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V^ ^/ DADA das Holzpferdchen. ®ie (S^At^e^tAfe* Sekunde durch Slirn. DER MARSTALL. DER MARSTALL. Das witzi$;ste Buch über ernnthafte Dlnftre ©er (KVare^all ZEIT- UND STREIT- SCHRIFT DES VERLAGES AUS DEM INHALT DER BRSTßN NUMMERN H. ▼. Weber und die ▼wfluditen HomosexueUen / Der ipite Europäer / Der Chauvin / Der Revoluuer / Der Strohhalm ^^ tni^üMt ^e^eimnis bet JlnnA Qg^fume: Driefe und Kritiken von Anonymen / Anten / Gebttdeten Laien l^ltungBsduvlbem / Publikum / Freunden und Feinden / dada- Kongresse / P. E Küppers, der geistreldie Spötter / UnüreiwilUge DeitrfigevonAlfredKerr/Joliann Frerking /Paul Fediter /Theodor Dfiubler / Marsdiall v. Hindenburg 7 Adolf 5ehne u. a. ^c^roCit%t un^ ^eig;e (gtAgie: Lothar Drieger / Der gesdiSflstaditige Eros / Paul Veiialne /Das Reldi ohne Raum / Atelier Kuron / Die spanisdie Reise 3c$unb mein (DerfAg: Die SllbergSule Im Spiegel deutscher Mentalität (gaftmit ^Sib\dimi^i Die Nadit des Angesdiossenen / Ofaf : Der Wüstling / Sitpi Die Wolkenpumpe / Sinioti JlcßnacS: Nadct in der LandsdiafI / OfPt^ (^afenbers Die Led>ierln ^uboff fieon^arb: Margit / f. n09* nO9ei0ner: Der Ballon ^oSeri (grenbef: Die Peitsdie / £:cirf %a}x3fim9LXVM Herr Rosa / (gtefcßior (Ptrcßer / SekundedurdiHim/ l^ufTenSecS: Aus der CSesdildite des dadaismus (gem^arb |l6aw: Der Box-Maisdi / QRubofT «* fieüus: Entsdieldende Dodier / 3i9an cB^ff^^Atiss Kapellmeister Orpheus / %anB ({lafonefi: Geburt der Erotik ^ffciig Ober: ^^xmit ^brcßmib / (p. £:. %Me^i / (gutf Siffer / OXKfBefm (Kfemm / gftuboff £eon3arb / IgeinricQ <ßrn|{ Jleguffes Stedtparlament ^^eater / QgÜtc^er Das erste Heft ersdielnt Im August 1920. Preis Jeder Nummer 2 Mk. Abonnement auf 6 Nummern 10 Mk. Bezug durdi alle Budihandlungen oder direkt vom Verlag (pduf ^tee^emann / (Derfao; / {Hannover Ridiard Huelsenbeck En avant Dada Eine Geschichte des Dadaismus Paul Steegemann Verlag Hannover Leipzig /Wien / Zürich Erstes bis fünftes Tausend Alle Rechte vorbehalten Copyright 1910 by Paul Steegemann VeHag Hannover Cednidct als 50.-51. Band der Sammlung Die SUbergäuh bei Edler A Krische, Hannover ^-Cv* * Ccjrvwwx*. r\ada wurde im Frühjahr 191 6 in Zürich von den Herren ^^^Hugo Ball, Tristan Tzara, Hans Arp, Marcel Janco CO und Richard Huelsenbeck in einer kleinen Kneipe, dem j. Cabaret Voltaire, gegründet. Hier hatte Hugo Ball mit ^ seiner Freundin Emmy Hennings eine Variete -Miniatur IM gegründet, an der wir alle als Mitarbeiter aktivsten Anteil ^ hatten. Wir waren alle durch den Krieg über die Grenze '^ unserer Vaterländer geworfen worden. Ball und ich ^ kamen aus Deutschland, Tzara und Janco aus Rumänien, Hans Arp aus Frankreich. Wir waren uns darüber einig, daß der Krieg von den einzelnen Regierungen aus den plattesten materialistischen Kabinettsgründen angezettelt worden war; wir Deutschen kannten das Buch J^accuse, ohne das wir auch kaum zu der Überzeugung zu bringen gewesen wären, daß der deutsche Kaiser und seine Generäle sich anständige Kerle nennen durften. Ball war Refraktär und ich selbst hatte mich nur mit genauer Not vor den Nachstellungen der Henkersknechte retten können, die für ihre sogenannten patriotischen Zwecke die Menschen in den Schützengräben Nordfrankreichs massierten und ihnen Granaten zu fressen gaben. Wir hatten alle keinen Sinn für den Mut, der dazu gehört, sich für die Idee einer Nation totschießen zu lassen, die im besten Fall eine Interessengemeinschaft von Fell- händlern und Lederschiebem, im schlechtesten eine kulturelle Vereinigung von Psychopathen ist, die, wie im deutschen„Vaterlande",mit dem Goetheband imTomister auszogen, um Franzosen und Russen auf Bajonette zu spießen. Arp hatte als Elsässer den Kriegsanfang und die ganze nationalistische Hetze in Paris mitgemacht und brachte ein unendliches degout vor den kleinlichen Schikanen und der jammervollen Veränderung einer Stadt und eines Volkes mit, An das wir vor dem Kriege unsere Liebe verschwendeten. Politiker sind sich überall gleich, flachköpfig und gemein. Soldaten haben überall denselben Gestus jenerforschen Brutalität, die eine Tod- feindschaft jeder geistigen Regung darstellt. Die Energien undEhrgeize der Mitarbeiter des KabarettVoltair^ in Zürich waren von Anfang an rein künstlerische. Wir wollten das Cabaret Voltaire zu einem Brennpunkt„jüngster Kunst'* machen, obwohl wir uns nicht scheuten, auch hin und wieder den feisten und vollkommen verständnislosen Züricher Spießbürgern zu sagen, daß wir sie für Schweine und den deutschen Kaiser für den Initiator des Krieges hielten. Das gab dann jedesmal großen Lärm und die Studenten, die. auch in der Schweiz das dümmste und reaktionärste Gesindel sind, wenn dort überhaupt wegen der obligatorischenNationalverblödung irgendeineGruppe von Menschen den Superlativ der Verblödung und Dumm- heit für sich in Anspruch nehmen kann — die Studenten gaben an Grobheit und Wut eine Ahnung von dem Wider- stand des Publikums, mit dem Dada später seinen Sieges- lauf durch die Welt gemacht hat. Das Wort Dada wurde von Hugo Ball und mir zufällig in einem deutsch-fran- zösisdien Diktionär entdeckt, als wir einen Namen für Ma- dame le Roy, die Sängerin unseres Cabarets, suchten. Dada bedeutet im Französischen Holzpferdchen. Es imponiert durch seine Kürze und seine Suggestivität. Dada wurde nach kurzer Zeit das Aushängeschild für alles, was wir im Cabaret Voltaire an Kunst lancierten. Unter „jüngster Kunst" verstanden wir damah im großen und ganzen: abstrakte Kunst. Die Idee des Wortes Dada hat sich dann späterhin in rtiancherlei Weise geändert. Während die Dadaisten der Ententeländer unter der Führung von Tristan Tzara, unter Dadaismus heute noch nicht viel anderes verstehen ah „l'art abstrait", hat Dada in Deutsch- land, in dem die psychologischen Voraussetzungen für eine Tätigkeit in unserem Sinne ganz andere sind als in der Schweiz, in Frankreich und in Italien, einen ganz bestimmten politischen Charakter angenommen, den wir unten ausführlich auseinandersetzen wollen. Die Mitarbeiter des Cabaret Voltaire waren alle Künstler in dem Sinne, daß sie die letzten Entwicklungen der artistischen Möglichkeiten in ihren Fingerspitzen empfanden. Ball und ich hatten in Deutschland den Ex- pressionismus in aktivster Weise verbreiten helfen; Ball war ein intimer Freund Kandinskys und hatte versucht, mit ihm in München ein expressionistisches Theater zu gründen. Arp war in Paris mit Picasso und Bracques, den Führern der kubistischen Richtung zusammengewesen * und von der Notwendigkeit einer Abkehr von der natura- listischen Auffassung in jeder Form durchaus überzeugt. Tristan Tzara, jene romantisch- internationale Type, deren propagandistischem Eifer wir eigentlich die ungeheuere Verbreitung des Dadaismus zu verdanken haben, brachte aus Rumänien eine unbegrenzte literarische Versiertheit mit. Abstrakte Kunst bedeutete uns damals, als wir all- abendlich im Cabaret Voltaire tanzten, sangen und rezi- tierten, soviel als unbedingte Ehrlichkeit. Naturalismus war psychologisches Eingehen auf die Motive des Bürgers, in dem wir unseren Todfeind sahen und psychologisches Eingehen brachte, mochte man sich auch dagegen strauben, eine Identifikation mit den verschiedenen bourgeoisen Moralen mit sich. Archipenko, den wir als unerreichtes Vorbild in der plastischen Kunst verehrten, behauptete, die Kunst dürfe weder realistisch noch idealistiscR sein, sie müsse wahr sein, womit vor allen Dingen gesagt sein sollte; daß jede, auch versteckte Imitation der Natur eine Lüge sei. Dada sollte der Wahrheit in diesem Sinne einen neuen Stoß geben. Dada sollte der Sammelpunkt abstrakter Energien und eine ständige Fronde der inter- nationalen großen Kunstbewegungen sein. Durch Ver- mittlung von Tzara standen wir auch in Beziehung zur futuristischen Bewegung und unterhielten einen Brief- wechsel mitMarinetti. Boccioni war damals schon gefallen. Wir kannten aber alle sein dickes theoretisches Buch „Pittura e scultura futuiiste". Wir fanden Marinettis Weltauffassung realistisch und liebten sie nicht, obwohl wir den von ihm sooft verwendeten Begriff der Simul- taneität gern übernahmen. Tzara ließ zum erstenmal Gedichte gleichzeitig auf der Bühne sprechen und hatte damit großen Erfolg, obwohl das poeme simultane in Frankreich schon von Dereme und anderen bekanntge- macht worden war. Von Marinetti übernahmen wir auch den Bruitismus, le concert bruitiste, das seligen Ange-^ denkens beim ersten Auftreten der Futuristen in Mailand als Reveil de la capitale so ungeheueres Ansehen erregt hatte. . Ich habe über die Bedeutung des Bruitismus in öffentlichen Dada- Soireen oft gesprochen. „Le bruit", das Geräusch, das Marinetti in der imitatorischen Form in die Kunst (von einzelnen Künsten, Musik oder Literatur kann man hier kaum noch sprechen) einführte, daß er durch eine Sammlung von Schreibmaschinen, Kesselpauken, Kinderknarren und Topf deckel „das Erwachen der Groß- stadt" markieren ließ, sollte im Anfang wohl nichts weiter als ein etwas gewaltsamer Hinweis auf die Buntheit des Lebens sein. Die Futuristen fühlten sich, im Gegensatz zu den Kubisten oder gar den deutschen Expressionisten, als reine Tatmenschen. Während alle „abstrakteti Künstler" über der Auffassung, daß der Tisch nicht sein Holz und seine Nägel sondern die Idee aller Tische sei, im Begriff waren zu vergessen, daß man einen Tisch gebrauchen könne, um etwas darauf zu stellen, wollten die Futuristen sich in die „Kantigkeit" der Dinge hineinstellen — für sie bedeutete der Tisch ein Utensil des Lebens wie jedes andere Ding auch. Neben den Tischen gab es Häuser, Bratpfannen, Pissoirs, Weiber usw. Marinetti und seine Anhänger liebten deshalb den Krieg als höchsten Aus- druck des Widerstreites der Dinge, als eine spontane Eruption von Möglichkeiten, als Bewegung, als Simultan- gedieht, als eine Sinfonie von Schreien, Schüssen und Kommandoworten, bei der eine Lösung des Problems des Lebens in der Bewegung überhaupt versucht wurde. Die Bewegung bringt Erschütterung. Das Problem der Seele ist vulkanischer Natur. Jede Bewegung bringt natürlicherweise Geräusch. Während die Zahl und des- halb die Melodie Symbole sind, die eine Abstraktions- fähigkeit voraussetzen, ist das Geräusch der direkte Hinweis auf die Aktion. Musik ist so oder so eine harmonische Angelegenheit, eine Kunst, eine Tätigkeit der Vernunft — Bruitismus ist das Leben selbst, das man nicht beurteilen kann wie ein Buch, das vielmehr ein Teil unserer Per- sönlichkeit darstellt, uns angreift, verfolgt und zerfetzt. Bruitismus ist eine Lebensauffassung, die, so sonderbar das im Anfang scheinen mag, die Menschen zu einer definitiven Entscheidung zwingt. Es gibt nur Bruitisten und andere. Um bei der Musik zu bleiben. Wagner hatte die ganze Verlogenheit einer pathetischen Ab- straktionsfähigkeit gezeigt — das Geräusch einer Bremse konnte einem wenigstens Zahnschmerzen verursachen. Dieselbe Initiative, die in Amerika die Steps und Rags ^ zur Nationalmusik machte, war in einem späten Europa Krampf und Tendenz