2 o 2 2 2 2 fe} je] 2 2 2 o o E 2 a * > * oa © © 22 z 8 « N 2 bondnnnonannonan Anatas <36635017700015 8 3663501770005 Bayer. Staatsbibliothek u 80 be 5 Schulausgaben claffiicher Werke. Anker Mitwirkung mehrerer e herausgegeben von 9 5 a Bertbaner.. Friedrich von Schiller: Aber naive und ſenkimenkaliſcke Dichtung A Mit Einleitung und Anmerkungen von Zoſef Egger und Dr. Kart Rieger, k. k. Profeſſoren am Franz Joſefs⸗Gymnaſium in Wien. N d Wien, 1885. Verlag von Karl Graeſer. I. Akademieſtraße 2b. Preis broſch. 50 kr. Unter Mitwirkung mehrerer Fachmänner herausgegeben m von Prof. J. Neubauer. IX. Schiller: Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. Mit Einleitung und Anmerkungen von Prof. Aoſef Enger und Dr. Karl Rieger. SER Wien 1885. Verlag von Karl Graeſer. JI. Akademieſtraße 2 b. | Aber | naive und ſenkimenkaliſche Dichtung. Von Friedrich von Schiller. mit Einleitung und Anmerkungen von Joſef Egger und Dr. Karl Rieger, Profeſſoren am k. k. Franz Joſef-Gymnaſium in Wien. Wien 1885. Verlag von Karl Graeſer. I. Akademieſtraße 2 b. EIRLIOTHECA Abel N81 FEAR MIH Lormein - SV WARE EI RIPE BR I. Schillers philoſophiſche Studien und Schriften. Die zwiſchen der Vollendung des „Don Carlos“ und dem Freundſchaftsbunde mit Goethe liegenden acht Jahre waren für Schiller eine Zeit bewuſster Vorbereitung für ſeinen Dichterberuf. Er ſtudierte Geſchichte, um die Welt und die Menſchheit kennen zu lernen; er ſtudierte die Dichter der Griechen, ins⸗ beſondere Homer, Aschylos und Euripides, um ſeinen Geſchmack zu läutern und ſich beobachtend und nachbildend im Formellen der Kunſt zu ſchulen; er ſtudierte endlich Philoſophie, um ſeinem dichteriſchen Schaffen eine feſte Grundlage zu bereiten, ſich über den Gegenſatz der antiken und modernen Dichtweiſe klar zu werden und in der ſeiner Natur allein zuſagenden Dichtungsweiſe die nöthige Sicherheit zu erlangen. a Seinen Beruf zur philoſophiſchen Speculation hatte Schiller, der als Denker faſt ebenſo hoch daſteht wie als Dichter, ſchon in den philoſophiſchen Briefen zwiſchen „Julius und Raphael“ und im philoſophiſchen Geſpräche m „Geiſterſeher“ bewährt. Es lag ganz und gar in ſeiner geiſtigen und ſittlichen Natur, dafs er bei feinem Philoſophieren vorzugsweife fittlich- äſthetiſche Zwecke ins Auge faſste. Damit ſtimmt überein, dafs er ſich als Di.ichter zu keiner poetiſchen Gattung mehr hingezogen fühlte, als zur Tragödie. Als er daher 1790 vom Studium der Geſchichte wieder zur Philoſophie zaurückkehrte, knüpfte er fein Denken an den Theil der Aſthetik an, der ſich mit dem Weſen der Tragbdie beſchäftigt, und es entftanden die Abhandlungen „über die tragiſche Kunſt“ und „Über den Grund des Vergnügens an tragischen Gegenſtänden.“ Erſt im Winter 1791, nach feiner ſchweren Krank⸗ heit, fieng er an, Kants „Kritik der Urtheilskraft“ eifrig zu ſtudieren. Wir finden die erſten Spuren dieſer Studien in den Briefen an Körner aus dieſer Zeit. Die folgenden Schriften ſind die Früchte ſeiner eindringlichen Kantſtudien. Er wandte Kants Lehre vom Erhabenen auf die Tragödie an in der Ab- handlung „Über das Pathetiſche“ (1793), in der er noch auf dem Stand⸗ punkte Kants ſteht. In den weiteren Schriften aber: „Über Anmuth und Würde“ (1793), „Briefe über die äſthetiſche Erziehung des Menſchen,“ die er 1794 in Schwaben begann und in Jena vollendete, ſah ſich Schiller genbthigt, von feinem äſthetiſchen Standpunkte aus über Kants Sittenlehre hinauszugehen, d. h. Kants ſittlichen Rigorismus zu mildern. Die letzte pPhiloſophiſche Schrift „Über naive und ſentimentaliſche Dichtung“ (1795) bildete für Schiller, wie er ſelbſt ſagt, „eine Brücke zu der poetiſchen Production;“ er hatte nach allen Richtungen vollkommene Klarheit erlangt und es war Zeit, zur Dichtung, „der eigentlichen Heimat ſeines Geiſtes,“ urückzukehren. Bezeichnend ſind die Worte, die er damals (am 4. Nov. 1795) n die Gräfin Purgſtall ſchrieb: „Von jeher war Poeſie die höchſte An⸗ elegenheit meiner Seele und ich trennte mich eine Zeitlang bloß von ihr, um reicher und würdiger zu ihr zurückzukehren. In der Poeſie endigen alle X mn rs—— Al Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. —— eee Bahnen des menſchlichen Geiſtes und deſto ſchlimmer für ihn, wenn er ſie nicht bis zu dieſem Ziel zu führen den Muth hat. Die höchſte Philoſophie endigt in einer poetiſchen Idee, jo die höchſte Moralität, die höchſte Politik. Der dichteriſche Geiſt iſt es, der allen dreien das Ideal vorzeichnet, welchem ſich anzunähern ihre höchjte Vollkommenheit iſt.“ II. Im. Kant und feine drei Kritiken. Im Gegenſatze zum Dogmatismus, der von gewiſſen poſitiven, aber unerwieſenen Sätzen ausgeht, ohne die Erkenntniskraft geprüft zu haben, ſei es als Em pi⸗ rismus, der die Philoſophie auf die Erfahrung beſchränkt, oder als Rationalismus, der in dem klaren und deutlichen Denken den Schlüſſel zur Erkenntnis der Dinge gefunden zu haben glaubt, nennt Kant feine: Philoſophie die kritiſche oder Kriticismus, weil er der Anſicht war, daſs die Prüfung des Urſprungs, des Umfangs und der Grenzen der menſchlichen Erkenntnis jeder anderen philoſophiſchen Erkenntnis vorangehen müſſe. Er unternimmt daher eine Kritik unſerer Seelenvermögen, die ſich auf drei zurückführen laſſen: Erkennen, Gefühl, Begehren. Das erſte Ver— mögen enthält für alle drei die Principien, die leitenden Geſetze. Sofern das Erkenntnisvermögen die Principien des Erkennens ſelber enthält, iſt es theoretiſche Vernunft; ſofern es die Principien des Begehrens und Handelns enthält, iſt es praktiſche Vernunft; ſofern es endlich die Principien des Gefühls, der Luſt und Unluſt enthält, iſt es ein Vermögen der Urtheilskraft. Darüber nun handeln ſeine drei Hauptwerke. 1. Kritik der reinen Vernunft (1781). Die Prüfung unſeres Erkenntnisvermögens ergibt Folgendes: Alle Erkenntnis iſt ein Product zweier Factoren, des erkennenden Subjects und der Außenwelt. Der eine Factor, die Außenwelt, bietet den Stoff, das erkennende Subject die Form, nämlich die Verſtandesbegriffe, die Denkformen; die Vereinigung beider macht erſt die Erfahrung. Wäre keine Außenwelt da, ſo gäbe es keine Erſcheinungen; wäre kein Verſtand da, ſo würden dieſe Erſcheinungen nicht zur Einheit der Vorſtellung verknüpft, eine Erfahrung wäre unmöglich. Oder: Anſchauungen ohne Begriffe ſind blind, Begriffe ohne Anſchauungen leer, das Erkennen iſt die Vereinigung beider, indem es die Begriffe mit Stoff ausfüllt, den Stoff ins Netz der Begriffe faſst. Doch erkennen wir die Dinge nicht, wie ſie an ſich ſind. Denn indem wir zum gegebenen Erfahrungsſtoffe unſere eigenen Begriffe, die Denkformen (Kategorien) hin— zutragen, werden die Objecte nicht gedacht, wie ſie an ſich ſind, ſondern wie wir fie auffaſſen. Zu dieſer jubjectiven Zuthat kommt noch eine zweite. Alle Anſchauungen, die wir in Begriffe faſſen, find ſchon durch ein ſub— jectives Medium, Raum und Zeit, hindurchgegangen, denn auch Raum und Zeit, die Formen der ſinnlichen Anſchauung, ſind ſubjective Zuthaten, die ebenſo urſprünglich in unſerem Gemüthe vorhanden ſind, wie die Verſtandes— kategorien; ohne ſie iſt überhaupt keine Anſchauung möglich. Daraus folgt: a) Wir erkennen nur Erſcheinungen, nicht aber die Dinge an ſich, los— gelöst von Raum und Zeit. b) Deſſenungeachtet iſt das Gebiet unſerer Erkenntnis nur die Erfahrung; eine Wiſſenſchaft des Überſinnlichen gibt es nicht, und es iſt unmöglich, von dieſer Seite aus die Unſterblichkeit der Seele, die ſittliche Freiheit oder das Daſein Gottes zu behaupten oder zu beweiſen; natürlich, weil die ſinnliche Anſchauung fehlt. l Einleitung. VII 2. Kritik der praktiſchen Vernunft (1788). Die Functionen der praktiſchen Vernunft, welche die Beſtimmungsgründe unſeres Willens unterſucht, ſtehen zu denen der theoretiſchen in völligem Gegenſatze. Das theoretiſche Erkennen geht von Anſchauungen aus, alſo von außen nach innen, der Wille, der ſich in Handlungen umſetzen ſoll, von Grundſätzen und Begriffen, die in uns vorhanden ſind, alſo von innen nach außen. Ebenſo iſt auch das Reſultat verſchieden. Blieben dort die Vernunftideen: die ſittliche Freiheit, die Unſterblichkeit der Seele, das Daſein Gottes etwas Negatives, weil ſie ohne Anſchauung ſind, ſo erweiſen ſich dieſe Ideen in der praktiſchen Vernunft als unmittelbar gewifs und wahr; ſie ſind „Poſtulate der praktiſchen Vernunft.“ Die menſchlichen Handlungen werden allerdings meiſtens durch ſinnliche Gründe der Luſt oder Unluſt, durch Triebe und Neigungen beſtimmt, der Wille folgt äußeren Antrieben. Aber hoch über dem niederen Begehren ſteht in uns allen das Geſetz, das die Vernunft durch ſich ſelbſt unſerem Willen gibt: das Sittengeſetz. Dieſes gebietet uns, unabhängig von ſinn— lichen Antrieben, ihm ſchlechthin und unbedingt zu folgen, ohne Rückſicht auf empiriſche Zwecke der Luſt und Glückſeligkeit. Es iſt alſo kein hypo— thetiſcher, ſondern ein kategoriſcher Imperativ: Du ſollſt! Zugleich folgt daraus die Gewiſsheit der ſittlichen Freiheit: Du kannſt, denn du ſollſt. Es gibt alſo keinen Compromiſs zwiſchen Vernunft und Sinnlichkeit, zwi— ſchen Pflicht und Neigung. Und nur die unbedingte Herrſchaft des geiſtigen Menſchen über den ſinnlichen iſt moraliſch, jede Einmiſchung natürlicher Triebfedern hebt die Moralität auf und macht die Handlung zu einer bloß legalen. Denn die Tugend verlangt das Opfer der Neigung, ja, ſie be— ſteht nur in dieſem Opfer, jo ſehr, dass es nicht einmal erlaubt iſt, ſich an die Tugend zu gewöhnen, weil ſie ſonſt aus Gewohnheit, alſo aus Neigung, geübt würde. Die Tugend mufs vielmehr im ſtetigen Kampf mit der Neigung errungen werden. Man mufs die Pflicht üben nur um der Pflicht willen, lediglich aus Achtung vor dem Geſetze. Achtung iſt auch die einzige Empfindung, die uns gegenüber dem Sittengeſetze zuſteht. Von dem Bewuſstſein ſittlicher Freiheit aus gewinnen wir eine moraliſche Gewifsheit von Gott und Unſterblichkeit. 3. Kritik der Urtheilskraft (1790). Zwiſchen dem Erkenntnis— vermögen, dem Gebiete des Verſtandes, und dem Begehrungsvermögen, dem Gebiete des Willens, entdeckte Kant noch ein drittes Vermögen, die Urtheilskraft, die, zwiſchen beiden in der Mitte ſtehend, theilweiſe an beiden participiert, theilweiſe von beiden verſchieden iſt. Mit dem Erkenntnis— vermögen hat ſie das Urtheilen, mit dem Begehrungsvermögen die Luſt oder Unluſt gemein, allein ihr Urtheilen iſt „ohne Begriffe,“ denn mit dieſen hat nur der Verſtand zu thun, und ihre Luſt iſt „ohne Intereſſe,“ denn dies kommt nur dem Begehren zu. Wenn nun der Verſtand auf das Wahre, das Begehrungsvermögen auf das Gute gerichtet iſt, ſo hat die Urtheilskraft zum Object das Schöne. Dieſe begriff- und intereſſeloſe Erkenntnis des Schönen ift der Geſchmack. Schön ift, was ohne Be— griff und ohne praktiſches Intereſſe allgemein und nothwendig gefällt. Durch die Intereſſeloſigkeit unterſcheidet es ſich vom Angenehmen und Guten, denn bei dieſen beiden ſind wir intereſſiert. Das Wohlgefallen VIII Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. am Angenehmen iſt mit einer Empfindung der Begierde verbunden, das Wohlgefallen am Guten iſt ein Antrieb für den Willen, es zu verwirk- lichen. Daſs es allen nothwendig gefällt, hat feinen Grund in einem Gemeinſinn, in der Weſensgleichheit der Subjecte, die auch bei unſerer Erkenntnisthätigkeit wirkſam iſt. Doch find alle Geſchmacksurtheile ſubjectiv, denn die Schönheit ift nicht eine Eigenſchaft, die den Dingen an ſich zu= kommt, ſondern wir ſchauen ſie gleichſam in die Dinge hinein; die Dinge nennen wir ſchön, weil ſie uns ſo erſcheinen. Verſchieden vom Schönen iſt das Erhabene. Erhaben iſt, was ſchlechthin oder über alle Vergleichung groß iſt. Das ſchlechthin Große iſt nur das Unendliche, das Unendliche aber exiſtiert nur in unſerer Idee. Alſo liegt das Erhabene eigentlich nicht in der Natur, ſondern wird von unſerem Gemüthe auf die Natur übertragen. Erhaben nennen wir alſo in der Natur das, was die Idee des Unendlichen in uns erweckt. Was durch Größe ſeiner Ausdehnung dieſe Idee in uns erweckt, nennen wir das mathematiſch Erhabene, was durch die Größe der Kraft, das dynamiſch Erhabene. Das Erhabene erregt nicht reine Luſt, wie das Schöne, ſondern zuerſt Unluſt und durch dieſe erſt Luſt. Das Gefühl der Unzulänglichkeit unſerer Einbildungskraft in der äſthetiſchen Größenſchätzung erregt Unluſt, erweckt aber zugleich unſer moraliſches Selbſtgefühl und dadurch Luſt. — Auch das Gefühl des Erhabenen iſt nach dem Obigen durchaus jub- jectiv, es wohnt in uns, nicht in den Dingen. Am Schluſſe des erſten Theiles der Kritik der Urtheilskraft betrachtet Kant das Schöne als das Symbol des Sittlich-Guten, d. h. das Schöne kann als ſinnliches Zeichen für das nicht anſchauliche Sittlich-Gute an: geſehen werden. Daher macht der Geſchmack den Übergang vom Sinnenreize zum moraliſchen Intereſſe ohne einen zu gewaltſamen Sprung möglich, und durch die Entwicklung ſittlicher Ideen und die Pflege des moraliſchen Gefühls wird wiederum der Geſchmack gebildet, weil dieſer im Grunde ein Beurtheilungsvermögen der Verſinnlichung ſittlicher Ideen iſt. III. Schiller und Kant. Schon in den philoſophiſchen Briefen zwiſchen „Julius und Raphael“ hatte ſich Schiller ein moraliſches Ideal gebildet, das dem Kants ähnlich, aber in der Begründung verſchieden war. Denn er gründete die Tugend auf Liebe, alſo Neigung, während Kant jede Art von Neigung als unreines ſittliches Motiv verwirft. Wir ſollen verzichten — das iſt das Reſultat der Jugendphiloſophie Schillers — auf das egoiſtiſche Glück, ſtatt deſſen auf das moraliſche Ideal uns richten, auf die ſittliche Idee der Menſchheit, und dieſe durch uneigennützige Liebe und Hingebung zu verwirklichen ſtreben. Wir ſollen zweitens darauf verzichten, die Schöpfung zu begreifen, ſtatt deſſen ſelbſt ſchöpferiſch wirken in vollendeten Werken menſchlicher Kunſt. Die beiden Aufgaben alſo, die wir löſen ſollen, ſind Sittlichkeit und Kunſt. Zur Sittlichkeit wird aber der Menſch durch die Kunſt erzogen, er ſoll vom Stoffe im Genuſſe der Schönheit zur Anſchauung der Form ſich erheben. Die Kunſt hat alſo eine moraliſche weltgeſchichtliche Aufgabe: Die Menſchheit zur Sittlichkeit zu erziehen und zum Schauen der Wahrheit vorzubereiten (Grundgedanke des Gedichtes „Die Künſtler“). Außerdem hatte ſich Schiller beſonders mit dem Begriff und Weſen der Tragddie bejchäftigt. * | 4 : 4 3 Einleitung. ei dieſer Richtung ſeiner Studien ift es begreiflich, daſs Schiller, ſich eingehender mit den Werken Kants vertraut machen wollte, wa nach der „Kritik der reinen Vernunft,“ die ihm ferne lag, en vor allem nach jenem Werke griff, das feinen Neigungen entgegen— nach der „Kritik der Urtheilskraft,“ und in dieſer wieder jene Partie in ſich verarbeitete, die ihn als Dramatiker intereſſierte, die Definition ö Erhabe nen!“ („das Pathetiſche“). Indem er ſich nun in ſeine Kant-Studien - ierſt der Aſthetik, ſpäter auch der „Kritik der praftifchen Vernunft“ mer mehr vertiefte und zugleich es unternahm, die Lehren ſeines 2 N eifters in ſelbſtändiger Auffaſſung und in glücklichſter Weiſe durch eine fortgeſetzte Reihe von Schriften und Briefen zu populariſieren, ſah er ſich nicht ſelten genöthigt, Kants Anſichten zu erweitern, zu ergänzen, in einzelnen Punkten auch über dieſelben hinauszugehen. PWW Seine poſitiven Verdienſte ſind folgende: * I. Während Kant den Schöuheitsbegriff durchaus für ſubjectiv * N erklärte, ſuchte Schiller dieſem objective Geltung zu vindicieren. Es ſollte 5 dies ausführlich in einem philoſophiſchen Geſpräche „Kallias“ dargelegt werden, das aber nicht zur Ausführung kam und deſſen Gedankengang wir 3 nur aus den Mittheilungen von Körner zuſammenſtellen können. Er 8 definiert da die Schönheit als „Freiheit in der Erſcheinung.“ x ee: 2. Aber nicht nur der Schönheits begriff hat objective Geltung, 1 ſondern die Schönheit ſelbſt iſt eine Thatſache. Sie erſcheint als Wieder— 1 g ſchein einer freien ſchönen Seele, die einen ſchönen Körper belebt, alſo in 5 er vollendeten Menſchennatur als der reinen Harmonie des Geiſtigen 0 und Sinnlichen; und zwar erſcheint fie als Anmuth, wenn dieſe 5 Harmonie unbewufst, als Würde, wenn fie bewuſst iſt. Aber beide 1 müſſen reine Natur fein, die gemachte Aumuth iſt geziert, die gemachte { Würde fteif. Die vollendete menſchliche Schönheit wäre die Vereinigung beider: Die Schönheit der griechiſchen Götter. („Über Anmuth und Würde. “) E 3. Damit iſt auch ſchon der von Kant behauptete Gegenſatz der moraliſchen und ſinnlichen Menſchennatur aufgehoben. Denn iſt die Anmuth eine Thatſache, jo muſs es möglich fein, dass ſich die Vernunft mit der Sinnlichkeit befreundet, fo mufs ſich auch die Pflicht mit der Neigung befreunden dürfen, es wird eine moraliſche Schönheit möglich werden, welche die Pflicht nicht bloß um der Pflicht willen, ſondern aus Neigung erfüllt. Es wird alſo auch eine ſittliche Grazie geben: Die unwill- kürlich gewordene Tugend, die zur Neigung gewordene Pflicht. Wir handeln gut, wenn wir die Pflicht thun, weil wir ſollen; wir handeln ſchön, wenn wir ſie thun, weil wir nicht anders koͤnnen, weil ſie uns zur zweiten Natur geworden. = 4. Schiller machte Kants Lehre vom Schönen für das Leben erft recht fruchtbar. Deun er zeigte nicht nur, wie Schönheit und Erhabenheit im Handeln erſt das Bild vollendeter Menſchheit zur Erſcheinung bringen, ſondern auch welchen Einfluſs das Schöne und die Kunſt nicht nur auf ie Bildung und Veredlung des einzelnen, ſondern auch auf die ſittliche ervollkommnung der Geſellſchaft und des Staates haben können; er tzte damit das Schöne und die Kunſt auf wiſſenſchaftlichem Wege erſt in Fo re volle Würde ein. („Briefe über die äſthet. Erziehung des Meuſchen.“) wir re + X Über naive und ſentimentaliſche am: 5. Er ſuchte endlich die Darſtellung des Schönen durch das künſtleriſch ſchaffende Subject zu erörtern und erſchloſs durch ſeine Abhandlung „Über naive und ſentimentaliſche Dichtung,“ in der er die bisher gefundenen äſthetiſchen Geſetze auf die Dichtkunſt und die Geſchichte derſelben anwandte, beſonders durch ſeine Bemerkungen über Realismus und Idealismus einen viel tieferen Einblick in das Weſen der Kunſt, namentlich der Poeſie, indem er die Grundunterſchiede des Stils in ihrem Verhältnis zu den ſubjectiven Stimmungen der Phantaſie darlegte, und gab zugleich der äſthetiſchen Kritik Impuls und Richtung, die heute noch dauern. In der letzteren Schrift war es ihm gleichzeitig darum zu thun, ſeine eigene Dichtweiſe gegenüber den griechiſchen Muſtern als gleichberechtigt darzuſtellen und feinen eigenen Dichterwert gegenüber der hochaufragenden Perſönlichkeit Goethes zu behaupten. IV. Entſtehung der Abhandlung „Aber naive und fentimen- taliſche Dichtung.“ Die erſte Spur der Abhandlung über das Naive iſt in dem Briefe Schillers an Körner vom 23. Februar 1793 zu finden. Das Schreiben gehört zu den Vorſtudien Schillers, in welchen er die Grundlage zu feinem Kallias, einem projeetierten äſthetiſchen Werke in Geſprächsform, entwickelte. Hier wirft er die Frage auf: „Warum iſt das Naive ſchön?“ und antwortet: „Weil die Natur darin über Künſtelei und Verſtellung ihre Rechte behauptet.“ Nicht lange darauf faſste er den Plan, das Naive zum Gegenſtande einer ſelbſtändigen Abhandlung zu machen, und ſchrieb in dem Sinne von Ludwigsburg aus am 4. October 1793 an Körner: „Über das Naive werde ich gleichfalls einen kleinen Tractat E doch nur für die Thalia aufſetzen. Ich bin mit keiner Erklärung dieſes Phänomens, wie ſie in unſeren Theorien aufgeſtellt ſind, zufrieden und hoffe etwas darüber zu ſagen, was mehr befriedigt.“ Andere Arbeiten, vornehmlich das erneuerte Studium Kants, ſchoben ſich zwiſchen Plan und Ausführung. Erſt im September 1794 nahm er den Gedanken wieder auf. An Körner ſchrieb er am 4. Sept.: „Ich ſchreibe nunmehr an meiner Abhandlung über das Naive,“ und acht Tage ſpäter: „Daneben arbeite ich an einem Aufſatz über Natur und Naivheit, der mich immer mehr feſſelt und mir vorzüglich zu gelingen ſcheint. Ich ſchreibe hier mehr aus dem Herzen und mit Liebe. Es iſt gleichſam eine Brücke zu der poetiſchen Production.“ Goethen theilt er am 28. Det. mit: „An die Maltheſer gehe ich gewiſs, ſobald ich meine Briefe (über die äſthetiſche Erziehung des Menſchen), von denen Sie nur den dritten Theil geleſen, und noch einen kleinen Verſuch über das Naive vollendet haben werde.“ Doch faſt ein volles Jahr blieb die begonnene Arbeit liegen, weil ihn beſonders die Vollen dung der Briefe „über die äſthetiſche Erziehung des Menſchen,“ die „Belagerung von Antwerpen“ und dann die erneuerte poetiſche Thätigkeit vollauf in Anſpruch nahmen. Die erſten Nachrichten von der Wiederaufnahme der Arbeit ſtammen aus dem September 1795. Am 7. ſchreibt er an W. von Humboldt: „Ich bin gerade jetzt bei meinem Aufſatz übers Naive, wo ich von dem Gegenſatz zwiſchen Einfalt der Natur und zwiſchen Cultur viel zu reden habe. Dieſer Aufſatz intereſſiert mich ſehr, und da ich mir zum Geſetz gemacht, ihn mit mehr Freiheit und Leichtigkeit zu behandeln als meine äſthetiſchen Briefe, ſo nehme ich manches aus der Erfahrung mit, was ich al n XI { rde der ſtrengen Form aufgeopfert haben. Über alte und neue dichter werde ich manches bemerken. An die ſpecielle Zergliederung des iven komme ich erſt in dem zweiten Theil des Aufſatzes. Der erſte oHl als Inhalt zu einer allgemein verſtändlichen Lectüre machen;“ zwei | e ſpäter an Goethe: „Eine über das Naive angefangene Abhandlung ſcheint gelingen zu wollen, die Materie wenigſtens entwickelt ſich und ich ſehe mich auf einigen ſehr glücklichen Spuren;“ und am 21. an Körner: „Ich arbeite jetzt an einem Aufſatz über das Naive, der mir viel Freude macht. Dieſe Materie hat mich zu verſchiedenen Betrachtungen über die Dichter alter und neuer Zeit veranlajst, auch eine neue Eintheilung derſelben mir an die Hand gegeben, die fruchtbar zu werden ſcheint.“ Schiller hatte durch den innigen Verkehr mit Goethe, deſſen Entwickelungs— ang er, wie die beiden Briefe an Goethe vom 23. und 31. Auguft 1794 zeigen, mit vollem Verſtändnis verfolgt hatte, die Anſchauung eines naiven Dichtergeiſtes gewonnen, und das kam ebenſo der Vollendung, wie der Vertiefung des Aufſatzes zugute. Schon am 16. October konnte er Goethe mittheilen: „Ich hoffe mit der Abhandlung über das Naive, die nur etliche Bogen ſtark wird und, wie ich denke, ſehr populär geſchrieben iſt, noch für das eilfte Stück fertig zu werden. „Am 19. ſchrieb er an Körner: „Ich habe außer meiner Abhandlung über das Naive, die jedoch mehr Skizze als ordentliche Ausführung iſt, nichts gearbeitet. Dieſe Abhandlung wird im XI. Stück der Horen erſcheinen.“ An demſelben Tage hatte ſie Schiller an Herder geſandt, der ſie am 21. October 1795 mit folgenden Worten zurückſandte: „Dank Ihnen für Ihre ſchöne und reiche : Abhandlung. Sie hat mir und den beiden Frauen, denen ich ſie vorlas (Frau v. Stein und meiner Frau), unſägliches Vergnügen gemacht. Gedruckt, wollen wir fie noch einmal zuſammen leſen. — Ihr Grundſatz iſt jo groß FEN, und ſo wahr, die Entwickelung führt ſo hoch und ſo tief; ſie tröſtet und werden. Dabei iſt fie jo ſchön und beredt geſchrieben, daſs, wenige Worte (die verzwickten Zuſammenſetzungen der Kantiſchen Philoſophie, Erinnerungs— 5 intereſſe u. dergl.) ausgenommen, ſie eine ſehr edle Präciſion und bei einer ſchneidenden Schärfe eine wohlthätige Gutmüthigkeit charakteriſiert.“ Die von Herder hinzugefügten Bemerkungen nutzte Schiller, und ſandte endlich am 26. October das druckfertige Manuſeript an Cotta ab, das im 3 Al Stück der Horen veröffentlicht wurde. 5 Schon während der Arbeit an dem Aufſatze war ihm mit der Erkenntnis der Eigenthümlichkeit des naiven Dichtergeiſtes auch der Gegenſatz ſeines Dichternaturells bewuſst geworden. Über die Berechtigung dieſer Zſentimentaliſ en“ Natur in der Dichtkunſt durch umſichtige Selbſtprüfung klar zu werden, beſtimmte ihn, an Wilhelm v. Humboldt den 5. October 1795 ſich mit folgender Frage zu wenden: „Denken Sie, lieber Freund, noch ceinmal recht ſtreng über mich nach und ſchreiben mir dann Ihre Meinung. Paoeſie wird auf jeden Fall mein Geſchäft fein; die Frage iſt alſo bloß, ob epiſch (im weiteren Sinne des Wortes) oder dramatiſch.“ Dieſe . ( * 5 gibt Muth; ſie belebt die Schöpfung umher und ſtrahlt ihr Bild in uns zu dem Zweck, der uns obliegt, ſo lieblich, dass viele, viele Ihnen danken an [RN NAT... Mi . „ XII Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. Gewiſſensfrage beantwortete Humboldt am 16. October mit einer ein⸗ gehenden Charakteriſtik Schillers. Ihn unterſcheide von den Griechen, deren Schönheiten in feinen Werken ſich gleichfalls finden, ein „ſtärkerer Antheil des Ideenvermögens,“ „ein Überſchuſs von Selbſtthätigkeit, die ſich auch den Stoff, den ſie bloß empfangen könnte, noch ſelbſt ſchafft, aber ſich hernach mit ihm, wie mit einem bloß gegebenen verbindet.“ „Dies drückt nun allem,“ fährt er fort, „was Ihnen angehört, ein ganz eigenes Gepräge von Hoheit, Würde und Freiheit auf, führt ganz eigentlich in ein überirdiſches Gebiet über und ſtellt die höchſte Gattung des Erhabenen, die durch die Idee wirkt, auf.“ Darum hält er die heroiſche Tragödie und die epiſch-lyriſchen Gattungen für ſein eigenthümliches Gebiet. Mit wahrer Befriedigung konnte Schiller aus der eingehenden Erörterung der äſthetiſchen Gewiſſensfrage durch Humboldt entnehmen, dass dieſer, ohne die Abhandlung über das Naive zu kennen, ganz in deren Geiſte geſchrieben hatte, und dieſe innere Befriedigung geht auch aus den warmen Dankesworten Schillers vom 26. October hervor: „Über einiges, was mehr ins allgemeine geht, gibt Ihnen vielleicht meine Abhandlung über das Naive denjenigen Aufſchluſs, den ich ſelbſt mir über die Frage: „Inwieferne kann ich, bei dieſer Entfernung von dem Geiſte der griechiſchen Poeſie, noch Dichter fein und zwar beſſerer Dichter, als der Grad jener Entfernung zu erlauben erſcheint?“ zu geben geſucht habe. Ich habe in jenem Aufjate, wie ich glaube, einige nicht unwichtige Ideen über die Sache ausgekramt.“ In dieſem Briefe leitet er aus der eigenen Entwickelung die wichtige Frage ab: „Und nun fragt ſich, ſollte der moderne Dichter nicht recht haben, lieber auf ſeinem ihm ausſchließend eigenen Gebiet ſich einheimiſch und vollkommen zu machen, als in einem fremden, wo ihm die Welt, ſeine Sprache und ſeine Cultur ſelbſt ewig widerſteht, ſich von den Griechen übertreffen zu laſſen? Sollten mit einem Worte neuere Dichter nicht beſſer thun, das Ideal als die Wirklichkeit zu bearbeiten?“ Bemerkenswert in dieſen Tagen iſt die Wandlung der Anſchauungen Schillers und die Steigerung ſeines Selbſtgefühls. Noch in den „Briefen über die äſthetiſche Erziehung“ hat Schiller ganz conform der denkwürdigen Worte in dem Briefe an Goethe vom 23. Auguſt 1794, wo er dieſen zu charakteriſieren unternahm, den Künſtler faſt ausſchließlich auf die helleniſchen Muſter verwieſen und für das Bild des vollendeten Künſtlers, das er im 9. Briefe entwarf, die Idealgeſtalt Goethes auserſehen. Nun ſucht er ſeiner eigenen Richtung und der ſpecifiſchen Eigenthümlichkeit der modernen Kunſt überhaupt gerecht zu werden. „Nur damit den poetiſchen Genius die Wirk⸗ lichkeit nicht beſchmutze, bleibe er durch die griechiſchen Mythen der Ver⸗ wandte eines fernen fremden und idealiſchen Zeitalters,“ ſonſt aber „formiere er ſeine eigene Welt.“ Herdern, gegen den er dieſe Anſicht am 4. November 1795 ausſpricht, ſchreibt er in dem Briefe weiter: „Vielleicht gelingt es mir in dem Aufſatze, den ich jetzt ſchreibe, „über die ſentimentaliſchen Dichter,“ Ihnen meine Vorſtellungsweiſe klarer und annehmlicher zu machen. Denn gerade in dieſem Aufſatze ſuche ich die Frage zu erörtern, „was der Dichtergeiſt in einem Zeitalter und unter den Umſtänden wie die unſrigen für einen Weg zu nehmen habe.“ Wohlthuend und fördernd war ihm in dieſer Thätigkeit Humboldts eingehender Brief vom 6. November, der Einleitung. XIII rs Ideen geradezu erläuterte, denn er arbeitete, wie er inzwiſchen ng er aber weſentlich Anregung von Goethe. Vom 5. bis 11. November weilte er in Jena und beſprach ſich mit er auch viel über griechiſche Literatur und Kunſt. Auf dieſe Unter— gen bezieht ſich vielleicht Goethes Bericht in dem kleinen Aufſatze: wirkung der neuen Philoſophie“ in der Sammlung zu Naturwiſſen⸗ ft im allgemeinen. Goethe erzählt: „Weil ich aber, von meiner Seite hartnäckig und eigenſinnig, die Vorzüge der griechiſchen Dichtungsart, der darauf gegründeten und von dort herkömmlichen Poeſie nicht allein hervor⸗ hob, ſondern ſogar ausſchließlich dieſe Weiſe für die einzig rechte und 2 vünſchenswerte gelten ließ, ſo ward er zu ſchärferem Nachdenken genöthigt, ur nd eben dieſem Conflict verdanken wir den Aufſatz „über naive und fenti- mentaliſche Dichtung.“ Beide Dichtungsweiſen ſollten ſich bequemen, einander gegenüberſtehend, ſich wechſelweiſe gleichen Rang zu vergönnen.“ Die Abhand- g ſchritt rüſtig vorwärts, am 13. November ſandte Schiller die erſte ieferung der „ſentimentaliſchen Dichter“ an Cotta, am 20. November eits die Fortſetzung und ſchrieb dazu: „Ich wollte heute den Beſchluſs dieſer Abhandlung ſenden, aber ich bin nicht damit fertig geworden. Es find ohngefähr noch 4, 5 geſchriebene Seiten davon zurück. Die nächfte Poſt bringt dieſe“ und am gleichen Tage an Goethe: „Seit etwa ſechs Tagen habe ich mich ganz leidlich befunden und die gute Zeit auch brav enützt, um in meiner Abhandlung vorzurücken.“ Den 23. November theilt Cotta mit: „Den Beſchluſs meiner Abhandlung über die ſentimenta— en Dichter, der auch noch in das zwölfte Stück kommen mufs, habe ch noch nicht fertig bringen können. Ich kann Ihnen aber beſtimmt ver- ichern, daſs er, wenige Zeilen auf oder ab, gerade noch 7 gedruckte Seiten usmachen wird.“ Am ſelben Tage ſendet er eine Copie des vollendeten Theiles an Herder und ſchreibt an Goethe: „Sie werden von Herdern meine Abhandlung über die ſentimentaliſchen Dichter erhalten, davon Sie bis jetzt noch den wenigſten Theil gehört, und die ich noch einmal ganz durchzuleſen bitte. Ich hoffe, Sie ſollen damit zufrieden ſein; es iſt mir in dieſer Art nicht leicht etwas beſſer gelungen. Ich glaube, dieſes jüngſte Gericht über den größten Theil der deutſchen Dichter wird am Schluſs des Jahrgangs eine gute Wirkung thun und unſeren Herren Kritikern beſonders viel zu denken geben. Mein Ton iſt freimüthig und feſt, obgleich, wie ich hoffe, überall mit der gehörigen Schonung. Unterwegs habe ich freilich ſoviel als möglich effleuriert, und es ſind wenige, die unverwundet aus dem Treffen kommen. — Auch über die Naturalität und ihre Rechte (in Nüd- ſicht auf die Elegien) habe ich mich weitläufig herausgelaſſen, bei welcher Gelegenheit Wieland einen kleinen Streifſchuſs bekommt. Aber ich kann nicht dafür, und da man ſich nie bedacht hat (auch Wieland nicht), die Meinung über meine Fehler zu unterdrücken, im Gegentheil fie mich öfters derb genug hören ließ, jo habe ich jetzt, da ich zufälligerweiſe das gute Spiel in die Hände befamz auch meine Meinung nicht verſchwiegen.“ Worauf ihm Goethe am 25. November antwortete: „Auf Ihren Aufſatz verlange ich ſehr. Das, was ich von Ihren Ideen kenne, hat mir in dieſer letzten Zeit im praktiſchen bent zu demſelben über die ſentimentaliſchen Dichter.“ Zugleich N Er ur 2 2 5 XIV Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. manchen Vortheil gebracht; ſowenig man mit Bewuſstſein erfindet, fo ſehr bedarf man des Bewuſstſeins beſonders bei längeren Arbeiten. Übrigens kann ich niemand übelnehmen, wenn er lange gepajst hat und nun einmal Trümpfe in die Hände kriegt, daſs er fie auch ausſpielt.“ An demſelben Tage erhielt er Antwort von Herder. Am 27. ſendet er den Beſchluſs der ſentimentaliſchen Dichter an Cotta mit folgendem Auftrage: „Hier der Reſt meines Aufſatzes über ſentimentaliſche Dichter; er wird gerade 8 Seiten füllen, wenn Sie nur die Anmerkungen recht eng drucken laſſen; auch thut es gar nichts, wenn die letzten Seiten etwas compreſſer gedruckt werden. Doch hoffe ich, dass die letzthin geſchickten Blätter noch nicht abgedruckt ſind, denn es ſind einige Veränderungen darin vorzunehmen. — Fürs erſte wünſcht Herder, daſs ſein Name aus dem Aufſatze hinwegbleibe, weil er ſich nicht zu den Dichtern zählt. Seien Sie alſo ſo gut, ihn nebſt dem andern Dichter, den er überſetzt hat und deſſen ich bei Gelegenheit ſeiner erwähne, herauszulaſſen, wenn es noch Zeit ift. — Zweitens haben mehrere meiner Freunde eine Vorbitte für Herrn Asmus bei mir eingelegt, und es iſt mir auch ſelbſt eingefallen, daſs er doch zu gut iſt, um neben Blumauer zu figurieren. Auch will ich nicht gern einige ſeiner Freunde, die auch die meinigen ſind, damit betrüben. Streichen Sie alſo in der Anmerkung, wo er vorkommt, alles weg, was ihn angeht, aber was Blumauern betrifft, bleibt ſtehen.“ Er war nun begierig das Urtheil ſeiner Freunde zu hören. An Goethe ſchrieb er am 29. November: „Sehr erwartend bin ich auf Ihre Meinung darüber. Wenn ich jetzt zurückſehe, wie weit ich mich hier, ohne Führer, bloß mit Hilfe der Principien, die aus dem Ganzen meines Syſtemes fließen, gewagt, ſo freut mich die Frucht⸗ barkeit dieſer Principien gar ſehr, und ich verſpreche mir noch mehr davon für die Zukunft. Der Reſt des Aufſatzes, der jetzt erſt fertig geworden und die Idylle behandelt, iſt noch nicht copiert. Sie erhalten ihn morgen oder übermorgen.“ Und am 30. an Wilhelm von Humboldt: „Eben erhalte ich die einzelnen abgedruckten Bogen vom Naiven, aber unglücklicherweiſe hat Cotta den Bogen, wo der Anfang ſteht, mitzuſchicken vergeſſen. Für Sie indes iſt das Übrige vorderhand genug und ohnehin fehlt nichts von demjenigen, was ſich auf den zweiten Aufſatz über die ſentimentaliſchen Dichter bezieht. Ich ſende Ihnen alſo ſowohl dieſen Aufſatz, als jene Bogen und wünſche beiden eine gute Aufnahme.“ In demſelben Briefe ſagt er an einer früheren Stelle: „Ich theile ... das ganze Feld der Poeſie in die naive und in die ſentimentaliſche. Die naive hat gar keine Unterarten (in Rückſicht auf die Empfindungsweiſe nämlich), die ſentimen⸗ taliſche hat ihrer drei: Satire, Elegie, Idylle ...“ Am 21. December an Körner: „Der andere (Aufſatz) über das Naive leitet eine ſehr wichtige Materie über naive und ſentimentaliſche Poeſie ein, welche in den zwei folgenden Stücken weitläufig abgehandelt wird. Was ich darin über den poetiſchen Geiſt und feine zwei einzig möglichen Äußerungen ſage, wirft Du Deiner Aufmerkſamkeit wert finden; es öffnet, wie ich hoffe, einen neuen und vielverſprechenden Weg in die Theorie der Dichtkunſt und kann in Rückſicht auf die poetiſche Kritik nicht ohne Folgen bleiben. Doch Du magſt ſelbſt urtheilen ... Ich werde durch dieſe Abhandlungen wenig Freunde bekommen, denn entweder habe ich Unrecht, oder man mufs feine "Über die en Borten 15 19 meine 1 8 zwar mit 9 ig, die ihnen gebürt, aber (nicht) ohne Tadel ganz herausgeſagt; man ja auch ſehr aufrichtig gegen mich geweſen!“ Und als er am December die erſten 6 Bogen des 12. Heftes von Cotta erhalten hatte, Hofrath Schütz zur Recenſion mit den Worten: „Ich ſende Ihnen hier einen Theil des letzten Horenſtückes, der von mir einen Aufſatz 8 ber die ſentimentaliſchen Dichter enthält. Von meiner Seite iſt dieſer Aufſatz vermuthlich der wichtigſte im ganzen Jahrgang und der auch aus Gründen, die Sie beim Leſen bald finden werden, nicht ſtill durch das Publicum laufen wird. Die Urtheile, welche ich darin über viele unſerer vaterländiſchen Dichter fälle, ſind nicht immer die Ihrigen. Ich habe keine Silbe, ohne ſtarke Gründe zu haben, niedergeſchrieben, und bin daher ent— ſchloſſen, nicht zu ſchweigen, wenn mir widerſprochen wird. Da ich aber die Wahrheit meiner Urtheile nur auf Unkoſten der Autoren, welche ſie betreffen, erhärten kann, ſo wünſche ich nicht dazu aufgefordert zu werden. Es ſind in dieſem Aufſatz noch einige andere Materien berührt, die Sie ſelbſt eeinmal wünſchten, von mir in ein näheres Licht geſetzt zu ſehen, wie z. B. der Unterſchied zwiſchen Individualität und Idealität u. ſ. f. Auch über die Moral der Goethe'ſchen Elegien iſt eine Erklärung darin zu finden.“ ; Die Beiſtimmung feiner Freunde blieb nicht aus. Bereits am 29. Nov. ſchrieb ihm Goethe: „Ihre Abhandlung ſchicke ich hier mit vielem Danke zurück. Da dieſe Theorie mich ſelber ſo gut behandelt, iſt nichts natürlicher, als daſs ich den Principien Beifall gebe, und dafs mir die Folgerungen richtig erſcheinen. Ich würde aber mehr Miſstrauen darein ſetzen, wenn ich mich nicht anfangs ſelbſt in einem polemiſchen Zuſtand gegen Ihre Meinung befunden hätte. Denn es iſt Ihnen nicht unbekannt, daſs ich aus einer aallzugroßen Vorliebe für die alte Dichtung gegen die neuere oft ungerecht war. Nach Ihrer Lehre kann ich erſt ſelbſt mit mir einig werden, da ich das nicht mehr zu ſchelten brauche, was ein unwiderſtehlicher Trieb mich doch unter gewiſſen Bedingungen hervorzubringen nöthigte, und es iſt eine ſehr angenehme Empfindung, mit ſich ſelbſt und ſeinen Zeitgenoſſen nicht ganz unzufrieden zu ſein.“ Humboldt hatte 14. December nach der erſten Lectüre der beiden Aufſätze Schiller für den „unglaublichen Genuſs“ gedaukt und unter anderm geäußert: „In allen Urtheilen, die Sie fällen, ſtimme ich gänzlich mit überein, und einige ſind Ihnen in der That außerordentlich gut gelungen, vor allen Klopſtock und Goethe. Bei Wieland war der Gegenſtand etwas delicat, doch haben Sie ſich ſehr gut herausgezogen ..... Das Wichtigſte an dieſer Arbeit iſt unſtreitig, dafs fie der Kritik eine ganz neue bisher unbekannte Bahn bricht; dafs fie da Geſetze aufſtellt, wo man bisher nur nach ſubjectiven Gefühlen geurtheilt hat, die wirklich bisher ein jeder ſich gleich ungerecht bald ausſchließend für die naiven, bald für die ſentimentaliſchen Dichter erklärte, und dafs fie zugleich jo viele Beiſpiele an fo verſchiedenen Dichtern aufführt. Es kann nicht fehlen, daſs nicht dieſer Weg ſollte auch weiter betreten werden, und dieſe neue Anſicht macht eine Reviſion beinahe aller bisherigen Urtheile nöthig.“ Und am 18. December: „Den rr u Ri a 9 vun. XVI über naive und ſentimentaliſche Dichtung. Haupteindruck, lieber Freund, den Ihre beiden Aufſätze, beſonders de bei wiederholtem Leſen auf mich gemacht haben, iſt der, daſs fie mir zu faſt allen Zweifeln, in welchem ich ſonſt manchmal i im kritiſchen Urtheil; ül Dichter ſchwankte, die Auflöſung und zu meinen Haupturtheilen ſelbſt beſtimmten deutlich ausgeſagten Grund hergegeben haben. Ich ſehe a daraus, wie viel jene Ideen umfaſſen und wie ſehr es Ihnen gelungen : das ganze Gebiet der Kritik von diefer Seite auszumeſſen. Was ich aber für das größte Verdienſt ihrer Arbeit halte und was ich am meiſten dar bewundert habe, iſt, daſs Sie die Verſchiedenheit der Dichter ſo unmittelb aus dem möglichen Umfange des dichteriſchen Genies und dieſen ſelbſt geradezu aus dem Begriffe der Menſchheit ableiten. Ihr ganzes Syſtem erhält dadurch außer ſeinem Umfange und ſeiner Fruchtbarkeit eine innere Conſiſtenz und Rundung, deren ſich kein anderes bisheriges rühmen kann. Daſs die Poeſie beſtimmt iſt,der Menſchheit ihren möglichſt vollſtändigen Aus druck zu geben, iſt das größeſte Wort, was je über ſie ausgeſprochen werden 8 kann, und drückt zugleich ihre Beſchaffenheit, ihren Umfang und ihre Würde aus.“ — In gleicher Weiſe kam von Körner nur Lob und Bewunderung; am 18. December ſchrieb er: „Dein Aufſatz über das Naive hat mich beſonders ge— freut. Sehr oft fand ich auch meine eigenen Gefühle darin erklärt, beſonders bei der Wirkung der naiven Dichter,“ und am 20. Januar 96: „Dein Aufſatz über ſentimentaliſche Dichter hat mir viel Freude gemacht. Ich habe viel neue und fruchtbare Ideen darin gefunden, und der Ton des Ganzen iſt [hön gehalten. Deine Freimüthigkeit wird dir vielleicht Feinde machen; aber die Art, wie du dein Urtheil äußerſt, iſt fo anſtändig und fo ſchonend, daſs du das unbefangene Publicum gewiſs größtentheils auf deiner Seite haft." — Inzwiſchen war auch der dritte Aufſatz vollendet. An denſelben war Schiller gleich nach Beendigung der „ſentimentaliſchen Dichter“ getreten. Er ſchreibt darüber an Goethe am 29. November: „Ein Nachtrag zu dem Aufſatz kommt unter der Aufſchrift: „Über Platitüde und Über- fpaunung (die zwei Klippen des Naiven und Sentimentalen) im Januar. Hier habe ich Luſt, eine kleine Haſenjagd in meiner Literatur anzuſtellen und beſonders etliche gute Freunde, wie Nikolai und Conſorten, zu regalieren.“ — Am 10. December an Cotta: „Im erſten Stück des neuen Jahrgangs kommt ein ſehr großer Aufſatz von mir, und der nicht nur leicht zu ver— ſtehen iſt, ſondern auch durch ſeinen polemiſchen Inhalt Senſation machen muſs,“ und am 13. December au Goethe in Erwiderung eines Scrupels: „Sie haben nur geleſen, was damals fertig war; zu dieſem aber ſind acht Seiten, die Idylle betreffend, gekommen, womit der Aufſatz für das zwölfte Horenſtück ſchließt. Der eigentliche Schluſs aber erfolgt erſt im erſten Stück des neuen Jahres. Sie und W. fallen alſo noch in die Breite, und ich denke, wenn der Aufſatz ordentlich geendigt ſein wird, ſoll der Totaleindruck und das Sachintereſſe jeder Privatbeziehung vorbeugen;“ am 17. December an Humboldt: „der Beſchluſs der ſentimentaliſchen Dichter, an dem ich jetzt noch arbeite, fängt an mir zu entleiden. Ich verliere immer gegen das Ende die Geduld, wenn ich, unterbrochen und von einer äußeren Noth— wendigkeit geſchreckt, habe arbeiten müſſen. Indes war dieſer letzte Aufſatz auf keine Weiſe zu umgehen.“ Am 4. Jauuar ſchrieb er an Cotta den Anfang einer Abhandlung und ſchreibt an Humboldt: „Heute habe ich auch er * r Einleitung. XVII 0 meinen Aufſatz, die ſentimentaliſchen Dichter betreffend, für das erſte Januar⸗ ſtück geendigt und abgeſchickt;“ am 8. Januar ſchickt er den Beſchluſs des Aufſatzes an Cotta und ſchreibt am folgenden Tage an Humboldt: „Auch der dritte Aufſatz wird intereſſieren. Nachdem ich darin die beiden Abwege naiver und ſentimentaliſcher Poeſie aus dem Begriffe einer jeden abgeleitet und beſtimmt, alsdann zwei herrſchende Grundſätze, welche das Platte und das Überſpannte begünſtigen, geprüft habe (der eine iſt, dafs die Poeſie zur Erholung, der andere, dass fie zur Veredlung diene), jo trenne ich von beiden Dichtercharakteren das Poetiſche, was ſie verbindet und erhalte dadurch zwei einander ganz entgegengeſetzte Menſchencharaktere, die ich den Realism und den Idealism nenne, welche jenen beiden Dichterarten entſprechen und nur das proſaiſche Gegenſtück davon ſind. Ich führe dieſen Antagonism durch das Theoretiſche und Praktiſche umſtändlich durch, zeige das Reale von beiden wie das Mangelhafte. Von da gehe ich zu den Caricaturen desſelben, d. h. zu der groben Empirie und Phantaſterei über, womit die Abhandlung ſchließt. Es ſind alſo drei Gradationen von einem jeden Charakter aufgeſtellt, und es zeigt ſich, daſs die Spaltung zwiſchen beiden immer größer wird, je tiefer ſie herabſteigen. Naiver Sentimentaliſcher Dichtergeiſt, Dichtergeiſt, welche beide darin übereinkommen, daſs ſie aus dem Menſchen ein Ganzes machen, wenngleich auf ſehr verſchiedene Weife. Realism, Idealism, welche darin übereinkommen, dafs fie ſich an das Ganze halten und nach einer abſoluten Nothwendigkeit verfahren, daher ſie in den Reſultaten gleich ſein können. Empirism, Phantaſterei, welche bloß in der Geſetzloſigkeit übereinkommen, die bei dem Empirism in einer blinden Naturnöthigung, bei der Phantaſterei in einer blinden Willkür beſteht. Ich hoffe, dass Sie dieſe hier erſt hingeworfenen Ideen mit ſorgfältiger Strenge ausgeführt finden ſollen. Da ich ſelbſt ein Idealiſt bin, jo mufste ich mich ſehr objectiv machen, um ein entſcheidendes Urtheil in dieſer Sache zu haben; aber ich bin überzeugt, daſs mir in dieſem Punkt keine Menſch⸗ lichkeit begegnet iſt.“ Die Bedeutung der Abhandlung haben die Freunde Schillers ſofort gewürdigt; ihre Ausſprüche ſind auch noch heute das allgemein anerkannte Urtheil über das Werk und unanfechtbar gilt, was Goethe in dem bereits erwähnten Aufſatze „Einwirkung der neueren Philoſophie“ von dem bleibenden Wert der Schiller'ſchen Schrift „über naive und ſentimentaliſche Dichtung“ urtheilte: „Er (Schiller) legte hiedurch den erſten Grund zur ganzen neuen Aſthetik; denn Helleniſch und Romantiſch und was ſonſt noch für Syno⸗ nymen mochten aufgefunden werden, laſſen ſich dorthin zurückführen, wo vom Übergewicht reeller oder ideeller Behandlung zuerſt die Rede war.“ | % Ei 8 “ N 0 ganz und gar an Empfindung fehlt, erfährt dieſes, wenn er im Freien Aber naive und ſentimenkaliſche Dichtung. I. Über das Naive. * Es gibt Augenblicke in unſerem Leben, wo wir der Natur in 2 Bflanzen, Mineralen, Thieren, Landſchaften, ſowie der menſchlichen Natur in Kindern, in den Sitten des Landvolks und der Urwelt, nicht weil 5 ſie unſern Sinnen wohlthut, auch nicht weil ſie unſern Verſtand oder Geſchmack befriedigt (von beiden kann oft das gerade Gegentheil ſtatt— finden), ſondern bloß, weil ſie Natur iſt, eine Art von Liebe und von rührender Achtung widmen. Jeder feinere Menſch, dem es nicht 0 wandelt, wenn er auf dem Lande lebt, oder ſich bei den Denkmälern der alten Zeiten verweilet, kurz, wenn er in künſtlichen Verhältniſſen und Situationen mit dem Anblick der einfältigen Natur überraſcht wird. Dieſes nicht ſelten zum Bedürfnis erhöhte Intereſſe iſt es, was vielen unſerer Liebhabereien für Blumen und Thiere, für einfache Gärten, für Spaziergänge, für das Land und ſeine Bewohner, für manche Pro— ducte des fernen Alterthums u. dgl. zum Grund liegt; vorausgeſetzt, daſs weder Affectation, noch ſonſt ein zufälliges Intereſſe dabei im Spiele ſei. Dieſe Art des Intereſſes an der Natur findet aber nur unter zwei Bedingungen ſtatt. Fürs erſte iſt es durchaus nöthig, daſs der Gegenſtand, der uns dasſelbe einflößt, Natur ſei oder doch von uns dafür gehalten werde; zweitens dafs er (in weiteſter Bedeutung des Worts) naiv ſei, d. h. daſs die Natur mit der Kunſt im Contraſte ſtehe und ſie beſchäme. Sobald das letzte zu dem erſten hinzukommt, und nicht eher, wird die Natur zum Naiven. Natur in dieſer Betrachtungsart iſt uns nichts anders, als das freiwillige Daſein, das Beſtehen der Dinge durch ſich ſelbſt, die Exiſtenz nach eignen und unabänderlichen Geſetzen. Dieſe Vorſtellung iſt ſchlechterdings nöthig, wenn wir an dergleichen Erſcheinungen Intereſſe nehmen ſollen. Könnte man einer gemachten 30 Blume den Schein der Natur mit der vollkommenſten Täuſchung geben, könnte man die Nachahmung des Naiven in den Sitten bis zur höchſten 5 1 S 10 27 Schiller: über naive und ſentimentaliſche Dichtung. 1 10 — 25 30 2 Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. Illuſion treiben, fo würde die Entdeckung, daſs es Nachahmung ſei, das Gefühl, von dem die Rede iſt, gänzlich vernichten.“) Daraus erhellet, daſs dieſe Art des Wohlgefallens an der Natur kein äſthetiſches, ſondern ein moraliſches iſt; denn es wird durch eine Idee vermittelt, nicht unmittelbar durch Betrachtung erzeugt; auch richtet es ſich ganz und gar nicht nach der Schönheit der Formen. Was hätte auch eine unſchein⸗ bare Blume, eine Quelle, ein bemooster Stein, das Gezwitſcher der Vögel, das Summen der Bienen ꝛc. für ſich ſelbſt jo gefälliges für uns? Was könnte ihm gar einen Anſpruch auf unſere Liebe geben? Es find nicht dieſe Gegenſtände, es iſt eine durch fie dargeſtellte Idee, was wir in ihnen lieben. Wir lieben in ihnen das ſtille ſchaffende Leben, das ruhige Wirken aus ſich ſelbſt, das Daſein nach eignen Geſetzen, die innere Nothwendigkeit, die ewige Einheit mit ſich ſelbſt. Sie ſind, was wir waren; ſie ſind, was wir wieder werden 5 jollen. Wir waren Natur, wie fie, und unſere Cultur ſoll uns, auf dem Wege der Vernunft und der Freiheit, zur Natur zurückführen. Sie ſind alſo zugleich Darſtellung unſerer verlornen Kindheit, die uns ewig das Theuerſte bleibt; daher ſie uns mit einer gewiſſen Wehmuth erfüllen. Zugleich ſind fie Darſtellungen unſerer höchſten Vollendung im Ideale, daher ſie uns in eine erhabene Rührung verſetzen. Aber ihre Vollkommenheit iſt nicht ihr Verdienſt, weil ſie nicht das Werk ihrer Wahl iſt. Sie gewähren uns alſo die ganz eigene Luſt, daſs fie, ohne uns zu beſchämen, unſre Muſter find. Eine beſtändige Göttererſcheinung umgeben ſie uns, aber mehr erquickend als blendend. Was ihren Charakter ausmacht, iſt gerade das, was dem unſrigen zu ſeiner Vollendung mangelt; was uns von ihnen unterſcheidet, iſt gerade das, was ihnen ſelbſt zur Göttlichkeit fehlt. Wir ſind frei und ſie ſind nothwendig; wir wechſeln, ſie bleiben eins. Aber nur, wenn beides ſich miteinander verbindet — wenn der Wille das Geſetz der Nothwendigkeit frei befolgt und bei allem Wechſel der Phantaſie die Vernunft ihre Regel behauptet, geht das Göttliche oder das Ideal hervor. Wir erblicken *) Kant, meines Wiſſens der erſte, der über dieſes Phänomen eigens zu reflectieren angefangen, erinnert, daſs, wenn wir von einem Menſchen den Schlag der Nachtigall bis zur höchſten Täuſchung nachgeahmt fänden, und uns dem Eindruck desſelben mit ganzer Rührung überließen, mit der Zerſtörung dieſer Illuſion alle unſere Luft verſchwinden würde. Man ſehe das Capitel vom intellectuellen Intereſſe am Schönen in der Kritik der äſthetiſchen Urtheilskraft. Wer den Ver- flaſſer nur als einen großen Denker bewundern gelernt hat, wird ſich freuen, hier auf 40 eine Spur feines Herzens zu treffen, und ſich durch dieſe Entdeckung von dem hohen philoſophiſchen Beruf dieſes Mannes (welcher ſchlechterdings beide Eigenſchaften verbunden fordert) zu überzeugen. 8 1 14 1 1 5 5 0 I. Über das Naive. 3 in ihnen alſo ewig das, was uns abgeht, aber wornach wir aufgefordert ſind zu ringen, und dem wir uns, wenn wir es gleich niemals erreichen, doch in einem unendlichen Fortſchritte zu nähern hoffen dürfen. Wir erblicken in uns einen Vorzug, der ihnen fehlt, aber deſſen ſie entweder überhaupt niemals, wie das Vernunftloſe, oder nicht anders, als indem ſie unſern Weg gehen, wie die Kindheit, theilhaftig werden können. Sie verſchaffen uns daher den ſüßeſten Genuss unſerer Menſchheit als Idee, ob ſie uns gleich in Rückſicht auf jeden beſtimmten Zuſtand unſerer Menſchheit nothwendig demüthigen müſſen. Da ſich dieſes Intereſſe für Natur auf eine Idee gründet, ſo kann es ſich nur in Gemüthern zeigen, welche für Ideen empfänglich ſind, d. h. in moraliſchen. Bei weitem die mehreſten Menſchen affectieren es bloß, und die Allgemeinheit dieſes ſentimentaliſchen Geſchmacks zu unſern Zeiten, welcher ſich beſonders ſeit der Erſcheinung gewiſſer Schriften, in empfindſamen Reiſen, dergleichen Gärten, Spaziergängen, und andern Liebhabereien dieſer Art äußert, iſt noch ganz und gar kein Beweis für die Allgemeinheit dieſer Empfindungsweiſe. Doch wird die Natur auch auf den Gefühlloſeſten immer etwas von dieſer Wirkung äußern, weil ſchon die, allen Menſchen gemeine, Anlage zum Sittlichen dazu hinreichend iſt, und wir alle ohne Unterſchied, bei noch ſo großer Entfernung unſerer Thaten von der Einfalt und Wahrheit der Natur in der Idee dazu hingetrieben werden. Beſonders ſtark und am allgemeinſten äußert ſich dieſe Empfindſamkeit für Natur bei Veranlaſſung ſolcher Gegenſtände, welche in einer engern Verbindung mit uns ſtehen, und uns den Rückblick auf uns ſelbſt und die Une natur in uns näher legen, wie z. B. bei Kindern. Man irrt, wenn man glaubt, daſs es bloß die Vorſtellung der Hilfloſigkeit ſei, welche macht, daſs wir in gewiſſen Augenblicken mit ſoviel Rührung bei Kindern verweilen. Das mag bei denjenigen vielleicht der Fall ſein, welche der Schwäche gegenüber nie etwas anders als ihre eigene Über— legenheit zu empfinden pflegen. Aber das Gefühl, von dem ich rede, (es findet nur in ganz eigenen moraliſchen Stimmungen ſtatt, und iſt nicht mit demjenigen zu verwechſeln, welches die fröhliche Thätigkeit der Kinder in uns erreget) iſt eher demüthigend als begünſtigend für die Eigenliebe; und wenn ja ein Vorzug dabei in Betrachtung kommt, fo iſt dieſer wenigſtens nicht auf unſerer Seite. Nicht weil wir von der Höhe unſerer Kraft und Vollkommenheit auf das Kind herabſehen, ſondern weil wir aus der Beſchränktheit unſers Zuſtands, welche von der Beſtimmung, die wir einmal erlangt haben, unzertrennlich iſt, zu der grenzenloſen Beſtimmbarkeit in dem Kinde und zu ſeiner reinen 1* — 1 2 1 7 = = 1 X — 7 Be AA TE ee SE ne an 4 Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. Unſchuld hinauf ſehen, gerathen wir in Rührung, und unſer Gefühl | in einem ſolchen Augenblick iſt zu ſichtbar mit einer gewiſſen Wehmuth gemifcht, als dass ſich dieſe Quelle desſelben verkennen ließe. In dem Kinde iſt die Anlage und Beſtim mung, in uns iſt die Erfüllung dargeſtellt, welche immer unendlich weit hinter jener zurückbleibt. Das Kind iſt uns daher eine Vergegenwärtigung des Ideals, nicht zwar des erfüllten, aber des aufgegebenen, und es iſt alſo keineswegs die Vor— ſtellung ſeiner Bedürftigkeit und Schranken, es iſt ganz im Gegentheil die Vorſtellung ſeiner reinen und freien Kraft, ſeiner Integrität, ſeiner 10 Unendlichkeit, was uns rührt. Dem Menſchen von Sittlichkeit und Empfindung wird ein Kind deswegen ein heiliger Gegenſtand ſein, ein Gegenſtand nämlich, der durch die Größe einer Idee jede Größe der Erfahrung vernichtet; und der, was er auch in der Beurtheilung des Ver— ſtandes verlieren mag, in der Beurtheilung der Vernunft wieder in reichem Maße gewinnt. Eben aus dieſem Widerſpruch zwiſchen dem Urtheile der Vernunft und des Verſtandes geht die ganz eigene Erſcheinung des gemiſchten Gefühls hervor, welches das Naive der Denkart in uns erreget. Es verbindet die kindliche Einfalt mit der kindiſchen; durch die letztere gibt es dem Verſtand eine Blöße und bewirkt jenes Lächeln, wodurch wir unſere (theoretiſche) Überlegenheit zu erkennen geben. Sobald wir aber Urſache haben zu glauben, dafs die kindiſche Einfalt zugleich eine kindliche ſei, daſs folglich nicht Unverſtand, nicht theo retiſches Unvermögen, ſondern eine höhere praktiſche Stärke, ein Herz voll Unſchuld und Wahrheit, die Quelle davon ſei, welches die Hilfe der Kunſt aus innrer Größe verſchmähte, ſo iſt jener Triumph des Verſtandes vorbei, und der Spott über die Einfältigkeit geht in Bewunderung der hohen Einfachheit über. Wir fühlen uns genöthigt, den Gegenſtand zu achten, über den wir vorher gelächelt haben, und, 30 indem wir zugleich einen Blick in uns ſelbſt werfen, uns zu beklagen, daſs wir demſelben nicht ähnlich ſind. So entſteht die ganz eigene Erſcheinung eines Gefühls, in welchem fröhlicher Spott, Ehrfurcht und Wehmuth zuſammenfließen.?) Zum Naiven wird erfordert, dass die * — * 20 = 2 * ) Kant in einer Anmerkung zu der Analytik der Erhabenen (Kritik der äſthetiſchen Urtheilskraft. S. 225 der erſten Auflage) unterſcheidet gleichfalls dieſe dreierlei Ingredienzien in dem Gefühl des Naiven, aber er gibt davon eine andre 3 * Erklärung. „Etwas aus beidem (dem animaliſchen Gefühl des Vergnügens und dem „geiſtigen Gefühl der Achtung) Zuſammengeſetztes findet ſich in der Naivität, die der „Ausbruch der der Menſchheit urſprünglich natürlichen Aufrichtigkeit wider die zur 40 „andern Natur gewordene Verſtellungskunſt iſt. Man lacht über die Einfalt, die es D „noch nicht verſteht ſich zu verſtellen, und erfreut ſich doch auch über die Einfalt der 7 ! rr \ | I. Über das Naive. Natur über die Kunſt den Sieg davon trage,) es geſchehe dies nun wider Wiſſen und Willen der Perſon, oder mit völligem Bewuſstſein derſelben. In dem erſten Fall iſt es das Naive der Überrafhung und beluſtigt; in dem andern iſt es das Naive der Geſinnung und rührt. Bei dem Naiven der Überraſchung muſs die Perſon moraliſch fähig ſein, die Natur zu verleugnen; bei dem Naiven der Geſinnung darf ſie es nicht ſein, doch dürfen wir ſie uns nicht als phyſiſch unfähig dazu denken, wenn es als naiv auf uns wirken ſoll. Die „Natur, die jener Kunſt hier einen Querſtrich ſpielt. Man erwartete die alltägliche „Sitte der gekünſtelten und auf den ſchönen Schein vorſichtig angelegten Außerung „und ſiehe, es iſt die unverdorbene ſchuldloſe Natur, die man anzutreffen gar nicht „gewärtig und der, jo fie blicken ließ, zu entblößen auch nicht gemeinet war. Daſs „der ſchöne, aber falſche Schein, der gewöhnlich in unſerm Urtheile ſehr viel bedeutet, „hier plötzlich in nichts verwandelt, dafs gleichſam der Schalk in uns ſelbſt bloß— „geſtellt wird, bringt die Bewegung des Gemüths nach zwei entgegengeſetzten Richtungen „nach einander hervor, die zugleich den Körper heilſam ſchüttelt. Dafs aber etwas, „was unendlich beſſer als alle angenommene Sitte iſt, die Lauterkeit der Denkungsart „(wenigſtens die Anlage dazu), doch nicht ganz in der menſchlichen Natur erloſchen iſt, „miſcht Ernſt und Hochſchätzung in dieſes Spiel der Urtheilskraft. Weil es aber nur „eine kurze Zeit Erſcheinung iſt und die Decke der Verſtellungskunſt bald wieder vor⸗ „gezogen wird, ſo mengt ſich zugleich ein Bedauern darunter, welches eine Rührung „der Zärtlichkeit iſt, die ſich als Spiel mit einem ſolchen gutherzigen Lachen ſehr wohl „verbinden läſst, und auch wirklich damit gewöhnlich verbindet, zugleich auch die Ver- „legenheit deſſen, der den Stoff dazu hergibt, darüber, dafs er noch nicht nach Menſchen⸗ „weiſe gewitzigt iſt, zu vergüten pflegt.“ — Ich geſtehe, dafs dieſe Erklärungsart mich nicht ganz befriedigt, und zwar vorzüglich deswegen nicht, weil ſie von dem Naiven überhaupt etwas behauptet, was höchſtens von einer Species desſelben, dem Naiven der Überraſchung, von welchem ich nachher reden werde, wahr iſt. Allerdings erregt es Lachen, wenn ſich jemand durch Naivheit bloßgibt, und in manchen Fällen mag dieſes Lachen aus einer vorhergegangenen Erwartung, die in nichts aufgelöst wird, fließen. Aber auch die Naivheit der edelſten Art, das Naive der Geſinnung erregt immer ein Lächeln, welches doch ſchwerlich eine in Nichts aufgelöste Erwartung zum Grunde hat, ſondern überhaupt nur aus dem Contraſt eines gewiſſen Betragens mit den einmal angenommenen und erwarteten Formen zu erklären iſt. Auch zweifle ich, ob die Bedauernis, welche ſich bei dem Naiven der letztern Art in unſre Empfindung miſcht, der naiven Perſon und nicht vielmehr uns ſelbſt oder vielmehr der Menſchheit überhaupt gilt, an deren Verfall wir bei einem ſolchen Anlass erinnert werden. Es ift zu offenbar eine moraliſche Trauer, die einen edlen Gegenſtand haben mufs, als die phyſiſchen Übel, von denen die Aufrichtigkeit in dem gewöhnlichen Weltlauf bedrohet wird, und dieſer Gegenſtand kann nicht wohl ein anderer ſein, als der Verluſt der Wahrheit und Simplicität in der Menſchheit. *) Ich ſollte vielleicht ganz kurz jagen: die Wahrheit über die Ver⸗ ſtellung, aber der Begriff des Naiven ſcheint mir noch etwas mehr einzuſchließen, indem die Einfachheit überhaupt, welche über die Künſtelei, und die natürliche Freiheit, welche über Steifheit und Zwang ſiegt, ein ähnliches Gefühl in uns erregen. 20 25 30 35 40 3 eine Handlungen und Reden der Kinder geben uns daher auch nur folange den reinen Eindruck des Naiven, als wir uns ihres Unvermögens z Kunſt nicht erinnern, und überhaupt nur auf den Contraſt ihrer Natürlichkeit mit der Künſtlichkeit in uns Rückſicht nehmen. Das Naive iſt eine Kindlichkeit, wo ſie nicht mehr erwartet wird, und N kann eben deswegen der wirklichen Kindheit in ſtrengſter Bedeutung nicht zugeſchrieben werden. 4. In beiden Fällen aber, beim Naiven der Überraſchung wie bei dem der Geſinnung, mufs die Natur Recht, die Kunſt aber Unrecht haben. Erſt durch dieſe letztere Beſtimmung wird der Begriff des Naiven vollendet. Der Affect iſt auch Natur, und die Regel der Anſtändigkeit iſt etwas Künſtliches, dennoch iſt der Sieg des Affects über die An— ſtändigkeit nichts weniger als naiv. Siegt hingegen derſelbe Affeet über die Künſtelei, über die falſche Anſtändigkeit, über die Verſtellung, fo tragen wir kein Bedenken, es naiv zu nennen.“) Es wird alſo erfordert, daſs die Natur nicht durch ihre blinde Gewalt als dyn a— miſche, ſondern daſs ſie durch ihre Form als moraliſche Größe, kurz dafs fie nicht als Nothdurft, ſondern als innere Nothwen⸗ digkeit über die Kunſt triumphiere. Nicht die Unzulänglichkeit, ſondern die Unſtatthaftigkeit der letztern muſs der erſtern den Sieg verſchafft haben; denn jene iſt Mangel, und nichts, was aus Mangel entſpringt, kann Achtung erzeugen. Zwar iſt es bei dem Naiven der Überraſchung immer die Übermacht des Affeets und ein Mangel an Beſinnung, was die Natur bekennen macht; aber dieſer Mangel ; und jene Übermacht machen das Naive noch gar nicht aus, ſondern geben bloß Gelegenheit, daſs die Natur ihrer moraliſchen Be ſchaffenheit, d. h. dem Geſetze der Übereinſtimmung un— gehindert folgt. Das Naive der Überraſchung kann nur dem Menſchen und zwar *) Ein Kind iſt ungezogen, wenn es aus Begierde, Leichtſinn, Ungeſtüm den Vorſchriften einer guten Erziehung entgegenhandelt, aber es iſt naiv, wenn es ſich von dem Manierierten einer unvernünftigen Erziehung, von den ſteifen Stellungen des Tanzmeiſters u. dgl. aus freier und geſunder Natur dispenſiert. Dasſelbe findet auch bei dem Naiven in ganz uneigentlicher Bedeutung ſtatt, welches durch Übertragung von dem Menſchen auf das Vernunftloſe entſtehet. Niemand wird den Anblick naiv finden, wenn in einem Garten, der ſchlecht gewartet wird, das Unkraut überhand⸗ nimmt, aber es hat allerdings etwas Naives, wenn der freie Wuchs hervorſtrebender Aſte das mühſelige Werk der Schere in einem franzöſiſchen Garten vernichtet. So ift es ganz und gar nicht naiv, wenn ein geſchultes Pferd aus natürlicher Plumpheit ſeine Lection ſchlecht macht, aber es hat etwas vom Naiven, wenn es dieſelbe aus natürlicher Freiheit vergisst. I. Über das Naive. dem Menſchen nur, inſofern er in dieſem Augenblicke nicht mehr reine und unſchuldige Natur iſt, zukommen. Er ſetzt einen Willen voraus, der mit dem, was die Natur auf ihre eigene Hand thut, nicht über— einſtimmt. Eine ſolche Perſon wird, wenn man fie zur Beſinnung bringt, über ſich ſelbſt erſchrecken; die naiv geſinnte hingegen wird ſſich über die Menſchen und über ihr Erſtaunen verwundern. Da N alſo hier nicht der perſönliche und moraliſche Charakter, ſondern bloß der durch den Affect freigelaſſene natürliche Charakter die Wahrheit bekennt, ſo machen wir dem Menſchen aus dieſer Aufrichtigkeit kein Verdienſt, und unſer Lachen iſt verdienter Spott, der durch keine per— ſönliche Hochſchätzung desſelben zurückgehalten wird. Weil es aber doch auch hier die Aufrichtigkeit der Natur iſt, die durch den Schleier der Falſchheit hindurch bricht, ſo verbindet ſich eine Zufriedenheit höherer Art mit der Schadenfreude, einen Menſchen ertappt zu haben; | denn die Natur im Gegenſatz gegen die Künſtelei und die Wahrheit im Gegenſatz gegen den Betrug muſs jederzeit Achtung erregen. Wir empfinden alſo auch über das Naive der Überraſchung ein wirklich moraliſches Vergnügen, obgleich nicht über einen moraliſchen Gegenſtand.