesum als Judenkonig zu verspotten. ^ Ausgelassen ist auch, da so manche Worte am Kreuz neu beigebracht sind, das Eli Eli in A. 130) 23, 50 — 56. A, 82. Begrabniss. Nach A, mit den ge- ringen Erweiterungen uber Joseph 51 (weil er nach A Mr. 15, 43 fiov- levTi^g war, setzt Lucas hinzu : aber keiner von den Mdrdem), uber das Grab 53, sowie mit der, von A abweichenden, Bemerkung 56, wornach die Weiher schon Freitag Abends die dqii^aia bereitet hatten (gegen A 1) Wilke, S. 411. — 2) Bleek: Synopsis, U, S. 470. Anden und fal«ch Wilkc, S. 411. BohzBMnn. 16 Digitized by VjOOQ IC 242 Drittes Capitol. Mr. 16^ 1). Das Vorwalsen des Steins lasst Lucas axis, obwohl er es 24, 2 als geschehen Toraussetzt. ^ 131) 24, 1—8. A, 83. Frauen am Grabe. Der Eingang (1. 2) ist abgekurzt. An die Stelle des Fortgangs aber ist eine andere, spatere Tradition getreten , nach welcher zwei Engel ersch^inen, die auch an- ders sprechen, als der eine in A, wiewohl man in 6 avx eativ cSdfi, dlX* ^iqd^ die Worte -von A Mr. 16, 6 hindurchschimmem sieht. Charak- teristisch ist, dass die Einladung nach Galilaa ganz wegfallt. Vielmehr macht Lucas aus den betreffenden Worten von A: »ihr soUt ihn, wie er gesagt hat, in Galilaa sehen a die andem : fiyi^a&tjte wg ilalfiaev vfiip etL wv iv t^ FaXtXaiif 6. 132) 24, 9-12. A, 83. Die Frauen und die Junger. Un- gefahr sich anlehnend an A Mr. 16, 1 nennt Lucas nun nachtraglich noch die Frauen, fugt die nur ihiu (8, 3) bekannte Johanna hinzu, be- richtet die Ruckkehr ano %ov fivrjfuelov (A Mr. 1 6, 8), l&sst aber die Weiber gleich reden , die Apostel jedocb nicht glauben. Also eigen- thumliche Tradition. 133) 24, 13—35. Gang nach Emmaus. Eigenthumliche Tra- dition, von Lucas schriftstellerisch verarbeitet nach Art der Vorge- schichten. * 134) 24, 36 — 49. Erscheinung Jesu inmitten der Jon- ger. Erstes \^d letztes Factum der Art. Eigene Tradition, widerspre- chend (vgl. 47. 49) gegen A Mt. 28, 7. 10. 16, dafur aber hinweisend auf Act. 1, 4. 8. Auch wird 49 zum voraus auf das Factum des Pfingst- festes verwiesen. . 135) 24, 50—53. Himmelfahrt. Noch am selben Tag ge- schehen, wie die Auferstehung. Offenbare schriftstellerische Grestaltung, da nach 50 Jesus sich hatte mussen auf der Strasse zeigen. Vgl. Qbrigens 52 mit Act. 1,12, femer 53 mit Act. 1, 14. 2, 44. ]) Bleek: SynopsU, U, S. 480. — 2) Wilke, S. 649. Digitized by VjOOQ IC Der Prolog des Lucas. 243 Viertes Capitel. Proben. $. 14. Ver PnUg des Lacas. Indcm wir von den Evangelien in ihrer vorliegenden Gestalt un- Bern Ausgang nahmen und bios auf dem Wege innerer Untersuchung auf die Ansscheidung der beiden Quellen gefahrt wurden, sind wir einen , deui herkominlichen entgegengesetzten , Weg gewandelt. Her- kommlich nimlich ist es , von gewissen aussern Anhaltspunkten auszu- gehen, unter welchen die Tradition und das Selbstzengniss der Evange- lien von sich und ihrem Verwandtschaftsverhaltnisse die erste Stelle ein- nehmen. Als ein solches gilt namlich der Prolog des Lucas, den wir nun als erstes Glied in einer ganzen Reihe von solchen Erscheinungen auf- treten lassen, durch welche fast ausschliesslich ahdere Kritiker sich auf die erste Spur leiten lassen woUten, wahrend dieselben im Verlauf u n - serer TJntersuchungen nur als eben so viele Proben fur die Richtigkeit des schon gewonnenen Resultates auftreten werden. Lc. 1 , 1 — 4 : Da doch einmal Viele es untemahmev , eine Erzah- lung abzufassen uber die unter uns vollgeglaubten (verwirklichten?) Thatsachen^ so wie es uns ubergaben Die, welche von Anfang an Augen- zeugen und Diener gewesen des Worts : so entschloss auch ich mich, nachdem ich von vorne an Allem genau beihergegangen , es fur dich der Reihe nach aufzuschreiben , wtlrdigster Theophilus , damit du, in Betreff der Lehrstucke, in welchen du unterrichtet wurdest, an^rkenn- test die UnumstossHchkeit. I) Dieser merkwurdige Eingang* unterscheidet zuvorderst die, vora ofientlichen Auftreten des Herm anhebendc (a;r* ^QXVS) > durch Augenzeugen und Diener des Worts beglaubigte, evangelische Ge- schichte im engeren Sinn von der verlangerten Geschichtslinie, die da- durch enUtand, dass der schriftstellerische Eifer des Lucas, uber die herkommliche aQX'/j C^gl' Mr. t, 1) hinausgehend, den Gang der Ereig- nisse ab ovo erforscht und bis auf die Geburtsverhaltnisse des Taufers .zurackgegangen ist. Denn avw&ev ist jedenfalls umfassender gedacht, als das, aus A Mr. 1, 1 zu erklarende, an aQX^Q* Auch auf rein exege- tischem Wege werden wir daher die, aus sachlichen Grunden ohnehin 1) Vgl. KOstlin (EyangeKen , S. 56. 132), Meyer (Za Marcus und Lucas, 8. 226 £r.)» Bleek (Synopsis, I, 8. 26 ft) Digitized by VjOOQ IC 244 Vlertes Capital. feststehende^ Differens zwischen derVorgeschichte imd der Hauptma in Bezug auf historische Zuverlassigkeit des Berichtes anzuerkennen haben. 2) Die Worte xa&tog naqidoaav fjf^iv liessen bisher immer auf eine Duplicitat der Hauptquellen schliessen , von denen die naqddoaig der Augenzeugen als die primitive , die dirjytjoig der noXkoi als die secun- dare geltend gemacht wird. » Nach dem Froomium scheint mithin der Verfasser sowohl schriftliche , als mundliche Quellen benutzt zu haben, er ist ein Geschichtschreiber, der Literatur und Tradition zu vereinigen und auf diesem Wege ein nach alien Seiten voUkouimenes^ ebeneo voU- standiges, als getreues Bild der evangelischen Geschichte zu geben be- absichtigt. a ' Sicher ist auf jeden Fall, dass die noXXol so gut, wie Lucas selbet, Schriftsteller waren ; denn der Versuch, das avafa^aaS-ai dir/yijaiv von einer , auf die mundliche Tradition gerichteten , ordnenden Thatigkeit zu fassen,* scheitert schon daran^ dass nicht yqaipaij sondem xa&e^^g ygdipai den Gegensatz zu inex^iq^aav bildet, wie denn Lucas sich offenbar mit xdfiol als ein schreibendes Subject anderen schreibenden Subjecten gleichstellen will. Dass aber wenigstens die avtonzai und V7trj' Qhai %ov loyov nothwendiger Weise keine Schriftsteller, und ihr /ra- qadovvai nothwendig und ausschliesslich ein mundliches gewesen sein musste, das ist damit auch nicht gesagt. * Denn weit entfemt, schrift- liche Quellen von mundlichen zu unterscheiden, unterscheidet der Pro- log des Lucas nicht einmal Quellen von Quellen, sondem er setzt einen ganz anders gestalteten Gegensatz^ welcher stattfindet zwischen der Thatigkeit der uberliefemden und derjenigen der zusammenstellenden Subjecte; jene sind im Grunde allein mit Quellen zu vergleichen, diese mit Kunstlern, welche die Quellen leiten und fassen. * Es unterscheiden sich somit die Subjecte von jtaQidoaav und die noXXoi nicht von einander nach den Eategorien des Mundlichen und Schriftlichen^ sondem nach de- nen der primaren und der secundaren Autoritat. Die secund^e Autoritat wird reprasentirt durch die, nach Quellen arbeitenden^ Schriftsteller, denen auch Lucas sich anschliesst; daraus folgt aber nicht, dass die Subjecte von naqidoaav keine Schriftsteller, sondem nur eben Dies, dass sie keine nach Quellen arbeitende waren. Also z. B. die Quelle A war fur Lucas eine, auf unmittelbarer apostolischer TtaQccdocig be- ruhende, erstmalige dvaxa^ig der, die evangelische Geschichte conati- tuirenden, nqdy^ata ; sie gchort insofem nach ihrer Unterlage in die 1) KOstlin, S. 134. — 2) Paulus: Conseryatorium, I, S. 168 f. — 3) G fr&- rer: Urchriatenthum, U, 1, S. 60. 64 f . — 4) LekebuBch: Apo8telze»ohichte» S. 31 f. Digitized by VjOOQ IC Der Prolog des Lucas. 245 Eategorie der Ttagoidoaig, nur nach ihrer Form war sie das erste Glied der difiyijoeig, Schwerlich kann diese Quelle selbst von eicem Apostel herruhren , well sonst der gesetzte Unterschied zwischen den Subjecten der Ueberlieferimg und denen der Aufzeichnung verwischt worden ware;* nur wenn avtontat nicht nothwendig dasselbe Subject mit inriqixai %ov XSyov bezeichnen sollte, konnte A wenigstens auf einen inr]Q€Tr]gy A dagegen auf den avT6nTT]g zuruckgefuhrt werden. Auf jeden Fall musste die letztere Quelle ^ wenn von einem Apostel herrtlh- rend, um so mehr unter die Rubrik der naqadoaig fallen ^ als sie jeden- falls nicht gebracht werden kann unter die z weite Kategorie , unter die der difjyi^aeig twv nqay^aTWv. * Dass nun aber uberhaupt noXXoi nam- hail gemacht werden , welche auf Grund der naqadoaig eine avcna^ig versucht haben^ beweist^ dass Lucas auch andere Schriften gekannt hat, die auf denselben Quellen, die ihm zu Gebote standen, beruhten. * Mit diesen Schriften der noXXoi setzt er aber, wie aus dem fniiv und xafiol hervorgeht, sich selbst in gleiche Linie, da auch er die ersten Quellen, 80 gut wie die noXXoi, in ursprunglicher Gestalt vor sich hatte, * und nichts steht der Annahme im Wege, dass Lucas unter dem allgemeinern Ausdruck na^dooigj wie die schrifdichen Denkmftler der Apostel, so auch die> von den Aposteln ausgegangene, mundliche Tradition ver- steht, von der er daher auch sich ebenso, wie seinen Concurrenten, nnmittelbare Kenntniss zuschreibt. Nur diese — sei es schrift- liche , sei es mundliche — Tradition ist also fur ihn Quelle. ^ 3) Da der Ausdruck iTtBx^iqrjaav bios aus dem Bewusstsein um die Schwierigkeit der Sache geflossen ist , kann derselbe an sich nicht ge- lade einen Tadel® einschliessen , dient vielmehr bios einer objectiven Darstellung des thats&chlich Bestehenden. Wenn aber, wie ausdruck- lich zugestanden wird, die schon vorhandenen Darstellungen sich an die Ueberlieferungen der Augenzeugen hielten, so konnte ihnen aafpa- X%ia uberhaupt nicht abgesprochen werden, ^ und man h&tte daher an werthloee apokryphische oder haretische Machwerke gar nicht denken aoUen. ^ Eher konnte man versucht sein, sich die vorgefundenen Schrif- ten als einzelne, kleinere Aufsatze vorzustellen. ^ Aber nicht >Diege- 1) Wilke (S. 112), Zeller (Apostelgescbichte, S. 466). — 2) KOstlin, S. 56. — 3) Gf rftrer: XJrchristenthum, II, 1, S. 52 ff. — 4) Gf rOrer: A. a. O. 8. 59. — 5) Gfrftrer: UrchrUtentbum , II, I, S. 60. 64 f. — 6) So nach patristischem Vor- gang Ktthndl, KOatlia, Ebrard, Lekebuscb: Apostelgeacbicbte, 6.31.— 7) Wilke, 8. 116 ff. — 8) Aberle (Theol. Quartalschrift 1855, 8. 173 f) denkt sogar an feindselige, nicbt obiistlicbe Bdcber. Aber selbst das UebrftereTangelium imd PetroaeTangelium (K5stlin, 8. 136) gebOren nicht bierher, weil sie, wie die apokry- phische Literatur tlberhanpt, damals gar nicbt vorhanden waren. — 9) 8o Ebrard: Kritak, Aoag. 2. 8. 806. Digitized by VjOOQ IC 246 Vi^rtes Capitel. sen a haben^ dein Wortlaut zufolge, die Vorganger des Lucas entworfim, eondern eine dnjyrjoig gaben sie , auf welchen Singular zwar Niaaaand mehr ein Gewicht legen wird, wie Paulas that, ' als ob nur eine und dieselbe Erzahlung durch die Muhwaltung Vieler susammengetragen worden sei^ wohl aber geht daraus hervor, dass die Sohriften der fruhe- ren Darsteller^ wenigstens ihrer Mehrzahl nach , das Ganze der nenJii^ QOipoQtjfxiva nfdyinafa umfassten^ mitlun Evangelien Mraren^ wie das dee Lucas selbst^ ' der daruin sein eigenes Untemehmen auch ganz in die- selbe Kategorie setzt (edo^e xdfioi) mit den Vorgangern. ' Es haben dem Lucas also Evangelien vorgelegen , deren dag>aX€ia an sich nicht bean- staudet, wohl aber, wo es auf Entwerfung eines Totalbildes fur auswar- tige Heidenchristen ankam, in Bezug auf Vollstandigkeit (^oai), Ge- nauigkeit (dxQifiwg), Ordnung (xa^e^g) gesteigert und vervollstandigt werden konnte. Lucas erachtete somit allerdings ofurseinenbe^on- deren Zweck keine jener Vorarbeiten fur ausreichend. «* Von vom- herein ist daher wahrscheinlich , dass er Arbeiten, mit denen seiae eigene concurriren sollte, auch gar nicht als Quellen ansah, d. b. gar nicht bei Abfassung eines Buches benutzte, fur welches ihm ja die ersten und eigentlichen Quellen selbst zu Gebote standen, so gut wie jenen. 4) Hug*^ hat daher die beiden ersten Synoptiker als in erster Linie unter den noXXol begriffen betrachtet; und Kostlin modificirt Dies dahin, dass er sich unter dem zweiten derselben » den alteren Mar- cus a denkt. ^ Dass nun Dieser, d. h. A. in der That die aUgemeinste Grundlage unseres Lucas bildet, ist ein unbestreitbares Besultat unserer ganzen Untersuchung. Aber eben desshalb gehorte A als Urmarcus fur Lucas auch in die Reihe seiner eigentlichen Quellen , und nur in der Form unseres zweiten Evangeliums in die Reihe der noXXoL Im Gr^pen- satz zu Marcus, den Lucas besonders was Bedestoff betrifft so unge- mein uberbietet, ist daher die vermehrte aaqxiXaict des dritcen Evange- liums in quantitativer Beziehung aufzufassen. Marcus war ihoat nicht reich und voUstandig genug ; er hatte nur eine einzige Quelle benutzt. Die qualitative Seite des Gregensatzes aber konnte allerdings unseren Matthaus betreflfen, wie Kostlin nachgewiesen hat. ^ Wenn Matthaus so viele Facta, z. B. die Wunderthaten nur kurz und summarisch er- zahlt, so viele Reden und Ausspruche Jesu der Sachordnung zu lieb wider die geschichtliche Reihenfolge und darum auch ohne richtige An- gabe der Situationen und Motive an einander reiht> wenn er bei Haupt- 1) Coiuervatoriam, I, S. 169. — 2)K08tlin, S. 136. — 3)Bleek: Einlei- tong, II, S. 264. — 4) Meyer: Commentar su Marcus und Lucas, S. 217. 227. — 5) Binleitung, U, S. 105 ff. 132. — 6) S. 139. — 7) S. 136 ff. Digitized by VjOOQ IC Der Prolog des Lucas. 247 pimkten der evangelischen Geschichta chronologische Bestiiumungen vermiisen las8t> wenn er nichts weniger^ als genetisch erzahlt , z. B. den Taufer ganz abrupt in die Geschichte einfuhrt und die Erwdblung der Apofltel schon in der Bergrede als geschehen voraussetzt : so bildet Lucas in alien diesen Beziehungen allerdings den entschiedensten Ge- gensatZy indem er schon in der Vorgeschichte mOglichste Reichhaltig- keit erstrebt, sehr specielle chronologische (2, I. 2. 3, 1. 2) und geo- graphische (4, 31. 8, 26. 9, 10) Notizen gibt, die Keiner der Andem hsX, indem er ferner in genetisch continuirlicher Reihenfolge erzahlt^ neu auftretende Fersonen , wie den Taufer, genau beleuchtet, die Aus- wahl der Junger der^ an sie gerichteten, Erofinungsrede vorangehen lasst, an die Stelle summarischer Berichte moglichst viel detaillirte Dar- stellungen treten lasst, die Beden, die Matthaus um des Inhalts willen susammenstellt, nach der Difierenz der Zeit, des Ortes^ der Gelegen- heit auseinanderruckt und auch in grosseren didaktischen Abschnitten durch ein elsysv di, elnev de — besonders in der grossen Einschaltung — Einschnitte anbringt, indem er uberhaupt von jeder Classe von Handlungen und Beden Jesu so viele einzelne Beispiele erzahlt> als nur immer nOthig sind, um von den verschiedenen Seiten seiner Wirksam- keit eine vollstandige und charakteristische Anschauung zu ermogli- chen. Eine solche, bei Lucas aus dem Interesse far das Einzelne, der aKfifieUcy entspruDgene Isolirung der Handlungen und fragmentari- scke Zerstuckelung der Beden ^ ware, wie durch die Natur der Quellen hervorgenif en ^ so auch im Gegensatz zu einem Evangelium, welches das Einzelne nicht markirt hervorhob, sondern zu grosseren Gruppen zusammen- und dem Ganzen unterordnete, ins Werk gesetzt worden. 5) Indem wir , was die dogmatische Tendenz des Prologs betrifft, auf §. 25 verweisen, machen wir nur noch darauf aufmerksara, wie imser letztes Besultat, wornach Lucas von der Existenz der beiden an- dem Synoptiker gewusst hat, durchaus keinen Widerspruch enthalt ge- gen das Besultat von §. 11, wornach Lucas zwar die Quellen A und yi, nicht aber die darauf gepfropften beiden ersten Evangelien bei Abfas- sung seines Buches benutzt hat. Nicht dass Lc. die noXXol ausgeschrie- ben, sagt der Prolog, sondern dass er, durch ihren Vorgang aufgefor- dert, dieselben Studien gemacht, wie sie, dieselben Quellen verarbeitet habe, wie sie. Zwar meint GfrOrer, wenn Lucas es auch nicht aus- drucklich sage, so verstehe es sich doch von selbst, dass er die Versuche der Vielen benutzt habe. vDenn der Geschichtsschreiber ist ein Thor, welcher Arbeiten von Vorgangern unberucksichtigt lasst. «* So urtheilt der Genannte freilich im Sinne und nach der Praxis des XIX. Jahr- 1) Urchristentbum, II, 1, S. 60. Digitized by VjOOQ IC 248 Yiertes Capitel. hunderts und seiner »> Bucherfabriken a (vgl. das oben S. 46 angefahrte Urtheil Schleiermachers); unser dritter Evangelist aber waaate nicht bios, dass er, wenn im Besitz der Quellen A und A^ so aucli im Beeitz der geschichtlichen Substanz von Matthaus und Marcus war, son- dern es folgt auch , wenn man sich in jene Verhftltnisse nur ein wenig hineinzudenken vermag, daraus, dass Lucas in Rom unsem Marcus und vielleicht in Falastina unsem Matthaus gesehen haben mag , noch gar nicht , dass er auch im Stande gewesen , diese Bucher sich zu kaufen oder abzuschreiben. Genug, dass er wenigstens der Quellen m&chtig geworden war. Wer aber in diesem Falle doch wenigstens einen ge- dftchtnissmassigen Einfluss des Matthaus auf Lucas in der Art des fruhem De Wette* glaubt annehmen zu mussen, der mag sich die Ueberein- stimmung zwischen Beiden gegen Marcus in der Darstellung des Aeh- renausraufens, in der Verbindung der Geschichte von der Belzebuls- klage mit dem Zeichen des Jonas, die Vergrosserung des Wunders mit dem Kinde des Jairus und etwa auch die ausfahrlichere Vorerzahlung vom Taufer Johannes auf diesem Wege erklaren ; da aber diese Erschei- nungen, wie gezeigt, auch anderswie ihre voile Begrundung finden kOnnen , so ist die in Rede stehende Annahme uberflussig, mithin wis- senschaftlich zu verwerfen. %. 15. Vas Zeigniss des Paplas. Eine glanzende Probe fur die Richtigkeit unserer Untersuchungen in §. 10 liefert das sogenannte Zeugniss des Papias, insofem es das Vor- handensein der Spruchsammlung , auf welche uns bereits der exege- tische Augenschein gefuhrt hat , nun auch historisch nachweisbar wer- den lasst.* Also weil einerseits die kirchliche Ueberlieferung , sowohl was den Matthaus, als den Marcus betrifft, auf dieses alleralteste Zeug- niss zuruckgeht, ferner weil man andererseits uber die Quellen unseres ersten Evangeliums und uber sein Verhaltniss zum zweiten ofters in jenem Berichte des Papias ein entscheidendes Datum hat finden wol- len , mtlssen wir uns an dieser Stellc unserer Untersuchung aber das- selbe aussprechen. ' Papias,* der Sage nach erst unter M. Aurel gestorben, war in der ersten Halfte des zweiten Jahrhunderts Bischof von Hierapolis, nach Irenaus* ein Schuler des Johannes. Unter diesem versteht zwar I r e n a u s offenbar den Apostel , Eusebius aber ist der Meinung, Pa- J) Einleitung, n, 1826, S. 15s.— 2) Tobler, S. S f. — 3) Die SteUe ftber Pa- pias ist Eusebius: Kirchengeschichte 3, 39. — 4) Vgl. Steits in HerEog*sEii- cyklopftdie, XI, S. 78 ff. — 5) 5, 33. Digitized by VjOOQ IC Das ZeugniM des Papias. 249 piag versichere selbet, den Apostel weder gesehen, noch gehort, sondern seine Berichte erhalten zu haben naga t(Sv ixeivoig yvtaglfiwy. TSs seheint allerdings^ dass der Presbyter Johannes oder sonst ein Presbyter des apostolischen Zeitalters ' zu seinen unmittelbaren Gewahrsmannern gehorte, * wiewohl der Verkehr des Papias mit apostolischen Mannem iberhaupt nur in seiner friihesten Jugend statt gehabt haben kann, wessbalb er in seinem Werke eine Zusammenstellung dessen verspricht, was er noti naqa tdv nqeafivuBQiav xaXiog gelernt und behalten habe. * Er beschaftigte sich namlich viel mit Nachrichten uber das Leben, die Thaten und Reden Jesu; und wenn er, sie kennen zu lemen, mehr Werth auf mundliche, als auf schriftliche Ueberlieferung legte, * so ge- schak Dies, weil diese ihm auf manche Fragen keine Antwort zu geben, nberhaupt auf die Zeitbeddrfnisse minder einzugehen schien, als jene. Nur aus diesen Grunden , nicht etwa weil er den ihm bekannten Wer- ken keine durchgangige Glaubwurdigkeit zugeschrieben hatte, stellte er in seinen bekannten, bis auf wenige Reste verloren gegangenen , funf Bachem, betitelt loyl(ov xvQcaxfSy i^^ytjoiQf die ihm bekannt geworde- nen Ausaprtlche des Herrn zusammen , indem er sie zugleich mit Deu- tangen und Erklarungen versah. Obwohl er aber die mundliche Tradi- tion vorzieht, macht er doch in dem, von Euseb mitgetheilten, Frag- mente zwei schriftliche Quellen namhaft, die Euseb wenigstens so ein- fuhrt, dass wirglauben, uber Matthaus des Papias eigene Ansicht (n€(fl di %ov Mat&aiov tavta siQrjtai), uber Marcus hingegen eine, ihm durch den besagten Presbyter zugekommene, Nachricht zu vemeh- men.'^ An sich freilich ist es wahrscheinlich, dass Papias das Eine, wie das Andere von demselben Presbyter gehort hat, den wir uberhaupt als seinen Gewahrsmann in diesen Dingen betrachten kdnnen ; ^ wenn auch andererseits ebenso wahrscheinlich ist, dass nicht AUes , was P a - pi a 8 von Marcus sagt, auf den Presbyter zuruckzufuhren ist, da das Ganze, von ov fiiv%oi xd^eij oder wenigstens von ovie yag rjxovae an, den Eindruck einer gelehrten Reflexion macht, und Papias selbst mit (OS eqnrjy sich auf eine fruhere S telle seines Buches zu beziehen seheint.^ Uebrigens weiss er vom Apostel Matthaus zu berichten, derselbe habe Ausspruche des Herrn in hebr&ischer Sprache zusammengestellt, die dann Jeder nach Vermogen deutete, ^ von Marcus, er habe als t) Hilgenfeld: MarcoseTangelium, S. 109 f. - 2) Delitzsoh: Entttebung, 8. S. ^ 3) Bleek: Einleitung, U, S. 92. - 4) Baur: Eyangelien, S. 537 f. Mar- cusevangelium, S. 131 f. — 5) Meyer: Zu MatthAus, 8. 4. — 6) Sieffert, De- li txsch: Zeitschrift ftlr luther. Theologie, 1S50, 8. 459. — 7)Tholuck (Glaub- wtkrdigkeit, Atwg. 1. 8. 243), Bleek (Einleitung, S. 115). — 8) To Xoyta avye- raloTo, oder, wie z. B. Schwegler liest, auvey^d^at9. In anderer Beziehung ist das Zeugnisa des Papias Uber Matth&us erOrtert §.18. Digitized by VjOOQ IC MO Vlartes C^tel. DoUmetscher des Petrus sorgfaltig aafgezeichnet, was ihm im Gred&chi- niss geblieben war^ jedoch nicht in der Ordnungy wie es vom Herm ge- redet oder gethan war ; denn Petrus babe seinen Unterricht nach dem Bedurfnisse eingerichtet und keine Ordnung beabeichtigt^ wesshalb auch Marcus^ indem er seinen Reminisceiizen folgte^ nicht eigentlicb einen Febler b^[angen babe ; nur darauf sei seine Vorsorge gericbtet gewesen^ nichts zu ubergeben und nicbts z\x alteriren. ' Dieses Zeugniss desPapias ist nun freilicb ein viel umstrittenes Da- tum^ seitdem Scbleiermacber^ den eigentbumlicben Ausdruck, wo- Hiit Pap i as das Werk des Mattbaus bezeicbnete, in einer Weise urgirt bat, in Folge deren der Inbalt dieses Werkes sicb auf Redeaussprache des Herrn (effata Domini = Xoyia xvfiaKa) bescbrankt baben worde. Eine Anzabl solcber Worte wOrde dann Mattbaus zusanunengeordnet und gestellt baben (avvetd^afo), Der Unterscbied dieser Scbrift von dein Werke des Pap i as wurde dann bauptsftcblicb darin bestanden baben, dass der Letztere von der avvta^ig eine i^yriaig geliefert, d. h. wobl unter Anderem aucb tlber die disponirte Sammlung des Mat- tbaus einen Commentar gescbrieben batte, in welcbem die einaeliien I6yia erlautert , mit einem gescbicbtlicben Hintergrund verseben wor- deti waren u. s. f. Trotz des grossen Beifalls, welcben diese Ansicbt fand, ' trat docb unmitteibar nacb ibrer Veroffentlicbung Widersprucb dagegen ein : der Gesammtinhalt der evangeliscben Gescbicbte sei a po- tiori mit dem Ausdrucke koyia bezeicbnet; Papias nenne unseren Mattbaus so, weii darin die Reden, worauf er das Hauptgewicbt legte, bervortraten. * 1) AlaQXog fikv iQfitjVfvrtig TUtqov yivofiivog oaa i/iVrjfiovevafV nxQiftiSg fygayffv ov fAivtoi ttt^H T€c vno tov Xgiatov tj Xex^^yra tj nqaxS'ivxR' ovre yoQ ^jroi/crc r«v xvQiov ovxi nagrjxolov&riaiV avtt^' vot€qov ^k tag ((ftiv Ilirgtfi of nQog rag X9^^^ inoifito Tag SiSaaxaX£as , nXH ov^ &Oii(Q avvxa^iv rtav xvQinxtHv noiovfitvog Xjoymv (Andere Jloy/oiv)- wcrrf ovSlv ^juagrf MttQXos ovrtog ivia ygaxpag tog anffnytifnoytvotv' irog yccQ inoiridaro nqovotav tov firi^kv (ov tjxovae nnQaXinetV ^ ^I'fvaaa&ai ti fv av- Toig. TavTa fikv ovv lato^riTai rtp Uanitf nfgl tov McIqxov, — 2) Studien und Kriti- ken, 1832, S. 735 ff. Einleitung, S. 240 ff. - 3) Schneckenburger (Unpmng u. R. f. S. 160), Lachmann (Studien und Kritiken, 1835, S. 577 ff.), Credner (Einleitung, S. 91. 203. 752), WeiBse (EvangelUche Geachichte, I, 29f., Evangelien- frage, S. 7b), Wieseler (Chronol. Synopse, S. 304 f.), Baumgarten-Crus ius (Commentar tlber Matthftus, 1844, S. 26 f.), Ewald (Jahrbttcher. II, S.201 f.), KOit- 1 i n (Evangelien, S. 46 ff.), Reuss (Gescbicbte u. s. f. I860, S. 171), Meyer (Com- mentar sum Matthftus, 8. II), Weiss (S. SS ff.). - 4) LUcke (Studien und Kriti- ken, 1833, 8. 499-503), Kern (Tttbinger Zeitschrift fttr Tbeologie, 1834, 2, S. 8 ff.), Fromann (8tudien und Kritiken, 1840, 8. 912 ff.), DeWette (Einleitung, n« 8, 197), Harless (Lucubrationes, 8.4 ff.), Ebrard (Kritik der erangel. G^eschiohte, 1850, 8. 767 f.), Baur (Evangelien, 8. 580ff), Kubn(Leben Jesu, 1, 8. 18), Delitssch (Neue Untersucbungen, 8. 10), Ouericke (Einleitung, 1S54, 8. HI), Tbiersch Digitized by VjOOQ IC Das Zeugniss des Pftpias. 251 Wir horen die geltend gemachten Grunde ab : t) uioyiov steht nachallgemeiTiein^ griechischem^ wie helleDistischem Sprachgebrauch nicht far Ausspruch tlberhaupt, sondem in Bezag auf gottliche Ausspruche; wie auch die Kirchenvftter darunter den ganzen, auch den historischeBy Inhalt der h. Schrift verstehen. Aber zu Zeiten des Fapias gab es ja noch keine neutettamentliche heilige Schrift. Wenn Fapias die Vorstellung der Inspiration bereits auf die namhaft gemachten Schriftstucke ubertragen hatte, so wtlrde er sie zu allerletzt fur unzulanglich gehalten haben. * Eher konnte er den Inhalt desEvangeliums als X6yi.a xvQiaxa bezeichnen woUen (vgl. Hebr. 5^ 12 : %a I6yia %ov 9bov). Darum veretanden Andere unter den Xoyia mund- liche Ueberlieferungen von Jesus. Aber wie konnte der Apostel Mat- thaus als Autopte sich ein Geschaft daraus machen, den Inhalt der mund* lichen Tradition zu sammeln und zusammenzustellen ? Vielmehr ist es das Wort, womit sich zun&chst der Begriff der Autoritat verbindet (effatum, oraculum); die Reden, Befehle, Sentenzen, Lehren, Weissagungen Jesu inachten den ersten Inhalt der apostolischen Ueberlieferung aus ; Erzfthlungen konnten erst dann Xoyia heissen , als sie, weil in kanoni* scher Schrift stehend, selbst wieder als effata Spiritus sancti erschie- nen, d. h. erst lange nach Fapias. 2) Hilgenfeld erklart das Zeugniss uber Matthaus aus dem uber Marcus. Dieser soil aufgeschrieben haben ov fiiivtoi td^ei %a vnb %ov Xqiotov f] XBX&hna t} TtQax&hra; aber Fapias, dem es vor Allem auf die Reden Christi ankommt, sehe doch sogleich uber die nqax^irta hinweg, indem er fortfahrt aXK ovx wansQ avvra^iv twv yvQiaxahf noi- ovfievog Xoylwv (oder vielmehr Xoytov), der Gegensatz bestehe also nicht zwischen den Xoyia des ersten und den Reden und Thaten des zweiten Evangelisten, sondem bios in dem Mangel an Anordnung, den Fapias bei dem Letzteren habe finden wollen. Dass, dem Marcus gegenuber, Matthaus als eine avvta^ig %U3V Xoyicov bezeichnet wird, komme einfach daher, daas die Reden seinen wesentlichen Inhalt bilden. Aber ebenso gat konnte auch der Contrast im Zeugnisse des Fapias ein doppelter sein, so dass im Gegensatze zu blosen Redestucken ein voUstftndiges Evangelium, wie unser Marcus, als td ino %ov Xqiotov ^^ Xsx^ivra fj TiQax^irga enthaltend bezeichnet ware. 3) Auch Fapias habe die Xoyia beschrieben; in seinem Werke standen aber nach Oekumenius und Theophylakt auch manche (Standpunkt der Kritik, S. 1S6 ff.), Bleek (Einleitung, U, S. 93 f.), Hilgenfeld (Erangelien , S. 110£J19ff. Theologische JahrbUcher, 1857, S. 397 f. Zeitsobrift for wiMenschafUiche Theologie, 1859, 8. 262 C 1861, S. 195 f. 1862, S. 9). — 1) Credner, BeitrAge, I, S. 24. Digitized by VjOOQ IC 152 Viertes Ci^itel. Erzahlungen^ s. B. uber Judas Ischarioth's Ende. Dafar war das Werk des Fapias auch keine avvra^ig, sondern eine i^yrjavg loyitav xvQiaxwv. Erklaren aber kann man — und zwar eben durch hinsu- gefugte Geschichte — eher Worte, als Wunder. Ist Dem aber so^ so spricht^ wie schon Anabaptisten zur Beforma- tionsseit einsahen, ^ das Zeugniss des Fapias von einer Schrift^ die wir nicht mehr haben. Ob und wie diese Schrift im Verhaltniss steht zu unserem Matthaus, muss erst anderswie untersucht werden.- Da wir aber, von ganz anderen Gesichtspunkten ausgehend, in §. tO bereits eine Be- desammlung unter den Queilen unserer Synoptiker gefunden haben, so wird nichts im Wege stehen^ beide zusammentreffende Resultate za identificiren und das, von Fapias erwahnte, Apostelwerk zu unserm Matthaus genau in dasselbe Verhftltniss zu setzen, wie die Quelle ^. Dass ein Apostel, wie Matthaus, das §. tO beschriebene Werk ver- fasst habe, ist nun in der That die allematurlichste Annahme von der Welt. In welch einem Vortheil befinden wir uns doch gegen Kdstlin, der in diese apostolische Bedesammlung die ausgearbeiteten Compositio- nen des ersten Evangeliums ohne Weiteres herein verlegt, daher sich genOthigt sieht, zuzugeben, dass ein Apostel sich wohl eine so freie Re- daction der Reden des Meisters, eine Anordnung derselben nach Zah- lenverhaltnissen , grosse Versetzungen , Umstellungen und dergleichen erlauben konnte ! * Dies Alles ftllt fur uns hinweg, nachdem wir erwie- sen haben, dass die Quelle ^ die Reden vielmehr in der allerprimitiv- sten Form wiedergibt, die sich denken lasst Dazu kommt noch der merkwurdige Umstand, dass yt sich mit keiner einzigen von denjenigen Reden berahrt, die in A vor die Berufung des Matthaus und der Apo- stel fallen, wie die Quelle uberhaupt mehr immer aus der sp&teren Zeit, da Jesus schon offentlicher als Messias auftrat, Denkwurdigkeiten dar- bietet. Aber auch in Hinsicht auf Marcus ist die Brauchbarkeit des Fa- piaszeugnisses angefochten worden von Feilmoser,' Schleierma- cher,* Strauss,* De Wet te,* Gfr or er,^ Baur,® Schwegler,* Kostlin. *** Denn nach Fapias hatte Marcus bios gelegentliche , for das praktische Bedurfniss berechnete, Aeusserungen des Fetrus aufge- zeichnet, jedoch ohne Zusammenhang. Und zwar ist ein Mangel an Zeitordnung gemeint, wie daraus erhellt, dass diese Ordnungslosigkeit aus den angegebenen praktischen Zwecken der Lehrvortrage des Apo- 1) SixtuB Senensis: Bibl.VII, 2. S. 924. — 2)S. 56. — 3] £inleitung, 2. Auag., S. 103 f. ~ 4) Studien und Kritiken, 1832, S. 75S ff. — 5) Leben Jesu, I, S. 66 f. — t>) Einleitung, II, S. 205 f. — 7) Urchristenthum , 11, 1, S. 13 ff. — 8) ETangelien, S. 536 ff. — 9) Nachapostolisches Zeitalter, I, S. 157—401. — 10) 8. 99 ff. 102 f. 359 f. Digitized by VjOOQ IC Das Zeugnifls des Fapias. 158 stels abgeleitet wird. Nun hat aber gerade das zwcite Evangelium unter alien Synoptikern allein einen tuchtigen inneren Zusammenhang. In diesem Falle hatte also Papias entweder unsere Evangelien gekannt, aber aus Unvorsichtigkeit eine, auf ganz andere Schriften sich be- ziehende^ Tradition darauf angewandt ; oder wahrscheinlicher : er hatte lauter fur uns unerreichbare Schriften vor Augen gehabt; sein Zeugniss wurde fur unsere Synoptiker gar nicht in Betracht kommen ; die Kir- chenvater batten dasselbe vielmehr auf Schriften bezogen , die hoch- stens, wie unsere ersten Evangelien^ in irgend einem Verhaltnisse der Abhangigkeit von den Buchem des Papias stehen mochten. So erblickte schon Schleiermacher im zweiten Werke, dessen Papias erwahnt, ganz ebenso eine Quellenschrift unseres Marcus , wie er im ersten eine seiche fur unseren Matthaus aufgewiesen hatte. Er sah darin eine jener Gelegenheitsschriften 9 wie er sie in Masse den zusammenhangenden Evangelien vorangehen lassen woUte. Nach Baur soil das bei Papias genannte Werk nach Art der clementinischen Homilien zu denken sein ; dabei wurde sehr auffallen^ dass Papias so ganz heterogene Schrif- ten zusammenstellte. Es rieth daher Kostlin auf ein zusammenhangs- loses, vorzugsweise abgerissene B^destiicke Jesu enthaltendes^ Petrus- evangeliuin; nach Ewald und Hilgenfeld hat der Marcus des Pa- pias wenigstens einen weiteren Umfang gehabt^ als unser Marcus. Im letzteren Falle nun wird man sich^ da der Itogere Marcus^ so gut^ als der kurzere, durch Ordnung sich auszeichnete^ ebenfalls vor AUem mit dem ov f^ivjoi td^ei auseinanderzusetzen haben. Mit Recht haben diesen Ausdruck Weisse' und Bleek^ aus dem subjectiven Maassstabe des Papias erklart. Offenbar verglich Papias seinen Marcus mit einem anderen Evangelium von abweichender An- ordnung , das er aber als chronologisch genauer zu betrachten gewohnt war. Dass im Marcus Ordnung und Zeitfolge maassgebend seien, hat sich ja erst in ncuerer Zeit in Folge von sehr eindringenden Einzelfor- schungen herausgestellt. Solche durfen wir aber bei Papias nicht erwar- ten. Ob er sich dann aber seine Begriffe von Ordnung in der evange- lischen Greschichte nach Matthaus^* oder vielmehr nach dem vierten Evangelium^ gebildet habe, oder ob er an sein eigenes systematisch an- gelegtes Werk , an die i^tjyrjaeig dachte/ lasst sich schwer entscheiden. Wahrscheinlicher aber ist das Erste. Dann vermisste Papias im Marcus die bekannte principielle Anordnung und Bealeintheilung des ersten 1) Evangeliscbe Oeschichte, I, S. 43 f. Jenaer Llteraturzeitung 1843, S. 911. - 2) Beitrfige, 8.65. Einleitung, II, S. 116. — 3)£brard (WiBsenschamiche Kritik» 1S41,S. 1004), Hilgenfeld (Marcusevangelium, 8. 112. EvangeUen, 8. 148), Weiss (S. 672f.), Bleek (Einleitung , 8. 116). - 4) Ewald: Jahrbttoher II, 8. 206. — 5) Weisse: Erangelienfrage, 8. 91. Digitized by VjOOQ IC 254 Viertes Capitel. Evangelisten^ dessen er aber, weil er ihn fur keine unmittelbare Quelle hielt, nicht neben den Xoyia und dem Petrusberichte besondere Er- wfthnung thut. So macht ja auch, oberflachlich angesehen^ Matthaus bis auf den heutigen Tag noch viebnehr den Eindruck des Ordnungs- mlssigen. Dazu koinmt, dass auch Lucas, der A vor sich hatte^ ge- glaubt hat, seine Vorganger auch in Bezug auf die, von ihnen verab- saumte, ZJeitordnung corrigiren zu mussen ; wie kann man es dann noch irgend auffallend finden, wenn auch Fapias oder der Presbyter Johannes kein Auge hatte fur den Vorzug, der dem Marcus gerade in dieser Be ziehung eignet ? * 1st Dem aber so , so brauchen wir nicht dem Zeugnisse des Fapias Grewalt anzuthun, wie Dies geschieht vonThiersch* und von Meyer, der den Fapias mit dem epia seinen Vorwurf bios auf einige Fartien des Marcus beschranken lasst. Auch er bezieht daher das erste syQaipev auf das Niederschreiben nach dem Horen der Vortrage des Fetrus, das zweite ygatpag auf die Abfassung des Ganzen.* Dagegen aber spricht sowohl die Uebereinstimmung der Ausdrucke (ovtwg yqdxpag — axqi- pdSg Syqaipev und wg dnsfivrj^ovevasv — 8aa ifxv7]f4,6vevaev), welche be- ureisen, dass von demselben Factum die Rede ist, ais auch der Anschluss des letzten Theils der Rede an den fruheren mit ware, also der Fragma- tiemus der Steile. Gerade von Fetrus wird gesagt, dass er eine Ordnung nicht beabsichtigte. Woher hatte sie bei Marcus kommen soUen , wenn doch die iragmentarischen Vortrage des Fetrus seine einzige Quelle bil- deten? Die Charakteristik bezeichnet also unser zweites Evangelium in seiner Eigenthamlichkeit gegenuber den loyia ganz treffend. Nur so bestimmt und detaillirt lautet das Zeugniss des Fapias nicht, dass jetzt schon daraus geschlossen werden konnte, ob dasselbe unsere jetzige Ge- stalt des Marcus oder seine Quelle im Auge habe. Die Entscheidung hieruber wird §. 21 zu geben sein, wenn das Verhaltniss zu Fetrus er- ortert ist. $. M. Me ••■UettMi. Es gehort mit zu den feinsinnigsten Entdeckungen Weissa'a, wenn er zuerst auf gewisse^ von ihm als »Doubletten« beseichnete, 1) Weisse: Evangelienfrage, S. 145. — 2) Er bezieht (Versucb, S. 178 ff.) den ersten Theil des Zeugnisses auf anftngliche aphoristische Au&eichnungen {ax^tfiiSi fygaif/fVf ov fiivtoi Ta|ci)» den zweiten Theil aber, von ivoc yuQ tnoirjaato an, auf unser jetziges zweites Evangelium. Dabei wird das kQfxr^Vivrfig U^tqov ytvo/nfros, zwar mit Fritzsche (Prolog., in Marcus, S. 26 ff.), aber gegen den Sinn des Papiaa, eben auf diese aphoristisch aufzeiohnende Thfttigkeit bezogen. Was aber ipfifivtw^^ ist, hat Bleek geteigt (Studien und Krit. 1636, S. 1064. Beitrlge, S. 171 ff.). — 3) Zu Matthftus, S. 35 f. Zu Marcus und Lucas, S. 3 f. Digitized by VjOOQ IC Die Boublettea. 255 Erscheinungen aufmerksani gemacht und daraus Schlusse auf die Ent- •tehongsweise der Synoptiker gezogen hat.* Seither haben Hilgen- feld und V oik mar dieselbe Erscheinung in ihren Interessen ausm- beuten gesucht, jener, urn seine Theorie von einer spateren Bearbeitnng der Grundschrift, ^ dieser^ urn die doppelte Abhangigkeit des Matthaus von Marcus und Lucas zu beweisen.' Allerdings ist es auffallend genug, dass wir solchen^ mit einem Doppelganger versehenen, Fragmenten nur im ersten und im dritten Evangelium begegnen , so dass wir von vom- herein auf die Annahme gefuhrt werden^ es mdchten die Yerfasser jener Evangelien in alien den Fallen, wo entweder sie Beide, oder wo Einer von ihnen einen Ausspruch des Herrn zu zwei verschiedenen malen in zwei verschiedenen Zusammenhangen berichten, solchen Ausspruch auch doppelt vorgefunden haben, das einemal in A, das anderemal in yl oder in einer weitern , nur von einem einzigen der genannten EvangeHsten benutzten. Quelle. Ehe wir jedoch auf die, von Weisse betoDten, evangelischen Apophthegmen eingehen, die sowohl bei Mat- thaus, als bei Lucas doppelt vorkommcn, mag an diesem Orte des weite- ren Umstandes Erwahnung gethan werden, dass, wenigstens in einem nachweisbarcn Fall, Matthaus auch ein Erzahlungsstuck doppelt ge- geben hat, veranlasst durch seine verschiedenartigen Quellen. Es wird namlich das Motiv zur Apologie Jesu wider die Belzebulgenossenschaft, verschmolzen zugleich mit dem zur Rede vom Zeichen des Jonas Mt. 12, 22 — 24. 38 in einer Weise referirt, die jedenfalls durch -/i beeinflusst ist, wahrend das erstere Motiv Mt. 9, 32—34 = Lc. 11, 14. 15, das andere Mt. 16, 1. 4 = Mr. 8, 11. 12 aus A wieder gebracht wird. Auch muss, wo von Verdoppelungen die Rede ist, hier noch der Falle Erwah- nung geschehen , wo Matthaus die auftretenden Fersonen von A selbst verdoppelt, aber nicht etwa, weil ausser A auch die a;pdere Quelle ihrer Erwahnung thate, sondern weil er dadurch der Quelle A selbst, aus deren Zuaammenhang er regelmassig zuvor eine ahnliche Geschichte auflgelaasen hat, eine Art von Genugthuung leistet. Wilke's Scharfsinn ist diesem eigenthumlichen Verhaltnisse auf die Spur gekommen, ^ und selbst Ebrard kann nicht umhin, dieses Motiv anzuerkennen bei der Verdoppelung der Gradarenischen Besessenen (Mt. 8, 28 — 34). * Mat- thaus hatte namlich die Heilung des ersten Damonischen, dessen A Erwahnung thut (Mr. I, 21—^28), ausgelassen, bringt ihn daher jetit nach in der Gesellschaft des zweiten. Man bemerkt die Combination noch an den Wortcn , die Matthaus den Besessenen in Gadara in den 1) Evangelische Geschichte, I, S. S2 f. Evangelienfrage , S. 146 ff. — 2) Theolo- gMche JahrbOcher, 1857, S. 405 ff. — 3) Religion Jesu, S. 379. — 4} Urevangeliat, S. 683. — 5) WiflMBftcfaaftUche Kritik., 1841, S. 380. V^. auch B leek: Synopsis, I, 8. 367. Digitized by VjOOQ IC 256 Drittes Capitel. Mimd legt: ^Xd-eg ^aaaviaai vgl. Mr. 1, 24. Dieselbe Bewandtnis8 hat es mit den zwei Blinden vor Jericho (Mt. 20, 29 — 34). Dieselben haben bekanntlich der apologetischen Exegese viel Noth gemacht. S torr trennte einfach den Blinden, den Jesus beim Einzug nach Jericho heilt (Lc. 18, 35), von den zweien, die er beiin Auszug aus der Stadt sehend inachte (Mt. 20, 29). * Wieseler wollte bios je einen vor beideXhore stationiren ; dann hatte Mr. 10, 46 das Ereigniss beim Einzug, Lc. 18, 35 das beim Auszug berichtet, Mt. 20, 29 beide zusammengefasst^ und an das Ausgangsthor verlegt. Aber wie wenig ist doch bei alien diesen Versuchen dem apologetischen In teresse wirklichGenugegeleistet. Nach Storr hatte doch wenigstens Marcus, nach Wieseler Matthaus unge- nau erzahlt, von dem Unglaublichen gar nicht zu reden , dass in unmit- telbarer Folge genau dieselbe Geschichte zwei-, resp. dreimal geschehen, von Jesus, den Blinden und den Jungern dieselbigen Worte zwei-, resp. dreimal gesprochen worden waren. In der That aber hat Matthaus bios die Geschichte vom Blinden in Bethsaida aus A Mr. 8, 22 = 26 aus- gelassen, verdoppelt daher den blinden Bartimaus, den Lucas aus Ifach- lassigkeit vor das Eingangsthor setzt. — Endlich mag hier auch noch Mt. 21 , 2. 7 die Verdoppelung des Esels A Mr. 11, 2 = Lc. 19 , 30 wegen Sach. 9, 9 notirt werden. Hauptsachlich aber versteht man unter Doubletten solche, in dem- selben Evangelium doppelt stehende, Sentenzen, welche fur die Dupli- citat der Quellen , aus welchen das Evangelium zusammengearbeitet ist, unwiderstehliches Zeugniss ablegen. Die Begelmassigkeit dieser Be- bachtungen spricht schon genugsam gegen die faule Ausflucht alterer und neuerer Harmonistik, womach Jesus alle diese Ausspruebe zum mindesten doppelt gethan haben musste. Nun ist an sich die Moglich- lichkeit solcher Wiederholungen freilich zuzugeben. Schon Weisse luhrt zwei Fftlle an, wo auch in A eine derartige Doublette sich be- fand. ^ Der erste betrifft die Wiederholung des Gedankens Mr. 9, I = Mt. 16, 28 =s Lc. 9, 27 in ganz anderem Zusammenhange Mr. 13, 30 = Mt. 24, 34 = Lc. 21 , 32. Je weniger die Form an beiden Stellen irgend welche gesuchte Uebereinstimmung beweist, desto unverfangli- cher ist hier die Sache. Nicht anders verhalt es sich mit dem, von Jeeus bei zwei Gelegenheiten eingescharften , Maassstabe fur die Grdsse des Reiches Gottes, vgl. Mr. 9, 35 = Lc. 9, 48 und Mr. 10, 43. 44 « Mt. 20, 26. 27 = Lc. 22, 26. In beiden Fallen war die Sentenz gleich angemessen. Wir konnen Dies auch auf einen dritten und vierten Fall anwenden, der bei unserer Vorausssetzung von der Luckenhaftigkeit 1) Evangeliiche Gesohiohte des Johannes, S. 345. — 2} Chronologisohe Synopae S. 332. - 'S) Evangelienfrage, S. 152 ff. Digitized by VjOOQ IC Die Doubletten. 357 des Marcus sich ergibt. Zuerst in Bezug auf das iv (^ ^hgip fietQeiTe fie- t(ffj9r]ae%ai vfuv, das jedenfalls in der Beigpredigt Lc. 0^ 38 =5 Mt 7, 2, aber auch Mr. 4, 24 steht^ wiewohl an letzterer Stelle von Marcus -vielleicht eingesetzt (vgl. S. 81); doch piisst der^ durch xal TtQOOtsdi^e' f ffi vfjiiv an der zweiten Stelle verlangerte^ Spruch vortrefflich in den Zusammenhang, und wird somit eine gleiche Beurtheilung auch dieser Doublette zu Theil werden, wie den beiden andern. Ebenso verhalt es aich aber auch mit den nur dem Sinne nach verwandten Ausspruchen in der Bergpredigt Lc. 6^ 44. 45 » Mt 12, 34. 35 und in der Erzahlung Mr. 7, 21. 22 =» Mt, 15, 19. 20. Dies sind nun aber die einzigen Doubletten in A. In den uns hier interessirenden Fallen dagegen findet sich der betreffende Spruch das eine- mal iminer in gleichem Zusammenhang und gleicher Form, wie im Mar- cus, so auch bei Matthaus und Lucas ^ das anderemal aber koinmt er bios bei Matthaus und Lucas vor, offenbar bei beiden wieder aus einer gemeinsamen, aber von A verschiedenen. Quelle gesch5pft; so dass die Duplicitat der Bedestucke also in einer Duplicitat der Quellen ihren Grund hat. * Solche Beispiele sind 1) Mr. 4, 25 =s Mt 13, 12 « Lc. 8, 18 vgl. mit Mt. 25, 29 aa Lc. 19, 26. Wer da hat, dem wird gegeben: zuerst aus A, dann aus ^. 2) Mr. 8, 34. 35 » Mt 16, 24. 25 3= Lc. 9, 23. 24 vgl. mit Mt 10, 38. 39 = Lc. 14, 27. 33. Nachfolge, Selbstverleug* nung und wahrer Lebensgewinn. * 3) Mr. 8, 38 as Mt 16, 27 ■= Lc. 9, 26 vgl. mit Mt 10, 32. 33 » Lc. 12, 8. 9. Segen des Bekennt- nisses. • Vgl. auch die Nachwirkung Mt. 25, 31. 4) Mr. 13, 9 — 13 = Mt24, 8 — 14 as Lc. 21, 12— 19 vgl. mit Mt 10, 17— 22 = Lc. 12, 11. 12. Die Christen vor Gericht. Wo Lucas diese Stelle zum zweitenmal bringt, paraphrasirt er in einel" Weise, wodurch die Wiederholung fast unbemerkbar wird, wahrend Matthaus, gleichfalls im Gefuhle, schon Dagewesenes zu wiederholen, an der zweiten Stelle theils auslasst, theils nur sehr firei reproducirt. * Neben diesen gemeinschaftlichen finden sich nun noch andere Doubletten , die bios in dem einen der beiden erweiterten Evangelien vorkommen, wahrend das andere die Wiederholung vermieden hat. So wird Johannes fur den Elias erklart in ^ Mt. 11, 14 und in A Mt 17, 11 — 13.* Soist der 24, 23. 26 doppelt stehende eschatologische Zug das erstemal aus A Mr. 13, 21 , das anderemal aus ^ Lc. 17, 23 ent- nommen. Auch die Aufforderung und Begrundimg A Mt. 24, 42 as 1} We-iss, S. 43. — 2) Von Welsse tlbeigangen. Dagegen kann das, Evange- Henfirag^ S. 152 stehende, Beispiel nicht gelten. — 3) Ueber die Tragweite dieser SteU lei&TgL Welsse: Evangelienfrage , S. 147—150. — 4) Welsse (Erangelienfrage, S. 161 f.), Weiss (8. 43 f.). — 5) KOstlin, 8. 62. Holtxmann. 17 ^^ Digitized by VjOOQ IC Yiertes Ci^itel, Mr. 13^ 35 kehrt Mt. 25^ 13 wieder. Von diesen Stellen zu unterschei- den, und von Weiss e nicht richtig beurtheilt, * sind dagegen die Dou- bletten , wo Matthaus im Interesse seiner Compositionen Stellen aus A antidpirt hat, die ihm dann im richtigen Zusammenhang wieder b^eg- nen und nochmals aufgenommen werden, wie Mt. 5, 29. 30 und 18, 8. 9 (as Mr. 9, 43. 47); Mt. 5, 32 und 19, 9 (= Mr. 10, 11); Mt. 10, 40. 42 und 18, 5 (= Mr. 9, 37. 41) ; Mt. 17, 20 und 21, 21 (= Mr. 11, 23. Doch vgl. S. 194). Oefters noch begegnet es aber dem Matthaus, dass er aus Grunden der Composition mehr oder weniger wortUch wie- derholt, was er schon fruher am richtigen Orte — gewohnlich aus A — gehabt hat, so 7, 19 aus 3, 10, so 12, 33 aus A Mt. 7, 16—18 = Lc. 6, 43. 44, so 20, 16 (wenn es nicht aus A Lc. 13, 30 stammt) aus A 19, 30 « Mr. 10, 31, so 23, 5 aus 6, 1, so 23, 11 aus 20, 26, so 23, 22 aus Mt. 5, 34. Ja auch Dies ist ihm begegnet, dass er ein effiitum aus A an zwei verschiedenenStellen , wo er diese Quelle beruhrt, beibringt; vgl. die von Weiss richtig beurtheilte* Doublette 10, 15 und 11, 24. Nicht anders verfahrt nun aber auch Lucas, der 8, 16. 17 einen Spruch aus A Mr. 4, 21. 22 gibt, dessen beide Theile getrennt in A vorkamen Lc. 11, 33 = Mt. 5, 15 und Lc. 12, 2 == Mt. 10, 26. Da- hin kann man auch rechnen die doppelte Instructionsrede (Lc. 9, Sax i o, 4; 9, 4 = 10, 5. 7; 9, 5 = 10, 10. 11), die doppelte Angriferede auf die Pharisaer (vgl. Lc. 11, 43 =b 20, 46), sowie endlich auch die dop- pelt und dreifach erscheinende eschatologische Bede, in welcher als Doubletten namentlich A Lc. 17, 31 = A Lc. 21 , 21 und A Lc. 12, 11. 12ssALc.21, 14. 15 auffallen. Im AUgemeinen freilich geht Lucas, wie jeder Wiederholung , so auch solchen Doubletten aus dem Weg. Er lasst also 8, 18 den Ausspruch Mr. 4, 24 lieber ganz weg, weil er ihn 6, 38 schon hatte. $. 17. AlttestameBtliche Citate. Ein sehr wichtiges Datum fur die Beurtheilung des synoptischen Verhaltnisses bilden die Citate aus dem A. T. Einige derselben sind namlich aus den LXX, andere unmittelbar demGrundtext entnommen; etliche haben alle Drei gemeinsam , etliche finden sich bios bei Mat- thaus. Fast unubersehbar ist die Literatur uber diesen Gegenstand. * Die eingehendere Betrachtung desselben datirt seitCredner, der zu dem Besultat gelangte : Matthaus citire frei nach den LXX, aber nacK einem Texte, welcher bei den messianischen Stellen mit dem Urtext 1) Evaagelische Qeschiohte, I, S. 79. 85 f. — 2} 8. 73. — 3) Credner: Bin- leitung, S. 93. Digitized by VjOOQ IC Alttestamentliche Citate. 259 verglichen und nach ihm geandert worden sei. * Einen noch scharfer theilenden Kanon stellten Bleek* und De Wette* auf : im Matthaus seien die mitten im Context der Erz&hlung Torkommenden Citate aus den LXX, hingegen die aus der eigenen Reflexion des Evangelisten stammenden aus dem Grundtext. In der That konnte selbst Baur die Richtigkeit dieser Classification im AUgemeinen nicht bestreiten. ^ Da- gegen wurde geltend gemacht : Mt. 1 ^ 23 gehOre dem Evangelisten an^ sei nichts destoweniger aus den LXX, 22, 24 aber stehe im Context und nehme dennoch Rucksicht auf den hebraischen Text : ^ Thatsachen, die sich in der That nicht leugnen lassen. Es wurde daher die Bleek'- sche Beobachtung modificirt durch Ritscbl. • Vollkommene Klarheit Iflsst sich aber nur unter unseren Voraussetzungen gewinnen. Wir geben daher unsere Resultate , ohne uns atif die Beschaffenheit der ein- zelnen Citate, die nunmehr zur Genuge untersucht worden ist, einzu- lassen. Ais dem Evangelisten eigenthtlmlicli gelten namlich die, dem prag- matischen Beiwerke seines Evangeliums angehorigen und mit seinen eigenthumlichen Formeln (tva TtlTjQO)^ u. s. f.) eingefuhrten , Citate: 1, 23 (Jes.7, 14—16); 2, 15 (Hos. 11, \); 18 (Jer. 31, 15); 23 (Jes. 11, 1); 4, 15. 16 (Jes. 8, 23. 9, 1); 8, 17 (Jes. 53, 4); 12, 17—21 (Jes. 42, 1—3); 13, 35 (Ps. 87, 2); 21, 5 (Sach. 9, 9); 27, 9 (Sach. 11, 12). Von diesen entsprechen genau dem Urtext, von welchem hier die LXX bedeutend abweichen, 2, 15. 23. Eine sehr freie Uebersetzung des Hebraischen, aber ohne Anklang an die LXX, stellt 27, 9 dar. Die anderen fussen zwar auf dem hebraischen Text , doch bo , dass der Aus- druck der LXX Einfluss ubt/^ wie das selbst von 13, :^5 gilt, welches Citat in der zweiten Halfte genau nach dem Urtext gebildet ist, wahrend die erste Halfte mit der richtigen Uebersetzung der [jXX stimmt. Nur das einzige Citat 1 , 23 entspricht aUerdings vorwiegend den LXX, weil namlich nur in dieser Form die Stelle 7, 14 einen messianischen Sinn biet«t. * Wir schliessen also, dass Matthaus ein Jude war, dem das A. T. in hebraischer und in griechischer Gestalt gelaufig war, der sich aber, mit einer einzigen , bestimmt motivirten , Ausnahme, an den hebraischen Text hielt, zu dem er vielleicht die Paraphrase eines Targums benutzte.' Unter den sogenannten Contextcitaten finden sich aUerdings fast 1) Beitrfige, II, S. 134 ff. Einleitung, S. 93 f. — 2) Beitrtge, S. 57 f. — 3) Bin- leitung, II, S. 198. — 4) Theologische Jahrbtlcher, 1853, S. 90. — 5) Ebrard, De- litzsch: Zeitflchrift far lutheriscbe Theologie, 1850, S. 463 ff. Entatehung, S. 13 ff. — 6) Theologische Jahrbttcher, 1851, S. 620 — 524. — 7) KOstlln, S. 37 f. -- %) Ritschl (S. 521), Hilgenfeld (Erangelien, S. 50). — 9) Credner, KOetlin: Erangelien, S. :^'^, Digitized by LjOOQIC 260 Viertes Capitol. lauter Berucksichtigungen der LXX^ jedoch mit solchen Ausnahmen, dass nur die Annahme einer Quelle im Sinn yon A, nicht aber — wie Bitschl^ der sonst der Wahrheit am nachsten gekommem ist, glaubt^ — die Marcashypothese den Schlussel zum voUen Verstf ndnisse der Sachlage bietet. Unter 17 Citaten, die Matthlus und Marcus gemeiiiBain haben, sdmmen namlicli 10 wortlich uberein, und 4 entbalten nmr unbedeu- tende Variationen (Mr. 7, 10 = Mt. 15, 4. Mr. 10, 7. 8 = Mt, 19, 5. Mr. 12, 29. 30 = Mt. 22,^ 37. M». 15, 34 = Mt. 27, 46).* Bedeuten- der sind die Abweichungen an zwei Stellen, wo sich Matthaus naher an LXX anschliesst, als Marcus (Mr. 4, 12 =c Mt. 13, 14. 15. Mr. 10, 19 =: Mt. 19, 18. 19). Hier hat sich aber einfach Matthaus genauer an A gehalten, als der nach seiner Gewohnheit abkurzende Marcus. Wie fernerMt. 19, 19 b, aufLevit. 19, 1 8 hinweisend , offenliar ein Zusati des Matthaus ist, so auch das dber Mr. 14, 27 hinausge^iende Tr^g noipLvrjg Mt. 26, 31. Es bleibt mithin nur noch ubrig Mt. 22, 24, wo sich — trotz des Contextcitates — in dein Worte in:tya/^fi^€va€ig ein Einfluss des Grundtextes zeigt. Nun aber hat gerade die ParallelsteUe Mr. 12, 19 dieses Wort nicht, wie uberhaupt die Stelle ursprung^ch auf kein Citat angelegt war ; • jenes Wort stand also auch nicht in A, sondem beweist nur, dass Matthaus seiner Vorliebe fur den Grundtext auch einmal so weit folgte, dass er ein, in A vorfindliches , Citat dar- nach modificirte. Er »gibt der Anspielung auf das mosaische Gesetz die Form eines Citats. a* Dass endlich die Citate in der Versuchungsge- schichte mit geringen Modificationen aus den LXX sind , stimmt zwar nicht mit der Marcushypothese, aber genan mit unseremBesultatS.GSf. Damit sind aber in der That alle Schwierigkeiten gehoben. Denn wenn man Mt. 22, 31. 37 als aus dem Hebraischen tlbersetzt ansehen woHte, so hat dafur Ri tschl gezeigt, dass das erste Citat dem Codex A, das zweite den verschiedenen Lesarten der LXX genauei;. entspricht, als dem Grundtext.* Dagegen ist es ein Irrthum von Delitzsch und Ri tschl zugleich, wenn sie das, den LXX entsprechende, Citat 3, 3== Jes. 40, 3 als eine Reflexion des Evangelisten behandeln. Denn da alle drei Synoptiker die jesaianischen Worte an dieser Stelle anfuhren, sind sie auch in A angefuhrt gewesen ; es ist somit nur in der Ordnung, wenn die LXX befolgt werden. ® Nun sind noch im Matthaus solche Citate zu unterscheiden, die zwar im Context stehen, aber doch nicht den LXX entnommen sind. 1) S. 522. — 2) Vgl. Ritschl* S. 523. Dass Matthaus in diesen Fallen den LXX Often auch da folgt, wo dieselben yom hebrftischenText abweichexi. vgl. Bleek, S. 57. — 3) Wilke, S. 421. — 4) Wilke, S. 244. — 5) S. 521. — 6) Ebrard, Bleek: Beitrftge, S. 16S. Digitized by VjOOQ IC Alttefltamentliche Citate. 261 £s sind einfach diejenigen^ die Matth&u6 in solchen Fartien hat^ wo er ganz unabhangig von A ist. Dahin gehdrt das Contextcitat der Vor- geschichte 2 , 6 a Mich. 5 , 1 , wo zwar ein flachtiger Seitenblick in Codex A eich verrath, * durchaus uberwiegend aber die Rucksicht auf den Grundtext erscheint,* was nach dem Bleek'schen Kanon ebenso unerklarlich, wie nach unseren Resultaten , da ja Matthaus die Vorge- schichte selbst bildete , naturlich ist. Dahin geh5ren femer die Citate der Bergpredigt 5, 31. 33^ die weder mit den LXX, noch mit dem Grundtext stimmen, nicht sowohl^ veil sie der pharisaischen Tradition entstammen^' als weil sie so in den secundaren Quellen des Matthaus standen. Auch die^ mit LXX Fs. 37^ 11 stimmende, Erklarung Mt. 5^ 4 beweist wieder, dass im Hintergmnde des ersten Theils der Bergpre- digt eine eigenthumliche , fur uns nicht mehr deutlich zu unterschei- dende. Quelle steht (S. 162). Nur die einzige Stelle Mr. 1,2= Mai. 3, 1 , scheint sich dem klar erkannten Gesetze entziehen zu wollen. Dasselbe Citat, nach dem Hebraischen gebildet, findet sich auch Mt. 11, 10 *= Lc. 7, 27, wo es gar keine Schwierigkeiten macht. Denn der Context dieser Erzahlun- gen ist der ersten Quelle fremd , in welcher allein der Grundsatz, nach LXX zu citiren, strong durchgefuhrt war. Nun steht aber das Citat bei Marcus auch in ganz anderm Zusammenhang, als bei Matthaus und Lu- cas, ist also in jeder Beziehung die einzige Ausnahme von der Kegel. Hier kommt uns indessen eine langst gemachte Wahrnehmung in Bezug auf den Text dieser Stelle hulfreich entgegen. Den bekannten Schwie- rigkeiten in der Construction von Mr. 1, 1 — 4 hilft namlich in zurei- diender Weise bios ab die gluckliche Herstellung des Zusammenhangs durch Lachmann,* dem in der Hauptsache Fritzsche,* Hitzig,* Ewald,^ Bunsen^ gefolgt sind. Es ist namlich das wg yiyqanxat, als Parenthese zu nehmen, und aqxtj mit iyiveto zu verbinden. Aber nicht beide Verse 3 und 4 sind Einschiebsel und Randglossen (Lach- manUy Bunsen) oder Einschaltungen des zweiten Herausgebers (Ewald) , son dem bios das Citat aus Maleachi, wie daraus hervorgeht, dass auch Matthaus und Lucas den Jesaias an dieser Stelle mit Mar- cus citiren. A bot also die Schwierigkeit , dass unter der Firma des Jesaias zunachst ein Citat aus einem andem Fropheten aufgefuhrt wird, gar nicht dar, sondern lautete so: wAnfang der Heilsverkundi- gung von Jesus Christus, dem Sohne Gottes (wie geschrieben steht im Fropheten Jesaias: h6rt, wie Einer in der Wtlste ruft: bereitet des 1) Hilgenfeld: Erangelien , S. 50. — 2) KOBtlin, S. 37. — 3) Oegen Ritschl, 8. 521. — 4) Studien und Kritiken, 1830, S. 844. Praef. 11, S. VI. — 6) Evangelium Hard recenauit, S. 9 f. — 6) Johannes Marcus, S. t88 ff. — 7) Evangelien, B. 154. — 8) Bibelwerk, I, 1, S. CXCIV. IV, S. 95- Digitized by VjOOQ IC 262 Viertes Capitel. Herrn Weg, macht gerade seine Pfade!) ward Johannes, der Taufer in der Wuste. « Nachdem aber durch die, von Matthaus und Lucas aus A aufgenommene , Erzahlung mit dem Citat aus Maleachi dieses eben- falls als charakteristisch fur die Mission des Taufers stehend gewprden war, hat Marcus es an dieser Stelle gleich zu Anfang eben in jener stehend gewordenen Form zwischen die Citationsformel und das Citat eingeruckt, ohne den Namen des Propheten zu andem. * Eine besondere Betrachtung verdient das doppelt (9, 13. 12,7) vorkommende Citat aus Hosea 6, 6 ^^oq 9iXia xal ov 9vaLav, Da das- selbe mit den LXX stimmt, welche non an den meisten Stellen mit ileog ubersetzen, lage die Annahme zunachst, es fur einen, von Marcus und Lucas ubergangenen, Bestandtheil von A zu halten. Dazu kommt, dass es sich gerade in zwei, zwar bei Matthaus durch einen ziemlichen Zwischenraum von einander getrennten , aber in A unmittelbar aufein- ander folgenden, Perikopen (Mr. 2, 13—22 enthalt Mt. 9, 13, Mr. 2, 23 — 28 enthalt Mt. 12, 7) findet, wodurch man sich auf die Vermu- thung gedrangt sieht, es mochte in diesen Begionen von A wirklich vorfindlich gewesen sein. Noch mehr wird man fur diese Hypothese gewonnen durch die Wahrnehmung, dass die Verse Mt. 12, 5. 6 wahr- scheinlich aus A sind (S. 184 f). Man konnte daher in den beiden Citaten wieder eine Doublette von der gewohnlichen Art erkennen woUen, indem man Mt. 12, 7 aus A, dagegen Mt. 9, 13 aus A erklarte, wie auch Meyer meint. * Bei ge- nauerer Betrachtung hat sich aber S. 185 herausgestellt, dass Mt. 12, 7 mit den beiden vorhergehenden Versen so gut, wie gar nicht zusammen- hangt, sondern nur, insofern es eine eintretende Lucke ausfullen soil, Werth hat. Ebenfalls auf Einschaltung beruht nun. aber auch Mt. 9, 13, mit Beziehung worauf schon Wilke,* Weiss,** Bleek* u. A sich beklagten dber die Storung, die durch jenes Citat in den Zusam^ menhang der Stelle Mt. 9, 12. 13 gebracht werde. Wir haben namlich A Mr. 2, 1 7 einen allgemeinen Satz ov xqelav exovatv ol laxoone^' la-- TQOv dXl^ oi xaxwg exovreg und seine Anwendung ovk rjld-ov xaXtatu dty^aiovg alia a^agtwlovg. Die Gliederung der Gnome und die ihrer Anwendung stehen also in Parallele zu einander. Nun stellt aber Mat- thaus zwischen beide Satze hinein sein Citat , wodurch zwei Grunde, der, dass Jesus als Arzt handle, und dass er jenem Ausspruchc des Hosea gemass handle, mit einander vermengt werden, und das nachfoU gende /cr^, dessen sich bekanntlich Matthaus gern bedient, gibt, gerade ]) Vgl. auch Weiss (S. 61) und Bleek (Synopsis, I, S. 164). Was dag^en Hengstenbcrg (Evangel. Kirchenzeitung , 1 S58 , S. 63 1 ) geltend macht, ist am der Luft gegriffen. — 2} Zu Marcus und Lucas, S. 32. — 3} Ureyangelist , S« 34S £ — 4 ) S. 49. — 5) Synopsis, I, S. 389. Digitized by VjOOQ IC AlttestamentUche Citate. - 263 wie auch Mt. t2, 8^ mehr den Schein einer logischen Verknupfung, als dass es einen wirklichen Zusammenhang hersustellen vermochte. Da aber ein bloses, nach alien Seiten wendbares^ Citat nicht als selbst- standige Paitie von A betrachtet werden kann, wird man beide Stellen dem Matthaus zuschreiben mussen und dazu die femere Wahrnehmung machen^ dass der Einschalter, als er zum zweitenmal citirt^ sich selbst auf sein erstes Citat zuruckbezieht, indem der Befehl 9,13 nogev&iv' ^eg di liad-era ti ioTiv eXeog d-iho durch die Formel 12^ 7 bI di iyvw- Tiette %i ia%iv k%€og d-iho als ein erfolglos ausgesprochener angedeutet wird. Wahrscheinlich war LXX Hos. 6, 6 an den Rand von A Mr. 2^ 13 — 28 geschrieben, and sah sich Matthaus dadurch veranlasst^ die S telle in beide Abschnitte einzuarbeiten. Eine weitere Bemerkung, die sich hinsichtlich der Citate auf- drangt, ist die^ dass Matthaus fast regelmassig^ wenn er zu selbststandi- gen Citaten greift, dafdr in A eine Abkurzung oder Anslassung eintre- ten lasst. So 8, 16. 17 vgl. mit Mr. 1, 32—34 = Lc. 4, 40. 41. Auch fullt das Citat 12, 17—21 eine S telle von A aus, die Matthaus durch Voranstellung der Bergpredigt und Instructionsrede bereits gegeben hat. Ganz ebenso bricht Matthaus 13^ 35 die Quelle A ab, indem er ein Citat einfugt, und kurzt A hinter dem Citat 21 ^ 5 ab. — Schon solche Eigenthumlichkeit des Matthaus beweist seine schriftstellerische Ab- hangigkeit^ wie auch von Bleek* nachgewiesen wurde. Bel Lucas sind alle Citate mit einer einzigen Ausnahme aus den LXX.* Die Ausnahme aber bildet 7, 27 = Mt. 11, 10 = Mr, 1, 2, worin Bitschl ein Zeichen der Abhangigkeit des Lucas von Matthaus erkennt. ^ AUein die Sache erklart sich einfach aus der Verschieden- heit der Quellen. Gewohnlich schreibt Lucas, wo er citirt, A ab, in jenem Ausnahmsfall aber A, in welch letzterer Quelle Citate aus dem Grundtext und aus den LXX (vgl.Lc. 10, 27) wechselten, wenn nicht Lucas selbst es ist, der im letztern Fall, so gut wie bei der Bearbeitung von A Lc. 3, 4 — 6 die LXX aufschlagt und ausschreibt. SchliessUch betrachten wir noch den Marcus, der bios gedachtniss- m^sige Abweichungen bietet. Uebrigens stehen seine Citate meist im Context, d. h. in den Reden der handelnden Personen. Nur im Ein- gange ist das anders. Es ist aber nicht richtig, wenn Ritschl beide Citate aus der Reflexion des Marcus hervorgegangen sein lasst. Sonst ware nicht zu erklaren, warum 1, 2 aus dem hebraischen, 1, 3 aus dem griechischen Text des A. T. entnommen ist. Vgl. vielmehr S. 261. Da die Stelle 15, 28 aus Lc. 22, 37 von spaten Abschreibem herabergetra- 1) Beitrftge, S. 58. — 2) Do Wette: Einleitung ins N. T. §. 115. — 3) Theol. Jahrbacher, 1851, S. 535. Digitized by VjOOQ IC 264 Yiertes Capitel. gen und von den kritibchen Antorit&ten der neueren Zeit fast ausnahms- lo6 getilgt wurde, haben wir in jenem einleitenden Citat 1 , 3 das ein- zige Reflexionscitat der Quelle A.' Auch abgesehen yon diesem Eingang finden wir ubrigens ausgesprocheneCitateinAnoch Mr. 7^6. 7. 10. 11^ 17. \2, 10. 36. 14y 27; weniger besdmmt lauten Oie Stellen 2, 25. 26. 1 2y 19. 26 ; als blose Hinweisungen auf das Alte Testament konnen gel- ten die ^Uen 1, 44. 13^ 24. 15^ 34. Anspielungen, jedoch zum Theil mit Verdrangung des Citats erst durch Marcus^ stellen dar die Stellen 4, 12. 9, 44. 46. 48. 49. 10, 3. 6. 7. 19. 12, 29—31. 13, 14. Dass aber in ebenso bewusster Weise auch 1, 12. 3, 13 ff. 20. 21. 6, 17 ff. 7, 24 ff. 8, 11 ff. 9, 2 ff. 14 ff* 11, 1 ff. 14, 26 ff. 15, 1 ff. auf das Alte Testament hiiigezielt sei, ist Privatdogma der Wilke'schen Kritik ge- blieben (§. 32). $. 18. Me Vrsprache des erstea ETangeliiiMs. Die Beobachtung, dass der erste Evangelist, abweicbend von Mar- cus und Lucas, aus dem bebraischen Gnindtexte citirt, hat ^ielfach Einfluss geubt auf den Verlauf anderer Verhandlungen, die sich um die Frage drehen , ob unser Matthaus eine Uebersetzung aus dem Hebrai- schen sei. Es lasst sich nun allerdings nicht laugnen, dass diese An- nahme durch eine geschlossene Kette von Ueberlieferungen gehalten wird, insofem mit den Zeugnissen fur die Aechtheit auch die Nach- richt, dass Matthaus ursprunglich hebraisch, d. h. da die Kirchenva- ter diesen Unterschied nicht machten, in dem damaligen Landesdia- lekt, also aramaisch oder syrochaldaisch , geschrieben babe. Hand in Hand geh£. Schon Papias (vgl. S. 249) sagt hieruber : Mat&alog i^Qatdi dia- lixtq} TO Xoyia cvverd^aTOj ^Qiiijvevae d* avta wg ^v dwarog (Andere Tjdvvcno) hcaatog. Wenn man nicht gerade mitPaulus* oixi^QCttdi SiCLXi%%(f , d. h. das Gegen theil von Dem, was dasteht, lesen will, so wird man in diesen Worten das Vorhandengewesensein einer, vom Apo- stel Matthaus herruhrenden, bebraischen Schrift bezeugt finden. Denn dass Euseb den Papias einmal acpddqa a/^ixQOv tov vovv nenne, wird man im Emste nicht gegen die Glaubwurdigkeit jener Notiz beibrin- gen wollen, da der apostolische Vater sich diese Bezeichnung offenbar von wegen seines Chiliasmus verdient hat. * Wenn daher von der Seite das Zeugniss feststeht, ' so fragt es sich bios noch um die Bedeu- 1) Exegetisches Handbucb, I, S. 36. — 2) Credner, Einleitong, S. 90. — 3) Es handelt sich im betreffenden FaU bios um ein referre relata. Ein Mensch, der nicht einmal dazu Hdiig war, wflre in jener ersten Zeit schwerlich Biachof geworden« Die jenes Armuthszeugniss anfhebende Stelle des Euseb (3, 36 : ctvtiQ %a ndw^m Srt Digitized by VjOOQ IC Die Urspraelie des ersten Evangeliums. 265 tang des Zosatzes. Auoh hier stehen die Schleiermacher'schen und die LnckeWhen Deutungen sich gegenuber (S. 250). Jener bezieht das r^Qfiijvevae auf die Erlftuterung der Reden durch Einfugung dersel- ben in ihren geschichtlichen Rahmen. Aber contextmaseig kann aller- dings das Wort seine Erklarung bios aus dem k^Qatdt diaXhcrip em- pfangen and also bedeuten : es doUinetschte sie Jeder^ wie er dazu fabig war, was auf den Gebrauch gebt, welchen die griechischen Christen von der hebraischen Spruchsammlung des Matthaus machten. ^ Un* b^prundet und an sicb unwahrscheinlich ist es^ wenn Thiersch diese Nachricht b^os auf die mundliche Paraphrase^ bei der Vorlesung der Evangelien in den Gemeindeversammlungen yon Seiten der Lehren- den gegeben^ bezdeht;^ zum mindesten eben so gut kann das "^Qfii^vevas sich auf den Frivatgebrauch beziehen. Noch irriger aber ist es, wenn man sogar in den Sinn des Fapias die Erganzung verlegt hat, dieses Deuten habe so lange angehalten , bis Matthaus selbst in griechisch^ Sprache sein Evangelium herausgegeben , oder ein, mit seinem hebrai- schen Werke im Wesentlichen identisches, griechisches Evangelium kirchliche Geltung erhalten habe. * Nicht einmal das steht fest, dass in dem Aorist fjQfiijvsvae eine Andeutung darauf zu finden sei, dass zu Zeiten des Papias solche Privatubersetzungen nicht mehr nothig waren. Wurde Dies aber auch der Fall sein und wurde Papias dabei an unser erstes Evangelium gedacht haben, so geschah es auf keinen Fall so, dass er dasselbe etwa als ein Werk des Apostels Matthaus gekannt h&tte. Sonst wurde Papias es sicher angefuhrt^ und Euseb nicht unter- lassen haben, diese seine wichtige Nachricht mitzutheilen.^ Auch die anderen kirchlichen Schriftsteller , die in Bezug auf Matthaus sich im- mer auf Fapias stutzen , wurden Dies nicht so gleichmassig haben igno- riren kOnnen. Indessen ist, jene Auslegung des Aorists einmal zugege- ben, noch viel wahrscheinlicher, dass Fapias an sein eigenes, eben ent- stehendes, Werk dachte, in welchem jene I6yia des Matthaus Auf- nahme und Erklarung finden soUten. Jedenfalls aber will der Zusatz in dem Bericht des Papias uber Matthaus entweder sagen, dass von der Spruchsammlung des Apostels mehrere verschiedenartige griechische TJebersetzungen und Ausgaben bekannt waren, ^ oder er bedeutet, dass Jeder mit dem hebraischen Original so gut fertig zu werden suchte, als er es eben vermochte. * fidlioja Xoytoitatos xal rrjg yQaifrjg tMi^jutov) ist zu zweifelhafter Natur, um ebenfaUs angefohrt zu werden. — 1) Bleek: Einleitnng, II, S. 94. — 2) Versuch zur Her- steUung, S. 193, 222 ff. 348. Vgl. dagegen Bleek: Beitrfige, S. 170. — 3) So Thiersch, Ebrard, Guericke, M e y e r : Zu Matthftus, S. tl. — 4) Bleek: B^itrftge, 8.59f. — 5) Bleek: Beitrfige, S.60. Einleitung, II, S.95. — 6) Ebrard: WiasenBchafU. Kritik, 1842, S. 954 f. Digitized by VjOOQ IC 266 Viertes CapiteL Unabhangig von dem Zeugnisse des Papias ist die Nachridit des Eusebius^ wornach etwa um die Mitte des zweiten Jahrhunderts Fantanus das hebraische Evangelium (E^Qalwv yQafifiaac vijp tov Mot- ^aiov YQaqirjv) des Matthaus bei den Indem^ wohin es Bartholomaus gebracht habe y aufgefunden und mit sich nach Alexandrien genommen haben soil. ^ Allerdings ist damit wahrscheinlich eine hebraische Ur- schrift gemeint. ^ Aber die ganze Auffindungsgeschichte ist offenbar sa- genhaften CharakterSy wie schon der Name Indiens andeutet , worunter man indessen gewohnlich das sudliche Arabien versteht. InAlexandrien aber hat dann Niemand, auoh Eusebius und Hieronymus nicht, dieses merkwiirdige Original mehr gesehen. Gehen wir nun weiter herab, so begegnen wir bios noch Wieder- holungen der, von Fapias gegebenen, Entstehuiigsgeschichte ; nur dass hier und da einer noch seine eigenen Hypothesen beifugt. * Jeden- falls aber stimmen Irenftus^^ Eusebius,^ Cyrill von Jerusalem,* Epiphanius,^ Chrysostomus,^ Augustin^ und alte Hand- schriften und Uebersetzungen^® in der Anerkennung einer hebraischen Urschrift zusammen; schon Origenes^' beruft sich hierfur ausdruck- lich auf die Tradition , und Hieronymus*^ will den hebraischen Oxi- ginaltext bei den Nazarftem in Berda aufgefunden und abgeschrieben haben. Es war namlich in der katholischen Kirche allgemein die An- sicht verbreitet, der gelehrte Famphilus habe ein Exemplar des hebraischen Matthaus auf der Bibliothek zu Casarea niedergelegt, und> was unter den Nazaraern als evangelische Urkunde in hebraischer Sprache vorhanden war , d. h. das sogenannte Hebraerevangelium^ be- ruhe auf Abschriften jenes Originals. Wir durfen nun aber bios den Anfangs- und den Endpunkt dieser Tradition ins Auge fassen^ um uber ihren wirklichen Werth Licht zu erhalten. Denn, was das Zeugniss des Fapias betrifft, an welches die ganze spatere Beihe sich anschliesst, so bezieht sich dasselbe^ wie wir bereits gesehen haben, keinenfalls auf unseren Matthaus, sondem auf ein ganz anderes Werk des Apostels Matthaus, uber dessen wahr- scheinliches Verhftltniss zu unserem Matthaus eine fruhereUntersuchung entschieden hat (§§. 10. 15). Eine ahnliche Bewandtniss aber hat es mit der Entdeckung des Hieronymus. Wenn derselbe sich in be- kannter Orthodoxie der gangbaren Meinung anschloss, wornach das 1} K. G. 5» 10. — 2) Meyer (Zu Matthftus, 1858, S. 6), Bleek (Einleitoog, II, S. 95). — 3) Harless: Lucubr. S. 11. — 4) Haeres. 3, I. VgL Eusebius: Kirchengesch. 5, 8. — 5) K. G. 3, 24. — 6) Cat. 14.— 7) Haeres. 30, 3. — 8) HomU. I inMt., §. 3. — 9) De consensu ev. 1, 2. — 10) Credner: Einleitung, S. 73. — 11} Bei Eusebius: K. G. 6, 25. — 12) De yir. illust. 3. 36. Praef. in Mt. Digitized by VjOOQ IC Die Ursprache des enten EyangeliuniB. 267 Hebraerevangelium identisch sein soUte mit dem hebraischen Matthaus^ so geht doch schon aus den^ von Credner* zusammengestellten, Bmchstucken der Abschrift des Hieronymus und aus den andem noch Yorhandenen Fragmenten zur Genuge hervor, dass dieses aramai- sche Evangelium der Nazaraer mannigfach von unserem Matthans ab- weicht, und dass es in der That nichts ist^ als eine bearbeitende Ueber- setzung des griechischen MatlMus^ — eine Ueberzeugung , die sich auch in Hieronymus selbst mehr und mehr befestigte. ' Somit lautet zwar allerdings das ausnahmslose Zeugniss der vier ersten Jabrbunderte auf ein hebrikisches Original des Matthaus^ aber die erste dieser zeugenden Stimmen belehrt uns scbon hinreichend daruber^ dass von unserem griechischen ersten Evangelium bier gar nicht die Bede sein kann ; und die letzte fuhrt direct auf Resultate^ die nur dann bestehen konnten, wenn erstens das hebraische Werk desMatthaus identisch ware mit dem spateren Hebraerevangelium^ und wenn zwei- tens unser kanonischer Matthaus den Charakter einer Uebersetzung an sich truge. Jenes glaubt Hieronymus selbst nicht und beweist es mit den noch ubrigen y apokryphischen Charakter tragenden ^ Resten seiner Uebersetzung; dieses aber ist voUends unmoglich. Die altprotestanti- 8che Theologie war daher auf der richtigen Fahrte , wenn sie die alte 1) Beitrttge, I, S. 395-399. ^ 2) Da die Untersuchung aber das -Hebraerevange- lium unserer Aufgabe fern liegt , so bemerke ich hier nur » dass mir die Grttnde, die zuletztBleek (Einleitung, n, & 97 f. 103 — 109} zusammengesteilt hat , unwiderleg- lich scheinen. Selbst darin hat er Recht, wenn er im Anschluss anPaulus, Fritz- sche, Credner den Tielbesprochenen filius magistri eorum erklfirt als wCrtliche Uebertragung des griechischen Baqa^pav Mt. 27, 16 (Beitrfige, S. t>l f. Einleitung S. lOS). Auch wenn die lateinische Uebersetzung gar nicht imSinne der Nazariler gele- genh&tte, sondemvon Hieronymus selbst herrtlhren sollte, masste dieser doch pn^ gelesen ha ben, woraus herrorgiiige , dass der Name des Barrabas, der im griechischen Zusammenhang nur im Accusativ Torkommt, auch in derselben Accusativform in das Hebrfterevangelium Qbergegangen ist. Mag sich dann daran immerhin die, yon Meyer (Zu Matth&us, S. 17} statuirte, exegetische Deutelei angeschlossen haben, magdieselbe sogar vom Uebersetzer schon beabsichtigt gewesen sein , immerhin setzt sie den grie- chischen Text als Anhaltspunkt ihrer Entstehung yoraus. Vgl. im XJebrigen noch K58t lin , S. 122 ff. — 3} Man ygl. die Stellen : Comment, ad Mich. 7 , 6. ad Mt. 6, 11. 12, 13. 27, 16. De rir. illust. 2 u. 3. Contra Pel. 3, 2 und hierzu Credner: Bei- tiflge, I, S. 390 ff. Zwar will Meyer (S. 15} aus De yir.ill. 3 herauslesen, dass Hie- ronymus zwei Werke gefunden habe, einen hebrftischen Matthftus imd ein Hebrfter- erangelium. Aber die erhobenen Einreden erledigen sich , sobald man nur den allmft- ligen Fortschritt in dem besseren Verstfindnisse des Hieronymus beachtet. Nir- gends spricht er aber day on, dass in Cftsarea zwei MatthAuseyangelien Ifigen , ein wirk- liches und ein angebliches, noch sagt er jemals , wo er schlechtweg yom evangelium, quod hebraicis Uteris scriptum est, spricht (z. B. ep. 120 ad Hedibiam}, welches yon beiden er meine. Digitized by VjOOQ IC 268 Viertes Capitel. Tradition kahn verwarf und die griechische Originalitfit uneers Evange- liums zu einer Art von Dogma erhob. * Zwar haben dann namhafte Ge- lelirte* sogar Uebersetzungsfehler aufgefuhrt, welche jedoch lediglich in der Einbildung ihrer Entdecker bestanden.* Seitdem besonders ein so eifriger Jager anf Uebersetzungsfehler, wie J. D. Michaelis,* durch seinen Streit mitMasch* die Aufraerksamkeit der Gelehrten wieder der Sache zugewandt hatte, fand zwar die alte Tradition immer noch eine Reihe von Anhangem, • ja es tauchte sogar der Gedanke auf, der Apostel konne sich selbst eigenhandig oder fremdhandig tlbersetzt ha> ben'^ — ein Gedanke, der sogar mit der altkirchlichen Tradition, der er dienen will, streitet. ® In neuerer Zeit aber ist mit siegreichen Grdn- den erwiesen worden , dass unser Evangelium so, wie es vor liegt, die unmittelbare Uebersetzung einer aramaischen Schrift des Mattbaos nicht sein kann. So Schubert, •Hug,*® Paulus,*' Fritzsche,** Thcile,** Buslav,** Grawitz,'" Schott, *• Credner, '^ Neudecker,*® Baumgarten-Crusius,*® Wilke,*® Harless,^' De Wette,** Reuss," Bleek,** Ewald,»» Weiss,** Ritschl,*' Kostlin,** 1) Credner: Einleitung, S. 7S ff. — 2) Richard Simon, Mill, J. D. Mi- chaeliB, Bolten, Bertholdt. Eichhorn: I. S. 167 f. 19S. 281 f. 517. — 3} Schubert: Dissertatio qua in sermonem Matthaei inquiritur, S. 30. — Paulas: Conservatorium, S. 30 ff. — 4) Einleitung, II, S. 947 ff. — 5) Grundsprache des Evangeliums Matth&i, 1755. — Sein Hauptvorgftnger ist Wetstein (N. T. I, S. 224). — 6) Marsh, Storr, Corrodi, J. E. Ch. Schmidt, Reimarus, Hftnlein, Eichhorn, Bertholdt, Ziegler, KuinOl, Gratz, Meyer: Zu Matthftus, 1860, S. 8 f. — 7) Schwarz (Soloecismi discipulorum Jesu, 1730, S. 49), Bengel (Gnomon, S. 3), Schott (Isagoge, S. 69), Orelli (Selecta patrum capita, 1S21, S. 10 — denkt wenigstens an zwei Schtller des Matthftus), Guericke (Bei- trftge, S. 36 ff. Einleitung, 2. Ausg. , S. 115), Olshausen (Biblischer Commentar, I, S. 11 f.), Ebrard (Kritik, S. 946 ff. 2. Ausg., S. 780 ff.), Thiersch (Stand- punkt der Kritik, S. 193), Lange (Leben Jesu, I, 1844, S. 159 ff.). — 8) Hieronj- mus: Be yir. ill. 3 : quod quispostea in Graecum transtulerit, non satis certum est. Spilter hat Pseudoathanasius auf Jakobus, Theophylakt auf Johannes gera- then. Vgl. Bleek: Einleitung, II, S. %. — 9) Dissertatio, qua in sermonem, quo evangelium Matthaei conscriptum fuerit, inquiritur, 1810. — 10) Einleitung, II, S. 16ff. — 1 1 ) Introductio, S. 279. Conservatoriiun, S. 159 f. — 12) Eyangelium Matthaei recen- suit, S. 18 ff. — 13) Winer und Engelhardt: Kritisches Journal. 1824, II, 8. ISl ff. 198 ff. 346 ff. — 14) Dissertatio de lingua originali erangelii Matthaei, 1826. — 15) Sur la langue originale de St. Matthieu, 182?. — 16) Isagoge, S. 68 ff: — 17) Einleitung, S. 92 ff. — 18) Einleitung, S. 200. — 19) Commentar zu Matthftus, 8. 23. — 20) Urevangelist, 8. 692. — 21) Lucubrationes evangelia canonica 8pe<^an- tes, 1841. — 22) Einleitung, II, S. 198 ff. — 23) Geschichte, 8. 183 ff. — 24) Bei- trftge, S. 62. Einleitung, II, 8. 109. 273. — 25) Jahrbttcher, II, 8. 214.— 26) 8. 86 ff. — 27) Theol. Jahrbttcher, 1851, 8. 536 ff. — 28) Evangelien, 8. 43. Digitized by VjOOQ IC Die Ursprache des ersten ErangeliuniB. Hilgenfeld,* Delitzsch;* und wenn Andere, wie Klener,* Sieffert,*Baur* noch von einer Uebersetzung sprachen, so verstan- den sie darunter nur eine sehr entfernte Uinarbeitung. Von nur ephemerer Bedeutung war derEinfall, eine unmittelbare Uebersetzung des apostolischen und hebraischen Matthaus in der Hand- schrift nacbweisen zu woUen, welcbe, aus den Klostern der nitrischen Wuste stammend, bedeutende Stucke aus Matthaus und Lucas nach einer bisher unbekannten syrischen Uebersetzung enthalt, die wahr- scheinlich alter als die Peschito ist.' Indessen hat Ew aid in einer Ab- handlung, die auch Hilgenf eld's ganzen Beifall findet/ dargethan, dass die neugefundene Uebersetzung auch bei Matthaus aus keinem an- deren Texte, als aus unserem griechischen, gefertigt ist. ® Heutzutage steht die griechische Originalitat des ersten Evange- liums fest. Zwar hat es auch auf Seiten ihrer Vertheidiger nicht an un- brauchbaren Argumcnten gefehlt ; ® aber schon die Wortspiele reden deutlich; wenn auch 16, 18 keineswegs nur im Griechischen mSglich sein mag. Wohl aber darf man sich berufen auf das ag)avl^ovocv OTTtog gxxvwaiv (6, 16) und auf xa/.ors xaxatg (21, 41). Vgl. auch Ausdrucke wie ^OTToXoyeiv und nokvkoyia 6, 7. Undenkbar ist es auch, dass ein Hebraer das Wort ni-^ in mannlicher Personification habe erscheinen lassen, wie nvBVfia ja vielfach in Kreisen, auf welche der vorausgesetzte hebraische Matthftus berechnet gewesen sein mtlsste, als Mutter oder Schwester Jesu erscheint. *® Hauptsachlich aber spricht das dargelegte Verhaltniss der Citate (§. 17) fur die Originalitat." Denn die Regel- mtoigkeit, womit Citate aus dem Urtext und solche aus LXX abwech- seln, schliesst den Gedanken einer Uebersetzung schon an sich aus, ab- gesehen davon, dass ein Uebersetzer entweder den hebraischen Text, der ihm vorlag, wiedergegeben, oder sich mechanisch an LXX gehalten hatte. Was Meyer dagegen vorbringt,** beruht auf den, bereitsS. 239 f. widerlegten, Ansichten Delitzsch's uber die Citate. Auch fragt man billig: warum hat sich der hebraische Urtext, wenn er existirte, nicht nachweisbar bei den palastinensischen Juden erhalten? Zum mindesten ist es darum heutzutage fur Jeden , der sich noch der verbrauchten An- I) Evangelien, S. 115 f.— 2) Zeitschrift fOr lutherische Theologie, 1850, S.462ff. 466 ff. — 3) Kecentiores de authentia Matthaei quaestiones, 8. 16 f. — 4} XJrsprung des ersten kanonischen Eyangeliums, S. 34 ff. — 5) Evangelien, S. 574 ff. — 6) Cu- re to n : Kemains of a yery ancient recension of the four Gospels in Syriac, 1858. — Christianus: Der Ursprung der Eyangelien, S. 11 ff. — 7) Zeitschrift far wissen- schaftliche Theologie, 1861, S. 198. — 8) Jahrbticher, IX, 8.69 ff.— 9) Vgl. Meyer (Zu HatthAus 8. S f.) und Bleek's Retractation (Einleitung, II, 8. 273}.— 10} Cred- ner: BeitrSge, I, 8. 402 f. Einleitung, 8. 93. — 11} Vgl. Bleek: Beitrflge, S. 58. — 12) Zu Matthftus, 8. 9. Digitized by VjOOQ IC 270 Viertes CapiteL sicht bedienen woUte, unvermeidliche Nothwendigkeit, den griechi- schen Matthaus nicht bios als eine Uebersetzung, sondern auch als Be- arbeitung des hebraischen Evangeliums anzusehen ; darauf kommt am Ende in concrete auch Meyer hinaus, wenn er die Uebersetzung unter Benutzung der andern Synoptiker — richtiger : unter zum grossen Theil wortlichem Anschlusse an dieselben — entstanden sein lasst. * Fur uns aber ist die Frage nach der Ursprache des ersten kanonischen Evan- geliums ofanedies schon entschieden durch den Nachweis der Quelle A. Dass diese griechisch war, geht schon aus der wortlichen Uebereinstim- mung, in welcher sie bei den drei Synoptikern ofters zu Tage tritt, un- widerleglich hervor. Die Annahme, unser Matthaus sei eine Ueber- setzung, wurde daher unser ganzes wohlbegrundetes Resultat durchweg zerstoren. Wir weisen sie um so entschiedener ab, als auch die inneren Grunde, die man fur eine Uebersetzung geltend gemacht hat, ohne alien Belang sind. Anders scheint es mit den aussem. AUerdings be- finden wir uns hinsichtlich der Grundsprache des ersten Evangeliums im Falle, der gesammten Tradition widersprechen zu mussen. Aber auch mit dieser Tradition werden wir uns vollig auseinander gesetzt haben^ wenn nicht bios die UnmOglichkeit ihres Inhaltes, sondern auch die Mcglichkeit ihrer Entstehung deutlich geworden ist. Es gibt aber Grunde, die hierfur voUkommen ausreichen: 1) Der Apostel Matthaus hat wirklich ein hebraisches Werk ge- schrieben, die Xlyia. 2) Bei Schriften , die, wie unser Matthaus , ihre Bestimmung fur glaubige Juden an der Stirn trugen, war es herkommlich, dass man ihnen hebraische Urschriften unterlegte. * Eine solche schwebte dem Clemens von Alexandrien sogar in Bezug auf den Hebraerbrief vor. • 3) Die Kirchenvater wussten von der, bei den Nazaraem vorhan- denen, aramaischen Bearbeitung des Matthaus. Da sie die Entstehungs- verhaltnisse dieses Hebraerevangeliums nun nicht kannten, und erst Hieronymus dasselbe uberhaupt naher untersuchte, lag es nahe, die hebraische Schrift, von der Fapias redete, in jenem Hebraere^nge- lium wiederzufinden.* 4) Auf die Benennung des ersten Evangeliums nach Matthaus hat wahrscheinlich die Thatsache Einfluss geubt, dass das wirkliche, hebrai- sche Werk des Apostels darin seine Verarbeitung gefunden hat (§. 20).* 5) Glaubte man uberhaupt an die Existenz zweier nach Matthaus benannter Schriften , so war es das naturlichste, in der aramaischen das Original werk zu vermuthen. 1) Meyer: ZuMatthftus, S. 9. — 2) Hilgenfeld: Evangelien, S. 119 f. — 3) BeiEusebius: K. G. 6, 14. — 4) Weiss, S. 87. — 5) Weisse: ETangelien* frage, S. 142. Digitized by VjOOQ IC Der Sprachcharakter der Synoptiker. 27 1 $. 19. Ber Spracheharakter iler Syaaptiker. I. Allgemeines. Am deutlichsten vielleicht lasst sich das Ver- haltniBS der drei Evangelisten zu einander und zu ihren Quellen dar- stellen^ wenn wir schliesslich ihre stylistischen Eigenthumlichkeiten untersuchen. Hier vor Allem thut freilich Voreicht Noth. Denn soil der Grundsatz, dass der Styl der Mensch ist, richtig verstanden und richtig angewandt werden , so darf er nur gelten von den bleibenden^ in jeder Stinunung und bei jedweder Art von Darstellung gleich m6g< lichen, Eigenthumlichkeiten. Es wird also besonders auf solche Ele- mente des Ausdrucks und der schriftstellerischen Manier ankommen, viorin sich das eigenthumliche Geisteswesen des Schreibenden offen- bart^ zugleich aber auch auf alle die Constructions- und Kedeweisen^ sowie auf alle die eigenthumlichen Worte , welche sich der Mensch aus dem allgemeinen Sprachvorrathe heraus nach und nach zugeeignet und behufs der Bezeichnung seiner eigenen origin alen Gedanken auserwahlt hat ' Hat man sich in dieser Beziehung erst sicherer Normen und Ana- logien bemachtigt, so wird man auch die verschiedenen Quellen^ aus deren Zusammentrefien der Fluss der Darstellung erwachsen ist, und damit auch die jeweils verschiedenen Strom tiefen der Originalitat leich- ter nachzuweisen und zu bemessen vermogen. Aber erst in neuerer Zeit hat man diesem entscheidenden Punkt, dessen Erfors<;hung freilich auch den muhevoUsten Theil des ganzen Geschaftes bildet^ die gebuhrende Aufmerksamkeit geschenkt. Denn die Anstrengungen eines Wetstein,* Van Willes,* Joh. Daniel Schulze,^ David Schulz* waren theils von wenig Bedeutung, blie- ben aber jedenfalls vereinzelte und fragmentarische Ansatze. Bahnbre- chende Verdienste auf unserem Gebiet erwarb sich der sachsen-alten* burgischeLandpfarrer Christ oph Gotthelf Gersdorf, von Gries- bach aufgemuntert. Sein Werk* liefert fur unsere synoptischen Evan- gelisten eine nicht unansehnliche Ausbeute. Zum erstenmal setzte er sich das ausschliessliche Ziel vor Augen, zu beobachten, was den Einen von dem Andern unterscheide sowohl im Gebrauche oder Nichtge- brauche gewisser Worter, Wortformen und Phrasen, wie auch in der 1) Die Erangelien, ihr Geist u. s. f. S. 265. -- 2) Novnm Testamentum, I, S. 551 . — 3} Specimen hermeneuticum de iis quae ab ono Marco sunt narrata, ISM. — 4)»Ueber den schriftsteUerischen Charakter und Werth des Marcu8« beiKeil und TiBchirner: Analekten, II, 2. ISIJ. S. 104—151. II, 3, 1S15, S. 69—132. Ill, 1, 1SI6, 8. 