=== n178 === Erſter Abſchnitt. Philoſophie des Plato. 469 Moment der affirmativen Freiheit, der Geiſtigkeit. Jenes heißt alſo, die Sphäre fich verſagen, worin das Element der Freiheit genoſſen werden kann. Drittes Kapitel. Erſter Periode dritte Abtheilung: Plato und Ariſtoteles. Dieß iſt Ausbildung zur Wiſſenſchaft, und näher des ſo- kratiſc- lichkeiten übte, die für einen Athener gemäß geachtet wurden. „Er erhielt erſt ſpäter von ſeinem Lehrer den Namen Plato; in ſeiner Familie hieß er Ariftokles. Einige ſchreiben ſeinen Na- *) Tennemann B. 1. S. 416, B. 11. 8.190; Diog. Laert, 111, 8. 1--3. HX) Sext. Empiricus adv. Physicos 1, S. 54 -- 54, === n181 === 472 Erſter Theil. Griechiſche Philoſophie. men der Breite ſeiner Stirn, Andere dem Reichthum und der Breite ſeiner Rede, Andere der Wohlgeſtalt, Breite ſciner Figur zu. In ſeiner Jugend kultivirte er die Dichtkunſt, und ſchrieb Tragödien“ =- (wie auch wohl bei uns die jungen Dichter mit Tragödien anfangen), = „Dithyramben und Geſänge“ (wen, Lieder , Elegien, Epigramme). *) Von den letzten find uns in der griechiſchen Anthologie noelt, weil er die Freundſchaft mit Dion nicht aufgeben wollte; und Dionyfius nicht ſowohl einer Freundſchaft, die fi auf Achtung und einen gemeinſamen ernſten Zweck *) Plat. Epist. VII, p. 34 -- 329 (p. 428 -- 437); Epist. III, Pp. 316 (p. 410 -- 411). === n185 === 176 Erſter Theil, Griechiſche Philoſophie. gründet, fähig war, als er Theils nur perſönliche Zuneigung zu Plato gefaßt hatte, Theils auch nur die Eitelkeit ihn an ihn feſſelte. Dionyſius konnte es jedoch nicht erlangen, daß er ſich ihm feſt verbinde; er wollte ihn allein beſihen, und dieß war eine Zumuthung, die bei Plato keinen Eingang fand. Plato reiſte ab. *) Sie trennten ſich, und fühlten doc< Beide das Bedürfniß , ſic zu vereinigen. Dionyſius rief ihn zurü&, um Verſöhnung herbeizuführen. Dionyſius konnte es nicht er- tragen, fich Plato nicht haben feſt verbinden zu können; vor- züglich fand es Dionyſius unerträglich, daß Plato nicht den Dion aufgeben wollte. Plato gab ſowohl dem Andringen ſei- ner Familie, des Dion, als vorzüglich des Arungen nur ſo viel, als er für gut fand, und nur. denen mitzutheilen, welhen er Empfänglichkeit zutraute. Auch Ariſioteles hatte eine eſoteriſche und exoteriſche Philoſophie, nur mit dem Unterſchiede, daß bei dieſem der Unterſchied bloß formal, beim Plato hingegen auch zugleih material war.“ Wie einfältig! Das ſicht aus, als ſey der Philoſoph im Befit ſeiner Gedanken, wie der äußerlichen Dinge. Die Gedanken ſind aber ganz etwas Anderes. Die philoſophiſche Jdee beſitzt umgekehrt den Menſchen. Wenn Philoſophen ſich über philo- ſophiſche Gegenſtände expliciren, ſo müſſen fte fich nach ihren Jdeen richten; ſie können ſie ni Ein anderer hiſtoriſcher Umſtand, der der Vielſeitigkeit an- zugehören ſcheint, iſt allerdings dieſer, daß von Alten und Neue- ren viel darüber geſprochen worden, Plato habe von Sokrates, von dieſem und jenem Sophiſten, vorzüglich aber von den Schrif- ten der Pythagoräer, in ſeinen Dialogen aufgenommen, == ex habe offenbar viele ältere Philoſophien vorgetragen, wobei py- thagoräiſche und heraklitiſche Philoſopheme und ekeatiſche Weiſe der Behandlung vornehmlich ſehr hervortritt; ſo daß dieſen zum Theil. die ' ganze Materie der Abhandlung und nur die äußere Form dem Plato angehöre, =- es alſo nöthig wäre, dabei des- wegen zu unterſcheiden, was ihm eigenthümlich angehöre oder nicht, oder ob jene Ingredienzien mit einander übereinſtimmen. In dieſer Rüſicht aber iſt zu bemerken, daß, indem das We- ſen der Philoſophie daſſelbe iſt, jeder folgende Philoſoph. die vorhergehenden Philoſophien in die ſeinige aufnehmen wird und muß, =“ daß ihm das eigenthümlich angehört, wie er ſie weiter fortgebildet. Die Philoſophie iſt nicht ſo. etwas Einzelnes, als ein Kunſiwerk ; und ſelbſt an dieſem iſt es die Gefchilichkeit der Kunſt, die der Künſtler von Anderen empfangen wieder auf- nimmt, und ausübt. Die Erfindung des Künſtlers iſt- der Ge- danke ſcines Ganzen und die verſtändige Anwendung der vor- gefundenen und bereiteten Mittel; dieſer unmittelbaren Einfälle und eigenthümlichen Erfindungen können unendlich viele ſeyn. Aber die Philoſophie hat zum Grunde Einen Gedanken, Ein Weſen ; und an die Stelle der früheren wahren Erkenntniß deſ- ſelben kann nichts Anderes geſeßt werden, ==“ fie muß in den Späteren ebenſo nothwendig vorkommen. J< habe ſchon de- merkt, daß Plato's Dialoge nicht ſo anzuſchen ſind, daß es === n191 === 1482 Erſter Theil. Griechiſche Philoſophie. ihm darum zu thun geweſen iſt, verſchiedene Philoſophien gel- „tend zu machen, noh daß Plato's Philoſophie eine eklektiſche Philoſophie ſey, die aus ihnen entſiche; fie bildet vielmehr den Knoten, in dem dieſe abſtrakten einſeitigen Principien jet auf konkrete Weiſe wahrhaft vereinigt find. In der allgemeinen Vorſiellung der Geſchichte der Philoſophie ſahen wir ſchon, daß ſolche Knotenpunkte in der Linie des Fortganges der philoſophi- "ſchen Ausbildung eintreten müſſen, in denen das Wahre konkret ift. Das Konkrete iſt die Einheit von unterſchiedenen Beſtim- mungen, Prineipen; dieſe um ausgebildet zu werden, um be- ftimmt vor das Bewußtſeyn zu kommen, müſſen zuerſt für fich aufgeſtellt, ausgebildet 'werden. Dadurch. erhalten fte denn al- lerdings die Geſtalt der Einſeitigkeit gegen das' folgende Hö- here; dieß vernichtet fie abex nicht, läßt ſie auch ' nicht lie- gen, ſondern nimmt fie auf als Momente ſeines höheren und tieferen Princips. In der platoniſchen Philoſophie ſehen wir ſo vielerlei Philoſopheme aus früherer Zeit, aber aufgenommen in ſeinem Princip, und darin vereinigt. Dieß Verhältniß iſt, daß platoniſche Philoſophie fich als eine Totalität der Jdee beweiſt ; die ſeinige , als Reſultat, befaßt die Principien der anderen in fich. Häufig hat Plato nichts Anderes gethan, als die Philo- ſophien Aelterer exponirt; und ſeiner ihm eigenthümlichen Dar- ſtellung gehört nur dieß an, fie erweitert zu haben. Sein Ti- mäus iſt nach allen Zeugniſſen *) Erweiterung einer pythago- räiſchen Schrift, die wir auch no< haben; überſcharffinnige . Leute ſagen, dieſe ſey erſt aus Plato gemacht. Seine Erweite- rung iſt auch bei Parmenides ſo, daß ſein Princip in ſciner Einſeitigkeit aufgehoben iſt. Die platoniſchen Werke find bekanntli< Dialogen, und es iſt zuerft von der Form zu reden, in der Plato ſeine Jdeen &) Scholia in Timaeum, p. 423 -- 44 (ed. Bekk. : Commentar. erit.. in Plat. T. 11). === n192 === Erſter Abſchnitt. Philoſophie des Plato. 