zum „bruit''. Der Bruitismus ist eine Art Ruckkehr zur Natur. Er gibt sich als eine Sphärenmusik der Atome, so daß der Tod weniger ein Entweichen der Seele aus irdischem lammer als ein Erbrechen, Schreien und Würgen ist. Die Dadaisten des Cabaret Voltaire übernahmen den Bruitismus, ohne seine Philosophie zu ahnen — sie wollten im Grunde das Gegenteil: die Kalmierung der Seele> . ein unendliches Wogalaweia, Kunst, abstrakte Kunst. Die Dadaisten des Cabaret Voltaire wußten eigentlich überhaupt nicht, was sie wollten — unter „Dada" sammelten sich die Fetzen einer „modernen Kunstbetätigung", die irgendwo und irgendwann in d6n verschiedenen Köpfen hängen geblieben war. Tristan Tzara wurde von Ehr- geiz verzehrt, in den internationalen Kunstzirkeln als Gleichberechtigter oder gar als „Führer" zu figurieren. Seine ganze Aktivität war Ehrgeiz und Unruhe. Er suchte für seine Unruhe einen Pol und für seinen Ehrgeiz einen Orden. Welche außerordentliche, nie wiederkehrende Möglichkeit bot sich ihm hier, als Gründer einer Kunst- richtung die unvergängliche Rolle eines literarischen Mimen zu spielen! Die Leidenschaft eines Ästheten ist dem Menschen mit einfachen Begriffen, der einen Hund mit Hund und einen Löffel mit Löffel anredet, vollkommen unerfindlich. Welche Befriedigung gewährt es, in einigen Kaffeehausern in Paris, Berlin und Rom als geistreicher Mensch verschrien zu sein! Die Literaturgeschichte ist eine groteske Imitation des Weltgeschehens, und ein Napoleon unter Literaten ist die tragikomischste Per- sönlichkeit, die man sich denken kann. Tristan Tzara hatte die Suggestivitat des Wortes Dada als einer der. Ersten begriffen. Von nun an arbeitete er unermüdlich als Pro- pagator eines Wortes, das sich erst spat mit einem Be- griff füllen sollte. Er packte, klebte und adressierte, er bombardierte die Franzosen und Italiener mit Briefen; ^ er machte sich langsam zum „Mittelpunkt". Wir wollen dem „fondateur du Dadaisme" seinen Ruhm so wenig nehmen, wie dem „Oberdada" Baader, einem schwa- bischen Pietisten, der, am Rande des Greisenalters den Dadaismus entdeckte und ah dadaistischer Prophet, zur Freude aller Narren durch die Lande zog. Zur Zeit des Cabaret Voltaire wollten wir „dokumentieren" — wir brachten die Publikation „Cabaret Voltaire" heraus, ein Sammelsurium diversester Kunsttendenzen, die uns eben damals „Dada" zu sein schienen. Was Dada wirklich werden konnte, fühlte keiner von uns, da keiner von uns genug von der Zeit begriffen hatte, um sich so weit jenseits her- gebrachter Anschauungen stellen zu körinen, daß er einen Begriff von der Kunst ah moralisches und gesellschaft- liches Phänomen überhaupt bekam. Kunst war eben da — es gab Künstler und Bourgeois. Die eineh mußte man lieben, die anderen hassen. Der Künstler, wie Tzara ihn begriff, war trotz allem etwas anderes als der deutsche Dichter. Guillaume Apollinaire behauptete im Scherz, sein Vater sei Portier am Vatikan gewesen; ich habe ihn im Verdacht, daß er in einem galizianischen Ghetto geboren worden ist und dann Franzose wurde, weil er einsah, daß sich in Paris am besten Literatur machen ließ. Der Literaturmakler ist nicht die unglücklichste Figur, die die Internationale des 8 Geistes geschaffen hat. Wieviel befreiende Ehrlichkeit und anständige Schamlosigkeit liegt darin, die Literatur als einen Handel aufzufassen. Die Literaten haben ihre Diebesehre und ihre „Zinken" — im internationalen Verkehr, in den Winkeln der Hotelfoyers, und in den Speisewagen der Mitropa fallt die Maske des Geistes schnell, man hat zu weiiig Zeit, um sich die Ideologie vorzubinden, die dem anderen gefallen könnte. M^nolescu , der große Hoteldieb, hat Memoiren geschrieben, die hin- sichtlich der Diktion und des „esprit" höher stehen als alle deutschen Memoirenwerke, die der Krieg hervorgebracht hat. Die Elastizität ist alles. Marinetti hat sehr viel von dem kommenden großen Literaturmagier, der ebensogut Golf spielt als er über Mallarme plaudert, oder wenn es* sein muß, altphilologische Betrachtungen anstellt und dabei doch weiß, welcher Dame der Gesellschaft er ein Engagement zu zweien anbieten kann. Der deutsche Dichter ist der typische Depp, der einen akademischen Begriff von „Geist" mit sich herumträgt, nach Bedarf, Kommunismus, Zionismus, Sozialismus andichtet und sich dabei wundert, was ihm die Muse für Fähigkeiten ver- liehen hat. Der deutsche Dichter hat die Dichtung ge- pachtet. Er meint, das müßte alles so sein. Er begreift nicht, welch ungeheueren Humbug die Welt mit dem „Geist" treibt und daß es gut ist, daß Humbug damit getrieben wird. In seinem Kopf besteht eine Klimax, die den amusischen Menschen, was mehr oder weniger auf den ungebildeten Menschen herauskommt, an die tiefste Stelle und den Geistling, den Hasenclever, die Schillernatur, die sich nach dem Ätherischen sehnt, an die höchste Stelle ruckt. Das ist einmal so. Man höre nur den alten Schopenhauer darüber in seinem „Parerga", wie eingebildet der Deutsche auf seine Bildung ist und man begreift, wenn man Psychologe ist, die Komik und die ganze Aussichtslosigkeit des deutschen Dichters. Der deutsche Dichter, der auch Veilchen meint, wenn er Blut- hund sagt, der Spießer über dem Spießer, der geborene Abstraktling, der Expressionist — ihn wollte Tzara gewiß nicht, als er aus dem Dadaismus eine abstrakte Kunst* richtung machte, aber er hat doch niemals begriffen, was es heißt, mit dem Revolver in der Tasche Literatur machen. Mit dem Revolver in der Tasche Literatur machen war eine Zeitlang meine Sehnsucht gewesen. Etwas wie ein Raubritter der Feder, ein modemer Ulrich von Hütten — das war das Bild gewesen, das ich mir von einem Da- daisten machte. Der Dadaist sollte eine große Verachtung für diejenigen haben, die im „Geist" ein Tuskulum und eine Retirade für ihre eigenen Schwächen fanden. Der Philosoph in der Dachstube war eine längst überwundene Angelegenheit — aber auch der Kunstgewerbler, der Literat des Cafes, der „feinsinnige" Kopf, der in guter Gesellschaft witzige Pointen zum Besten gab, der Mensch im ganzen, der durch intellektuelle Leistung irgendwie zu erschüttern war, der in geistigen Dingen eine will- kommene Beschränkung fand, die ihn nach seiner Ansicht vor den übrigen Menschen besonders wertvoll machte — . er sollte möglichst das Gegenteil von «einem Dadaisten sein. In den Städten saßen sie, malten ihre Bildchen, drechselten ihre Verse und waren ihrer ganzen mensch- lichen Struktur nach trostlos deformiert, mit schwachen Muskeln, uninteressiert für die Dinge des Tages, Feinde der Reklame, Feinde der Straße, des Bluffs und der großen Transaktionen, die täglich das Leben von Tausenden in Frage stellten. Ja, das Leben! Der Dadaist liebt das Leben, weil er es täglich wegwerfen kann, ihm ist der Tod eine dadaistische Angelegenheit. Der Dadaist sieht in den Tag mit dem Bewußtsein, daß ihm heute ein Blumentopf auf den Kopf fallen kann, er ist naiv, er liebt die Geräusche des Metropolitain, er ist ein Habitue in Cooks Reisebureau und kennt die Praktiken der Engelmacherinnen, die hinter den fest verschlossenen Gardinen die Föten auf Löschpapier trocknen, um sie dann als Malzkaffee zerrieben in den Handel zu bringen. IG ♦♦ Dadaist sein kann jeder. Dada ist nicht' auf irgendeine Kunst beschränkt. Dadaist ist der Mixer in der Manhat- tan -'Bar, der mit der einen Hand CuraQao schenkt und der anderen seine Gonorrhoe auffängt. Dadaist ist der Herr im Regenmantel, der schon zum siebtenmal die Reise um die Welt antritt. Dadaist sollte der Mann sein, der ganz und gar begriffen hat, daß man Ideen nur haben darf, wenn man sie im Leben umsetzen kann — der durchaus ajctive Typ, der nur durch die Tat lebt, weil sie seine Möglichkeit der Erkenntnis in sich sdiließt. Da- daist ist der Mann, der sich im Bristol- Hotel eine Etage mietet, ohne zu wissen, von welchem Geld er dem Zimmermädchen das Trinkgeld bezahlen soll. Dadaist ist der Mann des Zufalls mit den guten Augen und dem coup du pere Fran9ois. Er kann seine Individualität los- lassen wie ein Lasso, er urteilt von Fall zu Fall, er resigniert in der Erkenntnis, daß die Welt allzumal in sich schließt Mohamedaner, Zwinglianer^ Sekundaner, Anabaptisten, Pazifisten usw. usw. Die Buntheit der Welt ist ihm willkommen, aber er wundert sich weiter nicht darüber. Abends spielt die Kapelle am See und die Huren, die sich auf ihren hohen Stöckelschuhen wiegen, lachen Dir ins Gesicht. Es ist eine beschissene und durchaus närrische Welt. Man geht so * vor sich hin und macht sich eine Philosophie für sein Abendessen. Aber ehe Du Dichs versiehst, bringt der Postbote Dir das erste Telegramm, daß alle Deine Schweine an der Hundswut gestorben sind. Deinen Frack warf man vom Tour Eiffel und Deine Haushälterin traf der Knochenfraß. Du siehst erstaunt in den Mond, der Dir eine gute Kapitalsanlage zu sein scheint, da bringt derselbe Postbote Dir ein Telegramm, daß alle Hühner, die Du besitzt, an der Klauen- seuche krepiert sind. Dein Vater fiel in eine Mistgabel und erfror und Deine Mutter platzte vor Kummer an- läßlich ihrer silbernen Hochzeit (vielleicht blieb ihr auch die Bratpfanne an den Ohren hängen, ich weiß es nicht). Das ist das Leben Verehrtester. Die Tage wechseln wie II die Bewegung Deiner Därme und Du, der Du sooft in Gefahr .warst, an einer Fischgräte zu ersticken, lebst immer noch. Du ziehst Dir 'die Decke über den Kopf und pfeifst den Hohenfriedberger. Und wer weiß, jubele nicht so früh, der andere Tag sieht Dich vielleicht am Tisch, die Feder stoßbereit, gebeugt über Deinen neuen Roman „Gesindel". Wer weiß! Das ist der reine Dada- ismus, meine Herrschaften. Wenn dieser Tristan Tzara nur einmal ein wenig von dem Sinne dieser famosen Existenz, die man zwischen Affen und Wanzen so dahin-- fuhrt, begrifFen haben würde, er hätte aus dem Dadaismus keine abstrakte Kunst gemacht. Er hätte den Schwindel der ganzen Kunst und aller Kunstrichtungen eingesehen und wäre Dadaist geworden. Wo haben diese Herren, die wert darauf legen, in einer Literaturgeschichte ge- nannt zu werden, ihre Ironie gelassen — wo ist das weinende und das lachende Auge über dem ungeheueren Hintern und Karneval dieser Welt? Sie haben ihre Selb- ständigkeit hinter ihren Büchern eingebüßt, der Ehrgeiz, noch nicht so berühmt zu sein wie Rabelais oder Flaubert, hat ihnen den Mut zum Lachen genommen — sie haben noch soviel zu marschieren, soviel zu schreiben, soviel zu leben. Rimbaud sprang ins Meer, um nach St. Helena zu schwimmen, Rimbaud war ein Kerl, sie sitzen in den Cafes und meditieren, wie man am schnellsten ein Kerl wird. Sie haben einen akademischen Begriff vom Leben — alle Literaten sind Deutsche; sie werden deshalb niemals zum Leben kommen. ]a, Rimbaud begriff sehr wohl, daß Literatur und Kunst sehr verdächtige Dinge sind — wie gut läßt sich dagegen als Pascha leben oder als Bordellbesitzer, wo das Knacken der Betten einem ein Lied von sich mehrenden Einnahmen singt. In Tzaras Händen hat der Dadaismus große Erfolge gehabt. Sie schrieben Bücher, die in ganz Europa gekauft wurden; sie gaben Abende, zu denen Tausende sich drängten. Die Presse der Welt nahm sich der dadaistischen Kunstrichtung an. Eine neue Sensation, meine verehrten Herrschaften. 