88 — 127. — 5) Wachler: Theologisches Journal, JS17, S. 940ff. — 6) Bei- trlge zur Spraoh-Charakteristik der Schriftsteller des Neuen Testaments, eine Samm* lung meist neuer Bemerkungen, I, 1816. — Der zweite Theil konnte nicht erscheinen. Digitized by VjOOQ IC 272 Viertee Capitel. Bedeutung, Stellung, Verbindung und Aufeinanderfolge derselben. Dabei hatte er aber auch da8 riobtiggte Urtheil uber die weitgreifende Bedeutung dieser scheinbaren Kleinigkeitskramerei; und es verdient heute noch wiederholt za werden, was Gersdorf der, leider nur allzu- lang berrschend gebliebenen, Verachtung solcber Studien gegenuber sagt: sKleinigkeiten sind es^ wodurcb man in den Stand gesetzt wird, die Scbriftsteller des N. T. genaoer zu unterscbeiden^ das Aechte vom Un&cbten in ibren Scbriften scb&rfer zu trennen und sicb durch Interpolationen und Glosseme nur scbwerlicb tauscben za laaeen. « £r wusste^ Ddass Dasjenige, welcbes man die Scbreibart eines Menscben nennt^ eine Zusammentreffung von tausend feinen Dingen sei^ und dass es wunderbar scbwer sei, AUes zugleicb nacbzuabmen. « »Die bobere Kritik ist das unnutzeste Ding von der Welt, wenn sie nicbt, sie mag nun entweder bisber gultige Scbriften fiir unacbt erklaren, oder bisber ungultige fur acbt, vomamlicb durcb ein sorgfaltigee Sta- dium der Sprachcbarakteristik geleitet wird« a' Bei dem Mangel an Hulfsmitteln und der, anfanglicb unuberseh- bar scbeinenden, FuUe des Stoffes, besonders aber bei den elementaren Vorstellungen , die Gersdorf von den Verwandtscbaftsverbaltnissen der Synoptiker besass, ist es begreiflicb, dass er nicbt bios sebr Vieles fur cbarakteristiscb ansab, was keineswegs darauf Ansprucb macben kann, es zu sein, sondern aucb dass er mancbe Eigentbumlicbkeit bloe als die des MattbSlus oder des Lucas auffasste , die vielmebr auf Recb- nung des Marcus oder der Quellen zu setzen ist, wie sicb Dies Gers- dorf selbst aucb nicbt verbeblt: »Aucb Mancbes von Dem, was den drei ersten Evangeli^ten oder nur zweien von ibnen gemein ist, darf ursprunglicb als Eigentbumlicbkeit eines Einzigen angeseben werden. «' Immerbin bedurften die ordnungslos zusammengetragenen Mate- rialien Gersdorfs einer, mit ricbtigerer Wertbscbatzung der kriti- tiscben Autoritaten vorgenommenen, ' strengen Sicbtung. In dieser Be- ziebung bat sicb, nacbdem aucb Koster* und De Wette* die Sache berubrt, ein weiteres Verdienst Credner erworben, wenn auch fiei- licb seine meist aus Gersdorf gemacbten Zusammenstellungen zu un- voUstandig, compendiariscb, bier und da aucb ein wenig ungenaa, for unsere Zwecke aber um des Mangels der Farallelstellen willen ganz un- zureicbend sind.^ Ganz ist diese Seite der Sacbe scbon von Scbleier- macber vemacblassigt worden,^ wie sie denn namentlicb auch die 1) S. 13 — 15. -^ 2) S. 11. — 3) Vgl. Fritzsche: Ev. Matthaei rencensuit» S. 850 f. — 4} Immanuel, 1S21, S. 72 ff. — 5) Studien und Kritiken, tS28, S. 789 — 791. — 6} Einleitung, 1S36| S. 63-67. 102—105. 132—142. — 7) Briefweohsel mit Gas8, S. 140. — Auch seine i*£inleitung«( S. 367 ftussert sioh hierdber keineswegs befriedigend. Digitized by VjOOQ IC Der Sprachoharakter der Synoptiker. 273 schwachste Partie in der sogenannten Tendenzkritik bildet. Nur aus weit gehender Nichtbeachtung des philologischen Theils der Arbeit kann es erkl^ werden, wie trotz aller, augenscheinlichen oder tiefer liegenden , Indicien des Styls und Wortvorraths ein, in der Phantasie aufeteigendee, Tendenzphanomen hinreicht^ um kurzer Hand auseinan- derzuschneiden ^ was sprachlich gar nicht zu trennen ist^ und zusam* menzuschieben^ was sich fliehen muss; oder wenn gelegentlich doch hier und da beinerkte Eigenthiimlichkeiten in sprachlicher Beziehung mit raschem Witz aus dem Lexikon der Parteisucht erklart werden, ohne dass man es nur der Muhe werth findot, sie noch ein Paar Schritte weit zu verfolgen, um aus anderen Stellen die Probe zu machen. Selbst Baur sind in dieser Beziehung arge Versehen begegnet. Er bemerkt, dass in den funf Capiteln Lc. 5 — 9 einigemal die Anrede iTtiarara Yorkommt. Nun werden wir aber das Wort iTtiOTcctrjg als einen von den vielen, dem Lucas eigenthumlichen, AusdrUcken kennen lemen, durch welche er die Sprachfarbe von A variirt hat ; und zwar kommt inland' trjg bei Lucas 4mal vor an der Stelle des diddaxaXog oder ^Pafi^l in A, aber auch sonat noch 2 mal in freien Bildungen des Lucas. Es hat da- mit so wenig etwas Besonderes auf sich , wie etwa mit der andern Ei- genthumlichkeit, dass Lucas das galilaische Meer Xifivrj, und nicht ^cr- Xaaaa nennt. Baur aber, nachdem er eben die gleichfalls irrige (§. 25) Ansicht vorgetragen , dass Lucas die zwolf Junger bei jeder Gelegen- heit zu degradiren suche, ist flugs bei der Hand, auch durch jenen Ausdruck ein Verhaltniss bezeichnet zu finden, »in welchem die Zwoli Jesu, als einem ihnen noch innerlich fremden Gebieter, wenn nicht in knechtischer Furcht, doch in scheuer Ehrfurcht gegenuberstanden. « * Aehnlich spurt Hilgenfeldin dem oiiuTia 7t€g)ifi(oao Mr. 4, 39 einen bezeichnenden Fortschritt aus uber die Einfachheit des Matthaus hin- aus. * Wir werden aber sehen , dass die, neben die Affirmation hinzu- tretende, Negation ein wiederkehrendes Merkmal der ursprunglichsten Darstellung ist, wie es sich besonders bei Marcus, in einzelnen Fallen aber auch sonst noch erhalten hat. Dass solche Versehen den Meistem begegnen konnten, thut ihrem Buf keinen Eintrag. Dass aber bis zur Stande es nicht an Solchen fehlt, die in derartigen kuhnen Griffen den Triumph einer »acht geschichtsmassigen Auffassung des Urchristen- thumsa erblicken, ist ein Uebelstand, dem erst dann abgeholfen werden wird, wenn die Historiker vom Fach noch mehr, als bis zur Stunde der Fall ist, eingesehen haben werden, dass die Erforschung des Urchri- stenthums einen ungleich schwereren gelehrten Apparat erfordert , als er aus allgemeinen Ideen von Mythus und Tendenzliteratur zu gewin- 1) Eyangelien, S. 469. — 2) Evangelien, S. 131. UolUmanii. 1 8 Digitized by VjOOQ IC 274 Viertos CapiteL nen ist. — Uebrigens hat Zeller das Seine gethan ^ urn diesen wun* den'Fleck der Tubinger Arbeit zu decken. So unzureichend seine Er- drterungen uber den Sprachcharakter des Marcus noch sind , so hat er doch nach dem Vorgang May-erhoffs* aufs sorgfaltigste den dritten Evangelisten, dessen paulinische Sprachfarbe schon der osachsische Anonymusa erwiesen hatte,^ behandelt und die Untersuchung uber diesen Theil unserer Aulgabe im Wesentlichen beschiossen*' Denn was spater Lekebuschin dieser Beziehung geleistet hat^ kommt desshalb fur uns kaum in Betiacht, weil der ganze Katalog bios im Intereese der Apostelgeschichte in ihrein Verhaltnisse zum £vangelium> nicht aber des Evangeliums in seinein Verhaltnisse zu den tlbrigen Synoptikem gefertigt ist. * Noch darf nicht ubergangen werden das bedeutende Verdienst, das sich Wilke auch in dieser Beziehung erworben hat. £r hat durch eine^ die drei Texte Abschnitt fiir Abschnitt verfolgende, muhsame Untersuchung das, von Gersdor f eigentlich nur auf die beiden ersten Capitel des Matthaus und Lucas ausgedehnte, Werk vollendet und die schriftstellerische Selbststandigkeit der drei Evangelisten zur Evidenz erhoben. Die sprachvergleichenden Bemerkungen durchziehen ubrigens sein ganzes Werk und sind hochst schatzbar. ^ Nimmt man nun noch hinzu, was Hitzig, indem er das zweite Evangelium mit der Apoka- lypse vergleicht, zugleich in Beziehung auf Wortvorrath, Spracbge- branch und Syntax des Marcus, ® was andererseits Weiss in letzter Zeit zur Charakterisirung des Abhangigkeitsverhaltnisses zwischen Mat- thaus und Marcus geleistet hat,' so gewinnt man einen Ueberblick uber die reichlichen Vorarbeiten, wodurch aber unsere eigenen nachtraglicben Forschungen keineswegs uberflussig geworden sind; schon desswegen nicht, weil gerade die genauesten und ausfuhrlichsten dieser Arbeiten die Sache in einem anderen Interesse, als dem der Aufklarung der synoptischen Frage behandelten. Ueberhaupt aber konnen unsere eigen- thUmlichen Behauptungen uber das synoptische Verhaltniss nur Stand halten, wenn sie sich, als durch eine genaue philologische Untersuchung begrundet, ausweisen. Als eine Probe fur unser ganzes Resultat reihen wir demnach die 1) Einleitung in die petrinischen Schriften, 1835, S. 22—29. — 2) Die Erwige- Uen, ihr Geist, ihie Yerfasser u. s. f. S. 259 ff. — 3) Theologische JahrbAoher, 1S4J, S. 445 ff. 527 ff. 1851, S. 96 ff. 254 ff. Das Wesentliche bezOgUch des Lucaa ist »- sammengcfasst in dem Werk : Die Apostelgeschichte nach ihrem Inhalt und Ur^nmg kritisch untersucht, 1S54, S.3S7-399. 414-425. — 4) Composition und Entstehunf der Apostelgeschichte, S. 37 — 74. — 5) Vgl. ausser dem nUreyangelisten* (fast auf jedei Seite) noch seine »Neutestamentliche Rhetorik,« 1843, S. 435—459. — 6} Job. Mar- cus, S. 67 - 117. - 7) S. 57 ff. 66. Digitized by VjOOQ IC Der SpracbohaMtkter det Synoptiker. 275 folgendeii Untertachungen uber den Sprachgebrauch hier ein; und swar wird rich daraus ergeben : 1) Da«8 alien drei Synoptikern die Quelle A, dem Matthaus nnd Lucas fibei^iies noch die Quelle A zu Grunde liegt, welche beide Quel- len besondere Sprachgebiete darstellen. 2) Da86 aber tiberdies jeder einzelne Evangelist seinen eigenen Styl hat, welcher sich gleichmassig durch Erzahlungen, wie durch Reden rieht. Beide Partien sind also gleichmassig bearbeitet ; und zwar zeigen auch hinsichtlich der Reden am meisten schriftstellerische Th&- tigkeit Matth&us und Lucas , welche die beiden Hauptquellen combi- niren. 3) Dadurch ist die altere Meinung beseitigt, als seien die Synop- tiker blose Copisten eines tJrevangeliums ; vielmehr sind sie Bearbeiter init selbststandigem Sprachgebrauch. Keiner gibt die Quelle A oder A ohne Weiteres wieder. 4) Insonderheit ist hiermit zu Fall gebracht die Griesbach'sche Hypothese, da sonst der Epitomator die schriftstellerischen Eigenthum- lichkeiten des Matthaus und Lucas bis in's minutioseste Detail herein immer consequent aufgespurt und ausgelassen haben masste. 5) Aber auch von einer blosen Aneinanderreihung von Denk- schriften kann nicht mehr die Rede sein. Vor Allem also ist das dritte Evangelium nicht aus verschiedenen Diegesen componirt, wie Schlei- ermacher woUte. Selbst Ew aid's kunstliche Quellentheorie schei- tert an einer genaueren philologischen Untersuchung, die ergibt , dass die Quellen nic unverarbeitet blieben, sondern eine weit gehende Selbstst&ndigkeit der Redaction anzunehmen ist. 6) Gibt es schriftstellerische Eigenthumlichkeiten im Detail des Ausdrucksy so werden wir auch berechtigt sein, solche anzunehmen be- zuglich der Anordnung des StofTes , ja des Inhaltes selbst. Wir werden hier besonders solche Falle von Bearbeitung der Quelle A verzeichnen, die auf besonderer geistiger Organisation, auf eigenthumlicher Weise, sich einen Vorfall zu vergegenwartigen, oder Gelesenes aus dem fri- •chen Geclicfatniss zu nsproduciren, beruhen. II. Vergleichung der parallelen Texte. Eine eingehen- dere Vergleichung der Sprache und des Ausdrucks lasst unsere Synop- tiker der Hauptsache nach als Variationen einer und derselben Quelle erscheinen, und zwar lassen diese Abwandlungen sich in Folgendem nachweisen : 1) Wechtel synonymer Auadrucke, z. B. in der Parabel vom S&e- mann hat Marcus aaxava^ (wie hier und da auch die Andem), Matthaus r^orf]Q6g, Lucas did^olog (wie hier und da auch Matthaus) ; femer Mar Digitized by VjOOQ IC 276 Viertes CapiteL cus ol aneiQOfieyoiy Matthaus 6 onaQalg^ Lucas %a neadv. Oefters be- ruht dieser Wechsel auf Reflexion, wie z. B. Marcus 10, 29 von Resig- nation Sv€K€v €fxov xal Tov BvayyMov die Rede ist , wahrend Matthaus 19, 29 setzt ^ve-Kev xov ovofiaTog fiov^ Lucas 18, 29 JV^x^ t^g fiaai- keiag tov d^eov. 2) Wechsel in der Wahl der Bezeichnung von Personen. So gleich ^Irjaovg XQioxdgy der spatere solenne Name, findet sich zwar in der Apostelgeschichte haufig , aber doch nicht einmal bei Lucas, so weni^ wie bei den andern Synoptikern (Mt. 1, 18 ist Variante), abgesehen von dem, den spatereu Standpunkt des Erzahlenden verrathenden, Titel Mr. t, 1 = Mt. 1, 1. Sonst sagt A, und sagen die Synoptiker in der Regel o ^Irjaovg. Nur dann bleibt der Artikel weg, wenn ^Itjoovg durch einen Zusatz naher bestimmt wird, z. B. Mr. 1, 9. 10, 46. 16, 6. Von dieser Regel weicht aber Matthaus hier und da einmal ab , wie 26, 5 1 , was sich wenigstens 29, 30 erklart aus der Weglassung von 6 Na^aQfj- I'd^ Mr. 10, 47 ss Lc. 18, 37. — Ausser 6 */i/<7oi;g gebraucht ubrigens A hier und da auch 6 XgiOTog als Amtsnamen, Mr. 8^ 29 = Mt. 1 6, 1 6 = Lc. 9, 20. Mr. 12, 35 = Mt. 22, 42 = Lc.20, 41, welchen Sprach- gebrauch Matthaus sich angeeignet hat, vgl. 1, 17. 18. 2, 4. 11, 2. £r geht aber noch uber die Ausdrucksweise von A hinaus, indem er die Composition hildet'Irjoovg bkeyofxsvog Xqioxog 1, 16. 27, 17. 22 — wie andererseits Lucas die Bezeichnung 6 xv^io^, was bei den Andern nur in der Rede vorkommt, auch in die Geschichtserzahlung eingefuhrt hat, vgl. 7, 13. 10, 1. 11, 39. 12, 42. 13, 15. 17, 5. 6. 18, 6. 22, 31. 61. Wie aber Matthaus aus A sich die Bezeichnung b X^andg angeeig- net hat , indem er den Amtsnamen in einen Eigennamen umwandelte, so thut er auch mit dem Ausdrucke 6 viog Javld^ der in A selten, und stets genau'motivirt, vorkommt Mr. 10, 47. 48 = Mt. 20, 30. 31 = Lc. 18, 38. 39. Mr. 12, 35. 37 = Mt. 22, 42. 45 = Lc. 20, 41. 44. Dies wird aber bei Matthaus zum Lieblingsausdruck, vgl. 1, 1. 20. 9, 27. 12, 23. 15, 22 (nicht Mr. 7, 26). 21, 9 (nicht Mr. 11, 9 =« Lc 19, 38). 15. Petrus, mit oder ohne Artikel, heisst in A constant 2ifimv bis 3, 16, dann mit der charakteristischen Ausnahme 2i(i(ov xad^evdeig 14, 37 immer Petrus, wahrend Lucas abwechselnd Ilit^og sagt und JSifiwv. ' Matthaus aber hat den letzteren Namen nur 17, 25, sonst aber auch Sifiwv 6 Xeydf^evog IlhQog 4, 18. 10, 2 und einmal 16, 16 Sifnof nhQog. 1) Die Unterscheidung Zeller's (ApoBtelgeschichte , S. 441) Iftsst sich nidit durohfOKten, da Lueas fast immer in der Beneimung des AposteLs Ton seiner Quelle abhftiigig ist. Digitized by VjOOQ IC Der Sprachcharakter der Synoptiker. 277 In der Bezeichnung der Junger wechseln Matthaus und Marcus mit den Benennungen ol dtidena (besonders Marcus) , ot dcidexa jua- &fjtaiy oi ^ia&rjral, dagegen hat jeder nur einmal den Ausdruck a/r^- atoloi (Mr. 6, 30. Mt. 10, 2), den wir dafur Lc. 6, 13. 9, 10. II, 49. 17, 5. 22, 14. 24, 10 aufgenommen finden. 3) Wechsel in der Stellung, die ein bestimmtes Wort im Satzge- fiige einniinmt, woraus unter Umstanden geradezu eine Umstellung der Perioden folgt. Die gemeinsame Opposition je der beiden Andern ge- gen den Dritten beweist, dass wir es hier mit Resultaten individueller Textbearbeitung zu thun haben. So hat Lucas 8, 12 das acQSi ror loyov mit ajio T^g naQdlag avtwv verbunden, wahrendAMr. 4, 15 = Mt. 13, 19 za Tov Xoyov den Zusatz %ov iarraQfievov elg ctvtovg hatte; femer hat er in der eschatologischenRede aus dem eig ftiaQTVQiov avto7g A Mr. 1 3, 9 =s Mt. 24, 14 den Satz gemacht 21, 13 aTtofii/jaeTai di v/ih eig ftiaQ- tvQiavy und das Stav di vdrjze %6 ^dilvyfia tfjg iQt]f.u6aewg A Mr. 13, 14 =s Mt. 14, 15 kommt 21, 20 wieder in dem 8rav di Xdrp:B — yvwtB Sti rjyyixev ij iqrjfjiwatg zum Vorschein. For Umstellung von ganzen Satzen aber vgl. Lc. 8, 21 , wo die Folge A Mr. 3, 35 = Mt. 12, 50 fiaxig Sv noifj — ovtog ia^civ invertirt ist in ovtoL sloiv ol noiovvteg. — Aehnlich verfihrt aber auch Matthaus, wenn er 12, 4 roig juer* avtovj das A Mr. 2, 26 =» Lc. 6, 4 zu eSwycsv gehort, mit ovx i^6v verbindet; aus A Mr. 10, 14 = Lc. 18, 16 Scpste za naiSla eqxBO^ai nqog ^i nai fi^ xiaXvetB avrd macht 19, 14 atpsts za naidia xat ^tj nuyXvBTB avta IX&eip TtQog fdif oder wenn er aus dem 6 nqditog eXafisv yvvaXxa xal ova aqnpLBv anigfxa A Mr. 12, 20 das dfp^xev zwar beibehalt, aber in folgender Verbindung Mt. 22, 25 /ifj exo)v aniQfia dfijxev trjv yvvalxa ctitov. Aus dem zweiten Evangelium gehOrt hierher das ei fxtj ^dfidov fiorov 6, 8, das aus fitjdi qa^dovg A Mt. 10, 10 = Lc. 9, 3 geworden ist (S. 82 f.), und das ovxoL alaiv oi 4, 16 fur A Mt. 13, 20 = Lc. 8, 13 01 di — oizoi elaiv. 4) Wechsel im Ausdruck des Satzes. So hat Mt. 21 , 26 das iq>o- (iovvTO %6v Xaov in die Rede herubergenommen und q)0^ovfi€d^a tov oxkov daraus gemacht. Lucas aber 20, 6 hat an die Stelle dieser Phrase hXaog Snag xatalid^daei fjfxag gesetzt, gerade wie er Act. 5, 26 die Verbindung macht ifpo^ovvto ydg tov laov, — iva pifj XiS-aad^waiv^. So sagt Mr. 14, 54 6 nixqog fjv avYy^a&rjfxevog (iBxd twv vnfjQezwVf Mt. 26, 58 iy.d&f]to fietd %iZv vnrjQStwv ^ Lc. 22, 55 ovYKa&iodvxuiv hidd^jto b IlitQog ^iaog avtwv. 5) Einfugung erlautemder Zusatze. So Marcus 2, 25 Sr« X9^^^^ €0X8 und 15, 21 tov TtatiQauile^dvdQOv xai*^ Povq)Ov ; femer Mt. 16, 21 1) Wilke, 8. 396 f. Digitized by VjOOQ IC 278 Vierte« Capitel. aTteX^eh ilg^IeQOoolvfia and 19^ 13 netl nqocw^ai; ferner Lc. 8, t5 iv xaQdiijf xcrAgf nal ayad^ und 21, 8 xai & naifog fjyyiKe. Nachdem A Mr. 12, 27 Jesu Worte ova 60% iv d^sog vexQiSv dXXa ljiv%(i}v referirt waren, fugtMt. 22, 33 eine Notiz ein, die den Sftidruck der^elben auf das Volk beschreiben soil, \ic. 20, 38 fugt ein«. begrundende Formel bei TtarvBQ yaq avttfi ^woiv, Marcus aber scbliesst die Rede mit noJiv nlavSa&e ab. 6) Dieselben Worte erscheinen in versohiedener Abwandlung. So zuweilen schon bei Marcus, z. B. 8, 36 tl wg>4Xi^aet^ (statt li fitpeXeiMai) ; mehr aber bei den Anderen. Vgl. Lc. 9 , 4 xai hMld'^v i^Sgxea&s statt ywg av i^il&tjt€ hil^ev. 20, 24 flvoQ Sx^i ^Ixara gtatt zivog ij thiup avttj. 22, 34 ov (pwyrjoec aXinTtaQ Swg dna^vija^ statt n^lv dXhttOQa ipioyfjaai dftaQvriOf]. Mt. 12,4 oSg ovx i^dv ^v fur oDj ovx l^scrvi. 19, 29 nag Xfif^xperai statt ovdetg iay ^rj Idfifj. 22, 24 nal ttvaatijOMi statt Hva Tcai i^avaoTT^Of]. 24, 14 xtj^vxi^oerai statt del Tttj^vxS'^ycct- 22 ixXo^ fiddrjoav al fjfieQai vielleicht statt 6 xvQiog hioX6fi(oa€ tag fj^ifag> Aus der beschriebenen Sachlage erhellt auf jeden Fall Dieses: Alle Synoptiker (also auch Marcus) beweisen durch ihren Sprachgebrauch, dass sie einen, ausserhalb sowohl des Mattbaus, als des Marcus, als des Lucas liegenden, bestimniten Text vor sich haben, dem sie bald bis aufs Wort folgen , bald untreu werden in der Wiedergabe des Ausdrucks. Beispiele : 1) Mattbaus. Scbon S. 12 baben wir aufmerksaui gemacht auf die merkwurdige Uebereinstimmung hinsichUich des doppelten €$ di fii^ Mr. 2, 21. 22 s£ Lc. 5, 36. 37. Wahrend es abfr Marcus und Lucas beidemal haben, bat Mattbaus im ersten Falle zuerst eine selbststandige Reproduction versucht mit aY((u ydq to nki^mfia 9, 1 6 , wahrend er im zweiten Fall das Original stehen liess 9, 17. Jenes ydq tritt nun zwar etwas storend in den engen Zusammenhang der beiden Verse herein, aber es gehdrt nun einmal ein derartiges Hereinschieben von ydq lu dem eigenthumlichen Styl des Mattbaus (vgl, 9, 5. 24, 12, 8. 13, 12. 15, 2. 28, 5). 2) In der eben erwahnten Ferikope kann aber Lucas ebenso wenig, als Mattbaus, den ursprunglichen Text darbieten, welcher (A Mr. 2, 13 —22) sowohl ausserhalb des Lucas, wie des Mattbaus Uegt. Denn wenn dieser 9, 13 erweitert, so thut Dies Lucas auch, aber an der andern Stelle 5, 39. Jeder aber schliesst die Zuthat de9 Andern von seinem Text aus ; derlei Beispiele gibt es aber viele. * 3) Marcus. Hinsichtltch seiner haben wir schon & 6 1 f. 1 1 0 f. Verseich- nisse von Stellen gegeben, die seine Abwcichungen von einem ihm vor- 1) Vgl. Wilke, S. 391. Digitized by VjOOQ IC Der Sprachcharakter der Synoptiker. 279 liegenden Original constatiren. Nach dieser Thatsache ist Weisse's SjiDon zu modificiren: »In denjenigen Partien, welche alle drei Synop- tiker gemeintchaftlich haben , ist die Einstimmung der beiden andem immer eine durch Marcus vermittelte : d. h. die beiden andem stimmen in diesen Partien ^ sowohl was die Anordnung im Ganzen^ als was die Wortfugung im Einzelnen betrifit, immer nur insoweit unter sich zu- sammen^ als sie auch mit Marcus zusammenstimmen; so oft sie aber von Marcus abweichen^ weichen sie^ einige unbedeutende Weglas- sungen ausgenommen^ wo das Zusammentreffen als zufallig (?) an- gesehen werden kann y jederzeit auch gegenseitig von einander ab. a ^ 4) Nur so erklart es sich^ dass wechselweise je Zwei in der Wabl eines Ausdrucks gegen den Dritten ubereinstimmen. So hatMt. 10^ 39. 16^ 25 &)qrflu gegen das acJaet der beiden Andem, hatLc. 19, 46 ioxiv oder io%ai gegen das xXtjdijoeTai der Andem, und hat endlich Mr. 6, 11 toy xovv gegen das gemeinschaftliche %6v xovioqzov der Andern. 5) Nur so erklaren sich aber auch die Stellen, wo alle Drei diffe- riren. So z. B. in der Erzahlung von Jesu Verwandten (A, Nr. 20) stehen die Worte f] ^t/iTjQ xai oi dd£lq>oi aov e^o) fcst, aber als Pradi- cat hierzu setzt Matthaus eati^xaoi ^rjTOvv%ig aoL kaXrjaaif Lucas koTtj- xaot id€iv ae &ikovtegj Marcus ^tjtovai ae^ wo ofienbar der Ausdruck des Matthaus die andem erklart (Marcus hat das Suchen , Lucas das Stehen beibehalten). Ebenso hat Matthaus das Ursprungliche in der Parabel vom Saemann (A, Nr. 21), wenn er den verschiedenen Saraen mit alXo bezeichnet, wofur Marcus aXka^ Lucas trBQOv setzt (Marcus anderte den Numerus, aber nicht das Wort, Lucas das Wort, aber nicht den Numerus). Dagegen findet gerade zwischen Matthaus und Marcus das umgekehrte Verhaltniss statt (A, Nr. 58) Mr. 12, 4 aXlov dovlov^ Mt. 21, 36 aXXovgdovXovQy Lc. 20, 11 trBQOv dovkov. Ebenso bietet in der oben erwahnten Parabel Marcus die Grundlage fur die beiden Andern, wenn er in der Anwendung otriveg aiaovovotv einfuhrt, wofur Lucas otzLvag aKovaavregy Matthaus 6 aKOvwv setzt; ebenso wenn Mar- cus sagt Tov loyov tov iaicaQidivov , Matthaus to ioTtagf^ivov ^ Lucas Toy loyov. Wieder anders ist es in der Geschichte von der Heilung des Paralytischen (A Nr. 11), wo Marcus xQct/ifiatoVf Matthaus xXivrij Lucas (yiklvri und) nXivldiow hat, wo ohneZwcifel Lucas den, auch sonst zu Deminutivformen neigenden, Urtext gibt und Marcus wieder lati- nisirt (§. 26). 6) Auch in der Umstellung der Satze und in der Auswahl der, sie bildenden , Worte findet dasselbo Verhaltniss statt. So sind z. B. die Parallelen Mr. 1, 7. 8 = Mt. 3, 11 = Lc. 3, 16 nicht anders, als unter 1) Erangcliachc Goachichte, I, S. 72 f. Digitized by VjOOQ IC 280 Viertes Capitel. Zugrundelegung eines getneinsamen Textes zu erklaren. Denn Marcus weicht von den beiden andern ab', indem er das iyia ipamiaa vfiag vdaxi dem Inhalt von 7 nachsetzt; Matthaus weicht ab, indem er das h'qxexai^ 6 laxvQdreQog fiov oTtiao) fiov verwandelt in o Si oTiiata /uot; iQxSfievoQ laxvQOTSQdg fiov iativ; Lucas weicht ab^ indem er das orviauf fiov auslasst. Im AUgemeinen wird aus diesen Darlegungen hervorgehen , dass constante schriftstellerische Manieren in der Art der Reproduction von A sich bei alien Dreien finden ; und zwar zeigt Marcus die geringste Kunst im Erzahlen ^ wie er auch im Griechischen am ungeubtesten ist und, wo €r selbststandig schreibt, wie 7, 3. 4, leicht den pracisen Aus- druck verfehlt. Hingegen theilen sich die beiden Andern in die, bei ihin vermissten, Vorzuge so , dass Matthaus die meiste Uebung im Erzahlen zeigt, wahrend Lucas, wenigstens ofters da, wo er selbststandig schreibt, eine gute griechische Form besitzt. Das Kornige , Ungefeilte, Correcte von A ist fast durchgangig in Marcus wieder zu erkennen , wahrend Matthaus conciser, Lucas bei allem Streben nach Verkurzung doch oft breiter darstellt. Beide haben mehr Perioden, als Marcus, dessen Satz- bau sich fast ausnahmslos getreu an A halt. Als populare Autoren sind aber auch die beiden Andern in Beziehung auf ihren Sprachgebrauch durch ihre Quellen beeinflusst, deren Styl sie in verschiedenen Ab- schnitten in verschiedenem Maasse angenommen haben. Keineswegs also erscheinen sie als Herren und Meister eines eigcnen Styls in dem Maasse, dass derselbe dem von A durchweg und gleichmas!>ig Wider- stand hatte leisten konnen. ^ in. Die Quelle A. Das Meiste von Dem, was gewohnlich zum Sprachgebrauch des Marcus geschlagen wird, eignet mehr oder weniger alien Sjmoptikern, wiewohl die beiden Seitenreferenten dabei hinter Marcus zurucktreten ; es stellt somit den Sprachgebrauch von A dar, als dessen Charakter populare und nachdruckliche Umstftndlichkeit gel ten kann. 1) Diese Umstandlichkeit^ der Relation gibt sich insonderheit zu erkennen in dem eigenthumlichen Echo, welches die Reden Jesu in ge- wissen Zwischen- und Vorbemerkungen finden , die zum eigensten Styl in A gehoren;^ als z. B. das avinqa^Bv Mr. 1, 23 = Lc. 4, 33, welches &\i{ iiav%ai oav al afiof- i) Hitzig: Johannes Marcus, S. 30. — 2) Weiss, S.61<^. — 3) Wilke: Rhe- torik, S. -136 if. Digitized by VjOOQ IC Der Sprachcharakter der Syooptiker. 281 %iai Mr. 2, 5 = Mt. 9,2 = Lc. 5, 20 verglichen mit zig dtvavai ct(ftevaL afiaQTiagMr. 2, 7 = Lc. 5, 21 (anders Mt. 9, 3) und i^ov- aiav ex€i dq>i€vac afiaQziag Mr. 2, lO=sMt. 9, 6=Lc. 5, 24. Derselben Eigenschaft von A verdankt man an diesem OrteMr. 2, 9. 11. 12 auch das dreimalige aiQeiv %6v xQCcfipazov. Beweist die Uebereinstimmung in die- sen SteUen , dass die fragliche Eigenschaft wirklich der Quelle A ange- hort, so zeigen andere Parallelen, dass Marcus auch in dieser Beziehung sich treuer an A halt, .als Matthaus und Lucas; z. B. 2, 16 Idovteg ar- %6y iad'iorta laeza tiSv afiaQtwlfSv xai TsXwvioy sXeyov oti fieta twv a^aQTwldiv xal twv teliofujv ia&iei xat nlvei (einfacher dagegen Mt.9, 11. Lc. 5, 30) und 2, 18 ol laaS^al ^Iwdvvov xal ol Oaqiacdoi ^aav vfjotevovjeg xal Xiyovaiv did %t ol ^ad^aVltodwov xal oi fia&tjtal twy Oagiaaiiov yrjatevovaiVy ol de aol ^adijtal oi vrjatevovoiv (einfacher, wiewohl differirend drucken Mt. 9 , 14 und Lc. 5 , 33 die Sache aus. Damit ist denn also die S. 73 ausgesprochene Wahrscheinlichkeit, dass hier Marcus A hat, bestatigt). — Als fernerc Beispiele far die Kegel sind anzofuhren die SteUen Mr. 2, 24 =Mt. 12, 2 noioooiv (Lc, 6, 2 nouXTB) vei^lichen init Mr. 2, 25 = Mt. 12, 3 = Lc. 6, 3 ovx dveyvwre zl irtolfjaev. Mr. 3, 2 = Mt. 12, 9 zoig ad^fiaaiv (Lc. 6, 1 np aafifidtffi) vei^lichen mit Mr. 3,4 = Mt. 12, 12 (Lc. 6, 9). Man halte noch zu- sammen mit den Nebentexten Mr. 3, 22 = 23 (Matthaus und Lucas anders). 32 = 33 (Matthaus folgt). 5, 28 = 30 (Lucas druckt nur das eine, Matthaus nur das andere Snzea&ai twv i/natlwv aus). 5, 38 = 39 (Lucas folgt). 6,3 = 4 (die Familie doppelt auch bei Matthaus er- w&hnt). 22 = 25 (ahnlich Matthaus). 6, 35 (die doppelte WQa TtoXXtj bei Matthaus halb, bei Lucas ganz verwischt). 48 = 49 (TreQiTtaTslv hil Tfjg ^aXdoatjg). 7,7=8 (twv avx^QoiiKov), 27 = 28 (zd xvvdQia), 7, 32 = 33 (Handeauflegen). 8, 1 = 2 (iifj exovaiv xi q)dy(oaiv). 4. 8 (XO^daai). 14 = 16 (kein Brod). 8, 22 = 23 (Anruhren). 9, 9 = 10 [dvaoTfjvaij, 11 = 12 (iX^elv). 14 = 16 (av^tjTsiv). 10, 2 = 4 (a/ro- Xvaai). 13=16 (Anruhren). 17 = 18 (dya&og). 22 = 23 {x%ri(ia%a i%Eiv), 32 = 33 (dvafiaiveiv). 35 = 36 {d-iXaiv fie noi^aai v^lv), 37 = 40 {dovvai). 38 = 39 {dvvaa»ai). 11, 28 = 29 {h noi(f i^ovai(f). 12, 14 SB 17 (Sovvai). 16 = 17 (xaiaaqog). 28 = 29 (nQO^ri). 29. 30 = 32. 33 (anders Matthaus). 41 = 43 = 44 (^dXXetv). 13, 1 =2 (At- &og). 4=7 (tiXog), I 4, 5 = 7 (Tcztoxol). 12 = 15 (koi/tid^eiv). 27 = 29 (mcavdaXl^ea»ai). 35 = 4 1 (ij wQa rjX^ev). Bine besondere Grattung dieser eigenthamlichen stylistischen Bil- dungen in A bildcn solche SteUen , die den Erfolg als der Ursache, der Absicht^ dem Entschluss gemass darsteUen. Wenn namlich gesagt wird, dass et was geschehen soUe, so wird Dies^ dass es auch wirklich geschah^ nicht bios regelmassig notirt (z. B. 3, 13. 4, 39), sondem ge- Digitized by Google 282 Vicrtes CapiteL wohnlich auch mit denselben Worien ausgedrttckt. * Vgl. das onima \y 17. 18. 20^ das i^igxM^ai 1, 25. 26, das xrjQvaaeiv \, 38. 39 ; femer das doppelte xad'aQi^sa&ai 1, 41. 42 (= Mt. 8,3), das doppelte eyei- Q€iv 2, 11. 12 (= Mt. 9, 6. 7), das von beiden Nebentexten beibehal- tene doppelte dxolov^eiv 2, 14. Man halte noch mit den Nebentexten zusammen 3, 5. 5, 12 =r 13. 27 « 28. 6, 31 = 32. 37. 56. 7, 29 = 30. 34 = 35. 8, 12. 9, 19 = 20. 10, 49. 51 = 52. 11, 2—6. 14, 12. 15=16. 44—46. Auch wird vor Fragen oder Aeusserungen, die durch einen ausseren Umstand veranlasst sind, dieser Umstand meist so ange- geben, wie die Frage oder Aeusserung ihn ausdruckt. So z. B. das doppelte 3iaXoyi^ea&ai 2, 6. 8, was Matthftus verwischt, Lucas noch verstarkt hat durch diaXoyiOfioiy das doppelte rotg adpfiaaiv Mr. 2, 23. 24, wo Lucas das erstemal, MatthHus das zweitemal ivaapfiarq^ setzen, femer die doppelte Erwahnung der Schweineheerde 5, 11. 12, wo we- nigstens Lucas vereinfacht hat. Man vergleiche noch m^t den Neben- texten 5, 24. 31. 6, 14. 16. 7, 2. 5. 9, 33. 34. 11, 20. 21. Hierher gehoren uberhaupt alle diejenigen Erscheinungen , die man sonst als Verbindungen synonymer Ausdiucke, Tautologien des Marcus zu bezeichnen pflegt. Auch sie werden keineswegs immer v«n den Andern vermieden. Doch geschieht Dies z. B. 1 , 42 anfjl^ev an aitov ^ Xertqa xori eKa^aQia^rj ^ wo die Andern Mt. 8, 3 = Lc. 5, 13 sich in den doppeltcn Ausdruck theilen; 2, 19, wo bios Marcus dasselbe doppelt, namlich in Fragform und ohne Fragform ausdruckt; 25 Ste XQ^iav eaxBv xat i/rsivaaev (wonach die S. 73 offen gelassene Moglich- keit zu beurtheilen ist). Im Uebrigen vgl. noch 3, 7. 8. 4, 6. (= Mt. 13, 6). 30. 39. 40. 5, 12. 19. 23. 33. 6, 55. 56 (contrahirt Mt. 14, 35. 36). 8, 15. 17 (= Mt. 16, 9). 39 (= Mt. 8, 26 = Lc. 8, 24). 12, 23 (= Mt. 22, 28 = Lc. 20, 33). 13, 9. 23. 33. 14, 18. 68. 71 (dvaS^e- fiaziCeiv xal Ofivveiv = Mt. 26, 74). Durch diese Manieren sind die vielfachen Wiederholungen verursacht , als welche , ausser den bereits aufgefahrten Beispielen noch zu notiren sind 3, 24 — 26 das dreifache oi dvvatai OT^vaiy 4, 31. 32 das doppelte otav onaQ^^ 7, 36 das doppelte diaoTiXXeiVj 10, 27 das doppelte naqa ^€(py 11, 29. 30 das doppelte drroKQid'rjTe pioiy 12, It das dreifache dovvaij 12, 20 — 22 das dr^- fache ot5x dq>^K€v ((hprjxar) OTiiq^ia; endlich die nachdrucklichen Wie- dorholungen von 11, 18 in 12, 12, von 14, IS in 14, 22, von 14, 60. 61 in 15, 4. 5, von 15, 13 in 15, 14. Eine andere Quelle hSufiger Wiederholung derselben Worte in A bildet die Gewohnheit, anstalt des relativen Pronomens, in welches Matthaus und Lucas ofters die Substantiva auflo^en , in der Kegel (was jedoch hier und da sich auch bei Matthaus und Lucas erhalten hat)> das 1) Wilke, Urevangelist, S, 668 f. Digitized by VjOOQ IC Der Sprachcharakt^ der Synoptiker. 283 Substantiv selbst zu setzen^ so dass in einem Verse von A dasselbe No- men doppelt und dreifach stehen kann , was der Darstellung den Cha- rakter des Schwerfalligen verleiht. Vgl. I, 16. 34. 2, 19. 20 (= Mt. 9, 15 =Lc. 5, 35). 22. 27. 28. 3, 17. 24. 25. 4, 14. 15. 39. 5, 3. 4. 9. 37. 41. 6, 17. 18. 41. 7, 36 (hier zur Abwechselung auch das Pronomen dreimal hinter einander). 8, 12. 35 (= Mt. 16, 25 = Lc. 9, 24). 10, 13. 46. 13, 15. 14, 5. 67. Eine wcUere Folge der Umstandlichkeit besteht in dem Nebenein- ander von Antecedens und Consequens , wie es so oft in A angetroffen wird. Vgl. 1, 15 (nenli^QWTai 6 xaiQcg, ^iravoelte). 18 (dq^eyteg ta dUwa ^Kolotd^rjaav), 2, 12. 14. 3, 13. 7, 14. Eben so ist es zu beur- theilen , wenn nach der Nennung eines Ganzen noch ein darunter be- griffener Theil besonders genannt wird, wie z. B. ganz Judaa und alle Jerusalemiten 1, 5, die Jungeralle und Petrus 16, 7. Iin Allgemeinen in dieselbe Classe von stylistischen Erscheinungen, die dem Ausdruck den Charakter der Umstandlichkeit verleihcn, gehort die Verbindung des Verbum compositum mit dem simplex (1, 29. 6, 1. 14, 16. 45), oder zweier Composita vom selben Stamm (I, 35. 2, 15. 6, 33), und der abundante Gebrauch von Composita in Wendungen wie i^9(fX^a&ai i^ 1, 25. 26 und i^ai 14, 68, i^yayev e^w 8, 23, ixnogeveiv £§01 11, 19. Meistens, aber nicht immer, werden von den Andern ver- mieden Pleonasmen, die besonders durch Erklarung von Adverbien veranlasst sind, wie oxplag yevo^hrig o%b idv 6 fjliog 1 , 32, %6t€ h %^ heh^j fifii(tQOvovvTay 5, 42 xai fteQUTtdrsif 7, 30 fiefiltjfxivov ini rfjv xllvrjVy 7, 35 ildlei OQ&UfQy 8, 25 ive^leips ztjlavycSg Snavra. 2) Schon vermdge seines Styls ist dem zweiten Evangelium eine gewisse Frische und Lebendigkeit der Erzahlung eigen. Es beruht das auf dem, schon von Hitzig^ angedeuteten , neuerdings besonders aus- fuhrlich von Weiss^ dargestellten , lebhaften, hastigen Charakter der Rede, auf dem Gebrauch markanter, derb veranschaulichender Aus- drucke, wie gleich im ersten Capitel z. B. 16 dfKpifidllovtagy 12. 34. 39. 43 hcfidlleiv, 26 OTtaqdaaaiVj 36 xaTsdiw^av u. s. f. So erhoht es die Lebendigkeit der Darstellung, wenn gewisse an sich unwesendiche Ge- berden und die Haupthandlung begleitende Actionen oder die Absich- 1) S. 650. = 2) Joh. Marcus, S. 119. — 3) S. 646 ff. Digitized by CjOOQIC Der Sprachcharakter der Synoptiker. 285 ten derselben besonders hervorgehoben werden^ wie nqoadqa^iiv 10^ 17 und dqaiidv 15, 36; xa^iaag 9, 35. 12, 41, ijd'eXs TtaqeX&eiv 6, 48, oi% ij&ei^v %va Tig yvoi 9, 30 vgl. 7, 24, fiovJio/iievog 15, 15, toX^rjOag 15, 43. Audere Beispiele vgl. §. 28. Besonders tragt^zu dieser naturwuchsigen Friscbe der Erzahlung bei die Gewohnheit, das schildernde Imperfect des erzablenden Styk mit dem Prasens historicum zu vertauschen, ^ welches die Andem ge- w5hnlich in Aorist umsetzen, oder mit idov ersetzen, vgl. besonders 1, J 2. 21. 40. 44 (= Mt. 8, 4). 2, 3—5. 3, 4. 5 (= Mt. 12, 13). 13. 20. 31. 34. 4, 37. 5, 15. 22. 6, 7. 48. 7, 32. 11, 1. 2. 4. 7. 12, 18. 43. 13. I. 14, 17. 43. 66. 67. 15, 16. 17. 21. 22. 24. 27 (= Mt. 27, 38). 16, 2. 4. Ebenso haufig erscheint in diesen Berichten ein, ofters metabatisch gebrauchtes, ev^iiag vgl. 1, 18 (= Mt. 4, 20). 21. 31. 2, 2. 5, 13. Statt Bv&i(agy welches er bier und da mitUnrecht tilgt, liest Ti sch en- dor fgewOhnlich Bv»vgj vgl. 1, 10 (= Mt. 3, 16). 12. 20 (= Mt. 4, 22). 29. 30. 42 (= Mt. 8, 3 = Lc. 5, 13). 43. 2, 8. 12. 3, 6. 4, 5 (= Mt. 13, 5). 15. 16 (= Mt. 13, 20). 17 (== Mt. 13, 21). 29. 5, 2. 29. 30. 42. 6, 25. 27. 45 (= Mt. H, 22). 50 (== Mt. 14, 27). 54. 7, 25. 8, 10. 9, 15. 20. 24. 10, 52 (= Mt. 20, 34). 11, 2 (= Mt. 21, 2). 3 (= Mt. 21, 3). 14, 43. 45 (= Mt. 26, 49). 15, 1. Hier uud da setzt Lucas, der ev&iwg nur 8 mal hat, dafur Ttaqaxi^rj^a. Der popularen Sprachweise angehorig ist die Manier, bei vollkom- men einfachcr Anreihung der Satze das Einzelne mit xat oder einem ruckweisenden rrdkiv aneinander zu schliessen. * Alles bewegt sich vor- warts vermittelst so einfacher Bewegungswerkzeuge, als da sind xai iT^yev, xat i^l&ev, xat ela^ld^e ndXiv u. s. f. Ebenso ist als Beweis eines popularen Slandpunkts die Vorliebe fur Diminutiva anzusehen, als naidiov 5, 39. 40 s xoQaaiov 5, 41. 42 (wo Mt. 9, 24. 25, zum Beweis, dass die Diminutivform ihm vorlag, xoQaaiov, Lc. 8,51 das bei Marcus nie vorkommende na7g setzt : der mittlere, Beides erklarende, Ausdruck liegt also evident bei Marcus vor); naidiov und nwaqiov 7, 27. 28 (wo Mt. 15, 26. 27 das Letztere stehen lasst, das Erstere in t€xvov abandert); xhyaTQiov 7, 25. 5, 23 (wo Mt. 15, 22 und 9, 18 = Lc. 8, 42 in dvyaTrjQ abandert); ebenfalls naidiov 9, 24. 36. 37 (wo Mt. 18, 2—5 und Lc. 9, 47. 48 es bclassen); 10, 13—15 (= Mt. v.), 13. 14. Lc. 18, 16. 17 wahrend er 18, 15 in tHi^q>fj andert); %oqaoiov 6, 22. 28 (wo Matthaus es 14, 11 stehen lasst, aber 14, 6 in ^ydttjQ andert); ixdvdiov 8,7, was 8, 5 ebenfalls in A 1) SpecieUe Nachweisung der Regeln fQr das Prilsens historicum bei Wilke, S. fi69. — 2) Vgl. Credner: Einleitung, S. |0H. Digitized by VjOOQ IC 286 Viertes Capitel. gestanden hatte (Matthaus lasst es am letzteren Oite 15, 34, wahrend er am ersteren 15, 36 ix^S setEt); dtdqiov 14, 47 (nach der lichtigen Leseart; Mt. 26, 51 und Lc. 22, 50. 51 haben wtiov und oig. — Fer- ner gehort in das Capitel der volksmassigen Darstellung die Ck>n8trac- tion mit i^Q^avro (andere Formen kommen nicht vor) , woraof dann der Infinitiv folgt: I, 45. 2> 23 (« Mt. 12, 1). 4, 1. 5, 17. 20. 6, 2. 7, 34. 35. 8, 11. 31 («=Mt. 16, 21). 32. 10, 28. 32. 41. 47. 11, 15(=Lc.l9, 45). 12, 1 (=Lc. 20, 9). 13, 5. 14, 19(=sMt.26, 22). 33 (=sMt. 28, 37). 65. 69. 71 (= Mt. 26, 74). 15, 8. 18. — Auch gehort hierher die Sitte, Natnrlaute wie la 1, 24 und ova 15, 29 einzufuhren. 3) Es bleibt noch ubrig, eine Beihe von grammatikalischen und lexikalischen Eigenthumlichkeiten zusammenzuatellen, die unserer er- sten Quelle ein besonderes Oeprage verleihen. Bei Ortsnamen pflegt A den Artikel auszulassen , 8. B. Mr. 7, 31 und die Parallelen, Mr. 6, 53 « Mt. 14, 34. Mr. 7, 24 = Mt. 15, 21. Mr. 8, 10 =r Mt. 15, 39. Mr. 8, 27 = Mt. 16, 13. Wic Mr. 6, 53 das Land Genezaret, so stehen Mt. 4, 13 auch die Gtebiete von Sebulon and Naphtali artikellos; grossere Lander aber haben in A regelmassig den Artikel, z. B. Mr. 10, 1 =s Mt. 19, 1. So auch bei Mt. 2, 22, nur Lu- cas bindet sich nicht daran 17, U. Sehr oft kommt in A die oratio directa vor, wo bald Mattliaos, bald Lucas sie verwischen. So 4, 39. 5, 8. 9, 25. 13, 1, wo Beide, 1, 44. 5, 12. 23. 11, 33, wo wenigstens Lucas, Mr. 4, 35. 6, 23, wo Mat- thaus die indirecta wahlt (abgesehen von solchen SteUen , die wie 5, 9. 6, 31 geradezu von den Andem weggelassen werden). Auch wo Mat- thaus und Lucas ubrigens in der Abwandlung der directa ubereinstim' men, thun sie es ganz selbststandig von einander, gewohnlich von der Absicht der Verkurzung geleitet. Dabei ist nqph zu merken, dass A die directa auch hat, wo es keiueswegs auf wOrtlichen Ausdruck gerade an- kommt (1, 37. 4, 39. 5, 8. 8, 19. 20. 9, 25. 10, 49. 13, 1. 16, 3), und dass die Bede wohl auch durch fragende Fassung sich lebendiger ge* 8taltet(4, 21. 5, 35. 39. 8, 12. 11, 17) j ferner auch, dass in A vor der directen Rede gewohnlich (circa 27 mal) das anfuhrende 3ti steht, was aber nicht als absolut unterscheidendes Merkmal gelten kann; Gers- dorf geht zu weit, wenn er es dem Matthaus ganz abspricht, ^ deres vielmehr ausser den kritisch zweifelhaften SteUen 5, 31. 21, 16. 26, 65 nicht bios in den Parallelstellen 9, 18. 26, 74. 75 beibehalten, sond^ auch 7, 23. (14, 26?) 19, 8. 26, 72. 27, 43. 47. 28, 1 3 selbststandig ge- setzt hat. Dagegen hat Lucas es zwar nur 5, 26. 8, 49. 22, 61 nach- weisbar beibehalten, unter den ubrigen SteUen aber, wo ereshatCI? 1) Beitrfige, S. 140. Digitized by VjOOQ IC Der Spraohcharakter der Synoptiker. 287 25. 61. 4, 21. 41. 43. 7, 4. 15, 27. 17, 10. 19, 42. 20, 5. 21, 8) sind manche, die im hochsten Grade wahrscheinlich machen^ dass er es aus A hertLbergenommen, Marcus daher init seiner Wiedergabe des oti re- citationis nicht ganz consequent ist. Andere Lieblingsausdrucke von A sind nveS^a dxd&aQrovj wo Matthaus gewdhnlich Umschreibungen mit daifiOH^ofievog machte. So 1, 23 (Lc. 4, 33 nvevfxa daifxovlov dxa&dg^ov). 26 (Lc. 4, 35 daifid- nov). 27 (^ Lc.4, 36). 3, U (=Lc.6, 18). 30. 5, 2. 8, 13 (= Lc. 8, 29, der aber sonst 27—33 daif^ovioy setzt, wie Mt. 8,31 daifioveg), 6, 7 (= Mt. 10, 1, wfthrend Lc. 9, 1 diaixivia setzt). 7, 25. 9, 25 (= Lc. 9, 42, wihrend Mt. 17, 18 daifiiviov setzt). Dies ist auch ein Beweis, dass die Parallelen Mt. 12, 43 b Lc. 11, 24 in den Zusammenhang von A zu verlegen sind (S. 79). — Auch oaQ^y das man bei dem Pauliner Lucas erwarten soUte (der es selbststandig bios 24, 39 hat), gehort ins Sprachgebiet von A Mr. 10, 8 s= Mt. 19, 5. 6. Mr. 13, 20 = Mt. 24, 22. Mr. 14, 38 =s Mt. 26, 41. Sonst hat es noch Matthaus 16, 17 und Lucas im Citat 3, 6. A hat bios fwg (Mr. 16, 45. 14, 32) und Ptog av (6, 10. 9, 1. 12, .H6), wahrend die beiden Anderen auch Piog ov und Piog orov bilden. Der Unterschied aber, den Credner in dieser Beziehung auch noch zwischen Matthfius und Lucas statuiren will , l&sst sich nicht durch* fuhren. * Als Eigenthumlichkeit des Lucas pflegt angefuhrt zu werden die Verbindung tig oder %i (iati) oti. AUein Lc. 4, ac ist =s Mr. 1, 27. Lc. 8, 25 = Mr. 4, 41, und der selbststandigen Stelle des Lc. 2, 49 steht Mr. 2, 16 gegenuber. Einzelne Worter, wie drcoxad'iatdvai Mr. 3,5= Mt. 12, 13 = Lc. 6, 10. Mr. 8, 25. 9, 12 = Mt. 17, 11. Sonst im N. T. nur noch zweimal. JvoKdlfog steht nur Mr. 10, 23. 24 = Mt. 19, 23 = Lc. 18, 24. "Exdidovai nur Mr. 12, 1 = Mt. 21, 33. 41 = Lc. 20, 9. 'E^ntvuv Mr. 10, 34 = Lc. 18, 32. Mr. 14, 65 = Mt. 26, 67. Mr. 15, 19 = Mt.27, 30. Sonst- nirgends mehr. Ebenso inipltj^a Mr. 2, 21 = Mt. 9, 16 = Lc. 5, 36; »iQog Mr. 13, 28 = Mt. 24, 32 = Lc. 21, 30. Seltenere Formenbildungen von A sind duoxtiyyea^ai Mr. 12, 4, dnexctteotd^ 3, 5. Gewisse Worter, die Matthaus und Lucas haben, werden constant nicht gebraucht, wie noQ&ieod^ai (dafur vndyeiv u. A.), i^ (dafur dg>i€vai), dvaiQelv, ^eSa&ai. Sehr haufig ist der Gebrauch von TtoXvQy 1 5 mal steht auch noXXd als Bestimmung des Zeitworts im Sinne von viel, vielfach, haufig; es stossen 5, 26 sogar noXXd und vrto I) Einleitung, 8. 65. Digitized by VjOOQ IC 288 Viertes Capitel. TtolXdiv zusammen. Andere SteigeruDgsformeln sind noXv 12, 27, liav ex naqioaov 6, 51, ftaXXov TtsQiaaotsQOv 7, 36, vTreQTreQiaatSg 7, 37, ixTieQiaadlg 14, 31. Syntaktisch gehort hierher der Wechsel im Ausdruck der Anrede mit Vocativ (1, 24, 4, 38. 9, 19. 10, 17. 48) und N6ininativ init Artikel (5, 8. 9, 25. 10, 47. 14, 36. 15, 18. 29. 34). Die beiden Seitenrelationeii verwandeln die Falle letzterer Art in solche der ersteren, wenn gleich Matthaua zuweilen, wie 27, 29. 40. den Nominativ stehen lasst. Der Singular collectiven Begriflfes wird mit dem Plural construirt 3, 7. 4, I. 7, 14. 8, I. 9, 15. Falle von Verletzung des Genus sind vielleicht 5, 12 (UyovT€g) und 12, 28 (ndvtwv). Zu dem eingeschobenen wgX, 1 vgl. den ahnlichen Fall 13, 34. Dass die aramaischen Worte in ihrer frischen Unmittelbarkeit wie- dergegeben werden (3, 17. 5, 41. 7, 11. 34. 9, 5. 10, 51. II, 9. 21. 14, 36. 15, 22. 34), fuhrt uns von der stylistischen Originalitat der Quelle A zu der hebraisirenden Originalitat insonderheit. Der hebrai- sirende Charakter des zweiten Evangeliums ist zuerst von Hitzig dar- gethan worden. ^ Er erinnert an 6, 7. 39 dvo dvOy 10, 11 pLOi%a%ai Fn avvrjv (Richt. 19, 2), 8, 12 6t beim Schv/ure, 9, 49 xa/ = so wie (Hiob 5, 7. 12, 11), an die Verbindung 15, 25 und uberhaupt an den uniiiassigen Gebrauch der genannten Partikel. Hebraisch ist der Aus- druck i^rjQav&i] ij nrjyrj tov aif^atog avTtjg 5, 29 (= Levit. 12, 7) und von eqxBa^aL 4, 21 fur »gebracht werden « (2 Kon. 10, 2). In alien diesen Fallen haben Matthaus und Marcus das specifisch Hebraische vcrmieden, wie sie auch das ^Pa^^ovvi Mr. 10, 51 mit nvQie ubersetzen. Dazu kommen noch eine Beihe von Lesarten, die Hitzig aus Codex J herbeizieht. Den Hebraismus lolg vioig tcjp dv^Qcinaiv Mr. 3 , 38 lasst schon Matthaus 12, 31 nicht mehr zu, wie Matthaus auch die vdara Mr. 9, 22 in vdwQ 17 , 15 verwandelt. Der Genitiv ist in A liebraisirend fast imiuer das nachgeordnete Wort; nur das Personalpronomen tritt in sel- tenen Fallen voraus (9, 24. 12, 15. 14, 8); ein etwaigcs Adjectiv abcr zum Regens genitivi tritt ebenfalls nach Art des Hebraischen hinter letzteren (4, 37. 5, 11). Wo der Genitiv ein partitives Verhaltniss aus- druckt, wird ihm ein Ac = "jx: vorausgeschickt (9, 17. 14, 18. 20). Don Dativus instrumenti geht hebraisirend zuweilen ein iv voran, wie fianti- LUiv ev vdaii 1, 8, xQatsiv iv d6X(p 14, I. Hierher gehoren auch Fhra- sen, wie elvai iv nvevfiaTi 1, 23. 5, 2. 12, 36, ja sogar iv ^vaei atfia- tog 5, 25; uberhaupt eine gevdsse Unsicherheit im Gebrauch von h, das oft mit elg vertauscht wird (1, 21. 39. 13, 9. 16), und von inl, 1) Johannes Marcus, S. 29- 37. 69 f. 91-114. Digitized by VjOOQIC Der Sprachcharakter der Synoptiker. 289 vgl. nlnnBLV im v^g yijg 9, 20. 14, 25 , xa&evdeiv ini %b n^oaxeipaXaiov 4, 38 und vielleicht auch ov ^tj aq>Bd^ wde li&og hti U9ov (andere lL^(f) 13, 2. Der Casus obliquus wird in der Fortsetzung leicht zuin rectus, well das Hebraische eigentlich gar keinen Casus hat. So oi xa- %€o9Lovt£g^x. 12, 40, xa^agi^wvl, 19. Hebraisch ist die Verbindung des Verbums mit dem Substantivum verbale, wie 1, 26 qxaveiv ip(oyfj\ 3, 28 filaaq>i]fieiy filaagnjfiiag , 4, 41 (popeia9ai g>6fiov fiiyav, 5, 42 i^i- ordvai exOTciaei fieydlt], 7, \3 jtaQadidovai naQadoaeig, 13, 19 xtl^eip xtlaiVy 13, 20 hXiyeiv ixXexTOvg. Nach Art des Hebraischen lasst end- lich A haufig die Copula aus, z. B. 9, 34. 10, 18. 12, 26. DieSeitenre- ferenten pflegen dann die Copula zu erganzen. Endlich geht gut hebra- isch in A das Verbum finitum gewtthnlich dem Subject voran. Auf diesen Hebraismen in Styl und Sprachgebrauch beruht zum grossen Theil jener Eindruck der Schwerf&Uigkeit und Unbeholfenheit, den die Lecture des Marcus im Gegensatz zu Matthaus und Lucas macht, der aber eben damit auch fur die Ursprunglichkeit des zweiten Evangelisten zeugt. »Wir brauchen nicht erst zuerinnern, wie ungleich naher es liegt, eine Paraphrase aus hebraisirendem in reines Griechisch anzuneh- men, als das Umgekehrte, was in der That wohl das einzige Beispiel sol- cher Art sein wurde, welches dieLit^raturgeschichte aufzuweisen hatte.« * Schliesslich lasst sich noch eine ziemliche Copia verborum zusam- inenstellen, daruber die Quelle A verfugt. Worter namlich, die alien drei Evangelien gemeinsam sind, zuweilen jedoch bei Einem der Drei fehlen, wahrend sie zum Theil auch sonst noch im N. T. vorkom- men , sind folgende. Naturlich kann die Uebereinstimmung zwischen Matthaus und Lucas hier nur beracksichtigt werden, wenn Marcus den- Belben Zusammenhang hat und absichtlich abweicht. liyavaxTatv — dyyaqaveiv (Matthaus, Marcus) — Syeiv neutral (Matthaus, Marcus) — dyiXrj — oiyvatpog (Matthaus, Marcus) — ayqiog (Matthaus, Marcus) — ddij^ovelv (Matthaus, Marcus) — axavd^ai — OKVQOvv (Matthaus, Marcus) — dXafiaargov — aXag — dXeiq>€iv — dXixtwQ — aXisvg — dXl^eiv (Matthaus, Marcus) — SXwy (Matthaus, Lucas) — df^rjv Xiyo) vfuv — d^ntXdv — d(iq>l^Xrja%qov (Matthaus, Marcus) — dvd zur Bezeichnung der Distributivzahl — dvafio^l — avd%Bic9aL — dvaxXlveiv — dvanimeiv — avimog (Matthaus, Mar- cus)— dvtdlXayfia (Matthaus, Marcus) — dyvif^sr^elv (Matthaus, Lucas) — SwiQog (Matthftus, Lucas) — d^lvrj (Matthaus , Lucas) — dnaigsiv — anaXdg (Matthaus, Marcus) — drraQvaiad-ai — dTtodrjfielv — dTio- doxifid^eiv — d7ro}C8q>aXi^€Jv — dTtOKvXi^eiv — dnonvlyeiv (Matthaus, liUcaa) — ({ytoaiaaioi' (Matthaus, Marcus) — dmiXsia = Verschwendung 1} Weiiie: EyangeliBche Geechiohte, I» S. 67. Holtsmaim. 1 d^ Digitized by VjOOQIC 290 Viertes Capitel. (Matthaus, Marcus) — a^^cjOTog (Matthaus, Marcus) — aqwfia (Marcus, Lucas) — aafieoTog — dax6g — davvetog (Matthaus, Marcus) — aroinog (Matthaus, Marcus) — avlrj — dfpedQoiv (Matthaus, Marcus) — BaTttianjg — ^diXvyiia — fieel^e^ovl — pdaxeiv — Fal^vt] — ya^ogwkdxiov (Mar- cus, Lucas) — yafil^eiv^. — yhvva — ya>ioia (Matthaus, Marcus) — ydp- vrjfia — yow7ceTelv (Matthaus, Marcus) — Jai^tov — daifiovlCcad-ai — ddxTvXog — deikog (Matthaus, Marcus) — df^/iartyo^ (Matthaus, Marcus) — devtel — dt]vdQtov — diapliTceiv'i — diaXoylCsad'ai'i — duxQrrdC^iT (Matthaus, Marcus) — dia^rjfil^eiv (Matthaus, Marcus) — dieyelQeivl — dUwov — dvandXwg — Ei di ^rj — slg %i = warum (Matthaus, Marcus) — kxaTOvranXaaiwv'i — ixdldoa&at — hcSveiv — h/Lnvieiv (Marcus, Lucas) — hcTivdaasiv (Matthaus, Marcus) — hcqfvsiv (Mat- thaus, Marcus) - ifi^djiteiv (Matthaus, Marcus) — ifi^QifiCia&ai (Matthaus, Marcus) — i^nalteiv — i/nTiTveiv — iycQinead'ac = sich bekummern um — ivrvXiaaeiv (Matthaus, Lucas) — i^avaziXXeiy (Matthaus, Marcus) — inavlataa^at (Matthaus, Marcus) — ini^hjfia — imavvdyeiv — hmifi^v — iQi^fiwaig — ev^g (Matthaus, Mar- cus) — evxofiog — ?c»g o%ov — Zvfitj — Qavatov idetvy ^ewQelt^^ ^avdtov yevea^ac — ^SQia/nog — ^igog — ^Xd^eiy — ^OQvpelv (Mat- thaus, Marcus) — ^dqvjiog (Matthaus, Marcus) — ^Qtjveiv — ^QOsJaS-ai (Matthaus, Marcus) — ^latQog — ixSvdiov (Matthaus, Lucas) — Ka&i- dga Mr. 11, 15 = Mt. 21, 12. 23, 2. Von Lucas vermieden — xctxwg exeivUr. 1, 32 = Mt. 4, 24. Mr. I, 34 = Mt. 8, 16. Mr. 2, 17 = = Lc. 5, 31 =s Mt. 9, 12. Mr. 6, 55 » Mt. 14, 35. Ausserdem bat es noch Lc. 7 , 2 gleichfalls aus A — xdfitjXog Mr. 1,6 = Mt. 3,4. Mr. 10, 25 = Mt. 19, 24 = Lc. 18, 25. Sonst noch Mt. 23, 24 — Kavavhrjg nur Mr. 3, 18 = Mt. 10, 4 — xaT tcJtay, Lieblingswort von A Mr. 4, 34. 6, 31. 32 = Mt. 14, 13 = Lc. 9, 10. Mr. 7, 33. 9, 2 = Mt. 17, 1. — Mr. 9, 28 = Mt. 17, 19. Mr. 13, 3 = Mt 24, 3. Sonst noch Mt. 20, 17 (aus A) und Lc. 10, 23 (nachgebildet) — xarayeX^ Mr. 5, 40 = Mt. 9, 24 = Lc. 8, 53 — xazaxX^v^ bios Mr. 6, 4l^= Lc. 9, 16 — xatafiaq%VQ€Tvj bios Mr. 14, 60 = Mt. 26, 62. Mr. 15, 4 = Mt. 27, 13 — xatanhaa^a Mr. 15, 38 = Mt. 27, 51 = Lc. 23, 45 — xataaxtjvovv Mr. 4, 32 = Mt. 13, 32 = Lc. 13, 19 — xaraotQi- q)€ipf bios Mr. 11 , 15 = Mt. 21 , 12 — xa%a%iaiVj nur Mr. 14, 3 = Mt. 26, 7 — xativavTi Mr. 1 1, 2 = Mt. 21, 2 = Lc. 19, 30. Mr. 12, 41. 13, 3. Vielleicht noch Mt. 27, 24 — xat^ovaid^eiVy bios Mr. 10, 42 = Mt 20, 25 — xaviAatiCeiv^ bios Mr. 4, 6 = Mt 13, 6 und in Apokalypse — %BQd(xiovj bios Mr. 14, 13 = Lc. 22, 10 — n^vaog Mr. 12, 14 =Mt 22, 17. 19. Sonst noch Mt 17, 25 — xXddog Mr. 4, 32 = Mt 13, 32 ^ Lc. 13, 19. Mr. 13, 28 = Mt 24, 32. Sonst noch Mt 21, 8 — xXdofia bios Mr. 6, 43 « Mt 14, 20 = Lc. 9, 17. Mr. 8, Digitized by VjOOQ IC Der Sprachcharakter der Synoptiker. 29 1 8 = Mt. 15, 37. Mr. 8, 19. 20. (Sonst im N. T. bios noch in den gleichfalls abhangigen Stellen Job. 6, 12. 13) — t^Xtjqoq (Mr. 15, 24 = Mt. 27, 35 = Lc. 23, 34), ycXrjQOvofielv {Mr. 10, 17 = Mt. 19, 29 = Lc. 18, 18, sonst noch Mt. 5, 5. 25, 34. Lc. 10, 25), yiXt]QOPOfiia (Mr. 12, 7 = Mt. 21, 38 = Lc. 20, 14. Sonst noch Lc. 12, 13), xlt]QOv6fiog (Mr. 12, 7 = Mt. 21, 38 = Lc. 20, 14) sind in besonde- rer Weise Ausdrucke von A — xAottiJ, nur Mr. 7, 22 = Mt. 15, 19 — KOivog und xoivovp komint in den Evangclien nur Mr. 7, 2. 5. 15. 18, 20. 23 = Mt. 15, 11. 18. 20 vor — xdxxog Mr. 4, 31 = Mt. 14, 31 = Lc. 13, 19. Sonst nochMt. 17, 20 = Lc. 17, 6 — xoUvpiOt^g nxxr Mr. 11, 15 = Mt. 21, 12 (= Job. 2, 15) — xoXofiovv nur Mr. 13, 20 = Mt. 24, 22 — hdirtaaet' 6 avsfiog ist Ausdruck von A Mr. 4, 39. 6, 51 = Mt. 14, 32 ~ xoQciaiov nur Mr. 5, 41. 42 = Mt. 9, 24. 25. Mr. 6, 22. 28 = Mt. 14, 11 — xog/Jdv (Matthaus, Marcus) — xo^ivog, bios Mr. 6, 43 = Mt. 14, 20 = Lc. 9, 17 (= Joh. 6, 13) — XQayiov, bios Mr. 15, 22 = Mt. 27, 33 = Lc.23, 33 (= Joh. 19, 17) xQaanedov, nur Mr. 6, 56 = Mt. 9, 20 = Lc. 8, 44. Sonst noch Mt. 14, 36. 23, 5 -— x^afSiv ist bcsonderes Lieblingswort von A und von Apoc. — xqtj^- >6g, nur Mr. 5, 13 = Mt. 8, 32 = Lc. 8, 33 — xT^^a Mr. 10, 22 = Mt. 19, 22 — xvxA^ sagt unter den Evangelien bios A Mr. 3, 34. 6, 6. 36 = Lc. 9, 12 — TcvlUg Mr. 9, 43 = Mt. 18, 8. Sonst noch Mt. 15, 30. 31 — TivvdQiov Mr. 7, 27. 28 = Mt. 15, 26. 27 — xwq^og Mr. 7, 32 = Mt. 15, 30. Mr. 7, 37 = Mt. 15, 31. Mr. 9, 25. Sonst noch Mt.9, 32. 33 =r 12, 22. Lc. 11, 14. Mt. 11 , 5 = Lc. 7, 22. Lc. 1, 22 — u4aXui (Matthaus, Marcus) — Xa^fxa (Matthaus, Marcus) — Xa- xoptElv (Matthaus, Marcus) — XeyBiiv — Xinqa — XanqSg — Xrjar^g — XvtQOv — MaxgAd'Bv — ficexQdg - ftaaviyovv — ftvtj^oavvov (Matthaus, Marcus) -— (nSdiog — (noixaa&ai (Matthaus, Marcus) — fioixsla (Mat- thaus, Marcus) — fiov6q>&aXfiog (Matthaus, Marcus) — fnvXog'i - ftvQOv — NijoTig (Matthaus, Marcus) — vvfifprj (Matthaus, Lucas) — w^q>iog — yvfi€piov — BriqSgl — OlxodBOTrAxr^g — ofi/iof (Matthaus, Marcus) — o^oid^eiv (Matthaus, Marcus). Sonst nicht — 6vix6g'{ — ovog (Mat- thaus, Lucas) — ofTiad'ev — Sgia (Matthaus, Marcus) — SQVTtetv (Matthaus, Marcus) — oQxelod'ai — ovdalg iariv 8g — oipi (Matthaus, Marcus) — otpla (Matthaus, Marcus) — Tlaieiv —naQaftoXrj — naqa- Xvsixdg — naqanoQSv^a^ai (Matthaus, Marcus) — naqaaxsvi!] — na- TQig — fte^ (Matthaus, Marcus) — Ttevd-egd — niqav (Matthaus und Marcus jeder 7 mal, Lucas nur 8, 22) — neQifiXinea^ai (Mr. 3, 5 = Lc. 6, 10, sonst nur bci Marcus noch 5 mal) — neQiXvnog — nsQia- aevfia — niQiaofSg (Matthaus, Marcus) — ntQiatBQot — neQitid'iyat (Matthaus, Marcus)— netQddrjg (Matthau8,;Marcus) — ntiQa — nlva^-- nldxsiv (Matthaus, Marcus) — nviyeiv (Matthaus, Marcus) — n6te — DigMd by Google 292 Viertes Capitel, nqopaivBiv — nqo^^og (Matthaus, Marcus) — aqfcog Trjg TtQod'iaewg — 7TQ0oai%eiv (Marcus, Lucas) — nqoanvXiaiv (Matthaus^ Marcus) — eig nQoatOTiov fiXdneiv = parteiisch sein (Matthaus, Marcus) — TrQWTO- xliala — nvgyog — nvQaaaeiv (Matthaus, Marcus) — nwXog — ^Pafifii (Matthaus, Marcus) — ^ay^og (Matthaus, Marcus) — ^a(pig1 — ^ijyvveiv — ^of/Jax^ayt (Matthaus, Marcus) — aivam — aivdiiv — axaydali^eip — oxltjQOxaQdia (Matthaus, Marcus) — axoQTii^eiv (Matthaus, Lucas) — axotla (Matthaus, Lucas) — axvXJisiv — anagdaaeiv bios Mr. 1, 26. 9, 20. 26 = Lc. 9, 39. — o^rXayx^i^eod^ai — anoyyog (Matthaus, Mar- cus) — anoQifia — ardxvg — ateytj — avxov — avfmvlyeiv — avva'pa-^ xelad-ai — avvrrjQelv — axlofia (Matthaus, Marcus) — Tinvov — wAcJyijg — xeXdviov — %i ifiol %ai ooi — tIXX^iv — Ylog Javtd — vnavt^v - vnox^iZT^g — vateQOv — Oeyyog — q>Qayfi6g — (pv%sv^i> — XolQoq — VevdofiaQivQeiv — xptxlov — ^iiaavvd (Matthaus, Marcus) — cut/ok IV. Styl des Matthaus. Es ist zunachst zu constatiren, daas Matthaus , uiag nun sein Abhangigkeitsverhaltniss gefasat werden , wie es will, jedenfalls ein Schriftsteller ist, der die Quellen assimilirt und seine eigene Manier durchfuhrt. 1) Die Compositionen mit ovQavog. Am bekanntesten ist wohl die 27 mal bei ihm vorkommende fia- aiXela twv ovqavdvy wofur die Andem stets fiaaiXsla %ov 9bov haben, was aber auch bei Mt. 6, 33. 12, 28. 19, 24. 21, 31. 43 stehen ge- blieben ist, wie auch fiaaiXeia %ov natqog 13, 43. 26, 19. Dieser yrcmjif heisst zwar auch Mr. 11, 25. 26 6 TtatrjQ b iv joig ovQavoigy 16 mal aber kommt der Ausdruck (wofur Lc. 11, 13 sagt 6 naTrjQ 6 i^ ovqavov) im Matthaus vor, dem ausserdem noch eigenthumlich ist o navijQ 6 irrov^ QCLViog oder orpcfytoe (G , 14. 26. 32. 15, 13. 18, 35). Die Predigt vom Himmelreich aber heisst o Xoyog oder %6 evayyiXiov rfjg fiaaiXeiag 4, 23. 9, 35. 13, 19. 24, 14. 2) Die solenne Formel bei Anfuhrung messianischer Beweisstellen ist iva nXfjQO}^ to ^tj^iv vtto tov d-eov (xvqIov) diet xov nqoqftjxcv vgl. 1, 22. 2, 15. Auch 22, 31 %6 ^tj^iv vno rov &eov. Jene umstand* lichste Formel wird indessen schon 2 , 5 mit yiyqamai dice %ov ngo- gnjtov, 2, 17 mit inXtjqwdTi %6 ^fj&iv did tov nqotprjtov vertauscht, und in ahnlichen abgekurzten Formeln wird sonst noch citirt (vgL S. 259 f.). Nur die Formel %ovto di oXov yiyovev, iva ist noch zu erwah- nen 1, 22. 21, 4. 26, 56. In diesen und ahnlichen Phrasen sind dem Matthaus eigenthumlich die Ausdrucke ^rj&eigj ^rjd'ivy i^^idrj vgL I, 22. 2, 15. 17. 23. 3, 3. 4, 14. 5, 21. 27. 31. 33. 38. 43. 8, 17. 12, 17. 13, 35. 21 , 4. 22, 31. 24, 15. 27, 9. 35. Von den ubrigen Synoptikem hat Dies nur Marcus in der, von Lachmann eingeklammerten , von Tischendorf getilgten, Stelle 13, 14. Digitized by VjOOQ IC Der Spraohoharakter der Synoptiker. 293 3) Specifisch matthaisch ist die Bezeichnung von Jerusalem als rj ayla n6hg oder 6 Sywg %67iog 4, 5. 24, 15. 27, 53. Vgl. auch 5, 35 mhg %ov ^eydXov fiaatXiwg, Ebenso der d-eog o ^wv 16, 16. 26, 63. 4) Herrschend ist im Matthaus bei Angabe von Namen oder Zu- namen das 6 Xeyofievog, so von Christus 1, 16. 27, 17. 22, von Matthaus 9, 9, vonPetrus 4, 18. 10, 2, von Kaiphas 26, 3, von Ischarioth 26, 14, auch bei Ortsnamen 2, 23. 26, 36. 27, 33. A hat das 6 layo^svog nur Mr. 15,7 = Mt. 27, 16 von Barrabas, und das 6 invKXrjd-^ig Qaddaiog Mt. 10, 3 ist unachter Zusatz nach Art des Lucas. 5) Matthaus hat auch eigene Particularaufschriften , wie sie sich, zomal in dieser Form, sonst nicht wieder finden, vgl. 1,18 tov di Xqi- tnov ^ yivacig ovttog tjv, 10, 2 %iSv Si dtidexa dnoaroXwv ra 6v6^a%a iatiy tavTa. 6) Der Zusammenhang im Einzelnen Mdrd hergestellt durch ge- wisse allgemeine chronologische Formeln ; besonders gewohnlich ist die Uebergangspartikel totc (and tore), die bei Marcus 6, bei Lucas 14, bei Matthaus 9 1 mal vorkommt. Im ganzenN. T. ausser den Synoptikem steht es nur noch 50 mal. Auch da, wo A Marcus ausfuhrlicher ist , begnagt sich Matthaus mit dem blosen tore 9, 1 5. Haufig ist aus A ev9img und Bv^ig beibehalten. Sonst aber schreitet die Rede fort mit %ai iyivsro St«(7, 28. 11, 1. 13, 53. 19, 1. 26, 1), hi€i»€V n. s. w. 7) Als zusammengehorige Fhrasen, die dem Matthaus eignen, sind zu betrachten: 13, 18 TtaqafioXri tov aneiQavtogj 13, 36 Jtaqa^oXij %wv ^iJ^avlwv, 16, 9. 10 aQtoi TiJSv nevtaxiaxiXlcjv und twv tetQaxiaxiXlcDVy 21, 21 to trjg avnijg. 8) ElneXv ti Katct tivog: 5, 11. 12, 32. 9) Zu yQafdfiatBig oder TtQeafivtegoc setzt Matthaus gem tov Xaov (2, 4. 21, 33. 26, 3. 47. 27, 1), wovon sonst hochstens Lc. 19, 47 (ol nQwtoi tov Xaov), 22, 66 (tc TtqeajivtiQiov tov Xaov) Spuren vorkom- men. A hat dafdr dieTrichotomie TTQeafivtegoiy aqxiBqaig xal yQafifiatelg^ die z. B. Mt. 16, 21 stehen blieb. So oft ubrigens Matthaus auf die Hohenpriester undPharisaer in seinenEinschaltungen zu reden kommt, sagt er, dass sie sich versammelt batten , z. B. 22, 41. 26, 3. 27, 17. 62. 28, 12. 10) Matthaus sagt noitjoav wg^ wanBQy daavTwgy xadwg, meist mit Ttfoahaiev oder dgl. Vgl. 1, 24. 6, 2. 20, 5. 21, 6. 26, 19. 28, 15. Lucas sagt daftir b^olwg, 11) Matthaus liebt Worter auf svblVj meist mit factitiver Bedeu- tung. Ausser solchen, die er mit A gemein hat (vrjatBVBiVj 7iQoq>rfi:BVBiVf fpoyBVBiv, qwtavBiVy dyyaQBVBiv) , gebraucht er fia^tsveiv (13, 52. 27, 57. 28, 19), dBafiBVBiv (23, 4), iTtiyaftiifjivBiv (22, 24), nayidBveii^ (22, 1 5, nur bei ihm). Digitized by VjOOQ IC 294 Viertes Capitel. 12) Elg TO ovofiaj nur Mt. 10, 41. 42. 18, 20. 28, 19. Die ABdem haben iv und inl. 13) nag SoTig 7, 24. 10, 32. 19, 29. Lucas sagt nag og. 14) Statt axot;cro/ticrt sagt Matthaus axot;flr(u 12, 19. 13, 14. 15. 1 5) Er liebt die Praposition dno auch nach Zeitwortern, mit denen die iibrigen neutestamentlicben Schriftsteller ix. verbinden, so nach iyeii}€a&ai (14, 2. 27, 64. 28, 7) und dieyeiQsa^ai (1, 24). Das ad^eir and darf bier nicht angefuhrt werden, da es bei Matthftus bios 1,21 (9, 22 gehort nicht bier her) vorkomint und einen Gegensatz g^en die son- stige synoptische Sprache hdchstens insofern bildet, als bei Marcus gax keine Praposition steht. * 1 6) Bios bei Matthaus die Ausdrucke f^ixQ'' ^^^ otj^^ov 1 1, 23. 28, 15 und ^iog zrjg arjfiBQOv 27, 8. 1 7) Wahrend der Artikel an sich bei Matthaus naturlicb verhalt- nissmassig so oft steht, als bei den Andern, findet sich bei ihm haufiger, als bei Marcus und selbst bei Lucas, das distinguirende o (f), oi , at) di. 18) Wahrend o^ro^ so oft in alien Evangelien vorkomuit, hat bios Matthaus- die nachdruckliche Verbindung ovTOg ya^, vgl. 3, 3. 7, i2. 11, 10. Aehnliche Verbindungen kommen zwar vor bei Lc. 6, 23. 26 (xata %avta ya^), 21,4 (Snavteg yctQ ovzoi) und Mr. 1, 38 (eig tov%o yciQ)j aber doch selten, und eben gerade ovtog yaQ nicht, wie auch ovna dem Matthaus eignet 2, 5. 3, 15. 5, 12. 19) Im AUgemeinen kann man nicht sagen, dass Matthaus ein her- vorragend hebraisches Colorit besitze ; ein solches lasst sich viel eher bei Marcus (S. 288 f.), ja theilweise selbst bei Lucas entdecken. Wo es sich im Matthaus findet, da kommt es fast mehr auf Rechnung der Quellen oder — wie in der Vorgeschichte — des eigenthumlichen Inhaltes , der eine andere, als die naiv alttestamentliche , Form gar nicht vertragen wurde. Sonst aber arbeitet Matthaus gewandt, assimilirt gut und inter- polirt den Text von A mit gut griechischen Formen. So Matthaus 2 1 , 41 xaxovg xayuSg dnoliaei avtovg^ was ebenso gut Demosthenes ge- schrieben haben kOnnte. ^ 20) Endlich geben wir noch ein Lexicon von Wortem, die aber- haupt im N. T. oder doch wenigstens unter den Synoptikem — sei es ausschliesslich, sei es vorzugsweise — dem Matthaus eignen. 'Ayyelovy nur 13, 48. 25, 4 — Syyelog xvqwv 1, 24. 2, 13. 19. 28, 2. Nur Lucas hat sonst noch den Ausdruck 1, 11. 2, 9 — ayiuavqoy^ nur 17, 27 — dd'tpog, nur 27, 4. 24 — al/ua dUatov^ nur 23, 35. 27, 24 — ai^io^^oeiVf nur 9, 20 — alueil^eiVj nur 12, 18 — axfu^v, nur 15, 16 — d-KQipovVj nur 2, 7. 16 — dyafiifiaKen^y nur 13, 48 — dvaitiogf nur 12, 1} OegenOersdorf, S. 84.— 2) Hitsig: Joh. Marcus, S. 36. Digitized by VjOOQ IC Der Spraohchsrakter der Synoptiker. 295 5. 7 - ava%iOQBiv^ stebt zwar einmal bei Mr. 3, 7 ^ bei Matthaos aber 10 mal, sonst im N. T. nur noch 3 mal — avrjd^ovy nur 23, 23 — dno- plntsiVf nur 27, 24 — aTtoatQifpBiv kommt im Sinne von a^rt bios vor 26, 52. 27, 3. In anderer Bedeutung nocb 5, 42 und Lc. 23, 14 — aqyiqia, der Plural bios 26, 15. 27, 3.' 5. 6. 9. 28, 12. 15 — a^i, nur bei Matth&us — jBcr^, nur 16, 17 — fia^Ti/iOQf 26, 7? — fiaaavi- OTT^Qj nur 18, 34 — fiavfoloyeiv, nur 6,7 — piaojiJQy nur 11, 12 — fidixeiVy ^Qox/j bedeutet 5, 45. 7, 25. 27 Segen, sonst noch bei Lucas, doch nur im bildlichen Sinn, 7, 38. 44. 17, 29 — Jdveiovy nur 18, 27—6 deivOf nur 26, 18 — diafifjj niur 13, 30 — diaxwXveLVf nur 3, 14 — diaXXavT€a9aif nur 5, 24 — diaaaq>€iv, nur 13, 36. 18, 31 — didQaxfiOPy nur 17, 24 — dii^odog, nur 22, 9 — dien^g, nur 2, 16 — dia%a^9ivj bios 14, 31. 28, 17 — divXi^eiVy 23, 24 — dixd^eiv 10, 35 — diAp^ hat nur Matthaus unter den Synoptikem. — ^EfidofirjKOV' tdxigy nur 18, 22 — eyeQOis, nur 27, 53 — iyd xvQie = •»3jsi unter den Synoptikem bios 21, 30 — i^vixog, Heide, nur 6, 7. 18, 17 und 3 Job. 7 ? — eldia (idia), nur 28, 3 — eiqtiy07toi6Sf nur 5, 9 — hXdfi^ Tteipf nur 13, 43 — ifAfuxvov^Xy nur 1, 23 — ifinofiay nur 22, 5 — i^Ttqfj&€iVy nur 22, 7 — ivihffielad'ai 1, 20. 9, 4 (fur diotXoyi- ^ea*ai von A). Act. 10, i%1 — i^^dt^BiVy nur Mt. 2, 8. 10, 11 und Job. 21, 12 — ifopx/^ctf, nur 26, 63 — ^Jwwpog, nur 8, 12. 22, 13. 25, 30 — inavio hat Marcus einmal, Lucas 5, Matthaus 9 mal und zwar so, dass keine unter diesen 1 5 Stellen mit den anderen parallel lauft. £s darf mithin der haufigere Gebrauch als Eigentbumlichkeit des Matthaus gel- ten, um so mehr, als, ausser Matthaus, das Wort nur noch 11 mal im N. T. vorkommt — iftixad'i^eiVj nur 21, 7 — iTtianel^eiVy niur 13, 25? — ii(€vyead'aiy nur 13, 35 — igifpioy, nur 25, 33 — halqog hat imN. T. nur Matthaus, und zwar bios in grosseren oder kleineren Einschiebseln, 11, 16. 20, 13. 22, 12. 26, 50 — evdloj nur 16, 2 — dvoeipf nur 5, 25 — evvovxl^siVy nur 19, 12. Auch evvovxog kommt nur bier und Act. 8, 27 — 39 vor — evQvxfOQOQy nur 7, 13 — Zil^dnaf bios 13, 25 -.40 — ^Hyefidvf ohne Farallele bei Matthaus 10 mal, sonst nur einmal in A (Mr. 13, 9 =s Mt. 10, 18 » Lc. 21, 12) und ausserdem bei Lc. 20, 20 — Gavfidaiosy nur 21, 15 — d'si als Vocativ, nur 27, 46 — d'CQiati^gf nur 13, 30. 39 — ^aavQoly charakteristischer Plural, vgl. 2, 11.6, 19. 20. Sonst nur Hebr. 11, 26. Auch der Singular kommt zwar einmal in A vor (Mr. 10, 21 = Mt. 19, 21 as Lc. 18, 22), gehort aber sonst dem Matthaus, vgl. 6, 19. 20. 21 (asLc.12, 33. 34). 12, 35 (=Lc. 6,45). 13, 44. 52. Sonst nur noch bei Paulus 2. Cor. 4, 7. Col. 2,3 — ^fiav- a^aif 2, 16 — 7c5Ta, 5, 8 — Ka^yf/t^Qf nur 23, 8. 10 — xata^efiati^eiVf nur 26, 47 — xatafiav^dveiv , nur 6, 28 — xctwaftorfi^ead^ai, bios 14, 30. 18, 6 — xoTOixslv mit el$ kommt im N. T. nur 2, 23. 4, 13 und Digitized by VjOOQ IC 296 Viertes Capitel. Act. 7, 4 vor, kann also als charakteristisch gelten — xm ovaQ^ 1 , 20. 2, 12. 13. 19, 22. 27, 19 — x^TOg, nur 12, 40 — x6Xaaigy2b, 46. Sonst nur 1. Job. 4, 18 — xovavwdla, nur 27, 65. 66. 28, 1 1 — x^t;^ato$| nur 6, 18 — xv^ivovy nur 23, 23 — xdvwtfjy nur 23, 24 — Makaxioj $ia- XaMQj Mt. 4, 23. 9, 35. 10, 1. 11, 3. Sonst nur Lc. 7, 25 — fjLB- talqeiVj bios 13, 53. 19, 1 — fieva^iXea^aiy bios 21, 29. 32. 27, 3 — fietoixeaiay nur 1, 11. 12 17 — fiiad'Ovad'aL, nur 20, 1. 7 — fiv- JUoVy nur 24, 41 — Ndfiiofiay nur 22, 19 — wtnd^eiv 25, 5, sonst 2. Petr. 2, 3 — Olxezeia, nur 24, 25 — olyuax6gj bios 10, 25. 36 — dfivvetp mit iv oder elg^ Hebraismus, bios Mt. 5, 34—36. 23, 16. 18. 21. 22 — cvaQy nur 1, 20. 2, 12. 13. 19. 22. 27, 19 — CTKog^ beiMarcus 2 mal, bei Lucas 7, beiMatthaus 18 mal — - ovdafidigj nur 2, 6 — lIayid&i$iVj nur 22, 15 — uaQa&akdaaiog y nur 4,13 — naQanovetVy nur 18, 17 — naQO^ fiOia^eiVy nur 23, 27 — rvaQOva lay nnr 24, 3. 37. 39 unter den Dreien — TtaQOipig, nur 23, 25. 36 — nihxyog ausser 18, 6 nur noch Act. 27, 5 — nXarvgy nur 7, 13 — TtoXvXoyla, nur 6, 7 — nQ&og, nur 11, 29 — TtqoaeQxeo&aiy orientaliscb die Rede ausmalend, konunt bei Mat- thaus 51 mal vor, bei Marcus nur 6 mal (und zwar bios in der Parti- cipialconstruction), bei Lucas 10 mal (darunter 9 mal Particip) — nqoa- tpiqeiv dtJQOVj nur 2, 11. 5, 23. 24. 8, 4 — 7tQog>&dv€iy , nur 17, 25 — TCQwtaj ausser Job. 18, 28. 21, 4 nur Mt. 21, 8. 27, 1 — m;^^- ^€iv, nur 16, 2. 3 — ^Poxcr, nur 5, 22 — ^anl^SLV, bios Mt. 5, 39. 26, 67 — 2ay/jVfjy nur 13, 47 — aeieiv, nur Mt. 21, 10. 27, 51. 28, 4 — aeXtivid^sad-aif nur 4, 24. 17, 15 — aitiarogy nur 22, 4 — afivQvc^ unter den Dreien bios Mt. 2, 11 — tnatiJQ, nur 17, 27 — avfifiovXiop XafifidveiVy nur Mt. 12, 14. 22, 15. 27, 1. 7. 28, 12 — avvdyeiv kommt bei Marcus 5 mal, bei Lucas 7 mal, bei Matthaus aber, dessen Lieblings- wort es ist, 24 mal vor. Marcus dagegen setzt z. B. 15, 16 dafur pas- sender avyxaXetv — ovvalqBiv Xoyov, nur 18, 23. 24. 25, 19 — avvdp^ vrjoigy nur 8, 34 — avvav^dvead'ai y nur 13, 30 — ovvrdrreiVy nur 21, 6. 26, 19. 27, 10 — avvT^Xeux tov aUSvog, nur bei Mt. 13, 39. 40. 49. 24, 3. i8, 20. Sonst im N. T. nur noch Hebr. 9, 26 — oq>6dqa , ent- schiedene Eigenthumlichkeit, dem Zeitwort immer nachstehend, vgl. 2, 10. 17 , 6. 23. 18, 31. 19, 25. 26, 22. 27, 54. Sonst noch Mr. 16, 4. Lc. 18, 23 — TdXavtoVy nurMt. 18, 24. 25, 15. 16. 20. 22. 24. 25. 28 — taq)T^y bios 27, 7 — rdipog 23, 27. 29. 27, 61. 64. 66. 28, 1. Rom. 3, 13. Die Andern sagen ^vtjfxuov oder ^ivrjfxa — teXevrrjy nur 2, 15 — tfjQOvytegy die Wache, bios Mt. 27, 36. 54. 28, 4 — TQane^lrrjgy nur 15, 27 — %qv7trj^ciy nur 19, 28 — ^'Ya%BQOVy 7 mal, sonst bios noch Mr. 16, 14. Lc.4, 2. 20, 32 — 0Qd^etVy nur 13, 36. 15, 15 — (pqiivi^ogy bios noch Lc. 12, 42. 16, 8 — qwXarucYiQiov y nur 23, 5 — gwTeiay nur 15, 13 — XaXenogy unter den Dreien bios 8, 28 — x^^f^^Sy nur 27, Digitized by VjOOQ IC Der Sprachoharakter der Synoptiker. 297 28. 31 — X(t^o6sj beiden Synoptikem nur Mt. 2, 11. 10, 9. 23, 16. 17 — VsvdofiaQtvQlaj nur 15, 19. 26, 59 — xpvxsa&aij nur 24, 12. V. Abwandlungen von A durch Matthaus. Wir consta- tiren zunachst bios die Thatsache, dass Matthaus den Text von A in eigenthumlicher Weise uinbiegt und bearbeitet : 1) Das Participium kiywv steht zwar auch bei Marcus bier und da ohne hinzugefugten Dativ der angeredeten Person , aber immer nur dann, wenn ein solcher Dativ der Sache nach ungehorig ware (z. B. 1, 7. 15. 24. 27), dagegen unzfihligemal bei Marcus und Lucas, also in A, der Dativ gesetzt ist. Matthaus aber hat ihn consequent ausgelassen. Denn 7, 21 ist nur eine scheinbare Ausnahme. 2) In A (Marcus, Lucas) stehen Adverbien, wie wde bald vor, bald nach den ZeitwOrtem. Nur selten aber hat diese Grundsatzlosigkeit auch auf Matthaus Einfluss geubt; so bei ixely das hald vor, bald nach steht (ixeid'ev sogar immer nach). — Sonst aber stellt Matthaus die Worte 80, dass die Adverbien den ZeitwOrtern ebenso consequent voran- gehen, als sie, falls diese im Imperativ stehen, denselben nachfolgen. Vgl. 2, 8. 13. 3, 15. 4, 6 (= Lc. 4, 9). 5, 24. 25. 6, 11 (= Lc. 11, 3). 30. 7,5 (= Lc. 6, 42). 8, 21. 10, 6. 28. 13, 30. 14, 8. 18. 17, 17 (=Lc. 9,41). 20. 18, 16. 21, 28. 23, 26. 24, 18 (= Lc. 17, 31). 25,9. 26, 45 (= Mr. 14, 41). 27, 42. 43 (=:Mr. 15, 32). Ausnahmen sind xaxel fieivate 10, 11, fidvov Bini 8, 8 und uberall das ovino und o^twg^ was als Reaction von A anzusehen ist. 3) An Stellen, wo Matthaus die Reihenfolge der E^zahlungen aus A verandert hat, lasst er natUrlich die genauere Zeitangabe weg, wie Mr. 4, 35 ^ hulvj] tfj fjiiiQff Mt. 8, 18 ausgefallen ist; ebenso ist iv hielvaig zalg '^fiigaig A Mr. 8, 1 weggefallen Mt. 15, 32. Dagegen fugt Matthaus, wo er den Zusammenhang von A durch Auslassungen unterbrochen oder durch Einschaltungen gesprengt hat, aber in densel- ben wieder zuruckkehren will, hinzu, dass die nunmehr zusammenge- stellten Geschichten wenigstens ungefahr in dieselbe Zeit fallen > vgl. iy hiiivip %(p xaiQf^ 11, 25. 12, 1. 14, 1 ; h helvfj tj Sgif 18, 1. 26, 55 (ganz anderer Art sind die Stellen 8, 13. 10, 19); ^ helvfj tfj ^fiig^ 22, 23 (vgl. S. 94. Ganz anderer Art ist 7, 22). Mit der abweichenden Formel iv r^ rjfi^Qif ixelvrj hebt er nur in ein em Falle, wo er die Reihenfolge des Marcus beibehalt, noch ausdrucklicher, als jener, her- vor, dass das zu erzfthlende Ereigniss an demselben Tag (13, 1) ge- schehen ist. ' Endlich muss hier auch noch die, in ihrer Bedeutung fur die Abwandlung von A schon S. 128 gewurdigte Formel xol iyive%o ore hiXsoBv b Irjaovg zovg Xoyovg erwahnt werden. 1) Hiernach Ut zu berichtigen, was Weiss, S. 49 bemerkt. Digitized by VjOOQ IC 298 Viertes CapiteL 4) Matth&us bildet gem einleitende , gleichsam die Antwort aos dem Mande lockende^ also anticipirende Fragen, wie 13, 10. 18, 1. 19, 20 (tl €Tt vateQiOf aus A Mr. 10, 21 Sv col voTeQei geformt). 27 (ji aqa korai tiiiiv). * 22, 42 {tlvog vidg iati). 24, 3 (zl to atjfislov Ttjg ftaqav- alag). Besonders liebt er Fragen, gebildet mit ti aoi doxel; 17, 25. 22, 17. Ti Ifilv doxei; 18, 12. 2l, 28. 22, 42. 26, 66 (wo Mr. 14, 64 tc vfilv ipaiverac hat). Auch 17, 19 deutet das dia tl directer auf das Un- vermdgen der Junger zur Heilung bin, wie denn auch die Antwort dia triv djiiatiav viAWv 17, 20 schlagender ist. — Matthaus formulirt gem aus dem voriiegenden Stoffe Dialoge, so 19, 18 fcoiag. 21, 40. 41 (da- mit die Pharisaer sich selbst das Urtheil sprechen). 22, 42. 26, 2. 15. Aber auch kurze Reden setzt er in den Context ein. So aus Mr. 14 ^ 23 xal BTtiOv i§ avTOv Travres wird Ttiete i^ avtov navzeg 26, 27. Aus Mr. 14 , 61 ol di navreg Kat&cQivov avtov Svoxow elvai &apdtov -wird 26, 66 01 di dicoxQid'evtsg elnov kvoxog d-avatov iatlv. Dahin gehort auch die Erklarung ovtog iaziv S vi6g fiov 13, 17 anstatt A Mr. 1 ^ 11 = Lc. 3, 2[ av el 6 vlog ^ov. — Femer bildet Matthaus disjunctive Fra- gen, wie 17, 25. 27, 17. 21 , oder deutet sie doch starker an, als die An dem, wie 21, 25 mit ndd-ev. Auch diese Erscheinung gehort wesent- lich zur Methode des »steigernden Analysirens, a die Kern im Mat^ thaus wahrnahm.^ — Auch bildet er folgernde Satze mit ndg ovp 12, 26. 22, 43, wo er beidemal erweitert, um die logische Folgerung aniu- bringen. — Endlich recapitulirt Matthaus gem zum Schluss einer Er- zahlung, z. B.*15, 20. 16, 12. 17, 13. 20, 16. 5) Beispiele im Detail. Mt. 12, 4 steht 8 ovx i^ov ^v gegen A Mr. 2, 26 =3 Lc. 6, 4 ovx e^eaziv. Mt. 13, 19 steht der Singular Ttcry- tog dxovoircog gegen den Plural A Mr. 4, 15 = Lc. 8,12. Mt. 19, 29 Ttdg Irifixpszat gegen A Mr. 10, 29. 30 = Lc. 18, 29. 30 ovdeig hniy idv fiij Idfig. Mt. 22, 24 steht dvaatrjOBL gegen A Mr. 12, 19 =Lc. 20, 28 i^avaoTi^aj]. VI. Tendenz der Abwandlungen. Die Aeusserungen von Methode, die sich in der Bearbeitung von A durch Matthaus erkennen lassen, vereinij^a^n sich in dem Bestreben, in den Vortrag die moglichste Vollstandigkeit und Bestimmtheit einzulegen ; zugleich geht er auch darauf a^, das Rauhe.und Ungefugige in A abzuschleifen. 1) Die auffallendste Umgestaltung des Textes von A ist bedingt durch die jManier des Matthaus, Subject und Object grammatisch su 1) Man vergleiche wieder die Welsh eit der Tendeiizkritik bei Hilgenfeld (Etsh- gelien, S. 141) : nOffenbar aus Vorlicbe ftLr Petriu werden Mr. lU, 28 die lohnsOcbti- gen Worte Mt. 19, 21 t£ uQa f^arai %uTv vermieden.n — 2) Tabinger Zeitschrift far Theologie, 1834, S. 55. Digitized by VjOOQ IC Der Sprachoharakter der Synoptiker. 299 vervoUstandigen oder dixrcb hinzugefugten Genitiv naher zu bestimmen, wo dies in A nicht der Fall ist. So 9 , 1 1 6 diddaxalog vfiwv^ wie 17, 24. — 12, 2 01 fia^fjvai, wie auch 14, 26. 19, 25. 26, 8. 56 — 13, 18 TtaQofioXi] %ov anaiQOVTog — 17, 1 tdv ctdeXipov avxov — 19, 20 o vea- vlaxog — 21, 8 6 di nkeloTog oxlog — 9 ol di oxXol — 35 ol yaioqyol — 22, 15 o\ OaQiOaioL — 26, 10 ty yvvaiTii (fur auzy Mr. 14, 6) — 26, 31 t^g noi^vTjg — 55 tolg oxXoig (fur aviolg Mr. 14, 48) — 61 toS d^eov — 27, 20 ol nqea^vxBqoi — 27 , 27 aTQariwiat tov ^ysfiovog, Aus demselben Streben nach Besdmmtlieit ist es zu erklaren, wenn Matthaus zuweilen Nam^n einschiebt, wie Judas 26, 14, Kaipbas 26, 57; wenn er den Pilatus 27, 2 mit Vornamen und Titel nennt; wenn er 3, 1 die Wuste, darin der Taufer auftrat, als die Wuste Judaas bezeich- net und den Johannes gleich von vornberein als den Taufer cbarakteri- sirt; oder wenn er 28, 5, wo A Mr. 16, 6 /nfj 6x9^afi(i€ia^s setzt, die Weiber niit ^rj (po^elad'e vfielg den erschreckten Grabbutem gegentlber- stellt. Namendicb aber bringt er zuweilen fur Uuiscbreibungen in A bestimmte Substantive ; * so soil der gebeilte Aussatzige nach A Mr. 1, 44 = Lc. 5, 14 darbringen S oder xa&atg TtQoaha^sv Mowarjg, wofur Mat- thaus epexegesirt to dioqov 8 nQoaha^ev Mwvafjg; vgl. zovg X6yovg vfi(3v 10, 14 und to SQafia 17, 9. Um ja nichts an Bestinuntheit des Ausdrucks fehlen zu lassen, bringt er auch solche Zusatze an, wie iv Ty fiaaiXelif tcSv ovQavwv 18, 1, %ovjo 19, 26, ^ot 21, 2, T(p vlif Javid 21, 9, ^filv 21, 26, vofiiofia %ov xi/jvaov (fur dtjvaQiov) 22, 19, iiaq' rifuv 22, 25, wds 24, 2, 6 Xqiatog 24, 5, OQ&ta 24, 6, fit/ui x%fi 26, 22, ^Bd^ v^wv 26, 29, h aol 26, 33, fier aitwv 26, 36, jU€T* ifiov 26, 3S. 40. Manchmal geht er in diesemBestreben nachVerdeutlichung zu weit, wie z. B. der Zusatz ovTog fie TtaQadioast 26, 23 ebenso gut fehlen konnte. Ebenso sind die Zusatze mit ij zu erklaren, wie z. B. die Herein- schiebung des Jeremias 16, 9, die Wahl, die er lasst zwischen Dorf und Stadt 10, 11. 14, zwischen Stadt und Haus 12, 25; und Verdeutlichun- gen, wie 14, 26 a/ro tov g>6fioVj 20, 23 vno zov TtavQdg ^ovy 26, 33 axavdaXiadrjOOfjiai; und unschuldige Zusatze, wie xa^aq^ 27 y 59 zu Oivdovi A Mr. 15, 46 a Lc. 23, 53. Darum gibt auch Matthaus, wo er Beden aus A hat, nicht bios den ausfuhrlichen Text, sondem haufig erweitert er ihn noch, wie 3,11 eig fietavoictVy 8, 26 dXiyoniinoi,^ 9, 17 xai dfx(p6z€Q0i avvtrj^ovvtai^ 16, 16 6 viog %ov d'BOv %ov ^wvtogy 17, 12 ovx iniyvwaav avzovy 21, 33 oWodeGTiSttigl 34 %iiv xaQnwp^ 41 yetoqyolg oXxiveg aTtodwoovaiv avzM %ovg naQnovg h toig KaiQolg avzav, 22, 18 vnoxqital^ 24, 14 to 1) Wilke: Urevangelist, 8. 250. 419 f. Rhetorik, 8. 447. * Digitized by VjOOQ IC 300 Viertes Capitel. BvayyiXiov tfjg paaileiag, 31 fiera aalntyyog q>wv^g (iByaXrjg. Besonders liebt er es, unumwundene Aeusserungen zu bilden, um sie ihren Bewei- sen voranzustellen, welche letztere dann wohl auch fehlen. So z. B. 9, 3 ovtog piaafprj^elf 24 avax(OQ€lT€y 14, 16 ov xqeiav exovaiv anel- d-eivy 26, 65 ifilaaq>i]firja€. Dagegen, wo es dem Interesse der Deutlichkeit keinen Eintrag that, ist er bemuht, die weitschweifigere Ausdrucksweise von A zu ktlr- zen, z. B. durch Umgehung der Construction en mit ?ya, vgl. 21, 34 lafieiv sUit tva Idjirj , 26, 17 (payslv statt iW qpoyjjg, 39 naqeXOmw statt %va naQiX&y, Oder er setzt to at]fx€i0v rrjg naQOvalag 24 , 3 statt arjfielov Stav fialXf] tavta avvreXsta&ai. So geht das Bestreben des Matthaus darauf aus, den Bedeinhalt von A mit moglichster Deutlichkeit wiederzugeben , wesshalb er densdben meist in erweiterter Form gibt, wogegen er die Erzahlungen , die fur ihn meist nur motivirende Bedeutung haben , so durchgangig verkurzt, dass wir nicht begreifen wurden, wie Weiss in diesen offenbaren Com- pendien die Grundrisse zu der ausfuhrlicheren Darstellung des Marcus entdecken konnte, * wenn nicht Matthaus dieses Geschaft der Zusam- menziehung gewohnlich so gewandt vollzoge, dass er selten dadurch undeutlich wird. So kann Mt. 8, 28 — 34 die Beschreibung der Krank- heit und der jedenfalls ursprungliche Name Legion fehlen, ohne dass die Pointe der Geschichte abgestumpft wird. 2) Paulus* und Schott' versicherten, Marcus verandere an seiner (vermeintlichen) Grundlage , dem Matthaus, absichtlich, um die Rauhheiten des Styles zu mildern. In der That aber verhalt sich die Sache gerade umgekehrt. * Matthaus schreibt z. B. das xal iydvevo iv ixeivag valg fjiA^qaig rjXd^ev ^Iijaovg Mr. 1, 9 um in naqayiv^at ^Ir^aovg ini Tov ^loQddvrjv 3, 1 3, das tva iXd^wv iTtt&fjg Mr. 5, 23 in dXXa ^Otow ijri&eg 9, 1 8 ; ebenso sucht er der Stelle Mr. 7 , 11 nachzuhelfen durch ein eingeschobenes xoi ov furj tifirjaeiTOv naTega avzov 15, 5. Er verbes- sert Mr. II, 32 das dlXd el'Ttio/nev i^ dv^QiimaVy iq>o^ovvTO toy Xaovj indem er 21, 26 den Nachsatz bildet g>o^ovfxed'a tov oxXov. Umgekehrt bei Mr. 1 4, 49 dXX^ IW TtXfjQw^wOLv at yQaq>ai bildet er cinen Vorder- satz TOVTO di SXov yiyovev 26, ^6. Consequenter Weise hatte er in der- selben Manier auch Mr. 2, 10 = Mt. 9, 6 bearbeiten mussen. Dieses Streben , den inneren Redebau gefugiger zu machen , sdgt Matthaus besonders oft, indem er den Satz auseinander legt, Vordersatae bildet oder abrupte Stellen von A zu Perioden vereinigt. Man vergl. 1) 8. 59 ff. — 2) Conservatorium, I. S. 75. — 3) Isagoge, S. 36. — 4) Wilke, S. 443. Digitized by VjOOQ IC Der Sprachcharakter der Synoptiker. 301 8, 31 ei hfidXleig fjfiag d/ioajsilovy 9, 25 ota di i^efiX^^ h oxXog, hQciTfjoey, \1, A el d^eleig, nonfiau), 19, M si »iUig eig xijv ^w^v eiasl- Sehj xrjQBij 21 ei ^iXeig tileiog el vat, Unaye, 21, 21 o^ fiovov %b tfjg avKfjg non^aeref dXlaj 24 dv idv eXnrfvi ^ot K^yw vfuv iqui^ 34 Ike ovv tjyyiae 6 xaigog xaQnuv^ dniareiXej 40 otav ovv il^f ti noi^aei (statt d ovv 7iovfiaet\ ilevaerai^ 22, 45 ei ovv J avid %aXel avjov tlvqiov. Vollends beweisend ist, dass er die in A unaufhorlich wiederkeh- rende Verbindung mit xai zu vertauschen strebt mit maDnigfaltigeren und abwechselnderen. VII. Abhangigkeit des Mattbaus von A. An und far sich kdnnte man die unter Nr. V und VI zusammengestellten Data auch so erklaren wollen, dass Marcus unbesdmmter und ungefugiger wieder- gibt, was Mattbaus besser concipirt hatte. Aber gerade daran, dass Mattbaus nicbt immer glacklich ist in seinen eleganteren ITmbildungen des Styles von A, verrath sicb seine Abhangigkeit. So hat er 15, 2 an die Stelle des xoivalg xeqalv A Mr. 7, 2 die er- klarende Formel ov ydq viTtxovxai Tag xslfag gestellt, ohne zu beden- ken , dass der ausgelassene Ausdruck nothwendig vorhergehen musste, wenn das noivovv, das er 15, II aus A herubemimmt, unmittelbar ver- standlich sein soli. — In der Antwort Jesu Mt. 19, 8 hat Mattbaus das eyqaipev vfilv tijv ivtoXtp^ tavvriv A Mr. 10, 5, als ware die Eheschei- dung ein Gebot, milder ausdrucken wollen und schrieb irtevqexpev; dann inusste aber auch did t'^v oxXtjQOxaQdiav stehen. Mattbaus aber, an einen anderen Text gewdhnt, liess das nqog mit einlaufen, was allein bei Marcus einen ganz geraden Sinn gibt : Moses hat sich mit seiner Verordnung nach der Herzenshartigkeit gerichtet. ' So ist aXXovg dvo ddeXg>ovg Mt. 4, 21 ganz matthaisch (vgl. aXXovg doiXovg2\, 36 und ^ aXXt] Mag la 27, 61). Dass Mattbaus aber an der bezeichneten Stelle nun doch wieder fortfahrt ^Idnwfiov xal ^Iwdvvtjv xov ddeXq>6v av- Tov, ist zwar ebenfalls matthaisch, insofem als die Namen hinter aXXovg stehen, beweist aber zugleich die Abhangigkeit von A Mr. 1 , 19, wo- her das uberflussige tov d3eXq>6v unwillkurlich geflossen ist. * Aus dem abgerissenen Styl von A macht Mattbaus ofters Verbindungen , die er aber manchmal durchzufubren vergisst So wandelt er das xai i^enXrja^ aovto xal iaxavdaXitpvzo A Mr. 6, 2. 3 zuerst um in uiaie ^xnXiqaae- Q9ai avTOvgj fallt aber bei xat iaxavdaXl^ovto alsbald wieder aus dieser Construction in die Schreibweise von A zuruck 13, 54. 57. Einmal we- nigstens ist er in seinen sachlichen Erganzungen zu A unglucklich, da namlich, wo er wegen ix veottjtdg ^ov A Mr. 10, 20 = Lc. 18, 21 aus dem Fragenden einen veavlaxog macht 19, 20. 22, da doch jener Aus- 1) Wilke, S. 580. — 2) Wilke, S. 576. Digitized by VjOOQ IC 302 Viprtes Oapitel. druck geradezu auf das Gegentheil ftlhrt, wie auch Neander* und Bleek* meinen^ es mflsse ein alterer Mann gewesen sein, aus dem das Bewusstsein eines von Jugend auf gefuhrten tadellosen Lebens rede. VIII. Styl des Lucas. Es ist zu erweisen, dass so gut, wie Matthaus, ja noch mehr, als dieser, Lucas seine Quellen assimilirt und ihnen den Stempel seiner Schreibweise aufgedruckt hat. Die Thatsache, dass Lucas eine eigenthuinliche Ausdrucksweise hat, lasst sich vorlaufig am besten constatiren, wenn man.einen selbststandig gebildeten Vers, wie 23, 2 betrachtet: ^Q^avzo di xavriyoQslv avzov Xiyovreg tovzov svQOfiBv diaaTQig>ovta to e&vog fjfidiv nat xwXvovta g>6govg jcai- aaQi didovai Xiyovta kavtov Xqiotov fiaaikia elvai. Hierzu vcrgl. Act. 24, 5 evqdvteg yaq tov aydqa zovtov loifiov, zu diaaxqiipeiv Act. 13, 8. 10, und zu dem participialischen Xiywv fur die angebliche Rede des Beklagten Act. 17,7 paaiXia Xiyov%eg ^sqov elvai ^lyaovr, femer Act. 19, 26. 21 , 21. Auch der Ausdruck q>6Qov dovvai steht nur noch Lc. 20, 22. Um sich aber einen Begriff davon zu bilden, wie bewusst und absichtlich Lucas den Styl variirt, moge man z. B.inRech- nungbringen, dass er seine Manier,Personen mit dvSfiati zubezeichnen (I, 5. 5, 27. 10, 38. 16, 20. 19, 2, bei Matthaus nur 27, 32) gerade an dem einzigen Orte, wo auch A die Formcl hat (Mr. 5, 22 vgl. Lc. 8, 41) vermeidet, um sich auf das, ihm ausschliesslich eignende, ^ oyofia (1, 26. 27. 2, 25. 24, 13. 18) zurClckzuziehen. Indem wir nun aber darangehen, den eigenthumlichen Sprachge- brauch des Lucas ausfuhrlich zu verzeichnen, mtlssen wir von vornher- ein bemerken , dass wir dabei von der Vergleichung mit den ubrigen Synoptikem uns leiten lassen. Dies schon wird unserer Arbeit ein ganz anderes Geprage geben, als die fleissigen Ausiuhrungen von Lekebusch und Zeller tragen, welche sich durchweg von dem Seitenblick auf die Apostelgeschichte leiten lassen. Eine ganze Reihe von Wortem und Phrasen konnte von uns nicht aufgefuhrt werden, weil erst die Apostel- geschichte sie als lucanisch constatirt, wahrend sie im Evangelium ent- weder nicht, oder nur ganz vereinzelt, gleichsam zufallig, einmal vor- kommen. Zuvorderst sind es ganz charakteristische Unterschiede im Gebrauch derselben Worter und Phrasen, die das Sprachgebiet des Matthaus von dem des Lucas trennen. Wir geben Beispiele: 1) Wo Matthaus sagt yQafif-iatevg^ sagt Lucas 6 mal yofiixSg^ das sonstnur Mt. 22, 35 sich findet; 5,17 und Act. 5, 34 steht auch vofio- diSdaxaXog. 2) Wenn Matthaus sagt ovtog ^iyag nXrjd^aerai 5, 1 9, schreibt da- fur Lucas 1, 32 vgl. 9, 4-8 ovtog earai fiiyag. J) Leben Jesu, 4. Ausg. 8. 587. — 2) SynopsiB, II, S. 267. Digitized by VjOOQ IC Der Sprachcharakter der Synoptiker. 303 3) WennMatthaus das ovjwg dem Verbum immer vorsetzt, so wech- selt Lucas luit Vor- und Nachsetzen. 4) JtafieQiCsad^ai hcisst bei Mt. 27, 35 vertheilen, bei Lucas aber Ecrtheilen 11, 17. 18. 15, 52. 53. 5) Weun Matth&us sagt to ^tj-S-h bei Citaten , setzt Lucas to elgrp lihov 2, 24 (Act. 2, 16. 13, 40). Vgl. auch EiQr^ai 4,12, fiipiyxey 22, 13, wahrend sonst nur Matthaus noch elqrjyxog hat 26, 75. 6) Wo Matthaus schreibt apr£, schreibt Lucas vvv, Jenes Wort aber hat er nie. 7) *jBiUos ist bei Matthaus (9, 13. 12, 7. 23, 23) inasculinisch, bei Lucas (1, 50. 54. 58. 72. 78. 10, 37) generis neutrius. Ebenso charakteristisch ist der Unterschied von dem Sprachge- brauch von A in Einzelnheiten; z. B. 1) das galilaische Meer heisst in A immer d'dkaaaa, bei Lucas dagegen ebenso ausnahmslos Xlfivt] (5, I . 2. 8, 22. 23. 