1483 vorgetragen hat, ſie zu t. Die Urbanität iſt die wahrhafte Höflichkeit; dieſe liegt zu Grunde. Urbanität bleibt aber dabei ſtehen, dem Anderen die perſönliche vollkommene Frei- heit ſeiner Sinnesart, Meinungen zuzugeſtehen, = das Recht, fich zu äußern, einem jeden, mit dem man ſpricht, einzuräumen: und in ſeiner Gegenäußerung, Widerſpruch dieſen Zug auszu- drücken, =- ſein eigenes Sprechen füx ein ſubjektives zu halten gegen das Aeußern des Anderen; weil es eine Unterredung iſt, Perſonen als Perſonen auftreten, nicht der- objektive Verſtand vder Vernunft ſich mit ſich beſpricht. (Vieles iſt, was wir zur bloßen Ironie ziehen.) Bei aller Energie der Aeußerung iſt dieß immer anerkannt, daß der Andere auch verſtändige, denkende Perſon iſt. Man muß .nimäßigſte zu ſeyn, ein Raiſonnement darzuſtellen , weil es hin und her geht; dieſes wird an verſchiedene Perſonen ver- theilt, damit die Sache lebendiger werde. Der Dialog hat den Nachtheil, daß der Fortgang von der Willkür herzukommen ſcheint; das Gefühl am Ende des Dialogs iſt, daß die Sache auch anders hätte - werden können. Bei den platoniſchen Dia- logen iſt ſcheinbar auch dieſe Willkür vorhanden ; dann iſt ſie entfernt, weil die Entwi&elung nur Entwikelung der Sache iſt, und dem dazwiſchen Redenden wenig überlaſſen iſt. Solche Perſonen ſind plaſtiſche Perſonen der Unterredung ; es iſt Ei- nem nicht um ſeine Vorſtellung, pour placer 80n mot, zu thun. Wie beim Abhören des Katechismus die Antworten vor- geſchrieben: ſo im Dialog daſſelbe; denn der Autor läßt den Antworter ſprechen, was er (der Autor) will. Die Frage iſt ſo auf die Spitze geſtellt, daß nur ganz einfache Antwort möglich iſt. Das iſt das Schöne und Große dieſer dialogiſchen Kunſt, die zugleich unbefangen und einfac< erſcheint. Es verbindet ſic nun mit dieſem Aeußerlichen der Per- ſönlichkeit zunächſt, daß die platoniſche Philoſophie nicht für ſich fich als ein eigenthümliches Fcld ankündigt, wo man eine eigene Wiſſenſchaft in eigener Sphäre beginnt (wir nicht auf einem eigenthümlichen Boden uns befinden): ſondern ſich auf die ge- wöhnlichen Vorſtellungen der Bildung überhaupt einläßt (wie Sokrates überhaupt), Theils die Sophiſten, Theils auch frühere“ Philoſophen einläßt, ebenſo in der Ausführung an Beiſpiele und Weiſen des gemeinen Bewußtſeyns erinnert, Eine ſyſtematiſche Expoſition der Philoſophie können wir nicht in dieſer Weiſe === n195 === 186 Erſter Theil. Griechiſche Philoſophie. finden. Es ift Unbequemlichkeit für's Ueberſchen; es ift kein Maaßſtab, .ob der Gegenſtand erſchöpft iſt oder nicht. Es iſt Ein Geiſt darin, beſtimmter Standpunkt der Philoſophie; der Geiſt tritt aber nicht in der beſtimmten Form hervor, die wir fordern. Die philoſophiſche Bildung Plato's war dazu noch nicht reif. Es iſt noh nicht die Zeit und die allgemeine Bil- dung für eigentliche wiſſenſchaftliche Werke. Die Jdee war noch friſch, neu; zur wiſſenſchaftlichen ſyſtematiſchen Darſtellung ift dieß erſt bei Ariſtoteles gediehen. Dieſer Mangel Plato's iſt dann auch Mangel in Anſehung der konkreten Beſtimmung der Jdee ſelbſt. Eine weſentliche Verſchiedenheit der Elemente in der Dar- flellung der platoniſchen Philoſophie in ſeinen Dialogen iſt, daß die bloßen Vorſtellungen vom Weſen, und . das begreifende Er- kennen deſſelben (in Weiſe der Vorſtellung und ſpekulativ zu ſprechen) dann überhaupt ſelbſt in einer yungebundeneren Weiſe vermiſcht iſt, beſonders in jener Weiſe zu einer mythiſchen Dar- ftellung fortzugehen; = eine Vermiſchung, welche in dieſem Anfange der eigentlichen Wiſſenſchaft in ihrer wahren Geſtalt nothwendig iſt. Plato's erhabener Geiſt, der eine Anſchauung oder Vorſtellung des Geiſtes hatte, durc) Zu viel finden die Aelteren, ſogenannten Neuplatoniker, welche a) Theils, wie fie die griechiſche Mythologie allegorifirten, ſie 'als einen Ausdru> von Jödeen darſtellten (was die Mythen allerdings ſind), ebenſo die Ideen in den platoniſchen Mythen erſt her- ausgehoben., wodurch fie die Mythen erſt zu Philoſophemen machten: denn darin befteht das Verdienſt der Philoſophie, daß das Wahre in der Form des Begriffes iſt; 28) Theils was in der Form des Begriffes bei Plato iſt, ſo für den Ausdru> des abſoluten Weſens (die Weſenlehre im Parmenides für Erkennt- niß Gottes) nahmen, daß Plato ſelbſt es nicht davon unter- ſchieden habe. Es iſt in den platoniſchen reinen Begriffen nicht die Vorftellung als ſol bar , daß man ſole nicht, und weiß, was Plato wollte. Wir haben jedoch nun zur Betrachtung der Philoſophie des Plato ſelbſt überzugehen. In der Darſtellung der platoniſchen Philoſophie kann Beides nicht gefondert, aber es muß bemerkt und anders beurtheilt werden, als beſonders von der letzteren Seite geſchehen iſt. Wir haben 1) den allgemeinen Begriff Plato's von der Philoſophie und dem Erkennen, 2) die beſonderen Theile der- ſelben, die bei ihm hervortreten, zu entwieln. Das Erſte ift die Vorſtelluag, die Plato vom Werthe der Philoſophie überhaupt hatte. Ueberhaupt ſchen wir Plato ganz durt überall die er- habenſten Vorſtellungen von der Würde der Philoſophie aus, -- fie allein ſey das, was der Menſch zu ſuchen hat; das tiefſte Gefühl und entſchiedenſte Bewußtſeyn, alles Andere für geringer zu achten. Er ſpricht mit der größten Begeiſterung davon; heut zu Tage wagen wir nicht, ſo davon zu ſprechen. Philoſophie iſt ihm das höchſte Befitthum. Unter- einer Menge von Stellen hierüber führe ich zunächſt eine aus dem Timäus an: „Die Kenntniß der vortrefflichſten Dinge fängt von den Augen an. Das Unterſcheiden des ſichtbaren Tags und der Nacht, die Mo- nate und Umläufe der Planeten haben die Kenntniß der Zeit erzeugt, und die Nachforſchung der Natur des Ganzen uns ge- geben. Woraus wir dann die Philoſophie gewonnen haben; und ein größeres Gut, als fie, von Gott den Menſchen gegeben, iſt weder gekommen, noch wird es je kommen.