“) Bei dem Naiven der Überraſchung achten wir zwar immer die Natur, weil wir die Wahrheit achten müſſen; bei dem Naiven der Geſinnung achten wir hingegen die Perſon und genießen alſo nicht bloß ein moraliſches Vergnügen, ſondern auch über einen moraliſchen Gegenſtand. In dem einen wie in dem andern Falle hat die Natur Recht, daſs fie die Wahrheit ſagt; aber in dem letztern Fall hat die 1 Natur nicht bloß Recht, ſondern die Perſon hat auch Ehre. In dem 7 erſten Falle gereicht die Aufrichtigkeit der Natur der Perſon immer zur Schande, weil ſie unfreiwillig iſt; in dem zweiten gereicht ſie ihr immer zum Verdienſt, geſetzt auch, daſs dasjenige, was ſie ausſagt, ihr Schande brächte. Wir ſchreiben einem Menſchen eine naive Geſinnung zu, wenn 8 *) Da das Naive bloß auf der Form beruht, wie etwas gethan oder geſagt ER wird, jo verſchwindet uns dieſe Eigenſchaft aus den Augen, ſobald die Sache ſelbſt eentweder durch ihre Urſachen oder durch ihre Folgen einen überwiegenden oder gar widerſprechenden Eindruck macht. Durch eine Naivheit dieſer Art kann auch ein Ver⸗ brechen entdeckt werden, aber dann haben wir weder die Ruhe noch die Zeit, unfre Aufmerkſamkeit auf die Form der Entdeckung zu richten, und der Abſcheu über den perſönlichen Charakter verſchlingt das Wohlgefallen au dem natürlichen. So wie uns das empörte Gefühl die moraliſche Freude an der Aufrichtigkeit der Natur raubt, ſobald wir durch eine Naivheit ein Verbrechen erfahren, ebenſo erſtickt das erregte Mitleiden unſere Schadenfreude, ſobald wir jemand durch ſeine Naivheit in Gefahr geſetzt ſehen. — 15 20 30 35 40. über naive und ſentimentaliſche Dichtung. er in ſeinen Urtheilen von den Dingen ihre gekünſtelten und geſuchten Verhältniſſe überſieht und ſich bloß an die einfache Natur hält. Alles, was innerhalb der geſunden Natur davon geurtheilt werden kann, fordern wir von ihm, und erlaſſen ihm ſchlechterdings nur das, was eine Entfernung von der Natur, es ſei nun im Denken oder im Em⸗ pfinden, wenigſtens Bekanntſchaft derſelben vorausſetzt. Wenn ein Vater feinem Kinde erzählt, dass dieſer oder jener Mann für Armut verſchmachte, und das Kind hingeht und dem armen Mann ſeines Vaters Geldbörſe zuträgt, ſo iſt dieſe Handlung * Welt, wo die geſunde Natur herrſchte, würde es vollkommen recht gehabt haben, ſo zu verfahren. Es ſieht bloß auf das Bedürfnis und auf das nächſte Mittel, es zu befriedigen; eine ſolche Ausdehnung des Eigenthumsrechtes, wobei ein Theil der Menſchen zugrunde gehen kann, iſt in der bloßen Natur nicht gegründet. Die Handlung des Kindes iſt alſo eine Beſchämung der wirklichen Welt, und das geſteht auch unſer Herz durch das Wohlgefallen, welches es über jene Handlung empfindet. Wenn ein Menſch ohne Weltkenntnis, ſonſt aber von gutem Verſtande, einem andern, der ihn betrügt, ſich aber geſchickt zu verſtellen 20 weiß, feine Geheimniſſe beichtet und ihm durch ſeine Aufrichtigkeit ſelbſt die Mittel leiht, ihm zu ſchaden, ſo finden wir das naiv. Wir lachen ihn aus, aber können uns doch nicht erwehren, ihn deswegen hochzuſchätzen. Denn ſein Vertrauen auf den andern quillt aus der Redlichkeit ſeiner eigenen Geſinnungen; wenigſtens iſt er nur inſofern naiv, als dieſes der Fall iſt. Das Naive der Denkart kann daher niemals eine Eigenſchaft verdorbener Menſchen ſein, ſondern nur Kindern und kindlich geſinnten Menſchen zukommen. Dieſe letztern handeln und denken oft mitten unter den gekünſtelten Verhältniſſen der großen Welt naiv; ſie vergeſſen — or 2 [27 3 S Welt zu thun haben, und betragen ſich ſelbſt an den Höfen der Könige mit einer Ingenuität und Unſchuld, wie man ſie nur in einer Schäferwelt findet. Es iſt übrigens gar nicht ſo leicht, die kindiſche Unſchuld von der kindlichen immer richtig zu unterſcheiden, indem es Handlungen gibt, welche auf der äußerſten Grenze zwiſchen beiden ſchweben, und bei denen wir ſchlechterdings im Zweifel gelaſſen werden, ob wir die Ein⸗ fältigkeit belachen oder die edle Einfalt hochſchätzen ſollen. Ein ſehr merkwürdiges Beiſpiel dieſer Art findet man in der Regierungsgeſchichte 3 * 10 des Papſtes Adrian des Sechsten, die uns Herr Schröckh mit naiv; denn die geſunde Natur handelte aus dem Kinde, und in einer aus eigener ſchöner Menſchlichkeit, dafs fie es mit einer verderben — ET I. Über das Naive. 9 der ihm eigenen Gründlichkeit und pragmatiſchen Wahrheit beſchrieben hat. Dieſer Papſt, ein Niederländer von Geburt, verwaltete das Pontificat in einem der kritiſchſten Augenblicke für die Hierarchie, wo eine erbitterte Partei die Blößen der römiſchen Kirche ohne alle Schonung aufdeckte, und die Gegenpartei im höchſten Grad intereſſiert war, ſie zuzudecken. Was der wahrhaft naive Charakter, wenn ja ein ſolcher ſich auf den Stuhl des heiligen Peter verirrte, in dieſem Falle zu thun hatte, iſt keine Frage; wohl aber, wie weit eine ſolche Naivetät der Geſinnung mit der Rolle eines Papſtes verträglich fein möchte. Dies war es übrigens, was die Vorgänger und die Nachfolger Adrians in die geringſte Verlegenheit ſetzte. Mit Gleichförmigkeit befolgten ſie das einmal angenommene römiſche Syſtem, überall nichts einzuräumen. Aber Adrian hatte wirklich den geraden Charakter ſeiner Nation und die Unſchuld ſeines ehemaligen Standes. Aus der engen Sphäre des Gelehrten war er zu ſeinem erhabenen Poſten emporgeſtiegen und ſelbſt auf der Höhe ſeiner neuen Würde jenem einfachen Charakter nicht untreu geworden. Die Miſsbräuche in der Kirche rührten ihn, und er war viel zu redlich, öffentlich zu diſſimulieren, was er im ſtillen ſich eingeſtand. Dieſer Denkart gemäß ließ er ſich in der Inſtruction, die er ſeinem Legaten nach Deutſchland mitgab, zu Geſtändniſſen ver— leiten, die noch bei keinem Papſte erhört geweſen waren und den Grund— ſätzen dieſes Hofes ſchnurgerade zuwiderliefen. „Wir wiſſen es wohl,“ hieß es unter andern, „das an dieſem heiligen Stuhl ſchon ſeit mehrern „Jahren viel Abſcheuliches vorgegangen; kein Wunder, wenn ſich der „kranke Zuſtand von dem Haupt auf die Glieder, von dem Papſt auf „die Prälaten fortgeerbt hat. Wir alle ſind abgewichen, und ſchon ſeit „lange iſt keiner unter uns geweſen, der etwas Gutes gethan hätte, „auch nicht Einer.“ Wieder anderswo befiehlt er dem Legaten in ſeinem Namen zu erklären, „dafs er, Adrian, wegen deſſen, was vor ihm von „den Päpften geſchehen, nicht dürfe getadelt werden, und daj8 dergleichen „Ausſchweifungen, auch da er noch in einem geringen Stande gelebt, „ihm immer miſsfallen hätten u. ſ. f.“ Man kann ſich leicht denken, wie eine ſolche Naivetät des Papſtes von der römiſchen Cleriſei mag aufgenommen worden ſein; das wenigſte, was man ihm ſchuld gab, war, daſs er die Kirche an die Ketzer verrathen habe. Dieſer höchſt! unkluge Schritt des Papſtes würde indeſſen unſerer ganzen Achtung und Bewunderung wert fein, wenn wir uns nur überzeugen könnten, daſs er wirklich naiv geweſen, d. h. daſs er ihm bloß durch die natür⸗ liche Wahrheit ſeines Charakters ohne alle Rückſicht auf die möglichen Folgen abgenöthiget worden ſei, und dafs er ihn nicht weniger gethan 0 5 » E 0 = S > D 7 } 1 t 3 F- | +73 10 Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. haben würde, wenn er die begangene Sottiſe in ihrem ganzen Umfang eingeſehen hätte. Aber wir haben vielmehr Urſache zu glauben, dajs er dieſen Schritt für gar nicht ſo unpolitiſch hielt, und in ſeiner Unſchuld ſoweit gieng zu hoffen, durch ſeine Nachgiebigkeit gegen die Gegner etwas ſehr Wichtiges für den Vortheil ſeiner Kirche gewonnen zu haben. Er bildete ſich nicht bloß ein, dieſen Schritt als redlicher Mann thun zu müſſen, ſondern ihn auch als Papſt verantworten zu koͤnnen, und N indem er vergaß, dass das künſtlichſte aller Gebäude ſchlechterdings 75 nur durch eine fortgeſetzte Verleugnung der Wahrheit erhalten werden 1 könnte, begieng er den unverzeihlichen Fehler, Verhaltungsregeln, die in natürlichen Verhältniſſen ſich bewährt haben mochten, in einer ganz entgegengeſetzten Lage zu befolgen. Dies verändert allerdings unſer Urtheil ſehr; und ob wir gleich der Redlichkeit des Herzens, aus dem jene Handlung floſs, unſere Achtung nicht verſagen können, ſo wird | „ dieſe letztere nicht wenig durch die Betrachtung geſchwächt, dass die N Natur an der Kunſt und das Herz an dem Kopf einen zu ſchwachen F Gegner gehabt habe. r Naiv mufs jedes wahre Genie fein, oder es iſt keines. Seine Naivheit allein macht es zum Genie, und was es im Intellektuellen und Aſthetiſchen iſt, kann es im Moraliſchen nicht verleugnen. Unbekannt mit den Regeln, den Krücken der Schwachheit und den Zuchtmeiſtern der Verkehrtheit, bloß von der Natur oder dem Inſtinct, feinem ſchützenden Engel, geleitet, geht es ruhig und ſicher durch alle Schlingen des falſchen Geſchmackes, in welchen, wenn es nicht ſo klug iſt, ſie ſchon von weitem zu vermeiden, das Nichtgenie unausbleiblich verſtrickt wird. Nur dem Genie iſt es gegeben, außerhalb des Bekannten noch immer zu Haufe zu fein und die Natur zu erweitern, ohne über fie hinaus— zugehen. Zwar begegnet letzteres zuweilen auch den größten Genies, aber nur, weil auch dieſe ihre phantaſtiſchen Augenblicke haben, wo 30 die ſchützende Natur ſie verläſst, weil die Macht des Beiſpiels ſie hin— reißt, oder der verderbte Geſchmack ihrer Zeit ſie verleitet. Die verwickeltſten Aufgaben muſs das Genie mit anſpruchloſer Simplicität und Leichtigkeit löſen; das Ei des Columbus gilt von jeder genialiſchen Entſcheidung. Dadurch allein legitimiert es ſich als 3 Genie, daſs es durch Einfalt über die verwickelte Kunſt triumphiert. Es verfährt nicht nach erkannten Principien, ſondern nach Einfällen und Gefühlen; aber ſeine Einfälle ſind Eingebungen eines Gottes (alles was die geſunde Natur thut, iſt göttlich), ſeine Gefühle ſind Geſetze für alle Zeiten und für alle Geſchlechter der Menſchen. 40 Den kindlichen Charakter, den das Genie in ſeinen Werken ab— N ir . 8 —— 1 — — — 2 D 2 er 3 * | . K . N REIF FE 2 I. Über das Naive. drückt, zeigt es auch in ſeinem Privatleben und in ſeinen Sitten. Es iſt ſchamhaft, weil die Natur dieſes immer iſt; aber es iſt nicht decent, weil nur die Verderbnis decent iſt. Es iſt verſtändig, denn die Natur kann nie das Gegentheil ſein; aber es iſt nicht liſtig, denn das kann nur die Kunſt ſein. Es iſt ſeinem Charakter und ſeinen Neigungen treu, aber nicht ſowohl weil es Grundſätze hat, als weil die Natur bei allem Schwanken immer wieder in die vorige Stelle rückt, immer das alte Bedürfnis zurückbringt. Es iſt beſcheiden, ja blöde, weil das Genie immer ſich ſelbſt ein Geheimnis bleibt, aber es iſt nicht ängſtlich, weil es die Gefahren des Weges nicht kennt, den es wandelt. Wir wiſſen wenig von dem Privatleben der größten Genies, aber auch das wenige, was uns z. B. von Sophokles, von Archimed, von Hippokrates, und aus neueren Zeiten von Arioſt, Dante und Taſſo, von Raphael, von Albrecht Dürer, Cervantes, Shakeſpeare, von Fielding, Sterne u. a. aufbewahrt worden iſt, beſtätigt dieſe Behauptung. Ja, was noch weit mehr Schwierigkeit zu haben ſcheint, ſelbſt der große Staatsmann und Feldherr werden, ſobald fie durch ihr Genie groß ſind, einen naiven Charakter zeigen. Ich will hier unter den Alten nur an Epaminondas und Julius Cäſar, unter den Neuern nur an Heinrich IV. von Frankreich, Guſtav Adolph von Schweden und den Czar Peter den Großen erinnern. Der Herzog von Marlborough, Turenne, Vendome zeigen uns alle dieſen Charakter. Dem andern Geſchlecht hat die Natur in dem naiven Charakter ſeine höchſte Vollkommenheit angewieſen. Nach nichts ringt die weibliche Gefallſucht jo ſehr als nach dem Schein des Naiven; Beweis genug, wenn man auch ſonſt keinen hätte, daſs die größte Macht des Geſchlechts auf dieſer Eigenſchaft beruhet. Weil aber die herrſchenden Grundſätze bei der weiblichen Erziehung mit dieſem Charakter in ewigem Streit liegen, ſo iſt es dem Weibe im moraliſchen ebenſo ſchwer als dem Mann im intellectuellen, mit den Vortheilen der guten Erziehung jenes herrliche Geſchenk der Natur unverloren zu behalten; und die Frau, die mit einem geſchickten Betragen für die große Welt dieſe Naivheit der Sitten verknüpft, iſt ebenſo hochachtungswürdig als der Gelehrte, der mit der ganzen Strenge der Schule genialiſche Freiheit des Denkens verbindet. Aus der naiven Denkart fließt nothwendigerweiſe auch ein naiver Ausdruck ſowohl in Worten als Bewegungen, und er iſt das wichtigſte Beſtandſtück der Grazie. Mit dieſer naiven Anmuth drückt das Genie ſeine erhabenſten und tiefſten Gedanken aus; es find Götter- — 0 5 1 or = 0 = 5 12 Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. ſprüche aus dem Munde eines Kindes. Wenn der Schulverſtand, immer vor Irrthum bange, ſeine Worte wie ſeine Begriffe an das Kreuz der Grammatik und Logik ſchlägt, hart und ſteif iſt, um ja nicht unbeſtimmt zu ſein, viele Worte macht, um ja nicht zu viel zu ſagen, und dem Gedanken, damit er ja den Unvorſichtigen nicht ſchneide, lieber die Kraft und die Schärfe nimmt, ſo gibt das Genie dem ſeinigen mit einem einzigen glücklichen Pinſelſtrich einen ewig beſtimmten, feſten und dennoch ganz freien Umriſs. Wenn dort das Zeichen dem Bezeichneten ewig heterogen und fremd bleibt, ſo ſpringt hier wie durch innere Noth— wendigkeit die Sprache aus dem Gedanken hervor, und iſt ſo ſehr eins mit demſelben, dafs ſelbſt unter der körperlichen Hülle der Geiſt wie entblößet erſcheint. Eine ſolche Art des Ausdrucks, wo das Zeichen ganz in dem Bezeichneten verſchwindet, und wo die Sprache den Ge— danken, den ſie ausdrückt, noch gleichſam nackend läſst, da ihn die andre nie darſtellen kann, ohne ihn zugleich zu verhüllen, iſt es, was man in der Schreibart vorzugsweiſe genialiſch und geiſtreich nennt. Frei und natürlich, wie das Genie in ſeinen Geiſteswerken, drückt ſich die Unſchuld des Herzens im lebendigen Umgang aus. Bekanntlich iſt man im geſellſchaftlichen Leben von der Simplicität und ſtrengen Wahrheit des Ausdrucks in demſelben Verhältnis, wie von der Einfalt der Geſinnungen abgekommen, und die leicht zu verwundende Schuld ſowie die leicht zu verführende Einbildungskraft haben einen ängſtlichen Anſtand nothwendig gemacht. Ohne falſch zu ſein, redet man öfters anders, als man denkt; man muſs Umſchweife nehmen, um Dinge zu 25 ſagen, die nur einer kranken Eigenliebe Schmerz bereiten, nur einer verderbten Phantaſie Gefahr bringen können. Eine Unkunde dieſer conventionellen Geſetze, verbunden mit natürlicher Aufrichtigkeit, welche jede Krümme und jeden Schein von Falſchheit verachtet (nicht Roheit, welche ſich darüber, weil ſie ihr läſtig ſind, hinwegſetzt), erzeugen eine Naivheit des Ausdrucks im Umgang, welche darin beſteht, Dinge, die man entweder gar nicht oder nur künſtlich bezeichnen darf, mit ihrem rechten Namen und auf dem kürzeſten Wege zu benennen. Von der N Art find die gewöhnlichen Ausdrücke der Kinder. Sie erregen Lachen 3 durch ihren Contraſt mit den Sitten, doch wird man ſich immer im 5 Herzen geſtehen, daſs das Kind recht habe. Das Naive der Geſinnung kann zwar, eigentlich genommen, auch nur dem Menſchen als einem der Natur nicht ſchlechterdings unter— worfenen Weſen beigelegt werden, obgleich nur inſofern, als wirklich noch die reine Natur aus ihm handelt; aber durch einen Effect der 30 poetiſierenden Einbildungskraft wird es öfters von dem Vernünftigen * - D — — 2 > 3 S 3 E 7 N * I. Über das Naive. 13 auf das Vernunftloſe übergetragen. So legen wir öfters einem Thiere, einer Landſchaft, einem Gebäude, ja der Natur überhaupt, im Gegen— ſatz gegen die Willkür und die phantaſtiſchen Begriffe des Menſchen einen naiven Charakter bei. Dies erfordert aber immer, daſs wir dem Willenloſen in unſern Gedanken einen Willen leihen, und auf die ſtrenge Richtung desſelben nach dem Geſetze der Nothwendigkeit merken. Die Unzufriedenheit über unſere eigene ſchlecht gebrauchte moraliſche Frei— heit und über die in unſerm Handeln vermiſste ſittliche Harmonie führt leicht eine ſolche Stimmung herbei, in der wir das Vernunftloſe wie eine Perſon anreden, und demſelben, als wenn es wirklich mit einer Verſuchung zum Gegentheil zu kämpfen gehabt hätte, ſeine ewige Gleich— förmigkeit zum Verdienſt machen, ſeine ruhige Haltung beneiden. Es ſteht uns in einem ſolchen Augenblicke wohl an, daſs wir das Präro- gativ unſerer Vernunft für einen Fluch und für ein Übel halten, und über dem lebhaften Gefühl der Unvollkommenheit unſeres wirklichen Leiſtens die Gerechtigkeit gegen unſre Anlage und Beſtimmung aus den Augen ſetzen. Wir ſehen alsdann in der unvernünftigen Natur nur eine glück— lichere Schweſter, die in dem mütterlichen Hauſe zurückblieb, aus welchem wir im Übermuth unſerer Freiheit heraus in die Fremde ſtürmten. Mit ſchmerzlichem Verlangen ſehnen wir uns dahin zurück, ſobald wir angefangen, die Drangſale der Cultur zu erfahren, und hören im fernen Auslande der Kunſt der Mutter rührende Stimme. Solange wir bloße Naturkinder waren, waren wir glücklich und vollkommen; wir ſind frei geworden, und haben beides verloren. Daraus entſpringt eine doppelte : und ſehr ungleiche Sehnſucht nach der Natur; eine Sehnſucht nach ihrer Glückſeligkeit, eine Sehnſucht nach ihrer Vollkommenheit. Den Verluſt der erſten beklagt nur der ſinnliche Menſch; um den Verluſt der andern kann nur der moraliſche trauren. Frage dich alſo wohl, empfindſamer Freund der Natur, ob deine Trägheit nach ihrer Ruhe, ob deine beleidigte Sittlichkeit nach ihrer Übereinftimmung ſchmachtet? Frage dich wohl, wenn die Kunſt dich aneckelt und die Miſsbräuche in der Geſellſchaft dich zu der lebloſen Natur in die Einſamkeit treiben, ob es ihre Beraubungen, ihre Laſten, ihre Mühſeligkeiten, oder ob es ihre moraliſche Anarchie, ihre Willkür, ihre Unordnungen find, die du an ihr verabſcheuſt? In jene muſs dein Muth ſich mit Freuden ſtürzen und dein Erſatz mußs die Freiheit ſelbſt ſein, aus der ſie fließen. Wohl darfſt du dir das ruhige Naturglück zum Ziel in der Ferne aufſtecken, aber nur jenes, welches der Preis deiner Würdigkeit iſt. Alſo nichts von Klagen über die Erſchwerung 0 5 0 0 10 * = 0 — 5. — 0 * D = S or or O — 14 Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. des Lebens, über die Ungleichheit der Conditionen, über den Druck der Verhältniſſe, über die Unſicherheit des Beſitzes, über Undank, Unter⸗ drückung, Verfolgung; allen Übeln der Cultur muſst du mit freier Reſignation dich unterwerfen, muſst fie als die Naturbedingungen des einzig Guten reſpectieren; nur das Böſe derſelben muſst du, aber nicht bloß mit ſchlaffen Thränen, beklagen. Sorge vielmehr dafür, dass du ſelbſt unter jenen Befleckungen rein, unter jener Knechtſchaft frei, unter jenem launiſchen Wechſel beſtändig, unter jener Anarchie geſetz— mäßig handelſt. Fürchte dich nicht vor der Verwirrung außer dir, aber vor der Verwirrung in dir; ſtrebe nach Einheit, aber ſuche ſie nicht in der Einförmigkeit; ſtrebe nach Ruhe, aber durch das Gleichgewicht, nicht durch den Stillſtand deiner Thätigkeit. Jene Natur, die du dem Vernunft⸗ loſen beneideſt, iſt keiner Achtung, keiner Sehnſucht wert. Sie liegt hinter dir, ſie muſs ewig hinter dir liegen. Verlaſſen von der Leiter, die dich trug, bleibt dir jetzt keine andere Wahl mehr, als mit freiem Bewuſstſein und Willen das Geſetz zu ae oder rettungslos in eine bodenloſe Tiefe zu fallen. Aber wenn du über das verlorene Glück der Natur getröſtet biſt, jo laſs ihre Vollkommenheit deinem Herzen zum Muſter dienen. Trittſt du heraus zu ihr aus deinem künſtlichen Kreis, ſteht ſie vor dir in ihrer großen Ruhe, in ihrer naiven Schönheit, in ihrer kindlichen Unſchuld und Einfalt; dann verweile bei dieſem Bilde, pflege dieſes Gefühl, es iſt deiner herrlichſten Menſchheit würdig. Lass dir nicht mehr einfallen, mit ihr tauſchen zu wollen, aber nimm ſie in dich auf und ſtrebe, ihren unendlichen Vorzug mit deinem eigenen unendlichen Prärogativ zu vermählen, und aus beiden das Göttliche zu erzeugen. Sie umgebe dich wie eine liebliche Idylle, in der du dich ſelbſt immer wiederfindeſt aus den Verirrungen der Kunſt, bei der du Muth und neues Vertrauen ſammelſt zum Laufe und die Flamme des Ideals, die in den Stürmen des Lebens ſo leicht erliſcht, in deinem Herzen von neuem entzündeſt. Wenn man ſich der ſchönen Natur erinnert, welche die alten. Griechen umgab, wenn man nachdenkt, wie vertraut dieſes Volk unter ſeinem glücklichen Himmel mit der freien Natur leben konnte, wie ſehr viel näher ſeine Vorſtellungsart, ſeine Empfindungsweiſe, ſeine Sitten der einfältigen Natur lagen, und welch ein treuer Abdruck derſelben ſeine Dichterwerke ſind, ſo muſs die Bemerkung befremden, daſs man ſo wenige Spuren von dem ſentimentaliſchen Intereſſe, mit welchem wir Neuere an Naturſcenen und an Naturcharakteren hangen können, bei demſelben antrifft. Der Grieche iſt zwar im höchſten * | | | 1 N I. Über das Naive. 15 Grade genau, treu, umſtändlich in Beſchreibung derſelben, aber doch gerade nicht mehr und mit keinem vorzüglicheren Herzensantheil, als er es auch in Beſchreibung eines Anzuges, eines Schildes, einer Rüſtung, eines Hausgeräthes oder irgendeines mechaniſchen Productes iſt. Er ſcheint in ſeiner Liebe für das Object keinen Unterſchied zwiſchen demjenigen zu machen, was durch ſich ſelbſt, und dem, was durch die Kunſt und durch den menſchlichen Willen iſt. Die Natur ſcheint mehr ſeinen Verſtand und ſeine Wiſsbegierde, als ſein moraliſches Gefühl zu intereſſieren; er hängt nicht mit Innigkeit, mit Empfindſamkeit, mit ſüßer Wehmuth an derſelben, wie wir Neuern. Ja, indem er ſie in ihren einzelnen Erſcheinungen perſonificiert und vergöttert, und ihre Wirkungen als Handlungen freier Weſen darſtellt, hebt er die ruhige Nothwendigkeit in ihr auf, durch welche ſie für uns gerade ſo anziehend iſt. Seine ungeduldige Phantaſie führt ihn über ſie hinweg zum Drama des menſchlichen Lebens. Nur das Lebendige und Freie, nur Charaktere, Handlungen, Schickſale und Sitten befriedigen ihn, „und wenn wir „in gewiſſen moraliſchen Stimmungen des Gemüths wünſchen können, „den Vorzug unſerer Willensfreiheit, der uns ſo vielem Streit mit uns „ſelbſt, ſo vielen Unruhen und Verirrungen ausſetzt, gegen die wahl— „loſe aber ruhige Nothwendigkeit des Vernunftloſen hinzugeben, fo ijt, : „gerade umgekehrt, die Phantaſie des Griechen geſchäftig, die menſch— „liche Natur ſchon in der unbeſeelten Welt anzufangen, und da, wo „eine blinde Nothwendigkeit herrſcht, dem Willen Einfluſs zu geben.“ Woher wohl dieſer verſchiedene Geiſt? Wie kommt es, daſs wir, die in allem, was Natur iſt, von den Alten ſo unendlich weit über— troffen werden, gerade hier der Natur in einem höheren Grade huldigen, mit Innigkeit an ihr hangen, und ſelbſt die lebloſe Welt mit der wärmſten Empfindung umfaſſen können? Daher kommt es, weil die Natur bei uns aus der Menſchheit verſchwunden iſt, und wir ſie nur außerhalb dieſer, in der unbeſeelten Welt, in ihrer Wahrheit wieder antreffen. Nicht unſere größere Naturmäßigkeit, ganz im Gegen— theil die Naturwidrigkeit unſrer Verhältniſſe, Zuſtände und Sitten treibt uns an, dem erwachenden Triebe nach Wahrheit und Simplicität, der, wie die moraliſche Anlage, aus welcher er fließet, unbeſtechlich und unaustilgbar in allen menſchlichen Herzen liegt, in der phyſiſchen Welt eine Befriedigung zu verſchaffen, die in der moraliſchen nicht zu hoffen iſt. Deswegen iſt das Gefühl, womit wir an der Natur hangen, dem Gefühle ſo nahe verwandt, womit wir das entflohene Alter der Kindheit 25 30 38 und der kindiſchen Unſchuld beklagen. Unſre Kindheit ift die einzige unverſtümmelte Natur, die wir in der cultivierten Menſchheit noch 8 1 * 8 > E * rr a SE En ana | ET A ee ae tr Br Id + 20 40 16 Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. antreffen, daher es kein Wunder iſt, wenn uns jede Fußſtapfe der Natur außer uns auf unſre Kindheit zurückführt. Sehr viel anders war es mit den alten Griechen.“) Bei dieſen artete die Cultur nicht jo weit aus, dafs die Natur darüber verlaſſen wurde. Der ganze Bau ihres geſellſchaftlichen Lebens war auf Em⸗ pfindungen, nicht auf einem Machwerk der Kunſt errichtet; ihre Götter— lehre ſelbſt war die Eingebung eines naiven Gefühles, die Geburt einer fröhlichen Einbildungskraft, nicht der grübelnden Vernunft, wie der Kirchenglaube der neuern Nationen; da alſo der Grieche die Natur in der Menſchheit nicht verloren hatte, ſo konnte er, außerhalb dieſer, auch nicht von ihr überraſcht werden, und kein ſo dringendes Bedürfnis nach Gegenſtänden haben, in denen er ſie wieder fand. Einig mit ſich ſelbſt und glücklich im Gefühl ſeiner Menſchheit, muſste er bei dieſer als ſeinem Maximum ſtille ſtehen, und alles andre derſelben zu nähern bemüht ſein; wenn wir, uneinig mit uns ſelbſt, und unglücklich in unſern Erfahrungen von Menſchheit, kein dringenderes Intereſſe haben, als aus derſelben herauszufliehen und eine ſo miſslungene Form aus unſern Augen zu rücken. Das Gefühl, von dem hier die Rede iſt, iſt alſo nicht das, was die Alten hatten; es iſt vielmehr einerlei mit demjenigen, welches wir für die Alten haben. Sie empfanden natürlich; wir empfinden das Natürliche. Es war ohne Zweifel ein ganz andres Gefühl, was Homers Seele füllte, als er ſeinen göttlichen Sauhirt den Ulyſſes bewirten ließ, als was die Seele des jungen Werthers bewegte, da er nach einer läſtigen Geſellſchaft dieſen Geſang las. Unſer Gefühl für Natur gleicht der Empfindung des Kranken für die Geſundheit. So wie nach und nach die Natur anfieng, aus dem menſchlichen Leben als Erfahrung und als das (handelnde und empfindende) Subject zu verſchwinden, jo ſehen wir fie in der Dichterwelt als *) Aber auch nur bei den Griechen; denn es gehörte gerade eine ſolche rege Bewegung und eine ſolche reiche Fülle des menſchlichen Lebens dazu, als den Griechen umgab, um Leben auch in das Lebloſe zu legen, und das Bild der Menſchheit mit dieſem Eifer zu verfolgen. Oſſians Menſchenwelt z. B. war dürftig und einförmig; das Lebloſe um ihn her hingegen war groß, koloſſaliſch, mächtig, drang ſich alſo auf, und behauptete ſelbſt über den Menſchen ſeine Rechte. In den Geſängen dieſes Dichters tritt daher die lebloſe Natur (im Gegenſatz gegen den Menſchen) noch weit mehr als Gegenſtand der Empfindung hervor. Indeſſen klagt auch ſchon Oſſian über einen Ver⸗ fall der Menſchheit, und ſo klein auch bei ſeinem Volke der Kreis der Cultur und ihrer Verderbniſſe war, ſo war die Erfahrung davon doch gerade lebhaft und eindringlich genug, um den gefühlvollen moraliſchen Sänger zu dem Lebloſen zurückzuſcheuchen und über ſeine Geſänge jenen elegiſchen Ton auszugießen, der ſie für uns ſo rührend und anziehend macht. I. Über das Naive. Idee und als Gegenſtand aufgehen. Diejenige Nation, welche es zugleich in der Unnatur und in der Reflexion darüber am weiteſten gebracht hatte, muſste zuerſt von dem Phänomen des Naiven am ſtärkſten gerührt werden, und demſelben einen Namen geben. Dieſe Nation waren ſoviel ich weiß, die Franzoſen. Aber die Empfindung 5 des Naiven und das Intereſſe an demſelben iſt natürlicherweiſe viel 7 älter und datiert ſich ſchon von dem Anfang der moraliſchen und äfſthetiſchen Verderbnis. Dieſe Veränderung in der Empfindungsweiſe iſt zum Beiſpiel ſchon äußerſt auffallend im Euripides, wenn man dieſen mit ſeinen Vorgängern, beſonders dem Aschylus, vergleicht, und doch war jener Dichter der Günſtling ſeiner Zeit. Die nämliche Revolution läſst ſich auch unter den alten Hiſtorikern nachweiſen. Horaz, der Dichter eines cultivierten und verdorbenen Weltalters, preist die ruhige Glückſeligkeit in ſeinem Tibur, und ihn könnte man als den wahren Stifter dieſer ſentimentaliſchen Dichtungsart nennen, 18 ſo wie er auch in derſelben ein noch nicht übertroffenes Muſter iſt. Auch in Properz, Virgil u. a. findet man Spuren dieſer Em— pfindungsweiſe, weniger beim Ovid, dem es dazu an Fülle des Herzens fehlte und der in feinem Exil zu Tomi die Glückſeligkeit ſchmerzlich 0 . vermiſst, die Horaz in feinem Tibur jo gern entbehrte, 20 BE Die Dichter find überall, ſchon ihrem Begriffe nach, die Be— 5 wahrer der Natur. Wo ſie dieſes nicht ganz mehr ſein können, und ſchon in ſich ſelbſt den zerſtörenden Einfluss willkürlicher und künſtlicher Formen erfahren oder doch mit denſelben zu kämpfen gehabt haben, da werden fie als die Zeugen und als die Rächer der Natur auf- 25 treten. Sie werden alſo entweder Natur ſein, oder ſie werden die ver— lorene ſuchen. Daraus entſpringen zwei ganz verſchiedene Dichtungs— weiſen, durch welche das ganze Gebiet der Poeſie erſchöpft und aus— gemeſſen wird. Alle Dichter, die es wirklich ſind, werden, je nachdem die Zeit beſchaffen iſt, in der fie blühen, oder zufällige Umſtände auf 30 ihre allgemeine Bildung und auf ihre vorübergehende Gemüthsſtimmung Einfluſs haben, entweder zu den naiven oder zu den ſentimen— tktaliſchen gehören. B Der Dichter einer naiven und geiſtreichen Juheudwelt ſowie erjenige, der in den Zeitaltern künſtlicher Cultur ihm am nächſten as kommt, iſt kalt, gleichgiltig, verſchloſſen, ohne alle Vertraulichkeit. Streng und ſpröde, wie die jungfräuliche Diana in ihren Wäldern, entflieht er dem Herzen, das ihn ſucht, dem Verlangen, das ihn umfaſſen will. Nichts erwidert er, nichts kann ihn ſchmelzen, oder den ſtrengen Gürtel feiner Nüchternheit loͤſen. Die trockene Wahrheit, 10 Schiller: über naive und ſentimentaliſche Dichtung. 2 or — D 2 D 2 * 30 35 Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. womit er den Gegenſtand behandelt, erſcheint nicht ſelten als Uns empfindlichkeit. Das Object beſitzt ihn gänzlich, ſein Herz liegt nicht wie ein ſchlechtes Metall gleich unter der Oberfläche, ſondern will wie das Gold in der Tiefe geſucht ſein. Wie die Gottheit hinter dem Welt⸗ gebäude, ſo ſteht er hinter ſeinem Werk; er iſt das Werk und das Werk iſt er; man mufs des erſtern ſchon nicht wert oder nicht mächtig oder ſchon ſatt ſein, um nach ihm nur zu fragen. So zeigt ſich z. B. Homer unter den Alten und Shakeſpeare unter den Neuern; zwei höchſt verſchiedene, durch den unermeſslichen Abſtand der Zeitalter getrennte Naturen, aber gerade in dieſem Charakter— zuge völlig eins. Als ich in einem ſehr frühen Alter den letztern Dichter zuerſt kennen lernte, empörte mich ſeine Kälte, ſeine Unempfindlichkeit, die ihm erlaubte, im höchſten Pathos zu ſcherzen, die herzzerſchneidenden Auftritte im Hamlet, im König Lear, in Macbeth u. ſ. f. durch 5 einen Narren zu ſtören, die ihn bald da feſthielt, wo meine Empfindung forteilte, bald da kaltherzig fortriſs, wo das Herz ſo gern ſtill geſtanden wäre. Durch die Bekanntſchaft mit neuern Poeten verleitet, in dem Werke den Dichter zuerſt aufzuſuchen, ſeinem Herzen zu begegnen, mit ihm gemeinſchaftlich über ſeinen Gegenſtand zu reflectieren; kurz, das Object in dem Subject anzuſchauen, war es mir unerträglich, dass der Poet ſich hier gar nirgends faſſen ließ und mir nirgends Rede ſtehen wollte. Mehrere Jahre hatte er ſchon meine ganze Verehrung und war mein Studium, ehe ich ſein Individuum lieb gewinnen lernte. Ich war noch nicht fähig, die Natur aus der erſten Hand zu verſtehen. Nur ihr durch den Verſtand reflectiertes und durch die Regel zurecht— gelegtes Bild konnte ich ertragen, und dazu waren die ſentimentaliſchen Dichter der Franzoſen und auch der Deutſchen, von den Jahren 1750 bis etwa 1780, gerade die rechten Subjecte. Übrigens ſchäme ich mich dieſes Kinderurtheils nicht, da die bejahrte Kritik ein ähnliches fällte, und naiv genug war, es in die Welt hineinzuſchreiben. Dasſelbe iſt mir auch mit dem Homer begegnet, den ich in einer noch ſpätern Periode kennen lernte. Ich erinnere mich jetzt der merk⸗ würdigen Stelle im VI. Buch der Ilias, wo Glaukus und Diomed im Gefecht aufeinanderſtoßen, und nachdem ſie ſich als Gaſtfreunde erkannt, einander Geſchenke geben. Dieſem rührenden Gemälde der Pietät, mit der die Geſetze des Gaſtrechts ſelbſt im Kriege beobachtet wurden, kann eine Schilderung des ritterlichen Edelmuths im Arioſt an die Seite geſtellt werden, wo zwei Ritter und Nebenbuhler, Ferrau und Rinald, dieſer ein Chriſt, jener ein Saracene, nach einem heftigen Kampf und mit Wunden bedeckt, Friede machen, und um die flüchtige I. Über das Naive. 19 Angelika einzuholen, das nämliche Pferd beſteigen. Beide Beiſpiele, ſo verſchieden ſie übrigens ſein mögen, kommen einander in der Wirkung auf unſer Herz beinahe gleich, weil beide den ſchönen Sieg der Sitten über die Leidenſchaft malen, und uns durch Naivheit der Geſinnungen rühren. Aber wie ganz verſchieden nehmen ſich die Dichter bei Beſchreibung dieſer ähnlichen Handlung. Arioſt, der Bürger einer ſpäteren und von der Einfalt der Sitten abgekommenen Welt, kann bei der Erzählung dieſes Vorfalls ſeine eigene Verwunderung, ſeine Rührung nicht ver— bergen. Das Gefühl des Abſtandes jener Sitten von denjenigen, die ſein Zeitalter charakteriſieren, überwältigt ihn. Er verläſst auf einmal das Gemälde des Gegenſtandes und erſcheint in eigener Perſon. Man kennt die ſchöͤne Stanze und hat ſie immer vorzüglich bewundert: O Edelmuth der alten Ritterſitten! Die Nebenbuhler waren, die entzweit Im Glauben waren, bittern Schmerz noch litten Am ganzen Leib vom feindlich wilden Streit, Frei von Verdacht und in Gemeinſchaft ritten Sie durch des krummen Pfades Dunkelheit. Das Roſs, getrieben von vier Sporen, eilte Bis wo der Weg ſich in zwei Straßen theilte.“) Und nun der alte Homer! Kaum erfährt Diomed aus Glaukus ſeines Gegners Erzählung, dajs dieſer von Väterzeiten her ein Gaſtfreund ſeines Geſchlechts iſt, ſo ſteckt er die Lanze in die Erde, redet freundlich mit ihm, und macht mit ihm aus, dafs ſie einander im Gefechte künftig ausweichen wollen. Doch man höre den Homer ſelbſt: F „Alſo bin ich nunmehr dein Gaftfreund mitten in Argos, Du in Lylia mir, wenn jenes Land ich beſuche. Drum mit unſeren Lanzen vermeiden wir uns im Getümmel. Viel ja ſind der Troer mir ſelbſt und der rühmlichen Helfer, Dafs ich tödte, wen Gott mir gewährt, und die Schenkel erreichen; Viel auch dir der Achaier, dajs welchen du kannſt, du erlegeſt. Aber die Rüſtungen beide vertauſchen wir, dass auch die andern Schaun, wie wir Gäſte zu ſein aus Väterzeiten uns rühmen.“ Alſo redeten jene, herab von den Wagen ſich ſchwingend Faſsten fie beide einander die Händ' und gelobten ſich Freundſchaft. Schwerlich dürfte ein moderner Dichter (wenigſtens ſchwerlich einer, der es in der moraliſchen Bedeutung dieſes Worts iſt) auch nur bis hieher gewartet haben, um ſeine Freude an dieſer Handlung zu bezeugen. Wir würden es ihm um ſo leichter verzeihen, da auch unſer Herz beim Leſen einen Stillſtand macht, und ſich von dem Objecte gern *) Der raſende Roland. Erſter Geſang. Stanze 22. 2* E 20 25 30 40 4 Ba Tr . * N 2 MN arg 12 *. e 272 7 1 W * nn “ * ; 2 x x f a Sl Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. entfernt, um in ſich ſelbſt zu ſchauen. Aber von allem dieſem in, Spur im Homer; als ob er etwas alltägliches berichtet hätte, ja, als . Wahrhaftigkeit fort: 5 „Doch den Glaukus erregete Zevs, daſs er ohne Beſinnung Gegen den Held Diomedes die Rüſtungen, goldne mit ehr'nen Wechſelte, hundert Farren wert, neun Farren die andern.“ *) Dichter von dieſer naiven Gattung ſind in einem künſtlichen 5 Weltalter nicht fo recht mehr an ihrer Stelle. Auch find fie in dem— ſelben kaum mehr möglich, wenigſtens auf keine andere Weiſe möglich, als dafs fie in ihrem Zeitalter wild laufen und durch ein günſtiges Geſchick vor dem verſtümmelnden Einfluſs desſelben geborgen werden. Aus der Societät ſelbſt können ſie nie und nimmer hervorgehen; aber außerhalb derſelben erſcheinen fie noch zuweilen, doch mehr als Fremd— linge, die man anſtaunt, und als ungezogene Söhne der Natur, an denen man ſich ärgert. So wohlthätige Erſcheinungen fie für den Künſtler find, der fie ſtudiert, und für den echten Kenner, der ſie zu würdigen verſteht, ſo wenig Glück machen ſie im ganzen und bei ihrem Jahr— ö hundert. Das Siegel des Herrſchers ruht auf ihrer Stirne; wir hin⸗ 20 gegen wollen von den Muſen gewiegt und getragen werden. Von den Kritikern, den eigentlichen Zaunhütern des Geſchmacks, werden ſie als Grenzſtörer gehaſst, die man lieber unterdrücken möchte; denn ſelbſt a Homer dürfte es bloß der Kraft eines mehr als tauſendjährigen Zeug niſſes zu verdanken haben, daſs ihn dieſe Geſchmacksrichter gelten laffen; — auch wird es ihnen ſauer genug, ihre Regeln gegen ſein Beiſpiel und ſein Anſehen gegen ihre Regeln zu behaupten. Im nächſten Stück einige Worte über die ſentimentaliſchen Dichter. 1 E 1 * 2 * II. Die ſentimentaliſchen Dichter. Der Dichter, hieß es in dem vorhergehenden Verſuche über das Naive, iſt entweder Natur, oder er wird ſie ſuchen. Jenes macht den naiven, dieſes den ſentimentaliſchen Dichter. Mit der Erklärung dieſes Satzes wird der gegenwärtige Verſuch ſich beſchäftigen. Der dichteriſche Geiſt iſt unſterblich und unverlierbar in der Menſchheit; er kann nicht anders als zugleich mit derſelben und mit 35 der Anlage zu ihr ſich verlieren. Denn entfernt ſich gleich der Menſch 3 = ) Ilias. Voßiſche Überſetzung. Band I. Seite 153. Ba a € 55 II. Die ſentimentaliſchen Dichter. 21 durch die Freiheit ſeiner Phantaſie und ſeines Verſtandes von der Einfalt, Wahrheit und Nothwendigkeit der Natur, ſo ſteht ihm doch nicht nur der Pfad zu derſelben immer offen, ſondern ein mächtiger und unvertilgbarer Trieb, der moraliſche, treibt ihn auch unaufhörlich zu ihr zurück, und eben mit dieſem Triebe ſteht das Dichtungsvermögen in der engſten Verwandtſchaft. Dieſes verliert ſich alſo nicht auch zugleich mit der natürlichen Einfalt, ſondern wirkt nur nach einer andern Richtung. Auch jetzt iſt die Natur noch die einzige Flamme, an der ſich der Dichtergeiſt nähret, aus ihr allein ſchöpft er ſeine ganze Macht, zu ihr allein ſpricht er auch in dem künſtlichen, in der Cultur begriffenen Menſchen. Jede andere Art zu wirken, iſt dem poetiſchen Geiſte fremd; daher, beiläufig zu ſagen, alle ſogenannten Werke des Witzes ganz mit Unrecht poetiſch heißen, ob wir ſie gleich lange Zeit, durch das Anſehen der franzöſiſchen Literatur verleitet, damit vermenget haben. Die Natur, ſage ich, iſt es auch noch jetzt, in dem künſtlichen Zuſtande der Cultur, wodurch der Dichtergeiſt mächtig iſt, nur ſteht er jetzt in einem ganz andern Verhältnis zu derſelben. So lange der Menſch noch reine, es verſteht ſich, nicht rohe Natur iſt, wirkt er als ungetheilte ſinnliche Einheit und als ein harmonierendes Ganzes. Sinne und Vernunft, empfangendes und ſelbſt— thätiges Vermögen, haben ſich in ihrem Geſchäfte noch nicht getrennt, vielweniger ſtehen ſie im Widerſpruch miteinander. Seine Empfindungen ſind nicht das formloſe Spiel des Zufalls, ſeine Gedanken nicht das gehaltloſe Spiel der Vorſtellungskraft; aus dem Geſetz der Noth— wendigkeit gehen jene, aus der Wirklichkeit gehen dieſe hervor. Iſt der Menſch in den Stand der Cultur getreten und hat die Kunſt ihre Hand an ihn gelegt, ſo iſt jene ſinnliche Harmonie in ihm auf— gehoben, und er kann nur noch als moraliſche Einheit, d. h. als nach Einheit ſtrebend, ſich äußern. Die Übereinſtimmung zwiſchen ſeinem Empfinden und Denken, die in dem erſten Zuſtande wirklich ſtatt— fand, exiſtiert jetzt bloß idealiſch; ſie iſt nicht mehr in ihm, ſondern außer ihm; als ein Gedanke, der erſt realiſiert werden ſoll, nicht mehr als Thatſache ſeines Lebens. Wendet man nun den Begriff der Poeſie, der kein andrer iſt, als der Menſchheit ihren möglichſt voll- ſtändigen Ausdruck zu geben, auf jene beiden Zuſtände an, ſo ergibt ſich, daſs dort in dem Zuſtande natürlicher Einfalt, wo der Menſch noch, mit allen ſeinen Kräften zugleich, als harmoniſche Einheit wirkt, wo mithin das Ganze ſeiner Natur ſich in der Wirklichkeit voll- ſtändig ausdrückt, die möglichſt vollſtändige Nachahmung des Wirk— 0 5 2 0 = 0 40 über naive und ſentimentaliſche Dichtung. lichen — daſs hingegen hier in dem Zuſtande der Cultur, wo jenes harmoniſche Zuſammenwirken ſeiner ganzen Natur bloß eine Idee iſt, die Erhebung der Wirklichkeit zum Ideal oder, was auf eins hinausläuft, die Darftellung des Ideals den Dichter machen mufs, 5 Und dies find auch die zwei einzig möglichen Arten, wie ſich überhaupt der poetiſche Genius äußern kann. Sie find, wie man ſieht, äußerſt voneinander verſchieden, aber es gibt einen höhern Begriff, der ſie beide unter ſich faſst, und es darf gar nicht befremden, wenn dieſer Begriff mit der Idee der Menſchheit in eins zuſammentrifft. 10, Es ift hier der Ort nicht, dieſen Gedanken, den nur eine eigene Ausführung in ſein volles Licht ſetzen kann, weiter zu verfolgen. Wer aber nur irgend, dem Geiſte nach und nicht bloß nach zufälligen Formen eine Vergleichung zwiſchen alten und modernen Dichtern?) anzuſtellen verſteht, wird fich leicht von der Wahrheit desſelben über- 15 zeugen können. Jene rühren uns durch Natur, durch ſinnliche Wahrheit, durch lebendige Gegenwart; dieſe rühren uns durch Ideen. Dieſer Weg, den die neueren Dichter gehen, iſt übrigens derſelbe, den der Menſch überhaupt ſowohl im einzelnen als im ganzen ein— ſchlagen muſs. Die Natur macht ihn mit ſich eins, die Kunſt trennt 5 20 und entzweiet ihn, durch das Ideal kehrt er zur Einheit zurück. Weil Be aber das Ideal ein unendliches iſt, das er niemals erreicht, jo kann der cultivierte Menſch in ſeiner Art niemals vollkommen werden, wie doch der natürliche Menſch es in der ſeinigen zu werden vermag. Er müſste alſo dem letztern an Vollkommenheit unendlich nachſtehen, wenn 25 bloß auf das Verhältnis, in welchem beide zu ihrer Art und zu ihrem Maximum ſtehen, geachtet wird. Vergleicht man hingegen die Arten * ſelbſt miteinander, ſo zeigt ſich, daſs das Ziel, zu welchem der Menſch 5 durch Cultur ſtrebt, demjenigen, welches er durch Cultur erreicht, unendlich vorzuziehen iſt. Der eine erhält alſo ſeinen Wert durch abſolute 30 Erreichung einer endlichen, der andre erlangt ihn durch Annäherung zu einer unendlichen Größe. Weil aber nur die letztere Grade und einen Fortſchritt hat, ſo iſt der relative Wert des Menſchen, der in der Cultur begriffen iſt, im ganzen genommen, niemals beſtimmbar, obgleich *) Es iſt vielleicht nicht überflüſſig zu erinnern, daſs, wenn hier die neuen 35 Dichter den alten entgegengeſetzt werden, nicht ſowohl der Unterſchied der Zeit, als der Unterſchied der Manier zu verſtehen iſt. Wir haben auch in neuern, ja ſogar in neueſten Zeiten naive Dichtungen in allen Claſſen, wenn gleich nicht mehr ganz reiner Art, und unter den alten lateiniſchen ja ſelbſt griechiſchen Dichtern fehlt es nicht an ſentimentaliſchen. Nicht nur in demſelben Dichter, auch in demſelben Werke a 40 trifft man häufig beide Gattungen vereinigt an; wie zum Beiſpiel in Werthers * Leiden, und dergleichen Producte werden immer den größern Effect machen. 3 3 . ET II. Die ſentimentaliſchen Dichter. - 23 derſelbe im einzelnen betrachtet ſich in einem nothwendigen Nachtheil gegen denjenigen befindet, in welchem die Natur in ihrer ganzen Voll— kommenheit wirkt. Inſofern aber das letzte Ziel der Menſchheit nicht anders als durch jene Fortſchreitung zu erreichen iſt, und der letztere nicht anders fortſchreiten kann, als indem er ſich cultiviert und folglich in den erſtern übergeht, ſo iſt keine Frage, welchem von beiden in Rückſicht auf jenes letzte Ziel der Vorzug gebüre. Dasſelbe, was hier von den zwei verſchiedenen Formen der Menſchheit geſagt wird, läſst fi) auch auf jene beiden, ihnen ent— ſprechenden Dichterformen anwenden. Man hätte deswegen alte und moderne — naive und ſentimen— taliſche — Dichter entweder gar nicht, oder nur unter einem gemein- ſchaftlichen höhern Begriff (einen ſolchen gibt es wirklich) miteinander vergleichen ſollen. Denn freilich, wenn man den Gattungsbegriff der Poeſie zuvor einſeitig aus den alten Poeten abſtrahiert hat, ſo iſt nichts leichter, aber auch nichts trivialer, als die modernen gegen ſie herabzuſetzen. Wenn man nur das Poeſie nennt, was zu allen Zeiten auf die einfältige Natur gleichförmig wirkte, ſo kann es nicht anders ſein, als daſs man den neuern Poeten gerade in ihrer eigenſten und erhabenſten Schönheit den Namen der Dichter wird ſtreitig machen müſſen, weil fie gerade hier nur zu dem Zögling der Kunſt ſprechen, und der einfältigen Natur nichts zu jagen haben.) Weſſen Gemüth nicht ſchon zubereitet iſt, über die Wirklichkeit hinaus ins Ideenreich zu gehen, für den wird der reichſte Gehalt leerer Schein und der höchſte Dichterſchwung Überſpannung ſein. Keinem Vernünftigen kann es einfallen, in demjenigen, worin Homer groß iſt, irgendeinen Neuern ihm an die Seite ſtellen zu wollen, und es klingt lächerlich genug, wenn man einen Milton oder Klopſtock mit dem Namen eines neuern Homer beehrt ſieht. Ebenſowenig aber wird irgendein alter Dichter und am wenigſten Homer in demjenigen, was den modernen Dichter *) Moliere als naiver Dichter durfte es allenfalls auf den Ausſpruch ſeiner Magd ankommen laſſen, was in ſeinen Komödien ſtehen bleiben und wegfallen ſollte; auch wäre zu wünſchen geweſen, dafs die Meiſter des franzöſiſchen Kothurns mit ihren Trauerſpielen zuweilen dieſe Probe gemacht hätten. Aber ich wollte nicht rathen, daſs mit den Klopſtock'ſchen Oden, mit den ſchönſten Stellen im Meſſias, im verlorenen Paradies, in Nathan dem Weiſen, und vielen andern Stücken eine ähnliche Probe angeſtellt würde. Doch was ſage ich? Dieſe Probe iſt wirklich angeſtellt, und die Moliere'ſche Magd raiſonniert ja langes und breites in unſern kritiſchen Bibliotheken, philoſophiſchen und literariſchen Annalen und Reiſebeſchreibungen über Poeſie, Kunſt und dergleichen, nur, wie billig, auf deutſchem Boden ein wenig abgeſchmackter als auf franzöſiſchem, und wie es ſich für die Geſindeſtube der deutſchen Literatur geziemt. 20 25 30 35 40. 24 \ Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. charakteriſtiſch auszeichnet, die Vergleichung mit demſelben aushalten können. Jener, möchte ich es ausdrücken, iſt mächtig durch die Kunſt der Begrenzung, dieſer iſt es durch die Kunſt des Unendlichen. Und eben daraus, dajs die Stärke des alten Künſtlers (denn was hier von dem Dichter gejagt worden, kann unter den Einſchrän⸗ kungen, die ſich von ſelbſt ergeben, auch auf den ſchönen Künſtler überhaupt ausgedehnt werden) in der Begrenzung beſtehet, erklärt ſich der hohe Vorzug, den die bildende Kunſt des Alterthums über die der neuern Zeiten behauptet, und überhaupt das ungleiche Verhältnis des Werts, in welchem moderne Dichtkunſt und moderne bildende Kunſt zu beiden Kunſtgattungen im Alterthum ſtehen. Ein Werk für das Auge findet nur in der Begrenzung ſeine Vollkommenheit; ein Werk für die Einbildungskraft kann ſie auch durch das Unbegrenzte erreichen. In plaſtiſchen Werken hilft daher dem Neuern ſeine Überlegenheit in Ideen wenig; hier iſt er genöthigt, das Bild ſeiner Einbildungskraft auf das genaueſte im Raum zu beſtimmen, und ſich folglich mit dem alten Künſtler gerade in derjenigen Eigenſchaft zu meſſen, worin dieſer ſeinen unabſtreitbaren Vorzug hat. In poetiſchen Werken iſt es anders, und ſiegen gleich die alten Dichter auch hier in der Einfalt der Formen und in dem, was ſinnlich darſtellbar und körperlich iſt, ſo kann der 5 neuere ſie wieder im Reichthum des Stoffes, in dem, was undarſtellbar und unausſprechlich iſt, kurz, in dem, was man in Kunſtwerken Geiſt nennt, hinter ſich laſſen.“) { 5 *) Individualität mit einem Wort iſt der Charalter des Alten, und Idealität die Stärke des Modernen. Es iſt alſo natürlich, daſs in allem, was zur unmittelbaren ſinnlichen Anſchauung gelangen und als Individuum wirken mufs, der erſte über den zweiten den Sieg davon tragen wird. Ebenſo natürlich iſt es auf der andern Seite, daſs da, wo es auf geiſtige Anſchauungen ankommt und die Siunenwelt über— ſchritten werden ſoll und darf, der erſte nothwendig durch die Schranken der Materie leiden, und eben weil er ſich ſtreng an dieſe bindet, hinter dem andern, der ſich davon freiſpricht, wird zurückbleiben müſſen. j Nun entſteht natürlicherweiſe die Frage (die wichtigſte, die überhaupt in einer Philoſophie der Kunſt kann aufgeworfen werden), ob und inwiefern in demſelben ? Kunſtwerke Individualität mit Idealität zu vereinigen ſei — ob ſich alſo (welches auf eins hinausläuft) eine Coalition des alten Dichtercharakters mit dem modernen gedenken laſſe, welche, wenn ſie wirklich ſtattfände, als der höchſte Gipfel aller Kunſt zu betrachten fein würde. Sachverſtändige behaupten, daſs dieſes, in Rückſicht auf bildende Kunſt, von den Antiken gewiſſermaßen geleiſtet ſei, indem hier wirklich das Individuum ideal ſei und das Ideal in einem Individuum erſcheine. Soviel iſt indeſſen gewiſs, daſs in der Poeſie dieſer Gipfel noch keineswegs erreicht iſt; denn hier fehlt noch ſehr 2 viel daran, daſs das vollfommenfte Werk, der Form nach, es auch dem Inhalte nach 5 ſei, daſs es nicht bloß ein wahres und ſchönes Ganze, ſondern auch das möglichſt = reichſte Ganze ſei. Es ſei dies aber nun erreichbar und erreicht oder nicht, fo iſt es nnn — ͤ 8 27 1 . 1 i II. Die ſentimentaliſchen Dichter. 257 Da der naive Dichter bloß der einfachen Natur und Empfindung folgt und ſich bloß auf Nachahmung der Wirklichkeit beſchränkt, ſo kann er zu ſeinem Gegenſtand auch nur ein einziges Verhältnis haben, und es gibt, in dieſer Rückſicht, für ihn keine Wahl der Behandlung. Der verſchiedene Eindruck naiver Dichtungen beruht, (vorausgeſetzt, daſs man alles hinweg denkt, was daran dem Inhalt gehört, und jenen Eindruck nur als das reine Werk der poetiſchen Behandlung betrachtet,) beruht, ſage ich, bloß auf dem verſchiedenen Grad einer und derſelben Empfindungsweiſe; ſelbſt die Verſchiedenheit in den äußern Formen kann in der Qualität jenes äſthetiſchen Eindrucks keine Veränderung machen. Die Form ſei lyriſch oder epiſch, dramatiſch oder beſchreibend; wir können wohl ſchwächer und ſtärker, aber (ſobald von dem Stoff abſtrahiert wird) nie verſchiedenartig gerührt werden. Unſer Gefühl iſt durchgängig dasſelbe, ganz aus einem Element, jo dajs wir nichts darin zu unterſcheiden vermögen. Selbſt der Unterſchied der Sprachen und Zeitalter ändert hier nichts, denn eben dieſe reine Einheit ihres Urſprungs und ihres Effects iſt ein Charakter der naiven Dichtung. Ganz anders verhält es ſich mit dem ſentimentaliſchen Dichter. Dieſer reflectiert über den Eindruck, den die Gegenſtände auf ihn machen, und nur auf jene Reflexion iſt die Rührung gegründet, in die er ſelbſt verſetzt wird und uns verſetzt. Der Gegenſtand wird hier auf eine Idee bezogen, und nur auf dieſer Beziehung beruht ſeine dichteriſche Kraft. Der ſentimentaliſche Dichter hat es daher immer mit zwei ſtreitenden Vorſtellungen und Empfindungen, mit der Wirklichkeit als Grenze und mit ſeiner Idee als dem Unendlichen zu thun, und das gemiſchte Gefühl, das er erregt, wird immer von dieſer doppelten Quelle zeugen.“) Da alſo hier eine Mehrheit der Principien ſtattfindet, wenigſtens die Aufgabe auch in der Dichtkunſt, das Ideale zu individualiſieren und das Individuelle zu idealiſieren. Der moderne Dichter mufs ſich dieſe Aufgabe machen, wenn er ſich überall nur ein höchſtes und letztes Ziel ſeines Strebens gedenken ſoll. Denn, da er einerſeits durch das Ideenvermögen über die Wirklichkeit hinausgetrieben, andrerſeits aber durch den Darſtellungstrieb beſtändig wieder zu derſelben zurückgenöthiget wird, ſo geräth er in einen Zwieſpalt mit ſich ſelbſt, der nicht anders als dadurch, dass er eine Darſtellbarkeit des Ideals regulativ annimmt, beizulegen iſt. *) Wer bei ſich auf den Eindruck merkt, den naive Dichtungen auf ihn machen, und den Antheil, der dem Inhalt daran gebürt, davon abzuſondern im Stande iſt, der wird dieſen Eindruck, auch ſelbſt bei ſehr pathetiſchen Gegenſtänden, immer fröhlich, immer rein, immer ruhig finden; bei ſentimentaliſchen wird er immer etwas ernſt und anſpannend ſein. Das macht, weil wir uns bei naiven Darfiellungen, fie handeln auch, wovon ſie wollen, immer über die Wahrheit, über die lebendige Gegenwart des Objects in unſerer Einbildungskraft erfreuen, und auch weiter nichts als dieſe ſuchen, bei ſentimentaliſchen hingegen die Vorſtellung der Einbildungskraft mit einer Vernunft⸗ 30 40 8 x a Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. ſo kommt es darauf an, welches von beiden in der Empfindung des Dichters und in feiner Darſtellung überwiegen wird, und es iſt folglich eine Verſchiedenheit in der Behandlung möglich. Denn nun ſein; an eine von dieſen beiden Empfindungsarten wird jeder ſentimen— taliſche Dichter ſich halten. 5 entſteht die Frage, ob er mehr bei der Wirklichkeit, ob er mehr bei E 5 dem Ideale verweilen — ob er jene als einen Gegenſtand der Abneigung, 2 ob er dieſes als einen Gegenſtand der Zuneigung ausführen will. Seine Ä | Darſtellung wird alſo entweder ſatiriſch oder fie wird (in einer 8 1 weitern Bedeutung dieſes Worts, die ſich nachher erklären wird) elegiſch S 1. Satiriſche Dichtung. | Satiriſch iſt der Dichter, wenn er die Entfernung von der Natur ö und den Widerſpruch der Wirklichkeit mit dem Ideale (in der Wirkung 5 auf das Gemüth kommt beides auf eins hinaus) zu ſeinem Gegenſtande macht. Dies kann er aber ſowohl ernſthaft und mit Affect, als ſcherz— haft und mit Heiterkeit ausführen; je nachdem er entweder im Gebiete des Willens oder im Gebiete des Verſtandes verweilt. Jenes geſchieht durch die ſtrafende, oder pathetiſche, dieſes durch die ſcherzhafte Satire. 20 Streng genommen verträgt zwar der Zweck des Dichters weder den Ton der Strafe noch den der Beluſtigung. Jener iſt zu ernſt für das Spiel, was die Poeſie immer ſein ſoll; dieſer iſt zu frivol für den Ernſt, der allem poetischen Spiele zum Grund liegen ſoll. Moraliſche Widerſprüche intereſſieren nothwendig unſer Herz, und rauben alſo dem Gemüth ſeine Freiheit; und doch ſoll aus poetiſchen Rührungen alles eigentliche Intereſſe, d. h. alle Beziehung auf ein Bedürfnis verbannt ſein. Verſtandes-Widerſprüche hingegen laſſen das Herz gleichgiltig, und doch hat es der Dichter mit dem höchſten Anliegen des Herzens, mit der Natur und dem Ideal, zu thun. Es iſt daher keine geringe Aufgabe für ihn, in der pathetiſchen Satire nicht die poetiſche Form zu verletzen, welche in der Freiheit des Spiels beſteht, in der ſcherzhaften Satire nicht den poetiſchen Gehalt zu verfehlen, welcher immer das Unendliche ſein muſs. Dieſe Aufgabe kann nur auf eine einzige Art gelöſet werden. Die ſtrafende Satire erlangt poetiſche Freiheit, indem ſie ins Erhabene übergeht, die lachende Satire erhält poetiſchen Gehalt, indem ſie ihren Gegenſtand mit Schönheit behandelt. = 25 = S 9 . idee zu vereinigen haben, und alſo immer zwiſchen zwei verſchiedenen Zuſtänden in Schwanken gerathen. m II. Die ſentimentaliſchen Dichter. 27 In der Satire wird die Wirklichkeit als Mangel dem Ideal als der höchſten Realität gegenübergeſtellt. Es iſt übrigens gar nicht nöthig, daſs das letztere ausgeſprochen werde, wenn der Dichter es nur im Gemüth zu erwecken weiß; dies muſs er aber ſchlechterdings, oder er wird gar nicht poetiſch wirken. Die Wirklichkeit iſt alſo hier ein noth— wendiges Object der Abneigung, aber worauf hier alles ankömmt, dieſe Abneigung ſelbſt muſs wieder nothwendig aus dem entgegenſtehenden Ideale entſpringen. Sie könnte nämlich auch eine bloß ſinnliche Quelle haben und lediglich in Bedürfnis gegründet ſein, mit welchem die Wirk— lichkeit ſtreitet; und häufig genug glauben wir einen moraliſchen Unwillen über die Welt zu empfinden, wenn uns bloß der Widerſtreit derſelben mit unſerer Neigung erbittert. Dieſes materielle Intereſſe iſt es, was der gemeine Satiriker ins Spiel bringt, und weil es ihm auf dieſem Wege gar nicht fehlſchlägt, uns in Affect zu verſetzen, ſo glaubt er unſer Herz in ſeiner Gewalt zu haben und im Pathetiſchen Meiſter zu ſein. Aber jedes Pathos aus dieſer Quelle iſt der Dichtkunſt unwürdig, die uns nur durch Ideen rühren und nur durch die Vernunft zu unſerm Herzen den Weg nehmen darf. Auch wird ſich dieſes unreine und mate— rielle Pathos jederzeit durch ein Übergewicht des Leidens und durch eine peinliche Befangenheit des Gemüths offenbaren, da im Gegentheil das wahrhaft poetiſche Pathos an einem Übergewicht der Selbſtthätigkeit und an einer auch im Affecte noch beſtehenden Gemüthsfreiheit zu erkennen iſt. Entſpringt nämlich die Rührung aus dem der Wirklichkeit gegenüberſtehenden Ideale, ſo verliert ſich in der Erhabenheit des letztern jedes einengende Gefühl, und die Größe der Idee, von der wir erfüllt ſind, erhebt uns über alle Schranken der Erfahrung. Bei der Dar— ſtellung empörender Wirklichkeit kommt daher alles darauf an, daſs das Nothwendige der Grund ſei, auf welchem der Dichter oder der Erzähler das Wirkliche aufträgt, dafs er unſer Gemüth für Ideen zu ſtimmen wiſſe. Stehen wir nur hoch in der Beurtheilung, ſo hat es nichts zu ſagen, wenn auch der Gegenſtand tief und niedrig, unter uns zurück— bleibt. Wenn uns der Geſchichtſchreiber Tacitus den tiefen Verfall der Römer des erſten Jahrhunderts ſchildert, ſo iſt es ein hoher Geiſt, der auf das Niedrige herabblickt, und unſere Stimmung iſt wahrhaft poetiſch, weil nur die Höhe, worauf er ſelbſt ſteht und zu der er uns zu erheben wuſste, ſeinen Gegenſtand niedrig machte. Die pathetiſche Satire muſs alſo jederzeit aus einem Gemüthe fließen, welches von dem Ideale lebhaft durchdrungen iſt. Nur ein herrſchender Trieb nach Übereinſtimmung kann und darf jenes tiefe Gefühl moraliſcher Widerſprüche und jenen glühenden Unwillen gegen 0 — 12 0 = 5 — 0 5 a RE NET in . nr 1 en eee 2 Si — D — 2 20 * 3 S e 8 4 E 28 Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. moraliſche Verkehrtheit erzeugen, welcher in einem Juvenal, Lucian, Dante, Swift, Young, Rouſſeau, Haller und andern zur Begeiſterung wird. Die nämlichen Dichter würden und müſsten mit demſelben Glück auch in den rührenden und zärtlichen Gattungen gedichtet haben, wenn nicht zufällige Urſachen ihrem Gemüth frühe dieſe beſtimmte Richtung gegeben hätten; auch haben ſie es zum Theil wirklich gethan. Alle die hier Genannten lebten entweder in einem ausgearteten Zeitalter und hatten eine ſchauderhafte Erfahrung moraliſcher Verderbnis vor Augen, oder eigene Schickſale hatten Bitterkeit in ihre Seele geſtreut. Auch der philoſophiſche Geiſt, da er mit unerbittlicher Strenge den Schein von dem Weſen trennt und in die Tiefen der Dinge dringet, neigt das Gemüth zu dieſer Härte und Auſterität, mit welcher Rouſſeau, Haller und andre die Wirklichkeit malen. Aber dieſe äußern und zufälligen Einflüſſe, welche immer einſchränkend wirken, dürfen höchſtens nur die Richtung beſtimmen, niemals den Inhalt der Begeiſterung hergeben. Dieſer muſßs in allen derſelbe fein und, rein von jedem äußern Be— dürfnis, aus einem glühenden Triebe für das Ideal hervorfließen, welcher durchaus der einzig wahre Beruf zu dem ſatiriſchen wie überhaupt zu dem ſentimentaliſchen Dichter iſt. Wenn die pathetiſche Satire nur erhabene Seelen kleidet, ſo kann die ſpottende Satire nur einem ſchönen Herzen gelingen. Denn jene iſt ſchon durch ihren ernſten Gegenſtand vor der Frivolität geſichert; aber dieſe, die nur einen moraliſch gleichgiltigen Stoff behandeln darf, würde unvermeidlich darein verfallen und jede poetiſche Würde verlieren, wenn hier nicht die Behandlung den Juhalt veredelte und das Subject des Dichters nicht ſein Object verträte. Aber nur dem ſchönen Herzen iſt es verliehen, unabhängig von dem Gegenſtand ſeines Wirkens, in jeder ſeiner Außerungen ein vollendetes Bild von ſich ſelbſt abzuprägen. Der erhabene Charakter kann ſich nur in einzelnen Siegen über den Widerſtand der Sinne, nur in gewiſſen Momenten des Schwunges und einer augenblicklichen Anftrengung kundthun; in der ſchönen Seele hingegen wirkt das Ideal als Natur, alſo gleichförmig, und kann mithin auch in einem Zuſtande der Ruhe ſich zeigen. Das tiefe Meer erſcheint am erhabenſten in ſeiner Bewegung, der klare Bach am ſchönſten in feinem ruhigen Lauf. Es iſt mehrmals darüber geſtritten worden, welche von beiden, die Tragödie oder die Komödie, vor der andern den Rang verdiene. Wird damit bloß gefragt, welche von beiden das wichtigere Object behandle, ſo iſt kein Zweifel, daſs die erſtere den Vorzug behauptet; will man aber wiſſen, welche von beiden das wichtigere Subject erfordre, II. Die ſentimentaliſchen Dichter. K 29 fo mufs der Ausſpruch ebenſo entſcheidend für die letztere ausfallen. In der Tragödie geſchieht ſchon durch den Gegenſtand ſehr viel, in der Komödie geſchieht durch den Gegenſtand nichts und alles durch den Dichter. Da nun bei Urtheilen des Geſchmacks der Stoff nie in Betrachtung kommt, jo muſs natürlicherweiſe der äſthetiſche Wert dieſer beiden Kunſtgattungen in umgekehrtem Verhältnis zu ihrer materiellen Wichtigkeit ſtehen. Den tragiſchen Dichter trägt ſein Object, der komiſche hingegen muſßs durch fein Subject das ſeinige in der äſthetiſchen Höhe erhalten. Jener darf einen Schwung nehmen, wozu ſo viel eben nicht gehöret; der andre mußs ſich gleich bleiben, er muss alſo ſchon dort ſein und dort zu Hauſe ſein, wohin der andere nicht ohne einen Anlauf gelangt. Und gerade das iſt es, worin ſich der ſchöne Charakter von dem erhabenen unterſcheidet. In dem erſten iſt jede Größe ſchon enthalten, ſie fließt ungezwungen und mühelos aus ſeiner Natur, er iſt, dem Vermögen nach, ein Unendliches in jedem Punkte ſeiner Bahn; der andere kann ſich zu jeder Größe anſpannen und erheben, er kann durch die Kraft ſeines Willens aus jedem Zuſtande der Beſchränkung ſich reißen. Dieſer iſt alſo nur ruckweiſe und nur mit Anſtrengung frei, jener iſt es mit Leichtigkeit und immer. Dieſe Freiheit des Gemüths in uns hervorzubringen und zu : nähren, iſt die ſchöne Aufgabe der Komödie, ſowie die Tragödie beſtimmt iſt, die Gemüthsfreiheit, wenn fie durch einen Affect gewaltſam auf- gehoben worden, auf äſthetiſchem Weg wieder herſtellen zu helfen. In der Tragödie muſs daher die Gemüthsfreiheit künſtlicherweiſe und als Experiment künſtlich aufgehoben werden, weil ſie in Herſtellung der— ſelben ihre poetiſche Kraft beweist; in der Komödie hingegen mus verhütet werden, daſs es niemals zu jener Aufhebung der Gemüths— freiheit komme. Daher behandelt der Tragödiendichter feinen Gegenſtand immer praktiſch, der Komödiendichter den ſeinigen immer theoretiſch; auch wenn jener (wie Leſſing in ſeinem Nathan) die Grille hätte, einen theoretiſchen, dieſer, einen praktiſchen Stoff zu bearbeiten. Nicht das Gebiet, aus welchem der Gegenſtand genommen, ſondern das Forum, vor welches der Dichter ihn bringt, macht denſelben tragiſch oder komiſch. Der Tragiker muſs ſich vor dem ruhigen Raiſonnement inacht nehmen und immer das Herz intereſſieren, der Komiker muss ſich vor dem Pathos hüten und immer den Verſtand unterhalten. Jener zeigt alſo durch beſtändige Erregung, dieſer durch beſtändige Abwehrung der Leidenſchaft ſeine Kunſt; und dieſe Kunſt iſt natürlich auf beiden Seiten um ſo größer, je mehr der Gegenſtand des einen abſtracter Natur 30 35. Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. 3 3 1 10 | 1 % 15 j N tr 18 E * j u E 1 | | I # 30 35 40 iſt, und der des andern ſich zum Pathetiſchen neigt.?) Wenn alſo die Tragödie von einem wichtigern Punkt ausgeht, ſo muſs man auf der andern Seite geſtehen, daſs die Komödie einem wichtigern Ziel entgegen— geht, und ſie würde, wenn ſie es erreichte, alle Tragödie überflüſſig und unmöglich machen. Ihr Ziel iſt einerlei mit dem höchſten, wornach der Menſch zu ringen hat, frei von Leidenſchaft zu ſein, immer klar, immer ruhig um ſich und in ſich zu ſchauen, überall mehr Zufall als Schickſal zu finden, und mehr über Ungereimtheit zu lachen als über Bosheit zu zürnen oder zu weinen. Wie in dem handelnden Leben ſo begegnet es auch oft bei dichteriſchen Darſtellungen, den bloß leichten Sinn, das angenehme Talent, die fröhliche Gutmüthigkeit mit Schönheit der Seele zu verwechſeln, und da ſich der gemeine Geſchmack überhaupt nie über das Angenehme erhebt, ſo iſt es ſolchen niedlichen Geiſtern ein leichtes, jenen Ruhm zu uſurpieren, der ſo ſchwer zu verdienen iſt. Aber es gibt eine untrügliche Probe, vermittelſt deren man die Leichtigkeit des Naturells von der Leichtigkeit des Ideals, ſowie die Tugend des Temperaments von der wahrhaften Sittlichkeit des Charakters unterſcheiden kann, und dieſe iſt, wenn beide ſich an einem ſchwierigen und großen Objecte verſuchen. In einem ſolchen Falle geht das niedliche Genie unfehlbar in das Platte, ſowie die Temperamentstugend in das Materielle, die wahrhaft ſchöne Seele hingegen geht ebenſo gewiss in die erhabene über. Solange Lucian bloß die Ungereimtheit züchtigt, wie in den Wünſchen, in den Lapithen, in dem Jupiter Tragödus u. a., bleibt er Spötter, und ergötzt uns mit ſeinem fröhlichen Humor; aber es wird ein ganz anderer Mann aus ihm in vielen Stellen ſeines Nigrinus, ſeines Timons, ſeines Alexanders, wo ſeine Satire auch die moraliſche Verderbnis trifft. „Unglückſeliger,“ ſo beginnt er in ſeinem Nigrinus das empörende Gemälde des damaligen Roms, „warum verließeſt du das Licht der Sonne, Griechenland, und jenes glückliche Leben der Frei— heit und kamſt hieher in dies Getümmel von prachtvoller Dienſtbarkeit, „) Im Nathan dem Weiſen iſt dieſes nicht geſchehen, hier hat die froſtige Natur des Stoffs das ganze Kunſtwerk erkältet. Aber Leſſing wufste ſelbſt, dafs er kein Trauer⸗ ſpiel ſchrieb, und vergaß nur menſchlicherweiſe in ſeiner eigenen Angelegenheit die in der Dramaturgie aufgeſtellte Lehre, dafs der Dichter nicht beſugt ſei, die tragiſche Form zu einem andern als tragiſchen Zweck anzuwenden. Ohne ſehr weſentliche Ver— änderungen würde es kaum möglich geweſen ſein, dieſes dramatiſche Gedicht in eine gute Tragödie umzuſchaffen; aber mit bloß zufälligen Veränderungen möchte es eine gute Komödie abgegeben haben. Dem letztern Zweck nämlich hätte das Pathetiſche, dem erſtern das Raiſonnierende aufgeopfert werden müſſen, und es iſt wohl keine Frage, auf welchem von beiden die Schönheit dieſes Gedichts am meiſten beruht. E E = II. Die ſentimentaliſchen Dichter. 31 von Aufwartungen und Gaſtmählern, von Sykophanten, Schmeichlern, Giftmiſchern, Erbſchleichern und falſchen Freunden? u. ſ. w.“ Bei ſolchen und ähnlichen Anläſſen muſs ſich der hohe Ernſt des Gefühls offenbaren, der allem Spiele, wenn es poetiſch ſein ſoll, zum Grunde liegen muſs. Selbſt durch den boshaften Scherz, womit ſowohl Lucian als Ariſtophanes den Sokrates miſshandeln, blickt eine ernſte Vernunft hervor, welche die Wahrheit an dem Sophiſten rächt und für ein Ideal ſtreitet, das ſie nur nicht immer ausſpricht. Auch hat der erſte von beiden in ſeinem Diogenes und Dämonax dieſen Charakter gegen alle Zweifel gerechtfertigt; unter den Neuern, welchen großen und ſchönen Charakter drückt nicht Cervantes bei jedem würdigen Anlaſs in feinem Don Quixote aus, welch ein herrliches Ideal muſste nicht in der Seele des Dichters leben, der einen Tom Jones und eine Sophia erſchuf, wie kann der Lacher Morik ſobald er will unſer Gemüth fo groß und ſo mächtig bewegen! Auch in unſerm Wieland erkenne ich dieſen Ernſt der Empfindung; ſelbſt die muthwilligen Spiele ſeiner Laune beſeelt und adelt die Grazie des Herzens; ſelbſt in den Rhythmus ſeines Geſanges drückt ſie ihr Gepräg, und nimmer fehlt ihm die Schwung— kraft, uns, ſobald es gilt, zu dem Höchſten emporzutragen. Von der Voltaire'ſchen Satire läſst ſich kein ſolches Urtheil fällen. Zwar iſt es auch bei dieſem Schriftſteller einzig nur die Wahrheit und Simplicität der Natur, wodurch er uns zuweilen poetiſch rührt; es ſei nun, dass er fie in einem naiven Charakter wirklich erreiche, wie mehrmal in ſeinem Inge nu, oder dass er fie, wie in feinem Candide und andere ſuche und räche. Wo keines von beiden der Fall iſt, da kann er uns zwar als witziger Kopf beluſtigen, aber gewiſs nicht als Dichter bewegen. Aber ſeinem Spott liegt überall zu wenig Ernſt zum Grunde, und dieſes macht ſeinen Dichterberuf mit Recht ver— dächtig. Wir begegnen immer nur feinem Verſtande, nicht ſeinem Gefühl. Es zeigt ſich kein Ideal unter jener luftigen Hülle, und kaum etwas abſolut Feſtes in jener ewigen Bewegung. Seine wunderbare Manig— faltigkeit in äußern Formen, weit entfernt, für die innere Fülle ſeines Geiſtes etwas zu beweiſen, legt vielmehr ein bedenkliches Zeugnis dagegen ab, denn ungeachtet aller jener Formen hat er auch nicht eine gefunden, worin er ein Herz hätte abdrücken können. Beinahe mufs man alſo fürchten, es war in dieſem reichen Genius nur die Armut des Herzens, die ſeinen Beruf zur Satire beſtimmte. Wäre es anders, ſo hätte er doch irgend auf ſeinem weiten Wege aus dieſem engen Ge— leiſe treten müſſen. Aber bei allem noch ſo großen Wechſel des Stoffes und der äußern Form ſehen wir dieſe innere Form in ewigem, dürftigem 2 5 . * Dee w w N Be zur 1 = te a Ai rn ae a ch A ia a = * — 70 Nen, en ar a 2 Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. Einerlei wiederkehren, und trotz ſeiner voluminöſen Laufbahn hat er doch den Kreis der Menſchheit in ſich ſelbſt nicht erfüllt, den man in der obenerwähnten Satirikern mit Freuden durchlaufen findet. 5 2. Elegiſche Dichtung. ? 5 Setzt der Dichter die Natur der Kunſt und das Ideal der Wirk lichkeit ſo entgegen, daſs die Darſtellung des erſten überwiegt, und das Wohlgefallen an demſelben herrſchende Empfindung wird, ſo nenne ich ihn elegiſch. Auch dieſe Gattung hat wie die Satire zwei Claffen unter ſich. Entweder iſt die Natur und das Ideal ein Gegenſtand der 10 Trauer, wenn jene als verloren, dieſes als unerreicht dargeſtellt wird. Oder beide ſind ein Gegenſtand der Freude, indem ſie als wirklich vorgeſtellt werden. Das Erſte gibt die Elegie in engerer, das andre die Idylle in weiteſter Bedeutung.) *) Dais ich die Benennungen Satire, Elegie und Idylle in einem weitern 15 Sinne gebrauche, als gewöhnlich geſchieht, werde ich bei Leſern, die tiefer in die Sache dringen, kaum zu verantworten brauchen. Meine Abſicht dabei iſt keineswegs die Grenzen zu verrücken, welche die bisherige Obſervanz ſowohl der Satire und Elegie als der Idylle mit gutem Grunde geſteckt hat; ich ſehe bloß auf die in dieſen Dichtungs- 5 arten herrſchende Empfindungsweiſe, und es iſt ja bekannt genug, dass dieſe ſich' . 20 keineswegs in jene engen Grenzen einſchließen läſst. Elegiſch rührt uns nicht bloß die Kr Elegie, welche ausſchließlich jo genannt wird; auch der dramatiſche und epiſche Dichter können uns auf elegiſche Weiſe bewegen. In der Meſſiade, in Thomſons Jahreszeiten, im verlorenen Paradies, im befreiten Jeruſalem finden wir mehrere Gemälde, die ſonſt gr: nur der Idylle, der Elegie, der Satire eigen find. Ebenſo mehr oder weniger, faſt in . 25 jedem pathetiſchen Gedichte. Dafs ich aber die Idylle ſelbſt zur elegiſchen Gattu ee rechne, ſcheint eher einer Rechtfertigung zu bedürfen. Man erinnere ſich aber, daſs h. . nur von derjenigen Idylle die Rede iſt, welche eine Species der ſentimentaliſchen 9 Dichtung iſt, zu deren Weſen es gehört, dafs die Natur der Kunſt und das Ideal der 5 Br Wirklichkeit entgegengeſetzt werde. Geſchieht dieſes auch nicht ausdrücklich vo: 30 dem Dichter, und ſtellt er das Gemälde der unverdorbenen Natur oder des erfüllten Ideales rein und ſelbſtändig vor unſere Augen, ſo iſt jener Gegenſatz doch in ſei Herzen, und wird ſich, auch ohne ſeinen Willen, in jedem Pinſelſtrich verrathen. wäre dieſes nicht, jo würde ſchon die Sprache, deren er ſich bedienen mufs, weil fie en Geiſt der Zeit au ſich trägt und den Einflufs der Kunſt erfahren, uns die Wirklichk 35 mit ihren Schranken, die Cultur mit ihrer Künſtelei in Erinnerung bringen; ja unſer eigenes Herz würde jenem Bilde der reinen Natur die Erfahrung der Verderbnis gege über ſtellen, und ſo die Empfindungsart, wenn auch der Dichter es nicht darauf ang hätte, in uns elegiſch machen. Dies letztere iſt jo unvermeidlich, daſs ſelbſt der hö Genuſs, den die ſchönſten Werke der naiven Gattung aus alten und neuen Zeiten den 40 eultivierten Menſchen gewähren, nicht lange rein bleibt, ſondern früher oder ſpäter einer elegiſchen Empfindung begleitet fein wird. Schließlich bemerke ich noch, dafs die hi verſuchte Eintheilung, eben deswegen weil ſie ſich bloß auf den Unterſchied in d R II. Die ſentimentaliſchen Dichter. 33 Wie der Unwille bei der pathetiſchen und wie der Spott bei der ſcherzhaften Satire, ſo darf bei der Elegie die Trauer nur aus einer durch das Ideal erweckten Begeiſterung fließen. Dadurch allein erhält die Elegie poetiſchen Gehalt, und jede andere Quelle derſelben iſt völlig unter der Würde der Dichtkunſt. Der elegiſche Dichter ſucht die Natur, aber in ihrer Schönheit, nicht bloß in ihrer Annehmlichkeit, in ihrer Übereinſtimmung mit Ideen, nicht bloß in ihrer Nachgiebig— keit gegen das Bedürfnis. Die Trauer über verlorene Freuden, über das aus der Welt verſchwundene goldene Alter, über das entflohene Glück der Jugend, der Liebe u. ſ. w. kann nur alsdann der Stoff zu einer elegiſchen Dichtung werden, wenn jene Zuſtände ſinnlichen Friedens zugleich als Gegenſtände moraliſcher Harmonie ſich vorſtellen laſſen. Ich kann deswegen die Klaggeſänge des Ovid, die er aus ſeinem Ver— bannungsort am Euxin anſtimmt, wie rührend ſie auch ſind und wie viel Dichteriſches auch einzelne Stellen haben, im ganzen nicht wohl als ein poetiſches Werk betrachten. Es iſt viel zu wenig Energie, viel zu wenig Geiſt und Adel in ſeinem Schmerz. Das Bedürfnis, nicht die Begeiſterung ſtieß jene Klagen aus; es athmet darin wenn— gleich keine gemeine Seele, doch die gemeine Stimmung eines edleren Geiſtes, den fein Schickſal zu Boden drückte. Zwar wenn wir uns“ erinnern, dafs es Rom, und das Rom des Auguſtus iſt, um das er trauert, ſo verzeihen wir dem Sohne der Freude ſeinen Schmerz; aber ſelbſt das herrliche Rom mit allen ſeinen Glückſeligkeiten iſt, wenn nicht die Einbildungskraft es erſt veredelt, bloß eine endliche Größe, mithin ein unwürdiges Object für die Dichtkunſt, die erhaben über alles, was die Wirklichkeit aufſtellt, nur das Recht hat, um das Unendliche zu trauern. Der Inhalt der dichteriſchen Klage kann alſo niemals ein äußerer, jederzeit nur ein innerer idealiſcher Gegenſtand ſein; ſelbſt wenn ſie einen Verluſt in der Wirklichkeit betrauert, muſs fie ihn erſt zu einem! idealiſchen umſchaffen. In dieſer Reduction des Beſchränkten auf ein Unendliches beſteht eigentlich die poetiſche Behandlung. Der äußere Stoff iſt daher an ſich ſelbſt immer gleichgiltig, weil ihn die Dichtkunſt niemals ſo brauchen kann, wie ſie ihn findet, ſondern nur durch das, was ſie ſelbſt daraus macht, ihm die poetische Würde gibt. Der elegiſche! Dichter ſucht die Natur, aber als eine Idee in einer Vollkommenheit, der poetiſchen Arten ganz und gar nichts beſtimmen ſoll; denn da der Dichter, auch in demſelben Werke, keineswegs an dieſelbe Empfindungsweiſe gebunden iſt, jo kann jene Eintheilung nicht davon, ſondern mufs von der Form der Darſtellung her— genommen werden. Schiller: über naive und ſentimentaliſche Dichtung. 3 40 in der fie nie exiſtiert hat, wenn er fie gleich als etwas Dagewejen und nun Verlorenes beweint. Wenn uns Oſſian von den Tagen erzählt b die nicht mehr find, und von den Helden, die verſchwunden find, f hat ſeine Dichtungskraft jene Bilder der Erinnerung längſt in Ideale, jene Helden in Götter umgeſtaltet. Die Erfahrungen eines beſtimmten — Verluſtes haben ſich zur Idee der allgemeinen Vergänglichkeit erweitert, 5 und der gerührte Barde, den das Bild des allgegenwärtigen Ruins verfolgt, ſchwingt ſich zum Himmel auf, um dort in dem Sonnenlauf N ein Sinnbild des Unvergänglichen zu finden. *) Re Ich wende mich ſogleich zu den neuern Poeten in der elegiihen Gattung. Rouſſeau, als Dichter, wie als Philoſoph, hat keine ander Tendenz als die Natur entweder zu ſuchen oder an der Kunſt zu rächen. Je nachdem ſein Gefühl entweder bei der einen oder der andern verweilt, finden wir ihn bald elegiſch gerührt, bald zu Juvena liſcher Satire begeiſtert, bald, wie in ſeiner Julie, in das Feld der 5 Idylle entzückt. Seine Dichtungen haben unwiderſprechlich poetiſchen— Gehalt, da ſie ein Ideal behandeln, nur weiß er denſelben nicht au poetiſche Weiſe zu gebrauchen. Sein ernſter Charakter läſst ihn zwa nie zur Frivolität herabſinken, aber erlaubt ihm auch nicht, ſich bis zum poetiſchen Spiel zu erheben. Bald durch Leidenſchaft, bald durch Abſtraction angeſpannt, bringt er es ſelten oder nie zu der äſthetiſcher Freiheit, welche der Dichter feinem Stoff gegenüber behaupten, ſeinem veſer mittheilen muſs. Entweder es iſt ſeine kranke Empfindlichkeit, di über ihn herrſchet und ſeine Gefühle bis zum Peinlichen treibt; oder 5 es iſt feine Denkkraft, die feiner Imagination Feſſeln anlegt und durch die Strenge des Begriffs die Anmuth des Gemäldes vernichtet. Beid Eigenſchaften, deren innige Wechſelwirkung und Vereinigung den Poeten eigentlich ausmacht, finden ſich bei dieſem Schriftſteller in ungewöhnlich hohem Grad, und nichts fehlt, als daſs fie ſich auch wirklich miteinan vereinigt äußerten, daſs ſeine Selbſtthätigkeit ſich mehr in fein E pfinden, daſs ſeine Empfänglichkeit ſich mehr in fein Denken miſchte. Daher iſt auch in dem Ideale, das er von der Menfchheit aufſtellt, auf die Schranken derſelben zu viel, auf ihr Vermögen zu wenig Rückſicht genommen, und überall mehr ein Bedürfnis nach phyſiſcher Ruhe als nach moraliſcher Übereinſtimmung darin ſichtbar. Seine leidenſchaftliche Empfindlichkeit iſt Schuld, daſs er die Menſchheit, um nur des Streits in derſelben recht bald los zu werden, lieber zu der geiſtloſen Einförmigkeit des erſten Standes zurückgeführt, als jenen 5 Streit in der geiftreichen Harmonie einer völlig durchgeführten Bildung ) Man leſe z. B. das treffliche Gedicht, Carthon betitelt. Be II. Die ſentimentaliſchen Dichter. 35 geendigt jehen, daſs er die Kunſt lieber gar nicht anfangen laſſen, als ihre Vollendung erwarten will, kurz, daſs er das Ziel lieber niedriger ſteckt, und das Ideal lieber herabſetzt, um es nur deſto ſchneller, um es nur deſto ſicherer zu erreichen. Unter Deutſchlands Dichtern in dieſer Gattung will ich hier nur Hallers, Kleiſts und Klopſtocks erwähnen. Der Charakter ihrer Dichtung iſt ſentimentaliſch; durch Ideen rühren ſie uns, nicht durch ſinnliche Wahrheit, nicht ſowohl, weil ſie ſelbſt Natur ſind, als weil ſie uns für Natur zu begeiſtern wiſſen. Was indeſſen von dem Charakter ſowohl dieſer als aller ſentimentaliſchen Dichter im ganzen wahr iſt, ſchließt natürlicherweiſe darum keineswegs das Vermögen aus, im einzelnen uns durch naive Schönheit zu rühren: ohne das würden ſie überall keine Dichter ſein. Nur ihr eigentlicher und herrſchender Charakter iſt es nicht, mit ruhigem, einfältigem und leichtem Sinn zu empfangen und das Empfangene ebenſo wieder darzuſtellen. Unwillkürlich drängt ſich die Phantaſie der Anſchauung, die Denkkraft der Empfindung. zuvor, und man verſchließt Auge und Ohr, um betrachtend in ſich ſelbſt zu verſinken. Das Gemüth kann keinen Eindruck erleiden, ohne ſogleich ſeinem eigenen Spiel zuzuſehen, und was es in ſich hat, durch Reflexion ſich gegenüber und aus ſich herauszuſtellen. Wir erhalten auf dieje : Art nie den Gegenſtand, nur was der reflectierende Verſtand des Dichters aus dem Gegenſtand machte, und ſelbſt dann, wenn der Dichter ſelbſt dieſer Gegenſtand iſt, wenn er uns ſeine Empfindungen darſtellen will, erfahren wir nicht ſeinen Zuſtand unmittelbar und aus der erſten Hand, ſondern wie ſich derſelbe in ſeinem Gemüth reflectiert, was er als Zuſchauer ſeiner ſelbſt darüber gedacht hat. Wenn Haller den Tod ſeiner Gattin betrauert (man kennt das ſchöne Lied) und folgendermaßen anfängt: Soll ich von deinem Tode ſingen, O Marianne, welch ein Lied! Wenn Seufzer mit den Worten ringen Und ein Begriff den andern flieht ꝛc. ſo finden wir dieſe Beſchreibung genau wahr, aber wir fühlen auch, daſs uns der Dichter nicht eigentlich ſeine Empfindungen, ſondern ſeine Gedanken darüber mittheilt. Er rührt uns deswegen auch weit ſchwächer, weil er ſelbſt ſchon ſehr viel erkältet ſein muſste, um ein Zuſchauer ſeiner Rührung zu ſein. Schon der größtentheils überfinnliche Stoff der Haller'ſchen und zum Theil auch der Klopſtock'ſchen Dichtungen ſchließt ſie von der naiven Gattung aus; ſobald daher jener Stoff überhaupt nur poetiſch 3* 0 er 1 E 8 * 30 zuge 5 — 0 = D * * E >) 36 Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. bearbeitet werden ſollte, ſo muſste er, da er keine körperliche Natur annehmen und folglich kein Gegenſtand der ſinnlichen Anſchauung werden konnte, ins Unendliche hinüber geführt und zu einem Gegenftande = der geiſtigen Anſchauung erhoben werden. Überhaupt läſst fih nur in dieſem Sinne eine didaktiſche Poeſie ohne innern Widerſpruch denken; denn, um es noch einmal zu wiederholen, nur dieſe zwei Felder beſitzt * die Dichtkunſt; entweder fie muſs fi in der Sinnenwelt oder fie muss = fich in der Ideenwelt aufhalten, da fie im Reich der Begriffe oder in der Verſtandeswelt ſchlechterdings nicht gedeihen kann. Noch, ich geſtehe * es, kenne ich kein Gedicht in dieſer Gattung, weder aus älterer noch neuerer Literatur, welches den Begriff, den es bearbeitet, rein und vollſtändig entweder bis zur Individualität herab oder bis zur Idee hinaufgeführt hätte. Der gewöhnliche Fall iſt, wenn es noch glücklich geht, daſs zwiſchen beiden abgewechſelt wird, während daſs der abſtracte Begriff herrſchet, und daſs der Einbildungskraft, welche auf dem a poetiſchen Felde zu gebieten haben ſoll, bloß verſtattet wird, den Verſtand zu bedienen. Dasjenige didaktiſche Gedicht, worin der Gedanke ehe a poetiſch wäre und es auch bliebe, iſt noch zu erwarten. . Was hier im allgemeinen von allen Lehrgedichten geſagt wird, gilt auch von den Haller'ſchen insbeſondere. Der Gedanke ſelbſt iſt kein dichteriſcher Gedanke, aber die Ausführung wird es zuweilen, bald durch den Gebrauch der Bilder, bald durch den Aufſchwung zu Ideen. Nur 2 / in der letztern Qualität gehören fie hieher. Kraft und Tiefe und ein pathetiſcher Ernſt charakteriſieren dieſen Dichter. Von einem Ideal iſt feine Seele entzündet, und ſein glühendes Gefühl für Wahrheit ſucht in den ſtillen Alpenthälern die aus der Welt verſchwundene Unſchuld. Tiefrührend iſt feine Klage, mit energiſcher, faſt bitterer Satire zeichnet er die Verirrungen des Verſtandes und Herzens und mit Liebe die ſchöne Einfalt der Natur. Nur überwiegt überall zu ſehr der Begriff in feinen Gemälden, ſowie in ihm ſelbſt der Verſtand über die Em⸗ pfindung den Meiſter ſpielt. Daher lehrt er durchgängig mehr als er darſtellt, und ſtellt durchgängig mit mehr kräftigen als lieblichen Zügen dar. Er iſt groß, kühn, feurig, erhaben; zur Schönheit aber hat er ſich felten oder niemals erhoben. An Ideengehalt und an Tiefe des Geiſtes ſteht Kleiſt diefem Dichter um vieles nach; an Anmuth möchte er ihn übertreffen, wenn . wir ihm anders nicht, wie zuweilen geſchieht, einen Mangel auf der einen Seite für eine Stärke auf der andern anrechnen. Kleiſts gefühl⸗ volle Seele ſchwelgt am liebſten im Anblick ländlicher Scenen und Sitten. Er flieht gerne das leere Geräuſch der Geſellſchaft und findet II, Die ſentimentaliſchen Dichter. im Schoß der lebloſen Natur die Harmonie und den Frieden, den er in der moraliſchen Welt vermisst. Wie rührend iſt ſ nach Ruhe!?) Wie wahr und gefühlt, wenn er ſingt: „O Welt, du biſt des wahren Lebens Grab. Oft reizet mich ein heißer Trieb zur Tugend, Für Wehmuth rollt ein Bach die Wang' herab, Das Beiſpiel ſiegt und du, o Feu'r der Jugend, Ihr trocknet bald die edeln Thränen ein. Ein wahrer Menſch mujs fern von Menſchen ſein.“ 37 eine Sehnſucht Aber hat ihn ſein Dichtungstrieb aus dem einengenden Kreis der 10 Verhältniſſe heraus in die geiſtreiche Einſamkeit der Natur geführt, ſo verfolgt ihn auch noch bis hieher das ängſtliche Bild und leider auch ſeine Feſſeln. Was er fliehet, iſt in ihm, des Zeitalters was er ſuchet, iſt ewig außer ihm; nie kann er den üblen Einfluſs ſeines Jahrhunderts verwinden. Iſt ſein Herz gleich feurig, feine Phantaſie gleich energiſch ! * genug, die todten Gebilde des Verſtandes durch die Darſtellung zu beſeelen, ſo entſeelt der kalte Gedanke ebenſo oft wieder die lebendige Schöpfung der Dichtungskraft, und die Reflexion ſtört das geheime Werk der Empfindung. Bunt zwar und prangend wie der Frühling, den er beſang, iſt ſeine Dichtung, ſeine Phantaſie iſt rege und thätig, 20 doch möchte man ſie eher veränderlich als reich, eher ſpielend als ſchaffend, eher unruhig fortſchreitend als ſammelnd und bildend nennen. Schnell und üppig wechſeln Züge auf Züge, aber ohne ſich zum Individuum zu concentrieren, ohne ſich zum Leben zu füllen und Gemälden verweilt, läſst uns theils die größere Freihei Form, theils die willkürlichere Beſchaffenheit ſeines Stoffs zur Geſtalt zu runden. Solange er bloß lyriſch dichtet und bloß bei landſchaftlichen 2 * t der lyriſchen dieſen Mangel überſehen, indem wir hier überhaupt mehr die Gefühle des Dichters als den Gegenſtand ſelbſt dargeſtellt verlangen. Aber der Fehler wird nur allzu merklich, wenn er ſich, wie in ſeinem Ciſſides und Paches, e und in feinem Seneca, herausnimmt, Menſchen und menſchliche Handlung darzuſtellen; weil hier die Einbildungskraft ſich zwiſchen feſten und nothwendigen Grenzen eingeſchloſſen ſieht, und der poetiſche Effect nur aus dem Gegenſtand hervorgehen kann. Hier wird er dürftig, langweilig, mager und bis zum Unerträglichen froſtig: ein warnendes 35 Beiſpiel für alle, die ohne innern Beruf aus dem Feld e muſikaliſcher Poeſie in das Gebiet der bildenden ſich verſteigen. Einem verwandten Genie, dem Thomſon, iſt die nämliche Menſchlichkeit begegnet. In der ſentimentaliſchen Gattung und beſonders in Theil derſelben möchten wenige aus den neuern und *) Man ſehe das Gedicht dieſes Namens in ſeinen Werken. dem elegiſchen noch wenigere 40 2 2) 10 25 30 unſers Dichters. Für den Verſtand iſt alles trefflich beſtimmt und 40 Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. aus den ältern Dichtern mit unſerm Klopſtock zu vergleichen ſein. Was nur immer, außerhalb den Grenzen lebendiger Form und außer dem Gebiete der Individualität, im Felde der Idealität zu erreichen iſt, iſt von dieſem muſikaliſchen Dichter geleiſtet.“) Zwar würde man ihm großes Unrecht thun, wenn man ihm jene individuelle Wahrheit — und Lebendigkeit, womit der naive Dichter ſeinen Gegenſtand ſchildert, überhaupt abſprechen wollte. Viele ſeiner Oden, mehrere einzelne Züge in feinen Dramen und in feinem Meſſias ſtellen den Gegeuſtand mit treffender Wahrheit und in ſchöner Umgrenzung dar; da beſonders, wo der Gegenſtand ſein eigenes Herz iſt, hat er nicht ſelten eine große Natur, eine reizende Naivetät bewieſen. Nur liegt hierin ſeine Stärke nicht, nur möchte ſich dieſe Eigenſchaft nicht durch das Ganze ſeines dichteriſchen Kreiſes durchführen laſſen. So eine herrliche Schöpfung die Meſſiade in muſikaliſch-poetiſcher Rückſicht, nach der oben gegebenen Beſtimmung, iſt, jo vieles läſst fie in plaſtiſch-poetiſcher noch zu wünſchen übrig, wo man beſtimmte und für die Anſchauung beſtimmte Formen erwartet. Beſtimmt genug möchten vielleicht noch die Figuren in dieſem Gedichte fein, aber nicht für die Anſchauung; nur die Abſtraction hat ſie erſchaffen, nur die Abſtraction kann ſie unterſcheiden. Sie ſind gute Exempel zu Begriffen, aber keine Individuen, keine lebenden Geſtalten. Der Einbildungskraft, an die doch der Dichter ſich wenden und die er durch die durchgängige Beſtimmtheit ſeiner Formen beherrſchen ſoll, iſt es viel zu ſehr freigeſtellt, auf was Art ſie ſich dieſe Menſchen und Engel, dieſe Götter und Satane, dieſen Himmel und dieſe Hölle verſinnlichen will. Es iſt ein Umriſs gegeben, innerhalb deſſen der Verſtand fie nothwendig denken muſs, aber keine feſte Grenze iſt geſetzt, innerhalb deren die Phantaſie ſie nothwendig darſtellen müſste. Was ich hier von den Charakteren ſage, gilt von allem, was in dieſem Gedichte Leben und Handlung iſt oder ſein ſoll; und nicht bloß in dieſer Epopöe, auch in den dramatiſchen Poeſien *) Ich ſage muſikaliſchen, um hier an die doppelte Verwandtſchaft der Poeſie mit der Tonkunſt und mit der bildenden Kunſt zu erinnern. Je nachdem nämlich die Poeſie entweder einen beſtimmten Gegenſtand nachahmt, wie die bildenden Künſte thun, oder je nachdem ſie, wie die Tonkunſt, bloß einen beſtimmten Zuſtand des Gemüths hervorbringt, ohne dazu eines beſtimmten Gegenſtandes nöthig zu haben, kann fie bildend (plaſtiſch) oder muſikaliſch genannt werden. Der letztere Ausdruck bezieht ſich alſo nicht bloß auf dasjenige, was in der Poeſie wirklich und der Materie nach Muſik ift, ſondern überhaupt auf alle diejenigen Effecte derſelben, die fie hervor⸗ zubringen vermag, ohne die Einbildungskraft durch ein beſtimmtes Object zu beſchränken; und in dieſem Sinne nenne ich Klopſtock vorzugsweiſe einen muſikaliſchen Dichter. 3 II. Die ſentimentaliſchen Dichter. 39 begrenzet (ich will hier nur an ſeinen Judas, ſeinen Pilatus, ſeinen Philo, ſeinen Salomo, im Trauerſpiel dieſes Namens, erinnern), aber es iſt viel zu formlos für die Einbildungskraft, und hier, ich geſtehe es frei heraus, finde ich dieſen Dichter ganz und gar nicht in ſeiner Sphäre. Seine Sphäre iſt immer das Ideenreich, und ins Unendliche weiß er alles, was er bearbeitet, hinüber zu führen. Man möchte ſagen, er ziehe allem, was er behandelt, den Körper aus, um es zu Geiſt zu machen, ſowie andere Dichter alles Geiſtige mit einem Körper bekleiden. Beinahe jeder Genuſs, den ſeine Dichtungen gewähren, muſs durch eine Übung der Denkkraft errungen werden; alle Gefühle, die er, und zwar ſo innig und ſo mächtig in uns zu erregen weiß, ſtrömen aus überſinnlichen Quellen hervor. Daher dieſer Ernſt, dieſe Kraft, dieſer Schwung, dieſe Tiefe, die alles charakteriſieren, was von ihm kommt; daher auch dieſe immerwährende Spannung des Gemüths, in der wir bei Leſung desſelben erhalten werden. Kein Dichter (Young etwa ausgenommen, der darin mehr fordert als er, aber ohne es, wie er thut, zu vergüten) dürfte ſich weniger zum Liebling und zum Be— gleiter durchs Leben ſchicken, als gerade Klopſtock, der uns immer nur aus dem Leben herausführt, immer nur den Geiſt unter die Waffen ruft, ohne den Sinn mit der ruhigen Gegenwart eines Objects zu erquicken. Keuſch, überirdiſch, unkoͤrperlich, heilig wie feine Religion iſt ſeine dichteriſche Muſe, und man muſs mit Bewunderung geſtehen, daſs er, wiewohl zuweilen in dieſen Höhen verirret, doch niemals davon herabgeſunken iſt. Ich bekenne daher unverholen, daſs mir für den Kopf desjenigen etwas bange iſt, der wirklich und ohne Affectation dieſen Dichter zu! ſeinem Lieblingsbuche machen kann; zu einem Buche nämlich, bei dem man zu jeder Lage ſich ſtimmen, zu dem man aus jeder Lage zurück— kehren kann; auch, dächte ich, hätte man in Deutſchland Früchte genug von ſeiner gefährlichen Herrſchaft geſehen. Nur in gewiſſen exaltierten Stimmungen des Gemüths kann er geſucht und empfunden werden; deswegen iſt er auch der Abgott der Jugend, obgleich bei weitem nicht ihre glücklichſte Wahl. Die Jugend, die immer über das Leben hinaus— ſtrebt, die alle Form fliehet und jede Grenze zu enge findet, ergeht ſich mit Liebe und Luſt in den endloſen Räumen, die ihr von dieſem Dichter aufgethan werden. Wenn dann der Jüngling Mann wird, und aus dem Reiche der Ideen in die Grenzen der Erfahrung zurückkehrt, ſo verliert ſich vieles, ſehr vieles von jener enthuſiaſtiſchen Liebe, aber nichts von der Achtung, die man einer ſo einzigen Erſcheinung, einem ſo außerordentlichen Genius, einem ſo ſehr veredelten Gefühle, die der Deutſche beſonders einem ſo hohen Verdienſte ſchuldig iſt. 15 30 35 40 * D — 84 2 2 3 S 8 o * Aufgabe gemacht und auf eine bewunderungswürdig glückliche Weiſe 0 aufgelöst. Ein Charakter, der mit glühender Empfindung ein Ideal Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. Ich nannte dieſen Dichter vorzugsweiſe in der elegiſchen Gattu groß, und kaum wird es nöthig ſein, dieſes Urtheil noch beſonders zu rechtfertigen. Fähig zu jeder Energie und Meiſter auf dem ganzen Felde ſentimentaliſcher Dichtung, kann er uns bald durch das höchſte Pathos erſchüttern, bald in himmliſch ſüße Empfindungen wiegen; aber zu einer hohen geiſtreichen Wehmuth neigt ſich doch überwiegend ſein Herz, und wie erhaben auch ſeine Harfe, ſeine Lyra tönt, ſo werden die ſchmelzenden Töne ſeiner Laute doch immer wahrer und tiefer und beweglicher klingen. Ich berufe mich auf jedes rein geſtimmte Gefühl, ob es nicht alles Kühne und Starke, alle Fictionen, alle prachtvollen Beſchreibungen, alle Muſter oratoriſcher Beredſamkeit im Meſſias, alle ſchimmernden Gleichniſſe, worin unſer Dichter ſo vorzüglich glücklich iſt, für die zarten Empfindungen hingeben würde, welche in der Elegie an Ebert, in dem herrlichen Gedicht Bardale, den frühen Gräbern, der Sommernacht, dem Zürcher See und mehrern andern aus dieſer Gattung athmen. So iſt mir die Meſſiade als ein Schatz elegiſcher Gefühle und idealiſcher Schilderungen theuer, wie wenig ſie mich auch als Darſtellung einer Handlung und als ein epiſches Werk befriedigt Vielleicht ſollte ich, ehe ich dieſes Gebiet verlaſſe, auch noch an die Verdienſte eines Uz, Denis, Geßner (in ſeinem Tod Abels), Jacobi, von Gerſtenberg, eines Hölty, von Göckingk, und mehrerer andern in dieſer Gattung erinnern, welche alle uns durch — Ideen rühren, und, in der oben feſtgeſetzten Bedeutung des Worts, ſentimentaliſch gedichtet haben. Aber mein Zweck iſt nicht, eine Geſchichte der deutſchen Dichtkunſt zu ſchreiben, ſondern das oben Geſagte durch einige Beiſpiele aus unſrer Literatur klar zu machen. Die Verſchiedenheit des Weges wollte ich zeigen, auf welchem alte und moderne, naive und ſentimentaliſche Dichter zu dem nämlichen Ziele gehen — daſs, wenn uns jene durch Natur, Individualität und lebendige Sinnlichkeit — rühren, dieſe durch Ideen und hohe Geiſtigkeit eine ebenſo große, wenn gleich keine ſo ausgebreitete, Macht über unſer Gemüth beweiſen. An den bisherigen Beiſpielen hat man geſehen, wie der ſentimen taliſche Dichtergeift einen natürlichen Stoff behandelt; man könnte aber auch intereſſiert ſein zu wiſſen, wie der naive Dichtergeiſt mit einen ſentimentaliſchen Stoff verfährt. Völlig neu und von einer ganz eigenen Schwierigkeit ſcheint dieſe Aufgabe zu ſein, da in der alten und naiven 5 Welt ein ſolcher Stoff ſich nicht vorfand, in der neuen aber der Dichter dazu fehlen möchte. Dennoch hat ſich das Genie auch dieſe * II. Die ſentimentaliſchen Dichter. Erfahrungen ewig nur Schranken ſind, der endlich in ſeinem eigenen haſein nur eine Schranke ſieht, und auch dieſe, wie billig iſt, noch 5 inreißt, um zu der wahren Realität durchzudringen — dieſes gefährliche Extrem des ſentimentaliſchen Charakters iſt der Stoff eines Dichters geworden, in welchem die Natur getreuer und reiner als in irgendeinem andern wirkt, und der ſich unter modernen Dichtern vielleicht am wenigſten von der ſinnlichen Wahrheit der Dinge entfernt. 10 Es iſt intereſſant zu ſehen, mit welchem glücklichen Inſtinct alles was dem ſentimentaliſchen Charakter Nahrung gibt, im Werther zuſammengedrängt ift: ſchwärmeriſche unglückliche Liebe, Empfindſam⸗ keit für Natur, Religionsgefühle, philoſophiſcher Contemplationsgeiſt, endlich, um nichts zu vergeſſen, die düſtre, geſtaltloſe, ſchwermüthige Oſſian'ſche Welt. Rechnet man dazu, wie wenig empfehlend, ja wie feindlich die Wirklichkeit dagegen geſtellt iſt, und wie von außenher alles ſich vereinigt, den Gequälten in feine Idealwelt zurückzudrängen, ſo ſieht man keine Möglichkeit, wie ein ſolcher Charakter aus einem ſolchen Kreiſe ſich hätte retten können. In dem Taſſo des nämlichen Dichters kehrt der nämliche Gegenſatz, wiewohl in ganz verſchiedenen Charakteren, zurück; ſelbſt in feinem neueſten Roman ſtellt ſich, fo wie in jenem erſten, der poetiſierende Geiſt dem nüchternen Gemeinſinn, das Ideale dem Wirklichen, die ſubjective Vorſtellungsweiſe der objectiven — — aber mit welcher Verſchiedenheit! entgegen: ſogar im Fauſt 2s treffen wir den nämlichen Gegenſatz, freilich wie auch der Stoff dies erforderte, auf beiden Seiten ſehr vergröbert und materialiſiert wieder Ran; es verlohnte wohl der Mühe, eine pſychologiſche Entwicklung dieſes auf vier ſo verſchiedene Arten ſpecificierten Charakters zu verſuchen. Es iſt oben bemerkt worden, daſs die bloß leichte und joviale 30 Gemüthsart, wenn ihr nicht eine innere Ideenfülle zum Grund liegt, = noch gar keinen Beruf zur ſcherzhaften Satire abgebe, fo freigebig fie auch im gewöhnlichen Urtheil dafür genommen wird; ebenſowenig Beruf ibt die bloß zärtliche Weichmüthigkeit und Schwermuth zur elegiſchen Dichtung. Beiden fehlt zu dem wahren Dichtertalente das energiſche rincip, welches den Stoff beleben muſs, um das wahrhaft Schöne zu rzeugen. Producte dieſer zärtlichen Gattung können uns daher bloß chmelzen und, ohne das Herz zu erquicken und den Geiſt zu beſchäftigen, loß der Sinnlichkeit ſchmeicheln. Ein fortgeſetzter Hang zu dieſer mpfindungsweife mußs zuletzt nothwendig den Charakter entnerven 40 5 » 0 = 5 . 20 25 30. 35 40 Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. ö und in einen Zuſtand der Paſſivität verſenken, aus welchem gar ke Realität, weder für das äußere noch innere Leben, hervorgehen kann. Man hat daher ſehr recht gethan, jenes Übel der Empfindele und weinerliche Weſen, welches durch Miſsdeutung und Nachäffung einiger vortrefflichen Werke vor etwa achtzehn Jahren in Deutſchland 25 überhandzunehmen anfieng, mit unerbittlichem Spott zu verfolgen; ob- gleich die Nachgiebigkeit, die man gegen das nicht viel beſſere Gegenſtück jener elegiſchen Caricatur, gegen das ſpaſshafte Weſen, gegen die herz- loſe Satire und die geiſtloſe Laune) zu beweiſen geneigt iſt, deutlich genug an den Tag legt, daſs nicht aus ganz reinen Gründen dagegen — geeifert worden iſt. Auf der Wage des echten Geſchmacks kann das eine € ſo wenig als das andere etwas gelten, weil beiden der äſthetiſche Gehalt 1 fehlt, der nur in der innigen Verbindung des Geiſtes mit dem Stoff und in der vereinigten Beziehung eines Productes auf das Gefühls- vermögen und auf das Ideenvermögen enthalten iſt. . Über Siegwart und ſeine Kloſtergeſchichte hat man geſpottet, = und die Reiſen nach dem mittäglichen Frankreich werden — bewundert; dennoch haben beide Producte gleich großen Anſpruch auf einen gewiſſen Grad von Schätzung und gleich geringen auf ein unbe- dingtes Lob. Wahre, obgleich überſpannte Empfindung macht den erſtern a Roman, ein leichter Humor und ein aufgeweckter feiner Verſtand macht den zweiten ſchätzbar; aber ſowie es dem einen durchaus an der gehörigen 5 Nüchternheit des Verſtandes fehlt, fo fehlt es dem andern an äjthetifcher — Würde. Der erſte wird der Erfahrung gegenüber ein wenig lächerlich, der andere wird dem Ideale gegenüber beinahe verächtlich. Da nun — das wahrhafte Schöne einerſeits mit der Natur und andererſeits mit — dem Ideale übereinſtimmend fein muſs, jo kann der eine ſowenig als — der andre auf den Namen eines ſchönen Werks Anſpruch machen. In- deſſen iſt es natürlich und billig, und ich weiß es aus eigner Erfahrung, *) „Der Hang,“ wie Herr Adelung ſie definiert, „zu rührenden ſanften Em- pfindungen, ohne vernünftige Abſicht und über das gehörige Maß.“ — Herr Adelung iſt ſehr glücklich, dafs er nur aus Abſicht und gar nur aus vernünftiger Abſichet— empfindet. : ae) Man ſoll zwar gewiſſen Leſern ihr dürftiges Vergnügen nicht verkümmern, und was geht es zuletzt die Kritik an, wenn es Leute gibt, die ſich an dem ſchmutzigen Witz des Herrn Blumauer erbauen und erluſtigen können. Aber die Kunſtrichter wenigſtens ſollten ſich enthalten, mit einer gewiſſen Achtung von Producten zu ſprechen, deren Exiſtenz dem guten Geſchmack billig ein Geheimnis bleiben ſollte. Zwar iſt weder wahres Talent noch Laune darin zu verkennen, aber deſto mehr iſt zu beklagen, daſs 55 beides nicht mehr gereiniget iſt. Ich ſage nichts von unſern deutſchen Komödien; die Dichter malen die Zeit, in der ſie leben. 7 27 II. Die ſentimentaliſchen Dichter. ajs der Thümmeliſch ern mit großem Vergnügen geleſen wird. Da er nur ſolche Forderungen beleidigt, die aus dem Ideal entſpringen, die folglich von dem größten Theile der Leſer gar nicht, und von den ſern gerade nicht in ſolchen Momenten, wo man Romane liest, auf— geworfen werden, die übrigen Forderungen des Geiſtes und — des Körpers hingegen in nicht gemeinem Grade erfüllt, ſo muſs er und wird mit Recht ein Lieblingsbuch unſerer und aller der Zeiten bleiben, wo man äſthetiſche Werke bloß ſchreibt, um zu gefallen, und bloß liest, um ſich ein Vergnügen zu machen. Ber. Aber hat die poetiſche Literatur nicht ſogar claſſiſche Werke auf- zꝛudweiſen, welche die hohe Reinheit des Ideals auf ähnliche Weiſe zu = beleidigen, und ſich durch die Materialität ihres Inhalts von jener Geiſtigkeit, die hier von jedem äſthetiſchen Kunſtwerk verlangt wird, ſehr weit zu entfernen ſcheinen? Was ſelbſt der Dichter, der keuſche Jünger der Muſe, ſich erlauben darf, ſollte das dem Romanſchreiber, der nur ſein Halbbruder iſt und die Erde noch ſo ſehr berührt, nicht 3 = gejtattet fein? Ich darf dieſer Frage hier umſoweniger ausweichen, da ſowohl im elegiſchen als im ſatiriſchen Fache Meiſterſtücke vorhanden ſind, welche eine ganz andere Natur, als diejenige iſt, von der dieſer . Aufſatz ſpricht, zu ſuchen, zu empfehlen, und dieſelbe nicht ſowohl gegen die ſchechten, als gegen die guten Sitten zu vertheidigen das Anſehen haben. Entweder müſsten alſo jene Dichterwerke zu verwerfen oder der hier aufgeſtellte Begriff elegiſcher Dichtung viel zu willkürlich 8 angenommen ſein. Was der Dichter ſich erlauben darf, hieß es, ſollte dem proſaiſchen Es Erzähler nicht nachgeſehen werden dürfen? Die Antwort iſt in der Be 5 Frage ſchon enthalten: Was dem Dichter verſtattet iſt, kann für den, SR 5 der es nicht ift, nichts beweiſen. In dem Begriffe des Dichters ſelbſt und nur in dieſem liegt der Grund jener Freiheit, die eine bloß ver— ächtliche Licenz iſt, ſobald fie nicht aus dem Höchſten und Edelſten, was ihn ausmacht, kann abgeleitet werden. a Die Geſetze des Anſtandes ſind der unſchuldigen Natur fremd; nur die Erfahrung der Verderbnis hat ihnen den Urſprung gegeben. . Sobald aber jene Erfahrung einmal gemacht worden und aus den Sitten die natürliche Unſchuld verſchwunden iſt, ſo ſind es heilige Geſetze, die ein ſittliches Gefühl nicht verletzen darf. Sie gelten in einer künſtlichen Welt mit demſelben Rechte, als die Geſetze der Natur in der Unſchuldwelt regieren. Aber eben das macht ja den Dichter aus, daſs er alles in ſich aufhebt, was an eine künſtliche Welt erinnert, dafs er die Natur in ihrer urſprünglichen Einfalt wieder in ſich her- * a — 0 — 5 [x] 0 1 5 = 0 35 — — 0 E D or D 2 D E Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. zuſtellen weiß. Hat er aber dieſes gethan, ſo iſt er auch eben dadurch von allen Geſetzen losgeſprochen, durch die ein verführtes Herz ſich gegen ſich ſelbſt ſicherſtellt. Er iſt rein, er iſt unſchuldig, und was de unſchuldigen Natur erlaubt iſt, iſt es auch ihm; biſt du, der du ihn lieſeſt oder hörſt, nicht mehr ſchuldlos, und kannſt du es nicht einmal moment weiſe durch ſeine reinigende Gegenwart werden, ſo iſt es dein Unglück und nicht das ſeine; du verläſſeſt ihn, er hat für dich nicht geſungen. Es läſst ſich alſo, in Abſicht auf Freiheiten dieſer Art, Folgendes feſtſetzen: Fürs erſte: nur die Natur kann ſie rechtfertigen. Sie dürfen mithin nicht das Werk der Wahl und einer abſichtlichen Nachahmung ſein, denn dem Willen, der immer nach moraliſchen Geſetzen gerichtet wird, können wir eine Begünſtigung der Sinnlichkeit niemals vergeben. Sie müſſen alſo Naivetät ſein. Um uns aber überzeugen zu können, dass fie dieſes wirklich find, müſſen wir fie von allem übrigen, was gleichfalls in der Natur gegründet iſt, unterſtützt und begleitet ſehen, weil die Natur nur an der ſtrengen Conſequenz, Einheit und Gleich- 4 förmigkeit ihrer Wirkungen zu erkennen ift. Nur einem Herzen, welches alle Künſtelei überhaupt, und mithin auch da, wo ſie nützt, verabſcheut, erlauben wir, ſich da, wo ſie drückt und einſchränkt, davon loszuſprechen; nur einem Herzen, welches ſich allen Feſſeln der Natur unterwirft, erlauben wir von den Freiheiten derſelben Gebrauch zu machen. Alle übrigen Empfindungen eines ſolchen Menſchen müſſen folglich das Gepräge der Natürlichkeit an ſich tragen; er muſs wahr, einfach, frei, offen, gefühlvoll, gerade ſein; alle Verſtellung, alle Liſt, alle Willkür, alle kleinliche Selbſtſucht muſs aus ſeinem Charakter, alle Spuren davon aus ſeinem Werke verbannt ſein. ; Fürs zweite: nur die ſchöne Natur kann dergleichen Freiheiten = rechtfertigen. Sie dürfen mithin kein einſeitiger Ausbruch der Begierde ſein, denn alles, was aus bloßer Bedürftigkeit entſpringt, iſt verächtlich. Aus dem Ganzen und aus der Fülle menſchlicher Natur müſſen auch dieſe ſinnlichen Energien hervorgehen. Sie müſſen Humanität ſein. Um aber beurtheilen zu können, daſs das Ganze menſchlicher Natur, und nicht bloß ein einſeitiges und gemeines Bedürfnis der Sinnlichkeit ſie fordert, müſſen wir das Ganze, von dem ſie einen einzelnen Zug ausmachen, dargeſtellt ſehen. An ſich ſelbſt ift die ſinnliche Empfindungs⸗ weiſe etwas Unſchuldiges und Gleichgiltiges. Sie miſsfällt uns nur zu darum an einem Menſchen, weil ſie thieriſch iſt und von einem Mangel wahrer vollkommener Menſchheit in ihm zeuget: ſie beleidigt uns nur darum an einem Dichterwerk, weil ein ſolches Werk Anſpruch macht, II. Die ſentimentaliſchen Dichter. 45 zu gefallen, mithin auch uns eines ſolchen Mangels fähig hält. ehen wir aber in dem Menſchen, der ſich dabei überraſchen läſst, Menſchheit in ihrem ganzen übrigen Umfange wirken, finden wir in dem Werke, worin man ſich Freiheiten dieſer Art genommen, alle 8 Realitäten der Menſchheit ausgedrückt, ſo iſt jener Grund unſeres Miſs— fallens weggeräumt, und wir können uns mit unvergällter Freude an . dem naiven Ausdruck wahrer und ſchöner Natur ergötzen. Derſelbe ne ichter alſo, der ſich erlauben darf, uns zu Theilnehmern jo niedrig menſchlicher Gefühle zu machen, muſs uns auf der andern Seite wieder Zu allem, was groß und ſchön und erhaben menſchlich iſt, empor zu tragen wiſſen. Und ſo hätten wir denn den Maßſtab gefunden, dem wir jeden * Dichter, der ſich etwas gegen den Anſtand herausnimmt und ſeine Freiheit in Darſtellung der Natur bis zu dieſer Grenze treibt, mit 2 Sicherheit unterwerfen können. Sein Product iſt gemein, niedrig, ohne alle Ausnahme verwerflich, ſobald es kalt und ſobald es leer iſt, weil dieſes einen Urſprung aus Abſicht und aus einem gemeinen Be— dürfnis und einen heilloſen Anſchlag auf unſere Begierden beweist. Es iſt hingegen ſchön, edel, und ohne Rückſicht auf alle Einwendungen mit Herz verbindet.“) Wenn man mir ſagt, dafs unter dem hier gegebenen Maßſtabe die meiſten franzöſiſchen Erzählungen in dieſer Gattung und die glück— lichſten Nachahmungen derſelben in Deutſchland nicht zum beſten beſtehen möchten — dass dieſes zum Theile auch der Fall mit manchen Producten Hunſers anmuthigjten und geiſtreichſten Dichters fein dürfte, ſeine Meiſter— ſtücke ſogar nicht ausgenommen, ſo habe ich nichts darauf zu antworten. Der Ausſpruch ſelbſt iſt nichts weniger als neu, und ich gebe hier nur die Gründe von einem Urtheil an, welches längſt ſchon von jedem feineren Gefühle über dieſe Gegenſtände gefällt worden iſt. Eben dieſe Principien aber, welche in Rückſicht auf jene Schriften vielleicht allzu rigoriſtiſch ſcheinen, möchten in Rückſicht auf einige andere Werke viel— leicht zu liberal befunden werden; denn ich leugne nicht, daſs die nämlichen Gründe, aus welchen ich die verführeriſchen Gemälde des römiſchen und deutſchen Ovid ſowie eines Crebillon, Vol— . *) Mit Herz; denn die bloß ſinnliche Glut des Gemäldes und die üppige Fülle der Einbildungskraft machen es noch lange nicht aus. Daher bleibt Ardinghello bei aller ſinnlichen Energie und allem Feuer des Colorits immer nur eine finnliche Caricatur, ohne Wahrheit und ohne äſthetiſche Würde. Doch wird dieſe ſeltſame Produetion immer als ein Beiſpiel des beinahe poetiſchen Schwungs, den die bloße Begier zu nehmen fähig war, merkwürdig bleiben. einer froſtigen Decenz beifallswürdig, ſobald es naiv iſt und Geiſt!: 25 30 35 40 x d 2 10 15 20 25 3 = 40 zugleich zu thun, zwiſchen welchen ſich weder mehr noch weniger als gerade die drei folgen tre, Marmontels (der ſich einen moraliſchen Erzähler nennt) denn jene ſind nur witzig, nur asi nur Mn dieſe find Po menſchlich und naiv.) 3. Idulle. Es bleiben mir noch einige Worte über dieſe dritte Species ſentimentaliſcher Dichtung zu ſagen übrig, wenige Worte nur, denn eine ausführlichere Entwickelung derſelben, deren ſie vorzüglich bedarf, bleibt einer andern Zeit vorbehalten.“) ) Wenn ich den unſterblichen Verfaſſer des Agathon, Oberon 2c. in diefer Geſell⸗ ſchaft nenne, ſo mufs ich ausdrücklich erklären, daſs ich ihn keineswegs mit derſelben vers wechſelt haben will. Seine Schilderungen, auch die bedenklichſten von dieſer Seite, haben keine materielle Tendenz (wie ſich ein neuerer, etwas unbeſonnener Kritiker vor kurzem zu ſagen erlaubte); der Verfaſſer von Liebe um Liebe und von ſo vielen andern naiven und genialen Werken, in welchen allen ſich eine ſchöne und edle Seele mit unverkennbaren Zügen abbildet, kann eine ſolche Tendenz gar nicht haben. Aber er ſcheint mir von dem ganz eigenen Unglück verfolgt zu ſein, daſs dergleichen Schilderungen durch den Plan ſeiner Dichtungen nothwendig gemacht werden. Der kalte Verſtand, der den Plan entwarf, forderte ſie ihm ab, und ſein Gefühl ſcheint mir ſo weit entfernt, ſie mit Vorliebe zu begünſtigen, daſs ich — in der Ausführung ſelbſt immer noch den kalten Verſtand zu erkennen glaube. Und gerade dieſe Kälte in der Darſtellung iſt ihnen in der Beurtheilung ſchädlich, weil nur die naive Empfindung dergleichen Schilderungen äſthetiſch ſowohl als moraliſch rechtfertigen kann. Ob es aber dem Dichter erlaubt iſt, ſich bei Entwerfung des Plans einer ſolchen Gefahr in der Ausführung auszuſetzen, und ob überhaupt ein Plan poetiſch heißen kann, der, ich will dieſes einmal zugeben, nicht kann ausgeführt werden, ohne die keuſche Empfindung des Dichters ſowohl als ſeines Leſers zu empören, und ohne beide bei Gegenſtänden verweilen zu machen, von denen ein veredeltes Gefühl fich jo gern entfernt — dies iſt es, was ich bezweifle und worüber ich gern ein verſtändiges Urtheil hören möchte. j *) Nochmals mußs ich erinnern, daſs die Satire, Elegie und Idylle, jo wie fie hier als die drei einzig möglichen Arten ſentimentaliſcher Poeſie aufgeſtellt werden, mit den drei beſondern Gedichtarten, welche man unter dieſem Namen kennt, nichts gemein haben, als die Empfindungsweiſe, welche ſowohl jenen als dieſen eigen iſt. Daſs es aber, außerhalb der Grenzen naiver Dichtung, nur dieſe dreifache Empfindungsweiſe und Dichtungsweiſe geben könne, folglich das Feld ſentimentaliſcher Poeſie durch dieſe Ein⸗ theilung vollſtändig ausgemeſſen jet, läfst ſich aus dem Begriff der letztern leichtlich deducieren. Die ſentimentaliſche Dichtung nämlich unterſcheidet ſich dadurch von der naiven dass fie den wirklichen Zuſtand, bei dem die letztere ſtehen bleibt, auf Ideen bezieht und Ideen auf die Wirklichkeit anwendet. Sie hat es daher immer, wie auch ſchon oben bemerkt worden iſt, mit zwei ſtreitenden Objeeten, mit dem Ideale nämlich und mit der Erfahrung, II. Die ſentimentaliſchen Dichter. 47 „Die poetiſche Darſtellung unſchuldiger und glücklicher Menſchheit it der allgemeine Begriff dieſer Dichtungsart. Weil dieſe Unſchuld und dieſes Glück mit den künſtlichen Verhältniſſen der größern Societät 4 und mit einem gewiſſen Grade von Ausbildung und Verfeinerung unverträglich ſchienen, jo haben die Dichter den Schauplatz der Idylle aus dem Gedränge des bürgerlichen Lebens heraus in den einfachen Hirtenſtand verlegt, und derſelben ihre Stelle vor dem Anfange der Cultur in dem kindlichen Alter der Menſchheit angewieſen. Man begreift aber wohl, daſs dieſe Beſtimmungen bloß zufällig ſind, dass ſie nicht als der Zweck der Idylle, bloß als das natürlichſte Mittel zu demſelben in Betrachtung kommen. Der Zweck ſelbſt iſt überall nur der, den Menſchen im Stand der Unſchuld, d. h. in einem Zuſtand zuſtellen. den Verhältniſſe denken laſſen. Entweder iſt es der Widerſpruch des wirklichen Zu⸗ ſtandes oder es iſt die Übereinſtimmung desſelben mit dem Ideal, welche vorzugs— weiſe das Gemüth beſchäftigt; oder dieſes iſt zwiſchen beiden getheilt. In dem erſten Falle wird es durch die Kraft des innern Streits, durch die energiſche Bewegung, in dem andern wird es durch die Harmonie des inneren Lebens, durch die energiſche Ruhe, befriedigt; in dem dritten wechſelt Streit mit Harmonie, wechſelt Ruhe mit Bewegung ⸗Dieſer dreifache Empfindungszuſtand gibt drei verſchiedenen Dichtungsarten die Entſtehung, denen die gebrauchten Benennungen Satire, Idylle, Elegie vollkommen entſprechend ſind, ſobald man ſich nur an die Stimmung erinnert, in welche die unter diefem Namen vorkommenden Gedichtarten das Gemüth verſetzen, und von den Mitteln abſtrahiert, wodurch ſie dieſelbe bewirken. Wer daher hier noch fragen könnte, zu welcher von den drei Gattungen ich die . Epopöe, den Roman, das Trauerſpiel u. a. m. zähle, der würde mich ganz und gar nicht 5 verſtanden haben. Denn der Begriff dieſer letztern, als einzelner Gedichtarten, wird eentweder gar nicht oder doch nicht allein durch die Empfindungsweiſe beſtimmt; vielmehr weiß man, dafs ſolche in mehr als einer Empfindungsweiſe, folglich auch in mehreren der von mir aufgeſtellten Dichtungsarten können ausgeführt werden. Schließlich bemerke ich hier noch, dafs, wenn man die ſentimentaliſche Poeſie, wie billig, für eine echte Art (nicht bloß für eine Abart) und für eine Erweiterung der wahren Dichtkunſt zu halten geneigt iſt, in der Beſtimmung der poetiſchen Arten, ſowie überhaupt in der ganzen poetiſchen Geſetzgebung, welche noch immer einſeitig auf 2 die Obſervanz der alten und naiven Dichter gegründet wird, auch auf ſie einige Rückſicht mus genommen werden. Der ſentimentaliſche Dichter geht in zu weſentlichen Stücken > von dem naiven ab, als dass ihm die Formen, welche dieſer eingeführt, überall unge 2 zwungen anpaſſen könnten. Freilich iſt es hier ſchwer, die Ausnahmen, welche die Ver— ſchiedenheit der Art erfordert, von den Ausflüchten, welche das Unvermögen ſich erlaubt, immer richtig zu unterſcheiden, aber ſoviel lehrt doch die Erfahrung, daſs unter den Händen ſentimentaliſcher Dichter (auch der vorzüglichſten) keine einzige Gedichtart ganz das geblieben iſt, was fie bei den Alten geweſen, und daſs unter den alten Namen öfters ſehr neue Gattungen ſind ausgeführt worden. der Harmonie und des Friedens mit ſich ſelbſt und von außen dar⸗ 25 30 35 40 re 2 8 ; E E = 4 4 enn e Fer [223 E * E => E Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. Aber ein ſolcher Zuſtand findet nicht bloß vor dem Anfange Cultur ſtatt, ſondern er iſt es auch, den die Cultur, wenn ſie übe nur eine beſtimmte Tendenz haben ſoll, als ihr letztes Ziel beabſich Die Idee dieſes Zuſtandes allein und der Glaube an die mögliche Realität derſelben kann den Menſchen mit allen den Übeln verjöhnen, denen er auf dem Wege der Cultur unterworfen ift, und wäre fie bloß Chimäre, jo würden die Klagen derer, welche die größere Societät und die Anbauung des Verſtandes bloß als ein Übel verſchreien und jenen verlaſſenen Stand der Natur für den wahren Zweck des Menſchen ausgeben, vollkommen gegründet ſein. Dem Menſchen, der in der Cult begriffen iſt, liegt alſo unendlich viel daran, von der Ausführbark jener Idee in der Sinnenwelt, von der möglichen Realität jenes Z ſtandes eine ſinnliche Bekräftigung zu erhalten, und da die wirkli Erfahrung, weit entfernt dieſen Glauben zu nähren, ihn vielmehr beſtänd widerlegt, ſo kömmt auch hier, wie in ſo vielen andern Fällen, das Dichtungsvermögen der Vernunft zu Hilfe, um jene Idee zur Anſchauung zu bringen und in einem einzelnen Falle zu verwirklichen. Zwar iſt auch jene Unſchuld des Hirtenſtandes eine poetiſche Vo ſtellung, und die Einbildungskraft muſste ſich mithin auch dort ſchon ſchöpferiſch beweiſen; aber außerdem daſs die Aufgabe dort ungleich einfacher und leichter zu löſen war, ſo fanden ſich in der Erfahrung ſelbſt ſchon die einzelnen Züge vor, die fie nur auszuwählen und in ein Ganzes zu verbinden brauchte. Unter einem glücklichen Himmel, in den einfachen Verhältniſſen des erſten Standes, bei einem beſchränkten Wiſſen wird die Natur leicht befriedigt, und der Menſch verwildert nicht eher, als bis das Bedürfnis ihn ängſtiget. Alle Völker, die eine Geſchichte haben, haben ein Paradies, einen Stand der Unſchul ein goldnes Alter; ja jeder einzelne Menſch hat ſein Paradies, ſe goldnes Alter, deſſen er ſich, je nachdem er mehr oder weniger Poetiſches in ſeiner Natur hat, mit mehr oder weniger Begeiſterung erinnert. Die Erfahrung ſelbſt bietet alſo Züge genug zu dem Gemälde dar, welches die Hirtenidylle behandelt. Deswegen bleibt aber diefe immer eine ſchöne, eine erhebende Fiction, und die Dichtungskraft hat in Darſtellung derſelben wirklich für das Ideal gearbeitet. Denn für den Menſchen, der von der Einfalt der Natur einmal abgewichen und der gefährlichen Führung feiner Vernunft überliefert worden ift, iſt es von unendlicher Wichtigkeit, die Geſetzgebung der Natur in einem reinen Exemplar wieder anzuſchauen und ſich von den Verderbniſſen der Kuuſt in dieſem treuen Spiegel wieder reinigen zu können. Aber 40 ein Umſtand findet ſich dabei, der den äſthetiſchen Wert ſolcher Dich- II. Die ſentimentaliſchen Dichter. 49 tungen um ſehr viel vermindert. Vor den Anfang der Cultur gepflanzt ſchließen ſie mit den Nachtheilen zugleich alle Vortheile derſelben 8 aus und befinden ſich ihrem Weſen nach in einem nothwendigen Streit mit derſelben. Sie führe uns alſo theoretiſch rückwärts, indem fie uns praktiſch vorwärts führen und veredeln. Sie ſtellen unglück— licherweiſe das Ziel hinter uns, dem fie uns doch entgegenführen ſollten, und können uns daher bloß das traurige Gefühl eines Verluſtes, nicht das fröhliche der Hoffnung einflößen. Weil ſie nur durch Auf— hebung aller Kunſt und nur durch Vereinfachung der menſchlichen Natur ihren Zweck ausführen, jo haben ſie, bei dem höchſten Gehalt für das Herz, allzuwenig für den Geiſt, und ihr einförmiger Kreis iſt zu ſchnell geendigt. Wir können ſie daher nur lieben und aufſuchen, wenn Br: wir der Ruhe bedürftig find, nicht wenn unſre Kräfte nach Bewegung Aund Thätigkeit ſtreben. Sie können nur dem kranken Gemüthe Heilung, dem geſunden keine Nahrung geben; ſie können nicht beleben, uur beſänftigen. Dieſen in dem Weſen der Hirtenidylle gegründeten Mangel 3 hat alle Kunſt der Poeten nicht gut machen können. Zwar fehlt es auch dieſer Dichtart nicht an enthuſiaſtiſchen Liebhabern, und es gibt Leſer genug, die einen Amyntas und einen Daphnis den größten Meiſter— ſolchen Leſern iſt es nicht ſowohl der Geſchmack als das individuelle Bedürfnis, was über Kunſtwerke richtet, und ihr Urtheil kann folglich hier in keine Betrachtung kommen. Der Leſer von Geiſt und Empfindung ver— kennt zwar den Wert ſolcher Dichtungen nicht, aber er fühlt ſich ſeltner Moment des Bedürfniſſes wirken ſie dafür deſto mächtiger; aber auf A einen ſolchen Moment fol das wahre Schöne niemals zu Warten * brauchen, ſondern ihn vielmehr erzeugen. 5 Was ich hier an der Schäferidylfe tadle, gilt übrigens nur von der ſentimentaliſchen; denn der naiven kann es nie an Gehalt fehlen, da er hier in der Form ſelbſt ſchon enthalten iſt. Jede Poeſie nämlich muſs einen unendlichen Gehalt haben, dadurch allein iſt fie Poeſie; aber ſie kann dieſe Forderung auf zwei verſchiedene Arten erfüllen. Sie kann ein Unendliches ſein, der Form nach, wenn ſie ihren 5 Gegenſtand mit allen feinen Grenzen darſtellt, wenn fie ihn : individualiſiert; ſie kann ein Unendliches ſein der Materie nach, wenn ſie von ihrem Gegenſtand alle Grenzen entfernt, wenn ſie ihn idealiſiert, alſo entweder durch eine abſolute Darſtellung oder durch Darſtellung eines Abſoluten. Den erſten Weg geht der naive, den zweiten der ſentimentaliſche Dichter. Jener kann alſo ſeinen Gehalt Schiller: Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. 4 ſtücken der epiſchen und dramatiſchen Muſe vorziehen können; aber bei 2 = zu denſelben gezogen und früher davon geſättigt. In dem rechten! 0 5 — 0 e nnen 7 i E 4 Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. nicht verfehlen, ſobald er ſich nur treu an die Natur hält, welche immer durchgängig begrenzt, d. h. der Form nach unendlich iſt. Dieſem hin gegen ſteht die Natur mit ihrer durchgängigen Begrenzung im Wege da er einen abſoluten Gehalt in den Gegenſtand legen ſoll. Der ſen timentaliſche Dichter verſteht ſich alſo nicht gut auf ſeinen Vortheil, wenn er dem naiven Dichter ſeine Gegenſtände abborgt, welche an ſich ſelbſt völlig gleichgiltig find und nur durch die Behandlung * poetiſch werden. Er ſetzt ſich dadurch ganz unnöthiger Weiſe einerlei — Grenzen mit jenem, ohne doch die Begrenzung vollkommen durchführen io und in der abſoluten Beſtimmtheit der Darſtellung mit demſelben wetteifern zu können; er ſollte ſich alſo vielmehr gerade in dem Gegenſtand von dem naiven Dichter entfernen, weil er dieſem, was derſelbe in der — Form vor ihm voraus hat, nur durch den Gegenſtand wieder ab- gewinnen kann. n * . 15 Um hievon die Anwendung auf die Schäferidylle der ſentimen⸗ taliſchen Dichter zu machen, jo erklärt es ſich nun, warum dieſe Dichtungen bei allem Aufwand von Genie und Kunſt weder für das Herz noch für den Geiſt völlig befriedigend ſind. Sie haben ein Ideal ausgeführt und doch die enge dürftige Hirtenwelt beibehalten, da ſie doch ſchlechterdings entweder für das Ideal eine andere Welt, oder für die Hirtenwelt eine andre Darſtellung hätten wählen ſollen. Sie find gerade fo weit ideal dafs die Darſtellung dadurch an individueller Wahrheit verliert, und find wieder gerade um fo viel individuell, dafs der idealiſche Gehalt darunter leidet. Ein Geßneriſcher Hirte z. B. kann uns nicht as Natur, nicht durch Wahrheit der Nachahmung entzücken, denn dazu iſt er ein zu ideales Weſen; ebenjowenig kann er uns als ein Ideal durch das Unendliche des Gedankens befriedigen, denn dazu iſt er ein viel zu dürftiges Geſchöpf. Er wird alſo zwar bis auf einen gewiſſen — Punkt allen Claſſen von Leſern ohne Ausnahme gefallen, weil er 30 das Naive mit dem Sentimentalen zu vereinigen ſtrebt, und folglich den zwei entgegengeſetzten Forderungen, die an ein Gedicht gemacht werden können, in einem gewiſſen Grade Genüge leiſtet; weil aber der Dichter, 2 < 2 * volles Recht erweist, weder ganz Natur noch ganz Ideal iſt, 8 5 jo kann er eben deswegen vor einem ſtrengen Geſchmack nicht ganz beſtehen, der in äſthetiſchen Dingen nichts Halbes verzeihen kann. Es iſt ſonderbar, daſs dieſe Halbheit ſich auch bis auf die Sprache des genannten Dichters erſtreckt, die zwiſchen Poeſie und Proſa unentſchieden ſchwankt, als fürchtete der Dichter in gebundener Rede ſich von der 30 wirklichen Natur zu weit zu entfernen und in ungebundener den po & © ** WCG II. Die ſentimentaliſchen Dichter. 51 tiſchen Schwung zu verlieren. Eine höhere Befriedigung gewährt Miltons = herrliche Darſtellung des erſten Menſchenpaares und des Standes der . Unſchuld im Paradieſe; die ſchönſte, mir bekannte Idylle in der ſen— 3 timentaliſchen Gattung. Hier iſt die Natur edel, geiſtreich, zugleich voll ö Fläche und voll Tiefe, der höchſte Gehalt der Menſchheit iſt in die 5 2 anmuthigſte Form eingekleidet. Alſo auch hier in der Idylle, wie in allen andern poetiſchen Gattungen, muſs man einmal für allemal zwiſchen der Individualität und der Idealität eine Wahl treffen, denn beiden Forderungen zugleich Genüge leiſten wollen, iſt, ſolange man nicht am Ziel der Vollkommenheit ſtehet, der ſicherſte Weg, beide zugleich zu verfehlen. Fühlt ſich der Moderne griechiſchen Geiſtes genug, um bei aller Widerſpenſtigkeit ſeines Stoffs mit den Griechen auf ihrem eigenen Felde, nämlich im Felde naiver Dichtung, zu ringen, ſo thue er es ganz und thue es ausſchließend und ſetze ſich über jede Forderung des ſentimentaliſchen Zeitgeſchmacks !“ hinweg. Erreichen zwar dürfte er ſeine Muſter ſchwerlich; zwiſchen dem Original und dem glücklichſten Nachahmer wird immer eine merkliche Diſtanz offen bleiben, aber er iſt auf dieſem Wege doch gewiſs, ein echt poetiſches Werk zu erzeugen.