12 Dada wurde unter den Händen von Menschen, die keine Dadaisten waren, zu einer ungeheueren Sensation für Europa; es rührte die Seele des wahren Europäers an, der zwischen den Kolben und Dampfkesseln der Maschinen zu Hause ist, der kaum von der Daily News aufsieht, wenn man ihn am Bahnhof Chdring Croß trifft, den man im eleganten Reisehabit auf den Hecks der Dampfer der Red Star Line zu sehen bekommt, die Shagpfeife nach- lässig zwischen den Goldplomben. — Dada verstand es, die großen Rotationsmaschinen in Bewegung zu setzen, man sprach von ihm in der Ecole de France und in den Büchern der Psychoanalytiker; in Madrid suchte man es zu verstehen,* in Chile raufte man sich seinetwegen die Haare, selbst in Chicago, jenseits von Durhams Schüler- frühstück und der durch Frank Norris berühmt gewordenen Getreidebörse, erschien für einen Moment wie auf einem * großen gespenstischen Transparent das Wort Dada. Es hat in .den letzten Jahrzehnten in Europa kein Wort, keinen Begriff, keine Philosophie, kein Schlagwort einer Partei oder einer Sekte gegeben, von denen man sagen könnte, das sie mit so katastrophaler Gewalt in das Vor- stellungsvermögen einer zivilisierten Gesellschaft ein- gebrochen sind. Man vergesse nicht die tiefe psychologische Bedeutung dieser Tatsache. In den Gehirnen aller dieser Menschen vor den Cafes, in den Theatern, auf den Rennplätzen und in den Bordells, die sich für den Dada- ismus interessierten, indem sie ihn als „eine lächerliche Ausgeburt modernsten Kunstwahnsihns" beschimpften, wirkte Dada längst nicht mehr als Kunstrichtung. Man wäre wert Professor der Philosophie auf einem Berliner Universitätkatheter zu werden, wenn man nicht einsehen wollte, daß neunundneunzig vom Hundert der Menschen zur Kunst, sobald sie in Problemen der Richtung, der einzelnen Techniken und der Perspektive auftritt nur das berühmte Verhältnis von der Kuh zum Ostersonntag haben. Daß Dada, welches auf sie eine Wirkung, und sei sie die imponderabilste, ausübte, mit Kunst etwas zu 15 tun hatte und von der Kunst herkam, interessierte sie nicht und war ihnen nicht bewußt. Ein Wort, dos in diesem Maße auf die Massen wirkt, muß der Träger einer Idee sein, die an die vitalsten Interessen dieser Massen rührt, sie im Innersten beschämt , erschreckt oder er- muntert. Es ist deshalbso unverständlich von diesem Tristan Tzara, der sich aus kindlichem Ehrgeiz als den Erfinder des Dadaismus aufspielt, Dada auf abstrakte Kunst fest^ zulegen, weil dieses Festlegen -Wollen ein gänzliches Nichtverstehen des Nahen und des Femen ist, weil er die Möglichkeiten von Geburt, Leben und Tod einer Idee überhaupt verkennt und nicht einsieht, welche Be- deutung ein ens spirituale, ein Flüidum (mag es sich als Wort, Begriff oder Idee äußern) vor einem kleinen Kreise von Kunsthökern und vor einem erstaunt von seiner Arbeit aufsehenden Weltteil hat. Was Dada im Anfang war und wie es wurde ist ganz nebensächlich im Ver- gleich zu dem, was es Angesichts von Europa bedeutet. Dada hat gewirkt — nicht wie eine milde Überredung, sondern wie ein Blitzschlag, nicht wie ein auf ein Buch festgelegtes System, das durch den Kanal überlegener Gehirne nach jahrelanger Kau- und Wiederkauarbeit AUgemeinbe^itz der Völker wird, sondern wie eine durch reitende Estattefen weitergegebene Parole. Die unge- heuere Wirksamkeit des Dadaismus lag bei der großen Masse der künstlerisch Gleichgültigen in der Sinnlosigkeit und Komik des Wortes Dada, wobei sogleich bemerkt sei, daß die Möglichkeit dieser Wirkung einen weiteren tieferen psychologischen Grund haben muß, der mit der ganzen momentanen Struktur der „Menschheit" und ihres augenblicklichen sozialen Gefüges zusammen- hängt. Der Durchschnittsmensch, die Herren Smith, Schulze und Dupin, jene berühmte Fabrikware der Natur, die jedem wertenden Intellekt die Waffen aus der Hand schlägt und bei denen doch jede psychologische Einsicht beginnt, hörten, daß Dada das Kinderiallen sei, daO es Menschen gäbe, die dies Kinderiallen „auf ihr Panier i4 höben" — daß offenbar Irrsinnige aus dem Winseln des Säuglings i,eine Partei machen wollten". Sie lachten sich tot, es war ja schon vieles dagewesen, aber hier mußte man denn doch sagen — (na, was denn?) nee, nee, nee. Die Herren Schulze, Smith und Dupin fühlten sich durch Dada machtig an ihre eigene, ein Menschenalter zurückliegende Milchflasche, an ihre in Ehren bedreckten Windeln und an den Schrei erinnert, der jetzt die Welt beglücken sollte. Dada, Dada, Dada. Das ist das, was ich mit der Suggestivität des Wortes Dada bezeichnet habe, seine Fähigkeit zu hypnotisieren, indem es den ordinären Verstand auf Begriffe und Dinge lenkte, die von den Urhebern keiner hineingedacht hatte. Sicher war die Wahl der Wortes Dada im Cabaret Voltaire eine selektiv -metaphysisdie, eine durch alle die Idee- energien, mit denen es. jetzt in der Welt wirkte, schon bestimmte — aber niemand^ hatte damals an Dada* Kinderlallen gedacht. Es ist eine seltene Gottesgabe, wenn es einem Menschen einmal beschieden ist, bei der Geburt einer Religion, irgendeiner Idee dabei zu sein, die sich nachher den Weltball erobert. Wenn Dada auch (ich sage dies zur Beruhigung aller Gymnasiasten und akademischer Maulesel) Gottseidank keine Idee in dem berühmten, in allenGeschichtskompendien nachzulesenden / „kulturfördernden" Sinne ist, sondern durchaus ephemeren Charakter hat, indem es nicht mehr sein will, als ein Spiegel, an dem man schnell vorübergeht oder ein Plakat, das einen in grellsten Augenblicksfarben auf irgendeine Gelegenheit hinweist, sein Geld loszuwerden oder seinen Bauch zu füllen. Psychologisch zu reden! Wenn man das fabelhafte Glück hat, bei der Geburt einer solchen „Sensation" dabei zu sein, möchte man begreifen, wie es kommt, daß ein leerer Schall, der ein Rufname für eine Sängerin werden sollte, sich unter groteskesten Abenteuern erst als Schild für ein schmutziges Cabaret erweist, dann als abstrakte Kunst, dann als Kinderlallen und Säuglingspartei und am Ende — nun, ich werde 15 nichts vorwegnehmen. Das ist eben die Geschichte dei Dddaiimus. Dada ist Ober die Dadaisten gekommen, ohne daß sie es wußten ; es war eine coneeptio Immaculata, deren tiefer Sinn mir hierdurch erschlossen wurde. r^ie Geschichte des Dadaismus ist in der Tat eins der •^■^^ interessantesten psychologischen Ereignisse der letzten fünfundzwanzig ]ahre; man muß nur Augen haben zu sehen und Ohren zu hören. Dada wuchs sich unter den Händen der Herren in Zürich zu einem Lebewesen aus, das bald alle Anwesenden um Haupteslänge überragte, und dessen Existenzbedingungen sich bald nicht mehr so genau normieren ließen, als eine geschäftsmäßige Fort- fuhrung der dadaistischen Kunstrichtung das verlangte. Was eigentlich Dadaismus war, hatte man trotz der heißesten Bemühungen noch nicht herausgefunden. Tzara und Ball gründeten eine „Galerie", in der sie dadaistische Kunst, d. h. „moderne" Kunst, d. h. im Sinne Tzaras ungegenständliche abstrakte Kunst in Bildern ausstellten. Abstrakte Kunst war aber wie gesagt eine sehr alte Sache. Picasso hatte die Perspektive als Ausdruck einer intellek- tuellen und wissenden Auffassung der Welt schon vor jähren zugunsten jener archaisierenden mathematischen Raumgestaltung aufgegeben, die er mit Bracques als Ku- bismus bezeichnete. Es lag in der Luft des alternden Europa, mit einer letzten Willensanstrengung, die ihren Impuls aus der Kenntnis aller Kulturen und Kunsttechniken herleitete, zu den intuitiven Möglichkeiten zurückzukehren, von denen, wie man begriff, vor Hunderten von Jahren die Stilarten ausgegangen waren. Es ist kein Zufall, daß die Romarien die Mystik der euclidischen Geometrie, die Kegelschnitte und die mathematischen Größen, so- weit sie Symbole greifbarer Körperlichkeiten waren, in ihr Programm einbezogen, während die Germanen den akademischen BegrifF der Intuition als Expressionismus zum Reklameschild ihres künstlerischen Friseurladens • l6 machten. Die Abstraktion der Romanen war noch mit letzter Kraft auf etwas Allgemeingültiges, unter Mehre- ren Festgelegtes gerichtet, setzte eine Persönlichkeit mit angeborenem Maß und Takt in der Behandlung trans- zendenter Dinge voraus, wahrend die Deutschen mit ihrer Expression an die unkontrollierbare Verimmer- lichung des einzeliten Subjekts appellierten und hierdurch dem „Kolossalen" und dem Grotesken freien Spielraum ließen, wie es sich dann in der willkürlichen Verzerrung der anatomischen Verhältnisse geäußert hat. Die „Galerie Dada" zeigte in genialer Willkur kubistische, expressio- nistische und futuristische Bilder; sie machte ihren kleinen Kunstbetrieb bei literarischen Tees, Vorlesungen und Rezitationen, während sich das Wort Dada die Welt eroberte. Das ist direkt rührend zu sehen. Täglich liest man sich in seinem Stammkaffee die Kritiken vor, die aus aller Herren Länder kommen und durch ihre Ent- rüstung zeigen, daß man mit Dada irgend jemand ins Herz getroffen hat. Man ist betrofFen, man schweigt und freut sich seines Ruhmes. Tristan Tzara weiß nichts weiter zu tun als in vielen Manifesten von der „art nouveau" zu reden, die „ni fdturisme ni cubisme" sei, die vielmehr Dada sei. Was aber war Dada? „Dada" heißt es „ne signifie vien". Psychologisch schiebt mau Energie und Wollen vor und versichert, daß man außer- ordentliche Absichten habe. Aber was für Absichten man hatte, darüber konnte man nicht im Entferntesten Auskunft geben. Dada-Aussichten-Dada-Absichten. Die inkommensurablen Werte erobern sich die Welt. Wenn jemand ein Wort mit großer Gebärde unter die Leute wirft, so machen sie sich daraus eine Religion. Credo, quia absurdum. Dada hat sich tatsächlich als einfaches Wort einen großen Teil der Welt erobert, selbst ohne an eine Person gebunden zu seiri. Es handelt sich hier fast um ein magisches Ereignis. Der wirkliche Sinn des Dadaismus ist erst später in Deutschland von den Personen, die ihn mit Eifer propagierten, erkannt 17 worden, und diese Personen haben sich dem Wert der Stoßkraft und der Propagandamöglichkeit des Wortes dann als Dadaisten eingefugt. — Sie gründeten in Berlin den Klub Dada, von dem unten die Rede sein soll. Die Herren von der Galerie Dada merkten offenbar, daß ihr Verdienst in keinem Verhältnis zu dem Erfolg des Dadaismus stand. Es war so weit gekommen, daß man sich die Bilder des Berliner Kunstmaklers Herwarth Waiden (der seit langer Zeit mit abstrakten Kunsttheoremen Geschäfte machte), auslieh und sie den erstaunten Schweizer Dickköpfen als etwas Außerordentliches vor- setzte. In der Literatur verfolgte man primitive Ten- denzen. Man las mittelalterliche Prosa, und Tzara machte sich den alten Bodenstedtschen Scherz, daß er selbstgedrechselte Negerverse als zufällig aufgefundene Reliquien einer Bantu- oder Winnetoukultur den wieder- um sehr erstaunten Schweizern zum besten gab. Es war eine traurige Versammlung von Dadaisten. Eine Tart