“ *) Am Berühmteſten und zugleih am Verrufenſten iſt das, was er hierüber in der Republik ſagt, und wie er ſein Bewußt- ſeyn ausdrü>t, =- wie „ſchr dieß den gemeinen Vorſtellungen der Menſchen widerſpricht. Es betrifft die Beziehung der Phi- loſophie auf den Staat, und fällt um ſo mehr auf, weil es die Beziehung der Philoſophie auf die Wirklichkeit ausdrükt. Denn wenn man ihr auch ſonſt wohl Werth beilegt, ſo bleibt fie da- bei doh in den Gedanken der Individuen; hier aber geht fie auf Verfaſſung, Regierung, Wirklichkeit. Nachdem Plato. dort den Sokrates den wahren Staat hat exponiren laſſen, ſo läßt er dieſe Darſtellung dur Glaukon unterbrechen, der verlangt, „daß er zeige, wie es möglich ſey, daß ein ſolce. Alle dieſe Zwee ſind nur Mittel, die Jdee hervorzubringen, weil ſie die abſolute Macht iſt. „Es kann als eine große Anmaßung erſcheinen, daß die Re- genten. Philoſophen ſeyn oder daß den Philoſophen die Regie- rung der Staaten in die Hände gegeben werden ſoll. Um je- doch dieſe Aeußerung zu beurtheilen, muß man wohl im Sinn haben, was unter Philoſophie im platoniſchen Sinne, im Sinne der damaligen Zeit verſtanden, was zur Philoſophie gerechnet wurde. Das Wort Philoſophie hat zu verſchiedenen Zeiten verſchiedene Bedeutungen gehabt. Es gab eine “Zeit, wo man einen Menſchen, der nicht an Geſpenſter, nicht an den Teufel glaubte, einen Philoſophen nannte. Wenn dergleichen Vorftel- Geſch. d. Phil. * 13 === n203 === 194 Erſter Theil. Griechiſche Philoſophie. lungen überhaupt vorbei find, ſo fällt es keinem Menſchen ein, jemanden deshalb einen Philoſophen zu nennen. Die Englän- der nennen das Philoſophie, was wir experimentirende Phyfik, Chemie nennen; ein Philoſoph iſt da jemand, der ſolhe Ver- fuche macht, theoretiſche Kenntniß der Chemie und des Maſchi- nenweſens befizt. Sprechen wir von platoniſcher Philoſophie, und ſehen, was darin gefaßt wird: ſo vermiſcht Philoſophie fich hier mit dem Bewußtſeyn des Ueberfinnlichen, das bei uns re- ligiöoſes Bewußtſeyn; fie iſt das Bewußtſeyn des an und für fich Wahrhaften und Rechten, das Bewußtſeyn und die Gültig- keit allgemeiner Zweke im Staate. In der ganzen Geſchichte von der Völkerwanderung an, wo die , das Wohl, das Beſte ſeines Staates ſich ſelbſt in ſeinen Handlungen und in allen Einrichtungen zum Princip gemacht hatte, gegen Traktate mit anderen Staaten, gegen die partikularen. Rechte in. ſeinem Lande; dieſe hat er unterworfen dem an und für fich allgemei- nen Zwe&ke. Wenn dann ſpäter ſo etwas zur Sitte, zur Ge- wohnheit geworden iſt: ſo heißen die folgenden Fürſten nicht mehr Philoſophen, wenn auch daſſelbe Princip vorhanden ift, und die Regierung, die Inſtitutionen vornehmlich, darauf ge- baut ſind. Das Reſultat hiervon iſt, daß, wenn Plato ſagt, die Phi- loſophen ſollen regieren, er das Beſtimmen des ganzen Zuſtan- des durch allgemeine Principe meint. Dieß iſt in den möder- nen Staaten viel mehr ausgeführt; es find allgemeine Principe weſentlich die Baſen der modernen Staaten, -- d. h. nicht ge- rade aller, aber doch der meiſten. Einige ſind ſchon auf dieſer Stufe, andere ſind im. Kampfe darüber; aber cs iſt allgemein anerkannt, daß ſolcen, ſo daß fie nur den Hintergrund der Höhle zu ſchen vermöden. . Weit hinter ihrem Rüden brennt von oben eine Fa>el. In dieſem Zwi- ſchenraume befindet ſic) oben der Weg und zugleich eine niedrige Mauer. Und hinter dieſer Mauer ,“ ' dem Lichte zu, „befinden ſich“ andere „Menſchen, die“ ſelbſt nicht über die Mauer her- vorragen, aber „über dieſelbe, wie die Puppen über ein Mario- netten = Theater, allerhand Bilder, Statuen von Menſchen und Thieren tragen, erheben, fie bewegen laſſen, und ſprechen bald dazu untereinander und ſchweigen bald ; ſo daß jene Angeſchmie- deten die Schatten hiervon, die auf die gegenüberſtehende Wand fallen, allein ſehen können. Sie würden dieſe Schatten,“ die ſo. und ſo gekehrt anders ausſehen, ,,für die wahren Weſen nehmen, =- dieſe ſelbſt vermögen fie aber nicht zu ſchen; „und was jene Anderen untereinander ſprechen, die ſie herumtragen, vernehmen ſie durch den Wiederhall und halten es für die Re- den dieſer Schatten. Wenn es nun geſchähe, daß Ciner los- gemacht würde, und den Na>en umkehren müßte, ſo daß er die Dinge ſelbſt jebt ſähe: ſo würde er glauben, das, was er jeßt erblike, ſeyen weſenloſe Träume, jene Schatten aber das Wahre. Und wenn ſie gar Jemand an das Licht ſelbſt aus ihrem Ker- === n206 === Erſter Abſchnitt. Philoſophie der Plato. 197 ker heraufzöge , würden ſie von dem Lichte geblendet ſeyn und nichts ſchen, und würden den'haſſen, der ſie an das Licht gezo- gen/“ als einen, der ihnen ihre Wahrheit genommen, und dage- gegen nur „Schmerz und Schaden zubereitet habe. *) Plato ſpricht mit Energie, mit allem Stolze der Wiſſen- ſchaft, = von der ſögenannten Beſcheidenheit der Wiſſenſchaft gegen andere- Wiſſenſchäften iſt. nichts zu finden, noh des Men- ſchen gegen Gott, = mit allem BVewußtſcyn, wie nahe und Eins mit Gott die menſchliche Vernunft iſt. Man erträgt es, es bei Plato zu leſen, einem Alten, als etwas nicht Präſentem. a. Dieſer Mythus hängt zuſammen mit der eigenthümlichen Vorſtellung der platoniſchen Philoſophie: nämlich dieſer Beſtim- mimung der Unterſcheidung der ſinnlichen Welt, und wie ſich die Vorſtellung der Menſchen macht, gegen das Bewußtſcyn des Veberſinnlichen, gegen das Bewußtſcyn der Idee. Und davon haben wir nun näher zu ſprechen: von der Natur des Er- kennens, den Ideen überhaupt, --- platoniſche Philoſophie ſelbſt. Die Philoſophie iſt ihm überhaupt Wiſſenſchaft des an fich Allgemeinen. Er drü>t dieß im Gegenſatze gegen das Ein- zelne ſo aus „Jdeen,“ immer wiederkehrend und darauf zurük- kommend. Näher beſtimmte Plato die Philoſophen als diejenigen, „welche die Wahrheit zu ſchauen begierig ſind. =- Dieß iſt rich- tig; aber wie erläuterſt Du es? =- Sokrates: I< ſage dieß nicht jedem; Du wirſt aber darin mit mir übereinſtimmend ſeyn. ==“ Worin? =- Daß, da das Gerechte dem Ungerechten entge- gengeſeßt iſt, es zwei ſind. =- Warum nicht? =- Ebenſo das Schöne dem Häßlichen, das Gute und Böſe, und ebenſo jedes andere eidog entgegengeſetzt ſey, jedes dieſer aber für ſich Cines ſey. Dagegen, durch die Gemeinſchaft mit den Handlungen oder. Körpern, und mit der Gegenſeitigkeit der Beziehung beider *) De Republica VII, p. 544 -- 516 (p, 326 -- 328). === n207 === 198 Erſter Theil. Griechiſche Philoſophie. aufeinander allenthalben, erſcheint (payzabduera) jedes als ein Vieles. =- Du ſagſt recht, =- I< unterſcheide nun hiernach ei» ner Seits die Schauluſtigen: und Künſteluſtigen und praktiſchen Menſchen, anderer Seits die, von denen die Rede iſt, welche man richtig allein Philoſophen nenut. == Wie meinſt Du das? == Nämlich ſolche , die gern ſchauen und hören (pe&odeduoreg xat ptänxoot), lieben, ſchöne Stimmen und Farben-und Ge- ſtalten zu ſehen und zu hören, und Alles, was aus dergleichen- beſteht; aber des Schönen Natur ſelbſt iſt ihr Gedanke unfähig zu ſchen und zu lieben. == So verhält es ſi<. =“ Die aber vermögen, auf das Schöne ſelbſt zu gehen, und es für ſich (xa aörs) zu ſehen, ſind dieſe nicht ſelten? =- Ja wohl. = Wer nun die ſchönen Dinge“ oder gerechten Handlungen ,„, für ſchön hält, nicht aber die Schönheit“ und die Gerechtigkeit „ſelbſt erfaßt, auch ſie nicht dafür hält (voz/Lw»), nom wenn Jemand ihn auf die Erkenntniß (7»dow, Gedanken) derſelben führt, folgen kann, -- meinſt Du, daß cr das Leben in einem wachen oder einem Traumzuſtande zubringe.