33). 2) Jvvatog heisst in A »m6glich, a welche Bedeutung es bei Lucas nur 18, 27 = Mt. 19, 26 = Mr. 10, 27 hat, sonst aber be- deutet es DStarkw (1, 49. 14, 31. 24, 19). 3) A sagt Mr. 5, 22. 7, 25 nin%eiv TTQog tovg nddagy Lucas dagegen 8, 41. 17, 16 naqa %ovg no- dag, 4) Das schlecht griechische dip! a steht in A oft (Mr. 1, 32 ss Mt.8, 16. — Mr. 4, 35. Mr. 6, 47 = Mt. 14, 23. Mr. 14, 17 = Mt. 26, 20. Mr. 15, 42 = Mt. 27, 57 vgl. 14, 15. 16, 2. 20, 8), wird aber von Lucas stets vermieden und durch eanina oder andere Formeln um- schrieben. Wir lassen nun zunachst eine Reihe von Beobachtungen folgen, welche dazu dienen , die Singularitaten im Styl des Lucas anschaulich zu machen. 1) ^la to mit Infinitiv kommt zwar auch in A Mr. 4 , 5. 6 = Mt. 13, 5. 6. Mr. 5, 4 (Mt. 24, 12) vor, viel haufiger aber bei Lucas, vgl. 2, 4. 8, 6. 9, 7. II, 8. 18, 5. 19, 11. 23, 8. Ueberhaupt liebtLucas den Infinitiv mit Artikel ; und wie d£o, so stehen auch andere Praposi- tionen (jdsrdf nqS) mit Artikel und Infinitiven bei Zeitbestimmungen. 2) £]genthumlicher Gebrauch von to^ was zwar auch Mr. 9, 23. Mt. 19, 18 auf ganze Satze, insonderheit Fragesatze, sich bezieht; vgl. aber Lc. 1 , 62 to %i a> d'iXoi xaXeiod'aif 9, 46 ro tig Sv sit] fiBitfaVj 19, 48 to tl noii^awaiVy 22, 2. 4 to nwg^ 22, 23 to tig a(ja elV/, 22, 24 to tig Soxel eJyai, 22, 37 to xai iXoylad^i, 3) Tig oQa^ tl aqa steht bei Marcus 2 mal, bei Matthaus 4 mal, bei Lucas 1, 66. 8, 25. 12, 42. 22, 23. Act. 4) Die Form dovvai mit nachgesetztem Dativus personae und Ac- cusativus rei wird besonders von Lucas geliebt, z. B. 1, 73. 12, 32. 17, 18 u. a. a. O. Doch steht zuweilen der Dativ (20, 22. 23, 2), zuweilen Digitized by VjOOQ IC 304 Viertes Capitel. auch der Accuaativ (12, 51) um des Nachdrucks willen voran. Uebri- gens braucht Lucas auch ofters, als die andern, die Form dovrai fiber- haupt. 5) Lucas hat unter alien Schriftstellern des N. T. am haufigsten die Attraction des Rektivs. * Nicht bei Matlhaus und Marcus, wohl aber bei Lucas kommen Falle vor, wo das Relativpronomen seinen Ca- sus einem unmittelbar vorhergehenden Casus von nag anpasst (3, 19. 9, 43. 19, 37. 24, 25), welcher 23, 41 sogar erst supplirt werden muss. 6) ^Ideiv TO yeyovog ist Eigenthumlichkeit von Lc. 2, 15. 8, 31. Act. TJeberhaupt ist yfiyoyog lucanisch 8 , 56. 24, 12. Act. Marcus hat es nur einmal 5, 14, aber Ideiv xi iariv to yeyovogj was Lc. 8, 35 in seinen Lieblingsausdruck verwandelt. 7) Eine charakteristische Verschiedenheit von den Nebentexten bietet auch die Formel lleye (eljra) 3i Ttaqafioki^v 6, 39. 8 , 4. 12, 16. 41. 13, 6. 14, 7. 15, 3. 18, 1. 9. 19, 11. 20, 9. 19. 21, 29. 8) Zu den Liebhabereien des Lucas gehort es, Formeln mit %aQdia zu Widen, wie didvoia xaQdlag 1, 51, Ti^aad-ai iv taig xagdiaig 1, 66. 21, 14, avfipdXXeiVy diatrjQelv h t^ xaQdiif 2, 19. 51. 9) Die Verbindung nolXa hega 3, 18. 22, 65. 10) Tov pleonastisch bei Infinitiven, bei Marcus hochstens 4, 3, bei Matlhaus 6 mal, bei Lucas 25 mal, besonders um den Zweck einer Handlung zu bezeichnen, z. B. tov ^fj 4, 42. 24, 16. 1 1) Eigenthuniliche Verbindungen mit ycazd. So hat nur er xatato id'og 1, 9. 2, 42. 22, 39 oder xatd %o sltod-og 4, 16 oder xora to el^io- ^bvov 2, 27. Auch steht bei ihm 5 mal, abgesehen von Act., xa* tl^iqav (bei den Andern nur je einmal) und %at erog 2, 41. Auch 4, 14. 23, 5 wird xaTO cum genitivo in eigenthumlicher Weise als Ortsbc- stimtnung gebraucht. 12) Xaqa wird von Lekebusch als 8 mal bei Lucas stehender wahnt. Aber da es auch 6 mal bei Matthaus vorkommt, batten vielmehr die cigenthtimlichen Redensarten des Lucas genannt werden mussen* Xaqd iativ 1, 14. 15, 7, x«pa ylvetai 15, 10 (Act. 8, 8). 13) Merd tcwta hat weder Matthaus , noch Marcus, wohl aber Lc. 5, 27. 10, 1. 12, 4. 17, 8. 18, 4. Act. 14) Eigenthumlich ist dem Lucas die (nur Mt. 7, 6. 16, 23 noch vorkommende) Notiz atqafelg 7, 9. 44. 9, 55. 10, 22. 23. 14, 25. 22, 61 . 23, 28. In anderer Form kommt das Verlmm gar nicht in scineiB Evangclium vor. 15) Ebenso eigenthumlich ist die concret individualisirende Aus- 1) Gersdorf (S. 241), Brud€r(S. 6l9f.). Lekebusch (8. 75 f.), ZelU' (8. 394). Digitized by VjOOQ IC Der Sprachcharakter der Synoptiker. 305 drucksweise eig %a una \, 44. 9, 44. Act. ev rolg dalv 4, 21 und slg tag duodg 7, 1 . Act. 16) Ilaig %ov d^eov ist von Lekebusch angefuhrt. Es musste aber vielmehr auf das Eigenthumliche dieser Verbindung aiifmerksam gemacht werden mit Israel (1, 54) und mitDavid (1, 69 vgl. Act. 4, 23). Aehnlich ist nur Mt. 12, 18. 17) Lucas liebt Umschreibungen mit evqliTKBiv 5, 19. 19, 48 und exuvti Ttoieiv 7, 42. 9, 58. 11, 6. 12, 17. 50. 14, 14. Act. 18) Kai 0T«, xai wg fuhren sehr oft den Vordersatz ein. 19) Der GebraUch von iyevsTO. Haufig sind Uebergangsphrasen, wie h%6 di iyeverOy xat Sie iyivero, iyevezo sv taig fiiiiqaig^ iv rfj fi^iq(fj h taig fifiiqaig ixelvaigf h talg r^fiigaig tavtaig , iv ^i§ twv rjfieQwv. Besonders zu bemerken ist iyiv€%o iv T(p mit Infinitiv; es konunt zwar wahrscheinlich auch Mr. 2, 15. 4, 4 vor, bei Lucas aber 1, 8. 2, 6. 3, 21. 5, 1. 12. 8, 40. 9, 18. 29. 33. 51. 10, 38. 11, 1. 27. 14, 1. 17, 11. 14. 18, 35. 19, 15. 24, 4. 15. 30. 51. Die Construction iv t^ mit Infinitiv uberhaupt kommt bei Lucas 37 mal, bei Matthaus nur 3 mal vor. Eigen dem Lucas ist auch xol iyivero cog 1, 23. 41. 2, 15. 11, 1. 19, 29. Lucas pflegt dann (wie tlbrigens auch Mr. 1, 9 vorkommt) nach einem xai iyivero (iv taig fifxiqatg) mit dem Verbum finitum fortzufah- ren (1, 59. 2, 1. 7, 11. 20, 1), wofur er zuweilen aber auch den Accu- sativus cum infinitivo setzt (6, 1. 6. 12? 16, 22). Sehr haufig ist die Wortfolge iyivero di oder xai iyivero mit xai und xai l3ov 2, 6—9. 5, 12. 17; 18. 8, 40. 41. 9, 29. 30. 37—39. 14, 1. 2. 24, 4. Eigenthum- Uch dem Lucas ist auch die Verbindung eines Vordersatzes, wie xal ev Tc5 cum infinitivo, oder xal iyiverOy mit einem Nachsatz, der wieder mit xa/anfangt, z. B. 2, 27. 28. 5, 1. 20) Manches Eigenthumliche hat auch der Gebrauch von Adver- hien. Adverbien, von nag abgeleitet, werden gesucht, wie Ttdvriog^ Ttavtaxovy navteXigy dtanavrdg. Die eine Reihenfolge bezeichnenden ^^g und xad-e^g stehen nur bei Lucas. Dahin gehort auch iv&adey ^XQiy Adverbien, welche den BegriflFdes Plotzlichen ausdrucken, wie e^alqn^Tjg, naqaxQ^f^a; Zusammensetzungen, wie ev rdx^^ 18, 8. Act.,^ fiioip 8 mal. Act., i/c^ dXrj^elag 3 mal. 21) TJnterscheidend ist auch die Par likel verbindung fiiv ovv und das, in Act. unzahligemal vorkommende, r€, wiewohl das letztere ein- mal auch bei Marcus, viermal bei Matthaus steht; femer xai yaq und das bei Matthaus und Marcus gar nicht vorkommende Idov yaq. 22) Lucas gebraucht als Part. perf. von iaTtjfii und seinen Com- posita nie lori^xcJg, sondem immer eatwg. 23) Lucas liebt mehr, als Dies sonst im N. T. der Fall au sein Holtsouum. 20 Digitized by VjOOQ IC 306 Viertes Oapitel. pflegty den Optativ (in der Constructio indirecta 1, 29. 62. 3, 15. 6^ 11. 9, 46. 15, 26. 18, 36. 22, 23). 24) Elg SxaoTog 4, 40. 16, 5 koinmt bei den Andem nicht vor. 25) Die Umschreibung ta tibqI tivog (22, 37. 24, 19. 27. Act., sonst nur im Philipper- nnd Colosserbrief). 26) Die Fragformel %ig av (1, 62. 6, 11. 9, 46. Act). 27) No^i^eiv hat bei Lucas den Accusativus cum infinitivo nacb sich, was sonst im N. T. selten ist. 28) Von besonderem Interesse ist der Gebrauch des Participiums bei Lucas. Haufiger, als die Andern, hat Lucas Farticipia, welche bios zur Lebendigkeit der Darstellung dienen, wie namentlich IdciVf z. B. S, 47. 9, 47. 18, 24; aber auch Beifugungen, wie dvaotdg^ inia%ag^ oxa- d'ug^ iatwg u. s. f. Auffallend aber ist, dass er sogar zwei solche Parti- cipien zusammenstellt, und zwar ohne Copula, vgl. 2, 36 nQOfiefitjxvia ^Tjaaaa, 3, 23 aQxofisvog uivy 4, 20, ntv^ag dnodovg, 5, 11. 12. 25. 28. 7, 38. 8, 43. 44. 9, 6. 16. 10, 32. 35 u. s. f . * Oft begegnet uns aber auch ein Neutrum des Particips zur Umschreibung des Substantivs, z. B. 4, 16 JO euo&ogj 8, 34. 35 z6 yeyovogj 24, 14 to avfifisfirjxog , 22, 22 TO WQiafiivoVy 1, 35 to ysvvciinevov,^ Endlich liebt er auch die Verbin- dung des Particips mit elvai zur Umschreibung des Verbum finitum (48 mal). ' 29) Durch Constructio ad sensum setzt Lucas haufig einen Plural mit Beziehung auf ein vorangegangenes nlrjd'ogf z. B. 19, 37 u. a. a. O.^ 30) Im dritten Evangelium findet sich 29 mal das steigende de xaL 31) Verbindungen mit '^fiifcc, besonders ^fiifa ttSv oafifidrwv oder Tov oafifidtov 4 , 16. 13, 14. 16. 14, 5, was sonst nirgends im Neuen Testament steht. 32) Die Zeitworter slnelv und laXeiv werden gewdhnlich mit irQog %iva construirt, was im ubrigen Neuen Testament selten ist, weniger oft mit dem Dativ. Auch bei dnoxqiveo&aiy dTtayyiXXeLVf Xiyeiv , ovl^rjT^iv steht diese, von Lucas bevorzugte. Construction.^ Sonst findet sich auch XaXalv neqi Jipog (2, 17. 33. 38. 9, 11), was die Andem nicht haben. 33) Auch Xaleiv ^ijfia 1, 65. 2, 17. 50. Act. steht sonst bios Mt. 12, 36. 34) Kein anderer Evangelist spricht so viel vom nvevfia Syiov^ wie Lucas, der hierfor auch besondere Formeln hat,* wie nXtjcdijpai Ttvevfiajog dylov, was gleich im ersten Capitel dreimal steht. 1) Vgl. Gersdorf, S. 258—260. — 2) ADdere Beispiele bei Lekebusch, 8. 76 f. — 3) Credner, 8. 139. LekebuBch, 8. 76. — 4) Vgl. Gersdorf, 8. 188 f. — 5} Gersdorf, 8. 180 f. 186. Credner, 8. 138. Zeller, 8. 395. — 6) Gersdorf, 8. 182—184. Digitized by VjOOQ IC Der Spraehcbarakter der Synoptiker. 307 35) Zusammensetzungen mit (ptovrjj wie aiqeiv (poyvrjv 17, 13, inai quv qnavrpf 11 , 27, (ptovfj yive%ai> I, 44. 3, 22. 9, 35. 36. 36) Zusammensetzungen zweier Substantive, von denen das zweite, imGenitiy stehend, dem ersteren zur naheren Bestimmungdient, wie ^aTtTia^a fieravoiag 3, 3. Act, nvevfia daifxoviov 4, 33 und besonders die Zusammensetzungen mit ddixtay welches Wort bei Matthaus nie, bei Lucas 4 mal, und zwar immer im Genitiv steht 13, 27. 16, 8. 9. 18, 6. Act. 37) Dem Worte dvydtriQ wird, wie sonst nur in den CitatenMt. 2 1 , 5. Job. 12, 15 und Hebr. 11, 24 der Name des Vaters ohne Artikel nachgesetzt (1, 5. 2, 36. 13, 16. 23, 28). 38) Wenn sonst auf tiqIv rj immer der Infinitiv folgt, so ist es bei Lc. 2, 26, wohl auch 22, 34 , mit dem Conjunctiv verbunden. 39) Eigenthumlichkeiten im Gebrauch des Pronomens. Lucas liebt besonders (28 mal) die Verbindung nal avT6g^ * was bei Matthaus bios 21, 27. 27, 57, vielleicht auch 25, 17, beiMarcus6, 47. 8,29. 14, 15. 15, 43, vielleicht auch 2, 25 steht. Dagegen kommt Ttal av%oi bei Marcus nie, bei Matthaus bios 20, 10. 25, 44, bei Lucas 13 mal vor. Auch avtog 0 steht bei Matthaus nur 3, 4, bei Marcus 3 mal, bei Lucas 14 mal; %ai oixog nur Mt. 26, 71, bei Lucas aber 5 mal. Dieses Pronomen gibt Lu- cas, und nur er, ofters einem Zahl- oder Fragwort zur naheren Bestim- mung ohne Verbindungspartikel oderVerbindungsformel bei, vgl. 16, 2. 24, 21. Auf %ovto lasst, was Matthaus und Marcus nie thun, Lucas 10, 11. 12, 39. Act. ein Srt folgen, 1, 43 auch ein %va. 40) Wie Lucas constante Manieren in der Satzbildung besitzt, geht hervor aus der Vergleichung von 3, 11 6 exiov dvo xitwvoigy fistadouo %(p pifj ¥xovti xai 6 ex(ov PQcifiata S^olwg noultio = 22, 35 h exiov ^aXavtiov aqaxio ofioiwg xat nrjQaVj xai 6 ^rj e^ofv Ttwlrjadro) to l^d- uov avTOv; 4, 21 orj^eqov TtenkrjQwtai fj ygagnj avTr]= 19, 9 ai^fUqov attnrjQla %(fi oXmp Tovzq). IX. Worterbuch des Lucas. Bei Lucas ist eine lexikalische Vergleichung besonders fruchtbar und forderlich. Wir stellen im Fol- genden die Worter zusammen , die zum Sprachgebrauch des Lucas ge- horen, d. h. solche, die er entweder allein im N. T. oder allein unter den Sjnoptikem oder doch wenigstens besonders hftufig hat. Dabei sehen wir ab von den Wortem, die wir Tinter der folgenden Nummer wieder bringen mussten. ^Apvoaog, unter den Dreien bios Lc. 8, 31 — dyaXXlaotgy 1 , 14. 44. Act., sonst noch 2 mal — ixyuvj !4 mal — dyKaXrjj nur 12, 28 — ciyqctj nur 5, 4. 9 — dyQavXuv^ nur 2, 8 — dywvla, nur 22, 44 — dd«- I) Qersdorf, S. 185. 20* Digitized by VjOOQ IC 308 Viertes Capitel. x/a, bei Matthaus 1 mal, bei Lucas 4 mal — di]3ia, vielleiclit 23, 12 — aYQ€iVf 20 mal — atttovj bios 23> 4. 14^ 22. Act. — aixfidXtOTogy nur 4, 18 — dXkoysvtjg^ nur 17, 18 — dfifcelovgyog , nur 13, 7 — aiMptd- ^€tv, nur 12, 28? — d^q>6%aQ0ij 6 mal. Act. — dvapaiveiv mitlnfiniuv kommt zwar Mt. 14, 23 (Mr. 6, 46 steht d7teld'€iv)y aber viel haufiger, wie auch TtOQcvea&at, i^el^elv u. s. f. bei Lucas vor, z. B. 9, 28. 14, 19. 19, 12, im Ganzen 9 mal. Act. — dvdyeiv^ bei Lucas 4 mal. Act. 17 mal, sonst im N. T. noch 3 mal, dvdyea&ai^ nur bei Lucas — ova- dei^xvvvav, nur 10, 1. Act. — dvifdei^iQy nur I, 80 — dvad^jfiOy nur 21,5 — dvaiSeia, nur 11, 8 — dvaCtjTeiv, nur 2, 44. 45. Act. — oyat- geiVf 22, 2. 23, 32. Act. Bei den Anderen nur Mt. 2, 16 — dvaxa- d-i^evvy nur 7, 15. Act. — dvaXtjipigy nur 9, 51 — dvaTcrjQogf nvn 14, 13, 21 — dvaTCQaaoeiv, nur 19, 23 ? — dvartTvaaeiVj nur 4, 17 ? — dvan^eiVj 12, 49. Act., sonst noch Jak. 3, 5 — dvaan^Vy nur 14, 5. Act. — dva- %daaea&aij nur 1, 1 — dvag>alv€Gi^aif nur 19, 11. Act. — dvagnaveiPy nur 1, 42 — dvixleiTttogy nur 12, 33 — dvivdextog, nur 17, 1 — dvsv^ QiaxetVy nur 2, 16. Act. — dvd'Ofioloyeiad'ai.j nur 2, 38 — dviataraiy intransitiv, besonders die Formen dviart], dvaoidg u. a. ungemein hftu- figer, als bei Matthaus und Marcus — dvoQ^ovVj unter den Dreien bios Lucas — dvreiTteiVy nur 21, 15. Act. — dvTi^dXXsiVj nur 24, 17 — drtixakuvj nur 24, 12 — dvtLkiyuvy unter den Dreien bios Lucas — &v%LnaQ6Qxea9'aiy nur 10, 31. 32 — dv%i7tiQaVy nur 8, 26 — dvat%BQoify unter den Dreien bios Lucas — ci^iog, 8 mal. Act. — d^iovv mit Infini- tiv nur 7, 7. Act. — dTtaneivy nur 6, 30. 12, 20 — dnalXdooBiVy 12, 58. Act., sonst nur Hebr. 2, 15 — dTtaQTiOfidgf nur 14, 28 — anagy Lieb- lingswort, 20 mal. Act. 16 mal, sonst im N. T. 10 mal — dniqxBaO^aiy 23 mal — dTtoyqaipuv = schatzen nur 2, 1. 3. 5 — djtoyqaqnfj =» Schatzung, nur 2, 2. Act. — duodix^ad'ai^ nur 8, 40, 9, 11. Act. — dfCod'XifieiVy nur 8, 45 — dTtoydeietv, nur 13, 25 — dTtaxQiaigy unter den Dreien bios Lc. 2, 47. 20, 26 — dnolei%uVy nur 16, 21 — cxtto- fidaaeiVy nur 10, 1 1 — "dftonXiveiVy nur 5, 2 ? — dnoQelvy unter den Dreien bios Lc. 24, 4. Act. — dnoQia, nur 21, 25 — dnooTOficcTi^ei,Vy nur 11, 53 — dnotdaaead-ai , 2 mal. Act. sonst noch 2 mal — dTtovslBlPy 13, 32? sonst nur Jak. — dnoTivdaaetVy nUr 9,5. Act. — dfco}pv%BiVy nur 21, 26 —^aQg, nur 10, 3 — dqan^Vy unter den Dreien blosLc. 11, 37 aQOTQOVy nur 9, 62 — ccQx^'^^Xwvtjgy nur 19, 2 — a^x^a^ai, 31 mal — aqX^^y S ^^ -A-Ct. — doTQajtreiVy nur 17, 24. 24, 4 — atexvogy nur 20, 28 — 30 — aTBQy nur 22, 6. 35 — av^dvei^Vy 4 mal. Act. — ini t»}» mQiOVy nur 10, 35. Act. — avinrjqog^ nur 19, 21. 22 — %a%d to €tv%a noielvy nur 6, 23. 26 — avjdTtTtjgy nur 1, 2 — aq)avtogy nur 24, 31 — aq>€mg vwv afiaQVitSvy 3 mal. Act. — d^pQdg^ nur 9, 39 — dgjvnvov^^ nur 8, 23 — dxdqiOTogy unter den Dreien blosLc. 6, 35 — &Xfh ^ mal- Digitized by VjOOQ IC Der Sprachoharakter der Synoptiker. 309 Act. Die andem Synoptiker schreibes^ ausser Mt. 24, 38, fiixQif was Lucas nicht liebt. Dieser hat besonders SxQc ^g fjfxiQoiqy a%Qi xijg ^fiigag tavtrjg — Bad'iug, nur 24, 1 — l^cc&vveiVy nur 6, 48 — fiaXdvtioVj nur 10, 4. 12, 33. 22, 35. 36 — fiaQvveiv, nur 21, 34? — to fiaalXeiOy nur 7, 25 — fidrog, nur 16, 6 — pekSvrj^ nur 18, 25 — fiXaTTteiv, nur Lc. 4, 35 und Mr. 16, 18 — ^XirtBiv^ 14 mal. Act. — ^o^v ausser Citaten nur Lucas 3 mal — /?oAiJ, nur 22, 41 — po^^Sg^ unter den Dreien bios Lc. 13, 19 — ^ovXrj tov 9eov 7, 30 Act. — l^ovvdg, nur 3, 5. 23, 30 — fiQadvg, unter den Dreien nur Lc. 24, 25 — PQa%UoVj ausser Lc. 1, 51. Act. 13, 17 nur Job. 12, 38 — pqaxvg kommt Lc. 22, 58. Act., bei Matthaus, Marcus nicht vor — /9^^x«ey == benetzen nur 7, 38. 44 — ^qi- q>ogy von Lekebusch vergessenes Lieblingswort, 1, 41. 44. 2, 12. 16. 18, 15. Act. 7, 19. Sonst nur zweimal, nicht aber bei Matthaus, Mar- cus — fiQwaifiogy nur 24, 41 — fivaaogy unter den Dreien bios Lc. 16, 19 — Fekwv, unter den Dreien bios Lucas 3 mal — yeXfVy nur 6, 21. 25 — yfJQCcgy nur 1, 36 — ylvead^ai avv tivl hat bios Lc. 2,13. Act. — yvwatdgy bekannt^ unter den Synoptikem bios Lc. 2, 44. 23, 49 — JcnttvXioVj nur 15, 22 — daveiatijgy nur 7, 41 — daTtdvr]^ nur Lc. 14, 28 — del schreibt Lucas ofter, als alle andern Schriftsteller des N. T. zusammen. Besonders ^i del 2, 49. 4, 43. 13, 33. 19, 5 — diofiaiy da- mit hat es dieselbeBewandtniss. Unter den Dreien hat es blosMt. 9, 38; ^h]Oig\i^,t kein anderer Synoptiker — deofiecv und ra diofxay nur 8, 29 — deaTtdnjgy anrufungsweise von Gott, Lc. 2, 29. Act. 4, 24 — SsvceQW- TtQonogy nur 6,1 — dixBcd-aiy Lc. 15 mal. Act. — diafiaiveiVy ausser Hebr. 1! , 29 nurLc. 1 6, 26. Act. 1 6, 9 — diafiaXleiVy nur 1 6, 1 — dtayvw- qt^eiVy nur 2, 17 — diayoyyv^eiVy nur 15, 2. 19, 7 — diayQtjyoQeivy nur 9, 32 — diadid6vaty Lc. 1 1, 22. 18, 22. Act. 4, 35. Sonst noch 2 mal im N. T., nicht aber bei Matthaus, Marcus — dtaxovla Lc. 10, 40 und Act. Nicht bei Matthaus, Marcus, die dafur did'KOvog eigenthumlich haben — dialaXeivy nur 1, 65, 6, 11 — diaXelneiVy nur 7, 45 — dia- fiagrvQea^aiy Lc. 16, 28 und Act., nicht bei Matthaus, Marcus — dia- fteQia^ogy niur 12, 51 — diavevei^v, nur 1, 22 — diav6r]fxay nur 11, 17 — diavoiyeiv kommt ausser Mr. 7 , 34. 35 nur noch bei Lc. 2, 23. 24, 31. 32. 45. Act. vor — diawyLteQSvuVy nur Lc. 6, 12 — dianoqeivy nur Lc. 9, 7. 24, 4 (?) — SiaTtQayiAaTevea'^aiy nur Lc. 19,5 — diaaeUiv, nurLc. 3,14 — 8ioi(nqiq>aiVy Lucas 2 mal. Act. 3 mal, sonst noch 2 mal im N. T. — diataQdaaeiVy nur 1, 29 — dia%dacuvy 4 mal. Act. Aber auchMt. 11, 1 — diatfjQelvy nur Lc. 2, 51. Act. 15, 29 — diaxld'e- a^aiy nur Lc. 22, 29. Act. 3, 25 und im Hebraerbrief — diagwXdrreiVy Lc. 4, 10 — diax(0(}l^€0&aiy Lc. 9, 33 — dUqxea^ai kommt zwar auch Mr. 10, 25. 4, 35 = Lc. 8, 22. Mt. 19, 21. 12, 43 = Lc. 11, 24, aus- serdem aber noch 9 mal bei Lucas vor und Act. Besonders zu beachten Digitized by VjOOQ IC 310 Viertes Capitel. ist die Phrase duXd^ew iwg 2, 15. Act — it'i^ytjOi^f nur Lc. 1,1 — diiaTcivaiy nur Lc. 22, 59. 24, 51. Act. 27, 28 — duaxvQll^Bff^ai, nur Lc. 22, 59. Act. 12, 15 — dixaOTJjgf von Lekebusch vergeswn. Nur Lc. 12, 14. Act. 7, 27. 35 — did hat Marcus nicht, Matthaus bios 27, 8, Lucas dagegen 1, 35. 7, 7 und 10 mal in Act. — iiodevuv, nur Lc. 8, 1. Act. 17,1 — dtoTi^j hat Lucas allein unter den Synoptikem — doy^ttj Lc. 2, 1 und Act. Aber bei Matthaus , Marcus nicht — do- Tcelvy 11 mal. Act. — do^a^ 13 mal. Act. — do^a^eiv tov d^Bov steht zwar auch A Mr. 2, 12 = Mt. 9, 8 ac Lc. 5, 26, ausserdem noch 3 nial im Matthaus, aber noch 8 mal im Lucas — dovXriy nur Lc. 1, 38. 48. Act. 2, 18 — SoxTjy nur 5, 29. 14, 13 — ^QOLWrij nur 15, 8. 9 — 'fffy, von Lekebusch vergessen, kommt sonst nur Mt. 24, 43. 1. Cor. 10, 13. Apok. 2, 20 vor, aber bei Lucas 4, 41. 22, 51 und in Act. 8 mal — h^QaiTLog^ nur 23, 38 — iyelQetVy Lc. 18 mal. Act. 14 mal — iyxd^erog^ nur 20, 20 — eynvogj nur Lc. 2,5 — idaq>l}^€iv, nur Lc. 19, 44 — i'^og, Lc. 1, 9. 2, 42. 22, 39. 7 mal in Act. , sonst nur 2 mal im N. T. — eid^ia^ivovj nur 2, 27 — cli^j^xa, die Perfectformen sind bei Lucas so gewohnlich, wie bei Matthaus die Aoriste, vgl. Lc. 2, 24. 4, 12, 22, 13. Act. (bei den Synoptikem bios noch Mt. 26, 75) — Biaayeiv^ Lc. 2, 27. 14, 21. 22, 54. Act. Sonst nur 2 mal im N. T. , nicht bei Matthaus, Marcus — elaiQXBod^ai^ uberhaupt haufig, besonders bei Lu- cas — €iog>iQ€iVf ausser Lucas (4 mal. Act. 1 mal) nur noch 3 mal im N. T. — ix%oiAil^€Lv, nur 7, 12 — hoLQi^aa^aij nur 19, 48 — hcXsi- naiVy unter den Dreien nur Lc. 16, 9. 22, 32 -— iKfAaaaaiv^ unter den Dreien nur Lc. 7, 38. 44 — ixf^vxTtjqi^eiVy bios Lc. 16, 14. 23, 35 — eKOTaoig und i^iataa^ai.y bei Lucas haufiger, — hveXBlv , nur Lc. i4, 29. 30 — ixTBveoTeQov J nur 22, 44 — iycq>iQ€iv, 15, 22 und 4 mal in Act., sonst noch 2 mal im N. T. , aber nicht bei Matthaus > Marcus — ixxt^QsiVf nur 21 , 21 — ?Axog, unter den Dreien nur Lc. 16, 21 — eXxovVf nur Lc. 16, 20 — klkrjvcTcogf unter den Dreien nur Lc. 23, 38 — ikTil^eiv kommt bei Lucas 3 mal (Act. 2 mal), bei den Synoptikem nur Mt. 12, 21 im Citat vor — if^^dkletVj nur Lc. 12, 5 — if^TtififtXa" vai, Lc. 1, 53. 6, 25. Act. 14, 17. Sonst nur 2 mal, aber nicht bei Mat- thaus, Marcus — IJu/r^oa^cv, Lucus 10 mal. Act. — efiyopogj 2 xnal. Act., und zwar stets mit yevofnavog odcr iyivevo — eyani^ nur Lc. 1, 8. Act. 8,21 — kvavrlovy ausser Mr. 2,12 nur bei Lucas — hdexe- ad-aij nur 13, 33 — ivedQeveiVy Lc. 11, 54 und Act. 23, 21. Sonst nicht — ivelvaCf nur Lc. 11,41 — iv^ddsj Lc. 24, 41 und 5 mal in Act, sonst nur Joh. 4, 15. 16 — hiaxvBLv, nur Lc. 22, 43 imd Act. 9, 19 — hvBvuVj bios Lc. 1, 62 — ivoxlelv^ unter den Dreien nur Lc. 6, 18 — iviomov^ 20 mal, nie bei Matthaus, Marcus. Lucas hat 5 mal ina- 7CL0V TOV x^eov — i^aiTBiOy^-aCy nur Lc. 22, 31 — i^Oilf^^f auaaer Digitized by VjOOQ IC Der Sprachoharakter der Synoptiker. 311 Mr. IZ, 36 nur Lc. 2, 13. 9, 39 und Act. — ^aazquTtvaiv j nur Lc. 9, 29 — i^Qi nur Lc. 7, 1 1. 9, 37 und Act. — i%(a^ 1 1 mal — inay- ysUoy Lc* 24, 49, Act. hat weder Matthaus noch Marcus — irtad'Qol^ ^sad'aij nur 1\, 29 — inalquvy hat unter den Synoptikem ausser Mt 1 7, 8 bios Lucas 6 mal und Act. — inaitBiv, bios Lc. 16, 3. 18, 35 — kftctviQ%B09ai, bios Lc. 10, 35. 19, 15 — htudrjTieQ^ bios Lc. 1,1 — ineiaiqxBO^oti J bios Lc. 21, 35 — inifx^a^aCy Lc. 1, 35. 11, 22. 21, 26. 35 in Act. 4 mal, sonst nur noch 2 mal, aber nicht bei Matth&us^ Marcus — iTtifidXleiv in der BedeutungZukommen, nurLc. 15, 12; %as X^^^^S Lc. 21, 12. 22, 53, was aber auch A Mr. 14, 46 = Mt. 26> 50 hat — intfiifid^eiv, bios Lc. 10, 34. 19, 35. Act 23, 24 — ini- ^linsiVy unter den Dreien nur Lc. 1, 48. 9, 38 — inidelvy bios Lc. 1^ 25. Act. 4, 29 — iTtixaXelad'ai^y bei Benennungen kommt zwar Mt. 10, (3 ?) 25, vor Allem aber bei Lc. 22, 3 und 9 mal in Act. vor. So gewohnlich 6 htixalovfievog , wo Matthaus sagt & leydfievog — invMiG^atf nicht bei Matthaus und Marcus, aber Lc. 5, 1. 23, 23. Act. 27, 20 — iniTiQivBiPy bios 23, 24 — imXa/nfidveo^t. y steht in A Mr. 8, 23, bei Mt. 14, 31, beidemal selbststandig, aber bei Lucas 5 mal und Act. Sonst noch 5 mal im N. T. — ircilelxuvy nur Lc. 16, 21 — httfieX&g, bios Lc. 15, 8 — iftcTtlTttaiVy bei Matthftus nicht, bei Marcus 3, 10, bei Lucas 1, 12. 15, 20, 8 mal Act., sonst nur noch B mal — htmplyeiVy bios Lc. 8, 7 — incTtOQevead'aiy bios Lc. 8, 4 — hti^i- Ttjuvy unter den Dreien nur Lc. 19, 35 — imattiaf^dgy bios Lc. 9, 12 ~ inunUntea^aiy haufiger bei Lucas, als sonst im N. T. — imafdtijQy nur bei Lucas, aber 6 mal als Anrede an Jesus — i7ii.inQig>€iv kommt wenigstens ofter bei Lucas vor, als bei den Andern — kmoxiBtVy nur 23, 5 — iftiqx&vsivy nur Lc. 23, 21 und Act. — iitixeiQeiVy nurLc. 1, 1 und Act. — imxieiVy nur Lc. 10, 34 — ai eQtiiAOi heisst nur bei Lucas zuweilen die Wuste, vgl. 1, 80. 5, 16. 8, 29 — io^g hat ausser Lc. 23, 11 und Act. bios noch Jakobus — eadrjaigy nur Lc. 24, 4? — honiqay nur Lc. 24, 29 und Act. — hog hat Lucas (Act. mitgerechnet) ofters, als alle andern Schriftsteller des N. T. zusammen — eveqyhnjg, nur Lc. 22, 25 — ci'^CTOg, unter den Dreien bios Lc. 9, 62. 14, 35 — «v- >la/JiJg, bios 2, 25 und Act. — eiXoyelv nvccy ausser Mt. 5, 44. Mr. 10, 16 (xatevloyeiv) nur Lc. 2, 34. 6, 28. 9, 16. 24, 50—53 — svqLmuv ist haufig, mit x^Q^'^ ^^^ ^^ ^^os L^* 1, 30. Act. und Hebr. 4, 16 — dtovuigy nur 23, 10 und Act. 18, 28 — tvtpoquv y nur Lc. 12, 16 — eig>faip€iVf bei Lucas 6 mal, in Act. 2 mal, im ganzen N. T. sonst noch 6 mal, aber nicht Matthaus und Marcus — itprjitiBQiay nur Lc. 1, 5. 8 — ^eiVj sich befinden, 2 mal. Act. 7 mal — ZrjteiVy 27 mal. Act. — ^sv- yogy hloB 2 , 24. 14, 19 — ^Hyeia&ai koniiut ausser dem Citat Mt. 2, 6 in denEvangelien nur nochLc. 22, 26, in Act. [ mal vor (6 rjyovfisyog)— Digitized by VjOOQ IC 312 Viertei Capitel. ijyefLioveveiVyhloBljc. 2, 2. 3, 1 — ^yefiovif^jhloBhc. 3, 1 — fipLL&on^y bloe Lc. 10, 30 — T^ r/xogj bios Lc- 21, 25 — Qdiafiogy bios Lc. 4, 36. 5, 9. Act. 3, 10 — ^avfid^siv ircL ttvc hat zwar Mr. 12, 17, sonst bios Lc. 2, 33. 4, 22. 9, 43. 20, 26. Act. — d'eiovj unter den Dreiennur Lc. 17, 29 — d'sfiiliovj in den Evangelien nur Lc. 6, 48. 49. 14, 29 — d-eioqiay nur Lc. 23, 48 — d'QaveLVj nur Lc. 4, 18 — ^QOfifiog, nur Lc. 22, 44 — dviilafxay Lc 1, 10. 11. Sonst im N. T. noch in Apok. — ^fii^Vf nur Lc. 1,9 — *'laaig, bios Lc. 18, 32 und Act — idQWQj nur Lc. 22 , 44 — UQarela^ unter den Dreien nur Lc. 1,9 — lefatavetVj bios Lc. 1,8 — Ixavogy in der Bedeutung viel 6 mal, Act. 18 mal, sonst im N. T. nur 3 mal — inixaQj nur Lc. 8,6 — Uaaxea^aty ausser Lucas noch Hebr. — i^atiaixogy bei Lucas 2 mal, Act. 20, 33, bei Matthaus hochstens 27, 35 — Xataqj nur Lc. 20, 13 — KddoQy nur Lc 16, 6 — xad-aiQeiv^ 3 mal. Act., sonst nur noch 3 mal — xad-e^Qy nur Lc. 1, 3. 8, I und Act. — xa^^ofi, nur Lc. 5, 19 und Act. — Had-onXi^eod'aiy nur 11, 21 — aad'otif nur Lc. 1,7. 19, 9 und Act. — HOTafiaivsiv jtierd Ttvog hat bios Lc. 2, 51. 6, 17 — TtaTafiaoLg, nur Lc. 19, 37 — xaTadietVj bios Lc. 10, 34 — xa- taxleieiVf bios Lc 3, 20 und Act. 26, 10 — xoraxil/v^tv, bios Lc 7, 36. 9, 14. 14, 8. 24, 30 — xaraxolov&elvy bios Lc. 23, 55. Act. 16, 17 - Katccxqrjjiivi^eiVj bios Lc 4, 29 — nazaXt^d-d^eiv ^ bios Lc 20, 6 — x«- xavevetVy blosLc 5, 7 — xatavoeivy bei Lucas 4 mal und ebenso in Act, in den Evangelien nur Mt. 7, 3 — yLoxanXiBiVy nur Lc 8, 26 — xofc- avQ€iVy nur Lc 12, 58 — xaTaaq>d'rT€iv ^ nur 19, 27 — KataOQaivy TvktjQtjgj nlrjadijvai — nXijfi/AVQa, nur 6, 48 — nlovTeivj in den Evangelien bios Lc. 1, 53. 12, 21 — 7cXvv€iVy ausser Apok. bios Lc. 5, 2 — Ttoielv Jivl Tiy Lc. 1 , 25. 49. 8, 39; ti fieTCc Tivogj 1, 58. 72. 10, 37. Act. Redensarten, wie tcoieiv y.Qrjtig, unter den Dreien bios Lc. 2, 36 — 7n:oeiad^aiy bios Lc. 21, 9. 24, 37 — ntvoaeiVy Uos Lc. 4, 20 — 7cvxv6gy in den Evangelien bios Lc. 5, 33 — nwTioxty in den Synoptikern bios Lc. 19, 30 — ^Prjyfia, nur Lc. 6, 49 — ^tjiAa hat unter den Dreien bios Lucas im Plural, wasauch Lekebusch hatteanfiih- ren mtlssen — ^^q>aiay ausser Apok. nur Lc. 2, 25 — ^aXog^ nurLc 21, 25 — oUeqa, bios Lc. 1 , 15 — aivid^eiVy bios Lc. 22, 31 — aitevfog, blosLc. 15, 23. 27. 30 — aLtofihqioVj bios Lc. 12, 42 — oxa^w, bloe Lc. 6, 48. 13, 8. 16, 3 — oxiqT^Vy bios Lc. 1 , 41. 44. 6, 23 - oxoqniogj ausser Apok. bios Lc. 10, 19. 11, 12 — oxvXov, bios Lc. U, Digitized by VjOOQ IC Der Sprachcharakter der Synoptiker. 315 22 — aoii6gy nur Lc. 7, 14 — anafyavaiv, nur Lc. 2, 7. 12 — anev- diw^ ausser 2. Fetr. 3^ 12 nur bei Lucas — a/rAa^a, in den Evange- lien nur bei Lucas — oxeiQa^ ausser Gal. 4, 27 nur bei Lucas — o%r}ql~ l/BiVj in den Evangelien bios Lucas 9^ 51. 16, 26. 22. 32 — ajqatriyoqy bios Lc. 22, 4. 52 und Act. — atQaficcj bios Lc. 2, 13 und Act. — OQeiv , bios Lc. 8,14— tb^ %qQi7tXovgy nur 19, 8 — tevqaqxelvy bios Lc. 3, 1 — TQavfia^ blosLc. 10, 34 — %(favfxajiCetv,h\osliC, 20,12. Act. — tQaxvQy blosLc. 3, 5. Act. — ' tqijiiiay blosLc. 18, 25 — TunfeiVy Lucas 5 mal. Act., sonst nur 4 mal im N. T. — '^Qvyqvj ausser Apok. nur Lc.6, 44 — TQvyiiv, nur Lc. 2, 24 — tfvq^ijf unter den Dreien nur Lc. 7, 25 — tvyxdyeiVy in den Evange- lien bios Lc. 10, 30. 20, 35 — tvQfid^ea^aiy bios Lc. 10, 41 — 'Yy^dg^ bios Lc. 23, 31 — vdQU}7tix6gf bios Lc. 14, 2 — vndqxBiVy in den Evan- gelien nur Lucas, und zwar 7 mal, ofters noch Act Matthaus hat bios den Ausdruck td vTtdqxo'^^ — VTteQsxxvvead'ai^y nur 6, 38 — vneQfj^ gnxyog, in den Evangelien bios Lc. 1, 51 — vnodsinyvyaij ausser Mat- thaus 3, 7 as Lc. 3, 7 bios Lc. 6, 47. 12, 5. Act. — v7todixBa9aij aus- ser Jak. 2, 25 bios beiLucas — vnoXa/ifidveiv , ausser 3. Joh. 8 nur bei Lucas — vno^ovrjy in den Evangelien bios Lc. 8, 15. 21, 19 — v7tomQiq>eiVy in den Evangelien ausser Mt. 8, 13. Mr. 14, 40 nur bei Lucas, und zwar 22 mal, abgesehen von Act. — VTtocvQWWveiv j nur Lc. 19, 36 — vnotdaaeiVf in den Evangelien nur Lc. 2, 51. 10, 17. 20 — v7C0Xiaqelvj nur 5, 16. 9, 10 — v\pia%og ist Lieblingswort des Lucas — vxpog^ in den Evangelien bios Lc. 1, 78. 24, 49 — OayeXv, 20 mal. Act. — q>dqay^y bios Lc. 3, 5 — q>d%vifiy bios Lc. 2, 7. 12. 16. Digitized by VjOOQ IC 316 Viertes Capitel. 13, 15 — q>lXrjfiaf in den Evangelien bios Lc. 7, 45. 22, 48 — tpofisl- ad'ai, Lc. 24 mal — g>6firiTQ0Vy bios Lc. 21, 11 — (pQovlfKogj norLc. 16, 8 — qwBiVy ausser Hebr. 12, 15 nur Lc. 8, 6. 8 — (pvXdaaeiv hat ausser A Mr. 10, 20 = Mt. 19, 20 = Lc. 18, 21 Lucas noch 5 mal — Xa- l§Vj Lucas 2 mal, Act. 3 mal, sonst noch 2 mal — XOQCc^j bios Lc. 19, 43 — X^Qf'Sf gebraucht unter den Dreien bios Lc. 1 , 20. 2, 40. 52. 4, 22. 6, 32 — 34. 17, 9 — xda^aj bios Lc. 16, 26 — xo^(Jg, nur Lc. 15, 25 — xq^Vf blosLc. 11, 5 — xQ^^V^^^^^Sf ^^^ Lc. 7, 41. 16, 5 — Wtax^iVy bios Lc. 6, 1 — fl^v, bios Lc. 11,12 — waeif bei Lucas ofters als bei den andem Schriftstellem des N. T. Werfen wir einen Ruckblick auf den zusammengestellten Sprach- gebrauch des Lucas, so bemerken wir, den beiden anderen Synoptikem gegenuber, ohne alien Zweifel eine grosse Fulle des Vorraths. Kein Evangelist gebietet insonderheit uber eine so reiche Auswahl von Zeit- wOrtem, die mit Prapositionen (mit ava, dea, iftl^ xatdy Tteqty ttqoq und avv) zusammengesetzt sind;^ einBlick auf die vorstehende Tafel be- weist, dass sehr viele dieser Zeitworter den ubrigen neutestamentlichen Schriftstellem weit weniger gelaufig sind , als der classischen Gracitat. X. Lucas und Paulus. Sehr in die Augen fallend ist die sprachliche Verwandtschaft des dritten Evangeliums mit der paolini- schen Litcratur. Wir behandeln diesen , ausfuhrlicher und mit der ge- wohnten Uebertreibung zuerst vom nsachsischen Anonymusc ^Itend gemachten, Punkt hier um so genauer , als sich die dogmatiscbe Parallele zur Sache noch einstellen wird (§. 25). Dabei bemerken wir aber zum Voraus, dass wir uns nur auf die Falle beschranken, wo ein Wort im ganzen N. T. nur im dritten Evangelium (resp. dem, uber die Grenzen des Evangeliums hinausreichenden Geschichtswerke des Lu- cas, wobei wir aber die bios in der Apostelgeschichte vorkommenden Parallelen nicht berucksichtigen) und den Briefen des Paulus (resp, der mehr oder weniger paulinischen Literatur) sich findet. Selbstverstandlich wird der paulinische Charakter der Diction des Lucas da am hellsten hervortreten , wo der Verfasser am meisten unab- hangig schreibt, oder wenigstens seine Quellen am freiesten bearbeitet. Das Letztere ist z. B. nach S. 211 der Fall in der Vorgeschichte. Der »snchsische Anonymusa findet sogar, die beiden ersten Capitel seien, namentlich auch was Sprache betrifft , das Paulinischste im gan- zen Lucas; besonders stark sei die Beruhrung zwischen ihnen und Bdm. 9 — 11, welche Capitel sich fast Wort fur Wort in der Vorge- schichte wieder fanden ; aber auch an die spateren paulinischen Briefe f^nden sich mancherlei Anklange. ' Die Beobachtung selbst ist richtig. 1) Vgl. Lekebusch, 8. 74. — 2) Die Evangelien, ihr Geist u. 8. f. 8. 218 f. Digitized by VjOOQ IC Der Sprachoharakter der Synoptiker. 317 Deim abgesehen von einer Reihe von Wortem, die man aus dem nach- folgenden Verzeichniss leicht zusammenstellen kann y finden sich Ver- bindungen^ wie 1^ 75 ^ oaiOTrjTt xai diKaioavvrj = Eph. 4, 24^ und eiinnem die Beden des Zacharias, der Elisabeth^ derMaria^desSymeon^ was Zusammenfugung und Lebhaftigkeit des Gedankengangs anlangt^ ganz an paulinische Constructionen, wie z. B. Eph. 1, 3 — 14 — eine Periode, die auch wie Lc. 1 , 68 mit evXoytjTog 6 d^eSg beginnt. Was aber Bom. 9 — 11 betrifft, so besteht das Tertium comparationis in der Durchfuhrung gewisser Hauptideen , als da sind : Barmherzigkeit und Gnade Gottes gegen sein Volk^ Verheissungen an Abraham^ die durch den Glauben gewonnen werden. Der Stein des Anstosses Bom. 9 , 33 erinnert an Lc. 2, 34 — das Nichtglauben an die gottliche Botschaft Rom. 10^ 16 an denUnglauben desZacharias 1, 20 — die beiden Frauen mit ihren Sohnen der Verheissung Bdm. 9, 8. 10 an die beiden Mutter der Vorgeschichte , deren eine ja das aniq^a tov Ji^Qadfi Gal. 3^16 hervorbringt. Bemerkenswerth ist ferner, dass jene eigenthumliche Am- biguitat> die sich in den bezeichneten Capiteln bezuglich des Namens nvQiog findet^ auch in der Vorgeschichte des Lucas wiederkehrt. Wie- wohl sonst der stehende Titel des Messias, wird das Pradicat %VQt.og yon vomherein (vgl. Lc. 1, 6. 9. U. 15 u. s. f.) auf Gott ubertragen, wie Rom. 9, 28. 29. So scheinen denn auch an den beiden Stellen Lc. 1, 16. 17. Bom. 9, 5 die beiden Begriffe Gott und Christus geradezu in- einander zu verfliessen , wesshalb beide auch in der Geschichte der Ch> thodoxie dieselbe BoUe spielen. Am schlagendsten aber sind die^ sowohl in den beiden ersten Capiteln des Lucas , als in den drei bezeichneten desBomerbriefs^sooft wiederkehrenden Ausdrucke elsogj x^Q^Sf nlattgy 7ti(nev8iVy dvvafiig nvqiov, olxog */axcJ/9, ^laqarjX, Jl^Qaafi, aniqfia Jifiqaa^j ovyyevTjg, ol Tiaxiqag ^fiwv, 6 Ttatifq fj^uivy diadTjxrj, oiOTtiqUxy TO ^rjlia avTOv, Xoyoi^fiovy hoifid^eiVy ijyeiqSy evayyeXi^ea^aiy 6 laog fiovy avTiXeyopLBvovy dnBi^gy dixatogy dixaioavyriy ilevaofiaiy yLXr]-9i]oe-' taiy xaifog, earaiaoi, axevog und xaTeoKevaafiivogy yivoitOy ysw^Vy viog&eovy laTQ$ia, latgeveiVy af^sfiTtTog xxnd iAifiq>eod-aiy ^(og aiiSvog und elg Toifg alvUvagy nvev^a Syiovy yvwaig und knlyviooigy evXoytjTogy to dvvccrdv und to xqaTogy to ovo^a avTOVy iv Tfj xaqdlify fiiasivy difj^ oig.^ Aber nicht bios die beiden ersten Capiteln auch sanuntliche fol- gende hat der n sftchsische Anonymus a in dieser Bichtung verar- beitet> um die Paulinismen des dritten Evangeliums mOglichst voUstan- dig ana Tageslicht zu fordern. * So viel Uebertriebenes sich in diesen Ausfuhrungen findet^ so unvoUstandig^ ja^ um der vorausgesetzten Ori- 1} Vgl. die NachweiBungen im Einzelnen beim »8ftoh8i8oben Anonymus, « S. 219 f. — 2) Die Evangelien, ihr Geitt u. b. f. S. 271—290. Digitized by VjOOQ IC 318 Viertea Capitel. ginalitat des Lucas gegenuber dem J Marcus, unrichtig sie andererseits auch noch sind, so weuig anfechtbar ist das allgemeine Besultat, dass awischen der, in der paulinischen Literatur waltenden, Diction and derjenigen des Lucas ein eigenthumlich enges Verwandtschaftsverhalt- niss besteht. Wir geben zuerst ein alphabetisches Verzeichniss der Hauptdata. Jiyvoeiv 9, 45. Act. Besonders bei Paulus, wie alle von vovg abge- ieiteten Worter — dyoytflJ^ead^ai 13, 24. Ausser Job. 18, 36 nur bei Paulus — adfjXog 1 1, 44. Sonst nur 1. Cor. 14, 8 — ddixla. Die S. 307 erwahnten Zusammensetzungen mit dem Genitiv dieses Wortes haben ihre Parallele 2. Thess. 2, 3 — dd^ereiv 7, 30. 10, 16. Besonders, und in ahnlichen Verbindungen , bei Paulus Gal. 2, 21. 3, 15. 1. Tess. 4, 8. I. Tim. 5, 12 — aivelv tov S-eov 4 mal im Lucas, 3 mal Act. Sonst im N. T. nur noch 2 mal im Rdmerbrief — aia&avead'ai j nur 9, 45. Vgl. aber Phil. I, 9 avad7]aig — altfvlSiog 21, 34. Sonst nur 1. Thess. 5, 3 — aix^alo}Tlt,€Lv 21 , 24. Sonst nur bei Paulus — dxazaaraala 21, 9. Sonst nur Jak. 3, 16 und bei Paulus (1. Cor. 14, 33. 2. Cor. 6, 5. 12, 20) — dXXdye 24, 21. Vgl. 1. Cor. 9,2 — dXV ovdiy eine Ver- bindung, die nur dem Lucas und Paulus eignet — dvayxtj in dem Ge- brauch von 14, 18 kommt auch 1. Cor. 7, 37, in dem von 21 , 23 auch 1. Cor. 7, 26. 2. Cor. 6, 4. 12, 10. 1. Thess. 3, 7 (und sonst nicht mehr so) vor — dvaCfjv 15 , 24. 32. Nur noch R5m. 7 , 9, 14 , 9 und Apok. — dvaxQlveiv 23, 14. Act. Sonst noch zehnmal 1. Cor. — dra- Xieiv 12, 36. Sonst bios Phil. 1, 23 — dvaX(S(tai^, 54. Sonst bios Gal. 5, 15. 2. Thess. 2, 8 — dvani/meiVy nur bei Lucas undPhilem. II — av&Q(07te als Anrede gehort zu den Eigenthumlichkeiten des Lucas. Aber vgl. Rom. 2,1— dv&^ wv i , 20. 12, 3. 19, 44. Act. ist pauli- nisch (2. Thess. 2, 10) — dv&rjrot als Anrede 24, 25. Sonst nur Gral.3, 1 — avoia 6, 11. Sonst noch 2. Tim. 3, 9 — drcajtoxQivea&ai 14, 6. Sonst nur R5m. 9, 20 — avtartddofia 14, 12. Sonst nur Rom. 11,9. So auch dvtanoSovvai 14, 14. Sonst nur Hebr. 10, 30 und bei Paulus — dvtvKelfiayog 13, 17. 21, 15. Sonst bios bei Paulus — dvziXa^^A- vea^at I, 54. Act. Sonst noch 1. Tim. 6,2 — dno tov vvy 1 , 48. 5, 10. 12, 52. 22, 18. 69. Sonst nur 2. Cor. 5, 16. Ebenso dn aiwvog I, 70. Act. Sonst nur Col. 1, 26. Eph. 3, 9 -* dneXTtltfiiVj nur Lc 6, 35 und Eph. 4, 19 — • dTteidrjg, nur Lc. 1, 17. Act. und bei Paulus — dno^TJvai 5, 2. 21, 13. Sonst nur Job. 21, 9 und Phil. 1, 19 (Ganx wie Lc. 21, 13) — dTtO'xaXvTiTeaS^ciL von einer Person 17, 30. Sonst nur bei Paulus (2. Thess. 2, 3. 6. 8) — dno%dXv\pig, In den Evange- lien bios 2, 32. Vgl. Eph. 1, 17 und sonst — dnoycei^svog 19, 20. Sonst 1) Die Eyangelien, ihr QeiMt u. s. f. Digitized by VjOOQ IC Der Sprachcharakter der Synoptiker. 319 nur Col. 1, 5 (2. Tim. 4, 8. Hebr. 9, 27) — aTtonQVipog wird vom •sachsischen Anonymusa falschlich citirt^ da es zwar Col. 2^ 3, aber auch Mr. 4, 22 steht — aTtoloyeio^av 2 mal. Act. Sonst nur bei Paulus — dnoXvTQwacg 21, 28. Sonst nur bei Paulus und Hebr. 9, 15. 11, 35 — oQUBiad'ai 3, 14, wie 1. Tim. 6, 8 %ov%oig oiQxsadTjaof^e^a — dqotQi^y nur 17, 7 und 1. Cor. 9, 10 — daqxiXeta 1, 4. Act. Sonst nur 1. Thess. 5, 3 — aowjwg^ nur 15, 13. Aber daayrla Eph. 5, 18. Tit. 1,6. 1. Petr. 4, 4 — aTevi^eiv 4, 20. 22, 56. Act. Sonst noch 2 mal bei Paulus — okonog 23, 41. Act. Sonst nur 2. Thess. 3,2 — dg>iOTdvai 2, 37. 4, 13. 8, 13. 13, 27. Sonst nur noch Act. und bei Paulus. Ebenso auch iq>ia%ayai — dg>6fia)g 1, 74. Vgl. Phil. 1, 14. l.Cor. 16, 10. Sonst noch Jud. 12 — aq>QOVy in der Anrede 11, 40. 12, 20. Sonst 1. Cor. 15, 36. Auch das Wort selbst kommt, ausser bei Lu- cas und Paulus, nur noch 1. Petr. 2, 15 vor — BiwTi%6g 21, 34. Sonst nur 1. Cor. 6, 3. 4 — fivd^l^ead'ac 5, 7. Sonst nur 1. Tim. 6, 9 — Fe in der Bedeutung wenigstens 11, 8. Vgl. 1. Cor. 4, 8 — yvc5- aigj Lieblingswort des Paulus, unter den Dreien bios Lc. 1, 77. 11, 52 — J&qaig hat unter den Dreien bios Lucas 1, 13. 2, 37. Act. Aber noina&ac derjOBig 5, 33 ist paulinisch (Phil. 1,4. 1. Tim. 2, 1) — alv€^v, bios Lc. 1, 79. Act Tit. 2, 11. 3, 4 — iQyaala, bios 12, 58. Act. und Eph. 4, 19 — evayyeXt^sad'aLy kommt sonst im passiven Sinne vor, wie einmal auch bei Paulus Gal. 1, 11. Sonst aber bei Paulus und Lucas immer im activen (ausserdem nur noch 1. Petr. 1, 12) — evyevtjg, nur Lc. 19, 12. Act. 1. Cor. 1, 26 — evdo- xiay ausser Mt. 11, 26 nur Lc. 2, 14. 10, 21 und bei Paulus — iq>i' OTavat, Lucas 7 mal. Act., sonst nur noch 3 malbei Paulus — Zwyqeh 5, 10. Sonst nur 2. Tim. 2, 26 —"""Hxal 11, 12. 18, 11. Vgl. Horn. 2, 15. 4, 9. 1. Cor. 16, 6 — ^fiiqa xvQiov 17, 24 ist ein paulinischerLieb- lingsausdruck — ^(n;x«^€tv 14, 4. 23, 56. Act. Sonst nur 1. Thess. 4, 11 — rjxeivy nur 21, 25 und 1. Cor. 13, 1 — QrjqeveiVy nur 11, 54. Das dazu gehorige dnjQa nur Rom. 11,9 — 'dvfiog in der Bedeutung Zorn 4, 28. Act. Sonst noch bei Paulus und in der Apokalypse — *Idov yof 1, 38. 44. 48. 2, 10. 6, 23. 17, 21. Act. Sonst nur 2. Cor. 7, 11 — KaxovQyog 23, 32. 33. 39. Nur noch 2. Tim. 2,9 — xardyuv 5, 11. Act. Sonst nur Eom. 10, 6 — xaTaiaxvveiv 13, 17. Soxist paulinischer Ausdruck, nur 1. Petr. 2, 6. 3, 16 aufgenommen — xoTa^iovv 20, 35. 21, 36. Act. Sonst nur 2. Thess. 1,5 — xaraQyeip 13, 7. Ein Lieb- lingswort des Paulus — Tcafsvdvvei^v 1,79. Sonst bios in den Thessalo- nicherbriefen — xaji%uv tbv Xoyov 8, 15. Vgl. 1. Cor. 11, 2 %dg naqa- S6ceig %a%i%e%e — xavrjQTioiaevog 6, 40. Vgl. Rom. 9, 22. 1. Cor. 1, 10 — KLvdvv€veiv 8, 23. Act. Sonst nur 1. Cor. 16, 30 — xXvdwVy nur 8, 24 und Jak. 1, 6. Aber das dazu gehorige %kvd(avllQBc9ai> Eph. 4, 14. — nQafaiovo&m 1, 80. 2, 40. Sonst 2 mal bei Paulus — xvfieveiv 22, 25. Sonst nur bei Paulus — Au%ovQylaj bios Lc. 1, 23, bei Paulas und Hebr. — MsyakvvBiv in der Bedeutung Preisen 1, 46. 58. Act. Sonst nur Phil. 1, 20. 2. Cor. 10, 15 — fievovvye 11, 28. Sonst nur bei Paulus — fieradidovai 3, 11. Sonst nur bei Paulus — Ndfiog ohne Ar- tikel 2, 23. 24. Sonst nur, und zwar gewohnlich, bei Paulus — vvr, Unter den Synoptikem beginnt nur Lucas zuweilen mit vvvy vvv di, dno vovvvvu. 8. f. Vgl. 2, 29. 5, 10. 11, 39. 16, 25. 19, 42. 22, 36. 69, Digitized by VjOOQ IC Der Sprachcharokter der Synoptikcr. 321 ahnlich dem paulinischen vvv (J/?, wvt di — *0d6g elqi^v^jg 1 , 79. Vgl. Rom. 3, 17 — olxovofxla und oixovofiogy Lieblingsworter des Paulus, kommen sonst nur Lc. 12, 42. 16, 1. 2. 3. 4. 8 und 1. Pctr. 4, 10 vor — omaala 1, 22. 24, 23. Act. 26, 19. Sonst nur 2. Cqr. 12,1— SQiKeiv 22, 22. Act. Sonst noch Rom. 1,4. Hebr. 4, 7 — oaiStrjg I, 75. Sonst noch Eph. 4, 24 — ovxl dlld 1, 60. 12, 51. 13, 3. 5. 16, 30. Sonst nur bei Paulus Rom. 3, 27. 1. Cor. 10 > 29. 2. Cor. 10, 13 — otpioviop 3, 14. Sonst nur noch Rom. 6, 23. 1. Cor. 9, 7. 2. Cor. 11, 8 — Ilavo- 7rXia 11, 22. Sonst nur Eph. 6, U. 13 — navovqyLa 20, 23. Sonst nur bei Paulus — ndvtiog 4, 23. Act. Sonst nur bei Paulus — na%Qid 2, 4. Act. Sonst ntu: Eph. 3, 1 5 — naQa in der comparativischen Bedeutung 3, 13. 13, 2. 4 ist vorzugsweise paulinisch; vgl. Rom. 12, 3. 1. Cor. 3, 1 1 und Hebr. — naqaduaog 23, 43. Nur wieder bei Paulus 2. Cor. 12, A — naqdyikrjaig 2, 25. 6, 24. Act. Sonst nur bei Paulus — TiaQaOTfj- aai in der Bedeutung 2, 12, sonst nur bei Paulus — nktjQOvv mit zd Qij- ftctta 7, 1, mit tov X6yov Col. 1, 25, mit to evayyiXiov Rom. 15, 19 — Tth^QOfpoqaiv 1,1. Sonst nur bei Paulus — nXovrslv eig Tiva 12, 21. Vgl. Rom. 10, 12 — Ttyev/iia (vgl. S. 306) mit dvva/nig verbunden fin- det sich bios 1, 17. 35. 4, 1. 4. 24, 49. Act. und bei Paulus Rom. 15, 13. 19. 1. Cor. 2, 4. 1. Thess. 1,5. Dassclbe Wort mit aotpia vgl. 2, 40 (?) und Eph. 1, 17 — nqayixaxBVBod^CLi bios 19, 13. Aber das dazu gehorige Wort TTQayfiazeia 2. Tim. 2,4 — nqdaoBiv braucht kein Synoptiker, ausser Lucas ; unter den andern neutestamentlichen Schrift- stellern nur Paulus. Besonders in der Bedeutung 3,13. 19, 23 ist das Wort paulinisch. Vgl. 1. Thess. 4, 11 — nQeofivTTjg 1 , 18. Sonst nur bei Paulus — ngog in Verbindungen wie 12, 47 noulv nqbg %6 &ilr]fia nur noch 2. Cor. 5, 10. Gal. 2, 14 — nqoadixBod-ai in eigenthumli- chemSinn 15, 2 und Rom. 16, 2. Phil. 2, 29 — ngSawTtov in verschie- denen Verbindungen. So nircjuv hti nqbownov 5, 12. 17, 16 = I. Cor. 14, 25. Auch y,a%d nq6Gi07tov 2, 31. Act. ist sonst nur paulinisch ; und TtQoowicov Xccfifidveiv 20, 21, vgl. Gal. 2, 6 — nvxvd 5, 33. Act. Sonst nur 1. Tim. 5, 23 — Siy^ 9, 36. 18, 39. 20, 26. Act. Sonst nur bei Paulus — CTLonsiv 11, 35. Sonst nur bei Paulus — aoq)ia S-eov 11 , 49 vielleicht entsprechend der Stelle 1. Cor. 1, 24 — anXdyxva iXiovg 1, 78. Vgl. Col. 3, 12. Phil. 2, 1 — onovdaiwg ), 4. Sonst nur bei Paulus — (niyfiij xq6vov 4, 5 = ^mrj dtpd-aX^iov I. Cor. 15, 32 ~ atqatevS^Bvog fur ajqaTivitrigS, 14. Sonst nur 2. Tim. 2, 4 — avyxad^iteiv 1 2, 55. Sonst nur Eph. 2, 6 — ovY^cnazi&ea^aiy nur 23, 51. Das dazu gehorige avY^ia- td^BOig nur 2. Cor. 6, 16 — avyydeietv 5, 6. Sonst nur bei Paulus — ovyxaigeiv 1, 58. 1 5, 6. 9. Sonst nur bei Paulus. Vgl. besonders Phil. 2, 17. 18 mit Lc. 15, 6 — av(.inaqayivea^ai 23, 48. Sonst nur 2. Tim. 4, 16 — avfiq^ead'ai 8, 7. Das dazu gehorige avfjKpvtog Rom. 6, 5 — avv HoltzmMn. 2 1 ^^^^ Digitized by VjOOQ IC 322 Viertes Capitel. kommt im N. T. fast nur bei Lucas und Paulus vor — avvavtiXafifia' vea&at 10, 40. Sonst nurRom. 8, 26 — avvaOy^Uiv 15, 2. Act. Sonst nur bei Paulus — avv^aig 2, 47. Vgl. Eph. 3, 4. Col. 1, 9. 2. Tim. 2, 7 — avvevdoTLeiv 11,48. Act. Sonst nur bei Paulus — avvox/j 21, 25. Sonst nur noch 2. Cor. 2, 4 — oiofiatixog 3, 22. Sonst nur Col. 2, 9. 1. Tim. 4, 8 — au}TrjQ von Gott 1, 47. 2, 11 wie in den Pastoralbriefen — acoTiJ- qiog 2, 30. 3, 6. Act. Sonst nur Eph. 6, 17. Tit. 2, 11 — Td^ig, Lieb- lingswort des Hebraerbriefs , sonst nur bei Paulus und Lc. 1 , 8 — t/- ^evai &B^ihov 6, 48. 14, 29. Vgl. 1. Cor. 3, 10 — %lg ovv 7, 42. 20, 15. 17 ist paulinisch — Yibg elQrjvrjg 10, 6, oder %ov alwvog Tovtov oder tov q>o)T6g 16, 8. 20, 34, oder Ttjg dvaajdaewg 20, 36, wie viol qxtnog und dnei&elag Eph. 2, 2. 5, 6, %iy,va qxotog Eph. 5,8, rexva ogp^g Eph. 2, 3 — vrtoxQivea^at 20, 20. Vgl. GvwTtox^ivsa^ai, Gal. 2, 13. Sonst nicht mehr imN. T. — vnwTiidi^eiv 18, 5. Sonst nur noch 1. Cor. 9, 27 — vaTigrj^a 21, 4. Sonst nur noch bei Paulus — OildgyvQog 16, 14. Sonst nur 2. Tim. 3,2 — (ptlovuxla, nur 22, 24. Das dazu geho- rige q)il6vei7cog nur 1. Cor. 11, 16 — g>oQogj bios Lc. 20, 22. 23, 2 und Rom. 13, 6. 7 — gp§(5»^aeg, nur Lc. 1, 17 und Eph. 1,8 — qwlaxr^ kommt imPlural nur 2, 8. 21, 12. Act. und 2. Cor. 6, 5. 11, 23 vor — Xaiqeiv ivj Lc. 10, 20, sonst nur bei Paulus — xaqit^eod^ai y bloe bei Paulus und Lc. 7, 21. 42. 43. Act. — xdqiv cxeiv 17, 9» Sonst nur 1. Tim. 1, 12. 2. Tim. 1 , 3. Hebr. 12, 28 — xaqnovv, bios Lc. 1, 28 und Eph. 1, 6. Auch der haufigere Gebrauch von x^*'9 gehort hierher — VaXidSg, bei Paulus und Lc. 20, 42. 24, 44 Act. Ausserdem sind noch einige Stellen zu vergleichen, welche in auf- fallendem Wort- und Gedankenparallelismus mit einander stehen. Auch hierin ist der »sachsische Anonymus« vorangegangen , hat aber theils zu viel, theils zu wenig Vergleichungspunkte aufgestellt. * Lc. 4, 22 Xoyoig t^g xdgiTog %oig Col. 4, 6 6 l6yog vficiv TtdtTote hiTCOQSvofievoig he tov a%6^a%og iv xciQ^'f''* Eph. 4, 29 loyog aanQog av%ov, ex tov otojuaTog vfiaiv fiij ixTtogsv- iad^u) dXk^ tva dtp xa^ey %oig dxov- ovaiv. Lc. 4, 32 iv e^ovaiif tjv 6 X6yog 1. Cor. 2, 4 o XSyog (aov iv dno- avtov. del^€i> nvev^axog xai dvvdfieiog. Lc. 6, 28 eiXoyelze tovg xara- 1. Cor. 4, 12 Xoido^ovfxeyoi w- ^fiivovg htX. Xoyovfiev %%X, Lc. 6, 36 0 naTrjQ vfiuiv oIktiq- 2. Cor. 1, 3 o TtdrfjQ %wp oIxuq- fiiov eaiL iiwv, Rom. 12, 1 did %4Sv oht^^h- fi(ov %ov 9'eov, 1) Die Evangelien, ihr Geist u. 8. f. S. 260 ff. Digitized by VjOOQ IC Der Sprachcharakter der Synoptiker. 323 Lc. 6, 37 Tuxt ^itj %qiv€ta xai ov Lc. 6, 39 fiTjti dvvarai tvipXoQ tvg)ldv bdtjyslv; Lc. 6, 48 Ed^rp(,B ^Cfiikiov, Lc. 8, 15 xaQnoq)OQOvaiv iv Lc. 9, 56 ovx ^l^e ^fvxciS av- &Q(ana}v anoXiaai aXXa awaai. Lc. 10,8 iad'tevB ta noQaTid'i" fieya vfiiv. Lc. 10, 20 Ta ovofiaza v(4fSv iyQdg>f) iv zoXg ovQavoig, Lc. 10, 21 drtixQvtpag Tavta cc7td ooipwv xal ovvB%i3v xai dnsxaXv- ipaq avTCL vtjnioig. Lc. 11, 22 ahnliches Bild, wie Lc. 1 1, 36ahnlicher Gedanke, wie Lc. 11, 41 Ttdvra xax^agd v^lv iatiK Lc. 11, 49 aTToateXiS alg avzovg 7tQog>rffag nal duoaxoXovg nai i^ aiTujv dnoxtevavai xat ixdici- ^ovaiv. Lc. 12, 2. 3 ahnlicheSentenz wie Lc. 12, 35 eoTwaav v^uiv ai 6oq>v€g n6Qt$^(oa^ivau Lc. 12, 42 'fig aga iarlv 6 ni^ o%bg ohiovo^og. Lc. 13, 26 ttna aq^ad^B Xh.yBiv ifpdyofiBv hio/iiov oov nai i/iio/ABv, Rom. 2 , 1 ev ^ ydq -aqivBig vov ^TBQOv OBavtov xotaxQivBig. Vgl. 14, 4. Rorn. 2, 19 ninoid'dg %b OBav- %ov odrjyov slvai Tvq>X(jjv, 1 . Cor. 3, 1 0 zBx^Bixa x^Bfi^Xiov. Col. I, 10. 11 %aqnoipoqovvTBg xal av^avofiBvoi Big naaav vno- 2. Cor. 10, 8 edioxBv Big olxodo- fifjv ycai oix Blgyia&alqBaiv. 13, 10. 1. Cor. 10, 27 noiv to naqaTi- d^iflBVOV VfJ,lV iad'tBTB, Phil. if^dvTa ovofiata h ^ifiXq) ^wfjg, 1. Cor. 1, 19 dnoXw Ttjv GO(piav TtHv aoipwv xal vrjv ovvboiv twv avvBtwv dd-BTTJau), 27 to fiiuQa tov xoof^ov i^BXi^aTO 6 d^Bog i'va xa- %aLG%vvrj Tovg 00(p0Vi;. Col. 2, 15. Eph. 5, 13. Tit. 1, 15 Ttdvza flip xad-aqd %oig xad-agotg. 1 . Thess. 2 , 15 tcSv xat tov xv- Qiov djtoxTBivdvxwv ^Irjaovv xai %ovg nQO(pr]Tag xal ijfidg exdio)- ^dvtwv. 1. Cor. 4, 5. Eph. 6, 1 4 ariJTB ovv fiBQitfaad- /iiBvoc trjv doq>vv vfjojv iv dXtjO-Biff, 1 . Cor. 4 , 1 . 2 8 d^ Xomov tiy- uBitai iv toig oixovofioig %va m- o%6g Tig BVQsdjjf wie ubcrhaupt oixovofiog ausser 1 . Petr. 4, 1 0 nur bei Paulus und Lucas (vgl. 16, 1) stoht. 1 . Cor. 8 , 8 (iqwfia 6i tjfiag ov TraqioTijai Xi^ S-Bff ' ovtb ydq idv q^dywftBv 7rBQiooBvofiBv j ovtb idv fiij ipdywfiBv vatBQOi'jJBd'a. 21* Digitized by VjOOQ IC 324 Viertes Capitel. Lc. 18, I delv 7tdvT0t€ ngoaev- XBod-ai xalfirj ixxaxeiv. 2.The88. 1, 11 slgo Tcat nqoa- evxofxB^a ndvtOTe. Col. 4, 12 Ticfy- TOTS dytavito^iBvog vnig vf^cjv Iv Toig TZQoaevxaXg, Vgl. 1. Thess. 5, 17. Rom. 1, 10. Rom, 9, 14, 11, 11. Gal. 3, 21. Rom. 9, 33 xa^wg yiyQamai' idoi xldriiiL Xid'ov 7tqoG%6^fiazog Lc. 20, 16 fifi yivoito. Lc. 20, 17. 18 to yeygafifiivov TOVTO' Xi&ov dv djiedoxifiaaav ol olxodofioCvTsg ovzog iyev/jd^t] elg xal ni%qav axavddlov x€q>akrjv ywviag. Hag 6 neaiov lit iKSivov avv^Xao^rjaBtai. Lc. 20, 38 ndvteg ydq avTip Lc. 21, \9 ip zfj v/cofioyfj xt/j- oea^e tag \}^vxdg vfiiSv. Lc. 21, 24 xaVlsQOvaaXfi^i tatcti Rom. 14, 7. 8 idv te ydq Coiftsr T(ff xvQiifi l^wfXBv, Vgl. 2. Cor. 5, 15. Rom. 2, 7 ToXg fiiv xaS-* ino^o- vfjv iQyov dyad^ov do^ccy Ct/Tovai ^wiyv alwnov. Vgl. 2. Cor. 1, 6. 6, 4. Rom. 11, 25 Sti Ttiiqwatg tip L TtaTOv^hf] vTto id-viuv axQi nlr^Qto- ^loQarjl yeyovev axQig ov to Trltj- d-uioL xaiQol id'Hov, Qtofia twv i^vwv eioilSrj. Lc. 21, 34 TCQoaix^Te di iavxoig 1. Thess. 5, 3-8 aig>vldiog av- fiij7toT€ paQV&waiv vfiMV ai xa§- roTg itplataTat oXe&Qog. Ii4qa ovr dial h xQaiTtdlt] %al fiiOTj xat vrjqxofiev. Vgl. Rom. 13, 11 — 14. ahpvldiog i(p vfiag ifviaTjj ij fjfiiQa ixelvrj. Lc. 21, 36 dyQVJTvsiTe ovv iv Eph. 6, 18 did ndarjg nqooev- rtavxi 7caiQ(^ deo^ievoi tva xaza^Ko- x^Q ^«^ dei^aewg nQoaevxcfieyoi h d^rjte ixqivyeXv Ta{;Ta ndvra xat navxi xaiQffi xal eig avxo tovto a%adijvai e^nqoa&ev xov v\ov tov dy^vrrvovvteg iv ndarj TTQoaxaQts- dv&qdnov. grjaei xat defjoei. 2. Cor. 5, 10 q>avsQio9ijvai e^Ttqoo&Bv %ov /?ij- fiaiog %ov XqcGTOv. Vgl. 1. Thess. 2, 19. Aus alien diesen Beispielen hat jedoch ausser dem » sachsischen Anonymusa Nicmand den Schluss ziehen zu durfen vermeint, dass etwa Paulus selbst unser drittes Evangelium verfasst habe. Denn die angegebenen Falle sind und bleiben eben nur Beruhrungspunkte zwi- schen zwei an sich ganz differcnten und von einander unabhangigen Sprachgebieten. Noch auffallender ist diese Differenz und bedarf gar keines Beweises mehr, wenn wir ausser auf den Sprachschatz auch noch auf die Ausdrucksweisc, auf die Satzverbindung, auf das Sjntaktische am Styl des Lucas achten. Bekanntlich bietet in dieser Beziehang Pau> Digitized by VjOOQ IC Der Sprachcharakter der Synoptiker. 325 Iu8 einen sehr ausgepragten Typus dar, wahrend Lucas noch die weiche Manier eines Schriftstellers verrath, der auch in Beziehung auf sciiien 8tyl von verschiedcnen Quellcn verschiedcn beinflusst wird. Gewisse Aeusserlichkeiten der paulinischcn Diction lassen sich zwar allerdings auch im Lucas nachweisen. Es ist wahr, es gibt auch bei ihm Parenthc- sen, wie 5, 24. 8, 30. 9, 28. 30. 23, 51 ; es gibt Anakoluthe, wie U, 5—7. 11. 17, 7—9. 21, 6. 12; es gibt veranderte Constructions- oder Redeweisen, wie 5, 14. 9, 3; es gibt Relativumschreibungen, wie 5, 25; es gibt Ellipsen, wie 8, 20. 12, 47. 48. 15, 7. 17, 2. 18, 14; es gibt Aposiopesen, wie 13, 9. 19, 42; es gibt Bre^^loquenzen, wie 4, 38. 23, 5. 24, 47. Aber der » sachsische Anonymusa selbst legt auf solche Vorkommnisse geringeren Werth, weil sie weniger dem Styl, als der mo- luentanen Stimmung dcs Schrcibenden angehoren; wir werden uber- dies sehen, dass z. B. jene Anakoluthe gar nicht auf des Lucas, son- dern auf die Rechnung der Quelle -^ kommen. * Was aber der Ano- nym us noch weiter auffahrt,^ das sind meist Ausdruckc, in welchen Lucas von der Quelle A abhangig ist; ihr gehoren, wie §§. 28. 29 noch besonders gezeigt werden wird, jene lebhaften, stark markirenden Worte, jene geschftrften Ausdriicke und Antithesen an, an denen der Anonymus kurzer Hand wieder den Apostel erkennen will. Andere Vorkommnisse dagegen beweisen eben nur so viel, als schon bewiesen ist, die theilweise Abhangigkeit des, in seiner Stylistik nach so ver- schiedenartigen Mustern arbeitenden, Lucas auch von Paulus. Dahin gehoren die vielen Zusammensctzungen mit ovvy ix und besonders das U7t€Q€xxvv6fiiiVOv 6, 38, da fast alle im N. T. vorfindlichcn Compositio- nen mit vniq bei Paulus stehen ; dahin gehoren femcr absonderliche Wortbildungen, wie 6, 49 ^fjyfia und 11, 17 diavotjfia (vgl. bei Paulus nXeyfiOf Ttkdanaj Ttoirjfiaj iv€Qyr]g.ia, v6f]fia, lel^fiay TteQixad^aqfia, ne- qiiprj^Qj ^TQWfiOj xaa/icf), 11, 53 aTtooTOfxai iteiv (vgl. Tit. 1, 11 hif.- (nofu^eiv)f 13, 7 afinelovQyog (\gl. 2. Cor. 12, 16 Ttavovgyog), 14, 28 djiaQtiofiog (vgl. Eph. 4, 12 KazaQziafiog)^ 16, 24 xatatfwxsiv und 21, 26 anoipixBiv (vgl. 2. Tim. 1,16 dvaipvxeiv), 20, 36 lodyyekog (vgl. Phil. 2, 20 laoxfwxog); dahin gehoren cigenthumliche Wortverbindun- gen, wie die von dvvafiig und iaoxyai 9, 1. 2 (vgl. 1. Cor. 12, 9. 10), wie eQyqf xai Xf)y(f 24, 19 und dqx^^^ >^^'^ i^ovaiat 12, 11. 20, 20; es ge- horen dahin Redensarten, wie elvai tivog 9, 55 (vgl. 1. Thess. 5, 5. 8), Participialconstructioncn , wie 7, 37. 38. 8, 43, gehaufte Relativsatze, wie 9, 30. 31 ; Constructionen mit dem Infinitiv zur Bezeichnung des Orts, der Zeit, dcs Zwecks , im letzten Fall mit oder ohne to?, wie sie dem Paulus und Lucas vorzuglich eigen sind. Schliesslich sind noch I) Di€ Evangelion, ihr Geist u. s. f. S. 265. - 2) A. a. O. 8. 266-269. Digitized by VjOOQ IC 326 Viertes Capitel. zu nennen Haufungen, wie TCQaindXt] xofl fti^t] 11, 34, wozu Rom. 13, 1 3 verglichen werden kann. Doch konnte Lucas diese Manier noch viel eher, als deinPaulus, seiner Quelle A (vgl. S. 2S2) ablernen. Nur anbangsweise sei schliesslich hier noch bemerkt, dass einzelne Ausdrucke des Lucas sich an eine Sprach- tmd Denkweise anlehnec, die wir sonst nur aus den johanneischen Schriften kennen. Das Kath- sel zu losen, ist nicht sowohl unsere Sache, als die der Kritik des vier- ten Evangeliums. Beispiele sind: fiovoyevrjg 7, 12. 8, 42. 9, 38, die Formel didovai do^av T(p &€(p Lc. 17, 18. Act. 12, 23. Job. 9, 24, was freilich auch sonst vorkommt, wenn aucb nicbt bei Matthaus und Marcus. Auf fallen- der ist, dass sdyog, was bei Johannes immer das Volk Israel bedeutet, so im N. T. allein noch bei Lc. 7, 5. 23, 2 und Act. (sonst nur l.Petr. 2, 9)8teht. Bios Lc. 7, 38. 44 und Job. 11, 2. 12, 3. 13, 5 steht ixfiaC' OBiv^ i^rjyeio&at nur Lc. 24, 35, 4 mal Act. und Job. 1, 18; laa^ai komint ausser dem Citat Mt. 13, 15 bei den beiden Andern nur noch passivisch vor, dagegen 7 mal bei Lucas und 4 mal Act. activisch, was unter alien neutestamentlichen Schriftstellern sonst nur Johannes that. K^nog fur Garten haben bios Lc. 13, 19 und Johannes 4 mal. Auffal- lend, dass bios in der ubereinstimmenden Auferstehungsgeschichte bei Lc. 21, 12 und Job. 19, 40. 20, 5—7 das Wort o^ortov im N. T. sich findet. Dazu etliche Ausdrucke, die nur bei Johannes und Lucas sich finden , wie nQOTgixscv, aovdaqiovy atoiy ovvrcd^haiy xolrcogj levtvrjg* Wie sonst nur Job. 2, 12, so steht Lc. 15, 13 und Act. 2 mal ov noli^ statt oXiyog. XI. Abwandlung von A durch Lucas. Lucas, der zuweilen epitomirend, ebenso oft aber auch paraphrasirend sich zu A verhalt, legt es darauf ab, die etwas sprode Darstellung der Quelle A in Fluss so bringen, die Ecken abzuglatten und dem Zusammenhang im Einzclnen durch allerhand pragmatische Zwischenbemerkungen nachzuhelfen. * 1) Dass und wie Lucas die Quelle A stylistisch bearbeitet, lasst sich beispielsweise an 21, 14 — 19 klar machen, wo er 12 seinen Aus- druck ijii^dXXeLv i;dg xelqag hereinbringt, 1 3 der Verstandlichkeit hal- ber einen neuen Absatz macht, im Folgenden wieder eigenthdmliche Phrasen, wie {^eai^e iv raig xaQdiatg, aTtoloyrj&^vaif dvteiTteivj am- xeifievoi und 15 eine Erinnerung an Act. 6, 10 einfliessen lasst.* Dass Lucas seinen Sprachgebrauch ofters dem von A (Matthaus = Marcus) substituirt, erhellt aus folgender Reihe von Stellen , die man mit ihren Parallelen vergleichen moge: 5, 20 aVdpw/re, 5, 24 xlivldior und nOQBvoVy 5, 31 vyiaivovteg, 5, 36 Ifiatiov naivoiSy 8, 6 ixfidda^ 8, 1) Weisse : Brangelisclie Geschichto, I, S. 68. — 2) Wilke, S. 257. Digitized by VjOOQ IC Der Sprachcharakter der Synoptiker. 327 S aya^]Vy 8, 1 3 nhga und dixovrai , 8, 1 4 to neaiv^ 8 , 21 %bv Xoyov %ov &BOVy 9, 18 oi oxkoiy 20, 21 OQ^wg, 20, 22 qpdpoy, 20, 42 iv ^i^Xiit iffakfiiovy 21, 9 dxarainaalag \xnii iaij ntot]^rJT€y 22, 53 y,ai ovx, i^e- %uva%B tag %Biqag lii e^iL Dasselbe erhellt aus Aenderungen, wie avid7tviyovTai 8, 14, wo A Mr. 4, 19 = Mt. 13, 22 das Activ stand; vgl. dieselbe Procedur 18, 32 ^[.utaixdnfiaetai gegen A Mr. 10, 34 = Mt. 20, 19. Fur die Freiheit, womit Lucas in solchen Fallen verfahrt, ist 8U vergleichen 9, 9 'Iwdvvrjv iyat dneKecpaXiaa' rig de iaziv ov%og (vgl. S. 223); 20, 13 Ttifxxpvt) top vi6v fiov %6v dyaTvrjtdv (anstatt ¥vi ha elxev vibv dyajit^xov duioreiXsv avxov A Mr. 12, 6 = Mt. 21, 37); 21, 29 %al AiXBv 7taQafioXfjv avroig' vdere %i]v avxijv (anstatt a7io de tr^g avxrjg ^d»e%e vfiv naQa^Xrjv A Mr. 13, 28 = Mt. 24, 32). Fur die Art, wie Lucas mit der Satzstellung umgeht, ist massgebend 9, 12, wo das a/ro'Avaov %dv o%Xov gegen A Mr. 6, 35. 86 = Mt. 14, 15 vor (Lde sp iQijfKfi TVfKf ioftiv gestellt wird; und 22, 10 dxoXov^aate avrrp elg TTjv olxiav ov elariOQevetai (anstatt axoXoV'^rjoaTe avz(p xal 07tov av uaiX^ A Mr. 14, 13. 14). Naracntlich aber vereinfacht er A durch Anwendung der Participialconstruction, wie z. B. aqag 5, 24, das aus iyeiqov aqov A Mr. 2, 9 = Mt. 9, 6 entstanden ist; 8, 15 axot'aavTfig, 9, 25 %eqdrjaagj 18, 15 ix^aXovregy 18, 18 Tton^aagy 18, ^dfiaattydoaV' teg, 20, 10 delgavtegj 20, 29 Xaficivy 21, 12 naqaSidovteg und dnayo- fievovgy 22, 53 ovtog ^ov ^ed^ v^iwv. Eigenthumlich in der Wiedergabe der Fragen aus A ist dcm Lucas auch die Construction des tig und ti mit dein Optativ, wo die Frage in die Seele eines Andern verlegt wird, z. B. 8, 9. 9, 46. 18, 36. Damit hangt znsamuien, dass er uberhaupt die Umsetzung der Oratio directa in die indirecta liebt. Wahrend A Mr. 1, 44 = Mt. 8, 4 die Oratio directa hat Hqa firjdevi ellnrjgy sind wir befugt, das xae aitog naQtjyyeiXev avtip utjdevi ehtelv 5, 14 fur eine Abandoning zu lialten, zumal da naqiiyyu- X^v eiTteiv odcr Xiyeiv zu den Lieblingsausdrucken des Lucas gehort (8, 56. 9, 21. Act.). Ebenso steht es mit der indirecta 8, 29. 32. 41. 20> 7. Auch verwandelt er die Rede von einer Person in die Anrede an dieselbe (6, 2. 21, 16) und umgekehrt (22, 56). Wahrend Matthaus Dialoge liebt, bildet Lucas gem Selbstgesprache, vgl. 9, 9. 16, 3. 20, 13. So bildet er auch eigenthumliche Fragen, wie tig iattv 6 dovg aoi 20, 2, wo A Mr. 1 1, 28 = Mt. 21 , 23 tig aoi edtoxev hat. Ebenso 5, 21 tig iativ ovtog 8g XaXel und 8, 45 tig b aipafievbg fiov, wo beide- mal A umgebildet ist. Unabhangig von A hat Lucas die Form tig iativ oltog Sg 7, 49 und ist dazu die andere, jedoch auch bei Matthaus und Marcus vorfindliche, Formel ovdeig iativ 04; 1 , 61. 12, 2. 18, 29 zu vergleichen. Digitized by VjOOQ IC 328 Viertes Capitcl. Lucas liebt gewisse Forincln der Anrede, wie avd-^io.te^ das er 5, 20 anstatt tixvov A Mr. 2, 5 =Mt. 9, 2 gcbraucht; dassDies aber nicht geschieht »auf Grund der lleflexion, d;isb der in Folge seiucs Siindenle- bens gelahmte Kranke kein Kind inchr gewesen sein kann,v* sondern vielmehr zu des Lucas Manicr gehort, zeigen Stellen, wie 12, 14. 22, 58. 60 und das yvvaL 22, 57. 13, 12. Aus seiner Weise, sich den Vor- gang in der Phantasie zu vergegenwartigen, schreiben sich gewisse con- stante Situationen und Geberden her, wie die Angabe, dass Traurige sich an die Brust schlagen 18, 13. 23, 48, dass Jesus die Erweckten den Eltcm ubergibt, 7, 15. 9, 42, dercn einzige Kinder sie sind 7, 12. 8, 42 (9, 38); dass er so oft betet 3, 21. 5, 16 (aus A Mr. 1, 35 nachgetragen), 6, 12. 9, 18. 28. 29. 11, 1 und bei den Pharisaern xu Gastist 7, 36. 11, 37. 14, 1. 2) Es lassen sich aber auch noch speciellere Gesichtspunkte fur die Bearbeitung von A durch Lucas angcben. Lucas setzt ofters zwd Worte, wo in A nur eines stand. So ia^lovaiv xal nivovatv 5, 33 fur ov vrjaTevovaiv A Mr. 2,18 = Mt. 9 , 14; IXa^e Kai €q)ay€ G , 4 fur lyayfivMr. 2, 26 = Mt. 12, 4; kyeige xat azrjd'i 6, S fur kyeiQe A Mr. 3, 3; xal xatrjnatrjO^rj hinter erceoe 8, 5 gegen A Mr. 4, 4 = Mt. 13, 4; ov yvwa^rjoetav xat sig (pavegov II&tj 8 , 17 gegen den einfachen Aus- druck A Mr. 4, 22 = Mt. 10, 26; ov oxkoi avvi%ovaiv xal ano^ki^ov- aiv 8, 45 far das einfache diio&Xif^etv A Mr. 5, 31 ; dvvafiig xal i^ot'- aia 9, 1 gegen A Mr. 6, 7 = Mt. 10, 1 ; iVor xataXvacjoiv xal evQfooiv iuiatziafxdv 9, 12 fur Iva dyoQaatoaiv ri qxiywa iv A'M.x. 6, 36 = Mt. 14, 15. Oefters erweitern sich diese Vervollstandigungen zu erklarenden Zusatzen, die dein in A ausgedriickten Gedanken eine pragnantere Ge- staltung verleihen. Solche eingelegte Bestiinmtheiten sind z. B. elg fie- zdvoiav 5, 32 (gegen'A Mr. 2, 17 = Mt. 9, 13); tov anoQOv av%ov S, 5 (gegen A Mr. 4, 4 =Mt. 13, 3); %va fi^ niOTevoavrsg au^^vjacv 8, 12 (gegen A Mr. 4, 15 = Mt. 13, 19); h xaqdlq xalij xal dyady und ir VTto^oyg 8, 15 (gegen A Mr. 4, 20 = Mt. 13, 23); tfjg lifivrjg 8, 22 (gegen A Mr. 4, 35 = Mt. 8, IS); dv JjV akiav ijtpaTO aizov S, 47 (gegen A Mr. 5, 33); xal Telead^jaezac 7rdvTa %d yeyqai^tiiiva did %wv 7tQoq)rjTdjv Tfp vi(p zov di^d^QioTiov 1 S, 31 (gegen A Mr. 10, 33 = Mt. 20, IS); h oiQav(p elqi]rtj xal do^a iv vipiatoig 19, 38 (gegen A Mr. 11, 11 = Mt. 21, 9). Besonders zu beachten sind die doginatisirenden Erklarungen 20, 36 xal viol elaiv ^eov zrjg dpaatdaiwg viol ovteg (ge- gen A Mr. 12, 25 = Mt. 22, 30); 38 Ttdyzeg ydg avT(p tfZotv (gegen A Mr. 12, 27 =Mt. 22, 32); 21, 8 xcri 6 xaiqog ijyyixev (gegen A Mr. 13, 6 =s Mt. 24, 5). Sonst vgl. noch mit den Parellelen dieStellen 4, 3S— 1) Weiss, 8. 704. Digitized by VjOOQ IC Der Sprachcharakter der Syaoptiker. 329 41. 5^ 17—19. 26. 28—30. 36. 6, 1. 6. b. 11 — 13. 8, 24. 26. 27. 35— 37. 10. 42. 53. 55. 9, 28. 29. 33. 34. 37—39. 43. 18, 18. 24. 36. 43. 19, 36. 37. 20, 16. 17. 20. 26. 22, 1. 5. 6. S. 41. 45. 48. 59. 61. 2:^, 2. 20. 23. 35. 48. 51. 53. 56. Hier uberall finden sich kleincrc Zusiitze (leg Lucas, behufs der VerdeuUichung eingesetzt. * Die ineisten dieser, nicht bios die Erzahliing, sondem auch die Rede Jcsu selbst iii's Breite ziehenden, Amplificationen konnten feblen, ohne dass man eine Lucke bemerken wurde, wie z. B. 8, 12. 18, 31. 20, 36. 38. Auf der anderen Seite aber macbt sich bei Lucas, wo ihm A un- notbig weitschweifig vorkam, ein gewisses Streben nach verkurzter Darstelluiig gel tend, wofQr eigentlich scbon die zahlreicben Beibpiele, dass Lucas grosse oder kleine Partien von A ubergeht , wenn er Ersatz dai'ur bieten kann , beweisend sind. Cbarakteristisch ist aber auch die Vergleichung paralleler Abschnitte, wie Lc. 8, 51 — 54 = Mr. 5, 37 — 41 oder Lc. 22, 40-42 = Mr. 14, 32—38. Ausserdem aber vgl. S, 10 (= A Mr. 4, 11. 12. Mt 13, 14. 15). 21 (=A Mr. 3,35. Mt. 12, 50). 44 (= A Mr. 5, 27—29. Mt. 9, 20. 21). 9, 25 (iavTov di anoXhag i] Ci)fAi'(od'€ig, eine in's Kurze gezogene Nachahmung der Disjunction A Mr. 8, 36 =3 Mt. 16, 26). 48 (= A Mr. 9, 35. 37 = Mt. 18, 5). 9, 45 (wo xoi tag tQanit/ag twv xoXXv^iaxuiv nai rag xad^idgag twv nwXovv- Tiov tag TiBQiateqag xatiatQeipev A Mr. 11 , 15 = Mt. 21 , 12 wegge- lassen ist). Insonderheit gehort es zu dieser compendiarischen Manier der Behandlung von A, wenn Lucas manchmal einen Erfolg weglasst, der sich von selbst versteht; so 18, 17 die Bemerkung A Mr. 10, 16; so 19, 31 das dnoatsXel; so 20, 3 das xal iQW vfuv A Mr. 11, 29; so 20, 24 das oi di ijveyxav A Mr. 12, 16; so 22, 52 das avXXa^eiv fie A Mr. 14, 48; so 23, 52 die Bemerkung A Mr. 15, 45 = Mt. 27, 58. Lucas vermeidet ttberhaupt alles Tautologische ; nur im Interesse der Volltonigkeit in Schlussformeln findet sich etwas Derartiges 9, 45. 18, 34. Auch was schon in einer ahnlichen Phrase ausgedruckt war, lasst Lucas aus; so 8, 6 (=Mr. 4, 5. 6) um des erwahnten Felsen willen das onov ovx filx* yfjv noXXrjv und um des i^ijgdvd^r] willen das xal ote dvi* teiXev 6 fjXiog ixavfiatia^r]^ so 9, 5 um des fifj Sixiovtai vfiag willen das fif]di dxovawaiv vfAWVy so 9, 12 um des ij^iqa iJQ^ato xXivuv willen das xai rj wga ^Srj noXXr); so 9, 41 die Vereinfachung des doppelten mg Tiote; so 18, 32 die Umgehung des doppelten Ausdrucks nagadw- aovaiv und naQadod^/^aetai ywoza 19, 36 (katQwaav und iatQciywov) die Parallele bildet; so 20, 9 das xal 7i€Qiidi]X€ q>qay^6vj nvgyovy so 20, 21 1) Wilke: UrevangeliBt, S. 201. 253. 397 f. 546 ff. Neutestamentliche Rhctorik, 8. 457. Digitized by VjOOQ IC 330 Viertee Capitel. das xai ov fulei aoi neQt ovdevdg (zugleich ist aber das dlf]9fig el in kiyeig xat didaaneig amplificirt), so 21, 25 die weitere Ausfuhrung der Himmelskatastrophc , so 22, 46 die Vcreinfachung des dreimaligen Botens, so 22, 69 das xat iqxo^evov ^eja %uiv vetpeXtHv; so 23, 35, wo die spottenden Parteien , Vorubergehende und Priester combinirt wer- den. Soweit sogar geht seine Scheu vor Tautologie, dass er den in A haufigen Wiederholungen derselben Ausdrucke zumeist andere Worte substituirt, z. B. 5, 33 fia^rjrai weggelassen, 5, 37 avvog statt oU^t^g, 6, 1 0 avTfp statt dv&Q(i7€(p , 18, 15 ^qitprj statt navdla , 2 1 , 9 axcrvaora- alotg statt axoag noXifxwVy 22, 22 das doppelte vXbg tov drd'^wnov ver- einfacht. In der Kegel zeigen uns die Abbreviaturen und Variationen des dritten Evangeliums seinen Verfasser als einen gewandten Stylisten. Man sehe, wie er 20, 21 die gleichgegliederten tautologischen Satze A Mr. 12, 14 = Mt. 12, 16 bearbeitet, oder vergleiche die kurze Peri- kope 19, 45. 46 mit den Parallelen. Auch sind die Reflexionen, die zu solcheriei Abkurzungen Veranlassung gebon , in der Kegel von Bedeu- tung. Es kommt ihra u. A. befremdlich vor, dass in A Mr. 2, 1 5 die Sunder neben den ZoUnern als eine besondere Classe von Menschen ge- nannt werdcn, wesshalb er 5, 29 bios wZoUner und Andere « nennt, die Sunder aber pasaend bios in der Kede der Pharisaer 5 , 30 den ZoUnern coordinirt. 3) Die schriftstellerische Assimilation und Verarbeitung von A bei Lucas geht zwar nicht so weit, wie bei Matthaus. Keflexionen mit Be- ziehung auf den Inhalt seiner Erzahlungen in Form von alttestamentli- chen Citaten anzustellen, wie das Matthaus thut, liegt dem Lucas fern. Es ist daher wvergleichungsweise immer richtig, dass Lucas seine Ma- terialien weniger verarbeitet hat, als Matthaus. — Sein Evangelium er- scheint in noch bedeutend geringerem Grade, als das des Matthaus, als aus einem Gusse. «* Vielmehr ist fiir des Lucas Darstellungsweise cha- rakteristisch die Abhangigkeit sowohl von den Quellen, deren mehr oder weniger hebraisirendes Geprage sich in seiner Kelation stets wieder er- kennen lasst> als auch von seiner eigenen, einmal gewonnenen, Manier, wie z. B. die Verwandtschaft seiner beiden Kelationen uber den Haupt- mann in Kapemaum und das blutflussige Weib eine augenfallige ist. * Lucas schreibt ubrigens so, dass er zuerst den zu gebenden Ab- schnitt der Quelle ganz liest, dann aber mit einer gewissen Freiheit re- producirt. Dies geht aus den mannigfachen Anticipationen hervor , die er sich erlaubt. So z. B. hat er 5, 17 bercits die Bemerkung A Mr. 2, 6 anticipirt, so steht der Zusatz rov anoqov avtov 8, 5 bcreits in Be- 1) Bleek: Einleitung, U, S. 278. — 2) Bleek: Synopsis, I, S. 401. Digitized by VjOOQ IC Der Sprachcharakter der Synoptiker. 331 ziehung auf 8, 1 1 6 anoQog iatlv 6 Xoyog tov 9-bov. So anticipirt er 8, 23 das Schlafen Jesu, bereitet durch Idovreg %6 yeyoyog 8, 34 das Idelv %b yeyovog 8, 35 (= Mr. 5, 14) vor, niinint die Erwahnung des Alters des Magdleins 8, 42 aus Mr. 5, 42 herauf, wie die Zahlenangabe 9, 14 au8 Mr. 6, 44 und die Erwahnung der Eltem 8, 51 aus Mr. 5, 40. Aehnlich wird die Bemerkung 8, 27, dass der Damonische keine Klei- der angezogen habe, als aus der spatern Stelle Mr. 5, 15 entstanden zu betracJhten sein (Bestatigung zu S. 82. 222). * Aber auch derartige Zu- satze finden sich bei ihm , die auf viel spater zu berichtende Bestand- theile seiner B,elation vor warts weisen und zeigen^ dass ihm das Ganze seiner Geschichtserzahlung als bewusster Plan gegenwUrtig war. So schiebt er 5, 36 xal tfo naXau^ ov avfiqxoyel ein wegen 5, 39, so 8, 13 ein nat iv xctiq^ neiQaoiiOv dqiiaTavzat mit Bezug auf 22, 28 vfnelg di iaze ol dtafxsfxevrfK&vBg ev %6lg TteiQaonoig fiov, wie er andererseits im Hinblick auf diese spftteren Versuchungen 4, 13 a^pt xaigov beige- fugt hatte. Ebenso weist 9, 9 das xa* i^^rei ideJv ovtov auf 23, S vor. Zu diesen Schleifen bilden andere Formeln den Gegensatz, inso- fern sie Lucken und Fugen verrathen. Wenn namlich Lucas den Zu- sammenhang von A durchbricht, wendet er, wie Matthaus, gewisse all- gemeine Bestiinmungen an, um wieder zuruckzukommen. Sonst sagt er 8, 22 iv fii^ T(Sv fjf4€Q(Sv^ weil er zwei ursprflnglich zusammenhangende Stucke durch den Abschnitt 8, 19 — 21 getrennthat; ebenso 20, 1, wo ei zuvor ausgelassen und verwirrt hat. Schon Gf rarer hat daher mit Recht bemerkt, dass es hinsichtlich dieser Formel bei Lucas eine eigen- thumliche Bewandtniss habe. * Selbst 5, 17, wo die Formel noch steht, verrath sie wenigstens, dass dem Lucas die Storung, die er nach S. 217 in den Geschichtszusammenhang von A gebracht hatte, auffiel. Seine Abhangigkeit von der Darstellung in A verrath Lucas ubri- gens durch zahlreiche Inconvenienzen , die ihm bei der Unubersehbar- keit aller Details durch die Finger liefen. So beruhrt er in der Wcis- sagung 18, 32 aus A Mr. 10, 34 die Verspeiung, was Mt. 20, 19 aus- liess, vergisst dann aber in der geschichtlichen Erzahlung, wo er von A mannigfach abweicht, dieser geweissagten Handlung doch wenigstens Erwahnung zu thun. So kommt 22, 47 Judas zu Jesus, ihn zu kussen, ohne dass von dem verabredeten Zeichen, oder auch nur von dem Weg- gange des Verrathers etwas gesagt war. Hier gibt also Lucas seine Ab- hangigkeit durch zu starke Verkurzung kund. Auch sonst beweist Ofters der Fortgang seines eigen^n Textes, dass er zuvor etwas in A geandert hat. So schreibt er 8, 7 iv ^Uaifi^ wo die Andern elg tag axav^ag haben, 1) Weiss, S. 705. — 2) ITrchristenthum, II, 1, 8. 325. Digitized by VjOOQ IC 332 Viertes Capitel. welchen Ausdruck er aber 8, 14 nachbringt. Ebenso setzt er 8, 8 aya- d^og fur xalcg, aber xalog kommt 8, 15 schon wieder zum Vorschein. XII. Hebraisnicn dcs Lucas. Das fruhere Urtheil, das in dieser Beziehung zuiu Theil heute noch gang und gai)e ist, hat Schott in den Worten ausgesprochen : Hebraismi minus frequenter^ quam in ceteris evangeliis apparent.' Dass das gerade Gegentheil davon der Fall ist^ hat zuerst Wilke ausfuhrlich bewiesen/ und ist von da an in neue- rer Zeit Tiele zu der Behauptung fortgeschritten, Lucas musse um sei- ner vielen Uebraismen willen ein geborener Jude gewesen sein,* woruber vgl. §. 22. Hicr gilt es nur das Ueberwicgen der Hebraismen im Lucas gegenuber den beiden andem Synoptikem zu constatiren. Es kann nun^ was die Vorgeschichte betrifft^ zunachst daruber kein Zweifel mehr sein^ ist vielmehr heut^tage allgemein anerkannt, dass die Reden der Engel 1, 13 — 17. 19. 20. 28. 30—33. 35—37. 2, 10—12. 14 und der gottbegeisterten Personen 1, 42—45. 46 — 55. 68 — 79. 2, 29 — 32. 34. 35 vollkommen hebraisches Colorit an sich tra- gen ; aber auch die ubrige Darstellung der Vorgeschichte ist davon be- riihrt. So kchrt das nhjod^rjvai nvev/natog ayiov aus der Rede des En- gels 1, 15 schon 1, 41. 67 in der Erzahlung wieder; so ruht die Phrase xaia %Lyp(jiaonaL tovto 1, 18 auf Gen. 15, 8, so das dq)€leiv oveidog 1, 25 auf Gen. 30, 23. Als mehr oder weniger hebraischartig durfen folgende Artikel aus dem Sprachschatze und der Ausdrucksweise des Lucas gel ten. Das nur bei Lucas (S. 310) stehende ivioTtiov kommt in allerhand hebraisirendeD Wendungen vor, vgl. besonders iydniov zov -d^eov oder xvqlov nin** -scb 1, 6. 15. 19. 75. 12, 6. 16, 15. Damit verwandt ist der hebraisirendc Gebrauch von ngoawTtoVy worin sich Lucas ubrigens mit den andern Synoptikem beruhrt. Andere zu vergleichende Phrasen sind elarjKOva^^ Tj dirjolg aov 1, 13, fiiyag in den Verbindungen von 1, 15. 32, ex xoi- kiag fitjTQog 1, 15, nQofiefirpivla if ralg fj^iqaig 1, 18, eneide^ 1, 25, b xvQiog fi€td aov 1, 2S, evqag ^agty 1, 30, oqhov ofivveiv 1, 73, dorwr* yvtSoiv 1, 77, ijitaTiimea^ai von Gott 1, 68. 78. 7, 16 und iTnoKoni] 19, 44, bdog elgi^vrjg 1, 79, Biqrjvrj in den Doxologien 2, 14. 19, 38, deojiotrjg 2, 29, Phrasen mit ovg, wie yivead-aL eig td wza 1 , 44, nbj- Qova&ai kv %olg dalv 4,21, &iad^ai elg td iZta 9, 44, Xoyoi tr^g xiqi- tog 4, 22, dq>0Qi^€iv 6, 22 (vgl. Jes. 66, 5), xatd td avvd 6, 23. 26. 17, 30, viol Tov viffioTOv 6, 35, xoQxaa&rjvai dno (15, 16) 16, 21 und %qv7t%eo&ai djio (9, 45) 19, 42, 7iqoai^iTO 20, 11. 12, /uij note ^aqi^ d-waiv al xaqdiai 21, 34, ei^i wg 18, 11. 22; 27, diavolyeiv vdg yqa- 1) Isagoge, S. lOS. — 2) NeutestamentUche Rhetorik» S.451 ft, 45S f. — 3) Stu- dlen und Kritiken, 185S, S. 753—766. Digitized by VjOOQ IC Der Sprachcharakter der Sjmoptiker. 333 i(ovTal aoi ai af^agrlai aovy das Lucas aus A Mr. 2, 5. 9 kannte und in der selbststandig ge- bildeten Stelle 7, 47. 48 gleich anbrachte. — Nun beurtheile man noch das Zusammentreffen beider Quellen in derselben Species von Hebrais- men, z. B.. den Makarismen , die Lucas kannte sowohl aus A Lc. 6, 20 — 22 = Mt 5, 3—1 1, als auch aus A Lc. 7, 23 = Mt. 1 1, 6. Lc. 10, 23 = Mt. 13, 16. Lc. II, 27. 28. 12, 37. 38. 43=Mt. 24, 46. 14, 14, wozu noch die poetischen Stucke der Vorgeschichte ihren Contingent 1, 45 lieferten: so wird man es nicht anstossig finden kOnnen^ wenn er hochstens zweimal auch selbststandig dieserWendung sich bedient 14, 15. 23, 29. Oder man erwage, wie der Farallelismus membrorum sowohl in A 6, 21. 25. 27. 30. 32—35. 37, als in ^ 11, 36. 48. 12, 3. 23. 16, 10 seine Heimath hatte, wozu wiedemm auch die Vorgeschichte kommt mit Stellen wie 1, 33. 35. 71 : so wird man es nicht als ein Zeichen von eingewurzeltem Judaismns ansehen wollen, wenn Lucas etlichemal auch selbststandig sich in diesem Doppelgeleise bewegt 9, 45. 18, 34. 21, 11. Damit halten wir nun aber die Tiele'sche Ansicht fur voUstandig wi- derlegt. Xin. Die Quelle A. Von entscheidender Bedeutung ist far unsere Untersuchungen die Wahrnehmung, dass dem Sprachgebrauche von A und den Eigenthilmlichkeiten der drei Synoptiker gegenuber noch ein bestimmt abgcgrenztes Sprachgebiet cxistirt, welches fur die Quelle A in Anspruch genommen werden muss. £s versteht sich zwar von selbst, dass der Styl der ersten Quelle von um so weiterlangendem Einflusse auf unsere Evangelien gewesen sein muss, als sie nicht bios die umfangreichste, sondern auch diejenige unter den bcnutzten Quellen war, welche den ganzen Bauplan aller drei Schriftwerke bestimmte. Wenn wir nun aber behaupten, dass schon eine philologische Untersuchung sich zu dem Resultate getrieben schcn muss , den beiden Seitenreferenten ausser A noch eine weitere gemein- Digitized by VjOOQ IC 336 Viertes Capitel. same Quelle beizulegen, so durfen und konnen wir naturlich denSprach- gebrauch dieser Quelle nicht vermOge einer Petitio principii einfach ans denS. I42ff. bezeichneten Stucken zusammenstellen, sondern mussen uns bios auf die dein Matthaus und Lucas gegcn Marcus gemeinsamen Stucke beschranken und zeigen, dass darin ein, von dem der bei alien Dreien vorfindlichen Perikopen verschiedener, Sprachcharaktcr wabrznnchmen ist; nur in untergeordneter Linie kOnnen auch solche Texte aufgeboten werden, die wir zwar in die Quelle A verlegt haben, die aber, weil ent- weder nur bei Matthaus, oder nur bei Lucas vorfindlich, doch nicht mit deinselben Grad von Sicherheit als Fragmente einer und derselben Schrift betrachtet werden konnen. Naturlich konnen auch far unseren Zweck nur solche, dem Matthaus und Lucas gcmeinsame, Worter ge- braucht werden, wo das Zusammentreffen nicht ein bios zufalliges ist. Es kommt z. B. fivtjazevea&ac nur in den beiden Vorgeschichten des Matthftus und Lucas vor, woraus, da der Gebrauch des Wortes in der zu berichtenden Sache gegeben war, Niemand auf eine Abhangigkeit des Einen vom Andem schliessen wird. Ganz zufallig ist femer der Ge- brauch des Wortes aTtoau^v, welches Mt. 26, 5 1 und Lc. 22, 4 1 in verschic- denem Zusammenhang steht; oder anoxioQBiv Mt. 7, 23 und Lc. 9, 39 und aQiGTBQog Mt. 6, 3 und Lc. 23, 35. Anderes von der Art, wie ^- x(Jg und ndgq^ogy steht zwar nur Mt. 7, 3 — 5 = Lc. 6, 41. 42, gehort aber nichtsdestoweniger nicht A, sondern A an. Dagegen lasst sich der differente Sprachgebrauch von A am an- schaulichsten an einer Reihe von Einzelheiten erweisen, hinsichtlich deren yi sich ira Gegensatz zu A befindet. 1) Ein ganz bestimmter Unterschied kann z. B. nachgewiesen wer- den in der Bezeichnungsweise von Jerusalem. Credner behauptet, die Form ^IsQoaoXvfxa sei Eigenthum des Matthftus ; * aber in Wahrheit ge- hort sie A an, ist daher auch bei Marcus ausnahmslos* durchgefuhrt. Dagegen bietet Lucas z. B. in der Vorgeschichte einen eigenthuralichen Wechsel zwischen ^lefoaolvfta (2, 22. 42) und ^IsQOvaaXi^n (2, 25. 3S. 41. 43. 45), welche letztere Form er sich offenbar aus^^angeeignet hat daher auch in der grossen Einschaltung diese 9 mal, die andere nie vor- kommt. So gewohnte sich Lucas daran und substituirte sie in der R^l auch den Parallelen aus A, doch mit Ausnahme von 18, 31. Auch wo er selbststandig schreibt, wechselt er noch zwischen der hebraischen (z. B. 24, 52) und der griechischen Form (z. B. 23, 7). Dass die ersterc aber A angehort, setzt Mt. 23, 37 = Lc. 13, 34 ausser Zweifel, wo I) Einleitung, S. 67. — 2) Sollte II, 1 die hebraisircndc Form zu lesen scin, ^ wttrde das aus der Nfthc der semitischen Formen Bti&ifayi^ und Brj&aria »u erkliren sein. Vgl. Hitzig: Marcus, S. 70. Digitized by VjOOQ IC Der Sprachcharakter der Synoptiker. 337 MatthauQ in Folge des Einflusses seiner zweiten Quelle von seiner sonst darchgefuhrten Gewohnheit lasst. Wo nicht, so musste man geradezu sagen, dass Mt. 2Z, 37 sich an den Sprachgebrauch des Lucas anlehne^ inithin die Abhangigkeit des ersten Evangelisten vom dritten verrathe. ^ 2) In A kommt ^egog bios Mt. 12, 45 = Lc. 1 1, 26 vor (im Mar- cus bios 16, 12). Bei Matthaus steht es zunachst in solchen Stellen, die er aus ^ hat, vgl. 6, 24 = Lc. 16, 13. Mt. 8, 21 = Lc. 9, 59. Mt. 10, 23. 1 1, 3 (wo sogar Lc. 7 , 19 in aXlog umandert, zum deutlichen Be- weis, dass ^, und nicht Lucas, Quelle des Matthaus ist), 1 6 (wo Lc. 7, 32 dllijloig setzt) und 21, 30, wo 6 ^€Qog ganz regelmassig dem tt^cu- xog gegenubersteht. Die beiden ubrigen Stellen , wo Matthaus ixaqog hat, beweisen nur, dass Matthaus sich das Wort angeeignet hat, es aber nur in Fallen gebraucht, wo er fast nothgedrungen musste. So 1 5, 30, wo allovg ziemlich unertraglich sein wurde, und 16, 14, wo er anstatt des zweimaligen iilXog A Mr. 8, 28 einmal ^egog setzt. Dagegen ist es bei Lucas Lieblingsausdruck geworden und seine Herkunft an den Stellen 9, 61. 14, 19. 20. 41. 16, 7. 18. 17, 34—36. 18, 10. 19, 20 (20, 11) mit hochster Wahrscheinlichkeit aus ^ abzuleiten. 3) Das Wort ofiokoyeiv hat A gar nicht, u4 aber, und zwar in der, sonst im N. T. eimdgen, Verbindung mit €v tivi Mt. 10, 32 = Lc. 12. 8. Von da hat es Matthaus hertlbergenommen 7, 23. 14, 7. 4) In den Gleichnissen steht der avd'qtanog orceiqagMx. 13, 24 dem aneiqwv 6g i^l&ev aneiqai. A Mr. 4, 3 und dem av&Qwnog 8g e^aXe tov anoqov A Mr. 4, 26 gegenuber. Jene Verbindung mit cry- d'Qfonog kommt in A bios Mr. 13, 34 == Mt. 25, 14 c5g avd'QUinog dnd^ ifjfiog vor, wo sie fast gar nicht zu umgehen war. Zweifelhaft ist. der Fall mit dem av^qtanog ohodofidHv Lc. 6, 48. 49; da aber Lucas die Bergrede 8prachlichbearbeitet(S.76f.),k6nnen wir den avr^q Sazig yxo- dofiifosvMX. 7, 24. 26 fur ursprunglicher halten. Sonst aber ist es Eigen- schaft von ^, Substantive geradezu beizusetzen , wie iiv^qtanog q>ayog xai olvonoTTjg Mt. 11, 19 = Lc. 7, 34 (h^Qog av»gw7tog Mt 13, 28), avd'gfaTtog i'firtoqog 13, 45, av&ifwnog ohx>dBan6%rjg 13, 52. 20, 1. 21, 33, av&fionog fiaailevg 18, 23. 22, 2. Als Eigenschaft des Lucas darf namlich die fragliche Erscheinung auch nicht betrachtet werden, da dieser vielmehr, wo er selbst-^tandig schreibt, gut griechisch dvijQ, nicht ap^Qianos gebraucht; vgl. 24, 19 dvfjq nQoq>jj%t)gf Act. 3, 14 d>^Q (poifsig. 5) Um die Verneinung auszudrucken, erscheint zuweilen in ^, niemals in A, das oi%ly vgl. Lc.6, 39. 12, 6 =» Mt. 10, 29. 12, 11. 13, 27. 18^ 12. 20, 13. Lc. 14, 28. 31. 15, 8. 17, 8. 22, 27, wie auch die 1) Volkmar: Religion Jetu, S. 378. notUmann. 22 Digitized by VjOOQ IC 338 Viertes Capital. Verbindmig orxl aii;ia Lc. 12^ 51. 13, 3. 5. 16, 30. Ebenso charakte- ristisch ist der Gebrauch des zur Bejahung dienenden va/, welches in A nur Mr. 7, 28 » Mt. 15, 27 nachweisbar ist. Gerade so, namlichiaT Bezeichnung der Antwort, gebraucht es Matthaus noch selbststandig 9, 28. 13, 51. 17, 25. 21, 16, von der hier gar nicht in Betracht kommen- den Stelle 5, 37 abgesehen. Dagegen setzt A das Wort auch im Con- text der Rede, wo Matthaus dafQr o^iji/ hat, vgl. Mt. 23, 36 mit Lc. 11, 51. Daher die Uebereinstimmung Mt. 11,9 = Lc. 7, 26. Mt. 11, 26 = Lc. 10, 21 und die bei Lucas allein vorfindlichen Stellen 11, 51. 12, 5. Weiter kommt das Wort bei den Synoptikem nicht vor. 6) In syntaktischer Beziehung ist die Quelle A noch deutlicher von dem andern Sprachgebiete zu unterscheiden. Zwei ganz ahnlich gestaltete, verwickelte Anakoluthe fin den sich l)Lc. 11, 5—8, wo, nach dem Anfange zu urtheilen, der Nachsatz schliessen sollte : und ihm nicht Euletzt seine Bitte gewahren ? Das dazwischen Liegende sollte eigentlich in abhangigen relativen Satzen ausgedruckt sein, ist aber in Wirklich- keit in Satze gefasst, die der Form nach dem ersten coordinirt sind, wozu bei der Leseart «IW?/ noch die femere Ungehorigkeit kame, dass ein Anfang der Rede mit Mv vorausgesetzt wird ; 2) Lc. 1 1, 1 1, wo xwei verschieden formulirte Fragen ahnlich in einander geschoben sind, namlich : welchen Vater wurde sein Sohn um Brod bitten , er aber ibn einen Stein bieten? und: wurde wohl ein Mensch, den sein Sohn tun Brod b&te, ihm einen Stein bieten? — Dass diese Construction nidit Eigenthum des Lucas ist, beweist die Pandlelstelle Mt. 7, 9; dassae zum stylistischen Geprage der Quelle gehort, aus der Lucas schopft} beweist ihr zweimaliges Vorkommen in dem kurzen Stuck Lc, 11,5— 1 1 ; dass sie keiner anderen Quelle eignet, als A^ beweist ein dritter Fall Lc. 14, 5, wo gleichfalls zwei Fragen in einander geschoben sind, mitihrer, Mt. 12, 11 eingeschobenen, dasselbe Satzverhaltnks bieten- d^n, Parallele. Vgl. auch Lc. 12, 42. 43 = Mt. 24, 45. 46, wo die Con- struction, mit xl^ aqa iartv 6 niatdg olxovo^oq^ 8v xoraavijaci 6 xv^o$ anhebend, so angelegt ist, wie um nachher fortzufahren : der, wemi scib Herr ihn so handelnd findet, nicht selig zu preisen ware. Statt dessn folgt die Seligpreisung direct. * Die letzterwahnten Beispiele erinnern noch an eine andere Eigen- thumlichkeit dieser Quelle, namlich an die Manier, den Redestncto als Exordium eine einleitende Frage meist mit %ig und sehr ubereinstim- mender Weiterbildung voranzustellen. So Lc. 11,5 tig i§ vfiwp ^« q>lXov -KtX. 11, 1.1 xiva di i^ v^div %6v naxiqa ahi^aei o viog «= Mt 7, 9 rj tig i^ vfiwv avd^Qwrrog dv aVrtjoeL 6 vlcg. Lc. 12, 25 a Mt. S, 2< J) fileek: Synopsis, U, S. 190. Digitized by VjOOQ IC Der Sprachcharakter der Synoptiker. 339 sigdi i$v^(Sv dvvasai nqood^alvaL, Lc. 12^ 42 ss Mt. 24^ 45 %ig aqa hniv 6 Ttiaxbg dovXog. Lc. 14,5 fivog vfiwv vlog nsaeitaL s» Mt. 12, 11 %lg i| vfuov a¥yyq(jD(.iog 8g %^€i. Lc. 14, 2% nig yag i^ vfitHv d-iXtav nvQYOv ohodoiiirjaat. 31 tj tig fiaaiXevg povleverai,. 15, 4 vig avd'qwrtog i^vfiwp €X(av Bxaxov nqofiata (vgl. Mt. 18, 12 die veranderte Satzform). 8 rj tig yvvrj dqaxfictg txovaa, 17, 7 %ig di i^vficiv dovlov e^Ofv. 22, 27 tig yaq fiei^wv 6 avaxeifievog rj 6 diaxovcSv. Solche Wiederholungen in gleichartiger Satzgliederung gehoren uberhaupt zum schriftstellerisclieii Charakter von ^, niclit aber von Lucas.* Man vgl. Lc. 7, 24 — 26 =x Mt. 11, 7 — 9 (ti i^elrilv^ats Ideiv mit gleichformig gebildeter Antwort und Antithese). Lc. 7, 33. 34 = Mt. 11, 18. 19 (ik'^Xvd^ev — xat Xiyere). Lc. 11, 31. 32 = Mt. 12, 4 J. 42 (dvaon^aovtav iv %y %qiau fieta rijg ysvsSg TcevTTjg xal xaza" xQivovaiVj Sti, — xal idov tcXbiov wde), 12, 24. 27. 