pour l'art Stimmung Hegt über der Galerie Dada, wenn ich sie jetzt betrachte — das war ein Manikure- Salon der feinen Künste, wo die alten Damen hinter den Teetassen den Ausschlag gaben, die ihre schwin- dende Sexualkraft mit einer „Verrücktheit" zu befeuern jmchten. Die Galerie Dada war ein Antichambre des Ehrgeizes, wo die Anfänger im Schwindel der Kunst sich gewöhnen mußten, zu den Führern mit jenem Augen- aufschlag aufzusehen, den man aus Werfeischen Ge- dichten lesen kann, wenn er Gott, Natur und Geist be- singt Die Galerie Dada war eine enge Küche litera- rischer Konventionen, in der man die Scham nicht emp- findet, wenn man sein Leben lang nur unter dem Strich genannt wird. Die Herren waren alle international, von jener Liga des Geistes, die Europa im entscheidenden Moment so verhängnisvoll geworden ist, zwei dimensio- nale, planimetrische Menschen, die den notwendigen Ausgleich einer engen künstlerischen Betätigung nicht in ihren Fingerspitzen empfanden. Es hätte eine Möglichkeit i8 gegeben, die Situation zu retten. Man tat nichts und hatte Erfolge. Man gab etwas und sah, daß die Welt bereit war, hohe Preise dafür zu zahlen. Es war eine Situation, die für Hochstapler der Kunst und des Geistes wie von Gott geschaffen war. Dies aber be- griff keiner der Herren, die in der Galerie Dada ab- strakte Kunst verkauften oder sie wollten es nicht be- greifen. Tzara wollte seine Position als Künstler inner- halb des abstrakten Mythos nicht aufgeben, da die er- sehnte Führerrolle in greifbare Nähe gerückt war und Ball, der Gründer des Cabaret Voltaire (im übrigen ein Kerl mit weiten Blicken) war zu ehrlich, zu katholisch — was weiß ich. Beide hatten eine zu geringe Einsicht in die Möglichkeit des Dadaismus überhaupt, die psycho- logischen Fähigkeiten fehlten ihnen. Der Dadaist als Hoch- stapler, als Manolescu: der Aspekt zeigte sich von neuem. Diese Unzufriedenheit endete mit einem Streit zwischen Tzara und Ball, einer richtigen Tauromachie unter Da- daisten, wie sie mit allen Mitteln der Impertinenz, der Verlogenheit und des Faustrechts geführt zu werden pflegt. Ball besann sich auf seine — Innerlichkeit, zog sich end- gültig von Dada und aller Kunst zurück und begann in Bern Demokrat zu werden, was ihm, wie mir scheint, gut ge- lungen ist. Tzara und seine Anhänger schwiegen eine Weile betäubt und dann (da Dada in der Welt auch ohne ihre H^lfe sich lustig fortbewegte) stürzten sie sich mit erneutem Eifer auf „l'art nouveau" — „l'art ab- strait". Tzara begann die Zeitschrift „Dada" heraus- zugeben, die ihren Weg in alle Länder Europas nahm und viel gekauft wurde. Wir haben sie auch in Deutsch- land gesehen und durchaus den. Eindruck einer kunst- gewerblichen Leistung gehabt. Zu den Mitarbeitern gehörten außer den Züricher Dadaisten alle Namen, die man jemals in der Internationale der modernsten Literatur gehört hat. Ich nenne unter vielen den von mir hochverehrten Francis Picabia, der schon Mitarbeiter der berühmten, von Guillaume Apollinaire geleiteten 19 Soirees de Paris gewesen war und zu dieser eine Zeitlang Führerrolle spielenden Zeitschrift im Verhältnis des reichen Mannes zur Klosettfrau gestanden haben soll. Apolli-' naire, Marie Laurencin — der gute Henry Rousseau, der bis zu seinem Tode daheim die Marseillaise spielte: das alte Paris wird lebendig; es ist endgültig verstorben. Jetzt herrschen dort die Herren Foch und Millerand, Apollinaire starb an der Grippe, Picabia ist in New York — das alte Paris ist endgültig eriedigt. Aber ganz neuerdings ist Dada dort leibhaftig Gestalt geworden. Tzara ist nämlich nach' Erschöpfung aller dadaistischen Möglichkeiten in Zürich, und nachdem er noch zuletzt durch Aufnahme des Dr. Serner in seinen Kreis seine Ideen vergeblich aufzufrischen gesucht hatte (nach weiteren zahl- reichen Sensationsvorstellungen und dadaistischen Parade- märschen) in jener Stadt angekommen, in der Napoleon gesagt haben soll, daß ihm die Literatur keinen Misthaufen wert sei. Napoleon hatte unter den Pyramiden gestanden, Tzara verstand es sogleich die Zeitschrift „La literature" in Dada umzuwandeln, er inszenierte einen großen Er- öffnungsabend, bei dem bruitistische Konzerte und Si- multangedichte ungeheueren Eindruck machten; er ließ sich inthronisieren, salben und zum Papst der dadaisti- schen Weltbewegung ernennen. Dada hatte gesiegt. Etwas eigentümlich müssen sich die Herren Picasso und Marinetti vorgekommen sein^ als sie von dem Erfolg ihrer Ideen unter dem Namen „Dada'* zu hören bekamen. Ich fürchte, daß sie nicht Dadaisten genug gewesen sind, um Dada zu begreifen. Picabia, der den gesamten Schwindel schon Jahr um Jahr an sich vorüberziehen sah, wunderte sich jedenfalls nicht. Er war Dadaist gewesen, ehe ihm Herr Tzara etwas von den geheimen Weisheiten des Dadaismus mitgeteilt hatte; sein großer Reichtum (der Vater war Gouverneur in Chile, Mar- tinique oder Cuba) gestatte ihm, sich einen Leibarzt zu halten, der ständig mit geladener Spritze hinter ihm herlief. 20 Francis Picabia ist mit Gabriele BufFet, der Tochter eines Pariser Deputierten verheiratet, er soll, wie mir mein guter Freund Hans Arp (den ich übrigens von allen Vorwürfen, die ich gegen die Züricher Dadaisten erhoben habe, ausnehme und dessen Arbeiten mir als Ausdruck seiner liebenswürdigen Persönlichkeit, sehr willkommen sind) mitteilt, die violetten Westen lieben und chilenische Importen rauchen, während er ein Glas „Sassaparille" auf seine eingebildete oder seit Gene- rationen vorhandene Lues trinkt. Tzara ist in Paris, Picabia ist wieder in New York. In den Ländern der Entente, einschließlich Amerika hat Dada gesiegt. Ehe wir es sich selbst überlassen und insbesondere von Herrn Tzara Abschied nehmen, um uns deutschen Verhalt- nissen zuzuwenden, möchte ich noch einige Worte über die Simultaneität sagen, die den Interessenten des Da- daismus bei allen dadaistischen Veranstaltungen, in allen dadaistischen Publikationen wieder begegnen wird. Simul- taneität (von Marinetti in diesem Literatur -Sinne zuerst gebraucht) ist eine Abstraktion, ein BegrifF für die Gleichzeitigkeit verschiedener Geschehnisse. Es setzt eine erhöhte Sensibilität für den zeitlichen Ablauf der Dinge voraus, es dreht das Nacheinander des a*b*c^d in ein a-b-c-d, es sucht das Problem des Ohrs in ein Problem des Gesichts umzuwandeln. Simultaneität ist gegen das Gewordene für das Werden. Während ich mir z. B. nacheinander bewußt werde, daß ich gestern eine alte Frau geohrfeigt und mir vor einer Stunde die Hände gewaschen habe, fällt der Schrei der Bremse einer elektrischen Straßenbahn und das Poltern des Ziegels, der vom nächsten Dache fällt, gleichzeitig in mein Ohr Und mein Auge (mein äußeres oder mein inneres) richtet sich auf, um in der Gleichzeitigkeit dieser Geschehnisse einen schnellen Sinn des Lebens zu er- haschen. Aus den mich gleichzeitig umgebenden Ereig- nissen des Alltags, der Großstadt, des Zirkus Dada, Gepolter, Schreien, Dampfsirenen, Häuserfronten und 21 Kalbsbratengeruch erhalte ich den Impuls, der mich auf die direkte Aktion, das Werden, das große X hinweist und -»stößt. Es wirdmir unmittelbar bewußt, daß ich lebe, ich fühle die formbildende Kraft, die noch hinter dem Hasten der Kommis der Dresdner Bank und der ein- fältigen Gradheit der Schutzleute steckt. Simultaneität ist direkter Hinweis aufs Leben und sehr eng mit dem Problem des Bruitismus verwandt. So wie die Physik Klänge (die sie in mathematischen Formeln aussprechen kann) und Geräusche unterscheidet, welch letzteren ihre Symbolik und Abstraktionskunst hilflos gegenübersteht, weil sie direkte Objektivatiön der dunklen Lebenskraft sind, so drückt hier der Unterschied ein Nacheinander und eine „Simultaneität" aus, die der Formulierung spottet, weil sie direktestes Symbol der Handlung, der Aktion ist. Ein Simultangedicht heißt also am Ende nichts anderes ah „Es lebe das Leben". Diese Probleme sind lange Ketten. Die Simultaneität bringt mich, ohne daß ich mir bewußt bin, einen großen Sprung getan zu haben, auf „das neue Material" in der Malerei, das von den Dadaisten unter Tzara, eifrigst als Nonplusultra „modernster" Malkunst propagiert worden ist. Die Einführung des neuen Materials hat einen ganz bestimmten metaphysischen Wert, sie ist gewissermaßen eine transzendente Repulsion gegen den leeren Raum, das Ergebnis der Angst, die zu dem psychologischen Fundament jeder Kunst gehört und diesem speziellen Fall einer Art horror vacui gleichzusetzen ist. Der Be- griff der Realität ist ein durchaus variabler Wert und ganz abhängig von dem Gehirn und den Bedingungen des Gehirns, das sich mit ihm befaßt. Als Picasso die Perspektive aufgab, fühlte er, daß sie ein Schema war, das man in willkürlicher Weise der „Natur" übergeworfen hatte; die Parallelen, die sich am Horizont schneiden, sind eine blamable Täuschung — dahinter steht die Unendlichkeit des Raumes, der nie auszumessen ist. Er malte darauf nur Bilder des Vordergrundes, er gab 22 die Tiefe auf, er entwand sich der Moralität einer plastischen Lebensanschauung, er erkannte die Bedingt-' heit der Gesetze des Sehens, die sein Auge in diesem Lande zu dieser Zeit beherrschten, er suchte eine neue direkte Realität — er wurde, ordinär gesprochen, un- gegenständlich. Er wollte keine Männer, Frauen, Esel und Gymnasiasten mehr malen, da sie an dem ganzen System der Täuschung, an dem Theater und der blague des Daseins Teil hatten — er empfand aber auch, daß das Malen mit Ölfarben ein ganz bestimmtes Symbol, einer ganz bestimmten Kultur und einer genau determinierten Moral ist. Er erfand das neue Material. Er begann Sand, Haare, Postzettel und Zeitungszettel auf seine Bilder zu kleben, um diesen den Wert einer direkten Wirklichkeit zu verleihen, die sich von jedem Herge- brachten entfernt. Er verstand sehr wohl das Ideale, Geleckte, Harmonische, das in der Perspektive und in der Ölmalerei liegt, er hatte einen Sinn für die Schiller- sehe Kadenz, die aus jedem Porträt spricht und eine Empfindung für die Verlogenheit der „Landschaft", welche die Sentimentalität der Ölfarbe produziert. Die Per- spektive und die Farbe, die, abgelöst von ihrer natürlichen Wirksamkeit, aus Tuben zu quetschen ist, sind Mittel der Naturimitation, sie laufen hinter den Dingen her, sie haben den eigentlichen Kampf mit dem Leben aufgegeben, sie sind Teilhaber jener feigen und zufriedenen Lebens- anschauung, die zur Bourgeoisie gehört. Das neue Ma- terial ist dagegen ein Hinweis auf das unbedingt Selbst- verständliche, das im Bereich unserer Hände ist, auf das Natürliche und Naive, auf die Aktion. Das neue Material steht in direktem Zusammenhang zur Simulta- neität und zum Bruitismus. Mit dem neuen Material hat das Bild, das als solches ja immer Symbol einer unerreichbaren Wirklichkeit bleibt, den entscheidenden Schritt nach vorn getan im wörtlichen Sinn, es hat einen ungeheueren Schritt vom Horizont über die vordere Bildfläche getan, es nimmt am Leben selbst teil. Der 25 aufgeklebfe Sand, die Hokstückc, die Haare geben ihm denselben Rang der Wirklichkeit, die