“ So find fie die Nicht- Philoſophen, ſie gleichen Träumenden. „Sieh nämlien) nur Eigenſchaften der Dinge ſind: ſondern indem dieß Allgemeine als das an und für fich ſelbſt Seyende, als das Weſen genommen wird, als dasjenige, was nur iſt, - was nur Wahrheit hat. Der Mißverſtand der platoniſchen X) Diog. Latrt. VI, 8. 53; cf. Plat, de Rep. VI, p. 508 (p. 349). === n209 === 200 Erſter Theil. Griechiſche Philoſophie. Ideen geht nach zwei Seiten: die eine für das Denken, welches formal iſt, und allein das Sinnliche für Realität hält. Für ein ſol gebraucht, die ſinnlichen Dinge ſeyen dem, was an und für ſich iſt, ähnlich, oder die Idee ſey Muſter, Vorbild: ſo werden denn dieſe Ideen zu einer Art von Dingen, die in einem anderen Verſtande, in einer außerweltlichen Ver- nunft, weit von uns entfernt, Bilder find, wie das Vorbild des Künſtlers, nach dem er eine gegebene Materie bearbeitet, und es ihr eindrü>t, --- abgelöſt ebenſo von dieſer ſinnlichen gegen- ftändlichen Wirklichkeit, die für Wahrheit 'gilt, als von der Wirklichkeit des einzelnen Bewußtſeyns. Sie ſind ce) zwar nicht geradezu Dinge, die anderswo liegen, die wir nur nicht ſehen, aber Vorgeſtellte , Bilder; 2) dasjenige, deſſen urſprüng- liche Vorſtellungen ſie ſind, ihr Subjekt, tritt außer dem Be- wußtſeyn, es wird ſelbſt nur vorgeſtellt als ein Anderes des Bewußtſeyns. Das zweite Mißverſtändniß, das in Anſchung der Jdeen vbwaltet, iſt, wenn die Jdee nicht außer unſerem Bewußtſeyn verlegt wird, als ob es Jdeale unſerer Vernunft ſeyen, welche entweder unſerer Vernunft nothwendig, ihre Erzeugungen aber keine Realität haben, oder etwas, das nicht erreicht werden könne. Wie dort das Jenſeits ein außerweltliches Vorſtellen ift, ſo iſt es hier unſere Vernunft, als ein ſolches Jenſeits der Rea- lität. Wenn fie auch ſo genommen werden, daß ſte in uns die === n210 === Erſter Abſchnitt. Philoſophie des Plato. 204 Formen der Realität, Anſchauungen ſind: ſo iſt es aber wieder ein .Mißverſtand, als ob fie äſthetiſcher Natur wären; ſo daß fie beſtimmt find als intellektuelle Anſchauungen, welche fich un- mittelbar geben müſſen und entweder einem glü>lichen Genie oder auch einem Zuſtande der Entzü>kung und Begeiſterung an- gehören, = Einbildungen der Phantafie. Allein dieß iſt: der Sinn Plato's und der Wahrheit nicht. Sie ſind nicht unmittel» bar im Bewußtſeyn, ſondern fie ſind im Erkennen. Sie find nur inſofern Anſchauungen oder unmittelbar, daß ſie das als Re- ſultat in ſeine Einfachheit zuſammengefaßte Erkennen ſind; oder die unmittelbare Anſchauung iſt nur das Moment ihrer Einfach- heit. Man hat ſte deswegen nicht, ſondern ſie werden durch das Erkennen im Geiſte hervorgebrac der Erinnerung häufig den empiriſchen, erſten Sinn. Dieſen wahrhaften Begriff, daß das Bewußtſeyn an ſich ſelbſt dieß iſt, trägt Plato nun zum Theil in der Weiſe der Vorſtellung und mythiſch vor. Es iſt ſchon erwähnt, daß er das Lernen eine Erinnerung nennt. Daß es dieß ſey, zeigt er im Meno an einem Sklaven, der keine Unterweiſung erhalten hatte. Sokrates fragt ihn und läßt ihn nach ſeiner eigenen === n214 === Erſter Abſchnitt. Philoſophie der Plato, 9205 Meinung antworten , ohne ihn etwas zu lehren, oder etwas als Wahres zu verſichern (beizubringen); und bringt ihn dadurch endlich zum Ausſprechen eines geometriſchen -Sates vom Ver- hältniſſe des Diameters eines Quadrats zu der Seite deſſelben. Der -Sklave ruft die Wiſſenſchaft nur aus fich ſelbſt hervor, ſo daß es ſcheint, er erinnere fich nur an etwas, das er ſchon ge- wußt, aber vergeſſen hatte. Wenn nun Plato ſich hier dicß Hervortreten der Wiſſenſchaft aus dem Bewußtſeyn eine Erinne- rung nennt, ſo kommt die Beſtimmung dadurch hinein, daß dieß Wiſſen ſchon einmal wirklich in dieſem Bewußtſeyn geweſen iſt: d. h. daß das einzelne Bewußtſeyn nicht nur an ſich, ſeinem Weſen nach, den Inhalt des Wiſſens hat, ſondern auch als die- ſes einzelne Bewußtſeyn, nicht als allgemeines, ihn ſchon beſeſſen habe. *) Aber dieß Moment der Einzelnheit gehört nur der Vor- ſtellung an, dieſer Menſch iſt das finnlihe Allgemeine; denn Erinnerung bezieht fich auf Dieſen als ſinnlichen Dieſen, nicht als allgemeinen. Erinnerung gehört der Vorſtellung an, iſt nicht Gedanke. Das Weſen des Hervortretens der Wiſſenſchaft iſt deswegen hier vermiſcht mit Einzelnem, mit der Vorſtellung. Es tritt hier das Erkennen in der Form der Seele ein, als des an ſich ſeyenden Weſens, des Eins, da die Seele nur Moment des Geiſtes iſt. Und Plato geht hier in das Mythiſche über (mythiſch bildet er dieß weiter aus), in eine Vorſtellung, deren Inhalt nicht mehr die reine Bedeutung des Allgemeinen, ſon- dern des Einzelnen hat, Er ftellt alſo jenes Anſichſeyn des Geiſtes in der Form ei- nes Vorherſeyns in der Zeit vor: das Wahrhafte muß alſo ſchon zu einer anderen Zeit für uns geweſen ſeyn. Aber zu- gleich iſt zu bemerken, daß er dieß nicht als eine philoſophiſche Lehre, ſondern in Geſtalt einer Sage (Mythos ) giebt, „welche er von Prieſtern und Prieſterinnen empfangen, die ſich auf das, *) Meno, p. 82 -- 86 (p. 350 -- 359). === n215 === 206 Erſter Theil. Griechiſche Philoſophie. was göttlich iſt, verſtehen. Aehnliches erzähle auch Pindar und andere göttliche Männer. Nach dieſen Sagen ſey die, Seele des Menſchen unſterblich , und höre jet auf zu ſeyn, was man ſterben nenne, und komme wieder ins Daſeyn (4 ytyve- oa), gehe aber keineswegs unter. Wenn nun die Seele un- ſterblich iſt und oft wieder hervortritt“ (Seelenwanderung) „und das, was ſowohl hier als im Hades“ =“ im Unbewußten =- „iſt, und Alles geſchen hat: ſo findet kein Lernen mehr Statt, und ſie erinnert ſich nur deſſen, was ſie ſchon weiß, =“- was nur die Seele ehemals angeſchaut habe.