28 = Mt. 6, 26— 30 {xatavorjoatB — nooiff fi&XXov vfieig) 49. 50 (Feuer und Taufe — Beweis, dass das Stuck in ^ stand; vgl. S. 152). 54, 55 = Mt 16, 2. 3 (Wetterprophezeiungen). 13, 2. 3. 4. 5 (das Beispiel zuerst, dann do- xslte oti iyivovTOy endlich ovxi Xiyta v^lv dXX^ idv fArj fisravotjorjte Ttdvteg (iaavtwg dnoXetad'e — Beweis, dass das Stuck in ^ stand; vgl. S. 152). 13, 18. 20 (tivL b^oia iativ fj paaiXeia xov 9bov xai tivi Sfioiwaw avTTjv). 14, 8. 10. 12, 13 {otav — ^rj — dlX Star — hierauf Position mit Begrundung — Beweis, dass aus ^; vgl. S. 153). 28. 31 (tig — ovxl xad-ioag nqmtov — Beweis, dass aus Ai vgl. S. 154). 15, 4 — 7. 8—10 (Gleichgliederung der beiden Gleichnisse vom Verlorenen — Beweis fur S. 155). 16, 5. 6. 7 (das gleiche Verfaliren des ungerech- ten Haushalters — Beweis fur S. 155). 17, 26 — 29 «= Mt. 24, 37. 38 (das gleiche Verfahren in den Tagen Noah's und Lot's). 17, 34. 35 = SSI Mt 24, 40. 41 (Zwei werden sein — Eins — Eins). 19, 16 — 19 = Mt- 25, 20—23 (das gleiche Schicksal der beiden Knechte). Insonderheit zeigt sich diese Gleichformigkeit in der Weise, Con- tjraste, Correcturen, Limitationen anzubringen. So Lc. 10, 20 ^ %ov%(ff f€Ti xa/^6r« — xaiqstB di Sti. (Lc. 10, 41. 42 tVQ^dCj] Tteqi noXXdy erdg di iativ XQ^^^') Lc, 11 , 27. 28 fiaxaQla fj fiaazdaaaa — fisvovvys ftcncdifioi oi dxofiovteg. Lc. 11, 40. 41 = Mt 23, 25. 26 to e^ta^sv xai ^6 eata^sv* Lc. 11 , 42 = Mt. 23, 23 tavta edei noiijaai xdxelva fiij f^apsipau Lc. 12, 4. 5 as Mt 10, 2S fifj q>opBlod'e — q)ofi^&tite di fsSXijov. Lc. 12, 21 6 d^accvQi^tov kavtip xai fitj elg ^eov nXovtwv, IjC. 12, 29. 31 =5 Mt 6, 31. 33 ^tj ^rjteits ti g)dyr]te — TtXfjy ^rjteite x^ fictaiXelap tov d-sov. Lc. 12, 56 = Mt. 16, 3 to nqoaianov tov ov- Q€t¥Ov oUatz doxifid^BiVf tdv di xaiQdv ov doxifid^ete. Damit h&ngt 1) GegenWilke: NeutesUmentliche Bhetorik, S. 450 f. 22* Digitized by VjOOQ IC 340 Viertes Capitel. endlicli noch zusammen die Art^ von Dem y was irgendwo statthatt, zu schliessen auf das Verhaltniss, in welchem es noch melir statthaben muss; soLc. 11, 8. 9. 11—13. 12, 6. 7. 26. 28. 14, 5 (= 13, 15. 16). 15, 4—10. 16, 11. 12. 17, 10. 18, 6. 7. 7) In lexikalischer Hinsicht sind folgende Worter als verhalt- nissmassiges Eigenthum von ^ zu betrachten : ^STog Mt. 24, 28 = Lc. 17, 37. Sonst nur Apok. — alevQOv, bios Mt. 13, 33 =: Lc. 13, 21 — aXrj^eiv Lc. 17, 35 =Mt. 24, 41 — ahi- nt]^ Mt. 8, 20 = Lc. 9, 58. 13, 32 — a^q>isvvvvaiy nur Lc. 7, 25 = Mt. 1 1, 8. Lc. 12, 28 = Mt. 6, 30. A gebraucht dafur n€Qipefikrjfierog, ivdedvfiivog — dvatoki] Lc. 13, 29 = Mt. 8, 11 und an einzelnen Std- len Beider, nicht bei Marcus — dvexrogj nur Lc. 10, 12. 14 = Mt. 10, 15. 11, 22. 24. Nicht Mr. 6, 11 — dwldiTCogMt. 5, 25 = Lc. 12, 58. 18, 3 — anXovgy bios Lc. 1 1, 34 = Mt. 6, 22 — aTtodeyLOtovvlAx. 23, 23 s= Lc, 11, 42. 18, 12 — dqi^pteiv Lc. 12, 7 == Mt. 10, 30. Sonst nur Apok. — aqiaxov MX, 22, 4 hangt zusammen mit Lc. 14, 12. 15. Sonst noch Lc. 11, 38 — aqnayij Lc. 11, 39 = Mt. 23, 25. Sonst nur Hebr. 10, 34 — og7ra| Mt. 7, 15. Lc. 18, 11. Sonst Paul us — daad- QioVj nur Lc. 12, 6= Mt. 10, 29 — datqaTtrij ausser Apok. nur Lc. 10, 18. 11, 36. 17, 14 = Mt. 24, 27. 28, 3— avXelv, ausser 1. Cor. 14, 7 nur Mt. 11, 17 = Lc. 7, 32 — axqalog {dovXog) Mt. 25, 30. Lc. 17, 10 — Bvdl^Bad^aij nur Lc. 16, 16 =Mt. 11, 12 — fio&vvog, nur Lc. 6, 39 = Mt. 15, 14. 12, 11 — §Qvy(.iog ztSv odovxwvj nur Lc. 13, 28 = Mt. 8, 12. Sonst noch 5 mal bei Matthaus — FfivyijTOt yvvaixw^ nur Mt. 11, 11 = Lc. 7, 28 — JtOQvaaeiVy nur Lc. 12, 39 = Mt. 24, 43. 6, 19. 20 — dixOTO^aiVj nur Lc. 12, 46 = Mt. 24, 51 — do/ucr, in den Evangelien nur Mt. 7, 11 = Lc. 11, 13 — dovXtvaiVj bei den Synoptikern nur Mt. 6, 24 = Lc. 16, 13, und noch Lc. 15, 29 — dvafidataycTog^ nur Lc. 1 1, 46 = Mt. 23, 4 — dvafitjj ausser Apok. 21, 13 nur Mt.8, 11 = Lc. 13, 29. Mt. 24, 27. Lc. 12, 54 — 'EyxQvnx^ir, nur Mt. 13, 33 = Lc. 13, 21 — iycyafii^ecv und ixyafil^€0&aiy bei den Synoptikern bios (Mt. 22, 30= Lc. 20, 34?) 35. Mt. 24, 38 == Lc, 17, 27 — hQt^ovv Lc. 17, 6. Mt. 13, 29. 15, 13 — ilefjfioavvrj Lc. 11, 41. 12, 33. Mt. 6, 1—4 — ifi/tlrcTeiv Mt. 12, 11 und Lc. 14, 5. 6, 39. 10, 36 — evdvfiay nur Lc. 12, 23 = Mt. 6, 25, und noch 6 mal bei Matthaus — evd'ev nnd ivretd'ev Mt. 17, 20. Lc. 4, 9 (selbststandig). 13, 31. 16, 26 — ivtog Mt. 23, 26. Lc. 17, 21 — iTtiovaiog Hapax le- gomenonLc. 11, 3 s Mt. 6, 11 — iQydrrjgj bei den Synoptikern bios Mt. 9, 37. 38 = Lc. 10, 2. Mt. 10, 10 = Lc. 10, 7. 13, 27. Mt. 20, 1. 2. 8 — evayyeki^ead-ai kommt in A gar nicht vor, dagegen in passi- ver Bedeutung ^ Mt. 1 1 , 5 = Lc. 7, 22. 16, 16 — Zvfiovr Mt. 13, 33 = Lc. 1 3, 21 — 'Hdvoofiov Lc. 1 1, 42 = Mt. 23, 23 — KaStaw- Digitized by VjOOQ IC Der Sprachcharakter der Synoptiker. 341 vaiy in den Evangelien nur Mt. 24, 45. 47 = Lc. 12, 42. 44. Mt. 25, 21. 23. Lc. 12, 14 — TcaTafiifiaKetv Mt. 1 1 , 23 = Lc. 10, 15 — xata- xkvoiiiog Lc. 17, 27 = Mt. 24, 38. 39. Sonst nur 2. Petr. 2,5 — - xa- Taax^r(ooig Mt. 8, 20 =» Lc. 9, 58 — xaioiov Mt. 20, 12. Lc. 12, 55 — x€xXt]iAivoi fur zu Gaste Geladene, bios Lc. 14, 7. 17. 24 = Mt. 22, 3. 4. 8 — x«ga/a, nur Lc. 16, 17 = Mt. 5, 18 — xkav&fi6g Lc. 13, 28 = Mt. 8, 12. Noch 6 mal bei Matthaus — xXeisiy und xkelg kommen nur in Stellen vor, die entweder selbststandig, oder aus ^sind: Mt. 6, 6. 16, 19. 23, 14 = Lc. 11, 52. Mt 25, 10. Lc. 4, 25. 11, 7 — xXl/tTtjgUt. 6, 19. 20 = Lc. 12, 33. Mt. 24, 43=Lc. 12, 39 — xXl^avogy nur Mt. 6, 30 = Lc. 12, 28 — xQivovy nur Mt. 6, 28 =rLc. 12, 27 — xgtTi/s Bteht zwar auch A Lc. 11 , 19 = Mt. 12, 27, ist aber Lieblingswort in ^ Mt. 5, 25 = Lc. 12, 58. Lc. 12, 14. 18, 2. 6 — TiQOvuVy in den Evangelien nur Mt. 7, 7. 8 = Lc. 11,9. 10. 12, 36. 13, 25 — xQvnteiv steht bei den Synoptikem nur an Stellen, die selbststandig, oder aus^sind: Mt. 5, 14. 11, 25. 13, 35 (Citat). 44. 25, 18. 25. Lc. 18, 34. 19, 42 — MaXaxogMt. 11, 8 3= Lc. 7, 25 — fieQifiy^Vy bei den Synoptikem bios Mt. 6, 25. 27. 28. 31. 34 = Lc. 12, 11. 22. 25. 26. Mt. 10, 19. Lc. 10, 41 — Nrj^etv, nor Mt. 6, 28 = Lc. 12, 27 — vofiixog ist die stehende Bezeichnung in./:/Lc. 7, 30. 10, 25 (= Mt. 22, 35). 11, 45. 46. 52. 14, 3. Sonst nur Tit, 3, 9. 13 —''Oqng Mt. 23, 37 = Lc. 13, 34 — IliQag Mt. 12, 42 = Lc. 1 1, 31 — noodxig Lc. 13, 34 = Mt. 23, 37. Vielleicht auch A Mt. 18, 21 — TtQoagxaveiv Mt. 11, 16 = Lc. 7, 32; bei Lucas noch 3 mal. Act. — miQv^ Lc. 13, 34 = Mt. 23, 37 — Sdxxog Mt. 11 , 21« Lc. 10, 13 — adtov Mt. 13, 33 = Lc. 13, 21 — o^gLc. 12, 33 =» Mt. 6, 19. 20 — axotetvog Lc. 11, 34. 36 = Mt. 6, 23 — anodig Mt. 11, 21 = Lc. 10, 13 — a%Bv6g Mt. 7, 13. 14 = Lc. 13, 24 — OTQOv&lov Mt. 10, 29. 31 = Lc. 12, 6. 7 — av^qxavaiv Mt. 20, 2. 13. Lc. 5, 36. Sonst noch Act. und Mt. 18, 19 (nicht aus A). — T(J- xo^, nur Lc. 19, 23 as Mt. 25, 27 — Wiyogy nur Mt. 11, 19 = Lc. 7, 34 • g>OQtU^ecVy nurMt. 11, 28. Lc. II, 46 — q>OQtiov in den Evange- lien bios Mt. 11, 30. 23, 4 = Lc. 11, 46 — fptaUog, nur Mt. 8, 20 =x Lc. 9, 58 — q>(a%eiv6g, nur Lc. 11 , 34. 36 = Mt. 6, 22 und Mt. 17, 5 — XQOviH^eiv, Mt 24, 48 =:Lc. 12, 45. Sonst noch Mt 25, 5. Lc. 1, 21. Hebr. 10, 37 —iQ/iog, nur Lc. 15, 5. Mt 23, 4. XIV. In dem Sprachgebiete, das man gewohnlich dem zweiten Evangelium vindicirt, scheidet sich wieder von dem Sprachgebrauch von A, der in geringcrem Grade auch bei Matthaus und Marcus nach- weisbar ist, deutlich ab die eigenthumliche Manier des Marcus. 1) Wenn diese Beobachtung genugend erwiesen werden kann, so ist sie schon allein hinreichend, eine Reihe von Behauptungen, die wir Digitized by VjOOQ IC 342 Viertos CapiteL im zweiten Capitel aufgestellt haben^ zu erweiaen. Doch brauchen wir, um iinseren Satz zu stutzen^ eigentlich bloshinzuweisen 1) auf die S. 6 1 f. aufgestellte Beihe von Stellen^ wo Matthaus und Lucas im Ausdruck gegen Marcus ubereinstimmen ; 2) auf die S. 1 10 f. verzeichnetenZusatae des Marcus; 3) auf die S. 278 ff. gegebenen Proben von abweichender Behandlung der Quelle A bei Marcus; 4) auf die Latinismen , die in §. 24 besprochen werden sollen. 2) Abgesehen davon sind auch von den oben angefuhrten Eigen- schaften von A wohl einzelne Ausnahmen bei Marcus anzutreffen, wie dass er docb manchmal das Sti recitativum ausgelassen und Substantive in Belative aufgel6st hat^ wo die Anderen sie noch stehen liessen. Wenn z. B. A im Allgemeinen vielen Werth auf Angabe des Gestus legty so hat Marcus eine solche Notiz z. B. 1^ 40 (vgl. Mt. 8, 2 =s Lc. 5, 12) ausgelassen. Zu derartigen Liebhabereien ^ womach Marcus A alte- rirt, mag auch das ftera tQslg fniiqag der Auferstehungsweissagung gc- hdren 8^ 31. 9^ 34 (?) 10, 34 , was sonst nur Matthaus einmal 27, 63 schreibt, wahrend A Mt. 16, 21 =. Lc. 9, 22. Mt. 17, 23. 20, 19 = Lc. 18, 33 Tfjxqlvri f}^iqi- fidiJLe$v — afiq>o8og — dvad'efiau^etv — avaXog — dvanrjdqv — dvaate- vd^eip — dno^dXXeiv (Hebr.) — djiodtjfAog — dnonXav^v (1. Tim.) — dnoateyd^ecp — daq)aXijg (Act.) — dtcfiovv — avvofiavog (Act.) — dq>Ql^uv — dq>Qoavvri (2. Cor.) — fiantiaiiwg (Hebr.) — fioap€Qyijg — yyaq>svg — da^dl^uv (Jak.) — di^ayLvBod-ai (Act.) — diaan^v (Act.) — Xiyeiv ivgy i^Sax^ — dvaxoXog — dtaqaiad'ai (2. Petr.) — bI = bfi^ beim Schwnr, sonst noch Hebr. — alg xod* elg (Mr. 14, 19 = Joh. 8, 9) — ixd'afifiBiad^ai — hcTceqiaawg — hitpofiog (Hebr.) — iXavvBiv intran- sttiv (Joh.) — iXiot — eXXrjvlg (Act.) — ivayKaXi^ead^ai — hetXelv — hw%ov — ivTaq>iaaiii6g (Joh.) — i^dmva — i^ccvtijg (Act. Phil.) — i^Of v%rsiv (Gal.) — i§ov3evsiy(2. Cor.) — i^ovdevovv(iiap9x legomenon) — i/cifidXXsi3f neutral — iTcMsiv (Act.) — hti^^dmsiv — miawtqixBiv — io%d%iog — evxaiQog (Hebr.) — evxaiqiog (2. Tim.) — €voxtjfi(ov (Act. 1. Cor.) — iq>q>ax^d — ^diug (2. Cor.) — ijipiev (1, 34. 11, 6). — ^afifiaiv -— &avfid^eiv did (Joh. Apok.) — - ^s^fiaivead'ai (Joh. Jak.) — ^ydvQiov — -dvQWQog (J oh,) — to ixavov noulv (Act.) — ndnBid-ev (Act.) — ncntoXoyBlv (Act.) — %a%d§a — xata^aqvvBivl — xaroLdtdnetv — TUxvaxonxBiv — xaxaxid-hai (Act.) — xatBvXoyBlv ? — xaxoUrjOig — neytvfuov — Y,B(paXaiovv — %ov^i — xqdp^aTog (Joh. Act) — drc dq- X^g xtioBiag (2. Petr.) — xvXiBad-ai. — xvmBcv (1,7= Joh. 8, 6. 8) — xQ^fidnoXig — XstxaivBiv (9, 3. Sonst nur Apok.) — fiaXXov vor Comparativ (Paulus) — fiBd'oqial — fiBXez^v (I. Tim.) — ^tjxvvBiv — fuad-anog (Joh.) — fioyiXdXog — livqiteiv — vdqdog (Joh.) — vovvb- Xiig — ^eatfjg — i^qafiftivog — odonouiy — dXoxaviwfia (Hebr.) — ofifia (Mt. ?) — iioTtBq — oaxig fragend 9, 1 1 ? — ovd — oxpiog als Adjec- tiv — naidiod^Bv — ndfinoXvgl — navzaxod'BV — naqafidXXBiv (Act.) — na^adiddvdt neutral 4, 9 — naqd^ioiog — nBqi%qi%Biv — niarixdg Digitized by VjOOQ IC 344 Viertes Capitel. (Joh.) — nXoKXQLOv (Joh.) — nqaata — ^ nqoaikiov — nqoXa^meiv (Paulus) — TtQO^sQifiv^v — nQoadfi^OTOvl — nQoasyyl^eivl — nQoa- xaQtegelv (Act. Paulus) — 7tQoaxeq>d)iaiov — n^oaoQ^LC^Bad-ai — nqoo^ noQevead'ai — nqoazqixeiv (Act.) — jtQVfiva (Act.) — miuv (Joh*) Ttvy^^ — ^ccfifiovvi (Joh,) — ^drccofia (Joh.) — axavdakoy (Act,) — axar- Xt]^ — afiVQvi^eiv — anSa&ai (Act.) — - ansxovXdxwq — - aTaaiaavrjg — azipdg — atlXpeiy — avyxadijad^ai (Act.) — avXXvTveiOxfac — ovfi- PovXtov Ttoieiv — avfinooiov — avvava§aiveiv (Act.) — avvd-Xifieip — avQOipoivUiaaa — avaarj^ov — xaXid-d — Taqaxrj — n^Xixvyiog — xqitBiv — vTteqriqxxvia — VTteQneQiaaiog — VTtoXriviov — vareQijatg (Phil.) — x^^^^^^ — ^'?^ ^^ Sinne der Tagesstunde (Joh.) — dtdqioi^ (Joh.). -^ XV. Gegen die Griesbach'sche Hypothese. Marcus hat von Dem, was bei den Nebenschriftslellern Besultat individueller Text- bearbeituDg ist und mit ihrer eigenthumlichen Anordiiung von A im Zusammenhang steht^ nichts; die Lieblingsausdrucke^ die eigenthum- lichen Phrasen und Constructionen der Seitenreferenten sind ihr Pii- vateigenthum geblieben. 1) In der Kegel hat Marcus allerdings einen Text, der sich bald an Matthaus^ bald an Lucas anzuschliessen scheint und dfters in dem- selben Verse Bestahdtheile beider Texte besitzt, wie 2. B. der Abschniti Mr. 2, 13 — 22 sich bis 19 mehr dem Matthaus, von 20 an mehr ^Efin Lucas nahert, wahrend 18 und 21 eine Mischung darstellen. Aber^ein solches Verhaltniss des Marcus zu den beiden andern Texten widferstra- tet unseren Besultaten nicht nur nicht^ sondern es wird , diese letstere vorausgesetzt, geradezu postulirt werden mttssen. * In der That stimmt Marcus in der Kegel mit Beiden uberein, wo diese unter einander har- moniren, mit Einem bios, wo der Andere abweicht. Dadurch entstefat allerdings der Schein, als habe Marcus denjenigen Seitenreferenten, der die Uebereinstimmung nicht gebrochen hat, copirt; was der eine Referent aus dem Text wegliess, scheint dann Marcus aus dem andern entlehnt zu haben, oder, was jener hinzusetzt, mit dem andern w^;za- lasaen. Wie aber schonS. 1 17 ff. gezeigt wurde, dass diese Voraussetzung, auf das Detail angewandt, zuUndenkbarkeiten fiihrt, so werden wir jetst dagegen nicht bios einwenden durfen, dass die Sachlage selbst sich nach dem von uns angelegten Maassstabe mindestens ebensogut erklart, wie nach dem Griesbach'schen: sondern wir werden auch namentlich fragen mussen, warum denn bei Marcus nichts, gar nichts von allem demjenigen Material sich findet, was wir als zu der eigenthumlichen Darstellungsweise des Matthaus oder des Lucas gehorig erwiesen. Hatte 1) Wilke: Urevangelist, S. 429 ff. Digitized by VjOOQ IC Der Spracbcharakter der Synoptiker. 345 Marcos sich in der Weise, wie die Griesbach'sche Hypothese will, an dem Eigenthuin des Matth&us und Lucas vergrifien , so wurde er doch sicherlich das eine- oder das anderemal auch nachweisbare Contrebande darbieten. Aber das gerade Gegentheil findet statt; nichts von alien jenen eigenthamlichen Vorkommnissen im Matth&us , als da sind Fra- gen, SatzausfuUungen^ Vordersatze ; keine (iaatkeia tcSv ovqavujVj noch i^e-^rp^j uianefy ddelq)6g vom Mitmenschen, xaXeiv fur Nennen (bios im Citat 11, 17), rjyB^iiv^ iwg ov und otov^ indvWy xeXeveiVj vateqovj aqrCy q>q6vi^og^ iv enaiytp x(^ xaiQ(p u. s. f. Ebensowenig aber ver- meidet er die Wiederholungen und Tautologien, wo Lucas sie vermeidet, oder bedient er sich mit Lucas der Participialconstruction, nm die Rede compendiarischer zu machen u. s. f. Weit gefehlt, dass Marcus von den Andern je entlehnte, was ihnen gehorte, bricht er vielmehr, so- bald so etwas zum Vorschein kommt, die Uebereinstimmung mit ihnen ab, und zwar selbst mit Beiden zugleich, wo namlich Beide zugleich ihre eigenthumliche Diction einfliessen lassen. So z. B. Mc. 2, 7 yermeidet er sowohl die specifisch matthaische Formel ovtog plaaq>r]ii€t Mt. 9, 3 (8^300), als die lucanische Fragebildung mit rig iariv ovzog 6g Lc. 5, 21 (S. 327). Dafar hat er die Doppelfrage, die zu seinem eigensten Sty] gehort (S. 282 f.) und von Matthaus umgangen wurde. Wen soUte er denn hier also abgeschrieben haben ? — Das Wort diako/ioidog findet sich Mt. 15, 19 =s Mr. 7, 21, sonst noch Lc. 2, 35. 5, 22. 6, 8. 9, 46^ 47. 24, 38« 1st Marcus Epitomator, so muss er den eigenthumlichen Grfhfidlsatz befolgt haben, dieses Wort abzuschreiben , wo es ihm bei Matthaos, es auszulassen, wo es ihm in den viel zahlreicheren Stellen bei Lucas begegnete. Ebenso that er dann auch mit xa9^ fjiiiqav^ vgl. Mr. 14, 49 = Mt. 26, 55 =5 Lc. 22, 53; ausserdem aber noch Lc. 9, 13. 11 , 3. 16, 19. 19, 47. — Wir soUten denken, solche Beispiele museten doch hinreichen, um endlich eine Hypothese zu antiquiren, die freilich leicht sagen hat, dieses Wort habe Marcus aus Matthaus, jenes aus Lucas abgeschrieben , dabei aber von aller schriftstellerischen Methode, die in den Synoptikern zu finden ist, Umgang nehmen muss. Mit Recht hat daher schon Wilke die Frage aufgeworien : »Wie aber, wenn das angeblich Weggelassene mit Schriftstellermethode oder Dic- tion sart im Zusammenhang steht, die, wo sie sich aussert, uberall nur ein Besonderes fur sich bleibt? Soil ten wir denn dadurch nicht eher aufmerksam gemacht werden, dass es sich wohl mit Dem, was man ffir Compilation erklart, anders verhalten moge, und dass das metho- disch Besondere, das hinter dem Gemeintext immer zuruckblcibt, diesem wohl auch erst spater nachgefolgt sein konne ? « * J) Urevangelist, S. 433. Digitized by VjOOQ IC 346 Viertoi Capitel. 2) Aber auch von denjeuigen fiprachlichen Eigenthuinlickkeiteiiy die in Matthaus und Lucas aus A ubergegangen sind^ hat Marcus nichts, und das ist^ wenn er Excerptor war, uoch viel wunderbarer, da diese Ausdrucke sich in beiden Nebentexten hdren lassen, daher mit ver- doppelter Kraft auf das Gedacbtniss des Epitomators batten einwirken mussen. Beispielshalber sei an oi%l erinnert, das sich 10 mal.bei Matthaus, 1 5 mal bei Lucas £ndet> bei letzterem 5 mal in der Formel oL^t — alXa, Das Wort kam in A vor. Aber auch Matthaus (13, 55. 56) und Lucas (1, 60. 17, 17. 24, 26. 32) haben es sich angeeignet. Warum findet es sich bei Marcus gar nicht ? Oder woher hat er die Consequenz geschopft, mit der Worter, wie 6q)elX£iVj oq^BiXhtjgj OipsiXi^y 6 aufgenommen oder wenigstens stehen gdas- sen habe. 1) Zeller hat auf rein philologischem Wege nachzuweisen ge* sucht, dass Marcus in seiner Diction soWohl von Matthaus,' als von La- cas,^ und dass wiederum der Letztere von Matthaus abhangig sei.' Naher besehen erweisen seine Beispiele bios das Eindringen des Sprachge- brauchs von A in die Schreibart des Matthaus und Lucas. Wir begin- nen mit einer Beihe vonBeispielen, die unsere Erklarungsart zum min- desten ebenso gut vertragen, wie die Zeller'sche. Jo^a^eiv tov &a6v steht wenigstens einmal in A Mr. 2, 12 s Mt. 9, 8 as Lc. 5, 26; ausserdem noch 3 mal im Matthaus, 8 nud im Lucas, wie es denn auch sonst im N. T. haufig ist. — Das dia xoS%o mit Beziehung auf einen, das eben Vorzubringende rechtfertigendeii Umstand, gehOrt A an Mr. 6, 14 = Mt. 14, 2. Mr. 11, 24. 12, 24. Mt. 12, 27 == Lc. 11, 19 und wurde sowohl von Lucas (vgl. 11, 19. 49. 12, 22. 14, 20), als auch besonders von Matthaus (6, 25. 12, 31. 13, 13. &2. 18, 23. 21, 43. 23, 13. 24. 24, 44) angeeignet. — Der Gebrauch des Wor* iGS TiaqayLaXelv fur Bitten, Auffordern ist Eigenthumlichkeit von 1) Theologische Jahrbttcher, 1817, S. 52S ff. — 2) A. a. O. S. 532 f. — 3) A. O. S. 533 ff. Apostelgeschichte, S. 444 f. Digitized by VjOOQ IC Der Sprachoharakter der Synoptiker. 347 AMr. 1, 40. 5, 10. 12(=Mt. 8, 31s=Lc.8, 31. 32). 17. 18(=:Mt.8, 34). 23 (« Lc. 8, 41). 6, 56 (= Mt. 14, 36). 7, 32. 8, 22. Mt. 8, 5 = Lc. 7, 4. Matthaus hat an dreien dieser Stellen das Wort umgangen 8, 1. 9, 18. 15, 30; Lucas dagegen gebraucht dafur sqiot^v 8, 37 und sein Lieblingswort deia^at 5, 12. 8, 38. Dennoch haben Beide das TtaqaxaXalv etlichemal auch selbststandig im Sinne von A gebraucht Mt. 18, 29. 32. 26, 53. Lc. (3, 18). 15, 28. — Bios die Synoptiker unter den neutestamentlichen Schriftstellem haben das Wort ifiuai^eiv^ und zwar Mr. 10, 34 = Mt. 20, 19=Lc. 18, 32. Mr. 15, 20 = Mt. 27, 29. 31 = Lc. 23, 36. Mr. 15, 31 = Mt. 27, 41. Ausserdem aber steht es noch Mt. 2, 16 und Lc. 14, 29. 22, 63. 23, 11. — Ferner gebraucht A 10 mal ov%a) und ovTwg so, dass es vor dem Verbum steht (nurMr. 4, 40 ist Ausnahme). Ganz in demselben Verhaltniss gestaltet sich der Sprachgebrauch des Matthaus 1, 18. 2, 5. 3, 15. 5, 12. 16. (47). 6, 9. 30 (Lc. 12,28). 7, 12. 17. 11, 26 (=Lc. 10,21). 12, 40 (=Lc. 11, 30). 45. 13, 40. 49. 17, 12. 18, 14. 35. 19, 10. 20, 10. 26. 23, 28. 24, 27. 33. 37. 39. 26, 40. 54. Ausnahmen sind Mt. 5, 19. 9, 33. 19, 8. 12. 24, 46. Bei Lucas ist kein so bestimmter Usus nachzuweisen (15 mal vor, 7 mal nach). — Bei Marcus findet sich nicht bios dreimal,^ sondem 1, 24. 2, 17. 5, 14. 10, 45. 15, 36 die Construction von €QX^ad-aL und ilS-eiy mit Infinitiven des Aoristes. Diese Construction ist bei Matthaus and Lucas sehr gewohnlich geworden. — Auch das hcsiS'SV als locale und das ip ixeivfj vfj ^fieQtfj iv heUaig talg ^fiigaig als temporale Uebergangspartikel gebdren ursprunglich A an, finden sich jedoch bei Matthaus ungefahr gerade doppelt so oft und vermehrt mit denFormeln hf ixeivip %^ naiQip (S. 297) und drto trjg oiqag sxsivrjgy an ixeivfjg vfjg fjpiiqag. Lucas hat h exeivrj vfj fifiiq(f und iv ixeivaig taig fj^iQaig bei- behalten. Dazu die Formel iv fii^ tiSv fjfjL^QWv eingefuhrt (S. 331). — ngodyeiv hat Marcus 5 mal, Lucas bios einmal (18, 39 aus A), hingegen Matthaus 6 mal, aber keineswegs mit der von Gersdorf vermutheten Eigenthumlichkeit. * — Kqataiv ist Lieblingswort von A (15 mal), aber auch Matthaus hat es 7 mal in Parallelstellen , 5 mal selbststandig, bei Lucas kommt es in demselben Doppelgebrauche, je einmal, Vor. Die Construction von nqoaxweiv mit Dativ wird als Eigenthum- lichkeit von Matthaus angefuhrt; aber beidemale, wo das Wort auch bei Marcus steht 5, 6. 15, 19, hat es dort ebenfalls den Dativ. Nur Lu- cas weicht von diesem Gebrauch constant ab, Matthaus hat wenigstens einmal 4, 10 den Accusativ. Also ist bios der haufigcre Gebrauch des, aus A aufgenommenen, Verbums Eigenthumlichkeit des Matthaus. Denn A hatte ofters ninteiv naqa zovg nodag, wo Matthaus nqooKV- 1) Gegen Gersdorf, S. 98. — 2) S. 115. Digitized by VjOOQ IC 348 Viertes Capitel. vbIv setzt, vgl. z. B. Mr. 5, 22 = Lc. 8, 41 gegen Mt. 9, 18, fcrner Mr. 7, 25 gegen Mt. 15, 25. — Die Construction von iv fdatfi init drm Genitiv steht A Mr. 6, 47 = Mt. 14, 24. Mr. 7, 31. 9, 36 = Mt. 18, 2, wird aber auch bei Mt. 10, 16. 13, 25. 49. 18, 20. 25, 6 und ofters nochbei Lc. 2, 46. 4, 30. 8, 7. 10, 3. 21, 21. 22, 27. 55. 24, 36 ange- troffen. — Das Wort iTtavog Mr. 1, 7 = Lc. 3, 16 = Mt. 3, 11. Mr. 10, 46. 15, 15. Mt. 8, 8 = Lc. 7, 6 hat sich Mt. 28, 12, mehr noch abc?T Lucas angeeignet, der es noch 8 mal und ofters noch in Act. hat. — Die Formel hcreivsiv Tqv xeiqa Mr. 1, 41 = Mt. 8, 3 = Lc. 5, 1:3. Mr. 3, 5 = Mt. 12, 13 = Lc. 6, 10 wurde angeeignet sowohl von Mat- thaus (12, 49. 14, 31. 26, 51), als auch von Lc. 22, 53. Act 2 maL Sonst im ganzen N. T. nur Joh. 21, 18. Der Fall ist also significant. 2) Was aber unsere Anschauung des Verhaltnisses auf eine hohere Stufe der Gewissheit erhebt, ist der Umstand, dass — wie schon W il ke nachwies * — der Styl des Marcus da, wo er allein schreibt, ganz mit demjenigen, der sich in den geineinschaftlichen Stucken als der L^rty- pus geltend macht, zusammenfallt. Umgekehrt ausgedruckt. es sind die Eigenthumlichkeiten von A, von denen auch Matthaus und Lucas, trotzdem, dass Jedem ein eigenthumliches Sprachgebiet zu Gebote steht, sich nie voUig losmachen kdnnen. So fuhrt A wo moglich Verba ipsissima an (S. 286); die Seitenreferenten lieben mehr die Oratio indirecta. Aber vgl. Mr. 1, 24. 27 = Lc. 4, 34. 36. Mr. 1, 44 = Mt. 8, 4. Lc. 5, 14 (der sehr bezeichnend aus der intentirten indirecta in die directa des Textes zuruckfallt). Mr. 4, 35 = Lc. 8, 22. Mr. 5, 12 = Mt 8, 31. Mr. 5, 23 = Mt 9, 18. Mr. 5, 41 = Lc. 8, 54. Ja es begegnet beiden Evangelisten sogar, dass sie je einmal die directa aus der indirecta bil- den, so Mr. 6, 39 = Mt 14, 19 vgl. mit Lc. 9, 14 und Mr. 9, 34 = Lc. 9, 46 vgl. mitMt 18, I. Fernerliebt A Unterscheidungen und Ge- gensalze, vgl. 2, 27. 3, 26. 29. 5, 26. 6, 5. 9. 9, 37. 10, 27. Aber an anderen Stellen folgen ihm hierin auch Matthaus und Lucas. So Mr. 1, 22 ovx (og oi yqa^^aTelg = Mt 7, 29. Mr. 3, 29 ovx — aXXd = Mt. 12, 31. Mr. 4, 17=Mt 13, 21. Mr. 4, 34 == Mt 13, 34. Ferner sehen wir oben (S. 280 f.), dass A in der sich fortsetzendcn Rede bei naheren Bestimmungen gem die kurz vorher gebrauchten Worte wiederholt. Allein im Anschlusse an A thut ebenso Mt. 9,17 6 ohog — 01 doxol, Mt. 9, 20. 21 das doppelte Smsa&aij Mt 12, 29 das doppelte ioxvQog^ Mt. 12, 49. 50 das doppelte furjtr^Q xcri adehpoi, Mt. 13, 7 das doppelte al dyiavd-aij Mt 13, 22 das doppelte %6if XoyoVf Mt. 13, 34 das doppelte XaXeiv, Mt. 24, 22 das doppelte xolofioBTf Mt. 26, 24 das doppelte 6 viog zov dvd-Qiirtov und 6 avd-Qtanoq huipog. 1) Urevangelist, S. 457 ff. Digitized by VjOOQ IC Ber Sprachoharakter der Synoptiker. 349 Ebenso kommt aber auch Lc. 4^ 38 zu seinem doppelten Si^wvogy und beide Nebenreferenten sind von dieser Eigenthumlichkeit von A ab- bftngig in den Parallestellen zu Mr. 8, 35 (das doppelte xpvxrjv) It, 28 (das doppelte i^ovala), 12, 7 (xlrjQOPOftog und ydriQOvofila). — A liebt es, urn eine Handlung als unnothig zu bezeicbnen, Fragen zu bilden, welcben assertorische Satze beigefugt werden , aus denen die Unschick- lichkeit jener Handlung sich ergibt. Oefter weichen die Nebenreferen- ten von dieser Manier ab, wie Mr. 8, 12 ti ^tirei, woraus Mt. 16, 4 hn^tjtei macht, oder wie Mr. 5, 35 t/ axvlleigj woraus Lc. 8, 49 ^^ oxvXk€j*ilr, 5, 39 ti T^kaierSy woraus Lc. 8, 52 fi^ xkateTS uiacht. Aber in andem Fallen schreiben Matthaus und Lucas die Fragen einfach heruber, wie Mr. 2,8= Lc. 5, 22 1 1 diaXoyll^ead'S ; 4, 40 =c Mt. 8, 26 zi deiXoi eate; 8, 17 = Mt. 16, 8 t/ diaXoyi^ea&e; 14, 6 =6 Mt. 26, 10 tl avvfj xonovg naQexsre; — A liebt das elvai mit dem Participium. Aber so geht das ^v diddoTcwv Mr. 1 , 22 auch auf Mt. 7, 29, und das ^v xtjQvaawv Mr. 1 , 39 auch auf Lc. 4, 44 uber. Vgl. auch Mr. 10, 22 =s Mt. 19, 22 — Schliesslich ist noch anzufuhren die Liebhaberei von A fur Inversionen, wie z. B. og — avtog : 8, 38 6g ya(f iav irtaiaxv^Sij ^iy iTtcLiaxwdrjaezav avvov t vlbg xov dvd^Qwnov. Wahrend Lucas an der Parallels telle 9, 26 fur avtov schreibt %ovtovy hat er doch anderswo derartige Inversionen genauer abgeschrieben, wie Lc. 8, 18 = Mr. 4, 25. Lc. 9, 4 = Mr. 6, 10. Aber auch Matthaus thut ebenso 26, 48 = Mr. 14, 44. Mt. 12, 50 = Mr. 3, 35. 3) Fassen wir nun insonderheit den Matth&us in's Auge, so hat schon Weiss mit Becht auf einige Anzeichen spracUicher Abhangig- keit bezdglich solcher Ausdrucke aufmerksam gemacht, die bei Mat- thaus seltener vorkommen, als bei Marcus.^ Uebersehen ist von ihm das B ioTi fied-SQfirjvevo^evovli/Lr, 5, 41. 15, 22. 34, welches Matthaus swar in den Parallelstellen vermeidet, wahrend es ihm 1, 23 in die Feder fliesst. So gebraucht Marcus das Wort a^aiatog zweimal 6, 5. 13. (16, 18), Matthaus nur einmal 14, 14. So steht ^a^adoa^g in der Stelle Mr. 7, 3— 13 funfmal, in der Parallele des UU 15, 2—6 dreimal; 80D8t nicht in den Evangelien. Das Wort nQwt hat Lucas nicht, Mar- cus 5 mal (und 1 6, 9), Matthaus nur 2 mal ; toiovtog bei Marcus 7 mal, bei Matthaus 3 mal; nXlvrj bei Marcus 3 mal, bei Matthaus 2 mal; — So ist das Lieblingswort von A €v9iwg an Stellen, wie Mt. 3, 16. 4, 20. 22. 8, 3. 14, 22. 27. 20, 34. 21, 2. 3. 26, 49 ganz in der Art der Quelle gebraucht; so schreibt Matthaus das 26 mal bei Marcus st^hende iJQictro ab 12, 1. 16, 21. 22. 26, 22. 37. 74. Das noXXd setzt er 13, 3. 16, 21 ebenfalls; auch d/co /nax^6&ev 26, 58. 27, 55. So nimmt er von A heruber die Participien dvaardg (6 mal in A, bei Mt. 9, 9. 26, 62), 1) S. 57-59. Digitized by VjOOQ IC 350 Viertes Capitel. ava^Utpag (3 mal in A, bei Mt. 14, 19), ififiXitfMxg (3 mal in A, bci Mt. 19, 26). Matthaus nimmt heraber aus A Latinismen, wie q>Qay€llovv 27, 26 a Mr. 15, 15, TtQaitWQVOv Mt. 21 y 27 =s Mr. 15, 16 und Diminudva, wie ytOQaatovy das 9, 24. 25. 14, 11 in parallelen Abschnitten steht; ebenfalls nur in Parallelen hat er ixnki^sa&ai (A 5 mal, Matthaus 4 mal), i/tLtif.i^v (A 9 mal, Matthaus 6 mal), x^ewQeiy (A 7 mal , Matthaus 2 mal) , . diatpkoyt^ead-ai (A 7 mal , Mat- th&us 3 mal), ^rjgalveiv (A 7 mal, Matthaus 3 mal) und wenigstens sweimal 10, 1 = Mr. 6, 7 und Mt. 12, 43 = Lc. 11, 24 die Be zeichnung der Damonen als nvevfiara aKad-aQta. ^ Dazu kommen Aus- drucke, die bei Marcus haufiger, bei Matthaus fast nnr in den Paralle- len stehen, wie i/csQWT^v (A 26 mal, Matthaus 8 mal), xrj^aaeiv (Mar- cus 12 mal, Matthaus 9 mal), evayyiXiov (Marcus 8 mal, Matthaus 4 mal), xad^svdatv (Marcus 8 mal, Matthaus 7 mal), didaxA (Marcus 5 mal, Matthaus 3 mal), dvvaioq (Marcus 5 mal, Matthaus 3 mal), vfn (Mt. 21, 8 = Mr. 11, 8, aber noch Mr. 14, 15), tolfifv (Mt. 22, 46 = Mr. 12, 34, aber noch Mr. 15, 43). 4) Wohl zu unterscheiden von solchen Fallen, wo Matthaus ein- fach nachschreibt, sind die andem, wo Sprachformen und Wendungen, die in A Marcus nur gelegentlich vorkommen, bei Matthaus nicbt bios meidt in den Parallelstellen schon wieder vorkommen, sondem zur Ei- genthumlichkeit sich steigern. Eben diese Falle beweisen, wie er seinen Styl an dem von A bildete. Also idot; steht 12 mal bei Marcus, 59 mal bei Matthaus, ^wg 14 mal bei Marcus, bei Matthaus viel haufiger, x6t€ 6 mal bei Marcus, 9 1 mal bei Matthaus, nqooiqx^^^^^ ^^ Participium, bei Marcus 6 mal, bei Matthaus 29 mal; dahin gehoren dann femer die bei Marcus nur ein- oder zweimal stehenden Ausdrucke dfcodtjfuih (3 mal), iXeelv (7 mal), oxIol (33 mal), novrjQdg (24 mal), 8nmg(lB mal), efiTtQoa&ev (17 mal), anodidovai (17 mal), vnoKQin^g ( 1 5 mal), nqoaKvvw (13 mal), oi;at (13 mal), oSt(og iaxij eatai (12 mal), ^jaavQ6g und dnrjCavQiCeLv (11 mal), 6 nat^Q iv jotg ovqavoTg oder ovgdviog (10 mal), dvaxfOQelv (10 mal), nqo^ata (10 mal), aad^evrig (4 mal), dcti^ovitofieH^ (7 mal), ixiXleiv (9 mal), dcJ^o>' (8 mal), vat (8 mal), TrQOtpi^ijg (36 mal), bfioLOvv (8 mal), arj^aqov (8 mal), yievva (7 mal), d-iXtifia (7 mal), nlelov (7 mal), ^ovov (7 mal), kqyaCfio^ai. (4 mal). 1) Versehen von Weiss, S. 5S. Digitized by VjOOQ IC Der Spraoholuurakler der Synoptiker. 351 Zeller, der dieser Ricbtimg der Sprachverwandtschaft besondefs fleissig nachgegangen ist^ stellt 70 Wdrter zusammen^ in deren Ge- braach nach ibm Marcus von Matthaus abbangig sein soil. * Wir mussen swar gesteben, dass wir auf einen, mit diesen Mitteln gefubrten^ Nacb- weis der Abbftngigkeit des Marcus nnverbaltnissmassig grosseren Wertb legen, als auf die leicbt «u erwerbende Virtuositat der tendenzkritiscben Experimente. Nicbts destoweniger konnen uns 70 Worter, die Mat- tbaus ofters gebraucbt als Marcus^ an unserem^ aucb pbilologiscb scbon so sicber gestellten^ Resultat nicbt irre macben; abgeseben davon, dass ibnen S. 349 f. eine Reibe anderer Vocabeln gegenubergestellt wurde, in deren Gebraucb Marcus die Vorband bat, lasst es sicb bei einer Scbrift, die um so viel langer ist> als Marcus, nicbt anders erwarten, als dass gewisse Worter, die durcb A gangbar geworden und bei einem evange- liscben Bericbt nicbt leicbt zu umgeben waren, aucb im entsprecben- den Maasse ofters vorkommen werden. Indessen fugen wir den Zeller'scben Beobacbtungen bier nocb einige significante Fallebei, durcb welcbe das enorme Uebergewicbt von Wabrscbeinlicbkeit, welcbes fur unser Resultat spricbt, nicbt be- eintrftcbtigt werden wird. Es ist Eigentbumlicbkeit von A, Fersonen- namen, wenn eine nabere Bestimmung als Apposition folgt, in der Re- gel ohne Artikel zu geben, womit vielmebr die Apposition veiseben erscbeint. So z. B. ^Itodwfjg 6 pamiCfov oder fiaatiOTi^g Mr. 1, 4 = Mt. 3, 1 = Lc. 3, 2. Mr. 6, 14. 24 = Mt. 14, 2. 8. Aebnlicbe Verbindnngen in A vgl. Mr. 4, 19 = Mt. 4, 21. Mr. 3, 16 — 19 « Mt 10, 2—4 « Lc. 6, 14—16. Mr. 6, 17 = Mt. 14, 3 = Lc. 3, 19. Mr. 14, 3 = Mt 26, 6. Mr. 15, 40. 47 = Mt 27, 56. 61. Mr. 16, 1 «= Mt 28, 1. Mit Ausnabme von Mt 1, 6. 16. 18. 12, 24. 16, 16. 23, 35 hat sicb der erste Evangelist diese Redeweise voUig angeeignet. Man vgl. ausser den S. 293 angefubrten Beispielen mit 6 A^/d/ifivo^ nocb 1, 19. 20. 2, 1. 11. 17. 22. 3, 3 (wo Mr. 1, 2 den Artikel doppdt bat). 11, IK 12. 12, 39. 17, 1. 13. 21, 11. 23, 25. 24, 15. 26, 69. 71. 27,2. 37. — Ebenso veiiialt es deb mit naQaXafipdveiv, was zom Spracbgebraucb von A geb6rt Mr. 4, 36. 5, 40. 7, 4. 9, 2 » Mt 17, 1 = Lc. 9, 28. Mr. 10, 32 « Mt 20, 17 = Lc. 18, 31. Mr. 14, 33 « Mt 26, 37. Aosserdem aber bat es Lucas bios nocb 9,10, dagegen ist es besonders Lieblingswort bei Mattbaus geworden , der ibm tlbrigens aucb in ^ df- ters begegnet war, vgl. Mt 1, 20. 24. 2, 13. 14. 20. 21. 4, 5. 8. 12, 45 ms Lc. 11, 26. Mt 18, 16. 24, 40. 41 = Lc. 17, 34—36. Mt 27, 27. — Auf die Anrede yewrj^ata ixidvviv war Mattbaus in A Lc. 3, 7 as Mt 3, 7 gestossen und bringt sie dann nocb zweimal 12, 34. 23, 33. — 1} Tbeologiscbe Jahrbacber, 1843, S. 528 ff. Digitized by VjOOQ IC 352 Viertes CapiteL Credner fuhrt aU Eigenthuinlichkeit des Matthaus an, dasa bei ihm dvo stets dem Hauptworte voran iind mit demselben im gleichen Casiu stehe. * Das hat seine Bichtigkeit, aber diese Manier ist noch vor Mat thausEigenthum von A gewesen. Denn dass dort neben neon correcten Beispielen zweinial auch steht dvo tduv fiadtitwv Mr. 11, 1. 14, 13, hat seinen guten Grand in der Vorstellung der Auswahl, die Jesus unter den ZwOlfen veranstaltet. An der ersteren der beiden Stellen hat Lc. 1 9, 29, wie Marcus, wahrend Mt. 21, 1 daraus dvo ^a&tjzdg macht, was allerdings zeigt, wie bei ihm die Regel noch starker durchgefdhrt ist, als in der Quelle. Denn einmal wenigstens 1 2 , 42 setzt Marcus das dvo dem Substantiv nach, was Lucas dfters thut. — Matthaus b^nnt sehr oft mit einer Farticipialconstruction, um, meist ohne Hinzufugung eines Zwischensatzes (doch vgl. Ausnahmen 1, 18. 2, 1), im bestimmten Tem- pus fortzufahren , wie er Dies z. B. in dem einen Verse 2 , 11 dreinial thut. Darin will nun Gersdorf eine Eigenthumlichkeit des Matthaus erkennen,* in der That aber liefem Stellen, wie Mr. 1, 7. 41. 43. 2, 4. 3, 5. 5, 33, 7, 33.'34. 8, 12. 23. 24. 9, 15. 36. 10, 16. 17. 21 — 23 den Beweis, dass Matthaus auch diese Manier von A angenommen hat* Allerdings folgt dann bei Matthaus haufig das Subject erst auf das, za ihm gehorende und vorangestellte, Farticipium. Doch ist auch diese Wortstellung dem Matthaus nicht ausschliesslich eigen,' sondem nur vergleichungsweise, wie z. B. das zweite Capitel fiast nur derartige Con- structionen bietet. Vgl. aber auch Mr. 10, 23 xat neQifiXetpafieyog 6 ^Itjoovg Xiyei, Endlich liebt Matthaus auch ganz bestimmte Participien, die er meist voranstellt , wie z. B. iyeQ&elgj das er 9 mal, Lucas nur 2 mal, und Marcus hdchstens einmal 4, 39 hat, wo aber die Variante duyBqd-eig bezeugter ist. So verhalt es sich auch mit den Participien d%ovaagy idcivy ik^wv^ i^eX&cor, Tceadvy Tta^dyiavy dnoaxelXag^ ajTOXQi- 'd^elgj iniyvovg, aq>eLg u. a., die zwar auch bei den Anderen, bei Mat- thaus aber besonders haufig, und gewohnlich dem Subject vorangestelll, yorkommen. Ebenso steht es auch mit dem — ubrigens gut griechi- schen — Gebrauch eines doppelten Dativs in diesen Farticipialconstruc- tionen, was zwar auch in A vorkommt Mr. 5, 2 = Mt. 8 , 28 =s Lc. 8, 27, sonst aber doch hauptsachlich bei Matthaus an der Stelle eines Gre- nitivus absolutus 8, 1. 5. 23. 9, 27. 21, 23. — Eine ganz besondere Erwagung vcrdienen aber noch die beiden Participien TtQoaeXdw und nOQSvd^eig. Das Erstere kommt bei Marcus 6 mal vor, dem Subject, wofern cs uberhaupt genannt ist, stets vorangestellt. Bei Lucas steht es 8 mal, bei Matthaus aber 44 mal, meist mit nachfolgendem Subject. J) Einleitung, S. 06 f. — 2) Geredorf, 8. 90 f. — 3) Gegen Gersdorf, S. 14«. Digitized by VjOOQ IC Der Sprachcharakter der Synoptiker. 353 Wir haben also hier ein Beispiel, wie anknupfend an den Sprachge- brauch von A, Matthaus den seinigen bildete, wie er einzelne Eigen- thamlichkeiten von A erst recht zu Eigenthumlichkeiten weitertrieb. 5) Was schliesslich den Lucas anlangt, so gebraucht er z. B. a/ro- dontfia^eiv noch einmal ofter, als A, aqyvQiov dreimal uber A hinaus, aq%iavvaywYog 1 mal, OLGitciGiiog 4 mal, paatd^stv 4mal, pdtog Imal, piog 4 mal, elQi^vrj 1 mal, d^vecv noch 3 mal ; er eignet sich zu ofterem Ge- brauche an Worter wie dixsad-aiy nQoadixsad-aLj diiqx^o^^^i wabrend cine Menge anderer Beispiele — Zeller hat 24 gesammelt* — nur ganz gelaufige Phrasen und Worte betreffen, von denen nichts nalttr- licher ist, als dass sie in einer langeren Schrift, wie Lucas ist, auch ofters vorkommen, als in der kurzeren des Marcus. Wir fugen auch hier noch weitere Beispiele bei. So steht av^tjTslv Mr. 1, 27. 8, 11. 9, 10. 14. 16. 12, 28. Lucas hat das Wort 22, 23 heriibergenommen und 24, 15. Act. selbststandig gebraucht. — Der viog tov d-eov tov vxplarov kommt bei Matthaus nicht vor ; Lucas aber eignet ihn sich aus A Mr. 5, 7 = Lc. 8, 28 an, vgl. 1, 32. 6, 35. So auch dvvafug vxpl- OTOv 1, 35, nQoqnJTtjg vxplatov 1, 76. — Das ozi recitativum geht Mr. 5, 35 = Lc. 8, 40. Mr. 13, 6 = Lc. 21, 8 auf Lucas uber, der es auch selbststandig braucht. — Stereotype Formeln, wie qiaivfj ^eyaXrj A Mr. 1, 26 r= Lc. 4, 33. Mr. 5, 7 = Lc. 8, 28. Mr. 15, 34 = Mt. 27, 46 = Lc. 23, 46. Mr. 15, 37 = Mt. 27, 50. vgl. Mt. 24, 31 eignet sich Lucas an 1, 42. 17, 15. 19, 37. 23, 23. Aehnlich (p6(iog fiiyag A Mr. 4, 41. Mt. 28, 8, vgl. Lc. 2, 9. 8, 37, oder die Formel i/c* aXrj- ^elag 4, 25. 22, 59 aus A Mr. 12, 14 = Mt. 22, 16 « Lc. 20, 21. Mr. 12, 32. Zeller selbst, der an eine Abhangigkeit des Lucas von Matthaus glaubt, bemerkt ausdrucklich, dass Lucas offenbar sich auch im Aus- druck von seinen Quellen abhangig gemacht habe : »so konnte auch bei langerer Beschaftigung mit der Schrift des Matthaus Einzelnes aus dieser in seinen Sprachgebrauch uber- gehen. a* Wir nehmen dieses, im Allgemeinen gemachte, Zugestand-"* niss getrost fur das, von uns nachgewiesene, Quellenverhaltniss in An- spruch , indem wir bios anstatt der vorausgesetzten Abhangigkeit von Matthaus eine solche von A behaupten. Daher allein ruhrt ev&iwg 5, 1 3 (sonst nicht mehr in der Erzah- lung), 7t€QifiXexpdiii€vog 6, 10, to niqav 8,22, dTtSTtateaTdd-r] 6, 10. Am auffallendsten ist aber, dass Lucas, auch wo er selbststandig schreibt, memorielle Reminiscenzen an die Darstellungsweise von A verrath, aus 1) Theologiscbe Jahrbacher, 1843, S.532f. — 2) TheologUche Jahrbtlcher, 1813, S. 563. IIolUmauD. 23 i^^ T Digitized by LjOOQ IC 354 Viertes CapiteL welcher Quelle ihm fort und fort Weudungen und Phiasen in die Fe- der kommen. So ist das Wort 7, 14, woniit Jesus den Jungling zu Nain erweckt, aus A Mr. 5, 41, so der Schluss der Salbungsgeschichte 7, 50 aus Mr. 5, 34, so das dva Svo 10, 1 aus Mr. 6, 7, bo Lc. 10, 27 aus Mr. 12, 30. 31, und Lc. 19, 28 aus Mr. 10, 32.* Ad oculos lasst sidi dieses Verhaltniss demonstriren bei dem Na^aQtjvd Lc. 4, 34, das aus A Mr. 1, 24 sein muss, da Lucas sonst (18, 37. 24, 19 und 8 mal in Act-) Na^cjQalog hat. Ganz augenfallig aus A stainmen : das sonst fehlende aTioxxav&rj- vai 9, 22 = A Mr. 8, 31. Mt. 16, 21, und xAiy^ovo/iOg Lc. 20, 14, /ra- Xaiog 5, 36. 37. (39). Aus seiner Hauptquelle fliessen ferner ganz selbst verstandlich eine grosse Reihe von Ausdrucken, wie paaiksia &€OVj vlog di'd-Qcinovy aiwv ovtog, diddaxaXog, dovlog, afiaQtukogf feXtiytjgy KltjQOvofieXv ^(orjv alciviov, Endlich ist aber auch nicht zu vergessen, dass eine Reihe von Wortern im Marcus ofter steht, als iin Lucas, wie oi»- ddvy araxvgy aTtaQaaauv, xvxXcpf xad-eiduvj Tteqi^kanBGd^aty ^j^qaLvair^ daifiovi^ea&ai, XVn. Einfluss des Styls von ^ auf Matthaus und Lu- cas. Aehnlich verhalt sich Matthaus auch zu yl, woraus er einzelne Phrasen und Worter sich vollstandig aneignet. 1) 6 xlavd'fidg nai 6 ^Qvyfiog %u)v odovrtov kommt ^ Mt. 8, 12 = Lc. 13, 28 vor, wird aber von Matthaus noch verwendet 13, 42. 50. 22, 13. 24, 51. 25, 30. 2) oXcyoTriOTog, die tadelnde An rede aus A Lc. 12, 28 = Mt 6, 30 kommt sonst nur noch vor Mt. 8, 26. 14, 31. 16, 8. 3) xa^ivog steht ausser der Apokalypse bios Mt. 13, 24. 50, wohl auch aus A. 4) inad-rjTSveiv Mt. 13, 52 aus ^, kommt bei Marcus und Lucas nicht, bei Matthaus aber noch 27, 57. 28, 19 vor. Gewisse Worter sind Eigenthum von ui, werden dann aber gele- gentlich auch von Matthaus und Lucas selbstst^ndig gebraucht. So '^dnOKaXvTtzeiv, was Marcus nie hat, ist Lieblingswort von ui Mt. 10, 26 = Lc. 12, 2. Mt. 11, 25 = Lc. 10, 21. Mt. 11, 27 = Lc. 10, 22. Lc. 17, 30. Ausserdem gebraucht es Matthaus bios noch 16, 17, Lu- cas 2, 35. Andererseits gibt.es Falle, wo nur einer der Evangelisten sich ein Wort aneignet, sich aber damit an beide Hauptquellen anlehnt. Lekebusch findet den seltenen Gebrauch von xoaptog bei Lucas be- merkenswerth; * in der That gebraucht Lucas das Wort bios, wo er sich an A Mr. 8, 36 = Lc. 9, 25, oder an A Lc. 1 1, 50. 22, 30 anschliesst; Marcus hat es noch 14, 9 und im unachten Schluss 16, 15, Matthaus 1) Weiss, S. 706. — 2) Apostelgescliicbte, S. 57. Digitized by VjOOQ IC Der Spraehohsrakter der Synoptiker. 355 aber ausser A Mr. 8, 36 s Mt. 16^ 26 noch Smal. Andererseits gehort avlliyuv sowohl A (Lc. 6, 44 = Mt. 7, 16), als ^ (Mt. 13, 28-- 30. 48) an und wird sonst nur von Matthaus, an letztere Quelle ankxiupfend, ge- braucht 13, 40. 41. — IlQoaqiwvsiv ist Ausdruck von -^ Mt. 11, 16 = Lc. 7, 32, kommt aber sonst nur noch bei Lucas vor. — Ebenso imdi- dovai vom Darreichen von Speisen ^ Mt. 7, 9. 10 = Lc. 11, 11. 12 wird von Lucas wieder so angewandt 24, 30. 42. — Koni^Vy aus A Mt. 6, 28 = Lc. 12, 27. Mt. 11, 28 hat Lucas noch 5, 5. Act. 20,35. — IlQoadoyc^v ist Ausdruck von A Mt. 11,3 = Lc. 7, 19. 20. Mt. 24, 50 = Lc. 12, 46, angeeignet von Lucas 1, 21. 3, 15. 8, 40; sonst nicht mehr in den Evangelien. — So ahmt aber Lucas auch in seinen selbst- standigen Bildungen nach die S. 339 verzeichnete Weise der Quelle -^, die Reden Jesu in gleichforinigen Perioden zu geben (vgl. 4, 25 — 27 nokkol ^aav — xat ovdelg. 7, 44 — 46 gv ovx — avTtj de), so die S. 339 beschriebenen Correcturen und Contraste (23, 28 fit] xlaiere i/i ifii' TtXr^v i(p kavrag xXalere) und die Argumenta a minori ad majus (13, 15. 1 6, was man am Sabbat am Thier, also auch am Menschen thun durfe). XVin. Neutrales Gebiet. Ueberhaupt gibt es, was Sprache und Stjl anbelangt, einen neutralen Boden, auf dem sich mehr oder weniger alle Synoptiker zusammenfinden. Wenn man gewohnlich bei Marcus weniger, als bei Matthaus und Lucas allgemein durchgreifende Spracheigenthumlichkeiten bemerken will , so kommt Dies zum guten Theil daher, dass man die stylistischen Eigenthiimlichkeiten von A schon bei Matthaus und Lucas aufgefunden und als charakteristisch fur Mat- thaus oder Lucas angemerkt hat. Da nun aber der Einfluss von A auch uber die parallelen Stucke im Matthaus und Lucas hinausreicht, und da uberdies von der Uebersetzung der LXX, von alttestamentlichen Rede- weisen, von der hellenistischen Literatur gemeinsame Impulse auf un- sere Synoptiker und ihre Quellen ausgegangen sein mussen, so kann es nicht befremden, wenn hinter dem erkennbaren Unterscheidungscha- rakter der Dreie ein gemeinsames Sprachgebiet als Hintergrund schwebt, und wenn die Ueberg&nge aus dem Gemeinsamcn in das Besondere nicht mehr mit absoluter Sicherheit gezeichnet werden konnen. Gers- dorf fuhrt z. B. das fir] ofiov Mr. 5, 36 = Lc. 8, 50, ftrj g>ofi€ia&€ Mr. 6, 50 = Mt. 14, 27. Dieselbe Form hat sich auch Lucas angeeignet 1, 13. 30. 2, 10. 5, 10. 12, 32. Act. Auch Matthaus hat 17, 7. 28, 5. 10 an Stel- len, wo die parallelen Texte uberhaupt abweichen, die Prasensform viel- leicht aus A beibehalten. Einmal, wo er unabhangig schreibt, gebraucht I) S. 77. Digitized by VjOOQ IC 356 Viertes Capitel. er ^^ g>opr]x^g 1, 20. Eine besondere Bewandtniss aber hat es mit den Stellen Mt. 10, 26. 28. 31 = Lc. 12, 4. 5. 7, wo die aus A gelaufige Form promiscue gebraucht wird mit g)Opr]d^T€, welches also mit gros- serer Wahrscheinlichkeit fur Eigenthumlichkeit von ^, als von Mat- thaus angesehen werden kann. — Hierher gehSrt ferner auch das Idovy welches sehr haufig ist bei alien Synoptikern. Dafur setzt Mat- thaus bios in der Geschichte von den Talenten (25, 20. 22. 25) und 26, 65, Marcus im Ganzen 5 oder 6mal I'de. Wahrend es aber Marcus nur 1 1 mal hat, steht es bei den Andern sehr haufig. Am meisten Re- gelmassigkeit aber lasst sich bei Matthaus nachweisen. Gersdorf be- merkte zuerst, dass es auf absolute Genitive zu folgen pflege, * vgl. 1 , 20. 2, t. 13. 19. 9, 32. 28, 11, was sonst nur noch Lc. 22, 47 vorkommt Auch A wird von Matthaus in dieser Manier verandert 9, 1 8 (= Mr. 5, 2 1). 1 7, 5 (= Mr. 9, 7), besonders wenn A im Prasens erzahlt, vgl. 12, 46 (= Mr. 3, 31). 26, 47 (= Mr. 14, 43). Gelegentlich ruckt MatthSus sein idov wohl auch einmal ohne vorherigen Genitiv in A ein, vgl. 24, 25. — Ausserdem setzt Matthaus sein Idov bei alttestamentlichen Citaten, vgl. 1,23. 11, 10 (= Mr. 1,2 =Lc. 7,27). 12, 18. 21,5. Wahr- scheinlich gehort auch hierher 23, 34, was nach Lc. 11, 49 ursprang- lich ein Citat ist. Ausserdem lasst Matthaus fast uberall sein Idav fol- gen auf elncy Xiyovai u. s. f. So z. B. 19, 27. 22, 4. 25, 6. — Diese Gre- wohnheit aber hat er wieder von A (vgl. z. B. Mr. 15, 35 fur idav^ Mr. 11, 21. 13, 1. 15, 4. 16, 6 fur Xde) angenommen, vgl. Mr. 2, 24 =» Mt. 12, 2. Mr. 3, 32. 34 = Mt. 12, 47. 49. Mr. 4, 3 = Mt. 13, 3. Mr. 10, 28 = Mt. 19, 27 = Lc. 18, 28. Mr. 10, 33 = Mt 20, 18 =r Lc. 18, 31. Mr. 13, 21 = Mt. 24, 23 (= Lc. 17, 20). Auch im Zu- sammenhang der Bede steht es Mr. 14, 41. 42 = Mt. 26, 45. 46. Ganz ebenso wurde Idov aber auch gebraucht in Ay sowohl im Anfang (Lc. 17, 23 = Mt. 24, 26. Lc. 7, 34 = Mt. 11, 19), als im Fortgang der Bede (Lc. 13, 35 = Mt. 23, 38); eigenthumlich ist A Lc. 7, 2fS = Mt. 11, 8, wo es zwar im Fortgang, aber doch als Antwort auf eine Frage steht; so, als Antwort einftlhrend, noch Lc. 2, 48. Act. — Eine besondere Bewandtniss hat es endlich mit %al Idov, welches bei Marcus niemals, bei Matthaus und Lucas sehr oft vorkommt als Ankundigung von etwas Neuem (12, 41. 42 = Lc. 11, 31. 32. Mt. 2, 9. 28, 2. 9. 20 u. a. Lc. 7, 12. 37 u. a.). Oefters setzt es sowohl Lucas, als beson- ders auch Matthaus in den Zusammenhang von A ein. Beide stimmen zuftllig uberein an der Stelle Mt. 17, 3 = Lc. 9, 30. Sonst vgl. Lc. 5, 12. 18. 8, 41. 9, 38. 39. 23, 50. 24, 4. Mt. 3, 16. 17. 4, 11. 7, 4. 8,32. 34. 9,2. 10 (wieder nach absolutem Genitiv). 20. 12, 10. 15, 22. 19, 16. 1) S. 72 ff. Vgl. Wilke: Neutestomentliclie Rhetorik, S. 3S4. 446. Digitized by VjOOQ IC Der Sprachcharakter der Synoptiker. 357 20, 30. 26, 51. 27, 51. 28, 7. Lucas dagegen gebraucht es mehr in sei- nen selbststandigen Relationen, 5 mal in der Vorgeschichte, sonst noch 10, 25. 11, 41. 13, 11. 30. 14, 2. 19, 2. 23, 14. 15. 24, 13. 49. Den Nachsatz fuhrt es bei Lucas 1 2 mal ein. Hochst auffallend ist der Gebrauch der Synonymen fiiQtj und oQia bei Matthaus und Marcus. Das Letztere kommt im Lucas gar nicht vor, das Erstere wenigstens nicht in dieser Bedeutung. Aber ra ogia gehort jedenfalls A an Mr. 5, 17 = Mt. 8, 34. Mr. 10, 1 = Mt. 19, 1. Das fiS^OQia Mr. 7, 24 ist Mt. 15, 21 mit ^6^ij, gleich darauf 15, 22 mit oQia wiedergegeben. Mr. 7, 31 ist ohne Parallele. Aber auch Marcus setzt einmal ^igrj 8, 10, und zwar wo Mt. 15, 39 Sgia hat. Ausserdem braucht Matthaus diesen Ausdruck (ogia) noch 2, 16. 4, 13, den an- deren aber (/£ff ij) 2, 22. 16, 13, wo Mr. 8, 27 xw/mt hat. Hier ist schwer zu bestimmen , wie sich A zu dem Ausdruck ^igrj verhalt. — KXiTiteiv soil nach Gersdorf* Eigenthumlichkeit des Matthaus sein; aber an den Stellen 27, 64. 28, 13 brachte der Inhalt es nothwendig mit, wie auch A Mt. 6, 19. 20 und A Mr. 10, 19 = Mt. 19, 18 = Lc. 18, 20 es haben. — ^A^^v Xiyca vfiiv hat Marcus 13 — 14 mal, Mat- thaus 3 1 mal, Lucas 7 mal, und zwar verhalten sich die Stellen so zu einander, dass wir annehmen mussen, es habe diese, fur die Redeweise Jesu uberhaupt charakteristische, Formel ihre S telle sowohl in A, wie in A gehabt. Ebenso verhalt es sich mit dia tovto Xiyw vfiiv. — So auch das Wort vnoxQiti^gj das Mr. 7, 6 = Mt. 15, 7 in A stand, wie auch die Anrede vnoxQnd Lc. 6, 42 = Mt. 7, 5. Aber auch die Quelle A kennt dieses Wort VTtoxQCTal Lc. 12, 36 = Mt. 16, 3. Lieblingswort ist diese Anrede im Plural dann, sei es aus A, sei es aus A, bei Matthaus geworden, der sie noch 8 mal, das Wort selbst noch 4 mal hat. — Kava fidvag kommt nur Mr. 4, 10 und Lc. 9, 18 vor in nicht parallelen Stel* len. Wer will entscheiden, ob Lucas das Wort aus A entnommen, oder nicht? Verlorene Muhe ist es auch, aus dem verneinenden Lnperativ mit folgendem begrundendem yaq eine Eigenthumlichkeit irgend einer Quelle oder Evangelienschrift machen zu woUen, da diese Verbindung sowohl in A sich findet (Mr. 10, 14 = Mt. 19, 14 = Lc. 18, 16. Mr. 13, 21. 22 = Mt. 24, 23. 24), als in A (Mt. 6, 31. 32. 34 = Lc. 12, 29. 30. Mt. 10, 9. 10 = Lc. 10, 4. 7. Mt. 7, 34. 35 = Lc. 12, 51. 52. Mt. 24, 26. 27 = Lc. 17, 23. 24), ausserdem auch in Stellen des Lucas, wie 1, 27. 2, 10. 7, 6, und sehr oft bei Matthaus, z. B. 1, 20. 6, 7. 8. 16. 7, I. 26. 18, 10. 23, 8—10. 24, 23. 24. 28, 5. Mit Bestimmtheit wird daher auch nicht auszumachen sein, ob an Stellen von A, wie Mt. 3, 9 1} 8. 155. Digitized by VjOOQ IC 358 Viertes Capitel. = Lc. 3, 8. Mt. 9, 24 = Lc. 8, 52. Mt. 24, 4 — 6 = Lc. 21, 8. 9 das ydg von Marcus ausgelassen, oder von den Anderen hinzugefugt wnrde. — Gleicher Weise hat der Zufall sein Spiel, wenn bei Matthaus sowohl, wie bei Lucas , und zwar in Stellen , die bald aus A, bald aus ^ sind, der Genitiv der Eigennamen ofters artikellos steht, selbst dann , wenn das den Genitiv regierende Substantiv articulirt ist.* — Das Wort no- gevBO&ai (besonders im Particip) findet sich bei Matth&us 29 mal, bei Lucas, meist in parallelen Stellen, 50 mal, * bei Marcus nie (ausser im unachten Schlusse 16, 10. 12. 15). Dafur bei Marcus hLnoQevfad-ai 1 1 mal, bei Lucas 3, bei Matthaus 6 mal : und zwar sind die beiden An- dem zu Mr. 1, 5 parallel ; 6, 1 1 haben die Andern i^eQXsa&ai ; 7,15—23, wo es 5 mal steht, hat es Matthaus bald gelassen, bald mit i^e^^ec^ai ersetzt; 10, 17 ist Marcus ohne Parallele; 10, 46 = Mt. 20,29; 11, 19 hat Matthaus i^aQxaa^ai; ebenso 13, 1. Dafiir hat umgekehrt Mat- thaus hnOQevead'ai 17, 21, wo Mr. 9, 29 i^igxea&aL setzt.* Dochsetrt Matthaus das ixnoQevead'ai noch 3, 5. 20, 29 und hat es gleichfalls aus A, wo es 6 mal steht. Ebenso hat Marcus allein das Compositum naqa^ TtOQevea&ai und zwar 4 mal, was sonst bios noch Mt. 27, 39 aus Mr. 15, 29 stehen geblieben ist. Dagegen setzt Lucas zuweilen, z. B. 6, 1, an- statt des naQaTtoQevea&ai ein dictTtoqevsad^aij was wiederum nur er hat unter alien Evangelisten. Endlich steht das Compositum elanoqtv- ea&ai bei Marcus 8 mal, bei Lucas 4 mal, bei Matthaus bios 1 5, 1 7 aus Mr. 7, 19. Aus diesen Beobachtungen erhellt aber, dass im Gebrauche des Worts noqBvea&ai und seiner Composita nicht bios Matthaus und Lucas, sondern auch Marcus eigene Liebhabereien besitzen. So liegt es namentlich nahe, das ganzliche Fehlen der Form noQsv^eig, die doch bei Matthaus 12 mal, bei Lucas 9 mal steht, auf Rechnung des Marcus zu setzen. Denn obwohl nur Lc. 7, 22 und Mt. 11,4 sich voUkommen correspondiren, laisst doch die Thatsache, dass in der Apostelgeschichte das nogevd'eig gar nicht wiederkehrt, darauf schliessen, dass Lucas durch seine Quellen zu seinem Gebrauch veranlasst war. Im Einzelnen ist die Sache nicht mehr aufzuhellen. 1) Gersdorf, S. 49 f. 164 f. — 2) Darf also auf keinen Fall mit Credner, S. 65 als Eigenthtlmlichkeit des Matthaus betrachtet werden. — 3) Ein Versehen bei Weiss, S. 57. Digitized by VjOOQ IC Traditionelle Voraussetzungen Hber Matthftus. 359 Fanftes Capitel. Die synoptischen Evangelien als Geschichtsqnellen. §. 20. TraditioHf lie ToraMssetzMngeii ube r latthans. Nach der traditionellen Ansicht ist das erste Evangelium auf einen Apostel, die beiden andern auf Apostelscholer zuruckzufuhren, die aber unter apostolischer Beeinflussung geschrieben batten. Diese Angabe ruht auf der weiteren Voraussetzung, dass alle Synoptiker unabhangig von einander nicht bios, sondern tlberhaupt unabhangig von jeder schriftstellerischen Vermittlung, also in origineller Weise ihren Bericht abgefasst batten. Eben diese Voraussetzung aber bat sicb im Lauf der Zeiten als irrig erwiesen, und so ist z. B. Gfrorer scbon auf das ent- gegengesetzte Resultat gekommen, dass vielmehr keines der drei Evan- gelien von dem Verfasser herrfihre, dem die Tradition es zuscbreibt.* Somit bedarf die kirchlicbe Tradition einer Revision und Correctur vom Standpunkte unseres, der inneren Kritik entstaramenden , Eesul- tates aus. Nicht aber ist, wie Olshausen* und alle conservativen Kritiker zu thun pflegen , mit der ausseren Ueberlieferung bei Beur- theilung unserer evangelischen Quellenschriften zu beginnen. Abgesehen vom Manichaer Faustus' wird das erste kanonische Evangelium von der alten Kirche durchweg und einstimmig auf einen Apostel zuruckgefuhrt , uber dessen Person wir sonst nur noch ganz sparliche Nachrichten besitzen. Matthaus, von Geburt jedenfalls ein Jude, vielleicht ein Galilaer, bekleidete ein Zollamt am See Tiberias, als er von Jesus in die Zahl seiner Junger berufen ward (Mt 9, 9. 10, 3). Merkwurdig bleibt immer, dass A ihn Levi nennt (Mr. 2, 14 = Lc. 5, 27), obne dann im Apostel verzeichniss (Mr. 3, 18 = Lc. 6, 15 =» Act 1, 13) die Identitat der Person besonders zu bemerken; merkwur- diger noch, dass eben das nach seinem Namen genannte Evangelium es ist, welches jeden Missverstand in dieser Beziehung ausdrucklich aus- schliessen zu woUen scheint; wie auch der Verfasser des ersten Evan- geliums allein im Apostelverzeichniss 10, 3 zum Namen des Matthaus noch einmal ausdrucklich zu bemerken veianlasst ist, dass dieses der 1) Geschichte des Urchristenthums, II, 2, S. 244. ~ 2) Die Aechtheit der vier kanonischen Evangeliea aoB der Geschichte erwiesen, 1823. ^ 3)Augustin: Contr. Faust. 17, 1. 32, 2. 33, 3. Digitized by VjOOQ IC 360 Fanftes Capitel. Zdllner gewesen sei. Wie diese Aenderungen einerseits schon an sich geiiugen,'Uin unser Evangelium als eine secundare Quellenschrift zu erweisen — zumal wenn man die, einen Augenzeugen ausschliessende, inittlere Relation der unmittelbar folgenden Geschichte dazunimmt (S. 181) — : so scheinen sie andererseits allerdings auf ein besonderes Verbal tniss, in welchcm unser Evangelium gerade zu der Person dieses Apostels stehen will, hinzudeuten. Wie dem nun sei, jedenfalls ist die Identitat des Levi und des Mattbaus unter unseren Voraussetzungen das Wabrscbeinlicbste. Die fruberen Zweifel * baben zwar aucb neuerdings wieder Vertbeidiger ge- funden.* Sobald aber einmal die Identitat der Gescbicbte erwiesen ist, liegt es nabe , aucb die Identitat der Person vorauszusetzen ; und wenn der berufene Levi spater im Apostelverzeicbnisse sicb nicbt wieder vor- finden will , dagegen in einer Umarbeitung der Quelle A, wie unser erstes Evangelium eine ist, geradezu als Mattbaus auftritt, so ist klar genug , dass scbon der Verfasser dieser Umarbeitung in der Darstellung von A eine Lucke erkannte, die er um so ebcr bemerken und ausfullen musste, als der Apostel Mattbaus aucb sonst eine grosse Bolle in diesem ersten Evangelium spielt, insofern namlicb der ganze unterscbeidende Cbarakter desselben gegenuber der ersten Quelle auf der Einverleibung der Hinterlassenscbaft jenes Apostels berubt (S. 252). Es ist daher an- zunebmen, dass der apostoliscbe Name Tbeodor = Mattbaus den Levi ebenso verdrangt babe, wie der Felsenname den ursprunglicben Simon.' Wenn ubrigens Mr. 2, 14 Alpbaus als Vater genannt wird, so kann da- mit scbon dessbalb nicbt an den Vater des jungeren Jakobus gedacht werden, weil sonst Mattbaus in den Apostel verzeicbnissen eben mit diesem Jakobus ein Paar bilden wurde.* Von einem sacblicben Grund, das erste Evangelium gerade auf diesen Namen zuruckzufubren , muss die alte Earcbe um so mehr ge- leitet erscbeinen, als sonst die Person des Apostels Mattbaus in der Gescbicbte des apostoliscben Zeitalters ganzlicb zurttcktritt. Zwar no- tirt ibn Clemens von Alexandrien als einen Anbanger der fleisch- scbeuen judencbristlicben Askese;* er soil sicb sogar nacb ApoUo- nius* mit den andern Aposteln nocb zwolf Jabre seit des Herm Tod in Jerusalem aufgebalten und dann — wie Eusebius binzufugt — 1) Herakleon, Origenes, Grotius, Miohaelis, Theodor Hase, Friach: De Levi cum Matthaeo non confundendo, 1746. — 2) Sieffert (Ursprang des ersten kanonischen Evangeliums, S. 59), Neander (Leben Jesu, S. 361), Ewald (Evangelien, S. 199 f . , Geschichte Christus, S. 253. 281) , Reuss (Geschicbte, S. 155. 182). — 3) Meyer (ZuMatthftus, 1860, S. 2), Bleek (Einleitung, II, S.SSf.). — 4) Meyer (A. a. O. 8. 1), Bleek (Einleitung, II, S. 90. Synopsis, I, S. 386). — 5) Paed. 2, 1. S. 148, D. ed. Sylb. — 6) Eusebius: K, G. 5, 18. Digitized by VjOOQ IC Traditionelle Vorauasetsungen Hber Matthftus. 361 nachdem er sein , den Juden verkundigtes, Evangelium in hebraischer Sprache schriftlich niedergelegt hatte, abgereist sein.^ Noch haltungs- loser sind spatere Nachrichten, wornach dem Matthaus bei der aposto- lischen Landervertheilung Aethiopien zugcfallen^^ und er daselbst als Marty rer gestorben ware.* Die letztere Nachricht wurde indessen schon von Herakleon* bestritten; uberhaupt aber stehen sammtliche No- tizen offenbar mit Beflexionen und Traditionen uber das Evangelium in Verbindung und munden daher in jene, als grundlos erkannte^ Angabe uber die Ursprache des ersten Evangeliums aus (S. 270). Dagegen wird uns Charakteristisches , von dem aus wir auf das Verhaltniss unseres Evangeliums zu der Person des Matthaus schliessen konnten^ so gut wie gar nichts geboten. Nichtsdestoweniger bUeb man lange dabei stehen, die Aechtheit des Evangeliums mit um so grosserem Zutrauen auf die angedeutete Beihe alter Zeugnisse zu grunden, als die inneren Grunde, uber die man verfugen zu konnen glaubte, zwar keiherlei Art von Nothwendig- keit mit sich fuhrten, gerade den Apostel Matthaus unter alien Mannem, die moglicher Weise ein solches Evangelium hatten schreiben konnen, als den Verfasser auszuzeichnen, dafur aber andererseits auch ganz wil* lig der durch die Tradition dargebotenen Annahme sich anschlossen. Man berief sich namlich, was diese inneren Grande betrifft, auf die in der Einzelnheit lebendige, den Verhaltnissen der apostoUschen Zeit ganz entsprechende Darstellung; man fand auch Denkweise, Sprache, Bil- dungsstand ganz so, wie man es von Jemand in des Matthaus Stellung erwartcn konne. So betrachtete man die constante Ueberlieferung nur als die ungerufen sich einstellende Probe eines aprioristischen Calculs, als geschichtsmassige Umsetzung einer, mit unbenannten Grossen ge- fuhrten, Bechnung in benannte Zahlen. Anders musste es werden, sobald eine eindringendere Quellen- kritik die Abhangigkeitsverh<nisse auch des ersten Evangeliums zu entdecken begann. Schon Eichhorn bemerkte, dass das erste Evan- gelium, wie es vorliegt, keinesfalls vom Apostel herruhren kOnne, son- dem h5chstens seine Grundlage.* Aber erst von Schleiermacher's beiden kritischen Arbeiten datirt eine scharfere Beobachtung, und seine Schule bewies sich in demselben Maasse gegen die Augenzeugenschaft des ersten Evangelisten eingenommen, als sie fur die des vierten von vornherein passionirt war. Einer der beiden angeblich apostoUschen 1) K. G. 3, 24. — 2) Rufin (Kirchengeschichte, 1,9), Sokratet (Kirchenge- achichte, 1, 19). ~ Spfttere nennen Macedonien, Parthien, Indien, Arabien. — 3) Ni- ceph. Kail. K. G. 2, 41. — 4) Bei Clemens: Strom. 4, S. 502, C. ed. Sjlb. — 5) Einleitung, I, S. 122 ff. 457. Digitized by VjOOQ IC 362 FOnftes Capital. Berichte schien — in Folge der, darch Lucke* und Usteri* ange- bahnten, Vergleichung beider Schriften — aus der ZaU unmittelborer Geschichtsquellen zu streichen. Auch Sieffert, wiewohl er auch mil andern Grunden die Annahine einer Augenzeugenschaft des enten Evangelisten vemichtet hatte,' und Schneckenburger* theilen noch diesen Standpunkt. Ebenso mussten diejenigen Gelehrten, welche den Mattbaus durch Lucas, oder den Lucas durch Matthaus benutzt werdcn liessen, dem ersten Evangelium nothwendig die apostolische Verfasser- schaft absprechen, da im ersteren Falle Lucas es besser benutzt, vid- leicht auch anders charakterisirt hatte (vgl. S. 246 f.), im letzteren abcr ein Apostel sich von einem secundaren Schriftsteller in seiner Darstel* lung abhangig gemacht hatte. Man fand nun also — und in diesem Stttck war besonders David Schulz vorangegangen * — im ersten Evangelium, mit sich selbstund mit den ubrigen verglichen , ein en Mangel an Anschaulichkeit und Ur sprunglichkeit. Dieser Charakter hat sich uns in §. 12 auf Schritt und Tritt bereits herausgestellt. Das Unbestimmte in Bezeichnung von Ort und Zeit, das Summarische der in Bausch und Bogen gegebenen Be- richte, das Syntomistische der Darstellung spricht schon dafur. Zu sol* chen, gegen Marcus fast immer, zuweilen aber auch gegen Lucas im Einzelnen zuruckstehenden, Berichten kommt abcr auch der Mangel an concretem Fragmatismus im Ganzen. Man machte aufmerksam auf die vagen Ausdrucke »alle, jeder, viele«, auf das rdre u. dgl. Ein Augen- zeuge wurde aber auch seinen Stoff nicht nach so allgemeinen Gesichts- punkten geordnet, nicht eine von der unmittelbaren Geschicbte so ent- fernte Planmassigkeit in der, oft genug unwidersprechlich unchronologi- schen,' Aufreihung der Thatsachen befolgt haben , da die ersten schriftstellerischen Versuche vielraehr nur den Zweck verfolgt haben konnen, geradezu und schlechtweg das Gesehene und Gehorte, wic es vorgefallen ist, zu erzahlen.^ Ihm hatte es nicht begegnen konnen, dass seine Reden durch Zusammenfliessen verwandter , 6bwohl augen- scheinlich bei verschiedenen Veranlassungen gesprochener, Elemente «o zu grossen Massen anschwollen, wie solches im Matthaus der Fall ist 1) In dem 1820 erschienenen ersten Bande seines Commentares zu Johannes. — 2) Commentatio critica, in qua evangelium Joann is genuinum esse ostenditur, 1823. - 3) Ueber den Ursprung des ersten kanonischen Erangeliums, 1^32, S. 123f. — 4) Bei- trftge zur Einleitung in das N. T. 1832, S. 23-47 (uAndeutungen mOgUcber Zwpifel an dem apostoliscben Ursprung des Eyangeliums Mattbftio). — Ueber den Ursprung des ersten kanonischen Eyangeliums, 1834, S. 61. — 5) Die christliche Lehre ?om h. Abendmahl, 1824, S. 302—322, welcher Anhang in der zweiten Auagabe abrigens feblt. — 6) Sieffert (S. 159), Scbneckenburger (S. 21). — 7) Sitffert (S. 76), Scbneckenburger (S. 73. 76 ff.). Digitized by VjOOQ IC Traditionelle Voraussetzungen aber Matthftus. 363 Was von Seiten Si effort's* und Schneckenburger's* bemerkt worden ist hinsichtlich der Unbekanntschaft des Matthaus mit Dingen, die ein Apostel hatte wissen mussen, lassen wir am besten dahingestellt, ale auf einer schon vorgefassten Ansicht uber die evangelische Ge- schichte und auf, hier nicht in Betracht kommenden, Voraussetzungen uber das vierte Evangelium beruhend.' Wohl aber hat Matthaus manche Ereignisse so offenbar sagenhaft ausgeschmuckt^ dass an eine primitive Darstellung der evangelischen Geschichte bei ihm nicht zu denken ist. Wir wollen von der Kindheitsgeschichte nicht reden, die Schnecken- burger noch als eine Umbildung der Relation des Lucas betrachtet,* wahrend heutzutage man an beide Berichte denselben Maassstab anlegen kann; aber wenigstens die Geschichte von den auferstandenen Leich- namen und den Grabeswachtern sieht jetzt kein besonnener Theologe mehr far hervorragende Indicien eines apostolischen Ursprungs an , wie das auch Kern anerkennt.* Dass endlich nach subjectivem Redactions- ermessen einzelne Berichte verdoppelt werden (S. 255 f.), spricht gleich- falls nicht fur einen Augenzeugen. Ftlr den apostolischen Ursprung des Matthaus traten seither zwar nochauf Theile,* Heydenreich/ Bengel,® Kern,^ Fritzsche,*® Kuin6l/» Guericke,*^ Olshausen/' Ebrard/* Schott,*^ Rordam/® Delitzsch*^ und Hengstenberg.^® Wenigempfehlend fur diesen Standpunkt ist die frivole Begrundung, die er noch neuestens bei dem Letztgenannten gefunden hat^ der zuerst den Nachweis des Zusammenhangs zwischen altem und neuem Testament als Thema des Matthaus angibt und dann fortfahrt: ))Wenn die Losung dieser schwie- rigen und wichtigen Aufgabe einem Andern, als einem Apostel uber- tragen worden ware, so wurde Dies eine Verleugnung der Prerogative sein, die der Herr nur den Aposteln ertheilt hat. « *^ Meyer hat zwar alien guten Willen, gleichfalls auf diese Seite zu treten, bleibt aber doch zuletzt bei einem » sehr relati ven Maasse « von 1) S. 158. — 2) S. 6. — 3) Strauss: Charakteristiken und Studien, 8. 262 — 271. ~ 4) Ursprung des ersten kanonischen Evangeliums, S. 69. — 5) Ttlbinger Zeit- •chrift far Theologie, 1834, S. 100.— 6) Winer und Engelhardt: Neues kriti- sches Journal, II, 1$24, S. 181 ff. 346 ff. — 7) Ebendaselbst , UI, 1825, S. 129 ff. 3S5ff. , Heydenreich \md H tiff el: Zeitschrift far Predigerwissenschaften , I, 1828, 3, 8. 10 ft. — 8) Archiv far Theologie, VI, IS24, S. 572. — 9) Tttbinger Zeit- schrift far Theologie , 1834, 8. 1-132. — 10) ProU. in Matthaeum, 1S26, S.20ff. — 11) Commentarius, I, 8. 1 ff. — 12) Beitrilge, 8. 23ff. Einleitung, 2.A8g. S. 792f. — 13) ApostoUca evangelii Matthaei origo, 1835—37. — 14) Wissenschaftliclie Kritik, 1. Asg. 8. 926 ff. — 15) Isagoge, 8. 75 ff. — 16) De fide patrum antiquissimonun, 1 839. — 17) Zeitschrift fttr lutherische Theologie und Kirche, 1850, 8. 489 ff. — 18) Eyangelische Kirchenzeitung, 1858, 8. 627 ff. — 19) Evangelium des heil. Johan- nes, I. 8. 628. Digitized by VjOOQ IC 364 Fttnftes Capitel. Authentic stehen. * Entschieden verworfen wurde aber die apostolische Verfaaserschaft seither noch von Schulthess,* Fischer/ De Wette,* Lucke/ Rodiger,* Orelli/ Lachinann/ Credner,' Neudecker,*® Strauss," Weisse/* Gfrorer/* Wilke," Reuss/* Bleek*® und Bunsen,*^ wie naturlich alle Forscher, die fur die Prioritat dcs Marcus eingetreten waren — abgesehen von den unhaltbaren Positionen Thiersch's und Meyer's — eo ipso auchgegen die Apostolicitat des Matthaus zeugen mussten. Dabei schliesst dieser negative Standpunkt aber nicht aus, dass man wenigstens einenaposto- lischen Kern, cine matthaische Grundlage far unseren Matthaus setit So hielt schon Reimarus unseren Matthaus fur eine, nach mundKchen und schriftlichen Quellen vor sich gegangene, Bearbeitung des hebrai- schen Matthaus; *® ahnlich fuhrte auch A mm on unser erstes Evange- lium auf ein apostolisches Hebraerevangelium zuruck. *• Klenersah im Matthaus eine freie Erweiterung der apostolischen Urschrift, '• die nach Sieffert hebraisch abgefasst war.*^ Schleiermacher liessdie historischen Elemente durch Papias in den Zusammenhang der Uyta eingefUgt werden. ^* Der spatere Schott*® und Kern'* postuUrten wenigstens eine Recension der hebraischen Urschrift. Schnecken- burger dagegen stellte eine Entstehungsgeschichte des Matthaus auf, wornach derselbe aus sieben Quellen entstanden ware, deren bedeu- tendste, das aramaische Original des Apostels, er mit der einfachen Ge- atalt des Hebraerevangeliums identificirte.** Wahrend also noch bei Kern Das, was im Matthaus auf Rechnung des Ueberarbeiters zu setzen ist, auf ein Minimum zusammenschwindet, setzt Schnecken- burger dafur ein Maximum an. Indessen war doch bei alien diesen Forschem der Unterschied zwischen dem achten und dem kanonischen Matthaus immer noch ein quantitativer geblieben ; ihn zu einem qualitativen zu steigem, war das 1 ) Zu Matthaus, 1 858, S. 1 4. — 2) R o s e n m tt 1 1 e r's biblisch-exegetiachea B^ pertorium, II, 1824, S. 172 f. -- Wachler: Theologische Annalen, 1823, S. 1117ft — 3) EinleitUDg in die Dogmatik, 1828, S. 1 15. — 4) Einleitung, n, S. 202. — 5) Sti- dien und KritOten, 1833, S. 497 ff. — (i) Symbolae quaedam adN. T. pertinentee, 1827. — 7) Selecta patr. cap. II, S. 10. — 8) Studien und Kritiken, 1835, S. 577. - 9) Einleitung, S. 95 ff. — 10) Einleitung, S. 209 ff. — 11) Leben Jesu, I, S. 65 f. 571 f. 702 ff. — 12) Evangelische Geschichte, I, S. 46 ff. — 13) Geschicbte des U^ christenthums, II, S. 7. 114 f. — 14) Urevangeliat, 8.692. — 15) Geschichte, S. IS2f. — 16) Einleitung, II, S.2S6. — 17) Bibelwerk, I, S. XL. IV, S. 15.— 18) Stransi: Reimarus, 1862, S. 176. — 19) Leben Jesu, I, S. 53 ff. — 20) Recentiores de autheo- tia evangelii Matthaei quaestiones, 1832. — 21) S. 37. 175. — 22) Einleitung, S.21?. — 23) Ueber die Authentie des kanonischen Eyangeliums , genanot nach MattiilMi 1S37. — 24) Tttbinger Zeitschrift, 1834. S. 123. 1835, S. 133—138. — 25) UxspruBg, S. 105 ff. Digitized by VjOOQ IC Traditionelle Vorauafeteuiigen fiber Matthftiis. 365 Ziel der Tubinger Schule. Hiernach fasst das erste Evangelium ent- weder bios einzelne Elemente,^ oder eine ganze zusammenbangende Grandschrift,^ vielleicht eine Redesammlung,* in sich, die vom Apostel herruhrt; in der vorliegenden Gestalt aber ist und bleibt das Werk nn- apostolisch. Halten wir damit zusammen die Mittelstellung, zu der hin- sichtlich des Matthans selbst Tholuck^ nndNeander^ sich beque- inen, jener mehr fur, dieser mehr gegen die Aechtheit redend, so kann schlechterdings daruber kein Zweifel mehr bestehen : dass zwar auch die Gegner der Aechtheit ofters unnutze Waflfen gebraucht haben , in- dem sie mit blosen Geschmacksurtheilen die Kesultate der Detailfor- schung vorwegnehmen zu konnen glaubten und sich ofters auf die angeb- lich richtigem Berichte der andem Synoptiker beriefen , als seien diese jedenfalls Autopten gewesen; dass aber andererseits auch die geschick- testen Anstrengungen der Apologeten es nur zur allgemeinen Geltend- machung einer apostolischen Grundschrift gebracht haben, auf welcher das erste Evangelium beruht ; wie denn sowohl dieses Resultat, als auch das andere, dass Matthaus in vereinzelten Partien seiner Darstel- lung den Charakter der Urspranglichkeit mehr, als Marcus und Lucas tragt, von uns bereitwilligst zugegeben wird. Andererseits ist eine bestimmte Opposition gegen die kirchliche Tradition bezuglich des Matthaus unvermeidlich gegeben mit unserem Hauptresultat, dass der Verfasser des ersten Evangeliums einen ander- weitig uberlieferten Stoff verarbeitet hat und den Thatsachen selbst feme steht. Diese Opposition gegen die Tradition ist schon darum keine Opposition gegen das Evangelium selbst, weil dieses nirgends darauf Anspruch macht, Werk eines Apostels zu sein. • Ja wir treten sogar zur Tradition dadurch in ein positives Verhaltniss, dass wir die Existenz eines, vom Apostel Matthaus herruhrenden, Werkes ansdrucklich anerkennen, wozu die conservativen Kritiker gar kein Recht haben, weil das Zeugniss der alten Kirche nur einem hebraischen Buche gilt, unser Matthaus aber, zu dessen Gunsten sie es anwenden, weder selbst hebraisch geschrieben , noch aus dem Hebraischen uber- setzt ist. Ist es doch auch schon an sich wahrscheinlich, dass ein Apo- stel der spateren Generation pal^tinensischer Judenchristen Aufzeich- nungen hinterliess, und nicht minder wahrscheinlich, dass diese Hin- terlaseenschaft sich zunachst auf Reden und Ausspruche^ nicht auf das Thun und Lassen Jesu bezog. ^ Ebenso ist zweitens anzuerkennen, dass der Name unseres ersten Evangeliums sich nur durch eine bestimmte J) Baur: Evangelien, S. 619. — 2) Hilgenfeld: Evangelien, 8.115.— 3) KOstl in : Evangelien, S. 56.-4) GlaubwOrdigkeit der eyangelischen Qeschichte, 8.240. — 5) Leben Jesu, 8. 11. — fi) Bleek: Einleitung, II, S.2S6. — 7) Weisse: ETangeliache Geschichte, I, 8. 46 f. Digitized by VjOOQ IC 366 FOnftes Capitol. Beziehung desselben z\x jener apostolischen Schrift erklaren lasst. Wenn cs cine solche Quelle gab, so wurde sie doch sicher auch benutzt bei d^ Abfassung grosserer Evangelien ; und dass Dies gerade in unserem Mat- thaus geschehen sei , dafur spricht ausser dem Nainen auch die innere Bescbafifenheit desselben , indem er Bestandtbeile von der Art, wie wtr uns die koyia vorstellen mussen ^ in Menge besitzt ^ Das zwar ist zu viel gesagt> wenn Kostlin aus dem Nainen des ersten Evangeliums ohne Weiteres schliessen will, dass die gr. nze Spruchsammlung des Apostels darin Aufnahme gefunden babe.* Wir sahen vielmebr (S. 140 £f.)^ dass Lucas manche Theile dieser Quelle allein enthalt; es hatte somit an sicb auch das dritte Evangelium ein gewisses Recht, sich nach dem Namen des Apostels Matthaus zu nennen. Da nun aber doch der Hinzutritt von ^ nicht das einzige Plus ist , mit dem Lucas uber den Typus von A hinausragt, da weiterhin fur das dritte Evangelium der Name des Verfassers von vornherein festgestanden zu haben scheint, blieb fur Namhaftmachung der Autoritftt von ud keine Stelle mehr va- cant ausser der Ueberschrift des ersten Evangeliums. ^ $. 21. Traditioiielle Voraissetiniigeii fiber larcis. Ohne Zweifel verstand man unter dem Marcus^ dem man das zweite Evangelium zuschrieb, den Sohn jener Maria, in derenHause die ersten Christen in Jerusalem sich versammelten (Act. 12, 12). Sein judischer Name war also Johannes,* und er selbst hochst wahrscheinlich in' Jeru- salem geboren. Durch Barnabas kam er in Verbindung mit dem Apo- stel Paulus (Act. 12, 25. 13, 5. 13), bis er, »dem es in seiner untcrge- ordneten Stellung an Lust und Eifer elg to eQyov Act. 15, 38 gefeUt zu haben scheint,«* nach der bckannten Streitscene, zu der er Veran- lassung gegeben (Act. 15, 37—39), sich bios noch an Barnabas hielt — eine Thatsache, die sich durch das Pradicat 6 dveipiog BaQvdfia (ver- muthlich Schwestersohn) Col. 4, 10 hinreichend erklart. Aus derselben Stelle geht auch seine Identitat mit dem zur Zeit des Colosser- und Phi- lemonbriefs (V. 24) bei Paulus i^ieder anwesenden Marcus hervor, was auf spatere Verstandigung deutet (vgl. auch 2. Tim. 4, 11). Hitzig hat auch 2. Cor. 8, 18 fur die Geschichte des Marcus verwerthet. • Aber von hier an wird mehr und mehr Allcs unsicher. Ftir den Fall, dass 1) Weisse: A. a. O. S. 48. — 2) EvangeUen, S. 66. 3) Weiss, S. 88 f. - 4) Wesshalb ihn Uitzig um so mehr als den Verfasser der Apokalypse betrachtet (Job. Marcus. S. 149). Vgl. auch Weinse: Evangelienfrage , S. 92. 140. 160. Dann warde sich freilich die sp&tere Lebcnsgeschichte des Marcus bestimmter gesulten lassen, Tgl. Hitsig, S. 149-186. — 5) Hitzig: A. a. O. S. 152.— 6} Joh. Mar- cus, S. 167—177. Digitized by VjOOQ IC Traditionelle Vorauisetxangen aber Marcus. 3g7 Marcus sich auf s Neue von dem Apostel trennte , wahrscheinlich bei desscn Abfuhrung nach 'Rom, wollen die Meisten, dass er, die beabsich- tigte Reise nach Kleinasien vielleicht aufgebend (Col. 4, 10), sich spa- ter an Petrus anschloss. Wie schon fraher Petrus im Hause des Marcus befreundet erscheint (Act. 12, 12), so wird der Letztere auch 1. Petr. 5, 13 der Sohn des Petrus genannt, was eher von einem innigen geistli- chen Verhaltnisse , als von leiblicher Abstammung zu deuten ist. So wahrscheinlich nun eine Beruhrung mit Petrus ist, so unwahrscheinlich ist die, gleichfalls an jene, von Babel-Rom datirte, Stelle sich anschlies- scnde, weitere Tradition , wornach Marcus mit dem genannten Apostel nach Rom gekommen und dort Dolmetscher des , entweder mit dem Griechischen, oder mit dem Lateinischen * wenig vertrauten, Petrus ge- wesen sein soil. Das bald stereotyp werdende Pradicat BQfxrjv^zrfi (in- terpres) scheint ubrigens auf einen Secretar hinzuweisen ; * und zwar bezeichnet ihn als solchen zuerst Papias, ohne damit schon die Nach- richt von einem romischen Aufenthalte zu verbinden. ' Der letztere ist jedenfalls so lange hochst zweifelhaft, als noch Grund vorhanden ist, zu glauben, dass die Ebioniten den unzweifelhaft feststehenden Marty- rertod des Petrus nach Rom verlegt haben , wesshalb schon Eichhorn die traditionelle Entstehungsgeschichte des zweiten Evangeliums fur Fabelei erklarte. * Doch mochte das Bedurfniss eines Dolmetschers fiir Petrus allerdings im Occident ein viel dringenderes gewesen sein, als im Orient. Uebrigens verfolgt die Ueberlieferung* den Lebenslauf des Dolmetschers noch uber Rom hinaus, indem sie ihn sich nach Ale- zandrien wenden, dort das Christen thum begrunden und als erster Bi- Bchof und Vorganger des Anianus daselbst im Jahr 61 sterben lasst.® Constanter Inhalt der Ueberlieferung hingegen blieb die An- nahme einer Verbindung des Marcus und Petrus, und so suchte man das zweite Evangelium direct ebenso auf den Ersten , wie indirect auf den Zweiten zuruckzufuhren. Voran geht schon das Zeugniss des Papias (S. 250), welches, ganz ahnlich wie hinsichtlich des Matthaus, von alien spateren wiederholt und in einer Weise erweitert wird, die den Eindruck hinterlasst , als hatte man in demselben Maasse, als man um der zunehmenden zeitlichen Entfernung uber die Entstehungsverhalt- nisse unseres Evangeliums weniger wissen konnte, mehr daruber zu 1) Bleek: Einleitung, II, S. IJ3. — 2) Meyer: Zu Marcus und Lucas, S.2. - 3) Mit der, auf den Presbyter Johannes gesttttzten , Angabe des Papias scheint es EUsammeuBuhftngen , wenn Clemens von Alexandrien (bei E u s e b i u s : K, G. 6, 14) die Nachricht Tom rdmischen Secretariat geradozu als nttQuJoaii rdiy uvfxaOfv n^afivT^Qwy bezeichnet. — 4) Einleitung, 1, S. 554. — 5) Eusebius (K. G. 2, 16), Epiphanius (Haer. 51, 0), Ilieronymus (vir. ill. S). — fJ) Was Thiersch wirklicb glaubt : Kircbe im apostolischen Zeitalter, S. 1 04 f . Digitized by VjOOQ IC 368 Ftlnftet Capita. wissen geglaubt. Namentlich wird der Einfluss des Petrus aus nahe lie- genden Granden ein immer grdsserer. Den die Weiterbildung der Tra- dition leitenden Gedanken spricht daher Tertullian aus : Marcus quod edidit, Petri affirmatur.* Zuerst hat Marcus ta vrto IlivQOv TLrjowoo- fieva erst uach dem Tode des Letzteren^ also aus dem Gedachtnisse aof- geschrieben ; ^ nicht lange dauert es^ so hat Petrus die Abiassung dei Evangeliums i^och erlebt. Wenigstens enthielten die Hypotyposen da Clemens' eine Nachricht, wornach Petrus in Eom gepredigt, die Zu- horer aber, mit seinen mundlichen Vortragen nicht zufrieden, den Mar- cus um Aufzeichnung derselben gebeten hatten; Dies sei geschehen, ohne dass Petrus ihn verhindert oder ermuntert habe. Derselbe Cle- mens soil auch erfahren habcn von alten Presbytern, dass vorher die Evangelien mit Genealogien geschrieben worden seien. Noch specieller erzahlt E use bins selbst,* irrthumlich auf Clemens sich berufend,' die Sache : Petrus habe das Vorhaben des Marcus durch Apokalypse er- fahren und hierauf das fertige Werk desselben zum kirchlichen Ge- brauche •bestfttigt — welcher Bericht eine offenbare Weiterbildung der Sage enthalt. Jetzt also hat Petrus das fertige Werk wenigstens gelceen und best&tigt; von da ist nur noch ein Schritt zu der, schon durck Origenes praformirten, • Nachricht des Hieronymus,^ wornach geradezu Marci evangelium Petro narrante et illo scribente, d. h. dio- tatsweise entstanden ist. 0£fenbar sah man sich fur das zweite Evange- lium nach einer apostolischen Autoritat um und gelangte zu einer sol- chen zuerst durch die Combination von 1. Petr. 5, 13 mit dem angeb- lichen Aufenthalte des Apostels in Bom , dann durch ein immer engar gesetztes Verhaltniss des directen Verfassers zum indirecten. Dassclbe Ziel suchte auf einem anderen Wege eine spatere Tradition zu errei- chen, die^ wie den Lucas, so auch den Marcus zu einem Junger aus der Zahl der 70 machte — dem Zeugniss des Papias direct entgegen.® Besitzt nun die kirchliche Tradition trotz ihrer Einstimmigkot hinsichtlich des Marcus fast so wenig ausreichende Kraft, wie hinsicht- lich des Matthaus, so fragt sich doch, ob nicht aus inneren Grunden die Darstellung einem Apostelschuler zugeschrieben werden masse, und ob die Hand des Apostels, mit welchem Marcus in genauester Verbin- 1) Adv. Marc. -], 5. Vgl. auch den Kanon des Muratori bei Credner: Zur Ge- schichte des Kanons, S. 77. — 2) Irenftus, 3, I. Bei Eusebius: K. G. 5, S. — 3)BeiEu8ebiu8: K. G. 6, 14. — 4) K. G. 2, 15. So Credner (Einleitung, 8. 113), Kuhn (Leben Jesu, I, S. 47), Thiersch (Hietorischer Standpunkt, 8. 212 f.)i Meyer (Zu Marcus und Lucasi 8. 4).— 5) Credner (Einleitung, 8. 113), Thierifli (Standpunkt, 8. 212 f.). — 6) Bei Eusebius: K. G. 6, 25. — 7) Vir. 01. 8. Ep. \^^ ad Hedibiam, 11. — 8) Epiphanius (Haer. 51, 6), Pseudo-Origines: De recta in Deum fide, 1 . Digitized by VjOOQ IC TraditioneUe VorauMetiUBgeii tlber MarcuB. dung standi im Eyangelivm wiederBU^kenneii ist. Nimmt man die Ueberlieferang der alten Kirche nur nicht in dem mechanischen Sinne, all ob daa xweite Svangelinm ein schriftHclier Abdruck der Lehrvor- trftge des Petxas sein soUe^ so Itest sich an tich nichts raiwenden gegen die Wahrsckeinlicbkeit^ dass ein Apo«telschaler^ wenn er als Schrift- steiler aufbrittj sich an einen der Hanptapostel halten und in dessen Sinne sdureiben werde. Wurde edch etwa in Benehnng auf den paulini- edien Charakter des Lucas die Sadie wirklich so yerhalten^ so liesse sich nicht abeehen, wesshalb nicht auch bei der Abfassnng des sweiten Evangeliums petrinischer Einfiuss statt gehabt haben soUte^ znmal da ja eben dieses zweite EvangeUnm in seiner ganzen^ Unmittelbarkeit und Lebensfiische yerrathenden, Anlage einer solchen Hjpothese g&n- stig ist. Bekanntlich war Storr der Erste, der die Urspriinglichkeit des Marcus in der theologischen Welt geltend gemacht hat. So wenig er auch auf die Zuyerlfissigkdit der Tradition , die das zweite Eyangelium mit Petrus in Verbindong setzt^ yermoge seines geschluften kritischen Urtheils halt, * so war er doch su seinem Schlusse in erster Linie zum Theil an der Hand dieser, auf Petrus weisenden^ Tradition/ nicht minder aber auch durch seine orthodoxe Bichtung uberiiaupt gelangt. Wie die orthodoxe Scholastik, ohne dass man es ihr zum wissenschaftlichen Ver* dienst anrechnen kann, bezOgUch der Ursprache des Matthftus lediglich in Folge ihres Inspirationsinteresses zu richtigen Behauptungen geleitet wurde (S. 267 S.), so fimd Aehnliches auch in Bezug auf Marcus statt, den man natfirlich mOglichst auf eine apostolische Autoritat zuruckzu- fiohren bestrebt war, ' wie es andererseits im Interesse der Aufklarung lag, die alte Tradition bezuglich des petrinisdien Charakters des Mar* CUB za entkraften ; * in diesem Sinne also wandelte der oletzte Vertreter der Orthodoziea auf ganz sad^massen Bahnen. Das Gluck der Hy- pothese war aber, dass yon umgekehrtem Standpunkte ausgehend, Weisse, dem gleichzeitig Kuhn zur Seite trat,*^ als das bei Weitem interessanteste Moment, das er fdr den petrinischen Ursprung der Be- lation im Marcus anzufohren weiss, auf bios kritisch-exegetischem Weg gewonnene Besultate anfuhrte, um zu beweisen, dass jene Tradition auch durch die innere Beschafienheit des Eyangeliums bestitigt werde. ® Er sah im Marcus eine, nach dem Tode des Petrus yeranstaltete, Aufzeich- nung seiner Erz&hlungen, wobei jedoch zur Ei^aniung und VeryoU- 1} Evangelische Oeschiobte des Johannet, S. 249 ff. 265 fF. 366. — 2) A. a. O. 8. 265 fL 282.— d) Credner: Einleitung, 8. 115. — 4) Semler (Zusfttte su Townson, I, 8. 21), Griesbach (OpuscuU scademica, n, S. 387 ff.), Bichhorn (Binleitaiig, I, 8* 554 ff.), Fritz sohe (ProU.adMaroum, 8.26 ff.). — 5) Leben Jmu, I, 1838, S. 39 ff. — 6) ErangeliBche Ge«oMchte, I, 8. 64 ff; Holtxmsnn. 24 Digitized by VjOOQ IC 370 Ffknftet C«piteL standigung seiner fragmentariechen Erinnerungen noch Bdtrage der mtmdlichen TraditLon vervrerthet worden sind. ^ Auf unserem Standpunkte fallt jedenfetlls die tendenradse £nt- stehungsgeschichte des Marcus > von der die Kirchenvater berichten, unrettbar dakin^ denn der Verfasser unseres zweiten Eyangelioms hat bios eine Quelle bearbeitet, und Niemanden soUte es deat Muhe werth dunken^ sich fur das Wenige^ was Marcus dabei selbststftndig hinzu oder abgethan hat^ nach einer apostoUschen Quelle und Autoritat umr seben zu wollen. ^ Aber aucb A kann wenigstens kein unvermitteltes Dictat des Fetrus sein^ wie aus einer §. 28 zu liefemden Betrachtung uber den allgemeinen historischen Charakter dieser Quelle bervorgehen wird. Dagegen lassen sicb allerdings gewisse Data fur Annahme einer entfernteren Beziebung dieser ersten Quelle zur Person des Fetrus auf- treiben, die uns in dem Urtheil mancher Gelehrten^ dass das Zeugniss des Fapias auf das Original unseres Marcus^ nicbt auf diesen selbst passe/ bestarken mogen. Dahin konnen wir schon dieWeiss'schen Be- obachtungen recbnen von dem^ in unserem EvangeHum bervortreten- den, Interesse an den Jungem, besonders den drei Vertrauten,* was — wenn die Sacbe sicher ware — auf eine Autoritat aus diesem Kreise scbliessen liesse. Besonders im Unterscbied zu Lucas bebt A den Fetrus insofernhervor, als die eigentliche Ef zahlung gerade mit seiner Beru- fung Mr. 1,16 und der Heilung seiner Scbwiegermutter 1, 29 beginnt,' ja es sogar den Scbein gewinnt, als sei das Haus des Fetrus in Kaper- naum der eigentlicbe Ausgangspunkt fur die im weiteren Verlaufe be- ricbteten Zdge und Wanderungen Jesu (§. 