“) Treibt ihn hingegen der ſentimen— taliſche Dichtungstrieb zum Ideale, ſo verfolge er auch dieſes ganz, 20 > in völliger Reinheit, und ſtehe nicht eher als bei dem Höchſten ſtille, ohne hinter ſich zu ſchauen, ob auch die Wirklichkeit ihm nachkommen möchte. Er verſchmähe den unwürdigen Ausweg, den Gehalt des Ideals zu verſchlechtern, um es der menſchlichen Bedürftigkeit anzupaſſen, und den Geiſt auszuſchließen, um mit dem Herzen ein leichteres Spiel zu 28 haben. Er führe uns nicht rückwärts in unſre Kindheit, um uns mit den koſtbarſten Erwerbungen des Verſtandes eine Ruhe erkaufen zu laſſen, die nicht länger dauern kann, als der Schlaf unſrer Geiſtes— kräfte; ſondern führe uns vorwärts zu unſrer Mündigkeit, um uns die hoͤhere Harmonie zu empfinden zu geben, die den Kämpfer belohnet, 30 die den Überwinder beglückt. Er mache ſich die Aufgabe einer Idylle, welche jene Hirtenunſchuld auch in Subjecten der Cultur und unter allen Bedingungen des rüſtigſten feurigſten Lebens, des ausgebreitetſten 0 *) Mit einem ſolchen Werke hat Herr Voß noch kürzlich in ſeiner Luiſe unfre deutſche Literatur nicht bloß bereichert, ſondern auch wahrhaft erweitert. Dieſe Idylle, * obgleich nicht durchaus von ſentimentaliſchen Einflüſſen frei, gehört ganz zum naiven Geſchlecht und ringt durch individuelle Wahrheit und gediegene Natur den beſten griechiſchen Muſtern mit ſeltenem Erfolge nach. Sie kann daher, was ihr zu hohem Ruhm gereicht, mit keinem modernen Gedicht aus ihrem Fache, ſondern muſs mit 1 griechiſchen Muſtern verglichen werden, mit welchen fie auch den fo ſeltenen Vorzug 10 5 theilt, uns einen reinen, beſtimmten und immer gleichen Genuss zu gewähren. Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. Denkens, der raffinierteſten Kunſt, der höͤchſten geſellſchaftlichen Ver feinerung ausführt, welche mit einem Wort, den Menſchen, der nun einmal nicht mehr nach Arkadien zurück kann, bis nach Elyſium fü Br: Der Begriff dieſer Idylle iſt der Begriff eines völlig aufgelösten . Kampfes ſowohl in dem einzelnen Menſchen als in der Geſellſchaf 5 N einer freien Vereinigung der Neigungen mit dem Geſetze, einer zur 5 höchſten ſittlichen Würde hinaufgeläuterten Natur, kurz, er iſt kei = anderer als das Ideal der Schönheit auf das wirkliche Leben angewende * Ihr Charakter beſteht alſo darin, dafs aller Gegenſatz der Wirklich - 1 io keit mit dem Ideale, der den Stoff zu der ſatiriſchen und elegiſchen 3 Dichtung hergegeben hatte, vollkommen aufgehoben ſei, und mit dem En ſelben auch aller Streit der Empfindungen aufhöre. Ruhe wäre alf d der herrſchende Eindruck dieſer Dichtungsart, aber Ruhe der Vollendun * nicht der Trägheit; eine Ruhe, die aus dem Gleichgewicht, nicht au 5 dem Stillſtand der Kräfte, die aus der Fülle, nicht aus der Leerhe Be. fließt und von dem Gefühl eines unendlichen Vermögens begleitet wird. Be Aber eben darum, weil aller Widerſtand hinwegfällt, jo wird es hien N ungleich ſchwieriger, als in den zwei vorigen Dichtungsarten, die Be a wegung hervorzubringen, ohne welche doch überall keine poetiſch . 20 Wirkung ſich denken läſst. Die höchſte Einheit muſs fein, aber fie da i 2 der Manigfaltigkeit nichts nehmen; das Gemüth mufs befriedigt werden * aber ohne daſs das Streben darum aufhöre. Die Auflöſung dieſer N Frage iſt es eigentlich, was die Theorie der Idylle zu leiſten hat. En = III. Beſchluſs der Abhandlung über naive und ſentimentaliſe 25 Dichter. Über das Verhältnis beider Dichtungsarten zu einander und zu dem poetiſchen Ideale iſt in den borherg Felten Unterſuchungen Folgendes feſtgeſetzt worden. Dem naiven Dichter hat die Natur die Gunſt erzeigt, immer als eine ungetheilte Einheit zu wirken, in jedem Moment ein ſelb⸗ ſtändiges und vollendetes Ganze zu fein und die Menſchheit, ihrer vollen Gehalt nach, in der Wirklichkeit darzuſtellen. Dem ſentimentaliſche hat fie die Macht verliehen oder vielmehr einen lebendigen Trieb ein geprägt, jene Einheit, die durch Abſtraction in ihm aufgehoben worden, aus ſich ſelbſt wieder herzuſtellen, die Menſchheit in ſich vollſtändig zu machen und aus einem beſchränkten Zuſtand zu einem unendliche 3 E 3 = III. Beſchluſs der Abhandlung über naive und ſentimentaliſche Dichter. 53 überzugehen.“) Der menſchlichen Natur ihren völligen Ausdruck zu geben, iſt aber die gemeinſchaftliche Aufgabe beider, und ohne das würden ſie gar nicht Dichter heißen können; aber der naive Dichter hat vor dem ſentimentaliſchen immer die ſinnliche Realität voraus, indem er dasjenige als eine wirkliche Thatſache ausführt, was der andere nur zu erreichen ſtrebt. Und das iſt es auch, was jeder bei ſich erfährt, wenn er ſich beim Genuſſe naiver Dichtungen beobachtet. Er fühlt alle Kräfte ſeiner Meuſchheit in einem ſolchen Augenblick thätig, er bedarf nichts, er iſt ein Ganzes in ſich ſelbſt; ohne etwas in ſeinem Gefühl zu unterſcheiden, freut er ſich zugleich ſeiner geiſtigen Thätigkeit und ſeines ſinnlichen Lebens. Eine ganz andre Stimmung iſt es, in die ihn der ſentimentaliſche Dichter verſetzt. Hier fühlt er bloß einen lebendigen Trieb, die Harmonie in ſich zu erzeugen, welche er dort wirklich empfand, ein Ganzes aus ſich zu machen, die Menſchheit in ſich zu einem vollendeten Ausdruck zu bringen. Daher iſt hier das Gemüth in Bewegung, es iſt angeſpannt, es ſchwankt zwiſchen ſtreitenden Ge— fühlen, da es dort ruhig, aufgelöst, einig mit ſich ſelbſt und vollkommen befriedigt iſt. Aber wenn es der naive Dichter dem ſentimentaliſchen auf der einen Seite an Realität abgewinnt und dasjenige zur wirklichen Exiſtenz bringt, wornach dieſer nur einen lebendigen Trieb erwecken kann, ſo hat letzterer wieder den großen Vortheil über den erſtern, daſs er dem Trieb einen größeren Gegenſtand zu geben im Stande iſt, als jener geleiſtet hat und leiſten konnte. Alle Wirklichkeit, wiſſen wir, bleibt hinter dem Ideale zurück; alles Exiſtierende hat ſeine Schranken, aber der Gedanke iſt grenzenlos. Durch dieſe Einſchränkung, der alles Sinnliche unterworfen iſt, leidet alſo auch der naive Dichter, da hingegen die unbedingte Freiheit des Ideenvermögens dem ſentimentaliſchen zu ſtatten kommt. Jener erfüllt zwar alſo ſeine Aufgabe, aber die Aufgabe *) Für den wiſſenſchaftlich prüfenden Leſer bemerke ich, daſs beide Empfindungs— weiſen, in ihrem höchſten Begriff gedacht, ſich wie die erſte und dritte Kategorie zu einander verhalten, indem die letztere immer dadurch entſteht, daſs man die erſtere mit ihrem geraden Gegentheil verbindet. Das Gegentheil der naiven Empfindung iſt nämlich der reflectierende Verſtand, und die ſentimentaliſche Stimmung iſt das Reſultat des Beſtrebens, auch unter den Bedingungen der Reflexion die naive Empfindung,? dem Inhalt nach, wieder herzuſtellen. Dies würde durch das erfüllte Ideal geſchehen, in welchem die Kunſt der Natur wieder begegnet. Geht man jene drei Begriffe nach den Kategorien durch, ſo wird man die Natur und die ihr entſprechende naive Stimmung immer in der erſten, die Kunſt als Aufhebung der Natur durch den frei wirkenden Verſtand immer in der zweiten, endlich das Ideal, in welchem die vollendete Kunſt zur Natur zurückkehrt, in der dritten Kategorie antreffen. 0 20 30 KETTE NIE ET E S 2 2 3 3 * > ai o a 54 Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. ſelbſt iſt etwas Begrenztes; dieſer erfüllt zwar die ſeinige nicht ganz, aber die Aufgabe iſt ein Unendliches. Auch hierüber kann einen jeden ſeine eigne Erfahrung belehren. Von dem naiven Dichter wendet man ſich mit Leichtigkeit und Luſt zu der lebendigen Gegenwart; der ſentimen⸗ taliſche wird immer, auf einige Augenblicke, für das wirkliche Leben verſtimmen. Das macht, unſer Gemüth iſt hier durch das Unendliche der Idee gleichſam über ſeinen natürlichen Durchmeſſer ausgedehnt worden, daſs nichts Vorhandenes es mehr ausfüllen kann. Wir verſinken lieber betrachtend in uns ſelbſt, wo wir für den aufgeregten Trieb in der Ideenwelt Nahrung finden; anſtatt daſs wir dort aus uns heraus nach ſinnlichen Gegenſtänden ſtreben. Die ſentimentaliſche Dichtung iſt die Geburt der Abgezogenheit und Stille, und dazu ladet ſie auch ein; die naive iſt das Kind des Lebens, und in das Leben führt fie auch zurück. Ich habe die naive Dichtung eine Gunſt der Natur genannt, um zu erinnern, daſs die Reflexion keinen Antheil daran habe. Ein glücklicher Wurf iſt ſie, keiner Verbeſſerung bedürftig, wenn er gelingt, aber auch keiner fähig, wenn er verfehlt wird. In der Empfindung iſt das ganze Werk des naiven Genies abſolviert; hier liegt ſeine Stärke und ſeine Grenze. Hat es alſo nicht gleich dichteriſch, d. h. nicht gleich vollkommen menſchlich empfunden, ſo kann dieſer Mangel durch keine Kunſt mehr nachgeholt werden. Die Kritik kann ihm nur zu einer Einſicht des Fehlers verhelfen, aber ſie kann keine Schönheit an deſſen Stelle ſetzen. Durch ſeine Natur muſs das naive Genie alles thun, durch ſeine Freiheit vermag es wenig; und es wird ſeinen Begriff erfüllen, ſobald nur die Natur in ihm nach einer innern Nothwendigkeit wirkt. Nun iſt zwar alles nothwendig, was durch Natur geſchieht, und das iſt auch jedes noch jo verunglückte Product des naiven Genies, von welchem nichts mehr entfernt iſt als Willkürlichkeit; aber ein andres iſt die Nöthigung des Augenblicks, ein andres die innre Noth— wendigkeit des Ganzen. Als ein Ganzes betrachtet iſt die Natur ſelb— ſtändig und unendlich; in jeder einzelnen Wirkung hingegen iſt ſie bedürftig und beſchränkt. Dieſes gilt daher auch von der Natur des Dichters. Auch der glücklichſte Moment, in welchem ſich derſelbe befinden mag, iſt von einem vorhergehenden abhängig; es kann ihm daher auch nur eine bedingte Nothwendigkeit beigelegt werden. Nun ergeht aber die Aufgabe an den Dichter, einen einzelnen Zuſtand dem menſchlichen Ganzen gleich zu machen, folglich ihn abſolut und nothwendig auf ſich ſelbſt zu gründen. Aus dem Moment der Begeiſterung mufs alſo jede Spur eines zeitlichen Bedürfniſſes entfernt bleiben, und der Gegenſtand 40 ſelbſt, ſo beſchränkt er auch ſei, darf den Dichter nicht beſchränken. a f g 1 a III. Beſchluſs der Abhandlung über naive und ſentimentaliſche Dichter. 55 Man begreift wohl, dajs dieſes nur inſoferne möglich iſt, als der Dichter ſchon eine abſolute Freiheit und Fülle des Vermögens zu dem Gegenſtande mitbringt, und als er geübt iſt, alles mit ſeiner ganzen Menſchheit zu umfaſſen. Dieſe Übung kann er aber nur durch die Welt erhalten, in der er lebt, und von der er unmittelbar berührt wird. Das naive Genie ſteht alſo in einer Abhängigkeit von der Erfahrung, welche das ſentimentaliſche nicht kennt. Dieſes, wiſſen wir, fängt ſeine Operation erſt da an, wo jenes die ſeinige beſchließt; ſeine Stärke beſteht darin, einen mangelhaften Gegenſtand aus ſich ſelbſt heraus zu ergänzen und ſich durch eigene Macht aus einem begrenzten Zuſtand in einen Zuſtand der Freiheit zu verſetzen. Das naive Dichtergenie bedarf alſo eines Beiſtandes von außen, da das ſentimentaliſche ſich aus ſich ſelbſt nährt und reinigt; es muſs eine formreiche Natur, eine dichteriſche Welt, eine naive Menſchheit um ſich her erblicken, da es ſchon in der Sinnempfindung ſein Werk zu vollenden hat. Fehlt ihm nun dieſer Beiſtand von außen, ſieht es ſich von einem geiſtloſen Stoff umgeben, ſo kann nur zweierlei geſchehen: Es tritt entweder, wenn die Gattung bei ihm überwiegend iſt, aus ſeiner Art und wird ſentimen— taliſch, um nur dichteriſch zu ſein, oder, wenn der Artcharakter die Obermacht behält, es tritt aus ſeiner Gattung und wird gemeine Natur, um nur Natur zu bleiben. Das erſte dürfte der Fall mit den vornehmſten ſentimentaliſchen Dichtern in der alten römiſchen Welt und in neueren Zeiten ſein. In einem andern Weltalter geboren, unter einen andern Himmel verpflanzt, würden ſie, die uns jetzt durch Ideen rühren, durch individuelle Wahrheit und naive Schönheit bezaubert haben. Vor dem zweiten möchte ſich ſchwerlich ein Dichter vollkommen ſchützen können, der in einer gemeinen Welt die Natur nicht verlaſſen kann. Die wirkliche Natur nämlich; aber von dieſer kann die wahre Natur, die das Subject naiver Dichtungen iſt, nicht ſorgfältig genug unterſchieden werden. Wirkliche Natur exiſtiert überall, aber wahre! Natur iſt deſto ſeltener, denn dazu gehört eine innere Nothwendigkeit des Daſeins. Wirkliche Natur iſt jeder, noch ſo gemeine Ausbruch der Leidenſchaft, er mag auch wahre Natur ſein, aber eine wahre menſchliche iſt er nicht; denn dieſe erfordert einen Antheil des ſelbſtändigen Ver— mögens an jeder Äußerung, deſſen Ausdruck jedesmal Würde iſt. Wirkliche menſchliche Natur iſt jede moraliſche Niederträchtigkeit, aber wahre menſchliche Natur iſt ſie hoffentlich nicht; denn dieſe kann nie anders als edel ſein. Es iſt nicht zu überſehen, zu welchen Abgeſchmacktheiten dieſe Verwechslung wirklicher Natur mit wahrer menſchlicher Natur in der Kritik wie in der Ausübung verleitet hat: welche Trivialitäten 5 25 40 2 20 30 35 der Liebe insbeſondere eine gewiſſe Leerheit und einen Überdruſs empfinden, den alle 40 5 äußern Eindruck abhängig, und nur eine anhaltende Regſamkeit des man in der Poeſie geſtattet, ja lobpreist, weil ſie leider! wirklich Natur ſind: wie man ſich freuet, Caricaturen, die Einen ſchon aus wirklichen Welt herausängſtigen, in der dichteriſchen ſorgfältig aufbewahrt und nach dem Leben conterfeit zu ſehen. Freilich darf der Dichter auch die ſchlechte Natur nachahmen und bei dem ſatiriſchen bringt dieſes ja der Begriff ſchon mit ſich: aber in dieſem Fall muss feine eigne ſchöne Natur den Gegenſtand übertragen, und der gemeine Stoff — den Nachahmer nicht mit ſich zu Boden ziehen. Iſt nur er ſelbſt, in dem Moment wenigſtens, wo er ſchildert, wahre menſchliche Natur, ſo hat es nichts zu ſagen, was er uns ſchildert: aber auch ſchlechterdings nur von einem ſolchen können wir ein treues Gemälde der Wirklichkeit vertragen. Wehe uns Leſern, wenn die Fratze ſich in der Fratze ſpiegelt, R wenn die Geißel der Satire in die Hände desjenigen fällt, den die Natur eine viel ernſtlichere Peitſche zu führen beſtimmte, wenn Menſchen, die, entblößt von allem, was man poetiſchen Geiſt nennt, nur das Affentalent gemeiner Nachahmung beſitzen, es auf Koſten unſers Ge— ſchmacks greulich und ſchrecklich üben! i Aber ſelbſt dem wahrhaft naiven Dichter, ſagte ich, kann die gemeine Natur gefährlich werden; denn endlich iſt jene ſchoͤne Zuſammen⸗ ſtimmung zwiſchen Empfinden und Denken, welche den Charakter des- 5 ſelben ausmacht, doch nur eine Idee, die in der Wirklichkeit nie ganz erreicht wird, und auch bei den glücklichſten Genies aus dieſer Claſſe wird die Empfänglichkeit die Selbſtthätigkeit immer um etwas über— Per wiegen. Die Empfänglichkeit aber ift immer mehr oder weniger von dem Fr productiven Vermögens, welche von der menſchlichen Natur nicht zu 2 erwarten iſt, würde verhindern können, daſs der Stoff nicht zuweilen Er: eine blinde Gewalt über die Empfänglichkeit ausübte. So oft aber Fe dies der Fall ift, wird aus einem dichterifchen Gefühl ein gemeines. *) z ) Wie ſehr der naive Dichter von feinem Object abhänge, und wie viel, ja wie alles auf ſein Empfinden ankomme, darüber kann uns die alte Dichtkunſt die beſten 0 Belege geben. So weit die Natur in ihnen und außer ihnen ſchön iſt, ſind es auch 2 die Dichtungen der Alten; wird hingegen die Natur gemein, ſo iſt auch der Geiſt aus ihren Dichtungen gewichen. Jeder Leſer von feinem Gefühl mufs z. B. bei ihren Schilderungen der weiblichen Natur, des Verhältniſſes zwiſchen beiden Geſchlechtern und Wahrheit und Naivetät in der Darſtellung nicht verbannen kann. Ohne der Schwärmerei 33 das Wort zu reden, welche freilich die Natur nicht veredelt, ſondern verläſst, wird f man hoffentlich annehmen dürfen, daj8 die Natur in Rückſicht auf jenes Verhältnis der Geſchlechter und den Affect der Liebe eines edleren Charakters fähig iſt, als ihr die Alten gegeben haben; auch kennt man die zufälligen Umſtände, welche der Ver⸗ edelung jener Empfindungen bei ihnen im Wege ſtanden. Dass es Beſchränktheit, nicht III. Beſchluſs der Abhandlung über naive und ſentimentaliſche Dichter. 57 Kein Genie aus der naiven Claſſe, von Homer bis auf Bodmer herab, hat dieſe Klippe ganz vermieden; aber freilich iſt ſie denen am gefährlichſten, die ſich einer gemeinen Natur von außen zu erwehren haben, oder die durch Mangel an Disciplin von innen verwildert ſind. Jenes iſt Schuld, daſs ſelbſt gebildete Schriftſteller nicht immer von Plattheiten frei bleiben, und dieſes verhinderte ſchon manches herrliche Talent, ſich des Platzes zu bemächtigen, zu dem die Natur es berufen hatte. Der. Komödiendichter, deſſen Genie ſich am meiſten von dem wirklichen Leben nährt, iſt eben daher auch am meiſten der Plattheit ausgeſetzt, wie auch das Beiſpiel des Ariſtophaues und Plautus, und faſt aller der ſpätern Dichter lehret, die in die Fußſtapfen derſelben getreten ſind. Wie tief läſst uns nicht der erhabene Shakeſpeare zuweilen ſinken, mit welchen Trivialitäten quälen uns nicht Lope de Vega, Moliere, Regnard, Goldoni, in welchen Schlamm zieht uns nicht Holberg hinab. Schlegel, einer der geiſtreichſten Dichter unſers Vaterlands, an deſſen Genie es nicht lag, dafs er nicht unter den erſten in dieſer Gattung glänzt, Gellert, ein wahrhaft naiver Dichter, ſowie auch Rabener, Leſſing ſelbſt, wenn ich ihn anders hier nennen darf, Leſſing, der gebildete Zögling der Kritik und ein ſo wachſamer Richter ſeiner ſelbſt — wie büßen ſie nicht alle, mehr oder weniger, den geiſt— loſen Charakter der Natur, die ſie zum Stoff ihrer Satire erwählten. Von den neueſten Schriftſtellern in dieſer Gattung nenne ich keinen, da ich keinen ausnehmen kann. Und nicht genug, daſs der naive Dichtergeiſt in Gefahr iſt, ſich einer gemeinen Wirklichkeit allzuſehr zu nähern — durch die Leichtigkeit, mit der er ſich äußert, und durch eben dieſe größere Annäherung au das wirkliche Leben macht er noch dem gemeinen Nachahmer Muth, ſich innere Nothwendigkeit war, was die Alten hierin auf einer niedrigern Stufe feſt hielt, lehrt das Beiſpiel neuerer Poeten, welche ſoviel weiter gegangen ſind, als ihre Vor— gänger, ohne doch die Natur zu übertreten. Die Rede iſt hier nicht von dem, was ſentimentaliſche Dichter aus dieſem Gegenſtande zu machen gewuſst haben, denn dieſe gehen über die Natur hinaus in das idealiſche, und ihr Beiſpiel kann alſo gegen die Alten nichts beweiſen; bloß davon iſt die Rede, wie der nämliche Gegenſtand von wahrhaft naiven Dichtern, wie er z. B. in der Sakuntala, in den Minneſängern, in manchen Ritterromanen und Ritterepopöen, wie er von Shakeſpeare, von Fielding und mehrern andern, ſelbſt deutſchen Poeten behandelt iſt. Hier wäre nun für die Alten der Fall geweſen, einen von außen zu rohen Stoff von innen heraus, durch das Subject, zu vergeiſtigen, den poetiſchen Gehalt, der der äußeren Empfindung gemangelt hatte, durch Reflexion nachzuholen, die Natur durch die Idee zu ergänzen, mit einem Worte, durch eine ſentimentaliſche Operation aus einem beſchränkten Object ein unendliches zu machen. Aber es waren naive, nicht ſentimentaliſche Dichtergenies; ihr Werk war alſo mit der äußeren Empfindung geendigt. 30 35 40 3 58 Über naive und ſeutimentaliſche Dichtung. im poetiſchen Felde zu verſuchen. Die ſentimentaliſche Poeſie, wiewohl von einer andern Seite gefährlich genug, wie ich hernach zeigen werde, hält wenigſtens dieſes Volk in Entfernung, weil es nicht jedermanns Sache iſt, ſich zu Ideen zu erheben; die naive Poeſie aber bringt es auf den Glauben, als wenn ſchon die bloße Empfindung, der bloße Humor, die bloße Nachahmung wirklicher Natur den Dichter ausmache. Nichts aber iſt widerwärtiger, als wenn der platte Charakter ſich ein— fallen läſst, liebenswürdig und naiv ſein zu wollen; er, der ſich in alle Hüllen der Kunſt ſtecken ſollte, um ſeine ekelhafte Natur zu verbergen. Daher denn auch die unſäglichen Platituden, welche ſich die Deutſchen unter dem Titel von naiven und ſcherzhaften Liedern vorſingen laſſen, und an denen ſie ſich bei einer wohlbeſetzten Tafel ganz unendlich zu beluſtigen pflegen. Unter dem Freibrief der Laune, der Empfindung duldet man dieſe Armſeligkeiten — aber einer Laune, einer Empfindung, die man nicht ſorgfältig genug verbannen kann. Die Muſen an der Pleiſſe bilden hier beſonders einen eigenen kläglichen Chor, und ihnen wird von den Camönen an der Leine und Elbe in nicht beſſeren 7 Accorden geantwortet?) So inſipid dieſe Scherze find, jo kläglich läſst y ſich der Affect auf unſern tragischen Bühnen hören, welcher anftatt die . wahre Natur nachzuahmen, nur den geiſtloſen und unedlen Ausdruck der 55 wirklichen erreicht, jo dafs es uns nach einem ſolchen Thränenmahle 4 1 gerade zumuth iſt, als wenn wir einen Beſuch in Spitälern abgelegt oder Salzmanns menſchliches Elend geleſen hätten. Noch viel ſchlimmer ſteht es um die ſatiriſche Dichtkunſt und um den komiſchen Roman insbeſondere, die ſchon ihrer Natur nach dem gemeinen Leben ſo nahe liegen, und daher billig, wie jeder Grenzpoſten, gerade in den beſten Händen ſein ſollten. Derjenige hat wahrlich den wenigſten Beruf der Maler ſeiner Zeit zu werden, der das Geſchöpf und die Caricatur ö derſelben iſt; aber da es etwas ſo Leichtes iſt, irgend einen luſtigen Charakter, wäre es auch nur einen dicken Mann unter ſeiner Be⸗ *) Dieſe guten Freunde haben es ſehr übel aufgenommen, was ein Reeenſent in der A. L. Z. vor etlichen Jahren an den Bürger'ſchen Gedichten getadelt hat; und der Ingrimm, womit ſie wider dieſen Stachel lecken, ſcheint zu erkennen zu geben, dafs ſie mit der Sache jenes Dichters ihre eigene zu verfechten glauben. Aber darin irren ſie ſich ſehr. Jene Rüge konnte bloß einem wahren Dichtergenie gelten, das von der Natur reichlich ausgeſtattet war, aber verſäumt hatte, durch eigene Cultur jenes ſeltene Geſchenk auszubilden. Ein ſolches Individuum durfte und mufste man unter den höchſten Maßſtab 5 der Kunſt ſtellen, weil es Kraft in ſich hatte, demſelben, ſobald es ernſtlich wollte, genug zu thun; aber es wäre lächerlich und grauſam zugleich, auf ähnliche Art mit Leuten zu verfahren, an welche die Natur nicht gedacht hat, und die mit jedem Product, das fie zu Markte bringen, ein vollgiltiges testimonium paupertatis aufweiſen. x kanntſchaft aufzujagen, und die Fratze mit einer groben Feder auf dem III. Beſchluſs der Abhandlung über naive und ſentimentaliſche Dichter. 59 Papier abzureißen, ſo fühlen zuweilen auch die geſchworenen Feinde alles 3 ge poetiſchen Geiſtes den Kitzel, in dieſem Fache zu ſtümpern und einen Zirkel von würdigen Freunden mit der ſchönen Geburt zu ergötzen. Ein rein geſtimmtes Gefühl freilich wird nie in Gefahr ſein, dieſe Erzeugniſſe einer gemeinen Natur mit den geiſtreichen Früchten des naiven Genies zu verwechſeln; aber an dieſer reinen Stimmung des Gefühls fehlt es eben, und in den meiſten Fällen will man bloß ein Bedürfnis befriedigt haben, ohne dass der Geiſt eine Forderung machte. Der jo falſch ver— ſtandene, wiewohl an ſich wahre Begriff, daſs man ſich bei Werken des ſchönen Geiſtes erhole, trägt das ſeinige redlich zu dieſer Nachſicht bei, wenn man es anders Nachſicht nennen kann, wo nichts Höheres geahnet wird, und der Leſer wie der Schriftſteller auf gleiche Art ihre Rechnung finden. Die gemeine Natur nämlich, wenn ſie angeſpannt worden, kann ſich nur in der Leerheit erholen, und ſelbſt ein hoher Grad von Verſtand, wenn er nicht von einer gleichmäßigen Cultur der Empfindungen unterſtützt iſt, ruht von ſeinem Geſchäfte nur in einem geiſtloſen Sinnengenuſs aus. Wenn ſich das dichtende Genie über alle zufälligen Schranken, welche von jedem beſtimmten Zuſtande unzertrennlich ſind, mit freier Selbſtthätigkeit muſs erheben konnen, um die menſchliche Natur in ihrem abſoluten Vermögen zu erreichen, ſo darf es ſich doch auf der andern Seite nicht über die nothwendigen Schranken hinwegſetzen, welche der Begriff einer menſchlichen Natur mit ſich bringt; denn das Abſolute, aber nur innerhalb der Menſchheit, iſt ſeine Aufgabe und ſeine Sphäre. Wir haben geſehen, daſs das naive Genie zwar nicht in Gefahr iſt, dieſe Sphäre zu überſchreiten, wohl aber ſie nicht ganz zu er— füllen, wenn es einer äußern Nothwendigkeit oder dem zufälligen Bedürfnis des Augenblicks zu ſehr auf Unkoſten der innern Noth— wendigkeit Raum gibt. Das ſentimentaliſche Genie hingegen iſt der Gefahr ausgeſetzt, über dem Beſtreben, alle Schranken von ihr zu ent— fernen, die menſchliche Natur ganz und gar aufzuheben, und ſich nicht bloß, was es darf und ſoll, über jede beſtimmte und begrenzte Wirklichkeit hinweg zu der abſoluten Möglichkeit zu erheben oder zu idealiſieren, ſondern über die Möglichkeit ſelbſt noch hinauszugehen oder zu ſchwärmen. Dieſer Fehler der Uberſpannung iſt ebenſo in der ſpecifiſchen Eigen— thümlichkeit ſeines Verfahrens, wie der entgegengeſetzte der Schlaff- heit in der eigenthümlichen Handlungsweiſe des naiven gegründet. Das naive Genie nämlich läſst die Natur in ſich unumſchränkt walten, und 25 da die Natur in ihren einzelnen zeitlichen Außerungen immer abhängig 2) 0 — 5 15 5 ww 5 3 k — — dan ie 60 Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. genug bleiben, um den zufälligen Beſtimmungen des Augenblicks wider— ſtehen zu können. Das ſentimentaliſche Genie hingegen verläſst die Wirklichkeit, um zu Ideen aufzuſteigen und mit freier Selbſtthätigkeit 5 ſeinen Stoff zu beherrſchen; da aber die Vernunft ihrem Geſetze nach immer zum Unbedingten ſtrebt, ſo wird das ſentimentaliſche Genie nicht F immer nüchtern genug bleiben, um ſich ununterbrochen und gleich- förmig innerhalb der Bedingungen zu halten, welche der Begriff einer menſchlichen Natur mit ſich führt, und an welche die Vernunft auch in 10 ihrem freieſten Wirken hier immer gebunden bleiben muſs. Dieſes könnte nur durch einen verhältnismäßigen Grad von Empfänglichkeit geſchehen, welche aber in dem ſentimentaliſchen Dichtergeiſte von der Selbſtthätigkeit ebenſo ſehr überwogen wird, als ſie in dem naiven die Selbſtthätigkeit überwiegt. Wenn man daher an den Schöpfungen des naiven Genies is zuweilen den Geiſt vermiſst, jo wird man bei den Geburten des ſentimentaliſchen oft vergebens nach dem Gegenſtande fragen. Beide werden alſo, wiewohl auf ganz entgegengeſetzte Weiſe, in den Fehler der Leerheit verfallen; denn ein Gegenſtand ohne Geiſt und ein Geiſtesſpiel ohne Gegenſtand ſind beide ein Nichts in dem äſthetiſchen Urtheil. 20 Alle Dichter, welche ihren Stoff zu einſeitig aus der Gedankenwelt ſchöpfen und mehr durch eine innere Ideenfülle als durch den Drang der Empfindung zum poetiſchen Bilden getrieben werden, ſind mehr oder weniger in Gefahr, auf dieſen Abweg zu gerathen. Die Vernunft zieht bei ihren Schöpfungen die Grenzen der Sinnenwelt viel zu wenig 5 zurath, und der Gedanke wird immer weiter getrieben, als die Erfahrung ihm folgen kann. Wird er aber ſo weit getrieben, daſs ihm nicht nur keine beſtimmte Erfahrung mehr entſprechen kann (denn bis dahin darf und muſs das Idealſchöne gehen), ſondern daſs er den Bedingungen aller möglichen Erfahrung überhaupt widerſtreitet, und dajs folglich, o um ihn wirklich zu machen, die menſchliche Natur ganz und gar ver— laſſen werden müſste, dann iſt es nicht mehr ein poetiſcher, ſondern ein überſpannter Gedanke: vorausgeſetzt nämlich, daſs er ſich als darſtellbar | und dichteriſch angekündiget habe; denn hat er dieſes nicht, jo iſt es ſchon genug, wenn er ſich nur nicht ſelbſt widerſpricht. Widerſpricht er 5 ſich ſelbſt, jo iſt er nicht mehr Überſpannung, ſondern Unſinn; denn 5 was überhaupt nicht iſt, das kann auch ſein Maß nicht überſchreiten. E Kündigt er ſich aber gar nicht als ein Object für die Einbildungskraft an, fo iſt er ebenſowenig Überſpannung; denn das bloße Denken iſt grenzenlos und was keine Grenze hat, kann auch keine überſchreiten. Überſpannt kann alſo nur dasjenige genannt werden, was zwar nicht [7 — o e, 1 und bedürftig iſt, jo wird das naive Gefühl nicht immer exaltiert = III. Beſchluſs der Abhandlung über naive und ſentimentaliſche Dichter. 61 die logiſche aber die ſinnliche Wahrheit verletzt und auf dieſe doch Anſpruch macht. Wenn daher ein Dichter den unglücklichen Einfall hat, Naturen, die ſchlechthin übermenſchlich ſind und auch nicht anders orgeſtellt werden dürfen, zum Stoff ſeiner Schilderung zu erwählen, o kann er ſich vor dem Überſpannten nur dadurch ſicherſtellen, dass er das Poetiſche aufgibt und es gar nicht einmal unternimmt, ſeinen 8 Gegenſtand durch die Einbildungskraft ausführen zu laſſen. Denn thäte er dieſes, ſo würde entweder dieſe ihre Grenzen auf den Gegenſtand übertragen und aus einem abſoluten Object ein beſchränktes menſchliches machen (was z. B. alle griechiſchen Gottheiten ſind und auch ſein ſollen), oder der Gegenſtand würde der Einbildungskraft ihre Grenzen nehmen, d. h. er würde fie aufheben, worin eben das Überſpaunte beſteht. : Man mufs die überſpannte Empfindung von dem Überſpannten in der Darſtellung unterſcheiden; nur von der erſten iſt hier die Rede. Das Object der Empfindung kann unnatürlich ſein, aber ſie ſelbſt iſt Er Natur und mujs daher auch die Sprache derſelben führen. Wenn aljo das Überſpannte in der Empfindung aus Wärme des Herzens und eeiner wahrhaft dichteriſchen Anlage fließen kann, jo zeugt das Über— — ſpannte in der Darſtellung jederzeit von einem kalten Herzen und ſehr welchem das ſentimentaliſche Dichtergenie gewarnt werden müfſste, ſondern der bloß dem unberufenen Nachahmer desſelben drohet, daher er auch die Begleitung des Platten, Geiſtloſen, ja des Niedrigen keines— wegs verſchmäht. Die überſpannte Empfindung iſt gar nicht ohne Wahrheit, Gegenſtand haben. Sie läſst daher auch, weil fie Natur iſt, einen ein— fachen Ausdruck zu und wird, vom Herzen kommend, auch das Herz nicht verfehlen. Aber da ihr Gegenſtand nicht aus der Natur geſchöpft, ſondern durch den Verſtand einſeitig und künſtlich hervorgebracht iſt, ſo hat er auch bloß logiſche Realität, und die Empfindung iſt alſo nicht rein menſchlich. Es iſt keine Täuſchung, was Heloiſe für Abälard, was Petrarch für feine Laura, was St. Preux für feine Julie, was Werther für ſeine Lotte fühlt, und was Agathon, Phanias, Peregrinus Proteus (den Wieland'ſchen meine ich) für ihre Ideale empfinden; die Empfindung iſt wahr, nur der Gegenſtand iſt ein gemachter und liegt außerhalb der menſchlichen Natur. Hätte ſich ihr Gefühl bloß an die ſinnliche Wahrheit der Gegenſtände gehalten, ſo würde es jenen Schwung nicht haben nehmen können; hingegen würde ein bloß will— kürliches Spiel der Phantaſie ohne allen innern Gehalt auch nicht Stande geweſen ſein, das Herz zu bewegen, denn das Herz wird nur oft von einem poetiſchen Unvermögen. Es iſt alſo kein Fehler, vor : und als wirkliche Empfindung mufs fie auch nothwendig einen realen: 5 0 18 w w * 30% = 5 40: N 2 x 8 . 2 2 * n Fr ER" r n » er Fra & S * (=) * D 4 OD 62 Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. durch Vernunft bewegt. Dieſe Überſpannung verdient alſo Zurechtweiſung, nicht Verachtung, und wer darüber ſpottet, mag ſich wohl prüfen, ob er nicht vielleicht aus Herzloſigkeit ſo klug, aus Vernunftmangel ſo verſtändig iſt. So iſt auch die überſpannte Zärtlichkeit im Punkt der Galanterie und der Ehre, welche die Ritterromane, beſonders die ſpaniſchen, charakteriſiert, ſo iſt die ſerupuloſe, bis zur Koſtbarkeit getriebene Delicateſſe in den franzöſiſchen und engliſchen ſentimentaliſchen Romanen (von der beſten Gattung) nicht nur ſubjectiv wahr, ſondern auch in objectiver Rückſicht nicht gehaltlos; es ſind echte Empfindungen, die wirklich eine moraliſche Quelle haben, und die nur darum verwerflich ſind, weil ſie die Grenzen menſchlicher Wahrheit überſchreiten. Ohne jene moraliſche Realität — wie wäre es möglich, daſs fie mit ſolcher Stärke und Innigkeit könnten mitgetheilt werden, wie doch die Erfahrung lehrt. Dasſelbe gilt auch von der moraliſchen und religiöſen Schwärmerei und von der exaltierten Freiheits- und Vaterlandsliebe. Da die Gegen- ſtände dieſer Empfindungen immer Ideen ſind und in der äußern Erfahrung nicht erſcheinen (denn was z. B. den politiſchen Enthuſiaſten bewegt, iſt nicht, was er ſiehet, ſondern was er denkt), ſo hat die ſelbſt⸗ thätige Einbildungskraft eine gefährliche Freiheit und kann nicht, wie in andern Fällen, durch die ſinnliche Gegenwart ihres Objects in ihre Grenzen zurückgewieſen werden. Aber weder der Menſch überhaupt noch der Dichter insbeſondere darf ſich der Geſetzgebung der Natur anders entziehen, als um ſich unter die entgegengeſetzte der Vernunft zu begeben; nur für das Ideal darf er die Wirklichkeit verlaſſen, denn an einem von dieſen beiden Ankern mufs die Freiheit befeſtiget ſein. Aber der Weg von der Erfahrung zum Ideale iſt jo weit, und dazwiſchen liegt die Phantaſie mit ihrer zügelloſen Willkür. Es iſt daher unver— meidlich, daſs der Menſch überhaupt wie der Dichter insbeſondere, wenn er ſich durch die Freiheit ſeines Verſtandes aus der Herrſchaft der Gefühle begibt, ohne durch Geſetze der Vernunft dazu getrieben zu werden, d. h. wenn er die Natur aus bloßer Freiheit verläſst, jo lang ohne Geſetz iſt, mithin der Phantaſterei zum Raube dahingegeben wird. Daſs ſowohl ganze Völker als einzelne Menſchen, welche der ſichern Führung der Natur ſich entzogen haben, ſich wirklich in dieſem Falle befinden, lehrt die Erfahrung, und eben dieſe ſtellt auch Beiſpiele genug von einer ähnlichen Verwirrung in der Dichtkunſt auf. Weil der echte ſentimentaliſche Dichtungstrieb, um ſich zum idealen zu erheben, über die Grenzen wirklicher Natur hinausgehen mußs, jo geht der unechte über jede Grenze überhaupt hinaus und überredet ſich, als wenn ſchon das wilde Spiel der Imagination die poetiſche Begeiſterung ausmache. KUN ig 4 willen verläſſet, kann dieſes nie oder doch nur in Momenten begegnen, wo es ſich ſelbſt verloren hat; da es hingegen durch ſeine Natur ſelbſt zu einer überſpannten Empfindungsweiſe verführt werden kann. Es kann aber durch ſein Beiſpiel andere zur Phantaſterei verführen, weil Leſer von reger Phantaſie und ſchwachem Verſtand ihm nur die Freiheiten * ibſehen, die es ſich gegen die wirkliche Natur herausnimmt, ohne ihm bis zu ſeiner hohen innern Nothwendigkeit folgen zu können. Es geht dem ſentimentaliſchen Genie hier, wie wir bei dem Naiven geſehen haben. Weil dieſes durch ſeine Natur alles ausführte, was es thut, ſo will der gemeine Nachahmer an ſeiner eigenen Natur keine ſchlechtere Führerin 2 haben. Meiſterſtücke aus der naiven Gattung werden daher gewöhnlich die platteſten und ſchmutzigſten Abdrücke gemeiner Natur, und Haupt- werke aus der ſentimentaliſchen ein zahlreiches Heer phantaſtiſcher Productionen zu ihrem Gefolge haben, wie dieſes in der Literatur eines 5 jeden Volkes leichtlich nachzuweiſen iſt. Es ſind in Rückſicht auf Poeſie zwei Grundſätze im Gebrauch, die an ſich völlig richtig ſind, aber in der Bedeutung, worin man ſie : gewöhnlich nimmt, einander gerade aufheben. Von dem erſten, „daſss 5 die Dichtkunſt zum Vergnügen und zur Erholung diene,“ iſt ſchon oben geſagt worden, dafs er der Leerheit und Platitude in poetiſchen Dar— ſtellungen nicht wenig günſtig ſei; durch den andern Grundſatz, „dass fie zur moralischen Veredlung des Menſchen diene,“ wird das Über- ſpannte in Schutz genommen. Es iſt nicht überflüſſig, beide Principien, welche man ſo häufig im Munde führt, oft ſo ganz unrichtig auslegt und ſo ungeſchickt anwendet, etwas näher zu beleuchten. Wir nennen Erholung den Übergang von einem gewaltſamen Zuſtand zu demjenigen, der uns natürlich iſt. Es kommt mithin hier alles darauf an, worein wir unſern natürlichen Zuſtand ſetzen, und was wir unter einem gewaltſamen verſtehen. Setzen wir jenen lediglich in ein ungebundenes Spiel unſrer phyſiſchen Kräfte und in eine Befreiung von jedem Zwang, fo iſt jede Vernunftthätigkeit, weil jede einen Widerſtand gegen die Sinnlichkeit ausübt, eine Gewalt, die uns geſchieht, und Geiſtes— ruhe, mit ſinnlicher Bewegung verbunden, iſt das eigentliche Ideal der Erholung. Setzen wir hingegen unſern natürlichen Zuſtand in ein Auunbegrenztes Vermögen zu jeder menſchlichen Außerung und in die Fahigkeit, über alle unſere Kräfte mit gleicher Freiheit dispouieren zu können, ſo iſt jede Trennung und Vereinzelung dieſer Kräfte ein gewaltſamer Zuſtand, und das Ideal der Erholung iſt die Wieder— herſtellung unſeres Naturganzen nach einſeitigen Spannungen. Das 5 20 25 30 30 40% Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. erſte Ideal wird alſo lediglich durch das Bedürfnis der ſinnlichen Natur, das zweite wird durch die Selbſtändigkeit der menſchlichen aufgegeben. Welche von dieſen beiden Arten der Erholung die Dicht— fe kunſt gewähren dürfe und müſſe, möchte in der Theorie wohl keine * Frage fein; denn niemand wird gerne das Anſehen haben wollen, als ob er das Ideal der Menſchheit dem Ideale der Thierheit nachzuſetzen — verſucht ſein könne. Nichts deſtoweniger ſind die Forderungen, welche = man im wirklichen Leben an poetiſche Werke zu machen pflegt, vorzugs- weiſe von dem ſinnlichen Ideal hergenommen, und in den meiſten Fällen I io wird nach dieſem — zwar nicht die Achtung beſtimmt, die man dieſen Werken erweist, aber doch die Neigung entſchieden und der Liebling gewählt. Der Geiſteszuſtand der mehreſten Menſchen iſt auf einer Seite anſpannende und erſchöpfende Arbeit, auf der andern erſchlaffender Genuſs. Jene aber, wiſſen wir, macht das ſinnliche Bedürfnis nach 1s Geiſtesruhe und nach einem Stillſtand des Wirkens ungleich dringender als das moraliſche Bedürfnis nach Harmonie und nach einer abſoluten— Freiheit des Wirkens, weil vor allen Dingen erſt die Natur befriediget ſein muſs, ehe der Geiſt eine Forderung machen kann; dieſer bindet und lähmt die moraliſchen Triebe ſelbſt, welche jene Forderung — 20 aufwerfen muſsten. Nichts iſt daher der Empfänglichkeit für das wahre Schöne nachtheiliger, als dieſe beiden nur allzugewöhnlichen Gemüths-— ſtimmungen unter den Menſchen, und es erklärt ſich daraus, warum ſo gar wenige, ſelbſt von den Beſſern, ja den Beſten, in äſthetiſchen Dingen ein Urtheil haben. Die Schönheit iſt das Product der Zuſammen⸗ 2s ſtimmung zwiſchen dem Geiſt und den Sinnen, es ſpricht zu allen Vermögen des Menſchen zugleich und kann daher nur unter der Vor— ausſetzung eines vollſtändigen und freien Gebrauchs aller ſeiner Kräfte empfunden und gewürdigt werden. Einen offenen Sinn, ein erweitertes Herz, einen friſchen und ungeſchwächten Geiſt muſs man dazu mit— 30 bringen, feine ganze Natur muſs man beiſammen haben, welches keines- wegs der Fall derjenigen iſt, die durch abftractes Denken in ſich ſelbſt getheilt, durch kleinliche Geſchäftsformeln eingeengt, durch anſtrengendes Aufmerken ermattet ſind. Dieſe verlangen zwar nach einem ſinnlichen Stoff, aber nicht um das Spiel der Denkkräfte daran fortzuſetzen, s fondern um es einzuſtellen. Sie wollen frei fein, aber nur von einer Laſt, die ihre Trägheit ermüdete, nicht von einer Schranke, die ihre 2 Thätigkeit hemmte. 3 Darf man ſich alſo noch über das Glück der Mittelmäßigkeit und I Leerheit in äſthetiſchen Dingen und über die Rache der ſchwachen Geiſter 40 an dem wahren und energiſchen Schönen verwundern? Auf Erholung 1 94 9 3 | 2 i Ri III. Beſchluſs der Abhandlung über naive und ſentimentaliſche Dichter. 65 rechneten ſie bei dieſem, aber auf eine Erholung nach ihrem Bedürfnis und nach ihrem armen Begriff, und mit Verdruſs entdecken fie, daſs ihnen jetzt erſt eine Kraftäußerung zugemuthet wird, zu der ihnen auch in ihrem beſten Moment das Vermögen fehlen möchte. Dort hingegen ſind ſie willkommen, wie ſie ſind, denn ſo wenig Kraft ſie auch mit— bringen, ſo brauchen ſie doch noch viel weniger, um den Geiſt ihres Schriftſtellers auszuſchöpfen. Der Laſt des Denkens ſind ſie hier auf einmal entledigt, und die losgeſpannte Natur darf ſich im ſeligen Genuss des Nichts auf dem weichen Polſter der Platitude pflegen. In dem Tempel Thaliens und Melpomenens, ſo wie er bei uns beſtellt iſt, thront die geliebte Göttin, empfängt in ihrem weiten Schoß den ſtumpf— ſinnigen Gelehrten und den erſchöpften Geſchäftsmann und wiegt den Geiſt in einen magnetiſchen Schlaf, indem ſie die erſtarrten Sinne erwärmt und die Einbildungskraft in einer ſüßen Bewegung ſchaukelt. Und warum wollte man den gemeinen Köpfen nicht nachſehen, was ſelbſt den Beſten oft genug zu begegnen pflegt. Der Nachlaſs, welchen die Natur nach jeder anhaltenden Spannung fordert und ſich auch ungefordert nimmt (und nur für ſolche Momente pflegt man den Genuss ſchöner Werke aufzuſparen), iſt der äſthetiſchen Urtheilskraft fo wenig günſtig, daſs unter den eigentlich beſchäftigten Claſſen nur äußerſt wenige ſein werden, die in Sachen des Geſchmackes mit Sicher— heit und, worauf hier ſoviel ankommt, mit Gleichförmigkeit urtheilen können. Nichts iſt gewöhnlicher, als dafs ſich die Gelehrten den gebildeten Weltleuten gegenüber in Urtheilen über die Schönheit die lächerlichſten Blößen geben, und daſs beſonders die Kunſtrichter von Handwerk der Spott aller Kenner ſind. Ihr verwahrlostes, bald überſpanntes, bald rohes Gefühl leitet ſie in den mehreſten Fällen falſch, und wenn ſie auch zu Vertheidigung desſelben in der Theorie etwas aufgegriffen haben, jo können fie daraus nur techniſche (die Zweckmäßigkeit eines Werks betreffende), nicht aber äſthetiſche Urtheile bilden, welche immer das Ganze umfaſſen müſſen, und bei denen alſo die Empfindung ent⸗ ſcheiden muſs. Wenn ſie endlich nur gutwillig auf die letztern Verzicht leiſten und es bei den erſtern bewenden laſſen wollten, ſo möchten ſie immer noch Nutzen genug ſtiften, da der Dichter in ſeiner Begeiſterung und der empfindende Leſer im Moment des Genuſſes das Einzelne gar leicht vernachläſſigen. Ein deſto lächerlicheres Schauſpiel iſt es aber, wenn dieſe rohen Naturen, die es mit aller peinlichen Arbeit an ſich ſelbſt höchſtens zu Ausbildung einer einzelnen Fertigkeit bringen, ihr dürftiges Individuum zum Repräſentanten des allgemeinen Gefühls aufſtellen und im Schweiß ihres Angeſichts — über das Schöne richten. Schiller: über naive und ſentimentaliſche Dichtung. 5 — 0 5 12 o * 5 = 5 40 A hi; “2 ER A Aw chin Var, u ht Aa 66 Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. Dem Begriff der Erholung, welche die Poeſie zu gewähren habe, werden, wie wir geſehen, gewöhnlich viel zu enge Grenzen geſetzt, weil man ihn zu einſeitig auf das bloße Bedürfnis der Sinnlichkeit zu beziehen pflegt. Gerade umgekehrt wird dem Begriff der Veredlung, welche der Dichter beabſichtigen ſoll, gewöhnlich ein viel zu weiter Umfang gegeben, weil man ihn zu einſeitig nach der bloßen Idee beſtimmt. Der Idee nach geht nämlich die Veredlung immer ins Unendliche, weil die Vernunft in ihren Forderungen ſich an die nothwendigen Schranken der Sinnenwelt nicht bindet und nicht eher als bei dem abſolut Voll- kommenen ſtille ſteht. Nichts, worüber ſich noch etwas Höheres denken läſst, kann ihr Genüge leiſten; vor ihrem ftrengen Gerichte entſchuldigt kein Bedürfnis der endlichen Natur: ſie erkennt keine andern Grenzen an, als des Gedankens, und von dieſem wiſſen wir, dafs er ſich über alle Grenzen der Zeit und des Raumes ſchwingt. Ein ſolches Ideal der Veredlung, welches die Vernunft in ihrer reinen Geſetzgebung vor— zeichnet, darf ſich alſo der Dichter ebenſowenig als jenes niedrige Ideal der Erholung, welches die Sinnlichkeit aufſtellt, zum Zwecke ſetzen, da er die Menſchheit zwar von allen zufälligen Schranken befreien ſoll, aber ohne ihren Begriff aufzuheben und ihre nothwendigen Grenzen zu verrücken. Was er über dieſe Linien hinaus ſich erlaubt, iſt Überfpannung, * und zu dieſer eben wird er nur allzuleicht durch einen falſch verſtandenen Begriff von Veredlung verleitet. Aber das Schlimme iſt, dass er ſich ſelbſt zu dem wahren Ideal menſchlicher Veredlung nicht wohl erheben kann, ohne noch einige Schritte über dasſelbe hinauszugerathen. Um nämlich dahin zu gelangen, muss er die Wirklichkeit verlaſſen, denn er kann es, wie jedes Ideal, nur aus innern und moraliſchen Quellen ſchöpfen. Nicht in der Welt, die ihn umgibt und im Geräuſch des handelnden Lebens, in ſeinem Herzen nur trifft er es an, und nur in der Stille einſamer Betrachtung findet er ſein Herz. Aber dieſe Ab⸗ gezogenheit vom Leben wird nicht immer bloß die zufälligen — ſie wird öfters auch die nothwendigen und unüberwindlichen Schranken der. Menſchheit aus ſeinen Augen rücken, und indem er die reine Form ſucht, wird er in Gefahr ſein, allen Gehalt zu verlieren. Die Vernunft wird ihr Geſchäft viel zu abgeſondert von der Erfahrung treiben, und was der contemplative Geiſt auf dem ruhigen Wege des Denkens aufgefunden, wird der handelnde Menſch auf dem drangvollen Wege des Lebens nicht in Erfüllung bringen können. So bringt gewöhnlich eben das den Schwärmer hervor, was allein im Stande war, den Weiſen zu bilden, und der Vorzug des letztern möchte wohl weniger darin beſtehen, dafs 40 er das erſte nicht geworden, als darin, daſs er es nicht geblieben iſt. E — E — E 2 E 2 a 3 S 3 . III. Beſchluſs der Abhandlung über naive und ſentimentaliſche Dichter. 67 Da es alſo weder dem arbeitenden Theile der Menſchen überlafjey werden darf, den Begriff der Erholung nach feinem Bedürfnis, nach dem contemplativen Theile, den Begriff der Veredlung nach ſeinen Speculationen zu beſtimmen, wenn jener Begriff nicht zu phyſiſch und der Poeſie zu unwürdig, dieſer nicht zu hyperphyſiſch und der Poeſie zu überſchwenglich ausfallen ſoll — dieſe beiden Begriffe aber, wie die Erfahrung lehrt, das allgemeine Urtheil über Poeſie und poetiſche Werke regieren, ſo müſſen wir uns, um ſie auslegen zu laſſen, nach einer Claſſe von Menſchen umſehen, welche ohne zu arbeiten thätig iſt, und idealiſieren kann, ohne zu ſchwärmen welche alle Realitäten des Lebens mit den wenigſtmöglichen Schranken desſelben in ſich vereiniget, und vom Strome der Begebenheiten getragen wird, ohne der Raub desſelben zu werden. Nur eine ſolche Claſſe kann das ſchöne Ganze menſchlicher Natur, welches durch jede Arbeit augenblicklich und durch ein arbeitendes Leben anhaltend zerſtört wird, aufbewahren, und in allem, was rein menſchlich iſt, durch ihre Gefühle dem allgemeinen Urtheil Geſetze geben. Ob eine ſolche Claſſe wirklich exiſtiere, oder vielmehr ob diejenige, welche unter ähnlichen äußeren Verhältniſſen wirklich exiſtiert, dieſem Begriffe auch im innern entſpreche, iſt eine andere Frage, mit der ich hier nichts zu ſchaffen habe. Entſpricht ſie demſelben nicht, ſo hat ſie bloß ſich ſelbſt anzuklagen, da die entgegengeſetzte arbeitende Claſſe wenigſtens die Genugthuung hat, ſich als ein Opfer ihres Berufs zu — 0 betrachten. In einer ſolchen Volksclaſſe (die ich aber hier bloß als Idee aufſtelle, und keineswegs als ein Factum bezeichnet haben will) würde ſich der naive Charakter mit dem ſentimentaliſchen alſo vereinigen, dafs jeder den andern vor ſeinem Extreme bewahrte, und indem der erſte das Gemüth vor Überſpannung ſchützte, der andere es vor Erſchlaffung ſicher ſtellte. Denn endlich müſſen wir es doch geſtehen, daſs weder der naive noch der ſentimentaliſche Charakter, für ſich allein betrachtet, das Ideal ſchöner Menſchlichkeit ganz erſchöpfen, das nur aus der innigen Verbindung beider hervorgehen kann. Zwar ſolange man beide Charaktere bis zum dichteriſchen exaltiert, wie wir ſie auch bisher betrachtet haben, verliert ſich vieles von den ihnen adhärierenden Schranken, und auch ihr Gegenſatz wird immer weniger merklich, in einem je höhern Grade ſie poetiſch werden; denn die poetiſche Stimmung iſt ein ſelbſtändiges Ganze, in welchem alle Unterſchiede und alle Mängel verſchwinden. Aber eben darum, weil » 5 = 0 = 5 es nur der Begriff des poetiſchen iſt, in welchem beide Empfindungs- arten zuſammentreffen können, ſo wird ihre gegenſeitige Verſchiedenheit und Bedürftigkeit in demſelben Grade merklicher, als ſie den poetiſchen 5* EI 0 Charakter ablegen; und dies ift der Fall im gemeinen Leben. Je tiefe ſie zu dieſem herabſteigen, deſto mehr verlieren ſie von ihrem genetiſchen Charakter, der ſie einander näher bringt, bis zuletzt in ihren Caricaturen nur der Artcharakter übrig bleibt, der ſie einander entgegenſetzt. IV. Bemerkungen, einen charakteriſtiſchen Uuterſchied unter den Menſchen betreffend. (Sdealiſten und Realiſten.) Dieſes führt mich auf einen ſehr merkwürdigen pfychologiſchen Antagonism unter den Menſchen in einem ſich cultivierenden Jahr⸗ 1o hundert: einen Antagonism, der, weil er radical und in der innern Gemühtsform gegründet iſt, eine ſchlimmere Trennung unter den Menſchen anrichtet, als der zufällige Streit der Intereſſen je hervorbringen könnte, der dem Künſtler und Dichter alle Hoffnung benimmt, allgemein zu 3 3 gefallen und zu rühren, was doch feine Aufgabe iſt, der es dem Philoſophen, 55 . 15 auch wenn er alles gethan hat, unmöglich macht, allgemein zu überzeugen, 1 was doch der Begriff einer Philoſophie mit ſich bringt, der es endlich 5 dem Menſchen im praktiſchen Leben niemals vergönnen wird, ſeine Handlungsweiſe allgemein gebilligt zu ſehen: kurz einen Gegenſatz, welcher Schuld iſt, daſs kein Werk des Geiſtes und keine Handlung des Herzens 20 bei einer Claſſe ein entſcheidendes Glück machen kann, ohne eben dadurch Be bei der andern ſich einen Verdammungsſpruch zuzuziehen. Dieſer Gegen * fat iſt ohne Zweifel jo alt, als der Anfang der Cultur, und dürfte vor — 5 dem Ende derſelben ſchwerlich anders als in einzelnen ſeltenen Subjecten, 5 6 deren es hoffentlich immer gab und immer geben wird, beigelegt werden; 25 aber obgleich zu ſeinen Wirkungen auch dieſe gehört, dass er jeden a Verſuch zu feiner Beilegung vereitelt, weil kein Theil dahin zu bringen iſt, einen Mangel auf ſeiner Seite und eine Realität auf der anderen a einzugeſtehen, jo iſt es doch immer Gewinn genug, eine ſo wichtige Trennung bis zu ihrer letzten Quelle zu verfolgen und dadurch den 30 eigentlichen Punkt des Streites wenigſtens auf eine einfachere Formel zu bringen. ö Man gelangt am beſten zu dem wahren Begriff dieſes Gegen— ſatzes, wenn man, wie ich eben bemerkte, ſowohl von dem naiven als von dem ſentimentaliſchen Charakter abſondert, was beide poetiſches 35 haben. Es bleibt alsdann von dem erſtern nichts übrig, als, in Rückſicht auf das theoretiſche, ein nüchterner Beobachtungsgeiſt und eine feſte An⸗ hänglichkeit an das gleichförmige Zeugnis der Sinne, in Rückſicht auf D E IV. Idealiſten und Realiſten. das praktiſche eine reſignierte Unterwerfung unter die Nothwendigkeit (nicht aber unter die blinde Nöthigung) der Natur: eine Ergehung alſo in das, was iſt und was ſein mujs. Es bleibt von dem ſentimen⸗ taliſchen Charakter nichts übrig, als (im theoretiſchen) ein unruhiger Speculationsgeiſt, der auf das Unbedingte in allen Erkenntniſſen dringt, im praktiſchen ein moraliſcher Rigorism, der auf dem Unbedingten in Willenshandlungen beſtehet. Wer ſich zu der erſten Claſſe zählt, kann ein Realiſt, und wer zur andern, ein Idealiſt genannt werden, bei welchem Namen man ſich aber weder an den guten noch ſchlimmen Sinn, den man in der Metaphyſik damit verbindet, erinnern darf.“) Da der Realiſt durch die Nothwendigkeit der Natur ſich beſtimmen läſst, der Idealiſt durch die Nothwendigkeit der Vernunft ſich beſtimmt, fo muſßs zwiſchen beiden dasſelbe Verhältnis ſtattfinden, welches zwiſchen den Wirkungen der Natur und den Handlungen der Vernunft angetroffen wird. Die Natur, wiſſen wir, obgleich eine unendliche Größe im ganzen, zeigt ſich in jeder einzelnen Wirkung abhängig und bedürftig; nur in dem All ihrer Erſcheinungen drückt ſie einen ſelbſtändigen großen Charakter aus. Alles Individuelle in ihr iſt nur deswegen, weil etwas anderes iſt; nichts ſpringt aus ſich ſelbſt, alles nur aus dem vorher— gehenden Moment hervor, um zu einem folgenden zu führen. Aber eben dieſe gegenſeitige Beziehung der Erſcheinungen aufeinander ſichert einer jeden das Daſein durch das Daſein der andern, und von der Abhängigkeit ihrer Wirkungen iſt die Stetigkeit und Nothwendigkeit derſelben unzertrennlich. Nichts iſt frei in der Natur, aber auch nichts iſt willkürlich in derſelben. Und gerade ſo zeigt ſich der Realiſt, ſowohl in ſeinem Wiſſen als in ſeinem Thun. Auf alles, was bedingungsweiſe exiſtiert, erſtreckt ſich der Kreis ſeines Wiſſens und Wirkens, aber nie bringt er es auch weiter als zu bedingten Erkenntniſſen, und die Regeln, die er ſich aus *) Ich bemerke, um jeder Miſsdeutung vorzubeugen, dafs es bei dieſer Eintheilung ganz und gar nicht darauf abgeſehen iſt, eine Wahl zwiſchen beiden, folglich eine Begünſtigung des einen mit Ausſchließung des andern zu veranlaſſen. Gerade dieſe Ausſchließung, welche ſich in der Erfahrung findet, bekämpfe ich; und das Reſultat der gegenwärtigen Betrachtungen wird der Beweis ſein, dafs nur durch die vollkommen gleiche Einſchließung beider dem Vernunftbegriffe der Menſchheit kann Genüge geleiftet werden. Übrigens nehme ich beide in ihrem würdigſten Sinn und in der ganzen Fülle ihres Begriffs, der nur immer mit der Reinheit desſelben und mit Beibehaltung ihrer ſpecifiſchen Unterſchiede beſtehen kann. Auch wird es ſich zeigen, daſs ein hoher Grad menſchlicher Wahrheit ſich mit beiden verträgt, und dafs ihre Abweichungen voneinander, zwar im einzelnen, aber nicht im ganzen, zwar der Form, aber nicht dem Gehalt nach, eine Veränderung machen. 10 15 20 25 35 2 2 3 3 s0 ſtändigkeit und Vollendung gleich in jede einzelne Handlung. Aus fich . = * * 0 5 0 über naive und ſentimentaliſche Dichtung. einzelnen Erfahrungen bildet, gelten, in ihrer ganzen Strenge genommen, auch nur einmal; erhebt er die Regel des Augenblicks zu einem all- gemeinen Geſetz, jo wird er ſich unausbleiblich in Irrthum ſtürzen. Will daher der Realiſt in ſeinem Wiſſen zu etwas Unbedingtem gelangen, ſo muſs er es auf dem nämlichen Wege verſuchen, auf dem die Natur ein Unendliches wird, nämlich auf dem Wege des Ganzen und in dm All der Erfahrung. Da aber die Summe der Erfahrung nie völlig u abgeſchloſſen wird, jo iſt eine comparative Allgemeinheit das Höchſte, 2 was der Realiſt in ſeinem Wiſſen erreicht. Auf die Wiederkehr ähnlicher 3 Fälle baut er feine Einſicht und wird daher richtig urtheilen in allem, was in der Ordnung iſt; in allem hingegen, was zum erſtenmal ſich darſtellt, kehrt ſeine Weisheit zu ihrem Anfang zurück. a Was von dem Wiſſen des Realiſten gilt, das gilt auch von ſeinem (moraliſchen) Handeln. Sein Charakter hat Moralität, aber dieſe liegt, ihrem reinen Begriffe nach, in keiner einzelnen That, nur in der ganzen Summe feines Lebens. In jedem beſondern Fall wird er durch äußre Urſachen und durch äußre Zwecke beſtimmt werden; nur daſs jene — Urſachen nicht zufällig, jene Zwecke nicht augenblicklich ſind, ſondern aus dem Naturganzen ſubjectiv fließen und auf dasſelbe fich objectiv beziehen. Die Antriebe ſeines Willens ſind alſo zwar in rigoriſtiſchem Sinne weder frei genug, noch moraliſch lauter genug, weil ſie etwas anders als den bloßen Willen zu ihrer Urſache und etwas anders als das bloße Geſetz zu ihrem Gegenſtand haben; aber es find ebenſowenig blinde und materialiſtiſche Antriebe, weil dieſes andre das abſolute Ganze der Natur, folglich etwas Selbſtändiges und Nothwendiges iſt. So zeigt ſich der gemeine Menſchenverſtand, der vorzügliche Antheil des Realiſten, durchgängig im Denken und im Betragen. Aus dem einzelnen Falle ſchöpft er die Regel ſeines Urtheils, aus einer innern Empfindung die Regel ſeines Thuns; aber mit glücklichem Inſtinet weiß er von beiden alles Momentane und Zufällige zu ſcheiden. Bei dieſen Methode fährt er im ganzen vortrefflich und wird ſchwerlich einen RE bedeutenden Fehler ſich vorzuwerfen haben; nur auf Größe und Würde möchte er in keinem beſonderen Fall Anſpruch machen können. Dieſe iſt nur der Preis der Selbſtändigkeit und Freiheit, und davon ſehen wir in ſeinen einzelnen Handlungen zu wenige Spuren g Ganz anders verhält es ſich mit dem Idealiſten, der aus ſich ſelbſt und aus der bloßen Vernunft ſeine Erkenntniſſe und Motive nimmt. Wenn die Natur in ihren einzelnen Wirkungen immer abhängig und beſchränkt erſcheint, ſo legt die Vernunft den Charakter der Selb⸗ IV. Idealiſten und Realiſten. ſelbſt ſchöpft fie alles, und auf ſich ſelbſt bezieht fie alles. Was durch ſie geſchieht, geſchieht nur um ihretwillen; eine abſolute Größe iſt jeder Begriff, den ſie aufſtellt, und jeder Entſchluſs, den ſie beſtimmt. Und ebenſo zeigt ſich auch der Idealiſt, ſoweit er dieſen Namen mit Recht führt, in feinem Wiſſen, wie in feinem Thun. Nicht mit Erkenntniſſen zufrieden, die bloß unter beſtimmten Vorausſetzungen giltig ſind, ſucht er bis zu Wahrheiten zu dringen, die nichts mehr vorausſetzen und die Vorausſetzung von allem andern ſind. Ihn befriedigt nur die philoſophiſche Einſicht, welche alles bedingte Wiſſen auf ein unbedingtes zurückführt und an dem Nothwendigen in dem menſchlichen Geiſt alle Erfahrung befeſtiget; die Dinge, denen der Realiſt ſein Denken unterwirft, muss er ſich, ſeinem Denkvermögen, unterwerfen. Und er verfährt hierin mit völliger Befugnis, denn wenn die Geſetze des menſchlichen Geiſtes nicht auch zugleich die Weltgeſetze wären, wenn die Vernunft endlich ſelbſt unter der Erfahrung ſtünde, ſo würde auch keine Erfahrung möglich ſein. Aber er kann es bis zu abſoluten Wahrheiten gebracht haben, und dennoch in ſeinen Kenntniſſen dadurch nicht viel gefördert ſein Denn alles freilich ſteht zuletzt unter nothwendigen und allgemeinen Geſetzen, aber nach zufälligen und beſondern Regeln wird jedes ein— zelne regiert; und in der Natur iſt alles einzeln. Er kann alſo mit ſeinem philoſophiſchen Wiſſen das Ganze beherrſchen und für das Be— ſondere, für die Ausübung, dadurch nichts gewonnen haben: ja, indem er überall auf die oberſten Gründe dringt, durch die alles möglich wird, kann er die nächſten Gründe, durch die alles wirklich wird, leicht verſäumen; indem er überall auf das Allgemeine ſein Augenmerk richtet, welches die verſchiedenſten Fälle einander gleich macht, kann er leicht das Beſondre vernachläſſigen, wodurch ſie ſich voneinander unter— ſcheiden. Er wird alſo ſehr viel mit ſeinem Wiſſen umfaſſen können und vielleicht eben deswegen wenig faſſen und oft an Einſicht ver— lieren, was er an Überficht gewinnt. Daher kommt es, dafs, wenn der ſpeculative Verſtand den gemeinen um ſeiner Beſchränktheit willen verachtet, der gemeine Verſtand den ſpeculativen ſeiner Leerheit wegen verlacht; denn die Erkenntniſſe verlieren immer an beſtimmtem Gehalt, was ſie an Umfang gewinnen. In der moraliſchen Beurtheilung wird man bei dem Idealiſten eine reinere Moralität im einzelnen, aber weit weniger moraliſche Gleich— förmigkeit im ganzen finden. Da er nur inſofern Idealiſt heißt, als er aus reiner Vernunft ſeine Beſtimmungsgründe nimmt, die Vernunft aber in jeder ihrer Außerungen ſich abſolut beweist, ſo tragen ſchon ſeine einzelnen Handlungen, ſobald ſie überhaupt nur moraliſch ſind, D — 5 » 0 1 5 = 0 = 5 — 0 a 2 E u 2 E 3 S 85 Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. . den ganzen Charakter moraliſcher Selbſtändigkeit und Freiheit, u gibt es überhaupt nur im wirklichen Leben eine wahrhaft ſittliche Tha die es auch vor einem rigoriſtiſchen Urtheil bliebe, ſo kann ſie nur v dem Idealiſten ausgeübt werden. Aber je reiner die Sittlichkeit ſein einzelnen Handlungen iſt, deſto zufälliger iſt ſie auch; denn Stetigkeit und Nothwendigkeit iſt zwar der Charakter der Natur, aber nicht der Freiheit. Nicht zwar, als ob der Idealismus mit der Sittlichkeit je in 2 i Streit gerathen könnte, welches ſich widerſpricht, ſondern weil die menſch⸗ liche Natur eines conſequenten Idealism gar nicht fähig iſt. Wenn ſich der Realiſt, auch in feinem moraliſchen Handeln, einer phyſiſchen Noth- wendigkeit ruhig und gleichförmig unterordnet, ſo muſs der Idealiſt einen Schwung nehmen, er muſßs augenblicklich ſeine Natur exaltieren, und er vermag nichts, als inſofern er begeiſtert iſt. Alsdann freilich vermag er auch deſtomehr, und ſein Betragen wird einen Charakter von Hoheit und Größe zeigen, den man in den Handlungen des Realiſten vergeblich ſucht. Aber das wirkliche Leben iſt keineswegs geſchickt, jene Begeiſterung in ihm zu wecken und noch viel weniger ſie gleichförmig zu nähren. Gegen das abſolut Große, von dem er jedesmal ausgeht, 8 macht das abſolut Kleine des einzelnen Falles, auf den er es anzumenden hat, einen gar zu ſtarken Abſatz. Weil ſein Wille der Form nach immer auf das Ganze gerichtet ift, fo will er ihn, der Materie nach, nicht auf Bruchſtücke richten, und doch ſind es mehrentheils nur geringfügige Leiſtungen, wodurch er ſeine moraliſche Geſinnung beweiſen kann. So geſchieht es denn nicht ſelten, dafs er über dem unbegrenzten Ideale den begrenzten Fall der Anwendung überſiehet und, von einem Maximum erfüllt, das Minimum verabſäumt, aus dem allein doch alles Große in der Wirklichkeit erwächst. Will man alſo dem Realiſten Gerechtigkeit widerfahren laſſen, ſo muſs man ihn nach dem ganzen Zuſammenhang ſeines Lebens richten; will man ſie dem Idealiſten erweiſen, ſo muſs man ſich an einzelnen Außerungen desſelben halten, aber man mufs dieſe erſt herauswählen. Das gemeine Urtheil, welches ſo gern nach dem einzelnen entſcheidet, wird daher über den Realiſten gleichgiltig ſchweigen, weil ſeine einzelne Lebensacte gleichwenig Stoff zum Lob und zum Tadel geben, über den Idealiſten hingegen wird es immer Partei ergreifen und zwiſchen Ver⸗ werfung und Bewunderung ſich theilen, weil in dem einzelnen ſein Mangel und ſeine Stärke liegt. Es iſt nicht zu vermeiden, daſs bei einer jo großen Abweichung in den Principien beide Parteien in ihren Urtheilen einander nicht oft gerade entgegengeſetzt ſein und, wenn fie ſelbſt in den Objecten und IV. Idealiſten und Realiſten. 