ein Götzenbild des Moloch hat, in dessen glühende Arme man die Kinds-* Opfer legt. Das neue Material ist der Weg von der Sehnsucht zur Realität der kleinen Dinge, wobei der Weg abstrakter Natur ist. Die Abstraktion (das haben Tzara und Genossen immer hartnäckig verkannt) ist seiner Funktion nach eine Richtung, kein Ziel. Eine Hose ist ja am Ende auch wichtiger als das feierliche Gefühl, das wir in die Höhe eines gotischen Domes verlegen, „wenn er uns umpfängt*'. Daß der Dadaismus sich also gerade dieser drei Prin- zipien, des Bruitismus, der Simultaneität und des neuen Materials in der Malerei bemächtigte, ist natürlich der „Zufall", der uns auf die psychologischen Fakta führt, von denen die wirkliche dadaistische Bewegung dann existiert. Wie schon wiederholt angedeutet wurde, sehe ich in dem Dadaismus Tzaras und seiner Freunde, die die abstrakte Kunst zum Angelpunkt ihrer neuen Er- kenntnis machten, keine neue Idee, die darauf Anspruch machen kann, mit Energie propagiert zu werden. Sie sind auf dem abstrakten Wege stehen geblieben, der am Ende vor die Bildfläche zur Realität eines Postzettels führt. Sie sehen hinter sich, wo sie den alt-sentimen- talen Standpunkt gerade verlassen haben und werden doch von ihrem Ehrgeiz weitergetrieben. Sie sind nichts Halbes und nichts Ganzes. In Deutschland ist der Dadaismus zu einer politischen Angelegenheit geworden, er hat die letzte Konsequenz gezogen und hat auf die Kunst ganz verzichtet. Es wäre übrigens undankbar, wenn wir uns von Tzara ohne ein Lüften der Kopfbedeckung ver- abschieden wollten. Ich halte in meiner Hand „Dada- phone", eine Publikation, die von den Pariser Dadaisten kürzlich herausgegeben worden ist. Es enthält die Photo- graphien der Präsidenten des Entente-Dadaismus. Andre Breton, Louis Aragon, Francis Picabia, Celine Amauld, Paul Eluard, G. Ribemont-Dessaignes, Philippe Soupault, 24 Paul Dermee, Tristan Tzara Alles sehr gut und harmlos aussehende Leute mit Kneifern, Hornbrillen und Eingläsern, mit Lavaliers, treuen Augen und bedeutsamen Gesten denen man von weitem ansieht, daß sie zur Literatur ge- hören. Es wird eine Monstre-Manif estation Dada angezeigt, deren Programm ein „manifeste cannibale dans Tob- scurite" von Francis Picabia und ein ,iDadaphone" von Tristan Tzara enthält. Das ist alles ungeheuer lustig. Picabia redet das Publikum an: „Que faites vous ici, parques comme des huitres serieuses — car vous etes serieux n'est — ce pas? Le cul, le cul represente la vie comme les pommes frites et vous tous qui etes se- rieux, vous sentirez plus mauvais que la merde de vache. Dada lui ne sent rien, il n'est rien, rien, rien. Sifflez, criez, cassez-moi la geule et puis, et puis? Je vous dirai encore que vous etes tous des poires." Das werden sich die Pariser Bourgeois in ihrem nationalistischen Feuer- glänz nicht zweimal gesagt haben lassen. „Die Journale rasen." Die großen Boulevardblätter referieren ausführ- lich. Ich finde im „Temps" vom 50. März 1920: „La decadence intellektuelle est Tun des effets de la guerre. La guerre a fortifie les forts; eile a pu pervertir les pervers et abetir les sots. Mais les vaincus eux-memes se protegent contre ces souffles malsains. II est singuHer de voir qu'en France des jeunes gens („proche-orientaux") les respirent avec satisf action et qu'il se rencontre des gens moins jeunes pour les encourager dans cette tentative d'empoisonne- merit." In dem „Dadaphone" wird eine dadaistische Ausstellung angekündigt, ein dadaistischer Ball, ^ viele dadaistische Zeitschriften, von denen die meisten wahr- scheinlich ein frommer Wunsch des Dadaphone-Heraus- gebers sind; kurz, eine vie dadaique extraordinaire hat sich dort unter der Initiative Tzaras aufgetan. Ich kam im Januar 191 7 nach Deutschland zurück, dessen Physiognomie sich mittlerweile in phantastischer Weise verändert hatte. Man hatte das Gefühl, aus einer fetten Idylle in eine Straße mit Lichtreklamen, schreienden 25 Händlern und hupenden Autos zu kommen. In Zürich saßen die internationalen Schieber mit fettem Ranzen und rosigen Backen in den Restaurants, zogen das Messer durchs Maul und schnalzten ein fröhliches Hurra auf das Wohl der Staaten, die sich gegenseitig den Schädel ein^ schlugen. Berlin war die Stadt der festangezogenen Bauchriemen, des immer lauter rollenden Hungers, wo die versteckte Wut sich in eine maßlose Geldgier um- setzte, wo das Interesse der Menschen immer mehr ein- seitig auf ihre nackte Existenz gerichtet war. Hier mußte man mit ganz anderen Mitteln vorgehen, wenn man den Leuten etwas sagen wollte. Hier mußte man die Eskarpins ausziehen und das Lavalier an den Türpfosten binden. 'Während man in Zürich wie in einem Luft- kurort lebte, wo man mit schnuppernder Nase hinter den Frauen herlief und den Abend herbeisehnte, der Kähne, Lampions und Musik von Verdi brachte, wußte man in Berlin nicht, ob man am folgenden Tag noch ein warmes Mittagessen haben würde. Die Furcht saß den Menschen in den Gliedern, sie ahnten, daß die große Sache, die von dem Hindenburg u. Co. gefuhrt wurde, sehr schief gehen würde. Man hatte eine exal- tierte und romantische Einstellung zur Kunst und zu allen Kulturwerten. Es zeigte sich das alte Phänomen der deutschen Geschichte, daß Deutschland das Land der Dichter und Denker wird, wenn es einzusehen beginnt, daß es als Land der Richter und Henker ab- gewirtschaftet hat. Die Deutschen begannen sich im jähre 191 7 schon stark auf ihre Seele zu besinnen. Eine natürliche Abwehraktion einer bis zum Äußersten getriebenen, abgehetzten und ausgesogenen Gesell- schaft. Das war die Zeit, in der der Expressionismus anfing Modesache zu werden, da er seiner ganzen Einstellung nach dem Rückzug und der Müdigkeit des deutschen Geistes Vorschub leistete. Es war ja na- türlich, daß den Deutschen die Wirklichkeit nicht mehr gefiel, der sie vor dem Kriege durch eine Unzahl von 26 professoralen Plattköpfen hatten Lobeshymnen singen lassen und die sie jetzt schon mehr als eine Million Tote kostete, wahrend die Blockade ihren Kindern und Kindes- kindern die Hälse abwürgte. Es war in Deutschland jene Stimmung, die immer einem sogenannten idealis- tischen Aufschwung, einem Turnvater- Jahn-Exzeß, einer Schenkendorfperiode vorauszugehen pflegt. Nun kamen die Expressionisten, wie jene sagenhaft berühmten prak- tischen Ärzte, bei denen „alles immer wieder gut" wird, mit dem Augenaufschlag einer sanften Muse, wiesen auf „die Schätze unserer reichen Literatur", zogen die Leute sanft am Ärmel und führten sie in das Halbdunkel der gotischen Dome, wo man den Straßenlärm nur npch wie ein fernes Gemurmel hört und nach dem bekannten Grundsatz, daß die Katzen im Dunkel ohne Unterschied grau sind, alle Menschen gute Kerle sein müssen. Der Mensch ist eben gut. Der Expressionismus, der den Deutschen so viele willkommene Wahrheiten brachte, war demnach durchaus eiiie „nationale Tat". In der Kunst wollte er Abkehr von jeder Gegenständlichkeit, Verinnerlichung, Abstraktion. In meinem Kopf haften, wenn der Name Expressionismus fällt, vor anderen die drei Namen Däubler, Edschmid und Hiller. Der erste Däubler als Gigantosauras der expressionistischen Lyrik, Edschmid als Prosaiker und Prototyp eines expressio- nistischen Menschen und Kurt Hiller, der mit seinem Meliorismus, gewollt oder ungewollt, als Theoretiker der expressionistischen Epoche aufgetreten ist. Aus allen diesen Erkenntnissen heraus, aus der psycho- logischen Einsicht, daß eine Abkehr von den gegen- ständlichen Dingen zu gleicher Zeit alle jene Komplexe von Müdigkeit und Feigheit in sich schloß, die einer verrotteten Bourgeoisie genehm sind, unter dem Ein- druck der „Aktion", wie sie uns von unserem Eintreten für die Prinzipien des Bruitismus, der Simultaneität und die Verwendung des neuen Materials überliefert war, richteten wir uns in Deutschland sogleich mit aller Schärfe 27 gegen denExpressionisinus. Das erste von mirgeschriebene deutsche Dada -Manifest enthält die Sätze. „Die Kunst ist in ihrer Ausfuhrung und Richtung von der Zeit ab-- hängig, in der sie lebt, und die Künstler sind Kreaturen ihrer Epoche. Die höchste Kunst .wird diejenige sein, die in ihren Bewußtseinsinhalten die tausendfachen Pro- bleme der Zeit präsentiert, der man anmerkt, daß sie sich von den Explosionen der letzten Woche werfen ließ,, die ihre Glieder immer wieder unter dem Stoß des letzten Tages zusammensucht. Die besten und unerhörtesten Künstler werden diejenigen sein, die stündlich die Fetzen ihres Leibes aus dem Wirrsal der Lebenskatarakte zu- sammenreißen, verbissen in den Intellekt der Zeit, blutend an Händen und Herzen. Hat der Expressionismus unsere Erwartungen auf eine solche Kunst erfüllt, die eine BaW lotage unserer vitalsten Angelegenheiten ist? Nein! Nein! Nein! Haben die Expressionisten unsere Er- wartungen auf eine Kunst erfüllt, die uns die Essenz des Lebens ins Fleisch brennt? Nein! Nein! Nein! Unter dem Vorwand der Verinnerlichung haben sich die Ex- pressionisten in der Literatur und in der Malerei zu einer Generation zusammengeschlossen, die heutß schon sehnsüchtig ihre literatur- und kunsthistorische Würdigung erwartet und für eine ehrenvolle Bürger -Anerkennung kandidiert. Unter dem Vorwand, die Seele zu propa- gieren, haben sie sich im Kampf gegen den Naturalismus zu den abstrakt-pathetischen Gesten zurückgefunden, die ein inhaltloses, bequemes und unbewegtes Leben zur Voraussetzung haben. Die Bühnen füllen sich mit Kö- nigen, Dichtern und faustischen Naturen jeder Art, die Theorie einer melioristischen Weltauffassung, deren psy- chologisch naive Manier für eine kritische Ergänzung des Expressionismus signifikant bleiben muß, durchgeistert die tatenlosen Köpfe. Der Haß gegen die Presse, der Haß gegen die Reklame, der Haß gegen die Sensation spricht für Menschen, denen ihr Sessel wichtiger ist als der Lärm der Straße und die sich einen Vorzug daraus 28 tnachen, von jedem Winkelschieber übertölpelt zu werden, jener sentimentale Widerstand gegen die Zeit, die nicht besser und nicht schlechter, nicht reaktionärer und nicht revolutionärer als alle anderen Zeiten ist, jene matte Opposition, die nach Gebeten und Weihrauch schielt, wenn sie es nicht vorzieht, aus attischen Jamben ihre ' Pappgeschosse zu machen — sie sind Eigenschaften einer Jugend, die es nie verstanden hat, jung zu sein. Der Expressionismus, der im Ausland gefunden, in Deutsch*- land nach beliebter Manier eine fette Idylle und Er- wartung guter Pension geworden ist, hat mit dem Streben tätiger Menschen nichts mehr zu tun. Die Unterzeichner dieses Manifests haben sich unter dem Streitruf Dada! zur Propaganda einer Kunst gesammelt, von der sie die Verwirklichung neuer Ideale erwarten." Und so fort. Hier ist der Unterschied zu der Tzaraschen Auffassung deutlich ersichtlich. Während Tzara noch schrieb „Dada nc signifie vien" — hat es in Deutschland seinen Tart pour l'art Charakter schon beim ersten Vorstoß verloren.