29), wie uberbaupt ein grosser Theil der Erzablungen sicb um Kapemaum dreht.^ Gleich darauf 1, 36 werden die Jiinger aucb bios bezeicbnet als Slfnoy tuzI oi /i€T avTOv. Aucb die genaue Sorgfalt, womit in der Quelle die Namen Simon und Fetrus (S. 276) auseinandergehalten werden, sowie die in ihr allein hervortretende (§.27) Epoche der Fetruserklarung im offentlichen Leben des Herm ist dieser Hypotbese gunstig. Dagegen scbeint im weiteren Fortgang der Gescbicbte Fetrus wieder zuruckzutreten, bis 11, 21. 13, 3. 16, 7 sein Name wieder im zweiten EvangeUum allein hervorgeboben wird. '' Dagegen feblt es nicbt an Stellen , wo die Seitenbericbte in dieser 1) Erangelische Geschichte, I, S.32 ff. 59 ff.— 2) Weisse: Bvangel. Qeechichte, I, S. 65. — 3) Credner, Reuse: Nouvelle revue, 11, S. 62. Geschichte, 8. 172.— 4) 8. 659—665. 674. — 5) Weisse (Evangelische Geschichte, 8. 59 f.), Meyer (Zu Marcus und Lucas, 8. 21). — 6) Hilgenfeld (Marcusevangelium , 8. 119), KOst- lin (EyangeUen, 8. 355). — 7) Ddrften wir Voraussetzungen aus dem viorten Bran- gelium (1 , 45) entlehnen , so wtlrden wir hier auoh des Umstandes Erwfihnung thnm, dass Mr. 6, 45. 8, 22 Bethsaida in eigenthtlmlicher Weise vorkommt. Digitized by VjOOQ IC Traditionelle Voraussetzongen aber Marcus. 37 1 Beziehung mehr thun , als Marcus. Zwar was die Hervorhebung des PetrusMt. 15, 15. Let 8, 45. 22, 8 anstatt der Junger uberhaupt (Mr. 5, 31. 7, 17. 14, 13) betrijflft, so hat Weiss e wenigstens fur die beiden ersten Falle wahrscheinlich zu machen gewusst, dass Matthaus, uach- dem er 15, 12 — 14 etwas eingeschoben, und tucas, nachdem er aQvov- fiiviov di Ttavziav eingefugt hatte, die Nothwendigkeit verspurt batten, anstatt der Junger uberlulupt vielmehr einen bestinunten zu nennen (vgl. auch S. 191), und dass die Nennung gerade des Petrus deutlich zeige, dass schon Matthaus und Lucas die Relation in A als von Petrus ausgehend dachten. * Es bleibt also immerhin wahrscheinlich, dass die Nennung des Petrus Lc. 8, 45. 22, 8 auf Rechnung des Lucas kommt, welcher Evangelist uberhaupt in seinen , aus eigenen Mitteln geschopf- ten Berichten Manches zu Ehren des Petrus sagt, wie 5, 3. 12, 41 — 44. 22, 32. 24, 12. 34. Am allerauffallendsten aber ist das Her\^ortreten des Apostels im ersten Evangeliun), so dass eben dieses einst dem »s&ch- sischenAnonymusoals das eigentliche Petrusevangelium erscheinen woUte.* Matthaus hat nicht bios eigene Petrusanekdoten, wie 14,28 — 31. 16, 17—19. 17, 24 — 27, sondem schiebt ihn auch, vielleicht aus oben- angedeutetem Grund, 15, 15. 18, 21 in den Zusammenhang seiner Er- Eahlung ein, wie er ihn im Apostelkatalog 10, 2 als TtQwrog hervorhebt. Im ganzen Evangelium ist es Petrus allein, der sich fur befugt erachtet, tmrnittelbar mit dem Herrn zu verhandeln.' Auf ganz unrichtigen Vor- aussetzungen uber das Quellenverhaltniss beruht es dagegen, wenn Hil- genfeld gerade in der Auslassung von Mt. 14, 28 — 31, sowie in der Differenz zwischen Mr. 6, 51. 52 und Mt. 14, 33 (angeblich hervorge- gangen aus dem Interesse, das spatere Petrusbekenntniss hervortreten zu lassen) deutliche Anzeichen des Petrinismus merkt. * Unbefangener Weise kann jedoch in den zuletzt erwahnten That- sachen keine Instanz gegen die Beziehung erkannt werden, in welche wir die erste unserer Quellen zu der Person des Hauptapostels gesetzt haben. Denn die angefuhrten Stellen erledigen sich zum Theil durch Erwagung der anderen Stellung, welche das erste Evangelium gegen- uber dem zweiten zu dem Christenthum der Urapostel einnimmt (§. 23), theils aus der Celebritat des Mannes uberhaupt , an dessen Person sich leicht noch einige, von Matthaus und Lucas aufgcfangene, vereinzelte Anekdoten und Sagen knupfen konnten. * Dagegen scheinen Stellen, wie Mr. 5, 37. 41—43. 8, 29—33. 9, 5. 6. 10, 28. 11, 21. 13, 3. 14, 13 =: Lc. 22, 8. 14, 37. 47 und die Verleugnungsgeschichte ganz un- 1) Evangelische Oeschichte, I, S. 61 f. — 2) Die Evangelien, S.S ff. Vgl. KOst- lin, 8. 105 f. — 3) Ritschl: Evangelium Marcions , 8. IST. — 4) Evangelien, 8. 186 f. — 5) Hiertlber vgl. besonders Weisse: Evangelische Geschichte, I, S. 63. 24« Digitized by VjOOQ IC 372 POnftes Capitel. gezwungen auf die Mittheilungen des Petros zuruckgefuhrt werd^i zu konnen. * Diesen Beobachtungen kommt nun der bekannte Umstand entge- gen^ dass Justin die ^ nur im zweiten Evangelium vorfindliche^ Stelle Mr. 3, 16 als in den dnofLivf^fiovevfiaTa IlhQOv enthalten anfuhrt.* So finden wir denn noch neuerdings jene Stelle des Justin von KitschI/ Kostlin,* Meyer,* Weiss' und Christianus^ geradezu auf unr seren Marcus bezogen. Andererseits hat Hilgenfeld jene Stelle be- nutzt, um einem, unserem Marcus vorangehenden, von ihm zu unter- ficheidenden, Petrusevangelium Existenz zu verleihen;^ und Kostlin ist ihm in dieser Hereinschiebung des Petrusevangeliums gefolgt. • In- sonderheit woUte Hilgenfeld in dem Petrusevangelium des Justin jenes unkanonische Evangelium erkennen, dessen Benutzung durch. Ju- stin nicht wohl geleugnet werden kann; es sei, wie auch Zeller** wahrscheinlich findet, identisch gewesen mit dem papianischen Urmar- cus, eine Hauptquelle fur unser zweites Evangelium. Aber Hilgen- feld und Kostlin zerreissen alle und jede Verwandtschaft dieses Petrusevangeliums mit unserem zweiten kanonischen dadurch, dass sie die Citate, die sich bei Justin aus Lucas finden, auf dieses Petrus- evangelium zurackfuhren, vornehmUch daher auch die Geschichte y scheitert ubrigens schon an Lc. 1^1. Dass Lttcas ein standiger Begleiter dei Paulus war^ ist ansser allein ZweifeL Auch abgeaehen vom ColoMerbriefgrosst Paulus mehrfach von ihm (Fhilem. 24. Vgl. noch 2. Tim. 4> 11. Schwerlich gehdrt hier* her auch 2. Cor. 8> 18). ^ Vielleicht ist er mit dem Apostel in Bom ge- storben. Dies ware um so glaublidier^ wenn die> seit Act. 16^ II in den Zusammenhang der Apostelgeschichte eintretende^ erste Person wirk- lich keine> bei der schliesslichen Redaction stehen gebliebene^ Bedeform eines Timotheus oder beliebigen anderen Quellenschriftstellers ware^ sondem den Lucas selbst mit einschlosse. ^ Dann schliessen sich auch die Abfassungsverhaltnisse des Evange- liums dahin weiter auf^ dass Lucas ^ der in dem ^fiaig enthalten zu denken ist, sich dem Apostel auf seiner zweiten Missionsreise in Troas anschloss, aber in Philippi zuruckblieb, um denselben auf seiner letzten Beise nach Jerusalem zu begleiten. Er ware also einige Wochen daselbst geblieben, um dann zwei Jahre lang mit dem Gefangenen in Casarea zu- zubringen. An beiden Orten hat er die, meist judaische Localitaten be- ruhrende, Geschichtstheile gesammelt, die er in A einfugt; der, in Ca- sarea sich aufhaltende (Act. 8, 40. 21, 8), Diakon Philippus and seine vier Tdchter (21, 9) bieten sich ganz naturgemass als derartige Quellen dar, namentlich auch hinsichtlich der 9, 52 £f. 10, 33 ff. 17, 16 S. vor- handenen Erzahlungen, in denen es sich um Samariter handelt, mit de- nen Philippus zu thun gehabt hatte (Act 8, 5 f.). ' So dient das hier Grefundene dem S. 166 f. Gesagten zur vollen Bestatigung. *' Eine alte Ueberlieferung lasst nun das dritte Evangelium in ganz ahnlicher Weise unter dem bestimmenden Einflusse des Paulus geschrie- ben sein, wie Marcus den Inhalt seiner Schrift aus der Verkundigung des Petrus geschopft haben sollte. Dies bezeugt — abgesehen von den Marcioniten, die das Evangelium geradezu dem Paulus zuschrieben^ — zuerst Irenau s: Lucas babe die Berichte des Paulus niedergeschrie- ben. ^ Nach Origenes soil er bereits unter der Approbation des Apo- stels als dritter Evangelist sein Werk herausgegeben haben, "^ und Eu- fide) und Epiphanius (Haer. 51, 11) Ofters ii^iederkehrend. Nach Theophylakt Oder Lc. 24 , 13 'war er auch bei dem Vorgang in Emmaus betheUigt. — 1) Neander (ApostoUachet Zeitalter, I, S. 340), Sohneckenburger (Zweck der Apoatelge- aehichte, S. 27 f.). Aber ygl. dagegen LekebuBch, S. 396 ff. — 2) Vgl. Leke- buach: Apostelgeschichte, S. 131 — 189. 393—402. — 3) Sohneckenburger (Ueber den Zweck der Apostelgeschichte, S. 161 ff.), Hitzig (Johannes Marcus, S. 62), Lekebusch (A. a. O. S. 413)., — 4) Sagen ttber das spfttere Leben des Lu- cas Tgl. bei Credner (Einleitung, S. 126 ff.) und Bleek (Einleitung, S. 121). — 5)Tertallian: CKarc. 4, 5.-6) Haer. 3, 1. Vgl. Euseb: K. O. 5, 8. — 7) Bei Buseb: K. G. 6, 25. Digitized by VjOOQ IC 376 Fteftet Capfttd. sebiuf meint geraden^ dis evayyilidy juoi; der paalinudien BrieCe be- ziehe sich auf die dritte kanonische Schrift.* Wenigstens alsVermndmiig Einiger berichtet dms Letztere auck Hieronymus. ^ Aber gerade daas man den dritten und zweiten Evangelisten in dieser Beziekung so pa- rallel stellte^ erweckt gereckte Bedenken^ ob man 8ich hierbei aach auf historischem Boden befinde, ob nicht vielmehr die Ueberlieferung axik erzeugt habe aos dem dogmatischen Interesse^ den beiden Evangdien der Apostelschtller eine hdhere Autoritat xa vindiciren.^ Lucae dige- stum Paolo adscribere solet — diese Worte Tertullian's^ geben je- denfalls den Idtenden Gedanken der Tradition an. Dock verkalt es sick kierbei mit dem dritten Evangeliom tkeib gunstiger^ tkeils ungunstiger^ als kinsicktlick des zweiten. Das Erstere^ insofem die unverkennbare Orundlage der ganzen Tradition , der pau- liniscke Ckarakter des Evangeliums ^ eine^ von der inneren Kritik an- erkannte^ Ikatsacke ist (§, 25). Das Zweite^ insofem ak 1) jene iwitri- stiscke Dentung von evayyiliov fiov anerkannter Maassen exegetiscb nnmoglick ist. 2) Sckon Hieronymus meint^ Lucas konne seine Be* rickte auck von anderenPersonen^ ausser Paulus , kaben; undLc. i, 1—4 erkebt diese Vermutkung zur Gewissbeit, so dass Sckleierma- cker,* Kostlin^ u. A. aus dem Prolog, weil derselbe auf die Urapo- stel zuriickgekt und des Faulus gar keine Erwaknung tkut, gegen die Autorsckaft des kistoriscken Lucas argumentirt kaben. 9) Jedenfalls muss bei Lucas ein anderes Verkaltniss angenommen werden, als bei Marcus; da Paulus for den kistoriscken Tkeil eines Evangeliums nickt in derselben Weise, wie etwa Petrus, Gewakrsmann sein konnte. AUes zugegeben, was sckon Kukn fur den kistoriscken Gekalt der paolini- scken Tkeologie geltend gemackt kat, ^ so musste Paulus seine Kenat- nisse von dem irdiscken Leben Jesu immer aus den Mittkeilungen An- derer sck6pfen. 4) Ueberkaupt erstattete Paulus keinen ausfukrlickoi kistoriqoken Berickt, sondern nakm bios die dogmatisck wickdgen Hdkepunkte der evangeliscken Gesckickte in seinen Vortrag auf. Hia> nack ist die Ansickt von Tkiersck zu beurtkeilen, derzufolge Paulus nack 2. Tim. 4, 13 sckrifUicke Aufzeicknungen far Lucas kerbeikom- men liess und so dem Evangelium zur Existenz verkalf. ^ Von der Tradition uber das dritte Evangelium bleibt daker aasser dem bibliscben Namen und der IdentitiU des Ver£ft88er8 beider €re- sckicktssckriften kauptsacklick ubrig der von der Kircke ricktig aufge- 1) K. G. 3, 4. Datselbe gibt er als Meinung des Origenei 6, 25. — 2) De vir. iU. 7: Quidam flOH^icanttir. — 3) Vgl. Ki^itlin, 8. 291. — 4) C. Marc 4, S. — 5) Einleitong, S. 239. — 6) EyaageUen^ S. 290 f. — 7) Leben Jeeu, I, S. 59 ft. — 8) Kirche im apostolischen Zeitalter, S. 158. 177. Digitized by VjOOQ IC Bogmatischez Cliankter det Matthftus. 377 fasste Gesammtohantkter des EvmngeliiuBB/ den der isichsische Anonym U8 Eumal aber^ wenn man in angedenteter Weise uber die Apostelge- schichte denkt^ durchaos nicht einzusehen. Bios insofem sie sich von dem Interesse leiten lasst^ das dritte Evangelium unter apostolischer Obhnt al^^efasst sein zu lassen und demgemass seine Entstehung^e- schichte in's Detail ausspinnt^ ist die Tradition entsehieden zu ver- werfen. $. 23. logmatischer CharsLter des latthias. Besonders seit dem Dsachsischen Anonymustt* stellt die Ten- denzkritik unseren Matthaus bekanntlich am entschiedensten unter alien Synoptikem auf die judenchristliche Seite. Sehen wir ab von bios so- phistischer Weise herbeigezogenen Stellen^ deren Angesicht zum min- desten ebenso stark nach der entgegengesetzten Seite gewandt ist^ so las* sen sich als Beweise fur die particularistische Tendenz anfuhren die^ nur bis auf Abraham zuruckreichende, Genealogie, die exclusive Mis- sionsinstruction der Apostel (10^ 5. Vgl. 7, 6. 15^ 24)^ die ausgespro- chene Unverbruchlichkeit des Gesetzes (5, 17 — 19. 11, 13. 23, 3. 23), femer die Herleitung alles Elends aus der Trubung des Gresetzes durch die Tradition (5, 20. 15, 3. 6), die Rechtfertigung aus des Gresetzes Werken (7, 19—23. 12, 38—37. 19, 17. 21, 34. 41. 25, 31 ff.), die auf die Spitze getriebene Heiligung des Sabbats (24, 20), die Hervorhe- bung des Petrus (10, 2, 16, 17 — 19), die, als lugnerische Erfindung hingestellte, Erklarung Jesu uber den Tempel (26, 61), die Darstellung Jesu als des JudenkOnigs (2, 2. 25, 31 ff.), die localen und temporalen Modificationen der Parusie (1 0, 23. 1 6, 28), uberhaupt diese ganze Escha- tologie, derzufolge das Ende Israels zugleich auch das Ende der zeit- lichen Ordnung der Dinge ist (24, 3. 22. 10, 23),* daher denn auch die naXiyyeveala des dwde7(,dqfvlov 19, 28 als dasEndziel alles geschichtlichen Werdens erscheint. Aber unwillkurlich drangen sich auch wieder Beob- achtungen von ganz entgegengesetzter Art in Menge auf. Wie contrasti- ren doch in jener Geschichte vom kananaischen Weibe Wort und That ! 1) Do Wette(Binleitiing, U, S. 207) und Hilgenfeld (Evangelieii , S. 225) bUiben daher bei der Aimabxne, dass der Verfasser ein Panliner war, stehen. — 2) Die Erangelien, ibr Geiat u. «. f. 8. 251 ff. — Vgl. dagegen: Theologiscbes Lite- raturblatt, 1846, 8. 10 ff. — 3) 8. 31 ff. — 4) KOstlin, 8. 15 ft Digitized by VjOOQ IC 378 FOnfteB CapiteL Grerade bei Heiden findet Jesus einen, ihn sdbst ub^rraschendeii Glauben^ wie er ihn in Israel nicht gefonden (8> 10. 15^ 28). Vide — h^sst es 8, 11.12— werden vom Aufgang und Niedergang kommen (vgL 24, 31), um mit den Fatriarchen zu Tische zu liegen, wahrend die Sohne des Eeichs ausgestossen werden. In dieser Kichtung enthalten ja gerade die letzten Capitel des Matthaus eine Beihe von Andeutnngen des Ueberganges des Evangeliums zu den Heiden; er allein berichtet von dem Fluch, den das Yolk uber sich herabgerufen (27, 24. 25); kein anderer Synoptiker widmet der antipharisaisclien Opposition eine solche Breite der Darstel- lung; Matthaus nur will in der Greschichte von den Grabeswachtem den letzten und grossten Betrug entlarven, welchen die Juden dem Christenthum gespielt. ^ Er allein theilt die Drohung Jesu an die Juden mit, dass das Reich Gottes von ihnen genommen und den Heiden ubergeben werden soUe (21, 43);* was hieruber schon der Taufer 3, 9 angedeutet hatte, wird in Parabeln (20, 1—16. 21, 28—43. 22, 1 — 14) deutlich genug wiederholt; wie denn auch die particularistischen Mis- sionsausspruche voUkommen aufgewogen werden durch unmissversteh- bar klare universalistische Weissagungen (24, 14) und Befehle (28, 19). Aehnlich wird die Genealogie durch die Geburtsgeschichte,' wird 24, 20 durch 12, 8, und 5, 17—19 gedeckt durch 9, 16. 17, so 5, 23 durch24, 1. 2, so 19, 12 durch 11, 18. 19, so 16, 28 durch 13, 31—33. Dazukommt, dass noch deutlicher, als selbst bei Lucas, der Werth des Gesetzes in das religiose und moralische Element gelegt wird; so an Stellen, wie 7, 12 (vgl. Lc. 6, 31). 22, 40 (vgl. Lc. 10, 26). 23, 33 (vgl. Lc. 11, 42). Auch Heiden, die das Gebot der Liebe erfullt haben, werden selig (25, 31—45. Vgl. 11, 22. 12, 41. 42). Ja selbst in der Vorgeschichte sind es nicht, wie Lc. 2, 11 Juden, sondern Heiden, die Christum, wenn gleich als Judenkonig, zuerst anerkennen (2, 11. 1 2). Schon Schwegler sprach daher von einer ungleichartigen Com- position des ersten Evangeliums ; es enthalte verschiedenartige Schiif- ten und sei ein zufalliges Aggregat successiver Entwickelungsformatio- nen der evangelischen Geschichte auf Grundlage des Hebraerevange- liums. ^ Noch vorsichtiger hat dann Baur die Unbefangenheit des Evangelisten im Ganzen anerkannt,* wogegen Hilgenfeld und Kostlin eine auf Grand von ^ entstandene judenchristliche Schrift von einem spateren Katholiker uberarbeitet sein lassen, nur dass Letz- 1) WeiBs, S. 35 f. — 2) Vgl. gegen Kftstlin's (S. 25) Abschiwachung die Ent- gegnung Hilgenf eld's (Evangelien, S. 97). — 3) Vgl. ttber den oniTersalutischMi Charakter deiselben besonders Hilgenfeld: Eyangelien, S. 51 ff. — 4) Nacbapo- ^stolifcheB Zeitalter, I, S. 24S. — 5) Theologische Jahrbdoher, 1843, S. 550—564. Evangelien, S. 578 ff. 612 ff. Digitized by VjOOQ IC Dogmatischer Charakier des Matthftus. 379 terer im Grunde bios die Stellen 21^ 43. 28, 19. 20 dem Bearbeiter zu- sckreibt, ^ wabrend Hilgenfeld auf seine Uechaung mit Bestimmt- heit 1, 18—2, 23. 4, 13—16. 23—5, 1. 7, 28—8, 1. 5—13. 17. 9, 35. 11, I. 12, 17—45. 13, 1. 10—23. 35—43. 49—52. 16, 9. 17, 22. 23. 20, 1—19. 21, 33 — 44. 22. 1—14. 24, 1—25, 46. 26, 6—13. 27, 3— 10. 19. 52. 53. 62—66. 28, 11—15 setzt.^ Nun hat sich uns aber er- -wiesen, dass Matthaus die Quellen A und A voraussetzt, und dass das Meiste von Dem, was als judaistisches Tendenzwerk des ersten Evan- geUums figurirt, einfach aus diesen beiden Schriften herubergenonunen ist, zom Theil allerdings auch an Stellen, wo Marcus und Lucas An- stoss genommen haben. Aber auch uber die dogmatische Beschaffenheit jener Quellenschriften darf man sich keinen voreiligen Auffassungen im Sinne der Tendenzkritik hingeben. Sie stellen nichts weniger als denjenigen Farteistandpunkt dar, den man als vom spateren Judenchri- stenthum eingenommen kennt. Vielmehr sind sieFroducte des primitiven Christenthums, einer allerdings noch beschrankt palastinensischen Be- ' ligionsform, die aber erst durch Ablehnen aller, in ihrem Frincip doch angelegten, fortbildenden Machie zum abgeschlossenen Ebionitismus wurde. Man kann die erste Quelle einseitig finden, wenn man z. B. nur Mt. 15, 24 herausreisst und, anstatt zu bedenken, dass in derselben Quelle auch Mt. 8, 10 = Lc. 7, 9 stand (S. 77 f.), vielmehr den Hil- genfeld'schen Beschluss unterschreibt, wornach Mt. 15, 21—28 als Aequivalent fur Mt. 1 5 , 24 auf Rechnung des Bearbeiters zu bringen ware.' So kann man auch unserer zweiten Quelle judaistische Einseitig- keit zuschreiben, wenn man sich etwa bios an Mt. 10, 5. 6 halt und vergisst, dass Mt. 8, 11. 12 = Lc. 13, 28. 29 in derselben Schrift zu lesen war, vielmehr das obige Hilgenfeld'sche Decret auch auf diese Stelle anwendet. Aber dieses Verfahren geht eben noch acht philoso- phisch vom Granzen aus und beurtheilt darnach das Einzelne, welches dann nolens volens in diese Behandlung sich fugen muss. Die x>histori- 8che Schule a wurde daher besser gethan haben , wahrhaft historisch zu Werke zu gehen und aus dem voraussetzungslos untersuchten Verhalt- niss der evangelischen Geschichtserzahlungen die Thatsache zu consta- tiren, dass jene beiden, spater in ein gegensatzliches Verhaltniss zu einander getretenen, Factoren des Urchristenthums im Bewusstsein des Stifters vereint beisammen lagen, daher auch in den ersten schriftstel- lerischen Darstellungen noch in unbefangener Nachbarlichkeit sich vor- finden. Baur selbst hat fur eine derartige Auffassung der Sache die 1) EvangeUen, S. 44. — 2) Evangelien, S. 106 ff. — 3) Evangelien, S. 67. 86 f. 107. Digitized by VjOOQ IC )S0 Ftinftee Ci^itel. trefflichsten Anhaltspunkte geliefert und geseigt^ vne es nur mit natAr- Hchen Dingen zuging, wenn dann die erste Greneration und der nachate Elreis^ der sich um den Mittelpunkt bildete^ vorzngsweise an die histo- rische Form y an die nationale Seite des Selbetbewusstseins Jesu sich gebalten hat. ^ So ist der Befehl Mt. 1 0> 5. 6 eben einfach als historiach an- zuerkennen und schon desshalb daraus nichts auf die judischen Liebha- bereien des ersten Evangelisten za schliessen^ wenn auch 28^ 18 — 20 gar nicht in demselben Buche stunde. Ebenso kann auch nur die Verken- nung der positiven Stellung, die Jesus dem alttestamentlichen Gesetz ge- genuber einnahm^ zuUrtheilenVeranlassung geben, wie sie in Bezug auf die Bergpredigt des Matthaus ofters gehort wurden. Gerade diese Bede zeigt viebnehr, wie einmal der Inhalt der Quellen selbst nur mit Gewalt- samkeit auf spatere Verbal tnisse bezogen werden kann^ und wie anderer- seits Matthaus durch die Art^ in der er seine Quellen bearbeitet, Dasjenige^ was ihm selbst von judenchristlichem Geprage noch anzukleben scheint, aufzuheben trachtet. Wenn Stellen, wie Mt. 5, 1 7 — 19. 7, 6. 21 — 23 den Tubingem nur um so mehr Veranlassung scheinen , Matthaus zum jo- daistischen Tendenzschriftsteller zu machen^ so findet sich ja die erste Stelle der Sache nach auch Lc. 16, 17, stand also theilweise wenigstens (S. 176) in u obwohl das Judenthum ihn nicht als solchen anerkennen will a. ' dEs hat ebenso einen judaisirenden Charakter^ sofern es die Tbatigkeit Jesu auf das judische Volk beschrankt und Jesum in ein durchaus posi- tives Verhaltniss zum alten Testament und namentlich zum inosaischen vofwg setzt, als aacli einen antijudischen^ sofern es die Unempfanglich- keit der Nation nnd ihrer Haupter gegen das ihr dargebotene Heil stra- fend hervorhebt und die Erhabenheit der Lehre Jesu uber die judiscbe (pharisaische) Gesetzesauffassung mit allem Nachdruck hervortreten lasst. a^ Bei dieser apologetisch-polemischen Tendenz der Schrift ist aber anzunehmen^ dass der Verfasser sich die Mdglichkeit, dass ausser Ju- denchristen auch noch wirkliche Juden sein Werk lesen werden , kei- neswegs als ausgeschlossen gedacht habe. Das Judenchristenthum will er schutzen und im Bewusstsein seines Bechts starken^ das Judentbum selbst angreifen. Daher denn bekanntlich die haufigen Citate des A. T. zum Nachweise^ dass die Erscheinung Jesu wirklich die Erfullung wie der Weissagung, so auch des Gesetzes darstelle.* Dabei ist besonders auch auf solche Stellen zu achten , wo Matthaus mit Bucksicht auf den, von den Juden den Christen beigelegten, verachtlichen Namen der Na- zarener oder Galilaer beweist, dass der Messias schon nach den Prophe- ten aus Nazareth kommen (2, 23) und in Galilaa wirken soUe (4, 14 — 16). Dahin gehoren aber auch eigenthumliche Alterationen, die Mat- thaus in der Geschichtserzahlung selbst anbringt um der alttestament- lichen Beminiscenzen willen, die er zu erwecken beabsichtigt. Er tragt offenbar alttestamentlich-prophetische Zuge in die Geschichte Jesu hinein, wenn er 21, 5 wegen Zach. 9, 9 von zwei Eseln, 26, 15 wegen Zach. 11, 12 von dreissig Silberlingen, 27, 34 von o^og (Liera x^^^Q ^^ gen Ps. 69, 22 und 27, 43 von Schmahungen nach dem Muster Ps. 22, 9 berichtet. Einen ganz besonders judischen Charakter tragen-auch und sind auf den judischen Glauben an den, die Seelen der Frommen aus dem Hades befreienden, Messias berechnet die Wunder, die Matthaus allein, als die Messianitat des eben Gestorbenen beweisend, erzahlt* Auch sonst sind alle grosseren eigenthiimlichen Partien dieses Evange- liums nach alttestamentlichen Typen gebildet, wie sich in der Vorge- schichte nur die Geschichte des Moses und des Auszugs aus Aegypten, in dieser Bergrede nur die Gesetzgebung auf Sinai in hoherer Form wiederholt.* So weisen auch die dem Matthaus angehorigen nqo^ata to, dnoXwXoTa %ov oYyiOv ^loqarjk auf bekannte alttestamentliche Aus- drucke zuruck, und wird ihnen gegenuber Jesu die Stelle des messia- 1) A. a. O. S.8. — 2) A. a. O. 8. 15. — 3) Ewald (Jahrbftcher, H, S. 211.), Meyer (Zu Matthftus, S. 19 f.), Hen gs ten berg (Evangelische Kircbenzeitanf , 1858, S. 630). — 4)K68tlin, S. 9. 28 f. — 5) KOstlin, S. 29. Digitized by VjOOQ IC DogmatUcber Character des Matthftus. 383 nischen Hirten Ez. 34^ 23 zaerkannt.^ Die aUgemeine Absicht> das Vorhandensein der messianischen Merkmale an Jesu nachzuweisen^ liegt aber auch der Geechichtserzahlung im Grossen und Ganzen za Grande^ besonders der Hinweisung auf die, in erster Linie nur sseinem Volkea (1, 21) zugewandte, holfreiche und erlosende Thatigkeit Jesu — womit sich die, ids Indicium des Fartdcularismns missdeuteten, Stellen 10, 5. 6. 23. 15, 24 eriedigen. Aber auch in den Reden Jesu hebt Matthaus mit Vorliebe und Ausfuhrlichkeit Alles hervor, was eine bestimmte Bezie* hung auf die Juden als Volk Gottes, auf ihr Verhftltniss zum Gesetz und zum messianischen Heil hat, wie namentlich die dem Matthaus eigen- thumlichen Partien der Bergpredigt zeigen , welche Bede, ahnlich wie die andere in Cap. 23, auch durchgangig das Bestreben verr^th, Jesum in Opposition nicht sowohl zu dem Gresetze selbst, als zu der, im rabbini* schen Judenthum geltenden Form desselben, also zu den pharisaischen Auslegungen und Ueberlieferungen erscheinen zu lassen.^ Wenn daher der Verfasser mehrfach gegen A die Sache so darstellt, als seien nicht nur Pharisaer und Schriftgelehrte, sondern auch PharisSer und Saddu- caer die unter sich verbtlndeten Gegner des Himmelreiches gewesen (3, 7. 16, 1. 6. 11. 12), so h&ngt auch dieser ungeschichtliche Zug da- mit zusammen, dass der Verfasser von dem Gesichtspunkte ausgeht, nicht das Judenthum als solches, sondern die herrschenden Secten und Richtungen desselben seien die Hauptfeinde Jesu gewesen.' Es steht sonach fest, dass das erste Evangelium auf jeden FaU in einer sehr nahen und positiven Beziehung zum Judenthum steht. Da- her enthalt es so Vieles , was als von speciell judischem Interesse von den ubrigen Evangelisten ausgelassen wurde, weil es fur das christliche Bewusstsein als solches keine Bedeutung mehr haben konnte. Das Evan- gelium setBt ein, aus der nationalen und religiosen Einheit mit dem Ju- denthum noch nicht herausgetretenes, sondern noch innerhalb ihrer sich bewegendes, Bewusstsein und zugleich Zustande der christlichen Ge- meinschaft voraus, die noch ein ganz theokratisches Geprage tragen. Daher jene eigenthumliche Quelle, der die Stellen von der Binde- und Losegewalt der Apostel und die Regeln uber die Kirchenzucht entnom- men sind (S. 161); daher aber auch Jesus schon in der Bergrede als Gesetzgeber und kunftiger Bichter auftritt, wie andererseits die Para- beln es wieder vorzugsweise mit dem Weltgericht zu thun haben, welches der erfullende Vollender des mosaischen Werkes halten wird. wDas Evangelium soil offenbar zugleich ein , die wichtigsten Seiten des Le- 1) So viel ist wabr an Weiss e's Behauptung, dass beide Stellen als Interpola- tionen des Schlussredactors zu betrachten seien. Vgl. Evangeliscbe Gescbicbte, S. 526. Erangelienfrage, S. 154. — 2) KOstlin, S. 12. — 3} Kdstlin, S. 13. Digitized by VjOOQ IC 384 Fdnftes Ci^ital. bens xmA Thuns vollstandig umfassender^ Codex der chrifitliclien Ge- setzgebuDg sein. a ^ Nur auf ein judisches Bewusstsein kann es auch berechnet sein^ wenn so grosser Werth auf die Zahlenverhaltniase eben in diesem Eyangelium zom Untersdiiede von den andani gel^ wird (vgl. S. 171. 200). Andererseits wird hier Dasjenige, was in Bezug aui Sitten und Gewohnheiten, auf religiose und burgerliche Yerhlltr nisse, auf geognq[>hische und topographische Notizen den Glaubigen aus der Beschneidung bekannt sein musste^ auch als bekannt vorausgesetzt £s wird nicht erst gesagt^ dass die ayla 7t6Xv8 4, 5. 21, 53 Jerusalem ist; es werden die Tendenzen der verschiedenen Secten niclu erst be- schrieben. Wenn 22> 23 einmal eine Erklarung bezuglich der Dogma- dk der Sadduca^ vorkommt^ die far judenchristliche Leser nicht abso- lut ndthig war 9 so bezeugt Dies bios die Abhangigkeit der Stelle von A Mr. 12, 18. * Noch mehr weisen Citate, die nur fur Kenner der pro- phetischen Ausdrucksweise (2, 23), des TJrtextes (§. 17), der helmi- schen Sprache (1, 22) verstandlich waren,' auf das palastinensische Ja* denchristenthum oder doch auf ein, in Verbindung mit dem Stammlande stehendes, Judenchristenthum hin. Dagegen kann der Umstand, dass besonders merkwurdige Namen gedolmetscht sind, nicht geltend ge- macht werden; denn die Hauptstellen 27, 33. 46 ruhen einfach auf dem Vorgange von A, und 1, 23 wird mehr als gedeckt durch 1, 21, wo die, dem Schriftsteller vorschwebende, Dolmetschung zum Verstandniase des Zusammenhangs viel ndthiger gewesen ware (ygl. Sir. 46, 1). Nach alien diesen Indicien mussen wir bei dem Besultate stehi^ bleiben, dass das Evangelium, fur den Gebrauch Ton Judenchritten be- stimmt, nach ihren Bedurfnissen und Interessen eingerichtet ist, ohne aber desshalb den dogmatischen Tendenzen der sp&ter abgeschloes^ien Partei zu dienen. Ware das Letztere der Fall gewesen, so hJkUe diese Fartei aus unserem ersten Evangelium sich nicht erst ein Apokrjrphon zurechtzuschneiden ndthig gehabt, und der Ebionit Symmachus hitte grundlos seine Folemik eben gegen es selbst — und nicht etwa g^en eine spatere katholische Bearbeitung desselben^ — gerichtet.^ $. 24. ••gMatiseher CharaLter des lareas. Das zweite Eyangelium ist im Ganzen wenig lehrhaft. Zwar wird wiederholt berichtet, dass Jesus zu dem Volke tdv Xoyov redete (1, 21. 2, 2. 6, 34. 10, 1. 14, 29), aber nur 4, 2 — 34 haben wir eine ausfuhr- lichere Inhaltsangabe. Daraus allein wird kein Unbefangener ein Merk- 1) K58tlin, S. 28.— 2) Weiss, S. 48 f. — 3)K0itlin, S. 35 f. — 4) Ge- gen SchwegUr, S. 247 f. — 6) Eusebius: K. G. 6, 17. Digitized by VjOOQ IC Dogmatischer Charakter des Marcus. 385 mal fur die Bezeichnung des Parteicharakters unsres Evangeliums ent- nebmen woUen. » Eine Vorliebe far Facten und Wunder kann bei einem Sammler evangelischer Geschicbten so frub vorkommen, als eine fur Sittensprucbe und Lebensregeln.ct^ Namentlicb aber erklart sich das Verbaltniss unsres zweiten Evangeliums, das ja an Redestoff noch armer ist, als A (S. 1 10), zu uenn der 9fads tixeifOTtoirjtog wekt aDerkanBtermaaasen anf eine, ixaxk das Cluistenthum an die Stelle des Judenthiuns getretene, Anbetong im Geist bin.* Oefters aber Bind aucb die Veckorzungen, die Marcv in aeiner Quelle eintreten lasst^ ans demadiben Interese geflossen. So vieUeicht achon bei der Bergrede, wenn er dieaelbe, abgeaeihen von ihnr Lange, etwa auch um ihrea ^bionitiac^ten Exordixima willen aAsgelatKB baben aoUte. Jedenfalls aber hat er in der ErsaUiuig yon der Kana- naerin theila gemildert, theila w^gelaiaea (S. 85). Ebesdahin gehdcea auch, wie Hilgenfeld richtig gescken hat,^ die Modificationett, welche zu A Nro. 47 und 49 S. 90 bereita nodrt wurden. Daaa eraudi in Anbetracht aeinea Leaerlareiaee 11, 17 daa nSifiP joi^ S9ifeaiv bereb- geaetjst babe, mOchten wir jedenfalls nicht mit Beatimmtheit behaupten. Wahr aber iat, daaa er, weil aeine Leeer von Gebort nicht mit dem altei Teatament vertraut waren, auaser der oben beurtheilteti Stelle 1, 2 km alttestamentlichea Citat den in A vorliegenden mehr betfugte. Vabet- triebener Scharfainn iat «a endlich, wenn Hilgenfeld in den Stel* len Mr. 9, 38. 39. 50 berdita die Duldnng dea pauliniaohen ChriaW- thnma vorgeachlagen s&eht;^ und nur der uppigajbe Schoaaliog der left* doEiskritik konnte aus den vorgefnhrtein Daten achUeaaen, daa gaxise Evangelium muaae ein Parteiprogramm der pauliniachen Richtnng seia (S. 41 f). Lieaae dch doch aua 9, 1 und der eediatologiachen Bede noch genug Judenchrifitentbum suaammenleaen, um auch bezuglich det Ma^ cua von zwei direct tich entgegenatehenden Bedactionen zu aprechen — wenn aolches uberhanpt noch an der Zeit ware. Schon im Kaherigen haben wir den Leaerkreia, fur den das iwote Evangelium bestimmt iat, als maaasgebend far aeinen dqgmatiBchen Chari^ter — aoweit ein aolcher vorfaanden iat — kennm gelemt Nim weiat ab^ achon die Sprache auf Heidenchriaten bin. Wir haben nim* lioh alle Uraache, unaeren griechiacdien Text ala Original zu betxaditen* Zwar beatr^tet daa ein akea Zeugnias der Feachito, daa von dner romi- achen Predigt des Marcua wiaaen will. Dem tritt aber Hieronymai gegenuber mit der auadrucklichen Bemerkung , hloe Mattk&ua aei or- 1) BauT (ETangeUen* S. 141)» Hilgenfeld (MarouBerangelixim, S. 127. Jtmt' gelien, S. 146)» KOstlin (Erangdien, 8. 3U). — 2) EvangeUen, a 149, _ a)Sn»- gelien, S. 140. 146. Digitized by VjOOQ IC Dogmatificher Charakter dee Marcus. 387 sprunglich nicht griechisch geschrieben gewesen.* Offenbar hangt die Sage von einem romischen Original bios an jenen^ den romischen Aufenthalt des Petrus mit hineinziehenden, Voraussetzungen uber die Abfassangsverhahnisse des Marcus (S. 367). Liessen sich diese auch rechtfertigen, so ware damit doch noch keineswegs die Wahrscheinlicb- keit einer lateinischen Urschrift des Marcus gegeben. Vielmehr hat zwar das Mittelalter geglaubt^ eine solche entdeckt zu haben , ja selbst Baronius liess sich noch tauschen ; ^ seitdem aber Dob rows ky die- ses Fragment herausgegeben und als ein Stuck der verbesserten Ueber- setzung des Hieronymus erwiesen hat,* ist man allgemein davon zurttckgekommen ; wie auch das koptische Original, von dem Wahl sprach, dem Reich der Phantasie angehort,* schon desshalb, weil da- mals in Alexandria noch gar nicht koptisch gesprochen wurde. Es ha- ben daher schon dieVertreter der alten Orthodoxie,* dann Eichhorn,* Schott,^ DeWette,® Wilke,* Schleiermacher,*<> Credner,** Bleek^ die griechische Abfassung unseres Evangeliums festgestellt. Somit hat sich fur das zweite Evangelium ein Resultat ergeben, das in genauem Zusammenhang mit unseren Ansichten uber die Com* position und das Quellenverhaltniss der Synoptiker uberhaupt, nament- lich uber den Charakter von A und ^ steht. Nach dem, was S. 379 in letzter Richtung sich ergeben hat, konnen wir nun sagen: Nicht der Tendenacharakter der Quellenschriften war es, was ihr Zurucktreten in der spateren Kirche bedingte ; sondern ihre stoffliche Differenz war von der Art, dass AUes dazu aufforderte, diese Differenz entweder dadurch noch zu scharfen, dass man, wie ^ nur Redestoff enthielt, so A auf bios geschichtlichen reducirte (unser zweites Evangelium), oderaber sie ganz aufzuheben durch Combinationsversuche beider Quellen, wic^ sie beiMat- thAus und Lucas vorliegen. Weiter ist tlber eine sogenannte Tendenz des Marcus nichts mit Sicberheit zu sagen. — Es beruht auf voUstandiger Verkennung des eigen- thumlichen, epischen Charakters des zweiten Evangelitrms, wenn die T&binger Schule es durchaus unterbringen woUte in den Eterarischen ParteikAmpfen der nachsten hundert Jahre nach Christus; »und wenn man nun scUiesslich seinen Tendenzcharakter nur als den der Neutra- lit&t bezeichnen kann, so heisst das doch in der That nichts Anderes^ als eingestehen, dass eben keine Spuren einer Tendenz in diesem Sinne 1) J>e Tif. ill. 8. -- 2) Annal* ad annum Cfar. 4$. No. 41. -- 3) Fragmentnm PragenBe eyangelii S. Marci, Tulgo autograph!, 1778. — 4) Magazin fdr alte, beaon- ders morgenllndiache und bibliache Literatur, 1790, 3, 8. 8. — 5) Credner: Einlei- tung, 8. 121. — 6) EinleitUBg, I, 6. 461 f . — 7) laagoge, 8. 89. — 8} Einleitung, II, Q, 204. — 9) Ureyangeliat, 8. 407. — 10) Studien und Kritiken, 1832, 8. 758 ff. — il) Einleitung, 8. 124 ff. — 12) Einleitung, 11, 8. 47 f. Digitized by VjOOQ IC 388 Fanftes Capitel. vorliege.tt* Fast) verschollen sind derinalen die Versuche Schweg- ler's, in dieser Farblosigkeit des Marcus einen bestimmten Contrast gegen die Farbe des Matthaus zn erkennen.* Dass bei Marcus jene Ci- tate des Matthaus fehlen, beweist nach Schwegler seine Verwerfung j udischer Prophetie (aber vgl.oben S. 263f. ); dass der vlogJavtdvor 10, 47 nicht erwahnt wird, beweist die Verwerfung der Davidischen Abstain- mung (aber vgl. §. 27); dass der Herr 4, II zu den €?« in Parabdn redet, ruht auf dem Unterschied von Klefikern und Laien (aber vgl. S. 188); ferner soil Marcus es vcrmeiden, controverse Fragen zu bwut ren, wie uber Speisen (aber 7, 1 — 23), uber Fasten (aber 2, 18 — 22), fiber dieEhe (aber 10, 1 — 12), uber Armuth (aber Mr. 10, 17—31). Noch Genaueres wusste in dieser Beziehung Baur zu sagen, dessen zuerst in's Feld gefuhrte Griinde' aber von Hilgenfeld widerl^ wurden.* Dieser namlich erkannte mit Scharfsinn, was lange derTu- binger Schule verschlossen geblieben war, dass im zweiten Evangelium ein innerer Fortschritt in der Geschichte Christi statt hat (§• 29), so dass auch Baur anfing , sich ein gunstigeres Urtheil ilber den Marcus lu bilden und sogar von einem, den Marcus gegenuber dem Matthaus und Lucas auszeichnenden, historischen Charakter seiner Darstellung zu re- den, vermdge deren es ihm gelungen sei, sein Evangelium auf eine Stufe zu erheben, wauf welcher es den andem, an Originalitat undhisto- rischer Bedeutung so weit uber ihm stehenden, Evangelien sich eben- burtig zur Seite stellt. a* Aber auch Hilgenfeld konnte uber den Tendenzcharakter des zweiten EvangeUums nicht zu volliger Unbe- fangenheit gelangen , da er einerseits an seiner Abhangigkeit von Mat- thaus festhielt, andererseits uber die Tendenz des auf Marcus auferbau- ten Lucas sich starken Ulusionen hingab. So spricht er denn bestdndig von einer milden vermittelnden Richtung des zweiten Evangelisten, dessen Grundsatz es sein soil, sich ausserhalb der principiellen Contro- verse zu stellen, jedoch unbeschadet seines wesentlich judenchristlichen Geprages, womit er wieder ganz auf den Standpunkt Schwegler's zurackkehrt, der schliesslich auch nichts Anderes zu sagen weiss^ als im zweiten Evangelium werd^ AUes ausgelassen, was den Judenchristen im Lucas, den Heidenchristen im Matthaus habe anstossig erscheinen konnen, und so habe man eine Schrift, deren Motto in dem Satz : in ne cessariis unitas, in dubiislibertas ausgesprochen sei, auch auf den Marcus zurttckgefuhrt, der ja als Mittelperson zwischen Paulus und Petrus cr- scheine.* Wenn dann aber Kostlinandie Stelle aller andem tendcn- 1) Weiss, S. U89. — 2) Nachapostollsches Zeitalter, I, S. 455 ff. 470 ff. - 3) Evangelien, S. 539 ff. 561 ff. — 4) Marcusevangelium , 1850. — 5) MarcuscTange- Uum, S. US. 150. — 6) A. a. O. S. 478 ff. Digitized by VjOOQ IC Dog^atischer Charakter dee Lucas. 389 ziosen Momente die Hervorhebung der GSttlichkeit der Person Jesu stellt, alsbald aber einraumen muss ^ dass auch diese nicht doctrinell^ sondern durch unmittelbare geschichtliche Darstellung dargethan wer- den solle^^ so sagt er doch damit schliesslich auch nichts Anderes^ als dass die Teudenzkritik hinsichtlich unseres Evangeliums an sich selbst irre geworden ist und sich wieder auf eine historische Auffassung des Inhalts gewiesen sieht. Aus unsrer ganzen Untersuchung hat sich herausgestellt, dass Mar- cus weder den Matthaus, noch den Lucas gekannt haben kann; wenn Dies noch einer schliesslichen Bestatigung bedurfte, so lage sie gerade in dem aufgefundenen Charakter des Evangeliums. Sein Standpunkt w&re dann immer ein unbegreiflicher , sollte er etwa bios Matthaus — wie Hilgenfeld meint — oder, nach Baur, Matthaus und Lucas gekannt haben. Beidemale hatte er, der Absicht seines ganzen Schriftstellei^ thums zuwider, alle universalistischen Ziige, in denen Matthaus und Lucas ilber A hinausgehen, ausgelassen. $. 2S. ••gudscber Cluurtkter des licas. Das interessanteste Licht, welches die neuere Kritik auf das dritte Evangelium fallen liess, betriflft seinen paulinischen Charakter, in des- sen allgemeiner Anerkennung man seit Gieseler^ einig ist. Am uber- triebensten hat diese Entdeckung ausgebeutet der »sachsische Ano- nymus,a der nichts als einseitige Judenfeindschaft und » schneidende Satyre a gegen Petrus, Persiflage des Matthaus und dergleichen im Lu- cas wahmimmt.* Zeller,* Schwegler* und Ritschl® untersuch- ten die Sache gen^uer und kamen zu dem, auch von Kostlin^ ge- theilten, Resultat, es seien in unserm Lucas divergirende Richtungen, Elemente sowohl paulinischer , als judenchristlicher Art, in conciliato- rischer Weise vereinigt. Spater hat Schwanbeck wieder die Spuren paulinischer Auffassung zu leugnen versucht,® wahrend gegentheils, und zwar jelanger je mehr, auch Baur selbst,^ in gelinderer Weise auch Hilgenfeld,*® in schrofferer Volkmar** den antijudaistischen Tendenzcharakter betonten. 1) Evangelien, 8. 316. — 2) S. 126 ff. — 3) S. 16 ff. 20. 27. 47 f. 51 f. 175. 246. Diese Kritik ist nbrigens von Baur selbst gerichtet worden: Evangelien, S. 522 — 531. — 4) Theologische Jahrbtlcher, 1843, S. 59 ff. 626 f. 1851, S. 275 ff. Apostelge- •chichte, 8. 432 ff. ~ 5) Nachapostolisches Zeitalter, II, 8. 39—73. — 6) Evangelium Mansion's, 8. 177—202. — 7) Evangelien, 8. 182. 216. 262. — 8) QueUen der 8chrif- ten des Lucas, I, 8. 127. — 9) Evangelien, 8. 42S ff. 445 ff. 501 ff. Christenthum der drei ersten Jahrhunderte, 1860, 8. 73 ff. — 10) Evangelien Justin's, 8. 474. Evange- lien, 8. 153 f. 220 ff: — 11) Theologische JahrbUcher, 1850, 8. 215 ff. Evangelium Harcion's, 8. 22$ f. Digitized by VjOOQ IC 390 FOnftet Capitel. Fur UDs f&llt nun ein^ in der Voraufisetiung d^ m^ten Genann- ten vorhandener, Hauptanhaltspunkt der Tendenjikritik von vomherein hinweg , namlich die bestandige Bucksichtsnalime auf das erste Evan- gelium/ das angeblich bei jeder Auslassung, die auf Seite des Lucas gegenuber dem Matthaus vorkommt, corrigirt worden sein soil. Was fiir eine paulinische Correctur ware es auch, die gerade den Befehl zurHa- denmission Mt. 24, 14. 28 , 19 ausgelassen haben wurde! Dagegenist vor Allem anzuerkennen , dass das Recht der Heiden^ in's gottUche Beich aufgenommen zu werden, bei Lucas mit aller EntBchiedenhmt be- tont und vor alien Beeintrachtigungen gewahrt erscheint. Nach Lucas Ut Jesus uberhaupt gekommen t,fiTrjaai nal owoai to dnoJUoXdg 19> 10. Eristalso f^ das menschliche Geschlecht uberhaupt da, und wurde daher schon fruhe (Chrysostomus, Luther u. A.) eine derartige nniversaUstische Tendenz in der, bis auf Adam zurucklangenden , G^ nealogie 3, 23 — 38 bemerkt. Ein solches Geschlechtsregister hat for Lucas uberhaupt nicht die Wichtigkeit, dass er es, wie Matthaus, ak Introduction aufzustellen veranlasst ware. Auch ist es nicht der k5- nigliche Zweig des Davidshauses , dem hier der messianische Keim ent- sprosst, wie Jesus selbst auch wenigstens in den Gleichnissen nicht ak v)Kdniga, sondem els avd^QWitdg Tig 14, 16. 16, 1, hdchstens als or- ^Q(onog evysvi^g 19, 12 auftritt. Wie bezeichnend in diesemSinne auch Umstellungen des GeschichtsstoflFes sind, wie namentlich die Anticipa- tion der Rede 4, 16 — 30 (vgl. S. 214 f.), und Auslassungen, wie A Nro. 33 und ^ Mt. 10, 5. 6, bedarf gar keines ausfuhrlichen Nach- weises. Werden solche judaistisch klingende Stellen ubergangen, so er- scheint dafor das positive Interesse an den Heiden in dem VerhSltiUBse Jesu zu den, von den Juden als heidengleich geachteten, Samaritern. Nicht nur wird auf die Wirksamkeit Jesu in Samarien ein besondercs Gewicht gelegt 9, 52. 17, 1 1, und spielt trotz 10, 38—42 und 13, 31— 35 wenigstens dem Plane des Lucas zufolge die ganze zweite Beihe von Erzahlungen auf samaritanischem, jedenfalls auf aussergaliUischem Bo- den (S. 208 f.) : sondern es wird auch der gegen dies Volk gerichtetc judische Zelotismus zuruckgewiesen 9, 55. 56; ja es zeichnen sichSa- mariter vor Mitgliedem des Volks Israel 1 7, 1 1 — 19, sogar vor Priestem und Leviten 10, 25 — 30 vortheilhaft aus. Dagegen stehen die Aussich- ten des Judenthums schlimm genug, wie aus Jesu Klage uber Jerusalem 1) Baur: ETangelien, S. 42S: uDer eigenthUmliche Chanikter des unprtagli- «hen Lueas-ETangeUumB stellt sich Tor AUem auf negative Weise an Mnon Untv- aohied vom Matthftua-Evangelium dar.« 8. 455 : »An dem Matthiiis*£Tangeltiim haben wir allein den sicheren Maaasetab sui Beurtheilung des Charakteristiaohen nnterei Eyangeliums.K Digitized by VjO.OQIC Dogmatisohar Charaktex des Lucas. ^1 (19^ 42) u&d dem Gleichnisse vom Feigenbaum (1B> 6 — 9) au schlieasen iat. Wo aber die Sache selbst mit so klaren BeweisBfdtteln dargethan verden kann^ soUte man sich biUig huten, die Evidenz dea Besultates dnrch Uebertreibungen zu schwachen^ was geschiekt^ wenn man die Anwendbarkeit gewisser Bilder auf spatere Verhiltnisse flugs verwedot- aelt mit ihrer ersten Veranlassung und Bestimmung, der jede Beflexion auf das Verhaltniss von Judenthum und Heidenthum um so femer lag» als ja sowohl die beiden ELnecbte 12^ 47. iSy wie die beiden S6hne 15> 11 — 32 ursprunglich einem Hause^ einer Volksgemeinschaft ange- kdrig erscheinen. ^ Ebensowenig darf man Parabeln^ die Lucas selbst als antipharisaisch deutet (ygl. 14^ 15. 16. 15^ 1. 2. 16^ 14. 15), okne Weiteres fur antijttdisch erklaren; sonst ware am Ende das erste £van<* gelium noch pau^nischer^ als das dritte (S. 381). Geradezu verfehlt aber ist es^ wenn die Tubinger Kritik sogar in Erzahlungen, wie 23, 39 --4ft ▼on den beiden Schachem,^ 10, 38 — 42 von den beiden Schwestem,^ oder in der Weglassung von A Mt. 22, 11 — 14* spatere Parteiverhfilt- nisse abgebildet seben woUte. Aucb auf Lc. 13, 28. 29 soUte man sich nickt berufen, weil Mt. 8, 11. 12 dasselbe iteht, wie ja auch das, viel- leicht theokratisch gemeinte, Wort von den Ersten und Letzten sogar in A stand (Mr. 10, 31 = Lc. 13, 30aMt. 19, 30). Das Gleichniss vom Gasftmahl Lc. 14, 16 — 24 kommt noch antijudischer geformt Mt. 22, 1 — 14 zum Vorschein. Zweitens aber ist als erwiesen ansuerkennen, dass manche Stellen des dritten Evangeliums deutlich auf das paulinische Interesse an der freien Gnade und Barmherzigkeit weisen. So mag es schon ak beaeich- Bend gelten, wenn Lucas, anstatt die Fftieht der Friedensliebe mit Mat- thUus auf das Gesetz zuruckzmfuhren, dieselbe aus dem aUgemeinen, auch subjectivgefietssten, Princip des Christenthums ableitet, indem er 6, 36 statt tiksiog Mt. 5, 48 vielmehr schreibt ohtlQftfov. ^ Daher denn auch die sich zum Dienst darbietenden Aeusserungen des Eliasgeistes soruckgewiesen werden mit dem Wort ovx cXSare otov nvev fiords hna vfisig 9, 55. Wie man auch uber die Quellenverhaltnisse der drei Pa- rabeln von der Rettung des Verlorenen Cap. 1 5 denken mag, jedenfalls 1) Kdstlin, S. 224.— 2) Nacb Schwegler (S. 50 ff.) soil die synoptlsche Tra- dition im Interesse des Heidenohristenthums alterirt sein. Wo aber ist eine nachweis- iMoe Bexiefaung auf Letsteres ? Doch niefat in dem guten Oriecbisohen , waft der Scb&- cher spriobt (der wsilebsiscbe Anonjmns.c S. 197)? — 3} Baur» Zeller» der •aftcbsiscbe Anonymus,« Hilgenfeld, Scbwegler, S. 52 f. (milder Bits obi: Bvangelium Marcion's, 8. 180 f.) — wodiiroh iman mit eben so ktlbn«m» -wie unzartem Griif diese hftnslicbe Reliquie Jetu in den fremdartigea Bereicb der AllegoneTOTsetstbaU (Meyer: Zu Marcus und Lucas, 8. 390). — 4) Sobwegler (S. 62)» Ritscbl (S. 184). — 5) Ritscbl: Eyangelium Marcion's, S. 180. Digitized by VjOOQ IC 392 Fdnftes Capitei. geht Lucas in diesem Preis der barmherzigen Sunderliebe Gottes weit ttber die Parallele Mt. IS^ 12 — 14 hinaus. Durck solche dem Lucas eigenthumliche Berichte, wie auch die) sind von der Sanderin 7, 36 — 50, vom Pharisaer und Zollner 18, 10 — 14 und wohl auch vom Zak- ch&us 19, 1 — 10, hebt Lucas die paulinische Lehre von der Begnadi- gung des an sich selbst verzweifelnden Sunders in einer Starke hervor, wie keiner der andem Synopdker. Nimmt man noch hinzu, wie in die- sen Stellen die Liebe ausdrtLcklich als das Consequens der, durch den Glauben erlangten, Sundenvergebung erscheint (7, 41—50), wie die paulinischen Briefe den einfachen Commentar zu dem Ausdrucke dsdi^ 7iai(afii4vog 18, 14 bilden, oder beracksichtigt man die hierher viel bes- ser passendc Geschichte 23, 39 — 43 : so tritt das paulinische Geprage des Evangeliums mit unverkennbarster Evidenz zu Tage. Eben dahin sind zu rechnen die unnutzen Enechte (17, 10), die [dynamische Auf- fassung des Reiches Gottes (17, 20. 21), vielleicht auch das nag 16, 1^ (vgl. Mt. 11, 12. 13). In die Reihe der im paulinischen Interesse vom Verfasser producirten Elemente wurde von Strauss,* De Wette,* Gfrorer,* Theile,* Ammon,* dem t>sachsi8chen Anonymu8,€* Ritschl,^ Schwegler,« Baur,» Volkmar,**^ Scherer,** Zeller,'* Kostlin** auch die Nachricht von den 70 Jungern 10, 1. 17 gesetit Dieselben sollen einen, von den Zwolfen unterschiedenen, ihnen selbst- standig gegenuberstehenden , Jungerkreis bilden, den man fingirte, urn in ihm eine Reprasentation — sei es des Paulinismus, nach Baur — sei es der Heidenmission , nach Kostlin — finden zu konnen. Selbst Bleek erinnert daher noch an die 70 oder 72 heidnischen Vol- kerschaften des alten Testaments.*^ Aber nach dem S. 145 f. bereits Bemerkten mussen wir vielmehr annehmen, dass Lucas fur eine and dieselbe Rede, die ihm in zweierlei Quellen sich geboten hatte, ver- schiedene Zuhorer sucht. Er benutzte daher eine Tradition, deren Ent- stehen Ewald im Allgemeinen so beschrieben hat: «Als die Zwolf mehr und mehr dahinschwanden, wurden die Uebrigen, welche dea Herrn wenn auch weniger nahe und weniger bestandig begleitet hat- ten, desto wichtiger; so dass man unwillkurlich, was zuerst nur von den Zwolf gait, auf einen weiteren Kreis tlbertragen und mit einem ge- wissen Rechte sagen konnte, Jesus habe nicht nur zwdlf, sondem eine 1) Leben Jesu, I, S. 594 ff. — 2) Einleitung, II, S. 179. — 3) Jahrbxmdert d» Heils, II, S. 371. — 4) Zur Biographie Jesu, S. 51 f. ^ 5) Leben Jeeu, II, S. 355 £ — 6) 8. 24 ff. — 7) Evangelinm Marcion's, 8. ISo. 188 f. — 6) 8. 46 f. — 9) Bt«- gelien, S. 43S ff. 498 C Marouseyangelium, 8. 163. — 10} Eeligion Jesu, S. 30S. 325 f. — 11) Nonvelle revue, IV, 8. 340 f . — 12) Apottelgewhicbte , 8. 41 f. 448 f. 451 f. — 13) ^gyangelien, 8. 267 fl: — 14) Einleitung, U, S. 282. Synoptifl, 11^ S, 149 f. Digitized by VjOOQ IC Dogmatischer Charakter des Lucas. 393 weit grossere Zahl von Jiingem gebildet; da man aber dann wieder gem eine runde grOssere Zahl nannte^ so lag die Zahl 72 oder kurzei 70 nach alten und neuen Vorgangen in der Gemeinde Israel am nach* sten. ft' £s sind mithin die 70^ wie die, 12 nach der Zahl der Stamme^ ihrerseits nach den 70 Gehulfen des Moses (Num. 11^ 16. 25) und nach der Zahl der Synedristen gezahlt, wie uberhaupt ,bei den Juden die Zahl 70 oder 72 in ahnlicher Weise wie die Zahl 12 heilig war. Gerade 80 kommen ja die 72 Junger sogar in den Clementinen noch vor.^ Gleichwie also der DarstelluDg in A zufolge unter den Zwolfen Funf einen Vorrang des Alters und unter diesen wieder Drei ein personliches Privilegium besassen , also engere Kreise im Cirkel der Zwolfe ange- nommen werden muBsen, so gab es auch einen erweiterten apostoli- schen Kreis^ dessen Maasse nach der grossem heiligenZahl bestimmt wurden. Hilgenfeld selbst hat solche Andeutungen in Mr. 3, 32, 33. 4, 10. 36. 8, 34. 14, 51. 52 aufgefunden/ womit man noch Act. 1, 15. 21. 1. Cor. 15,6 vergleichen mOge. £s fehlt daher diesem Berichte alle und jede charakteristische Beziehung auf paulinische Wirksamkeit oder auf Heidenmission, mit welcher 24, 47 vielmehr die Zwolf betraut werden.* Kaum sind die Siebzig genannt, so verschwinden sie auch wieder, und in dem » neuen, freieren Wirkungskreisea sind es 9, 54. 17, 5. 18, 31 wieder die Zwolf, welche Jesu nachste Umgebung bilden. Wenn daher Ritschl,* Schwegler,^ Baur,^ Zeller,® HiU genfeld^ gewisse Bestandtheile der, an die Zwolf gerichteten, Instruo- tionsrede des Matthaus in der ehrenvoUsten und fur die Zwolf zugleich unangenehmsten Weise auf die Siebzig ubertragen werden lassen, womit sich zugleich der Tendenzcharakter des Lucas in handgreiflichster Weise verrathe, so konnen wir ihnen hochstens in dem ein em Punkt B.echt geben, dass die particularistische Stelle A Mt. 10, 5. 6 von Lucas aus- gelassen wurde, worin sich eine gewisse Tendenz allerdings verrath. Wir halten also die GeschichtUchkeit der zweiten Instructionsrede Lc. 10, I — 16 fest, wobei wir den paulinischen Charakter derselben (10, 7. 8 = 1. Cor. 9, 5 — 14. 10, 27. Der osachsische Anony- musa will auch 10, 19 mit Phil. 4, 3 und 10, 20 mit Act. 28, 1—6 vergleichen*®) in der gleichen Weise zugeben, wie uberhaupt hinsicht- lich der eigenthumlichen Bestandtheile des Lucas. Aber nicht in paulini- 1) Evangelien, 8. 2S5. Qeschichte Christus, S. 349. Geschichte des apostolischen Zeitalten, S. 158. — 2) Becogn. 1, 40. — Vgl. Hilgenfeld: Evangelien Justin's^ S. 356 f. Clementinische Reognitionen und Homilien, S. 66. Evangelien, S. 2o9. -^ K6stlin, Evangelien, S. 267 f. — 3) Evangelien, S. 147. 209. ~ 4) Meyer (Zu Harctis und Lucas, S.377), Weiss (S. 711). — 6) Evangelium Marcion's, S. 188 f. — 6) A. a. O. S. 46. — 7) Christenthum der drei ersten Jahrhunderte, S. 76. — 8) Apo^ •telgeschichte, 8. 41. — 9) EvangeUen, 8. 183 ff. — 10) 8. 25 f. Digitized by VjOOQ IC S94 FftiiftM CapiieL scher Tendenx ist der Bericht gebildet^ sondern vielmehr ooigekebrt handelt Paulas in Voraussetzung eines solchen (1. Cor. 9, 14. 2. Cor. 10, 14. Eom. 15, 20). Der paolinische Standpunkt des Lucas aber be> dingt zwar Auswahl und Darstellung des Stoffes, hier and da auch den wdrtlicken Ausdruck der uberlieferten Reden , jedock nicht so, ak ob desshalb an die Stella objecdver Geschichtsanschauung ein subjectiTer. Tendenzcharakter getreten ware. ^ Wenn aber gar 10, 20 eine polemi- sche Beziehung auf Apok. 21, 14 vorliegen soil,' so ist um so au£(al* lender, dass aus derselben Sckrift Apok. 11, 2 eiti Wort dem Herrn selbst in den Mund gelegt wird Lc. 21 , 24« Auch Hilgenf eld meint: »Da aber die johanneiscke Offenbarung 3, 5. 17, 8 auch bei Micht-Apo- stein ein Aufgeschriebensein im Buck des Lebens erwaknt, so Uobt man vielleickt am besten dabei steken, dass Lucas nur dieses kinunli* soke, allgemein ckristlicke Burgerreckt im Himmel vor Augen kat ond als das Hockste und Wesentliche uber jede personlicke AuszeicknuBg und B^[abung stellt. c^ Indem wir also die, aus der Erwaknung der Siebzig und aus Dem, was Jesus bei ikrer Buckkekr sagt, auf eine antiapostolidcke Tendeni des dritten Evangeliums gemackten, Scklusse zurUckweisen, erkennea wir YoUkommen an, dass sick gewisse Spuren bei Lucas finden , wekhe zeigen, dass ikm, dem Pauliner, die Urapostel nickt eine so kohe Stel- lung einnekmen, wie etwa dem Mattkaus, Nur will Dies nickt in der outrirtai Weise Baur's,^ der trotz 9, 10 (was gerade bei MatthaHi feklt) von der Erfolglosigkeit der Sendung der 1 2 sprickt, sondern mit BerUcksicktigung der weisen Modificationen K 5 s 1 1 i n's ^ und Z eller'i* bekauptet werden. Abgeseken yon den Stellen, die, fur das Nichive^ standniss der Janger zeugend, Lucas bios aus A kerubemimmt, dine wie Mattkaus in Yersuckung zu geratken, sie abzusckwacken, kaben wir bei Lucas die starken Erklarungen 9, 46. 51—56. 18, 34. 24, 25. 36— 43. 45. 49 , ja es sckeint 22, 32 sogar ein Abfall der Junger, wie ibn Justin' kennt, angedeutet. ® Nickt ganz mit Beckt wird zwar von Zeller Lc. 8, 21 angefukrt,* da die fAa&rjtai kier nickt von Lucas ausgelassen, sondern von Mattkaus 1 2, 49 eingetragen werden. Sollte tbef Lucas das Mattkaus-Evangelium wenigstens gekannt kaben , so li^ ei 1) Weisse (Ev. Oeschichte, I, S.91), Ritschl (Eyangelium Marcion% S.ISO. 201), Lechler (Apostolisohes Zeitalter, S. 157 ff.), Meyer (Zn Marcoi and Lucai, 8. 221). — 2) Baur: Erangelien, S.439. Christenthom der drei ersten Jidirhim^Htii 8. 76. ^ 3) Erangelien, S. 1S5. — 4} Bvangelien, S. 435 ff. MarcvserasgeMiiBt 8. 225 f. Chzistenthom der drei erstea Jahrhonderte, 8. 75 f. Vgl. amoh BitschI (Bvangelium Marcion's, 8. 187 ft) und Hilgenf eld (Erangelien, 8. 179. 181. MJ)« — 5) Evangelien, 8. 200 f. — 6) Apostelgesckiehte , 8. 448 ff. — 7) i^ol. I, ^ Dial. 53. — b) Zeller: A. a. O. 8. 449. — 9) A. a. O. 8. 450. Digitized by VjOOQ IC Bogmatischer Charakter des Lucas. 395 all^dings ganz in seinerArt^wederjene Alteration^ noch 8patere Belbst- ■tandige Zueatze des MatthauB, wie 16, 17 — 19. 18, 18 aufzunehmen. » Aber eine eigentliche Feindseligkeit gegen die Urapostel konnen wir deashalb bei ihm nicht vorauBsetzen, weil er auch Solches, das ihnen zur Ehre gereicht, selbst in Fallen, wo es Matthaus nicht hatte, aufge- nommen and Andres, was ein ungunstiges Licbt auf sie werfen konnte, entfemt hat. «^ Wie soUte er sonst dazu gekommen sein, so stark zu be- tonen, wie die Junger Alles verlassen haben (5, 11. 28. 18, 28), ja ge- rade die ausfuhrlichere Relation uber die Berufung der ersten Junger aufzunehmen (5, 1 — 11)? wie soUte er den Jungem fur die Zukunft doch wieder yerheissen 24, 31. 45. 49 , was er ihnen in der Gegenwart abspricht? Schwerlich wurde er dann 8, 10 (womach die Junger das Geheimniss des Himmelreichs besitzen) aus A, die Verheissung 22, 28 — 30 und die, ihre Empfanglichkeit constatirende, Bitte 17, 5 (sogar in gunstigerer Form als Mt. 17, 20) aus A aufgenommen haben. Dass alle Junger sprechen, wie PetruB, Mt. 26, 35 und alle auch fliehen Mt. 26, 56 — hat Lucas nicht; dafur aber lasst er den Schlaf der Jun- ger in Gethsemane in einem viel milderen und erklarlicheren (22, 45. 46) lichte erscheinen, als A, wie er denn auch den Petrus, an den die Worte in A Mr. 14, 37 ae Mt. 26, 40 gerichtet sind, nicht nennt; so lasst er auch die fatalen Betheuerungen weg, womit Petrus nach A Mr. 14, 72. Mt. 26, 74 seine Verleugnung begleitet; er hat Mt 14, 28 — 31. 17, 25 — 27 nicht, ja — was voUends beweisend ist — er lasst auch die Starke Anrede an den Satan A Mr. 8, 33. Mt. 16, 23 hinweg, wah- rend er den Petrus durch Stellen, wie 22, 31. 32. 24, 12. 34 besonders ehrt. Auch uber die Weglassung von A Mr. 10, 35 = Mt. 20, 20 kon- nen sich die zwei dort genannten Apostel wenigstens nicht beklagen.' Die Voranstellung der Scene in Nazareth ist zwar im universaUstischen Interesse geschehen, wie wir sahen , darum aber nicht als ein Hieb auf die altesten Apostel anzusehen , die allerdings jetzt nicht mehr Yeran- laasung zu Jesu Niederlassung in Kapernaum werden. ' Yiel entschiedener , als die Relation uber die Jonger, fallt far un- •eren Zweck in's Gewicht die Darstellung der Abendmahlsstiftung 22, 14 — 19. Nach Schwegler soil zwar schon Dies tendenzios sein, dass Jesus vorher das alttestamentliche Passah fur abgethan erklart. * Allein jene Worte tragen ganz den Stempel der Aechtheit, und die Unklarheit unsers Berichts erklart sich aus der Combination der paulinischen und der synoptischen Relation (S. 237 f.). UnnOthig ist demnach auch die 1) Zeller : ApoBtelgeschiohte , 8. 450. — 2) Qegen bier nicht erwfthnte, sum Theilabenteuerliohe Axgumente Baur'sTg^. Weiss, S. 711 f. — 3) Gegen Yolk- m ar : Beligion Jesu, S. 309. 314. — 4} S. 55 f. Digitized by VjOOQ IC 396 Fanftee Capitel. Annahme £w aid's, Lucas undPaulus hfttten hierBeide das angebliche Evangelium des Philippus benutzt. * Nicht einmal eine Beniitzung des Corintherbriefs ist zu statuiren, * sondem einfache Abhangigkeit von dem %riqvy^a Ilavlov, in welchem der Abendmahlsbericht eine fixe Ge- stalt angenommen hatte. Aehnlich verhalt es eich schliesslich auch mit den Erzahlungen des Lucas, in welchen der Auferstandene in Jerusalem erscheint. Die Abhangigkeit des Lucas von Paulus angenommen , erklaren bier Lc. 24 und 1. Cor. 15, 1—7 sich gegenseitig. Die erste Erscheinung des Auf- erstandenen, die den Weibem zu Theil wurde, berichtet Lucas noch nach A, dann aber, wo diese Quelle den Schauplatz der Dinge nach Galilaa verlegt, verlasst Lucas sieganzlich, um den paulinischen Be- richten zu folgen , die sich auf die jerusalemischen Erscheinungen be- schranken. Er erzahlt daher ausfahrlich die Geschichte, die Paulas vielleicht 1. Cor. 5, 7 andeutet: wg)&rj ^Iaxw^(p. Gemeint ware dann der jungere Apostel, der mit seinem Vater, dem Lc. 24, 18 genannten KleoTtag (!d4lq>aiog) nach Emmaus ging. Einstweilen aber war, wie Beide bei ihrer Ruckkehr erfahren, der Herr erschienen dem Petros (unter den Synoptikem hat bios Lc. 24, 34 uiip&tj Sifttovi = 1. Cor. 1 5, 5 ojip^r] Kr^(p^)y ' und gleich darauf wurde er von dem ganzen Jon- gerkreise gesehen (Lc. 24, 36 = 1. Cor. 15, 5 tolg dcideyM), Mit die«cr Erscheinung schliesst Lucas im Evangelium ab, da er spater gesprochene Worte Jesu noch anreiht, ohne die verschiedenen Veranlassungen melir anzugeben. Paulus aber erwahnt noch der Erscheinung, die mehrab funfhundert Brudern zu Theil wurde. Diese waren Osterfeetg^ste in Jerusalem; die Erscheinung musste also nahe an die bisher genannten sich anschliessen. Hierauf also kame die dem Jakobus 1. Cor. 15, 7 gewordene Erscheinung an die Reihe , falls sie zu dem Gang nach Em- maus nicht konnte in Beziehung gesetzt werden . Zuletzt aber ist Jesm auch nach Lucas ttSoiv toig aTvoatoloig erschienen, wie Paulus schreibt, weil er im Sinne hat, sich nunmehr selbst anzuschliessen, 1. Cor. 15, S. Unter alien Umstanden stimmen daher auch in Bezug auf die Aufer- stehungsgeschichte Paulus und Lucas naher iiberein, als je zwei andere der funf Berichte, die uns uber jene Vorgange vorli^gen. Dasselbige Interesse an judaischen Erscheinungen des Auferstande- nen lasst sich ubrigens auch noch von einer andem Seite her begreifen. Kein Evangelist spricht so viel vom heiligen Geist, als Lucas. Als Br- zeugniss des Geistes heisst Jesus Gottes Sohn 1 , 35. Derselbe heiligc Geist ware nach einer freilich zweifelhaften Lesart 11, 2 ein Hauptge- 1) Jahrbtlcher, H, 8. 194 f. — 2) Gegen Hilgenfeld, Bleek: Einleitttng, U. 8. 283. — 3) Baur: Evangeiien, S. 483 f. Digitized by VjOOQ IC Dogmatischer Charakter des Lucas. 397 genstand des christlichen Grebets ; seine Ertheilung charakterisirt Gott erst als Vater, die Christen als Kinder 11 , 13. Er wird vor judischen und heidniachen Behorden das Wort fuhrcn 12, 12; ihn Iftstem ist eine unsuhnbare Schuld 12, 10; erst mit der allgemeinen Ertheilung dieses Geistes, der vorher nur aus vereinzelten Propheten redete 1, 67. 2, 27. 28, beginnt die Stiftung der christlichen Gemeinde 24, 49. Urn dann die, in der Apostelgeschichte zu berichtende, Ausgiesaung dieses Geistes in Jerusalem vorzubereiten und seiner reichen Entwicklung im Schoos der apostolischen , auch der paulinischen , Gemeinden (deren Vertreter ja beim Pfingstfeste anwesend erscheinen) eine Grundlage zu geben, hat Lucas uiA so mehr die Erscheinungen des Auferstandenen aus- schliesslich nach Judfta verlegt, so dass die in Rede stebenden Different len schon von der Seite angeeehen paulinischen Charakter tragen. * Damit sind wir aber auch, was die sicher nachweisbaren paulini- schen Elemente betriflU, zu Ende gediehen. Wenn nun weiter auch in der Leidensgeschichte die Feindschaft des Heidenthums in tendenzioser Weise gemildert worden sein soil, * so thut doch Lucas, wie es scheint, der Darstellung in A nichts Wesentliches hinzu, als dass von dem Juden Herodes gesagt wird, dass er keine Schuld an Jesu fand 23, 15,* und von dem Held en Pilatus, dass er gegen bessere Ueberzeu- gung fov diet azdaiv xai g)6vov jiafiXrjinivov eig ifiv qwXayLtjv 23» 25 frei- gegeben hat. * Wie wenig tendenzids im schlechten Sinne des Worts Lucas in dieser Richtung verf&hrt, zeigt ja auch sein Bericht uber den Hauptmann in Kapernaum , den er in einer, dem Heidenthum weniger gunstigen. Form bios desshalb aufnimmt, weil seine mundliche Quelle ihn darbot (S. 220). — Ebensowenig kann von einem antinomistischen Charakter des dritten Evangeliums geredet werden. Wenn bei Matthaus ' das affirmative Verhaltniss Jesu zum Gesetz allerdings sehr prononcirt hervortritt, so geschieht Dies zumeist in Stellen, die er allein hat, und fur deren Fehlen in den gemeinsamen Quellen Lucas nicht verantwort- lich gemacht werden kann (S. 179). Wo aber A sich anerkennend be- . zuglich des Gesetzes ausspricht , da ubergeht Lucas solche Stellen kei- neswegs* Verkurzt er sie auch, wie 16, 16. 1 7 wirklich geschieht , so gibt er doch ihren specifischen Sinn richtig wieder* — selbst auf die Gefahr hin, missverstandlich zu werden (S. 144 L 156), wie uberhaupt I) DeWette: Einleitung, 11, S. 178. — 2) Schvegler (8.49 f.), der»itch- sische Aixonymu8<( (S. 187—194), Ritschl (Evangelium Marcion's, S. 192 f.), Baur (EvangeUen, S.4S9). — 3) Weiss, S. 710. — 4) Kdstlin. S. 210.— 5) Ge- gen die UrsprtlngUchkeit der maTcionitischen Lesart Tt}v Xoytov fiov vgl. Ritschl (Theol. Jahrbftcher 1851 , S. 351 f.), K58tlin(S. 303 f.), Zeller (Apostelgeschichte, 8. 15 f.), Franck (Studien und Kritiken, 1S55, S.311f.), Volkmar (Religion Jesu, 8. 207 ff.), Meyer (Zu Marcus und Lucas, 8. 475). Digitized by VjOOQ IC 3dg Fanft66 Capital. fa8t Alles^ was Ritachl auf seinem frdh^ren Standpunkte far den An* tinomiflmus dee Lucas geltend gemacht liat^* darch unsere Eesnltate fiber den dogmatischen Charakter der Quellen nnd das schriftstelleri- sche Verh<niss des Lncas za ihnen^ seine voile Erledigung findet. Der Begriff des i^dfiog selbst tritt sogar bei Lncas noch ofters^ als bei Mat- tliaus auf ; und der Evangelist 5 bei dem er nienials unter diesem Namen erscbeint^ ist eben nicht Lucas^ sondem Marcus; und so werden aueh 8teUen,wieLc.5, 14, 10, 25—28. 17, 14. 18, 18—20 nicht mehr i>cibcn nur Ausnahmena cu nennen sein. Ebenfails mit Unrecht hat man selbst den Prolog hierher geaogen. Zwar woUten noch Sichhorn^ und De Wette' e silentio einen Be- weis gegen die Annahme ziehen, dass das Evangelitun des Lucas auf paulinischem Grunde ruhe. Aber Lucas erkl&rt sich ja uberhaupt nicht direct fiber seine Quellen. *" Ln geraden Gregensatze zu den Genannten riethen die Tfibinger auf eine paulinische Tendenz des Prologs, wie selbst Kdstlinsiein der, von Lucas in Anspruch genommenen, daqxi- keia wittert.^ Baur findet sogar eine Art Versprechen darin, es solle die ganze Darstellung des Urchristenthums , wie Lucas sie geben will, dem conciliatorischen Interesse des zweiten Jahrhunderts dienlich, der ihrem vollen Inhalte nach verwirklichten, also auch den Paulinismns in sich verarbeitenden. Idee des Christenthums angemessen sein* — was, abgesehen von alien anderen hineingetragenen Gedanken, aitf einer unhaltbaren Exegese des Ausdrucks TtXtjQOtpofeiaxtat beruht, wie fiberhaupt die Wahl zwischen dem Urtheil Baur's, demzufolge das Vorwort erst von der letzten Hand hinzugethan , resp. hinzugedichtel wurde, und demjenigen Ewald's, der vielmehr schlichte Einfisilt, Be- ' scheidenheit und Kfirze darin findet, ' nicht schwer sein kann. Es bat daher auch Hilgenfeld unsere Stelle wieder dem Evangelisten su- rfickgegeben, freiUch nur um darin ein Zeugniss fur den bewusst sub- jectiven Charakter der ganzen Schrift zu finden, welche nicht sowohl auf das Geschichtliche, als vielmehr auf Sicherung der dogmatischen Ueberzeugung eines paulinischen Christen abzwecke — ein Gedanke, der an sich ebenso richtig, als »bei den V erkehrten verkehrta sein kann. Wie wenig unbefangen Hilgenfeld solche Verhaltnisse aufzufassen vermag, geht recht schlagend ausder klugen Bemerkung hervor, dass Lucas seine Gewahrsmanner als »Diener des Worts a bezeichne, damit sie ja nichts voraus batten vor Paulus , der ja auch ein vm^ivvjg des- sen heisse, was er gesehen habe — namlich in der, von demselben Ln- 1) Erangelium Msrcion'8, 8. 178 ff. — 2) Einleitung, I, S. 598. — 3} Binleitsag, II, 8. 207. — 4) Weiss, S. 707. — 5) 8. 136. — 6) Eysngelien , 8. 516 C — 7) Jahrbttcher, II, 8. 182 f. Digitized by VjOOQ IC Dogmatisolior Cbariktoor det Lucas. 990 cas getchriebenen Stelle Act 26^ 16. ^ Fur ein unbestochenes Urtheil wild aber unsere Vorrede niur ak Bew^ dienen konnen far die Unbe- fRSgenheit, womit auch d^ Paulinismus auf das Lieben des historischem Christus, als auf das chiistliche Urdatum, zuruckging und in diesem Lebensbilde die yoUe Berecht^fung fur alles X^han&teristische in der eigenen Auffassung des Christenthums vorzufinden hoffte. Dieser paulinische Ckaraktar des Evacgeliuma soil nun freilick ein bedeutendes Gegengewickt finden in anderen> der judaisirenden Tradi- tion angeborigen, Elementen. Schwegler,' Ritschl/ Zeller'^ und Kostlin^ recbnen dahin die, der Sprache und dem Inhalte nach judische Vorgesdiicbte^die Versuelmngsgeschicbte, femer alle Sprucbe, wodurcb irdiscber Beidithum verdammt, und die Armen selig geprietea werden (6, 20—25. 16, 19— 31), wo dasGebet (11,5—13) und andere adcetische Dinge (6, 35. 16, 9. 18, 29. 30) empfohlen, oder von einem G^;ensat£e Ewischen ahui^ oitog und aidttv fiUXwv geredet wird. Auch die Verwei- sung auf di» Gesetz (10, 26), das nicbt vergehen wird (16, 17), und die den Jungem gemacbten escbatologischen Auasicbten (19, 30) sollen ju* daistisoh sein. Man erinnere sich auch solcher Ausqpruche, die das judi- sche Volk als zunachst zum Heil berechtigt darstellen, wie 18, 16. 19> 6, an Stellen, die Gesetz und Fropheten anerkennen, wie 4, 21. 5, 14. 16, 29— 31. 17, 14. 18, 20. 23, 56. 24, 44. Die milde BeurtbeUung des Alten 5, 39 gehort vielleicht auch hierher, wiewohl ihre Spitze su- gleich g^en die Zahigkeit gerichtet wird , womit die Judenchristen am Suchfitaben hiehen.* Hat man doch auch den » Fropheten, machtig in Wort und Thata (24, 19) hierher gecogen. Aber Diee Alles wurde ja mm Theil schon von Baur selbst auf seinen wahren Werth aurnck^ fuhrt^ und beweist nur wieder, dass im Lucas judenchiiatli<^ und hei- denchristliche Traditionen £riedlich neben einander heigehen, und dass der von Tabinger Seite postidirte schroffe Gegensatz nicht statthatte, Was nanaentlich bezuglich der sog^oannten ebionitischen £leniente des Lucas bemerkt werden woUte, hat keineswegs in irgend welcher Ten- denz, sondem in der Objectivitat der historischen Verhftltnisse selbst seinen Grund.® Auch kann man z. B. Zeller Recht geben, dass die Vorgeechichte des Lucas nur auf judenchristUchem Boden entstanden sein kann^* ohne dass man desshalbUrsache hitte, Volkmar direct ent- gegenxutreten , der jedes antipaulinische Greprage in den beiden ersten Capiteln in Abrede stellt. *^ Unseres Erachtens hat schon der » sachsi* 1} ETangelien, S. 155. — 2} NaohapostoliMihesZeitalter, II, S. 56— 61. — 3) Evaii- gelium Marcion's, 8. 201. — 4) Theologisohe JahrbOchtr, 1843, S. 69 ff. Apoatelge- ■chichte. S. 433—438. — 5) Eyangeliea, S. 220 ff. — 6} Ber »8ftohBitch€ Ano- n jmu8« (S. 213), Baur (EyaogeUen^ 8« 459). — 7) Evangelien, 8. 446— 455. — 8) Baur: Evangelien, S. 447. — 9) Apoatelgeschichte, 8. 433—436. - 10) Theol. Jahrb. 1850, 8. 216 f. Evangelitim Mardon'e, 8. 228 ff. Religion Jesu, 8. 291 ff. Digitized by VjOOQ IC 400 FtlnlUs Capitel. ache Anonymusa diesen Doppelcharakter der Vorgeschichte des Lucas auf eine im Ganzen unanfechtbare Weise erwiesen. * UeberaU ist der Bohstoff gut judisch; er ist aber so von paulinischem Geiste durchhaucht, dass er in dieser kunstlerischen Vollendung die in der That passendste Vorrede bildet zu einem Evangelium, dessen eigen- thumlicher unterscheidender Charakter der paulinische ist. Auck sonst ist die Darstellung des Lucas durchaus so^ wie wir es von dem univer- sal christlichen Geiste eines, unter dem Einflusse des Paulus stehenden, Schriftstellers erwarten konneo. Er lasst daher allerdings aus A und A weg, was auf seinem Standpunkte nicht ganz durchsichtig erschien (vgl. S. 390); vielleicht gehort hierher auch die Weglassung des, der paulinischen Terroinologie widerstrebenden, Schlusssatzes Mt. 22, 14. Wie wenig aber Lucas dabei mit schlimmer Absichtlichkeit zu Werke gingy zeigt eben der Umstand, dass theils aus A (vgl. 6, 20) , theils aus A (vgl. 16, 17) das Anstossigste stehen geblieben ist. Was hilft es, hier marcionitisch zu lesen, und 16, 16 im Gegensatz zu Mt. 11, 13 auszu- legen, wenn doch diese Auslegung unsicher, ihr Zielen auf Mt, 11, 13 unmoglich, und jene Textkritik so zweifelhaft, als moglich ist? Was sonst Schwegler gel tend gemacht hat, urn den doppelten, oder viel- mehr halben dogmatischen Standpunkt zu erweisen, darf auf sich be- ruhen. ^ Ist es doch wenig einladend, wenn der arme Lazarus bald im Dienst einer ebionitisirenden Bichtung erscheinen, bald wieder, alinlich dem verlorenen Sohn , das Heidenthum reprasentiren, den universaH- stischen Charakter des Lucas darthun helfen , und desshalb die ganze^ so einfache Parabel als eine Composition von widersprechenden Phan- tasiegebilden dargestellt werden muss. ^ Ueberhaupt aber wird man wohl dem Verfasser des dritten Evan- geliums, der seine Quellen sprachlich so wohl zu assimiliren verstand, in sachlicher Beziehung ein allzu grosses Ungeschick zutrauen , wenn man annimmt, derselbe habe Quellen, die in seinem eigenen Bewusstsein als feindliche Mdchte auftreten, in ein gutes Einvemehmen zu bringen gesucht durch ein so rein quantitatives Verfahren, dass er namlich der altern evangelischen Ueberlieferung » paulinische Elemente in uberwie- gender Anzahl bmffigt. « * Bis zu welchem Grade von Verwirrung die ganze, an sich so klare, Frage verm(Vge der einseitigen Anlegung von immer neuen Tendenzkriterien gediehen ist, efsieht man an der letxten Wenduug, womit Baur, nachdem er die fruhere Unterscheidung von 1) Die Eyangelien, ihr Geist u. 8. f. S. 22S. Vgl," auch Baur: Evangelien, 8. 503 ff. — 2) S. 63—65. — 3) Ritschl (Ev. Marcions, S. 182 f.), Zeller (TheoL Jahrb. 1843, S. S3 ff. 626 ff.) , Schwegler (Nachapostolisches Zeitalter, II, S. 59. 65—68), Baur (Evangelien, S. 443 ff.). — 4} Zeller: Apostelgeschichte, S. 439, Digitized by VjOOQ IC ZeitUche und Ortliche AbfiEUBungsverhftltiiisse. 40 1 vor- und nachmarcionitischem Lucas aufgegeben, doch wieder zweierlei Paulinismus in unserem Evangelium aufgespurt hat. Die altere Gestalt desselben sollte namlich jetzt die persOnliche Sache des Paulus gegen die Zwolfe fthren ; ein spaterer Ueberarbeiter aber, der zugleich Ver- fasser der Apostelgeschichte war, setzte noch Stellen wie 4, 16—30. 5, 39. 10, 22. 11, 30--32. 49—51. 12, 6. 7. 13, 1—5. 28—35. 16, 17. 19, 28—46. 21, 18. 22, 30 hinzu -- Partien, deren antitbetische Ten- denz nicht gegen die Zwolf , sondern nur gegen das Judentbum uber- haupt geben soil. * Dieser Urlucas soil dann von dem Verfasser der Apostelgeschichte in kirchlicbem, von Marcion in gnostischem Sinne fiberarbeitet worden seiti — eine Vermuthung, die schon von Zeller als durchaus unbegrundet erwiesen worden ist. * Wir bleiben also bei dem Resultate stehen, dass, wie schon die Re- desammlung, das alteste nachweisbare Schriftstuck, ohne alle dogmati- sirende Absichtlichkeit, ganz nur im Interesse des grossen Inhalts abge- fasst \\ ar, • so auch noch das letzte umfangreichste Werk der synopti- schen Literatur die Tendenz seines Autors nur erkennen iSsst, theils in der Ordnung und Auswahl des Stoffs, theils in leichten, ausserlich auf- getragenen, Modificationen der Darstellung. Zunachst will jedes Evan- gelium Geschichle erzahlen. Die dogmatische Etiquette, an der man die Bestimmung der Schriften erkennt, klebt bios oben auf. %. 2C. ZeitUche mil ortlieke AbfassiiigSTerlialteisse. Vor Allem hat man sich zu erinnem , dass die ganze Frage nach der chronologischen Folge, in welcher die Synoptiker geschrieben haben, ihre voile Bedeutung nur unter vorausgesetzter Richtigkeit der Be- nutzungshypothese hat, dagegen viel schwieriger zu beantworten ist, wenn die Evangelisten unabhangig von einander dieselben Quellen be- arbeiteten. Indessen lassen sich auch unter Voraussetzung dieses unse- res Resultates, wenigstens gewisse Anhaltspunkte gewinnen, die jeden- falls fur Denjenigen genugen konnen, der nicht von vomherein zu viel verlangt. Wir fragen zuerst nach ^em Terminus ad quern. Denselben so spat, als immer moglich zu setzen, dafur hat Baur eingestandenermaas- sen den ein en Hauptgrund: die TJngeschichtlichkeit des Inhalts.* Uns scheint im Gegentheil, als ob die Frage uber Geschichtlichkeit oder TJngeschichtlichkeit sich erst entscheiden lasse^ wenn man die Entfer- nuDg des Berichts vom Factum aus Grunden festgestellt hat, die von 1) Marcuserangelium , S. 223 ff. — 2) ApoBtelgeschichte , S. 446—452. — 3) Weisee : Evangelienfrage, S. 90 f. — 4) Eyangelien, S. 530. Holtzinann. 26 Digitized by VjOOQ IC 402 Fdnftes Capital. jedem Urtheil fiber die Geschichtlichkeit der Person und dee Lebens Jesu unabhangig sind. Die Tubinger Schule weicht diesem Begehren auch nicht aus, son- dem stellt eine Beihe solcker Grunde auf, iind zwar in erster Linie die spate Bezeugung unserer Evangelien in der Geschichte. Ohne alle Frage steht zwar die allgemeine Annahme unserer Evangelien fest zu den Zeiten des Irenaus, Tertullian, Clemens vonAlexandrien. Auch dass schon voi* der Bluthezeit der Genannten Tatian und Theophi- lus die Evangelien harmonistisch bearbeiteten^ dass insonderheit Apol- linaris sich mit den Diflferenzen der synoptischen und johanneischen Tradition zu thun machte, wird als im Allgemeinen zugestanden be- trachtet werden durfen. Also nur um die eigentliche Mitte des zweiten Jahrhunderts kann es sich hier noch handeln. Hier aber mussen wir wieder absehen von Zeugnissen, die auf ganx andere Schriften sich beziehen , durfen also die Ueberlieferungen von Papias* undPantanus(S. 266) nicht fur unsemMatthaus in Anspruch nehmen, da sie vielmehr auf A sich beziehen ; selbst fur Marcus kommt Jener nicht in Betracht^ wenn doch wahrscheinlich ist^ dass er nicht vom zweiten Evangelium^ sondem von A spricht (S. 370). Die anderen apostolischen Vater aber citiren uberhaupt wenig. Zwar finden sich z. B. in dem Briefe des Barnabas'"^ Stellen^ die theils wortlich^ theils dem Gedanken nach dem Text unserer Synopliker, auch des Lucas> entspre- chen ; aber kein eigentliches Citat. Man kdnnte daher an und fur sich diese Anklange auch aus einer langeren Bildungsgeschichte des Synop- tischen Textes^ aus einer mundlichen Form der Erzahlung^ die vielleicht auf der Harmonisirung des Matthaus- und Lucas -Textes beruhte, aus dem Vorhandensein ausserkanonischer Evangelien von synoptischem Geprage oder sonst wie erklaren. Ebenfalls sehr schwer ist zu beurtheilen, was uns von Zeugnissen der Haretiker uberliefert ist ; denn die Berichte hieriiber ruhren von Spateren und von Gegnern her. So sollen, nach Tertullian und an- deren Kirchenvatern , Marcion und Valentin alle vier Evangelien gekannt haben^ ' was freilich von den Marcioniten und Valentinianem unzweifelhaft ist. Jedenfalls aber bietet Marcion das al teste Zeug^iss fur Lucas. Die Streitigkeiten, die fiber Marcion's Evangelium und uber die Evangelien des Justin geffihrt wurden, zu beruhren, liegt uns hier fern. Der ganze Handel ist bekanntlich innerhalb der Tubinger Schule 1) Credner woUte den Papias sogar als Zeugen fflr das diittc Bvaagelium ' werthen (Einleitung, S. 202). — Vgl. dagegen Zeller: Apostelgeschiohte , S. 10 f. - 2) KOstlin, S. 121 f. — 3) Literatur bei D e W e 1 1 e : Einleitung, II, S. 135 f. \\\ f. Digitized by VjOOQ IC Zeitliche iind drtliche Abfaefiungsverhftltnisse. 403 durch- und nunmehr auch ausgefochten worden. Es genugt zu bemer- ken, dass das Vorhandensein des Lucas vor Marcion von Volkmar/ Kostlin,* Hilg^nfeld,^ Ritschl* und Zeller** nachgewieseh wurde. Noch weniger bedarf die Hypothese, dass Marcion der eigent- liche Verfasser des kanonischen Marcus sei/ einer Widerlegung. An- dererseits steht fest^ dass Justin den Matthaus und Lucas voraussetzt^ weil er einen aus beiden gemischten Text gibt.^ Ueber seine Bekannt- schaft mit Marcus aber vgl. S. 372. Sicher ist ubrigens, dass unser zweites Evangelium auch in den Clementinischen Homilien be- nutzt wird.® Wenn nun aber ferner Celsus in der zweiten Halfte des zweiten Jahrhunderts alle Evangelien gekannt hat, * wenn sich Wider- spruch gegen irgend einen unserer Synoptiker nirgends erhob : so geht aus diesen Daten hervor, dass dieselbigen um 140 — 150 bereits in kirch- lichem Gebrauche waren ; und Dies genugt schon an sich , um Ansich- ten fern zu halten^ wie die fruhere Baur's, derzufolge die Entstehung des Matthaus zwischen 130 und 134 fiele, die des Urlucas circa 140, die des kanonischen Lucas 150. Wir finden daher in der Tabinger Schule eine allgemeine Ruckbewegung, bis zuletzt Hilgenfeld die evange- lische Literatur in einer Zeit zum Abschluss bringt, wo sie nach Baur erst angefangen hatte. *** Um die Grenzen einer legitimen Untersuchung nicht zu uberschrei- ten, lassen wir das, ausserhalb unseres Gesichtskreises liegende. Datum, welches durch das vierte Evangelium bezuglich des Terminus ad quem geboten wird, ** unberucksichtigt und suchen nach Anhaltspunkten in dem synoptischen Text selbst. Es tritt uns hier die viel ventilirteStreit- J) TheoL Jahrbttcher IS50, S. llOff. 1S5 ff. Evangelium Marcion's 1652. — 2) Evangelien, S. 302 ff. — 3) Evangelien Justin's, S. 391 ff. Theol. Jahrbttcher 1S53, S. 192—244. EvangeUen, S. 30. — 4) Theol. Jahrbttcher ISoI, S. 52S ff. — 5) Thee 1. Jahrbttcher 1%51 , S. 330 ff. Apostelgeschichte, S. 11—20. — 0) Christianus, S. 37. 40. — 7) Semis ch: Denkvrttrdigkeiten Justin's, S. 142 ff. — Zeller: Apo- stelgeschichte, S. 26-49. — S) Zeller: A. a. O. S. 53 — 59. ~ Uhlhorn: Homi- lien und Recognitionen, S. 120 ff. — ^9) De Wette: A. a. O. S. 141. — 10) Zeit- schiift fttr wissenschaftliche Theologie, 1S61, S. 179 f. — 11) Es war bekanntUch eine Eigenthflmlichkeit Bleek's, das zweite Evangelium als in Abhangigkeit vom vierten stehend zu betrachten; vgl. Beitrftge, S. S3. 200 ff. Einleitung, II, S. 2S9. Er berief sich dabei auf Mr.6, 37. 39 = Joh.6, 7. 10. — Mr. 14, 3. 5. 6 = Joh. 12, 3. 5. T. — Mr. 14, 65 « Job. IS, 22. — Mr. 15, 9 = Joh. 18, 39. — Mr. 16, 9 = Joh. 2«», I. 14. De Wette (Einleitung, II, S. 192) fttgte noch bei Mr. 2, 9. 12 = Joh. 5^ S. 9. — Mr. 11, 9 =r Joh. 12, 13. Natttrlich steht und fidlt diese Hypothese g^anz mit dem angeblichen Epitomatorcharakter des zweiten Evangeliums. Vgl. da- ^egen die Ausftthrungen der Tttbinger in den »>TheologiBchen Jahrbttchem,« 1847, S. 1 3b f. und in der »Haller Allgemeinen Literaturzeitung,« 1S47 , Nr. bl f. Als jetzt siemlich allgemein zugegeben darf daher die Thesis betrachtet werden, dass das vierte Evangelium alle Synoptiker , namentlich aber auch den Marcus, voraussetze. 26* Digitized by VjOOQ IC 404 FQaftes CapiteL frage entgegen, ob darin die Zerstorung der Stadt vorau^seUt werde, oder nicht. Darauf mussen wir wenigstens besuglich des Matthaua mit einem entscbiedenen Nein antworten. Zwar hat Gfrorer gemeint^ die Beschrankung der Sage auf Galilaa erklare sich nur> wenn der Haupt- sits de8 Jadenthums bereits zerstort war; ^ aber selbst Hilgenfeld hat treffend nachgewiesen^ dass in Stellen^ wie Mt. b, ^h, S, i. 10, 23. 15, 5, 23, 2 flf. das judische Volkslcben, und 5, 23. 17, 24—27. 23, 16 f. 2 1 auch der Tempelciiltus als noch bestehend vorausgesetet sind ; * die Stellen 23, 38. 24, 2. 15 hingegen, die er gleichwohl fur eine spatere Abfassung geltend macht, kdnnten als Beweise, dass der Tempel zur Zeit der Abfassung zerstort war, nur dann gelten, wenn man dem dort Bedenden uberhaupt jede bestimmte Yorahnung von der Zerstdrung der Stadt und von der Auflosung des Staats absprechen will. ' Zu yiel thut aber Hug, wenn er hierher auch die Stelle Mt 23, 35 = Lc. 1 1, 51 zieht und darin eine specielle Weissagung Jesu auf den von Jose- ph us genannten,^ zur Zeit des jddischen Krieges xungekommenen, Zacharias bezieht. ^ AuchAndere sind dieser Deutung gefolgt, aber nur, urn in jener Stelle urn so gewisser ein Oraculum post eventum zu er- blicken und sie so gegen die Abfassung des Evangeliums vor 70 zu be^ nutzen. ® Aber das grosse Uebergewicht von Grunden spricht dafar, dass sich die Stelle auf 2. Chron. 24 , 20 bezieht, ^ und die einzig ent- gegenstehende Schwierigkeit, dass der Yater des dort genannt^i Zacha- rias nicht Barachias, wie Mt 23, 35, sondem Jojada hiess, erledigt sich unter Yoraussetznng unserer Besultate sehr einfach damit, dass in^ Lc. 11, 51 der Yater gar nicht genannt ist So gut wie daher das Hebraerevangelium den richtigen Namen beifugen konnte, ® war es auch moglich, dass unser erster Evangelist, den Priester mit dem Propbeten verwechselnd (vgl. Sach. 1, 1), auf einen falschen gerieth. • In demselben Interesse, die Abfassungszeit zu bestimmen, hat man bcBonders die eschatologischen B.eden des Herm und die Abwandlun- gen , in welchen dieselben bei den verschiedenen Evangelisten erschei- nen, genauer untersucht. Nun hangt freilich Alles davon ab, ob Mt. 24, 1 5 ff. wirklich von der Zerstorung Jerusalems durch Titus die Rede ist. I) Urchristenthum, II, 2, 8. 117 f. — 2) Hilgenfeld: EvangeUen, S. 65. 73, 91. 100 f. 114. Theologische JahrbUcher, 1857, S. 402 f. Zeitochrift ft^ irissenschmft- liche 'Iheologie, 1S59, S.26S.— 3) Gegen Hilgenfeld: Zeitschrift fttr wissenschaft- liche Xheologie, 1862, S. 40. — 4) B. J. 4, 6, 4: iv ftdc^ t^ U^ dtuff^ciQc^^ir w ZuxaQlav vlw tov BaQov^ov (Variante : Baqa^xtciov), •— 5) JBinleituiig, n, 8. 