“ *) Das iſt Anſpielung auf Yegyptiſches. Die Menſchen greifen nach der finnlihen Be- ftimmtheit: Plato habe ſtatuirt, angenommen. Ucber ſo etwas hat Plato gar nicht ſtatuirt. Es gehört gar nicht zur Philoſo- phie, auch ausdrüklich nicht zu der ſeinigen; nachher noh mehr ſo von Gott. ß8. Im Phädrus iſt dann dieſer Mythus weiter und glän- zender ausgeführt; er bringt eben dieſen gewöhnlichen Sinn der Erinnerung herbei, daß der Geiſt des Menſchen das in vergan- gener Zeit geſchen habe, was fich ſeinem Bewußtſeyn vom Wahrhaften, Anundfürſichſeyenden entwi>elt. Es iſt ein Haupt- bemühen des Plato, zu zeigen, daß der Geiſt, die Seele, das Denken an und für fich iſt; und daß dann ſo dieſe Beſtimmung die Form erhält, in der Behauptung liegt, daß die Wiſſenſchaft nicht gelernt werde, nur ſey ein Crinnern deſſen, das in dem Geiſte, in der Seele als ſolcher vorhanden ſey. Daß die Secle das Denkende " und das Denken frei für fich ſey, hat bei den Alten, beſonders aber bei der platoniſchen Vorſtellung, einen un- mittelbaren Zuſammenhang mit dem, was wir die Unſterb- lichkeit der Seele nennen. Im Phädrus ſpricht er davon, „um zu zeigen, daß der Eros eine göttliche Raſerei, und uns zur größten Glüdſeligkeit gegeben ſey.“ Es iſt dieß ein En- X) Meno p. 81 (p. 348 -- 349). === n216 === Erſter Abſchnitt, Philoſophie der Plato. 207 thuſtasmus, der hier eine mächtige, Alles überwiegende Richtung auf die Jdee hat; = Bewußtſeyn, Wiſſen des Idealen, nicht Anſchauen, nicht der Enthufiasmus der Bruſt, der Empfindung. Er ſagt: „Er müſſe die Natur der göttlichen und menſchlichen Seele auseinanderlegen, um den Eros zu zeigen.“ =- „Das Erſte iſt, daß die Seele unſterblich iſt. Denn was ſich ſelbſt bewegt, ift unſterblich , unvergänglich ; was aber feine Bewegung von ei- nem Anderen hat, iſt vergänglich. Was ſich ſelbſt bewegt, iſt Princip; denn es hat ja ſeinen Urſprung und Anfang in ihm felbſt und von keinem Anderen. Und ebenſo wenig kann es aufhören, fich zu bewegen; denn nur das hört auf, was ſeine Bewegung aus einem Anderen hat.“ *) Plato entwielt alſo zuerſt den einfachen Begriff der Seele als des ſich ſelbſt Bewe- genden, die inſofern Moment des Geiſtes. Das eigentliche Le- ben des Geiſtes an und für ſich iſt das Bewußtſeyn der Abſo- lutheit und Freiheit des Ite, ſondern die Schönheit und Gerechtigkeit ſelbſt.“ *) Das Leben der Götter iſt alſo für die Seele; in dem einzelnen Sc Bewußtſeyn; dieß iſt das Bekannte, von dem wir anfangen. Daß dadurch das Wahre gegeben werde, iſt eine Vorſtellung, der Plato durchaus entgegengeſeßt iſt, als der Lehre der So-' phiſten ; ſo ſahen wir es beim Protagoras. Beim Gefühl kommt leicht Mißverſtand vor. Alles iſt im Gefühl, wie jene plato- niſche zuyio: des Schönen. Das Wahre iſt hier in der Weiſe des Gefühls; das Gefühl als ſolches iſt nur Form. Mit dem Gefühl macht man Willkür zur Beſtimmung des Wahren. Was der wahrhafte Inhalt ſey, iſt niht durc< das Gefühl gegeben; denn da hat aller Inhalt Plas. Auch der höc) äußerliche Erſcheinung , Bilder im Waſſer, Schatten, und was in den dichten, glatten, glänzenden und dergleichen Körpern iſt. 88) Die zweite Art begreift dasjenige, dem jenes ähnlich iſt: Die Thiere, Pflanzen/“ dieſe konkrete Lebendigkeit, „Gefäße, die wir verfertigen“ (xal 75 oxevaoröy 040» y8vog, totum fabricae genus). f) Im Intelligibeln iſt auch ſolcher zwiefacher Inhalt: aa) „Das Eine Mal gebraucht die Seele die Bilder jenes Ge- theilten“ (Sinnlichen, Mannigfaltigen), „ift genöthigt von Grund- lagen aus zu forſchen, indem ſie nicht geht auf den Anfang (Princip, 80x»), ſondern zum Ende (Reſultat). 88) Die andere Gattung, das in der Seele ſelbſt Gedachte, iſt die, wo die Seele von einer Grundlage, Vorausſezung zu einem Principe ausgeht, das nicht hypothetiſch iſt, und ohne die Bilder, die wir zu Jenem gebrauchen, durch die Ideen (8202) felbſt, den Weg (uEFo0007) macht. In der Geometrie, Arithmetik und ähnlichen Wiſſenſchaften ſet man voraus das Gleiche und Ungleiche, und Figuren und drei Arten von Winkeln und dergleichen. Und indem man von ſolchen Grundlagen (v7r0F80e1g) ausgeht, ſo glaubt man nicht nöthig zu haben, davon, als von einem Allen Bekannten Rechen- ſchaft zu geben. Ferner weißt Du, daß ſie fich der Figuren, die ſichtbar ſind, bedienen, und von ihnen ſprechen, obgleich fie nicht dieſes 7 (nur) „im Yydanken haben (zzegt robrwy Eravoolue- === n228 === Erſter Abſchnitt. Philoſophie des Plato. 2149 vot), ſondern diejenigen, wovon dieſe nur die Abbilder ſind (8xel- »o»v nE0t, olg TaDra Zoe), indem ſie ihre Betrachtung (Be- ſtimmungen, 20yovs) um des Viere>s ſelbſt machen und ſeiner Diagonale willen, nicht um jenes willen, das fie hinzeichnen; und ebenſo mit den anderen Dingen.“ Man hat beſtimmte Fi- guren vor fich (ſo verfährt man); die Figuren find nicht als beſtimmte gemeint, mit dieſem Dreie> meine ich das Dreie> überhaupt, das allgemeine, es iſt 'nicht um das Sinnliche als ſolches zu thun. „Diejenigen Figuren, welche ſie zeichnen und beſchreiben (welche auch einen Schatten geben und im Waſſer Bild abſpiegeln), =- das Alles gebrauchen fie nur als Bilder, und ſuchen deren Originale zu ſehen, die man nicht anders als mit dem Gedanken, Nachdenken (77) &&avolg) ficht,“ nicht finn- li<; aber ihr Gegenſtand iſt nicht reines Verſtandesweſen. ==“ „Wahrhaftig! = Dieſes nun habe ich oben diejenige Gattung des Gedachten (»o7yrod 70 eidog) genannt, zu deſſen Erforſchung die Seele genöthigt iſt, Hypotheſen zu gebrauchen, weil ſie nicht auf das Princip geht, indem ſie nicht über die Hypotheſen“ =- jene Vorausſezungen =- „hinausgehen kann, aber dieſe unterge- ordneten Bilder gebraucht als Bilder, die jenen vollkommen gleich gemacht und ganz ſo beſtimmt ſind. -- J< verſtehe, daß Du von dem redeſt, was in Geometrie und anderen dergleichen ' verwandten Wiſſenſchaften geſchieht. =- Lerne jetzt den anderen Abſchnitt des Gedachten (07705) kennen, welchen die Vernunft (406y0g) ſelbſt berührt, indem fie durch die Kraft (Vermögen) der Dialektik Hypotheſen macht, nicht als Principien, ſondern in der That (76 ö»r1) nur als Hypotheſen, als Auftritte und Ausgangspunkte (8&rß&oeis 78 xat 00165); damit fie bis zum Vorausſetungsloſen ( &yvro&Erov), zum Princip des Alls ge- lange (700 7ravrög &0x7v)/' das an und für ſich iſt, „es erfaſſe (6 paguerog), und wieder das erfaſſend, was von jenem gefaßt wird, ſo wieder zum Ende (T7e4&8v77)») herabſteige, indem ſie da- bei ganz und gar kein Sinnliches gebrauche, ſondern nur die === n229 === 220 Erſter Theil. Griechiſche Philoſophie. Gattungen ſelbſt, und ſo durch ſte ſelbſt zu ihnen am Ende ge- lange. (voig eideow aubroig di abra» eig abr&, xat Tekeurä eig ei07.)