* Anstatt weiter Kunst zu machen, hat sich Dada einen Gegner gesucht, es stellt sich in direkten Gegensatz zur abstrakten Kunst. Die Bewegung, der Kampf wurde betont. Aber wir bedurften noch eines direkten Aktions- programms, wir mußten genau sagen, was unser Dada- ismus wollte. Dies Programm wurde von Raoul Haus- mann und mir aufgestellt. Wir nahmen dadurch zu gleicher Zeit mit vollem Bewußtsein eine politische Stellung ein. Was ist der Daddismus und was will er in Deutschland? Der Dadaismus fordert: I. die internationale revolutionäre Vereinigung aller schöpferischen und geistigen Menschen der ganzen Welt auf dem Boden des radikalen Kommunismus, 29 2. die Einfuhrung der progressiven Arbeitslosigkeit durch umfassende Mechanisierung jeder Tätigkeit. Nur durch die Arbeitslosigkeit gewinnt der Einzelne die Möglichkeit, über die Wahrheit des Lebens sich zu vergewissern und endlich an das Erleben sich zu gewöhnen, 3. die sofortige Expropriation des Besitzes (Sozialisierung) und kommunistische Ernährung aller, sowie die Errichtung' der Allgemeinheit gehörender Licht- und Gartenstädte, die den Menschen zur Freiheit entwickeln. II. Der Zentralrat tritt ein für: a) die öffentliche tägliche Speisung aller schöpferischen und geistigen Menschen auf dem Potsdamer Platz (Berlin) b) die Verpflichtung der Geistlichen und Lehrer auf die dadaistischen Glaubenssätze, c) den brutalsten Kampf gegen alle Richtungen söge- nannter ' geistiger Arbeiter (Hiller, Adler) gegen deren versteckte Bürgerlichkeit und gegen den Expressionismus und die nachklassische Bildung wie sie vom Sturm vertreten wird d) die sofortige Errichtung eines Staats -^ Kunsthauses und für die Aufhebung der Besitzbegriffe in der neuen Kunst (Expressionismus), der Besitzbegriff wird vollkommen ausgeschaltet in der überindividualen Bewegung des Dadaismus, der alle Menschen befreit, e) Einführung des simultanistischen Gedichtes als kommunistisches Staatsgebet, f ) Freigabe der Kirchen zur Aufführung bruitistischer simultanistischer und dadaistischer Gedichte, g) Errichtung eines dadaistischen Beirats in jeder Stadtüber 50000 Einwohner zur Neugestaltung dts Lebens, h) sofortige Durchführung einer großdadaistischen Propaganda mit 150 Zirkussen zur Aufklärung des Pro- letariats, i) Kontrolle aller Gesetze und Verordnungen durch den dadaistischen Zentralrat der Weltrevölution, 50 k) sofortige Regelung aller Sexualbeziehungen im inter- national dadaistischen Sinne durch Errichtung einer dadaistischen Geschlechtszentrale. Der dadaistische revolutionäre Zentralrat Gruppe Deutschland: Hausmann, Huelsenbeck Geschäftsstelle: 'Charlottenburg, Kantstraße Ii8 Beitrittserklärungen werden dort entgegengenommen. Die Bedeutung dieses Programnu besteht darin, daO Dada hiermit sich entscheidend von aller spekulativen Tendenz abwendet, gewissermaßen seine Metaphysik verliert und sich als ein Phänomen begreift, das ein Aus- druck dieser Zeit ist, die ihrer Hauptsache nach einen zivilisatorisch-mechanischen Charakter hat. Es will nicht mehr sein als ein Ausdruck der Zeit, es hat alles Wissen, das ganze atemlose Tempo, den Skeptizismus, aber auch die Müdigkeit, die Verzweiflung an einem Sinn und einer „Wahrheit" in sich aufgenommen. Kornfeld macht in einem Aufsatz über den Expressionismus die Unter- scheidung: der ethische Mensch und der psychologische Mensch. Der ethische Mensch hat die kindliche Fröm- migkeit und den Glauben, die es ihm gestatten, vor irgendeinem Altar in die Knie zu sinken, irgendeinen Gott anzuerkennen, der die Kraft hat, die Menschen aus ihrer Not in ein Paradies zu fuhren. Der psychologische Mensch hat das Unendliche vergeblich durchwandert, er hat die Grenzen seiner selischen Möglichkeiten erkannt, er weiß, daß jedes „System" eine Verführung mit allen Folgen der Verführung und jeder Gott eine Möglichkeit für Finanzleute ist. Der Dadaist, als der psychologische Mensch, hat den Blick aus der Feme wieder zurückge- nommen und hält es für wichtig, daß man gut sitzende Schuhe und einen tadellosen Anzug besitzt. Der Dadaist ist Atheist aus Instinkt. Metaphysiker ist er nicht mehr in dem Sinn, daß er in einzelnen erkenntnis-theoretischen Sätzen ein Normativ für die Lebensführung findet, ein 51 „Du sollst" gibt es für ihn nicht mehr; ihm hat die Zigarrenspitze und der Regenschirm denselben zeitlosen Wert als das Ding an sich. Ein Pissoir ist auch ein Ding an sich. Das Gute ist für den Dadaisten deshalb nicht „besser" als das Schlechte — es gibt nur eine Gleich- zeitigkeit, auch in den Werten. Diese Gleichzeitigkeit auf die Ökonomie der Tatsachen angewendet ist Kom- munismus, allerdings ein Kommunismus, der das Prinzip des „Bessermachens" aufgegeben hat und sein Ziel vor allem in der Zerstörung des Bürgerlich Gewordenen erblickt. Der Dadaist ist also gegen die Idee des Para- dieses in jeder Form und einer der entferntesten Ge- danken ist ihm der, daß „der Geist die Zusammenfassung aller Mittel zur Verbesserung der menschlichen Existenz sei". Das Wort „Verbesserung" ist dem Dadaisten in jeder Form unverständlich, da er dahinter eine hand- werkerische Betätigung an diesem Leben sieht, das zwar unnütz, ziellos und gemein, aber als solches durchaus ein geistiges Phänomen darstellt und gar keiner Verbesserung im metaphysischen Sinn bedarf. Geist mit Verbesserung überhaupt zusammen zu nennen ist für den DadMsten ,eine Blasphemie. Das „Böse" hat einen tiefen Sinn, die Polarität des Geschehens findet in ihm eine Grenze und der wirkliche Politiker (wie Lenin einer zu sein scheint) bringt zwar eine Bewegung in die Welt, d. h. er löst mit Hilfe eines Theofems Individualitäten auf, aber er ändert nicht. Auch das ist, so paradox das scheinen mag, der Sinn der kommunistischen Bewegung. Der Dadaist nützt die psychologische Möglichkeit aus, die in seiner Fähigkeit liegt, seine eigene Individualität loszulassen wie man ein Lasso losläßt oder wie man einen Mantel im Wind flattern läßt. Er ist heute nicht mehr derselbe wie morgen, er ist übermorgen vielleicht „gar nichts", um dann alles zu sein. Er ist der Bewegung des Lebens ganz hingegeben, er steht innerhalb der „Kanten" — aber er verliert doch niemals die Distanz zu den Erscheinungen, weil er zu gleicher Zeit die 32 schöpferische Indifferenz, wie Dr. Friedländer-Mynona das nennt, nicht aufgibt. Es erscheint kaum glaublich, daß man zugleich tatig und ruhig, hingebend und ablehnend sein kann; und doch besteht darin das Leben selbst, das naive selbstverständliche Leben mit der Gleichgültigkeit gegen Glück und Tod, Freude und Elend. Der Dadaist ist naiv. Er will das selbstverständliche undifferenzierte, unintellektuelle Leben. Für ihn ist ein Tisch keine Mause- falle und das Parapluie ist in keinem Fall dafür da, daß man sich mit ihm die Zähne ausstochert. In einem solchen Leben ist die Kunst nicht mehr und nicht weniger als ein psychologisches Problem. Auf die Masse bezogen ist sie ein Phänomen der öfFentlichen Moral. Der Dadaist hält es für nötig gegen die Kunst aufzutreten, weil er ihren Schwindel als moralisches Sicherheitsventil durchschaut hat. Vielleicht ist diese Kampfeinstellung eine Geste letzter anerzogener Ehrlichkeit, vielleicht macht es dem Dadaisten nur Spaß, vielleicht hat es überhaupt keinen Sinn. Jedenfalls aber ist von einem wohl fundamentierten Gesichtspunkt aus gesehen die Kunst (inbegriffen Kultur, Geist, Turnverein) ein groß angelegter Schwindel. Und dies, wie schon oben angedeutet, ganz besonders in Deutschland, wo schon dem Kinde die lächerlichste Idolatrie aller möglichen Gottheiten eingeknutet wird, damit der Mann und ausgewachsene Steuerzahler nachher als konripletter Narr schleunigst auf die Knie fällt, wenn im Interesse des Staates oder einer kleineren Räuber- clique die Anbetung eines „großen Geistes" befohlen wird. Ich behaupte immer wieder: der ganze Geist- betrieb ist ein platter utilitaristischer Schwindel. In diesem Krieg haben sich die Deutschen (besonders in Sachsen, wo die infanuten Heuchler sitzen) mit Goethe und Schiller nach außen und innen zu rechtfertigen gesucht. Kultur kann man feierlich als den Form gewordenen Geisteines Volkes, ganz Simpel, aber auch als Kom- pensationserscheinung, als Verbeugung vor einem un- sichtbaren Richterstuhl, als Veronal für das Gewissen 53 bezeichnen. Die Deutschen sind Meister der Verstellung, sie sind die ausgemachten Illusionisten (im Variete-^Sinn) unter den Völkern, sie zaubern sich in jedem Augenblick ihres Lebens eine Kultur, einen Geist, eine Erhabenheit, die sie als Schutzschild vor ihre gefährdeten Bauche halten könneit. Das ist das, was den Franzosen immer ganz fremd und unverständlich, und als ein Zeichen diabolischer Bosheit erschienen ist (die Hypokrisie). Der Deutsche erscheint unnaiv, er ist zwiefach und hat einen doppelten Boden. Es handelt sich hier nicht darum, für irgendeine Nation einzutreten. Die Franzosen haben am letzten das Recht, vor anderen Völkern als grande nation gepriesen zu werden, da sie den Chauvinismus der Zeit auf die Spitze aller Möglichkeiten gebracht haben. Der Deutsche hat alle Vorzüge und Nachteile des Idealisten. Man kann so oder so. Man kann den Idealismus, der die Dinge verzerrt und sie zu Funktionen (Kadavergehorsam!) eines Ab- solutums macht, heiße dies nun Pflanzenkost, Menschen- recht oder Monarchie als eine Deformation und Pathologie auffassen, man kann ihn auch als ,ydie Brücke zur Ewigkeit" und „das Ziel des Lebens'' und was dergleichen Banalitäten mehr sind ekstatisch preisen. Das haben die Expressio- nisten hinreichend getan. Der Dadaist ist aus Instinkt dagegen. Er ist ein Wirklichkeitsmensch, der den Wein, die Weiber und die Reklame liebt, seine Kultur ist vor allem eine Körperkultur. Er sieht instinktmäßig seinen Beruf darin, den Deutschen ihre Kultur- ideologie zusammenzuschlagen. Es handelt sich ja hier gar nicht darum, den Dadaisten zu rechtfertigen. Er handelt instinktiv, genau wie einer sagt, er sei Räuber aus „Passion" oder Briefmarkensammler aus Vor-* liebe. Das „Ideal" hat sich gedreht: aus dem abstrakten Künstler ist (wenn Du so willst lieber Leser) ein böser Materialist geworden, der die abstruse Charaktereigen- schaft hat, die Pflege seines Bauches und den Handel mit Effekten für ehrlicher als Philosophie zu halten. 