9 ff. ^ 6) Eichhorn, Credner, GfrOrer, B. Bauer, Baur: 'nie<^. Jahrbt&cher, ISol, S. 320 f. ~ 7) Meyer: Zu Matthias, S. 426.— 8} Thilo: Codex apocrTpbns, S. UaV. — 9) Bleek: Einleitung, U, S. 274 f. Synopsis, II, S. 177 fL Digitized by VjOOQ IC Zeitliche und drtliohe Abfassungsverh<nisse. 405 Baur stellt Dies in Abrede,* weil sich vor diesem Ereignisse weder falsche Messiase, noch bedeutende Volkerkri^e, noch versuchungs voile Christen verfolgungen nachweisen lassen, wogegen dies Alles auf den judischen Krieg unter Hadrian passe ; die Warnung vor Pseudochristen beziehe sich auf Barchochba^ das fidikvy/ia r^g ifr^ficiascog auf die Bild* saule, die Hadrian auf dem Tempelplatze dem capitolinischen Jupiter errichten liess. Bestechend in dieser Beweisfuhrung ist aber bios der letzterwahnte Punkt; hingegen wird die Vielheit der xpevdoxQiaroi durch die Beziehung auf Barchochba nicht erklart^ abgesehen davon, dass jene als Verfuhrer, nicht als Verfolger erscheinen. Die Volkerkriege, die geweissagt werden^ konnten als eingetreten betrachtet werden in den Kriegen im Osten, namentlich in den Dissidien zwischen Rom und Par- thien^ die der Christenheit sehr bedeulsam erschienen. Die Thronrevo- lutionen in Rom^ die Aufstande des Theudas und des Aegypters^ £rd- beben, wie sie zu Laodicea^ Hungerszeiten, wie sie unter Claudius und Nero votgekommen waren — das Alles konnte mit dazu dienen , schon vor der ZerstOrung Jerusalems die Weissagungen Jesu theils zu bestati- gen, theils ihnen die vorliegende bestimmte Form zu verleihen. * Ver- folgungen aber^ wie sie in Aussicht gestellt werden^ waren gleichfalls schon vor dem Jahre 70 in Jerusalem und Rom eingetreten. Femer stand in Aelia Capitolina kein Tempel mehr ; es muss daher selbst Baur die Verse Mt. 24, 1—3 auf die ZerstOrung im Jahr 70 beziehen. Wo aber ist im Texte eine Andeutung von solcher Unterscheidung zweier Epochen ? und warum ist das unendlich wichtigere Ereigniss unter Titus nicht von dem Darsteller des Nachspiels unter Hadrian kraftig hervor- gehoben worden? und wie hatten unter dieser Voraussetzung unsere Evangelien um die Mitte des zweiten Jahrhunderts schon bekannt sein soUcn?' Wir nehmen daher mit der grossen Mehrzahl von Kritikem* an, dass Mt. 24 die Zerstdrung unter Titus berucksichtigt werde. Die ifJ€v^ d6xi(i(noi I welche als aus dem Judenthum hervorgegangen dargestellt werden , und nicht minder das fidiXvyfia tijs iftjiawasiDgf welches sich auf die Pro&nation durch die Feinde bezieht, ^ zeigen ubrigens, dass von einem eigentlichen Vaticinixun post eventum gar nicht die Rede sein kann. Denn die antichristliche Doctrin der sechziger uud siebziger Jahre bezog sich keineswegs mehr auf das feindliche Judenthum^^ wie 1) Evangelien, S. 605—609. Theologische JahrbUcher, 185], S. 323. -- 2) K5Bt- lin, S. 17 f. 22 ff. — 3)K58tlin (S. 114—117), Meyer (Zu Matthfius, S. 464 f.). 4) De Wette, Credner, Meyer, KOstlin: S. 117. — 5) Meyer: Zu Mat- thftuB, S. 443. — 6) BOhmer: Zur Lehce vom Antichrist nach Schneckenburger (JahrbUcher fOr deutsche Theologie, 1859, S. 405 ff.). Digitized by VjOOQ IC 406 FOnftes Capltel. ja auch andererseits wirkliche PseudomeBsiase au8 demselben zu jener Zeit sich wenigstens nachweisbar nicht erhoben batten. Das pdiXvyfia Mt. 24, 15 ware von einem Verfasser nachtraglicher Weissagungen nicht vor die Flucht 16 gestellt worden, da in dem Augenblicke, wo die ro- mischen Sieger den Tempelplatz verwttsteten, es zu einer Flucht jeden- falls zu sp^t war. Matthaus hat daher solche Zuge, wie sie ihm einmal vorlagen, beibehalten; und wir konnen nicht aus dem positiven Inhalt der Rede, sondem bios aus der bestimmteren Farbung derselben, na- mentlich aus der Anordnung, in der die einzelnen Momente der uber- lieferten Weissagung erscheinen, Schlusse ziehen. Nun lassen sich dieser Momente aber drei unterscheiden in dei eschatologischen Rede von A. Einleitend namlich sind die d^x^i ddl- vwVf zu deren Zeiten das Evangelium sich uber die bewohnte Erde ver- breiten wird. Von diesem Moment heisst es Mr. 13, 7 = Mt. 24, 6 aiX ovnio iaxiv to tiXog, Zweitens aber wird erwahnt Mr. 13, HcssMt. 24, 1 5 die wirkliche ZerstOrung von Stadt und Tempel. Beim Eintritt die- ser Ereignisse soUen die Christen die Flucht ergreifen, denn das Straf- gericht aber Jerusalem wird zugleich die mannigfachsten Drangaale und Verfuhrungen fur die Christen mit sich bringen. Di^ die Tage der &Xl\pigj die um der Christen willen abgekurzt werden Mr. 13, 20 « Mt. 24, 22. Darauf aber folgt endlich drittens die Wiederkunft des Messias in Herrlichkeit ; und zwar nach Mr. 13, 24 kv iTisiraig fcfe fjl^iQaig iii€za ttjv •^Uy.uv helvtjVj nach Mt. 24, 29 ev&iwg ftisra ffjy Nun ist auffallend, dass Lucas noch angelegentlicher, als die an- dem, den bios einleitenden Charakter der dgxccl ddiviav betont (21, 9: dk)! ova ei&iiog to teXog) und die abschliessende Formel %av%a dfp iodiviov A Mr. 13, 9 = Mt. 24, 8 wegksst; dass er femer bei Beschrei- bung des zweiten Momentes die allgemeine Noth auf das judische ^'olk beschrankt (23 T thaus, welcher auch allein das bezeichnende Wort von den Stadten Ju- das 10, 23 hat, vor, die beiden anderen Evangelien nach der Zersto- rung Jerusalems geschrieben wurden. Es zeigt sich aber auch, dass die Eeden Jesu von seiner Parusie in verschiedenartigen und divergirenden Beziehungen aufgefasst wurden. Urn so naher liegt es, das Wort Mr. 13, 30 s Mt 24, 34 s= Lc. 21, 32 insofem auf ein Missverstandniss zu* riickzufuhren , als es nicht in eschatologischer Weise gemeint sein konnte. So sicher die Apostel sich hinsichtlich der Parusie langere 2^t allzu gluhenden Erwartungen hingegeben haben, so wenig wahrschein- lich ist Solches bei dem Herrn selbst (vgl. Mt. 22, 1 — 14, 25, 19), zu- mal er sich principiell gegen die Bestimmung von Zeit oder Stunde aua- spricht, und dberdies das wirkliche Verhaltniss, in welchem seine Wie- derkunftsweissagungen zu seinen Auferstehungsreden stehen, noch lange nicht zu voUstandiger Klarheit gebracht ist ^ Beides lauft auf jeden Fall zuruck auf ein sicheres Vorgefahl des Hinausreichens auch seiner personlichen Thatigkeit tlber die Schranken seines irdischen Wirkens; well nun aber in dieser, nach dem Tode erst recht beginnenden, welthi- storischen Wirksamkeit Christi die Zerstorung Jerusalems ein Haupt- moment, ein epochemachendes Ereigniss bildete, konnte man, wenn Jesus diese Katastrophe noch in die Lebenszeit seiner Generation ge- stellt hatte, auch die eschatologische Parusie gleich dahinter erwarten.* Wenn nun aber alle Synoptiker die Erfullung der ganzen Weissa* gung Jesu nach dem Vorgange von A in die Lebzeiten dieser yeved ver- legen, so durfen wir jedenfalls auch nicht sehr lange nach 70, hochstens 5 bis 10 Jahre spater,^ den Terminus ad quem festsetzen. Namentlich ist Lc. 17 , 20 f. 21 , 34 f. die Wiederkunfb keineswegs in ganz unbe- stimmte Feme zuriickgeschoben (vgl. vielmehr 21, 32), wie denn auch Lucas uberhaupt noch sehr eifrig ist in seinen Ermahnungen zur Wach- 1) Aehnlich Bleek (Synopsis, II, S. 359 f.), Weisse (Evangelienfrage, S. 231 ffi. 237ff.)« — 2) Schleiermacher (Der christUche Glaube, Aufl. 2. 11, S. SJT), Weisse (Evangelische Geschichte, II, S. 315 f.). — 3) Vgl. Bleek: Synopsis, I, S. 432. — 4) Ewald: Jahrbttcher, III, S. 144. Digitized by VjOOQ IC Zeitliche und 5rtliche Abfassungsverhftltnisse. 4 [ { samkeit (12, 35flf. 21, 34flF.); und dem Bilde der von judischerSeiteaus- gehenden Verfolgungen (6, 22. 23) werden aus spateren Verhaltnissen nur eben so viel Farben zugethan, als die Lebenserfahrungen des Lucas mit sich brachten (S. 236), ohne dass man desshalb, well auch das zweite Buch des Lucas nur bis in's Jahr 63 fuhrt, vor die Neronische Verfol- gung zurtlckzugehen braucht. * Dies Letztere wird sogar durch 21, 13 ausgeschlossen, womit Lucas auf die Neronische Verfolgung und den Tod des Paulus hindeutet. Nur Processe, wie sie unter Trajan vorka- men, sind dem Verfasser noch fremd, so wie auch von dem spateren Wiederaufbau Jerusalems 21 , 24 oder von dem Aufstand unter Trajan und Hadrian keine Spur sich findet. Vielmehr war die Erinnerung an die Zerstorung unter Titus und an die traurige Lage, in welche das ju- dische Volk durch die Auflosung seiner nationalen Existenz gerieth, offenbar noch sehr lebendig (19, 43. 44). Aus diesen Grunden ist schon Zeller mit der Abfassungszeit des Lucas auf 130 oder noch weiter hinaufgegangen* und haben Kostlin,^ Hilgenfeld* und Volk- mar** sich veranlasst gesehen, unseren Lucas circa 100—110 entstan- den sein zu lassen. Am sichersten aber werden wir in der zur Abfas- sung des Lucas frei bleibenden Zeit 70 — 100 auf die fruheren Jahre unserAugenmerk richten, wie auch demi>sachsischen Anonymusa zwischen der Abfassung von A und Lucas hochstens vier Jahrzehnte in der Mitte zu liegen scheinen. ^ Dies fuhrt uns auf unseren Terminus a quo, der mit dem Entstehen der mundlichen Sage gegeben ist. Diese musste langere Zeit fortge- pflanzt worden sein, ehe sie die Form von A annehmen konnte. Denn es lag in der Natur der Sache, dass dergleichen schriftliche Darstellun- gen erst in einer Zeit entstehen konnten, die dem Factum femer lag, wie denn selbst in der fruhesten Bearbeitung von A Ausdrucke, wie Siag Trjg ai]fieqov Mt. 27, 8. 28, 15, eld^et. Mt. 27, 15 auf einen ansehn- lichen Zwischenraum hinweisen.' Eine Erhaltung der Kunde von Christus fUr die Zukunft auf literarischem Wege konnte erst dann ein rechter Gegenstand der Sorge fur die Christenheit werden , als dieselbe uberhaupt anfing, an eine irdische Zukunft zu glauben, d. h. als die Verbreitung unter d^ Heiden in grossartigerem Maassstab betrieben wurde, und als die Auflosung des judischen Staates sich als ein, die ganze Entwicklungsreihe noch keineswegs abschliessendes , Moment zu erweisen anfing. Daher die Entstehung unserer synoptischen Literatur 1) GegenEbrard, Guericke, Thiersch: Kirche im apostoliachen Zeitalter, 8. 155. — 2) Theol. Jahrbttcher, 1848, S. 573. Apostelgeachichte , S. 470. 4SS. — a) 8. 2SS f. — 4) EvangeUen, S. 224 f. — 5) Religion Jesu, S. 331. — 6) Send- Bchreiben an Baur, 184S, S. 34. — 7) Bleek: Einleitung, II, S. 273. Digitized by VjOOQ IC 412 Ftlnftet Capitel. circa 70. Aber auch zur 2^it der Abfassung von A muss wenigstens das eine beider Momente, die Entwicklung der Christenheit auf heidni- schem Boden^ schon begonnen haben^ da sie in A vorausgesetzt wird (Mr. 13^ 10. 14^ 9). Hitzig tragt daher kein Bedenken^ seinen Mar- CU69 d. h. bei uns die Quelle A, als bereits im Jahre 57 vorhanden zu betrachten, wofur ihm die Hypothese, dass 2. Cor. 8, 18. 19 auf Jo- hannee Marcus ziele , einen Anhalt bietet. ' Die andere Quelle A ware nlftch Plitt sogar schon in den Jahren 50—52,* nach Koatlin wenig- stent circa 60^65 entstanden. * Wie aber ihm * und Weisse/so scheint allerdings auch uns eine Bekanntschaft des Apostels Paulus mit schrift- lichen Urkunden schwerlich nachgewiesen werden zu konnen ; und so lassen wir denn beide Quellen in der spftteren, vielleicht schon romi- schen, Periode der paulinischen Wirksamkeit entstehen. Doch mag ehcr ^, als A das erstgeschriebene Schriftstuck darstellen. Unser Resultat, womach die Zeit zwischen 60 und 80 sowoU die Quellen, als auch die synopdschen Evangelien producirt hat, stehtin der innigsten Beziehung mit unseren Aufstellungen hinsichtlich des Verwandtschaftsverbaltnisses und kann naturlich da, wo uber das Leti- tere falsche Yoraussetzungen herrschen, keine Geltung erlangen. Wcbb beispielsweise Zeller den Matthaus nach 70 setzen will, weil er die Parusie nicht unmittelbar an die Zerstorung, sondem an den Zustand der Verwustung 24, 15 anknupfe;^ wenn Kostlin den Matthaus zwi- schen 70 und SO, seine katholische Verarbeitung zwischen 90 und 100, kurz vor derselben aber den Lucas, kurz nachher unseren Marcus eaV standen sein lasst;^ wenn nach Hilgenfeld zoerst Matthaus, Marcus gegen £nde des ersten, Lucas zu Anfang des zweiten Jahrhunderts ge- schrieben haben soUen;^ wenn V oik mar den Marcus circa 80, den Lucas circa 100, den jetzigen Matthaus circa 110 setat:* so sindDiet offenbar lauter Hypothesen, die vor Allem mit unrichtigen Ansichtea uber die Prioritat und Composition des Matthaus zusammenhangen, ge- wohnlich aber auch mit Annahme eines epitomatorischen Charakten des ISiarcus und mit Voraussetzung von allerhand fruheren GrestaltoBgen des 83moptischen Stoffes , welche sich doch als ebenso uberfiussig, wie unnachweisbar erwiesen haben. Aber auch wo die wesentUchsten Grundzuge unserer Auf&ssung anerkannt werden, finden sich mancke Aufstellungen, die durch die Resultate unserer Quellenkritik aosge- schlossen werden. So steht, wenn Meyer den Marcus vor 70 geschrie- 1) Joh. Marcus, S. 167 — 173. — 2} De compositicme eTEngelionim , 8.5.— 3) S. 52. 57. — 4) 8. 96 f. 391 f. — 5) Evangelische Gescbichte, I, 8. 22 ff. — 6)Apo- stelgetchichte, S. 470. — 7) S. 119. 131. — S) EvangeUen, S. 148. 224 f . - 9} Be- ligion Jesa, S. 202 ff. 357 ff. Digitized by VjOOQ IC Zeitliche und OrtUche AbfasBungsverh<nisse. 413 ben wcrden lasst, bios well er ja zu den Quellen des ebenfalls vor 70 geschriebenen Matthaus gehore, * offenbar die mangelnde Unterscbei* dung von A und Marcus einer richtigen Zeitbestimmung des Letzteren hemmend im Weg. Ebensowenig sind wir auf irgend einem Fnnkte unserer Untersu- chung auf Wahmebmungen gestossen, die uns mit der^ besonders von Hilgenfeld^.und von Bunsen' aulgestellten Behauptung befreun* den konnten : dass das erste kanonische EvangeliuM noch langere Zeit in ziemliob verscbiedenen Recensionen bestanden haben und erst nach Justin seinen Abschlu^s gefunden baben soil. Als einen solcben meta- morpboeenreichen evangeliscben Proteus, der schneeballenartig sicb bald verdicbtet, bald abscbmilzt, batte schon Lessing sein, endlicb in dem Matthaus sicb krystallisirendes, Hebraerevangelium hingestellt. ^ Hilgenfeld beruft sicb insonderheit auf die, von Mattbius abwei* chende. Form, in welcber Justin den Vorgang bei der Taufe darstellt. So nahe ibm bei seiner Tendenz auf Erweisung der aussem Legitima- tion JesFU ancb die Darstellung des Mattbaus gelegen babe, so babe er doch nur eine solche Form der Taufgescbichte gekannt, nacb welcber Fs. 2, 7 den Inbalt der Himmelsstimme gebildet babe. ^ Aber abgeseben von der eingehenden Widerl^ung, die Weisse diesen Behauptungen angedeihen liess, ^ findet- sicb jene Darstellung mit der Psalmstelle an- erkannter Maassen auch bei einer ganaen Beihe \del spaterer Scbriftstel- ler, von denen Hilgenfeld nicht wird behaupten wollen, dass sie un- seren Mattbaus noch nicht gekannt; sie beruht auf einer sehr alten, selbststandig neben unserer sjmoptischen Form hergehenden und darum erst spater als apokryphisch notirten, Ueberlieferung ; wie ja Hilgen- feld auch selbst die Moglichkeit zugibt, ndass Justin sicb hier bios an •ein ausserkanonisches Lieblingsevangelium hielt, ohne den Matthaus zu beachten.a'^ Ebenso steht es auch mit Mt. 19, 16. 17, welche Re- daction der "Rede Jesu, verglichen mit Mr. 9, 17. 18 s Lo. 18, 18. 10 so offenbar secundarer Natur ist, dass Hilgenfeld auch hier eine andere ursprungUchere Form der Stelle unserm Text vorangehen lasst, die er bei Justin, den Markosiern und in den Clementinen findet ; ® dem Bestreben, die Stelle fur die Gnostiker unbrauchbar zu machen, soil die Textform bei Marcus s Lucas entstammen, die sicb aber doch gleich- 1) Zu M&rcua und Lucas, S. S. — 2) EvangeUen, 8. 117 ff. — 3) Bibelwerk, I, S. XLIIy CXIV. — Vgl. auch Christianus: Der Ursprung der Evangelieu, S. II. «- 4) Theologiwhe Schriften, HI, S. 7 flf. — 5) Evangelien, S. 57 f. Theologi- eche Jahrbacher, ]b57, S. 410 ff. — Ritichl: Theologische Jahrbacher , 1851, 8. 49S. — 6) Evangelienfrage, 8. 191 f. — 7) Evangelien, 8. 5S. — 8) Evangelien Justin's, S.220f. a62.42(>. Theolog. Jahrbacher, 1853, 8.207. 235 f. 1857, S.415f.- V oik mar: Evangelium Marcion's, 8. ^Q fL 19S ff. Digitized by VjOOQ IC 414 Ftlnftes Capitel. falls schon bei Justin findet^ so dass mit Sicherheit nur dies Eine zu schliessen ist, dass beide Formen schon fruh vorkamen und in freien Citaten^ wie solche auch das von Justin benutzte, ausserkanonische Evangelium enthielt, erweitert oder verschmolzen wurden. Schliesslich befinden wir uns mit unseren^ die Abfassungszeit der Synoptiker belangenden^ Resultaten in uberraschender Harmonie mit den Angaben ^ welche in dieser Beziehung die kirchliche Tradition lie- fert. Darin ist n&mlich diese einig, dass sie dam Matthaus den ersten Platz rucksichtlich der Zeitfolge einraumt^ * worauf ja auch wir — trote der grosseren Ursprunglichkeit der Marcus - Relation — uns gewiesen sahen. Wenn aber das erste Evangelium nach Euseb geschrieben wurde, als sein Verfasser eben Palastina verlassen woUte,* nach Ire- naus, wahrend Paulus und Petrus zu Bom predigten,^ was auf die sechziger Jahre fuhren wurde (spater wurde das Werk sogar in die vicr- ziger Jahre herabgeruckt*) : so sind dies zwar lauter Angaben, die fichon dadurch an Gewicht verlieren, dass man, wenn die Vater von Matthaus reden, nie gewiss weiss, uber welches Buch sieTraditionen mittheilen;* indessen wurde die Nachricht des Euseb recht wohl auf ^, die des Irenaus auf A so wohl, wie auf das erste Evangelium selbst passen (S. 412). Noch weniger handhablich sind die Zeugnisse uber die Ab- fassung des Marcus, mogen sie nun auf die Lebzeiten des Petrus, oder auf eine Zeit nach seinem Tode lauten (S. 367 f.), denn sie setzen alle die Richtigkeit jener Beziehungen voraus, die man zwischen dem zwei- ten Evangelium und dem Apostel Petrus statuirt hat ; und auch hier bleibt immer zweifelhaft, ob die Vater auf jenes Evangelium oder auf die Quelle A zielen. Indessen hat sich auch fur uns die zu Grunde lie- gende Ansicht best&tigt, wornach die Zeit der Entstehung sowohlder Quelle, als des Marcus ungefahr mit den letzten Lebzeiten des Petrus zusammenfellt, jedenfalls nicht allzulange nachher zu setzen ist (S. 373. 408). Das Zeugniss des Irenaus endlich, wornach Lucas erst nach dem Tode des Paulus und Petrus geschrieben hat,® ist freilich ein sehr ungefahres, aber in dieser seiner Allgemeinheit jedenfalls richtig. & zeigt sich also, dass wir im voUen Einklange mit dem Kerne der Tradi- tion stehen, der darin gefunden werden kann, dass unsere Evangelien in den sechziger und siebziger Jahren geschrieben wurden, und zwar in der Ordnung, in der sie im Kanon stehen. Ist nun dem so , so kann aber auch Matthaus recht wohl im Ost- Jordan land geschrieben worden sein (Pella war ja das christliche Asyl 1) Clemens (bei Euseb: K. G. 6, 14), Origenes (bei Euseb: K. G. 6, 2S), Epiphanius (Haer. 51, 4), Hieronymus (De vir. ill. 3). — 2) K. G. 3, 24.- 3) 3, 1.2. Vgl. Euseb: K. G. 5, S. — 4) Vgl. Meyer: Zu Matthaus, S. 22. - 5) Gegen Meyer: Zu Matthaus, S. 21. — 6) Haer. 3, I. Digitized by VjOOQ IC Zeitliche und Ortliche AbfassungsverhaltnUse. 415 im Judenkrieg), wofur mit Delitzsch* und K ostlin^ auch der Um- stand geltend zu raachen ware , dass sich die , aus A Mr. 1 0, I uber- geschriebene und charakteristisch alterirte, Stelle Mt. 19, I am einfach- sten erkkrt, wenn der Standpunkt des Schreibers ein jenseitiger war. Ebenso leicht versteht sich unter diesen Voraussetzungen der Umstand, dass dem Verfasser eine grosse Zahl von Anekdoten aus Galilaa und my- thische Traditionen jerusalemischer Ereignisse, womtt er die Erzahlung Ton A ausschmuckt, zu Gebote gestanden haben mussen. Dadurch wird aber nur wieder bestatigt, was aus anderen Grunden schon S. 383 f. er- hellte, und worauf auch die ganze alte Tradition hinweist, dass der Verfasser unseres ersten Evangeliums auf einen nicht bios judischen Leserkreis uberhaupt rechnete , sondem auf einen speciell palastinensi- schen, respective syrischen, vrie er denn auch selbst wohl Palastinenser war, daher aus dem Urtext citirt (S. 259). Dagegen kann der Gebrauch der griechischen Sprache nichts ausmachen; denn erst spater, als die syrischen Judenchristen zu einer vereinsamten Secte herabgesunken waren, bedurften sie einer syrischen Evangelienschrift, und so entstand aus einer Verarbeitung des Matthaus das sogenannte Hebraerevange- lium.* Zumal aber, wenn die dem ersten Evangelisten zu Gebot stehende Hauptquelle bereits griechisch abgefasst war, konnte Matthaus um so weniger Veranlassung finden, seine Schrift hebraisch zu verfassen und ihr dadurch schon eine minder weite Verbreitung zu versprechen , als die war, welche die Quellen gefunden batten. * Am leichtesten lasst sich der Abfassungsort des zweiten Evange- liums bestimmen. Denn wie uberhaupt die Tradition , die das zweite Evangelium auf Petrus zurtlckfuhrt, damit auch auf Rom weist (S. 368)> so wird dieser Abfassungsort auch von Irenaus,** Clemens von Alexandrien,® Eusebius,^ Epiphanius,® Hieronymus® voraus- gesetzt; und nur ganz vereinzelt steht eine, mit der S. 367 berichteten Sage zusammenhangende, Nachricht, die auf Alexandrien fuhrt.*^ Nach Rom weisen aber auch innere Data , wie wenn Simon von Kyrene 1 5, 2 1 als Vater des, den Romem bekannten, Rufus (Rom. 16, 1 3) naher be- stimmt wird. Namentlich aber stimmt damit AUes, was sich in sprach- licher Beziehung geltend machen lasst. Denn dass Marcus jedenfalls fur Nicht- Palastinenser schrieb, geht daraus hervor, dass er aramaische Worter, die er aus A anfiihrt, immer erklart (3, 17. 5, 41. 7, 11. 34. 9, 43. 10, 46. 14, 36). Nur zweimal fanden sich solche Erklarungen Ij Zeitschrift ftlr lutherische Theologie, 1S50, S. 493 f. — 2) S. 35. 112 f. ~ 3) Credner (A. a. O. S. 405), KOstlin (S. 45). — 4)K08tlin, 8.112. — 5) 3,1. Bei Euseb. : K. G. 5, 8. — 6) Bei Euseb. : K. G. 6, 14, — 7) K. G. 2, 15. — 8) Haeres. 51, 6. — 9) De vir. ill. 8. — 10) Chrysostomus: Horn, in Mt. 1. §. 3. Digitized by VjOOQ IC 416 FOnftes Capltel. auch in A (Mr. 15, 22 ^ Mt. 27, 33 « Lc. 23, 35. Mr. 15, 34 « Mt. 27, 46). Die Stelle Mr. 3, 22 aber gehort gar nicht hierher. Dm die Leser des zweiten EvaDgeliums mit judischen Sitten unbekannt waren, zeigen die erlautemden Zusatze 7, 2 — 4. 10, 12. 12, 18. 42. 14, 12. 15, 6. 42. 16, 4. Bezeichnend genug ist es, dass der, sonst im N. T. so haufige, aber doch nur fi&r judenchristliche Ohren recht ver- standlich klingende. Name ro^og im Marcos ganz vermieden ist. Das Evangelium setzt also Leser voraus , denen das Fremdartige des judi- schen Colorits erst erklart werden mnsste. Dass es geradezu Lateiner waren , beweisen die Latinismen. Zwar fanden sich solche auch schon in A (S. 350), und so darf man fur Marcas] allerdings nicht anfoh- ren Worter, wie dtjxiQiov s denarius, Tc^raog aa census, nodgavtrig « quadrans, leyeaiy » legio, nQaitwQiov ae praetorium, g>ifayeiJiovf » flagellare, die auch bei Matth&us oder Lucas vorkommen. Wohlaber gehdrt es zu den Eigenthttmlichkeiten des zweiten Evangelisten , statt kxaTdvrafxog (Mt. 27, 54 as Lc. 23, 47) zu sagen xeyrvQlwv (15, 39. 44. 45), statt xiltVi; zu sagen x^cS/J/^orro^ (2 , 4. 9. 11. 12. 6, 55), Aus- drucke zu gebrauchen, wie ^ioxrfi sa sextarius (7, 4. 8), a/rexofAcfroif (6, 27), TO ixavov noiijaai « satisfacere (15, 15), iaxcttwg ^siv = in extremis esse (5, 23), avfi/iotlioy di86vai at consilium dare (3, 6). Es soil daher das Evangelium auch nach De Wette,* Guericke,^ Tho- luck,' Gieseler,* Hug,* Meyer,* Bleek,^ Schwegler,*dein Dsachsischen Anonymus,o* Hilgenfeld,**^ Kostlin,*' Ewald** in Bom seine Entstehung gefundeu haben. Ebendahin weist aber auch das dritte Evangelium. Im Unterschicd zu den andern nennt Lucas seinen Leser. Es ist der liQatiatog Qii* q>iXog (1, 3), dem Lucas durch seine Schrift historische aa^aleia fiber die evangelische Geschichte verschaffen will. Diesen Titel fuhrten nuti u. A. Magistrate, Oberpriester, vomehme Leute (Act. '23, 26. 24, 3. 26, 25). Man hat keine Ursache, den Angeredeten fur den abgesctJten Hohepriester Theophilus,*' noch fur den Athener," noch ^fur eincn Antiochener, " noch endlich mit Epiphanius fur eine fingirte Person zu halten. '• Am besten wird man in ihm einen Proselyten (daher sein Interesse fur die christliche Urgeschichte, sein »L^nterrichtc) erblicken" ]) Eudeitnng, II, S. 206. — 2) Einleitung, Ausg. 1 , S. 259 f. — 3) 0Uubw11^ digkeit, S. 25S. — 4) Versuch, S. 124. — 5) Einleitung, II, S. 48. — 6) Zu Marcus und Lucas, S. 9. — 7) Einleitung, n, S. 47. 290. — S) Theol. Jahrbacher, l>43, S. 233. — 9) Die Evangelien, ihr Oeist a. s. f. S. 367. — 10) Marcasevangeliumt S. 121. — 11} EvangeUen, S. 376. — 12) JahrbQcher, U, 8.207.— 13) Jote- phus: Ant. 18, 5, 3. 19, 6, 2. — 14) Tacitus: Ann. 2, 55. — 15) Clem. Bacognit. 10, 71. — 16) Soder»8flchsi8che Anonymu8,a 8. 249. ^ 17) Wilke, S. 113. Digitized by VjOOQ IC Zeitliohe und OrtUche Abfassungsverhftltnisfie. 417 und in Italien suchen,* wohin auch das Aufhoren der geographischen Erlauterungen Act 28, 12 ff. fuhrt.* Mit der Geographic von Palastina dagegen war der Laser von Lc. I, 26. 4, 31. 24, 13 wenig bekannt. Unter diesen Umst^nden aber denkt man sich das Eyangelium am ein- fiichsten als in Bom entstanden.' Was fruher Gfrorer aus dem iv fj^lv des Prologs zu Gunsten einer palastinensischen Abfassung des Evangeliums geschlossen hat,^ bedarf wohl keiner Widerlegung mehr. Wie aber nicbt in Palastina, so hat Lucas auch insonderheit nicht in Casarca geschrieben. ^ Selbst was Kdstlin neuerdings fur einen ephesinischen Ursprung des dritten Evangeliums geltend gemacht hat,® ist bereits von Zeller Punkt fur Punkt erledigt worden.^ Die alten Traditionen fuhren zwar nur zum Theil auf Rom, aber gar nicht auf Ephesus, sondem vielmehr auf Boo- tien, Achaia, Alexandrien , und wo die Kirchenvater zuftllig noch sonst belieben, indem sie den Verfasser des Hebraerbriefs oder den , angeb- lich auf das dritte Eyangelium sich beziehenden (2, 16), Romerbrief mit in Bechnung bringen.^ Immerhin hat demnach Hilgenfeld, der an Achaia oder^Macedonien denkt, ® noch eher einen Anhaltspunkt an die- ser, ubrigens in sich ganz haltungslosen. Tradition. Wenn aber Kdst- lin eine gewisse Verwandtschaft des Lucas mit den Epheser- und Co- losserbriefen betont, so konnte man mit noch grdsserem Schein eine seiche BerOhrung behaupten mit dem Hebraerbriefs® oder mit den Fa^ storalbriefen. " Die Beruhrung solcher einzelner Sprachgebiete des N. T. ist aberhaupt ein bis auf den heutigen Tag noch lange nicht be- friedigend gelostes Bathsel der neutestamentlichen Kritik. — Zunachst also war das Eyangelium bios fiir Theophilus bestimmt; es gelangte dann aber auch in weitere paulinische Kjreise. Nur aus der Notiz uber die Sadducaer 20 , 27, die ja aus A Mr. 12, 18 stammt, hatte Tiele nicht schliessen sollen, dass das Eyangelium sich ausschliesslich an Hei dencbristen richte. *^ Wir konnen von den vorliegenden Bearbeitungen aus aber auch auf dieAbfassungsyerhaltnisse derQuellen selbst zuriickgehen. Wo nun 1) Eichhorn (Einleitung, I, 8.593), Hug (Einleitung, 11, S.9Sf.), De Wette (Einleitong, 11, 8. 208 f.). — 2) Andere GrOnde vgl. bei Zeller: Apostelgeschichte, 8. 187 ff. — 3) Ewald, Zeller, Lekebuech; Apostelgeschichte, 8. 430. — 4} Urchristenthum, II, 1, 8.47.— 5) Gegen Michaelis, KahnOl, 8ohott» Tholuck, Thiersch: Kirche im apostolischen Zeitalter, 8. 158. — 6) Evangelien, S. 294 ff. — 7) Apostelgeschichte, 8. 482—489. — 8) Credner (Einleitung, 8. 128 f. 151 f.), De Wette (Einleitung, II, 8. 208), Lekebusch (8. 429), Zeller (Apostel- geschichte, 8.482). — 9) Zeitschrift fttr wissenschaftliche Theologie, 185S, 8. 594 tf. 1861, S. 179. — 10) KOstlin (8. 299 ff.), Ebrard (Ebrtterbrief, S. 426 ff.), Lange (ApotftolUchetZmtalter,!, 8.185), Delitzsch (Hebrfterbrief, 8. 701). - 11) Sohott (iMgoge, 8. 321), Zeller (Apostelgeschichte, 8. 483 ff.). - 12) 8. 754. BolttBUin. 27 Digitized by VjOOQ IC 4 IS FOnftes Ci^itel. A entstanden ist, lasst sich keinesfalls mehr sicher angeben ; selbst for Falastina und Galilaa (wofur Bleek stimmt*) sprechen keine entschei- denden Grande. Dort blieb ja die Erinnerang an den Herm auch bei mundlicher Ueberlieferung , wie sie im damaligen Judenthom gewohn- lich war^ nocb lange lebendig genug ; wogegen sich das Bedurfniss nach zusammenhangender scbriftlicher Darstellung wohl am ehesten bei aus- serpalastinensischen Juden- und bei Heidenchristen regen mochte.^ Doch nothigt der Umstand, dass schon A griechisch geschrieben ist, keineswegs an sich schon zur Annahme einer ausserpalastinensischen Entstehung; denn dass die, im sudlichen Syrien lebenden. Chri- sten jedenfalls das Griechische verstehen und lesen konnten, ist heutzutage eine ausgemachte Sache ; ^ ebensowenig aber weist uns die Gewobnbeit, nach den LXX zu citiren (S. 261), gerade auf einen pala- stinensischen Ursprang. Wenn aber A zu den Ueberlieferungen des Apostels Petrus in eine Beziehung gebracht werden soil, so ist es am naturlichsten , entweder die Tradition von dem romischen Aufenthalt desselben anzuerkennen und wie Marcus, so auch A in Rom entstehen zu lassen, oder aber — und Dies scheint schon um des Gebrauchs, den das erste Evangelium von A macht, das Wahrscheinlichere — diese Quelle ist in einer, von Galilaa, dem Schauplatz der Erzahlung, nicht allzu entfernten Gegend , in welcher Petrus eine langere Zeit gewirkt hat, entstanden, d. h. ohne Zweifel in Syrien;* wie ja auch Storr sein Marcus-Urevangelium in einem orientalischen Klein -Rom, dem syri- rischen Antiochia entstanden sein lasst. " Dann aber hat der Umstand, dass die Quelle A ihre gegenwartige Gestalt (Marcus) in Rom erhielt, das Seine dazu beigetragen , um sowohl den Apostel in Rom auftreten au lassen, als auch die Tradition, die von A gilt, auf Marcus zu ubertra- gen. Wie also die Recognitionen, obwohl wahrscheinlich in Syrien ent* standen, Bpater in Rom umgestaltet und Eigenthum der romiscl^n Kirche wurden , so gestaltete sich auch das Schicksal dee zweiten ETan* geliums. Der Verfasser der anderen Quelle aber schrieb um so mehr in Palastina und fur Palastinenser, als er ja selbst an den Ufem des gali- laischen Sees zu Hause war und die damalige Landessprache auch zu seinem schriftstellerischen Zwecke gebrauchte. g. 27. dlavkwiinligkeit der sjnoptisehen EfaagelieM. Seit durch Eichhorn eine evangclische Quellenkritik in umfaa- senderem Maassstabe gegrundet worden war, ist auch das Bewusstsein I) Beitrftge, S. 76. — 2) Kdstlin, S. Ul. — 3) Credner: Beitrtge, I, S. 374 ff. — 4) KOatlin, S. 364 f. — 5) Evangelische Qeeobichte des Johannas, S. 278 ff. Digitized by VjOOQ IC GlaubwOrdigkeit der synoptiflclien Evangelien. 419 erwacht, dass nur auf diesem Wege die »innere Glaubwurdigkeit und Wahiheit der evangelischen Geschichte unerschutterlich zu befestigen* sein werde.* In der That ist jede andere Methode oberflach- lich und nichtig. Es liegt uns daher hier ferne^ zu wiederholen^ waa seit zwanzig und mehr Jahren fiber die Frage, ob Sage^ ob Ge- schichte, unzahligemal in Wort und Schrift repetirt worden ist Aoch sehen wir hier ab von jenen aUgemeinen Untersuchungen^ ob nicht durch die Anwendung der mythischen Hypotbese auf den Ursprung des Christenthums die Ursache aus dem Erfolge^ statt der Erfolg aus der Ursache erklart werde ; ob es der Gesetzmassigkeit der menschlichen Natur angemessen sei, ein so lebendiges Gebilde^ wie die Christusgestalt der Evangelien^ auf so mechanische Weise entstehen zu lassen^ wie wenn es seine Existenz bios der Uebertragung der alttestamentlichen Fhantasie der Propheten auf den geschichtlichen Boden jener Zeit verdankte ; ob denn wirklich diese beiden Bilder sich uberhaupt auch nur annahemd decken> u. s. f. Dagegen mochte es sich der Muhe verlohnen , festen Fuss fassend auf dem Boden der zu Tage geiorderten Resultate sich die Frage vorzulegen , ob und inwieweit die Perspective , die sich uns in der synoptischen Darstellung erdfinet^ al;* bereits unter dein Einfluss starker Lichtbeugung und farbiger Strahlenbrechung producirt zu den* ken ist. Am Unbefangensten hat unter den Neueren wohl Kostlin die Eechnung angeschrieben y wenn er seinen Ausgangspunkt von der genau abzumessenden Entfemung zwischen Factum und Bericht nimmt.' Diese ist nun fur ihn^ der den Matthaus nach 70^ den Marcus zu An-* fang des zweiten Jahrhunderts entstehen lasst^ freilich erne langere als fur uns ; aber dieser Unterschied ist doch kein so bedeutender^ dass die beiderseits resultirenden Ergebnisse anders als graduell zu untersohei* den sein sollten. »Die Geschichtserzahlung der Synoptiker stammt aus einer Zeit^ welche den von ihnen berichteten Thatsachen noch nahe genug stand, um dieselben noch in Erinnerung zu behalten und auch da mit dem geschichtlichen Thatbestande noch in Einheit zu bleiben, wo sich an einzelne Hauptmomente desselben , wie an den Anfang und das Ende der offentlichen Wirksamkeit Jesu in Galil&a, bereits Ver* suche anknupften, die Jesu als dem Messias zukommende Eihabenheit und Wurde und die von ihm auf sein Volk ausgehende segensreiche Wirksamkeit nach alttestamentlichen Vorbildem durch id^e> seine irdische Person und Geschichte in dem Glanze der messianischen Herr- lichkeit darstellende Erzlkhlungen in symbolisch'poetischer Weise zur Anschauung zu bringen.«' »Die synoptische Erzahlung ist eine solche, in welcher das reale und das ideale Element noch ^nes neben dem an^ 1} Einleitang, I, S. 4M. ^ 3) S. 306 -400. — 3) 8. 307. Digitized by LjOOQIC 420 Ftlnffces Capitel. deren hergehen^ und zwar so^ dass das erste immer noch das Ueberge- wicht uber das andere bebalt^ und sie unterscbeidet sicb eben bierdurch auf 8 Bestimmteste von Allem j was das zweite Jabrbundert mil seiner idealiscben Transcendenz^ sei es nun auf dem Felde der kircblichen oder der apokrypbiscben oder der gnostiscben Literatur^ in diesem Gebieteber- Torgebracbt bat.«^ Diese Satze geben gleicbsam das Maass des wcitesten Fortscbritts an , der innerbalb der Tubinger Tbeologie aus dem Fabel- lande der Mytbentbeologie binuber auf den realen Boden gescbicbdicb nacbweisbarer Tbatsacben gemacbt worden ist. Aber aucb sonst wird beutzutage kaum irgend ein besonnener Historiker, der die Erscbeinun- gen nacb Analogien zu beurtbeilen geubt ist , es mebr nacbsagen, dass in den dreissig Jabren^ die zwiscben dem urcbrisUicben Factum und der Abfassung von A liegen, jene ganzlicbe Verkebrung des ricbtigen Sacb- verbaltesy jene, mit beispielloser Frucbtbarkeit vor sicb gebende, Au^- burt einer ungemein reicben, farbenbellen Mytbenwelt stattgebabt babe. Docb wird man uns vielleicbt die Zuversicbtlicbkeit , womit wir im Grossen und Granzen dem Standpunkt der Mytbentbeologie gegen- ubertreten, zunacbst mit Berufiing auf unsere eigenen Besultate streitig macben woUen. Vorausgeset^t, — so wird man sagen — dieQuellen seien wirklicb der Hauptsacbe nacb so glaubwurdig und gescbicbtstreu gebal- ten, als bei der eigentbumlicben Natur der Sacbe es nur immer moglicb ist: baben Mrir diese Quellen denn nocb in ibrer ersten Gestalt? bebt denn nicbt die Freibeit, womit, wie wir saben, die Synoptiker mebrfadi diese Quellen bearbeitet baben, die Glaubwtlrdigkeit ibrer Bericbte von selbst auf? fubrt eine solcbe Annabme nicbt direct auf eine Falscbungs- bypotbese , wie sie neuerdings sogar auf » glaubiger a Seite aufgestellt wurde?* Wilke, der bekanntlicb den Urbericbt selbst nur fur eine tendenziose Nacbbildung alttestamentlicber Gescbicbten bait, steUt bier- iiber folgenden Kanon auf und beweist ibn: nDie Beferenten baben ibrer benutzten Gescbicbtsquelle darin vollen Glauben gescbenkt, dass Jesus die referirten Beden wirklicb gesprocben ; aber sie sind der Mei- nung gewesen, dass ibnen die Vornacbricbt die Freibeit nicbt benebme, weder diese Beden in einen anderen Zusammenbang zu stellen , nodi zum Ausdrucke ibres Sinnes andere Worte statt der yorausg^ebenen au gebraucben.'a In der Tbat macbt sicb wenigstens in Bezug auf Mar- cus durcbweg bemerklicb, dass er fast kaum geltndert, dass er das Em- pfangene meist sogar wdrtlicb genau wiedergegeben bat ; Mattbaus da- gegen, der auf VoUstandigkeit der Materialien ausgebt, ist allerdings weniger besorgt um den Zusammenbang und die Veranlassung der Worte Jesu; ibm ist genug, dass es eben Worte Jesu sind, die er berichtet. 1) S. 398. — 2) Christii^nas, S. 1. 7. 22. — 3} UMVang^list, S. 467 f. Digitized by VjOOQ IC Glaubwtlrdigkeit d«r synoptiaehen ETangelien. 421 imd dass sie es bleiben, wie sie auch gestellt werden m^n. Ein Gan- 268 darzustellen^ zusammengewebt aus Worten des Herm, wo und wann sie auch gesprochen seien^ ist sein erster Zweck. Wir sind somit aller- dings in der Lage , die einzelnen Bedetheile des Matthaus erst darauf ansehen zu mussen > inwiefem sie dem Context ursprilnglich angehdrt haben oder erst aus einem andem Zusainmenhange hierher versetzt wor- den sind. Matthaus hat namentlich in der Zusammenfugung verschiedener Fragmente aus A oder auch in ihrer Einfugung in den Zusammenhang Yon A eine wahrhaft kunstlerische Virtuositat erreicht ; man vergleiche nur die S. 174 ff. 200 ff. gegebenen Dispositionen und Ausfdhrungen. Im Einzelnen aber verfahrt er , um sein Ziel zu erreichen , auch wieder mit einer Freiheit^ die das betreffende X6yiov nicht bios ganz anders motiyirt erscheinen lasst, sondern auch geradezu unter einen anderen Gesichtspunkt bringt, wie z. B. eine Vergleichung von Mt. 5, 25. 26 mit Lc. 12, 58. 59, oder von Mt. 18, 10—14 mit Lc. 15, 3—7 zeigt. Im Gegensatze zu Weisse, der in Bezug auf solche Stoffe immer dem MatthHus den unbedingten Vorzug vor Lucas eingeraumt wissen will, * mussen wir im HinbHck auf das S. 130 ff. gewonnene Resultat hier den Kanon aufstellen, dass der Inhalt der Quelle A im Allgemeinen bei Lucas aufzusuchen und damach die parallele Partie im Matthaus zu be- urtfaeilen sein wird. Gerade bei Lucas erscheinen die Lehraussprache des Herm abgelost von den haufig so storenden Einkleidungen der prag- matisirenden oder gruppirenden Belationen des Matthaus. AbgeseheA von den leicht abzustreifenden Ueberschriften , treten sie bei Lucas meist ohne alle kunstlerische Ordnung und Fassung auf. Nur selten hat auch Lucas Fragmente von A ungeschickt verbunden (16, 16) oder in den Zusammenhang von A eingemauert (6, 39. 40). Dann erkennt man aber die Fugen und Spalten um so leichter. Man sieht gleich : hier will nicht aus dem Zusammenhang argumentirt werden, sondern jeder £d«l- stein will besonders gefasst sein. Wir haben also fur die Beurtheilung der Quelle A im Lucas das Correctiv filr das , an sich allerdings dfters den urspranglichen Sinn eines Ausspruchs undurchsichtig machende, Verfahren des Matthaus. Uebrigens ist es nicht bios die Quelle Ay die aus unserem Matth&us nur mit Vorsicht herausgelesen werden will, son- dern auch durch solche Erklarungen, die Matthaus nach eigener Auf- fassung zu A beifugt, erleidet der Sinn der Worte Jesu hin und wie- der eine leichte Alteration. So bezieht sich das (wnw avvlere oder TtiSg ov avviere Mr. 9, 2 1 darauf, dass die Junger aus den Speisungen immer noch nicht gelernt haben, die angstliche Sorge fahren zu lassen. Mat- 1) £vaogeli8che Getcbichte, I, S. 90 f. Digitized by VjOOQ IC 422 FOnflM OapilsL tinaud knfipft an diese Worte 16, 11. 12 eine langere Betraohtung, in welcher aber der Sinn^ den seine Warnung vor dem Sauerteige der Fharisaer gehabt hat, als das Object der vermissten Einsicht erscheint* Aehnlich commentirt er das Wort des Uerm Mr. 14, 8 : » Was sie ver- mochte, hat sie gethan; sie hat vorweggenommen, meinen Leidioam (atafia) zu salben zum (nQ6g) Begrabniss^ so, dass aos adjf^a ein leben- diger Leib wird und nqSg die Bedeutung »in Beziehung aiif« erhalt: nindem sie die Salbe auf meinen Leib gegossen hat, hat sie es gethan in Bezug auf mein Begrabniss. u^ Es gilt also jedenfalls, aufzumarken und nicht mit bloden oder schlafenden Sinnen zu lesen, wenn man dem Mt* 13, 14. 1 5 gedrohten Schicksale nicht selbst verfallen will. Ueberdies kdnnte man gegen Matthaus noch ein gesteigertes Miss- trauen desshalb empfinden, weil jene beiden Hauptquellen es nicht m- mal allein sind , daraus er seine Reden bildet. Nicht bios eine bedeu- tende Anzahl von Einschiebseln , sondem auch wichtige Partien, wie sie im funften und drei und zwanzigsten Capitel vorkommen, erschei- nen dadurch gleichsam blosgestellt. Was nun zuerst jene kleineren Einschaltungen (vgl. S. 158 f. Nr. 2. 13. 16. 22. 28—33. 35) betrift, so dind dieselben allerdings ohne Weiteres als die ersten, noch ganz nor an vereinzelte Punkte im Leben Jesu sich heftenden, Ansatae der Sar genbildung anzuerkennen. Ja selbst unter den kleinen eingeschalteten Redestucken gilt wenigstens von den beiden zusammengehorigen 16, 17 — 19. 18, 15—20 und wohl auch von 28, 19, dass sie in dieser vor- liegenden Form mit Bucksicht auf spatere Gemeindeverhaltnisse redigirt erscheinen. Nur hier tritt in den Evangelien das Wort ixulrjoia aQf,des- sen Jesus sich schwerlich bedient hat, wieWeisse,' Scherer,* Bleek* u. A. hervorhoben. Aehnliches gilt jedenMls auch von der, eben&Us nur diesen beiden Stellen gemeinsamen, Potestas clavium. Und doch sind diese Worte nichts weniger, als subjective Fictionen. So sicher ilue heutige Gestalt ein schon bestehendes Gemeindeleben voraussetzt, so zeugt doch fur die Gewalt, womit sie sich dem urchristlichenBewasstseia eingepragt hatten, schon die Apokalypse mit ihren verschiedenartig na- ancirten Bildem vom Himmelsschlussel (1, 18. 3, 7. 9, 1. 11, 6. 20,1)9 wie andererseits auch das vierte Evangelium (20^ 23);* diese Stucke tragen uberhaupt den Stempel des hochsten Alterthums, wie z. B. IS? 17 die Formel woneq b i&yixog xal 6 velcivrjg auf einen noch gtnx innerhalb des ersten Judenchristenthums stehenden Berichterstatter rathen l&sst.^ Noch mehr darf von den, einer unerkennbaren Quelle ent- 1) Wilke, S. 579. - 2) Wilke, 8. 581 f. — 3) Evangelische Geschichte, H, S. 94 f. 101 f. — 4) NouveUe reyue, IV, S. 68. — 6) Synopsis, II, S. 91. - 6) Weiss e: Evangelienfrage, S. 238 f. — 7) Kdstlin, S. 61. Digitized by VjOOQ IC GlaubwtlrdigkeU der aynoptiMfaen Eyangelien. 428 stammten^ Fartien der Bergpredigt die Authenticit&t^ abgetehen von der Compositioii y zuversichtlich behauptet werden. Diese Stellen mit ihrer maleriBchen Beschreibung der pharisaischen Praxis^ die sofort unter das Gericht der unnachahmlichen Einfachheit der religios-sittli* chen Natur Jesu ftllt (6, I — 8. 16 — 18), mit ihren alterthumlichen, das yolle Bestehen des israelitischen Volkslebens xind Tempeldienstes voraussetzenden , Anschauungen (5, 21 — 24. 33—37) beglaubigen sich durch sich selbet; wie auch nach V oik mar's Urtheil die damit in Zu-* sammenhang stehende Partie Mt. 23, 7 — 12 noch ganz und gar vorhier- archischen Datums ist. ' Dies schliesst nicht aus, dass Matthaus auch diese kleinere Quelle gerade so, wie wir es bei A und A nachgewiesen haben, behufs seiner eigenen Ideenassociation bearbeitete und assimi- lirte. So ist sehr wahrscheinlich, dass z. B. 5, 37 in der Quelle gelau- tet hat, wie Jak. 5, 1 2 : iaxta de vixwv %6 val val xat to ov ovy in wel- cherForm auch Justin' und die clementinischen Homilien' den Spruch kennen.* Oder man nehme gleich den ersten Vers 5, 14. Hier ist, wie wir S. 149. 154. 176 sahen, vfisig iazi to g)wg tov xoofiov eine Metamorphose der betreffenden Itede vom Licht in A, dagegen ist ohne Parallele schon die zweite Halfbe ov dvvavai ndXig nQvpfjvac inavto Ofovg xsifiivt] — einSatz, der aber sogewiss echt ist, wie das, yom in sich selbst getheilten Hause oder Beiche ausgesagte ov dvvazai ata&^vai and ov dvtn^oetai az^vai^ Mr. 3, 24. 25. Dazu kommt, dass jenes Bild von der oben gelegenen Stadt ganz der freien Weise entspricht, womit Jesus durchweg uber die, in seinen'Anschauungskreis fallenden, Na- tnreindrucke verfugt (vgl. §. 28). Wir haben hier offenbar den Nach- klang einer Jugenderinnerung ; denn die beschriebene Bergkrone ist nichts anderes, als die befestigte Stadt, die zu jener Zeit auf dem Gipfel des zwei Stunden von Nazareth enti'emten Tabor gelegen war. '^ Wie nun aber Matthaus mit Redestucken verfahrt, dass er sich 2war an lauter achtes Material halt, dasselbe aber in eine ganz neue, ihm ursprunglich fremde, Ordnung bringt, so thut er gerade auch mit den Thatsachen des Lebens Jesu. Baur, wiewohl er das erste Evange- lium auch fur das der wirklichen Geschichte am nachsten kommende halt, muss doch zu allerlei rucklaufigen Cautelen seine Zuflucht nehmen, insofern der, von ihm anerkannte, eigenthumliche Pragmatismus des £vangeliums nothwendig auch auf das Materielle seiner geschichtlichen Darstellung ruckwirken musste. • Schon die eigene Weise des Evange- listen, die Gegenstande seiner Darstellung nach bestimmten Gesichts- 1) Religion Jesu, S. 360. — 2) Apol. I, 16. — 3) 3, 55. 19, 2. — 4) Hilgen- feld: ETftogelien Justin's, 8. 175 f. 312. ETsngelien, S. 63. — 5) Robinson: Pa- Iflstina, ni, S. 464 ff. — 6) EvangeUen, S. 602 f. Digitized by VjOOQ IC J 434 FAnftet Ci^iteU punkten su gruppiren , musste nothwendig die geschichtliche SteUung des Greecheheoen vielfach verrucken. Wie lasst sich annehmeii, dass Jesus das einemal (Cap. 8 und 9) nichts als Wunder gethan und Kranke ge- heilt^ ein andermal (Cap. 13) nur Parabeln vorgetragen habe? Wollte man aber ubertreiben und daran die Befurchtung knupfen, dass aaf solche Weise der Geschichtsdarstellung des ersten Evangelisten jegli- csher Credit entzogen werde^ so sind wir in der Lage, fur die gegenthei- lige Behauptung^ dass der wesentlichen Glaubwurdigkeit des Inhalts von Matthaus die schriftstellerische Kunst^ worauf die Redaction des Ganzen beruht, keinen Eintrag thue^ die Stimme der heutigen Ortho- doxie selbst anfuhren zu konnen. Auch Philippi kann sich dieser Wahmehmung nicht entziehen^ bemerkt aber^ was auch fur seinen Standpunkt wenigstens vollkommen ausreicht: » Matthaus reiht die Thatsachen oft nach ihrer inneren Verwandtschaft aneinander, wie sie seinem Hauptgesichtspunkte^ dem Erweis^ dass Christus der im alten Testament verheissene Messias, der wahrhaftige Prophet^ bewahrt durck Thun und Wort sei, am leichtesten di^nstbar sind. « »Ueberdies warer zu dieser Freiheit um so mehr berechtigt, da, abgesehen von den Haupt- epochen, der Geburt, der offentlichen Lehrwirksamkeit, des Leidens und Sterbens , der Auferstehung und Himmelfahrt des Herm, in deren chronologischer Anordnung naturlich alle Evangelisten ubereinstim- men^ der Lebenslauf Christi von Tag zu Tag ein so gleichiormiger, in bestandigem Umherziehen, Predigen und Wunderthun bestehender war, dass eine genauere Angabe der Aufeinanderfolge der einzelnen Mo- mente dieses mannigfaltigen und doch einheitlichen Thuns nicht einmal an sich von grosser Bedeutung war. a * Auch treffen — was sdir fur das unmittelbar Einleuchtende des fraglichen Punktes spricht — protestan- tische Gelehrte, wie Koster,* und katholische, wie Kuhn,' voll- kommen zusammen in der Anerkennung, dass unser Matthaus zwar ein Kunstproduct ist im Geschmack seines Vaterlandes und seiner Zeit, da- her ohne alle chronologische Gesichtspunkte gearbeitet^ dass aber eboi hierdurch ein grosser Theil der von Strauss gegen die evangelisdie Geschichte erhobenen Einwurfe vollig beseitigt werde, weil der erste Evangelist gar nicht wie eine juristische Relation ex actis behandelt sein will, die in Bezug auf jegliches Detail mit den Relationen der Neben- zeugen stimmen musse. Wir glauben desshalb, mit dem, im Einielnen nachgewiesenen, Charakter der matthaischen CouKposition zugleich die 1) Kirchliche Glaubenslehre, I, S.206 f. — 2) Ueber die Composition des Mat- thaus - Eyangeliums , in Pelt's wTheologischen Mitarbeiten ,« 1838, 1, S. 94— I W.— 3) Jahrbtlcher fOr Theologie und christliche Philosophic, VI, 1836, S. 33-91. Leben Jesu, I, S. 89 ff. 447 ff. Digitized by VjOOQ IC OUubwfUrdigkeit der synoptitcheii Eyangelien. 425 sichersten AnhalUpunkte gegeben zu haben fur Beantwortung der Frage , wie weit die Glaubwurdigkeit des Berichtes im Einzelnen sich erstreckt. Die Darstellung des Lucas, vergUchen mit A, kdnnte vielleicht am ehesten fur eine Anschauung von der evangelischen Geschichte imSinne derMythentheoIogiezusprechenscheinen. Schon Frischhataufgewisse poetisirende und rhetorisirende Ausschmuckungen , Engelerscheinungen u. dgl. , als allgemeine Kennzeicheu seiner Geschichtsschteibung hingewie- sen.* Wahrend beiMatthaus ausser den dreiXraumerscheinungen des Jo- seph (1 , 20. 2, 13. 19) nur die Engel der Quelle A auftreten, welche aber bios den Anfang (Mr. 1, 13 == Mt. i, 1 1) und den Schlusspunkt (Mr. 16, 5 = Mt 28 , 2. 5) der evangelischen Geschichte beruhren : so treten bei Lucas gleich i, 11. 26. 2, 9 Engel auf, und zwar nicht im Traum, sondern sie erscheinen theils bei hellem Tag, theils allerdings bei Nacht, aber nicht den Traumenden, sondern den Wachenden. Ausser den Auf- erstehungsengeln hat ja er noch die mythische Erzahlung 22, 43; von der Apostelgeschichte gar nicht zu reden. Auch was Zeller sonst noch uber die , beiden Buchem des Lucas gemeinsame , Tendenz nach derb realistischer Wunderbarkeit bemerkt hat, ist voUkommen richtig.* AUe diese Stellen zeigen aber nur, dass die mundliche Tradition , aus der Lucas seine Zusatze schopfte, bereits an einer spateren Stelle aufgefasst und schriftlich fixirt worden ist, als im Matthaus. Von seiner Bearbei- tung der schriftlichen Quellen aber gilt vollkommen Wi Ike's Satz: » Was gibt er in der Sorgfalt, mit der er sich gehutet hat, wegzulassen, was nicht entweder wegbleiben kdnnte, oder wieder ersetzt wurde, an- ders zu erkennen^ als die Ueberzeugung , dass die von ihm benutzte Normalschrift einen glaubwurdigen Inhalt habe, und diesen Inhalt in einem Ausdrucke darbiete, von dem sich der evangelische Schriftsteller so wenig, als mOglich zu entfemen habe?a' Auch die jedenfalls unge- scbichtliche Art, womit die ganze zweite Hauptmasse von Erzahlungen an einen einzigen Funkt der, in der Hauptquelle gezeichneten, Lebens- linie Jesu zusammengedr&ngt wird (S. 209 f.), wird nicht gegen die Glaubwurdigkeit des Evangelisten selbst geltend gemacht werden wol- leD> da jener Uebelstand eben nur die Eathlosigkeit verrftth, in der sich Lucas, und nicht minder auch Matthaus der Natur der Sache nach an einem bestimmten Punkte ihres Unternehmens befinden mussten. Das Vorhandensein der beiden Hauptquellen brachte fur Diejenigen, welche 8&mmtlichem Stoff eine einheitliche Redaction zu verleihen untemah- men , d. h. eben fur unsere beiden Evangelisten die Aufgabe mit, sich 1) Utrumque Lucae commentariam de vita, dictU factisque Jesu non tarn histo- licae simplicitatis, quam artificiosae tractationis indolem habere, 1S17. — 2} Apostel- geschichte 8. 428 ff. — 3) S. 470. Digitized by VjOOQ IC 4M F«Bflet Capitel. nach einem Princip umzusehen ^ nach welchem die beiden Schriften in* einander zu arbeiten waren. Diese Aufgabe war desshalb nicht leicht zu Idsen^ well — ausserlich betrachtet — beide Quellen sich ziemlidi disparat zu einander verhielten. Die Lebensgeschichte Jesu war so reich^ dass zwei Schriftsteller, die unabhangig von einander ein Sum- marium seiner Worte oder Thaten zu geben beabsichtigten^ nur an gan> wenigen Stellen — und auch da nur zufallig — sich beruhrt haben. Wie schwer ee daher fur die evangelische Geschichtsschreibung wurdc, Ordnung und Klarheit des Planes berzustellen ^ sobald man es einmal unternommen hatte^ das in zwei Schichten aufgehaufte Material in eins zusammenzufassen , sehen wir aber am Deutlichsten bei Lucas, der dch — da auch in yl ein gewisser historischer Faden festgehalten schien — nicht anders zu helfen weiss, als so^ dass er die Hauptmasse der zweiten Quelle an derjenigen Stelle von A einschob, wo diese letztere Quelle eine Fuge darbot; den Rest von yi hat er theils vor 9,51^ theils nadi 18, 14 an vereinzelten Stellen eingesprengt. So hat auch Gforer f2r seinen Satz, dass Lucas nur schriftliche Urkunden, ein beschranktes Maass todter Quellen, auch Traditionen der Gemeinde, aber keine eigentlichen Augenzeugen consultiren konnte, die Thatsache geltaid gemacht, dass er zwar verspricht, xa&e^g zu erzahlen, den Unterschied der Zeiten zu beobachten, dass aber sein Eifer fur genaue Zeitfolge nur in einem sehr beschrankten Maasse Erfolg hat.* Weder wann Je- sus geboren ward, noch in welchem Jahre er starb, noch wie vide Monate oder Jahre er Offentlich wirksam war, erfahren wir; vielmehr begegnet man auch bei ihm nur hochst unbestimmten Redensarten, wk iy ixelvaig tatg fiixiqaig, fierce zadra, naXtv u. s. f. Er hatte also offen- bar die Mittel nicht zur Hand , den zeitlichen Abstand der einen Bege- benheit von der andern zu bestimmen ; er konnte keine Erkundigungen daruber einziehen, wie sich die Berichte von A chronologisch in die von A einfugen. Mochte er noch so grundliche Zeitbestimmung wunschcn, es half ihm nichts, wenn nicht der alteZeuge, von dem dieUrkunde her- ruhrte, gerade dieselbe Absicht gehegt hatte, wie er, der Sp&tere. Bei dem bestenWillen blieb ihm nichts Anderes dbrig, als dieNachrichten in der Beihe, die ihm die sicherste schien, auf einander folgen zu lassen, diese Reihenfolge durch allgemeine Formeln zu verfestigen, wo sie ihm nicht strict genug schien, endlich aber die von ihm selbst gesammelten mund- lichen Traditionen an passend scheinenden Orten einzuschieben. Hier ist aber auch der Ort, noch auf einen Einwand zu antworten, den man in der Nachfolge eines alteren , gegen das Urevangelium ub- lich gewesenen Geredes etwa auch gegen unser gesammtes Besultat er- 1) Urchristentbum, II, ], S. 56 f. Digitized by VjOOQ IC GlaubwOrdigkelt der sjnoptisclken Evangelien. 427 heben kdnnte : warum — konnte man sagen — wenn sie doch existir- ten, sind denn diese Quellen spurlos verschwunden ? waram keine Nach- richt in der Apostelgescbichte, in den Briefen? — Darauf diene zur Antwort : Spurlos verschwunden ist keine von beiden. Denn A Hegt var in alien drei Evangelien^ ja, wenn eininal ein Fragment in keines der dreie Aufnahme gefunden hat^ so iet es doch sonst nicht verloren gegangen^ wie S. 92 ff. bewiesen ; A aber liegt, wie eben gezeigt, wenig- stens in zwei Bearbeitungen vor. Gerade nun um dieser ihrer reichen Verarbeitung willen konnten die ersten Quellen um so fuglicher in d^i Hintergrund treten. Bei der Sorglosigkeit jener Zeiten erachtete man ihre gesonderte Aufbewahrung fur iiberflussig. ' Aber auch wenn alle beglaubigten Nachrichten uber das Vorhandensein dieser Quellen fehien wurden^ so konnte uns Dies nicht irre machen^ da doch aus dem Verwandtschaftsverhaltniss der drei Producte auf eine derartige Kreu- xong zweier Factoren nothwendig geschlossen werden muss. Zum Ueber- fluss aber sagt F ap i a s ^ dass es eine Quelle, wie A, und sagt Lc. 1,1—4, dass es Quellen, wie A, gegeben babe. Also ist der Einwurf nicht ge- schickter, als der, wenn gesagt wurde : Wie kann Lucas sagen , dass Viele vor ihm dergleichen Schriften verfertigt haben , da sie nicht mehr vorhanden sind? Wurden sie so spurlos haben untergehen konnen und nicht noch vorhanden sein mussen?^ — Was nun unter Yoraussetzung der dargelegten literarischen Ver- haltnisse in der wissenschaftlichen Behandlung des Lebens Jesu unrett- bar dahinfallt, das ist die bekannte Taktik der sogenannten Harmo- nisten. So oft namlich parallele Abschnitte wieder unter sich, sei es in der verschiedenen Folge, in der sie bei verschiedenen Berichterstattern auftreten, sei es in der Darstellung des Hergangs selbst, auf eine Weise von einander abweichen, dass bios die Wahl bleibt, Alterationen des Berichts anzuerkennen, oder die Selbigkeit des erzahlten Vorgangs zu leugnen , so lautet der Grundsatz der Harmonistik dahin , den letztern Weg unbedingt vorzuziehen und bei verschieden gestalteten Berichten auf verschiedene Ereignisse zurackzuschliessen. Es ist ein nicht sehr erhebendes Geschaft, die Frinciplosigkeit zu verfolgen, mit der man sich in diesen Schwierigkeiten bin und her geworfen hat, ohne sich entschliessen zu konnen, den, von der Quellenkritik gebotenen, Ariad- nefaden zu ergreifen, der allein aus diesen Labyrinthen zum Ziele fuhrt. Zwar hatte schon das Alterthum die Unmoglichkeit einer wirk- lich durchgefuhrten Harmonistik anerkannt. Augustin wenigstens spricht von Anticipationen sowohl, als von nachtraglichen Beibringun- 1) Credner (Einleitung, S. 2U4 f.), Weisse (Evangelienfrage, S. 142), Weiss (S. 88). — 2)Wilke,S.658. Digitized by VjOOQ IC 428 TlLnftes Capitel. gen. £s war daher der dreifache Schlussel des Or do rei gestae, aotici- pationis und rememorationis^ den Gerson anwandte, urn ein voUstan- dig ineinandergefugtes Monotessaron herzustellen.^ Aber selbst dieses geringste Maass von freierer Beurtheilung evangelistischer Glaubwardig- keit erregte innerhalb der Lutherskirche Anstoss. Seit dem Werke des Andreas Osiander' gibt es sogenannte Harmonisten, von denen A u g u 8 1 i n's Kanon zunachst mit der Kucksicbtslosigkeit hartnackigstei Consequenz uberschritten und ein Totalbild des Lebens Jesu hergesteUt wurde, in welcbem kein Wort der Quellen verloren gegangen, und jeder Synoptiker in seiner durchgehenden Akolutbie und Integritiit wieder zum Yorschein kam. Aber auch in dem Verlauf dieser Harmo- nistik ist kein anderer Fortscbritt zu entdecken^ als der der Selbstauflo- sung. Denn scbon das nachste grosse Werk, geliefert von Martin Chemnitz, Paul Leyser und Johann Gerhard,* sieht sichb^ reks genothigt, nach bestimmten Regeln fur die Unterbrechung der Akoluthie zu greifen und insonderheit die augustinischen Anticipatio- nen und Recapitulationen wieder freizugeben. Baldigst sehen wir aber auch diese abstracten Regeln mit einer concreteren Betrachtung des Details vertauscht, wie Dies bei Bengel geschieht, der bereits von Versetzungen spricht und bier und da sogar parallele Geschichten mit Unterbrechung der Akoluthie zu identificiren wagt. * Noch haufigcr versundigt sich gegen das Dogma der Akoluthie Storr. Immer aber tragen solche Wagnisse noch den Charakter von Ausnahmen. In der Mehrzahl der FaUe halt nicht bios Bengel, sondem auch StorrZu- fammenfallendes auseinander. Mogen auch Anfang , Mitte und Ende der beiden Bergpredigten identisch sein, die eine ist auf dem Berge ge- halten , die andere auf der Ebene. Dies und Andres von der Art macht den Unterschied. ^ Am meisten zu beklagen ist es aber, dass man apolo- getischerSeits auch gegen Strauss, der aUe solche Tauschungen jeigent- lich ein- fiir allemal zerstort hat, diese verbrauchteste aller Schutzwaffen wieder anlegen zu mussen glaubte. So steht schon Neander nicht sel- ten wieder auf dem willkurlichen Standpunkte der Harmonistik. In noch weit hoherem Grade aber ist Dies der Fall bei Wieseler und Ebrard, in deren Werken (vgl. S. 28) die harmonistische Richtung, auch was Scharfsinn und Gelehrsamkeit anlangt, ihren Hohepunkt cr- reicht. Freilich lasst sich die Nothwendigkeit eines principiellen Bru- ches mit dem ganzen System auch nirgends besser, als an diesen Schiif- ten, erkennen und nachweisen. 1) Vgl. Baur: Evangelien, S. 3 f. — 2) Harmoniae evangelicae libri IV, 1W7. — 3) Harmoniae evangelicae libri V, 1593—1626. — 4) Richtige Hannonie der ti« Evangelien, 1731. Neueste Ausgabe von 1862. — 5) Storr: Eyangelische G^ schichte des Johannes, S. 347 ff. — 6} Leben Jesu, S. 406 ff. Digitized by VjOOQ IC QlaubwtLrdigkeit der synoptiachen Evangelien. 429 Ebrard hat »mit der juridischen Genauigleit eines Processes** die vollkominene Glaubwurdigkeit der verschiedenartigsten Berichte zu vertheidigen untemommen. Am meisten Schwierigkeiten bereitet hier naturlich die Akoluthie. Dieselbige findet nach Ebrard uberall da statt, wo sie von den Evangelisten selbst in Anspruch genommen wird. Dies aber'sei keineswegs immer der Fall^ denn es gebe 1) allgemeine Schlussformeln y die den Temporal- und Realzasammenhang bestimmt unterbrechen ; 2) lose Verbindungen , die sogar gestatten, das Nachfol- gende als vorher Geschehenes zu fassen; 3) unbestimmteVerbindungen^ die zwar das ante oder post bemerken , aber nicht angeben^ wie lange vor- oder nacbber Etwas geschehen sei; 4) mittelbare Verbindungen, welche das Zwiscbeneinschieben gewisser Begebenbeiten gestatten; 5) unmittelbare Verbindungen der Abschnitte^ die jede derartige Licenz ausschliessen. Dass nun dieser scharfsinnigst durcbgefuhrte Versuch schon in sich unbaltbar ist, baben Planck,* Bleek,' Baur,* und be- sonders Hilgenfeld' binlanglicbgezeigt; dass er unricbtig sein muss, wenn auch nur der zebnte Theil unserer Resultate sicb als probehaltig erweisen sollte, verstebt sich gleichfalls von selbst. Das einfache t6t9 z. B. erscheint Mt 12, 38. 13, 36 als unmittelbarste Verbindung; und wir haben nichts dagegen zu erinnem. Dasselbe Tote thut aber bei Ebrard auch die entgegengesetzten Dienste einer ganz unbestimmten (Mt. 19, 13. 20, 20), ja der losesten Verbindung (9, 14), es unterbricht 1 5, 1 sogar alien zeitlichen Zusammenhang ; aber gerade in diesen vier Fallen verbindet Matthaus mit Toze je zwei, auch in A aufeinander- folgende, also in richtigem unmittelbarem Zusammenhange stehende, Berichte. Anstatt daher diesem harmlosen t6t€ so entgegengesetzte Ge- 'schaftsverricbtung zuzumuthen, scheint es doch viel gerathener, in sei- ner ungemein haufigen Wiederholung einfach eine schriftstellerische Eigenthumlichkeit des Matthaus anzuerkennen (vgl. S. 293) und von alien weiteren Grubeleien uber seine Bedeutung zu abstrahiren. Wenn schliesslich Etwas die Fruchtlosigkeit aller dieser bar monistischen Zwangs- arbeit ad oculos zu demonstriren geeignet ist, so ist es der Umstand, dass Wieseler und Ebrard so voUkommen ubereinstimmen in Ver- achtung Derer, die nicht an eine voUstandige Akoluthie und Harmonie der Synoptiker glauben , dass sie dagegen in Herstellung dieses Zusam- menhangs selbst wieder auf jedem Schritt und Tritt von einander abwei- chen. Indessen thut sich namentlich Wieseler immer etwas darauf zu gut, wenn einmal seiner Zurechtlegung der synoptischen Geschichte 1) WiMenschaftUche Kritik, 1842, S. 58. — 2} Tbeologbcbe Jalurblloher 184&, S. 145 ff. S. 315 ff. — 3) Beitrtlge, S. 9 ff. ~ 4) EyiuigeUeii, 8. 5S ff. — 5) Die Evaii- g«lien, S, 11—18. Digitized by CjOOQIC 430 Fttnftos CaptteL der Calcul irgend eines oder mehrerer anderer Apologeten schutzend zur Seite tritt. ' Dass aber dadurch die Sache nicht besser wird^ mag gerade jenes, schon fruher von mir gegen Wieseler geltend gemachte,^ Bd- spiel voin Blinden zu Jericho zeigen. Wie wir nacliwiesen (S. 91. 256), berichtet A von einem Blinden, der beim Anszog geheilt wird, welcbe Scene Lucas aus Grunden (S. 233 f.) so umstellt, dass die Heilung beim Einzug geschieht. Matthaus erzahlt von zwei Blinden, nicht aber, ah ob er den des Marcus und den des Lucas zusammenfasste, wie Wiese- ler harmonisirend eintragt,' was nicht einmal schriftgemass ist, da Mat- thaus beide Heilungen zeitlich richtig in d^n Ausgangsmoinent verlegt (S. 198); sondern aus ganz andern, S. 256 angegebenen, Ursachen. Lieber aber, anstatt dass Wieseler diesen klaren Sachverhalt anerken- nen wollte, muthet er uns das Unglaubliche zu: dass zweimal an einem Tag ein Blinder h6rte, wie Jesus kam; dass zweimal ein Solcher den Sohn Davids urn Erbarmen anrief ; dass zweimal die Menschen ihm weh- ren woUten ; dass zweimal er um so arger schrie; dass zweimal ihn Jesus kommen liess; dass zweimal er ihn um seinen Wunsch fragte; dass zwei- mal ein Blinder denselben mit ebendenselben Worten angab ; dass zwei- mal Jesus ihn gleichfalls mit ebendenselben Worten entliess. Alles ge- schieht zweimal, nur Dies ist der Unterschied : einmal diesaeits, das an- deremal jenseits von Jericho. In der That konnen es nur, der Kritii als solcher fremde, Grunde des Schicklichkeitsgefuhls und des, gegen die nothwendigen Consequenzen des Princips, reagirenden gesunden Menschenverstandes sein, wenn ein Harmonist von der Art sich bis auf den Tag noch scheut, den Herm selbst, zu Gunsten des in den vier Evangdien differirenden Buchstabens, zweimal geboren, dreimal getauft werden und viermal auferstehen zu lassen.^ Aber auch noch eine andere Art von Harmonistik hat nunmehr ihr definitives Endziel gefunden; es ist jene, die Einheit dadurch glaubt herstellen zu konnen, dass sie nicht das letzte Product, die verschiede- nen Berichte, in ein falsches Verhaltniss zum Factum bringt, sondem 1) Eine Untersuchung tlber den Hebrfterbrief, 186], I, S. XVII f. — 2) Schen- keTs AUgezxkeine kiichliche Zeitschrift , 18(>0, YIII, S. 57 f. — 3) Chronologisebe Synopse, S. 332. So auch Sieffert» Ebrard, Neander: Leben Jesu, S.614iL — 4) Dass sich Wieseler (Hebrfterbrief, I, S. XVII) aber diese Zumuthung entrfl- stet f ist ganz in der Ordnung. Ich warde es auch thun » wenn man mir ae maciite. Dass or aber nielit einsehen will » vde in den Principien seiner Harmonistik alle Prt^ missen zu so ungeheuerlichen Ckmsequenzen gegeben gind, imd dasa an sick niohts ibi hindem kOnnte , sie wirklicb zu Ziehen , zeigt eben nur , wie man, in eigener Ssehe plaidirend, je nach Bedarf scharfsinnig und stmnpfsinnig sein kann. Gani fthnlich be- weist R^nan (£itudes d'hiatoire religieuse, S. 204 f.}, daas die Haimoiusteii ei^t- lioh 8 Oder 9 Verltugnungen des Petrus annehmen mtkasen, wiewohl Jesus selbst deres nur drei geweissagt hatte. Digitized by VjOOQ IC Glaubwtlrdigkoit der synoptiaehen Eyangelien. 431 gleich bei den ersten Augen- und Ohrenzeugen desselben den Anfang macht. Selbst Schleiermaeher hat nocb zu solchen Kunsten seine Zuflucht genommen, wenn er z. B. Lc. 8, 22 — 56 Untersuchnngen an- stellt^ wie viel von den daselbst enthaltenen Bericbten von einem J(ln- ger^ wie viel von einem beim Scbiff zuruckgebliebenen Begleiter u. s. f. aufgeschrieben worden sein mocbte^ — was freilich mehr mit seiner Diegesentheorie^ ale mit dem Streben nach Harmonistik zusammenhing. Heutzutage werden hochstens englische Tbeologen es sich nocb ein- fallen lassen^ die Diflferenzen der Synoptiker durcbgebends aus der- artigen Zufalligkeiten zu erklaren^ wie dass bald Petrus (Marcus)^ bald Matthaus den Herrn begleitet, dass bald dieser, bald jener Bericbter* statter fruber auf dem Schauplatze erscbienen, langer auf demselben verblieben sei, u. s. f. * Nacb diesen Vorbemerkungen constatiren wir scblicsslicb nocb die tiefgreifendsten und allgemeinsten Differenzen, die sicb in Be- zug auf die Lebensgeschicbte Jet>u in unseren Synoptikern vorfin- den. Baur meint von der Relation dcs ersten Evangeliums^ ]>das8 sich hier Alles in einer sehr naturlichen Ordnung entwickelt^ und es bietet sich nirgenda ein zureichender Grund zu dem Zweifel dar, dass Dies nicht auch wirklicb, wenigstens in den wesentlicben Momenten, der geschichtlicbe Hergang der Sache selbst gewesen sei. a^ Wie scbief und am allerwenigsten historisch eine solcbe Betrachtung der Sache ist, haben wir schon S. 103 f. im AUgemeinen gesehen. Insonderheit haben sie seitber widerlegt Ritschl, durch eine eingehende Kritik der evan- gelischen Gescbichte, wie sie sich bei Marcus im Unterschied von Mat- thaus gestaltet, * und Weiss, durch scharfsinnige Vergleichung einer grossen Menge von Details. ^ Indem wir auf diese Zusammenstellungen im AUgemeinen verweisen, beschranken wir uns hier auf eine, zuerst von Schneckenburger gemachte, Entdeckung hinsichtlich der smes* sianiscb^n Oekonomie Jesu. « * Auflallig im hOchsten Grade ist namlich der bei Marcus wahrzunehmende stetige Fortschritt in dem Eindrucke^ den Jesus auf seine Junger macht, und in Folge dessen auch iix det all? maligen Anerkennung seiner Messianitat von Seiten dieser Junger:^ Diese sind namlich keineswegs die ersten, die in Jesu den Sohn Gottes erkennen. Vielmebr kommt dieser Vorrang nach Mr. 1 , 24. 34. 5, 7 den Damonischen zu , auf welche die Nabe Jesu gewaltsam aufregend 1) S.91 ff. (124 ff.) — 2) Fr. See bohm: The facts of the fourGospels, 1861.— 3) Eymngelien, 8. 600. -*- 4) Theol. Jahrb. 1851, S. 516 f. — 5) Studien and Kritiken, S. 36^59. 8i«he besondeni in Betreff der Leidensgeschichte Weiss (S. 52 f.) and Rea SB (NonTelle revae II, S. 64 ff.) — 6) Ursprung des ersten kanonisdien Evange<' liums, 8. 28 f. — 7) Hitschl: A. a O. 8. 513—515. — Hilgenfeld: A. a. O. 1857, 8. 421. Digitized by VjOOQ IC 432 FOnltes Capitel. einwirkt. Ihnen wird StiUschweigen auferlegt, auch nachdem sie ihn schon einmal 3, tl. 12 vor einer grossen Menge als Messias ausge- schrieen haben. Dieser Anfangspunkt messianischer Anerkennung kann nur, wo man mit dogmatischen Voraussetzungen an die evangelisck Geschichte uberhaupt herantritt, als 2u dunkel erfunden werden, uin eine Argumentation darauf zu grunden.' Uebrigens erkennt Baur selbst an : wNur Marcus ist es, der immer wieder von diesem Verbot spricht und den grossten Nachdruck darauf legta* — womit, nach allem Bisherigen, nur E w aid's richtige Fuhlung bestatigt ist : » Nichts kann geschichtlicher sein, als die in den Evangelien bei vielen Anlassen wie- derholte Ermahnung Christie von seinen Heilsthaten nicbt laut m reden. a' Aber nicht bios den Damonen, auch den Geheilten legt Jesus An- fengs noch Stillschweigen auf, 1, 44. 5, 43. 7, 36. 8, 26. Hier sind nun die Parallelen bei Matthaus von ausserster Wichtigkeit. * Zur letztgenann- ten Stelle existirt zwar eine solche nicht, wohl aber Mt. 9, 26. 33 zu den beiden mittleren. Beidemal aber ist bei Matthaus das Verbot, ihn bekannt zu machen^ ausgelassen. Dasselbe Verhftltniss Beider kehrt aber regelmassig wieder, weil bei Matthaus Jesus von Anfang an als Messias d£fentlich auftritt, ja als solcher schon durch die Sdmme bei der Taufe (wo Matthaus ovTog hat statt av) proclamirt wird. * Die Ab- hangigkeit des Matthaus ist daher schon an diesen Auslassungen xu er- kennen ; noch mehr aber an einzelnen Inconsequenzen. Zufallig nam- lich lasst Matthaus einigemiil das Verbot gerade an solchen Orten stehen, wo es zu der von ihm vertretenen Form der Erzahlung nicht stimmt: ein Umstand, der bios vermOge gewohnheitsmassiger Abhan- gigkeit von einem Original eintreten konnte. Hier kommt besonders in Betracht die erste der aus Marcus angefuhrten Stellen, welche ihre Parallele in Mt. 8, 4 hat. Dasdbst namlich wird das Verbot einem Aus- satzigen gegeben; aber nach der eigenthumlichen Scenerie Mt. 8, 1 (S. 178) sind oxloc TtoXXol gegenwartig, so dass das Verbot zwecklos wird.* In Wahrheit (Mr. 1, 43) hatte Jesus den Aussatzigen zu sichin ein Haus kommen lassen. Noch auffalliger ist Folgendes. Kurz vor der Erwahlung der Apo- stel hat Mr. 3, 10—12 die generelle Notiz, Jesus habe Viele geheilt, und dabei stets den Damonen verboten, seine Gotteesohnschaft bekannt 1) Gegen Baur: Theol. Jahrb. 1863, S. S8. — 2) Marcuaevang^um , S. W. " 3) Jahrb(Lch«r» I, S. 1 1 7. ~ Ueber den gesohichtllohen Charakter gezade dieses Zogeii desseu sich die Mythentbeologie am ekesten zu bemaobtigen getraut, y^^. auch We i sse : BfangeUsche Oeechichte, I, S. 356— 358. — 4) Wilke. S. 630 ff. — 5) WeiM» S. 32. — 6) Hilgenfeld: Evangelien, S. 66. Digitized by VjOOQ IC Glaubwflrdigkeit der synoptischen Evangelien. 433 2U machen. Dies kurzt Mt. 12, 15. 16 dahin ab, dass oxloi noXXoi Jesu nachfolgen, und er sie (naviaQ) nicht bios heilt, sondern auch bedroht, iva fif] q>aveQbv avtov noiTjawaiv, Die Volksmassen sollen Jesu messia- niscbe Worde nicht unter das Volk bringen ! Hier hat Matthaus zwar einen Satz seines Originals beibehalten, ihm aber im Interesse der Ab- breviatur eine unrichtige Beziehung gegeben, in Folge deren sein Be- richt unverstandlich wird. * Beobachten wir die weitere Darstellung des Marcus, so sind auch die Ausnahmen, die nach und nach in des Herrn Handlungsweise ein- treten, wohl motivirt. Zuerst namlich ist es bios der Gadarener, der in seiner heidnischen Heimath ausnahmsweise die Wunderthat Jesu bekannt machen darf,^ vgl. 5, 19. 20. AUein diese Praxis konnte nicht festge- halten werden, da Jesus mehrfach vor einer grossen Volksmenge heilte. Daher das Wegfallen des Verbotes 2, 11. 12. 3, 5. 5, 34. 6, 56. 9, 27. 10, 52. So fing er an, bekannt zu werden; und man machte sich Ge- danken uber ihn und sein Wesen 6, 14. 15. 8, 28. Bisher hatte Jesus seine Messianitat nur angedeutet in dem ver- hullenden Namen : »Menschensohn, a vgl. Mr. 2, 10. 28. Auch die aus- gesandten Junger hatten nicht den Auftrag, Jesum als Messias zu ver- kundigen, son dem nur den, das Volk wegen der Annaherung des Reiches Gottes zur Besserung aufzufordem und Kranke zu heilen. ^ Endlich reift zuerst in Petrus die Einsicht in das wahre Wesen des Meisters zu dem Bekenntnisse heran i ai) el b XqigtSq 8, 29, was er noch fur keine Partei unter dem Volke gewesen war, wie aus den vorher ge- meldeten Antworten hervorgeht. Damit iallt aber die ganze Argumen- tation Baur's, dass Jesus gerade um dieser Stelle willen mit dem Aus- druck 6 vlog tov avd^qdnov den BegriflF der Messianitat nicht habe ver- binden konnen , weil er sonst gefragt hatte : fur wen halten die Leute den Messias?^ Denn abgesehen davon, dass 6 vlbg zov dvd-Qciftov auf keinen Fall fur »eine so bekannte und vulgare Bezeichnung des Mes- sias*® zu halten ist, steht derAusdruckxtW kiyovaiv oi av&Qwnot elvai Tov viov zov dv-S-Qcinov nur Mt. 16, 13, wo sonach Jesus die eigens er- wahlte dunkle und die gangbare populare Bezeichnung der Messianitat in Bins zusammenfassen will. A aber hat bios zlva fie Xiyovai^v oi avd-QWTCOi elvai Mr. 8, 27 = Lc. 9, 18. Auch der Widerspruch Meyer's® gegen ein, sogar von Werner Hahn anerkanntes,^ Eesultat bcruht auf falscher Auffassung des Menschensohnes. 1) Bruno Bauer (Kritik der Evangelien, II, S. 192 f.), Ritschl (Theol. Jahr- bttcher, 1851, S. 516), KOstlin (S. 340). — 2) Bleek: Synopsis, I, S. 376 f. — 3) Wilke, 8. 633. — 4) Zeitschrift fOr wissenschaftliche Theologie, 1861, S. 277.— ft) A. a. O. S. 278. — 6) Zu Marcus und Lucas, S. 32. - 7) Das Leben Jesu, 1S44, S. S8. Holtzinanu. 28 Digitized by VjOOQIC 434 Fanftes Capitel. Aber auch jelzt durfen nach A die Junger nicht alsbald dem Volke die Messianitat Mr. 8, 30 und himmlische Herrlichkeit 9, 9 des Messias bekannt machen, sondern nur freier redet Jesus und oflfener zum Volk 8, 32, und erst 11, 1—11 lasst er beim feierlichen Einzugm Jerusalem die letzten Rilcksichten fallen. — Dies ist in der That eine wohlgeordnete und in sich ubereinstimmende Darstellung von dem Kern der evangelischen Geschichte, die Matthaus aber verwischt, in- dem er scbon vor jenes denkwurdige Bekenntniss des Petrus Geschich- ten setzt, in denen Jesus als Messias anerkannt und bald vonBlinden und Heilsbeddrftigen Davidssohn (9, 27. 15, 22, vgl.auch 12, 13), bald von den Jungem 14, 33 geradezu als Gottessohn angerufen Jwird. Indem Baur diese Verwirrung anerkennt, * zeugt er indirect fur Marcus, und Hilgenfeld erklart geradezu, man konne den Folgerungen, die Ritschl aus Mt. 14, 33 gezogen hat,* nur entgehen durch. die Unter- scheidung einer Grundschrift von dem jetzigen kanonischen Matthaus.* Unsere Untersuchungen haben uns aber hinlanglich gezeigt, dass eine solche Grundschrift des Matthaus nur in A Marcus mit Sicherheit to entdecken ist. An die Darstellung dieser Quelle halt sich nun aber uberdies auch Lucas. Denn bei ihm finden sich jene storenden Aus- drucke und Anticipationen des Matthaus nicht und uberhaupt nichts von der Messianitat vor 9, 20. Denn auch die Sendung des Taufen Lc. 7, 19 erklart sich nur aus dem fortwahrenden Zogem Jesu, das aus- zusprechen, was der Taufer von ihm erwartete. Jesu Erwiederung aber 7, 22 enthalt nur eine indirecte Erklarung, indem auf Facta verwieaen wird, auf Grund deren das Volk auch auf einen Propheten rathcn konnte, wie auch die Rede tlber den Taufer 9, 27 durchaus keine deirt- liche Selbstankundigung Jesu als des Messias enthalt. * — Granz anders freilich Matthaus. Wahrend bei Marcus Jesus den DSjnonen Schweigen gebietet uber seine hohere Wurde, weist Jesus Mt. 8, 29 dieses un- willkommene Zeugniss nicht zurttck, ja er trilt gleich in der Bergrede 7, 21 — 23 in ganz specifischer Weise als Herr und Eichter auf, wie auch in spateren Stucken 10, 22—33. 11, 25—27. Hatten aber in der Weific alle Junger in Jesu den Sohn Gottes erkannt, so brauchte es keinerbe- sonderen gOttlichen Offenbarung mehr, um hieruber auch dem Petros die Augen zu cffnen, und am wenigsten konnte er der erste gewescn sein, der diese Entdeckung machte. Jene Aussage steht daher nur bei Marcus und Lucas an ihrem Orte. Es ist auch an sich nichts weniger als wharscheinUch, dass Jesus langere Zeit in gleicher Weise vor allem 1) Theol. Jahrbttcher, 1853, S. 77 f. Christenthnm der drei ewten Jahrhundeite, S. 37 f. — 2) Theologische JahrbUcher, 1851, S. 515 f. — 3) Evangelien, S.85. 13t^f- — 4) Wilke, S. 633f. Digitized by VjOOQ IC Glaubwardigkeit der synoptischen Evangdlien. 435 Volke als erklarter Messias aufgetreten sein soUte. Gar lange vnarde Dies die romische Polizei kaum geduldet haben. Eben desshalb, well MatthSus das Wirken Jesu von Anfang an als jnessianisches auffasst, weil er den Messias, dem die Volkshaufen zu- stromen, gleich aus der Wuste hervortreten lasst, hatte auch jene schrift- stellerische Metathesis, die durch die Anticipation der Bergrede veran- lasst war, fur sein Bewusstsein nichts Unzulassiges. * Aber auch in anderen Partien der evangelischen Geschichte lassen sich ahnliche Bemerkungen machen. So ist bei Marcus ganz sachgemass die Verbindung derMomente, durch welche die pharisaische Opposition erweckt und gesteigert wird. Nachdem Jesus einen (S. 71) oder zwei (S. 78. 149) Damonische geheilt hatte (Mr. 3, 11. 12 steht von Heilung nichts) , sind die Pharisaer schon bei der Hand mit ort iv Tcp aQxovri 'cwv dat^oviwv h.^aXXev za dai^ona 3, 22, welche Beschuldigung Mt. 9, 34. 12, 24 nach Erwahnung so vieler Heilungen viel zu spat kommt.^ Nicht minder consequent ist bei Marcus durchgefiihrt die Un- fahigkeit der Junger, sich in Jesu Eeden und Thaten zu finden, vgl. 4, 13. 40. 41. 6, 52. 7, 17. 18. 8, 17. 18. 21. 33. 9, 6. 19. 32. 34. 10, 24. 32. 35. 14, 40. Vergleichen wir den Matthaus, so finden wir hiervon merkwurdige Abweichungen. Gewohnlich spricht man von einem gun- stigeren Lichte, in welchem die Apostel bei Matthaus erscheinen soUen im Vergleich mit Marcus und Lucas.' So bei Gelegenheit derParabel vom Saemann. Diese haben sie nach Mr. 4, 10 = Lc. 8, 9 einfach nicht ver- standen. Bei Mt. 13, 10 ist die betreflfende Notiz weggefallen ; vielmehr fragen die Junger nur, warum Jesus uberhaupt in Parabeln rede; das Gleichniss selbst aber scheinen sie, der Antwort Jesu 13, 11. 12 zufolge, zu verstehen. Doch darf man diesen Gegensatz, so sehr er durch Mr. 4, 1 3 [(ot% oXdate ttjv naQafioXfjv zavTrpf) und Mt. 1 3, 1 6 (yiiciv di fia- TUXQioc ol 6g)d'alfioi otv fiXinovaiv) angedeutet erscheint (vgl. aber S. 80); nicht uberspannen. Denn wie bei Matthaus, so erscheinen auch Mr. 4, 11. 12 die Junger als Solche, denen das Geheimniss des Him- melreichs gegeben ist. Und wenn sie dieses Gleichniss vom Saemann Mr. 4, 13 nicht verstehen, so verstehen sie dafur Mt. 13, 36 das vom ungleichen Samen nicht. Ja selbst von der erste^en Parabel berichtet Matthaus eine privatissime an die Junger gerichtete Auslegung, was doch jedenfalls darauf hindeutet, dass es ihnen nicht schon vollkommen 1) Weiise: Eyangelienfeige, S. 213. - 2) Wilke, 8.135. 621. - 3) Eitschl (Theol. Jahrb. 1851, S. 517), Meyer (Zu Marcus und Lucaa, 1860, S.61). Was Baur (Theol. Jahrb. 1853, S. 6S f.) dagegen sagt, wttrde allerdings »Klarauf hinauskommen, dnam Marcus, der doch neutral sein soil , in diesem Punkte den Lucas noch tlberboten hatte. « Digitized by VjOOQ IC 436 Fttnftes Capitel. durchsichtig gewesen sein kann. Wenn aber Wilke sagt, die JiUiger wurden Mr. 4, 24. 25 durch denselben Spruch beschamt, der ihneEbei Mt. 13, 12 zur ehrenden Auszeichnung diene,* so hat nicht bios Meyei auch die Stelle bei Marcus im letzteren Sinne erklart,* sondern die hier bei Matthaus statthabende Anticipation beniht auch auf blosen Redactionsmotiven (vgl. S, 188). Ferner machtRitschl geltend: bei Matthaus seien die Jiinger von vomherein Licht und Sak der Welt, 5, 13 — 16; bei Marcus aber soUten sie blosrSalz bei sich haben, 9, 50, das Licht aber sei Jesus selbst, 4, 21. AUein dieses Licht, das nicht unter den Scheffel kommen soil, ist doch wohl die Einsicht in das Mysterium des Himmelreichs (S. 81), und den Spruch Mc. 9, 50 liess Matthaus aus, weil er die Eeden vora Salz bereits anticipirt hatte (S. 195). Zu viel hat man endlich auch geschlossen aus dem Umstand, dass Mt 20, 20 die Mutter der Zebedaiden, Mr. 10, 32 diese selbst um die Ehren- platze bitten. Da die Antwort an die Junger gerichtet ist, haben Mar- cus und Lucas offenbar die ursprunglichere Relation. Aber ob die Er- zahlungsform des Matthaus gerade in der Absicht gebildet sei, die Junger in Schutz zu nehmen, lasst sich wenigstens bezweifeln. Denn, wie aus der Antwort Jesu hervorgeht, wissen sie jedenfalls um das Anli^u der Mutter; und man konnte auch meinen, dass, wenn die Mutter fieta zwv vlcSv avT^Q zu Jesu tritt. Dies eher dazu dienen kann, die Letzteren noch tiefer zu stellen : als TJnmandige, fur welche daher die Mutter das Wort nimmt.* Doch vgl. S. 198. — Wir darfen also nicht mit Ritschl sagen, dass nach der Gesammtanschauung bei Matthaus die Junger seh einsichtsvoll und verstandig gewesen. Stellen, wie 15, 15. 16 (oavvstoi)] 16, 5 — 12 (ovnu) voeite ovde ixviq^oveveTa), 23 (aaTavo^i 17, 6 (igpo/?/- &riaav), 17 (c3 yevea aTtiaTog nat diaoTQafi^ivr]); 18, 1 (rig aqa (id- ^(ov); 19, 25 {i^eTtXrjaaovTo), verbieten auf jeden Fall alle Schlusse, die in einseitiger Weise gezogen sind aus Mt. 8, 26 (die Frage nach der Stillung des Sturms %lg aqa ovroQy aus dem Munde der Junger Mr. 4, 40 in den Mund des Publikums verlegt); 14, 30 (wo die Junger sagen dXrj&wQ d'sov vlog el, wahrend' sie nach Mr. 6, 51. 52 nichts von dem WesenDessen verstehen, den sie auf dem Meer hatten wandeln sehen); 17, 23 (wahrend Mr. 10, 32 die Leidensweissagung nicht verstan- den wird, scheinen sie die Junger zu verstehen und sind desshalb traurig); 20, 17 (wo die Bemerkung Mr. 10, 32, womach die Jun- ger Jesu mit Staunen und Furcht nach Jerusalem folgten, ausgelas- sen ist). Mit Rucksicht auf solchen Befund der Sache werden wir daher da- 1) UrevangeUst, S. 209. ~ 2) Zu Marcus und Lucas, S. 57. — 3} Raur: ThtoL Jahrb. 1^53, S. S9. Digitized by VjOOQ IC Olaubwtlrdigkeit der synopttschen Evangelien. 437 bei stehen bleiben, dass MatthSus ein geschichtliches Gesammtbild gibt, das dem des Marcus ganz nahe kommt, dass es ihm aber viermal begeg- net ist, den ursprttnglichen Bericht, in den er eich nicht zu finden wusste, zu alteriren in einem Sinne^ dem zuFoIge es scheinen muss^ als batten die Junger schon von Anfang an genau verstanden, woruin es sich handelte. Dies thut er aber in ganz schlichter^ unbefangener. Weise. Denn die bewusste Absicht hatte auch zu grosserer Consequenz gefuhrt. Immer aber erscheint biernach der Evangelist ^ wie nicht als Augenzeuge^ so auch nicht als unabhangiger und den Sachverhalt klar durchschauender Schriftsteller. Wie viel mehr, als Marcus^ Matthaus uberhaupt schon in der spateren, einer dogmatischen Terminologie Zustrebenden , Anschauung von Person und Werk Christi drinnen steht^ zeigen auch die Titel, die er bereits auf historische Fersonen ubertragt; so heisst Jesus wenigstens im ersten Capitel ^Irjaovg XQiojcgy Simon heisst von Anfang an Petrus, die Zwolfe schon 1 0, 2 ohne Wei- teres Apostel (vgl. S. 276 f.), was Alles in der Quelle A noch nicht der Fall sein konnte. Aber nicht bios im Verhaltnisse zu Matthaus, auch gegenuber Lucas erweist sich A Marcus als ein wohlzusammenhangendes, durch keine Einschaltung derangirtes Ganzes. Lucas (vgl. 2, 1. 2. 3, 1. 2) ist »der erste Schriftsteller, welcher die evangelische Geschichte durch nahere Zeitbestimmung in die grosse Weltgeschichte einrahmt und dafur sorgt, dass sie auch in der ausseren Zeitrechnung nicht mehr ohne Zusammen- hang mit dieser erscheint. a ^ Nachstdem offenbart sich sein, im Prolog verheissenes, Streben nach Geschichtlichkeit noch darin , dass er Noti- zen aus A zuweilen vorwegnimmt und dahin setzt, wo sie ihm der YoU* standigkeit halber hinzugehoren scheinen ; ^ so das Dasitzen der Phari- saer 5, 17 (A Mr. 2, 6), das Schlafen Jesu 8, 23 (A Mr. 4, 38), das swolf Jahre alte Kind 8, 42 (A Mr. 5, 42), das Schicksal des Taufers 3, 19. 