“ . Dieß zu erkennen, iſt das Intereſſe und das Ge- ſchäft der Philoſophie ; dieß wird vom reinen Gedanken an und für fich erforſcaZ&EyeoFar), vom Seyenden und Gedachten betrachtet wird, klarer (o>peoz890», richtiger), ſey als was von jenen genannten Wiſſenſchaften, welchen &e Hypotheſen Principien ſind, und wo die, welche ſic betrachten, genöthigt find, mit dem Verſtande (77) d&ia»olg), . aber nicht mit den Sinnen zu betrachten. Weil fie nicht auf das abſolute Princip (80x7») überhaupt hinaufſteigen in ihrer Betrachtung , ſondern .aus Hypotheſen ſpekuliren: ſo ſcheinen ſie nicht den Gedanken bei dieſen Gegenſtänden ſelbſt zu haben (v0ö» odx Toxe zept avrd), ob dieſe Gegenſtände gleich Ge- danken find mit einem Princip (voyro» 0yrwy uerä &px7s). Die Verfahrungsweiſe (Denkweiſe, ES») der Geometrie und der ihr - verwandten Wiſſenſchaften ſcheinſt Du mir Raiſonnement (d18votav) zu nennen; und hiermit ſo, daß das Raiſonniren“ (Schließen, reflektirende Erkennen) „zwiſchen dem »oDs und der 05a fich befindet. =- Du haſt ganz richtig aufgefaßt. Gemäß dieſen vier Unterſcheidungen, will . ich die vier Verhaltungsweiſen der Seele nennen: a) »07yo15, Begreifen, Denken von dem Höchſten (872 .7G ävwrarw); ß) &dravorc von dem Zweiten (Erzi zG devr&gm); y/) das Dritte heiße Glaube (7rior:tg)“ zu Thieren, Pflanzen weil ſie lebendig, homogener, identiſcher mit uns, == wahre Meinung; 0) „und das Letzte die Vorſtellung oder das bildliche Wiſſen“ (8ixao(«, imaginatio, assimilatio). „Das find Stufen der Wahrheit, Klarheit.“ *) 'x) De Republica VI, p. 509 -- 511 (p, 321 -- 323). === n230 === Erſter Abſchnitt, Philoſophie des Plato. 92951 Plato beſtimmt ſo als erſte Weiſe das Sinnliche; als eine andere Weiſe beſtimmt er die Reflexion, ſofern ſie das Denken einmiſcht in das zunächſt ſinnliche Bewußtſeyn. Und hier, ſagt er, iſt der Ort, wo die Wiſſenſchaft überhaupt hervorkritt ; fie beruht auf dem Denken, Beſtimmung allgemeiner Principe, Grundlagen, Hypotheſen. Dieſe Hypotheſen werden nicht durch die Sinne ſelbſt betrachtet, find nicht für fich ſinnlich ; ſie gehö- ; ren allerdings dem Denken an. Aber dieß iſt ſo noch nicht die wahrhafte Wiſſenſchaft; dieſe beſteht darin, das Allgemeine für fich ſelbſt, das geiſtige Allgemeine zu betrachten. Sinnliches Be- wußtſeyn,- zunächſt ſinnliche Vorſtellung, Meinung, unmittel- bares Wiſſen, hat Plato unter. den Namen 005« begriffen. In der Mitte zwiſt) das Allgemeine eben die Ein- heit ſolcher entgegengeſezten Begriffe. Das vollkommene Be- wußtſeyn über dieſe Natur der Dialektik finden wir nun zwar nicht bei Plato, aber fie ſelbſt: nämlich das abſolute Weſen auf dieſe Weiſe in reinen Begriffen erkannt, und die Darſtellung der Bewegung dieſer Begriffe. Was das Studium der platoniſchen Dialektik erſchwert, iſt dieſe Entwi&elung und das Aufzeigen des Allgemeinen aus den Vorſtellungen. Dieſer Anfang, der das Erkennen zu erleichtern ſcheint, macht wieder die Schwierigkeit größer, da er in ein Feld hineinzieht, worin ganz Anderes gilt, als in der Vernunft, und dieß Feld gegenwärtig macht; da hingegen, wenn in den reinen Begriffen allein fortgegangen und fich bewegt wird, gar nicht an jenes erinnert wird. Allein gerade dadurch gewinnen die Begriffe auc< größere Wahrheit. Denn die rein logiſche Bewegung ſcheint uns ſonſt leicht für ſich zu ſeyn, ein eigenes Land , wel- hat, die endlichen Vorſtellungen der Menſchen zu verwirren und aufzulöſen, um . das Bedürfniß der Wiſſenſchaft, dieſe Richtung auf das, was iſt, in ihrem Bewußtſeyn, hervorzubringen. Viele -Dialogen des Plato haben dieſen Zwe>, und fie enden ohne einen affirmati- ven Inhalt. Ein Jnhalt, den er ſehr oft behandelt, iſt, daß er von der-Tugend, Wiſſenſchaft aufzeigt, daß nur Eine Tugend, nur Eins das Wahre iſt; ex macht dann ſo das allgemeine Gute hervorgehen aus den beſonderen Tugenden. Die Dialektik hat inſofern das Intereſſe, hat die Wirkung, das Beſondere zu konfundiren; und dieß geſchicht dadur<, daß aufgezeigt wird ſeine Endlichkeit, die Negation, die in ihm vorhanden iſt, daß es nicht in der That iſt, was es iſt, ſondern in ſein Gegentheil Übergeht, daß es eine Grenze hat, eine Negation ſeiner, die ihm weſentlich iſt. Wird dieſe aufgezeigt, fefigehalten: ſo vergeht es, iſt ein Anderes, als das, für welches es angenommen wird." Dieſe Dialektik iſt die Bewegung des Gedankens; ſie iſt we- ſentlich auf äußerliche Weiſe, für das reflektirende Bewußtſeyn nöthig, um das Allgemeine, was unſterblich iſt, an und für fich iſt, unveränderlich iſt, hervorgehen zu laſſen. Die Dialektik, um das Beſondere aufzulöſen, und ſo das Allgemeine zu produciren, iſt noch nicht die wahrhafte Dialektik, noc< nicht in ihrer wahr- - haften Richtung; es iſt eine Dialektik, die Plato gemeinſchaft- lich hat mit den Sophiſten, die es ſchr gut verſtanden, haben, das Beſondere aufzulöſen. Geſch, d. Phil. * : 15 === n235 === 226 Erſter Theil, Griechiſche Philoſophie. Die weitere Dialektik hat dann die Veſtimmung, das All- gemeine, das durch die Verwirrung des Beſonderen hervorgeht, in ihm ſelbſt zu beſtimmen, und in ihm die Gegenſäte aufzulöo- ſen; ſo daß dieſe Aufloſung des Widerſpruchs das Affirmative iſt. So iſt das Allgemeine beſtimmt als- das, welches die Wi- derſprüche , die Gegenſätze in ſich auflöſt, in ſich aufgelöſt hat, mithin als das Konkrete, als das-»in ſich Konkrete. Die-Dia- lektik in dieſer höheren Beſtimmung iſt die eigentlich platoniſche. So iſt die Dialektik als ſpekulativ, nicht mit einem negativen Reſultat endigend; ſondern ſie zeigt die Vereinigung der Ge- genſäße auf, die fich vernichtet haben. Hier fängt das für den Verſtand Schwierige an. Auch Plato iſt ſelbſt noch auf raiſon- nirende Weiſe dialektiſch; die Form der Methode iſt noch nicht rein für fich ausgebildet. Seine Dialektik iſt oft bloß raiſonni- rend, von einzelnen Gefichtspunkten ausgehend ; oft hat fie nur ein negatives Reſultat, oft iſt ſie ohne Reſultat. Anderer Seits iſt Plato ſelbſt gegen dieſe nur raiſonnirende Dialektik gerichtet, aber man ficht, daß es nicht ohne Shwierigkeit iſt; es macht ihm Mühe, den, Unterſchied gehörig hervorzuheben. Was nun die ſpekulative Dialektik des Plato anbetrifft, ſo iſt dieß, was bei ihm anfängt, das Intereſſanteſte, aber auch das Scwierigſte in ſeinen Werken; ſo -.daß man es gewöhnlich nicht kennen lernt, indem man platoniſche Schriften ſtudirt. Das Widhtigſte in der platoniſchen Philoſophie iſt bei Tennemann gerade gar nicht aufgefaßt, =- Einiges als dürre ontologiſche Beſtimmungen zuſammengetragen. Es iſt geiſtlos, zu ſchen beim Plato, ob was für fte abfällt. Was find nun dieß für Gedanken, auf die es ankommt? Was find die reinen Gedanken? Denn die &&voc unterſcheidet Plato davon. Man kann über Vieles Gedanken haben, wenn man übrigens Gedanken hat. So meint es Plato nicht. Die wahrhaft ſpekulative Größe Plato's, das, wodurch er Epoche macht in der Geſchichte der Philoſophie und damit in der Welt- === n236 === Erſter Abſchnitt. Philoſophie des Plato. 