54 „Aber das ist doch gar nichts Neues", werden sogleich diejenigen schreien, die von dem „Alten" nie loskommen können. Das ist insofern etwas unerhört Neues, als zum erstenmal aus der Frage : Was ist die deutsche Kultur? (Ant- wort: Dreck) die Konsequenz gezogen worden ist, nun mit allen Mitteln der Satire, des Bluffs, der Ironie, am Ende aber auch mit Gewalt gegen diese Kultur vorzugehen. Und zwar in gemeinsamer großer Aktion. Dada ist eine deutsche bolschewistische Angelegenheit. Es muß dem Burger die Möglichkeit genommen werden, „Kunst zu seiner Rechtfertigung zu erhandeln". Kunst sollte über- haupt mit schweren Prügeln belegt werden, für die Dada mit der Inbrunst seiner ganzen Beschränktheit eintritt. Die Technik des dadaistischen Feldzugs gegen die deutsche Kultur sind lange überlegt worden. Am besten ließ sich das in großen Vorstellungen arrangieren, wo gegen an- gemessene Preise alles, was mit Geist, Kultur und Innerlich- keit zusammenhängt, symbolisch abgeschlachtet wird. Es ist lächerlich und das Zeichen über die polizeiliche Norm hinausgehender Plattköpfigkeit, nun zu sagen, Dada (dessen tatsächliche Leistung . bei ungeheuerem Erfolg nicht wegzuleugnen ist) sei „nur von negativem Wert". Mit dem Schwindel von negativ und positiv lassen sich doch heute kaum noch die Abcschützen kommen. Die Herren, die den „Aufbau" notwendig haben, ge- hören zu den verdächtigsten Typen einer innerlich längst bankerottierten Kaste. Daß Ruhe, Ordnung und Aufbau, das „Verständnis für eine organische Entwicklung" nur Sym- bole, Vordergründe und Vorwände für Hintern, Fett und Gemeinheit sind, hat unsere Zeit zur Genüge erfahren. Wenn die dadaistische Bewegung Nihilismus ist, so ge- hört eben Nihilismus zum Leben, eine Wahrheit, die übrigens von jedem Zoologieprofessor bestätigt werden wird. Relativismus, Dadaismus, Nihilismus. Aktion, Re- volution, Grammophon. Es wird einem schlecht zumute, wenn man das alles zusammenhört, was als solches (soweit es als Theorem sichtbar wird) ganz antiquiert 55 und dumm erscheint. Dada hat keinen rechthaberischeir Standpunkt. Wenn ihm heute Professor Knatschke beweist, daß es schon dagewesen ist, so macht das ja weiter nichts. Ein Baum ist auch schon dagewesen und man ißt jeden Mittag, ohne daß man besonderen Ekel dabei empfindet. Diese ganze physiologische Einstellung zur Welt, die so- weit geht, daß sie wie Nietzsche, der große Philologe,, das tut, die Kultur vom trockenen oder flüssigen Essen abhängig macht, ist naturlich cum grano salis zu nehmen. Sie ist genau so sinnig und unsinnig wie das Gegenteil. Aber man ist ja ein Mensch und nimmt schon dadurch Partei, daß man heute Kaffee und morgen Tee trinkt. Dada sieht sein Ende voraus und lacht darüber. Der- Tod ist eine durchaus dadaistische Angelegenheit, indem er nicht das Geringste besagt. Dada hat das Recht, sich selbst aufzuheben und wird davon Gebrauch machen, wenn die Zeit gekommen ist. Es wird mit durchaus sach- licher Geste, giebügelten Hosen, rasiert und frisiert ins Grab steigen, nachdem es sich rechtzeitig mit dem Be- erdigungsinstitut Thanatos in Verbindung gesetzt hat. Die Zeit ist nicht mehr allzufern. Wir haben sehr feine Finger- spitzen und einen Kehlkopf aus Glanzpapier. Die mittel- mäßigen Köpfe und di^ Herrschaften, die eine „Verrückt- heit'' suchen, beginnen sich des Dadaismus zu bemächtigen. An allen Ecken des guten deutschen Vaterlandes bemühen sich die Literaturcliquen, mit Dada als Hintergrund, eine heroische Pose einzunehmen. Man muß das Talent haben, seinen Untergang interesisant und angenehm zu machen.. Am Ende ist es ja auch gleichgültig, ob die Deutschen ihren Kulturschwindel weiter machen oder nicht. Mögen^ sie damit unsterblich werden. Dada aber wird, wenn es> hier stirbt, eines Tages auf einem anderen Planeten mit Rasseln und Kesselpauken, Topfdeckeln und Simultan- gedichten den alten Gott daran erinnern, daß es nochi Leute gibt, die den vollkommenen Blödsinn der Welt sehr wohl eingesehen haben. 36 T^ada hatte in Deutschland die größten Erfolge. Wir ^^^ Dadaistenbildetenbald eineKompanie, die derSchrek-- lien der Bevölkerung war und zu der auOer mir die Herren 'Raoul Hausmann, George Grosz, John Heart- field, Wieland Herzfelde, Walter Mehring und ein ge-- ivisser Baader gehörten. Im Jahre 1919 veranstalteten wir verschiedene große Soireen iii Berlin, anfangs De- zember gaben wir ohne unser Verschulden in dem In- stitut für sozialistische Heuchelei, der „Tribüne", zwei Sonntags-Matineen, die den Erfolg einer gefüllten Kasse und eine wehmütig-widerwillige Anerkennung des vor «inem Jahrhundert sehr bekannten und anerkannten, jetzt aber durchaus invaliden und stark aterosklerotischen Kri- tikers Alfred Kerr in der Form eines Artikels im Ber- liner Tageblatt mit sich brachten. Mit Hausmann, dem Dadasoph, dem ich mich wegen seiner uneigennützigen Klugheit eng attachierte und jenem schon mehrmals 'erwähnten Baader, unternahm ich im Februar 1920 eine Dada -Tournee, die am 24. Februar dieses Jahres in Leipzig mit einer Vorstellung im Zentraltheater vor ^rka 2000 Personen, unter unendlichem, den alten mor- schen Globus schwer erschütterndem Trara C^bruit'*) begann. Wir begannen in Leipzig, da wir von der richtigen Vorstellung ausgingen, daß alle Deutschen Sachsen sind, womit, wie mir scheint, genug gesagt ist. Wir fuhren dann nach Böhmen, wo wir am 26. Februar in Teplitz- Schönau vor einem Publikum vqn Narren und Neu- gierigen auftraten. Am gleichen Abend betranken wir uns sinnlos, nachdem wir mit der Geste letzter Nüchtern- heit den intelligentesten Einwohner von Teplitz, Herrn Dr. Hugo Dux, zum Obersten aller Dadaisten der Tschechoslowakei ernannt hatten. Baader, der fast fündig Jahre alt und, soviel ich weiß, schon Großvater ist, ging dann in das Lupanar „zur Hummel", wo er seinen Ge- lüsten durch Sauf-, Freß- und Weibergelage fröhnte und auf Rechnung von Hausmann und mir einen ver- brecherischen Plan faßte, der uns am i. März in Prag 57 nach seiner Überlegung das Leben kosten sollte. Am I. März wollten wir nämlich zu dritt in Prag in der Pro- duktenbörse, die fast 2500 Personen faßt, eine Vor- stellung geben. In Prag sind nun die Verhältnisse etwas eigentümlich. Es waren uns von allen Seiten Schläge- reien angedroht. Die Tschechen wollten uns verprügeln, weil wir unglücklicherweise Deutsche waren; die Deut^ sehen hatten es sich in den Kopf gesetzt, wir wären Bolschewisten, und die Sozialisten drohten uns mit Tod und Vernichtung, weil sie uns für reaktionäre Wollüst- linge hielten. Die Zeitungen hatten Wochen vor un- serer Ankunft eine Dada-Monstre-Reklame gemacht und die Erwartungen konnten nicht höher gespannt werden. Man glaubte offenbar, die lebenden Kühe würden aus dem Himmel fallen — auf der Straße bildete man Kordon hinter uns, brüllte rhythmisch Dada, auf den Redaktionen zeigte man uns zuvorkommend die Revolver, mit denen man am i. März abends unter Umständen auf uns zu schießen gedachte. Dies alles war dem Baader mit Wucht auf sein Gehirn geschlagen. Der arme Pietist hatte sich den Ausgang der Dada -Tournee so ganz anders gedacht. Mit mancherlei Geld im Beutel hoffte er zu seinen Kuidern und seiner Gattin zurückzukehren, um von Dada Sparzins zu ziehen und nach vollbrachter ehe- licher Pflicht, bei einer Pfeife Germania-Ersatz -Tabak, sanft seine Heldentaten beträumen zu können« jetzt sollte er aber sein teures Leben lassen, jetzt gab es die Möglichkeit, daß er seine poetische Laufbahn in einer Prager Leichenkammer endete. Alles wollte er auf sich nehmen in seiner Angst, jede Schmach wollte er ertragen, wenn ihn nur sein Vetter, der alte )udengott, mit dem er sich sooft verbrüdet hatte, diesmal noch vor der Auflösung seiner Pseudo- Barden -Individualität be- wahrte- Dum vita superest, bene est. Um 8 Uhr sollte die Vorstellung in der Produktenbörse beginnen. Gegen 7 Vi Uhr frage ich Hausmann nach Baader. „Er hat mir einen Zettel hinterlassen, d^ß er noch einmal rüber zur 38 Post gegangen ist." Er ließ uns also bis zuletzt im Glauben, er käme noch, um uns an einer Änderung des Programms zu hindern und uns dadurch um so sicherer der Wut des Pub- likums auszusetzen. Die ganze Stadt war in Aufregung. Tausende drängten sich um die Eingänge der Produkten- börse. Schon hingen sie zu Dutzenden in den Fensterkreuzen, saßen auf den Klavieren und brüllten und tobten um die Wette. Hausmann und ich standen aufgeregt in dem Neben- raum, den man als „Künstlerzimmer" zurechtgemacht hatte und wo schon die Scheiben zu klirren begannen. Es war 8 ^ Uhr — Baader nicht da. Jetzt begreifen wir erst, um was es sich handelt. Hausmann erinnert sich, zwischen ' seiner Wäsche einen Brief „An Hausmann und Huel- senbeck" gesehen zu haben. Wir begreifen, daß Baader uns sitzen gelassen hat und daß wir diesmal den Hokus- pokus, so gut es eben geht, allein machen müssen. Die Lage so ungünstig, wie sie nur sein konnte — zum Po- dium (einer künstlich aus Brettern aufgeschlagenen Erhöh- ung) nur Zugang durch das didit massierte Publikum — Baader, mit der Hälfte der Manuskripte auf der Flucht. Jetzt galts. Hie Rhodus! Meine Verehrtesten, mit Hilfe Gottes und unserer Routine wurde der i. März in Prag ein großer Sieg für Dada. Am 2. März traten Hausmann und ich vor einem kleineren Publikum im Mozarteum noch- mals mit großem Erfolg auf. Am 5. März waren wir in Karlsbad, wo wir zu unserer Genugtuung feststellen konnten, daß Dada ewig ist und einen unvergänglichen Ruhm erwerben wird. 59 • • • * DURCH DADA ERLEDIGT ein Trialog zwischen menschlichen Wesen Personen: Dr. Smartny, von der Hearstpresse, aus dem Staate Illinois. Peupilos, Priester aus dem alten Reich (Ägypten) zugleich Portier am Hotel Exzelsior. Ein Da- daist. Ort: Theben. Zeit: Zu allen Zeiten. D^. Smartny: O — eine feine Sache, Papyros von Mr. Peupilos, Oberpriester entdeckt unter Lebensgefahr gegen 20 Dollar. Neue Religion, dadaistic Religion gefunden. Schon radiotelegraphiert. Werde mir einen Scheck frisieren lassen, daß ich für alle Zeiten ausbalan- ciert bin. der Dadaist: Sie müssen das mit dem Geld nicht zu wichtig nehmen. Dr. Smartny: Ich rechne pro decouvriertes Sakrament ein Automobil. The american auto is the best of the World. Man könnte eine Vortragsreise aber die dada- istic Religion in Europa machen — 500 Dollar pro Abend. der Dadaist: Das ist alt. Im Jahre 1920, nach dem Krieg zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten, un- ternahmen die Dadaisten Hausmann, Baader und Huel- senbeck eine dadaistische Tournee durch Deutschland und Böhmen, bei der sie viel Aufsehen erregten und einiges Geld verdienten. Dr. Smartny: Sie wollen mir doch nicht weismachen, daß es außer dem Dadaismus, den ich hier unter Gefahr meines Lebens entdeckte, noch einen anderen gegeben hat. Damned — ich boxe gut, ich — der Dadaist: Dada hat es immer gegeben, im alten Agyp-^ ten so gut wie in Europa oder in Mexiko. Der Dadaist, mein lieber Dr. Smartny, ist von der Zeit unabhängig. Dr. Smartny: O — kein metaphysical System, kein — der Dadaist: doch, Verehrtester: Dada ist unabhängig von der Zeit, es wird stets wiedergeboren, es gibt sich weiter durch die Kette der Generationen, Dada ist eine eminent metaphysische Angelegenheit. 