73 Reſultaten übereinträfen, nicht in den Gründen auseinander ſein ſollten. Der Realiſt wird fragen, wozu eine Sache gut ſei? und die Dinge nach dem, was ſie wert ſind, zu taxieren wiſſen: der Idealiſt wird fragen, ob ſie gut ſei? und die Dinge nach dem taxieren, was ſie würdig find. Von dem, was feinen Wert und Zweck in ſich ſelbſt hat (das Ganze jedoch immer ausgenommen), weiß und hält der Realiſt nicht viel; in Sachen des Geſchmacks wird er dem Vergnügen, in Sachen der Moral wird er der Glückſeligkeit das Wort reden, wenn | er dieſe gleich nicht zur Bedingung des ſittlichen Handelns macht; auch | in feiner Religion vergijst er feinen Vortheil nicht gern, nur dafs er denſelben in dem Ideale des höchſten Guts veredelt und heiligt. Was er liebt, wird er zu beglücken, der Idealiſt wird es zu ver— edeln ſuchen. Wenn daher der Realiſt in ſeinen politiſchen Tendenzen 2 den Wohlſtand bezweckt, geſetzt, daſs es auch von der moraliſchen N Selbſtändigkeit des Volkes etwas koſten ſollte, jo wird der Idealiſt, N ſelbſt auf Gefahr des Wohlſtandes, die Freiheit zu feinem Augenmerk machen. Unabhängigkeit des Zuſtandes iſt jenem, Unabhängigkeit von dem Zuſtand iſt dieſem das höchſte Ziel, und dieſer charak— teriſtiſche Unterſchied läſst ſich durch ihr beiderſeitiges Denken und Handeln verfolgen. Daher wird der Realiſt ſeine Zuneigung immer dadurch beweiſen, daſs er gibt, der Idealiſt dadurch, daſs er empfängt; durch das, was er ſeiner Großmuth aufopfert, verräth jeder, was er am höchſten ſchätzt. Der Idealiſt wird die Mängel ſeines Syſtems mit ſeinem Individuum und ſeinem zeitlichen Zuſtand bezahlen, aber er achtet dieſes Opfer nicht; der Realiſt büßt die Mängel des ſeinigen mit ſeiner perſönlichen Würde, aber er erfährt nichts von dieſem Opfer. Sein Syſtem bewährt ſich an allem, wovon er Kundſchaft hat, und wornach er ein Bedürfnis empfindet — was bekümmern ihn Güter, von denen er keine Ahnung und an die er keinen Glauben hat? Genug für ihn, er iſt im Beſitze, die Erde iſt ſein, und es iſt Licht in ſeinem Verſtande, und Zufriedenheit wohnt in ſeiner Bruſt. Der Idealiſt hat lange kein jo gutes Schickſal. Nicht genug, dafs er oft mit dem Glücke zerfällt, weil er verſäumte, den Moment zu ſeinem Freunde zu machen, er zerfällt auch mit ſich ſelbſt, weder ſein Wiſſen, noch ſein Handeln kann ihm Genüge thun. Was er von ſich fordert, iſt ein Unendliches, aber beſchränkt iſt alles, was er leiſtet. Dieſe Strenge, die er gegen ſich ſelbſt beweist, verleugnet er auch nicht in ſeinem Betragen gegen andre. Er iſt zwar großmüthig, weil er ſich andern gegenüber ſeines Individuums weniger erinnert, aber er iſt öfters unbillig, weil er das Individuum ebenſo leicht in andern überſieht. Der Realiſt hingegen iſt weniger großmüthig, — 0 5 1 n 5 = 0 = 5 — 0 R 0 2 2 8832 Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. aber er iſt billiger, da er alle Dinge mehr in ihrer Begrenzu beurtheilt. Das Gemeine, ja ſelbſt das Niedrige im Denken und Hand kann er verzeihen, nur das Willkürliche, das Excentriſche nicht; * Idealiſt hingegen iſt ein geſchworner Feind alles Kleinlichen und Plat und wird ſich ſelbſt mit dem Extravaganten und Ungeheuren verſöhnen, wenn es nur von einem großen Vermögen zeugt. Jener beweist ſich als Menfchenfreund, ohne eben einen ſehr hohen Begriff von den Menſchen und der Menſchheit zu haben; dieſer denkt von der Menſchheit ſo groß. 3 daſs er darüber in Gefahr kommt, die Menſchen zu verachten. 5 . 10 Der Realiſt für ſich allein würde den Kreis der Menſchheit nie 5 über die Grenzen der Sinnenwelt hinaus erweitert, nie den menſchlichen 2 Geiſt mit ſeiner ſelbſtändigen Größe und Freiheit bekannt gemacht 4 5 haben; alles Abſolute in der Menſchheit ift ihm nur eine ſchöne Chimäre 5 und der Glaube daran nicht viel beſſer als Schwärmerei, weil er den Menſchen niemals in ſeinem reinen Vermögen, immer nur in einem beſtimmten und eben darum begrenzten Wirken erblickt. Aber der Idealiſt für ſich allein würde ebenſowenig die ſinnlichen Kräfte cultiviert und den Menſchen als Naturweſen ausgebildet haben, welches doch ein gleich 5 weſentlicher Theil feiner Beſtimmung und die Bedingung aller mora— a 20 liſchen Veredlung ift. Das Streben des Idealiſten geht viel zu ſehr 5 über das ſinnliche Leben und über die Gegenwart hinaus für dag 1 E — . E * Ganze nur, für die Ewigkeit will er ſäen und pflanzen; und vergiſst 8 darüber, daſs das Ganze nur der vollendete Kreis des Individuellen, Er daſs die Ewigkeit nur eine Summe von Augenblicken iſt. Die Welt, fi; 25 wie der Realiſt fie um fich herum bilden möchte und wirklich bildet, Be): ift ein wohl angelegter Garten, worin alles nützt, alles ſeine Stelle 93 verdient, und was nicht Früchte trägt, verbannt iſt; die Welt unter F. den Händen des Idealiſten iſt eine weniger benutzte, aber in einem * größeren Charakter ausgeführte Natur. Jenem fällt es nicht ein, dafs 1 der Menſch noch zu etwas anderm da ſein könne, als wohl und zufrieden zu leben, und daſs er nur deswegen Wurzeln ſchlagen ſoll, um ſeinen Stamm in die Höhe zu treiben. Dieſer denkt nicht daran, daſs er = 2 E 5 vor allen Dingen wohl leben mufs, um gleichförmig gut und edel zu I denken, und daſs es auch um den Stamm gethan ijt, wenn die 71 E 35 Wurzeln fehlen. 2 3 Wenn in einem Syſtem etwas ausgelaſſen iſt, wornach doch ei dringendes und nicht zu umgehendes Bedürfnis in der Natur ſich vor findet, jo iſt die Natur nur durch eine Inconſequenz gegen das Syſtem zu befriedigen. Einer ſolchen Inconſequenz machen auch hier beide Theil 40 ſich ſchuldig, und fie beweist, wenn es bis jetzt noch zweifelhaft geblieben 5 * 9 IV. Idealiſten und Realiſten. ſein könnte, zugleich die Einſeitigkeit beider Syſteme und den reichen Gehalt der menſchlichen Natur. Von dem Idealiſten brauche ich es nicht erſt insbeſondere darzuthun, daſs er nothwendig aus ſeinem Syſtem treten muſs, ſobald er eine beſtimmte Wirkung bezweckt; denn alles beſtimmte Daſein ſteht unter zeitlichen Bedingungen und erfolgt nach empiriſchen Geſetzen. In Rückſicht auf den Realiſten hingegen könnte es zweifelhafter ſcheinen, ob er nicht auch ſchon innerhalb ſeines Syſtems allen nothwendigen Forderungen der Menſchheit Genüge leiſten kann. Wenn man den Realiſten fragt: warum thuſt du, was recht iſt, und leideſt, was nothwendig iſt? ſo wird er im Geiſt ſeines Syſtems darauf antworten: weil es die Natur jo mit ſich bringt, weil es fo ſein muſs. Aber damit iſt die Frage noch keineswegs beantwortet, denn es iſt nicht davon die Rede, was die Natur mit ſich bringt, ſondern was der Menſch will, denn er kann ja auch nicht wollen, was ſein muſs. Man wird ihn alſo wieder fragen können: warum willſt du denn, was ſein muſs? warum unterwirft ſich dein freier Wille dieſer Natur— nothwendigkeit, da er ſich ihr ebenſo gut (wenn gleich ohne Erfolg, von dem hier auch gar nicht die Rede iſt,) entgegenſetzen könnte, und ſich in Millionen deiner Brüder derſelben wirklich entgegenſetzt? Du kannſt nicht ſagen, weil alle andern Naturweſen ſich derſelben unter— werfen, denn du allein Haft einen Willen, ja du fühlſt, daſs deine Unterwerfung eine freiwillige ſein ſoll. Du unterwirfſt dich alſo, wenn es freiwillig geſchieht, nicht der Naturnothwendigkeit ſelbſt, ſondern der Idee derſelben; denn jene zwingt dich bloß blind, wie ſie den Wurm zwingt, deinem Willen aber kann ſie nichts anhaben, da du, ſelbſt von ihr zermalmt, einen andern Willen haben kannſt. Woher bringſt du aber jene Idee der Naturnothwendigkeit? Aus der Erfahrung doch wohl nicht, die dir nur einzelne Naturwirkungen, aber keine Natur (als Ganzes) und nur einzelne Wirklichkeiten aber keine Nothwendigkeit liefert. Du gehſt alſo über die Natur hinaus und beſtimmſt dich idealiſch, ſo oft du entweder moraliſch handeln oder nur nicht blind leiden willſt. Es iſt alſo offenbar, daſs der Realiſt würdiger handelt, als er ſeiner Theorie nach zugibt, ſowie der Idealiſt erhabener denkt, als er handelt. Ohne es ſich ſelbſt zu geſtehen, beweist jener durch die ganze Haltung feines Lebens die Selbſtändigkeit, dieſer; durch einzelne Handlungen die Bedürftigkeit der menſchlichen Natur. Einem aufmerkſamen und parteiloſen Leſer werde ich nach der hier gegebenen Schilderung (deren Wahrheit auch derjenige eingeſtehen kann, der das Reſultat nicht annimmt) nicht erſt zu beweiſen brauchen, daſs das Ideal menſchlicher Natur unter beide vertheilt, von keinem 0 5 = — E — = 2 E 2 = 3 E 3 E — E Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. aber völlig erreicht iſt. Erfahrung und Vernunft haben beide ihre eigene Gerechtſame, und keine kann in das Gebiet der andern einen Eingriff thun, ohne entweder für den innern oder äußern Zuſtand des Menſchen a ſchlimme Folgen anzurichten. Die Erfahrung allein kann uns lehren, 8 was unter gewiſſen Bedingungen iſt, was unter beſtimmten Voraus⸗ ſetzungen erfolgt, was zu beſtimmten Zwecken geſchehen muſs. Die Vernunft allein kann uns hingegen lehren, was ohne alle Bedingung gilt, und was nothwendig ſein muſs. Maßen wir uns nun an, mit unſerer bloßen Vernunft über das äußere Daſein der Dinge etwas ausmachen zu wollen, ſo treiben wir bloß ein leeres Spiel, und das Reſultat wird auf nichts hinauslaufen; denn alles Daſein ſteht unter Bedingungen, und die Vernunft beſtimmt unbedingt. Laſſen wir aber PER ee ein zufälliges Ereignis über dasjenige entſcheiden, was ſchon der bloße 5 Begriff unſers eigenen Seins mit ſich bringt, ſo machen wir uns ſelber zu einem leeren Spiele des Zufalls, und unſre Perſönlichkeit 2 wird auf nichts hinauslaufen. In dem erſten Fall ift es alſo um den 55 Wert (den zeitlichen Gehalt) unſers Lebens, in dem zweiten um die 3 Würde (den moraliſchen Gehalt) unſers Lebens gethan. Zwar haben wir in der bisherigen Schilderung dem Realiſten einen moraliſchen Wert und dem Idealiſten einen Erfahrungsgehalt zugeſtanden, aber bloß inſofern beide nicht ganz conſequent verfahren und die Natur in ihnen mächtiger wirkt als das Syſtem. Obgleich aber beide gegen das Ideal vollkommener Menſchheit verlieren, fo iſt zwiſchen beiden doch der wichtige Unterſchied, daſs der Realiſt zwar dem Ver— nunftbegriff der Menſchheit in keinem einzelnen Falle Genüge leiſtet, N dafür aber dem Verſtandesbegriff derſelben auch niemals widerfpriht, der Idealiſt hingegen zwar in einzelnen Fällen dem höchſten Begriff der Menſchheit näher kommt, dagegen aber nicht ſelten ſogar unter dem niedrigſten Begriffe derſelben bleibet. Nun kommt es aber in der Praxis des Lebens weit mehr darauf an, daſs das Ganze gleichförmig menſchlich gut, als daſs das Einzelne zufällig göttlich ſei — und wenn alſo der Idealiſt ein geſchickteres Subject iſt, uns von dem, was der Menſchheit möglich iſt, einen großen Begriff zu erwecken und Achtung für ihre Beſtimmung einzuflößen, ſo kann nur der Realiſt ſie mit Stetigkeit in der Erfahrung ausführen und die Gattung in ihren ewigen Grenzen erhalten. Jener iſt zwar ein edferes, aber ein ungleich weniger vollkommenes Weſen; dieſer erſcheint zwar durchgängig weniger edel, aber er iſt dagegen deſto vollkommener; denn das Edle liegt ſchon in dem Beweis eines großen Vermögens, aber das Vollkommene lieh in der Haltung des Ganzen und in der wirklichen That. ö IK \ ö 1 | Y I * ö N IV. Idealiſten und Realiſten. Was von beiden Charakteren in ihrer beſten Bedeutung gilt, das wird noch merklicher in ihren beiderſeitigen Caricaturen. Der wahre Realism iſt wohlthätiger in ſeinen Wirkungen und nur weniger edel in ſeiner Quelle; der falſche iſt in ſeiner Quelle verächtlich und in ſeinen Wirkungen nur etwas weniger verderblich. Der wahre Realiſt nämlich unterwirft ſich zwar der Natur und ihrer Nothwendigkeit, aber der Natur als einem Ganzen, aber ihrer ewigen und abſoluten Nothwendigkeit, nicht ihren blinden und augenblicklichen Nöthigungen. Mit Freiheit umfaſst und befolgt er ihr Geſetz, und immer wird er das Individuelle dem Allgemeinen unterordnen; daher kann es auch nicht fehlen, dass er mit dem echten Idealiſten in dem endlichen Reſultat übereinkommen wird, wie verſchieden auch der Weg iſt, welchen beide dazu einſchlagen. Der gemeine Empiriker hingegen unterwirft ſich der Natur als einer Macht und mit wahlloſer blinder Ergebung. Auf das Einzelne ſind ſeine Urtheile, ſeine Beſtrebungen beſchränkt; er glaubt und begreift nur, was er betaſtet; er ſchätzt nur, was ihn ſinnlich verbeſſert. Er iſt daher auch weiter nichts, als was die äußern Eindrücke zufällig aus ihm machen wollen, feine Selbſtheit iſt unterdrückt und als Menſch hat er abſolut keinen Wert und keine Würde. Aber als Sache iſt er noch immer etwas, er kann noch immer zu etwas gut ſein. Eben die Natur, der er ſich blindlings überliefert, läſst ihn nicht ganz ſinken; ihre ewigen Grenzen ſchützen ihn, ihre unerſchöpflichen Hilfsmittel retten ihn, ſobald er ſeine Freiheit nur ohne allen Vorbehalt aufgibt. Obgleich er in dieſen Zuſtand von keinen Geſetzen weiß, ſo walten dieſe doch unerkannt über ihm, und wie ſehr auch ſeine einzelnen Beſtrebungen mit dem Ganzen in Streit liegen mögen, ſo wird ſich dieſes doch unfehlbar dagegen zu behaupten wiſſen. Es gibt Menſchen genug, ja wohl ganze Völker, di in dieſem verächtlichen Zuſtande leben, die bloß durch die Gnade des Naturgeſetzes ohne alle Selbſtheit beſtehen und daher auch nur zu etwas gut ſind; aber dafs fie auch nur leben und beſtehen, beweist, dafs dieſer Zuſtand nicht ganz gehaltlos iſt. Wenn dagegen ſchon der wahre Idealism in jeinen Wirkungen unſicher und öfters gefährlich iſt, ſo iſt der falſche in den ſeinigen ſchrecklich. Der wahre Idealiſt verläfst nur deswegen die Natur und Erfahrung, weil er hier das Unwandelbare und unbedingt Nothwendige nicht findet, wornach die Vernunft ihn doch ſtreben heißt; der Phantaſt verläfst die Natur aus bloßer Willkür, um dem Eigenſinne der Be⸗ gierden und den Launen der Einbildungskraft deſto ungebundener nad)- geben zu können. Nicht in die Unabhängigkeit von phyſiſchen Nöthigungen, in die Losſprechung von moraliſchen ſetzt er feine Freiheit. Der Phantaſt 0 5 = 0 — * — 0 7 Se) ee 5 e Über naive und ſentimenta iſche verleugnet alſo nicht bloß den menſchlichen — er verleugne Charakter, er iſt völlig ohne Geſetz, er iſt alſo gar nichts und die auch zu gar nichts. Aber eben darum, weil die Phantaſterei keine A ſchweifung der Natur, ſondern der Freiheit iſt, alſo aus einer an ſich 5 achtungswürdigen Anlage entſpringt, die ins Unendliche perfectibel iſt ſo führt ſie auch zu einem unendlichen Fall in eine bodenloſe Tiefe un kann nur in einer völligen Zerſtörung ſich endigen. Anmerkungen. Die erſte, fett gedruckte Zahl weist auf die Seite, die zweite und folgende auf die Zeile hin. Borbemerkung. Die Anmerkungen wollen nur das Material bieten, um den ſelbſtdenkenden Schüler auf Grundlage und Ideen der Schrift Schillers hinzuleiten, ihn zur Vertiefung anzuregen und ihn in den Geiſt des Zeitalters einzuführen, aus dem die Abhandlung herauswuchs. Erklärungen ſind dort vermieden, wo der Schüler durch aufmerkſame Analyſe des Wortlautes von ſelbſt auf den Gedankengang des Autors kommen muſs, und beſchränken ſich nur auf Verdeutlichung mehrfinniger Worte und Wendungen. Die Analogien aus dem Gedanken ſchatze der klaſſiſchen, vornehmlich der Schillerliteratur, ſowie alle meri⸗ toriſchen Angaben wollen nach Thunlichkeit jedes weitere Hilfsmittel über⸗ flüſſig machen. 1. 3—9. Die Gedankenform dieſer Periode klingt auffallend an Wallenſteins Worte an [Wallenſteins Tod. 2. Aufzug, 3. Auftritt, V. 897-899]: Es gibt im Menſchen leben Augenblicke Wo er dem Weltgeiſt näher iſt als ſonſt. Der Gedankeninhalt gehört hingegen Kants Kritik der Urtheilskraft §. 42 [2. Aufl., S. 166 f.] an: „Der, welcher einſam (und ohne Abſicht, ſeine Bemerkungen anderen mittheilen wollen [ogl. bei Schiller Z. 18 Affectation]) die ſchöne Geſtalt einer wilden Blume, eines Vogels, eines Inſekts u. ſ. w. betrachtet, um ſie zu bewundern, zu lieben und ſie nicht gern in der Natur vermiſſen zu wollen, ob ihm gleich dadurch einiger Schaden geſchehe, viel weniger ein Nutzen daraus für ihn hervorleuchtete, nimmt ein unmittelbares undzwar intellectuelles Intereſſe an der Schönheit der Natur, d. i. nicht allein ihr Product der Form nach, ſondern auch das Daſein desſelben gefällt ihm, ohne dajs ein Sinnenreiz daran Antheil hätte, oder er auch irgend einen Zweck damit verbände.“ 1. 20—25. Kants Begriff des Naiven, „der Ausbruch der der Menſch⸗ heit urſprünglich natürlichen Aufrichtigkeit wider die zur anderen Natur gewordene Verſtellungskunſt“ [Kritik der Urtheilskraft, 2. Aufl. S. 228] war wohl der Anlass zum erſten Entwurf. An Körner ſchreibt Schiller am 23. Febr. 1793: „Warum iſt das Naive ſchön? Weil die Natur darin über Künſtelei und Verſtellung ihre Rechte behauptet.“ Der Anfang der Abhandlung trägt durch die ſtehung an ſich. Aber die geniale Verwertung der Kant'ſchen Ideen iſt durchgäng Schillers eigenes Werk. Faſt wörtlich übereinſtimmend mit Kant, bei dem es in §. 42 der Kritik der Urtheilskraft [2. Aufl., S. 173] heißt: „Es mufs Natur ſein, oder von uns dafür gehalten werden, damit wir an dem Schönen, als einem ſolchen, ein unmittelbares Intereſſe nehmen können,“ hat hier Schiller die erſte Bedingung des Interreſſes an der Natur formuliert. 8 1. 26—28. An Körner ſchreibt Schiller am 8. Febr. 1793: „eine Beurtheilung nicht freier Wirkungen, lalſo auch der Natur] nach der Form des reinen Willens, iſt äſthetiſch.“ 1. 30—2. 2. Kant im 8. 42 der Kritik der Urtheilskraft [2. Aufl. S. 1677 bemerkt: „Es iſt aber merkwürdig, dajs wenn man dieſen Liebhaber des Schönen insgeheim hintergangen und künſtliche Blumen, (die man den natürlichen ganz ähnlich g verfertigen kann,) in die Erde geſteckt, oder künſtlich geſchnitzte Vögel auf Zweige von Bäumen geſetzt hätte und er darauf den Betrug entdeckte, das unmittelbare Steez welches er vorher daran nahm, alsbald verſchwinden würde.“ 2. 21— 23. Schiller ſpricht denſelben Gedanken in Anmuth und Würde WW. hiſt. krit.⸗Ausg. X., 88] folgendermaßen aus: „Bei dem Thier und der Pflanze, gibt die Natur nicht bloß die Beſtimmung an, ſondern führt ſie auch allein aus. Dem Menſchen aber gibt fie bloß die Beſtimmung und überläfst ihm ſelbſt die Erfüllung derſelben. Dies allein macht ihn zum Menſchen.“ Darum meint auch Schiller ebenda [S. 92]. „Bloß organiſche Weſen ſind uns ehrwürdig als Geſchöpfe, der Menſch aber kann nur als Schöpfer (d. h. als Selbſturheber ſeines Zuſtandes) ſein.“ Hiemit wurzelt Schiller wieder in Kant'ſchen Grundſätzen. In dem Aufſatze: „Idee zu einer allgemeinen Geſchichte in weltbürgerlicher Abſicht,“ mit dem Schiller bereits 1787 bekannt wurde, ſtellt unter andern Kant folgende zwei Sätze [1 und 3] auf: „Alle Naturanlagen eines Geſchöpfes ſind beſtimmt, ſich einmal vollſtändig und zweckmäßig zu entwickeln“ und „Die Natur hat gewollt, daſs der Menſch alles, was über die mechaniſche Anordnung ſeines thieriſchen Daſeins geht, gänzlich aus ſich ſelbſt hinaus bringe.“ 2. 23 und 24. Vgl. dazu die Worte Goethes in dem Briefe an die Herzogin Louiſe von Sachſen-Weimar, vom 23. Dec. 1786: „Das geringſte Product der Natur hat den Kreis ſeiner Vollkommenheit in ſich und ich darf nur Augen haben, um zu ſehen, ſo kann ich die Verhältniſſe entdecken; ich bin ſicher, daſs innerhalb eines kleinen Zirkels eine ganze wahre Exiſtenz beſchloſſen iſt.“ 2. 28— 3. 3. Zu dieſer Stelle iſt zu vergleichen, was Schiller im 7. Briefe über äſthetiſche Erziehung des Menſchen ſagt: „Die Natur zeichnet uns in ihrer phy⸗ ſiſchen Schöpfung den Weg vor, den man in der moraliſchen zu wandeln hat,“ und was Fichte in feiner Jena 1794 erſchienenen und von Schiller geleſenen Schrift „über die Beſtimmung des Gelehrten. Erſte Vorleſung. Über die Beſtimmung des Menſchen an ſich“ äußert: „Alles Vernunftloſe ſich zu unterwerfen, frei und nach ſeinem eigenen Geſetze es zu beherrſchen, iſt letzter Endzweck des Menſchen; welcher letzte End- zweck völlig unerreichbar ift und ewig unerreichbar bleiben muſs, wenn der Menſch nicht aufhören ſoll, Menſch zu ſein und wenn er nicht Gott werden joll.. . Aber er kann und ſoll dieſem Ziele immer näher kommen: und daher iſt die Annäherung ins Unendliche zu dieſem Ziele, ſeine wahre Beſtimmung als Menſch, d. i. als vernünftiges, aber endliches, als finnliches, aber freies Weſen. Nennt man nun 5 jene völlige Übereinſtimmung mit ſich ſelbſt Vollkommenheit, in der höchſten Bedeutung 5 ey DE * * 1 IE Anmerfungen. g 81 des Wortes, wie man ſie allerdings nennen kann: ſo iſt Vollkommenheit das höchſte unerreichbare Ziel des Menſchen; Vervollkommnung ins Unendliche aber iſt ſeine Beſtimmung.“ 2. 32—41. Die von Schiller hier angezogene Stelle lautet bei Kant K. d U. S. 42 [2. Aufl., S. 172 f.]: „Aber dieſes Intereſſe, welches wir hier an Schönheit nehmen, bedarf durchaus, dafs es Schönheit der Natur ſei; und es verſchwindet ganz, ſobald man bemerkt, man ſei getäuſcht und es nur Kunſt, fo gar, dass auch der Ge— ſchmack alsdann nichts Schönes, oder das Geſicht etwas Reizendes mehr daran finden kann. Was wird von Dichtern höher geprieſen, als der bezaubernd ſchöne Schlag der Nachtigall in einſamen Gebüſchen, an einem ſtillen Sommerabende, bei dem ſanften Lichte des Mondes? Indes hat man Beiſpiele, daſs, wo kein ſolcher Sänger angetroffen wird, irgend ein luſtiger Wirt, ſeine zum Genus der Landluft bei ihm eingekehrten Säfte dadurch zu ihrer größten Zufriedenheit hintergangen hatte, dafs er einen muth- willigen Burſchen, welcher dieſen Schlag (mit Schilf oder Rohr im Munde) ganz der Natur ähnlich nachzuahmen wuſste, in einem Gebüſch verbarg. Sobald man aber inne wird, dafs es Betrug ſei, jo wird auch niemand es lange aushalten, dieſem vor— her ſo reizend gehaltenen Geſange zuzuhören; und ſo iſt es mit jedem anderen Sing— vogel beſchaffen.“ 3. 10—12. Geht auf Kant's K. d. U. §. 42 (2. Aufl. S. 169 f.] zurück: „Wen alſo die Schönheit der Natur unmittelbar intereſſiert, bei dem hat man Urſache, wenigſtens eine Anlage zu guter moraliſcher Geſinnung zu vermuthen,“ woſelbſt es jedoch weiter heißt, daſs „dieſes unmittelbare Intereſſe am Schönen der Natur wirklich nicht gemein, ſondern nur denen eigen, deren Denkungsart entweder zum Guten ſchon ausgebildet, oder dieſer Ausbildung vorzüglich empfänglich iſt.“ Ebenſo erläutert Kant aus dem Weſen des Wohlgefallens am Schönen der Natur, dass „dieſes unmittelbare Intereſſe der Verwandtſchaft nach moraliſch“ iſt. 3. 15. „Empfindſame Reiſen.“ vgl. die Anm zu 11. 15. 4. 3—5. Den Gedanken drückt Schiller in folgenden Diſtichen aus: Das Kind in der Wiege. Glllelicher Säugling! Dir iſt ein unendlicher Raum noch die Wiege, Werde Mann und Dir wird eng die unendliche Welt. Menſchliches Wirken. An dem Eingang der Bahn liegt die Unendlichkeit offen, Doch mit dem engeſten Kreis höret der Weiſeſte auf. Erwartung und Erfüllung. In den Ocean ſchifft mit tauſand Maſten der Jüngling, Still auf gerettetem Boot treibt in den Hafen der Greis. 4. 24. vgl. Schiller: Der Genius (Natur und Schule). Und dem ſpielenden Kind glückt, was dem Weiſen misslingt und Die Worte des Glaubens. „Und was kein Verſtand der Verſtändigen ſieht, Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüth.“ 5. 43—46. Auch Herdern beſchäftigte das Problem der Naivetät. In der 1795 erſchienenen fünften Sammlung der Briefe zu Beförderung der Humanität Nr. 71 be⸗ antwortet er die Frage: „Was in unſerem Klima, in unſerer Verfaſſung uns die griechiſche Kunſt ſolle“ dahin, dafs er die Meinung ausſpricht: „Die griechiſche Kunſt ſoll uns beſitzen und zwar an Seele und Körper;“ bei der Durchführung dieſes Ge⸗ Schiller: über naive und ſentimentaliſche Dichtung. 6 — 82 Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. dankens kommt er auf folgende Bemerkung: „jene ruhige Innigkeit, die von keiner Repräſentation weiß, die auch in der Bewegung ganz für ſich da ift: wir ſehen fie kaum noch an einigen glücklichen Ausnahmen, in denen wir ſie Unerzogenheit oder Naivetät zu nennen gewohnt ſind. Und doch iſt dieſe nüchterne Innigkeit die Grundlage aller wahren und ruhigen Beſinnung im Menſchen, ſowie ſie das Kennzeichen einer reinen Unbefangenheit, eines richtigen Gefühls, eines tieferen Mitgefühls, kurz der einzigen und echten Humanität iſt. 6. 4—7. Nach Kant. K. d. U. §. 54. [2. Aufl., S. 229]: „Mit der Naivetät mufs offenherzige Einfalt, welche die Natur nur darum verkünſtelt, weil ſie ſich darauf nicht verſteht, was Kunſt des Umganges ſei, nicht verwechſelt werden.“ 8. 7—17. Caroline von Wolzogen erzählt in Schillers Leben [Stuttgart 1876, S. 6] aus Schillers Kindheit: „Er hatte kaum einen Begriff von Eigenthum und eine feiner Hauptneigungen war, von allem was er beſaß andern mitzutheilen. So verſchenkte er oft die ihm ſelbſt nöthigen Sachen. Einſt bemerkte der Vater, dass er feine Schuhe bloß mit Bändern zugebunden hatte, und als er ihn darüber zur Rede ſtellte, ſagte er: Ich habe die Schnallen einem armen Jungen gegeben, der ſie nur Sonntag anlegt; ich habe ja doch noch ein Paar für die Sonntage.“ 8. 18—25 vgl. Wallenſteins Tod, 3. Aufz., 9. Auftr. (Wallenſtein.) „Das war kein Heldenſtück, Octavio! Nicht Deine Klugheit ſiegte über meine, Dein ſchlechtes Herz hat über mein gerades Den ſchändlichen Triumph davongetragen. Kein Schild fieng Deinen Mordſtreich auf, Du führteſt Ihn ruchlos auf die unbeſchützte Bruſt; Ein Kind nur bin ich gegen ſolche Waffen.“ 8.40. Adrian von Utrecht, früher Profeſſor in Löwen, der Lehrer Karls V., durch deſſen perſönliche Zuneigung er zu dem Amte eines Governators von Spanien und zu der Würde eines Cardinals befördert worden war, wurde nach Leos X. Tode 1521 zum Papſt gewählt, ſtarb aber ſchon am 14. Sept. 1523. Ranke in der „Geſchichte der römiſchen Päpſte in den letzten vier Jahrhunderten“ ſchildert ihn folgendermaßen: „Adrian war von durchaus unbeſcholtenem Rufe: rechtſchaffen, fromm, thätig: ſehr ernſthaft, man ſah ihn nie anders als leiſe mit den Lippen lächeln: aber voll wohl- wollender, reiner Abſichten: ein wahrer Geiſtlicher.“ — Schröckh Joh. Matthias, geb. den 26. Juli 1733 zu Wien, F am 2. Aug. 1808 zu Wittenberg. Seine allgemeine Biographie, auf welche Schiller ſich hier bezieht, erſchien, Berlin 1767 - 1798 in 8 Bohn. Die Biographie Adrians befindet ſich im V. Bd., S. 1 ff., Berlin 1778. 9. 26— 28 vgl. Pſalm. 14, 3. „Aber fie find alle abgewichen und alleſammt untüchtig; da iſt keiner, der Gutes thue, auch nicht einer.“ 10. 18 ff. Schiller ſchrieb am 3. Februar 1794 an Körner: „Dies (die Ein⸗ wirkung einer Theorie des Schönen auf die hervorbringende Kunſt) führt mich na⸗ türlicherweiſe auf die von aller Theorie unabhängige Erzeugung des Originalſchönen durch das Genie. Hier bin ich gerade jetzt, und es wird mir gar ſchwer, über den Begriff des Genies mit mir einig zu werden. In Kants Kritik der Urtheilskraft werden darüber ſehr bedeutende Winke gegeben; aber ſie ſind noch gar nicht befriedigend.“ Kant handelt in den SS. 46—50 der Urtheilskraft vom Genie. Insbeſondere das dritte Moment feiner Erklärung (2. Aufl. S. 182]: „Dafs es, wie es ſein Product zuſtande bringe, ſelbſt nicht wiſſenſchaftlich anzeigen könne, ſondern daſs er als Natur die Regel gebe und daher der Urheber des Productes, welches er ſeinem Genie verdankt, ſelbſt nicht weiß, Anmerkungen. 85 wie ſich in ihm die Ideen dazu herbeifinden, auch es nicht in ſeiner Gewalt hat, der⸗ gleichen nach Belieben oder planmäßig auszudenken und anderen in ſolchen Vorſchriften mitzutheilen, die ſie in Stand ſetzen, gleichmäßige Producte hervorzubringen. (Daher denn auch vermuthlich das Wort Genie von genius, dem eigenthümlichen, einem Menſchen bei der Geburt mitgegebenen, ſchützenden und leitenden Geiſt, von deſſen Eingebung jene originellen Ideen herrührten, abgeleitet iſt)“ liegt Schillers Unterſuchungen über das Genie zugrunde; doch gieng Schiller hier über Kant hinaus. Kant beſchränkte das Genie auf das Gebiet der Kunſt, und weil die Natur hier „von ihren gewöhnlichen Verhältniſſen der Gemüthskräfte zum Vortheile einer einzigen abzugehen ſcheint“ [2. Aufl. S. 59, Anm.], iſt ihm das Genie „Günſtling der Natur,“ „die muſterhafte Originalität der Naturgabe eines Subjeetes im freien Gebrauch feiner Erkenntnisvermögen;“ überdies ſteht auch für das Genie „die Kunſt irgendwo ſtill, indem ihr eine Grenze geſetzt iſt, über die ſie nicht weiter gehen kann, die vermuthlich auch ſchon ſeit langeher erreicht iſt und nicht mehr erweitert werden kann.“ (2. Aufl., S. 185.) Da⸗ gegen bemerkt Schiller ſchon in dem obigen Briefe an Körner: „Alle Erweiterung in der Kunſt muſs vom Genie kommen;“ und im 6. Briefe über äſthetiſche Erziehung des Menſchen ſtellt er gleichfalls als Kennzeichen des kraftvollen Genies auf, dafs es „die Grenzen eines Geſchäftes nicht zu Grenzen ſeiner Thätigkeit mache,“ wobei er ſchon an die Bethätigung genialer Naturen auf allen Gebieten menſchlichen Wirkens dachte; die Bekanntſchaft mit Goethe führte ihn zur Anſchauung eines wahren Genies, deſſen Weſen Schiller feinſinnig hier und in poetiſchen Zeugniſſen entwickelte. 10. 20—25 vgl. Das Naturgeſetz [Botivtafeln Nr. 79]: So wars immer, mein Freund, und ſo wirds bleiben. Die Ohnmacht Hat die Regel für ſich, aber die Kraft den Erfolg. 10. 26—23. vgl. Der Genius (Votivtafeln Nr. 67). Wiederholen zwar kann der Verſtand, was da ſchon geweſen, Was die Natur gebaut, bauet er wählend ihr nach. Über Natur hinaus baut die Vernunft, doch nur in das Leere, Du nur Genius mehrſt in der Natur die Natur. und an Goethe am 23. Aug. 1794: „Dieſe (die Philoſophie) kann bloß zergliedern, was ihr gegeben wird, aber das Geben ſelbſt iſt nicht die Sache des Analytikers, ſondern des Genies, welches unter dem dunkeln, aber ſichern Einfluſs reiner Vernunft nach objectiven Geſetzen verbindet.“ 10. 32—35. Schiller in der Abhandlung „Merkwürdige Belagerung von Aut⸗ werpen in den Jahren 1584 und 1585“ [W W. Hift. krit. Ausgabe IX., 31 f.] jagt von Ale- rander, Herzog von Parma: „Jener genialiſche Inſtinct, der den großen Menſchen auf Bahnen, die der kleine entweder nicht betritt oder nicht endigt, mit glücklicher Sicherheit leitet, erhob ihn über alle Zweifel, die eine kalte, aber eingeſchränkte Klugheit ihm entgegenſtellte, und ohne ſeine Generale überzeugen zu können, erkannte er die Wahrheit ſeiner Berechnung in einem dunkeln, aber darum nicht weniger ſichern Gefühl.“ 10. 36—39 vgl. Der Genius (Natur und Schule) beſonders die Verſe: Jenes Geſetz, das mit eiſernem Stab den Sträubenden lenket Dir gilt es nicht. Was du thuſt, was dir gefällt, iſt Geſetz. Herrſchen wird durch die ewige Zeit, wie Polyklets Regel, Was du mit heiliger Hand bildeſt, mit heiligem Mund Redeſt, wird die Herzen der Menſchen allmächtig bewegen, Du nur merkſt nicht den Gott, der dir im Buſen gebeut, 6* Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. Nicht des Siegels Gewalt, das alle Geiſter dir beuget, Einfach gehſt du und ſtill durch die eroberte Welt. 11. 9. Faſt wörtlich in dem Briefe an Goethe vom 23. Aug. 1794: 1 Genie ſich immer ſelbſt das größte Geheimnis ift,“ vgl. Genialität [Votivtafeln Wodurch gibt ſich der Genius kund? Wodurch ſich der Schöpfer Kund gibt in der Natur, in dem unendlichen All. Klar iſt der Ather und doch von unergründlicher Tiefe, Offen dem Aug', dem Verſtand bleibt er doch ewig geheim. a 11. 12. Sophokles, geb. 496 v. Chr. zu Kolonos bei Athen, geft v. Chr., bezeichnet den Höhepunkt der dramatiſchen Kunſt der Griechen. Die wicht Neuerungen gegenüber Aſchylos find, dajs er die Form der Trilogie aufgab, den geſängen das richtige Verhältnis zum Dialog gab und den dritten Schauſpieler führte, wodurch erſt kunſtvollere Verknüpfung der Fabel, reichere Handlung und | Charakterzeichnung möglich wurden. Seine Tragödien zeigen durchaus den geläuterten Geſchmack des perikleiſchen Zeitalters, ſchon die Alten bewunderten ſeine maßvolle Har- monie und vollendete Grazie. Die Zahl ſeiner Stücke wird auf 103 angegeben, davon ſind 7 erhalten. Wie heißen ſie? Mit welcher hat ſich Schiller am meiſten beſchäftigt? Archimedes, geb. 287 vor Chr. G. zu Syrakus, einer der größten Mathe- matiker des Alterthums, lebte am Hofe des Königs Hieron von Syrakus. Er fe nd das Verhältnis des Diameters im Kreiſe zur Peripherie, das des Körperraumes zwiſchen Kugel und Cylinder und ſtellte zuerſt eine Theorie der Mechanik und Hydroſtatik auf. Bekannt iſt das nach ihm benannte Geſetz, bei deſſen Entdeckung er ein freudiges ebend gerufen haben ſoll. Er gilt auch als Erfinder des Flaſchenzuges, der Schraube ohne Ende und der Waſſerſchraube. Im höchſten Maße entwickelte er ſein Talent Belagerung ſeiner Vaterſtadt durch Marcellus. Bei der endlichen Eroberung der St ſaß er, in die Zeichnung mathematiſcher Figuren vertieft, ruhig da und wurde v einem rohen Kriegsmanne, dem er: noli turbare eirculos meos zurief, erbarmungs niedergeſtoßen (212 v. Chr. G.). 11. 13. Hippokrates, der berühmte griech. Arzt aus Kos, geb. um 460 v. Chr, geſtorben in hohem Alter zu Lariſſa in Theſſalien um das J. 356 v. Chr g Er iſt der Begründer der wiſſenſchaftlichen Mediein. Von den zahlreichen, unter feines Namen überlieferten Schriften (72) gelten gewöhnlich nur 6 als echt. Sa Ludovico Arioſto, geb. am 8. Sept. 1474 zu Reggio, von edler Abstammung 5 war zum Studium der Rechte beſtimmt, ergab ſich aber leidenſchaftlich den damals auf⸗ blühenden humaniſtiſchen Studien und verſuchte ſich früh als Nachahmer der Luſtſpiel des Plautus und Terenz. 1503 trat er in den Dienſt des Cardinals Hippolyt v Eſte, für den er eine Reihe diplomatiſcher Miſſionen übernahm. Während der Jahre 1504 bis 1514 dichtete er ſeinen „Raſender Roland,“ für den er bei ſeinem Herrn zwar 2 nicht die erwartete Würdigung fand, dafür aber durch den Beifall von ganz Italien entſchädigt wurde. Er trat dann in die Dienſte des Herzogs Alfonſo I. von Ferrara 5 über, ward 1520 Statthalter einer kleinen modeneſiſch en Provinz, kehrte aber ſchon nach 3 Jahren an den glänzenden Hof von Ferrara zurück, wo er bis zu ſeinem Tode blieb Er ſtarb am 13. Juni 1533. — Sein Ruhm beruhte allein auf dem „Raſenden Roland.“ In ihm gipfelte die anmuthige, bezaubernde Heiterkeit, die lebensfrohe, ja üppige Welt = lichkeit und äſthetiſche Lebensauffaſſung des damaligen Italiens. Das Gedicht beſteht au 46 Geſängen in Stanzen. Anmerkungen. 85 aus einer edlen florentiniſchen Familie. Seine wiſſenſchaftliche Erziehung leitete der große Philoſoph und Redner Brunetto Latini. Ihm verdankte er feine elaſſiſche Bildung und ſeine Liebe zu den claſſiſchen Schriftſtellern, beſonders zu Vergil, der ihm in ſeiner Dichtung als Vorbild diente, zugleich wie kein anderer geeignet war, ihm auf ſeiner Wan⸗ derung durch die Unterwelt als Führer voranzuſchreiten. Aber er betrieb auch mit Eifer Muſik, — componierte ſogar von ihm ſelbſt gedichtete Lieder, — und Malerei, denn zu ſeiner Zeit blühten bereits die Maler Cimabue und Giotto. Das Glück ſeiner Jugend krönte feine Liebe zu Beatrice Portinari, die ihn zu herrlichen Sonetten be- geiſterte, aber ſchon in der Blüte ihrer Jahre ſtarb. Er ſetzte ihr ein Denkmal, in⸗ dem er ſie zu ſeiner Führerin auf der Wanderung durch das Paradies machte. Sein Eintritt ins politiſche Leben fiel in eine ſehr bewegte Zeit, er entwickelte eine ſegens⸗ reiche und vielſeitige Thätigkeit. Die Summe ſeiner politiſchen Erfahrungen und Anſichten hat er in der Abhandlung „De monarchia“ niedergelegt, in der er ebenfo die Einmiſchung der Päpſte in die weltlichen Händel ſchonungslos verurtheilte, wie er den Kaiſern Vorwürfe machte, daſs fie ihre Pflicht nicht erfüllt und dem Treiben der Päpſte und der italieniſchen Gewalthaber ruhig zugeſehen hätten. Auf Herſtellung der Ordnung bedacht, ſetzte er (1300) es durch, daßs die Häupter der beiden ſtreitenden Parteien ſeiner Vaterſtadt, der Cerchi und Donati, verbannt wurden. Aber die Donati kehrten mit Hilfe des Papſtes Bonifacius VIII. zurück und nun wurde Dante ſelbſt nicht nur mit einer Geldſtrafe belegt, ſondern aus feiner Heimat verbannt (1302); es ſollte ihm nicht mehr gelingen, unter annehmbaren Bedingungen in ſeine Vaterſtadt zurück⸗ zukehren. Er hielt ſich während feiner 19jqährigen Verbannung an verſchiedenen Orten, am längſten in Verona auf, bis er endlich in Ravenna ſtarb. — Sein Hauptwerk iſt die „Divina Commedia,“ in der er den reichen Schatz ſeines Wiſſens in Philoſophie, Theologie, Aſtronomie, Naturkunde, Alterthumskunde, Geſchichte und Politik und zu— gleich ſeine vielſeitige Lebenserfahrung niederlegte, hoch über ſeinen Zeitgenoſſen ſtehend und von dieſen daher auch vielfach nicht verſtanden. Die ganze Dichtung zerfällt in 3 Abſchnitte: Hölle (Inferno), Fegfeuer (Purgatorio) und Paradies (Paradiso). Jede Abtheilung beſteht aus 33 Geſängen, das Ganze umfaſst 14230 Verſe in der Terzinen⸗ form, als deren Erfinder Dante daſteht. 11. 14. Torquato Taſſo, Sohn des Epikers Bernardo Taſſo, war zu Sorrent am 11. März 1544 geboren. Er beſuchte die Schule in Neapel, ſtudierte fpäter zu Padua Jurisprudenz. widmete ſich aber früh, dem Beiſpiele des Vaters folgend, der Dichtung. Mit achtzehn Jahren vollendete er daſelbſt ſein Epos „Rinaldo“ und weckte dadurch hohe Erwartungen. Aber der frühzeitige Ruhm, der ihm die Be- rufung an den Hof Alfons II. von Ferrara und damit die erwünſchte Muße zur Vollendung ſeines bereits begonnenen großen Epos „Das befreite Jeruſalem“ verſchaffte, ſollte für ihn verhängnisvoll werden. Denn dieſem verdankte er eine krankhafte Eitelkeit und ein verhätſcheltes Weſen, welche im Vereine mit einem reizbaren Nervenſyſtem und einem gewiſſen Hang zu religiöſen Grübeleien ihn in eine ſchwankende, miſstrauiſche und ſelbſtquäleriſche Stimmung verſetzten und ihn gegenüber der Wirklichkeit des Lebens oft in miſsliche Situationen brachten. Anfangs gefeiert und verwöhnt, namentlich durch die beiden Schweſtern des Herzogs, Lueretia und Leonore, ſah er ſpäter feine hohen Anſprüche und miſstrauiſchen Klagen mit Kälte und Zurückhaltung aufgenommen, erweckte ſich wirkliche Feinde und träumte von Feinden, auch wo dergleichen nicht vor- handen waren. Und ſelbſt als er endlich ſein großes Gedicht beendet hatte, konnte er ſich deſſen nicht freuen. Innere Kämpfe aller Art, religiöſe Zweifel in Betreff der heidniſchen Anklänge in ſeinem heiligen Gedichte — denn er war ein ſtrenggläubiger leriſcher Einheit, lieblichen Epiſoden und reizenden Naturbildern, wohl aber an Fr che Katholik — dazu die kleinlichen Ausſtellungen und Verbeſſerungsvorſchläge der Ak, demiker, denen er ſein Manuſcript zur Beurtheilung vorgelegt hatte, ließen ihm Verhältniſſe in Ferrara unerträglich erſcheinen und trieben ſein zerrüttetes Gemüt endlich zu wilden Zornesausbrüchen und Anſchuldigungen in Reden und Briefen. von allen verfolgt wähnend, entfloh er 1577 aus Ferrara, hielt ſich eine Zeitlang feiner in Sorrent lebenden Schweſter verborgen, kam 1578 nach Ferrara zurück, entfle neuerdings, um 1579 abermals zurückzukehren. Als er ſich aber infolge der kü Aufnahme in Schmähungen des Herzogs und des Hofes ergieng, ward er als wahn⸗ ſinnig im St. Annenhoſpital eingekerkert, aus dem er erſt nach 7 Jahren mit g brochener Lebenskraft entlaſſen wurde. Er lebte nun, unſtet wandernd, in Mantu Bergamo, Neapel und Florenz, wo er ſein Epos umarbeitete. Endlich im Jahre 1593 eröffneten ſich ihm in Rom glänzende Ausſichten: er ſollte feierlich auf dem Capitol als Dichter gekrönt werden. Doch bevor es dazu kam, ſteigerte ſich ſeine Krankheit und er ſtarb am 25. April 1595 im Kloſter St. Onofrio zu Rom. — Seinem Ep „La Gerusalemme liberata“ (20 Geſänge in Stanzen) fehlt es zwar nicht an kün und Unmittelbarkeit; denn ſowohl in ſeinen Geſtalten, als auch in den Situation iſt er allzuſehr von feinen Vorbildern Homer und Vergil abhängig. Die unvergleichli Muſik ſeiner Verſe trug weſentlich bei zum großen Erfolge der Dichtung. Außerde haben wir von ihm Sonette und Canzonen, ein Schäferſpiel und eine Tragödie. Raphael Santi, der größte Maler aller Zeiten, auch Baumeiſter und Bild- hauer, geb. am 28. März (nach andern am 6. April) 1483 zu Urbino, geſt. am 6. April 1520 in Rom, erhielt den erſten Unterricht in ſeiner Kunſt von ſeinem Vat Giovanni Santi, nach deſſen Tode (1494) er zu Perugino in die Lehre kam ler : Periode). Als ihm diefe Schule nichts mehr zu bieten vermochte, gieng ev 1504 nac Florenz, wo er bis 1508 blieb und ſich dem Studium ſeiner älteren Zeitgenoſſ hingab. Hier geſtaltete er ſich feinen eigenen Stil, der mit der höchſten. Anmuth m dem zarteſten Liebreiz zugleich die erhabenſten Gedanken und die lebensvollſte Chara teriſtik verbindet (zweite Periode). In dieſer Zeit (1506) malte er unter andern au die „Madonna im Grünen,“ die ſich im Belvedere zu Wien befindet. 1508 ward von Papſt Julius II. nach Rom berufen, wo er mit großen künſtleriſchen Aufgaben (Ausſchmückung der Stanzen und Loggien des Vaticans) betraut wurde und bis zu ſeinem Tode eine unabſehbare Reihe der herrlichſten Werke ſchuf, die für alle er ein Gegenſtand der höchſten Liebe und Bewunderung bleiben werden. (dritte Period Albrecht Dürer, der umfaſſendſte deutſche Künſtler und Träger der ganz geiſtigen Richtung ſeines Volkes und ſeiner Zeit, geb. am 21. Mai 1471 zu Nürnbe geſt. daſelbſt am 6. April 1528, war der Sohn eines Goldſchmieds, der aus Ungar ſtammte und ſich 1455 in Nürnberg niedergelaſſen hatte. 1486 wurde er Schüler von Mich. Wohlgemut, gieng 1490 auf die Wanderſchaft, beſuchte Straßburg, Baſel und Venedig, und ward 1494 ſelbſtändiger Meiſter in Nürnberg. Hier entwickelte er a lerſte Periode). 1505 gieng er wieder nach Venedig, verkehrte mit Bellini und Tizia Pi. ſuchte aber ſchon nach kurzer Zeit wieder die Heimat auf, wo er bis 1520 eine faft unüberſehbare Fülle von Kunſtwerken: Olbilder, Zeichnungen, Kupferſtiche, Holzſchnitte und ſelbſt plaſtiſche Arbeiten ſchuf (zweite Periode). Die dritte Periode beginnt 1520 Anmerkungen. tauſend Chriſten, die Dreieinigkeit und eine Madonna; in der Albertina Zeichnungen und Stiche, beſonders die auf grünes Papier mit Feder und Pinſel gezeichnete Paſſion in 12 Blättern. Miguel de Cervantes Saavedra, geb. am 8. October 1547 zu Alcala de Henares, geſt. am 23. April 1616 in Madrid, ſtudierte zu Salamanca und Madrid Theologie und Philoſophie und dichtete zahlreiche Sonette und Romanzeu, die aber alle verloren giengen. Er trat dann in die Dienſte des päpſtlichen Legaten Aquaviva und begleitete denſelben 1569 nach Rom. Mit ſeiner Stellung unzufrieden, trat er bereits 1570 in die ſpaniſch-neapolitaniſche Armee ein und kämpfte mit Auszeichnung gegen die Türken in der Seeſchlacht bei Lepanto 1571, wo er, bereits von zwei Kugeln verwundet, durch eine dritte den linken Arm verlor. Dennoch machte er die Expeditionen gegen Navarino und Tunis mit, nahm 1575 Abſchied, fiel aber auf der Rückreiſe in die Hände von Seeräubern und ward nach Algier als Sclave verkauft. Erſt 1580 durfte er gegen Löſegeld nach Spanien zurückkehren. Hier nahm er zum letztenmal Kriegsdienſte gegen Portugal, dichtete aber ſchon mitten im Kriege ſeinen Schäferroman „Galatea.“ 1583 nahm er ſeinen Abſchied und wandte ſich nunmehr der Schriftſtellerei zu. Er ſchrieb zuerſt gegen 30 Theaterſtücke, Komödien und Zwiſchenſpiele. In Sevilla ſchrieb er die Mehrzahl ſeiner Novellen. Noch vor dem Tode Philipps II. gieng er nach Valladolid, und hier ſchrieb er unter Kummer und Sorge um ſeinen Lebens— unterhalt ſein weltberühmtes Werk: „Leben und Thaten des ſinnreichen Junkers Don Quijote de la Mancha,“ deſſen erſter Theil 1605, deſſen zweiter 1615, alſo ein Jahr vor ſeinem Tode erſchien. Dieſer Roman iſt eigentlich eine Satire gegen die Phan— taſtereien und Unnatürlichkeiten der Romantik, die ſich im Leben wie in den Ritter— romanen breit machte. Cervantes wollte das Volk von der Unnatur zur Vernunft zurückführen, die Romantik vernichten, und dies gelang ihm vollkommen. An die Stelle des Ritterromanes ſetzte er einen Volksroman von unvergänglicher Wirkung, weil er das Leben ſchildert, wie es in Wirklichkeit iſt. Und ſolange es Menſchen geben wird, wird es auch an Idealiſten und Realiſten, wie Don Quijote und Sancho Panſa ſind, nie fehlen; daher wird auch Cervantes' Werk nie veralten. 11. 15. William Shakeſpeare, geb. am 23. April 1564 zu Stratford am Avon, war der Sohn eines angeſehenen Bürgers. Von ſeiner Jugend wiſſen wir nur, daſs er die lateiniſche Schule beſuchte, ſich früh an den Geſchäften des Vaters betheiligte und ein leidenſchaftlicher Jäger war. Nachdem er ſich ſchon mit 18 Jahren verheiratet hatte, gieng er, offenbar, weil ihm das Leben zu Stratford zu enge war, nach London (ungefähr 1586), ward Schauſpieler, ſpäter Theaterunternehmer, und er— warb ſich ſoviel Vermögen, dafs er für den Reſt ſeines Lebens ſich ſorgenfrei in ſeine Vaterſtadt zurückziehen konnte, wo er am 23. April 1616 ſtarb. — Da ſich Shakeſpeare um den Druck feiner Werke nicht gekümmert hatte und die erſte Geſammtausgabe jeiner Werke erſt 7 Jahre nach ſeinem Tode erſchien, ſo iſt nicht nur die Frage über Echtheit oder Unechtheit einiger ihm zugeſchriebenen Dramen ſchwer zu entſcheiden, ſondern auch die Chronologie der einzelnen Dramen nicht wiſſenſchaftlich feſtgeſtellt. Die Aufſtellungen von Ulriei und Dowden find nur Verſuche. Als die erſten Werke gelten die Tragödien „Titus Andronikus,“ „Perikles Prinz von Tyrus“ und „König Heinrich VI. erſter Theil“ und die Luſtſpiele „Die beiden Edelleute von Verona,“ „Die Komödie der Irrungen,“ „Verlorne Liebesmühe“ und „Ende gut, alles gut.“ Mit dem Erſcheinen von „Romeo und Julie“ (1591) ſteht der Dichter bereits als vollendeter Meiſter da. Es folgen nun chronikaliſche Dramen (Hiſtorien) aus der engliſchen Geſchichte, vom Dichter nach und nach geſchaffen, aber von den Erklärern zufolge des Stoffes als ideale zweiter Theil, „König Heinrich V.,“ „König Heinrich VI.,“ zweiter und dritter Th „Richard III.“ und „König Heinrich VIII.“ Daran ſchließen ſich die jogena Römerdramen „Coriolanus,“ „Julius Cäſar“ und „Antonius und Kleopatra.“ Höhepunkt von Shakeſpeares tragiſcher Kunſt bezeichnen „Hamlet,“ „König Lear,“ „Othello,“ „Macbeth;“ „Timon von Athen“ und „Troilus und Creſſida“ zeigen den Charakter von Tragikomödien. Dazu kommen noch die Schauſpiele und Luſtſpiele: „Der Kaufmann von Venedig,“ „Der Sommernachtstraum,“ „Der Widerf ipenftt Zähmung,“ „Die luſtigen Weiber von Windſor,“ „Viel Lärm um nichts,“ „Was . wollt,“ „Das Wintermärchen,“ endlich noch, in ihren Motiven an die Tragödie ſtreifend DaB „Maß für Maß“ und „Cymbeline.“ — Shakeſpeare ift (neben Goethe) der grö Er Dichter der Neuzeit und der größte Dramatiker aller Zeiten. Die Natur hatte ihm all Vorzüge und Eigenſchaften, die einen großen Dichter machen, verſchwenderiſch zugetheilt: 2 n die reichſte und glühendſte Phantaſie, die je ein Künſtler beſeſſen, die tiefſte Empfindung % 5 das zarteſte Gemüth ebenſowohl als freien Humor, ein Auge, vor dem die geheimſten . Falten des Menſchenherzens bloßlagen, unverſieglichen Witz, gedankentiefe Ironie, edelſte Sittlichkeit, und dies alles beherrſcht von einem maßvollen, mit künſtleriſcher Beſonnen heit bildenden Verſtande. Und fo ward er denn nicht müde, das große Räthſel d Menſchenſchickſals in immer neuen Bildungen zu offenbaren und darzuſtellen, die Löſung des Räthſels aber fand er nicht wie die Griechen in einer von außen herzutretenden 5 Schickſalsmacht, ſondern in der Menſchenbruſt ſelbſt: Jeder trägt Himmel und Hölle * in ſich ſelber, ſein Geſchick entwickelt ſich aus freier Selbſtbeſtimmung, Glück und Un x glück find Folgen der freien That. Dabei ift jeder Zug der Wirklichkeit entlehnt, — 34 Shakeſpeare nahm Dinge und Menſchen wie fie find; er ift naiv wie Homer und be⸗ Be folgte genau die Regel, die er ſeinem Hamlet (III. 2.) über das Schauſpiel in den Pi s Mund legte. Und für dies alles prägte er ſich eine Sprache, die „bald einhertost wi * 5 ein Bergſtrom, bald zärtlich kost, wie um Blumenkelche ſummende Bienen, bald närriſch Be klingelt, wie Harlekins Schellenkappe, bald gedankenſchwer einherdröhnt wie Glocken Bu; klang, bald ſüß tönt wie die Liebe, bald herb, eckig, ſchroff wie Haſs und Zorn, und die jeder Empfindung, jedem Affect, jeder Leidenſchaft, der Alltäglichkeit wie der Erha benheit den entſprechenden Ausdruck unterbreitet.“ Henry Fielding, engliſcher Romandichter, geb. am 22. April 1707 zu Sharp⸗ ham⸗Pack in Somerſetſhire, geſtorb. am 8. Det. 1754 zu Liſſabon, ſchrieb zuerſt Lufte ſpiele und Poſſen für die Londoner Bühne, ward dann Sachwalter von bedeutendem Rufe, muſste aber wegen Kränklichkeit dieſe Thätigkeit aufgeben. Er friſtete ſein Leben durch politiſche Streitſchriften und Zeitungsartikel, bis ihn 1741 der Zufall zur Romandichtung führte. Seine wichtigſten Romane find „Joſeph Andrews,“ worin er die moraliſche Empfindſamkeit in Richardſons „Pamela“ verſpottete, dann „Tom Jones“ und „Amelia.“ Lawrence Sterne, engliſcher Schriftſteller, geb. am 24. November 1713 zu Clonmel in Irland, geſt. am 18. März 1768 zu London, ſtudierte in Cambridge Theologie, ward 1720 Pfarrer zu Sutton, ließ ſich 1760 in London nieder und bereiste Frankreich und Italien. Sein bedeutendſtes Werk iſt „Leben und Meinungen dei Triſtram Shandy,“ ein humoriſtiſcher Roman. Ebenſo berühmt war fein „ori Empfindſame Reiſe durch Frankreich und Italien.“ Sein eigenthümlicher empfindſamer Humor drang faſt in alle gebildeten Kreiſe Europas und blieb eine Zeitlang Mode. 13. 18-23. „Die Macht des Geſanges.“ Und wie nach hoffnungsloſem Sehnen, Nach langer Trennung bitterm Schmerz, Anmerkungen. Ein Kind mit heißen Reuethränen Sich ſtürzt an ſeiner Mutter Herz: So führt zu ſeiner Jugend Hütten, Zu ſeiner Unſchuld reinem Glück, Vom fernen Ausland fremder Sitten Den Flüchtling der Geſang zurück, In der Natur getreuen Armen Von kalten Regeln zu erwarmen. 13. 23-26. vgl, Der Spaziergang V. 56 f. Glückliches Volk der Gefilde! Noch nicht zur Freiheit erwachet, Theilſt du mit deiner Flur fröhlich das enge Geſetz. An Humbold ſchreibt Schiller am 7. Sept. 1795: „die Betrachtung, dass der Menſch ſich von der Natur entfernen muſste, kann nie verhindern, dajs der Verluſt jenes reinen Zuſtandes nicht ſchmerzt, und nur au dieſen hält ſich der Poet.“ Damit wollte Schiller dem Freunde zugleich den Schlüſſel zu ſeinem Gedichte Natur und Schule [Der Genius] geben, in welchem auch der Sehnſucht nach der ver— 1. lorenen Vollkommenheit Ausdruck gegeben wird. 1 13. 30—40. Denſelben Gedanken hatte Schiller ſchon früher iu der Recenſion ro; „über Mathiſſons Gedichte“ mit folgenden Worten ausgeſprochen: WW. Hift. krit. Ausgabe . X, 255]. „Will uns alſo der Dichter aus dem Gedränge der Welt in ſeine Einſamkeit 1858 nachziehen, ſo muſs es nicht Bedürfnis der Abſpannung, ſondern der Anſpannung, 1 nicht Verlangen nach Ruhe, ſondern nach Harmonie ſein, was ihm die Kunſt verleidet, N * und die Natur liebenswürdig macht; nicht weil die Welt ſeinen theoretiſchen, ſondern = je weil fie feinem praktiſchen Vermögen widerſtreitet, muſs er ſich nach einem Tibur um— 32 5 ſehen, und zu der lebloſen Schöpfung flüchten.“ Vgl. auch Anmerkung zu 16, 22—25. 4 * 14. 14—17. Dieſe echt Kantiſche Idee, die der Königsberger Philoſoph in dem 5. 198 Aufſatze: „Muthmaßlicher Anfang der Menſchengeſchichte nach philoſophiſchen Begriffen“ 5 formuliert hatte, entwickelte Schiller zuerſt in der Abhandlung „Etwas über die erſte . 1 Menſchengeſellſchaft nach dem Leitfaden der moſaiſchen Urkunde“. Darin äußert er ſich 5 13% [WW. hiſt. krit. Ausg. IX, 126]: „Er ſollte den Stand der Unſchuld, den er jetzt verlor, 5 1 wieder aufſuchen lernen durch ſeine Vernunft und als ein freier vernünftiger Geiſt 3 ee: dahin zurückkommen, wovon er als Pflanze und als eine Creatur des Inſtinetes aus— 1 ; gegangen war.“ Er 14. 20—23. vgl. der „Spaziergang.“ V. 1—11 insbeſondere: RL Ruhige Bläue dich auch, die unermeſslich ſich ausgießt BE Um das braune Gebirg, über den grünenden Wald, 5 Auch um mich, der endlich entflohn des Zimmers Gefängnis * Und dem engen Geſpräch freudig ſich rettet zu dir u und V. 186—189: 2 Bin ich wirklich allein? In deinen Armen, an deinem 7 Herzen wieder, Natur, ach! und es war nur ein Traum, 28 Der mich ſchaudernd ergriff mit des Lebens furchtbarem Bilde, Be = Mit dem ſtürzenden Thal ſtürzte der finſtre hinab. 3 vgl. überdies Die Braut von Meſſina: IV. Aufzug V. 2559 2561: 8 ö Wohl dem! Selig mußs ich ihn preiſen, Der in der Stille der ländlichen Flur, Fern von des Lebens verworrenen Kreiſen, Kindlich liegt an der Bruſt der Natur. * 90 Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. und I. Act V. 360-364: Nur die Natur iſt redlich! Sie allein Liegt an dem ew'gen Ankergrunde feſt, Wenn alles andre auf den ſturmbewegten Wellen Des Lebens unſtet treibt. 14. 23— 27. vgl. Schillers Epigramm: Das Höchſte. Suchſt du das Höchſte, das Größte? die Pflanze kann es dich lehren. Was ſie willenlos iſt, ſei du es wollend — das iſt's! 14. 2731, vgl. Über Matthiſſons Gedichte [WW. hiſt, krit. Ausg. X. 254): „Im Tumult der geſchäftigen Welt verdrängt eine Geſtalt unſeres Geiſtes unaufhaltſam die andere und die Mannigfaltigkeit unſeres Weſens iſt nicht immer unſer Verdienſt; deſto treuer bewahrt die einfache, ſtets ſich ſelbſt gleiche, Natur um uns her die Empfindungen zu deren Vertrauten wir ſie machen und in ihrer ewigen Einheit finden wir auch die unſrige wieder,“ die ſchönen Worte in dem Briefe Schillers an Lotte und Caroline vom 10. Sept. 1789: „Und wie wohlthätig iſt uns doch wieder dieſe Identität, dieſes gleich— förmige Beharren der Natur. Wenn uns Leidenſchaft, innerer und äußerer Tumult lang genug hin und her geworfen, wenn wir uns ſelbſt verloren haben, fo finden wir fie immer als die nämliche wieder, und uns in ihr. Auf unſerer Flucht durch das. Leben legen wir jede genoſſene Luſt, jede Geſtalt unſeres wandelbaren Weſens in ihre treue Hand nieder und wohlbehalten gibt ſie uns die anvertrauten Güter zurück, wenn wir kommen und fie wieder fodern,“ und die poetiſche Ausgeſtaltung des Gedankens, im Spaziergang V. 190-201. 14. 32— 15. 10 Auf die Unterſcheidung zwiſchen modernen und antiken Schrift⸗ ſtellern hat, wie D. Jacoby in ſeinem Aufſatz Schiller und Garve, Schnorrs Archiv f. Literaturgeſchichte Bd. 7. S. 95—145 nachzuweiſen glückte, auch Garves „Betrachtung, einiger Verſchiedenheiten in den Werken der älteſten und neueren Schriftſteller, ins- beſondere der Dichter,“ welche Schiller aus der 1779 veröffentlichten „Sammlung, einiger Abhandlungen aus der neuen Bibliothek der ſchönen Wiſſenſchaften und Künſte“ kannte. [vgl. Schillers Brief an Cruſius vom 16. Dec. 1791], ſicherlich eingewirkt. In einem Brief an Garve den Popularphiloſophen (1742—1798) vom 1. Det. 1794 nennt ſich Schiller Garves Nachbar in der philoſophiſchen Betrachtung der Dinge. Garve unter- ſcheidet nun die Naturbetrachtung der alten und neuern Dichter folgendermaßen: „Der alte Dichter ſah die Natur, ohne zu wiſſen, dafs er dieſe Betrachtung als ſeine Beſtimmung, oder als das Mittel zu gewiſſen Abſichten zu betrachten hätte. Sie malte fi) alſo in feiner Seele ab, ohne dass er einen einzigen Pinſelſtrich beigetragen oder fie in ihrer Zeichnung geleitet hätte. Unſere Dichter, wenn ſie die Natur beobachten, thun es ſchon immer in der Abſicht, ſie zu ſchildern, ſie wollen ſie gerne ſchön ſehen, oder wenigſtens jo, wie fie ſich ſchön ausdrücken läſst; und dadurch wird das Gemälde ein Gemiſche von wahren Eindrücken, von bloß eingebildeten Zügen ihrer Einbildungskraft, und von abſtracten Begriffen, die fie durch Unterricht und Überlieferung bekommen haben.“ Höchſt bemerkenswert iſt noch, wie W. von Humboldt in einem Briefe an Schiller vom 6. Nov. 1795 das Verhältnis der Griechen zu Natur faſt mit denfelben. Worten und doch unabhängig von ihm, denn Schillers fertige Abhandlung über das Naive erwartete damals H., zu charakteriſieren ſucht: „Bei den Griechen fällt es zuerſt ins Auge, dass fie ganz und unaufhörlich den Eindrücken der äußern Natur auf fie offen waren, dass alles, was fie empfanden, fie lebendig bewegte, dafs fie es aber nicht bloß zuerſt treu aufnahmen, ſondern auch, ungeachtet der Stärke ihrer Rührung, dennoch jo angemeſſen darauf zurückwirkten, dafs fie die eigentliche Geſtalt desſelben Anmerkungen. 91 nur ſehr wenig änderten. Überhaupt hatte die Einwirkung der Natur um ſie her ſie gänzlich gebildet, ihre Phantaſie, ihr Geiſt, ihre Empfindung verrieth dieſen Einfluss, ihr ganzes Innere war ein treuer Spiegel der Natur und wie dieſe daher auf fie einwirkte, ſo wirkte ihre Selbſtthätigkeit wieder zurück. Hieraus, vorzüglich wenn Sie zugleich an die milde und lichte, reiche und große Natur denken, die ſie umgab, ent⸗ ſpringen alle ihre Vorzüge und Mängel.“ 16. 6—9. vgl. „Die Götter Griechenlands.“ Finſterer Ernſt und trauriges Entſagen War aus eurem heitern Dienſt verbannt, Glücklich ſollten alle Herzen ſchlagen, Denn euch war der Glückliche verwandt. Damals war nichts heilig als das Schöne, Keiner Freude ſchämte ſich der Gott, Wo du keuſch erröthende Kamöne, NE: Wo die Grazie gebot. 7 „Die vier Weltalter.“ 2 Die Götter ſanken vom Himmelsthron, Es ſtürzten die herrlichen Säulen, Und geboren ward der Jungfrau Sohn, Die Gebrechen der Erde zu heilen; 2 Verbannt ward der Sinne flüchtige Luſt, 3 3 be Und der Menſch griff denkend in ſeine Bruft. 5 RT 16. 12— 15. Die Griechen charakteriſiert Schiller im 6. Briefe über äſth. Erz. 55 des Menſchen [WW. hiſt. krit. Ausg. X, 287]: „Zugleich voll Form und voll Fülle, 5 = zugleich philoſophierend und bildend, zugleich zart und energiſch ſehen wir fie die Jugend = der Phantaſie mit der Männlichkeit der Vernunft in einer herrlichen Menſchheit ver- 5 2 einigt“ und ſagt im weiteren Verlaufe fa. a. O., S. 292]: „Die Erſcheinung der griechiſchen Menſchheit war unſtreitig ein Maximum.“ 16. 19—22. Den gleichen Gedanken theilte Goethe Herdern in einem Briefe aus Neapel vom 17. Mai 1787 [Ital. Reife. Werke bei Hempel XXIV., S. 307] mit: „Sie [die Alten] ſtellten die Exiſtenz dar, wir gewöhnlich den Effect; fie ſchilderten das | Fürchterliche, wir ſchildern fürchterlich, fie das Angenehme, wir angenehm u. ſ. w.“ 16. 22—25. Es iſt der 14. Geſang der Odyſſee. Werther ſchreibt am 15. März: „Ich ſtrich mich ſachte aus der vornehmen Geſellſchaft, gieng, ſetzte mich in ein Cabriolet und fuhr nach M., dort vom Hügel die Sonne untergehen zu ſehen und dabei in & meinem Homer den herrlichen Geſang zu leſen, wie Ulyſs von dem trefflichen Schwein— ; hirten bewirtet wird. Das war alles gut.“ [Goethes Werke bei Hempel XIV., S. 75.] 16. 30—42. Im neunten Stück der Horen 1795 hatte Herder „Homer und 0 Oſſian“ gegenübergeſtellt. „Es iſt ihm,“ wie Humboldt am 20. November 1795 an Sch. : ſchreibt, „ſehr gut gelungen, die Nebelgeftalt des caledoniſchen Lyrikers gegen das heitere Licht der joniſchen Epopöe zu ſtellen.“ Als nun Schiller in dieſer Anmerkung feiner Abhandlung die beiden Geſtalten in Bezug auf ihre Empfindungsweiſe gegeneinander 5 hielt, bemerkte Herder in der achten Sammlung der Briefe zu Beförderung der 8 Humanität Brief er 107 mit Beziehung auf Schillers Unterſcheidung: „Homer nämlich erzählt die Geſchichten feiner Vorwelt ohne merkliche beſondere Theilnehmung; Oſſian ſinget ſie aus ſeinem verwundeten Herzen, aus ſeiner traurig fröhlichen Erinnerung.“ 17. 5-11. Ahulich äußert ſich Humboldt an Schiller im Briefe vom 6. Nov. 1795: „Sie [die Griechen] haben in ſpätern Zeiten (Euripides) auch Scharfſinn Ns n Macedonien, hatte in der Philoſophie den Anaxagoras, in der Rhetorik die Sopiſten Prodikos und Protagoras zu Lehrern. Er führte zuerſt die Philoſophie in die Tragödie ein, daher die vielen Sentenzen. Ein zweites Moment iſt ſeine eingehende Schilderung menſchlicher Leidenſchaften, insbeſondere der Liebe in allen Geſtalten. Deswegen wird er von Ariſtoteles in der Poetik 6 cofenchderas genannt. An dieſe Bezeichnung knüpft Leſſing im 74. St. der Hamb. Dram. an mit der Bemerkung, er habe von Sokrates gelernt „den Menſchen und uns ſelbſt kennen, auf unſere Empfindungen aufmerkſam ſein, in allem die ebenſten und kürzeſten Wege der Natur ausforſchen und lieben, jedes Ding nach ſeiner Abſicht beurtheilen.“ In der eigentlichen dramatiſchen Kunſt aber bezeichnet Euripides gegenüber Sophokles einen Rückgang. Die Chorlieder ſind bloßes Leierwerk und ohne organiſchen Zuſammen⸗ 5 hang mit der Handlung, die mangelhafte Okonomie erſetzt er durch einen Prolog, der den Inhalt der Handlung vorauserzählt. Auch die Sprache zeigt nicht mehr das edle Pathos des Sophokles, ſondern nähert ſich mehr der Sprache des täglichen Lebens. Von ſeinen etwa 120 Stücken ſind 18 Tragödien und das Satirdrama „der Cyklop“ erhalten. Die wichtigſten ſind „Medea“ (P. Corneille, Grillparzer), „Iphigenie in Tauris“ (Goethe), „Iphigenie in Aulis,“ die „Phönicierinnen“ (das erſtere ganz von Schiller überſetzt, von letzterem einzelne Scenen), „Hippolytos“ (Racines und Schillers Phädre). 17. 12. Man denke z. B. an Herodot, anderſeits an Salluſt und Tacitus. ’ 17. 13—16. Das hier von Horaz Geſagte gilt nicht bloß von feinen Satiren, ſondern ebenſo von den Oden, Epoden (Beatus ille ..) und Epifteln. Sein geliebtes Tibur preist er beſonders Od. I., 18. und II., 6. BZ 17. 17. Sextus Propertius, nächſt Tibul der bedeutendſte römiſche Elegifer, geb. nach 49 v. Chr. wahrſcheinlich zu Aſiſium, geſt. um 15 v. Chr. Wir haben von ihm 4 Bücher Elegien. Seinem Ekel an einer überbildeten und verderbten Zeit macht er in Satiren Luft, wobei er theils an eine beſſere Vergangenheit erinnert, theils in der Betrachtung der ſtets jugendlich ſchönen Natur Erholung ſucht. Vgl. beſonders I, 2. 9. ff. III, 5. 25, u. a. m. Seine Gedichte haben auch Goethe Anregung geboten, insbeſondere zu den „Römiſchen Elegien;“ vgl. den Anfang ſeiner Elegie „Hermaunn und Dorothea.“ Er Vergil beſonders in ſeinen Eclogen und an verſchiedenen Stellen in den Georgicis, beſonders II., 457 fg. e 17. 29—33. Gegen die Eintheilung in naive und ſentimentaliſche Dichter hat Herder in den Briefen zu Beförderung der Humanität achte Sammlung Brief Nr. 107 bei aller Anerkennung Einſpruch erhoben: „Andere haben die Dichter nach Empfindungen geordnet, da denn inſonderheit Schiller viel Feines und Vortreffliches geſagt hat. Allein, wie ſehr laufen die Empfindungen ineinander! welcher Dichter bleibt einer Empfindungsart dergeſtalt treu, dass fie ſeinen Charakter, zumal in verſchiedenen Werken bezeichnen könnte? Oft rühret er ein Saitenſpiel von vielen, ja von allen Tönen, die ſich eben durch Disharmonien heben. Die Welt der Empfindungen iſt ein Geifter-, oft ein Atomenreich; nur die Hand des Schöpfers vermag daraus Geſtalten zu ordnen.“ vgl. auch A. W. Schlegels Urtheil in Anm. 68, 8. er 18. 22—23. Schiller lernte Shakeſpeare auf der Karls-Akademie durch Profeſſor Jacob Friedrich Abel [geb. 9. Mai 1751, + 1829 zu Schorndorf] kennen; derſelbe b erzählt [bei Hoffmeiſter und Viehoff, Schiller's Leben I. 42]: „Ich war gewohnt bei Erklärungen pſychologiſcher Begriffe Stellen aus Dichtern vorzuleſen, um das Vorgetragene 3 Anmerkungen. 93 anſchaulicher und intereſſanter zu machen. Dieſes that ich insbeſonders auch, als ich den Kampf der Pflicht mit der Leidenſchaft, oder einer Leidenſchaft mit einer anderen erklärte, welchen anſchaulicher zu machen ich einige der ſchönſten hieher paſſenden Stellen aus Shakeſpeares Othello nach der Wieland'ſchen Überſetzung vorlas. Schiller war ganz Ohr, alle Zügeſeines Geſichtes drückten die Gefühle aus, von denen er durchdrungen war; er richtete ſich auf und horchte wie bezaubert. Kaum war die Vorleſung beendet, jo begehrte er das Buch von mir und von nun an las und ſtudierte er dasſelbe mit ununterbrochenem Eifer.“ — Schiller eitiert in mehreren Jugendſchriften Shakeſpeare, jo Julius Cäſar, Richard III. und Macbeth in dem „Verſuch über den Zuſammenhang der thieriſchen Natur des Menſchen mit ſeiner geiſtigen.“ Macbeth, den Sturm und Othello in der erſten, Richard III. in der zweiten Vorrede zu den Räubern, Julius Cäſar, Hamlet, Lear und Timon in der Vorleſung: „Was kann eine gute ſtehende Schaubühne eigentlich wirken.“ 18. 