297 geſchichte überhaupt, ift die nähere Beſtimmung der Idee, =- eine Erkenntniß, welche denn einige Jahrhunderte ſpäter über- haupt das Grundelement in der Gährung der Weltgeſchichte und der neuen Geſtaltung des menſchlichen Geiſtes ausmacht. Dieſe nähere Beſtimmung kann aus dem Vorhergehenden ſo gefaßt werden, daß Plato a) das Abſolute gefaßt hat als das Seyn des Parmenides, aber als das Allgemeine identiſch mit dem Nichts, wie Heraklit ſagt, das Seyn iſt fo wenig, als das Nichts, = dieß Werden in Einem: 9) die pythagoräiſche Drei- heit (in Zahlbeſtimmungen) in Gedanken ausgedrü>t hat; =- überhaupt das Abſolute als Einheit des Seyns und Nichtſeyns, Einen und Vielen gefaßt hat. -Plato iſt Vereinigung der vor- hergehenden Principien: a) Seyn, aber als Allgemeines, Gutes, Wahres, Schönes, beſtimmt als Gattung, Zwe, d. h. über das Beſondere, Mannigfaltige herrſchend, es durchdringend , produci- rend, =“ dieſe ſelbſtproducirende Thätigkeit iſt noch nicht ent- wikelt, Plato verfällt oft in äußerliche Zwe&>mäßigkeit; 2) Be- ftimmtheit , Unterſchied, pythagoräiſche Zahlen; 7) Heraklit's Veränderung und eleatiſche Dialektik: leßtere äußerliches Thun des Subjekts, den Widerſpruch zu zeigen, =- jett objektive Dia- lektik (Heraklit), Veränderung, Uebergehen der Dinge an ihnen ſelbſt, d. i. der Jdeen, d. i. hier ihrer Kategorien, nicht die äu- ßerliche Veränderlichkeit, ſondern inneres Uebergehen aus und durch ſich ſelbſt; .5) Sokrates? Denken, das Sokrates nur zum Behuf der moraliſchen Reflexion in fich des Subjekts aufgege- ben, als objektiv, =- die Jdee iſt Allgemeines, Gedanke, und iſt. Die vorhergehenden Philoſophien verſchwinden, nicht weil ſie wi- derlegt ſind, ſondern in ihm. Platon's Unterſuchung verſirt ganz im reinen Gedanken; und die reinen Gedanken an und für fich betrachten, heißt Dia- lektik. *) Viele ſeiner Dialoge find ſo dialektiſc<. Solche reine *) De Republic. VII, p. 538 -- 539 (p. 370 -- 374): „Durdelung aufgezeigt. Durch die dialektiſche Bewegung und Reduktion zum Reſultate würde man die beſtimmte Jdee erhalten. Es iſt nun Mangel bei Plato, daß Beides auseinander fällt. Er ſpricht von Gerechtigkeit, Gutem, Wahren. Es iſt dabei nicht ihre Entſichung aufgezeigt; ſie erſcheinen nicht als Reſultat, ſondern als unmittelbar aufgenommene Vorausſezung. Das Bewußt- ſeyn hat die unmittelbare Ueberzeugung, daß fie der höchſte Zwe> === n239 === 930 Erſter Theil. Griechiſche Philoſophie. find; abex dieſe ihre Beſtimmtheit iſt nicht gefunden. Viele Dialoge enthalten ſo nur negative Dialektik; das iſt die ſokra- tiſche Unterredung. Zwecke, Vorſtellungen, Meinungen der In- dividuen werden verwirrt, um Bedürfniß nac< Erkenntniß zu er- ween. Dieß läßt uns unbefriedigt, weil die Konfuſion das Letzte iſt. Konkrete Vorſtellungen, nicht reine Gedanken werden behandelt. Andere Dialoge ſtellen Dialektik reiner Gedanken dar; ſo der Parmenides. Das dogmatiſche Werk Plato's über die Jdeen ift verloren; in ſeinen mündlichen Reden verfuhr er auch ſyſtematiſch. Aber es ſind auch nok legen wir den Haupt - Accent auf die Einheit. .Da verſchwindet der- Unterſchied, als wenn wir nur von ihm abftra- hirten. Plato hat ſic) den Unterſchied derſelben ebenſo auch zu erhalten geſucht. Der Sophiſt iſt weitere Ausführung des Seyns * und Nichtſeyns: Alle Dinge ſind, haben ovold, ebenſo kommt ihnen auch oöx ö» zu; indem die Dinge verſchieden find, eins das andere des anderen, ſo liegt auch die Beſtimmung des Ne- gativen darin. Er ſagt alſo: Das Seyende hat Theil am Seyn, aber ebenſo auch am Nichtfeyn; das Theilhabende hat - ſo Beides in Einem, dieſes iſt dann aber auch ebenſo verſchie- den vom Seyn und Nidtſeyn. Vorerſt drü>kt Plato im Sophiſten das nähere Bewußtſeyn über die Ideen als abſtrakte Allgemeinheiten aus: Daß fie nur dieß ſind, dabei iſt nicht ſtehen zu bleiben; es iſt der Einheit der Jdee mit ſich ſelbſt entgegen. Plato widerlegt a) das Sinn- liche, 8) die Jdeen. Plato betrachtet daſelbſt die zwei Vorſtel- lungen: 4) „daß das Subſtantielle nur das Körperliche ſey“ (ſpäter Materialismus ), „und nichts Realität habe, als was man mit den Händen greifen könne, Steine und Eichen.“ 2) „Gehen wir zu den Anderen, zu den Freunden der Jdeen. Ihre Vorſtellung iſt, daß das Subftantielle unkörperlich , intel- lektuell ſey; und fie trennen das Feld der Veränderung (78»8- &y) davon ab: -In die Veränderung, Werden (7»8o» ) falle das Sinnliche, = das Allgemeine ſey für ſich. Dieſe ſtellen die Jdeen als unbeweglic< vor, und. ſchen die Beſtimmungen der Aktivität und Paſſivität.“ Plato ſckt entgegen: ,,daß dem wahrhaft Seyenden (rayre&8s öyr1) Bewegung, Leben, Seele und Denken (p00»77015) nicht abgeſprochen werden können, daß der voDg nirgends und in Keinem ſeyn könne, wenn cs unbe- wegt iſt.“ *) Plato hat ein ausdrüFliches Bewußtſeyn, „weiter *) Sophista, p: 246 -- 249 (p. 490 -- 196): === n241 === 233 Erſter Theil. Griechiſche Philoſophie. gegangen zu ſeyn, als Parmenides:“ „Das Nictſeyn iſt gar nicht ; und Du halte den Gedanken entfernt von dieſem Wege.“ *) Dieſe Dialektik nun kämpft hauptſächlich gegen zweierlei: Erſtens gegen die allgemeine Dialektik , Dialektik im gewöhn- lichen Sinne. . Von dieſer haben wir auch ſchon geſprochen ; Beiſpiele finden fich beſonders bei den Sophiſten, auf deren (falſche) Dialektik Plato oft zurükkommt. (Dieſer Unterſchied iſt nicht klar genug behandelt.) Die Sophiſten (Protagoras) und Andere ſagten ſo: Es iſt nichts an und für fich; bitter iſt nichts Objektives, was Einigen bitter, iſt für Andere ſüß; eben- ſo iſt groß, klein u. ſ. f. relativ, das Große iſt unter anderen Umſtänden klein, das Kleine groß; ebenſo Mehr oder Weniger. So iſt keine Beſtimmung feſt. Plato erklärt fich hiergegen. Plato unterſcheidet hier dieſe reine dialektiſche Erkenntniß (Ein- ſicht, dem Begriffe, dem Weſen nach) von der gemeinen Vor- ſtellungsart des Entgegengeſebten auf beſtimmte Weiſe. Die Einheit des Entgegengeſeßten ſchwebt nämlich jedem Bewußtſeyn überhaupt vor; aber das Bewußtſeyn, dem das Vernünftige nicht zum Bewußtſeyn kommt, hält dabei das Entgegengeſetßte immer augeinander. Daß Alles Eins iſt, ſagen wir von jedem Dinge: „Es iſt dieß Eine, und ebenſo zeigen wir auch die Vielheit an ihm auf, viele Theile und Eigenſchaften -- aber es- wird da- bei geſagt: „„Es ſey in ganz anderer Rükſicht Eins, als es Vieles. iſt“ =; bringen dieſe Gedanken nicht zuſammen. So geht das Vorſtellen und Reden von Cinem herüber und hinüber zum Anderen. Dieß Herüber- und Hinübergehen, mit Bewußtſeyn angeſtellt, ſo iſt es die leere Dialektik", die die Gegenſätze nicht vereinigt, und nicht zur Cinheit kommt. Plato ſagt hierüber: „Wenn Jemand ſeine Freude daran hat, als ob er etwas Shweres gefunden hätte, daß er die Ge- danken ( zovs Z6yovs, die Gründe) von einer Beſtimmung zur F) Sophista, p- 258 (p. 249). === n242 === Erſter Abſchnitt. Philoſophie des Plato. 