20 (A Mr. 6, 17—29), die funftausend Mann 9, 14 (A Mr. 6, 44), die zwei Mitgekreuzigten 23, 33 (A Mr. 15, 27 vgl. 29). Nichts- destoweniger bietet Lucas im Einzelnen , wie bereits S. 426 nachgewie- sen, durchaus keine chronologischcn Anhaltspunkte oder zuverlassige Akoluthie der Erzahlungen. Er lasst aus A haufig aus, schaltet noch dfter ein , und es ist nur wieder ein Beweis far den guten geschichtli- chen Zusammenhang von A, dass man trotz der freien Behandlung doch Beides, Ausgelassenes und Eingeschaltetes, leicht bemerkt.' Die geschichtlichen Einschaltungen bestehen aus kleinen Notizen, die ihr Dasein gewissen allgemeinen Gesichtspunkten verdanken, unter 1) Ewald: ETangelien, S. 188. — 2) Wilke, S. 586. — 3) Vgl. NachwoUun- gen bei Wilke, 8. 602-^07. Digitized by VjOOQ IC 438 Fanftes Capitel. welche bei Lucas Jesu Leben und Wesen gestellt ist. So vergisst Lucas ausser 4, 42 niemals^ so oft Jesus allein ist, anzumerken, dass er gebetet habe (vgl. S. 217. 328). Auch von den Pharisaern macht er 5, 13 die- selbe Bemerkung. Anderes von der Art vgL S. 328. Hochst auffallend ist auch der Gebrauch, den Lucas in seiner Zurechtlegung der, in der Quelle vorfindlichen, Andeutungen eines chronblogischen Verhnltiiisses von der Zahl Acht macht, die bei keinem Synoptiker wieder vorkomint, bei Lucas aber als Ordinalzahl 1, 59 (vgl. Act. 7, 8), als Cardinalzahl 2, 21. 9, 28 (und zwar hier der Quelle A zum Trotz, vgl. S. 224). 13, 4. II. 16 (vgl. Act. 9, 33. 21, 6); auch oydorj^ovta Lc. 2, 37. 16, 7. Aber Lucas hat den Rahmen der vorgefundenen Geschichte nicbt bios durch solche kleinere Zuge und andere Verbindung der Abschnittc, sondern namentlich auch durch grossere Einfugungen erweitert.* Solche neue Stoffe , die ihm zuwachsen, geben zuerst eine Vorstellung davoD, dass die wirkliche Lebensgeschichte Jesu unendlich reicher gewesen ist, als A vermuthen lasst, aber dadurch, dass Lucas auch den erweiterten Stoff in die engen Grenzlinien der stereotypen Skizze einzwangt, busst sein Evangelium an geschichtlicher Ueberschau des Ganzen ebenso viel ein, als es quantitativ gewonnen hat. ^ Die erste Verwirrung bringt er in den wirklichen Gang der evan- gelischen Geschichte durch die Anticipation der Scene in Nazareth (S. 214). Alsbald knupft er wieder an den Gang von A an bei Mr.l, 21. Nach diesem neuen Zusammenhang^ den er herstellt, ist es dann — um von anderen Selbstwiderspruchen zu schweigen (S. 217) — freilich befremdlich, dass Jesus bei seinem Eintreten in Kapernaum ohne Wei- teres in das Haus des Petrus sich begibt. In A , wo Petrus gerade la- vor berufen worden war, erklart sich dies Alles von selbst. Denn so- wohl Petrus, als die andern Berufenen wohnen in Kapernaum, und Jesus geht daher mit ihnen ; hier aber wird ja Petrus erst spater beru- fen — freilich auch, ohne dass man den Zusammenhang begreift Denn allerdings ist 4, 42— 44 die erste Reise Jesu aus A beigebracht; indessen von der Ruckkehr wird nichts erwahnt, dennoch aber unmittelbar jene Berufungsgeschichte, deren Scene der See bei Kapernaum ist, ange- reiht. Gleichfalls zu Umstellungen und Aenderungen der Scenerie greift Lucas bei Gelegenheit der Apostelwahl (S. 219). Sehr charakteristisch aber fur die Methode des Lucas ist die Ver- bindung der Speisungsgeschichte 9, 10 — 17 mit dem Petrusbekenntnissc 9, 18 — 27. Zwischen beiden Erzahlungen fallt eine ganze Keihe von Stucken aus. Aber hier zeigt sich, dass Lucas ^ wenn er auslasst, 1) Bunsen: Bibolwerk, I, S. XLI. — 2) Weizsacker: Jahrbacher fOrdcut- 8che Theologie, IV, S. 687 f. Digitized by VjOOQ IC Glaubwardigkcit dor synoptischen Evangelien. 439 Grande hat, in der Kegel sogar irgend welchen Ersatz bietet. VgL S. 105 ff. Am merkwurdigsten bleibt freilich, dass Lucas fur die Ge- Bcbichte, die er nun wieder aufnimmt, die Localitat entlebnt aus dem ubergangenen Stuck A Mr. 6, 46^ wo Jesus in Galika ist, die wahre Localitat aber (Cfisarea Philippi nacb A Mr. 8, 27) auslftsst, weil bei ihm die ganze Reise in die nOrdlichen Gegenden fehlt (vgl. 9, 18 mit A Mr. 8, 27 S5S Mt. 16, 13). Ueberhaupt aber fuhrt es eine bedeutende Storung des wirklichen Zusammenhangs mit sich, wenn Lucas geflis- sentlich alle Spuren einer aussergalilaischen Wirksamkeit Jesu v or der grossen Einschaltung vermeidet. Er hatte sich offenbar vorgenommen, erst in dem mit 9, 51 beginnenden Abschnitte die grosseren Beisen Jesu zu erwahnen , vorher aber seine Thaten in Galilaa zu absohdren (S. 208 f.). Dies thut er unter Zugrundelegung von A, welche Quelle er aber etwas zusammenzieht, um fiir seinen andem Hauptabschnitt Baum zu gewinnen. Er vermeidet daher, nachdem er 4, 31 schon Gall- ic als Schauplatz angegeben hat, die Erzahlung, die in dem Gebiet von Tyrus und Sidon spielt Mr. 7, 24. 31 , eben so auch die Beise nach Ca- sarea Philippi Mr. 8, 27, und.umgekehrt lasst er 9, 44 die fur seine Darstellung selbstverstandliche Bemerkung aus, dass Jesus wieder duroh Galilaa zieht Mr. 9, 30. Auch die Buckkehr nach Kapernaum A Mr. 9, 33 == Mt. 17, 24 ist fur Lucas uberflussig, vgl. 9, 46. Denn nach seiner Darstellung entfernt sich Jesus bis 9 , 51 uberhaupt nicht aus Galilaa, und selbst der ganz vorubergehende Ausflug nach der Ge- gend von Gadara 8, 26 wird durch den Zusatz fjrig ia%iv avtmiqcL tiJQ FaliXalag mit diesem ausschliesslichen Schauplatz seiner Wirksamkeit in Verbindung gebracht.* Wahrend nun aber Matthaus, wie A, abgeseheu von solchen klei- neren Ausflugen nach Norden und von der letzten Beise doch eigentlich nur von einer galilabchen Wirksamkeit Jesu weiss, daher auch die ganze mittlere Fartie seines Evangeliums mit dem Citat 4, 14 — 16 uberschrei- ben kann,- nimmt Lucas zu A auch insofem eine eigenthumliche Stel- long ein , als er einzelne Elemente darbietet, welche darauf hinweisen, dass Jesus auch schon vor der letzten Beise das sudliche Palastina be- sucht habe. Wenn 2, 41 gesagt wird, die Eltem Jesu hitten alljabr- liche Festreisen nach Jerusalem untemommen, so soUte es sich wohl von selbst verstehen, dass Jesus auch in seinem spateren Leben diese, nach dem Gesetz dreimal jahrlich zu vollziehende, Sitte beobachtet und dabei zugleich den weiten, gunstigen Schauplatz der Festversammlungen und die Gelegenheit, auf den gebildetsten und einflussreichsten Theil seines Volkes zu wirken, benutzt habe. Am sprechendsten aber ist in dieser 1) Wilke (UrevangoUst, S. 586 f.), Weiss (8. 700). Digitized by VjOOQ IC 440 Ftlnftes Capitel. Beziehung die grosse Einschaltung, wo der Bericht des Evangelisten uber die letzte Wallfahrt mit allerhand Nachrichten, die wohl auf fruhere Festreisen weisen , verschmolzen ist, wie auch aus dem mehr- facheri Durchzug durch Samarien (9, 52. 17, 11) zu erhellen scheint.* Namentlich aber hat man aufmerksam gemacht auf Lc. 13, 34 = Mt.23, 37, eine Stelle, die sich uns nicht als eine Weissagung ex eventu, eon- dern als ein vereinzelt uberliefertes , daher von Matthaus und Lucas m beliebigen sachlichen und chronologischen Zusammenhang gebrachtes, Xoyiov erwiesen hat (S. 153. 200. 230). Mag man nun das Wort mit Lucas in fruhere , oder mit Matthaus in spatere Tage verlegen , immer- hinist das Tioadxig nur gerechtfertigt, wenn Jesus oftery in Jerusalem gewesen war; und Baur's Bemerkung, Kinder der Hauptstadt seien alle, die im Lande wohnen,^ ist urn so mehr Ausflucht, als bei beiden Evangelisten eine specielle Beziehung auf die Hauptstadt im Zusam- menhang gegeben ist. ' Endlich legen die Worte, die der Verfasser des dritten Evangeliums Act. 10, 39 den Aposteln in den Mund legt (i](iBig ftaQTVQsg navT ob Jesus nur ein Jahr^ oder mehrere, und im letzteren Falle, wie lange ungefahr er offentlich aufgetreten ist.* Nur das82^ 23 dasGetreide boch stekt und 14^ 1 wieder dieOsterzeit naht, wird ausdrucklicb gesagt.^ Femer hat manchmal> wie z. B. bei Verbin- dung der beiden Sabbatserzablungen Mr. 2^ 23 — 3^ 6 offenbar die sacUiche Verwandtschaft Anlass zur Folge der Ereignisse gegebcn. Aucb scheint Mr. 1^14 = Mt. 4, 12 der Zug Jesu aus Judaa nach Ga- lilaa mit der Gefangennahme des Taufers durch Herodes in Verbindung gebracht, was an sich nicht wahrsckeinlich ist^ weil sick sonst Jesus ge- rade in das Gebiet desselben Herodes zuruckgezogen katte. Indessen ist allerdiogs anzuerkennen^ dass Marcus diesefalsckeMotivirungnickt direct an die Hand gibt,* und uberMattkaus vgl. S. 440. Was die, derBeoback- tung der Grewakrsm^nner nickt unmittelbar sick darbietenden, Vorgange Mr. 6, 14 — 29 betrifft, so mag sick der Sckriftsteller bei Abfassung des Abscknittes allerdings mekr von seiner Combination kaben leiten las- sen.* So ist auck der Berickt vom Speisewunder, wie er in doppelter Gestalt cursirte, auck an zwei Stellen des Lebens Jesu angebrackt, was nickt okne Verwirrung abgeht (S. 8 5 f . ). Hinsicktlick des Eedeinkaltes aber ist durckaus unbegreiflick, wie bei den Jungem so oft wiederkolte, durre Worte, womit Jesus in A auf detaillirteste Weise sein Leiden und Auf- ersteken vorkersagt, tkeils nickt verstanden worden (Mr. 9, 32), tkeils ganz okne Wirkung geblieben sein soUten in Bezug auf die Aufer- stekungskoffnung. £s muss daker angenommen werden , dass zur Zeit der Abfassung von A die allgemein und ratkselkaft gefasste Vorkersa- gungen Jesu, von deren Manier die Quelle ui ein Muster liefertMt. 12, 39. 16, 4, bereits nack dem Erfolg commentirt und specialisirt waren, wie ja in ebenso anackronistiscker Weise 1 , 15. 8, 35. 10, 29. 13, 10. 14, 9 auck vom Evangelium die Bede ist Aber auck in formaler Beziekung sind die Worte Jesu, wie sie in A vorliegen, durck das Me- dium einer erkennbaren Bearbeitung kindurckgegangen, insofem als die wenigen Fartien, wo A grOssere Bedestttcke gibt, sick als Aggregate prasentiren. Dies gilt sckon von Mr. 4, 21—25. 8, 36—9, 1,* nock sickerer von 9, 33 — 50, einer Stelle, »in deren Zusammensetzung das ]) Hilgenfeld (Die clementiniBchen Recognitionen imd Homilien, 1848, S. 160 f. Evangelien Justin's, S. 337), Baur (Evangelien, 8. 363 f. Christenthum der drei ersten Jahrhunderte, S. 38). — 2) Hitzig: A. a. O, S. 123. — 3) Hitsig: Joh. Marcus, S. 43. — 4) B. Bauer (Kritik der ey. Geschichte der Synoptiker, II, S. 348 ff.), Hitzig (Joh. Marcus, S. 121). — 5) Weiss e : Bvangelische Geschiohte, I, S. 491. 531. Digitized by VjOOQ IC 446 Fanftes Capitel. Element der Zufftlligkeit, welches von der Entstehung dieses Evange- Hums sich datirt, auffallender noch als anderwarts, hervortritt. « * Es wird namlich zum Schlusse des Bericktes von Jesu Wandel in GaHlaa an die Erzahlungen vom Bangstreit und von dem in die Mitte gestell- ten Kinde 9, 33—37 zuerst — und zwar bios durch das im %ffi dvofitni veranlasst^ — die Antwort Jesu auf die Frage des Johannes 38—41, und an deren Schluss mit leichter Ideenassociation die Rede vom Aer- gemiss 42—48 angehangt; schon oben (S. 89) wurde gezeigt, wie die Bede weiter schreitet zu dem Ausspruch uber die Versohnlichkeit Lc. 17, 3. 4 = Mt. 18, 15. 22, woran sich dann erst die Schlussverse Mr. 9, 49. 50 anschlossen. Diese sind zunachst allerdings vermdge eines bios lexikalischen Zusammenhangs durch die Erwahnung des Salzes zu- sammengehalten, desshalb auch schlechterdings unverstandlich, so lange man dem Spmch vom Salz 50 a die ihm ganz fremde bildliche Beden- tung, die das Salz 50 bhat, unterlegen will,' oder so lange man den ganzen Vers mit der bei Marcus unmittelbar vorhergehenden Partie glaubt in Einklang bringen zu mussen.^ Auch enthalt dieser ScUuss kdneswegs eine Rackbeziehung auf die 33 erzahlte Veranlassung der Reden, sondem erklart sich vielmehr bios unter der, auch sonst fest- stehenden, Voraussetzung, dass Marcus vorher abgekurzt hat, und dasB in A vor Mr. 9, 49. 50 die Reden von der Versohnlichkeit standen (S. 232). — Nicht minder schimmert durch die geschichtliclie Form dcr Erzahlung A Mr. 10, 2—43 die lehrhafte Absicht durch, die christlichc Ansicht von der Ehe, deui Besitz und den irdischen Rangyerhaltnissen darzulegen,** wie auch die Wortkampfe A Nr. 57—64 in ihrem ganwn Baurisse und in der Art, wie alle Parteien nach einander auf der Scene erscheinen, eine zu verdachtige Aehnlichkeit miteinander haben, als dass man die ununterbrochene Folge solcher Auftritte in die Wirk- lichkeit verlegen durfte.* Als ein bloses Anhangsel charakterisirt acb im Weiteren Mr. 11, 25. 26;^ und auch die Frage, ob eine Rede, wie Mr. 13, nicht schon als Composition des fruhesten evangelischen Sckriftstellers zu betrachten sei, verdient noch eingehender uBter- sucht zu werden.® Nehmen wir dies Alles zusammmen und erinnem uns zugleich, dass die Berichte uber Taufe, Versuchung, Verklarung ni dieser Form, wie schon A sie liefert, anerkanntermassen ebenso vid idealen, wie realen Gehalt haben, so ist klar, dass wir es hier nicht mrt einem, auf exacte Darstellung im Sinne unserer Zeit Bedacht nehmen- 1) A. a. O. S. 74. 555. — 2) A. a. O. S.77. — 3) Baar: EwigeUcii, S. 591. — 4) Ghit hiertlber Scherer (Nouvelle revue, IV, S. 76), Bleek (Synopsis, tt S. 87). — 5) Hilgenfeld: Evangelien, S.96. — 6) GfrOrer: Urchristenthum, D, I, S. 213. — 7) Bleek: Synopsis, II, S. 314. — S) Weisse: BrangeKcnfrage, S. 170 ff. Digitized by VjOOQ IC Historischer Charakter der synoptlschen Geschichtsquellen. 447 den^ Geschichtssclireiber, sondern mit eineiii solchen Beferenten zu thun haben, dessen^ yon der Herrlichkeit seines Gegenstandes bewegtes, Herzblut zwar zuweilen vorschiessen will bis in die, den ersten Ein- druck aufnehmenden , Sinnesorgane, * dem aber dennock der darzustel- lende Gegenstand in einer yiel zu ubermacbtigen WirkUchkeit und Nahe noch vor dem inneren Auge stand, als dass an eine Verflnchtigung seiner eigentlichen Substanz im Nebel der fronunen Fhantasie gedacht werden konnte. £s gilt besonders fur die letzte Behauptung, die aber schon an den S. 431 ff. gemachten Beobachtungen eine festeStutze hat, femere Beweise beizubringen. Schon S. 1 06 f. wurde auf die vielfachen, bei Matthaus und Lucas roeist verwischten, Vor- und Ruckweisungen im Text des Marcus aufmerksam gemacht. Merkwurdiger aber ist noch, dass der Schrift- steller sich dieses fortlaufenden Fadens, der das Granze durchzieht, so vollkommen bewusst ist, ohne dass er es je fur nothig findet, ihn so deutlich und absichtlich sichtbar werden zu lassen , wie Matthaus und Lucas thun, sobald sie einmal einen wirklichen Zusammenhang aufge- funden zu haben glauben. Diese echt epische Weise, das Einzelne her- Torzuheben und den allgemeinen Zusammenhang im Hintergrunde zu lassen, zeigt sich z. B. darin, dass nirgends, wie Mt. 4,13, gesagt ist, dass Jesus Kapernaum zum Mittelpunkt seiner Wirksamkeit machte, aber daraus, dass er yon seinen Reisen immer wieder dorthin zuruck- kehrt, entnehmen wir die Bedeutung der kurzen Notiz Mr. 1, 21. Es wird nirgends mitgetheilt, dass er am Meer zu lehren pflegte; so oft er es aber im einzelnen Falle that, wird es immer heryorgehoben. Es wird nicht beschrieben , wie die feindliche Partei seit dem ersten Mo- ment der Collision 3 , 6 ihm auf alien Wegen nachschlich, aber aus den zwei Fallen 3, 22. 7, 1 kann man es sich klar genug abstrahiren. Aehn- lich zeigt uns die zweimalige Angabe 7, 24. 9, 30, dass Jesus sich in der letzten Zeit seiner galilaischen Wirksamkeit yom Volke zuruckge- zogen hat, und die zweimalige Angabe 11, 11. 19, dass er in seinen letzten Tagen ausserhalb Jerusalems zu ubemachten pflegte, was erst Lc. 22> 37 generalisirt und deutlich ausgesprochen wird. ' Wahrend die Quelle A es daher dem Leser uberlasst, sich eine Totalansicht yon dem Wirken Jesu auch in geographischer Hinsicht zu entwerfen, ist sie sehr genau in der detaillirten Angabe der Oertlichkeit, wie z. B. dass etwas im Hause (2, 1. 3, 19. 7, 17. 9, 28. 33. 10, 10) oder auf dem Wege (2, 23. 8, 27. 9, 33. 10, 17. 32) yor sich g^t. Dahin gehort auch 4, 1. 6, 47 der Gegensatz yon h %fj 9aiAomj und inl tijg yfjg. Bios Marcus hat die Situation Christi auf dem Schiff 4, 38 , das ftQdg ttp oqei 5,11, das i) Vgl. a. a. O. S. 92. — 2) Weiss, S. 651 f. Digitized by VjOOQ IC 448 Fanftes Capitel. xativavTi %av ieqov 13^ 3^ das tig fiiaov 14, 60 und elg to nQoavhov 14, 68, das ea(o t^g avlijg 15, 16, das TtaQeattjuwg i^ ivavrlag ai%ov 15, 39. Vgl. auch die Angaben der Oertlichkeit 1, 28. 4, 10. 11. 5,20. 6, 55. 7, 31. 8, 10. 9, 30. 11, 4. 12, 41. 16, 5 — Stellen, in welchen die Genauigkeit des Marcus zum mindesten nicht immer von denbeiden Seitenreferenten zugleich erreicht wird. Andererseits ist zum Beweise fur den historischen Charakter von A und der Reproduction dieser Quelle im zweiten Evangelium, dieses letz* tere auch genauer in Zahlangaben, z. B. 2, 3 (4 Trager). 5, 13 (2000 Schweine). 6, 7 (je zwei Junger). 6, 37 (200 Denare). 40 (die 5000 sind gelagert in 50 Reihen zu je 1 00 Mann). 8,14 (das e i n e Bred). 13, 3 (4 Junger). Nicht von dem namlichen Werth ist 14, 30 der zweimalige Hahnenschrei. Dagegen sind auch die Zeitangaben wie malerischer (1, 35. 16, 2), so auch bestimmter und haufiger, vgl. Mr. 2, 1. 26. 4, 39. 6, 2. 11, 11. 20. 14, 12. 68. 72. 15, 25 (er allein hat die Kreuzigungs- stunde). 42. 16, 1. Noch au£fallender ist, wie Marcus oft, im Gegen- satz zu den Anderen , die handelnden Personen naher bestimmt nach Namen (1, 20. 3, 17. 10, 46. 11, 21. 15, 21. 40. 47), Verwandtscbft (3, 32), Begleitung (4, 36. 8, 10), Situation (7, 30. 9, 14. 15. 25. 11,4. 13, 1); wie er, um ja nicht missverstandlich zu werden, dieselben Namen immer wieder entweder andeutet (15, 20), oder ausdrucklich nennt (2, 16. 18. 10, 46), wo die Anderen diesen Ueberfluss scheuen. Von manchen historischen Erscheinungen wissen wir bios durch Mar- cus, z. B. von den Herodianern, die Mr. 3, 6 und 12, 13, vielleicbt auch 8, 15 stehen, wahrend Matthaus sie zwar 22, 16 = Mr. 12, 13 ab- schreibt, dagegen 16,6 durch die Sadducaer ersetzt; Lucas aber weiss gar nicht mehr, was er aus ihnen zu machen hat, und lasst sie uberall weg. Dahin gehdren auch 3, 22. 7, 1 die aus Jerusalem herabgekom* menen Schriftgelehrten und so manches Andere , bei Aufstellung der Tafeln in §§. 5. 12. 13 Angedeutete, worin die gi'ossere Geschichtlich- keit des Marcus vor den Seitenreferenten nicht bios, sondem auch der gewohnlich bis in die Einzelnheiten herein acht historische Charakter der Quelle A sich bewahrt. Es sei hier besonders noch Eins hervorgehoben. Schon die Be- sprechung des Sprachcharakters (S. 284 f.) hat uns auf das Besoltat eines unmittelbareren, lebensfrischeren Colorits der Darstellung in A gefuhrt. Hier nun , wo von dem Charakter dieser Schrift als einer Gc- schichtsquelle die Bede ist, muss dieses malerische Geprage noch be- stimmter hervorgehoben werden. Hierher gehdren schon umstandlichere Motivirungen und Erklarungen, wie 2, 15. 18. 5, 29. 30. 6, 52. 8, I- 3. 33. 9, 6. 11, 13. 31. 12, 28. 34. So hat aber auch bios Marcus die Scene mit dem um Jesus herumsitzendon Volk 3, 32. 34, die Tafelord- Digitized by VjOOQ IC Historischer Charakter d^ synoptiBchen Geschichtsquellen. 449 nung des Herodes 6921, die Beschreibung der Freude des geheilten Blinden 10^ 50^ die radicale Verdorrung des Feigenbaums tl^ 20 > das Umherblicken (11, 11) und Uinherwandeln (11, 27) imTempel, das neugierige Nahen des Schriftgelehrten (12, 28), das sich Warmen des Fetrus 14 j 54. 67, Hierzu kommt eine Eeihe kleinerer Federstriche, die nar init der grossten UBgerecktigkeit als ScknOrkeleien des » stnmmel- fingrigen Evangelistena (S. 121) betrachtet werden konnen, wahrend Ae in der That doch auch zum Colorit des Granzen das Ihre beitragen, wie 5, 42 xat tibqutiuxbl^ 6, 5 die einzelnen Heilungen, 14, 3. 5 die Beschreibung der Nardensalbe ; endlich sind auch kleinere Partien, die Marcus allein hat, ganz individuellen Geprages, wie 11, 16. 14, 51. 52 und vor allem die beiden Heilungsgeschichten 7, 32 — 37 und 8, 22 — 26 mit ihrer detaillirten Beschreibung des Heilverfahrens Jesu und des Hergangs der Heilung; vgl. besonders Mr. 8, 24. 25 — womit freilich nach Baur »nur der Verfasser seine physiologischen Kenntnisse uber die Theorie des Sehens an den Tag legt. « * Unter so bewandten Um- stSnden werden wir, bei aller Anerkennung, dass auch Marcus zuweilen Zusatze macht (S. Ill), wie z. B. des tjv fiata rwv d^Qiwv 1 , 1 3 (S. 69 f. ), dock wohl thun, solcherlei kleine Zuge, von denen uns, ob sie in A standen, oder nicht, bisher zweifelhaft war, dieser Quelle zuzuschreiben, sobald sie diesem Charakter malerischer Lebendigkeit entsprechen , wie Tielleieht schon 1, 10 axc^Ofiivovgj sicherer 1, 7 xvipagj 1, 20 fxsra %wv fiia-Stindivj 9, 3 ola ywag>evg inl T^g yfjg ov dvvatai ovtwg XevuSvai. Die letztere Notiz erinnert uns uberdies noch an die sogenannten hyper- boUschen Ausdrucke des Marcus, aus denen man schon auf seinen secun- daren Werth schliessen woUte. Aber jene mehr oder weniger uberschweng- licken Ausdrucke tragen doch niemals den Charakter gedankenloser Uebertreibung, sondem sind durch klare Vergegenwartigung des be- stimmten historischen Moments herrorgerufen. So waren die Hyperbeln ndwag 1> 32 und SXtj 1, 33 nothwendig, \im das Wort des Fetrus zu motiyiren, 3ti navtBg ^tjvovoh ae, 1, 37 ; so das nqwl hvvxa Xiav 1, 35 (vgl. 16, 2), um zu erklaren, wie Jesus unbemerkt des Fetrus Haus ver- lassen konnte; so das c5We firjxhi ctvvdv dvvaa&ai qxxvtqiSg Big TtoXiv fla^Xd-elv 1, 45, um den Charakter zunehmender Unstetheit, den von jetzt an Jesu Wandel darbietet, zu begrOnden; so das &(n6 fxtpchL xioqelv firjdi %& nqbg vfiv '^qav 2, 2, um das Verfahren der von Jesu gewur- digten nLo%ig zu beschreiben 4, 5 ; so 3, 10 &a%a iTtmLrttuv (xv%(p, um auf die Nothwendigkeit der Herbeiziehung mehrerer Junger, sowie der Lehrvortrage vom Schiffe aus vorzubereiten; so 3, 20 Hare ^fj dvvao^ai ccvTOvg fifjdi aqtov qKxyalv — eine specielle Erinnerung, die an jenem 1) MarcuHevtQgeUam , S. 58. Holumann. 29 Digitized by VjOOQ IC 450 FOnftes Capitel. Moment haftete> der das angespannte, stets im Feuer stehende, dahei auf Andere einen so bedenklichen Eindruck machende (21. 22), Weses und Walten Jesu besonders stark bervortreten liess; so 4, 37 dieHeftig- keit des Sturms, so 5, 3. 4 das unheimliche Treiben des Damonischen, um die Reaction dagegen und ikren psychologiscben Effect anschaulidi zu machen. Alle diese Ausdrucke sind mit dem darznstellendeii Stoff aofs engste yerwachsen> ja nnmittelbar damit gegeben. ^ Zu solchen dem unmittelbaren Leben entnommenen Zilgen b A gehOrt auch jene lebendige Weise d^ Fragens, woven uns S. 92 schon ein Beispiel vorgekommen ist; ubrigens mag hier^ was S. 345 bereits angedeutet wurde^ noch naher ausgefiihrt werden^ wie^ was die Seiten- referenten in der Begel verwiscben^ im Marcus ^e Frage selten allan stehty sondem immer von einer andem gefolgt wird, die nach demselben Objecte, aber von einer andem Seite her zielt; so 2, 7 — 9. 6, 2. 3. 7, 18. 8, 17. 18. 9, 19. 11, 28. 14, 37. Im Uebrigen verweisen wir hier auf W i 1 k e ' s Darstellung des contrastliebenden und mit dem Ende gem in den Anfang zurtLcklaufenden Redestyls in A, der bei Matthaus usd Lucas zuweilen nur so wiedergegeben ist, dass ein unndthig scbeiBeih des, aber zur Symmetric des Granzen nothwendiges, RedetlieilcheB ab- gescblagen, das Ganze also versiummelt erscheint. ^ Haben wir so in der Quelle A eine Gescbichtserzahlang gefundoi) in deren anschaulicber und kemhafter Eigenthtbnlichk^t aich cfie ur- sprunglichste Erinnerung der Junger kundgibt, so liegt uns nun ob, den zweiten Grundstamm authentischer Berichterstattung , die QoeHe A^ einer ahnlichen Betrachtung zu unterziehen. Wie wir schon S. 126£ saben, lasst sich weder des Matthaus noch des Lucas Composition nnter der Yoraussetzung bios Einer Quelle erklaren. Beide theilen z. R den Weheruf uber Bethsaida und Kapemaiun mit, Bdde aber berichten nichts von Ereignissen, durcb welcbe er veranlasst sein konnte. ' Auck Bleek findet es daher am wahrscheinlic^ten, dass dieser Aussproch eben in einer Quelle gestanden babe, die urspniugUcb bios Bedesi vsd Spraehe Jesu entbielt. ^ NattUrlicb konnten die angezogenep Beden bbi in einen spateren Zeitraum des Lebens Jesu faOen, und dass ae in^ aiemlieh weit vorgeruckt stehen (S. 146), beweist nur, dass wir in 4ttff Quelle nichts weniger als einen chronologiachen Fortschiitt laden durfen. Veihalt es sich nun mit dieser zweiten Quelle wirklich so, wie wii nachgewiesen haben, dass sie namlich als von einem apostolischen Qkt^ ceugen herruhrende , fast ganz ohne alle geschicbtliche EinUeidui^ ^ 1) W i 1 k e : NeutestamentUche Rhetorik, S. 438 f. 448 f. — 2) Bhetorik, S. 437 £ 441. — 3) Hilgenfeld: ETangelien, S. 76. — 4) STnopsU, I, S. 462. Digitized by VjOOQ IC HistorUcher Charakter d«r synoptlsclien Gesobichtsquellen. 42^1 gefasste^ Eedesammlung aufzufassen ist, so muss ihr gegendber jeder Zweifel an vollkoinmener Glaubwurdigkeit am sichersten verstummeii, zumal unter den S. 379 f. gegebenen Voraussetzungen hindichtlich ihres Tendenzcharakters. Schleiermacher's glilckliclies Apercfl hat uns hier in der That anf einen Stoflf gewiesen, der, wenn irgend ein anderer, das innere Merkmal seiner Aechtheit^ die Kraft der Selbstb^laubigong in sich tragt luid uns eben dadurch ganz von selbst einen fast untruglich zu nennenden Maassstab des Urtheils uber die inneren Znsammenhange und uber den geschichtlichen Charakter der ubrigen Masse des Ueber- lieferten an die Hand gibt. ^ Erst auf dieses^ besonders bei Lucas noch im Naturzustand vorfindliche^ Aggregat von Edelsteinen findet seine Anwendungy was Baur von den Beden imMatthaus sagt: »E8 ist nicht sowohl die Person, die der Rede ihre Bedeutung gibt, als viehnehr das Inhaltsfichwere der Rede, das die Person selbst erst in ihrem wahren licht erscheinen lasst, es ist die Sache selbst, die hier spricht, die innere, unmittelbar an die Herzen dringende Macht der Wahrheit, die sich hier in ihrer weltgeschichtlichen Bedeutung ankundigt a^ Man lese diese Beden, man beobachte, wie da ein gewichtiger Satz den andem, ein Lichtblick den andem drangt, wie Spruch an Sprucb, Bild an Bild sich reiht, und es wird zugleich eine hellere Vorstellung sich bilden von der unendlichenFuUe, von dem nicht auazuachopfenden Bom, dem sie entstammen. Wahrend der, das Bewusstsein Jeau aus- follende, originate Gedankeninhalt in der Quelle A, gemass ihrem historischen Charakter, gleichsam nur nach Einer Dimension zur Dar- stellung kommt, auf dem langen Faden des geschichtlichen Nacheinan- ders einzelne Knotenpunkte bildend, gewinnen wir aus A eine uber- raschende Einsicht in seine Breiten- und Tiefenverhaltnisse. Es ist nicht zu viel gesagt, was Ewald hier findet vom Dlebendigen Hauch, der Alles durchstrOmt,« von »rein schopferischer Kraft, welche uberall in dem einzelnen Satze, wie in dem ganzen Gefuge und Fortschritle der Rede hervorspruhet, « vqn »unnachahmlichem rednerischem Schwung, welchejf in wenigen Worten und Satzen sich bis zum Aeussersten stei- gert und mit leichter Wendung rich wieder in ruhigster Wurde herab- la98t,« von einer »ganz erhabenen Gewalt, welche jede, auch die entfemteste Wahrheit, unentweichbar trifft und mit jedem Schritte un- widerstehlich wachst. « dEs ist eben vorzuglich auch dieser vollig eigen* thumliche Zauber des Ganzen dieser Reden, worin man noch den An- hauch des Einzigen ganz nahe fuhlt, und den Niemand wieder in*8 Leben rufen und in der Schrift verewigen konnte, der nicht ihm ur- 1) Weistes ErsigelUiifiage, S. 79. — - 2) ClmstenthaBi der drei eisten Jahr- himdert#» 1$60, S. 25 f. Digitized by VjOOQ IC 45S THoittes Capitel. sprunglich ganz nahe gestanden, und in dessen Geist seine Art, zu idien und zu beweisen^ nicht aufs Tiefste sich eingesenkt h&tte. « * Irrthumer, wiediedes »sachsischen Anonymus^a als konnte ein solcherln- halt selbst dann^ wenn er^ was als mdglicli gesetzt wird, von einem Apostel aufgezeichnet ist^ doch unacht und ungeschichtlich sein,' wer- den daher je langer, je weniger bei competenten Richtem Grehor finden.* Von der grossten Bedeutung ist nun aber eine Vergleichung beider Hauptquellen^ angestellt als Versuch^ eine Controle zu finden fur die historische Bichtigkeit jedes einzelnen Berichterstatters. Eine mlcb- tigere und unverwerflichere Gewahr fur die Geschichtlicbkeit eben dieser, in den Evangelien mil bestimmten Charakterzugen gezdchneten, Personlichkeit und ihrer Lebensschicksale kann es nicht geben, all wenn durch Combination beider nachgewiesener Quellen sich ein Ap- parat herstellen lassen sollte, vermittelst dessen die historische Forschong nicht bios auf den geschichtlichen Boden des Lebens Jesu uberhaupt, sondem auch bis auf den bestimmten Moment zuruckzulangen vennag, dem dieses oder jenes Wort seine Entstehung verdankt. Schon Kost- lin hat im Allgemeinen darauf hingewiesen, wie die Quelle ^ uns von Inhalt und Charakter der Lehre Jesu ein Bild liefert, das dem^ ao^ A gewonnenen , vollst&ndig entspricht und oft bis ins Einzelste zur Be- statigung dient. *" Aber gerade dieses Einzelne richtig nachzuweisen, hindert ihn seine schiefe Ansicht uber Umfang und Charakter jener Quellen. Unter Voraussetzung unserer Besultate lasst sich dagegen die Sache zur vollen Evidenz bringen. Wir beginnen mit dem Aeusserlichsten. So charakteristisch die schriftstellerische Verschiedenheit im Ausdruck der Beden Jesu in bei- den Quellen hervortritt^ so auffalle^d treffen dieselben doch zusammen nicht bios in dem substanziellen Inhalt jener Beden^ sondem selbst in der Wiedergabe der ausseren Form und Manier^ in der wir sonach obse Weiteres den eigensten Styl des Herrn selbst anzuerkennen haben. Dass die Bede Jesu besonders in der Quelle ^ in gleichgegliederten Satzen sich bewegt^ wurde schon S. 339 nachgewiesen. Aehnliches findet sich aber doch auch sonst (vgl. S. 355) und besonders in der Beig- predigt ALc. 6, 20—22. 24—26. 32—35. 47— 49 undinparabolifid»c« Erzahlungen, wie z. B. Mr. 12^ 1—8. Auch die Makarismen der Berg' predigt Lc. 6, 20—22 haben ihre Parallelen in ^ Lc. 7, 23 = Mt 1 1, «• Lc. 10, 23 =fc Mt. 13, 16. Lc. 11, 28. 12, 37. 38. 43 = Mt. 24,46. La 14, 14. Dass uberhaupt der originelle Styl der Beden, die gludt- liche Form, die Jesus fur seine Anschauungen uber Gdttliches und Wdt 1) Jahrbftcher, 11, S. 197 f. — 2) Sendschreiben an Baur, 1848, 8. 26ff. — 3) Vgi- Baur's Ant wort: Thool. JahrbAcher, 1849, S. 313 f. — 4) EyangeUe% S. 397* Digitized by VjOOQ IC Historischer Charakter der synoptiBchen Gescbichtsquellen. 453 liches zu finden weiss, die Vorliebe far populate Argumentationen a majori, a minori, a parte, hier wie dort voUig identisch ist, bedarf kaum mehr eines Beweises. Aber auch der geschichUiche Hintergrund ist fur einzelne Rede- theile in beiden Quellen derselbe, wie z. B. ^ Lc. 7, 24 — 26 = Mt 11, 7—0. Lc. 7, 33 = Mt. 11, 18 zur Bestatigung des Berichtes A Mr. 1, 1 — 6 dient. Ja selbst in der, vorauszusetzenden, aueeeren Si- tuation findet zwischen A und A zuweilen ein Zusammentreffen der frappantesten Art statt. Wir erinnern an das bezeichnende Stuck A Mt. 9, 32—34 = 12, 22—24, wozu jedenfalls in A eine Parallele zu finden war (S. 148 f.), aber so, dass unmittelbar hinter die Erzahlung von der, durch die Heilung eines Damonischen motivirten, Lasterung der Pharisaer angereiht war das durch eine ahnliche Heilung (eines Taubstuminen nach A Mr. 7, 32) motivirte Zeichenfordern derselben Pharisaer, welches aber in Wirkliehkeit erst geraume Zeit nach dein ersteren Vorfall statthatte. Nichtsdestoweniger ist dem Verfasser von A die wirkliche Situation, die zu den Reden gegen die Beschuldigung der Belzebulgcmeinschaft Veranlassung gegeben hatte, so gegenwartig geblieben, dass er unmittelbar an dieselben, und noch ehe er auf das Stuck vom Zeichen des Jonas ubergeht, eine, zwischen beiden noch Lc. 11 , 27. 28 sich vorfindliche. Scene einschiebt, womach ein Weib die Mutter Jesu darum, dass sie diesen Sohn geboren, selig pries. Dazu bemerkt schon Schleiermacher: »So etwas erdenkt sich nicht leicht jemand, und schiebt auch Keiner anderwarts her in einen schon organi- sirten Zusammenhang der Darstellung mitten ein. Dagegen gehort eine firische und lebendigeErinnerung dazu, urn solche kleine, den grosseren Zmtammenhang eigentlich storende Umstande an Ort und Stelle mit zu erwahnen. a ^ Die Veranlassung zu diesem Makarismus liegt nun aber kJar zu Tage, sobald wir die parallele Scene A Nro. 19 vergleichen, wo wahrend Jesus im Innem des Hauses sich gegen die Pharisaer verthei- digt, von aussen Maria und ihre Kinder hereindrangen, bis ihre An^ wesenheit dem Herm gemeldet wird. Gerade in diesem Moment uber- tonte die Stimme eines Weibes, die seine Mutter sah, das aufgeregte Hin- und Widersprecken der streitenden Parteien, und so dient der in A mitgetheilte Zug zur ungesuchten Ausmalung der ganzen, in A ge- schildertcn. Scene. Damit ist aber ein Br&thsel, mit dem schon Strauss^ und Ritschl sich zu schaffen gemacht, und das sie fur unldsbar erklart batten > * in einer Weise aufgeheUt, die zugleich ein Siegel auf das be- deutendste aller unserer Besultate druckt. 1) Verauch, S. 177 (129 f.). — 2) Leben Je«u, 1, S. 71S ff. — 3) EvangeUum Mar- cion'8, S. 254. Digitized by VjOOQ IC 454 FOnftes C^itel. Zur Uebereinstimmung in der ausseren tritt eine ebenso auffallende Uebereinstimmung in der inneren Situation, welcher die Heden Jesu ent- stammen. Wie in A Mr. 6, 6 den Herm selbst der Unglaube der Na- zarethaner uberrascht, so auch ist er A Mt. 11 , 25. 26 = Lc. 10, 21 anfanglich betroffen uber die Thatsache^ dass die Unmundigen allein fur seine Predigt Ohren haben. Von Einzelnbeiten aus dem Lebensgange Jesu sei hier nur an die b^derseitigen Berichte uber die Junger erinnot Wie Solche, cBe ihm naher treten wollten, anzuknupfen Gelegenhdl nahmen, daruber finden sich in A Mr. 12, 28—34 und in A Lc. 10, 25 — 28 zwei Erzahlungen , die sich offenbar auf dasselbe Factum beziehen (S. 226) und daher schon Mt. 22, 34 — 40 combinirt werden. Wenn femer A Mr. 1, 16. 2, 14 auf die genaue Beobachtung der zu Berufen- den aufinerksam macht, so lasst uns A auf die strenge Prufung der sicli selbst Anbietenden schliessen Mt. 8, 18—22 = Lc. 9, 57 — 62. Jader dritte der bei Lucas aufgefuhrten Falle ist offenbar nichts als eine com- pendiarische Parallele zu A Mr. 10, 17—31 = Mt. 19, 16—30 » Lc 18, 18 — 30. Auch A Lc. 9, 61. 62 schlagt Jesus das Ansinnen ab mit der Bemerkung, dass seine Junger nicht nach ihrem Eigenthum zuruck- blicken diirfen. nDas sieht ganz so aus, als ware unser Vorfall vom reichen Jonglinge auf seiiien kurzesten Ausdruck zuruckgebrachti* Nun erklart sich die S. 180 noch nicht zu beantwortendeFrage, wesshalb Matthaus, der sonst die Dreizahl liebt, sie hier, wo sie von selbst sicb bot, umging. Im Gegensatze zu Lucas erkannte er die Identitat der Vorgange und, da er die ausfahrlichere Relation von A mitzuthcilcn beschlossen, ubergeht er die kurze in A. Was A Mr. 6, 8 — 11 von In- structionen an die Zwolf hat, gibt Idinlich auch A Lc. 10, 2 — 12. Vgl- insonderheit die Auftrage A Lc. 9, 2 mit A Lc. 10, 9 = Mt. 10, 7. S; A Mr. 6, 8 mit^Lc. 10, 4 = Mt. 10, 9; A Mr. 6, 10. 11 mit^Lc 10, 5—11. Ferner zeigt Mt. 19, 28 = Lc. 22, 30, dass auch ^ die Zwolfzahl kannte und sie durch die Zw5lfzahl der Greschlechter Israd motivirt dachte Mt. 10, 6. — Selbst die ausseren Lebensverhaltnisse, soweit sie in A angedeutet sind, stimmen voUkommen mit A. Wie in der erz&hlenden Hauptquelle Jesus je langer, je mehr ein ruhc- und heimathloses Leben fuhrt, so nimmt er dies auch A Mt 8, 20 = Lc 9, 58 ausdrdcklich als sein Charakteristicum in Anspruch; und wenn die Ueberschriften des Lucas irgendwelchen Anhaltspunkt im Text von A finden durfen, so war Jesus dort ofters bei Grastfreunden uber IW und nahm Einladungen selbst von Gegnem unter Umst&nden an , vie denn uberhaupt in der volligen Freiheit seiner Lebensweise von AH«n» was Pietismus oder Methodismus heissen konnte, ein, in die Aug^ 1) GfrOrer: Urchriatenthum, II, 1, S. 290. Digitized by VjOOQ IC l^toriscber Charakter der synoptisclien Geschichtsquellen. ' 45& springender^ Coincidenzpunkt beider Darstellungen besteht (A Mr. 2, 16. 17 und A Mt. 11, 19 = Lc 7, 34). Da8 allerschlagendste Zeugniss fur die GlaubwUrdigkeit beider Qaellen liegt aber in der ungesucbt sich ergebenden Congruent des sabstanziellen Inhalts dei Reden Jesu. Keinem einzigen Forscher ist es eingefallen, zwischen dem Bedestoff, den wir als in A, und dem an- deren, den wir als in A ursprunglich niedergelegt nachgewiesen haben, audi nur entfernt eine derartige Differenz nachweisen zu wollen , wie man Dies bezuglich des vierten Evangeliums und seines Verhaltnisses zu den drei fruheren thun konnte. Wir verweisen einfach auf alle die doppeit berichteten Ausspruche vom Sauerteig der Pharisaer, von der Sunde wider den heiligen Geist, uberhaupt auf die S. 257 f. verzeich- neten Doubletten des Matth&us und des Lucas^ um das gleich unmittel- bare Verhaltniss beider QueUen zu dem Objectiven der Geschichte an- schauiicb zu machen. Bedarf es hierfur noch weiteren Beweises , so Hegt solcher vor in einer ganzen Beihe anderer Parallelstellen, die bei aller Yerschiedenheit der Form doch nur Variationen desselben origi- nalen Themas sind. So haben wir A Lc. 5, 31. 32 = ^ Lc. 15, 7 beidemal denselbcn Gedanken, in A durch das Bild vom Arzte, in A durch das vom Hirten mit leichter Farbendifferenz nuancirt, beidemal aber auslaufend indenselben, relativ zwar hingestellten, aber absolut gemeinten , daher ironisch zu fassenden Gegensatz gegen die angeblich keiner Busse mehr bedfLrftigen Gerechten. Dieselbe Ansicht vom Ver- hfiltnisse des Innem und Aeusseren liegt den Berichten von A Mr. 7, 15. 18—23 und von A Lc. 11, 39—41 = Mt. 23, 25—28 zu Grande, und uber das Verhaltniss des Verborgenen zum Offenbaren spricht Jesus in A Mr. 4, 22 gerade wie in ^ Lc. 12, 2 = Mt. 10, 26. VoUkommen wie die Unseligkeit des Aergemiss Gebenden in A Mr. 9, 42. 47. Lc. 17, 1. Mt. 18, 7, so wird die Seligkeit dessen, der sich nichtargem lasst, in A Mt. 11,6 = Lc. 7, 23 angelegentlichst betont. Oder man crinnere sich der Art, wie A Lc. 12, 50 vor Jesu geistigem Auge das Kukunftige Leiden erscheint unter dem Bilde einer Taufe, da die Wasserwogen uber ihm zusammenschlagen werden, welche charakteri- stische Anscbauung A Mr. 10, 39 alsbald wieder erscheint, wo der Bangstreit seiner Junger, die schon auf dem festen Boden gesicherten Besitzes stehen, jene Ahnung in ihm erweckt. Ja der Bangstreit selbst, wie er Mr. 10, 35 — 45 und Lc. 22, 24—30 beschrieben ist, liefert ein frappantes Argument fur die Identitat und ObjectivitSt des Geschichts- stoffs. Beide Berichte sind vollig unabhangig von einander, aber, selbst wenn wir die Verwandtschaft von Mr. 10, 42 — 44 und Lc. 22, 25. 26 auf Bechnung einer, auf Seitedes Lucas vorausgesetzten. Accommodation des Ausdracks setzen wollen, so ist doch der Aussprach Jesu Lc. 22, 27 Digitized by VjOOQ IC 45S FOnfles CapiteL eine selbststandige Fassung des Sinnes von Mr. 10, 45, und die Aner- kennung der bisherigen Treue der Jfinger Lc. 22 , 28 ist die Voraus- setzung fur die Frage nach dem VermOgen , bis ans Endc auszuharren Mr. 10, 38, wie auch die Worte von der, aus der absoluten Macht des Vaters stanimenden, Machtbefugniss des Sohnes Lc. 22 , 29 nur die po- sitive Kehrseite zu den Mr. 10, 40 ausgesprockenen Gedanken sind. Schliesslich wird das Sitzen auf Stuhlen , womach in der einen Quelle Mr. 10, 37 zwei Junger begebren, in der andem alien ZwOlfen zuge- sprochen Lc. 22, 30 = Mt. 19, 28. Eine hervorstekende Eigentbumlichkeit der Quelle j1 iat die schrofie Ansicht von den irdischen Gutem, die strenge Fassung der christUchcn Weltentsagung. Denn auf Rechnung von A konunen ja Stellen, die man gewobnlich als Eigenthamlichkeit des Lucas geltend macht, wie 11, 41. 12, 15—21. 33. 34. 14, 25—27. 33. 16, 1 — 13. 19 — 31. Aber auch die desshalb an die Armen adressirte frohe Bot- schaft A Mt. 11,5 = Lc. 7, 22 hat ihre vollstandige Farallele in A Lc. 6, 20 s Mt. 5, 3, wie denn uberhaupt die ganze Bergpredigt (vgL Lc. 6, 21. 24. 25), wenn man will, ebionitischen Charakters ist; aber denjenigen Partien aus ihr, worin die gedrdckte Lage der Christen her- vorgehoben wird (6, 22. 27 — 29), entsprechen wieder aus ^ Stellen, wie Lc. 12, 32. 18, 7. 8; und damit man nicht zweifle, dass dieUeber- einstimmung in derSache selbst, nicht im Schriftsteller liegt, m^^ man noch neben die »ebionitisirenden« Stellen des Lucas die Erzahlung vom reichen Jungling A Nro. 49 halten, und mit dem i>Schatz im Himmelc Mr. 10, 21 die merkwurdige Farallele A Lc. 12, 33 = Mt 6, 20 ver- gleichen. Aber auch die GrundzOge des eigentlichen Lehrgehaltes der Beden Jesu sind beiderseits identisch. Neulich hat sich Weisse das Yerdienst erworben, auf die hochwichtige Thatsache hingewiesen zu haben , dass unter stillschweigender Beseitigung des Jahvehnamens der Vatername durch Christus zum Namen Gottes erhoben wurde. ^ Wahrend sich aber in A die eigentlichen Sedes doctrinae hierfUr finden, namentlicb jenes Gebet , dessen erste Bitte auf Heilighaltung des neuen Namens geht, liefert auch A 5 oder 6 Belegstellen dafur, dass im Munde Jesu auf diese Bezeichnung Gottes der eigentliche Accent fUlt, vgl. Mr. 8, 38. 11, 25. 26. 13, 32. 14, 36. Lc. 6, 36 = Mt. 5, 48. Schwerlich wird aber erst noch bewiesen werden mussen , dass in beiden Quellen auch die ubrigen Mittelbegriffe identisch sind, also namentlich die, aua dem apokalyptischenBuche des A. T. herubergenommenen, Ideen des v\hq %aS 1) Reden tlber die Zukunft der evangelischen Kirche, S. 233. FhilosopliiBclie Do^- matik, I, 8. 392 ff. Evangelicnfrage, 8. 200 ff. Digitized by VjOOQ IC ffistorischer Charakter der synoptisohen Geschichtequellen. 457 cnf&QWTtav und der fiaailela %ov d-eov^ welche letztereaber geschichtlich nicht unvermittelt^ wie bei Daniel^ gefasst ist, sondem ygL A Mr. 4, 31. 32 t= ^Lc. 13 9 18. 19; daher die fiaaileia auck in ihren Anfangen bereits vorhanden ist A Mr. 1, 15 &= Mt. 4^ 17 und ^ Lc. 10^ 9 = Mt. 10> 7. Tritt der Stifter dieses Beiches in ^ auf mit dem Bewusstsein einer gdttlicken Mission (Mt. 10^ 40 == Lc. 10, 16: 6 anoatelXag fie) und mit dem grossen Wort auf den Lippen Ttdvra {loi naqadddTj vrco %ov Ttatfdg fiov Lc. 10, 22 = Mt. 1 1| 27, so ist nicht minder viel damit gesagt, wenn in A Mr. 2,10 ndes Menschen Sohn Macht liat^ Sunden su yergeben auf der Erde,« also eine nicht von derErde stam- mende Macht, wenn er am Schlusse seiner Laufbahn sich bewusst ist^ ein dauemdes weltgeschichtliches Princip geworden 2u sein (A. Mr. 13, 10. 14^ 9) und in seinem vergossenen Blut das Bundesblut erblickt^ das eine neue Menschheit mit dem Vater verbinden wird (A Mr. 14 , 24). Es siimmt somit trefflich und ungesucht zusammen , was in beiden Quellen berichtet wird von der ganz singularen Art undW^se, wie ebon seine Individualitat durch die Beruhrung mit dem Gottlichen bestimmt wurde. Dagegen konnte es einen Augenblick scheinen, als ob ein so wich- tiges Moment in der Stellung, die Jesus zu den Lebensmachten der Zeit einnahm, wie sein Verhaltniss zum mosaischen Gesetze ist, in den ver- schiedenen Quellen eine verschiedene Behandlung erfahre. Oder stehen sich nicht die betreffenden leitenden Aussprache , einerseits A Mr. 2, 27. 28 = Mt 12, 8 = Lc. 6, 5, und ^ Mt. 5, 17—19 = Lc. 16, 17 andererseits^ so direct als moglich gegenuber? Aber wie wir schon oben S. 379 f. gesehen haben, dass die beiden Pole, die spater allerdings in einen geschichtlichen Gegensatz zu einander traten, anfanglich fried- lich geeinigt waren und in den fruhesten Quellen nebeneinander vor- kommen, so verhalt es sich auch hier. In derselben Quelle A, deren gesetzesfreier Charakter besonders von Bi t s c hi treffend erOrtert wurde/ werden doch die Geheilten gewiesen^ sich den Ceremonialvorschriften des Pentateuchs anzupassen Mr. 1, 44, und der Schriftgelehrte , der die rechte Erkenntniss von dem inneren Sinn des Gesetzes hat, und die grossen Gebote den kleinen uberzuordnen versteht, ist w nicht feme vom Beiche Gottesa Mr. 12, 34. Aber auch der Kleinste im Himmelreich ist doch noch grosser als der grdsseste Vertreter der Gresetzlichkeit — so lehrt Mt. 11^11= Lc. 7, 28 dieselbe Quelle.^, die nach Kostlin 9 noch ganz judenchristlicha sein soil. ' So werden wir denn aber einen Schritt noch weiter zuruck wagen und diese grossartige Unbefangen- hcit, womit der gottliche Werth des mosaischen Gesetzes, als des reinen Ausdrucks der ewigen Sittlichkeit mit der gleichen Energie an- 1) AltkathoUsche Kirche, 1S57, S. 28 ff. — 2) ETangelien, S. 55. Digitized by VjOOQ IC 458 Ftlnftas Capitel. erkannt^ wie seine tossere Form yernacbl&sBigt^ ja gesprengt wird, ab einen stebenden Zug in dem sittlichen Charakter Jesu selber betrachten mussen. Den bochsten Zweck des Gresetzes weist er nacb in dem mo- saiscben Gebot der reinsten Grottesliebe , die in der liebeathmenclflten Aufgescblossenbeit f{br jedes iussere und innere Bedurfniss der Menscbr beit nor ihre Kebrseite bat. Yon der Seite betracbtet ist das mosaische Gesetz so bebr und gross ^ dass keine Pleropborie der anerkennenden Kejahung eine Hyperbel sein kann , aucb das vom Stricblein und Jote Gesagte nicbt ; aber gerade in diesem bocbsten Punkte weiss sicb der Herr so Eins mit der Idee des Gesetses^ findet sie so sebr in fiich sdbst verwirklicbt und Leben und Geist geworden vor, dass die zeitlich be- scbrankten Erscbeinungen des bocbsten sittlicben Begriffes, wie sieb den mosaiscben Verordnungen uber Sabbatsrube und Opferdienst, uber Ebescbeidung und aussere Eeinigkeit auftreten^ weit binter ibm li^en. So ganz ordnet er sicb ibm unter^ dass er den als seinen geringsten Junger ansiebt, der sicb auf s bastige Brecben ausserer Gesetzesnormen verlegen woUte^ und so sebr stebt er daruber^ dass er selbst bestunmt, was im Gesetze auf ibn Anwendung finde^ was nicbt ^ dass er sicb den Herm des Gesetzes nennt, der die autbentiscbe Interpretation dessdben in seinem &eien Willen tragt. » Wie es zu den Privilegien der GdstWr grdsse gebort^ das Entlegene zur Einigung zu bringen> so ist die Jesa eigene Geistesbobeit allein die genugende Erklarung der sebeinbar ent- gegengesetzten Aussagen uber das alte Testament.** Von Incongruenaen mocbte daber nur die eine wirklicb zu constatiren sein, dass nach J Mt. 10, 23, falls uberbaupt die Stelle der Quelle ^ angeboren sollte, Cbristus wieder erscbeinen will, wabrend die JiLnger nocb den nachsten Kreis ibrer Aufgabe , die palastinensiscbe Mission, nicbt uberscbritten baben, wabrend nacb A Mr. 13, 10 = Mt. 24, 14 das Evangelium vo^ ber alien Nationen veilcundigt worden sein soil. Aber wir baben schon oben gezeigt (S. 410), dass in einem unserer Evangelien sogar flidi widersprecbende Anscbauungen bebufs der Parusie zu entdecken sind und dass diese Wabrnebmung uberbaupt auf die IncommensuralH&tit der Weissagung Jesu zuruckzufubren ist. Scbliesslicb muss aucb darauf nocb aufmerksam gemacbt werden, wie beide Quellen sicb so vollkommen bomogen verbalten bezuglicb des Materials, das sie eingebenderen Bestimmungsversucben des sittlicheo Cbarakters Jesu uberbaupt bieten. Hier wie dort wird ein harmoniach angelegtes Geistesbild entfaltet, dessen Grundzug in der Kraftigkeit des allezeit nind allerorts prasenten Gottesbewusstseins bestebt; eine viel- seitig fortscbreitende Lebensentwicklung, deren treibendes Princip der 1) Dorner: Jesu stlndlose VoUkonmienheit, S. 38. Digitized by VjOOQ IC Historischer Cbarakter der synoptiscKen Geschichtsquellen. 45d religios-sittliche Factor bildet> welcher mit einer BCacht arbeitet^ mit ganzlichcr Abstreiiiing aller theologischen Zankereien und Schul- meinangen der Zeit , ja auch mit Vermeidung alles Strebens nach wis- senschaftlich formulirbarer Erkenntniss stets lauter ewige sittliche Wahrheit producirt wird, der historischen Beschi'anktheit in einem solcben Grade bar und ledig, wie Niemand ein zweites Beispiel in .der Geschichte des fortschreitenden Grottesbewusstseins mehr wird nachwei- sen woUen. Zugleich aber stiramt auch im Detail so trefflich zusammen Alles , was in beiden Quellen berichtet wird von der Art und Weise, wie Jesus die Freuden und Leiden, die Outer und Verluste des Lebens beurtheilt, wie er den Menschen in alien seinen Beziebungen und Zu- standen, das Kind, den Z5llner, den Pharisaer, den Feind, den Janger, anzufassen weiss ! Hier wie dort dieselbe Verbindung von Liebe und Zom, Milde und Tapferkeit, von herbem Lebensemst und sorgloser Lcbensheiterkeit ; das Ineinander von Abgeschlossenheit und Aufge- schlossenheit fur die Welt, von Innerlichkeit und Theilnahme, von Buchender Liebe und bedurfnissloeer Buhe. An diesem Orte, wo wir die christologische Frage nur im kritischen Interesse beruhren, genugt es, die behauptete vollstandige Uebereinstimmung noch insbesondere nachzuweisen bezuglich der Quellen, aus denen Jesus den Inhalt seines Selbstbewusstseins, sein geistiges Eigenthum im allgemeinsten Sinn, die Anschauungen und Bilder, die zu Vehikeln seiner Gedanken werden, geschopft hat. In dieser Richtung begegnet uns namlich nirgends die geringste Spur, die etwa auf reservirte Anspruche zurtlckweisen konnte, ein besonderes Wissen ausser dem selbsterzeugten, erfahrungsm&ssigen «u besitzen. Vielmehr haben die Bilder, die in reinster Spiegelhelle auf der Oberflfiche seines Vorstellungsvermogens schweben , ihre ursprung- liche Heimath alle entweder in dem alten Testament oder im Men- schenleben oder in der Natur. Mit voller Freiheit schaltet und waltet er zunachst uber die Beich- thumer der Schrift; er tragt in sich den Schiussel wenn nicht zum hi- storischen (A Mr. 12, 35 — 37), so doch zum inneren, religios-sittlichen Yerstandnisse des alien Testaments ; es ist sein eigenstes Eigenthum in einem Grade geworden, dass er, wie S. 458 erhellte, sogar als Herr daruber disponirt, was gelten soil , was nicht. So muss ihm aber auch Alles dienen, muss helf^n, seine Gedanken zu illustriren, was die Schrift erzahlt von der Anfangsgeschichte und dem, daselbst gesetzten, geschlechtlichen Verhaltnisse (A Mr. 10, 6—9), vom ersten Hass und Mord {A Lc. 11, 51 = Mt. 23, 35), von Lot's Gefahr {A Lc. 17, 26. 28.29. 32 « Mt. 24, 37. 38) und Sodom's Untergang (wrf Lc. 10, 12 = Mt 10, 15. 11, 23. 24), von Moses, dem Gesetzgeber, (A Mr. 7, 10. 12. 26. 29—81. 10, 9. 19) und seinem Opferritual (A Mr. 9, 49), vom Digitized by VjOOQ IC 460 Ftlnfles CapiteL spateren Tempeldienst (A Mt. 12, 5), von David (A Mr. 2, 25. 26) und von Salomo {A Lc. 11, 31 = Mt. 12, 42; Lc. 12, 27 =« Mt 6, 29); ihm ist gegenwartig, was die Dichter sangen (Fs. 22, 2 s A Mr. 14, 34. Ps.91, 13=^Lc. 10, 19. —Ps. llO=sAMr. 12, 36. — Ps. 118, 22, 23 = A Mr. 12, 10. 11. — Ps. 118, 26 ^ Lc. 13, 35 = Mt 23, 39) und die Propbeten redeten (Jesaias: A Mr. 7,6. 7. 9, 48. 11, 17. u^Mt 11, 5 = Lc. 7,22. Jeremias: A Mr. 11, 17. — Michas: A Lc. 12, 52. 53 = Mt 10, 35. 36. — Zacharias: A Mr. 14, 27. — Ma- leacbi: A Mr. 9, 12. A Mt 11, 10 = Lc. 7, 27); er argamentirt aus den Schicksalen des Elias (A Mr. 9, 13. ^^ Mt. 11, 14), des Jonas {A Lc. 1 1, 29. 30. 32 = Mt 12, 39—41), des Priesters Zacharias (^Lc. 11, 51 =s Mt. 23, 35), aus dem prophetischen Loos uberhanpt (A Lc. 6, 23. 26 = Mt 5, 12. Mr. 6, 4. A Lc. 11, 47. 49. 50 = Mt 23, 29- 31. 34; Lc. 13, 33. 34 =s Mt 23, 37), wie aus dem Schickel der Stadte, denen das prophetische Wehe gait {A Lc. 10, 13. 14 = Mt 11, 21. 22). Dabei seben wir nocb ganz ab von den sabllosen biblischen Reminiscenzen, die ihm stets zurHand sind, von den alttestamentlicbea Bedeformen, von denen sein Vortrag durchwebt ist in A so gut, wie in ^^, wie denn ja auch die in beiden Quellen vorkommende paraboUsche Lehrweise nachMustem derSchriftgeformt ist (Richt 9, 7 — 15. 2. Sam. 12, 1 — 4. 2. Kdn. 14, 9. Jes. 5, 1—7. 28, 23—29. Ez. 15, 1—8. 17, 1_10. 22—24. 19, 1—14). Hauptsacblich ist es aber das wirklicheMenschenleben, das in alien seinen Hdhen und Tiefen und nach alien seinen Breiten- und Langen- verhaltnissen zur Darstellung kommt und zum Abbilde ewiger Wahr- heit wird. Und zwar ist die Virtuositat der, nach alien Seiten o&n- stehenden und einsaugenden Beceptionskraft nicht minder hoch aniu- schlagen, als die, Schlag auf Schlag sich bethatigende, TJebusgnnd Fertigkeit, den Reflex des gebtigen Verhaltnisses im Empirischen wahrzunehmen. Gerade bier aber liefem beide Quellen die reichste Aoswahl von wesentlich gleicbartigemStoffe. Weisen doch beide darauf bin, wie die Blicke des Herrn stets sucbend uberall sind, wo etwa ein treffendes Spiegelbild des geistigen im naturlichen Leben zu vermuthen war A Mr. 4, 30. ^Mt 11, 16 = Lc. 7, 31. Und wenn etwa sein Auge einmal einen unbesonnenen Bauherm entdeckt bat, vrie verscliie- den ist der Gebrauch, der von diesem Funde in A Lc. 6, 49 = Mt 7, 26. 27 und wieder in A Lc. 14, 28—30 gemacht wird! Wie vollkom- men treffen aber beide Quellen in der Eigenthumlichkeit des aufgcgrif- fenen Bildes selbst zusammen 1 Uebrigens liegt bier in der That keb Gegenstand zu fern ; keiner ist zu grob materieUer Natur, um nicht ver- wendbar zu erscbeinen. Splitter und Balke (.^ Lc. 6, 41. 42 = Mt 7, 3. 5), Schwerdt des Kriegers {A Lc. 12, 51 sx Mt 10, 34) und Jiaaw * Digitized by VjOOQ lc Historischer Charakter der synoptisohen Oesohiohtsquellen. 461 des Kaufmanxw (A Lc. 6, 38 = Mr. 4, 24), Muhlstein (A Mr. 9, 42), Joch {A Mt. 11, 29. 30) und Fflug, das von Jugend auf wohlbekannte Gerathe (A Lc. 9, 62)* — AUes hat seine Bedeutung; so auch im Hause die engen oder weiten Thuren {A Lc. 1 3, 24e=Mt. 7,13.1 4), Kam- mer und Dach {A Lc. 12, 3 ss Mt. 10, 27), ja sftmmtlicber Hausrath (A Mr. 3, 27 a=Mt. 12, 29), vom Trinkgeschirr (A Mr. 7, 8. -// Lc. 1 1, 39 = Mt. 23, 25. 26), sei es Weinkelch (A Mr. 10, 38. 39. 14, 36), sei es Wasserbecher (A Mr. 9, 41), von Tellem und Schiisseln (-/iLc. 1 1, 39 as Mt. 23, 25) an bis zum Hausschlussel {A Lc. 11, 52) und Nadd^ ohr (A Mr. 10, 25) herab. Gerade was der rein materiellen Seite des Daseins am auffallendsten dient, erbalt um so mebr symbolischen Werth fur das analoge Leben des Geistes : die Keller und Vorrathskammem {A Lc. 12, 24 SB Mt. 6, 26) mit ikrem Lihalt, Salz (A Mr. 9, 50. ^ Lc. 14, 34. 35 ssMt. 5, 13), Sauerteig (A Mr. 8, 15. ^Lc. 12, 1), Mehl {A Lc. 13, 21fi=Mt. 13, 33) und dem Wein in denSchlauchen (A Mr. 2, 22); daneben die Geldkasten, Beutel voll gemtlnsten Goldes fassend {A Lc. 12, 33 as Mt. 6, 19), davon jedem einzelnen Stucklein mit seinem Bild und seiner XJeberschrift eine politisch-religidse Mahnung aufge- prftgt ist (A Mr. 12, 15); und die Kleiderschranke mit abgetragenen und neuen Stucken (A Mr. 2, 21), sowohl Hochzeitsgew&ndern (A Mt. 22, 11) und weichen Kleidem (.^ Mt. 11, 8 » Lc. 7, 25), ak auch gewohnlicher Tracbt, an der besonders das bauschige Busenkleid als Beceptaculum fur den Segen des Fullhorns (A Lc. 6, 38), und der Gurt uber den Huften als Bild der Dienstbereitschaft (^ Lc. 12, 35) erscheint. Ln Innern des Hauses begegnet uns alsbald der Hausvater, der seinen Gasten Altes und Neues aufzuweisen hat {A Mt. 13^, 52); die ELindlein sitzen um den Tisch, die Hunde warten auf die abfallenden Brosamen (A Mr. 7, 27). Wird's aussen dunkel, so leuchtet innen das aufgesteckte Licht far Alle, die im Hause sind (A Mr. 4, 21. A Lc. 12, 35. 11, 33 as Mt. 5, 15). Auch Nachbam und Nachbarinnen finden tich ein, wo im Hause Festfreude ist (ui Lc. 15, 6. 9). Abends ruhen dann die Elinder beim Hausvater in der Kammer (A Lc. 1 1 > 7) ; da meldet sich plotKlich nachtlicher Besuch (ALc. 11,5. 6) mit starkem Pochen^ welche letztere Kundgebung — geschehe sie nun mit Erfolg, oder vergeblich — besonders oft die vielerlei menschlichen Litentionen darstellt (-ri Lc. 11, 5—10. 12, 36. 13, 25. Mt. 25, 10. 11). Auf kei- ner Partie dieses Familienbildes ruht aber derBlick des Herm mit so viel Theilnahme, wie auf den Kindem; sie erfreuen und lieben au kdniien> ist eine wunderbare Lichtseite auch an der verdorbenen menschlichen 1) Justin: Dialog. SS. Digitized by VjOOQ IC 462 FOaftM Capitel. Natur {A Lc. 11, 13 ^s Mt. 1, 11); das Kind ervablt er, um an ihm eiiLBprechendesBild fur die seinem Herzen Nachststehenden zu besitira {A Lc. 10, 21 « Mt. 11, 25. — A Mr. 9, 36. 37. 10, 14. 15). E8en^ geht ihm aber auch nicbt, wie verschicdenartiger Same aus den Henen Solcher, die in einer Wiege gelegen, hervorspriessen kann (^Mt. 18, ;J8-— 30. Lc. 15, 9—32), wodurch dann dag Gemalde vom getheilten Hans entsteht (A Mr. 3, 25. —A ho. 12, 52. 53 = Mt. 10, 85. 36). — Ebenfalls den historischen Verhaltnissen angebdrig ist ein anderes, in A nnd A auf Schritt und Tritt wieder begegnendes, Bild, bergenom- nften von den damaligen Herrschafts- und Dienstboten-, respec^ve Sda- venverhaltnissen. Freier stehen daraussen im Weinberg die Lohnarbei- ter (A Mr. 12, 1. 7. 9. A Mt. 20, 1--8). Mit ibnen verhandelt der Herr erst durch die eigentlichen Sclaven (A Mr. 12, 2. 4. 5) und inson- jderheit durch den inkQOTtog oder oixovofiog (A Mt 20, 8). Dies iit der Obersclave, der Hausverwalter, der das Gesinde beaufsichtigt and durch bewiesene Brauchbarkeit und Zuverlassigkeit immer h^er steigt (A Lc. 12, 42. 44 as Mt. 24, 45. 47), aber auch leicht 'auf die Abwqge tyrannisoher Laune und selbstsacbtiger Wirthschaftsmethode geiatb (A Lc. 12, 45 9S Mt. 24, 48. 49); unter ihm stehen die Magde, die HandmuUen drehen (A Lc. 17, 35 = Mt. 24, 41), und die Sclaven, welche bei Tag auf dem Acker arbeiten und Nachts je zwei auf ein Bettg^ stell zusammengepackt werden (^ Lc. 17, 34 = Mt. 24, 30). Siealle theilen das eigentliche Sclavenlos, werden bestraft nach dem gransames Bechte der Zeit (A Lc. 12, 46—48), wobei im guten Falle das Mdff oder Minder von Bekanntschaft mit dem Willen des Herm als Maaift- stab dient (^Lc. 12, 47. 48). Auch nachdem sie drauseen auf dem Felde dch mude gearbeitet, werden sie herkommlicher Weiae zu Have noch ausgebeutet (-^Lc. 17, 7—9), und eines einiigen Herm WiUc reicht aus, sie alle im Athem zu erhalten (A Lc. 16^ 13 as Mt. 16, 24> Neben dem zu Tische Dienen, was mit au%egurtetem Oberklad ge- scbieht (A Lc. 12, 85. 37. 22, 27), exscheint dann aber ak eine beaon- dere, ehrenyollere Obliegenheit erprobterer Knechte, daas sie ihrem Herm in Geldgeschaften niitzUch werden (A Lc 19, 13. 15. 17. 22^ Mt 25, 20 — 30), wesshalb der mit seinen Knechten rechnende Haas- herr in dieeen Beden ofters wiederkehrt (A Mt. 18, 23. 24. Lc 19, 15 s Mt* 25> 19). Damit in Verbindung steht das, gleichiaUs wiederboh yorkommende, Bild vom yerreisendenHausherm(^Lc. 19, 13 sMt 25, 14. A Mr. 13, 34) imd besonders die Nachts wachenden, bei Fackel- aehein der Ankunft ihres Herrn harrenden Knechte (A Mr. 13, 35. A Lc. 12, 35. 36. 88). So sind die Junger xn^ch all difisen Sichtuagfl* Knechte, und zwar nicht bios ihres Herm, sondem auch wechselseitig unter einander (A Mr. 9, 35. 10, 43—45 m, Lc. 22^ 26> Digitized by VjOOQ IC Historisoher Charakter dor ayn(^[»tLichen Geschiohtsquellen. 453 Aber der enge Bereich des Hauses und dee Privateigenthums bildet keineswegs die Grenze , innerhalb deren die symbolisirende Rede Jesa rich bewegt. Alle Verhaltnisse der Sterblichen (^Lc. 7, 28 = Mt. 11, 1 1 : Y^ifvff^oi yvvaiwSv) durchwandert sie. Voran 8teht das Treiben der Gewalt%en dieser Erde (A Mr. 10^ 42), die ihre besonderen Namen und Titel fuhren (^ Lc. 22, 25). Da ist der Konig bald vom Kriegs- rath umgeben (^ Lc 14, 31), bald im gefulltea Saal die Gaste besu- ohend (^ Mt. 22, U); Luxus hcrrgcht in Tafelfreuden (ui Mt. 22, 4) and Kleidung (^ Mt. 1 1, 8 = Lc. 7, 25). In letzterer Beziehung na<- mentlich ein strenges Ceremoniell (^ Mt. 22, 11), das auch nach ande- ren Richtixngen in der herrschenden Sitte weiterer wohlhabenderKreise Nachbildung findet (wrf Lc. 14, 16. 17 = Mt. 22, 3. 4). Derlei groase Gastmahler im erlenchteten Saal, wahrend draussen dichte Finstemiss herrscht, liefem das stehende Bild fur die Beschreibung der messiani'* schen Seligkeit und ihres Gegentheils (^Lc. 22, 30. 12, 28. 2938Mt. 8, 11. 12), wahrend einmal wenigstens dem Li^en zu Tische das Sitzen auf Thronen zur Seite tritt (ui Lc. 22, 3Q =Mt, 19, 28. A Mr. 10, 40), Von solchen hohen Orten geht aus die Vergewaltigung und Misshand- lang der Schwacheren (A Lc. 6, 29 = Mt. 5, 39. 40), Angriff undZer- stoning (^Mt. 22, 7), Kriegs- und Friedensgeschicke (^ Lc. 14, 31. 32) ; dahin gehoren noch die Aussichten auf getheiltes Beich (A Mr. 3, 24), auf Bdagerung (A Mr. 3, 27 = ui Lc. 11 , 21. 22. — A Mr. 13, 7. 8), und gewaltthatige Eroberung (ui Lc. 16, 16 a Mt. 1 1, 12). Ne- ben dem weltlichen Ann ist aber auch der geistliche gesch&ftig zum auasem und inneren Verderb und Schaden des Volkes (vgl. die detail- lirte Beschreibung ^^ Lc. 11, 39 — 47. 52 a Mt. 23, 4. 13. 23—36. A Mr. 7, 8. 11—13. 12, 38—40). Daher der grelle Contrast von glan- sender Ueppigkeit und widrigem £lend (^ Lc. 16, 19—21) ; die Bett* ler auf d&i Grassen (A Lc. 14, 21), die Vagabunden auf den Landstras- •en (ui Lc 14, 23 « Mt 22, 9), die Diebe in den Stadten (A Lc 12^ 33 =s Mt 6, 19), die Eauber in den Waldem (-// Lc. 10, 38), die Misse- thater, die ihr Kreuz zur Bichtstatt schleppen (A Mr. 8, 34. 10, 21. A Lc. 14, 27 3x Mt 10, 38), dieGefangetnen^ die ihrLeben im Schuldthurm vertraaem (A Lo. 12, 59 33 Mt 5, 26). Letztberuhrter Gegenstand sp^qlf eine besonders bedeutendeBoUe in^: Wucher- undZinswesen (Lc. 19^ 13. 23), Schuldsdieine (Lc. 16, 6. 7), harte Praxis der Glaubiger (Mt 18, 25. 30), die streitenden Parteien auf dem Weg zumBichter un4 das Strafv^ahren (Lc 12, 58 = Mt 5, 25) — Alles Verhaltnisse des comoreten Lebens jener 2Mt, so gut als die jodischen Zauberer (A Mt 12, 27arljc. 11, 19); wie denn auch geiadezu Voigimge der Zeitgeschicht^ au^boten vecdfP> wenn yom Thurm cu Siloah ^ he. 13, i, vom Opfar Digitized by VjOOQ IC 464 Fonftes Gi^itel. der Galilaer A Lc. 13 ^ 1 > von der Bomfahrt dee Archelaos ^ Lc. 19, 12—15 die Rede ist. So wird hier AUes Symbol, Trauern und Weinen, Lachen und Hupfen (A Lc. 6, 2t. 23. 25 =s Mt. 5, 5. 12), Reichthum und Amrath (A Lc. 6, 20. 24), Hunger und Durst (A Lc. 6, 21 = Mt. 5, 6), G^ sundbeit und Erankbeit (A Mr. 2, 17), Kinderspiel {A Mt. 11, 16. 17 = Lc. 7, 32) und Politik {A Lc. 14, 31. 32), glucklicber {A Mt 13, 44) und unglucklicher {A Lc. 14, 5. Mt. 12, 11) Zufall, Sauuneln nnd Zerstreuen (A Mt. 12, 30 = Lc. 11, 23), Abreise vom Hao8 (A Mr. 13, 34), Herberge (A Lc. 10, 35) und Heimkebr {A Lc. 19, 15 = Mt.25, 19), Hochzeit (A Mr. 2, 19. A Lc. 12, 30. Mt. 22, 2. 25, 1—13) und Todtentrauer (A Mr. 14, 8. ^ Mt. 8, 22 = Lc. 9, 60. Vgl. aaA Lc. 16, 22); der Luxusbaudes Lebenden {A Lc. 14, 28 — 30) und das Grabdenkmal der Todten (^ Lc. 11, 44. 47 = Mt. 23, 27. 29). Ke irdische Speise und ihr Vergeben stebt im umgekebrten VerbaltniM 2UU1 geistigen Ernabrungsprocess (A Mr. 7, 19), der Bereiter der ir- discben Nabrung aber, was Ansprucb auf Lobn betrifft, im geraden zuin Spender der geistlicben Speise {A Lc. 10, 7 = Mt 10, 10). h beiderlei Beziebung tritt der Fall ein , dass das Maass der Arbeitskraft weuigstens nicbt gleicb 'von yornberein in irgend einem Verbaltnisse zur Masse des zu bewaltigenden Stoffes stebt : immer neue Lobndien^i die nocb auf den Markten mussig steben , dingt der Hausvater fur sei- nen Weinberg (Mt 20, 1 — 16), immer neue Arbeiter sendet er in seine Emdtc {A Mt 9, 37. 38 = Lc. 10, 2). — Aber nicbt bios die Schnil- ter auf dem Felde, die Winzer in den Weinbergen versinnbildlichen das werdende Beicb Gottes ; aucb der sucbende Hirte auf dem Felde (^Lc. 15, 4. 5 Bs Mt. 18, 12. 13), aucb der, dem Fange nacbgehende, Fiscber am See (A Mr. 1, 17), aucb der perlenbandelnde Kaufinann auf dem^Meere (^Mt 13, 45) tbut Dasselbe; und die bestebenden Ver- baltnisse zwiscben Lebrer und Scbuler dienen gleicbfalls dem einen grossen Zwecke {A Mt 10, 24. 25 = Lc. 6, 40). Dem mannlicben Tbun und Lassen gegenuber ist wieder mit an- deren Farben das weiblicbe gemalt. Von den Hocbzeitsjungfrauen, xQf Halfte king, ibren Vortbeil und Bedarf genau berecbnend (A Mt. 2$, 2. 4. 9), zur H&lfte leicbtsinnig und ansprucbsvoll {A Mt 25, 2. 3. S. 11), werden die letzteren ausgescblossen trotz ibres Focbens {A Mt 25, 12); die andere Art kommt wieder zum Vorscbein in den Weibem, & Acbt baben, wie yidie Maasse Weizenmebl auf ein bestimmtes Qaantmn Sauerteig kommen mussen {A Lc. 13, 21 = Mt 13, 33), die um eifier verlorenen Dracbme willen das Haus umkebren {A Lc. 15, 8) und ver* mittelst consequenter Taktik aucb yor dem morosen Amtoiann za deia Ibrigeu kommen {A Lc. 18, 3. 5), obne dass damit gesagt wftre, datf Digitized by VjOOQ IC , HiBtorischer Charakter der synopUschen Geschichtsquellen. 455 dieser^ den geringsten Besitz achtende^ Sinn nicbt auch in geringe Gaben die grdsste Aufopferung zu legen im Stande ware (A Mr. 1 2, 43. 44); wie andererseits wieder Sinn undTrieb des — vielleicht unbe- wuBSt — symbolisirenden Handelns vorzugsweise auf dieser Seite des Lebens liegen (A Mr. 14, 8). Uebrigens verdient als besonders cbarakteristisch hervorgeboben zu werden eine eigenthumlicbe, zum Tbeii scbon im Bisberigen be- rubrte, ironiscbe Scbarfe der Weltbeobacbtung, die aber stets in dem paradoxen Verhalten der Gegenstande selbst ibren Grund bat, daher im Entfemtesten nicbt karrikirender Natur ist. Wir bringen unter diese Eatq[orie aus A die uberflussige Sorge und Mubwaltung des Augen- arztes Lc. 6, 41. 42 s=Mt. 7, 3. 4, Bowie die undkonomiscbe Sparsam- keit, die in jedem neuen Herbst mit den altcn Scblaucben auszureicben Mr. 2, 22, oder den Ausgaben fur ein neues Kleid mit fortgesetztem Flicken zuvorzukommen gedenkt Mr. 2, 2t. Dieser unpraktiscben Art, Geld zu bebalten, tritt dann gegenuber die sebr praktiscbe, d. b. auf Vergeltung speculirende, Manier, Geld auszugeben Lc. 6, 34; zu wel- cber Stelle in A sich uns alsbald als Parallele darbietet die, in A ge- kennzeichnete, Liberalitat des Einladens, die aber scbon auf das Wie- dergeladenwerden reflectirt Lc. 14, 12. Man erinnere sicb ausserdem — was die Quelle A betriffi; — nocb an die Kinder, von dcnen keines den Eingebungen des eigenen Kopfes entsagen mag, wiewobl sie docb gemeinsam sicb vergnugen wollen (Mt 11, 16. 17 = Lc. 7, 32); an dieZeicbnung der berkommlicbenSorglosigkeit (Lc. 17, 26 — 28=Mt. 24, 38. 39); an die Blinden, die sicb fOr die berufenen Wegweiser bait en iA Lc. 6, 39 = Mt. 15, 14); an die Geladenen, denen Alles, was im Licben nur vorkommen kann, zur unrecbten Stunde in den Weg gelau- fen scheint {A Lc. 14, 18—20 = Mt. 22, 5). Dabin geboren aucb die thoricbten Sorgen der Eitelkeit, die scboner und stattlicber sein mdcbte, als sie ist (Lc. 12, 25 = Mt. 6, 27); die Monologen des Weinkenners sowobl (Lc. 5, 39), als des gefrassigen Beicben, der sein Futter auf viele Jabre, nur leider die Jabre selbst nicbt, eingespeicbert bat (Lc. 12, 17 — 19), indessen aucb jenseits nocb den Armen far seinen Lobndiener bait (Lc. 16, 24. 27); femer das Ebrgefubl des in Sunden ergrauten HVirthscbaftsfobrers, der sicb zu betteln, nicbt aber zu betrugen scbamt (Lc 16, 3); der Bichter, der grundsatzmaseig weder Gott, nocb Men- schen scheut und sicb das selbst vorerzablt, den aber die Furcbt vor der Zunge und den Handen einer Wittwe zwingt, sein besseres Icb walten KU lassen (Lc. 18, 2 — 5). Aucb in der ausfubrlicben Bescbreibung der Foflitur, die der pbarisaische Musterfromme beim Beten annimmt, und in dism aufgeroUten Begister seiner Tugenden Lc. 18, 11. 12 ist ein leicbter Anflug von Lronie nicbt zu verkennen. »Wer sicb selbst er- Holtanaim. 30 Digitized by VjOOQ IC 466 Fflnftes Capitel. hdhet, der soil erniedrigt werdena Lc. 18, 14 = Mt 23, 12, wic ja auch jede Taktlosigkeit, die der Hochmuth eingibt, leicht fatale Bescha- mungen zur Folge hat, und vom obersten Platz, den die Eitelkeit beaii- sprucht, zum untersten, der der Dreistigkeit angewiesen wird, einuber- raschcnd schneller Uebergang fuhren kann Lc. 14, 8 — 10. Schliesslich ware aleo noch kinzuweisen auf den so uberaus spiegelhell und lieblich strahlenden Reflex, den die iussere Natur in dem Beirasat- sein des Bedenden beider Quellen findet, ohne dass irgendwo einmal ein Ueberschwall der Phantaeie, eineVerirrung im Trivialen oderUngc- heuerlichen, ein missgluckter Griflf des Witzes vorkame. Schon die leb- lose Natur und die elementaren Krafte sind Bilder. Ueberschwellcnde Wasserfluth (A Lc. 6, 48. 49 = Mt. 7, 25. 27), Meerestiefe (A Mr. 9, 42) so gut, wie das auffiammende Feuer (^ Lc. 12, 49) und der rasch niederfallende Blitz, der auf den jahen Sturz der bosen Gewaltcn {J Lc. 10, 18), auf alle gewaltigen Katastrophen der Weltgeschichte deu- tet (^ Lc. 17, 24 = Mt. 24, 27). Ihn begleitet der groUende Donner — das sind die zumenden Lieblingsjunger des Meisters (A Mr. 3, 17), wahrend der Dritte im Bunde sein Abbild im schroff ansteigenden Fd- senriff gefunden hat (A Mr. 3, 16). Ergiebiger noch ist die belebtc Natur. Gleichwie nSalomo redete uber die Bftume, von der Cederan auf dem Libanon bis zum Ysop, der aus der Wand wachst, dessgleidieD auch uber das Vieh, dieVogel, das Gewurm und dieFischee (l.K6n.4, 1 3), so umfasst auch das Naturgemalde in diesen Beden Alles aufwarts vom kleinen Senfkom, das als Samen in die Erde fallt (-^ Lc. 17, 6 = Mt. 17, 20), bis zur Baumkrone, dem schattigen Laubdach der Vogd (A Mr. 4, 31. 32 =s uiLc, 13, 19), von den unscheinbarsten Gartcn- krautem (-//Lc. II, 42 «= Mt. 23, 23) bis zum wogenden Schilf im Jordan (^ Lc. 7, 24 = Mt. 11, 7), und wieder abwarts von dem, das Kolossale reprasentirenden, Schiff der Wuste (A Mr. 10, 25. ui Mt. 23, 24) bis zum werthlosen Sperling (yi Lc. 12, 6. 7 = Mt. 10, 29— 3I> von dem gefiederten Volk der Luft (^ Lc. 12, 24 = Mt. 6, 20} bb au den ilschen im Wasser und dem im Staub kriechenden Gewtlrm (J Lc. 11, 11 = Mt. 7, 9. 10). Otter (A Mt. 23, 33) und Scorpion (-4 Lc. 11, 12 = Mt. 7, 11), Schlange und Taube (^ Mt. 10, 16), Fads (-// Lc. 1 3, 32. 9, 58 = Mt. 8, 20) und Wolf (^ Lc. 10 , 3), die ScW- herde auf dem Pelde (^ Lc. 12, 32), die Henne mit den Kuchlein M Lc. 13, 34 = Mt. 23, 37) — Alles findet seine Statte. Aber das com- plicirteste, und darum der Symbolik und Allegorik den weitesten Baa* bietende, Naturwesen ist der menschliche Organismus selbst; das Axtp ist die Leuchte (yt Lc. 11, 34 = Mt. 6, 22), ohne welche die GKedff nur die dunkeln Machte der Seele reprasentiren (A Mr. 9, 43 — 47). ft* Aeusserlichste und Zufalligste selbst, die Haare gehoren mit lur vorao«- Digitized by VjOOQ IC Historischer Charakter der synoptiscben Geschichtsquellen. 467 bedachten Harmonie des Ganzen {A Lc. 12, 7 sss Mt. 10, 30); dagegen wcist das Innerlichste, Herz und Eingeweide, auf einen Dualismus von Kraften, die den Menschen zugleicb gen Himmel ziehen und zur Erde drucken (A Mr. 7, 19); znletzt freilich wird das, von irdischer Speise erhaltene, Gefass zerbrochen, und so muss jene Speise selbst, das beim M able gebrochene Brod und der ausgegossene Wein, auf die Auflosung des, von Brod und Wein erbaltenen, materiellen Organismus weissagen (A Mr. 14, 22. 24). Aucb die aussere Natur kennt einen solcben Wechsel von Ent- steben und Vergeben, einen Kreislauf von Bildern. Der Bedende in A und A batMorgensWolken und Winde, Abends die bald verbeissende, bald drobende Eotbe im Westen beobacbtet {A Mt. 16, 2. 3 = Lc. 12, 54. 55) ; er spricbt von der Mittagsscbwule (A Mr. 4, 6. A Mt. 20, 1 2) wie vomFeierabend, da dermudeTaglobnerseinen sparlicben Lobn empfangt (A Mt. 20, 8), oder von der Nacht, da die Arbeit der Diebe (A Lc. 12, 39 = Mt. 24, 43), zugleicb freilicb aucb Derer beginnt, denen sie Ar- beit macben (A Mr. 14, 48). — Und das Jabr bat gleicbfalls seinen Morgen und Abend. Der Bedner ist mit der ganzen Aufmerksamkeit dabei, wenn im Spatberbst der Saemann die Furcben auf dem Acker ziebt; er weiss, wie der Pflug geleitet sein will, und dass ubel ftbrt, wer die Hand auf dem Pflugbalken, die Augen aber in der weiten Welt hat {A Lc. 9, 62) ; so streut aucb der Saemann nacbkssig die Saat bin, dass die Komlein auf den Weg fallen, wo die bungrigen Vogel sie auf- lesen und forttragen (A Mr. 4, 4). Denn es naht der Winter, der nicbt bios ibnen Grefabr drobt, sondem aucb den Menscben Bescbwerden be- reitet und den armen Flucbtling bemmt (A Mr. 13, 18). Einstweilen aber, wabrend der gluckliche Besitzende in der sicberen Wobnung von Morgen eu Abend sein regelmassiges Gescbaft treibt, wacbst draussen auf dem Felde von selbst die Saat, zuerst das Gras, dann die Aebre, endlicb der voile Weiaen in der Aebre (A Mr. 4, 27. 28). Wie Vieles aber liegt in der Mitte ! Dort siebt das Auge der liebenden Tbeilnabme Weizen- halme erstickt unter den Domen des Gebegs (A Mr. 4, 7); bier bebt der Lolcb anmaassend seinHaupt uber die gebuckten Aebren (A}Ai. ^3, 26); Fflanzen wuchem auf, die allerdings ausgerottet werden mussen (uiMt. 15, 13), aber unverstandige Arbeiter zertreten und zerreissen aus blindem Zom aucb die hoffnungsreicbste Saat {A Mt. 13, 28. 29). Morgens gebt der Herr voruber im Feld, wie so oft (A Mr. 2, 23), und siebt bocbgewacbsene Halme, Abends aber bei der Hcimkehr sind sie verdorrt; er fortcbt nacb und findet, dass auf steinigen Grrund gesaet war (A Mr. 4, 5). Anders ist es auf dem uppigen Wieseogrun, das in •einem voUen Lilienflor prangt : so viel unbegreifliche Schonheit ver- scbwenderiscb ausgegossen uber die hinfalligsten Staubgebilde (Lc. 12, 30« Digitized by VjOOQ IC L 4gg Fflnftes Capitel. 27. 28 = Mt. 6, 28—30)! Tausend Dinge sieht er nun; er kennt jeden Baum und bemerkt, ob er gute, ob schUmine Fruchte bringen wUl (A Lc. 6, 43. 44). Von Domen liest man nicht Feigen, aber auch nicht jedcr Feigenbaum selbst entspricht der Erwartung (A Mr. 11, 13. ^ Lc. 1 3, 6). Doch nur das Einzelne tauscht Gewiss ist, wenn die Blat- ter des Feigenbaums hervortreiben und sein Zweig zart wird, dass der freudige Sommer nahe ist (A Mr. 13, 28), wo 30-, 60-, lOOfaltige Emte winkt (A Mr. 4, '8), wo die Sichel ausgesandt wird auf das Feld(A Mr. 4, 29), und der Jubel tont in den Weinbergen (A Mr. 12,2). Oft hat er das »Gewachs des Weinstocksa betrachtet und er nimmt zulettl einen wehmuthigen Abschied von diesem labendsten Bild des Segens (A Mr. 14, 25). Wie in den grunen Weingarten, so steht er auch wieder an der blauen Fluth in Galilaa und sieht, wie aus der Tiefe die Fische auffahren, wie sie die Angel fassen oder, gute wie faille, im Netz an*s Land geschleppt werden {A Mt. 13, 47. 48). Ihm ist die ganze Natur Heiinath und Haus, wie ja auch in jener besonderen Quelle des Mal- thaus uber dem Allen der weite Hinimel ausgespannt erscheint als Got- tes Thron, und unten die Erde ruht als seiner Fttsse Scheinel (Mt 5, 34. 35). S. 29. LebeMbild Jesi lach tier Uielle A. Wir durfen es vielleicht als den schatzbarsten Gewinn unserer Un- tersuchungen bezeichnen, dass wir durch sie in Stand gesetzt sind, ein irgendwie bestimmtes Bild von dem historischen Charakter der Person Jesu und des, seinen Lebensrahmen erfuUenden, Inhaltes zu gebes. Darin erblicken wir zugleich den entschiedensten Fortschritt, woinit wir, ohne zu den abgestumpften Waffen einer, auf dogmatischen Vor- aussetzungen ruhenden, Apologetik greifen zu musssn, 4ie Besultate der Tubinger Schule ein fur allemal hinter uns li^en lassen. Zwar schlagen wir die letzteren keineswegs gering an, namentlich im G^en- satze zu Strauss. Schon S. 3 ff. wurde darauf hingewiesen, dassjenes Verhaltniss bloser Steigerung und Ueberbietung in der Vemeinung) wie Strauss es zwischen dem oLeben Jesua und der Theologie der letzten 20—30 Jahre stattfinden lasst, selbst dann auf einer ganz einsei- tigen Bekanntschaft mit den Leistungen dieses Vierteljahrhunderts be- ruhen wtlrde, wenn solche bios von der d Tubinger Schule < ausgegan- gen waren, und daher Alles in Abzug gebracht werden musste, was von anderer Seite gesagt wurde uber die Unwahrscheinlichkeit einer so uber- aus rasch sich volhdehenden und in reichster Folge ifluthe auf Blathe treibenden Sagenschopfung auf dem Boden des nuchtemstenMonodiei^- mus und in der Zeit zersetzender Verstandescultur. Digitized by VjOOQ IC Lebensbild Jesu nach der Quelle A. 469 Nur einleitungsweise machen wir in dieser Beziehung noch einmal aufmerksam auf das, im Laufe unsercr Untersuchungen oft genannte, Buch von Karl Reinhold Kostlin, welches diesen Punkt mit einer Nuchtemheit und Gewissenhaftigkeit behandelt hat, die man auf con- servativer Seite nur allzu oft vermisst. Was er uber die » unzweifelhaft achten Darstellungen der Lehren und Reden Jesu, « uber die mit ihnen »in der Hauptsache vollkommen harmonirendea Geschichtsdarstellung der synoptischen Evangelien, uber die erwiesene »Richtigkeit undVoU- standigkeit der synoptischen £rzahlung,<( uber die nschmucklose natur- getreue Einfachheito derselben sagt,* ist sogar grundsturzend fur die Straus s'sche vMythologie. « Gerade die farbigsten der kunstlichen Blumenwerke, welche Strauss in seinen Sagenkranz verwebt hat, werden dort als dem wirklichcn Geschichtsboden entsprossene, leben- dige Bluthen und Fruchte erkannt, welche dann in der evangelischen Ueberlieferung aufbewahrt wurden. Mag vielleicht in dieser Beziehung Kostlin selbst uber die spateren Errungenschaften seines Meisters hin- ausgegangen sein , so lasst sich doch Aehnliches auch von den letzten Werken Baur's sagen, wieDies schon Weisse anerkannt hat.^ Konnte man es f ruber als die Achillesferse der Baur'schen Geschichtsanschau- ung bezeichnen, dass sie das Christenthum aus lauter Elementen, mit denen die Zeit geschwangert war, zusammengerinnen liess, dass sie we- sentlich den Apostel Paulus zu seinem Urheber machte, die Person Christi selbst aber in mehr denn halbdunkle Entfemung zuruckschob, 80 warf Baur spater die allerdings schr naheliegende Frage auf: oKann man uberhaupt von dem Wesen und Inhalt des Christenthums reden, ohne zum Hauptgegenstand der Betrachtung vor Allem die Person seines Stifters zu machen und den eigenthumlichen Charakter des Chri- stenthums eben darin zu erkennen, dass es Alles, was es ist, einzig nur durch die Person seines Stifters ist, so dass es demnach sehr gleichgul- tig ware, das Christenthum seinem Wesen und Inhalt nach aus dem Gesichtspunkte seines weltgeschichtlichen Zusammenhangs aufzufassen, da ja seine ganze Bedeutung durch die Personlichkeit seines Stifters so I) Evangelien, 8. 397 ff. — 2) Evangelienfrage, 8. 75 f. — Aehnlich ftussert sich Baur selbst in seiner »Kirchenge8c}iichte desneunzehnten Jahrhundert8,« 1862, 8. 399 : »Meine Kritik ist methodischer, als die Strauss'sche, weil sie auf die Frage surtLck- gcht, welche Strauss vor Allem hiltte in's Heine bringen sollen. Man kann dasLeben Jesu nicht Bum Gcgenstande der Kritik machen , so lange man sich nicht ttber die Schriften, welche die QucUe unserer Kenntniss dessclbcn sind, und ihr Verhftltniss zu einander eine bestimmte kritische Ansicht zu bilden im Stando ist. Meine Kritik ist ebendesswegen auch consenrativer , als die Straus s'sche, sofem sie nach einem be- stimmten Oesichtspunkt die gescbichtlichen Elementc von den nichtgeschichtlichen lu scheiden wei8s.« Digitized by VjOOQ IC 470 Fttnftes Capitel. bedingt ist, da8s die geschichdiche Betrachtuog nur von ihr ausgelien kann?a Dieses DUnmittelbare und Ursprunglichea am Christenthom findet er nun in unzweifelhaftester Gestalt ausgesprochen in der Berg- predigty in den Gleichnissen. £s ist »dio Sache selbst^ die hier spricht, die innerc unmittelbar an die Herzen der Menschen dringende Macht der Wahrheit, die sich hier in ihrer weltgeschichtlichen Bedeuiung an- kundigt. « »In welches Verhaltniss man auch alles Andere, was zam Charakter und Inhalt des Christenthums gehort, zu jenem Ursprangli- chen und Unmittelbaren setzen mag, gewiss ist doch, dass das rein Sitt- liche, von welchem es ausging , die unmittelbare substanzielle Grund- lage geblieben ist, welcher es nie entruckt werden konnte, ohne seincn wahrsten und eigentlichsten Charakter zu verleugnen , auf welche man daher auch immer wieder aus alien Verirrungen eines uberspannten Dogmatismus zuruckgehen musste, wenn so oft die aus ihm gezogenen Consequenzen den innersten Grund des sittlich-religidsen Lebens unter- wuhlt batten. (rSonach ist es also die Person Christi, die in ihrer, durch die evangelischen Berichte sattsam durchleuchtenden , Lebensfulle und Unerschopflichkeit die Selbigkeit des Christenthums fur alle Zeiten be- dingt und verburgt. » Betrachtet man den Entwickelungsgang des Chri- stenthums, so ist es doch nur die Person seines Stifters, an welcher seine ganze geschichtliche Bedeutung hangt. Wie bald ware Alles, was das Christenthum Wahres und BedeutungsvoUes lehrte, auch nur in die Beihe der langst verklungenen Ausspruche der edeln Menschenfreunde und der denkenden Weisen des Alterthums zuruckgestellt worden, wenn seine Lehren nicht im Munde seines Stifters zu Worten des ewi- geil Lebens geworden waren? a* Man sieht: diese Satze sind einem for die Machte, welche die Geschichte wirklich bewegen, ungleich em- pfanglicheren Geiste, einem tieferen Verstandnisse entstammt, als jene ganzlich abstracte und geschichtslose Auffassung war, derzufolgeTiilunie und Gedankenbilder einer Winkelgemeinde, im besten Falle ein in die Welt geschleudertes tendenzioses Buch, die zufallige Veranlassong geben muss zu der ganzen Entwickelung des Christenthums, dem doch in den Augen selbst des nuchtemsten Geschichtsforschers inuner der Buhm bleiben wird, sittliche Lebensmachte entbunden zu haben, wie keine andere weltgeschichtliche Gcwalt. Damit soil nun freilich nicht gesagt sein, dass dieBaur'sche Schulc es zu etwas bestimmteren, nachzuzeichnenden Umrissen in Betreflf des Person- und Lebensbildes Jesu gebracht hatte. Nach Ritschl* hatte die 1) Christenthum der drei ersten Jahrhunderte , 1860, S. 22 ff. — 2) ■Ueber ge- schichtliche Methode in der Erforsehung des Urchristenthums,* in den »Jahrbtlchen ftlr deutsche Theologie,« 1861, S. 429—459. Digitized by VjOOQ IC Lebensbild Jesu nach der Quelle A. 47 1 Schuld an einem inneren Zwiespalt in den pbilosopbischen Grundan- schauungen des Meisters selbet gelegen, insofern Dieser in seinen, stets mit einer gewissen Zuruckhaltungabgegebenen, Erklarungen uber die Person Cbristi ein eigentbumlicbes Schwanken verrathe zwiscben sol- chen A^usserungen, die auf gewisse Merkmale specifischen Charakters bindeuten (so wenn er scbon 1835 »in Ansebung der Form des Wis- sens wenigstens^ obgleicb nur in dieser einen Hinsicbt, den gottwissenden Pbilosopben uber den bistoriscben Cbristus stellte«*), und anderen, denen zufolge niebt sowobl die eigentbumlicbe Person Cbristi, als der eigentbumlicbe Glaube an dieselbe der feste Grund fur die ge- scbicbtlicbe Entwicklung des Cbristentbums geworden wSUre. ^ Sicber ist jedenfalls, dass in der sogenannten bistoriscb-kritiscben Scbule ein einigermassen bestimmteres Bild der urcbristlicben Tbatsacben nicbt gewonnen werden konnte, weil die eingebildeten Parteitendenzen und Kunstgriffe der Quellenscbriftsteller keinen reinen Durcbblick gestat- teten. Anstatt aber diesen wirklicben Mangel in's Auge zu fassen, fubr einstweilen die sogenannte ))glaubige Kritika in bergebracbter Tragbeit fort, die synoptiscben Evangelien nacb den alleroberflacblicbsten Ge- sicbtspunkten zu beurtbeilen. So lasst sicb z. B. Einer danken, Mattbaus babe den Herm als Sobn des Menscben , Marcus als Sobn des Vaters, Lucas als Sobn der Maria scbildern woUen,* und was dergleicben wobl- feile Einfalle mebr sind. Naturlicb werden dann aucb von den vier Weltgcgenden menscblicber Standpunktsmoglicbkeiten aus allerband Eintbeilungsgrunde angegeben, vom Zaun gepfluckt, gerade so rascb und kurzer Hand, wie wenn es sicb um die Disposition einer erbauli- cben Bede bandelte. Dabin gebort aucb der S. 4 1 erwabnte Aufsatz Kalcbreuter's, welcber in der gemeinsamen urcbristlicben Erinne- rung die einzige Quelle und den ausreicbenden Erklarungsgrund fur das Verwandtscbaftsverbaltniss der Evangelisten , kurz das wabre Ur- evangelium endlicb entdeckt zu baben glaubt. Dieses sei dann von Mar- cus so dargestellt worden, dass das Cbristentbum als das voUendete Ju- dentbum oder als israelitiscbe Weltkircbe erscbeine, von Mattbaus als die Juden und Ueiden vereinigende Apostelkirebe, von Lucas als die Volkskircbe, die aber in Israel ibren Ausgangs- und Endpunkt babe. ^ Wir unsererseits konnen zu einer Zeit, wo durcb saure und anbal- tende Arbeit von zwei Menscbenaltern die Abbangigkeitsverbaltnisse der Synoptiker, wenn nicbt auf dem ganzen dreifacb parallelen Linien- netz, so docb auf einer grossen Reibe einzelner Punkte zur Evidenz I) Gnosis, S. 7. — 2) Vgl. noch 13aur: Kirchengeschichte des neunsehnten Jahrhunderts, 1862, S. 447. — 3) Theologischcs Literaturblatt, 1860, Nr.9l, S. 1083. — 4) Jahrbttcher fttr deutsche Theologie, 1861, S. 519. Digitized by VjOOQ IC 472 Fttnftes Capitel. gebracht worden sind^ uber derartige leichtere Arbeit getrost zur Tage»- ordnung ubergehen^ d. h. zur genaueren Erforschung des Marcusevan- geliums^ von dessen richtiger Beurtheilung alles Andere abhangt Auch in dieser Beziehung haben wir schon S. 388 eines grosseB Fortschrittes Erwahnung gethan, der sich zuletzt noch innerhalb der Tabinger Schule selbst voUzog. Schon Baur entdeckte spater im Mar- cus eine » Gewohnheit, vor AUem nach Demjenigen zu greifen, was die sinnlich concreteste Vorstellung der Sache gibt und mit dem ganzen Eindruck seiner ausserlichen Erscheinung sich vor Augen stelltt' Darauf hin hat einerseits Volkmar wenigstens die rein kritische Seite an der Sache durch Geltendmachung der Prioritat des Marcus in*s Reine gebracht, wahrend er freilich ausser den prosaischen Thatsachen der Taufe, des Lehrens in Kapernaum, des Reisens in Galilaa und Hin- ziehens zum Tod in Jerusalem wenig historischen Inhalt mehr in seinem Urevangeliuin findet ; * andererseits hat Hilgenfeld, wiewohl er sich den richtigen kritischen Resultaten noch verschliesst, doch manchen ungerechten Scrupeln Baur*s gegenuber aus dem Contrast der imma steigenden pharisaischen Feindschaft gegen Jesus einerseits und der sich entwickelnden Empfanglichkeit des Jungerkreises andererseits einen inneren Fortschritt der Lebensgeschichte Jesu bei Marcus hergestellt — so dass der anfangs ungetheilt gunstige Eindruck der Wirksamkdt Christi allmalig auseinandergeht nach diesen beiden entgegenstehenden Sciten. ' Aber so glucklich Hilgenfeld auf alien Punkten ist, wocr die Unabhangigkeit des Marcus von Lucas gegen Baur behauptet, so sind doch in ihm selbst noch gewisse Voxurtheile haften geblieben, die nur einer ganz scharfen BetrachtuDg der Stellimg weichen konncB, die Jesus uberhaupt in unseren synoptischen Evangelien einnimint Hieruber zunachst Folgendes : Wahrend Jesus der altesten AuffassoDg in A zufolge von Gott zum Xqiotoq erhoben , ihm daher der Name vtog Tov d'SoC zunachst wegen seiner messianischen Ausrustung^ wozu die Wundergabe gehort, eigen ist(Mr. 3, 1 1 . 