24 —30. Zunächſt iſt hier zu erinnern an die von Leſſing im 69. St. der Hamb. Dramaturgie angeführte Stelle aus Wieland's 1766 zuerſt erſchienenem Romane „Geſchichte des Agathon“ Buch 12. Cap. 1 [Hempel'ſche Ausg. 3. Th. S. 32 ff.]: „Man tadelt an Shakeſpeare — demjenigen unter allen Dichtern ſeit Homer, der die Menſchen vom Könige bis zum Bettler und von Julius Cäſar bis zu Jak Fallſtaff am beſten gekannt und mit einer Art von unbegreiflicher Intuition durch und durch geſehen hat, — dafs feine Stücke keinen oder doch nur einen ſehr fehlerhaften, unregelmäßigen und ſchlecht ausgeſonnenen Plan haben; daſs Komiſches und Tragiſches darin auf die ſeltſamſte Art durcheinander geworfen iſt, und oft eben dieſelbe Perſon, die uns durch die rührende Sprache der Natur Thränen in die Augen gelockt hat, in wenigen Augen— blicken darauf uns durch irgend einen ſeltſamen Einfall oder barockiſchen Ausdruck ihrer Empfindungen, wo nicht zu lachen macht, doch dergeſtalt abkühlt, daſs es ihm hernach ſehr ſchwer wird, uns wieder in die Faſſung zu ſetzen, worin er uns haben möchte. — Man tadelt das und denkt nicht daran, dass feine Stücke eben darin natürliche Abbildungen des menſchlichen Lebens.“ Gemeint iſt hier Gottſched und ſeine Schule, deren Geringſchätzung des engliſchen Schauſpiels zu bitterem Tadel Anlass gab. Wie Shakeſpeare in Gottſched's Schule angeſehen wurde, zeigt ſchon das kurze Urtheil von Mylius über Romeo und Julie, das er den 23. Oct. 1753 in Conventgarden aufführen ſah: „dieſes in der Form und Materie ſehr fehlerhafte luſtige Trauerſpiel, welches man gleichwohl ihr in allem Ernſt für eine ehrliche Tragödie hält, ward ſeinem Werte gemäß vorgeſtellet. Die meiſten Acteurs ſpielten recht reibehandiſch heldenaetionsmäßig.“ [Danzel- Guhrauer Leſſing's Leben I., 261]. Anlässlich des Hinweiſes auf Agathon klagt Leſſing [a. a. o.]: „Unſere Großen lernen vors erſte an den i kauen; und freilich iſt der Saft aus einem franzöſiſchen Roman lieblicher und verdaulicher.“ — Ferner iſt auf eine Bemerkung in Garves bereits erwähnten Aufſatze hinzuweiſen: „Wir beobachten alſo ſehr wenig ſelbſt. Viele Dinge geſchehen täglich vor unſeren Augen oder ſind nur wenige Schritte von uns, die wir doch kaum eher bemerken, als bis wir ſie in Büchern gefunden haben. . . . Erſt durch die Copien werden wir auf die Originale aufmerkſam, weil wir bei der Vergleichung zwiſchen beiden eine Beſchäftigung finden, die mehr nach unſerer jetzigen Denkungsart iſt, als die freie Beobachtung ſelbſt. 18. 31--32. Nach Boas Jugendjahre Schillers herausgegeben v. Maltzahn I., 183 lernte Sch. Homer durch ſeinen Lehrer Naſt im Originale 1779 kennen, und als dieſer feinen Zuhörern einzelne Geſänge aus Bürgers metriſcher Überſetzung mittheilte, wurde Sch. dadurch tief und freudig erregt. Eingehender beſchäftigte er ſich jedoch mit Homer erſt im Sommer 1788 in Rudolſtadt. Am 20. Aug. theilt er Körner mit: „Ich leſe Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. N jetzt faſt nichts als Homer. Ich habe mir Voß’ Überſetzung der Odyſſee [Hamb. 1781; die Ilias erſchien erſt 1793] kommen laſſen, die in der That ganz vortrefflich iſt. — Die Iliade leſe ich in einer proſaiſchen Überſetzung [von Fr. Leop. v. Stollberg Flensb. und Leipz. 1778].“ ; 19. 5. ff. Über Arioſt ſchreibt Sch. an Körner am 21. Jän. 1802: „Ich hab dieſer Tage den raſenden Roland wieder geleſen und kann Dir nicht genug ſagen, wie anziehend und erquickend mir dieſe Lectüre war. Hier iſt Leben und Bewegung und Farbe und Fülle; man wird aus ſich heraus ins volle Leben, und doch wieder von da zurück in ſich ſelbſt hineingeführt; man ſchwimmt in einem reichen, unendlichen Element und wird ſeines ewigen identiſchen Ich's los und eriftiert eben deswegen mehr, weil man aus ſich ſelbſt geriſſen wird. Und doch iſt, trotz aller Üppigkeit, Raſtloſigkeit und Ungeduld, Form und Plan in dem Gedicht, welches man mehr empfindet, als erkennt und an der Stetigkeit und ſich ſelbſt erhaltenden Behaglichkeit und Fröhlichkeit des Zuſtandes wahrnimmt. Freilich darf man hier keine Tiefe ſuchen und keinen Ernſt; aber wir brauchen wahrlich auch die Fläche jo nöthig, als die Tiefe und für den Ernſt ſorgt die Vernunft und das Schickſal genug, dass die Phantaſie ſich nich 8 damit zu bemengen braucht.“ 88. 20. 8-20. vgl. Schillers 9. Brief über äſth. Erziehung des Menſchen WW. hiſt. krit. Ausg. X, 300]: „Der Künſtler iſt zwar der Sohn feiner Zeit, aber ſchlimm für ihn, wenn er zugleich ihr Zögling oder gar noch ihr Günſtling iſt. Eine wohlthätige Gottheit reiße den Säugling beizeiten von ſeiner Mutter Bruſt, nähre ihn mit der Milch eines beſſeren Alters und laſſe ihn unter fernem griechiſchen Himmel zur Mündigkeit reifen. Wenn er dann Mann geworden iſt, ſo kehre er, eine fremde Geſtalt, in ſein Jahrhundert zurück, * j aber nicht um es mit feiner Erſcheinung zu erfreuen, ſondern furchtbar wie Agamemnons Sohn, um es zu reinigen.“ Und die briefliche Außerung an Goethe vom 2. Juli 1796: „Wie rührt es mich, wenn ich denke, daj8 was wir ſonſt nur in der weiten Ferne eines begünſtigten Alterthums ſuchen und kaum finden, mir in Ihnen ſo nahe ift. Wundern Sie ſich nicht mehr, wenn es ſo wenige gibt, die Sie zu verſtehen fähig und würdig find. Die bewunderungswürdige Natur, Wahrheit und Leichtigkeit Ihrer Schilderungen entfernt bei dem gemeinen Volk der Beurtheiler allen Gedanken an die Schwierigkeit, an die Größe der Kunſt, und bei denen, die dem Künſtler zu folgen im Stande ſein könnten, die auf die Mittel, wodurch er wirkt, aufmerkſam ſind, wirkt die genialiſche Kraft, welche fie hier handeln ſehen, jo feindlich und vernichtend, bringt ihr bedürftiges Selbſt jo ſehr ins Gedränge, dafs fie es mit Gewalt von ſich ſtoßen, aber im Herzen und nur de mauvaise gräce Ihnen gewiſs am lebhafteſten huldigen.“ 20. 20—26. Vgl. Votivtafeln 70. Die ſchwere Verbindung. Warum will ſich Geſchmack und Genie ſo ſelten vereinen? Jener fürchtet die Kraft, dieſes verachtet den Zaum. : 21. 9—12. vgl. dagegen Herder im 107. Briefe zu Beförderung der Huma⸗ nität: „Der Poeſie Grund und Boden iſt Einbildungskraft und Gemüth, das Land der Seelen. Ein Ideal der Glückſeligkeit, der Schönheit und Würde, das in deinem Herzen ſchlummert, wecket ſie auf durch Worte und Charaktere; ſie iſt der Sprache, der Sinne und des Gemüths vollkommenſter Ausdruck. Kein Dichter kann dem Geſetz entgehen, das in ihr liegt; er zeigt, was er hat und nicht habe.“ ; 21. 13—15. Im gleichen Sinne jagt Schiller im 6. Briefe über äſth. Erz. des Menſchen von der griechiſchen Kunſt IWW. hiſt. krit. Ausg. X., 287 f.]: „Die Poeſie hatte noch nicht mit dem Witze gebuhlt,“ und in dem Gediche, „Das Mädchen von Orleans.“ Se Anmerkungen. Krieg führt der Witz auf ewig mit dem Schönen, Er glaubt nicht an den Engel und den Gott, Dem Herzen will er ſeine Schätze rauben, Den Wahn bekriegt er und verletzt den Glauben. Schillers Bemerkung iſt zweifelsohne gegen Gottſched und ſeine Schule und ihr Organ „Beluſtigungen des Verſtandes und Witzes“ gerichtet, die er auch mit Xenion 346 Tantalus trifft; nebenbei wird mit den Franzoſen auch auf Voltaire gezielt. 21. 15—18. vgl. Herder im 107. Briefe zu Beförderung der Humanität: „Auch in Zeiten des größten Ungeſchmacks können wir uns nach der großen Regel der Natur jagen: tendimus in Arcadiam, tendimus! Nach dem Lande der Einfalt, der Wahrheit und Sitten geht unſer Weg.“ 5 21. 19— 23. vgl. Schiller 6. Brief über äſth. Erz. des Menſchen la. a. O. S. 207]: „Damals, bei jenem ſchönen Erwachen der Geiſteskräfte, hatten die Sinne und der Geiſt noch kein ſtrenge geſchiedenes Eigenthum; denn noch hatte kein Zwieſpalt ſie gereizt, miteinander feindſelig abzutheilen und ihre Markung zu beſtimmen.“ 21. 35—36. Daſs W. v. Humboldt in dem Briefe vom 18. December 1795 Schillers Begriffsbeſtimmung der Poeſie mit Begeiſterung ergriffen, iſt ſchon in der Einleitung bemerkt. Auch Herder kommt in dem mehrfach eitierten Briefe 107 auf eine ähnliche Auffaſſung der Aufgaben der Dichtkunſt: „Ob aber der Geiſt der Poeſie durch alle Schwingungen und Ereentrieitäten, in denen er ſich bisher Nationen und Zeitenweiſe bemüht hat, nicht dahin ſtreben, immer mehr und mehr, ſowie jede Grob— heit des Gefühls, ſo auch jeden falſchen Schmuck abzuwerfen und den Mittelpunkt aller menſchlichen Bemühungen zu ſuchen, nämlich die echte, ganze, moraliſche Natur des Menſchen, Philoſophie des Lebens? Dieſes wird mir durch Ver— gleichung der Zeiten ſehr glaubhaft.“ 21. 37-40. Anknüpfend an Herders im IX. Stück der Horen 1795 erſchienenen Aufſatz „Homer und Oſſian“ bemerkt W. von Humboldt im Briefe vom 30. Oct. 1795, daſs „ihre [der Griechen! Phantaſie jo harmoniſch mit der wirklichen Natur geſtimmt war, daſs fie dadurch Allgemeinheit und ein Analogon der Nothwendigkeit (des Objeetiven) hervorbrachten. Bei ihnen war es Einheit des Bildes und der Natur; bei uns der Gedanke.“ 22. 4 An Körner ſchreibt Schiller den 25. Dec. 1788: „der Künſtler und dann vorzüglich der Dichter behandelt niemals das Wirkliche, ſondern immer nur das Idealiſche oder das kunſtmäßig Ausgewählte aus einem wirklichen Gegenftande“ und denkt dabei offenbar nur ebenſo wie [1791] in der Recenſion „über Bürgers Ge— dichte“ (WW. hiſt. krit. Ausg. VI., 323], wo er „eine der erſten Erforderniſſe des Dichters die Idealiſirung“ nennt, an die Operation des modernen Dichters. Denn auch hier verſteht er unter Idealiſierung, das Vortreffliche ſeines Gegenſtandes „von gröbern, wenigſtens fremdartigen Beimiſchungen zu befreien, die in mehreren Gegenſtänden zer— ſtreuten Strahlen von Vollkommenheit in einem einzigen zu ſammelu, einzelne, das Ebenmaß ſtörende Züge der Harmonie des Ganzen zu unterwerfen, das Individuelle und Locale zum allgemeinen zu erheben.“ Die Anregung zum Nachdenken über die Aufgabe der Poeſie empfieng er zu dieſer Anſchauung wahrſcheinlich aus Leſſings Hamb. Dramaturgie St. 70, wo die Beſtimmung der Kunſt in folgender Weiſe augeben wird: „In der Natur iſt alles mit allem verbunden; alles durchkreuzt ſich, alles wechſelt mit allem, alles verändert ſich eines in das andere. Aber nach dieſer unendlichen Mannigfaltigkeit iſt ſie nur ein Schauſpiel für einen unendlichen Geiſt. Um endliche Geiſter an dem Genuſſe derſelben Autheil nehmen zu laſſen, muſsten dieſe das Vermögen erhalten, ihr 96 Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. Schranken zu geben, die ſie nicht hat, das Vermögen abzuſondern und ihre Aufme ſamkeit nach Gutdünken lenken zu können ..... Die Beſtimmung der Kunſt iſt, u in dem Reiche des Schönen dieſer Abſonderung zu überheben, uns die Fixirung unſerer Aufmerkſamkeit zu erleichtern. Alles, was wir in der Natur von einem Gegenſtande oder einer Verbindung verſchiedener Gegenſtände, es ſei der Zeit oder dem Raume nach, in unſern Gedanken abſondern, oder abſondern zu können wünſchen, ſondert ſie wirklich ab und gewährt uns dieſen Gegenſtand oder dieſe Verbindung verſchiedener Gegenſtände ſo lauter und bündig als es nur immer die Empfindung, die ſie erregen ſollen, verſtattet.“ Hat Leſſing hier die Beſtimmung der Kunſt klar und bündig als Nachahmung des Naturganzen bezeichnet, ſo war noch nicht die Art der Nachahmung damit beſtimmt. In der Art und Weiſe unterſcheiden ſich die alten (naiven) von den modernen (ſentimentaliſchen) Dichtern, wie zuerſt W. v. Humboldt in dem Briefe an Schiller vom 30. Det. 1795 genau präcifiert: „Sie [die Griechen]! rechneten zum Ganzen, was die Natur gewöhnlich aneinander reiht und die Phantaſie auf einmal bequem um— faſst. Wir ſcheiden ab, was mit dem Hauptbegriff nicht ſtreng zuſammenhängt.“ 5 22. 6—9. An Schiller ſchreibt Humboldt am 18. Dec. 1795: „Die naive und ſentimentaliſche Poeſie aus ihrem höheren Begriff herzuleiten, ſollten Sie doch noch, und bald, ſelbſt verſuchen. Dem tiefer eindringenden Leſer kann es zwar nicht ſchwer fallen, Sie dieſer Mühe zu überheben, aber es würde die Conſequenz Ihres Syjtems in ein herrliches Licht ſetzen und nebenher würde ſich auf dem Wege noch manches ergeben.“ Darauf antwortet Schiller am 25. Dec.: „Eine Deduetion beider Dichtungs- weiſen aus dem Begriff der Poeſie und die Deduction dieſes Begriffes ſelbſt würde mich doch zulange in dem Felde meiner jetzigen Unterſuchung verweilen, und es ließe ſich, da alles mit allem zuſammenhängt nicht voraus berechnen, wie weit fie mich führen würde. Dem Inhalte nach ift fie ſowohl in meinen Briefen über äſthetiſche Erziehung als in den gegenwärtigen drei Aufſätzen gegeben.“ Den „höchſten Grad poetiſcher Schönheit, in welche naive und ſentimentaliſche Gattung zuſammenfließen,“ ſucht zwar Schiller in einem Briefe an Humboldt vom 31. März 1796 darin, dajs „uns die Kunſt als höchſte Natur und die Natur als Wirkung der höchſten Kunſt“ ergötzt, „denn erſt dann erreicht unſer Genuss feinen höchſten Grad, wenn wir beides zuſammen empfinden;“ [vgl. Goethes Sonette „Natur und Kunſt“], wobei er offenbar auf Kants Theſe in der K. d. U. §. 45 (2. Aufl. 179] zurückgriff: „Die Natur war ſchön, wenn fie zugleich wie Kunſt ausſah; und die Kunſt kann nur ſchön genannt werden, wenn wir uns bewußſst find, fie ſei Kunſt und fie uns doh wie Natur ausſieht.“ logl. an Körner den 23. Februar 93, III., 58.] Allein hier hat Schiller ebenſowenig wie früher die von Humboldt begehrte Ableitung aus ihrem gemeinſamen Urquell vorgenommen. Das bei Schiller Vermiſste ſuchte Humboldt in den „äſthetiſchen Verſuchen über Goethes Hermann und Dorothea“ zu löſen und formuliert zum Zwecke der Deduction das letzte Ziel des Dichters fol= gendermaßen: „Den ganzen Stoff, den ihm die Beobachtung darreicht, organiſiert er zu einer idealiſchen Form für die Einbildungskraft und die Welt um ihn her erſcheint ihm nicht anders, als wie ein durchgängig individuelles lebendiges, harmoniſches, nir⸗ gends beſchränktes noch abhängiges, nur ſich ſelbſt genügendes Ganzes mannigfaltiger Formen. So hat er feine eigene innerſte und beſte Natur in fie übertragen und fie zu einem Weſen gemacht, mit dem er nun vollkommen zu ſympathiſieren vermag.“ Durchaus im Sinne Schillers, entſprechend ſeiner Begriffsbeſtimmung der Poeſie und E: 1 übereinſtimmend mit ſeiner Charakteriſtik Goethes in den Briefen vom 23. und 31. Auguſt 1794 — [vgl. nur im letzteren die Bemerkung: „Ihr Geiſt wirkt in einem Anmerkungen. 7 NN eee FR TA any, 5 2 u ee F außerordentlichen Grade intuitiv, und alle Ihre denkenden Kräfte ſcheinen auf die Imagination, als ihre gemeinſchaftliche Repräſentantin gleichſam compromittiert zu haben. Im Grunde iſt dies das Höchſte, was der Menſch aus ſich machen kann, ſobald es ihm gelingt, ſeine Anſchauungen zu generaliſieren und ſeine Empfindung geſetzgebend zu machen“] — worin ſich Schiller und Humboldt begegneten, findet Humboldt nach dem Vorgange Kants in der menſchlichen Einbildungskraft den Urquell aller ſchöpfe⸗ riſchen Kunſtthätigkeit; aus vollem Herzen fließen die Zuſtimmungsworte Schillers in dem Briefe vom 27. Juni 1798, mit denen er Formel ſowie Deduction in gleicher Weiſe treffend und entſcheidend nennt. Darin, dafs Humboldt es unternahm, in dem Weſen der Einbildungskraft das Weſen aller Kunſt, ihrer einzelnen Formen und ihrer Erſcheinungen zunächſt in der Anwendung auf Goethes „Hermann und Dorothea“ darzulegen, liegt ſein großes Verdienſt um die Ausbildung der Schiller'ſchen Aſthetik zur Wiſſenſchaft. 22. 15, 16. vgl. Garves Betrachtung einiger Verſchiedenheiten in den Werken der älteſten und neueren Schriftſteller, insbeſondere der Dichter: „Sie (die Alten) gehen mit ihrer ganzen Abſicht niemals weiter, als uns das Bild der Sache, von der ſie reden, zu überliefern. Wir brauchen die Begebenheiten, die wir erzählen, die Objeete, die wir ſchildern, gemeiniglich nur als Gelegenheiten, eine Anzahl guter Ideen, die wir in unſern Kopf geſammelt haben, anzubringen. Sie legen niemals in den Ausdruck einen größern Reichthum von Gedanken, als der in dem Gegenſtande ſelbſt liegt. Wir haben faſt immer noch außer der Abſicht, der Imagination des Leſers ein gewiſſes Bild vorzuſtellen, die zweite in ſeinem Verſtande gewiſſe Betrachtungen zu veranlaſſen.“ 22. 19—20. Kant ſpricht in dem Aufſatze „Muthmaßlicher Anfang der Menſchen— geſchichte“ die Anſicht aus, dafs die Naturanlagen, „da fie auf den bloßen Naturzuſtand geſtellt waren, durch die fortgehende Cultur Abbruch leiden, und dieſer dagegen Abbruch thun, bis vollkommene Kunſt wieder Natur wird; als welches das letzte Ziel der ſittlichen Beſtimmung der Menſchengattung iſt.“ 23. 31. Jean Bapt iſte Poquelin, geb. am 15. Januar 1622 zu Paris, geſt. am 17. Februar 1673 daſelbſt, war der Sohn eines königlichen Kammerdieners und wurde im Jeſuitencollegium zu Clermont erzogen. Er ſollte ſich der Jurisprudenz widmen, ſein unüberwindlicher Drang zum Theater aber bewog ihn, ſich unter dem Namen Molière an einem Liebhabertheater zu betheiligen, das er in eine Truppe umwandelte, mit der er von 1646-1658 die ſüdlichen Provinzen durchzog. 1658 nach der Hauptſtadt zurückgekehrt, erhielt er die Erlaubnis zu ſtändigen Vorſtellungen, ein eigenes Local und ſeine Truppe den Namen Proupe de Monsieur. Endlich 1660 wurde ihm das Theätre du palais royal übertragen, wo er bis 1673 allein 25 feiner Komödien aufführen ließ, ſich nicht nur der Gunſt des Königs erfreuend, der ihn gegen Angriffe ſchützte, ſondern auch des wachſenden Beifalls der Kritik und des Publicums. Er lebte mit raſtloſer Unermüdlichkeit ſeiner ſchaffenden und darſtellenden Kunſt und ſtarb faſt buchſtäblich auf der Bühne unmittelbar nach einer Aufführung ſeines „Eingebildeten Kranken.“ — Von ſeinen zahlreichen Stücken ſind 32 erhalten. Er begann mit der Nachahmung ſpaniſcher Intriguenſtücke, ahmte wohl auch die italieniſche Poſſe nach („Le malade imaginaire“), feinen eigentlichen Ruhm aber verdankte er dem von ihm begründeten Charakter- und Sittenluſtſpiel, in dem er nach Art der neueren attiſchen Komödie die ſittlichen Gebrechen der Geſellſchaft ans Licht zog und geißelte, wo er ſie fand. Hieher gehören: „Les femmes savantes,“ „Le misanthrope,“ „Tartufe,“ deſſen Auf⸗ führung die Geiſtlichkeit vergeblich zu hindern verſucht Hatte, „L'avare,“ eine Nachahmung des Plautus. Hoher ſittlicher Ernſt leitet den Dichter, wenn er die Laſter der Vornehmen Schiller: über naive und ſentimentaliſche Dichtung. 7 7 verſpottet oder die religiöſe Scheinheiligkeit entlarvt. Die Franzoſen neunen Mol Recht den Vater ihrer Komödie. — Schiller ſpielt hier an das rührende Molieres zu feiner alten Haushälterin Laforest an, deren Urtheil er jo hoch hie er alle ſeine Dichtungen, ehe ſie ins Publicum kamen, erſt ihr vorlas. 23. 37-41. Bezieht ſich auf die Recenſenten der Horen. Am 30. O 1795 ſchreibt Schiller an Cotta: „Im letzten Stück werde ich auf alle elenden zugleich antworten. Es iſt unendlich lächerlich, die Anfänger in der Philoſo die Schmierer zu Leipzig und Halle über meine äſthetiſchen Briefe ergrimmt z während dajs Kant ſelbſt, der competenteſte Richter in dieſer Sache, mit Bewu davon ſpricht (vergl. Kant's Brief an Schiller vom 30. März 1795), ich in mehreren Punkten ihn ſelbſt zu widerlegen unternahm,“ an Körner 2. Nov.: „Die Horen werden jetzt von allen Orten her ſehr angegriffen, beſt meine Briefe — aber von lauter trivialen, eſelhaften Gegnern, daſs es keine Fre iſt, auch nur ein Wort zu replicieren: — in den Halleſchen Annalen, in Dy Bibliothek und nun auch von Nicolai in Berlin, im zehnten Theil jeiner Reiſen. Dei letzten und platteſten Geſellen ſchenke ich es aber doch nicht.“ Und den Tag vor Goethe: „Wir leben jetzt recht in den Zeiten der Fehde. Es iſt eine wahre E militans — die Horen meine ich. Außer den Völkern, die Herr Jacob in Halle comma und die Herr Manſo in der Bibliothek d. ſch. W. hat ausrücken laſſen, und Wolfs ſchwerer Cavallerie haben wir auch nächſtens vom Berliner Nieolai einen Angriff zu erwarten. Im zehnten Theil ſeiner Reiſen ſoll er faſt von nichts als den Horen handeln und über die Anwendungen Kantiſcher Philoſophie herfalle wobei er alles unbeſehen, das Gute wie das Horrible, was dieſe Philoſophie ausgeh in einen Topf werfen ſoll. Es läſst ſich wohl noch davon reden, ob man überall n dieſe Plattituden antworten ſoll. Ich möchte noch lieber etwas ausdenken, wie feine Gleichgiltigkeit dagegen recht anſchaulich zu erkennen geben kann. Nicolain wir aber doch von nun an in Text und Noten und wo Gelegenheit ſich zeigt, mit ei ler recht inſignen Geringſchätzung behandeln.“ — Prof. Fr. A. Wolf in Halle, der bedeuter Homer-Kritiker [1759, 71824), hatte gegen Herders Aufſatz: „Homer, ein Günſtli Zeit“ im IX. Stück der Horen einen nach Schillers Ausdruck, höchſt groben und beleidigend Ausfall“ im Intelligenzblatt der Allgemeinen Literatur-Zeitung [Nr. 120, 24. Oct. 17 veröffentlicht, der durch die Schärfe ſeines Tons in den Kreiſen der jenaiſchen u weimarſchen Freunde die größte Entrüſtung hervorrief. Über die Einzelheiten i Streites vgl. Goedeke in der hiſt. krit. Ausg. von Schillers Werken XI., 438 f. ur ) Goethes Briefe an F. A. Wolf. Herausg. von M. Bernays, Berlin 1868, S. 14 und 124 ff. — Profeſſor L. H. v. Jacob in Halle [geb. 26. Febr. 1759, geſt. 22 1827] war Herausgeber der „Annalen der Philoſophie und des philoſophiſchen Geift In dieſem Journale, „welches mit Mäßigkeit und Ernſt dem neuen Unweſen entgegen arbeiten“ ſollte, war in den Nru. vom 2., 5., 7., 9. und 12. October 1795 eine hämiß abſprechende Kritik der Horen erſchienen, deren Verfaſſer Wilhelm Friedrich Aug Mackenſen, Adjunet der phil. Facultät in Kiel, geb. am 4. April 1768, geſt. 14. Aug. 1798, geweſen war. Gegen Jacobs philoſophiſche Annalen ſind auch Ker i 54 und 253 und Boas Kenien-Manuſcript Nr. 34 gerichtet. Über die Recenſie ſchreibt Humboldt an Schiller am 20. Nov. 1795: „Die Recenſion in den Anne müſſen Sie ſchlechterdings leſen, fie übertrifft au Unverſchämtheit und Plattheit a was man je geſehen hat.“ — Dr. Joh. Gottfried Dyk war Buchhändler in Leipzig [ den 24. April 1750, geft. 21. Mai 1813] In der von ihm herausgegebenen „Ne Bibliothek der ſchönen Wiſſenſchaften und freien Künſte“ brachte Rector Joh Anmerkungen. 99 Kaſpar Friedrich Manſo in Breslau [geb. 26. Mai 1759, geft. 9. Juni 1826] Bd. 55. St. II., S. 283— 330, eine lang gedehnte Beurtheilung der Horen und eine ſehr abfällige Kritik von Schillers Briefen über äſthetiſche Erziehung des Menſchen. Gegen die Bibliothek der Wiſſenſchaften ſind Xenien 45, 46, 339 und 340 gerichtet. — Chriſtoph Friedrich Nicolai [vergl. Anm. zu 58. 30] brachte in dem 1796 erſchienenen XI. Bande ſeiner „Beſchreibung einer Reiſe durch Deutſchland und die Schweiz im Jahre 1781. Nebſt Bemerkungen über Gelehrſamkeit, In⸗ duſtrie, Religion und Sitten“ unmittelbar nach einer Bemerkung über „die langen Zöpfe der jungen Schwabenmädchen“ [vgl. Xen. 193] einen weitläufigen Artikel über die Horen und über ihre für den „geſunden Menſchenverſtand“ „dunkle und unver- ſtändliche Schreibart,“ wobei er ſich mancherlei Abſchweifungen über „formale Philoſophie,“ „philoſophiſche Querköpfe“ u. ſ. w. erlaubt. In der Vorrede zu dieſem Bande S. IX. ff. erklärt er, wie er dazu komme, bei Gelegenheit der Horen gegen die Miſsbräuche aufzutreten, welche „einige ſehr ſchätzbare Männer, ja einige vortreffliche Schriftſteller unſerer Nation“ mit philoſophiſchen Terminologien treiben und erklärt, er habe „ſoviel Hochachtung für die ſchätzenswürdigen Männer,“ die er jetzt des allgemeinen Beſtens wegen laut tadeln müſſte, dajs er hoffe, „fie werden ſich nichts erlauben, was ihrer unwürdig wäre.“ Schiller hatte von dem Inhalte dieſer Kritik zuerſt von Humboldt in dem Briefe vom 23. Oct. 1795 Nachricht bekommen, der ſie wieder von Bieſter, dem ſie bereits bekannt war, erhalten hatte. Gegen die Reiſebeſchreibung wurden die Kenien 184—206 geſchrieben. Humboldt hätte, wie er gegen Schiller am 14. Dec. 1795 bemerkt, die Note gegen die Bibliothek, Annalen u. ſ. f. weggewünſcht. „So gerecht dieſe Züchtigung iſt, ſo hätte ich es Ihnen angemeſſener gehalten, zu ſchweigen.“ 24. 4 20. vgl. Herder in der im IX. Stückder Horen 1795 erſchienenen Abhandlung „Homer, ein Günſtling der Zeit“: „Unbeſchreiblich ift der Eindruck, den die Wahrheit und Einfalt der griechiſchen Gedanken in ihrer Kunſt auf uns macht. Nie wollten ſie zu viel ſagen; und deshalb ſagten ſie es ganz anſchaulich, vollſtändig. Wie in der Kunſt, ſo thaten ſie dies auch in ihren Geſängen. In Homers lichter Welt ſteht alles ſo leibhaftig da; Götter und Menſchen ſind ſo wahre Weſen, wie dieſe Statuen, wenn ſie ſich belebten. Der Wohllaut, der in dieſem Gliederbau herrſcht, die Wahrheit, die in dieſe Stellung gegoſſen iſt, hebt auch die Geſtalten jener Geſänge; und Winkelmann hat recht geſagt: die Nordländer ſprechen in Bildern, da die Griechen allein auch in der Sprache Bilder geben.“ 25. vgl. 1—4. Garve Betrachtungen ꝛc.: „Ihr Stoff war nicht das Werk ihres Witzes, ſondern eine Folge ihres Zuſtandes und alſo genan mit ihm übereinſtimmend.“ 25. 18-23. Garve Betrachtungen: „Für uns iſt dieſes (der Alten) Band, das die dichteriſche Welt mit der wirklichen zuſammen hieng, zerriſſen; die Erdichtungen oder ſelbſt die Geſchichten, welche die Dichter bearbeiten, können auf uns keine andere Beziehung haben, als die ihnen zukommen, inſofern es menſchliche Begebenheiten ſind; wir müſſen alſo nothwendig von einer anderen Seite den Eindruck verſtärken, der ihnen von der einen abgeht. Unſer Verſtand und unſer Herz find dem Vergnügen verſchloſſen, das den Griechen die Thaten ſeiner älteſten Helden, durch ſeine älteſten Weiſen beſchrieben, machen muſsten; aber beide ſtehen immer noch dem Vergnügen offen, das mannigfaltige und lebhafte Ideen oder geſellſchaftliche Neigungen in ihnen erregen kann. Unſer Dichter mußs nothwendig mehr Abſichten ſich vorſetzen, als ſein Werk unmittelbar ankündigt.“ 25. 28— 29. vgl. Schiller an Goethe den 23. Aug. 1794: „Zwar hat der intuitive Geiſt nur mit Individuen und der ſpeculative nur mit Gattungen zu thun. Iſt aber der intuitive genialiſch und ſucht er in dem Empiriſchen den Charakter der 7 * Nothwendigkeit auf, ſo wird er zwar immer Individuen, aber mit dem Charakter de darüber erhebt, die Erfahrung nicht, ſo wird er zwar immer nur Gattungen, aber m der Möglichkeit des Lebens und mit gegründeter Beziehung auf wirkliche Objecte erzeugen.“ iſt, bei einem Schlechthin-Unbedingten ſtehen zu bleiben.“ Poeſie die Menſchheit in uns nie verletzen darf. Das Gefühl der Luft, welches die = deſſen Exiſtenz gefällt. Durch die Nothwendigkeit und Allgemeinheit erhält auch das 3 über naive und ſentimentaliſche Dichtung. Gattung erzeugen; und iſt der 1 Geiſt genialiſch und verliert er, indem er fü 25. 34. Kant in der Kritik der reinen Vernunft unterſcheidet zwiſchen co n⸗ ſtitutiven und regulativen Principien. Die erſteren ſollten die Erkenntnis der „Dinge an ſich“ begründen, alſo Begriffe bieten, die über alle Erfahrung hinausgehen, Die letzteren ſind Grundſätze der größtmöglichen Fortſetzung und Erweiterung den Erfahrung und leiſten uns richtig verſtanden den Dienſt, uns ein falſches Stehen⸗ bleiben bei irgendeiner Grenze innerhalb der Erſcheinungswelt zu unterſagen. „Der Grundſatz der Vernunft alſo iſt eigentlich nur eine Regel, welche in der Reihe der Bedingungen gegebener Erſcheinungen einen Regreſſus gebietet, dem es niemals erlaubt 26. 11. Als Dichtungsgattung, d. h. als eine beſtimmte Form didaktiſcher Epik, war die Satire den Römern zuerſt eigenthümlich und gehörte zu den älteſten Formen der römiſchen Poeſie. Der Namen satira oder alterthümlicher satura bezeichnet eine Dichtung von bunt gemiſchtem Inhalt. Die urſprüngliche Miſchung verſchiedener Gedichte hat auf die Form eingewirkt, indem hier durch die Grundidee des Ganzen eine Reihe epiſcher Situationen mit den daran ſchließenden Lehren zu einem Ganzen verbunden erſcheinen. Doch herrſcht bereits in der ausgebildeten vö- miſchen Satire bei Horaz, Juvenalis und Perſius die von Schiller beſtimmte Em⸗ pfindungsweiſe der unwilligen Abkehr von der Wirklichkeit vor und ſcheidet ſich dieſe auch ſchon in eine pathetiſche und ſpottende. Denn Perſius und Juvenal wenden ih ſtrafend gegen das Laſter, Horaz ſpottend und launig gegen die Thorheit. Jedoch be- 2 ſchränkt ſich die Satire auf das epiſche Gebiet; indem jedoch Schiller die ſie be— a herrſchende Empfindungsweiſe aufzeigte, war er im Stande ihr Weſen nicht nur uf allen Gebieten der Dichtkunſt, ſondern auch über dieſe hinaus in dem Reiche der Ge- ſchichtsſchreibung zu verfolgen und zu beſtimmen. 26. 29—33. An Goethe ſchreibt Schiller am 8. Mai 1798: „Nach meinem Begriffe gehört es zum Weſen der Poeſie, dafs in ihr Ernſt und Spiel immer ver⸗ bunden ſeien.“ 3 26. 34—36. Das Wohlgefallen, welches in uns der Anblick des geſtirnten Himmels, am Himmel ſich aufthürmende Donnerwolken, das grenzenloſe Meer durch Orkane in Empörung geſetzt, alſo die Größe und Allgewalt der Natur erregen, nennt Schiller nach Kants Vorgange erhaben, „weil dieſe Gegenſtände,“ wie Kant [K. d. U. §. 28, 2. Aufl. S. 104] bemerkt, „die Seelenſtärke über ihr gewöhnliches Mittel- maß erhöhen und ein Vermögen zu widerſtehen in uns entdecken laſſen.“ Siegt der Wille des Menſchen über das Gefühl phyſiſcher Ohnmacht, ſo vermag der Menſch, ſich unabhängig von dem Naturweſen zu beurtheilen. In dieſem Sinne jagt Schiller in der Abhandlung „über das Erhabene:“ „Wir fühlen uns frei beim Erhabenen, weil die ſinnlichen Triebe keinen Einflujs auf die Geſetzgebung der Vernunft haben, weil der Geiſt hier handelt, als ob er unter keinen andern als ſeinen eigenen Geſetzen ſtünde.“ Dieſe Freiheit ermöglicht uns, auch von der Wirklichkeit außer uns uner⸗ niedrigt zu bleiben, und Sie muſs ein Erfordernis der ſtrafenden Satire fein, weil die Ausſicht auf blumenreiche Wieſen, auf Thäler mit ſchlängelnden Bächen u. ſ. w. her⸗ vorruft, heißt ſchön, weil der Gegenſtand allen unmittelbar und ohne Theilnahme an 775 EEE * 7 1 Anmerkungen. 5 101 kleine den Wert, den Schiller für die poetiſche Schönheit der ſpottenden Satire fordert. Denn, wie Schiller in der Abhandlung über das Erhabene darlegt: „Bei dem Schönen ſtimmen Vernunft und Sinnlichkeit zuſammen und nur um dieſer Zuſtimmung willen hat es Reiz für uns,“ daher ruft Schiller in dem Gedichte Das Glück aus: „Ein geborener Herrſcher iſt alles Schöne und ſiegt Durch ſein ruhiges Nahn, wie ein unſterblicher Gott.“ 27. 30—32. vgl. Die Huldigung der Künſte: Genius. „Ein erhabener Sinn Legt das Große in das Leben Und er ſucht es nicht darin.“ 28. 1. Deeimus Junius Juvenalis, der größte Satiriker der römiſchen Literatur, geb. um 47 n. Chr. zu Aquinum im Volskerlande, geſt. 130 n. Chr., geißelte, von demſelben ſittlichen Unwillen wie Taeitus erfüllt, in einer Reihe von Sittengemälden mit glänzender Rhetorik die Verkommenheit und die ſittlichen Ge— brechen ſeiner Zeit. Lukianos, aus Samoſata in Syrien, geb. um 120 n. Chr., trat zuerſt als gerichtlicher Redner auf, wandte ſich aber bald der Glanz und Ruhm verſprechenden Laufbahn eines Sophiſten zu. Er hielt ſich in Gallien, in Rom, am längften in Athen auf, und nahm in ſpäteren Jahren ein Amt bei der Verwaltung Egyptens an. Er ſtarb unter Commodus. Unter ſeinem Namen ſind mehr als 80 Schriften erhalten, die jedoch nicht alle echt ſind. — Im Zeitalter der Antonine, das er ſchildert, war der antike Geiſt, obwohl er wieder gepflegt ward, doch in Auflöſung begriffen und bot der Spottſucht Lukians reichen Stoff. So verſpottete er denn in ſeinen Dialogen den Volksglauben („Jupiter tragoedus“) und den traditionellen Cultus, die Orakel („Alexander“), jede Art von Schwärmerei („Das Schiff“ oder „Die Wünſche“), den ſtarren Dogmatismus der gleichzeitigen Philoſophen, die Ausartungen der Literatur und ihrer Träger, der Rhetoren und Philoſophen („Timon,“ „Das Gaſtmahl“ oder „Die Lapithen“), das Scheinweſen in der Erziehung und geiſtigen Bildung (Nigrinus). Vgl. unten 30, 28 u. fg. 28. 2. Dante ſ. Anmerk. zu 11. 13. Rouſſeau zu 34. 11. Jonathan Swift, der größte Satiriker der engliſchen Literatur, geb. am 30. Nov. 1667 zu Dublin, geſt. am 19. Oct. 1745 daſelbſt, war ſchon in feiner Jugend durch den Druck der Abhängigkeit und Dürftigkeit verdüſtert und verbittert. Mit glän⸗ zender politiſcher Begabung ausgeſtattet und nach politiſcher Macht verlangend, ſtrebte er, als Geiſtlicher der engl. Kirche, mit allen Kräften nach einem Biſchoffitze, den er aber auch dann nicht erreichte, als er 1709 die Whigpartei verließ, ſich den Tories anſchloſs und nun feine früheren Freunde mit allem Hafſs eines Renegaten, aber auch mit glänzendem Talent und Witz verfolgte und bekämpfte. Auch ſein eheliches Leben war unglücklich. (Stella.) Er ſtarb als Decan zu St. Patrik in Dublin. Seine be- kaunteſten Werke find: „Das Märchen von der Tonne,“ eine Satire gegen den Katho— lieismus und Calvinismus, und „Gullivers Reiſen,“ durch welche er die modiſchen Reiſe⸗ berichte und den Neuigkeitshang der Zeitgenoſſen, aber auch die ganze Thorheit und Verkehrtheit des menſchlichen Thuns und Treibens überhaupt verſpottet. \ Edward Poung, engliſcher Dichter, geb. 1684 zu Upham, geft. am 12. April 1765 zu Wetwyn, trat in den geiftlichen Stand, ward Hofkaplan bei König Georg II., ſpäter Pfarrer zu Wetwyn. Durch den Tod ſeiner Frau und ſeiner beiden Stiefkinder wurde er zu ſeiner bedeutendſten Dichtung bewogen: „Nachtgedanken,“ in denen er Betrach⸗ daſelbſt, ſtudierte in Tübingen und Leyden Mediein und ließ ſich 1729 in Bern als vor. Die Liebe iſt hier nicht ſo grämlich; ſie iſt luſtig und vertraulich. Doch kann, Ziel erreiche. in der unerreichbaren Charakterſchönheit an, die aus der inneren Übereinſtimmung der 102 Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. tungen über Tod und Unſterblichkeit anſtellte. Das Werk wurde ein vielgeleſenes Buch auch in Deutſchland (zuerft überſetzt von Ebert 1769). Albrecht von Haller, geb. am 18. Oct. 1708 zu Bern, geſt. am 12. Dec. 177 praktiſcher Arzt nieder. 1736 wurde er nach Göttingen berufen, wo er Anatomie, Chirurgie, Mediein und Botanik las, kehrte 1753 nach Bern zurück, trat in die Re⸗ Er gierung der Stadt und des Cantons ein und entwickelte in verſchiedenen Amtern 2 eine ſtaunenerregende Thätigkeit. Seine Wupteez „Schweizeriſche Gedichte“ und „Die Alpen.“ - : 28. 26—35. Die hier entwickelten Aden entquellen dem innerſten Kern der ſittlichen Denkweiſe Schillers, wie er fie zuerſt in der Abhandlung über Aumuth und Würde auseinandergeſetzt hat. Dort bezeichnet er als ſchöne Seele, „wenn ſich das ſittliche Gefühl aller Empfindungen des Menſchen endlich bis zu dem Grade ver- ſichert hat, das es dem Affect die Leitung des Willens ohne Scheu überlaſſen darf und nie Gefahr läuft, mit den Entſcheidungen desſelben im Widerſpruch zu ſtehen. en Daher find bei einer ſchönen Seele die einzelnen Handlungen eigentlich nicht ſittlich, ſondern der ganze Charakter iſt es.“ Vgl. auch das Gedicht „das Glück“ ingbeſcuge 3 folgende Verſe: „Groß zwar nenn' ich den Mann, der ſein eigener Bildner und Schöpfer r = : Durch der Tugend Gewalt jelber die Parce bezwingt, 8 — 2 Aber nicht erzwingt er das Glück und was ihm die Charis Be Neidiſch geweigert, erringt nimmer der ſtrebende Muth. > Vor Unwürdigem kann dich der Wille der ernfte bewahren. 5 Be. Alles Höchſte, es kommt frei von den Göttern herab. 8 29. 20-30. 9. Wie hier Schiller, ſo hat ſchon früher Kant in dem Auflage „Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen,“ dem 1764 erſchienenen Vorläufer der Kritik der Urtheilskraft, den Schiller ſogl. an Goethe vom 19. Febr. 17951 kannte, folgendermaßen den Unterſchied von Tragödie und Komödie auf das Gefühl des Schönen und Erhabenen zurückgeführt: „Das Trauerſpiel unterſcheidet ſich, meiner Meinung nach, vom Luſtſpiele vornehmlich darin, dajs in dem erſteren das — Gefühl fürs Erhabene, im zweiten für das Schöne gerührt wird. In dem erſteren 2 zeigen ſich großmüthige Aufopferung für fremdes Wohl, kühne Entſchloſſenheit in Gefahren und geprüfte Treue. Die Liebe iſt daſelbſt ſchwermüthig zärtlich und voll Hochachtung. Das Unglück anderer erregt in dem Buſen des Zuſchauers theilnehmende Empfindungen und läſst ſein großmüthiges Herz für fremde Noth klopfen. Dagegen ſtellt das Luſtſpiel feine Ränke, wunderliche Verwirrungen und Witzige, die ſich heraus- zuziehen wiſſen, Narren, die ſich betrügen laſſen, Späſſe und lächerliche Charaktere RL: 2 ſowie in anderen Fällen, alſo auch in dieſen, das Edle mit dem Schönen in gewiſſen Grade vereinbart werden.“ = 30. 1-5. Auch in einem Briefe an Humboldt vom 30. Nov. 1795 BE Schiller von der Komödie, dafs fie alles Pathos ausſchließe, die Wirklichkeit ihr Stoff } fei, und fie die erhabenfte Stufe der Satire und nächſt der Idylle das höchſte 30. 5—9. Die in innerer Idealität beruhende reine Menſchlichkeit ift eine Vorſtellung die Schiller dauernd beſchäftigt; zuerſt deutet er ſie in Anmuth und Würde 723 ſinnlichen und vernünftigen Natur hervorgeht, dann faſste er fie im Bilde der idealen Anmerkungen. heiteren olympiſchen Götterruhe, ſowohl im 15. Briefe über äſthetiſche Erziehung des er; Menſchen, als auch in dem Gedichte „Das Ideal und das Leben“: = „Ewig klar und ſpiegelrein und eben 3 Fließt das zephyrleichte Leben * Im Olymp den Seligen dahin. ö Monde wechſeln und Geſchlechter fliehen, Ihrer Götterjugend Roſen blühen Wandellos im ewigen Ruin. Zwiſchen Sinnenglück und Seelenfrieden Bleibt dem Menſchen nur die bange Wahl; Auf der Stirn des hohen Uraniden Leuchtet ihr vermählter Strahl.“ und ringt nach ſtets klarer werdenden Begriffsbeſtimmung, bis ihm hier glückte, ſeiner Anſchauungsweiſe den vollendeten Ausdruck zu geben. 30. 28. Der Dialog Nigrinus bietet eine höchſt lebendige Schilderung des geräuſchvollen Treibens in der damaligen Hauptſtadt der Welt, dem das ruhige Leben 2 in dem anmuthigen Athen gegenüber geſtellt wird. Nigrinus, wahrſcheinlich ein er⸗ dichteter Name, iſt als Muſter eines ſokratiſchen Weiſen gezeichnet. Lukian erzählt einem Freunde eine Unterredung mit demſelben und läſst ihn ſeine Erlebniſſe ſchildern. Mit den hier angeführten Worten (8. 17 des Urtextes) beſchreibt Nigrinus ſeine Rück— [> 8 Er beginnt mit einem Verſe aus Homer (Odyſſ. XI. 93) 77 Tert' cr, dd Öhornye, Aırwv νννο H h,Ei . . Nodes S Ms mit dem der Seher Teireſias den Odyſſeus in der Unterwelt empfängt. Die Über⸗ ſetzung iſt natürlich von Wieland. Statt „prachtvoller Dienſtbarkeit“ könnte es richtiger heißen: „hochnaſiger Begrüßungen (eee Arepngavons)“. Gemeint iſt, dafs zu Lukians Zeit die Herrn die Namen der Bürger gar nicht mehr durch die Nomenclatoren ſich einſagen ließen, ſondern letztere alles allein beſorgen muſsten. 30. 32. 33. Das harte Urtheil Schillers über Leſſings Nathan erklärt ſich ganz aus dem idealen Begriffe der Schönheit, den Schiller ſich gebildet hat. Den reinen äſthetiſchen Standpunkt wahrt er ſchon in dem Briefe vom 28. Nov. 1791 an Körner: „Ein philoſophiſcher Gegenſtand iſt ſchlechterdings für die Poeſie verwerflich, vollends für die, welche ihren Zweck durch Handlung erreichen fol,“ und im 22. Brief über äſthetiſchen Erziehung des Menſchen ſtellt er den Grundſatz auf: „Nichts ſtreitet mehr mit dem Begriff der Schönheit als dem Gemüth eine beſtimmte Tendenz zu geben.“ wet 30. 35—36. vgl. Leſſings Brief an Karl G. Leſſing, Wolfenbüttel 20. Oct. 1778. „Jetzt iſt man hier auf meinen Nathan geſpannt und beſorgt ſich davon, ich weiß nicht was. Aber lieber Bruder, ſelbſt Du haſt Dir eine ganz unrechte Idee davon ge— macht. Es wird nichtsweniger als ein ſatiriſches Stück, um den Kampfplatz mit Hohn: gelächter zu verlaſſen. Es wird ein ſo rührendes Stück, als ich nur immer gemacht habe, und Herr Moſes hat ganz recht geurtheilt, daſs ſich Spott und Lachen zu, dem Tone nicht ſchicken würde, den ich in meinem letzten Blatte [Nöthige Antwort auf eine ſehr unnöthige Frage des Herrn Hauptpaſtor Goeze. 1778. und Der nöthigen Antwort ze. Erſte Folge. 1778.] angeſtimmt (und den Du auch in der Folge beobachtet finden wirſt), falls ich nicht etwa die ganze Streitigkeit aufgeben wollte. Aber dazu habe ich noch ganz und gar keine Luſt und er ſoll ſchon ſehen, daſs ich meiner eigenen Sache durch dieſen dramatiſchen Abſprung im geringſten nicht ſchade.“ Bekanntermaßen 103 kehr aus Hellas nach Rom, in einem Selbſtgeſpräche gleichſam von ſich Rechenſchaft Eu, ner ar 3 eee Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. hängt die Vollendung des Nathan mit dem Verbote zuſammen, die theologiſchen Strei- tigkeiten gegen Goeze fortzuſetzen. „Ich mufs verſuchen,“ ſchreibt Leſſing am 6. Sept. 177 an Eliſe Reimarus, „ob man mich auf meiner alten Kanzel, auf dem Theater, wenigſten noch ungeſtört will predigen laſſen.“ Und ſein Bekenntnis hat er in der Ankündigung des Nathan niedergelegt. Mit offenbarem Bezug auf die in der Hamburger Drama⸗ turgie St. 79 aufgeſtellte Lehre: „Nicht genug, dajs fein [des Dichters! Werk, Wir⸗ kungen auf uns hat, es mufs auch die haben, die ihm vermöge der Gattung zukommen; 7 es mufs dieſe vornehmlich haben, und alle andern können den Mangel derſelben auf keine Weiſe erſetzen; beſonders wenn die Gattung von der Wichtigkeit und Schwierigkeit und Koſtbarkeit iſt, daſs alle Mühe und aller Aufwand vergebens wäre, wenn ſie weiten nichts als ſolche Wirkungen hervorbringen wollte, die durch eine leichtere und weniger Anſtalten erfordernde Gattung ebenſowohl zu erhalten wären,“ hat Leſſing in der ab⸗ gebrochenen Vorrede zu „Nathan dem Weiſen.“ [Werke herausgegeben von Lachmann XI. 636] ſich folgendermaßen geäußert: „Wenn man endlich jagen wird, dafs ein Stück von jo eigener Tendenz nicht reich genug an eigener Schönheit ſei: — jo werde ich ſchweigen, aber mich nicht ſchämen. Ich bin mir eines Ziels bewufst, unter dem man auch noch viel weiter mit allen Ehren bleiben kann.“ 31. 20. Jean Frangois de Arouet, oder, wie er ſich als Schriftſteller nannte, Voltaire (wahrſcheinlich Anagramm von Aronet le jeune, d. h. der Jüngere), geb. am 20. Febr. 1694 zu Paris, geſt. am 30. Mai 1778 daſelbſt, wurde im Jeſu⸗ itencollegium erzogen und ſollte nach dem Wunſche ſeines Vaters Jurisprudenz ſtudieren. Er folgte aber ſeiner Neigung zur Poeſie und ſchon ſeine Erſtlingstragödie „Odipus“ g hatte großen Erfolg. Jugendlicher Übermuth brachte ihn in bedrohliche Situationen, jo dass er ſich genöthigt ſah, 1725 nach England zu flüchten. Während dieſer Zeit ließ er ſeine „Henriade“ erſcheinen, ein Manifeſt der religiöſen Toleranz gegen die Dunkelmänner und Zeloten, als Epos freilich unbedeutend. 1728 kehrte er zurück und ließ ſeine „Lettres sur les Anglais“ erſcheinen, die zunächſt die Franzoſen übern die Literatur der Engländer aufklären ſollten, aber zugleich eine bittere Kritik fran⸗ zöſiſcher Zuſtände enthielten. Das Buch wurde von Henkershand verbrannt. In der folgenden Zeit entwickelte er, theils in Paris, theils auf dem Landgute ſeiner Freundin Marquiſe du Chätelet lebend, eine ſtaunenswerte und umfaſſende literariſche Thätigkeit. Er ſchrieb eine Reihe von hiſtoriſchen Schriften: „Histoire de Charles XII.,“ „Siecle de Louis XIV.,“ „Essai sur les moeurs et l’&sprit des nations depuis Charle- magne;“ ebenſo von philoſophiſchen Abhandlungen, beſonders „Dictionnaire philo- sophique,“ mit ſeinem geſunden unbefangenen Urtheil überall Licht bringend und Neues ſchaffend; außerdem eine Reihe von Dramen und Romanen. Von ſeinen Dramen fallen in dieſe Zeit „Zaire“ (1732), „Alzire“ (1736), „Mahomet“ (1741), „Merope“ (1743), „Semiramis“ (1748). Nach dem Tode ſeiner Freundin (1749) folgte er 1750 einer Einladung König Friedrichs II. nach Berlin. Er wurde gläuzend aufgenommen, aber die Reibungen mit den anderen Franzoſen am Hofe und ein unangenehmer Handel, der ſeine niedere Habſucht aufdeckte, bewogen ihn nach Paris zurückzukehren. Da er durch ſeine philoſ. Lehren bei Hofe in Ungnade gefallen war, gieng er nach Lyon, von da nach dem Genfer See (1755), zuerſt nach ſeinem Landhauſe Delices, 1758 nach Ferney, wo er noch 20 Jahre lang in vollkommener Unabhängigkeit eine reiche kritiſche und dichteriſche Thätigkeit entfaltete und für Humanität, Toleranz und Aufklärung (Voltaire) kämpfte. In dieſe Zeit fallen die Romane „Candide“ (1758) und „L'ingenu“ (1767). In ſeinem 84. Jahre entſchloſs er ſich einer Einladung nach Paris zu folgen, wo er mit Jubel empfangen und mit Ehren überhäuft wurde, aber noch vor ſeiner Rückkehr nach Ferney ſtarb. Anmerkungen. 31. 24. Voltaires „L’ingenu* hat den Zweck zu zeigen, dais das kirchliche Chriſten⸗ thum mit dem urſprünglichen Chriſtenthum ſtarke Differenzen darbiete. Die Erzählung „Candide“ ſollte das Dogma der Schule lächerlich machen, daſs dieſe Welt vor allen möglichen die beſte ſei und die Anſchauung ausſprechen, daſs ein beſcheidenes objcures, von Arbeit erfülltes Leben für uns Sterbliche das größte Glück biete. 31. 35—37. Anknüpfend an Goethes kurze Charakteriſtik von Voltaire in den Anmerkungen zu Rameaus Neffe ſchreibt Schiller an Goethe am 25. April 1805: „Sie haben zwar indem Sie Voltairen die Tiefe abſprechen, auf einen Hanptmangel desſelben hingedeutet, aber ich wünſchte doch, dafs das, was man Gemüth nennt und was ihm ſowie im Ganzen allen Franzoſen jo ſehr fehlt, auch wäre ausge- ſprochen worden.“ S 32. 4. Die Elegie als lyriſche Dichtungsart ift griechiſchen Urſprungs. | € Sie war bei den Griechen die Darſtellung der durch die friſche Wirklichkeit mehr oder minder leidenſchaftlich aufgeregten Empfindung, alſo eine Miſchung zwiſchen Epik und Lyrik, der auch die Form des Diſtichon [Eheysiov] die Verbindung des altepiſchen mit einem lyriſchen Verſe vollkommen entſprach. In Elegien ergoſs der Dichter nicht nur wehmüthige Empfindungen über irgendein ihm ſchmerzhaftes Ereignis, ſondern er gab auch den Erlebniſſen der Luſt und des Liebesglückes Worte. Als Herſteller der . echten antiken Elegie unter den Deutſchen gilt Goethe. Seine „Römiſchen Elegien“ 1 find, wie A. W. Schlegel „Vorleſungen über ſchöne Literatur,“ Zweiter Theil [Deutjche Literaturdenkmale des 18. und 19. Jahrh. 18, 296] richtig bemerkt, „keine Ergießungen des Gefühls ins Blaue, ſondern individuelle Veranlaſſungen ſind auf das geiſtreichſte 2 gewandt.“ Das Meiſterſtück der ernſten Elegie im antiken Sinne ift „Der Spaziergang“ TR von Schiller, welches Gedicht im erſten Drucke in Horen 1795 „Elegie“ betitelt war. 5 Die Elegie der Neueren hat hingegen an das alte Trauerlied angeknüpft, die Dichtungsart daaauf wehmüthige Betrachtung der Wirklichkeit eingeſchränkt, dagegen die Form völlig frei— geben und ſogar die Reimſtrophe eingeführt. Weſentlich unterſcheidbar iſt auch hier von 3 der Dichtungsart die Empfindungsweiſe. Sie knüpft nur inſoweit an die Dichtungs⸗ form im antiken Sinne an, als durch die zwieſpältige Miſchung von Wirklichkeit und Fu Empfindung auch der Widerſpruch des Gefühles mit der angeſchauten Wirklichkeit gegeben iſt, und hat mit der modernen Elegie nur die Wehmuth gemeinſam. Allein die BE elegiſche Empfindungsweiſe im Sinne Schillers jest voraus, dafs die Wehmuth über dieſen Widerſpruch zwiſchen Wirklichkeit und Gefühl durch die Entgegenftellung der Natur oder des Ideals aufgelöst wird und iſt auf keine Darſtellungsform beſchränkt. 2 33. 13—27. Von dem gleichen Standpunkt, wie hier Ovid, wird von Schiller 25 Bürger in der Recenſion ſeiner Gedichte [WW. hiſt. krit. Ausg. VI., 314 ff.] ab⸗ geurtheilt. Bezeichnend ſind in dieſem Aufſatze folgende Stellen: „Die Empfindlichkeit, N der Unwille, die Schwermuth des Dichters, ſind nicht bloß der Gegenſtand, den er beſingt; fie find leider oft auch der Apoll, der ihn begeiſtert . . ..“ „Ein Dichter 5 8 nehme ſich in acht, mitten im Schmerz den Schmerz zu beſingen. Sowie der Dichter . ſelbſt bloß leidender Theil iſt, mufs ſeine Empfindung unausbleiblich von ihrer idea— liſchen Allgemeinheit zu einer unvollkommenen Individualität herabſinken. ....“ „Kampf mit äußern Lagen und Hypochondrie, welche überhaupt jede Geiſteskraft lähmen, dürfen am allerwenigſten das Gemüth des Dichters belaſten, der ſich von der Gegenwarz loswickeln und frei und kühn in die Welt der Ideale emporſchweben ſoll. Wenn es noch jo ſehr in ſeinem Buſen ſtürmt, jo müſſe Sonnenklarheit ſeine Stirn umfließen. .“ „Das Idealſchöne wird ſchlechterdings nur durch Freiheit des Geiſtes, durch eine Selb— ſtändigkeit möglich, welche die Übermacht der Leidenſchaft aufhebt.“ — — — TUE | 106 Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. 34. 2-9. Oſſian, berühmter keltiſcher Barde, deſſen Name bereits im XII. Jahrhundert erwähnt wird, Sohn des Helden Fingal, lebte nach der gewöhnlichen Annahme im 3. Jahrhundert nach Chr. und ſoll mit Homer u. a. das Schickſal der Blindheit getheilt haben. Eine Beachtung fanden die alten gäliſchen Balladen, als 1761 und 1763 zu London in Maepherſons engliſcher Bearbeitung die beiden Gedichte „Fingal“ und „Temora“ erſchienen. Mehrere Stücke wurden bereits 1764 überſetzt, ſchon vier Jahre darauf trat Michael Denis mit ſeiner metriſchen Überſetzung der „Gedichte Oſſians“ hervor. Den Eindruck, den Oſſians Werke beſonders um 1770 auf die deutſche Jugend machten und die Stimmung, die daraus hervorgieng, kann man am beſten aus Goethes Werther kennen lernen [vgl. Goethes Werke bei Hempel XIV., S. 112 ff. woſelbſt auch Goethes Überſetzung der „Lieder von Selma“ ſtehen] und Goethes Urtheil darüber im XIII. Buch von Dichtung und Wahrheit: „Damit aber ja allem dieſem Trübſinn nicht ein vollkommen paſſendes Local abgehe, ſo hatte uns Oſſian bis ans letzte Thule gelockt, wo wir denn auf grauer, unendlicher Heide, unter vorſtarrenden, bemoosten Grabſteinen wandelnd, das durch einen ſchauerlichen Wind bewegte Gras um uns und einen ſchwer bewölkten Himmel über uns erblickten. Bei Mondenſchein ward dann erſt dieſe kaledoniſche Nacht zum Tage; untergegangene Helden, verblühte Mädchen umſchwebten uns, bis wir zuletzt den Geiſt von Loda wirklich in ſeiner furchtbaren Geſtalt zu erblicken glaubten“ und noch einmal in dem Entwurfe „Volkslieder der Serben,“ überſetzt von Fräulein von Jakob [Talvj] [vgl. Goethes Werke bei Hempel 29. 587], nennt Goethe die gäliſchen Dichtungen das „nordweſtliche Oſſianiſche Wolkengebilde, das als geſtaltlos, epidemiſch und contagios in ein ſchwaches Jahrhundert ſich hereinſenkte und ſich mehr als billigen Antheil erwarb.“ 34. 11. Jean Jacques Rouſſeau, Philoſoph und Dichter, geboren am 28. Juni 1712 zu Genf, geſt. am 3. Juni 1778 zu Ermenonville bei Paris, der Sohn eines Uhrmachers, genoss keine gelehrte Erziehung und verlebte infolge unglücklicher Familienverhältniſſe, zum Theil auch einem phantaſtiſchen Zuge ſeiner Natur folgend, eine abenteuerliche Jugend. Er war nacheinander Schreiber, Kupferſtecher, Diener in ariſtokratiſchen Häuſern, ſpäter Muſiklehrer, trat zum Katholieismus über, um ſpäter zum Calvinismus zurückzukehren. 1741 gieng er nach Paris in der Hoffnung, als Operndichter ſeine Zukunft zu finden, ſah ſich aber getäuſcht. Dafür ward er mit den Eneyklopädiſten bekannt und übernahm für die Eneyklopädie die Bearbeitung der muſikaliſchen Artikel. Als die Akademie zu Dijon 1749 die Preisfrage geſtellt hatte: „Si le rétablissement des sciences et des arts a contribué A épurer les moeurs?“ führte er mit glänzender Beredſamkeit die Behauptung durch, daſs die Sitten durch die Bildung verſchlechtert worden ſeien, und erhielt den Preis. Jetzt erſt wurde ihm ſeine eigene Geiſtesrichtung offenbar. Schon in dieſer Schrift ſieht er in der Rückkehr zur Natur das einzige Mittel, um der herrſchenden Corruption ein Ende zu machen, der Revolutionsluſt eine heilſame Richtung zu geben. Eine zweite Preisaufgabe der Akademie von Dijon: „Quel est l’origine et le fondement de T’inegalite parmi les hommes et si elle autorisée par la loi naturelle“ behandelt er in einem „Discours“ gewidmet (1753) dem Magiſtrat von Genf, wohin er inzwiſchen zurückgekehrt war. Die Ungleichheit der Menſchen rührt vom Eigenthum her, denn der Streit um das Eigenthum erzeugte das Bedürfnis nach einem Vertrag, mit deſſen Abſchließung der Staat begann, d. h. in Rouſſeaus Augen die zum Geſetz erhobene Ungleichheit und Ungerechtigkeit. 1756 folgte er einer Einladung ſeiner Freundin, Frau v. Epinay, nach Montmorency bei Paris, wo er eine für ihn erbaute Eremitage bewohnte und wo er feine beſten Werke ſchrieb. 1761 erſchien „Julie ou la nouvelle nee, Bin li 8 1 „Contrat sociale und das bekannteſte und das bedeutendſte Werk, Emile ou de Léducation.“ IVgkn erſterem hat er den Inhalt der beiden Preisſchriften in ein Syſtem gebracht, deſſen Über⸗ : tragung in die Praxis nochmals von den Männern des Convents verſucht wurde; der letztere enthält eine ſcharfe Kritik des verkehrten Erziehungs- und Unterrichtsweſens feiner Zeit, der beſtehenden Religion und Moral. Der Emil ward daher auf Befehl des Parlaments 5 ſofort verbrannt, und Rouſſeau muſste flüchten. Er floh nach Genf, aber auch hier fand er kein Aſyl und irrte wie ein gehetztes Wild in den Gebirgsdörfern umher. 1765 gieng er nach Straßburg, im folgenden Jahre auf Einladung des Philoſophen Hume nach England, kehrte aber ſchon 1767 nach Frankreich zurück, wo man ihn nun unter der Bedingung, daſs er nichts gegen die beſtehende Religion und Regierung EN ſchriebe, in Ruhe ließ. 1778 überſiedelte er auf Einladung des Marquis von Girardin nach Ermenonville unfern Paris, wo er ſchon nach wenigen Wochen ſtarb. — Den Zauſammenhang der oben genannten Hauptſchriften legt am beſten Kant in ſeiner An⸗ fſthropologie dar, wo er „vom Charakter der Gattung“ handelt: „Seine drei Schriften von dem Schaden, den 1. der Ausgang aus der Natur in die Cultur unferer Gattung darch Schwächung unſerer Kraft, 2. die Civiliſierung durch Ungleichheit und wechſelſeitige Unterdrückung, 3. die vermeintliche Moraliſierung durch naturwidrige Erziehung und Miſsbildung der Denkungsart angerichtet hat: Dieſe drei Schriften, ſage ich, welche den Naturzuſtand gleich als einen Stand der Unſchuld vorſtellig machen (wohin wieder zurückzukehren der Thorwärter eines Paradieſes mit feurigem Schwert verhindert), ſollten nur feinem Socialcontract, ſeinem Emil und ſeinem ſavoyardiſchen Vicar zum Leitſtern dienen, aus dem Irrſal der Übel ſich heraus- zufinden, womit ſich unſere Gattung durch ihre eigene Schuld umgeben hat. Rouſſeau ö wollte im Grunde nicht, daſs der Menſch wieder in den Naturzuſtand zurückgehen, 8 2 ſondern von der Stufe, auf der er jetzt ſteht, zurückſehen ſollte.“ — 34. 15. Julie ou la nouvelle Héloise, das Vorbild von Goethes Werther, Illirgl. insbeſondere Schmidt. Richardſon Rouſſeau und Goethe Jena 1875, 83 ff., 126 ff.] ſchrieb Rouſſeau um den Gegenſatz der Natur und der wahren Bedürfniſſe des menſchlichen Herzens zu der Verbildung und falſchen Moralität einer naturwidrigen Erziehung zu erläutern. Der Roman enthält im III. Th. Brief VII. das Motto, welches Schiller den Briefen über äſthetiſche Erziehung des Menſchen voranſtellt: „si 2 c'est la raison qui fait l’homme, c'est le sentiment qui le conduit.“ Dieſer Satz, zuſammengehalten mit Rouſſeaus Wahlſpruch „le sentiment est plus que la raison: kennzeichnet den Standpunkt der Rouſſeau'ſchen Moralphiloſophie, die alles unmittelbar auf das Gefühl gründet. Man hat daher auch nicht mit Unrecht das Verhältnis Vol— taires und Rouſſeaus zu ihrem Jahrhundert dadurch bezeichnet, dafs man jenen den Kopf, dieſen das Herz des Genius ihrer Zeit nannte. 34. 20—30. Zu vgl. iſt das ſtrenge Urtheil, welches Schiller über ſich ſelbſt im Briefe an Goethe vom 31. Auguſt 1794 fällt: „Mein Verſtand wirkt eigentlich mehr ſymboliſierend und ſo ſchwebe ich, als eine Zwitterart, zwiſchen dem Begriff und der Anſchauung, zwiſchen der Regel und der Empfindung, zwiſchen dem techniſchen Kopf und dem Genie. Dies iſt es, was mir, beſonders in früheren Jahren, ſowohl auf dem Felde der Speculation als der Dichtkunſt ein ziemlich linkiſches Anſehen ge⸗ geben; denn gewöhnlich übereilte mich der Poet, wo ich philoſophieren ſollte, und der philoſophiſche Geiſt, wo ich dichten wollte. Noch jetzt begegnet mir häufig genug, daſs die Einbildungskraft meine Abſtractionen und der kalte Verſtand meine Dichtung ſtört. Kann ich dieſer Kräfte inſoweit Meiſter werden, dass ich einer jeden durch meine Freiheit ihre Grenzen beſtimmen kann, ſo erwartet mich noch ein ſchönes Los.“ Be AN rn MEHRERE 2 Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. 34. 30 und 31. vgl. Humboldts Außerung in dem Briefe an Schille 6. Nov. 1795: „Bei jeder Production des Genies mufs die Selbſtthätigkeit die pfindlichkeit überwiegen. Es iſt ſonſt keine Bearbeitung des Stoffes möglich. Allei außer dieſem Übergewicht laſſen ſich mannigfaltige Modificationen der Empfänglichke zur Selbſtthätigkeit denken und auf dieſe, glaube ich, müſſen die weſentlichen . ſchiedenheiten des Dichters und Künſtlergenies zurückgeführt werden, wenn man ſchöpfend verfahren will“ und Fichtes Urtheil über Rouſſeau in der fünften Vorleſung E über die Beſtimmung des Gelehrten: „Er wirkte, ohne andere zum Wirken aufzurufen; 7 ohne ihr Wirken gegen die Summe des gemeinſamen Übels und Verderbens zu rechnen. Dieſer Mangel des Strebens zur Selbſtthätigkeit herrſcht durch ſein ga Ideenſyſtem. Er iſt der Mann der leidenden Empfindlichkeit, nicht ge des eigen thätigen Widerſtrebens gegen ihren Eindruck.“ 34. 32—35. vgl. Schiller: Über Mathiſſons Gedichte [WW. Hift. krit. Ausg. 255]: „Will uns alſo der Dichter aus dem Gedränge der Welt in ſeine Einſamkeit na ziehen, jo mufs es nicht Bedürfnis der Abſpannung, ſondern der Anſpannung, nit 1 Verlangen nach Ruhe, ſondern nach Harmonie ſein, was ihm die Kunſt verleidet un . die Natur liebenswürdig macht“ und Fichte über Rouſſeau in der fünften Vorleſur 2 über Beſtimmung des Gelehrten: „Er hatte Energie, aber mehr Energie des Leiden als der Thätigkeit, er fühlte ſtark das Elend der Menſchen, aber er ſühlte weit wenig ſeine eigene Kraft, demſelben abzuhelfen; und ſo, wie er ſich fühlte, ſo beurtheilte e andere; wie er fi zu dieſem feinem beſonderen Leiden verhielt, jo verhielt nach ihm die ganze Menſchheit ſich zu ihrem gemeinſamen Leiden. Er berechnete das Leiden; aber er beherrſchte nicht die Kraft, welche das Menſchengeſchlecht in ſich hat, ſich zu helfen.“ 34. 35— 35, 4. Dazu iſt Schillers, mit offenbarer Anſpielung auf Rouſſeau g ſchriebene Bemerkung in der Abhandlung „über das Erhabene“ [WW hiſt. krit. Ausg. 217] heranzuziehen: „Es iſt ein Kennzeichen guter und ſchöner, aber jederzeit ſchwach Seelen, immer ungeduldig auf Exiſtenz ihrer moraliſchen Ideale zu dringen, und von d Hinderniſſen derſelben ſchmerzlich gerührt zu werden. Solche Menſchen ſetzen ſich in ei traurige Abhängigkeit von dem Zufalle, und es iſt immer mit Sicherheit vorherzuſagen, daſs fie der Materie in moraliſchen und äſthetiſchen Dingen zuviel einräumen und die höchſte Charakter- und Geſchmacksprobe nicht beſtehen werden. Das moraliſch Fehler⸗ hafte ſoll uns nicht Leiden und Schmerz einfloͤßen, welches immer mehr von einem unbefriedigten Bedürfnis als von einer unerfüllten Forderung zeugt. Dieſe muss eine rüſtigeren Affeet zum Begleiter haben und das Gemüth eher ſtärken und in feine: Kraft befeſtigen, als kleinmüthig und unglücklich machen.“ Rouſſeau betrachtete es al 3 die höchſte aller Aufgaben, die durch falſche Erziehung verunſtaltete Menſchheit durch eine naturgemäße Geſellſchaft und eine naturgemäße Erziehung aus dem Zuſtande a gemeiner Verderbnis zu retten und ſein wahres Weſen wieder herzuſtellen. Ficht unternahm in der fünften Vorleſung „über die Beſtimmung des Gelehrten,“ die „Prüfung der Rouſſeau'ſchen Behauptungen über den Einfluſs der Künſte auf das Wohl der Menſchheit,“ deckt den Fehlſchluſs Rouſſeaus auf, der „unvermerkt ſich und die ganze Geſellſchaft mit der ganzen Ausbildung, die ſie nur durch das Heraus⸗ ſei. „Vor uns alſo liegt, was 5 unter Sen Namen des BE... 1910 jene Dichter unter der Benennung des goldenen Zeitalters hinter uns ſetzten.“ Fichte Anmerkungen. chli ſein Urtheil mit der Bemerkung: „So ſchildert Rouſſeau durchgängig die Ver⸗ nunft in der Ruhe, aber nicht im Kampfe; er ſchwächt die Sinnlichkeit ſtatt die Vernunft zu ſtärken.“ 34. 40. Oſſians Sonnengeſang aus 8 Gedichte Karthon von Hoven überſetzt und von Zumſteeg componiert, hatte Schiller auch in ſeine „Anthologie“ (hiſt. krit. Ausg. I. 265) aufgenommen. 35. 13—15. vgl. Humboldt an Schiller am 6. Nov. 1795: „In ihnen allen iſt nicht jene Offenheit der Sinne, jenes ruhige Anſchauen.“ 35. 29— 32. Beginn der „Trauerode beim Abſterben ſeiner geliebten Marianne.“ 36. 23 —24. Schillers Urtheil über Haller iſt aus dem richtigen Gefühle her— vorgegangen, als Dichter den großen Stil vollendet zu haben, den Haller als dichtender Denker begonnen hatte. Die geiſtige Verwandtſchaft beider Dichter bezeugt der nach— haltige Einfluss Hallers auf den jungen und reifen Schiller, den Boxberger „Schiller und Haller, Erfurt 1869. ‚Lemcke, Geſchichte der deutſchen Dichtung I. 449 ff., Leipzig 1872, Frey in der 1879 erſchienenen, von der Univerſität Bern gekrönten Preisſchrift: Haller und ſeine Bedeutung für die deutſche Literatur und Hirzel in der Ausgabe der Gedichte Albrechts von Haller, Frauenfeld 1882, nachgewieſen haben. Für die Art der Einwirkung iſt die Anlehnung Schillers an Hallers: „Gedanken über Vernunſt, Aberglauben und Unglauben“ beſonders charakteriſtiſch; vgl. nur die Worte Hallers über den forſchenden Colomb: Was die Natur verbarg, hat Kühnheit aufgeſchloſſen, Das Meer iſt ſeine Bahn, ſein Führer iſt ein Stein, Er ſucht noch eine Welt und was er will, mufs fein. mit Schillers Gedanken in den „Philoſophiſchen Briefen, Theogonie, Gott“ (Hift. krit. Ausg. IV. 53). „Auf die Unfehlbarkeit feines Caleuls geht der Weltentdecker Columbus die bedenkliche Wette mit einem unbefahrenen Meere ein, die fehlende zweite Hälfte zu der bekannten Hemiſphäre, die große Inſel Atlantis zu ſuchen, welche die Lücke auf ſeiner geographiſchen Karte ausfüllen ſollte. Er fand ſie, dieſe Inſel ſeines Papiers, und feine Rechnung war richtig“ und in dem Gedichte „Columbus:“ Steure, muthiger Segler! Es mag der Witz dich verhöhnen, Und der Schiffer am Steuer ſenken die läſſige Hand. Traue dem leitenden Gott und folge dem ſchweigenden Weltmeer, Wär' ſie noch nicht, ſie ſtieg jetzt aus den Fluten empor. Mit dem Genius ſteht die Natur in ewigem Bunde, Was der eine verſpricht, leiſtet die andre gewiss. Ebenſo hat Hallers Gedicht „Über die Ewigkeit,“ von dem Schiller an Lotte am 27. Nov. 1789 ſchreibt: „Es geht mir damit, wie mit Hallers Ewigkeit, ich ziehe einen Tag, eine Woche nach der andern von dieſer traurigen Zeitſumme ab und ſie bleibt immer ganz vor mir liegen“ unverkennbar Schiller bei ſeinem Gedichte „die Ideale“ vorgeſchwebt. 