212 Erſter Theil, Griechiſche Philoſophie. ſey, nicht wie es ſonſt den Theologen Ernſt damit war, zu fra- gen, ob die Seele vor ihrer Geburt präexiſtirt habe, und gar auch wo. Es kann von Plato gar nicht aufgeführt werden, daß er dieſen Glauben, dieſe Meinung gehabt hat. Cs iſt davon bei ihm gar keine Rede, in dem Sinne, wie es bei ihnen die Rede war: nichts von einem Abfalle aus einem vollkommenen Zuſtande, = daß der Menſc< dieß Leben als eine. Einkerkerung zu betrachten habe; ſondern er hat das Bewußtſeyn, daß dieß nur eine gleichnißweiſe Vorſtellung iſt. Das, was er als das Wahre ausſpricht, iſt, daß das Bewußtſeyn an ihm ſelbſt in *der Vernunft. das göttliche Weſen und Leben iſt; daß der Menſch im reinen Gedanken es anſchaut und erkennt, und dieß Erken- nen eben ſelbſt dieſer himmliſche Aufenthalt und Bewegung iſt. Beſtimmter tritt dann das Erkennen in ſeiner Form als Seele da auf, wo von ihrer Unſterblichkeit die Rede iſt. Zm | Phädon hat Platon dieſe Vorſtellungen von der Unſterblichkeit der Seele weiter ausgeführt. Was im Phädrus beſtimmt als Mythus und als Wahrheit geſchieden iſt, und auch ſo erſcheint, dieß erſcheint weniger ſo im Phädon, dem berühmten Dialoge, worin Plato den Sokrates von der Unſterblichkeit der Seele ſprechen läßt. Daß Plato an die Geſchihte des Todes des Sokrates dieſe Unterſuchung geknüpft, hat zu allen Zeiten be- wundernswürdig geſchienen. Es ſcheint nichts paſſender, als die Ueberzeugung von der Unſterblichkeit dem; der in Begriff iſt, das Leben zu verlaſſen, in den Mund zu legen, und jene Ueber- zeugung durch, dieſe Scene zu beleben, ſo wie ein ſolhes Ster- ben gegenſeitig durch ſie. Es iſt zugleich zu bemerken, daß das Paſſende auch dieſen Sinn haben muß, daß es dem Sterbenden erſt eigentlich ziemt, mit fich ſtatt mit dem Allgemeinen, mit dieſer Gewißheit ſeiner ſelbſt, als eines Dieſen, als mit der Wahrheit ſich zu beſchäftigen. Wir treffen deswegen hier am Wenigſten geſchieden die Weiſe des Vorſtellens und des Be- griffes; allein dabei iſt dieſes Vorſtellen weit entfernt, zu dieſer