5, 7) : ist Matthaus derjenigeBe- richterstatter, welcher die ubematurliche Empfilngniss zuerst in die evangelische Geschichte einfuhrt und in Folge dessen allzu deutliche Spuren des » werdenden Christusa verwischt, wie namentlich die Text- anderung 19, 17 zeigt (S. 197). Aber eine solche Tragweite gewinnt doch auch bei ihm dieser Gedanke nicht, dass er das eigenthumliche Verhaltniss Jesu zu Gott durch weg vom religios-sittlichen auf den Boden der Metaphysik uberzutragen Anstalten trafe. Vielmehr lasst er nicht bios Stellen ruhig stehen, wie aus ^ den xanuvbg t§ xaQdiq II, 29, I) MarcusevangeUum, S. 11. — 2) Religion Jesu, S. 26« ff. — 3) Erangelicn, S. 145. Digitized by VjOOQ IC Lebensbild Jesu nach der Quelle A. 473 ans A die Versuchungsgeschichte 1 , 1-11, die Jestim als den, seine Wurdigkeit zumMessiasberuf durch die That bewahrenden Homo labilis darstellt: sondem er bringt auch selbst Einfugungen an, die einer ahn- lichen Anschauungsweise entstammt sind, wie 3, 15 Ttqenov iatlv ri(.uv nltjQwaai nSaav dixaioavvtjVj und das Citat 12, 18, so dass Kostlin, indem er die erlosende, menschenfrenndliche Liebe mit Becbt als einen Cbarakterzug des matthaiscfaen Christus hervorhebt, auf die einseitige und irrige Meinung gerathen konnte , das Uebermenschliche finde sich nur im Marcus und Lucas J In einer ganz ahnlicben, durch das Zusammeur gehen historischer und dogmatischer Anscbauungen bedingten Ueber- gangsstellung befindet sich auch Marcus, in welchem DeWette*s ver- irrter Scharfsinn eine »zuin Doketismus hinneigende Ansichta entdecken wollte,^ wahreAd in der That die Anschauungsweise von A nirgends durchsichtiger ist, dagegen das in dem viog ^^otJ 1,1 (S. 67) und im Wegfall von vlog ^Iiaarjq> 6, 3 (S. 82) sich verrathende Interesse des Bearbeiters fur die evangelische Vorgeschichte nirgends so leicht oben- angeklebt und daher auch leicht abldsbar erscheint, wie eben hier. Sehr unglucklich findet DeWettein der Combination Mr. 15, 39. 44 einen Beweis, dass der Evangelist versucht habe, Jesu Tod als einen freiwilli- gen hinzustellen. Wenn etwas Derartiges in dem Bericht des Marcus gefunden werden kann, ' so hat es jedenfalls nicht Marcus hineinge- zaubert, sondem es stand auch>in A, wie uicht bios die Parallelen be- weisen Mt. 27, 54 = Lc. 23, 47 zu Mr. 15, 39, sondem noch mehr das Fehlen der Parallelen zu Mr. 15, 44 (vgl. S. 107). Endlich soil — der Tubinger Kritik zufolge* — Lucas in Beziehung auf seine Darstellung der Person Christi sich geradezu auf dem Uebergang zwischen dem synoptischen vibg tov d'eov und dem johanneischen l6yog befinden. Auf jeden Fall wird aber so gut wie in A, auch Lc. 18, 38. 39 Jesus als Davidssohn gefeiert, und der messianische Konig 19, 38 sogar im Gegensatze zu A noch ausdrucklich hereingebracht. Als Messias der Juden gibt Jesus sich selbst vor Gericht aus 22, 70. 23, 3, und hat also der hier gebrauchte Titel vlog d'eo^ seinen ursprunglichen Sinn noch nicht verloren. So wenig geht Lucas in bestimmter Weise uber den Anschauungskreis seiner Quellen hinaus, dass er ja auch das hochste Wort narva fioi nagedo^ v7to tov natqdg fdov 10, 22 nur aus ^ herubemimmt und mit Matthaus theilt. Was Baur hieruber und uber andere angebliche Erweise des halbjohanneischen Standpunktes (soil doch in dem %lg 6 l6yog Lc. 4, 30 bereits die Praformation zum Logos- 1) ETangelien, 8. 10 f. 127. — 2) Einleitung, 11, S. 184. — 3) Ritschl hat die- selbe Entdeckung gegentheils in Lc. 23, 4(i gemacht (Evangelium Marcion'e, 8. 20 1). — 4) Baur: Evangelien, S. 490. Digitized by VjOOQ IC 474 Ftlnftes Capitel. begriflf liegen) beigebracht hat, * diirfen wir jetzt wohl ubergehen, da fcr Jeden, der una bis hierher gefolgt ist, alle diese Argumente bereite anderweitig unschadlich geworden sind. Wenn namentlicb Jesus im dritten Evangelium als Ueberwinder der Damonen, d. h, der Machte des Heidenthums auftreten soil , ^ so warden wir sehen , wie schief eine solche Charakteristik des dritten Evangeliums neben dem zweiten, auf das sie viel besser passt (§. 30), ^sich ausnimmt; gegentheils hat daher Kostlin erklart, dass »die Bewaltignng der ubematurlichen Krafte des Bosen von Marcus am entschiedensten unter alien Evangelien als das Specifische der Wirksamkeit Jesu hingestellt ist. u * So weit aber die Tubinger Erorterungen soliden Grund haben, so weit hangt Dies mit dem unzwcifelhaft paulinischen und universalistischen Charakter des Lucas nachweisbar genug zusammen (vgl. S. 390 flf). Die Erzahlung des Lucas beginnt mit einer noch ausfuhrlicheren DarsteUung des gdttlichen Ursprungs der Personlichkeit Jesu, als dieselbe bei Matthaus zu finden ist, wie sie auch abschliesst mit einer nochmaligen Hinweisung auf den, in Jesu Leben sich verwirklichenden , Erlosungsplan und mit der Dar- steUung seiner Erhohung zum Himmel (24, 26. 44 — 53). Wenn nun aber Kostlin daraus schliessen will, dass auch zwischen diesen beiden Endpunkten das Eigenthumliche des dritten Evangeliums in dem star- ker hervortretenden gottlichen Charakter der Person und des Works Jesu bestehe,* so kann Dies doch wohl von dem eigentlichen, den Quellen entlehnten, Geschichtsstoff weniger gelten woUen, als von den Farben, womit Lucas diesen Stoflf colorirt. Dahin mdchten wir nament- licb rechnen die Bezeichnung Jesu als des xvQiog (S. 276), die Aus- malung der Verklarungsgeschichte , die Bezeichnung seiner Lehre als loyog %ov d'eov 5, 1 , die merkwurdige Hinweisung auf seine dmhj^i^ 9, 51, als auf dasjenige Ereigniss, in welchem seine irdische Geschichte ihren eigentlichen Zweck und Abschluss finden sollte, und die aos- druckliche Hervorhebung des Sterbens als eines Hingebens des nPH^a an Gott 23, 40. Mit dem Paulinismus des Verfassers hangt es auch zu- sammen, dass Jesus, der »Gewalt der Finstemissa (Kol. 1,16) gegen- iiber, als Vertreter des guten Princips, die judischen G^ner hingegen als Werkzeuge eben jener Macht der Finsterniss 22, 53 erscheinen. Sollte es aber richtig sein, dass das haufige Beten , welches von Jesu be- richtet wird (S. 328), im Sinne des Evangelisten dazu dienen soil, das Verhaltniss Jesu zu Gott zu vermitteln,^ so liegt darin so wenig eine Annaherung zum LogosbegriflF, dass vielmehr eine derartige sittliche 1) Evangelien, S. 492 if. — 2) Kitschl (Evangelium Marcion's, S. 1% C), Baur (Evangelien, S. 429 if. 490 f ). -~ 3) EvangeUen, S. ;U3. 317. - 4) EvangeUen, S. bJ. — 5)Rit8chl: Evangelium Marcion's, S. 199. Digitized by VjOOQ IC Lebensbild Jesu naob der Quelle A. 475 Vermittlung jenes Verhaltnisses alle metaphysische Begrundung als uberflussig erscheinen lasst. Auch dieses Evangelium , wie die beiden andem^ gehort also in BetreflF seiner Auffassung der Person Jesu uder vordogmatischen Periode a an. * Unleugbar ist uns nun aber in A , respective Marcus , die Person des Herm noch um ein Merkliches naher geruckt, als im Matth^us oder Lucas. Das geschichtlich Bedingte » das menschlich Individuelle tritt hier am wenigsten zuruck vor dem Allgemeinen und Gottlichen. Viel- mehr bieten sich dem forscbenden Auge der feiner angel^ten , mit den Erdfarben zeitlicber und localer, ja individueller Bedingtheiten gemal- ten Zuge so viele dar, dass wir sagen kOnnen : nirgends tritt, was der Menscb Jesus als solcher war, so erkennbar hervor, als in A, respec- tive im Evangelium aes Marcus. Wahrend die anderen Synoptiker die Person des Herrn in den zuvor aufgestellten Sahmen seines messiani- schen Berufes und Werkes hineinzeichnen ; wahrend wir daher bei Matthaus (1 , 21) und Lucas (1, 31 — 35) vor Allem ein dogmadsches Programm antreffen zu der Reihe von Auftritten aus dem Leben Jesu, die sie zusammengestellt haben , fehlcn bei Marcus alle derartige An- deutungen , fehlt ganz das geheimnissvoUe Vorspiel der Geburtsge- schichte, dessen Ausbildung das erste apostolische Zeitalter der nftchsten Generation uberliess; es wird daher bei Marcus bios nJesus vonNa- zaretha (1, 9) genannt, als zur Zeit des Taufers am Jordan auftretend. So ganz erscheint er aus dem irdischen Boden Galilftas hervorgewachsen, dass seine Mutter, BrQder, Schwestem allbekannt sind und Joseph wohl nur wegen fruhen Todes, jedenfalls aus demselben Grande nicht mit genannt wird , aus welchem sein fruhes Zurucktreten in der evangeli- schen Geschichte uberhaupt zu erklaren ist. An seiner Stelle gilt jetzt Jesus selbst als »der Zimmermannu (6, 3),* der aber zu Beginn unserer Darstellung sein Geschaft eben mit dem Berufe eines offentlichen Lehrers vertauscht. Sofort stellen ihn die Zeitgenossen auf eine Linie nrit dem Kufer und anderen Propheten (6, 14. 15. 8, 28). Davon aber, dass es mit seiner Erscheinung von Anfang an eine besondere Bewandt- niss gchabt haben mochte, wissen sie, und, wie es scheint, auch unser erstes Quellenbuch nichts. Denn, dass G, 3 der oSohn des Joseph a keine Aufnahme im Text gefunden hat, kommt bios auf Rechnung desselben Marcus, der auch 1, 1 den Herm ohnc Wei teres »Gottessohna nennt (S 473). Nur durch diese Unterscheidung erlcdigt sich der Streit zwi- schen Kdstlin, der die Voraussetzung ubematurlichcr Entstehung im zweiten Evangelium leugnet, * und Hilgenfeld, der sie statuirt. * 1) Kitschl: A. a. O. S. 200. — 2) Der r^xjatv soU freilich nach Baur (Marcus- evangelium, S. 47) wiedcr apokryphisch sein. — 3) Eyangclicn, S. 323. — 4) Bvan- gelien, 8. 135. Digitized by VjOOQ IC 476 Pttnftes Capitel. Dagegen beginnt bei Marcus das Einzigartige^ Ausserordentliche im Leben Jesu mit dem Taufacte, wo der heUige Geist^ zu welchem Jesus also nicht in ursprunglichem Verhaltnisse gedacht ist^ i>auf ihn herabkommttf (1, 10). So wenig das, was eigentlich geschehen ist, aiu der Darstellung des Marcus von dem wunderbaren Gesichte (1, 10) und der gotdichen Ansprache (1 , 11) mehr deutlich zu erkennen ist, so ist diese, vielleicht auf einem originalen Ausdruck Jesu selbst ruhende/ Darstellung dennoch fur die ursprunglichere zu halten den beiden an- dern Synoptikern gegenuber, die den Vorgang mehr oder wenigerin's Objective umbilden. Jedenfalls ist es Ansicht des Quellenbuchs, dass mit jener Thatsache eine eigenthumliche Steigerung im Selbstbewusst- sein Jesu eingetreten ist; eine ogewaltig in ihm aufgehende Elarheit uber seinen gdttlichen Beruf , die wie ein Lichtstrom vom Himmel das Auge, wie eine gdttliche Stimme das Ohr seines Geistes traf. «* Denn von nun an hat sein gauzes Wesen und Sein wenigstens nach einer be- stimmten Bichtung hin etwas uber unsere Erfahrungen Hinausliegendes. Es macht sich eine Kraft geltend, zu deren Verstandniss uns keine Ver- gleichung gewohnlicher Beobachtungen den Schlussel bietet. Es findet namlich vom Augenblick der Taufe an unserm Berichterstatter zufolge eine gewaltig drangende Einwirkung des Geistes statt , die dem Trager des Geistes keine Ruhe lasst, bis sein Werk im voUen Grange ist ' Dm erste Resultat dieser machtigen Wirkung ist, dass sie ihn in die tiefe Einsamkeit der Wuste »hinaustreibt« (1, 12), wo die innere VerfassuDg zur Ausfuhrung der Aufgabe schliesslich errungen werden soil. Es folgt daher nun der noch ganz im Dunkel der Sage zuruckliegende Wusten- aufenthalt, das Weilen im Lande alles Grauens und Mangels, die Ver- suchungsgcschichte. Das Hauptverdienst des zweiten Evangelisten ist nun aber, dass er, nachdem er die halbgeschichtliche Eingangspartie rascher, als A, zum Abschluss gebracht, die Eigenthumlichkeit des ersten prophetischen Auftretens Jesu noch so farbenhell gezeichnet hat. Der Herr erscheint hier selbst als Erstling derer, die dem Himmelreich Gewalt anthuB. Sein Leben ist hier, wie Kalchreuter bemerkt, wbisweilen wie von einem Sturmwinde getragen. « ** Es liegt nicht bios in der, dem Marcus eigenthumlichen plastischen Ausdrucksweise (S. 284 f. 448 f.), sondern in 1) WeiBse: Evangelische Geschichte, I, S. 474. Vgl. Lc. 10, 18. — 2) Weisse: Evangelienfrage , S. 188. - 3)Ewald: EvangeUen, S. 161. — 4) Weisse: Etm- gelische Geschichte, II, S. 70 zu Mt. 11, 12 = Lc. 16, 16: »Jesus stellt das durch ihn geschehene Herabzlehen des Himmelreichs auf die Erde als eine Oewaltthat vor, ^ er, und mit ihm aUe , die seinen Weg gehen , an dem Himmelreich vertlben. Br stellt es so dar nicht ohne ironisclie Hindeutung auf den sachten, bed&chtigen und gemcse- nen Gang, den die Juden nach dem gdttlichen Reiche wandeln — als aoUe das Mesaas- reich im Schlaf den Mttssigen entgegengebracht werden.a — 5) A. a. O. S. 518. Digitized by VjOOQ IC Lebensbild Jesu nach der Quelle A. 477 del That macht das ganze Auftreten Jesu in den ersten Momenten seiner Berufsthatigkeit den Eindruck der sturmischen Unwiderstehlichkeit, des gewaltigen und gewaltsamen Eifers. Es muss eine ausserordentlich erschutternde Bewegung gewesen sein, die vom Augenblick der Weihe her noch lange fuhlbar nachzittert und bebt. Die ersten Thaten, welche das zweite Evangelium von ihm berichtet^ werden ausgefuhrt mit einem entschlossenen Kraftaufwande^ wie derselbe nur bei einem Manne zu erwarten ist, welcher den Beruf fuhlt, dem in machtigen Schwingungen roUenden Had derMenschheitsgeschicbte in dieSpeichen zu greifen und seinem Lauf eine andere Richtung, eine neue Geschwindigkeit zu ver- leihen. Im drangenden Gefuhl des unvergleichlichen Momentes^ in wel- chem Gottes Tritt in der Weltgeschichte deutlich^ wie nie, zu erkennen war, sieht er sich nach einem bestimmten Wirkungsfelde um ; aber nicht eher , als bis er uber seinen gottlichen Beruf und uber die Zeitverhalt- nisse, in die er einzutreten im Begriff war, ein vollkommen klares Be- wusstsein gewonnen hatte, bis er also sagen konnte : n^nXtjqwxai, 6 %aiq6g (nur Mr. i, 15).^ Zunachst sucht er Organe. Es soil etwas geschehen^ und zwar rasch. Mit einem gemessenen Befehl ruft er seine Erstlinge vom Handwerk (1,17), und ebenso unvermittelt folgen sie, Familie und Geschaft im Stiche lassend (1, 20. 2, 14). Nun aber erofihet sich vor unseren Blicken ein ganz seltsames Berufsfeld, ein Schauspiel, dessen Verlauf wir hier nur zu verzeichnen , dessen Rathsel wir nicht zu losen haben. Alsbald in den Synagogen auftretend und in durchaus origineller Energie und Kraftfulle der Rede vordringend (1, 21. 2?) wird er schnell das Gesprach der Uutten und Palaste. In den Zuhorem tritt hier und da das gewohnliche Bewusstsein zuruck. Auftritte kommen vor, die an Manches erinnem, was der occidentalischen Auffassung un- seres Jahrhunderts hdchstens durch auslandische Erscheinungen naher gebracht worden ist (1, 26). Wie aber die oGeistera der Horenden auf seine Predigt in gewalt* samen Zuckungen rcagiren , so ist auch sein Eindringen auf sie ein in Rede {huxi^p 1, 25. 3, 12. 9, 25) und That (hifidkkeiv 1, 34. 39) Animoses; und diese temperamentsmassige Farbung des Thuns und Lassens Jesu macht sich bei Marcus auch sonst in auffallender Weise geltend, z. B. 3, 5 (wozu Meyer gut: DZorn i\nd Mitleid wech8elte«). 8^ 12. 33. 9, 19. 11, 14. Dabei erscheint. die aus dem Innersten hcftig quillende Handlung das eine- und anderemal unvermittelt und fremd- artig bis zur Unvorstellbarkeit und Unverstandlichkeit. So z. B., wenn 1) Weisse: Evangelisohe Oe«chichte, I, S. 3 16. Philosophiiche Dogmatik, III» 8. 289 ff. Digitized by VjOOQ IC 478 Fflnftes Capitel. er im Kampfe mit den Damonen nicht bios zu heftigen Drohworten greift, sondern auch den geheilten Aussatzigen so schnell als mdglich abferdgt, und sogar zurnend — es ist nicht gesagt und auch nicht mehr zu sagen, wesshalb — zur Thure hinaustreibt (1, 43). AUes dieses konnte aber bei befangener odcr boswilliger Beobachtung auf Jesu Geg- ner gcradezu den Eindruck der Besessenheit (3, 22. 30)^ auf die Seini- gen aber den des Wahnsinns machen (3^ 21): eine Beurtheilung, die sich das erste originale Auftreten des Geistes in dor Welt uberhaupt ge- fallen lasscn muss (Act. 2, 13). Schon um dieses durchaus Auffallenden in seiner Wirksamkat willen ist Jesus, besonders anfangs, bestandig vom Volk belagertim eigentlichen Sinne des Wortes. Diese Schilderungen bilden einen spe- cifischen Grundzug in A Marcus, von woher sic gel^entlich auch in den Matthtos oder Lucas gekommen sind; vgl. 1, 32. 33. 45 (= Lc. 5, 15). 2, 2. 3. 15. 3, 7—10 (= Mt. 12, 15. 16. Lc. 6, 17 — 19). 20. 4, 1 (=« Mt. 13, 2. Lc. 8, 4). 5, 21. 24 (= Lc. 8, 40. 42). 6, 31. 54-56 (=a Mt. 14, 35. 36). 8, 1. 10, 1 (= Mt. 19, 2). Oefter als Matthaus oder Lucas beschreibt daher Marcus den Eindruck, den Jesu Lehre, seine Wunder, ja 9, 15 sein bloses Erscheinen gemacht hat, so dass troti aller Verbote der Buf Jesu in immer weiteren Elreisen sich ausbreitet 7, 36, und je langer, je mchr auch von der Feme Zudrang statt findet So wird denn gleich von vornherein sein eigenes Haus fur ihn die Statte unausgesetzten , angespannten Kraftaufwandes (1, 33. 2, 1. 15. 3, 20) £r iangt daher bald an, die Stadte zu vermeiden und das HerauskomineD der Leute zu ihm zu erwarten (1 , 45. 2, 13. 3, 9). Ueberhaupt aber wird die Einsamkeit fur ihn in demselben Maasse Bedurfniss, als die Oeffentlichkeit seines Auftretens zunimmt. In der Fruhe der Morgen- dammerung (1 , 35) , wie in der Spate des Abends (6 , 46), zieht er sich zuruck in die schweigende Natur, um in langem Gebete zu dem Vater aufzuathmen von der gewaltigen Spannung der physischen und geistigeo Kraft. Dies geht so fort bis zur letzten Einsamkeit im Schatten ?on Gethsemane (14, 35. 39). Fruher aber wird als Ort seiner Ruhebald e^tjfwg %67togy welcher Ausdruck so 1, 35 (= Lc. 4, 42). 45. 6, 31. 32 (« Mt. 14, 13). 35 (= Mt. 14, 15. Lc. 9, 12) vorkommt, bald das Heidenland genannt 7, 24 ; und gerade der letztere Fall beweist, wie er solches Ausathmen als ein Becht in Anspruch nimmt und auf, auch dorthin ihn verfolgenden , ohnehin etwas zudringlich scheinenden, Hulferuf nicht ohne Weiteres eingeht (7, 27). Fragen wir nun aber nach den Umrissen , mit denen der auasere Verlauf dieses, so energisch in Grang gebrachten, offentlichen Auftretens gezeichnet wird, so finden sich solche unter alien Synoptikem nor in unserein zweiten Evangelium, Wahrend im dritten eine allgemeine Digitized by VjOOQ IC Lebensbild Jesu nach der Quelle A. 479 chronologische und gcographische Unordnung wenigstens far die grosse Einschaltung 9, 51 — 18, 14 fast aUgeinein zugegeben wird, leidet in dieser Bezichung auch das erste nicht bios an den S. 103 f. 431 ff. her- vorgehobenen Mangeln , dass Jesus schon in der Bergrede als Messias epricht, und doch fortwahrend mil seiner Messianitat zuruckhalt, dass 9chon 14, 33 die Junger ihn als Sohn Gottes begrussen, wahrend doch erst 16, 16 dem Petrus dieses Wissen aufgeht u. s. w., sondem es lassen sich auch auf keiner Karte die Schritte und Tritte dieses, gleichsam all- gegenwartigen , Messias nachzeichnen , wahrend man im zweiten Evan- gelium fast immer die Station kennt, auf der man sich befindet, weil ganz allmalig und bewusst die Kreise , die der Herr auf seinen Reisen beschreibt, sich erweitern. Es waltet in diesem ausserlichsten Theil der Darstellung derselbc Fortschritt, wie in der innem Entwicklung und dem alhnaligen Hervordrangen des Messiasgedankens. Durchweg fallt daher ein scharfes und hcUes Licht auf das galilaische Wesen und Sein Jcsu, wie er hier waltet in seinem — oder, wie nach 1, 29 mit grosserer Wahrscheinlichkeit gesagt werdcn muss, des Petrus — einstdckigcn (2, 4),^ aber mit einem Vorhof versehenen (2, 2), Hause, darinnen er — was bei Matthaus und Lucas schon verwischt ist — die Junger (3, 20) und in Fallen auch weiter sich hinzufindende Personen (2, 15) be- wirthet. Ueberhaupt wird die Wohnung Jesu in keinem Evangelium so oft (vgl. auch 2, 1. 9, 33) genannt, wie bei Marcus. * Die offentliche Wirksamkeit aber, die von diesem Hause aus in Gralilaa untemommen -wird, theilt sich in sieben, stets weiter ausgedehnte Kreise, die ganz be- stimmt gezogen werden konnen , ohne dass der Uebergang dem Schrift- steller immer braucht in's Bewusstsein gefallen zu sein. Wir zeichnen dieselben in Kurze ab : I . Cap. 1 . Anfang des Evangeliums von Christus ist — nach der altesten evangelischen Schrift — Johannes der Taufer, von dem ubrigcns im Vergleich mit Matthaus und Lucas nur kurzer Bericht gethan wird, um rasch zu dem Augenblick hinzueilen , wo Jesus mit dem Geiste ge- salbt wird (1, 9 — 11). So feUt auf die vorwarts und ruckwarts noch in sagenhaftes Dunkel gehuUten Anfange des Auftretens Jesu der erste Lichtstreifen der Geschichtlichkeit , der den kdnftigen Messias am un- tern Jordan, wo Johannes taufte (1 , 5), hervortretend, von da sofort 1) Ewald: Eyangelien, S. 197. — 2) Dagcgen kCnnen wir nioht mit Bleek (SynopsiB, H, S. 29) das Haul Jesu in Kapernaum auch 7, 17. 9, 2S. 10, 10 ange- deutet linden, da 10, 10 der Herr nach 10,1 gar nicht in GaliUla zu denken ist, 9, 2b wenigstens nicht in Kapernaum, wohin er 9, 33 erst kommt, die Scene 7, 17 aber eben desshalb leichter mit Meyer in die Landschaft Qenezareth verlegt wird. So bt ja auch dat Haus 7, 24 offenbar nicht in Kapernaura , sondem im Gebiet von Tyrus lu •uchen. Digitized by VjOOQ IC 4S0 FOnftes Capilel. aber in die Woste sich zuruckziehend erscheinen lasst. Doch ist dieser ganze Anfang^ zumal in unserem Marcus^ knapp und gedrangt gehalten. Deudiche Spuren der Augenzeugenschaft tragt der Bericht erst da, wo Jesus in Galilaa auftritt* und, durch seine erst berufenen Junger ver- anlasst, in Kapemaum sich niederlasst. Zumal seit Marcus t, 21 macht die bisherige skizzenartige Arbeit einer grOsseren Ausfohrlichkeit, viel- leicbt auch die bisherige Fluchtigkeit des romischen Bearbeiters emer, meist an*s Wort sich haltenden, Genaoigkeit Platz.* So beginnt die eigentliche Erzahlung von Jesu galilaischer Wirksamkeit mit der Bar- stellung seines Tagewerkes an einem Sabbat in Eoipemaiun. Der Da- monische wird in der Schule, die Schwiegermutter des Petrus unter ihrein eigenen Dache geheilt, dann Jesus Abends in seinem Hause von Hulfesuchenden stark und lange bedrangt (1, 21 — 34). Morgens in aller Fruhe bricht er daher, urn allein zu sein, auf, wird aber von seinen vier Jungem eingeholt ; bereits ist, wie er erfahrt, seine Schwelle in Kaper- naum wieder belagert, er wendet sich daher auf einer ersten Rundreise durch Galilaa in andere St&dte, als welche auch mit zu seinem Berufs- felde gehoren, heilt irgendwo einen Aussatzigen und ist bald wederb denOrtschaften, noch in den abgelegenen Gegenden, dahin er sich za- ruckzieht, mehr sicher vor dem, durch sein Aufbreten elektrisch beruhi- ten, Volke (1, 35—45). 2. 2, 1—3, 6. Nach der- ersten, nur mit vier Jungem untemom- menen Reise finden wir ihn wieder in seinem Hause zu Kapemaoin, dieses abermals im Zustande der Belagerung. Kaum hat der , durch's Dach herabgelassene und durch die Thur wieder ausgegangene , Fan- lytische die Volksmenge zertheilt und nach sich gezogen , so b^bt sich auch Jesus in's Freie, um seine Lehrthatigkeit am Meer fortzusetzen (2, I — J 3). Von nim an wird ein, mehrere Tage anhaltender^ Aufenthalt in und bei (2, 13. 23) Kapemaum beschrieben, ohne dass'^gesagt wird, wie die einzelnen berichteten Thatsachen sich auf die verschiedenen Tage vertheilen (2, 14 — 3, 6), wesshalb Matthaus, der die beiden Sab- batsgeschichten auf denselben, und Lucas, der sie auf zwei verschiedene Sabbate verlegt, gleich unsicher verfahren. Zu bemerken ist noch, dasB ' Jesus in Levi einen funften Junger beruft, gleich nachdem bei Grel^ien- heit der Heilung des Paralytischen das erste deutliche Zeichen von pharisaischer Opposition zu Tage getreten war (2, 6. 7), die sich fieilich zunachst nur an die Junger wagt (2, 16), dann den Herm selbst inter- pellirt (2, 18. 24) und ihm auflauert (3, 6). So rasch hat sich dica Opposition gesteigert, dass schon 2, 20 ein Trauer verfaeissendes Wort 1) Weiste: Er. Gesohichte, I, S. 58. — 2) E wald (BTangelien, S. 194), Meyer (Zu Marotts und Lucas, S. 21). Digitized by VjOOQ IC Lebensbild Jesu naoh der Quelle A. ^gt in Jesu Monde , und 3^ 6 der Anschlag, ihn zu Grande zu richten, in der Pharisaer Herzen zu finden ist. Dies aber ist auch der einzige trube Funkt in dem anfangs so lichtvollen Gemalde des Erfolges , den Jesus bei der Volksmasse findet. 3. 3, 7 — 19, wo vorden Worten »und sie kommen nachHausc der romische Bearbeiter abbricht und seine grdsste Lucke eintreten lasst (S. 75 f. 78). Ein entscheidender Tag, Wahl der Zwolfe und Bergpredigt in sich fassend. Jesus hatte sich aus Kapernaum an den See begeben, sinnend uber die neue, schwuler und verhangnissvoUer werdende, Sachlage; bald genug ist er jedoch umdrangt nicht bios von Hulfesuchenden, sondem auch von Neugierigen, deren jetzt bereits aus Judaa und Peraa Etliche herbeigekommen sind. Sobald es irgend an- geht, entzieht er sich, indem er, begleitet nur von entschiedenen An- hangern , einen Berg besteigt. Dort nun wahlt er aus der grossem An- zahl derselben noch andere sieben zu den vorhandenen fUnf Jangern. Ein grosserer, geprdneter Ejreis von solchen war ihm, bei steigen- der Schwierigkeit der Sache, als Haupterforderniss erschienen, um festeren Fuss im Volke zu fassen. Wahrend die fruheren Junger von der Arbeit ihres Berufs gelegentlich abberufen werden, zeigt sich daher eine planmassige Absichtlichkeit in der Wahl der Zwolfe. Damit aber war ein zweiter, geschlossenerer Bau auf die erste Grundlage befestigt,* dagegen Jesus zur grossen Yolksmenge fortwahrend in einer ganz unge^ bundenen Stellung verblieb und gmndsatzlich verbleiben wollte. ^ An jene Junger nun halt er die vom romischen Bearbeiter ausgelassene, von Lc. 6, 20 — 49 nur an einer Stelle (39. 40), von Matthftus aber durchaus uberarbeitete Bergrede. Ihr ursprunglicher Inhalt bewegt sich in der rein sittlichen Sphare, geht uber die klar ausgesprochenen und allseitig entwickelten Grandsatze heilig duldender Feindesliebe nicht hinaus — Grundsatze, die eben jetzt, wo die Opposition in ihrer verhangniss- voUsten Tragweite vor das Auge seines Geistes getreten war, errungen und zum festen, unerschutterlichen Eigenthum gemacht werden mussten. Nur durch Ausdulden des Widerstandes kann der ewige Sieg unserer Sache gerettet werden : diese Losung pragt die Bergpredigt des Lucas ganz sachgemass in jedem Verse den neuerwahlten Jungem ein, wah- rend die Bergrede des Matthaus als B«de nirgends im geschichtlichen Verlauf des Lebens Jesu unterzubringen ist, so geschichtlich und acht sie auch in alien ihren eiuzelnen Fragmenten sein mag. Steht es aber 80 mit der Bergrede, so liefer t schon sie Beweis genug hierfur, dass Jesus von Anfang an ein Kreuzesreich vor Augen sah, und dass er sich l)Eivald: ETangtUen, S. 191. 294. — 2) Weiss e: Evangelische Oesehiclite, I, S. 3b8 f. Holtxroann. 3 1 Digitized by VjOOQ IC 482 Fttnftes Capitel. nie der Illusion hingegeben hat, eine weltliche Reform oder auch nur einen allgemeinen religios-sittlichen Umschwung im Volke Israel gleich- sam wie mit dem Zauberstabe hervorrufen zu kSnnen.* Eine Theokratie mitten im romischen Reich grunden zu woUen , ware die Sache eines Schwarmenden gewesen. * 4. 3, 19 von xal cqx^^^^ ^h olxov an bis 4, 34. Jesus kehrt, was nicht am selben Tage braucht geschehen zu sein , nach Kapemaum zu- ruck. Der Bearbeiter nimmt den Text ubrigens erst da wieder auf , wo die Erzahlungen von dem, beim Eintritt in die Stadt ihn behelligenden, Hauptmann und dem,,unmittelbar darauf geheilten , Stummen bereits absolvirt sind. Kaum ist Jesus zu Hause, so drangt sich eine grosse Masse Volkes herein, fullt das Haus an, so dass an ein Abendessen nicht gedacht werden kann (3, 20). Es waren Dies nicht mehr bios Leute, in und um Kapernaum wohnhaft, sondem auch jene schon 3, 7. 8 be- zeichneten Ankdmmlinge aus weiterer Feme. Zu diesen waren nun neu hinzugestossen seine Mutter und Geschwister ; aufgeregt durch das viele Gerede, schmerzlich beruhrt durch den Tumult, der sich alsbald bei Jesu Einzug erhebt, beschliessen sie, der Sache ein Ende zu machen und das , ihnen voUig fremd und unverstandlich gewordene , Familien- glied als wahnsinnig festzunehmen — eine Thatsache, die schon dem Matthaus und Lucas zu unanstandig erschien und darum in ihren Evan- gelien wegfiel. Gleichwohl ist noch viel herber die Beurtheilung, die Jesus von den aus Jerusalem von ihren Gesinnungsgenossen nach Gali- laa gerufenen Pharisaern erfuhr. Dieselben kommen ihren, durch Jesu Wunder in Verlegenheit gesetzten, Parteigangem zu Hulfe und scheuen sich nicht , die popularste Erklarungsweise des Wahnsinns auch auf ihn anzuwenden und so seine Besessenheit, in Folge deren auch den holli- schen Ursprung seiner Wunder zu behaupten. Schon dieser Pragmatis- mus verbietet also, das i^iarrj 21 etwa bios von einer Ohnmacht zu er- klaren, wie neuerdings noch Lin der will.' Kaum hat sich Jesus dann mit scharfer Dialektik vertheidigt, so sind seine Verwandten unterdessen soweit vorgedrungen , um Aufmerksamkeit zu erregen. Hierdurch ver- anlasst schneidet Jesus die sein Werk stdrend durchkreuzenden Fadoi naturlicher Familiaritat mit unzweideutigem Wort ab (3, 33 — 35). Gans in Analogie mit dem Ausspruch der anderen Quelle A Lc. 14, 26. 27 SB Mt. 10, 37. 38 handelt er, wenn er trotz der Sorge, die sie seinet- wegen beweisen, in der Absicht, ihn mitten in seiner Berufsthatigkeit zu stOren , ja ihn derselben zu entreissen , eine Rucksichtslosigkeit er- 1) Dorner: Jesu stLndlose VoUkommenheit , S. 31. 45. — 2) Gegen Lesting^ Reinhard, Venturini, Ammon, Paulas, DeWette, Hase: Leben Jetv* 2. Asg. S. S3, ff. — 3} Studien und Kritiken, 1862, S. 556. Digitized by VjOOQ IC Lebensbild Jesu nach der Quelle A. 48^ blickt , die auch ihn seinerseits nicht veranlasst, ihrethalben bis vor die Thur zu gehen. Der Evangelist aber benutzt diesen Ruhepunkt, um » ein Bild der Lehrweise Christi a ^ oder vielmehr einen Ueberblick uber die nunmehr folgenden , einer weniger von aussen bewegten Lehrwirk- samkeit gewidmeten, Tage zu geben (4, 1 — 34). Wenn daher gegen die Verbindung aller, in dieser Nummer angebrachter , Stucke bemerkt wurde , dass Marcus offenbar ungeschichtlich in den Zeitrauni eines ein- zigen Tages zusammenzwftnge^ wozu ein Tag nicht ausreiche,* so fehlt hierzu jeder Anhaltspunkt in dem Schriftstucke selbst.* Die paraboli- schen Reden mussen vielmehr in ahnlicher Weise im Zusammenhang des Ganzen betrachtet werden, wie das Programm im ersten Evangelium Mt. 5—7. 5. 4, 35 — 6, 6. Von nun an uberwiegen die Reisen den Aufenthalt in Kapemaum entschieden, ja sie nehmen auch weitere Ausdehnung an. Zwar was die Richtung nach Osten anlangt^ findet Jesu Wirken ein nahes Ziel in dem uberseeischen Gebiet von Gadara, dagegen dringt er, nach kurzem Zwischenaufenthalt in Kapemaum (5, 21 — 43), diesmal westlich bis nach Nazareth vor, wo er Veranlassung findet, eine ahn- liche bittere Erfahrung, wie er sie in seiner Familie gemacht hatte, auch mit Beziehung auf Vaterstadt und Gemeindegenossenschaft auszu- sprechen (6, 4). 6. 6, 7 — 7, 37. Von hier an beginnt ein grosser Wendepunkt. Auch Hitzig hat in der vorhergehenden Scene zu Nazareth richtig den Abschluss des ersten Kreises in Jesu lehr- und werkthatigem Herum- wandem erkannt.* Denn bis jetzt waren die zwolf Junger Jesu standige Begleiter gewesen; nun aber ist ihre erste Lehrzeit voruber, und sie werden selbststandig ausgesandt. Durch diese allerorts erscheinenden Jungerpaare (dvo dvOy nur Mr. 6, 7) musste aber Jesu Name vollends in jedes Ohr erklingen, und so kann jetzt auch Herodes Antipas nicht mehr umhin, Notiz davon zu nehmen (6, 14 — 16). Die Gedanken des Herodes uber Jesus, ob er nicht etwa gar der Taufer sei, benutzt dann der Evan- gelist, um in geschicktester Weise den Stillstand, der bis zur Wieder- Icunft der Junger in Jesu Leben eingetreten war, mit der nachtraglichen Erzahlung vom Ende des Tftufers auszufuUen. Damit war dann aber auch vor Jesu Seele selbst sein eigener tragischer Ausgang um ein Gutes naher und gewisser hingetreten. Wahrend bisher Galilaa, das vom Sectengeist weniger durchsauerte Land, wo er auf eine, von Feinden weniger durchkreuzte, Wirksamkeit hoffen konnte, Hauptschauplatz seiner Thatigkeit war, insonderheit die n5rdliche Gegend Gralilaa's, 1) Weiss, S. 66S. — 2) Saunier, 8. 80 f. — 3) Wilke, S. 603 f. — 4) Joh. Marcus, S. 129. 31* Digitized by VjOOQ IC 484 Fttnftes Capitel. westlich vom See, von wo er nur etwa dreimal auf kurze Zeit ubersetite: so ftthrt er dagegen jetzt ein vorwiegend unstates Leben, vermeidet so viel als moglich das Land des Herodes, sucht gleich nach Ruckkunft der Jilnger die Einsamkeit auf und lasst sich zu diesem Zweck in des Philippus Tetrarchie ubersetzen (6, 32); er vermeidet auch nach der Ruckfahrt die Stadte, und wandelt die Landschaft Genezareth entlang (6, 53 — 55), seine Heilswirksainkeit fortsetzend, seine antipharisaische Opposition scharfend. Endlich geht er geradezu in's Ausland, sacht Ruhe iin heidnischen Gebiet von Tyrus (7, 24), wendet sich weiter nack Norden bis nach Sidon und kehrt dann durch die halbheidnische Deka- polis zurQck (7, 31). 7. 8,1 — 9,50. Der Hohepunkt von Jesu Wirksamkeit. Diese Ab- schnitte bilden zusaininen eine neue Epoche im Leben Jesu , der also nochmals auf kurze Zeit die Ufer des See's besuchte (8, 10. 22), urn sich bald wieder nach Norden in die Gegend von Paneas zuruckzuziehen (8, 27); dann aber, im Gefuhl des nahenden Todes nach Jerusalem ge- zogen, betritt er zum letztenmal und nur incognito (9, 30) Kapemaum, das lange verlassene (9 , 33). Zwar das 5ffentliche Wirken Jesu ist nun vorbei; er widmet sich eigentlich schon seit 8, 27, besonders aber 9, 31 — 10, 45 nur noch der Unterweisung seiner Junger. * Dennoch stellt diese Epoche den Hohepunkt in seinem Leben dar, einerseits insofem als er jetzt zum ersten Mai von einem Junger als Messias erkannt und bekannt wird (8, 29), andererseits insofern , als unmittelbar daraufim Angesicht von drei Jungern die Scene der Verklarung beschrieben ynri, deren wesentlichster geschichtlicher Gehalt im Gegensatze zum Petrus- Bekenntniss sicherlich in dem bereits dreifachen Auf leuchten der Flam- me zu suchen ist, welche anzuzunden Jesus erschienen war.* Esist nun aber auch die hOchste 21eit, dass die Junger uber das wahrbafte Wesen seiner Messianitat in's Klare kommen , da deren innere Vollen- dung bereits erreicht , * die Lebenslinie Jesu daher von nun an eine ab- steigende ist. » Vom hohen Berge steigt Jesus wieder herunter (9, 9); aber auch seines Lebens Sonne neigt sich jetzt abwarts ; und er wandert von nun an in sudlicher Richtung nach Galilaa und durch Galilsta und Peraa dem Schicksale, das zu Jerusalem seiner harrt, entgegen.c* Daher von nun an die Leidensweissagungen , in Folge deren 9, 30-32 •eine emste und finstere Stimmung sich uber das ganze Bild lagert, so dass selbst die Junger sich furchten , ihn uber das unfassbar nahe Ver- hangniss zu befragen. 1) WeiBS, S. 651. 670 f. — 2) Ewald (Geschichte Christus, S. 339), Weine (Evangelienfrage, S. 259). — 3) E wald: Evangelien, S. 270. ~ 4) Hitsig: A. a. 0. 8. 12S. Digitized by VjOOQ IC Lebenfibild Jesu nach der Quelle A. 4g5 Blicken wir auf diese sieben Stufen des offentlichen Lebens Jesu zuruck^ so bestatigt sich uns das Resultat, dass nur allmalig, und klar erst fast ganz am Ende, die Junger mit aller Entschiedenheit in Jesu, der ihnen diese Ueberzeiigung nicht aufnothigte, den Messias erkannt haben. Damit vertragt es sich recht wohl, wenn ein bestimintes Mini- mum von Vertrauen, in ihm den Verheissenen gefunden zu haben, schon von Anfang an in ihrem Herzen vorhanden war , wie denn andererseits auch das Misstrauen , womit die Pharisaer dem werdenden Messias folg- ten, sich schon dadurch hinlanglich zu erkennen gibt, dass sie ihn auch in Galilaa, wohin sie ihm folgen, sorgsamst uberwachen und seine Wirk- samkeit zu hemmen suchen (2, 6. 3, 6. 22). Hier aber thut Jesus seiner- seits die ersten und entscheidenden Schritte; er nimmt den unvermeid- lich gewordenen Blampf mit grosster Energie auf, indem er besonders gegen die peinliche Sabbatmode, den Triumph pharisaischer Werk- gerechtigkeit, absichtlich und bei jeder Gelegenheit opponirt (Mr. 2, 23 — 28. 3, 4), aber auch sonstige Liebhabereien der Orthodoxie durch- bricht (2, 16. 18. 23. 7, 1 — 5), und den spahenden Gegnem Anklage auf Anklage, jede an und fur sich schon von Centnerschwere , in's An- gesicht schleudert (vgl. besonders 3, 28—30. 7, 6—13). Schnell reift daher in den Gegnem der Entschluss, ihn vom Leben zum Tode zu bringen (3, 6). So neigte sich die Lauf bahn Jesu rasch ihrem tragischen Ende zu, einem Ende, welches von Jesus selbst mit immer steigender Klarheit als das allein raogliche, aber auch als das allein seiner wurdige, als das gottlich nothwendige vorausgesehen imd vorausgesagt worden war. Der Hass der Pharisaer und die Indolenz des Volkes liessen von Anfang an keine andere Aussicht. Jener konnte sich nur im hochsten Maasse herausgefordert ftthlen durch die rucksichtslose Strenge, womit Jesus Alles aufdeckte, was in und an ihnen war, das lieblose Herz, die im Innersten durchlocherte und zerfetzte Sittlichkeit, den ausseren Tugend- schein, den heuchlerischen Hochmuth. Zwischen der so gearteten un- beugsamen Opposition eines Mannes, der allem Anscheine nach darauf ausging, die messianischen Hoffnungen des Volkes fur sich in Anspruch zu nehmen, und der zahesten, empfindlichsten Hierarchie, die je da war, musste es rasch zum unheilbaren Bruche kommen. Leicht aber war vorauszusehen , dass auch in Galilaa nur der kleinere Theil des Volkes es mit ihm wagen wurde auf die Gefahr eines solchen Bruches hin. Denn nur ein TJmstand hatte dem, schon fruh feststehenden , Todes- urtheil die Spitze abbrechen konnen : eine Reihe unmissverstandlicher, energischer Demonstrationen des Volkes. Um solche aber hervorzurufen, hatte Jesus, wenn auch nur vorubergehend, die volksthflmlichen , trieb- kraftigen, rasch entzdndbaren Messiasgedanken in Dienst nehmen, oder Digitized by VjOOQ IC 486 FOnftes Capitel. vielmehr dch ihnen in Dienst geben mussen. Dass er diese^ aller sonst geltenden menschlichen Politik zufolge unverfanglichen , weil allein gangbaren^ Geleise mit keinem Schritt und Tritt betreten hat, ist, bei den ausserordentlichen Mitteln , die ihm zu Gebote standen ^ allein der ausreichende, Alles erklarende Grund seines Untergangs geworden. Gerade die Tausende, die er geheilt hatte, die neugierig ihm zustromteD, die seine Worte und Thaten nach alien vier Winden ausbreiteten (Mr. 5, 20), waren doch wieder Verwandte und Landsleute jener Nazarener, unter welchen Jesus eine der bittersten Erfahrungen machte (6, 1—6); sie waren nur die regbarem Theile des schweren, sittlich rohen und harten Stoffes, aus welchem das ganze Volk gebildet war. Aber nicht €twa unverhofft, wie ein Verhangniss, kam die dunkle Katastrophe dber ihn, er ging ihr vielmehr im entscheidenden Augenblick entgegen. » Wenn er nach langerem, ununterbrochenem Wirken in Galilaa, nach alien Erfahrungen , welche er uber die Aufnahme seiner Lehre bei dem Volke, und den Widerstand gegen sie bei den Gegnern, mit welchen er schon damals in Beruhrung kam, gemacht hatte, den Entschlass fasste, sich aus Galilaa nach Judaa zu begeben und in der Hauptstadt selbst zu erscheinen, am Sitze der Machthaber, zu deren herrschendem System seine ganze bisherige Wirksamkeit in dem entschiedensten Gegensatze stand, so kann dieser so folgenreiche Schritt nur aus der Ueberzeugung der Nothwendigkeit hervorgegangen sein , dass seine zur Entscheidung reife Sache sich jetzt auch wirklich entscheiden musse. a' Das so vorbereitete letzte Greschick stellt dann das zweite Evan- gelium yon 10, 1 an dar in einem, ganz aus ein em Gusse gefertigten, Stucke. Abgesehen von etlichen Specialitaten haben daher auch die anderen Synoptiker hier den Gang des Marcus innegehalten. Nur tragt bei ihm die Leidensgeschichte jenes, den meisten Partien eignende, Ge- prage der Ursprunglichkeit in ganz besonders deutlichem Grade« Man darf nur die Berichte uber das Zittern in Gethsemane, uber das unwilligc und schmerzliche Schweigen vor geistlichem und weltlichem Gericht, Clber den heftigen Kampf am Kreuz vergleichen, um zu der Ueber- zeugung zugelangen, dass mehr die Vollstandigkeit, als die intensive Lebensfulle des Bildes Jesu durch die spateren Berichte gewonnen hat Denn auch Das, was den Charakter des Heilandes als solchen ausmacht, jenes auf rastlosem Umherreisen ihn begleitende Hungem und Dursten, die Seelen an ihrem tiefsten Bedurfnisse zu fassen , findet bei Marcus den concretesten Ausdruck (1 , 38). Seine Darstellung thut Alles, um als besonders denkwOrdig hervortreten zu lassen jenen unwiderstehlicb- 8ten Herzensdrang, jenes, allezeit frisch und lebendig aus der Seele her- 1} Baur: Christenthum der 3 enten Jahrhunderte, 1860, S. 38. Digitized by VjOOQ IC Lebensbild Jesu nach der Quelle A. 4S7 vorquillende^ Seufzen des MitgefdUs (vgl. onXayxviad'elg 1> 41. 6, 84. 8, 2. 9, 22; otyaarBva^ag %(fi Ttvevfiati 7, 34. 8, 12), vermoge dessen Jesus auch im physischen Leiden immer das Sittliche erkennt, durch die leidenden Augen in das Leiden der Seele zu blicken versteht (2, 5). Dies erinnert uns einerseits uberhaupt an die, auch auf die Junger uber- tragene (6, 11), lebendige Symbolik des ausseren Auftretens^ an die sprechende Geberde, wie sie das zweite Evangelium tlberhaupt auf Schritt und Tritt erkennen lasst, vgl. hayxaXiad/^evog 9 , 36. 10, 16, TtQoaxaXaadfisvog 3, 23. 8, 34. 12, 43, ifi^Qintjod/Lievog 1, 43, awyvaaag 10, 22, avXXvnovfievog 3, 5. Hierzu sind ferner zu verglei- cben Stellen, wie 1, 31 ijyeiQav avzijy HQanrjaag Ttjg x^t^^gy 1, 39 ^v xrjQvaawv elg Tag avvaywydg (wozu Meyer), 4, 39 dieyeq^eig insTl- fiTjaeVf 5, 40 hfiakcjv Ttdvtagy 5, 41 xQatrjoag T^g x^i'Q^g (haben Mat- tbaus und Lucas es an dieser Stelle ebenfalls, so doch Marcus 9, 27 wieder allein), 8, 23 ijtilapdfievog t^g x^i^og, ini&eig Tag x^^ccg u. s. f. Ausser- dem deutet-das haufige neqipXexpd^^yog (3, 5. 34. 5, 32. 9, 8. 10, 23. 1 1, 1 1), dvafiUipag (6, 41. 7, 34. 8, 24. 16, 4), ifi^Xhpag (10, 21. 27. 14, 61), iniaTQaq>8ig xal idciv (8, 33) auf Erinneningen, wie sie fur Augen- zeugen an den Thatsachen selbst haften. So besonders 10, 14 (ijyavdx- TTiaev). 21 {fiydnriaBV avTOv), wo Marcus allein den Affect ausdruckt. Andererseits tritt aber in jenen Krankenheilungen auch zu Tage eine gewisse , freilich auch von alien andem Evangelisten notirte, Unmittel- barkeit, womit er mit den Herzensgedanken anderer Menschen uber- haupt in Beruhrung tritt (vgl. besonders 2, 8. 3, 4. 8, 17. 9, 33 — 35. 12, 15, auch 3, 16. 17. 14, 18. 30). Charakteristisch fur seine Art, die Menschen schnell und scharf nach ihrem jedesmaligen individuellen Thun zu beurtheilen, sind unter Anderm wohl auch die Situationen , in welchen die Junger von ihm berufen werden. Den Petrus beobachtet er im Fischen, den Johannes im Ausbessem des Netzes, den Matthaus im Ausrichten des ZoUneramtes (1, 16. 19. 2, 14), ahnlich auch die Wittwe beim Einlegen in den Gotteskasten (12, 41). Daher uns auch das, bei Justin zunachst mit einer anderen Pointe versehene, * »unge- schriebene Wort« den Stempel der Aechtheit nicht wenig zu tragen scheint: iv oJg av vfiag nataXd^Wf iv Tovroig xat xqlvw. So ist Beobachtungsgabe und Urtheil von derselben im Flug auf- fassenden, durchdringenden und scharf theilenden Art, aufwelchedie sonstigen Charakter- und Temperamentseigenthumlichkeiten schliessen lassen. Wie er selbst verstandige Antworten liebt (12, 34), dagegen der geistigen Unlust und der Tragheit der Auffassung gegenuber eine sitt- liche Erregung hervortreten lasst (Mr. 8, 17. 21), so sind seine eigenen 1) Dial, cum Tryph. 47. Digitized by VjOOQ IC 488 FOnftes Capitel. Erklarangen stets tlberraschend auch in ihrer Form. Das unbewusste und in Frage gezogene Recht der Liebe weiss er mit der schonsten Deu- tung ihres Thuns zu bestatigen (14, 6 — 9); niemals ist er, wo er selbsl gefragt wird, urn's recbte, hier nur einschlagende , Wort verlegen (12, 15. 17); er weist Fragen mit berechtigten Gegenfragen zuruck (11, 28. 29. 33), dringt selbst in unausweichlichen Berufungen auf allgemein Zugestandenes vor (8, 19. 20), und wirft nieder mit bildlieher, aberin ihrer Anzuglichkeit nicht missverstandlicher Rede (12, 12). Wie er aber im lebhaftesten , Schlag auf Schlag fortlaufenden , Dialog stets sei- nen Gegnem voraus ist und verkehrte Gedanken , seien dieselben aus- gesprochen, oder nicht, mit unerbittlicher Dialektik zu vemichten weiss (2, 9. 25 — 28. 3, 4. 23), so geht er endlich kuhn von der Defensive auch zur unverhullten Offensive uber (12, 35 — 37), wo dann seine Bede leicht die ganze Heftigkeit und Energie ihrer ursprunglichen Form wie- der erreicht und den Gewinn einer so langen Beobachtung in der tref- fendsten, mit wenigen Strichen AUes kennzeichnenden , Individuali- sirung niederlegt (12, 38—40). Die letzt angedeuteten charakteristischen Zuge haben nun freilich auch in Matthaus und Lucas ihreParallelen, so dass Keim es versuchen konnte, gerade die omenschliche Entwicklung Jesuic an der Hand des Matthaus darzustellen. Die wesentlichen Zuge seines Bildes sind aber folgende. Wie jedes menschliche Bewusstsein sich bildet, so lasst er auch dasjenige Jesu hervorgehen aus jenem geheimnissvoUen Concert, zu welchem Selbstanschauung und Weltanschauung zusammen- treten, Wir sehen in seinem Leben nichts da von, dass er Menschen und Dinge apriorisch in sich truge ; mag die Gabe der Divination ihm, wie so manchem wunderbar und tief angelegten Geiste, zu Gebote ge- standen haben : »im Grossen und Ganzen ist sein Wissen von der Wek nicht durch Intuitionen , sondern durch Perceptionen , und zwar dorch eine ganz ungewohnlich enorme Akribie theilnehmender, kritischer, ironischer Weltbeobachtung zu Stande gekommen. « * Nun treten ihm, abgesehen von den so genial ausgebeuteten Stoffen des Natur- und Ge- sellschaftslebens, drei geschlossene Machte entgegen als die tie&ten Im- pulse des Erloseramtes. Es waren die stille gewordenen Manner des alten Bundes, die ihm zu Hause, in der Leseschule und in der Synagoge vor die Seele traten und diese Seele ganz erfuUten. Aber so sehr er, was ausserliche historisch-kritische Beurtheilung jener Bucher und Ge- schichten betrifft, ganz auf der Linie seiner Zeit uberhaupt sich bewegt, so schlechthin einzig steht er doch da in der scharf- und tiefeinnigen Behandlung der Schrift, womit er den sittlichen Wesensgehalt des Ge- L 1) S. 13. Digitized by VjOOQ IC LebenBbild Jesu nach der Quelle A. 489 setzes unermudlich aus der Schale herausbildet und mit den erleuchtet- sten Hohen des prophetischen Wortes verbindet. Was dann zweitens die religiosen Gemeinschaften seines Volkes betrifft, so lehnt Keim rait Recht alle Beziehungen auf den Essenismus ab , macht aber dafur die treffende Bemerkung, dass der Pharisaismus es vielmehr gewesen sein muss^ den der junge Israelite in Nazareth mit der gespanntesten Aufmerksamkeit verfolgte; eben der spatereEifer seiner Widerlegungen ruht auf der Anerkennung des hinreissenden und verfohrerischen Ein- druckes , den der Pharisaismus unter dem damaligen Jammer der un- nationalen und heidnischen Herodeszeit auf alle treuen und hoflFnungs- starken Gemuther machen musste. Hilgenfeld's Gegenbemerkungen * lassen bios noch dem weiteren Gedanken Raum, dass die innere Abkehr Jesu vom Pharisaismus in demselben Maasse an bitterem Ernste zunahm^ als der Lauf seines Lebens ihn in immer unriiittelbarere Beruhrung mit dem unabgeschwachten Musterpharisaismus setzte , wie er in Jerusalem^ am eigentlichen Heerd des Heiligthums, Pflege fand. Drittens endlich ist es der Wustenprediger Johannes, an dessen Art und Wesen sich Jesus im Anfange voUig anschliesst, in dessen Ausgang er auch zuerst sein eigenes dunkles Schicksal liest. Diesen ausseren Eindrucken begegnete nun aber die Widerstands- kraft des eigenen Genius, einer eigenthumlichen, ja einer wunderbaren Begabung aus jenen Tiefen Gottes, welche selbst gewohnlichere Men- schen zum rathselvoUen Geheimniss stempeln , einer eminenten Starke des Willens und der Entschlusse und einer Verkehrsrichtung, welche im Voraus noch voller und sehnstlchtiger, als sie in die Welt ging, ruck- warts in die Tiefen des eigenen Geistes und in die Offenbarung Gottes im Menschengeist sich versenkte.* dAus der scheinbar widerspruchs- Tollen Doppelheit entwickelte sich unter Kampfen und Ringen der wunderbare weltgestaltende Einheitsgedanke seines Lebens, der Sohn Gottes und als Sohn Gottes der Better einer Welt zu sein. «• Diese innere That war aber nicht fertiges Resultat , sie war Process ; der erste siegreiche Grundsatz , das politische Messiasthum zuruckzustossen , um der arme Diener einer sittlichen Menschheit zu sein, lag immer noch im Bereiche der Anfechtbarkeit und Erschutterung; die Ruhe thronte erst auf dem Kreuz und auf dem Haupte, das sich dort in den Tod beugte. TJnter solchen sittlichen Thaten und Kampfen gestalteten sich seine TJeberzeugungen von seiner Mission. An seine Messianitat glaubte er allermeist um seiner selbst willen, indem er eben sich, den Mann der Zeit und den Mann Gottes in Kraft und Geist, der Zeit und der Mensch- I) Zeitschrift far wissenschaftlicbe Theologie, 1S62, S. 40 ff. — 2) Keim, S. 22. — 3) S. 24. Digitized by VjOOQ IC 490 FOnfteB Capitel. heit entg^en brachte. Aus der Verzweif lung der Zeit^ die nur er ganx verstand, appellirte er an das Herz eines vaterlichen Gottes^ das nor durch ihn sich der Menschheit offiien konnte. nDas messianischeSellMt- gefuhl, innere Stimmen und Selbstanschauungen^ die verscharfteSelbst- \mterscheidung von der sundigen lichtlosen Welt^ endlich der rohelose Drang ^ uber der kranken Menschheit und fur die kranke Menschheit die Anker des Seins und Hoffens in das Unendliche einzuschlagen, das AUes bringt den Gottessohn in der Einadgkeit zum Durchbrucki* Beides^ das Wissen um seine Messianitat und um seine Gottessohnschaft, hat sich parallel entwickelt; eine Idee hat die andere gefOrdert undge- steigert^ nicht aber ist die eine ganz in die andere uber- und aufg^ngen. So macht sich die national bedingte Seite in seinem Selbstbewusstsein bis zuletzt auch darin geltend^ dass neben dem geistigen Kreozreich ein eigcntliches Messiasreich doch stets festgehalten, ja in nachster Nahe er- wartet wird. Aber » das sittliche Reich war die welthistorische Central- idee, das Messiasreich ist der ablOsbare Auslaufer. «' So treffend ohne alle Frage diese allgemeineCharakteristik desEnt- wicklungsganges Jesu ausgefallen ist, so wurde sie doch zu recht indivi- duellem und concretem Leben erst haben gedeihen konnen, wenn der Verfasser mit weniger Vorurtheil an's Werk hatte gehen konnen hin- sichtlich des » Schoosskindes neuester Kritik a , des Marcus. So sehr Keim sich von seinem Lehrer Baur unterscheidet durch unbefangene und gerechtere Anerkennung dessen, was sich durch selbsteigeneOrigina- litat als geschichtlich legitimirt, so ein treuer Schuler seines Meistera ist er doch geblieben in seinem Urtheil uber den Matthaus sowohl im Gan- zen, als auch namentlich uber die matthaische Bergrede, die doch — mit der des Lucas verglichen, ja auch nur mit sich selbst, und den unmittelbar folgenden Partien verglichen — offenbar als Composition sich darstellt (S. 75 ff. 174 flf.). Unser Verfiisser aber findet nur im ersten Evangelium eine schone Entwicklung in der Darstellung des Selbst- bewusstseins Jesu, der Offenbarungen desselben, der Anerkennungcn und der Gegensatzlichkeiten seitens der Welt. Und doch ist an dieser Behauptung nur so viel Unwiderlegliches, als das erste Eyangeliam durch Aufnahme eines mdglichst reichhaltigen Redestoffes, also nvs quantitativer Weise, die beiden andem Synoptiker uberragt, sobald man in diesen Schriften nach Offenbarungen des Selbstbewusstseins in erster Linie sucht. Sieht man aber davon ab, richtet man vielmehr sein Augcn- merk weniger auf das Gewordene, als auf das Werden selbst, aof die irdiachen Bedingungen und Maasse des Auftretens im gezeichncttf Bilde, so steht Marcus so entschieden dem Matth&us voran, dass wu 1) S. 33. — 2) S. 3S. Digitized by VjOOQ IC Lebensbild Jesu nach der Quelle A. 491 eine Darstellung, die sich gegen dieses Verhaltniss verschliesst, freilich noch nicht fttr das Vollkommenste^ Getreueste zu halten vermogen, was sich hier unter den jetzt schon gegebenen Voraussetzungen wissenschaft- licher iieistungen erreichen lasst. Es sei uns erlaubt, auf Weniges hin- zudeuten. Melirfach macht der Verfasser aufmerksam auf das Allm^dige in der Divination Jesu , wie es sich erkennen lasse in folgender Beihe von Stellen des Matthaus 16, 21 (Mord uberhaupt); 17, 22 (Verrath); 20, 1 8. 1 9 (Verurtheilung, Auslieferung an die Heiden, Misshandlung und Kreuz). * Aber das ist ja gerade so iin zweiten Evangelium 8,31 (rfg- ^azo). 9, 31. 10, 33. 34, wahrend hingegen die keine Steigerung inehr bietende Stelle Mt. 26, 2 sowohl bei Marcus, als bei Lucas fehlt. In der That macht Keim selbst bemerklich, wie Mt. 26, 2 nur zu begreifen ist aus dem Motiv der Gliederung, das den ganzen zweiten Haupttheil des Evangeliums beherrscht. Aber um so gewisser verdankt diese Stelle, wie auch 19,1 (wo Matthau^ nach einer Einschaltung zum Faden der Geschichte zuruckkehrt, vgl. S. 196), nur der Kunstarbeit der matthai- schen Composition ihr Dasein. Was Hilgenfeld in der Beziehung gegen mich vorgebracht hat, * erledigt sich theils durch das in denTafeln §§. 5. 12. 13 zu den betreiFcnden Stellen Gesagte, theils durch die Wahmehmung, dass alle seine aufgefuhrten Beweisstellen auch im Marcus stehen , den er doch fur das Fehlen des Schlusses von 16, 9 an nicht verantwortlich machen soUte; uber Mt. 26, 2 aber vgl. S. 203. Ausserdem findet sich im ersten Evangelium noch eine Reihe von Leidensweissagungen, die den bei Marcus allein gerechten Zusammen- hang geradezu durchbrechen , daher auch Keim zu Umstellungen und Versetzungen nathigen. » Die Stelle Mt. 12,39 mag geschichtlich erst nach Mt. 1 6, 4 gehoren. o In der That gehort sie nicht bios dahin, vgl. Mr. 8, 12, sondern sie fallt geradezu mit 16, 4 zusammen (S. 149); wir haben hier bios eine von den vielen Doubletten, zu welchen die Zwei- lieit der Quellen Veranlassung gegeben hat, aus denen vorzuglich unser erstes Evangelium zusammengearbeitet ist (S. 257). Dass sich das Quellen verhaltniss des ersten Evangeliums allein so begreifen lasst, be- -weisen insonderheit die grossen Keden, deren jede auch Elemente ent- li£llt, die der Christus des zweiten Evangeliums damals entweder noch nicht, oder nicht mehr gesprochen haben kann. Auch dies muss Keim selbst wieder anerkennen, wo er sich ©Zweifel erlaubt«' gegen die Stellung des Worts vom Kreuztragen in der Instructionsrede 10, 38 und gegen die ErwShnung der Parusie 10, 23. Aber beide Stellen sind der Quelle ^ entnommen , machen also auf Richtigkeit ihrer Stellung 1) S. 13. 30. — 2) Zeitschrift fOr wissenschaftliche Theologie, 1862, S. 6 f. — 3) S. 30. Digitized by VjOOQ IC 492 Fflnftcs Capitel. im Zusammenhang gar keinen Anspruch, weisen aber, wie fast die ganze zweite Halfte der Composition Matth. 10, auf die Abschiedsreden Jesu vor. Mit Becht sagt Keim: »Die Wiederkunftsidee hatte in der Aus- sendung der Junger durchaus keinen Sinn, da sie das sichere Wissen Jesn und der Junger von seinem Scheiden voraussetzt. « Wahrend sie aber demgemass bei Marcus erst 9, 1 angedeutet erscheint, nachdem die Leidensweissagungen schon angefangen haben, wird sie bei Matthftus nicht bios in der Instructionsrede, sondem eigentlich schon in derBei^- predigt (7, 22 und 23) vorausgesetzt , was eine Entwicklung im Sinne Keim's geradezu aufhebt. Wenn so die eigentlichen Leidensweissagungen bei Marcus eine deutlich abgestuftere Leiter bilden , als bei Matthaus , so mussen wir, gestutzt auf das zweite Evangelium, andererseits auch wieder behaup- ten, dass Manches, was nach Keim's Darstellung als Eesultat einer Entwicklung in den, von den Synoptikern geschilderten , letzten Theil des Lebens Jesu hereinlallt, in Wirklichkeit schon im Anfange des synoptischen Lebensbildes zu einem Abschlusse gelangt war, so dass die Entwicklung fur uns, die wir uberhaupt nur wenige Lichtpunkte aus Jesu letzter Lebenszeit vor uns haben, unsichtbar sein und bleiben wird. So fallt das »erste dunkle Wort vom scheidenden Brautigam a der Wirk- lichkeit nach (Mr. 2, 20) ziemlich an den Anfang der synoptischen Darstellung, allerdings aber vorbereitet durch das schnelle Offenbar- werden des unversohnlichen Gegensatzes (2, 1 — 17). Was Keim uber das , hierbei in Anschlag zu bringende , Vorbildliche des Leidens des Taufers sagt,* ist richtig; wahrend aber seine beiden Matthausstellen 4, 12. 17, 12 ihre Parallelen in Mr. 1, 14. 9, 12 und 13 haben, darf die Stelle Mt. 14, 13 als offenbare Zusammenarbeitung von Mr. 6, 29 und 30 (S. 190 f.) gar nicht herbeigezogen werden. Dass Jesus vom Tode des Taufers an unstat wanderte, ist richtig ; aber auch bei Marcus fuhrt er alsbald seine Junger in die Wuste (6, 31), um sodann im Lande Ge- nezareth zu wirken, bald westlich nach Tyrus , bald auch wieder in so haben wir einBecht, von der Kritik^ die uns Solches glauben machen und dabei selbstverstandlich hoch uber der Faulus'schen Wundererklarung stehen will, zu verlan- gen, dass sie offen ausspreche : entweder dass jener Matthaus nicht bios Augenzeuge, sondem auch mente captus gewesen ist, oder aber, dass die Rechtfertigung seines unerhdrt seltsamen ProtocoUs nur in dem ganz eigenthumlichen Charakter des Factums selbst gesucht werden kann, auf welches es sich bezieht. — Aber auch nach unseren Voraussetzun- gen ruhrt von dem Augenzeugen Matthaus zwar nicht das erste Evange- lium, wohl aber die Quelle JL her. Diese berichtet nun zwar bios Reden Jesu, aber gerade auch solche, welche entweder durch geschehene Wun- derthaten veranlasst waren, wie.Lc. 10, 13 — 15 = Mt. 11, 21 — 24. Lc. 10, 17. Lc. 11, 14—16. = Mt 12, 22—24. 38, oder welche eine — auch auf Andere ubertragbare — Wunderkraft dem Redner in der prononcirtesten Weise zuerkennen Lc. 7, 22=3Mt. 11, 5. Lc. 10, 9 = Mt. 10, 8. Lc. 10, 19. — Die andere Quelle aber steht nicht bios, der Zeit und dem Orte ihrer Entstehung zufolge, dem Factum selbst so nahe, sondem sie ist auch insonderheit durch ihre Beziehungen zu einem an- dern Apostel , dem Petrus , so sehr gesichert , dass — so viel vermoge desS. 445 ff. an die Hand gegebenen Maassstabes auch von ihren Wunder- berichten in Abzug gebracht werden mag — doch immer noch ein be- deutender, unaufloslicher Rest zuruckbleibt von einer so materiellen Dichtigkeit und Harte, dass, falls er doch schliesslich nur einen Nieder- schlag von Mythendunst darstellen sollte, fur diesen Process vielleicht ebensoviel Jahrzehnte aufzubieten waren , als Jahre zwischen der Abfas- sung von A und dem Factum selbst verflossen sind. Dass dem Livius die alte Geschichte Roms in einer grossartigen Reihe mythischer Bilder erschien, ist bei der entsprechenden Entfernung ebenso sachgemaas, als es einfach unhistorisch und willktlrhch ist, dasselbe Verhaltniss hier stattfinden zu lassen, wo wir es mit einem anno 30 aufgeflammten und anno 60 in der Literatur reflectirten Lichte zu thun haben. 3) Hat sich uns §. 29 der synoptische Creschichtspragmatismus im Grossen und Granzen als ein Erweis fiir die Realitat der evangelischen Geschichte dargestellt, so ist nun weiter zu erwagen , ob die Wunderer- z&hlungen als ein integrirendes Mittelglied desselben zu betrachten sind. Als anerkannt gilt in dieser Beziehung zunachst das ganz Allge- meine, dass von jedem hervorragenden Propheten, vor Allem vom Mes- sias selbst, Wunder erwartet, daher also auch von Jesu geradezu ver^ Digitized by Google Die synoptischen Wunderberidite. 505 langtwurden, A Mr. 8, 11. ^^Mt. 12, 38 = Lc. 11, 16. Aber die citirten Stellen selbst, wie auch die Tradition Lc. 23, 8. 9, scheinen auch das Andere zu beweisen, dass er auf solche Forderungen ableh- ncnd zu antworten pflegte. * Indessen zeigt schon die Versuchungsge- schichte, dass die erste christliche Gemeinde die Wundertbatigkeit Jesu als den geraden Gegensatz zn aller poetischen Ostentation auffasste, wie anch Lucas jedes einzelne Wunder weniger als That Jesu, denn als unmittelbares Eingreifen Gottcs selbst betrachtet 9, 43. 18, 43. Inson- derheit aber lohnt es sich, auch in dieser Beziehung die Darstellung der Quelle A in ihren charakteristischen Zugen in's Auge zu fassen und aus den, in's Allgemeinere malenden , Berichten der Bearbeiter heraus- zuheben. Neuerdings hat man mit Recht darauf hingewiesen, wie gerade bei Marcus recht eigentlich zu Hause ist die Zusammengehdrigkeit von Lehre und Wunder,* vgl. 1, 38. 39. 3, 14. 15. 6, 2. 7. 12. 13 (16, 20). Dabei erscheint aber das Lehren und Predigen doch unverkennbar als das Frim&re , wie denn gerade in A gewisse allgemeine Bemerkungen dazu dienen , den hohen Werth des prophetischen Amtes zu betonen, vgl. 1, 14. 15 (unvollstftndig Lc. 4,15. Mt. 4, 17). 21. 22 (= Lc. 4, 31. 32. Mt. 7, 28. 29). 2, 2 (= Lc. 5, 17). 13. 4, 1 (= Lc- 5, 3). 6, 2 (= Mt. 13, 54 = Lc. 4, 22). 6. 34 (= Lc. 9, 11). 10, 1, So wird Mr. 1, 22 auch frtiher von der Lehre, als von den Wundem Jesu geredet und das erregte Aufsehen in erster Linie auf das Wort zuruck- gefuhrt;' ja dieses erste Wunder (A Nr. 7) wird durchaus so erzahlt, dass Jesus seiner Wunderkraft mehr nur gelegentlich inne wird. Der Besessene schreit ihn so lange an, bis Jesus, gehoben vom Bewusstsein geistiger Ueberlegenheit, ihn gebieterisch verstummen heisst. Der au* genblickliche Erfolg erst bringt dann die Leute dazu, Abends ihm ihre Kranken zu bringen, und verleiht ihm die Sicherheit des weiteren Vor- gehens. Gelegentlich dieses ersten , an einem D&monischen vollbrach* ten, Wunders ist nicht ausser Acht zu lassen, wie uberhaupt die ausge- bildete Vorstellung von den D&monischen ausschliessliches Eigenthum von A ist.* Solcher Vorgange bemachtigte sich Gedachtniss sowohl, wie Fhantasie des Volkes zuallererst. Granz ohne Farallelen sind die Stel* len Mr. 1, 39. 3, 15. 6, 13. Dagegen theilt A die Hervorhebung die- ser Heilungsarten , die als Hohepunkte von Jesu Wundem erscheinen, 1, 23 mit Lc. 4, 33, femer 1, 32. 34 mit Mt. 8, 16, femer 3, 11 mit Lc. 6, 1^, femer 6, 7 mit Mt 10, 1 b Lc. 9, I, doch so, dass die Sei- ]} Strauss: Leben Jesu, II, S. 3 f. — 2) Hilgenfeld: Erangelien, S. 127. ~ 3) Weisse: Evangelische Geschichte, I, S. 375. — 4) Vgl. jedoch Weiss^ 8. 651. 653. Digitized by VjOOQ IC 506 Faoftos Capitel. tenrefenten andere Krankheiten daneben nennen, femer 1 , 29 mit Mt. 15^ 22. Dazu kommen die zwei grossen Damonenheilungen^ die alien drei Evangelisten geuieinsam , bei Marcus aber am eigenthOmlich- 8ten und anschaulichsten erzahlt sind : Mr. 5 , 1 — 20 a Mt. 8, 28^34 a Lc. 8, 26—39 und Mr. 9, 14—29 = Mt. 17, 14-21 = Lc. 9, 37—42. Von Wundererzahlungen, die auseerhalb A verzeichnet waren, kdnnte hochstens Lc. 13, 10 — 17 sich anzureihen scheinen, aber welch ein ganz anderes nvevfia ist das nvev^a dad'eyelag Lc. 13, 11, als die schreienden und gewaltthatigen Damonen in A, und welch andere Satanologie liegt Lc. 13, 16 zu Grunde! Sonst kann man nochauf Lc. 10, 17 — 20 ver- weisen, wo die Junger sich ihrer Macht iiber die Damonen ruhmen; aber Christus sieht eben darin nichts Riihmenswerthes und wamt vor der Ueberschatzung solcher Wunder. Man mag nun aber uber das, den Oamonenheilungen zu Grunde liegende, Thatsachliche denken, wie man will: der Umstand, dass gerade nur bei Marcus gleich die erste Heilung Jesu, die von Matthaus ausgelassen, von Lucas umgestellt wird, eine Damonenheilung ist, beweist schon den Werth, den er auf derartige Heilungen legt. Der weitere Umstand, dass Matthaus und Lucas solche Berichte nur hier und da aufnehmen, stets aber in, mit Marcus parallelen, Abschnitten, beweist femer, dass sie, bei denen diese Eigenthumlichkeit nur sporadisch vorkommt, die abhangigen, und dass Marcus, bei dem sie constant ist, der ursprunglichere Bericht ist, wie denn er auch.den merkwurdigen Umstand hervorhebt, womach Jesus von Seite der Damonischen zuerst in seiner messianischen Wurde er- kannt wurde (S.'432). Dieses Bekenntniss der Damonen hat Mr. 1, 24. 34. 5, 7. 8. 9, 20, und im ersten Capitel theilt es noch Lucas, im funf- ten Lucas und Matthaus mit ihm. Ueberhaupt ist in A die Form dieser Schilderungen eine ganz stereotype. Wenn die Damonen ausfahren, schreien die Kranken und fallen in Krampfe (1, 23. 26. 9, 26); das di- recteBeschworungswort Jesu steht nur 1, 25. 5, 8. 9, 25; denEindruck endlich, welchen diese Wunder machen, hat ebenfalls Marcus in einer gewissen stereotypen Form, vgl. 1, 27. 2, 12 (» Lc. 5, 26). 4, 41 (= Mt. 8, 27. Lc. 8, 25). 5, 20. 42 (= Lc. 8, 56). 6, 51 (= Mt. 14, 33). 7, 37 (= Mt. 15, 31). Dabei steht Jesus mit den damaligen Exor- cisten (vgl. Mr. 9, 38 = Lc. 9, 49. Mt. 12, 27. Act. 19, 13) insofern anf einer Linie, als er, die Bealitat eines transcendenten Grundes des Uebels anerkennend, theoretische Unterweisungen und praktische Auf- trage hinsichtlich der Damonenaustreibung gibt; andererseits aber unter- scheidet ihn von der Praxis jener Menschenclasse die stillschweigende Verwerfung der herkommlichen Zaubermittel (vgl. Act. 19, 19), so dass die Art und Weise, wie in solchen Fallen Jesus gegen die Wahnsinni- gen verfahrt, niemals den Eindruck eines magischen Wirkens, sondem Digitized by VjOOQ IC Die synoptischen Wunderberichte. 507 vielmehr auPs Allerbestimmteste den gegentheiligen eines ofters gewalt- sam werdenden^ geistigen Kampfes macht^ dessen historische Bealitat wir darum noch lange nicht verwerfen durfen, weil wir uns keine em- pirische Vorstellung von seinem inncren Hergang bilden konnen. Wird es somit, ohne dass iUegitime Mittel angewandt werden, einer hi- storischen Auffassung niemals gelingen^ sich gewisser irratipnalerXhatsa- chen im Leben Jesu zu entledigen^ so liegt es doch andererseits in der Aufgabe der historischen Kritik , diese Thatsachen unter alien denjeni- gen naheren Bestimmungen zu constatiren, die vielleicht geeignet sind, fiir weitere Forschungen richtige Fingerzeige abzugeben. Hier muss nun vor AUem notirt werden die Art und Weise, wie nach A die Wun- der Jesu ofters unter gewissen Vermittlungen voUbracht werden, sei es, dass sie von den Jungern (6, 13), oder A^om Herm selbst (7, 33. 8, 23. 25) ausgehen. Dass die Damonen nur dem Fasten weichen (Mr. 9, 29 = Mt. 17, 21), dass Kranke durch blose Beruhrung der Hand (5, 23. 7, 32. 8, 22), ja des Gewandes Jesu geheilt werden (Mr. 3, 10. 11 = Lc. 6, 19. Mr. 6, 56 =« Mt. 14, 36), dass Jesus selbst den Kraft- ausfluss auf sinnlich empfindliche Weise bemerkt (Mr. 5, 27 — 29 = Mt. 9, 20—22 = Lc. 8, 44—47), dass eine solche Kraft auch auf An- dere ubertragen (Mr. 3, 15. 6, 7 = Mt. 10, 1 =Lc. 9, 1),* ja vonUn- berufenen ah Baub an sich gerissen werden kann (Mr. 9, 38 = Lc. 9, 49), dass endlich der Wunderact selbst als ein, stufenweise sich voU- ziehender, organischer Process dargestellt wird (Mr. 8, 22 — 26), wo- durch er aber den Charakter augenblicklicher Einwirkung nicht ver- liert (anhaltende Behandlungsweise kommt nicht vor ; vgl. im Gegen- theil Mr. 5, 1 8. 1 9) : alle dIese Zuge, welche die Wuridergabe gleichsam als angeborenes Talent, als eine specifisch bestimmte AusrOstung erscheinen lassen, sind zwar ofters schon als Sonderbarkeiten des Epitomators, und damit zugleich als Merkzeichen spaterer Auffassung geltend ge- macht worden; in der That aber sind sie Eigenthumlichkeiten nicht des Marcus, sondern der Quelle A, legen daher in ihrem Zusammensein ebenso sehr ein Zeugniss fur die Bealitat dieser ersten Urkunde ab, wie sie andererseits, eben um dieses ihres Ursprungs willen, fur concretere, anschaulichere und sachgemassere, von den spateren Eyangelisten, wo sie selbstst&ndig erzahlen, 6fters verallgemeinerte, Darstellungsformen gelten mussen. Wir mogen die Beihe der Heilwunder in A verfolgen 80 weit wir woUen, immer laufen die Hebel, womit Einwirkungen auf die Naturseite der Menschen hervorgebracht werden, in erkennbarer. 1) Ewald (Evangelien, S. 247) weist darauf hin. dass in dem Ausdruck i^ovaia ti5y nvfvfidrtov jedenfalls auch Mgewisse Handthiemngen , die nor nicht leicht be- schrieben -werden k6nnen,« angedeutet seien. Digitized by VjOOQ IC 508 FflnfteB Capitel. ja absichtlich angedeuteter Weise zuruck auf dieses unvergleicUich machtige Selbstbewusstsein Jesu, auf die eigenthumliche Energie seines Geistes. Anders bei Matthaus und Lucas, wo von Anfang an Engel und Himmelsboten auftreten, und wohl auch Wunder geschehen, die mit der Person Jesu in nur^historischem Zusammenhange stehen. Diesen Ein- druck helfen. noch hochst charakteristische Notizen der Quelle A ver- mehren, wornach Jesus, um die organische und psychische Hemmung zu besiegen, sich concentrirt in sich selbst, zugleich aber zum Ursprung aller Kraft aufblickt (Mr. 7, 34) und betet (Mr. 6, 41. 8, 7), ja wor- nach die, im Wunderzeichen sich manifestirende, Uebermacht des Geistes bald auf einen nur alluialig und schwer (Mr. 9, 14 — 29), bald auf einen gar nicht zu uberwindenden Widerstand stosst; vgl. Mr. 1, 34: ttoX- kovg.^ In einem der letztangedeuteten Falle gerath Jesus selbst einmal in Erstaunen daruber Mr. 6, 5. 6, wie er uberhaupt seiner Wunder- kraft 'nicht als einer auf jede SoUicitation unfehlbar reagirenden be- wusst ist, sondem das jedesmalige Eintreten des Erfolgs auf Gott zu- ruckfuhrt Mr. 5, 19 = Lc. 8, 39. Dass abrigens schon Matthaus einen derartigen Gedanken aus A herausgelesen hat, wornach der Herr nicht bios durch Lehre und Predigt, sondem noch mehr durch Helfen und Heilen korperlich angestrengt und erschopft wurde, hat er in dem, 6f- ters missverstandenen und daher als unpassend beanstandeten, Citat 8, 17 hinlanglich angedeutet. Daher denn auch jenes tief empfundene Be- durfniss nach Ruhe, worauf A so unmissverstandlich hinweist (S. 478). Endlich aber dient die zuletzt aus Marcus angezogene Stelle und die, von alien Synoptikern bezeugte, Thatsache , dass der Glaube der Hulfe Suchenden (doch nicht immer des Kranken selbst, vgl. namentlich Mr. 2, 5) den unentbehrlichen Anhaltspunkt fur Jesu Heilungen ge- bildet habe , auch ihrerseits dazu , die psychologische Verinittlung des Problems wenigstens ein Paar Schritte weit zu ftthren ; wobei u. A. zu beachten ist, dass in denjenigen beiden Fallen, wo Grosse, Zahigkeit lind Demuth des Glaubens ganz besonders hervortreten, auch die Heil- kraft eine ungewohnliche Tragweite gewinnt (Mt. 8, 5 — 13 = Lc. 7, 1—10. Mr. 7, 24—30). 4) Fast die gesammte, an die Tubinger Kritik sich anschliessende, Theologie hat neuerdings anerkannt, dass auch die rastlose Energie des paulinischen Geistes nicht ausreicht, die Entstehung des Christenthums zu erklaren, wenn nicht hinter ihm, und ihn selbst bewegend, eine Per- sonlichkeit von ubermachtiger, AUes uberwaltigender Kraft stand, die Personlichkeit Jesu selbst. » Dass sein Leben einen tiefen Eindruck auf das Gemuth des judischen Volkes gemacht hatte, beweist die Starke ]) Meyer: Zu Marcus undLucas» S. 24 : vAlso nicht alle.v Digitized by VjOOQ IC Die synoptischen Wund^beriohte. 509 der Leidenschaften ^ welche er far sich wie gegen sich entzundete^ die Katastrophe, in welcher er dem Hasse seiner Gegner erlag, der Glaube, dessen Zuversicht seinen Kreuzestod uberdauerte. a* Nun lasst uns aber schon der Anfang unserer Hauptquelle (Mr. 1^ 45. 2, 2) daruber nicht im Zweifely dass eben die stetig und andauemd geubte Wunderkraft es war^ durch welche das Volk sich fortdauernd angezogen fuhlte^ wie das- selbe denn auch die Wunder Jesu als seine messianische Legitimation betrachtete (A Mt. 9^ 33)^ was Jesus nicht bios nicht zuruckweist^ son- dern ausdrucklich beBtatigt(A Mr. 2, 10). Ueberhaupt ist der religios- sittliche Charakter Jesu bei der ganzen Sache auf das Starkste be- theiligt. nDieselbe Alternative wird es immer sein, bei welcher derV'er- dacht gegen seine sittliche Beinheit und VoUkominenheit anlangen muss: dass er^ wenn Sunder trotz seiner Selbstaussagen von sich, nicht etwa doch noch ein ausgezeichnet Frommer und Beiner heissen kann^ sondern nur das Dilemma bleibt, das den Pharisaem vorlag^ da sie am Bande der Sunde wider den heiligen Geist angelangt waren : Einzig und wunderbar ubermenschlich entweder im Bdsen , oder im Guten. « ^ Aber eben diese^ fur den sittlichen Charakter Jesu so bezeichnende und von beiden Quellen beglaubigte Erzahlung von den Pharisaern^ die sich genothigt sehen, damonische Krafte in Jesu vorauszusetzen, eben jene hochst charakteristische Apologie^ die Jesus in A sowohl, als in ^ ge- gen eine derartige Zumuthung richtet^ musste ja voUig in der Luft schweben, wenn die Voraussetzung, darauf Alles basirt^ das factische Vorkommen wunderbarer Heilungen , nicht zugegeben werden durfte. Wir wussten in der That nicht^ was historisches Geprage ist^ was sagen- haftes^ wenn eine Argumentation^ wie A Mr. 3, 24 — 29 (vgl. jedoch S. 79) in der mythenschwangem Luft der spateren apostolischen Zeit aus Nichts entstanden sein soUte. Auch Strauss erkennt daher die Geschichtlichkeit jener Beschuldigung sowohl^ als der Verantwortung Jesu im Wesentlichen an^ ohne sich uber die Folgerungen , die hieraus gegen seine Voraussetzungen erwachsen^ weiter zu aussem.' Aehnliche Verhaltnisse kehren aber auf Schritt und Tritt wieder. Falls die Wun- dererzahlungen als selbstverstandlich mythischer Natur aus dem, fiir die Geschichte verwendbaren , Erzahlungsstoffe gestrichen werden durfen, werden auch gleichzeitig die meisten Farben ausgewischt, mittelst deren jenes so individuelle und lebenskraftige Bild der Personlichkeit und des prophetischen Wirkens Jesu gezeichnet werden konnte. Die Wundererzahlungen bilden namlich so sehr die Substanz des synoptischen Berichtes^ dass^ sobald man sie herausbricht, die ganze t ) H o U t e n : ZeitMhrift f Or wiMenschaftliche Theologie, 1 86 1 , S. 265. — 2) D o r- ner : Ueber Jeiu sOndlose VoUkommenheit, 1862, S. 4 f. — 3) Leben Jesu, I, S. 712. Digitized by VjOOQ IC 510 Fftnftes Capitel. Mosaikarbeit jeden erkennbaren Plan^ alle verstandliclieZeichnung ver- liert. Besonders Ewald* und Weisse* habcn das Verdienst, auf die- sen Charakter der Wunder als taglicher Werke (vgl. Lc. 13, 32), auf die Stetigkeit, die Christus in Ausiibung dieser Tagesarbeit beweist und auf die sachliche Nothwendigkeit gerade eines derartigen Tagewerkes for einen Messias aufmerksam gemacht zu haben. £s ist sein Tagesbe- mf, in dessen Ausubung der Herr gezeichnet wird in den synopdschen Evangelien, und nur in dieser Verbindung treten uns auch jene eigen- thumlichen Charakterzuge seiner Personlichkeit aus unsem Schriften entgegen. Wenn es keine Tauschung war, die uns aus dem gegebenen Material ein unerfindbares, in scharfen Umrissen hervortretendes, Per- sonbild erkennen liess, so wird eine nuchterne Forscbung sich ebento wenig der weiteren Ueberlegung entziehen konnen, dass gerade die Wundererzahlungen es sind, welche uns den Herrn in jener Eigen- thumlichkeit des Redens und Handelns zeigen, aus welcher wir auf sei- nen Charakter zuruckschliessen , oder — anders ausgedruckt — dass gerade jene individuellen Zuge, deren uberraschendes Zusammentreffen den hochsten Grad von historischer Evidenz hervorbringt, nur im eng- sten, unabloslichsten Zasammenhange mit den Wundererzahlungen auf uns gekommen sind. Der Historiker, der es fur erlaubt halt, diese letz- teren in Bausch und Bogen zu verwerfen , wahrend er die unverwisch- bar gezeichneten Zuge des Angesichts Jesu als historische Realit&t aner- kennt, ist im Falle, reife Fruchte geknupft und genossen zu haben von Strauchen und Baumen, deren Existenz er leugnet. Es wird daher ein solches Resultat an Ueberzeugungskraft stets zuruckbleiben hinter der consequenteren Negation Derjenigen, die sowohl Garten, als Aepfel der Hesperiden als im Fabelland befindlich erkannt haben. Ohne Aner- kennung taglich vorkommender, wunderbarer Heilungen gibt es schlech- terdings keine evangelische Geschichte ; wer sie entfernt, tragt von der Tafel, zu der er einladt, gleich von vomherein das tagliche Brod ab und wird leicht gar nichts mehr ubrig lassen, was irgendwie genugen konnte. 5) Es liegen somit dafur, dass ein » Wunder « zu Stande komme, die inneren Bedingungen theils in der eigenthumlichen Geistesorgani- sation Jesu, theils in der Seelenstimmung und Richtung der zu Heilen* den; von diesen Bedingungen selbet kSnnen wir freilich nur mit Ritschl sagen, dass sie «fur uns geschichtlich unmessbar sind, und daraus folgt fur die wissenschaftliche Betrachtung des Urchristenthums, dass man die specifische Unerkennbarkeit dieser Seite der Urgeschichte, I) Geschichte Christus, S. 189. — 2) Evangelische G«ftchichte, I, S. 334 — 368. Evangelienfrage, S. 31. 247 fF. Digitized by VjOOQ IC Die synoptUchen Wunderberichte. 511 nicht aber ihre durchgangige Unwahrheit constatirt. a * Ueberhaupt aber gilt wenigetens von dieser Classe von Wundem , was derselbe Theologe richtig hervorhebt, ^ dass sie urn so weniger in erster Linie als von den Naturursachen unabhangig betrachtet werden durfen, als ihre Berichter- statter von dem, was wir Naturgesetze nennen^, gar keine Vorstellung haben. Als Historiker hat man also einfach dabei stehen zu bleiben, das seltsame Phanomen als der Hauptsache nach sattsam beglaubigt zu verzeichnen, wobei wir uberdies alien apriorischen Einwendungen ge- gen die Mdglichkeit des Wunders die Forderung entgegenhalten dur- fen^ man moge uns im Hinblick auf so manche^ heute noch unerklftr* bare, Erscheinungen des Natur- und Seelenlebens entweder eine hin- reichend beglaubigte Liste Dessen vorlegen, was auf diesem Gebiet uberhaupt mOglich ist, was unmoglich , oder aber unsere Berechtigung anerkennen, die Frage nach der Moglichkeit ganz aus dem Spiele zu lassen und bios darauf unser Augenmerk zu richten, was nach allen^ sonst als probehaltig erfundenen , Gesetzen historischer Forschung als Wirklichkeit result irt. Eben weil wir es hier bios mit geschichtli- cher Untersuchung zu thun haben, lassen wir auch alle jene, oft ange- stellten, Betrachtungen zur Seite, welchen zufolge in diesen Wunder- erzahlungen bios der alles Andere uberstrahlenden geistigen Erscheinung Christi ein entsprechendes Moment des leiblichen Daseins zur Seite ge- treten ware, d. h. ein solches Moment, in welchem auch die Naturbe- dingangen dieser Erscheinung zu Tage kommen, die Wurzeln, die sie in das Gebiet der Natur, diesen fruchtbaren Boden alles Geisteslebens, hineingetrieben hat.^ Konnten wir auch in diesen Bemerkungen selbstverstandlich auf Einzelheiten uns nicht einlassen, so schlagen wir es doch als einen hochst schatzbaren Fortschritt an, wenn das wunderbare Geprage der evangelischen Geschichte an und fur sich nicht mehr als ein Hemm- niss empfunden werden kann fur ihre Aufnahme in den grossen Zusam- menhang der wissenschaftlich verarbeiteten Menschheitsgeschichte. Ist doch Aehnliches im Grunde bereits anerkannt auch von Solchen , die sonst am entschiedensten den Standpunkt der Immanenz vertreten. oWie manche von diesen Wundererzahlungen auch der spateren dich- tenden und ausschmuckenden Sage angehoren mogen, das darf doch der kuhnste Zweifel, wenn er noch auf emster Wissenschaft ruht, nicht in Abrede stellen, dass eine Reihe wunderbarer Elrankenheilungen und trostbringender Hulfeleistungen von Christus ausgegangen, die die Menge von weither an ihn heranzogen und auch der Unglaubigen 1) JahrbUcher fOr deutsche Theologie, 1861 , S. 442. — 2) A. a. O. S. 440. 3) Weisse: Evangelifiche Geschichte, I, S. 336. Digitized by VjOOQ IC 5 1 2 Fonftet CapiteL Blicke zuerst auf ihn lenkten. a ^ Wenn aber neuerdings der geistreichste und emsteste Vertreter des religiosen Pantheismus — ErnstRenan — nur bei einem psychologiscben Existenzrecht dieser Wunder^ das er den Forderungen des bon sens gegenuber vertheidigt^ steben bleiben zu mussen glaubt,^ wenn er die Trennung der Sache der Religion von allem wunderbaren und ubematurlicben Beigescbmack geradezu als sein Programm aufstellt: ' so mag man uber die zugleicb damit berubrte pbilosopbiscbe Frage denken^ wie man will^ aber die strenge bistoriscbe Forscbung darf sicb durcb einen solcben Macbtsprucb niebt prajudici- ren lassen^ und es ist sebr erfreulicb, dass aucb der liberale franzosiscbe Protestantismus^ so.sicber er im Allgemeinen Kenan's Standpunkt ver- tritt^ dagegen Einspracbe erboben bat.^ FreiUcb giebt es, neben nur vomebmen Absprecbem, fur deren falscb berubmte Genialitat jeglicbes mubsame Detailstudium uberflus- sig ist, aucb immer nocb eine trage und dumpfe Erbaulicbkeit, die alien kritiscben Resultaten nicbt bios, sondem aucb dem ganzen bistoriscben Interesse, daraus sie entsprungen sind, den Bucken kebren und uns einer Bebandlung dieser Dinge bescbuldigen wird, in Folge deren mil absoluter Gewissbeit niemals zu erweisen sei, wer denn eigentlicb Jesus gewesen, was er getban, was er wirklicb gesprocben babe. Fur Solcbe konnten wir nicbt scbreiben ; und, nacbdem scbon so viel woblmeinende 1) Schwarz: Predigten aus der Gegenwart. Zweite Sammlung, 1S62, S. 139. — 2) Etudes d'hiatoire religieuse, S. 177: uLes miracles de rl^vangile sont en g^^ral con9U8 suivant des analogies naturelles et ne bravent pas trop les lois de la physique, comme le merveiUeux des mythologies indo*europ6ennes.« — »Le seul Episode de Thi- itoire du Christ qui ait un caract^re ^ique » la descente aux enfers , n'est pas meu- tionn^ dans les ^vangiles canoniques.« — S. 19S f. : »Pour comprendre J^us, il faut dtre endurci aux miracles: il faut s' Clever au-dessus de notre kge de reflexion et de lente analyse pour contempler les facult^s de I'dme dans cet ^tat de f^conde et naive liberty ou d^daignant nos p^nibles combinaisons , elles atteignaient leur objet sans se Tegarder elles-mdmes.