36. 24— 29. Dies geſchieht in dem Gedicht „die Alpen;“ beſonders an Str. 44 85 zu erinnern, in der es heißt: Verblendte Sterbliche! die bis zur nahen Bahre N Geiz, Ehr' und Wolluſt ſtets an eiteln Namen hält, N Die ihr die vom Geſchick beſtimmte Handvoll Jahre Mit immer neuer Sorg' und leerer Müh' vergällt, Die ihr die Seelenruh in ſteten Stürmen ſuchet Und an die Klippen nur das irre Steuer richt, Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. Die ihr was ſchadet wünſcht und was euch nützt verftuchet 2 Ach, öffnet ihr zuletzt die ſchlaffen Augen nicht? Seht ein verachtet Volk bei Müh und Arbeit lachen Und lernt, daſs die Natur allein kann glücklich machen! 36. 35. Chriſtian Ewald von Kleiſt, geb. am 7. März 1715 zu in Pommern, ſtudierte zu Königsberg, trat 1736 in die däniſche, 1740 in die prei 38 Armee ein, in der er beim Ausbruch des fiebenjährigen Krieges zum Major er * wurde. Am 12. Aug. 1759 ward er in der Schlacht bei Kunersdorf tödlich verw und ſtarb am 24. Aug. 1759 zu Frankfurt a/O. Sein Ruhm als Dichter gründet ſich auf das beſchreibende Gedicht „Der Frühling“ (in Bee mit Aue 2 iſt das Vorbild für Leſſings „Tellheim.“ — 8 = 37. 2—9. vgl. Schiller an Lotte und Karoline, 20. November 1788: 2 5 ſieht vielleicht miſanthropiſch aus, aber ich kann mir nicht helfen, ich bin Kle * Meinung: Ein wahrer Menſch muss fern von Menſchen ſein.“ — Die Rhapf Be Sehnſucht nach Ruhe entſtand 1744. 37. 10 ff. Schillers Urtheil ſucht Herder, in deſſen Jugend Kleiſt einer fei N Lieblingsdichter war, in den Briefen zu Beförderung der Humanität Nr. 102 zu mildern . „Kleiſt kommt; und wer verkeanete an ihm ſein deutſches Herz, ſeinen edeln Charakt Tale Als Künſtler der Poeſie, dazu in mancherlei Arten, möchte ich lieber Thomſon ſein | Thomſon inſonderheit, ſeit er Italien geſehen hatte; aber als Menſch und Did f gilt es keine Frage. Kleiſts Herz lebt in ſeinen Gedichten, in ſeinem Frühlin in mehreren ſeiner Oden, in ſeinem Geburts- und Grabesliede, in ſeine i Sehnſucht nach Ruhe, in Ciſſides und Paches. Nach ſeinem Seneca wo Bi wir ihn nicht meſſen; aber den edlen Geiſt, das patriotiſch-menſchliche Gemüth, I. mitten unter Kriegesſcenen in dieſe kleinen Gedichte wie in ein Aſylum floh und Rn; darin, wie in einer zerſtückten Urne, ſein ewiges Denkmal findet, wollen wir we halten und lieben.“ g 37. 30. Über Kleiſts erzählendes Gedicht in drei Geſängen „Eiffides und P urtheilt anerkennend Leſſing im 40. Briefe, die neueſte Literatur betreffend: „Es i wahr, man wird ſchwerlich ein anderes Gedicht nennen können, in welchem ſo viel 28 große und ſchreckliche Seenen in einem jo engen Raume zuſammengepreſst wären. Es würde einem geſchickten Maler etwas Leichtes ſein, es ganz, ſowie es iſt, in eine Fe von Gemälden zu verwandeln. Der Dichter hat es ihm vorgezeichnet. — Doch de E jenigen poetiſchen Gemälde, die dem Dichter kein Künſtler mit Linien und Far W nachbilden wird, ſind noch weit mehrere.“ 37. 31. Kleiſts „Seneca,“ den dieſer ſelbſt nur einen Entwurf zu einem Trau erſpiel nennt, wurde, wie aus dem Briefe Kleiſts an Gleim vom 19. Jan. 1757 entnehmen iſt, durch Klopſtocks „Tod Adam“ — von dem er ſchreibt: „Das iſt wahres Meiſterſtück, ohnerachtet es von allen Regeln abgeht,“ — angeregt un Leſſings Philotas hervorgerufen, dem er in der knappen Form vorangeht. Sein war das Trauerſpiel, wegen ſeiner Klarheit und Einfachheit der Compoſition, ſo geſchätzt worden, dafs in der Hamburger Zeitung 1768, St. 48, geradezu von ſelben gef ſchrieben wurde, kein Dichter ſei dem Colorit und der Einfalt des N näher gekommen, als Kleiſt in ſeinem Entwurf zum Seneca. 37. 38. James Thomſon, geb. am 11. September 1700 zu Ebttürg Schottland, geſt. am 27. Auguſt 1748 zu Kew, dem geiſtlichen Stande angeht erlangte ſeine große Berühmtheit durch ſein beſchreibendes Gedicht „Die Jahreszei die in Deutſchland lange als Muſter von Naturſchilderungen galten. Nachrichten Anmerkungen. dem „Leben des Herrn Jakob Thomſon“ und ſeinen Werken hatte bereits 1754 Leſſing im I. Stück der theatraliſchen Bibliothek gegeben, und dort hervorgehoben: „Soviel iſt wahr, dafs ſich die Schreibart des Herrn Thomſon zu den zärtlichen Leidenſchaften nicht allzuwohl ſchickt, welches man näher einſehen wird, wenn wir ihn bald als einen dramatiſchen Dichter betrachten werden: eine Sphäre, in welcher er zwar ſehr, aber doch nicht jo ſehr als in anderen Gattungen der Dichtkunſt geglänzt hat ... Er hatte als dramatiſcher Dichter den Fehler, daſs er niemals wujste, wenn er aufhören müſſe, er läſst jeden Charakter reden, ſolange noch etwas zu ſagen iſt; die Handlung ſteht alſo während dieſer gedehnten Unterredungen ſtill und die Geſchichte wird matt.... Kurz, Thomſon war ein geborener maleriſcher Dichter, welcher die Bühne aus einem Bewegungsgrunde beſtieg, der allzu bekannt iſt, und dem mau allzu ſchwerlich wider— fieht. Er iſt in der That der Altſtgeborene des Spencers, und er hat es ſelbſt oft bekannt, dass er das Beſte, was er gemacht habe, der Begeiſterung verdanken müſſe, in die er ſchon in ſeinen jüngſten Jahren durch die Leſung dieſes alten Dichters ſei geſetzt worden.“ Auf dieſes Urtheil ſcheint Schiller hier anzuſpielen. 38. 32—41. Vgl. Schiller „Über Mathiſſons Gedichte“ [WW. hiſt. krit. Ausg., X., 244]: „Wir unterſcheiden in jeder Dichtung die Gedankeneinheit von der Em— pfindungseinheit, die muſikaliſche Haltung von der logiſchen, kurz, wir verlangen, daſs jede poetiſche Compoſition neben dem, was ihr Inhalt ausdrückt, zugleich durch ihre Form Nachahmung und Ausdruck von Empfindungen ſei und als Muſik auf uns wirke;“ und im 22. Brief über äſthetiſche Erziehung des Menſchen: „Die Poeſie in ihrer vollkommenſten Ausbildung muſs uns, wie die Tonkunſt, mächtig faſſen, zugleich aber wie die Plaſtik, mit ruhiger Klarheit umgeben.“ Aus dem, was Schiller über ſich ſelbſt am 18. März 1796 an Goethe ſchreibt: „Bei mir iſt die Empfindung anfangs ohne beſtimmten und klaren Gegenſtand; dieſer bildet ſich erſt ſpäter. Eine gewiſſe muſikaliſche Gemüthsſtimmung geht vorher und auf dieſe folgt bei mir erſt die poetiſche Idee;“ iſt erſichtlich, daſs ihm der Proceſs deutlich bewuſst war, durch den ein ſentimentaliſcher Dichter aus der unbegrenzten Gemüthsſtimmung heraus zu an⸗ ſchaulicher Geſtaltung gelangt; mit Recht konnte er daher Klopſtock, der nie aus ſich heraustrat, einen vorzugsweiſe muſikaliſchen Dichter nennen. In den Briefen zur Beförderung der Humanität nimmt Herder dieſes Urtheil folgendermaßen auf: „Wenn überhaupt die Muſe der Tonkunſt in der Einfalt und Würde die ihr gebühret zu uns zurückzukehren würdigte; weſſen Worte würden ſie freundlicher hernieder zaubern, als Klopſtock's.“ Vgl. auch noch den Schluſs von Humboldts Brief an Schiller vom 18. Dec. 1795, in welchem die Unterſcheidung des muſikaliſchen und plaſtiſchen Dichters als beſonders fruchtbar bezeichnet wird. 39. 6—9. Vgl. Herder: „Über die neuere deutſche Literatur. Erſte Sammlung von Fragmenten. Riga 1767, Nr. 7.: „Leſet den Homer und dann leſet Klopſtock; jener malet, indem er ſpricht; er malet lebende Natur und politiſche Welt: dieſer ſpricht, um zu malen, er ſchildert; und um neu zu ſein: eine ganz andere Welt: die Welt der Seele und der Gedanken, da jener ſie hingegen in Körper kleidet und ſpricht: Laſs fie ſelbſt reden!“ 39. 28, 29. Klopſtock hatte von Anfang an religiöſe und moraliſche Zwecke bei ſeinen Dichtungen im Auge. Nach der 1755 erſchienenen Abhandlung „Von der heiligen Poeſie“ iſt „der letzte Endzweck der höheren Poeſie und zugleich das wahre Kennzeichen ihres Wertes die moraliſche Schönheit.“ In dem Aufjage aus dem Jahre 1758 „von dem Range der ſchönen Künſte und der ſchönen Wiſſenſchaften“ ſetzt er den Vorzug dieſer vor jenen darin, dafs ſie viel nützlicher ſeien, die Menſchen e P 112 Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. moraliſcher zu machen und „Dies,“ lässt er die ſchönen Künſte jagen, „ſoll fo ſehr unſere Hauptabſicht fein, dajs wir unſerer Neigung zu gefallen nur inſofern folgen dürfen, als ſie uns zu dieſem letzten Endzwecke führt. Wir erniedrigen uns und wir ſind nicht mehr ſchön, wenn uns die moraliſche Schönheit fehlt.“ Außerdem hatte Klopſtock als Lyriker und ſpäter als Dramatiker das lebhafteſte Beſtreben, Liebe zum deutſchen Vaterland zu wecken. So löblich und wertvoll die angeſtrebten Zwecke an und für ſich waren, traten ſie doch zu deutlich aus ſeinen Dichtungen heraus und verliehen ihnen den Charakter der Tendenzpoeſie. Dieſe hielt Schiller an fi) ſchon für eine falſche Richtung der Literatur, umſo ſtrenge muſste er über die Ausſchreitungen der Nachahmer Klopſtocks urtheilen, deren Schwärmerei auf mancherlei Abwege führte. Vor allen ſchwebte Schiller vor Augen der Götzendienſt, welcher vom Göttinger Hainbund mit Klopſtock getrieben wurde, auch ſtand die frömmelnde Poeſie der „Stolbergiſchen Sippſchaft,“ gegen die in den Kenien ſcharf zu Felde gezogen wurde, damit im Zuſammen- hang. Den unmittelbaren Anlaſs zu dem hier erhobenen Warnruf mochte die „Epiſtel an Ramler“ von Ludwig Heinrich von Nicolay [geb. 1737 zu Straßburg, geſt. 1820 auf ſeinem Gute Wiborg in Finnland] gegeben haben. Sie war in Voſſens Muſen⸗ almanach auf 1796, S. 109 ff., über welchen Schiller an Goethe ſchon am 26. October ein abfälliges Urtheil ſchreibt, erſchienen, und bietet einen Vergleich der älteren poetiſchen Literatur mit der neueren, wobei dieſe ganz in Schatten zu ſtehen kommt. Da auf eine Stelle der Epiſtel ſich enion, 131 „Aus einer neueſten Epiſtel“ bezieht ſogl. Boas Schiller und Goethe im Kenienkampf, I., 98], iſt wahrſcheinlich auch dieſe Stelle der Abhandlung mit darauf gemünzt. Das Xenion lautet: „Klopſtock, der iſt mein Mann, der in neue Phraſen geſtoßen [Was er im hölliſchen Pfuhl Hohes und Großes vernahm. .“ und die bezügliche Stelle der Epiſtel iſt: „Auch Du, mein Ramler! deſſen Hand Die Leier des Horaz dem Schutte Roms entwandt, Und jener, der aus Miltons Schule Sich uns, ſein größter Schüler, wies, (unter dem Text ſteht der Name Und was im Himmel, in dem Pfuhle Klopſtocks.) Erhabenes er vernahm, in neue Phraſen ſtieß. Allein die Werke dieſer Sänger, Pries ſie der Deutſche lauter, länger Als die der tollen Modebrut? Die (ſei es Thorheit, Übermuth) Der goldnen Schriften Wert ſchon tief herunterſetzet Und ihren Unſinn höher ſchätzet.“ 39. 32—40. Schiller legt hier ſein eigenes Verhältnis zu Klopſtock dar. Klopſtocks bibliſche Geſchichte bemächtigte ſich ſeines ganzen Gemüthes. Oft wandelten ihn, wie ſein Freund Peterſen im Morgenblatt 1807, Nr. 181, berichtet [vgl. Boas, Schillers Jugendjahre, I., 96], heilige Schauer und Entzückungen an, er ergoſs ſich in Gebete und hielt, auch in Gemeinſchaft mit andern, förmlich Andachtsſtunden. „Auf ſein frommes Gemüth wirkte,“ ſchreibt Charlotte Schiller in Schillers Leben bis 1787, „der Meſſias belebend.“ Klopſtocks Poeſie reizte ihn zuerſt zur Nachahmung: er trug ſich mit dem Plane zu einem epiſchen Gedichte „Moſes.“ Seine Gedichte waren ganz in Klopſtocks Sprache gehalten. Zu dem im Jahrgang 1777, Stück III. des Schwä⸗ biſchen Magazins erſchienenen Gedichte: „Der Eroberer“ ſchreibt der Redacteur, ſein Lehrer Balthaſar Hang: „Von einem Jüngling, der allem Anſehen nach Klopſtocken liest, fühlt und beinahe verſteht.“ Noch vollkommen in Klopſtocks Weiſe iſt die Rede Anmerkungen. 113 „über Güte und Tugend“ vom 10. Januar 1779 [WW. Hift. krit. Ausg., I., S. 61 ff.) gehalten, in der er aus Klopſtocks Meſſias [4, 719— 21] und aus der Ode: „Für den König,“ Stellen heranzieht. In der Selbſtrecenſion der Räuber heißt es: „Das Mädchen hat mir zu viel in Klopſtock geleſen.“ Gerſtenbergs Ugolino, Goethes Götz von Berlichingen, Leiſewitzens Julius von Tarent, zogen ihn zum Drama hin und entfremdeten ihn der Klopſtock'ſchen Muſe und die Begeiſterung für feine Dichtungen wurde allmählich zur achtungsvollen Anerkennung ſeiner Verdienſte. Als ihm Böttiger im Jahre 1797 neue Oden von Klopſtock übermittelte, ſchrieb er dieſem am 28. Juli: „Die Gedichte unſeres alten Meiſters und Lehrers ſende ich Ihnen mit verbindlichem Danke wieder. Es ift mir bei dem beſten Willen und Streben nicht möglich gewe ſen, die Stimmung in mir zurückzurufen, denn fie mag wirklich einmal dageweſen ſein; aber nur Klopſtock verſteht es, einen ſolchen Gemüthszuſtand ein ganzes Menſchenleben lang und mitten unter der allgemeinen Gedankendrehung um ſich her zu fixieren.“ 40. 5—9. Vgl. Herders Urtheil in den Briefen zur Beförderung der Humanität. Achte Sammung Nr. 102: „Die Muſe Klopſtocks liſt] eine zärtere Muſe, die in Erzäh— lungen, Elegien und Hymnen unſere ganze Seele, den Mittelpunkt ihrer Welt durchſtrömet.“ 40. 19—24. Vgl. Herder in der Abhandlung: „Die Lyra. Von der Natur und Wirkung der lyriſchen Dichtkunſt.“ (Terpſichore, II. Theil. Lübeck 1795): „Es leben Jünglinge, es ſchlagen jugendliche Herzen, denen Pindar und Horaz, denen die drei Altväter unſeres lyriſchen Geſanges Uz, Gleim, Klopſtock, denen Kleift, Götz und Ramler, Gerſtenberg, Claudius, die Stolberge, Voss, Hölty, und unter fremden Nationen die ſchönſten lyriſchen Dichter wert ſind. Oft ſagt uns eine Strophe von ihnen mehr, als große Scenen der Anſchauung uns ſagen könnten: denn ſie ergreifen das Herz. In verwickelten Situationen, in Dämmerungen unſerer Seele kommt ihre Stimme uns wie aus einer andern Welt weckend, aufmunternd, belehrend. Mehr als ein Jüngling empfieng aus der Lyra eines Dichters einen Anklang auf ſein ganzes Leben.“ Herders Abhandlung war Schiller kaum unbekannt, da er ſich bereits am 18. Mai 1795 Goethe gegenüber über die Terpſichore äußert: „So weit ich darin las, iſt es eine cſehr glückliche Arbeit.“ Die kenien geben hinlänglich Aufſchluſs, warum Schiller an dieſer Stelle Gleim, Götz, Ramler, Claudius und die Stolberge nicht wie Herder mit aufzählt. 40. 20. Johann Peter Uz, geb. am 3. October 1720 zu Ansbach, geſt. am 12. Mai 1796, ſtudierte in Halle die Rechte, ward 1748 Seeretär bei dem Juſtizeollegium in Ansbach, zuletzt Director des Ansbacher Landesgerichtes und des Conſiſtoriums. In Halle trat er mit Gleim und Götz in Verbindung, er gehört dem— nach zu den Anakreontikern. Die Zeitgenoſſen rühmten ſein komiſches Epos „Der Sieg des Liebesgottes“ und „Theodicee.“ Michael Denis, geb. 27. Sept. 1729 zu Schärding, ſtudierte auf dem Jeſuitengymnaſium in Paſſau, trat 1747 in das Jeſuitencollegium in Wien, erhielt 1759 eine Lehrſtelle am k. Thereſianum in Wien und wurde nach der Auf- hebung ſeines Ordens im J. 1773 zum Leiter der mit dem Thereſianum verbundenen garelliſchen Bibliothek ernannt. 1784 wurde er zweiter und ſieben Jahre ſpäter erſter Cuſtos der k. Hofbibliothek mit dem Titel eines wirklichen k. k. Hofrathes, und ſtarb 29. Sept. 1800. Seine dichteriſche Art ward einerſeits durch Klopſtock, andererſeits durch Oſſian beſtimmt, deſſen Gedichte er 1768 (in Hexametern) überſetzte. [Vgl. Anm. zu 34. 2—9.] 1773 erſchienen „Lieder Sineds des Barden.“ — Salomon Gessner, geb. am 1. April 1730 zu Zürich, geſt. daſelbſt am 2. März 1787, zuerſt Buchhändler, widmete ſich ſpäter der Landſchaftsmalerei und Schiller: über naive und ſentimentaliſche Dichtung. 8 114 Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. Radierkunſt, in der er einen bedeutenden Ruf erwarb und deren Verſtändnis er auch theoretiſch („Briefe über die Landſchaftsmalerei“) zu fördern ſuchte. Seinen Ruhm als Dichter aber verdankte er ausſchließlich ſeinen „Idyllen,“ beſonders „Daphnis“ und „Der Tod Abels.“ Sie wurden nicht nur in Deutſchland, ſondern auch in Frankreich hoch geſchätzt und nachgeahmt. — 40. 21. Joh. Georg Jacobi, geb. am 2. Sept. 1740 zu Düſſeldorf, ſtu⸗ dierte in Göttingen Theologie, aber auch Philologie und Literatur, und habilitierte ſich 1765 in Halle, wo er mit Gleim und den übrigen Anakreontikern in Verbindung trat. Später erhielt er eine Pfründe in Halberſtadt, wo er die Zeitſchrift „Iris“ herausgab, und ward 1784 als Profeſſor der ſchönen Wiſſenſchaften nach Freiburg im Breisgau berufen, wo er am 4. Jänner 1814 ſtarb. — Wir haben von ihm Lieder, Romanzen und Idyllen. Heinrich Wilh. Gerſtenberg, geb. am 3. Jänner 1737 zu Tondern in Schleswig, ſtudierte die Rechte, trat dann in däniſche Kriegsdienſte, ward 1775 däniſcher Reſident und Conſul in Lübeck, und ſtarb am 1. November 1823 in Altona. Als Dichter gehörte er anfangs der anakreontiſchen Richtung an, ſpäter ſchloſs er ſich mit den „Gedichten eines Skalden“ an die Vertreter der Bardenpoeſie an; mit dem Trauerſpiel „Ugolino“ (1768, nach Dante) ward er ein Vorläufer der Sturm- und Drangperiode. Lud. Heinr. Chriſtoph Hölty, geb. am 21. Decemb. 1748 zu Marien⸗ ſee bei Hannover, ſtudierte in Göttingen Theologie und moderne Sprachen. Bereits 1774 zeigten ſich die erſten Spuren einer gefährlichen Bruſtkrankheit, der er am 1. Sept. 1776 in Hannover erlag. Er war eine Zierde des Göttinger Hainbundes als echter, reich begabter Lyriker. Seine Gedichte, voll Anmuth, Weichheit des Gefühls und lieblicher Wehmuth, wurden von ſeinen Freunden Fr. L. Stollberg und Voſs 1783 herausgegeben. Leopold Friedrich von Göckingk, geb. am 13. Juli 1748 zu Gröningen bei Halberſtadt, ſtudierte die Rechte, bekleidete verſchiedene höhere Beamtenſtellungen in Preußen und im Fürſtenthum Fulda, bis er 1807 ſeine Entlaſſung nahm und ſich als Privatmann nach Wartenberg in Schleſien zurückzog, wo er am 18. Febr. 1828 ſtarb. Seinen Ruhm als Dichter verdankt er ſeinen witzigen „Poetiſchen Epiſteln“ und ſeinen „Sinngedichten.“ — 40. 34—40. vgl. Schiller an Goethe, Jena den 19. März 1795: „Auf das Gemälde, das Sie jetzt entworfen haben [die Bekenntniſſe einer ſchönen Seele], bin ich nicht wenig neugierig. Es kann weniger als irgend ein anderes aus Ihrer In- dividualität fließen, denn gerade dies ſcheint mir eine Saite zu ſein, die bei Ihnen und ſchwerlich zu Ihrem Unglück am ſeltenſten anſchlägt. Umſo erwartender bin ich, wie Sie das heterogene Ding mit Ihrem Weſen gemiſcht haben werden. Religiöſe Schwärmerei iſt und kann nur Gemüthern eigen ſein, die beſchauend und müßig in ſich ſelbſt verſinken und nichts ſcheint mir weniger Ihr Caſus zu ſein, als dieſes. Ich zweifle keinen Augenblick, dafs Ihre Darſtellung wahr fein wird — aber das iſt fie alsdann lediglich durch die Macht Ihres Genies und nicht durch die Hilfe Ihres Subjects!“ und vgl. dazu Humboldts Urtheil über Goethe im Briefe an Schiller vom 6. Nov. 1795: „Bei den Deutſchen iſt Geiſtes- und Empfindungsgehalt hervorſtechend und in Anſehung des letztern iſt Goethe vorzüglich in ſeinen Theaterſtücken, die weder den Griechen, noch den Engländern nachgeahmt ſind, in Egmont, Fauſt, Taſſo vor⸗ ugsweiſe original.“ Anmerkungen. 115 41. 6—10. vgl. Schiller an Goethe den 23. Aug. 1794: „Wären Sie als ein Grieche, ja nur als ein Italiener geboren worden und hätte ſchon von der Wiege an eine auserleſene Natur und eine idealiſierende Kunſt Sie umgeben, ſo wäre Ihr Weg unendlich verkürzt, vielleicht ganz überflüſſig gemacht worden. Schon in die erſte An⸗ ſchauung der Dinge hätten Sie dann die Form des Nothwendigen aufgenommen und mit Ihren erſten Erfahrungen hätte ſich der große Stil in Ihnen entwickelt. Nun da Sie ein Deutſcher geboren ſind, da Ihr griechiſcher Geiſt in dieſe nordiſche Schöpfung geworfen wurde, ſo blieb Ihnen keine andere Wahl, als entweder ſelbſt zum nordiſchen Künſtler zu werden, oder Ihrer Imagination das, was ihr die Wirklichkeit vorenthielt, durch Nachhilfe der Denkkraft zu erſetzen und ſo gleichſam von innen heraus und auf einem rationalen Wege ein Griechenland zu gebären. In derjenigen Lebensepoche, wo die Seele ſich aus der äußeren Welt ihre innere bildet, von mangelhaften Geſtalten umringt, hatten Sie ſchon eine wilde und nordiſche Natur in ſich aufgenommen, als Ihr ſiegendes, ſeinem Material überlegenes Genie dieſen Mangel von innen entdeckte, und von außenher durch die Bekanntſchaft mit der griechiſchen Natur davon ver— gewiſſert wurde. Jetzt mussten Sie die alte, Ihrer Einbildungskraft ſchon aufgedrungene ſchlechtere Natur nach dem beſſeren Muſter, das Ihr bildender Geiſt ſich erſchuf, corrigieren, und das kann nun freilich nicht anders als nach leitenden Begriffen von⸗ ſtatten gehen. Aber dieſe logiſche Richtung, welche der Geiſt bei der Reflexion zu nehmen genöthigt iſt, verträgt ſich nicht wohl mit der äſthetiſchen, durch welche allein er bildet. Sie hatten alſo eine Arbeit mehr: denn ſowie Sie von der Anſchauung zur Abſtraction übergiengen, ſo muſsten Sie nun rückwärts Begriffe wieder in Intuitionen umſetzen und Gedanken in Gefühle verwandeln, weil nur durch dieſe das Genie her— vorbringen kann.“ Damit kann auch das Urtheil Herders über Goethe im 104. Briefe zu Beförderung der Humanität, achte Sammlung, zuſammengehalten werden: „Ein anderer Dichter hat ſich der Form der Alten auf einem neuen Wege genahet. Durch eine theilnahmloſe genaue Schilderung der Sichtbarkeit und durch eine thätige Dar— ſtellung ſeiner Charaktere, Goethe.“ 41. 11—13. Goethes Werther erſchien 1774, als Schiller auf der Akademie ſich befand. Nebſt Götz von Berlichingen, Stella und Clavigo, wirkte „Werther“ auf Schillers Geiſt nachhaltig ein. Charlotte Schiller erzählt in „Schillers Leben bis 1787“ [Charlotte v. Schiller und ihre Freunde I. 86]: „Er theilte dieſen Genuſs mit ſeinen Freunden und einige der Fähigſten beſchloſſen einen gemeinſchaftlichen Roman zu ſchreiben, einen zweiten Werther, der zwar nicht zur Ausführung kam, indeſſen doch die erregte Einbildungskraft der Jünglinge zum Hervorbringen weckte.“ g 41. 22. Goethes Wilhelm Meiſters Lehrjahre, deſſen drei erſte Bände [Buch 1—6 umfaſſend] bereits 1795 erſchienen waren. Aus den zahlreichen wichtigen und fein⸗ ſinnigen Urtheilen Schillers über Goethes Roman in dem Briefwechſel zwiſchen Schiller und Goethe ſei nur eine Stelle aus dem Briefe vom 9. Juli 1796 hervorgehoben, in welcher Schiller nach Abſchluſs des Werkes ſeiner Verwunderung Ausdruck gibt, „einen ſo ſentimentaliſchen Charakter, wie Wilhelm doch immer bleibt, ſeine Lehrjahre ohne Hilfe jener würdigen Führerin [d. i. der Metaphyſik] vollenden zu laſſen.“ 41. 39—4 2. 6. vgl. Kritik d. U. Allgemeine Anmerkung zur Expoſition der äſthetiſchen reflectierenden Urtheile. [2. Aufl., S. 122 f.] „Man hat muthige, man hat zärtliche Rührungen. Die letzteren, wenn ſie bis zum Affect ſteigen, taugen gar nichts; der Hang dazu heißt Empfindelei. Ein theilnehmender Schmerz, der ſich nicht will tröſten laſſen, oder auf den wir uns, wenn er erdichtete Übel betrifft, bis zur Täuſchung durch die Phantaſie, als ob es wirkliche wären, vorſätzlich einlaſſen, 8* 116 Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. beweist und macht eine weiche, aber zugleich ſchwache Seele, die eine ſchöne Seite zeigt, und zwar phantaſtiſch, aber nicht einmal enthuſiaſtiſch genannt werden kann. Romane, weinerliche Schauſpiele ſchale Sittenvorſchriften, die mit /obzwar fälſchlich) ſogenannten edlen Geſinnungen tändeln, in der That aber das Herz welk und für die ſtrenge Vorſchrift der Pflicht unempfindlich, aller Achtung für die Würde der Menſchheit in unſerer Perſon und das Recht der Menſchen (welches ganz etwas anderes als ihre Glückſeligkeit iſt) und überhaupt aller feſten Grundsätze unfähig machen. .. vertragen ſich nicht einmal mit dem, was zur Schönheit, weit weniger aber noch mit dem, was zur Erhabenheit der Gemüthsart gezählt werden könnte.“ — Zu den berühmten deutſchen Schriftſtellern, welche die Hinneigung des Zeitalters zu ſchwärmeriſcher Empfindſamkeit nährten und begünſtigten, gehörten außer Klopſtock und Kleiſt vorzüglich Gellert, Geſsner und Lavater, letzterer namentlich durch ſein „geheimes Tagebuch von einem Beobachter ſeiner ſelbſt“ [Leipzig 1771 und 1773]. Durch Gellert waren in der zehnten feiner mora= liſchen Vorleſungen die Romane Richardſon, beſonders „Clariſſa“ und „Grandiſon“ empfohlen worden. Außer dieſen trugen die Oſſian'ſchen Geſänge, die Werke des Engländers Lorenz Sterne — hauptſächlich der Roman „Norifs empfindſame Reiſe durch Italien und Frankreich“ — und Rouſſeaus „Julie ou la nouvelle Heloise“ weſentlich zur ſentimentalen Schwärmerei in weltlichen Gefühlen und zur Ausbildung der empfindſamen Romane bei. Der ſentimentale Roman in Deutſchland hatte jedoch nur ein claſſiſches Erzeugnis Goethes: Werther. Selbſt gegen dieſes erhoben ſich ab- lehnende Stimmen. In einem Briefe an Eſchenburg nennt Leſſing lam 26. Det. 1774] den Werther einen „abenteuerlichen Charakter,“ rechnet ihn zu den „kleingroßen, ver— ächtlich ſchätzbaren Originalen“ und fordert vom Dichter „ein paar Winke hinterher“ für Jünglinge ähnlicher Anlage: „Denn ein ſolcher dürfte die poetiſche Schönheit leicht für die moraliſche nehmen, und glauben, dafs der gut geweſen ſein müſſe, der unſere Theilnehmung ſo ſtark beſchäftigt.“ Nicolai [vgl. Anmerkung zu 58. 30] ſchrieb feine Traveſtie: „Freuden des jungen Werther. Leiden und Freuden Werthers des Mannes Voran und zuletzt ein Geſpräch“ gegen das Wertherfieber. Seinen Höhepunkt erreichte das thränenreiche Empfindungsunweſen in Johann Martin Millers [geb. 1750, geſt. 1814] „Siegwart. Eine Kloſtergeſchichte.“ Leipzig 1776. Auf ihn folgte bis in den Anfang des gegenwärtigen Jahrhundertes eine Reihe ſchwacher, meiſt ganz wertloſer Erzeugniſſe, unter denen viele nach Millers Muſter Kloſtergeſchichten waren. Gegen die Gefühls⸗ ſchwelger trat nun vornehmlich Lichtenberg, der Spötter, auf. Von ſeinen witzigen aber boshaften Ausfällen gegen die Originalgenies war das „gnädigſte Sendſchreiben der Erde an den Mond,“ im 6. Stück des göttingiſchen Magazins vom Jahre 1780 er⸗ ſchienen und geißelte die Dichter, die der Mond zu ihren Oden, Trauerſpielen und Romanen begeiſtere. In der „allgemeinen deutſchen Bibliothek“ verfolgte der bekannte Märchendichter Johann Karl Auguſt Muſäus (geb. 1735 zu Jena, geſt. 1787. in Weimar), in feinen vielen „Recenſiönchen“ die Romane der Empfindſamen. 42. 6—11. Zu erinnern iſt zunächſt an den außerordentlichen Beifall, mit welchem gleich die erſten Theile des Romanes „Reiſe in die mittäglichen Provinzen von Frankreich“ von Moriz Auguſt v. Thümmel (geb. den 27. Mai 1738 auf dem Rittergute Schönfeld bei Leipzig, geſt. zu Koburg den 26. October 1817], begrüßt wurden. Schatz, Lichtenberg, Klinger, Friedrich Jakobs, Garve ꝛc. hatten ſich mehr oder minder günſtig über den Roman ausgeſprochen. Der erſtere hatte über die beiden erſten Bände in der allgemeinen deutſchen Bibliothek unter anderem bemerkt: Thümmel gebe hier ein vortreffliches Werk, aus dem jugendliche Kraft der Phantaſie neben reifem, männlichem Verſtande leuchte, an dem die wahre Lebensweisheit und die Grazien ſelbſt Anmerkungen, 117 dem Dichter geholfen zu haben ſcheinen. Ferner ift zu gedenken der vielfeitigen Zuſtimmung, deren Blumauers „Virgils Aeneis traveſtiert“ bei ihrem Erſcheinen als eines der witzigſten Werke in deutſcher Sprache ſich zu erfreuen hatte. 42. 16. Den Eindruck Siegwarts auf Schiller beſchreibt Carol. v. Wolzogen in „Schillers Leben,“ S. 18: „Auch Siegwart hatte ſich eingeſchlichen. Dieſes einfache, herzvolle Gemälde der ſchönen Jugendliebe zog Schillern ſehr an. Er ſagte uns, dajs er oft am einſamen vergitterten Fenſter über ſeinen Lilien, die er in Scherben an demſelben zog, ſtundenlang in den von dieſem Buche erweckten Gefühlen geſchwärmt habe.“ 42. 17. „Thümmels Reiſe in die mittäglichen Provinzen von Frankreich im Jahre 1785-1786“ erſchien Leipzig 1791 bis 1805 in 10 Bänden. Für Schillers ernſten Geiſt war Thümmel allerdings zu flach und platt. Bereits gleich nach dem Erſcheinen der beiden erſten Bände ſchrieb Schiller über „die ſo auspoſaunten Reiſen Thümmels“ an Körner den 5. März 1791: „Leichten Ton haben ſie, aber ſind übrigens flach, oft ſeicht und verrathen nicht eben viel Geiſt. Ich habe etwas Beſſeres erwartet.“ Nach dem Kalendereintrag erhielt Schiller am 1. November 1795 von der akademiſche Buchhandlung Thümmels Reiſen, er hat ſie alſo gerade während der Arbeit an den ſentimentaliſchen Dichtern wiedergeleſen. Der Eindruck blieb der gleiche. 42. 30— 33. Der Lexikograph und Grammatiker Johann Chriſtoph Adelung, geb. 8. Aug. 1732, geſt. 10. Sept. 1806, gab von 1774—1786 ſein „Grammatiſch⸗ kritiſches Wörterbuch der hochdeutſchen Mundart“ heraus, von dem eine neue und verbeſſerte Ausgabe in 4 Theilen Leipzig 17931801 erſchien. Am 2. Nov. 1795 erhält Schiller, nach dem Eintrag in den Kalender, den 1. Theil von Adelungs Wörterbuch. 42. 34— 49. Vgl. Goethe in den Tag- und Jahresheften zum Jahre 1820 (Werke Hempel'ſche Ausg. XXVII., 264]: „In eine frühere Zeit jedoch durch Blumauers Aeneis verſetzt, erſchrak ich ganz eigentlich, indem ich mir vergegenwärtigen wollte, wie eine ſo grenzenloſe Nüchternheit und Plattheit doch auch einmal dem Tag willkommen und gemäß hatte ſein können.“ — In dieſer Note fand ſich noch eine Bemerkung über Matthias Claudius [geb. den 15. Aug. 1740 zu Reinfelden im Holſteinſchen, geſt. zu Wandsbeck den 21. Jän. 1815], den Herausgeber des Wandsbecker Boten, die Schiller nachträglich ſtrich. Darüber iſt zu vergleichen Schillers Brief an Cotta vom 27. Nov. 1795, ſ. Einleitung S. XIV. 42. 36. Aloys Blumauer, geb. am 21. December 1755 zu Steyer in Oberöſterreich, trat 1772 in den Jeſuitenorden. Nach der Aufhebung desſelben (1773) ward er Privatlehrer, verwaltete kurze Zeit das Amt eines Hofcenſors, trat 1793 in eine Wiener Buchhandlung ein und ſtarb am 16. März 1798. Seinen Ruf als humo— riſtiſcher Dichter verdankte er hauptſächlich ſeiner traveſtierten Aeneide (1784), deren Lectüre einem Leſer von Geſchmack in der That — um mit unſerem Schiller zu reden — nur „ein dürftiges Vergnügen“ bereiten wird. 42. 40. 41. Vgl. Xenion 406, das in „Shakeſpears Schatten“ von Schiller aufgenommen wurde: Was ſie machen? Kabale [Schillers „Kabale und Liebe“] ſie leihen auf Pfänder, lin Ifflands „Hageſtolzen“] fie ſtecken [Silberne Löffel ein, lin Schröders „Fähndrich“] wagen den Pranger und mehr lin Ifflands „Verbrechen aus Ehrſucht“ und Kotzebues „Kind der Liebe“]. . 43. 6—9. Das ſtrenge Urtheil, welches Schiller hier über das deutſche Publicun fällt, hängt mit der von ihm angeſtrebten äſthetiſchen Erziehung der Geſellſchaft zuſammen und findet ſich auch wiederholt in ſeinen Brieſen. Huber gegenüber ſpricht ſich Schiller ſchon ähnlich in dem Briefe vom 7. December 1784 aus: „Das deutſche Publicum zwingt feine Schriftſeler, nicht nach dem Zuge des Genius, jonder: Speculationen des Handels zu DE 8 An Goethe ſchreibt er den 15. Mai 179 die Einheit einer vollendeten Bildung. Es ift in der Mitte zwiſchen beiden, und iſt für ſchlechte Autoren eine herrliche Zeit, aber für ſolche, die nicht bloß Geld verdi wollen, deſto ſchlechter,“ und in dem Briefconcepte an Fichte vom 3. Auguſt: „Es nichts Roheres als den Geſchmack des jetzigen deutſchen Publicums, und an der änderung dieſes elenden Geſchmacks zu arbeiten, nicht ſeine Modelle von ihm zu neh ift der ernſtliche Plan meines Lebens. Zwar habe ich es noch nicht dahingebr $ aber nicht weil meine Mittel falſch gewählt waren, ſondern weil das Publicum eine N zu frivole Angelegenheit aus 1105 Lecture zu machen gewohnt ift, und in äfthetifcher aa Rückſicht zu tief geſunken ift, umſo leicht wieder aufgerichtet werden zu können.“ Wie 5 begründet Schillers Urtheil über das Publicum gerade in dieſen Tagen war, lehrt unter andern eine briefliche Mittheilung Cottas an Schiller vom 29. Juli 1795: „Es erſcheint mir nach mehreren Außerungen ſehr nothwendig, in den Aufſätzen [für die Horen! nun mehr für das größere Publicum, das bloß zur Unterhaltung und Erholung liest, zu ſorgen. Wenn es möglich wäre, ſo wollte ich darum bitten.“ — Allein ſchon Garve erklärt in dem mehrfach erwähnten Aufſatz: „In der That werden bei uns die Dichter ſelten anders als zum Vergnügen geleſen und der Dichter ſelbſt kann ſich schwerlich einen anderen Endzweck vorſetzen.“ „Denn jetzt werden die Dichter,“ jagt er an einer an-⸗ deren Stelle desſelben Aufſatzes, „Ideen, die ſie geſucht und ausgearbeitet haben, in der Abſicht mittheilen, ſich Beifall und Ruhm zu erwerben.“ Da Garves Aufſatz Schiller auch bei dieſer Wendung vorgeſchwebt haben mag, ſcheint ſie auch mit gegen die Auf⸗ faſſung der Popularäſthetiker, daſs der Geſchmack des Publicums den Dichter beſtimme, zu polemiſieren; vgl. auch das gleichzeitige Gedicht: „Die Dichter der alten und neuen Welt [Die Sänger der Vorwelt!.“ BR 43. 2531. u. ff. Den Anſtoß zu Schillers „Glaubensbekenntnis über die Naturalität und ihre Rechte“ gab die Aufnahme der römiſchen Elegien Goethes in das VI. Stück der Horen, welches Goethe [ogl. Schiller an Körner vom 25. Jänner 1795 III., 242] den Centauer nannte, weil feine Elegien einen ſeltſamen Contraſt mit Schiller Briefen über äſthetiſche Erziehung machten. Die Mittheilung der Elegien fand fe der Herzog Karl Auguſt bedenklich, der am 5. Juli 1795 an Schiller ſchrieb: „Wenn ſi 1 vor dem Druck in die Hände mehrerer Freunde wären gegeben worden, ſo würde man vielleicht den Autor vermocht haben, einige zu rüſtige Gedanken, die er wörtlich ausgedrückt hat, bloß errathen zu laſſen, andere unter geſchmeidigeren Wendungen mitzutheilen, noch andere ganz zu unterdrücken.“ Es iſt daher begreiflich, dafs Schiller ſich bei Überſendung des VI. St. an den Herzog von Auguſtenburg, gleichfalls am 5. Juli, entſchuldigen zu müſſen glaubte: „Die Elegien, welche es enthält, ſind vielleicht 5 55 in einem zu freien Tone geſchrieben und vielleicht hätte der Gegenſtand, den fi Ba» behandeln, fie von den Horen ausſchließen ſollen. Aber die hohe poetiſche Schönheit, BR. mit der fie geſchrieben find, riſs mich hin, und dann geſtehe ich, daſs ich zwar eine N conventionelle, aber nicht die wahre und natürliche Decenz dadurch verletzt glaubte.“ Bi: „Ich werde,“ fügte er hinzu, „in einem künftigen Stücke des Journals mir die Freihe nehmen, mein Glaubensbekenntnis über das, was dem Dichter in Rückſicht auf da Anſtändige erlaubt und nicht erlaubt iſt, ausführlich abzulegen.“ Daſs die verſprochen Darlegung ſeiner Anſichten in den folgenden Erörterungen geliefert wurde, geht au den Briefen an Goethe vom 23. November und an Schütz vom 28. December 179 [pgl. Einl. S. XIII. und XV.] deutlich hervor. Anmerkungen. 119 43. 32. Daher darf Schiller von der reinen Natur der Griechen in „Anmuth und Würde“ [W. W. Hift. krit. Ausg. X., 69] hervorheben: „Dem Griechen iſt die Natur nie bloß Natur, darum darf er auch nicht erröthen, ſie zu ehren; ihm iſt die Vernunft niemals bloß Vernunft, darum darf er auch nicht zittern, unter ihrem Maßſtab zu treten. Natur und Sittlichkeit, Materie und Geiſt, Erde und Himmel fließen wunderbar ſchön in ſeinen Dichtungen zuſammen. Er führte die Freiheit, die nur im Olympus zu Hauſe iſt, auch in die Geſchäfte der Sinnlichkeit ein, und dafür wird man es ihm hingehen laſſen, dafs er die Sinnlichkeit in den Olympus verſetzte.“ 44. 3—7. vgl. das Epigramm: „Der Dichter an feine Kunſtrichterin.“ Zürne nicht auf mein fröhliches Lied, weil die Wange Dir brennet, Nicht, was ich las — was Du denkſt, hat ſie mit Purpur gefärbt. 45. 7—11. Schiller hatte bereits in der Abhandlung: „Über äſthetiſche Er⸗ ziehung des Menſchen,“ Brief 22, den allgemeinen Grundſatz, aus dem dieſer Maßſtab gewonnen iſt, abgeleitet: „Das Gemüth des Zuſchauers und Zuhörers mufs völlig frei und unverletzt bleiben, es muſs aus dem Zauberkreis des Künſtlers rein und voll- kommen, wie aus den Händen des Schöpfers, gehen. Der frivolſte Gegenſtand muss ſo behandelt werden, daſs wir aufgelegt bleiben, unmittelbar von demſelben zu dem ſtrengſten Ernſte überzugehen. Der ernſteſte Stoff muſs jo behandelt werden, daſs wir die Fähigkeit behalten, ihn unmittelbar mit dem leichteſten Spiele zu vertauſchen.“ 45. 35. Der deutſche Ovid iſt Joh. Kaſp. Fr. Manſo in Breslau [vgl. Anm. zu 23.37 -41.]; von ihm erſchien: „Die Kunſt zu lieben; Lehrgedicht in 3 Büchern,“ Berlin, 1794, eine langweilige und geſchmackloſe Nachahmung von Wielands „Muſarion.“ Aus der Reihe von Kenien, die gegen ihn gerichtet ſind, vgl. beſonders 38. Der zweite Ovid. Armer Naſo, hätteſt Du doch wie Manſo geſchrieben, Nimmer, Du guter Geſell, hätteſt Du Tomi geſehn. 35. Die Kunſt zu lieben. Auch zum Lieben bedarfſt Du der Kunſt? Unglücklicher Manſo, Dafs die Natur auch nichts, gar nichts für Dich noch gethan! 37. Amor als Schulcollege. Was das Entſetzlichſte ſei von allen entſetzlichen Dingen? Ein Pedant, den es juckt, locker und loſe zu ſein. Claude Crebillon der jüngere (1707-1770) iſt der Verfaſſer einer Anzahl leichtfertiger Romane, die Schiller [vgl. an Cotta den 13. Juli 1794] nicht un⸗ bekannt waren. 45. 37. Wilhelm Heinſe, geb. am 16. Februar 1746 zu Langenwieſen in Thüringen, ſtudierte zu Jena und Erfurt und ſah ſich darauf genöthigt, als Haus— lehrer, Reiſebegleiter u. ſ. w. ſich durchzuſchlagen. Zu ſeinen Förderern gehörten Wieland und Gleim. 1784 ward er, von Jacobi berufen, Redacteur der „Iris,“ 1780 machte er eine Reiſe nach Italien, 1789 wurde er Secretär des Kurfürſten von Mainz, ſpäter Hofrath und Bibliothekar, und ſtarb am 22. Juni 1803 zu Aſchaffenburg. Sein Hauptwerk: „Ardinghello oder die glückſeligen Inſeln,“ 2 Bände, Lemgo 1787, zeichnet ſich durch ſpannende Erfindung und lebhaftes Colorit aus. Die Beurtheilung desſelben durch Humboldt und Goethe ſtimmt mit Schiller überein. Humboldt theilt Schillern am 18. Dec. 1795 mit: „In mehreren einzelnen Dingen ſind wir uns ganz erſtaunlich begegnet. So z. B. in dem Urtheile über Voltaire, dem ich von jeher keinen eigentlichen Geſchmack abgewinnen konnte, über „Ardinghello,“ über den ich mich ſchon in Göttingen mit Schlegel oft lebhaft ſtritt.“ Goethe ſchreibt in dem kleinen, 1817 verfassten 120 Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. Aufjage: „Glückliches Ereignis:“ „Heinſes Ardinghello .... war mir verhaſst, weil er Sinnlichkeit und abſtruſe Denkweiſen durch bildende Kunſt zu veredeln und aufzuſtutzen unternahm.“ Körner dagegen iſt in dem Briefe vom 20. Jänner 1796 geneigt, „Ardinghello“ gegen Schiller in Schutz zu nehmen. 46. 1. Jean Frangois Marmontel, geb. am 11. Juli 1723 zu Bord in Limouſin, geſt. am 31. Dec. 1799 zu Abbeville, dichtete Dramen, dann Opern, und gab eine Zeitſchrift „Mercure“ heraus. 1763 wurde er Mitglied der Akademie und Hiſtoriograph von Frankreich. Am meiſten geleſen waren feine Contes moraux* und „Nouveaux contes moraux.“ — Am 2. October 1794 beſtellte Schiller durch Cotta bei Schmieder in Karlsruhe Walls Erzählungen nach Marmontel, Leipzig, 1787. Über Marmontels Memoires ſchrieb er an Goethe den 17. Jänner 1805. 46. 2. Choderlos de Laclos (17411803) geißelte in witzigen Sitten⸗ gemälden rückſichtslos die moraliſche Verworfenheit der damaligen Zeit und die ſittliche Fäulnis der ſogenannten „guten Geſellſchaft,.“ — vgl. auch Schillers Brief an Körner vom 22. April 1787 und die Abhandlung: „Über die Gefahr äſthetiſcher Sitten“ [WW. Hift. krit. Ausg., X., 411]. 46. 3. Der deutſche Properz iſt Goethe. Schon im April 1789 wurde Goethe in Weimar wegen der erſten feiner römiſchen Elegien mit Properz identificiert, Er ſchreibt darüber am 6. April 1789 an Karl Auguſt: „Knebel hat eine Elegie des Properz recht glücklich überſetzt. Die Frauen ſagen: ich könne ſie gemacht haben; da ſie's aber auf den Charakter und nicht aufs poetiſche Verdienſt nehmen, ſo iſt's nicht ſehr ſchmeichelhaft.“ Auch ſpäter noch behandelte Bouterwek (Geſchichte der Poeſie, 11, 386] Goethe als deutſchen Properz. Den Wert der römiſchen Elegien empfand Schiller gleich bei der erſten Lectüre; am 28. October 1794 ſchreibt er an Goethe: „Für Ihre Elegien danken wir Ihnen alle ſehr. Es herrſcht darin eine Wärme, eine Zartheit und ein echter körnigter Dichtergeiſt, der einem herrlich wohlthut unter den Geburten der jetzigen Dichterwelt. Es iſt eine wahre Geiſtererſcheinung des guten poe— tiſchen Genius.“ Und noch am 20. Februar 1802: „Ich habe dieſer Tage Ihre Elegien und Idyllen wieder geleſen und kann Ihnen nicht ausdrücken, wie friſch und innig und lebendig mich dieſer echte poetiſche Genius bewegt und ergriffen hat. Ich weiß nichts darüber, ſelbſt unter Ihren eigenen Werken; reiner und voller haben Sie Ihr Individuum und die Welt nicht ausgeſprochen.“ E 46.4. Gemeint find Diderots Romane: „Bijoux indiscrets” und „La religieuse, * Denis Diderot, geb. 1712 zu Langres in der Champagne, geſt. 1784 zu Paris, war von ſeinem Vater zum Juriſten beſtimmt, widmete ſich aber bald ganz der lite— rariſchen Laufbahn und arbeitete, als Anhänger Voltaires, an der Verbreitung der Aufklärung und der Vernichtung der menſchlichen Vorurtheile. Er ſchrieb zwar auch Romane und verſuchte ſich als Dramaturg (Poétique du drame) wie als dramatiſcher Dichter (Le fils naturel, „Le père de famille“) und brachte die Comédie larmoyante in Aufnahme. Seinen größten Ruf aber verdankte er der Begründung der berühmten Encyklopädie (Encyclopédie ou Dictionaire raisonné des sciences, des arts et des metiers, par une société de gens de lettres, 1751—1766 in 28 Bänden), die er mit Voltaire, d'Alembert, Condillac, Helvetius, Rouſſeau und andern herausgab und deren Anſehen und Bedeutung von Jahr zu Jahr ſtieg. 46. 7. Die Idylle oder das Idyll (etönAk:ov) als epiſch-didaktiſche Dichtungsart iſt eine einfache, leicht überſichtliche Erzählung kunſtlos verflochtener, dem vertraulichen Stilleben der Gegenwart des Dichters entlehnter Ereigniffe, durch⸗ zogen von einer bewegt fortſchreitenden Beſchreibung der unmittelbaren Anſchauungen Paar Anmerkungen. | f 121 des unverfälſchten natürlichen Lebens. Weil aber die Annäherung an die Wirklichkeit den natürlichen Wunſch des Wohlgefallens an dem Verweilen bei Bildern aus dem Leben der Gegenwart nicht befriedigt, muſs die Erzählung den Widerſpruch des Ge- fühles mit der Wirklichkeit durch Darſtellung der Harmonie des inneren Lebens löſen. Dieſem Erfordernis kann nur entſprochen werden, wenn Natur und Ideal, der Gegen— ſtand der Freude, als wirklich vorgeſtellt werden. Darin erkennt Schiller eine dritte Art ſentimentaliſcher Empfindungsweiſe, die aber auch nicht auf eine Darſtellungsform eingeſchränkt werden kann. 46. 12—31. Noch ſtrenger urtheilt Schiller von dieſem Standpunkt aus über Wieland in einem Briefe an Körner vom 1. Mai 1797: „Wieland iſt beredt und witzig, aber nur unter die Poeten kann man ihn kaum mit mehr Recht zählen, als Voltairen und Popen. Er gehört in die löbliche Zeit, wo man die Werke des Witzes und des poetiſchen Genies für Synonyma hielt.“ Dabei dachte Schiller offenbar nur an die matteren, unter dem Einfluſſe der franzöſiſchen Literatur geſchriebenen Werke, nicht an „Oberon,“ von dem noch immer Goethes Wort in dem Briefe an Lavater vom 3. Juli 1780 gilt: „Sein „Oberon“ wird, ſolange Poeſie Poeſie, Gold Gold und Kryſtall Kryſtall bleiben wird, als ein Meiſterſtück poetiſcher Kunſt geliebt und be— wundert werden.“ — Wieland hatte ſich dem Angriff Schillers gegenüber ſehr freundlich benommen. „Er ſoll geſagt haben,“ wie Schiller am 25. Jänner 1796 an Humboldt ſchreibt, „daſs der nicht ſein Freund ſei, der ihn mit dem, was darin lin den Horen] gegen ihn geſagt ſei, bekannt mache.“ Auf dieſe Anmuth des Gemüths iſt, wie aus Schillers Brief an Goethe vom 31. Juli 1796 hervorgeht — „Wieland ſoll mit der zierlichen Jungfrau in Weimar wegkommen, worüber er ſich nicht beklagen kann“ — Kenion 76 zu beziehen: „Zeichen der Jungfrau.“ Bücket Euch, wie ſich's geziemt, vor der zierlichen Jungfrau zu Weimar! Schmollt ſie auch oft, — wer verzeiht Launen der Grazie nicht? 48. 7—10. Insbeſondere Rouſſeaus vgl. Aum. 34. 11. und 34. 32—35. 48. 23—26. In der auf Kants Aufſatz „Muthmaßlicher Anfang der Menſchen— geſchichte“ beruhenden Abhandlung „Etwas über die erſte Menſchengeſellſchaft nach dem Leitfaden der moſaiſchen Urkunde“ jagt Schiller [W. W. hiſt. krit. Ausg., X., 126]: „Weil nämlich die Natur noch für ihn dachte, ſorgte und handelte, ſo konnten ſich ſeine Kräfte deſto leichter und ungehinderter auf die ruhige Anſchauung richten, ſeine Vernunft, noch von keiner Sorge zerſtreut, konnte ungeſtört an ihrem Werkzeuge der Sprache bauen und das zarte Gedankenſpiel ſtimmen. Mit dem Auge eines Glücklichen ſah er jetzt noch herum in der Schöpfung; fein frohes Gemüth fajste alle Erſcheinungen uneigennützig und rein auf, und legte ſie rein und lauter in einem regen Gedächtnis nieder. Sanft und lachend war alſo der Anfang des Menſchen und dies mujste fein, wenn er ſich zu dem Kampfe ſtärken ſollte, der ihm bevorſtand.“ Wie Rouſſeau meinte, dafs der Menſch im Naturzuſtande vor ſich ſelbſt und vor andern in Ruhe geblieben wäre, wie für ihn „die Einfachheit des Hirtenſtandes und Landlebens“ immer etwas Anziehendes und Rührendes hatte, ſo ſuchten alle empfindſamen Dichter in glücklicher ländlicher Einſamkeit im Verkehr mit den Geringeren in dem ſchlichten einförmigen Leben zufriedener einfältiger Menſchen das verlorene Paradies, die Zeiten der reinen Liebe und Unſchuld. Ganz in dieſem Geiſte ſchreibt auch Goethe noch am 4. Dec. 1777 an Frau von Stein: „Hier bin ich nun wieder in Mauern und Dächern des Alterthums verſenkt. Bei einem Wirte, der gar viel väterliches hat, es iſt eine ſchöne Philiſterei im Hauſe, es wird einem ganz wohl. — Wie ſehr ich wieder auf dieſem dunkeln Zug A 7 2 N . 3 Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. 75 4 Liebe zu der Claſſe von Menſchen gekriegt habe, die man die niedere nennt! d gewiſs für Gott die höchſte ift. Da find doch alle Tugenden beiſammen, Beſchränk Genügſamkeit, grader Sinn, Treue, Freude über das leidlichſte Gute, Harmloſigke Dulden — Dulden — Ausharren in un — — ich will mich nicht in Ausrufen verlieren.“ 48. 34—39. Vgl. Spaziergang: „Reiner nehm ich mein Leben von Deinem reinen Altare, Nehme den fröhlichen Muth hoffender Jugend zurück! Vgl. auch Natur und Schule (Der Genius): Aber die glückliche Zeit iſt nicht mehr. Vermeſſene Willkür Hat der getreuen Natur göttlichen Einklang entweiht. Wolkigt fließt der himmliſche Strom in ſchuldigen Herzen, Lauter wird er und rein nur an dem Quell noch geſchöpft. Dieſer Quell tief unten im Schacht des reinen Verſtandes, Fern von der Leidenſchaft Spur, rieſelt er ſilbern und kühl, Aus der Sinne wildem Geräuſch verſchwand das Orakel, Nur in dem ſtilleren Selbſt hört es der horchende Geiſt. Aber die Wiſſenſchaft nur vermag den Zugang zu öffnen Und den heiligen Sinn heilet das myſtiſche Wort; Hier beſchwört es der Forſcher, der reinen Herzens hinabſteigt Und die verlorne Natur gibt ihm die Weisheit zurück. 2 49. 117. Vgl. Fichtes Urtheil über Rouſſeau in Anm. 34. 35.— 35. J. Fichte und Schiller haben den Trug des Rouſſeau'ſchen Naturzuſtandes aufgedeckt und dadu zur richtigen Auffaſſung des Verhältniſſes der Natur zur Cultur und ſeiner Darſtellu in der Kunſt weſentlich beigetragen. Recht deutlich zeigt den Einfluſs auf die jüng Generation ein in den Athenäums-Fragmenten Nr. 243 zuerſt mitgetheilter Gedanke A. W. Schlegels: „Das Trugbild einer geweſenen goldnen Zeit iſt eines der größten Hinderniſſe gegen die Annäherung der goldnen Zeit, die noch kommen ſoll. Iſt goldne Zeit geweſen, ſo war ſie nicht recht golden. Gold kann nicht roſten o verwittern: es geht aus allen Vermiſchungen und Zerſetzungen unzerſtörbar echt wieder hervor. Will die goldne Zeit nicht ewig fortgehend beharren, ſo mag ſie lieber gar nicht anheben, ſo taugt ſie nur zu Elegien über ihren Verluſt.“ 49. 19. Daphnis iſt ein 1754 erſchienenes Gedicht Geſsners [vgl. Anm. 40.20.) Amyntas heißt der Träger einer kleinen Erzählung Geſsners, die 1756 in den „Idyllen“ erſchienen iſt. Das aber Schiller dieſe kleine Dichtung meint, iſt nicht ſicher anzunehmen. Goedeke meint, es ſei der Aminta des Taſſo, welcher metriſch von F. G. Walter, Berlin 1794 überſetzt worden war. Keineswegs darf jedoch das kleine erotiſche Klagelied Amynt von Chr. Ew. von Kleiſt hierauf bezogen werden. 49. 23—25. Schon 1762 ſchreibt Thomas Abbt [geb. zu Ulm 25. Nov. 1738, geft. als Conſiſtorialrath zu Bückeburg 3. Nov. 1766] an Moſes Mendelsſohn: „Diejer Tage las ich etwas von Idyllen, fieng an darüber nachzudenken, dafs fie für uns Zeiten und für unſere Länder immer ſehr ungeſchmackt fein müſsten, weil wel Natur noch Staat die Originalien dazu geben können.“ 3 49. 29—31. Den außerordentlichen Abſtand zwiſchen Theokrits Idyllen Geſsners empfindelnden Schäferſtücken hat zuerſt Herder in der zweiten Sammlung Fragmenten über die neuere deutſche Literatur in dem „Theokrit und Geſsner“ üb ſchriebenen Abſchnitt dargethan: „Das ganze goldene Weltalter, in welches die Schwe die alten Schäfer ſetzen, iſt alſo eine ſchöne Grille. Die griechiſchen Idyllendichter w von einer vollkommen goldnen Zeit nur im ſeligen Elyſium der Götter und in 2 u * 4 — Anmerkungen. 123 Jugend der Welt, wo die Hirten lebten: da ſchöpften die Corybanten aus Milchſtrömen ihre Begeiſterung; aber Theokrits Schäfer ſchöpfen klares Waſſer .. Aber was gewinnt Theokrit dabei? Er kann wirkliche Sitten ſchildern. Da er ſein Gemälde aus dem Leben porträtierte und bis auf einen gewiſſen Grad erhöhte: ſo konnte er auch Leben in dasſelbe bringen. Aber Geſsner und die Neuern? Wir, die von dieſem Zeitalter der Natur jo weit entfernt find, daſs wir faſt niemals wahre menſchliche Sitten, ſondern politiſche Lebensart erblicken, müſſen entweder einem ganz abgezogenen Ideal folgen, oder wenn wir unſere Lebensart verfeinern wollen, Artigkeit malen. Das letzte that Fontenelle. . Geſsner, der von den Griechen ſeine Weisheit erlernt hat und ſeiner Zeit ſie bequemte, nahm ſich alſo ein gewiſſes moraliſches Ideal und was verliert er dabei?. die Beſtimmtheit der Charaktere. Seine Schäfer find alle unſchuldig, nicht weil die Unſchuld aus ihrer Bildung folgt: ſondern weil ſie im Stande der Unſchuld leben: lauter Schäferlarven, keine Geſichter: Schäfer, nicht Menſchen ... Die Mannig⸗ faltigkeit leidet bei dieſem Ideal noch mehr. Nicht von innen aus der Seele, ſondern meiſtens nach Umſtänden wird ſie beſtimmt. Geſsners Idyllen ſind oft allerliebſte Schäfertändeleien . . . immer aber derſelbe Schäfer, nur in einer anderen Situation.“ Und gegen Ramlers Meinung [vgl. Anm zu 50, 24— 51] gewendet jagt er: „Die Süßig- keit des Griechen iſt noch ein klarer Waſſertrank aus dem Pieriſchen Quell der Muſen; der Trank des Deutſchen iſt verzuckert. Jenes Naivete iſt eine Tochter der einfältigen Natur; die Naivete im Geſsner iſt von der idealiſchen Kunſt geboren; jenes Unſchuld redet in Sitten des Zeitalters; die Unſchuld des letzten erſtreckt ſich bis auf die Geſinnungen, Neigungen und Worte. Kurz! Theokrit malt Leidenſchaften und Em— pfindungen nach einer verſchönerten Natur: Geſsner Empfindungen und Beſchäftigungen nach einem verſchönerten Ideale. .. Ich preiſe ihn, allen Deutſchen an von ihm Weisheit im Plan, Schönheit in der Auszierung, die leichteſte Stärke im Ausdruck und die ſchöne Nachläſſigkeit zu lernen, womit er die Natur malet. Aber Theokrit kann er uns nicht ſein. Im Geiſt der Idyllen muss er nicht unſer Lehrer, unſer Original und noch weniger unſer einziges Original ſein!“ 49. 31—40. Der Grund für die Billigung der naiven Schäferidylle führte zu einer Discuſſion zwiſchen Humboldt und Schiller. Humboldt erklärte ſich in dem Briefe vom 18. Dec. 1795 an Schiller darin ganz mit ihm einig, „dafs der naive Dichter den Gegenſtand mit allen ſeinen Grenzen darſtellt, ſowie der ſentimentale vielmehr alle Grenzen des ſeinigen entfernt. Aber ich möchte — ſetzt er fort — darum nicht jagen, dafs die naive Poeſie bloß der Form nach, die ſentimentale der Materie nach ein Unendliches ſei. Wie ich beide Begriffe von Anfang herein gefaſst habe, ſo befindet ſich der naive Dichter in dem Zuſtande, in welchem wir noch nicht die beſchränkte Wirklichkeit von dem unendlichen Ideal durch Reflexion zu trennen gelernt haben, in welchem die Menſchheit in uns noch ein harmonierendes Ganzes ausmacht und wir daher eben dieſe Harmonie auch in der Natur zu ſehen vermeinen. Da hier alſo noch gar keine Trennung angenommen iſt, ſo bleibt dem Dichter freilich nichts zu thun übrig, als die Natur zu ſchildern, wie ſie iſt, ihre Form mit allen ihren Grenzen genau darzuſtellen. Darum thäte man doch dem Homer Unrecht, wenn man ſeine Poeſie bloß der Form nach ein Unendliches nennen wollte. In ſeiner Anſicht der Natur liegt ſo gut, wie in ſeiner Menſchheit, dünkt mich, auch der Materie nach ein Unendliches. Nur weil er dies nie abgeſondert gedacht hat, ſtellt er es in der ſinnlichen Geſtalt dar, in welcher es als ein Ganzes auf ihn einwirkt. Der ſentimen⸗ taliſche Dichter unterſcheidet ſich durch die Abſonderung des Ideals von der Wirklichkeit, woraus eben feine drei Arten möglicher Außerung aus den verſchiedenen Verhältniſſen Aber er mufs fein Ideal doch auch individnalifieren. Sieht man daher bloß a Forderung der Kunſt, nicht auf die Möglichkeit der Ausführung, ſo müſste er eb gut, als der naive, auch der Form nach ein Unendliches darſtellen.“ Schiller ſuchte Briefe vom 25. dieſe Außerung Humboldts zu widerlegen, indem er entgegnete: „Es ſcheint aus ihrem Anſtoß zu erhellen, daſs Sie den Gattungsbegriff der Poeſie, allerdings Individualität mit Idealität vereinigt fordert, zu ſehr ſchon in die Ar legen. Ich betrachte dieſe letzteren mehr als die Grenzen des erſteren, Sie ſchei— ſolche mehr wie verſchiedene Ausführungen desſelben anzuſehen. So viel iſt aber gew daſs die naive Poeſie einen begrenzteren Gehalt, die ſentimentaliſche eine weniger voll— kommene Form hat. Freilich nimmt jede in demſelben Grade mehr von dem Vor ug der andern an, als ſie dem abſoluten Dichtungsbegriff ſich mehr annähert und den Artcharakter mehr ablegt. Da ich aber dieſen gerade ſtreng unterſcheiden wollte, ſo muſste ich das größere Gewicht auf die negative legen; ich muſste mehr von dem abſtrahieren, was in einer jeden Art der Gattung angehört, um auf dasjenige au . merkſam zu machen, wodurch fie der Gattung entgegengeſetzt iſt. Naive Poeſie verhält ſich zur ſentimentaliſchen, wie naive Menſchheit zur ſentimentaliſchen. Nun werden Sie aber gewiſs nicht in Abrede fein, dajs die bloß naive Menſchheit den Gehalt für den Geiſt nicht hat, welchen die ſentimentaliſche, in der Cultur begriffene beſitzt, und d dieſe in der Form, in dem Gehalt für die Darſtellung, der erſteren nicht gleichkom Deswegen iſt die letztere, wenn ſie ſich vollendet hat, ſo weit über der erſte erhaben. Hat ſie ſich aber vollendet, ſo iſt ſie nicht mehr ſentimentaliſch, ſond idealiſch: welches beides Sie vielleicht durch meine eigene Veranlaſſung zu ſehr für Eins nehmen.“ Die Antwort Humboldts auf dieſen die Abhandlung ſelbſt weſentlich ergänzenden Brief Schillers iſt nicht erhalten; daſs ſich jener aber mit dem Proble noch weiter beſchäftigt hat, bezeugen ſeine äſthetiſchen Verſuche. Aber die Gedankenformen, die Humboldt hier verwendet, ſind doch die Schiller'ſchen und eben an dieſe haben Denker j und Dichter ſpäter angeknüpft. In Schillers Geifte ſchreibt Goethe in der Biograp Winkelmanns: „Wirft ſich der Neuere .. faſt bei jeder Betrachtung ins Unendli um zuletzt, wenn es ihm glückt, auf einen beſchränkten Punkt wieder zurückzukehr ſo fühlten die Alten ohne weiteren Umweg ſogleich ihre einzige Behaglichkeit innerh der lieblichen Grenzen der ſchönen Welt. Hieher waren ſie geſetzt, hiezu berufen, ne fand ihre Thätigkeit Raum, ihre Leidenſchaft Gegenſtand und Nahrung.“ 50. 24—51. Geſsner fand bei dem großen Publicum und vielen Kunst ungetheilte Bewunderung und ſeine Idyllen blieben Vorbilder für die meiſten Dichte er in dieſem Fache. Vor allen rühmt Ramler in feinem Batteux [zweite Ausgabe 1762 I. 395], dafs Gejsner „in dem wahren Geiſte des Theokritus gedichtet“ habe: „Man findet hier gleiche Süßigkeit, gleiche Naivetät, gleiche Unſchuld in den Sitten. Seine Erfindungen ſind mannigfaltig, ſeine Plane regelmäßig, nichts iſt ſchöner als ſein Colorit. Er hat zwar nur in Proſa geſungen, allein ſeine Proſa iſt ſo wohlklingend, dafs wir den Klang des theokritiſchen Verſes nur wenig vermiſſen.“ Herders Urtheil in den zweiten Sammlung der Fragmente vgl. Anm. zu 49, 29—31,] änderte an dieſem Ver hältnis nichts. Vielmehr er ſelbſt ſuchte die erſte ſchroffere Beurtheilung im: Manuſeript für die zweite Ausgabe der Fragmente zu mildern, wo z. B. u. a. in folgender Be⸗ merkung: „Geſsner bequemte ſich ſeinerzeit auf andere Weife: er nahm ſich ein höchf verſchönertes Ideal: er ſetzte ſich aus unſern Sitten weg, in ein goldnes Zeitalte die unverdorbene Natur, in die beliebten Gegenden glücklicher Hirten, von u - dorbenem Herzen und Verſtande. Vorangeſchickt dies höchſte Ideal, ward Theokrit in Anmerkungen. 125 Muſter: in dieſem Muſter ſuchte er Regeln, die er, ſofern ſie mit der Idee ſeines Genies beſtanden, befolgte — ſo ward er unſer Theokrit.“ Als daher Schiller den minderen Wert Geſsner'ſcher Muſe aus äſthetiſchen Gründen deducierte, fühlte ſich Herder jeranlajst mit unverkennbarer Anſpielung auf Schillers Äußerung ſie im 102. Briefe zu Beförderung der Humanität zu vertreten: „Warum iſt Geſsner von allen Na- tionen, die ihn kennen lernten, mit Liebe empfangen worden? Er iſt bei der feinſten Kunſt Einfalt, Natur und Wahrheit. In der Darſtellung einer reinen Humanität ſollte ihn ſelbſt das Silbenmaß nicht binden; wie auf einem Faden, der in der Luft ſchwebt, läſst er ſich in feiner poetiſchen Proſa oder proſaiſchen Poeſie jetzt auf blühende Fluren hinab, jetzt ſchwingt er ſich in die goldenen Wolken der Abend- und Morgenröthe, bleibet aber immer in unſerm blauen Horizont geſellig, froh und glücklich. Mit Kindern ward er ein Kind, mit den erſten Menſchen einer der erſten ſchuldloſen Menſchen, Bi: liebend mit den Liebenden und ſelbſt geliebt von der ganzen Natur, die ihm in feiner AUnſchuld ihren Schleier wegzog. Gerade der einfachſte Dichter, deſſen ganze Manier Veenrbergung der Kunſt war, iſt unſer berühmteſte Dichter worden und hat manche Aus— 85 länder mit dem ſüßen Wahne getäuſcht, als ſei alle unſere Poeſie reine Humanität, Einfalt, Liebe und Wahrheit.“ In der That fand kein deutſcher Dichter jo . frühe und ſo allgemeine Anerkennung im Auslande, vorzüglich in Frankreich, wo ihn drr geſchickte Überſetzer deutſcher Dichterwerke Michael Huber (geb. 1727, 7 1804,) einführte. Durch ihn erhielt die Idyllen Rouſſeau. Im XI. Buch feiner Bekenntniſſe 5 rühmt dieſer ihren ländlichen und naiven Stil [le style champétre et naif] und ahmte ihn im Lövite d'Ephraim nach, auf deſſen Entſtehung die Idyllen Einflufs nahmen. Im V. Buch des Emile nennt er Geſsners „Tod Abels“ ein reizendes Gedicht, welches eine köſtliche Einfalt athmet. Durch Rouſſeau wiederum wurde die JP dbyllendichtung ein ſtets nachgeahmtes Vorbild für den überſpannten Hüttenenthuſiasmus der empfindſamen Schriftſteller. „Das Charakterloſe der Geſsner'ſchen [Idyllen] bei a großer Anmuth und kindlicher Herzlichkeit,“ jagt Goethe im VII. Buch von Dichtung und Wahrheit [Werke bei Hempel XXI. 55], „machte jeden glauben, dafs er etwas 7 Ähnliches vermöge.“ Mit der Aufdeckung des Trugbildes vom goldenen Zeitalter war diaurch Schiller die Abkehr von der Dichtweiſe Geſsners vollendet. Schillers Auffaſſung ward durch die Romantiker noch verſchärft. A. W. Schlegel ſpricht in feinen Vor— (eeſungen über ſchöne Literatur und Kunſt von „der faden Süßlichkeit eines Geſsner“ [ Deutſche Literaturdenkmale 18, 93] und meint la. a. O. 19, 80] nur „im Vergleiche mit den Eklogen eines Fontenelle und den damals gebildeten beliebten Schäferſpielen mochte man die Natur und Einfalt ſeiner Idyllen loben.“ Gerade das Nachtheilige dieſer > 5 Urtheile wird gegenwärtig wiederholt und man vergijst daher häufig über die fremd ‘2 gewordene Empfindungsweiſe feiner Idyllen die ſinnreichen und anmuthigen Details. Su Und doch verdient neben der harmoniſch fließenden Sprache, die auf der feinſten Be- * obachtung beruhende Naturſchilderung auch heute noch gewürdigt zu werden. Gerade an dieſer vergnügte ſich der junge Goethe. In der Recenſion der Idyllen von Geſsner erklärt er: „Wer einen Malerblick in die Welt hat, wird mit inniger Freude vor ſeinen Gegenden verweilen, ein herrliches Ganze ſteigt vor unſern Augen auf.“ 51. 11—19. An Humboldt ſchrieb Schiller am 26. Oct. 1795. „Es ift etwas in allen modernen Dichtern (die Römer mit eingeſchloſſen), was fie als moderne mit- einander gemein haben, was ganz und gar nicht griechiſcher Art iſt und wodurch ſie große Dinge ausrichten. Es iſt eine Realität und keine Schranke und die neuern haben fie vor den Griechen voraus. Mit dieſer modernen Realität verbinden einige, wie z. B. Goethe, eine größere oder kleinere Portion griechiſchen Geiſtes, die aber (wo griechiſchen immer nicht beikommt. Ich habe 1 bemerkt, dajs diele Anni eru an den griechiſchen Geiſt, die doch nie Erreichung wird, immer etwas von jene modernen Realität annimmt [vielleicht ſoll es heißen wegnimmtl, gerade heraus 9 dafs ein Product immer ärmer an Geiſt iſt, je mehr es Natur iſt.“ 51. 34. Johann Heinrich Voſs, geb. am 20. Februar 1751 zu Son - mersdorf in Mecklenburg, kam zuerft durch Gedichte, die er für den „Göttinger Mu almanach“ eingeſandt hatte, mit Boie in Verbindung, der ihn veranlaſste, nach Götti zu überſiedeln (1772). Er wurde nicht nur ein hervorragendes Mitglied, ſonder eigentliche Seele des Göttinger Hainbundes und übernahm von Boie die Redaction des „Muſenalmanach.“ 1778 ward er Rector in Otterndorf, 1782 Rector in Eutin, ſich 1802 vom Lehramte zurück und lebte von da an zuerſt in Jena, ſeit 1805 Heidelberg, wo er am 30. März 1826 ſtarb. — Sein höchſtes Verdienſt liegt in jei unübertroffenen Überſetzung des Homer, der eine der Grundlagen der deutſchen Bildung wurde; ſein Wert als ſelbſtändiger Dichter beruht auf ſeinen Idyllen CE und Dialektdichtungen (plattdeutſch). — Vgl. das Homer Od. IX. 3. 4. nachgebildete enion 129. Luiſe von Voss. Wahrlich, es füllt mit Wonne das Herz, dem Geſange zu horchen, Ahmt ein Sänger, wie der, Töne des Alterthums nach. und Goethe an Wolf den 26. Dec. 1796: Nunmehr, da Sie dieſes herrliche Wi [Homer] einer Familie zueignen, jo iſt die Kühnheit geringer, ſich in größere Ge⸗ ſellſchaft zu wagen und den Weg zu verfolgen, den uns Voſs im feiner Luiſe ſchön gezeigt hat. 2 2585 52. 