233 anderen herüber- und hinüberzieht: ſo-hat er nichts Preiswür- diges gethan,“ iſt im Irrthum; nämlich man zeigt Mangel, Negation am Einen, und geht zum Anderen. „Denn das iſt weder etwas Vortreffliches, nom Schweres.“ Jene Dialektik, - die eine Beſtimmung aufhebt, indem fie die andere konſtatirt, iſt eine unrichtige. „Das Scſficht; nac Plato's iſt: Das, was das Andere iſt, iſt Daſſelbe, iſt das mit fich Identiſche; das Andere, das nicht mit fich Identiſche iſt auch Daſſelbe, das Sichſelbſigleiche iſt auch das Andere, und zwar in Ein und derſelben Beziehung. Dieſe Einheit iſt nicht darin, wenn man z. B. ſagt: I< oder Sokrates bin Ciner. Jeder iſt Einer, aber er iſt auch ein Vieles, hat viele Glieder, Organe, Eigenſchaften u. ſ. f.; er iſt Einer und auch Vieles. So ſagt man wohl Beides von Sokrates, daß er Einer ſey, in fich ſelbſt gleich, und auch das Andere, Vieles, in ſich ungleich. Dieß iſt eine Einſicht, ein AusdruE, der im gewöhnlichſten Be- wußtſeyn vorkommt. Man nimmt es ſo an: Er ift Einer, nach anderer Rüsficht auch ein Vieles; und man läßt ſo die zwei Gedanken auseinanderfallen. Das ſpekulative Denken aber be- ſicht darin, daß man die Gedanken zuſammenbringt; man muß fie zuſammenbringen, das iſt es, worauf es ankommt. Dieß Zu- ſammenbringen der Verſchiedenen, Seyn und Nichtſeyn, Cins und Vieles u. ſ. f., ſo daß nicht bloß von Einem zum Anderen übergegangen wird, -- dieß iſt das Innerſte, und das wahrhaft Große der platoniſchen Philoſophie. Jedoch nicht in allen Dia- logen kommt Plato auf dieſe Beſtimmung; beſonders ift dieſer === n247 === 238 Erſter Theil. Griechiſche Philoſophiso. höhere Sinn in dem Philebus und Parmenides enthalten (bei Tennemann gar nicht davon die Rede). Es" iſt das Cſoteriſche der platoniſchen Philoſophie, das Andere iſt das Exoteriſche ; aber das iſt ſchlechter Unterſchied. Man muß nicht etwa den Unterſchied machen, als ob Plato zwei ſolt iſt, und doch ein Verborgenes bleibt fär die, die nicht das Intereſſe haben, fich anzuſtrengen. Cin Geheimniß iſt es nicht, und doc< verborgen. Zu dieſem gehören alſo jene beiden Dialogen. Im Philebus unterſucht Plato die Natur des Vergnü- gens. *) Den erſten Gegenſtand, das ſinnliche Vergnügen, be- ſtimmt er als das Unendliche. **) Für die Reflexion iſt das Unendliche das Vornehme, Höchfte; aber das Unendliche iſt eben das Unbeſtimmte an fich überhaupt. Es kann beſtimmt ſeyn zwar auf mannigfaltige Weiſe; dieß Beſtimmte iſt aber dann als einzeln, iſt das Beſondere. Unter Vergnügen ſtellen wir uns nun vor das unmittelbar Einzelne, Sinnliche; aber es iſt das Unbeſtimmte in der Rückſicht, daß es das bloß Elementariſche, wie Feuer, Waſſer, nicht das Sichſelbſtbeftimmende iſt. Nur die Idee iſt das Sichſelbftbeſtimmen, die Jdentität mit ſich. Dem Vergnügen, als dem Unbeſtimmten, ſiellt Plato gegenüber das Begrenzende, die Grenze. Im Philebus handelt es ſich dann beſonders um dieſen Gegenſatz des Unendlihen und Endlichen, Unbegrenzten und Begrenzenden (7r&gag, &retpo»). ***) Stel- len wir uns dieß vor, ſo denken wir nicht daran, daß durch die Erkenntniß der Natur des Unendlichen, Unbeſtimmten, zugleich auch entſchieden wird über das Vergnügen; dieß erſcheint als einzeln, finnlich, endlich, während jenes das Metaphyſiſche iſi. FX) Philebus p. 12 (p. 433 -- 134). %X) eod. p. 27 -- 28 (p. 466 -- 167). X3e8) eod. p. 46-17 (p. 142-143); p. B (p. 457). === n248 === Erſter Abſchnitt. Philoſophie des Plato. 939 Aber dieſe reinen Gedanken ſind das Subftantielle, wodurcenheit, Feuchtigkeit, eben- ſo die Harmonie der Muſik von hohen und tiefen Tönen, von ſchnellerer und langſamerer Bewegung, überhaupt entſteht alles Schöne und Vollkommene durc< die Einheit ſolher Gegen- ſätze. ***) Geſundheit, Schönheit u. ſ. f. iſt ſo ein Erzeugtes, X) Philebus p. 24 -- 25 (p. 158 -- 460). xX) eod. p. 25 (p. 160). *X%) eod, p. 2% -- W (p. 460 -- 163) === n249 === 240 Erſter Theil, Griechiſche Philoſophie. inſofern dazu die Gegenſäte verwandt find; es erſcheint ſo als ein Vermiſchtes von dieſen. Statt der Individualität gebrau- e. Alſo die Ge- ſundheit, Glückſeligkeit, Schönheit u. ſ. f. erſcheint als ein Ent- ſtandenes durch die Verbindung ſolcher Gegenſätze. Aber Plato ſagt: Das , was ſo erzeugt wird, ſett voraus ein Solches, wo- durch das Dritte gemacht wird, die Urſache; dieß iſt vortreff- licher, als die, durch deren Wirkſamkeit ein Solches entſteht. So haben wir vier Beſtimmungen: erſtens das Unbegrenzte , Unbe- ſtimmte ; zweitens das Begrenzte, Maaß, Beſtimmung, Grenze, wozu die Weigheit gehört; das Dritte iſt das Gemiſchte aus Beiden, das nur Entſtandene; das Vierte iſt die Urſache, *) und dieſe iſt an ihr eben die Einheit der Unterſchiedenen, die Subjektivität, Macht, Gewalt über die Gegenſäte, das die Kraft hat, die Gegenſäte in ſich zu ertragen. Das Mädtige, Kräf- tige, Geiſtige iſt das , was den Gegenſaß in ſich ertragen kann; der Geiſt kann den höchſten Widerſpruch ertragen, == das ſchwache Körperliche nicht, es vergeht, ſabald ein Anderes an daſſelbe kommt. Dieſe Urſache iſt nun der voög, der der Welt vorſicht; die Schönheit der Welt in Luft, Feuer, Waſſer und allgemein in den Lebendigen iſt durch ihn hervorgekommen. **) Das Abſolute iſt alſo das, was in Einer Einheit endlich und unendlich iſt. | Die ausgeführte eigentliche Dialektik aber iſt im Parme- nides enthalten, dem berühmteſten Meiſterſtü&> der platoniſchen Dialektik. Parmenides und Zeno werden da vorgeſtellt, als mit Sokrates zuſammenkommend in Athen; die Hauptſache aber iſt die Dialektik, die dem Parmenides und Zeno in den Mund ' gelegt wird. Gleich Anfangs iſt die Natur dieſer Dialektik auf X) Philebus p. 26 -- 27 (p. 463 -- 1465). 3) eod. p. 29 --30 (p. 169 -- 172). === n250 === Erſter Abſchnitt, Philoſophie des Plato. 241 folgende Weiſe näher angegeben. Plato läßt Parmenides ſo den Sokrates loben: „I< bemerkte, daß Du mit Ariſtoteles“ =- einem der anweſenden Unterredner; es paßte wohl auf den Philoſophen, aber dieſer iſt 16 Jahr nach Sokrates? Tode ge- boren =- „Dich unterredeteſt, überhaupt Dich übſt, zu beſtimmen (GolleoFar), worin die Natur des Schönen, des Gerechten, des Guten und einer jeden dieſer Jdeen liegt. Dieſer dein Trieb“ (und Geſchäft, 6017)) „iſt ſ