40 Dr. Smartny: Sie sagen, Dada ist nichts Neues? der Dadaist: Dada hat in Ihrem Sinn keinen Kuriositats- wert. Dada ist nicht wie Singers Nähmaschine oder Bethlehem Steel Company, Dada ist zuerst mal immer etwas ganzes anderes, es ist eine durchaus persönliche Angelegenheit. Dr. Smartny: Dada ist also nichts Originales, die Presse kennt es schon, es steht in den großen Konversations- lexika? der Dadaist: Sicherlich. Dada hat immer^, wenn es auf -. getreten ist, die Presse bis zum Wahnsinn erregt. Sie fanden glänzende Möglichkeiten, ihre Feuilletonspalten zu füllen. Sie fielen mit Bomben und Trompeten auf Dada hinein, indem sie es beschimpften. Dada ist der große Nierenpröfer und Moralistenfänger. Es jagt mit eisernen Schmetterlingsnetzen nach den Hinterteilen der Seßhaften, der Kleinen, Müden und jämmerlichen. Dr. Smartny: Mr. Peupilos wird uns aufklären« Ich gehe nicht eher von hier fort, als bis ich weiß, was Dada ist, wie alt Dada ist und von wem es gemacht wurde. der Dadaist: Dada wurde überhaupt nicht gemacht. Sie halten es für die religiöse Anschauung einer alt- ägyptischen Sekte — Dada ist aber auch in Indien aufgetreten. Die Siwaiten der linken Hand haben es kultiviert. Im Gilgamesch-Epos der alten Assyrer finden Sie angedeutet, daß Dada mit der Geburt der Welt identisch ist. In den Dionysos- Mysterien haben Sie Dada so gut wie in den Orakelsprüchen der Priester von Dodona. Dr. Smartny: Sie machen mich verwirrt, lassen Sie mich das notieren. der Dadaist: Hier gibt es wenig zu notieren. Dada ist die Spitze des magischen Dreiecks über der Polaritäts- linie aller irdischen Dinge. Dada ist der Sieg der kos- mischen Vernunft über den Demiourgos — Dada ist aber auch das Lachen des Börsenmaklers, der seine Schantung- Aktien zur rechten Zeit verkauft hat. 41 Dr. Smartny: Das läßt sich eher begreifen. der Dadaist: Dada ist die große Ironie, es tritt als Richtung auf und ist keine Richtung. Dr. Smartny: ]a, zum Donnerwetter — der Dadaist: Dadaist war der Sexual Verbrecher Alton, als er in sein Tagebuch schrieb: Killed to-day a young giri, it was fine and hot. Dr. Smartny: Das war noch ein Keri. der Dadaist: Dadaist war Manoleseu, als er als Fürst auf- trat und sich im Kaiserhof einmietete, ohne zu wissen, wovon er die Rechnung bezahlen würde. Dada ist die Sicherheit, Dada ist die amerikanische Seite des Bud- dhismus. Dr. Smartny: U. S. über allei. der Dadaist: Wir sind noch nicht am Ende. Dr. Smartny: Ich verstehe nichts mehr, ich bin ruiniert, ich kann meinen Abschied nehmen. Pe upilos tritt auf; er hat eine.Mitra auf dem Kopf und trägt Stiefel aus BüfFelleder. In seinen Ohren beiderseits „la pie, qui chaute"; sein Nabel ist emalliert. Er stellt sich in Positur und sagt: „Noi che tomiamo dai luoghi dove si guarda in f aecia la Morte, possiamo assicurare TEccellenza Vostra que il patrio Hico appello ha riscosso lassü plausi e adesioni — Nehmen Sie die Stiefel in die Hand und pfeifen Sie den Hohenfriedberger — der Mond ist tot und die Spatzen sind tot, auf den Dächern stehen die Kühe und schrein. Das Land brach auf und die Flamme ging hoch, an den Schornsteinen ließen sich die AfFen herunter, doch niemand weiß,wo^ es gut ist. Umba, umba. Wir sind der Anfang und das Ende, weil wir die Mitte sind" — Peupilos ist einige Schritte vorgetreten. Er reißt den Mund weit auf und schreit feierlich: „Sieno dunque utilizzati questi bersagli di came malsana per aggiustare it tiro miracoloso della nostra formidabile artiglerial" Dr. Smartny: Er ist wahnsinnig geworden. 42 der Dadaist: Er ist Dadaist, er ist gegen die Kunst. Peupilos: (beugt sich vor dem Dadaisten) Heil Du Ur- großmutter des Gestankes, Vater des Nils und des Anubis. der Dadaist: Wir halten die Erde in unserer Hand und rollen den Atem der Sterne durch unser Hirn. Peupilos: Wir jagen die Schweine aus dem Land zwischen den Flüssen, wir blasen die Flüsse auf und stülpen die Berge über unser Haupt. Evoe! Dr. Smartny: Ein Irrenarzt, ein Psychiater, eine Be- schwörungsformel für unheilbare Narren. der Dadaist: \ , - u ^ i r i.i^- v ^ rs . , } La peche a la ligue est tres compliquee. Peupilos: j Dr. Smartny: Und ich habe geglaubt, hier eine neue Religion entdeckt zu haben. Peupilos: Er dachte in mir einen Isistempel zu finden. Er hoffte ein Dada-Petrefakt aus meinen Därmen zu klauben. der Dadaist: Dada ist ewige Jugend! Peupilos: Bravo! Dr. Smartny: Morning (will gehen) Peupilos: Warten Sie einen Augenblick Mr. Smartny. Ich werde Sie über meine Persönlichkeit in einer Weise aufklären, die Ihren modischen Ohren verständlich ist. Der Papyros, der Ihnen das Dokument einer alten dadaieo-ägyptischen Religion zu sein schien, war ge- fälscht. . Dadaistische Dokumente sind immer gefälscht. Im übrigen hätten Sie wissen müssen, daß Dada in Ai^erika schon eine Rolle gespielt hat. In New York hat sich Stieglitz, der Herausgeber der Camera Works dafür eingesetzt, in der Chicago Daily News hat Ben Hecht über Dadaismus geschrieben. Dr. Smartny: Sagen Sie mir ohne Umschweife, wer Sie sind — Peupilos: Ich bin der Portier vom Exzelsior-Hotel. Dr. Smartny: Aha, also kein Priester. Peupilos: Dada. 43 Dr. Smartny: Das ist Betrug, ich hole die Polizei. der Ddddist: Dada ist die 3onne, Dada ist das Ei. Dada* ist die Polizei der Polizei. Peupilos: Sie sind gegen Humbug versichert, beruhigen« Sie sich. Dr. Smartny: Ich bin ruiniert, . ich bin blamiert. der Dadaist: Sie sind auf Dada hereingefallen, kein Mensch wird es Ihnen übel nehmen. Dr. Smartny: Dieser Herr hat einen Theatercoup ge- macht, der ihn in die Leichenhalle bringen wird. Er zieht sich die Jacke aus. Peupilos: Ich bin Kellner von Beruf, kein Carpentier, schonen Sie meine Kinder. der Dadaist: Wir nähern uns dem Ziel alles Lebens. Dada ist der Tod, weil es das Leben ist. Dada ist das Ende der Welt. Dr. Smartny: erledigt den Portier Peupilos mit einem Uppercut der Dadaist: Sie haben verständig gehandelt. Dada tritt für die Prügelstrafe ein. Dr. Smartny: Ich bin erledigt. der Dadaist: Sie beide sind erledigt. Sie, Herr aus dem Staate Illinois und jener Neophyt — Sie beide sind er- ledigt: Dada war zu heiß für Sie. DADA aber WIRD EWIG LEBENI 44 DIE Original DADAisten GEBEN DAS COPYRIGHT IHRER WERKE DEM VERLEGER PAUL STEEGEMANN IN HANNOVER DER IN LEIPZIG WIEN ZÜRICH DÄDAFILIALEN HAT HERR KURT SCHWITTERS AUS HANNOVER WALDHAUSEN SETZTE ALS ERSTER DADAIST AUF EINEN DOPPEL SILBERGAUL 39/40 DIE JETZT WELTBERÜHMTE ANNA BLUME vier mark iOOOO EXEMPLARE SIND IN DREI MONATEN VERKAUFT ANNA BLUME KANDIDIERT FÜR DEN ERSTEN DEUTSCHEN REICHS- TAG NACH DER KLEINEN REVOLUTION UND HOFFT NOCH VIEL OELD ZU VERDIENEN JA DIE KATHEDRALE vier mark IST DIE SEHNSUCHT ALLER ZEITEN HERR SCHWITTERS HAT SIE AUF SILBERGAUL 40/41 AUFGEBAUT DIE WOLKENPUMPE vier mark HAT UNS SCHON LANGE GEFEHLT ALS CACADOU SUPERIEUR KNALLT SIE AUF SILBERGAUL 52/53 ALLE BÖSEN GEWITTER AUS DEN GEMÜTERN DER DEUTSCHEN MENSCHEN SIE SPENDET RAT UND HILFE IN UNGLÜCKSFÄLLEN HERR ARP AUS ZÜRICH IST DER NOBLE HERSTELLER DIE LETZTE LOCKERUNG sechs mark IST DAS ENDE ALLER FILOSOFIE DAMENSTRÜMPFE GAUGINS UND DADA BALANZIEREN DIE KAFFEEMÜHLE WELT DER BE- RÜCHTIGTE DR SERNER AUS GENfeVE HAT DIE LETZTE LOCKE- RUNG GELOCKERT BAND 62/64 SEKUNDE DURCH HIRN sechs mark DER PRACHTVOLLSTE SCHUNDROMAN ALLER ZEITEN DAS LIEBLINGSBUCH DER LITTERARICH GEBILDETEN BAND 59/61 DIESES WERK DES HERRN VISCHER AUS PRAG STROTZT VON OEMEINHEIT UND UNZUCHT SIE MÜSSEN ES LESEN EN AVANT DADA vier mark ist DIE GESCHICHTE DES DADAISMUS BAND 50/51 VERFASST VON GEHEIMRAT RICHARD HUELSENBECK DEM BESITZER DES ZENTRALAMTS DER DADABEWEGUNG IN DEUTSCHLAND BERLIN HIER ERFAHREN SIE DAS GEHEIMNIS DES DADA SENSATIONELLE ENTHÜLLUNGEN AUS DEM LIEBESLEBEN DER DADAISTEN DIE PRAKTIKEN DER ENGELMACHERINNEN DIE LUES DES HERRN PICABIA DIE SPEISUNG DER GEISTIGEN AUF OEM POTSDAMER PLATZ KUBISMUS FUTURISMUS EXPRESS fON IS- MUS REVOLVER UND LITTERATUR DIE PRÜGELEI IN DRESDEN DADA IN ALLER WELT BRUITISMUS JEDERMANN KANN DADAIST WERDEN FASST EINE HALBE MILLION SILBERGÄULE TRABEN AUF DER ERDE HERUM DER DIREKTOR PAUL STEEGEMANN HAT DAZU SOZUSAGEN ALS VORBEREITUNG DEN MARSTALL DEN ANTIZWIEBELFISCH ÖFFENTLICH ERSCHEINEN LASSEN DA WERDEN DIE SILBERGÄULE MIT POLEMIK UND ELAN VORGE- RITTEN FÜR ZWEI MARK DIE NUMMER £ine vadikaU Büdjetreibt Dichtung / v a p h i k / C s s a i Jeder Band 2. - W a r l- öesAmiAUfLAoe ßBCK 460000 Bjnve Bd. 1 /2 Rud. Leonbard / Briefe an Wargit / Gedichte an eine Schauspielerin Bd. 5 Heinridi Mann / Der Sohn / Dovelle des Deuen Geschlechts Bd. 4 Kurt Hiller / Gustop Wynekens Crfiehungslehre und der Äktivismus Bd. 5/7 V. C. Habidit / Cchnaton / Uovelle aus dem alten Tigppten Bd. 8/9 Kurt Martens / Der Emigrant / Dovelle des antiken &os Bd. 10/11 Kasimir Edschmid / Stehe von Lichtem gestreichelt / Gedichte Bd. 1 2 Heinrich Vogeler - Worpswede / Cxpressiot^smus der Liebe Bd. 13/14 Berta Lask / Stimmen / Ekstatische Gedichte Bd. 15 Bernhard Dörries / TDittelalter I 8 Ursteindrucke Bd. 1 6 - Anton Schnadc / Die tausend Gelächter / Verse der Lust Bd, 17 Otto Flakc / Wandlung / Dovelle der Demut Bd. 18 Curt Moreck / Die ßolle / Cine Ehegeschichte Bd.19 Heinrich Vogcler- Worpswede / Das Deue Lehen Bd. 20 Carl Hauptmann / Lesseps / Ein legendarisches Porträt Bd. 21/22 Carl Hauptmann / Des Raisers Liebkosende / Legende Bd. 25/24 Carl Hauptmann / Der schwingende f eisen von Tandilf Legende Bd. 15/lb Ludwig Baumer- Worpswede / Das Wesen des /Kommunismus Bd. 27/28 Max Krcll / Das TD e e r / Erzählung Bd. 29/30 V. C. Habicht / Der Triumph des Todes / Ein Tüysterienspiel Bd. 31/32 Franz Weinrich / himmlisches TDanifest / Ein Gesicht Bd. 33/33a Wilhelm Michel / Gustav Landauer / Romain Rolland / Essau Bd. 34/35 Olaf / Der bekränjte Silen / Verse des antiken Eros Bd. 36 Heinrich Vogeler- Worpswede / Siedlungswesen und Arbeitsschule Bd. 39/40 Kurt Sdiwitters / Anna Blume / dada ' Dichtungen Bd. 41/42 Kurt Sdiwitters / /Kathedrale / TDerj'Steinjeichnungen Bd. 43/44 Max Burdiartz / Die Dämonen / Steinjeidtnungen ju Dostojewski Bd. 45/47 Mynona / Unterm Leichentuch / Gespenstergesdiichte Bd. 48/49 F. W. Wagner / Jungfraun planen männevtoll / Grotesken Bd. 50/51 Hülsenbedc / En avant dada / Geschichte des dadaismus Bd. 52/53 Arp / Die Wolkenpumpen cacadou supfrieur / dada Bd. 54 Heinridi Vogclcr-Worpswede / Proletkult / Essai Bd. 55/56 M a X Sidow / ßermaphrodit / Dichtung l5d.57/58 Robert Brendel / Die große ßure / Dovelle Bd. 59/61 Mcldiior Visdier / Sekunde durch ßim / Ein dada-Roman Bd. 61/6A S e r n e r / Lei j te Lockerung / dada- TDanifest Bd.6f/66 Wilhelm Klemm / Traumschutt / Gedichte Bd. 67/68 Heinz Wanders / Spuk / St einj eic h nung en Bd. 69/7^ V. C. Habicht / Letjte Lust / Ein Roman \!>A.']6/'I'I Hans Schiebelhuth T Schwabinger Sonette *Bd. 78/78a Jan van Mchan / Das Gegenspiel / Kosmos / Erstes Buch Bd. 79 Kl ab und / TDariettaf Ein Liebesroman aus Schwabing Bd. 80/82 E. M. Engert / Schwabinger /Köpfe / Scherenschnitte Bd. 83/84 Jan van Mchan / Weltgericht AETOU / Tragödie der Urlaute Bd. 85/86 Ernst Sdiüttc / O Wenschl / Jeichnungen der Verwesung Bd. 87/88 lohann Frctking / Wartin ohne flügelkM / /Klabund-Skavdal V. C. Habidit / Die selige Welt / Ein Psalm / 50 Pf Deue Bände in Vorbereitung / Prospekte gratis. PAUL STEEGEMANN VERLAG HANNOVER NEUE GRAPHI voo IDitgliedern der ßannopttsAen Sezession u. «. MAX BURCHARTZ/DIE DÄMONEN SttinjtiAnungen /ii Vostojtwski €s wuvdtn 50 &cemplare auf bandgesthöpßem Sandersbütten abgezogen, bandsditifiliA signiert; in Jüappe, je 200 IDark Uc,1- 10, Wappe in Seide gebunden je 500 IDark FRITZ BURGER-MOHLFELD / 13 STEIN^EICHN. €s wurden 50€xempL au fÄlpba- Papier abgezogen, bandsArifil. signiert, in UiAter IDappe je 150 JDark FRITZ BURGER-MOHLFELD / 6 STEINZEICHN. 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