4—23. Schiller ſchreibt an Humboldt am 30. Nov. 1795: „Ich wit eine Idylle ſchreiben, wie ich hier eine Elegie [ſpäter: „Der Spaziergang“) ſchrieb. All meine poetiſchen Kräfte ſpannen ſich zu dieſer Energie noch an. Das Ideal 55 Schönheit objectiv zu individualiſieren und daraus eine Idylle in meinem Sinne zu bilden. . . . In der ſentimentaliſchen Dichtkunſt (und aus dieſer heraus kann nicht) iſt die Idylle das höchſte, aber auch das ſchwierigſte Problem. Es wird nämlich auf⸗ gegeben, ohne Beihilfe des Pathos einen hohen, ja den höchſten poetiſchen Effect her⸗ vorzubringen. Mein Reich der Schatten [ſpäter: „Das Ideal und das Leben“] enth t dazu nur die Regeln, ihre Befolgung in einem einzelnen Falle würde die Idylle, vo n der ich rede, erzeugen. Ich habe ernſtlich im Sinn, da fortzufahren, wo das Reich 5 der Schatten aufhört, aber darſtellend und nicht lehrend. Hercules ift in den Olymp eingetreten, hier endigt letzteres Gedicht. — Die Vermählung des Hercules mit der Hebe würde der Inhalt meiner Idylle ſein. Über dieſen Stoff hinaus gibt es keinen mehr für den Poeten, denn dieſer darf die menſchliche Natur nicht verlaſſen und eben von dieſem Übertritt des Menſchen in den Gott würde dieſe Idylle handeln. Die Haup {= figuren wären zwar ſchon Götter, aber durch Hercules kann ich fie noch an die Menſchheit anknüpfen und eine Bewegung in das Gemälde bringen. Gelänge mir dieſes Unternehmen, jo hoffte ich dadurch mit der ſentimentaliſchen Poeſie übe naive ſelbſt triumphiert zu haben.“ — Schiller hat ſein Vorhaben nicht ausgeführt; gewiſſem Sinne hat aber Goethe in feiner Iphigenie die Aufgabe gelöst, welche Schil mit feiner Theorie der Idylle aufſtellte; darum paſst auch, was Schiller in der Rece über Mathiſſons Gedichte WW. Hift. krit. Ausg. X. 255] von dem Talente des Idyllendic fordert, auf den Dichter der Iphigenie: „Ein mit der höchſten Schönheit vertrautes gehört dazu ... Dieſes Herz aber verräth ſich durch eine Fülle, die es auch in Anmerkungen. 127 ſpruchloſeſten Form verbirgt, durch einen Adel, den es auch in die Spiele der Ima⸗ gination und der Laune legt, durch eine Disciplin, wodurch es ſich auch in feinem rühmlichſten Siege zügelt, durch eine nie entweihte Keuſchheit der Gefühle; es verräth ſich durch die unwiderſtehliche und wahrhaft magiſche Gewalt, womit es uns an ſich zieht, uns feſthält und gleichſam nöthigt, uns unſrer eigenen Würde zu erinnern indem wir der ſeinigen huldigen.“ 53. 30—31. Schiller bezieht ſich hier auf Kants reine Verſtandesbegriffe, wie er fie in der Kritik der reinen Vernunft entwickelt. In §. 10 ſtellt Kant die Tafel der Kategorien [Stammbegriffe des reinen Verſtandes] auf, die durch die möglichen Formen des Urtheils vollſtändig beſtimmt ſind. Die Form des einzelnen, beſondern und allgemeinen Urtheils ergibt die Kategorien der Quantität: „Einheit, Viel⸗ heit, Allheit;“ die Form des bejahenden, verneinenden und unendlichen Urtheiles gibt die Kategorien der Qualität: „Realität, Negation und Limitation [Einſchränkung]“: die Form des kategoriſchen, hypothetiſchen und disjunctiven Urtheils gibt die Kate- gorien der Relation: „Inhärenz und Subſiſtenz (substantia et aceidens), Cauſalität und Dependenz (Urſache und Wirkung), Gemeinſchaft (Wechſelwirkung zwiſchen dem Handelnden und Leidenden)“; die Form des problematischen, aſſertoriſchen, apo- diktiſchen Urtheiles die Kategorien der Modalität: „Möglichkeit — Unmög— lichkeit, Daſein — Nichtſein, Nothwendigkeit — Zufälligkeit.“ Im S. 11 bemerkt Kant in der Anmerkung: „daſs allerwärts eine gleiche Zahl der Kategorien jeder Claſſe, nämlich drei find, welches ebenſowohl zum Nachdenken auffordert, da ſonſt alle Ein- theilung a priori [d. h. unabhängig von aller Erfahrung, alſo rein durch ſich ſelbſtl, durch Begriffe Dichotomie ſein muſs. Dazu kommt aber noch, dajs die dritte Ka— tegorie allenthalben aus der Verbindung der zweiten mit der erſten ihrer Claſſe entſpringt. — So iſt die Allheit (Totalität) nichts anderes als die Vielheit als Einheit betrachtet, die Einſchränkung nichts anderes als Realität mit Negation verbunden, die Gemeinſchaft iſt die Cauſalität einer Subſtanz in Beſtimmung der anderen wechſelſeitig, endlich die Nothwendigkeit nichts anderes als die Exiſtenz, die durch die Möglichkeit ſelbſt gegeben iſt.“ Dieſe Trichotomie ſeiner Eintheilungen in der reinen Philoſophie rechtfertigt Kant in der Einleitung zur Kritik der Urtheilskraft 12. Aufl. LVIII.] folgendermaßen: „Soll eine Eintheilung „a priori“ geſchehen, ſo wird ſie entweder analytiſch ſein, nach dem Satze des Widerſpruchs; und da iſt ſie jederzeit zweitheilig (quodlibet ens est aut A aut non A). Oder fie iſtſynthetiſch; und wenn fie in dieſem Falle aus Begriffen a priori ſoll geführt werden, jo muss nach demjenigen, was zu der ſynthetiſchen Einheit überhaupt erforderlich iſt, nämlich 1. Bedingung, 2. ein Bedingtes, 3. der Begriff, der aus der Vereinigung des Bedingten mit ſeiner Bedingung entſpringt, die Eintheilung nothwendig Trichotomie ſein.“ Schiller hat zwar die Kantiſchen Deductionen der Bemerkung für wiſſenſchaftlich prüfende Leſer zugrunde gelegt. Jedoch wie aus folgenden brieflichen Mittheilungen an Humboldt vom 25. December 1795 hervorgeht, modificiert: „Wir müſſen alſo hier ſorgfältig die Wirklichkeit von dem abſoluten Begriffe ſcheiden. Dem Begriffe nach iſt die ſen— timentaliſche Dichtkunſt freilich der Gipfel und die naive kann mit ihr nicht verglichen werden, aber ſie kann ihren Begriff nie erfüllen und erfüllte ſie ihn, ſo würde ſie aufhören eine poetiſche Art zu ſein. Der Wirklichkeit nach iſt es aber ebenſo gewiſs, dass die ſentimentaliſche Poeſie, qua Poesie, die naive nicht erreicht. Die jen- timentaliſche Poeſie iſt zwar conditio sine qua non von dem poetiſchen Ideale, aber fie ift auch ein ewiges Hindernis desſelben. Die naive Poeſie ſtellt die Gattung reiner, obgleich auf einer niedrigern Stufe dar.“ Hält man zu dieſer Außerung noch Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. nen in der Ep pn ertlicte ie il und zweite Kateguß jeder Claſſe vertauſchte. 53. 19— 54. 2. vgl. an Humboldt den 25. Dee. 1795: „Die ſentimegke wird von mir nur als nach dem Ideale ſtrebend vorgeſtellt, daher ich ihr auch effectu weniger Poetiſches zugeſtehe, als der naiven. Sie iſt auf dem Wege zu einem höheren poetiſchen Begriff, aber die naive hat einen nicht jo hohen wirklich erreicht, iſt alſo, der That nach, poetiſcher.“ e 54. 23. 24. vgl. in Anm. 40. 34—40. Schillers briefliche Außerung . 19. März 1795. * N 54. 30-31. vgl. Schiller an Humboldt am 25. Dee. 1795: „Die Natur ame Ganzen ift immer unendlich und grundlos.“ 1 2 56. 34—42, und 57. 28—42. Schon am 17. Dec. 1795 ſchreibt Schiller a Humboldt: „Die griechiſche Weiblichkeit und das Verhältnis beider Geſchlechter zu 0 einander bei dieſem Volke, ſo wie beides in den Poeten erſcheint, iſt doch immer ſeh 3 wenig äſthetiſch und im ganzen ſehr geiſtleer (daſs es Ausnahmen gab, obgleich wenig 4 genug, iſt natürlich). Im Homer kenne ich keine ſchöne Weiblichkeit; denn die bloße N BR Naivetät in der Darſtellung macht es noch nicht aus. Seine Nauſikaa ift bloß ein naives f Landmädchen, ſeine Penelope eine kluge und treue Hausfrau, ſeine Helena bloß ein a leichtſinnige Frau, die ohne Herzenszartheit von einem Menelaus zu einem Paris über- ; . gieng und ſich auch, die Furcht vor der Strafe abgerechnet, nichts daraus machte, jenen Be wieder gegen dieſen einzutauſchen. Und dann die Circe, die Kalypſo! Die olympiſch f Frauen im Homer find mir noch weniger weiblich ſchön. Dafs die bildende Kun ſchöne Weiber hervorbrachte, beweist nichts für eine ſchöne innere und äußere Wirklich 1 , keit in der Natur. Hier war die Kunſt ſchöpferiſch, und ich zweifle nicht, dafs ein . griechiſcher Bildhauer, wenn er mit ſeinem ganzen Kunſtſinn in Circaſſien gelebt hätte, nicht weniger weibliche Ideale gebildet haben würde. In den Tragikern finde ich wieder er 4 keine ſchöne Weiblichkeit und ebenſowenig eine ſchöne Liebe. Die Mütter, die Töchte BEN . die Ehefrauen ſieht man wohl und überhaupt alle dem bloßen Geſchlecht anhängige a Geeſtalten, aber die Selbſtändigkeit der reinen menſchlichen Natur ſehe ich mit der "a Eigenthümlichkeit des Geſchlechts nirgends vereinigt. Wo Selbſtändigkeit ift, da fehlt . die Weiblichkeit, wenigſtens die ſchön e.... Hinter den Pythagoräiſchen Frauen dürfte 2 mehr ſtecken; hier ſcheint mir etwas Sentimentaliſches im Spiele zu fein, und von diefen 8 war wenigſtens Geiſtigkeit zu erwarten, da in den andern entweder das Materielle überwiegt oder das Moraliſche nicht weiblich iſt, wie z. B. der ſpartaniſche Bürgergeiſt Rund die Vaterlandsliebe. — Was auch an meinen Bemerkungen wahr ſein mag, EN werden Sie mir doch geftehen, daſs es im ganzen griechiſchen Alterthum feine poetiſche Darſtellung ſchöner Weiblichkeit oder ſchöner Liebe gibt, die nur von fern an die Sakontala und an einige moderne Gemälde in dieſer Gattung reichte. Goethes Iphigenia, ſeine Eliſabeth in „Götz“ nähert ſich den griechiſchen Frauen, aber ſonſt keine von ſeinen edlen weiblichen Figuren, und ſelbſt ſeine ſchöne Seele (im Wilhelm Sy Meiſter] ift mir lieber. Auch Shakeſpeares Juliette, Fieldings Sophie Weſtern un N andere übertreffen jede ſchöne Weiblichkeit im Alterthume weit.“ Angeregt wurde Schiller zu dieſen Bemerkungen durch Friedrich Schlegels Abhandlungen: „über die weib⸗ lichen Charaktere in den griechiſchen Dichtern,“ die in der „Leipziger Monatsſchrift 1 Anmerkungen. : 129 Damen,“ viertes Bändchen, Leipzig, 1794, und „über die Diotima,“ welche in der „Berliniſchen Monatsſchrift,“ herausgegeben von Bieſter, Juli und Auguſt 1795 erſchienen = war. vgl. auch Schiller an Goethe, den 20. Februar 1802: „Die Gita Govinda [oder die = . Geſänge Jajadevas, eines altindiſchen Dichters. Aus dem Sanskrit ins Engliſche, aus Re . dieſem ins Deutſche überſetzt mit Erl. von F. H. von Dalberg, Erfurt, 1802] hat mich = 7 neulich auch wieder zur „Sakontala“ zurückgeführt, ja, ich habe ſie auch in der Idee 8 Bez geleſen, ob ſich nicht ein Gebrauch fürs Theater davon machen ließe; aber es ſcheint, *. $ dafs ihr das Theater direct entgegenſteht, dafs es gleichſam der einzige von allen zwei- = 52 unddreißig Winden iſt, mit dem dieſes Schiff bei uns nicht ſegeln kann. Dies liegt 2 85 wahrſcheinlich in der Haupteigenſchaft derſelben, welche die Zartheit iſt, und zu— 2 ® gleich in einem Mangel der Bewegung, weil ſich der Dichter gefallen hat, die * 2 Empfindungen mit einer gewiſſen bequemen Behaglichkeit auszuſpinnen, weil ſelbſt 5 2 das Klima zur Ruhe einladet.“ Die „Sakontala oder der entſcheidende Ring,“ ein 6 — indiſches Schauſpiel des Kalidaſa, eines Dichters aus dem 1. Jahrh. v. Chr., wurde 70 75 zuerſt 1787 in Calcutta durch Jones in einer europäiſchen Sprache, der engliſchen, a) 2 und 1791 von Forſter in deutſcher Überſetzung veröffentlicht; von letzterer beſorgte 1803 5 .= Herder die zweite Ausgabe. Im Jahre 1791 drückte Goethe feine Bewunderung für 105 = dieſes Schauſpiel in dem Epigramm „Sakontala“ aus: Be: 15 — Willſt Du die Blüte des frühen, die Früchte des ſpäteren Jahres, Willſt Du, was reizt und entzückt, willſt Du, was ſättigt und nährt, 8 Willſt Du den Himmel, die Erde mit Einem Namen begreifen, * Nenn' ich, Sakontala, Dich, und ſo iſt alles geſagt. — 57. J. Johann Jakob Bodmer, geb. am 19. Juli 1698 zu Greifenſee 1:1 bei Zürich, ſtudierte in feiner Vaterſtadt, ward Profeſſor, ſpäter Mitglied des hohen = Rathes daſelbſt, zog ſich 1775 auf jein in der Nähe befindliches Landgut zurück, wo er = 1783 ſtarb. Unbeftreitbares Verdienſt erwarb er ſich (im Verein mit Breitinger) durch 2 ſeine Polemik gegen die Enge des franzöſiſchen Geſchmackes und durch den Hinweis auf die Schätze der mhd. Dichtung. Hier iſt er als Epiker genannt wegen ſeiner Patriarchaden. 57. 10. Ariſtophanes (geb. ungefähr 452, geſt. 388 v. Chr.) iſt weitaus der größte Komödiendichter der Griechen. Er geißelte in feinen Luſtſpielen den Wanfel- muth, die Verkehrtheit, die verfallenden Staats- und Sittenzuſtände der Athener während der Unheilszeit des peloponneſiſchen Krieges. Aber auch Euripides wird verſpottet (in den „Fröſchen“) und nicht minder Sokrates (in den „Wolken“). Vgl. Platons Apologie. Von ſeinen zahlreichen Komödien ſind 11 erhalten. Maccius Plautus, geb. ungefähr 254, geſt. 184 v. Chr., war der berühm⸗ teſte und wirkſamſte Komödiendichter der Römer. Er verpflanzte das Intriguen— und Charakter-Luſtſpiel der neueren attiſchen Komödie nach Rom und verſtand es trefflich, die fremdländiſchen Stücke zu localiſieren. Von ſeinen zahlreichen Stücken ſind 20 erhalten. N 57. 13. Lope Felix de Vega Carpio, geb. am 25. Nov. 1562 zu Madrid, 1 dichtete bereits in ſeinem 11. Jahre Komödien. Früh verwaist, mufste er Kriegsdienſte nehmen, ſtudierte dann in Salamanca Theologie und Philoſophie und trat nach Be- endigung der Studien in die Dienſte des berüchtigten Herzogs von Alba, für den er ſeinen Schäferroman „Arcadia“ ſchrieb. Er nahm an der Expedition der „Armada“ theil und kehrte mit den Trümmern derſelben nach Spanien zurück (1588). | Wegen eines Duells aus Caſtilien verbannt, gieng er nach Valencia, wo er erſt ſeine eigentliche Laufbahn als Dramatiker begann. 1595 nach Madrid zurückgekehrt, trat er nach dem Schiller: über naive und ſentimentaliſche Dichtung. 9 nat! 3 Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. 5 Tode ſeiner (zweiten) Frau in den Prieſterſtand, was ihn jedoch in ſeinem poctiſchen 5 Schaffen nicht hinderte. Vielmehr entwickelte er gerade jetzt eine ſtaunenswerte Thätigkeit, er war der Lieblingsdichter der großen ſpaniſchen Monarchie. Er ſtarb am 21. Aug. 1635. — Er hat zwar auch eine große Menge lyriſcher und epiſcher Dichtungen geſchrieben, ſein dichteriſcher Ruhm aber beruht auf feinen Komödien, deren er über 1500 geſchrieben haben ſoll, von denen noch ungefähr 500 übrig ſind. Er iſt der fruchtbarſte Dichter aller Zeiten, der große Vorgänger des großen Calderon. 57. 14. Jean Francois Regnard, geb. 1655 zu Paris, geſt. 1709 in Dourdan, gilt für den beſten Schüler Moliĩres in ſeinen Luſtſpielen, deren er 25 dichtete. Die beſten find: „Le joueur,“ „Le distrait“ und „Les Menechmes“ (nach Plautus). i Carlo Goldoni, geb. 1707 zu Venedig, geft. am 6. Febr. 1793 in Paris, bemühte ſich, den ſittenloſen Stücken der italieniſchen Kunſtkomödie (Commedia dell' arte), wie ſie namentlich Gozzi vertrat, durch Einführung des Charakter- und Sitten⸗Luſtſpiels, wie es Moliere in Frankreich begründet hatte, ein Ende zu machen. Und in der That gelang es ihm, den Geſchmack des Publicums heranzubilden und ſeinen Luſtſpielen den erſten Rang zu verſchaffen. 1761 erhielt er einen Ruf nach Paris als Theaterdichter für das italieniſche Theater, wo er den Reſt ſeines Lebens verbrachte. Ludwig Freiherr von Holberg, geb. am 3. Dec. 1684 zu Bergen in Norwegen, geſt. am 28. Jänner 1754 zu Kopenhagen, war zuerſt Lehrer der modernen Sprachen, bereiste dann England und Deutſchland, wurde 1714 außerordent⸗ licher Profeſſor an der Univerſität zu Kopenhagen, gieng dann abermals zu längerem Aufenthalte nach Paris und Rom und wurde nach ſeiner Rückkehr 1717 Profeſſor der Metaphyſik, 1720 Profeſſor der Beredſamkeit. Er ſchrieb ein Epos, geſchichtliche Werke, Biographien, Epiſteln; ſein Dichterruhm gründet ſich auf ſeinen volksthümlichen Luſt⸗ ſpielen, mit denen er als der Erſte in der däniſchen Literatur ein nationales Drama begründete. a 5 57. 15. Joh. Elias Schlegel, geb. am 28. Jänner 1718 zu Meißen, ſtudierte in Pforta und Leipzig und begann dort, noch unter den Anregungen Gottſcheds, denen er ſich ſpäter völlig entwand, ſeine poetiſchen Beſtrebungen. 1743 wurde er Seeretär des ſächſiſchen Geſandten in Kopenhagen und ſpäter Profeſſor an der Nitter- akademie in Sarö, wo er am 13. Aug. 1749 ſtarb. Mit ſeinen ſpäteren Dramen (Tragödien und Luſtſpielen) gehörte er dem Kreiſe der Bremer Beiträger an. Er war der erſte, der auf Shakeſpeare im Sinne aufrichtiger Verehrung hinzuweiſen begann. 57. 17. Chriſtian Fürchtegott Gellert, geb. am 4. Juli 1715 zu Hainichen in Sachſen, ſtudierte in Leipzig Theologie, wandte ſich dann der Philoſophie zu und habilitierte ſich 1745 an der Univerſität. 1751 ward er außerordentlicher Pro— feſſor, der er auch bis zu ſeinem am 13. December 1769 erfolgten Tode blieb. Er war einer der beliebteſten Lehrer, und der Einflufs, den er durch ſeine religiöſe Empfindung, ſeine ſittliche Haltung, Sanftmuth und unerſchöpfliches Wohlwollen ausübte, war faſt ebenſo groß wie der literariſche, der von ſeinen Schriften ausgieng. Er gehörte zuerſt der Schule Gottſcheds an, trennte ſich aber und ſchloſs ſich den Bremer Beiträgern an. Er ſchrieb Schäferſpiele, Luſtſpiele, einen Roman und Fabeln und Erzählungen (als Schüler Lafontaines), auch Oden und Lieder. 57. 18. Gottlieb Wilhelm Rabener, geb. am 17. Sept. 1714 zu Wachau bei Leipzig, ſtudierte in Leipzig die Rechte, ward 1741 Steuerreviſor in Leipzig, 1753 Oberſteuerſecretär in Dresden, wo er am 22. März 1771 ſtarb. Auch er gehörte zu Anmerkungen. 131 den Bremerbeiträgern und galt als der befte Satiriker ſeiner Zeit, ja er ward als der „deutſche Swift“ geprieſen. 58. 7—9. Vgl. kenion 9. Das Widerwärtige: 5 Dichter und Liebende ſchenken ſich ſelbſt, doch Speiſe voll Ekel! Dringt die gemeine Natur ſich zum Genuſſe dir auf! und 39. Das Un verzeihliche: . Alles kann miſslingen, wir können's ertragen, vergeben; Nur nicht, was ſich beſtrebt, reizend und lieblich zu ſein. 58. 15—16. Im Jahre 1770 entſtanden gleichzeitig in Nachahmung der franzöſiſchen Muſenalmanache der Göttinger und Leipziger Muſenalmanach. Dieſen begründete mit feindſeliger Tendenz gegen jenen Chriſtian Heinrich Schmidt [geb. 1746, geſt. 1800] und führte ihn bis 1781. Allein ſchon 1776 ſetzte ihm Fr. Traug. Haaſe [geb. 1754, geft. 1823] einen ganz ähnlichen gegenüber, der bis zum Jahre 1787 fort- geführt wurde. Gegen dieſe und ähnliche von Leipzigern veranſtaltete Sammlungen lyriſcher und kürzerer erzählende Dichtungen dürfte ſich Schillers Angriff kehren. Die „Bibliothek der ſchönen Wiſſenſchaften,“ die Schiller in dem Briefe an Goethe vom 29. December 1795 „die Leipziger Geſchmacksherberge“ nennt und gegen deren ſeichte Kritik er ſich bereits in einer andern Gloſſe dieſer Abhandlung [vgl. Anm. zu 23. 37—41.] gewendet hatte, kann hingegen kaum gemeint ſein. Vgl. Xenion 104 Pleiſſe. Flach iſt mein Ufer und ſeicht mein Bächlein, es ſchöpften zu durſtig Meine Poeten mich, meine Proſaiker aus. 58. 17. Unter den Camönen an der Leine iſt der Muſenalmanach, der ſeit 1770 Göttingen bei Johann Chriſtian Dieterich erſchien, gemeint. Der erſte Jahrgang wurde von Boie und Gotter, die Jahrgänge für 1771—1775 wurden von Boie allein herausgegeben, die für 1776-1778 von Göcking, die für 1779 —1794 von Bürger. Nach Bürgers Tode fajste Schiller den Plan, den Göttinger Muſenalmanach zu über⸗ nehmen und wandte ſich an den Verleger, kam aber zu ſpät. Dieterich hatte mit K. von Reinhard (geb. 20. Aug. 1769 zu Helmſtadt ſeit 1792 Privatdocent in Göttingen, geft. 24. Mai 1840 zu Zoſſen] bereits abgeſchloſſen. Dieſer führte ihn bis 1802 fort. — Die Camönen an der Elbe, der in Hamburg erſcheinende Voſs'ſche Muſenalmanach wurde 1776 von den früheren Herausgebern des Göttinger Muſenalmanachs begründet, bis 1780 von Bois allein, von 1781—1787 von Voſs und Göcking, von 1789 —1800 wieder von Voss allein herausgegeben. Schillers Urtheil richtet ſich gegen den Jahrgang 1796. Am 26. Oct. 1795 ſchreibt er an Goethe: „Ich habe die zwei neuen Muſenalmanache geleſen, die über die Maßen dürftig und elend find. Voſs hat 29 Stück in dem einen geliefert, worunter Sie vergeblich ein einziges gutes ſuchen, und die meiſten abominabel ſind.“ [Vgl. auch an Humboldt von demſelben Tage] und an A. W. Schlegel am 29. October: „Sie urtheilen von dem Voſs'ſchen Almanach günſtiger, als ich bis jetzt vermag. Ich weiß ſchlechterdings nicht, wie ich die Härte und Undeutſchheit ſeiner Sprache (ich begehe ſelbſt eine, indem ich davon ſpreche) bei ſo vieler Trivialität, oft Plattitude des Gedankens entſchuldigen ſoll. Wenn es ja ſo ſchwer iſt, ein edles Gefühl, einen gehaltreichen Gedanken leicht und ſchön auszudrücken, ſo ſollte wenigſtens das Gemeine angenehm klingen und das Rauhklingende den Geiſt durch Gehalt entſchädigen.“ Vgl. auch Kenion 130 und 248. 58. 18, 19. Vgl. enion 400. Ich. Ja, ein derber und trockener Spaſs, nichts geht uns darüber, Aber der Jammer auch, wenn er nur nas iſt, gefällt. 9% Über naibe 919 Tentimentaife Dichtung. 38. 20. Vgl. Xenion 396. . O, die Natur, die zeigt auf unſern Bühnen ſich wieder Splitternackend, daſs man jegliche Rippe ihr zählt. 411. Er. . Alſo eure Natur, die erbärmliche, trifft man auf euren Bühnen, die große nur nicht, nicht die unendliche an. 58. 21— 23. Vgl. enion 408. Ich. EB. Das find Grillen! Uns ſelbſt und unſre guten Bekannten BE Unſern Jammer und Noth ſuchen und finden wir hier. Mit unverkennbarer Anſpielung auf Auguſt von Kotzebues gleichnamiges Schauspiel das kenion 27. Menſchenhaſs und Reue. f Menſchenhaſs? Nein, davon verſpürt ich beim heutigen Stücke Keine Regung, jedoch Reue, die hab' ich gefühlt. . Chriſtian Gotthilf Salzmann, der Begründer der wohlbekannten Erziehungs⸗ anſtalt Schnepfenthal [geb. 1744, geſt. 1811], ſtellte in ſeinem poeſieleeren Romane: 3 „Karl von Karlsberg oder über das menſchliche Elend, Leipzig 1784—1788, 6 Bde. verſchiedene menſchliche Leiden zuſammen. Auf dieſes Werk bezieht ſich Xenion 3 148. Karl von Karlsberg. Was der berühmte Verfaſſer des menſchlichen Elends verdiene? Sich in der Charite gratis verköſtigt zu ſehen. 58. 23— 27. Iſt in erſter Linie gegen Nicolai gerichtet. Da derſelbe wirklich glaubte, wegen ſeiner ſatiriſch-komiſchen Romane für einen zweiten Wieland und wegen feiner kritiſchen Arbeiten für einen zweiten Leſſing zu gelten, traf ihn das Xenion 10. Deſideratum. Hätteſt du Phantaſie und Witz und Empfindung und Urtheil, Wahrlich, dir fehlte nicht viel, Wieland und Leſſing zu ſein. Seine Romane geißelt Xenion 24. Gewiſſe Romanhelden: Ohne das Mindeſte nur dem Pedanten zu nehmen, erſchufſt du Künſtler, wie keiner mehr iſt, einen vollendeten Geck. Und feine matten trivialen Späſſe kenion 194. Der Glückliche. Sehen möcht ich dich, Nikel, wenn du ein Späſschen erhaſcheſt Und von dem Fund entzückt, drauf dich im Spiegel beſiehſt. Möglicherweiſe richtet ſich auch das ſcharfe Urtheil in Schillers Abhandlung gegen Chriſtian Leberecht Heyne (Anton Wall], Aug. Gottlieb Meißner, J. m. Hermes; vgl. kenion 13 und 36 und die Briefbeilage Schillers an Cotta vom 2. October 1794. N * 58. 27—29. Vgl. Schiller, den Anfang der aus dem 9. Brief über äſthetiſche Erziehung des Menſchen in Anm zu 20. 8—20 angeführten Stelle. 58. 30. Nicolai hat „die Geſchichte eines dicken Mannes, Berlin und Stettin 1194, 2 Theile, herausgegeben und darin auch gelegentlich „den Eigendünkel der genialen f Jugend“ geißeln wollen; vgl. auch kenion 142, Chriſtoph Friedrich Nicolai, geb. am 18. März 1733 zu Berlin, ward durch ſeine 1752 herausgegebenen „Briefe über den jetzigen Zuſtand der ſchönen Wiſſenſchaften“ mit Leſſing bekannt. Nachdem er die väterliche Buchhandlung über⸗ nommen, gründete er mit Leſſing und Mendelsſohn die „Briefe, die neueſte deutſche Literatur betreffend“ (1759 — 1765, 24 Bände). Selbſtändig gab er die „Allgemeine 8 deutſche Bibliothek,“ das Hauptorgan der Aufklärungsrichtung, heraus. Er ſtarb hoch⸗ betagt am 8. Jänner 1811 zu Berlin. In ſeiner Jugend eifrig, verlor er ſich ſpäter [ rr ge TECH ZITIERT: a ung > Anmerkungen. 133 ins Seichte und Platte, und hatte namentlich für die Schöpfungen unſerer Heroen nicht das geringſte Verſtändnis. 58. 32. Gottfried Auguſt Bürger, geb. am 31. December 1747 zu Molmerswende bei Halberſtadt, ſtudierte ſeit 1768 zu Göttingen die Rechte, ward 1772 Amtmann in Altengleichen und trat in freundliche Beziehungen zum Freundeskreiſe des Göttinger Hainbundes. Er habilitierte ſich an der Univerſität in Göttingen und ward 1789 außerordentlicher Profeſſor, aber ein unglückliches Familienleben und manig⸗ fache Enttäuſchungen brachen früh ſeine geiſtige und körperliche Kraft; er ſtarb bereits am 8. Juni 1794. Er iſt der hervorragendſte deutſche Lyriker der vorgoetheſchen Periode, ſeine Lieder und Balladen mit ihrer Wärme der Empfindung, Manigfaltigkeit der Stimmung und ihrem ſinnlich-kräftigen, oft hinreißenden Ausdruck, machten ihn raſch berühmt. 58. 32—34. In der Allgemeinen Literatur-Zeitung. Sonnabends den 15. Jänner 1791, Numero 13, Sp. 97—103, und montags den 17. Jänner 1791, Numero 14, Sp. 105-110, erſchien anonym Schillers Recenſion „über Bürgers Gedichte.“ Als er ſie in die Kleineren proſaiſchen Schriften IV. Theil Leipzig 1802 aufnahm, fügte er folgende Worte am Ende hinzu: „So urtheilte der Verfaſſer vor eilf Jahren über Bürgers Dichterverdienſt; er kann auch noch jetzt ſeine Meinung nicht ändern, aber er würde ſie mit bündigeren Beweiſen unterſtützen, denn ſein Gefühl war richtiger als ſein Raiſonnement. Die Leidenſchaft der Parteien hat ſich in dieſen Streit gemiſcht, aber wenn alles perſönliche Intereſſe ſchweigt, wird man der Intention des Recenſenten Gerechtigkeit widerfahren laſſen.“ Bürger hatte am 5. März 1791 auf Schillers Recenſion eine „Vorläufige Antikritik und Anzeige“ eingeſchickt, die im Intelligenzblatt der Allgemeinen Literatur Zeitung Numero 46, mittwochs den 6. April 1791, nebſt Schillers „Vertheidigung des Recenſenten gegen obige Antikritik“ erſchien. Im Göttinger Muſenalmanach für 1793 [vgl. Schillers Brief an Körner den 15. Oct. 1792] ließ Bürger unter dem Namen „Menſchenſchreck“ und „Anonymus“ in Epiſteln und Satiren ſeine Galle an Schiller und an der Literaturzeitung recht aus. Schiller hingegen drückte ſpäter noch einmal in einem Odyſs XI., 553 nachgebildeten Xenion ſeine Achtung für den Todten aus. 345. Ajax. Ajax, Talamons Sohn! So mufsteſt du auch nach dem Tode Noch forttragen den Groll wegen der Recenſion? 58. 35. Schiller fordert in der Recenſion über Bürgers Gedichte [W W. hiſt. krit. Ausgabe VI., 316]: „Alles, was der Dichter uns geben kann, iſt ſeine Individualität. Dieſe muſs es alſo wert ſein, vor Welt und Nachwelt ausgeſtellt zu werden. Dieſe ſeine Individualität ſo ſehr als möglich zu veredeln, zur reinſten, herrlichſten Menſchheit herauf zu läutern, iſt ſein erſtes und wichtigſtes Geſchäft, ehe er es unternehmen darf, die Vortrefflichen zu rühren.“ 59. 7—9. Vgl. Schillers Abhandlung „Gedanken über den Gebrauch des Gemeinen und Niedrigen in der Kunſt“ [WW. Hift. krit. Ausgabe X., 207]: „Gemein iſt alles, was nicht zu dem Geiſte ſpricht, und kein anderes als ein ſinnliches Intereſſe erregt.“ 59. 9—12. Garve ſa. a. O.] hebt zur Charakteriſtik des modernen Schriftſtellers hervor: „Bei allen den Menſchen, deren Arbeit in Bewegung beſteht, iſt Ruhe eine hinlängliche Erholung. — Erſt alsdann, als es Beſchäftigungen im Cabinet gab, bei denen der Geiſt ſich erſchöpfte und der Körper nicht ermüdete, brauchte man Erholungen, die nicht in dem Aufhören der Beſchäftigung, ſondern in ihrer Abwechslung beſtanden; Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. ſolche, wo nur an die Stelle von der Anwendung der einen Fähigkeit die Anwendung ein andern, an die Stelle von Vorſtellungen des Verſtandes und des Nachdenkens ſinnliche und imaginative Eindrücke geſetzt wurden. Dazu waren anfangs alle die Sachen gut genug, die heftig und lebhaft die Sinne rührten. Nach und nach wollte man nicht jo ftarfe aber mannigfaltigere, mehr abwechſelnde Eindrücke haben, ſolche, bei denen ſich noch überdies Ideen von Richtigkeit und Schönheit antreffen ließen. Der Witz und die Einbildungskraft werden zu den Regierern dieſer Vergnügungen beſtimmt. Nach einer Menge von Revolutionen in den Dingen, welche die Menſchen zu ihren Ergötzungen beſtimmten, iſt das Bedürfnis zu leſen an die Stelle vieler anderer gekommen. Dieſes Bedürfnis zu befriedigen, ſetzt ſich der Schriftſteller, und am meiſten der Dichter vor. Natürlicherweiſe mujs er ſich alſo in dem, was er unternimmt, nach der Natur des Bedürfniſſes richten, für welches er arbeitet.“ — Gegen dieſe latudinariſche Anſchauungs⸗ weiſe der vorkantiſchen Popularäſthetik wendet ſich Schiller auch in den Einleitungs⸗ worten zu ſeinem Aufſatze: „Über den Gebrauch des Chors in der Tragödie.“ 59. 57—60. 10. Vgl. Votivtafeln Nr. 22 „Natur und Vernunft.“ „Wärt, ihr Schwärmer, im Stande, die Ideale zu faſſen, O ſo verehrtet ihr auch, wie ſich's gebürt, die Natur Wärt ihr, Philiſter, im Stand, die Natur im großen zu ſehen, Sicher führte fie ſelbſt euch zu Ideen empor.“ 60. 16—19. Von dieſem Standpunkte aus beurtheilt Schiller die zeitgenöſſiſche Literatur in einem Briefe an W. v. Humboldt vom 17. Februar 1803: „Es iſt jetzt ein jo kläglicher Zuſtand in der ganzen Poeſie der Deutſchen und Ausländer, dais alle Liebe und aller Glaube dazu gehört, um noch an ein Weiterſtreben zu denken und auf eine beſſere Zeit zu hoffen. Die Schlegel und Tieck'ſche Schule [die Romantiker] erſcheint immer hohler und fratzenhafter, während ſich ihre Antipoden [Nicolai, Kotzebue, Joh. D. Falk, Garl. Merkel und K. A. Böttiger] immer platter und erbärmlicher zeigen, und zwiſchen dieſen beiden Formen ſchwankt nun das Publicum. An ein Zu⸗ ſammenhalten zu einem guten Zweck iſt nicht zu denken, jeder ſteht für ſich und man fid) ſeiner Haut wie im Naturſtande wehren.“ 61. 31. Abälard Peter, ſcholaſtiſcher Philoſoph und Theologe, der kühnſte 5 Denker des 12. Jahrh., geb. 1079 zu Pallet unweit Nantes, ſtudierte bei den berühm⸗ teſten Theologen und ward als geſuchter Lehrer in Paris von dem Canonieus Fulbert in ſein Haus zur Heranbildung ſeiner Nichte Heloiſe genommen. Abälard, obgleich bereits 38 Jahre alt, entbrannte in heftigſter Liebe zu dem ſchönen und geiſtreichen 17jährigen Br Mädchen, das er dem widerſtrebenden Oheim entführte, wofür ihn diefer grauſam mis⸗ handeln ließ. Tief gebeugt durch dieſe Schmach zog ſich Abälard in das Kloſter St. Denis zurück und bewog auch Heloiſe den Schleier zu Argenteuil zu nehmen. Sein Verſteck wurde entdeckt und aus allen Ländern ſtrömten ihm Schüler zu. Als man ihm wegen ſeiner — 5 philoſophiſchen Glaubenslehren verfolgte, zog er ſich in eine Einöde bei Troyes zurück und begründete bei Nogent die Abtei Paraklet, die er ſpäter Heloiſen und ihren Nonnen überließ, als das Kloſter Argenteuil aufgehoben wurde. Nach ſchweren Verfolgungen ſtarb er, mit der Kirche ausgejöhnt, am 21. April 1142 in der Priorei St. Marcellus bei Chalons. Heloiſe, die ihm erſt am 17. März 1163 folgte, erbat ſich den Leichnam und ließ ihn im Paraklet begraben. Beider Aſche wurde 1828 in einem eigens dazu erbauten Grabmale auf dem Kirchhofe der Pere Lachaise beigeſetzt. Abälards Schriften und Briefe gab zuletzt Couſin, Paris 1849—59, 2 Bde. heraus. Sein Leben wurde 5 zuerſt von Berington History of Abelard and Heloise, London 1787, deutſch von Hahnemann, Leipzig 1789, herausgegeben. Schiller bezieht ſich aber hier wahrſcheinlich auf hy) „ | | \ | EZ Te — —ẽ — Anmerlungen. 135 Alexander Popes, (geb. 22. Mai 1688, geſt. 30. Mai 1744,] berühmtes Gedicht „Epistle from Eloisa to Abelard.“ A. W. Schlegel in den „Vorleſungen über ſchöne Literatur,“ 2. Band, Deutſche Literaturdenkmale 18, S. 286] urtheilt über dieſe poetiſche Epiſtel nicht ohne Vorein-genommenheit: „Nicht leicht hat ein Gedicht in dieſer Art eine größere Celebrität erlangt als Popes Heloiſe an Abälard und doch, wenn man die von einem wahrhaft glühenden Gemüth zeugenden Züge, welche aus den Briefen der Heloiſe ſelbſt entlehnt ſind, ausnimmt, ſo gehört ihm nichts als die ſchlechte ſo kahl ausgehende An— lage des Ganzen, welches kaum ſo zu nennen iſt, die durchgängige Sentenzenparade und das epigrammatiſche Zuſpitzen. Auch im Versbau iſt nichts von elegiſcher Weichheit zu ſpüren, ſondern es iſt der gewöhnliche raſche Gang der einförmigen Couplets; jenes ſcheint Pope nur in den erſten Zeilen haben anbringen zu wollen und nachher aufgegeben zu haben. Dieſes froſtige Gedicht iſt indeſſen als das höchſte Muſter von Sentimentalität bewundert worden.“ 61. 32. Francesco Petrarca, geb. am 10. Juli 1304 zu Arezzo, wohin ſich ſeine mit Dante zugleich (1302) verbannten Eltern begeben hatten, geſt. am 19. Juli 1374 zu Arqua bei Padua, ſtudierte anfangs in Avignon (Grammatik, Dia- lectik, Rhetorik) und beſuchte hierauf die Univerſität in Montpellier, um Rechtswiſſenſchaft zu betreiben, fand aber mehr Gefallen an den Geſängen der Troubadours und las fleißig die rhetoriſchen Schriften des Cicero und die römiſchen Dichter. Nach dem Tode ſeiner Eltern (1326) trat er — ohne ſonderlichen Beruf — in den geiſtlichen Stand. Bald darauf lernte er jene Laura kennen, die er in ſeinen Sonetten verherrlichte. Er machte darauf häufige Reiſen an die italieniſchen Fürſtenhöfe und wieder nach Avignon zurück, aber auch nach Paris, Gent, Lüttich, Aachen, Köln und Lyon. Dann zog er ſich in die Einſamkeit von Vaucluſe zurück und dichtete hier ſein lat. Epos „Africa,“ welches ſolche Begeiſterung erregte, daſs man ihn auf dem Capitol als Dichter gekrönt wiſſen wollte, was denn auch am 8. April 1341 geſchah. Dann wanderte er wieder an den kleinen Höfen zu Parma, Modena, Verona, Mantua, Padua herum, lehnte aber die Stelle eines Directors der neugegründeten Univerſität in Florenz ab. 1352 verließ er Avignon für immer und gieng nach Mailand, ſpäter nach Venedig, dann als Geſandter des Galeazzo Visconti nach Paris, und zog ſich endlich nach Arqua in der Nähe von Padua zurück, wo er die letzten 4 Jahre ſeines Lebens mit der Familie ſeiner verheirateten Tochter unter Studien und Andachtsübungen verlebte. Sein größtes Verdienſt beſteht in ſeiner reinen Begeiſterung für das claſſiſche Alterthum; er ſpürte den Handſchriften nach, ſammelte eine Menge derſelben und verſtand es auch andere dafür zu begeiftern. — St. Preux für feine Julie — in Rouſſeaus „Neuer Heloiſe.“ 61. 33. Phanias — in Wielands „Muſarion.“ — 63. 4—8. Dieſe Beobachtung kann auch von dem Verhältnis der Stürmer und Dränger wie Klinger, Lenz, Maler Müller u. a. zu Shakespeare gelten, worüber Leſſing im Schlufsſtücke der Hamburgiſchen Dramaturgie treffend bemerkt: „Den engliſchen Stücken fehlten zu augenſcheinlich gewiſſe Regeln, mit welchen uns die Fran— zöſiſchen ſo bekannt gemacht hatten. Was ſchloſs man daraus? Dieſes: daſs ſich auch ohne dieſe Regeln der Zweck der Tragödie erreichen laſſe; ja, daſs dieſe Regeln wohl gar Schuld ſein könnten, wenn man den weniger erreiche. Und das hätte noch hin— gehen mögen! — Aber mit dieſen Regeln fieng man an, alle Regeln zu vermengen, und es überhaupt für Pedanterie zu erklären, dem Genie vorzuſchreiben, was es thun und was es nicht thun müſſe. Kurz wir waren auf dem Punkte, uns alle Erfahrungen der vergangenen Zeit muthwillig zu verſcherzen und von den Dichtern lieber zu ver⸗ langen, dafs jeder die Kunſt aufs neue für ſich erfinden ſolle.“ — über die ſchiefe Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. 5 5 Auffaſſung vermeintlicher Originalgenies ſpricht ſich auch Kant Kr. d. U., §. 47., a 2. Aufl., S. 186] aus: „Da nun die Originalität des Talentes ein (aber nicht das einzige) weſentliches Stück vom Charakter des Genies ausmacht, ſo glauben ſeichte Köpfe, daj8 ſie nicht beſſer zeigen können, fie wären aufblühende Genies, als wenn ſie ſich vom Schulzwange aller Regeln losſagen und glauben, man paradiere beſſer auf einem kollerigen Pferde als auf einem Schulpferde. Das Genie kann nur reichen Stoff zu Producten der ſchönen Kunſt hergeben; die Verarbeitung desſelben und die Form erfordert ein durch die Schule gebildetes Talent, um einen Gebrauch davon zu machen, der vor der Urtheilskraft beſtehen kann.“ 63. 1316. Hierbei denkt Schiller offenbar zunächſt an Ritterſchauſpiele und Räuberromane, die Goethes „Götz“ und ſeine „Räuber“ hervorriefen. Vgl. Brahm: „Das deutſche Ritterdrama des achtzehnten Jahrhunderts. Studien über Joſeph Auguſt von Törring, ſeine Vorgänger und Nachfolger,“ Straßburg 1880 [Quellen und For⸗ ſchungen zur Sprach- und Culturgeſchichte der germaniſchen Völker. XL.]. 63. 17-19. Horaz Ausſpruch in der epistola ad Pisones, de arte poetica v. 333: „aut prodesse volunt aut delectare poötae“ blieb der Standpunkt der äſthetiſchen Kritik in Deutſchland ſeit Breitingers „Kritiſcher Dichtkunſt“ und wurde trotz Leſſings Wirken in der vorkantiſchen Popularäſthetik feſtgehalten. 63. 22, 23. Gegen die Ausſchließlichkeit des Grundſatzes, dass die Dichtkunſt zur moraliſchen Veredlung des Menſchen diene, ſind auch einige Kenien gerichtet: 8 127. An einen Moraliſten. Richtet den herrſchenden Stab auf Leben und Handeln und laſſet Amorn, dem lieblichen Gott, doch mit der Muſe das Spiel. 177. Moraliſche Zwecke der Poeſie. Beſſern, beſſern ſoll uns der Dichter! So darf denn auf eurem Rücken des Büttels Stock nicht einen Augenblick ruhn? und Votivtafeln Nr. 97. An die Moraliſten. Lehret! das ziemet euch wohl, auch wir verehren die Sitte, Aber die Muſe läſst ſich nicht gebieten von euch; Nicht von dem Architekt erwart' ich melodiſche Weiſen, Und, Moraliſt, von dir nicht zu dem Epos den Plan. Vielfach find die Kräfte des Menſchen, o daſßs ſich doch jede Selbſt beherrſche, ſich ſelbſt bilde zum Herrlichſten aus. Goethes „Reineke Fuchs,“ die Aufnahme der Römiſchen Elegien Goethes und der Knebel'ſchen Properz-Überſetzung in die Horen hatte die Betonung des moraliſchen Zweckes der Dichtkunſt in kritiſchen Zeitſchriften ohne Rückſicht auf die ſeit Leſſings Laokoon für das Kunſtideal geltenden Anſchauungen zur Folge. Wie hierüber Vertreter der vorkantiſchen Popularäſthetik dachten, dafür zeugt folgende Stelle aus Garves Ab⸗ handlung: „Iſt er der Dichter] durch das Vergnügen zugleich nützlich, flößt er den Leſern, deren Zeit er verkürzt, zugleich eine Anzahl nützlicher Wahrheiten und tugendhafter Ge⸗ ſinnungen ein: vortrefflich! wir wiſſen ihm dafür Dank, unſerer Erholung ſoviel Wert in unſeren eigenen Augen gegeben zu haben; — und im Grunde würde es ihm auch ohne irgendeinen Einfluſs des Nutzens auf unſeren Geiſt nicht einmal gelungen ſein, den Einfluſs zu erhalten, uns Vergnügen zu machen.“ 2 63. 30—55. vgl. Anm. 59. 9—12 und noch folgende Stelle aus der mehrfach angeführten Abhandlung Garves: „Aber bei dem allen wird er es doch nicht dahin bringen, daſs wir uns aus der Leſung der Dichter (wenn wir aus den Jahren dern Anmerkungen. 137 Erziehung heraus, und nicht ſelbſt Dichter oder Kunſtrichter ſind,) eine eigentliche Arbeit, eine Beſchäftigung machten.“ 63. 35—40. Die Ableitung des Ideals der Erholung erfolgt aus denſelben Principien, aus welchen Schiller die äſthetiſche Stimmung ableitet, nämlich wie dort ſoll auch hier durch die Schönheit die verlorene Harmonie zwiſchen den Energien der ſinnlichen und geiſtigen Kräfte wieder hergeſtellt werden. Im 22. Briefe über äſthetiſche Erziehung des Menſchen [W. W. Hift. krit. Ausgabe X. 350] äußert ſich Schiller: „Haben wir uns... dem Genujs echter Schönheit dahin gegeben, jo find wir in einem ſolchen Augenblick unſerer leidenden und thätigen Kräfte in gleichem Grade Meiſter und mit gleicher Leichtigkeit werden wir uns zum Ernſt und zum Spiel, zur Ruhe und zur Bewegung, zur Nachgiebigkeit und zum Widerſtand, zum abftracten Denken und zur Anſchauung wenden. — Die hohe Gleichmüthigkeit und Freiheit des Geiſtes mit Kraft und Rüſtigkeit verbunden, iſt die Stimmung, in der uns ein echtes Kunſtwerk entlaſſen ſoll und es gibt keinen ſicherern Probierſtein der wahren äſthetiſchen Güte.“ 64. 7— 12. vgl. Votivtafeln 95. Der Weg zum Ruhme. Glücklich nenn' ich den Autor, der in der Höhe den Beifall Findet, der Deutſche mufs nieder ſich bücken dazu. Über dieſes Epigramm urtheilt Nicolai in dem Anhang zu Friedrich Schillers „Muſenalmanach für das Jahr 1797“ in folgender platten Weiſe: „Nämlich ſie [Goethe und Schiller! meinen, in Deutſchland wäre niemand, der ihr unermeſsliches Genie recht fühlen kann, ſowie ſie es ſelbſt fühlen, ſogar wenn ſie auch nur ein Diſtichon machen; daher fie ſich herablaſſen müſsten, den Weihrauch ihrer Clienten einzuſchnuppern, die doch auch halbe Philiſter find!” Dass Schiller wusste nur für die beſten ſeiner Nation zu ſchreiben, beſtätigt eine Äußerung in dem Briefe an Körner vom 15. Auguſt 1798: „ich muſs geſtehen, daſs Ihr [Körner und feine Frau], Humboldts, Goethe und meine Frau, die einzigen Menſchen ſind, an die ich mich gerne erinnere, wenn ich dichte, und die mich dafür belohnen können; denn das Publicum, ſowie es iſt, nimmt einem alle Freude.“ Wie er ſich die Anerkennung dachte, ſagt Votivtafel 93. Belohnung. Was belohnet den Meiſter? der zartantwortende Nachklang, Und der reine Reflex aus der begegnenden Bruſt. und in Votivtafel 89 erſcheint „Der berufene Leſer.“ Welchen Leſer ich wünſche? den unbefangenſten, der mich, Sich und die Welt vergiſst und in dem Buche nur lebt. 64. 24. 25. vgl. 18. Brief über äſthetiſche Erziehung des Menſchen [W. W. hiſt. krit. Ausg. X. 335]: „Die Schönheit . die zwei entgegengeſetzten Zu— ſtände des Empfindens und des Denkens.“ 64. 33—37. An Schiller ſchreibt Körner am 22. Auguſt 1798 in Erwiderung auf den Brief vom 15. Auguſt: „Was ich Dir einräume, iſt, wenig Empfänglichkeit bei dem Publicum im ganzen für poetiſche Form. Aber dies trifft Goethe mehr, als Dich. In Deinen Werken iſt immer noch ein beſonderer Gehalt des Stoffes, der auf mehrere wirkt, die zwar nicht den Künſtler, aber doch den Menſchen zu ſchätzen wiſſen.“ x 65. 20—23. vgl. Votivtafeln 92. Die Unberufenen. Tadeln iſt leicht, erſchaffen jo ſchwer; ihr Tadler des Schwachen, Habt ihr das Treffliche denn auch zu belohnen ein Herz? und Schiller an Goethe den 31. Mai 1799: „Es iſt freilich leichter tadeln als her— vorbringen. Wüſsten es nur die allzuleichtfertigen Urtheiler und die leichtfertigen Dilettanten, was es koſtet, ein ordentliches Werk zu erzeugen.“ urtheil ift alſo kein Erkenntnisurtheil, mithin nicht logiſch, ſondern äſthetiſch, worunter 65. 30. Kant Kritik der Urtheilskraft BE 2. Aufl, S. 4.]: „Dos Seieimade- man dasjenige verfteht, deſſen Beſtimmungsgrund nicht anders als jubject ſein kann.“ RX 65: 36-40. vgl. dazu 10. Brief über äſthetiſche Erziehung des Menſchen [W. W. Hift. krit. Ausg. X. 304]: „Nicht von denjenigen rede ich, die bloß darum die Grazien ſchmähen, weil ſie nie ihre Gunſt erfuhren. Sie, die keinen andern Maß⸗ ſtab des Wertes kennen, als die Mühe der Erwerbung und den handgreiflichen Ertrag — wie ſollten ſie fähig ſein, die ſtille Arbeit des Geſchmacks an dem äußeren und inneren Menſchen zu würdigen? . .. Der Menſch ohne Form verachtet alle Anmuth im Vor⸗ trage als Beſtechung, alle Feinheit im Umgang als Verſtellung, alle Delicateſſe und Großheit im Betragen als Überſpannung und Affectation. Er kann es dem Günſtling der Grazien nicht vergeben, daſs er als Geſellſchafter alle Zirkel aufheitert, als Ge⸗ ſchäftsmann alle Köpfe nach ſeinen Abſichten lenkt, als Schriftſteller ſeinem ganzen Jahrhundert vielleicht ſeinen Geiſt aufdrückt, während dass er, das Schlachtopfer des Fleißes, mit all ſeinem Wiſſen keine Aufmerkſamkeit erzwingen, keinen Stein von der € Stelle rücken kann. Da er jenem das genialiſche Geheimnis, angenehm zu ſein, nie⸗ mals abzulernen vermag, ſo bleibt ihm nichts anderes übrig, als die Verkehrtheit der menſchlichen Natur zu bejammern, die mehr dem Schein als dem Weſen huldigt.“ 2 66. 33—40. Kant Kritik der Urtheilskraft [2. Aufl., S. 125] nennt Schwär⸗ merei den Wahn „über alle Grenzen der Sinnlichkeit hinaus etwas ſehen, d. i. nach Grundſätzen träumen (mit Vernunft raſen) zu wollen.“ vgl. auch 2 „Der Philoſoph und der Schwärmer“ [Botivtafeln 48]. 5 Jener ſteht auf der Erde, doch ſchauet das Auge zum Himmel, Dieſer, die Augen im Koth, recket die Beine hinauf. 67. 32—68. 4. vgl. auch Schillers briefliche Mittheilung an Goethe v 17. Aug. 1797: „Etwas iſt in allen, was für den Poeten ſpricht und Sie mögen Same des Idealismus iſt und dafs dieſer allein noch verhindert, dafs das wirkli Leben mit ſeiner Empirie nicht alle Empfänglichkeit für das poetiſche zerſtört. Freili iſt es wahr, dafs die eigentliche ſchöne und äſthetiſche Stimmung dadurch noch lange nicht befördert wird, dass fie vielmehr gar oft dadurch verhindert wird, ſowie die Freiheit durch die moraliſchen Tendenzen; aber es iſt ſchon viel gewonnen, daſs ein Ausgang aus der Empirie geöffnet iſt.“ = 68. 8. ff. Die feine Unterſcheidung des Charaktergegenſatzes zwiſchen Idealiſten und Realiſten, welche heute ein allgemeines Beſitzthum der gebildeten Welt geworden iſt, rührt von Schiller her und iſt ſein ausſchließliches Verdienſt. Er fand auch den vollen Beifall ſeiner nächſten Freunde. Körner ſchrieb ihm am 23. Febr. 1796: „ Schluſs Deines Aufſatzes über ſentimentaliſche Dichter hat mir viel Freude gemacht. Beſonders das, was Du über den Unterſchied der Idealiſten und Realiſten äußerſt, i ſehr nach meinem Sinn.“ Und Goethe war mit der Schilderung nicht minder zufrieden un liebte es noch ſpäter auf ſie zurückzukommen. Schiller erklärte ſich überdies aus 5 Unterſcheidung der idealiſtiſchen und realiſtiſchen Dichtung „die Neigung ſo vieler talentvoller Künſtler neuerer Zeit zum Poetiſieren in der Kunſt:“ Dais (trotz Leſſing Laokoon] die Verirrung jo allgemein wäre, denkt ſich Schiller, wie er an Goethe a 14. September 1797 ſchreibt, in folgender Weiſe und findet darin zugleich einen neu Beleg für die Wahrheit ſeiner Ideen: „Zweierlei gehört zum Poeten und Künſtler; dafs er ſich über das Wirkliche erhebt und dajs er innerhalb des Sinnlichen ſteher Anmerkungen. 139 bleibt. Wo beides verbunden ift, da iſt äſthetiſche Kunſt. Aber in einer ungünftigen, formloſen Natur verläfst er mit dem Wirklichen nur zu leicht auch das Sinnliche und wird idealiſtiſch und, wenn ſein Verſtand ſchwach iſt, gar phantaſtiſch; oder will er und muſßs er, durch ſeine Natur genöthigt, in der Sinnlichkeit bleiben, jo bleibt er gern auch bei dem Wirklichen ſtehen und wird, in beſchränkter Bedeutung des Wortes, realiſtiſch, und wenn es ihm ganz an Phantaſie fehlt, knechtiſch und gemein. In beiden Fällen alſo iſt er nicht äſthetiſch. — Die Reduction empiriſcher Formen auf äſthetiſche iſt die ſchwierige Operation und hier wird gewöhnlich entweder der Körper oder der Geiſt, die Wahrheit oder die Freiheit fehlen. Die alten Muſter, ſowohl im Poetiſchen als im Plaſtiſchen ſcheinen mir vorzüglich den Nutzen zu leiſten, daſs fie eine em⸗ piriſche Natur, die bereits auf eine äſthetiſche reduciert iſt, aufſtellen, und daſs fie, nach einem tiefen Studium, über das Geſchäft jener Reduction ſelbſt Winke geben können. — Aus Verzweiflung, die empiriſche Natur, womit er umgeben iſt, nicht auf eine äſthetiſche reducieren zu können, verläſst der neuere Künſtler von lebhafter Phantaſie und Geiſt ſie lieber ganz, und ſucht bei der Imagination Hilfe gegen die Empirie, gegen die Wirklichkeit. Er legt einen poetiſchen Gehalt in ſein Werk, das ſonſt leer und dürftig wäre, weil ihm derjenige Gehalt fehlt, der aus den Tiefen des Gegenſtandes geſchöpft werden mufßs.“ Zugleich führte die Unterſcheidung der realiſtiſchen und idealiſtiſchen Dichtweiſe zur Gegenüberſtellung der claſſiſchen und romantiſchen Poeſie. Gegen Eckermann äußerte ſich Goethe noch am 21. März 1830 [Geipräche II. 137]: „Der Begriff von claſſiſcher und romantiſcher Poeſie, der jetzt über die ganze Welt geht und ſoviel Streit und Spaltungen verurſacht, iſt urſprünglich von mir und Schiller ausgegangen. Ich hatte in der Poeſie die Maxime des objectiven Verfahren und wollte nur dieſes gelten laſſen. Schiller aber, der ganz ſubjeetiv wirkte, hielt ſeine Art für die rechte, und um ſich gegen mich zu wehren, ſchrieb er den Aufſatz über naive und ſentimentale Dichtung. Er bewies mir, dajs ich ſelber wider Willen romantiſch ſei und meine „Iphigenie“ durch das Vorwalten der Empfindung keineswegs jo claſſiſch und im antiken Sinne ſei, als man vielleicht glauben möchte logl. Schillers Briefwechſel mit Körner, Brief vom 21. Jän. 1802]. Die Schlegel ergriffen die Idee und trieben ſie weiter, jo dass fie ſich denn jetzt über die ganze Welt ausgedehnt hat.“ Inwieweit Friedrich Schlegel auf Schillers Abhandlung fußt, zeigen auch noch aus ſeinen kritiſchen Frag— menten [zuerſt erſchienen im Lyceum der ſchönen Künſte I. Bd., Theil 2. 1797, Nr. 84. „Aus dem, was die Modernen wollen, muſs man lernen, was die Poeſie werden ſoll: aus dem, was die Alten thun, was fie ſein muſs“ und aus den Athenäumfragmenten Nr. 51: „Naiv iſt, was bis zur Ironie oder bis zum ſteten Wechſel von Selbſtſchöpfung und Selbſtvernichtung natürlich, individuell oder claſſiſch iſt oder ſcheint“ ... Aus feiner Erklärung der romantiſchen Poeſie in dem Athenäumfragmente Nr. 116 beſagt die Stelle „ja, das iſt ihr eigentliches Weſen, dafs fie ewig nur werden, nie vollendet ſein kann“, nicht anders, als Schillers Idee von der ſentimentaliſchen Dichtung und in Nr. 238 wird entſprechend der Schiller'ſchen Eintheilung ſentimentaliſcher Dichtungsweiſe von der modernen Poeſie, die er„nach der Analogie'der philoſophiſchen Kunſtſprache Transcendental— poeſie heißen müſste“, ausgeſagt: „Sie beginnt als Satyre mit der abſoluten Ber- ſchiedenheit des Idealen und Realen, ſchwebt als Elegie in der Mitte und endigt als Idylle mit der abſoluten Identität beider.“ In dem 1800 veröffentlichen „Geſpräch über die Poeſie“ erſcheinen Schillers Artunterſchiede des Naiven und Sentimentaliſchen durch die Kategorien des Claſſiſchen und Romantiſchen vollſtändig erſetzt, allein mit den alten Bezeichnungen haben ſich auch die beſtimmten Begriffe verflüchtigt, die Schiller Über naive und fentimentatifee Dictung, mit ihnen verband. Ebenſo ift 10 A. W. Schlegel von Schiller een de „In den „Vorleſungen über ſchöne Literatur und Kunſt“ I. Theil [Neudr. 17, 356] i betont er, gleichwie Schiller in der Analyſe der ſentimentaliſchen Dichtung „D ? Streben nach dem Unendlichen ift in der romantiſchen Poeſie nicht bloß im ein. zelnen Kunſtwerke ausgedrückt, ſondern im Ganzen der Kunſt“ und gegen Schillers Ei theilung der Dichtung ohne ihn zu nennen, aber mit deutlicher Anſpielung auf die Abhandlung und in theilweiſer abſichtlicher Miſsdeutung der Worte „naiv“ und „ſen⸗ timentaliſch,“ für welches letztere Schlegel ſentimental anſetzt, und doch wiederum wurzelnd in der Schiller'ſchen Unterſcheidung der Dichtweiſen, richtet er im 2. Theil der Vor⸗ leſungen die Bemerkung: „Es ließe ſich eine intereſſante Unterſuchung darüber an⸗ ſtellen, wie ſich ſchon in manchen alten Dichtern, namentlich im Euripides (auch im Ovid) das Streben nach dem Romantiſchen äußert, welches aber, wegen des Über- gewichtes einer Bildung von ganz entgegengeſetztem Charakter, entweder roh oder ver⸗ 0 worren oder gleich in der Entſtehung corrumpiert erſcheint. Dies iſt aber noch ganz etwas anderes, als das Sentimentale, welches philoſophiſche Theoretiker unter dem herrſchenden Naiven in einigen alten Dichtern haben finden wollen. überhaupt reicht 8 man mit dieſer Eintheilung in der Geſchichte der Poeſie nicht weit: es ſind Verhältnis⸗ 4 begriffe aus dem ſubjectiven Standpunkte der Sentimentalität, die außerdem keine Realität haben: denn für wen iſt denn das ſogenannte Naive naiv, außer für den ER Sentimentalen? Die Stimmung des letzten aber rührt aus einem ſubjectiven und gar nicht in die Kunſt hineingehörenden Intereſſe her, welches durch Phantaſie erſt wieder in ein freies Spiel verwandelt werden muſs. Den Shakeſpeare aber, der ein Abgrund von Abſichtlichkeit, Selbſtbewuſstſein und Reflexion iſt, für einen naiven Dichter, den materiell ſinnlichen Arioſt hingegen für einen ſentimentalen zu erklären, ſcheint eine N große Naivetät zu ſein.“ Auf dieſe Auseinanderſetzung pajst das Schlufsdiftihon Nr. 329 der gegen Fr. Schlegels Abhandlung „über das Studium der 1 chen Poeſie“ gerichteten enien „Gefährliche Nachfolge.“ Freunde, bedenket euch wohl, die tiefere kühnere Wahrheit Laut zu ſagen, ſogleich ſtellt man ſie euch auf den Kopf. Allein trotz aller Miſsverſtändniſſe im einzelnen wurden die Romantiker gerade durch Schillers Betrachtung der geſammten Dichtung aus dem Geſichtspunkte des Übergeroichtes reeller und ideeller Behandlung auf die fruchtbare Unterſcheidung von Volks⸗ und Kunſtdichtung, auf die hiſtoriſche Auffaſſung der Literatur geführt und ſie haben die erſten geſchichtlichen Auffaſſungen und Darſtellungen heimiſcher und fremder Literatur zuſtände der Vorzeit, die in Herders Schriften ſich finden zu einer ganz neuen Wiſſenſchaft der Literaturgeſchichte auf dieſen Fingerzeigen hin ausgebildet. 70. 4— 7. vgl. Schiller an Goethe den 23. Aug. 1794: „Sie ſuchen das Nothwendige der Natur, aber Sie ſuchen es auf dem ſchwerſten Wege, vor welchem jede ſchwächere Kraft ſich wohl hüten wird. Sie nehmen die ganze Natur zuſammen, um über das Einzelne Licht zu bekommen; in der Allheit Ihrer Erſcheinungsarten ſuchen Sie den Erklärungsgrund für das Individuum auf. Von der einfachen Or⸗ ganiſation ſteigen Sie, Schritt vor Schritt, zu der mehr verwickelten hinauf, um endlich die verwickeltſte von allen, den Menſchen, genetiſch aus den Materialien des ganzen Naturgebäudes zu erbauen. Dadurch, dass Sie ihn der Natur gleichſam nach⸗ erſchaffen, ſuchen Sie in ſeine verborgene Technik einzudringen. Eine große und wahr- 1 haft heldenmäßige Idee, die zur Genüge zeigt, wie ſehr Ihr Geiſt das reiche Ganze ſeiner Vorſtellungen in einer ſchönen Einheit zuſammenhält.“ 8 Anmerkungen. 2 141 71. 30 34. vgl. 6. Brief über äſthetiſche Erziehung des Menſchen [W. W, hiſt. krit. Ausg. X. 291]: „Indem der ſpeculative Geiſt im Ideenreich nach unver⸗ lierbaren Beſitzungen ſtrebte, muſste er ein Fremdling in der Sinnenwelt werden und über der Form die Materie verlieren. Der Geſchäftsgeiſt, in einem einförmigen Kreis von Objecten eingeſchloſſen und in dieſem noch mehr durch Formeln eingeengt, musste das freie Ganze ſich aus dem Auge gerückt ſehen und zugleich mit ſeiner Sphäre ver- armen. Sowie erſterer verſucht wird, das Wirkliche nach dem Denkbaren zu modeln und die jubjectiven Bedingungen feiner Vorſtellungskraft zu conftitutiven Geſetzen für das Daſein der Dinge zu erheben, ſo ſtürzte letzterer in das entgegenſtehende Extrem, zu ſchätzen und die Regeln ſeines Geſchäfts jedem Geſchäfte ohne Unterſchied anpaſſen zu wollen. Der eine muſste einer leeren Subtilität, der andere einer pedantiſchen Beſchränktheit zum Raube werden, weil jener für das Einzelne zu hoch, dieſer zu tief für das Ganze ſtand.“ 72. 20— 27. vgl. Votivtafeln 18. Pflicht für jeden. Immer ſtrebe zum Ganzen, und kannſt Du ſelber kein Ganzes Werden, als dienendes Glied ſchließ' an ein Ganzes Dich an. und das Epigramm: Das Ehrwürdige. Ehret ihr immer das Ganze, ich kann nur einzelne achten. Immer in Einzelnen nur hab' ich das Ganze erblickt. 73. 2—5. vgl. Votivtafeln 6. Das Werte und das Würdige. Haſt du etwas, ſo gib es her und ich zahle was recht iſt; Biſt du etwas, o dann tauſchen die Seelen wir ein! 74. 29—32. vgl. das Epigramm aus dem Muſenalmanach für 1797: „Würde des Menſchen.“ 5 Nichts mehr davon, ich bitt' euch. Zu eſſen gebt ihm, zu wohnen, Hab't ihr die Blöße bedeckt, gibt ſich die Würde von ſelbſt. 76. 4— 14. Auch mit dieſen Auseinanderſetzungen fußt Schiller auf den Re— ſultaten des Kant'ſchen Syſtems. In der Kritik der reinen Vernunft bezeichnet Kant als „Poſtulate [Forderungen] des empiriſchen Denkens überhaupt:“ 1. „Was mit den formalen Bedingungen der Erfahrung (der Anſchauung und den Begriffen nach) übereinkommt, iſt möglich. 2. Was mit den materialen Bedingungen der Erfahrung (der Empfindung) zuſammenhängt, iſt wirklich. 3. Deſſen Zuſammenhang mit dem Wirklichen nach allgemeinen Bedingungen der Erfahrung beſtimmt iſt, iſt (erifttert) nothwendig.“ Ebenſo entwickelt Kant, daſs „reine praktiſche Geſetze, deren Zweck durch die Vernunft völlig a priori gegeben ift, und die nicht empiriſch bedingt, ſondern ſchlechthin gebieten, Producte der reinen Vernunft“ ſeien. Ebenfalls ein Kantiſcher Grundſatz lautet: „Die Kritik des reinen Verſtandes erlaubt es nicht, ſich ein neues Feld von Gegenſtänden außer denen, die ihm als Erſcheinungen vorkommen können zu ſchaffen und in intelligible Welten, ſogar nicht einmal in ihren Begriff auszu- ſchweifen.“ Er nennt das Streben der Vernunft, „über den Erfahrungsgebrauch hinans— zugehen,“ eine „Anmaßung derſelben im ſpeculativen Gebrauche“ und erklärt die Begierde über die Grenze der Erfahrung hinauszugehen, aus einem Miſsverſtändnis ihres praktiſchen Gebrauches. In der Kritik der praktiſchen Vernunft nennt Kant die Gewiſsheit einer Geſinnung, die mit dem ſittlichen Geſetze übereinſtimmt „die erſte Bedingung alles Wertes der Perſon,“ ſieht „in der Freiheit und Unabhängigkeit von dem Mechanismus der ganzen Natur“ die „Perſönlichkeit,“ der die Perſon unterworfen ift und findet, „dafs dieſe Achtung erweckende Idee der Perſönlichkeit, welche den Mangel der Angemeſſenheit unſeres Verhaltens in Anſehung derſelben bemerken läſst und dadurch 142 Über naive und ſentimentaliſche Dichtung. den Eigendünkel niederſchlägt, ſelbſt der gemeinſten Menſchenvernunft natürlich auch leicht bemerklich iſt.“ Vgl. auch Schillers Brief an Goethe vom 16. Oet. 1795. — Den Übergang von der theoretiſchen zur praktiſchen Vernunft drückt Schiller auch in einem Xenion aus 383: „Ein Achter.“ Auf theoretiſchem Feld iſt weiter nichts mehr zu finden; Aber der praktiſche Satz gilt doch: du kannſt, denn du ſollſt. 77. 5—12. vgl. Votivtafeln 21. Die Übereinſtimmung. Wahrheit ſuchen wir beide; du außen im Leben, ich innen In dem Herzen, und jo findet fie jeder gewiſs. Iſt das Auge geſund, ſo begegnet es außen dem Schöpfer, Iſt es das Herz, daun gewiſs ſpiegelt es innen die Welt. und die briefliche Außerung Schillers gegen Goethe vom 23. Aug. 1794: „Was Sie aber ſchwerlich wiſſen können .. iſt die ſchöne Übereinſtimmung Ihres philoſophiſchen Inſtinctes mit den reinſten Reſultaten der ſpeculierenden Vernunft. Beim erſten An⸗ blicke zwar ſcheint es, als könnte es keine größeren Oppoſita geben, als den ſpeculativen Geiſt, der von der Einheit, und den intuitiven, der von der Mannigfaltigkeit ausgeht. Sucht aber der erſte mit keuchſem und treuem Sinn die Erfahrung und ſucht der letzte mit ſelbſtthätiger freier Denkkraft das Geſetz, jo kann es gar nicht fehlen, daſs nicht beide einander auf halbem Wege begegnen werden.“ 77. 13—16. vgl. Votivtafeln 35. Empiriker. Dafs ihr den ſicherſten Pfad gewählt, wer möchte das leugnen, Aber ihr tappet nur blind auf dem gebahnteſten Pfad. 77. 16—20. vgl. Votivtafeln 65. Unterſchied der Stände. Auch in der ſittlichen Welt iſt ein Adel; gemeine Naturen Zahlen mit dem, was ſie thun, ſchöne mit dem, was ſie ſind. 77. 23—31 und 40-78. 7. vgl. Votivtafeln 20. Philiſter u. Schöngeiſt. Jener mag gelten, er dient doch als fleißiger Knecht noch der Wahrheit, Aber dieſer beſtiehlt Wahrheit und Schönheit zugleich. 77. 32—34. vgl. Votivtafeln 36. Theoretiker. . Ihr verfahrt nach Geſetzen, auch würdet ihr's ſicherlich treffen, Wäre der Oberſatz nur, wäre der Unterſatz wahr. — K. K. Hofbuchdrucker Fr. Winiker & Schickardt, Brünn. 5 EDLER AN are “ Te ET Graeſers Schulausgaben claſſiſcher Werke. Unter Mitwirkung mehrerer Fachmänner herausgegeben von 2 * Vrof. 3 „Neubauer. . ↄ UUU—UUD AFE I. Goethe, Zybigenie auf Tante Mit Einleitung und Anmerkungen o von J. Neubauer, k. k. Realſchul⸗Profeſſor in Elbogen. Preis 30 kr. II. — — Sermann und Dorothea. Mit Einleitung und Anmerkungen von Dr. Adolf Lichtenheld, k. k. Profeſſor am Roſſauer Staats⸗Ober⸗ gymnaſium in Wien. Preis 24 kr. III. Shakefpeare, Coriokanus. Mit Einleitung und Anmerkungen von Dr. Engel⸗ bert Nader, Oberrealſchul⸗Profeſſor in Wien. Preis 30 kr. FF IV. — — Zulius Cäſar. Mit Einleitung und Anmerkungen von Joſef Reſch, i Oberrealſchul⸗Profeſſor in Leitmeritz. Preis 30 kr. V. Ceſſing, Minna von Varnhelm. Mit Einleitung und Anmerkungen von | Profeſſor J. Neubauer. Preis 30 kr. VI. — — L£aokoon. Mit Einleitung und Anmerkungen von Karl Jauker, k. k. i Profeſſor an der Staats⸗Oberrealſchule in Graz. Preis 30 kr. VII. Schiller, Jungfrau von Orleans. Mit Einleitung und Anmerkungen von Haus guy, k. k. Gymnaſtal⸗Profeſſor in Wien. Preis 36 kr. VIII. — — or Carlos. Mit Einleitung und Anmerkungen von Dr. Ferd. Khull, k. Profeſſor am II. Staats-Obergymnafium in Graz. Preis 56 kr. IX. — iger naive und ſentimentaliſche Pidfung. Mit Einleitung und Anmerkungen von Joſ. Egger und Dr. Karl Rieger, k. k. Pro⸗ feſſoren am Franz Joſefs⸗Gymnaſium in Wien. Preis 50 kr. * X. Goethe, Götz von Berlichingen mit der eiſernen Hand. Mit Einleitung und Anmerkungen von Dr. Leo Smolle, k. k. Gymnaſial⸗Profeſſor ; in Brünn. Preis 30 kr. 2 4 XI. — — Torquato Taſſo. Mit Einleitung und Anmerkungen von J. Neıt bauer, k. k. Profeſſor in Elbogen. Preis 30 kr. XII. Schiller, Wilhelm Tell. Mit Einleitung und Anmerkungen von Dr. Frauz Proſch, k. k. Profeſſor am Staats-Obergymmafium in Hernals. Mit 2 Kärtchen. Preis 32 kr. XIII. — — Maria Stuart. Mit Einleitung und Anmerkungen von Emerich Müller, k. k. Profeſſor am Altſtädter Staats-Obergymnafium in Prag. Preis 36 kr. XIV. Klopſtock, Oden 9 1 Mit Einleitung und Anmerkungen von Dr. Adolf Lichtenheld, k. k. Profeſſor in Wien Preis 32 kr. XV. Shafefpeare, Macheth. Mit Einleitung und Anmerkungen von Profeſſor Dr. Victor Langhans. (Unter der Preſſe.) In Vorbereitung befinden ſich und erſcheinen in kurzen Zwiſchenräumen: Schiller, Wallenſtein. Mit Einleitung und Anmerkungen von Dr. Friedr. Bernd, . k. Profeſſor am Obergymnaſium der Thereſianiſchen Akademie in Wien. — — Braut von Meſſina. Mit Einleitung und Anmerkungen von Jos. Tröt⸗ ſcher, k. k. Profeſſor am deutſchen Staats⸗Obergymnaſium in Eger, Goethe, Egmont. Mit Einleitung und Anmerkungen von Ludwig Blume, k. k. Profeſſor am akademiſchen Obergymnaſium in Wien. — — 1 1 7 Ausgewählt und commentiert von Demſelben. Keſſing, Nathan der Weiſe. Mit Einleitung und Anmerkungen von Al. Nen⸗ mann, Profeſſor am Communal⸗Real⸗ und Obergymnaſium Mariahilf in Wien. — — Emilie Galloti. Mit Einleitung und Anmerkungen von Prof. A. Rebhann. Kleiſt, 915 Hermannsſchlacht. Von Prof. Dr. Adolf Lichtenheld. (Wird fortgeſetzt.) Verlag von Karl Graeſer in Wien, I. ke 2b. Inn 5 — Fr. Winiter & Schicardt, t. k. Hoſbuchdrucker, Brünn. w FFF UB / SB Bamberg - PFL-BESTELLZETTEL Name: Striegel, Anne-Katrin Juliane Datum: 06.10.2015 Tie. PFL-Nummer 0201537384 Signatur : 12:18/SB L.eleg.g. 3 54 no Schiller, Friedrich Über naive und sentimentalische Dichtung Leihfristende : 03.11.2015 Ee Leihfristende siehe Ausleihquittung! Diesen Zettel auf keinen Fall entfernen! INN MIN F201537384 PERS — . ä — = | ic inband besehäl,) in Karton Ken 1 19 Striegel, Anne-Katrin Juliane Be MDZ NH ee Digitale Bibliothek Schiller, Friedrich, Über naive und sentimentalische Dichtung Von Friedrich von Schiler. Mit Einleitung und Anmerkungen von Josef Egger und Karl Rieger Wien 1885 Leleg.g. 354 no um:nbn.de:bvb:12-bsb11640865-1